Siebenunddreißigstes Kapitel.


Siebenunddreißigstes Kapitel.

In dessen Hauptzügen man eine authentische Version des Märchens vom Prinzen Bladud findet, und worin zugleich von einem höchst merkwürdigen Unglück berichtet wird, das Herrn Winkle widerfuhr.

Da Herr Pickwick wenigstens zwei Monate in Bath zu bleiben gedachte, so hielt er es für ratsam: für sich und seine Freunde eine Prioatwohnung zu nehmen; er mietete daher, sobald sich eine günstige Gelegenheit zeigte, zu einem mäßigen Preis den obern Teil eines Hauses im Royal Crescent, der jedoch mehr Raum bot, als sie brauchten, weshalb Herr Dowler und seine Gemahlin sich erboten, ihnen ein Schlaf- und ein Wohnzimmer abzunehmen. Dieser Vorschlag wurde sogleich angenommen, und in drei Tagen waren sie alle in ihrer neuen Wohnung eingerichtet, worauf Herr Pickwick mit dem größten Eifer den Brunnen zu trinken begann. Er ging dabei ganz systematisch zu Werke, Vor dem Frühstück trank er ein Viertelliter und ging dann einen Hügel hinauf spazieren; das zweite Viertelliter trank er nach dem Frühstück und spazierte dann einen Hügel hinab; nach jedem neuen Viertelliter erklärte aber Herr Pickwick aufs feierlichste und nachdrücklichste, er fühle sich um ein Gutes besser, worüber seine Freunde äußerst entzückt waren, obgleich sie vorher nie etwas von einem Unwohlsein an ihm bemerkt hatten.

Der große Brunnensaal ist sehr geräumig, mit korinthischen Säulen, einer Musikgalerie, einer Tompionglocke, einer Statue von Nash und einer goldenen Inschrift verziert, die alle Wassertrinker wohl beachten sollten, denn sie appelliert an sie im Namen christlicher Menschenliebe. Das Wasser wird aus einer großen marmornen Vase geschöpft, um die herum eine Menge gelbliche Trinkgläser stehen, und es ist ein höchst erbaulicher und befriedigender Anblick, mit welcher Beharrlichkeit und mit welchem Ernst dieselben geleert werden. Es sind Bäder in der Nähe, die ein Teil der Gesellschaft gebraucht. Hinterher spielt eine Kapelle, um denen, die sich gebadet haben, Glück zu wünschen. Es ist noch ein zweiter Brunnensaal da, in dem gebrechliche Herren und Damen mittels einer so erstaunlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Sänften und Stühlen herumgeführt werden, daß derjenige, der keck genug ist, mit der regelmäßigen Anzahl von Zehen einzutreten, in augenscheinlicher Gefahr schwebt, ohne dieselben wieder herauszukommen. In einen dritten Brunnensaal gehen alle ruheliebenden Leute, denn es wird dort weniger Geräusch gemacht als in den andern. Auch an Spaziergängen ist großer Überfluß vorhanden, wo man eine Menge Leute mit und ohne Krücken, mit Stöcken und ohne Stöcke antrifft; es geht dabei sehr lebhaft, lustig und unterhaltend zu.

Jeden Morgen trafen sich die regelmäßigen Wassertrinker, Herr Pickwick unter ihnen, im Brunnensaal, tranken ihr Viertelliter aus und gingen dann pflichtgemäß spazieren. Auf der Nachmittagspromenade fanden sich Lord Mutanhed, der ehrenwerte Herr Crushton, die verwitwete Lady Snuphanuph, die Frau Oberst Wugsby und all die vornehmen Herrschaften, sowie sämtliche Wassertrinker vom Morgen zusammen. Sodann gingen oder fuhren sie spazieren oder ließen sich in Sesseln schieben und trafen dann einander nachher wieder. Die Herren begaben sich hierauf in das Lesezimmer, allwo sie verschiedene Gruppen bildeten, und gingen dann nach Hause. War abends Theater, so trafen sie sich vielleicht dort; war Reunion, so suchten sie einander in den Sälen auf; jedenfalls kamen sie am folgenden Tage wieder zusammen – eine höchst angenehme Lebensweise, vielleicht nur etwas zu einförmig.

Nach einem solchen Tag saß Herr Pickwick, als seine Freunde bereits zu Bett gegangen waren, noch über seinem Tagebuch, als es auf einmal leise an seiner Tür klopfte.

»Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte seine Hauswirtin, Frau Craddock, den Kopf hereinstreckend, »wünschen Sie vielleicht noch etwas, Sir?«

»Nein, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Mein Mädchen ist zu Bett gegangen, Sir«, fuhr Frau Craddock fort, »und Herr Dowler will die Güte haben, auf seine Gemahlin zu warten, da die Gesellschaft erst spät auseinandergehen wird. Wenn Sie daher nichts mehr bedürfen, Herr Pickwick, so möchte ich ebenfalls zu Bette gehen.«

»Nur zu, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Dann wünsche ich gute Nacht, Sir«, sagte Frau Craddock.

»Gute Nacht, Madame«, dankte Herr Pickwick.

Frau Craddock entfernte sich und Herr Pickwick schrieb weiter.

Nach einer halben Stunde war er mit seinen Einträgen fertig. Er drückte das Löschblatt sorgfältig auf die letzte Seite, schloß das Buch, wischte die Feder an seinem untern Rockfutter ab und öffnete die Schublade des Schreibpultes, um sie hineinzulegen. Hier erblickte er einige engbeschriebene Bogen Papier, die so zusammengelegt waren, daß der von guter deutlicher Hand geschriebene Titel ihm geradezu in die Augen fiel. Da er nun hieraus sah, daß es kein Privatdokument war, und da es außerdem Beziehung auf Bath zu haben schien und sich durch seine Kürze empfahl, so nahm er das Manuskript, zündete einstweilen sein Nachtlicht an, damit es gut brennen möchte, bis er fertig wäre, rückte sofort seinen Stuhl näher ans Feuer und las wie folgt:

Die wahrhaftige Geschichte vom Prinzen Bladud.

»Vor nicht ganz 200 Jahren las man auf einem der öffentlichen Bäder in dieser Stadt eine nunmehr verschwundene Inschrift zu Ehren ihres mächtigen Erbauers, des berühmten Prinzen Bladud.

Schon viele hundert Jahre vorher hatte sich von Generation zu Generation eine alte Sage fortgepflanzt, der erlauchte Prinz habe, weil er mit dem Aussatz behaftet gewesen, nach seiner Rückkehr von dem alten Athen, allwo er sich eine reiche Ernte von Kenntnissen gesammelt, den Hof seines königlichen Vaters gemieden und trübsinnig unter Hirten und Schweinen gelebt. Unter der Herde befand sich (so erzählt die legende) ein Schwein mit einer ernsten feierlichen Miene, mit dem der Prinz sympathisierte – denn auch er war sehr ernst gestimmt – ein Schwein von nachdenklichem, zurückhaltendem Wesen: ein Tier, das allen andern weit überlegen, dessen Grunzen schrecklich und dessen Biß scharf war. Der junge Prinz seufzte tief, sobald er das Gesicht des majestätischen Schweines sah: er dachte an seinen königlichen Vater, und seine Augen benetzten sich mit Tränen.

Dieses kluge Schwein badete sich gern in tiefem Schlamm; jedoch nicht im Sommer, wie gewöhnliche Schweine jetzt zu tun pflegen, um sich abzukühlen, und schon in jenen seinen Zeiten taten (ein Beweis, daß das Licht der Zivilisation schon damals, wiewohl nur schwach, heraufzudämmern begonnen hatte), sondern in schneidend kalten Wintertagen. Es hatte immer ein so reines Fell und sah so gesund aus, daß der Prinz sich entschloß, die reinigenden Kräfte desselben Wassers zu erproben, dessen sich sein Freund bediente. Unter diesem schwarzen Schlamm sprudelten die heißen Quellen von Bath. Er badete sich und wurde kuriert. Nun eilte er an den Hof seines Vaters, bezeugte ihm seine Ehrfurcht, kehrte aber schnell wieder hierher zurück und gründete diese Stadt mit ihren berühmten Bädern.

Er suchte das Schwein mit allem Eifer früherer Freundschaft auf – aber ach, das Wasser war sein Tod geworden. Es hatte unvorsichtigerweise bei zu heißer Temperatur ein Bad genommen, und der Naturphilosoph war nicht mehr. Er hatte später in Plinius einen Nachfolger, der ebenfalls ein Opfer seines Durstes nach Kenntnissen wurde.

So die Sage: die wahre Geschichte aber lautet folgendermaßen:

Vor vielen hundert Jahren blühte in Pracht und Herrlichkeit der weltberühmte Lud Hudibras, König von Britannien. Er war ein mächtiger Monarch und er war so außerordentlich stark, daß die Erde unter seinen Fußtritten erbebte. Sein Volk sonnte sich in dem Leuchten seines Angesichts, so rot und strahlend war dasselbe. Er war wirklich jeder Zoll ein König. Und er maß viele Zoll; denn obgleich er nicht ungewöhnlich groß war, so hatte er dagegen einen merkwürdigen Umfang, und die Zolle, die seiner Länge abgingen, wurden durch seine Dicke ersetzt. Könnte irgendein entarteter Monarch heutigentags einigermaßen mit ihm verglichen werden, so würde ich sagen, der verehrungswürdige König Cole sei dieser erlauchte Potentat.

Diesem guten König hatte seine Gemahlin vor achtzehn Jahren einen Sohn geboren, der den Namen Bladud erhielt. Er wurde bis in sein zehntes Jahr einer Erziehungsanstalt des Landes anvertraut und dann unter der Obhut eines zuverlässigen Mannes nach Athen geschickt, um dort seine Studien zu vollenden. Hier blieb er acht volle Jahre, nach deren Verlauf der König, sein Vater, den Lord Kammerherrn hinüberschickte, um seine Rechnungen zu bezahlen und ihn nach Hause zu geleiten. Der Lord Kammerherr wurde mit Jubel empfangen und bekam von Stund an ein bedeutendes Gehalt.

Als der König Lud den Prinzen, seinen Sohn, zu einem so schönen jungen Mann herangewachsen sah, dachte er sogleich, wie nett es wäre, wenn er ihn ohne Aufschub verheiratete, damit durch seine Kinder das glorreiche Geschlecht der Lud bis auf die spätesten Zeiten der Welt fortgepflanzt würde. Deshalb schickte er eigens eine aus vornehmen Hofleuten, die weiter nichts zu tun hatten und ein so einträgliches Amt brauchen konnten, bestehende Gesandtschaft zu einem benachbarten König und verlangte dessen schöne Tochter für seinen Sohn. Zugleich ließ er ihm melden, daß ihm alles daran liege, mit seinem Bruder und Freund in den besten Verhältnissen zu bleiben. Wenn aber die Vermählung nicht zustande kommen sollte, so werde er sich in die unangenehme Notwendigkeit versetzt sehen, sein Königreich anzugreifen und ihm die Augen auszustechen.

Darauf antwortete der andere König, der der Schwächere war, er sei seinem Freund und Bruder für alle seine Güte und Großmut sehr verbunden, und auch seine Tochter habe nichts gegen die Vermählung einzuwenden, sobald es dem Prinzen Bladud gefällig sein würde, zu kommen und sie zu holen.

Diese Antwort hatte Britannien kaum erreicht, als die ganze Nation außer sich war vor Freude. Man hörte von allen Seiten nichts als Töne des Jubels und Entzückens, freilich aber auch das Geklingel des Geldes, das der königliche Schatzmeister von dem Volke einsammelte, um die Kosten des glücklichen Ereignisses zu bestreiten. Aus dieser Veranlassung auch geschah es, daß König Lud im versammelten Rat, hoch auf seinem Thron sitzend, der Freude seines Herzens vollen Lauf ließ und dem Lord Oberrichter befahl, die edelsten Weine und die Minnesänger kommen zu lassen – ein Akt der Gnade, der durch die Unwissenheit gegenseitig sich abschreibender Historiker dem König Cole zugeschrieben wurde, und zwar in jenen berühmten Zeilen, in denen von Seiner Majestät gesagt wird:

»Er heischt die Pfeife, und er heischt sein Glas, ›die Fiedler‹, ruft er, sollen jetzt erscheinen.«

Das ist jedoch eine offenbare Ungerechtigkeit gegen das Andenken des Königs Lud und eine unbillige Übertreibung der Vorzüge des Königs Cole.

Doch inmitten aller dieser Feste und Lustbarkeiten war ein Trauriger, der seine Lippen nicht netzte, wenn die funkelnden Weine eingegossen wurden, und nicht tanzte, wenn die Barden spielten. Das war niemand anders als der Prinz Bladud selbst, dessen Glück zu Ehren in diesem Augenblick ein ganzes Volk sowohl seine Kehlen wie sein Geldbeutel anstrengte. Der Prinz hatte sich nämlich, ohne Rücksicht auf das unzweifelhafte Recht des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, sich für ihn zu verlieben, sowie allen politischen und diplomatischen Gebräuchen zuwider, bereits auf eigene Faust ein Liebchen ausgesucht und sich heimlich mit der schönen Tochter eines edlen Atheners verlobt.

Hier haben wir einen schlagenden Beweis von den mannigfaltigen Vorteilen der Zivilisation und feinerer Gesittung. Hätte der Prinz in späteren Zeiten gelebt, so hätte er sich ohne weiteres mit dem Gegenstande der Wahl seines Vaters vermählt und sodann allen Ernstes daran gedacht, sich von der Bürde zu befreien, die so schwer auf ihm lastete. Er hätte sich bemüht, sie durch systematische Mißhandlungen und Vernachlässigungen ins Grab zu bringen, oder wenn der gute Takt ihres Geschlechts und ein stolzes Bewußtsein, daß sie diese Unbilden nicht verdient, sie dennoch aufrechterhalten hätte, so wäre er zu schnelleren und sichereren Mitteln, sie loszuwerden, geschritten. Dem Prinzen Bladud dagegen fiel keiner dieser Auswege ein – er bat seinen Vater um eine geheime Unterredung und eröffnete sich ihm.

Es ist ein altes Vorrecht der Könige, alles zu beherrschen, nur ihre Leidenschaften nicht. König Lud geriet in eine schreckliche Wut, schleuderte seine Krone bis an die Zimmerdecke empor und fing sie wieder auf – in jenen Tagen hatten nämlich die Könige ihre Kronen auf dem Kopf und nicht im Tower – er stampfte auf den Boden, schlug sich vor die Stirn, jammerte, daß sein eigen Fleisch und Blut sich gegen ihn empöre, endlich aber rief er seine Leibwache und befahl ihr, den Prinzen alsbald in einen tiefen Turm zu werfen. Das war die gewöhnliche Art, wie die Könige in früheren Zeiten mit ihren Söhnen verfuhren, wenn sie im Punkte der Vermählung andere Absichten hegten, als ihre Väter.

Nachdem der Prinz Bladud beinahe ein Jahr lang in dem hohen Turm eingesperrt gewesen, ohne eine andere Aussicht für seine leiblichen Augen als eine steinerne Wand, oder für die Augen seines Geistes als langwierige Gefangenschaft, begann er natürlich einen Plan zur Flucht zu entwerfen, den er nach mondenlangen Vorbereitungen glücklich ausführte. Er ließ absichtlich sein Tischmesser im Herzen des Kerkermeisters stecken, damit der arme Bursche, der Familie hatte, von dem rasenden König nicht als Beförderer seiner Flucht angesehen und bestraft werden möchte.

Der König war wie wahnsinnig ob des Entrinnens seines Sohnes. Lange wußte er nicht, an wem er seinen Kummer und Zorn auslassen konnte, bis er sich zum Glück des Lord Kammerherrn erinnerte, der den Prinzen nach Hause begleitet hatte, und dem er seine Pension und seinen Kopf zugleich nahm. Mittlerweile durchwanderte der junge Prinz, gut verkleidet, zu Fuß die Reiche seines Vaters, in allem Ungemach aufrechterhalten und erfreut durch den süßen Gedanken an die atheniensische Jungfrau, die die unschuldige Ursache seiner grausamen Prüfungen war. Eines Tages wollte er in einem Dorfe Ruhe suchen, und da er sah, daß auf dem Rasen lustig getanzt wurde und alle Gesichter vor Freude glänzten, so wagte er es, einen der Fröhlichen, der neben ihm stand, nach der Ursache dieser allgemeinen Freude zu fragen.

›O Fremdling‹, war die Antwort, ›wißt Ihr denn nichts von der neuesten Proklamation unseres gnädigen Königs?‹

›Proklamation? Nein. Was für eine Proklamation?‹ erwiderte der Prinz, denn er war bisher nur auf ziemlich unbesuchten Nebenwegen gewandert und wußte nichts von allem, was auf den öffentlichen Straßen und überhaupt im Reiche vorging.

›Nun‹, sagte der Bauer: ›die fremde Dame, die unser Prinz zu heiraten wünschte, hat sich mit einem vornehmen Manne in ihrem eigenen Lande vermählt. Dies ließ der König verkünden und zugleich große öffentliche Festlichkeiten anordnen; denn natürlich wird der Prinz Bladud jetzt zurückkehren und die Dame heiraten, die sein Vater ihm ausersehen hat, zumal, da sie schön sein soll wie die Mittagssonne. Eure Gesundheit, Sir. Gott erhalte den König.‹

Der Prinz wollte nichts mehr hören. Er floh von dem Platze und drang in die dichteste Wildnis eines nahen Waldes. So wanderte er Tag und Nacht fort unter der brennenden Sonne, wie unter dem kalten, blassen Mond, durch die dürre Hitze des Mittags, sowie durch den feuchten Frost der Nacht, in dem grauen Licht des Morgens, wie in dem roten Glanz des Abends. Er achtete so wenig auf Zeit und Weg, daß er, statt nach Athen zu gelangen, sich nach Bath verirrte.

Da, wo jetzt Bath steht, war dazumal noch keine Stadt. Man sah hier keine Spur von einer menschlichen Wohnung, kein Zeichen von Menschenhand: allein die Gegend war damals schon ebenso reizend, dieselbe herrliche Abwechslung von Hügeln und Tälern, derselbe schöne Fluß, der sich hindurchschlängelt, dieselben hohen Berge, die gleich den Mühseligkeiten des Lebens, von ferne betrachtet, und teilweise durch den glänzenden Nebel des Morgens verborgen, ihre herbe Rauheit verlieren und mild und freundlich erscheinen. Von der lieblichen Schönheit dieser Landschaft ergriffen, sank der Prinz auf den grünen Rasen nieder und badete seine wunden Füße mit seinen Tränen.

›Ach‹, rief der unglückliche Bladud, indem er die Hände rang und trauervoll seine Augen gegen den Himmel erhob: ›möchten doch meine Wanderungen hier zu Ende gehen und meine ergebungsvollen Tränen, womit ich jetzt verfehlte Hoffnungen und verschmähte Liebe beklage, auf immer im Frieden dahinfließen.‹

Sein Wunsch wurde erhört. Es war zur Zeit der heidnischen Gottheiten, die die Leute manchmal beim Worte nahmen, und zwar mit einer Schnelligkeit, die ihnen oft sehr ungelegen kam. Der Boden öffnete sich unter des Prinzen Füßen: er sank hinab in den Abgrund, und alsbald schloß sich die Erde wieder über seinem Haupte, abgesehen von der Stelle, wo seine heißen Tränen durch sie heraufquellen und wo sie seitdem unaufhörlich geströmt sind.

Es ist bemerkenswert, daß bis auf den heutigen Tag große Scharen von Damen und Herren, die sich in ihrer Hoffnung, Lebensgefährten zu bekommen, getäuscht sahen, und beinahe ebensoviel junge Damen und Herren, die sich sehnen, solche zu bekommen, alljährlich nach Bath kommen, um die Wasser zu trinken und daraus große Stärkung und Tröstung schöpfen: – ein höchst gewichtiger Beweis für die Wirksamkeit der Tränen des Prinzen Bladud, und ein Umstand, wodurch die Wahrheit dieser Geschichte außer allen Zweifel gestellt wird.«

 

Herr Pickwick gähnte zu verschiedenen Malen. Als er ans Ende dieses kleinen Manuskripts gelangt war, faltete er es sofort sorgfältig wieder zusammen, legte es an seinen alten Platz in die Schublade des Schreibpults hinein, zündete sodann mit einem Gesicht, worauf die äußerste Müdigkeit zu lesen war, sein Nachtlicht an und begab sich die Treppe hinauf nach seinem Schlafzimmer.

Vor Herrn Dowlers Tür blieb er, wie gewöhnlich, stehen und klopfte an, um ihm gute Nacht zu sagen.

»Ah«, sagte Dowler, »Sie gehen zu Bett? Ich wollte, ich läge schon drin. Eine widerwärtige Nacht. Nicht wahr, sehr windig?«

»Ja«, versetzte Herr Pickwick: »gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Herr Pickwick ging auf sein Schlafzimmer und Herr Dowler nahm seinen Sitz vor dem Feuer wieder ein, um sein übereiltes Versprechen zu halten, bis zur Rückkehr seiner Gemahlin aufbleiben zu wollen.

Es gibt nicht leicht etwas Unangenehmeres, als nachts auf jemanden zu warten, besonders wenn dieser Jemand in einer Gesellschaft ist. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, wie schnell den Leuten dort die Zeit vergeht, die sich für uns so träge dahinschleppt, und je mehr man daran denkt, desto mehr schwindet die Hoffnung auf die baldige Ankunft des Erwarteten. Auch ticken die Uhren so laut, wenn man so allein dasitzt, und man meint – wenigstens geht es uns immer so – man habe Unterkleider voll Ungeziefer an. Zuerst juckt es einen am rechten Knie, und dann stellt sich derselbe Reiz am linken ein. Ändert man seine Stellung, so kommt es in die Arme, und wenn man seine Beine in allen möglichen Richtungen die Kreuz und die Quere herumgeworfen hat, so juckt es einen plötzlich an der Nase, an der man sofort reibt, als wollte man sie hinwegreiben, was man gewiß auch täte, wenn es möglich wäre. Auch die Augen machen viel Unbehagen, und der Docht eines Lichtes wird anderthalb Zoll lang, bis man ihn putzt. Diese und andere kleine Nervenstimmungen machen das lange Aufbleiben, wenn alle übrigen schon zu Bett gegangen sind, keineswegs zu einem lustigen Zeitvertreib.

So dachte Herr Dowler, als er vor dem Feuer saß, und er ärgerte sich im Innersten seines Herzens über all die gefühllosen Leute auf dem Ball, die ihn solange hinhielten. Seine Laune wurde nicht verbessert durch den Gedanken, daß er es sich am Abend in den Kopf gesetzt hatte, Kopfweh haben zu wollen und deswegen zu Hause geblieben war. Endlich, nachdem er zu wiederholten Malen eingenickt und gegen den Kamin hin vorgefallen war, sich aber immer wieder bald genug zurückgeworfen hatte, um das Gesicht nicht zu verbrennen, beschloß Herr Dowler, sich auf das Bett im Hinterzimmer zu legen und daselbst seinen Gedanken nachzuhängen – natürlich nicht um zu schlafen.

»Ich habe einen harten Schlaf«, sagte Herr Dowler, als er sich aufs Bett warf. »Ich muß wach bleiben; hier werde ich das Klopfen wohl hören können. Ja. Ich dachte es doch. Ich kann den Nachtwächter hören. Da unten geht er. Jetzt schon leiser. Eben geht er um die Ecke. Ah!«

Als Herr Dowler soweit gekommen war, wandte auch er sich um die Ecke, an der er solange gezögert hatte, und versank in einen festen Schlaf.

Schlag drei Uhr wurde eine Sänfte, mit Frau Dowler darin, vor das Haus gebracht. Die Träger waren ein kurzer, fetter Knirps und ein himmellanger Bursche, die auf dem Wege viel Mühe hatten, ihre Körper und vollends gar die Sänfte senkrecht zu erhalten; auf der Höhe und in der Nähe des Halbmondplatzes aber wütete und stürmte der Wind, der ihn von allen Seiten überstreifen konnte, so abscheulich, als wollte er das Straßenpflaster aufreißen; sie waren daher herzlich froh, die Sänfte endlich an Ort und Stelle niedersetzen zu können und fingen an, tüchtig an die Tür zu klopfen.

Sie warteten einige Zeit, aber es kam niemand,

»Das Gesinde liegt gewiß in den Armen des Porpus8«, sagte der kurze Sänftenträger, indem er sich die Hände an der Fackel des begleitenden Fackelbuben wärmte.

»Ich wollte, er kneipte sie, daß sie aufwachten«, bemerkte der Lange.

»Haben Sie die Güte, doch noch einmal zu klopfen«, rief Frau Dowler von der Sänfte herab. »Klopfen Sie noch zwei- oder dreimal.«

Der Kurze, der seinen Auftrag sobald wie möglich los zu werden wünschte, stellte sich an die Tür und polterte aus Leibeskräften darauf los, zuerst in Absätzen von vier oder fünf, sodann von acht bis zu zehn Schlägen, während der Lange sich auf die Straße stellte, ob er etwa an einem Fenster Licht bemerken könnte.

Niemand kam. Alles war still und finster wie zuvor.

»Mein Gott«, sagte Frau Dowler; »Sie müssen noch einmal klopfen.«

»Ist vielleicht eine Glocke da?« fragte der Kurze.

»O freilich«, fiel der Fackelträger ein; »ich habe schon in einem fort daran geläutet.«

»Bloß der Handgriff ist da«, sagte Frau Dowler; »der Draht ist gerissen.

»Ich wollte. Ihrer Dienerschaft würden die Schädel eingeschlagen«, knurrte der Lange.

»Ich muß Sie bemühen, gefälligst noch einmal zu klopfen«, sagte Frau Dowler mit der größten Höflichkeit.

Der Kurze klopfte noch mehrere Male, aber ohne den geringsten Erfolg. Dem Langen riß jetzt die Geduld, er löste ihn ab und klopfte in einem fort mit gewaltigen Doppelschlägen an die Tür wie ein wahnsinniger Briefträger.

Endlich begann Herr Winkle zu träumen, er sei in einem Klub. Die Mitglieder hätten Streit miteinander bekommen und der Präsident sei genötigt, gewaltig auf den Tisch zu hämmern, um die Ordnung wieder herzustellen: sodann schwebte ihm dunkel ein Auktionszimmer vor, wo es an Kaufliebhabern fehlte und der Auktionator alles selbst kaufen mußte; endlich fing er an zu denken, es könne in den Grenzen der Möglichkeit liegen, daß jemand an die Haustür klopfe. Um jedoch ganz sicher zu gehen, blieb er noch etwa zehn Minuten ruhig im Bett und horchte. Erst als er zwei- oder dreiunddreißig Schläge gezählt hatte, gab er sich zufrieden und bildete sich nicht wenig auf seine Wachsamkeit ein.

»Rap rap – rap rap – rap rap – ra, ra, ra, ra, ra, rap«, erschallte der Klopfer an der Haustür.

Höchst verwundert, was dies wohl sein könne, sprang Herr Winkle aus dem Bett, zog schleunigst Strümpfe und Pantoffeln an, wickelte seinen Schlafrock um sich, zündete an dem Nachtlicht, das auf dem Kamin brannte, eine kleine Kerze an und eilte die Treppe hinab.

»Endlich kommt doch jemand, Madame«, sagte der kleine Sänftenträger.

»Ich wollte, ich wäre mit der Hetzpeitsche hinter ihm her«, murrte der Lange.

»Wer ist draußen?« rief Herr Winkle, den Riegel zurückschiebend.

»Frag‘ nur nicht, du Eselskopf«, erwiderte in großem Ärger der Lange, der nicht anders glaubte, als der Fragende sei ein Diener. »Aufgemacht!«

»Vorwärts! schnell! Du Faultier!« fügte der Kurze aufmunternd hinzu.

Herr Winkle, der noch halb im Schlaf war, gehorchte dem Befehl mechanisch, öffnete die Tür ein wenig und blickte hinaus.

Das erste, was er sah, war der rote Glanz der Fackel. Bei diesem unerwarteten Anblick erschrak er, und in der Meinung, das Haus stehe in Flammen, stieß er schnell die Tür weit auf, hielt das Licht über seinen Kopf empor und starrte geradeaus vor sich hin, ohne sich überzeugen zu können, ob das, was er erblickte, eine Sänfte sei oder eine Feuerspritze, In diesem Augenblick kam ein heftiger Windstoß, das Licht wurde ausgeblasen, Herr Winkle ward unwiderstehlich auf die Tritte vor der Haustür hingeweht, und die Tür selbst schlug mit lautem Krachen zu.

»Da haben Sie’s, junger Mann«, sagte der kleine Sänftenträger.

Als Herr Winkle durch das Fenster der Sänfte hindurch das Gesicht einer Dame erblickte, wandte er sich eiligst um, klopfte aus Leibeskräften an die Tür und schrie den Trägern wie wahnsinnig zu, sie sollten mit der Sänfte ihres Weges gehen.

»Fort damit! fort damit!« rief Herr Winkle. »Da kommt jemand aus einem andern Hause: laßt mich in die Sänfte hinein. Versteckt mich, helft mir.«

Dabei schauerte er vor Kälte, und jedesmal, wenn er die Hand nach dem Klopfer erhob, faßte der Wind auf eine höchst unzarte Weise seinen Schlafrock.

»Da kommen ja Leute. Es sind Damen dabei; bedeckt mich doch mit irgend etwas; stellt euch vor mich hin«, heulte Herr Winkle. Allein die Sänftenträger waren zu sehr durch Lachen in Anspruch genommen, als daß sie ihm den geringsten Beistand hätten leisten können, und die Damen kamen mit jedem Augenblick naher und immer näher.

Herr Winkle tat einen letzten hoffnungslosen Schlag. Die Damen waren nur noch einige Häuser entfernt. Er warf das ausgelöschte Licht, das er in der ganzen Zeit über seinen Kopf emporgehalten hatte, weg und stürzte geradezu auf die Sänfte los, worin Frau Dowler saß.

Jetzt hatte Frau Craddock endlich auch das Klopfen und Lärmen gehört, und nachdem sie sich bloß soviel Zeit genommen, um eine andere Kopfbedeckung als ihre Nachthaube aufzusetzen, rannte sie in das vordere Wohnzimmer, um zu sehen, ob es die rechten Leute seien, und rückte das Schiebefenster gerade in dem Augenblick zurück, als Herr Winkle auf die Sänfte losstürzte. Kaum aber hatte sie gesehen, was unten vorging, so erhob sie ein gewaltiges Jammergeschrei und weckte Herrn Dowler mit der Bemerkung, er solle doch sogleich aufstehen, denn seine Frau laufe mit einem andern Herrn davon.

Herr Dowler sprang vom Bett auf wie ein Gummielastikumball, stürzte in das vordere Zimmer, kam in demselben Augenblick an ein Fenster, wo Herr Pickwick ein anderes aufriß, und das erste, was sich ihren erstaunten Blicken darbot, war Herr Winkle, der in die Sänfte hineinstürmen wollte.

»Nachtwächter!« schrie Dowler wütend, »fangt ihn – packt ihn – haltet ihn fest, bis ich hinabkomme. Ich will ihm die Kehle abschneiden – gebt mir ein Messer – ja, von einem Ohr bis zum andern, Frau Craddock.«

Und trotz des Jammergeschreis der Hausfrau, in das Herr Pickwick mit einstimmte, ergriff der entrüstete Ehemann ein kleines Tischmesser und stürzte auf die Straße hinunter.

Aber Herr Winkle erwartete ihn nicht. Kaum hörte er die schreckliche Drohung des tapfern Dowler, so sprang er ebenso schnell wieder aus der Sänfte heraus, wie er hineingesprungen war, schleuderte seine Pantoffeln auf die Straße, gab Fersengeld und rannte, hitzig verfolgt von Dowler und dem Nachtwächter, um den Halbmondplatz herum. Er behielt immer einen Vorsprung, und als er zum zweitenmal vor das Haus kam und die Tür offen fand, stürzte er hinein, warf sie Dowler vor der Nase zu, sprang in sein Schlafzimmer, verschloß die Tür, pflanzte zur Verrammlung einen Toilettentisch nebst einigen Kommoden davor auf und packte einige notwendige Sachen zusammen, in der Absicht, mit Tagesanbruch zu entfliehen.

Dowler kam vor seine Tür, erklärte durch das Schlüsselloch hinein seinen festen Entschluß, Herrn Winkle am folgenden Tag die Kehle abzuschneiden, und nach einem gewaltigen, verworrenen Lärm im Salon, wobei man vor allem Herrn Pickwicks Stimme vernahm, der Frieden zu stiften bemüht war, zerstreuten sich die Hausgenossen nach ihren verschiedenen Schlafgemächern, worauf alles wieder ruhig wurde.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier die Frage aufgeworfen wird, wo Herr Weller diese ganze Zeit über gewesen? Wir werden uns im nächsten Kapitel darüber erklären.

  1. Morpheus.

Achtunddreißigstes Kapitel.


Achtunddreißigstes Kapitel.

Erteilt genügende Auskunft über Herrn Wellers Abwesenheit und enthält die Beschreibung einer Soiree, zu der er eingeladen war. Zugleich berichtet es, wie ihm von Herrn Pickwick eine geheime Sendung von großer Wichtigkeit und Zartheit anvertraut wird.

»Herr Weller«, sagte Frau Craddock am Morgen dieses verhängnisvollen Tage«, »hier ist ein Brief für Sie.«

»Das ist sehr kurios«, meinte Sam. »Ich fürchte fast, es muß etwas dahinter stecken, denn ich erinnere mich in meinem Kreis von Bekanntschaften keines Gentlemans, der imstande wäre, einen Brief zu schreiben.«

»Vielleicht hat sich etwas Außerordentliches ereignet«, bemerkte Frau Craddock.

»Das muß freilich etwas Außerordentliches sein, was einem meiner Freunde einen Brief ablocken könnte«, erwiderte Sam, zweifelhaft den Kopf schüttelnd. »Von meinem Vater kann der Brief auch nicht kommen«, fügte er hinzu, indem er die Handschrift betrachtete; »der druckt immer, weil er das Schreiben an den großen Anschlagzetteln vor den Buchhandlungen gelernt hat. Es ist mir ganz unerklärlich, woher der Brief wohl kommen mag.«

Zugleich tat Sam, was sehr viele Leute tun, wenn sie über den Schreiber eines Billetts im Ungewissen sind, d.h. er beschaute das Siegel, sodann den vorderen, dann den hinteren Teil, hierauf die Seiten und endlich die Überschrift; für das allerletzte Auskunftsmittel mochte er wohl den Inhalt ansehen, um ganz gewiß aus der Sache klar zu werden.

»Er ist auf goldgerandetes Papier geschrieben«, sagte Sam, als er ihn entfaltete, »und mit braunem Siegellack petschiert, und zwar mit der Spitze eines Türschlüssel«. Nun, wir wollen einmal sehen.«

Und mit sehr ernstem Gesicht las Herr Weller langsam wie folgt:

»Eine auserlesene Gesellschaft von den Bather-Lakaien empfiehlt sich Herrn Weller und bittet um das Vergnügen seiner Gesellschaft auf diesen Abend zu einem freundschaftlichen Schmause, bestehend aus einer gekochten Hammelkeule nebst dem übrigen Zubehör. Präzis halb zehn Uhr wird serviert.«

Diese Einladung war in ein anderes Billett folgenden Inhalts eingeschlossen:

»Herr John Smauker, der Gentleman, der das Vergnügen hatte, Herrn Weller vor einigen Tagen im Hause ihres gemeinschaftlichen Bekannten, des Herrn Bantam, kennenzulernen, gibt sich die Ehre, Herrn Weller die beifolgende Einladung zuzuschicken. Wenn Herr Weller Herrn John Smauker um neun Uhr abholen will, so wird Herr John Smauker das Vergnügen haben, Herrn Weller einzuführen.

(Unterzeichnet) John Smauker.«

Die Adresse lautete: »An Weller, Esquire bei Herrn Pickwick«, und in der linken Ecke stand als Instruktion für den Überbringer in Paranthese das Wort: »Dienerglocke«.

»Gut«, sagte Sam? »das gefällt mir nicht übel. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, daß man eine gekochte Hammelkeule einen Schmaus genannt hätte. Wie würden sie wohl eine gebratene nennen?«

Ohne sich jedoch lange den Kopf darüber zu zerbrechen, begab sich Sam sogleich zu Herrn Pickwick und bat ihn für den Abend um Urlaub, der gern bewilligt wurde. Mit dieser Erlaubnis und dem Hausschlüssel in der Tasche ging Sam Weller etwas vor der bestimmten Zeit aus und schlenderte gemächlich dem Queensquare zu, wo er kaum angelangt war, als er das Vergnügen hatte, Herrn John Smauker in einiger Entfernung seinen bepuderten Kopf an einen Laternenpfahl lehnen und aus einer Bernsteinröhre eine Zigarre rauchen zu sehen.

»Guten Tag, wie geht’», Herr Weller?« rief ihm Herr John Smauker zu, mit der einen Hand graziös den Hut lüftend, während er ihm mit der andern freundlich und herablassend zuwinkte. »Wie geht’s, Sir?«

»Recht ordentlich«, erwiderte Sam. »Und wie geht es Ihnen, lieber Kamerad?«

»So so, la la«, sagte John Smauker.

»Sie haben sich gewiß zu sehr angestrengt«, bemerkte Sam. »Ich fürchtete es immer; aber es führt zu nichts; Sie müssen Ihrem Eifer und Fleiß Zaum und Gebiß anlegen.«

»Ach nein«, erwiderte Herr John Smauker, »es kommt nicht sowohl davon her, als von dem schlechten Wein; ich glaube, ich bin ein bißchen liederlich gewesen.«

»Aha, geht’s da hinaus?« sagte Sam. »Das ist freilich eine schlimme Sache.«

»Aber«, bemerkte Herr John Smauker, »Sie wissen ja, daß die Verführung immer so groß ist.«

»Freilich«, erwiderte Sam.

»Wenn man so mitten in den Wirbel der Gesellschaft hineingezogen wird, Herr Weller, – Sie wissen ja schon«, sagte Herr John Smauker mit einem Seufzer.

»Ja, es ist schrecklich«, meinte Sam.

»Aber es geht immer so«, sagte Herr John Smauker; »wenn das Schicksal einen ins öffentliche Leben und in eine öffentliche Stellung führt. Da ist man Versuchungen ausgesetzt, von denen andere Leute nichts wissen, Herr Weller.«

»Gerade das sagte auch mein Onkel, als er ins öffentliche Leben getreten und ein Wirt geworden war«, bemerkte Sam; »und der alte Herr hatte ganz recht; denn in weniger als einem Vierteljahr trank er sich tot.«

Herr John Smauker sah sehr entrüstet aus über die zwischen ihm und dem besagten seligen Herrn gezogene Parallele. Da indessen Sams Gesicht in dem unveränderlichen Zustand der Ruhe blieb, so besann er sich eines bessern und wurde wieder freundlich.

»Es wird wohl Zeit, zu gehen«, sagte Herr Smauker und zog eine kupferne Uhr, die auf dem Grunde einer tiefen Uhrtasche wohnte und vermittels eines schwarzen Bandes an die Oberfläche heraufgezogen wurde, auch am andern Ende mit einem kupfernen Schlüssel versehen war, zu Rate.

»Ich denke auch«, erwiderte Sam; »das Essen möchte sonst kalt werden.«

»Haben Sie den Brunnen schon getrunken, Herr Weiler?« fragte sein Kamerad, als sie nach der Hochstraße zuschritten.

»Ein einziges Mal«, erwiderte Sam.

»Und wie fanden Sie ihn, Sir?«

»Ganz abscheulich widerlich«, erklärte Sam.

»Ah«, sagte Herr John Smauker, »vielleicht behagt Ihnen der Mineralgeschmack nicht?« 99

»Davon verstehe ich nichts«, sagte Sam, »aber es kam mir vor, als hätte der Brunnen einen scharfen, brandigen Geruch, wie von glühenden Bügeleisen.«

»Das ist eben das Mineralische, Herr Weller«, bemerkte Herr John Smauker verächtlich.

»Meinetwegen: es ist aber ein sehr unverständliches Wort«, sagte Sam. »Es mag aber schon so sein, denn ich verstehe nicht viel von chemischen Geschichten, kann also nichts sagen.«

Und nun begann Sam Weller zum großen Entsetzen des Herrn John Smauker zu pfeifen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Weller«, sagte Herr John Smauker, schaudernd über die nicht eben lieblichen Töne. »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?«

»Danke, Sie sind gar zu gütig: ich will Sie nicht bemühen«, erwiderte Sam. »Wenn Sie nichts dagegen haben, so stecke ich lieber meine Hände in die Taschen.«

Sam tat das auch sogleich und pfiff noch lauter als zuvor.

»Auf diesem Weg«, sagte sein neuer Freund, dem es offenbar viel leichter ums Herz wurde, als sie in eine Nebenstraße kamen, »auf diesem Weg werden wir bald dort sein.«

»So?« sagte Sam, ganz ungerührt durch die Ankündigung seiner unmittelbaren Nähe bei der auserwählten Gesellschaft der Bather-Lakaien.

»Ja«, sagte Herr John Smauker. »Seien Sie nur nicht zu schüchtern, Herr Weller.«

»O gewiß nicht«, sagte Sam.

»Sie werden einige sehr schöne Uniformen sehen, Herr Weller«, fuhr Herr John Smauker fort, »und vielleicht werden Sie auch finden, daß etliche von diesen Herren die Nase ein bißchen hoch tragen: allein Sie werden sie schon zu gewinnen wissen.«

»Das wäre sehr schön«, erwiderte Sam.

»Und Sie wissen«, fuhr Herr John Smauker mit erhabener Protektormiene fort, »Sie wissen, da Sie ein Fremder sind, so wird man Ihnen im Anfang vielleicht scharf zu Leib gehen.«

»Sie werden doch nicht gar grausam gegen mich sein?« fragte Sam.

»Nein, nein«, erwiderte Herr John Smauker, den Fuchskopf hervorziehend und eine gentlemanische Prise nehmend: »doch es sind einige lustige Käuze darunter, die werden ihren Witz an Ihnen auslassen wollen, aber Sie müssen sich nur nicht darum kümmern.«

»Ich werde es ihnen schon heimzugehen wissen«, erwiderte Sam.

»Das ist recht«, sagte Herr John Smauker, den Fuchskopf einsteckend und seinen eigenen emporhebend; »ich werde Ihnen beistehen.«

Inzwischen hatten sie einen kleinen Gemüseladen erreicht; in den Herr John Smauker eintrat, gefolgt von Sam, der, während er hinter ihm herging, ganz offen und unwillkürlich zu lachen begann und durch andere Zeichen verriet, daß er sich in einem sehr beneidenswerten Zustande inneren Vergnügens befand.

Sie gingen durch den Laden, legten ihre Hüte in dem kleinen Gang dahinter ab und kamen in ein kleines Zimmer, allwo der volle Glanz der Szene Herrn Weller alsbald in die Augen sprang.

Mitten in der Stube waren ein paar Tische zusammengerückt, bedeckt mit drei oder vier Tüchern von verschiedenem Alter und verschiedenem Datum der Wäsche, die jedoch so arrangiert waren, daß sie so sehr wie möglich über ihr verschiedenes Aussehen hinwegtäuschten. Auf den Tischen lagen Messer und Gabeln für sechs oder acht Personen. Einige von den Messergriffen waren grün, andere rot und noch andere gelb; die Gabeln dagegen waren sämtlich schwarz, und diese Farbenkombination bildete einen sehr scharfen Kontrast. Die Teller für eine entsprechende Anzahl Gäste wurden hinter dem Kaminrost gewärmt, und die Gäste selbst wärmten sich vor demselben. Der Angesehenste und Bedeutendste unter ihnen schien ein stattlicher Herr in karmoisinrotem Rock mit langen Schößen, hellroten Hosen und mit einem aufgestülpten Hut zu sein, der mit dem Rücken gegen das Feuer stand, und offenbar soeben erst gekommen sein mußte; denn er hatte nicht nur seinen aufgestülpten Hut noch auf dem Kopf, sondern auch in seiner Hand einen langen Stab, wie ihn die Gentlemen seiner Profession schief über die Kutschendächer hinauszuhalten pflegen.

»Smauker, alter Kerl«, sagte der Gentleman mit dem aufgestülpten Hut.

Herr Smauker fügte das oberste Gelenk des kleinen Finger seiner rechten Hand in das entsprechende des Gentleman mit dem aufgestülpten Hut und sagte, »er sei entzückt, ihn so wohl zu sehen.«

»Ja, die Leute sagen, ich sehe recht blühend aus«, begann der Mann mit dem aufgestülpten Hut, »und das ist wirklich ein Wunder. In den letzten vierzehn Tagen bin ich tagtäglich zwei Stunden hinter unserer alten Dame hergelaufen; und wenn man ständig sehen muß, wie sie ihr verteufeltes, altes, lavendelfarbiges Kleid hinten zu hat; wenn das einen braven Kerl auf die Dauer nicht in die bitterste Verzweiflung bringt, so verzichte ich auf meinen nächsten Arbeitslohn.«

Die versammelten Notabilitäten lachten herzlich, und ein Gentleman in einer gelben, mit einer Kutscherborte besetzten Weste flüsterte einem Nachbar in grünsamtenen Kniehosen zu, »Tuckle sei heute abend sehr aufgeräumt.«

»Unter uns gesagt«, bemerkte Herr Tuckle, »mein lieber Smauker, Sie – –«, der Rest des Satzes wurde Herrn John Smauker ins Ohr hineingeflüstert.

»Ach, wahrhaftig, das habe ich ganz vergessen«, sagte Herr John Smauker. »Meine Herren – mein Freund, Herr Weller.«

»Es tut mir leid, Weller, daß ich Ihnen vor dem Feuer stehe«, sagte Herr Tuckle herablassend. »Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu kalt sein, Weller?«

»Nicht im geringsten, Feuerbrand«, erwiderte Sam. »Das müßte doch ein recht frostiger Bursche sein, den es frieren könnte, wenn Sie ihm gegenüberstehen. Mit Ihnen könnte man Kohlen ersparen, wenn man Sie in einem Wirtshaus hinter das Kaminfeuer stellte.«

Da diese Bemerkung offenbar eine persönliche Anspielung auf Herrn Tuckles karmoisinrote Livree enthielt, so blickte dieser Gentleman einige Sekunden lang majestätisch drein, schob sich jedoch allmählich vom Feuer weg, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte, »der Witz gefalle ihm nicht übel«.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir«, entgegnete Sam. »Wir werden schon warm miteinander werden.«

Hier wurde die Unterhaltung durch die Ankunft eines Gentleman in orangefarbigen Plüschhosen unterbrochen, der ein anderes Kabinettstück in purpurfarbigem Rocke und mit ungeheuren langen Strümpfen mit sich brachte. Nachdem die neuen Gäste von den alten bewillkommt waren, schlug Herr Tuckle vor, mit dem Essen zu beginnen, was einstimmig angenommen wurde.

Der Gemüsehändler und seine Frau trugen jetzt die gekochte Hammelkeule, noch siedendheiß, mit einer Kapernsoße nebst Rüben und Kartoffeln auf den Tisch. Herr Tuckle nahm den Präsidentenstuhl ein und ans andere Ende des Tisches setzte sich als Vizepräses der Gentleman in den orangefarbigen Plüschhosen. Der Gemüsehändler zog waschlederne Handschuhe an, um die Teller umherzureichen, und stellte sich hinter den Stuhl des Herrn Tuckle.

»Harris!« sagte Herr Tuckle in befehlendem Tone.

»Sir«, antwortete der Gemüsehändler.

»Haben Sie die Handschuhe angezogen?«

»Ja, Sir.«

»So nehmen Sie den Deckel hinweg.«

»Sehr wohl, Sir.«

Der Gemüsehändler tat mit großer Unterwürfigkeit wie ihm befohlen wurde und reichte Herrn Tuckle dienstbeflissen das Vorlegemesser, wobei er jedoch zufällig gähnte.

»Was soll das bedeuten, Sir?« ließ ihn Herr Tuckle sehr rauh an.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte der erschrockene Gemüsehändler, »ich habe es nicht absichtlich getan, Sir: ich war in der letzten Nacht so lange auf, Sir.«

»Ich will Ihnen sagen, was ich von Ihnen denke, Harris«, sagte Herr Tuckle mit höchst nachdrucksvoller Geberde: »Sie sind ein ganz dummer Kerl.«

»Meine Herren«, antwortete Harris, »ich hoffe, Sie werden nicht so streng mit mir verfahren, meine Herren. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, meine Herren, für Ihre Gönnerschaft und auch für Ihre Empfehlungen, meine Herren, wenn irgendwo zur Aushilfe ein Aufwärter nötig ist. Ich hoffe, meine Herren, daß ich Sie zur Zufriedenheit bediene.«

»Nein, das tun Sie nicht, Sir«, antwortete Herr Tuckle; »weit gefehlt, Sir.«

»Wir halten Sie für einen unachtsamen Bengel«, sagte der Gentleman in den organgefarbigen Plüschhosen.

»Und für einen niederträchtigen Dieb«, fügte der Gentleman in den grünsamtenen Kniehosen hinzu.

»Und für einen unverbesserlichen Taugenichts«, rief der Gentleman in dem Purpurgewand.

Der arme Gemüsehändler verbeugte sich demutsvoll, während er im echten Geist kleinlicher Tyrannen mit diesen hübschen Ehrentitelchen belegt wurde. Als nun jeder, um seine Oberherrlichkeit über ihn zu beweisen, etwas gesagt hatte, begann Herr Tuckle die Hammelkeule zu tranchieren und der Gesellschaft vorzulegen.

Kaum war dieses wichtigste Geschäft des Abends angefangen, als die Tür hastig aufgerissen wurde und ein anderer Gentleman in hellblauem Rock mit bleiernen Knöpfen hereintrat.

»Gegen die Ordnung«, sagte Herr Tuckle. »Zu spät, zu spät.«

»Nein, nein; ich konnte wahrhaftig nicht anders«, erwiderte der Blaue. »Ich appelliere an die Gesellschaft – ein galantes Abenteuer – ein Stelldichein im Theater.«

»Wirklich?« fragte der Gentleman in den orangenen Plüschhosen.

»Ja, auf meine Ehre«, sagte der Blaue. »Ich hatte versprochen, unsere jüngste Tochter um halb zehn Uhr abzuholen, und sie ist ein so schönes Frauenzimmer, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, sie warten zu lassen. Ich wollte die Gesellschaft dadurch nicht beleidigen, Sir, aber eine Schürze, Sir – eine Schürze, Sir, da kann man nicht widerstehen.«

»Sie Schwerenöter, Sie«, sagte Tuckle, als der neue Ankömmling sich neben Sam setzte. »Es ist mir schon ein paarmal aufgefallen, daß sie sich sehr fest an Ihre Schultern lehnt, wenn sie in den Wagen hinein- oder heraussteigt.«

»Ja freilich, freilich, Tuckle: aber von so etwa« darf man nicht reden«, sagte der Blaurock; »es schickt sich nicht. Ich habe vielleicht zu einem oder zwei Freunden gesagt, daß sie ein göttliches Geschöpf ist, und ohne einleuchtende Gründe schon einen oder zwei Anträge zurückgewiesen hat; aber – – nein, nein, nein, wahrhaftig, Tuckle – und besonders vor Fremden – das ist nicht recht – Sie sollten es nicht tun. Zartgefühl, mein teurer Freund, Zartgefühl!«

Und der Blaurock ordnete sein Halstuch, zupfte seine Handkrausen zurecht, blinzelte und schnitt dabei Grimassen, als ob er noch viel sagen könnte, wenn er wollte, und wenn ihm nicht die Ehre zu schweigen geböte.

Da der Blaue ein blondlockiger, steifnackiger, munterer, unbefangener Bursche von keckem, prahlhansigem Aussehen war, so hatte er gleich im Anfang Herrn Wellers besondere Aufmerksamkeit erregt. Als er sich aber vollends auf diese Art auszulassen begann, fühlte Sam noch größere Lust, seine Bekanntschaft zu machen und knüpfte daher mit seiner charakteristischen Ungezwungenheit ohne weiteres eine Unterhaltung mit ihm an.

»Ihre Gesundheit, Sir«, sagte er zu ihm. »Sie gefallen mir. Wir müssen Freundschaft schließen.«

Der Blaurock lächelte, als wäre er an Komplimente dieser Art längst gewöhnt, blickte jedoch Sam freundlich an und sagte, »er hoffe, näher mit ihm bekannt zu werden, denn er scheine ihm ohne alle Schmeichelei ein ganz angenehmer Bursche zu sein – ganz der Mann nach seinem Herzen.«

»Sie sind gar zu gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Was für ein Glückskind Sie sind!«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Gentleman im blauen Rock.

»Ich meine die junge Dame«, erwiderte Sam. »Die wird schon wissen, was sie zu tun hat. Ich verstehe wohl.«

Herr Weller schloß ein Auge und schüttelte seinen Kopf auf eine Art, die für die persönliche Eitelkeit des Gentleman im blauen Gewand höchlich befriedigend war.

»Ich fürchte, Sie sind ein verfluchter Kerl, Herr Weller«, sagte er.

»Nein, nein«, erwiderte Sam. »Ich überlasse das Ihnen. Sie haben weit mehr davon als ich, wie der Gentleman auf der sicheren Seite der Gartenmauer zu dem Manne draußen sagte, während der wütende Stier die Gasse hinausjagte.«

»Na schön, Herr Weller«, sagte der Blaurock, »ich dächte wenigstens, sie hat meine Art und mein Wesen wohl bemerkt, Herr Weller.«

»Das soll mich nicht im geringsten wundern«, erwiderte Sam.

»Haben Sie auch so eine kleine Geschichte dieser Art, Sir?« antwortete der begünstigte Gentleman im blauen Rock, indem er einen Zahnstocher au« seiner Westentasche zog.

»So eigentlich nicht«, antwortete Sam. »In meinem Hause gibt es keine Töchter, sonst würde ich mich natürlich auch an eine herangemacht haben. So aber würde ich es unter einer Marquise nicht tun. Doch ließe ich mir zur Not noch eine junge Dame mit großem Vermögen gefallen, wenn sie auch keinen Titel hätte, aber recht rasend in mich verliebt wäre, sonst durchaus nicht.«

»Das will ich doch meinen, Herr Weller«, sagte der Blaue. »Man darf sich nicht wegwerfen, und wir, wir als Männer von Welt und Erfahrung, wissen, Herr Weller, daß eine hübsche Uniform bei den Damen früher oder später immer ihre Wirkung tut. Unter uns gesagt, das ist auch das einzige, warum es sich der Mühe lohnt, in einen Dienst zu gehen.«

»Ganz recht«, sagte Sam, »so denke ich auch.«

Als dieses vertrauliche Zwiegespräch soweit gediehen war, wurden Gläser gebracht und jeder der Gentlemen bestellte, was er wollte, bevor das Wirtshaus geschlossen wurde. Der Blaue und der Orangefarbene, die die Häupter dieser auserlesenen Gesellschaft waren, bestellten »kalten Shrub«9 und Wasser; das Lieblingsgetränk der andern aber schien Wacholderbranntwein und Zucker zu sein. Sam nannte den Gemüsehändler einen fürchterlichen Dummkopf und bestellte eine große Bowle Punsch, zwei Heldentaten, die ihn in den Augen dieser Notabilitäten sehr zu heben schienen.

»Meine Herren«, rief der Blaurock mit dem Anstand und den Gebärden des vollendetsten Dandy, »die Damen sollen leben!«

»Hört, hört«, sagte Sam. »Die jungen Bälger.«

Jetzt wurde laut zur Ordnung gerufen, und Herr John Smauker, als der Gentleman, der Herrn Weller in die Gesellschaft eingeführt hatte, nahm sich die Freiheit, ihm zu bemerken, der Ausdruck, dessen er sich bedient, sei unparlamentarisch.

»Welchen andern hätte ich denn wählen sollen, Sir?« fragte Sam.

»Bälger, Sir?« erwiderte Herr John Smauker mit beunruhigendem Stirnrunzeln. »Wir erkennen solche Definitionen nicht an.«

»Ah, sehr gut«, sagte Sam, »so will ich die Bemerkung verbessern und sie mit Erlaubnis des Herrn Feuerbrand süße Engelein nennen.«

Im Gemüt des Gentleman mit den grünen Samthosen schien einiger Zweifel vorzuwalten, ob man den Präsidenten füglich Feuerbrand nennen könne; da die Gesellschaft sich aber nicht daran stieß, so wurde die Frage nicht aufgeworfen. Der Mann mit dem aufgestülpten Hut atmete kurz und blickte Sam lange an, hielt es aber offenbar für geratener, nichts zu sagen, um nicht noch schlimmer wegzukommen.

Nach einer kurzen Pause rührte ein Gentleman mit einem bordierten Rock, der ihm bis an die Fersen ging, und ebensolcher Weste, die eine Hälfte seiner Beine warm hielt, mit großer Energie seinen Wacholderbranntwein und Wasser, erhob sich dann auf einmal mit gewaltiger Anstrengung und sagte, er wünsche der Gesellschaft einiges mitzuteilen, worauf der Herr mit dem aufgestülpten Hut durchaus nicht zweifelte, daß die Gesellschaft sich sehr glücklich schätzen werde, einiges zu hören, was der Herr mit dem langen Rock ihr vorzutragen wünsche.

»Meine Herren«, begann dieser; »nur mit großer Schüchternheit wage ich es, vor Sie zu treten, da ich das Unglück habe, ein Kutscher zu sein und nur als Ausnahmegast zu diesen angenehmen Schmausereien zugelassen bin. Aber, meine Herren, ich fühle mich verbunden – in die Ecke getrieben – wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf – eine betrübende Tatsache bekanntzumachen, die mir zu Ohren gekommen ist, und von der ich wohl sagen darf, daß sie mir den ganzen Tag vor den Augen geschwebt hat. Meine Herren, unser Freund, Herr Whiffers (aller Augen richteten sich auf den Orangefarbigen), unser Freund, Herr Whiffers, hat gekündigt.«

Allgemeines Erstaunen lag über den Zuhörern. Jeder sah seinen Nachbar an und ließ dann die Blicke wieder auf den stehenden Kutscher gleiten.

»Ja, meine Herren«, fuhr dieser fort, »Sie haben Ursache, verwundert zu sein. Ich will es nicht wagen, mich über die Gründe dieses unersetzlichen Verlustes für den Dienst auszulassen, aber ich möchte Herrn Whiffers bitten, dieselben zur Belehrung und Nachahmung seiner bewundernden Freunde selbst anzugeben.«

Da der Antrag mit lautem Beifall angenommen wurde, so erklärte sich Herr Whiffers bereit. Er sagte, er hätte allerdings wünschen können, den Posten, den er nunmehr aufgegeben, länger zu behalten. Die Uniform sei glänzend und kostbar gewesen, die Frauenzimmer in der Familie äußerst angenehm und die Pflichten seiner Stellung, wie er nicht anders sagen könne, keineswegs zu beschwerlich, denn sein Hauptdienst habe darin bestanden, in Gesellschaft eines andern Gentleman, der ebenfalls gekündigt habe, soviel wie möglich aus dem Fenster neben dem Hausflur hinauszusehen. Er hätte der Gesellschaft gern die widrigen und empörenden Details, auf die er eingehen müsse, erspart, da man aber eine Erklärung von ihm gefordert, so habe er keine andere Wahl, als deutlich und geradeheraus zu gestehen, daß man ihm zugemutet habe, kalte Küche zu essen.

Es ist unmöglich, die Entrüstung zu begreifen, die diese Mitteilung in den Busen der Zuhörer erweckte. Ein lautes Geschrei: »Pfui! pfui!« mit Murren und Gezische vermischt, dauerte wenigstens eine Viertelstunde.

Herr Whiffers fügte jetzt hinzu, er fürchte, einen Teil dieser Schmach durch sein nachgiebiges und geduldiges Wesen selbst verschuldet zu haben. Er erinnere sich deutlich, daß er sich einmal herabgelassen habe, gesalzene Butter zu essen, und ein andermal, als jemand im Hause plötzlich erkrankt sei, habe er sich sogar soweit vergessen, einen Kohleneimer in den zweiten Stock hinauf zu tragen. Er hege die Zuversicht, daß er durch dieses offene Geständnis seiner Fehler in der guten Meinung seiner Freunde nicht gesunken sei, oder wenn dies geschehen sein sollte, so hoffe er, daß die Schnelligkeit, womit er die soeben erzählte letzte schamlose Verletzung seiner Gefühle gerächt habe, ihn in ihre Achtung wieder einsetzen werde.

Herrn Whiffers Rede belohnte schallender Bewunderungszuruf, und voll Enthusiasmus wurde die Gesundheit des hochsinnigen Märtyrers getrunken. Der Märtyrer dankte und brachte einen Toast auf ihren Gast, Herrn Weller, aus – einen Gentleman, den er zwar nicht das Vergnügen habe, genauer zu kennen, der aber der Freund des Herrn John Smauker sei, was in jeder Gesellschaft von Gentlemen als ein hinreichender Empfehlungsbrief betrachtet werden müsse. Deshalb würde er sich gedrungen gefühlt haben, Herrn Wellers Gesundheit mit allen Ehren auszubringen, wenn seine Freunde Wein tränken; da sie aber der Abwechslung halber Branntwein vorgezogen, und es nicht ratsam sein möchte, bei jedem Toaste einen Humpen zu leeren, so schlage er vor, die Ehren stillschweigend vorauszusetzen.

Beim Schluß dieser Rede schlürften alle zu Ehren Sams ein wenig aus ihren Bechern, und nachdem Sam sich selbst zu Ehren zwei volle Gläser Punsch herausgeschöpft und hinabgestürzt hatte, dankte er in einer wohlgesetzten Rede.

»Kameraden«, begann er, indem er so unbefangen wie möglich sein Glas füllte; »ich bin sehr verbunden für dieses Kompliment, das mich beinahe zu Boden drückt, da es von solchen Ehrenmännern kommt. Ich habe schon viel von Ihnen als Korporation gehört, aber das muß ich sagen, ich hätte nie geglaubt, daß Sie so außerordentlich angenehme Leute wären, wie ich jetzt in Ihnen gefunden habe. Ich hoffe nur, daß Sie acht auf sich selbst nehmen und Ihrer Würde nichts vergeben, denn es ist sehr hübsch anzusehen, wenn einer auf der Straße geht, und dieser Anblick hat mir von jeher sehr viel Vergnügen gemacht, schon als ich noch ein Knabe war und kaum halb so hoch als der mit einem Messingknopf versehene Stock meines ehrenwerten Freundes Feuerbrand da. Was das Opfer der Unterdrückung in dem Schwefelkleide betrifft, so kann ich weiter nichts sagen, als daß ich hoffe, er werde einen so guten Platz bekommen, wie er es verdient, in welchem Fall man ihm sehr wenig mit kalter Küche beschwerlich fallen wird.«

Hier setzte sich Sam mit einem anmutsvollen Lächeln; seine Rede wurde stürmisch beklatscht, und ein Teil der Gesellschaft machte Anstalt, aufzubrechen.

»Wie, Sie werden doch nicht im Ernst schon gehen wollen, alter Kollege«, sagte Sam Weller zu seinem Freunde, Herrn John Smauker.

»Ach Gott, ich muß«, erwiderte Herr Smauker: »ich habe es Bantam versprochen.«

»Dann ist’s was anderes«, erwiderte Sam. »Vielleicht würde er kündigen, wenn Sie lange auf sich warten ließen. Aber Sie gehen doch noch nicht, Feuerbrand?«

»O freilich«, erwiderte der Mann mit dem aufgestülpten Hut.

»Wie, und Dreiviertel einer Punschbowle zurücklassen?« eiferte Sam. »Das wäre ja Unsinn! Setzen Sie sich wieder.«

Herr Tuckle vermochte dieser Einladung nicht zu widerstehen. Er stellte den aufgestülpten Hut sowie den Stock, den er soeben ergriffen hatte, wieder auf die Seite und sagte, um der guten Kameradschaft willen wolle er noch ein Gläschen trinken.

Da der hellblaue Gentleman denselben Heimweg hatte wie Herr Tuckle, so ließ auch er sich überreden, noch zu bleiben. Als der Punsch etwa halb getrunken war, bestellte Sam noch Austern aus des Gemüsehändlers Laden, und die Wirkung von beiden war so außerordentlich erheiternd, daß Herr Tuckle mit seinem aufgestülpten Hut und Stock auf dem Tische zwischen den Austernschalen den Froschhornpipe tanzte, während ihm der hellblaue Gentleman auf einem sinnreichen Instrument, bestehend aus einem Haarkamm und einem Papierstreif, dazu aufspielte. Endlich, als der Punsch getrunken und die Nacht so ziemlich vorüber war, machten sie sich auf, in der Absicht, ein Haus weiterzugehen. Kaum war Herr Tuckle an der frischen Luft, als ihn auf einmal der Wunsch ankam, sich auf das Straßenpflaster niederzulegen, und Sam, der es für eine Sünde gehalten hätte, ihm zu widersprechen, ließ ihn gewähren. Da jedoch der aufgestülpte Hut leicht hätte verdorben werden können, wenn man ihn hier ließ, so drückte er denselben klugerweise dem hellblauen Herrn auf den Kopf, gab ihm den dicken Stab in die Hand, lehnte ihn sofort an seine Haustür, läutete und ging ruhig nach Hause.

An diesem Morgen war Herr Pickwick früher als gewöhnlich aufgestanden; er ging vollständig angekleidet die Treppen hinab und läutete.

»Sam«, sagte er, als Herr Weller auf das Geklingel erschien, »schließ die Tür zu.«

Herr Weller tat es.

»Wir haben«, fuhr Herr Pickwick fort, »heute Nacht einen unglückseligen Vorfall gehabt, infolgedessen Herr Winkle Gewalttätigkeiten von Herrn Dowler befürchten muß.«

»Ich habe es schon von der Alten unten gehört«, erwiderte Sam.

»Und«, erzählte Herr Pickwick mit höchst verdrießlicher Miene weiter, »ich muß leider hinzufügen, daß Herr Winkle sich aus Furcht vor diesen Gewalttätigkeiten davongemacht hat.«

»Davongemacht?« sagte Sam.

»Er hat diesen Morgen sehr früh, ohne die geringste Beratung mit mir, das Haus verlassen«, erklärte Herr Pickwick. »Und er ist davongegangen, ohne daß ich weiß, wohin.«

»Er hätte dableiben und die Sache ausfechten sollen, Sir«, versetzte Sam verächtlich. »Ich wollte mit diesem Dowler schon fertig werden, Sir.«

»Gut, Sam«, sagte Herr Pickwick; »auch ich habe meine Zweifel an seiner großen Tapferkeit und Entschlossenheit. Aber dem sei wie ihm wolle, Herr Winkle ist nun einmal nicht mehr da. Er muß aufgesucht und zu mir zurückgebracht werden, Sam.«

»Wenn er aber nicht mehr kommen will, Sir?« fragte Sam.

»So muß man ihn dazu zwingen, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Und wer soll das tun, Sir?« fragte Sam mit einem Lächeln.

»Du«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sehr wohl, Sir.«

Mit diesen Worten verließ Herr Weller das Zimmer, und man hörte ihn bald nachher die Haustür schließen. Zwei Stunden nachher kehrte er so ruhig zurück, als hätte man ihn mit dem allergewöhnlichsten Auftrag abgesandt, und brachte die Nachricht, ein Individuum, dessen Beschreibung in jeder Beziehung auf Herrn Winkle passe, sei heute morgen mit der Postkutsche von Royal- Hotel weg nach Bristol gefahren.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, seine Hand ergreifend: »du bist ein Kapitalkerl, den man in Gold fassen sollte. Du mußt ihm nachreisen, Sam.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sobald du ihn entdeckst, schreibst du es mir auf der Stelle, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort: »und wenn er einen Versuch macht, zu entfliehen, so schlägst du ihn zu Boden oder sperrst ihn ein. Du hast meine unumschränkte Vollmacht, Sam.«

»Ich werde alles getreu befolgen«, erwiderte Sam.

»Sage ihm«, setzte Herr Pickwick hinzu, »ich sei im höchsten aufgebracht, erzürnt und empört über das äußerst auffallende benehmen, das er sich habe zuschulden kommen lassen.«

»Das will ich, Sir«, erwiderte Sam.

»Sage ihm ferner«, fuhr Herr Pickwick fort, »wenn er nicht mit dir in dieses Haus zurückkehren wolle, so werde er mit mir zurückkehren müssen, denn ich würde selbst kommen und ihn holen.«

»Ich werde es ausrichten, Sir«, versprach Sam.

»Meinst du wirklich, daß du ihn finden werdest, Sam?« fragte Herr Pickwick, ihm scharf in’s Gesicht sehend.

»O ich will ihn schon finden, er mag sein, wo er will«, erwiderte Sam mit großer Zuversicht.

»Sehr gut«, sagte Herr Pickwick; »so reise je eher, je lieber, ab.«

Mit diesen Instruktionen drückte Herr Pickwick seinem getreuen Diener eine Summe Geldes in die Hand und befahl ihm, sogleich nach Bristol abzureisen, um den Flüchtling einzuholen.

Sam packte einige notwendige Sachen in einen Koffer und war bereit, aufzubrechen. Am Ende des Ganges blieb er stehen, kehrte noch einmal um und steckte den Kopf durch die Tür.

»Sir«, flüsterte Sam.

»Was ist’«, Sam?« erwiderte Herr Pickwick.

»Ich habe doch meine Instruktionen recht verstanden, Sir?« fragte Sam.

»Ich hoffe wenigstens«, sagte Herr Pickwick.

»Habe ich das mit dem Niederschlagen buchstäblich zu verstehen?« fragte Sam weiter.

»Allerdings«, erwiderte Herr Pickwick: »ganz buchstäblich. Tu, was du für nötig hältst. Du hast meine Vollmacht.«

Sam nickte einverstanden, zog seinen Kopf aus der Tür und begab sich leichten Herzens auf seine Wanderschaft.

  1. Zucker, Branntwein und Zitronensaft.

Fünfundfünfzigstes Kapitel.


Fünfundfünfzigstes Kapitel.

Enthält einige nähere Umstände in betreff des vorberührten Klopfens, und unter andern, auch interessante, für diese Geschichte bedeutsame Aufschlüsse in Beziehung auf Herrn Snodgraß und eine junge Dame.

Der Gegenstand, der sich den Blicken des erstaunten Schreibers darstellte, war ein junger, auffallend dicker Bursche in Livree, der kerzengerade und mit geschlossenen Augen, als ob er im Stehen schliefe, vor der Tür stand. Er hatte noch nie einen so fetten Burschen unter einer reisenden Karawane oder sonstwo gesehen, und dies, verbunden mit der äußersten Ruhe und Gelassenheit seiner Erscheinung, entsprach seinen Mutmaßungen über die Person, die dermaßen angeklopft, so wenig, daß er in die größte Verwunderung geriet.

»Was gibt’s?« fragte der Schreiber.

Der außerordentliche Bursche erwiderte kein Wort, sondern nickte bloß einmal, und dem Schreiber schien es, als ob er ein wenig schnarchte.

»Woher kommen Sie?« fragte der Schreiber.

Der Bursche machte kein Zeichen. Er atmete schwer, war aber sonst völlig bewegungslos.

Der Schreiber wiederholte die Frage dreimal, und da er keine Antwort erhielt, machte er Anstalten, die Tür wieder zu schließen, als der Bursche plötzlich die Augen aufschlug, mehrere Male winkte, einmal nieste und seine Hand erhob, als ob er das Klopfen wiederholen wollte. Da er die Tür offen fand, starrte er mit großem Erstaunen um sich herum und heftete endlich seine Augen auf Herrn Lowtens Gesicht.

»Warum zum Teufel haben Sie so toll geklopft?« fragte der Schreiber ärgerlich.

»Wie denn?« entgegnete der Bursche mit träger, schläfriger Stimme.

»Gerade wie vierzig Mietkutscher«, erwiderte der Schreiber.

»Weil mein Herr gesagt hat, ich solle in einem fort klopfen, bis man die Tür öffne, damit ich nicht einschlafe«, sagte der Bursche.

»Gut«, versetzte der Schreiber. »Was haben Sie denn hier zu bestellen?«

»Er ist unten«, versetzte der Bursche.

»Wer?«

»Mein Herr. Er wünscht zu wissen, ob Sie zu Hause sind.«

Lowten benützte diese Gelegenheit, um zum Fenster hinauszusehen. Als er nun einen offenen Wagen mit einem wohlbeleibten alten Herren darin erblickte, der sehr unruhig hinaufschaute, wagte er es, ihm zu winken, worauf der alte Herr sogleich heraussprang.

»Ist das Ihr Herr in dem Wagen?« fragte Lowten.

Der Bursche nickte.

Alle weiteren Nachfragen wurden überflüssig gemacht durch die Erscheinung des alten Wardle, der die Treppe hinaufrannte, Lowten flüchtig begrüßte und schnell in Herrn Perkers Zimmer ging.

»Ah, Pickwick«, rief der alte Herr: »Ihre Hand, mein Freund, Warum habe ich erst gestern gehört, daß Sie sich ins Gefängnis sperren ließen, und warum haben Sie es gelitten, Perker?«

»Ich bin unschuldig, mein lieber Herr«, erwiderte Perker mit einem Lächeln und einer Prise: «Sie wissen ja, wie eigensinnig er ist.«

»Ja, ja, das weiß ich«, versetzte der alte Herr: »aber dessenungeachtet freut es mich herzlich, ihn wieder zu sehen. Ich werde ihn auch sobald nicht wieder aus den Augen lassen.«

Mit diesen Worten schüttelte er Herrn Pickwick abermals die Hand, und nachdem er auch Perker die Hand geschüttelt, warf er sich in einen Lehnstuhl: sein lustiges rotes Gesicht glänzte wieder von Lächeln und Gesundheit.

»Nun«, sagte Wardle, »es gehen ja nette Dinge hier vor – eine Prise, Perker, mein Junge. Das sind einmal Zeiten!«

»Was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick.

»Ei«, erwiderte Wardle, »ich glaube, die Mädchen sind samt und sonders toll geworden. Sie werden vielleicht sagen, das sei nichts Neues, und vielleicht ist es auch nichts Neues, aber wahr ist es.«

»Sie sind doch nicht ausdrücklich deshalb nach London gekommen, um uns das zu sagen, mein lieber Herr?« fragte Perker.

»Nein, das gerade nicht«, antwortete Wardle: »doch hängt es mit dem Hauptgrund meiner Reise zusammen. Wie steht es mit Arabella?«

»Sehr gut«, antwortete Herr Pickwick: »sie wird sich gewiß unendlich freuen, Sie zu sehen.«

»Das kleine schwarzäugige Hexlein. Ich hatte große Lust, sie selbst zu heiraten, und in dieser närrischen Zeit auch den Narren zu machen. Doch, ich bin auch so zufrieden; es freut mich sehr.«

»Wie haben Sie es erfahren?« fragte Herr Pickwick.

»Natürlich durch meine Mädchen«, antwortete Wardle. »Arabella schrieb vorgestern, sie habe sich heimlich und ohne Einwilligung des Schwiegervaters mit ihrem Manne verheiratet. Sie aber, Herr Pickwick, seien fortgereist, um die Einwilligung zu etwas einzuholen, was er nun einmal nicht mehr ändern könne. Ich hielt dies für eine sehr passende Gelegenheit, ein paar ernste Worte an meine Mädchen zu richten, und sagte ihnen, was es für eine schreckliche Sache sei, wenn Kinder ohne Erlaubnis ihrer Eltern heiraten und so weiter; aber wahrhaftig, ich konnte nicht den geringsten Eindruck auf sie hervorbringen. Sie fanden nichts Schreckliches darin, als daß die Hochzeit ohne Brautjungfern vor sich gegangen sei, und es war nicht anders, als wenn ich vor meinem Joe eine Predigt gehalten hätte.«

Hier hielt der alte Herr inne, um zu lachen, und als er sich nach Herzenslust ausgelacht, fuhr er also fort:

»Das ist aber noch lange nicht alles, sondern bloß die Hälfte von den Liebeshändeln und Komplotten, die gegenwärtig vor sich gehen. Wir sind in den letzten sechs Monaten auf Minen gewandelt, und nun sind sie endlich in die Luft geflogen.«

»Was meinen Sie damit?« rief Herr Pickwick erblassend: »hoffentlich doch keine zweite heimliche Heirat?«

»Nein, nein«, erwiderte der alte Wardle; »so schlimm steht es nicht aus.«

»Aber was ist’s denn?« fragte Herr Pickwick: »bin ich auch dabei interessiert?«

»Soll ich die Frage beantworten, Perker?« sagte Wardle.

»Wenn Sie sich nicht dadurch kompromittieren, mein lieber Herr.«

»Wohlan denn«, sagte Wardle: »Sie sind es allerdings.«

»Wieso?« fragte Herr Pickwick ängstlich. »Inwiefern?«

»Wahrhaftig«, erwiderte Wardle: Sie sind ein so temperamentvoller junger Bursche, daß ich mich beinahe fürchte, es Ihnen zu sagen. Aber wenn Perker sich zwischen uns setzen will, um Unheil zu verhüten, so will ich es wagen.«

Nachdem der alte Herr sofort die Tür geschlossen und sich mit einer neuen Prise aus Perkers Dose gestärkt hatte, fuhr er folgendermaßen in seiner wichtigen Erklärung fort.

»Die Sache ist die. Meine Tochter Bella – Sie wissen ja – Bella, die den jungen Trundle geheiratet hat?«

»Ja, ja, das wissen wir«, sagte Herr Pickwick ungeduldig.

»Machen Sie mir nur nicht gleich im Anfang Angst. Also meine Tochter Bella setzte sich, nachdem Emilie, die mir Arabellas Brief vorgelesen, mit Kopfschmerzen zu Bett gegangen war, vorgestern abend an meine Seite und fing an, von dieser Heiratsgeschichte zu sprechen. ›Nun, lieber Papa‹, sagte sie, ›was hältst du von der Sache?‹ – ›Ei, liebes Kind‹, antwortete ich, ›ich denke, es kann noch ganz gut gehen: ich hoffe das beste.‹ Ich antwortete so, weil ich gerade vor dem Feuer saß, etwas gedankenvoll meinen Grog trank und wußte, daß sie weitersprechen würde, wenn ich nur dann und wann ein unbestimmtes Wörtchen dazwischen würfe. Meine Mädchen sind beide die getreuen Abbilder ihrer seligen Mutter, und jetzt, da ich alt werde, sitze ich gern bei ihnen: denn ihre Stimmen und ihre Blicke führen mich in die glücklichste Periode meines Lebens zurück und machen mich für den Augenblick wieder so jung, wie ich damals war, obgleich mein Herz nicht wieder so leicht wird.«

›Es ist eine Neigungsheirat‹, sagte Bella nach kurzem Schweigen. – ›Ja, liebes Kind‹, erwiderte ich; ›allein solche Ehen sind nicht immer die glücklichsten.‹«

»Das bestreite ich Ihnen«, fiel Herr Pickwick mit vieler Wärme ein.

»Ganz gut«, antwortete Wardle: »bestreiten Sie, was Sie wollen, wenn die Reihe zu sprechen an Ihnen ist: aber unterbrechen Sie mich nicht.«

»Bitte um Verzeihung«, sagte Herr Pickwick.

»Schon verziehen«, erwiderte Wardle. ›Es tut mir leid, dich gegen Neigungsheiraten sprechen zu hören, Papa‹, sagte Bella, sich ein wenig verfärbend. – ›Ich hatte unrecht, ich hätte nicht so sagen sollen, liebes Kind‹, antwortete ich, indem ich sie so freundlich auf die Wange klopfte, wie ich rauhhaariger alter Bursche nur klopfen kann, ›denn deine Mutter hat auch aus Neigung geheiratet, und du ebenfalls.‹ – ›Das meinte ich eigentlich nicht, Papa‹, sagte Bella. ›Die Sache ist, ich wollte mit dir über Emilie sprechen.‹«

Herr Pickwick erschrak.

»Nun, was ist’s?« fragte Wardle, in seiner Erzählung innehaltend.

»Nichts«, erwiderte Herr Pickwick: »bitte, fahren Sie fort.«

»Ich habe nie eine Geschichte weitläufig ausspinnen können«, sagte Wardle schnell, »früher oder später muß die Sache doch heraus, und wenn es auf einmal kommt, so erspart man viel Zeit. Also kurz und gut: Bella bot endlich all ihren Mut auf, um mir zu sagen, Emilie sei höchst unglücklich. Sie und Ihr junger Freund Snodgraß hätten seit letzten Weihnachten in dauerndem Briefwechsel miteinander gestanden, und sie habe sehr pflichtgetreu beschlossen, in lobenswerter Nachahmung ihrer alten Freundin und Schulkameradin davonzulaufen. Inzwischen habe sie einige Gewissensbisse empfunden, weil ich von jeher gegen beide so gütig gewesen sei. Nun sei es aber in der ersten Instanz für besser erachtet worden, mir die Ehre zu erweisen und mich zu fragen, ob ich nichts dagegen einzuwenden habe, daß sie einander auf die gewöhnliche alltägliche Art heiraten. Wenn es Ihnen also möglich ist, Herr Pickwick, Ihre Augen wieder auf die gewöhnliche Größe zu reduzieren und mir hierin einen guten Rat erteilen, so werde ich mich Ihnen sehr verpflichtet erachten.«

Die wunderliche Art, wie der gute alte Herr den letzten Satz sprach, war nicht ganz ohne Veranlassung, denn Herrn Pickwicks Gesicht hatte einen Ausdruck von Verwunderung und Verlegenheit angenommen, der wirklich sehr lustig mit anzusehen war.

»Snodgraß? – seit letzten Weihnachten?« waren die ersten abgebrochenen Worte, die über die Lippen des verdutzten Gentlemans kamen.

»Allerdings, seit letzten Weihnachten«, erwiderte Wardle. »Die Sache ist deutlich genug, und wir müssen sehr schlechte Brillen getragen haben, daß wir ihr nicht schon früher auf den Grund gekommen sind.«

»Ich begreife es wahrhaftig nicht«, sagte Herr Pickwick nachsinnend; »ich kann es rein nicht begreifen.«

»Die Sache ist nicht so unbegreiflich«, erwiderte der joviale Alte. »Wären Sie jünger gewesen, so würden Sie längst in das Geheimnis eingeweiht worden sein; und außerdem«, fügte Herr Wardle nach augenblicklichem Zögern hinzu, »muß ich gestehen, daß ich seit den letzten vier oder fünf Monaten Emilie einigermaßen gedrängt habe, die Bewerbungen eines jungen Mannes in unserer Nachbarschaft anzunehmen (natürlich nur, wenn sie selbst Liebe empfinden könnte; denn ich möchte den Neigungen einer Tochter nie Gewalt antun). Ich zweifle nicht, daß sie nach Mädchenart, um ihren eigenen Wert zu erhöhen und das Liebesfeuer des Herrn Snodgraß noch mehr anzuschüren, ihrem Geliebten die Sachen in den glühendsten Farben vorgestellt hat, und daß sie auf diesem Wege zu dem Schluß gelangt sind, sie seien schrecklich verfolgte unglückliche Leute, denen gar nichts mehr übrigbleibe, als sich heimlich zu heiraten oder Gas zu schlucken. Jetzt fragt es sich also, was zu tun ist.«

»Was haben Sie denn getan?« fragte Herr Pickwick.

»Ich?«

»Ja, ich meine, was Sie getan haben, als Ihre verheiratete Tochter Ihnen diese Mitteilung machte.«

»O, ich habe natürlich einen dummen Streich gemacht.«

»Das glaube ich«, fiel Perker ein, der dieses Zwiegespräch mit wiederholtem Zupfen an seiner Uhrkette, mit grimmigem Reiben an seiner Nase und andern Symptomen der Ungeduld begleitet hatte. – »Das ist ganz natürlich: aber erklären Sie sich näher.«

»Ich geriet in gewaltigen Zorn, so daß meine Mutter vor lauter Angst einen Anfall bekam.«

»Das war sehr gescheit«, bemerkte Perker: »und was weiter, mein lieber Herr?«

»Ich brummte und tobte den ganzen folgenden Tag und machte einen gewaltigen Lärm ins Haus«, fuhr der Alte fort. »Endlich wurde ich es müde, mich selbst zu ärgern und alle andern Leute in Jammer zu bringen; ich mietete daher in Muggleton einen Wagen, spannte meine eigenen Pferde davor und fuhr unter dem Vorwand, Emilie sollte Arabella besuchen, in die Stadt.«

»Miß Wardle ist also auch hier?« fragte Herr Pickwick.

»Freilich«, erwiderte Wardle, »und zwar befindet sie sich augenblicklich in Obornes Hotel in den Adelphis, wofern nicht etwa Ihr unternehmender Freund heute morgen mit ihr davongelaufen ist, seit ich hier bin.«

»Sie sind also wieder versöhnt?« sagte Perker.

»Ganz und gar nicht«, antwortete Wardle. »Sie hat die ganze Zeit über Gesichter geschnitten und geweint, ausgenommen gestern abend zwischen dem Tee und Abendessen, wo sie recht auffallend einen Brief schrieb. Ich tat währenddem, als merkte ich es nicht.«

»Sie wünschen also meinen Rat in dieser Sache zu vernehmen?« sagte Perker, von dem nachdenklichen Gesicht des Herrn Pickwick hinweg auf das strenge Antlitz Wardles sehend und hintereinander mehrere Prisen von seinem Lieblingsschnupfpulver nehmend.

»Ich dächte so«, sagte Herr Wardle, Herrn Pickwick anblickend.

»Ja gewiß«, erwiderte dieser Gentleman.

»Nun gut«, sagte Perker aufstehend und seinen Stuhl zurückschiebend: »mein Rat ist der, daß Sie beide miteinander fortgehen oder fortreiten, oder sich auf irgendeine Art aufmachen und die Sache überlegen, denn ich bin Ihrer müde. Haben Sie, bis wir uns das nächste Mal wiedersehen, einen Entschluß gefaßt, so will ich Ihnen sagen, was zu tun ist.«

»Wahrhaftig, ein köstlicher Rat«, versetzte Wardle, der kaum wußte, ob er lächeln oder sich beleidigt fühlen solle.

»Ach was, mein lieber Herr«, erwiderte Perker: »ich kenne Sie beide besser, als Sie sich selbst kennen. Sie haben in allen Beziehungen und Richtungen bereits einen Entschluß gefaßt.«

So sprechend, stieß der kleine Herr seine Schnupftabaksdose zuerst Herrn Pickwick auf die Brust und dann Herrn Wardle auf die Weste, worauf alle drei lachten, besonders aber die zwei letztgenannten Herren, die einander ohne besonderen Grund aufs neue die Hände schüttelten.

»Sie speisen doch mit mir zu Mittag?« sagte Wardle zu Perker, als er sie hinausbegleitete.

»Kann’s nicht versprechen, mein lieber Herr, kanns nicht versprechen«, erwiderte Perker. »Aber ich werde mich jedenfalls auf den Abend ein wenig einstellen.«

»Ich werde Sie um fünf Uhr erwarten«, sagte Wardle. »Heda, Joe!«

Und nachdem Joe endlich aufgerüttelt war, fuhren die beiden Freunde im Wagen des Herrn Wardle davon, der aus purer Menschenliebe hinten einen Rücksitz für den fetten Jungen hatte anbringen lassen; denn wäre dort ein bloßer Schemel gewesen, so würde er in seinem ersten Schläfchen herabgekollert und ums Leben gekommen sein.

Sie fuhren in den Georg und Geier, und erfuhren dort, daß Arabella mit ihrem Mädchen gleich nach Empfang eines kurzen Briefchens von Emilie, worin sie ihre Ankunft in der Stadt meldete, nach einer Mietkutsche geschickt habe und schleunigst in die Adelphi gefahren sei. Da Wardle Geschäfte in der City hatte, so schickte er den Wagen nebst dem fetten Burschen in sein Hotel und ließ durch ihn sagen, daß er und Herr Pickwick um fünf Uhr miteinander zum Diner kommen würden.

Mit dieser Botschaft kehrte der fette Bursche zurück, ebenso friedlich in seinem Rücksitz über den Steinen schlafend, als wäre es ein Flaumbett mit Sprungfedern gewesen. Infolge eines außerordentlichen Wunders erwachte er von selbst, als die Kutsche anhielt, schüttelte sich gewaltig, um seine Geisteskräfte anzuregen und ging die Treppe hinauf, um seinen Auftrag auszurichten.

Sei es nun, daß die Stöße des Wagens auf dem holperigen Pflaster die Geisteskräfte des fetten Jungen verwirrt, statt in die gehörige Ordnung gebracht, oder eine solche Menge neuer Ideen in ihm erweckt hatten, daß er die gewöhnlichen Formen und Zeremonien darüber vergaß, oder (was auch möglich ist) daß sie sein Einschlafen die Treppen hinauf nicht zu verhindern vermocht hatten, soviel ist ausgemachte Tatsache, daß er, ohne vorher anzuklopfen, ins Empfangszimmer hineinging und daselbst einen Gentleman erblickte, der seinen Arm um den Leib seiner jungen Gebieterin geschlungen hielt und sehr verliebt neben ihr auf einem Sofa saß, während Arabella und ihr hübsches Zöfchen sich stellten, als ob sie am andern Ende des Zimmers unaufhörlich zum Fenster hinaussähen. Beim Anblick dieses Phänomens stieß der fette Bursche einen Ausruf der Verwunderung aus, die Damen schrien und der Herr fluchte – alles zu gleicher Zeit.

»Elender Kerl, was machst du hier?« rief der Herr, von dem wir wohl nicht zu sagen brauchen, daß es Herr Snodgraß war.

Der fette Junge geriet in ziemliche Angst und sagte kurz:

»Fräulein!«

»Was willst du von mir?« fragte Emilie, ihr Gesicht abwendend, »du dummer Geselle!«

»Der Herr und Herr Pickwick kommen um fünf Uhr zum Mittagessen«, erwiderte der fette Bursche.

»Mach, daß du hinauskommst!« rief Herr Snodgraß mit wildem Blick dem verdutzten Burschen zu.

»Nein, nein, nein!« fügte Emilie hastig hinzu. »Rate mir doch, liebe Bella.«

Nun drängten sich Emilie und Herr Snodgraß nebst Arabella und Marie in eine Ecke und flüsterten mehrere Minuten lang sehr eifrig miteinander, während der fette Junge einschlummerte.

»Joe«, sagte Arabella endlich, mit dem bezauberndsten Lächeln um sich blickend: »wie geht es dir, Joe?«

»Joe«, sagte Emilie, »du bist ein ganz vortrefflicher Junge – ich werde dich nicht vergessen, Joe.«

»Joe«, sagte Herr Snodgraß, auf den erstaunten Burschen zuschreitend und seine Hand ergreifend: »ich habe dich vorhin gar nicht erkannt. Da hast du fünf Schillinge, Joe.«

»Und von mir auch fünf«, sagte Arabella: »du weißt ja, weil wir alte Bekannte sind.«

Und das einnehmendste Lächeln wurde an den beleibten Eindringling verschwendet.

Da die Fassungskraft des fetten Jungen etwas langsam war, so machte er bei diesen unerwarteten Gunstbezeugungen eine höchst verwunderte Miene und stierte auf eine wirklich beunruhigende Weise umher. Endlich begann sein breites Gesicht Symptome eines Grinsens von verhältnismäßig breiten Dimensionen zu zeigen; er versenkte in jede seiner Taschen eine halbe Krone, steckte eine Hand bis zum Gelenk hinein und brach dann in ein heiseres Lachen aus, das erste und einzige Mal in seinem Leben.

»Ich sehe schon, er versteht uns«, sagte Arabella.

»Er muß sogleich etwas zu essen bekommen«, bemerkte Emilie.

Der fette Junge lachte beinahe noch einmal, als er diese Erklärung hörte. Marie trippelte nach einigem weiteren Geflüster von der Gruppe hinweg und sagte:

»Ich will mit Ihnen zu Mittag speisen, Sir, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Meinetwegen«, sagte der fette Bursche vergnügt. »Es ist eine ganz hübsche Fleischpastete da.«

Mit diesen Worten ging der fette Junge wieder die Treppe hinab, während seine hübsche Begleiterin alle Kellner fesselte und alle Stubenmädchen ärgerte, als sie ihm ins Speisezimmer folgte.

Da stand die Fleischpastete, von der der Bursche mit so vielem Gefühl gesprochen hatte: ferner war ein Beefsteak da, ein Kartoffelgericht und ein Krug Porter.

»Setzen Sie sich«, sagte der fette Junge. »Ach du lieber Himmel, wie prächtig! Ich bin so hungrig.«

Nachdem er so in einer Art Verzückung fünf- oder sechsmal den lieben Himmel angeredet hatte, nahm der Bursche oben an dem Tische Platz, und Marie setzte sich unten hin.

»Wollen Sie auch etwas davon?« fragte der fette Junge, Messer und Gabel bis ans Heft in die Pastete versenkend.

»Ein bißchen, wenn ich bitten darf«, erwiderte Marie.

Der fette Bursche verhalf Marie zu einer kleinen, sich selbst aber zu einer großen Portion, und war eben im Begriff, das Essen zu beginnen, als er auf einmal Messer und Gabel niederlegte, sich in seinem Stuhl vorwärtsbeugte, seine Hände samt dem Messer und der Gabel auf seine Knie fallen ließ und sehr langsam sagte:

»Aber wie hübsch Sie aussehen!«

Das wurde in bewunderndem Tone gesprochen und deshalb nicht ärgerlich aufgenommen: doch lag in den Augen des jungen Gentlemans immer noch soviel Kannibalisches, daß das Kompliment zweifelhaft erscheinen mußte.

»Mein Gott, Joe!« sagte Marie, indem sie sich stellte, als ob sie errötete: »was fällt Ihnen ein?«

Der fette Junge, der allmählich seine frühere Haltung wieder einnahm, antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, blieb einige Augenblicke in Gedanken versunken und tat endlich einen langen Zug aus dem Porterkruge. Nachdem er diese Tat vollbracht, seufzte er wieder und machte sich dann mit vielem Eifer weiter über die Pastete her.

»Was für eine artige junge Dame doch Emilie ist!« sagte Marie nach langem Schweigen.

Der fette Junge war inzwischen mit der Pastete fertig geworden. Er heftete seine Augen auf Marie und erwiderte:

»Ich kenne noch eine artigere.«

»Wirklich?« sagte Marie.

»Ja, in der Tat«, erwiderte der fette Junge mit ungewohnter Lebhaftigkeit.

»Wie heißt sie denn?« fragte Marie.

»Wie heißen Sie?«

»Marie.«

»So heißt sie auch«, sagte der fette Junge. »Sie sind es selbst.«

Der Bursche grinste, um seinem Kompliment mehr Nachdruck zu geben, und verdrehte seine Augen zu einem halb schielenden, halb scharfen Blick, was, wie man Grund zu vermuten hat, ein Liebäugeln bedeuten sollte.

»So etwas müssen Sie nicht zu mir sprechen«, sagte Marie: »es ist doch nicht Ihr Ernst.«

»So? meinen Sie?« erwiderte der fette Bursche; »ich sage Ihnen––––«

»Nun?«

»Kommen Sie öfters hierher?«

»Nein«, antwortete Marie, ihren Kopf schüttelnd: »ich gehe noch heute abend wieder fort. – Aber warum?«

»O!« sagte der fette Bursche recht bewegt, »was für eine angenehme Gesellschaft hätten wir beim Essen aneinander gehabt, wenn Sie hiergeblieben wären!«

»Vielleicht komme ich hier und da, um nach Ihnen zu sehen«, sagte Marie, mit erkünstelter Sprödigkeit ihre Serviette zusammenlegend. »Aber Sie müssen mir einen Gefallen tun.«

Der fette Junge blickte von der Pastetenschüssel auf die mit dem Beefsteak, als ob er glaubte, eine Gefälligkeit müsse auf irgendeine Weise mit einem eßbaren Gegenstande im Zusammenhange stehen: dann zog er eine seiner halben Kronen heraus und schaute sie mit Behagen an.

»Verstehen Sie mich nicht?« sagte Marie, ihm schalkhaft in das fette Gesicht schauend.

Er blickte abermals seine halbe Krone an und sagte mit schwacher Stimme:

»Nein.«

»Die Damen bitten Sie, dem alten Herrn nichts von dem jungen Herrn zu sagen, der oben war, und ich bitte Sie auch darum.«

»Ist das alles?« sagte der fette Junge, dem es augenscheinlich viel leichter ums Herz war, als er seine halbe Krone wieder einstecken konnte. »Ich will gewiß nichts sagen.«

»Sie sehen«, fuhr Marie fort, »Herr Snodgraß ist sehr verliebt in Fräulein Emilie und Fräulein Emilie in ihn, und wenn Sie etwas davon sagten, so würde der alte Herr sie viele Meilen weit in eine Gegend fortschaffen, wo sie niemand zu sehen bekäme.«

»Nein, nein, ich sage gewiß nichts«, wiederholte der fette Junge entschlossen.

»So ist’s recht«, sagte Marie. »Jetzt muß ich aber hinaufgehen und mein Fräulein zum Mittagessen anziehen helfen.«

»O, bleiben Sie doch noch ein wenig!« drängte der fette Junge.

»Ich muß«, erwiderte Marie. »Leben Sie wohl. Auf Wiedersehen!«

Der fette Junge streckte mit Elefantenanmut seine Arme aus, um einen Kuß zu rauben: da es aber keine große Flinkigkeit erforderte, ihm auszuweichen, so war seine schöne Herzensbezwingerin verschwunden, ehe er die Arme wieder geschlossen hatte, worauf der gleichmütige Bursche etwa ein Pfund Beefsteak mit sentimentalem Gesicht verzehrte und dann fest einschlief.

Man hatte sich ebensoviel zu sagen, und es waren so viele Pläne zur Flucht und heimlichen Verheiratung zu besprechen, im Fall der alte Wardle bei seiner Grausamkeit verharren sollte, daß Herr Snodgraß erst eine halbe Stunde vor dem Mittagessen zum letzten Male Abschied nahm. Die Damen eilten in Emiliens Schlafzimmer, um ihre Toilette zu machen, und der Liebhaber nahm seinen Hut und entfernte sich aus dem Zimmer. Kaum war er vor der Tür draußen, als er die laute Stimme des Herrn Wardle vernahm und vom Geländer herab denselben in Begleitung einiger andern Herren geradezu die Treppe heraufkommen sah. Da Herr Snodgraß im Hause unbekannt war, so eilte er in seiner Verwirrung nach dem eben verlassenen Zimmer zurück, ging von da in ein inneres Zimmer (Herrn Wardles Schlafgemach) und schloß sachte die Tür in dem Augenblick zu, wo die Herren, die er gesehen, ins Wohnzimmer traten. Es waren dies Herr Wardle, Herr Pickwick, Herr Nathaniel Winkle und Herr Benjamin Allen; er erkannte sie ohne Mühe alle an ihren Stimmen.

»Ich darf von Glück sagen, daß ich Geistesgegenwart genug besaß, ihnen auszuweichen«, dachte Herr Snodgraß mit einem Lächeln, indem er sich auf den Zehen einer andern Tür neben dem Bette näherte: »diese da führt auf denselben Gang hinaus, und ich kann mich jetzt in Ruhe und Frieden davonschleichen.«

Diesem ruhigen und friedlichen Davonschleichen stellte sich aber nur ein einziges Hindernis in den Weg, nämlich die Tür war verschlossen und der Schlüssel abgezogen.

»Geben Sie uns heute von Ihren besten Weinen«, sagte der alte Wardle, die Hände reibend.

»Sie sollen ganz vortreffliche bekommen, Sir«, erwiderte der Kellner.

»Lassen Sie die Damen wissen, daß wir hier sind.«

»Sehr wohl, Sir.«

Sehnlich und feierlich wünschte Herr Snodgraß, die Damen möchten wissen, daß er hier sei. Er wagte es, ein einziges Mal durch das Schlüsselloch »Kellner!« zu flüstern: da sich ihm aber die Wahrscheinlichkeit aufdrang, daß ein falscher Kellner ihm zu Hilfe kommen könnte, und ebenso das Bewußtsein der starken Ähnlichkeit zwischen seiner eigenen Lage und derjenigen, in der ein anderer Gentleman erst vor kurzem in einem benachbarten Hotel angetroffen wurde (über dessen Mißgeschick die Morgenblätter unter der Rubrik »Polizeisachen« berichtet hatten), so ließ er sich, am ganzen Leibe zitternd, auf einen Koffer nieder.

»Wir wollen nicht auf Perker warten«, sagte Wardle, auf seine Uhr sehend: »er ist immer pünktlich. Wenn er kommen will, so kommt er zur Zeit, und hat er nichts mit im Sinne, so hilft auch das Warten nichts. Ah, da ist ja Arabella!«

»Schwester!« rief Herr Benjamin Allen, sie höchst romantisch in seine Arme schließend.

»Aber, lieber Ben, wie du nach Tabak riechst!« sagte Arabella, durch dieses Zeichen von Zärtlichkeit beinahe überwältigt,

»Wirklich?« sagte Herr Benjamin Allen. »Rieche ich wirklich nach Tabak, Bella? Nun, es wäre möglich.«

Es war allerdings möglich, denn er hatte soeben noch mit zwölf Studierenden der Medizin in einem kleinen Hinterstübchen bei einem großen Feuer eine lustige kleine Rauchpartie gemacht.

»Ich bin ganz entzückt, dich zu sehen«, sagte Herr Ben Allen. »Grüß dich Gott, Bella.«

»Ach!« sagte Arabella, sich vorwärtsbeugend, um ihren Bruder zu küssen; »halte mich nicht so fest, lieber Ben, du bringst ja meine Kleider ganz in Unordnung.«

Nach dieser Versöhnungsszene ließ sich Herr Ben Allen von seinen Gefühlen, den Zigarren und dem Porter überwältigen; er blickte mit feuchter Brille die Zuschauer ringsherum an.

»Und mir hat man gar nichts zu sagen?« rief Wardle mit offenen Armen.

»O, sehr viel«, flüsterte Arabella, als sie des alten Herrn herzliche Liebkosungen und Glückwünsche empfing. »Sie sind ein hartherziges, gefühlloses, grausames Ungeheuer!«

»Und Sie eine kleine Rebellin«, erwiderte Wardle in demselben Ton: »ich fürchte sehr, ich werde mich genötigt sehen, Ihnen das Haus zu verbieten. Leute wie Sie, die jedermann zum Trotze heiraten, sollte man nicht auf die Gesellschaft loslassen. Aber kommen Sie«, fügte der alte Herr laute hinzu: »es ist aufgetragen: Sie müssen neben mir sitzen. Joe! Was der Teufel, der Bursche ist wach!«

Zur großen Verwunderung seines Herrn war der fette Junge allerdings in einem Zustand merkwürdiger Wachsamkeit: seine Augen standen weit offen und sahen aus, als ob sie es so bleiben sollten. In seinem ganzen Wesen lag eine rein unerklärliche Munterkeit: so oft seine Blicke denen Emiliens oder Arabellas begegneten, schmunzelte und grinste er. Einmal hätte Wardle sogar darauf schwören können, er habe ihn blinzeln gesehen.

Diese Veränderung im Benehmen des fetten Jungen kam von dem vergrößerten Gefühl seiner Wichtigkeit und von der Würde her, die er sich dadurch erworben, daß die jungen Damen ihn mit ihrem Vertrauen beehrt hatten. Sein fortwährendes Schmunzeln, Grinsen und Blinzeln war daher bloß eine herablassende Versicherung, daß sie auf seine Treue bauen könnten. Da aber diese Zeichen mehr geeignet waren, Verdacht zu erwecken als zu beschwichtigen und überdies Verlegenheit herbeiführen konnten, so erwiderte sie Arabella gelegentlich mit einem Stirnrunzeln oder Kopfschütteln, was der fette Junge als Winke betrachtete, daß er auf seiner Hut sein solle. Darum deutete er mit verdoppeltem Eifer durch Schmunzeln, Grinsen und Blinzeln an, daß er sie vollkommen verstehe.

»Joe«, sagte Herr Wardle nach einer erfolglosen Durchsuchung aller seiner Taschen, »sieh einmal, ob meine Dose nicht auf dem Sofa liegt?«

»Nein, Sir«, erwiderte der fette Junge.

»Ach! ich erinnere mich: ich habe sie heute früh auf meinem Waschtische liegenlassen«, sagte Wardle. »Geh ins Nebenzimmer und hole sie.«

Der fette Junge ging ins Nebenzimmer und kam etwa nach einer Minute mit der Dose und dem bleichsten Gesicht zurück, das je ein fetter Junge zur Schau gestellt hat.

»Was ist denn los mit dem Burschen!« rief Wardle.

»Gar nichts«,rief Joe zitternd.

»Hast du vielleicht Geister gesehen?« fragte der alte Herr.

»Oder Geist genossen?« fügte Ben Allen hinzu.

»Sie werden wohl recht haben«, flüsterte Wardle über den Tisch hinüber. »Gewiß ist er betrunken.«

Ben Allen erwiderte, das glaube er auch; und da dieser Gentleman schon sehr viele Krankheitsfälle dieser Gattung gesehen hatte, so wurde Wardle in einer Meinung bestärkt, die er bereits seit einer halben Stunde gehegt hatte; und er kam zu dem Schluß, der fette Junge sei sehr betrunken.

»Behalten Sie ihn nur noch einige Minuten im Auge«, murmelte Wardle. »Wir werden bald finden, ob er es ist oder nicht.«

Der unglückliche Jüngling hatte nur ein Dutzend Worte mit Herrn Snodgraß gewechselt, der ihn beschworen, durch irgend jemand seine Erlösung zu bewerkstelligen und ihn dann mit der Dose hinausgestoßen hatte, damit seine verlängerte Abwesenheit nicht zur Entdeckung führen möchte. Er besann sich ein wenig mit höchst verstörtem Ausdruck im Gesichte und verließ dann das Zimmer, um Marie aufzusuchen.

Zu allem Unglück aber war Marie, nachdem sie ihrer Gebieterin beim Ankleiden Dienste geleistet, ausgegangen, und der fette Junge kam noch verstörter als vorher zurück.

Wardle und Herr Ben Allen wechselten Blicke.

»Joe«, sagt Wardle.

»Hier, Sir.«

»Warum bist du soeben hinausgegangen?«

Der fette Junge stierte hoffnungslos alle am Tische Sitzenden der Reihe nach an und stammelte endlich, er wisse es selbst nicht.

»Ah, so«, sagte Wardle; »du weißt es selbst nicht? Gib diesen Käse Herrn Pickwick.«

Herr Pickwick war in der rosenfarbigsten Laune von der Welt; er war das ganze Essen über sehr vergnügt gewesen und unterhielt sich in diesem Augenblick sehr lebhaft mit Emilie und Herrn Winkle. Im Eifer des Gesprächs hatte er den Kopf höflich vorgebeugt, agierte ein wenig mit seiner linken Hand, um seinen Bemerkungen Kraft zu geben, und glühte ganz von stiller Wonne. Er nahm ein Stückchen Käse vom Teller und war eben im Begriff, die Unterhaltung zu erneuern, als der fette Junge, der sich so gestellt hatte, daß er seinen Kopf in die gleiche Höhe mit dem des Herrn Pickwick brachte, mit dem Daumen über seine Schulter deutete und das sonderbarste, groteskeste Gesicht machte, das man je außerhalb einer Pantomime gesehn hat.

»Mein Gott!« sagte Herr Pickwick erschreckend, »was für ein – ein wie?«

Er hielt inne, denn der fette Junge hatte sich wieder emporgerichtet und schlief entweder wirklich oder stellte sich wenigstens so.

»Was gibt’s denn?« fragte Wardle.

»Ihr Diener ist doch ein ganz sonderbarer Kerl«, meinte Herr Pickwick mit einem unruhigen Blick auf den Burschen. »Man sagt es zwar nicht gern, aber auf mein Wort, ich fürchte, daß er zuweilen einen kleinen Sparren hat.«

»O, Herr Pickwick, bitte, sprechen Sie nicht so«, riefen Emilie und Arabella, beide zugleich.

»Ich kann es natürlich nicht mit Gewißheit sagen«, fuhr Herr Pickwick bei dieser Stille und allgemeiner Verstimmung fort; »allein sein Benehmen gegen mich in diesem Augenblick war wirklich sehr beunruhigend. O weh!« rief er mit einem kurzen Schrei, plötzlich aufspringend. »Ich bitte um Verzeihung, meine Damen; aber er hat mich in diesem Augenblick mit einem spitzen Instrument ins Bein gestochen. Er ist wahrhaftig nicht recht bei Trost.«

»Nein, betrunken ist er«, brüllte der alte Wardle ingrimmig. »Klingeln Sie, rufen Sie die Kellner; er ist betrunken.«

»Nein, ich bin es gewiß nicht«, jammerte der fette Junge, auf die Knie fallend, als sein Herr ihn am Kragen faßte. »Ich bin gewiß nicht betrunken.«

»Dann bist du toll, und das ist noch schlimmer. Rufen Sie die Kellner«, sagte der alte Herr.

»Ich bin nicht toll, ich bin ganz vernünftig«, erwiderte der fette Junge und fing an zu schreien.

»Was zum Teufel stichst du denn Herrn Pickwick scharfe Instrumente ins Bein?« fragte Wardle zornig.

»Er wollte mich nicht ansehen, und ich hätte ihm doch gern etwas gesagt«, erwiderte der Bursche.

»Was hättest du ihm gern gesagt?« fragten ein halbes Dutzend Stimmen zugleich.

Der fette Junge stöhnte, blickte nach der Tür des Schlafzimmers, stöhnte abermals und wischte sich mit den Knöcheln seiner Finger zwei Tränen aus den Augen.

»Was wolltest du sagen?« fragte Wardle, ihn rüttelnd.

»Halt!« sagte Herr Pickwick: »erlauben Sie. Was wolltest du mir mitteilen, armer Junge?«

»Ich wollte Ihnen etwas ins Ohr flüstern«, erwiderte der fette Junge.

»Du wolltest ihm wahrscheinlich sein Ohr abbeißen«, sagte Wardle. »Gehen Sie nicht so nahe zu ihm, er ist toll; klingeln Sie, der Kellner soll ihn hinabbringen.«

In dem Augenblick, da Herr Winkle die Klingelschnur in die Hand nahm, wurde er durch einen allgemeinen Ausdruck des Erstaunens zurückgehalten: denn plötzlich trat mit einem vor Beschämung glühenden Gesichte der gefangene Liebhaber aus dem Schlafzimmer und verbeugte sich vor der ganzen Gesellschaft.

»Donnerwetter!« rief Wardle, den Kragen des fetten Jungen loslassend und zurücktaumelnd. »Was ist das?«

»Ich befand mich seit Ihrer Rückkehr im anstoßenden Zimmer versteckt, Sir«, erklärte Herr Snodgraß.

»Emilie! Mädchen!« sagte Wardle in vorwurfsvollem Tone: »ich verabscheue Unwürdigkeit und Betrug: das ist im höchsten Grade unzart und kann schlechterdings nicht entschuldigt werden. Ich habe es wahrhaftig nicht um dich verdient, Emilie.«

»Teuerster Papa!« rief Emilie, »Arabella weiß es – jedermann hier weiß es – Joe weiß es, daß ich dabei die Hand nicht im Spiele gehabt habe. August, erklären Sie uns um Himmels willen, wie es zuging.«

Herr Snodgraß, der nur auf geneigtes Gehör gewartet hatte, erzählte jetzt sogleich, wie er in diese peinliche Lage geraten sei; wie die Besorgnis, häusliche Zwistigkeiten zu veranlassen, ihn allein bewogen habe, Herrn Wardle bei seiner Ankunft auszuweichen, und wie er durch eine andere Tür entwischen zu können geglaubt, diese aber verschlossen gefunden habe und dadurch genötigt geworden sei, gegen seinen Willen zu bleiben. Seine Lage sei peinlich gewesen, indessen bedaure er sie jetzt keineswegs, da sie ihm Gelegenheit verschaffe, vor ihren gemeinschaftlichen Freunden das Bekenntnis abzulegen, daß er Herrn Wardles Tochter aus tiefstem Herzen und aufrichtig liebe, daß er stolz darauf sei, sagen zu können, daß seine Empfindungen erwidert würden, und daß er, wenn auch Tausende von Meilen zwischen ihnen lägen oder Ozeane ihre Wasser zwischen ihnen wälzten, doch keinen Augenblick die seligen Tage vergessen könnte, da er zum erstenmal – usw. usw.

Nach dieser Erklärung verbeugte sich Herr Snodgraß abermals, schaute in seinen Hut und schritt auf die Tür zu.

»Halt!« rief Wardle. »Bei allem, was –«

»Entzündbar ist«, fiel Herr Pickwick freundlich ein, denn er glaubte, es werde etwas Schlimmeres kommen.

»Nun gut – bei allem, was entzündbar ist«, sagte Wardle, den Ausdruck aufgreifend. »Warum haben Sie mir das alles nicht schon früher gesagt?«

»Oder sich mir anvertraut?« fügte Herr Pickwick hinzu.

»Du lieber Gott«, sagte Arabella, die Verteidigung übernehmend, »was nützt all das Fragen, da man doch weiß, daß Sie Ihr habgieriges altes Herz an einen reicheren Schwiegersohn gehängt haben und überdies so wild und bärbeißig sind, daß jedermann vor Ihnen Angst hat, nur ich nicht. Geben Sie ihm die Hand und lassen Sir ihm um Gottes Barmherzigkeit willen etwas zu essen kommen, denn er sieht halb verhungert aus; und dann bestellen Sie auch einmal Ihre Weine, denn Sie werden ja doch nicht eher erträglich, als bis Sie zum mindesten zwei Flaschen getrunken haben.«

Der würdige alte Herr zupfte Arabella am Ohr, küßte sie ohne die mindeste Bedenklichkeit, küßte auch seine Tochter mit vieler Zärtlichkeit und schüttelte Herrn Snodgraß herzlich die Hand.

»In einem Punkt hat sie jedenfalls recht«, sagte der alte Herr vergnügt. »Läute, daß der Wein gebracht wird.«

Der Wein kam, und in demselben Augenblick ging Perker die Treppe hinauf. Herr Snodgraß bekam an einem Seitentisch etwas zu essen, und als er damit fertig war, rückte er ohne den mindesten Einspruch des alten Herrn seinen Stuhl unmittelbar neben Emilie.

Der Abend war herrlich. Der kleine Herr Perker zeigte sich wundervoll: er erzählte allerhand komische Geschichten und sang ein ernsthaftes Lied, das beinahe ebenso drollig klang wie seine Anekdoten. Arabella war höchst bezaubernd, Herr Wardle höchst jovial, Herr Pickwick höchst harmonisch, Herr Ben Allen höchst lärmend, die Liebenden höchst schweigsam, Herr Winkle höchst redselig, und alle miteinander höchst vergnügt.

 

Sechsundfünfzigstes Kapitel.


Sechsundfünfzigstes Kapitel.

Herr Salomo Pell ordnet mit Hilfe eines auserlesenen Kutscherkomitees die Angelegenheit des älteren Herrn Weller.

»Samuel«, sagt Herr Weller am Morgen nach dem Begräbnis zu seinem Sohne, »ich habe es gefunden, Sammy. Ich dachte wohl, es werde da sein.«

»Was habt Ihr gefunden?« fragte Sam.

»Das Testament deiner Stiefmutter, Sammy«, erwiderte Herr Weller, »kraft dessen die Anordnungen zu treffen sind, wovon ich dir gestern nacht gesagt habe, nämlich in Beziehung auf die Fonds.«

»Ei, hat sie denn nicht gesagt, wo sie es aufbewahrt hat?« fragte Sam.

»Kein Wörtlein, Sammy«, erwiderte Herr Weller. »Wir legten gerade unsere kleinen Zwistigkeiten bei, ich suchte sie aufzuheitern und aufrechtzuerhalten, und so vergaß ich alles darüber. Und wenn ich auch daran gedacht hätte, so weiß ich nicht, ob ich es wirklich getan haben würde«, fügte Herr Weller hinzu: »denn es ist eine ganz eigene Sache, Sammy, nach dem Vermögen eines Menschen zu schnüffeln, während man ihn auf dem Krankenbett pflegt. Das ist gerade, wie wenn man einem herabgefallenen Außenpassagier auf die Kutsche hinaufhilft und dabei die Hand in seine Tasche steckt, indem man ihn mit einem Seufzer fragt, wie er sich befinde.«

Bei dieser bildlichen Erläuterung seiner Ansichten öffnete Herr Weller seine Brieftasche und zog einen schmutzigen Bogen Briefpapier heraus, worauf allerlei Buchstaben in merkwürdigem Gemenge untereinander geschrieben waren.

»Dies da ist das Dokument, Sammy«, sagte Herr Weller. »Ich fand es in dem kleinen schwarzen Teetopf auf dem Sims im Kabinett. Sie pflegte ihre Banknoten darin aufzubewahren, ehe ich sie heiratete, Samuel. Ich habe hundertmal gesehen, wie sie den Deckel abnahm, um eine Rechnung zu bezahlen. Die arme gute Frau, sie hätte alle Teetöpfe im Hause mit Testamenten anfüllen können, ohne sich selbst etwas zu entziehen; denn sie trank in der letzten Zeit sehr wenig Tee, außer an den Mäßigkeitsabenden, wo man immer den Grund mit Tee legte, um die Geister munter zu erhalten.«

»Was steht denn darin?« fragte Sam.

»Was ich dir schon gesagt habe, mein Junge«, antwortete sein Vater. »Ein Schein von zweihundert Pfund für meinen Stiefsohn Samuel, und den ganzen Rest meines Vermögens, welcher Art und Gattung es sein möge, meinem Mann, Herrn Tony Weller, den ich zu meinem einzigen Testamentsvollstrecker ernenne.«

»Und ist das alles?« fragte Sam.

»Ja«, erwiderte Herr Weller. »Und da nun alles ganz recht und zu deiner und meiner Zufriedenheit ausgefallen ist und wir die einzigen Parteien sind, die die Sache angeht, so könnten wir ja ebensogut diesen Wisch ins Feuer werfen.«

»Ei, was seid Ihr doch für ein Mondkalb!« sagte Sam, seinem Vater das Papier entreißend, als dieser in aller Unschuld bereits das Feuer schürte, um seinem Worte Kraft zu geben. »Ihr seid mir ein sauberer Testamentsvollstrecker, Ihr.«

»Warum nicht?« fragte Herr Weller, indem er mit dem Schüreisen in der Hand schnell um sich blickte.

»Warum nicht?« rief Sam. – »Seht Ihr, es muß vorher bewiesen, gutbefunden, beschworen werden und eine Menge solcher Förmlichkeiten.«

»Ist das wirklich dein Ernst?« fragte Herr Weller, das Schüreisen niederlegend.

Sam steckte das Testament sorgfältig in eine Seitentasche und gab inzwischen durch einen Blick zu verstehen, daß er es wirklich so meine, und zwar in allem Ernst.

»Dann will ich dir sagen, was es ist«, sagte Herr Weller nach kurzem Nachdenken: »es ist das ein Fall für den vertrauten Freund des Lordkanzlers. Pell muß die Sache untersuchen, Sammy. Er ist der Mann für eine schwierige Rechtsfrage. Wir werden die Sache sogleich vor den Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof bringen, Samuel.«

»Ich habe meiner Lebtage noch nie einen so schwindelköpfigen, alten Kerl gesehen«, rief Sam gereizt. »Alte Kanzleien, Zahlungsunfähigkeits -Gerichtshof, Alibis und aller mögliche Unsinn gehen ihm beständig durch sein Hirn. Es wäre gescheiter. Ihr zöget Euren Sonntagsanzug an und ginget mit diesem Geschäft in die Stadt, als daß Ihr da über Sachen redet, von denen Ihr gar nichts versteht.«

»Ganz gut, Sammy«, erwiderte Herr Weller. »Ich bin mit allem einverstanden, was das Geschäft befördert, Sammy. Aber merk dirs wohl, mein Junge, niemand anders als Pell – niemand als Pell darf unser Advokat sein.«

»Ich verlange auch sonst niemand«, erwiderte Herr Weller, der, nachdem er mit Hilfe eines kleinen am Fenster hängenden Spiegels sein Halstuch zugeknöpft hatte, jetzt mit den größten Anstrengungen an seiner Oberkleidung herumarbeitete.

»Wart noch eine Minute, Sammy. Wenn du einmal so alt bist wie dein Vater, so wirst du auch nicht mehr ganz so leicht in dein Jackett hineinschlüpfen, wie du es jetzt tust, mein Junge.«

»Wenn ich es nicht leichter tun kann, als so, dann soll mich der Teufel holen, wenn ich überhaupt eines trage«, versetzte sein Sohn.

»So denkst du jetzt«, sagte Herr Weller mit der Würde des Alters, »du wirst aber schon finden, daß man um so weiser wird, je weiter oder dicker man wird. Dicke und Weisheit, Sammy, wachsen immer miteinander.«

Als Herr Weller diesen unfehlbaren Grundsatz, das Ergebnis vieljähriger persönlicher Erfahrung und Beobachtung, preisgab, gelang es ihm durch eine gewandte Drehung des Körpers, den untersten Rockknopf seiner Bestimmung gemäß anzuwenden. Nachdem er wenige Sekunden pausiert hatte, um wieder Atem zu schöpfen, bürstete er seinen Hut mit seinem Ellbogen und erklärte sich bereit.

»Vier Köpfe sind besser als zwei, Sammy«, sagte Herr Weller, als sie miteinander auf dem Postwagen nach London fuhren, »und da alle diese Habseligkeiten eine sehr große Versuchung für einen Advokaten sind, so wollen wir ein paar von meinen Freunden dazunehmen, die sehr schnell über ihn herfahren werden, wenn er sich eine Unregelmäßigkeit erlaubt: zwei von denen, die dich damals im Fleet besuchten. Sie sind die allerbesten Pferdekenner, die du je gesehen hast«, fügte Herr Weller in halbem Flüstern hinzu.

»Sind sie aber auch Advokatenkenner?« fragte Sam.

»Wer ein richtiges Urteil über ein Tier zu fällen imstande ist, kann auch ein richtiges Urteil über alles andere abgeben«, erwiderte sein Vater so überzeugt, daß Sam es nicht wagte, den Satz zu bestreiten.

Infolge dieser bemerkenswerten Entscheidung wurden die Dienste des pausbäckigen Herrn und zweier anderer sehr dicker Kutscher, die Herr Weller wahrscheinlich aus Rücksicht auf ihre Wohlbeleibtheit und auf die daraus folgende Weisheit auserwählt hatte, in Anspruch genommen. Sodann begab sich die Gesellschaft nach dem Gasthaus in der Portugalstraße, von wo aus sogleich ein Bote in den Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof hinübergeschickt wurde, um Herrn Salomo Pell zu bitten, daß er sich alsobald einfinden möchte.

Der Bote fand Herrn Salomo Pell glücklicherweise im Gerichtshofe mit einer nicht gar zu schweren Arbeit, nämlich mit einer kleinen kalten Zwischenmahlzeit, bestehend aus Abernethyzwieback und einem Hühnchen, beschäftigt. Die Botschaft war ihm kaum ins Ohr geflüstert, als er seinen Mundvorrat nebst verschiedenen amtlichen Dokumenten in seine Tasche steckte und mit solcher Munterkeit über den Weg eilte, daß er das Gastzimmer erreichte, ehe der Bote noch den Gerichtshof verlassen hatte.

»Meine Herren«, begann Herr Pell, seinen Hut berührend, »seien Sie mir alle gegrüßt. Ich sage es nicht, um Ihnen zu schmeicheln, meine Herren: aber es gibt nicht noch fünf andere Männer auf der Welt, denen zuliebe ich heute den Gerichtshof verlassen hätte.«

»So beschäftigt, he?« fragte Sam.

»O, außerordentlich«, erwiderte Pell: »ich bin ganz abgehetzt, wie mein Freund, der verstorbene Lordkanzler, manchesmal zu mir sagte, wenn er aus dem Oberhaus kam, wo man allerhand Fragen an ihn gerichtet hatte. Der arme Mann! Solche Anstrengungen griffen ihn sehr an, und die Fragen pflegten ihm außerordentlich ans Herz zu gehen. Ich glaubte wirklich mehr als einmal, er müsse unter der Last seiner Arbeiten notwendig erliegen.«

Hier schüttelte Herr Pell den Kopf und hielt inne, worauf der ältere Herr Weller seinen Nachbar mit dem Ellbogen stieß, um ihn auf die hohen Verbindungen des Anwalts aufmerksam zu machen, und fragte, ob die eben erwähnten Amtsgeschäfte irgend bleibende nachteilige Wirkungen auf das Befinden seines edlen Freundes hervorgebracht hätten.

»Ja«, versetzte Pell, »ich glaube, er hat sich nie mehr ganz davon erholt; sie haben ihm gewiß den Rest gegeben. ›Pell‹, pflegte er oft zu mir zu sagen, ›wie zum Henker Sie all diese Kopfarbeiten aushalten können, das ist mir ein wahres Rätsel.‹ – ›So wahr ich lebe‹, pflegte ich ihm zu antworten, ›ich begreife es selbst nicht.‹ – ›Pell‹, setzte er dann seufzend hinzu, indem er mich mit ein wenig Neid – einem freundschaftlichen Neid, müssen Sie wissen, meine Herren, einem reinen, freundschaftlichen Neid, an dem nichts Böses war – ansah, ›Pell, Sie sind ein wahrer Wundermann.‹ O, meine Herren, Sie hätten ihn gewiß auch sehr liebgehabt, wenn Sie ihn gekannt hätten. Heda, liebes Kind, bringen Sie mir doch für drei Pence Rum.«

Während Herr Pell diese letzte Bemerkung im Tone unterdrückten Schmerzes an die Kellnerin richtete, seufzte er, sah auf seine Schuhe hinab, dann zur Decke hinauf, und da der Rum inzwischen angekommen war, trank er ihn aus.

»Indes«, sagte Pell, indem er einen Stuhl an den Tisch rückte, »ein Geschäftsmann hat kein Recht, an seine Privatfreundschaften zu denken, wenn sein juristischer Beistand verlangt wird. Beiläufig gesagt, meine Herren, seit ich Sie das letztemal hier sah, haben wir ein sehr trauriges Ereignis zu beweinen gehabt.«

Herr Pell zog ein Taschentuch heraus, als er an das Wort »Weinen« kam, machte aber keinen weiteren Gebrauch davon, als daß er ein Tröpfchen Rum, das an seiner Oberlippe hängengeblieben war, damit abwischte.

»Ich habe es im Anzeiger gelesen, Herr Weller«, fuhr Pell fort. »Gütiger Gott, nicht mehr als zweiundfünfzig Jahre! Wahrhaftig – wenn ich nur daran denke.«

Diese Pröbchen von Nachdenklichkeit wurden an den pausbäckigen Mann gerichtet, der seine Augen zufällig auf Herrn Pell geheftet hatte, worauf der pausbäckige Mann, dessen Furcht vor Geschäftssachen im allgemeinen neblichter Natur war, sich unruhig auf seinem Sitze bewegte und seine Meinung dahin aussprach, daß er auf diese Art nicht einsehe, wie die Sachen weiter gefördert werden könnten: eine Bemerkung, die, da sie einen jener spitzfindigen Vorschläge in sich schloß, denen beim Disputieren schwer zu begegnen ist, von niemanden bekämpft wurde.

»Ich habe gehört, daß sie eine sehr schöne Frau gewesen, Herr Weller«, sagte Pell im Tone des Mitgefühls.

»Ja, Sir, das war sie«, erwiderte der ältere Herr Weller, dem diese Art, von der Sache zu sprechen, nicht sehr behagte, obgleich er fest glaubte, der Anwalt müsse von seiner langen vertrauten Bekanntschaft mit dem verstorbenen Lordkanzler her am besten wissen, was guter Ton sei. »Sie war eine sehr schöne Frau, Sir, als ich Sie kennenlernte. Sie war damals eine Witwe.«

»Nun, das ist doch sonderbar«, sagte Pell, mit kummervollem Lächeln um sich blickend; »meine Frau war ebenfalls eine Witwe.«

»Das ist ja ganz merkwürdig«, meinte der pausbäckige Mann.

»Wirklich ein seltsames Zusammentreffen«, sagte Pell.

»Nicht im geringsten«, bemerkte der ältere Herr Weller verdrießlich. »Es heiraten mehr Witwen als ledige Frauenzimmer.«

»Ganz gut, ganz gut«, sagte Pell; »Sie haben vollkommen recht, Herr Weller. Meine Gemahlin war eine sehr elegante und vollendete Frau. Ihr feiner Anstand war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung in unserer Nachbarschaft. Ich war stolz, diese Frau tanzen zu sehen; sie hatte etwas so Festes, so Würdevolles und doch Natürliches in ihrer Bewegung. Ihr Benehmen, meine Herren, war die Einfachheit selbst. Doch gut, gut! Entschuldigen Sie die Frage, Herr Samuel«, fuhr der Anwalt mit gedämpfter Stimme fort. »War Ihre Stiefmutter schlank?«

»Nicht sehr«, antwortete Sam.

»Aber meine Gemahlin war eine schlanke Figur«, sagte Pell, »eine herrliche Frau mit einer edlen Haltung, und einer Nase, meine Herren, ganz dazu geschaffen, zu gebieten und majestätisch zu sein. Sie war mir sehr zugetan – sehr – hatte aber auch sehr vornehme Verwandte, meine Herren: ihrer Mutter Bruder, meine Herren, fallierte um achthundert Pfund als Staatspapierhändler.«

»Schon gut«, sagte Herr Weller, der während dieser Rede etwas unruhig geworden war: »aber gehen wir einmal ans Geschäft.«

Dieses Wort war Musik für Pells Ohren. Er hatte sich immer darüber besonnen, ob wohl ein Geschäft abgemacht werden solle, oder ob man ihn bloß zu einem freundschaftlichen Glas Grog oder einer Bowle Punsch oder sonst einem ähnlichen Achtungsbeweise eingeladen habe; und nun wurde sein Zweifel beseitigt, ohne daß er auf die Lösung desselben im mindesten gedrungen zu haben schien. Seine Augen funkelten, als er den Hut auf den Tisch legte und sagte:

»Was ist es für ein Geschäft? Wozu? – Wünscht einer von den Herren etwas beim Gerichtshof abzumachen? Wir verlangen einen richterlichen Ausspruch; mit einem freundschaftlichen richterlichen Ausspruch ist es geschehen, müssen Sie wissen; wir sind alle zusammen gute Freunde,«

»Das Dokument, Sammy«, sagte Herr Weller, das Testament seinem Sohne fortnehmend, der sich an der ganzen Verhandlung ungemein zu ergötzen schien. »Was wir verlangen, Sir, ist bloß eine Beglaubigung von diesem da.«

»Also eine gerichtliche Abschrift, mein werter Sir«, sagte Pell.

»Meinetwegen, Sir«, versetzte Herr Weller ärgerlich: »das wird wohl auf eines hinauskommen. Wenn Sie nicht verstehen, was ich meine, so werde ich schon andere Leute finden, die es tun.«

»Sie werden doch nicht böse sein, Herr Weller«, sagte Pell bescheiden. »Sie sind der Vollstrecker, wie ich sehe«, fügte er hinzu, indem er seine Augen auf das Papier warf.

»Ja, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Und diese andern Herren sind ohne Zweifel Legatare?« fragte Pell mit einem glückwünschenden Lächeln.

»Nein, Sammy ist der einzige Legatar«, erwiderte Herr Weller; »diese andern Herren sind Freunde von mir, und nur gekommen, um den Handel mit anzusehen: – eine Art Schiedsrichter.«

»Ah«, sagte Pell: »sehr gut. Ich habe durchaus nichts dagegen. Nur muß ich um fünf Pfund Vorschuß bitten, bevor ich anfange.«

Da« Komitee entschied, die fünf Pfund sollten vorgeschossen werden. Herr Weller bezahlte die Summe, und nun fand eine lange Beratung über die Sache im allgemeinen statt, wobei Herr Pell zur vollkommenen Befriedigung der Herren Schiedsrichter den Beweis führte, daß, wenn die Leitung des Geschäftes nicht ihm anvertraut worden wäre, es notwendig schief hätte gehen müssen, aus Gründen, die zwar nicht ganz klar, aber ohne Zweifel genügend waren. Nachdem dieser wichtige Punkt ins reine gebracht war, erfrischte sich Herr Pell auf Kosten der Beteiligten mit einigen guten Bissen, und zwar sowohl mit malzigen, als mit andern geistigen Getränken, worauf sie sich alle zu Doktors Commons begaben.

Am nächsten Tag war ein neuer Besuch in Doktors Commons, wo man viel mit einem zum Zeugen aufgerufenen Hausknecht zu schaffen hatte, der betrunken war und zum großen Ärgernis der Prokuratore und des Bevollmächtigten sich weigerte, andere als profane Eide zu schwören. In der folgenden Woche mußten abermals mehrere Besuche in Doktors Commons gemacht werden, sowie auch einer auf dem Vormundschaftsamt. Es mußten Pacht- und Geschäftsverträge eingehen, dieselben ratifiziert, Inventarien gemacht, Lunche eingenommen. Schmause gehalten und so viele profitable Dinge getan und eine solche Masse Papiere aufgehäuft werden, daß Herr Salomo Pell und der Bursche und der blaue Sack alle miteinander so dick wurden, daß niemand sie für denselben Mann, denselben Burschen und denselben Sack gehalten hätte, die vor wenigen Tagen um die Portugalstraße herumgeschlendert waren.

Nachdem diese wichtigen Angelegenheiten in Ordnung gebracht waren, wurde ein Tag festgesetzt, um die bestimmte Summe in den Fonds anzulegen, was durch Vermittlung des Staatspapiermaklers Wilkins Flasher Esq. in der Nähe der Bank von London geschah. Herr Salomo Pell hatte ihn dazu empfohlen.

Es war das eine festliche Veranlassung, und die beteiligten Personen schmückten sich daher auch angemessen. Herr Weller ließ sein Haar neu frisieren und ordnete seinen Anzug mit besonderer Sorgfalt; der pausbäckige Herr trug in seinem Knopfloch eine prachtvolle Dahlie mit vielen Blütenblättern, und die Röcke seiner zwei Freunde waren mit Loibeersträußen und anderm Immergrün geschmückt. Alle drei trugen den strengsten Festornat, d. h. sie hüllten sich bis ans Kinn ein und zogen so viele Kleider an, wie nur immer möglich war, was seit der Erfindung von Postkutschen bei den Postkutschern von jeher zum Begriff von großer Gala gehört hat und noch gehört.

Herr Pell erschien zur bestimmten Zeit am gewöhnlichen Versammlungsorte, und auch er trug ein paar Handschuhe und ein frisches Hemd, letzteres durch vieles Waschen am Kragen und den Vorderärmeln bedeutend abgescheuert.

»Ein Viertel auf drei«, sagte Pell, auf die Stubenuhr blickend. »Wenn wir ein Viertel danach zu Herrn Flasher kommen, so ist das gerade die beste Zeit.«

»Was würden Sie zu einem Tröpfchen Bier sagen, meine Herren?« meinte der pausbackige Mann.

»Und zu einem bißchen kalten Beefsteaks?« sagte der zweite Kutscher.

»Oder zu ein paar Austern?« fügte der dritte hinzu, der ein heiserer Herr war und von sehr runden Beinen getragen wurde.

»Hört! hört!« sagte Pell, »nur um Herrn Weller gratulieren zu können, daß er nunmehr in den Besitz seines Eigentums gekommen ist. Haha!«

»Vollkommen einverstanden, meine Herren«, erwiderte Herr Weller. »Sammy, läut einmal!«

Sam gehorchte. Der Porter, das kalte Beefsteak, die Austern wurden schnell gebracht, und dem Lunch widerfuhr reichlich Gerechtigkeit. Wo jedermann so tätigen Anteil nahm, da ist es beinahe gehässig, dem einen vor dem andern den Vorzug zu geben, aber wenn ein Individuum größere Fähigkeiten erprobte als ein anderes, so war es der Kutscher mit der heiseren Stimme, der ein ganzes Maß Weinessig zu seinen Austern nahm, ohne die geringste Bewegung zu verraten.

»Herr Pell«, sagte der ältere Herr Weller, ein Glas Branntwein mit Wasser emporhebend, welches Getränk jedem der Herren vorgesetzt wurde, als die Austernschalen entfernt waren: »Herr Pell, es war meine Absicht, bei dieser Gelegenheit die Fonds hochleben zu lassen, aber Samuel hat mir ins Ohr geflüstert –«

Hier rief Herr Samuel Weller, der mit ruhigem Lächeln schweigend seine Austern verzehrt hatte, mit sehr lauter Stimme: »Hört!«

– »Hat mir ins Ohr geflüstert«, fuhr sein Vater fort, »daß es schicklicher sein würde, das Glas auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlergehen zu trinken und Ihnen so für die Art zu danken, wie Sie dieses Geschäft da zustande gebracht haben. Also auf Ihr Wohl, Sir!«

»Aufgepaßt, meine Herren!« fiel der pausbackige Gentleman mit plötzlicher Energie ein; »schauen Sie einmal mich an, meine Herren!«

So sprechend, erhob sich der pausbackige Gentleman, und die andern Gentlemen erhoben sich auch. Der pausbackige Gentleman überschaute die Gesellschaft und streckte langsam seine Hand empor, worauf jeder der Herren (mit Einschluß des Pausbackigen) tief Atem holte und sein Glas an seine Lippen hob. In einem Augenblick drückte der pausbackige Gentleman seine Hand wieder herab, und sämtliche Gläser wurden leer auf den Tisch gestellt. Es ist unmöglich, die durchdringende Wirkung dieser bedeutsamen Zeremonie zu beschreiben – so würdevoll, feierlich und eindrücklich vereinigte sie alle Elemente des Großartigen in sich.

»Nun gut, meine Herren!« begann jetzt Herr Pell, »alles, was ich sagen kann, ist, daß solche Beweise von Vertrauen einem Geschäftsmanne im höchsten Grade erfreulich sein müssen. Ich möchte nicht gerne etwas sagen, was nach Selbstlob riechen könnte, meine Herren, aber um Ihrer selbst willen bin ich herzlich froh, daß Sie zu mir gekommen sind und damit Punktum. Wären Sie zu irgendeinem geringen Mitglied meines Standes gegangen, so ist es meine feste Überzeugung, und ich versichere es Ihnen wie eine Tatsache, daß Sie bald auf den Holzweg geführt worden wären. Ich möchte nur wünschen, mein edler Freund wäre noch am Leben gewesen, um meine Behandlung dieses Falles sehen zu können. Das sage ich nicht aus Stolz, aber ich denke – doch meine Herren, ich möchte Sie damit nicht langweilen. Ich bin in der Regel hier zu finden, meine Herren, aber wenn ich auch einmal nicht anwesend oder auf der Reise bin, so ist hier meine Adresse. Sie werden meine Bedingungen sehr wohlfeil und billig finden. Niemand ist tätiger für seine Klienten als ich, und ich hoffe von meinem Geschäfte etwas zu verstehen. Wenn Sie Gelegenheit haben, mich irgendeinem Freunde zu empfehlen, meine Herren, so werde ich Ihnen sehr verbunden sein, und Ihre Freunde werden es Ihnen ebenfalls danken, wenn sie mich einmal kennenlernen. Ihre Gesundheit, meine Herren!«

Mit dieser Darlegung seiner Gefühle legte Herr Salomo Pell Herrn Wellers Freunden drei kleine beschriebene Karten vor, sah dann wieder auf die Uhr und sagte, es sei Zeit zu gehen. Auf diese Andeutung hin bezahlte Herr Weller die Rechnung, und Testamentsvollstrecker, Erben, Advokaten und Schiedsrichter brachen auf, um ihre Schritte nach der City zu richten.

Das Büro des Wilkins Flasher Esq. von der Stockbörse war Parterre in einem Hofe hinter der Bank von England. Das Haus des Wilkins Flasher Esq. war in Brixton, Surrey; das Pferd und der Wagen des Wilkins Flasher Esq. standen in einem Mietstall in der Nähe; der Groom des Wilkins Flasher Esq. war auf dem Weg nach Westend, um einiges Wildpret abzuliefern. Der Schreiber des Wilkins Flasher Esq. war zum Mittagessen gegangen, und so rief Wilkins Flasher Esq. in eigener Person »herein«, als Herr Pell mit seinen Begleitern an die Tür des Kontors klopfte.

»Guten Morgen, Sir«, sagte Pell mit höflicher Verbeugung. »Wir möchten gerne eine kleine Übertragung machen, wenn es Ihnen gefällig ist.«

»Ah, schön!« sagte Herr Flasher. »Setzen Sie sich einen Augenblick. Ich werde Ihnen sogleich aufwarten.«

»Danke Ihnen, Sir«, sagte Pell, »es hat keine Eile. Nehmen Sie einen Stuhl, Herr Weller.«

Herr Weller nahm einen Stuhl, Sam nahm eine Kiste und die Schiedsrichter nahmen, was sie bekommen konnten und besahen sich den Kalender wie auch ein paar an die Wand geklebte Papiere mit so offenbarer Ehrfurcht, als ob es die schönsten Ausführungen alter Meister gewesen wären.

»Nun gut, ich wette ein halb Dutzend Flaschen Bordeaux: schlagen Sie ein«, sagte Wilkins Flasher Esq., die Unterhaltung wieder aufnehmend, die durch Herrn Pells Eintritt eine augenblickliche Unterbrechung erlitten hatte.

Diese Worte waren an einen sehr eleganten jungen Gentleman gerichtet, der seinen Hut auf seinem rechten Backenbart liegen hatte und, nachlässig über ein Pult hingestreckt, mit einem Lineal Mücken totschlug. Wilkins Flasher Esq. wiegte sich mit beiden Beinen auf einem Schreibbock, eine Oblatendose mit einem Federmesser durchspießend, das er dann und wann mit großer Gewandtheit gerade in den Mittelpunkt einer kleinen roten Oblate fallen ließ, die außen angeklebt war. Die beiden Gentlemen trugen sehr weit offenstehende Westen und sehr weit zurückgeschlagene Kragen, sehr kleine Stiefel und sehr dicke Ringe, sehr kleine Uhren und sehr große Uhrketten, knapp anliegende Hosen und duftende Taschentücher.

»Ich wette nie ein halbes Dutzend«, sagte der andere Gentleman. »Ein ganzes Dutzend muß es sein.«

»Gilt, Simmery, gilt!« sagte Wilkins Flasher Esq.

»Aber sogleich zu bezahlen«, bemerkte der andere.

»Versteht sich«, erwiderte Wilkins Flasher Esq.

Und Wilkins Flasher Esq. trug es in ein kleines Büchlein mit einer goldenen Bleistiftröhre ein, und der andere Gentleman trug es ebenfalls in ein anderes kleines Büchlein mit einer anderen goldenen Bleistiftröhre ein.

»Ach, da lese ich eben etwas über diesen Boffer«, bemerkte Herr Simmery. »Der arme Teufel wird heute aus dem Hause gejagt.«

»Ich wette zehn Guineen gegen fünf, daß er sich den Hals abschneidet«, sagte Wilkins Flasher Esq.

»Gilt!« erwiderte Herr Simmery.

»Halt!« sagte Wilkins Flasher Esq. gedankenvoll. »Vielleicht henkt er sich auch.«

»Auch gut«, meinte Herr Simmery, die goldene Bleistiftröhre wieder herausziehend. «Ich nehme die Wette auch so an. Sagen wir also – er macht seinem Leben ein Ende.«

»Er tötet sich selbst«, sagte Wilkins Flasher Esq.

»Ganz recht«, erwiderte Herr Simmery, es aufschreibend. »Flasher, zehn Guineen gegen fünf, Boffer tötet sich selbst. Binnen welcher Zeit wollen wir sagen?«

»Binnen vierzehn Tagen etwa«, versetzte Wilkins Flasher Esq.

»Gott bewahre, nein«, antwortete Herr Simmery, einen Augenblick innehaltend, um eine Mücke mit dem Lineal zu zerquetschen. »Sagen Sie eine Woche.«

»Wir wollen halbwegs zusammenkommen«, sagte Wilkins Flasher Esq., »und zehn Tage machen.«

»Gut, also zehn Tage«, erwiderte Herr Simmery.

Es wurde somit in die kleinen Büchlein eingetragen, daß Boffer binnen zehn Tagen sich selbst töten werde, oder Wilkins Flasher Esq. habe an Frank Simmery Esq. die Summe von zehn Guineen zu bezahlen: wenn sich aber Boffer binnen dieser Zeit selbst töte, so habe dagegen Frank Simmery Esq. an Wilkins Flasher Esq. fünf Guineen zu bezahlen.

»Es tut mir doch sehr leid«, sagte Wilkin« Flasher Esq., »daß er bankerott ist. Er hat so prächtige Diners gegeben.«

»Und so einen herrlichen Portwein gehalten«, bemerkte Herr Simmery. »Wir werden morgen unsern Kellermeister in die Auktion schicken, um etwas von seinem Vierundsechziger zu erstehen.«

»Fatal!« sagte Wilkin» Flasher Esq. »Der meinige geht auch hin. Fünf Guineen, daß mein Mann den Ihrigen überbietet.«

»Gilt!«

Es wurde ein neuer Eintrag mit den goldenen Bleistiftröhren in die kleinen Büchlein gemacht, und nachdem Herr Simmery sämtliche Mücken getötet und sämtliche Wetten aufgezeichnet hatte, begab er sich auf die Börse, um zu sehen, was dort vor sich gehe.

Jetzt ließ sich Wilkins Flasher Esq. herab, Herrn Salomo Pells Instruktionen zu empfangen, und nachdem er einige gedruckte Schemata ausgefüllt, ersuchte er die Gesellschaft, ihn auf die Bank zu begleiten, was diese auch tat. Herr Weller und seine drei Freunde starrten alles, was sie sahen, mit namenlosem Erstaunen an, Sam dagegen besichtigte jedes Ding mit einer Kälte, die nichts zu stören vermochte.

Sie kamen über einen Hofraum, wo großer Lärm und viel Geschäftigkeit war, sodann an ein paar Portiers vorbei, deren Kleidung der roten Feuerspritze glich, die in einen Winkel gebracht war, und traten sofort in ein Büro, wo das Geschäft abgemacht werden sollte, und wo Pell und Herr Flasher sie einige Augenblicke stehen ließen, indes sie selbst die Treppen hinauf auf das Vormundschaftsamt gingen.

»Was ist das für ein Platz?« flüsterte der pausbackige Gentleman dem älteren Herrn Weller zu.

»Das Konsolsbüro«, erwiderte der Testamentsvollstrecker flüsternd.

»Was sind das für Herren, die hinter den Tischen sitzen?« fragte der heisere Kutscher.

»Reduzierte Konsols ohne Zweifel«, erwiderte Herr Weller. »Sind das nicht die reduzierten Konsols, Samuel?«

»Ei, meint Ihr denn, die reduzierten Konsols seien lebendig?« fragte Sam mit einiger Verachtung.

»Wie kann ich das wissen«, erwiderte Herr Weller; »ich glaubte einmal, sie sehen so aus. Was sind sie denn?«

»Schreiber«, erwiderte Sam.

»Warum essen sie denn alle Schinken?« fragte sein Vater.

»Vermutlich, weil es zu ihrem Amte gehört«, erwiderte Sam: »es ist ein Teil des Systems und sie tun es den ganzen Tag.«

Herr Weller und seine Freunde hatten kaum einen Augenblick Zeit, über diese sonderbare, mit dem Münzsystem des Landes zusammenhängende Einrichtung nachzudenken, als Pell und Wilkins Flasher Esq. wieder zu ihnen kamen und sie an einen der Tische führten, über dem sich ein schwarzes rundes Brett mit einem großen W befand.

»Wozu ist das, Sir?« fragte Herr Weller, Pells Aufmerksamkeit auf das genannte Schild lenkend.

»Das ist der Anfangsbuchstabe der Verstorbenen«, erwiderte Pell.

»Ich sage nur«, sagte Herr Weller, sich an die Schiedsrichter wendend, »da steckt etwas Schlimmes dahinter. W ist unser Anfangsbuchstabe – so geht die Sache nicht.«

Die Schiedsmänner sprachen sich mit Bestimmtheit dahin aus, man könne unter dem Buchstaben W nicht gesetzlich in dem Geschäfte fortfahren, und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre dasselbe zum mindesten noch um einen Tag hinausgeschoben worden, ohne das rasche, wiewohl auf den ersten Anblick nicht eben pflichtmäßige Benehmen Sams, der seinen Vater an den Rockschößen ergriff, an den Schreibtisch zog und daselbst so lange festhielt, bis er seine Unterschrift auf ein paar Bogen Papier gesetzt hatte, was bei Herrn Wellers Gewohnheit zu drucken so viel Arbeit und Zeit erforderte, daß der diensttuende Schreiber inzwischen drei große Apfel schälte und zerschnitt.

Da der ältere Herr Weller darauf bestand, seinen Anteil unverzüglich zu verkaufen, so begaben sie sich von der Bank aus nach dem Tore der Stockbörse, wo Wilkins Flasher Esq. nach kurzer Abwesenheit mit einem Wechsel auf Smith, Payen und Smith im Betrage von fünfhundertunddreißig Pfund zu ihnen zurückkehrte. Diese Summe hatte Herr Weller nach dem Marktpreis des Tages anzusprechen, hinsichtlich des Ausgleichs durch die von der zweiten Frau Weller angelegten Gelder. Sams zweihundert Pfund standen auf seinen Namen eingetragen, und Wilkins Flasher Esq. ließ, als man ihn für seine Bemühungen bezahlte, das Geld nachlässig in seine Rocktasche gleiten, worauf er nach seinem Büro zurückschlenderte.

Herr Weller war im Anfang hartnäckig entschlossen, seinen Wechsel bloß gegen Guineen auswechseln zu lassen. Als ihm aber die Schiedsrichter vorstellten, daß er einen kleinen Sack kaufen müßte, um sie nach Hause zu bringen, ließ er es sich gefallen, den Betrag in Fünfpfundnoten anzunehmen.

»Mein Sohn«, sagte Herr Weller, als sie von der Bank weggingen: »mein Sohn und ich haben heute nachmittag ein ganz besonderes Geschäft, und es wäre mir lieb, wenn wir diese Sache vorher ins reine brächten; wir wollen daher jetzt irgendwo hingehen und die Rechnungen nochmals überprüfen.«

Es war bald ein ruhiges Zimmer ausfindig gemacht, und die Rechnungen wurden hervorgezogen und geprüft. Herrn Pells Konto wurde von Sam taxiert, und einige Ansätze von den Schiedsrichtern gestrichen: aber trotz Herrn Pells Erklärungen und vielfachen feierlichen Versicherungen, daß man zu hart mit ihm umgehe, war dies doch in manchen Beziehungen das beste Geschäft, das er je gemacht hatte, denn er bestritt mit dem Betrag desselben sechs Monate lang Kost, Wohnung und Wäsche.

Nachdem die Schiedsrichter noch an einem Abschiedstrunk teilgenommen, schüttelten sie einander die Hände und reisten ab, da sie sämtlich noch vor Abend die Stadt verlassen mußten. Herr Salomo Pell nahm ebenfalls, sobald er sah, daß es nichts mehr zu essen und zu trinken gab, aufs freundschaftlichste Abschied, so daß Sam und sein Vater jetzt allein waren.

»Nun hätten wir also«, sagte Herr Weller, seine Brieftasche in seine Seitentasche steckend, »außer den Rechnungen für den Mietkontrakt und solche Geschichten elfhundertundachtzig Pfund beisammen. Jetzt, Samuel, kehre um und fahre nach dem Georg und Geier, mein Junge.«

Siebenundfünfzigstes Kapitel


Siebenundfünfzigstes Kapitel

Eine wichtige Beratung findet statt zwischen Herrn Pickwick und Samuel Weller, wobei sein Vater zugegen ist. – Ein alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern tritt unerwartet auf.

Herr Pickwick saß allein auf seinem Zimmer und sann über mancherlei Dinge, besonders aber darüber nach, wie er am besten für das junge Paar sorgen könne, dessen gegenwärtige unsichere Lage für ihn ein Gegenstand ständiger Sorge und Unruhe war, als Marie schnell hereintrippelte, bis an den Tisch vorlief und hastig sagte:

»Ach, Sir, erlauben Sie, Samuel ist unten und fragt, ob er Sie mit seinem Vater besuchen dürfe.«

»Ja, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick.

»Danke Ihnen, Sir«, sagte Marie wieder auf die Tür zutrippelnd.

»Ist Sam schon lange hier?« fragte Herr Pickwick.

»Ach nein, Sir«, erwiderte Marie eifrig. »Er ist soeben erst nach Hause gekommen. Er sagt, er werde Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten, Sir.«

Marie mochte selbst gefühlt haben, daß sie diese letzte Mitteilung mit mehr Wärme gemacht hatte, als eben notwendig war, oder hatte sie vielleicht das gutmütige Lächeln bemerkt, womit Herr Pickwick sie ansah, als sie mit ihrem Vortrag zu Ende war. Soviel ist gewiß, sie ließ den Kopf sinken und betrachtete den Zipfel ihrer sehr artigen kleinen Schürze mit weit mehr Aufmerksamkeit, als unumgänglich erforderlich schien.

»Sagen Sie ihnen, sie können immerzu sogleich heraufkommen«, sagte Herr Pickwick.

Marie, der es offenbar viel leichter ums Herz war, eilte mit ihrer Botschaft fort.

Herr Pickwick ging zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, und schien, indem er sich mit der linken Hand das Kinn rieb, wie er gerne zu tun pflegte, in Gedanken verloren zu sein.

»Ja, ja«, sagte Herr Pickwick endlich in einem freundlichen, aber etwas wehmütigen Ton, »das ist die beste Art, wie ich ihn für seine Anhänglichkeit und Treue belohnen kann: so sei es denn in Gottes Namen. Es ist nun einmal das Los eines alten einsamen Mannes, daß seine Umgebungen neue und andere Verbindungen anknüpfen und ihn verlassen. Ich habe kein Recht, zu erwarten, daß es mit mir anders sein sollte. Nein, nein«, fügte er ein wenig heiterer hinzu, »es wäre selbstsüchtig und undankbar von mir. Ich muß mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, ihn so gut zu versorgen, und ich freue mich auch wirklich.«

Herr Pickwick war dermaßen in diese Betrachtungen versunken, daß das Klopfen an seine Tür drei- oder viermal wiederholt werden mußte, bevor er es hörte. Er setzte sich schnell, raffte sich zu seinem gewöhnlichen freundlichen Blick wieder auf, gab die gewünschte Erlaubnis, und Sam Weller trat in Begleitung seines Vaters herein.

»Freut mich, dich wiederzusehen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Wie geht es Ihnen, Herr Weller?«

»Recht gut, danke Ihnen, Sir«, erwiderte der Witwer? »und Sie sind hoffentlich auch wohl, Sir?«

»O ja, ich danke Ihnen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Ich möchte gern ein paar Wörtchen mit Ihnen sprechen, Sir, wenn Sie etwa fünf Minuten für mich erübrigen könnten«, sagte Herr Weller.

»Ei, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick. »Sam gib deinem Vater einen Stuhl.«

»Dank dir, Samuel: habe schon einen«, sagte Herr Weller, einen Sessel holend. »Ein außerordentlich schöner Tag heute«, setzte der alte Herr hinzu, indem er seinen Hut auf den Boden legte, während er sich setzte.

»Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr angenehm.«

»Das angenehmste Wetter, das ich je gesehen habe, Sir«, versetzte Herr Weller.

Hier wurde der alte Herr von einem heftigen Husten befallen, und als dieser vorüber war, nickte er mit dem Kopfe, winkte und nickte bittend seinem Sohn zu, der aber hartnäckig darauf nicht reagierte.

Als Herr Pickwick die Verlegenheit des alten Herrn bemerkte, stellte er sich, als wäre er beschäftigt, ein neben ihm befindliches Buch aufzuschneiden, und wartete geduldig, bis Herr Weller mit dem Zweck seines Besuches herausrücken würde.

»Einen so gottlosen Buben, wie du bist, habe ich Tag meines Lebens nicht gesehen, Samuel«, sagte Herr Weller endlich mit einem unwilligen Blick auf seinen Sohn.

»Was tut er denn, Herr Weller?« fragte Herr Pickwick.

»Er will nicht anfangen, Sir«, erwiderte Herr Weller, »und weiß doch, daß ich mich nicht ausdrücken kann, wenn etwas Besonderes zu sagen ist: und da steht er nun und sieht mich da sitzen und Ihnen Ihre kostbare Zeit wegnehmen, macht mich zur komischen Figur, daß ich mich schämen muß, und kommt mir mit keiner Silbe zur Hilfe. Das ist kein kindliches Benehmen, Samuel«, fuhr Herr Weller fort, indem er sich die Stirn abwischte: »nein, das ist es gar nicht.«

»Ihr habt ja gesagt, Ihr wolltet selber sprechen«, erwiderte Sam: »wie konnte ich wissen, daß Ihr schon fertig sein würdet, noch ehe Ihr angefangen?«

»Du hättest es wohl sehen können, daß ich steckenblieb«, entgegnete sein Vater: »ich bin auf den falschen Weg gekommen und in Gräben und alle möglichen Lumpereien hineingeraten, und du streckst keine Hand aus, um mir zu helfen. Ich schäme mich deiner, Samuel.«

»Die Sache ist die, Sir«, sagte Sam mit einer leichten Verbeugung: »mein Vater hat sein Geld an sich gezogen.«

»Sehr gut, Samuel, sehr gut«, sagte Herr Weller, zufrieden mit dem Kopfe nickend: »ich habe es nicht so bös gemeint, Sammy. Sehr gut. So muß man anfangen: dann kommt man auf einmal ans Ziel. Sehr gut, in der Tat, Samuel.«

Herr Weller nickte im Übermaß seiner Befriedigung außerordentlich oft mit dem Kopfe und wartete voll Spannung, wie Sam seinen Bericht fortsetzen würde.

»Setz dich doch, Sam«, sagte Herr Pickwick, der fürchtete, die Zusammenkunft möchte leicht länger werden, als er erwartet hatte.

Sam verbeugte sich abermals und setzte sich: sein Vater blickte sich stolz um und der Sohn fuhr fort:

»Der Alte hat fünfhundertunddreißig Pfund an sich gezogen, Sir.«

»Reduzierte Konsols«, fiel Herr Weller senior in leiserem Tone ein.

»Daran liegt nicht viel, ob es reduzierte Konsols sind oder nicht«, sagte Sam: »funfhundertunddreißig Pfund ist die Summe, nicht wahr?«

»Ganz richtig, Samuel«, erwiderte Herr Weller.

»Zu dieser Summe kommt noch einiges für das Haus und das Geschäft –«

»Mietzins, Vergütung, Kapital, Niet- und Nagelfestes«, mischte sich Herr Weller ein.

»– So daß die ganze Summe elfhunderdundachtzig Pfund beträgt«, fuhr Sam fort.

»Wirklich?« sagte Herr Pickwick. »Das freut mich: ich gratuliere Ihnen, Herr Weller, daß Sie soviel zusammengebracht haben.«

»Warten Sie noch eine Minute, Sir«, sagte Herr Weller und hob bittend die Hand. »Fahre fort, Samuel!«

»Dies Geld da«, sagte Sam mit einigem Zögern, »dies Geld da möchte er nun irgendwo unterbringen, wo er es sicher weiß, und ich wünsche es auch sehr, denn wenn er es behält, so wird er es entweder ausleihen oder in Pferde stecken, oder seine Brieftasche irgend einmal verlieren, oder auf die eine oder andere Art sich selbst zu einer ägyptischen Mumie machen.«

»Sehr gut, Samuel«, bemerkte Herr Weller in so wohlgefälligem Tone, als ob Sam die höchsten Lobsprüche auf seine Klugheit und Vorsicht erhoben hätte. »Sehr gut.

»Aus diesen Gründen nun«, fuhr San» fort, heftig am Rande seines Hutes zupfend, »aus diesen Gründen nun hat er heute sein Geld an sich gezogen und ist mit mir hierher gekommen, um zu sagen, – um wenigstens anzubieten, oder mit andern Worten, um –«

»Und das zu sagen«, fiel der alte Herr Weller ungeduldig ein, »daß ich da« Geld nicht brauchen kann. Ich habe im Sinn, wieder eine regelmäßige Postkutsche zu führen und weiß keinen Ort, wo ich es aufbewahren soll, außer ich wollte den Schaffner dafür bezahlen, daß er acht darauf gibt, oder es in eine Kutschentasche stecken, was für die Passagiere drinnen eine große Versuchung sein würde. Wenn Sie es mir aufbewahren wollten, Sir, so würde ich Ihnen gar sehr verbunden sein. Vielleicht«, setzte Herr Weller bei, indem er Herrn Pickwick näher trat und ihm ins Ohr flüsterte, »vielleicht könnte es Ihnen ein bißchen dienen, wegen Ihrer Prozeßkosten. Ich will nur, daß Sie es solange behalten, bis ich es Ihnen wieder abfordere.«

Mit diesen Worten legte Herr Weller die Brieftasche in Herrn Pickwicks Hände, ergriff seinen Hut und rannte mit einer Geschwindigkeit zum Zimmer hinaus, die man von einem so wohlbeleibten Manne kaum hätte erwarten sollen.

»Halt ihn, Sam!« rief Herr Pickwick eifrig. »Spring ihm nach und bring ihn augenblicklich zurück. Herr Weller – aber bitte! – Kommen Sie zurück!«

Sam sah ein, daß den Befehlen seines Herrn der Gehorsam nicht verweigert werden durfte: er ergriff daher seinen Vater am Arm, als dieser die Treppe hinab wollte und schleppte ihn mit Gewalt zurück.

»Mein lieber Freund«, sagte Herr Pickwick, den alten Herrn bei der Hand fassend, »Ihr ehrliches Vertrauen rührt mich.«

»Ich sehe ganz und gar keinen Grund dazu, Sir«, erwiderte Herr Weller hartnäckig.

»Ich versichere Sie, mein lieber Freund, ich habe mehr Geld, als ich jemals bedarf, weit mehr, als ein Mann in meinem Alter je noch verbrauchen kann«, sagte Herr Pickwick.

»Niemand weiß, wieviel er brauchen kann, bis er es probiert hat«, bemerkte Herr Weller.

»Mag sein«, erwiderte Herr Pickwick. »Da ich aber durchaus keine Lust habe, solche Experimente anzustellen, so werde ich wahrscheinlich nicht leicht in Not kommen. Ich muß Sie daher bitten, Ihre Wechsel zurückzunehmen, Herr Weller.«

»Schon gut«, sagte Herr Weller mit sehr unzufriedenem Blick. »Doch merk‘, was ich dir sage, Sammy: ich werde mit diesem Gelde da etwas Verzweifeltes anfangen, etwas ganz Verzweifeltes!«

»Laßt das lieber bleiben«, erwiderte Sam.

Herr Weller besann sich einige Zeit, knöpfte dann mit großer Entschiedenheit seinen Rock auf und sagte:

»Ich will einen Schlagbaum pachten23«

»Was?« rief Sam.

»Einen Schlagbaum«, murmelte Herr Weller durch seine Zähne; »ich will Schlagbaumwärter werden. Nimm Abschied von deinem Vater, Samuel: ich widme den Rest meiner Tage einem Schlagbaum.«

Diese Drohung war so schrecklich, und Herr Weller schien so fest entschlossen, sie auszuführen, und durch Herrn Pickwicks Weigerung dermaßen gekränkt zu sein, daß dieser Herr nach kurzem Bedenken sagte:

»Nun gut, Herr Weller, ich will das Geld annehmen. Ich kann vielleicht mehr Gutes damit tun als Sie.«

»Eben das meine ich auch«, rief Herr Weller aufstrahlend: »Sie können es freilich, Sir.«

»Sprechen Sie nicht mehr davon«, sagte Herr Pickwick, die Brieftasche in sein Pult verschließend: »ich bin Ihnen herzlich verbunden, mein lieber Freund. Jetzt aber setzen Sie sich wieder, ich möchte Sie um Ihren Rat fragen.«

Das durch den großartigen Erfolg seines Besuches herbeigeführte innere Lachen, das nicht nur Herrn Wellers Gesicht, sondern auch seine Arme, Beine und seinen ganzen Leib erschüttert hatte, während seine Brieftasche eingeschlossen wurde, wich plötzlich der würdevollsten Gravität, als er diese Worte hörte.

»Sam, warte draußen ein paar Minuten«, sagte Herr Pickwick.

Sam zog sich sogleich zurück.

Herr Weller blickte ungemein weise und äußerst verwundert drein, als Herr Pickwick das Gespräch mit den Worten eröffnete:

»Sie sind, glaube ich, kein Verteidiger des Ehestandes?«

Herr Weller schüttelte den Kopf. Er war schlechterdings nicht imstande zu sprechen, denn unbestimmte Gedanken, es möchte irgendeine ruchlose Witwe mit ihren Plänen bei Herr Pickwick Erfolg gehabt haben, lähmten seine Zunge.

»Haben Sie vielleicht zufällig ein junges Mädchen unten gesehen, als Sie mit Ihrem Sohne kamen?«

»Ja – ich sah ein junges Ding«, erwiderte Herr Weller kurz.

»Was halten Sie von ihr? Aufrichtig gesprochen, Herr Weller, wie gefiel sie Ihnen?«

»Sie ist sehr stattlich und gut gebaut«, sagte Herr Weller mit kritischer Miene.

»Ja, das ist sie«, sagte Herr Pickwick: »ein recht hübsches Mädchen. Und wie hat Ihnen ihr Benehmen gefallen, soviel Sie von ihr gesehen haben?«

»Sie ist sehr angenehm«, erwiderte Herr Weller, »sehr angenehm und konform.«

Die eigentliche Bedeutung, die Herr Weller an diese letzte Bezeichnung knüpfte, war nicht so ganz klar; doch ging aus seinem Tone hervor, daß es ein günstiger Ausdruck war, und Herr Pickwick war daher ebenso damit zufrieden, als wenn er eine vollkommen klare Antwort erhalten hätte.

»Ich interessiere mich sehr für sie, Herr Weller«, sagte Herr Pickwick.

Herr Weller hustete.

»Das heißt«, fuhr Herr Pickwick fort, »ich interessiere mich insofern für sie, daß ich wünsche, es möchte ihr recht gut und glücklich ergehen. Sie verstehen mich?«

»Vollkommen«, erwiderte Herr Weller, der aber noch nicht das mindeste verstand.

»Diese junge Person«, sagte Herr Pickwick, »ist in Ihren Sohn verliebt.«

»In Samuel Weller?« rief der Vater.

»Ja«, sagte Herr Pickwick.

»Es ist natürlich«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken: »es ist natürlich, aber doch beunruhigend. Sammy soll sich nur in acht nehmen.«

»Wieso?« fragte Herr Pickwick.

»Ja er muß sich in acht nehmen, daß er nichts zu ihr sagt«, anwortete Herr Weller. »Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er sich nicht in einem unschuldigen Augenblick verleiten läßt, etwas zu sagen, das zu einer Klage wegen Eheversprechens führen könnte. Man ist bei den Frauenzimmern niemals sicher, Herr Pickwick. Wenn sie einmal Absichten auf einen haben, so halten sie einen fest, ehe man daran denkt. So habe ich mich selbst das erstemal verheiratet, Sir, und Sammy war die Folge von dem Fehltritt.«

»Sie ermutigen mich nicht sehr bei dem, was ich sagen will«, bemerkte Herr Pickwick; »doch muß es einmal sein. Diese junge Person ist nicht nur in Ihren Sohn verliebt, Herr Weller, sondern Ihr Sohn ist auch in sie verliebt.«

»Schön«, sagte Herr Weller, »das sind ja saubere Sachen für eines Vaters Ohren.«

»Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne von Herrn Wellers letzter Bemerkung weitere Notiz zu nehmen, »und ich hege nicht den mindesten Zweifel darüber. Wenn ich ihnen nun für irgendein kleines Geschäft oder eine Stellung sorgen wollte, wo sie anständig miteinander leben könnten, was würden Sie dazu sagen, Herr Weller?«

Im Anfang nahm Herr Weller mit allerhand Hin und Her den Vorschlag auf, der die Verheiratung eines Menschen bezweckte, für den er sich immerhin interessierte. Als aber Herr Pickwick näher mit ihm auf die Sache einging und großen Nachdruck auf das Faktum legte, daß Marie keine Witwe sei, so wurde er allmählich zugänglicher, und Herr Pickwick bekam großen Einfluß auf ihn. Auch war ihm Mariens Äußeres ausnehmend nett vorgekommen, und er hatte ihr bereits einige Male sehr unväterlich zugeblinzelt. Endlich sagte er, es würde ihm schlecht anstehen, sich Herrn Pickwicks Wünschen zu widersetzen, und er werde mit Freuden seinen Rat befolgen, worauf Herr Pickwick ihn fröhlich beim Worte nahm und Sam wieder hereinrief.

»Sam«, sagte Herr Pickwick sich räuspernd, »dein Vater und ich haben soeben von dir gesprochen.«

»Ja, von dir, Samuel«, sagte Herr Weller in eindrucksvollem Gönnerton.

»Ich bin nicht so blind, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort, »um nicht schon geraume Zeit bemerkt zu haben, daß du gegen das Kammermädchen der Frau Winkle etwas mehr als freundschaftliche Gefühle hegst.«

»Hörst du, Samuel?« sagte Herr Weller in demselben richterlichen Tone wie zuvor.

»Ich hoffe, Sir«, antwortete Sam, sich an seinen Herrn wendend: »ich hoffe, daß Sie nichts Böses darin finden werden, wenn ein junger Mann seine Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, das ganz unbestreitbar hübsch aussieht und sich gut aufführt.«

»Sicherlich nicht«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, nicht im geringsten«, stimmte Herr Weller in freundlichem, aber dennoch würdevollem Tone ein.

»Ich bin«, fuhr Herr Pickwick fort, »weit entfernt, an einem so natürlichen Benehmen etwas Unrechtes zu finden, daß ich vielmehr, deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen und sie zu fördern beabsichtige. Ich habe soeben mit deinem Vater eine kleine Unterredung darüber gehabt, und da ich finde, daß er meiner Meinung ist –«

»Weil nämlich das Frauenzimmer keine Witwe ist«, fiel Herr Weller erläuternd ein.

»Ja, weil das Frauenzimmer keine Witwe ist«, sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich wünsche also, dich von dem Zwang zu befreien, den dir deine gegenwärtige Stellung auferlegt, und dir meine Dankbarkeit für deine Treue und viele vortreffliche Eigenschaften dadurch zu beweisen, daß ich dich in den Stand setze, das Mädchen zu heiraten und für dich selbst mit einer Familie ein unabhängiges Leben zu führen. Ich werde stolz darauf sein, Sam«, fügte Herr Pickwick hinzu, dessen Stimme bisher ein wenig gebebt hatte, jetzt aber ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm, »ich werde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen, deine künftigen Aussichten im Leben zum Gegenstand meiner dankbaren und ganz besonderen Sorgfalt zu machen.«

Auf einige Augenblicke trat eine kurze Stille ein, dann aber sagte Sam mit etwas leiser und dumpfer, jedoch fester Stimme:

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Güte, Sir, die Ihnen ganz gleich sieht; aber es kann nicht sein.«

»Kann nicht sein?« rief Herr Pickwick erstaunt.

»Samuel!« sprach Herr Weller mit Würde.

»Ich sage, es kann nicht sein«, wiederholte Sam in lauterem Tone. »Was würde denn aus Ihnen werden, Sir?«

»Du bist ein guter Kerl!« erwiderte Herr Pickwick: »aber die neuerlichen Veränderungen unter meinen Freunden werden auch meine künftige Lebensweise ganz verändern: überdies werde ich älter und bedarf der Ruhe und Stille. Mein unruhiges, von Reisen erfülltes Leben ist zu Ende, Sam.«

»Das kann man noch nicht so bestimmt sagen«, meinte Sam. »Sie denken jetzt zwar so, aber wenn es Ihnen einmal wieder anders einfiele, was nicht unwahrscheinlich ist, denn Sie haben immer noch die Munterkeit eines Fünfundzwanzigers – was sollte dann aus Ihnen werden ohne mich? Es geht nicht, Sir, es geht nicht.«

»Sehr gut, Samuel, das ist einmal gescheit gesprochen«, sagte Herr Weller ermutigend.

»Ich spreche nach langer Überlegung, Sam, und mit der Gewißheit, daß ich mein Wort halten werde«, sagte Herr Pickwick, den Kopf schüttelnd. »Neue Schauplätze sind mir verschlossen: mein vagabundierendes Leben ist zu Ende.«

»Mag sein«, erwiderte Sam. »Aber eben das ist der beste Grund, warum Sie immer jemand bei sich haben müssen, der Sie versteht, Sie aufheitert und in eine gute Laune versetzt. Wenn Sie einen seineren, abgeschliffeneren Diener brauchen, – ganz recht: so nehmen Sie einen: aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Anerkennung, mit oder ohne Wohnung, mit oder ohne Kost – Sam Weller, den Sie aus dem alten Wirtshause in Borough aufnahmen, bleibt bei Ihnen, es mag kommen, was da will: und wenn es noch so schlimm geht und die Leute noch so hart mit mir verfahren, nichts soll mich daran verhindern.«

Am Schluß dieser Erklärung, die Sam mit großer Bewegung gemacht hatte, sprang Herr Weller von seinem Sitze auf, vergaß alle Rücksichten auf Zeit, Ort und Schicklichkeit, schwenkte seinen Hut über dem Kopfe und brach in drei stürmische Hurras aus.

»Mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, als Herr Weller etwas beschämt über seinen Enthusiasmus sich wieder gesetzt hatte, »du mußt aber das junge Frauenzimmer doch auch bedenken.«

»Ich bedenke das junge Frauenzimmer immer wohl, Sir«, sagte Sam. »Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen, ich habe ihr gesagt, wie meine Lage ist: sie ist bereit zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie es tun wird. Tut sie es nicht, so ist sie nicht das junge Frauenzimmer, wofür ich sie halte, und ich lasse sie mit Vergnügen fahren. Sie haben mich schon vorher gekannt, Sir. Mein Entschluß ist gefaßt, und nichts kann ihn jemals ändern.«

Wer möchte gegen solche Gesinnungen anzukämpfen? Herr Pickwick einmal nicht. Er empfand in diesem Augenblick mehr Stolz und Wonne über die uneigennützige Anhänglichkeit seiner niedriggestellten Freunde, als zehntausend Freundschaftsversicherungen von den vornehmsten Leuten in seinem Herzen hätten erwecken können.

Während in Herrn Pickwicks Zimmer diese Unterhaltung vor sich ging, erschien unten ein kleiner alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern, gefolgt von einem Träger mit einem kleinen Koffer; er bestellte sich ein Bett für die Nacht und fragte dann den Kellner, ob eine Frau Winkle hier wohne. Der Kellner bejahte.

»Ist sie allein?« fragte der kleine alte Herr.

»Ich glaube ja, Sir«, erwiderte der Kellner; »ich kann indessen ihr Kammermädchen rufen, Sir, wenn Sie –«

»Nein, ich brauche das nicht«, sagte der alte Herr schnell. »Führen Sie mich in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.«

»Wieso, Sir?« fragte der Kellner.

»Sind Sie taub?« fragte der kleine alte Herr.

»Nein, Sir.«

»Nun, so hören Sie mich gefälligst an. Können Sie mich jetzt anhören?«

»Ja, Sir.«

»Nun gut, so zeigen Sie mir der Frau Winkle Zimmer, ohne mich anzumelden.«

Während der kleine alte Herr diesen Befehl aussprach, ließ er fünf Schilling in die Hand des Kellners gleiten und sah ihn fest an.

»Wahrhaftig, Sir«, sagte der Kellner: »ich weiß wirklich nicht, Sir, ob – –«

»Ach, ich sehe schon. Sie wollen es tun«, sagte der kleine alte Herr. »Tun Sie es deshalb lieber gleich, dann sparen wir Zeit.«

Es lag etwas so Ruhiges und Gesammeltes im ganzen Benehmen des alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schilling einsteckte und ihn ohne weitere Worte die Treppe hinaufführte.

»Dies ist also das Zimmer?« fragte der Herr. »Nun, so können Sie gehen.«

Der Kellner tat es, indem er sich sehr verwunderte, wer wohl der Herr sein möge und was er wolle; der kleine alte Herr wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an die Tür.

»Herein!« rief Arabella.

»Hm! jedenfalls eine hübsche Stimme«, murmelte der kleine alte Herr, »doch das will noch nichts heißen.«

So sprechend, öffnete er die Tür und ging hinein. Arabella die gerade bei einer weiblichen Arbeit saß, erhob sich beim Anblick eines Fremdlings in einiger Verwirrung, die ihr aber allerliebst stand.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Madame«, begann der Unbekannte, hineintretend und die Tür hinter sich schließend. »Frau Winkle, wie ich glaube?«

Arabella neigte den Kopf.

»Frau Nathaniel Winkle, die den Sohn des alten Winkle von Birmingham geheiratet hat?« sagte der Fremde, Arabella mit sichtlicher Neugier betrachtend.

Arabella nickte abermals mit dem Köpfchen und blickte unruhig um sich, wie wenn sie sich besänne, ob sie nicht um Hilfe rufen solle.

»Wie ich sehe, habe ich Sie überrascht, Madame?« sagte der alte Herr.

»Ich kann es nicht leugnen«, erwiderte Arabella, sich immer mehr wundernd.

»Wenn Sie gestatten, setze ich mich, Madame«, sagte der Fremde.

Er setzte sich, zog sein Brillenfutteral aus der Tasche, nahm nachlässig eine Brille heraus und setzte sie auf seine Nase.

»Sie kennen mich nicht, Madame?« sagte er, Arabella so scharf ins Auge fassend, daß sie sich unheimlich zu fühlen begann.

»Nein, Sir«, antwortete sie schüchtern.

»Also wirklich nicht?« sagte der Herr, auf sein linkes Bein klopfend. »Ich wüßte auch nicht, woher Sie mich kennen sollten. Doch kennen Sie vielleicht meinen Namen, Madame?«

»Bitte um Verzeihung«, sagte Arabella zitternd, obgleich sie kaum wußte, warum. »Darf ich Sie vielleicht darum bitten?«

»Sogleich, Madame, sogleich«, sagte der Unbekannte, der seine Augen noch nicht von ihrem Gesicht abgewandt hatte. »Sie haben sich erst vor kurzem verheiratet, Madame?«

»Ja«, erwiderte Arabella in einem kaum hörbaren Ton, indem sie ihre Arbeit beiseite legte und sehr aufgeregt zu werden begann, als ein Gedanke, der ihr schon vorher gekommen war, sich ihr immer stärker aufdrängte.

»Ohne Ihrem Gemahl vorgestellt zu haben, daß es sich ziemen würde, seinen Vater, von dem er abhängig ist, zuerst um Rat zu fragen, nicht wahr?« sagte der Fremde.

Arabella hielt ihr Tuch vor die Augen.

»Ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, durch irgendeine indirekte Anfrage in Erfahrung zu bringen, wie der alte Mann über eine Sache denkt, die ihn natürlich in hohem Grade interessieren muß?« fuhr der Fremde fort.

»Ich kann es nicht leugnen, Sir«, sagte Arabella.

»Und ohne Vermögen genug zu besitzen, Ihrem Gemahl ein hinlängliches Auskommen zu verschaffen und ihn für die zeitlichen Vorteile zu entschädigen, die ihm natürlich nicht entgangen wären, wenn er den Wünschen seines Vaters gemäß geheiratet hätte«, setzte der alte Gentleman hinzu. »Knaben und Mädchen nennen dies uneigennützige Neigung, bis sie selbst Knaben und Mädchen haben und dann die Sache in einem trüben, ganz andern Lichte betrachten.«

Arabellas Tränen flossen reichlich, als sie zur Entschuldigung anführte, sie sei jung und unerfahren; Neigung allein habe sie zu diesem Schritte verleitet, und sie habe beinahe von Kindheit an den Rat sowie die Leitung ihrer Eltern entbehren müssen.

»Es war unrecht«, sagte der alte Herr in milderem Tone: »sehr unrecht. Es war romantisch, eines Geschäftsmannes unwürdig, töricht.«

»Es ist meine Schuld, ganz meine Schuld, Sir«, versetzte die arme Arabella weinend.

»Unsinn!« sagte der alte Herr, »gewiß war es nicht Ihre Schuld, daß er sich in Sie verliebte. Und doch ist es so«, fügte der alte Herr hinzu, indem er Arabella etwas schalkhaft anblicke, »und doch war es Ihre Schuld: er konnte nicht anders.«

Dieses kleine Kompliment oder des kleinen Herrn sonderbare Art, es zu machen, oder sein verändertes Benehmen – um vieles freundlicher, als im Anfang – oder all diese drei Umstände zusammen nötigten Arabella mitten unter ihren Tränen ein Lächeln ab.

»Wo ist denn Ihr Mann?« fragte der alte Herr schnell, ein Lächeln unterdrückend, das eben sein Gesicht überfliegen wollte.

»Ich erwarte ihn in jedem Augenblick«, sagte Arabella. »Ich sprach ihm zu, heut? früh einen Spaziergang zu machen. Er ist sehr niedergeschlagen und unglücklich, weil sein Vater nichts von sich hören läßt.«

»Niedergeschlagen?« fragte der alte Herr. »Geschieht ihm recht.«

»Ich fürchte, er ist es meinetwegen«, sagte Arabella: »und in der Tat, Sir, ich fühle es auch sehr schwer, denn ich bin allein schuld an seiner gegenwärtigen Lage.«

»Lassen Sie es sich um seinetwegen nicht so zu Herzen gehen, meine Liebe«, sagte der alte Herr. »Es geschieht ihm recht. Es freut mich – freut mich in der Tat, so weit es ihn betrifft.«

Kaum waren diese Worte über die Lippen des alten Herrn gekommen, als man die Treppe herauf Fußtritte hörte, die er und Arabella im selbigen Augenblick zu erkennen schienen. Der kleine Herr wurde blaß, gab sich indessen viele Mühe, ruhig zu erscheinen, und stand auf, als Herr Winkle ins Zimmer trat.

»Vater!« rief Herr Winkle, indem er verblüfft zurückprallte.

»Ja, Sir«, versetzte der kleine alte Herr. »Nun, Sir, was haben Sie mir zu sagen?«

Herr Winkle blieb still.

»Sie schämen sich hoffentlich Ihrer selbst, Sir?« fuhr der alte Herr fort.

Herr Winkle sprach immer noch nichts.

»Schämen Sie sich Ihrer selbst, Sir, oder schämen Sie sich nicht?« fragte der alte Herr.

»Nein, Vater«, erwiderte Herr Winkle, Arabellas Arm in den seinigen legend. »Ich schäme mich weder meiner selbst, noch meiner Frau.«

»Wirklich?« rief der alte Herr ironisch.

»Es tut mir sehr leid, etwas getan zu haben, was Ihre Neigung für mich verringert hat«, sagte Herr Winkle: »zugleich aber muß ich erklären, daß ich keinen Grund habe, mich dieser Frau zu schämen, und Sie ebensowenig, sich einer solchen Tochter zu schämen.«

»Gib mir die Hand, Nathaniel«, sagte der alte Herr mit veränderter Stimme. »Küssen Sie mich, mein liebe« Kind, Sie sind in der Tat ein allerliebstes Schwiegertöchterchen.«

Nach wenigen Minuten ging Herr Winkle auf Herrn Pickwicks Zimmer, kam mit diesem Herrn zurück und stellte ihn seinem Vater vor, worauf sie einander fünf Minuten lang ununterbrochen die Hände schüttelten.

»Herr Pickwick, ich danke Ihnen aufs herzlichste für all Ihre Freundschaft gegen meinen Sohn«, sagte der alte Herr Winkle mit seinem offenen, biderben Wesen. »Ich bin ein bißchen kurz angebunden, und als ich Sie das letztem«! sah, war ich ärgerlich und zu sehr überrascht. Ich habe mir nun die Sache überlegt und bin mehr als zufrieden. Soll ich noch mehr Entschuldigungen vorbringen, Herr Pickwick?«

»O keineswegs«, erwiderte Herr Pickwick. »Sie haben getan, was allein noch zur Vollendung meines Glücke« fehlte.«

Hierauf folgte ein neues fünf Minuten langes Händeschütteln, begleitet von einer Unmasse komplimentierender Redensarten, die. abgesehen von der darin sich beurkundenden Höflichkeit, auch noch die weitere und ganz neue Empfehlung hatten, aufrichtig gemeint zu sein.

Sam hatte seinen Vater pflichtgemäß nach Belle Sauvage begleitet, und auf dem Rückwege begegnete er im Hof dem fetten Jungen, der ein Billett von Emilie Wardle zu überbringen gehabt halte.

»Ich sage mir«, begann Joe, der ungewöhnlich redselig war; »ich sage nur, was diese Marie für ein hübsches Mädchen ist – nicht wahr, Sam? Ich bin ganz verliebt in sie.«

Herr Weller gab hierauf keine Erwiderung mit Worten, sondern ganz verblüfft über diese Vermessenheit, betrachtete er den fetten Jungen nur einen Augenblick, packte ihn dann am Rockkragen bis an die nächste Ecke und entließ ihn mit einem harmlosen, aber durchaus förmlichen Fußtritt, worauf er pfeifend ins Haus ging.

  1. Das Gewerbe der »Zöllner« galt damals für verächtlich. Die Drohung seines Vaters, Zöllner werden zu wollen und einen Schlagbaum zu pachten, muß daher den biedern Sam sehr erschrecken

Achtundfünfzigstes Kapitel.


Achtundfünfzigstes Kapitel.

In dem der Pickwick-Klub endlich aufgelöst wird und alles zur allgemeinen Zufriedenheit endet.

Eine ganze Woche lang nach der glücklichen Ankunft des Herrn Winkle von Birmingham waren Herr Pickwick und Sam Weller den ganzen Tag über von Haus abwesend und kehrten nur zum Mittagessen zurück, wobei sie ein geheimnisvolles, wichtiges Wesen zur Schau trugen, das ihren Naturen sonst ganz fremd war! Offenbar waren sehr ernste und ereignisschwere Dinge am Werk, über deren bestimmten Charakter allerhand Vermutungen schwebten. Einige – und unter ihnen Herr Tupman – waren geneigt, zu glauben, Herr Pickwick beabsichtige eine eheliche Verbindung: aber diese Idee wurde von den Damen aufs entschiedenste verworfen. Andere neigten sich der Ansicht zu, er trage sich mit einem großen Reiseprojekt und beschäftige sich gegenwärtig mit den vorläufigen Anordnungen dazu. Aber das wurde entschieden von Sam selbst verneint, der auf die Kreuz- und Querfragen seiner Marie unzweideutig erklärte, es würden keine neuen Reisen mehr unternommen. Endlich, als sich der ganze Freundeskreis sechs Tage lang durch fruchtlose Vermutungen das Gehirn abgemartert hatte, wurde einhellig beschlossen, Herrn Pickwick zur Erklärung seines Benehmens aufzufordern und ihn geradezu zu fragen, warum er sich auf diese Art von der Gesellschaft seiner ihn bewundernden Freunde zurückziehe.

In dieser Absicht lud Herr Wardle den ganzen Zirkel zum Mittagessen in die Adelphi ein, und man stellte die große Frage, als die Flaschen zweimal die Runde gemacht hatten.

»Wir sind allesamt sehr begierig, zu erfahren«, begann der alte Herr, »was wir Ihnen zuleide getan haben, daß Sie sich so gänzlich von uns absondern und immer diese einsamen Spaziergänge machen.«

»Möchten Sie es wirklich wissen?« fragte Herr Pickwick. »Merkwürdig, daß ich gerade heute im Sinn hatte, mich von freie» Stücken darüber zu erklären: geben Sie mir noch ein Glas Wein, so will ich Ihre Wißbegierde befriedigen.«

Die Flaschen gingen mit ungewohnter Schnelligkeit von Hand zu Hand, und Herr Pickwick fuhr, indem er mit vergnügtem Lächeln die Gesichter seiner Freunde nacheinander anschaute, also fort:

»Die Veränderungen, die in unserm Kreise stattgefunden haben, ich meine die bereits eingetretene und die demnächst bevorstehende Hochzeit nebst den Wandlungen, die notwendig daraus erfolgen werden, haben mich genötigt, ernstlich an einen künftigen Lebensplan für mich zu denken. Ich beschloß, mich in eine hübsche Gegend in der Nähe von London zur Ruhe zurückzuziehen und fand da ein Haus, das meinen Wünschen gänzlich entspricht. Ich habe es gemietet und wohnlich eingerichtet, so daß ich kommen kann, wann ich will. Ich gedenke nun in der nächsten Zeit meinen Einzug zu halten und hoffe noch manches friedliche Jährchen in stiller Zurückgezogenheit daselbst zuzubringen, während meines Lebens erfreut durch die Gesellschaft meiner Freunde, und nach meinem Tode fortlebend in ihrer liebevollen Erinnerung.«

Hier hielt Herr Pickwick inne, und ein leises Gemurmel lief rings um die Tafel.

»Das Haus, das ich gemietet habe«, sprach Herr Pickwick weiter, »liegt in Dulwich: es hat einen großen Garten und befindet sich in einer der reizendsten Gegenden von Londons Umgebung. Es ist die größte Aufmerksamkeit darauf verwendet worden, es so behaglich wie möglich, vielleicht auch ein bißchen elegant einzurichten! doch darüber sollen Sie selbst urteilen. Sam begleitet mich dahin. Ich habe auf Perkers Vorstellung eine Haushälterin in Dienst genommen – eine sehr alte Person – und werde noch so viele andere Domestiken annehmen, wie diese für nötig hält. Ich möchte nun mein kleines Idyll durch irgendeine Festlichkeit, die ich sehr gern feiern würde, eingeweiht sehen. Wenn mein Freund Wardle nichts dagegen hat, so möchte ich ihn bitten, die Vermahlung seiner Tochter in meinem neuen Hause an demselben Tage vollziehen zu lassen, wo ich Besitz davon nehme. Das Glück junger Leute«, sagte Herr Pickwick ein wenig bewegt, »war von jeher die größte Freude meines Lebens. Es wird mir das Herz erwärmen, unter meinem eigenen Dache Zeuge des Glückes meiner Freunde zu sein.«

Herr Pickwick hielt abermals inne: Emilie und Arabella schluchzten laut.

»Ich habe«, begann Herr Pickwick aufs neue, »dem Klub sowohl mündliche als schriftliche Mitteilungen gemacht und ihn von meinen Absichten in Kenntnis gesetzt. Er hat während unserer Abwesenheit viel durch innere Zwistigkeiten gelitten, und die Zurückziehung meines Namens, verbunden mit diesen und andern Umständen, hat seine Auflösung herbeigeführt. Der Pickwick-Klub existiert nicht mehr.«

»Ich werde es niemals bereuen«, setzte Herr Pickwick mit leiserer Stimme hinzu – »ich werde es niemals bereuen, daß ich mich beinahe zwei volle Jahre hindurch unter verschiedenen Gattungen und Schattierungen des menschlichen Charakters umhergetrieben habe, so töricht meine Abenteuersucht auch vielen erschienen sein mag. Fast mein ganzes früheres Leben war Geschäften und trockenem Gelderwerb gewidmet, jetzt aber bin ich mit zahlreichen Szenen bekannt geworden, von denen ich früher keine Ahnung gehabt hatte – und ich hoffe, daß sich mein geistiger Gesichtskreis dadurch erweitert und meinen Verstand mehr ausgebildet hat. Wenn ich nur wenig Gutes getan habe, so glaube ich doch, noch weniger Böses getan zu haben, und hoffe, daß meine sämtlichen Abenteuer mir am Abend meines Lebens nur eine Quelle angenehmer und ergötzlicher Erinnerungen sein werden. Gott segne euch alle.«

Bei diesen Worten füllte und leerte Herr Pickwick mit bebender Hand sein Glas; seine Augen feuchteten sich, als sämtliche Freunde sich wie verabredetermaßen erhoben und ihm von ganzem Herzen Bescheid taten.

Zur Vermählung des Herrn Snodgraß waren nur noch sehr wenige Vorbereitungen erforderlich. Da er weder Vater noch Mutter, und während seiner Minderjährigkeit unter Herrn Pickwicks Vormundschaft gestanden hatte, so kannte dieser seine Vermögens- und sonstigen Umstände aufs genaueste. Wardle war mit seiner Auskunft über beides vollkommen zufrieden; wie denn der gute alte Herr in dieser Zeit, wo er von Heiterkeit und Zärtlichkeit überfloß, fast mit allem zufrieden gewesen wäre. Emilien wurde eine hübsche Mitgift ausgesetzt und der vierte Tag zur Vermählung anberaumt; eine Eilfertigkeit, die drei Putzmacherinnen und einen Schneider bis an den Rand des Verrücktwerdens brachte.

Der alte Wardle nahm am folgenden Tage Postpferde, um seine Mutter nach der Stadt zu bringen. Da er der alten Dame diese Nachricht mit seinem charakteristischen Ungestüm mitteilte, so fiel sie augenblicklich in Ohnmacht, kam aber sehr bald wieder zu sich, befahl, das durchwirkte Seidenkleid einzupacken, und fing an, verschiedene Umstände ähnlicher Art, die sich bei der Verheiratung der ältesten Tochter der verstorbenen Lady Tollimglower zugetragen, herzuzählen, womit sie nach drei vollen Stunden noch nicht zur Hälfte fertig war.

Frau Trundle mußte ebenfalls von den gewaltigen Vorbereitungen zu London in Kenntnis gesetzt werden, und da sie sich in einem zarten Gesundheitszustände befand, so erfolgte die Mitteilung durch Herrn Trundle selbst, damit ihr die Überraschung nicht schaden möchte. Allein sie schadete ihr keineswegs: denn sie schrieb sogleich nach Muggleton, bestellte sich eine neue Haube und ein schwarze« Atlaskleid und erklärte, unter allen Umstanden an der Hochzeitsfeier teilnehmen zu wollen. Herr Trundle ließ den Arzt rufen, und der Arzt sagte, Frau Trundle müsse am besten wissen, wie sie sich befinde, worauf Frau Trundle erwiderte, sie fühle sich vollkommen stark genug und habe einmal ihren Kopf darauf gesetzt, mitzugehen, worauf wiederum der Arzt, der ein weiser und verständiger Arzt war, und wußte, was sowohl für ihn selbst als für andere Leute gut war, erklärte, wenn Frau Trundle zu Hause bliebe und sich ärgerte, so würde ihr dies vielleicht mehr schaden, als wenn sie ginge, und deshalb würde sie vielleicht besser daran tun, mitzureisen. Sie reiste also wirklich mit, nachdem ihr der Arzt mit gewissenhafter Sorgfalt ein halbes Dutzend Arzneiflaschen zugesandt hatte, die sie unterwegs austrinken sollte.

Zu den Aufträgen, die Herr Wardle bekommen hatte, gehörte auch die Besorgung zweier Briefchen an zwei junge Dämchen, die die Brautjungfern vorstellen sollten und durch diese Einladung in Verzweiflung gerieten, denn sie jammerten, sie hätten gar keine Sachen in Bereitschaft für ein so wichtiges Geschäft und könnten sich in der kurzen Zeit auch nicht mehr damit versehen: ein Umstand, der den beiden würdigen Papas der beiden jungen Dämchen nicht ganz unerfreulich zu sein schien. Indessen wurden alte Kleider neu zugestutzt, neue Hauben gemacht, und die jungen Dämchen sahen darin so gut aus, wie man von ihnen nur erwarten konnte; da sie überdies während der Trauung bei den geeigneten Stellen weinten und immer zur rechten Zeit zitterten, so erwarben sie sich die Bewunderung sämtlicher Zuschauer.

Wie die zwei armen Bäschen nach London kamen, ob zu Fuß, zu Wagen oder zu Pferd, ist unbekannt. Jedenfalls aber trafen sie vor Wardle ein, und die ersten Leute, die an dem Hochzeitsmorgen an Herrn Pickwicks Haustür anklopften, waren die zwei armen Bäschen, hochaufgedonnert und voll Freundlichkeit.

Sie wurden indessen aufs herzlichste bewillkommt, denn Reichtum und Armut hatten keinen Einfluß auf Herrn Pickwick. Die neuen Diener waren die Munterkeit und Bereitwilligkeit selbst; Sam befand sich in der unvergleichlichsten Festlaune, und Marie glänzte von Schönheit und prächtigen Bändern.

Der Bräutigam, der sich schon zwei oder drei Tage vorher im Hause aufgehalten hatte, fuhr stattlich angetan in die Dulwicher Kirche, begleitet von Herrn Pickwick, Ben Allen, Bob Sawyer und Herrn Tupman, auch Sam Weller nicht zu vergessen, der im Knopfloch eine weiße Bandschleife, ein Geschenk der Dame seines Herzens trug, und überdies in einer neuen, prachtvollen, ausdrücklich für den Tag erfundenen Livree prangte. Sie trafen dort Herrn und Frau Wardle, Herrn und Frau Winkle, Braut und Brautjungfern und Herrn und Frau Trundle! und nach beendigter Feierlichkeit rasselten sämtliche Kutschen zum Frühstück nach Herrn Pickwicks Hause, wo der kleine Herr Perker sie bereits erwartete.

Nachdem sich hier die leichten Wolken des ernsteren und feierlichen Teils der Tagesereignisse zerteilt hatten, erglänzten alle Gesichter von Freude, und man hörte nichts als Glückwünsche und Lebehochrufe. Es war alles so schön! Der Grasplatz vor dem Hause, der Garten hinter demselben, das kleine Gewächshaus, das Speise-, das Gesellschafts-, das Rauch- und die Schlafzimmer, vor allem aber das Studierzimmer mit seinen Gemälden, den behaglichen Sesseln, den merkwürdigen Wandschränken, den sonderbar geformten Tischen und zahllosen Büchern, nebst seinem großen heiteren Fenster, das sich gegen einen hübschen Grasplatz hin öffnete und eine reizende Landschaft beherrschte: hübsche Villen im Grün der Bäume; und dann die Vorhänge, die Teppiche, die Stühle und die Sofas – alles war so schön, so sein berechnet, so zierlich und so geschmackvoll, daß jedermann sagte, man wisse wirklich nicht, was am meiste» Bewunderung verdiene.

Und mitten zwischen alledem stand Herr Pickwick, dessen Gesicht von einem seligen Lächeln strahlte, dem das Herz keines Mannes, keiner Frau, keines Kindes widerstehen konnte: er selbst der Glücklichste im ganzen Kreise, immer denselben Leuten wieder die Hände schüttelnd, und wenn die seinigen nicht gerade geschüttelt wurden, sie voll Vergnügen reibend; bei jedem neuen Ausbruch der Freude voll Teilnahme sich überall hinwendend und durch seine wonnestrahlendcn Blicke alle begeisternd.

Das Frühstück wird angekündigt. Herr Pickwick führt die alte Dame, die sehr beredt über das Thema von der Lady Tollimglower gewesen, oben an die lange Tafel hin; Wardle setzt sich an das andere Ende, die Freunde reihen sich auf beiden Seiten, Sam faßt hinter dem Stuhle seines Herrn Posten, das Gelächter und Geplauder hört auf; Herr Pickwick spricht das Tischgebet, schweigt dann einen Augenblick und blickt rund um sich; aber wahrend er das tut, rollen ihm in der Fülle seiner Freundlichkeit die Tränen über die Wangen herab.

Und nun laßt uns von unserm alten Freunde Abschied nehmen – in einem jener Augenblicke ungetrübten Glückes, von denen uns, wenn wir sie nur suchen, immerhin einige zur Erheiterung unseres flüchtigen Daseins beschieden sind. Die Erde hat finstere Schatten, aber der Kontrast hebt ihre Lichtseiten um so stärker hervor. Es gibt Leute, die wie die Fledermäuse und Eulen bessere Augen für die Finsternis haben, als für das Licht; wir, denen solche optische Fähigkeiten nicht gegeben sind, finden mehr Vergnügen daran, den geträumten Gefährten mancher einsamen Stunden unsern letzten Abschiedsblick zuzuwerfen, wenn der kurze Sonnenschein der Welt in vollem Glänze über sie erstrahlt.

 

Es ist das Los der meisten Menschen, die sich in der Welt bewegen und es zu einem gewissen Alter bringen, daß sie sich viele wirkliche Freunde erwerben und sie durch den Lauf der Natur wieder verlieren. Es ist das Los aller Autoren oder Dichter, daß sie sich eingebildete Freunde schaffen und sie im Verlauf der Kunst wieder verlieren. Damit ist indessen das Maß ihres Unglücks noch nicht erschöpft: man verlangt von ihnen auch noch eine umständliche Erzählung, was aus diesen allen geworden ist.

Indem wir uns hiermit dieser unbestreitbaren bösen Gewohnheit fügen, setzen wir noch einige wenige biographische Notizen über die bei Herrn Pickwick versammelte Gesellschaft bei.

Herr und Frau Winkle, von dem alten Herren vollkommen in Gnaden aufgenommen, bezogen bald darauf ein eigenes neugebautes Haus, nur eine halbe Meile von Herrn Pickwick entfernt. Herr Winkle wurde der Cityagent oder Stadtkorrespondent seines Vaters, vertauschte sein altes Kostüm mit der gewöhnlichen Kleidung der Engländer und zeigte hernach immer das Äußere eines zivilisierten Christen.

Herr und Frau Snodgraß ließen sich in Dinglen Dell nieder, wo sie mehr der Beschäftigung als des Gewinn« halber ein kleines Gut kauften und bewirtschafteten. Herr Snodgraß, der zuweilen zerstreut und melancholisch ist, gilt bis auf den heutigen Tag unter seinen Freunden und Bekannten für einen großen Dichter, obgleich wir nicht finden, daß er je etwas geschrieben hätte, was diesen Glauben bestätigen könnte. Wir kennen freilich viele literarische, philosophische und andere Berühmtheiten, deren bedeutender Ruf keinen festeren Boden hat.

Herr Tupman ließ sich, als seine Freunde geheiratet und Herr Pickwick sich zurückgezogen hatte, in Richmond nieder, allwo er bis setzt geblieben ist. In den Sommermonaten geht er beständig auf der Terrasse spazieren, und zwar mit einer jugendlichen Munterkeit, die ihm die Bewunderung all der zahlreichen ältlichen Damen ledigen Standes gewonnen hat, die in der Nähe wohnen. Er hat indessen nie wieder einen Heiratsantrag gemacht.

Herr Bob Sawyer inserierte einige Male in den Zeitungen und ging dann, begleitet von Herrn Benjamin Allen, nach Bengalen, beide als wohlbestellte Chirurgen in Diensten der ostindischen Kompagnie. Sie haben vierzehnmal das gelbe Fieber gehabt und sich endlich zu einiger Enthaltsamkeit entschlossen. Seitdem ergeht es ihnen sehr gut.

Frau Bardell vermietete ihr Haus noch an manchen umgänglichen ledigen Herrn mit großem Profit, hat jedoch seitdem nicht mehr wegen gebrochenen Eheversprechens geklagt. Ihre Anwälte, die Herren Dodson und Fogg, betreiben ihr Geschäft noch immer mit gewohnter Rührigkeit, beziehen ein bedeutendes Einkommen daraus und gelten allgemein für die Schlauesten unter den Schlauen.

Sam Weller hielt sein Wort und blieb noch zwei Jahre unverheiratet. Als nach Verfluß dieser Zeit die alte Haushälterin starb, beförderte Herr Pickwick Marie zu diesem Posten, jedoch unter der Bedingung, Herrn Weller unverweilt zu heiraten, was sie ohne Murren tat. Aus dem Umstand, daß am Tore des Gartens hinter dem Hause zu wiederholten Malen ein paar derbe kleine Buben erblickt worden sind, glauben wir schließen zu können, daß Sam Familie hat.

Der ältere Herr Weller regierte noch zwölf Monate lang eine Postkutsche, bekam aber die Gicht, die ihn nötigte, sich zurückzuziehen. Herr Pickwick hatte den Inhalt seiner Brieftasche so gut für ihn angelegt, daß er eine recht hübsche jährliche Rente besitzt, von der er gemächlich in einem vortrefflichen Gasthause in der Nähe von Shooters Hill lebt. Dort wird er als ein wahres Orakel verehrt; er rühmt sich gewaltig seiner vertrauten Freundschaft mit Herrn Pickwick und hegt fortwährend den unüberwindlichen Widerwillen gegen Witwen.

Herr Pickwick aber wohnt dauernd in seinem neuen Hause und verwendet seine Mußestunden dazu, die Memoiren aufzuzeichnen, die er später dem Sekretär des einst so berühmten Klubs mitteilt. Oder er ist damit beschäftigt, sich von Sam Weller vorlesen zu lassen, dessen Bemerkungen, wie sie sich ihm gerade aufdrängen, Herrn Pickwick stets großes Vergnügen bereiten. Im Anfang wurde er sehr durch die zahlreichen Gesuche der Herren Snodgraß, Winkle und Trundle belästigt, bei ihrer Nachkommenschaft Gevatter zu stehen; allein er hat sich setzt daran gewöhnt und betrachtet diesen Dienst als eine Sache, die sich nun einmal nicht abändern läßt. Er hat niemals Veranlassung gehabt, seine Güte gegen Herrn Jingle zu bereuen; denn sowohl er als Job Trotter sind mit der Zeit würdige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden, haben indessen jede Aufforderung, nach den Schauplätzen ihres früheren Unwesens zurückzukehren, standhaft zurückgewiesen. Herr Pickwick ist etwas kränklich geworden, sein Geist aber hat alle seine Jugendfrische behalten, und man sieht ihn noch häufig die Gemälde in der Dulwicher Galerie betrachten, oder an schönen Tagen in seiner hübschen Nachbarschaft lustwandeln. Die Armen in der Gegend kennen ihn alle und unterlassen es nie, mit großer Ehrerbietung die Hüte abzuziehen, wenn er vorübergeht. Die Kinder vergöttern ihn, und die ganze Nachbarschaft tut es wahrhaftig auch. Er begibt sich alljährlich zu einem großen Familienfest in Herrn Wardles Haus; und, wie überall hin, begleitet ihn auch hier der getreue Sam. Zwischen diesem und seinem Herrn waltet eine feste Anhänglichkeit, der nur der Tod ein Ende machen wird.

 

Sechsundvierzigstes Kapitel


Sechsundvierzigstes Kapitel

Schildert eine rührende Zusammenkunft Herrn Samuel Wellers mit einem Familienkreis. Herr Pickwick macht die Runde in der kleinen Welt, darinnen er wohnt, und faßt den Entschluß, künftighin so wenig wie möglich mit ihr zu verkehren.

Einige Tage nach seiner Gefangensetzung ging Herr Samuel Weller des Morgens, nachdem er das Zimmer seines Herrn mit aller möglichen Sorgfalt in Ordnung gebracht hatte und seinen Herrn behaglich über seinen Büchern und Papieren sitzen sah, mit sich selbst zu Rate, wie er die nächsten zwei Stunden am angemessensten verwenden könnte. Der Morgen war schön, und Sam kam aus den Gedanken, daß eine Flasche Porter in der freien Luft seine nächste Viertelstunde ebensogut erheitern würde, als irgendeine andere kleine Erholung, deren er sich erfreuen könnte.

Auf diesen Schluß gekommen, ging er in die Schenkstube, und nachdem er das Bier und überdies noch die ehegestrige Zeitung bekommen hatte, begab er sich auf die Kugelbahn, setzte sich auf eine Bank und begann, sich auf eine sehr gesetzte und systematische Methode zu unterhalten.

Vor allem nahm er einen erfrischenden Schluck Bier zu sich, sah dann zu einem Fenster empor und beglückte eine junge Dame, die hinter diesem Kartoffeln schälte, mit einem platonischen Blinzeln. Dann entfaltete er die Zeitung und gab sich Mühe, die Polizeiberichte nach außen zu wenden. Da das bei dem sich darin verfangenden Winde eine anstrengende und schwierige Arbeit war, so nahm er nach deren Vollendung einen zweiten Schluck Bier. Dann las er zwei Zeilen und unterbrach diese Beschäftigung, um einigen Männern zuzusehen, die ein Racketspiel zum Schluß brachten, nach dessen Beendigung er beifälligerweise »sehr gut« rief. Dann ließ er seine Augen im Kreise der Zuschauer die Runde machen, um sich zu überzeugen, ob ihre Gefühle mit den seinen zusammenträfen. Weiter sah er sich veranlaßt, auch das Fenster hinaufzusehen: und da die junge Dame noch immer dort stand, so erforderte es die allgemeine Höflichkeit, ihr wieder zuzublinzeln und in einem andern Schluck Bier mit stummem Wink ihre Gesundheit zu trinken, was Sam sofort tat. Nachdem er einem jungen, der solchem Beginnen mit weitgeöffneten Augen zusah, einen furchtbaren Zornblick zugeworfen hatte, schlug er seine Beine übereinander und begann nun, die Zeitung mit beiden Händen haltend, in allem Ernste zu lesen.

Kaum hatte er sich in den erforderlichen Zustand des Nachdenkens versetzt, als er aus einem entfernten Gange seinen eigenen Namen zu hören glaubte. Das war auch keine Täuschung, denn der Name lief alsbald von Mund zu Mund, und in wenigen Sekunden erzitterte die Luft mit lauter »Weller«.

»Hier!« schrie Sam mit Stentorstimme. »Was gibt’s? Wer fragt nach ihm? Ist ein Eilbote gekommen, um zu melden, daß mein Landhaus in Flammen steht?«

»In der Halle fragt jemand nach Ihnen«, sagte ein Mann, der neben ihm stand.

»Geben Sie auf das Blatt und den Krug acht, alter Kamerad, wollen Sie?« bat Sam. »Ich komme. Bei Gott, wenn sie mich vor die Schranken riefen, so könnten sie keinen größeren Lärm machen.«

Diese Worte unterstrich er durch einen sanften Schlag an den Kopf des vorerwähnten jungen Herrn, der, die unmittelbare Nähe der verlangten Person nicht ahnend, aus Leibeskräften »Weller« schrie. Sam eilte über den Hof und sprang die Treppe hinauf in die Halle. Hier war das erste, was seine Augen sahen, sein geliebter Vater, der mit dem Hute in der Hand auf der untersten Treppenstufe saß und alle halbe Minuten aus vollem Halse »Weller« rief.

»Warum schreit Ihr denn so?« fragte Sam energisch, als der alte Herr eben einen weiteren Schrei ausgestoßen hatte. »Ihr macht Euch ja so heiß, daß Ihr wie ein geplagter Glasbläser ausseht. Was gibt’s?«

»Aha!« rief der alte Herr: »ich fürchtete schon, du möchtest einen Gang um den Regentschaftspark gemacht haben, Sammy.«

»Still!« sagte Sam, »niemand verhöhnt das Opfer des Geizes. Und geht von dieser Treppe weg. Warum sitzt Ihr denn hier? Da ist doch gewiß mein Logis nicht.«

»Ich muß dir einen Spaß erzählen, Sammy«, versetzte der ältere Weller aufstehend.

»Wartet einen Augenblick«, sagte Sam. »Ihr seid ganz weiß hinten.«

»Das ist recht, Sammy, bürste mich ab«, versetzte Herr Weller, als ihn sein Sohn abstäubte. »Es möchte hier ein außerordentliches Ereignis sein, wenn jemand etwas Weißes auf dem Leibe hätte – nicht wahr, Sammy?«

Als Herr Weller sich vor Lachen schütteln wollte, winkte ihm Sam, innezuhalten.

»Seid ruhig«, sagte Sam. »Ein solcher alter Narr ist doch noch nie auf die Welt gekommen. Was habt Ihr jetzt zu lachen?«

»Sammy«, versetzte Herr Weller sich die Stirne abwischend, »ich fürchte, mich trifft dieser Tage noch der Schlag vor lauter Lachen.«

»Warum setzt Ihr Euch dem aus?« fragte Sam. »Nun was wolltet Ihr mir erzählen?«

»Wer, glaubst du, daß mit mir hierher gekommen sei, Samuel?« fragte Herr Weller, einen oder zwei Schritte zurücktretend, indem er den Mund aufsperrte und die Brauen in die Höhe zog.

»Pell?« sagte Sam.

Herr Weller schüttelte den Kopf und dehnte seine roten Backen durch das Gelächter aus, das er hervorzudrängen versuchte.

»Der Buntscheckige vielleicht?« riet Sam.

Herr Weller schüttelte wieder den Kopf.

»Nun, wer, denn?« fragte Sam.

»Deine Stiefmutter«, erwiderte Herr Weller.

Und es war ein Glück, daß er das endlich verriet, sonst wären seine Backen bei der unmäßigen Anstrengung unvermeidlich geborsten.

»Deine Stiefmutter, Sammy«, sagte Herr Weller, »und die Rotnase, mein Junge, die Rotnase. Ho! Ho! Ho!«

Bei diesen Worten bekam Herr Weller Lachkrämpfe, während ihn Sam mit einem breiten Grinsen ansah, das sich allmählich über sein ganzes Gesicht verbreitete.

»Sie sind hierher gekommen, um dir ins Gewissen zu reden, Samuel«, sagte Herr Weller, sich die Augen wischend. »Laß nur nichts von deinem merkwürdigen Gläubiger merken, Sammy.«

»Was? Wissen sie nicht, wer es ist?« fragte Sam.

»Nicht im mindesten«, versetzte sein Vater.

»Wo sind sie?« fragte Sam, mit dem Alten um die Wette lachend.

»In der Snuggerey«, versetzte Herr Weller. »Glaubst du, die Rotnase gehe hin, wo es nichts Gebranntes gibt? Nie, Samuel – nie. Wir hatten diesen Morgen eine sehr hübsche Fahrt vom Marquis hierher«, sagte Herr Weller, als er vom Lachen wieder mehr zu sich kam. »Ich spannte den alten Schecken in das alte Wägelchen, das dem ersten Manne deiner Stiefmutter gehört hatte. Man hob einen Armstuhl für den Hirten hinauf; und ich will verdammt sein«, fügte Herr Weller mit dem Blicke tiefer Verachtung bei, »wenn sie nicht eine tragbare Treppe auf die Straße herausschleppten, um dem Hirten das Aufsteigen bequem zu machen.«

»Das kann doch unmöglich Euer Ernst sein?« bemerkte Sam.

»Purer Ernst«, versetzte sein Vater, »und ich wünschte nur, du hättest es gesehen, wie er sich beim Aufsteigen an den Leitern festklammerte, als fürchtete er, sechs volle Fuß hinabzustürzen und in Million Stücke zerschmettert zu werden. Endlich plumpte er hinein; wir fuhren von dannen, und ich meine fast, – ich sage, ich meine fast, Samuel – daß er ordentlich gerüttelt wurde, wenn’s um die Ecken ging.«

»Vermutlich fuhret Ihr an ein Paar Pfosten an?« fragte Sam.

»Ich fürchte«, versetzte Herr Weller im Feuer seines Gebärdenspiels – »ich fürchte, ich streifte an einem oder zwei vorbei, Sammy: er flog nach allen Seiten aus seinem Armstuhl heraus.«

Hier schüttelte der Alte seinen Kopf gewaltig und wurde von einem heiseren inneren Kollern befallen, das sein Gesicht bis zum Sprengen auftrieb – Symptome, die seinen Sohn nicht wenig beunruhigten.

»Sei unbesorgt, Sammy – sei unbesorgt«, sagte der Alte, als er nach ungeheurer Anstrengung und verschiedenen konvulsivischen Stößen gegen den Boden seine Stimme wiedererlangt hatte. »Es ist nur eine Art von stillem Lachen, das ich zum Ausbruch kommen lassen will, Sammy.«

»Nun, wenn es ist, was es ist«, sagte Sam, »so wäre es besser. Ihr ließet’s drinnen. Ihr werdet finden, daß diese Erfindung etwas gefährlicher Natur ist.

»Gefällt sie dir nicht, Sammy?« fragte der Alte.

»Nicht im geringsten«, versetzte Sam.

»Gut«, sagte Herr Weller, indem ihm immer noch die Tränen über die Wangen liefen, »es wäre eine große Erleichterung für mich gewesen, wenn mir’s gelungen wäre, und hätte mir und deiner Stiefmutter eine große Menge Reden erspart: aber ich fürchte, du hast recht, Sammy: es grenzt zu nahe an das Schlagartige – viel zu nahe, Samuel.«

So weit war die Unterhaltung gediehen, als sie an der Tür der Snuggery ankamen, in die Sam alsbald eintrat, nachdem er zuvor einen Augenblick stehengeblieben war, um über die Schulter weg einen schlauen Blick auf seinen verehrten Erzeuger zu werfen, der immer noch kicherte.

»Stiefmutter«, sagte Sam, die Dame höflich grüßend, »sehr verbunden für Ihren gütigen Besuch. Hirte, wie geht es Ihnen?«

»O Samuel!« sagte Frau Weller, »das ist fürchterlich.«

»Nicht im mindesten, Madame«, versetzte Sam; »oder ist es, das Hirte?«

Herr Stiggins hob seine Hände empor und verdrehte seine Augen, bis nur noch das Weiße oder vielmehr das Gelbe allein sichtbar war, erwiderte aber nichts.

»Ist der Herr mit einem schmerzhaften Leiden behaftet?« fragte Sam, seine Stiefmutter mit einem Blicke ansehend, der um Aufschluß bat.

»Der gute Mann ist bekümmert, Sie hier zu sehen, Samuel«, versetzte Frau Weller.

»So; wirklich?« sagte Sam. »Sein Betragen machte mich besorgter möchte es vergessen haben, die letzten Gurken, die er zu sich nahm, mit Pfeffer zu bestreuen. Setzen Sie sich, Sir; wir machen keine Zeche für das Sitzen, wie der König bemerkte, als er seine Minister absetzte.«

»Junger Mann«, versetzte Herr Stiggins hochtrabend, »ich fürchte, das Gefängnis hat Sie noch nicht gedemütigt.«

»Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Sam, »was waren Sie so gütig zu bemerken?«

»Ich fürchte, junger Mann, Ihr Charakter ist durch diese Züchtigung nicht demütiger geworden«, sagte Stiggins mit lauter Stimme.

»Sie sind sehr gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Ich hoffe, meine Natur gehört nicht zu den demütigen. Sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir.«

Bei diesem Teile des Gesprächs ließen sich in der Gegend des Stuhles, auf dem der ältere Herr Weller saß, aufreizende, gelächterartige Laute vernehmen, über die Frau Weller nach schneller Überlegung aller obwaltenden Umstände allmählich hysterische Krämpfe zu bekommen für ihre unerläßliche Pflicht hielt.

»Weller«, sagte Frau Weller (der Alte saß in einem Winkel): »Weller, komm hervor!«

»Sehr freundlich, meine Liebe«, versetzte Herr Weller: »aber ich fühle mich ganz behaglich, wo ich bin.«

Daraufhin brach Frau Weller in Tränen aus.

»Was fehlt Ihnen, Madame?« fragte Sam.

»O Samuel!« versetzte Frau Weller, »Ihr Vater macht mich ganz unglücklich. Will ihm denn gar nichts zur Raison bringen?«

»Hört Ihr’s«, rief Sam. »Die Dame möchte wissen, ob Euch gar nichts zur Raison bringen würde.«

»Ich bin der Frau Weller für ihre höflichen Fragen sehr viel Dank schuldig, Sammy«, erwiderte der Alte. »Ich denke, eine Pfeife würde mich zur Raison bringen. Könnte ich eine bekommen, Sammy?«

Hier vergoß Frau Weller einige Tränen weiter und Herr Stiggins schluchzte.

»Holla! diesem unglücklichen Herrn wird wieder übel«, sagte Sam, sich rund umsehend. »Wo schmerzt e« Sie jetzt, Sir?«

»Immer noch an der gleichen Stelle, junger Mann«, erwiderte Herr Stiggins: »immer noch an der gleichen Stelle.«

»Wo mag das sein, Sir?« fragte Sam anscheinend mit großer Einfalt.

»Im Herzen, junger Mann«, entgegnete Herr Stiggins, seinen Regenschirm an die Weste setzend.

Bei dieser rührenden Antwort konnte Frau Weiter ihre Gefühle unmöglich unterdrücken. Sie schluchzte laut und stellte die Behauptung auf, der Mann mit der roten Nase sei ein Heiliger; worauf Herr Weller senior mit gedämpftem Tone die Äußerung wagte, er müsse der Vertreter der vereinigten Gemeinden des heiligen Simon Außen und des heiligen Walker Innen sein.

»Ich fürchte, liebe Verwandte, dieser Herr mit seinen verdrehten Gesichtszügen bekommt Durst von dem traurigen Anblick, den er vor sich hat. Ist das der Fall, Frau Mutter?«

Die würdige Dame sah Herrn Stiggins forschend an, und der Herr ließ seine Augen rollen und faßte seine Kehle mit der rechten Hand an, wobei er die Handlung des Schlingens mimisch darstellte, um dadurch anzudeuten, daß er Durst habe.

»Ich fürchte, seine Gefühle haben ihn durstig gemacht«, bemerkte Herr Weller düster.

»Was ist Ihr gewöhnliches Getränk, Sir?« fragte Sam.

»O, mein lieber junger Freund!« versetzte Herr Stiggins, »Getränke sind Eitelkeiten.«

»Nur zu wahr; zu wahr, in der Tat«, bemerkte Frau Weller schluchzend, mit beifälligem Kopfnicken.

»Wohlan«, sagte Sam, »ich gebe es zu, Sir, aber Ihre Lieblingseitelkeit. Welche Eitelkeit schmeckt Ihnen am besten, Sir?«

»Ach mein lieber junger Freund«, versetzte Herr Stiggins, »ich verachte alle. Wenn«, fuhr Herr Stiggins fort, »wenn es eins gibt, das weniger gehässig ist, als ein anderes, so ist es der Geist, den man Rum nennt – warm, mein lieber junger Freund, mit drei Stückchen Zucker für das Glas.«

»Tut mir sehr leid. Ihnen sagen zu müssen«, versetzte Sam, »daß es nicht gestattet ist, Ihre Lieblingseitelkeit in diesem Lokale zu verkaufen.«

»Ach, über die Hartherzigkeit dieser verstockten Menschen!« rief Herr Stiggins aus. »Ach, über die fluchenswürdige Grausamkeit dieser unmenschlichen Verfolger!«

Mit diesen Worten hob Herr Stiggins wieder seine Augen auf und stieß den Regenschirm gegen seine Brust. Wir lassen dem ehrwürdigen Mann nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir sagen, sein Unwille war in der Tat aufrichtig und ungeheuchelt.

Nachdem Frau Weller und der Mann mit der roten Nase über diesen unmenschlichen Gebrauch aus allen Kräften losgezogen und gegen die Urheber desselben eine Menge frommer und heiliger Verwünschungen ausgestoßen hatten, schlug der letztere eine Flasche Portwein mit etwas warmem Wasser, Gewürz und Zucker vor, weil dieses dem Magen sehr dienlich sei und weniger nach Eitelkeit schmecke, als viele andere Mischungen. Es war also befohlen, ihn zu bereiten und während der Bereitung sahen der Mann mit der roten Nase und Frau Weller auf den älteren Weller und schluchzten.

»Nun, Sammy«, sagte dieser Gentleman, »ich hoffe, du bist über diesen leibhaftigen Besuch sehr erfreut? Eine sehr heitere und lehrreiche Unterhaltung, Sammy, nicht wahr?«

»Ihr seid ein Verworfener«, entgegnete Sam; »und ich wünschte, Ihr richtetet keine so ruchlosen Bemerkungen an mich.«

Weit entfernt, durch diese höchst zeitgemäße Erwiderung erbaut zu werden, verzog der ältere Herr Weller sein Gesicht plötzlich zu einem breiten Grinsen. Da dieses unveränderliche Benehmen die Dame und Herrn Stiggins veranlaßte, die Augen zu schließen und unruhig auf ihren Stühlen hin- und herzurücken, so führte er noch mehrere Pantomimen aus, die das Verlangen andeuteten, vorbesagten Stiggins eins auf die Nase zu versetzen – ein Verlangen, dessen Befriedigung sein Herz sehr zu erleichtern versprach. Die Gesten des alten Weller blieben übrigens jenen beiden kaum unbekannt. Herr Stiggins war nämlich bei einem zufälligen Blick auf den ankommenden Glühwein mit seinem Kopf heftig gegen die geballte Faust gestoßen, die Herr Weller einige Minuten lang, nur zwei Zoll von seinem Ohre entfernt, wie ein Feuerrad kreisen ließ.

»Was reckt Ihr Eure Hand auf diese rohe Weise nach dem Becher aus?« rief Sam plötzlich. »Seht Ihr denn nicht, daß Ihr den Herrn da stoßt?«

»Ich wollte das nicht, Sammy«, sagte Herr Weller, durch den Zusammenprall denn doch einigermaßen in Verlegenheit gebracht.

»Versuchen Sie einmal eine innerliche Medizin, Sir«, bemerkte Sam, als der rotnasige Herr sich mit kläglicher Miene am Kopf scheuerte. »Was halten Sie von einer solchen warmen Eitelkeit, Sir?«

Herr Stiggins antwortete nicht mit Worten, aber sein Benehmen war verständlich. Er kostete den Inhalt des Glases, das ihm Sam in die Hand gegeben hatte, und stieß seinen Regenschirm auf den Boden. Dann kostete er wieder, die Magengegend zwei- bis dreimal behaglich mit der Hand streichend; schließlich trank er das Ganze auf einen Zug aus, schmatzte mit den Lippen und hielt den Becher hin, um ihn zum zweitenmal füllen zu lassen.

Auch Frau Weller blieb nicht zurück, wo es galt, der Mischung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die gute Dame protestierte anfangs, sie könne keinen Tropfen trinken, – dann trank sie eine kleinen Tropfen –- dann einen großen Tropfen – und dann eine große Menge Tropfen, und da ihre Gefühle von der Natur derjenigen Substanzen waren, die durch Anwendung gebrannter Wasser stark angegriffen werden, so ließ sie bei jedem Tropfen Glühwein einen Tränentropfen fallen und ihre Gefühle so sehr zerfließen, daß sie endlich eine sehr anständige und imposante Höhe des Elends erreichte.

Der ältere Herr Weller gab bei der Beobachtung dieser Zeichen und Merkmale sein Mißfallen auf mannigfache Weise zu erkennen. Als nun Herr Stiggins, nach einem zweiten Kruge desselben Inhalts, kläglich zu seufzen anfing, so legte er seine Unzufriedenheit mit der ganzen Aufführung durch verschiedenes zorniges Gebrumme und Bemerkungen wie »Alfanzereien« offen an den Tag.

»Ich will dir sagen, was es ist, Samuel, mein Junge«, flüsterte der alte Herr, nach einer langen, aufmerksamen Beobachtung seiner Frau und Herrn Stiggins, seinem Sohn ins Ohr: »ich glaube, es muß deiner Stiefmutter und dem Rotnasigen im Leib nicht recht wohl sein.«

»Wie meint Ihr das?« fragte Sam.

»Ich meine, Sammy«, versetzte der alte Herr, »was sie trinken, scheint ihnen nicht zur Nahrung zu dienen: es verwandelt sich alles plötzlich in warmes Wasser und kommt durch die Augen wieder heraus. Ich versichere dich, Sammy, es ist ein Fehler in ihrer Konstitution.«

Herr Weller brachte seine wissenschaftliche Ansicht mit einer Menge bestätigender Winke und Gebärden vor: und als Frau Weller dieselben bemerkte und irgendeine mißliebige Beziehung auf sich oder Herrn Stiggins oder beide bezog, stand sie im Begriff, außerordentlich unwohl zu werden, während Herr Stiggins, sich so gut wie möglich auf die Beine helfend, in einer erbaulichen Rede fortfuhr, die auf das Seelenheil der Gesellschaft, insbesondere aber Herrn Samuels, abzielte. Er beschwor Weller Junior in rührenden Ausdrücken, die Sünde zu fliehen, der er anheimgefallen sei, alle Heuchelei und allen Hochmut zu meiden, und in allen Stücken ihn (Stiggins) zum Neuster und Vorbild zu nehmen. Dann könne er früher oder später zu dem köstlichen Bewußtsein gelangen, daß er, gleich ihm, ein höchst achtbarer und tadelloser Charakter und alle seine Bekannten und Freunde rettungslos verloren und verworfen seien – ein Bewußtsein, sagte er, das ihm die größte Seligkeit bereiten würde.

Er beschwor ihn ferner, vor allen Dingen das Laster der Trunkenheit zu fliehen, das er den unflätigen Gewohnheiten der Schweine und den giftigen und verderblichen Arzneien verglich, die in den Mund aufgenommen, das Gedächtnis vernichteten. An dieser Stelle seiner Rede wurde der ehrwürdige Herr mit der roten Nase besonders unzusammenhängend, und im Feuer der Beredsamkeit hin- und herschwankend, mußte er sich an der Stuhllehne halten, um das Gleichgewicht zu behaupten.

Herr Stiggins suchte seine Zuhörer zwar nicht vor den falschen Propheten und elenden Spöttern über die Religion zu warnen, die ohne den Verstand, die ersten Lehrsätze de« Glaubens auszulegen, oder ohne das Herz, die Grundwahrheiten zu empfinden, gefährlichere Mitglieder der Gesellschaft sind, als der gemeine Verbrecher: denn sie üben notwendig auf die Schwächsten und am wenigsten Unterrichteten die stärkste Herrschaft aus, setzen alles, was am heiligsten gehalten werden sollte, herab, machen es verächtlich und bringen ganze Klassen von tugendhaften und sittlich guten Menschen vieler wertvollen Sekten und Glaubenspartien in üblen Ruf. Aber da Herr Stiggins sich eine geraume Zeitlang an der Stuhllehne festhielt und das eine Auge geschlossen hatte, während er mit dem andern fortwährend blinzelte, so läßt sich annehmen, daß er an all das dachte, aber es weislich bei sich behielt.

Während dieser Predigt seufzte und weinte Frau Weller am Schlüsse der Abschnitte, während Sam mit übergeschlagenen Beinen und auf der Seitenlehne seines Stuhles ruhenden Armen den Sprecher mit einem süßen, milden Lächeln betrachtete, und gelegentlich einen Blick des Verständnisses auf den alten Herrn warf, der im Anfang entzückt war und ungefähr in der Mitte einschlief.

»Bravo! ganz vortrefflich!« rief Sam, als der Mann mit der roten Nase nach dem Schlüsse der Rede seine abgetragenen Handschuhe anzog und, während dieses Geschäft«, die Finger durch die durchlöcherten Enden steckte, bis die Knöchel sichtbar wurden – »ganz vortrefflich.«

»Ich hoffe, es wird bei Ihnen anschlagen, Samuel«, sagte Frau Weller feierlich.

»Ich denke auch, Stiefmutter«, versetzte Sam.

»Ich wollte, es schlüge auch bei Ihrem Vater an«, sagte Frau Weller.

»Danke dir, meine Teure«, erwiderte Herr Weller senior. »Welchen Eindruck macht es denn auf dich selbst, meine Liebe?«

»Spötter!« rief Frau Weller.

»Unerleuchteter Mann!« sagte der ehrwürdige Herr Stiggins.

»Wenn ich kein besseres Licht bekomme, als Ihren Mondschein, mein würdiges Goldkind«, versetzte der ältere Herr Weller, »so ist es sehr wahrscheinlich, daß ich ewig eine Nachtkutsche fahren werde, bis ich ganz von der Lebensstraße Abschied nehme. Jetzt aber, Frau Weller, wenn der Schecke noch länger am Futtertrog steht, so hält er mir auf dem Heimweg nicht mehr Stand und wirft vielleicht den Armstuhl samt dem Hirten in diese oder jene Hecke.«

Auf diese Bemerkung nahm Herr Stiggins in augenscheinlicher Bestürzung Hut und Regenschirm und drang auf alsbaldige Abreise, womit Frau Weller ebenfalls zufrieden war. Sam ging mit ihnen bis ans Gefängnistor, wo er einen zärtlichen Abschied von seinen Gästen nahm.

»Adio, Samuel«, sagte der alte Herr.

»Was heißt das, Adio?« fragte Sam.

»Nun denn: so lebe wohl«, sagte der alte Herr,

»Weiter habt Ihr nichts gewußt?« fragte Sam. »Nun, so lebt wohl, alter Racker.«

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, vorsichtig um sich blickend, »meine Empfehlung an deinen Prinzipal, und wenn er sich einmal eines Besseren besinne, so solle er es nur mich wissen lassen. Ich und der Kunsttischler haben miteinander einen Plan ausgeheckt, ihn herauszukriegen. Ein Piano, Samuel – ein Piano!« fügte Herr Weller hinzu, indem er seinen Sohn mit der Rückseite seiner Hand auf den Brustkasten schlug und ein paar Schritte zurücktrat.

»Was meint Ihr damit?« fragte Sam.

»Ein Pianoforte, Samuel«, erwiderte Herr Weller noch geheimnisvoller; »er kann es mieten: so eins, wo man nicht darauf spielt, Sammy.«

»Und wozu soll das gut sein?« meinte Sam.

»Er soll zu meinem Freund, dem Kunsttischler schicken, und es holen lassen«, erklärte Herr Weiler. »Verstehst du mich jetzt?«

»Nein«, versicherte Sam.

»Es ist gar nichts dabei zu riskieren«, flüsterte sein Vater. »Er kann sich mit seinem Hut und seinen Schuhen hineinlegen, und durch das Gestell, das hohl ist, frische Luft schöpfen. Wir halten ein Schiff nach Amerika für ihn bereit. Die amerikanische Regierung gibt ihn nicht heraus, sobald sie sieht, daß er Geld zu verzehren hat, Sammy. Dort kann dein Prinzipal bleiben, bis Frau Bardell tot ist, oder die Herren Dodson und Fogg am Galgen hängen, welches letztere wahrscheinlich zuerst geschehen wird, Sammy. Dann soll er zurückkommen und ein Buch über die Amerikaner schreiben, das ihm alle seine Reisekosten und noch mehr einträgt, wenn er ihnen nur tüchtig heimleuchtet.«

Herr Weller flüsterte diesen kurzen Abriß von seinem Komplott dem Sohne erregt ins Ohr; dann aber gab er, als fürchte er, durch ein weiteres Gespräch die Wirkung seiner unerhörten Mitteilung zu schwächen, den Kutschergruß und verschwand.

Sam hatte kaum seine gewöhnliche Ruhe wieder erlangt, die durch die geheime Mitteilung seines verehrten Vaters gewaltig gestört worden war, als Herr Pickwick zu ihm trat.

»Sam«, sprach dieser Gentleman.

»Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Ich wünsche einen Gang durch das ganze Gefängnis zu machen, und du sollst mich dabei begleiten. Da kommt ja eben ein Gefangener, den wir kennen, Sam«, fügte Herr Pickwick lächelnd hinzu.

»Wer ist es, Sir?« fragte Herr Weller; »der Gentleman mit dem Krauskopf oder der interessante Herr in den Strümpfen?«

»Keiner von beiden«, erwiderte Herr Pickwick. »Ein viel älterer Freund von dir, Sam.«

»Von mir, Sir?« rief Herr Weller.

»Du mußt dich dieses Herrn noch ganz gut erinnern«, sagte Herr Pickwick, »sonst hättest du ja ein weit schlechteres Gedächtnis für alte Bekannte, als ich dir zutrauen kann. Still! kein Wort mehr, Sam – keine Silbe. Da ist er.«

Während Herr Pickwick sprach, kam Jingle herbei. Er sah weniger elend aus, als zuvor; denn er trug seine bloß halbabgenutzten Kleider, die er mit Herrn Pickwicks Hilfe aus der Gefangenschaft des Leihhauses gelöst hatte. Auch hatte er ein weißes Hemd an, und seine Haare waren frisch gestutzt. Gleichwohl war er sehr blaß und mager, und als er, auf einen Stock sich stützend, langsam heranschlich, konnte man ihm leicht ansehen, daß er durch Krankheit und Mangel hart gelitten hatte und noch immer äußerst schwach war. Er zog seinen Hut, als Herr Pickwick ihn grüßte, und beim Anblick Sam Wellers schien er sehr gedemütigt und beschämt.

Dicht hinter ihm erschien Job Trotter, in dessen Sündenregister jedenfalls Mangel an Treue und Anhänglichkeit an seinen Kameraden keinen Platz findet. Er war noch immer zerlumpt und schmutzig, sein Gesicht aber nicht mehr ganz so hohl, wie bei seinem ersten Zusammentreffen mit Herrn Pickwick vor einigen Tagen. Als er gegen unsern wohlwollenden alten Freund den Hut abnahm, murmelte er einige abgebrochene Ausdrücke der Dankbarkeit und stammelte etwas von Errettung vorm Hungertode.

»Schon gut«, sagte Herr Pickwick, ihn ungeduldig unterbrechend, »Sie können mit Sam nachkommen. Ich wünsche Sie zu sprechen, Herr Jingle. Können Sie gehen ohne seinen Arm?«

»O ja, Sir – ganz zu Diensten – nicht zu schnell – Beine schlottrig – Kopf betäubt – immer im Ring herum – erdbebenartige Empfindung – ganz erdbebenartig.«

»Da, geben Sie mir Ihren Arm«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, nein«, erwiderte Jingle, »unmöglich, – zu viel Güte.«

»Unsinn!« sagte Herr Pickwick; »stützen Sie sich auf mich, ich will es so haben, Sir.«

Da Herr Pickwick sah, daß Jingle äußerst aufgeregt, verwirrt und unschlüssig war, so brach er den Handel kurz ab, indem er den Arm des kranken Komödianten durch den seinen steckte und ihn fortführte, ohne noch ein Wort darüber zu verlieren.

Während dieser ganzen Zeit zeigte Herrn Samuel Wellers Angesicht einen Ausdruck des überwältigendsten und überschwenglichsten Erstaunens, das sich die Einbildungskraft nur vormalen kann. Nachdem er in tiefem Schweigen von Job zu Jingle und von Jingle zu Job geblickt, stieß er endlich leise die Worte aus: »Nun, das ist wirklich …!« und wiederholte sie wenigstens zwanzig Mal. Nach dieser Übung aber schien er seiner Stimme gänzlich beraubt zu sein, und warf in Arger, Verworrenheit und Verwunderung seine Augen aufs neue zuerst auf den einen und dann auf den andern.

»Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick sich umsehend.

»Ich komme, Sir«, erwiderte Herr Weller, indem er seinem Herrn mechanisch nachfolgte; und noch immer wandte er seine Augen nicht von Herrn Job Trotter ab, der schweigend ihm zur Seite ging.

Job heftete seine Blicke einige Zeit auf den Boden, und Sam, der die seinigen an Jobs Gesicht gleichsam geklebt hatte, rannte gegen alle Leute, die ihm begegneten, an, fiel über kleine Kinder, stolperte an Treppen und Geländern und schien von all dem nichts zu bemerken, bis Job verstohlen aufblickte und sagte:

»Wie geht es Ihnen, Herr Weller?«

»Ja, er ist’s!« rief Sam, und nachdem er Jobs Identität zweifellos festgestellt, schlug er sich auf das Bein und machte seinen Gefühlen in einem langen, lauten Pfeifen Luft.

»Mit mir hat es sich sehr geändert, Sir«, sagte Job.

»Das sehe ich«, rief Herr Weller, mit unverstellter Verwunderung die Lumpen seines Begleiters betrachtend. »Es ist aber ein schlechter Tausch gewesen, wie der Bauer sagte, als er zwei verdächtige Schillinge und sechs Pence in kleiner Münze für eine gute halbe Krone eingehandelt hatte.«

»Ja, es ist wahr«, versetzte Job den Kopf schüttelnd. »Die Zeit des Betrugs ist jetzt vorbei, Herr Weller. Tränen«, fügte er halb verschmitzt hinzu, – »Tränen sind weder die einzigen Beweise von Kummer und Elend, noch die besten.«

»Das weiß der liebe Gott!« erwiderte Sam ausdrucksvoll.

»Man kann sie auch künstlich hervorrufen, Herr Weller«, fuhr Job fort.

»Sehr richtig bemerkt«, versetzte Sam; »es gibt Leute, die immer welche in Bereitschaft halten und den Stöpsel herausziehen können, wann es ihnen paßt.«

»Ja, ja«, sagte Job; »aber, mein lieber Herr Weller, diese Dinge lassen sich doch nicht so leicht nachmachen, und es ist ein gar schmerzhafter Prozeß, sie künstlich hervorzurufen.«

So sprechend deutete er auf seine blassen, eingesunkenen Wangen, schlug seinen Rockärmel zurück und entblößte einen Arm, der aussah, als ob man ihn durch die geringste Berührung abbrechen könnte, so dünn und spitzig stachen die Knochen unter seiner dünnen Fleischdecke hervor.

»Was haben Sie mit sich selbst angefangen?« fragte Sam zusammenschauernd.

»Nichts«, erwiderte Job.

»Nichts?« wiederholte Sam.

»Ich habe schon viele Wochen gar nichts getan«, sagte Job, »und beinahe ebensowenig gegessen und getrunken.«

Sam warf einen umfassenden Blick auf Herrn Trotters dünnes Gesicht und seine ganze jammervolle Erscheinung; dann ergriff er ihn beim Arm und zog ihn rasch mit sich fort.

»Wohin wollen Sie, Herr Weller?« stöhnte Job, der sich aus dem mächtigen Griff seines alten Feindes vergeblich loszuringen suchte.

»Kommen Sie«, sagte Sam, »kommen Sie.«

Er würdigte ihn keiner weiteren Erklärung, bis sie die Snuggery erreicht hatten, wo er einen Krug Porter bestellte, der sogleich gebracht wurde.

»Da«, sagte Sam, »trinken Sie alles bis auf den letzten Tropfen, und dann kehren Sie den Krug um, damit ich sehe, wie Sie die Arznei eingenommen haben.«

»Aber mein bester Herr Weller«, wendete Job ein.

»Hinunter damit«, sprach Sam gebieterisch.

Dieser Aufforderung zufolge erhob Herr Trotter den Krug zu seinen Lippen und leerte ihn in kleinen, beinahe unmerkbaren Schlucken bis auf den Grund. Einmal, aber auch nur ein einziges Mal, pausierte er, um einen langen Atemzug zu tun, ohne aber sein Gesicht von dem Gefäße zu erheben, das er einige Augenblicke darauf mit ausgestrecktem Arm umgekehrt hinhielt. Nichts fiel auf den Boden, als ein paar Tröpfchen Schaum, die sich langsam vom Rande losmachten und träge hinabträufelten.

»Bravo«, sagte Sam. »Wie fühlen Sie sich jetzt?«

»Besser, Sir, ich glaube besser«, antwortete Job.

»Das versteht sich«, sagte San, überzeugt. »Es ist gerade, wie wenn man Gas in einen Luftballon bläst. Ich kann’s mit bloßen Augen sehen, daß Sie unter der Operation stärker werden. Was würden Sie von einer zweiten, ebenso kräftigen Dosis halten?«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, antwortete Job; »aber sie würde mir nicht gut sein.

»Nun, meinetwegen«, sagte Sam. »Aber etwas zwischen die Zähne; was würden Sie dazu sagen?«

»Dank sei Ihrem würdigen Herrn, Sir«, antwortete Herr Trotter; »wir haben heute um drei Viertel auf drei Uhr eine gebackene Hammelkeule nebst Kartoffeln gehabt, so daß uns das Kochen erspart war.«

»Was? Hat er für Sie gesorgt?« fragte Sam nachdrucksvoll.

»Ja, Sir«, erwiderte Job, »und noch mehr als das, Herr Weller. Da mein Herr sehr unwohl war, so hat er ein Zimmer für uns gemietet – wir bewohnten vorher ein wahres Hundeloch – und es bezahlt, Sir; auch ist er bei Nacht zu uns gekommen, damit es niemand erfahren sollte. Ja, Herr Weller«, fügte Job, diesmal mit wirklichen Tränen in den Augen hinzu, »diesem Gentleman könnte ich dienen, bis ich tot zu seinen Füßen niedersänke.«

»Bemühen Sie sich nicht, mein Freund«, entgegnete Sam, »kein Wort mehr.«

Job Trotter sah ihn verwundert an.

»Kein Wort mehr, junger Mann, sage ich«, wiederholte Sam fest. »Niemand dient ihm, als ich. Und da wir gerade daran sind, so will ich Sie noch in ein Geheimnis einweihen«, fügte Sam hinzu, indem er das Bier bezahlte. »Ich habe niemals gehört, oder in Geschichtsbüchern gelesen, oder auf Gemälden etwas gesehen von Engeln mit knappen Beinkleidern und Gamaschen – ja auch nicht einmal in Komödien, so viel ich mich erinnere, obgleich das auch aus andern Gründen geschehen sein mag: aber merken Sie sich’s, Job Trotter, er ist dessenungeachtet ein ganz echter und vollkommener Engel, und den Mann möchte ich sehen, der mir zu sagen wagte, er kenne eine besseren.«

Mit dieser Herausforderung steckte Herr Weller das herausbekommene Geld in eine Seitentasche, und unter bekräftigenden Winken und Gesten machte er sich auf, den Gegenstand seiner Rede zu suchen.

Sie fanden Herrn Pickwick auf dem Ballplatze, in einem sehr ernsthaften Gespräch mit Jingle begriffen. Er würdigte die buntscheckigen hier versammelten Gruppen keines Blickes, obschon sie es wohl verdient hätten, daß man sie wenigstens aus Neugier etwas näher ins Auge faßte.

»Gut«, sagte Herr Pickwick, als Sam und sein Begleiter näher kamen, »Sie werden sehen, wie Ihre Gesundheitsumstände sich gestalten, und die Sache inzwischen näher überlegen. Machen Sie mir eine Berechnung, sobald Sie sich stark genug fühlen; ich will es dann bedenken und weiter mit Ihnen sprechen. Jetzt gehen Sie auf Ihr Zimmer. Sie sind müde und dürfen nicht zu lange außen bleiben.«

Ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Funken von seiner alten Lebhaftigkeit oder auch nur von der trübseligen Heiterkeit, die er angenommen hatte, als Herr Pickwick zum ersten Mal in seinem Elend auf ihn stieß, verbeugte sich Herr Alfred Jingle tief, winkte Job, ihm noch nicht zu folgen, und ging langsam hinweg.

»Eine kuriose Szene das, nicht wahr, Sam?« sagte Pickwick, vergnügt um sich blickend.

»Ja, sehr kurios, Sir«, erwiderte Sam. »Die Wunder hören ja gar nicht auf«, fügte er mit sich selbst sprechend hinzu. »Ich müßte mich sehr irren, wenn dieser Jingle da sich nicht mit dem Wasserkarrengeschäft abgegeben hat.«

Der freie Raum, den die Mauer in dem Teile des Fleet, wo Herr Pickwick stand, bildete, war gerade groß genug, um einen passenden Ballplatz abzugeben. Die eine Seite bestand, wie sich von selbst begreift, aus der Mauer selbst, die andere aus dem Teile des Gefängnisses, der nach der St.-Pauls-Kirche18 zu lag. Hier schlenderten oder saßen in allen möglichen Stellungen gedankenlosen Müßiggangs eine Masse Schuldner herum, die größtenteils im Gefängnis den Tag abzuwarten hatten, wo ihre Sache vor dem Zahlungsunfähigkeits- Gericht verhandelt werden sollte, während andere auf verschiedene Termine verwiesen waren, die sie so gut wie möglich hinwegzufaulenzen sich bemühten. Einige waren schäbig gekleidet, andere geputzt, die meisten schmutzig und nur wenige reinlich: alle aber hungerten, waren Tagediebe und schlichen ohne Absicht und Zweck herum, wie die Tiere in einer Menagerie.

An den Fenstern, die die Aussicht auf den Spaziergang beherrschten, räkelten sich ebenfalls eine Menge Leute: Einige in geräuschvoller Unterhaltung mit ihren Bekannten unten begriffen, andere die Bälle auffangend und zurückschleudernd, die ihnen von außen zugeworfen wurden, noch andere den Ballspielern zusehend oder das lärmvolle Getreibe der Kinder überwachend. Schmutzige Weibspersonen mit abgetretenen Schuhen gingen hin und wieder nach der Küche, die sich in einem Winkel des Ballplatzes befand. Kinder schrien, balgten sich herum und spielten miteinander; das Gerassel der Kegel, das Geschrei der Spielenden vermischte sich unaufhörlich mit diesen und hundert andern Tönen. Ringsumher nichts als Getöse und Getümmel, nur in dem kleinen elenden Schuppen wenige Schritte davon nicht, wo ruhig und blaß der Leib des in der vorigen Nacht gestorbenen Kanzleigefangenen lag und das Possenspiel einer Totenschau erwartete. Der Leib! Dies ist der gerichtsgesetzliche Ausdruck für die ruhelos wirbelnde Masse von Sorgen und Ängsten, Gemütsbewegungen, Hoffnungen und Bekümmernissen, die den lebenden Menschen ausmachen. Dem Gesetz war sein Leib verfallen, und da lag er, in’s Grabtuch eingehüllt, ein schauderhafter Zeuge für dessen zärtliche, mitleidsvolle Fürsorge.

»Wünschen Sie vielleicht einen Pfeifladen zu sehen, Sir?« fragte Job Trottet.

»Was verstehen Sie darunter?« fragte Herr Pickwick.

»Ein Pfeifladen, Sir?« fiel Herr Weller ein.

»Was ist das, Sam? – etwa der Laden eines Vogelhändlers?« fragte Herr Pickwick.

»Gott bewahre«, erwiderte Job; »ein Pfeifladen, Sir, ist ein Laden, wo geistige Getränke verkauft werden!«

Herr Job Trotter setzte sofort kurz auseinander, es sei bei schwerer Strafe verboten, Spirituosen in die Schuldgefängnisse einzuführen. Da jedoch diese Artikel bei den allda befindlichen Ladies und Gentlemen in hohem Werte stehen, so sei ein spekulativer Schließer auf den sinnreichen Einfall geraten, zwei oder drei Gefangenen gegen gewisse einträgliche Erkenntlichkeiten den Kleinhandel mit ihrem Lieblingsartikel, Wacholderbeerbranntwein genannt, zu ihrem eigenen Nutzen und Vorteil zu gestatten.

»Dieses System«, fügte Herr Trotter hinzu, »ist, wie Sie sich überzeugen können, allmählich in allen Schuldtürmen eingeführt worden.«

»Ja«, sagte Sam, »und es hat den außerordentlichen Vorteil, daß die Schließer äußerst bedacht sind, jedermann, der diese Schlechtigkeit begehen will, ohne sie bezahlt zu haben, abzufangen, worauf die Sache in die Zeitungen kommt und sie wegen ihrer Wachsamkeit belobt werden. So fangen sie zwei Mücken auf einmal; andere Leute werden von dem Handel abgeschreckt, und sie selbst stellen sich in ein besseres Licht bei ihren Vorgesetzten.«

»Sehr wahr, Herr Weller«, bemerkte Job.

»Gut, aber werden denn diese Zimmer nie untersucht, ob keine geistigen Getränke eingeschmuggelt sind?« fragte Herr Pickwick.

»Freilich, Sir«, erwiderte Sam; »aber die Schließer wissen es vorher und melden es den Pfeifern; dann pfeift man dem Untersuchungsbeamten etwas, wenn er kommt.«

Mittlerweile hatte Job an eine Tür geklopft, die von einem Gentleman mit ungekämmtem Kopf geöffnet wurde. Er verriegelte sie sogleich wieder, als sie darin waren, und die Zähne fletschte, worauf Job ebenfalls die Zähne fletschte und Sam desgleichen. Herr Pickwick aber, in der Meinung, man erwarte dies von ihm, lächelte während der ganzen Dauer des Besuchs unausgesetzt.

Der Gentleman mit dem ungekämmten Kopf schien von dieser stummen Ankündigung ihres Begehrens vollkommen befriedigt. Er zog einen platten steinernen Krug, der etwa zwei Quart halten mochte, unter seiner Bettstelle hervor und schenkte drei Gläser Wacholderbranntwein ein, über die Job Trotter und Sam auf sehr fachmännische Weise verfügten.

»Noch ein Gläschen?« fragte der pfeifende Gentleman.

»Nein«, erwiderte Job Trotter.

Herr Pickwick bezahlte, die Tür wurde aufgeriegelt, und sie gingen hinaus, wobei der ungekämmte Gentleman Herrn Roker, den sein Weg in diesem Augenblick zufällig vorbeiführte, freundlich zuwinkte.

Herr Pickwick durchwanderte von da an noch sämtliche Galerien, ging alle Treppen auf und ab, und machte noch einmal die Runde um den ganzen Hofraum. Die große Masse der Bevölkerung des Gefängnisses schien auf und ab der Rasse Mivius oder Smangle, des Pfarrers, des Metzgers oder des Roßmaklers anzugehören. In allen Winkeln, den besten, wie den schlechtesten, derselbe Schmutz, dasselbe Getümmel und Getöse, dieselben allgemeinen Merkmale. In dieser ganzen Sphäre ein ruhelos verworrenes Umhertreiben: die Leute drängten und wälzten sich hin und her gleich den Schatten in einem unbehaglichen Traum.

»Jetzt habe ich genug gesehen«, sagte Herr Pickwick, als er sich auf seinem kleinen Zimmer in einen Stuhl warf. »Der Kopf tut mir weh von all diesen Szenen, und das Herz nicht minder. Ich will hinfort auf meinem eigenen Stübchen Gefangener bleiben.«

Und Herr Pickwick verharrte standhaft bei diesem Beschlusse. Drei lange Monate blieb er den ganzen Tag eingeschlossen und stahl sich nur bei Nacht, wenn der größere Teil seiner Mitgefangenen im Bett war oder auf seinen Zimmern zechte, hinaus, um frische Luft zu schöpfen. Seine Gesundheit begann infolge dieses selbstauferlegten strengen Gewahrsam sichtbarlich zu leiden. Allein weder die vielfach wiederholten Bitten Perkers und seiner Freunde, noch die weit öfter wiederholten Warnungen und Mahnungen des Herrn Samuel Weller konnten ihn vermögen, auch nur ein Jota an seinem unbeugsamen Entschlusse zu ändern.

  1. Berühmte alte Kirche und Wahrzeichen Londons.

Siebenundvierzigstes Kapitel.


Siebenundvierzigstes Kapitel.

Erzählt einen rührenden, ober nicht betrüblichen Vorfall, herbeigeführt durch das Zartgefühl der Herren Dodson und Fogg.

Es war in der letzten Woche des Monats Juli, als eine Mietdroschke, jedoch ohne hintenanhängende Nummer, in raschem Trab die Goswellstraße hinauffuhr. Drei Personen waren darinnen eingepfercht, ohne den Kutscher, der, wie natürlich, seinen eigenen kleinen äußern Sitz auf der Seite hatte. Am ledernen Deckel hingen zwei Schals, allem Anschein nach zwei kleinen, streitsüchtig aussehenden Damen gehörig, zwischen denen, auf einen äußerst kleinen Umfang beschränkt, ein Gentleman von linkischem, unterwürfigem Benehmen eingezwängt saß, der, wenn er je eine Bemerkung zu machen wagte, jedesmal von einer der obenerwähnten streitsüchtigen Damen barsch angefahren wurde. Zu guter Letzt gaben die beiden Keiferinnen und der linkische Gentleman dem Kutscher widersprechende Anweisungen, die sämtlich auf den einen Punkt hinzielten, daß er vor Frau Bardells Tür anhalten solle, die, wie der linkische Gentleman in direkter Opposition gegen die streitsüchtigen Damen und ihnen zu Trotz behauptete, eine grüne Tür war und keine gelbe.

»An dem Haus mit der grünen Tür halt‘ an, Schwager«, sagte der linkische Gentleman.

»O du dummer, einfältiger Kerl!« rief eine der streitsüchtigen Ladies. »Nein, an dem Haus mit der gelben Tür, Kutscher!«

Daraufhin ließ der Kutscher, der bei seiner hastigen Bemühung, am Haus mit der grünen Tür zu halten, das Pferd so straff angezogen hatte, daß es beinahe rückwärts in die Droschke hineinfiel, die Vorderfüße seiner Mähre wieder auf den Boden sinken und pausierte.

»Wo soll ich denn halten?« fragte er. »Machen Sie es unter sich aus. Ich frage nur, wo?«

Hier erneuerte sich der Streit mit vermehrter Heftigkeit, und da das Pferd in diesem Augenblick von einer Fliege an seiner Nase beunruhigt wurde, so verwandte der Kutscher humanerweise seine Aufmerksamkeit, nach dem Grundsatz des Gegenreizes mit der Peitsche um dessen Kopf herumzufuchteln.

»Ein langweiliger Tag heute«, sagte endlich eine der streitsüchtigen Damen. »Das Haus mit der gelben Tür, Kutscher.«

Als aber die Droschke in Pracht und Herrlichkeit vor dem Haus mit der gelben Tür vorfuhr, wobei es, wie eine der streitsüchtigen Ladies triumphierend bemerkte, »wahrhaftig mehr Lärm machte, als wenn einer in seinem eigenen Wagen kommt«, und der Kutscher bereits abgestiegen war, eine der Damen herauszuhelfen – siehe, da steckte sich auf einmal der kleine Rundkopf des Masters Thomas Bardell zum Fenster eines Hauses mit einer roten Tür, wenige Nummern weiter, heraus.

»Eine ärgerliche Geschichte«, sagte die Keiferin, dem linkischen Gentleman einen vernichtenden Blick zuwerfend.

»Ich bin nicht daran schuld, liebe Frau«, versetzte der Gentleman.

»Sprich nicht mit mir, du Dummkopf!« erwiderte die Dame. »Das Haus mit der roten Tür, Kutscher. O, wenn je eine Frau mit einem boshaften Taugenichts betrogen worden ist, der seinen Stolz und sein Vergnügen darin sucht, sie bei jeder möglichen Gelegenheit vor Fremden zu blamieren, so bin ich’«!«

»Sie sollten sich vor sich selbst schämen, Raddle«, sagte das andere Frauchen, das niemand anders war als Frau Cluppins.

»Was habe ich denn getan?« fragte Herr Radle.

»Sprich nicht mit mir, du Vieh; ich könnte mich sonst bewogen finden, mein Geschlecht zu vergessen und dich zu schlagen«, sagte Frau Raddle.

Während dieses Zwiegesprächs führte der Kutscher höchst schimpflicherweise das Pferd am Zügel vor das Haus mit der roten Tür, das Master Bardell bereits geöffnet hatte. Wahrhaftig, eine niedrige, schmähliche Art, vor einem Freundeshaus anzukommen! – Kein ungestüm feuriges Heranfliegen von seiten des Tieres, kein Herabspringen und lautes Anklopfen von seiten des Kutschers, kein hastiges, knarrendes Aufreißen der Kutschentür, damit die Ladies nicht im Zug sitzen mußten, und dann der Mann, der die Schals bereithielt – gerade wie ein gemeiner Kutscher! Der ganzen Sache war der Eindruck bereits genommen – es wäre noch anständiger gewesen, zu Fuß zu erscheinen.

»Nun, Tommy«, begann Frau Cluppins, »wie geht es deiner lieben Mutter?«

»O, sehr gut«, erwiderte Master Bardell: »sie ist im Vorderzimmer – alles bereit. Ich bin auch bereit.«

Hier steckte Herr Bardell seine Hände in die Taschen und trippelte auf der untersten Stufe der Haustreppe hin und her.

»Geht sonst niemand mit, Tommy?« sagte Frau Cluppins, ihren Mantel zurechtmachend.

»Frau Sanders auch«, erwiderte Tommy. »Und ich gleichfalls.«

»Der verdammte Bube!« sagte die kleine Frau Cluppins. »Er denkt an nichts, als an sich selbst. Komm her, lieber Tommy!«

»Da bin ich«, sagte Master Bardell.

»Wer sonst noch, mein Lieber?« fuhr Frau Cluppins in einschmeichelnder Weise zu fragen fort.

»Frau Rogers auch, erwiderte Master Bardell, seine Augen sehr weit aufreißend, als er mit dieser Kunde heranrückte.

»Wie? die Dame, die bei euch wohnt?« rief Frau Cluppins.

Herr Bardell steckte seine Hände noch tiefer in seine Taschen und nickte geradezu fünfunddreißigmal, um anzudeuten, daß es wirklich diese Dame und keine andere sei.

»Wahrhaftig«, sagte Frau Cluppins, »das ist ja eine hübsche Gesellschaft!«

»Ja, und wenn Sie wüßten, was wir in der Speisekammer haben, dann würden Sie erst so sagen«, versetzte Master Bardell.

»Was ist’s, Tommy?« sagte Frau Clupping liebkosend. »Du sagst es mir gewiß, Tommy.«

»Nein, nein«, erwiderte Master Bardell, den Kopf schüttelnd und auf der Türschwelle hin- und hertänzelnd.

»Der Blitzjunge!« murmelte Frau Cluppins. »Wie der kleine Spitzbube einen necken kann! Komm, Tommy, sag es deiner lieben Cluppy!«

»Die Mutter hat gesagt, ich dürfe nicht«, entgegnete Master Bardell. »Ich bekomme auch etwas davon.«

Und voll Freude über diese Aussicht tänzelte der frühreife Knabe mit vermehrter Lebhaftigkeit weiter.

Während dieses Verhörs mit dem Kinde hatten Herr und Frau Raddle mit dem Kutscher Streit wegen des Fahrlohns, und als der Sieg sich für den letzteren entschieden hatte, wankte Frau Raddle die Treppe hinauf.

»He, Marianne! was gibt’s?« rief Frau Cluppins.

»Ich zittere am ganzen Leibe, Betty«, stöhnte Frau Raddle. »Raddle ist auch gar kein Mann; er hängt mir alles an den Hals.«

Das war gewiß nicht schön gegen den unglücklichen Herrn Raddle, der beim Beginn des Streits von seiner sanften Ehehälfte auf die Seite gestoßen worden war und den energischen Befehl erhalten hatte, sein Maul zu halten. Trotzdem war ihm keine Gelegenheit vergönnt, sich zu verteidigen: denn Frau Raddle entwickelte unzweideutige Zeichen einer Ohnmacht. Als Frau Bardell, Frau Sanders, ferner die Hausbewohnerin und ihre Magd vom Stubenfenster aus dies bemerkten, stürzten sie eifrig herbei und führten sie ins Haus, wobei sie alle zugleich sprachen und verschiedene Ausdrücke des Mitgefühls fallen ließen, als wäre die gute Frau eine der beklagenswertesten Sterblichen auf Erden. Sie wurde in das Vorderzimmer gebracht und auf ein Sofa niedergelassen. Die Dame vom ersten Stock rannte in den ersten Stock, kehrte mit einem Fläschchen Riechsalz zurück, und indem sie Frau Raddle in den Armen hielt, brachte sie das Riechsalz mit aller weiblichen Sorglichkeit und Zärtlichkeit an ihre Nase, bis diese Dame unter vielem Gestöhne und Sträuben endlich erklärte, es gehe ihr entschieden besser.

»Ach, die Ärmste«, sagte Frau Rogers; »ich kann mir nur zu gut denken, wie es ihr ums Herz sein mag.«

»Die Ärmste! ja, ich kann mir« auch denken«, sagte Frau Sanders.

Und nun fingen die Damen alle im Verein an, zu klagen und zu jammern, sagten, sie könnten sich’s denken, was es sei, und bemitleideten sie von ganzem Herzen; selbst das dreizehn Jahr alte und drei Fuß hohe Dienstmädchen murmelte sein Mitgefühl.

»Aber was hat’s denn gegeben?« fragte Frau Bardell.

»Ach, was hat Sie so angegriffen, Madame?« fragte Frau Rogers.

»O, ich bin abscheulich mißhandelt worden«, erwiderte Frau Raddle in vorwurfsvollem Ton.

Sämtliche Damen warfen entrüstete Blicke auf Herrn Raddle.

»Die ganze Sache ist die«, begann dieser unglückliche Gentleman vortretend: »als wir hier abstiegen, erhob sich ein Streit mit dem Droschkenkutscher – «

Bei Erwähnung dieses Wortes stieß seine Frau ein lautes Geschrei aus, das jede weitere Erklärung unverständlich machte.

»Sie würden besser daran tun, sie ganz uns zu überlassen, Raddle«, sagte Frau Cluppins. »So lange Sie da sind, wird es ihr nicht besser.«

Sämtliche Damen stimmten in dieser Ansicht überein. Herr Raddle wurde aus dem Zimmer getrieben und angewiesen, sich im hintern Hofraum zu ergehen, was er auch etwa eine Viertelstunde Während dieses Zwiegesprächs führte der Kutscher höchst schimpflicherweise das Pferd am Zügel vor das Haus mit der roten Tür, das Master Bardell bereits geöffnet hatte. Wahrhaftig, eine niedrige, schmähliche Art, vor einem Freundeshaus anzukommen! – Kein ungestüm feuriges Heranfliegen von seiten des Tieres, kein Herabspringen und lautes Anklopfen von seiten des Kutschers, kein hastiges, knarrendes Aufreißen der Kutschentür, damit die Ladies nicht im Zug sitzen mußten, und dann der Mann, der die Schals bereithielt – gerade wie ein gemeiner Kutscher! Der ganzen Sache war der Eindruck bereits genommen – es wäre noch anständiger gewesen, zu Fuß zu erscheinen.

»Nun, Tommy«, begann Frau Cluppins, »wie geht es deiner lieben Mutter?«

»O, sehr gut«, erwiderte Master Bardell; »sie ist im Vorderzimmer – alles bereit. Ich bin auch bereit.«

Hier steckte Herr Bardell seine Hände in die Taschen und trippelte auf der untersten Stufe der Haustreppe hin und her.

»Geht sonst niemand mit, Tommy?« sagte Frau Cluppins, ihren Mantel zurechtmachend.

»Frau Sanders auch«, erwiderte Tommy. »Und ich gleichfalls.«

»Der verdammte Bube!« sagte die kleine Frau Cluppins. »Er denkt an nichts, als an sich selbst. Komm her, lieber Tommy!«

»Da bin ich«, sagte Master Bardell.

»Wer sonst noch, mein Lieber?« fuhr Frau Cluppins in einschmeichelnder Weise zu fragen fort.

»Frau Rogers auch, erwiderte Master Bardell, seine Augen sehr weit aufreißend, als er mit dieser Kunde heranrückte.

»Wie? die Dame, die bei euch wohnt?« rief Frau Cluppins.

Herr Bardell steckte seine Hände noch tiefer in seine Taschen und nickte geradezu fünfunddreißigmal, um anzudeuten, daß es wirklich diese Dame und keine andere sei.

»Wahrhaftig«, sagte Frau Cluppins, »das ist ja eine hübsche Gesellschaft!«

»Ja, und wenn Sie wüßten, was wir in der Speisekammer haben, dann würden Sie erst so sagen«, versetzte Master Bardell.

»Was ist’s, Tommy?« sagte Frau Clupping liebkosend. »Du sagst es mir gewiß, Tommy.«

»Nein, nein«, erwiderte Master Bardell, den Kopf schüttelnd und auf der Türschwelle hin- und hertänzelnd.

»Der Blitzjunge!« murmelte Frau Cluppins. »Wie der kleine Spitzbube einen necken kann! Komm, Tommy, sag es deiner lieben Cluppy!«

»Die Mutter hat gesagt, ich dürfe nicht«, entgegnete Master Bardell. »Ich bekomme auch etwas davon.«

Und voll Freude über diese Aussicht tänzelte der frühreife Knabe mit vermehrter Lebhaftigkeit weiter.

Während dieses Verhörs mit dem Kinde hatten Herr und Frau Raddle mit dem Kutscher Streit wegen des Fahrlohns, und als der – ein Versuch, der dadurch im Keime erstickt wurde, daß es dem lieben Jungen einfiel, hinterm Rücken der Großen ein halbes Glas von dem alten Portwein hinabzugießen, wodurch sein Leben auf einige Sekunden in Gefahr geriet – brach die Gesellschaft auf, um eine Kutsche nach Hampstead zu suchen. Diese fand sich bald, und in ein paar Stunden langten sie wohlbehalten im spanischen Teegarten an, wo des unglücklichen Herrn Raddle erste Handlung seiner Gemahlin beinahe einen Rückfall zuzog; denn sie bestand in nichts Geringerem, als daß er sieben Portionen Tee bestellte, während doch, wie die Damen alle einstimmig bemerkten, nichts leichter gewesen wäre, als daß Tommy aus irgendeiner andern beliebigen Tasse getrunken hätte, wenn es der Kellner nicht gerade sah, wodurch dann eine ganze Portion von dem teuren Tee erspart worden wäre.

Aber die Sache ließ sich nun einmal nicht mehr ändern; das Teebrett kam mit sieben Ober- und sieben Untertassen und ebenso vielen Portionen Brot und Butter. Frau Bardell wurde einstimmig zur Präsidentin ernannt, Frau Rogers pflanzte sich zu ihrer Rechten, Frau Raddle zu ihrer Linken auf, und nun ging der Schmaus mit großer Lustigkeit und bestem Erfolg vor sich.

»Wie herrlich es doch auf dem Lande ist!« seufzte Frau Rogers; »ich möchte das ganze Jahr da leben.«

»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Madame«, erwiderte Frau Bardell schnell; denn auf Rücksicht auf die zu vermietenden Wohnungen war es durchaus nicht ratsam, solche Ansichten zu er mutigen; »es würde Ihnen gewiß nicht gefallen, Madame.«

»Meiner Ansicht nach«, sagte die kleine Frau Cluppins, »sind Sie viel zu lebhaft und gesellschaftlich, um gern auf dem Lande zu wohnen, Madame.«

»Ja, das mag sein, Madame, das mag sein«, seufzte die Bewohnerin de« ersten Stocks.

»Für einsame Leute, die niemand haben, der für sie sorgt oder für den sie selbst sorgen müssen, oder deren Gemüt verletzt ist, oder etwas der Art«, bemerkte Herr Raddle, einige Lustigkeit erringend und um sich blickend, »für solche Leute ist das Landleben ganz gut. Das Land ist für ein krankes Herz, pflegt man zu sagen.«

Der unglückliche Mann hätte alles in der Welt sagen können, es wäre mehr am Platze gewesen, nur das nicht. Frau Bardell brach sogleich in Tränen aus und bat, man möchte sie augenblicklich vom Tische wegführen, worauf das liebe Kind ebenfalls höchst jämmerlich zu schreien begann.

»Sollte man es glauben, Madame«, rief Frau Raddle, sich ingrimmig an die Bewohnerin des ersten Stocks wendend, »sollte man es glauben, daß man einen so dummen Esel zum Mann haben kann, der imstande ist, den ganzen Tag mit den Gefühlen des weiblichen Herzens Spott zu treiben?«

»Aber, liebe Frau«, wandte Herr Raddle ein. »Ich habe es nicht bös gemeint, liebe Frau.«

»Du hast es nicht bös gemeint?« wiederholte Frau Raddle mit unaussprechlicher Verachtung. »Geh‘ mir aus den Augen, ich kann dich nicht mehr ansehen, du Meerkalb.«

»Sie müssen sich nicht so erhitzen, Marianne«, fiel Frau Cluppins ein. »Sie sollten wirklich auf sich selbst mehr Rücksicht nehmen, was Sie nie tun. – Gehen Sie jetzt, Raddle, Sie machen der guten Seele nur Kummer.«

»Sie hätten besser daran getan, Sir, Ihren Tee für sich allein zu trinken«, sagte Frau Rogers, die dampfende Kanne aufs neue handhabend.

Frau Sanders, die ihrer Gewohnheit gemäß sehr mit dem Butterbrot beschäftigt war, drückte dieselbe Ansicht aus, und Herr Raddle zog sich gänzlich zurück.

Jetzt zappelte und wand sich Master Bardell, der fast schon zu groß zu solchen Liebkosungen war, gewaltig in den Armen seiner Mutter, bei welcher Operation er seine Stiefel auf den Teetisch brachte und einige Verwirrung unter den Tassen und Kannen anrichtete. Doch diese Art von Ohnmachtsanfällen, die bei den Frauen seuchenartig ist, dauert selten lange, und nachdem er sie tüchtig abgeküßt und auch ein wenig angeschrien hatte, kam Frau Bardell wieder zu sich, stellte ihn auf den Boden, wunderte sich, daß sie habe so närrisch sein können, und schenkte aufs neue Tee ein.

In diesem Augenblick vernahm man das Gerassel herannahender Räder. Die Damen blickten auf und sahen eine Mietkutsche am Gartentor anhalten.

»Da kommt noch mehr Gesellschaft«, sagte Frau Sanders.

»Es ist ein Gentleman«, bemerkte Frau Raddle.

»Ach du meine Güte! ist das nicht Herr Jackson, der junge Schreiber bei Dodson und Fogg?« rief Frau Bardell. »Lieber Himmel, am Ende hat Herr Pickwick doch die Entschädigung bezahlt.«

»Oder er will Sie jetzt heiraten!« sagte Frau Cluppins.

»Wahrhaftig, wie langsam der Gentleman ist!« rief Frau Rogers. »Warum tummelt er sich denn nicht?«

Während sie diese Worte sprach, wandte sich Herr Jackson von der Kutsche ab, wo er einige Bemerkungen an einen schäbig gekleideten Mann in schwarzen Beinkleidern gerichtet hatte, der soeben mit einem dicken Eschenstock in der Hand aus dem Wagen hervorgetaucht war, und ging, die Haare unter den Rand seines Hutes streichend, gerade auf die Damen zu.

»Was gibt’s? Ist etwas neues vorgefallen?« rief ihm Frau Bardell voll Eifer entgegen.

»Ganz und gar nichts, Madame«, erwiderte Herr Jackson. »Wie geht es Ihnen, meine Gnädigen? Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich mich eindränge – aber das Geschäft, meine Gnädigen, das Geschäft.«

Mit dieser Entschuldigung lächelte Herr Jackson, verbeugte sich vor allen zugleich und strich sein Haar abermals hinauf. Frau Rogers flüsterte Frau Raddle zu, es sei wirklich ein scharmanter junger Mensch.

»Ich war in der Goswellstraße«, fuhr Jackson fort, »und da ich von dem Mädchen hörte, daß Sie hier seien, nahm ich eine Kutsche und fuhr Ihnen nach. Meine Prinzipale bedürfen Ihrer sogleich in der Stadt, Frau Bardell.«

»Um Gottes willen!« rief die Dame, erschrocken über diese plötzliche Mitteilung.

»Ja«, sagte Jackson, sich in die Lippen beißend. »Es ist ein sehr wichtiges und dringendes Geschäft, das unter keinen Umständen aufgeschoben werden kann. Dodson hat es mir ausdrücklich gesagt, und Fogg ebenfalls. Ich habe die Kutsche eigens deshalb genommen, um Sie nach London zurückzuführen.«

»Sehr merkwürdig!« rief Frau Bardell.

Die Damen erklärten es ebenfalls für sehr merkwürdig, sprachen aber einstimmig ihre Ansicht dahin aus, die Sache müsse von großer Wichtigkeit sein, sonst würden Dodson und Fogg nicht nach ihr geschickt haben; und wegen dieser Dringlichkeit des Geschäfts solle sie sich unverzüglich zu ihrem Anwalt begeben.

Es war Frau Bardell keineswegs unlieb, daß ihre Rechtsfreunde in so besonderer Eile nach ihr verlangten. Sie glaubte dadurch sowohl überhaupt, als namentlich auch in den Augen der Bewohnerin ihres ersten Stocks bedeutend an Wichtigkeit zu gewinnen, ein Gedanke, der ihrer Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Sie lachte ein bißchen, stellte sich, als ob es ihr höchst unangenehm wäre und sie sich nicht entschließen könnte, kam aber doch zuletzt zu der Meinung, sie glaube, gehen zu müssen.

»Aber wollen Sie nach Ihrer Fahrt nicht eine kleine Erfrischung einnehmen, Herr Jackson?« fragte Frau Bardell in einladendem Ton.

»Ich danke vielmal, habe wirklich keine Zeit zu verlieren«, erwiderte Jackson; »auch habe ich einen Freund bei mir«, fuhr er fort, indem er auf den Mann mit dem Eschenstock sah.

»Aber so bitten Sie doch Ihren Freund hierher, Sir«, sagte Frau Bardell.

»Rufen Sie ihn doch zu uns, Sir.«

»Nein, ich danke sehr«, erwiderte Herr Jackson einigermaßen verlegen. »Er ist an Damengesellschaft nicht gewöhnt und wird da immer ganz blöde. Wenn Sie dem Kellner auch den Auftrag geben wollten, ihm ein Gläschen zu bringen, er würde es wahrhaftig nicht annehmen. – Doch, Sie können ja einen Versuch machen.«

Herrn Jacksons Finger wanderten dabei spielend um seine Nase, um seine Zuhörerinnen aufmerksam zu machen, daß er ironisch spreche.

Der Kellner wurde alsbald an den blöden Gentleman entsandt, und der blöde Gentleman genehmigte etwas; Herr Jackson genoß ebenfalls etwas und die Damen genossen, ihrem Gaste zu Ehren, auch noch etwas. Herr Jackson sagte sofort, er fürchte, es sei die höchste Zeit zu gehen, worauf Frau Sanders, Frau Cluppins und Tommy, die der Verabredung gemäß Frau Bardell begleiten und die übrigen dem Schutz des Herrn Raddle überlassen sollten, sich alsbald in die Kutsche verfügten.

»Jsack«, sagte Jackson, als Frau Bardell sich anschickte, einzusteigen und blickte dabei den Mann mit dem Eschenstock an, der auf dem Bock saß und eine Zigarre rauchte.

»Sir.«

»Das ist Frau Bardell.«

»O, ich wußte es schon lange«, sagte der Mann.

Frau Bardell stieg ein, Herr Jackson gleichfalls, und sie fuhren fort. Frau Bardell konnte nicht umhin, sich allerhand Gedanken darüber zu machen, was Herrn Jacksons Freund wohl gemeint habe.

»Schlaue Gesellen, diese Anwälte«, meinte sie: »Gott steh uns bei, wie sie die Leute überall ausfindig zu machen wissen.«

»Ein verdrießliches Ding um unsere Prozeßkosten«, sagte Jackson, als Frau Cluppins und Frau Sanders eingeschlafen waren: »die Kosten für Ihren Prozeß, meine ich.

»Es tut mir sehr leid, daß Sie nicht dazu kommen können«, versetzte Frau Bardell. »Aber wenn ihr Anwälte solche Sachen auf Spekulation übernehmt, so müßt ihr euch dann und wann auch einen Verlust gefallen lassen.«

»Sie haben Ihnen aber, soviel ich weiß, nach dem Prozeß eine Erkenntlichkeitsbestätigung für die Kosten ausgestellt«, sagte Jackson.

»Ja, aber bloß der Form wegen«, erwiderte Frau Bardell.

»Gewiß«, versetzte Jackson trocken. »Eine bloße Formsache – bloße Formsache.«

Sie fuhren weiter und Frau Bardell druselte ein. Nach einiger Zeit wurde sie durch das Anhalten der Kutsche geweckt.

»Mein Gott«, sagte die Dame, »sind wir schon in Freemans Court?«

»Wir fahren nicht ganz so weit«, erwiderte Jackson. »Haben Sie die Güte, hier auszusteigen.«

Frau Bardell tat es noch schlaftrunken. Es war ein sonderbarer Platz: – eine große Mauer mit einem Tor in der Mitte, und innen brannte ein Gaslicht.

»Nun, meine Damen«, rief der Mann mit dem Eschenstock, in die Kutsche hineinsehend und Frau Sanders aus dem Schlafe rüttelnd: »kommen Sie!«

Frau Sanders weckte ihre Freundin und stieg aus. Frau Bardell war, an Jacksons Arm gelehnt und Tommy bei der Hand führend, bereits zum Portal eingegangen. Die übrigen folgten.

Der Raum, in den sie jetzt traten, sah noch weit sonderbarer aus, als das Portal. Es standen so viele Leute herum und sie starrten einen so an!

»Wo sind wir denn?« fragte Frau Bardell, stehenbleibend.

»Bloß in einem unserer öffentlichen Büros«, erwiderte Jackson, sie schnell durch eine Tür ziehend und um sich blickend, ob die übrigen Damen nachfolgten. »Passen Sie gut auf, Isack.«

»Soll gar nicht fehlen«, erwiderte der Mann mit dem Eschenstock. Die Tür wurde rasch hinter ihnen zugeschlagen, und sie stiegen eine kleine Treppe hinab.

»Endlich wären wir da. Es ist alles nach Wunsch gegangen, Frau Bardell«, sagte Jackson, triumphierenden Blickes um sich schauend.

»Was meinen Sie damit?« fragte Frau Bardell mit klopfendem Herzen.

»Nichts Besonderes«, erwiderte Jackson, sie ein bißchen auf die Seite ziehend: »erschrecken Sie nur nicht, Frau Bardell. Es gibt keinen zartfühlenderen Mann als Dodson und keinen billigdenkenderen als Fogg. Als Geschäftsmänner wäre es ihre Pflicht gewesen. Ihnen wegen der Kosten Exekution einlegen zu lassen! aber sie wünschten um jeden Preis, Ihre Gefühle möglichst zu schonen. Wie tröstlich muß Ihnen der Gedanke sein, daß es so gegangen ist! Wir sind im Fleet, Madame. Wünsche Ihnen gute Nacht, Frau Bardell. Gute Nacht, Tommy.«

Da Jackson jetzt in Gesellschaft des Mannes mit dem Eschenstock davoneilte, so führte ein anderer Mann mit einem Schlüssel in der Hand, der bisher bloß zugeschaut hatte, die bestürzten Damen an eine zweite kleine Treppe, die zu einem Tor führte. Frau Bardell schrie laut auf: Tommy heulte; Frau Cluppins schauerte zusammen, und Frau Sanders nahm ohne weiteres Reißaus. Denn hier stand der schwerbeleidigte Herr Pickwick, der eben auf seinem nächtlichen Spaziergange begriffen war, und neben ihm lehnte Samuel Weller, der, als er Frau Bardell erblickte, mit spöttischer Ehrerbietung seinen Hut abnahm, während sein Gebieter unwillig ihr den Rücken zukehrte.

»Vexieren Sie die Frau nicht«, sagte der Schließer zu Weller: »sie ist soeben angekommen.«

»Als Gefangene?« sagte Sam, schnell den Hut wieder aufsetzend, »Wer sind die Kläger? Warum? Sprich, alter Knabe!«

»Dodson und Fogg«, erwiderte der Mann: »Exekution wegen Prozeßkosten.«

»He da, Job! Job!« rief Sam, sich in den Gang stürzend, »laufen Sie so schnell als Sie können zu Herrn Perker. Ich wünsche ihn sogleich zu sprechen. Das kann zu etwas Gutem führen. Ein Kapitalspaß! Hurra! Juchhe! Wo ist der Prinzipal?«

Aber diese Fragen blieben sämtlich unbeantwortet: denn Job war gleich nach Empfang seines Auftrags wie wild davongerannt: Frau Bardell aber war in wirklichem vollen Ernst in Ohnmacht gesunken.

 

Achtundvierzigstes Kapitel.


Achtundvierzigstes Kapitel.

Ist hauptsächlich Geschäftsangelegenheiten und dem zeitlichen Vorteil der Herren Dodson und Fogg gewidmet. – Herr Winkle tritt unter außerordentlichen Umständen wieder auf, und Herrn Pickwicks Wohlwollen erweist sich stärker als seine Hartnäckigkeit.

Job Trotter rannte, ohne von seiner Eilfertigkeit im mindesten abzulassen, Holborn hinauf, bald mitten in der Straße, bald auf dem Pflaster und bald in der Rinne, je nachdem die Gelegenheiten zu gehen mit dem Gedränge der Männer, Weiber, Kinder und Wagen auf jedem Teil des Weges abwechselten. Ohne auf irgendein Hindernis Rücksicht zu nehmen, blieb er keinen Augenblick stehen, bis er das Tor von Grays Inn erreicht hatte. Trotz aller seiner Hast war aber das Tor schon eine gute halbe Stunde geschlossen, als er davor anlangte. Er sah sich daher um und machte endlich Herrn Perkers Wäscherin ausfindig, die mit einer verheirateten Tochter zusammenlebte. Diese hatte ihre Hand fürs Leben einem nicht in London residierenden Kellner gegeben und bewohnte ein paar Zimmer in einer Straße dicht bei einer Brauerei etwas hinter Grays Inn Lane. Es waren noch fünfzehn Minuten bis zur allnächtlichen Schließungszeit des Gefängnisses. Herr Lowten mußte aus dem hinteren Zimmer der Elster herausgeklopft werden, und Job hatte dies Geschäft kaum vollendet und Sam Wellers Botschaft mitgeteilt, als die Glocke zehn Uhr schlug.

»Es ist zu spät«, sagte Lowten. »Sie können nicht mehr hineinkommen, oder haben Sie vielleicht den Schlüssel, mein Platze wären?« [**hier fehlt offenbar etwas]

»Sorgen Sie nicht für mich«, erwiderte Job; »ich kann überall schlafen. Aber würde es nicht besser sein, Herrn Perker heute nacht noch aufzusuchen, damit wir morgen in aller Frühe auf dem Platze wären?«

»Meinetwegen«, versetzte Lowten nach kurzer Überlegung. »Wenn es sich um irgend etwas anderes handelte, so würde Herr Perker über einen so späten Besuch sehr ungehalten sein; da es aber Herrn Pickwicks Sachen sind, so glaube ich wohl, einen Wagen nehmen und bei den Kosten berechnen zu dürfen.«

Nachdem Herr Lowten sich zu dieser Maßregel entschlossen hatte, nahm er seinen Hut, bat die versammelte Gesellschaft, während seiner zeitlichen Abwesenheit einen andern Präsidenten zu ernennen, steuerte auf den nächsten Kutschenplatz los, bestellte den Wagen, dessen Aussehen am meisten versprach, und befahl dem Kutscher, nach dem Montagueplatz, Russell Square zu fahren.

Herr Perker gab an diesem Tage einen Schmaus, wie aus den Lichtern hinter den Fenstern des Gesellschaftzimmers, aus den Tönen eines vervollkommneten großen Pianos, aus einer daraus hervordringenden, aber der Vervollkommnung noch sehr bedürftigen Stimme und dem beinahe überwältigenden Speiseduft im Entree zur Genüge hervorging. Da zufällig einige recht gute Kunden vom Lande zu gleicher Zeit in die Stadt gekommen waren, so hatte sich zu ihrem Empfang ein angenehmes Gesellschaftchen zusammengefunden, bestehend aus Herrn Snicks, dem Sekretär der Lebensversicherung, aus Herrn Prosee, dem ausgezeichneten Rechtskonsulenten, aus drei Anwälten, einem Kommissar vom Fallitengericht, einem speziellen Advokaten vom Temple, einem kleinäugigen, schmissigen jungen Gentleman, seinem Mündel, der ein scharfes Buch über das Legatengesetz mit einer ungeheuren Menge Randnoten und Zitaten geschrieben hatte, und mehreren andern hervorragenden, ja wirklich ausgezeichneten Personen. Von dieser Gesellschaft machte sich der kleine Herr Perker los, als ihm die Ankunft seines Schreibers zugeflüstert wurde. Er begab sich in das Speisezimmer und traf dort Herrn Lowten und Job Trotter beim trüben Dämmerschein eines Küchenlichtes, das der Gentleman, der sich herabließ, gegen vierteljährlichen Lohn in kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen zu erscheinen, mit gebührender Verachtung für den Schreiber und für alle das Geschäft berührenden Dinge auf den Tisch gestellt hatte.

»Nun, Lowten«, sagte der kleine Perker, die Tür schließend, »was gibt’s? Sind wichtige Briefe angekommen?«

»Nein, Sir«, erwiderte Lowten; »aber da ist ein Bote von Herrn Pickwick, Sir.«

»Von Pickwick?« fragte das kleine Männchen, sich schnell zu Job wendend. »Nun, was will er?«

»Dodson und Fogg haben Frau Bardell wegen der Prozeßkosten verhaften lassen«, sagte Job.

»S’ist nicht möglich!« rief Perker, seine Hände in die Taschen steckend und sich rücklings an den Kredenztisch lehnend.

»Es ist wirklich so«, sagte Job. »Wie es scheint, haben sie sich von ihr unmittelbar nach der Gerichtsverhandlung eine Erkenntlichkeitsbestätigung für die Prozeßkosten ausstellen lassen.«

»Bei Gott!« rief Herr Perker, beide Hände aus den Taschen ziehend und die Knöchel seiner Rechten an die Fläche der Linken schlagend, »das sind doch die gerissensten Kerle, mit denen ich je zu tun gehabt habe.«

»Die abgefeimtesten Spitzbuben, die mir je vorgekommen sind, Sir«, bemerkte Lowten.

»Abgefeimt?« wiederholte Perker. – »Ja, allerdings, es ist ihnen nicht beizukommen.«

»Sehr wahr, Sir«, erwiderte Lowten. Und dann sannen beide, Meister und Geselle, einige Sekunden lang recht lebhaft nach, gleich als ob sie über eine der schönsten und sinnreichsten Entdeckungen nachdächten, die der menschliche Verstand je ausgeklügelt. Als sie sich einigermaßen von ihrer Bewunderungsverzückung erholt hatten, entledigte sich Job Trotter des Restes seines Auftrags. Perker nickte gedankenvoll mit dem Kopfe und zog seine Uhr heraus.

»Schlag zehn Uhr will ich dort sein«, sagte der kleine Mann. »Sam hatte vollkommen recht. Sagen Sie ihm das. Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Lowten?«

»Nein, ich danke Ihnen, Sir.«

»Sie meinen ›Ja‹, denke ich«, sagte das Männlein, sich an den Kredenztisch wendend, um eine Flasche und Gläser zu holen.

Da Lowten wirklich ›Ja‹ meinte, so verlor er kein Wort mehr über die Sache, sondern fragte Job mit einem hörbaren Flüstern, ob das gegenüber vom Kamin hängende Porträt Perkers nicht zum Sprechen ähnlich sei, worauf Job natürlich antwortete, ja, es sei so. Inzwischen war der Wein eingeschenkt, und Lowten trank die Gesundheit der Frau Perker und ihrer Kinder, und Job trank die Gesundheit des Herrn Perker. Da der Gentleman in den kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen es nicht für seine Amtspflicht hielt, den Leuten zum Büro hinauszuleuchten, lehnte er es beharrlich ab, dem Geklingel zu entsprechen, und sie mußten den Weg selbst suchen. Der Anwalt verfügte sich in sein Besuchzimmer, der Schreiber in die Elster zurück, und Job ging auf den Covent-Garden-Markt, um die Nacht in einem Gemüsekorb zu verbringen.

Pünktlich zur bestimmten Stunde klopfte am andern Morgen der heitere kleine Anwalt an Herrn Pickwicks Tür, die von Sam Weller recht munter geöffnet wurde.

»Herr Perker, Sir«, sagte Sam, den Besuch Herrn Pickwick ankündigend, der gedankenvoll am Fenster saß. »Sehr erfreut, daß Sie gelegentlich auch einmal nach uns sehen, Sir. Ich denke, der Prinzipal möchte gern einige Worte mit Ihnen sprechen, Sir.«

Perker warf einen Blick des Einverständnisses auf Sam, um ihm zu bedeuten, er verstehe schon, daß er nicht sagen solle, man habe nach ihm geschickt. Dann winkte er ihn zu sich und flüsterte ihm etwas ins Öhr.

»Nicht möglich, Sir!« rief Sam, in der äußersten Überraschung einige Schritte zurückfahrend.

Perker nickte und lächelte.

Herr Samuel Weller blickte den kleinen Advokaten, dann Herrn Pickwick, dann die Stubenecke, dann wieder Herrn Perker an, grinste, lachte laut auf, nahm endlich seinen Hut vom Nagel und verschwand ohne eine weitere Erklärung.

»Was soll das bedeuten?« fragte Herr Pickwick, indem er Perker verwundert anblickte. »Was ist mit Sam los?«

»O nichts, nichts«, erwiderte Perker. »Kommen Sie, mein lieber Herr, rücken Sie Ihren Stuhl an den Tisch. Ich habe viel mit Ihnen zu sprechen.«

»Was sind das für Papiere?« fragte Herr Pickwick, als der kleine Mann ein mit roter Schnur zusammengebundenes Paket Dokumente auf den Tisch legte.

»Die Papiere in der Sache Bardell und Pickwick«, erwiderte Perker, den Knoten mit den Zähnen öffnend.

Herr Pickwick stieß die Füße seines Stuhles gegen den Boden, warf sich sodann hinein, faltete seine Hände und blickte seinen Rechtsfreund grimmig an, wenn anders Herr Pickwick grimmig blicken konnte.

»Sie hören diesen Namen nicht gern?« fragte der kleine Mann, noch immer mit dem Knoten beschäftigt.

»Nein, wirklich nicht«, entgegnete Herr Pickwick.

»Tut mir leid«, fuhr Perker fort; »denn eben darüber möchte ich mit Ihnen sprechen.«

»Von dieser Sache darf zwischen uns keine Rede mehr sein, Perker«, unterbrach ihn Herr Pickwick hastig.

»Gemach, gemach! mein teurer Sir«, sagte der kleine Mann, das Paket aufbindend und Herrn Pickwick anblickend. »Wir müssen davon sprechen. Ich bin ausdrücklich deshalb hierher gekommen. Sind Sie bereit, mich anzuhören, mein lieber Herr? Es hat keine Eile: wenn es Ihnen nicht genehm ist, so kann ich warten. Ich habe die Zeitungen von heute früh mitgenommen. Sie dürfen nur sagen, wann es Ihnen paßt. So.«

Mit diesen Worten schlug der kleine Mann ein Bein über das andere und gab sich den Anschein, als begänne er mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit zu lesen.

»Gut, gut«, sagte Herr Pickwick mit einem Seufzer, worauf aber unmittelbar ein Lächeln folgte; »sprechen Sie, was Sie zu sagen haben. Ohne Zweifel immer wieder die alte Geschichte?«

»Nur mit einem Unterschied, mein lieber Herr, mit einem Unterschied«, versetzte Perker, indem er sein Zeitungsblatt bedächtig zusammenlegte und wieder in die Tasche steckte. »Frau Bardell, die Klägerin in diesem Prozeß, befindet sich innerhalb dieser Mauern, Sir.«

»Das weiß ich«, war Herrn Pickwicks Antwort.

»Sehr gut!« erwiderte Perker. »Und ohne Zweifel wissen Sie auch, wie sie hierher gekommen ist; ich meine, aus was für Gründen und auf wessen Verlangen?«

»Ja; wenigstens hat mir Sam davon gesagt«, versetzte Herr Pickwick mit erkünstelter Gleichgültigkeit.

»Sams Erzählung«, erwiderte Perker, »ist gewiß vollkommen richtig; wenigstens möchte ich es zu behaupten wagen. Nun, mein lieber Herr, die erste Frage, die ich an Sie zu richten habe, ist, ob die Frau hierbleiben soll?«

»Hierbleiben!« wiederholte Herr Pickwick.

»Ja, hierbleiben, mein teurer Sir«, entgegnete Perker, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und seinen Klienten fixierend.

»Wie können Sie mich so fragen?« sagte dieser Gentleman. »Es hängt ganz von Dodson und Fogg ab. Sie wissen das recht gut.«

»Nein, ich weiß nichts davon«, entgegnete Perker fest. »Es hängt mitnichten von Dodson und Fogg ab. Sie kennen die Leute ebensogut wie ich, mein teurer Sir: es hängt ganz und gar nur von Ihnen ab.«

»Von mir?« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend und sich gleich wieder setzend.

Der kleine Mann klopfte zweimal auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose, öffnete sie, nahm eine große Prise, schlug die Dose zu und wiederholte:

»Von Ihnen.«

»Ja, mein lieber Herr«, fuhr der kleine Mann fort, der durch die Prise Zuversicht zu gewinnen schien; »ich sage, ihre schleunige Befreiung oder lebenslängliche Einkerkerung hängt von Ihnen ab, lediglich nur von Ihnen. Hören Sie mich gefälligst zu Ende, mein lieber Herr, und erhitzen Sie sich nicht so gewaltig; denn Sie kommen dadurch in Schweiß, und das hilft zu nichts. Ich sage«, fuhr Perker fort, indem er jeden Satz, den er vorbrachte, mit einem andern Finger bezeichnete, »ich sage, daß niemand als Sie die arme Frau aus dieser Höhle des Elends erlösen kann, und daß Sie das nur können, wenn Sie sämtliche Kosten dieses Prozesses, sowohl die für die Klägerin als für den Beklagten, diesen Gaunern vom Freemans Court, bezahlen. Lassen Sie mich gefälligst ruhig ausreden, mein lieber Herr.«

Herr Pickwick, dessen Mienenspiel währenddem sich lebhaft betätigt hatte, und der eigentlich seinen Unwillen kräftig bekunden wollte, beschwichtigte dessenungeachtet seinen Zorn so gut wie möglich; und Herr Perker fuhr, indem er seine Überredungskraft durch eine neue Prise Schnupftabak stärkte, also fort:

»Ich habe die Frau heute morgen gesehen. Wenn Sie die Prozeßkosten bezahlen, so kann Ihnen die Entschädigungssumme gänzlich erlassen werden, und überdies bekommen Sie von ihr – was, wie ich wohl weiß, in Ihren Augen von weit größerer Bedeutung ist, mein lieber Herr – eine freiwillige, eigenhändige Erklärung in der Form eines Schreibens an mich, daß diese Leute da, Dodson und Fogg, an dem ganzen Prozeß schuld, sind. Sie brachten nämlich Frau Bardell durch glänzende Vorspiegelungen auf den Gedanken zu prozessieren. Und weiter erhalten Sie die Erklärung, daß sie es aufs tiefste bedauert, sich zum Werkzeug ihrer Kränkungen und Beeinträchtigungen hergegeben zu haben, und daß sie mich dringend ersucht, die Sache zu vermitteln und Sie um Verzeihung anzuflehen.«

»Wenn ich die Kosten für sie bezahle?« sagte Herr Pickwick entrüstet. »Wahrhaftig ein wertvolles Dokument!«

»Es ist von keinem Wenn mehr die Rede, mein teurer Sir«, sagte Perker triumphierend, »Hier ist das Schreiben. Es wurde mir heute früh um neun Uhr von einer Frau auf mein Büro gebracht, ehe ich noch einen Fuß in dieses Haus gesetzt oder die geringste Unterhandlung mit Frau Bardell gepflogen hatte; das kann ich Sie auf Ehre versichern.«

Und der kleine Advokat suchte den Brief aus dem Paket heraus, legte ihn an Herrn Pickwicks Seite nieder und schnupfte zwei Minuten hintereinander, ohne zu blinzeln.

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« sagte Herr Pickwick, etwas sanfter.

»Noch nicht«, erwiderte Herr Perker. »Ich kann in diesem Augenblick noch nicht sagen, ob die Abfassung der Erkenntlichkeitbestätigung, die Natur des scheinbaren Kontrakts und der Beweis, den wir über das ganze Benehmen bei diesem Prozeß bekommen können, hinreichend sein wird, um eine Klage wegen eines Komplotts zur Betrügerei zu begründen. Ich fürchte, nein, mein lieber Herr; denn diese Herren sind gar zu schlau. Jedenfalls aber werden sämtliche Tatsachen zusammengenommen mehr als hinreichend sein, Sie in den Augen aller vernünftigen Menschen zu rechtfertigen. Und nun, mein lieber Herr, überlasse ich die Sache ganz Ihnen. Diese 150 Pfund oder was es sein mag, wenn man eine runde Summe annimmt, sind ja gar nichts für Sie. Eine Jury hat gegen Sie entschieden; ihr Ausspruch war ungerecht: allein die Geschworenen entschieden einmal, wie sie es für recht hielten, und der Spruch ist gegen Sie ausgefallen. Sie haben jetzt eine Gelegenheit, unter sehr annehmbaren Bedingungen eine weit höhere Stellung in der öffentlichen Meinung einzunehmen, als Sie durch Ihr Hierbleiben jemals erlangen können. Denn glauben Sie mir, mein lieber Herr, jeder, der Sie nicht kennt, wird es Ihnen als baren, verrückten, lächerlichen und abgeschmackten Eigensinn auslegen. Können Sie noch zögern, diese Gelegenheit zu benützen, wodurch Sie Ihren Freunden, Ihren alten Beschäftigungen und Vergnügungen zurückgegeben werden und Ihre Gesundheit wieder herstellen können? – eine Gelegenheit, die zugleich Ihren treuen anhänglichen Diener, den Sie sonst für die ganze Dauer Ihres Lebens zur Einkerkerung verurteilen, befreit – und vor allem eine Gelegenheit, die Sie in den Stand setzt, eine höchst großmütige Rache zu nehmen. Ich weiß, daß eine solche ganz Ihrem Herzen entspricht, wenn Sie diese Frau von einem Schauplatz des Elends und Lasters erlösen, wo man nach meiner Ansicht nicht einmal Männer einsperren sollte. Aber es ist vollends wahrhaft schauerlich und barbarisch, hier Damen einzusperren. Nun frage ich Sie, mein lieber Herr, nicht bloß als ihr juristischer Ratgeber, sondern als wohlmeinender treuer Freund, ob Sie die Gelegenheit, all das zu erreichen und all das Gute zu tun, unterlassen wollen wegen der armseligen Rücksicht auf ein paar Pfund, die in die Tasche zweier Schufte wandern? Diese werden dadurch auch nicht glücklicher, wohl aber nur um so habsüchtiger werden und sich vielleicht um so eher zu irgendeinem Bubenstreich verleiten lassen, der mit ihrem Sturze endet. So schwach und unzulänglich ich Ihnen alle diese Rücksichten auch vorgelegt haben mag, mein lieber Herr, so ersuche ich Sie doch, recht, recht gründlich zu überlegen. Ich werde geduldig wie ein Lamm auf Ihre Antwort harren.«

Ehe Herr Pickwick erwidern konnte und ehe Herr Perker den zwanzigsten Teil der Prise zu sich genommen hatte, die eine so ungewöhnlich lange Rede gebieterisch erheischte, vernahmen sie ein leises Gemurmel von außen und dann ein schüchternes Klopfen an die Tür.

»Mein Gott!« rief Herr Pickwick, den die letzten Bemerkungen seines Freundes sichtbarlich aufgeregt hatten; »wie ärgerlich, daß wir gestört werden! Wer ist da?«

»Ich, Sir«, erwiderte Sam Weller, den Kopf hereinsteckend.

»Ich kann dich jetzt nicht brauchen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Ich bin beschäftigt, Sam.«

»Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Aber hier ist eine Dame, Sir, die sagt, sie habe Ihnen ganz besondere Mitteilungen zu machen.«

»Ich kann jetzt keinen Damenbesuch annehmen«, entgegnete Herr Pickwick, dessen Geist lauter Gestalten, wie Frau Bardell, vorschwebten.

»Das möchte ich doch nicht so bestimmt behaupten, Sir«, drängte Herr Weller kopfschüttelnd. »Wenn Sie wüßten, wer hier ist, Sir, so würden Sie, meine ich wohl, aus einem andern Ton pfeifen, wie der Habicht mit einem lustigen Lachen zu sich selbst sagte, als er das Rotkehlchen um die Ecke singen hörte.«

»Wer ist’s denn?« fragte Herr Pickwick.

»Wollen Sie selbst sehen, Sir?« fragte Herr Weller, die Tür in der Hand haltend, als hätte er draußen irgendein lebendiges, merkwürdiges Tier.

»Nun, so bring‘ sie einmal«, sagte Herr Pickwick, mit einem Blick auf Perker.

»Recht so«, rief Sam, »jetzt geht der Tanz an. Die Geigen gestimmt, den Vorhang aufgezogen, und herein treten die zwei Verschwörer.«

So sprechend riß Sam Weller die Tür auf, und herein stürmte Herr Nathanael Winkle, an seiner Hand dieselbe junge Dame führend, die in Dingley Dell die Pelzstiefelchen getragen hatte und jetzt – eine höchst anmutige Mischung von Erröten, Verwirrung, lila Seide und Spitzenschleierhut – reizender aussah als je.

»Miß Arabella Allen!« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend.

»Nein«, erwiderte Herr Winkle, sich auf ein Knie niederlassend! »Frau Winkle. Verzeihen Sie, mein teurer Freund, verzeihen Sie!«

Herr Pickwick mochte kaum seinen Sinnen trauen und würde es vielleicht auch nicht getan haben, wäre dieses Zeugnis nicht durch das lächelnde Gesicht Perkers, sowie durch die leibliche Anwesenheit Sams und des hübschen Hausmädchens im Hintergrund, die die Szene mit der lebhaftesten Befriedigung zu betrachten schienen, bekräftigt worden.

»Ach, Herr Pickwick«, sagte Arabella mit leiser Stimme, als ob sein Stillschweigen sie beunruhigt hätte, »können Sie meine Unklugheit verzeihen?«

Herr Pickwick antwortete nicht mit Worten, sondern nahm in großer Hast seine Brille ab, ergriff beide Hände der jungen Dame, küßte sie mehrmals, vielleicht öfter, als unbedingt notwendig war, und sagte dann, indem er fortwährend ihre eine Hand in der seinigen hielt, Herr Winkle sei ein verwünschter Schwerenöter, er solle übrigens nur aufstehen; was Herr Winkle auch, nachdem er gleich einem reuigen Sünder einige Sekunden lang mit dem Rande seines Hutes sich an der Nase gerieben hatte, alsbald tat. Herr Pickwick schlug ihn hierauf mehrere Male auf den Rücken und schüttelte sodann Herrn Perker herzlich die Hand, der, um mit seinen Komplimenten nicht zurückzubleiben, sowohl die junge Frau, als das hübsche Dienstmädchen voll Freundlichkeit begrüßte. Nachdem er Herrn Winkle aus lauter Freundschaft beinahe die Hand aus dem Gelenk gerissen hatte, beschloß er seine Freudenbezeugungen damit, daß er Schnupftabak genug nahm, um ein Halbdutzend Leute mit gewöhnlich konstruierten Nasen zeitlebens niesen zu machen.

»Aber mein liebes Mädchen«, sagte Herr Pickwick endlich: »wie ist denn das alles gekommen? Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie. Wie sie so hübsch aussieht – nicht wahr, Herr Perker?« setzte Herr Pickwick hinzu und schaute dabei Arabella mit so viel Stolz und Wonne ins Angesicht, als ob sie seine eigene Tochter gewesen wäre.

»Zum Entzücken, mein lieber Herr«, erwiderte der kleine Mann. »Wäre ich nicht selbst schon verheiratet, so könnte es mich ankommen, Sie zu beneiden. Sie Tausendsasa.«

Bei diesen Worten klopfte der kleine Advokat Herrn Winkle auf den Rücken, und nun fingen sie beide an zu lachen, doch nicht so laut wie Herr Samuel Weller, der seinen Gefühlen soeben dadurch Luft verschafft hatte, daß er unter dem Schutz der Tür das hübsche Hausmädchen küßte.

»Wahrhaftig, ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein, Sammy«, sagte Arabella mit dem süßesten Lächeln, das sich denken läßt. »Ich werde Ihre Bemühungen im Garten zu Clifton nie vergessen.«

»Sprechen Sie nicht davon, Madame«, erwiderte Sam. »Ich bin bloß der Natur zu Hilfe gekommen, Madame, wie der Doktor zur Mutter des Knaben sagte, als er ihn solange zur Ader gelassen hatte, bis er tot war.«

»Setzen Sie sich doch, liebe Marie«, sagte Pickwick, diese Komplimente kurz abschneidend. »Und nun, wie lange sind Sie denn schon verheiratet?«

Arabella blickte ihren Herrn und Gebieter verschämt an, und dieser erwiderte:

»Erst drei Tage.«

»Erst drei Tage?« fragte Herr Pickwick; »aber was habt Ihr denn in diesen drei Monaten getrieben?«

»Ja, ja«, fiel Herr Perker ein, »rechtfertigen Sie sich nur wegen Ihrer Faulheit. Sie sehen, Herr Pickwick wundert sich nur darüber, daß Sie nicht schon vor Monaten ans Ziel gekommen sind.« ,

»Die Sache ging so zu«, erwiderte Herr Winkle, indem er seine errötende junge Frau ansah: »ich konnte Bella lange nicht überreden, davonzulaufen, und als es mir endlich gelungen war, wollte sich lange keine Gelegenheit dazu finden. Auch Marie mußte einen Monat zuvor aufkündigen, ehe sie ihren Platz verlassen konnte, und ihr Beistand war uns durchaus notwendig.«

»Auf mein Wort«, rief Herr Pickwick, der inzwischen seine Brille wieder aufgesetzt hatte und mit soviel Entzücken seine Blicke von Arabella auf Winkle und von Winkle auf Arabella schweifen ließ, wie ein warmes Herz und freundliche, liebevolle Teilnahme nur einem menschlichen Antlitz verleihen kann – auf mein Wort, Ihr scheint sehr systematisch zu Werke gegangen zu sein. Und weiß Ihr Bruder schon alles, mein liebes Kind?«

»Ach nein, nein«, erwiderte Arabella, die Farbe wechselnd, »Lieber Herr Pickwick, er darf es nur von Ihnen, – nur aus Ihrem Munde erfahren. Er ist so heftig, so voll von Vorurteilen, und hatte so – so lebhafte Wünsche für seinen Freund, Herrn Sawyer«, fügte sie, die Augen niederschlagend, hinzu, »daß ich die entsetzlichste Angst vor den Folgen habe.«

»Ja, ja«, sagte Herr Perker ernsthaft. »Sie müssen diese Sache für sie ausfechten, mein lieber Herr. Vor Ihnen werden diese jungen Männer Respekt haben, wenn sie auf niemanden sonst hören: Sie müssen Unglück verhüten, mein lieber Herr. Heißes Blut – heißes Blut.«

»Sie vergessen nur, liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich, »Sie vergessen nur, daß ich ein Gefangener bin,«

»Nein, mein lieber Herr Pickwick«, erwiderte Arabella, »das nicht. Ich habe es nie vergessen und beständig daran gedacht, wie entsetzlich Sie an diesem abscheulichen Orte leiden müssen. Allein ich hoffte, wozu keine Rücksicht auf Ihre eigene Person Sie bewegen könnte, dazu würden Sie sich vielleicht durch Ihre Wünsche für unser Glück bestimmen lassen. Wenn mein Bruder es von Ihnen zuerst erfährt, so hoffe ich mit Bestimmtheit aus Versöhnung. Er ist mein einziger Verwandter in der Welt, Herr Pickwick, und wenn Sie nicht für mich sprechen, so fürchte ich, auch ihn verloren zu haben. Ich habe unrecht getan – sehr, sehr unrecht; ich weiß es wohl.«

Hier hielt sich die arme Arabella ihr Tuch vor das Gesicht und weinte bitterlich.

Herrn Pickwicks Natur war schon durch diese Tränen gewaltig erschüttert; als aber Frau Winkle ihre Augen trocknete und gar anfing, mit den süßesten Tönen ihrer überaus süßen Stimme ihn zu liebkosen und zu bestürmen, da wurde er sehr unruhig und war offenbar zweifelhaft, was er tun sollte, wie aus seinem mehrfach wiederholten krampfhaften Reiben an den Brillengläsern, an Nase und Schenkeln, Kopf und Gamaschen, hervorging.

Herr Perker, dem es schien, als müsse das junge Paar diesen Morgen große Eile gehabt haben, benutzte diese Symptome von Unentschlosscnheit und setzte mit juristischer Gewandtheit und Advokatenschlauheit auseinander, wie Herr Winkle senior, der Vater, von dem wichtigen Fortschritt, den sein Sohn auf seiner Lebensleiter gemacht habe, noch nichts wisse; wie die künftigen Aussichten des besagten Sohnes gänzlich davon abhingen, daß besagter Winkle senior ihn fortwährend mit unverminderten Gefühlen der Liebe und Zuneigung betrachte, was höchst unwahrscheinlich sei, wenn dieses große Ereignis lange vor ihm geheimgehalten werde. Er setzte weiter auseinander, wie Herr Pickwick, wenn er sich nach Bristol begebe, um Herrn Allen zu besuchen, ebensogut auch nach Birmingham gehen und Herrn Winkle senior aufsuchen könne; wie endlich Herr Winkle senior alles Recht und vollkommene Befugnis habe, Herrn Pickwick einigermaßen als Mentor und Ratgeber seines Sohnes zu betrachten, und wie es folglich diesem Gentleman gezieme, ja er es sogar seiner persönlichen Ehre schuldig sei, den vorbesagten Winkle senior persönlich und in mündlicher Besprechung mit dem ganzen Verhalten der Sache, sowie mit seinem eigenen Anteil bei der Verhandlung bekannt zu machen.

So standen die Unterhandlungen, als sehr zur gelegenen Zeit Herr Tupman und Herr Snodgraß erschienen, und da man ihnen alles Vorhergegangene nebst den verschiedenen Gründen für und wider auseinandersetzen mußte, so wurden sämtliche Beweisgründe wieder aufgeführt und von einem jeden auf seine Weise und nach seiner Weltanschauung dargetan. Endlich wurde Herr Pickwick geradezu aus allen seinen Entschlüssen hinausdisputiert und widerlegt. Da er nun in augenscheinlicher Gefahr schwebte, auch aus seinem Verstand hinausdisputiert und widerlegt zu werden, so nahm er Arabella in seine Arme, erklärte, sie sei ein unendlich liebenswürdiges Geschöpf; er wisse selbst nicht, wie es zugegangen, aber er habe sie vom ersten Augenblick an außerordentlich liebgewonnen: er könne es nicht übers Herz bringen, dem Glück der jungen Leute im Wege zu stehen, und sie könnten jetzt mit ihm anfangen, was sie wollten.

Als Herr Weller diese Nachgiebigkeit vernahm, war sein Erstes, daß er Job Trotter zu dem berühmten Herrn Pell schickte, mit der Aufforderung, dem Boten die förmliche Quittung zu übergeben, die sein kluger Vater in den Händen dieses gelehrten Gentlemans zu lassen die Vorschrift gehabt hatte. Sein Zweites war, daß er seinen ganzen Vorrat an barem Gelde zum Ankauf von fünfundzwanzig Gallonen schmackhaften Porters verwandte, die er in eigener Person auf dem Bauplätze an alle Interessenten austeilte. Endlich jagte er mit Hallo in verschiedenen Teilen des Hauses herum, bis er seine Stimme verloren hatte, und schließlich versank er wieder gänzlich in seine philosophische Ruhe und Sammlung.

Um drei Uhr nachmittags warf Herr Pickwick seinen letzten Blick auf sein kleines Zimmer und bahnte sich, so gut er konnte, seinen Weg durch den Haufen von Schuldnern, die sich begierig herandrängten, um ihm noch die Hand zu schütteln, bis er die Treppe erreicht hatte. Hier drehte er sich noch einmal um und sein Auge leuchtete dabei. Unter dem Gedränge all der bleichen, abgemagerten Gesichter sah er kein einziges, das er nicht durch sein wohlwollendes Mitgefühl glücklicher gemacht hätte.

»Perker«, sagte Herr Pickwick, einen jungen Mann zu sich winkend, »dies ist Herr Jingle, von dem ich Ihnen gesagt habe.«

»Sehr wohl, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, Jingle scharf ins Auge fassend. »Sie werden mich morgen wieder sehen, junger Mann. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Ihnen hoffentlich zeitlebens in Erinnerung bleiben, Sir.«

Jingle verbeugte sich ehrerbietig, zitterte sehr, als er Herrn Pickwicks dargebotene Hand ergriff, und entfernte sich.

»Den Job kennen Sie doch?« sagte Herr Pickwick, diesen Gentleman vorstellend.

»Ja, ich kenne den Spitzbuben«, erwiderte Perker lustig. »Sehen Sie nach Ihrem Freund, und seien Sie morgen um ein Uhr an Ort und Stelle. – Vergessen Sie’s nicht. – Nun, gibt es sonst noch was?«

»Nichts«, entgegnete Herr Pickwick. »Sam, du hast doch das Päckchen abgeliefert, das ich dir für deinen alten Stubenburschen gab?«

»O freilich, Sir«, erwiderte Sam. »Er hat laut aufgeheult, Sir, und sagte, es sei sehr generös von Ihnen, daß Sie auch an ihn dächten, und er wünsche nur, Sie hätten ihm die galoppierende Schwindsucht einimpfen können: denn sein alter Freund, der solange hier gelebt, sei gestorben, und jetzt könne er sich nach keinem neuen mehr umsehen.

»Der arme, arme Kerl«, sagte Herr Pickwick. »Lebt wohl, meine Freunde, Gott segne euch.«

Als Herr Pickwick diese Abschiedsworte sprach, erhob die Menge ein lautes Geschrei, und viele drängten sich vorwärts, um ihm die Hand noch einmal zu drücken. Allein er nahm Perkers Arm und eilte für den Augenblick weit betrübter und niedergeschlagener aus dem Gefängnis hinaus, als er es betreten hatte. Ach, wie viele unglückliche, trostlose Wesen hatte er dort zurückgelassen! Und wie viele davon liegen noch darin eingekäfigt!

Ein glücklicher Abend war es indessen für eine Gesellschaft im »Georg und Geier«; und leicht und fröhlich waren zwei Herzen, die am nächsten Morgen die gastliche Tür dieses Hauses verließen. Die Inhaber dieser fröhlichen Herzen aber waren Herr Pickwick und Sam Weller. Jener wurde schnell in eine behagliche Postkutsche befördert, auf deren kleinen äußeren Rücksitz sich dieser mit großer Munterkeit schwang.

»Sir«, rief Herr Weller seinem Gebieter zu.

»Was ist’s, Sam?« erwiderte Herr Pickwick, den Kopf zum Fenster hinausstreckend.

»Ich wollte nur, diese Pferde da wären Ihre guten drei Monate im Fleet gewesen, Sir.«

»Und warum, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Ei, Sir«, rief Herr Weller, sich die Hände reibend, » die würden laufen!«

Neunundvierzigstes Kapitel.


Neunundvierzigstes Kapitel.

Berichtet, wie Herr Pickwick mit Hilfe Samuel Wellers das Herz des Herrn Benjamin Allen zu erweichen und den Zorn des Herrn Robert Sawyer zu besänftigen sucht.

Herr Ben Allen und Herr Bob Sawyer saßen zusammen in ihrer kleinen Doktorstube hinter dem Laden, mit gehacktem Kalbfleisch und künftigen Aussichten beschäftigt, da das Gespräch sich sehr natürlicher Weise um die Praxis, die besagter Bob bereits hatte, und um seine gegenwärtigen Hoffnungen handelte, aus dem ehrenwerten Geschäft, dem er sich gewidmet, sich die Mittel zu einem anständigen, unabhängigen Leben zu erwerben.

»Ich meine«, bemerkte Herr Bob Sawyer, den Faden des Gespräches weiterspinnend, »ich meine, Ben, es ist immer noch zweifelhaft.«

»Was ist zweifelhaft?« fragte Herr Ben Allen, indem er seine Verstandeskräfte mit einem Schluck Bier schärfte. »Was ist zweifelhaft?«

»Nun, die Aussichten«, antwortete Herr Bob Sawyer.

»Ich hatte das ganz vergessen«, sagte Herr Ben Allen. »Das Bier hat mich daran erinnert, daß ich es vergessen hatte; ja Bob, sie sind allerdings zweifelhaft.«

»Es ist zum Bewundern, wie die Armen des Ortes mich begünstigen«, sagte Bob Sawyer nachdenklich. »Sie klopfen mich zu allen Stunden der Nacht aus dem Bette, nehmen Arzneien ein in Quantitäten, die ich für rein unmöglich gehalten hätte, lassen sich mit einer Beharrlichkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, Blasenpflaster und Blutegel setzen, und vermehren ihre Familie auf eine wahrhaft erschreckliche Weise; – sechs solche kleine Solawechselchen, Ben! alle am gleichen Tage ausgestellt und alle mir anvertraut.«

»Das ist ja höchst erfreulich«, sagte Herr Ben Allen, seinen Teller hinhaltend, um sich noch einiges gehacktes Kalbfleisch zu langen.

»Ja, gewiß«, erwiderte Bob; »aber noch erfreulicher wäre mir das Zutrauen von Patienten, die auch einige Schillinge erübrigen könnten. Ein solches Geschäft habe ich in meiner Ankündigung vor Augen gehabt, Ben. Nun habe ich zwar eine Praxis, eine sehr ausgedehnte Praxis; aber das ist auch alles.«

»Bob«, sagte Herr Ben Allen, Messer und Gabel niederlegend und seine Augen auf das Gesicht des Freundes heftend. »Bob, ich will dir etwas sagen.«

»Und das wäre?« fragte Herr Bob Sawyer.

»Du mußt dich so bald wie möglich in den Besitz von Arabellas tausend Pfund setzen.«

»Dreiprozentige konsolidierte Bank-Leibrenten, gegenwärtig auf ihren Namen in das Buch oder die Bücher des Gouverneurs und der Kompagnie der englischen Bank eingetragen«, fügte Bob Sawyer in juristischer Phraseologie hinzu.

»Ganz recht«, sagte Ben. »Diese bekommt sie, wenn sie mündig wird oder heiratet. Mündig wird sie in einem Jahr, und wenn es dir nicht ganz an Mut gebricht, so braucht sie keinen Monat mehr zu warten, um einen Mann zu haben.«

»Sie ist ein allerliebstes, entzückendes Geschöpf«, erwiderte Herr Robert Sawyer, »und hat meines Wissens nur einen einzigen Fehler. Dieser einzige Makel aber besteht unglückseligerweise im Mangel an Geschmack. Sie liebt mich nicht.«

»Meiner Ansicht nach weiß sie selbst nicht, was sie liebt«, sagte Herr Ben Allen verächtlich.

»Das mag sein«, bemerkte Herr Bob Sawyer. »Aber meiner Ansicht nach weiß sie recht gut, was sie nicht liebt, und das ist noch weit wichtiger.«

»Ich möchte nur«, entgegnete Herr Ben Allen, indem er die Zähne zusammenbiß und mehr wie ein wilder Krieger sprach, der rohes Wolfsfleisch mit den Fingern zerreißt und ißt, als wie ein friedlicher junger Gentleman, der gehacktes Kalbfleisch mit Messer und Gabel speist. – »Ich möchte nur wissen, ob irgendein Schuft wirklich Absichten auf sie hat und sich um ihre Gunst bemüht. Ich würde ihn, glaube ich, erdolchen, Bob.«

»Und ich würde ihm eine Kugel durch den Leib jagen, wenn ich ihn fände«, sagte Herr Sawyer, unterbrach sich aber gleich wieder durch einen langen Schluck Bier, wobei er giftig über den Rand des Kruges hinausschaute. »Und wenn es damit noch nicht getan wäre, so würde ich sie ihm hernach wieder herausziehen und ihn auf diese Art töten.« ‚

Herr Benjamin Allen starrte seinen Freund einige Minuten lang mit düsterem Schweigen an und sagte dann:

»Hast du ihr nie geradezu einen Antrag gemacht, Bob?«

»Nein, denn ich sah wohl ein, daß es mir nichts nützen würde«, erwiderte Herr Robert Sawyer.

»So mußt du es tun, bevor du vierundzwanzig Stunden älter bist«, entgegnete Ben mit verzweifelter Ruhe. »Sie soll dich haben, oder ich will den Grund wissen warum? – ich werde meine ganze Gewalt anwenden.«

»Gut«, sagte Herr Bob Sawyer, »wir werden sehen.«

»Wir werden allerdings sehen, mein Freund«, erwiderte Herr Ben Allen mit grimmigem Trotz. Er schwieg einige Augenblicke und fügte dann mit zornbebender Stimme hinzu: »Du hast sie schon als Kind geliebt, mein Freund – du liebtest sie, als wir noch Schulknaben waren, und schon damals war ste eigensinnig und verschmähte deine jungen Gefühle. Erinnerst du dich noch, wie du einst mit aller Inständigkeit eines verliebten Kindes in sie drangst, sie möchte doch zwei kleine Kümmelbiskuitchen und einen süßen Apfel von dir annehmen, die du ihr gar zierlich in einer aus einem Schreibheftblatt gedrehten Tüte anbotest?«

»Ich weiß es noch sehr gut«, erwiderte Herr Bob Sawyer.

»Und sie schlug es aus, nicht wahr?« sagte Ben Allen.

»Ja freilich«, versetzte Bob. »Sie sagte, ich habe die Tüte so lange in den Taschen meiner Manchesterhosen getragen, daß der Apfel ganz unangenehm warm sei.«

»Ja, so war es«, sagte Herr Ben Allen düster. »Wir aßen ihn dann zusammen, indem einer nach dem andern hineinbiß.«

Bob Sawyer gab mit einem melancholischen Stirnrunzeln zu verstehen, daß er sich des Umstandes, auf den zuletzt angespielt wurde, recht wohl entsinne; und die beiden Freunde blieben einige Zeit, jeder in seine eigenen Betrachtungen versunken.

Während diese Bemerkungen zwischen Herrn Bob Sawyer und Herrn Benjamin Allen ausgetauscht wurden und der Junge in der grauen Livree voll Verwunderung über die ungewöhnliche Ausdehnung des Mahles von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick nach der Glastür warf, von schlimmen Ahnungen ergriffen ob des Restes von gehacktem Kalbfleisch, das für seine Zähne übrigbleiben würde – rollte ganz ehrbarlich durch die Straßen von Bristol eine dunkelgrün bemalte, von einem dickköpfigen braunen Pferde gezogene Privatkutsche. Auf dieser thronte ein sauertöpfisch aussehender Kutscher, der Beinkleider wie ein Groom, im übrigen aber die gewöhnliche Uniform eines Mietskutschers trug. Solche Erscheinungen sind etwas Gewöhnliches bei manchen Fuhrwerken, die alten Damen von sparsamen Gewohnheiten angehören und die von ihnen gehalten werden. Auch saß in dem Wagen wirklich eine alte Dame, die Besitzerin und Eigentümerin desselben.

»Martin!« sagte die alte Dame, vom vorderen Fenster aus dem sauertöpfischen Manne zurufend.

»Madame?« erwiderte der Sauertöpfische, mit der Hand an seinen Hut fahrend.

»Zu Herrn Sawyer«, sagte die alte Dame.

»Ich war eben im Begriff zu halten«, versetzte der sauertöpfische Mann.

Die alte Dame nickte zufrieden über diese Umsichtigkeit des sauertöpfischen Mannes, und der Sauertöpfische gab seinem dickköpfigen Pferde einen derben Hieb, worauf sie sich alle nach Herrn Bob Sawyers Haus begaben.

»Martin!« sagte die alte Dame, als die Kutsche vor der Tür des Herrn Robert Sawyer, weiland Nockemorf, hielt.

»Madame!« erwiderte Martin.

»Sagen Sie dem Jungen, er soll herauskommen und das Pferd halten.«

»Das werde ich schon selbst besorgen«, sagte Martin, seine Peitsche auf das Kutschendach legend.

»Nein, nein«, meinte die alte Dame; »ich kann das unter keinen Umständen zugeben; Ihr Zeugnis ist von höchster Wichtigkeit, und Sie müssen durchaus mit mir ins Haus kommen. Sie dürfen während der ganzen Unterredung nicht von meiner Seite weichen. Verstehen Sie mich?«

»Ja, ich verstehe«, erwiderte Martin.

»Nun also, auf was warten Sie noch?«

»Auf nichts«, versetzte Martin.

Also sprach der sauertöpfische Mann und stieg gemächlich vom Rade herab, auf dem er sich mit den Zehenspitzen seines rechten Fußes gewiegt hatte, rief den Burschen in der grauen Livree, öffnete die Kutschentür, schlug die Tritte herunter, streckte eine in einem dunklen waschledernen Handschuh gehüllte Hand hinein und zog die alte Dame ungefähr mit derselben Manierlichkeit heraus, wie wenn sie eine Putzschachtel gewesen wäre.

»Ach du mein Gott«, rief die alte Dame, »es ist mir ganz angst und bange, seit ich hier bin, Martin, und ich zittere an allen Gliedern.«

Herr Martin hustete hinter seinem dunklen waschledernen Handschuh, drückte aber kein weiteres Mitgefühl aus, und nachdem die alte Dame sich gesammelt hatte, wackelte sie Herrn Bob Sawyers Treppe hinauf, woselbst Herr Martin nachfolgte.

Unmittelbar nachdem die alte Dame in den Laden getreten war, stürzten Herr Benjamin Allen und Herr Bob Sawyer, die inzwischen die geistigen Getränke auf die Seite geschafft und übelriechende Arzneien ausgeschüttet hatten, um den Tabaksgeruch zu dämpfen, voll Entzücken, Freundlichkeit und Zärtlichkeit herein.

»Ach meine liebe Tante«, rief Herr Ben Allen: »wie schön, daß Sie auch nach uns sehen! – Herr Sawyer, Tante! Mein Freund, Herr Bob Sawyer, von dem ich Ihnen schon gesagt habe wegen – Sie wissen schon was, Tante.«

Herr Ben Allen, der in diesem Augenblick nicht besonders nüchtern war, fügte das Wort Arabella bei, zwar nur flüsternd, wie er meinte, aber immerhin noch laut und vernehmlich genug, daß es alle Anwesenden hören mußten, wenn sie überhaupt ein Gehör hatten.

»Mein lieber Benjamin«, begann die alte Dame, die sehr kurzatmig war und am ganzen Leibe zitterte – »erschrick nur nicht, guter Junge: aber ich möchte gern Herrn Sawyer einen Augenblick allein sprechen – nur einen Augenblick.«

»Bob«, sagte Herr Ben Allen, »führe meine Tante ins Stübchen.«

»Sehr gern«, erwiderte Bob in einem sehr würdigen Ton. »Hierher, meine verehrteste Madame. Haben Sie nur keine Angst, Madame. Ich zweifle keinen Augenblick, daß wir Sie in kurzer Zeit vollkommen wiederherstellen werden. Hier, meine teuerste Madame. Jetzt schütten Sie gefälligst Ihr Herz aus.«

Das erste, was die alte Dame tat, war, daß sie sehr oft den Kopf schüttelte und dann zu schluchzen begann.

»Nervös«, sagte Bob Sawyer verbindlich. »Kampferspiritus und Wasser dreimal des Tages und einen beruhigenden Trank für die Nacht.«

»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, Herr Sawyer«, sagte die alte Dame. »Es ist so namenlos peinlich und schmerzlich.«

»Sie brauchen nicht anzufangen, Madame«, erwiderte Herr Bob Sawyer. »Ich weiß von vornherein alles, was sie sagen wollen. Ihr Leiden sitzt im Kopfe.«

»Ach nein, im Herzen«, sagte die alte Dame mit schwachem Gestöhne.

»Da ist nicht die geringste Gefahr, Madame«, erwiderte Bob Sawyer. »Der Magen ist die Hauptsache.«

»Herr Sawyer!« rief die alte Dame zusammenfahrend.

»Man kann nicht im geringsten zweifeln, Madame«, fuhr Bob mit wunderbar weiser Miene fort: »Arznei zu rechter Zeit würde alles verhütet haben, meine teuerste Madame.«

»Herr Sawyer«, sagte die alte Dame, noch aufgeregter als zuvor; »Ihr Benehmen gegen eine Frau in meiner Lage ist entweder eine große Unverschämtheit oder ein Beweis, daß Sie über den Zweck meines Besuches gänzlich im Irrtum sind. Hätte ich das, was geschehen ist, durch Arzneien oder Vorsicht verhüten können, so hätte ich es gewiß getan. Es ist übrigens am besten, ich wende mich unmittelbar an meinen Neffen«, fügte die Alte hinzu, indem sie voll Entrüstung ihren Strickbeutel herumdrehte und aufstand.

»Bleiben Sie doch noch einen Augenblick, Madame«, sagte Bob Sawyer: »ich fürchte, ich habe Sie mißverstanden, Um was handelt es sich denn, Madame?«

»Um meine Nichte, Herr Sawyer«, sagte die alte Dame – »um die Schwester Ihres Freundes.«

»Nun ja, Madame«, erwiderte Bob voll Ungeduld, denn die alte Dame sprach trotz ihrer äußersten Aufgeregtheit mit der peinigendsten Langsamkeit, wie alte Damen oft tun. »Nun ja, Madame.«

»Sie verließ mein Haus vor drei Tagen, Herr Sawyer, angeblich, um meine Schwester, eine andere Tante von ihr, zu besuchen, die unmittelbar jenseits des dritten Meilensteins die große Pension hält, dort, wo der große Bohnenbaum und das eichene Tor steht«, sagte die alte Dame und hielt inne, um ihre Augen zu trocknen.

»Der Teufel hole den Bohnenbaum, Madame«, sagte Bob, der in der Angst seine Amtswürde ganz vergaß. »Ein bißchen schneller, wenn ich bitten darf: wenden Sie ein bißchen mehr Dampf an, Madame.«

»Heute morgen«, fuhr die alte Dame langsam fort, »heute morgen ist sie –«

»Zurückgekommen, ohne Zweifel?« fiel Bob sehr aufgeregt ein: »zurückgekommen?«

»Nein, sie kam nicht – sie schrieb«, erwiderte die alte Dame.

»Und was schrieb sie?« fragte Bob voll Eifer.

»Sie schrieb, Herr Sawyer«, fuhr die Alte fort: – »und darauf bitte ich Sie, Benjamin allmählich und vorsichtig vorzubereiten – sie schrieb – sie sei – ich habe den Brief in meiner Tasche, Herr Sawyer: aber meine Brille liegt noch im Wagen, und es würde zu viel Zeit kosten, wenn ich Ihnen die betreffende Stelle ohne Brille vorlesen wollte: kurz und gut, Herr Sawyer, sie schrieb, sie sei verheiratet.«

»Was!« sagte oder schrie vielmehr Bob Sawyer.

»Verheiratet«, wiederholte die Alte.

Herr Bob Sawyer wollte nichts mehr hören: er stürzte aus dem Hinterstübchen in den äußeren Laden und rief mit Stentorstimme:

»Ben, lieber Freund, sie ist durchgegangen!«

Herr Ben Allen, der hinter dem Ladentisch eingeschlummert war und seinen Kopf etwa einen halben Fuß unter den Knien hängen hatte, vernahm nicht so bald diese Schreckensnachricht, als er urplötzlich auf Herrn Martin losstürzte, den schweigsamen Diener an seinem Halstuch faßte und die verbindliche Absicht ausdrückte, ihn auf der Stelle zu erwürgen – eine Absicht, die er auch sogleich mit einer Raschheit, wie sie oft nur die Verzweiflung zu geben vermag, und dabei mit großer Kraft und chirurgischer Geschicklichkeit auszuführen begann.

Herr Martin, ein Mann von wenig Worten und geringer Beredsamkeit oder Überzeugungsgabe, unterwarf sich dieser Operation einige Augenblicke mit einem sehr ruhigen und heitern Ausdruck in seinem Gesichte. Als er aber sah, daß diese Operation ihn schnell für alle künftigen Zeiten außerstand setzen könnte, auf Lohn, Schmerzensgeld oder sonst etwas zu warten, so murmelte er eine unverständliche Erwiderung und schlug Herrn Benjamin Allen zu Boden. Da aber dieser Gentleman die Hände in seiner Krawatte verwickelt hatte, so blieb ihm keine Wahl übrig, als ihm nachzufolgen. So kämpften sie beide noch liegend, als die Ladentür aufging und die Gesellschaft durch die Ankunft zweier höchst unerwarteten Gäste, nämlich der Herren Pickwick und Weller, vermehrt wurde.

Der erste Eindruck, den das, was er sah, auf Herrn Weller machte, war, daß Herr Martin von dem Etablissement Sawyer, weiland Nockemorf, gedungen sei, um starke Arzneien einzunehmen, Anfälle zu bekommen und Experimente mit sich anstellen zu lassen, oder auch um dann und wann ein Gift zu verschlucken, damit die Wirksamkeit einiger neuen Gegengifte sich erproben ließe, oder sonst etwas zu tun, was die große Wissenschaft »Medizin« befördern und den glühenden Wissensdurst befriedigen könnte, der in der Brust ihrer beiden jungen Anhänger brannte. Er machte daher keinen Versuch, sich ins Mittel zu legen, sondern blieb ruhig, gelassen und sah zu, als ob er auf das Ergebnis des schwebenden Experiments äußerst begierig wäre. Nicht so Herr Pickwick. Er warf sich sogleich mit seiner gewohnten Energie auf die Kämpfer und ermunterte die Umstehenden laut, die Feinde zu trennen.

Sein Geschrei brachte Herrn Bob Sawyer zur Besinnung, der bisher durch den Wahnsinn seines Freundes wie gelähmt dagestanden hatte; und mit Hilfe dieses Gentlemans brachte Herr Pickwick Ben Allen wieder auf die Beine. Herr Martin, der sich nun allein auf dem Boden sah, stand ebenfalls auf und blickte wild um sich.

»Herr Allen«, sagte Herr Pickwick, »was gibt es denn hier?«

»Das geht Sie nichts an, Sir«, erwiderte Herr Allen mit hochmütigem Trotz.

»Was ist denn los?« fragte Herr Pickwick, sich gegen Bob Sawyer wendend? »ist er unwohl?«

Ehe jedoch Bob antworten konnte, ergriff Herr Ben Allen Herrn Pickwick bei der Hand und murmelte in demütigem Tone:

»Meine Schwester, lieber Herr Pickwick, meine Schwester!«

»O, ist das alles?« fragte Herr Pickwick. »Diese Sache werden wir hoffentlich bald ins reine bringen. Ihre Schwester ist wohl und gesund und ich bin hier, mein teurer Sir, um –«

»Es tut mir leid, etwas zu tun, was so äußerst angenehme Verhandlungen unterbrechen kann, wie der König sagte, als er das Parlament auflöste«, fiel Herr Weller ein, der durch die Glastür geschaut hatte; »aber es ist noch ein anderes Experiment zu machen, Sir. Da liegt eine ehrwürdige alte Dame auf dem Teppich und wartet auf Sektion oder Galvanisierung oder sonst eine andere wiederbelebende und wissenschaftliche Erfindung.«

»Ach, das habe ich ganz vergessen«, rief Herr Ben Allen. »Es ist meine Tante.«

»Um Gottes willen«, sagte Herr Pickwick, »Die arme Dame! Nur sachte, Sam, sachte,«

»Eine sonderbare Lage für jemand aus der Familie«, bemerkte Sam Weller, indem er die Tante auf einen Stuhl hob. »Heda, Meister Knochensäger, das Riechfläschchen her!«

Diese Aufforderung war an den Burschen in der grauen Livree gerichtet, der das Fuhrwerk der Fürsorge eines Straßenaufsehers überlassen hatte und herbeigeeilt war, um zu sehen, was der Lärm bedeute. Durch die Bemühungen dieses Burschen nun, sowie des Herrn Bob Sawyer und des Herrn Benjamin Allen (der, nachdem er seine Tante in eine Ohnmacht geschreckt hatte, voll Zärtlichkeit und Eifer geschäftig war, sie wieder herzustellen), wurde die alte Dame endlich wieder zum Bewußtsein gebracht. Nun wandte sich Herr Ben Allen mit verstörtem Geiste an Herrn Pickwick und fragte ihn, was er habe sagen wollen, als er auf eine so beunruhigende Weise unterbrochen worden sei.

»Wir sind doch lauter gute Freunde hier?« sagte Herr Pickwick, sich räuspernd und nach dem wortkargen Mann mit dem sauertöpfischen Gesicht blickend, dem die Kutsche mit dem dickköpfigen Pferde angehörte.

Das erinnerte Herrn Bob Sawyer, daß der Bursche in der grauen Livree mit weit geöffneten Augen und gierigen Ohren zuschaute. Nachdem daher dieser angehende Chemiker an seinem Rockkragen in die Höhe gehoben und zur Tür hinausbefördert war, versicherte Bob Sawyer Herrn Pickwick, er könne jetzt ohne Rückhalt sprechen.

»Ihre Schwester, mein teurer Sir«, begann Herr Pickwick, sich gegen Benjamin Allen wendend, »befindet sich in London und ist wohl und glücklich.«

»Ich habe nichts mit ihrem Glück zu schaffen, Sir«, sagte Herr Benjamin Allen mit einer raschen Bewegung der Hand.

»Ich aber habe mit ihrem Gemahl zu schaffen, Sir«, sagte Bob Sawyer. »Ich will auf zwölf Schritte mit ihm zu schaffen haben, Sir, und will ihn gehörig verarbeiten, diesen niederträchtigen Schurken!«

Das war nun eine sehr runde, großherzige Erklärung; Herr Bob Sawyer aber schwächte ihre Wirkung dadurch, daß er einige Gemeinplätze, das Schädelzerklopfen und Augenausschlagen betreffend, mit einflocht.

»Nur sachte, Sir«, sagte Herr Pickwick: »bevor Sie auf den fraglichen Gentleman solche Beiwörter anwenden. Erwägen Sie einmal leidenschaftslos den Umfang seiner Schuld, und bedenken Sie vor allem, daß er ein Freund von mir ist.«

»Was?« sagte Herr Bob Sawyer.

»Wie heißt er? Wer ist er?« rief Ben Allen.

»Herr Nathaniel Winkle«, erklärte Herr Pickwick mit Festigkeit.

Herr Benjamin Allen zertrat ganz bedächtig seine Brille mit dem Absatz seines Stiefels, und nachdem er die Stücke aufgelesen und in drei verschiedene Taschen gesteckt hatte, legte er die Arme übereinander, biß sich in die Lippen und blickte mit drohender Gebärde in das sanfte Gesicht des Herrn Pickwick.

»Dann haben also Sie, Sir, und niemand anders als Sie, diese Verbindung ermutigt und zustande gebracht?« fragte Herr Benjamin Allen endlich.

»Und dann ist es«, fiel die alte Dame ein, »vermutlich der Diener dieses Gentleman gewesen, der um mein Haus herumschlich und meine Dienerschaft zu einer Verschwörung gegen mich zu verleiten suchte. Martin!«

»Madame?« sagte der sauertöpfische Mann vortretend.

»Ist das der junge Mann, den Sie in der Gasse sahen und von dem Sie mir heute früh erzählten?«

Herr Martin, der, wie es sich bereits herausgestellt hat, ein kurz angebundener, wortkarger Mann war, sah Sam Weller an, nickte mit dem Kopfe und brummte:

»Ja, der ist’s.«

Herr Weller, der keineswegs stolz war, lächelte zum Zeichen freundlichen Wiedererkennens, als seine Augen denen des griesgrämigen Groom begegneten, und gestand in höflichen Ausdrücken, daß er ihn schon von früher kenne.

»Und diesen treuen Menschen«, rief Herr Ben Allen, »hätte ich beinahe erwürgt! Herr Pickwick, wie konnten Sie es wagen, Ihrem Kerl zu erlauben, daß er sich bei der Entführung meiner Schwester gebrauchen ließ? Ich verlange eine Erklärung von Ihnen, Sir.«

»Erklären Sie sich, Sir«, schrie Bob Sawyer trotzig.

»Es ist eine Verschwörung«, sagte Ben Allen.

»Ein hinterlistiger, niederträchtiger Betrug«, fügte Bob Sawyer hinzu.

»Eine schändliche Büberei«, bemerkte die alte Dame.

»Ein echtes Schurkenstück«, meinte Martin.

»Bitte, hören Sie mich doch an«, bat Herr Pickwick, als Herr Ben Allen auf den Stuhl sank, wo er seinen Patienten zur Ader zu lassen pflegte, und seine Zuflucht zu seinem Taschentuche nahm. »Ich war bei der Sache durchaus unbeteiligt, außer daß ich einer Zusammenkunft der beiden jungen Leute beiwohnte. Ich konnte deren Liebe nun einmal nicht verhindern, und zwar tat ich dies in der Überzeugung, daß meine Anwesenheit auch den geringsten Schein von Unschicklichkeit, den die Sache sonst gehabt hätte, verbannen müsse. Weiter habe ich die Hand nicht im Spiele gehabt. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, daß eine so schnelle Verbindung beabsichtigt werde. Im übrigen will ich nicht sagen, daß ich sie verhindert haben würde, wenn ich etwas davon gewußt hätte.«

»Sie hören es alle? Sie hören es?« sagte Herr Benjamin Allen.

»Hoffentlich«, bemerkte Herr Pickwick sanft, indem er um sich blickte, »und«, fügte er hinzu, indem ihm die Röte ins Gesicht stieg, »Sie hören hoffentlich auch das, Sir, daß ich Ihnen, nach allen eingezogenen Erkundigungen, versichern muß, wie Sie keineswegs berechtigt waren, den Neigungen ihrer Schwester einen Zwang anzutun. Sie hätten sich vielmehr bestreben sollen, ihr durch freundliches, zärtliches Benehmen alle andern näheren Verwandten zu ersetzen, deren sie von Kindheit auf keine gekannt hat. Was meinen jungen Freund betrifft, so erlaube ich mir hinzuzusetzen, daß er in Beziehung auf Glücksgüter und äußere Verhältnisse zum mindesten auf gleichem Fuße mit Ihnen steht, wo nicht auf einem weit besseren. Im übrigen werde ich nicht mehr über die Angelegenheit reden, wenn sie nicht mit geziemender Mäßigung und dem gebührenden Anstand verhandelt wird.

»Ich möchte auch noch einige wenige Bemerkungen zu dem machen, was von dem ehrenwerten Herrn Vorredner gesagt worden ist«, begann Herr Weller, vortretend, »nämlich das: ein Individuum in der Gesellschaft hat mich einen Kerl genannt.«

»Das hat durchaus nichts mit der Sache zu schaffen, Sam«, unterbrach ihn Herr Pickwick. »Sei so gut und schweig.«

»Ich will auch gar nichts über die Sache sagen, Sir«, erwiderte Sam, »als bloß dieses. Vielleicht denkt der Gentleman, es sei eine frühere Zuneigung vorhanden gewesen; aber das ist durchaus nicht der Fall; denn die junge Dame sagte gleich im Anfang der Bekanntschaft, daß sie ihn nicht ausstehen könne. Es hat ihn also niemand ausgestochen; und es wäre ganz der gleiche Fall für ihn gewesen, wenn die junge Dame den Herrn Winkle nie gesehen hätte. Das habe ich nur sagen wollen, Sir, und ich hoffe, das Gemüt des Gentlemans wird sich jetzt beruhigen.«

Auf diese trostreichen Bemerkungen des Herrn Weller folgte eine kurze Pause. Dann sprang Herr Ben Allen von seinem Stuhle auf und beteuerte, Arabella dürfe ihm nie wieder vor die Augen treten, während Herr Bob Sawyer, trotz Sams schmeichelhafter Versicherung, dem glücklichen Bräutigam schreckliche Rache gelobte.

Doch gerade in dem Augenblick, als die Sache das feindseligste Ansehen gewann und zu behalten drohte, fand Herr Pickwick einen mächtigen Beistand an der alten Dame, der die Art, wie er die Sache ihrer Nichte verfochten hatte, offenbar sehr gefiel, und die es daher wagte, Herrn Benjamin Allen einige tröstende Bemerkungen vorzuhalten: es sei doch vielleicht gut, daß es nicht noch schlimmer gekommen wäre. Beim Lichte betrachtet, stünden die Sachen doch nicht so gar schlimm: zu geschehenen Dingen müsse man das beste reden, und was man nicht abändern könne, darein müsse man sich in Geduld fügen. Dann fuhr die Tante noch eine ganze Weile in gleichen erbaulichen Betrachtungen fort. Herr Benjamin Allen erwiderte bloß, er habe allen möglichen Respekt vor seiner Tante und vor jedermann; dies ändere aber an der Sache nichts; man müsse ihm erlauben, seinem eigenen Kopf zu folgen, und er werde sich das Vergnügen nehmen, seine Schwester bis zu ihrem Tode und noch nach demselben zu hassen.

Endlich, nachdem er diesen Entschluß einhalbhundertmal angekündigt hatte, brauste die alte Dame auf einmal auf, blickte höchst majestätisch um sich und verlangte zu wissen, was sie getan habe, um so wenig Ehrerbietung für ihre Jahre und Verhältnisse zu verdienen und diese Sprache gegen ihren eigenen Neffen führen zu müssen, dessen sie seit den fünfundzwanzig Jahren seiner Geburt stets eingedenk gewesen sei, den sie gekannt habe, noch ehe er einen Zahn im Munde gehabt; nicht zu gedenken ihrer Anwesenheit, als man ihm zum erstenmal das Haar geschnitten, und ihrer Mitwirkung bei vielen andern Vorgängen und Feierlichkeiten während seiner Kindheit; lauter Dinge, die wichtig genug seien, um ihre Ansprüche auf seine Liebe, seinen Gehorsam und sein Mitgefühl auf immer zu begründen.

Während die gute Dame solchergestalt Herrn Ben Allen den Text las, hatten sich Herr Bob Sawyer und Herr Pickwick in eifriger Unterhaltung nach dem Hinterstübchen zurückgezogen, wo man den ersteren zu wiederholten Malen eine schwarze Flasche ansetzen sah, unter deren Einfluß seine Züge allgemach einen vergnügten und sogar heiteren Ausdruck gewannen. Endlich trat er sogar mit der Flasche in der Hand aus der Stube, erklärte, es tue ihm sehr leid, sagen zu müssen, daß er ein Narr gewesen sei, trank die Gesundheit und das Wohlergehen des Herrn und der Frau Winkle und sagte, daß er sie nicht nur nicht um ihr Glück beneide, sondern auch der erste sein wolle, der ihnen dazu gratuliere. Als Herr Ben Allen das hörte, sprang er von seinem Stuhle auf, ergriff die schwarze Flasche und trank gleichfalls auf die ausgebrachte Gesundheit so herzlich, daß er von dem starken Likör beinahe ebenso schwarz im Gesicht wurde wie die Flasche selbst. Endlich machte die schwarze Flasche die Runde, bis sie leer war, und da gab es denn ein Händeschütteln und einen Komplimentenaustausch, daß sogar Herr Martin mit dem metallenen Gesichte sich herabließ, zu lächeln.

»Und jetzt«, sagte Bob Sawyer, sich die Hände reibend, »jetzt wollen wir eine lustige Nacht haben.«

»Es tut mir leid«, sagte Herr Pickwick, »daß ich in meinen Gasthof zurückkehren muß. Ich bin seit längerer Zeit an keine Strapazen mehr gewöhnt, und die Reise hat mich gewaltig angegriffen.«

»Aber eine Tasse Tee werden Sie doch annehmen, Herr Pickwick?« sagte die alte Dame mit unwiderstehlicher Freundlichkeit.

»Danke sehr, ich kann wirklich nicht«, erwiderte der Gentleman,

Und in der Tat war die sichtbarlich zunehmende Zuvorkommenheit der alten Dame für Herrn Pickwick ein Hauptgrund, zu gehen. Er dachte an Frau Bardell, und jeder Strahl aus den Augen der Alten ließ ihn in kalten Schweiß geraten.

Da Herr Pickwick unter keinen Umständen zu bewegen war, zu bleiben, so wurde auf seinen eigenen Antrag beschlossen, Herr Benjamin Allen solle ihn auf seiner Reise zu dem älteren Herrn Winkle begleiten und die Kutsche am nächsten Morgen um neun Uhr vor der Tür stehen. Er nahm also Abschied und ging mit Samuel Weller nach dem Busch zurück. Es verdient bemerkt zu werden, daß Herrn Martins Gesicht sich schrecklich und eigentlich krampfhaft verzog, als er beim Abschied Sam die Hand schüttelte, und daß er sich dabei eines Lächelns und zugleich eines Fluches nicht enthalten konnte. Daraus zogen die, die mit den Eigenheiten des Herrn Martin am besten bekannt waren, den Schluß, er habe hierdurch seine große Freude über Herrn Wellers Gesellschaft ausdrücken wollen und bitte um die Ehre seiner ferneren Bekanntschaft.

»Soll ich ein besonderes Zimmer bestellen, Sir?« fragte Sam, als sie den Busch erreichten.

»Nein«, erwiderte Herr Pickwick; »da ich im Kaffeezimmer zu Mittag gespeist habe und bald zu Bett gehen werde, so ist es kaum der Mühe wert. Sieh einmal nach, wer im Gastzimmer ist.«

Herr Weller ging diesen Auftrag auszurichten und kam bald mit der Nachricht zurück, daß niemand da wäre, als ein einäugiger Gentleman und der Wirt, die miteinander eine Bowle Bischof19 tränken.

»Ich will mich zu ihnen setzen«, sagte Herr Pickwick.

»’s ist ein sonderbarer Kauz, dieser Einäugige«, bemerkte Herr Weller, als er ihm den Weg zeigte. »Er lügt den Wirt dermaßen an, Sir, daß er nimmer recht weiß, ob er auf den Sohlen seiner Stiefel oder auf der Krone seines Hutes steht.«

Das Individuum, dem diese Bemerkung galt, saß am oberen Ende des Zimmers, als Herr Pickwick, eintrat, und rauchte aus einer großen holländischen Pfeife; sein Auge hatte er fest auf das runde Gesicht des Wirts, eines lustigen alten Burschen, geheftet, dem er weben eine wunderbare Geschichte erzählt hatte, wie aus den verschiedenen abgebrochenen Ausrufungen desselben: »Ei, ei, wer hätte das geglaubt.« – »Die merkwürdigste Sache, die ich je gehört habe!« – »Nein, nicht möglich!« und andern Ausdrücken des Erstaunens hervorging, die unaufhörlich von seinen Lippen flossen, wenn er dem einäugigen Mann sein starres Anschauen zurückgab.

»Ihr Diener, Sir«, sagte der Einäugige zu Herrn Pickwick. »Ein schöner Abend, Sir.«

»Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick, als der Kellner eine kleine Flasche Branntwein nebst einigem heißen Wasser vor ihm aufpflanzte.

Während Herr Pickwick seinen Branntwein mit Wasser mischte, blickte der Einäugige von Zeit zu Zeit ernsthaft um sich und sagte endlich:

»Ich glaube. Sie schon irgendwo gesehen zu haben.«

»Ich erinnere mich nicht«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sehr möglich«, sagte der Einäugige. »Sie kannten mich nicht, aber ich kannte zwei Freunde von Ihnen, die sich zur Zeit der Wahl im Pfauen zu Eatanswill aufgehalten haben.«

»Ah, wirklich?« rief Herr Pickwick.

»Ja«, erwiderte der Einäugige. »Ich erzählte ihnen eine kleine Geschichte von einem meiner Freunde, namens Tom Smart. Vielleicht hat man zu Ihnen davon wieder gesprochen?«

»O ja, oft«, erwiderte Herr Pickwick lächelnd. »Er war Ihr Onkel, wenn ich nicht irre.«

»Nein, nein – nur ein Freund meines Onkels«, versetzte der Einäugige.

»Das war ein wunderbarer Mann, Ihr Onkel«, bemerkte der Wirt, den Kopf schüttelnd.

»Allerdings, man darf es wohl sagen«, antwortete der Einäugige. »Ich könnte Ihnen von demselben Onkel eine Geschichte erzählen, meine Herren, worüber Sie gewiß staunen würden.«

»Nun, so lassen Sie hören«, sagte Herr Pickwick.

Der einäugige Hausierer schöpfte sich ein Glas voll aus der Bowle, trank es, tat einen langen Zug aus der holländischen Pfeife und rief Sam Weller, der an der Tür zögerte, zu, er brauche sich nicht zu entfernen, wenn man es nicht von ihm verlange: denn die Geschichte sei kein Geheimnis. Sofort heftete er sein Auge auf den Wirt und erzählte, was das nächste Kapitel vermelden wird.

  1. Ein Getränk aus Rotwein, Zucker und Apfelsinenschalen.