Siebenundfünfzigstes Kapitel


Siebenundfünfzigstes Kapitel

Eine wichtige Beratung findet statt zwischen Herrn Pickwick und Samuel Weller, wobei sein Vater zugegen ist. – Ein alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern tritt unerwartet auf.

Herr Pickwick saß allein auf seinem Zimmer und sann über mancherlei Dinge, besonders aber darüber nach, wie er am besten für das junge Paar sorgen könne, dessen gegenwärtige unsichere Lage für ihn ein Gegenstand ständiger Sorge und Unruhe war, als Marie schnell hereintrippelte, bis an den Tisch vorlief und hastig sagte:

»Ach, Sir, erlauben Sie, Samuel ist unten und fragt, ob er Sie mit seinem Vater besuchen dürfe.«

»Ja, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick.

»Danke Ihnen, Sir«, sagte Marie wieder auf die Tür zutrippelnd.

»Ist Sam schon lange hier?« fragte Herr Pickwick.

»Ach nein, Sir«, erwiderte Marie eifrig. »Er ist soeben erst nach Hause gekommen. Er sagt, er werde Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten, Sir.«

Marie mochte selbst gefühlt haben, daß sie diese letzte Mitteilung mit mehr Wärme gemacht hatte, als eben notwendig war, oder hatte sie vielleicht das gutmütige Lächeln bemerkt, womit Herr Pickwick sie ansah, als sie mit ihrem Vortrag zu Ende war. Soviel ist gewiß, sie ließ den Kopf sinken und betrachtete den Zipfel ihrer sehr artigen kleinen Schürze mit weit mehr Aufmerksamkeit, als unumgänglich erforderlich schien.

»Sagen Sie ihnen, sie können immerzu sogleich heraufkommen«, sagte Herr Pickwick.

Marie, der es offenbar viel leichter ums Herz war, eilte mit ihrer Botschaft fort.

Herr Pickwick ging zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, und schien, indem er sich mit der linken Hand das Kinn rieb, wie er gerne zu tun pflegte, in Gedanken verloren zu sein.

»Ja, ja«, sagte Herr Pickwick endlich in einem freundlichen, aber etwas wehmütigen Ton, »das ist die beste Art, wie ich ihn für seine Anhänglichkeit und Treue belohnen kann: so sei es denn in Gottes Namen. Es ist nun einmal das Los eines alten einsamen Mannes, daß seine Umgebungen neue und andere Verbindungen anknüpfen und ihn verlassen. Ich habe kein Recht, zu erwarten, daß es mit mir anders sein sollte. Nein, nein«, fügte er ein wenig heiterer hinzu, »es wäre selbstsüchtig und undankbar von mir. Ich muß mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, ihn so gut zu versorgen, und ich freue mich auch wirklich.«

Herr Pickwick war dermaßen in diese Betrachtungen versunken, daß das Klopfen an seine Tür drei- oder viermal wiederholt werden mußte, bevor er es hörte. Er setzte sich schnell, raffte sich zu seinem gewöhnlichen freundlichen Blick wieder auf, gab die gewünschte Erlaubnis, und Sam Weller trat in Begleitung seines Vaters herein.

»Freut mich, dich wiederzusehen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Wie geht es Ihnen, Herr Weller?«

»Recht gut, danke Ihnen, Sir«, erwiderte der Witwer? »und Sie sind hoffentlich auch wohl, Sir?«

»O ja, ich danke Ihnen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Ich möchte gern ein paar Wörtchen mit Ihnen sprechen, Sir, wenn Sie etwa fünf Minuten für mich erübrigen könnten«, sagte Herr Weller.

»Ei, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick. »Sam gib deinem Vater einen Stuhl.«

»Dank dir, Samuel: habe schon einen«, sagte Herr Weller, einen Sessel holend. »Ein außerordentlich schöner Tag heute«, setzte der alte Herr hinzu, indem er seinen Hut auf den Boden legte, während er sich setzte.

»Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr angenehm.«

»Das angenehmste Wetter, das ich je gesehen habe, Sir«, versetzte Herr Weller.

Hier wurde der alte Herr von einem heftigen Husten befallen, und als dieser vorüber war, nickte er mit dem Kopfe, winkte und nickte bittend seinem Sohn zu, der aber hartnäckig darauf nicht reagierte.

Als Herr Pickwick die Verlegenheit des alten Herrn bemerkte, stellte er sich, als wäre er beschäftigt, ein neben ihm befindliches Buch aufzuschneiden, und wartete geduldig, bis Herr Weller mit dem Zweck seines Besuches herausrücken würde.

»Einen so gottlosen Buben, wie du bist, habe ich Tag meines Lebens nicht gesehen, Samuel«, sagte Herr Weller endlich mit einem unwilligen Blick auf seinen Sohn.

»Was tut er denn, Herr Weller?« fragte Herr Pickwick.

»Er will nicht anfangen, Sir«, erwiderte Herr Weller, »und weiß doch, daß ich mich nicht ausdrücken kann, wenn etwas Besonderes zu sagen ist: und da steht er nun und sieht mich da sitzen und Ihnen Ihre kostbare Zeit wegnehmen, macht mich zur komischen Figur, daß ich mich schämen muß, und kommt mir mit keiner Silbe zur Hilfe. Das ist kein kindliches Benehmen, Samuel«, fuhr Herr Weller fort, indem er sich die Stirn abwischte: »nein, das ist es gar nicht.«

»Ihr habt ja gesagt, Ihr wolltet selber sprechen«, erwiderte Sam: »wie konnte ich wissen, daß Ihr schon fertig sein würdet, noch ehe Ihr angefangen?«

»Du hättest es wohl sehen können, daß ich steckenblieb«, entgegnete sein Vater: »ich bin auf den falschen Weg gekommen und in Gräben und alle möglichen Lumpereien hineingeraten, und du streckst keine Hand aus, um mir zu helfen. Ich schäme mich deiner, Samuel.«

»Die Sache ist die, Sir«, sagte Sam mit einer leichten Verbeugung: »mein Vater hat sein Geld an sich gezogen.«

»Sehr gut, Samuel, sehr gut«, sagte Herr Weller, zufrieden mit dem Kopfe nickend: »ich habe es nicht so bös gemeint, Sammy. Sehr gut. So muß man anfangen: dann kommt man auf einmal ans Ziel. Sehr gut, in der Tat, Samuel.«

Herr Weller nickte im Übermaß seiner Befriedigung außerordentlich oft mit dem Kopfe und wartete voll Spannung, wie Sam seinen Bericht fortsetzen würde.

»Setz dich doch, Sam«, sagte Herr Pickwick, der fürchtete, die Zusammenkunft möchte leicht länger werden, als er erwartet hatte.

Sam verbeugte sich abermals und setzte sich: sein Vater blickte sich stolz um und der Sohn fuhr fort:

»Der Alte hat fünfhundertunddreißig Pfund an sich gezogen, Sir.«

»Reduzierte Konsols«, fiel Herr Weller senior in leiserem Tone ein.

»Daran liegt nicht viel, ob es reduzierte Konsols sind oder nicht«, sagte Sam: »funfhundertunddreißig Pfund ist die Summe, nicht wahr?«

»Ganz richtig, Samuel«, erwiderte Herr Weller.

»Zu dieser Summe kommt noch einiges für das Haus und das Geschäft –«

»Mietzins, Vergütung, Kapital, Niet- und Nagelfestes«, mischte sich Herr Weller ein.

»– So daß die ganze Summe elfhunderdundachtzig Pfund beträgt«, fuhr Sam fort.

»Wirklich?« sagte Herr Pickwick. »Das freut mich: ich gratuliere Ihnen, Herr Weller, daß Sie soviel zusammengebracht haben.«

»Warten Sie noch eine Minute, Sir«, sagte Herr Weller und hob bittend die Hand. »Fahre fort, Samuel!«

»Dies Geld da«, sagte Sam mit einigem Zögern, »dies Geld da möchte er nun irgendwo unterbringen, wo er es sicher weiß, und ich wünsche es auch sehr, denn wenn er es behält, so wird er es entweder ausleihen oder in Pferde stecken, oder seine Brieftasche irgend einmal verlieren, oder auf die eine oder andere Art sich selbst zu einer ägyptischen Mumie machen.«

»Sehr gut, Samuel«, bemerkte Herr Weller in so wohlgefälligem Tone, als ob Sam die höchsten Lobsprüche auf seine Klugheit und Vorsicht erhoben hätte. »Sehr gut.

»Aus diesen Gründen nun«, fuhr San» fort, heftig am Rande seines Hutes zupfend, »aus diesen Gründen nun hat er heute sein Geld an sich gezogen und ist mit mir hierher gekommen, um zu sagen, – um wenigstens anzubieten, oder mit andern Worten, um –«

»Und das zu sagen«, fiel der alte Herr Weller ungeduldig ein, »daß ich da« Geld nicht brauchen kann. Ich habe im Sinn, wieder eine regelmäßige Postkutsche zu führen und weiß keinen Ort, wo ich es aufbewahren soll, außer ich wollte den Schaffner dafür bezahlen, daß er acht darauf gibt, oder es in eine Kutschentasche stecken, was für die Passagiere drinnen eine große Versuchung sein würde. Wenn Sie es mir aufbewahren wollten, Sir, so würde ich Ihnen gar sehr verbunden sein. Vielleicht«, setzte Herr Weller bei, indem er Herrn Pickwick näher trat und ihm ins Ohr flüsterte, »vielleicht könnte es Ihnen ein bißchen dienen, wegen Ihrer Prozeßkosten. Ich will nur, daß Sie es solange behalten, bis ich es Ihnen wieder abfordere.«

Mit diesen Worten legte Herr Weller die Brieftasche in Herrn Pickwicks Hände, ergriff seinen Hut und rannte mit einer Geschwindigkeit zum Zimmer hinaus, die man von einem so wohlbeleibten Manne kaum hätte erwarten sollen.

»Halt ihn, Sam!« rief Herr Pickwick eifrig. »Spring ihm nach und bring ihn augenblicklich zurück. Herr Weller – aber bitte! – Kommen Sie zurück!«

Sam sah ein, daß den Befehlen seines Herrn der Gehorsam nicht verweigert werden durfte: er ergriff daher seinen Vater am Arm, als dieser die Treppe hinab wollte und schleppte ihn mit Gewalt zurück.

»Mein lieber Freund«, sagte Herr Pickwick, den alten Herrn bei der Hand fassend, »Ihr ehrliches Vertrauen rührt mich.«

»Ich sehe ganz und gar keinen Grund dazu, Sir«, erwiderte Herr Weller hartnäckig.

»Ich versichere Sie, mein lieber Freund, ich habe mehr Geld, als ich jemals bedarf, weit mehr, als ein Mann in meinem Alter je noch verbrauchen kann«, sagte Herr Pickwick.

»Niemand weiß, wieviel er brauchen kann, bis er es probiert hat«, bemerkte Herr Weller.

»Mag sein«, erwiderte Herr Pickwick. »Da ich aber durchaus keine Lust habe, solche Experimente anzustellen, so werde ich wahrscheinlich nicht leicht in Not kommen. Ich muß Sie daher bitten, Ihre Wechsel zurückzunehmen, Herr Weller.«

»Schon gut«, sagte Herr Weller mit sehr unzufriedenem Blick. »Doch merk‘, was ich dir sage, Sammy: ich werde mit diesem Gelde da etwas Verzweifeltes anfangen, etwas ganz Verzweifeltes!«

»Laßt das lieber bleiben«, erwiderte Sam.

Herr Weller besann sich einige Zeit, knöpfte dann mit großer Entschiedenheit seinen Rock auf und sagte:

»Ich will einen Schlagbaum pachten23«

»Was?« rief Sam.

»Einen Schlagbaum«, murmelte Herr Weller durch seine Zähne; »ich will Schlagbaumwärter werden. Nimm Abschied von deinem Vater, Samuel: ich widme den Rest meiner Tage einem Schlagbaum.«

Diese Drohung war so schrecklich, und Herr Weller schien so fest entschlossen, sie auszuführen, und durch Herrn Pickwicks Weigerung dermaßen gekränkt zu sein, daß dieser Herr nach kurzem Bedenken sagte:

»Nun gut, Herr Weller, ich will das Geld annehmen. Ich kann vielleicht mehr Gutes damit tun als Sie.«

»Eben das meine ich auch«, rief Herr Weller aufstrahlend: »Sie können es freilich, Sir.«

»Sprechen Sie nicht mehr davon«, sagte Herr Pickwick, die Brieftasche in sein Pult verschließend: »ich bin Ihnen herzlich verbunden, mein lieber Freund. Jetzt aber setzen Sie sich wieder, ich möchte Sie um Ihren Rat fragen.«

Das durch den großartigen Erfolg seines Besuches herbeigeführte innere Lachen, das nicht nur Herrn Wellers Gesicht, sondern auch seine Arme, Beine und seinen ganzen Leib erschüttert hatte, während seine Brieftasche eingeschlossen wurde, wich plötzlich der würdevollsten Gravität, als er diese Worte hörte.

»Sam, warte draußen ein paar Minuten«, sagte Herr Pickwick.

Sam zog sich sogleich zurück.

Herr Weller blickte ungemein weise und äußerst verwundert drein, als Herr Pickwick das Gespräch mit den Worten eröffnete:

»Sie sind, glaube ich, kein Verteidiger des Ehestandes?«

Herr Weller schüttelte den Kopf. Er war schlechterdings nicht imstande zu sprechen, denn unbestimmte Gedanken, es möchte irgendeine ruchlose Witwe mit ihren Plänen bei Herr Pickwick Erfolg gehabt haben, lähmten seine Zunge.

»Haben Sie vielleicht zufällig ein junges Mädchen unten gesehen, als Sie mit Ihrem Sohne kamen?«

»Ja – ich sah ein junges Ding«, erwiderte Herr Weller kurz.

»Was halten Sie von ihr? Aufrichtig gesprochen, Herr Weller, wie gefiel sie Ihnen?«

»Sie ist sehr stattlich und gut gebaut«, sagte Herr Weller mit kritischer Miene.

»Ja, das ist sie«, sagte Herr Pickwick: »ein recht hübsches Mädchen. Und wie hat Ihnen ihr Benehmen gefallen, soviel Sie von ihr gesehen haben?«

»Sie ist sehr angenehm«, erwiderte Herr Weller, »sehr angenehm und konform.«

Die eigentliche Bedeutung, die Herr Weller an diese letzte Bezeichnung knüpfte, war nicht so ganz klar; doch ging aus seinem Tone hervor, daß es ein günstiger Ausdruck war, und Herr Pickwick war daher ebenso damit zufrieden, als wenn er eine vollkommen klare Antwort erhalten hätte.

»Ich interessiere mich sehr für sie, Herr Weller«, sagte Herr Pickwick.

Herr Weller hustete.

»Das heißt«, fuhr Herr Pickwick fort, »ich interessiere mich insofern für sie, daß ich wünsche, es möchte ihr recht gut und glücklich ergehen. Sie verstehen mich?«

»Vollkommen«, erwiderte Herr Weller, der aber noch nicht das mindeste verstand.

»Diese junge Person«, sagte Herr Pickwick, »ist in Ihren Sohn verliebt.«

»In Samuel Weller?« rief der Vater.

»Ja«, sagte Herr Pickwick.

»Es ist natürlich«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken: »es ist natürlich, aber doch beunruhigend. Sammy soll sich nur in acht nehmen.«

»Wieso?« fragte Herr Pickwick.

»Ja er muß sich in acht nehmen, daß er nichts zu ihr sagt«, anwortete Herr Weller. »Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er sich nicht in einem unschuldigen Augenblick verleiten läßt, etwas zu sagen, das zu einer Klage wegen Eheversprechens führen könnte. Man ist bei den Frauenzimmern niemals sicher, Herr Pickwick. Wenn sie einmal Absichten auf einen haben, so halten sie einen fest, ehe man daran denkt. So habe ich mich selbst das erstemal verheiratet, Sir, und Sammy war die Folge von dem Fehltritt.«

»Sie ermutigen mich nicht sehr bei dem, was ich sagen will«, bemerkte Herr Pickwick; »doch muß es einmal sein. Diese junge Person ist nicht nur in Ihren Sohn verliebt, Herr Weller, sondern Ihr Sohn ist auch in sie verliebt.«

»Schön«, sagte Herr Weller, »das sind ja saubere Sachen für eines Vaters Ohren.«

»Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne von Herrn Wellers letzter Bemerkung weitere Notiz zu nehmen, »und ich hege nicht den mindesten Zweifel darüber. Wenn ich ihnen nun für irgendein kleines Geschäft oder eine Stellung sorgen wollte, wo sie anständig miteinander leben könnten, was würden Sie dazu sagen, Herr Weller?«

Im Anfang nahm Herr Weller mit allerhand Hin und Her den Vorschlag auf, der die Verheiratung eines Menschen bezweckte, für den er sich immerhin interessierte. Als aber Herr Pickwick näher mit ihm auf die Sache einging und großen Nachdruck auf das Faktum legte, daß Marie keine Witwe sei, so wurde er allmählich zugänglicher, und Herr Pickwick bekam großen Einfluß auf ihn. Auch war ihm Mariens Äußeres ausnehmend nett vorgekommen, und er hatte ihr bereits einige Male sehr unväterlich zugeblinzelt. Endlich sagte er, es würde ihm schlecht anstehen, sich Herrn Pickwicks Wünschen zu widersetzen, und er werde mit Freuden seinen Rat befolgen, worauf Herr Pickwick ihn fröhlich beim Worte nahm und Sam wieder hereinrief.

»Sam«, sagte Herr Pickwick sich räuspernd, »dein Vater und ich haben soeben von dir gesprochen.«

»Ja, von dir, Samuel«, sagte Herr Weller in eindrucksvollem Gönnerton.

»Ich bin nicht so blind, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort, »um nicht schon geraume Zeit bemerkt zu haben, daß du gegen das Kammermädchen der Frau Winkle etwas mehr als freundschaftliche Gefühle hegst.«

»Hörst du, Samuel?« sagte Herr Weller in demselben richterlichen Tone wie zuvor.

»Ich hoffe, Sir«, antwortete Sam, sich an seinen Herrn wendend: »ich hoffe, daß Sie nichts Böses darin finden werden, wenn ein junger Mann seine Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, das ganz unbestreitbar hübsch aussieht und sich gut aufführt.«

»Sicherlich nicht«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, nicht im geringsten«, stimmte Herr Weller in freundlichem, aber dennoch würdevollem Tone ein.

»Ich bin«, fuhr Herr Pickwick fort, »weit entfernt, an einem so natürlichen Benehmen etwas Unrechtes zu finden, daß ich vielmehr, deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen und sie zu fördern beabsichtige. Ich habe soeben mit deinem Vater eine kleine Unterredung darüber gehabt, und da ich finde, daß er meiner Meinung ist –«

»Weil nämlich das Frauenzimmer keine Witwe ist«, fiel Herr Weller erläuternd ein.

»Ja, weil das Frauenzimmer keine Witwe ist«, sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich wünsche also, dich von dem Zwang zu befreien, den dir deine gegenwärtige Stellung auferlegt, und dir meine Dankbarkeit für deine Treue und viele vortreffliche Eigenschaften dadurch zu beweisen, daß ich dich in den Stand setze, das Mädchen zu heiraten und für dich selbst mit einer Familie ein unabhängiges Leben zu führen. Ich werde stolz darauf sein, Sam«, fügte Herr Pickwick hinzu, dessen Stimme bisher ein wenig gebebt hatte, jetzt aber ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm, »ich werde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen, deine künftigen Aussichten im Leben zum Gegenstand meiner dankbaren und ganz besonderen Sorgfalt zu machen.«

Auf einige Augenblicke trat eine kurze Stille ein, dann aber sagte Sam mit etwas leiser und dumpfer, jedoch fester Stimme:

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Güte, Sir, die Ihnen ganz gleich sieht; aber es kann nicht sein.«

»Kann nicht sein?« rief Herr Pickwick erstaunt.

»Samuel!« sprach Herr Weller mit Würde.

»Ich sage, es kann nicht sein«, wiederholte Sam in lauterem Tone. »Was würde denn aus Ihnen werden, Sir?«

»Du bist ein guter Kerl!« erwiderte Herr Pickwick: »aber die neuerlichen Veränderungen unter meinen Freunden werden auch meine künftige Lebensweise ganz verändern: überdies werde ich älter und bedarf der Ruhe und Stille. Mein unruhiges, von Reisen erfülltes Leben ist zu Ende, Sam.«

»Das kann man noch nicht so bestimmt sagen«, meinte Sam. »Sie denken jetzt zwar so, aber wenn es Ihnen einmal wieder anders einfiele, was nicht unwahrscheinlich ist, denn Sie haben immer noch die Munterkeit eines Fünfundzwanzigers – was sollte dann aus Ihnen werden ohne mich? Es geht nicht, Sir, es geht nicht.«

»Sehr gut, Samuel, das ist einmal gescheit gesprochen«, sagte Herr Weller ermutigend.

»Ich spreche nach langer Überlegung, Sam, und mit der Gewißheit, daß ich mein Wort halten werde«, sagte Herr Pickwick, den Kopf schüttelnd. »Neue Schauplätze sind mir verschlossen: mein vagabundierendes Leben ist zu Ende.«

»Mag sein«, erwiderte Sam. »Aber eben das ist der beste Grund, warum Sie immer jemand bei sich haben müssen, der Sie versteht, Sie aufheitert und in eine gute Laune versetzt. Wenn Sie einen seineren, abgeschliffeneren Diener brauchen, – ganz recht: so nehmen Sie einen: aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Anerkennung, mit oder ohne Wohnung, mit oder ohne Kost – Sam Weller, den Sie aus dem alten Wirtshause in Borough aufnahmen, bleibt bei Ihnen, es mag kommen, was da will: und wenn es noch so schlimm geht und die Leute noch so hart mit mir verfahren, nichts soll mich daran verhindern.«

Am Schluß dieser Erklärung, die Sam mit großer Bewegung gemacht hatte, sprang Herr Weller von seinem Sitze auf, vergaß alle Rücksichten auf Zeit, Ort und Schicklichkeit, schwenkte seinen Hut über dem Kopfe und brach in drei stürmische Hurras aus.

»Mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, als Herr Weller etwas beschämt über seinen Enthusiasmus sich wieder gesetzt hatte, »du mußt aber das junge Frauenzimmer doch auch bedenken.«

»Ich bedenke das junge Frauenzimmer immer wohl, Sir«, sagte Sam. »Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen, ich habe ihr gesagt, wie meine Lage ist: sie ist bereit zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie es tun wird. Tut sie es nicht, so ist sie nicht das junge Frauenzimmer, wofür ich sie halte, und ich lasse sie mit Vergnügen fahren. Sie haben mich schon vorher gekannt, Sir. Mein Entschluß ist gefaßt, und nichts kann ihn jemals ändern.«

Wer möchte gegen solche Gesinnungen anzukämpfen? Herr Pickwick einmal nicht. Er empfand in diesem Augenblick mehr Stolz und Wonne über die uneigennützige Anhänglichkeit seiner niedriggestellten Freunde, als zehntausend Freundschaftsversicherungen von den vornehmsten Leuten in seinem Herzen hätten erwecken können.

Während in Herrn Pickwicks Zimmer diese Unterhaltung vor sich ging, erschien unten ein kleiner alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern, gefolgt von einem Träger mit einem kleinen Koffer; er bestellte sich ein Bett für die Nacht und fragte dann den Kellner, ob eine Frau Winkle hier wohne. Der Kellner bejahte.

»Ist sie allein?« fragte der kleine alte Herr.

»Ich glaube ja, Sir«, erwiderte der Kellner; »ich kann indessen ihr Kammermädchen rufen, Sir, wenn Sie –«

»Nein, ich brauche das nicht«, sagte der alte Herr schnell. »Führen Sie mich in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.«

»Wieso, Sir?« fragte der Kellner.

»Sind Sie taub?« fragte der kleine alte Herr.

»Nein, Sir.«

»Nun, so hören Sie mich gefälligst an. Können Sie mich jetzt anhören?«

»Ja, Sir.«

»Nun gut, so zeigen Sie mir der Frau Winkle Zimmer, ohne mich anzumelden.«

Während der kleine alte Herr diesen Befehl aussprach, ließ er fünf Schilling in die Hand des Kellners gleiten und sah ihn fest an.

»Wahrhaftig, Sir«, sagte der Kellner: »ich weiß wirklich nicht, Sir, ob – –«

»Ach, ich sehe schon. Sie wollen es tun«, sagte der kleine alte Herr. »Tun Sie es deshalb lieber gleich, dann sparen wir Zeit.«

Es lag etwas so Ruhiges und Gesammeltes im ganzen Benehmen des alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schilling einsteckte und ihn ohne weitere Worte die Treppe hinaufführte.

»Dies ist also das Zimmer?« fragte der Herr. »Nun, so können Sie gehen.«

Der Kellner tat es, indem er sich sehr verwunderte, wer wohl der Herr sein möge und was er wolle; der kleine alte Herr wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an die Tür.

»Herein!« rief Arabella.

»Hm! jedenfalls eine hübsche Stimme«, murmelte der kleine alte Herr, »doch das will noch nichts heißen.«

So sprechend, öffnete er die Tür und ging hinein. Arabella die gerade bei einer weiblichen Arbeit saß, erhob sich beim Anblick eines Fremdlings in einiger Verwirrung, die ihr aber allerliebst stand.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Madame«, begann der Unbekannte, hineintretend und die Tür hinter sich schließend. »Frau Winkle, wie ich glaube?«

Arabella neigte den Kopf.

»Frau Nathaniel Winkle, die den Sohn des alten Winkle von Birmingham geheiratet hat?« sagte der Fremde, Arabella mit sichtlicher Neugier betrachtend.

Arabella nickte abermals mit dem Köpfchen und blickte unruhig um sich, wie wenn sie sich besänne, ob sie nicht um Hilfe rufen solle.

»Wie ich sehe, habe ich Sie überrascht, Madame?« sagte der alte Herr.

»Ich kann es nicht leugnen«, erwiderte Arabella, sich immer mehr wundernd.

»Wenn Sie gestatten, setze ich mich, Madame«, sagte der Fremde.

Er setzte sich, zog sein Brillenfutteral aus der Tasche, nahm nachlässig eine Brille heraus und setzte sie auf seine Nase.

»Sie kennen mich nicht, Madame?« sagte er, Arabella so scharf ins Auge fassend, daß sie sich unheimlich zu fühlen begann.

»Nein, Sir«, antwortete sie schüchtern.

»Also wirklich nicht?« sagte der Herr, auf sein linkes Bein klopfend. »Ich wüßte auch nicht, woher Sie mich kennen sollten. Doch kennen Sie vielleicht meinen Namen, Madame?«

»Bitte um Verzeihung«, sagte Arabella zitternd, obgleich sie kaum wußte, warum. »Darf ich Sie vielleicht darum bitten?«

»Sogleich, Madame, sogleich«, sagte der Unbekannte, der seine Augen noch nicht von ihrem Gesicht abgewandt hatte. »Sie haben sich erst vor kurzem verheiratet, Madame?«

»Ja«, erwiderte Arabella in einem kaum hörbaren Ton, indem sie ihre Arbeit beiseite legte und sehr aufgeregt zu werden begann, als ein Gedanke, der ihr schon vorher gekommen war, sich ihr immer stärker aufdrängte.

»Ohne Ihrem Gemahl vorgestellt zu haben, daß es sich ziemen würde, seinen Vater, von dem er abhängig ist, zuerst um Rat zu fragen, nicht wahr?« sagte der Fremde.

Arabella hielt ihr Tuch vor die Augen.

»Ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, durch irgendeine indirekte Anfrage in Erfahrung zu bringen, wie der alte Mann über eine Sache denkt, die ihn natürlich in hohem Grade interessieren muß?« fuhr der Fremde fort.

»Ich kann es nicht leugnen, Sir«, sagte Arabella.

»Und ohne Vermögen genug zu besitzen, Ihrem Gemahl ein hinlängliches Auskommen zu verschaffen und ihn für die zeitlichen Vorteile zu entschädigen, die ihm natürlich nicht entgangen wären, wenn er den Wünschen seines Vaters gemäß geheiratet hätte«, setzte der alte Gentleman hinzu. »Knaben und Mädchen nennen dies uneigennützige Neigung, bis sie selbst Knaben und Mädchen haben und dann die Sache in einem trüben, ganz andern Lichte betrachten.«

Arabellas Tränen flossen reichlich, als sie zur Entschuldigung anführte, sie sei jung und unerfahren; Neigung allein habe sie zu diesem Schritte verleitet, und sie habe beinahe von Kindheit an den Rat sowie die Leitung ihrer Eltern entbehren müssen.

»Es war unrecht«, sagte der alte Herr in milderem Tone: »sehr unrecht. Es war romantisch, eines Geschäftsmannes unwürdig, töricht.«

»Es ist meine Schuld, ganz meine Schuld, Sir«, versetzte die arme Arabella weinend.

»Unsinn!« sagte der alte Herr, »gewiß war es nicht Ihre Schuld, daß er sich in Sie verliebte. Und doch ist es so«, fügte der alte Herr hinzu, indem er Arabella etwas schalkhaft anblicke, »und doch war es Ihre Schuld: er konnte nicht anders.«

Dieses kleine Kompliment oder des kleinen Herrn sonderbare Art, es zu machen, oder sein verändertes Benehmen – um vieles freundlicher, als im Anfang – oder all diese drei Umstände zusammen nötigten Arabella mitten unter ihren Tränen ein Lächeln ab.

»Wo ist denn Ihr Mann?« fragte der alte Herr schnell, ein Lächeln unterdrückend, das eben sein Gesicht überfliegen wollte.

»Ich erwarte ihn in jedem Augenblick«, sagte Arabella. »Ich sprach ihm zu, heut? früh einen Spaziergang zu machen. Er ist sehr niedergeschlagen und unglücklich, weil sein Vater nichts von sich hören läßt.«

»Niedergeschlagen?« fragte der alte Herr. »Geschieht ihm recht.«

»Ich fürchte, er ist es meinetwegen«, sagte Arabella: »und in der Tat, Sir, ich fühle es auch sehr schwer, denn ich bin allein schuld an seiner gegenwärtigen Lage.«

»Lassen Sie es sich um seinetwegen nicht so zu Herzen gehen, meine Liebe«, sagte der alte Herr. »Es geschieht ihm recht. Es freut mich – freut mich in der Tat, so weit es ihn betrifft.«

Kaum waren diese Worte über die Lippen des alten Herrn gekommen, als man die Treppe herauf Fußtritte hörte, die er und Arabella im selbigen Augenblick zu erkennen schienen. Der kleine Herr wurde blaß, gab sich indessen viele Mühe, ruhig zu erscheinen, und stand auf, als Herr Winkle ins Zimmer trat.

»Vater!« rief Herr Winkle, indem er verblüfft zurückprallte.

»Ja, Sir«, versetzte der kleine alte Herr. »Nun, Sir, was haben Sie mir zu sagen?«

Herr Winkle blieb still.

»Sie schämen sich hoffentlich Ihrer selbst, Sir?« fuhr der alte Herr fort.

Herr Winkle sprach immer noch nichts.

»Schämen Sie sich Ihrer selbst, Sir, oder schämen Sie sich nicht?« fragte der alte Herr.

»Nein, Vater«, erwiderte Herr Winkle, Arabellas Arm in den seinigen legend. »Ich schäme mich weder meiner selbst, noch meiner Frau.«

»Wirklich?« rief der alte Herr ironisch.

»Es tut mir sehr leid, etwas getan zu haben, was Ihre Neigung für mich verringert hat«, sagte Herr Winkle: »zugleich aber muß ich erklären, daß ich keinen Grund habe, mich dieser Frau zu schämen, und Sie ebensowenig, sich einer solchen Tochter zu schämen.«

»Gib mir die Hand, Nathaniel«, sagte der alte Herr mit veränderter Stimme. »Küssen Sie mich, mein liebe« Kind, Sie sind in der Tat ein allerliebstes Schwiegertöchterchen.«

Nach wenigen Minuten ging Herr Winkle auf Herrn Pickwicks Zimmer, kam mit diesem Herrn zurück und stellte ihn seinem Vater vor, worauf sie einander fünf Minuten lang ununterbrochen die Hände schüttelten.

»Herr Pickwick, ich danke Ihnen aufs herzlichste für all Ihre Freundschaft gegen meinen Sohn«, sagte der alte Herr Winkle mit seinem offenen, biderben Wesen. »Ich bin ein bißchen kurz angebunden, und als ich Sie das letztem«! sah, war ich ärgerlich und zu sehr überrascht. Ich habe mir nun die Sache überlegt und bin mehr als zufrieden. Soll ich noch mehr Entschuldigungen vorbringen, Herr Pickwick?«

»O keineswegs«, erwiderte Herr Pickwick. »Sie haben getan, was allein noch zur Vollendung meines Glücke« fehlte.«

Hierauf folgte ein neues fünf Minuten langes Händeschütteln, begleitet von einer Unmasse komplimentierender Redensarten, die. abgesehen von der darin sich beurkundenden Höflichkeit, auch noch die weitere und ganz neue Empfehlung hatten, aufrichtig gemeint zu sein.

Sam hatte seinen Vater pflichtgemäß nach Belle Sauvage begleitet, und auf dem Rückwege begegnete er im Hof dem fetten Jungen, der ein Billett von Emilie Wardle zu überbringen gehabt halte.

»Ich sage mir«, begann Joe, der ungewöhnlich redselig war; »ich sage nur, was diese Marie für ein hübsches Mädchen ist – nicht wahr, Sam? Ich bin ganz verliebt in sie.«

Herr Weller gab hierauf keine Erwiderung mit Worten, sondern ganz verblüfft über diese Vermessenheit, betrachtete er den fetten Jungen nur einen Augenblick, packte ihn dann am Rockkragen bis an die nächste Ecke und entließ ihn mit einem harmlosen, aber durchaus förmlichen Fußtritt, worauf er pfeifend ins Haus ging.

  1. Das Gewerbe der »Zöllner« galt damals für verächtlich. Die Drohung seines Vaters, Zöllner werden zu wollen und einen Schlagbaum zu pachten, muß daher den biedern Sam sehr erschrecken

Achtundfünfzigstes Kapitel.


Achtundfünfzigstes Kapitel.

In dem der Pickwick-Klub endlich aufgelöst wird und alles zur allgemeinen Zufriedenheit endet.

Eine ganze Woche lang nach der glücklichen Ankunft des Herrn Winkle von Birmingham waren Herr Pickwick und Sam Weller den ganzen Tag über von Haus abwesend und kehrten nur zum Mittagessen zurück, wobei sie ein geheimnisvolles, wichtiges Wesen zur Schau trugen, das ihren Naturen sonst ganz fremd war! Offenbar waren sehr ernste und ereignisschwere Dinge am Werk, über deren bestimmten Charakter allerhand Vermutungen schwebten. Einige – und unter ihnen Herr Tupman – waren geneigt, zu glauben, Herr Pickwick beabsichtige eine eheliche Verbindung: aber diese Idee wurde von den Damen aufs entschiedenste verworfen. Andere neigten sich der Ansicht zu, er trage sich mit einem großen Reiseprojekt und beschäftige sich gegenwärtig mit den vorläufigen Anordnungen dazu. Aber das wurde entschieden von Sam selbst verneint, der auf die Kreuz- und Querfragen seiner Marie unzweideutig erklärte, es würden keine neuen Reisen mehr unternommen. Endlich, als sich der ganze Freundeskreis sechs Tage lang durch fruchtlose Vermutungen das Gehirn abgemartert hatte, wurde einhellig beschlossen, Herrn Pickwick zur Erklärung seines Benehmens aufzufordern und ihn geradezu zu fragen, warum er sich auf diese Art von der Gesellschaft seiner ihn bewundernden Freunde zurückziehe.

In dieser Absicht lud Herr Wardle den ganzen Zirkel zum Mittagessen in die Adelphi ein, und man stellte die große Frage, als die Flaschen zweimal die Runde gemacht hatten.

»Wir sind allesamt sehr begierig, zu erfahren«, begann der alte Herr, »was wir Ihnen zuleide getan haben, daß Sie sich so gänzlich von uns absondern und immer diese einsamen Spaziergänge machen.«

»Möchten Sie es wirklich wissen?« fragte Herr Pickwick. »Merkwürdig, daß ich gerade heute im Sinn hatte, mich von freie» Stücken darüber zu erklären: geben Sie mir noch ein Glas Wein, so will ich Ihre Wißbegierde befriedigen.«

Die Flaschen gingen mit ungewohnter Schnelligkeit von Hand zu Hand, und Herr Pickwick fuhr, indem er mit vergnügtem Lächeln die Gesichter seiner Freunde nacheinander anschaute, also fort:

»Die Veränderungen, die in unserm Kreise stattgefunden haben, ich meine die bereits eingetretene und die demnächst bevorstehende Hochzeit nebst den Wandlungen, die notwendig daraus erfolgen werden, haben mich genötigt, ernstlich an einen künftigen Lebensplan für mich zu denken. Ich beschloß, mich in eine hübsche Gegend in der Nähe von London zur Ruhe zurückzuziehen und fand da ein Haus, das meinen Wünschen gänzlich entspricht. Ich habe es gemietet und wohnlich eingerichtet, so daß ich kommen kann, wann ich will. Ich gedenke nun in der nächsten Zeit meinen Einzug zu halten und hoffe noch manches friedliche Jährchen in stiller Zurückgezogenheit daselbst zuzubringen, während meines Lebens erfreut durch die Gesellschaft meiner Freunde, und nach meinem Tode fortlebend in ihrer liebevollen Erinnerung.«

Hier hielt Herr Pickwick inne, und ein leises Gemurmel lief rings um die Tafel.

»Das Haus, das ich gemietet habe«, sprach Herr Pickwick weiter, »liegt in Dulwich: es hat einen großen Garten und befindet sich in einer der reizendsten Gegenden von Londons Umgebung. Es ist die größte Aufmerksamkeit darauf verwendet worden, es so behaglich wie möglich, vielleicht auch ein bißchen elegant einzurichten! doch darüber sollen Sie selbst urteilen. Sam begleitet mich dahin. Ich habe auf Perkers Vorstellung eine Haushälterin in Dienst genommen – eine sehr alte Person – und werde noch so viele andere Domestiken annehmen, wie diese für nötig hält. Ich möchte nun mein kleines Idyll durch irgendeine Festlichkeit, die ich sehr gern feiern würde, eingeweiht sehen. Wenn mein Freund Wardle nichts dagegen hat, so möchte ich ihn bitten, die Vermahlung seiner Tochter in meinem neuen Hause an demselben Tage vollziehen zu lassen, wo ich Besitz davon nehme. Das Glück junger Leute«, sagte Herr Pickwick ein wenig bewegt, »war von jeher die größte Freude meines Lebens. Es wird mir das Herz erwärmen, unter meinem eigenen Dache Zeuge des Glückes meiner Freunde zu sein.«

Herr Pickwick hielt abermals inne: Emilie und Arabella schluchzten laut.

»Ich habe«, begann Herr Pickwick aufs neue, »dem Klub sowohl mündliche als schriftliche Mitteilungen gemacht und ihn von meinen Absichten in Kenntnis gesetzt. Er hat während unserer Abwesenheit viel durch innere Zwistigkeiten gelitten, und die Zurückziehung meines Namens, verbunden mit diesen und andern Umständen, hat seine Auflösung herbeigeführt. Der Pickwick-Klub existiert nicht mehr.«

»Ich werde es niemals bereuen«, setzte Herr Pickwick mit leiserer Stimme hinzu – »ich werde es niemals bereuen, daß ich mich beinahe zwei volle Jahre hindurch unter verschiedenen Gattungen und Schattierungen des menschlichen Charakters umhergetrieben habe, so töricht meine Abenteuersucht auch vielen erschienen sein mag. Fast mein ganzes früheres Leben war Geschäften und trockenem Gelderwerb gewidmet, jetzt aber bin ich mit zahlreichen Szenen bekannt geworden, von denen ich früher keine Ahnung gehabt hatte – und ich hoffe, daß sich mein geistiger Gesichtskreis dadurch erweitert und meinen Verstand mehr ausgebildet hat. Wenn ich nur wenig Gutes getan habe, so glaube ich doch, noch weniger Böses getan zu haben, und hoffe, daß meine sämtlichen Abenteuer mir am Abend meines Lebens nur eine Quelle angenehmer und ergötzlicher Erinnerungen sein werden. Gott segne euch alle.«

Bei diesen Worten füllte und leerte Herr Pickwick mit bebender Hand sein Glas; seine Augen feuchteten sich, als sämtliche Freunde sich wie verabredetermaßen erhoben und ihm von ganzem Herzen Bescheid taten.

Zur Vermählung des Herrn Snodgraß waren nur noch sehr wenige Vorbereitungen erforderlich. Da er weder Vater noch Mutter, und während seiner Minderjährigkeit unter Herrn Pickwicks Vormundschaft gestanden hatte, so kannte dieser seine Vermögens- und sonstigen Umstände aufs genaueste. Wardle war mit seiner Auskunft über beides vollkommen zufrieden; wie denn der gute alte Herr in dieser Zeit, wo er von Heiterkeit und Zärtlichkeit überfloß, fast mit allem zufrieden gewesen wäre. Emilien wurde eine hübsche Mitgift ausgesetzt und der vierte Tag zur Vermählung anberaumt; eine Eilfertigkeit, die drei Putzmacherinnen und einen Schneider bis an den Rand des Verrücktwerdens brachte.

Der alte Wardle nahm am folgenden Tage Postpferde, um seine Mutter nach der Stadt zu bringen. Da er der alten Dame diese Nachricht mit seinem charakteristischen Ungestüm mitteilte, so fiel sie augenblicklich in Ohnmacht, kam aber sehr bald wieder zu sich, befahl, das durchwirkte Seidenkleid einzupacken, und fing an, verschiedene Umstände ähnlicher Art, die sich bei der Verheiratung der ältesten Tochter der verstorbenen Lady Tollimglower zugetragen, herzuzählen, womit sie nach drei vollen Stunden noch nicht zur Hälfte fertig war.

Frau Trundle mußte ebenfalls von den gewaltigen Vorbereitungen zu London in Kenntnis gesetzt werden, und da sie sich in einem zarten Gesundheitszustände befand, so erfolgte die Mitteilung durch Herrn Trundle selbst, damit ihr die Überraschung nicht schaden möchte. Allein sie schadete ihr keineswegs: denn sie schrieb sogleich nach Muggleton, bestellte sich eine neue Haube und ein schwarze« Atlaskleid und erklärte, unter allen Umstanden an der Hochzeitsfeier teilnehmen zu wollen. Herr Trundle ließ den Arzt rufen, und der Arzt sagte, Frau Trundle müsse am besten wissen, wie sie sich befinde, worauf Frau Trundle erwiderte, sie fühle sich vollkommen stark genug und habe einmal ihren Kopf darauf gesetzt, mitzugehen, worauf wiederum der Arzt, der ein weiser und verständiger Arzt war, und wußte, was sowohl für ihn selbst als für andere Leute gut war, erklärte, wenn Frau Trundle zu Hause bliebe und sich ärgerte, so würde ihr dies vielleicht mehr schaden, als wenn sie ginge, und deshalb würde sie vielleicht besser daran tun, mitzureisen. Sie reiste also wirklich mit, nachdem ihr der Arzt mit gewissenhafter Sorgfalt ein halbes Dutzend Arzneiflaschen zugesandt hatte, die sie unterwegs austrinken sollte.

Zu den Aufträgen, die Herr Wardle bekommen hatte, gehörte auch die Besorgung zweier Briefchen an zwei junge Dämchen, die die Brautjungfern vorstellen sollten und durch diese Einladung in Verzweiflung gerieten, denn sie jammerten, sie hätten gar keine Sachen in Bereitschaft für ein so wichtiges Geschäft und könnten sich in der kurzen Zeit auch nicht mehr damit versehen: ein Umstand, der den beiden würdigen Papas der beiden jungen Dämchen nicht ganz unerfreulich zu sein schien. Indessen wurden alte Kleider neu zugestutzt, neue Hauben gemacht, und die jungen Dämchen sahen darin so gut aus, wie man von ihnen nur erwarten konnte; da sie überdies während der Trauung bei den geeigneten Stellen weinten und immer zur rechten Zeit zitterten, so erwarben sie sich die Bewunderung sämtlicher Zuschauer.

Wie die zwei armen Bäschen nach London kamen, ob zu Fuß, zu Wagen oder zu Pferd, ist unbekannt. Jedenfalls aber trafen sie vor Wardle ein, und die ersten Leute, die an dem Hochzeitsmorgen an Herrn Pickwicks Haustür anklopften, waren die zwei armen Bäschen, hochaufgedonnert und voll Freundlichkeit.

Sie wurden indessen aufs herzlichste bewillkommt, denn Reichtum und Armut hatten keinen Einfluß auf Herrn Pickwick. Die neuen Diener waren die Munterkeit und Bereitwilligkeit selbst; Sam befand sich in der unvergleichlichsten Festlaune, und Marie glänzte von Schönheit und prächtigen Bändern.

Der Bräutigam, der sich schon zwei oder drei Tage vorher im Hause aufgehalten hatte, fuhr stattlich angetan in die Dulwicher Kirche, begleitet von Herrn Pickwick, Ben Allen, Bob Sawyer und Herrn Tupman, auch Sam Weller nicht zu vergessen, der im Knopfloch eine weiße Bandschleife, ein Geschenk der Dame seines Herzens trug, und überdies in einer neuen, prachtvollen, ausdrücklich für den Tag erfundenen Livree prangte. Sie trafen dort Herrn und Frau Wardle, Herrn und Frau Winkle, Braut und Brautjungfern und Herrn und Frau Trundle! und nach beendigter Feierlichkeit rasselten sämtliche Kutschen zum Frühstück nach Herrn Pickwicks Hause, wo der kleine Herr Perker sie bereits erwartete.

Nachdem sich hier die leichten Wolken des ernsteren und feierlichen Teils der Tagesereignisse zerteilt hatten, erglänzten alle Gesichter von Freude, und man hörte nichts als Glückwünsche und Lebehochrufe. Es war alles so schön! Der Grasplatz vor dem Hause, der Garten hinter demselben, das kleine Gewächshaus, das Speise-, das Gesellschafts-, das Rauch- und die Schlafzimmer, vor allem aber das Studierzimmer mit seinen Gemälden, den behaglichen Sesseln, den merkwürdigen Wandschränken, den sonderbar geformten Tischen und zahllosen Büchern, nebst seinem großen heiteren Fenster, das sich gegen einen hübschen Grasplatz hin öffnete und eine reizende Landschaft beherrschte: hübsche Villen im Grün der Bäume; und dann die Vorhänge, die Teppiche, die Stühle und die Sofas – alles war so schön, so sein berechnet, so zierlich und so geschmackvoll, daß jedermann sagte, man wisse wirklich nicht, was am meiste» Bewunderung verdiene.

Und mitten zwischen alledem stand Herr Pickwick, dessen Gesicht von einem seligen Lächeln strahlte, dem das Herz keines Mannes, keiner Frau, keines Kindes widerstehen konnte: er selbst der Glücklichste im ganzen Kreise, immer denselben Leuten wieder die Hände schüttelnd, und wenn die seinigen nicht gerade geschüttelt wurden, sie voll Vergnügen reibend; bei jedem neuen Ausbruch der Freude voll Teilnahme sich überall hinwendend und durch seine wonnestrahlendcn Blicke alle begeisternd.

Das Frühstück wird angekündigt. Herr Pickwick führt die alte Dame, die sehr beredt über das Thema von der Lady Tollimglower gewesen, oben an die lange Tafel hin; Wardle setzt sich an das andere Ende, die Freunde reihen sich auf beiden Seiten, Sam faßt hinter dem Stuhle seines Herrn Posten, das Gelächter und Geplauder hört auf; Herr Pickwick spricht das Tischgebet, schweigt dann einen Augenblick und blickt rund um sich; aber wahrend er das tut, rollen ihm in der Fülle seiner Freundlichkeit die Tränen über die Wangen herab.

Und nun laßt uns von unserm alten Freunde Abschied nehmen – in einem jener Augenblicke ungetrübten Glückes, von denen uns, wenn wir sie nur suchen, immerhin einige zur Erheiterung unseres flüchtigen Daseins beschieden sind. Die Erde hat finstere Schatten, aber der Kontrast hebt ihre Lichtseiten um so stärker hervor. Es gibt Leute, die wie die Fledermäuse und Eulen bessere Augen für die Finsternis haben, als für das Licht; wir, denen solche optische Fähigkeiten nicht gegeben sind, finden mehr Vergnügen daran, den geträumten Gefährten mancher einsamen Stunden unsern letzten Abschiedsblick zuzuwerfen, wenn der kurze Sonnenschein der Welt in vollem Glänze über sie erstrahlt.

 

Es ist das Los der meisten Menschen, die sich in der Welt bewegen und es zu einem gewissen Alter bringen, daß sie sich viele wirkliche Freunde erwerben und sie durch den Lauf der Natur wieder verlieren. Es ist das Los aller Autoren oder Dichter, daß sie sich eingebildete Freunde schaffen und sie im Verlauf der Kunst wieder verlieren. Damit ist indessen das Maß ihres Unglücks noch nicht erschöpft: man verlangt von ihnen auch noch eine umständliche Erzählung, was aus diesen allen geworden ist.

Indem wir uns hiermit dieser unbestreitbaren bösen Gewohnheit fügen, setzen wir noch einige wenige biographische Notizen über die bei Herrn Pickwick versammelte Gesellschaft bei.

Herr und Frau Winkle, von dem alten Herren vollkommen in Gnaden aufgenommen, bezogen bald darauf ein eigenes neugebautes Haus, nur eine halbe Meile von Herrn Pickwick entfernt. Herr Winkle wurde der Cityagent oder Stadtkorrespondent seines Vaters, vertauschte sein altes Kostüm mit der gewöhnlichen Kleidung der Engländer und zeigte hernach immer das Äußere eines zivilisierten Christen.

Herr und Frau Snodgraß ließen sich in Dinglen Dell nieder, wo sie mehr der Beschäftigung als des Gewinn« halber ein kleines Gut kauften und bewirtschafteten. Herr Snodgraß, der zuweilen zerstreut und melancholisch ist, gilt bis auf den heutigen Tag unter seinen Freunden und Bekannten für einen großen Dichter, obgleich wir nicht finden, daß er je etwas geschrieben hätte, was diesen Glauben bestätigen könnte. Wir kennen freilich viele literarische, philosophische und andere Berühmtheiten, deren bedeutender Ruf keinen festeren Boden hat.

Herr Tupman ließ sich, als seine Freunde geheiratet und Herr Pickwick sich zurückgezogen hatte, in Richmond nieder, allwo er bis setzt geblieben ist. In den Sommermonaten geht er beständig auf der Terrasse spazieren, und zwar mit einer jugendlichen Munterkeit, die ihm die Bewunderung all der zahlreichen ältlichen Damen ledigen Standes gewonnen hat, die in der Nähe wohnen. Er hat indessen nie wieder einen Heiratsantrag gemacht.

Herr Bob Sawyer inserierte einige Male in den Zeitungen und ging dann, begleitet von Herrn Benjamin Allen, nach Bengalen, beide als wohlbestellte Chirurgen in Diensten der ostindischen Kompagnie. Sie haben vierzehnmal das gelbe Fieber gehabt und sich endlich zu einiger Enthaltsamkeit entschlossen. Seitdem ergeht es ihnen sehr gut.

Frau Bardell vermietete ihr Haus noch an manchen umgänglichen ledigen Herrn mit großem Profit, hat jedoch seitdem nicht mehr wegen gebrochenen Eheversprechens geklagt. Ihre Anwälte, die Herren Dodson und Fogg, betreiben ihr Geschäft noch immer mit gewohnter Rührigkeit, beziehen ein bedeutendes Einkommen daraus und gelten allgemein für die Schlauesten unter den Schlauen.

Sam Weller hielt sein Wort und blieb noch zwei Jahre unverheiratet. Als nach Verfluß dieser Zeit die alte Haushälterin starb, beförderte Herr Pickwick Marie zu diesem Posten, jedoch unter der Bedingung, Herrn Weller unverweilt zu heiraten, was sie ohne Murren tat. Aus dem Umstand, daß am Tore des Gartens hinter dem Hause zu wiederholten Malen ein paar derbe kleine Buben erblickt worden sind, glauben wir schließen zu können, daß Sam Familie hat.

Der ältere Herr Weller regierte noch zwölf Monate lang eine Postkutsche, bekam aber die Gicht, die ihn nötigte, sich zurückzuziehen. Herr Pickwick hatte den Inhalt seiner Brieftasche so gut für ihn angelegt, daß er eine recht hübsche jährliche Rente besitzt, von der er gemächlich in einem vortrefflichen Gasthause in der Nähe von Shooters Hill lebt. Dort wird er als ein wahres Orakel verehrt; er rühmt sich gewaltig seiner vertrauten Freundschaft mit Herrn Pickwick und hegt fortwährend den unüberwindlichen Widerwillen gegen Witwen.

Herr Pickwick aber wohnt dauernd in seinem neuen Hause und verwendet seine Mußestunden dazu, die Memoiren aufzuzeichnen, die er später dem Sekretär des einst so berühmten Klubs mitteilt. Oder er ist damit beschäftigt, sich von Sam Weller vorlesen zu lassen, dessen Bemerkungen, wie sie sich ihm gerade aufdrängen, Herrn Pickwick stets großes Vergnügen bereiten. Im Anfang wurde er sehr durch die zahlreichen Gesuche der Herren Snodgraß, Winkle und Trundle belästigt, bei ihrer Nachkommenschaft Gevatter zu stehen; allein er hat sich setzt daran gewöhnt und betrachtet diesen Dienst als eine Sache, die sich nun einmal nicht abändern läßt. Er hat niemals Veranlassung gehabt, seine Güte gegen Herrn Jingle zu bereuen; denn sowohl er als Job Trotter sind mit der Zeit würdige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden, haben indessen jede Aufforderung, nach den Schauplätzen ihres früheren Unwesens zurückzukehren, standhaft zurückgewiesen. Herr Pickwick ist etwas kränklich geworden, sein Geist aber hat alle seine Jugendfrische behalten, und man sieht ihn noch häufig die Gemälde in der Dulwicher Galerie betrachten, oder an schönen Tagen in seiner hübschen Nachbarschaft lustwandeln. Die Armen in der Gegend kennen ihn alle und unterlassen es nie, mit großer Ehrerbietung die Hüte abzuziehen, wenn er vorübergeht. Die Kinder vergöttern ihn, und die ganze Nachbarschaft tut es wahrhaftig auch. Er begibt sich alljährlich zu einem großen Familienfest in Herrn Wardles Haus; und, wie überall hin, begleitet ihn auch hier der getreue Sam. Zwischen diesem und seinem Herrn waltet eine feste Anhänglichkeit, der nur der Tod ein Ende machen wird.

 

Fünfunddreißigstes Kapitel


Fünfunddreißigstes Kapitel

Das einzig und allein einem ausführlichen und wahrheitsgemäßen Bericht über die denkwürdige Gerichtsverhandlung in der Sache Bardell gegen Pickwick gewidmet ist.

»Ich möchte nur wissen, was der Obmann der Geschworenen heute gefrühstückt hat«, sagte Herr Snodgraß an dem verhängnisvollen Morgen des 14. Februar, um ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun«, meinte Perker, »ich hoffe, er wird etwas Gutes bekommen haben.«

»Und warum hoffen Sie das?« fragte Herr Pickwick.

»Das ist sehr wichtig, mein lieber Herr, sehr wichtig«, erwiderte Perker; »denn von einem wohlgesättigten, zufriedenen Geschworenen läßt sich etwas Tüchtiges erwarten. Übelgelaunte oder hungrige Geschworene aber, mein lieber Herr, sind schon von vornherein für den Kläger eingenommen.«

»Aber woher mag denn das kommen?« fragte Herr Pickwick, sehr mutlos dareinblickend, »warum sind sie so?«

»Das weiß ich selbst nicht«, erwiderte der kleine Mann gleichgültig; »ohne Zweifel, um Zeit zu sparen. Wenn die Stunde des Mittagessens heranrückt und die Geschworenen sich zurückgezogen haben, zieht der Obmann seine Uhr heraus und sagt: ›Bei Gott, meine Herren, nur noch zehn Minuten bis fünf. Ich speise um fünf Uhr, meine Herren.‹ – ›Ich auch‹, sagt dann einer nach dem andern, bis auf zwei, die um drei Uhr gespeist haben und deshalb schon eher geneigt sind, auszuhalten. Der Obmann lächelt und steckt seine Uhr wieder ein. ›Nun gut, meine Herren, was wollen wir sagen? – Kläger oder Beklagter, meine Herren? – Was mich betrifft, meine Herren, so dächte ich – ich sage: ich dächte – aber Sie brauchen sich dadurch nicht bestimmen zu lassen – ich dächte, der Kläger hat recht.‹ Hierauf erklären sicherlich zwei oder drei andere, sie dächten ebenso, wie es auch wirklich der Fall sein mag, und so kommt leicht ein einstimmiger Beschluß zustande. Zehn Minuten über neun«, fügte der kleine Mann, auf seine Uhr sehend, hinzu. »Es ist Zeit, aufzubrechen, mein lieber Herr; ein gebrochenes Eheversprechen – bei solchen Fällen ist der Gerichtssaal gewöhnlich sehr voll. Sie sollten nach einem Wagen schicken, lieber Herr, sonst kommen wir zu spät.«

Herr Pickwick klingelte alsbald; der Wagen kam, die vier Pickwickier und Herr Perker schlüpften hinein und fuhren nach Guildhald: Sam Weller, Herr Lowten und der blaue Sack folgten in einer Droschke.

»Lowten«, sagte Perker, als sie in die Vorhalle des Gerichtshofs kamen, »führen Sie Herrn Pickwicks Freunde zu den Sitzen der Studenten: Herr Pickwick selbst bleibt besser bei mir. Hierher, lieber Herr, hierher.«

Dabei faßte der kleine Mann Herrn Pickwick am Rockärmel und führte ihn an eine niedrige Bank, gerade unter das Pult des königlichen Prokurators, das zur Bequemlichkeit der Sachwalter angebracht ist, damit sie von hier aus dem Hauptanwalt ins Ohr flüstern können, wenn sie während des Fortgangs der Verhandlung noch einige Instruktionen für nötig erachten. Der großen Masse der Zuschauer sind die hier Sitzenden unsichtbar, da die Bank viel niedriger ist als der Platz für die Anwälte oder für das Publikum. Letzeren kehren sie also den Rücken, dem Richter dagegen das Gesicht zu.

»Dies ist wohl die Zeugenloge?« fragte Herr Pickwick, links auf eine Art Katheder mit messingenem Geländer zeigend.

»Ja, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, eine Menge Papiere aus dem blauen Sack hervorziehend, die Lowton soeben zu seinen Füßen niedergelegt hatte.

»Und dort«, fragte Herr Pickwick, auf ein paar Sperrsitze zur Rechten zeigend, »dort sitzen wohl die Geschworenen?«

»Erraten, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose klopfend.

Herr Pickwick stand in großer Unruhe auf und überschaute den ganzen Saal. Es hatten sich bereits eine bunte Schar von Zuschauern auf der Galerie und zahlreiche Exemplare von Herren mit Perücken auf den Bänken der Anwälte eingefunden, die als eine Körperschaft jene lustige und reiche Mannigfaltigkeit an Nasen und Backenbärten darboten, wodurch der englische Advokatenstand mit Recht so berühmt ist. Diejenigen von den Herren, die einen Prozeß zu führen hatten, trugen die Aktenstücke so sehr wie möglich zur Schau und kratzten sich gelegentlich die Nasen damit, um auf die beobachtenden Blicke der Zuschauer einen starken Eindruck zu machen. Andere, die keine Prozeßinstruktionen aufzuweisen vermochten, trugen gewaltige Oktavbände unter den Armen, mit einem Einband, der unter dem technischen Namen »Juristen-Kalbsleder« bekannt ist. Wieder andere, die weder Akten noch Bücher hatten, steckten ihre Hände in die Taschen und blickten so weise um sich, wie sie ziemlicherweise nur konnten, während noch andere mit großer Unruhe und unendlicher Wichtigtuerei hin- und herliefen, zufrieden, die Bewunderung und das Erstaunen der uneingeweihten Fremdlinge zu erregen. Zu Herrn Pickwicks großer Verwunderung hatte sich die ganze Zunft in kleine Gruppen zerteilt, wo sie so gleichgültig wie möglich über die Tagesneuigkeiten hin und her schwatzten, als ob es sich im Augenblicke nicht über einen bedeutenden Rechtsstreit gehandelt hätte.

Eine Verbeugung von Herrn Phunky, der eintrat und sich hinter die für den königlichen Anwalt bestimmte Bank setzte, zog Herrn Pickwicks Aufmerksamkeit auf sich. Er hatte sie kaum erwidert, als der Herr Prokurator Snubbin erschien, gefolgt von Herrn Mallard, der einen gewaltigen karmoisinroten Beutel auf den Tisch legte, wodurch der Prokurator beinahe verdeckt wurde. Nachdem er Perker die Hand gedrückt, entfernte er sich. Sodann kamen noch zwei oder drei Prokuratoren herein, und unter ihnen einer mit einem dicken Bauch und einem roten Gesicht, der dem Herrn Prokurator Snubbin freundlich zuwinkte und zu ihm sagte:

»Ein schöner Morgen, heute.«

»Wer ist der Herr mit dem roten Gesicht, der unserm Anwalt zuwinkte und sagte, es sei ein schöner Morgen?« flüsterte Herr Pickwick.

»Das ist der Herr Prokurator Buzfuz«, erwiderte Perker; »der erste Sachwalter unserer Gegenpartei. Der Herr hinter ihm heißt Skimpin und ist sein Assistent.«

Herr Pickwick stand eben im Begriff, mit großem Abscheu vor der kaltblütigen Schlechtigkeit des Mannes zu fragen, wie Herr Prokurator Buzfuz, der Anwalt der Gegenpartei, so unverschämt sein könne, zum Herrn Prokurator Snubbin, seinem eigenen Sachwalter, zu sagen: es sei ein schöner Morgen, als er durch allgemeines Aufstehen der Anwälte und lautes Stillgebot seitens der Gerichtsdiener daran verhindert wurde. Er sah um sich und fand, daß soeben der Richter eingetreten war.

Herr Stareleigh, der an diesem Tage die Stelle des wegen Krankheit abwesenden Lord-Oberrichters einnahm, war ein auffallend kleiner Mann, und dabei so kugelrund, daß man nichts als Gesicht und Bauch zu sehen glaubte. Er watschelte auf zwei kleinen krummen Beinen herein, und nachdem er sich gravitätisch gegen die Advokaten und die Advokaten sich gegen ihn verbeugt hatten, streckte er die kleinen Beine unter den Tisch und legte seinen kleinen dreispitzigen Hut auf den Tisch. Nun aber konnte man nichts mehr von ihm sehen als zwei wunderlich kleine Äuglein und ein breites rosiges Gesicht, das zur Hälfte aus einer großen, höchst possierlichen Perücke hervorblickte.

Kaum hatte der Richter seinen Sitz eingenommen, als ein Gerichtsdiener mit gebieterischem Tone im Saale Schweigen gebot, worauf ein anderer Diener auf der Galerie mit zorniger Stimme »Still!« rief, und sodann drei oder vier andere Stimmen in unwillig tadelndem Tone ebenfalls Ruhe befahlen. Als das geschehen war, rief ein schwarzgekleideter, etwas niedriger als der Richter sitzender Herr die Namen der Geschworenen auf, und nach langem Geschrei ergab es sich, daß nur zehn Mitglieder der Spezial-Jury zugegen waren. Prokurator Buzfuz trug die Wahl von Ersatzmännern an, worauf der schwarzgekleidete Herr zwei Mitglieder der allgemeinen Jury in das Spezial-Geschworenengericht preßte, indem er geradezu einen Gewürzkrämer und einen Apotheker dafür bestimmte.

»Geben Sie Antwort auf den Namenaufruf, meine Herren, damit man Sie vereidigen kann«, sagte der schwarz gekleidete Herr.

»Richard Upwitch!«

»Hier!« sagte der Gewürzkrämer.

»Thomas Groffin!«

»Hier!« erwiderte der Apotheker.

»Nehmen Sie das Buch, meine Herren. Sie wollen gut und gewissenhaft untersuchen – –«

»Ich bitte den Gerichtshof um Nachsicht«, sagte der Apotheker, ein langer, hagerer Mann von gelber Gesichtsfarbe, »aber ich hoffe, der Gerichtshof wird mir dies Geschäft erlassen.«

»Was haben Sie für Gründe, Sir?« fragte der Richter Stareleigh.

»Ich habe keinen Gehilfen, Mylord«, antwortete er.

»Da kann ich nicht helfen, Sir«, erwiderte Herr Stareleigh. »Sie sollten sich einen halten.«

»Ich kann die Kosten nicht erschwingen, Mylord«, versetzte der Apotheker.

»Dann sollten Sie sich Mühe geben, sie erschwingen zu können, Sir«, sagte der Richter und wurde feuerrot: denn sein, nämlich Herrn Stareleighs Temperament war sehr reizbarer Natur, und er konnte keinen Widerspruch ertragen.

»Ich weiß wohl, daß ich es sollte, wenn es mir nach Verdienst erginge,- aber das ist nicht der Fall, Mylord«, antwortete der Apotheker.

»Vereidigen Sie den Herrn«, sagte der Richter gebieterisch.

Der Beamte kam mit der Verlesung der Eidesformel nicht weiter als eben vorhin, denn der Apotheker unterbrach ihn aufs neue.

»Ich soll also vereidigt werden, Mylord?« sagte er.

»Allerdings, Sir«, erwiderte der eigensinnige kleine Richter.

»Sehr gut, Mylord«, sagte der Apotheker in ergebungsvollem Ton. »Aber Sie haben weiter nichts davon, als daß es noch vor Ende der Sitzung einen Mord gibt. Vereidigen Sie mich immerhin, Sir, wenn Sie wollen.«

Und der Apotheker war vereidigt, bevor der Richter noch Worte finden konnte.

»Ich wollte nur noch bemerken, Mylord«, sagte der Apotheker, indem er mit großer Fassung seinen Sitz einnahm, »daß ich niemand, als einen Laufbuben in meinem Laden zurückgelassen habe. Es ist ein recht wackerer Knabe, Mylord, der sich aber auf die Arzneimittel noch nicht ganz versteht, und ich weiß, daß er besonders die Eigenheit hat, Sauerkleesäure für Epsomsalz und Laudanum für Sennessyrup anzusehen. Das ist alles, Mylord.«

Nach dieser Rede setzte sich der lange Apotheker in eine behagliche Stellung, nahm eine zufriedene Miene an und schien auf das Schlimmste gefaßt zu sein.

Herr Pickwick betrachtete ihn eben mit Gefühlen des tiefsten Grauens, als im Hintergrund des Saales eine Bewegung entstand, und unmittelbar darauf wurde Frau Bardell, gestützt auf Frau Cluppins, in einem schmachtenden Zustande hereingeführt und ihr am andern Ende derselben Bank, worauf Herr Pickwick saß, ein Platz angewiesen. Herr Dodson reichte ihr einen Schirm von ungewöhnlicher Größe, Herr Fogg ein paar Überschuhe, und diese beiden Herren hatten für die heutige Sitzung höchst mitleidsvolle und melancholische Gesichter angenommen. Sodann erschien Frau Sanders, die den jungen Bardell hereinführte. Beim Anblick ihres Kindes fuhr Frau Bardell auf, dann aber faßte sie sich schnell wieder und küßte es wie wahnsinnig. Sofort versank die gute Dame aufs neue in einen Zustand hysterischer Stumpfheit und fragte, wo sie denn eigentlich sei? Statt aller Antwort wandten Frau Cluppins und Frau Sanders die Köpfe von ihr ab und weinten, während die Herren Dodson und Fogg die Klägerin baten, sie möchte sich doch beruhigen. Prokurator Buzfuz rieb sich mit einem großen, weißen Taschentuche die Augen beinahe wund und warf einen appellierenden Blick auf die Geschworenen. Der Richter aber schien sichtlich ergriffen zu sein, und mehrere von den Zuschauern versuchten, ihre Rührung hinweg zu husten.

»Wahrhaftig, ein herrlich angelegter Plan«, flüsterte Perker Herrn Pickwick hinzu. »Das sind Haupthähne, dieser Dodson und dieser Fogg; wirklich, eine vortreffliche Effektberechnung, mein lieber Herr.«

Während Perker so sprach, begann Frau Bardell allmählich wieder zu sich zu kommen, während Frau Cluppins den jungen Herrn Bardell nach sorgfältiger Musterung seiner Knöpfe und der Knopflöcher, in die sie gehörten, gerade vor seine Mutter stellte – eine gebietende Stellung, in der er nicht verfehlen konnte, das volle Erbarmen und Mitgefühl sowohl des Richters als der Geschworenen zu erwecken. Das geschah aber nicht ohne bedeutende Widersetzlichkeit. Auch nicht ohne eine Menge Tränen des jungen Herrn, der eine gewisse Ahnung hatte, diese seine unmittelbare Ausstellung vor den Augen der Richter sei bloß ein formelles Vorspiel zu seiner baldigen Hinrichtung oder allerwenigstens zu seiner Strafversendung über das Meer für die ganze Zeit seines leiblichen Lebens.

»Bardell und Pickwick«, rief der schwarzgekleidete Herr, den Prozeß anmeldend, der als der erste auf der Liste stand.

»Ich trete für die Klägerin auf, Mylord«, sagte der Herr Prokurator Buzfuz.

«Wer assistiert Ihnen, Kollege Buzfuz?« fragte der Richter.

Herr Skimpin verbeugte sich zum Zeichen, daß er es sei.

»Ich bin für den Beklagten erschienen, Mylord«, sagte der Herr Prokurator Snubbin.

»Und wer ist Ihr Assistent, Kollege Snubbin?« fragte der Richter.

»Herr Phunky, Mylord«, erwiderte der Advokat.

»Prokurator Buzfuz und Herr Skimpin für die Klägerin«, sagte der Richter, indem er die Namen in sein Notizbuch einschrieb und zugleich vorlas, »für den Beklagten Prokurator Snubbin und Herr Monkey5

»Bitte um Verzeihung, Mylord, Phunky.«

»Ah, sehr gut«, jagte der Richter; »ich hatte noch nie das Vergnügen, den Namen des Herrn zu hören.«

Herr Phunky verbeugte sich und lächelte. Der Richter verbeugte sich ebenfalls und lächelte, und Herr Phunky, der bis in das Weiße seiner Augen rot wurde, suchte sich das Ansehen zu geben, als wisse er nicht, daß alle Augen auf ihn gerichtet seien: ein Bestreben, womit sich noch niemand aus der Verlegenheit geholfen hat und aller Wahrscheinlichkeit nach auch niemand helfen wird.

»Beginnen wir jetzt«, sagte der Richter.

Die Gerichtsdiener geboten abermals Stillschweigen, und Herr Skimpin schritt zur Eröffnung der Verhandlung, Der Fall schien sehr wenig Redestoff darzubieten; denn der Advokat behielt die ihm bekannten besonderen Umstände gänzlich für sich und setzte sich nach drei Minuten wieder, so daß er die Geschworenen ganz auf derselben hohen Stufe der Weisheit ließ, die sie zuvor innehatten.

Prokurator Buzfuz erhob sich sofort mit aller Majestät und Würde, die die ernste Natur der Verhandlung erheischte. Nachdem er Dodson einige Worte zugeflüstert, auch mit Fogg ein wenig konferiert hatte, zupfte er seinen Mantel über die Schultern, machte seine Perücke zurecht und hielt seine Rede an die Geschworenen.

Er begann mit der Erklärung, daß ihm während seiner ganzen Praxis, ja vom ersten Augenblick an, da er sich auf das Studium und die Ausübung des Rechtes gelegt, noch nie ein Fall vorgekommen sei, der ihn so im Innersten ergriffen oder mit einem solch klaren Bewußtsein der auf ihm lastenden Verantwortlichkeit erfüllt habe, – einer Verantwortlichkeit, unter deren Gewicht er erlegen wäre, hätte ihn nicht die feste, ja einer positiven Gewißheit gleichkommende Überzeugung aufrechterhalten, daß die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit, oder mit andern Worten, die Sache seiner schwer verletzten und auf schmähliche Art Hintergangenen Klientin bei den edelgesinnten und einsichtsvollen zwölf Männern, die er vor sich sehe, obsiegen müsse.

Die Sachwalter beginnen in der Regel auf diese Art, weil sie sich dadurch bei den Geschworenen in ein gutes Licht setzen, und ihnen eine ungeheure Meinung von ihrem eigenen Scharfsinn beibringen. Auch hatte diese Einleitung sogleich eine sichtbare Wirkung, denn mehrere Geschworene fingen mit dem größten Eifer an, lange Notizen aufzuzeichnen.

»Sie haben von meinem gelehrten Freunde vernommen«, fuhr Prokurator Buzfuz fort, obgleich er wohl wußte, daß die Herren von der Jury von seinem gelehrten Freunde so gut wie nichts vernommen hatten. »Sie haben von meinem gelehrten Freunde vernommen, meine Herren, daß es sich hier um den Bruch eines Eheversprechens handelt und ein Schadenersatz von 1 500 Pfund verlangt wird. Aber die näheren Tatsachen und Umstände haben Sie von meinem gelehrten Freunde nicht vernommen, wie es meinem gelehrten Freunde auch nicht zukam, sie Ihnen zu sagen. Diese Tatsachen und Umstände, meine Herren, werde ich Ihnen nunmehr ausführlich auseinandersetzen und Ihnen eine unverwerfliche Zeugin vorführen, die sie beweisen wird.«

Um dem Wort »beweisen« einen kraftvollen Nachdruck zu geben, schlug Herr Prokurator Buzfuz gewaltig auf den Tisch und blickte die Herren Dodson und Fogg an, die ihm Bewunderung seines Talents und dem Beklagten eine trotzige Herausforderung zuwinkten.

»Die Klägerin, meine Herren«, fuhr Prokurator Buzfuz mit einer sanften, melancholischen Stimme fort, »die Klägerin ist eine Witwe: ja, meine Herren, eine Witwe. Der selige Herr Bardell schied, nach dem er sich viele Jahre lang als Wächter der königlichen Einkünfte der Achtung und des Vertrauens seines Souveräns erfreut, sanft und lautlos aus dieser Welt, um in einer andern die Ruhe und den Frieden zu suchen, die ein Zollhaus nimmermehr gewähren kann.«

Bei dieser pathetischen Beschreibung vom Abscheiden des Herrn Bardell, der in einem Wirtshauskeller mit einer Bierkanne in den Kopf geschlagen worden war, bebte die Stimme des gelehrten Anwalts, und er fuhr mit großer Rührung also fort:

»Einige Zeit vor seinem Tode erblickte er noch sein Ebenbild in einem Söhnlein, und mit diesem Söhnlein, dem einzigen Liebespfand von ihrem entschlafenen Zollbeamten, zog sich Frau Bardell von der Welt zurück, suchte die Abgeschiedenheit und Ruhe der Goswellstraße, und dort hing sie an ihrem vorderen Fenster eine Anzeige aus, des Inhalts: ›Möblierte Zimmer für einen ledigen Herrn. Zu erfragen drinnen.‹«

Prokurator Buzfuz hielt hier inne, während mehrere Herrn von der Jury sich dieses Dokument aufzeichneten.

»Hatte die Anzeige kein Datum?« fragte einer der Geschworenen.

»Nein, mein Herr«, erwiderte Prokurator Buzfuz, »aber ich bin ermächtigt zu sagen, daß sie gerade vor drei Jahren ans Fenster der Klägerin gesteckt wurde. Ich muß die Aufmerksamkeit der Herren Geschworenen auf die wörtliche Abfassung dieses Dokuments lenken. ›Möblierte Zimmer für einen ledigen Herrn.‹ Frau Bardells Ansichten über das andere Geschlecht gründeten sich auf eine lange Beobachtung der unschätzbaren Eigenschaften ihres verstorbenen Gatten. Sie hatte keine Furcht – sie hegte kein Mißtrauen – sie hegte keinen Verdacht – sie war voll argloser Zuversicht. ›Herr Bardell‹, sagte die Witwe, ›Herr Bardell war ein Mann von Ehre – Herr Bardell war ein Mann von Wort – Herr Bardell war kein Betrüger – Herr Bardell war auch einmal ein lediger Herr; bei ledigen Herren will ich daher Schutz, Beistand, Hilfe und Trost suchen – in ledigen Herren werde ich beständig etwas sehen, was mich daran erinnert, wie Herr Bardell war, als er das erstemal die Neigung meines jungen, unerfahrenen Herzens gewann; an einen edigen Herrn will ich also meine Wohnung vermieten.‹ Beseelt von diesem schönen, rührenden Beweggrund (einer der besten Beweggründe unserer unvollkommenen Natur) trocknete die einsame, verlassene Witwe ihre Tränen, möblierte ihren untern Stock, drückte ihren unschuldigen Knaben an den mütterlichen Busen und hing die Anzeige an das Fenster. Blieb sie lange dort? Nein. Die Schlange war bereits auf der Lauer, die Linie war gezogen, die Mine war gegraben, der Pionier und Mineur waren in voller Arbeit. Kaum hing die Anzeige drei Tage am Fenster – drei Tage, meine Herren – als ein zweibeiniges Wesen, das ganz die äußere Gestalt eines Mannes, nicht die eines Ungeheuers hatte, an Frau Bärbells Haustür anklopfte. Er erkundigte sich, mietete die Wohnung und nahm am nächstfolgenden Tage Besitz davon. Dieser Mann war Pickwick – Pickwick der Beklagte.«

Prokurator Buzfuz hatte mit solcher Zungenfertigkeit gesprochen, daß sein Gesicht ganz karmoisinrot geworden war und er innehalten mußte, um Atem zu schöpfen. Sein Schweigen erweckte den Herrn Richter Stareleigh, der sogleich mit einer uneingetunkten Feder etwas schrieb und ganz außerordentlich vertieft aussah, um die Geschworenen glauben zu machen, er habe mit geschlossenen Augen der Sache bis in ihren innersten Grund nachgeforscht. Prokurator Buzfuz fuhr fort:

»Von diesem Pickwick werde ich nicht viel sagen: die Person bietet nicht sehr viel Anziehendes, und ich, meine Herren, bin nicht der Mann, so wenig wie Sie, meine Herren, die Männer sind, bei der Betrachtung empörender Herzlosigkeit und systematischer Schlechtigkeit mit Lust zu verweilen.«

Hier fuhr Herr Pickwick, der sich seit einiger Zeit ruhig Notizen aufgeschrieben hatte, heftig auf, wie wenn sich ihm ein vager Wunsch aufgedrängt hätte, in Gegenwart des versammelten ehrwürdigen Gerichtshofes dem Prokurator Buzfuz zu Leibe zu gehen. Eine abmahnende Geberde von Perker hielt ihn jedoch zurück, und er hörte den ferneren Vortrag des gelehrten Herrn mit einer Entrüstung an, die den stärksten Gegensatz zu den von Bewunderung strahlenden Gesichtern der Frauen Cluppins und Sanders bildete.

»Ich sage, systematische Schlechtigkeit, meine Herren«, fuhr Prokurator Buzfuz fort, indem er Herrn Pickwick mit seinen Blicken durchbohren zu wollen schien, »und wenn ich ›systematische Schlechtigkeit‹ sage, so lassen Sie mich dem beklagten Pickwick, wenn er sich, wie ich gehört habe, im Saale befindet, erklären, daß es weit anständiger und schicklicher, weit gescheiter und vernünftiger gewesen wäre, er hätte sich ferngehalten. Lassen Sie mich ihm sagen, meine Herren, daß alle Zeichen von Meinungsverschiedenheit oder Mißbilligung, die er sich im Gerichtssaale erlauben könnte, bei Ihnen nichts fruchten werden, und daß Sie dieselben wohl zu schätzen und zu würdigen wissen: und lassen Sie mich ihm ferner sagen, wie Seine Lordschaft Ihnen, meine Herren, ebenfalls sagen wird, daß ein Anwalt in Erfüllung seiner Pflichten gegen seinen Klienten sich weder einschüchtern noch betäuben oder zum Schweigen bringen läßt, und daß jeder Versuch, das eine oder das andere, das erste oder das letzte zu tun, auf das Haupt dessen zurückfällt, der den Versuch wagt, sei es nun der Kläger oder der Beklagte, möge er nun Pickwick oder Noakes, Stoakes oder Stiles, Brown oder Thompson heißen.«

Diese kleine Abschweifung von der Sache konnte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen, aller Augen auf Herrn Pickwick zu lenken. Nachdem Prokurator Buzfuz der moralischen Entrüstung, zu der er sich hatte hinreißen lassen, wieder einigermaßen Meister geworden war, fuhr er fort:

»Ich werde Ihnen nachweisen, meine Herrn, daß Pickwick zwei Jahre lang dauernd, ohne Unterbrechung im Hause der Frau Bardell gewohnt hat. Ich werde Ihnen nachweisen, daß ihn Frau Bardell diese ganze Zeit über bediente, auf jede Art für seine Behaglichkeit sorgte, ihm kochte, seine Wäsche zur Wäscherin schickte, sie flickte, lüftete und überhaupt wieder instandsetzte, mit einem Wort, daß sie sich seines vollkommensten Vertrauens erfreute. Ich werde Ihnen nachweisen, daß er ihrem kleinen Knaben manchmal einen halben Penny, einige Male sogar sechs Pence schenkte, und ich werde Ihnen durch einen Zeugen, dessen Aussagen mein gelehrter Freund weder zu entkräften, noch zu bestreiten imstande sein wird, dartun, daß er einmal den Knaben auf den Kopf tätschelte, und nachdem er ihn gefragt, ob er neulich viele Marmeln oder Murmeln (beides, wie ich höre, besondere Arten von Marmorkugeln, die von der Jugend unserer Stadt sehr geschätzt werden,) gewonnen habe, sich der bemerkenswerten Äußerung bediente: ›würde es dich freuen, wenn du wieder einen Vater bekämest?‹ Ich werde Ihnen ferner nachweisen, meine Herren, daß Pickwick vor etwa einem Jahre plötzlich mehrere Male auf längere Zeit verreiste, wie wenn er im Sinn hätte, allmählich mit meiner Klientin zu brechen. Aber ich werde Ihnen auch dartun, daß er sich in seinem Entschluß damals noch nicht gehörig befestigt hatte, oder daß seine besseren Gefühle, wenn er überhaupt deren fähig ist, obsiegten, oder daß die Neize und Vorzüge meiner Klientin feinen unwürdigen Plan über den Haufen warfen. Denn ich werde Ihnen beweisen, daß er eines Tages, als er vom Lande zurückkehrte, ihr in ganz deutlichen Worten und Ausdrücken einen Heiratsantrag machte, wobei er freilich die besondere Vorsicht gebraucht hatte, daß bei dem feierlichen Versprechen keine Zeugen zugegen waren. Ja, ich bin imstande, durch das Zeugnis von dreien seiner eigenen Freunde – höchst unfreiwillige Zeugen, meine Herren, höchst unfreiwillige Zeugen – zu beweisen, daß man ihn an demselbigen Morgen antraf, wie er eben die Klägerin in seinen Armen hielt und ihre Aufregung durch Schmeicheleien und Liebkosungen zu beschwichtigen suchte.«

Dieser Teil der Rede des gelehrten Prokurators brachte einen sichtlichen Eindruck auf das Publikum hervor. Er zog nun zwei ganz schmale Papierstreifen aus der Tasche und sprach also weiter:

»Und nun, meine Herren, nur noch ein Wort: Es sind zwischen den Parteien zwei Briefe gewechselt worden, Briefe, deren Handschrift der Beklagte als die seinige anerkennt und deren Inhalt von höchster Wichtigkeit ist. Diese Briefe werfen ein helles Licht auf den Charakter des Mannes. Es sind keine offenen, feurigen, beredten Episteln, die nichts als die Sprache leidenschaftlicher Liebe atmen: nein, es sind versteckte, schlaue, zweideutige Mitteilungen, die aber glücklicherweise mehr Aufschlüsse geben, als wären sie in der glühendsten Sprache und in den poetischsten Bildern abgefaßt – Briefe, die man mit vorsichtigem, argwöhnischem Auge betrachten muß – Briefe, durch die Pickwick offenbar etwaige dritte Personen, denen sie vielleicht in die Hände geraten könnten, hinters Licht zu führen und auf eine falsche Spur zu leiten beabsichtigte. Lassen Sie mich den ersten vorlesen:

›Garraway um 12 Uhr. Liebe Frau B.!

Kotelettes und Tomatensauce.

Der Ihrige Pickwick.‹

Was soll man davon denken, meine Herren? ›Kotelettes und Tomatensauce. Der Ihrige, Pickwick!‹ Koteletten! Gütiger Gott! und Tomatensauce! Meine Herren, darf das Glück einer gefühlvollen

und arglosen Frau durch so elende Kunstgriffe zu Boden getreten werden? Das zweite Billett hat gar kein Datum, wodurch es schon von selbst verdächtig wird.

»›Liebe Frau B., ich werde erst morgen nach Hause kommen. Langsame Kutsche.‹ Und dann folgt noch der sehr bemerkenswerte Zusatz: ›Machen Sie sich keine Sorge wegen der Bettflasche.‹ – Die Bettflasche! Wie, meine Herren, wer macht sich denn Sorgen wegen einer Bettflasche? Wann wurde je der Seelenfriede eines Mannes oder einer Frau durch eine Bettflasche gestört oder vernichtet, die an sich selbst ein harmloses, nützliches und, meine Herren, ich will noch hinzufügen, ein komfortables Hausgerät ist? Warum wird Frau Bardell so angelegentlich ersucht, sich wegen der Bettflasche keine Sorgen zu machen, wenn diese nicht (wie hier offenbar der Fall ist) ein verborgenes Feuer bedecken soll – wenn sie nicht bloß die Stelle eines zärtlichen Wortes oder Versprechens vertritt, gemäß einem verabredeten Korrespondenzensystem, das Pickwick behufs seiner längst beabsichtigten Treulosigkeit mit Vorbedacht ausgeheckt hat und das ich nicht näher erklären kann? Und was soll diese Anspielung auf die langsame Kutsche bedeuten? So weit ich die Sache zu durchschauen vermag, bezieht sie sich auf Pickwick selbst, der in der Tat während dieses ganzen Verhältnisses eine verdammt langsame Kutsche gewesen ist, eine Kutsche, die indessen sehr unerwartet in schnellen Lauf gebracht, und deren Räder, wie er auf seine Kosten erfahren wird, von Ahnen sehr bald geschmiert werden dürften.«

Hier machte Herr Prokurator Buzfuz eine Pause, um zu sehen, ob die Geschworenen zu seinem Witz lächelten: da dies aber niemand tat als der Gewürzkrämer, dessen Empfänglichkeit dafür höchst wahrscheinlich dadurch hervorgerufen wurde, daß er erst diesen Morgen noch an einer Kutsche obgedachtes Geschäft verrichtet hatte, so hielt es der gelehrte Redner für ratsam, vor dem Schlusse seines Vortrags noch ein wenig auf die Rührung der Richter zu wirken.

»Doch genug hiervon, meine Herren«, sprach Herr Prokurator Buzfuz; »es ist schwer, mit blutendem Herzen zu lächeln, es scherzt sich nicht leicht, wenn unsere tiefsten Sympathien aufgeregt sind. Alle Hoffnungen und Aussichten meiner Klientin sind vernichtet, und es ist keine bloße Phrase, wenn ich sage, daß es um ihren Lebensunterhalt geschehen ist. Die Anzeige hängt nicht mehr am Fenster, und doch wohnt kein Herr im Hause. Es kommen ledige Herren, unter denen man auswählen könnte, genug am Hause vorüber – aber es ist keine Einladung mehr vorhanden, einzuziehen. Düsteres Schweigen herrscht setzt in dieser Wohnung. Selbst die Stimme des Knaben ist verhallt; seine kindlichen Spiele machen ihm kein Vergnügen mehr, wenn seine Mutter weint! seine Marmeln und Murmeln sind ihm gleichgültig geworden. Er überhört die Aufforderung seiner Kameraden zum ›Wolf heraus‹, und wollen sie ›Gerade oder Ungerade‹ mit ihm spielen, so rührt er seine Hand nicht. Aber Pickwick, meine Herren, Pickwick, der mitleidslose Zerstörer dieser häuslichen Oase in der Wüste der Goswellstraße – Pickwick, der die Quelle verstopft und auf den grünen Rasen Asche gestreut hat – Pickwick, der mit seiner herzlosen Tomatensauce und seiner Bettflasche heute vor Ihnen erscheint – Pickwick erhebt noch immer mit frecher Schamlosigkeit sein Haupt und blickt ohne einen Seufzer auf die Verwüstung hin, die er angerichtet hat. Eine Geldentschädigung, meine Herren, eine bedeutende Geldentschädigung ist die einzige Strafe, womit Sie ihn heimsuchen, der einzige Ersatz, den Sie meiner Klientin gewähren können. Um diese Geldentschädigung nun wendet sie sich hiermit an eine erleuchtete, großherzige, taktbegabte, gewissenhafte, leidenschaftslose, mitfühlende und einsichtsvolle Jury ihrer gebildeten Mitbürger.«

Mit dieser schönen Wendung setzte sich der Herr Prokurator Buzfuz nieder, und der Herr Stareleigh erwachte zum zweiten Male. Nach einer Minute erhob sich Prokurator Buzfuz wieder mit erneuter Kraft und verlangte, daß Elisabeth Cluppins gerufen würde.

Der nächststehende Gerichtsdiener rief Elisabeth Tuppins, ein anderer in einiger Entfernung fragte nach Elisabeth Jupkins und ein dritter rannte atemlos in die Königstraße, und schrie sich heiser nach einer Elisabeth Muffins.

Mittlerweile wurde Frau Cluppins durch die vereinigte Hilfe der Frauen Bardell und Sanders, sowie der Herren Dodson und Fogg in die Zeugenloge gebracht, und als sie sicher auf die oberste Stufe gelangt war, stellte sich Frau Bardell an die unterste, mit dem Taschentuch und den Überschuhen in der einen Hand, und einer Flasche, die ungefähr ein Viertelpfund Riechsalz enthalten mochte, in der andern, um für alle Fälle bereit zu sein. Frau Sanders, deren Augen unverwandt am Gesichte des Richters hingen, pflanzte sich mit dem großen Regenschirm dicht neben sie und hielt mit ernstem Gesicht ihren rechten Daumen an das Schloß ihrer Tasche gedrückt, um nötigenfalls sogleich ein Stärkungsmittel hervorzuholen.

»Frau Cluppins«, redete Prokurator Buzfuz sie an, »ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch, Madame.«

Und diese Erinnerung war keineswegs unnötig, denn Frau Cluppins schluchzte und seufzte, daß sich ein Stein hätte erbarmen mögen, ja es stellten sich mehrere beunruhigende Symptome einer herannahenden Ohnmacht ein, denn sie konnte, wie sie später sagte, ihre Gefühle kaum meistern.

»Erinnern Sie sich, Frau Cluppins«, sagte Prokurator Buzfuz nach einigen unwichtigen Fragen, »erinnern Sie sich, an einem gewissen Morgen des vergangenen Juli in einem Hinterstübchen der Frau Bardell gewesen zu sein, als sie eben das Zimmer des Herrn Pickwick ausstäubte?«

»Ja, Mylord und meine Herrn Geschworenen, ich erinnere mich«, erwiderte Frau Cluppins.

»Aber Herrn Pickwicks Wohnzimmer war ja, wie ich glaube, im ersten Stock und nach der Straße zu?«

»Ja, Sir«, antwortete Frau Cluppins.

»Was hatten Sie denn im Hinterstübchen zu schaffen, Madame?« fragte der kleine Richter.

»Mylord und meine Herren Geschworenen«, sagte Frau Cluppins in rührender Aufregung, »ich will Sie nicht täuschen.«

»Sie würden auch nicht wohl daran tun«, bemerkte der kleine Richter.

»Ich war dort«, erzählte Frau Cluppins, »ohne daß Frau Bardell es wußte. Ich war mit einem kleinen Korb ausgegangen, meine Herren, um drei Pfund rote Kartoffeln zu kaufen, was im Ganzen dritthalb Pence ausmacht, als ich die Haustür der Frau Bardell offen sah. Ich ging also hinein, meine Herren, um ihr guten Morgen zu wünschen, lief aber in Gedanken die Treppe hinauf und in das Hinterzimmer. Meine Herren, da hörte ich im Vorderzimmer mehrere Stimmen, und –«

»Und Sie horchten ohne Zweifel, Frau Cluppins?« unterbrach sie Prokurator Buzfuz.

»Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Frau Cluppins in majestätischem Ton; »so etwas zu tun, dafür bin ich mir zu gut! Die Stimmen waren sehr laut, Sir, und drängten sich mit Gewalt meinen Ohren auf.«

»Nun gut, Frau Cluppins, Sie horchten also nicht, hörten aber dennoch die Stimmen. War eine derselben die des Herrn Pickwick?«

»Ja, Sir.«

Und Frau Cluppins trug jetzt, nachdem sie deutlich angegeben, daß Herr Pickwick mit Frau Bardell gesprochen habe, langsam und mit vielen Umschweifen die unsern Lesern bereits bekannte Unterhaltung vor.

Die Geschworenen sahen bedenklich drein und Herr Prokurator Buzfuz setzte sich lächelnd. Noch unheimlicher wurden aber ihre Mienen, als Herr Prokurator Snubbin erklärte, er könne die Zeugin nicht mehr ausfragen, denn Herr Pickwick selbst müsse eingestehen, daß ihre Aussage im wesentlichen richtig sei.

Da nun Frau Cluppins einmal das Eis gebrochen hatte, so hielt sie dies für eine günstige Gelegenheit, sich auf eine kurze Darstellung ihrer eigenen häuslichen Verhältnisse einzulassen; sie benachrichtigte daher den Gerichtshof geradezu, daß sie in diesem Augenblick Mutter von acht Kindern sei und die zuversichtliche Hoffnung nähren dürfe, nach etwa sechs Monaten Herrn Cluppins mit einem neunten zu beschenken. Bei dieser interessanten Mitteilung legte sich der kleine Richter voll Zorn ins Mittel, und die Folge davon war, daß sowohl die würdige Dame, als auch Frau Sanders unter Begleitung des Herrn Jackson ohne weitere Umstände aus dem Gerichtssaal hinausgeführt wurden.

»Nathaniel Winkle!« rief Herr Skimpin.

»Hier!« erwiderte eine schwache Stimme.

Herr Winkle trat in die Zeugenloge und verbeugte sich, nachdem er den vorgeschriebenen Eid geschworen, ehrfurchtsvoll gegen den Richter.

»Sehen Sie mich nicht an, Sir«, sagte der Richter, statt für den Gruß zu danken, in verweisendem Tone: »sehen Sie nur auf die Geschworenen!«

Herr Winkle gehorchte dem Befehl und sah nach dem Platze, wo seiner Wahrscheinlichkeitsberechnung nach die Geschworenen sein mußten, denn in seinem verwirrten Geisteszustand war es ihm schlechterdings unmöglich, etwas genau zu sehen.

Herr Winkle wurde sofort von Herrn Skimpin, einem vielversprechenden jungen Manne von 42 bis 43 Jahren, verhört, dem natürlich alle« daran gelegen sein mußte, einen bekanntermaßen für die Gegenpartei eingenommenen Zeugen so sehr wie möglich aus dem Konzept zu bringen.

»Nun, Sir«, sagte Herr Skimpin, »haben Sie die Güte, Seine Lordschaft und die Jury Ihren Namen wissen zu lassen.«

Und Herr Skimpin neigte den Kopf auf die eine Seite, um die Antwort recht genau zu hören, indessen er den Geschworenen einen Seitenblick zuwarf, der deutlich genug sagte, bei Herrn Winkles natürlichem Hange zur Lüge könne man von ihm auch die Angabe eines falschen Namens erwarten.

»Winkle«, antwortete der Zeuge.

»Ihr Taufname, Sir?« fragte der kleine Richter ärgerlich.

»Nathaniel, Sir.«

»Daniel – vielleicht noch andere Taufnamen?«

»Nathaniel, Sir – Mylord, wollte ich sagen.«

»Nathaniel Daniel oder Daniel Nathaniel?«

»Nein, Mylord, blos Nathaniel, nicht Daniel.«

»Warum sagten Sie denn vorhin. Sie hießen Daniel, Sir?« fragte der Richter.

»Das habe ich nicht gesagt, Mylord«, antwortete Herr Winkle.

»Freilich haben Sie es gesagt, Sir«, erwiderte der Richter mit strengem Stirnrunzeln; »wie hätte ich denn Daniel aufschreiben können, wenn Sie nicht so gesagt hätten, Sir?«

Auf diesen Beweisgrund ließ sich natürlich nichts antworten.

»Herr Winkle hat ein kurzes Gedächtnis, Mylord«, fiel Herr Skimpin mit einem abermaligen Blick auf die Geschworenen ein; »ich denke aber, wir sollten Mittel finden, es aufzufrischen, bevor wir mit ihm fertig sind.«

»Nehmen Sie sich in acht, Sir«, rief der kleine Richter mit einem unheimlichen Blick nach dem Zeugen hin.

Der arme Herr Winkle verneigte sich und gab sich alle Mühe, unbefangen zu scheinen, gewann aber in seiner Verlegenheit weit eher das Aussehen eines aufs Eis geführten Taschendiebs.

»Jetzt, Herr Winkle«, sagte Herr Skimpin, »geben Sie gefälligst auf meine Fragen acht, Sir, und folgen Sie um Ihrer selbst willen meinem Rat, der Ermahnungen Seiner Lordschaft eingedenk zu sein. So viel ich weiß, sind Sie ein vertrauter Freund Herrn Pickwicks, des Angeklagten, nicht wahr?«

»Wenn ich mich in diesem Augenblick recht erinnere, so kenne ich Herrn Pickwick beinahe –«

»Ich muß bitten, Herr Winkle, daß Sie keine ausweichende Antworten geben. Sind Sie wirklich ein vertrauter Freund des Angeklagten, oder sind Sie es nicht?«

»Ich wollte soeben sagen, daß –«

»Wollen Sie meine Frage beantworten, Sir, oder nicht?«

»Wenn Sie nicht antworten, so laß ich Sie einsperren, Sir«, fiel der kleine Richter ein, indem er über sein Notizbuch herüberblickte.

»Nur vorwärts, Sir«, sagte Herr Skimpin. »Ja oder Nein.«

»Ja, ich bin’s«, antwortete Herr Winkle.

»Sie sind es freilich. Warum haben Sie es nicht sogleich gesagt, Sir? Vielleicht kennen Sie auch die Klägerin – wie, Herr Winkle?«

»Nein, ich kenne sie nicht; aber gesehen habe ich sie schon.«

»So, Sie kennen sie nicht, haben sie aber gesehen? Nun, so haben Sie die Güte, den Herren Geschworenen zu sagen, was Sie damit meinen, Herr Winkle.«

»Ich meine damit, daß ich nicht genauer mit ihr bekannt bin, sie aber gesehen habe, wenn ich Herrn Pickwick in der Goswellstraße besuchte.«

»Wie oft haben Sie sie gesehen, Sir?«

»Wie oft?«

»Ja, Herr Winkle, wie oft? Ich will Ihnen die Frage ein Dutzendmal wiederholen, Sir, wenn Sie es verlangen, Sir.«

Dabei stemmte der gelehrte Herr mit einem entschiedenen Stirnrunzeln die Hände in die Seite und lächelte den Geschworenen verschmitzt zu.

Diese Frage führte das erbauliche Stirnrunzeln herbei, das bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist. Zuvörderst sagte Herr Winkle, es sei ihm rein unmöglich, anzugeben, wie oft er Frau Bardell gesehen habe. Dann fragte man ihn, ob er sie vielleicht zwanzigmal gesehen, und er erwiderte: »gewiß – auch noch öfter.« Hierauf wollte man wissen – ob er sie hundertmal gesehen – ob er nicht schwören könne, daß er sie mehr als fünfzigmal gesehen – ob er nicht angeben könne, daß er sie mehr als fünfundsiebzigmal gesehen – und so fort; wodurch man endlich zu dem befriedigenden Schlüsse gelangte, ihn nochmals zu ermahnen, er solle sich wohl in acht nehmen und bedenken, was er sage. Nachdem nun der Zeuge auf diese Art so verwirrt worden war, daß er kaum mehr wußte, wo ihm der Kopf stand, wurde das Verhör folgendermaßen fortgesetzt.

»Erinnern Sie sich, Herr Winkle, an einem gewissen Morgen im vergangenen Juli den beklagten Pickwick in seiner Wohnung bei der Klägerin in der Goswellstraße besucht zu haben?«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Hatten Sie damals einen Freund, Namens Tupman, und einen andern, Namens Snodgraß bei sich.«

»Ja.«

»Sind sie hier?«

»Ja«, erwiderte Herr Winkle, sehr angelegentlich nach dem Platz blickend, wo seine Freunde saßen.

»Sehen Sie gefälligst mich an, Herr Winkle, und nicht Ihre Freunde«, sagte Herr Skimpin mit einem neuen ausdrucksvollen Lächeln auf die Jury. »Die Herren müssen ihre Aussagen ohne vorherige Beratung mit Ihnen ablegen, falls solche etwa nicht schon stattgefunden hat (abermals ein Blick auf die Jury). Nun, Sir, sagen Sie jetzt den Herren Geschworenen, was Sie am selbigen Morgen beim Eintritt ins Zimmer des Beklagten gesehen haben? Nur heraus damit, Sir, wir müssen es früher oder später doch erfahren.«

»Der Beklagte, Herr Pickwick, hielt die Klägerin in seinen Armen und hatte mit seinen Händen ihren Leib umschlungen«, erwiderte Herr Winkle mit natürlichem Zögern, »und die Klägerin schien in Ohnmacht gefallen zu sein.«

»Hörten Sie Beklagten etwas sprechen?«

»Ja, ich hörte, daß er Madame Bardell ›liebe Frau‹ nannte und sie bat, sich zu beruhigen; dann, was man glauben müßte, wenn jemand käme, und ähnliche Redensarten.«

»Jetzt, Herr Winkle, habe ich nur noch eine einzige Frage an Sie zu richten, und ich bitte Sie, hierbei der Ermahnung seiner Gnaden wohl eingedenk zu sein. Wollen Sie beschwören, daß beklagter Pickwick bei dieser Gelegenheit nicht gesagt hat: ›meine gute Bardell, Sie sind eine liebe Frau; beruhigen Sie sich, es wird schon noch dazu kommen‹, oder dem ähnliche Redensarten?«

»Ich – ich – habe es wahrhaftig nicht so verstanden«, sagte Herr Winkle, erstaunt über die sinnreiche Verdrehung der wenigen Worte, die er gehört hatte. »Ich war noch auf der Treppe und konnte es nicht deutlich hören; aber der Eindruck, den es auf mich machte, ist –«

»Die Herren Geschworenen wollen nichts von den auf Sie gemachten Eindrücken, Herr Winkle, die, fürchte ich, ohnehin ehrlichen und rechtschaffenen Leuten wenig nützen würden«, unterbrach ihn Herr Skimpin. »Sie waren also auf der Treppe und hörten es nicht deutlich, wollen aber nicht beschwören, daß Pickwick sich der von mir erwähnten Ausdrücke nicht bedient hat? Habe ich es so zu verstehen?«

»Nein, ich will es nicht beschwören«, erwiderte Herr Winkle, und Herr Skimpin setzte sich mit triumphierender Miene.

Herrn Pickwicks Sache hatte bis jetzt keinen so überaus günstigen Verlauf gehabt, daß sie noch neue Verdachtsgründe ertragen konnte. Da sie jedoch möglicherweise noch in ein besseres Licht zu stellen war, so erhob sich Herr Phunky, um seinerseits Herrn Winkle auch einige wichtige Aufschlüsse zu entlocken. Ob ihm das glückte oder nicht, wird sich sogleich ergeben.

»Ich glaube, Herr Winkle«, begann er, »Herr Pickwick ist kein junger Mann mehr?«

»O nein«, erwiderte Herr Winkle, »er könnte mein Vater sein.«

»Sie haben meinem gelehrten Freunde gesagt, Sie kennen Herrn Pickwick schon lange. Hatten Sie jemals Grund zu vermuten oder zu glauben, er beabsichtige, sich zu verheiraten?«

»Nein, niemals«, antwortete Herr Winkle mit solchem Eifer, daß ihn Herr Phunky so schnell wie möglich aus der Zeugenloge hätte entfernen mögen. In den Augen der Rechtsgelehrten gibt es zwei Arten besonders schlechter Zeugen: solche, die gar nichts, und solche, die zu viel aussagen. Herrn Winkles Schicksal wollte, daß er beide Arten in sich vereinigte.

»Ich will sogar noch weiter gehen, Herr Winkle«, fuhr Phunky in einem sehr freundlichen und gefälligen Tone fort. »Bemerkten Sie in Herrn Pickwicks Benehmen gegen das andere Geschlecht je etwas, was Sie hätte auf den Glauben bringen können, daß er in den letzten Jahren überhaupt Heiratsgedanken hege?«

»O nein, nicht das mindeste«, erwiderte Herr Winkle.

»War sein Benehmen in Gesellschaft von Damen nicht das eines Mannes, der, an Jahren schon ziemlich vorgerückt, nur noch an seine Geschäfte oder Vergnügungen denkt und sie bloß behandelt, wie ein Vater seine Töchter?«

»Daran ist kein Zweifel«, antwortete Herr Winkle in der Fülle seines Herzens. »Das heißt – ja – o ja –«

»Sie haben also in seinem Benehmen gegen Frau Bardell oder sonst gegen eine Dame nie etwas auch nur im mindesten Verdächtiges wahrgenommen?« fragte Herr Phunky und wollte sich eben niedersetzen, denn Prokurator Snubbin hatte ihm einen Wink gegeben.

»Nein, nein«, erwiderte Herr Winkle; »außer in einem einzigen unbedeutenden Fall, der sich aber, wie ich nicht zweifle, leicht wird aufklären lassen.«

Hätte sich der unglückliche Phunky sogleich gesetzt, als Sergeant Snubbin ihm zuwinkte, oder wäre Prokurator Buzfuz gleich im Anfang gegen dieses unstatthafte Zeugenverhör aufgetreten (allein er hütete sich wohl, es zu tun, da er Herrn Winkles Ängstlichkeit bemerkte und alle Hoffnung hatte, diese zu seinem Vorteil ausbeuten zu können), so wäre dieses unglückselige Geständnis Herrn Winkle nicht entlockt worden. Kaum aber waren diese Worte seinen Lippen entschlüpft, so setzte sich Phunky, und Prokurator Snubbin rief ihm im größten Eifer zu, er solle die Zeugenloge verlassen, wozu er sich auch mit aller Bereitwilligkeit anschickte, als Prokurator Buzfuz es verhinderte.

»Bleiben Sie, Herr Winkle«, sagte er: »bleiben Sie. Wollen Eure Gnaden die Güte haben, ihn zu fragen, was dieser einzige Fall war, wo ihm das Benehmen dieses Herrn, der sein Vater sein könnte, gegen Damen verdächtig vorkam?«

»Sie hören, was der gelehrte Anwalt sagt«, bemerkte der Richter, sich gegen den armen, von neuem Schreck ergriffenen Winkle wendend. »Erklären Sie sich näher über den Fall, den Sie angedeutet haben.«

»Mylord«, sagte Herr Winkle, zitternd vor Angst, »ich – ich möchte es lieber nicht sagen.«

»Das ist wohl möglich«, sagte der kleine Richter, »aber Sie müssen.«

Unter dem tiefsten Schweigen der ganzen Versammlung erklärte also Herr Winkle mit stotternder Stimme: der einzige unbedeutende Vorfall, der Verdacht erregen könne, sei, daß man Herrn Pickwick einmal um Mitternacht im Schlafzimmer einer Dame gefunden habe, und, soviel er wisse, sei infolge dieser Entdeckung die projektierte Heirat besagter Dame rückgängig gemacht worden; auch wisse er bestimmt, daß alle dabei Beteiligten mit Gewalt vor Georg Nupkins, Esquire, den Friedensrichter, und Mayor von Ipswich, geführt worden.

»Jetzt können Sie die Zeugenloge verlassen, Sir«, sagte Prokurator Snubbin.

Herr Winkle tat es und rannte wie besessen nach dem George und Geier, allwo der Kellner ihn einige Stunden nachher jammervoll stöhnend und ächzend, den Kopf in die Sofakissen begraben, entdeckte.

Tracy Tupman und Augustus Snodgraß wurden hierauf hintereinander in die Zeugenloge gerufen. Beide bestätigten die Aussage ihres unglücklichen Freundes, und beide wurden durch verfängliche Fragen aus der Fassung gebracht.

Jetzt wurde Susanna Sanders aufgerufen und zuerst von Prokurator Buzfuz, sodann von Prokurator Snubbin befragt. Sie habe, erklärte sie, immer gesagt und geglaubt, Herr Pickwick werde Frau Bardell heiraten. Sie wisse, daß nach der Ohnmachtsgeschichte im Juli die ganze Nachbarschaft von nichts gesprochen habe, als von dem Verlöbnis zwischen Frau Bardell und Herrn Pickwick; sie habe es Frau Muderry, die eine Wäschemangel besitze, und Frau Bunkin, die Weißnäherin sei, mehr als einmal sagen hören, obgleich sie keine von beiden hier im Saale erblicke. Sie habe gehört, wie Herr Pickwick das Kind gefragt, ob es sich freuen würde, wenn es wieder einen Vater bekäme. Sie wisse nichts davon, daß Frau Bardell um diese Zeit ein vertrautes Verhältnis mit dem Bäcker gehabt, nur soviel könne sie sagen, daß der Bäcker damals ledig gewesen sei, sich aber jetzt verheiratet habe. Sie könne nicht darauf schwören, daß Frau Bardell nicht sehr verliebt in den Bäcker gewesen sei, glaube aber, der Bäcker müsse nicht sehr verliebt in Frau Bardell gewesen sein, weil er sonst gewiß keine andere geheiratet hätte. Sie glaube, Frau Bardell sei an jenem Julimorgen in Ohnmacht gefallen, weil Herr Pickwick in sie gedrungen habe, den Hochzeitstag zu bestimmen; sie erinnere sich wohl noch, daß sie (die Zeugin) wie tot niedergefallen sei, als Herr Sanders sie gebeten, den Tag festzusetzen, und sie glaube, daß es jeder anständigen Dame unter ähnlichen Umständen ebenso ergehen werde. Sie habe ferner gehört, wie Herr Pickwick den Knaben wegen seinen Marmeln gefragt habe, sie könne aber bei einem Eid nicht einmal den Unterschied zwischen Marmeln und Murmeln angeben.

Auf weitere Fragen des Richters erzählte sie noch, sie habe während ihres Verhältnisses mit Herrn Sanders auch Liebesbriefe von ihm erhalten wie andere Damen. Herr Sanders habe sie in seiner Korrespondenz zwar oft eine Gans genannt, niemals aber Kotelettes oder Tomatensauce. Er habe die Gänse für sein Leben gern gegessen. Vielleicht würde er, wenn er ebenso gern Kotelettes und Tomatensauce gegessen hätte, sie in seiner Zärtlichkeit auch so geheißen haben.

Prokurator Buzfuz erhob sich jetzt, wenn es möglich gewesen wäre, mit größerer Wichtigkeit, als er jemals an den Tag gelegt, und rief:

»Samuel Weller soll jetzt kommen.«

Es war höchst unnötig, so laut zu schreien, denn Samuel Weller befand sich in der Zeugenloge, als sein Name kaum ausgesprochen war. Er legte seinen Hut neben sich auf den Boden, die Arme auf das Geländer, besah sich die Anwälte aus einer Vogelperspektive und nahm mit merkwürdiger Unbefangenheit und Heiterkeit einen umfassenden Überblick über die Herren Richter.

»Wie heißen Sie, Sir?« fragte der Richter.

»Sam Weller, Mylord«, erwiderte dieser Gentleman.

»Schreiben Sie sich mit dem V oder mit dem W?« fragte der Richter weiter.

»Das kommt ganz auf den Geschmack und das Belieben des Schreibenden an, Mylord«, erwiderte Sam: »ich selbst habe bloß ein paarmal in meinem Leben Veranlassung gehabt, meinen Namen zu schreiben, aber ich machte immer ein V.«

Hier rief eine Stimme von der Galerie herab laut:

»Ganz recht, Samuel, ganz recht: machen Sie ein V, Mylord, machen Sie ein V.«

»Wer ist es, der es wagt, den Gerichtshof anzureden?« rief der kleine Richter, in die Höhe blickend. »Gerichtsdiener!«

»Hier, Mylord!«

»Führt diese Person sogleich vor.«

»Sehr wohl, Mylord.«

Da aber der Gerichtsdiener die Person nicht fand, so führte er sie auch nicht vor. Unter großem Geräusch setzten sich die Leute alle wieder, die aufgestanden waren, um den Verbrecher zu sehen. Das Richterlein wandte sich aufs neue an den Zeugen, sobald seine Entrüstung ihm zu sprechen erlaubte und sagte:

»Wissen Sie, wer das war, Sir?«

»Mylord«, antwortete Sam: »ich vermute fast, mein Vater, war’s.«

»Sehen Sie ihn noch jetzt?« fragte der Richter.

»Nein, Mylord«, antwortete Sam, indem er gerade nach der Laterne stierte, die unter der Decke des Gerichtssaales hing.

»Wenn Sie ihn mir hätten zeigen können, so hätte ich ihn sogleich verhaften lassen«, sagte der Richter. (Sam verbeugte sich dankbar und wandte sich dann mit unverminderter Heiterkeit gegen den Prokurator Buzfuz.)

»Nun, Herr Weller?« begann der Prokurator Buzfuz.

»Nun, Sir?« erwiderte Sam.

»Ich glaube, Sie stehen im Dienst des Herrn Pickwick, der hier der Beklagte ist. Sprechen Sie gefälligst geradeheraus, Herr Weller.«

»Ich werde schon geradeheraus sprechen«, erwiderte Sam. »Ich stehe allerdings im Dienste dieses Gentleman, und es ist ein sehr guter Dienst.«

»Wenig zu tun und recht viel zu verdienen – nicht wahr?« meinte der Prokurator Buzfuz scherzend.

»O gerade genug zu verdienen, Sir, wie der Soldat sagte, als man ihm dreihundertfünfzig Stockprügel aufmaß«, antwortete Sam.

»Sie brauchen uns nicht zu sagen, was der Soldat oder sonst jemand gesagt hat«, schnauzte ihn der Richter an, »das ist keine Zeugenaussage.«

»Sehr wohl, Mylord«, antwortete Sam.

»Erinnern Sie sich irgendeines besonderen Umstandes von dem Morgen her, wo der Beklagte Sie in seine Dienste nahm, Herr Weller?« fragte der Prokurator Buzfuz.

»Jawohl, Sir«, antwortete Sam.

»Haben Sie die Güte, den Geschworenen zu sagen, was es war.«

»Ich bekam an diesem Morgen einen ganz neuen Anzug, meine Herren Geschworenen«, sagte Sam, »und das war für mich in selben Tagen ein sehr besonderer und ungewöhnlicher Umstand.«

Hierüber entstand ein allgemeines Gelächter. Der kleine Richter blickte zornentbrannt über seinen Schreibtisch hinüber und sagte:

»Nehmen Sie sich wohl in acht, Sir.«

»So sagte damals auch Herr Pickwick, Mylord«, antwortete Sam, »und ich nahm mich mit diesen Kleidern sehr in acht; sehen Sie nur, wie ich sie geschont habe, Mylord.«

Der Richter blickte Sam zwei Minuten lang streng an; aber Sams Züge waren so vollkommen ruhig und heiter, daß er nichts zu sagen wußte, und daher den Prokurator Buzfuz aufforderte, fortzufahren.

»Herr Weller«, sagte der Prokurator Buzfuz, indem er würdevoll die Arme kreuzte und sich halb gegen die Geschworenen wandte, als wollte er sie stumm versichern, daß er diesen Zeugen schon fangen werde. »Wollen Sie damit wirklich sagen, Herr Weller, daß Sie nichts davon gesehen haben, wie die Klägerin ohnmächtig in des Beklagten Armen lag, was die Zeugen vorhin bereits ausführlich erzählt haben?«

»Habe wirklich nichts gesehen«, erwiderte Sam. »Ich war im Gang, bis man mich rief, und dann war die alte Dame schon nicht mehr da.«

»Merken Sie wohl auf, Herr Weller«, sagte der Prokurator Buzfuz, eine große Feder in das vor ihm stehende Tintenfaß tauchend, damit Sam Angst bekommen und glauben solle, er wolle seine Antwort niederschreiben. »Sie waren im Gang und haben nichts von dem gesehen, was vorging? Haben Sie nicht ein paar Augen im Kopf, Herr Weller?«

»Ja, wohl habe ich ein paar Augen«, erwiderte Sam, »und eben das ist’s. Wären es ein paar Patent-Doppel-Millionen-Vergrößerungsgläser von Extragüte, so hätte ich vielleicht durch ein paar Treppen und eine eichene Tür gesehen; aber da es bloß ganz einfache Augen sind, so ist mein Gesichtskreis beschränkt.«

Bei dieser Antwort, die ohne den geringsten Anschein von Aufregung und mit der vollkommensten Unbefangenheit und Gleichmütigkeit gegeben wurde, kicherten die Zuschauer, der kleine Richter lächelte, und Prokurator Buzfuz schaute ausnehmend albern darein. Nach einer kurzen Beratung mit Dodson und Fogg wandte sich der gelehrte Prokurator aufs neue gegen Sam, und sagte, mit peinlicher Anstrengung seinen Ärger verbergend:

»Jetzt, Herr Weller, werde ich Ihnen, wenn Sie erlauben, eine Frage über einen andern Punkt vorlegen.«

»Ganz, wie es Ihnen beliebt«, erwiderte Sam, mit der besten Laune von der Welt.

»Erinnern Sie sich noch, im vergangenen November einmal bei Nacht zu Frau Bardell gegangen zu sein?«

»O ja, recht gut.«

»So, Sie erinnern sich dessen also, Herr Weller?« fragte Prokurator Buzfuz, neuen Mut fassend, »Ich dachte mir’s doch, wir würden am Ende schon noch etwas von Ihnen erfahren.«

»Das habe ich mir auch gedacht, Sir«, entgegnete Sam.

Und die Zuschauer kicherten aufs neue.

»Gut; Sie gingen ohne Zweifel zu ihr, um mit ihr ein bißchen über den Prozeß zu sprechen, nicht wahr, Herr Weller?« fragte Prokurator Buzfuz, den Geschworenen bedeutsame Blicke zuwerfend.

»Ich ging hin, um die Miete zu bezahlen: aber wir sprachen allerdings auch über den Prozeß«, erwiderte Sam.

»Ah, Sie sprachen auch über den Prozeß?« sagte Buzfuz, strahlend im Vorgenuß einer wichtigen Entdeckung. »Nun, was wurde denn über den Prozeß gesprochen? Wollen Sie die Güte haben, es uns zu sagen, Herr Weller?«

»Mit dem größten Vergnügen, Sir«, erwiderte Sam. »Nach einigen unwichtigen Bemerkungen von den zwei tugendfesten Damen, die vorhin befragt wurden, brach die Gesellschaft in sehr große Bewunderung aus über das ehrenwerte Benehmen der Herren Dodson und Fogg, die hier neben Ihnen sitzen.«

Dies zog natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf Dodson und Fogg, die möglichst tugendsame Gesichter schnitten.

»Die Sachwalter der Klägerin?« fragte Prokurator Buzfuz. »Die Damen haben also mit großem Lob von dem ehrenhaften Benehmen der Herren Dodson und Fogg, der Sachwalter der Klägerin, gesprochen?«

»Ja«, sprach Sam: »sie sagten, es sei doch sehr großmütig von ihnen, daß sie den Prozeß auf Spekulation übernommen haben, und sich nichts für ihre Unkosten bezahlen lassen wollen, außer wenn Herr Pickwick verurteilt werde.«

Bei dieser höchst unerwarteten Antwort kicherten die Zuschauer abermals. Die Herren Dodson und Fogg wurden feuerrot, beugten sich gegen Prokurator Buzfuz hin und flüsterten ihm hastig etwas ins Ohr.

»Sie haben vollkommen recht«, sagte Prokurator Buzfuz laut, mit erzwungener Ruhe. »Es ist durchaus nutzlos, Mylord, von der unverbesserlichen Dummheit dieses Zeugen irgendeinen Aufschluß zu erwarten. Ich will den Gerichtshof nicht länger damit aufhalten, daß ich noch mehr Fragen an ihn lichte. Entfernen Sie sich, Sir.«

»Hat einer von den Herren vielleicht Lust, mich noch etwas zu fragen?« sagte Sam, indem er seinen Hut nahm und sehr bedächtig um sich blickte.

»Ich nicht, Herr Weller, danke Ihnen«, antwortete Prokurator Snubbin lachend.

»Sie können sich entfernen, Sir«, sagte Prokurator Buzfuz, ungeduldig mit der Hand winkend.

Sam trat demgemäß ab, nachdem er der Sache der Herren Dodson und Fogg den größtmöglichen Schaden zugefügt, über Herrn Pickwick aber so wenig wie möglich ausgesagt hatte, was beides von Anfang an seine Absicht gewesen war.

»Ich habe keine Einwendung mehr zu machen, Mylord«, sagte Prokurator Snubbin, »wenn ein weiteres Zeugenverhör durch den Umstand erspart wird, daß Herr Pickwick sich von den Geschäften zurückgezogen hat und ein bedeutendes unabhängiges Vermögen besitzt.«

»Sehr gut«, sagte der Prokurator Buzfuz, dem Sekretär die zwei Briefe übergebend, um zu lesen. »Dann ist es meine Sache, Mylord.«

Prokurator Snubbin hielt jetzt eine sehr lange und nachdrucksvolle Rede zugunsten des Beklagten an die Geschworenen, worin er dem Lebenswandel und Charakter des Herrn Pickwick die größten Lobsprüche erteilte. – Da indessen unsere Leser weit besser als der Prokurator Snubbin imstande sind, sich ein richtiges Urteil über die Verdienste und Vollkommenheiten dieses Gentleman zu bilden, so fühlen wir uns nicht berufen, uns ausführlich auf die Bemerkungen des gelehrten Herrn einzulassen. Er versuchte, darzutun, daß die zum Vorschein gebrachten Billette sich lediglich auf Herrn Pickwicks Mittagessen oder auf die Vorbereitungen zu seinem Empfang bezogen, wenn er von einem ländlichen Ausflug zurückkehrte. – Es genüge, im allgemeinen hinzuzufügen, daß er für Herrn Pickwick sein möglichstes tat, und nach der ewigen Autorität des alten allbekannten Sprichwortes kann man vom besten Manne nicht mehr verlangen.

Der Herr Richter Stareleigh zog das Fazit in der althergebrachten und überall üblichen Form. Er las den Geschworenen so viel von seinen Notizen vor, wie er bei der Schnelligkeit, mit der er sie niedergeschrieben, entziffern konnte, und ließ allgemeine Bemerkungen mit einfließen, wie z.B. wenn Frau Bardell recht habe, so sei es sonnenklar, daß Herr Pickwick unrecht habe, und wenn die Geschworenen die Aussagen der Frau Cluppins glaubwürdig finden, so werden sie ihnen Glauben schenken, wo nicht, so werden sie es nicht tun. Wenn sie überzeugt seien, daß ein Eheversprechen nicht gehalten worden sei, so werden sie der Klägerin eine angemessene Entschädigung zuerkennen, wenn sie dagegen glauben, das Eheversprechen habe überhaupt nicht stattgefunden, so werden sie den Beklagten vollkommen freisprechen. Die Geschworenen zogen sich hierauf in ihr besonderes Zimmer zurück, um die Sache zu beraten, und der Richter begab sich auf sein Privatzimmer, um sich an einer Hammelkeule und einem Glas Sekt zu laben.

Es verstrich eine ängstliche Viertelstunde: die Geschworenen kamen zurück und der Richter wurde hereingeholt. Herr Pickwick setzte seine Brille auf und starrte mit unruhevollem Gesicht und schnellklopfendem Herzen nach dem Obmann hin.

»Meine Herren«, fragte das schwarzgekleidete Individuum, »haben Sie sich über Ihren Ausspruch geeinigt?«

»Ja«, antwortete der Obmann.

»Für wen haben Sie sich entschieden, meine Herren, für die Klägerin oder den Beklagten?«

»Für die Klägerin.«

»Welche Entschädigung erkennen Sie ihr zu?«

»Siebenhunderundfünfzig Pfund.«

Herr Pickwick nahm seine Brille herunter, wischte die Gläser sorgfältig ab, steckte sie ins Futteral und dieses in die Tasche. Sodann zog er mit großer Pünktlichkeit seine Handschuhe an, und nachdem er diese ganze Zeit über den Obmann angestarrt hatte, folgte er mechanisch Herrn Perker und dem blauen Sack zum Saale hinaus.

Sie begaben sich in ein Seitenzimmer, wo Perker die Gebühren bezahlte und wohin bald darauf auch Herrn Pickwicks Freunde kamen. Hier trafen sie auch die Herren Dodson und Fogg, die sich mit allen Zeichen innerer Zufriedenheit die Hände rieben.

»Nun, meine Herren?« sagte Herr Pickwick.

»Nun, Sir?« sagte Herr Dodson für sich und seinen Kompagnon.

»Sie bilden sich wahrscheinlich ein, daß Sie Ihre Kosten erhalten werden, meine Herren?« sagte Herr Pickwick.

Fogg erwiderte, sie zweifelten nicht daran; und Dodson meinte, sie würden es schon auf einen Versuch ankommen lassen.

»Versuchen Sie es, so lange Sie wollen, meine Herren Dodson und Fogg«, sagte Herr Pickwick heftig, »aber Sie erhalten von mir keinen Heller Kosten oder Entschädigung, und wenn ich mein ganzes noch übriges Leben im Schuldturm zubringen müßte.«

»Ha, ha!« meinte Dodson, »Sie werden sich noch vor dem nächsten Gerichtstag eines Besseren besinnen, Herr Pickwick.«

»Hihihi«, grinste Fogg: »das wollen wir bald sehen, Herr Pickwick.«

Sprachlos vor Entrüstung ließ sich Herr Pickwick von seinem Anwalt und seinen Freunden hinausführen und stieg in eine Mietkutsche,

die der allzeit aufmerksame Sam Weller für diesen Zweck herbeigeholt hatte.

Sam hatt den Tritt hinaufgeschlagen und wollte eben auf den Bock springen, als ihn jemand auf die Schulter klopfte. Er sah sich um, sein Vater stand vor ihm. Das Gesicht des alten Herrn trug den Ausdruck tiefer Betrübnis; er schüttelte ernsthaft sein Haupt und sagte im warnenden Tone:

»Ich wußte wohl, was dabei herauskommen würde, wenn man die Sache so angreift. O Sammy, Sammy, warum habt ihr kein Alibi nachgewiesen?«

  1. Affe.

Sechsunddreißigstes Kapitel.


Sechsunddreißigstes Kapitel.

Worin es Herr Pickwick fürs beste hält, nach Bath zu gehen, was er auch ausführt.

»Aber wahrhaftig, mein lieber Herr«, sagte der kleine Perker, als er am andern Morgen nach der Gerichtssitzung in Herrn Pickwicks Zimmer kam, – »es wird Ihnen doch wahrhaftig nicht Ernst sein, – wir wollen jetzt ohne Spaß und ohne Aufregung davon sprechen – Sie werden doch nicht im Ernst die Unkosten und die Entschädigung verweigern wollen?«

»Nicht einen halben Penny bezahle ich«, sagte Herr Pickwick fest, »keinen halben Penny.«

»Es geht nichts über feste Grundsätze, wie der Wucherer sagte, als er den Wechsel nicht prolongieren wollte«, bemerkte Herr Weller, der die Reste des Frühstücks abräumte.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, »sei so gut und geh hinunter.«

»Sogleich, Sir«, erwiderte Herr Weller, und zog sich auf diesen freundlichen Wink zurück.

»Nein, Perker«, fuhr Herr Pickwick mit großer Ernsthaftigkeit fort; »meine Freunde hier haben sich alle Mühe gegeben, mir diesen Entschluß auszureden; allein vergebens. Ich werde mich wie gewöhnlich beschäftigen; bis die Gegenpartei das Recht hat, zwangsweise Beitreibung gegen mich zu verlangen, und wenn sie niedrig genug denkt, sich derselben zu bedienen und mich verhaften zu lassen, so werde ich mich fröhlich und zufrieden darein geben. Wann können die Spitzbuben das tun?«

»Wegen der Entschädigung und den Prozeßkosten, mein lieber Herr«, antwortete Perker, »können sie bei den nächsten Gerichtssitzungen, das heißt, gerade in zwei Monaten, Exekution verlangen.«

»Sehr gut«, sagte Herr Pickwick. »Bis dahin, weiter Freund, lassen Sie mich nichts mehr von der Sache hören, und jetzt«, fuhr er fort, indem er sich mit vergnügtem Lächeln und funkelnden Augen, deren Glanz selbst durch die Brille nicht verdunkelt werden konnte, an seine Freunde wandte, »jetzt handelt es sich bloß darum: wohin begeben wir uns zunächst?«

Herr Tupman und Herr Snodgraß waren von dem Heroismus ihres Freundes zu sehr hingerissen, als daß sie sogleich eine Antwort hätten finden können; Herr Winkle hatte sich noch nicht hinlänglich von der Erinnerung an seine Zeugenschaft erholt, um ein Wörtchen mitzusprechen, und so wartete Herr Pickwick vergebens auf Antwort.

»Also schön«, sagte er endlich, »wenn Sie die Bestimmung mir überlassen wollen, so schlage ich Bath6 vor. So viel ich weiß, ist noch keiner von uns dort gewesen.«

Es war wirklich so, und da Perker, der es für höchst wahrscheinlich hielt, daß Herr Pickwick nach einiger Luftveränderung und Zerstreuung sich eines Besseren besinnen und den Schuldturm in einem anderen Lichte betrachten werde, den Vorschlag eifrig unterstützte, so wurde die Reise einstimmig beschlossen und Sam sogleich nach dem Weißen Roß abgeschickt, um auf dem am nächsten Morgen um halb acht Uhr abgehenden Postwagen fünf Plätze zu bestellen.

Es waren nur noch zwei Plätze innen und drei außen zu vergeben. Sam Weller nahm sie alle, und nachdem er mit dem Postkassierer wegen eines bleiernen halben Talers, den man ihm herausgeben wollte, einige Komplimente gewechselt, ging er nach dem Georg und Geier zurück, allwo er sich bis zum Schlafengehen eifrigst damit beschäftigte, die Kleider und Wäsche in den möglichst kleinen Raum zu zwängen, und sein ganzes mechanisches Genie aufbot, um durch allerhand sinnreiche Kunstgriffe die Koffer zu verschließen, die keine Schlösser hatten.

Der nächste Morgen war höchst ungünstig für eine Reise – es herrschte trüber, dunstiger Nebel; auch regnete es. Die Pferde vor dem Postwagen, die gerade von der City herkamen, dampften so, daß die außen fahrenden Passagiere ganz unsichtbar waren. Die Zeitungsverkäufer sahen aus wie aus dem Wasser gezogen und rochen dunstig. Der Regen troff von den Hüten der Oangenverkäufer, wenn sie die Köpfe in die Kutschenfenster reckten und wässerte den Kutschenraum auf eine erfrischende Weise. Die Juden mit den fünfzigklingigen Federmessern steckten ihre Messer verzweifelt ein, und die Männer, die Taschenbücher feilboten, machten wirklich Taschenbücher daraus. Ebensowenig konnten die andern Händler ihre Uhrketten und Röstgabeln, ihre Bleistifthalter und Schwämme losschlagen.

Als der Wagen anhielt, überließen Herr Pickwick und seine Freunde Sam Weller die Sorge, das Gepäck aus den Händen der sieben oder acht Träger zu retten, die wütend darüberherfielen, und da sie um zwanzig Minuten zu früh gekommen waren, suchten sie Schutz im Wartezimmer – dem letzten Zufluchtsort menschlichen Elends.

Das Wartezimmer im Weißen Roß ist, wie es sich von selbst versteht, alles andere als behaglich: es wäre ja sonst kein Wartezimmer. Es ist die Stube rechter Hand, hat aber mehr Ähnlichkeit mit einer Küche, wo Schüreisen, Feuerzangen und Schaufeln unordentlich beieinander liegen. Zur Beförderung der Geselligkeit der Reisenden ist es in mehrere abgesonderte Verschlage geteilt und mit einer Glocke, einem Spiegel, sowie mit einem Kellner möbliert, welch letzterer Artikel sich an einem Wasserkübel befindet, um die Gläser zu spülen.

In einem dieser Verschlage saß damals ein grimmig dreinblickender Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit glänzend kahler Stirn, jedoch starkem schwarzen Haar an den Schläfen sowie auf dem Hinterkopf und einem großen schwarzen Backenbart. Er hatte seinen braunen Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, trug eine große Reisemütze von Seehundsfell; ein Überrock nebst Mantel lag neben ihm auf dem Stuhl. Als Herr Pickwick eintrat, blickte er mit trotziger, gebieterischer Miene, die viel Würdevolles hatte, von seinem Frühstück auf, und nachdem er diesen Herrn samt seinen Gefährten so lange es ihm gefiel gemustert, summte er ein Liedchen in einer Art, die zu sagen schien, wer mit ihm anbinden wolle, dem werde er schon seinen Mann stellen.

»Kellner«, rief der Herr mit dem Backenbart.

»Sir«, erwiderte ein junger Mensch mit schmutzigem Gesicht und gleichem Handtuch, der aus der Ecke des Zimmers auftauchte.

»Noch mehr geröstete Brotschnitten.«

»Sogleich, Sir.«

»Geröstete Brotschnitten mit Butter: verstehen Sie mich wohl«, sagte der Herr im barschen Ton.

»Ganz recht, Sir«, erwiderte der Kellner.

Der Herr mit dem Backenbart summte sein Liedchen auf dieselbe Art wie vorhin, näherte sich sodann in Erwartung der Brotschnitten dem Kamin, nahm seine Rockschöße unter den Arm, blickte auf seine Stiefel nieder und schien in tiefes Nachdenken zu versinken.

»Ich bin doch begierig, wo unsere Kutsche in Bath anhält«, sagte Herr Pickwick in freundlichem Ton zu Herrn Winkle.

»He – wie – was ist das?« fiel der Fremde ein.

»Sir«, erwiderte Herr Pickwick, stets bereit, auf eine Unterhaltung einzugehen, »ich sagte zu meinem Freunde, ich wolle doch sehen, wo die Kutsche in Bath anhält. Vielleicht können Sie mir Auskunft geben?«

»Reisen Sie nach Bath?« fragte der Fremde.

»Ja, Sir«, antwortete Herr Pickwick.

»Und die andern Herren?«

»Sie reisen auch mit.«

»Aber doch nicht im Wagen drinnen – ich will verdammt sein, wenn sie im Wagen fahren«, sagte der Fremde.

»Wir alle allerdings nicht«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, Sie alle gewiß nicht«, versetzte der Fremde mit Nachdruck. »Ich habe zwei Plätze genommen. Wenn man sechs Leute in diesen verwünschten Kasten hineinzwängen will, der nur für vier Raum hat, so nehme ich Extrapost und klage. Ich habe mein Reisegeld bezahlt und dabei dem Sekretär ausdrücklich gesagt, daß dies ein für allemal nicht angeht. Ich weiß, daß diese Burschen es häufig so machen. Ich weiß, daß sie sich’s alle Tage herausnehmen: aber bei mir sollen sie schon ein Haar darin finden. Wer mich kennt, weiß, daß ich mir nicht im Bart kratzen lasse. Zum Donnerwetter, ja!«

Hier klingelte der wilde Herr mit großer Heftigkeit und schnauzte den Kellner an, er solle die gerösteten Brotschnitten binnen fünf Sekunden bringen oder er wolle ihn Mores lehren.

»Mein lieber Herr«, sagte Herr Pickwick, »erlauben Sie mir. Ihnen zu bemerken, daß Sie sich ganz unnötigerweise so ereifern. Ich habe nur zwei Plätze innen genommen.«

»Das freut mich«, sagte der bärbeißige Mann: »ich nehme meine Ausdrücke zurück. Ich bitte um Entschuldigung. Hier ist meine Karte. Schenken Sie mir Ihre Bekanntschaft.«

»Mit größtem Vergnügen, Sir«, erwiderte Herr Pickwick. »Wir werden Reisegefährten sein und, wie ich hoffe, gegenseitig unsere Gesellschaft angenehm finden.«

»Das hoffe ich auch«, sagte der wilde Herr. »Ja, ich weiß es schon im voraus. Sie gefallen mir. Meine Herren, reichen wir uns die Hände, und sagen wir uns gegenseitig die Namen, kernen Sie mich kennen.«

Auf diese entgegenzukommende Aufforderung fanden natürlicherweise freundschaftliche Begrüßungen statt, und der grimmige Herr benachrichtigte die Freunde in denselben kurz abgebrochenen und abgestoßenen Sätzen wie zuvor, sein Name sei Dowler, er reise zu seinem Vergnügen nach Bath, habe früher in der Armee gedient aber seinen Abschied genommen, lebe jetzt standesgemäß von seinen Renten, und der zweite Platz, den er bestellt, sei für keine geringere Person bestellt, als für Frau Dowler, seine edle Gemahlin.

»Sie ist eine schöne Frau«, fügte Herr Dowler hinzu. »Ich bin stolz auf sie. Ich habe Ursache.«

»Ich hoffe, ich werde das Vergnügen haben, mich selbst davon zu überzeugen«, sagte Herr Pickwick lächelnd.

»Das sollen Sie auch«, erwiderte Dowler. »Sie soll Ihre Bekanntschaft machen – sie wird Sie hochachten. Ich bewarb mich um sie unter seltsamen Umständen. Ich gewann sie durch ein übereiltes Gelübde. Die Sache war so. Ich sah sie; ich liebte sie; ich erklärte mich; sie gab mir einen Korb. – ›Lieben Sie einen andern?‹ – ›Ersparen Sie mir ein Erröten!‹ – ›Ich kenne ihn.‹ – ›Das weiß ich!‹ – ›Schon gut: wenn er hier bleibt, so werde ich ihn zu Frikassee verarbeiten.‹«

»Gott steh mir bei«, rief Herr Pickwick unwillkürlich aus.

»Und haben Sie den Herrn wirklich zu Frikassee verarbeitet, Sir?« fragte Herr Winkle mit sehr blassem Gesicht.

»Ich schrieb ihm ein Billett. Ich sagte, es sei eine fatale Sache. Und das war es auch.«

»Will’s wohl glauben«, meinte Herr Winkle.

»Ich sagte, ich habe mein Wort als Gentleman verpfändet, ihn zu Frikassee zu verarbeiten. Meine Ehre stehe auf dem Spiel, ich hatte keine Wahl mehr. Als Offizier in den Diensten Seiner Majestät müsse ich es tun. Ich bedaure die Notwendigkeit, allein es lasse sich nicht mehr ändern. Er war empfänglich für Vernunftgründe. Er sah ein, daß man den Gesetzen des Dienstes den Gehorsam nicht verweigern dürfe. Er floh. Ich heiratete sie. Hier kommt die Kutsche. Da sieht sie eben heraus.«

Herr Dowler zeigte nach dem offenen Fenster des soeben angekommenen Postwagens, aus dem ein recht hübsches Gesichtchen unter einer hellblauen Haube auf die im Hofe stehende Gruppe herausschaute, höchst wahrscheinlich den grimmigen Mann suchend. Herr Dowler bezahlte seine Rechnung und eilte mit seiner Reisekappe, seinem Stock und Mantel hinaus: Herr Pickwick und seine Freunde folgten ihm, um sich ihrer Plätze zu versichern.

Herr Tupman und Herr Snodgraß stiegen hinten hinauf, Herr Winkle war in den Wagen selbst gestiegen, und Herr Pickwick war im Begriff, ihm zu folgen, als Sam Weller zu seinem Herrn trat und ihm mit äußerst geheimnisvoller Miene zuflüsterte, er habe ihm etwas zu sagen.

»Nun, Sam«, meinte Herr Pickwick, »was gibt’s denn?«

»Eine schöne Geschichte, Sir«, antwortete Sam.

»Und was denn?« fragte Herr Pickwick.

»Ich fürchte sehr«, antwortete Sam, »daß der Eigentümer dieser Kutsche uns einen schnöden Streich gespielt hat.«

»Wieso, Sam?« fragte Herr Pickwick; »sind etwa die Namen nicht in die Karte eingetragen?«

»O freilich, Sir«, erwiderte Sam, »sie sind nicht nur in die Karte eingetragen, sondern einer davon ist sogar auf die Kutschentür gemalt.«

Mit diesen Worten deutete Sam auf den Teil der Tür, wo gewöhnlich der Name des Eigentümers« steht, und wirklich war hier in stattlichen vergoldeten Buchstaben der englische Name Pickwick zu lesen.

»Seltsam«, rief Herr Pickwick, verblüfft über dies Zusammentreffen! »wahrhaftig sehr seltsam.«

»Das ist noch nicht alles«, sagte Sam, indem er die Aufmerksamkeit seines Herrn von neuem auf die Kutschentür lenkte: »sie haben nicht nur Pickwick daraufgeschrieben, sondern auch noch Moses davor gesetzt, und das nenne ich eine Verhöhnung neben der Beleidigung, wie der Papagei sagte, als man ihn nicht nur aus seinem Vaterland entführte, sondern später auch noch zwang, englisch zu lernen.«

»Es ist wirklich höchst auffallend, Sam«, sagte Herr Pickwick, »aber wenn wir noch lange da stehenbleiben und schwatzen, so werden wir unsere Plätze verlieren.«

»Aber, aber, wollen Sie denn gar nichts dagegen tun, Sir?« rief Sam, höchst verwundert über die Kaltblütigkeit, mit der Herr Pickwick sich anschickte, einzusteigen.

»Was soll ich denn tun?« sagte Herr Pickwick: »was soll ich denn tun?«

»Soll denn niemand für diese Frechheit gestraft werden, Sir?« sagte Herr Weller, der zum mindesten den Auftrag erwartet hatte, den Schaffner und den Kutscher zu einem Faustkampf an Ort und Stelle herauszufordern.

»Nein, nein«, erwiderte Herr Pickwick eifrig: »unter gar keinen Umständen. Steige jetzt auf deinen Platz.«

»Ich fürchte beinahe«, murmelte Sam, als er sich abwandte, »ich fürchte beinahe, mit meinem Herrn ist es nicht ganz richtig, sonst wäre er nicht so ruhig geblieben. Der Prozeß wird ihm doch hoffentlich nicht seine Courage genommen haben; doch es sieht schlimm aus, sehr schlimm.«

Herr Weller schüttelte bedenklich den Kopf. Wie sehr er sich die Sache zu Herzen nahm, wird daraus klar, daß er kein Wort mehr sprach, bis die Kutsche am Kensingtoner Schlagbaum anhielt; es war ihm vielleicht in seinem ganzen Leben noch nie vorgekommen, daß er so lange geschwiegen hatte.

Sonst trug sich während der Reise nichts von besonderem Belang zu. Herr Dowler erzählte eine Menge Anekdoten, die sämtlich seinen Mut und seine Tollkühnheit zum Thema hatten, und appellierte dabei an seine Gemahlin, die sie bestätigte und als Anhang jedesmal noch irgendeinen merkwürdigen Umstand hinzufügte, den Herr Dowler vergessen oder vielleicht auch aus Bescheidenheit übergangen hatte. Sämtliche Zusätze liefen nämlich darauf hinaus, zu beweisen, daß Herr Dowler noch ein viel wundervollerer Mann sei, als er sich selbst gab. Herr Pickwick und Herr Winkle hörten mit großer Bewunderung zu und unterhielten sich zuweilen mit Frau Dowler, die eine sehr angenehme und bezaubernde Dame war. So schwand zwischen den Geschichten des Herrn Dowler, den Reizen seiner Gemahlin, der guten Laune des Herrn Pickwick und dem trefflichen Hörtalent des Herrn Winkle der Gesellschaft im Wagen ihre Zeit aufs angenehmste dahin.

Mit den äußeren Passagieren ging es wie gewöhnlich. Sie waren beim Anfang jeder Station sehr lustig und gesprächig, in der Mitte langweilig und schläfrig und gegen das Ende wieder sehr aufgeräumt und munter. Ein in einen Gummimantel gekleideter junger Herr rauchte den ganzen Tag Zigarren, ein anderer junger Herr in einer Parodie auf einen großen Mantel zündete gleichfalls eine Menge Giftnudeln an, fühlte sich aber nach dem zweiten Zuge unwohl und warf sie wieder weg, wenn er von niemand gesehen zu werden glaubte. Ein Dritter kramte seine Kenntnisse in der Viehzucht aus, und ein alter Mann, der hinten saß, gab seine landwirtschaftlichen Erfahrungen zum besten. Auf jeder Station stiegen Reisende ab und kamen andere hinzu, zum Teil in Bauernkitteln, die als blinde Passagiere bei dem Schaffner aufsaßen und sich rühmen konnten, jedes Pferd und jeden Hausknecht auf dieser Straße zu kennen. Dabei machten sie zugleich ihre Bemerkungen über das Mittagessen und meinten, es wäre nicht um eine halbe Krone zu teuer gewesen, wenn man Zeit gehabt hätte, es aufzuessen. Endlich um sieben Uhr abends langten Herr Pickwick und seine Freunde, sowie Herr Dowler und seine Gemahlin in Bath an und stiegen im Hotel Zum weißen Hirsch, dem großen Brunnensaal gegenüber, ab. Dort könnte man die Kellner wegen ihrer Tracht leicht mit jungen Gymnasiasten aus Westminster verwechseln, wenn die Illusion nicht sogleich dadurch gestört würde, daß erstere sich weit besser zu benehmen wissen.

Am folgenden Morgen war das Frühstück kaum abgetragen, als ein Kellner eine Karte von Herrn Dowler brachte, der um Erlaubnis bat, einen Freund vorstellen zu dürfen. Gleich darauf traten die beiden Herren ein.

Der Freund war ein sehr einnehmender junger Mann von nicht viel mehr als fünfzig Jahren und trug einen sehr glänzenden blauen Rock mit funkelnden Knöpfen, schwarze Beinkleider und möglichst feine, blank geputzte Stiefel. Eine goldene Lorgnette hing an einem breiten schwarzen Bande an seiner Brust; in der linken Hand trug er nachlässig eine goldene Tabaksdose, an seinen Fingern glänzten zahllose goldene Ringe, und über seinem Busenstreif strahlte eine in Gold gefaßte Diamantnadel. Außerdem trug er eine goldene Uhr an einer goldenen Kette mit großen goldenen Petschaften, und in der Hand hatte er einen feinen Stock von Ebenholz mit einem schweren goldenen Knopf. Seine Wäsche war so weiß, so fein und so glatt, wie man sich nur denken kann; seine Perücke ungemein glänzend, schwarz und lockig. Sein Schnupftabak war Prinzenmischung, sein Duft Bouquet du Roi. Seine Züge umschwebte ein beständiges Lächeln, und seine Zähne hatte er in so vortrefflicher Ordnung erhalten, daß es in einiger Entfernung schwer war, die natürlichen von den falschen zu unterscheiden.

»Herr Pickwick«, sagte Dowler, »mein Freund Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Kurdirektor Bantam – Herr Pickwick. Lernen Sie einander kennen.«

»Willkommen in Ba-ath, Sir. – In der Tat eine herrliche Errungenschaft, dieses Ba-ath. Herzlich willkommen in Ba-ath, Sir. Es ist lange her – sehr lange, Herr Pickwick, daß Sie den Brunnen nicht getrunken haben. Es deucht mir, eine Ewigkeit zu sein, Herr Pickwick. Me-erkwürdig!«

So sprechend ergriff Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Herrn Pickwicks Hand, hielt sie in der seinen fest und zuckte unter beständigen Verbeugungen die Achseln, als ob er wirklich nicht imstande wäre, sie wieder loszulassen.

»Es muß allerdings schon sehr lange her sein, daß ich den Brunnen nicht getrunken habe«, antwortete Herr Pickwick, »denn meines Wissens war ich noch nie hier.«

»Noch nie in Ba-ath, Herr Pickwick?« rief der Kurdirektor aus und ließ voll Erstaunen dessen Hand fahren. »Noch nie in Ba-ath? Hihi! Herr Pickwick, Sie sind ein Spaßvogel. Nicht übel, nicht übel. Gut, gut. Hihihi! Me-erkwürdig!«

»Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß es mir vollkommen Ernst ist«, versetzte Herr Pickwick. »Ich bin wirklich noch nie dagewesen.«

»O, ich weiß wohl«, rief der Kurdirektor äußerst vergnügt: »ja, ja – gut, ganz gut – besser und immer besser. Sie sind der Herr, von dem wir gehört haben. Ja, wir kennen Sie, Herr Pickwick, wir kennen Sie.«

»Diese verwünschten Zeitungsberichte über meinen Prozeß!« dachte Herr Pickwick. »Sie wissen alles von mir.«

»Sie sind der Herr, der in Clapham Green wohnt und den Gebrauch seiner Glieder dadurch verlor, daß er sich erkältete, nachdem er Portwein getrunken – der sich wegen heftiger Schmerzen nicht rühren konnte, und dem man das Wasser vom Königsbad hundertunddrei Grad stark nach London auf sein Zimmer schickte, wo er badete, nieste und an demselben Tage wieder genas. Äußerst me-erkwürdig!«

Herr Pickwick erkannte das in dieser Annahme liegende Kompliment an, besaß jedoch Selbstverleugnung genug, es gleichwohl abzulehnen, und benutzte ein augenblickliches Stillschweigen des Herrn Bantam, um ihm seine Freunde, die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß vorzustellen. Natürlich war der Kurdirektor ganz überwältigt von Entzücken und Ehre.

»Bantam«, sagte Herr Dowler: »Herr Pickwick und seine Freunde sind Fremde. Sie müssen ihre Namen einschreiben. Wo ist das Buch?«

»Das Verzeichnis der ausgezeichneten Gäste in Ba-ath wird um zwei Uhr im Brunnensaal aufliegen«, erwiderte der Kurdirektor. »Wollen Sie vielleicht unsre Freunde in dieses Prachtgebäude führen und mich in den Stand setzen, ihre persönlichen Namensunterschriften zu bekommen?«

»Sehr gern«, versetzte Dowler. »Das ist übrigens ein langer Besuch. Es ist Zeit, daß wir gehen: ich werde in einer Stunde wieder hier sein. Kommen Sie!«

»Es ist heute abend Ball«, sagte der Kurdirektor und ergriff zum Abschiede Herrn Pickwicks Hand abermals. »Die Ballabende in Ba-ath sind paradiesische Momente, zauberhaft durch Musik, Schönheit, Eleganz, guten Ton, Etikette – und – und – durch die Abwesenheit aller Handels- und Gewerbsleute, die sich mit dem Begriff eines Paradieses durchaus nie vereinigen lassen und alle vierzehn Tage in Guildhall als gleich zu gleich sich gern gesellen, was zum mindesten merkwürdig ist. Adieu indessen!«

Und nachdem er die ganze Treppe hinab beteuerte, er sei unendlich befriedigt, entzückt, überwältigt und geschmeichelt, stieg Angelo Cyrus Bantam, Esquire und Kurdirektor, in einen sehr eleganten Wagen, der ihn vor der Tür erwartete, und rasselte davon.

Zur bestimmten Stunde begaben sich Herr Pickwick und seine Freunde von Dowler begleitet nach dem Brunnensaal und schrieben ihre Namen in das Fremdenbuch ein – ein Beweis von Herablassung, wodurch sich Angelo Bantam noch mehr überwältigt fühlte als zuvor. Die ganze Gesellschaft sollte Einlaßkarten zur Abend- Reunion haben; allein, da sie noch nicht fertig waren, so erklärte Herr Pickwick trotz aller Gegenvorstellungen Angelo Bantams, er werde um vier Uhr seinen Sam nach der Wohnung des Kurdirektors in Queensquare schicken, um sie abzuholen. Nachdem sie sofort einen kurzen Spaziergang durch die Stadt gemacht und einstimmig erklärt hatten, die Parkstraße habe sehr große Ähnlichkeit mit jenen senkrechten Straßen, die man in Träumen sieht und um alles in der Welt nicht hinaufgehen kann, kehrten sie in den Weißen Hirsch zurück, und Sam wurde mit dem eben erwähnten Auftrag fortgeschickt.

Sam Weller setzte seinen Hut sehr leicht und graziös auf den Kopf, steckte die Hände in die Seitentaschen und schritt mit gutem Bedacht nach Queensquare, indem er unterwegs etliche der beliebtesten Lieder des Tags, wie sie mit ganz neuen Variationen für das edle Instrument, Leierkasten genannt, komponiert wurden, vor sich hin pfiff. Vor der ihm bezeichneten Nummer in Queensquare angelangt, hörte er auf zu pfeifen und klopfte munter ans Haus, das sogleich von einem bepuderten Portier in prachtvoller Livree und von ebenmäßigem Körperbau geöffnet wurde.

»Wohnt hier Herr Bantam, Kollege?« fragte Sam Weller, nicht im mindesten eingeschüchtert durch den Strahlenglanz, den die Person des gepuderten Lakaien mit der prachtvollen Livree um sich verbreitete.

»Warum, junger Mann?« war die stolze Gegenfrage des Gepuderten.

»Weil Sie, wenn es sich so verhält, mit dieser Karte zu ihm gehen und ihm sagen sollen, Herr Weller sei da. Ist’s gefällig?« sagte Sam, trat dabei höchst kaltblütig in die Hausflur und setzte sich nieder.

Der gepuderte Lakai schlug die Tür heftig zu und schnitt ein grimmiges Gesicht; allein diese beiden Demonstrationen verfehlten ihren Eindruck auf Sam, der mit allen äußern Zeichen kritischer Billigung einen Mahagonischrank betrachtete.

Offenbar hatte die Art, wie sein Herr die Karte aufgenommen, den Gepuderten günstiger für Sam gestimmt; denn er kehrte freundlich lächelnd zurück und sagte, die Antwort werde sogleich folgen.

»Schon gut«, erwiderte Sam. »Sagen Sie dem alten Herrn, er brauche sich nicht zu eilen. Es hat keine große Eile, Herr Sechsfuß. Ich habe bereits zu Mittag gespeist.«

»Sie speisen also früh, Sir?« bemerkte der Gepuderte.

»Ich finde, daß mir dann das Abendessen besser schmeckt«, erwiderte Sam.

»Sind Sie schon lange in Bath, Sir?« fragte der Gepuderte. »Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt, von Ihnen zu hören.«

»Ich habe bisher noch kein großes Aufsehen hier gemacht«, erwiderte Sam, »denn ich und die anderen Herren sind erst heute abend angekommen.«

»Ein schöner Ort, Sir«, meinte der Gepuderte.

»Scheint so«, bemerkte Sam.

»Eine angenehme Gesellschaft, Sir«, fuhr der Portier fort. »Sehr artige Dienerschaften, Sir.«

»Das will ich meinen«, erwiderte Sam. »Freundliche, nicht eingebildete Leute, die nicht viel Federlesens machen.«

»Ja, das ist wahr, Sir«; sagte der gepuderte Lakai, der Sams Bemerkung offenbar für ein großes Kompliment hielt. »Das ist wahr. Belieben Sie ein Prischen, Sir?« fügte er hinzu, indem er ihm eine kleine Schnupftabaksdose mit einem Fuchskopf auf dem Deckel hinbot.

»Ich muß zu sehr niesen«, erwiderte Sam.

»Ja, Sir«, sagte der lange Portier, »das Schnupfen ist allerdings schwer; doch nach und nach geht es schon. Am besten lernt man es am Kaffee. Ich habe lange Kaffe geschnupft, Sir. Er sieht ganz aus, wie der Rappee7

Hier versetzte ein scharfes Klingeln den gepuderten Lakaien in die schmähliche Notwendigkeit, den Fuchskopf wieder einzustecken und mit unterwürfiger Miene in Herrn Bantams »Studierzimmer« zu eilen. Beiläufig gesagt, wir haben nicht leicht einen Mann gekannt, der lesen oder schreiben konnte, und nicht irgendein kleines Hinterzimmer in seinem Hause sein Studierzimmer genannt hätte.

»Hier ist die Antwort, Sir«, sagte der Gepuderte. »Ich fürchte fast, sie ist ihrer Größe wegen etwas unbequem.«

»Hat nichts zu sagen«, erwiderte Sam, einen Brief in einem kleinen Kuvert in Empfang nehmend. »Möglich, daß meine erschöpfte Natur das noch tragen kann.«

»Ich hoffe, wir werden uns wiedersehen, Sir«, sagte der Gepuderte, indem er sich die Hände rieb und Sam bis an die Tür begleitete.

»Sie sind gar zu gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Strengen Sie sich nur nicht über Ihre Kräfte an. Bedenken Sie, was Sie der menschlichen Gesellschaft schuldig sind, und schaden Sie sich nicht durch zu vieles Arbeiten. Um Ihrer Mitgeschöpfe willen halten Sie sich so ruhig wie möglich, und überlegen Sie wohl, wie schmerzlich man Ihren Verlust empfinden würde.«

Mit diesen pathetischen Worten entfernte sich Sam wieder.

»Ein höchst sonderbarer junger Mensch«, meinte der bepuderte Lakai, Herrn Weller mit einer Miene nachblickend, in der deutlich geschrieben stand, daß er aus ihm nicht klug werden konnte.

Sam seinerseits sprach nichts mehr. Er blinzelte, schüttelte den Kopf, lächelte, blinzelte abermals und lief lustig seines Wegs dahin, mit einem Ausdruck auf seinem Gesicht, das nicht daran zweifeln ließ, daß ihm irgend etwas großes Vergnügen machen müsse.

Präzis zwanzig Minuten vor acht Uhr am selben Abend sprang Angelo Cyrus Bantam, Esquire, der Kurdirektor, vor dem Kurhaus aus seinem Wagen mit derselben Perücke, denselben Zähnen, derselben Uhr nebst Petschaft, denselben Ringen, derselben Busennadel und demselben Stocke. Die einzigen bemerkbaren Veränderungen in seinem Aufzuge bestanden darin, daß er einen noch glänzenderen blauen Frack mit weißseidenem Futter, enge, schwarze Beinkleider, schwarze seidene Strümpfe, Tanzschuhe und eine weiße Weste trug, und dabei womöglich noch etwas süßer duftete.

So geschmückt, begab sich der Kurdirektor zur pünktlichen Erfüllung der wichtigen Obliegenheiten seines hochwichtigen Amtes in die Gemächer, um die Gesellschaft zu empfangen.

Da Bath sehr besucht war, so strömten sowohl Gäste wie Fünfpfennig-Kavaliere zum Tee in Massen herein. Im Ballsaal, in dem achteckigen Spielzimmer, in dem langen Spielzimmer, auf den Treppen und in den Gängen, überall herrschte Gedränge und verworrenes Summen, so daß man kaum sein eigen Wort hörte. Kleider rauschten, Federn schwankten, Kerzen leuchteten und Juwelen funkelten. Musik ertönte – nicht die Tanzmusik, die noch nicht begonnen hatte, sondern die Musik zarter und sanfter Fußtritte, und dann und wann jenes leise Kichern und Flüstern weiblicher Stimmen, das so angenehm für das Ohr ist – in Bath, wie überall. Von allen Seiten glänzten und funkelten strahlende Augen voll wonniger Erwartung. Wohin man blickte, schwebte eine herrliche Gestalt anmutvoll durch das Gedränge, und war kaum verschwunden, als eine andere, ebenso schöne und bezaubernde an ihre Stelle trat.

Im Teezimmer und an den Kartentischen erblickte man eine große Anzahl wunderlich ausstaffierter alter Damen und abgelebter alter Herren, die all das abgeschmackte Tagesgeschwätz und Geklatsch mit sichtbarer Freude und Vergnügen abhandelten. Unter diesen Gruppen befanden sich drei oder vier Ballmütter, die ihre Töchter gern unter die Haube gebracht hatten und in die Unterhaltung, an der sie teilnahmen, ganz vertieft zu sein schienen, dabei aber nicht ermangelten, von Zeit zu Zeit ihren lieben Kinderchen besorgte Seitenblicke zuzuwerfen. Diese, der mütterlichen Ermahnungen, ihre Blütezeit zu benutzen, eingedenk, hatten bereits ihre kleinen Koketterien begonnen, indem sie absichtlich verlegte Halstücher suchten, Handschuhe anzogen, Tassen auf den Tisch stellten usw.; dem ersten Anschein nach unbedeutende Dinge, mit denen man aber bei einiger Übung und Erfahrung erstaunlich viel erreichen kann.

An den Türen und den entfernten Winkeln trieben sich größere oder kleinere Haufen alberner junger Herren herum, naseweise Zierbengel, die durch kindisches Benehmen und Abgeschmacktheiten allen verständigen Leuten zum Gespött wurden. Sie fühlten sich überglücklich in dem Gedanken, Gegenstände der allgemeinen Bewunderung zu sein – eine weise, barmherzige Fügung Gottes, worüber kein gutgesinnter Mensch klagen kann.

Auf einigen der hintern Bänke endlich hatte eine Anzahl unverheirateter Damen, die ihr gefährliches Alter bereits hinter sich hatten, ihre Plätze für den Abend eingenommen. Sie tanzten nicht, weil sich keine Tänzer für sie fanden, spielten auch nicht Karten, um nicht unrettbar ledig zu bleiben. Daher befanden sie

sich in der günstigen Lage, über jedermann schimpfen zu können, ohne an sich selbst zu denken, – wir sagen: über jedermann, denn es war alles da, und alles war Fröhlichkeit, Glanz und Pracht, lauter elegant gekleidete Herren und Damen, prachtvolle Spiegel, glänzende Fußböden, duftende Blumenkränze, strahlende Wachskerzen. Überall aber hüpfte in stiller Freundlichkeit von Ort zu Ort, bald vor dieser Gesellschaft demütig sich verbeugend, bald jener vertraulich zuwinkend und alle wohlgefällig anlächelnd, die zierlich geschniegelte Person des Kurdirektors Angelo Cyrus Esquire umher.

»Kommen Sie in das Teezimmer. Trinken Sie für Ihre sechs Pence. Man gießt siedendes Wasser auf und nennt es Tee. Trinken Sie«, sagte Herr Dowler mit lauter Stimme zu Herrn Pickwick, der mit Frau Dowler am Arm der kleinen Gesellschaft voranging.

Herr Pickwick verfügte sich in das Teezimmer, und als Herr Vantam, Esquire umher.[** hier fehlt etwas**] zieher durch das Gedränge und bewillkommte ihn mit Begeisterung.

»Mein teurer Herr, ich fühle mich unendlich geehrt. Ba-ath darf sich glücklich schätzen. Madame Dowler, Sie verschönern diese Räume. Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Federn. Fa-belhaft.«

»Sind Herrschaften hier?« fragte Dowler zweifelhaft.

»Herrschaften! – Die Elite von Ba-ath! Herr Pickwick, sehen Sie die Dame dort mit dem Gazeturban.«

»Die dicke alte Frau?« fragte Herr Pickwick unschuldig.

»Pst, mein teurer Herr – in Ba-ath ist niemand dick oder alt. Es ist die verwitwete Lady Snuphanuph.«

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick.

»Wie ich Ihnen sage, keine geringere Person«, entgegnete der Kurdirektor. »Kommen Sie doch näher, Herr Pickwick. Sie sehen wohl den prachtvoll gekleideten jungen Herrn dort?«

»Den mit den langen Haaren und der auffallend niedrigen Stirne?« fragte Herr Pickwick.

»Ja; das ist gegenwärtig der reichste junge Mann in Ba-ath, der junge Lord Mutanhed.«

»Donnerwetter!« sagte Herr Pickwick.

»Sie werden ihn sogleich sprechen hören, Herr Pickwick. Er wird sich mit mir unterhalten. Der andere Herr bei ihm mit der roten Weste und dem dunklen Backenbart ist der ehrenwerte Herr Crushton, sein Busenfreund. Wie befinden Sie sich, Mylord?«

»Sehw heiß hiew, Bantam«, bemerkte seine Lordschaft, die beim Aussprechen des ›R‹ einige Schwierigkeiten fand.

»Es ist allerdings sehr warm, Mylord«, bemerkte der Kurdirektor.

»Verteufelt heiß«, bekräftigte der ehrenwerte Herr Crushton.

»Haben Sie den Postwagen Seiner Herrlichkeit schon gesehen, Bantam?« fragte er nach einer kurzen Pause, während der der junge Lord Mutanhed Herrn Pickwick durch vornehm stolzes Mustern aus der Fassung zu bringen versuchte und Herr Crushton sich besonnen hatte, über welchen Gegenstand Seine Herrlichkeit wohl am besten sprechen könne.

»Nein, noch nicht«, antwortete der Kurdirektor. »Ein Postwagen? Welch ein herrlicher Einfall! Me-erkwürdig!«

»Gütigew Gott«, sagte Seine Lordschaft, »ich dachte, jedewmann müsse den neuen Postkawwen schon gesehen haben; es ist das netteste, ziemlichste, awtigste Ding, was je auf Wädewn gelaufen ist, woth angemalt und mit einem isabellfawbigen Schecken davow.«

»Und mit einem wirklichen Briefkasten, alles ganz vollständig«, setzte der ehrenwerte Herr Crushton hinzu.

»Und einem kleinen Nowsitz mit eisewnew Lehne füw den Kutschew«, ergänzte Seine Lordschaft. »Ich fuhw gestewn Mowgen damit in einem Kawmoisinwock nach Bwistol und ließ zwei Dienew eine Viewtelstunde hinten nachweiten; und da waw es zu schön, wie die Leute aus den Häusewn stüwzten und mich anhielten und fwagten, ob ich nichts füw sie hätte. Das waw ein Hauptspaß.«

Bei dieser Anekdote lachte Seine Lordschaft recht herzlich und die Zuhörer natürlich auch. Sodann schob er seinen Arm durch den des dienstfertigen Herrn Crushton und entfernte sich.

»Ein entzückender junger Mann, dieser Lord«, sagte der Kurdirektor.

»Es scheint so«, bemerkte Herr Pickwick trocken.

Nachdem alle nötigen Einleitungen und Anordnungen zum Tanze getroffen waren und derselbe seinen Anfang genommen hatte, suchte Angelo Bantam Herrn Pickwick wieder auf und führte ihn ins Spielzimmer.

Eben als sie eintraten, umschwebten die verwitwete Lady Snuphanuph und zwei andere Damen von antikem, whistlustigem Aussehen einen unbesetzten Spieltisch. Kaum erblickten sie Herrn Pickwick in Begleitung des Herrn Angelo Bantam, so wechselten sie bedeutsame Blicke mit einander, in denen klar und unverkennbar lag, das sei gerade der Mann, dessen sie bedürften, um ein Spielchen zu machen.

»Mein lieber Bantam«, sagte die verwitwete Lady Snuphanuph in schmeichelnder Weise, »tun Sie uns doch den Gefallen und suchen Sie uns einen passenden Mitspieler.«

Da Herr Pickwick in diesem Augenblick zufällig nach einer andern Seite sah, so winkte Ihre Herrlichkeit mit dem Kopf nach ihm und runzelte ausdrucksvoll die Stirne.

»Mylady«, sagte der Kurdirektor, der den Wink verstand, »mein Freund, Herr Pickwick, wird sich unendlich glücklich schätzen. Herr Pickwick – Lady Snuphanuph – Frau Oberst Wugsby – Fräulein Bolo.«

Herr Pickwick verbeugte sich vor jeder der drei Damen, und da er einsah, daß hier kein Entrinnen war, so ergab er sich in sein Schicksal. Herr Pickwick und Fräulein Bolo spielten gegen Lady Snuphanuph und die Frau Oberst Wugsby.

Eben als die zweite Partie begann und der Trumpf schon auflag, rannten zwei junge Damen ins Zimmer und stellten sich von beiden Seiten neben dem Stuhl der Frau Oberst Wugsby auf, wo sie geduldig warteten, bis das Spiel vorüber war.

»Nun, Jane«, sagte die Frau Oberst, sich gegen eines der Mädchen wendend, »was gibt’s?«

»Ich möchte Sie nur fragen, Mama, ob ich mit dem jüngsten Herrn Crawlei tanzen darf«, flüsterte die hübschere und jüngere der beiden Töchter.

»Um Gottes Willen, Jane, wie kannst du an so etwas denken?« erwiderte die Mutter entrüstet. »Hast du nicht schon oft genug gehört, daß sein Vater bloß achthundert Pfund jährlich besitzt, die mit seinem Tode wegfallen? Ich muß mich für dich in die Seele hinein schämen. Nein, um keinen Preis.«

»Mama«, flüsterte die andere, die viel älter als ihre Schwester und dabei unendlich einfältig und affektiert war, »Lord Mutanhed ist mir vorgestellt worden. Ich habe gesagt, ich sei, glaube ich, nicht engagiert, Mama.«

»Du bist mein liebes Kind«, erwiderte die Frau Oberst, mit dem Fächer auf die Wange der Tochter klopfend; »auf dich kann ich mich immer verlassen. Er ist unermeßlich reich, meine Liebe. Gott segne dich.«

Mit diesen Worten küßte sie ihre älteste Tochter aufs zärtlichste, runzelte gegen die andere warnend die Stirn und mischte die Karten.

Der arme Herr Pickwick! Er hatte noch nie mit drei ausgelernten Whistspielerinnen gespielt. Sie waren so verzweifelt aufmerksam, daß ihm angst und bang wurde. Spielte er eine falsche Karte aus, so drohte ihm ein ganzes Arsenal von Dolchen aus den Augen der Miß Bolo; besann er sich einen Augenblick, so warf sich Lady Snuphanuph in ihren Stuhl zurück und lächelte mit einem teils ungeduldigen, teils mitleidigen Blick der Frau Oberst Wugsby zu, worauf Frau Oberst Wugsby die Achseln zuckte und hustete, als wollte sie sagen, es werde sie doch wundern, wann er endlich beginne. Nach jedem Spiel fragte Miß Bolo mit verdrießlichem Gesicht und vorwurfsvollem Seufzer, warum Herr Pickwick nicht Karo nachgespielt, oder Kreuz angespielt, oder Pik gestochen, oder Herz gebracht, oder das Aß herausgeholt, oder auf den König gespielt habe, oder sonst etwas Ähnliches. Auf alle diese schweren Vorwürfe wußte Herr Pickwick schlechterdings keine Rechtfertigung vorzubringen, weil er inzwischen das ganze Spiel vergessen hatte. Überdies störte es ihn, daß alle Augenblicke Leute kamen und zusahen. Hauptsächlich aber brachte ihn Angelo Bantam aus dem Konzept, der ganz in der Nähe mit den beiden Fräulein Matinter plauderte, die sitzengeblieben waren und deshalb dem Kurdirektor große Aufmerksamkeit schenkten, um durch seine Vermittlung wenigstens hier und da einen übrig gebliebenen Tänzer zu bekommen. All das, verbünden mit dem Lärm der Musik und den vielen andern Unterbrechungen durch das beständige Auf- und Abgehen von Zuschauern, machte, daß Herr Pickwick ziemlich schlecht spielte. Außerdem hatte er kein Glück, und als sie zehn Minuten nach elf Uhr aufhörten, erhob sich Fräulein Bolo in großer Aufregung vom Tische und ließ sich unter einer Flut von Tränen in einer Sänfte nach Hause tragen.

Herr Pickwick kehrte sofort mit seinen Freunden, die sämtlich versicherten, nicht leicht einen Abend angenehmer zugebracht zu haben, nach dem Weißen Hirsch zurück, und nachdem er seine Gefühle mit einigen warmen Flüssigkeiten beschwichtigt, ging er zu Bett, um augenblicklich einzuschlafen.

  1. Alte malerische Stadt am Avon im südwestlichen England, im 18. Jahrhundert einen der beliebtesten Kurorte der vornehmen Welt.
  2. Eine seinerzeit beliebte Schnupftabakmarke.

Siebenunddreißigstes Kapitel.


Siebenunddreißigstes Kapitel.

In dessen Hauptzügen man eine authentische Version des Märchens vom Prinzen Bladud findet, und worin zugleich von einem höchst merkwürdigen Unglück berichtet wird, das Herrn Winkle widerfuhr.

Da Herr Pickwick wenigstens zwei Monate in Bath zu bleiben gedachte, so hielt er es für ratsam: für sich und seine Freunde eine Prioatwohnung zu nehmen; er mietete daher, sobald sich eine günstige Gelegenheit zeigte, zu einem mäßigen Preis den obern Teil eines Hauses im Royal Crescent, der jedoch mehr Raum bot, als sie brauchten, weshalb Herr Dowler und seine Gemahlin sich erboten, ihnen ein Schlaf- und ein Wohnzimmer abzunehmen. Dieser Vorschlag wurde sogleich angenommen, und in drei Tagen waren sie alle in ihrer neuen Wohnung eingerichtet, worauf Herr Pickwick mit dem größten Eifer den Brunnen zu trinken begann. Er ging dabei ganz systematisch zu Werke, Vor dem Frühstück trank er ein Viertelliter und ging dann einen Hügel hinauf spazieren; das zweite Viertelliter trank er nach dem Frühstück und spazierte dann einen Hügel hinab; nach jedem neuen Viertelliter erklärte aber Herr Pickwick aufs feierlichste und nachdrücklichste, er fühle sich um ein Gutes besser, worüber seine Freunde äußerst entzückt waren, obgleich sie vorher nie etwas von einem Unwohlsein an ihm bemerkt hatten.

Der große Brunnensaal ist sehr geräumig, mit korinthischen Säulen, einer Musikgalerie, einer Tompionglocke, einer Statue von Nash und einer goldenen Inschrift verziert, die alle Wassertrinker wohl beachten sollten, denn sie appelliert an sie im Namen christlicher Menschenliebe. Das Wasser wird aus einer großen marmornen Vase geschöpft, um die herum eine Menge gelbliche Trinkgläser stehen, und es ist ein höchst erbaulicher und befriedigender Anblick, mit welcher Beharrlichkeit und mit welchem Ernst dieselben geleert werden. Es sind Bäder in der Nähe, die ein Teil der Gesellschaft gebraucht. Hinterher spielt eine Kapelle, um denen, die sich gebadet haben, Glück zu wünschen. Es ist noch ein zweiter Brunnensaal da, in dem gebrechliche Herren und Damen mittels einer so erstaunlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Sänften und Stühlen herumgeführt werden, daß derjenige, der keck genug ist, mit der regelmäßigen Anzahl von Zehen einzutreten, in augenscheinlicher Gefahr schwebt, ohne dieselben wieder herauszukommen. In einen dritten Brunnensaal gehen alle ruheliebenden Leute, denn es wird dort weniger Geräusch gemacht als in den andern. Auch an Spaziergängen ist großer Überfluß vorhanden, wo man eine Menge Leute mit und ohne Krücken, mit Stöcken und ohne Stöcke antrifft; es geht dabei sehr lebhaft, lustig und unterhaltend zu.

Jeden Morgen trafen sich die regelmäßigen Wassertrinker, Herr Pickwick unter ihnen, im Brunnensaal, tranken ihr Viertelliter aus und gingen dann pflichtgemäß spazieren. Auf der Nachmittagspromenade fanden sich Lord Mutanhed, der ehrenwerte Herr Crushton, die verwitwete Lady Snuphanuph, die Frau Oberst Wugsby und all die vornehmen Herrschaften, sowie sämtliche Wassertrinker vom Morgen zusammen. Sodann gingen oder fuhren sie spazieren oder ließen sich in Sesseln schieben und trafen dann einander nachher wieder. Die Herren begaben sich hierauf in das Lesezimmer, allwo sie verschiedene Gruppen bildeten, und gingen dann nach Hause. War abends Theater, so trafen sie sich vielleicht dort; war Reunion, so suchten sie einander in den Sälen auf; jedenfalls kamen sie am folgenden Tage wieder zusammen – eine höchst angenehme Lebensweise, vielleicht nur etwas zu einförmig.

Nach einem solchen Tag saß Herr Pickwick, als seine Freunde bereits zu Bett gegangen waren, noch über seinem Tagebuch, als es auf einmal leise an seiner Tür klopfte.

»Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte seine Hauswirtin, Frau Craddock, den Kopf hereinstreckend, »wünschen Sie vielleicht noch etwas, Sir?«

»Nein, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Mein Mädchen ist zu Bett gegangen, Sir«, fuhr Frau Craddock fort, »und Herr Dowler will die Güte haben, auf seine Gemahlin zu warten, da die Gesellschaft erst spät auseinandergehen wird. Wenn Sie daher nichts mehr bedürfen, Herr Pickwick, so möchte ich ebenfalls zu Bette gehen.«

»Nur zu, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Dann wünsche ich gute Nacht, Sir«, sagte Frau Craddock.

»Gute Nacht, Madame«, dankte Herr Pickwick.

Frau Craddock entfernte sich und Herr Pickwick schrieb weiter.

Nach einer halben Stunde war er mit seinen Einträgen fertig. Er drückte das Löschblatt sorgfältig auf die letzte Seite, schloß das Buch, wischte die Feder an seinem untern Rockfutter ab und öffnete die Schublade des Schreibpultes, um sie hineinzulegen. Hier erblickte er einige engbeschriebene Bogen Papier, die so zusammengelegt waren, daß der von guter deutlicher Hand geschriebene Titel ihm geradezu in die Augen fiel. Da er nun hieraus sah, daß es kein Privatdokument war, und da es außerdem Beziehung auf Bath zu haben schien und sich durch seine Kürze empfahl, so nahm er das Manuskript, zündete einstweilen sein Nachtlicht an, damit es gut brennen möchte, bis er fertig wäre, rückte sofort seinen Stuhl näher ans Feuer und las wie folgt:

Die wahrhaftige Geschichte vom Prinzen Bladud.

»Vor nicht ganz 200 Jahren las man auf einem der öffentlichen Bäder in dieser Stadt eine nunmehr verschwundene Inschrift zu Ehren ihres mächtigen Erbauers, des berühmten Prinzen Bladud.

Schon viele hundert Jahre vorher hatte sich von Generation zu Generation eine alte Sage fortgepflanzt, der erlauchte Prinz habe, weil er mit dem Aussatz behaftet gewesen, nach seiner Rückkehr von dem alten Athen, allwo er sich eine reiche Ernte von Kenntnissen gesammelt, den Hof seines königlichen Vaters gemieden und trübsinnig unter Hirten und Schweinen gelebt. Unter der Herde befand sich (so erzählt die legende) ein Schwein mit einer ernsten feierlichen Miene, mit dem der Prinz sympathisierte – denn auch er war sehr ernst gestimmt – ein Schwein von nachdenklichem, zurückhaltendem Wesen: ein Tier, das allen andern weit überlegen, dessen Grunzen schrecklich und dessen Biß scharf war. Der junge Prinz seufzte tief, sobald er das Gesicht des majestätischen Schweines sah: er dachte an seinen königlichen Vater, und seine Augen benetzten sich mit Tränen.

Dieses kluge Schwein badete sich gern in tiefem Schlamm; jedoch nicht im Sommer, wie gewöhnliche Schweine jetzt zu tun pflegen, um sich abzukühlen, und schon in jenen seinen Zeiten taten (ein Beweis, daß das Licht der Zivilisation schon damals, wiewohl nur schwach, heraufzudämmern begonnen hatte), sondern in schneidend kalten Wintertagen. Es hatte immer ein so reines Fell und sah so gesund aus, daß der Prinz sich entschloß, die reinigenden Kräfte desselben Wassers zu erproben, dessen sich sein Freund bediente. Unter diesem schwarzen Schlamm sprudelten die heißen Quellen von Bath. Er badete sich und wurde kuriert. Nun eilte er an den Hof seines Vaters, bezeugte ihm seine Ehrfurcht, kehrte aber schnell wieder hierher zurück und gründete diese Stadt mit ihren berühmten Bädern.

Er suchte das Schwein mit allem Eifer früherer Freundschaft auf – aber ach, das Wasser war sein Tod geworden. Es hatte unvorsichtigerweise bei zu heißer Temperatur ein Bad genommen, und der Naturphilosoph war nicht mehr. Er hatte später in Plinius einen Nachfolger, der ebenfalls ein Opfer seines Durstes nach Kenntnissen wurde.

So die Sage: die wahre Geschichte aber lautet folgendermaßen:

Vor vielen hundert Jahren blühte in Pracht und Herrlichkeit der weltberühmte Lud Hudibras, König von Britannien. Er war ein mächtiger Monarch und er war so außerordentlich stark, daß die Erde unter seinen Fußtritten erbebte. Sein Volk sonnte sich in dem Leuchten seines Angesichts, so rot und strahlend war dasselbe. Er war wirklich jeder Zoll ein König. Und er maß viele Zoll; denn obgleich er nicht ungewöhnlich groß war, so hatte er dagegen einen merkwürdigen Umfang, und die Zolle, die seiner Länge abgingen, wurden durch seine Dicke ersetzt. Könnte irgendein entarteter Monarch heutigentags einigermaßen mit ihm verglichen werden, so würde ich sagen, der verehrungswürdige König Cole sei dieser erlauchte Potentat.

Diesem guten König hatte seine Gemahlin vor achtzehn Jahren einen Sohn geboren, der den Namen Bladud erhielt. Er wurde bis in sein zehntes Jahr einer Erziehungsanstalt des Landes anvertraut und dann unter der Obhut eines zuverlässigen Mannes nach Athen geschickt, um dort seine Studien zu vollenden. Hier blieb er acht volle Jahre, nach deren Verlauf der König, sein Vater, den Lord Kammerherrn hinüberschickte, um seine Rechnungen zu bezahlen und ihn nach Hause zu geleiten. Der Lord Kammerherr wurde mit Jubel empfangen und bekam von Stund an ein bedeutendes Gehalt.

Als der König Lud den Prinzen, seinen Sohn, zu einem so schönen jungen Mann herangewachsen sah, dachte er sogleich, wie nett es wäre, wenn er ihn ohne Aufschub verheiratete, damit durch seine Kinder das glorreiche Geschlecht der Lud bis auf die spätesten Zeiten der Welt fortgepflanzt würde. Deshalb schickte er eigens eine aus vornehmen Hofleuten, die weiter nichts zu tun hatten und ein so einträgliches Amt brauchen konnten, bestehende Gesandtschaft zu einem benachbarten König und verlangte dessen schöne Tochter für seinen Sohn. Zugleich ließ er ihm melden, daß ihm alles daran liege, mit seinem Bruder und Freund in den besten Verhältnissen zu bleiben. Wenn aber die Vermählung nicht zustande kommen sollte, so werde er sich in die unangenehme Notwendigkeit versetzt sehen, sein Königreich anzugreifen und ihm die Augen auszustechen.

Darauf antwortete der andere König, der der Schwächere war, er sei seinem Freund und Bruder für alle seine Güte und Großmut sehr verbunden, und auch seine Tochter habe nichts gegen die Vermählung einzuwenden, sobald es dem Prinzen Bladud gefällig sein würde, zu kommen und sie zu holen.

Diese Antwort hatte Britannien kaum erreicht, als die ganze Nation außer sich war vor Freude. Man hörte von allen Seiten nichts als Töne des Jubels und Entzückens, freilich aber auch das Geklingel des Geldes, das der königliche Schatzmeister von dem Volke einsammelte, um die Kosten des glücklichen Ereignisses zu bestreiten. Aus dieser Veranlassung auch geschah es, daß König Lud im versammelten Rat, hoch auf seinem Thron sitzend, der Freude seines Herzens vollen Lauf ließ und dem Lord Oberrichter befahl, die edelsten Weine und die Minnesänger kommen zu lassen – ein Akt der Gnade, der durch die Unwissenheit gegenseitig sich abschreibender Historiker dem König Cole zugeschrieben wurde, und zwar in jenen berühmten Zeilen, in denen von Seiner Majestät gesagt wird:

»Er heischt die Pfeife, und er heischt sein Glas, ›die Fiedler‹, ruft er, sollen jetzt erscheinen.«

Das ist jedoch eine offenbare Ungerechtigkeit gegen das Andenken des Königs Lud und eine unbillige Übertreibung der Vorzüge des Königs Cole.

Doch inmitten aller dieser Feste und Lustbarkeiten war ein Trauriger, der seine Lippen nicht netzte, wenn die funkelnden Weine eingegossen wurden, und nicht tanzte, wenn die Barden spielten. Das war niemand anders als der Prinz Bladud selbst, dessen Glück zu Ehren in diesem Augenblick ein ganzes Volk sowohl seine Kehlen wie sein Geldbeutel anstrengte. Der Prinz hatte sich nämlich, ohne Rücksicht auf das unzweifelhafte Recht des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, sich für ihn zu verlieben, sowie allen politischen und diplomatischen Gebräuchen zuwider, bereits auf eigene Faust ein Liebchen ausgesucht und sich heimlich mit der schönen Tochter eines edlen Atheners verlobt.

Hier haben wir einen schlagenden Beweis von den mannigfaltigen Vorteilen der Zivilisation und feinerer Gesittung. Hätte der Prinz in späteren Zeiten gelebt, so hätte er sich ohne weiteres mit dem Gegenstande der Wahl seines Vaters vermählt und sodann allen Ernstes daran gedacht, sich von der Bürde zu befreien, die so schwer auf ihm lastete. Er hätte sich bemüht, sie durch systematische Mißhandlungen und Vernachlässigungen ins Grab zu bringen, oder wenn der gute Takt ihres Geschlechts und ein stolzes Bewußtsein, daß sie diese Unbilden nicht verdient, sie dennoch aufrechterhalten hätte, so wäre er zu schnelleren und sichereren Mitteln, sie loszuwerden, geschritten. Dem Prinzen Bladud dagegen fiel keiner dieser Auswege ein – er bat seinen Vater um eine geheime Unterredung und eröffnete sich ihm.

Es ist ein altes Vorrecht der Könige, alles zu beherrschen, nur ihre Leidenschaften nicht. König Lud geriet in eine schreckliche Wut, schleuderte seine Krone bis an die Zimmerdecke empor und fing sie wieder auf – in jenen Tagen hatten nämlich die Könige ihre Kronen auf dem Kopf und nicht im Tower – er stampfte auf den Boden, schlug sich vor die Stirn, jammerte, daß sein eigen Fleisch und Blut sich gegen ihn empöre, endlich aber rief er seine Leibwache und befahl ihr, den Prinzen alsbald in einen tiefen Turm zu werfen. Das war die gewöhnliche Art, wie die Könige in früheren Zeiten mit ihren Söhnen verfuhren, wenn sie im Punkte der Vermählung andere Absichten hegten, als ihre Väter.

Nachdem der Prinz Bladud beinahe ein Jahr lang in dem hohen Turm eingesperrt gewesen, ohne eine andere Aussicht für seine leiblichen Augen als eine steinerne Wand, oder für die Augen seines Geistes als langwierige Gefangenschaft, begann er natürlich einen Plan zur Flucht zu entwerfen, den er nach mondenlangen Vorbereitungen glücklich ausführte. Er ließ absichtlich sein Tischmesser im Herzen des Kerkermeisters stecken, damit der arme Bursche, der Familie hatte, von dem rasenden König nicht als Beförderer seiner Flucht angesehen und bestraft werden möchte.

Der König war wie wahnsinnig ob des Entrinnens seines Sohnes. Lange wußte er nicht, an wem er seinen Kummer und Zorn auslassen konnte, bis er sich zum Glück des Lord Kammerherrn erinnerte, der den Prinzen nach Hause begleitet hatte, und dem er seine Pension und seinen Kopf zugleich nahm. Mittlerweile durchwanderte der junge Prinz, gut verkleidet, zu Fuß die Reiche seines Vaters, in allem Ungemach aufrechterhalten und erfreut durch den süßen Gedanken an die atheniensische Jungfrau, die die unschuldige Ursache seiner grausamen Prüfungen war. Eines Tages wollte er in einem Dorfe Ruhe suchen, und da er sah, daß auf dem Rasen lustig getanzt wurde und alle Gesichter vor Freude glänzten, so wagte er es, einen der Fröhlichen, der neben ihm stand, nach der Ursache dieser allgemeinen Freude zu fragen.

›O Fremdling‹, war die Antwort, ›wißt Ihr denn nichts von der neuesten Proklamation unseres gnädigen Königs?‹

›Proklamation? Nein. Was für eine Proklamation?‹ erwiderte der Prinz, denn er war bisher nur auf ziemlich unbesuchten Nebenwegen gewandert und wußte nichts von allem, was auf den öffentlichen Straßen und überhaupt im Reiche vorging.

›Nun‹, sagte der Bauer: ›die fremde Dame, die unser Prinz zu heiraten wünschte, hat sich mit einem vornehmen Manne in ihrem eigenen Lande vermählt. Dies ließ der König verkünden und zugleich große öffentliche Festlichkeiten anordnen; denn natürlich wird der Prinz Bladud jetzt zurückkehren und die Dame heiraten, die sein Vater ihm ausersehen hat, zumal, da sie schön sein soll wie die Mittagssonne. Eure Gesundheit, Sir. Gott erhalte den König.‹

Der Prinz wollte nichts mehr hören. Er floh von dem Platze und drang in die dichteste Wildnis eines nahen Waldes. So wanderte er Tag und Nacht fort unter der brennenden Sonne, wie unter dem kalten, blassen Mond, durch die dürre Hitze des Mittags, sowie durch den feuchten Frost der Nacht, in dem grauen Licht des Morgens, wie in dem roten Glanz des Abends. Er achtete so wenig auf Zeit und Weg, daß er, statt nach Athen zu gelangen, sich nach Bath verirrte.

Da, wo jetzt Bath steht, war dazumal noch keine Stadt. Man sah hier keine Spur von einer menschlichen Wohnung, kein Zeichen von Menschenhand: allein die Gegend war damals schon ebenso reizend, dieselbe herrliche Abwechslung von Hügeln und Tälern, derselbe schöne Fluß, der sich hindurchschlängelt, dieselben hohen Berge, die gleich den Mühseligkeiten des Lebens, von ferne betrachtet, und teilweise durch den glänzenden Nebel des Morgens verborgen, ihre herbe Rauheit verlieren und mild und freundlich erscheinen. Von der lieblichen Schönheit dieser Landschaft ergriffen, sank der Prinz auf den grünen Rasen nieder und badete seine wunden Füße mit seinen Tränen.

›Ach‹, rief der unglückliche Bladud, indem er die Hände rang und trauervoll seine Augen gegen den Himmel erhob: ›möchten doch meine Wanderungen hier zu Ende gehen und meine ergebungsvollen Tränen, womit ich jetzt verfehlte Hoffnungen und verschmähte Liebe beklage, auf immer im Frieden dahinfließen.‹

Sein Wunsch wurde erhört. Es war zur Zeit der heidnischen Gottheiten, die die Leute manchmal beim Worte nahmen, und zwar mit einer Schnelligkeit, die ihnen oft sehr ungelegen kam. Der Boden öffnete sich unter des Prinzen Füßen: er sank hinab in den Abgrund, und alsbald schloß sich die Erde wieder über seinem Haupte, abgesehen von der Stelle, wo seine heißen Tränen durch sie heraufquellen und wo sie seitdem unaufhörlich geströmt sind.

Es ist bemerkenswert, daß bis auf den heutigen Tag große Scharen von Damen und Herren, die sich in ihrer Hoffnung, Lebensgefährten zu bekommen, getäuscht sahen, und beinahe ebensoviel junge Damen und Herren, die sich sehnen, solche zu bekommen, alljährlich nach Bath kommen, um die Wasser zu trinken und daraus große Stärkung und Tröstung schöpfen: – ein höchst gewichtiger Beweis für die Wirksamkeit der Tränen des Prinzen Bladud, und ein Umstand, wodurch die Wahrheit dieser Geschichte außer allen Zweifel gestellt wird.«

 

Herr Pickwick gähnte zu verschiedenen Malen. Als er ans Ende dieses kleinen Manuskripts gelangt war, faltete er es sofort sorgfältig wieder zusammen, legte es an seinen alten Platz in die Schublade des Schreibpults hinein, zündete sodann mit einem Gesicht, worauf die äußerste Müdigkeit zu lesen war, sein Nachtlicht an und begab sich die Treppe hinauf nach seinem Schlafzimmer.

Vor Herrn Dowlers Tür blieb er, wie gewöhnlich, stehen und klopfte an, um ihm gute Nacht zu sagen.

»Ah«, sagte Dowler, »Sie gehen zu Bett? Ich wollte, ich läge schon drin. Eine widerwärtige Nacht. Nicht wahr, sehr windig?«

»Ja«, versetzte Herr Pickwick: »gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Herr Pickwick ging auf sein Schlafzimmer und Herr Dowler nahm seinen Sitz vor dem Feuer wieder ein, um sein übereiltes Versprechen zu halten, bis zur Rückkehr seiner Gemahlin aufbleiben zu wollen.

Es gibt nicht leicht etwas Unangenehmeres, als nachts auf jemanden zu warten, besonders wenn dieser Jemand in einer Gesellschaft ist. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, wie schnell den Leuten dort die Zeit vergeht, die sich für uns so träge dahinschleppt, und je mehr man daran denkt, desto mehr schwindet die Hoffnung auf die baldige Ankunft des Erwarteten. Auch ticken die Uhren so laut, wenn man so allein dasitzt, und man meint – wenigstens geht es uns immer so – man habe Unterkleider voll Ungeziefer an. Zuerst juckt es einen am rechten Knie, und dann stellt sich derselbe Reiz am linken ein. Ändert man seine Stellung, so kommt es in die Arme, und wenn man seine Beine in allen möglichen Richtungen die Kreuz und die Quere herumgeworfen hat, so juckt es einen plötzlich an der Nase, an der man sofort reibt, als wollte man sie hinwegreiben, was man gewiß auch täte, wenn es möglich wäre. Auch die Augen machen viel Unbehagen, und der Docht eines Lichtes wird anderthalb Zoll lang, bis man ihn putzt. Diese und andere kleine Nervenstimmungen machen das lange Aufbleiben, wenn alle übrigen schon zu Bett gegangen sind, keineswegs zu einem lustigen Zeitvertreib.

So dachte Herr Dowler, als er vor dem Feuer saß, und er ärgerte sich im Innersten seines Herzens über all die gefühllosen Leute auf dem Ball, die ihn solange hinhielten. Seine Laune wurde nicht verbessert durch den Gedanken, daß er es sich am Abend in den Kopf gesetzt hatte, Kopfweh haben zu wollen und deswegen zu Hause geblieben war. Endlich, nachdem er zu wiederholten Malen eingenickt und gegen den Kamin hin vorgefallen war, sich aber immer wieder bald genug zurückgeworfen hatte, um das Gesicht nicht zu verbrennen, beschloß Herr Dowler, sich auf das Bett im Hinterzimmer zu legen und daselbst seinen Gedanken nachzuhängen – natürlich nicht um zu schlafen.

»Ich habe einen harten Schlaf«, sagte Herr Dowler, als er sich aufs Bett warf. »Ich muß wach bleiben; hier werde ich das Klopfen wohl hören können. Ja. Ich dachte es doch. Ich kann den Nachtwächter hören. Da unten geht er. Jetzt schon leiser. Eben geht er um die Ecke. Ah!«

Als Herr Dowler soweit gekommen war, wandte auch er sich um die Ecke, an der er solange gezögert hatte, und versank in einen festen Schlaf.

Schlag drei Uhr wurde eine Sänfte, mit Frau Dowler darin, vor das Haus gebracht. Die Träger waren ein kurzer, fetter Knirps und ein himmellanger Bursche, die auf dem Wege viel Mühe hatten, ihre Körper und vollends gar die Sänfte senkrecht zu erhalten; auf der Höhe und in der Nähe des Halbmondplatzes aber wütete und stürmte der Wind, der ihn von allen Seiten überstreifen konnte, so abscheulich, als wollte er das Straßenpflaster aufreißen; sie waren daher herzlich froh, die Sänfte endlich an Ort und Stelle niedersetzen zu können und fingen an, tüchtig an die Tür zu klopfen.

Sie warteten einige Zeit, aber es kam niemand,

»Das Gesinde liegt gewiß in den Armen des Porpus8«, sagte der kurze Sänftenträger, indem er sich die Hände an der Fackel des begleitenden Fackelbuben wärmte.

»Ich wollte, er kneipte sie, daß sie aufwachten«, bemerkte der Lange.

»Haben Sie die Güte, doch noch einmal zu klopfen«, rief Frau Dowler von der Sänfte herab. »Klopfen Sie noch zwei- oder dreimal.«

Der Kurze, der seinen Auftrag sobald wie möglich los zu werden wünschte, stellte sich an die Tür und polterte aus Leibeskräften darauf los, zuerst in Absätzen von vier oder fünf, sodann von acht bis zu zehn Schlägen, während der Lange sich auf die Straße stellte, ob er etwa an einem Fenster Licht bemerken könnte.

Niemand kam. Alles war still und finster wie zuvor.

»Mein Gott«, sagte Frau Dowler; »Sie müssen noch einmal klopfen.«

»Ist vielleicht eine Glocke da?« fragte der Kurze.

»O freilich«, fiel der Fackelträger ein; »ich habe schon in einem fort daran geläutet.«

»Bloß der Handgriff ist da«, sagte Frau Dowler; »der Draht ist gerissen.

»Ich wollte. Ihrer Dienerschaft würden die Schädel eingeschlagen«, knurrte der Lange.

»Ich muß Sie bemühen, gefälligst noch einmal zu klopfen«, sagte Frau Dowler mit der größten Höflichkeit.

Der Kurze klopfte noch mehrere Male, aber ohne den geringsten Erfolg. Dem Langen riß jetzt die Geduld, er löste ihn ab und klopfte in einem fort mit gewaltigen Doppelschlägen an die Tür wie ein wahnsinniger Briefträger.

Endlich begann Herr Winkle zu träumen, er sei in einem Klub. Die Mitglieder hätten Streit miteinander bekommen und der Präsident sei genötigt, gewaltig auf den Tisch zu hämmern, um die Ordnung wieder herzustellen: sodann schwebte ihm dunkel ein Auktionszimmer vor, wo es an Kaufliebhabern fehlte und der Auktionator alles selbst kaufen mußte; endlich fing er an zu denken, es könne in den Grenzen der Möglichkeit liegen, daß jemand an die Haustür klopfe. Um jedoch ganz sicher zu gehen, blieb er noch etwa zehn Minuten ruhig im Bett und horchte. Erst als er zwei- oder dreiunddreißig Schläge gezählt hatte, gab er sich zufrieden und bildete sich nicht wenig auf seine Wachsamkeit ein.

»Rap rap – rap rap – rap rap – ra, ra, ra, ra, ra, rap«, erschallte der Klopfer an der Haustür.

Höchst verwundert, was dies wohl sein könne, sprang Herr Winkle aus dem Bett, zog schleunigst Strümpfe und Pantoffeln an, wickelte seinen Schlafrock um sich, zündete an dem Nachtlicht, das auf dem Kamin brannte, eine kleine Kerze an und eilte die Treppe hinab.

»Endlich kommt doch jemand, Madame«, sagte der kleine Sänftenträger.

»Ich wollte, ich wäre mit der Hetzpeitsche hinter ihm her«, murrte der Lange.

»Wer ist draußen?« rief Herr Winkle, den Riegel zurückschiebend.

»Frag‘ nur nicht, du Eselskopf«, erwiderte in großem Ärger der Lange, der nicht anders glaubte, als der Fragende sei ein Diener. »Aufgemacht!«

»Vorwärts! schnell! Du Faultier!« fügte der Kurze aufmunternd hinzu.

Herr Winkle, der noch halb im Schlaf war, gehorchte dem Befehl mechanisch, öffnete die Tür ein wenig und blickte hinaus.

Das erste, was er sah, war der rote Glanz der Fackel. Bei diesem unerwarteten Anblick erschrak er, und in der Meinung, das Haus stehe in Flammen, stieß er schnell die Tür weit auf, hielt das Licht über seinen Kopf empor und starrte geradeaus vor sich hin, ohne sich überzeugen zu können, ob das, was er erblickte, eine Sänfte sei oder eine Feuerspritze, In diesem Augenblick kam ein heftiger Windstoß, das Licht wurde ausgeblasen, Herr Winkle ward unwiderstehlich auf die Tritte vor der Haustür hingeweht, und die Tür selbst schlug mit lautem Krachen zu.

»Da haben Sie’s, junger Mann«, sagte der kleine Sänftenträger.

Als Herr Winkle durch das Fenster der Sänfte hindurch das Gesicht einer Dame erblickte, wandte er sich eiligst um, klopfte aus Leibeskräften an die Tür und schrie den Trägern wie wahnsinnig zu, sie sollten mit der Sänfte ihres Weges gehen.

»Fort damit! fort damit!« rief Herr Winkle. »Da kommt jemand aus einem andern Hause: laßt mich in die Sänfte hinein. Versteckt mich, helft mir.«

Dabei schauerte er vor Kälte, und jedesmal, wenn er die Hand nach dem Klopfer erhob, faßte der Wind auf eine höchst unzarte Weise seinen Schlafrock.

»Da kommen ja Leute. Es sind Damen dabei; bedeckt mich doch mit irgend etwas; stellt euch vor mich hin«, heulte Herr Winkle. Allein die Sänftenträger waren zu sehr durch Lachen in Anspruch genommen, als daß sie ihm den geringsten Beistand hätten leisten können, und die Damen kamen mit jedem Augenblick naher und immer näher.

Herr Winkle tat einen letzten hoffnungslosen Schlag. Die Damen waren nur noch einige Häuser entfernt. Er warf das ausgelöschte Licht, das er in der ganzen Zeit über seinen Kopf emporgehalten hatte, weg und stürzte geradezu auf die Sänfte los, worin Frau Dowler saß.

Jetzt hatte Frau Craddock endlich auch das Klopfen und Lärmen gehört, und nachdem sie sich bloß soviel Zeit genommen, um eine andere Kopfbedeckung als ihre Nachthaube aufzusetzen, rannte sie in das vordere Wohnzimmer, um zu sehen, ob es die rechten Leute seien, und rückte das Schiebefenster gerade in dem Augenblick zurück, als Herr Winkle auf die Sänfte losstürzte. Kaum aber hatte sie gesehen, was unten vorging, so erhob sie ein gewaltiges Jammergeschrei und weckte Herrn Dowler mit der Bemerkung, er solle doch sogleich aufstehen, denn seine Frau laufe mit einem andern Herrn davon.

Herr Dowler sprang vom Bett auf wie ein Gummielastikumball, stürzte in das vordere Zimmer, kam in demselben Augenblick an ein Fenster, wo Herr Pickwick ein anderes aufriß, und das erste, was sich ihren erstaunten Blicken darbot, war Herr Winkle, der in die Sänfte hineinstürmen wollte.

»Nachtwächter!« schrie Dowler wütend, »fangt ihn – packt ihn – haltet ihn fest, bis ich hinabkomme. Ich will ihm die Kehle abschneiden – gebt mir ein Messer – ja, von einem Ohr bis zum andern, Frau Craddock.«

Und trotz des Jammergeschreis der Hausfrau, in das Herr Pickwick mit einstimmte, ergriff der entrüstete Ehemann ein kleines Tischmesser und stürzte auf die Straße hinunter.

Aber Herr Winkle erwartete ihn nicht. Kaum hörte er die schreckliche Drohung des tapfern Dowler, so sprang er ebenso schnell wieder aus der Sänfte heraus, wie er hineingesprungen war, schleuderte seine Pantoffeln auf die Straße, gab Fersengeld und rannte, hitzig verfolgt von Dowler und dem Nachtwächter, um den Halbmondplatz herum. Er behielt immer einen Vorsprung, und als er zum zweitenmal vor das Haus kam und die Tür offen fand, stürzte er hinein, warf sie Dowler vor der Nase zu, sprang in sein Schlafzimmer, verschloß die Tür, pflanzte zur Verrammlung einen Toilettentisch nebst einigen Kommoden davor auf und packte einige notwendige Sachen zusammen, in der Absicht, mit Tagesanbruch zu entfliehen.

Dowler kam vor seine Tür, erklärte durch das Schlüsselloch hinein seinen festen Entschluß, Herrn Winkle am folgenden Tag die Kehle abzuschneiden, und nach einem gewaltigen, verworrenen Lärm im Salon, wobei man vor allem Herrn Pickwicks Stimme vernahm, der Frieden zu stiften bemüht war, zerstreuten sich die Hausgenossen nach ihren verschiedenen Schlafgemächern, worauf alles wieder ruhig wurde.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier die Frage aufgeworfen wird, wo Herr Weller diese ganze Zeit über gewesen? Wir werden uns im nächsten Kapitel darüber erklären.

  1. Morpheus.

Achtunddreißigstes Kapitel.


Achtunddreißigstes Kapitel.

Erteilt genügende Auskunft über Herrn Wellers Abwesenheit und enthält die Beschreibung einer Soiree, zu der er eingeladen war. Zugleich berichtet es, wie ihm von Herrn Pickwick eine geheime Sendung von großer Wichtigkeit und Zartheit anvertraut wird.

»Herr Weller«, sagte Frau Craddock am Morgen dieses verhängnisvollen Tage«, »hier ist ein Brief für Sie.«

»Das ist sehr kurios«, meinte Sam. »Ich fürchte fast, es muß etwas dahinter stecken, denn ich erinnere mich in meinem Kreis von Bekanntschaften keines Gentlemans, der imstande wäre, einen Brief zu schreiben.«

»Vielleicht hat sich etwas Außerordentliches ereignet«, bemerkte Frau Craddock.

»Das muß freilich etwas Außerordentliches sein, was einem meiner Freunde einen Brief ablocken könnte«, erwiderte Sam, zweifelhaft den Kopf schüttelnd. »Von meinem Vater kann der Brief auch nicht kommen«, fügte er hinzu, indem er die Handschrift betrachtete; »der druckt immer, weil er das Schreiben an den großen Anschlagzetteln vor den Buchhandlungen gelernt hat. Es ist mir ganz unerklärlich, woher der Brief wohl kommen mag.«

Zugleich tat Sam, was sehr viele Leute tun, wenn sie über den Schreiber eines Billetts im Ungewissen sind, d.h. er beschaute das Siegel, sodann den vorderen, dann den hinteren Teil, hierauf die Seiten und endlich die Überschrift; für das allerletzte Auskunftsmittel mochte er wohl den Inhalt ansehen, um ganz gewiß aus der Sache klar zu werden.

»Er ist auf goldgerandetes Papier geschrieben«, sagte Sam, als er ihn entfaltete, »und mit braunem Siegellack petschiert, und zwar mit der Spitze eines Türschlüssel«. Nun, wir wollen einmal sehen.«

Und mit sehr ernstem Gesicht las Herr Weller langsam wie folgt:

»Eine auserlesene Gesellschaft von den Bather-Lakaien empfiehlt sich Herrn Weller und bittet um das Vergnügen seiner Gesellschaft auf diesen Abend zu einem freundschaftlichen Schmause, bestehend aus einer gekochten Hammelkeule nebst dem übrigen Zubehör. Präzis halb zehn Uhr wird serviert.«

Diese Einladung war in ein anderes Billett folgenden Inhalts eingeschlossen:

»Herr John Smauker, der Gentleman, der das Vergnügen hatte, Herrn Weller vor einigen Tagen im Hause ihres gemeinschaftlichen Bekannten, des Herrn Bantam, kennenzulernen, gibt sich die Ehre, Herrn Weller die beifolgende Einladung zuzuschicken. Wenn Herr Weller Herrn John Smauker um neun Uhr abholen will, so wird Herr John Smauker das Vergnügen haben, Herrn Weller einzuführen.

(Unterzeichnet) John Smauker.«

Die Adresse lautete: »An Weller, Esquire bei Herrn Pickwick«, und in der linken Ecke stand als Instruktion für den Überbringer in Paranthese das Wort: »Dienerglocke«.

»Gut«, sagte Sam? »das gefällt mir nicht übel. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, daß man eine gekochte Hammelkeule einen Schmaus genannt hätte. Wie würden sie wohl eine gebratene nennen?«

Ohne sich jedoch lange den Kopf darüber zu zerbrechen, begab sich Sam sogleich zu Herrn Pickwick und bat ihn für den Abend um Urlaub, der gern bewilligt wurde. Mit dieser Erlaubnis und dem Hausschlüssel in der Tasche ging Sam Weller etwas vor der bestimmten Zeit aus und schlenderte gemächlich dem Queensquare zu, wo er kaum angelangt war, als er das Vergnügen hatte, Herrn John Smauker in einiger Entfernung seinen bepuderten Kopf an einen Laternenpfahl lehnen und aus einer Bernsteinröhre eine Zigarre rauchen zu sehen.

»Guten Tag, wie geht’», Herr Weller?« rief ihm Herr John Smauker zu, mit der einen Hand graziös den Hut lüftend, während er ihm mit der andern freundlich und herablassend zuwinkte. »Wie geht’s, Sir?«

»Recht ordentlich«, erwiderte Sam. »Und wie geht es Ihnen, lieber Kamerad?«

»So so, la la«, sagte John Smauker.

»Sie haben sich gewiß zu sehr angestrengt«, bemerkte Sam. »Ich fürchtete es immer; aber es führt zu nichts; Sie müssen Ihrem Eifer und Fleiß Zaum und Gebiß anlegen.«

»Ach nein«, erwiderte Herr John Smauker, »es kommt nicht sowohl davon her, als von dem schlechten Wein; ich glaube, ich bin ein bißchen liederlich gewesen.«

»Aha, geht’s da hinaus?« sagte Sam. »Das ist freilich eine schlimme Sache.«

»Aber«, bemerkte Herr John Smauker, »Sie wissen ja, daß die Verführung immer so groß ist.«

»Freilich«, erwiderte Sam.

»Wenn man so mitten in den Wirbel der Gesellschaft hineingezogen wird, Herr Weller, – Sie wissen ja schon«, sagte Herr John Smauker mit einem Seufzer.

»Ja, es ist schrecklich«, meinte Sam.

»Aber es geht immer so«, sagte Herr John Smauker; »wenn das Schicksal einen ins öffentliche Leben und in eine öffentliche Stellung führt. Da ist man Versuchungen ausgesetzt, von denen andere Leute nichts wissen, Herr Weller.«

»Gerade das sagte auch mein Onkel, als er ins öffentliche Leben getreten und ein Wirt geworden war«, bemerkte Sam; »und der alte Herr hatte ganz recht; denn in weniger als einem Vierteljahr trank er sich tot.«

Herr John Smauker sah sehr entrüstet aus über die zwischen ihm und dem besagten seligen Herrn gezogene Parallele. Da indessen Sams Gesicht in dem unveränderlichen Zustand der Ruhe blieb, so besann er sich eines bessern und wurde wieder freundlich.

»Es wird wohl Zeit, zu gehen«, sagte Herr Smauker und zog eine kupferne Uhr, die auf dem Grunde einer tiefen Uhrtasche wohnte und vermittels eines schwarzen Bandes an die Oberfläche heraufgezogen wurde, auch am andern Ende mit einem kupfernen Schlüssel versehen war, zu Rate.

»Ich denke auch«, erwiderte Sam; »das Essen möchte sonst kalt werden.«

»Haben Sie den Brunnen schon getrunken, Herr Weiler?« fragte sein Kamerad, als sie nach der Hochstraße zuschritten.

»Ein einziges Mal«, erwiderte Sam.

»Und wie fanden Sie ihn, Sir?«

»Ganz abscheulich widerlich«, erklärte Sam.

»Ah«, sagte Herr John Smauker, »vielleicht behagt Ihnen der Mineralgeschmack nicht?« 99

»Davon verstehe ich nichts«, sagte Sam, »aber es kam mir vor, als hätte der Brunnen einen scharfen, brandigen Geruch, wie von glühenden Bügeleisen.«

»Das ist eben das Mineralische, Herr Weller«, bemerkte Herr John Smauker verächtlich.

»Meinetwegen: es ist aber ein sehr unverständliches Wort«, sagte Sam. »Es mag aber schon so sein, denn ich verstehe nicht viel von chemischen Geschichten, kann also nichts sagen.«

Und nun begann Sam Weller zum großen Entsetzen des Herrn John Smauker zu pfeifen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Weller«, sagte Herr John Smauker, schaudernd über die nicht eben lieblichen Töne. »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?«

»Danke, Sie sind gar zu gütig: ich will Sie nicht bemühen«, erwiderte Sam. »Wenn Sie nichts dagegen haben, so stecke ich lieber meine Hände in die Taschen.«

Sam tat das auch sogleich und pfiff noch lauter als zuvor.

»Auf diesem Weg«, sagte sein neuer Freund, dem es offenbar viel leichter ums Herz wurde, als sie in eine Nebenstraße kamen, »auf diesem Weg werden wir bald dort sein.«

»So?« sagte Sam, ganz ungerührt durch die Ankündigung seiner unmittelbaren Nähe bei der auserwählten Gesellschaft der Bather-Lakaien.

»Ja«, sagte Herr John Smauker. »Seien Sie nur nicht zu schüchtern, Herr Weller.«

»O gewiß nicht«, sagte Sam.

»Sie werden einige sehr schöne Uniformen sehen, Herr Weller«, fuhr Herr John Smauker fort, »und vielleicht werden Sie auch finden, daß etliche von diesen Herren die Nase ein bißchen hoch tragen: allein Sie werden sie schon zu gewinnen wissen.«

»Das wäre sehr schön«, erwiderte Sam.

»Und Sie wissen«, fuhr Herr John Smauker mit erhabener Protektormiene fort, »Sie wissen, da Sie ein Fremder sind, so wird man Ihnen im Anfang vielleicht scharf zu Leib gehen.«

»Sie werden doch nicht gar grausam gegen mich sein?« fragte Sam.

»Nein, nein«, erwiderte Herr John Smauker, den Fuchskopf hervorziehend und eine gentlemanische Prise nehmend: »doch es sind einige lustige Käuze darunter, die werden ihren Witz an Ihnen auslassen wollen, aber Sie müssen sich nur nicht darum kümmern.«

»Ich werde es ihnen schon heimzugehen wissen«, erwiderte Sam.

»Das ist recht«, sagte Herr John Smauker, den Fuchskopf einsteckend und seinen eigenen emporhebend; »ich werde Ihnen beistehen.«

Inzwischen hatten sie einen kleinen Gemüseladen erreicht; in den Herr John Smauker eintrat, gefolgt von Sam, der, während er hinter ihm herging, ganz offen und unwillkürlich zu lachen begann und durch andere Zeichen verriet, daß er sich in einem sehr beneidenswerten Zustande inneren Vergnügens befand.

Sie gingen durch den Laden, legten ihre Hüte in dem kleinen Gang dahinter ab und kamen in ein kleines Zimmer, allwo der volle Glanz der Szene Herrn Weller alsbald in die Augen sprang.

Mitten in der Stube waren ein paar Tische zusammengerückt, bedeckt mit drei oder vier Tüchern von verschiedenem Alter und verschiedenem Datum der Wäsche, die jedoch so arrangiert waren, daß sie so sehr wie möglich über ihr verschiedenes Aussehen hinwegtäuschten. Auf den Tischen lagen Messer und Gabeln für sechs oder acht Personen. Einige von den Messergriffen waren grün, andere rot und noch andere gelb; die Gabeln dagegen waren sämtlich schwarz, und diese Farbenkombination bildete einen sehr scharfen Kontrast. Die Teller für eine entsprechende Anzahl Gäste wurden hinter dem Kaminrost gewärmt, und die Gäste selbst wärmten sich vor demselben. Der Angesehenste und Bedeutendste unter ihnen schien ein stattlicher Herr in karmoisinrotem Rock mit langen Schößen, hellroten Hosen und mit einem aufgestülpten Hut zu sein, der mit dem Rücken gegen das Feuer stand, und offenbar soeben erst gekommen sein mußte; denn er hatte nicht nur seinen aufgestülpten Hut noch auf dem Kopf, sondern auch in seiner Hand einen langen Stab, wie ihn die Gentlemen seiner Profession schief über die Kutschendächer hinauszuhalten pflegen.

»Smauker, alter Kerl«, sagte der Gentleman mit dem aufgestülpten Hut.

Herr Smauker fügte das oberste Gelenk des kleinen Finger seiner rechten Hand in das entsprechende des Gentleman mit dem aufgestülpten Hut und sagte, »er sei entzückt, ihn so wohl zu sehen.«

»Ja, die Leute sagen, ich sehe recht blühend aus«, begann der Mann mit dem aufgestülpten Hut, »und das ist wirklich ein Wunder. In den letzten vierzehn Tagen bin ich tagtäglich zwei Stunden hinter unserer alten Dame hergelaufen; und wenn man ständig sehen muß, wie sie ihr verteufeltes, altes, lavendelfarbiges Kleid hinten zu hat; wenn das einen braven Kerl auf die Dauer nicht in die bitterste Verzweiflung bringt, so verzichte ich auf meinen nächsten Arbeitslohn.«

Die versammelten Notabilitäten lachten herzlich, und ein Gentleman in einer gelben, mit einer Kutscherborte besetzten Weste flüsterte einem Nachbar in grünsamtenen Kniehosen zu, »Tuckle sei heute abend sehr aufgeräumt.«

»Unter uns gesagt«, bemerkte Herr Tuckle, »mein lieber Smauker, Sie – –«, der Rest des Satzes wurde Herrn John Smauker ins Ohr hineingeflüstert.

»Ach, wahrhaftig, das habe ich ganz vergessen«, sagte Herr John Smauker. »Meine Herren – mein Freund, Herr Weller.«

»Es tut mir leid, Weller, daß ich Ihnen vor dem Feuer stehe«, sagte Herr Tuckle herablassend. »Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu kalt sein, Weller?«

»Nicht im geringsten, Feuerbrand«, erwiderte Sam. »Das müßte doch ein recht frostiger Bursche sein, den es frieren könnte, wenn Sie ihm gegenüberstehen. Mit Ihnen könnte man Kohlen ersparen, wenn man Sie in einem Wirtshaus hinter das Kaminfeuer stellte.«

Da diese Bemerkung offenbar eine persönliche Anspielung auf Herrn Tuckles karmoisinrote Livree enthielt, so blickte dieser Gentleman einige Sekunden lang majestätisch drein, schob sich jedoch allmählich vom Feuer weg, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte, »der Witz gefalle ihm nicht übel«.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir«, entgegnete Sam. »Wir werden schon warm miteinander werden.«

Hier wurde die Unterhaltung durch die Ankunft eines Gentleman in orangefarbigen Plüschhosen unterbrochen, der ein anderes Kabinettstück in purpurfarbigem Rocke und mit ungeheuren langen Strümpfen mit sich brachte. Nachdem die neuen Gäste von den alten bewillkommt waren, schlug Herr Tuckle vor, mit dem Essen zu beginnen, was einstimmig angenommen wurde.

Der Gemüsehändler und seine Frau trugen jetzt die gekochte Hammelkeule, noch siedendheiß, mit einer Kapernsoße nebst Rüben und Kartoffeln auf den Tisch. Herr Tuckle nahm den Präsidentenstuhl ein und ans andere Ende des Tisches setzte sich als Vizepräses der Gentleman in den orangefarbigen Plüschhosen. Der Gemüsehändler zog waschlederne Handschuhe an, um die Teller umherzureichen, und stellte sich hinter den Stuhl des Herrn Tuckle.

»Harris!« sagte Herr Tuckle in befehlendem Tone.

»Sir«, antwortete der Gemüsehändler.

»Haben Sie die Handschuhe angezogen?«

»Ja, Sir.«

»So nehmen Sie den Deckel hinweg.«

»Sehr wohl, Sir.«

Der Gemüsehändler tat mit großer Unterwürfigkeit wie ihm befohlen wurde und reichte Herrn Tuckle dienstbeflissen das Vorlegemesser, wobei er jedoch zufällig gähnte.

»Was soll das bedeuten, Sir?« ließ ihn Herr Tuckle sehr rauh an.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte der erschrockene Gemüsehändler, »ich habe es nicht absichtlich getan, Sir: ich war in der letzten Nacht so lange auf, Sir.«

»Ich will Ihnen sagen, was ich von Ihnen denke, Harris«, sagte Herr Tuckle mit höchst nachdrucksvoller Geberde: »Sie sind ein ganz dummer Kerl.«

»Meine Herren«, antwortete Harris, »ich hoffe, Sie werden nicht so streng mit mir verfahren, meine Herren. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, meine Herren, für Ihre Gönnerschaft und auch für Ihre Empfehlungen, meine Herren, wenn irgendwo zur Aushilfe ein Aufwärter nötig ist. Ich hoffe, meine Herren, daß ich Sie zur Zufriedenheit bediene.«

»Nein, das tun Sie nicht, Sir«, antwortete Herr Tuckle; »weit gefehlt, Sir.«

»Wir halten Sie für einen unachtsamen Bengel«, sagte der Gentleman in den organgefarbigen Plüschhosen.

»Und für einen niederträchtigen Dieb«, fügte der Gentleman in den grünsamtenen Kniehosen hinzu.

»Und für einen unverbesserlichen Taugenichts«, rief der Gentleman in dem Purpurgewand.

Der arme Gemüsehändler verbeugte sich demutsvoll, während er im echten Geist kleinlicher Tyrannen mit diesen hübschen Ehrentitelchen belegt wurde. Als nun jeder, um seine Oberherrlichkeit über ihn zu beweisen, etwas gesagt hatte, begann Herr Tuckle die Hammelkeule zu tranchieren und der Gesellschaft vorzulegen.

Kaum war dieses wichtigste Geschäft des Abends angefangen, als die Tür hastig aufgerissen wurde und ein anderer Gentleman in hellblauem Rock mit bleiernen Knöpfen hereintrat.

»Gegen die Ordnung«, sagte Herr Tuckle. »Zu spät, zu spät.«

»Nein, nein; ich konnte wahrhaftig nicht anders«, erwiderte der Blaue. »Ich appelliere an die Gesellschaft – ein galantes Abenteuer – ein Stelldichein im Theater.«

»Wirklich?« fragte der Gentleman in den orangenen Plüschhosen.

»Ja, auf meine Ehre«, sagte der Blaue. »Ich hatte versprochen, unsere jüngste Tochter um halb zehn Uhr abzuholen, und sie ist ein so schönes Frauenzimmer, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, sie warten zu lassen. Ich wollte die Gesellschaft dadurch nicht beleidigen, Sir, aber eine Schürze, Sir – eine Schürze, Sir, da kann man nicht widerstehen.«

»Sie Schwerenöter, Sie«, sagte Tuckle, als der neue Ankömmling sich neben Sam setzte. »Es ist mir schon ein paarmal aufgefallen, daß sie sich sehr fest an Ihre Schultern lehnt, wenn sie in den Wagen hinein- oder heraussteigt.«

»Ja freilich, freilich, Tuckle: aber von so etwa« darf man nicht reden«, sagte der Blaurock; »es schickt sich nicht. Ich habe vielleicht zu einem oder zwei Freunden gesagt, daß sie ein göttliches Geschöpf ist, und ohne einleuchtende Gründe schon einen oder zwei Anträge zurückgewiesen hat; aber – – nein, nein, nein, wahrhaftig, Tuckle – und besonders vor Fremden – das ist nicht recht – Sie sollten es nicht tun. Zartgefühl, mein teurer Freund, Zartgefühl!«

Und der Blaurock ordnete sein Halstuch, zupfte seine Handkrausen zurecht, blinzelte und schnitt dabei Grimassen, als ob er noch viel sagen könnte, wenn er wollte, und wenn ihm nicht die Ehre zu schweigen geböte.

Da der Blaue ein blondlockiger, steifnackiger, munterer, unbefangener Bursche von keckem, prahlhansigem Aussehen war, so hatte er gleich im Anfang Herrn Wellers besondere Aufmerksamkeit erregt. Als er sich aber vollends auf diese Art auszulassen begann, fühlte Sam noch größere Lust, seine Bekanntschaft zu machen und knüpfte daher mit seiner charakteristischen Ungezwungenheit ohne weiteres eine Unterhaltung mit ihm an.

»Ihre Gesundheit, Sir«, sagte er zu ihm. »Sie gefallen mir. Wir müssen Freundschaft schließen.«

Der Blaurock lächelte, als wäre er an Komplimente dieser Art längst gewöhnt, blickte jedoch Sam freundlich an und sagte, »er hoffe, näher mit ihm bekannt zu werden, denn er scheine ihm ohne alle Schmeichelei ein ganz angenehmer Bursche zu sein – ganz der Mann nach seinem Herzen.«

»Sie sind gar zu gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Was für ein Glückskind Sie sind!«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Gentleman im blauen Rock.

»Ich meine die junge Dame«, erwiderte Sam. »Die wird schon wissen, was sie zu tun hat. Ich verstehe wohl.«

Herr Weller schloß ein Auge und schüttelte seinen Kopf auf eine Art, die für die persönliche Eitelkeit des Gentleman im blauen Gewand höchlich befriedigend war.

»Ich fürchte, Sie sind ein verfluchter Kerl, Herr Weller«, sagte er.

»Nein, nein«, erwiderte Sam. »Ich überlasse das Ihnen. Sie haben weit mehr davon als ich, wie der Gentleman auf der sicheren Seite der Gartenmauer zu dem Manne draußen sagte, während der wütende Stier die Gasse hinausjagte.«

»Na schön, Herr Weller«, sagte der Blaurock, »ich dächte wenigstens, sie hat meine Art und mein Wesen wohl bemerkt, Herr Weller.«

»Das soll mich nicht im geringsten wundern«, erwiderte Sam.

»Haben Sie auch so eine kleine Geschichte dieser Art, Sir?« antwortete der begünstigte Gentleman im blauen Rock, indem er einen Zahnstocher au« seiner Westentasche zog.

»So eigentlich nicht«, antwortete Sam. »In meinem Hause gibt es keine Töchter, sonst würde ich mich natürlich auch an eine herangemacht haben. So aber würde ich es unter einer Marquise nicht tun. Doch ließe ich mir zur Not noch eine junge Dame mit großem Vermögen gefallen, wenn sie auch keinen Titel hätte, aber recht rasend in mich verliebt wäre, sonst durchaus nicht.«

»Das will ich doch meinen, Herr Weller«, sagte der Blaue. »Man darf sich nicht wegwerfen, und wir, wir als Männer von Welt und Erfahrung, wissen, Herr Weller, daß eine hübsche Uniform bei den Damen früher oder später immer ihre Wirkung tut. Unter uns gesagt, das ist auch das einzige, warum es sich der Mühe lohnt, in einen Dienst zu gehen.«

»Ganz recht«, sagte Sam, »so denke ich auch.«

Als dieses vertrauliche Zwiegespräch soweit gediehen war, wurden Gläser gebracht und jeder der Gentlemen bestellte, was er wollte, bevor das Wirtshaus geschlossen wurde. Der Blaue und der Orangefarbene, die die Häupter dieser auserlesenen Gesellschaft waren, bestellten »kalten Shrub«9 und Wasser; das Lieblingsgetränk der andern aber schien Wacholderbranntwein und Zucker zu sein. Sam nannte den Gemüsehändler einen fürchterlichen Dummkopf und bestellte eine große Bowle Punsch, zwei Heldentaten, die ihn in den Augen dieser Notabilitäten sehr zu heben schienen.

»Meine Herren«, rief der Blaurock mit dem Anstand und den Gebärden des vollendetsten Dandy, »die Damen sollen leben!«

»Hört, hört«, sagte Sam. »Die jungen Bälger.«

Jetzt wurde laut zur Ordnung gerufen, und Herr John Smauker, als der Gentleman, der Herrn Weller in die Gesellschaft eingeführt hatte, nahm sich die Freiheit, ihm zu bemerken, der Ausdruck, dessen er sich bedient, sei unparlamentarisch.

»Welchen andern hätte ich denn wählen sollen, Sir?« fragte Sam.

»Bälger, Sir?« erwiderte Herr John Smauker mit beunruhigendem Stirnrunzeln. »Wir erkennen solche Definitionen nicht an.«

»Ah, sehr gut«, sagte Sam, »so will ich die Bemerkung verbessern und sie mit Erlaubnis des Herrn Feuerbrand süße Engelein nennen.«

Im Gemüt des Gentleman mit den grünen Samthosen schien einiger Zweifel vorzuwalten, ob man den Präsidenten füglich Feuerbrand nennen könne; da die Gesellschaft sich aber nicht daran stieß, so wurde die Frage nicht aufgeworfen. Der Mann mit dem aufgestülpten Hut atmete kurz und blickte Sam lange an, hielt es aber offenbar für geratener, nichts zu sagen, um nicht noch schlimmer wegzukommen.

Nach einer kurzen Pause rührte ein Gentleman mit einem bordierten Rock, der ihm bis an die Fersen ging, und ebensolcher Weste, die eine Hälfte seiner Beine warm hielt, mit großer Energie seinen Wacholderbranntwein und Wasser, erhob sich dann auf einmal mit gewaltiger Anstrengung und sagte, er wünsche der Gesellschaft einiges mitzuteilen, worauf der Herr mit dem aufgestülpten Hut durchaus nicht zweifelte, daß die Gesellschaft sich sehr glücklich schätzen werde, einiges zu hören, was der Herr mit dem langen Rock ihr vorzutragen wünsche.

»Meine Herren«, begann dieser; »nur mit großer Schüchternheit wage ich es, vor Sie zu treten, da ich das Unglück habe, ein Kutscher zu sein und nur als Ausnahmegast zu diesen angenehmen Schmausereien zugelassen bin. Aber, meine Herren, ich fühle mich verbunden – in die Ecke getrieben – wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf – eine betrübende Tatsache bekanntzumachen, die mir zu Ohren gekommen ist, und von der ich wohl sagen darf, daß sie mir den ganzen Tag vor den Augen geschwebt hat. Meine Herren, unser Freund, Herr Whiffers (aller Augen richteten sich auf den Orangefarbigen), unser Freund, Herr Whiffers, hat gekündigt.«

Allgemeines Erstaunen lag über den Zuhörern. Jeder sah seinen Nachbar an und ließ dann die Blicke wieder auf den stehenden Kutscher gleiten.

»Ja, meine Herren«, fuhr dieser fort, »Sie haben Ursache, verwundert zu sein. Ich will es nicht wagen, mich über die Gründe dieses unersetzlichen Verlustes für den Dienst auszulassen, aber ich möchte Herrn Whiffers bitten, dieselben zur Belehrung und Nachahmung seiner bewundernden Freunde selbst anzugeben.«

Da der Antrag mit lautem Beifall angenommen wurde, so erklärte sich Herr Whiffers bereit. Er sagte, er hätte allerdings wünschen können, den Posten, den er nunmehr aufgegeben, länger zu behalten. Die Uniform sei glänzend und kostbar gewesen, die Frauenzimmer in der Familie äußerst angenehm und die Pflichten seiner Stellung, wie er nicht anders sagen könne, keineswegs zu beschwerlich, denn sein Hauptdienst habe darin bestanden, in Gesellschaft eines andern Gentleman, der ebenfalls gekündigt habe, soviel wie möglich aus dem Fenster neben dem Hausflur hinauszusehen. Er hätte der Gesellschaft gern die widrigen und empörenden Details, auf die er eingehen müsse, erspart, da man aber eine Erklärung von ihm gefordert, so habe er keine andere Wahl, als deutlich und geradeheraus zu gestehen, daß man ihm zugemutet habe, kalte Küche zu essen.

Es ist unmöglich, die Entrüstung zu begreifen, die diese Mitteilung in den Busen der Zuhörer erweckte. Ein lautes Geschrei: »Pfui! pfui!« mit Murren und Gezische vermischt, dauerte wenigstens eine Viertelstunde.

Herr Whiffers fügte jetzt hinzu, er fürchte, einen Teil dieser Schmach durch sein nachgiebiges und geduldiges Wesen selbst verschuldet zu haben. Er erinnere sich deutlich, daß er sich einmal herabgelassen habe, gesalzene Butter zu essen, und ein andermal, als jemand im Hause plötzlich erkrankt sei, habe er sich sogar soweit vergessen, einen Kohleneimer in den zweiten Stock hinauf zu tragen. Er hege die Zuversicht, daß er durch dieses offene Geständnis seiner Fehler in der guten Meinung seiner Freunde nicht gesunken sei, oder wenn dies geschehen sein sollte, so hoffe er, daß die Schnelligkeit, womit er die soeben erzählte letzte schamlose Verletzung seiner Gefühle gerächt habe, ihn in ihre Achtung wieder einsetzen werde.

Herrn Whiffers Rede belohnte schallender Bewunderungszuruf, und voll Enthusiasmus wurde die Gesundheit des hochsinnigen Märtyrers getrunken. Der Märtyrer dankte und brachte einen Toast auf ihren Gast, Herrn Weller, aus – einen Gentleman, den er zwar nicht das Vergnügen habe, genauer zu kennen, der aber der Freund des Herrn John Smauker sei, was in jeder Gesellschaft von Gentlemen als ein hinreichender Empfehlungsbrief betrachtet werden müsse. Deshalb würde er sich gedrungen gefühlt haben, Herrn Wellers Gesundheit mit allen Ehren auszubringen, wenn seine Freunde Wein tränken; da sie aber der Abwechslung halber Branntwein vorgezogen, und es nicht ratsam sein möchte, bei jedem Toaste einen Humpen zu leeren, so schlage er vor, die Ehren stillschweigend vorauszusetzen.

Beim Schluß dieser Rede schlürften alle zu Ehren Sams ein wenig aus ihren Bechern, und nachdem Sam sich selbst zu Ehren zwei volle Gläser Punsch herausgeschöpft und hinabgestürzt hatte, dankte er in einer wohlgesetzten Rede.

»Kameraden«, begann er, indem er so unbefangen wie möglich sein Glas füllte; »ich bin sehr verbunden für dieses Kompliment, das mich beinahe zu Boden drückt, da es von solchen Ehrenmännern kommt. Ich habe schon viel von Ihnen als Korporation gehört, aber das muß ich sagen, ich hätte nie geglaubt, daß Sie so außerordentlich angenehme Leute wären, wie ich jetzt in Ihnen gefunden habe. Ich hoffe nur, daß Sie acht auf sich selbst nehmen und Ihrer Würde nichts vergeben, denn es ist sehr hübsch anzusehen, wenn einer auf der Straße geht, und dieser Anblick hat mir von jeher sehr viel Vergnügen gemacht, schon als ich noch ein Knabe war und kaum halb so hoch als der mit einem Messingknopf versehene Stock meines ehrenwerten Freundes Feuerbrand da. Was das Opfer der Unterdrückung in dem Schwefelkleide betrifft, so kann ich weiter nichts sagen, als daß ich hoffe, er werde einen so guten Platz bekommen, wie er es verdient, in welchem Fall man ihm sehr wenig mit kalter Küche beschwerlich fallen wird.«

Hier setzte sich Sam mit einem anmutsvollen Lächeln; seine Rede wurde stürmisch beklatscht, und ein Teil der Gesellschaft machte Anstalt, aufzubrechen.

»Wie, Sie werden doch nicht im Ernst schon gehen wollen, alter Kollege«, sagte Sam Weller zu seinem Freunde, Herrn John Smauker.

»Ach Gott, ich muß«, erwiderte Herr Smauker: »ich habe es Bantam versprochen.«

»Dann ist’s was anderes«, erwiderte Sam. »Vielleicht würde er kündigen, wenn Sie lange auf sich warten ließen. Aber Sie gehen doch noch nicht, Feuerbrand?«

»O freilich«, erwiderte der Mann mit dem aufgestülpten Hut.

»Wie, und Dreiviertel einer Punschbowle zurücklassen?« eiferte Sam. »Das wäre ja Unsinn! Setzen Sie sich wieder.«

Herr Tuckle vermochte dieser Einladung nicht zu widerstehen. Er stellte den aufgestülpten Hut sowie den Stock, den er soeben ergriffen hatte, wieder auf die Seite und sagte, um der guten Kameradschaft willen wolle er noch ein Gläschen trinken.

Da der hellblaue Gentleman denselben Heimweg hatte wie Herr Tuckle, so ließ auch er sich überreden, noch zu bleiben. Als der Punsch etwa halb getrunken war, bestellte Sam noch Austern aus des Gemüsehändlers Laden, und die Wirkung von beiden war so außerordentlich erheiternd, daß Herr Tuckle mit seinem aufgestülpten Hut und Stock auf dem Tische zwischen den Austernschalen den Froschhornpipe tanzte, während ihm der hellblaue Gentleman auf einem sinnreichen Instrument, bestehend aus einem Haarkamm und einem Papierstreif, dazu aufspielte. Endlich, als der Punsch getrunken und die Nacht so ziemlich vorüber war, machten sie sich auf, in der Absicht, ein Haus weiterzugehen. Kaum war Herr Tuckle an der frischen Luft, als ihn auf einmal der Wunsch ankam, sich auf das Straßenpflaster niederzulegen, und Sam, der es für eine Sünde gehalten hätte, ihm zu widersprechen, ließ ihn gewähren. Da jedoch der aufgestülpte Hut leicht hätte verdorben werden können, wenn man ihn hier ließ, so drückte er denselben klugerweise dem hellblauen Herrn auf den Kopf, gab ihm den dicken Stab in die Hand, lehnte ihn sofort an seine Haustür, läutete und ging ruhig nach Hause.

An diesem Morgen war Herr Pickwick früher als gewöhnlich aufgestanden; er ging vollständig angekleidet die Treppen hinab und läutete.

»Sam«, sagte er, als Herr Weller auf das Geklingel erschien, »schließ die Tür zu.«

Herr Weller tat es.

»Wir haben«, fuhr Herr Pickwick fort, »heute Nacht einen unglückseligen Vorfall gehabt, infolgedessen Herr Winkle Gewalttätigkeiten von Herrn Dowler befürchten muß.«

»Ich habe es schon von der Alten unten gehört«, erwiderte Sam.

»Und«, erzählte Herr Pickwick mit höchst verdrießlicher Miene weiter, »ich muß leider hinzufügen, daß Herr Winkle sich aus Furcht vor diesen Gewalttätigkeiten davongemacht hat.«

»Davongemacht?« sagte Sam.

»Er hat diesen Morgen sehr früh, ohne die geringste Beratung mit mir, das Haus verlassen«, erklärte Herr Pickwick. »Und er ist davongegangen, ohne daß ich weiß, wohin.«

»Er hätte dableiben und die Sache ausfechten sollen, Sir«, versetzte Sam verächtlich. »Ich wollte mit diesem Dowler schon fertig werden, Sir.«

»Gut, Sam«, sagte Herr Pickwick; »auch ich habe meine Zweifel an seiner großen Tapferkeit und Entschlossenheit. Aber dem sei wie ihm wolle, Herr Winkle ist nun einmal nicht mehr da. Er muß aufgesucht und zu mir zurückgebracht werden, Sam.«

»Wenn er aber nicht mehr kommen will, Sir?« fragte Sam.

»So muß man ihn dazu zwingen, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Und wer soll das tun, Sir?« fragte Sam mit einem Lächeln.

»Du«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sehr wohl, Sir.«

Mit diesen Worten verließ Herr Weller das Zimmer, und man hörte ihn bald nachher die Haustür schließen. Zwei Stunden nachher kehrte er so ruhig zurück, als hätte man ihn mit dem allergewöhnlichsten Auftrag abgesandt, und brachte die Nachricht, ein Individuum, dessen Beschreibung in jeder Beziehung auf Herrn Winkle passe, sei heute morgen mit der Postkutsche von Royal- Hotel weg nach Bristol gefahren.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, seine Hand ergreifend: »du bist ein Kapitalkerl, den man in Gold fassen sollte. Du mußt ihm nachreisen, Sam.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sobald du ihn entdeckst, schreibst du es mir auf der Stelle, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort: »und wenn er einen Versuch macht, zu entfliehen, so schlägst du ihn zu Boden oder sperrst ihn ein. Du hast meine unumschränkte Vollmacht, Sam.«

»Ich werde alles getreu befolgen«, erwiderte Sam.

»Sage ihm«, setzte Herr Pickwick hinzu, »ich sei im höchsten aufgebracht, erzürnt und empört über das äußerst auffallende benehmen, das er sich habe zuschulden kommen lassen.«

»Das will ich, Sir«, erwiderte Sam.

»Sage ihm ferner«, fuhr Herr Pickwick fort, »wenn er nicht mit dir in dieses Haus zurückkehren wolle, so werde er mit mir zurückkehren müssen, denn ich würde selbst kommen und ihn holen.«

»Ich werde es ausrichten, Sir«, versprach Sam.

»Meinst du wirklich, daß du ihn finden werdest, Sam?« fragte Herr Pickwick, ihm scharf in’s Gesicht sehend.

»O ich will ihn schon finden, er mag sein, wo er will«, erwiderte Sam mit großer Zuversicht.

»Sehr gut«, sagte Herr Pickwick; »so reise je eher, je lieber, ab.«

Mit diesen Instruktionen drückte Herr Pickwick seinem getreuen Diener eine Summe Geldes in die Hand und befahl ihm, sogleich nach Bristol abzureisen, um den Flüchtling einzuholen.

Sam packte einige notwendige Sachen in einen Koffer und war bereit, aufzubrechen. Am Ende des Ganges blieb er stehen, kehrte noch einmal um und steckte den Kopf durch die Tür.

»Sir«, flüsterte Sam.

»Was ist’«, Sam?« erwiderte Herr Pickwick.

»Ich habe doch meine Instruktionen recht verstanden, Sir?« fragte Sam.

»Ich hoffe wenigstens«, sagte Herr Pickwick.

»Habe ich das mit dem Niederschlagen buchstäblich zu verstehen?« fragte Sam weiter.

»Allerdings«, erwiderte Herr Pickwick: »ganz buchstäblich. Tu, was du für nötig hältst. Du hast meine Vollmacht.«

Sam nickte einverstanden, zog seinen Kopf aus der Tür und begab sich leichten Herzens auf seine Wanderschaft.

  1. Zucker, Branntwein und Zitronensaft.

Vierunddreißigstes Kapitel.


Vierunddreißigstes Kapitel.

Herr Weller, der Ältere, teilt einige kritische Bemerkungen über ein literarisches Produkt mit, und übt mit Hilfe seines Sohnes Samuel eine kleine Wiedervergeltung an dem hochwürdigen Herrn mit der roten Nase

Am Morgen des 13. Februar, welcher Tag, wie die Leser dieser wahrhaftigen Erzählung so gut wie wir selbst wissen, dem unmittelbar voranging, an dem der Prozeß der Frau Bardell verhandelt werden sollte, hatte Herr Samuel Weller alle Hände voll zu tun. Er mußte nämlich unaufhörlich von morgens neun Uhr bis mittags zwei Uhr von dem Georg und Geier nach der Wohnung des Herrn Perker und wieder zurück gehen. Nicht als ob er etwas von besonderer Wichtigkeit zu erledigen gehabt hätte: denn die Beratung hatte bereits stattgefunden und alle zu nehmenden Maßregeln waren verabredet. Aber Herr Pickwick befand sich in äußerster Unruhe und schrieb seinem Anwalt unaufhörlich kleine Billetts, in denen bloß die Frage stand: »Lieber Perker, steht alles gut?« worauf Herr Perker einmal wie das andere unverändert erwiderte: »Lieber Pickwick, so gut wie möglich.« Übrigens konnte man, wie wir bereits angedeutet, noch nichts, weder Gutes noch Schlimmes sagen, bis die Sitzung des Gerichtshofs am folgenden Morgen vorüber war.

Aber freilich dürfen Leute, die nicht gern Prozesse führen oder dazu gezwungen werden, das erste Mal wohl etwas aufgeregt und ängstlich sein. Sam erfüllte mit allen gebührenden Rücksichten für die Schwachheiten der menschlichen Natur sämtliche Aufträge seines Herrn mit der unzerstörbaren guten Laune und der unbesiegbaren Seelenruhe, die zu seinen hervorstechendsten und liebenswürdigsten Eigenschaften gehörten.

Dann hatte er sich mit einem sehr angenehmen kleinen Mittagsmahl erquickt. Nun wartete er in der Schenkstube auf das warme Getränk, wodurch er sich Herrn Pickwicks Aufforderung gemäß nach den Mühseligkeiten seiner Morgenwanderung stärken wollte, als ein junger Bursche von etwa drei Fuß Höhe, dessen härene Mütze und barchente Überhosen, sowie seine ganze übrige Kleidung den lobenswerten Ehrgeiz verrieten, sich mit der Zeit zur Würde eines Stallknechts zu erheben, in den Hausflur des Georg und Geier trat, zuerst die Treppen, dann den Gang und endlich die Schenkstube durchmusterte, als suche er jemand, an den er einen Auftrag habe. Das Kellermädchen, die es für nicht unwahrscheinlich hielt, besagter Auftrag könne den Tee- und andern Löffeln gelten, rief dem Knaben zu:

»He da, Junge, was machst du hier?«

»Ist niemand namens Sam da?« fragte der Junge mit lauter Diskantstimme.

»Wie ist der Zuname?« fragte Sam, sich umblickend.

»Tjä, wie kann ich das wissen?« erwiderte der junge Herr unter der härenen Kappe barsch.

»Du bist ein hitziges Kerlchen, du«, sagte Herr Weller. »Aber ich würde an deiner Stelle die scharfe Kante nicht so sehr herauskehren, sie könnte dir einmal stumpf geschlagen werden. Wie kommst du dazu, in ein Hotel zu gehen und mit der Höflichkeit eines wilden Indianers nach einem Sam zu fragen?«

»Ein alter Herr hat es mich geheißen«, antwortete der Bursche.

»Was für ein alter Herr?« fragte Sam mit tiefer Verachtung.

»Der Herr, der die Postkutsche nach Ipswich führt und bei uns absteigt«, erwiderte der Knabe. »Er sagte gestern morgen zu mir, ich solle heute mittag in den Georg und Geier gehen und nach Sam fragen.«

»Das ist mein Vater, Schätzchen«, sagte Herr Weller mit einem erläuternden Blick auf die junge Dame in der Schenkstube: »ich glaube wahrhaftig, er weiß meinen Zunamen nicht mehr. Nun gut, was will er denn von mir, du Frechdachs?«

»Sie sollen«, erwiderte der Knabe, »heute abend um sechs Uhr nach unserm Hause kommen, wo er Sie zu sehen wünscht, – in den Blauen Bären auf dem Leadenhall-Markt. Soll ich sagen, daß Sie kommen werden?«

»Ja, Sie können das melden, Sir«, erwiderte Sam.

Und mit dieser Vollmacht entfernte sich der junge Gentleman, indem er sämtliche Echos in George Yard durch verschiedene keusche und äußerst korrekte Nachahmungen von Kutscherliedern aufweckte, die er mit einer wirklich sehr vollen und umfangreichen Stimme pfiff.

Nachdem Herr Weller Urlaub von Herrn Pickwick erhalten hatte, der in seinem Zustand der Aufregung und Angst gern allein blieb, machte er sich lange vor der bestimmten Stunde auf den Weg. Da er noch über hinreichende Zeit verfügte, schlenderte er nach Mansion House, machte dort halt und musterte mit der Ruhe eines Philosophen die zahllosen Kutschen, die dort standen. Sie treffen dort zusammen zum großen Schrecken und zur Beunruhigung der alten Damenwelt, die in diesem Viertel wohnt. Nachdem er dort etwa ein halbes Stündchen verweilt, kehrte Herr Weller um und begann durch eine Menge Nebenstraßen den Weg nach dem Leadenhall- Markt einzuschlagen. Da er nun seine überflüssige Zeit darauf verwandte, bei allen Gegenständen, die sich seinen Blicken darboten, stehenzubleiben und sie zu betrachten, so darf man sich nicht wundern, daß Herr Weller auch vor dem Fenster eines kleinen Buch- und Bilderhändlers halt machte. Das muß jedoch ohne weitere Erklärung auffallend erscheinen; denn Herr Weller fuhr beim Anblicke dieser zum Verkauf ausgestellten Bilder plötzlich zusammen, stieß mit dem rechten Fuß heftig auf den Boden und rief lebhaft aus:

»Hätte ich das nicht gesehen, so hätte ich wahrhaftig die ganze Geschichte vergessen, bis es zu spät gewesen wäre.«

Das Bild, an dem Sam Wellers Augen hingen, war ein mit starken Farben aufgetragenes Gemälde zweier durch einen Pfeil verbundener Menschenherzen, die auf einem lustigen Feuer gebraten wurden, indem ein Kannibale und eine Kannibalin, beide in modernem Schmuck, der Herr in einem blauen Frack und weißen Beinkleidern, die Dame in dunkelrotem Schal mit gleichfarbigem Sonnenschirm in der Hand, sich auf einem mit Kies bestreuten Schlangenpfade gierigen Blickes dem Mahle näherten. Ein entschieden unanständig gekleideter junger Herr mit ein paar Flügeln und sonst weiter nichts besorgte das Kochen. In einiger Entfernung erblickte man den Kirchturm von Langham Place. Das Ganze stellte einen Liebesbrief vor, wovon, laut der geschriebenen Ankündigung im Fenster, hier ein großes Lager vorrätig war. Der Buchhändler pries seinen Kunden das Stück zum herabgesetzten Preis von einem Schilling und sechs Pencen an.

»Ich hätte es vergessen; ich hätte es wahrhaftig vergessen«, sagte Sam, ging dann sogleich in den Laden und verlangte einen Bogen seines Briefpapier mit goldenem Rand, nebst einer hart geschnittenen Feder, die aber nicht spritzen dürfe. Nachdem er diese Artikel schnell erhalten, ging er, ganz anders als er gekommen war, mit eiligen Schlitten, nach dem Leadenhall-Markt. Hier sah er sich um und erblickte ein Schild, auf dem die Kunst des Malers etwas dargestellt hatte, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem himmelblauen Elefanten hatte. Der Elefant hatte nur statt des Rüssels eine Adlernase. Da Sam mit Recht schloß, dies sei leibhaftig der Blaue Bär, so trat er in das Haus und fragte nach seinem Vater.

»Er wird erst in drei Viertelstunden oder noch später kommen«, sagte die junge Dame, die den häuslichen Geschäften des Blauen Bären vorstand.

»Schön, mein Schatz«, antwortete Sam. »Haben Sie die Güte, mir für neun Pence Branntwein und Wasser und zugleich Schreibzeug zu geben.«

Das Verlangte wurde alsbald in das kleine Gastzimmer gebracht, und nachdem die junge Dame die Kohlen sorgfältig zusammengedrückt hatte, damit sie nicht zu hell lodern möchten, nahm sie das Schüreisen mit, um die Möglichkeit abzuschneiden, ohne vorher eingeholte Mitwissenschaft und Erlaubnis des »Blauen Bären« das Feuer noch mehr zu schüren. Sam Weller setzte sich an einen Tisch nahe am Kamin, zog sein goldgerändertes Briefpapier nebst der hartgeschnittenen Feder aus der Tasche. Sodann betrachtete er die Feder sorgfältig, ob sie nicht vielleicht ein Haar in der Spalte habe, blies den Tisch ab, um keine Brodkrumen unter das Papier zu bekommen, schlug seine Rockärmel zurück, legte seine Ellbogen auf und schickte sich an zu schreiben.

Für Damen und Herren, die sich in der Wissenschaft der Federführung keine praktischen Kenntnisse erworben haben, ist das Briefschreiben keineswegs eine leichte Aufgabe. Sie halten es in solchen Fällen für unumgänglich notwendig, daß der Schreibende seinen Kopf auf den linken Arm niederbeugt, so daß die Augen möglichst in gleicher Höhe mit dem Papier liegen, und daß, während Seitenblicke auf die eben entstehenden Buchstaben fallen, die Zunge die entsprechenden Laute ausspricht. So zweckmäßig und förderlich diese Bewegungen auch unbestreitbar für originelle Kompositionen sein mögen, so verzögern sie doch die Fortschritte des Verfassers einigermaßen. Sam hatte unbewußt schon volle anderthalb Stunden geschrieben, wobei er häufig mißratene Buchstaben mit seinem kleinen Finger auslöschte und neue an ihre Stelle setzte; dabei war oft große Nachhilfe nötig, um sie durch die alten Flecken hindurch sichtbar zu machen. Auf einmal wurde er durch das Aufgehen der Tür und den Eintritt seines Vaters in seinem Geschäft unterbrochen.

»Willkommen, Sammy!« sagte der Vater.

»Willkommen, Alter!« antwortete der Sohn, seine Feder niederlegend. »Wie lautet das letzte Bulletin von der Stiefmutter?«

»Frau Weller hatte eine recht gute Nacht; heute morgen aber ist sie äußerst launisch und widerwärtig; unterzeichnet: Tony Weller, Esquire. Das ist die letzte Nachricht, die ausgegeben wurde, Sammy«, antwortete Herr Weller, während er sein Halstuch löste.

»Also noch nicht besser?« fragte Sam.

»Im Gegenteil, alle Symptome sind schlimmer geworden«, entgegnete Herr Weller kopfschüttelnd. »Aber was hast du denn hier? – Willst du vielleicht gar ein gelehrter Mann werden? – He, Sammy?«

»Ich bin schon fertig«, sagte Sam etwas verlegen; »ich habe etwas geschrieben.«

»Das sehe ich«, erwiderte Herr Weller. »Aber hoffentlich doch nicht an ein junges Frauenzimmer, Sammy?«

»Warum soll ich es nicht sagen?« versetzte Sam. »Es ist ein Liebesbrief.«

»Was ist’s?« rief Herr Weller, bei diesem Wort sichtbarlich von Schauder erfüllt.

»Ein Liebesbrief«, wiederholte Sam.

»Samuel! Samuel!« sagte Herr Weller in vorwurfsvollem Tone: »das hätte ich von dir nicht erwartet. Nach den Warnungen, die dir deines Vaters fehlerhafte Neigungen hätten sein sollen, nachdem ich dir so viel über diese Sache gesagt, nachdem du sogar deine Stiefmutter gesehen hast und mit ihr zusammen gewesen bist, was doch, dächte ich, eine moralische Lehre war, die niemand bis zu seinem Sterbestündchen vergessen sollte: ei, ei, Sammy – nach alledem hätte ich so etwas nimmermehr von dir erwartet.«

Diese Betrachtungen schienen den guten alten Mann zu überwältigen. Er führte Sams Krug an seine Lippen und trank ihn aus.

»Was ist es denn aber so Arges?« sagte Sam.

»Ja gewiß, Sammy«, erwiderte Herr Weller: »es wird für mich in meinen alten Tagen ein großes Leid sein. Aber ich bin, Gott sei Dank, schon ziemlich zäh geworden, und das ist noch mein Trost, wie der alte Truthahn bemerkte, als der Pächter sagte, er werde ihn wohl für den Londoner Markt schlachten müssen.«

»Was wird euch denn das für große Schmerzen machen?« fragte Sam.

»Wenn ich dich verheiratet sehen muß, Sammy: wenn ich in dir ein betörtes Schlachtopfer erblicken muß, das in seiner Unschuld glücklich zu werden glaubt«, erwiderte Herr Weller. »Ach, Sammy, das ist eine schreckliche Prüfung für ein Vaterherz.«

»Unsinn!« sagte Sam. »Ich will mich ja nicht verheiraten: also braucht Ihr Euch deswegen keine Sorgen zu machen: ich weiß, daß ihr Euch auf solche Sachen versteht. Laßt Eure Pfeife kommen, und ich will Euch den Brief vorlesen.«

Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es die Aussicht auf die Pfeife oder der tröstliche Gedanke war, daß ein unwiderstehlicher Heiratstrieb im Blut der Familie stecke, was Herrn Wellers Unruhe beschwichtigte und seinen Kummer verscheuchte. Wir möchten übrigens fast behaupten, daß dieses Resultat durch die Vereinigung beider Trostgründe erzielt wurde, denn er wiederholte den zweiten sehr häufig leise für sich, während er klingelte, um sich den ersten zu verschaffen. Sodann zog er seinen Überrock aus, zündete die Pfeife an und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, damit er dessen volle Hitze empfing und sich zugleich an das Kamingesims anlehnen konnte. Schließlich wandte er sich an Sam, und bat ihn mit einer durch den besänftigenden Tabak bedeutend aufgeheiterten Miene um Feuer.

Sam tauchte seine Feder ein, um sich zu allen nötigen Verbesserungen bereit zu halten, und begann mit theatralischen Pathos:

»›Liebliches –‹«

»Halt!« sagte Herr Weller klingelnd. »Ein Doppelglas von dem Bewußten, liebes Kind!«

»Ganz recht, Sir«, erwiderte das Mädchen, das mit großer Schnelligkeit erschien und verschwand, wieder erschien und wieder verschwand.

»Sie scheinen Euren Geschmack hier schon zu kennen«, bemerkte Herr Sam.

»Ja«, erwiderte sein Vater, »ich bin früher oft hier gewesen. Aber fahr nur jetzt fort, Sammy.«

»›Liebliches Wesen!‹« wiederholte Sam.

»Das sind am Ende gar Verse?« unterbrach der Vater.

»Nein, nein!« erwiderte Sam.

»Das freut mich«, sagte Herr Weller. »Verse sind etwas ganz Unnatürliches: es spricht niemand in Versen, außer der Büttel an Boxtagen, oder die Leute, die Warrens Schuhwichse oder Makassaröl ausschreien, und anderes solches Lumpengesindel. Laß es dir darum nie einfallen, in Versen zu sprechen.«

Herr Weller führte mit kritischer Feierlichkeit seine Pfeife wieder an den Mund. Sam aber begann aufs neue und las wie folgt:

»›Liebliches Wesen, ich fühle mich ganz beschmiert –‹«

»Das ist kein schicklicher Ausdruck«, sagte Herr Weller, die Pfeife aus dem Mund nehmend.

»Nein, es heißt nicht ›beschmiert‹«, wandte Sam ein, den Brief ans Licht haltend, »es heißt ›beschämt‹, es ist ein Tintenklecks da – ›ich fühle mich beschämt!‹«

»Sehr gut«, sagte Herr Weller: »nur weiter.«

»›Fühle mich beschämt und gänzlich ver –‹ Da weiß ich schon wieder nicht, wie das Wort heißt«, sagte Sam, während er in vergeblichen Bemühungen, seinem Gedächtnis nachzuhelfen, mit der Feder am Kopf kratzte.

»Warum siehst du nicht hinein?« fragte Herr Weller.

»Ich sehe freilich hinein«, antwortete Sam; »aber da ist schon wieder so ein Tintenklecks; ich erkenne blos ein v und ein e«.

»Verloren vielleicht?« meinte Herr Weller.

»Nein, das nicht«, sagte Sam, ›»verzaubert‹ – das ist’s!«

»Das ist aber kein so gutes Wort als verloren, Sammy«, sagte Herr Weller ernsthaft.

»Meint Ihr nicht?« fragte Sam.

»Nein, gewiß nicht«, erwiderte sein Vater.

»Glaubt Ihr aber nicht, daß es eine stärkere Bedeutung hat?« fragte Sam weiter.

»Es mag vielleicht zärtlicher sein«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken. »Jetzt lies weiter, Sammy!«

»›Fühle mich beschämt und gänzlich verzaubert, indem ich an Sie schreibe, denn Sie sind ein gar zu hübsches Kind, wie es kein zweites gibt.‹«

»Das ist ein sehr hübscher Gedanke«, sagte Herr Weller senior, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm, um seiner Bemerkung Platz zu machen.

»Ja, ich denke, es ist nicht übel«, bemerkte Sam, höchlich geschmeichelt.

»Was mir an dieser Art zu schreiben besonders gefällt«, sagte Herr Weller senior, »ist, daß keine solche fremde Namen darin vorkommen, keine Venusse und dergleichen: denn sag‘ einmal Sammy, wozu braucht man denn ein junges Mädchen eine Venus oder einen Engel zu heißen?«

»Ihr habt ganz recht«, erwiderte Sam.

»Ebensogut könntest du sie einen Greif oder ein Einhorn nennen, was doch bekanntlich bloß Fabeltiere sind«, fügte Herr Weller hinzu.

»Ganz richtig«, erwiderte Sam.

»Jetzt fahr fort, Sammy«, sagte Herr Weller.

Sam erfüllte diesen Wunsch und las, während sein Vater rauchend und mit einem höchst erbaulichen, gemischten Ausdruck von Weisheit und Wohlgefälligkeit ihm zuhörte.

»›Bevor ich Sie sah, meinte ich, alle Mädchen seien einander gleich –‹«

»Das sind sie aber auch«, bemerkte Herr Weller senior zwischendurch.

»›Jetzt aber‹«, fuhr Sam fort, »›sehe ich erst ein, was ich für ein hirnverrückter, abgeschmackter Dummerjan gewesen bin, denn es gibt kein Mädchen, das Ihnen gliche, und ich liebe Sie mehr als die andern alle zusammen.‹«

»Ich hielt es für gut, mich etwas stark auszudrücken«, sagte Sam aufschauend.

Herr Weller nickte beifällig. Sam las weiter:

»›So nehme ich mir denn, meine geliebteste Marie, das Privilegium dieses Tages – wie jener verschuldete Edelmann tat, als er Sonntags ausging – um Ihnen zu sagen, daß Ihr Bild sich das

erste und einzige Mal, als ich Sie sah, weit schneller und in glänzenderen Farben meinem Herzen eindrückte, als je ein Bild von der Silhouettiermaschine aufgefaßt wurde. (Sie haben vielleicht auch schon davon gehört, liebste Marie, obgleich diese ein Portrait nebst Rahmen, Glas und Haken zum Aufhängen in zwei und einer Viertelminute fix und fertigt macht.)‹«

»Ich besorge beinahe, Sammy, dies streift wieder ans Poetische,« sagte Herr Weller bedenklich.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Sani, der jetzt sehr schnell las, um weitere Erörterungen über diesen Punkt zu vermeiden.

»›Nehmen Sie mich als Ihren Verehrer an, schönste Marie, und überlegen Sie, was ich gesagt habe. – Meine teuerste Marie, jetzt will ich schließen.‹ – Das ist alles«, setzte Sam hinzu.

»Das heiß ich aber gar zu schnell abgebrochen, Sammy«, meinte Herr Weller.

»Bewahre«, erklärte Sam. »Sie wird wünschen, es käme noch mehr, und eben darin besteht die große Kunst de« Briefschreibens.«

»Nun gut«, antwortete Herr Weller; »das ist nicht ganz ohne, und ich wünschte nur, deine Stiefmutter möchte sich zu eben so vernünftigen Grundsätzen bekennen. Willst du deinen Namen nicht unterzeichnen?«

»Eben da steht die Kuh vorm neuen Tor«, sagte Sam: »ich weiß nicht, wie ich unterzeichnen soll.«

»Schreib: Weller«, erklärte der älteste der noch lebenden Träger dieses Namens.

»O nein«, sagte Sam. »Man darf einen Liebesbrief nie mit dem eigenen Namen unterzeichnen.«

»So schreib: Pickwick«, meinte Herr Weller: »das ist ein sehr hübscher Name und läßt sich auch leicht buchstabieren.«

»Ihr habt recht«, sagte Sam. »Da könnte ich auch mit einem Verse schließen. Was haltet Ihr davon?«

»Das will mir nicht gefallen, Sam«, versetzte Herr Weller. »Ich habe nie einen ehrenwerten Kutscher kennengelernt, der in Versen geschrieben hätte, außer einen. Der setzte in der Nacht, ehe er wegen Straßenraubs gehenkt wurde, herzzerbrechende Verse auf. Aber das war bloß ein Camberweller3, und muß also als eine Ausnahme betrachtet werden.«

Sam ließ sich jedoch von seiner poetischen Idee, die er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht abbringen, und unterzeichnete den Brief:

»Von Lieb‘ berückt Ihr Pickwick.«

Sodann faltete er das Schreiben auf höchst umständliche Art zusammen und schrieb in einem schiefen Winkel die Adresse: ›An Marie, Hausmädchen bei Herrn Mayor Nupkins, Ipswich, Suffolk‹. Dann versiegelte er es und steckte es in seine Tasche, um es selbst auf die Post zu tragen. Als dies wichtige Geschäft beendet war, kam Herr Weller senior auf das zu sprechen, weswegen er seinen Sohn hatte rufen lassen.

»Vor allem, Sammy«, sagte er, »wollen wir von deinem Herrn sprechen. Wird nicht sein Prozeß morgen verhandelt werden?«

»Allerdings«, erwiderte Sam.

»Schön«, sagte Herr Weller; »ich habe gedacht, er werde vielleicht einige Zeugen nötig haben, um seinen guten Ruf oder vielleicht auch ein Alibi nachzuweisen. Die ganze Geschichte ist mir lange im Kopfe herumgegangen, und er kann jetzt ganz ohne Sorgen sein, Sammy. Ich habe einige Freunde zusammengebracht, die beides für ihn tun wollen; nur wäre mein Rat der, man sollte auf dem guten Ruf nicht so fest bestehen und sich mit dem Alibi begnügen. Ich versichere dich, Sammy, es geht nichts über ein Alibi.«

Herr Weller blickte sehr gelehrt um sich, als er dieses sein Rechtsgutachten abgab; dann begrub er seine Nase in dem Humpen und blinzelte über den Rand desselben hinüber seinem erstaunten Sohne zu.

»Tja, was meint Ihr denn?« fragte Sam; »glaubt Ihr vielleicht, sein Prozeß werde in Old Bailen4 verhandelt werden?«

»Das kommt hier gar nicht in Betracht, Sammy«, entgegnete Herr Weller. »Die Sache mag abgehandelt werden, wo sie will, ein Alibi muß seine Freisprechung bewirken. Wir brachten Tom Wildspark, der auf Totschlag angeklagt war, mit einem Alibi los, als alle die gelehrten Perücken meinten, ihn könne nichts mehr retten. Wenn daher dein Herr kein Alibi nachweisen kann, so ist er futsch, wie die Italiener sagen.«

Da der ältere Herr Weller die feste und unabänderliche Überzeugung in sich trug, Old Bailey sei der oberste Gerichtshof des Landes, und nach seinen Rechten und Formen müssen sich alle übrigen richten, so achtete er sehr wenig auf die Versicherungen und Beweisgründe seines Sohnes, der ihm auseinandersetzen wollte, daß ein Alibi hier nichts nütze. Er behauptete mit großer Heftigkeit, in diesem Fall werde Herr Pickwick ein Opfer. Als Sam sich endlich überzeugt hatte, daß weiteres Streiten über diesen Gegenstand doch zu nichts führen würde, brach er ab und fragte nach dem zweiten Punkt, worüber sein verehrter Vater sich mit ihm zu beraten wünsche.

»Es betrifft die häuslichen Angelegenheiten, Sammy«, sagte Herr Weller. »Dieser Stiggins da –«

»Der Rotnasige?« fragte Sam.

»Ja, derselbe«, erwiderte Herr Weller. »Dieser rotnasige Schuft besucht deine Stiefmutter mit einer Freundlichkeit und Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht. Er ist ein solcher Freund unserer Familie, Sammy, daß es ihm außerhalb unseres Hauses nirgends wohl ist, wofern er nicht irgendein Andenken an uns hat.«

»An Eurer Stelle«, sagte Sam, »würde ich ihm einen Denkzettel auf den Rücken schreiben, den er mir die nächsten zehn Jahre nicht vergessen sollte.«

»Soll er auch bekommen«, fuhr Herr Weller fort; »ich wollte eben sagen, daß er jedesmal eine Flasche mitbringt, die anderthalb Maß hält, und sie mit Ananasgrog füllt, ehe er geht.«

»Und wahrscheinlich jedesmal leert, bevor er wiederkommt?« fragte Sam.

»Bis auf den letzten Tropfen«, erwiderte Herr Weller. »Er läßt nichts mehr darin, als den Korken und den Geruch. Diese Spitzbuben wollen heute nacht an der monatlichen Versammlung der Brick-Lane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer- Mäßigkeitsvereins teilnehmen. Deine Stiefmutter wollte auch hingehen, Sammy, allein sie hat sich erkältet und kann nicht; nun habe ich die beiden Einlaßkarten zu mir gesteckt, die ihr geschickt wurden.«

Herr Weller teilte dieses Geheimnis seinem Sohne sehr fidel mit und blinzelte ihm so unermüdlich zu, daß Sam beinahe glaubte, er habe einen Krampf in seinem rechten Augenlid.

»Was ist denn da zu tun?« fragte der junge Gentleman.

»Das will ich dir sagen«, fuhr sein Erzeuger fort, indem er sehr vorsichtig um sich blickte; »wir beide wollen heute abend zur rechten Zeit hingehen. Und der Hirtenhelfer will nicht, Sammy, der Hirtenhelfer will nicht.«

Hier fing Herr Weller wie närrisch an, aus vollem Halse zu lachen, und lachte so lange, wie es ein ältlicher Herr nur wagen kann, wenn er nicht geradezu ersticken will.

»Meiner Lebetage habe ich noch nie so einen komischen alten Kauz gesehen«, rief Sam, dem alten Herrn derb den Rücken reibend, als ob er Feuer herausschlagen wollte. »Bitte lacht Euch nur nicht zu Tode; bei Eurer Korpulenz kann leicht etwas passieren.«

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, mit größerer Vorsicht um sich blickend; »ich muß dir etwas erzählen. Zwei von meinen Freunden, die auf der Oxforder Straße fahren und gerne einen lustigen Spaß machen, haben den Hirtenhelfer ins Schlepptau genommen, und wenn er in den Ebenezer-Verein kommt (woran gar nicht zu zweifeln ist; denn sie werden ihn bis an die Tür führen und nötigenfalls auch hineinschieben), so wird er so voll von Grog sein, wie er es nur jemals im Marquis von Granby gewesen ist, und das heißt gewiß hoch geschworen.«

Bei diesen Worten schlug Herr Weller senior abermals ein außerordentliches Gelächter an und verfiel aufs neue in einen Zustand teilweiser Erstickung.

Nichts hätte mit Sam Wellers Gefühlen und Wünschen mehr übereinstimmen können, als dieser Plan zur Entlarvung des rotnasigen Heuchlers, und da die Zeit zur Versammlung herannahte, so begaben sich Vater und Sohn miteinander auf den Weg nach Bricklane. Sam vergaß indessen nicht, seinen Brief sorglich auf einem Postbureau abzugeben.

Die monatlichen Versammlungen der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins wurden in einem weiten, freundlich und luftig gelegenen Saale gehalten, zu dem man auf einer sichern und bequemen Leiter hinaufklettern konnte. Präsident war der auf dem rechten Wege wandelnde Herr Anthony Humm, ein bekehrter Spritzenmann, derzeit Schulmeister und gelegentlich reisender Prediger. Das Sekretariat bekleidete Herr Jonas Mudge, Inhaber eines Kramladens, ein enthusiastisches, uneigennütziges Mitglied, das an die Gesellschaft Tee verkaufte. Vor dem Beginn der Geschäfte nämlich tranken die Damen, auf Bänken sitzend, so lange Tee, bis sie endlich glaubten, es sei Zeit aufzuhören, während auf dem mit einem grünen Tuche überzogenen Amtstische, jedermann sichtbarlich, eine große hölzerne Geldbüchse stand, und hinter ihr der Sekretär, der jeden neuen Zuwachs der darin verborgenen Kupfermünzsammlung mit holdseligem Lächeln quittierte.

An diesem Abend nun tranken die Damen wirklich unglaublich viel Tee zum großen Abscheu des Herrn Weller senior, der trotz aller warnenden Winke Sams mit dem unverstelltesten Erstaunen nach allen Richtungen herumglotzte.

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, »wenn man nicht morgen früh mehrere von diesen Weibsbildern abzapfen muß, so bin ich dein Vater nicht, und damit Punktum. Sieh nur die Alte neben mir, die ersäuft sich wahrhaftig noch im Tee.«

»Könnt Ihr denn gar nicht ruhig sein?« murmelte Sam.

»Sam«, flüsterte Herr Weller einen Augenblick darauf im Tone tiefer Bewegung; »merke dir, was ich sage: wenn der Sekretär dorten nur noch fünf Minuten lang so fortmacht, so muß er bersten vor lauter Butterbroten und Wasser.«

»Ja, so laßt ihn doch, wenn es ihm Vergnügen macht«, erwiderte Sam; »es geht Euch doch nichts an.«

»Wenn es noch länger so fortgeht, Sammy«, flüsterte Herr Weller in demselben Tone weiter, »so halte ich es für meine Menschenpflicht, aufzustehen und mich an den Präsidenten zu wenden. Dort auf der dritten Bank sitzt ein junges Frauenzimmer, das bereits fünfzehn große Tassen getrunken hat; sie quillt ja schon sichtbarlich vor meinen Augen auf«.

Ohne allen Zweifel hätte Herr Weller seine wohlwollende Absicht sofort ausgeführt, hätte ihn nicht zum Glück das laute Geräusch, das durch Abräumen der Tassen und Kannen entstand, zum Bewußtsein gebracht, daß die Teezeit vorüber war. Nach Entfernung des Geschirres wurde der grüne Tisch mitten in den Saal gestellt, und die Geschäfte des Abends von einem sehr lebhaften kleinen Mann mit Kahlkopf und lichtbraunen Kniehosen begonnen, der schnell und mit augenscheinlicher Gefahr, seine zwei in besagte lichtbraune Hosen eingeschlossene Beinchen zu verlieren, die Leiter hinaufkletterte und also sprach:

»Meine Herren und Damen, ich mache den Vorschlag, daß unser vortrefflicher Bruder, Herr Anthony Humm, den Präsidentenstuhl einnehme.«

Die Damen ließen auf diesen Vorschlag eine auserlesene Sammlung von Taschentüchern wehen, und der unruhige kleine Mann brachte Herrn Humm im buchstäblichen Sinne des Wortes auf den Präsidentenstuhl, indem er ihn an den Schultern nahm und in einen Mahagonisessel warf, der wenigstens früher einmal ein derartiges Möbel vorgestellt hatte.

Das Wehen der Taschentücher erneuerte sich: und Herr Humm, ein Mann mit glattem, aber blassem Gesichte, der beständig schwitzte, verbeugte sich holdselig zur großen Verwunderung der Damen, und nahm sofort mit würdevoller Feierlichkeit seinen Sitz ein. Der kleine Mann in den lichtbraunen Hosen gebot sofort Stillschweigen, worauf Herr Humm sich erhob und sagte, mit Erlaubnis seiner versammelten Brüder und Schwestern aus der Bricklane-Abteilung werde der Sekretär den Bericht des Bricklane- Abteilungs-Komitees vorlesen – eine Ankündigung, die abermals mit einer Demonstration vermittels der Taschentücher aufgenommen wurde. Nachdem sich sofort der Sekretär auf eine sehr eindrucksvolle Art geräuspert und der Husten, der eine Versammlung jedesmal befällt, wenn etwas von besonderer Wichtigkeit vorgenommen werden soll, in bester Form vorübergegangen war, las er folgendes Dokument vor:

Bericht des Komitees der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins.

»Ihr Komitee hat im verflossenen Monat seine dankbaren Arbeiten fortgesetzt, und kann mit unaussprechlichem Vergnügen folgende neue Bekehrungen zur Mäßigkeit mitteilen:

Herr Walker, Schneider, nebst seiner Frau und zwei Kindern. Er bekennt, in bessern Umständen täglich Ale und Bier getrunken zu haben, und weiß nicht mit Bestimmtheit anzugeben, ob er nicht seit zwanzig Jahren wöchentlich zweimal ›Hundsnase‹ genossen hat, ein Getränk, das den Nachforschungen unseres Komitees zufolge aus warmem Porter, Farinzucker, Wacholderbranntwein und Muskatnuß gebraut wird. (Stöhnen und ›das ist wahr‹ eines ältlichen Frauenzimmers.) Gegenwärtig ist er ohne Arbeit und ohne Geld; er glaubt, daran sei der Porter (Beifall) oder der Umstand schuld, daß er seine rechte Hand nicht mehr gebrauchen kann. Er ist zwar noch zweifelhaft darüber, hält es aber für sehr wahrscheinlich, daß, wenn er in seinem ganzen Leben nichts als Wasser getrunken hätte, sein Gesell ihn nicht mit einer verrosteten Nadel gestochen und dadurch sein Unglück herbeigeführt haben würde (stürmischer Beifall). Er hat jetzt nichts als kaltes Wasser zu trinken, und ist nicht mehr so durstig, wie zuvor (lauter Beifall).

»Betsy Martin, Witwe mit einem Kind und einem Auge. Sie wäscht für Taglohn, hat nie mehr als ein Auge gehabt, weiß aber, daß ihre Mutter starkes Doppelbier trank und würde sich nicht wundern, wenn dieser unglückliche Umstand davon herrührte (ungemeiner Beifall). Sie hält es für unmöglich, daß sie, wenn sie sich stets geistiger Getränke enthalten hätte, dadurch den Gebrauch ihres andern Auges auch erlangt haben würde (stürmischer Zuruf). Sie erhielt gewöhnlich wo sie wusch täglich achtzehn Pence, eine Maß Porter und ein Glas Branntwein, hat aber, seitdem sie Mitglied der Bricklane-Abteilung geworden, statt dessen immer drei Schillinge und sechs Pence verlangt.« (Die Mitteilung dieses höchst interessanten Falles wurde mit betäubendem Enthusiasmus aufgenommen.)

Henry Beller – war viele Jahre hindurch Toastausbringer bei den Diners mehrerer Vereine und hat in dieser Zeit eine Menge ausländischer Weine getrunken, mag auch zuweilen eine Flasche oder zwei mit nach Hause genommen haben, weiß dies zwar nicht ganz gewiß, ist aber überzeugt, daß er, wenn er es tat, sie auch ausgetrunken hat. Er fühlt sich sehr niedergeschlagen und melancholisch, hat oft Fieber, leidet an beständigem Durst und glaubt, das müsse von seinem früheren Weintrinken herkommen (Beifall). Ist gegenwärtig ohne Beschäftigung und rührt unter keinen Umständen mehr einen Tropfen fremden Wein an. (Schallender Beifall.)

»Thomas Burton – versorgt den Lordmajor, die Sheriffs und mehrere Mitglieder des Magistrats mit Katzenfleisch« (atemlose Aufmerksamkeit, als der Name dieses Gentleman genannt wird), »hat ein hölzernes Bein, findet es kostspielig, damit über das Pflaster zu gehen, pflegte sich alte, gebrauchte hölzerne Beine zu kaufen und jeden Abend ein Glas heißen Wacholderbranntwein mit Wasser zu trinken – manchmal auch zwei (tiefe Seufzer). Fand, daß die alten, schon gebrauchten hölzernen Beine sehr schnell zersplitterten und faulten, und ist fest überzeugt, daß ihre Konstitution durch den Wacholderbranntwein mit Wasser untergraben wurde (anhaltender Beifall). Kauft sich jetzt neue hölzerne Beine und trinkt nichts als Wasser und schwachen Tee. Die neuen Beine halten zweimal so lang wie die andern, und er schreibt dies einzig und allein seiner gegenwärtigen Mäßigkeit zu.« (Triumphierendes Beifallsgeschrei.)

Anthony Humm machte jetzt den Vorschlag, ein Lied zu singen. Mit besonderer Rücksicht auf ihre geistlich-sittlichen Genüsse habe Bruder Mordlin die schönen Worte:

»Wer kennt ihn nicht, den lust’gen Fährmann«

einer alten wohlbekannten Volksmelodie angepaßt, und er bitte nun, ihn bei diesem Liede zu begleiten (großer Beifall). Zugleich nahm er Gelegenheit, seine feste Überzeugung auszusprechen, daß der selige Herr Dibdin, nachdem er die Irrtümer seines früheren Lebens eingesehen, dieses Lied geschrieben habe, um die Vorteile der Enthaltsamkeit darzutun. »Es ist«, sagte er, »ein Mäßigkeitslied« (Wirbelwind von Beifall). »Der schmucke Anzug des interessanten jungen Mannes, die Gewandtheit seiner Bewegungen, der beneidenswerte Gemütszustand, kraft dessen er, um mit den schönen Worten des Dichters zu sprechen

»Dahingerudert aller Sorgen bar.«

»All das vereinigt sich mit dem Beweise, daß er ein Wassertrinker gewesen sein muß (Beifall). O welch ein Zustand tugendhafter Fröhlichkeit! (Entzückter Beifall.) Und was war der Lohn des jungen Mannes? Mögen alle anwesenden jungen Männer es sich merken:

»Die Mädchen hüpften alle in sein Boot«

(Lauter Beifall, in den die Damen einstimmen.) Welch ein glänzendes Exempel! Die Mädchen scharten sich um den jungen Wassermann und umgaben ihn auf dem Pfad der Pflicht und der Mäßigkeit. Aber waren es blos Mädchen niedrigen Standes, die ihn erfreuten, trösteten und aufrecht erhielten? O nein!

»Den schönsten Frauen der Stadt war er das erste Ruder«

(Unermeßlicher Beifall.) Das zarte Geschlecht« – hier bat er eine Dame um Verzeihung – »sammelte sich um den jungen Fährmann und wandte sich mit Verachtung ab von dem Trinker geistiger Flüssigkeiten. (Beifall). Die Brüder der Bricklane-Abteilung wären die Fährleute. (Beifall und Gelächter), Dieser Saal wäre ihr Boot! diese Zuhörerschaft wären die Mädchen, und er (Herr Anthony Humm) sei, wiewohl unwürdig, ›das erste Ruder‹«. (Grenzenloser Beifall).

»Was meint er mit dem zarten Geschlecht, Sammy«? fragte Herr Weller leise.

»Die Damen«, sagte Sam ebenso leise.

»Da braucht er sich nicht so anzustrengen, Sammy«, fuhr Herr Weller fort: »sie müssen freilich ein zartes Geschlecht sein, ja ein sehr zartes und gebrechliches Geschlecht, wenn sie sich von solchen Gaunern am Narrenseil herumführen lassen.«

Einige weitere Bemerkungen des entrüsteten alten Herrn wurden schnell durch den Anfang des Liedes unterbrochen, das Herr Anthony Humm, immer zwei Zeilen auf einmal, für diejenigen Hörer vorsagte, die mit dem Teil nicht bekannt waren. Während des Gesangs verschwand das kleine Männlein mit den lichtbraunen Hosen, kehrte aber, als das Lied zu Ende war, rasch zurück und flüsterte mit überaus wichtiger Miene Herrn Anthony Humm etwas ins Ohr.

»Meine Freunde und Freundinnen«, sprach Herr Humm, indem er bittend seine Hand emporhob, um diejenigen von den alten Damen, die noch um ein paar Zeilen zurück waren zum Schweigen zu bringen, »meine Freunde und Freundinnen, ein Abgesandter der Dorkingerabteilung unserer Gesellschaft, Bruder Stiggins, wartet unten.«

Die Taschentücher flogen aufs neue heraus und wehten stärker als je, denn Herr Stiggins war bei den weiblichen Mitgliedern von Bricklane außerordentlich beliebt.

»Er mag kommen, dächte ich«, sagte Herr Humm, mit einem plumpen Lächeln um sich blickend. »Bruder Tadger, führen Sie ihn herauf, uns zu begrüßen.«

Der kleine Mann mit den lichtbraunen Kniehosen, der auf den Namen Bruder Tadger hörte, huschte schleunigst die Leiter hinab, und bald darauf vernahm man ihn in Begleitung des ehrwürdigen Herrn Stiggins heraufkommen.

»Er kommt, Sammy«, flüsterte Herr Weller, der vor unterdrücktem Lachen purpurrot im ganzen Gesicht wurde.

»Sagt nichts zu mir«, erwiderte Sam, »denn ich kann mich sonst nicht halten. Er steht dicht an der Tür. Ich höre, wie er den Kopf an die Latten und an die Wand schlägt.«

Während Sam Weller noch sprach, flog die kleine Tür auf, und herein trat Bruder Tadger, gefolgt von dem ehrwürdigen Herrn Stiggins, dessen Anblick mit gewaltigem Händegeklatsch, Fußgetrampel und Taschentücherwehen begrüßt wurde. – Freudenbezeugungen, die Bruder Stiggins nur dadurch erwiderte, daß er mit wirren Augen und starrem Lächeln nach dem Licht auf dem Tische hinglotzte, wobei er höchst unstet und unsicher seinen Körper hin und her bewegte.

»Sind Sie unwohl, Bruder Stiggins?« flüsterte Herr Anthony Humm ihm zu.

»O, ich bin ganz in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Stiggins in trotzigem Ton, aber mit sehr schwerer Stimme; »ich bin ganz in Ordnung, Sir«.

»Ah, sehr wohl«, sagte Herr Anthony Humm, einige Schritte zurückweichend.

»Ich hoffe, daß hier niemand sich unterstehen wird, zu sagen, ich sei nicht ganz in Ordnung, Sir?« rief Herr Stiggins.

»O gewiß nicht«, sagte Herr Humm.

»Ich wollte es auch niemandem raten, Sir; ich wollte es niemandem raten«, lallte Herr Stiggins.

Inzwischen war die ganze Versammlung mäuschenstill geworden und sah mit Bangigkeit dem weiteren Verlauf der Dinge entgegen.

»Wollen Sie eine Rede an die Versammlung halten?« fragte Herr Humm mit einladendem Lächeln.

»Nein, Sir«, erwiderte Herr Stiggins; »nein, Sir; ich will nicht, Sir.«

Die Versammelten blickten einander mit großen Augen an, und ein Murmeln der Verwunderung lief durch den Saal.

»Meine Meinung, Sir, ist –« begann Herr Stiggins, indem er seinen Rock aufknöpfte, mit sehr lauter Stimme, »meine Meinung, Sir, ist – daß diese Versammlung betrunken ist, Sir. Bruder Tadger – Sir«, fuhr er fort, indem er immer wilder wurde und sich barsch gegen das kleine Männchen in den lichtbraunen Höslein umdrehte, » Sie sind betrunken, Sir.«

Da nun Herr Stiggins den löblichen Wunsch hegte, die Nüchternheit der Versammlung zu fördern und deshalb alle ungeeigneten Charaktere auszuschließen, schlug er nach Bruder Tadger und traf seine Nasenspitze mit solcher Sicherheit, daß die lichtbraunen Höslein wie ein Blitz verschwanden. Bruder Tadger war kopfüber die Leiter hinabgestürzt.

Jetzt erhoben die Frauenzimmer ein lautes Jammergeschrei, stellten sich in kleinen Abteilungen vor ihren Lieblingsbrüdern auf und schlangen die Arme um sie, um sie vor Gefahren zu schützen. Dieser Beweis von Zärtlichkeit wäre Herrn Humm beinahe schlecht bekommen, denn da er ungemein beliebt war, warfen sich ihm so viele fromme Schönen an den Hals und hingen sich so fest an ihn, daß er beinahe erstickt wäre. Der größere Teil der Lichter wurde ausgelöscht, und von allen Seiten hörte man nichts als Geschrei und wilden Lärm.

»Jetzt, Sammy«, sagte Herr Weller, mit großer Kaltblütigkeit seinen Überrock ausziehend, »jetzt geh hinaus und hole einen Polizisten.«

»Und was wollt Ihr einstweilen beginnen?« fragte Sam.

»Laß mich nur machen, Sammy«, erwiderte der alte Herr; »ich will inzwischen mit diesem Stiggins ein bißchen abrechnen.«

Und ehe noch Sam es verhindern konnte, war sein heroischer Vater in den entfernten Winkel des Saales gedrungen, wo er den ehrwürdigen Herrn Stiggins mit ungemeiner Handfertigkeit angriff.

»Kommt mit!« rief ihm Sam nach.

»Heran, du Halunke!« schrie Herr Weller seinem Gegner zu.

Und ohne weitere Aufforderung versetzte er dem ehrwürdigen Herrn Stiggins einen gewaltigen Faustschlag auf den Kopf und tanzte, während er ihn bearbeitete, so flink und lustig um ihr herum, wie man es von einem Herrn in seinem Alter nicht hätte erwarten sollen.

Da nun Sam alle seine Vorstellungen vergeblich fand, drückte er seinen Hut fest auf den Kopf, warf seines Vater Überrock über die Schultern, faßte den alten Mann fest um und zog ihn mit Gewalt die Leiter hinab und auf die Straße. Ja, er ließ ihn nicht eher los, und gönnte ihm keine Ruhe, bis sie die Ecke erreicht hatten. Von dort aus konnten sie das Geschrei der versammelten Volksmenge hören, die Zeuge der Abführung des ehrwürdigen Herrn Stiggins in ein wohlverwahrtes Nachtquartier war. Und sie konnten weiter den Lärm vernehmen, womit sich die Mitglieder der Bricklane- Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins nach allen Richtungen zerstreuten.

  1. Camberwell, Verwaltungsbezirk Londons, in dem heute viele Deutsche wohnen, die dort eine eigene Kirche haben.
  2. Old Bailey heißt in volkstümlicher Sprache das Londoner Hauptkriminalgericht mitten in der City.

Zweiundfünfzigstes Kapitel


Zweiundfünfzigstes Kapitel

In dem Herr Pickwick einen alten Bekannten trifft

Der Morgen, der um acht Uhr über Herrn Pickwicks Angesicht anbrach, war keineswegs berechnet, seinen Mut zu heben oder die Niedergeschlagenheit, in die ihn der unvorhergesehene Erfolg seiner Gesandtschaft gesetzt hatte, zu vermindern. Der Himmel war düster und trübe, die Luft feucht und rauh, die Straßen naß und kotig. Der Rauch hing schwerfällig über den Schornsteinen, als gebräche es ihm an Mut, aufzusteigen; und der Regen fiel langsam und verdrossen herab, als hatte er keine rechte Lust, sich zu ergießen. Im Hof stand der Haushahn, ohne alle Funken seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, verdrießlich auf einem Bein in einem Winkel. Der Esel träumte gesenkten Hauptes unter dem schmalen Dach des Holzschuppens, und seinem nachdenklichen, jammervollen Gesichte nach zu schließen, schien er auf Selbstmord zu sinnen. Auf der Straße sah man nichts als Regenschirme, und die einzigen Töne, die sich vernehmen ließen, waren das Schlürfen von Gummischuhen und das Plätschern der Regentropfen.

Das Frühstück wurde sehr wenig durch Unterhaltung unterbrochen; selbst Herr Bob Sawyer fühlte den Einfluß des Wetters und die Nachwehen vom gestrigen Tage. Er war, wie er in seiner höchst ausdrucksvollen Sprache erklärte, wie zu Boden geschlagen. Ebenso auch Herr Ben Allen und nicht anders Herr Pickwick.

In einer länger sich hinausziehenden Erwartung, daß das Wetter sich aufklären möchte, wurde das neueste Londoner Abendblatt mit einem Eifer und einem Interesse gelesen, wie sich dies nur in solchen Fällen äußerster Langeweile denken läßt; mit gleicher Beharrlichkeit wurde jeder Zoll des Bodens beim Auf- und Abwandeln ausgemessen. Endlich als der Mittag herankam, ohne daß das Wetter sich geändert hatte, zog Herr Pickwick entschlossen die Klingel und bestellte seinen Wagen.

Obgleich die Straßen schmutzig waren und der Sprühregen heftiger als bisher herabfiel, obgleich der Kot und die Feuchtigkeit durch die offenen Fenster des Wagens hereinspritzten, so daß die darinnen Sitzenden fast ebensosehr dadurch belästigt wurden wie die beiden Reisenden auf dem Rücksitze, so war man doch jedenfalls in der freien Luft. Das Gefühl, unterwegs zu sein und Bewegung zu haben, das so unendlich angenehmer ist, als die Eingeschlossenheit in eine trübe Stube, wo man nur den trüben Regen in eine trübe Straße träufeln sehen kann, ließ sie alle gestehen, daß sie durch den Tausch viel gewonnen hätten und eigentlich selbst nicht wüßten, wie sie dazu gekommen wären, solange mit dem Aufbruch zu zögern.

Als sie in Coventry anhielten, um die Pferde zu wechseln, stieg der Dampf in solchen Wolken von den Tieren auf, daß der Hausknecht ganz verdunkelt wurde. Aber man hörte ihn aus dem Nebel heraus erklären, er erwarte bei der nächsten Preisverteilung die erste goldene Medaille von dem Rettungsverein dafür, daß er dem Postillion seinen Hut abgenommen habe; denn von dem Rande desselben ströme eine solche Wassermasse herab, daß er, nämlich der Postillion, unfehlbar ertrunken sein würde, wenn er, nämlich der unsichtbare Hausknecht, ihm nicht kraft seiner großen Geistesgegenwart, den Hut schnell vom Kopfe gerissen und das Gesicht des schweratmenden Mannes mit einem Strohwisch abgetrocknet hätte.

»Eine erbauliche Fahrt«, sagte Bob Sawyer, als er seinen Rockkragen umschlug und sich den Schal über dem Munde zusammenzog, um die Düfte eines soeben verschluckten Glases Branntwein nachzukosten.

»Ja, sehr erbaulich«, erwiderte Sam mit Ruhe.

»Sie scheinen sich nicht viel daraus zu machen?« bemerkte Bob.

»Darum sehe ich nicht ein, was es mich nützen würde«, erwiderte Sam.

»Gegen diesen Grund läßt sich freilich nichts einwenden«, meinte Bob.

»Ganz gewiß nicht, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Was ist, ist recht, wie der junge Edelmann schmunzelnd bemerkte, als man ihn auf die Pensionsliste setzte, weil der Großvater der Frau von seiner Mutter Onkel einmal dem König mit einem Feuerzeug die Pfeife angesteckt hatte.«

»Nicht übel bemerkt«, sagte Herr Bob Sawyer beifällig.

»Eben das sagte der junge Edelmann auch nachher alle Tage viermal bis an sein seliges Ende«, erwiderte Herr Weller.

»Wurden Sie jemals«, fragte Sam nach einer kurzen Pause mit einem Blick auf den Kutscher, indem er seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern dämpfte; »wurden Sie jemals zu einem Postillion gerufen, solange Sie bei einem Knochensäger in der Lehre waren?«

»Ich erinnere mich nicht«, erwiderte Herr Bob Sawyer.

»Haben Sie auch nie einen Postillion in einem Spital gesehen, wenn Sie dort umgingen, wie man von den Geistern sagt?« fragte Sam.

»Nein«, erwiderte Bob Sawyer, »mit Wissen nicht.«

»Oder wissen Sie einen Kirchhof, wo der Leichenstein von einem Postillion ist, oder haben Sie schon einen toten Postillion gesehen?« fuhr Sam fort zu fragen.

»Nein«, sagte Bob.

»Also nicht?« erwiderte Sam triumphierend. »Nun, so werden Sie auch keinen zu sehen bekommen, und es gibt noch ein anderes Ding, das niemand sieht, nämlich einen toten Esel. – Niemand hat je einen toten Esel gesehen, außer der Gentleman in den schwarzen Kniehosen, der das junge Frauenzimmer kannte, das eine Ziege hielt und das war ein französischer Esel, also keiner von der gewöhnlichen Art.«

»Gut, was hat das aber mit den Postillionen zu schaffen?« sagte Bob Sawyer.

»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Sam. »Ich will nicht so weit gehen und, wie viele sehr gescheite Leute behaupten, daß die Postillione und Esel unsterblich seien. Aber das sage ich, wenn sie spüren, daß sie steif werden und nicht mehr arbeiten können, so machen sie sich, ein Postillon nach dem andern, auf dem gewöhnlichen Wege davon; was aus ihnen wird, weiß niemand; aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sie sich entfernen, um ihr Vergnügen in der andern Welt zu suchen; denn kein lebendiger Mensch hat je gesehen, daß ein Postillion oder ein Esel sein Vergnügen in dieser gehabt hätte!«

Sam Weller breitete sich über diese gelehrte und merkwürdige Theorie noch weiter aus, führte zur Unterstützung derselben eine Menge merkwürdiger, statistischer und anderer Tatsachen an, und vertrieb sich damit die Zeit, bis sie nach Dunchurch kamen, wo für einen trockenen Postillion und frische Pferde gesorgt wurde. Die nächste Station war Daventry, die folgende Towcester, und am Ende jeder Station regnete es heftiger als am Anfang derselben.

»Ich sage nur«, bemerkte Bob Sawyer, zum Kutschenfenster hineinsehend, als sie vor dem Türkenkopf in Towcester anhielten, »ich sage nur, daß man so nicht weiterreisen kann.«

»Ja, wahrhaftig«, sagte Herr Pickwick, der eben aus einem Schläfchen erwachte; »ich fürchte, Sie sind durch und durch naß.«

»Ja, ganz unausstehlich«, erwiderte Bob: »und Sie ohne Zweifel auch ein wenig?«

Bob blickte verdrießlich drein, da ihm der Regen von seinem Nacken, von seinen Ellbogen, von den Ärmeln, den Rockschößen und Knien herabströmte: sein ganzer Anzug glänzte so von Feuchtigkeit, daß man ihn leicht hätte für Wachstuch halten können.

»Ja, ich bin naß«, sagte Bob, indem er sich schüttelte und einen Regenschauer aus sich trieb, »ich bin naß wie ein Pudel, den man ins Wasser geworfen hat.«

»Ich halte es für rein unmöglich, heute nacht weiter zu reisen«, fiel Ben ein.

»Ganz ohne Frage, Sir«, bemerkte Sam Weller, der sich gleichfalls zur Konferenz einstellte: »es ist Tierquälerei, Sir, wenn man Ihnen noch mehr zumuten will. Man bekommt hier Betten, Sir«, fügte er gegen seinen Herrn und Meister hinzu: »alles reinlich und behaglich. Ein recht gutes, kleines Mittagessen, Sir, und in einer halben Stunde schon fertig – ein paar Stücke Geflügel, Sir, und Kalbskoteletten, französische Bohnen, Pastetchen und Torten. Sie würden am besten tun, hier zu bleiben, Sir, wenn Sie mich etwas gelten lassen. Nehmen Sie Rat an, Sir, wie der Doktor sagte.«

Zum Glück erschien in diesem Augenblick der Wirt »Zum Türkenkopf«, bestätigte Herrn Wellers Bericht in betreff der Bequemlichkeiten seines Hotels und unterstützte seine Bitten mit allerhand trostlosen Vermutungen über den weiteren Zustand der Straßen, die Wahrscheinlichkeit, daß auf der nächsten Station keine frischen Pferde zu haben seien, die blanke Gewißheit, daß es die ganze Nacht hindurch regnen werde, die ebenso blanke Gewißheit, daß es sich am nächsten Morgen aufhelle, und andern bei den Wirten gebräuchlichen Beweisgründen.

»Schon gut«, sagte Herr Pickwick: »aber ich muß durch irgendeine Gelegenheit einen Brief nach London absenden, so daß derselbe morgen in aller Frühe bestellt wird. Wenn das nicht möglich ist, so müssen wir unter allen Umständen weiterfahren.«

Der Wirt lächelte vergnügt. Nichts sei leichter, als einen Brief in einen Bogen Packpapier einzuwickeln und entweder mit der Post oder mit der Nachtdiligence von Birmingham weiterzubefördern. Wenn dem Herrn so außerordentlich viel an möglichst baldiger Besorgung desselben liege, so dürfe er ja nur auf die Adresse schreiben: »sogleich abzugeben«, was sicher beachtet würde; oder: »dem Überbringer für schleunige Besorgung eine halbe Krone extra«, was noch sicherer sei.

»Sehr gut«, sagte Herr Pickwick: »dann wollen wir also hierbleiben.«

»Lichter in die Sonne, John; mach das Feuer auf: die Herren sind naß. Hierher meine Herren: bekümmern Sie sich nicht mehr um den Postillion, Sir; ich werde ihn zu Ihnen senden, sobald Sie ihm läuten, Sir. Jetzt, John, die Kerzen.

Die Lichter wurden gebracht, das Feuer geschürt und ein frisches Scheit hineingeworfen. In zehn Minuten deckte ein Kellner den Tisch zum Mittagessen: der Vorhang wurde aufgezogen, das Feuer flackerte lustig, und alles sah (wie überhaupt immer in jedem anständigen englischen Gasthof) aus, als ob die Reisenden schon mehrere Tage vorher erwartet worden wären und ihre Bestellungen gemacht hätten.

Herr Pickwick saß an einem Seitentisch und schrieb schnell einen Brief an Herrn Winkle, worin er ihm einfach meldete, daß er durch das Unwetter zurückgehalten sei, aber unfehlbar am folgenden Tag sich in London einfinden werde; bis dahin wolle er den weiteren Bericht über seine Reise ausgesetzt sein lassen. Dieser Brief wurde schnell zusammengelegt und von Samuel Weller weiterbefördert.

Sam übergab ihn der Wirtin, und nachdem er sich selbst am Küchenfeuer getrocknet hatte, wollte er zurückkehren, um seinem Herrn die Stiefel auszuziehen, wobei er zufällig durch eine halboffene Tür hindurch einen rothaarigen Herrn erblickte, der einen großen Packen Zeitungen auf dem Tisch vor sich liegen hatte und den Leitartikel in einer von ihnen mit grimmigem Schmunzeln las, wobei seine Nase und sein ganzes Gesicht sich zu einem majestätischen Ausdruck hochmütiger Verachtung verzogen.

»Ho, ho!« sagte Sam, »den Kopf und dies Gesicht da sollt ich kennen; auch da« Augenglas und den breitkrempigen Deckel! Und ich will katholisch werden, wenn’s nicht in Eatanswill war.«

Sam wurde auf einmal von einem heftigen Husten befallen, um die Aufmerksamkeit des Herrn auf sich zu ziehen: der Herr fuhr zusammen, erhob seinen Kopf und sein Augenglas und enthüllte dem Blick die tiefen, gedankenvollen Züge des Herrn Pott, Redakteurs der Eatanswiller Zeitung.

»Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Sam; »mein Herr ist hier, Herr Pott.«

»Pst, Pst!« rief Herr Pott, Sam ins Zimmer ziehend und die Tür verschließend, während sich geheimnisvolle Sorge und Beängstigung auf seinem Gesichte malte.

»Was gibt’s denn, Sir?« fragte Sam, indem er gleichmütig um sich blickte.

»Nennen Sie nur meinen Namen nicht«, erwiderte Pott – »es ist hier alles gelb. Wenn der aufgeregte und leicht erregbare Pöbel wüßte, daß ich hier bin, er würde mich in Stücke reißen.«

»Meinen Sie wirklich?« fragte Sam.

»Ja, ich würde das Opfer seiner Wut werden«, fuhr Pott fort, »Nun, junger Mann, was macht denn Ihr Herr?«

»Er ist auf der Reise nach London begriffen und übernachtet hier mit einigen Freunden.«

»Ist Herr Winkle dabei?« fragte Pott mit leichtem Stirnrunzeln.

»Nein, Sir«, antwortete Sam: »Herr Winkle bleibt jetzt zu Hause; er ist verheiratet.«

»Verheiratet?« rief Pott auffahrend.

Er schwieg einige Augenblicke, lächelte düster und setzte dann rachsüchtig hinzu: »Das geschieht ihm recht.«

Nachdem Herr Pott dieser grausamen Aufwallung seines tödlichen Hasses und kaltblütigen Triumphes über einen gefallenen Feind Luft gemacht, fragte er, ob Herrn Pickwicks Freunde blau seien: und als er von Sam, der soviel von der Sache wußte, wie Pott selbst, eine befriedigende bejahende Antwort erhalten hatte, entschloß er sich, ihn auf Herrn Pickwicks Zimmer zu begleiten, wo ein herzlicher Empfang seiner wartete, und sogleich die Übereinkunft getroffen wurde, daß sie alle zusammen speisen wollten.

»Und wie steht’s denn in Eatanswill?« fragte Herr Pickwick, als Herr Pott einen Stuhl ans Feuer gerückt, und die ganze Gesellschaft die nassen Stiefel ausgezogen und trockene Pantoffel angezogen hatte. »Existiert der Unabhängige noch?«

»Der Unabhängige, Sir«, erwiderte Pott, »schleppt noch immer sein elendes, erlöschendes Dasein hin, verabscheut und verachtet selbst von den wenigen, denen seine schmachvolle, erbärmliche Existenz bekannt ist, erstickt in demselben Schmutz, mit dem er so reichlich um sich wirft. Taub und blind gemacht durch die Ausdünstungen seines eigenen Unrats, versinkt dieses garstige Journal, das sich glücklicherweise seiner Gesunkenheit nicht einmal bewußt ist, rasch in dem verräterischen Schlamme, der, obgleich er ihm bei den niedrigen und verdorbenen Klassen der Gesellschaft einen festen Standpunkt zu geben scheint, dennoch über sein verruchtes Haupt hinauswächst und es bald auf ewig verschlingen wird.«

Nachdem der Redakteur dieses Manifest, das einen Teil eines seiner Leitartikel von der letzten Woche bildete, mit heftiger Betonung von sich gegeben, schwieg er, um Atem zu schöpfen, und blickte Bob Sawyer majestätisch an.

»Sie sind ein junger Mann, Sir«, sagte Pott.

Herr Bob Sawyer nickte.

»Und Sie auch, Sir«, fuhr Pott gegen Herrn Ben Allen fort,

Ben ließ sich diese freundliche Annahme gefallen.

»Und sind Sie auch beide tief durchdrungen von diesen blauen Grundsätzen, zu deren Aufrechthaltung und Verfechtung ich mich, solange ich lebe, gegen die Bevölkerung dieser Königreiche anheischig gemacht habe?« sprach Pott weiter.

»O freilich«, erwiderte Bob Sawyer: »ich verstehe nur die Sache nicht recht, ich bin –«

»Doch nicht gelb, Herr Pickwick?« unterbrach ihn Pott, mit seinem Stuhl zurückweichend. »Ihr Freund ist doch nicht gelb, Sir?«

»Nein, nein«, versetzte Bob; »ich bin in diesem Augenblick gewürfelt, ein Gemisch von allen Farbensorten.«

»Also ein Schwankender«, entgegnete Pott feierlich; ein Schwankender. Ich möchte Ihnen nur eine Reihe von acht Artikeln vorlegen, Sir, die in der Eatanswiller Zeitung erschienen sind. Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß Sie dann bald Ihre Ansichten auf eine feste und solide Basis gründen würden, Sir.«

»Und ich«, antwortete Bob, »glaube behaupten zu dürfen, daß ich sehr blau würde, noch lange ehe ich sie ganz gelesen hätte.«

Herr Pott blickte Bob Sawyer noch einige Sekunden lang zweifelhaft an, wandte sich sofort zu Herrn Pickwick und sagte:

»Sie haben doch die literarischen Artikel gelesen, die im Laufe der letzten drei Monate in der Eatanswiller Zeitung erschienen sind und eine so allgemeine – ich kann wohl sagen, so universale Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt haben?«

»Ich muß gestehen«, erwiderte Herr Pickwick, durch die Frage einigermaßen verlegen, »ich muß gestehen, ich war anderweitig so beschäftigt, daß ich wirklich keine Zeit hatte, sie zu lesen.«

»Sie sollten so etwas nicht unterlassen, Sir«, sagte Pott mit strengem Gesichte.

»Ja, Sie haben recht«, meinte Herr Pickwick.

»Sie sind in der Form einer ausführlichen Kritik eines Werks über die chinesische Metaphystik erschienen«, fuhr Pott fort.

»Ah, so?« bemerkte Herr Pickwick – »und hoffentlich aus Ihrer Feder?«

»Aus der meines Rezensenten, Sir«, antwortete Pott mit Würde.

»Und wahrscheinlich sehr gelehrt abgefaßt?« – fragte Herr Pickwick.

»Ja, ungeheuer«, antwortete Pott, unendlich weise um sich blickend. »Er ochste aber auch gehörig, um mich eines technischen, aber ausdrucksvollen Terminus zu bedienen; er las zu diesem Behuf auf mein Verlangen in der Enzyclopaedia britannica21

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Ich wußte nicht, daß dieses schätzbare Werk auch Nachweise über die chinesische Metaphysik enthält.«

»Ja, Sir«, erklärte Pott, indem er seine Hand auf Herrn Pickwicks Knie legte und mit einem Lächeln geistiger Überlegenheit um sich blickte: »er las über die Metaphysik unter dem Buchstaben M und über China unter dem Buchstaben C, und produzierte so daraus einen eigenen neuen Artikel.«

Herrn Potts Züge nahmen bei dieser Erinnerung der in besagten gelehrten Ergießungen entwickelten Geistesschärfe und Kenntnissen etwas so Großartiges an, daß einige Minuten verstrichen, bevor Herr Pickwick sich kühn genug fühlte, das Gespräch fortzusetzen. Endlich, als das Gesicht des Redakteurs allmählich wieder in seinen gewöhnlichen Ausdruck moralischer Überlegenheit zurückfiel, wagte er es, die Unterhaltung durch die Frage wieder anzuknüpfen:

»Dürfte ich wohl erfahren, welcher große Zweck Sie so weit von Haus fort und hierher geführt hat?«

»Derselbe Zweck, der mich bei allen meinen riesigen Arbeiten antreibt und beseelt«, erwiderte Pott mit einem ruhigen Lächeln – »das Wohl meines Vaterlandes.«

»Ich dachte, es sei irgendeine öffentliche Mission«, bemerkte Herr Pickwick.

»Ja, Sir, das ist es«, erwiderte Pott.

Hier beugte er sich zu Herrn Pickwick und flüsterte ihm mit tiefer hohler Stimme zu:

»Die Gelben haben morgen abend in Birmingham einen Ball.«

»Wie interessant!« rief Herr Pickwick.

»Ja, Sir, und ein Abendessen«, fügte Pott hinzu.

»Was Sie sagen!« rief Herr Pickwick.

Pott nickte mit unheilverkündender Miene.

Obgleich sich nun Herr Pickwick stellte, als wäre er durch diese Eröffnungen sehr überrascht, so war er doch mit der Lokalpolitik so wenig vertraut, daß er sich schlechterdings keinen angemessenen Begriff von der Wichtigkeit der schrecklichen Verschwörung machen konnte, auf die hier angespielt wurde. Herr Pott bemerkte dies auch, zog die letzte Nummer der Eatanswiller Zeitung aus der Tasche und las zur näheren Aufklärung seines Freundes folgenden Artikel vor:

Höhlen- und Winkelgelbtum.

Ein Ungeziefer, ein böser, schädlicher Wurm von Kollegen hat neulich sein schwarzes Gift ausgespien, in dem eitlen hoffnungslosen Versuch, den schönen Namen unseres ausgezeichneten und vortrefflichen Abgeordneten, des ehrenwerten Herrn Slumkey zu beflecken – desselben Slumkey, von dem wir lange, bevor er seine gegenwärtige edle und erhabene Stellung gewonnen, vorausgesagt, er werde werden, was er jetzt ist, die glänzendste Ehre seines Landes, sein höchster Ruhm, sein kühnster Verteidiger und seine herrlichste Zierde – unser ungezieferartig denkender Kollege, sagen wir, hat sich lustig gemacht über ein plattiertes, herrlich gearbeitetes Kohlengefäß, das diesem glorreichen Manne von seinen entzückten Wählern überreicht worden ist. Zu dessen Ankauf hat, wie der namenlose Wicht lästert, der ehrenwerte Herr Slumkey selbst durch einen vertrauten Freund seines Tafeldeckers mehr als dreiviertel der ganzen Summe beigesteuert. Wie! sieht denn dieses kriechende Geschmeiß nicht, daß selbst, wenn solches wahr wäre, der ehrenwerte Herr Slumkey uns in einem um so freundlicheren und strahlenderen Lichte als vorher erscheinen würde, wofern das überhaupt noch möglich wäre! Sicht sein Stumpfsinn nicht einmal soviel ein, daß dieser liebenswürdige, rührende Wunsch, dem Sehnen seiner Wähler entgegenzukommen, ihn den Herzen und Seelen derer unter seinen Mitbürgern nur noch teurer machen muß, die nicht verächtlicher sind als Schweine, oder mit andern Worten, die nicht ebenso niederträchtig sind als unser Kollege selbst? Aber das sind die elenden betrügerischen Kunstgriffe des Höhlen- und Winkelgelbtums! Indessen beschränkt es sich nicht darauf, Verrat ist das Losungswort. Wir verkünden es kühn, jetzt da wir zu dieser Erklärung genötigt sind und uns unter den Schutz des ganzen Landes und seiner Magistrate stellen dürfen: – wir verkünden es kühn, daß in diesem Augenblick geheime Vorbereitungen getroffen werden zu einem Balle der Gelben, der in einer gelben Stadt mitten im Herzen und Zentrum einer gelben Bevölkerung gehalten, von einem gelben Zeremonienmeister geleitet, von vier ultragelben Parlamentsmitgliedern besucht werden soll, und wozu man den Zutritt nur vermöge gelber Einlaßkarten erlangen kann. Unser feindlicher Kollege wird wohl ein Pfauenrad vor Stolz schlagen. Aber er winde sich in ohnmächtigem Grimm, wenn wir die Worte niederschreiben: » W ir werden auch dabei sein

»Sehen Sie, Sir«, sagte Pott, ganz erschöpft das Blatt zusammenlegend, »so stehen die Sachen.«

In diesem Augenblick traten der Wirt und der Kellner mit den Anfängen des Mittagsmahles herein, und nötigten Herrn Pott, den Finger auf seine Lippen zu legen, zum Zeichen, daß er sein Leben in Herrn Pickwicks Hände gelegt, und daß dasselbe von seiner Schweigsamkeit abhänge. Die Herren Bob Sawyer und Benjamin Allen, die während der Vorlesung des Artikels in der Eatanswiller Zeitung und der darauf folgenden Erörterung unehrerbietigerweise eingeschlafen waren, wurden durch das bloße Geflüster des talismanischen Wortes »Mittagessen« aufgeweckt und machten sich sofort an die Mahlzeit mit einem Appetit, der absonderlich gute Gesundheit und Verdauungskräfte erfordert.

Im Verlaufe des Mittagsmahles und der darauffolgenden Sitzung erklärte Herr Pott, der sich auf einige Augenblicke zu häuslichen Gegenständen herabließ, seinem Freunde, Herrn Pickwick, die Luft in Eatanswill sei seiner Gemahlin nicht gut bekommen, und deswegen mache sie eine Reise in die verschiedenen Luxusbäder, um ihre gewohnte Gesundheit und Munterkeit wieder zu erhalten. Im Grunde aber waren die Mitteilungen des Herrn Pott eine höchst zarte Verhüllung der Tatsache, daß Frau Pott ihre oft wiederholte Scheidungsdrohung endlich ausgeführt, und ihr Bruder, der Leutnant, mit ihrem Manne eine Übereinkunft abgeschlossen hatte, kraft deren sie sich nebst ihrer getreuen Leibwache von ihrem Manne trennte und die Hälfte seines jährlichen Einkommens und Gewinns von seiner Redaktion sowie von dem Verlage der Eatanswiller Zeitung erhielt.

Während der große Herr Pott bei diesen und ähnlichen Gegenständen verweilte und die Unterhaltung von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Auszügen aus den Resultaten seiner nächtlichen Studien belebte, fragte ein griesgrämiger Passagier vom Fenster einer von London herkommenden Postkutsche her, die hier anhielt, um Pakete abzugeben, ob er für den Fall, daß er übernachten wolle, die nötigen Bequemlichkeiten, nämlich Bett und Zimmer, bekommen könne.

»Gewiß, Sir«, erwiderte der Wirt.

»Also wirklich?« fragte der Fremde, der aus Gewohnheit in Blick und Manieren argwöhnisch zu sein schien.

»Sie können sich darauf verlassen, Sir«, erklärte der Wirt.

»Gut«, sagte der Fremde. »Postillion, ich bleibe hier. Schaffner, meinen Koffer.«

Er wünschte den andern Passagieren auf eine etwas schnippische Weise gute Nacht und stieg aus. Der Fremdling war untersetzter Statur, hatte ein sehr straffes schwarzes Haar, das nach Stachelschweins- oder Stiefelbürstenart zugeschnitten war und auf seinem ganzen Kopfe, steif sich sträubend, emporstand. Seine Erscheinung war pomphaft und drohend, seine Manieren gebieterisch, seine Augen scharf und unruhig, und sein ganzes Wesen verkündete große Zuversichtlichkeit sowie das Bewußtsein unermeßlicher Überlegenheit über alle Menschenkinder.

Dieser Gentleman wurde in das Zimmer gewiesen, das ursprünglich für den patriotischen Herrn Pott bestimmt war. Der Kellner bemerkte, als er kaum die Lichter angezündet hatte, in dumpfem Erstaunen über das sonderbare Zusammentreffen, daß der Gentleman in seinen Hut griff, eine Zeitung hervorzog und mit demselben Ausdruck unwilliger Verachtung, die eine Stunde zuvor auf Potts majestätischen Zügen dessen ganze Geisteskraft darauf markiert hatte, zu lesen begann. Er bemerkte auch, daß, während Herrn Potts Verachtung durch eine Zeitung, betitelt: »Eatanswiller Unabhängiger«, rege gemacht worden war, der zermalmende Hohn dieses Gentlemans durch ein Prefseblatt erweckt wurde, das die »Eatanswiller Zeitung« hieß.

»Holen Sie den Wirt!« sagte der Fremde.

»Sehr wohl, Sir«, versetzte der Kellner.

Der Wirt wurde gerufen und erschien.

»Sind Sie der Wirt?« fragte der Gentleman.

»Aufzuwarten, Sir«, versetzte der Wirt.

»Kennen Sie mich?« fragte der Gentleman.

»Habe nicht das Vergnügen, Sir«, erklärte der Wirt.

»Mein Name ist Slurk«, sagte der Gentleman.

Der Wirt neigte den Kopf ein wenig.

»Slurk, Sir«, wiederholte der Gentleman hochmütig. »Kennen Sie mich jetzt. Mann?«

Der Wirt zog sich ein paar Schritte nach der Tür zurück, und sah dann den Fremdling an und lächelte gezwungen.

»Kennen Sie mich. Mann?« forschte der Fremdling zornig.

Der Wirt strengte sich gewaltig an und erwiderte endlich:

»Nein, Sir, ich kenne Sie nicht.«

»Guter Gott«, sagte der Fremde, die geballte Faust auf den Tisch schlagend, »und das ist Popularität!«

Der Wirt zog sich ein paar Schritte nach der Tür zurück, und der Fremde fuhr, seine Augen auf ihn heftend, also fort –

»Das also – das ist der Dank für jahrelange Bemühungen und Arbeiten zugunsten der Masse. Ich steige durchnäßt und müde aus. Keine enthusiastische Menge drängt sich vorwärts, um ihren Kämpen zu begrüßen. Die Glocken der Kirchen sind stumm; selbst der Name lockt kein entsprechendes Gefühl in solch kaltem Herzen hervor. Es ist genug«, setzte Herr Slurk hinzu, indem er in großer Aufregung auf und ab ging: »man sollte die Tinte in der Feder vertrocknen lassen und ihre Sache für immer aufgeben.«

»Haben Sie Branntwein und Wasser befohlen, Sir?« sagte der Wirt, ein Wort wagend.

»Num«, erwiderte Herr Slurk, sich trotzig gegen ihn, umwendend. »Haben Sie irgendwo Feuer?«

»Man kann sogleich eines anzünden«, sagte der Wirt.

»Das aber erst Wärme geben wird, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen«, unterbrach ihn Herr Slurk. »Ist jemand in der Küche?«

»Keine Seele.«

Es war ein schönes Feuer dort; die Leute waren alle gegangen und die Tür für die Nacht geschlossen.

»Ich will«, sagte Herr Slurk, »meinen Grog am Küchenfeuer trinken.«

Somit nahm er seinen Hut und die Zeitung, folgte feierlich dem Wirte nach diesem niederen Gelasse, warf sich auf eine Bank am Herde, nahm sein höhnisches Gesicht wieder an und begann in stiller Würde zu lesen und zu trinken.

Nun flog in diesem Augenblick ein Dämon der Zwietracht über seinen Pfeifenkopf. Dieser Dämon ließ aus bloßer eitler Neugierde seine Augen umherschweifen, erblickte zufällig den behaglich am Küchenfeuer gelagerten Slurk und Herrn Pott, der etwas vom Weine erhitzt in einem andern Zimmer saß. Darauf schoß dieser bösartige Geist mit unbegreiflicher Schnelligkeit in das letzerwähnte Gemach herab, fuhr plötzlich dem Herrn Bob Sawyer in den Kopf und stiftete ihn an, zu seinen (nämlich des Dämons) schlimmen Zwecken folgendermaßen zu sprechen:

»Wir haben das Feuer ausgehen lassen. Nach dem Regen ist es unangenehm kalt hier.«

»Ja, das ist wahr«, versetzte Herr Pickwick schauernd.

»Es wäre meine ich, kein schlechter Einfall, am Küchenfeuer eine Zigarre zu rauchen«, fuhr Bob Sawyer fort, in dem vorgenannter Dämon immer stärker wirkte.

»Ich denke auch, es müßte ganz behaglich sein«, versetzte Herr Pickwick. »Was sagen Sie dazu Herr Pott?«

Herr Pott nickte bereitwillig Beifall, und sämtliche vier Reisende begaben sich, jeder mit seinem Glas in der Hand, nach der Küche, während Sam Weller die Prozession anführte, um den Weg zu zeigen.

Der Fremdling las noch immer; er sah auf und schrak zusammen. Herr Pott schrak ebenfalls zurück.

»Was gibt’s?« flüsterte Herr Pickwick.

»Dieses Ungeziefer da!« erwiderte Pott.

»Was für ein Ungeziefer?« fragte Herr Pickwick um sich blickend, aus Furcht, er möchte auf irgendeinen alten Käfer oder eine wassersüchtige Spinne treten.

»Dort, das Ungeziefer«, flüsterte Pott, Herrn Pickwick am Arme fassend und nach dem Fremden deutend. »Das Ungeziefer da – Slurk vom Unabhängigen.«

»Wir würden vielleicht besser tun, uns zurückzuziehen«, flüsterte Herr Pickwick.

»Niemals, Sir!« erwiderte Pott, der sich Mut angetrunken hatte: »niemals!«

Mit diesen Worten nahm er seinen Sitz auf einer entgegengesetzten Bank, zog sich aus einem kleinen Packen Zeitungen eine heraus und begann, seinem Feind gegenüber, zu lesen.

Herr Pott las natürlich den Unabhängigen, Herr Slurk ebenso natürlich die Eatanswiller Zeitung, und jeder der Herren drückte sehr vernehmlich seine Verachtung des jeweiligen fremden Zeitungsinhalts durch bitteres Lächeln und sarkastische Grimassen aus. Bald schritten sie zu noch offeneren Meinungsäußerungen, wie zum Beispiel »abgeschmackt« – »erbärmlich« – »schauderhaft« – »Aufschneiderei« – »Spitzbüberei« – »Kot« – »Mist« – »Schleim« – »Sumpfwasser« und andere kritische Bemerkungen dieser Gattung.

Herr Sawyer sowohl als Herr Ben Allen hatten die Symptome der Eifersucht und des Hasses mit einem Grad von Vergnügen betrachtet, der den Zigarren, die sie recht kräftig rauchten, einen höchst angenehmen Beigeschmack gab. In dem Augenblick, als die zwei Gegner zu ermatten begannen, wandte sich der boshafte Herr Bob Sawyer mit großer Höflichkeit an Slurk und sagte zu ihm:

»Würden Sie mir vielleicht erlauben. Ihr Blatt ein wenig anzusehen, Sir – wenn Sie es nämlich nicht mehr brauchen?«

»Sie werden in dem elenden Dinge da sehr wenig finden, was Sie für Ihre Mühe belohnt«, versetzte Slurk mit einem satanischen Stirnrunzeln gegen Pott.

»Sie können sogleich dieses da haben«, sagte Pott, indem er blaß vor Wut aufschaute und aus demselben Grunde seine Stimme zitterte. »Ha, ha! Die Frechheit dieses Kerls wird Ihnen gewiß Spaß machen.«

Ein schrecklicher Nachdruck war auf die Worte »Ding« und »Kerl« gelegt, und die Gesichter der beiden Zeitungsschreiber begannen vor herausforderndem Trotze zu glühen.

»Die Gemeinheit dieses elenden Menschen ist widerlich und ekelhaft«, sagte Pott, indem er sich an Bob Sawyer wandte, dabei aber Slurk einen giftigen Blick zuwarf.

Hier lachte Slurk recht herzlich, legte die Zeitung so, daß er bequem eine frische Spalte bekam und sagte, der Tölpel ergötze ihn wirklich.

»Wie der Kerl so unverschämt und dabei so dumm ist!« rief Pott, dessen Gesichtsfarbe vom Blaßroten ins Karmoisin überging.

»Haben Sie jemals etwas von den Albernheiten dieses Menschen gelesen, Sir?« fragte Slurk Herrn Bob Sawyer.

»Nie«, erwiderte Bob: »ist es sehr schlecht?«

»O abscheulich! über alle Maßen!« versetzte Slurk.

»Wahrhaftig, das ist zu schauderhaft!« rief Pott, der sich immer noch stellte, als wäre er in seine Lektüre vertieft.

»Wenn es Ihnen möglich ist, durch ein paar Sätze voll Bosheit, Niedertracht, Falschheit, Meineid, Verräterei und Betrügerei zu waten«, sagte Slurk, indem er das Blatt Herrn Bob übergab, »so werden Sie sich vielleicht dadurch belohnt finden, daß Ihnen der Stil dieses ungrammatikalischen Schwätzers ein Lachen abnötigt.«

»Was haben Sie gesagt, Sir?« fragte Pott aufblickend und am ganzen Leibe vor Wut zitternd.

»Was geht es Sie an, Sir?« erwiderte Slurk.

»Ungrammatikalischer Schwätzer, nicht wahr, Sir?« sagte Pott.

»Ja, Sir, so sagte ich, und blaues Rindvieh, Sir, wenn Sie das lieber hören.«

Herr Pott erwiderte auf diese schmerzhafte Beleidigung kein Wort, sondern faltete wohlbedächtig seine Nummer vom Unabhängigen auseinander, legte sie sorgfältig flach auf den Boden, trat sie unter seine Füße, spie mit vieler Feierlichkeit darauf und warf sie dann ins Feuer.

»Sehen Sie, Sir«, sagte Pott, indem er vom Kamin zurücktrat; »ebenso würde ich auch die Viper behandeln, die dieses Gift erzeugt, würde ich nicht zu ihrem Glück durch die Gesetze des Landes daran gehindert.«

»Tun Sie es nur, Sir«, rief Slurk aufspringend: »Man wird diese Gesetze in einer solchen Sache niemals zu Hilfe rufen. Versuchen Sie es einmal, Sir.«

»Hört, hört!« sagte Bob Sawyer.

»Etwas Schöneres ist mir noch nie vorgekommen«, bemerkte Ben Allen.

»Tun Sie es nur, Sir«, wiederholte Slurk mit lauter Stimme.

Herr Pott warf ihm einen verachtungsvollen Blick zu, der einen Anker hätte zermalmen können.

»Tun Sie es nur, Sir«, wiederholte Slurk noch lauter als vorher.

»Ich will nicht, Sir«, versetzte Pott.

»So, so! Sie wollen also nicht?« sagte Herr Slurk in höhnendem Tone. »Sie hören es, meine Herren! Er will nicht: nicht als ob er sich fürchtete; o ganz und gar nicht: aber er will nun einmal nicht: ha ha ha!«

»Ich betrachte Sie, Sir«, sagte Herr Pott, durch diesen Sarkasmus aufgebracht: »ich betrachte Sie als eine Viper. Ich halte Sie für einen Menschen, der sich durch sein höchst freches, schandbares und abscheuliches öffentliches Benehmen außer den Bereich der Gesellschaft gestellt hat. In meinen Augen, Sir, sind Sie sowohl von Ihrem persönlichen, wie von Ihrem politischen Standpunkt aus, weiter gar nichts, als eine nichtswürdige Viper, vor deren giftiger Bosheit man sich hüten muß.«

Der entrüstete Unabhängige wartete das Ende dieser persönlichen Anklage nicht ab, sondern nahm seinen wohlgefüllten Koffer, schwang ihn, als Pott sich eben abwandte, in der Luft, und ließ ihn gerade mit der Ecke, wo zufällig eine tüchtige, dicke Haarbürste eingepackt lag, auf den Kopf seines Gegners fallen, so daß dieser augenblicklich zu Boden stürzte, und man das Gekrach in der ganzen Küche hörte.

»Meine Herren!« rief Herr Pickwick, als Pott wieder aufsprang

und sich der Kohlenschaufel bemächtigte; »meine Herren, bedenken Sie doch ums Himmels willen – Hilfe – Sam! he da! – ich bitte, meine Herren, lassen Sie es doch nicht so weit kommen.«

Also rief er erregt und stürzte zwischen die wütenden Kämpfer, gerade im rechten Augenblick, um auf die eine Seite seines Körpers den Koffer und auf die andere die Kohlenschaufel zu bekommen. Ob nun die Repräsentanten der öffentlichen Meinung von Eatanswill durch Leidenschaft gänzlich geblendet waren, oder ob sie als kluge, scharfsinnige Köpfe sogleich den Vorteil einsahen, einen Dritten, der die Streiche auffange, zwischen sich zu haben – so viel ist gewiß, daß sie nicht die mindeste Notiz von Herrn Pickwick nahmen, sondern einander mit viel Mut Trotz boten und Koffer wie Kohlenschaufel aufs furchtbarste handhabten. Herr Pickwick hätte sein menschenfreundliches Dazwischentreten ohne Zweifel schwer zu büßen gehabt, wäre nicht Herr Weller auf das Geschrei seines Herrn im Augenblick hereingestürzt, und hätte dieser nicht dem Kampfe dadurch ein Ende gemacht, daß er einen Mehlsack ergriff, denselben dem mächtigen Pott über Kopf und Schultern herabzog und ihn auf diese Art bis an die Ellenbogen festhielt.

»Nehmen Sie dem andern Tollhäusler den Koffer weg«, sagte Sam zu Ben Allen und Bob Sawyer, die indessen ganz vergnügt müßig zugeschaut und nur eine Lanzette mit schildpattenem Heft in die Hand genommen hatten, um dem ersten, der ohnmächtig würde, zur Ader zu lassen. »Wollen Sie aufhören, Sie elendes, kleines Bürschchen, oder ich drücke Sie zusammen.«

Eingeschüchtert durch diese Drohung und ganz atemlos ließ sich der Unabhängige entwaffnen, worauf Herr Weller den erstickenden Sack von Pott wegnahm und ihn vorsichtig wieder in Freiheit setzte.

»Jetzt gehen Sie beide ruhig ins Bett«, sagte Sam, »oder ich stecke Sie miteinander in den Sack und lasse Sie die Sache mit zugebundener Öffnung ausfechten. Meinetwegen dürfte es ein ganzes Dutzend solcher Leute sein: ich würde mich nicht vor ihnen genieren. Und Sie, haben Sie die Güte, gefälligst hierher zu kommen, Sir.«

Mit diesen Worten nahm Sam seinen Herrn beim Arme und führte ihn fort, während die nebenbuhlerischen Journalisten von dem Wirt unter Aufsicht des Herrn Bob Sawyer und des Herrn Benjamin Allen nach verschiedenen Seiten hin in ihre Schlafzimmer gebracht wurden, wobei sie noch manche blutdürstige Drohungen ausstießen und vage Bestellungen auf einen tödlichen Zweikampf für den nächsten Tag machten. Bei weiterer Überlegung fiel es ihnen jedoch ein, daß sie ihren Kampf weit besser mit Druckerschwärze auskämpfen könnten: sie erneuerten daher ohne Verzug ihre Feindseligkeiten auf Tod und Leben und ganz Eatanswill staunte ob ihrer Kühnheit – auf dem Papier.

Sie waren am andern Morgen in der Frühe, jeder in einer besonderen Kutsche, abgereist, ehe die übrigen Passagiere sich regten, und da das Wetter sich nun wirklich aufgeklärt hatte, so wandte die Pickwicksche Reisegesellschaft aufs neue ihre Front der Stadt London zu.

 

  1. Das altberühmte große Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens und noch heute in England populärste Konversationslexikon.

Dreiundfünfzigstes Kapitel.


Dreiundfünfzigstes Kapitel.

Erzählt von einer wichtigen Veränderung in der Familie Weller und von dem frühzeitigen Sturze des rotnasigen Herrn Stiggins.

Herrn Pickwick erlaubte sein Zartgefühl nicht, Bob Sawyer oder Ben Allen dem jungen Paare vorzustellen, bevor er dasselbe gehörig zu ihrem Empfang vorbereitet hätte, und da er Arabellas Gefühle möglichst zu schonen wünschte, so machte er den Vorschlag, er und Sam sollten in der Nähe vom Georg und Geier absteigen, die beiden jungen Männer aber vor der Hand irgendwo anders ihre Quartiere nehmen. Dieser Vorschlag wurde bereitwillig angenommen und ausgeführt. Herr Ben Allen und Herr Bob Sawyer begaben sich in ein abgelegenes Bierhaus am äußersten Ende des Borough, wo ihre Namen schon früher sehr häufig an der Spitze langer und verwickelter Rechnungen, mit weißer Kreide geschrieben, hinter dem Schanktisch an der Tür zu lesen gewesen waren.

»Welche Überraschung, der Herr Weller!« rief das hübsche Hausmädchen, als ihr Sam an der Tür begegnete.

»Ja, das ist es auch, liebes Kind«, erwiderte Sam, etwas zurückbleibend, um seinen Herrn aus der Gehörweite kommen zu lassen. »Was für ein süßes, angenehmes Geschöpf Sie sind, Marie.«

»Aber, aber, Herr Weller; was schwatzen Sie doch für Unsinn«, sagte Marie. »Lassen Sie das, Herr Weller.«

»Was soll ich lassen, mein liebes Kind?« sagte Sam.

»Nun, eben das«, erwiderte das hübsche Hausmädchen. »Gehen Sie Ihres Weges.«

Mit dieser Mahnung stieß das hübsche Hausmädchen Sam lächelnd an die Wand und erklärte ihm, er habe ihr ihre Haube zerdrückt und ihr Haar ganz in Unordnung gebracht.

»Auch haben Sie mich gehindert, zu sagen, was ich wollte«, fügte sie hinzu. »Es liegt schon seit vier Tagen ein Brief für Sie da; Sie waren kaum eine halbe Stunde fort, als er kam, und auf der Adresse steht: ›Höchst eilig‹.«

»Wo ist er denn, meine Liebe?« fragte Sam.

»Ich habe ihn zu mir gesteckt, sonst wäre er ganz gewiß schon lange verlorengegangen«, erwiderte Marie. »Da ist er: es ist mehr, als Sie verdient haben.«

Mit diesen Worten und nach vielen artigen, kleinen, koketten Zweifeln, Befürchtungen und Wünschen, sie werde ihn doch nicht verloren haben, zog Marie den Brief hinter dem hübschesten und feinsten Musselinbusenstreif, den man sich denken kann, hervor und überreichte ihn Sam, der ihn mit ebenso vieler Galanterie als Innigkeit küßte.

»Ach, du meine Güte!« sagte Marie, den Busenstreif wieder zurecht drückend und sich stellend, als ob sie von nichts wüßte: »Sie scheinen sich ja auf einmal ganz darin verliebt zu haben.«

Herr Weller antwortete nur mit einem Blinzeln, von dessen eigentlicher voller Bedeutung keine Beschreibung auch nur den schwächsten Begriff geben könnte: dann setzte er sich neben Marie auf eine Fensterbank, erbrach den Brief und betrachtete seinen Inhalt.

»Hallo!« rief Sam; »was ist das?«

»Doch nichts Schlimmes?« fragte Marie, ihm über die Schultern sehend.

»Oh, Ihre Racker von Augen!« sagte Sam aufblickend.

»Kümmern Sie sich nicht um meine Augen: lesen Sie Ihren Brief«, sagte das hübsche Hausmädchen und ließ dabei ihre Augen so schalkhaft und schön blitzen, daß sie ganz unwiderstehlich waren.

Sam erfrischte sich mit einem Kuß und las wie folgt:

»Markis Gran. »By Dorken. »Mithewoch.

Mein liber Samele!

Es dut mier Sehr leith das ich daß vergnigen habe dir schlechte nachrichten fon deiner stiefmudder gäben zu müssen – sie hat sich verkeldet weil sie onforsichtiger weise im nasen Graß Im Regen saß um Einen schäfer zu Hören der erßt in der senkenden nacht aufhören konnte weil ehr sich mit Brandwein Und Wasser erhißt hadde und Sich nicht eher anhalden Konnte als biß er wieder ein bißgen nichtern Geworten wahr Was gar manche stunden weknam und der Dokter sagte wen Sie Gleich darauf warmmen Brandwein und waßer gedronken hette stadd vorhehr so hädde es ihr Nichts gedan ihre reder wurden Augenblücklich geschmiehrt und alles Gebraucht um sie wider in den gang zu brengen was Mann sich nur denken kan dein Vadder hadde hofnung sie werde sich wider Herausreisen wie gewenlich aber als sie wider um di ecke herumfuhr da kamm sie in dem falschen weg und rolte den Berg hennunter mit Einer geschwentigkeit wie mann noch nie gesehen had und droz dem das der Dokter sie kleich pesah, so half es doch alles nichts den sie bezalde am lezden schlagbaum 20. Minuten vor 6 Ur gestern abend und had also die krose reise weid under der gewenlichen zeit Gemacht waß vielleicht auch daher gekomen ist daß sie unterwegs Gar wennig gepäk eingenommen had dein vatter sagt wenn du komen wilst und mich Besuchen Sammi so wird er es als eine Grose Freide ansehen den ich ben so Gans allein Samel Nodabene er wird es dir schon Sagen das es recht wird und weil wir so vile denge mid einanter abzumachen haben so wird dein Brenzibal dir gewiß nichts in den weg Legen Sammi denn ich kene en besser und vermelte ihm Meinen resbegt und bin auf Ewig dein

Tony Weller.«

»Was für ein unbegreiflicher Brief!« sagte Sam: »wer kann aus diesen Geschichten allen klug werden? Auch ist es nicht meines Vaters Hand, sondern nur seine Unterschrift mit Kanzlei-Buchstaben. Die kenne ich.«

»Vielleicht hat er einen andern schreiben lassen und dann nur seinen Namen daruntergesetzt«, sagte das hübsche Hausmädchen.

»Warten Sie noch eine Minute«, versetzte Sam, den Brief noch einmal überlesend und dabei von Zeit zu Zeit innehaltend, um darüber nachzudenken. »Sie haben es erraten. Der Herr, der es geschrieben hat, hat das ganze Unglück gehörig erzählt, und dann ist mein Vater dazugekommen, hat ihm über die Achsel gesehen und den ganzen Handel dadurch verwirrt gemacht, daß er auch seinen Senf dazu gab. So macht er es immer. Sie haben ganz recht, liebe Marie.«

Nachdem er sich über diesen Punkt zufriedengestellt, überlas Sam den Brief noch einmal, und da er sich jetzt endlich einen klaren Begriff von seinem Inhalt zu bilden schien, sagte er schwermütig, als er ihn zusammenlegte:

»So ist also das arme Geschöpf tot! Es tut mir leid um sie. Sie war kein böses Weib; wenn nur die Schäfer sie in Frieden gelassen hätten. Ich bin recht betrübt darüber.«

Herr Weller äußerte diese Worte in einem so ernsthaften Tone, daß das hübsche Hausmädchen die Augen niederschlug und gleichfalls eine sehr ernsthafte Miene annahm.

»Und doch«, fuhr Sam fort, indem er den Brief mit einem leisen Seufzer in die Tasche steckte: »es hat einmal sein müssen, und nun es geschehen ist, läßt sich nimmer helfen, wie die alte Dame sagte, als sie ihren Diener geheiratet hatte – nicht wahr. Marie?«

Marie schüttelte den Kopf und seufzte ebenfalls.

»Ich muß meinen Herrn um Urlaub angehen«, sagte Sam.

Marie seufzte abermals – der Brief war so gar rührend.

»Adieu!« sagte Sam.

»Adieu!« erwiderte das hübsche Hausmädchen, den Kopf abwendend.

»Sie werden mir zum Abschied doch eine Hand geben?« sagte Sam.

Das hübsche Hausmädchen reichte ihm eine Hand, die, obwohl die Hand eines Hausmädchens, dennoch eine sehr kleine Hand war, und stand auf, um zu gehen.

»Ich werde nicht sehr lange fortbleiben«, sagte Sam.

»Ach, Sie sind immer fort«, erwiderte Marie, ihren Kopf ein ganz klein wenig emporwerfend. – »Kaum kommen Sie, Herr Weller, so gehen Sie schon wieder.«

Herr Weller zog die Haushaltungsschönheit näher an sich und knüpfte ein flüsterndes Gespräch mit ihr an, das noch nicht lange gedauert hatte, als sie ihr Gesichtchen umwendete und sich herabließ, ihn wieder anzublicken. Als sie sich trennten, war es auf irgendeine Art unumgänglich notwendig für sie geworden, auf ihr Zimmer zu gehen und ihre Haube und Locken zu ordnen, bevor sie daran denken konnte, sich ihrer Gebieterin zu zeigen, und als sie zu dieser Tätigkeit die Treppe hinauftrippelte, beglückte sie Sam noch mit manchem Gruß und Lächeln über das Geländer hinab.

»Ich werde nicht länger als einen oder höchstens zwei Tage ausbleiben, Sir«, sagte Sam, nachdem er Herrn Pickwick mit dem Verlust bekannt gemacht, den sein Vater erlitten.

»So lange du es für nötig findest, Sam«, erwiderte Herr Pickwick. »Du hast unbeschränkte Erlaubnis.«

Sam verbeugte sich.

»Sag‘ deinem Vater, Sam, wenn ich ihm in seiner gegenwärtigen Lage auf irgendeine Art von Nutzen sein könne, so sei ich von Herzen gern bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften steht«, setzte Herr Pickwick hinzu.

»Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Sam. »Ich werd’s melden, Sir.«

Unter solchen und ähnlichen Äußerungen gegenseitiger Geneigtheit und gegenseitiger Teilnahme trennten sich Herr und Diener.

Es war gerade sieben Uhr, als Samuel Weller vom Bock einer Postkutsche, die durch Dorking kam, einige hundert Schritte vom Marquis von Granby entfernt, abstieg. Der Abend war kalt und trübe, die kleine Straße sah düster und traurig aus, und das mahagonifarbige Gesicht des edlen und tapferen Marquis schien einen finstereren und melancholischeren Ausdruck zu haben als sonst, indem es wehmütig knarrend vom Winde hin und her geworfen wurde. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen, die Läden teilweise geschlossen; von dem Haufen Müßiggänger, die sich gewöhnlich an der Tür versammelten, war keine Spur zu sehen, und der Platz stand öde und verlassen.

Da Sam niemand erblickte, an den er einige vorläufige Fragen hätte richten können, so ging er sachte ins Haus, schaute sich um und fand schließlich rasch seinen Vater.

Der Witwer saß in dem kleinen Zimmer hinter dem Schanktisch an einem besonderen runden Tischchen, rauchte eine Pfeife und starrte mit unverwandtem Blick ins Feuer. Offenbar hatte das Begräbnis erst an diesem Tage stattgefunden; denn an seinem Hut, den er auf dem Kopfe behielt, hing ein etwa anderthalb Ellen langes Trauerband, das nachlässig über die Stuhllehne herabwallte.

Herr Weller war offenbar in sehr tiefe Betrachtungen versunken, denn obgleich Sam ihn mehrere Male beim Namen rief, so fuhr er doch mit demselben starren und ruhigen Gesichte zu rauchen fort, und blickte erst auf, als ihm sein Sohn endlich die flache Hand auf die Schulter legte.

»Sammy!« rief Herr Weller; »sei mir willkommen!«

»Ich habe Euch schon einhalbdutzendmal gerufen«, sagte Sam, seinen Hut an einen Nagel hängend; »aber Ihr hörtet mich ja gar nicht.«

»Nein, Sam, ich habe dich nicht gehört«, erwiderte Herr Weller und sah aufs neue gedankenschwer ins Feuer. »Ich war ganz in eine Träumerei versunken, Sammy.«

»Worüber habt Ihr denn so nachgesonnen?« fragte Sam, seinen Stuhl ans Feuer rückend.

»Ich habe an sie gedacht, Sammy«, erwiderte Herr Weller senior und warf seinen Kopf in der Richtung nach dem Dorkinger Kirchhof empor, als stumme Erklärung, daß seine Worte sich auf die selige Frau Weller bezögen.

»Ich dachte eben daran, Sammy«, fuhr Herr Weller fort, indem er seinen Sohn mit großem Ernst über seine Pfeife hinaus anblickte, als wollte er ihn versichern, daß seine Worte, so außerordentlich unglaublich sie auch klingen möchten, doch ruhig und mit gutem Bedacht erwogen seien: »ich habe eben daran gedacht, Sammy, daß es mir im ganzen sehr leid tut, daß sie abgefahren ist.«

»Das gebührt sich auch für Euch«, erwiderte Sam.

Herr Weller nickte zustimmend, senkte seinen Blick zum Feuer herab, hüllte sich in eine Wolke und versank aufs neue in tiefes Nachdenken. Nach einer langen Pause vertrieb er den Rauch mit der Hand und sagte:

»Ach, sie hat noch so gescheit gesprochen, Sammy.«

»Was hat sie denn gesprochen?« fragte Sam.

»Ich meine bloß das, was sie in ihrer Krankheit gesagt hat«, erwiderte der alte Herr.

»Und was denn?«

»Das will ich dir jetzt erzählen. ›Weller‹, sagte sie, ›ich fürchte, ich habe nicht ganz so an dir gehandelt, wie ich hätte handeln sollen: du bist ein sehr guter Mann, und ich hätte dir dein Haus angenehmer machen sollen. Jetzt, da es zu spät ist, fange ich an, einzusehen, wenn eine verheiratete Frau fromm zu sein wünscht, so soll sie damit anfangen, ihre häuslichen Pflichten zu erfüllen und die, welche um sie sind, glücklich und fröhlich zu machen. Sie kann zwar wohl in die Kirche oder Kapelle oder was weiß ich alles gehen, aber sie soll dieses nicht als Entschuldigung für Müßiggang, für eigennützige Absichten oder etwas noch Schlimmeres verwenden. Ich habe das getan und habe Zeit und Vermögen an solche verschwendet, die es noch mehr getan haben als ich. Aber ich hoffe, wenn ich nicht mehr sein werde, Weller, so wirst du an mich denken, wie ich war, ehe ich diese Leute kennenlernte, und wie ich eigentlich von Natur gewesen.‹ – ›Susanne‹, sagte ich, denn ich war sehr angegriffen, Samuel: ich kann’s nicht leugnen, mein Junge – ›Susanne‹, sagte ich, ›du bist mir ein sehr gutes Weib gewesen, deswegen sprich nichts von alledem und sei guten Muts, mein Schatz: du wirst es gewiß noch erleben, daß ich diesem Stiggins den Kopf entzweischlage.‹ Sie lächelte darüber, Samuel«, fuhr der alte Herr fort, einen Seufzer durch seine Pfeife erstickend, »aber hernach starb sie.«

»Nun gut«, sagte Sam, der es nach drei oder vier Minuten, während denen der alte Herr beständig langsam den Kopf hin und her gewiegt und feierlich geraucht hatte, endlich wagte, mit einem kleinen Trostgrunde hervorzurücken: »Seht Ihr, Vater, wir müssen alle mal sterben, der eine früher, der andere später.«

»Ja, das müssen wir alle, Sammy«, sprach Herr Weller senior

»Die Vorsehung hat es einmal so eingerichtet«, sagte Sam.

»Ja, ja«, versetzte sein Vater mit ernstem Beifallsnicken. »Was würde denn sonst aus den Totengräbern werden, Sammy?«

Verloren in dem durch diese Betrachtungen eröffneten unermeßlichen Feld der Vermutungen, legte Herr Weller senior seine Pfeife auf den Tisch und schürte mit nachdenklichem Gesicht das Feuer.

Während der alte Herr damit beschäftigt war, trat eine wohlbeleibte Köchin in Trauerkleidung, die bisher in der Schenkstube beschäftigt gewesen war, ins Zimmer, nickte Sam zum Zeichen der Erkennung mehrere Male freundlich zu, stellte sich schweigend hinter seines Vaters Stuhl und kündigte ihre Anwesenheit durch ein leises Husten an, welchem, als es unbeachtet blieb, ein lauteres nachfolgte.

»Hallo«, sagte Herr Weller senior, indem er das Schüreisen fallen ließ, als er um sich schaute und hastig mit dem Stuhle wegrückte. »Was gibt’s?«

»Trinken Sie doch eine Tasse Tee, mein lieber Herr«, erwiderte das wohlbeleibte Frauenzimmer in schmeichelndem Tone.

»Ich mag nicht«, versetzte Herr Weiler in barschem Tone. »Ich wollte, Ihr wäret« – hier hielt Herr Weiler plötzlich inne und fügte in leisem Tone hinzu – »wo der Pfeffer wächst.«

»Ach du meine Güte! Wie doch das Unglück die Leute verändert!« sagte das Frauenzimmer emporblickend.

»Ja, das ist’s«, murmelte Herr Weller: »das Unglück ist der einzige Doktor, der meine Lage verändert.«

»Ich habe in meinem Leben nie einen so übellaunischen Mann gesehen«, sagte das wohlbeleibte Frauenzimmer.

»Doch was brauche ich mich zu betrüben«, fuhr der alte Herr fort; »es ist ja bloß zu meinem Besten, mit welcher Betrachtung der reuige Schulknabe seinen Kummer beschwichtigte, als er ausgepeitscht wurde.«

Das wohlbeleibte Frauenzimmer schüttelte mit mitleidig-teilnahmsvoller Miene den Kopf und berief sich auf Sam, ob sein Vater nicht wirklich sich zusammennehmen und gegen diese Niedergeschlagenheit ankämpfen solle.

»Sie sehen selbst, Herr Samuel«, sagte sie, »wie ich ihm schon gestern bemerkte, er wird sich einsam fühlen, und das kann er nicht ertragen: aber er sollte sich wieder ein Herz fassen, Sir; denn wahrhaftig, wir bedauern ihn alle wegen seines Verlustes und werden ihm gern alles zulieb tun. Es ist ja keine Lage im Leben so schlimm, Herr Samuel, daß sie nicht verbessert werden könnte, wie eine sehr würdige Person zu mir sagte, als mein seliger Mann starb.«

Hier hielt sich die Sprecherin die Hand vor den Mund, hustete abermals und blickte Herrn Weller senior liebreich an.

»Ich mag jetzt Ihr Geschwätz nicht haben. – Wollen Sie wohl so gut sein, uns allein zu lassen?« fragte Herr Weller mit ernster, fester Stimme.

»Ach du lieber Gott, Herr Weller«, sagte das beleibte Frauenzimmer; »ich habe ja nur aus christlicher Liebe so gesprochen.«

»Ja, das glaube ich«, versetzte Herr Weller. »Samuel, zeig ihr den Weg und mach die Tür hinter ihr zu.«

Das wohlbeleibte Frauenzimmer verstand diesen Wink, ging schnell hinaus und machte selbst die Tür hinter sich zu, worauf Herr Weller senior, dem große Schweißtropfen auf der Stirn standen, sich in seinen Stuhl zurückwarf und sagte:

»Sammy, wenn ich hier noch eine Woche allein bliebe – nur noch eine Woche, mein Junge – so würde mich dieses Weibsbild noch vor Ablauf derselben mit aller Gewalt heiraten.«

»Hm, ist sie denn so gar verliebt in Euch?« fragte Sam.

»Ach, was verliebt!« antwortete sein Vater. »Ich kann sie nun einmal nicht fern von mir halten. Wenn ich mich in einen feuerfesten Kasten mit einem Patentschloß einsperren würde, sie würde Mittel und Wege finden, an mich heranzukommen, Sammy.«

»Das ist ja etwas ganz Herrliches, wenn man so begehrt wird«, bemerkte Sam lächelnd.

»Ich bilde mir nichts darauf ein, Sammy«, erwiderte Herr Weller, heftig das Feuer schürend: »es ist eine schauderhafte Lage. Man vertreibt mich von Haus und Hof. Kaum war deiner armen Stiefmutter der Atem ausgegangen, so schickt mir so ein altes Weib einen Topf mit Marmelade, eine andere einen Krug mit Gelee, und noch eine andere kocht mir eine großmächtige Kanne voll Kamillentee und bringt sie mir höchsteigenhändig.«

Herr Weller pausierte ein wenig mit mannigfachen Zeichen tiefer Entrüstung, blickte dann umher und setzte flüsternd hinzu:

»Es waren lauter Witwen, Sammy, eine wie die andere; nur die Kamillenteefrau nicht – das war eine unverheiratete junge Dame von dreiundfünfzig Jahren.«

Sam antwortete nur mit einem schalkhaften Lächeln, und der alte Herr, nachdem er ein hartnäckiges Stück Kohle voll ernster Empörung zerschlagen hatte, als wäre diese Kohle der Kopf einer dieser Witwen, fuhr also fort:

»Kurz und gut, Sammy, ich fühle, daß ich nirgends sicher bin als auf dem Bock.«

»Und warum meint Ihr da sicherer zu sein, als sonstwo?« unterbrach ihn Sam.

»Weil ein Kutscher ein privilegiertes Individuum ist«, erwiderte Herr Weller, seinen Sohn fest ansehend. »Weil ein Kutscher, ohne Argwohn zu erregen, viel tun kann, was andere Leute nicht tun können; weil ein Kutscher auf achtzig Meilen Weges mit allen Frauenzimmern auf dem freundschaftlichsten Fuße stehen kann, ohne daß es einem Menschen einfällt, er wolle eine davon heiraten. Welcher andere Mann kann das sagen, Sammy?«

»Ja, es ist etwas daran«, sagte Sam.

»Wäre dein Herr ein Kutscher gewesen«, meinte Herr Weller weiter; »glaubst du, die Jury würde ihn dann verurteilt und die Sachen so zum äußersten haben kommen lassen? Ganz gewiß nicht!«

»Warum nicht?« sagte Sam verächtlich.

»Warum nicht?« versetzte Herr Weller; »weil es gegen ihr Gewissen gewesen wäre. Ein ordentlicher Kutscher ist eine Art Verbindungsglied zwischen dem ledigen und dem ehelichen Stande, und das weiß jeder praktische Mann.«

»Ihr meint also, die Kutscher seien überall der Hahn im Korbe, und es falle den Frauenzimmern nicht ein, sich an sie zu halten?«

Sein Vater nickte.

»Wie das so gekommen ist«, fuhr Vater Weller fort, »kann ich nicht sagen; aber es ist einmal so. Ein Kutscher, der seine bestimmten Stationen fährt, besitzt soviel liebenswürdige Eigenschaften, daß stets alle jungen Frauenzimmer in jeder Stadt, durch die er kommt, ihm nachsehen und – ich möchte fast sagen – ihn anbeten: ich weiß selbst nicht warum, denn ich weiß nur, daß es so ist. Es muß der Naturlauf so sein – eine Fügung, ein Dispensarium, wie deine selige Mutter zu sagen pflegte.«

»Eine Disposition«, sagte Sam, den alten Herrn verbessernd.

»Ganz recht, Samuel, eine Dispensition, wenn du lieber willst«, erwiderte Herr Weller: »ich sage einmal Dispensarium, und es ist überall so geschrieben an all den Arten, wo man umsonst Arzneien bekommt und bloß eine Flasche mitbringen muß; weiter sage ich nichts.«

Mit diesen Worten stopfte Herr Weller seine Pfeife aufs neue, zündete sie an, gab seinem Gesicht abermals einen gedankenvollen Ausdruck und fuhr also fort:

»Darum also, mein Junge, weil ich es nicht für ratsam ansehe, hier zu bleiben und zu heiraten, ich mag wollen oder nicht, und weil ich mich von diesen interessanten Mitgliedern der Gesellschaft nicht ganz und gar trennen möchte, habe ich den Entschluß gefaßt, wiederum mit meiner alten Kutsche zu fahren und mein Quartier abermals im Bell-Savage aufzuschlagen, das mein väterliches und angeborenes Element ist.«

»Was soll aber hier aus dem Geschäft werden?« fragte Sam.

»Das Geschäft, Samuel?« erwiderte der alte Gentleman, »das Haus und alles, was niet- und nagelfest ist, wird durch einen Privatkontrakt verkauft, und von dem Kaufgeld werden nach dem Wunsch deiner Stiefmutter, den sie ganz kurz vor ihrem Tode ausdrückte, zweihundert Pfund für dich angelegt, in den – wie heißt man doch diese Dinger –«

»Was für Dinger«, fragte Sani.

»Die Dinger, die in der City immer auf und ab fahren.«

»Omnibus?« meinte Sam.

»Unsinn!« erwiderte Herr Weller. »Die Dinger, die immer so schwanken und sich auf alle mögliche Arten mit der Nationalschuld und den Schatzkammerscheinen und all den Geschichten vermischen.«

»Ah so, die Fonds?« sagte Sam.

»Richtig, ja«, meinte Herr Weller: »die Fonds; zweihundert Pfund von dem Geld sollen für dich in den Fonds angelegt werden, Samuel, in Obligationen zu viereinhalb Prozent.«

»Sehr viel Güte von der alten Dame, daß sie an mich gedacht hat«, sagte Sam. »Ich bin ihr sehr verbunden.«

»Der Rest wird auf meinen Namen angelegt«, fuhr der ältere Herr Weller fort, »und wenn ich einmal von der Heerstraße abberufen werde, so fällt er auch an dich. Darum, mein Junge, bring nur nicht alles auf einmal durch und nimm dich in acht, daß keine Witwe aufspürt, du habest Vermögen, denn sonst bist du verloren.«

Nach dieser väterlichen Warnung nahm Herr Weller mit vergnügterem Gesichte seine Pfeife wieder zur Hand, indem die Auseinandersetzung dieser Dinge offenbar sein Herz bedeutend erleichtert hatte.

»Es klopft jemand an die Tür«, sagte Sam.

»Laß ihn nur klopfen«, versetzte sein Vater mit Würde.

Sam befolgte die Weisung: aber es wurde zum zweiten- und drittenmal geklopft. Das Klopfen schien gar nicht mehr aufhören zu wollen, und nun fragte Sam, warum der Klopfende nicht hereingelassen werde?

»Still still!« flüsterte Herr Weller mit ängstlichen Blicken: »nimm nur gar keine Notiz davon: vielleicht ist es eine von den Witwen.«

Da also keine Notiz von dem Klopfen genommen wurde, so wagte es der ungesehene Gast nach kurzer Pause, die Tür zu öffnen und hereinzusehen. Es war kein Weiberkopf, der sich zu der teilweise geöffneten Tür hereinsteckte, sondern die langen schwarzen Locken und das rote Gesicht des Herrn Stiggins. Herrn Weller fiel die Pfeife aus der Hand.

Der ehrwürdige Gentleman öffnete beinahe unmerklich allmählich die Tür, bis die Öffnung weit genug war, um seinen langen Leib hereinzulassen, worauf er ins Zimmer schlüpfte und es mit großer Sorgfalt sehr sachte verschloß. Er wandte sich sofort gegen Sam, hob zum Zeichen seiner unaussprechlichen Bekümmernis über den Unglücksfall, der die Familie betroffen, Hände und Augen empor, rückte den hochlehnigen Stuhl in seinen alten Winkel am Kamin, setzte sich auf die Ecke desselben, zog ein braunes Taschentuch hervor und hielt es an seine Augen.

Während dies vorging, hatte sich Herr Weller senior mit weit aufgerissenen Augen seine Hände auf die Knie gestemmt und mit einem Gesicht, da« grenzenlosestes und überwältigendstes Erstaunen ausdrückte, in seinen Stuhl zurückgelehnt. Sam saß ihm stumm gegenüber und wartete mit brennender Neugier den weiteren Verlauf der Sache ab.

Herr Stiggins hielt sich sein braunes Taschentuch mehrere Minuten lang vor die Augen, stöhnte zu verschiedenen Malen recht herzlich, bemeisterte aber endlich durch eine gewaltige Kraftanstrengung seine Gefühle, steckte das Tuch ein und knöpfte seinen Rock auf. Danach schürte er das Feuer, rieb sich sodann die Hände und blickte Sam an.

»Ach, mein junger Freund!« sagte Herr Stiggins, mit sehr leiser Stimme das Stillschweigen unterbrechend; »hier ist Trauer und Betrübnis eingetreten.«

Sam nickte ein ganz klein wenig.

»Auch für den Mann des Zorns!« fügte Herr Stiggins hinzu: »sie macht das Herz eines Auserwählten bluten.«

Sam hörte seinen Vater etwas murmeln, als ob er Lust hätte, die Nase eines Auserwählten bluten zu machen; Herr Stiggins aber hörte nichts davon.

»Wissen Sie nicht, junger Mann«, flüsterte Herr Stiggins, seinen Stuhl näher zu Sam rückend, »ob sie dem Immanuel etwas vermacht hat?«

»Wer ist das?« fragte Sam.

»Die Kapelle«, erwiderte Herr Stiggins: »unserer Kapelle, unserer Herde, Herr Samuel.«

»Sie hat dem Pferch nichts vermacht und dem Schäfer auch nichts und den Tieren darin ebensowenig; nicht einmal den Hunden hat sie etwas vermacht.«

Herr Stiggins blickte Sam verschmitzt an, warf einen Seitenblick auf den alten Herrn, der mit geschlossenen Augen dasaß, als ob er schliefe, rückte sodann seinen Stuhl immer näher und sagte:

»Auch mir nichts, Herr Samuel?«

Sam schüttelte den Kopf.

»Ich sollt doch denken, etwas«, sagte Stiggins, so blaß werdend, wie er nur konnte. »Besinnen Sie sich, Herr Samuel: nicht einmal ein kleines Andenken?«

»Nicht einmal soviel, wie Ihr alter Schirm da wert ist«, erwiderte Sam.

»Aber vielleicht«, fuhr Herr Stiggins nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens zögernd fort: »vielleicht hat sie mich dem Manne des Zornes zur Fürsorge empfohlen, Herr Samuel?«

»Nach allem, was er mir gesagt hat, könnte es sehr wohl sein«, antwortete Sam; »er hat soeben von Ihnen gesprochen.«

»Wirklich?« rief Stiggins aufstrahlend. »Ah, gewiß ist eine Änderung mit ihm vorgegangen. Wir können jetzt ganz angenehm miteinander leben; nicht wahr, Herr Samuel? Ich würde für seine Sachen sorgen, solange Sie fort sind – und ganz gewiß gut sorgen.«

Herr Stiggins stieß einen tief hervorgeholten Seufzer aus, schwieg und erwartete eine Antwort. Sam nickte, Herr Weller senior aber gab einen ganz außerordentlichen Ton von sich, einen Ton, der weder ein Seufzer, noch ein Gestöhne, weder ein Grunzen, noch ein Geknurr war, sondern von allen vieren etwas zu haben schien.

Stiggins deutete diesen Ton als ein Zeichen der Reue oder Gewissensangst, blickte ermutigt umher, rieb sich die Hände, weinte, lächelte, weinte wieder. Dann aber ging er sachte durch das Zimmer nach dem ihm wohlbekannten Schranke in der Ecke, nahm ein Glas herunter und warf mit großem Bedacht vier Stücke Zucker hinein. Hierauf blickte er abermals um sich, stöhnte jämmerlich, ging sachte hinaus in die Speisekammer, füllte das Glas mit Ananasrum, kam schnell zurück, trat an den Kessel, der lustig über dem Feuer sprudelte, mischte seinen Grog, rührte um, schlürfte, setzte sich, nahm sofort einen langen herzlichen Zug von dem Rum mit Wasser und hielt darauf an, um zu verschnaufen.

Herr Weller senior, der bis jetzt immer noch verschiedene, seltsame und wunderliche Versuche machte, sich schlafend zu stellen, sprach bei alledem kein Wort. Als aber Herr Stiggins innehielt, um Atem zu schöpfen, stürzte er auf ihn zu, riß ihm das Glas aus der Hand, schüttete ihm den Rest ins Gesicht und schleuderte das Glas in den Kamin. Zugleich packte er den ehrwürdigen Gentleman fest am Kragen und machte sich daran, ihn wütend durchzuprügeln und mit den Füßen zu zerstampfen, wobei er jeden Stoß seiner Stulpenstiefel mit verschiedenen heftigen und unzusammenhängenden Flüchen auf Herrn Stiggins Gliedmaßen, seine Augen und seinen Leib begleitete.

»Sammy!« rief Herr Weller: »drück mir den Hut fest auf den Kopf.

Sam drückte als ein gehorsamer Sohn seinem Vater den Hut mit dem langen Bande fester auf den Kopf. Darauf hämmerte der alte Gentleman mit neuer Munterkeit auf Herrn Stiggins los, trieb ihn durch das ganze Zimmer, durch den Gang, zur Haustür hinaus und auf die Straße. Dabei nahm seine Wut während der ganzen Aktion eher zu als ab, und er ward immer grimmiger, so oft er seinen Stulpenstiefel aufhob.

Es war ein schöner, erheiternder Anblick, den rotnasigen Mann in Herrn Wellers Griffen sich winden und seine ganze Gestalt vor Angst zittern zu sehen, während in rascher Reihenfolge Schlag auf Schlag fiel. Noch herrlicher aber war es anzuschauen, wie Herr Weller unter gewaltigem Widerstande Herrn Stiggins Kopf in einen vollen Pferdetrog tunkte und ihn solange unter dem Wasser hielt, bis er halb erstickt war.

»So!« sagte Herr Weller, seine ganze Energie in einen höchst konzentrierten letzten Fußtritt legend, als er Herrn Stiggins endlich mit dem Kopfe wieder aus dem Trog hervorkommen ließ; »jetzt schick‘ mir noch einen von diesen müßiggängerischen Schäfern daher, ich will ihn zu Brei zusammendrücken und nachher ersäufen. Sammy, hilf mir herein und reiche mir ein Gläschen Branntwein. Ich bin ganz echauffiert, mein Junge.«

 

Vierundfünfzigstes Kapitel


Vierundfünfzigstes Kapitel

Enthält das endliche Abtreten des Herrn Jingle und Job Trotter nebst einem großen Geschäftsmorgen in Gray’s Inn Square. Es schließt mit einem doppelten Klopfen an Herrn Perkers Tür.

Als Arabella nach manchen zarten Vorbereitungen und vielen Versicherungen, daß durchaus kein Grund da sei, den Mut sinken zu lassen, von Herrn Pickwick das unbefriedigende Resultat seines Besuches in Birmingham erfahren hatte, brach sie in Tränen aus und klagte laut schluchzend in beweglichen Ausdrücken, daß sie die unglückselige Ursache einer Entfremdung zwischen Vater und Sohn sei.

»Mein liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich, »es ist nicht Ihre Schuld. Man konnte unmöglich voraussehen, daß der alte Herr so übel auf die Heirat seines Sohnes zu sprechen sein würde. Gewiß«, fügte er hinzu, indem er Arabella in das hübsche Gesichtchen schaute; »gewiß hat er nicht die entfernteste Vorstellung von dem Vergnügen, dessen er sich selbst beraubt.«

»Ach, mein teurer Herr Pickwick«, sagte Arabella: »was sollen wir tun, wenn er fortfährt, uns zu zürnen?«

»Nun, warten Sie es nur mit Geduld ab, liebes Kind, bis er besser von der Sache denkt«, erwiderte Herr Pickwick vergnügt.

»Aber, mein teurer Herr Pickwick, was soll aus Nathaniel werden, wenn sein Vater die Hand von ihm abzieht?« drängte Arabella.

»Für diesen Fall, meine Liebe«, versetzte Herr Pickwick, »will ich zu prophezeien wagen, daß er schon irgendeinen Freund finden wird, der ihm mit Vergnügen dazu hilft, es in der Welt zu etwas zu bringen.«

Der Sinn dieser Antwort war von Herrn Pickwick nicht so verschleiert gegeben, daß ihn Arabella nicht hätte verstehen können. Sie warf ihre Arme um seinen Nacken, küßte ihn zärtlich und schluchzte noch lauter als zuvor.

»Nur Mut!« sagte Herr Pickwick, ihre Hand ergreifend; »wir wollen hier noch einige Tage verweilen und sehen, ob er schreibt oder den Brief Ihres Mannes in einem andern Lichte auffaßt. Wo nicht, so habe ich schon ein Dutzend Pläne ausgesonnen, von denen jeder einzelne zu Ihrem Glücke führen muß. Beruhigen Sie sich nur, meine Liebe.«

Mit diesen Worten drückte Herr Pickwick freundlich Arabellas Hand und bat sie, ihre Augen zu trocknen und ihrem Mann keinen Kummer zu machen. Arabella, eines der besten Geschöpfe, die je gelebt haben, steckte auch wirklich ihr Taschentüchlein in ihren Pompadour, und als Herr Winkle zu ihnen kam, zeigte sie ihm in vollem Glanz dasselbe strahlende Lächeln und dieselben funkelnden Augen, die gleich im Anfang sein Herz gefesselt hatten.

»Die jungen Leute befinden sich doch in einer peinlichen Lage«, dachte Herr Pickwick, als er sich am folgenden Morgen ankleidete. »Ich will zu Perker gehen und ihn über die Sache um Rat fragen.«

Da Herr Pickwick noch einen andern sehnlichen Wunsch hatte, der ihn nach dem Grays Inn Square trieb, nämlich unverzüglich mit dem freundlichen kleinen Anwalt ein finanzielles Geschäft abzuwickeln, so nahm er in aller Geschwindigkeit ein Frühstück ein und führte seine Absicht so schleunig aus, daß es noch nicht zehn Uhr geschlagen hatte, als er Grays Inn erreichte.

Es fehlten noch zehn Minuten bis zehn Uhr, als er die Treppe hinaufgestiegen war, bei deren Stockwerk sich Perkers Zimmer befanden. Die Schreiber waren noch nicht da, und er vertrieb sich die Zeit mit Hinaussehen aus dem Treppenfenster.

Das gesunde Licht eines schönen Oktobermorgens machte sogar die trüben alten Häuser etwas erglänzen. Einige der staubbedeckten Fenster sahen wirklich lustig aus, als die Sonnenstrahlen sie anglühten; Schreiber um Schreiber eilten durch den einen oder andern Eingang in das Haus, blickten auf die Uhr der Halle und beschleunigten oder mäßigten ihre Art zu gehen je nach der Zeit, zu der ihre Kanzleistunden begannen. Die auf halb zehn Uhr bestimmten Leute schlugen plötzlich einen sehr raschen Schritt an, die auf zehn Uhr bestimmten Gentlemen wandelten mit höchst aristokratischer Gelassenheit einher. Es schlug zehn Uhr, und die Schreiber strömten schneller als je herein, immer einer in größerem Schritt als der andere. Das Geräusch des Schließens und Öffnens der Türen hallte von allen Seiten wider. Köpfe erschienen wie durch einen Zauberschlag an jeglichem Fenster; die Portiers stellten sich für das Heute auf ihre Posten; die Reinmachefrauen in ihren abgetretenen Schuhen eilten davon; der Briefträger rannte von Haus zu Haus, und der ganze juristische Bienenschwarm war in geschäftiger Aufregung.

»Sie kommen früh, Herr Pickwick«, sagte eine Stimme hinter ihm.

»Ah, Herr Lowten!« erwiderte dieser Gentleman, um sich blickend und seinen alten Bekannten erkennend.

»Köstlich warm heute«, sagte Lowten, indem er einen Bramahschlüssel mit einem kleinen Stöpsel darin, um ihn vom Staub rein zu halten, aus der Tasche zog.

»Ihnen scheint es wenigstens so zu sein«, versetzte Herr Pickwick, dem Schreiber, der wirklich feuerrot war, zulächelnd.

»Ich komme aber auch weit her, kann ich Ihnen sagen«, erwiderte Lowten. »Ich habe eine ganze halbe Stunde durch das Polygon gebraucht. Doch bin ich noch vor ihm hier, und das freut mich.«

Mit diesem Gedanken sich tröstend, zog Herr Lowten den Stöpsel aus dem Hausschlüssel, öffnete die Tür, verstöpselte und steckte seinen Bramah wieder ein, nahm die Briefe, die der Briefträger in den Kasten geworfen hatte und führte Herrn Pickwick ins Amtszimmer. Hier legte er hastig seinen Rock ab, zog eine fadenscheinige Jacke an, die er aus einem Kasten nahm, holte ein paar Bogen Schreib- und Löschpapier in abwechselnden Schichten hervor, steckte eine Feder hinter sein Ohr und rieb sich mit sehr vergnügtem Gesichte die Hände.

»Sehen Sie, Herr Pickwick«, sagte er; »jetzt bin ich fertig. Ich habe meinen Arbeitskittel angezogen, meine Schreibmaterialien in Bereitschaft gesetzt, und nun kann er kommen, sobald er mag. Haben Sie nicht vielleicht eine Prise Tabak bei sich?«

»Nein«, antwortete Herr Pickwick.

»Das tut mir leid«, sagte Lowten. »Doch gleichviel – ich will geschwind fortrennen und eine Flasche Sodawasser holen. Sehe ich nicht etwas sonderbar um die Augen herum aus, Herr Pickwick?«

Herr Pickwick betrachtete Herrn Lowtens Augen aus einiger Entfernung und meinte, es sei durchaus nichts Auffallendes daran zu sehen.

»Das freut mich«, sagte Lowten. »Wir waren gestern nacht ziemlich lange in der Elster, und es ist mir diesen Morgen nicht ganz geheuer. – Beiläufig gesagt, Perker hat das Geschäft für Sie zustande gebracht.«

»Welches Geschäft?« fragte Herr Pickwick – »die Kostensache für die Bardell?«

»Nein, das meine ich nicht«, erwiderte Lowton, »sondern wegen des Burschen, für den wir auf Ihre Rechnung zehn Schilling vom Pfund bezahlten, um ihn, wie Sie wissen, aus dem Fleet zu befreien und nach Demerara zu schaffen.«

»Ah so, Herr Jingle«, sagte Herr Pickwick hastig: »wie ging’s?«

»Ist alles in Ordnung«, versetzte Lowten, seine Feder ausbessernd. »Der Agent in Liverpool sagte, Sie haben ihm, als Sie dort in Geschäften gewesen, so viele Gefälligkeiten erwiesen, daß er ihn auf Ihre Empfehlung sehr gern annehme.«

»Nun, das freut mich«, sagte Herr Pickwick.

»Aber der andere«, fuhr Lowten fort, die Rückseite seiner Feder22 vorläufig schabend, um einen frischen Schlitz zu machen, »was der für ein empfindsamer Kerl ist.«

»Welcher andere?«

»Je nun, der Diener oder Freund, oder was er ist – Sie wissen ja schon: der Trotter.«

»Ah, so«, sagte Herr Pickwick mit einem Lächeln. »Den habe ich immer für sein wahres Gegenstück gehalten.«

»Ich auch: und ich hatte es bloß aus dem wenigen geschlossen, was ich von ihm sah«, erwiderte Lowten: »aber da sieht man, wie man sich in den Menschen irren kann. Was halten Sie davon, daß er ebenfalls nach Demerara geht?«

»Wie? – Und er macht keinen Gebrauch von dem, was ich ihm hier angeboten habe?« rief Herr Pickwick.

»Perkers Angebot von achtzehn Schilling wöchentlich mit der Aussicht auf mehr, wenn er sich gut anstellte, machte durchaus keinen Eindruck auf ihn«, erwiderte Lowten. »Er sagte, er müsse mit dem andern gehen. Sie überredeten Perker, noch einmal zu schreiben, und nun ist er auch dort untergebracht, wo er es, sagt Herr Perker, nicht halb so gut hat, wie es ein Verbrecher in Neusüdwales haben würde, wenn er in einem neuen Anzug vor Gericht erscheint.«

»Ein närrischer Kerl«, sagte Herr Pickwick mit funkelnden Augen; »wirklich, ein ganz närrischer Kerl.«

»O, es ist noch mehr als närrisch: es ist geradezu heillos, müssen Sie wissen«, versetzte Lowten mit verachtungsvollem Gesicht, seine Feder spitzend. »Er sagt, dies sei der einzige Freund, den er je gehabt: deswegen könne er auch nicht von ihm lassen, und solches Zeug. Die Freundschaft mag immerhin eine recht schöne Sache sein. Wir zum Beispiel sind in Stumpf und Elster alle recht freundschaftlich und vergnügt bei unserm Grog. Jeder zahlt für sich selbst, aber der Teufel sollte einen holen, wenn man sich wegen eines andern etwas versagen müßte. Der Mensch sollte eigentlich nie mehr als zwei Neigungen haben – die erste zu Nummer 1, das heißt zu sich selbst, und die zweite zu den Frauenzimmern: damit basta!«

Herr Lowten schloß mit einem lauten, halb lustigen und halb höhnischen Gelächter, das jedoch schnell abgebrochen wurde durch das Geräusch von Perkers Fußtritten auf der Treppe, bei dessen Nahen er sich mit der merkwürdigsten Behendigkeit auf seinen Stuhl schwang und eifrig schrieb.

Die Begrüßung zwischen Herrn Pickwick und seinem Rechtsfreunde war warm und herzlich. Der Klient hatte sich aber kaum in den Armstuhl des Anwaltes geworfen, als ein Klopfen an der Tür gehört wurde und eine Stimme fragte, ob Herr Perker drinnen sei?

»Ah«, sagte Perker: »da ist einer von unseren vagabundierenden Freunden: – Jingle, mein lieber Herr. Wollen Sie ihn sehen?«

»Was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick zögernd.

»Ich denke, es wird das beste sein. He da, Sir, wie Sie heißen: wollen Sie nicht hereinkommen?«

Auf diese zwanglose Einladung hin traten Jingle und Job ins Zimmer, blieben aber, als sie Herrn Pickwick erblickten, verlegen stehen.

»Nun«, sagte Perker: »kennen Sie diesen Herrn nicht?«

»Guten Grund dazu«, versetzte Jingle vortretend. »Herr Pickwick – tiefstes Dankgefühl – Lebensretter – einen Menschen aus mir gemacht – sollen es nie bereuen, Sir.«

»Es freut mich, Sie so zu hören«, sagte Herr Pickwick. »Sie sehen bedeutend besser aus.«

»Dank Ihnen, Sir – große Veränderung – Fleet – ungesunder Ort – sehr ungesund«, versetzte Jingle, den Kopf schüttelnd.

Er war anständig und reinlich gekleidet, ebenso auch Job, der kerzengerade hinter ihm stand und Herrn Pickwick mit eisernem Gesichte anstarrte.

»Wann gehen sie nach Liverpool?« fragte Herr Pickwick leise seinen Advokaten.

»Heute abend, Sir, um sieben Uhr«, sagte Job, einen Schritt vortretend. »Mit der Citypostkutsche, Sir.«

»Haben Sie Ihre Plätze schon?«

»Ja, Sir«, antwortete Job.

»So sind Sie also fest entschlossen, zu gehen?«

»Ja, Sir.«

»Was die nötige Ausrüstung für Jingle betrifft«, sagte Perker laut zu Herrn Pickwick, »so habe ich es auf mich genommen, die Anordnung zu treffen, daß ihm eine kleine Summe von seinem Vierteljahrsgehalt abgezogen wird, um diese Ausgabe zu decken, was in einem Jahre geschehen ist. Ich erkläre mich entschieden dagegen, mein lieber Herr, daß Sie irgend etwas für ihn tun, wofern er es nicht durch Fleiß und gute Aufführung verdient.«

»Wird gewiß geschehen«, unterbrach ihn Jingle mit großer Festigkeit. »Klarer Kopf – Mann von Welt – ganz recht – vollkommen.«

»Durch die Befriedigung seiner Gläubiger, die Auslösung seiner Kleider, die Unterstützung, die Sie ihm im Gefängnis zukommen ließen, und die Bezahlung der Überfahrtskosten«, fuhr Perker, ohne die mindeste Rücksicht auf Jingles Bemerkung, fort, »haben Sie bereits über fünfzig Pfund verloren.«

»Nicht verloren«, sagte Jingle hastig. »Alles bezahlen – fleißig arbeiten – sparen – jeden Heller. Gelbes Fieber vielleicht – kann nicht helfen – wenn nicht –«

Hier hielt Herr Jingle inne, schlug mit großer Heftigkeit auf seinen Hut, fuhr mit der Hand über die Augen und setzte sich nieder.

»Er will damit sagen«, erläuterte Job, ein paar Schritte vortretend, »daß er, wenn ihn das Fieber nicht wegraffe, das Gold zurückbezahlen werde. Bleibt er am Leben, so tut er es gewiß, Herr Pickwick. Ich will selbst dafür sorgen, daß es geschieht – ich weiß, daß er es tun wird, Sir«, fügte er mit großem Nachdruck hinzu. »Ich könnte darauf schwören.«

»Schon gut«, sagte Herr Pickwick, der Perker ein paar Dutzend zornige Blicke zugeworfen hatte, um ihm zu bedeuten, daß er die Aufzählung seiner Wohltaten unterlassen solle, worauf jedoch der kleine Anwalt hartnäckig keinen Bedacht nahm; »Sie müssen sich nur hüten, keine so verzweifelten Kricketpartien mehr zu machen, Herr Jingle, oder Ihre Bekanntschaft mit Sir Thomas Blazo zu erneuern: dann zweifle ich nicht, daß Sie Ihre Gesundheit erhalten werden.«

Herr Jingle lächelte über diesen witzigen Einfall, sah aber doch ein wenig verdutzt aus, und so gab Herr Pickwick dem Gespräch eine andere Wendung.

»Wissen Sie nicht vielleicht«, fragte er, »was aus einem andern Freunde von Ihnen geworden ist – einem etwas demütigeren, den ich in Rochester sah?«

»Meinen Sie den trübsinnigen Jemmy?« fragte Jingle.

»Ja.«

Jingle schüttelte den Kopf.

»Ein verschmitzter Bursche – ein närrischer Kerl – ein Lügengenie – Jobs Bruder.«

»Jobs Bruder?« rief Herr Pickwick. »Ja wahrhaftig, wenn ich ihn so in der Nähe ansehe, entdecke ich eine Ähnlichkeit.«

»Man hat uns immer für ähnlich gehalten, Sir«, sagte Job mit einem verschmitzten Blick, der in seinen Augenwinkeln lauerte: »nur war ich von jeher ernsthafter Natur und er niemals. Er wanderte nach Amerika aus, Sir, weil man ihm hier zu sehr auf die Finger sah, als daß er sich hätte behaglich fühlen können: und seitdem hat man nichts von ihm gehört.«

»Deswegen habe ich also die ,Seite aus dem Roman des wirklichen Lebens‘ nicht bekommen, die er mir eines Morgens versprach, als er auf der Rochesterbrücke stand und offenbar mit Selbstmordgedanken umging?« sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich brauche nicht zu fragen, ob sein trübseliges Benehmen natürlich war oder bloß erkünstelt.«

»Er konnte sich in jede Rolle hineinfinden, Sir«, sagte Job, »und Sie dürfen von großem Glück sagen, daß Sie ihm so wohlfeil entronnen sind. Bei genauerem Umgang würde er noch ein gefährlicherer Bekannter für Sie geworden sein, als« – Job blickte nach Jingle, stockte und setzte endlich hinzu: »als – als – ich selbst sogar.«

»Eine recht hoffnungsvolle Familie, Herr Trotter« sagte Perker, indem er einen Brief versiegelte, den er soeben beendet hatte.

«Ja, gewiß, Sir«, versetzte Job.

»Nun gut«, fuhr der kleine Mann lachend fort: »Sie werden hoffentlich aus der Art schlagen. Übergeben Sie diesen Brief dem Agenten, wenn Sie nach Liverpool kommen, und nehmen Sie den Rat von mir an, meine Herren, in Westindien nicht gar zu pfiffig aufzutreten. Verscherzen Sie diese Gelegenheit, so werden Sie beide unbedingt verdienen, gehenkt zu werden, und ich glaube auch fest, daß dies dann geschehen wird. Jetzt aber muß ich bitten, mich mit Herrn Pickwick allein zu lassen, denn wir haben noch andere Sachen zu besprechen, und die Zeit ist kostbar.«

Bei diesen Worten sah Perker nach der Tür mit einem Gesicht, das unbeirrt den Wunsch ausdrückte, die Herren möchten den Abschied so kurz wie möglich machen.

Von Herrn Jingles Seite war er kurz genug. Er dankte dem kleinen Anwalt in wenigen herausgehaspelten Worten für die Güte und Bereitwilligkeit, womit er ihm Beistand geleistet, wandte sich sofort zu seinem Wohltäter und stand einige Sekunden unentschlossen da, was er sagen oder wie er sich benehmen solle. Job Trotter erlöste ihn aus seiner Verlegenheit, indem er mit einer demütigen, dankbaren Verbeugung gegen Herrn Pickwick seinen Freund sachte am Arme nahm und hinausführte.

»Ein würdiges Paar«, sagte Perker, als sich die Tür hinter ihnen schloß.

»Ich hoffe, daß sie es werden«, erwiderte Pickwick. »Was meinen Sie? Ist Aussicht auf bleibende Besserung vorhanden?«

Perker zuckte zweifelhaft die Achseln; als er aber Herrn Pickwicks unruhigen und mißvergnügten Blick bemerkte, sagte er –

»Aussicht ist allerdings vorhanden, und ich hoffe, sie wird sich erfüllen. Sie sind jetzt ohne alle Frage bußfertig, aber Sie müssen bedenken, daß die Erinnerung an ihre kürzlich erstandenen Leiden noch ganz frisch bei ihnen ist. Was aus ihnen werden wird, wenn diese nach und nach verschwindet, ist ein Problem, das ich so wenig lösen kann wie Sie. Aber, mein lieber Herr«, fügte Perker, seine Hand auf Herrn Pickwicks Schulter legend, hinzu, »der Erfolg mag sein, wie er will, Ihre Absicht bleibt immer gleich ehrenhaft. Ob jene Art von Wohlwollen, die so unendlich behutsam und vorsichtig zu Werke geht, daß sie sich nur selten in Anwendung bringen läßt; damit ja der, dem sie gilt, nicht in seiner Eigenliebe gekränkt werde, wirkliche Menschenfreundlichkeit ist, oder bloß ein verfälschter Nachdruck davon, überlasse ich klügeren Köpfen auszumitteln. Wenn indes die zwei Burschen morgen schon einen nächtlichen Einbruch begingen, meine Meinung von Ihrem Benehmen würde demungeachtet gleich hoch bleiben.«

Mit diesen Bemerkungen, die mit weit lebhafterem Mitgefühl und Ernst gesprochen waren, als es bei den Herren Juristen sonst der Fall zu sein pflegt, rückte Herr Perker seinen Stuhl an sein Pult und ließ sich von Herrn Pickwick die Hartnäckigkeit des alten Herrn Winkle erzählen.

»Geben Sie ihm eine Woche Zeit«, sagte Perker, prophetisch mit dem Kopfe nickend.

»Meinen Sie, er werde weich werden?« fragte Herr Pickwick.

»Ja«, erwiderte Perker. »Wo nicht, so müssen wir die Überredungsgabe der jungen Dame erproben, womit jeder andere, als Sie, es gleich im Anfang erprobt hätte.«

Herr Perker nahm eine Prise und zuckte die Achseln in betreff der Überredungskräfte junger Damen. Da hörte man in der äußern Stube fragen und antworten, und unmittelbar darauf klopfte Lowten an die Tür.

»Herein!« rief der kleine Mann.

Der Schreiber kam und schloß mit sehr geheimnisvoller Miene hinter sich zu.

»Was gibt’s?« fragte Perker

»Man fragt nach Ihnen, Sir.«

»Wer?«

Lowten sah Herrn Pickwick an und hustete.

»Wer fragt nach mir? Können Sie nicht sprechen, Herr Lowten?«

»Nun, Sir«, erwiderte Lowten,- »es sind die Herren Dodson und Fogg.«

»Wahrhaftig!« sagte der kleine Mann, auf seine Uhr sehend: »ich habe sie auf halb zwölf zu mir bestellt, um Ihre Angelegenheit mit ihnen abzumachen, Herr Pickwick. Ich gab ihnen eine Anweisung, gegen die sie mir Ihre Entlassung aus dem Gefängnis zuschickten. Die Leute kommen sehr ungelegen, mein teurer Sir, was wollen Sie tun? Wollen Sie vielleicht in das andere Zimmer treten?«

Das andere Zimmer war indessen dasselbe, worin sich die Herren Dodson und Fogg befanden, und Herr Pickwick erklärte, er werde bleiben wo er sei, zumal die Herren Dodson und Fogg sich schämen müßten, ihm ins Gesicht zu sehen, während er sich keineswegs vor ihnen zu schämen hätte. Das bat er mit glühendem Gesicht und allen Zeichen der Entrüstung, Herrn Perker nicht zu vergessen.

»Ganz gut, mein lieber Herr, ganz gut«, erwiderte Perker: »soviel muß ich Ihnen aber sagen: wenn Sie glauben, daß Dodson oder Fogg auch nur die geringste Beschämung oder Verlegenheit an den Tag legen werden, weil sie Ihnen oder sonst jemand ins Gesicht sehen sollen, so sind Sie in Ihren Erwartungen der größte Optimist, der mir je vorgekommen ist. Führen Sie die Leute herein, Lowten.«

Herr Lowten verschwand mit Grinsen und kam sogleich zurück, um in gehöriger Form die Firma, Dodson zuerst und dann Fogg, einzuführen.

»Sie kennen Herrn Pickwick bereits, dächte ich«, begann Perker zu Dodson, indem er seine Feder nach der Richtung neigte, wo der Gentleman saß.

»Ah, Herr Pickwick, guten Tag. Wie geht es Ihnen?« sagte Dodson mit lauter Stimme.

»Ach ja, Herr Pickwick, wie geht es Ihnen?« rief Fogg. »Recht gut, wie ich hoffe, Sir? Ich will’s doch meinen, daß ich den Herrn kenne«, fügte er hinzu, indem er einen Stuhl nahm und sich lächelnd umschaute.

Herr Pickwick nickte zur Erwiderung auf diese Grüße nur ebenhin, und als er Fogg einen Pack Papiere aus seiner Rocktasche ziehen sah, stand er auf und ging ans Fenster.

»Herr Pickwick braucht sich nicht zu entfernen, Herr Perker«, sagte Fogg, indem er den roten Bindfaden löste, der seine Papiere zusammenfaßte, und noch süßer lächelte als zuvor. »Herr Pickwick kennt unsere Verhandlungen ziemlich genau, und ich dächte, wir haben hier keine Geheimnisse voreinander. Hihihi!«

»Das meine ich auch«, sagte Dodson. »Hahaha!«

Und nun lachten die beiden Associés miteinander vergnügt und lustig, wie die Leute meist tun, die im Begriff sind, Geld in Empfang zu nehmen.

»Herr Pickwick soll seine Neugierde büßen«, sagte Fogg mit vielem natürlichen Humor, als er seine Papiere ordnete. »Die taxierten Kosten belaufen sich auf hundertunddreiunddreißig Pfund, sechs Schilling und vier Pence, Herr Perker.«

Während nun Fogg und Perker zur Ermittlung dieser Berechnung von Profit und Verlust die Papiere verglichen und manche Blätter umschlugen, sagte Dodson in verbindlichem Tone zu Herrn Pickwick: –

»Es scheint mir. Sie sehen nicht mehr ganz so kräftig aus, wie an dem Tage, wo ich zum letztenmal das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, Herr Pickwick.«

»Mag wohl sein, Sir«, erwiderte Herr Pickwick, der Blicke wilden Ingrimms auf die beiden Gauner losgeschossen hatte, ohne jedoch den mindesten Eindruck auf sie hervorzubringen. »Es ist auch kein Wunder, Sir, denn ich bin in der letzten Zeit von Schurken verfolgt und gequält worden, Sir.«

Perker hustete heftig und fragte Herrn Pickwick, ob er nicht vielleicht die Zeitung ansehen wolle; eine Frage, die Herr Pickwick mit der entschiedensten Verneinung beantwortete.

»Ja«, sagte Dodson, »ich will es gern glauben, daß Sie im Fleet gequält worden sind: es gibt gar verschiedenartige Leute dort. Wo waren Ihre Gemächer, Herr Pickwick?«

»Meine einzige Stube«, erwiderte der schwergekränkte Mann, »befand sich im Restaurationsgang.«

»So?« sagte Dodson. »Meines Wissens ist das ein sehr angenehmer Teil des Gebäudes.«

»Sehr«, entgegnete Herr Pickwick trocken.

Der ganze Ton dieser Unterhaltung war so frostig, daß ein Mann von erregbarem Temperament unter solchen Umständen leicht aufs äußerste gereizt werden konnte. Herr Pickwick bezwang indessen seinen Ingrimm durch gigantische Anstrengungen. Als aber Perker einen Schein für die ganze Summe schrieb und Fogg denselben in eine kleine Brieftasche legte mit einem triumphierenden Lächeln auf seinen sinnigen Zügen, das sich sogar dem strengen Gesicht Dodsons mitteilte, da fühlte er, daß ihm sein Blut vor Zorn in den Wangen kochte.

»Jetzt, Herr Dodson«, sagte Fogg, die Brieftasche einsteckend und seine Handschuhe anziehend; »jetzt stehe ich zu Ihren Diensten.«

»Sehr gut«, sagte Dodson aufstehend; »ich bin ebenfalls bereit.«

»Ich schätze mich sehr glücklich«, bemerkte Fogg, durch den Wechsel in die beste Laune versetzt, »daß ich das Vergnügen gehabt habe, Herrn Pickwicks Bekanntschaft zu machen. Ich hoffe. Sie werden von uns nicht mehr ganz so übel denken, Herr Pickwick, wie damals, als ich zum erstenmal das Vergnügen hatte. Sie zu sehen.«

»Das hoffe ich auch«, sagte Dodson im hohen Ton beleidigter Tugend. »Herr Pickwick kennt uns jetzt ohne Zweifel besser. Was auch Ihre Meinung von den Herren unseres Standes sein mag, Sir, ich erlaube mir, Sie zu versichern, daß ich durchaus keine Spur von Groll oder Rachegefühl gegen Sie hege wegen der Gefühle, die Sie bei der Gelegenheit, auf die mein Kollege sich soeben bezogen hat, auf unserm Büro im Freemans Court, Cornhill, auszudrücken beliebten.«

»O nein, nein, ich auch nicht«, sagte Fogg in einem sehr verzeihenden Tone.

»Unser Benehmen, Sir«, fügte Dodson hinzu, »wird für sich selbst sprechen und sich hoffentlich bei jeder Veranlassung rechtfertigen. Wir haben schon einige Jährchen praktiziert, Herr Pickwick, und sind mit dem Vertrauen vieler ausgezeichneter Klienten beehrt worden. Ich wünsche Ihnen guten Morgen, Sir.«

»Guten Morgen, Herr Pickwick«, sagte Fogg, nahm seinen Regenschirm unter den Arm, zog seinen rechten Handschuh aus und streckte die Hand zur Versöhnung dem ergrimmten Gentleman hin, der aber beide Hände unter seine Rockschöße steckte und den Advokaten mit Blicken verachtungsvollen Erstaunens anschaute.

»Lowten!« rief Perker in diesem Augenblick: »öffnen Sie die Tür.«

»Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte Herr Pickwick: »Perker, ich will sprechen.«

»Mein lieber Herr, bitte, lassen Sie die Sache beruhen«, fiel der kleine Anwalt ein, der während der ganzen Szene in der peinlichsten Angst gewesen war: »bitte, Herr Pickwick –«

»Ich lasse es mir nicht nehmen, Sir«, erwiderte Herr Pickwick hastig. »Herr Dodson, Sie haben einige Bemerkungen an mich gerichtet.«

Dodson drehte sich um, neigte verbindlich den Kopf und lächelte.

»Bemerkungen an mich!« wiederholte Herr Pickwick beinahe atemlos: »und Ihr Associé hat mir die Hand geboten, und Sie haben beide einen verzeihenden, großmütigen Ton gegen mich angenommen, was ein Grad von Unverschämtheit ist, den ich selbst von Ihnen nicht erwartet hätte.«

»Wie, Sir?« rief Dodson.

»Wie, Sir?« wiederholte Fogg.

»Wissen Sie, daß ich das Opfer Ihrer Ränke und Kniffe geworden bin?« fuhr Herr Pickwick fort. »Wissen Sie, daß ich der Mann bin, den Sie ins Gefängnis gebracht und beraubt haben? Wissen Sie, daß Sie die Anwälte für die Klägerin im Prozeß Bardell und Pickwick waren.«

»Ja, Sir, das wissen wir«, erwiderte Dodson.

»Versteht sich, Sir«, fügte Fogg hinzu, indem er – vielleicht zufällig – an seine Tasche schlug.

»Ich sehe, daß Sie sich mit Vergnügen daran erinnern«, sagte Herr Pickwick, und versuchte zum erstenmal in seinem Leben zu hohnlächeln, was ihm jedoch gänzlich mißlang. »So sehr ich es schon längst gewünscht habe. Ihnen mit deutlichen Worten sagen zu können, was ich von Ihnen denke, so würde ich dennoch aus Rücksicht auf die Wünsche meines Freundes Perker sogar diese Gelegenheit vorübergelassen haben, hätten Sie nicht diesen unverantwortlichen Ton gegen mich angenommen und sich diese schamlose Vertraulichkeit erlaubt – ich sage schamlose Vertraulichkeit, Sir.«

Und nun wandte sich Herr Pickwick mit so wütender Gebärde gegen Fogg, daß dieser sich eiligst nach der Tür zurückzog.

»Nehmen Sie sich in acht, Sir«, sagte Dodson, der, obgleich der größte von allen Anwesenden, sich dennoch klüglich hinter Fogg verschanzte und mit käsebleichem Gesicht über dessen Kopf herübersprach. »Lassen Sie ihn nur zuschlagen, Herr Fogg: geben Sie unter keiner Bedingung einen Streich zurück.«

»Nein, nein, da werde ich mich wohl hüten«, sagte Fogg, ein wenig zurückweichend, zum offenbaren Nutzen seines Associé, der dadurch allmählich in den Stand gesetzt wurde, das äußere Zimmer zu erreichen.

»Sie sind«, fuhr Herr Pickwick, den Faden seiner Rede wieder aufnehmend, fort. »Sie sind ein trefflich zusammenpassendes Paar von niederträchtigen, schuftigen, zungendrescherischen Gaunern.«

»Nun, ist da« alles?« fiel Perker ein.

»Ja«, versetzte Herr Pickwick, »es ist alles in den Worten begriffen: es sind niederträchtige, schuftige, zungendrescherische Gauner.«

»Jetzt«, sagte Perker in einem höchst versöhnlichen Tone: »jetzt, meine werten Herrn, hat er alles gesagt, was er zu sagen hatte: ich bitte, gehen Sie endlich. Lowten, ist die Tür offen?«

Herr Lowten bejahte mit einem schlecht unterdrückten Kichern.

»Nun, nun – guten Morgen – guten Morgen – bitte, meine werten Herren – Herr Lowten, die Tür!« rief der kleine Mann, die Herren Dodson und Fogg unwillig aus seinem Zimmer treibend; »dahin, meine werten Herren – bitte, halten Sie sich nicht länger auf – zum Kuckuck auch, Herr Lowten! – Die Tür, Sir – warum sind Sie nicht bei der Hand?«

»Wenn es Gesetze in England gibt, Sir«, sagte Dodson, gegen Herrn Pickwick gewendet, als er seinen Hut aufsetzte, »so sollen Sie dafür büßen.«

»Sie sind ein Paar niederträchtige –«

»Bedenken Sie wohl, Sir, Sie müssen teuer dafür bezahlen«, sagte Fogg, seine Faust schüttelnd.

»Schuftige, zungendrescherische Gauner«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne die geringste Notiz von diesen Drohungen zu nehmen.

»Gauner!« rief Herr Pickwick, an die Treppe springend, als die zwei Advokaten hinabgingen.

»Gauner!« schrie Herr Pickwick, sich von Lowten und Perker losreißend und den Kopf zum Fenster hinausstreckend!

Als Herr Pickwick seinen Kopf wieder hereinbrachte, schwebte ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht! er ging ruhig auf das Bureau zurück und erklärte, er habe jetzt eine große Last von seinem Herzen gewälzt und fühle sich wieder vollkommen behaglich und vergnügt.

Perker sprach kein Wort, bis er seine Dose geleert und Lowten fortgeschickt hatte, um sie wieder zu füllen. Dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus, das volle fünf Minuten dauerte, und nach Verlauf dieser Zeit sagte er, er sollte eigentlich sehr unwillig sein, aber für den Augenblick könne er der Sache keine ernste Seite abgewinnen – er werde übrigens schon noch bös werden.

»Jetzt will ich auch mit Ihnen abrechnen«, sagte Herr Pickwick.

»Etwa auch in dieser Weise?« fragte Perker, abermals ein Gelächter anschlagend.

»Das nun eben nicht«, erwiderte Herr Pickwick, seine Brieftasche herausziehend und dem kleinen Mann herzlich die Hand schüttelnd: »ich will bloß meine Geldrechnung berichtigen. Sie haben mir viele Gefälligkeiten erwiesen, die ich nicht bezahlen kann und auch nicht zu bezahlen wünsche, denn ich ziehe es vor. Ihr Schuldner zu bleiben.«

Nach dieser Vorrede versenkten sich die zwei Freunde in sehr verwickelte Rechnungen und Dokumente, die, nachdem Herr Perker sie alle pflichtgemäß vorgelegt und durchgegangen hatte, von Herrn Pickwick unter wiederholten Versicherungen seiner Achtung und Freundschaft bezahlt wurden.

Kaum war diese Sache abgemacht, als man ein sehr heftiges und überraschendes Klopfen an der Tür hörte. Es war kein gewöhnliches doppeltes Klopfen, sondern eine fortlaufende, ununterbrochene Reihenfolge der lautesten Einzelschläge, gleich als wäre der Türklopfer mit ewiger Bewegung begabt, oder als hätte die Person draußen vergessen, einmal aufzuhören.

»Mein Gott, was ist das?« rief Perker erschreckend.

»Ich denke, es ist ein Klopfen an die Tür«, sagte Herr Pickwick, als ob über diese Tatsache der geringste Zweifel hätte obwalten können.

Der Klopfer antwortete weit kräftiger, als mit Worten möglich gewesen wäre: denn er fuhr fort mit überraschender Gewalt und großem Lärmen darauf loszuhämmern, ohne einen Augenblick auszusetzen.

»Wahrhaftig«, sagte Perker, die Klingel ziehend, »wir müssen Lärm im Hause machen. – Herr Lowten, hören Sie kein Klopfen?«

»Ich will die Tür im Augenblick öffnen«, erwiderte der Schreiber.

Der Klopfer schien die Antwort zu hören und zu versichern, daß es rein unmöglich sei, so lange zu warten. Er machte ein entsetzliches Getöse.

»Das ist ja schrecklich«, sagte Herr Pickwick, seine Ohren verstopfend.

»Tummeln Sie sich, Herr Lowten«, rief Perker hinaus, »sonst wird ja die Tür eingeschlagen.«

Herr Lowten, der eben in einem dunklen Nebenstübchen seine Hände gewaschen hatte, sprang an die Tür, drückte die Schnalle auf und erblickte die Erscheinung, die im nächsten Kapitel beschrieben werden soll.

  1. Die Feder, die Herr Lowton in der guten alten Zeit gebrauchte.