Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?

Arthur Clennam hatte seine nutzlose Expedition nach Calais inmitten eines großen Geschäftsandrangs gemacht. Eine gewisse barbarische Macht, mit bedeutenden Besitzungen auf der Landkarte, brauchte die Dienste von ein bis zwei Ingenieuren von rascher Erfindungsgabe und Entschlossenheit in der Durchführung: praktischen Männern, die die Menschen und Mittel, die ihr Scharfsinn für notwendig hielt, aus bestem Material, das sie finden konnten, zu machen imstande waren; und die so kühn und fruchtbar in der Verwendung solchen Stoffes zu ihrem Zweck waren als im Entwerfen ihrer Pläne selbst. Da diese Macht eine barbarische war, so kamen sie nicht auf den Gedanken, eine große Nationalsache in einem Circumlocution Office zu begraben, wie man starken Wein in einem Keller vom Licht abschließt, bis sein Feuer und seine Jugend verflogen und die Arbeiter, die im Weinberg gearbeitet und die Trauben gepreßt, zu Staub geworden sind. Mit charakteristischer Unwissenheit handelte diese Macht nach dem entschiedensten und energischsten Begriffe, »wie man’s machen müsse«, und zeigte nie die geringste Achtung vor der großen politischen Wissenschaft, »wie man’s nicht machen müsse«, oder beachtete sie auch nur im mindesten. Kurz, sie hatte eine barbarische Art, die letztere geheimnisvolle Kunst in der Person jedes erleuchteten Kopfes, der sie übte, totzuschlagen.

In dieser Richtung wurden die Männer, deren man bedurfte, gesucht und gefunden: was schon an und für sich ein höchst unzivilisiertes und unregelmäßiges Verfahren war. Als man sie gefunden, behandelte man sie mit großem Vertrauen und vieler Auszeichnung (was abermals die größte politische Unwissenheit bewies) und lud sie ein, sogleich zu kommen und zu tun, was ihnen als Aufgabe gestellt war. Kurz, man betrachtete sie als Männer, die etwas zu tun beabsichtigten, und die mit andern Männern einen Kontrakt eingehen, die etwas getan wissen wollten.

Daniel Doyce war einer von den Auserwählten. Man konnte nicht absehen, ob er Monate oder Jahre abwesend sein würde. Die Vorbereitungen zu seiner Abreise und die gewissenhafte Zusammenstellung aller Einzelheiten und Resultate ihres gemeinschaftlichen Geschäfts, damit er eine Übersicht habe, veranlaßte in kurzer Zeit große Arbeit, die Clennam Tag und Nacht beschäftigt hatte. Im ersten freien Augenblick war er über See gegangen und war ebenso bald wieder zurückgekehrt, um Doyce Lebewohl zu sagen.

Arthur legte ihm jetzt sorgfältig und genau den Stand ihrer Gewinne und Verluste, ihrer Verbindlichkeiten und Aussichten dar. Daniel sah alles in seiner geduldigen Weise durch und bewunderte es ganz außerordentlich. Er ging die Rechnungen durch, und sie erschienen ihm ein weit sinnreicherer Mechanismus, als er jemals einen konstruiert, und blieb dann betrachtend vor ihnen stehen und hielt den Hut in der Hand, als wenn er in die Betrachtung einer herrlichen Maschine versunken wäre.

»Es ist alles wunderschön, Clennam, so einfach und geordnet. Nichts kann einfacher sein. Nichts kann besser sein.«

»Ich freue mich, daß Sie der Sache Ihre Billigung zuteil werden lassen, Doyce. Was jedoch nun die Verwendung unseres Kapitals während Ihrer Abwesenheit betrifft und das Flüssigmachen der Summen, die das Geschäft von Zeit zu Zeit nötig hat –« Sein Associé unterbrach ihn.

»Was das betrifft und alles andere, so bleibt das Ihnen überlassen. Sie werden auch künftig in allen derartigen Dingen für uns beide handeln, wie Sie bisher getan, und meiner Seele eine Last abnehmen, um die sie sich bisher leichter gefühlt hat.«

»Obgleich, wie ich Ihnen oft sage«, versetzte Clennam, »Sie ganz ungerecht Ihre Fähigkeiten als Geschäftsmann herabsetzen.«

»Vielleicht wohl«, sagte Doyce lächelnd. »Und vielleicht auch nicht. Wie dem nun aber auch sei, ich habe einen Beruf, den ich gründlicher als dergleichen Sachen studiert, und ich tauge besser für diesen Beruf. Ich habe vollkommenes Vertrauen in meinen Associé gesetzt, und ich bin überzeugt, daß er tun wird, was das beste ist. Wenn ich ein Vorurteil in Beziehung auf Geld und Geldzahlen habe«, fuhr er fort, indem er den sprechenden Arbeiterdaumen auf den Revers des Rockes seines Associé legte, »so ist es gegen das Spekulieren. Ich glaube nicht, daß ich ein anderes habe. Ich möchte freilich behaupten, daß ich dieses Vorurteil habe allein deshalb, weil ich niemals ernstlich darüber nachgedacht habe.«

»Aber Sie sollten es kein Vorurteil nennen«, sagte Clennam. »Mein lieber Doyce, es ist der gesundeste Verstand.«

»Ich freue mich, daß Sie so denken«, versetzte Doyce.

»Eben jetzt, keine halbe Stunde, ehe Sie kamen, sagte ich dasselbe zu Pancks, der hier vorsprach. Wir waren beide der Ansicht, daß das Anlegen von Kapitalien in unsicheren Unternehmungen eine der gefährlichsten, wenn auch eine der gewöhnlichsten von den Torheiten ist, die häufig sogar den Namen Verbrechen verdienen.« »Pancks?« sagte Doyce, indem er seinen Hut hinten in die Höhe schob und mit einer vertrauensvollen Miene nickte. »Ja, ja, ja, das ist ein vorsichtiger Mann.«

»Allerdings, er ist ein sehr vorsichtiger Mann«, versetzte Arthur. »Ein wahres Muster von Vorsicht.«

Sie schienen beide aus dem vorsichtigen Charakter von Pancks weit mehr Befriedigung zu schöpfen, als man aus ihrem Gespräch schließen konnte.

»Und jetzt«, sagte Daniel, indem er auf seine Uhr blickte, »da Zeit und Flut auf niemand warten, mein wackerer Associé, und da ich bereit bin abzureisen, denn meine Bagage ist bereits vor der Tür unten, so lassen Sie mich Ihnen ein letztes Wort sagen. Sie sollten mir eine Bitte gewähren.«

»Jede Bitte, die Sie aussprechen. – Ausgenommen«, Clennam kam rasch mit seiner Ausnahme, denn er las rasch auf dem Gesicht seines Associé, »ausgenommen die, daß ich Ihre Erfindung auf sich beruhen lassen soll.«

»Das ist die Bitte, und Sie wissen sie schon im voraus«, sagte Doyce.

»So sage ich nein. Ich sage entschieden nein. Jetzt, da ich einmal begonnen, will ich einen entschiedenen Grund, eine verläßliche Darlegung, etwas, was wie eine wirkliche Antwort aussieht, von diesen Leuten haben.«

»Sie werden sie aber nicht erhalten«, versetzte Doyce, den Kopf schüttelnd. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie bekommen sie nicht.«

»Wenigstens will ich es versuchen«, sagte Clennam. »Es wird mir keinen Kummer machen, wenn ich es versuche.«

»Davon bin ich nicht überzeugt«, versetzte Doyce, indem er ihm überredend die Hand auf die Schulter legte. »Es hat mir Kummer bereitet, Freund. Es hat mich alt, müde gemacht, es hat mich geärgert und enttäuscht. Es tut niemand gut, wenn seine Geduld erschöpft wird und er Unrecht leiden zu müssen glaubt. Ich meine selbst jetzt schon, daß nutzloses Warten auf Verzögerungen und Ausflüchte Ihnen etwas von der Elastizität genommen, die Sie früher besessen haben.«

»Familiensorgen mögen daran im Augenblick schuldig sein«, sagte Clennam, »aber nicht amtliche Quälereien. Noch nicht, ich bin noch nicht verwundet und verletzt.«

»Dann wollen Sie also meine Bitte nicht gewähren?«

»Entschieden nicht«, sagte Clennam. »Ich würde mich schämen, wenn ich mich so bald aus dem Felde schlagen ließe, wo ein weit älterer und weit näher bei der Sache interessierter Mann so lange und so tapfer ausgehalten hat.«

Da es unmöglich war, ihn andern Sinns zu machen, erwiderte Daniel Doyce den Druck seiner Hand, und nach einem Abschiedsblick in dem Kontor umher ging er mit ihm die Treppe hinab. Doyce wollte nach Southampton, um dort die kleine Zahl seiner Mitreisenden zu treffen; und ein Wagen stand an der Tür, wohl ausgestattet und gepackt, und bereit, ihn fortzufahren. Die Arbeiter standen an der Tür, um ihn abreisen zu sehen, und waren außerordentlich stolz auf ihn. »Glückliche Reise, Mr. Doyce!« sagte einer von ihnen, »wo Sie auch hingehen mögen, die Leute werden finden, daß sie einen Mann berufen, einen Mann, der seine Instrumente kennt und den seine Instrumente kennen, einen Mann, der will und der kann, und wenn das kein Mann ist, wo ist dann noch ein Mann!« Diese Rede, von einem sonst mürrischen Freiwilligen gehalten, der im Hintergrund stand, und dem man früher so etwas gar nicht zugetraut hatte, wurde mit drei lauten Cheers aufgenommen; und der Sprecher wurde dadurch in der Folge ein Mann von Ansehen und Bedeutung. Inmitten der drei Cheers sagte ihnen Daniel ein herzliches: »Lebet wohl, Ihr Lieben!« und der Wagen verschwand, als wenn die Erschütterung der Luft ihn aus dem Hofe zum blutenden Herzen hinausgeblasen hätte.

Mr. Baptist hatte als dankbarer Mensch, der einen Vertrauensposten einnahm, unter den Arbeitern gestanden und bei diesen Cheers so viel mitgejauchzt, als es einem Fremden überhaupt möglich ist. Denn niemand auf der Welt kann so »cheer« rufen wie die Engländer, die, wenn es ihnen ernst damit ist, so ihr Blut und Feuer zusammenraffen, daß man glauben möchte, ihre ganze Geschichte vom sächsischen Alfred bis auf unsere Tage brause mit allen ihren Bannern im Winde daher. Mr. Baptist war gewissermaßen vor dem Sturm einhergewirbelt worden und schöpfte ganz verwirrt Atem, als Clennam ihm winkte, er solle mit ihm hinaufkommen und Bücher und Papiere wieder an ihren Platz bringen.

Während der nach der Abreise eintretenden Stille – in jener ersten Leere, die immer auf jede Trennung folgt und eine Ahnung von der großen Trennung gibt, die beständig über der ganzen Menschheit schwebt – stand Arthur an seinem Pulte und sah träumerisch einem Sonnenstrahle nach. Aber seine freigewordene Aufmerksamkeit kehrte bald zu dem Gegenstand zurück, der seine Gedanken am meisten beschäftigte, und er begann zum hundertsten Male auf jedem Umstand zu verweilen, der in jener geheimnisvollen Nacht, als er den Mann bei seiner Mutter gesehen, sich seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Wiederum stieß der Mann in der krummen Straße auf ihn, wiederum folgte er dem Mann und verlor ihn aus den Augen, wiederum fand er den Mann auf dem Hofe, nach dem Hause hinaufschauend, wiederum folgte er dem Mann und stand neben ihm auf den Stufen der Haustür.

»Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Compagnon de la Majolaine;
Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Immer froh!«

Es war nicht das erstemal, daß er sich das Liedchen aus dem Kinderspiel zurückrief, von dem jener Mann, als er neben ihm stand, diesen Vers gesummt hatte; aber er wußte so wenig, daß er es hörbar gesummt, daß er erschrak, als er den nächsten Vers hörte:

»Die Blüte aller Ritterschaft,
Compagnon de la Majolaine,
Die Blüte aller Ritterschaft,
Immer froh!«

Cavaletto hatte bescheiden die Worte und die Melodie ergänzt, da er geglaubt hatte, er habe abgebrochen, weil ihm die Fortsetzung unbekannt war.

»Ah! Sie kennen das Lied, Cavaletto?«

»Beim Bacchus, ja, Sir! Jedermann kennt es in Frankreich. Ich habe es oft von kleinen Kindern singen hören. Das letztemal, als ich es gehört«, sagte Mr. Baptist, früher Cavaletto, der immer zu seiner von Jugend auf gewohnten Konstruktion des Satzes zurückkehrte, wenn sein Gedächtnis sich der Heimat näherte, »war es von einer süßen kleinen Stimme. Einer kleinen, sehr hübschen, sehr unschuldigen Stimme. Altro!«

»Das letztemal, daß ich es gehört habe«, versetzte Arthur, »war es von einer Stimme, die ganz das Gegenteil von hübsch und ganz das Gegenteil von unschuldig war.« Er sagte dies mehr zu sich als zu seinem Gefährten und fügte mit jenes Mannes weitern Worten bei sich hinzu: »Tod meines Lebens, es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein.«

»Oh!« lief Cavaletto erstaunt, und alle Farbe war mit einem Male aus seinem Gesicht verschwunden.

»Was gibt es?«

»Sir! Sie wissen, wo ich dieses Lied zum letztenmal gehört habe?«

Mit der raschen Gebärdensprache des Italieners machten seine Hände den Umriß einer großen Habichtsnase, zerzausten seine Haare, machten seine Oberlippe dick, um einen vollen Schnurrbart anzudeuten, und warfen den schweren Zipfel eines eingebildeten Mantels über seine Schulter. Während er dies mit einer Schnelligkeit tat, die jedem unbegreiflich ist, der nicht einen italienischen Landmann beobachtet hat, zeigte er ein sehr merkwürdiges und falsches Lächeln. Die ganze Veränderung fuhr wie ein Blitz über ihn hin, und er stand im selben Augenblick wieder leichenblaß und erstaunt vor seinem Patron.

»Im Namen aller Wunder«, sagte Clennam, »was wollten Sie damit sagen? Kennen Sie einen Mann mit Namen Blandois?«

»Nein«, sagte Mr. Baptist, den Kopf schüttelnd.

»Sie haben eben einen Mann beschrieben, der dabei war, als Sie jenes Lied hörten, nicht wahr?«

»Ja!« sagte Mr. Baptist, fünfzigmal nickend.

»Und hieß er nicht Blandois?«

»Nein!« sagte Mr. Baptist. »Altro, Altro, Altro, Altro!« Er konnte mit der gleichzeitigen Bewegung seines Kopfes und seines rechten Zeigefingers nicht energisch genug von sich abweisen.

»Halt!« rief Clennam und breitete die Bekanntmachung auf seinem Pulte aus. »War es dieser Mann? Sie verstehen doch, was ich laut lese?«

»Ganz und gar. Vollkommen.«

»Aber sehen Sie zugleich hinein. Kommen Sie hierher und sehen Sie mir über die Schulter, während ich lese.«

Mr. Baptist näherte sich, folgte jedem Wort mit seinen raschen Augen, sah und hörte alles mit der größten Ungeduld; dann schlug er mit beiden Händen flach auf den Zettel, als wenn er in seiner Wut ein gefährliches Tier finge, und rief, indem er Clennam dabei fest ins Auge faßte: »Das ist der Mann! Sehen Sie ihn!«

»Das ist mir von unendlich größerer Wichtigkeit«, sagte Clennam äußerst aufgeregt, »als Sie sich denken können. Sagen Sie mir, wo Sie den Mann kennengelernt haben.«

Mr. Baptist, der das Papier sehr langsam und sehr ungern losließ und zwei bis drei Schritte zurücktrat, tat, als ob er seine Hände abstäubte, und versetzte sehr gegen seinen Willen:

»In Marsiglia – Marseilles.«

»Was war er?«

»Ein Gefangener und – Altro! Ich glaube ja! – ein«, Mr. Baptist trat näher, um ihm zuzuflüstern, »ein Mörder!«

Mr. Clennam fuhr zurück, als wenn das Wort ihm einen Schlag versetzt: so furchtbar ließ es ihm den Verkehr seiner Mutter mit diesem Mann erscheinen. Cavaletto sank auf ein Knie und bat ihn mit den lebhaftesten Gebärden, anzuhören, was ihn in solche schlechte Gesellschaft gebracht.

Er erzählte ihm vollkommen der Wahrheit gemäß, wie er durch ein kleines Schmuggelgeschäft in das Gefängnis geraten, wie er seinerzeit wieder frei geworden, und wie er sein früheres Tun und Treiben aufgegeben habe. Wie er in dem Wirtshaus zum Tagesanbruch in Chalons an der Saone von demselben Mörder, der damals den Namen Lagnier angenommen, obgleich er früher Rigaud geheißen, bei Nacht in seinem Bett aufgeweckt worden sei; wie der Mörder ihm vorgeschlagen, sie wollten gemeinschaftliche Sache machen; wie er solche Furcht und solchen Abscheu vor dem Mörder gehegt, daß er mit Tagesanbruch ihm entflohen sei, und wie ihn seitdem beständig die Angst gequält habe, dem Mörder wieder zu begegnen und von ihm als alter Bekannter angeredet zu werden. Als er dies mit großer Emphase und einem Nachdruck auf dem Worte Mörder, der seiner Muttersprache eigentümlich war, und der es Clennam nicht gerade weniger schrecklich machte, erzählt hatte, sprang er plötzlich wieder auf, stürzte auf den Zettel los und rief mit einer Heftigkeit, die bei jedem Nordländer unbedingt Wahnsinn gewesen wäre: »Sehen Sie hier den Mörder! Das ist derselbe!«

In seiner heftigen Aufregung vergaß er ganz die Tatsache, daß er kürzlich in London den Mörder gesehen hatte. Als er sich daran erinnerte, schöpfte Clennam anfangs Hoffnung, das Zusammentreffen möchte von späterem Datum sein als der nächtliche Besuch bei seiner Mutter, aber Cavaletto wußte zu genau Zeit und Ort, um einen Zweifel offen zu lassen, daß es vorher gewesen war.

»Hören Sie nun«, sagte Arthur mit großem Ernst. »Dieser Mann ist, wie wir hier gelesen haben, gänzlich verschwunden.«

»Das ist mir äußerst angenehm«, sagte Cavaletto, indem er seine Blicke dankbar zum Himmel erhob. »Tausend Dank dem Himmel! Verwünschter Mörder!«

»Nicht doch«, versetzte Clennam, »denn bis ich nicht etwas weiteres von ihm höre, habe ich keine ruhige Stunde.«

»Genug, Wohltäter; das ist etwas anderes. Bitte tausendmal um Entschuldigung.«

»Jetzt, Cavaletto«, sagte Clennam, indem er ihn sanft beim Arme umdrehte, daß sie sich in die Augen sehen konnten. »Ich bin überzeugt, daß Sie für das wenige, was ich für Sie tun konnte, der aufrichtigste und dankbarste Mensch sind.«

»Ich schwöre es«, rief der andere.

»Ich weiß es. Wenn Sie diesen Mann finden oder herausbringen, was aus ihm geworden ist, oder irgendeine spätere Kunde von ihm bekommen könnten, so würden Sie mir einen Dienst erweisen, der mir über jeden andern in der Welt ginge, und würden mich (mit weit mehr Grund) so dankbar gegen Sie machen, wie Sie es gegen mich sind.«

»Ich weiß nicht, wohin ich meine Blicke richten soll«, rief der kleine Mann, indem er Arthurs Hand in seiner Begeisterung küßte, «ich weiß nicht, wo beginnen. Ich weiß nicht, wohin gehen. Aber Mut! Genug! Es ist eins! Ich gehe noch diesen Augenblick.«

»Kein Wort davon mit jemand anderem als mir, Cavaletto!«

»Altro!« rief Cavaletto. Und war in größter Eile fort.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mrs. Affery macht ein bedingtes Versprechen bezüglich ihrer Träume.

Clennam, der jetzt allein war, während die ausdrucksvollen Blicke und Gebärden Mr. Baptists, ehemals Giovanni Baptista Cavaletto, ihm lebhaft vor der Seele standen, begann einen langweiligen Tag. Vergebens suchte er seine Aufmerksamkeit zu fesseln, indem er sie auf ein Geschäft oder einen Gedankengang richtete; sie lag beständig vor dem unheimlichen Hauptgedanken vor Anker und wollte bei keiner andern Idee festhalten. Wie wenn ein Verbrecher in einem stillstehenden Boote auf einem tiefen klaren Flusse an Ketten gebunden gewesen wäre, verurteilt, wie zahllose Meilen Wassers auch an ihm vorüberflossen, immer den Leichnam des Mitmenschen, den er ertränkt, am Grunde liegen zu sehen, unbeweglich und unveränderlich, nur daß die Wirbel ihn bald breit, bald lang machten, seine Umrisse bald auseinander-, bald zusammenzogen, so sah Arthur, unter dem wechselnden Flusse durchsichtiger Gedanken und Phantasiebilder, die verschwanden und durch andere ebenso rasch wieder ersetzt wurden, unveränderlich und düster, und unverrückbar von seinem Platze, den einen Gegenstand, von dem er sich mit aller Macht loszureißen suchte, und dem er nicht entfliehen konnte.

Die Überzeugung, die er jetzt besaß, daß Blandois, wie auch sein wahrer Name lauten mochte, einer der schlimmsten Charaktere sei, vermehrte die Last seiner Sorgen wesentlich. Wenn auch morgen schon das Verschwinden sich erklärte, so blieb doch die Tatsache, daß seine Mutter mit einem solchen Mann in Verbindung gestanden, unverändert stehen. Daß die Verbindung von geheimnisvoller Art, und daß sie unterwürfig gegen ihn gewesen und sich vor ihm gefürchtet, hoffte er, werde niemand bekannt sein außer ihm; da er es jedoch wußte, wie konnte er es von seinen alten unbestimmten Befürchtungen trennen und wie glauben, daß in solchen Beziehungen nichts Schlimmes sei?

Ihre Entschlossenheit, nicht mit ihm auf diese Frage einzugehen, und seine Kenntnis ihres unbeugsamen Charakters erhöhte das Gefühl seiner Hilflosigkeit. Es wirkte wie der Druck eines Traumes, denken zu müssen, daß Schande und Bloßstellung ihr und seines Vaters Gedächtnis drohe, und wie durch eine eherne Mauer von der Möglichkeit abgehalten zu sein, ihnen zu Hilfe zu kommen. Der Vorsatz, den er in seine Heimat zurückgebracht und an dem er beständig seit jener Zeit festgehalten hatte, wurde, immer wenn er fürchtete, daß es am meisten dränge, von seiner Mutter mit größter Entschiedenheit vereitelt. Sein Rat, seine Energie, seine Tätigkeit, sein Geld, sein Kredit, all seine Mittel wurden nutzlos gemacht. Wenn sie den alten Einfluß aus den Zeiten der Fabel gehabt und die, die sie angesehen, in Stein verwandelt hätte, sie könnte sie nicht machtloser gemacht haben (so erschien es ihm in seinem Herzenselend) als jetzt, wo sie ihr starres Antlitz in ihrem düstern Zimmer ihm zuwandte.

Aber das Licht, das ihm durch die Entdeckung des heutigen Tages aufgegangen war und das auf diese Betrachtungen fiel, brachte ihn zu dem Entschluß, ein entschiedeneres Verfahren einzuschlagen. Auf die Rechtlichkeit seines Vorsatzes bauend und durch ein Gefühl ringsumher schwer drohender Gefahr gedrängt, beschloß er, wenn seine Mutter fortfahre, unnahbar für ihn zu bleiben, sich in seiner Verzweiflung an Affery zu wenden. Wenn sie dazu gebracht werden könnte, offenherzig zu sein und, was an ihr war, zu tun, um den Zauberbann des Geheimnisses, der auf dem Hause lag, zu brechen, so mußte er auch die Lähmung loswerden, die ihm mit jeder Stunde, die über sein Haupt hinging, fühlbarer wurde. Das war das Resultat der Herzensbeklemmung, die ihn den ganzen Tag niedergedrückt hatte, und dies der Entschluß, den er zur Ausführung bringen wollte, sobald der Tag zu Ende ging.

Seine erste Enttäuschung, als er an das Haus kam, war, die Tür offen und Mr. Flintwinch auf der Treppe eine Pfeife rauchend zu finden. Wenn die Umstände sich nur gewöhnlich günstig gestaltet hätten, würde Mrs. Affery die Tür auf sein Pochen geöffnet haben. Da die Umstände jedoch ungewöhnlich ungünstig waren, so stand die Tür offen, und Mr. Flintwinch rauchte seine Pfeife auf der Treppe.

»Guten Abend«, sagte Arthur.

»Guten Abend«, sagte Mr. Flintwinch.

Der Rauch kam in gewundenen Wölkchen aus Mr. Flintwinchs Munde, als wenn er sich durch seinen ganzen verdrehten Körper gewunden und in seinen krummen Hals zurückkäme, ehe er herausträte, um sich mit dem Rauch der gewundenen Kamine und dem Nebel des gewundenen Flusses zu vermischen.

»Wissen Sie irgend etwas Neues?« sagte Arthur.

»Wir wissen nichts Neues«, sagte Jeremiah.

»Ich meine von dem fremden Mann«, erklärte Arthur.

»Ich meine von dem fremden Mann«, sagte Jeremiah.

Er sah so griesgrämig aus, wie er so quer dastand, mit dem Knoten seiner Halsbinde unter dem Ohr, daß Clennam der Gedanke in den Sinn kam, und dies nicht zum erstenmal, ob Flintwinch nicht in seinem eignen Interesse Blandois auf die Seite geschafft hatte? Galt es sein Geheimnis und seine Sicherheit? Er war klein und gebeugt und vielleicht nicht sehr stark; aber er war zähe wie ein alter Eibenbaum und listig wie eine alte Dohle. Wenn solch ein Mann hinter einen weit jüngeren und weit kräftigeren Mann kommt und den festen Willen hat, ihm den Garaus zu machen und sich nicht erweichen zu lassen, so ließ sich das an diesem einsamen Ort zu so später Stunde gar leicht machen.

Während in dem krankhaften Zustande seiner Phantasie diese Gedanken sich über den Grundgedanken lagerten, der Clennams Geist unablässig beschäftigte, stand Mr. Flintwinch mit einem bösartigen Ausdruck seines Gesichtes da und betrachtete das gegenüberliegende Haus über den Einfahrtweg mit gekrümmtem Nacken und einem Auge; und er machte mehr den Eindruck, als wolle er die Mundspitze seiner Pfeife zerbeißen, als sich an ihr erfreuen. Und doch genoß er sie in seiner Weise.

»Sie werden das nächste Mal, wenn Sie wiederkommen, wie mich dünkt, Mr. Arthur, mein Bild malen können«, sagte Mr. Flintwinch trocken, als er sich bückte, um die Asche auszuklopfen.

Etwas verlegen, als er inneward, was er getan, bat Arthur um Verzeihung, wenn er ihn unhöflich lange angesehen hatte. »Aber meine Gedanken drehen sich so viel um diesen Gegenstand«, sagte er, »daß ich mich ganz vergesse.«

»Hah! Ich sehe nicht ein«, versetzte Flintwinch gemächlich, »warum das Sie kümmern sollte, Arthur.«

»Nicht?«

»Nein«, sagte Flintwinch kurz und entschieden; ganz als wenn er von der Hunderasse wäre und nach Arthurs Hand schnappte.

»Es ist gleichgültig für mich, wenn ich solche Plakate angeschlagen sehe? Es ist gleichgültig für mich, wenn ich meiner Mutter Haus und Wohnung in solcher Verbindung in der Leute Mund sehe?«

»Ich sehe keinen Grund ein«, versetzte Mr. Flintwinch, indem er sich die hornige Wange strich, »warum das für Sie so wichtig sein soll. Aber ich sage Ihnen, was ich sehe, Arthur«, fuhr er fort, indem er nach den Fenstern hinaufblickte, »ich sehe das Kamin- und Kerzenlicht im Zimmer Ihrer Mutter.«

»Und was hat das damit zu schaffen?«

»Nun, Sir, ich ersehe daraus«, sagte Flintwinch, sich an ihm hinaufschraubend, »daß, wenn es rätlich ist (wie das Sprichwort sagt), einen schlafenden Hund liegen zu lassen, es vielleicht ebenso rätlich ist, einen vermißten Hund liegen zu lassen. Kümmern Sie sich nicht darum. Sie stehen beide gewöhnlich bald genug wieder auf.«

Mr. Flintwinch drehte sich kurz um, nachdem er diese Bemerkung gemacht hatte, und ging in die dunkle Halle. Clennam stand da und folgte ihm mit den Blicken, während er in dem kleinen Zimmer an der Seite in die Phosphorbüchse tauchte, um ein Licht anzuzünden, und nach drei- bis viermaligem Versuch endlich Licht gemacht hatte, worauf er die trübe Lampe an der Wand anzündete. Während der ganzen Zeit beschäftigte sich Mr. Clennam mit der vermutlichen Art und Weise – mehr, als wenn sie ihm von einer unsichtbaren Hand gezeigt würden, denn als daß er sie selbst beschwöre – mit der vermutlichen Art und Weise, sagen wir, von Mr. Flintwinchs Mitteln und Wegen, jene dunklere Tat zu tun und die Spuren derselben in einem der dunklen Schattengänge ringsumher zu entfernen.

»Nun, mein Herr«, sagte der mürrische Jeremiah, »ist es Ihnen angenehm, mit mir heraufzukommen?«

»Meine Mutter ist hoffentlich allein?«

»Nein«, sagte Mr. Flintwinch, »Mr. Casby und seine Tochter sind bei ihr. Sie kamen, während ich rauchte; ich blieb deshalb zurück, um meine Pfeife auszurauchen.«

Das war die zweite Enttäuschung. Arthur machte keine Bemerkung darüber und ging nach dem Zimmer seiner Mutter, wo Mr. Casby und Flora Tee mit Sardellenbrot und gerösteten Schnitten mit Butter nahmen. Die Überreste dieser Delikatessen waren noch nicht entfernt, weder von dem Tisch, noch von dem erhitzten Gesicht Afferys, die mit der Röstgabel in der Hand wie eine Art allegorischer Figur aussah, nur daß sie in Beziehung auf die sinnbildliche Bedeutung ihrer Erscheinung weit im Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Schlag der Allegorien war.

Flora hatte ihren Hut und Schal auf eine Art über das Bett ausgebreitet, daß man deutlich erkennen konnte, sie beabsichtige einige Zeit zu bleiben. Auch Mr. Casby strahlte neben dem Kaminrücken, indem die wohlwollenden Erhöhungen auf seiner Stirn glänzten, als wenn die warme Butter der gerösteten Schnitten durch den patriarchalischen Schädel schwitzte, und sein Gesicht so rot war, als wenn der Färbestoff des Sardellenteiges über diese patriarchalische Physiognomie sich ausbreitete. Da er dies bei dem Austausch der gewöhnlichen Begrüßungen bemerkte, beschloß Clennam ohne Aufschub mit seiner Mutter zu sprechen.

Es war eine alte Gewohnheit, da sie niemals ihr Zimmer verließ, wenn ihr jemand etwas im geheimen sagen wollte, sie an ihren Schreibtisch zu rollen; dort saß sie gewöhnlich, den Rücken ihres Stuhls dem übrigen Zimmer zukehrend, während die Person, die mit ihr sprach, in einer Ecke auf einem Stuhl saß, der immer zu diesem Zwecke bereit stand. Ausgenommen, daß es lange her war, seit Mutter und Sohn ohne Einmischung einer dritten Person miteinander gesprochen, war es eine alte Gewohnheit, die jeder Besuch von Mrs. Clennam kannte, daß sie mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Unterbrechung befragt wurde, ob man mit ihr in einer Geschäftsangelegenheit sprechen könne, und wenn sie bejahend antwortete, daß man sie in der bezeichneten Richtung fortrollte.

Als deshalb Arthur eine solche Entschuldigung machte und diesen Wunsch aussprach, dann sie an ihren Schreibtisch rollte und sich auf den Stuhl setzte, begann Mrs. Finching noch lauter und schneller zu sprechen, um anzudeuten, daß sie nichts hören könne, und Mr. Casby strich seine langen weißen Haare mit schläfriger Ruhe.

»Mutter, ich habe heute etwas gehört, wovon ich überzeugt bin, daß Sie es nicht wissen, und das Sie, nach meiner Ansicht, wissen müssen: es betrifft das frühere Leben des Mannes, den ich hier traf.«

»Ich weiß nichts von dem früheren Leben des Mannes, den du hier trafst, Arthur.«

Sie sprach laut. Er hatte seine Stimme gedämpft; aber sie wies dieses Entgegenkommen des Vertrauens ab, wie sie jedes andere Entgegenkommen abwies, und sprach in ihrer gewöhnlichen Weise und in ihrem gewöhnlichen strengen Tone.

»Ich habe dies nicht auf Umwegen erfahren; sondern es ist mir ganz direkt zugekommen.«

Sie fragte ihn, genau wie zuvor, ob er ausdrücklich deshalb gekommen sei, um ihr zu sagen, was es sei.

»Ich halte es für gut, daß Sie es wissen.«

»Und was ist es?«

»Er saß in einem französischen Gefängnis.«

Sie antwortete mit der größten Ruhe: »Ich halte das für sehr möglich.«

»Aber in einem Gefängnis für Verbrecher, Mutter. Er war eines Mordes beschuldigt.«

Sie fuhr bei diesem Worte zusammen, und ihre Blicke drückten ihren unwillkürlichen Schauer aus. Aber sie sprach dennoch laut, als sie fragte:

»Wer sagte dir das?«

»Ein Mann, der mit ihm gefangen saß.«

»Die Vergangenheit jenes Mannes war dir, glaube ich, nicht bekannt, ehe er dies sagte?«

»Nein.«

»Aber der Mann selbst?«

»Ja.«

»Das ist auch mein und Mr. Flintwinchs Fall mit jenem andern Mann. Die Ähnlichkeit ist indes, darf ich wohl sagen, nicht so groß, da der Mensch, der dir diese Mitteilung gemacht, dir wohl nicht durch einen Brief eines Korrespondenten zugeführt wurde, bei dem er Geld deponiert hatte? Wie steht es mit diesem Punkte der Parallele?«

Arthur hatte keine andere Wahl, als zu erklären, daß sein Gewährsmann ihm nicht durch Vermittlung solcher Beglaubigungsschreiben, wie überhaupt durch gar keine Beglaubigungsschreiben, bekannt geworden. Mrs. Clennams aufmerksames Gesicht bekam immer mehr den Ausdruck strengen Triumphs, und sie versetzte mit Emphase: »Nimm dich in acht mit deinem Urteil über andere. Ich sage dir, Arthur, nimm dich in acht mit deinem Urteil: es könnte dir gefährlich werden!«

Ihre Emphase lag ebensosehr in dem Ausdruck ihrer Augen als in dem Nachdruck, den sie auf ihre Worte legte. Sie sah ihn unverwandt an, und wenn er bei seinem Eintritt ins Haus die geringste Hoffnung im stillen hegte, Eindruck auf sie zu machen, so verscheuchte ihr Blick diese Hoffnung wieder aus seinem Herzen.

»Mutter, kann ich Ihnen in nichts behilflich sein?«

»Nein.«

»Wollen Sie mir kein Vertrauen schenken, mir keinen Auftrag und keine Erklärung geben? Wollen Sie keinen Rat von mir annehmen? Wollen Sie mich Ihnen nicht näher kommen lassen?«

»Wie kannst du mich so fragen? Bist du es denn nicht gewesen, der sich von meinen Sachen losgesagt? Es war nicht mein Werk, sondern das deine. Wie kannst du beständig eine solche Frage an mich richten? Du weißt, daß du mich den Händen Mr. Flintwinchs überließest, und daß er nun deine Stelle einnimmt.«

Mit einem Blicke auf Jeremiah sah Clennam sogar an den Gamaschen desselben, daß seine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, obwohl er, sein Kinn reibend, an der Wand lehnte und tat, als ob er auf Flora horchte, die in höchst zerstreuender Weise sich in einem Chaos von Gegenständen bewegte, in dem Makrelen und Mr. Finchings Tante in einer Schaukel mit Maikäfern und dem Weinhandel verstrickt wurden.

»Ein Gefangener in einem französischen Gefängnis, der des Mordes angeklagt war«, wiederholte Mrs. Clennam, ruhig überlegend, was ihr Sohn gesagt. »Das ist alles, was du von seinem Mitgefangenen über ihn erfahren hast?«

»Genau genommen alles.«

»Und war der Mitgefangene auch sein Mitschuldiger, ebenfalls ein Mörder? Aber er wird freilich besser von sich als von seinem Freunde sprechen; ich brauche gar nicht zu fragen. Casby, Arthur sagt mir –«

»Halten Sie ein, Mutter. Halten Sie ein, halten Sie ein!« Er unterbrach sie rasch, denn es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß sie laut preisgeben würde, was er ihr gesagt hatte.

»Was soll’s?« fragte sie mißvergnügt. »Was gibt’s?«

»Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Casby – und auch Sie, Mrs. Finching – gestatten Sie nur noch einen Augenblick mit meiner Mutter –«

Er hatte seine Hand auf ihren Stuhl gelegt, sie hätte ihn sonst mit einem Druck des Fußes auf den Boden herumgedreht. Sie saßen sich auf diese Weise noch immer gegenüber. Sie sah ihn an, während er an die Möglichkeit eines Resultats dachte, das er nicht beabsichtigt und nicht voraussehen konnte, und das er von dem Offenkundigwerden von Cavalettos Enthüllung fürchten mußte; er kam deshalb rasch zu dem Entschluß, daß es besser wäre, wenn man gar nicht davon spräche; obwohl ihn bei seiner Mitteilung vielleicht kein entschiedenerer Grund leitete, als daß er es für gewiß betrachtete, seine Mutter werde es für sich und ihren Kompagnon behalten.

»Was gibt es?« sagte sie wiederum ungeduldig. »Was soll’s?«

»Ich meinte nicht, daß Sie wiederholen sollten, was ich Ihnen mitteilte. Ich hielte es für besser, wenn Sie’s nicht preisgeben.«

»Machst du mir das zur Bedingung?«

»Nun ja!«

»So bedenke wohl, du bist es, der daraus ein Geheimnis macht«, sagte sie, ihre Hand aufhebend, »nicht ich. Du bist es, Arthur, der Zweifel und Verdacht und Bitten um Aufklärungen hierherbringt, und du bist es, Arthur, der Geheimnisse hier hereinschleppt. Was gilt es mir, wo der Mann war oder was er war? Was kann es mir bedeuten? Die ganze Welt darf es wissen, wenn sie es wissen will, es gilt mir gleich. Nun, laß mich gehen.«

Er gab ihrem gebietenden und stolzen Blick nach und rollte ihren Stuhl wieder zurück an den Ort, wo er vorher gestanden hatte. Während er dies tat, bemerkte er einen übermütigen Ausdruck auf Mr. Flintwinchs Gesicht, der gewiß nicht durch Flora hervorgerufen war. Die Art und Weise, wie sie sein Wissen und seinen Angriff und seine Pläne gegen ihn drehte, überzeugte ihn sogar noch weit mehr als die Entschiedenheit und Festigkeit seiner Mutter von der Vergeblichkeit aller seiner Bemühungen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich an seine alte Freundin Affery zu wenden.

Aber selbst nur dies höchst zweifelhafte und näherbringende Ziel zu erreichen, sich an Affery wenden zu können, schien eine der wenigst versprechenden menschlichen Unternehmungen. Sie war so vollständig in der Sklaverei der beiden Gescheiten, wurde so systematisch von dem einen oder andern beaufsichtigt und fürchtete sich außerdem so sehr, im Hause umherzugehen, daß jede Gelegenheit, mit ihr allein sprechen zu können, im voraus unmöglich zu sein schien. Überdies hatte Mrs. Affery durch gewisse Mittel (es war nicht schwer zu ahnen, daß es die strengen Argumente ihres Eheherrn waren) eine so lebendige Überzeugung von der Gefährlichkeit, irgend etwas unter irgendwelchen Umständen zu sagen, gewonnen, daß sie die ganze Zeit in einem Winkel stehengeblieben war, indem sie sich mit ihrem symbolischen Instrument vor jedem Nahenden schützte; so daß, als Flora oder der flaschengrüne Patriarch selbst einige Worte an sie richteten, sie wie eine Stumme jedes Gespräch mit ihrer Röstgabel von sich abwies.

Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, Affery zu vermögen, daß sie ihn ansehe, während sie den Tisch abräumte und das Teeservice reinigte, dachte Arthur an ein Auskunftsmittel, zu dem ihm Flora behilflich sein sollte. Er flüsterte ihr deshalb zu: »Könnten Sie nicht sagen, Sie möchten gern einen Gang durch das Haus machen?«

Die arme Flora, die immer in der schwankenden Erwartung der Zeit war, wo Clennam seine Jugend wieder aufleben lassen und sterblich in sie verliebt sein würde, vernahm das Geflüster mit dem höchsten Entzücken; denn es wurde nicht nur durch seinen geheimnisvollen Charakter ihr wertvoll, sondern bahnte ihr auch den Weg zu einem zärtlichen Rendezvous, bei dem er ihr den Zustand seiner Neigungen erklären würde. Sie begann deshalb alsbald den Wink auszuführen.

»Ach mein Gott, das gute alte Zimmer«, sagte Flora und sah sich dabei um, »es sieht gerade noch immer so aus Mrs. Clennam das rührt mich wahrhaftig nur ist es etwas rauchiger was sich mit der Zeit erwarten ließ und was wir alle erwarten müssen und worein wir uns fügen müssen ob wir Lust haben oder nicht wie ich überzeugt bin daß es auch mit mir der Fall sein wird nur daß ich nicht gerade rauchiger geworden aber schrecklich viel dicker was dasselbe oder gar noch schlimmer wenn ich an die Tage denke wo Papa mich hierherbrachte das kleinste Mädchen eine reine Frostbeulenmasse und man mich auf einem Stuhle festsetzte die Füße auf den Rädern wo ich Arthur – bitte entschuldigen Sie – Mr. Clennam den kleinsten Knaben in der furchtbarsten Halskrause und Jacke ansah ehe Mr. Finching erschien ein nebliger Schatten am Horizont und aufmerksam gegen mich war wie das wohlbekannte Gespenst eines gewissen Ortes in Deutschland der mit B anfängt eine moralische Lehre die uns sagt daß alle Wege im Leben den Wegen im Norden von England ähnlich sind wo sie die Kohlen gewinnen und das Eisen und die Dinge die mit Asche bedeckt sind.«

Nachdem sie den Tribut eines Seufzers der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge bezahlt, fuhr Flora rasch in ihrem Vorhaben fort.

»Nicht daß jemals sein schlimmster Feind hätte sagen können es sei ein freundliches Haus denn das war es nie aber es machte immer einen großen Eindruck ein verliebtes Gedächtnis erinnert sich einer Gelegenheit in der Jugend ehe das Urteil reif war wo Arthur –- eingewurzelte Gewohnheit – Mr. Clennam mich in eine unbenutzte Küche hinabnahm die in außerordentlich verschimmeltem Zustande war und mir den Vorschlag machte mich dort mein ganzes Leben lang zu verbergen und mich mit dem zu nähren was er von seinen Mahlzeiten beiseite schaffen könnte außer wenn er während der Feiertage nicht zu Hause oder in Ungnade und auf trocken Brot gesetzt war, was in jener friedlichen Zeit gar häufig vorkam – wäre es unpassend oder zuviel verlangt wenn ich bäte man möge mir erlauben diese Szene wieder in meinem Gedächtnis aufzufrischen und einen Gang durch das Haus zu machen?«

Mrs. Clennam, die Mrs. Finching gezwungen für die Güte dankte, daß sie überhaupt hier sei, obwohl ihr Besuch (vor Arthurs unerwartetem Erscheinen) eine Art reiner Gutmütigkeit und nicht des Egoismus war, sagte ihr, daß ihr das ganze Haus offen stehe. Flora stand auf und sah Arthur mit einem Blicke an, der ihn aufforderte, daß er sie begleite. »Gewiß«, sagte er laut, »und Affery wird uns hoffentlich leuchten.«

Affery entschuldigte sich mit den Worten: »Verlangen Sie nichts von mir, Arthur!« als Mr. Flintwinch sie zum Schweigen brachte, indem er sagte: »Warum nicht? Affery, was ist mit dir, Weib? Warum nicht, Dirne?« Auf solche Weise zur Rede gestellt, kam sie aus ihrem Winkel hervor, lieferte die Röstgabel der einen Hand ihres Gatten aus und nahm den Leuchter, den er ihr bot, von der andern in Empfang.

»Geh voran, du Närrin!« sagte Jeremiah. »Wollen Sie hinauf- oder hinuntergehen, Mrs. Finching?«

Flora antwortete: »Hinunter!«

»Dann gehe die Treppe hinunter voran, Affery«, sagte Jeremiah. »Und mache deine Sache gut, sonst komme ich die Treppe hinunter und falle über dich her!«

Affery ging der Expedition voran, Jeremiah schloß sie. Er hatte nicht die Absicht, sie zu verlassen. Clennam sah zurück, und da er bemerkte, daß er drei Stufen hinterdrein in der kältesten und methodischsten Weise folgte, rief er mit leiser Stimme: »Kann man ihn denn nicht loswerden?« Flora beruhigte ihn, indem sie rasch antwortete: »Nun obgleich nicht ganz passend Arthur und etwas woran ich vor einem jüngern Mann oder einem Fremden nicht denken möchte kümmere ich mich doch nicht um ihn besonders wenn Sie es so wünschen und vorausgesetzt Sie haben die Güte mich nicht zu fest anzufassen.«

Da er nicht das Herz hatte, zu erklären, daß das gar nicht sei, was er meinte, bog Arthur seinen unterstützenden Arm um Floras Hüfte.

»O du meine Güte«, sagte sie, »Sie sind wirklich sehr gehorsam, und es ist gewiß außerordentlich ehrenhaft und artig von Ihnen aber wenn Sie mich etwas fester anfassen wollten würde ich es doch nicht für zudringlich halten.«

In dieser albernen Stellung, die in unendlichem Widerspruch mit der Beklommenheit seines Herzens stand, stieg Clennam in den untern Stock des Hauses hinab, und er fand, je dunkler es wurde, desto schwerer wurde Flora und umgekehrt. Als sie von der düstern Küchenregion zurückkehrten, die so traurig wie möglich war, ging Mrs. Affery mit dem Licht in seines Vaters einstiges Zimmer und dann in das alte Speisezimmer, immer voran wie ein Phantom, das man nicht einholen kann; auch wandte sie sich weder um, noch antwortete sie, wenn er flüsterte: »Affery, ich möchte mit Ihnen sprechen!«

In dem Speisezimmer überkam Flora der sentimentale Wunsch, in das Drachenkabinett hineinzusehen, das Arthur so oft in den Tagen seiner Kindheit verschlungen – wahrscheinlich wohl auch, weil es als ein sehr dunkles Kabinett die vortreffliche Gelegenheit bot, sehr schwer zu sein. Arthur, der beinahe verzweifelte, öffnete es, als man ein Klopfen an der äußeren Tür hörte.

Mrs. Affery zog mit einem unterdrückten Schrei ihre Schürze über den Kopf.

»Wie? Du brauchst wohl wieder eine Dosis?« sagte Mr. Flintwinch. »Du sollst sie haben, Frau. Du sollst eine tüchtige Dosis haben! Oh! Ich will dich striegeln und prügeln!«

»Geht inzwischen jemand nach der Tür?« sagte Arthur.

»Ich gehe inzwischen nach der Tür, Sir«, versetzte der alte Mann, so wild, daß es klar wurde, er fühle, in solcher Verlegenheit müsse er selbst gehen, obgleich er vorgezogen hätte, nicht zu gehen. »Bleibe indessen ruhig stehen! Affery, wenn du dich um einen Zoll breit bewegst oder ein Wort in deiner Dummheit sprichst, so werde ich die Dosis verdreifachen.«

Sobald er gegangen war, ließ Arthur Mrs. Finching los; es war dies mit einiger Schwierigkeit verbunden, weil diese Dame seine Absicht mißverstand und ihre Arrangements so traf, daß sie ihn fesselten, statt ihm freie Hand zu lassen.

»Affery, sprechen Sie jetzt mit mir!«

»Berühren Sie mich nicht, Arthur!« rief sie, ihm ausweichend. »Kommen Sie mir nicht nahe. Er wird Sie sehen. Jeremiah wird es sehen. Tun Sie es nicht.«

»Er kann mich nicht sehen«, versetzte Arthur, indem er die Tat mit dem Worte verband, »wenn ich das Licht ausblase.«

»Er wird Sie hören«, rief Affery.

»Er kann mich nicht hören«, versetzte Arthur, indem er wieder die Tat dem Wort folgen ließ, »wenn ich Sie in dieses dunkle Kabinett ziehe und hier spreche. Warum verbergen Sie Ihr Gesicht?«

»Weil ich etwas zu sehen fürchte.«

»Sie können nicht fürchten, in dieser Dunkelheit etwas zu sehen, Affery.«

»Doch, ich fürchte mich. Noch mehr, als wenn es hell wäre.«

»Warum fürchten Sie sich?«

»Weil das Haus voll von Geheimnissen steckt; weil es voll Geflüster und Gewisper ist; weil es voll Geräusch ist. Es wird mich noch umbringen, wenn Jeremiah mich nicht vorher erdrosselt; was er sicherlich tut.«

»Ich habe hier nie ein Geräusch gehört, das der Beachtung wert gewesen.«

»Ach ja! Aber Sie würden solches hören, wenn Sie noch in dem Hause wohnten und darin herumgehen müßten wie ich«, sagte Affery; »und Sie würden fühlen, daß es wohl der Beachtung wert ist, und Sie würden zu bersten glauben, wenn Sie nicht davon sprechen dürften. Da ist Jeremiah! Sie werden noch schuld sein, daß man mich umbringt.«

»Meine gute Affery, ich erkläre Ihnen feierlich, daß ich das Licht der offenen Tür auf den Fliesen des Ganges sehen kann, und das würden Sie auch können, wenn Sie die Schürze von Ihrem Gesicht und Ihren Augen wegnehmen wollten.«

»Ich möchte das nicht tun«, sagte Affery, »ich möchte es um keinen Preis tun, Arthur. Ich habe immer etwas vor den Augen, wenn es Jeremiah nicht sieht, und sogar bisweilen, wenn er es sieht.«

»Er kann die Tür nicht schließen, ohne daß ich es sehe«, sagte Arthur, »Sie sind so sicher bei mir, als wenn er fünfzig Meilen von mir entfernt wäre.«

(»Ich wünschte, er wäre es!« rief Affery.)

»Affery, ich möchte wissen, was hier für ein Unrecht begangen worden; ich möchte einiges Licht auf die Geheimnisse dieses Hauses geworfen wissen.«

»Ich sage Ihnen, Arthur«, unterbrach sie ihn, »das Geheimnis besteht in dem Geräusch, dem Gerassel und dem Schleichen, dem Zittern und den Tritten über uns und unter uns.«

»Aber das sind doch nicht alle Geheimnisse?«

»Ich weiß nicht«, sagte Affery. »Fragen Sie mich nicht mehr, Ihre ehemalige Geliebte ist in der Nähe, und sie ist eine Schwätzerin.«

Seine Geliebte war allerdings so nahe bei der Hand, daß sie in diesem Augenblick in einem wirklichen Winkel von fünfundvierzig Graden sich schwankend zu ihm herabneigte und ihnen ins Wort fiel, um Mrs. Affery mit mehr Ernst als direkter Beteuerung zu versichern, was sie auch hören möge, nichts werde über ihre Lippen kommen, sondern sie werde es für sich behalten, wenn auch nur um Arthurs willen – sie wisse wohl, diese Vertraulichkeit klinge aufdringlich, besser Doyce und Clennam.

»Ich wende mich bittend an Sie, Affery, an Sie, eine der wenigen angenehmen Erinnerungen aus früheren Zeiten, die ich habe, – um meiner Mutter, um Ihres Mannes, um meiner, um unserer aller willen wende ich mich an Sie. Ich bin überzeugt, Sie können mir etwas sagen, was sich auf das Hierherkommen dieses Mannes bezieht, wenn Sie nur wollen.«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, Arthur«, versetzte Affery, – »Jeremiah kommt.«

»Nein, wahrhaftig nicht. Die Tür ist offen, und er steht draußen und spricht.«

»So will ich Ihnen sagen«, sagte Affery, nachdem sie gelauscht hatte, »daß das erstemal, als er kam, er selbst das Geräusch hörte. ›Was ist das?‹ sagte er zu mir. ›Ich weiß nicht, was es ist‹, sagte ich zu ihm, indem ich ihn festhalte, ›aber ich habe es schon oft gehört.‹ Während ich dies sage, steht er an allen Gliedern zitternd da und starrt mich an.«

»War er oft hier?«

»Nur jenes Mal, und als er zum letzten Male hier war.«

»Was sahen Sie von ihm an jenem letzten Abend, nachdem ich fortgegangen war?«

»Die beiden Gescheiten waren ganz allein mit ihm. Jeremiah kam hüpfend neben mir her, nachdem ich Sie hinausgelassen (er kommt immer hüpfend neben mir her, wenn er mir wehe tun will), und sagte zu mir: ›Nun, Affery, ich komme hinter dir drein, Weib, um dir Füße zu machen.‹ Damit nahm er mich hinten am Halse und drückte mich, bis ich den Mund aufsperrte, und trieb mich vor sich zu Bett, indem er mich den ganzen Weg zwickte. Das nennt er mir Füße machen. Oh, er ist ein bösartiger Mann.«

»Und hörten und sahen Sie sonst nichts, Affery?«

»Sagte ich Ihnen nicht, ich wurde zu Bett geschickt, Arthur? Hier ist er!«

»Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Dieses Geflüster und Gewisper, Affery, von dem Sie gesprochen haben, was ist das?«

»Wie kann ich wissen! Fragen Sie mich nicht weiter, Arthur. Gehen Sie jetzt.«

»Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Das Geflüster und Gewisper, von dem Sie gesprochen, Affery. Was ist damit?«

»Wie sollt‘ ich es wissen! Fragen Sie mich nicht danach, Arthur. Gehen Sie!«

»Aber meine liebe Affery, wenn ich nicht einen Einblick in diese verborgenen Dinge, trotz Ihres Mannes und trotz meiner Mutter, bekommen kann, so wird das größte Verderben daraus entstehen.«

»Fragen Sie mich nichts«, wiederholte Affery. »Ich war die ganze Zeit in einem Traum. Gehen Sie, gehen Sie!«

»Sie sagten das früher schon«, versetzte Arthur. »Sie gebrauchten denselben Ausdruck in jener Nacht an der Tür, als ich Sie fragte, was hier vorgehe. Was meinen Sie mit dem Ausdruck ›in einem Traum sein‹?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Gehen Sie! Ich würde es Ihnen nicht sagen, wenn Sie allein wären; noch weniger, da Ihre ehemalige Geliebte zugegen ist.«

Es war gleich vergeblich, daß Arthur bat und Flora ihre Verschwiegenheit beteuerte. Affery, die die ganze Zeit zitterte und sich loszumachen suchte, hatte ein taubes Ohr für alle Beschwörungen und dachte nur, wie sie aus dem Kabinett hinauskommen, könnte.

»Ich würde lieber Jeremiah rufen, als noch ein Wort sagen! Ich werde ihn rufen, wenn Sie nicht aufhören, mit mir zu sprechen. Vernehmen Sie das allerletzte Wort, das ich sage, ehe ich ihn rufe. Wenn Sie jemals der beiden Gescheiten Meister werden (Sie sollten es tun, wie ich Ihnen am ersten Tage Ihrer Ankunft sagte, denn Sie haben hier nicht so lange Jahre zugebracht, daß Sie sich Ihr Leben lang zu fürchten brauchen wie ich), so werden Sie ihrer vor meinen Augen Meister; und dann sagen Sie zu mir: ›Affery, erzählen Sie Ihre Träume.‹ Vielleicht erzähle ich sie Ihnen dann.«

Das Schließen der Tür schnitt Arthurs Antwort ab. Sie stellten sich wieder an den Ort, wo Jeremiah sie verlassen; und Clennam, der vortrat, als der alte Mann zurückkam, sagte ihm, daß er durch Zufall das Licht ausgelöscht habe. Mr. Flintwinch sah darauf hin, während er es an der Lampe in der Halle wieder anzündete, und beobachtete ein tiefes Schweigen bezüglich der Person, mit der er gesprochen hatte. Vielleicht forderte seine Reizbarkeit Ersatz für die Langeweile, die ihm der Besuch verursacht; wie dem nun auch war, er wurde so ärgerlich, als er seine Frau mit der Schürze über dem Kopf sah, daß er über sie herfiel, und indem er ihre verhüllte Nase zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, in dem Druck, mit dem er jene umdrehte, seine ganze Schraubkraft zu erschöpfen schien.

Flora entband Arthur der Besichtigung des Hauses nicht früher, als bis sie auch in seinem ehemaligen Schlafzimmer gewesen war, das sich in dem Giebelstock befand. Seine Gedanken waren mit andern Dingen beschäftigt als mit dieser Besichtigungstour; aber später, wenn er sich bisweilen wieder daran erinnerte, fiel ihm besonders die dumpfe Luftlosigkeit des Hauses auf; ferner, daß man die Spur ihrer Tritte in dem Staub der obern Boden sah; und daß endlich eine Zimmertür Widerstand leistete, was Affery veranlaßte, laut zu schreien, es habe sich jemand drin verborgen, auf welchem Glauben sie beharrte, obgleich man jemand suchte und niemand fand. Als sie endlich nach seiner Mutter Zimmer zurückkehrten, fanden sie sie, das Gesicht mit ihrer eingehüllten Hand beschattend, während sie leise mit dem Patriarchen sprach, der vor dem Kamin stand. Seine blauen Augen, sein glatter Kopf und seine seidenen Haare, die sich ihnen zuwandten, als sie eintraten, verliehen einen unschätzbaren Wert und eine unerschöpfliche Liebe der Bemerkung, die er machte:

»So, Sie haben das Haus sich angesehen, – das Haus – das Haus sich angesehen!«

Es war an und für sich nicht gerade ein Juwel von Wohlwollen und Weisheit, aber er machte seine Worte doch zu einem Muster von beidem, daß man gerne eine Kopie davon gehabt hätte.

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Abend eines langen Tages

Der berühmte Mann und anerkannte Schmuck der Nation, Mr. Merdle, schritt auf seiner glänzenden Bahn voran. Es begann weit und breit anerkannt zu werden, daß ein Mann, der der Gesellschaft den bewundernswerten Dienst geleistet, so viel Geld aus ihr herauszuschlagen, nicht ein Mitglied vom Unterhause bleiben dürfe. Man sprach mit Zuversicht von einer Baronie; häufig war auch von der Pairswürde die Rede. Das Gerücht ging, Mr. Merdle habe sein goldenes Gesicht von einer Baronie mit Verachtung abgewandt; er habe Lord Decimus offen zu verstehen gegeben, daß eine Baronie nicht genug für ihn sei; er habe gesagt: »Nein, eine Pairswürde oder einfach Merdle.« Man erzählte sich, dies habe Lord Decimus‘ adliges Kinn so tief in eine Pfütze von Zweifeln gestürzt, wie eine so hohe Person sinken konnte. Denn die Barnacles, als eine abgesonderte Gruppe in der Schöpfung, waren der Ansicht, daß solche Auszeichnungen nur für sie seien und daß, wenn ein Soldat, Seemann oder Advokat geadelt würde, sie ihn gleichsam durch einen Akt besonderer Herablassung an der Familientür empfingen und diese dann alsbald wieder schlössen. Nicht allein (sagte das Gerücht) hatte der verlegene Decimus seine eignen Erben dabei vor Augen, sondern er wußte auch von mehreren Barnacles, die auf der Liste standen und mit den Ansprüchen des vornehmsten Geistes in Kollision kamen. Mit Recht oder Unrecht, das Gerücht war sehr geschäftig, und Lord Decimus, der die Schwierigkeit in ernstliche Erwägung zog, oder von dem man vermutete, daß er es tat, lieh ihm einigen Vorschub, indem er bei verschiedenen öffentlichen Gelegenheiten seinen Elefantentrott durch eine Dschungel von hochgewachsenen Redensarten anschlug, indem er auf seinem Rüssel Mr. Merdle als Riesenunternehmungsgeist, Reichtum von England, Elastizität, Kredit, Kapital, Wohlfahrt und alle Arten von Segen hin und her bewegte.

So ruhig mähte die alte Sense fort, daß volle drei Monate unbemerkt vergangen waren, seit die beiden englischen Brüder in ein Grab auf dem Fremdenkirchhof von Rom gelegt worden waren. Mr. und Mrs. Sparkler hatten sich nun in ihrem eignen Hause eingerichtet; ein kleines Herrschaftshaus, etwa von der Tite Barnacle-Klasse, ein wahrer Triumph der Unbequemlichkeit mit dem beständigen Geruch der Suppe vom vorgestrigen Tage und von Wagenpferden, aber außerordentlich teuer, weil es genau im Mittelpunkt des bewohnbaren Globus lag. In dieser beneidenswerten Wohnung (und sie wurden wirklich darum von vielen beneidet) hatte Mrs. Sparkler die Absicht, sogleich sich ans Werk der Vernichtung des Busens zu machen, als der Ausbruch der Feindseligkeiten durch die Ankunft des Kuriers mit der Todesnachricht unterbrochen wurde. Mrs. Sparkler, die nicht gefühllos war, hatte die Kunde mit einem heftigen Ausbruch von Schmerz vernommen, der zwölf Stunden lang dauerte. Nach diesen hatte sie sich aufgerafft, um an ihre Trauerkleidung zu denken und alle Vorbereitungen zu treffen, die sie so vorteilhaft machen könnten wie Mrs. Merdle. Ein düsterer Schatten fiel auf mehr als eine hohe Familie (so berichteten die höflichsten Anzeigen), und der Kurier kehrte wieder zurück.

Mr. und Mrs. Sparkler hatten allein gespeist, und der düstere Schatten ruhte auf ihnen; nun lag Mrs. Sparkler auf einem Salonsofa. Es war ein heißer Sommersonntagsabend. Die Wohnung in der Mitte des bewohnbaren Globus, die zu allen Zeiten verstopft und verschlossen war, als wenn sie an einer unheilbaren Erkältung des Kopfes litt, war an jenem Abend besonders dumpf. Die Kirchenglocken hatten ihr abscheulichstes Gewimmer angestimmt, das in den Straßen ein unmelodisches Echo fand, und die erleuchteten Fenster der Kirchen hatten in dem grauen Nebel ihre gelbe Farbe verloren und waren in dunkles Schwarz übergegangen. Mrs. Sparkler, die auf ihrem Sofa lag und lange durch ein offenes Fenster auf der entgegengesetzten Seite über Nelken- und andere Blumenkistchen hinweg nach der entgegengesetzten Seite einer engen Straße gesehen hatte, war dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah dann zu einem andern Fenster hinaus, wo ihr Gatte auf dem Balkon stand, und ward bald auch dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah sich selbst in ihrer Trauerkleidung an und ward sogar dieses Anblicks müde; obgleich natürlich nicht so müde wie die beiden andern Male.

»Es ist, als wenn man in einem Brunnen läge«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie verdrießlich ihre Stellung änderte. »Mein Gott, Edmund, wenn du etwas zu sagen hast, warum sagst du es nicht?«

Mr. Sparkler hätte aufrichtig antworten können: »Meine Liebe, ich habe nichts zu sagen.« Da ihm jedoch diese passende Antwort nicht einfiel, so begnügte er sich, den Balkon zu verlassen und sich neben das Sofa zu stellen, auf dem seine Frau lag.

»Du meine Güte, Edmund!« sagte Mrs. Sparkler noch verdrießlicher, »du wirst die Nelken noch in deine Nase stecken! Laß das, bitte!«

Mr. Sparkler, der geistesabwesend war – vielleicht wörtlicher geistesabwesend, als man gewöhnlich diese Phrase versteht –, hatte so dicht an einem Schößling in seiner Hand gerochen, daß er das fragliche Vergehen beinahe begangen hätte. Er sagte lächelnd: »Ich bitte um Vergebung, meine Liebe«, und warf ihn zum Fenster hinaus. »Du machst mir Kopfweh, wenn du in dieser Stellung bleibst, Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie nach einer weitern Minute die Blicke zu ihm erhob. »Du siehst in diesem Lichte so ungeheuer groß aus. Setze dich.«

»Gern, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. Und stellte einen Stuhl an den Ort, wo er gestanden hatte.

»Wenn ich nicht wüßte, daß der längste Tag vorüber ist«, sagte Fanny, furchtbar gähnend, »so wäre ich fest überzeugt gewesen, dies sei der längste Tag. Ich habe nie einen solchen Tag erlebt.«

»Ist das dein Fächer, meine Liebe?« fragte Mr. Sparkler, indem er einen solchen aufhob und ihn ihr gab.

»Edmund«, versetzte seine Frau noch müder, »frage nicht dergleichen, ich bitte dich. Wem kann er denn gehören als mir?«

»Ja, ich dachte mir, daß er dir gehören werde«, sagte Mr. Sparkler.

»Dann solltest du nicht fragen«, versetzte Fanny. Nach einer kurzen Weile drehte sie sich auf ihrem Sofa um und rief: »Mein Gott, mein Gott, es war noch kein Tag so lang wie dieser!« Nach einer zweiten Pause erhob sie sich langsam, ging auf und nieder und kam wieder zurück.

»Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, den ein origineller Gedanke durchblitzte, »ich denke, du wirst einen Nervenanfall haben –«

»Oh! Nervenanfall!« wiederholte Mrs. Sparkler. »Sage das nicht!«

»Mein anbetungswürdiges Kind!« bat Mr. Sparkler, »versuche deinen aromatischen Essig. Ich habe meine Mutter oft Gebrauch davon machen sehen, und es schien sie zu erfrischen. Und sie ist, wie du wohl bemerkt haben wirst, eine außerordentliche feine Frau, die keinen –«

»Gütiger Gott!« rief Fanny, wieder auffahrend, »es ist, um alle Geduld zu verlieren! Das ist gewiß der langweiligste Tag, der je über der Welt anbrach!«

Mr. Sparkler sah ihr demütig nach, während sie im Zimmer auf und ab ging, und schien etwas erschrocken. Nachdem sie mehrere Kleinigkeiten umhergeworfen und aus allen drei Fenstern in die dunkler werdende Straße hinabgesehen hatte, kehrte sie zu ihrem Sofa zurück und warf sich in die Kissen.

»Nun, Edmund, komm hierher! Komm etwas näher, weil ich dich mit meinem Fächer zu berühren imstande sein möchte, um dir genau einzuschärfen, was ich dir nun zu sagen im Begriff bin. So wird’s recht sein. Schon nahe genug. Oh, du siehst so groß aus!«

Mr. Sparkler entschuldigte sich wegen dieses Umstandes, versicherte, daß er nichts dafür könne, und sagte »unsre Jungen«, ohne besonders zu sagen, welche Jungen, hätten ihn gewöhnlich Quinbus Flestrin Junior oder den »Young Man Mountain« genannt. »Das hättest du mir früher sagen sollen«, klagte Fanny. »Meine Liebe«, versetzte Mr. Sparkler, fast angenehm berührt, »ich wußte nicht, daß dich das interessieren würde, sonst würde ich dir gewiß davon gesprochen haben.«

»Nein! Um aller Güte willen, sprich nicht«, sagte Fanny, »ich möchte selbst sprechen. Edmund, wir dürfen nicht mehr allein sein. Ich muß Vorkehrungen treffen, die es unmöglich machen, daß ich immer wieder in diesen Zustand schrecklicher Gedrücktheit verfalle, in dem ich mich heute abend befinde.«

»Meine Liebe«, antwortete Mr. Sparkler, »da du als eine außerordentlich feine Frau bekannt bist, die keinen –«

»O, Grundgütiger!« rief Fanny.

Mr. Sparkler wurde durch die Heftigkeit dieses Ausrufs, der von einem Auffahren vom Sofa und einem Niedersinken begleitet war, so außer Fassung gebracht, daß es ein bis zwei Minuten dauerte, ehe er sich imstande fühlte, zur Erklärung zu sagen:

»Ich wollte sagen, meine Liebe, jedermann wisse, du seiest darauf angewiesen, in Gesellschaft zu glänzen.«

»Darauf angewiesen, in. Gesellschaft zu glänzen«, versetzte Fanny mit großer Gereiztheit! »ja, wahrhaftig. Ich erhole mich durch die Besuche kaum von dem Schlag des Todes meines armen teuren Vaters und meines armen Onkels – obgleich ich nicht verhehle, daß das letztere eine große Wohltat war, denn wenn man nicht in Gesellschaft gebracht werden kann, so tut man besser zu sterben –«

»Du meinst damit hoffentlich nicht mich?« unterbrach sie Mr. Sparkler demütig.

»Edmund, Edmund, du könntest einen Heiligen aus der Fassung bringen. Spreche ich nicht ausdrücklich von meinem armen Onkel?«

»Du sahst mich so bedeutsam an, mein liebes Kind«, sagte Mr. Sparkler, »daß mir etwas unbehaglich wurde. Ich danke dir, meine Liebe.«

»Nun hast du mich aus dem Konzept gebracht«, bemerkte Fanny mit einem resignierten Schlag ihres Fächers, »und ich ginge besser zu Bett.« .

»Tue das nicht, meine Liebe«, drängte Mr. Sparkler. »Bleibe noch etwas.«

Fanny wartete noch etwas lange; sie lehnte sich zurück, schloß die Augen und zog die Augenbrauen mit einem hoffnungslosen Ausdruck hinauf, als wenn sie alle irdischen Dinge völlig aufgegeben hätte. Endlich öffnete sie ohne die geringste Warnung die Augen wieder und begann in ihrer kurzen, scharfen Weise:

»Was geschieht, frage ich? Was geschieht? In der Lebensperiode, wo ich am meisten in der Gesellschaft glänzen sollte und aus sehr wichtigen Gründen am meisten in der Gesellschaft zu glänzen wünschte – sehe ich mich in einer Lage, die bis zu einem gewissen Grade mich unfähig macht, in Gesellschaft zu erscheinen. Es ist wahrhaftig schrecklich!«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, »ich glaube nicht, daß du deshalb zu Hause zu bleiben brauchst.« »Edmund, du lächerlicher Mensch«, versetzte Fanny mit großer Entrüstung; »glaubst du, daß eine Frau in der Blüte der Jugend, und nicht ganz aller persönlichen Reize bar, sich zu solcher Zeit mit ihrer Gestalt dem Vergleich mit einer Frau aussetzen darf, die in jeder andern Beziehung unter ihr steht? Wenn du das glaubst, so bist du ein grenzenloser Narr.«

Mr. Sparkler machte den bescheidenen Einwurf, er habe gemeint, »daß es sich überwinden ließe.«

»Überwinden!« sagte Fanny in grenzenlosem Zorn.

»Eine Zeitlang!« meinte Mr. Sparkler bescheiden.

Diesen letzten schwachen Einwurf keiner Beachtung würdigend, erklärte Mrs. Sparkler mit bitterem Ausdruck, daß es wirklich zu traurig sei und hinreichend, einen zu dem Wunsche zu bringen, man wäre tot.

»Freilich«, sagte sie, als sie sich einigermaßen des Gefühls entschlagen, daß sie grausam behandelt werde, »so empörend es ist, und so grausam es scheint, man muß sich eben darein finden.«

»Namentlich, wenn man es erwarten mußte«, sagte Mr. Sparkler.

»Edmund«, versetzte seine Frau, »wenn du nichts Passenderes zu tun weißt, als die Frau zu beleidigen zu suchen, die dich mit ihrer Hand beehrte, wenn sie sich unglücklich fühlt, so glaube ich, es wäre besser, du gingest zu Bett.«

Mr. Sparkler war sehr unglücklich über diese Beschuldigung und suchte sich aufs zärtlichste und ernstlichste zu entschuldigen. Seine Entschuldigung wurde angenommen; aber Mrs. Sparkler bat ihn, auf die andere Seite des Sofas zu gehen, hinter dem Fenstervorhang zu sitzen und leiser zu sprechen.

»Nun, Edmund«, sagte sie, indem sie ihren Fächer ausstreckte und ihn damit auf Armslänge berührte, »was ich dir sagen wollte, als du wie gewöhnlich zu schwatzen begannst, ist, daß ich nicht länger allein zu sein im Sinne habe und daß, wenn die Umstände mir verbieten, nach Belieben auszugehen, ich es arrangieren muß, beständig die einen oder die andern bei mir zu haben; denn ich kann und will keinen solchen Tag mehr erleben wie den heutigen.«

Mr. Sparklers Ansicht in Beziehung auf diesen Plan war in Kürze die, daß kein Unsinn darin sei. Er fügte hinzu: »Und außerdem, wie du weißt, wirst du bald deine Schwester hier haben –«

»Die liebe Amy, ja!« rief Mrs. Sparkler mit einem liebevollen Seufzer. »Ein allerliebstes kleines Ding. Aber Amy würde allein doch nicht genügen.«

Mr. Sparkler war im Begriff, mit einem fragenden »Nein?« zu antworten. Aber er sah, welche Gefahr für ihn darin lag, und sagte bestätigend: »Nein. Allerdings nicht: sie würde allein nicht genügen.«

»Nein, Edmund. Denn nicht nur sind die Vorzüge dieses kostbaren Kindes von jener stillen Art, daß sie eines Kontrastes bedürfen – Leben und Bewegung um sich her brauchen, um sie ins richtige Licht zu stellen und sie allgemein beliebt zu machen; sondern sie muß in mehr als einer Beziehung aufgeweckt werden.« »Das ist es«, sagte Mr. Sparkler, »aufgeweckt.«

»Bitte, laß das, Edmund! Deine Gewohnheit zu unterbrechen, ohne daß du das geringste von der Welt zu sagen hast, bringt einen in Verwirrung. Das mußt du dir abgewöhnen. Ich sprach von Amy; meine arme Kleine war außerordentlich anhänglich an den armen Papa und hat gewiß seinen Tod schmerzlich beweint und sich sehr gehärmt. Ich habe es ja auch getan. Ich habe den Verlust tief empfunden. Aber Amy wird ihn noch schmerzlicher empfunden haben, da sie die ganze Zeit an Ort und Stelle war und den armen, lieben Papa bis zum letzten Augenblick gepflegt hat; was mir leider nicht vergönnt war.«

Hier hielt Fanny inne, um zu weinen, und sagte dann: »Der liebe, liebe, gute Papa! Was für ein echter Gentleman er war! Was für ein Kontrast mit dem armen Onkel!«

»Die Nachwirkungen dieser Prüfungszeit«, fuhr sie fort, »wird man bei meiner guten kleinen Maus durch Aufheiterung zu verwischen suchen müssen. Ebenso die Nachwirkungen der langen Pflege bei Edwards Krankheit: einer Pflege, die noch nicht vorüber ist und die noch einige Zeit dauern kann, die außerdem uns alle so lange nicht zur Ruhe kommen läßt, bis die Angelegenheiten des armen guten Papa ins reine gebracht werden können. Glücklicherweise sind die Papiere bei seinen Agenten hier alle gesiegelt und verschlossen, wié er sie zurückließ, als er gewissermaßen ahnungsvoll nach England kam; seine Sachen sind in dem geordneten Zustande, daß es mit ihnen Zeit hat, bis mein Bruder Edward sich in Sizilien wieder so weit erholt hat, um herüberzukommen und anzuordnen, was zu tun ist, auszuführen oder was sonst geschehen soll.«

»Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben«, war Mr. Sparkler so kühn auszusprechen.

»Es ist ein Wunder, daß ich dir recht geben kann«, versetzte seine Frau, indem sie langsam ihre Augenlider etwas nach ihm hinrichtete (sie predigte sonst, als wenn es den Möbeln des Wohnzimmers gälte), »und deinen Worten beipflichten kann. Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben. Es gibt Zeiten, wo mein liebes Kind für einen lebhaften Geist etwas Ermüdendes hat; aber als Pflegerin ist sie die Vollkommenheit selbst. Die beste Amy, die es gibt!«

Mr. Sparkler, dem nach seinem letzten Erfolg der Mut rasch gestiegen war, bemerkte, Edward schlage sich wahrlich lange herum.

»Wenn ›sich herumschlagen‹ der technische Ausdruck für Unwohlsein ist«, versetzte Mrs. Sparkler, »so ist das allerdings der Fall. Wenn aber nicht, so bin ich außerstande, eine Meinung über die barbarische Sprache abzugeben, die du an Edwards Schwester richtest. Daß er sich das Malariafieber irgendwo geholt – entweder, als er Tag und Nacht nach Rom reiste, wo er doch zu spät angekommen, um den armen lieben Papa noch vor dem Sterben zu sehen, oder bei einer andern unglücklichen Gelegenheit – ist unzweifelhaft, wenn es das ist, was du meinst. Ebenso, daß sein außerordentlich leichtfertiges, Leben die Krankheit sehr gefährlich für ihn gemacht hat.« Mr. Sparkler hielt es für einen ähnlichen Fall, wie den mit einzelnen von unsern jungen Leuten in Westindien, wenn sie das gelbe Fieber bekommen. Mrs. Sparkler schloß ihre Augen wieder und wies jede Bekanntschaft mit unseren jungen Leuten in Westindien oder dem gelben Fieber von sich ab.

»Amy«, fuhr sie fort, als sie ihre Augen wieder öffnete, »wird es nötig haben, daß man sie von den Nachwirkungen mancher ermüdenden und bangen Woche durch Erheiterung befreit. Endlich wird sie nötig haben, daß man ihr die Richtung aufs Niedrige benimmt, die, wie ich wohl weiß, in der Tiefe ihres Herzens ruht. Frage mich nicht, Edmund, was es ist, weil ich dir eine Antwort versagen müßte.«

»Ich will es auch gar nicht wissen, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler.

»Ich werde somit manches an meinem lieben Kind gutzumachen haben«, fuhr Mrs. Sparkler fort, »und kann sie nicht bald genug bei mir haben. Die liebenswürdigen und lieben kleinen Füßchen! Was das Ordnen der Angelegenheiten des armen Papa betrifft, so ist mein Interesse dabei durchaus nicht selbstsüchtiger Natur. Papa zeigte sich außerordentlich freigebig gegen mich, als ich heiratete, und ich habe wenig oder nichts zu erwarten. Vorausgesetzt, daß er kein rechtsgültiges Testament gemacht, das Mrs. General ein Legat aussetzt, bin ich zufrieden. Der liebe Papa, der liebe Papa!« Sie weinte wieder, aber Mrs. General war das beste stärkende Mittel. Der Name schon veranlaßte sie, ihre Augen zu trocknen und zu sagen:

«Es ist ein sehr ermutigender Umstand bei Edwards Krankheit, ich erkenne es mit Dank an, und es gibt mir die größte Zuversicht, daß sein Kopf nicht gelitten oder sein Geist schwächer geworden ist – wenigstens nicht bis zu des lieben Papas Tod –, daß er Mrs. General augenblicklich ausbezahlte und sie aus dem Hause wegschickte. Ich muß ihm dafür meinen Beifall zollen. Ich könnte ihm viel vergeben, weil er so rasch und so genau tat, was ich selbst getan haben würde!«

Mrs. Sparkler glühte ganz vor Dankbarkeit, als man zweimal an die Tür pochen hörte. Ein höchst wunderliches Pochen. Leise, als wenn man ein Geräusch zu machen oder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermeiden wollte. Lange, als wenn die Person, die klopfte, mit andern Dingen beschäftigt wäre und aufzuhören vergäße.

»Hallo!« sagte. Mr. Sparkler. »Wer ist das?«

»Doch nicht Amy und Edward, ohne es uns zuvor wissen zu lassen und ohne einen Wagen?« sagte Mrs. Sparkler. »Sieh hinaus!«

Das Zimmer war dunkel, aber die Straße war wegen der Lampen heller. Mr. Sparklers Kopf sah, während er über den Balkon herabschaute, so groß und schwer aus, daß er das Übergewicht zu bekommen und den Unbekannten unten plattzuschlagen drohte.

»Es ist ein Mann«, sagte Mr. Sparkler. »Ich kann nicht sehen, wer – halt, indessen!«

Bei diesem zweiten Gedanken ging er wieder auf den Balkon und sah zum zweiten Male hinab. Er kam zurück, als die Tür unten geöffnet wurde, und meldete, daß, er »seines Erziehers Hut« erkannt zu haben glaube. Er hatte sich nicht getäuscht, denn sein Erzieher trat unmittelbar darauf mit seinem Hut in der Hand in das Zimmer.

»Lichter!« sagte Mr. Sparkler mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Dunkelheit.

»Es ist hell genug für mich«, sagte Mr. Merdle.

Als die Lichter hereingebracht waren, sah man Mr. Merdle hinter der Tür stehen und sich auf die Lippen beißen, »Ich dachte, ich wollte euch besuchen«, sagte er. »Ich bin jetzt gerade sehr beschäftigt; und da ich zufällig einen Gang durch die Stadt machte, dachte ich, ich wollte euch besuchen.«

Da er wie zu einem Diner gekleidet war, fragte Fanny, wo er diniert habe?

»Nun«, sagte Mr. Merdle, »ich habe eigentlich nirgends diniert.«

»Sie haben doch gespeist?« sagte Fanny.

»Ja – nein, ich habe eigentlich nicht gespeist«, sagte Mr. Merdle.

Er fuhr mit der Hand über die Stirn und besann sich, als wenn er die Sache nicht ganz gewiß wüßte. Man bot ihm etwas zu essen an. »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich habe keinen Appetit. Ich wollte mit Mrs. Merdle auswärts speisen. Da ich aber die Lust verlor, ließ ich Mrs. Merdle, gerade als wir in den Wagen stiegen, allein gehen und dachte, ich wolle statt dessen einen Gang durch die Stadt machen.«

Ob er Tee oder Kaffee wolle? »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich war einen Augenblick im Klub und trank eine Flasche Wein.«

Nun nahm Mr. Merdle den Stuhl, den Edmund Sparkler ihm angeboten und den er bisher langsam vor sich hergeschoben hatte, wie ein unbehilflicher Mensch, der zum ersten Male ein Paar Schlittschuhe anhat und sich nicht entschließen kann, damit auszuschreiten. Dann stellte er seinen Hut auf einen anderen Stuhl neben sich, sah in denselben hinein, als wenn er zwanzig Fuß tief wäre, und sagte wieder: »Ihr seht, ich wollte euch einen Besuch machen.«

»Sehr schmeichelhaft für uns«, sagte Fanny, »denn Sie sind kein Mann, der Besuche macht.«

»N – ein«, versetzte Mr. Merdle, der sich inzwischen an den Rockärmeln in Haft genommen. »Nein, ich bin kein Mann, der Besuche macht.«

»Dafür haben Sie zu viel zu tun«, sagte Fanny. »Da Sie so viel zu tun haben, Mr. Merdle, ist der Mangel an Appetit bei Ihnen sehr bedenklich, und Sie müssen etwas dafür tun. Sie dürfen nicht krank sein.«

»Oh, ich bin ganz wohl«, versetzte Mr. Merdle, nachdem er die Sache überlegt hatte. »Ich bin so wohl wie immer. Ich bin wohl genug. Ich bin so wohl, wie ich zu sein brauche.«

Der vornehmste Geist des Zeitalters, treu seinem Charakter, immer so wenig wie möglich für sich zu sagen zu haben, und dies nur mit großer Mühe zu sagen, ward wieder stumm. Mrs. Sparkler hätte gern gewußt, wie lange der vornehmste Geist zu bleiben beabsichtige.

»Ich sprach vom armen Papa, als Sie eintraten, Sir.«

»Ah! Ein hübsches Zusammentreffen«, sagte Mr. Merdle.

Fanny sah das nicht ein, aber hielt es für ihre Aufgabe, weiterzusprechen. »Ich sagte«, fuhr sie fort, »meines Bruders Krankheit habe einen Aufschub der Prüfung und Ordnung des Vermögens meines Papa veranlaßt.«

»Ja, ja«, sagte Mr. Merdle. »Sie veranlaßte einen Aufschub.«

»Nicht, daß dieser gerade von Bedeutung wäre«, sagte Fanny.

»Nein«, stimmte Mr. Merdle bei, nachdem er den ganzen Kreis, rings im Zimmer umher, soweit sein Gesichtskreis reichte, gemustert hatte, »nicht daß es von Bedeutung wäre.«

»Das einzige, woran mir, liegt«, sagte Fanny, »ist, daß Mrs. General nichts bekommt.«

» Siewird nichts bekommen«, sagte Mr. Merdle.

Fanny war entzückt, ihn diese Ansicht aussprechen zu hören. Nachdem Mr. Merdle noch einen Blick in die Tiefen seines Hutes geworfen, als wenn er darin etwas zu sehen glaubte, fuhr er sich in die Haare und hing langsam seiner letzten Bemerkung die bestätigenden Worten an: »Oh, sicher nicht. Nein. Sie nicht. Nicht wahrscheinlich.«

Da dieser Gesprächsgegenstand erschöpft zu sein schien und auch Mr. Merdle, so fragte Fanny, ob er Mrs. Merdle und den Wagen unterwegs abholen würde?

»Nein«, antwortete er; »ich werde den kürzesten Weg machen, und Mrs. Merdle« – dabei blickte er über das Innere seiner beiden Hände hin, als wenn er sich sein Schicksal prophezeite– »für sich selbst sorgen lassen. Ich bin überzeugt, es wird ihr gelingen.«

»Wahrscheinlich«, sagte Fanny.

Es entstand eine lange Pause, wahrend der Mrs. Sparkler, sich wieder in ihr Sofa zurücklegend, die Augen schloß und ihre Augenbrauen in die Höhe zog, um sich wie zuvor ganz von weltlichen Dingen abzuwenden.

»Aber«, sagte Mr. Merdle, »ich halte euch und mich auf, Ich dachte, ich wollte euch einen Besuch machen.«

»Gewiß, wir fühlen uns sehr geschmeichelt«, sagte Fanny.

»So will ich denn gehen«, fügte Mr. Merdle hinzu und stand auf. »Könnten Sie mir ein Federmesser leihen?« .

Es sei doch seltsam, bemerkte Fanny lächelnd, daß sie, die es selten über sich vermöchte, auch nur einen Brief zu schreiben, einem Mann von so großen Geschäften etwas leihen sollte. »Nicht wahr?« stimmte Mr. Merdle bei; »aber ich brauche ein solches; und ich weiß, ihr habt zur Hochzeit mehrere kleine Keepsakes bekommen, mit Scheren und Zänglein und dergleichen. Ihr sollt es morgen wiederhaben.«

»Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, »öffne mal (aber sehr vorsichtig, ich bitte dich dringend, denn du bist so ungeschickt), öffne das Perlmutterkästchen auf meinem kleinen Tischchen dort, und gib Mr. Merdle das Perlmutterfedermesser.«

»Ich danke«, sagte Mr. Merdle, »aber wenn Sie eines mit einem dunklern Griff hätten, so würde ich das vorziehen.«

»Schildpatt?«

»Ich denke«, sagte Mr. Merdle, »ja. Ich glaube, ich würde Schildpatt vorziehen.«

Edmund erhielt demzufolge Befehl, das Schildpattkästchen aufzumachen und Mr. Merdle das Schildpattfedermesser zu geben. Während er dies tat, sagte seine Frau gnädig zu dem großen Geist:

»Ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie einen Tintenfleck darauf machen.«

»Ich denke nicht, einen Tintenfleck darauf zu machen«, sagte Mr. Merdle.

Der berühmte Besuch streckte jetzt seinen Ärmelaufschlag vor und begrub für einen Augenblick Mrs. Sparklers Hand, Armgelenke, Bracelet und alles darin. Wo sich seine eigene Hand hinverlor, war nicht deutlich, aber Mrs. Sparkler konnte sie so wenig fühlen, als wenn er ein hochverdienter Chelseaveteran oder Greenwichpensionär gewesen wäre.

Vollständig überzeugt, als dieser das Zimmer verließ, daß es der längste Tag sei, der jemals zu Ende gegangen, und daß nie eine Frau existiert, die, nicht ganz aller persönlichen Reize bar, so von einfältigen und langweiligen Leuten gequält würde, trat Fanny auf den Balkon hinaus, um etwas frische Luft zu schöpfen. Tränen des Verdrusses füllten ihre Augen, und sie machten den Eindruck durch sie, als ob der bejahrte Mr. Merdle, wie er die Straße hinabging, spränge und walzte und sich im Kreise herumdrehte, als wäre er von verschiedenen Teufeln besessen.

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Vermißt.

Die Abreise von Mr. Dorrit war auf übermorgen bestimmt und er eben im Begriff sich anzukleiden, um eine neue Prüfung vor dem Oberhaushofmeister zu bestehen (denn die Opfer desselben waren immer besonders für ihn herausgeputzt), als einer der Diener des Hotels ihm eine Visitenkarte brachte. Mr. Dorrit nahm sie und las:

»Mrs. Finching.«

Der Diener wartete in sprachloser Demut.

»Mann, Mann«, sagte Mr. Dorrit, sich mit großer Entrüstung zu ihm umwendend, »erklären Sie mir, warum Sie mir diesen lächerlichen Namen bringen. Ich kenne ihn durchaus nicht. Finching, Sir?« sagte Mr. Dorrit, indem er sich vielleicht an dem Oberhaushofmeister durch einen Ersatzmann rächte. »Ha! Was wollen Sie mit dieser Mrs. Finching?«

Der Mann, Mann schien so wenig mit dieser Finching zu wollen als mit irgend jemand, denn er trat vor Mr. Dorrits strengem Blick zurück, indem er antwortete: »Eine Dame, Sir.«

»Ich kenne keine Dame dieses Namens, Sir«, sagte Mr. Dorrit. »Nehmen Sie diese Karte fort. Ich kenne keine Finching, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts.«

»Bitte um Vergebung, Sir. Die Dame sagte, es sei möglich, daß Sie ihren Namen nicht kennen. Aber sie bitte mich zu melden, Sir, daß sie früher die Ehre gehabt, mit Miß Dorrit bekannt zu sein. Die Dame sagte, Sir, mit der jüngsten Miß Dorrit.«

Mr. Dorrit zog die Brauen zusammen und entgegnete nach einigen Augenblicken: »Sagen Sie Mrs. Finching, Sir«, indem er den Namen mit einem Nachdruck hervorhob, als wenn der unschuldige Mann allein für ihn verantwortlich wäre, »daß sie heraufkommen könne.«

Er hatte während der momentanen Pause überlegt, daß sie, wenn er sie nicht vorlasse, eine Botschaft an ihn hinterlassen oder unten etwas sagen möchte, was eine unangenehme Beziehung auf sein früheres Leben haben könnte. Daher seine Nachgiebigkeit und daher das Erscheinen von Flora, die der Mann, Mann hereinsteuerte.

»Ich habe nicht das Vergnügen«, sagte Mr. Dorrit mit der Karte in der Hand und mit einer Stimme, die zu erkennen gab, daß es kaum ein Vergnügen ersten Ranges wäre, wenn er es hätte, »diesen Namen oder Sie selbst zu kennen, Madame. Geben Sie einen Stuhl, Sir.«

Der verantwortliche Mann gehorchte aufschreckend und ging auf den Zehen hinaus. Flora schlug mit einem verschämten Beben den Schleier zurück, um sich näher vorzustellen. Zu gleicher Zeit durchströmte eine eigentümliche Mischung von Wohlgerüchen das Zimmer, als wenn etwas Kognak aus Versehen in eine Lavendelwasserflasche oder etwas Lavendelwasser aus Versehen in eine Kognakflasche gekommen wäre.

»Ich bitte Mr. Dorrit tausendmal um Verzeihung, und es reicht dies kaum hin für eine solche Freiheit die wie ich wohl weiß für eine Dame außerordentlich kühn erscheinen muß namentlich wenn sie allein kommt aber ich hielt es im ganzen für das beste so schwer und anscheinend unpassend es auch ist obgleich Mr. Finchings Tante mich wohl gern begleitet hätte und als ein Charakter von großer Kraft und vielem Geist wahrscheinlich einen Mann interessiert hätte der eine so große Lebenskenntnis besitzt wie dies bei so vielen Veränderungen der Stellung nicht anders möglich ist, denn Mr. Finching sagte häufig daß obgleich er in der Nähe von Blackheath eine gute Erziehung für ein so bedeutendes Honorar wie achtzig Guineen erhalten welche Summe für Eltern keine Kleinigkeit da die Leute beim Abgang noch überdies das Silberzeug behielten was mehr eine Gemeinheit als daß es gerade sich um den Wert handelte so habe er doch in dem ersten Jahre als Handelsreisender mit einem Artikel von dem niemand habe hören und den noch viel weniger jemand habe kaufen wollen weit mehr gelernt als in den ganzen sechs Jahren auf jener Akademie die ein Junggeselle geleitet obgleich ich nicht einsehe und nie einsehen werde warum ein Junggeselle geschickter sein soll als ein verheirateter Mann aber bitte um Entschuldigung das ist’s nicht um was es sich handelt.«

Mr. Dorrit stand wie an den Boden genagelt, eine Statue der Mystifikation.

»Ich muß offen gestehen daß ich eigentlich kein Recht habe«, sagte Flora, »da ich die liebe Kleine kannte was unter veränderten Umständen gewissermaßen wie eine Anmaßung erscheint aber gewiß von meiner Seite keine solche sein soll und Gott weiß es war kein Geschenk eine halbe Krone für eine solche Näherin wie sie sondern ganz das Gegenteil und es ist auch gar nichts Erniedrigendes darin denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert und wahrhaftig ich wünschte nur er bekäme ihn öfter und mehr Fleisch und weniger Rheumatismus im Rücken und den Beinen die armen Leute.«

»Madame«, sagte Mr. Dorrit, indem er mit großer Mühe zu Atem kam, als die Witwe des verstorbenen Mr. Finching innehielt, um selbst Atem zu schöpfen; »Madame«, sagte Mr. Dorrit, sehr rot im Gesicht, »wenn ich Sie recht verstehe, so sprechen Sie – ha – von etwas Vergangenem aus – hm – dem Leben einer meiner Töchter, was – ha, hm – mit einer täglichen Entschädigung in Verbindung steht, Madame. Ich bitte Sie zu bemerken, daß die – ha – Tatsache angenommen, daß – ha – es wirklich eine Tatsache ist, nie zu meiner Kenntnis kam. Ich würde es nicht gestattet haben. Ha! Nie, nie!«

»Wir brauchen den Gegenstand nicht weiter zu verfolgen«, versetzte Flora, »und ich würde ihn auch gar nicht erwähnt haben wenn ich es nicht für den einzigen günstigen Empfehlungsbrief gehalten aber daß es Tatsache ist daran kann nicht gezweifelt werden und Sie mögen sich darüber beruhigen denn das Kleid das ich trage kann es beweisen das ist sehr schön gemacht obgleich nicht zu leugnen daß es einer besser gewachsenen Person besser stünde denn ich bin viel zu stark obgleich ich nicht weiß wie ich’s verhindern soll bitte entschuldigen Sie ich schweife wieder ab.«

Mr. Dorrit trat ganz statuenhaft an seinen Stuhl und setzte sich, während Flora ihm einen besänftigenden Blick zuwarf und mit ihrem Sonnenschirm spielte.

»Die liebe Kleine«, sagte Flora, »wurde plötzlich ganz matt und weiß und kalt in meinem Hause oder wenigstens Papas Hause denn wenn es auch noch nicht unser Eigentum so haben wir doch einen langen Pacht für einen Pfifferling an dem Morgen als Arthur – törichte Gewohnheit aus unsrer Jugendzeit und Mr. Clennam weit passender für die gegenwärtigen Verhältnisse namentlich einem Fremden gegenüber der noch überdies ein Mann von hoher Stellung ist – die frohe Nachricht brachte die er von einem Mann namens Pancks hatte das macht mich so kühn.«

Bei der Erwähnung dieser beiden Namen zog Mr. Dorrit die Brauen zusammen, starrte die Dame an, zog die Brauen wieder zusammen, besann sich mit den Fingern an den Lippen, wie er es vor langer Zeit gemacht hatte, und sagte: »Haben Sie die Gefälligkeit, mir – ha – zu sagen, was Sie wünschen, Madame.«

»Mr. Dorrit«, sagte Flora, »Sie sind sehr freundlich daß Sie mir diese Erlaubnis geben und es erscheint mir sehr natürlich daß Sie so gütig sind denn obgleich Sie stattlicher sind gewahre ich doch eine Ähnlichkeit natürlich voller aber doch eine Ähnlichkeit der Zweck meines Herkommens ist meine Sache ich habe kein menschliches Wesen zu Rate gezogen namentlich nicht Arthur – bitte entschuldigen Sie Doyce und Clennam ich weiß nicht was ich sage Mr. Clennam allein – denn diesen Mann der mit einer goldenen Kette an eine purpurne Zeit gefesselt ist wo alles ätherisch war von einer Sorge zu befreien wäre für mich das Lösegeld eines Königs wert obgleich ich nicht die geringste Idee habe wie hoch sich das belaufen würde aber ich meine damit die Totalsumme von allem was ich auf der Welt besitze und noch mehr.«

Mr. Dorrit, ohne den Ernst dieser letzten Worte besonders zu beachten, wiederholte: »Bitte, was wünschen Sie, Madame?«

»Es ist nicht wahrscheinlich das weiß ich wohl«, sagte Flora, »aber es ist möglich und da es möglich so entschloß ich mich als ich in den Zeitungen Ihre Ankunft aus Italien und Ihre Rückkehr dahin las zu sehen ob ich Sie nicht veranlassen könnte ihm entgegenzukommen oder etwas von ihm zu hören und wenn das der Fall was wäre das für alle ein Glück und eine Beruhigung.«

»Erlauben Sie mir zu fragen, Madame«, sagte Mr. Dorrit, während seine Ideen sich verwirrten, »auf wen – ha – auf wen«, wiederholte er mit gehobener Stimme in seiner Verzweiflung, »auf wen Sie anspielen?«

»Auf den Fremden aus Italien der in der City verschwunden ist wie Sie ohne Zweifel so gut wie ich in den Zeitungen gelesen haben werden«, sagte Flora, »abgesehen von Privatquellen wie Mr. Pancks aus welchen man erfährt was für schrecklich bösartige Dinge manche Leute schlecht genug sind sich zuzuflüstern da sie wahrscheinlich andere nach sich beurteilen und wie ärgerlich und entrüstet Arthur – kann nicht anders Doyce und Clennam – darüber sein muß.«

Zum Glück für die Aufklärung der Sache hatte Mr. Dorrit nichts von der Sache gehört noch gelesen. Dies veranlaßte Mrs. Finching mit vielen Entschuldigungen wegen der Schwierigkeit unter den Falten ihres Kleides den Weg in ihre Tasche zu finden, endlich eine polizeiliche Bekanntmachung hervorzuholen, die besagte, daß ein fremder Herr namens Blandois, der kürzlich aus Venedig angelangt sei, auf unerklärliche Weise an dem und dem Abend in dem und dem Teil der City von London verschwunden sei; daß man wisse, er sei in das und das Haus zu der und der Stunde gegangen; daß die Bewohner jenes Hauses angegeben, er habe es so und so viele Minuten vor Mitternacht verlassen, und daß man ihn seit dieser Zeit nicht mehr gesehen habe. Dies mit genauen Angaben über Zeit und Örtlichkeit und mit einer detaillierten Beschreibung des so geheimnisvoll verschwundenen Mannes las Mr. Dorrit ein langes und breites.

»Blandois!« sagte Mr. Dorrit. »Venedig! Und diese Beschreibung! Ich kenne diesen Herrn. Er war in meinem Hause. Er ist sehr befreundet mit einem Gentleman von guter Familie (obwohl selbst nicht in den besten Umständen), dessen – ha – Gönner ich bin.«

»Dann ist es um so mehr meine dringende Bitte«, sagte Flora, »daß Sie auf der Rückreise die Freundlichkeit haben sich nach diesem fremden Herrn auf allen Straßen und an allen Ecken umzusehen und sich in allen Hotels bei allen Orangenbäumen Weinbergen und Vulkanen kurz an allen Orten zu erkundigen denn er muß irgendwo sein und warum kommt er nicht und sagt daß er da sei und klärt alles auf?«

»Bitte, Madame«, sagte Mr. Dorrit mit Bezugnahme auf die Bekanntmachung, »wer ist Clennam und Komp.? Ich sehe den Namen hier in Verbindung mit dem Hause erwähnt, in das man Monsieur Blandois gehen sah; wer ist Clennam und Komp.? Ist es jener Mann, mit dem ich früher – hm – eine – ha – vorübergehende Bekanntschaft hatte, und dessen Sie, wie ich glaube, Erwähnung taten? Ist es jener – ha – Mann?«

»Eine ganz andere Person«, versetzte Flora, »ohne Beine wofür sie Räder hat und die mürrischste Frau obgleich seine Mutter.«

»Clennam und Komp. eine – hm – Mutter?« rief Mr. Dorrit.

»Und außerdem ein alter Mann«, sagte Flora.

Mr. Dorrit sah aus, als wenn ihn diese Mitteilung sogleich von Sinnen bringen müßte. Auch wirkte es nicht wohltätiger auf seine Gesundheit, daß Flora eine rasche Analyse von Mr. Flintwinchs Kravatte gab und ihn, ohne die geringste Grenzlinie zwischen seiner und Mrs. Clennams Person zu ziehen, als eine rostige Schraube in Gamaschen beschrieb. Diese Zusammensetzung von Mann und Frau, keinen Beinen, Rädern, rostiger Schraube, mürrischem Wesen und Gamaschen verblüffte Mr. Dorrit so vollständig, daß er einen bemitleidenswerten Anblick bot.

»Aber ich möchte Sie nicht einen Augenblick länger aufhalten«, sagte Flora, auf welche dieser Anblick die entsprechende Wirkung gemacht hatte, »wenn Sie die Güte haben wollten, mir Ihr Versprechen als Gentleman zu geben daß Sie sowohl auf Ihrer Rückreise nach Italien als in Italien selbst sich nach diesem Herrn Blandois unten und oben umsehen und wenn Sie ihn finden oder von ihm hören ihn veranlassen daß er sich zeige und alles aufkläre.«

Inzwischen hatte sich Mr. Dorrit so weit von seiner Verwirrung erholt, daß er in ziemlich zusammenhängender Weise zu erklären imstande war, er werde dies als seine Pflicht betrachten. Flora war entzückt von ihrem Erfolg und stand auf, um sich zu verabschieden.

»Tausend Dank«, sagte sie, »und hier meine Adresse auf meiner Karte im Falle mir eine persönliche Mitteilung zu machen wäre ich will meinen Gruß nicht der lieben Kleinen senden denn es würde sich vielleicht nicht schicken und es existiert ja auch eigentlich keine Kleine mehr nachdem sich alles so sehr verändert also hat es auch keinen Grund aber ich und Mr. Finchings Tante wünschen ihr immer das beste Wohlergehen und gründen keine Ansprüche auf Dienste von unserer Seite Sie können dessen versichert sein im Gegenteil denn was sie unternahm das führte sie aus und das ist mehr als viele von uns tun abgesehen davon daß sie was sie tat so gut machte als es nur irgend möglich war und ich selbst bin eine von jenen denn seitdem ich mich von dem Schlage des Todes von Mr. Finching zu erholen begann sagte ich immer ich wolle die Orgel lernen für die ich außerordentlich eingenommen bin aber ich muß mich schämen zu bekennen daß ich noch nicht eine Note kenne guten Abend!«

Als Mr. Dorrit, der sie bis zur Zimmertür begleitete, etwas Zeit gefunden sich zu sammeln, fand er, daß die Unterhaltung längst vergessene Erinnerungen in ihm wachgerufen hatte, die sich nicht mit Mr. Merdles Diner vertrugen. Er schrieb ein kurzes Billet, um sich für heute zu entschuldigen, und befahl, daß das Diner augenblicklich in seinem eigenen Zimmer im Hotel serviert werde. Er hatte noch einen andern Grund dafür. Seine Zeit in London war nahezu zu Ende und im voraus vollauf in Anspruch genommen; sein Plan für die Rückreise war entworfen; und er glaubte, es seiner hohen Stellung schuldig zu sein, über das Verschwinden Blandois‘ nähere Nachforschungen anzustellen, um in der Lage zu sein, Mr. Henry Gowan das Resultat seiner persönlichen Erkundigungen mitteilen zu können. Er beschloß deshalb, diesen freien Abend zu benützen, um zu Clennam und Komp. zu gehen, welche Firma sich nach den Angaben in der Bekanntmachung leicht finden ließ, und sich den Platz anzusehen und selbst einige Erkundigungen einzuziehen.

Nachdem er so einfach gegessen, als das Hotel und der Kurier es gestatteten, und einen kurzen Schlaf an dem Kamin gemacht, um sich von Mrs. Finching zu erholen, fuhr er allein in einem Mietwagen aus. Die dumpfe Glocke von St. Paul schlug neun, als er unter dem Schatten des Tempeltors vorüberkam, das in diesen entarteten Zeiten keinen Kopf eines Enthaupteten zeigte und verlassen dastand.

Als er durch die Nebenstraßen und Gassen am Wasser dem Ziele seiner Fahrt sich näherte, erschien ihm dieser Teil von London häßlicher, als er sich ihn jemals gedacht hatte. Viele Jahre waren verflossen, seit er ihn gesehen; er hatte sich niemals hier viel umgetrieben; und das Ganze machte einen geheimnisvollen und traurigen Eindruck auf ihn. So mächtig wirkte es auf seine Phantasie, daß, als der Kutscher hielt, nachdem er sich mehr denn einmal nach dem Wege erkundigt, und sagte, dies scheine ihm der fragliche Torweg zu sein, Mr. Dorrit zögernd, mit dem Kutschenschlag in der Hand, und beinahe erschrocken über den finstern Anblick des Ortes, dastand.

Sicherlich sah er an jenem Abend so düster aus wie nur je. Zwei von den Bekanntmachungen waren an der Mauer angeklebt, eine auf jeder Seite des Eingangs, und wenn die Laterne in dem Nachtwind sich bewegte, glitten Schatten drüber hin, nicht unähnlich den Schatten von Fingern, die über die Zeilen hinliefen. Offenbar wurde der Ort beobachtet; denn als Mr. Dorrit stehenblieb, ging ein Mann von der andern Seite der Straße an ihm vorüber in den Hof, und ein anderer kam aus einem dunklen Winkel drinnen hervor; und beide sahen ihn im Vorübergehen an, und beide blieben in der Nähe stehen.

Da sich nur ein Haus innerhalb der Ringmauer befand, so konnte kein Zweifel möglich sein; er ging daher die Stufen dieses Hauses hinauf und klopfte. Ein schwaches Licht bemerkte man in zwei Fenstern des ersten Stockes. Die Tür gab einen traurigen hohlen Schall von sich, als wenn das ganze Haus leer wäre; aber das war nicht der Fall, denn beinahe im selben Augenblick sah man ein Licht und hörte Schritte. Sie kamen näher, eine Kette klirrte, und, eine Frau, die Schürze über Gesicht und Kopf gezogen, stand in der Öffnung.

»Wer ist da?« sagte die Frau.

Mr. Dorrit, sehr erstaunt über diese Erscheinung, antwortete, er sei aus Italien und wünsche einige Erkundigungen über die Person einzuziehen, die vermißt werde und die er kenne.

»Hi!« rief die Frau, ihre gebrochene Stimme erhebend. »Jeremiah!«

Auf diesen Ruf erschien ein vertrockneter alter Mann, in dem Mr. Dorrit durch die Gamaschen die rostige Schraube zu erkennen glaubte. Die Frau fürchtete sich vor diesem vertrockneten alten Mann, denn sie zog die Schürze weg, als er sich näherte, und zeigte ein blasses, erschrockenes Gesicht. »Öffne die Tür, du Närrin«, sagte der alte Mann, »und lasse den Herrn herein.«

Mr. Dorrit trat, nachdem er noch nach seinem Kutscher und Kabriolett zurückgesehen, in die dunkle Halle. »Nun, Sir«, sagte Mr. Flintwinch, »können Sie alles fragen, was Ihnen beliebt; es gibt hier keine Geheimnisse, Sir.«

Ehe man Zeit zu einer Antwort hatte, rief eine starke strenge Stimme, obgleich eine Frauenstimme, von oben herab: »Wer ist da?«

»Wer da ist?« antwortete Jeremiah. »Noch mehr Erkundigungen. Ein Herr aus Italien.«

»Bringen Sie ihn herauf.«

Mr. Flintwinch murmelte vor sich hin, als wenn er das für unnötig halte; aber zu Mr. Dorrit gewandt setzte er hinzu: »Mrs. Clennam. Sie tut immer, was ihr beliebt. Ich will Ihnen den Weg zeigen.« Er ging dann Mr. Dorrit die dunkle Treppe voran: dieser, der natürlich sich auf dem Weg umsah, erblickte die Frau hinter sich, die Schürze wieder in ihrer früheren geisterhaften Weise über den Kopf geworfen.

Mrs. Clennam hatte ihre Bücher offen auf ihrem kleinen Tisch vor sich liegen. »Oh!« sagte sie kurz, während sie den Fremden mit festem Blick ins Auge faßte. »Sie sind aus Italien, Sir, nicht wahr. Hm?«

Mr. Dorrit wußte im Augenblick keine passendere Antwort zu geben als: »Ha – hm?«

»Wo ist der Vermißte? Können Sie uns Mitteilungen über seinen Aufenthalt machen? Ich hoffe, Sie können es.«

»Weit entfernt davon, suche ich – hm – vielmehr hier Auskunft über ihn.«

»Unglücklicherweise können wir Ihnen keine geben. Flintwinch, zeigen Sie dem Herrn die Bekanntmachung. Geben Sie ihm mehrere Exemplare zum Mitnehmen. Halten Sie dem Herrn das Licht, damit er besser lesen kann.«

Mr. Flintwinch tat, wie ihm befohlen ward, und Mr. Dorrit las die Bekanntmachung, als wenn er sie zum ersten Male in die Hand bekäme, wahrhaft froh, sich auf diese Weise etwas sammeln zu können, da das Aussehen des Hauses und der Bewohner desselben ihn etwas außer Fassung gebracht hatten. Während seine Augen auf dem Papier verweilten, fühlte er, daß die Augen von Mr. Flintwinch und Mrs. Clennam auf ihm ruhten. Er fand, als er aufblickte, daß dies Gefühl keine Einbildung gewesen war.

»Nun wissen Sie so viel wie wir, Sir«, sagte Mrs. Clennam. »Ist Mr. Blandois ein Freund von Ihnen?«

»Nein, ein – hm – Bekannter«, antwortete Mr. Dorrit.

»Haben Sie vielleicht einen Auftrag von ihm?«

»Ich? Ha. Gewiß nicht.«

Der forschende Blick senkte sich nach und nach zu Boden, nachdem er unterwegs auch Flintwinchs Gesicht mitgenommen. Mr. Dorrit, etwas verwirrt, da er sah, daß er der Befragte statt der Frager war, suchte diese unerwartete Ordnung der Dinge umzukehren.

»Ich bin – ha –- ein Mann von Vermögen und wohne gegenwärtig mit meiner Familie, meinen Dienern und – hm – einem ziemlich großen Haushalt in Italien. Da ich mich für kurze Zeit Angelegenheiten wegen, die mit meinen – ha – Besitzungen in Verbindung stehen, in London aufhalte und von diesem seltsamen Verschwinden höre, so wünschte ich mich über die näheren Umstände aus erster Hand zu unterrichten, da ein – ha, hm – englischer Gentleman in Italien ist, den ich zweifelsohne bei meiner Rückkehr sehen werde und der in sehr vertrautem und täglichem Verkehr mit Monsieur Blandois stand. Mr. Henry Gowan. Sie kennen wohl den Namen?«

»Habe nie von ihm gehört.«

Mrs. Clennam sagte es, und Mr. Flintwinch war ihr Echo.

»Da ich ihm – ha – einen zusammenhängenden und genauen Bericht abstatten möchte«, sagte Mr. Dorrit, »so darf ich mir – wohl drei Fragen erlauben?«

»Dreißig, wenn Sie wollen.«

»Kannten Sie Monsieur Blandois schon lange?«

»Kein Jahr. Mr. Flintwinch wird in den Büchern nachsehen und Ihnen sagen, wann und von wem in Paris er an uns empfohlen wurde; wenn dies«, fügte Mrs. Clennam hinzu, »Ihnen zur Beruhigung dienen sollte. Uns ist es eine geringe Beruhigung.«

»Haben Sie ihn oft gesehen?«

»Nein. Zweimal. Einmal früher und –«

»Das eine Mal«, half Mr. Flintwinch nach.

»Und dies eine Mal.«

»Bitte, Madame«, sagte Mr. Dorrit, der nach und nach, als er seine Wichtigkeit wieder zu fühlen begann, zu dem Gedanken kam, er sei in einer höheren Weise Friedensrichter; »bitte, Madame, darf ich, zur größeren Beruhigung des Herrn, den ich – ha – die Ehre haben zu beschäftigen oder zu protegieren oder, wir wollen sagen – hm – zu kennen – zu kennen – mir die Frage erlauben, war Monsieur Blandois an dem in diesem gedruckten Zettel angegebenen Abend hier in Geschäften?«

»Was er Geschäfte nannte«, versetzte Mrs. Clennam.

»Sind sie – ha – ich bitte um Entschuldigung, der Art, daß sie mitgeteilt werden können?«

»Nein.«

Es war offenbar unmöglich, über die Barriere dieser Antwort hinwegzukommen.

»Diese Frage ist schon früher gestellt worden«, sagte Mrs. Clennam, »und die Antwort lautete nein. Wir lieben es nicht, unsere Geschäfte, so unbedeutend sie auch sind, der ganzen Stadt mitzuteilen. Wir sagen nein«.

»Ich meine, zum Beispiel, er nahm kein Geld mit sich?« sagte Mr. Dorrit.

»Er hat keins von uns mitgenommen, Sir, und auch keins von uns erhalten.«

»Ich vermute«, bemerkte Mr. Dorrit, von Mrs. Clennam zu Mr. Flintwinch hinüberblickend und umgekehrt, »Sie können sich selbst dieses Geheimnis nicht erklären.«

»Weshalb vermuten Sie das?« versetzte Mrs. Clennam.

Außer Fassung gebracht durch die kalte und harte Frage, war Mr. Dorrit nicht imstande, irgendeinen Grund für seine Vermutung anzugeben.

»Ich erkläre es mir so, Sir«, fuhr sie fort, nach einer unbeholfenen Pause von Mr. Dorrits Seite, »daß er ohne Zweifel irgendwo reist oder sich irgendwo versteckt hält.«

»Wissen Sie etwa – ha – weshalb er Grund hat, sich zu verstecken?«

»Nein.«

Es war genau dasselbe Nein wie zuvor, wodurch eine neue Barriere aufgestellt war.

»Sie frugen mich, ob ich mir sein Verschwinden erkläre«, erinnerte ihn Mrs. Clennam streng, »nicht ob ich es Ihnen erklären könne. Ich möchte mir nicht anmaßen, es Ihnen zu erklären, Sir. Ich meine, daß dies ebensowenig meine Sache ist, wie eine Erklärung zu verlangen, die Ihre.«

Mr. Dorrit antwortete mit einer um Entschuldigung bittenden Verbeugung. Als er zurücktrat, was besagen wollte, er habe nichts mehr zu fragen, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie düster und fest die Augen zu Boden gerichtet sie dasaß, mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, der darauf deutete, daß sie ruhig warte, und wie derselbe Ausdruck sich von Mr. Flintwinchs Gesicht widerspiegelte, der in einiger Entfernung von ihrem Stuhl, die Augen gleichfalls zu Boden gerichtet und mit der rechten Hand sanft das Kinn reibend, dastand.

In diesem Augenblick ließ Mrs. Affery (natürlich die Frau mit der Schürze über dem Kopf) den Leuchter fallen, den sie in der Hand hielt, und rief: »Da! O, guter Gott! Da ist es wieder! Horch, Jeremiah! Jetzt!«

Wenn auch wirklich ein Geräusch vorhanden war, so war es jedenfalls so leise, daß sie es nur bei ihrer zur Manie gewordenen Gewohnheit, immerfort zu lauschen, hören konnte; aber Mr. Dorrit glaubte ebenfalls etwas zu hören wie das Niederfallen dürrer Blätter. Der Schrecken der Frau schien für einen kurzen Augenblick die andern anzustecken, und sie lauschten alle.

Mr. Flintwinch war der erste, der sich wieder faßte. »Affery, arme Frau«, sagte er, indem er mit geballten Fäusten auf sie zu wackelte, während seine Ellbogen vor Begierde, sie zu schütteln, zitterten: »Du machst wieder deine alten Streiche. Du wirst nächstens wieder im Schlafe wandeln, Weib, und die ganze Reihe deiner verrückten Gaukelei durchmachen. Du mußt einnehmen. Wenn ich diesem Herrn das Geleit gegeben habe, werde ich dir ein angenehmes Pulver geben; ein ganz angenehmes Pulver.«

Diese Aussicht schien Mrs. Affery nichts weniger als angenehm zu sein; Jeremiah aber nahm, ohne weiter von seiner heilsamen Medizin zu sprechen, ein zweites Licht von Mrs. Clennams Tisch und sagte: »Nun, mein Herr, soll ich Ihnen hinableuchten?«

Mr. Dorrit sagte, daß er ihm dankbar dafür sein werde, und ging hinab. Mr. Flintwinch schloß ihn durch Tür und Kette hinaus, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren. Wiederum gingen die beiden Männer an ihm vorüber, indem der eine von draußen, der andre von drinnen kam; nachdem er in den Wagen gestiegen, der auf ihn gewartet hatte, fuhr er fort.

Ehe er weit gefahren war, hielt der Kutscher an, um ihm mitzuteilen, daß er auf ihr gemeinschaftliches Verlangen den beiden Männern seinen Namen, seine Nummer und seine Adresse gegeben habe; auch die Adresse, wo Mr. Dorrit eingestiegen, die Stunde, wo man ihn von seinem Standort abgeholt, und den Weg, den er gemacht habe.

Dies trug gerade nicht dazu bei, den Eindruck, den dieses nächtliche Abenteuer auf Mr. Dorrit gemacht, abzuschwächen; die ganze Szene stand ihm lebhaft vor Augen, als er vor seinem Kamin saß und als er zu Bett ging. Die ganze Nacht verließ ihn das Bild des unheimlichen Hauses nicht; er sah, wie die beiden Männer unverdrossen warteten, hörte, wie die Frau mit der Schürze über dem Kopf wegen des Geräusches schrie, und erblickte die Leiche des vermißten Blandois bald in einem Keller begraben, bald in einer Wand vermauert.

Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Ein Luftschloß.

Mannigfach sind die Sorgen des Reichtums und Glanzes. Mr. Dorrits Zufriedenheit bei dem Gedanken, daß er sich habe bei Clennam und Komp. nicht zu nennen brauchen und ebensowenig auf die Bekanntschaft mit einer zudringlichen Person dieses Namens hatte anspielen müssen, wurde am Abend, selbst während sie noch frisch war, von einem Kampf getrübt, der in ihm erwachte, ob er nämlich auf dem Rückweg an dem Marschallgefängnis vorbeifahren und sich das alte Tor ansehen sollte oder nicht. Er entschied, es nicht zu tun, und setzte den Kutscher durch seine Heftigkeit in Erstaunen, mit der er seinen Vorschlag zurückwies, über die Londonbrücke und dann auf die Waterloobrücke zurück über den Fluß zu fahren, – ein Weg, der ihn ganz in die Nähe seiner alten Wohnung gebracht hätte. Trotz alledem hatte die Frage einen Konflikt in seinem Innern hervorgerufen, und er war aus irgendeinem schlechten oder gar keinem Grunde unzufrieden mit sich. Selbst bei Tisch am andern Tage in Merdles Hause war er dadurch so verstimmt, daß er beständig wieder die Sache in seinem Innern hin und her wog, was ein Benehmen zur Folge hatte, das die gute Gesellschaft um ihn her verlegen machen mußte. Es überlief ihn heiß, wenn er daran dachte, was wohl die Meinung des Oberhaushofmeisters von ihm sein würde, wenn diese erlauchte Person mit ihrem lästigen Blick den Strom seiner Gedanken ermessen könnte.

Das Abschiedsbankett war prachtvoll und bildete einen höchst glänzenden Schluß seines Besuches. Fanny verband mit den Reizen ihrer Jugend und Schönheit ein gewisses gewichtiges Selbstbewußtsein, als wenn sie schon zwanzig Jahre verheiratet wäre. Er fühlte, daß er es ihr mit ruhigem Gefühl überlassen könne, die Pfade der vornehmen Welt zu betreten, und wünschte – aber ohne Verminderung seines Wohlwollens und ohne Vorurteil gegen die stilleren Tugenden seines Lieblings –, daß er noch eine solche Tochter hätte.

»Meine Liebe«, sagte er beim Scheiden zu ihr, »unsere Familie blickt auf dich – ha –, daß du ihre Würde und – hm – Bedeutung aufrechterhaltest. Ich weiß, du wirst diese Erwartung nie täuschen.«

»Nein, Papa«, sagte Fanny, »darauf darfst du vertrauen. Meine besten Grüße der lieben, lieben Amy, ich werde ihr bald schreiben.« »Soll ich – ha – sonst noch jemandem etwas ausrichten?« fragte Mr. Dorrit mit einschmeichelndem Ton.

»Papa«, sagte Fanny, vor der Mrs. General augenblicklich auftauchte, »nein, ich danke Ihnen. Sie sind sehr freundlich, Papa, aber ich muß um Entschuldigung bitten: ich habe niemandem etwas sagen zu lassen, ich danke Ihnen, lieber Papa, nichts, was Ihnen angenehm sein würde.«

Sie nahmen in einem äußern Salon voneinander Abschied, wo nur Mr. Sparkler auf seine Frau wartete und pflichtschuldig des Zeitpunktes harrte, wo er Mr. Dorrit die Hand schütteln konnte. Als Mr. Sparkler zu dieser Schlußaudienz zugelassen war, kam Mr. Merdle hereingeschlichen und machte den Eindruck, als wenn er nicht viel mehr Arme in seinen Ärmeln hätte denn ein Zwillingsbruder von Miß Biffin, und bestand darauf, Mr. Dorrit die Treppe hinabzugeleiten. Da alle Protestationen Mr. Dorrits vergeblich waren, genoß er die Ehre, von diesem ausgezeichneten Mann, der (wie Mr. Dorrit ihm unter Händeschütteln auf der Treppe sagte) ihn wirklich während seines unvergeßlichen Besuchs mit Aufmerksamkeiten und Diensten überhäuft hatte, bis an die Haustür begleitet zu werden. Hier schieden sie, und Mr. Dorrit stieg mit schwellendem Herzen in den Wagen, durchaus nicht unzufrieden, daß sein Kurier, der in den untern Regionen Abschied zu nehmen gekommen war, Gelegenheit erhalten hatte, Zeuge seiner ehrenvollen Abreise zu sein.

Die erwähnte Ehre ergoß noch ihren ganzen Glanz auf Mr. Dorrit, als er vor seinem Hotel abstieg. Von dem Kurier und einem halben Dutzend Bedienten des Hotels aus dem Wagen gehoben, ging er mit heiterem Gepränge durch die Vorhalle, als er ein Schauspiel erblickte, das ihn stumm und bewegungslos machte. John Chivery, in seinen besten Kleidern, mit seinem hohen Hut unter dem Arme, seinen Stock mit der Elfenbeinhand in gentiler Verlegenheit festhaltend und ein Bündel Zigarren in der Hand.

»Sehen Sie, junger Mann«, sagte der Portier. »Das ist der Herr. Dieser junge Mann wollte durchaus auf Sie warten, Sir, indem er behauptete, Sie würden sich freuen, ihn zu sehen.«

Mr. Dorrit stierte den jungen Mann an, würgte und sagte im mildesten Tone: »Ach! Der junge John! Sie sind es, mein lieber John, nicht wahr?«

»Ja, Sir«, versetzte der junge John.

»Ich – ha – dachte es doch, der junge John werde es sein!« sagte Mr. Dorrit. »Der junge Mann kann mit mir heraufkommen«, fuhr er, an die Dienerschaft gewandt, fort, indem er weiterging. »O ja, er soll nur heraufkommen. Der junge John soll mir folgen. Ich will oben mit ihm sprechen.«

Der junge John folgte lächelnd und sehr geschmeichelt. Man hatte Mr. Dorrits Zimmer erreicht. Lichter wurden angesteckt. Die Dienerschaft entfernte sich.

»Nun, Sir«, sagte Mr. Dorrit, indem er sich nach ihm umwandte und ihn am Rockkragen faßte, als sie ganz allein wahren. »Was soll das heißen?«

Das Erstaunen und der Schrecken, die sich auf dem Gesicht des unglücklichen John malten – denn er hatte eher erwartet, umarmt zu werden –, waren von so ungemein ausdrucksvoller Art, daß Mr. Dorrit seine Hand zurückzog und ihn bloß anstierte.

»Wie können Sie das wagen?« sagte Mr. Dorrit. »Wie können Sie sich herausnehmen, hierherzukommen? Wie wagen Sie es, mich zu beleidigen?«

»Ich Sie beleidigen, Sir?« rief der junge John. »Oh!«

»Ja, Sir«, versetzte Mr. Dorrit, »mich beleidigen. Ihr Hierherkommen ist eine Beleidigung, eine Impertinenz, eine Frechheit. Man hat Sie hier nicht verlangt. Wer schickte Sie? Was – ha – zum Teufel haben Sie hier zu tun?«

»Ich dachte, Sir«, sagte der junge John mit so blassem und erschrockenem Gesicht, als Mr. Dorrit je nur eines in seinem Leben gesehen, »ich dachte, Sie würden wohl die Güte haben, dieses Päckchen Zigarren anzunehmen.«

»Verdammt sei Ihr Päckchen, Sir!« rief Mr. Dorrit in nicht zu bezähmender Wut. »Ich – hm – rauche nicht!«

»Ich bitte Sie demütig um Verzeihung, Sir. Sie rauchten früher.«

»Sagen Sie mir das noch einmal«, rief Mr. Dorrit ganz außer sich, »und ich lasse Sie das Schüreisen fühlen.«

John Chivery trat den Rückzug nach der Tür an.

»Halt, Sir!« rief Mr. Dorrit. »Halt! Setzen Sie sich. Still, setzen Sie sich!«

John Chivery sank auf den neben der Tür stehenden Stuhl, und Mr. Dorrit ging im Zimmer auf und nieder: anfangs rasch; dann immer langsamer. Einmal trat er ans Fenster und stand dort mit der Stirn an der Scheibe. Plötzlich drehte er sich um und sagte:

»Was wollten Sie sonst noch hier?«

»Nichts in der Welt sonst, Sir. O Gott, wahrhaftig nicht. Ich wollte nur sagen, Sir, ich hoffe, daß Sie sich wohl befinden, und fragen, ob Miß Amy wohl ist?«

»Was geht das Sie an, Sir?« versetzte Mr. Dorrit.

»Es geht mich freilich von Rechts wegen nichts an. Ich will durchaus die Kluft, die zwischen uns ist, nicht ausfüllen. Ich weiß, daß ich mir etwas herausnehme, aber ich dachte nicht, daß Sie es so übel aufnehmen würden. Auf mein Ehrenwort, Sir«, sagte der junge John bewegt, »trotz meiner Armut bin ich zu stolz, als daß ich hierhergekommen wäre, wenn ich dies gewußt, das versichere ich Ihnen.«

Mr. Dorrit war beschämt. Er ging wieder an das Fenster und lehnte seine Stirn einige Zeit an die Scheibe. Als er sich umwandte, hatte er sein Taschentuch in seiner Hand und trocknete sich die Augen damit und sah angegriffen und unwohl aus. »Mein lieber John, ich bedaure, heftig gegen Sie gewesen zu sein, aber – ha – aber es gibt Erinnerungen, die nicht gerade zu den glücklichen zählen, und – hm – Sie hätten nicht kommen sollen.«

»Ich fühle das jetzt, Sir«, erwiderte John Chivery; »aber ich habe es nicht früher überlegt, und der Himmel weiß, ich habe es nicht böse gemeint, Sir.«

»Nein. Nein«, sagte Mr. Dorrit. »Ich – ha – bin davon überzeugt. Ha. Geben Sie mir die Hand, mein lieber John, geben Sie mir die Hand.«

Der junge John gab sie; aber Mr. Dorrit hatte ihm das Herz herausgeschreckt, und nichts konnte mehr den bleichen, entsetzten Ausdruck seines Gesichts ändern.

»So!« sagte Mr. Dorrit, ihm langsam die Hand schüttelnd. »Setzen Sie sich wieder, mein junger John.«

»Ich danke Ihnen, Sir, – aber ich möchte lieber stehen.«

Mr. Dorrit setzte sich statt dessen. Nachdem er seinen Kopf einen Augenblick, als wenn er ihn schmerzte, gehalten, wandte er sich an seinen Besuch und sagte, indem er sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen:

»Und wie geht es Ihrem Vater, lieber John? Wie – ha – geht es ihnen allen, lieber John?«

»Danke Ihnen, Sir. Sie befinden sich alle ziemlich wohl. Sie klagen über nichts.«

»Hm. Sie sind – hm –, wie ich sehe, noch in Ihrem alten Geschäft, John?« sagte Mr. Dorrit mit einem Blick auf das beleidigende Päckchen, das er verwünscht hatte.

»Zum Teil, Sir. Ich bin auch«, John zögerte ein wenig, »in meines Vaters Geschäft.«

»O, so!« sagt« Mr. Dorrit. »Sie – ha, hm – helfen ihm beim – ha –«

»Schließen, Sir? Ja, Sir.«

»Viel zu tun, John?«

»Ja, Sir; wir haben gegenwärtig ziemlich anstrengenden Dienst. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wir haben meistens ziemlich anstrengenden Dienst.«

»Um diese Jahreszeit, lieber John?«

»Beinahe zu allen Zeiten des Jahres, Sir. Ich wüßte nicht, daß die Zeit großen Unterschied bei uns machte. Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Sir.«

»Bleiben Sie einen Augenblick, John, – ha – bleiben Sie einen Augenblick. Hm. Lassen Sie mir die Zigarren, John, ich – ha – bitte.«

»Gern, Sir.« John legte sie mit zitternder Hand auf den Tisch.

»Bleiben Sie noch einen Augenblick, lieber John: bleiben Sie noch einen Augenblick. Es würde mir – ha – sehr angenehm sein, eine kleine – hm – Ehrengabe einem so sichern Boten zu übergeben, damit es – ha – hm – unter sie – sie – nach ihrem Bedürfnisse verteilt werde. Hätten Sie etwas dagegen?«

»Durchaus nicht, Sir. Gar viele, bin ich überzeugt, können es gut brauchen.«

»Ich danke Ihnen, John. Ich – ha – will es aufschreiben, John.«

Seine Hand zitterte so, daß er lange dazu brauchte und zuletzt die Anweisung nur ein unleserliches Gekritzel war. Sie betrug hundert Pfund. Er legte sie zusammen, übergab sie dem jungen John und drückte ihm die Hand.

»Ich hoffe. Sie werden – ha – vergessen – hm –, was geschehen ist, John.«

»Sprechen Sie doch nicht mehr davon, Sir. Ich hege durchaus keinen Groll.«

Aber nichts konnte, solange er hier war, Johns Gesicht seine natürliche Farbe und seinen gewöhnlichen Ausdruck wiedergeben oder John seine alle Ungezwungenheit verleihen.

»Und, John«, sagte Mr. Dorrit, indem er ihm die Hand noch einmal drückte und sie dann losließ, »ich hoffe – ha –, wir verstehen uns, daß wir im Vertrauen gesprochen haben; und daß Sie beim Weggehen unterlassen, irgend etwas zu jemand zu sagen, was – hm – auf die Vermutung führen könnte, daß – ha – ich einmal –«

»O, ich versichere Sie, Sir«, versetzte John Chivery, »ich bin trotz meiner Armut zu stolz und zu ehrenhaft, um so etwas zu tun.«

Mr. Dorrit war nicht zu stolz und zu ehrenhaft, an der Tür zu horchen, um sich zu versichern, ob John wirklich geradewegs fortgehe oder vorziehe, unten mit irgend jemandem ein Gespräch anzuknüpfen. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß er geradeswegs zur Tür hinaus und raschen Schrittes die Straße hinabging. Nachdem er eine Stunde lang allein geblieben, läutete Mr. Dorrit dem Kurier, der ihn mit dem Stuhl an dem Kamin, den Rücken nach der Tür und das Gesicht dem Feuer zugekehrt, fand. »Sie können dies Bündel Zigarren nehmen und auf der Reise rauchen, wenn Sie wollen«, sagte Mr. Dorrit mit einer gleichgültigen Handbewegung. »Ha – ’s ist – hm – ein kleines Geschenk von – ha – dem Sohn eines alten Pächters auf meinen Gütern.«

Die Sonne des nächsten Morgens sah Mr. Dorrits Wagen auf der Straße von Dover, wo jeder rotbejackte Postillion das Schild eines grausamen Hauses war, das dazu eingerichtet worden war, die Reisenden unbarmherzig zu plündern. Da das ganze Geschäft des Menschengeschlechts zwischen London und Dover Freibeuterei war, so wurde Mr. Dorrit in Dartford angefallen, in Gravesend ausgeplündert, in Rochester beraubt, in Sittingbourne gepreßt und in Canterbury marodiert. Da es jedoch die Aufgabe des Kuriers war, ihn aus den Händen der Banditen zu befreien, so kaufte ihn dieser auf jeder Station los; und die Rotjacken ritten heiter glänzend durch die Frühlingslandschaft hin, im Takte zwischen Mr. Dorrit in seiner gemütlichen Ecke und der nächsten kalkigen Anhöhe der staubigen Landstraße auf und nieder humpelnd.

Die Sonne eines zweiten Tages sah ihn in Calais. Und da er jetzt den Kanal zwischen sich und John Chivery hatte, begann er sich sicher zu fühlen und zu finden, daß die fremde Luft sich leichter atmen lasse als die englische Luft.

Nun ging es weiter auf den kotigen französischen Straßen nach Paris. Da er jetzt sein volles Gleichgewicht des Geistes wiederhatte, so beschäftigte sich Mr. Dorrit in seiner gemütlichen Ecke mit Luftschlösserbauen, während er so dahinfuhr. Offenbar hatte er den Bau eines sehr großen Schlosses unternommen. Den ganzen Tag baute er Türme auf, trug er Türme ab, fügte hier einen Flügel an, setzte dort eine Zinne auf, sah nach den Mauern, verstärkte die Verteidigungswerke, brachte Verzierungen im Innern an – und machte in jeder Beziehung ein prachtvolles Schloß daraus. Sein sinnendes Gesicht verriet so deutlich, womit er beschäftigt war, daß jeder Krüppel in den Posthäusern, der nicht blind war und seine kleine verwetterte Zinnbüchse m den Wagen hereinhielt, um im Namen des Himmels, im Namen der heiligen Jungfrau, im Namen aller Heiligen eine Gabe zu erbitten, ebensogut wissen konnte, was in ihm vorging, als ihr Landsmann Lebrun es gewußt hätte, wenn er den englischen Reisenden zum Gegenstand einer speziellen physiognomischen Abhandlung gemacht hätte.

In Paris angelangt, wo er sich drei Tage aufhielt, wanderte Mr. Dorrit viel allein in den Straßen umher und blieb an den Ladenfenstern, besonders der Juweliere, stehen. Zuletzt ging er in den Laden des berühmtesten Juweliers und sagte, er wünsche ein kleines Geschenk für eine Dame zu kaufen.

Es war eine reizende kleine Frau, zu der er dies sagte – eine muntere kleine Frau, mit vorzüglichem Geschmack gekleidet, die aus einem grünen Samtkäfig hervorkam, um ihn zu bedienen, wo sie mit hübschen kleinen Rechnungsbüchern beschäftigt war, die kaum zum Eintragen eines andern Handelsartikels geeignet erschienen als Küsse, und wo sie vor einem hübschen kleinen und glänzenden Pult saß, das selbst schon wie Zuckerwerk aussah.

Welcher Art soll denn das Geschenk sein, das Monsieur machen wolle? Eine Liebesgabe?

Mr. Dorrit lächelte und sagte: Nun, vielleicht! Was wisse er? Es sei immerhin möglich: das Geschlecht sei so reizend. Ob sie ihm welche zeigen wolle?

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte die kleine Frau. Sie fühle sich geschmeichelt und sei entzückt, ihm viele vorlegen zu dürfen. Aber Verzeihung! Zuerst wolle sie bemerken, daß dies Liebesgabe und dies Hochzeitsgeschenke seien. Zum Beispiel diese reizenden Ohrringe und dies prächtig dazu passende Halsband würden eine Liebesgabe sein. Diese Broschen und diese Ringe von so anmutiger und himmlischer Schönheit möchte sie, mit des Herrn Erlaubnis, eine Hochzeitsgabe nennen. »Vielleicht wird es am besten sein«, meinte Mr. Dorrit lächelnd, »beide Sachen zu kaufen und die Liebesgaben zuerst und zuletzt die Hochzeitsgeschenke« zu überreichen?«

»O, Himmel!« sagte die kleine Frau, indem sie die Fingerspitzen ihrer beiden kleinen Hände aneinander legte. »Das wäre wirklich sehr edel. Das wäre eine große Galanterie! Und die Dame, die so mit Geschenken überhäuft würde, müßte Sie sicherlich unwiderstehlich finden.«

Mr. Dorrit war davon nicht überzeugt. Aber die muntere kleine Frau war davon überzeugt, wie sie sagte. So kaufte Mr. Dorrit ein Geschenk von jeder Art und bezahlte eine hübsche Summe dafür. Als er wieder nach seinem Hotel zurückging, trug er den Kopf sehr hoch; denn sein Schloß ragte jetzt offenbar weit höher empor als die beiden viereckigen Türme von Notre-Dame.

Aus allen Kräften fortbauend, aber die Pläne seines Schlosses ganz für sich behaltend, fuhr Mr. Dorrit nach Marseille weiter. Immer bauend, immer bauend, geschäftig und unermüdlich vom Morgen bis in die Nacht. Er schlief ein und ließ große Granitblöcke in der Luft schweben; und wenn er erwachte, machte er sich wieder an die Arbeit und brachte sie an ihren Platz. Unterdessen ließ der Kurier auf dem Bedientensitz, die besten Zigarren des jungen John rauchend, ein kleines Wölkchen dünnen, leichten Rauches hinter sich – vielleicht baute auch er mit einigen verlorenen Stücken von Mr. Dorrits Geld ein Schloß oder zwei.

Keine von den befestigten Städten, durch die sie auf ihrer ganzen Reise kamen, war so stark, keine Kathedralenspitze so hoch wie Mr. Dorrits Schloß.

Weder die Saone noch die Rhone flossen so rasch dahin, wie dieses unvergleichliche Gebäude erstand; auch war das Mittelländische Meer nicht so tief wie seine Fundamente, und die fernen Landschaften auf der Cornichestraße oder die Hügel und die Bucht des stolzen Genua waren nicht so schön.

Mr. Dorrit und sein unvergleichliches Schloß landeten unter den schmutzigen, weißen Häusern Civitavecchias und rumpelten dann, so gut es eben ging, durch den Schmutz, der die Straßen bedeckte.

Neunzehntes Kapitel


Neunzehntes Kapitel

Der Sturm auf das Luftschloß

Die Sonne war volle vier Stunden untergegangen, und es war später, als die meisten Reisenden sich gern außerhalb der Mauern von Rom befinden, als Mr. Dorrits Wagen immer noch auf der letzten mühsamen Station über die einsame Campagna hinrollte. Die wilden Hirten und die finster blickenden Bauern, die noch den Weg belebt und bunt gemacht hatten, solange es hell war, waren alle mit der Sonne zur Ruhe gegangen und ließen die Einöde leer. An einigen Ecken des Weges zeigte ein blasser Schimmer am Horizont, gleich einer Ausdünstung aus dem trümmerübersäten Land, daß die Stadt noch weit entfernt war; aber dieser dürftige Trost war selten und kurz. Der Wagen senkte sich wieder in ein Loch des schwarzen, trockenen Meeres, und für lange Zeit war wieder nichts zu sehen als die versteinerte Woge und der düstere Himmel.

Mr. Dorrit, obgleich er mit dem Bau seines Luftschlosses beschäftigt war, fühlte sich doch an diesem Ort nicht ganz behaglich. Er war bei jedem Umbiegen des Wagens und jedem Ruf des Postillions neugieriger als er auf dem ganzen Wege seit London gewesen. Der Kammerdiener auf dem Bock zitterte sichtlich. Dem Kurier Hintenauf war es nicht wohl zumute. Sooft Mr. Dorrit das Fenster herunterließ und sich nach ihm umsah (was sehr oft geschah), sah er ihn allerdings John Chivery rauchen, aber dabei zumeist stehen und sich umschauen wie ein Mann, der seinen Verdacht hat und auf seiner Hut bleibt. Dann zog Mr. Dorrit die Fenster wieder in die Höhe und dachte bei sich, diese Postillione seien mörderartig aussehende Kerle, und er würde besser daran getan haben, wenn er in Civitavecchia übernachtet und beizeiten morgens aufgebrochen wäre. Aber trotzdem baute er immer wieder an seinem Luftschloß.

Und jetzt zeigten Bruchstücke verfallener Einfassungen, gähnende Fensteröffnungen und morsche Mauern, öde Häuser, lecke Brunnen, geborstene Zisternen, gespenstische Zypressen, Büsche verschlungener Weinreben und der Übergang des Geleises in eine lange, unregelmäßige, unordentliche Gasse, wo alles im Verfall war, von den unansehnlichen Gebäuden bis zu dem holperigen Weg – all dies zeigte, daß sie sich Rom näherten. Und jetzt flößte ein plötzliches Ausbiegen und Anhalten des Wagens Mr. Dorrit die Besorgnis ein, daß nun der Straßenräuberaugenblick gekommen sei, um ihn in einen Graben zu schleppen und auszuplündern; bis er das Fenster wieder herunterließ und sah, daß ihm nichts Schlimmes den Weg versperrte als eine Leichenprozession, die ein undeutliches Schauspiel von schmutzigen Kleidern, flackernden Fackeln, geschwungenen Weihrauchpfannen und einem großen, vor einem Priester hergetragenen Kreuze entfaltete, mit mechanischer Gleichgültigkeit an ihm vorüberzog. Jener Priester war ein häßlicher Mann, wenn man ihn so bei Fackellicht sah, von finsterem Aussehen, mit vorstehender Stirn, und als seine Augen denen von Mr. Dorrit begegneten, der entblößten Hauptes zum Wagen heraussah, schienen die vom Singen bewegten Lippen diesem bedeutenden Reisenden zu drohen, auch die Bewegung seiner Hand, die nichts als die Erwiderung des Grußes des Reisenden war, schien diese Drohung zu unterstützen. So kam es wenigstens Mr. Dorrit vor, dessen Phantasie durch das ermüdende Bauen und Fahren aufgeregt war, als der Priester an ihm vorüberzog und die Prozession mit ihrer Leiche sich entfernte. Einen ganz andern Weg schlug Mr. Dorrit mit seinem Gefolge ein; und bald klopften sie mit ihrer Wagenladung von Luxuswaren aus den beiden großen Hauptstädten Europas (gleich umgekehrten Goten) an die Tore von Rom.

Mr. Dorrit wurde von seinen Leuten nicht mehr diese Nacht erwartet. Man hatte auf ihn gewartet, hatte es aber endlich bis zum andern Morgen verschoben, da man glaubte, er werde zu so später Nachtzeit nicht mehr in einem solchen Lande unterwegs sein. Als daher sein Wagen vor der Tür seines Hauses hielt, erschien niemand zu seinem Empfang als der Portier. Ob Miß Dorrit nicht zu Hause, fragte er. Doch, sie sei zu Hause. Gut, sagte Mr. Dorrit zu den herbeikommenden Dienern, sie sollten bleiben, wo sie wären, und den Wagen abladen helfen, er wolle Miß Dorrit selbst aufsuchen.

Er ging langsam und müde die große Treppe hinauf und blickte in verschiedene Zimmer, die leer waren, bis er Licht in einem kleinen Vorzimmer bemerkte.

Es war ein verhangener Raum wie ein Zelt, hinter dem sich zwei Zimmer befanden; er sah warm und hellfarbig aus, da er durch den dunklen Gang geschritten kam.

Der Eingang hatte eine Portiere, aber keine Tür, und als er hier stehenblieb und ungesehen hineinschaute, fühlte er einen Stich im Herzen. Wohl nicht aus Eifersucht? Warum auch Eifersucht? Es waren ja nur sein Bruder und seine Tochter drinnen; er hatte den Stuhl an den Kamin gerückt und genoß die Wärme des abendlichen Holzfeuers; sie saß an einem kleinen Tischchen und war mit einer Stickerei beschäftigt. Wenn man den großen Unterschied in der Umgebung des Bildes zugibt, so bleibt doch eine große Ähnlichkeit in den Personen, denn sein Bruder sah ihm ähnlich genug, um ihn für einen Augenblick vorstellen zu können. So hatte er manchen Abend an einem Steinkohlenfeuer in der alten Heimat gesessen, so hatte sie gesessen, ganz nur seinem Dienst geweiht. Und doch war in der alten, elenden Armut nichts, worauf man hätte eifersüchtig sein können. Woher dann dieser Stich im Herzen?

»Weißt du, Onkel, ich glaube, du wirst wieder jung.«

Ihr Onkel schüttelte den Kopf und sagte: »Seit wann, meine Liebe, seit wann?«

»Ich glaube«, versetzte Klein-Dorrit, fleißig mit der Nadel fortarbeitend, »daß du schon seit Wochen immer jünger wirst. So heiter, Onkel, und so munter und so teilnehmend an allem, was vorgeht!«

»Mein liebes Kind – das tust du mir alles.«

»Ich alles, Onkel?«

»Ja, ja. Du hast unendlich wohltätig auf mich eingewirkt. Du warst so rücksichtsvoll gegen mich und gingst so zart mit mir um und suchtest so zart mir deine Aufmerksamkeiten zu verbergen, daß ich – ja, ja, ja! Ich habe es in treuem Herzen bewahrt, gutes Kind, in treuem Herzen bewahrt.« »Aber, lieber Onkel, das phantasierst du dir nur alles so zusammen«, sagte Klein-Dorrit heiter.

»Ja, ja, ja!« murmelte der Alte. »Gott sei Dank!«

Sie hielt einen Augenblick mit ihrer Arbeit inne, um ihn anzusehen, und ihr Blick machte, daß der Stich in ihres Vaters Brust wieder schmerzte: in seiner armen, schwachen Brust, die so voll von Widersprüchen, Ungereimtheiten und Schwankungen, so voll von den kleinen armseligen Verlegenheiten dieses dunklen Lebens war, Nebeln, die der Morgen ohne Nacht allein verscheuchen kann.

»Ich konnte mein Herz offner vor dir ausschütten, mein Täubchen«, sagte der alte Mann, »seit wir allein sind. Ich sage allein, denn ich zähle Mrs. General nicht: ich kümmere mich nicht um sie: sie hat nichts mit mir zu schaffen. Aber ich weiß, Fanny hat keine Geduld mit mir. Und das wundert mich nicht, auch klage ich nicht darüber, denn ich fühle wohl, ich muß im Wege sein, obgleich ich mich so viel wie möglich seitab halte. Ich weiß, ich passe nicht in unsre Gesellschaft. Mein Bruder William«, sagte der alte Mann ganz von Bewunderung voll, »würde ein Umgang für Fürsten sein: aber mit deinem Onkel ist’s etwas anderes, mein Kind. Frederick Dorrit mehrt das Ansehen William Dorrits nicht, und er weiß es ganz wohl. Ach! Wie, da ist ja dein Vater, Amy! Mein lieber William, sei willkommen! Mein geliebter Bruder, ich freue mich herzlich, dich wiederzusehen!«

Als er sich während des Sprechens umgewandt, hatte er ihn auf der Schwelle stehen sehen.

Klein-Dorrit schlang mit einem Freudenschrei die Arme um ihres Vaters Hals und küßte ihn wieder und wieder. Ihr Vater war etwas ungeduldig und mißgestimmt. »Ich freue mich, dich endlich wiederzusehen, Amy«, sagte er. »Ha. Wirklich, ich freue mich, endlich – hm – irgend jemand zu finden, der mich empfängt. Ich scheine so wenig – ha – erwartet worden zu sein, daß ich wahrhaftig – ha – hm – zu glauben begann, es werde nötig sein, mich zu entschuldigen, daß ich – ha – mir die Freiheit nahm, überhaupt zurückzukommen.«

»Es war so spät, mein lieber William«, sagte sein Bruder, »daß wir die Hoffnung für heute nacht aufgegeben hatten.«

»Ich bin stärker als du, lieber Frederick«, versetzte sein Bruder mit einer gemachten Brüderlichkeit, in der mehr Strenge lag, »und ich hoffe, ich kann ohne Nachteil für meine Gesundheit – ha – zu jeder Stunde, wenn ich will, reisen.«

»Gewiß, gewiß«, versetzte der andere, besorgt, er möchte Anstoß gegeben haben. »Gewiß, William.«

»Ich danke dir, Amy«, fuhr Mr. Dorrit fort, während sie ihm die Schals abnehmen half, »ich kann es schon allein machen. Ich will – ha – dir keine Mühe verursachen, Amy. Könnte ich ein Stückchen Brot und ein Glas Wein haben, oder – hm – würde es zu viele Umstände machen?«

»Lieber Vater, du sollst dein Abendessen in wenigen Minuten haben.«

»Ich danke, mein liebes Kind«, sagte Mr. Dorrit mit vorwurfsvoller Kälte; »ich – ha – fürchte zu viele Umstände zu veranlassen. Hm. Mrs. General ganz wohl?«

»Mrs. General klagte über Kopfweh und Müdigkeit; sie ging deshalb zu Bett, als wir glaubten, du kämst nicht mehr, mein lieber Vater.«

Vielleicht dachte Mr. Dorrit, Mrs. General habe recht gehabt, wenn sie durch die Täuschung, die durch ein Nichtankommen verursacht worden, sich gedrückt gefühlt. Jedenfalls heiterte sich sein Gesicht auf, und er sagte mit offenbarer Befriedigung: »Bedaure außerordentlich zu hören, daß Mrs. General nicht wohl ist.«

Während dieses kurzen Gespräches hatte ihn seine Tochter mit etwas mehr als gewöhnlichem Interesse betrachtet. Es hatte den Anschein, als wenn er ihr verändert und schlechter aussehend vorkäme: er bemerkte es und nahm es empfindlich auf: denn er sagte, mit neuer Verdrießlichkeit, als er sich seines Reiserocks entledigt hatte und an das Feuer getreten war:

»Amy, wonach siehst du? Was siehst du an mir, das dich veranlaßt, deine – ha – besorgte Teilnahme mir in – hm – so eigentümlicher Weise zuzuwenden?«

»Ich wußte es nicht, Vater: ich bitte um Entschuldigung. Es beglückte meine Augen, dich wiederzusehen: das ist alles.«

»Sage nicht, das ist alles, weil – ha – das nicht alles ist. Du – hm – glaubst,« sagte Mr. Dorrit mit einer Emphase, in der eine Anklage lag, »daß ich nicht gut aussehe.«

»Ich dachte, du sähest etwas ermüdet aus, lieber Vater.«

»Dann täuschest du dich«, sagte Mr. Dorrit. »Ha, ich bin nicht müde. Ha, hm. Ich bin frischer, als ich war, als ich wegging.«

Er war so nahe daran, in Zorn auszubrechen, daß sie nichts mehr zu ihrer Verteidigung sagte, sondern ruhig neben ihm stehenblieb und seinen Arm umschlungen hielt. Als er so dastand, wahrend sein Bruder von der andern Seite ihn ansah, versank er in eine Träumerei von kaum einer Minute, aus der er plötzlich auffuhr.

»Frederick«, sagte er, sich zu seinem Bruder umwendend, »ich empfehle dir, augenblicklich zu Bett zu gehen.«

»Nein, William, ich will aufbleiben und dich zu Nacht speisen sehen.«

»Frederick«, versetzte er, »ich bitte dich, zu Bett zu gehen. Tue es mir zu Gefallen und gehe zu Bett. Du solltest schon lange zu Bett sein. Du bist sehr schwach.«

»Ha!« sagte der alte Mann, der keinen andern Wunsch hatte, als ihm zu Gefallen zu leben. »Ja, ja, ja! Das bin ich wohl.«

»Mein lieber Frederick«, versetzte Mr. Dorrit mit erstaunlicher Überlegenheit über die schwachen Kräfte seines Bruders, »es kann kein Zweifel darüber sein. Es ist sehr schmerzlich für mich, dich so schwach zu sehen. Ha. Es macht mir großen Kummer. Hm. Ich finde nicht, daß du wohl aussiehst. Du bist nicht für dergleichen Dinge gemacht. Du solltest ängstlicher auf deine Gesundheit bedacht sein, weit mehr auf deine Gesundheit bedacht sein.«

»Soll ich zu Bett gehen?« fragte Frederick.

»Lieber Frederick«, sagte Mr. Dorrit, »tue es, ich beschwöre dich! Gute Nacht, Bruder. Ich hoffe, du wirst dich morgen kräftiger fühlen. Dein Aussehen gefällt mir ganz und gar nicht. Gute Nacht, lieber Junge!« Nachdem er seinen Bruder auf diese freundliche Weise fortgeschickt, versank er wieder in ein träumerisches Sinnen, ehe der alte Mann noch zum Zimmer hinaus war; und er wäre über die Schwelle gestolpert, wenn seine Tochter ihn nicht gehalten hätte.

»Dein Onkel ist sehr verwirrt, Amy«, sagte er, als er aus seinem Sinnen erwachte. »Er spricht weniger zusammenhängend, und seine Konversation ist – hm – gebrochener, als ich es je – ha – hm – an ihm gekannt. Ist er unwohl gewesen, seit ich fort war?«

»Nein, Vater.«

»Du – ha – findest ihn doch auch sehr verändert. Amy?«

»Ich habe nichts bemerkt, Vater.«

»Er ist ganz gebrochen«, sagte Mr. Dorrit. »Ganz gebrochen. Mein armer liebevoller, schwacher Frederick! Ha. Wenn ich namentlich bedenke, was er früher war, so ist er jetzt – hm – traurig gebrochen.«

Sein Nachtessen, das ihm nunmehr gebracht und auf dem kleinen Tisch aufgestellt wurde, an dem er sie hatte arbeiten sehen, lenkte seine Aufmerksamkeit von dem bisherigen Gesprächsgegenstand etwas ab. Sie saß an seiner Seite wie in jenen früheren Tagen, zum ersten Male, seit jene Tage ihr Ende genommen. Sie waren allein, und sie reichte ihm die Speisen und schenkte ihm den Wein ein, wie sie es im Gefängnis zu tun gewohnt gewesen war. All dies geschah jetzt zum ersten Male, seit sie reich geworden. Sie fürchtete sich, ihn viel anzusehen, nachdem er Ärgernis daran genommen; aber sie beobachtete zweimal während des Essens, daß er sie ganz plötzlich ansah und sich dann umschaute, als wenn die Ideenverbindung so stark wäre, daß er sich durch seinen Gesichtssinn versichern müsse, sie seien nicht in dem alten Gefängnis. Beide Male legte er seine Hand an seinen Kopf, als vermißte er seine alte schwarze Mütze – obwohl diese schmählicherweise im Marschallgefängnis weggeschenkt und bis zu dieser Stunde nicht frei geworden, sondern noch immer auf dem Kopfe seines Nachfolgers im Hofe sich umhertrieb.

Er nahm sehr wenig zu sich, aber verweilte sehr lange beim Essen und kehrte oft auf den schwachen Zustand seines Bruders zurück. Obwohl er das größte Mitleid mit ihm aussprach, war er doch beinahe ärgerlich auf ihn. Er sagte, der arme Frederick – ha, – hm – fasle. Es gebe kein andres Wort dafür: fasle. Der arme Junge! Es war ein trauriger Gedanke, wenn man bedächte, was Amy von der unendlichen Langweiligkeit seiner Gesellschaft ausgestanden haben mußte – von der Gesellschaft dieses Mannes, der immerfort schwätze und fasle, der arme, gute, liebe Mensch, der immerfort fasle und schwatze – wenn sie nicht in Mrs. General eine Aufheiterung gefunden. Er bedauere sehr, wiederholte er dann mit der früheren Zufriedenheit, daß diese – ha – herrliche Frau unpäßlich sei.

Klein-Dorrit mit ihrer aufmerksamen Liebe würde sich des Geringsten, was er in jener Nacht sagte und tat, erinnert haben, obgleich sie später keinen Grund hatte, jene Nacht sich ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie erinnerte sich immer, daß wenn er unter dem starken Einfluß der Ideenverbindung des Jetzt und Ehemals umherblickte, er ihr und vielleicht sich selbst den Gedanken fernzuhalten suchte, indem er augenblicklich wieder von dem großen Reichtum und der vornehmen Gesellschaft sprach, mit der er während seiner Abwesenheit verkehrt, und von der hohen Stellung, die er und seine Familie zu behaupten hätten. Auch erinnerte sie sich deutlich, daß durch das ganze Gespräch und das ganze Benehmen ihres Vaters zwei Strömungen durchliefen, nämlich, daß er zeigen wollte, wie gut es ihm ohne sie gegangen, und wie unabhängig er von ihr sei, und daß er sich auf eine passende, zart andeutende Weise beklagte, es wäre möglich, sie hätte ihn, während er fortgewesen, vernachlässigt.

Seine Schilderung von der großartigen Stellung, die Mr. Merdle einnehme, und von dem Hofe, der sich vor ihm beuge, brachte ihn natürlich auf Mrs. Merdle. So natürlich, daß, obgleich ungewöhnlicher Mangel an Folgerichtigkeit in dem größern Teil seiner Bemerkungen sichtlich war, er plötzlich auf sie überging und fragte, wie sie sich befände.

»Sie ist ganz wohl. In nächster Woche geht sie fort.«

»Nach Hause?« fragte Mr. Dorrit.

»Nachdem sie sich einige Wochen unterwegs aufgehalten habe.«

»Sie wird ein großer Verlust für die hiesige Gesellschaft sein«, sagte Mr. Dorrit. »Ein großer Gewinn für die Heimat. Für Fanny und – hm – die übrige – ha – große Welt.«

Klein-Dorrit dachte an den Wetteifer, der nun beginnen sollte, und stimmte außerordentlich sanft zu.

»Mrs. Merdle will eine große Abschiedsgesellschaft geben, lieber Vater, der ein Diner vorangehen soll. Sie drückte ihre Besorgnis aus, du möchtest nicht mehr zur rechten Zeit eintreffen. Sie hat dich und mich zu ihrem Diner eingeladen.«

»Sie ist – ha – sehr freundlich. Wann soll es stattfinden?«

»Übermorgen.«

»Schreibe ihr morgen und sage, daß ich zurückgekehrt sei und mich sehr – hm – freue.«

»Darf ich dich die Treppe hinauf in dein Zimmer begleiten, lieber Vater?«

»Nein!« antwortete er, ärgerlich sich umsehend: denn er ging weg, als wenn er das Abschiednehmen vergäße. »Du sollst nicht, Amy! Ich brauche keine Hilfe. Ich bin dein Vater, nicht dein gebrechlicher Onkel!« Er unterbrach sich ebenso plötzlich, als er diese Antwort gegeben hatte, und sagte: »Du hast mich nicht geküßt, Amy. Gute Nacht, liebes Kind! Wir müssen dich nun verheiraten – ha – dich verheiraten.« Mit diesen Worten ging er langsam und müde die Treppe hinauf nach seinen Zimmern, und beinahe sofort, als er dort angekommen, entließ er seinen Kammerdiener. Die nächste Sorge war, nach seinen Pariser Einkäufen zu sehen und, nachdem er ihre Kapseln geöffnet und sie genau in Augenschein genommen hatte, sie unter Schloß und Riegel zu legen. Darauf sank er, halb dösend, halb Schlösser bauend, auf lange Zeit in träumerisches Sinnen, so daß bereits ein leichter Morgenschimmer den östlichen Rand der öden Campagna umsäumte, als er in das Bett kroch.

Mrs. General ließ sich am nächsten Tag frühzeitig nach seinem Befinden erkundigen: sie hoffe, er habe nach seiner anstrengenden Reise wohl geruht. Er ließ ihr danken und bat Mrs. General zu versichern, daß er vortrefflich geschlafen und sich außerordentlich wohl befinde. Nichtsdestoweniger verließ er seine Zimmer erst spät am Nachmittag, und obgleich er sich für eine Fahrt mit Mrs. General und seiner Tochter prachtvoll ankleiden ließ, reichte doch seine äußere Erscheinung nicht an die Beschreibung, die er von sich machte.

Da die Familie an diesem Tage keine Besuche hatte, speisten die vier Familienmitglieder allein zusammen. Er führte Mrs. General mit ungeheurer Zeremonie an den Platz zu seiner Rechten, und Klein-Dorrit bemerkte unwillkürlich, als sie mit ihrem Onkel folgte, daß er wieder mit ausgesuchtem Geschmack gekleidet, und daß sein Benehmen gegen Mrs. General ganz eigentümlicher Art war. Die vollendete Bildung des Äußern dieser vollkommenen Dame machte es schwierig, ein Atom von ihrer feinen Politur zu verrücken, aber Klein-Dorrit glaubte in einer Ecke ihres frostigen Auges ein flüchtiges Auftauen des Triumphes zu gewahren.

Trotz des prunischen und prismatischen Charakters des Familienbanketts, wie wir jenen in diesem Roman bezeichnen wollen, schlief Mr. Dorrit mehrere Male im Verlauf des Diners ein. Seine Anfälle von Schlummer waren so plötzlich, als sie es in der Nachtzeit vor Schlafengehen waren, und auch so kurz und tief. Als ihn zum erstenmal ein solcher Schlummer überfiel, war Mrs. General etwas erstaunt, aber bei jeder Wiederholung dieses Symptoms betete sie ihren höflichen Rosenkranz, der aus den Worten: Papa, Potateos, Poultry, Prunes und Prism bestand: und indem sie äußerst langsam dieses unfehlbare Mittel anwandte, schien sie mit ihrem Rosenkranz beinahe im selben Augenblick zu Ende zu kommen, als Mr. Dorrit aus seinem Schlafe auffuhr.

Er bemerkte wieder eine Neigung zur Schlafsucht bei Frederick (die außerhalb seiner Phantasie jedoch nicht existierte) und entschuldigte nach dem Diner, als Frederick weggegangen, im Vertrauen den armen Mann bei Mrs. General. »Der ehrenwerteste und liebevollste Bruder, den man sich denken kann«, sagte er, »aber –- ha, hm – ganz gebrochen. Ein großes Unglück, er wird immer schwächer.«

»Mr. Frederick, Sir«, sagte Mrs. General, »ist gewöhnlich abwesend und gedrückt, aber lassen Sie uns hoffen, daß es nicht so schlimm mit ihm steht.«

Mr. Dorrit war jedoch entschlossen, ihn nicht aufkommen zu lassen. »Er wird sichtlich schwächer. Ein Wrack. Eine Ruine. Er fällt vor unsern Augen zusammen. Hm. Der gute Frederick.«

»Sie haben hoffentlich Mrs. Sparkler wohl und glücklich verlassen?« sagte Mrs. General, nachdem sie Frederick einen kühlen Seufzer gewidmet.

»Umgeben«, versetzte Mr. Dorrit, »von allem – ha –, was die Sinne erfreuen und – hm – den Geist erheben kann. Ganz glücklich, meine Verehrte, im Besitze eines – ha – Gatten.«

Mrs. General wurde etwas verlegen; sie schien das Wort zart mit ihren Handschuhen wegzuschieben, als wenn sie nicht wüßte, wie man dazu kommt.

»Fanny«, fuhr Mr. Dorrit fort, »Fanny, Mrs. General, hat bedeutende Eigenschaften. Ha. Ehrgeiz – hm –, festen Charakter, Bewußtsein – ha – ihrer Stellung, Entschlossenheit, diese Stellung zu wahren – ha, hm –, Anmut, Schönheit und angeborene Noblesse.«

»Ganz gewiß«, sagte Mrs. General mit einer kleinen Extrasteifheit.

»In Verbindung mit diesen Eigenschaften, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »hat Fanny – ha – einen Fehler an den Tag gelegt, der mir sehr – hm – unangenehm war und – ha –, ich muß hinzufügen, mich ärgerlich machte; der jedoch als abgemacht zu betrachten sein dürfte, sogar was sie selbst betrifft, und unzweifelhaft auch – ha –, was andere betrifft – getilgt ist.«

»Worauf, Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, während ihre Handschuhe wieder etwas in Aufregung kamen, »worauf können Sie anspielen? Ich weiß nicht –«

»Sagen Sie das nicht, meine Verehrte«, unterbrach sie Mr. Dorrit.

Mrs. Generals Stimme erstarb in den Worten: »Ich weiß nicht, was ich mir denken soll.«

Mr. Dorrit überkam wieder ein Schlummer von ungefähr einer Minute, aus dem er mit krampfhafter Schnelligkeit erwachte.

»Ich meine, Mrs. General, jenen – ha – starken Oppositionsgeist, oder – hm – ich möchte sagen – ha – jene Eifersucht bei Fanny, die bisweilen gegen dieses Gefühl – ha – aufgetaucht, das ich von den Ansprüchen hege, die die Dame, mit der ich jetzt zu sprechen die Ehre habe, machen könnte.«

»Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, »ist stets zu gütig gegen mich, schlägt meine Verdienste stets zu hoch an. Wenn es Augenblicke gab, wo ich mir einbildete, Miß Dorrit sei ungehalten über die günstige Meinung, die Mr. Dorrit von meinen Diensten habe, so fand ich eben in dieser nur zu hohen Meinung meinen Trost und Lohn.«

»Meinung von Ihren Diensten, Madame?« sagte Mr. Dorrit.

»Von meinen Diensten«, wiederholte Mrs. General in zarter und eindrucksvoller Weise.

»Von Ihren Diensten allein, meine Teure?« sagte Mr. Dorrit.

»Ich denke wohl«, versetzte Mrs. General in ihrer früheren eindrucksvollen Weise, »von meinen Diensten allein. Denn wem sonst«, sagte Mrs. General mit einer flüchtig fragenden Bewegung ihrer Handschuhe, »könnte ich die Schuld geben –?«

»Ihnen selbst, Mrs. General. Ha, hm. Ihnen selbst und Ihren Verdiensten«, lautete Mr. Dorrits Antwort.

»Mr. Dorrit wird mir verzeihen«, sagte Mrs. General, »wenn ich die Bemerkung mache, daß jetzt nicht die Zeit und dies nicht der Ort ist, dieses Gespräch fortzusetzen. Mr. Dorrit wird mich entschuldigen, wenn ich ihn daran erinnere, daß sich Miß Dorrit im anstoßenden Zimmer befindet, und daß ich sie sehen kann, während ich ihren Namen ausspreche. Mr. Dorrit wird mir verzeihen, wenn ich bemerke, daß ich aufgeregt bin und daß ich finde, es gibt Augenblicke, wo die Schwache, die ich überwunden zu haben glaubte, sich mit verdoppelter Kraft wieder geltend macht. Mr. Dorrit wird mir erlauben, mich zu entfernen.«

»Hm. Vielleicht nehmen wir ein andermal diese – ha – interessante Unterhaltung wieder auf«, sagte Mr. Dorrit: »wenn sie nicht etwa, was ich nicht hoffe, irgendwie Mrs. General – ha – unangenehm wäre.«

»Mr. Dorrit«, sagte Mrs. General, ihre Blicke niederschlagend, während sie mit einer Verbeugung aufstand, »wird mich stets zu seinen Diensten finden.«

Mrs. General entfernte sich in pomphafter Weise und nicht mit jenem Grade von Zittern, den man bei einer minder bedeutenden Person wohl gefunden hätte. Mr. Dorrit, der seinen Teil am Gespräch mit einer gewissen majestätischen und bewundernden Herablassung vorgebracht hatte – ganz wie man manche Leute in der Kirche ihren Teil am Gottesdienst verrichten sieht –, erschien im ganzen sehr zufrieden mit sich und auch mit Mrs. General. Bei der Rückkehr dieser Dame zum Tee hatte sie sich mit etwas Puder und Pomade aufgebessert und war gleicherweise auch moralisch in etwas gesteigerter Stimmung! das letztere zeigte sich in der sanften wohlwollenden Art ihres Benehmens gegen Miß Dorrit und in der Äußerung zärtlichen Interesses für Mr. Dorrit, soweit sich dies mit dem strengen Anstand vertrug. Am Schluß des Abends, als sie aufstand, um sich zu entfernen, nahm Mr. Dorrit sie bei der Hand, als wollte er sie hinaus auf die Piazza del Popolo führen, um ein Menuett mit ihr beim Mondenschein zu tanzen, und brachte sie mit großer Feierlichkeit nach der Zimmertür, wo «r ihre Knöchel an seine Lippen hob. Nachdem er mit einem, wir dürfen wohl sagen, ziemlich knochigen Kuß von kosmetischem Duft sich von ihr verabschiedet hatte, gab er seiner Tochter seinen freundlichen Segen. Und nachdem er auf diese Weise angedeutet, daß etwas Wichtiges im Anzüge sei, ging er wieder zu Bett.

Er blieb am nächsten Morgen wieder auf seinem Zimmer für sich abgeschlossen: aber früh am Nachmittag schickte er seine besten Empfehlungen an Mrs. General durch Mr. Tinkler und bat, sie möchte Miß Dorrit auf einem Spaziergang ohne ihn begleiten. Seine Tochter war für Mrs. Merdles Diner angekleidet, ehe er erschien. Endlich zeigte er sich in strahlendem Glänze, was seinen Anzug betrifft, im übrigen aber sah er unbeschreiblich gebrochen und alt aus. Da er jedoch offenbar entschlossen war, ärgerlich zu werden, wenn sie ihn fragte, wie er sich befände, so wagte sie es nur, seine Wange zu küssen, ehe sie ihn mit ängstlichem Herzen zu Mrs. Merdle begleitete.

Die Entfernung bis zum Hause derselben war sehr kurz: aber er war wieder an seinem Luftschlösserbauen, ehe der Wagen die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Mrs. Merdle empfing ihn mit großer Auszeichnung. Der Busen befand sich im allerbesten Wohlsein und war höchst zufrieden mit sich: das Diner war außerordentlich fein und die Gesellschaft sehr erlesen.

Sie bestand meist aus Engländern, mit Ausnahme des gewöhnlichen französischen Grafen und der gewöhnlichen italienischen Marchese – dekorativen sozialen Meilensteinen, die man immer an gewissen Orten trifft und die im Äußern wenig voneinander variieren. Der Tisch war lang, und das Diner dauerte lange, und Klein-Dorrit, überschattet von einem großen schwarzen Backenbart und einer großen weißen Krawatte, verlor ihren Vater ganz aus dem Gesicht, bis ein Diener ein Stückchen Papier ihr in die Hand steckte und ihr im Auftrag von Mrs. Merdle zuflüsterte, sie möchte dies augenblicklich lesen. Mrs. Merdle hatte mit Bleistift darauf geschrieben: »Bitte, kommen Sie und sprechen Sie mit Mr. Dorrit. Ich glaube, er ist nicht ganz wohl.«

Sie eilte unbemerkt zu ihm hin, als er sich aus seinem Stuhl erhob und, sich über den Tisch hinüberbeugend, ihr, in der Meinung, sie sei noch an ihrem Platze, zurief:

»Amy, Amy, mein Kind!«

Diese Handlung war so ungewöhnlich, ganz abgesehen von seinem seltsam aufgeregten Aussehen und seiner seltsam hohen Stimme, daß augenblicklich tiefe Stille eintrat. »Meine liebe Amy«, wiederholte er. »Willst du nachsehen, ob Bob heute das Schließeramt hat?«

Sie war nun an seiner Seite, aber er glaubte immer noch in seinem Wahn, sie sitze an ihrem Platze, und rief, über die Tafel hinübergelehnt: »Amy, Amy. Ich fühle mich nicht ganz Herr meiner selbst. Ha. Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich wünsche besonders Bob zu sehen. Ha. Von allen Schließern ist er ebensosehr mein Freund wie der deine. Sieh, ob Bob im Schließerstübchen ist, und bitte ihn, zu mir zu kommen.«

Alle Gäste waren konsterniert und standen auf.

»Lieber Vater, ich bin nicht dort: ich bin hier, bei dir.«

»Oh! Du bist hier, Amy! Gut. Hm. Gut. Ha. Rufe Bob. Wenn er abgelöst wurde und nicht am Tor ist, so sage Mrs. Bangham, sie möchte gehen und ihn holen.«

Sie suchte ihn freundlich wegzuführen; aber er widerstand und wollte nicht gehen.

»Ich sage dir, Kind«, rief er trotzig, »ich kann die engen Treppen nicht ohne Bob hinaufkommen. Ha. Schick‘ nach Bob. Hm. Schick‘ nach Bob, Hm. Schick‘ nach Bob – dem besten aller Schließer – schick‘ nach Bob!«

Er sah sich verlegen um, und als er bemerkte, von welcher Menge von Gesichtern er umgeben war, redete er sie folgendermaßen an:

»Ladies und Gentlemen, es ist – ha – meine Pflicht – hm –, Sie im Marschallgefängnis willkommen zu heißen. Willkommen im Marschallgefängnis! Der Raum ist – ha – beschränkt – beschränkt – der Spazierplatz könnte größer sein; aber Sie werden ihn sichtlich mit der Zeit weiter werden sehen – mit der Zeit, Ladies und Gentlemen, und die Luft ist, im ganzen genommen, sehr gut. Sie kommt über die – ha – Surreyhügel herüber. Weht über die Surreyhügel herüber. Das ist die Snuggery. Hm. Unterhalten durch eine kleine Subskription der – ha – Kollegiatenkörperschaft. Dafür hat man heißes Wasser – gemeinschaftliche Küche – und kleine häusliche Vorteile. Die Habitués des – ha – Marschallgefängnisses nennen mich gern den Vater. Ich bin daran gewöhnt, daß Fremde dem – ha – Vater des Marschallgefängnisses ihre Aufwartung machen. Und wirklich, wenn jahrelanger Aufenthalt in demselben auf einen solchen Ehrentitel ein Anrecht geben kann, so darf ich diese – hm – Auszeichnung annehmen. Mein Kind, Ladies und Gentlemen, meine Tochter, hier geboren!«

Sie schämte sich deswegen nicht, noch seinethalben. Sie war blaß und erschrocken; aber sie hatte keine andere Sorge, als ihn zu besänftigen und ihn um seiner selbst willen fortzubringen. Sie stand zwischen ihm und den erstaunten Gesichtern und drehte sich zu ihm herum, indem sie die Augen zu ihm erhob. Er hielt sie mit seinem linken Arm umschlungen, und zuweilen hörte man sie mit ihrer sanften Stimme ihn zärtlich bitten, mit ihr wegzugehen.

»Hier geboren«, wiederholte er unter Tränen. »Ladies und Gentlemen, meine Tochter. Kind eines unglücklichen Vaters, aber – ha – doch eines Gentleman. Arm, freilich, aber – hm – stolz. Immer stolz. Es wurde eine – hm – nicht ungewöhnliche Sitte unter – ha – meinen persönlichen Verehrern – sich das Vergnügen zu machen, mir ihren Wunsch auszudrücken, meiner halboffiziellen Stellung hier ihre Huldigung durch die Anerbietung eines kleinen Tributs darzubringen, der gewöhnlich die Form von – ha – Ehrengeschenken – Ehrengeschenken in Geld annahm. In der Annahme dieser – ha – freiwilligen Anerkennung meiner schwachen Bemühungen, einen – ha – Ton hier aufrechtzuerhalten einen Ton – bitte mich wohl zu verstehen, halte ich mich nicht für kompromittiert. Ha. Nicht kompromittiert. Ha. Nicht kompromittiert. Ha. Kein Bettler. Nein, ich weise diesen Titel zurück! Zu gleicher Zeit sei es fern von mir – hm –, auf die zarten Gefühle, von denen meine parteiischen Freunde geleitet waren, den mindesten Verdacht fallen zu lassen, als wenn – hm – solche Gaben nicht außerordentlich annehmbar wären. Im Gegenteil, sie sind äußerst annehmbar. In meines Kindes Namen, wenn auch nicht meinem, muß ich dies energisch behaupten, indem ich zu gleicher Zeit – ha –- meine persönliche Würde bewahre. Ladies und Gentlemen, Gott segne Sie alle!«

Inzwischen hatte die furchtbare Kränkung, die der Busen erdulden mußte, den größern Teil der Gesellschaft veranlaßt, in andre Zimmer zu gehen. Die wenigen, die so lange geblieben waren, folgten den übrigen, und Klein-Dorrit und ihr Vater waren mit der Dienerschaft allein noch im Zimmer. »Liebster, bester Vater, willst du jetzt nicht mit mir gehen, nicht?« Er antwortete auf ihre dringende Bitte, er werde die engen Treppen nicht ohne Bob hinaufkommen; wo Bob sei, ob niemand Bob holen wolle! Unter dem Vorwand, nach Bob zu sehen, brachte sie ihn hinaus; sie mußte dabei an der nun hereinströmenden glänzenden Gesellschaft vorbei, die zu der Abendunterhaltung eingeladen war; sie setzte ihn in einen Wagen, der eben hielt, und führte ihn nach Hause.

Die breiten Treppen seines römischen Palastes waren in seinen gebrochenen Augen zu den engen Treppen seines Londoner Gefängnisses zusammengeschrumpft, und er würde sich von niemand haben anrühren lassen als von ihr und seinem Bruder. Sie brachten ihn ohne Hilfe in sein Zimmer hinauf und legten ihn auf sein Bett. Und von diesem Augenblick war in seinem gelähmten Geist, der sich nur noch des Ortes erinnerte, wo er seine Schwingen gebrochen, der Traum verwischt, durch den er sich seit jener Zeit getastet, und er wußte von nichts mehr als vom Marschallgefängnis. Wenn er Tritte auf der Straße hörte, hielt er sie für die alten traurigen Schritte auf dem Hof. Wenn die Stunde zum Schließen kam, glaubte er, alle Fremden seien nun für die Nacht ausgeschlossen. Wenn dann wieder die Stunde zum Öffnen kam, wollte er um jeden Preis Bob sehen, so daß sie genötigt waren, eine Geschichte zu erfinden, wie dieser Bob, der edle Schließer, der seit vielen Jahren tot war, sich erkältet habe – aber morgen oder den nächsten Tag oder den übernächsten wieder ausgehen zu können hoffe.

Er wurde so außerordentlich schwach, daß er seine Hand nicht aufheben konnte. Aber er ließ seinem Bruder, wie er es seit lange gewohnt war, seine Nachsicht angedeihen und sagte wohl fünfzigmal am Tage, wenn er ihn an seinem Bett stehen sah, mit wohlwollender Teilnahme: »Nein, guter Frederick, setze dich. Du bist wirklich sehr schwach.«

Sie versuchten es mit Mrs. General, ihm sein früheres klares Bewußtsein zu geben, aber er hatte nicht die geringste Ahnung von ihr. Ein beleidigender Verdacht schlich sich sogar in sein Gehirn, sie wolle nämlich Mrs. Bangham ersetzen und sei dem Trunk ergeben. Er machte ihr in maßlosen Ausdrücken Vorwürfe darüber und drang so ungestüm in seine Tochter, sie solle zum Marschall gehen und ihn bitten, sie hinauszuschaffen, daß man sie nach diesem ersten mißlungenen Versuche nicht mehr zum Vorschein brachte.

Mit Ausnahme der einmaligen Frage, ›ob Tip in die Stadt gegangen sei‹, schien er keine Erinnerung an seine beiden abwesenden Kinder zu haben. Aber das Kind, das so viel für ihn getan und so armselig dafür belohnt worden, verlor sich keinen Augenblick aus seinem Gedächtnis. Nicht, daß er sie geschont hätte oder fürchtete, sie möchte durch das Wachen und die Anstrengung sich aufreiben; er machte sich darüber so wenig Sorgen wie gewöhnlich. Nein, er liebte sie auf seine alte Weise. Sie waren wieder im Gefängnis, und sie pflegte ihn, und er bedurfte ihrer beständig und konnte sich nicht ohne sie hin und her wenden; er sagte ihr bisweilen, daß er gern viel um ihretwillen gelitten. Sie aber beugte sich mit ihrem stillen Gesicht zu ihm herab und hätte ihr eigenes Leben hingegeben, wenn sie das seine damit hätte wieder anfachen können.

Als er auf diese schmerzlose Weise zwei bis drei Tage lang an Kräften abgenommen, bemerkte sie, daß ihn das Ticken seiner Uhr inkommodiere – einer prachtvollen goldenen Uhr, die viel Lärm mit ihrem Gehen machte, wie wenn sonst nichts ginge als sie und die Zeit. Sie ließ sie ablaufen; aber er war immer noch unruhig und gab zu verstehen, daß es das nicht gewesen, was er gewollt. Endlich raffte er sich soweit auf, um zu erklären, daß er Geld auf diese Uhr aufgenommen zu wissen wünsche. Er war sehr angenehm berührt, als sie vorgab, sie zu diesem Zweck fortzunehmen, und er fand von da ab die kleinen Delikatessen von Wein und Gelee weit besser als früher.

Er gab bald deutlich zu verstehen, daß das seinem Wunsche gemäß sei: denn er schickte ein oder zwei Tage später seine Hemdenknöpfe und Fingerringe fort. Es gewährte ihm eine ganz erstaunliche

Mr. Dorrits Tod.

Befriedigung, wenn er ihr diese Aufträge erteilt, und schien sie wie die methodischsten und vorsorglichsten Anordnungen, die man treffen könnte, zu betrachten. Nachdem seine Kleinodien oder zum mindesten diejenigen, die er davon zu sehen imstande, versetzt waren, zogen seine Kleider seine Aufmerksamkeit auf sich; und es ist so wahrscheinlich wie nicht, daß ihn einige Tage die Befriedigung am Leben erhielt, sie Stück für Stück zu einem eingebildeten Pfandleiher zu schicken.

So beugte sich Klein-Dorrit zehn Tage lang über sein Kissen und legte ihre Wange an die seine. Bisweilen war sie so erschöpft, daß sie beide einige Minuten lang schliefen. Dann erwachte sie wieder, um mit rasch fließenden stillen Tränen zu bedenken, was sie mit ihrem Gesicht berührte, und über das geliebte Gesicht auf dem Pfühl einen dunklern Schatten ziehen zu sehen, als der Schatten der Mauer des Marschallgefängnisses.

Leise und unmerklich verschwammen alle Linien des Plans zu dem großen Schlosse, eine nach der andern. Unmerklich wurde das Gesicht, auf dem sich diese Linien kreuz und quer gezogen hatten, glatt und schön. Unmerklich verschwanden die Schatten der Gefängnisgitter und der Zickzackstacheln auf dem Mauerfirst. Unmerklich wurde das Gesicht zu einem weit jüngeren Ebenbild ihres eigenen, als sie es sonst unter dem grauen Haar zu sehen gewöhnt war, und schlief endlich zur ewigen Ruhe ein.

Anfangs war ihr Oheim ganz verstört, »O, mein Bruder! O, William, William! Du gehst mir voran, du gehst allein. Du sollst gehen, und ich soll bleiben. Du, der so viel höher stand. Du ein so ausgezeichneter, vornehmer Charakter, und ich eine arme, nutzlose Kreatur, die zu nichts taugt und die niemand vermißt haben würde!«

Das tat ihr für den Augenblick soweit gut, als sie an ihn denken, ihm eine Stütze sein mußte. »Onkel, lieber Onkel, schon dich, schone mich!«

Der alte Mann war nicht taub für die letzten Worte. Als er sich zusammenzunehmen anfing, tat er es, um sie zu schonen. Er kümmerte sich nicht um sie; aber mit der ganzen Kraft, die seinem ehrlichen Herzen noch übrigblieb, dem Herzen, das so lange geschlummert und nun aufwachte, um gebrochen zu werden, ehrte und segnete er sie.

»O Gott!« rief er, ehe sie das Zimmer verließen, indem er seine runzlichen Hände über ihr faltete. »Du siehst dieses Kind meines teuren verstorbenen Bruders. Alles, was ich mit meinen halbblinden und sündigen Augen gesehen, hast du klar und hell erkannt. Nicht ein Haar ihres Hauptes soll vor dir gekrümmt werden. Du wirst sie aufrechterhalten bis zu ihrer letzten Stunde. Und ich weiß, du wirst sie belohnen in der andern Welt!«

Sie blieben in einem schwach erleuchteten Zimmer, bis es beinahe Mitternacht war, und saßen still und traurig beisammen. Bisweilen suchte sein Schmerz Erleichterung in einem Ausbruch, gleich jenem, in dem er zuerst seinen Ausdruck gefunden; aber außer daß die Kraft, die er noch besaß, solchen Anstrengungen nicht mehr standhalten konnte, erinnerte er sich auch stets wieder ihrer Worte, machte sich Vorwürfe und beruhigte sich. Die einzige Äußerung, mit der er seinem Kummer Luft machte, war der häufige Ausruf, daß sein Bruder allein von der Erde geschieden, daß sie beim Eingang ihres Lebens zusammengewesen, daß sie zusammen ins Unglück geraten, daß sie in den langen Jahren ihrer langen Armut zusammengehalten, daß sie bis auf den heutigen Tag zusammengeblieben, und daß dieser Bruder dennoch allein, allein von hinnen gegangen.

Sie schieden mit schwerem und kummervollem Herzen. Sie wollte ihn erst in seinem eigenen Zimmer verlassen, und sie sah ihn sich in seinen Kleidern auf das Bett legen und deckte ihn mit eignen Händen zu. Dann sank sie auf ihr Bett und fiel in einen tiefen Schlaf: den Schlaf der Erschöpfung und Ruhe, obgleich nicht vollständig befreit von einem alles durchdringenden Schmerzbewußtsein. Schlafe, gute Klein-Dorrit. Schlafe die Nacht hindurch!

Es war Mondnacht; aber der Mond ging spät auf, da der Vollmond längst vorüber. Als er hoch an dem friedlichen Firmament stand, schien er durch halbgeschlossene Jalousien in das feierlich stille Gemach, wo die unsicheren Schritte und Tritte eines Lebens vor so kurzer Zeit stillgestanden. Zwei stumme Gestalten waren im Zimmer; zwei Gestalten, gleich still und regungslos, gleich entfernt durch einen unüberschreitbaren Raum von der fruchtbaren Erde und allem, was sie birgt, obgleich sie bald in ihr liegen werden.

Eine Gestalt ruhte auf dem Bett. Die andere kniete auf dem Boden und war über sie gesunken; die Arme ruhten leicht und friedlich auf der Bettdecke; das Gesicht war herabgesunken, so daß die Lippen die Hand berührten, über die sein letzter Atem sich gebeugt hatte. Die beiden Brüder standen vor ihrem Vater, weit erhaben über dem dämmerartigen Urteil der Welt; hoch über ihren Nebeln und Finsternissen.

Zweites Kapitel.


Zweites Kapitel.

Mrs. General.

Es ist unerläßlich, die vollendete Dame vorzustellen, die bedeutend genug im Gefolge der Familie Dorrit war, um ihre eigne Linie im Fremdenbuch zu haben.

Mrs. General war die Tochter eines geistlichen Würdenträgers an einem Bischofssitz, wo sie den Ton angegeben, bis sie so nahe an fünfundvierzig war, wie es eine einzelne Dame sein kann. Ein steifer Kommissariatsbeamter von sechzig Jahren, bekannt als ein Mann, der auf strenge Zucht hielt, verliebte sich zu dieser Zeit in die Anstandsgefühle, die sie vierspännig durch die Bischofsstadt kutschierte, und hatte darum angehalten, neben ihr seinen Sitz auf dem Zeremonienwagen nehmen zu dürfen, an den dieses Gespann geschirrt war. Nachdem sein Heiratsantrag von der Dame angenommen worden, nahm der Beamte seinen Sitz hinter den Anstandsgefühlen mit großer Ehrbarkeit ein, und Mrs. General lenkte die Zügel, bis er starb. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Reisen überfuhren sie verschiedene Leute, die den Anstandsgefühlen in den Weg kamen; aber immer großartig und mit äußerster Ruhe.

Nachdem der Kommissariatsbeamte mit allem dem Dienst entsprechenden Aufwande begraben worden (das ganze Gespann von Anstandsgefühlen war an seinen Leichenwagen geschirrt, und sie hatten alle Federn und schwarze Samtschabracken mit seinem Wappenschild in der Ecke), begann Mrs. General nachzuprüfen, welche Masse Staub und Asche bei den Bankiers deponiert sei. Es wurde ruchbar, daß der Kommissariatsbeamte in der Stille Mrs. General zuvorgekommen und sich einige Jahre vor der Hochzeit eine Leibrente gekauft, welchen Umstand er verschwiegen hatte, indem er zur Zeit seiner Bewerbung vorgab, sein Einkommen datiere von den Zinsen seines Vermögens. Mrs. General sah infolgedessen ihre Mittel so verringert, daß, wenn sie nicht mit ihrem Verstande sehr im reinen gewesen, sie sich hätte veranlaßt fühlen können, die Richtigkeit des Teiles der Leichenrede zu bezweifeln, der behauptete, der Kommissariatsbeamte könne nichts mit sich hinübernehmen.

In dieser Lage kam Mrs. General auf den Gedanken, sie wolle sich der »Geistesbildung« und gesellschaftlichen Erziehung einer jungen vornehmen Dame widmen. Oder auch die Anstandsgefühle an den Wagen einer reichen jungen Erbin oder einer Witwe schirren und zu gleicher Zeit Kutscher und Schaffner eines solchen Fuhrwerks durch die sozialen Irrgänge werden. Die Mitteilung, die Mrs. General ihren geistlichen und kommissariatlichen Bekanntschaften von dieser Idee machte, fand so warmen Beifall, daß, wenn die Verdienste der Dame nicht so außer allem Zweifel gestanden hätten, die Vermutung nahegelegen wäre, man wolle sie los werden. Zeugnisse, die Mrs. General als ein Wunder von Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, Tugend und feiner Lebensart schilderten, wurden von einflußreichen Quartieren verschwenderisch beigesteuert, und ein ehrwürdiger Archidiakon vergoß sogar Tränen, wenn er an sein Zeugnis über die Vollkommenheiten (die ihm von Leuten, auf die er sich verlassen konnte, geschildert wurden) dachte, obgleich er nie in seinem ganzen Leben die Ehre und den sittlichen Genuß gehabt, seine Blicke auf Mrs. General ruhen zu lassen.

So gleichsam von Kirche und Staat zu ihrer Mission beordert, fühlte sich Mrs. General, die immer auf vornehmem Boden gewandelt, in der Lage, diesen zu behaupten, und begann damit, ein sehr stolzes Gesicht zur Schau zu tragen. Es trat eine Zwischenzeit von einiger Dauer ein, während der nicht auf Mrs. General geboten wurde. Endlich eröffnete ein gräflicher Witwer mit einer Tochter von vierzehn Jahren Unterhandlungen mit der Dame, und da es entweder im Charakter der angeborenen Würde oder der künstlichen Politik von Mrs. General lag (sicher jedoch eines von beiden), sich dabei zu benehmen, als wäre sie weit mehr die Gesuchte, denn die Suchende, verfolgte der Witwer Mrs. General, bis es ihm gelang, sie zu bewegen, seiner Tochter Geist und Sitten beizubringen.

Die Durchführung dieser Aufgabe beschäftigte Mrs. General ungefähr sieben Jahre. Währenddessen machte sie die Tour durch Europa und sah den größten Teil jenes umfangreichen Durcheinanders von Dingen, die wesentlich jeder Mensch von seiner Bildung mit den Augen andrer Leute und niemals mit den seinen sehen sollte. Als ihre Aufgabe endlich gelöst war, hatte sich nicht nur die junge Dame, sondern gleicherweise auch ihr Vater, der Witwer, zum Heiraten entschlossen. Der Witwer, der nun Mrs. General unbequem und kostspielig zu finden begann, wurde beinahe ebenso vernarrt in ihre Verdienste, als es der Archidiakonus gewesen, und verbreitete solche Lobeserhebungen ihres ausnehmenden Wertes in allen Quartieren, wo er glaubte, es könne sich eine Gelegenheit bieten, ihren Segen auf jemand andern zu übertragen, daß Mrs. General ein geschätzterer Name denn je war.

Der Phönix stand auf dieser erhabenen Stange zu vermieten, als Mr. Dorrit, der in jüngster Zeit in den Besitz seiner Erbschaft gekommen war, seinen Bankiers gegenüber erwähnte, er wünsche eine feingebildete, gesittete, mit der guten Gesellschaft bekannte und vertraute Dame zu finden, die geeignet wäre, zu gleicher Zeit die Erziehung seiner Töchter zu übernehmen und als Ehrendame oder Anstandswauwau zu dienen. Mr. Dorrits Bankiers, als die Bankiers des gräflichen Witwers, sagten augenblicklich: »Mrs. General.«

Dem Lichte folgend, das ihm so glücklich aufgegangen, und das einstimmige Urteil der ganzen Bekanntschaft von Mrs. General so erhaben findend, wie wir bereits erwähnt, nahm sich Mr. Dorrit die Mühe, sich nach der Grafschaft des gräflichen Witwers zu begeben und Mrs. General kennenzulernen, in der er eine Dame fand, die seine höchsten Erwartungen übertraf. »Entschuldigen Sie mich«, sagte Mr. Dorrit, »wenn ich Sie frage – ha – welche Belohn –«

»Nein,« versetzte Mrs. General, ihn unterbrechend, »das ist eine Sache, auf die ich lieber nicht eingehen möchte. Ich habe nie darüber mit meinen Freunden hier verhandelt, und ich kann die Delikatesse, mit der ich diese Sache stets betrachtet, Mr. Dorrit, nicht überwinden. Ich bin keine Gouvernante, wie Sie bemerkt haben werden –«

»O, gewiß nicht!« sagte Mr. Dorrit. »Bitte, Madame, glauben Sie nicht einen Augenblick, daß ich so etwas denke.« Er errötete wirklich, daß man ihn habe in solchem Verdacht haben können.

Mrs. General neigte feierlich den Kopf. »Ich kann deshalb nicht einen Preis auf Dienste setzen, die ich mit Vergnügen leiste, wenn ich sie freiwillig leisten kann, die ich jedoch als Ersatz unter keiner Bedingung zu leisten imstande wäre. Auch weiß ich nicht, wie und wo ich einen Fall finden sollte, der dem meinen ähnlich wäre. Er ist einzig in seiner Art.«

»Allerdings. Aber wie sollte man denn«, bemerkte Mr. Dorrit ganz natürlich, »die Sache anfangen?«

»Ich kann nichts dagegen einwenden,« sagte Mrs. General, »obgleich selbst das mir unangenehm ist, wenn Mr. Dorrit im Vertrauen meine Freunde fragt, wieviel sie vierteljährlich an meine Bankiers auszubezahlen gewohnt waren.«

Mr. Dorrit verbeugte sich zustimmend.

»Erlauben Sie mir, hinzuzufügen,« sagte Mrs. General, »daß ich mich nicht weiter auf dieses Kapitel einlassen werde. Ferner, daß ich keine zweite oder untergeordnete Stellung einnehmen kann. Wenn mir die Ehre zuteil würde, Mr. Dorrits Familie kennenzulernen – ich glaube, von zwei Töchtern war die Rede?«

»Zwei Töchter.«

»So könnte ich es nur unter der Bedingung vollkommener Gleichheit, als Gesellschafterin, Beschützerin, Mentor und Freundin annehmen.«

Mr. Dorrit kam es trotz des Bewußtseins seiner Würde vor, als ob es wirklich eine Freundlichkeit wäre, wenn sie es überhaupt unter irgendeiner Bedingung annähme. Er ließ dies beinahe in seinen Worten merken.

»Ich glaube,« wiederholte Mrs. General, »von zwei Töchtern war die Rede.«

»Zwei Töchter,« sagte Mr. Dorrit wieder.

»Es würde deshalb nötig sein,« sagte Mrs. General, »ein Drittel mehr zu der Summe hinzuzufügen (wie groß immer ihr Betrag auch sein mag), die meine Freunde hier bei meinen Bankiers niederzulegen gewohnt waren.«

Mr. Dorrit verlor keine Zeit, die delikate Frage dem gräflichen Witwer vorzulegen, und da er fand, daß dieser gewohnt war, jährlich dreihundert Pfund an die Bankiers von Mrs. General zu bezahlen, kam er, ohne seine Arithmetik besonders anzustrengen, zu dem Resultat, daß er vier bezahlen müsse. Da Mrs. General ein Artikel von jener glänzenden Außenseite war, der einen glauben macht, daß sie jeden Preises wert sei, so machte er ihr den förmlichen Antrag, ihm zu gestatten, sie als ein Glied seiner Familie zu betrachten. Mrs. General bewilligte das stolze Privilegium und gehörte von nun an zur Familie.

Persönlich war Mrs. General, mit Einschluß ihrer Toiletten, die eine bedeutende Rolle dabei spielten, von würdiger, imposanter Erscheinung: groß, rauschend und sehr umfangreich; beständig aufrecht hinter ihren Anstandsgefühlen. Man hätte sie nach den Höhen der Alpen und den Tiefen von Herkulanum mitnehmen können, und nahm sie auch mit, ohne daß eine Falte ihres Kleides aus der Ordnung gekommen oder eine Stecknadel verrückt worden wäre. Wenn ihr Gesicht und ihr Haar ein ziemlich mehliges Aussehen hatten, als wenn dies vom Aufenthalt in einer außerordentlich eleganten Mühle käme, so war dies eher darum der Fall, weil sie überhaupt eine kreidige Natur, als weil sie ihre Gesichtsfarbe mit Veilchenpulver aufbesserte oder grau geworden war. Wenn ihre Augen keinen Ausdruck besaßen, so war dies wohl deshalb der Fall, weil sie nichts auszudrücken hatten. Wenn sie wenig Runzeln besaß, so war es, weil ihr Geist nie seinen Namen oder eine Inschrift auf ihr Gesicht gezeichnet. Eine kalte, wachsartige, ausgelöschte Person, die niemals gut geleuchtet hatte.

Mrs. General hatte keine Meinungen. Ihre Art, einen Geist zu bilden, war die, daß sie ihn hütete, sich Meinungen zu bilden. Sie hatte eine kleine Anzahl kreisförmiger geistiger Rinnen oder Schienen, auf denen sie kleine Züge von andrer Leute Meinungen führte, die sich niemals überholten und nie irgendwohin kamen. Selbst ihr Anstandsgefühl konnte nicht bestreiten, daß es Unanständigkeit in der Welt gebe; aber Mrs. Generals Art, sich davon loszumachen, war, dergleichen aus dem Gesichtskreis zu rücken und glauben zu lassen, daß das gar nicht existiere. Dies war eine zweite Art, wie sie den Geist bildete – alle schwierigen Dinge in Schränke zu kramen, diese zuzuschließen und zu behaupten, sie existierten nicht. Es war die leichteste Art und ohne Vergleich die anständigste.

Mrs. General konnte nichts Angreifendes hören. Unglücksfälle, Jammer und Mißhandlungen durften nie vor ihr erwähnt werden. Leidenschaft schlief gewöhnlich in Mrs. Generals Gegenwart ein und Blut ging in Milch und Wasser über. Das wenige zu firnissen und zu beschönigen, was in der Welt übrigblieb, wenn man alle diese Abzüge gemacht, war Mrs. Generals Aufgabe. In diesem ihrem Bildungsprozeß tauchte sie den kleinsten Pinsel in den größten Topf und firnißte die Oberfläche aller Dinge, die in Betracht kamen. Je mehr Risse eine Sache hatte, desto mehr firnißte sie.

Es war Firnis in Mrs. Generals Stimme, Firnis in Mrs. Generals Berührung, eine Firnisatmosphäre um Mrs. Generals Gestalt. Mrs. Generals Träume waren sicher gefirnißt – wenn sie welche hatte –, als sie in den Armen des guten hl. Bernhard schlief, während der federige Schnee auf seinen Hausgiebel fiel.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

Reisegenossen.

Im Herbste des Jahres krochen Dunkelheit und Nacht zu den höchsten Gipfeln der Alpen empor.

Es war die Zeit der Weinlese in den Tälern auf der Schweizer Seite des St. Bernhardpasses und an den Ufern des Genfer Sees. Die Luft war von dem Duft der eingeernteten Trauben geschwängert. Körbe, Bütten und Kübel mit Trauben standen in den dunklen Dorftorwegen, verstellten die steilen und engen Dorfgassen und wurden den ganzen Tag auf Wegen und Straßen hin und her getragen. Trauben, von den Füßen zertreten und zerquetscht, lagen überall umher. Die junge Bäuerin, die sich schwerbeladen nach Hause schleppte, beruhigte ihr schreiendes Kind mit Trauben. Der Idiot, der seinen dicken Kropf unter der Traufe der hölzernen Hütte an dem Wege zum Wasserfall sonnte, saß gierig Trauben kauend da. Der Atem der Kühe und Ziegen duftete angenehm von dem Laub und den Kämmen der Trauben. Die versammelten Gäste in jedem kleinen Wirtshause sprachen, während sie aßen und tranken, von Trauben. Schade, daß aus dem großen Überfluß nicht etwas Reife auf den dünnen, harten, steinigen Wein überging, der im ganzen aus diesen Trauben gemacht wurde!

Die Luft war den ganzen schönen Tag über warm und durchsichtig gewesen. Glänzende metallene Kirchturmspitzen und Kirchendächer, die man da und dort in der Ferne sah, hatten die weite Gegend durchblitzt: und die schneeigen Berggipfel waren so klar gewesen, daß nicht daran gewöhnte Augen mit dem Blick über das dazwischenliegende Land hinwegeilten und ihre rauhe Höhe als etwas Fabelhaftes gering achtend, gewöhnlich glaubten, sie seien in wenigen Stunden zu erreichen. Bergkuppen von großer Berühmtheit sah man von den Tälern, wo bisweilen monatelang keine Spur von ihrer Existenz sichtbar war, seit dem Morgen klar und nahe an dem blauen Himmel stehen. Und selbst jetzt, wo es unten dunkel wurde, hoben sie sich – gleichsam feierlich zurückschreitend wie Geister, die entschwinden wollen – doch noch deutlich in ihrer Einsamkeit über dem Nebel und dem Schatten bleich und kalt vom Himmel ab.

Von diesen Einöden und vom Paß des großen St. Bernhard aus gesehen stieg die Nacht an den Bergen flutartig empor. Als sie endlich die Mauern des Klosters auf dem großen St. Bernhard erreicht hatte, erschien dieser wetterharte Bau wie eine zweite Arche, die auf den Schattenwogen schwamm.

Die Dunkelheit, die einige Fremde überholte, hatte die rauhen Klostermauern erreicht, als diese Reisenden noch den Berg hinanklommen. Wie die Hitze des glühenden Tages, die sie haltzumachen und an den Strömen geschmolzenen Schnees und Eises zu trinken eingeladen hatte, nun in die durchdringende Kälte der frostigen verdünnten Nachtluft auf großer Höhe übergegangen war, so war die frische Schönheit der Reise in tieferliegenden Gegenden jetzt der Dürre und Öde gewichen. Ein schroffer, holperiger Pfad, auf dem die Maultiere, eines hinter dem andern, von Block zu Block kletterten und sich wanden, als wenn sie die verbröckelte Treppe einer riesigen Ruine hinaufstiegen, war jetzt ihr Weg. Kein Baum war zu sehen, keine Pflanze zu erblicken, nur ein armes, braunes, elendes Moos, das in den Ritzen der Felsen erstarrt war. Geschwärzte Skelettarme von Holz zeigten am Wege hinauf nach dem Kloster, als wenn die Gespenster früherer Reisenden, die im Schnee begraben worden waren, an dem Schauplatz ihres Unglücks umgingen. Eiszapfenbehangene Höhlen und Hütten, als Zufluchtsorte für plötzliche Stürme gebaut, glichen ebenso vielen flüsternden Stimmen, die die Gefahren dieses Ortes den Reisenden ins Ohr raunten. Nimmerruhende Wirbel und Labyrinthe von Nebel wanderten, von einem Klagewind gescheucht, umher; und Schnee, die ringsum drohende Gefahr des Berges, gegen die man alle Sicherheitsmaßregeln getroffen, trieb heftig in die Tiefe.

Die Reihe der von ihrem Tagewerk müden Maulesel wand sich langsam an dem steilen Abhang in die Höhe: der vorderste wurde von einem Führer zu Fuß geleitet, der einen breitkrempigen Hut und eine runde Jacke hatte, auf der Schulter ein bis zwei Alpenstöcke trug und mit einem andern Führer plauderte. Die Schar der Reiter führte kein Gespräch. Die scharfe Kälte, die Anstrengung der Reise und ein neues Gefühl von gehemmtem Atem, zum Teil, als stiegen sie gerade aus sehr klarem, gekräuseltem Wasser, zum Teil, als wenn sie schluchzten, ließ sie schweigen.

Endlich glänzte ein Licht auf der Höhe der Felsentreppe durch Schnee und Nebel. Die Führer trieben die Maultiere an; diese hoben die gesenkten Köpfe, die Jungen der Reisenden waren gelöst, und unter einem plötzlich entstandenen Wirrwarr von Ausgleiten, Klettern, Klingeln, Klirren und Schwatzen kamen alle bei dem Tor des Klosters an.

Andre Maultiere waren nicht lange zuvor angekommen, einige mit reisenden Landleuten, andere mit Waren, und hatten den Schnee vor der Tür in einen Pfuhl von Schmutz getreten. Reitsättel und Zügel, Packsättel und Glockenriemen, Maultiere und Menschen, Laternen, Fackeln, Säcke, Mundvorräte, Fässer, Käselaibe, Tönnchen mit Honig und Butter, Strohbündel und Pakete mancherlei Art lagen in diesem aufgetauten Sumpfe und auf den Stufen durcheinander. Hier oben in den Wolken sah man alles durch Wolken, und alles schien sich in Wolken aufzulösen. Der Atem der Leute war Wolke, der Atem der Maultiere war Wolke, die Lichter waren von Wolke umgeben, die dicht nebenan Sprechenden waren vor Wolken nicht zu sehen, obgleich ihre Stimmen und alle andern Klänge überraschend klar waren. Von der wolkigen Reihe von Maultieren, die rasch innerhalb der Mauer Kreise bildeten, biß oder schlug gewöhnlich das eine das andre, und dann war der ganze Nebel zerstreut. Die Männer drangen dazwischen, Geschrei von Menschen und Tieren scholl aus dem Knäuel, und niemand, der dabeistand, konnte unterscheiden, was geschehen war. Mitten in diesem Treiben strömte der Klosterstall, der den untern Stock des Gebäudes bildete und in den man durch die Grundstocktür trat, außerhalb der all dieses Durcheinander sich umhertrieb, seinen Beitrag an Wolke aus, als wenn das ganze rauhe Gebäude mit nichts sonst gefüllt wäre und zusammenstürzen würde, sobald es sich geleert, so daß dann der Schnee auf die kahlen Berggipfel fiele.

Während all dieser Lärm und diese Unruhe unter den lebenden Reisenden herrschte, waren still versammelt in einem vergitterten, ein halbes Dutzend Schritte entfernten Hause, das von der gleichen Wolke umhüllt war und in das die gleichen Schneeflocken trieben, die toten Reisenden, die man auf dem Berge gefunden. Die vor vielen Wintern vom Sturm überraschte Mutter, die noch immer mit dem Säugling an der Brust in der Ecke stand; der Mann, der erfroren, während er aus Hunger oder Furcht den Arm zum Munde erhob, und ihn noch immer nach vielen Jahren an seine trockenen Lippen drückte. Eine schreckliche, auf seltsame Weise zusammengekommene Gesellschaft! Ein furchtbares Schicksal für eine Mutter, vorhergesehen zu haben: »Umgeben von so manchen und solchen Gefährten, die ich niemals gesehen und nie sehen werde, werden ich und mein Kind unzertrennlich auf dem großen St. Bernhard zusammen wohnen, Generationen überdauern, die uns zu sehen kommen und nie unsere Namen oder ein Wort von unserer Lebensgeschichte, außer dem Ende, erfahren werden.«

Die lebenden Reisenden dachten in jenem Augenblick wenig oder gar nicht an die toten. Sie dachten weit mehr daran, vor dem Klostertor abzusteigen und sich an dem Klosterfeuer zu wärmen. Aus dem Gewirr sich loswindend, das bereits weniger lärmend wurde, da man die Masse der Maultiere in dem Stall unterzubringen begann, eilten sie, schauernd vor Kälte, die Treppe hinauf in das Haus. Dort herrschte ein Geruch, der durch den Boden von den angebundenen Tieren herausdrang, ähnlich dem Geruch einer Menagerie von wilden Tieren. Drinnen befanden sich starke gewölbte Gänge, hohe steinerne Pfeiler und dicke Mauern mit kleinen verfallenen Fenstern – Bollwerke gegen die Bergstürme, als wenn es menschliche Feinde gewesen wären. Ferner düstere gewölbte Schlafzimmer, schrecklich kalt, aber reinlich und gastlich für Fremde eingerichtet. Endlich ein gemeinsames Konversationszimmer, in dem die Gäste saßen und aßen, wo auch bereits ein Tisch aufgestellt war und ein helles Feuer rot und hoch im Kamin flackerte.

In diesem Zimmer setzten sich die Reisenden, nachdem ihnen von zwei jungen Mönchen die für die Nacht bestimmten Quartiere angewiesen waren, um den Kamin. Es waren drei Gesellschaften: die erste, als die zahlreichste und bedeutendste, war die langsamste und hatte sich von einer und der andern auf dem Wege herauf überholen lassen. Sie bestand aus einer älteren Dame, zwei grauen Herren, zwei jungen Damen und ihrem Bruder. Diese hatten (vier Führer ungerechnet) einen Kurier, zwei Diener und zwei Kammermädchen bei sich: diese große lästige Gesellschaft wurde anderwärts unter einem Dache untergebracht. Diejenige Gesellschaft, die sie überholte und nun hinterdrein kam, bestand nur aus drei Gliedern: einer Dame und zwei Herren. Die dritte Gesellschaft, die von dem Tal auf der italienischen Seite des Passes heraufkam und zuerst da war, bestand aus vier Gliedern: einem vollblütigen, hungrigen und schweigsamen deutschen Hofmeister mit einer Brille, der sich auf einer Tour mit drei jungen Männern, seinen Zöglingen, befand, lauter vollblütigen, hungrigen und schweigsamen Menschen mit Brillen.

Diese drei Gruppen saßen rings um das Feuer, sich trocken ansehend und auf das Nachtessen wartend. Nur einer unter ihnen, einer von den Herren, die zu der Gesellschaft von den dreien gehörten, machte einen Ansatz zu einer Unterhaltung. Indem er seine Angelschnur nach dem Häuptling des bedeutenden Stammes auswarf, während er sich an seine eigenen Reisegenossen wandte, bemerkte er in einem Ton, der die ganze Gesellschaft einschloß, wenn sie eingeschlossen sein wollte, daß es ein langer Tag gewesen und daß er die Damen bedauere. Daß er fürchte, eine von den jungen Damen sei nicht stark genug und nicht hinlänglich ans Reisen gewöhnt und sei vor zwei bis drei Stunden außerordentlich ermüdet gewesen. Er habe von seinem Standort im Nachtrab aus bemerkt, daß sie ganz erschöpft auf ihrem Maultier gesessen. Er habe später zwei- oder dreimal sich die Ehre gegeben, einen von den Führern zu fragen, der nach hinten gekommen sei, wie es der jungen Dame gehe. Er sei entzückt zu erfahren, daß sie sich erholt und daß es nur ein vorübergehendes Unbehagen gewesen wäre. Er glaube (diesmal faßte er den Häuptling ins Auge und wandte sich an ihn), es werde ihm erlaubt sein, seine Hoffnung auszusprechen, daß sie sich nun ganz wohl befinde und nicht bereue, die Reise gemacht zu haben.

»Meine Tochter, – ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte der Häuptling, – »ist vollkommen wiederhergestellt und fand großes Interesse an der Gesellschaft.«

»Vielleicht zum erstenmal in den Bergen?« sagte der einschmeichelnde Reisende.

»Zum – ha – zum erstenmal in den Bergen«, sagte der Häuptling. »Aber Sie sind damit vertraut, mein Herr?« fuhr der einschmeichelnde Reisende fort.

»Ich bin – hm – ziemlich vertraut damit. Nicht aus den letzten Jahren. Nicht aus den letzten Jahren«, versetzte der Häuptling, mit der Hand winkend.

Der einschmeichelnde Reisende antwortete auf das Winken der Hand mit einer Verbeugung des Kopfes und wandte sich von dem Häuptling zu der zweiten jungen Dame, die er bis jetzt noch nicht angeredet hatte, außer, daß er sie zu den Damen zählte, die er so innig bedauerte.

Er sprach die Hoffnung aus, daß die Anstrengungen des Tages sie nicht zu sehr mitgenommen hätten.

»Mitgenommen haben sie mich allerdings«, versetzte die junge Dame, »aber sie haben mich nicht ermüdet.«

Der einschmeichelnde Reisende machte ihr sein Kompliment über die richtige Unterscheidung. Das habe er sagen wollen. Jede Dame müsse sich freilich über dieses sprichwörtlich unfügsame und beschwerliche Tier, den Maulesel, beschweren.

»Wir mußten natürlich«, sagte die junge Dame, die ziemlich zurückhaltend und stolz war, »die Wagen und den Fourgon in Martigny zurücklassen. Und die Unmöglichkeit, etwas, was man braucht, an diesen unzugänglichen Ort herauszubringen, und die Notwendigkeit, allen Komfort zurückzulassen, ist nicht sehr angenehm.«

»Ein wüster Ort, allerdings«, sagte der einschmeichelnde Reisende.

Die ältliche Dame, die ein Muster von pünktlichem Anzug war und die in ihrer Art vollkommen genannt werden konnte, wenn man sie als ein Stück Maschine betrachtete, warf hier mit sanfter leiser Stimme eine Bemerkung ein.

»Aber wie andere unbequeme Orte«, bemerkte sie, »muß man ihn sehen. Als ein Ort, von dem viel die Rede, muß er mal besucht werden.«

»Oh! ich habe durchaus nichts dagegen, daß man ihn sieht, ich versichere Sie, Mrs. General«, versetzte die andere nachlässig.

»Sie, Madame«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »haben diesen Ort schon früher besucht?«

»Ja«, versetzte Mrs. General. »Ich war früher schon hier. Ich möchte Ihnen raten, meine Liebe«, sagte sie zu der genannten jungen Dame, »Ihr Gesicht vor der Hitze des Feuers zu schützen, nachdem es der Bergluft und dem Schnee ausgesetzt gewesen. Auch Ihnen, meine Liebe«, fügte sie, an die andere junge Dame gewandt, hinzu, die sogleich tat, wie ihr anempfohlen worden, während die erstere einfach sagte: »Ich danke Ihnen, Mrs. General; ich fühle mich ganz behaglich so und ziehe es vor, zu bleiben, wie ich bin.«

Der Bruder, der vom Stuhl aufgestanden war, um das Piano zu öffnen, das in dem Zimmer stand, und hineingepfiffen hatte, schlenderte jetzt, das Monokel im Auge, wieder zu dem Feuer zurück. Er war im vollsten und vollständigsten Reiseanzug. Die Welt schien kaum groß genug, um ihm eine seiner Equipierung entsprechende Reisegelegenheit zu bieten.

»Diese Burschen brauchen ungeheuer lange zu ihrem Nachtessen«, sagte er schleppend. »Ich bin begierig, was sie uns geben werden! Hat jemand ein Vorstellung davon?«

»Keine gebratenen Menschen, glaube ich«, antwortete die Stimme des zweiten Herrn von der Gesellschaft der drei.

»Ich vermute nicht. Was meinen Sie?« fragte er.

»Daß, da Sie nicht bei dem allgemeinen Souper aufgesetzt werden sollen, Sie uns vielleicht die Gefälligkeit erweisen werden, sich nicht an dem allgemeinen Feuer zu rösten«, versetzte der andere.

Der junge Herr, der in einer bequemen Stellung am Kamin stand, das Monokel auf die Gesellschaft gerichtet, den Rücken nach dem Feuer zu und die Rockflügel unter den Armen, als ob er zum Hühnergeschlecht gehörte und an den Spieß gesteckt wäre, um zu braten, verlor bei dieser Antwort die Fassung; er schien im Begriffe, eine Erklärung zu fordern, als man entdeckte – indem alle Augen auf den Sprechenden gerichtet waren –, daß die Dame, die bei ihm war, ein junges und hübsches Geschöpf, nichts von dem gehört hatte, was vorgegangen, da sie ohnmächtig den Kopf auf die Schulter hatte sinken lassen.

»Ich glaube«, sagte der Herr in gedämpften Tone, »es wäre das beste, ich brächte sie sogleich nach ihrem Zimmer. Wollen Sie jemanden rufen, daß man Licht bringt?« fügte er, an seinen Begleiter gewandt, hinzu; »man muß uns den Weg zeigen. Ich glaube nicht, daß ich mich in diesem seltsamen Labyrinth zurechtfinden werde.«

»Bitte, lassen Sie mich mein Mädchen rufen«, sagte die größere von den jungen Damen.

»Bitte, lassen Sie mich dies Wasser an ihre Lippen bringen«, sagte die kleinere, die bis jetzt noch nicht gesprochen hatte.

Da jeder tat, was er vorschlug, so war kein Mangel an Beistand. Und als gar die beiden Mädchen eintraten (begleitet vom Kurier, damit niemand ihnen den Mund verstopfe, wenn er sie unterwegs in einer fremden Sprache anredete), war sogar die Aussicht auf zuviel Beistand. Als der Herr dies sah, sagte er einige Worte zu der kleinern und jüngern von den beiden Damen, legte den Arm seiner Frau um seine Schulter, hob sie in die Höhe und trug sie hinweg.

Sein Freund, der mit den andern Fremden nun allein war, ging langsam in dem Zimmer auf und ab, ohne wieder zu dem Feuer zu kommen: er zupfte nachdenklich an seinem schwarzen Schnurrbart, als ob er sich für die letzte Erwiderung verantwortlich fühlte. Während der Gegenstand derselben in einer Ecke Schmähungen ausstieß, wandte sich der Häuptling stolz an diesen Herrn.

»Ihr Freund, mein Herr«, sagte er, »ist – ha – etwas ungeduldig, und in seiner Ungeduld weiß er vielleicht nicht genau, was er andern schuldig ist – aber wir wollen darüber hinwegsehen, wir wollen darüber hinwegsehen. Ihr Freund ist etwas ungeduldig, mein Herr.«

»Es mag wohl sein, mein Herr«, versetzte der andere. »Da ich jedoch die Ehre gehabt, die Bekanntschaft dieses Herrn im Hotel zu Genf zu machen, wo wir und zahlreiche gute Gesellschaft vor einiger Zeit uns trafen, und da ich die Ehre gehabt, bei verschiedenen späteren Ausflügen mich seiner Gesellschaft und Unterhaltung zu erfreuen, so kann ich nichts hören – nicht einmal von einem Mann Ihres Äußern und Ihrer Stellung, was diesem Gentleman nachteilig wäre.«

»Sie sind durchaus in keiner Gefahr, mein Herr, irgend etwas Derartiges von mir zu hören. Wenn ich die Bemerkung machte, daß Ihr Freund Ungeduld an den Tag gelegt, so sage ich damit nichts Nachteiliges. Ich mache diese Bemerkung nur, weil nicht zu bezweifeln ist, daß mein Sohn, der durch Geburt und – ha – durch Erziehung – hm – Gentleman ist, sich bereitwillig jedem artig ausgesprochenen Wunsche bezüglich des Feuers gefügt, das für alle Glieder dieser Gesellschaft gleich zugänglich ist. Was ich grundsätzlich richtig finde, denn – ha – alle sind –hm – in solchen Fällen gleichberechtigt.«

»Gut!« lautete die Antwort. »Und damit genug! Ich bin Ihres Sohnes ergebener Diener. Ich bitte Ihren Sohn, die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung zu empfangen. Und nun, mein Herr, gestehe ich, gestehe ich offen, daß mein Freund bisweilen von sarkastischem Temperament ist.«

»Die Dame ist Ihres Freundes Frau, mein Herr?«

»Die Lady ist meines Freundes Frau, mein Herr.«

»Sie ist sehr schön.«

»Sie ist unvergleichlich schön. Sie befinden sich im ersten Jahre ihrer Verbindung. Sie sind zum Teil noch auf einer Hochzeits-, zum Teil auf einer Kunstreise.«

»Ihr Freund ist ein Künstler?«

Der Herr antwortete, indem er die Finger seiner rechten Hand küßte und den Kuß armhoch zum Himmel emporwarf, was soviel heißen sollte, wie: ich weihe ihn den himmlischen Mächten als einen unsterblichen Künstler.

»Er ist jedoch ein Mann aus vornehmer Familie«, fügte er hinzu. »Er hat die besten Beziehungen. Er ist mehr als ein Künstler. Er stammt aus sehr vornehmem Hause. Er mag seine Verwandtschaft wirklich stolz, ungeduldig, sarkastisch (ich erlaube mir beide Ausdrücke) zurückgestoßen haben, aber er besitzt sie einmal. Funken, die während unserer Unterhaltung fielen, haben mich darüber belehrt.«

»Nun! Ich hoffe«, sagte der stolze Herr, mit einer Miene, als wollte er die Sache endlich abtun, »daß die Unpäßlichkeit der Dame nur vorübergehend sein werde.«

»Das hoffe ich auch, mein Herr.« »Bloße Ermüdung, glaube ich.«

»Nicht Ermüdung allein, mein Herr, denn ihr Maultier strauchelte heute, und sie fiel aus dem Sattel. Sie fiel leicht und stand ohne Unterstützung wieder auf den Füßen; dann ritt sie lachend voraus: aber sie klagte gegen Abend über eine leichte Quetschung in der Seite. Sie sprach mehr als einmal davon, als wir hinter Ihnen den Berg hinauf ritten.«

Der Häuptling des großen Gefolges, der gnädig, aber nicht vertraulich war, schien nun der Ansicht zu sein, daß er sich mehr als genug herablassend bewiesen. Er sagte nichts mehr, und es trat für eine Viertelstunde Stille ein bis zum Abendessen.

Mit dem Abendessen kam einer von den jungen Mönchen (es schien hier keine alten Mönche zu geben) und setzte sich oben an die Tafel. Das Mahl war ganz ähnlich wie das Abendessen in einem gewöhnlichen Schweizer Hotel, und guter roter Wein, in einer heitereren Luft gewachsen, fehlte nicht. Der reisende Künstler kam ruhig zurück und nahm seinen Platz am Tisch ein, als die übrigen sich setzten: er schien nicht entfernt mehr an sein letztes Scharmützel mit dem Fremden in dem vollkommenen Reiseanzug zu denken.

»Bitte«, fragte er den Wirt über seine Suppe hinüber, »hat Ihr Kloster jetzt viele von seinen berühmten Hunden?«

»Monsieur, drei.«

»Ich sah drei im Gange unten. Ohne Zweifel die fraglichen drei.«

Der Wirt, ein schlanker, helläugiger, ernster, junger Mann von feinen Manieren, dessen Kleidung in einer schwarzen Kutte mit Streifen von weißem Tuch darüber, wie Tragbänder, bestand und der der klösterlichen Eigenart der Bernhardiner Mönche nicht mehr glich als wie der klösterlichen Zucht der Hunde von St. Bernhard, antwortete, ohne Zweifel würden es die drei fraglichen sein.

»Und ich glaube«, sagte der reisende Künstler, »ich habe einen derselben früher schon gesehen.«

Es sei möglich. Es sei ein wohlbekannter Hund. Monsieur könne ihn leicht im Tale oder sonstwo an dem See gesehen haben, wenn er (der Hund) mit einem vom Orden hinabgegangen, um Unterstützung für das Kloster zu sammeln.

»Was regelmäßig zu einer bestimmten Zeit im Jahr geschieht, nicht wahr?«

Monsieur habe recht.

»Und nie ohne den Hund. Der Hund ist sehr wichtig.«

Monsieur habe wieder recht. Der Hund sei sehr wichtig. Die Leute interessieren sich sehr für den Hund als einen von den überall bekannten Hunden, wie Mademoiselle begreifen werde.

Mademoiselle war etwas langsam im Begreifen, als ob sie noch nicht recht an das Französische gewöhnt wäre. Mrs. General begriff es jedoch statt ihrer.

»Fragen Sie ihn, ob er viele Menschen gerettet hat?« sagte der junge Mann, der seine Fassung verloren hatte, in seinem heimischen Englisch.

Der Wirt bedurfte keiner Übersetzung der Frage. Er antwortete rasch französisch: »Nein. Dieser niemanden.«

»Warum nicht?« fragte derselbe Herr.

»Entschuldigen Sie«, antwortete der Wirt gelassen, »geben Sie ihm die Gelegenheit, und er wird es sicher tun. Zum Beispiel, ich bin fest überzeugt«, fügte er, indem er das Kalbfleisch aufschnitt, um es herumreichen zu lassen, ruhig nach dem jungen Mann hinüberlächelnd, der aus der Fassung gekommen, hinzu: »daß, wenn Sie, Monsieur, ihm die Gelegenheit geben sollten, er mit größtem Eifer sich beeilen würde, seine Pflicht zu tun.«

Der reisende Künstler lachte. Der einschmeichelnde Reisende (der die lebhafte Besorgnis an den Tag legte, er möchte nicht seinen vollen Anteil an dem Abendessen erhalten) wischte sich einige Tropfen Wein mit einem Stück Brot von dem Schnurrbart und mischte sich in das Gespräch.

»Es wird etwas spät, mein Vater«, sagte er, »für Vergnügungsreisende, nicht wahr?«

»Ja, es ist spät. Noch zwei bis drei Wochen, und wir liegen im Winterschnee begraben.«

»Dann«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »gilt’s den ausscharrenden Hunden und den begrabenen Kindern, nach den Bildern.«

»Entschuldigen Sie«, sagte der Wirt, der die Anspielung nicht ganz verstand, »wie ist das gemeint mit den ausscharrenden Hunden und begrabenen Kindern, nach den Bildern?«

Der reisende Künstler fiel wieder ins Wort, ehe eine Antwort gegeben werden konnte.

»Wissen Sie nicht«, fragte er seinen Reisegenossen kalt über den Tisch hinüber, »daß nur Schmuggler im Winter dieses Weges kommen oder irgendein Geschäft auf diesem Wege haben können?«

»Herr, mein Gott! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Dem ist aber so. Und da sie die Vorzeichen des Wetters ziemlich gut wissen, so machen sie den Hunden nicht viel zu schaffen – die infolgedessen auch ziemlich ausgestorben sind – obwohl diese Herberge bequem für sie gelegen ist. Ihre jungen Familien, sagte man mir, lassen sie gewöhnlich zu Hause. Aber es ist ein großer Gedanke!« rief der reisende Künstler, unerwartet in einen enthusiastischen Ton ausbrechend. »Es ist eine erhabene Idee. Es ist die schönste Idee von der Welt und preßt uns Tränen aus, beim Himmel!« Nachdem er geendigt, aß er mit großer Ruhe an seinem Kalbfleisch fort.

Es lag genug höhnenden Widerspruchs in diesen Worten, um einen Mißton hervorzurufen, obgleich die Art, wie sie hervorgebracht wurden, sehr fein und die Person, die sie vorbrachte, sehr viel Manier hatte, und obgleich der herabsetzende Teil derselben so geschickt eingekleidet war, daß es für ein an die englische Sprache nicht vollkommen gewöhntes Ohr sehr schwer war, es zu verstehen oder selbst, wenn man es verstanden, sich beleidigt zu fühlen, so einfach und leidenschaftslos war der Ton. Nachdem er mit seinem Kalbfleisch mitten in der allgemeinen Stille zu Ende war, richtete der Sprecher wieder das Wort an seinen Freund.

»Sehen Sie«, sagte er in seinem früheren Ton, »sehen Sie diesen Herrn, unsern Wirt, an, der noch nicht mal in dem besten Mannesalter steht und auf so anmutige Weise und mit so seiner Lebensart und Bescheidenheit uns die Honneurs macht! Manieren für eine Krone geeignet! Essen Sie mit dem Lord-Mayor von London (wenn Sie eine Einladung bekommen können) und bemerken Sie den Kontrast. Dieser liebe Junge, mit dem feinstgeschnittenen Gesicht, das ich jemals sah, einem Gesicht von vollendeter Zeichnung verläßt ein tätiges Leben und kommt hier herauf, ich weiß nicht, wie viele Fuß über dem Spiegel des Sees, in keiner andern Absicht (ausgenommen, hoffe ich, um sich in einem trefflichen Refektorium zu ergötzen), als um ein Hotel für müßige arme Teufel, wie Sie und ich, zu halten und die Rechnung unsrem Gutdünken zu überlassen! Wie, ist das nicht ein schönes Opfer? Was brauchen wir mehr, um uns rühren zu lassen? Weil nicht acht bis neun Monate lang von den zwölfen gerettete Leute von interessantem Äußern sich am Halse der klügsten Tiere, die hölzerne Flaschen tragen, festhalten, sollen wir deshalb den Ort tadeln? Nein! Segen über diesen Ort. Es ist ein großer Ort, ein herrlicher Ort!«

Die Brust des grauen Gentleman, der der Häuptling der bedeutenden Gesellschaft war, schwoll, als wollte er dagegen protestieren, daß man ihn unter die armen Teufel zähle. Kaum hatte der reisende Künstler zu sprechen aufgehört, als er selbst mit großer Würde das Wort ergriff, als läge es ihm ob, an den meisten Orten das erste Wort zu führen, und er hätte diese Pflicht eine kurze Weile versäumt.

Er teilte mit großer Gewichtigkeit ihrem Wirt seine Ansicht mit, daß sein Leben im Winter hier ein höchst trauriges sein müsse.

Der Wirt gestand dem Monsieur zu, daß es etwas einförmig sei. Die Luft sei lange Zeit schwer zu atmen. Die Kälte sei sehr streng. Man müsse jung und kräftig sein, um es auszuhalten. Sei man dies jedoch und habe man den Segen des Himmels …

Ja, das sei sehr gut. »Aber die Gefangenschaft?« fragte der graue Herr.

Es gebe viele Tage, selbst bei schlechtem Wetter, wo es möglich sei, auszugehen. Es sei dann ihre Gewohnheit, einen kleinen Weg zu bahnen und sich dort Bewegung zu machen.

»Aber der Raum«, machte der graue Herr geltend. »So klein! So – ha – sehr beschränkt.«

Monsieur möge sich erinnern, daß man die Zufluchtorte besuchen und auch dorthin Wege bahnen müsse.

Monsieur machte dagegen geltend, daß der Raum –ha – hm – so schmal sei. Mehr als das. Es sei immer derselbe, immer derselbe. Mit einem ausweichenden Lächeln hob und senkte der Wirt sanft seine Schultern. Das sei wahr, bemerkte er, aber es möge ihm zu sagen gestattet sein, daß beinahe alle Dinge ihre verschiedenen Gesichtspunkte hätten. Monsieur und er sehen dies sein armes Leben nicht vom gleichen Gesichtspunkt an. Monsieur sei nicht an Gefangenschaft gewöhnt.

»Ich – ha – ja, sehr wahr«, sagte der graue Gentleman. Er schien einen tüchtigen Stoß von der Kraft dieses Beweises zu bekommen.

Monsieur, als ein reisender Engländer, umgeben von allen Mitteln, angenehm zu reisen, ohne Zweifel im Besitz von Vermögen, Wagen, Dienerschaft –

»Ja wohl, ja wohl. Ganz richtig –« sagte der Gentleman.

Monsieur könne sich nicht leicht in die Lage einer Person setzen, die nicht die Macht habe, zu wählen, ich will heute dahin gehen und morgen dorthin: ich will diese Grenzen überschreiten, die Fesseln, die mich binden, erweitern. Monsieur könnte sich vielleicht nicht vorstellen, wie der Geist sich in solchen Dingen der gebieterischen Notwendigkeit fügt.

»Es ist wahr«, sagte Monsieur. »Wir wollen – ha – die Sache nicht weiter verfolgen. Sie sind – hm – sehr genau, ich zweifle nicht daran. Wir wollen nicht weiter davon reden.«

Als das Essen vorüber war, zog er während des Sprechens seinen Stuhl weg und bewegte sich nach seinem früheren Platz bei dem Feuer. Da es am größten Teil des Tisches sehr kalt war, nahmen die andern Gäste gleichfalls ihre früheren Sitze bei dem Feuer ein, denn sie hatten die Absicht, sich vor Schlafengehen tüchtig zu wärmen. Als sie sich vom Tische erhoben, verbeugte sich der Wirt vor allen Anwesenden, wünschte ihnen gute Nacht und ging von dannen. Zuvor hatte ihn jedoch der einschmeichelnde Reisende gefragt, ob sie etwas Wein heiß gemacht bekommen könnten; und da er »ja« geantwortet und das Getränk kurz darauf hereingesandt, setzte sich dieser Reisende in die Mitte der Gruppe und war in der vollen Hitze des Feuers bald damit beschäftigt, es den übrigen zu servieren.

Um diese Zeit schlüpfte die jüngere von den beiden jungen Damen, die stumm und aufmerksam in ihrer dunklen Ecke (das Kaminfeuer war das Hauptlicht in dem finstern Zimmer, die Lampe brannte rauchig und düster) auf das gehorcht, was von der abwesenden Dame gesprochen wurde, zur Tür hinaus. Sie wußte nicht, welchen Weg sie gehen sollte, als sie leise dieselbe geschlossen hatte; nach einigem Hin- und Hergehen in den hallenden Gängen und den zahlreichen Wegen kam sie an ein Zimmer in einer Ecke des Hauptgangs, wo die Diener beim Abendessen saßen. Diese gaben ihr eine Lampe und zeigten ihr den Weg nach dem Zimmer der Dame.

Es lag über der großen Treppe im obern Stock. Da und dort waren die kahlen weißen Wände durch ein eisernes Gitter unterbrochen, und sie glaubte, als sie vorüberging, der Ort sei eine Art Gefängnis. Die rundbogige Tür des Zimmers oder der Zelle der Dame war nicht ganz geschlossen. Nachdem sie zwei- bis dreimal daran geklopft hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte sie sie langsam auf und sah hinein.

Die Dame lag mit geschlossenen Augen außen auf dem Bett, durch wollene Decken und Umschlagtücher, mit denen sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht zugedeckt worden, vor der Kälte geschützt. Ein düstres Licht in der tiefen Fensternische verbreitete wenig Helle in dem gewölbten Zimmer. Die Fremde trat schüchtern an das Bett und sagte leise flüsternd: »Befinden Sie sich besser?«

Die Dame lag im Schlummer, und das Geflüster war zu schwach, um sie aufzuwecken. Ihr Besuch, der noch immer ganz stille stand, sah sie aufmerksam an.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte sie bei sich. »Ich sah noch nie ein so schönes Gesicht. O, wie anders sehe ich aus!«

Es war ein seltsamer Ausspruch, aber er hatte seine verborgene Bedeutung, denn ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich weiß, ich hatte recht. Ich weiß, er sprach von ihr, an jenem Abend. Ich konnte sehr leicht über alles andre im Irrtum sein. Aber darüber nicht, nicht darüber!«

Mit sanfter und zarter Hand strich sie eine verirrte Locke von dem Haar der Schlafenden zurück und berührte dann die Hand, die außerhalb der Decke lag.

»Ich sehe sie gern an«, atmete sie leicht vor sich hin. »Ich sehe gerne, was ihn so sehr angezogen hat.«

Sie hatte ihre Hand noch nicht losgelassen, als die Schlafende ihre Augen öffnete und zurückfuhr.

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht. Ich bin nur eine von den Reisenden unten. Ich kam, um Sie zu fragen, ob Sie sich besser befänden und ob ich etwas für Sie tun könnte.«

»Ich danke: Sie waren bereits so freundlich, Ihr Kammermädchen zu meiner Unterstützung zu senden.«

»Nein, nicht ich, das war meine Schwester. Befinden Sie sich besser?«

»Viel besser. Es ist nur eine leichte Quetschung; man hat nach ihr gesehen und nun geht es beinahe ganz gut. Es machte mich nur einen Augenblick schwindlig und ohnmächtig. Es hatte mir zuvor schon weh getan. Aber zuletzt überwältigte es mich plötzlich.«

»Darf ich bei Ihnen bleiben, bis jemand kommt? Ist es Ihnen angenehm?«

»Es würde mir sehr lieb sein, denn es ist hier sehr einsam; aber ich fürchte, Sie werden die Kälte zu sehr fühlen.«

Ich kümmere mich nicht um die Kälte. Ich bin nicht zart, wenn ich auch danach aussehe.« Sie rückte augenblicklich einen von den rohen Stühlen an das Bett und setzte sich. Die andere nahm ebenso rasch einen Teil eines Reisemantels vom Bett und legte ihn auf sie, so daß ihr Arm, indem sie ihn um sie hielt, auf ihrer Schulter ruhte.

»Sie haben so ganz das Aussehen einer freundlichen Pflegerin«, sagte die Dame, sie anlächelnd, »daß es mir ist, als wenn sie aus meiner Heimat zu mir kämen.«

»Das freut mich sehr.«

»Ich träumte gerade von der Heimat, als ich aufwachte. Von meiner alten Heimat, meine ich, ehe ich verheiratet war.«

»Und ehe Sie so weit davon entfernt waren.«

»Ich war schon weiter entfernt von ihr, aber damals war der beste Teil derselben bei mir, und ich vermißte nichts. Ich fühlte mich so verlassen, als ich einschlief, und, die Heimat vermissend, wanderten meine Gedanken zu ihr zurück.«

Es lag ein traurig inniger und kummervoller Klang in ihrer Stimme, der ihren Gast einen Augenblick lang abhielt, sie anzusehen.

»Es ist ein seltsamer Zufall, der uns zuletzt unter dieser Decke zusammenführt, mit der Sie mich umhüllt haben«, sagte die Fremde nach einer Pause: »denn Sie müssen wissen, ich habe Sie schon lange gesucht.«

»Sie haben mich gesucht?«

»Ich glaube, ich habe ein kleines Billett bei mir, das ich Ihnen geben sollte, wenn ich Sie fände. Da ist es. Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist es an Sie adressiert. Nicht wahr?«

Die Dame nahm es, sagte ja und las es. Ihr Besuch beobachtete sie, während sie dies tat. Es war sehr kurz. Sie errötete etwas, als sie ihre Lippen an die Wangen ihres Besuches legte, und drückte ihre Hand.

»Die liebe junge Freundin, der er mich vorstellt, soll mir bisweilen ein Trost sein, sagt er. Sie ist wahrlich ein Trost für mich, im ersten Augenblick, da ich sie sehe.«

»Vielleicht kennen Sie«, sagte die Fremde zögernd, »vielleicht kennen Sie meine Geschichte nicht? Vielleicht hat er Ihnen nie meine Geschichte erzählt?«

»Nein.«

»O nein, warum sollte er auch! Ich habe selbst kaum ein Recht, es zu tun, da ich nicht dazu aufgefordert worden bin. Es ist nicht viel dabei, aber sie möchte Ihnen erklären, weshalb ich Sie bitte, nichts von dem Briefe hier zu sagen. Sie sahen vielleicht meine Familie bei mir? Einige Mitglieder derselben – ich sage das zu Ihnen – sind etwas stolz, etwas vorurteilsvoll.«

»Sie sollen ihn wieder haben«, sagte die andere, »dann ist mein Gatte sicher, daß er ihn nicht sieht. Er möchte ihn sonst durch irgendeinen Zufall finden oder davon sprechen. Wollen Sie ihn wieder in Ihren Busen stecken, um dessen gewiß zu sein?«

Sie tat es mit großer Vorsicht. Ihre kleine, zarte Hand hielt den Brief noch, als sie jemand im Gange draußen hörten.

»Ich versprach«, sagte die Fremde aufstehend, »daß ich ihm schreiben wolle, wenn ich sie gesehen hätte (ich mußte Sie sicher früher oder später sehen), um ihm zu sagen, ob Sie wohlauf und glücklich seien. Ich darf wohl sagen, daß Sie wohl und glücklich seien?« »Ja, ja, ja! Sagen Sie ihm, ich sei sehr wohlauf und sehr glücklich. Und ich danke ihm herzlich und werde ihn nie vergessen.«

»Ich werde Sie morgen früh sehen. Wir werden uns somit recht bald wiedersehen. Gute Nacht!«

»Gute Nacht. Ich danke Ihnen, danke Ihnen. Gute Nacht, meine Liebe.«

In größter Hast und Unruhe nahmen sie voneinander Abschied, und ebenso rasch war die Fremde aus der Tür. Sie hatte erwartet, dem Gatten der Dame zu begegnen: aber die im Gange befindliche Person war nicht er: es war der Reisende, der die Weintropfen mit einem Stück Brot vom Schnurrbart gewischt hatte. Als er die Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um – denn er ging in der Dunkelheit.

Seine Höflichkeit, die ausnehmend groß war, wollte nicht dulden, daß sie sich selbst die Treppe hinableuchte und allein gehe. Er nahm ihre Lampe, hielt sie so, daß das beste Licht auf die steinerne Treppe fiel, und begleitete sie den ganzen Weg bis zu dem Speisezimmer. Sie hatte Mühe, auf dem Weg hinab zu verbergen, daß sie jeden Augenblick nahe daran war, zitternd zusammenzusinken; denn die Erscheinung dieses Reisenden war ihr besonders unangenehm. Sie hatte vor dem Essen in ihrer Ecke gesessen und sich vorgegaukelt, was er wohl in den Szenen und an den Orten ihrer Vergangenheit für eine Rolle gespielt, um ihr einen solchen Widerwillen einzuflößen, der ihn ihr nahezu furchtbar erscheinen ließ.

Er begleitete sie mit seiner lächelnden Höflichkeit hinab, führte sie in das Zimmer und nahm seinen Sitz am besten Platz des Kamins wieder ein. Dort saß er, während das Feuer, das bereits schwächer zu brennen begann, in dem dunklen Zimmer seinen Schein bald heller, bald matter auf ihn warf, die Beine nach der Wärme ausgestreckt, den heißen Wein bis auf den Grund leerend, während ein ungeheurer Schatten seine Bewegungen an Wand und Decke nachahmte.

Die müde Gesellschaft war aufgebrochen, und alle andern waren zu Bett gegangen, außer dem Vater der jungen Dame, der in seinem Stuhl am Fenster schlummerte. Der Reisende hatte sich die Mühe genommen, seine Taschenflasche mit Branntwein aus seinem entfernten, im zweiten Stock befindlichen Schlafzimmer zu holen. Er sagte es ihnen, als er den Inhalt in den Rest des Weines goß und ihn mit neuem Behagen trank.

»Darf ich Sie fragen, ob Sie auf dem Wege nach Italien sind?«

Der graue Herr war aufgestanden und rüstete sich zum Gehen. Er antwortete bejahend.

»Ich gleichfalls!« sagte der Reisende. »Ich darf wohl hoffen. Sie in schöneren Gegenden und unter freundlicheren Umständen wieder zu begrüßen als auf diesem traurigen Berge.«

Der Fremde verbeugte sich, ziemlich entfernt, und sagte, er sei ihm sehr verbunden.

»Wir armen Leute, Sir«, sagte der Reisende, den Schnurrbart mit der Hand trocknend, denn er hatte ihn in den Wein und Branntwein getaucht, »wir armen Leute reisen nicht wie Fürsten, aber die Galanterie und feinere Lebensart hat auch für uns ihren hohen Wert. Ihre Gesundheit, mein Herr!«

»Ich danke Ihnen, mein Herr.«

»Auf die Gesundheit Ihrer ausgezeichneten Familie, – der schönen Ladies, Ihrer Töchter!«

»Nein Herr, ich danke Ihnen abermals. Ich wünsche Ihnen gute Nacht. Meine Liebe, warten unsre – ha – Leute?«

»Sie sind ganz nahe zur Stelle, Vater.«

»Erlauben Sie!« sagte der Reisende, indem er aufstand und die Tür offen hielt, als der alte Herr, seinen Arm in den seiner Tochter steckend, durch das Zimmer darauf zuschritt. »Angenehme Ruhe! Auf das Vergnügen, Sie wiederzusehen! Auf morgen denn!«

Als er in der höflichsten Art und mit dem feinsten Lächeln seine Hand küßte, schmiegte sich die junge Dame fester an ihren Vater an und ging voller Angst, ihn zu berühren, an ihm vorüber.

»Hm!« sagte der einschmeichelnde Reisende, der sich gehen und seinen Ton sinken ließ, als er allein war. »Wenn sie sich alle zu Bett begeben, nun, so muß ich eben auch gehen. Sie haben ja eine verdammte Eile. Man sollte glauben, die Nacht wäre lang genug in dieser schauerlich kalten Stille und Einsamkeit, wenn man erst in zwei Stunden zu Bett ginge!«

Den Kopf zurücklehnend, während er das Glas austrank, fielen seine Blicke auf das Fremdenbuch, das, nebst Feder und Tinte, offen auf dem Piano lag, wie wenn die Namen während seiner Abwesenheit eingezeichnet worden wären. Er nahm es in die Hand und las die eingetragenen Namen:

William Dorrit, Esquire, Frederick Dorrit, Esquire, Edward Dorrit, Esquire, und Dienerschaft. Von Frankreich Miß Dorrit, nach Italien. Miß Fanny Dorrit, Mrs. General, Mr. und Mrs. Henry Gowan. Von Frankreich nach Italien.

Dazu fügte er mit einer kleinen, verwickelten Handschrift, in einen dünnen Schnörkel endigend, der einem um alle übrigen Namen geworfenen Lasso ähnlich sah:

Blandois. Paris. Von Frankreich nach Italien.

Dann begab er sich, während seine Nase über seinen Schnurrbart herabkam und sein Schnurrbart sich unter seiner Nase bäumte, nach der ihm angewiesenen Kammer.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Die Träume der Mrs. Flintwinch mehren sich.

Die kühlen Wartezimmer des Circumlocution Office, wo er ziemlich viele Zeit in Gesellschaft verschiedener lästiger Sträflinge verbrachte, die verurteilt waren, bei lebendigem Leibe auf diesem Rade gerädert zu werden, hatten Arthur Clennam während drei oder vier aufeinanderfolgender Tage reichliche Gelegenheit geboten, den Gegenstand seiner letzten flüchtigen Begegnung mit Miß Wade und Tattycoram genügend zu erschöpfen. Er hatte darüber nicht mehr herausbringen können und war darüber auch nicht unklarer geworden, und auf diesem unbefriedigenden Punkte sah er sich halb gezwungen, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Während dieser Zeit war er nicht in dem traurigen Hause seiner Mutter gewesen. Da aber jetzt wieder einer seiner gewöhnlichen Besuchsabende gekommen war, verließ er seine Wohnung und seinen Associé gegen neun Uhr und ging langsam nach der düstern Heimat seiner Jugend.

Es machte immer auf seine Phantasie den Eindruck von etwas Grimmerfülltem, Geheimnisvollem und Traurigem; und seine Phantasie war empfänglich genug, die ganze Nachbarschaft in dem Anstrich eines dunklen Schattens zu sehen. Wenn er in einer trüben Nacht durch die dunklen Straßen schritt, schienen sie ihm alle wie Niederlagen drückender Geheimnisse. Die verlassenen Kontors mit ihren Geheimnissen von Büchern und Papieren, in Kasten und Schränken eingeschlossen: die Bankhäuser mit ihren Geheimnissen von feuerfesten Zimmern und Kellern, deren Schlüssel sich in sehr wenigen geheimen Taschen und sehr wenigen geheimen Herzen befanden; die Geheimnisse all der zerstreuten Schleifer in der großen Mühle, unter denen ganz gewiß Räuber, Fälscher und Betrüger mancherlei Art waren, die das Licht jedes anbrechenden Tages zur Entdeckung bringen konnte; er dachte vielleicht, daß diese Dinge, durch ihr Verstecktsein die Luft schwer machten. Und während der Schatten immer dichter wurde, je näher man der Quelle kam, dachte er an die Geheimnisse der einsamen Kirchengrüfte, wo die Leute, die heimlich in eisernen Kisten aufgehoben hatten, nun ihrerseits in ähnlicher Weise aufgehoben waren und noch nicht aufgehört hatten wehe zu tun; und dann an die Geheimnisse des Flusses, wie er zwischen zwei finstern Labyrinthen von Geheimnissen, die sich dicht gedrängt viele Meilen weit ausdehnten, die freie Luft und das freie Feld fernhaltend, über denen sich Winde und Vogelflug bewegten, seine trübe wirbelnde Flut hinwälzte.

Der Schatten wurde jedoch immer dunkler, je näher er dem Hause kam; das melancholische Zimmer, das sein Vater einst bewohnt, unheimlich durch das bittende Gesicht, das er selbst hatte erstarren sehen, als niemand außer ihm am Bette wachte, tauchte vor seinem Geiste auf. Die erstickende Luft war Geheimnis. Das Düster und der Moder und der Staub des ganzen Gebäudes war Geheimnis. Im Herzen desselben waltete seine Mutter mit dem unveränderlichen Gesicht und dem unbeugsamen Willen, fest die Geheimnisse aus ihrem eigenen und seines Vaters Leben bewahrend und mit strengem Sinn dem großen letzten Geheimnisse des Lebens die Stirn bietend.

Er war in die enge und steile Straße eingebogen, auf die der Hof oder die Ringmauer ging, in der das Haus stand, als ein anderer Schritt hinter ihm gleichfalls einlenkte, und zwar so dicht hinter ihm, daß er gegen die Mauer gedrängt wurde. Da sein Geist von jenen Gedanken umfangen war, traf ihn diese Begegnung ganz unvorbereitet, so daß der andre Zeit hatte, ziemlich polternd zu sagen: »Verzeihung! Nicht meine Schuld!« und vorbeizugehen, ehe er Zeit hatte, zum Bewußtsein der ihn umgebenden Wirklichkeit zu kommen.

Als dieser Moment vorüber war, sah er, daß der Mann, der vor ihm her ging, derselbe war, der in den letzten Tagen seine Gedanken so vielfach beschäftigte. Es war keine zufällige Ähnlichkeit, unterstützt durch die Kraft des Eindrucks, den der Mann auf ihn gemacht hatte. Es war wirklich der Mann, derselbe, dem er gefolgt, als er mit dem Mädchen ging, und den er dann belauschte, als er mit Miß Wade sprach.

Die Straße fiel steil ab und war außerdem krumm, und der Mann (der, obgleich nicht betrunken, doch das Ansehen hatte, von starkem Getränk aufgeregt zu sein) ging so rasch hinab, daß Clennam ihn aus den Augen verlor. Ohne die bestimmte Absicht, ihm zu folgen, aber mit einem unbestimmten Drang, die Gestalt noch ein wenig länger zu beobachten, beeilte Clennam seine Schritte, um über die Biegung der Straße hinauszukommen, die den Unbekannten seinen Blicken entzog. Als er umbog, sah er den Mann nicht mehr.

Da stand er nun dicht vor dem Torweg des mütterlichen Hause und sah die Straße hinab: aber sie war leer. Nirgend war ein schattiger Vorsprung, der groß genug gewesen, den Mann zu verstecken! nirgend eine Ecke, hinter der er hätte verschwunden sein können: auch hörte man keine Tür auf- oder zuschließen. Demungeachtet war er der Ansicht, daß der Mann einen Schlüssel in der Hand gehabt, eine der zahlreichen Haustüren geöffnet haben und dort eingetreten sein müsse.

Über den seltsamen Vorfall und das seltsame flüchtige Zusammentreffen nachsinnend, trat er in den Hofraum. Als er aus bloßer Gewohnheit nach den schwach erleuchteten Fenstern des Zimmers seiner Mutter hinaufschaute, fielen seine Blicke auf die Gestalt, die ihm soeben aus den Augen verschwunden, die an dem eisernen Gitter des kleinen öden Hofes lehnte und vor sich hinlächelte. Eine von den vielen umherstreifenden Katzen, die sich beständig hier bei Nacht umhertrieben, und die sich vor ihm fürchtete, schien stehengeblieben zu sein, als er stehenblieb, und sah von oben von der Mauer, dem Türbogen und andern sichern Orten auf ihn mit Augen herab, die den seinen durchaus nicht unähnlich waren. Er war nur einen Augenblick stehengeblieben, um sich diesen Spaß zu machen: dann ging er sogleich weiter, indem er den Zipfel seines Mantels über die Schulter warf, stieg die uneben eingesunkenen Stufen hinan und pochte laut an die Tür.

Clennams Erstaunen war nicht so groß, daß er außerstande gewesen, seinen Entschluß nicht sogleich fest zu fassen. Er ging ebenfalls nach der Tür und stieg die Stufen hinan. Der Fremde sah ihn mit prahlerischer Miene an und sang vor sich hin:

»Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Compagnon de la Majolaine!
Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Immer froh!«

Darauf pochte er wieder.

»Sie sind ungeduldig, Sir«, sagte Arthur.

»Das bin ich auch! Tod meines Lebens, Sir«, versetzte der Fremde, »es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein!«

Das Klirren der von Mrs. Affery zur Vorsicht vor die Tür gelegten Kette, ehe sie öffnete, bewirkte, daß sie beide nach dieser Richtung blickten. Affery öffnete ein wenig: sie hielt ein flackerndes Licht in der Hand und fragte, wer zu dieser Nachtzeit so laut poche? »Wie, Arthur?« fügte sie erstaunt hinzu, als sie ihn zuerst bemerkte. »Doch Sie nicht, wahrhaftig? Ach, der Herr schütze uns! Nein«, rief sie, als sie den andern sah. »Er ist wieder da!«

»Allerdings! Er ist wieder da, liebe Mrs. Flintwinch«, rief der Fremde, »öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich meinen teuren Freund Jeremiah in meine Arme schließen! Öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich in die Umarmung meines Flintwinch eilen!«

»Er ist nicht zu Hause«, sagte Affery.

»Holen Sie ihn!« rief der Fremde. »Holen Sie meinen Flintwinch. Sagen Sie ihm, daß es sein alter Blandois ist, der soeben in England angekommen ist; sagen Sie ihm, sein kleiner Junge sei hier, sein Kleinod, sein Vielgeliebter! Machen Sie die Tür auf, schöne Mrs. Flintwinch, und lassen Sie mich inzwischen meine Huldigung – Blandois‘ Huldigung – der Dame des Hauses darbringen. Sie lebt noch immer? Sehr gut. So machen Sie auf!«

Zu Arthurs wachsendem Erstaunen machte Mrs. Affery, während sie ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah, als wollte sie ihn warnen, sich mit diesem Herrn einzulassen, die Kette los und öffnete die Tür. Der Fremde trat ohne weiteres in die Vorhalle und ließ Arthur hinter sich dreinkommen.

»Machen Sie, daß Sie fortkommen. Beeilen Sie sich! Bringen Sie meinen Flintwinch! Melden Sie mich bei der Dame des Hauses an!« rief der Fremde, indem er mit hallenden Schritten auf dem steinernen Flur einherging.

»Bitte, sagen Sie mir, Affery«, sagte Arthur laut und streng, während er den Fremden entrüstet von Kopf bis zu Fuß maß, »wer ist dieser Herr?«

»Bitte, sagen Sie mir, Affery«, wiederholte der Fremde nun seinerseits, »wer – ha, ha, ha, wer ist dieser Herr?«

Die Stimme von Mrs. Clennam rief gerade zur rechten Zeit von ihrem Zimmer oben: »Affery, lasse sie beide heraufkommen. Arthur, komm gleich zu mir herauf!« »Arthur?« rief Blandois, indem er seinen Hut tief abnahm und die Absätze, die gerade zu einem großen Schritte weit voneinander abstanden, zusammenbrachte, während er sich zeremoniös verbeugte. »Der Sohn vom Hause? Ich bin der ergebenste Diener des Sohnes vom Hause!«

Arthur sah ihn nicht gerade schmeichelhafter denn zuvor an und ging ohne Gegengruß die Treppe hinauf. Der Fremde folgte ihm. Mrs. Affery nahm den Schlüssel, der hinter der Tür hing, und schlüpfte hurtig hinaus, um ihren Herrn zu holen.

Ein Zuschauer, der von dem früheren Erscheinen Blandois‘ in diesem Zimmer wußte, würde einen Unterschied in Mrs. Clennams heutigem Empfang mit damals bemerkt haben. In ihrem Gesicht konnte man das freilich nicht sehen; und auch ihr zurückhaltendes Wesen, ihre ruhige Stimme waren vollkommen in ihrer Gewalt. Der Unterschied bestand einzig darin, daß sie von dem Augenblick, da er eingetreten war, keinen Blick von ihm wandte, und daß sie zwei bis dreimal, wenn er zu laut wurde, etwas auf dem Stuhl, auf dem sie aufrecht dasaß, während die Hände unbeweglich auf den Seitenlehnen ruhten, sich vorbeugte, als wollte sie ihm die Versicherung geben, daß Sie ihm augenblicklich, solange er nur wolle, Gehör zu schenken bereit sei. Arthur mußte dies bemerken, obgleich er über den Unterschied zwischen dem gegenwärtigen und dem früheren Empfang nicht urteilen konnte.

»Madame«, sagte Blandois, »erzeigen Sie mir die Ehre, mich Ihrem Herrn Sohn vorzustellen. Es scheint mir, Madame, als wenn Monsieur, Ihr Sohn, Lust hätte, sich über mich zu beklagen. Er ist etwas unhöflich gegen mich.«

»Sir«, sagte Arthur, indem er ihm rasch ins Wort fiel, »wer Sie immer auch sein mögen, und auf welche Art Sie hierherkommen mögen, wenn ich Herr von diesem Hause wäre, würde ich keine Zeit verlieren, Sie hinauszuwerfen.«

»Aber du bist nicht Herr vom Hause«, sagte seine Mutter, ohne ihn anzusehen. »Zum Unglück für die Befriedigung deines unvernünftigen Wunsches bist du nicht Herr vom Hause, Arthur.«

»Ich mache auch keinen Anspruch darauf, Mutter. Wenn ich an dem Benehmen dieses Herrn in diesem Hause etwas auszusetzen habe, und zwar so viel, daß ich ihn sicherlich keine Minute länger hier dulden würde, wenn ich etwas zu sagen hätte, so geschieht das nur um Deinetwillen.«

»Im Falle eine Zurückweisung nötig wäre, könnte ich sie selbst machen«, versetzte sie. »Und ich würde mich auch nicht besinnen.«

Der Gegenstand ihres Streites, der sich gesetzt hatte, lachte laut und schlug sich mit der Hand auf das Bein.

»Du hast kein Recht«, sagte Mrs. Clennam, immer in Beziehung auf Blandois, obgleich sie die Worte direkt an ihren Sohn richtete, »zum Nachteil irgendeines Herrn zu sprechen (am wenigsten von allen eines Herrn aus fremden Lande), weil er nicht nach deinem Geschmack ist oder sein Benehmen nicht nach deinen Regeln bildete. Wohl möglich, daß der Herr aus ähnlichen Gründen Einwendungen gegen dich zu machen hat.«

»Ich hoffe es«, versetzte Arthur.

»Dieser Herr«, fuhr Mrs. Clennam fort, »brachte bei einer frühern Gelegenheit einen Empfehlungsbrief von sehr geschätzten und für seinen Charakter bürgenden Geschäftsfreunden. Ich weiß durchaus nicht, was der Grund ist, der den Herrn diesmal hierherführt. Ich kenne seine Absichten nicht im entferntesten, und es läßt sich auch nicht voraussetzen, daß ich imstande sei, auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben«; ihr gewöhnlich schon sehr finsterer Blick wurde noch finsterer, während sie diese Worte mit langsamer und gewichtiger Emphase aussprach: »wenn der Herr jedoch uns den Zweck seines Besuches auseinandersetzen wird, was ich ihn, gegen mich und Flintwinch, sobald dieser zurück ist, zu tun die Güte zu haben bitte, so wird es sich ohne Zweifel zeigen, daß es sich um unsre gewöhnlichen Geschäfte handelt, die zu fördern unser Beruf und Vergnügen ist. Es kann nichts anderes sein.«

»Wir werden sehen, Madame«, sagte der Geschäftsmann.

»Wir werden sehen«, stimmte sie zu. »Der Herr ist mit Flintwinch bekannt, und als er das letztemal in London war, erinnere ich mich gehört zu haben, daß er und Flintwinch einen Abend in stiller Vertraulichkeit und Gemütlichkeit miteinander zugebracht haben. Ich habe nicht Gelegenheit, viel von dem zu erfahren, was außerhalb meines Zimmers vorgeht, und das Geklapper des kleinlichen irdischen Treibens hat kein Interesse für mich; aber ich erinnere mich, das gehört zu haben.«

»Allerdings, Madame. So war es.« Er lachte wieder und pfiff den Refrain der Melodie, die er vor der Tür gesungen.

»Deshalb, Arthur«, sagte die Mutter, »kommt dieser Herr als ein Bekannter und nicht als ein Fremder hierher; und es ist sehr zu bedauern, daß deine unvernünftige Leidenschaftlichkeit Anstoß an ihm genommen. Ich bedaure es. Ich sage dies zu dem Herrn. Ich weiß, du würdest es nicht sagen; deshalb sage ich es für mich und für Flintwinch, da dieser Herr mit uns beiden Geschäfte macht.«

Man hörte jetzt den Schlüssel in dem Schloß der Haustür und die Tür auf- und zugehen. Infolgedessen erschien Mr. Flintwinch; bei seinem Eintritt stand der Fremde laut lachend von seinem Stuhl auf und schloß ihn fest in seine Arme.

»Wie, geht es, mein teurer Freund?« sagte er. »Wie sieht die Welt aus, mein Flintwinch? Rosenfarbig? Um so besser, um so besser! Ach, aber Sie sehen reizend aus! Sie sehen jung und frisch aus wie Frühlingsblumen! Ach, mein guter, kleiner Junge! Braves Kind, braves Kind!«

Während er Mr. Flintwinch mit diesen Komplimenten überhäufte, drehte er ihn mit einer Hand auf jeder der beiden Schultern um und um, bis die Schwankungen des armen Mannes, der bei dieser Behandlung noch trockner und verdrehter aussah denn sonst, dem eines ausgelaufenen Kreisels ähnlich wurden. »Ich hatte das letztemal eine Ahnung, daß wir noch besser und intimer bekannt werden würden. Fühlen Sie das auch, Flintwinch? Fühlen Sie das schon?«

»O nein, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »fühle nicht« Ungewöhnliches. Würden Sie sich nicht lieber setzen? Sie kamen gewiß, um noch einmal Portwein zu kosten, Sir?«

»Ah, kleiner Spottvogel! kleiner Schäker!« rief der Fremde. »Ha, ha, ha, ha!« Und indem er zum Schlusse seines Scherzes Mr. Flintwinch von sich stieß, setzte er sich wieder.

Das Erstaunen, der Verdacht, die Entrüstung und die Scham, womit Arthur alledem zusah, machten ihn stumm. Mr. Flintwinch, der von der Heftigkeit des letzten Stoßes zwei oder drei Ellen zurückgetaumelt war, erholte sich wieder, und sein Gesicht hatte den ruhigen, dummen Ausdruck nicht verloren, nur sein Atem war kürzer geworden. Er stierte Arthur an, und nicht weniger verschlossen und hölzern war Mr. Flintwinch äußerlich, als sonst im gewöhnlichen Verlauf der Dinge; der einzige bemerkbare Unterschied war der, daß der Knoten seiner Krawatte, der sich gewöhnlich unter seinem Ohr befand, sich nach seinem Hinterkopf herumgearbeitet hatte, wo er ein schmuckhaftes Anhängsel bildete, nicht unähnlich einem Haarbeutel, wodurch Flintwinch ein höfisches Aussehen bekam.

Da Mrs. Clennam keinen Blick von Blandois wegwandte (auf den sie einen Eindruck machten wie ein stetiger Blick auf einen gemeinen Hund), so wandte Jeremiah kein Auge von Arthur. Es war, als wenn sie stillschweigend übereingekommen wären, jeder seinen besonderen Standpunkt einzunehmen. Während der darauffolgenden Pause stand deshalb Jeremiah da und kratzte an seinem Knie, während er Arthur ansah, als wenn er seine Gedanken mit einem Instrument herauszuholen versuchte.

Nach einer Weile stand der Fremde, als ob er das Schweigen langweilig fände, auf und stellte sich ungeduldig mit dem Rücken an das heilige Feuer, das so viele Jahre unausgesetzt gebrannt hatte. Darauf sagte Mrs. Clennam, indem sie zum ersten Male eine ihrer Hände bewegte und damit die Gebärde der Verabschiedung verband:

»Bitte, Arthur, überlaß uns unsern Geschäften.«

»Mutter, ich tue es mit Widerstreben.«

»Laß dich das nicht kümmern oder überhaupt irgend etwas«, versetzte sie. »Bitte, verlasse uns; komm zu jeder andern Zeit wieder, wenn du es für deine Pflicht halten magst, eine halbe Stunde hier langweilig zu verbringen. Gute Nacht.«

Sie hielt ihm ihre eingehüllten Finger hin, damit er sie, wie gewöhnlich, mit den seinen berühre, und er beugte sich über ihren Rollstuhl herab, um ihr Gesicht mit seinen Lippen zu berühren. Es kam ihm vor, als wenn ihre Wange gespannter und kälter wäre denn sonst. Als er sich aufrichtete und der Richtung ihres Blickes auf Mr. Flintwinchs guten Freund, Mr. Blandois, folgte, schlug dieser mit seinem Zeigefinger und Daumen ein lautes und verächtliches Schnippchen. »Ich lasse Ihren – Ihren Geschäftsfreund mit großem Erstaunen und höchst ungern in meiner Mutter Zimmer zurück, Mr. Flintwinch«, sagte Clennam.

Die genannte Person schlug wieder mit Daumen und Zeigefinger ein Schnippchen.

»Gute Nacht, Mutter.«

»Gute Nacht!«

»Ich hatte einst einen Freund, mein lieber Kamerad Flintwinch«, sagte Blandois, mit ausgespreizten Beinen vor dem Feuer stehend, so deutlich in der Absicht, Clennams zögernde Schritte zu hemmen, daß dieser in der Nähe der Tür stehenblieb: »Ich hatte einst einen Freund, der soviel von der Nachtseite dieser Stadt und ihrem Treiben gehört, daß er sich nach eingetretener Dunkelheit keinen zwei Leuten anvertraut hätte, die Ursache hatten, ihn unter den Boden zu bringen, – meiner Treu! nicht einmal in einem respektablen Hause, wie dieses – außer wenn er ihnen an Körperkraft überlegen war. Bah! was für ein Hasenfuß, mein Flintwinch! Hm?«

»Ein Feigling, das, Sir.«

»Einverstanden. Ein Feigling. Aber er würde das nicht getan haben, mein Flintwinch, außer wenn er gewußt, daß sie den Willen haben, ihn verstummen zu machen, aber nicht die Macht. Er hätte unter diesen Verhältnissen nicht mal aus einem Glase Wasser getrunken – selbst nicht in einem respektablen Hause, wie dieses, mein Flintwinch –, wenn er nicht zuvor jemanden von ihnen daraus hätte trinken, ja schlucken sehen!«

Clennam, der zu antworten verschmähte und es wirklich auch kaum imstande war, da ihm der Atem benommen war, sah den Fremden nur noch beim Hinausgehen flüchtig an. Der Fremde grüßte ihn mit einem abermaligen Schnippchen zum Abschied, und seine Nase senkte sich über seinen Schnurrbart herab, und sein Schnurrbart bäumte sich unter seiner Nase empor, während er unheilverkündend und häßlich lächelte.

»Um’s Himmels willen, Affery«, flüsterte Clennam, als sie ihm in der dunkeln Halle die Tür öffnete und er den Weg hinaussuchte, bis er den Nachthimmel erblickte, »was geht hier vor?«

Ihre Erscheinung war wahrhaftig gespenstisch, wie sie mit der Schürze über dem Kopf in der Dunkelheit dastand und dahinter hervor mit leiser, gedämpfter Stimme sprach:

»Fragen Sie mich nach nichts, Arthur. Ich träume seit lange in einem fort. Gehen Sie!«

Er ging hinaus, und sie schloß die Tür hinter ihm. Er sah hinauf nach den Fenstern des Zimmers seiner Mutter, und das trübe Licht, durch die gelben Vorhänge noch gedämpft, schien hinter Afferys Warnung drein zu antworten und zu murmeln: »Frage mich nach nicht«. Geh!«

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Ein Brief von Klein-Dorrit.

Lieber Mr. Clennam!

Da ich Ihnen in meinem letzten Brief schrieb, daß es am besten sei, wenn mir niemand schreibe, und da ein Brief, den ich Ihnen sende, Ihnen keine andere Beschwerlichkeit bereiten kann, als ihn zu lesen (vielleicht finden Sie nicht mal dazu Gelegenheit, obgleich ich hoffe, daß auch dieser Tag kommen wird), so will ich nun eine Stunde einem Briefe an Sie widmen. Diesmal schreibe ich Ihnen von Rom.

Wir verließen Venedig vor Mr. und Mrs. Gowan, aber sie waren nicht so lange unterwegs wie wir und machten nicht denselben Weg, so daß wir sie bei unserer Ankunft in einer Wohnung hier, an der sogenannten Via Gregoriana, fanden. Ich bin überzeugt. Sie kennen sie.

Nun will ich Ihnen alles, was ich von ihnen weiß, erzählen, weil ich überzeugt bin, daß Sie das am liebsten hören. Sie haben keine sehr komfortable Wohnung, aber vielleicht erschien sie mir anfangs weniger so, als es bei Ihnen der Fall gewesen wäre, weil Sie in vielen Ländern waren und mancherlei verschiedene Sitten kennengelernt haben. Natürlich ist es eine viel, viel bessere Wohnung – millionenmal schöner – als diejenige, an die ich bis vor kurzem gewöhnt gewesen bin; ich bilde mir ein, sie nicht mit meinen Äugen, sondern mit den ihrigen zu betrachten. Denn es läßt sich leicht erkennen, daß sie stets in einer liebevollen und glücklichen Umgebung aufgewachsen ist, selbst wenn sie nicht mit so großer Anhänglichkeit davon gesprochen hätte.

Nun, es ist eine etwas kahle Wohnung, zu der eine ziemlich dunkle gemeinsame Treppe führt, und besteht aus beinahe nichts denn einem großen, dunklen Zimmer, wo Mr. Gowan malt. Die Fenster, durch die man hinaussehen könnte, sind versperrt, und die Wände sind über und über mit Kreide und Kohle von andern bemalt, die vorher dort gewohnt, – ach, vielleicht seit vielen Jahren! Ein Vorhang, der mehr staubfarbig als rot aussieht, teilt das Zimmer, und der Teil hinter dem Vorhang ist das Privatwohnzimmer. Als ich sie zuerst darin sah, war sie allein, die Arbeit war ihr aus der Hand gesunken, und sie blickte zum Himmel empor, der durch den obern Teil der Fenster hereinschaute. Bitte, grämen Sie sich nicht darüber, wenn ich es Ihnen sage, aber es war alles nicht ganz so luftig, noch so hell und freundlich, noch so glücklich und jugendfrisch, wie ich es wohl gewünscht hätte.

Durch den Umstand, daß Mr. Gowan Papas Bild malt (was ich wohl kaum an der Ähnlichkeit gemerkt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wie er malte), hatte ich häufiger Gelegenheit, seit jener Zeit bei ihr zu sein, als es wohl ohne diesen glücklichen Zufall der Fall gewesen. Sie ist sehr viel allein. Wirklich sehr viel allein.

Soll ich Ihnen von meinem zweiten Besuch bei ihr erzählen? Ich ging eines Tages, als es sich gerade traf, daß ich allein zu ihr hinüberspringen konnte, um vier oder fünf Uhr nachmittags zu ihr. Sie speiste allein zu Mittag, und ihr einsames Mahl war ihr von irgendwo auf einer Art Kohlenbecken, mit Feuer darin, gebracht worden, und sie hatte keine Gesellschaft oder Aussicht auf Gesellschaft, soweit ich sehen konnte, als den alten Mann, der das Essen gebracht. Er erzählte ihr eine lange Geschichte (von Räubern, die draußen vor der Stadt von einem steinernen Heiligenbild festgenommen worden), um sie zu unterhalten, wie er zu mir sagte, als ich wegging, »weil er selbst eine Tochter habe, die aber nicht so schön sei.«

Ich muß nun auch Mr. Gowan erwähnen, ehe ich das wenige sage, was ich weiter von ihr mitzuteilen habe. Er muß ihre Schönheit bewundern und stolz auf sie sein, denn jedermann rühmt sie, und er muß sie lieb haben, und ich zweifle auch nicht, daß dies der Fall, aber, eben in seiner Weise. Sie kennen seine Weise, und wenn sie ebenso nachlässig und gleichgültig in Ihren Augen erscheint als in den meinen, so habe ich gewiß nicht unrecht, wenn ich meine, daß sie wohl etwas anders und besser für sie sein dürfte. Wenn das nicht auch Ihre Ansicht ist, so bin ich überzeugt, daß ich mich vollständig im Irrtum befinde; denn Ihr unverändertes, armes Kind vertraut ganz und gar auf Ihr Wissen und Ihre Güte, mehr als es Ihnen jemals sagen könnte, wenn es auch den Versuch machte; aber erschrecken Sie nicht, ich werde es niemals versuchen.

Mr. Gowans unbeständiges und unzufriedenes Wesen ist (wie ich glaube, wenn Sie auch der Ansicht sind) schuld daran, daß er sich seinem Berufe sehr wenig widmet. Er tut nichts mit Ausdauer und Geduld; er fängt die Sachen an und läßt sie ebenso wieder liegen, und nimmt sie in Angriff und schiebt sie wieder beiseite, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wenn ich ihn während der Sitzungen mit Papa habe manchmal sprechen hören, dachte ich mir, ob er vielleicht an gar nichts glaube, weil er keinen Glauben an sich hat. Ist dem so? Ich bin neugierig zu erfahren, was Sie sagen werden, wenn Sie auf diesen Punkt kommen. Ich weiß, wie Sie es ansehen würden und kann beinahe die Stimme hören, mit der Sie zu mir auf der Iron Bridge sprechen würden.

Mr. Gowan begibt sich viel unter das, was hier für die beste Gesellschaft gilt – obgleich es nicht den Anschein hat, als wenn er viel Gefallen daran fände oder einen Genuß darin sähe, wenn er dort ist –, und sie begleitet ihn zuweilen, in letzter Zeit ist sie dagegen wenig ausgegangen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß sie in einer sehr ungereimten Weise von ihr sprechen, als wenn sie durch die Heirat mit Mr. Gowan ein sehr eigennütziges Glück gemacht, obgleich ganz dieselben Leute sich nicht im Schlafe einfallen lassen würden, ihn für sich oder ihre Töchter zu nehmen. Dann geht er auch aufs Land hinaus, um zu überlegen, wo und wann er Skizzen machen wolle: und überall, wo Fremde sind, hat er zahlreiche Freunde und ist wohlbekannt. Außerdem hat er einen Freund, der viel in seiner Gesellschaft ist, zu Hause, wie auswärts, obgleich er diesen Freund sehr kühl behandelt und sehr launisch in seinem Benehmen gegen ihn ist. Ich weiß ganz gewiß (denn sie hat es mir gesagt), daß sie diesen Freund nicht gern sieht. Er hat auch für mich etwas so Abstoßendes, daß es eine wahre Erleichterung für meine Seele ist, daß er im Augenblick sich nicht hier befindet. Wieviel mehr für sie!

Was ich Ihnen jedoch ganz besonders mitteilen möchte, und weshalb ich mich entschlossen habe, Ihnen so viel zu schreiben, trotzdem ich fürchte, es möchte Sie ohne Grund etwas beunruhigen, ist dies. Sie ist so wahr und hingebend und weiß so vollkommen, daß all ihre Liebe und Pflicht für immer ihm gehören, daß Sie überzeugt sein können, sie wird ihn lieben, ihn bewundern, ihn loben und alle seine Fehler verheimlichen, bis sie stirbt. Ich glaube sogar, sich selbst verbirgt sie dieselben und wird sie sich ewig verbergen. Sie hat ihm ein Herz geschenkt, das nicht mehr zurückgenommen werden kann; und wie sehr er es auch versuchen mag, er wird ihre Liebe niemals erschöpfen. Sie wissen die Wahrheit von solchen Herzen weit besser als ich. Aber ich mußte Ihnen sagen, welches Gemüt sie an den Tag legt und daß Sie nie zu gut von ihr denken können.

Ich habe sie in dem ganzen Brief noch nicht beim Namen genannt, aber wir sind jetzt so befreundet, daß ich sie bei ihrem Vornamen nenne, wenn wir ruhig beieinander sitzen, und auch sie nennt mich – nicht bei meinem Taufnamen, sondern bei dem, den Sie mir gegeben haben. Als sie mich Amy zu nennen begann, erzählte ich ihr meine kurze Geschichte, und daß Sie mich immer Klein-Dorrit genannt. Ich sagte ihr, daß mir dieser Name viel teurer sei als irgendein anderer, und so nennt sie mich nun auch Klein-Dorrit.

Vielleicht hat es Ihnen ihr Vater oder ihre Mutter noch nicht mitgeteilt, und Sie wissen es deshalb noch nicht, daß sie einen kleinen Jungen hat. Er ist erst vor zwei Tagen geboren, gerade eine Woche nach ihrer Ankunft. Es hat sie sehr glücklich gemacht. Ich muß Ihnen jedoch sagen, da ich Ihnen alles sagen soll, daß es mir vorkommt, als ob sie mit Mr. Gowan etwas gespannt wären, und daß sie seine spöttische Art ihnen gegenüber bisweilen für eine Kränkung ihrer Liebe zu ihrem Kinde ansehen. Erst gestern, als ich drüben war, sah ich Mr. Meagles seine Farbe wechseln und aufstehen und hinausgehen, als ob er fürchtete, er möchte seinen Zorn laut werden lassen, wenn er es nicht auf diese Art hinderte. Und doch bin ich überzeugt, sie sind so rücksichtsvoll, gutmütig und vernünftig, daß er ihnen den Kummer ersparen könnte. Es ist hart von ihm, daß er nicht etwas mehr Rücksicht auf sie nimmt.

Ich unterbrach mich bei dem letzten Absatz, um alles noch einmal zu überlesen. Es kam mir anfangs vor, als wenn ich mir eigentlich bloß alles verständlich und deutlich machen wollte; deshalb war ich auch gesonnen, den Brief gar nicht abzusenden. Als ich mir die Sache jedoch ein wenig überlegt, glaubte ich, mich der Hoffnung hingeben zu dürfen, Sie würden gleich merken, daß ich bloß um Ihretwillen so auf alles geachtet und nur beachtet, was ich beobachtet zu haben glaube, weil mich das Interesse, das Sie daran nehmen, dazu anspornte. Wahrhaftig, Sie dürfen mir glauben, das ist die Ursache.

Und nun habe ich für den gegenwärtigen Brief mit dieser Sache abgeschlossen und weiß nur wenig mehr zu sagen.

Wir sind alle sehr wohl, und Fanny macht jeden Tag Fortschritte. Sie können sich kaum denken, wie freundlich sie gegen mich ist, und welche Mühe sie sich mit mir gibt. Sie hat einen Verehrer, der ihr gefolgt ist, erst den ganzen Weg von der Schweiz, dann den ganzen Weg von Venedig, und der mir eben anvertraut hat, daß er ihr überall hin zu folgen gedenke. Ich war sehr in Verlegenheit, als er mit mir davon sprach, aber er wollte nicht anders. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, zuletzt sagte ich ihm jedoch, daß ich es für besser halte, wenn er es nicht tun würde. Denn Fanny (das sagte ich ihm jedoch nicht) ist viel zu gescheit und gewandt, um für ihn zu taugen. Er sagte aber dennoch, er würde bei seinem Vorsatz beharren. Ich habe natürlich keinen Verehrer.

Wenn Sie je soweit in diesem lange Briefe kommen, so werden Sie vielleicht sagen, gewiß wird Klein-Dorrit nicht schließen, ohne mir etwas von ihren Reisen zu sagen, und sicher ist es jetzt auch Zeit dazu. Wahrhaftig der Meinung bin ich auch, aber ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Seit wir Venedig verließen, waren wir in vielen wundervollen Städten, wie Genua und Florenz, und haben so viele wundervolle Eindrücke gehabt, daß mir beinahe schwindlig wird, wenn ich an die große Masse von Dingen denke. Aber Sie könnten mir so viel mehr davon erzählen, als ich Ihnen, daß ich nicht wüßte, weshalb ich Sie mit meinen Berichten und Schilderungen ermüden sollte.

Lieber Mr. Clennam, da ich den Mut hatte, Ihnen zu sagen, in welch stille Verlegenheit früher diese Reiseeindrücke meinen Geist versetzten, so will ich auch jetzt nicht verzagt sein. Einer meiner häufigsten Gedanken ist der: So alt diese Städte sind, ist mir ihr Alter kaum so merkwürdig und bietet mir kaum so viel Stoff zum Nachdenken als der Umstand, daß sie die ganze Zeit an ihrem Orte standen, während ich von der Existenz von zweien oder dreien höchstens etwas wußte und kaum etwas außerhalb unserer alten Mauern kannte. Es liegt etwas Melancholisches in dem Gedanken, und doch weiß ich nicht warum. Als wir neulich den berühmten schiefen Turm zu Pisa betrachteten, war’s ein heller sonniger Tag, und der Turm und die Gebäude ringsumher sahen so alt aus und die Erde und der Himmel so jung und der Schatten auf dem Boden so weich und ruhig! Ich konnte anfangs gar nicht an das Schöne und Interessante dieses Bildes denken, sondern ich mußte mir sagen: »Oh, wie viele Male, wenn der Schatten der Mauer auf unser Zimmer fiel und die müden Schritte im Hofe drunten auf und ab gingen, – oh, wie viele Male war dieser Platz ebenso still und lieblich wie heute!« Es hat mich ganz überwältigt. Mein Herz war so voll, daß mir die Tränen aus den Augen traten, obgleich ich mir alle Mühe gab, sie zurückzuhalten. Und ich habe dasselbe Gefühl oft – oft. Wissen Sie, daß ich, seit die Veränderung in unsern Vermögensverhältnissen eingetreten ist, obgleich mir ist, als träumte ich öfter denn zuvor, immer von mir geträumt habe, als wäre ich sehr jung? Ich sei nicht sehr alt, werden Sie sagen. Nein, das ist’s aber auch nicht, was ich meine. Ich träumte immer von mir, als wäre ich ein Kind, das nähen lernt. Ich träumte oft von mir, als wäre ich wieder dort, schaute auf wenig bekannte Gesichter im Hofe drunten, die ich glauben sollte, ganz vergessen zu haben, aber ebensooft bin ich auf Reisen – in der Schweiz oder Frankreich oder Italien – irgendwo, wo wir gewesen sind – aber immer als das kleine Kind. Mir träumte, ich sei zu Mrs. General mit den geflickten Kleidern hinabgegangen, in denen ich mich meiner zuerst erinnerte. Gar häufig träumte mir, ich setze mich in Venedig in großer Gesellschaft zu Tisch in Trauer um meine arme Mutter, in den Kleidern, die ich trug, als ich acht Jahre alt war, und noch lange trug, nachdem sie ganz fadenscheinig geworden und sich nicht mehr flicken lassen wollten. (5s hat mir großen Kummer gemacht, wenn ich daran dachte, wie wenig passend die Gesellschaft meine Erscheinung zu dem Reichtum meines Vaters finden werde, und wie sehr ich mir sein und Fannys und Edwards Mißfallen und Ungnade dadurch zuziehen würde, daß ich so offen zur Schau trage, was sie geheimzuhalten wünschen. Aber ich bin bei diesem Gedanken doch nicht älter geworden; und im selben Moment träumte mir, ich hätte mit Kopfweh am Tisch gesessen und hätte die Kosten des Diners berechnet und wäre ganz verrückt geworden bei dem Gedanken, wie das wieder gutgemacht werden sollte. Ich habe nie von den Veränderungen in unsern Vermögensverhältnissen geträumt! Nie vor jenem denkwürdigen Morgen, als Sie mit mir nach Hause gingen, um es meinem Vater mitzuteilen; ich habe sogar von Ihnen nie geträumt.

Lieber Mr. Clennam, es ist möglich, daß ich an Sie – und andere – bei Tage so oft gedacht habe, daß ich des Nachts keine Gedanken mehr übrig habe, die sich mit Ihnen beschäftigen konnten. Denn ich muß Ihnen jetzt gestehen, daß ich an Heimweh leide – daß ich mich so lebhaft und ernstlich nach der Heimat sehne, daß ich mich manchmal, wenn es niemand sieht, recht darob abhärme. Der Gedanke ist mir unerträglich, mein Gesicht noch weiter davon abzuwenden. Mein Herz wird mir etwas leichter, wenn wir uns der Heimat zukehren, und wären’s auch nur ein paar Meilen, wenn ich selbst weiß, daß wir bald wieder umkehren müssen. So teuer ist mir der Schauplatz meiner Armut und Ihrer Güte. Oh, so teuer, oh, so teuer!

Der Himmel weiß, wann Ihr armes Kind England wiedersehen wird. Allen (außer mir) gefällt das Leben hier sehr, und es ist noch kein Projekt wegen unserer Heimkehr zur Sprache gekommen, 3I?ein Vater spricht davon, daß er nächsten Frühling wegen einiger Vermögensangelegenheiten nach London gehen werde, aber ich habe keine Hoffnung, daß er mich mitnehmen wird. Ich habe mir Mühe gegeben, unter Mrs. Generals Anleitung einige Fortschritte zu machen, und ich hoffe, daß ich nicht mehr ganz so schwerfällig bin wie früher. Ich fange an, die schweren Sprachen, von denen ich Ihnen sagte, ziemlich leicht zu verstehen und zu sprechen. Ich erinnerte mich nicht, als ich Ihnen das letztemal schrieb, daß Sie beide beherrschen, aber es fiel mir später ein, und das half mir vorwärts. Gott segne Sie, lieber Mr. Clennam. Vergessen Sie nicht

Ihre ewig dankbare und ergebene

Klein-Dorrit.

P. S. Besonders vergessen Sie nicht, daß Minnie Gowan des besten Andenkens würdig ist, das Sie ihr weihen können. Sie vermögen nicht zu edel oder zu hoch von ihr zu denken. Ich vergaß das letztemal Mr. Pancks. Bitte, wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn freundlichst von Ihrer Klein-Dorrit. Er war immer sehr gut gegen Klein-Dorrit.