Pfahlbau im Moor

Beim Frühstück sprach Eva den Wunsch aus, Peter solle ihr aus den verlassenen Wohnhöhlen den Muldenstein holen helfen, sie wolle wieder Brei kochen. Er ging nicht darauf ein, sondern schilderte, wie er sich den Nestbau über dem Wasser dachte. Die Birken, die im festen Grund tief unter dem Wasser des ehemaligen Bachgrundes wurzelten, sollten als Pfähle dienen – ähnlich den Schilfhalmen beim Vogelnest. Und in die Gabeln der steil aufsteigenden Äste wollte er, so gut es ging, Traghölzer einlegen, die ein starkes Bodengebälk halten sollten. Die Wände ließen sich aus Flechtwerk herstellen, das mit Lehm und Moos gedichtet werden konnte. Zum Dach wollte er Hakenstäbe und Schilf nehmen. Peter war so zuversichtlich, daß Eva ihm mit weit aufgerissenen Augen lauschte. Sie sah förmlich den Pfahlbau vor sich erstehen.

Da trug der Wind braunen, übelriechenden Rauch von außen ins Zelt. Peter und Eva stürzten ins Freie. Vom Goldbach wälzte sich dicker, brauner Qualm durch das Dickicht herüber. Was war das? Quer durchs Holz lief Peter dem heißer und heißer werdenden Rauch entgegen und Eva ihm nach. Bald hörten sie das Knistern des Feuers und sahen Funken im Rauch. Niedrige Flammen, vom Wind gedrückt, loderten aus Evas Erdstube. Das Dach mit seiner dicken Schicht aus Reisig, Laub, Moos, Gras und Steinen war heruntergebrochen und bildete einen wüsten Gluthaufen. Vom zusammengeschrumpften Fellbehang der Türe stieg ein unerträglicher Gestank auf. Die beiden jungen Menschen gingen aus der Windrichtung und sahen dem Brande zu. Was da verlorenging, war zu ersetzen. Erst als keine Flamme mehr aus der Glut hervorzüngelte, wandten sie sich zum Gehen.

Es war noch früh am Morgen, und Peter drängte es, den Pfahlbau zu beginnen, mit dem er noch am selben Tag fertig zu werden glaubte. Als er aber von der Triftleiten auf die Fläche des Moorsees niedersah und mit Eva nach geeigneten Bäumen suchte, stellte er fest, daß gerade die Bäume, die er für Pfähle brauchen konnte, weit draußen im tiefen Wasser standen. Dem Moorbach zu, nur einen Pfeilschuß weit vom Rand des schwingenden Bodens, der die Uferböschung säumte, standen vier und weiter oben fünf Birken im freien Wasser nahe genug beisammen. Peter entschied, daß die fünf Bäume Evas Hütte mit der Feuerstelle tragen sollten. Die vier anderen, die so nahe beisammenstanden, daß zwischen ihnen gerade für ein Lager Platz war, wollte er für sich nehmen. Als er seinen Fahrbaum über den schwankenden Moorboden hinweg ins offene Wasser schleifen wollte, brach er nach wenigen Schritten durch die schwimmende Torfschicht bis zu den Knien ein und mußte sich auf den Fahrbaum retten. Erst als er quergeschichtete Traghölzer und Jungstämme auflegte, gelang es ihm, den Sumpfboden zu überbrücken. Mit Evas Hilfe schleppte er den Fahrbaum über den schwankenden Prügelweg ins klare Wasser. Weil er aber nicht nur selbst zu den Pfahlbäumen hinübergelangen, sondern alles zum Bauen Nötige hinschaffen mußte, suchte er einige Stämme aus, verband sie untereinander mit den zähen Ranken der Waldrebe, befestigte sie rechts und links am Fahrbaum und verbreiterte ihn so zu einer Art Floß, das er mit Bauholz und Bindezeug belud. Leider erwiesen sich die Abstoßstangen als zu kurz. Peter legte sich nun bäuchlings auf sein Fahrzeug und versuchte, mit den Händen zu rudern. Das schwerfällige Ding rührte sich kaum von der Stelle. Wenn er statt der Hände etwas Breiteres hätte? Peter fiel das Schulterblatt des Hirsches ein, das in der Höhlenzeit als Schneeschaufel gedient hatte.

Und wirklich: der flache, breite Knochen, mit seinem Gelenksende an ein Erlenstämmchen gebunden, war weit besser als die Hand, weil der lange Stiel die Kraft beider Arme des Rudernden vervielfachte. Durch die schwache Gegenströmung fuhr Peter langsam dahin. Abwechselnd links und rechts rudernd, steuerte er im Zickzack auf sein Ziel los. Stolz, eine große Schwierigkeit überwunden zu haben, langte er bei Evas Baumgruppe an. Zwischen den beiden vordersten Birken schob er sein Floß durch und stand inmitten des länglichen Fünfecks, das die schenkelstarken Bäume bildeten. Das Wasser unmittelbar an den Stämmen ging ihm knapp bis an die Knie; nur in der Stromrichtung des Baches zog sich eine mannstiefe, ungefähr anderthalb Armlängen breite Mulde zwischen jetzt freistehenden Uferbäumen hin: das ehemalige Bachbett. Drei standen drüben und zwei hüben. Peter band sein Floß zwischen den Bäumen fest und benützte seinen Speerschaft als Meßstab. Zu seinem Ärger fand er, daß die beiden Astgabelungen der einzelnen Kronen nicht in gleicher Höhe lagen. Das machte sein Vorhaben schwieriger, als er in der ersten Begeisterung angenommen hatte! Er verstaute das mitgebrachte Bauholz einstweilen zwischen den Pfahlbäumen und fuhr zurück, um noch Langhölzer zu holen. Aus seinem Vorrat wählte er durchweg armdicke Jungstämme. Für den Gegenpfahl des einzeln stehenden fünften Baumes und für die Pfähle, die den Stubenboden innerhalb des Rahmens als Stützen tragen sollten, fällte Peter einige Erlen, die er im Seeboden einrammen wollte. Die Äste schlug er mit seinem Steinbeil ab, lagerte dann die Bäume über zwei rasch aufgeworfene Lehmwälle dicht nebeneinander und ließ Eva erst unter den Wipfeln, dann nahe an den Wurzeln Feuer machen. Über der Flamme fortwährend gedreht, mußten sie an einer Stelle dünn und zugleich spitz gebrannt werden. Um die Stämme selbst vor den fressenden Flammen zu schützen, umwickelte er sie mit Schilf und Moos, das Eva durch fleißiges Begießen feucht halten mußte. Die Spitzen der zurechtgebrannten Pfeile glättete er mit der Granitraspel, band sie dann zu einem Floß zusammen und fuhr mit Eva, die einen Teil seiner Zeltfelle aufgeladen hatte, zum Bauplatz hinüber.

Die Sonne stand schon tief, es galt rasche Arbeit zu tun, wenn Eva eine Schlafstätte für die kommende Nacht haben sollte. Mit ihrer Hilfe trieb er vom Fahrsteg aus drei Pfähle mit einem wuchtigen Schlagstein in den schlammigen Grund des Sees und merkte, daß sie darin wenig Halt hatten. Er sah sich deshalb gezwungen, ihnen durch Steintrümmer, die er rund um jeden Pfahl häufte, mehr Standfestigkeit zu geben. Mühsam brachen sie die Steine aus den Uferwänden oberhalb der Moorbachmündung. Endlich hatten sie genug beisammen, und Peter bestieg einen Baum nach dem anderen, Eva reichte ihm die Bodenbalken zu, die er so in die Astgabeln einlegte, daß die Enden zwei gute Armlängen weit über die Eckbäume hinausstanden. Die Bodenbalken ruhten auf Holzklötzen, die Peter in tieferliegende Astgabeln gelegt und dort festgebunden hatte. Der entstandene Balkenboden lag so hoch, daß er ihn von seinem Fahrsteg aus mit den Händen gerade noch erreichen konnte.

Eva belegte ihren zwar nicht ganz ebenen, aber festen Hüttenboden mit Reisig, Laub und Moos, so daß für ihr Nachtlager gesorgt war. Peter holte vom Zelt noch zwei Felle und einige Armvoll Moos und Laub. Das eine Ende seines Fahrzeuges belegte er mit Schilf, nassem Lehm und Steinplatten, schichtete Reiser und Laub darauf und fachte ein Schutzfeuer gegen die lästigen Mücken an. Es knisterte und knatterte im Lehm, der unter dem Feuer rissig wurde, aber Peter fühlte sich auf seinem Floß sicher. Er band es als Schlafstelle zwischen zwei Pfählen unter Evas Hüttenboden fest und hatte auf diese Weise sogar ein Dach über dem Kopf, dann aß er behaglich eine Forelle und schlief gleich darauf ein.

Eva verbrachte zum erstenmal eine Nacht unter freiem Himmel; langsam verzehrte sie ihr Essen und sah dann völlig wach den ziehenden Wolken zu, denen die Wunderwelt der Sterne entgegenzuschweben schien. Vom Wasser stieg es kühl herauf; sie fror, obwohl sie auf Fellen lag und sich in Felle hüllte. Schlaflos lauschte sie den ungewohnten Stimmen der Wasservögel, das ab und zu die Stille unterbrach. Erst gegen Morgen schlief sie ein, wurde aber von einem prasselnden Regen geweckt und wickelte sich fester in ihre Decken.

Peter war es nicht besser ergangen. Als der Morgen graute, hielt er es nicht mehr aus. Ihn fror erbärmlich. Unwiderstehlich zog es ihn zur warmen Schlafmulde im Zelt. Er verließ sein feuchtgewordenes Lager über dem Wasser und ruderte in der sanften Gegenströmung längs des Ufers so schnell er konnte der Stelle zu, wo der Moorbach in den See mündete.

An den Zweigen der Ufergebüsche zog er den Fahrsteg stromaufwärts und befestigte ihn unweit seines halb ausgeräumten Zeltes an einer Erle. Der Anblick seines Vorrates an geräucherten Forellen erinnerte ihn an seinen Hunger. Er aß gierig, verkroch sich dann in der laubgefüllten Schlafmulde und sank in einen leichten Schlummer. Ihm träumte, daß er von einem glatten Birkenstamm des Baues ins kalte Moorwasser rutschte. Da erwachte er. Es regnete durch das halb abgetragene Zelt auf seine Laubdecke. Ernüchtert ging er trotz des Regens daran, zwei junge Lärchen zu fällen, die er als Steigbäume für sich und Eva an den Pfahlhütten anbringen wollte. Die harte Arbeit tat ihm wohl. Dann stutzte er die Astquirle, band die neuen Steigbäume an seinen Fahrsteg, den er nun mit Gerät und Mundvorrat belud, und ließ ihn in der Strömung treiben. Ruhig glitt er in den See und auf den begonnenen Bau zu.

Eva saß, in feuchte Felle gehüllt, als Gefangene auf dem Balkenboden und begrüßte Peter als Befreier. Der ließ ihr kaum Zeit zu einem Imbiß. Sie mußte mit ihm ans Land. Ein zweites Floß aus Bauholz und Bindezeug wurde hergestellt und zum Neubau gefahren. In die Kronen der Birken legten sie ein wenig über Kopfhöhe einen Dachrahmen ein, nach der Wetterseite geneigt, und banden ihn fest. Darüber kam in die Wipfel der im Osten stehenden Bäume ein Firstbalken; er sollte die mit ihren Asthaken aufgelegten Sparrenhölzer tragen. Eva, die Sparren und Querbänder festbinden mußte, kletterte im Gerüst herum, während Peter Schilf herbeischaffte, mit dem er das Dach decken wollte. Das Binden der Rohrbüschel ging ihm so schnell von der Hand, daß Eva mit dem Anflechten kaum nachkam; aber am Abend war das Dach doch fertig.

Am nächsten Tag schien die Sonne. Gut gelaunt gingen die beiden Pfahlbauer wieder an die Arbeit. Peter machte mit seinem etwas kleineren Bau rasche Fortschritte. Kaum hatte er seine Behausung so weit, daß sie ihm zur Not als Schlafstelle dienen konnte, nahm er sein unstetes Jäger- und Fischerleben wieder auf, ihn lechzte nach frischer Nahrung. Nie kehrte er von seinen Ausfahrten heim, ohne Reiser, Schilf oder Lehm für die Hüttenböden mitzubringen. Eva war wieder oft allein, hatte aber so viel zu tun, daß sie die Einsamkeit kaum merkte. Sie machte aus Weidenstäben, Waldreben und Lehm Wände für ihre Stube; eine, sie war Peters Hütte zugekehrt, bekam eine breite Öffnung für eine geflochtene Tür, deren Angelpfosten sich in Weidenringen drehen sollten.

In den anderen Wänden ließ sie nur je ein viereckiges Gucklock frei – nicht viel größer als ihr Gesicht – und verschloß es mit einer gespannten Tierblase. Der Fußboden wurde mit einer dicken Breischicht aus Lehm und Gras belegt; auf die geflochtene Falltür, die das Abfall-Loch deckte, kam ein Fell, das die vom Wasser aufsteigende Kühle abhalten sollte. Die Feuerstelle wurde mit Steinplatten und Lehm bepflastert und mit einem Erdwall umgeben. Ein neuer Kehrbesen aus Birkenreisig, Trinkhörner und anderes Gerät bildeten die Ausstattung des Raumes. Auf die Enden der Querhölzer band Eva Stangenholz und baute so einen Gang, der um die ganze Pfahlhütte führte und vom vorspringenden Dachrand gedeckt wurde. Auf der Klammseite stapelte sie das Brennholz auf und hatte so einen haltbaren Windschutz. Als Gegenleistung für das Herbeischaffen von Nahrung und Baustoff verlangte Peter, daß Eva ihm seine Hütte fertigmache; dazu baute er auf zurechtgebrannten Pfählen zwischen beiden Hütten einen Steg, der später zum Werkplatz erweitert werden sollte.

Solange die Arbeit drängte, merkte Eva nicht, daß sie immer weniger Appetit verspürte. Alles schmeckte so fade. Das wenige aus den Höhlen gerettete Salz war von Peter beim Räuchern der Forellen verbraucht und noch nicht ersetzt worden; Eva hatte in den letzten Tagen fast ausschließlich von Kastanien gelebt. Aber der Vorrat ging zu Ende, viele Früchte waren verschimmelt. Sie mußte sich nach Ersatz umsehen, und sollten es Grassamen sein. Wie lange war’s doch noch bis zur Herbsternte! Brei mußte sie kochen, den Muldenstein wiederhaben, aber der steckte unter dem eingeschwemmten Lehm in Peters früherer Wohnhöhle! Da sein Floß tagsüber meist im Moorbach festlag, baute Eva aus Holz- und Schilfresten ein kleines, plumpes, tiefgehendes Floß, flocht dazu ein mehr als zwei Handflächen breites Ruder und fuhr zur Triftleiten hinüber. Hier entdeckte sie unter mancherlei Gräsern auch Schwadengras, das sie von der Ahnl her kannte; leider trugen erst die untersten Rispen Samen. Die Ahnl hatte die Rispen in ein gestieltes Sieb gestreift; Eva hatte kein Sieb und mußte die erst halbreifen Körner mit den Händen einsammeln. Wenn sie Brei kochen wollte, brauchte sie unbedingt den Muldenstein aus der verlassenen Höhle! Peter, den es auch nach Brei gelüstete, holte ihn endlich. Als die Schwadenernte ergiebiger wurde, stellte Eva aus einer gebogenen Rute und einem Lappen aus Rehleder einen Beutel her, mit dem sie die Grassamen abstreifte.

Diese wurden geröstet und im Muldenstein zu einem groben, mit Spreu durchsetzten Schrotmehl zerrieben. Zwar reichte das so erhaltene Schrot nicht aus, gab aber dem mitgekochten Wildgemüse die breiige Bindung. Die Pfahlsiedler hatten wieder ihre mehligen Kräutersuppen. Eva, die sich wieder einmal nicht wohl fühlte, bat Peter, sie nach den alten Höhlen zu führen; sie wollte dort um Genesung beten. Da er Salz brauchte, entschloß er sich zu einem Gang nach der Salzkammer im Berge. »Wenn du willst, dann komm mit!« schlug er vor.

Schon am nächsten Morgen machten sich die beiden auf den Weg. Damit sie das schwere Floß nicht aus dem Moorsee in den Klammbachsee hinüberzuschaffen brauchten, band Peter aus vier trockenen Stämmen seines Holzvorrates ein neues Floß, das als ständiges Fahrzeug für das Außenwasser in der Triftbucht ankern sollte, während das erste Floß im Innenwasser blieb. Er fuhr mit Eva zum Sonnstein hinüber, ließ sie in den Wohnhöhlen warten und ging allein in das Berginnere, um eine Rehhaut voll Salz zu holen.

Eva kniete vor dem Sonnenbild und den Ahnengestalten und gelobte, für ihre Genesung die Goldkörner zu opfern, die sie aus der Asche ihrer Brandstätte hervorholen wollte. Ihr Vertrauen auf die Wirkung des Gelübdes war so groß, daß sie sich auf dem Heimweg schon kräftig genug fühlte, Peter zu helfen, der außer dem Salz den Hirschschädel sowie den Bären- und den Bockschädel mitnahm. Eva nahm die Bildstöcke der Ahnen, sie sollten in der Nähe der Feuerstelle in ihrer Pfahlhütte einen neuen Ehrenplatz finden. Während sie andächtig das tönerne Bildnis der Ahnl betrachtete, dessen tröstlichen Anblick sie lange entbehrt hatte, bat sie die Verstorbene um Rat, was sie tun solle, um wieder kräftig und gesund zu werden. Als ihr dabei der Gedanke kam, in den ledernen Schlagbeutel Wasser und Schafgarbenblüten zu tun und einen erhitzten Stein hineinzulegen, um so einen Heiltrank zu bekommen, nahm sie an, Gott und der Geist der Ahnl hätten ihr dies geraten. Sie kochte sich also im Ledergefäß den würzigen Trank und schlürfte ihn warm. Und wirklich – ihr wurde besser, und nun glaubte sie erst recht an eine übernatürliche Hilfe.

Peter und Eva, die Höhlensiedler

Als mächtiger Feuerball stieg die Sonne an diesem Wintermorgen hinter dem breiten Massiv des Monte Cristallo empor, dessen Zinnen und Zacken in ihrer Lichtflut lagen. Fern im Westen glühten die eisgekrönten Hochgipfel, und das tieferliegende Bergland zwischen der Sonne und den Eisfeldern, die ihr Licht zurückwarfen, lag unter einem wallenden Nebelmeer.

Als die Sonne über dem Monte Cristallo stand, tauchten im Norden die Kuppen des Urgebirges, im Süden die Schroffen des wetterzerrissenen Dolomitkalks auf. Zwischen ihnen strömten, sich schiebend und drängend, die Nebel hin, getrieben vom Morgenwind. Als Wolkenfetzen stiegen sie an Halden und Wänden empor, lösten sich von den Firnen der Berge und verflüchtigten sich in der Wärme der Sonne.

Inmitten der hellen Firnfelder war ein fast viereckiger Nebelsee eingebettet, der einen tiefen Einsturzkessel füllte: den Heimlichen Grund, gemieden von Deutschen und Welschen, da so mancher von ihnen vom Steinschlag in der Klamm getötet worden war. Diese Klamm war der einzige Zugang zu der abgeschlossenen Stille des Heimlichen Grunds. Damals, als die Menschen noch an Hexen glaubten, wähnte das Volk, daß hier böse Mächte ihr Spiel trieben; niemand wagte sich durch die Klamm. Für Peter und Eva war die Furcht der anderen ein Schutz.

Höher stieg die Sonne, der Nebel begann an den in ihrem Lichte liegenden Klammwänden emporzuschweben. Als sie über dem Winkel zwischen den Salzwänden und den Grabwänden stand, wurden Moorleiten und Südwand frei. Zähe hafteten die Nebelmassen im wipfelreichen Urwald, der am rechten Klammbachufer den Salzwänden vorgelagert war.

Das Feuer in Peters Wohnhöhle war im Laufe der Nacht niedergebrannt, aber noch sandten die klobigen Steine, die die Feuerstelle umgaben, gelinde Wärme aus. Peter lag in seiner Schlafgrube, tief eingewühlt in die dicke Moosschicht über der Reisigunterlage, das Fell des besiegten Bären auf sich. Das ungewisse Dämmerlicht des Wintermorgens drang nur spärlich durch die Lichtluken im Brennholz, das zwischen der grobgefügten Schutzmauer und der Wölbung des Höhlentors verstaut war. Es störte den Schlaf des jungen Menschen nicht. Der hatte ja am Vortag schwere Arbeit getan. Vom glimmenden Buchenschwamm, der als Gluthalter in der Asche lag, kräuselte dünner Rauch zum Trockenboden hinauf, umzog einige dort aufgehängte Speckseiten und drang durch die dichten Lagen der Tannenreiser, die sich unter der Last angehäufter Vorräte bogen. Dann entwich er mit der Warmluft teils durch die kleine Öffnung in der Höhlendecke nach der großen Grotte im Berginnern, teils zog er durch den schrägen Gang an Peters Schlafgrube vorbei zur höher gelegenen Wohnhöhle Evas. Auch sie schlief noch unter ihrer Decke aus Rehfellen. Ihr Kopf lag auf dem mit Moos ausgestopften Hasenbalg; ihre Hände waren vor dem Mund gefaltet.

In Peters Höhle wurde es kalt. Prickelnd drang der Nebel in seine Nase. In dem gebräunten Gesicht zuckte es. Mit einem kräftigen »Haptschi!« erwachte Peter und strich sich die langen, dunklen Haare aus der Stirn. Widerwillig kroch er unter der Bärendecke hervor, stieg über den quer in der Höhle liegenden Steigbaum, den er abends zuvor hereingenommen hatte, stocherte die Glut unter der Asche auf und legte dürre Föhrenzweige und Prügelholz darauf. Dann kroch er noch einmal in sein warmes Nest zurück und ließ die Ereignisse jüngst vergangener Tage an sich vorüberziehen: wie er den Bären unten an der Fleischgrube getötet hatte, den Bären, dessen Fell ihm jetzt als Decke diente.

Auch das Feuer fiel ihm wieder ein, wie sie es gefunden, heimgebracht, gepflegt und genährt hatten, daß es nicht mehr ausging. Ja, viel haben wir erlebt und geschafft, dachte Peter.

Duft und Wärme des Feuers stiegen auch zu Eva empor und ließen sie von Dingen träumen, die viel, viel weiter zurücklagen als Peters Erlebnisse. Im Traum wurde längst Vergangenes zur Gegenwart. Sie war wieder die kleine Eva, die mit den Püppchen aus Galläpfeln, Eicheln und Rosengallen spielte. Plötzlich stand der Knecht des Kohlbauern bei der Großmutter, der Ahnl, und flüsterte ihr mit heiserer Stimme ins Ohr: »Stoderin, wahr‘ dich beizeiten, die vom Gericht steigen durch die Geierwänd‘ auf; sie wollen dich verbrennen, als Hex‘.« – Und dann erlebte Eva wieder die hastige Flucht durch Wald und Nacht. Sie sah den Ähnl stürzen, begraben vom Steinschlag in der Klamm; sie fühlte die ziehende Hand der Ahnl, die mit ihr und Peter dem Heimlichen Grund zustrebte; sie sah die müde alte Frau einschlafen unter dem überhängenden Stein und wollte sie wachrütteln, aber die Ahnl war tot. – Dann ging Eva mit Peter über das Steinfeld, den Klammbach aufwärts. Gewitterschwüle lagerte in dem von Felswänden umgebenen Kessel des Heimlichen Grunds. Ein Blitz fuhr hernieder und traf die Wetterfichte am Sonnstein. Im Klammbach, der den Felsen umfloß, spiegelte sich die flammende Lohe. Eva und Peter schwangen brennende Äste und trieben zwei mächtige Bären vor sich her quer über das Steinfeld den Südwänden zu. Dann gingen sie einträchtig bachaufwärts und lagerten die Feuerbrände auf den Boden der unteren Höhle.

Peter verspürte Hunger. Er stand auf und wusch sich im Wasserkorb. Dann ritzte er einen neuen Tagstrich über seinem Lager in die Felswand, schnitt mit dem Steinmesser eine Handvoll Kastanien auf und legte sie zwischen die glimmenden Holzkohlen an den Rand des Feuers. Der Duft ihrer Lieblingsspeise weckte Eva. Nachdem sie vor den Ahnenbildern Zwiesprache mit Gott und den guten Heimgeistern gehalten hatte, ordnete sie ihren Lendenschurz und den Schultermantel, die sie während des Schlafes zerknittert hatte. Auch sie wusch sich in ihrem Wasserkorb, fuhr sich mit ihrem groben Kamm aus angekohlten und zurechtgeschliffenen Holzstäbchen durch das Haar, legte das Stirnband an und stieg durch den Gang zu Peter hinunter. Beim Frühmahl sprach er von der Tagesarbeit, die er ihr zugedacht hatte. Das gestern gesammelte Holz müsse zum Trocknen um die Feuerstelle geschichtet werden; das Gedärm des Bären sei zu reinigen und zu spannen. Nichts, aber auch nichts dürfe verloren gehen. Er selbst mußte wieder Holz holen, bevor es zu tauen begann.

Fast den ganzen Tag verbrachte Eva allein bei der Arbeit. Beim Wenden und Spülen des Gedärms verdroß es sie nicht wenig, daß Peter ihr gern Arbeiten zuschob, die ihm zuwider waren. Erst als sie mit Aschenlauge und Lehm die Hände gesäubert, allen Abfall durch den Müllschacht hinausgefegt und in der Höhle aufgeräumt hatte, schwand ihr Zorn. Sie sagte sich, daß Peter draußen härtere Arbeit verrichtete als sie daheim. Nun, dafür sollte er auch etwas Ordentliches zu essen bekommen. Sie schlitzte mit dem Steinmesser ein Stück gesalzenes Bärenfleisch und tat Speck, Bergsaturei und Lauch hinein. Nun konnte der Braten gedeihen!

Gerade als die Mahlzeit bereit war, hörte sie Peter mit seinem Schlitten heranstapfen. Als er, noch immer schwer atmend, über den Steigbaum herauf in die Höhle trat, beeilte sie sich, ihm mit dem Föhrenbesen den Schnee von der Fellkleidung zu streifen und ihm die durchnäßten Fellwickel von den Füßen zu lösen. Peter fiel, wie immer, wenn er von der Außenarbeit kam, über das Essen her, daß ihm das Fett vom Kinn tropfte. Beide aßen um die Wette, bis nur noch abgenagte Knochen dalagen, während die zum Nachtisch bestimmten Kastanien in der Glut hüpften. Je dunkler es draußen wurde, um so behaglicher wurde es in der hell erleuchteten, warmen Höhle.

Opfergaben

Wie früher im Sommer und Herbst, als Peter und Eva Blumen und Früchte auf das Grab der Ahnl gelegt hatten, so opferten sie zur Winterszeit in der oberen Grotte vor den Bildstöcken der Ahnen vom Besten, das sie besaßen. Und merkwürdig, was sie am Abend geopfert hatten, das war am nächsten Morgen verschwunden. Ein freudiges und zugleich unheimliches Gefühl – halb Andacht, halb Furcht bemächtigte sich der Höhlensiedler. Nun waren sie fest davon überzeugt, daß die Geister ganz nahe bei ihnen waren als Zeugen ihres Tuns und Lassens, als Helfer in Nöten und Beschützer in Gefahren.

Peter, den die Sorge um das Brennholz zu immer längeren Wanderungen zwang, überließ die Pflege des kleinen Heiligtums der stillen Eva. Halbe Tage lang kauerte sie vor dem Herdfeuer, entkernte Bucheckern oder versuchte, das noch immer nicht durchlochte Steinbeil mit einem Jaspissplitter zu durchbohren.

Der Kampf um das tägliche Brot und die Zeit, die vergangen war, hatte aus dem Knaben Peter einen jungen Mann gemacht. Auch Eva war kein Kind mehr, sondern ein nachdenkliches junges Mädchen, das oft vor sich hinsann. Aber das Heim vernachlässigte sie nie, nicht das Herdfeuer, nicht die Heiligtümer. Je mehr ihre Seele mit den Geistern der Ahnen sprach, um so selbständiger wurde sie, auch Peter gegenüber. Sie dachte nicht mehr daran, bei jedem Splitter, den sie sich eingezogen hatte, seine Hilfe zu suchen. Solches und andere kleine Leiden machte sie mit sich allein ab. Wenn sie sich nicht gesund fühlte, bereitete sie auf gut Glück eine Arznei aus gesammelten Heilkräutern, wie sie es oft von der Ahnl abgeguckt hatte, und betete zum Schöpfer, daß er ihr helfe.

Als im Laufe des Winters nicht nur die Opfergaben, sondern auch manche Mahlzeitreste über Nacht verschwanden, glaubten die Höhlenmenschen allen Ernstes, Berg- und Waldgeister seien die Diebe. In einer lauen Nacht aber entdeckte Peter zwei Mäuse, die an einem saftigen Knochen nagten. Von da an fing er sie in Fallen, das waren schräg aufgestellte Steinplatten, die er mit Holzstäbchen abstützte. Die Fettbrocken, die er daran band, dienten als Lockspeise.

Langsam gingen die Wochen des Nachwinters dahin; Schneestürme tobten, naßkaltes Tauwetter setzte ein, gefolgt von Frost und Eis – es war eine wechselvolle, unbehagliche Zeit. An Tagen, wo das vom Fels tropfende Wasser vor dem Höhlentor einen starren Vorhang aus Eiszapfen bildete, fühlten sich die jungen Menschen wie abgeschieden von der Außenwelt. Sie sehnten sich nach wärmeren Tagen. Ihre Blickte richteten sich zum Himmel, und sie lernten, auf seine Zeichen zu achten. Daß die Zeit fortschritt, merkten sie am auffälligsten daran, wie der Mond wuchs und abnahm, verschwand und wieder erschien, und wie die Sonne beim Untergehen täglich ein wenig von der Stelle wegrückte, wo sie am Vortag untergegangen war. Sie sank nicht mehr hinter dem Horn hinab, sie kam Tag für Tag näher an die Henne heran, den merkwürdigen Berggipfel über den Klammwänden, hinter dem sie im Herbst untergegangen war. Der Weg, den sie jetzt tagsüber am Himmel beschrieb, wurde länger und so auch die Dauer der Tageshelle. Vom Eisvorhang vor dem Höhlentor fiel Zapfen um Zapfen klirrend ab.

Die gelben Knospen des kleinen Winterlings hoben sich aus dem vermoderten Laub unter dem Gebüsch – ja, schon durchbrachen sie da und dort die dünn gewordene Schneedecke. Und bald darauf schoben sich die weißlichen Blüten des Frühlingskrokus aus moosigem Wiesengrund ans Licht.

In den lauen Nächten schallte aus dem Dunkel des Waldes das jammervolle Miauen der Wildkatzen und das unheimliche Paarungslied der großen Waldohreulen. Der dröhnende Donner stürzender Schneelawinen, das Prasseln und Knattern der Steinschläge steigerten die Einzugsmusik des Frühlings zu wildem Festgetön.

Immer häufiger wurden die föhnigen Tage, an denen es wegen der Lawinenstürze nicht ratsam war, auszugehen. Da arbeiteten die Höhlenbewohner in ihrem Heim. Peter, dessen Bärenfell von Tag zu Tag unangenehmer roch, entschloß sich endlich, es mit Aschenlauge zu reinigen, mit Salz und Lehm einzureiben, es zu räuchern und dann durch Klopfen und Dehnen geschmeidig zu machen. Den Schädel des Bären hatte er über dem Höhlentor neben dem Geierbalg befestigt. Nur die mächtigen Eckzähne hatte er ihm ausgebrochen und durchlöchert; nun trug er sie an einer Darmsaite um den Hals. Das Fleisch hängte er in die Räucherkammer; die meisten Knochen aber kamen ins Allerlei. Der Salzvorrat ging zur Neige. An einem frostklaren Morgen unternahm Peter den unaufschiebbaren Aufstieg zur Salzlecke des Steinwildes. In halber Bergeshöhe blieb er ausruhend stehen und sah in die Tiefe zurück. Ihm schien, als teilte das noch eisgesäumte Rinnsal des Klammbaches den Talgrund in zwei Reiche: links, soweit der blaue Schatten der Grableiten reichte, glanzlos überreifte Nadelholzbestände und das Steinfeld mit seinen reifüberhauchten fahlen Gräsern, Disteln und Karden – rechts die besonnte, im ersten Grün prangende Heide, der Urwald und die knospenden Laubbestände unter der Südwand. Die flimmernde Talsohle stieg drüben zur Hochfläche des Moores an, hinter dem sich das glänzende Grau des Glimmerschiefers scharf von aufgelagerten, rot und weiß leuchtenden Marmorschichten abhob. Und fern über den Klammwänden ragten eisgekrönte Berggipfel in den hellblauen Himmel hinein, jene Gipfel, an denen die Höhlenmenschen das Weiterrücken der Sonne abschätzten: gegen Mittag das Winterhorn, im Abendrot die Henne und gegen Mitternacht der Sommerspitz.

Ein sonderbares Knattern von der Salzlecke herüber ließ Peter zusammenzucken. Dort fochten zwei Steinböcke ungeachtet des schmalen Standplatzes einen Zweikampf aus, der damit endete, daß eines der Tiere kopfüber die steile Wand hinabstürzte. Beim ersten Geräusch, das Peter mit seinem Bergstock verursachte, verschwand der siegreiche Bock in der Wand. Nach einer lebensgefährlichen Kletterei über vereiste Stellen langte Peter mit zerschundenen Knien und blutenden Händen an der Salzwand an und füllte ein Rehfell zur Hälfte mit dem kostbaren Gewürz. Dann suchte er auf Umwegen die Stelle der Schutthalde auf, wo der gestürzte Bock mit gebrochenem Rückgrat tot zwischen Steinblöcken lag. Mühsam schleifte er erst den Bock, dann den zurückgelassenen Salzschlauch heim. Eva war nicht da.

Als er den neuen Salzvorrat in harzgedichteten Körben untergebracht hatte, kam sie. Flüchtig sah sie Peters Ausbeute an und hielt ihm einen Strauß Winterlinge entgegen, aus dem ein blühender Seidelbast ragte: »Da schau, der Frühling ist da.«

Peter mußte lächeln. »Weißt du auch, daß der Seidelbast giftig ist?«

»Wenn auch«, sagte Eva, »ich geb‘ die Blumen der Ahnl, die hat’s gern heim’bracht von ihren ersten Ausgängen nach dem Winter.«

Da füllte Peter drei kleine Bockshörner mit Wasser und bat sie: »Gib auch meiner Mutter und dem Ähnl von den Blumen.«

Und als die einfachen Gefäße, zwischen Steinen eingeklemmt, mit den ersten Frühlingsboten vor den Ahnenbildern standen, verharrten die Höhlensiedler eine Weile schweigend davor und gedachten ihrer Toten.

Brunnstube

Als der Weg durch die Tropfsteinhöhlen zur Salzkammer vollendet war, verloren die anfangs als Wunder angestaunten Grotten den Reiz der Neuheit. Die leicht zugänglichen, weiten Hallen des Berginnern waren ein Stück Alltag geworden; Salzkammer und Quellsee gehörten nun zu den Stätten, wo auf leichte Art Wertvolles zu holen war: Salz und Wasser. Wäre nur der Weg durch die zugigen Tropfsteingrotten nicht so umständlich gewesen!

Im Hintergrund der unteren Wohnhöhle war der schräge Schacht zum Quellsee, den Peter damals, als er die Wohnung einrichtete, zugedeckt hatte. Ein paar Stöße mit dem Speerschaft genügten, um die morsche Holzdecke zu entfernen. Blaugrün schimmerte unten das vom Höhlentor des Baches her erhellte Wasser.

Vorsichtig begann Peter an der neuen Verzimmerung des Schachtes zu arbeiten, die ein tragfähiger Steg werden sollte. Nach genauen Maßen schlug er aus armdicken Eichenstämmen die Querbalken zurecht. Aber die Arbeit mit Steinbeil und Säge ging ihm viel zu langsam, er nahm das fressende Feuer zu Hilfe. Vier Stämmchen zugleich legte er quer über die Einfassungssteine der Mauerung, streute unter die Stellen, die er durchbrennen wollte, Fichtenreisig und sah dann vergnügt zu, wie die Flammen das Eichenholz angriffen. Damit sie nicht weiter fraßen, als ihm lieb war, legte er nasses Moos auf die Stellen, die geschützt werden sollten. Dieses Verfahren ersparte ihm viel Mühe, schonte sein Werkzeug und machte das Bauholz haltbarer. Eva meinte, es wäre gut, die Stämme an der ganzen Oberfläche anzukohlen, und Peter gab ihr recht. Obwohl das Feuer die Arbeit erleichterte und beschleunigte, brauchte er länger als eine Woche, bis er genug Balken für den Steg beisammen hatte. Das Bauen selbst ging schnell. Fest verkeilt zwischen den Wänden der harten Felsen bildeten die Querhölzer in zwei Schichten eine schmale Brücke zu jener Stelle, unter der sich das Wasser befand. Zum Heraufholen des kostbaren Nasses verwendete Peter einen gut verpichten Korb, der sich an zwei aneinandergebundenen Haselstämmchen hinunterlassen und heraufziehen ließ. Ein Übel aber war immer noch da. Eva beklagte sich darüber, daß der kalte Luftstrom, der vom offenen Wasserloch heraufstrich, beide Wohnhöhlen stark abkühlte.

Da umbauten die Höhlensiedler die Brücke mit einer zweifachen, moosgedichteten Gitterwand, die sie außerdem noch mit Lehm verstrichen. Eine geflochtene, in Weidenschlingen drehbare Tür wurde eingelassen. Und sooft Peter in der neuen Brunnstube Wasser schöpfte, leuchtete ihm Eva mit einem Kienspan.

Die Überschwemmung der Höhle

Die hochaufgewehten Schneemassen im Heimlichen Grund begannen zu schwinden. Föhnstürme brausten, Lawinen stürzten donnernd zu Tal, Steinschläge polterten, es wurde ungewöhnlich warm. Im jungen Grün der Wiesen prangten gelb, weiß und blau die Frühlingsblumen, und aus den knospenden Bäumen flöteten und schmetterten Bergfinken und Ringdrosseln.

Peter lagerte alles, was er an den Lawinen- und Steinschlaglehnen an Fellen erbeuten konnte, in den Gerbtümpel ein; Eva sammelte junges Wildgemüse, und beide fanden, daß der Heimliche Grund ein gesegneter Ort sei. Ihre Wintervorräte an Fisch, Dörrobst und Kastanien waren noch nicht aufgebraucht; nur die Beeren und Pilze hatte der Schimmel verdorben. Aber es gab ja frisches Gemüse! Peter und Eva lebten recht sorglos dahin.

Als jedoch eine Reihe sommerlich warmer Tage kam und der im Winter fast ausgetrocknete Bocksgrabenbach wieder anschwoll, da machte ihnen die vorzeitige Wärme bange; sie trieb aus den Firnen oberhalb der Salzwände die Schmelzwasser ab. Die Besorgnis wuchs, als auch der Klammbach stieg und, sein Höhlentor füllend, tosend aus der Felswand hervordrängte. Er führte weiße Brocken abgebrochener Tropfsteinsäulen mit sich und drückte das Gebüsch des Ufergeländes nieder, das er weithin mit Schotter vermurte. Peter erklärte sich die Überschwemmung nicht anders, als daß die ungewöhnlich frühe und anhaltende Wärme das Eis der Gletscher und Firne oberhalb der Salzwände zum Schmelzen brachte. Er tröstete Eva damit, das Wasser werde sich verlaufen, sobald wieder kühlere Witterung eintrete. Als er aber beim Schöpfen merkte, daß er den Wasserspiegel im Brunnen mit der Hand berühren konnte, griff auch ihm die Angst ans Herz. Kurz nachdem Eva ihr Lager aufgesucht hatte, schlich Peter wieder in die Brunnstube. Steigt das Wasser immer noch? Ja, es stieg. Schon schlug es leise plätschernd an die Zimmerung des Brückenbodens.

Jetzt traf Peter Vorbereitungen zur Flucht. Im Halblicht des verlöschenden Feuers packte er in ein Rehfell alles, was er an Steinwerkzeugen, Specksteinschalen, Hörnern und unentbehrlichen Rohstoffen hineinstopfen konnte. Eva, die nicht hatte einschlafen können, kam herab und fragte verwundert: »Peter, was machst du denn?« Er deutete auf die Brunnstube: »Das Wasser kommt herauf, wir müssen woanders hin.«

Schlaff hingen ihre Arme herab – ein trauriger Blick umfaßte den Raum und den Rest von Speck und geräucherten Forellen, die am Gestänge des Trockenbodens hingen. Dann aber meinte sie entschlossen: »Tragen wir halt alles zu mir hinauf.« Peter aber schüttelte den Kopf: »Auch dorthin kann’s Wasser noch kommen.« Ratlos, fassungslos stand Eva neben ihm. Plötzlich schrie sie gellend auf: »Das Wasser ist da!« und sprang zur Seite. Sie zeigte entsetzt auf ein dünnes Rinnsal, das, unter der Wand der Brunnstube hervorquellend, sich über den Lehmboden schlängelte, gerade auf das Herdfeuer zu. Peter griff nach dem nächstbesten Hartstein und ritzte dem Wasser den Weg vor zur Felsrinne, wo der Steigbaum zu lehnen pflegte. Er stieß das Türgitter hinaus und ließ den Steigbaum hinuntergleiten. Dann warf er ein Bündel Reisig in die Herdflammen, daß sie prasselnd aufloderten, und begann hastig den Trockenboden auszuräumen.

Da kam auch schon Eva mit Rehfell und Matte, die sie von ihrem Lager genommen hatte, kniete auf den Boden der Höhle und packte kunterbunt ein, was ihr an Genießbarem in die Hände geriet. Als Peter ihre Bündel fest verschnürt hatte, hob er ihr das eine auf den Rücken und drängte ihr das andere in die Linke. So schwer hatte sie noch nie getragen. Mit tränenerstickter Stimme fragte sie: »Wohin willst du denn?« – Er aber war nicht mehr neben ihr. Sein schweres Bündel auf dem Kopf, die Linke am Holz des Steigbaumes, in der Rechten seinen Speer, kletterte er langsam hinab. Zaghaft begann auch sie den Abstieg. Ihr Leib schauerte vor Kälte.

Wortlos stapfte Peter nach rechts voraus, den sandigen Saum der Felswand entlang. Eva folgte ihm weinend. Wohin wollte er? Auf der Wiese zwischen der Salzlehne und dem Bocksgrabenbach glitzerte das Wasser über den Grashalmen. Trocken überragte der Fuchsenbühel die unruhige Flut. Dort hinüber watete Peter. Unter der hohen Buche, die den Hügel krönte, blieb er stehen und legte seine Last ab. Als Eva, die ihre ganze Kraft brauchte, um ihre Bündel nicht ins Wasser gleiten zu lassen, nachgekommen war, sagte er, heiser vor Erregung: »Da droben in der Buche bau‘ ich mir ein Nest, und du kannst dir eine von den Fichten aussuchen.« Eva wählte nicht lange. Sie ließ ihre Lasten am Fuße der nächsten Fichte liegen, die in Rufweite von der Buche stand. Dann begannen beide ohne Zeitverlust, Holz zum Nestbau zu sammeln. Der Vollmond gab Licht genug, daß sie die notwendigsten Querhölzer zusammensuchen und auf die Äste auflegen konnten. Todmüde krochen sie in ihre Lager.

Die Nestsiedler

Grelle Sonnenstrahlen weckten Eva aus ihrem unruhigen Schlaf. Verständnislos schaute sie von ihrem Nest aus auf ihre Umgebung: Bäume und Wasser.

Sie fand sich in der Krone einer Fichte, deren Stamm sie krampfhaft umfaßt hielt. Ihre Glieder schmerzten vom Druck der Querstäbe, die, mit wenigen Zweigen bedeckt, auf dem Astquirl ruhten. Die Äste, schwer vom Gezweig, senkten sich so stark nach außen, daß Eva sich wunderte, im Schlaf nicht hinabgerutscht zu sein. Von der Buche herüber drang das Knicken und Brechen von Zweigen. Eva setzte sich auf und sah Peter damit beschäftigt, eine Art Dach zu flechten, indem er durch die Zweige der nächsthöheren Äste Reiser flocht und mit Waldreben festband.

Am Fuße der Buche lagen die geretteten Geräte und Nahrungsvorräte der Höhlensiedler verstreut. Evas Blicke schweiften weiter. Mit Entsetzen nahm sie wahr, daß die Grashalme und Disteln der Wiese vom Wasser überflutet waren und der Bocksgrabenbach sich oberhalb des Fuchsenbühels geteilt hatte. Seine lehmigen Wellen umspülten die kleine Insel und vereinigten sich unterhalb davon mit dem Wasser auf der Wiese: Ein See dehnte sich hinüber bis in den Urwald!

Eva fühlte sich auf der Insel sicher. Hier ließ sich das Fallen des Wassers abwarten. An Nahrung fehlte es nicht. Von Astquirl zu Astquirl niedersteigend, gelangte sie auf die Erde und holte sich eine geräucherte Forelle. Während sie nachdenklich aß, wurde sie von Peter angesprochen.

»Lang darfst du nicht herumstehen, das Wasser steigt. Schau, daß dein Nest ein Dach kriegt! Mach dich auf Regen gefaßt, der Wind kommt von der Klamm her.« Sie watete, noch immer essend, zum Jungholz, das den Hügel säumte, und begann Ruten zu brechen und Waldreben auszureißen. Damit durchflocht sie den Astquirl oberhalb ihres Lagers und legte Fichtenzweige auf das Geflecht, so daß ein spitzrundes Dach zustande kam, dessen Außenränder, durch Waldreben und Zweige mit den Ästen des unteren Quirls verbunden, sich als struppige Wand niederzogen. Dann belegte sie ihr Lager mit einer Schicht Moos, das sie unter den Fichten und von der Wetterseite der Stämme abgelöst hatte.

Beruhigt suchten die beiden ihre Lager auf und schliefen trotz der ungewohnten Umgebung bald ein. Mitten in der Nacht wurden sie von grellen Blitzen und rollenden Donnerschlägen geweckt. Wie seltsam, ein Gewitter so früh im Jahr! Unsicher, ob das eine Verschlimmerung oder eine Verbesserung ihrer Lage bedeute, konnten sie nicht mehr einschlafen. Am Einschlupf ihrer Baumnester festgeklammert, starrten sie immer wieder auf die überhell beleuchtete Wasserfläche und lauschten beklommen dem Sausen des Sturmes, der auch ihre Baumkronen zauste und an ihren Nesthütten zerrte. Hastig begannen die Nestsiedler die Bindungen fester anzuziehen.

Als in Bogenschußweite vor ihnen eine hohe Fichte vom Blitz gefällt hoch aufloderte und ein knatternder Donnerschlag folgte, schrien sie gleichzeitig auf und begannen laut zu beten. Entmutigend kam ihnen als schwere Schuld zum Bewußtsein, daß sie alles, was Gott geweiht war, in der gefährdeten Höhle gelassen hatten. Ihre Aufregung wuchs, als weithin leuchtend das Feuer im Urwald um sich griff und der Sturm den heißen Rauch herübertrug. Als aber ein wolkenbruchartiger Regen den Waldbrand löschte, beruhigten sie sich. Das Gewitter zog bald vorüber. Von Schlafmangel und ausgestandener Angst erschöpft, kauerten sich die beiden auf ihre Liegestätten zu kurzer Ruhe.

Der Morgen war kalt, aber wohltuend still; die von der Sonne matt durchschienenen Nebel strichen, vom Winde leise bewegt, an den Lehnen und Wänden empor. Es begann sachte wieder zu regnen. Gewohnt, den Tag tätig zu verbringen, machten sie sich daran, auf dem Eiland Holz zu sammeln und ihre Nester ringsum sorgfältig zu umflechten. Sie konnten ja nicht wissen, wie lange sie darin hausen mußten.

Mit einem Male erzitterten die Bäume unter ihnen, die Erde bebte; ein Dröhnen, ein Knattern und Prasseln kam von der Klamm her. Schreckensstarr lauschten die beiden in die Ferne. Was war dort geschehen? Das ferne Rauschen des Klammbachs, das sonst als ein gewohnter, ununterbrochener Grundton alle Laute im Heimlichen Grund begleitet hatte, war plötzlich verstummt, und der neue Wasserfall, der aus der verlassenen Wohnhöhle stürzte, war aufdringlich laut geworden. Was war geschehen? »Ob eine Klammwand niedergegangen ist?« Zögernd sprach Peter es aus. Mit Schaudern dachte er an die Folgen.

Wenn die Klamm versperrt war und das Wasser nicht mehr durch die Schlucht abfließen konnte, dann mußte es steigen, steigen – vielleicht gar über die Baumwipfel, bis es die Höhe der stauenden Felsmassen in der Klamm erreicht hatte! Diese Gedanken sprach Peter nicht aus. Langsam glitt er zum Boden nieder. Am Stamm eines Ahornbäumchens, dessen Wurzeln vom steigenden Wasser bespült wurden, brachte er mit seinem Steinbeil scharfe Schnitte an, immer einen um einen Handbreit höher als den anderen, so weit er reichen konnte. Dann stieg er in sein Nest hinauf, kauerte sich am Einschlupf nieder und starrte unverwandt auf die Wassermarken. Lange schien es ihm, als bliebe der Wasserstand gleich. Vor Anstrengung begannen ihm die Augen zu schmerzen, er mußte sie schließen.

In sein Bangen und Sinnen klang das aufgeregte Gezwitscher der Zaunkönige und Bergfinken, die, von ihren Nistplätzen im Tale verdrängt, in großer Zahl im Gezweig der Buche herumflatterten. Und zum erstenmal beneidete er die gefiederten Bewohner des Heimlichen Grunds um ihr Flugvermögen. Oh, wenn auch er Flügel hätte! Und Eva! Fliegend würden sie sich emporheben und fortschweben in ein fernes Land …

Plötzlich riß er die Augen auf und starrte hinunter zum Ahorn. Das Wasser war gestiegen! Mit Entsetzen sah er, wie es sich schon der zweiten Marke näherte. Als das Wasser die fünfte Marke erreicht und die Kleintiere sich auf ein winziges Fleckchen um die Buche herum zusammengedrängt hatten, gab Peter alles Hoffen auf.

Er drückte die geballten Fäuste gegen seine Augen und begann zu schluchzen. Und Eva mochte fragen, was er denn auf einmal habe, er gab keine Antwort. Es mußte etwas Furchtbares geschehen sein! Weinend warf sie sich auf ihr Lager.

Das Wasser stieg und stieg. Auf seinen Fluten trieben lebende und tote Tiere dahin: Igel, Mäuse, Bilche, Maulwürfe. Was an den Baumstämmen emporklimmen konnte, verlor sich im Gezweig. Gemeinsame Todesgefahr hatte den Unterschied zwischen Raub- und Beutetier ausgelöscht. Schlangen kletterten an den Menschen vorüber in das Geäst. Als die Insel gegen Abend völlig überflutet war und die Krone des jungen Ahorns langsam in den ziehenden Fluten verschwand, als das steigende Wasser die untersten Äste der Wohnbäume erreichte, da schrien die Nestsiedler laut auf, daß es schauerlich von den Felswänden des Heimlichen Grunds widerhallte. Sie hatten die heiligen Bilder dem Wasser preisgegeben; jetzt kam die Strafe!

Peter gelobte auf Evas Anraten, das Kostbarste zu opfern, das er besaß, seine durchlochte und geschliffene Steinaxt, wenn Gott die stauenden Steinmassen in der Klamm von den Wassern wegräumen ließe. Die Flut aber stieg unaufhaltsam. Hoffnungslos und untätig warteten die Entmutigten auf den Augenblick, wo das Wasser sie erreichte und mit sich fortführte.

Von Schlafmangel entkräftet, brachten sie nicht mehr den Willen auf, die Dächer ihrer Nesthütten zu zerstören und höher in die Baumwipfel zu klettern. Dumpf vor sich hinbrütend, kauerten sie in ihren Nestern, ohnmächtig der unaufhaltsam steigenden Flut preisgegeben, die den Talgrund füllte, Felsen und Wälder bedeckte und alles Leben zerstörte – die Sintflut.

Jagd im Moor

Ehe Peter am nächsten Morgen zur Jagd aufbrach, kauerte er vor dem Salzvorrat, um seine Augen an der Fülle dieses kostbaren Gewürzes zu weiden. Doch was war das? Am Rande des Salzhaufens waren ungezählte Tröpfchen und rund herum nasse Flecken auf dem Stein! Peter versuchte einen Tropfen – es war Salzwasser. Auch Eva versuchte – ja, es war Salzwasser. Also hatten die Salzkörnchen den Morgentau angezogen und waren in ihm zerflossen. Wie sollte das im Winter werden, wenn der ganze Vorrat zerging? Peter war entsetzt. Aber Eva nahm die Sache leichter.

»Tun wir halt das Salz in einen Korb; wir können ja große Blätter unterlegen.«

»Da rinnt’s durch!« sagte Peter.

»Muß aber nicht! – Wir können ja die Körb‘ mit irgendwas ausstreichen, mit Lehm – oder so was«, meinte Eva.

Das war ein guter Gedanke: die Körbe ausstreichen – ja, aber nicht mit Lehm! überlegte Peter, Lehm würde ja das Salzwasser noch gieriger aufsaugen als der Stein. Da fielen ihm die halberhärteten Harzklumpen ein, die er im Allerlei aufbewahrte. Sofort klaubte er sie hervor und versuchte, sie durch Anhauchen und Kneten weich zu machen. Eva mußte ihm dabei helfen. Nun nahm er einen plumpen Flachkorb und begann, ihn mit Harz auszustreichen. Als Spatel diente ihm das Schulterblatt eines Eichhorns.

Das Fertigmachen überließ er Eva und ging auf die Jagd. Im Weggehen rief er ihr noch zu, er sei wieder zurück, wenn ihre Seite des Sonnsteins im Schatten liege. Heute reizte es ihn, den Bären zum Trotz zur Südwand hinüberzugehen, wo der große Laubwald stand. Vielleicht gelang es ihm, die Edelkastanien zu finden, deren Früchte zur Winterszeit die Hauptnahrung abgeben sollten. Aber nicht durch den morastigen Urwald wollte er gehen. Lieber machte er den Umweg über das offene Steinfeld, das in lachendem Sonnenglanz vor ihm lag.

Schon auf dem Pfad zum Sonnstein hatte er Glück. Sein Pfeil holte eine Elster mit blaugrünem, langem Stoß aus dem Geäst eines Bergahorns. Mit dem schönen Vogelbalg wollte er Eva eine besondere Freude machen.

Als er unterhalb des Felsens auf der kleinen Insel dahinging, fiel ihm der glitzernde feine Sand auf, der, soweit das Wasser spülte, die Landzunge säumte. Er betrachtete ihn genau und sah darin winzige Blättchen schimmern.

Wozu die wohl gut sein mochten, und woher sie kamen?

Ein kantiges Steinstück, auf das er getreten war, gab ihm Auskunft.

Die weißen, glitzernden Blättchen staken ja auch im Stein. Er betrachtete ihn näher: Das war ein Gemenge von wasserhellen und gelblichen Hartsteinen und Glimmerblättchen. Er hatte ein Bruchstück sehr feinkörnigen Granits vor sich.

Die frischen Verwitterungsabbrüche am Sonnsteinfels zeigten die gleiche Zusammensetzung.

Peter betastete die glitzernden Bruchflächen. Unter seinen Füßen zerbrachen klirrend abgesplitterte Steinplättchen. Da bückte er sich und hob einige der größeren auf.

Sie waren dünn, ihre Flächen hartkörnig – die waren ja brauchbar zum Abschleifen von Holz und Knochen! Auf allen vieren kriechend, musterte Peter die Bruchsteine. Herrliche Keile gab es darunter, zum Wurzelgraben verwendbar, so wie sie dalagen, andere brauchten höchstens einige Zurichtschläge!

Am Ufer des rechten Bacharmes machte er eine andere Entdeckung. Zahlreich waren hier paarweise, dreieckige Grübchen im feinen Wellsand eingedrückt, deren Spitzen nah beisammenstanden. Spuren waren es, Wildspuren, schmäler und zarter als die von der Salzwand. Die konnten nur von Rehen herrühren. Also hatte das Rehwild hier eine Tränke. Peters Jagdeifer erwachte. Leise setzte er seinen Weg fort, von Busch zu Busch, immer auf Deckung bedacht, nach allen Seiten spähend. Es verdroß ihn, daß er es morgens unterlassen hatte, seine Haut mit Lehm zu bestreichen. Er wollte das nachholen. Das Wild hatte ihn gewiß längst eräugt.

Jetzt hob sich der Grund zu einer mit üppigen Kräutern bestandenen Erdwelle; der nur wenig sichtbare Boden war nicht mehr schotterig, sondern bestand aus feuchtem, fettigem, oben völlig wassersattem, blaugrauem Ton. Mit dem bestrich er sich den Leib, soweit dieser nicht von Fellen bedeckt war. Den tonigen Wall emporsteigend, gelangte Peter zu den silbrigen Weiden am Rande des Sumpfes, dessen zahlreiche Wasserspiegel gut zwei Mannslängen hoch über der Talsohle lagen.

Vor ihm dehnte sich hochgelegenes Moorland, das in Schilf und Busch überging. Rechts davon stieg eine breite Halde sanft zur dreifarbigen Felswand an, die er von der Salzlehne aus gesehen hatte.

Auf einem der nächsten Weidenbäume im Moor erspähte Peter ein unförmiges Nest aus vielen durcheinanderliegenden Zweigen. Er wollte ganz herankommen, doch im weichen, moosigen Wiesengrund sanken seine Füße ein. Die Spuren füllten sich sofort mit bräunlichem, trübem Wasser. Je weiter er ging, desto nachgiebiger wurde der moosige Grund. Peter war auf schwingendem Moorboden.

Um nicht einzusinken, legte er sich flach ins Gras und kroch auf Knien und Ellbogen vorwärts. Dabei scheuchte er unversehens zwei langschnäbelige Brachvögel auf, die sich schneller davonmachten, als er den Pfeil auf den Bogen legen konnte.

Die abfliegenden Vögel stießen ihr warnendes »Krii« so grell aus, daß sich im nächsten Augenblick eine Schar anderer Vögel aus dem Sumpfe hob, darunter Reiher und ein Flug Wildenten.

Der zu spät aufgelegte Pfeil verletzte den linken Flügel einer Ente, sie fiel ins Gras. Aber trotzdem suchte sie sich watschelnd und laut schreiend durch eilige Flucht zu retten.

Das war nun ein Wettlaufen auf dem schwankenden Boden! Peter, der sich beim Schuß ein wenig aufgerichtet hatte und dabei fußtief eingesunken war, wagte nicht, sich wieder zu erheben; auf Händen und Knien kriechend, folgte er seiner Beute und hatte sie beinahe eingeholt, als der verwundete Vogel sich plötzlich in einen klaren Tümpel fallen ließ, dessen Wasserspiegel vor den Augen des Jägers durch Schwertlilien verdeckt gewesen war.

Blitzschnell tauchte die Ente unter das Wasser. Und Peter, der durch die klare Flut jede ihrer Bewegungen beobachten konnte, lauerte mit gespanntem Bogen auf ihr Emportauchen. Sein zweiter Pfeil traf den Kopf des Vogels und blieb darin stecken. Leblos trieb die Ente auf der Wasserfläche. Schon wollte sich der Jäger nach einem Gegenstand umsehen, die kostbare Beute herzuholen, als er wahrnahm, daß eine stetige Strömung die Ente ans Ufer trieb. Vorsichtig kroch er der Stelle zu, wo sie ankommen mußte.

Während er geduldig wartete, bis der Vogel angetrieben wurde, durchforschten seine Augen den Tümpel. Dunkelbraungrüne, rotgefleckte Forellen schwammen auf einer Seite unter der Torfdecke hervor, durchquerten das klare Wasser und verschwanden auf der anderen Seite in schwarzer, unterirdischer Finsternis.

Endlich konnte Peter den Vogel packen. Zwei aufgekräuselte Bürzelfedern kennzeichneten ihn als Enterich.

Den Weiden folgend, kam Peter zum Schilfbestand des oberen Moorrandes. Er näherte sich dem gegen die Südwände ansteigenden Hinterland. Der Boden wurde allmählich fester, und der Bub konnte wieder aufrecht gehen. Jetzt war auch der Bach, der das Moor unter der Torfdecke durchfloß, zwischen den Weiden frei sichtbar, und Peter folgte ihm am linken Ufer stromauf.

Zu den Weiden gesellten sich Erlen, Haseln, Weißdorne und Birken. Auf dem sanft ansteigenden lehmigen Gelände stellte sich erst spärlich, allmählich aber dichter werdend, der Laubwald ein.

Peter suchte nach den Kastanienbäumen, wurde aber durch gestürzte, wirr bewachsene Baumleichen behindert. Ohne es zu wollen, kehrte er im Bogen wieder zum Bach zurück. Er hätte seine Nachforschung rechts zur Südwand hin wieder aufgenommen, wenn da nicht ein umgefallener Erlenstamm quer über den Bach geführt hätte, eine natürliche Brücke. Peter betrachtete zuerst das Wurzelgewirr der Erle, wie es aus dem unterwaschenen und dann niedergegangenen Ufer emporstarrte. Dann drängte er sich durch und betrat den Stegbaum, der sich unter seiner Last nur wenig senkte. Und weil der neue Weg sich als gangbar erwies, so schritt Peter auf ihm über das still ziehende, kaum knietiefe Wasser, in dessen flutenden, dunkelgrünen Fadenalgen Jungfische spielten, dem anderen Ufer zu.

Bewundernd sah Peter die neue Welt ringsum drüben, jenseits des Baches, den Laubwald und hüben das grünende Moor, zwischen dessen Weiden, Erlen und Birken die runden Wassertümpel als »Mooraugen« flimmerten.

Weit jenseits des Urwaldes mochte Eva in der Lichtluke ihrer Höhle stehen und warten. Sie sah ja, daß ihre Seite des Sonnsteins schon im Schatten lag; die Mittagszeit war vorüber.

Er durfte nicht länger säumen. Für diesmal gab er es auf, den Standort der Kastanienbäume im Laubwald zu suchen. Er hielt quer über das Steinfeld auf den Sonnstein zu und eilte dann auf dem Erntepfad heimwärts.

Tief stand die Nachmittagssonne über den Klammwänden und leuchtete grell ins Innere der Höhlen.

Peter, der geglaubt hatte, Eva werde ihn von ihrem Guckloch aus begrüßen, hatte sich getäuscht. Auf ihrem Lager fand er sie ausgestreckt, die Ellbogen im Laub und das Gesicht in den Handflächen. Sie weinte. Auf seinen Gruß gab sie keine Antwort. Diesmal brauste er nicht auf. Er ahnte, welche Angst er ihr durch sein langes Ausbleiben verursacht hatte.

Stumm legte er seine Beute vor ihr aufs Laub und setzte ihr die mitgebrachten Brombeeren und Kornelkirschen auf einer Steinplatte vor.

Er merkte wohl, daß sie neugierig durch die Finger blinzelte, und so begann er denn erst ruhig, dann lebhaft von seiner Wanderung zu erzählen.

Und als er erst noch beteuerte, wie eilig er heimgekehrt sei, da faßte sie seine Hand: »Morgen nimmst mich mit zum Moorbach, gelt? Und morgen ist Sonntag, da gehen wir auch zur Großmutter!«

»Gern«, stimmte Peter zu,»und wir erzählen ihr alles.«

Verschwunden war die Angst, verschwunden waren Trotz und Groll. Während Eva die mitgebrachten Beeren verzehrte, erzählte sie, was sie erlebt hatte: Eine Katze, eine richtige graue Katze hatte sie gesehen; die hatte sich am hellichten Tage vom Köderplatz die ausgelegten Überreste des Steinhuhns geholt. Keck war sie aus dem Walde gekommen, und keck war sie mit der Beute fortgetrabt, als hätte sie gewußt, daß der Jäger ausgegangen war.

Die Nachricht verblüffte Peter. Eine Katze? Nein, das glaubte er nicht. Immerhin freute er sich, daß das Raubzeug sich an den Köderplatz gewöhnte. Das gab gute Aussicht auf brauchbare Bälge.

Während Eva erzählte, häutete Peter Enterich und Elster ab. Das Fleisch der Vögel bereitete ihnen wenig Genuß, die Elster war zähe, und das von Fett durchzogene Fleisch des Enterichs schmeckte widerlich. Mehr Freude hatten sie am prächtigen Gefieder. Die blauen Spiegelfedern und das grünschillernde Halsgefieder des Enterichs bekam Eva, die geringelten Bürzelfedern aber befestigte Peter an seinem Stirnband, als Andenken an die glückliche Jagd über der drohenden Tiefe des Moores.

Den Elsterbalg spannte er über einen Reifen, sagte aber nicht wozu; das sollte eine Überraschung werden für Eva.

Als Peter seinen Gürtel ablegte, entdeckte er, daß die Eichhornbälge, die als Werkzeugtaschen daran hingen, durch die anhaftenden Salzreste geschmeidig geworden waren, ohne den Geruch feuchter Felle zu haben. Da sie aber auch glitschig waren, rieb er sie mit trockenem Lehmstaub ein. Vor dem Einschlafen nahm er sich vor, von jetzt an alle frischen Bälge auf der Fleischseite zu salzen und dick mit Lehmstaub zu bestreuen.

Wild im Steinschlag

Am nächsten Morgen wachten sie früh auf und sahen hinaus: Es regnete, und es regnete fort, stetig und reichlich.

Tagelang eingeregnet in den Höhlen!

Anfangs ertrugen sie ihre Gefangenschaft tapfer. Einmütig arbeiteten sie an einem Tragkorb, der, größer und fester als der erste, Peter dienen sollte und auf seinen Wunsch zwei seitlich angebrachte Henkel erhielt, damit er ihn auf dem Rücken tragen konnte. Sooft der Regen ein wenig nachließ, suchten sie sich draußen ihre kargen Mahlzeiten. Trotz der Arbeit war die Eßlust der beiden nicht groß. Beeren und Wurzeln schmeckten ihnen nicht mehr. Die Körperkräfte ließen nach, Niedergeschlagenheit stellte sich ein, sie wurden ganz mutlos. In dieser gedrückten Stimmung fiel ihnen vieles Unangenehme auf, das sie bisher nicht beachtet hatten. Ihre Haare, nur mit den Fingern gekämmt, waren wirr, die Kleider vom Herumstreifen durch dornige Stauden zerrissen; Peters Hemd hatte Löcher an den Ellbogen und einen Riß an der Schulter. Sie brauchten warme Kleidung, ehe der harte Winter kam. Das waren ernste Sorgen.

Peter lag mit offenen Augen und starrte durch die Dämmerung zur verräucherten Decke seiner Höhle empor. Da hörte er plötzlich ein donnerartiges Getöse, als ob Steinmassen stürzten. Hatte nicht der Boden unter ihnen gezittert? Lauschend setzte er sich auf. Und noch einmal donnerte es; schweres Poltern folgte, klatschendes Aufschlagen von Felstrümmern, Prasseln von springenden Steinen. Peter fühlte sein Herz klopfen bis herauf zum Hals. – Stürzte die Höhle über ihnen zusammen? Er wunderte sich, daß nach dem Lärm eine Stille eintrat, in der sein scharfes Ohr vom Walde her das Knistern niedergetretener Reiser vernahm: Wild, das vor dem Getöse des Steinschlages flüchtete. Das also war der Schrecken des Heimlichen Grunds.

Peter sprang von seinem Lager auf. Das mußte er sehen. Was der Regen oben an Gestein locker gemacht hatte, das lag unten, und mehr kam jetzt an der gleichen Stelle gewiß nicht herab. Ohne sich von Eva zu verabschieden, griff er nach dem Tragkorb und tat seinen Fauststein und ein Steinmesser hinein. Hastig brach er auf; er wollte zurück sein, ehe Eva aufstand.

Dort rechts an der Felswand, wo mittags die Sonne grell hinbrannte, mußte es gewesen sein! Mit ein paar Sätzen war er im Wald, watete durch den regenfeuchten Modergrund und kletterte über morsche, gestürzte Baumriesen. Der Regen hatte nachgelassen, war in ein stilles Rieseln übergegangen, bei dem es Peter zu frösteln begann.

Beim Anblick einer hohlen Buche kam ihm ein Gedanke. Wie wär’s, wenn er da sein durchnäßtes Gewand versteckte, statt es auf dem Leibe zu lassen und es beim Kriechen durchs Strauchwerk noch mehr zu zerfetzen? Kaum hatte er sich der nassen Kleidung entledigt, hörte das Frösteln auf. An einem Stock wollte er Hemd und Hose in die Baumhöhlung hängen.

Plötzlich hörte er im Baum ein Knistern und Summen; rasch entschlossen stieß er den Stock höher in den hohlen Stamm hinein. Da fielen schwere, gelbbraune Waben herunter, auf denen graubepelzte Bienen herumkrochen, starr von der Regenkühle. Peter schaffte die Waben ins nasse Gras des Waldbodens und kehrte die Bienen mit einem Tannenzweig ab. Die honigschweren Waben tat er in seinen Korb. In eine aber biß er, vom Duft verlockt, hinein. Ob Honig oder Larven in den Zellen waren – er aß darauf los. Das ausgesaugte Wachs aber ballte er zu einer Kugel zusammen und tat es auch in den Korb. Wer weiß, wozu es taugen mochte.

Die Bangigkeit, die sich Peters bemächtigt hatte, während er durch die versumpfte Niederung des Urwaldes gedrungen war, wich beherzter Zuversicht, als er in den Eichenbestand des oberen Waldes kam, durch dessen Blätterdach das erste Sonnenlicht sickerte. Ohne sich lange aufzuhalten, hob er da und dort einen genießbaren Pilz vom Boden auf, tat ihn in den Korb und ging weiter. Da bemerkte er Wildspuren und Losung, die er nicht kannte. Sein lauschendes Ohr vernahm wieder das Knistern niedergetretener Reiser. Vom Stamm einer Eiche gedeckt, spähte er nach vorn. Dort – kaum einen Steinwurf weit sah er eine Wildsau mit acht Frischlingen. Das graue Borstenkleid des mächtigen Tieres hob sich glänzend vom braunen Waldboden ab, während die Frischlinge mit ihrem rötlichen, gelbweiß gestreiften Jugendkleid sich so fremd ausnahmen, als gehörten sie nicht in die düstere Umgebung. Peter stand regungslos vor Schreck und Verwunderung. Was er einst vom Ähnl über die Wildheit der Muttertiere bei der Verteidigung ihrer Jungen gehört hatte, ließ ihn um sein Leben zittern. Schleichend wollte er in weitem Bogen um die Tiere herumkommen. Trotz aller Vorsicht trat er immer wieder auf dürre Zweige, dessen Knacken durch die Stille hallte. Die Wildsau hob den mächtigen Kopf, glotzte mit ihren auffallend kleinen Augen sekundenlang das sonderbare Wesen an, das sich zaghaft davonbewegte, und wühlte dann, behaglich schmatzend, weiter im Morast.

Langsam und nicht ohne Beklemmung arbeitete sich Peter durch das Buschwerk des Waldsaumes. Sträucher waren vom Steinfall geknickt und starke Bäume in geringer Höhe über dem Boden scharf abgeschnitten. Die Halde an der Felswand zeigte kein Grün außer den zerbrochenen Knieföhren, die mit wirrem Wurzelwerk unter und zwischen niedergegangenen Steinplatten und -blöcken herumlagen, halbbedeckt von kopfgroßen Stücken Kalksteins, die gegen die Wand zu in feinen Bruchsand übergingen. Peter stolperte zwischen den Steintrümmern umher.

Da! – Das Herz stand ihm still.

Ein Ziegenfuß ragte aus dem Schutt. Aber die Hufe waren stärker, die Beine dicker als die einer gewöhnlichen Ziege, auch fiel ihm die hellbraune Behaarung der Innenseite auf.

Sogleich machte er sich ans Ausgraben. Alles um sich her vergessend, fing er an, die Steine abzutragen; bald hatte er das Bein bloßgelegt; rastlos arbeitete er weiter, bis er so weit war, daß er das Bein fassen und daran zerren konnte. Wie verankert lag der Vorderkörper im Gestein. Es galt nun, den verklemmten Kopf mit dem Gehörn freizulegen.

Peters Hände waren zerschrammt, stellenweise quoll neben den Nägeln das Blut heraus, aber er ließ nicht nach.

Endlich lag vor Peters Augen ein Horn frei. Noch nie hatte er dergleichen gesehen. Armdick, schön gebogen und länger als sein ausgestreckter Arm, mit starken Querwülsten – ein prächtiges Gebilde. Jetzt faßte er es an und hob damit auch den Kopf mit dem zweiten Horn aus dem Geröll. Der schwarze Kinnbart des Tieres war viel kleiner als der eines gewöhnlichen Ziegenbocks – Peter hatte einen alten Steinbock vor sich! Was nun? Ausweiden und abhäuten! Nur blitzartig durchzuckte ihn der Gedanke, die gute Eva könnte sich um ihn bangen, wenn er so lange ausblieb. Aber das braune, dichte Fell des Tieres wollte er nicht im Stich lassen. Er dachte an den Winter. Schon kniete er und begann mit dem Steinmesser die Haut an der Brustseite aufzuschneiden. Schwer kam er durch. Auch das Auslösen ging nicht leicht. Oft mußte Peter mit einem scharfkantigen Stein nachhelfen. Das Abhäuten dauerte viel, viel länger, als Peter gedacht hatte. Und jetzt stand die Sonne schon hoch.

Um schneller fortzukommen, entschloß er sich, den Schädel einstweilen in der Haut zu lassen, den Rumpf aber herauszulösen und ihn den Raubtieren zu opfern. Das Fleisch des alten Bockes war ja zu zähe. Beim Durchtrennen der Gelenke und der Wirbelsäule erwies sich Peters Fauststein als ein sehr brauchbares Hack- und Schneidewerkzeug.

Endlich konnte er den schweren Rumpf herauswälzen.

Aber ganz sollten ihn die Geier und Füchse nicht haben! Das Herz des starken Tieres wollte Peter essen, um seine Kraft in sich aufzunehmen. Und das Gedärm wollte er auch nicht verderben lassen. Er packte es zwischen Klettenblätter, Reisig und Waldreben. Dann tat er es samt Lunge und Leber in seinen Buckelkorb unter die Honigwaben.

Besser als die zähen Herzmuskeln schmeckten ihm zu einigen Bärenlauchblättern die Klumpen geronnenen Blutes aus den Herzkammern. Wunderbar gekräftigt erhob er sich, nahm den Korb auf den Rücken und schleifte die Bockshaut an den Hörnern quer durch den Wald. Der Regen hatte aufgehört. Durch die Baumkronen sickerte das Sonnenlicht auf den spärlich bewachsenen Boden. Die Augen auf die Spuren gerichtet, die er beim Herweg in den Moder getreten hatte, drang Peter tiefer in den Wald ein. Glücklich kam er bei der hohlen Buche an, wo seine Kleider hingen. Er fand sie umwimmelt von aufgeregten Bienen, die, unter der Sonnenwärme wieder beweglich geworden, eifrig damit beschäftigt waren, von den herumliegenden Bruchstücken ihrer Waben den Honig aufzunehmen.

Beim ersten Versuch, seine Kleider zu fassen, schrie Peter vor Schmerz auf. Einige der gereizten Wildbienen hatten ihm ihre Giftstacheln in die Haut gebohrt. Und jetzt erhob sich der Schwarm.

Entsetzt wich der Junge zurück, nahm Korb und Gehörn auf und rannte, das Fell nachschleifend, über gestürzte Bäume und üppige Farnkräuter davon. Sein nackter Körper bot den Verfolgern zuviel Angriffsflächen. Aufschreiend vor Schmerz, sooft ein neuer Stich ihn traf, suchte er nach einem Versteck. Neben einem Regentümpel, der eine seichte Senke des aufgeweichten Waldbodens füllte, warf er den Korb von der Schulter. Hier wollte er Linderung finden. Da versank er bis über die Hüften im Schlamm, kauerte sich vollends nieder und schleuderte den wütenden Bienen mit den Händen Wasser entgegen. Das half. Sie zogen sich zurück. Er fühlte, wie unter der Wirkung des kühlen Erdbreies der Schmerz nachließ.

Ein wohliges Gefühl ließ ihn eine geraume Zeit im Schlammbad bleiben. Jetzt erst kam ihm zu Bewußtsein, daß die Bockshaut sein erstes selbsterworbenes Gewand werden könnte. Die zerfetzten Kleider hätten ja ohnehin nicht mehr lange gehalten, und er hatte keine Lust, sie aus dem Bereich der wilden Bienen zu holen. Mit Hilfe eines Schneidsteins löste er mühsam den Schädel aus dem Fell, das er sich als Schutz um den Leib wand. Dann stapfte er quer durch den Wald den Wohnhöhlen zu.

Als er nur noch wenige Schritte davon entfernt war, überlegte er sich, wie er Eva überraschen wollte. Leise trat er aus dem Wald. Jedem dürren Zweig aus dem Wege gehend, näherte er sich der Felswand. Vorsichtig brachte er den Bocksschädel in seine Höhle, legte ihn möglichst wirkungsvoll ins Licht, stellte den Korb mit den Waben dazu, und dann rief er, zappelnd vor Vorfreude: »Everl, Everl, komm herunter!«

Keine Antwort. »Schlafhauben, wach auf! Ich hab‘ was mitgebracht!«

Nichts regte sich.

Beunruhigt stieg er hinauf. Eva war nicht zu sehen. Er durchwühlte das Laub ihres Lagers. Das war kühl, sie mußte schon lange fort sein. Er drückte sich in den dunklen Felsspalt, der ins Innere des Berges führte, und mit einer vor Angst und Zorn überschnappenden Stimme rief er wieder: »Everl, Everl!«

Plötzlich durchfuhr ihn der Gedanke: Peter, du bist dumm! – Sie ist draußen und sucht dich!

Hastig warf er das Gedärm des Bocks aus dem Korb, tat dann zu Lunge, Leber und Honigwaben eine Handvoll Gundelkraut, Bärenlauch, Wurzeln, Schneidstein und Rehkrickel. Den Fauststein in der Rechten, kletterte er den Steigbaum hinab. Dann durchstreifte er den Wald kreuz und quer und ließ erst fragend, dann ungeduldig und zornig seinen Ruf ertönen: »Eva! Eva!« Scheue Spechte schwirrten auf, Krähen und Eichelhäher verließen krächzend und ratschend ihre Nester in den Baumwipfeln, aber von Eva kam keine Antwort.

Peter wandte sich dem Bache zu, durchwatete ihn, brach durch das Buschwerk und suchte, beständig rufend, den Hang ab, wo er mit ihr Heidelbeeren gepflückt hatte. Noch immer keine Antwort! Wenn sie einem Bären zum Opfer gefallen wäre? Schaudernd schloß er die Augen. Im nächsten Augenblick suchte er sich einzureden, es gebe überhaupt keine Bären mehr im Heimlichen Grund, sie seien den Steinschlägen erlegen. Eva sei wahrscheinlich ermüdet irgendwo eingeschlafen – vielleicht unterm Felsendach, am Grab der Großmutter; ja, dort, dort war sie am ehesten.

Schon vom Sonnstein aus merkte Peter, daß am Grab der Ahnl etwas Ungewöhnliches vorging. Eine Krähenschar hielt die Birken und Föhren oberhalb des Grabes besetzt. Krächzend erhoben sich die Vögel und ließen sich sofort wieder nieder. Beim Näherkommen gewahrte Peter einen riesigen Raubvogel, der vom Felsendach über dem Grab abstrich und sich dann in trägem Fluge zum Steinfeld senkte, und da war noch einer und ein dritter. Wie angewurzelt blieb Peter stehen. Was wollten die Geier dort?

Peter ließ den Fauststein in den Korb gleiten und sammelte kniend Steine auf, die er mit der Linken an die Brust preßte; einen faustgroßen Kiesel nahm er in die Rechte. So schlich er sich an, von Busch zu Busch, immer in Deckung.

Da hörte er einen durchdringenden Schrei: »Peter! Peter!« Aber er hütete sich, Antwort zu geben. Näher schlich er; Eva stand neben dem Grab und schleuderte einen Stein. Der Geier, dem der Wurf gegolten hatte, trippelte nur ein paar Schritte weiter weg und schob den Kopf auf dem langen Halse einigemal vor und zurück, zog ihn dann bis zur Halskrause ein und verharrte ruhig abwartend wie seine beiden Genossen. Geier haben Zeit.

Peter war kaum zehn Schritte von dem nächsten entfernt. Jetzt konnte er den Wurf wagen. Weit holte er aus, der Stein traf den Hinterkopf des Raubvogels. Aufschreiend warf sich der Geier rücklings auf den Boden, drehte sich flügelschlagend um sich selbst, hackte mit dem Schnabel in die Luft und griff mit den gewaltigen Fängen ins Leere. Mit schweren Schwingenschlägen erhoben sich die beiden anderen und flogen den Klammwänden zu.

Peter schleuderte noch einen kopfgroßen Stein auf die Brust des Getroffenen. Ein Zittern ging durch die mächtigen Schwingen, dann lagen sie regungslos, die Fänge krampften sich zusammen, und der Kopf sank zu Boden.

Jetzt trat Peter an Eva heran. Schluchzend fiel sie ihm um den Hals, und stoßweise brachte sie die Worte hervor: »Peter, geh nie mehr fort von mir! Tu mir das nimmer an!« Sie hielt und drückte ihn, daß ihm schier der Atem verging. Mit beiden Händen hielt er ihren Kopf umfaßt, und große Tränen flossen über seine Wangen.

Ihre Arme sanken schlaff herab. Peter trat an das Grab der Ahnl. Die hageren Hände mit den zerdrückten und verwelkten Blumen waren bloßgelegt. Das hatten Füchse getan, und sie waren offenbar von den Geiern überrascht worden. Eva erzählte nun: »Mir war zum Sterben angst, weil ich dich nicht hab‘ rufen können. Ich wollt‘ beten gehen, zum Grab.«

»Everl, wir müssen die Großmutter besser begraben, jetzt gleich. Lauter große Steine müssen aufs Grab. Hilfst mir?« Damit faßte Peter die nächstliegende Steinplatte und löste sie mit kräftigem Ruck aus dem moosigen Grund.

Eva half schleppen. Ihre vor Verwunderung weiten Augen musterten sein Fellkleid, aber noch fragte sie nicht, wie er dazu gekommen sei.

Sie trugen Steine herbei, so groß wie sie sie schleppen konnten, und Peter legte Stein neben Stein. Dann streuten sie Sand, Erde und Laub darüber, und zum Schluß deckten sie Moospolster über die Ruhestätte. Nach getaner Arbeit stiegen sie zum Bach, um sich die Erde von den Händen und die Tränen von den Wangen zu waschen.

»Everl«, fragte der Bub plötzlich, »hast Hunger?«

»Ich hab‘ heut noch nix ‚gessen, gar nix«, war die Antwort.

Da führte er sie zum Korb, nahm ihn auf und stieg voraus, die Grablehne empor. Oben ließen sie sich nieder, und Peter teilte auf Lattichblättern ihr und sich das Mahl zu, Lunge und Leber vom Bock, dazu Bärenlauch und Wurzeln. Beide aßen heißhungrig. Als Nachspeise verzehrten sie Honig mit Bienenlarven. Den Rest von Lunge und Leber warf Peter weg, er hätte sich doch nicht gehalten. Eine Handvoll herber Heidelbeeren mundete köstlich nach der sonderbaren Mahlzeit. Jetzt erst erzählte Peter von seinem Beuteglück und von den Bienen.

Noch waren seine Arme von den Stichen verschwollen, wenn auch das Schlammbad die Schmerzen genommen hatte.

Den erlegten Raubvogel in der Linken, Evas Hand in der Rechten, so schritt Peter am Ende des ereignisreichen Tages dem Heim zu, und dort erst freute er sich richtig, als Eva staunend das mächtige Gehörn des Steinbocks hin und her wendete.

Peter zieht hinaus und Eva schafft zu Haus

Peters Schlaf wurde in den Morgenstunden unruhig. Im Traum war er in schwindelnde Höhen hinaufgestiegen, wo Steinböcke grasten. Mit einem erlegten Bock war er abgestürzt. Als ein Geier mit vorgestreckten Fängen auf ihn niederstieß, schrie Peter auf und – erwachte. Neben ihm lagen das stinkende Fell und der Schädel des Steinbockes, nicht weit davon der ausgebalgte Geier. Von den üblen Gerüchen war der böse Traum gekommen.

Er mußte etwas tun, um den Bälgen den üblen Geruch zu nehmen. So stieg er hinunter zum Bach, wusch sich, holte einen Hartsteinsplitter, schabte von den Häuten alles anhaftende Fett und rieb die Bälge auf der Innenfläche mit nassem Lehm ein; die Erde sollte den argen Geruch in sich aufnehmen. Dann nahm er den Schädel des Bocks wieder vor. Er löste die Zunge heraus, wusch sie im Bach und schlitzte sie mit seinem Steinmesser der Länge nach vielfach auf. Dann stach er Lauchzwiebeln aus, pflückte ein Büschel blühenden Gundelkrauts, würzte damit die Zunge und wickelte sie in ein Klettenblatt. Das Fleisch von Kiefer und Schädeldecke loszuschaben, gelang ihm nicht, so daß er es den Ameisen, Wespen und Schmeißfliegen überließ. Die abgelösten Fleischfetzen legte er als Köder für Wildzeug auf einen Stein, den er von der Höhle aus sehen konnte. Vielleicht fand sich ein Fuchs oder ein Rabe auf dem Köderplatz ein.

Dann trieb er einen Holzstab, den er mit Hilfe eines Schneidkeils angespitzt hatte, schräg in eine Felsritze über den Eingang seiner Höhle und steckte den Schädel des Steinbocks darauf. In den Geierbalg führte er kreuzweise zwei Spannstäbe ein, stopfte ihn mit Moos und Wacholderreisig aus und machte ihn neben dem Steinbockschädel fest. Der Harzduft mochte das Ungeziefer fernhalten.

Auch Eva hatte schlecht geträumt.

Er führte sie zur Lichtluke. »Schau, Everl, heut wird’s schön. Der Sonnstein schaut schon licht herüber; die Klammwänd‘ und die Firne leuchten rot. Komm zum Bach!« Das Waschen im kalten Bachwasser machte sie munter und froh. Unterwegs zur Höhle mühte sich Eva, mit den Fingern ihr wirres Haar zu ordnen, und Peter zeigte ihr stolz den Schmuck über dem Höhlenzugang.

»Jetzt essen wir aber!« Die zähe Bockszunge war mit harter Haut bedeckt und trotz aller Würze ungenießbar. Enttäuscht gingen sie an eine Arbeit, die recht unangenehm war, die aber nicht aufgeschoben werden durfte.

Die Gedärme des Bocks mußten gereinigt werden. Peter wußte von früher her, wie er das anzupacken hatte. Erst wurde es zwischen Holz und Stein vom anhaftenden Fett freigeschabt, an einem Ende vorgestülpt und unter dem Druck des einströmenden Bachwassers das Innere nach außen gekehrt, so daß sich der Darminhalt in den Bach entleerte. Dann wurde es mit einem Schabholz von den Schleimhäuten befreit und gewaschen und schließlich noch durch die Hand gezogen und die eingedrungene Luft hinausgedrückt.

Am Gedärm des Eichhörnchens, das lose vor der Höhle hing, hatte Peter die Erfahrung gemacht, daß es beim Trocknen zu einem hornigen Klumpen eingeschrumpft war. Deshalb verwandelte er das Bocksgedärm durch Drehen in eine Art Saite, die er dann zum Trocknen spannte.

Nun sah er sich nach etwas um, womit er sie glatt machen könnte. Er fand am Bachrande einen dazu tauglichen Oberschenkelknochen eines Rehes. Wo das Grübchen unterm Rollgelenk war, durchlochte er den Knochen mittels eines spitzen Hartsteinsplitters so, daß er das obere Ende der Saite durchfädeln konnte. Dann band er die Saite an einem Eschenbäumchen fest, drückte sie mit dem Daumen über das glatte Rollgelenk und setzte sich rückschreitend in Bewegung. So mußte die Saite durch das Loch im Knochen gleiten, wobei die Luftbläschen in ihrem schlaff herabhängenden Teile weitergetrieben wurden. Der neue Saitenglätter entließ die Saite wie rundgeschliffen und spannte sie gleichzeitig. Sie wurde länger. Seiner Erfindung froh, verwahrte Peter das gelungene Werkzeug nach Beendigung dieser Arbeit zu künftigem Gebrauch. Dann wickelte er die Saite so straff auf einen Stab, daß sich dieser bog. Das gab zwölf Mannslängen starken Bindfaden. Diesen kostbaren Vorrat trug er zur Höhle hinauf und hängte ihn ans obere Ende des Steigbaums.

Jetzt erinnerte sich Peter des Bocksrumpfes, den er an der Steinschlaglehne gelassen hatte. Ob dort das Raubzeug schon beim Fraße war?

Er schulterte seinen Korb, nahm den Faustkeil an sich und sagte Eva, daß er allein fortgehen wolle.

Sie wollte ihn nicht von sich lassen.

Da stellte er sich herrisch vor sie hin: »Das Jagen ist Männersach‘. Du wärst mir nur im Weg. Mach du zu Haus deine Arbeit.« Seine Stimme klang rauh.

»Ja, was denn?« wandte sie weinerlich ein.

»Ordentliche Körb‘ mit runden Böden.«

»Aus freier Hand geht’s nicht«, gab sie zurück.

»So, dann will ich dir eine Unterlag‘ bringen.« Und fort war er.

Durch einen Tränenschleier sah Eva ihm nach; so grob hatte er sie noch nie behandelt. Erbitterung überkam sie. Sie hörte, daß er mit wuchtigen Hieben irgendein Holz bearbeitete. Er blieb lange aus. Dann sah sie, wie er keuchend einen Baumstrunk heranwälzte, rührte sich aber nicht von der Stelle, um ihm zu helfen.

Als er mit dem unförmigen Ding vor der Höhle angelangt war und sich den Schweiß von der Stirn strich, tat er ihr wohl leid, aber sie rührte keine Hand. Da fuhr er sie an: »Steh nicht so da, der Werkstrunk muß ’nauf. Ich heb‘ ihn und du ziehst.«

Langsam und sperrig ließ sich die Last emporschieben. Endlich langten die beiden oben an. Peter, noch atemlos, bearbeitete schon den Lehmboden, um für die Wurzelstummel des Strunkes Vertiefungen auszuheben. Dann aber mußte er die splittrige, quer von Ameisengängen durchzogene Bruchfläche des Strunkes lange mit Schneid- und Schlagsteinen bearbeiten, bis sie nur halbwegs eben wurde. Zum Schluß holte er einen grobkörnigen Granitbrocken und raspelte damit die letzten Unebenheiten weg.

Dann rutschte er über die Felsrinne hinunter und holte Waldreben. Mit Fäustel und Steinmesser hackte und schnitt er die schmiegsamen, oft wirr ineinanderverflochtenen Ranken nahe über dem Boden ab, bis er einen schweren Bund beisammen hatte. Den schaffte er in die Höhle, kniete sich vor den Strunk und begann die Flechtarbeit, wie er sich’s ausgedacht hatte.

Eva reichte ihm neue Ranken zu, die er zur Verdichtung des Grundsterns als Zwischenstrahlen einlegte, dann über den Rand umknickte und unter einer Ranke durchzog, die als Reifen herumgelegt war, so daß die Gestalt des Korbes sich abzeichnete.

Jetzt legte Eva ihre Hände auf seine Rechte und hinderte ihn am Weiterarbeiten. »Laß gehen, das schaff‘ ich schon …«

Mit einem Schmunzeln überließ er ihr die Arbeit, tat Steinmesser und Krickel in den Spitzkorb und verließ die Höhle, den Faustkeil in der Rechten. Er stapfte der Steinschlaglehne zu und brannte vor Ungeduld, dort Füchse, Raben und Geier bei der Mahlzeit zu beschleichen. Vielleicht waren auch Bären da. Felle mußte er haben, ehe der Winter kam, zu Kleidern und Schlafdecken für sich und Eva!

Gut gedeckt hinter Haselschößlingen spähte Peter aufgeregt zwischen den vom Steinschlag verstümmelten Bäumen und geknicktem Buschwerk nach der Trümmerhalde. Er vernahm das heisere Krächzen streitender Raben und Nebelkrähen. Und dort an der Stelle, wo die Überreste des Bocks lagen, bewegte sich etwas Großes, Plumpes, Dunkelbraunes, ein rundlicher Fleck und noch einer. Unter Peters Fuß knackte ein dürres Reis. Da erhoben sich die braunen Körper: Zwei Bären standen da, zur vollen Höhe aufgerichtet. Die kurzohrigen, breitstirnigen, spitzschnäuzigen Köpfe mit den kleinen Augen herübergewandt, die Vorderpranken gesenkt, horchten sie. Peters Herz ging in raschen Schlägen; sollte er fliehen oder bleiben? Noch hatten die Bären ihn nicht gewittert. Doch jetzt schienen sich die Tiere beruhigt zu haben, sie ließen sich wieder einträchtig zum Fraße nieder. Peter schlich näher heran; er wollte die ganze Halde übersehen.

Da droben, nah an der Wand, wo der feine Geröllsand lag, gewahrte er fünf Füchse, zwei alte und drei halbwüchsige, die scharrend etwas freizulegen suchten. Es mochte ein im Steinschlag gestürztes Tier sein.

Wie stachen Peter die roten Fuchspelze in die Augen! Er schlich sich bis auf wenige Schritte heran.

Ein Wimmern, ein langgezogenes »Errr« ganz in seiner Nähe ließ ihn zusammenschrecken. Er neigte sich vor.

Da stand dicht vor ihm, harmlos äugend, ein Bärenjunges und schnupperte zu ihm herüber. Es war drollig in seiner Plumpheit; noch hatte es den weißlichen, halbmondförmigen Halsstreifen, den alle jungen Bären haben. Am liebsten hätte Peter es lebend eingefangen und heimgenommen. Aber eines der Alttiere schickte sich an, nach dem Jungen zu sehen. Leise zog sich der Jäger zurück. In großen Sätzen suchte er das Weite und wagte lange nicht, sich umzusehen. Aber die Bären folgten ihm nicht.

Je mehr er sich dem heimischen Waldrand näherte, um so zuversichtlicher schritt Peter dahin. Er dachte wieder an Eva und an das Essen, das er noch besorgen mußte.

Am Fuß einer alten Föhre sah er zwei schöne, nußbraune Steinpilze und daneben ein Nest von Eierpilzen. Nahe dabei standen zwei junge Schirmpilze und ein Satanspilz, dessen brauner Hut dem eines dunklen Herrenpilzes glich; aber der rotschimmernde, dunkel geäderte Strunk warnte Peter vor der Verwechslung. Dankbar dachte er an die Ahnl, die ihn gelehrt hatte, giftige Pilze von ungiftigen zu unterscheiden. Er hob die genießbaren aus und fädelte sie mit den Strünken an einen Buchenzweig. Jetzt noch einige Wurzeln, und für die nächste Mahlzeit war gesorgt.

Auf einem sumpfigen Rasenstreifen, in dessen Moos sich das Wasser staute, das von der Felswand sickerte, sah er Hunderte schlanker Wiesendisteln, deren rote Blütenköpfe auf den karg beblätterten Stengeln im Winde schwankten. Die kannte er gut. Mit beiden Händen faßte er die Stengel samt den bodenständigen Blattsternen und zog daran. Der kriechende Wurzelstock mit einem ganzen Nest fingerlanger, rübchenartiger Wurzeln löste sich aus dem Grund. Drei solche Stauden genügten. Zum Überfluß plünderte er noch einen Weißdornbusch, der eine Fülle halbreifer, hellroter Früchte trug.

Eva empfing ihn mit hellem Jubel: Einen rundbödigen Korb hielt sie ihm entgegen, bei dessen Flechten ihr das Rehkrickel als Vorstecher gedient hatte. Die abstehenden Enden hatte sie mit den Zähnen abgebissen. Auch einen zweiten Korb hatte sie schon begonnen.

»Das hast gut g’macht!« beeilte sich Peter zu loben, »einen für mich und einen für dich, so ist’s recht. Schau, die Mehlbeeren sind schon bald reif, und jetzt nach dem Regen gibt’s Pilzlinge, haufenweis‘. Da können wir heut noch anfangen mit dem Eintragen und Dörren für den Winter. – Weißt, wie zu Ahnls Zeiten. Es wird eine hungrige Zeit werden, mach dich darauf gefaßt, uns wird allerhand schmecken müssen.«

Obwohl es noch Vormittag war, fielen die beiden über die Wurzeln und Beeren her. Von den Pilzen genossen sie nur das Fleisch der Hüte, die Häute waren zu herb.

Regelmäßige Mahlzeiten gab es nicht; beide aßen, wenn der Hunger mahnte und wenn es etwas Genießbares gab. Kauend erzählte Peter, was er gesehen hatte. Er hielt sich beinahe an die Wahrheit; nur waren seine Bären von riesenhafter Größe, das machte seine Zurückhaltung begreiflich, oder nicht? In Evas Augen las er trotzdem Bewunderung.

Während er sich beim Erzählen alles vergegenwärtigte, tauchte in ihm die Frage auf, wie er seinen Arm verlängern könnte, um sein Stoßmesser dem Feind zwischen die Rippen zu bohren, ohne sich in den Bereich seiner Pranken zu begeben. Da kam ihm der schier selbstverständliche Gedanke, den Steindolch am Ende einer Stange zu befestigen. Er wählte eine halbdürre Jungfichte, schlug sie mühsam über den Wurzeln ab, säuberte sie von Astwerk und Wipfelzweigen und kehrte zur Höhle mit einem Speerschaft zurück, der anderthalbmal so lang war wie er selbst.

Und Eva, der die Flechtarbeit nun flink von der Hand ging, wurde mit ihrem zweiten Korb fertig, ehe es ihm gelungen war, den Speerschaft mit einem Sandstein zu glätten und zu spalten. Drei Steinkeile zersprangen, als er sie mit dem Fauststein einzutreiben versuchte. Erst als er mit einem Holzknüttel einen Hartsteinkeil ins Stämmchen trieb, gelang es ihm, das Holz zu spalten. Eva holte den Spannstab mit dem Bocksgedärm herbei, das die Bindung abgeben sollte.

Während Peter sich noch mühte, den Steindolch in den Spalt des Schaftes zu zwängen, zupfte sie spielend an den gespannten Saiten. Den Kopf vorgeneigt, lauschte sie den leisen, schnarrenden Tönen nach, die durch die Schwingungen der Darmsaiten entstanden.

Als Peter ein Stück Saite zum Festbinden seiner Lanzenspitze vom Spannstab gelöst und den Rest festgebunden hatte, nahm Eva ihr Spiel wieder auf, während er zum Bach eilte, um das Darmstück anzufeuchten und geschmeidiger zu machen. Vom Köderplatz wehte ihm der Gestank des Bockfleisches zu, und zwei Kolkraben flogen auf. Er nickte vergnügt vor sich hin: Der Köder zog das Raubwild an.

Auf Eva, die noch immer mit den Saiten des Spannbogens spielte, achtete er nicht. Sie hielt den Handteller gegen die schwingenden Saiten und freute sich, wie es dabei auf der Haut kitzelte. Dann versuchte sie, ob eine schwingende Saite ein Blatt oder einen Zweig fortzuschleudern vermöchte, und lachte hell auf, als eine Zweiggabel, die sie rittlings auf sämtliche Saiten gelegt hatte, beim Losschnellen auf Peter zuflog, der gerade herüberschaute.

Da sprang er auf: »Gib das Ding her! Ich bring’s weiter!«

Er packte den Bogen mit der Linken, legte einen fingerdicken Stab auf, umfaßte ihn über den zusammengedrückten Saiten mit Daumen und Zeigefinger seiner Rechten, zog, daß sich der Bogen krümmte, zielte auf den nächsten Baum und – ließ los. Der Stab flog zwar um Baum vorbei, drang aber jenseits des Zieles so tief ins dürre Laub ein, daß Peter eine Waffe erahnte, die die Kraft seines Armes in die Ferne tragen konnte.

Im Gebüsch suchte er sich die schönsten Gerten. Aber das grüne Holz war zu schwer, es flog in steilem Bogen abwärts und kam nicht weit. Dann fand er, daß die Geschosse besser in der Zielrichtung blieben, wenn sie vorn schwerer waren als hinten. Sofort spaltete er einen Holunderstengel und klemmte einen Steinsplitter in den Spalt. Jetzt behielt der Pfeil besser die Richtung zum Ziel.

Den Rest des Tages und die nächsten Tage war Peter zu keiner Arbeit zu haben. Besessen von seiner neuen Leidenschaft, übte er sich im Bogenschießen und überließ es Eva, das Essen zu beschaffen.

Er merkte, daß die Vielzahl der Saiten nur ein Hindernis war; eine einzige diente besser. Und er drehte sich eine Saite zurecht, die glatt und fehlerfrei war, und spannte sie an einen daumendicken Stab, länger als er selbst. Dennoch hatte er beim Zielen nach Eichhörnchen und anderem Kleinwild keinen Erfolg. Die Holzpfeile waren zu plump. Er mußte sich leichtere beschaffen, deren Wucht nur in der Steinspitze liegen sollte.

Und während Eva in der nächsten Umgebung der Höhle eifrig Pilze sammelte, strich Peter bachabwärts und suchte die Gebüsche nach abgestorbenen Schößlingen von Holunder und Schierling ab. Auf diesen Streifzügen kam er weit unterhalb des Sonnsteins an eine Stelle, wo ein zweiter Bach in den Klammbach mündete. Hier stand zu beiden Seiten des versickernden Wassers ein Schilfdickicht. Peter suchte sich einen fingerstarken, geraden Rohrhalm, schnitt ihn auf Armlänge zu und versah ihn am unteren Halmknoten mit einem Steinsplitter. Am oberen Knoten, wo er die Saite auflegen wollte, brachte er die Kerbe an und gewann so einen leichten Pfeil. Durch die Schwere der Steinspitze wich dieser Pfeil weit weniger von der Zielrichtung ab und flog auch schneller dahin, so daß es Peter nach einigen Versuchen gelang, am Köderplatz eine Nebelkrähe zu erlegen.

Nun machte sich der Glückliche, der aus einem Spielzeug Evas eine brauchbare Waffe geschaffen hatte, daran, einen großen Vorrat von Pfeilschäften anzulegen.

Auf dem Heimweg ersann er noch ein Verfahren, das Halmende, in dem die Steinspitze saß, vor dem Zersplittern zu bewahren. Er mischte Harz, Wachs und ein wenig Lehmstaub zu einem streichbaren Brei. Handwarm haftete er gut an Stein und Holz, erkaltet wurde er steinhart. Mit dieser Masse kittete er die Steinspitze im Schilfhalm ein, so daß sie unverrückbar fest war.

*

Eva beeilte sich unterdessen, Wintervorräte von Pilzen und Beeren anzulegen, die sie zerkleinerte und in der Sonne trocknete.

Das Fleisch der Nebelkrähe war zähe und ungenießbar; aber der Balg, in den Peter kreuzweise Spannstäbe eingezogen hatte, machte Eva viel Freude. Sobald sie genug Vogelbälge beisammen hatte, wollte sie sich daraus ein Kleid machen.

Die Aussicht auf Nahrungsvorräte und Kleidung für den Winter stimmte die Kinder froh.

Bildsteine und Nadeln

Die nächsten Tage und Wochen brachten viel Arbeit. Peter und Eva sammelten ein, was sie finden konnten. Er, der keinen Weg ohne Pfeil und Bogen machte, jagte Häher und Eichhörnchen, die jetzt, zur Zeit der Haselnußreife, leicht zur Beute fielen. Auf den Halden waren die Schwarzwurzeln bereits so weit gediehen, daß sich das Ausgraben dieses Wildgemüses lohnte; in Sand gelegt, blieb es lange genießbar. Die Brombeerstauden gaben jetzt, im Spätsommer, ausgiebige Ernte. Zu den Heidelbeeren, die nur noch auf höheren Lehnen reichlicher standen, kamen die Preiselbeeren. Während Eva beim Herumstreifen nebenbei Bergflachs für Bindfäden sammelte, schoß Peter eine Menge Waldtauben und Alpendohlen, die leichter zu beschleichen waren als Krähen. Er sammelte von Fichten und Föhren, deren Rinde er mit seinem Fäustel angeritzt hatte, das herausgetretene Harz, das er zum Schäften seiner Pfeilspitzen und Steinwerkzeuge brauchte.

Beim ersten länger dauernden Regen waren beide in der Höhle tüchtig an der Arbeit. Von der Ahnl her wußten sie, daß getrocknete Pilze und Beeren luftig aufbewahrt werden mußten; sie machten sich daran, unter den Höhlendecken Trockenböden einzurichten. Peter rammte armdicke Stämmchen in den Lehmboden, schmächtige Jungfichten, die im Schatten hoher Waldbäume nicht richtig gedeihen konnten. Er legte auf Astgabeln über Kopfhöhe Querhölzer, belegte sie mit Zweigen, dürren Tannenreisern und großen Blättern und verflocht sie mit Waldrebenranken. Der Baumstrunk, der Eva zum Korbflechten gedient hatte, erwies sich dabei als brauchbarer Hocker zum Draufsteigen.

Als die Vorräte auf den Trockenböden in beiden Höhlen ausgebreitet waren, benutzte Peter den Strunk als Werktisch, in dessen Ritzen sich die Hartsteine beim Herrichten neuer und beim Ausbessern der abgenutzten Steinwerkzeuge gut festmachen ließen. Peter, dem die scharfen Kanten der Steinwerkzeuge beim Festhalten während der Arbeit Handfläche und Finger blutig rissen, sann auf Abhilfe. Er nahm länglichrunde Bachkiesel und schlug damit – natürlich mit aller Vorsicht – die vorstehenden schneidenden Ränder dort ab, wo er das Werkzeug halten wollte. Trotzdem sprang mancher langkantige Stein in Stücke, die dann nur noch als Kratzer und Schaber brauchbar waren. Nun versuchte er, die abstehenden Kanten mit dem Schlagstein abzudrücken. Das gelang schon besser; allerdings sprang durch den Druck von Hartstein auf Hartstein mehr ab, als Peter lieb war. Erst als er den Druckstein durch ein Rehkrickel ersetzte, gingen feine Splitter ab.

Eva sammelte die Hartsteinabfälle, um sie als Bohrer oder Vorstecher beim Zusammenheften von Fellen zu benützen. Da sie aus freier Hand die Steinspitze nicht in das nachgiebige Fell treiben konnte, spannte sie es über den Werkstrunk, so daß es dem beim Stechen ausgeübten Druck nicht ausweichen konnte. In die so erhaltenen Löcher ließen sich die Fäden leicht einführen und zwei Fellränder aneinander binden.

An den Zweigstummeln der Trockenbodenstützen baumelten Kräuterbündel, Waffen und Gerätschaften. Zum Aufhängen der frischen Bälge hatte Peter in einen Winkel ein verdorrtes Fichtenstämmchen gestellt, dessen Astquirle auf halbe Armlänge verkürzt und dessen Wurzeln mit Steinen beschwert waren.

*

Es war nun recht wohnlich in den Höhlen, in denen es nach gedörrten Früchten, Pilzen und Würzkräutern roch, aber auch nach rohen Fellen. Die Kinder fühlten sich geborgen und sahen sorglos in den Regen hinaus. Eva nähte sich aus Vogelbälgen und Kleintierfellen einen Lendenschurz und einen Schultermantel. Was sie an Kleidern mitgebracht hatte, war ja beim Schlüpfen durch Dornen und Gestrüpp zerfetzt. Für Peter fertigte sie einen Gürtel an, den er über dem Lendenschurz tragen sollte. An dem Gürtel befestigte sie ungeschlitzte Eichhörnchenfelle, die als Taschen für Pfeile, Steinwerkzeuge, Grabkrickel und dergleichen dienen sollten.

So saßen die beiden, jeder für sich beschäftigt, im Schutze der Höhlen. Wenn sie Hunger hatten, aßen sie von den Vorräten und taten es unbesorgt, draußen war ja noch so viel. Plaudernd gingen sie die Ereignisse ihres neuen Lebens im Heimlichen Grund durch, und Peter, der das Erlebte irgendwie festhalten wollte, ergänzte seine Tagstriche an der Höhlenwand durch Merksteine. Das waren dünne Mergelplatten, auf deren glatten Flächen sich Zeichnungen einritzen ließen. Leicht war es nicht, den Jaspissplitter so zu führen, daß deutliche Umrisse entstanden. Unter dem kratzenden Griffel erschienen ganz einfache Abbilder der Gestalten, die Peter in seiner Seele schaute.

Er zeichnete das Begräbnis der Großmutter, das Auffinden des Steinbocks im Steinschlag, die Begegnung mit den Geiern, das erste Abenteuer mit den Bären, die Erfindung von Bogen und Pfeil; ihm und Eva blieb diese Niederschrift für immer lesbar.

Peters Arbeitsgerät wurde täglich reichhaltiger. Während ihm der auch von Eva benutzte Baumstrunk als Arbeitstisch diente, bot ein anderer eine Sitzgelegenheit. Auch Eva hatte einen Sitzblock bekommen und ein neues Arbeitstischchen. Ein viel gebrauchtes Steinmesser, Peters längstes, war nun recht schartig geworden. Schon wollte er es zu Pfeilspitzen verarbeiten, da fuhr er, angeregt durch die Zickzacklinie der gebrauchten Kante, prüfend mit dem Daumen darüber. Die Zacken ritzten die Haut! Dann mochten sie auch zum Ritzen von Holz taugen … in der Tat, es ging! Und so war ohne Peters Absicht aus dem Messer eine Art Säge geworden, mit der sich ein Stab rundherum so tief einkerben ließ, daß er an der Kerbe leicht abzubrechen war. Peter schäftete sie in einen Stab und befestigte sie mit Harz und Wachs. Zum Ankerben eines Baumes war die kleine Säge unbrauchbar. Dazu brauchte er eine größere. Um ein längeres Sägeblatt zu bekommen, zerschlug Peter einen großen Hornsteinknollen. Unter allen Splittern, die er erhielt, war nur einer spannenlang. Durch den muscheligen Bruch war ein haardünner Rand entstanden. Von diesem drückte Peter mit einem Rehkrickel so viele Kerben ab, daß eine grobe Zähnung zustande kam. Die Säge hatte einen breiten Rükken, so daß sie gut in der Hand lag.

Als wieder sonnige Tage kamen, waren bei den Erntegängen Pfeil und Bogen, Faustkeil und Steinsäge Peters ständige Begleiter. Eichhörnchen und Waldvögel fielen seiner geübten Hand zum Opfer. Ja, Peters Geschicklichkeit im Bogenschießen wurde so groß, daß er selbst Schlangen, die seinen Weg kreuzten und denen er sonst scheu ausgewichen war, mit sicherem Pfeilschuß traf.

Zwischen Eva und Peter hatte sich ganz von selbst eine weitgehende Arbeitsteilung ergeben. Er war der Erwerbende geworden, sie hielt Ordnung in den Wohnstätten und kümmerte sich um die Vorräte.

Aber er war nicht bloß Jäger, ihm fielen auch alle anstrengenden Arbeiten zu. Holzhauer war er und Steinarbeiter. Auf seinen Streifzügen stets zu Angriff und Verteidigung bereit, schärfte er sein Auge und war unablässig darauf bedacht, Dinge zu sammeln, deren Gestalt und Farbe ihm auffielen, obwohl er nicht immer sofort wußte, wozu sie taugen mochten. Zwischen ihm und den vielerlei Dingen – Steine, knorrige oder gerade Hölzer, Knochen oder Ranken – bestand eine innige Beziehung, die sich oft in Worten kundtat, mit denen er sie anredete.

Mißerfolge verstimmten ihn nicht lange. So war er von den Füchsen, denen er als Köder Fleisch hingelegt hatte, wiederholt genarrt worden. Den ganzen Tag hatte er am Köderplatz gelauert, und in der Nacht wurden die Köder weggeputzt! Und von den Füchsen war nur die Losung da.

Dennoch fuhr er unverdrossen fort, alle Fleischabfälle als Lockspeise auszulegen, immer an derselben Stelle, um das Raubwild an den Futterplatz zu gewöhnen. Ließ sich da auch noch kein Fuchs ertappen, so erlagen doch Nebelkrähen, ja sogar Kolkraben Peters Pfeilen.

Und bald konnte sich Eva aus den Kleinbälgen, die sie mit Lehm ausgestrichen und entfettet hatte, einen bis zu den Knien reichenden Rock und ein weites Schultermäntelchen heften und sich einigermaßen vor Stechmücken und Bremsen schützen. Daß die Vogelbalgkleider für den Winter nicht taugen würden, wußte sie wohl. Die Bälge waren brüchig, sie raschelten bei jeder Bewegung und verbreiteten bei feuchtem Wetter einen widerlichen Geruch. Aber Eva trug sie mit nicht geringem Stolz und mit der nötigen Vorsicht, schon um die Verwendbarkeit ihrer Arbeit zu beweisen.

Peter hielt von der Dauerhaftigkeit dieser neuen Kleider nicht viel und sprach viel von den Füchsen, denen er die Bälge abziehen wollte. Vom Köderplatz aus folgte er ihren Spuren und fand in der Nähe der Steinschlaglehne ihren Bau. Auf einem mit hohen Bäumen bestandenen Hügel entdeckte er die drei vom Buschwerk gedeckten Zugänge. Lange lauerte er vor den Röhren, bekam aber keinen der Füchse zu sehen. Alles, was er an Fraßresten vor dem Bau fand – Röhrenknochen, Schulterblätter und Schädel von Rehkitzen und Alpenhasen – hamsterte er in seinen Korb und trug es heim. So wuchs sein Allerlei, in dem er kramen konnte, wenn er etwas brauchte, und Peter fühlte sich reich.

Auch Eva wußte dieses Allerlei zu schätzen. Aus gebleichten Schädeldecken, die längst nicht mehr rochen, schlug und schliff sie handliche Trinkgefäße zurecht, auch Schalen, in denen sie Hartsteinsplitter, nach der Größe gesondert, aufbewahrte; aus dünnen Vogelknochen machte sie Vorstecher für ihre Näharbeit.

Die Höhle brachte Peter der Bären wegen in verteidigungsfähigen Zustand. Steintrümmer, größer als sein Kopf, türmte er am Rande des Höhleneingangs zu einer Schutzmauer auf, die, einem Druck von innen nachgebend, einen anstürmenden Bären erschlagen konnte.

So verging der Spätsommer. Schon waren die blauen Blüten der Alpenwaldrebe abgefallen, und an ihrer Stelle glänzten silbrig die krausen Büschel der langbehaarten, zum Abfliegen bereiten Samen.

Während die Kinder Tag für Tag von morgens bis abends unaufhörlich auf der Suche nach Nahrung waren oder andere dringende Arbeiten verrichteten, konnten sie für ihr Äußeres wenig tun. Wohl strichen sie die wirren, nur mit den Fingern gekämmten Haare ab und zu aus der Stirn, Hand- und Fußnägel stießen und rieben sie sich beim Arbeiten ab, Sorge aber machte ihnen die unvollkommene Kleidung, denn die Kälte konnte nicht mehr lange ausbleiben.

Um seinen Lendengürtel, der sich unter der Last der Steinwerkzeuge verzogen hatte, mehr Halt zu geben, verwendete Peter zopfartig verflochtene Rindenstreifen junger Schößlinge. Er entnahm sie Evas Flachsrutenvorrat, den sie im Bach unter Steinen beschwert eingelagert hatte. Vom Wasser aufgequollen, ließ sich die Rinde samt dem Bast leicht vom Holze lösen und flechten. Die zurückgebogenen Enden des Gurtes wurden mit vorher gewässertem, mehrfach zusammengedrehtem und getrocknetem Gedärm überbunden, so daß sie nicht mehr aufgehen konnten.

Als Gürtelschließe diente Peter eine Art Spange, die er aus einer gedrehten Darmschlinge und einer aufgefädelten Eichel angefertigt hatte. Nun sollte Eva die Bälge an den Gurt heften.

Aber das war schwieriger, als sie gedacht hatte. Am leichtesten war das Vorstechen der Löcher; mit einem spitzen Steinbohrer oder einem zugeschliffenen Knochensplitter ging es ganz gut, wenn auch langsam; viel schwerer war es aber, den Faden durch den Gurt zu ziehen. Die Spitze der Saite franste aus und spießte sich da und dort, und Eva, der die Geduld ausging, warf den Gürtel zornig von sich. Mit einem geringschätzigen Blick nahm Peter die Arbeit auf. Er versuchte es mit knöchernen Häkchen. Es ging langsam. Suchend sah er sich nach etwas um, womit er den Faden führen konnte. Ein spitzes, gespaltenes Holzstäbchen tat den Dienst schlecht, er mußte den eingeklemmten Faden immer wieder aufs neue befestigen. Peter stand auf und musterte pfeifend sein Allerlei. Vogelkrallen wären zwar brauchbar gewesen, aber selbst die vom Kolkraben waren nicht lang genug. Da fielen ihm die Fänge des Geiers ein.

Er brach dem Geier, der noch immer über der Höhle hing, eine Zehe ab, löste die Kralle aus, durchbohrte sie an ihrem breiten Ende mit einem Steinbohrer, zog einen Faden durch und begann die Näharbeit. Leider war die Nadel an ihrem Öhr-Ende zu breit; er schabte sie ab und nähte weiter. Dann merkte er, daß die starke Krümmung der Nadel die Fadenführung hemmte. Knurrend legte er sie weg und stöberte wieder in seinem Allerlei, fand das Schienbein eines Hasen und musterte es kritisch. Daran hing noch das schmale, harte Wadenbein – ja, das mußte den Faden führen. Doch eine große Geduldsprobe war es, das Wadenbein am stumpfen Ende mit dem verbesserten Steinbohrer zu durchlochen, weil dort der Knochen sehr dicht war. Das Verschmälern des Knochens am Öhr-Ende und das Zuspitzen am schräg abgebrochenen anderen Ende machten nicht so viel Mühe. Peter schliff die beiden Enden an der rauhen Bruchfläche eines feinkörnigen Granits zurecht. Nun hatte er eine fast fingerlange, sehr grobe Nadel, die sich mit einigem Druck durchs Geflecht treiben ließ.

Als Eva sah, wie vergnügt Peter die neue Nadel handhabte, nahm sie ihm die Arbeit aus der Hand und nähte den Gürtel mit großen Heftstichen fertig. Damit die brüchigen Bälge geschmeidiger wurden, rieb Peter sie auf der nackten Innenseite mit einem Klumpen Bockstalg ein, zog, spannte und walkte sie über dem Werkstock so lange, bis sie nicht mehr raschelten. Als er aber Evas Schultermäntelchen, das sie bei der Arbeit abgelegt hatte, ebenfalls so behandelte, erntete er keinen Dank. Sie, deren Nase offenbar empfindlicher war als seine, spuckte vor Ekel aus und behauptete weinend, nun sei ihr Kleid durch das stinkende Bocksfett verdorben. Eilends rieb sie mit Moos und Lehmstaub das ranzige Fett ab, und tatsächlich: der üble Geruch ließ ein wenig nach.

Peter brauchte etwas, um einen Vorrat von langen Pfeilen am Gürtel zu tragen. Aus dem Röhrenknochen eines Rabenbeines schliff und bohrte er eine lange Nadel. Damit nähte er zwei handbreit gedehnte und zugeschnittene Eichhörnchenfelle, Haarseite nach innen, der Länge nach zusammen. Eva freute sich, daß er dabei einen Vorteil benützte, den er ihr abgeguckt hatte: Selbst er wäre nicht imstande gewesen, ein Fell aus freier Hand zu zerschneiden, wenn er es nicht über eine Unterlage gespannt hätte. Auch das Nähen machte er Eva nach.

Aus zwei kurzen Eichhornfellen war nun ein langer Köcher entstanden. Andere Bälge an seinem Gürtel dienten als Taschen für Rehkrickel, Fäustel, Steinmesser und Steinsäge – das alles brauchte er auf seinen Streifzügen, denn er wollte die Hände frei haben. Der Gürtel hatte kein geringes Gewicht, schmiegte sich aber fest um Peters Hüften.

Trotz der vorgeschrittenen Tageszeit ging Peter aus.

Während er draußen umherstreifte, begann Eva, für sich einen Gürtel zu flechten, nicht aus Rindenstreifen, sondern aus Bergflachsstengeln, die sie durch Wässern, Dörren und Klopfen von der Rinde befreit hatte. Als der zopfartige Gürtel geflochten war, nähte sie den Schurz aus Vogel- und Eichhornbälgen darunter und ließ es nicht dabei bewenden, sondern nähte Eichelhäherflügel und Spechtbälge daran und schmückte das neue, bis zu den Knien reichende Kleidungsstück mit weißen, blauen, grünen und grellroten Federn.

Nun lagerte sie ihren Bergflachs wieder im Sickerwasser des Baches, legte Weidenruten dazu und deckte Steine darüber. Ein scharf würziger Duft reizte ihre Neugierde. Sie suchte nach der Ursache und stieß auf hohe Stauden mit bläulich-grauen Blütenständen. Daher also kam der Duft! Da hatte sie ja ein wirksames Mittel, um den Gestank der Felle zu übertönen! Mit diesen Blüten wollte sie die Innenseite ihrer Felle so lange einreiben, bis sie nicht mehr rochen. Fröhlich erkletterte sie den Steigbaum und setzte sich in die Lichtluke ihrer Höhle.

Lange spähte sie vergeblich nach Peter aus.

Dann aber sah sie drüben unweit der Grableiten etwas Helles schimmern, es bewegte sich langsam von Busch zu Busch. Doch erst in der Dämmerung tauchte der Ersehnte am Waldrand unter der Höhle auf. Langsam kam er daher und schien verdrossen.

In der Höhle angekommen, legte er eine Blatt-Tüte voll roter Kornelkirschen vor Eva hin, lobte geschwind ihr neues Kleid und fing dann gleich von seinem mißglückten Jagdgang an.

Vorsichtig habe er sich an den Rehbock herangepirscht, der droben bei der Grableiten äste. Ehe er aber zum Speerwurf gekommen sei, habe der Bock herübergeäugt und sei plötzlich auf und davon.

»Er wird dich halt früher gesehen haben«, versetzte Eva, »das war‘ kein Wunder, mir bist auch von weitem aufgefallen, so hell hat sich dein Leib abgehoben vom grünen Busch und Gras.«

Peter horchte auf. »Ah, du meinst, meine Haut hätt‘ den Bock g’schreckt?«

Das Abendessen schmeckte weder Peter noch Eva sonderlich, obwohl sie tagsüber nichts Rechtes zu sich genommen hatten. Sie aßen nur, um den ärgsten Hunger zu stillen; ihren Mägen behagte die Kost nicht mehr, alles schmeckte fad. Die Kornelkirschen aber waren noch zu herb und mußten nachreifen. Der Gedanke, das Wild ängstige sich schon von ferne vor seiner Hautfarbe, beunruhigte Peter. Er grübelte so lange, bis ihm einfiel, wie dem Übel abzuhelfen sei. Wie, wenn er seinen Leib mit nassem Lehm bestriche? Das müßte doch seiner hellen Haut eine stumpfe, unauffällige Farbe geben!

Mit diesem Gedanken schlief er ein.