Die Dankbarkeit Annas von Österreich

Athos fand viel weniger Schwierigkeiten, als er erwartet hatte, um zu Anna von Österreich zu dringen. Beim ersten Schritt ebnete sich im Gegenteil alles, und die von ihm gewünschte Audienz wurde aus den andern Tag nach dem Lever, dem er durch seine Geburt beizuwohnen berechtigt war, bewilligt.

Eine Menge von Menschen füllte die Gemächer von Saint-Germain. Nie hatte Anna von Österreich im Louvre oder im Palais Royal eine größere Anzahl von Höflingen gehabt, wenn sich auch der vornehmste Adel Frankreichs aus der andern Seite befand.

Aber mitten unter dieser allgemeinen Heiterkeit und dem scheinbaren Leichtsinn verbarg sich eine große Unruhe. Würde Mazarin Minister und Liebling bleiben, oder sollte er, der gleich einer Wolke aus dem Süden gekommen war, von dem Winde, der ihn gebracht, wieder fortgetragen werden? Jeder hoffte, jeder wünschte das letztere, und der Minister fühlte, daß all die Huldigungen, all die höfischen Kriechereien um ihn her einen unter der Furcht und dem Interesse schlecht verborgenen Bodensatz von Haß bedeckte. Es war ihm nicht wohl dabei, denn er wußte nicht, worauf er rechnen, auf wen er sich stützen konnte, denn selbst der Prinz ließ ihn öfters seine innere Abneigung und Verachtung fühlen, ja seine einzige Stütze, die Königin, schien manchmal zu wanken.

Als die Stunde der Audienz gekommen war, meldete man dem Grafen de la Fère, sie werde stattfinden, aber er müsse einige Augenblicke warten, da die Minister mit der Königin Rat zu pflegen hätten.

Es war dies die Wahrheit. Paris hatte soeben eine neue Deputation abgeschickt, die bemüht sein sollte, den Angelegenheiten irgend eine Wendung zu geben, und die Königin beriet sich mit Mazarin über den Empfang, den man den Abgeordneten bereiten sollte. Athos konnte also keinen schlimmern Augenblick wählen, um von seinen Freunden zu sprechen.

Aber er war ein unbeugsamer Mann, der mit seinem einmal gefaßten Entschluß nicht feilschte, wenn ihm dieser Entschluß aus seinem Gewissen hervorgegangen und von seiner Pflicht diktiert schien. Er bestand darauf, eingeführt zu werden, indem er äußerte, wenn er auch weder ein Abgeordneter des Herrn von Conti, noch des Herrn von Beaufort, noch des Herrn von Bouillon, noch des Herrn von Elboeuf, noch des Koadjutors, noch der Frau von Longueville, noch des Herrn Broussel, noch des Parlaments sei und auf eigene Rechnung komme, so habe er darum nichtsdestoweniger Ihrer Majestät wichtige Dinge mitzuteilen.

Sobald die Konferenz vorüber war, ließ ihn die Königin in ihr Kabinett rufen.

Athos wurde eingeführt und nannte sich. Es war ein Name, der zu oft in den Ohren Ihrer Majestät geklungen, zu oft in ihrem Herzen vibriert hatte, als daß ihn Anna von Österreich nicht hätte wiedererkennen sollen. Sie blieb indessen unempfindlich und begnügte sich, den Edelmann mit festem, königlichem Blick anzuschauen.

Ihr erbietet Euch also, uns einen Dienst zu leisten, Graf? fragte Anna von Österreich nach kurzem Stillschweigen.

Ja, Madame, abermals einen Dienst, sprach Athos, ärgerlich darüber, daß ihn die Königin nicht zu erkennen schien.

Anna runzelte die Stirn. Mazarin, der, an einem Tische sitzend, in Papieren blätterte, schaute empor.

Sprecht, sagte die Königin.

Madame, versetzte Athos, zwei meiner Freunde, zwei der unerschrockensten Diener Eurer Majestät, Herr d’Artagnan und Herr du Vallon, von dem Kardinal nach England abgeschickt, sind plötzlich in dem Augenblick verschwunden, wo sie den Fuß wieder auf den Boden Frankreichs setzten, und man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.

Nun? sprach die Königin.

Nun, erwiderte Athos, ich wende mich an das Wohlwollen Eurer Majestät, um das Schicksal dieser zwei Edelleute zu erfahren, wobei ich mir vorbehalte, mich später nötigenfalls an Ihre Gerechtigkeit zu wenden.

Mein Herr, antwortete Anna von Österreich mit jenem Hochmut, der gewissen Menschen gegenüber zur Impertinenz wurde, darum stört Ihr uns mitten unter großen Geschäften, die uns ganz und gar in Anspruch nehmen! Eine Polizei-Angelegenheit! Ei, mein Herr, Ihr müßt wohl wissen, daß wir keine Polizei mehr haben, seitdem wir nicht mehr in Paris sind.

Ich glaube, sprach Athos, sich mit kalter Achtung verbeugend, Eure Majestät hätte nicht nötig, sich bei der Polizei zu erkundigen, um zu erfahren, was aus den Herren d’Artagnan und du Vallon geworden ist. Wenn sie den Herrn Kardinal in Betreff dieser zwei Edelleute befragen wollte, so könnte ihr der Herr Kardinal antworten, ohne etwas anderes, als seine eigenen Erinnerungen ins Verhör zu nehmen.

Aber Gott vergebe mir, versetzte Anna von Österreich mit der ihr eigentümlichen verächtlichen Bewegung der Lippen, ich glaube, Ihr verhört selbst.

Ja, Madame, ich habe beinahe das Recht dazu; denn es handelt sich um Herrn d’Artagnan, hört Ihr wohl, Madame, um Herrn d’Artagnan, sagte er auf eine solche Weise, daß sich unter den Erinnerungen der Frau die Stirn der Königin beugen mußte.

Mazarin begriff, daß es Zeit war, Anna von Österreich zu Hilfe zu kommen.

Mein Herr Graf, sagte er, ich will Euch wohl etwas mitteilen, was Ihre Majestät nicht weiß, ich will Euch mitteilen, was aus diesen zwei Edelleuten geworden ist. Sie sind ungehorsam gewesen und befinden sich im Arrest.

Ich bitte also Eure Majestät, sprach Athos gleich ruhig und ohne Mazarin zu antworten, ich bitte Eure Majestät, diesen Arrest zu Gunsten der Herren d’Artagnan und du Vallon aufzuheben.

Was Ihr von mir verlangt, ist eine Disziplin-Angelegenheit und geht mich nicht an, mein Herr, erwiderte die Königin.

Herr d’Artagnan hat dies nie geantwortet, wenn es sich um den Dienst Eurer Majestät handelte, sprach Athos mit einer würdevollen Verbeugung.

Und er machte zwei Schritte rückwärts, um die Tür wieder zu erreichen. Mazarin hielt ihn auf.

Ihr kommt auch von England? sagte er mit einem Zeichen gegen die Königin, die sichtbar erbleichte und einen heftigen Befehl zu geben im Begriff war.

Und ich habe den letzten Augenblicken des Königs Karl beigewohnt, sprach Athos. Armer König! höchstens der Schwäche schuldig, wurde er von seinen Untertanen so streng bestraft; denn die Throne sind zu dieser Stunde gewaltig erschüttert, und für aufopfernde Herzen ist es nicht gut, wenn sie den Interessen der Fürsten dienen. Es war das zweite Mal, daß Herr d’Artagnan nach England ging; das erste Mal geschah es für die Ehre einer großen Königin, das zweite Mal für das Leben eines großen Königs.

Mein Herr, sprach Anna von Österreich zu Mazarin, mit einem Ton, dessen wahren Ausdruck sie trotz ihrer Verstellungsgabe nicht zu verbergen vermochte, seht, ob sich etwas für diese Edelleute tun läßt.

Madame, erwiderte Mazarin, ich werde alles tun, was Eurer Majestät beliebt.

Tut, was der Herr Graf de la Fère verlangt. Nicht wahr, so heißt Ihr, mein Herr?

Ich habe noch einen andern Namen, Madame, ich nenne mich Athos.

Madame, versetzte Mazarin mit einem Lächeln, das andeutete, daß er auch ein halbes Wort mit größter Leichtigkeit auffaßte, Ihr könnt ruhig sein, Eure Wünsche sollen erfüllt werden.

Ihr habt gehört, mein Herr? sagte die Königin.

Ja, Madame, und ich erwartete nichts anderes von der Gerechtigkeit Eurer Majestät. Ich werde also meine Freunde wiedersehen, nicht wahr, Madame? So versteht es doch Eure Majestät?

Ihr werdet sie wiedersehen, ja, mein Herr. Doch sagt, Ihr gehört zur Fronde?

Madame, ich diene dem König.

Ja, auf Eure Weise.

Meine Weise ist die aller wahren Edelleute, antwortete Athos stolz.

Geht, mein Herr, sprach die Königin, Athos mit einer Gebärde entlassend; Ihr sollt erhalten, was Ihr zu erhalten wünschtet, und wir wissen, was wir zu wissen wünschten.

Dann sich zu Mazarin wendend, nachdem der Türvorhang wieder hinter Athos herabgefallen war, sprach sie:

Kardinal, laßt diesen frechen Menschen verhaften, ehe er den Hof verlassen hat.

Ich dachte bereits daran, sagte Mazarin, und bin glücklich, von Eurer Majestät einen Befehl zu erhalten, den ich mir erbitten wollte. Diese Klopffechter, welche die Überlieferungen aus einer andern Regierung in unsere Zeit herüberbringen, belästigen uns mächtig, und da bereits zwei festgenommen sind, so wollen wir nun auch den dritten hinzufügen.

Athos hatte sich nicht ganz von der Königin betören lassen. Es fiel ihm in ihrem Tone etwas auf, was ihn trotz ihres Versprechens zu bedrohen schien. Aber er war nicht der Mann, sich auf einen einfachen Verdacht zu entfernen, besonders, da man ihm deutlich gesagt hatte, er solle seine Freunde wiedersehen. Er erwartete also in einem der Zimmer, die an das Kabinett stießen, worin er Audienz gehabt hatte, daß man d’Artagnan und Porthos dorthin bringen oder ihn selbst zu ihnen führen werde.

In dieser Erwartung näherte er sich dem Fenster und schaute mechanisch in den Hof. Er sah die Deputation der Pariser hereinkommen, welche erschien, um den bestimmten Ort für die Konferenzen festzusetzen und die Königin zu begrüßen. Es waren dabei Räte vom Parlament, Präsidenten, Advokaten und auch ein paar Männer vom Schwerte. Ein imposantes Geleite harrte ihrer vor dem Gitter.

Athos schaute aufmerksamer, denn mitten unter dieser Menge glaubte er jemand zu erkennen, als er fühlte, daß man leicht seine Schultern berührte.

Er wandte sich um.

Ah! Herr von Comminges, sagte er. – Ja, Herr Graf, und zwar mit einer Sendung beauftragt, wegen deren ich meine Entschuldigung anzunehmen bitte. – Was ist Euer Auftrag? fragte Athos. – Wollt mir Euren Degen geben, Herr Graf. – Athos lächelte, öffnete das Fenster und rief: Aramis!

Ein Edelmann wandte sich um; es war Aramis. Er grüßte den Grafen freundschaftlich.

Aramis, sprach Athos, man verhaftet mich.

Gut, antwortete Aramis phlegmatisch.

Mein Herr, sagte Athos, sich gegen Comminges umwendend und mit aller Höflichkeit seinen Degen überreichend, hier ist mein Degen. Habt die Güte, ihn sorgfältig zu bewahren und mir ihn zurückzugeben, wenn ich das Gefängnis verlasse. Ich halte große Stücke darauf; Franz I. hat ihn meinem Großvater geschenkt. Jetzt sagt, wohin führt Ihr mich?

Zuerst in mein Zimmer, sprach Comminges, die Königin wird sodann Eure Wohnung bestimmen.

Athos folgte, ohne ein Wort beizufügen.

Das Königtum des Herrn von Mazarin

Athos‘ Verhaftung hatte kein Aufsehen erregt und war sogar beinahe unbekannt geblieben. Sie hatte also in keiner Beziehung den Gang der Ereignisse gehemmt, und die von der Stadt Paris abgesandte Deputation wurde feierlich benachrichtigt, sie solle vor der Königin erscheinen.

Die Königin empfing sie stumm und stolz wie immer. Sie hörte die Beschwerden und Bitten der Deputierten; als sie aber ihre Reden geendigt hatten, hätte niemand sagen können, ob sie von ihr gehört worden waren, so gleichgültig war ihr Gesicht geblieben.

Dagegen hörte Mazarin, welcher der Audienz beiwohnte, jedenfalls sehr gut, was die Deputierten verlangten: es war einfach und deutlich in klaren Worten seine Entlassung.

Als die Königin, nachdem die Reden gehalten waren, immer noch stumm blieb, sagte Mazarin: Meine Herren, ich werde mich mit euren Bitten vereinigen, um die Königin zu veranlassen, den Leiden ihrer Untertanen ein Ende zu machen. Ich habe zu ihrer Linderung alles getan, was ich vermochte, und dennoch sagt Ihr, es herrsche allgemein die Ansicht, sie rührten von mir her, dem armen Fremdling, dem es nicht gelungen ist, den Franzosen zu gefallen. Ach, man hat mich nicht begriffen, und das war natürlich. Ich folgte auf den erhabensten Mann, der je dem Szepter der Könige von Frankreich als Stütze gedient hat. Da ich nicht so ehrgeizig bin, ihm gleichkommen zu wollen, so erkläre ich mich für besiegt und werde tun, was das Volk von Paris verlangt. Es steht mir, dem einfachen Privatmann, nicht zu, mir eine solche Wichtigkeit beizulegen, daß ich eine Königin mit ihrem Reich veruneinige. Ihr verlangt, daß ich mich zurückziehe; nun wohl, ich werde mich zurückziehen.

Herr Kanzler, sagte die Königin, sich gegen Seguier umwendend, Ihr werdet die Konferenzen eröffnen; sie finden in Rueil statt. Der Herr Kardinal hat Dinge gesprochen, die mich sehr bewegen mußten; deshalb antworte ich euch nicht ausführlicher. Was das Bleiben oder Gehen betrifft, so bin ich dem Herrn Kardinal zu allzugroßem Dank verpflichtet, um ihm nicht in jeder Beziehung Freiheit in seinen Handlungen zu lassen. Der Herr Kardinal wird tun, was ihm beliebt.

Eine flüchtige Blässe zog sich über das geistreiche Gesicht des ersten Ministers hin. Er schaute die Königin unruhig an. Ihr Gesicht war so unempfindlich, daß man unmöglich darin lesen konnte, was in ihrem Herzen vorging.

Aber, fügte die Königin bei, bis Herr von Mazarin seinen Entschluß kundgegeben hat, sei, ich bitte Euch, nur von dem König die Rede.

Die Abgeordneten verbeugten sich und traten ab.

Wie! rief die Königin, als der letzte von ihnen das Zimmer verlassen hatte, Ihr wolltet diesen Rechtsverdrehern nachgeben?

Madame, sprach Mazarin, sein durchdringendes Auge auf die Königin heftend, es gibt kein Opfer, das ich nicht für das Glück Eurer Majestät mir aufzuerlegen bereit wäre.

Anna neigte das Haupt und versank in eine jener Träumereien, welche bei ihr so gewöhnlich waren. Die Erinnerung an Athos kehrte in ihren Geist zurück. Die kühne Haltung des Edelmannes, seine festen und zugleich so würdigen Worte, die Geister, die er heraufbeschworen hatte, riefen eine Vergangenheit von berauschender Poesie in ihr zurück; die Schönheit, die Jugend, der Glanz einer Liebe mit zwanzig Jahren und die harten Kämpfe ihrer Bundesgenossen, das blutige Ende Buckinghams, des einzigen Mannes, den sie wirklich geliebt hatte, der Heldenmut ihrer ruhmlosen Verteidiger, die sie vor dem doppelten Hasse Richelieus und des Königs gerettet hatten, alles dies tauchte vor ihr auf.

Mazarin schaute sie an, und jetzt, da sie sich allein glaubte und nicht mehr eine ganze Welt von spähenden Feinden um sich hatte, vermochte er ihren Gedanken aus ihrem Gesicht zu folgen, wie man auf den durchsichtigen Seen die Wolken hinziehen sieht.

Man müßte also, murmelte die Königin, dem Sturm weichen, den Frieden erkaufen, geduldig und andächtig auf bessere Zeiten warten?

Mazarin lächelte bitter bei diesen Worten, aus denen er sah, daß sie den Vorschlag des Ministers ernstlich genommen hatte.

Anna hielt den Kopf gesenkt und gewahrte dieses Lächeln nicht. Als sie aber sah, daß sie keine Antwort auf ihre Frage erhielt, schaute sie empor.

Nun, Kardinal, Ihr antwortet mir nicht, was denkt Ihr?

Ich denke, Madame, daß der freche Edelmann, der auf unsern Befehl durch Comminges verhaftet worden ist, auf Herrn von Buckingham, dessen Ermordung Ihr nicht hindertet, auf Frau von Chevreuse, die Ihr in die Verbannung schicken ließt, und auf Herrn von Beaufort anspielte, der auf Euer Geheiß eingekerkert wurde. Spielte er auf mich an, so geschah dies nur, weil er nicht weiß, was ich für Euch bin.

Anna bebte, wie sie dies tat, wenn man sie in ihrem Stolz verletzte; sie errötete und drückte, um nicht zu antworten, ihre spitzen Nägel in ihre schönen Hände.

Er ist ein Mann von gutem Rat, von Ehre und Geist und dabei auch ein Mann von Entschlossenheit, fuhr Mazarin fort. Ihr wißt etwas davon, nicht wahr, Madame? Ich will ihm also sagen, und das ist eine persönliche Gnade, die ich ihm erweise, worin er sich in Beziehung auf mich getäuscht hat. Das, was man mir nämlich vorschlägt, ist in der Tat so gut wie eine Abdankung, und eine Abdankung verdient, daß man darüber nachdenkt.

Eine Abdankung? sprach Anna, ich glaubte, nur die Könige könnten abdanken.

Wohl versetzte Mazarin, bin ich nicht so gut wie König, und sogar König von Frankreich? Am Fuße eines königlichen Bettes, Madame, gleicht mein Ministergewand bei Nacht täuschend einem Königsmantel.

Das war eine Demütigung, wie er sie ihr häufig auferlegte. Nur Elisabeth und Katharina II. blieben zugleich Geliebte und Königinnen für ihre Liebhaber.

Anna von Österreich schaute daher erschreckt auf das drohende Gesicht des Kardinals und sagte: Habt Ihr nicht gehört, daß ich diesen Leuten sagte, Ihr würdet tun, was Euch beliebte?

Dann glaube ich, daß es mir belieben muß, hier zu bleiben; es ist dies nicht allein mein Interesse, sondern, ich wage dies zu behaupten, es gereicht auch zu Eurem Heil.

Bleibt also, mein Herr, ich verlange nichts anderes; aber dann laßt mich nicht beleidigen.

Ihr sprecht von den Anmaßungen der Meuterer und von dem Tone, in dem sie sich ausdrückten? Nur Geduld! Sie haben ein Terrain gewählt, auf dem ich ein geschickterer General bin, als sie: die Konferenzen. Wir werden sie schon durch bloßes Hinhalten bezwingen. Sie haben Hunger; in acht Tagen wird es noch schlimmer stehen.

Ei, mein Gott, ja, ich weiß, daß wir hierdurch zum Ziele gelangen werden; aber es handelt sich nicht um sie allein, nicht sie allein erlauben sich die verletzendsten Beleidigungen gegen mich.

Ah! ich begreife Euch. Ihr meint die Erinnerungen, die diese drei oder vier Edelleute beständig zurückrufen. Aber wir halten sie gefangen, und sie sind schuldig genug, daß wir sie so lange, als es uns zusagt, in Gefangenschaft lassen. Ein einziger ist noch nicht in unserer Gewalt und trotzt uns. Aber den Teufel! es wird uns bald gelingen, ihn seinen Gefährten beizugesellen. Es scheint mir, wir haben schwierigere Dinge vollbracht, als dies. Ich habe vor allem und aus Vorsicht in Rueil, das heißt, in meiner Nähe, unter meinen Augen, im Bereich meiner Hand, die zwei Störrigsten einsperren lassen. Noch heute kommt der dritte dort zu ihnen.

Solange sie Gefangene sind, mag es gut sein, sprach Anna von Österreich; aber sie werden eines Tages herauskommen.

Ja, wenn Eure Majestät sie in Freiheit setzt.

Ah! fuhr Anna von Österreich, ihre eigenen Gedanken beantwortend, fort, in solchen Fällen sehnt man sich nach Paris zurück.

Warum dies?

Nach der Bastille, mein Herr, die so stark und so verschwiegen ist.

Madame, mit den Konferenzen haben wir den Frieden; mit dem Frieden haben wir Paris; mit Paris haben wir die Bastille! Unsere vier Prahler werden darin verfaulen.

Anna von Österreich runzelte leicht die Stirn, während Mazarin zum Abschied ihre Hand küßte.

Mazarin entfernte sich nach diesem halb untertänigen, halb galanten Akte. Anna von Österreich folgte ihm mit dem Blick, und je mehr er sich entfernte, desto deutlicher konnte man ein verächtliches Lächeln auf ihren Lippen hervortreten sehen.

Ich habe, murmelte sie, die Liebe eines Kardinals verachtet, der niemals sagte: Ich werde tun! sondern: Ich habe getan! Dieser kannte sicherere Gewahrsame, als Rueil, düsterere, als die Bastille … Oh! die entartete Welt! …

Nach Frankreich

Nach der furchtbaren Scene, die wir soeben erzählt haben, herrschte lange Zeit tiefe Stille in der Barke. Der Mond, der sich einen Augenblick gezeigt hatte, verschwand hinter den Wolken; alles versank wieder in gräßliche Dunkelheit, und man hörte nichts mehr, als das Pfeifen des Westwindes über der Oberfläche der Wellen.

Porthos brach das Schweigen zuerst.

Ich habe viele Dinge gesehen, sagte er, aber nichts hat mich so sehr bewegt, als das, was ich soeben mit anschaute. So sehr ich aber auch ergriffen worden bin, so erkläre ich euch doch, daß ich mich unendlich glücklich fühle. Es ist eine Zentnerlast von meiner Brust gefallen, und ich atme endlich frei, denn nun ist er mausetot.

Porthos atmete wirklich mit einem Geräusch, das dem gewaltigen Spiele seiner Lungen alle Ehre machte.

Singt nicht so rasch Viktoria, Porthos, sagte d’Artagnan, denn nie waren wir größerer Gefahr preisgegeben. Ein Mensch wird mit einem andern Menschen fertig, aber nicht mit einem Element. Wir sind aber mitten auf der See, mitten in der Nacht, ohne Führer, in einem gebrechlichen Fahrzeug; wirft ein Windstoß unsere Barke um, so sind wir verloren.

Mousqueton stieß einen tiefen Seufzer aus.

Ihr seid undankbar, d’Artagnan, sagte Athos; ja undankbar, daß Ihr an der Vorsehung in dem Augenblick zweifelt, wo sie uns alle auf eine so wunderbare Weise gerettet hat. Glaubt Ihr, sie habe uns an ihrer Hand durch so viel Gefahren geleitet, um uns sodann zu verlassen? Nein, wir sind mit einem Westwind abgefahren, und dieser weht immer noch.

Athos orientierte sich nach dem Polarstern.

Dort ist der Himmelswagen, sagte er weiter, und folglich ist Frankreich da. Überlassen wir uns dem Wind, der uns, wenn er sich nicht ändert, nach der Küste von Calais oder Boulogne treibt. Schlägt die Barke um, so sind wir fünf zusammen so gute Schwimmer, daß wir sie umkehren oder, wenn dies unsere Kräfte übersteigt, uns an sie anhängen können. Wir befinden uns auf dem Weg aller Schiffe, die von Dover nach Calais und von Portsmouth nach Boulogne gehen. Wir werden zweifellos am Tage eine Schifferbarke finden, die uns aufnimmt.

Finden wir aber keine und der Wind dreht sich nach Norden?

Dann wäre es etwas anderes, sagte Athos, wir würden nur auf der andern Seite des Atlantischen Meeres Land finden.

Das heißt, wir würden verhungern, sprach Aramis.

Das ist mehr als wahrscheinlich, versetzte der Graf de la Fère.

Mousqueton stieß einen zweiten Seufzer aus, der noch schmerzlicher klang als der erste.

Als man ihn nach der Ursache seiner Seufzer fragte, erzählte er, er habe einmal in einem Reisebuche gelesen, daß ausgehungerte Reisende den fettesten unter ihnen verzehrt hätten, und daß er selbst wegen seines Wanstes in diesem Falle das erste Opfer zu sein fürchte.

Man kann sich denken, daß diese Befürchtung viel dazu beitrug, die Freunde in eine heitere Stimmung zu versetzen. Des fetten Burschen Besorgnis war übrigens schon deshalb unbegründet, weil bald nach Anbruch des Tageslichtes eine Flüte aus Dünkirchen in Sicht kam.

Die vier Herren, Blaisois und Mousqueton vereinigten ihre Stimmen in einem einzigen Schrei, während Grimaud, ohne etwas zu sagen, seinen Hut an das Ende seines Ruders steckte.

Eine Viertelstunde nachher bugsierte sie das Boot der Flüte. Sie bestiegen das Verdeck des kleinen Fahrzeuges. Grimaud bot dem Patron im Auftrage seines Herrn zwanzig Guineen, und bei gutem Winde setzten um neun Uhr morgens unsere Franzosen den Fuß auf den Boden ihres Vaterlandes.

Donner und Teufel! wie stark fühlt man sich auf diesem Boden, sagte Porthos, mit seinen breiten Füßen tief in den Sand tretend. Nun soll mir einer kommen, mich schief ansehen oder mich verspotten, und er wird sehen, mit wem er es zu tun hat. Bei Gott! ich würde einem ganzen Königreich Trotz bieten.

Und ich, sagte d’Artagnan, ich fordere Euch auf, Eure Herausforderung nicht so laut klingen zu lassen, Porthos, denn es scheint mir, man betrachtet uns hier gar sehr.

Bei Gott! sagte Porthos, man bewundert uns.

Darauf bin ich nicht eitel, das schwöre ich Euch, Porthos, versetzte d’Artagnan; ich sehe nur Leute in schwarzen Röcken und gestehe Euch, daß mich in unserer Lage Schwarzröcke erschrecken.

Es sind die Warenschreiber des Hafens, sagte Aramis.

D’Artagnan überzeugte die Freunde, daß es für sie vorteilhafter sei, nicht in die Stadt zu gehen, sondern sich vorerst mehr verborgen zu halten. Trotz Porthos‘ Drang nach einem Wirtshaus drang des klugen Gascogners Rat durch, und die kleine Schar verschwand bald hinter den Sandhügeln, jedoch nicht, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben.

Nun laßt uns sprechen, sagte Aramis, als man ungefähr eine Viertelmeile zurückgelegt hatte.

Nein, laßt uns fliehen, versetzte d’Artagnan. Wir sind Cromwell, Mordaunt, dem Meere, drei Abgründen, die uns verschlingen wollten, entkommen; wir werden Mazarin nicht entkommen.

Ihr habt recht, d’Artagnan, sprach Aramis, und ich rate sogar, daß wir uns zu größerer Sicherheit trennen.

Ja, ja, Aramis, trennen wir uns, versetzte d’Artagnan.

Porthos wollte sprechen, um sich diesem Entschlusse zu widersetzen, aber d’Artagnan machte ihm durch einen Händedruck begreiflich, er solle schweigen. Porthos war äußerst gehorsam gegen diese Zeichen seines Gefährten, dessen geistige Überlegenheit er mit seinem gutmütigen Charakter stets anerkannte. Er drängte also die Worte zurück, die aus seinem Munde gehen wollten.

Aber warum uns trennen? sprach Athos.

Weil wir, Porthos und ich, von Mazarin an Cromwell abgeschickt worden sind, erwiderte d’Artagnan, und, statt Cromwell zu dienen, dem König Karl I. gedient haben. Kommen wir mit den Herren de la Fère und d’Herblay zurück, so ist unser Verbrechen erwiesen. Kommen wir dagegen allein, so bleibt unser Verbrechen zweifelhaft, und mit dem Zweifel führt man die Menschen sehr weit.

D’Artagnan wußte auch dem Einwände Aramis‘ zu begegnen, wie sie sich in Kenntnis setzen wollten, wenn eine Partei unterwegs festgenommen würde.

Nichts leichter als dies, sagte er. Wir wollen eine bestimmte Marschroute verabreden. Ihr begebt euch nach Saint-Valery, von da nach Dieppe und verfolgt sodann den geraden Weg von Dieppe nach Paris. Wir gehen über Abbeville, Amiens, Peronne, Compiegne und Senlis, und in jeder Herberge, in jedem Hause, wo wir anhalten, schreiben wir mit der Spitze eines Messers an die Wand oder mit einem Diamanten an das Fenster eine Nachricht, welche die von uns, die frei sind, in ihren Nachforschungen zu leiten vermag. Ist es also abgemacht, Athos?

Es ist abgemacht.

Dann teilen wir das Geld, versetzte d’Artagnan; es müssen ungefähr zweihundert Pistolen vorhanden sein. Grimaud, wieviel ist übrig?

Hundertundachtzig Halb-Louisd’or, gnädiger Herr.

Gut. Ah! Vivat! da ist die Sonne. Guten Morgen, liebe Sonne. Obgleich du nicht die Gascogner Sonne bist, so erkenne ich dich doch. Guten Morgen. Ich habe dich sehr lange nicht gesehen.

Ei, ei, d’Artagnan, sprach Athos, spielt nicht den starken Geist, Ihr habt Tränen in den Augen. Wir wollen unter uns stets offenherzig sein, und sollte diese Offenherzigkeit auch unsere guten Eigenschaften ans Licht bringen.

Glaubt Ihr denn, Athos, entgegnete d’Artagnan, man könne in einem Augenblick, der nicht ohne Gefahr ist, zwei Freunde, wie Euch und Aramis, mit kaltem Blut verlassen?

Nein, sprach Athos, kommt in meine Arme, mein Sohn.

Bei Gott! ich glaube, ich weine, rief Porthos schluchzend, wie albern das ist!

Und die vier Freunde umarmten sich in einer Gruppe. Blaisois und Grimaud sollten Athos und Aramis folgen. Mousqueton genügte für Porthos und d’Artagnan.

Man teilte, wie man dies immer getan, das Geld brüderlich. Nachdem man sich sodann noch einmal die Hand gedrückt und gegenseitig die Versicherung einer ewigen Freundschaft erneuert hatte, trennten sich die vier Edelleute, um die verabredeten Wege einzuschlagen, nicht ohne sich zu wiederholten Malen umzuwenden und einander liebevolle Worte zuzurufen, welche die Echos der Dünen zurückgaben.

Endlich verloren sie einander aus dem Gesicht.

Die Rückkehr

Athos und Aramis hatten den ihnen von d’Artagnan bezeichneten Weg eingeschlagen und waren so schnell als möglich gereist. Es schien ihnen besser, in der Nähe von Paris, als fern von der Hauptstadt verhaftet zu werden.

Da sie fürchteten, dies könnte bei Nacht geschehen, machten sie jeden Abend das verabredete Wiedererkennungszeichen an die Wand oder an die Fensterscheiben; aber jeden Morgen erwachten sie zu ihrem großen Erstaunen noch frei.

Je näher sie Paris kamen, desto mehr verschwanden die großen Ereignisse, denen sie beigewohnt hatten, und durch die eine Umwälzung in England vorgegangen war, wie im Traume, während im Gegenteil die, welche in ihrer Abwesenheit Paris und die Provinz in Bewegung gesetzt hatten, ihnen immer mehr entgegentraten.

In den sechs Wochen ihrer Abwesenheit hatten sich in Frankreich so viele kleine Dinge begeben, daß diese beinahe ein großes Ereignis bildeten. Als die Pariser eines Morgens ohne Königin und ohne König erwachten, waren sie gar sehr aufgebracht, daß sie auf diese Weise verlassen wurden, und die so lebhaft gewünschte Entfernung Mazarins entschädigte durchaus nicht für die Abwesenheit der zwei erhabenen Flüchtlinge.

Im ersten Gefühl des Schreckens beschloß das Parlament, eine Abordnung zu senden, die die Königin um ihre Rückkehr bitten sollte. Die Königin antwortete mit gesteigertem Hochmut, wenn das Parlament sich nicht vor der königlichen Majestät demütige und in allen Fragen, welche den Zwiespalt herbeigeführt, nachgebe, so werde Paris am andern Tage belagert werden.

Diese drohende Antwort beleidigte den Stolz des Parlaments, das im Gefühl einer kräftigen Unterstützung von seiten der Bürgerschaft das Ultimatum des Hofes dahin beantwortete, daß es Mazarin als den notorischen Urheber aller dieser Unruhen betrachten müsse, ihn als Feind des Königs und des Staates erkläre und ihm befehle, sich noch an demselben Tage von dem Hof und im Verlauf von acht Tagen aus Frankreich zu entfernen; würde er nach Ablauf dieser Frist nicht gehorchen, so wären dadurch alle Untertanen des Königs verpflichtet, ihm an den Leib zu gehen.

Durch diese energische Antwort, die der Hof entfernt nicht erwartet hatte, waren Paris und Mazarin zugleich bedroht. Es fragte sich jetzt nur, wer den Sieg davontragen würde, das Parlament oder der Hof.

Der Hof traf nun seine Vorkehrungen zum Angriff, Paris zur Verteidigung. Die Bürger waren guten Muts, als sie sahen, daß ihnen, unter Anführung des Koadjutors, der Prinz von Conti, Bruder des Prinzen von Condé, und der Herzog von Longueville, sein Schwager, zu Hilfe kamen. Von nun an waren sie beruhigt, denn sie hatten Prinzen von Geblüt und überdies den Vorteil der Zahl auf ihrer Seite. Diese unerwartete Hilfe war den Parisern am 10. Januar zugekommen.

Nach einer stürmischen Verhandlung wurde der Prinz von Conti zum Generalissimus der Armee von Paris ernannt, mit den Herzögen Elboeuf und Bouillon und dem Marschall de la Mothe als Generalleutnants. Der Herzog von Longueville begnügte sich, ohne Titel und Amt seinem Schwager beizustehen.

Herr von Beaufort war aus Vendome angelangt und hatte, wie die Chronik sagt, seine vornehme Miene, schöne lange Haare und jenes volkstümliche Wesen mitgebracht, das ihm das Königtum der Hallen eintrug.

So kamen die ersten Tage des Februar heran, und am ersten dieses Monats geschah es, daß unsere vier Gefährten in Boulogne landeten und auf verschiedenen Wegen ihre Reise nach Paris antraten.

Gegen das Ende des vierten Marschtages vermieden Athos und Aramis vorsichtig Nanterre, um nicht in die Hände der Partei der Königin zu fallen, da sie zunächst den am Fuße des Schafotts empfangenen Auftrag zu Füßen der Königin Henriette auszuführen sich verpflichtet fühlten.

Unsere Reisenden fanden die Vorstädte sehr gut bewacht; ganz Paris war bewaffnet. Die Schildwache weigerte sich, die zwei Edelleute einzulassen, und rief ihren Sergeanten.

Der Sergeant kam sogleich heraus und fragte sie mit aller Wichtigkeit aus, welche Bürger anzunehmen pflegen, wenn sie durch Zufall eine militärische Würde erhalten haben.

Als sie erklärten, an die Königin Henriette eine Botschaft zu haben, sagte der Sergeant, es seien bereits drei Edelleute im Wachzimmer, deren Pässe man visiere. Auch unsere Freunde wurden, da sie gar keine Pässe besaßen, und der Sergeant den Fall dem Anführer des Postens vorlegen wollte, in die Wachstube geführt. Diese war ganz voll von Bürgern und Leuten aus dem Volke. Die einen spielten, die andern tranken, und wieder andere hielten Reden. In einer Ecke und, wie es schien, streng bewacht, waren die drei zuerst angekommenen Edelleute, deren Pässe der Offizier visierte. Dieser Offizier befand sich in einem anstoßenden Zimmer.

Die Neuangekommenen und die drei Edelleute in der Ecke warfen einander einen raschen, forschenden Blick zu. Die letzteren waren mit langen Mänteln bedeckt, in deren Falten sie sich sorgfältig hüllten. Der eine von ihnen, der kleiner als die beiden andern war, hielt sich im Schatten zurück.

Als der Sergeant bei seinem Eintritt meldete, er bringe wahrscheinlich Mazariner, horchten die drei Edelleute aufmerksam. Der Kleinste, der zwei Schritte vorwärts gemacht hatte, machte sofort einen zurück und befand sich wieder im Schatten.

Auf die Mitteilung, daß die Neuangekommenen keine Pässe hatten, schien die einstimmige Meinung der Wachtmannschaft dahin zu gehen, sie würden keinen Eintritt erlangen.

Meine Herren, sagte Athos, die Sache ist auf einfachstem Wege zu ordnen: man schicke unsere Namen Ihrer Majestät der Königin von England, und wenn sie sich für uns verbürgt, werdet ihr hoffentlich keinen Anstand nehmen, uns freien Durchgang zu gestatten.

Bei diesen Worten verdoppelte sich die Aufmerksamkeit des im Schatten verborgenen Herrn, und er machte sogar eine so ungestüme Bewegung des Erstaunens, daß sein Hut, von dem Mantel gestreift, in den er sich noch sorgfältiger als zuvor hüllte, auf den Boden fiel; er bückte sich und hob ihn rasch auf.

Oh! mein Gott, sprach Aramis, Athos mit dem Ellenbogen stoßend, habt Ihr gesehen?

Was? fragte Athos.

Das Gesicht des kleinsten von den drei Edelleuten.

Nein.

Es kam mir vor … aber das ist unmöglich.

In diesem Augenblick kam der Sergeant, der in das Nebenzimmer gegangen war, um die Befehle des Offiziers einzuholen, wieder heraus und sagte, die drei Edelleute bezeichnend, denen er ein Papier übergab: Die Pässe sind in Ordnung. Laßt diese drei Herren ihres Wegs gehen.

Die drei Edelleute machten ein Zeichen mit dem Kopfe und beeilten sich, die Erlaubnis und den Weg zu benützen, der sich auf den Befehl des Sergeanten vor ihnen öffnete. Aramis folgte ihnen mit seinen Blicken, und im Augenblick, wo der Kleinste an ihm vorüberkam, drückte er Athos lebhaft die Hand und sagte dabei zum Sergeanten:

Sagt mir, kennt Ihr die drei Herren, die soeben weggegangen sind?

Ich kenne sie nur nach ihrem Passe; es sind die Herren von Flamarens, von Chatillon und von Bruy, drei Edelleute von der Fronde, die den Herzog von Longueville aufsuchen.

Das ist seltsam, sagte Aramis, mehr seinem eigenen Gedanken, als dem Sergeanten antwortend, ich glaubte Mazarin selbst zu erkennen.

Der Sergeant brach in ein Gelächter aus.

Er sollte sich unter uns wagen, um gehenkt zu werden? So dumm ist er nicht!

Ich kann mich getäuscht haben, murmelte Aramis. Ich habe nicht das unfehlbare Auge d’Artagnans.

Wer spricht hier von d’Artagnan? fragte der Offizier, der in diesem Augenblick selbst auf der Schwelle des Zimmers erschien. – Ah? rief Grimaud, die Augen weit aufreißend. – Was? fragten Aramis und Athos gleichzeitig. – Planchet! versetzte Grimaud. Planchet mit dem Offizierskragen. – Die Herren de la Fère und d’Herblay wieder in Paris! rief der Offizier, oh, welche Freude für mich, denn ohne Zweifel tretet ihr in Verbindung mit den Herren Prinzen. – Wie du siehst, mein lieber Planchet, erwiderte Aramis, während Athos lächelte, da er sah, welchen hohen Grad der ehemalige Kamerad von Mousqueton, Bazin und Grimaud in der Bürger-Miliz einnahm. – Und Herr d’Artagnan, von dem Ihr soeben spracht, Herr d’Herblay, habt Ihr Kunde von ihm? – Wir verließen ihn vor vier Tagen, und alles ließ uns glauben, er werde vor uns in Paris angekommen sein. – Nein, mein Herr, ich weiß gewiß, daß er nicht in die Hauptstadt zurückgekehrt ist; er mag wohl in Saint-Germain geblieben sein.– Ich glaube nicht, wir haben uns in die Rehziege zusammenbestellt. – Ich bin selbst heute dort gewesen. – Und die schöne Madeleine hatte keine Nachricht von ihm? fragte Aramis lächelnd. – Nein, mein Herr, und ich kann Euch sogar nicht verbergen, daß sie sehr in Unruhe war. – Im ganzen, sprach Aramis, ist noch keine Zeit verloren, denn wir haben uns sehr beeilt. Erlaubt mir also, mein lieber Athos, daß ich, ohne mich weiter nach unserem Freund zu erkundigen, Herrn Planchet mein Kompliment mache. – Ah, Herr Chevalier, sprach Planchet, sich verbeugend. – Leutnant? versetzte Aramis. – Leutnant mit der Aussicht auf Kapitänsrang. – Das ist sehr schön, sprach Aramis; und wie sind Euch alle diese Ehren zu teil geworden? – Ihr wißt vor allem, meine Herren, daß ich die Rettung des Herrn von Rochefort bewerkstelligt habe. – Ja, bei Gott, er soll uns diese Geschichte erzählen. – Und wie ist’s mit Herrn Raoul von Bragelonne? fragte Athos mit bewegter Stimme. D’Artagnan sagte mir, er habe ihn Euch, mein guter Planchet, bei seiner Abreise empfohlen. – Ja, Herr Graf, als ob es sein eigener Sohn wäre, und ich darf wohl sagen, daß ich ihn nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verloren habe. – Er befindet sich also wohl? sagte Athos, vor Freude bebend. Es ist ihm kein Unfall begegnet? – Keiner, Herr. – Und er wohnt? – Immer noch im Grand-Charlemagne. – Er verbringt seine Tage … – Bald bei der Königin von England, bald bei Frau von Chevreuse. Er und der Graf von Guiche verlassen sich nicht. – Ich danke, Planchet, ich danke, sagte Athos, ihm die Hand reichend. – Und nun, meine Herren, erwiderte Planchet, was gedenkt ihr zu tun? – Wir wollen nach Paris hinein, wenn Ihr uns die Erlaubnis dazu gebt, mein lieber Planchet, sprach Athos. – Wenn ich euch die Erlaubnis dazu gebe? Ihr spottet meiner. Ich bin nichts, als euer Diener.

Und er verbeugte sich. Dann sich gegen seine Leute umwendend, sprach er:

Laßt diese Herren passieren, ich kenne sie, es sind Freunde des Herrn von Beaufort.

Es lebe Herr von Beaufort! rief einstimmig der ganze Posten und öffnete Athos und Aramis den Weg.

Der Sergeant allein näherte sich Planchet und murmelte ihm zu:

Nehmt Euch in acht, Kapitän, einer von den drei Männern, die soeben weggegangen sind, sagte mir leise, ich solle diesen Herren mißtrauen.

Und ich, sprach Planchet majestätisch, ich kenne sie und verbürge mich für sie.

Nach diesen Worten drückte er Grimaud die Hand, der sich durch diese Auszeichnung sehr geehrt zu fühlen schien.

Auf Wiedersehen also, Kapitän, sagte Aramis mit seinem spöttischen Tone; wenn uns etwas begegnen sollte, so würden wir unsere Zuflucht zu Euch nehmen.

Mein Herr, hierin, wie in allen Dingen, bin ich Euer Diener, erwiderte Planchet.

Der Bursche hat Witz und zwar viel, sagte Aramis, zu Pferde steigend.

Wie könnte er keinen Witz haben, versetzte Athos, sich ebenfalls in den Sattel schwingend, nachdem er so lange die Hüte seines Herrn gebürstet hat?

Die Gesandten

Die zwei Freunde begaben sich sogleich auf den Weg und bemerkten bald zu ihrem großen Erstaunen, daß die Straßen von Paris in Flüsse und die Plätze in Seen verwandelt waren. Infolge der großen Regen, die im Monat Januar stattgefunden hatten, war die Seine ausgetreten, und der Strom hatte zuletzt die halbe Stadt überschwemmt.

Athos und Aramis drangen mutig mit ihren Pferden in das Gewässer. Bald aber ging es den armen Tieren bis an die Brust, und die zwei Edelleute mußten sich entschließen, sie zu verlassen und eine Barke zu nehmen, nachdem sie den Lakaien Befehl gegeben hatten, sie in den Hallen zu erwarten.

Sie gelangten also zu Schiff an den Louvre. Es war finstere Nacht. So beim Schimmer einiger bleichen, zitternden Laternen gesehen, mit seinen Barken, die von Patrouillen mit glänzenden Waffen besetzt waren, mit dem Geschrei der Wachen, die sich in der Finsternis an den Toren anriefen, bot Paris einen Anblick, von dem Aramis bei seiner großen Empfänglichkeit für kriegerische Empfindungen geblendet wurde.

Bei der Königin mußten sie im Vorzimmer warten, da Ihre Majestät in diesem Augenblick Edelleuten, die Nachrichten von England brachten, Audienz erteilte.

Auch wir, sagte Athos zu dem Diener, der ihm diese Antwort gab, wir bringen nicht nur Nachrichten von England, sondern wir kommen gerade daher.

Wie heißt ihr denn? fragte der Diener.

Der Herr Graf de la Fère und der Chevalier d’Herblay, erwiderte Aramis.

Ah, dann, meine Herren, versetzte der Diener, als er diese Namen hörte, welche die Königin so oft in ihrer Hoffnung ausgesprochen hatte, dann ist es etwas anderes, und ich glaube, Ihre Majestät würde mir nie vergeben, wenn ich euch nur einen Augenblick hätte warten lassen. Folgt mir also, ich bitte euch.

Und er ging Athos und Aramis voran.

Als man zu dem Zimmer gelangte, in dem sich die Königin aushielt, bedeutete er ihnen durch ein Zeichen, sie möchten warten. Dann öffnete er die Tür und sprach: Madame, ich hoffe, Eure Majestät wird mir vergeben, daß ich gegen ihre Befehle ungehorsam gewesen bin, wenn sie erfährt, daß die, welche ich zu melden habe, der Graf de la Fère und der Chevalier d’Herblay sind.

Bei diesen Namen stieß die Königin einen Freudenschrei aus, den die Edelleute auf der Stelle, wo sie standen, hören konnten.

Arme Königin! murmelte Athos.

Sie mögen hereinkommen! rief die junge Prinzessin, nach der Tür eilend.

Das arme Kind verließ seine Mutter nie und suchte sie durch seine kindliche Sorge für die Abwesenheit seiner zwei Brüder und seiner Schwester zu entschädigen.

Tretet ein, tretet ein, meine Herren, sprach die Prinzessin, selbst die Tür öffnend.

Athos und Aramis erschienen. Die Königin saß in einem Lehnstuhl, und vor ihr standen zwei von den drei Edelleuten, die sie in der Wachtstube getroffen hatten.

Es waren die Herren von Flamarens und Gaspard von Coligny, Herzog von Chatillon, Bruder dessen, der sieben oder acht Jahre vorher in einem Duell, das wegen Frau von Longueville stattfand, auf der Place Royale getötet worden.

Als man die zwei Freunde meldete, traten sie einen Schritt zurück und wechselten mit sichtbarer Unruhe leise ein paar Worte.

Nun, meine Herren, rief die Königin von England, als sie Athos und Aramis erblickte, endlich seid ihr hier, treue Freunde! Aber die Staatskuriere gehen noch schneller, als ihr. Der Hof war von den Londoner Ereignissen in dem Augenblick unterrichtet, wo ihr die Tore von Paris erreichtet. Und hier sind die Herren von Flamarens und Chatillon, die mir im Auftrag Ihrer Majestät der Königin Anna von Österreich die neuesten Nachrichten bringen.

Aramis und Athos schauten sich an. Die Ruhe, ja die Freude, die in den Augen der Königin glänzte, versetzte sie in Erstaunen.

Habt die Güte fortzufahren, sprach sie, sich an die Herren Flamarens und Chatillon wendend. Ihr sagtet also, man habe Seine Majestät Karl I., meinen Gemahl, trotz der Wünsche der Mehrzahl seiner Untertanen zum Tode verurteilt?

Ja, Madame, stammelte Chatillon.

Athos und Aramis schauten sich immer erstaunter an.

Und auf das Schafott geführt? fuhr die Königin fort, auf das Schafott! Oh, mein Herr! Oh mein König! … Und vom Schafott sei er von dem entrüsteten Volke gerettet worden?

Ja, Madame, antwortete Chatillon, aber mit so leiser Stimme, daß die beiden Edelleute die Bestätigung kaum hören konnten.

Die Königin faltete die Hände mit edler Dankbarkeit, während ihre Tochter einen Arm um den Hals ihrer Mutter schlang und sie, die Augen in Freudentränen gebadet, küßte.

Nun haben wir nur noch Eurer Majestät unsern untertänigen Respekt zu bezeigen, sprach Chatillon, der, wie es schien, von dieser Rolle gepeinigt wurde und unter dem festen, durchdringenden Blicke Athos‘ sichtbar errötete.

Noch einen Augenblick, meine Herren, erwiderte die Königin, sie mit einem Zeichen zurückhaltend, einen Augenblick, ich bitte; denn hier sind die Herren de la Fère und d’Herblay, die, wie ihr gehört habt, von London ankommen und euch vielleicht als Augenzeugen einzelne Umstände angeben werden, die euch nicht bekannt sind. Ihr meldet diese Umstände der Königin, meiner guten Muhme. Sprecht, meine Herren, sprecht, ich höre. Verbergt mir nichts, verschweigt nichts. Da Seine Majestät noch lebt und die königliche Ehre gerettet ist, erscheint mir alles übrige als gleichgültig.

Athos erbleichte und legte eine Hand auf sein Herz.

Nun, sprach die Königin, als sie diese Bewegung und seine Blässe wahrnahm, sprecht doch, mein Herr, da ich Euch darum bitte.

Verzeiht, Madame, sprach Athos, ich will der Erzählung dieser Herren nichts beifügen, ehe sie selbst bekennen, daß sie sich vielleicht getäuscht haben.

Getäuscht! rief die Königin voll Schrecken. Oh! mein Gott, was ist denn geschehen?

Meine Herren, sprach Herr von Flamarens, haben wir uns getäuscht, so kommt der Irrtum von seiten der Königin, und Ihr werdet wohl nicht die Absicht haben, ihn zu berichtigen, denn das hieße Ihre Majestät Lügen strafen.

Von der Königin, mein Herr? versetzte Athos mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme.

Ja, murmelte Flamarens, die Augen niederschlagend.

Athos seufzte traurig.

Sollte dieser Irrtum nicht vielmehr von seiten dessen kommen, den wir mit euch in der Wachtstube der Barriere du Roule gesehen haben? sprach Aramis mit seiner verletzenden Höflichkeit; denn wenn wir uns nicht täuschten, so waret ihr zu drei, als ihr nach Paris kämet.

Chatillon und Flamarens bebten.

Ei, so erklärt euch doch! rief die Königin, deren Angst von Augenblick zu Augenblick zunahm. Auf eurer Stirn lese ich Entsetzliches. Euer Mund zögert, mir eine traurige Nachricht mitzuteilen, Eure Hände beben. Oh! mein Gott, mein Gott, was ist denn vorgefallen?

Herr Gott, habe Mitleiden mit uns, sprach die junge Prinzessin und fiel neben ihrer Mutter auf die Knie.

Mein Herr, sagte Chatillon, überbringt Ihr eine traurige Nachricht, so ist es grausam von Euch, sie der Königin zu melden.

Aramis trat so nahe zu Chatillon, daß er ihn beinahe berührte, und sprach mit funkelndem Blick: Mein Herr, ich denke, Ihr werdet nicht so anmaßend sein, den Herrn Grafen de la Fère und mich belehren zu wollen, was wir hier zu sagen haben.

Während dieses kurzen Schrittes hatte sich Athos, immer noch die Hand auf dem Herzen und den Kopf gesenkt, der Königin genähert und sprach zu ihr:

Madame, die Fürsten, die über die anderen Menschen gestellt sind, haben vom Himmel auch ein größeres, widerstandsfähigeres Herz empfangen. Man darf also, wie mir scheint, gegen eine große Königin, wie Eure Majestät, nicht auf dieselbe Weise zu Werke gehen, wie gegen eine Frau von unserem Stande. Königin, die Ihr bestimmt seid zu jeglichem Märtyrertum aus Erden, hört den Erfolg der Sendung, mit der Ihr uns beehrt habt.

Und Athos kniete vor der in Eis verwandelten Königin nieder, zog aus seinem Busen den Orden in Diamanten, den sie Lord Winter vor seiner Abreise zugestellt, und den Ehering, den König Karl vor seinem Tode Aramis übergeben hatte. Seitdem er sie empfangen, hatten diese beiden Gegenstände Athos nicht mehr verlassen. Er überreichte sie der Königin mit stummem, tiefem Schmerz.

Die Königin ergriff den Ring, drückte ihn krampfhaft an ihre Lippen, und ohne einen Seufzer auszustoßen, ohne ein Schluchzen von sich geben zu können, streckte sie die Arme aus, erbleichte und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Frauen und ihrer Tochter.

Athos küßte den Saum des Kleides der unglücklichen Witwe und sprach, sich mit einer Majestät erhebend, die einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden hervorbrachte:

Ich, Graf de la Fère, Edelmann, der nie gelogen hat, schwöre vor Gott zuerst und dann vor dieser armen Königin, daß wir alles, was zur Rettung des Königs zu tun möglich war, auf dem Boden Englands getan haben. Nun, Chevalier, fügte er, sich gegen d’Herblay wendend, bei, nun laßt uns gehen, unsere Pflicht ist erfüllt.

Noch nicht, erwiderte Aramis, wir haben noch ein Wort mit diesen Herren zu sprechen.

Und er wandte sich gegen Chatillon und sagte: Mein Herr, wäre es Euch nicht gefällig, auf einen Augenblick hinauszukommen, um ein Wort zu hören, das ich vor der Königin nicht aussprechen kann?

Chatillon verbeugte sich zum Zeichen der Einwilligung. Athos und Aramis gingen zuerst hinaus, Flamarens und Chatillon folgten ihnen. Sie durchschritten, ohne ein Wort zu sprechen, die Vorhalle. Als sie aber zu einer Terrasse gelangt waren, welche gleiche Höhe mit einem Fenster hatte, trat Aramis auf diese ganz einsame Terrasse, blieb jedoch am Fenster stehen und sagte, sich gegen den Herzog von Chatillon umwendend:

Mein Herr, Ihr habt Euch soeben, wie mir scheint, herausgenommen, uns auf eine sehr hochmütige Weise zu behandeln. Das war in keinem Fall schicklich, am wenigsten aber von Leuten, die der Königin eine lügenhafte Botschaft überbracht haben.

Mein Herr! rief Chatillon.

Was habt Ihr denn mit Herrn von Bruy gemacht? fragte Aramis ironisch. Sollte er zufällig sein Gesicht gewechselt haben, das große Ähnlichkeit mit dem von Mazarin hatte? Es sind bekanntlich im Palais-Royal viele italienische Masken vorrätig, vom Arlequin bis zum Pantalon.

Es scheint, Ihr fordert uns heraus? sagte Flamarens.

Ah! es scheint euch nur, meine Herren?

Chevalier, Chevalier! sagte Athos.

Ei, laßt mich doch machen, erwiderte Aramis. Ihr wißt Wohl, daß ich es nicht liebe, die Dinge halb zu tun.

Vollendet also, mein Herr, versetzte Chatillon mit einem Stolz, der in keiner Beziehung dem von Aramis nachgab.

Aramis verbeugte sich und erwiderte:

Meine Herren, ein anderer als ich oder der Graf de la Fère würde euch verhaften lassen, denn wir haben einige Freunde in Paris. Aber wir bieten euch ein Mittel, abzugehen, ohne beunruhigt zu werden. Plaudert mit uns fünf Minuten lang, den Degen in der Hand, auf dieser einsamen Terrasse.

Gern, sprach Chatillon.

Einen Augenblick, meine Herren! rief Flamarens, ich weiß wohl, daß der Vorschlag lockend ist; aber zu dieser Stunde ist es uns unmöglich, ihn anzunehmen.

Und warum? versetzte Aramis mit seinem spöttischen Tone, macht Euch die Nähe Mazarins so klug?

Oh! Ihr begreift, Flamarens, sprach Chatillon, wenn ich nicht annähme, so wäre dies ein Flecken für meinen Namen und meine Ehre.

Das ist auch meine Ansicht, sagte Aramis mit kaltem Tone.

Ihr dürft dennoch nicht annehmen, und diese Herren werden, ich bin überzeugt, sogleich meiner Meinung sein.

Herzog, sprach Flamarens, vergeßt Ihr, daß Ihr morgen eine Expedition von der höchsten Wichtigkeit befehligt, und daß Ihr, von den Prinzen dazu ausersehen, von der Königin bestätigt, nicht Euch gehört? – Es sei. Übermorgen also, sprach Aramis. – Übermorgen, erwiderte Chatillon, das ist sehr lange, mein Herr. – Nicht ich, entgegnete Aramis, habe diese Frist festgestellt, diesen Verzug gefordert; zumal da man sich, wie mir scheint, gerade bei der Expedition finden könnte. – Ja, mein Herr, Ihr habt recht, rief Chatillon, mit großem Vergnügen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, bis zu den Toren von Charenton zu kommen. – Ei, mein Herr, um die Ehre zu haben, Euch zu begegnen, gehe ich bis ans Ende der Welt. – Morgen also. – Ich zähle darauf. Begebt euch nun wieder zu eurem Kardinal. Zuvor aber schwört uns bei eurer Ehre, daß ihr ihn nicht von unserer Rückkehr in Kenntnis setzen werdet. – Bedingungen? – Warum nicht? – Weil nur Sieger solche machen. – Dann sogleich den Degen gezogen. Uns ist das gleichgültig, denn wir haben die Expedition von morgen nicht anzuführen.

Chatillon und Flamarens schauten sich an. Es lag so viel Ironie in Aramis‘ Worten und in seiner Gebärde, daß Chatillon besonders große Mühe hatte, seinen Zorn im Zaum zu halten. Aber auf ein Wort von Flamarens hielt er an sich.

Nun wohl, es sei, sprach er. Unser Gefährte, wer es auch sein mag, soll nichts von dem Vorfall erfahren. Aber Ihr versprecht uns, mein Herr, Euch morgen gewiß in Charenton einzufinden?

Die vier Edelleute begrüßten sich; doch diesmal gingen Chatillon und Flamarens voran, als sie den Louvre verließen, und Athos und Aramis folgten ihnen.

Laßt uns auch gehen, Athos, sagte Aramis. – Wohin? – Zu Herrn von Beaufort oder zu Herrn von Bouillon; wir werden ihnen sagen, wie sich die Sache verhält und daß Mazarin in Paris ist. – Ja, aber unter der Bedingung, daß wir zuerst beim Koadjutor anfragen. Er ist ein Priester, er versteht sich auf Gewissensfälle, und wir werden ihm den unsern vorlegen. – Ah! sagte Aramis, er wird alles verderben, alles sich zueignen; gehen wir lieber zuletzt als zuerst zu ihm.

Athos lächelte. Man sah, daß sich in seinem Innern ein Gedanke regte, den er nicht aussprach.

Gut, es sei, sagte er; bei welchem fangen wir an? – Bei Herrn von Bouillon, wenn Ihr wollt; ihn finden wir zuerst auf unserem Wege. – Nur erlaubt Ihr mir eines, nicht wahr? – Was? – Daß ich einen Augenblick im Gasthof zum Grand-Empereur-Charlemagne anhalte, um Raoul zu umarmen. – Ich gehe mit Euch, wir umarmen ihn zusammen.

Die Freunde nahmen das Schiff wieder, das sie gebracht hatte, und ließen sich nach den Hallen führen. Hier fanden sie Grimaud und Blaisois, welche ihre Pferde hielten, und alle vier wanderten nach der Rue Guenegaud.

Aber Raoul war nicht im Gasthof zum Grand-Charlemagne; er hatte am Tag eine Botschaft vom Prinzen erhalten und hatte sich mit Olivain sogleich nach Empfang derselben entfernt.

Die drei Leutnants des Generalissimus

Verabredetermaßen begaben sich Athos und Aramis, als sie den Gasthof zum Grand-Empereur-Charlemagne verließen, ins Hotel des Herzogs von Bouillon.

Die Nacht war rabenschwarz, wiederhallte aber beständig von dem tausendfachen Geräusche einer belagerten Stadt. Auf jedem Schritt traf man Barrikaden, an jeder Biegung der Straßen ausgespannte Ketten, auf jedem Kreuzweg Biwaks. Die Patrouillen zogen, das Losungswort austauschend, aneinander vorbei; die von den verschiedenen Chefs abgeschickten Boten durchzogen die Plätze; lebhafte, die Aufregung der Geister bezeichnende Gespräche wurden zwischen friedlichen Bürgern, die an den Fenstern standen, und ihren kriegerischen Mitbürgern gepflogen, die mit der Partisane auf der Schulter oder der Büchse im Arm in den Straßen umherliefen.

Athos und Aramis machten keine hundert Schritte, ohne von den an den Barrikaden aufgestellten Wachen angehalten und nach dem Losungswort gefragt zu werden; aber sie erwiderten, sie gingen zu Herrn von Bouillon, um ihm eine wichtige Nachricht zu überbringen, und man begnügte sich, ihnen zur Bewachung einen Führer mitzugeben.

Als sie in die Gegend des Hotels Bouillon kamen, begegneten sie drei Reitern, in denen sie unschwer die drei Edelleute aus dem Wachtzimmer wiedererkannten.

Wie zum Teufel, fragte Aramis, können sie sich so in die Nähe des Hotels Bouillon wagen?

Athos lächelte, antwortete aber nicht. Fünf Minuten nachher klopften sie an die Tür des Prinzen.

Es stand eine Schildwache davor, wie dies bei Leuten, die mit einem höheren Grade bekleidet sind, der Fall ist; ein kleiner Posten befand sich sogar im Hofe, bereit, den Befehlen des Leutnants des Prinzen von Conti zu gehorchen.

Herr von Bouillon hatte die Gicht, weshalb man damals auf den Gassen sang:

»Herr von Bouillon, der brave Mann,
Ist mit der Gicht gar übel dran.«

Er lag im Bette, aber trotz dieser Krankheit, die ihn seit einem Monat, das heißt seit der Belagerung von Paris, am Reiten verhinderte, ließ er nichtsdestoweniger sagen, er sei bereit, den Herrn Grafen de la Fère und den Herrn Chevalier d’Herblay zu empfangen.

Die Freunde trafen den Kranken in seinem Zimmer im Bett, aber von militärischem Apparat umgeben. Überall an den Wänden hingen Schwerter, Pistolen, Panzer und Büchsen.

Ah! meine Herren, rief der Herzog, als er die beiden Besucher erblickte, und machte dabei, um sich in seinem Bett zu erheben, eine Anstrengung, die ihm eine Grimasse des Schmerzes entriß. Ihr seid sehr glücklich! Ihr könnt zu Pferde steigen, kommen, gehen, für die Sache des Volkes kämpfen. Ich aber bin, wie ihr seht, an das Bett gefesselt. Ah! die verdammte Gicht! murmelte er mit einer neuen Grimasse, die verdammte Gicht!

Monseigneur, sprach Athos, wir kommen von England, und bei unserer Ankunft in Paris war es unser erstes Geschäft, hierher zu gehen, um uns nach Eurer Gesundheit zu erkundigen.

Großen Dank, meine Herren, großen Dank! versetzte der Herzog. Schlecht steht es mit meiner Gesundheit, wie ihr seht … Die verdammte Gicht! Oh! Ihr kommt von England! Und der König Karl befindet sich wohl, wie ich gehört habe? – Er ist tot, Monseigneur, erwiderte Aramis. – Bah! rief der Herzog erstaunt. – Gestorben auf dem Blutgerüste, verurteilt vom Parlament. – Unmöglich. – Hingerichtet in unserer Gegenwart. – Was sagte mir denn Herr von Flamarens? – Herr von Flamarens? fragte Aramis. – Ja, er geht soeben von hier weg.

Athos lächelte.

Mit zwei Gefährten? sagte er.

Mit zwei Gefährten, ja, antwortete der Herzog, dann aber fügte er mit einer gewissen Unruhe bei: Solltet ihr ihnen begegnet sein?

Ja, auf der Straße, wie mir scheint, sprach Athos.

Die verdammte Gicht! rief Herr von Bouillon, dem offenbar gar nicht wohl war.

Monseigneur, versetzte Athos, es bedarf in der Tat Eurer ganzen Anhänglichkeit an die Sache der Pariser, um leidend, wie Ihr seid, an der Spitze der Armee zu bleiben, und diese Beharrlichkeit nötigt mir und Herrn d’Herblay unsere vollste Bewunderung ab.

Was wollt ihr, meine Herren, man muß sich der öffentlichen Sache opfern. Ich opfere mich auch, wie ihr seht, aber ich gestehe, mit meinen Kräften geht es zu Ende. Der Kopf ist gut, das Herz ist gut, aber diese verdammte Gicht bringt mich um, und ich spreche es offen aus, wenn der Hof meinen Forderungen, meinen billigen Forderungen Gerechtigkeit widerfahren ließe, wenn man mir Domänen im Werte des mir genommenen Fürstentums Sedan gäbe und einige andere Kleinigkeiten gewährte, so zöge ich mich sogleich auf meine Güter zurück und ließe den Hof und das Parlament die Sache unter sich ausmachen.

Und Ihr hättet sehr recht, Monseigneur, sprach Athos.

Nicht wahr, das ist Euer Rat, Herr Graf de la Fère?

Ganz und gar.

Und der Eurige auch, Herr Chevalier d’Herblay?

Vollkommen.

Nun wohl, ich gestehe euch, meine Herren, versetzte der Herzog, daß ich ihn höchst wahrscheinlich befolgen werde. Der Hof macht mir in diesem Augenblick Anerbietungen; es hängt nur von mir ab, sie anzunehmen. Bis zu dieser Stunde habe ich sie zurückgewiesen; da mir aber Männer, wie ihr seid, sagen, ich habe unrecht, und besonders, da mich diese verdammte Gicht in die Unmöglichkeit versetzt, der Pariser Sache Dienste zu leisten, so habe ich meiner Treue große Lust, euern Rat zu befolgen und den Antrag anzunehmen, den mir Herr von Chatillon gemacht hat.

Nehmt ihn an, Prinz, nehmt ihn an, sagte Aramis.

Meiner Treue, ja, es ärgert mich auch, daß ich ihn diesen Abend beinahe von mir gewiesen habe, aber morgen findet eine Konferenz statt, und wir werden sehen.

Die Freunde verbeugten sich vor dem Herzog und entfernten sich. Aber die schmerzlichen Ausrufungen des Herrn von Bouillon folgten ihnen bis in das Vorzimmer. Der arme Prinz litt offenbar wie ein Verdammter.

Als sie zu der Haustür gelangt waren, sagte Aramis zu Athos:

Nun, was denkt Ihr? – Wovon? – Von Herrn von Bouillon. – Mein Freund, ich denke, was das Volk singt, erwiderte Athos:

»Herr von Bouillon, der brave Mann,
Ist mit der Gicht gar übel dran.«

Ich habe deshalb auch nicht das geringste von dem Gegenstand erwähnt, der uns hierher führte, sprach Aramis.

Und daran habt Ihr wohl getan, denn Ihr hättet einen neuen Anfall veranlaßt. Gehen wir zu Herrn von Beaufort.

Die Freunde wanderten nach dem Hotel Vendome.

Es schlug zehn Uhr, als sie daselbst anlangten.

Es war offenbar eine zum Zusammentreffen ganz besonders geeignete Nacht, denn auch hier begegneten sie den Herren von Chatillon und Flamarens im Schloßhof. Sie wechselten mit ihnen ein paar Worte, in denen sie der Hoffnung auf Wiedersehen am nächsten Tage Ausdruck gaben, und stiegen ab.

Kaum hatten sie den Zügel ihrer Pferde ihren Lakaien zugeworfen und sich ihrer Mäntel entledigt, als sich ihnen ein Mann näherte, der, nachdem er sie einen Augenblick betrachtet hatte, einen Schrei des Erstaunens ausstieß und sich ihnen in die Arme warf.

Graf de la Fère! rief dieser Mann. Chevalier d’Herblay! Wie kommt ihr hierher nach Paris?

Rochefort! riefen die Freunde in einem Atem.

Allerdings. Wir sind, wie ihr Wohl erfahren habt, vor vier oder fünf Tagen von Vendome hierhergekommen, und schicken uns an, Mazarin Arbeit zu geben. Ich setze voraus, ihr gehört immer noch zu den Unseren.

Mehr als je. Und der Herzog?

Ist wütend über den Kardinal. Kennt ihr die Erfolge dieses teuern Herzogs? Er ist der wahre König von Paris. Er kann nicht ausgehen, ohne daß man ihn beinahe erdrückt.

Desto besser, sprach Aramis. Aber sagt mir, sind nicht die Herren von Flamarens und Chatillon soeben von hier weggeritten?

Ja, sie haben Audienz bei dem Herzog gehabt. Ohne Zweifel kommen sie im Auftrag Mazarins. Aber ich stehe euch dafür, sie werden eine schlimme Aufnahme gefunden haben.

Gut, sagte Athos; könnte man nicht die Ehre haben, Seine Hoheit zu sehen?

Warum nicht? sogleich. Für euch ist er immer sichtbar, wie ihr wißt. Folgt mir; ich bitte mir die Ehre aus, euch vorstellen zu dürfen.

Rochefort ging voraus. Alle Türen öffneten sich vor ihm. Sie fanden Herrn von Beaufort im Begriffe, sich zu Tische zu setzen. Kaum hatte er aber die zwei Namen, die Rochefort ankündigte, gehört, als er vom Stuhle aufstand, den er gerade dem Tisch näherrücken wollte, und den zwei Freunden entgegenging, indem er lebhaft rief:

Seid willkommen, meine Herren, ihr soupiert doch mit mir, nicht wahr? Boisjoli, sagt Noirmont, ich habe zwei Gäste. Ihr kennt Noirmont, nicht wahr, meine Herren? Es ist mein Haushofmeister, der Nachfolger von Vater Marteau, der die vortrefflichen Pasteten macht, wie ihr wißt. Boisjoli, er soll eins seiner Produkte schicken, aber keins, wie er sie für la Ramée gemacht hat. Gott sei Dank, wir bedürfen der Strickleitern, der Dolche und Maulbirnen nicht mehr.

Monseigneur, sagte Athos, belästigt unsertwegen Euern vortrefflichen Haushofmeister nicht, dessen zahlreiche und verschiedenartige Talente wir kennen. Diesen Abend werden wir mit Erlaubnis Eurer Hoheit nur die Ehre haben, uns nach ihrer Gesundheit zu erkundigen und ihre Befehle entgegenzunehmen.

Ah, was meine Gesundheit betrifft, so seht ihr, meine Herren, daß sie vortrefflich ist. Was jedoch meine Befehle betrifft, so gestehe ich, daß ich sehr in Verlegenheit bin, euch solche zu geben, indem jeder die seinen gibt, und ich am Ende, wenn es so fortgeht, gar keine mehr geben werde.

Wirklich? sprach Athos, ich glaubte doch, das Parlament rechne auf eure Einhelligkeit?

Ah, ja, unsere Einhelligkeit, sie ist gar schön. Mit dem Herzog von Bouillon geht es noch; er hat die Gicht und verläßt sein Bett nicht; mit ihm kann man sich noch verständigen; aber mit Herrn von Elboeuf und seinen Elefanten von Söhnen niemals. Sie schreien und prahlen auf öffentlichen Plätzen; sobald es aber zum Schlagen kommt, dann gute Nacht, kriegerischer Mut.

Doch bei dem Koadjutor ist es hoffentlich nicht so?

Ah! jawohl, bei dem ist es noch schlimmer. Gott bewahre euch vor streitsüchtigen Prälaten, besonders wenn sie einen Panzer über dem Talar tragen. Wißt ihr, was er tut, statt sich ruhig zu verhalten und Tedeum für die Siege zu singen, die wir nicht davontragen, oder für die Siege, wo wir geschlagen werden?

Nein.

Er bildet ein Regiment, dem er seinen Namen gibt: das Regiment Korinth. Er macht Leutnants, Kapitäne, nicht mehr und nicht weniger, als ein Marschall von Frankreich, und Oberste, wie der König.

Ja, sprach Aramis; aber wenn man sich schlägt, wird er hoffentlich in seinem erzbischöflichen Palast bleiben?

Keineswegs. Ihr täuscht Euch, mein lieber d’Herblay. Wenn man sich schlägt, schlägt er sich auch, so daß man ihn, da er durch den Tod seines Oheims Sitz im Parlament erhalten hat, beständig zwischen die Beine bekommt … im Parlament, im Rate, in der Schlacht. Der Prinz von Conti ist ein Phantasie-General, und was für eine Phantasie ist dies! Ein buckeliger Prinz, ein Nußknacker wäre ebensoviel wert. Ah, es geht alles schlecht, meine Herren, alles geht sehr schlecht.

Monseigneur, Euere Hoheit ist also unzufrieden? sprach Athos, einen Blick mit Aramis austauschend.

Unzufrieden, Graf? sagt lieber wütend und zwar dergestalt, daß ich, wenn die Königin alles Unrecht, welches sie gegen mich gehabt hat, anerkennen würde, wenn sie meine verbannte Mutter zurückrufen wollte, wenn sie mir die Anwartschaft auf die Admiralswürde, die meinem Vater gehörte und die mir nach seinem Tod versprochen worden ist, erteilte, keinen Anstand nehmen würde, Hunde abzurichten, die sprechen müßten, es gebe in Frankreich noch größere Diebe, als Herr von Mazarin.

Athos und Aramis tauschten jetzt ein noch viel bezeichnenderes Lächeln aus, und wären sie auch den Herren von Flamarens und von Chatillon nicht begegnet, so hätten sie doch erraten, woher Herrn von Beauforts so sehr geänderte Stimmung komme.

Monseigneur, wir sind nun befriedigt, sprach Athos. Als wir zu dieser Stunde zu Eurer Hoheit kamen, hatten wir keinen andern Zweck, als ihr unsere Ergebenheit an den Tag zu legen und zu sagen, daß wir als ihre gehorsamsten Diener ganz und gar zu ihrer Verfügung stehen.

Als meine treuesten Freunde, meine Herren, als meine treuesten Freunde … Ihr habt es mir bewiesen, und wenn ich mich je mit dem Hof aussöhne, so werde ich euch beweisen, daß ich euer Freund, sowie der Freund jener Herren geblieben bin … wie nennt ihr sie doch?

D’Artagnan und Porthos.

Ah, ja, so ist es. Ihr begreift also, Graf de la Fère, Ihr begreift, Chevalier d’Herblay, ganz und immer euer Freund.

Athos und Aramis verbeugten sich und verließen das Zimmer.

Mein lieber Athos, sprach Aramis, Gott verzeihe mir, ich glaube, Ihr habt mir Eure Begleitung nur geschenkt, um mir eine Lehre zu geben?

Wartet doch, mein Lieber, sprach Athos, es ist noch Zeit zu dieser Bemerkung, wenn wir vom Koadjutor kommen.

Gehen wir also in den erzbischöflichen Palast! erwiderte Aramis.

Und beide wanderten der Altstadt zu. Bei dem Koadjutor sahen sie im Vorzimmer ein ganzes Dutzend vornehmer Herren warten. Sie riefen einen Bedienten und drückten ihm eine halbe Pistole in die Hand, um sofort gemeldet zu werden. Als sie aber erfuhren, es sei soeben der Herr von Bruy beim Koadjutor – unter diesem Namen verbarg sich, wie unseren Lesern bekannt ist, Mazarin selbst–, verzichten sie auf eine Unterredung, schritten durch den Hausen der Lakaien hindurch und verließen den erzbischöflichen Palast.

Nun, fragte Athos, als Aramis und er wieder in der Barke waren, fangt Ihr an zu glauben, daß wir mit der Verhaftung des Herrn von Mazarin diesen Leuten einen sehr schlimmen Streich gespielt haben würden?

Ihr seid die eingefleischte Weisheit, Athos, erwiderte Aramis.

Den zwei Freunden war ganz besonders das geringe Gewicht aufgefallen, das der Hof von Frankreich auf die furchtbaren Ereignisse legte, die sich in England zugetragen hatten, während die Hinrichtung des Königs ihrer Ansicht nach die Aufmerksamkeit von ganz Europa in Anspruch nehmen mußte.

Die zwei Freunde verabredeten, am nächsten Morgen um zehn Uhr wieder beisammen zu sein, denn obgleich die Nacht sehr weit vorgerückt war, als sie an den Gasthof gelangten, behauptete doch Aramis, er habe einige sehr wichtige Besuche zu machen, und ließ Athos allein.

Als es am andern Morgen zehn Uhr schlug, waren sie beisammen. Schon um sechs Uhr morgens war Athos ebenfalls ausgegangen.

Nun, habt Ihr irgend eine Nachricht? fragte Athos. – Keine; man hat d’Artagnan nirgends gesehen, und Porthos ist auch noch nicht erschienen. Und Ihr? – Nichts. – Teufel! rief Aramis. – In der Tat, sprach Athos, dieses Zögern ist nicht natürlich. Sie haben den geradesten Weg eingeschlagen und sollten daher vor uns eingetroffen sein.– Bedenkt dabei noch, daß wir d’Artagnans Hurtigkeit kennen, und wissen, daß er nicht der Mann ist, eine Minute zu verlieren, wenn er weiß, daß wir auf ihn warten. – Er gedachte, wie Ihr Euch erinnert, am fünften hier zu sein. – Und wir haben heute den neunten. Diesen Abend läuft die bestimmte Frist ab. – Was beabsichtigt Ihr zu tun, fragte Athos, wenn wir diesen Abend keine Nachricht haben? – Bei Gott, wir müssen nachforschen. – Gut, versetzte Athos. – Aber, Raoul? fragte Aramis.

Eine leichte Wolke zog über die Stirne des Grafen.

Raoul macht mir große Unruhe, sagte er. Er hat gestern eine Botschaft vom Prinzen von Condé erhalten, ist zu ihm nach Saint-Cloud gegangen und nicht wieder zurückgekehrt. – Habt Ihr Frau von Chevreuse nicht gesehen? – Sie war nicht zu Hause. Aber Ihr, Aramis, Ihr müßt wohl bei Frau von Longueville vorübergekommen sein? – In der Tat, so ist es. – Nun? – Sie war auch nicht zu Hause; aber sie hatte wenigstens die Adresse ihrer neuen Wohnung zurückgelassen. – Wo war sie? – Ratet. – Wie soll ich erraten, wo man um Mitternacht ist? denn ich setze voraus, daß Ihr Euch, als Ihr mich verließet, zu ihr begeben habt. Wie soll ich erraten, wo sich um Mitternacht die schönste und tätigste aller Frondeusen befindet? – Im Stadthause, mein Lieber. – Wie, im Stadthause? Ist sie zur Sekretärin der Handelsleute ernannt worden? – Nein, aber sie hat sich zur interimistischen Königin von Paris gemacht. Und da sie es nicht wagte, sich sofort im Palais-Royal oder in den Tuilerien zu installieren, so quartierte sie sich einstweilen im Stadthause ein, wo sie demnächst diesem lieben Herzog einen Erben oder eine Erbin geben wird. – Ihr habt mir diesen Umstand nicht mitgeteilt, sprach Athos. – Wirklich? eine Vergessenheit; entschuldigt. – Nun sprecht, was wollen wir von jetzt bis zum Abend machen? Es scheint mir, wir sind sehr müßig. – Ihr vergeßt, mein Freund, daß wir ein ganz bestimmtes Geschäft haben. – Wo dies? – Bei Charenton. Ich habe Hoffnung, versprochenermaßen einen gewissen Herrn von Chatillon dort zu treffen, den ich seit langer Zeit hasse. – Und warum? – Weil er der Bruder eines gewissen Herrn von Coligny ist. – Ah, das ist wahr, ich vergaß es … der auf die Ehre Anspruch gemacht hat, Euer Nebenbuhler zu sein. Er ist sehr grausam für diese Kühnheit bestraft worden, mein Lieber, und in der Tat, das müßte Euch genügen. – Ja, aber was wollt Ihr, das genügt mir nicht. Ich bin streitsüchtig, das ist der einzige Punkt, in dem ich kirchlich bin. Ihr begreift übrigens hiernach, Athos, daß Ihr keineswegs genötigt seid, mir zu folgen. – Still, erwiderte Athos, Ihr scherzt. – Gut, mein Lieber; wenn Ihr also entschlossen seid, mich zu begleiten, so haben wir keine Zeit zu verlieren. Man hat die Trommel gerührt, ich begegnete den abziehenden Kanonen und sah die Bürger sich in Schlachtordnung vor dem Stadthause aufstellen. Man wird sich sicherlich bei Charenton schlagen, wie gestern der Herzog von Chatillon gesagt hat. – Ich hätte geglaubt, die Unterredungen in dieser Nacht würden die kriegerische Stimmung ändern. – Allerdings, man wird sich aber dessenungeachtet schlagen, und wäre es nur, um diese Unterredungen zu maskieren. – Arme Leute! versetzte Athos, die sich töten lassen, damit man dem Herrn von Bouillon Sedan zurückgibt, Herrn von Beaufort die Anwartschaft auf die Admiralswürde verleiht, und damit der Koadjutor Kardinal wird. – Stille, stille, mein Lieber, sagte Aramis; gesteht, daß Ihr nicht so sehr Philosoph wäret, wenn Euer Raoul nicht in diesen ganzen Streit verwickelt sein könnte. – Ihr sprecht vielleicht die Wahrheit, Aramis. – Nun, so laßt uns dahin gehen, wo man sich schlägt. Es ist ein sicheres Mittel, d’Artagnan, Porthos und vielleicht sogar Raoul wiederzufinden. – Ach! seufzte Athos. – Mein lieber Freund, sagte Aramis, jetzt, da wir in Paris sind, müßt Ihr durchaus Euer beständiges Seufzen aufgeben. Frisch auf in den Kampf, Athos! Seid Ihr nicht mehr der Mann des Schwertes? Habt Ihr Euch zur Kirche gewendet? Seht, da kommen hübsche Bürger vorüber. Das ist bei Gott lockend. Und dieser Kapitän, er hat beinahe eine militärische Haltung. – Sie kommen aus der Rue du Mouton. – Trommeln voraus, wie wahre Soldaten. Es macht mir kein Vergnügen, mit diesen Leuten hier Kameradschaft zu halten. Wollen wir nicht vorausmarschieren? Wir werden dann alles besser sehen.

Und dann würde Euch Herr von Chatillon auch nicht auf der Place Royale aufsuchen, nicht wahr? Vorwärts, mein Freund.

Habt Ihr Eurerseits nicht ein paar Worte mit Herrn von Flamarens zu sprechen?

Freund, erwiderte Athos, ich habe den Entschluß gefaßt, den Degen nicht mehr zu ziehen, wenn ich nicht durchaus dazu genötigt werde.

Seit wann?

Seitdem ich den Dolch gezogen habe.

Ah! gut, noch eine Erinnerung an Herrn Mordaunt. Es fehlte nur noch, mein Lieber, daß Ihr Gewissensbisse bekämt, weil Ihr diesen Menschen getötet habt.

Stille, sagte Athos, mit dem traurigen Lächeln, das nur ihm eigentümlich war, einen Finger auf seinen Mund legend. Sprechen wir nicht mehr von Mordaunt; das würde uns Unglück bringen.

Und Athos ritt in der Richtung nach Charenton, zuerst an der Vorstadt hin und dann durch das Tal von Fecamp, das von bewaffneten Bürgern ganz schwarz war.

Es versteht sich von selbst, daß ihm Aramis auf eine halbe Pferdelänge folgte.

Das Gefecht von Charenton

Während Athos und Aramis vorrückten und die verschiedenen auf der Straße aufgestellten Korps hinter sich ließen, stießen sie hinter verrosteten und fleckigen Panzern und Partisanen auf glänzende Rüstungen und funkelnde Musketen.

Ich glaube, hier ist das wahre Schlachtfeld, sagte Aramis; seht die Reiter dort mit der Pistole in der Faust vor der Brücke halten. Gebt acht, hier kommt schweres Geschütz.

Ei, mein Lieber, erwiderte Athos, wohin habt Ihr uns geführt? Es scheint mir, ich sehe rings um uns her Gesichter, die zu den Zierden der königlichen Armee gehören. Erscheint dort nicht Herr von Chatillon selbst mit seinen zwei Brigadiers?

Und Athos nahm den Degen in die Faust, während Aramis, welcher glaubte, er habe nun wirklich die Grenzen des Pariser Lagers überschritten, die Hand an seine Halfter legte.

Guten Morgen, meine Herren, sprach der Herzog, sich nähernd; ich sehe, daß ihr nicht begreift, was hier vorgeht. Aber ein Wort wird euch alles erklären. Wir haben in diesem Augenblick Waffenstillstand; es findet eine Konferenz statt, der Prinz, Herr von Retz, Herr von Beaufort und Herr von Bouillon verhandeln in dieser Minute über Politik. Entweder werden die Angelegenheiten nicht in Ordnung gebracht, und wir treffen uns, Chevalier, oder die Sache wird beigelegt, ich werde meines Kommandos überhoben, und wir treffen uns ebenfalls.

Mein Herr, sagte Aramis, Ihr sprecht vortrefflich. Erlaubt mir, eine Frage an Euch zu richten.

Immerhin.

Wo sind die Bevollmächtigten?

In Charenton selbst, im zweiten Hause rechts, wenn man von Paris kommt.

Und diese Konferenz war nicht vorhergesehen?

Nein, meine Herren, sie ist, wie es scheint, das Resultat der Vorschläge, die Herr von Mazarin den Parisern gestern abend hat machen lassen.

Athos und Aramis schauten sich lachend an. Sie wußten besser, als irgend jemand, was für Vorschläge dies waren, wem sie gemacht worden und wer sie gemacht hatte.

Und das Haus, wo die Bevollmächtigten versammelt sind, fragte Athos, gehört… – Herrn von Chanleu, der Eure Truppen in Charenton befehligt. Ich sage Eure Truppen, weil ich annehme, daß die Herren Frondeurs sind. – Beinahe, erwiderte Aramis. – Warum beinahe? – Allerdings, mein Herr; Ihr wißt besser, als irgend jemand, daß man in diesen Zeitläuften nicht genau sagen kann, was man ist. – Wir sind für den König und für die Prinzen, sprach Athos. – Der König ist bei uns, versetzte Chatillon, und hat zu Obergeneralen die Herren von Orleans und Condé. – Ja, sprach Athos, aber sein Platz ist in unseren Reihen mit den Herren von Conti, Beaufort, Elboeuf und Bouillon. – Das kann sein, sagte Chatillon, und ich für meine Person habe sehr wenig Sympathie für Herrn von Mazarin. Meine Interessen sind in Paris; ich habe dort einen großen Prozeß, von welchem mein ganzes Vermögen abhängt, und ich bin, so wie Ihr mich seht, soeben bei meinem Advokaten gewesen, um mich mit ihm zu beraten. – In Paris? – Nein, in Charenton, bei Herrn Viole, den Ihr dem Namen nach kennt … Ein vortrefflicher Mann, etwas eigensinnig, aber nicht ohne Bedeutung im Parlament. Ich hoffte ihn gestern abend zu sehen, unser Zusammentreffen verhinderte mich jedoch, mich mit meinen Angelegenheiten zu beschäftigen. Da diese aber abgemacht werden müssen, so benutzte ich den Waffenstillstand, und so kommt es, daß ich mich in Eurer Mitte befinde. – Und wenn die Konferenzen abgebrochen werden, ohne einen Erfolg herbeizuführen, sagte Athos, so werdet Ihr Charenton zu nehmen suchen? – So lautet der Befehl. Ich kommandiere die Angriffstruppen und werde mein möglichstes tun, um zu siegen. – Mein Herr, sagte Athos, da Ihr die Reiterei befehligt… – Um Vergebung, ich befehlige als Chef. – Noch besser. Ihr müßt alle Eure Offiziere kennen? Ich meine die ausgezeichneten. – O ja, so ziemlich. – Habt die Güte, mir zu sagen, ob unter Euren Befehlen nicht der Chevalier d’Artagnan, Leutnant bei den Musketieren, steht? – Nein, er ist nicht bei uns. Vor mehr als sechs Wochen hat er Paris verlassen, und er befindet sich, wie man sagt, auf einer Sendung in England. – Ich wußte dies; aber ich glaubte, er wäre zurückgekehrt. – Nein, es ist mir auch nicht zu Ohren gekommen, daß ihn irgend jemand gesehen hat. Ich kann Euch um so eher hierüber Antwort erteilen, als die Musketiere zu den Unsrigen gehören und Herr von Chambon einstweilen die Stelle des Herrn d’Artagnan einnimmt.

Die zwei Freunde schauten sich an.

Ihr seht, sagte Athos. – Das ist seltsam, sprach Aramis. – Es muß ihm ein Unglück widerfahren sein. – Wir haben heute den achten, diesen Abend läuft die bestimmte Frist ab. Bekommen wir diesen Abend keine Nachricht, so reisen wir morgen früh.

Athos machte ein bestätigendes Zeichen mit dem Kopf, wandte sich sodann um und fragte:

Herr von Bragelonne, ein junger Mensch von fünfzehn Jahren, in der Umgebung des Prinzen, hat er vielleicht die Ehre, Euch bekannt zu sein, Herr Herzog?

Ja gewiß, erwiderte Chatillon, er ist diesen Morgen mit dem Herrn Prinzen zu uns gekommen; ein herrlicher junger Mann! Gehört er zu Euern Freunden, Herr Graf?

Ja, mein Herr, versetzte Athos sanft bewegt, weshalb ich ihn sogar zu sehen wünsche. Ist das möglich?

Sehr möglich, mein Herr. Wollt mich begleiten, ich führe Euch ins Hauptquartier.

Holla! sprach Aramis sich umwendend. Was ist das für ein gewaltiges Geräusch hinter uns?

In der Tat, ein Reiterhaufen kommt auf uns zu, sagte Chatillon.

Ich erkenne den Koadjutor an seinem Frondehut.

Und ich Herrn von Beaufort an seinen weißen Federn.

Sie kommen im Galopp. Der Prinz ist bei ihnen. Ah, seht, er verläßt sie.

Man schlägt Rappell! rief Chatillon, wir müssen uns erkundigen.

Man sah in der Tat die Soldaten zu ihren Waffen laufen und die Reiter, die zu Fuß waren, sich aus ihre Pferde schwingen. Die Trompeten erklangen, die Trommeln rasselten. Herr von Beaufort zog seinen Degen.

Der Prinz machte ein Rappellzeichen, und alle Offiziere der königlichen Armee, die sich unter die Pariser Truppen gemengt hatten, eilten auf ihn zu.

Meine Herren, sagte Chatillon, der Waffenstillstand ist offenbar aufgehoben; man wird sich schlagen. Kehrt also nach Charenton zurück, denn ich greife binnen kurzem an; seht, der Prinz gibt mir das Signal.

Ein Kornett hob wirklich dreimal die Standarte des Prinzen in die Lust.

Auf Wiedersehen! rief Chatillon und sprengte im Galopp davon, um zu seiner Eskorte zu gelangen.

Athos und Aramis wandten ihre Pferde ebenfalls und begrüßten den Koadjutor und Herrn von Beaufort.

Herr von Bouillon hatte am Ende der Konferenz einen so furchtbaren Gichtanfall bekommen, daß man ihn in einer Sänfte nach Paris hatte zurückbringen müssen.

Dagegen ritt der Herzog von Elboeuf, von seinen vier Söhnen wie von einem Generalstab umgeben, durch die Reihen des Pariser Heeres.

Dieser Mazarin ist eine wahre Schmach für Frankreich, sprach der Koadjutor, den Gürtel seines Degens fester schnallend, den er nach Art der alten militärischen Prälaten unter seinem erzbischöflichen Talar trug. Er ist ein Knauser, der Frankreich gern wie einen Meierhof regieren möchte. Frankreich kann auch nicht eher zu Ruhe und Glück kommen, als bis er das Land verlassen hat. Meine Herren, fuhr er fort, seht, der Feind rückt auf uns zu; ich hoffe, wir werden ihm den halben Weg ersparen.

Und ohne sich darum zu bekümmern, ob man ihm folgte oder nicht, sprengte er fort. Sein Regiment, das nach dem Namen seines Erzbistums Regiment Korinth hieß, setzte sich hinter ihm in Bewegung und begann den Kampf.

Herr von Beaufort ließ seine Reiterei unter der Anführung des Herrn von Noirmoutiers gegen Etampes vorrücken, wo sie einen Wagenzug mit Lebensmitteln abfangen sollte, die von den Parisern ungeduldig erwartet wurden.

Herr von Chanleu hielt sich mit dem Kern seiner Truppe bereit, Widerstand zu leisten, und nach einer halben Stunde hatte der Kampf an allen Enden begonnen.

Der Koadjutor, den der Ruhm des Herrn von Beaufort in Verzweiflung brachte, warf sich vor und tat persönlich Wunder der Tapferkeit. Sein Beruf war bekanntlich das Schwert, und er fühlte sich ungemein glücklich, so oft er vom Leder ziehen konnte, gleichviel für wen oder für was. Wenn er aber hier einen guten Soldaten abgab, so gab er zugleich einen schlechten Feldherrn ab. Er wollte mit sieben- bis achthundert Mann dreitausend überwinden, die sich in einer Masse in Bewegung gesetzt hatten; seine Soldaten wurden aber zurückgeschlagen und langten in völliger Unordnung auf den Wällen an. Aber Chanleus Artilleriefeuer hielt die königliche Armee plötzlich auf, und diese schien einen Augenblick erschüttert zu sein. Dies dauerte jedoch nicht lange, und sie formierte sich wieder hinter einer Gruppe von Häusern und einem kleinen Gehölze.

Chanleu glaubte, der Augenblick sei gekommen. Er rückte an der Spitze von zwei Regimentern hinaus, um die königliche Armee zu verfolgen; aber sie hatte sich, wie gesagt, wieder formiert und kehrte, von Herrn von Chatillon in Person geführt, zum Angriff zurück. Dieser Angriff war so ungestüm und geschickt gelenkt, daß Chanleu und seine Leute fast umzingelt wurde. Chanleu gab Befehl zum Rückzug, und dieser wurde, Fuß für Fuß, Schritt für Schritt, ausgeführt. Unglücklicherweise fiel Chanleu, tödlich getroffen, nach wenigen Augenblicken.

Herr von Chatillon sah ihn fallen und verkündigte laut seinen Tod, der den Mut der Truppen des königlichen Heeres verdoppelte und die zwei Regimenter, mit denen Chanleu seinen Ausfall gemacht hatte, völlig entmutigte. Demzufolge dachte jeder nur an seine eigene Rettung und trachtete nur danach, die Verschanzungen wiederzuerreichen, an deren Fuß der Koadjutor sein halb aufgeriebenes Regiment zu sammeln suchte.

Plötzlich kam eine Schwadron Kavallerie den Siegern entgegen, die mit den Flüchtlingen zusammen in die Verschanzungen eindrangen. Athos und Aramis ritten an der Spitze, Aramis, das Schwert und die Pistole in der Hand, Athos das Schwert in der Scheide, die Pistole im Halfter. Athos war ruhig und kalt, wie auf einer Parade, nur trübte sich sein edler Blick, als er so viele Menschen um unwürdiger Zwecke und Personen willen sich erwürgen sah. Aramis dagegen wurde wie gewöhnlich kampfestoll. Seine lebhaften Augen glühten; sein fein geschnittener Mund lächelte unheimlich; jeder seiner Schwertstreiche traf, und der Kolben seiner Pistole machte dem Verwundeten, der sich zu erheben suchte, den Garaus.

Auf der entgegengesetzten Seite und in den Reihen des königlichen Heeres griffen zwei Reiter, der eine mit einem vergoldeten Panzer, der andere durch ein einfaches Koller beschützt, aus dem die Ärmel eines Leibrockes von blauem Samt hervorsahen, in der ersten Linie an. Der Reiter mit dem vergoldeten Küraß sprengte auf Aramis zu und führte einen Schwertstreich nach ihm, den Aramis mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit parierte.

Ah, Ihr seid es, Herr von Chatillon! rief der Chevalier; seid willkommen, ich erwartete Euch.

Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu lange warten lassen, mein Herr, erwiderte der Herzog; in jedem Fall bin ich jetzt hier.

Herr von Chatillon, sprach Aramis und zog aus dem Halfter eine zweite Pistole, die er für diese Gelegenheit aufgespart hatte, ich glaube, Ihr seid ein Mann des Todes, wenn Eure Pistole nicht geladen ist.

Gott sei Dank, mein Herr, rief Chatillon, sie ist geladen.

Der Herzog hob seine Pistole, zielte und schoß. Aramis aber bückte sich in dem Augenblick, wo er den Herzog den Finger an den Drücker legen sah, und die Kugel flog, ohne ihn zu berühren, über ihn hin.

Ah, Ihr habt mich gefehlt, sagte Aramis; aber ich, das schwöre ich bei Gott, ich werde Euch nicht fehlen.

Wenn ich Euch Zeit dazu lasse! rief Herr von Chatillon, gab seinem Pferde die Sporen und sprengte mit gezücktem Degen auf ihn zu.

Aramis antwortete dem Herzog mit seinem bei solchen Gelegenheiten ihm eigentümlichen Lächeln, und Athos, der Herrn von Chatillon mit der Geschwindigkeit eines Blitzes auf Aramis vorrücken sah, öffnete den Mund, um zu rufen: Schießt! schießt doch! als der Schuß losging. Herr von Chatillon öffnete die Arme und fiel auf das Kreuz seines Pferdes.

Die Kugel war ihm durch den Ausschnitt des Panzers in die Brust gedrungen.

Ich bin tot! murmelte der Herzog.

Und er glitt von seinem Pferde auf die Erde herab.

Ich sagte es Euch, mein Herr, und es tut mir nun leid, daß ich mein Wort so gut gehalten habe. Kann ich Euch in irgend einer Beziehung nützlich sein?

Chatillon machte ein Zeichen mit der Hand, und Aramis schickte sich an, abzusteigen, als er plötzlich einen heftigen Stoß in die Seite erhielt, es war ein Degenstich, aber der Panzer hatte ihn pariert.

Er wandte sich rasch um und ergriff diesen neuen Gegner beim Faustgelenke; aber zu gleicher Zeit wurden zwei Schreie laut, von Athos und Aramis zugleich ausgestoßen.

Raoul!

Der junge Mann, der zugleich das Gesicht des Chevalier d’Herblay und die Stimme seines Vaters erkannte, ließ seinen Degen fallen. Mehrere Reiter der Pariser Armee kamen in diesem Augenblick auf Raoul zu, aber Aramis deckte ihn mit seinem Schwerte.

Mein Gefangener! Sucht also das Weite! rief er.

Athos nahm während dieser Zeit das Pferd seines Sohnes beim Zügel und führte es aus dem Gemenge.

Der junge Mann wurde von einem Freudenschauer ergriffen, als er seinen Herrn wiedersah. Sie galoppierten nebeneinander, die linke Hand des Jünglings ruhte in Athos‘ Rechter.

Was wolltest Du denn so weit vorn im Treffen machen, mein Freund? fragte Athos den Jüngling; da du nicht besser bewaffnet warst, so warst du, wie mir scheint, hier auch nicht an deinem Platze.

Ich sollte mich heute auch nicht schlagen, Herr; ich war mit einer Sendung an den Kardinal beauftragt und begab mich nach Rueil, als ich Herrn von Chatillon angreifen sah und Lust bekam, an seiner Seite mitzufechten. Da sagte er mir, daß zwei Kavaliere vom Pariser Heere mich suchen, und nannte mir den Grafen de la Fère.

Wie, du wußtest, daß wir hier waren, und wolltest deinen Freund, den Chevalier, töten!

Ich hatte den Herrn Chevalier unter seiner Rüstung nicht erkannt, entgegnete Raoul errötend; aber ich hätte ihn an seiner Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit erkennen sollen.

Ich danke für das Kompliment, mein junger Freund, versetzte Aramis; man sieht, wer Euch Unterricht in der Höflichkeit gegeben hat. Doch Ihr geht nach Rueil, sagt Ihr?

Ja.

Zu dem Kardinal?

Allerdings. Ich habe eine Depesche vom Prinzen für Seine Eminenz.

Er muß sie überbringen, sagte Athos.

Keine falsche Großmut, Graf. Was, zum Teufel! unser Schicksal und, was noch wichtiger ist, das Schicksal unserer Freunde ist vielleicht in dieser Depesche enthalten.

Aber dieser junge Mann soll sich nicht gegen seine Pflicht verfehlen, entgegnete Athos.

Einmal ist dieser junge Mensch Gefangener, was Ihr zu vergessen scheint; was wir tun, ist also dem Kriegsbrauch gemäß; und dann dürfen Sieger in Beziehung auf die Wahl ihrer Mittel nicht so heikel sein. Gebt die Depesche, Raoul.

Raoul zögerte und schaute Athos an, als wollte er einen Verhaltungsbefehl in seinen Augen suchen.

Gib die Depesche, Raoul, sagte Athos; du bist der Gefangene des Chevalier d’Herblay.

Raoul fügte sich mit Widerstreben; aber weniger bedenklich in dieser Hinsicht, als der Graf de la Fère, griff Aramis hastig nach der Depesche, durchlief sie und sagte, sie Athos hinreichend:

So lest, und Ihr werdet in diesem Briefe bei näherer Überlegung einen Umstand finden, den uns die Vorsehung will wissen lassen.

Athos nahm den Brief, seine schöne Stirn faltend, aber der Gedanke, daß in dem Schreiben von d’Artagnan die Rede sei, half ihm seinen Widerwillen gegen das Lesen besiegen.

Der Brief lautete:

Monseigneur, ich werde diesen Abend Eurer Eminenz zur Verstärkung der Truppe des Herrn von Comminges die zehn Mann schicken, die Ihr verlangt. Es sind gute Soldaten, ganz geeignet, den zwei gewaltigen Gegnern standzuhalten, deren Gewandtheit und Entschlossenheit Eure Eminenz so sehr fürchtet.

Oh! oh! rief Athos.

Nun, fragte Aramis, was dünkt Euch von den zwei Gegnern, zu deren Bewachung man außer den Leuten des Herrn von Comminges zehn gute Soldaten braucht? Sieht das nicht ganz nach d’Artagnan und Porthos aus?

Wir streifen den ganzen Tag in Paris umher, sagte Athos, und wenn wir diesen Abend keine Kunde haben, schlagen wir wieder den Weg nach der Picardie ein, und ich stehe dafür, mit Hilfe der Einbildungskraft d’Artagnans werden wir bald irgend eine Andeutung finden, die uns alle Zweifel benimmt.

Mißgeschick

D’Artagnan hatte kaum ausgesprochen, als ein Pfiff auf der Feluke ertönte, welche im Dunkel zu verschwinden anfing.

Das bedeutete etwas, wie ihr wohl begreift, sprach der Gascogner.

In diesem Augenblick sah man auf dem Verdecke eine Stocklaterne erscheinen und Schatten auf dem Hinterteil hervortreten. Plötzlich durchdrang ein schrecklicher Schrei, ein Schrei der Verzweiflung, den Raum, und als ob dieser die Wolken vertrieben hätte, entfernte sich der Schleier, der den Mond verbarg, und man sah an dem von blassem Licht versilberten Himmel das graue Segelwerk und die schwarzen Taue der Feluke abgezeichnet.

Schatten liefen auf dem Schiffe mit kläglichem Geschrei hin und her. Zugleich erblickte man Mordaunt, der mit einer Fackel in der Hand aus dem Heckbord erschien.

Die auf dem Schiffe umherlaufenden Schatten waren Groslow und seine Leute, welche er zu der von Mordaunt bezeichneten Stunde versammelt hatte, während der letztere, nachdem er an der Tür der Kajüte gehorcht, ob die Musketiere noch schliefen, durch ihr Stillschweigen beruhigt, in den Raum hinabgestiegen war.

Mordaunt hatte die Tür geöffnet und war zu der Lunte gelaufen. Glühend, wie ein Mensch, der nach Rache dürstet und ihrer ganz sicher zu sein glaubt, legte er Feuer an den Schwefel.

Währenddessen hatten sich Groslow und seine Leute aus dem Hinterteil versammelt.

Holt das Tau an, sprach Groslow, und zieht die Schaluppe her.

Einer der Matrosen schwang sich auf den Rand des Schiffes, nahm das Kabel und zog es an; es folgte ohne jeden Widerstand.

Das Kabel ist abgeschnitten! rief der Matrose, kein Boot mehr!

Wie? kein Boot mehr! rief Groslow, und stürzte nach der Schanzkleidung vor, das ist unmöglich!

Seht nur selbst. Nichts mehr im Kielwasser, und hier ist das Ende des Taues.

Da hatte Groslow das Gebrüll ausgestoßen, das von den Musketieren gehört worden war.

Was gibt es denn? rief Mordaunt, der mit seiner Fackel in der Hand aus der Luke kam und ebenfalls nach dem Hinterteil lief.

Unsere Feinde entkommen uns; man hat das Tau abgeschnitten, und sie fliehen mit dem Nachen.

Mordaunt machte nur einen Sprung bis in die Kajüte, deren Tür er mit dem Fuß eintrat.

Leer! rief er. Oh! die Teufel!

Wir verfolgen sie, sagte Groslow; sie können nicht ferne sein, und wenn wir sie erreichen, bohren wir die Schurken in den Grund.

Ja, aber das Feuer! erwiderte Mordaunt; ich habe Feuer angelegt.

Woran?

An die Lunte.

Tausend Donner! brüllte Groslow, nach der Luke eilend, vielleicht ist es noch Zeit.

Mordaunt antwortete nur durch ein furchtbares Lachen, und die Züge mehr vom Haß, als vom Schrecken verstört, suchte er den Himmel mit seinen wilden Augen, um ihm eine Lästerung zuzuschleudern. Zuerst warf er seine Fackel ins Meer, dann stürzte er sich selbst nach.

In demselben Augenblick und als Groslow den Fuß auf die Treppe der Luke setzte, öffnete sich das Schiff wie der Krater eines Vulkans, eine Feuergarbe warf sich mit einem Getöse, als donnerten hundert Kanonen zugleich, zum Himmel empor, die Luft entzündete sich, durchfurcht von ebenfalls entzündeten Trümmern; dann verschwand der gräßliche Blitz, die Trümmer fielen hintereinander zischend in den Abgrund, in dem sie erloschen, und ohne ein Beben in der Luft hätte man nach einem Augenblick glauben können, es sei nichts vorgefallen.

Die Feluke war von der Oberfläche des Meeres verschwunden, und Groslow und seine drei Leute hatten dabei ihren Untergang gefunden.

Die vier Freunde hatten alles gesehen; kein Moment dieses furchtbaren Dramas war ihnen entgangen. Einen Augenblick übergossen von dem blendenden Lichte, das die See auf mehr als eine Meile erhellte, konnte man sie, jeden in einer andern Stellung, erblicken und sehen, wie jeder einzelne den Schrecken ausdrückte, den sie alle, trotz ihrer fühllosen Herzen, unwillkürlich empfanden. Bald fiel der Flammenregen um sie hernieder; dann erlosch, wie erzählt, der Vulkan, und alles kehrte in Dunkelheit zurück. Die Barke schwamm, und das Meer brauste.

Sie verharrten einen Augenblick in tiefem Stillschweigen.

Porthos und Aramis, die jeder ein Ruder genommen hatten, hielten es mechanisch über dem Wasser und preßten es mit ihren Händen krampfhaft zusammen.

Meiner Treue, sprach Aramis, zuerst das Stillschweigen brechend, diesmal, glaube ich, ist alles vorbei.

Zu Hilfe, Mylord, zu Hilfe! rief eine klägliche Stimme, deren Töne wie die eines Meergeistes zu den vier Freunden drangen.

Alle schauten sich an, selbst Athos bebte.

Er ist es, es ist seine Stimme, sagte er.

Alle beobachteten ein tiefes Stillschweigen, denn alle hatten, wie Athos, diese Stimme erkannt. Nur wandten sie ihre unheimlich sich dehnenden Augensterne in der Richtung, wo das Schiff verschwunden war, um die Dunkelheit zu durchdringen.

Nach einem Augenblick unterschieden sie einen Menschen, der sich, kräftig schwimmend, näherte.

Athos streckte langsam den Arm gegen ihn aus und zeigte ihn seinen Gefährten mit dem Finger.

Ja, ja, sagte d’Artagnan, ich sehe ihn wohl.

Abermals er! sprach Porthos, der wie der Blasebalg eines Schmiedes schnaufte. Ah! ist er denn von Eisen?

Oh, mein Gott! murmelte Athos.

Mordaunt machte noch ein paar Klafter, erhob eine Hand als Notzeichen über das Meer und rief: Habt Mitleid, meine Herren, um Gotteswillen, meine Kräfte verlassen mich; ich muß sterben!

Die flehende Stimme war so beweglich, daß sie im Grunde von Athos‘ Herzen Mitleid erregte.

Der Unglückliche, murmelte er.

Gut, sprach d’Artagnan, es fehlte nichts mehr, als daß Ihr ihn beklagtet! In der Tat, ich glaube, er schwimmt auf uns zu. Denkt er vielleicht, wir werden ihn aufnehmen? Rudert, Porthos, rudert!

Und ein Beispiel gebend, tauchte d’Artagnan sein Ruder in das Meer. Zwei Ruderstöße entfernten die Barke auf zwanzig Klafter.

Oh! ihr werdet mich nicht umkommen lassen, ihr werdet nicht mitleidlos sein! rief Mordaunt.

Oh, oh! sprach Porthos zu Mordaunt, ich glaube, wir halten Euch endlich, mein Braver, und um Euch zu retten, habt Ihr keinen andern Hafen mehr, als den der Hölle.

Oh, Porthos, murmelte der Graf de la Fère.

Laßt mich in Ruhe, Athos. Ihr werdet in der Tat lächerlich mit Eurer ewigen Großmut. Ich erkläre Euch, daß ich ihm mit einem Ruderschlage den Schädel zerschmettere, wenn er sich der Barke auf zehn Schritte nähert.

Oh, Gnade! flieht mich nicht, meine Herren! Habt Mitleid mit mir! rief der junge Mensch mit keuchendem Atem.

D’Artagnan, der mit dem Auge jede Bewegung Mordaunts verfolgt und sein Gespräch mit Aramis beendigt hatte, stand auf und rief, sich an den Schwimmer wendend:

Mein Herr, ich bitte, entfernt Euch. Eure Reue ist zu neu, als daß wir ein großes Zutrauen zu ihr haben sollten. Bedenkt wohl, daß das Schiff, in dem Ihr uns rösten wolltet, einige Fuß unter dem Wasser raucht, und daß die Lage, in der Ihr Euch befindet, ein Rosenbett ist in Vergleich mit der, worein Ihr uns zu versetzen gedachtet, und worein Ihr Herrn Groslow und seine Gehilfen versetzt habt.

Meine Herren, erwiderte Mordaunt mit verzweiflungsvollem Ton, ich schwöre euch, daß meine Reue wahr ist. Meine Herren, ich bin so jung, bin kaum dreiundzwanzig Jahre alt! Meine Herren, ich ließ mich durch einen sehr natürlichen Groll hinreißen, ich wollte meine Mutter rächen, und ihr hättet alle dasselbe getan.

Bah! sprach d’Artagnan, als er sah, daß Athos immer weicher wurde, jenachdem.

Mordaunt hatte kaum noch drei bis vier Klafter zu machen, um die Barke zu erreichen. Das Herannahen des Todes schien ihm übermenschliche Stärke zu verleihen.

Ach! rief er, ich soll also sterben! Ihr wollt den Sohn töten, wie ihr die Mutter getötet habt! Und dennoch war ich nicht schuldig; nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen muß ein Sohn seine Mutter rächen. Wenn es ein Verbrechen ist, fügte er, die Hände faltend, bei, so muß es mir vergeben werden, da ich es bereue, da ich um Verzeihung bitte.

Dann schien er sich nicht mehr über dem Wasser halten zu können, und es ging eine Welle über seinen Kopf hin, die seine Stimme erstickte.

Oh! das zerreißt mir das Herz, sprach Athos.

Mordaunt erschien wieder.

Und ich, versetzte d’Artagnan, ich sage, daß ein Ende gemacht werden muß. Mörder Eures Oheims, Henker des Königs Karl, Brandstifter, ich fordere Euch auf, in den Grund zu fahren, oder wenn Ihr Euch der Barke noch um eine einzige Klafter nähert, zerschmettere ich Euch den Kopf mit meinem Ruder.

Mordaunt schwamm in Verzweiflung eine Klafter. D’Artagnan nahm sein Ruder mit beiden Händen. Athos stand auf.

D’Artagnan! d’Artagnan! rief er; mein Sohn, ich flehe Euch an! Der Unglückliche wird sterben, und es ist furchtbar, einen Menschen sterben zu lassen, ohne ihm die Hand zu reichen, wenn man nichts anderes zu seiner Rettung zu tun braucht. Oh! mein Herz verbietet mir eine solche Handlung. Ich kann nicht widerstehen, er muß leben.

Mord und Tod! erwiderte d’Artagnan, warum überliefert Ihr uns nicht an Händen und Füßen gebunden diesem Elenden? Das wäre schneller geschehen. Oh, Graf de la Fère! Ihr wollt durch ihn umkommen! Wohl, ich, Euer Sohn, wie Ihr mich nennt, ich will es nicht.

Aramis zog kalt seinen Degen, den er schwimmend zwischen den Zähnen gehalten hatte.

Wenn er seine Hand an den Rand des Schiffes legt, sagte er, so haue ich sie ihm ab, wie einem Königsmörder.

Und ich, sprach Porthos, wartet!

Was wollt Ihr machen? fragte Aramis.

Ich stürze mich in das Meer und erdroßle ihn.

Oh, meine Herren! rief Athos mit überwältigendem Gefühl, laßt uns Menschen, laßt uns Christen sein.

D’Artagnan stieß einen Seufzer aus. Aramis senkte sein Schwert, Porthos setzte sich wieder.

Seht, fuhr Athos fort, seht, der Tod ist auf seinem Antlitz ausgeprägt. Seine Kräfte verlassen ihn, noch eine Minute, und er sinkt in den Abgrund. Oh, verschont mich mit so furchtbaren Gewissensbissen. Nötigt mich nicht, ebenfalls vor Scham zu sterben; meine Freunde, bewilligt mir das Leben dieses Unglücklichen. Ich werde euch segnen, ich werde …

Ich sterbe, murmelte Mordaunt, zu Hilfe! … zu Hilfe!

Laßt uns eine Minute gewinnen, sagte Aramis, sich links gegen d’Artagnan wendend. Einen Ruderschlag, fügte er bei, sich rechts gegen Porthos neigend.

D’Artagnan antwortete nicht. Er fing an, halb durch die Bitten von Athos, halb durch das Schauspiel, das er vor Augen hatte, bewegt zu werden. Porthos allein gab einen Ruderschlag, und so drehte sich die Barke, und diese Bewegung brachte Athos dem Sterbenden näher.

Herr Graf de la Fère! rief Mordaunt, Herr Graf de la Fère, an Euch wende ich mich, Euch flehe ich an! Habt Mitleid mit mir! … Wo seid Ihr, Herr Graf de la Fère! Ich sehe nichts mehr … ich sterbe! … Herbei! zu Hilfe!

Hier bin ich, mein Herr, sprach Athos, sich vorbeugend und mit der ihm eigentümlichen Gebärde voll Adel und Würde seinen Arm gegen Mordaunt ausstreckend; hier bin ich, nehmt meine Hand und steigt in unsere Barke.

Ich will lieber nicht zuschauen, sprach d’Artagnan, diese Schwäche widerstrebt mir.

Er wandte sich gegen die zwei Freunde, die sich nach dem Hintergrund des Schiffes drängten, als fürchteten sie die Berührung eines Menschen, dem Athos allein die Hand zu reichen sich nicht fürchtete.

Mordaunt machte eine äußerste Anstrengung, erhob sich, ergriff die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, und klammerte sich mit der Heftigkeit der letzten Hoffnung daran.

Gut, sprach Athos, legt Eure andere Hand hierher.

Und er bot ihm seine Schulter als zweiten Stützpunkt, so daß sein Kopf beinahe den Kopf Mordaunts berührte und die zwei Todfeinde sich wie zwei Brüder umarmt hielten.

Mordaunt zerdrückte mit seinen krampfhaften Fingern Athos‘ Kragen.

Gut, mein Herr, sprach der Graf, nun seid Ihr gerettet. Beruhigt Euch.

Ah! meine Mutter, rief Mordaunt mit einem flammenden Blick und einem unbeschreiblichen Ausdruck des Hasses, ich kann dir nur ein einziges Opfer bieten, aber es soll wenigstens das sein, das du gewählt hättest!

Und während d’Artagnan einen Schrei ausstieß, Porthos das Ruder erhob und Aramis eine Stelle aussuchte, um zuzustoßen, riß ein furchtbarer Stoß an die Barke Athos in das Wasser. Mordaunt erhob ein Triumphgeschrei, preßte den Hals seines Opfers zusammen und umschloß, um jede Bewegung zu hemmen, die Beine des Unglücklichen mit den seinigen, wie es nur eine Schlange hätte tun können.

Einen Augenblick suchte sich Athos, ohne einen Ton von sich zu geben, auf der Oberfläche des Meeres zu halten, aber das Gewicht zog ihn hinab, und er versank allmählich. Bald sah man nur noch seine langen Haare schwimmen; dann verschwand alles, und ein breiter Gischt, der sich ebenfalls nach und nach verlor, deutete allein noch die Stelle an, wo beide in die Tiefe gesunken waren.

Stumm vor Schrecken, unbeweglich vor Grauen, verharrten die drei Freunde mit gähnendem Munde und mit weit aufgerissenen Augen, die Arme ausstreckend. Sie schienen Statuen zu sein, und dennoch hörte man ihre Herzen schlagen. Porthos kam zuerst zu sich selbst und rief, indem er sich mit vollen Händen die Haare ausraufte, mit herzzerreißendem Schluchzen:

Oh, Athos, Athos! edles Herz! wehe, wehe über uns, die wir dich haben sterben lassen!

Ja, ja, wiederholte d’Artagnan, wehe, wehe!

Wehe! murmelte Aramis.

In demselben Augenblick erschien mitten in dem weiten von den Strahlen des Mondes beleuchteten Kreise, vier bis fünf Klafter von der Barke, wieder ein Wirbel, und man sah zuerst Haare, dann ein bleiches Gesicht mit offenen, aber toten Augen und endlich einen Körper erscheinen, der, nachdem er sich bis unter die Brust über das Meer erhoben hatte, sich, der Bewegung der Wellen folgend, langsam aus den Rücken legte.

In der Brust des Körpers stak ein Dolch, dessen goldener Griff im Monde funkelte.

Mordaunt! Mordaunt! Mordaunt! riefen die drei Freunde, es ist Mordaunt!

Aber Athos? sprach d’Artagnan.

Plötzlich neigte sich die Barke unter einem neuen und unerwarteten Gewichte nach links, und Grimaud stieß einen Freudenschrei aus. Alle wandten sich um, und man sah Athos leichenbleich, mit erloschenen Augen und zitternder Hand sich am Rande des Bootes halten. Acht nervige Arme hoben ihn sogleich empor und legten ihn in die Barke, wo Athos, in einem Augenblick erwärmt, unter den Liebkosungen seiner freudetrunkenen Freunde wiederauflebte.

Ihr seid doch nicht verwundet? fragte d’Artagnan.

Nein, antwortete Athos. Und er?

Oh, er ist diesmal, Gott sei Dank! wirklich tot. Seht! Und d’Artagnan nötigte Athos, in der Richtung zu schauen, die er ihm andeutete, und zeigte ihm den Leichnam Mordaunts, der, auf den Wellen schwimmend, bald untertauchte, bald sich wieder erhob und die vier Freunde mit einem Blick voll tödlichen Hasses zu verfolgen schien.

Endlich sank der Tote in den Abgrund. Athos war ihm mit einem schwermütigen, mitleidigen Blicke gefolgt.

Bravo, Athos! sprach Aramis. – Ein schöner Stoß! rief Porthos. – Ich hatte einen Sohn, sagte Athos, ich wollte leben. – Endlich, rief d’Artagnan, hier hat Gott gesprochen. – Ich habe ihn nicht getötet, das Geschick hat es getan, murmelte Athos.

Heil der gefallenen Majestät

Als unsere Flüchtlinge sich dem Hause näherten, sahen sie die Erde zusammengetreten, als ob eine beträchtliche Reitertruppe vor ihnen dagewesen wäre; vor der Tür waren die Spuren noch sichtbarer; die Truppe hatte offenbar hier Halt gemacht.

Bei Gott, die Sache ist klar, rief Mousqueton, der König und seine Eskorte sind hier durchgekommen.

Teufel! sprach Porthos, sie werden alles verschlungen haben.

Bah! entgegnete d’Artagnan, sie haben gewiß noch ein Huhn übrig gelassen.

Und er sprang von seinem Pferd und klopfte an die Tür; aber niemand antwortete. Er stieß die Tür auf, die nicht verschlossen war, und fand das erste Zimmer leer und verlassen.

Nun? fragte Porthos. – Ich sehe niemand, erwiderte d’Artagnan. Ah, ah! – Was? – Blut!

Bei diesem Wort sprangen die drei Freunde ebenfalls von ihren Pferden und traten ins erste Zimmer; aber d’Artagnan hatte bereits die Tür des zweiten geöffnet, und an dem Ausdruck seines Gesichtes konnte man sehen, daß er etwas Außerordentliches wahrnahm.

Die drei Freunde näherten sich und erblickten einen noch jungen Menschen, der in einer Blutlache auf dem Boden ausgestreckt lag. Man sah, daß er sein Bett hatte erreichen wollen, aber aus Mangel an Kraft vorher niedergefallen war.

Athos war der erste, der zu dem Unglücklichen trat; er glaubte eine Bewegung an ihm bemerkt zu haben.

Nun? fragte d’Artagnan.

Wenn er tot ist, erwiderte Athos, so kann er es nicht lange sein, denn ich fühle noch Wärme in ihm. Bei Gott, sein Herz schlägt. He! Freund!

Der Verwundete stieß einen Seufzer aus; d’Artagnan nahm Wasser in seine hohle Hand und spritzte es ihm ins Gesicht.

Der junge Mann öffnete seine Augen, machte eine Bewegung, um seinen Kopf aufzurichten, und fiel wieder zurück.

Athos sah, daß der Verwundete am Schädel eine tiefe Wunde hatte, die stark blutete. Er tauchte eine Serviette ins Wasser und legte sie auf die Wunde; die Frische rief den Verwundeten zu sich, und er öffnete zum zweiten Mal die Augen.

Erstaunt schaute er die Menschen an, die ihn zu beklagen schienen und ihm, soweit es in ihrer Macht lag, Hilfe zu leisten suchten.

Ihr seid bei Freunden, sagte Athos englisch, beruhigt Euch also, und wenn Ihr die Kraft dazu habt, so erzählt uns, was vorgefallen ist.

Der König, murmelte der Verwundete, der König ist gefangen.

Ihr habt ihn gesehen? fragte Aramis in derselben Sprache.

Der junge Mann antwortete nicht.

Seid unbesorgt, versetzte Athos, wir sind treue Diener Seiner Majestät. – Ist es wahr, was Ihr mir da sagt? fragte der Verwundete. – Bei unserem adeligen Ehrenwort. – Dann kann ich Euch alles sagen. – Sprecht. – Ich bin der Bruder Parrys, des Kammerdieners Seiner Majestät.

Wir kennen ihn, sprach Athos, er verließ den König nie.

Ja, so ist es, sagte der Verwundete. Als er den König gefangen sah, dachte er an mich; man kam an diesem Hause vorüber, er bat um Gottes willen, daß man hier anhalten möchte. Die Bitte wurde bewilligt. Der König, sagte man, habe Hunger; man ließ ihn in das Zimmer eintreten, wo ich mich befinde, damit er speisen könnte, und stellte Schildwachen an die Türen und Fenster. Parry kannte dieses Zimmer, denn er hatte mich wiederholt besucht, während sich Seine Majestät in Newcastle aufhielt. Er wußte, daß in diesem Zimmer eine Falltür war, daß diese Falltür in den Keller führte, und daß man aus dem Keller in den Obstgarten gelangen konnte. Er machte mir ein Zeichen. Ich begriff. Aber dieses Zeichen wurde ohne Zweifel von den Wächtern des Königs bemerkt und machte sie mißtrauisch. Da ich nicht wußte, daß man etwas vermutete, so hatte ich nur ein Verlangen, nämlich den König zu retten. Ich stellte mich daher, als ginge ich hinaus, um Holz zu holen, denn ich dachte, es sei keine Zeit zu verlieren, und trat in den unterirdischen Gang, der in den Keller führte, der mit der Falltür in Verbindung stand; ich hob das Brett mit meinem Kopfe auf, und während Parry leise den Türriegel vorstieß, bedeutete ich dem König durch ein Zeichen, er möge mir folgen. Ach! er wollte nicht, man hätte glauben sollen, diese Flucht widerstrebe ihm. Aber Parry faltete flehend die Hände, ich bat ihn ebenfalls, eine solche Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. Endlich entschloß er sich, mir zu folgen. Ich ging zum Glück voraus; der König kam einige Schritte hinter mir, als ich plötzlich in dem unterirdischen Gange etwas wie einen großen Schatten sich erheben sah. Ich wollte schreien, um den König zu benachrichtigen, aber ich hatte nicht mehr Zeit dazu. Ich fühlte einen Schlag, als ob das Haus über meinem Kopf zusammenstürzte, und fiel ohnmächtig nieder.

Guter, rechtschaffener Engländer! treuer Diener! sprach Athos.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf demselben Platze. Ich schleppte mich bis in den Hof; der König und seine Eskorte hatten sich entfernt. Ich brauchte vielleicht eine Stunde, um vom Hof hierher zu gelangen; hier aber schwanden meine Kräfte, und ich fiel abermals in Ohnmacht.

Sie trugen den Mann auf sein Bett. Man ließ Grimaud kommen, der seine Wunde verband. Grimaud hatte im Dienst der vier Freunde so oft Gelegenheit gehabt, Scharpie und Kompressen zu machen, daß ein gewisser Schimmer von Wundarzneikunde an ihm haften geblieben war.

Während dieser Zeit kehrten die Flüchtlinge in das erste Zimmer zurück, um zu beratschlagen.

Wir wissen nun, woran wir uns zu halten haben, sprach Aramis, der König und seine Eskorte sind tatsächlich hier vorübergekommen; wir müssen die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Ist dies auch Eure Ansicht, Athos?

Athos antwortete nicht, er dachte nach; dann wandte er sich an d’Artagnan mit der Frage:

Was denkt Ihr? Seid Ihr der Meinung von Aramis? – Nein, erwiderte d’Artagnan, ich bin ganz entgegengesetzter Meinung. – Wie? Ihr wollt der Eskorte folgen? rief Porthos erschrocken. – Nein, aber mit ihr marschieren. – Mit der Eskorte marschieren! rief Aramis. – Laßt d’Artagnan reden, Ihr wißt, daß er der Mann des guten Rates ist, sagte Athos. – Allerdings, sprach d’Artagnan, wir müssen dahin gehen, wo man uns nicht suchen wird. Man wird sich aber wohl hüten, uns unter den Puritanern zu suchen; gehen wir also unter die Puritaner! – Gut, Freund, gut; ein vortrefflicher Rat; ich hätte ihn gegeben, wenn Ihr mir nicht zuvorgekommen wäret, sagte Athos. – Es ist also auch Eure Ansicht? fragte Aramis. – Ja, man wird glauben, wir wollen England verlassen, man wird uns in den Häfen suchen; während dieser Zeit gelangen wir mit dem König nach London. Sind wir einmal in London, so kann man uns nicht finden; unter einer Million Menschen ist es nicht schwer, sich zu verbergen, abgesehen von den Aussichten, die uns diese Reise bietet, fügte Athos mit einem Blick auf Aramis bei. – Ja, versetzte dieser, ich begreife. Aber werden wir dem Obersten Harrison nicht verdächtig vorkommen?

Ei! Gottes Tod, gerade auf ihn zähle ich, rief d’Artagnan; der Oberst Harrison gehört zu unsern Freunden; wir haben ihn zweimal bei dem General Cromwell gesehen; er weiß, daß wir von Mazarin zu ihm geschickt worden sind, und wird uns als Freunde betrachten. Ist er übrigens nicht der Sohn eines Fleischers? Nun, Porthos zeigt ihm, wie man einen Ochsen mit einem Faustschlag tötet, und ich, wie man einen Stier niederwirft, indem man ihn an den Hörnern packt; dadurch werden wir sein Zutrauen gewinnen.

Athos lächelte und sagte: Ihr seid der beste Gefährte, den ich kenne, d’Artagnan, und ich bin glücklich, Euch wiedergefunden zu haben, mein lieber Sohn.

In diesem Augenblick trat Grimaud aus dem andern Zimmer. Der Verwundete war verbunden und befand sich besser. Die vier Freunde nahmen von ihm Abschied und fragten ihn, ob er ihnen nicht einen Auftrag an seinen Bruder zu geben hätte.

Sagt ihm, erwiderte der brave Mann, er möge den König wissen lassen, daß sie mich nicht ganz umgebracht haben. So wenig ich auch bin, so weiß ich doch, daß Seine Majestät mich bedauern und sich meinen Tod zum Vorwurf machen würde.

Seid unbesorgt, sprach d’Artagnan, er soll es vor Abend erfahren.

Der kleine Trupp setzte sich wieder in Marsch. Bald sahen sie in einer Entfernung von etwa einer Stunde eine bedeutende Reiterschar vor sich.

Liebe Freunde, sprach d’Artagnan, gebt eure Degen Herrn Mousqueton, der sie euch seiner Zeit und gehörigen Orts wiedergeben wird, und vergeßt nicht, daß ihr unsere Gefangenen seid.

Dann setzte man die Pferde, die müde zu werden anfingen, in Trab, und bald hatte man die Eskorte eingeholt.

Als der König, der auch jetzt noch seine Würde bewahrte, Athos und Aramis erblickte, stieg, obgleich er sie für Gefangene hielt, eine Röte der Freude in seine bleichen Wangen.

D’Artagnan erreichte die Spitze der Kolonne, ließ seine Freunde unter Porthos‘ Bewachung zurück und ritt gerade auf Harrison zu, der ihn wirklich als einen Mann erkannte, den er bei Cromwell gesehen hatte, und ihn so artig empfing, wie ein Mensch seiner Herkunft und seines Charakters irgend jemand empfangen konnte.

Man hielt an; bei diesem Halt sollte der König zu Mittag speisen. Nur wurden diesmal Vorsichtsmaßregeln getroffen, um jeden Fluchtversuch zu verhindern. Im großen Zimmer des Gasthauses wurden ein kleiner Tisch für ihn und ein großer für die Offiziere aufgestellt.

Speist Ihr mit mir? fragte Harrison d’Artagnan.

Teufel! erwiderte dieser, das würde mir großes Vergnügen machen, aber ich habe meinen Gefährten, Herrn du Vallon und meine zwei Gefangenen, die ich nicht verlassen kann, und so würde Euer Tisch gar zu sehr in Anspruch genommen. Doch laßt einen Tisch in irgend einem Winkel hier decken und schickt uns, was Euch beliebt, von dem Eurigen, denn sonst laufen wir Gefahr, zu verhungern. Wir speisen dann immer noch zusammen, insofern wir in einem Zimmer speisen.

Es sei! sprach Harrison.

Die Sache wurde nach d’Artagnans Wunsch geordnet, und als er zurückkam, fand er den König bereits an seinem Tischchen sitzend und von Parry bedient. Die Tafel, an der die puritanischen Offiziere saßen, war rund, und Harrison kehrte, mochte es nun Zufall oder plumpe Absicht sein, dem König den Rücken.

Die vier Edelleute setzten sich an den ihnen vorbehaltenen Tisch und nahmen ihre Plätze so, daß sie niemand den Rücken zukehrten; ihnen gegenüber waren der Offizierstisch und der Tisch des Königs.

Um seine Gäste zu ehren, schickte ihnen Harrison die besten Gerichte seiner Tafel.

Meiner Treu‘, Oberst, sprach d’Artagnan, wir sind Euch sehr dankbar für Eure freundliche Einladung, denn ohne Euch liefen wir Gefahr, das Mittagessen entbehren zu müssen, wie wir das Frühstück entbehren mußten, und mein Freund, Herr du Vallon hier, teilt meine Dankbarkeit, denn er hatte großen Hunger.

Ich habe noch Hunger, sprach Porthos, sich vor dem Oberst Harrison verbeugend.

Und wie hat sich das wichtige Ereignis zugetragen, daß Ihr das Frühstück entbehren mußtet? fragte lachend der Oberst.

D’Artagnan erzählte darauf, sie hätten unterwegs alles von der vorausreitenden Eskorte verzehrt gefunden, und verflocht in seinem Bericht mit kluger Berechnung den für den König und Parry berechneten Umstand, daß sie in einem Häuschen statt der erwarteten Hühner einen scheinbar getöteten, aber in Wahrheit nicht lebensgefährlich verwundeten Menschen gefunden hätten.

Ein Offizier an des Obersten Seite, namens Groslow, der sich als der Angreifer des jungen Mannes bekannte, war über diese Mitteilung betreten, während Karl I. und Parry, die d’Artagnans Worten atemlos gefolgt waren, erfreut aufatmeten.

In der Tat, d’Artagnan, sprach Athos leise, Ihr seid zugleich ein Mann von Wort und von Geist. Aber was sagt Ihr von dem König?

Sein Gesicht gefällt mir ungemein, versetzte d’Artagnan; er sieht edel und gut aus.

Ja, aber er läßt sich gefangen nehmen, entgegnete Porthos, und darin hat er unrecht.

Ich habe Lust, auf die Gesundheit des Königs zu trinken, sagte Athos.

Dann laßt mich die Gesundheit ausbringen, sprach d’Artagnan.

Tut es, versetzte Aramis.

D’Artagnan nahm seinen zinnernen Becher, füllte ihn, stand auf und sprach zu seinen Gefährten: Trinken wir auf den Vorsitzenden bei unserm Mahl, auf unsern Obersten, und er mag wissen, daß wir ihm bis London und noch weiter zu Diensten sind!

Und da d’Artagnan bei diesen Worten Harrison anschaute, so glaubte dieser, der Toast gelte ihm; er erhob sich also und trank den vier Freunden zu, die, die Augen auf König Karl geheftet, gleichzeitig tranken.

Karl reichte sein Glas Parry, der ihm einige Tropfen Bier eingoß, denn der König wurde gerade wie die andern bedient; dann setzte er es an den Mund, schaute die vier Edelleute an und leerte es mit einem würdevollen Lächeln der Dankbarkeit.

Auf, meine Herren, rief Harrison, sein Glas wieder auf den Tisch stellend und ohne irgend eine Rücksicht für den erhabenen Gefangenen, den er führte, vorwärts!

Wo werden wir Nachtlager halten, Oberst?

In Tirsk, antwortete Harrison.

Parry, sagte der König, ebenfalls aufstehend und sich nach seinem Diener umwendend, mein Pferd. Ich will nach Tirsk reiten.

Das Haus Cromwells

Es war in der Tat Mordaunt, den d’Artagnan, ohne ihn zu erkennen, verfolgt hatte. In das Haus eintretend, hatte er seine Larve und den gräulichen Bart, den er, um sich unkenntlich zu machen, angelegt, wieder abgenommen, war die Treppe hinausgegangen, hatte die Tür geöffnet und befand sich in einem durch den Schimmer einer Lampe erleuchteten und mit einer dunkelfarbigen Tapete ausgeschlagenen Zimmer einem Manne gegenüber, der an einem Tische saß und schrieb.

Dieser Mann war Cromwell, der bekanntlich in London mehrere solche, selbst dem größeren Teile seiner Freunde unbekannte Schlupfwinkel besaß. Mordaunt konnte aber, wie man sich erinnert, zu der Zahl seiner Vertrautesten gerechnet werden.

Habt Ihr genaue Nachricht erhalten? fragte Mordaunt im Laufe eines eifrigen Gespräches sein Gegenüber. – Keine; ich bin seit diesem Morgen hier und weiß nur, daß ein Komplott stattfand, um den König zu retten. – Ah, Ihr wußtet dies? – Es ist nichts daran gelegen. Vier als Arbeiter verkleidete Männer sollten den König aus dem Gefängnisse bringen und nach Greenwich führen, wo eine Barke ihrer harrte. – Und von alldem unterrichtet, hielt sich Eure Ehren hier entfernt von der City ruhig und untätig? – Ruhig, ja; aber wer sagt Euch untätig? – Wenn das Komplott gelungen wäre? – Ich hätte es gewünscht. – Ich dachte, Eure Ehren betrachte den Tod Karls I. als ein für England notwendiges Unglück. – Ich denke immer noch so; aber wenn er nur aus dem Leben schied, mehr bedurfte es nicht; es wäre vielleicht besser gewesen, es wäre nicht auf dem Schafott geschehen. – Aber warum dies. Eure Ehren?

Cromwell lächelte.

Vergebt, sprach Mordaunt; Ihr wißt, General, ich bin ein Lehrling in der Politik und wünsche unter allen Umständen Lektionen zu benutzen, die mein Meister mir zu geben die Güte haben will. – Weil man gesagt hätte, ich habe ihn durch das Gericht verurteilen und dann aus Barmherzigkeit entfliehen lassen. – Wenn er aber entflohen wäre? – Unmöglich. – Unmöglich? – Ja, meine Vorsichtsmaßregeln waren getroffen. – Und Eure Ehren kennt die vier Männer, die den König zu retten unternommen hatten? – Es sind die vier Franzosen, von denen zwei durch Madame Henriette an ihren Gatten und zwei von Mazarin an mich abgeschickt wurden. – Glaubt Ihr, Herr, Mazarin habe sie beauftragt, zu tun, was sie getan haben? – Möglich, aber er wird sie verleugnen. – Warum dies? – Weil sie scheiterten. – Eure Ehren schenkten mir zwei von diesen Franzosen, weil sie schuldig waren, die Waffen zu Gunsten Karls I. getragen zu haben, will mir Eure Ehren nun, da sie eines Komplottes gegen England schuldig sind, alle vier schenken? – Nehmt sie, sagte Cromwell.

Mordaunt verbeugte sich mit einem Lächeln triumphierender Wildheit.

Doch kommen wir auf den unglücklichen Karl zurück, fuhr Cromwell fort, als er sah, daß Mordaunt sich anschickte, zu danken. Hat man im Volke geschrien?

Sehr wenig, außer: Es lebe Cromwell!

Es scheint, der improvisierte Henker habe seine Schuldigkeit sehr gut getan, sagte Cromwell; der Schlag wurde, wenigstens wie man mir gemeldet hat, mit Meisterhand geführt. – In der Tat, sprach Mordaunt mit ruhiger Stimme und unempfindlichem Gesicht, ein einziger Streich genügte. – Vielleicht war es einer vom Handwerk, sagte Cromwell. Glaubt Ihr, Herr? – Warum nicht? – Dieser Mensch sah nicht wie ein Henker aus. – Und wer anders als ein Henker hätte dieses furchtbare Geschäft verrichten wollen? fragte Cromwell. – Vielleicht ein persönlicher Feind Karls, der das Gelübde der Rache getan und dieses Gelübde in Erfüllung gebracht hat. Vielleicht irgend ein Edelmann, der gewichtige Ursachen hatte, den entsetzten König zu hassen, und da er wußte, daß er entfliehen und entkommen sollte, sich ihm mit verlarvtem Antlitz und dem Beil in der Hand, nicht als Stellvertreter des Henkers, sondern als Bevollmächtigter des Verhängnisses in den Weg stellte. – Das ist möglich, sprach Cromwell. – Wenn dem so wäre, würde Eure Ehren seine Handlung verdammen? – Es ist nicht meine Sache, zu richten, es ist dies Sache zwischen Gott und ihm. – Wenn aber Eure Ehren diesen Edelmann kennen würde? – Ich kenne ihn nicht, mein Herr, antwortete Cromwell, und will ihn nicht kennen. – Ohne diesen Menschen war der König gerettet.

Cromwell lächelte.

Allerdings. Ihr habt selbst gesagt, man entführte ihn.

Man entführte ihn bis Greenwich. Dort schiffte er sich auf einer Feluke mit seinen vier Rettern ein. Aber auf der Feluke waren vier Männer, die mir, und vier Tonnen Pulver, die der Nation gehörten. Auf der See stiegen die vier Männer in die Schaluppe herab, und Ihr seid bereits ein zu gewandter Politiker, als daß ich Euch das übrige zu erklären brauchte. Ja, auf der See wurden sie insgesamt in die Luft gesprengt.

Richtig. Die Explosion tat, was das Beil nicht hatte tun wollen. Der König Karl verschwand und war vernichtet. Man hätte gesagt, der menschlichen Gerechtigkeit entgangen, sei er von der himmlischen Rache verfolgt und erreicht worden; wir waren nur seine Richter, und Gott hat die Strafe an ihm vollzogen. Diesen Vorteil habe ich durch Euren verlarvten Edelmann verloren, Mordaunt.

Herr, sprach Mordaunt, ich neige mich wie immer in Demut vor Euch. Ihr seid tiefer Denker, und Euer Plan mit der Feluke ist wahrhaftig erhaben.

Ihr werdet also diesen Abend nach Greenwich abgehen, sprach Cromwell aufstehend; Ihr fragt nach dem Patron der Feluke » der Blitz« und zeigt ihm ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch … dies war das verabredete Signal; Ihr sagt den Leuten, sie sollen wieder an das Land steigen, und laßt das Pulver in das Arsenal bringen, wenn nicht anders … diese Feluke, so wie sie ist. Euren persönlichen Zwecken dienlich sein kann. – Ah! Herr! rief Mordaunt, indem Euch Gott zu seinem Auserwählten machte, gab er Euch seinen Blick, dem nichts entgehen kann.

Cromwell nahm seinen Mantel.

Ihr entfernt Euch? fragte Mordaunt.

Ja, ich habe gestern und vorgestern hier übernachtet, und Ihr wißt, daß es nicht meine Gewohnheit ist, dreimal in demselben Bette zu schlafen.

Eure Ehren gibt mir also jede Freiheit für die Nacht?

Und sogar für den morgigen Tag, wenn es nötig ist. Ihr habt seit gestern abend genug für meinen Dienst getan, sagte Cromwell lächelnd, und wenn Ihr Privatangelegenheiten abzumachen habt, so ist es billig, daß ich Euch Zeit dazu lasse.

Ich danke, Herr, sie wird, wie ich hoffe, benutzt werden.

Cromwell machte Mordaunt ein Zeichen mit dem Kopfe; dann wandte er sich um und fragte: Seid Ihr bewaffnet? – Ich habe meinen Degen. – Und niemand, der Euch vor der Tür erwartet? – Niemand. – Dann solltet Ihr mit mir gehen, Mordaunt. – Ich danke; die Umwege, die Ihr machen müßt, um durch den unterirdischen Gang zu gelangen, würden mir Zeit rauben, und nach dem, was Ihr mir sagtet, habe ich vielleicht bereits zu viel verloren. Ich gehe durch eine andere Tür. – Geht also, sprach Cromwell, und seine Hand auf einen verborgenen Knopf legend, öffnete er eine Türe, die so gut unter der Tapete versteckt war, daß auch das geübteste Auge sie nicht zu erkennen vermochte.

Während des letzten Teiles dieser Szene hatte Grimaud durch eine Öffnung des nicht zugezogenen Vorhangs die zwei Männer wahrgenommen und Cromwell und Mordaunt erkannt. Man hat die Wirkung gesehen, welche diese Kunde auf die vier Freunde hervorbrachte.

D’Artagnan war der erste, der wieder zur vollen Besinnung kam.

Mordaunt! sagte er, ah! beim Himmel, Gott selbst schickt ihn uns.

Ja, laßt uns die Tür eintreten und über ihn herfallen, sprach Porthos.

Im Gegenteil, erwiderte d’Artagnan, treten wir nicht ein … keinen Lärm, der Lärm führt Leute herbei, denn wenn er, wie Grimaud sagt, bei seinem würdigen Herrn ist, so muß fünfzig Schritte von hier ein Posten verborgen sein. Holla! Grimaud, steigt noch einmal hinauf und sagt uns, ob Mordaunt noch Gesellschaft hat, ob er auszugehen oder sich zu Bette zu legen im Begriff ist. Geht er aus, so fassen wir ihn vor der Tür; bleibt er, so brechen wir das Fenster ein; das ist immer noch weniger geräuschvoll und schwierig, als eine Tür.

Grimaud fing an, schweigend das Fenster zu erklettern.

Bewacht den andern Ausgang, Athos und Aramis, ich bleibe mit Porthos hier.

Die Freunde gehorchten.

Nun, Grimaud? fragte d’Artagnan. – Er ist allein. – Bist du dessen sicher? – Ja. – Wir haben seinen Gefährten nicht herausgehen sehen. – Vielleicht ist er durch die andere Tür hinausgegangen. – Was tut er? – Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht seine Handschuhe an. So gehört er uns! murmelte d’Artagnan.

Still, flüsterte Grimaud; er ist im Begriff zu gehen. Er nähert sich der Lampe, er bläst sie aus; ich sehe nichts mehr.

Herab zu Boden!

Grimaud sprang rückwärts und fiel auf seine Beine. Der Schnee dämpfte das Geräusch. Man hörte nichts.

Benachrichtige Athos und Aramis, sie sollen sich auf jede Seite der Tür stellen, wie Porthos und ich es hier machen; wenn sie ihn fassen, sollen sie in die Hände klatschen; wir klatschen, wenn wir ihn fassen.

Porthos drückte sich an die Mauer, daß man hätte glauben sollen, er wolle hineindringen. D’Artagnan tat dasselbe.

Man hörte nun Mordaunts Tritt auf der schallenden Treppe. Eine kleine unbemerkbare Klappe an der Tür wurde geöffnet. Mordaunt schaute heraus, aber gewahrte nichts. Dann steckte er den Schlüssel ins Schloß, die Tür tat sich auf, und er erschien auf der Schwelle.

In demselben Augenblick fand er sich d’Artagnan gegenüber.

Er wollte die Tür wieder zustoßen. Porthos näherte sich dem Knopfe, riß sie weit auf und klatschte dreimal in die Hände. Athos und Aramis liefen herbei.

Mordaunt wurde leichenblaß, aber er gab keinen Schrei von sich, er rief nicht um Hilfe.

D’Artagnan ging gerade auf Mordaunt zu, stieß ihn gleichsam mit seiner Brust zurück und trieb ihn rückwärts die ganze Treppe hinauf, die durch eine Lampe beleuchtet war, die dem Gascogner gestattete, die Hände Mordaunts nicht aus dem Auge zu verlieren; Mordaunt aber begriff, daß er sich, wenn er d’Artagnan getötet, noch seiner drei andern Feinde zu entledigen hätte. Er machte also nicht die geringste Bewegung, um sich zu verteidigen, nicht eine einzige drohende Gebärde. Zur Tür gelangt, fühlte sich Mordaunt mit dem Rücken an dieselbe gepreßt, und er glaubte wohl, hier würde alles mit ihm zu Ende gehen. Aber er täuschte sich, d’Artagnan streckte die Hand aus und öffnete die Tür; Mordaunt und er befanden sich also in dem Zimmer, in dem der junge Mann zehn Minuten vorher mit Cromwell gesprochen.

Porthos und Aramis erschienen an der Tür, die sie sodann verschlossen.

Habt die Güte und setzt Euch, sprach d’Artagnan, dem jungen Mann einen Stuhl reichend.

Dieser nahm den Stuhl und setzte sich, bleich, aber ruhig. Drei Schritte von ihm stellte Aramis drei Stühle für sich, d’Artagnan und Porthos.

Athos setzte sich in den entferntesten Winkel des Zimmers und schien entschlossen, ein unbeweglicher Zuschauer dessen, was vorgehen sollte, zu bleiben. Er sah niedergeschlagen aus. Porthos rieb sich die Hände mit fieberhafter Ungeduld. Aramis biß sich, obgleich er lächelte, bis aufs Blut in die Lippen. D’Artagnan allein mäßigte sich, wenigstens scheinbar.

Herr Mordaunt, sagte er zu dem jungen Mann, da der Zufall, nachdem wir uns so viele Tage vergeblich nachgelaufen sind, uns endlich zusammenführt, so wollen wir ein wenig plaudern, wenn es Euch gefällig ist.