XL.

Die zitternde Ethel, welche die Wachen beim Ausgang aus dem Kerker des Löwen von Schleswig von ihrem Vater getrennt hatten, wurde durch finstere, ihr bis dahin unbekannte Gänge in eine Art dunkler Zelle geführt, die man bei ihrem Eintritt hinter ihr schloß. Gegenüber der Zellenthüre war eine vergitterte Oeffnung, durch welche der Schein von Fackeln und Kerzen hereinfiel; hinter dieser Oeffnung eine Bank, auf der eine schwarz gekleidete verschleierte Frau saß, die ihr ein Zeichen gab, sich neben sie zu setzen. Sie gehorchte in schweigender Verwirrung.

Ihre Augen richteten sich auf den Raum jenseits des Gitters. Ein düsteres Schauspiel stellte sich ihr dar.

Am äußersten Ende eines schwarz behängten Saals, der durch kupferne Lampen, welche an der Decke hingen, schwach beleuchtet war, erhob sich in Gestalt eines Hufeisens ein schwarz ausgeschlagenes Gerüste, auf welchem sieben schwarz gekleidete Richter saßen, deren einer, im Mittelpunkt auf einem erhöhten Sitze, glänzende Sterne und diamantene Ketten auf seiner Brust trug. Der Richter, der ihm zur Rechten saß, zeichnete sich von den andern durch einen weißen Leibgürtel und einen Hermelinmantel, die Amtskleidung des Oberrichters der Provinz aus. Rechts vom Tribunal war eine Erhöhung mit einem Thronhimmel, auf welcher ein Greis in geistlichem Ornat saß; links ein mit Papieren belegter Tisch, hinter welchem ein kleiner Mann stand, der eine ungeheure Perrücke auf dem Kopfe hatte und in einen langen, weiten schwarzen Mantel ganz eingewickelt war.

Den Richtern gegenüber war eine hölzerne Bank, von Hellebardieren umgeben, welche Fackeln in der Hand trugen, deren von einem Walde von Piken und Flinten wiederstrahlender Schein seinen ungewissen Strahl auf die wogenden Häupter einer Menge von Zuschauern warf, die sich gegen das eiserne Gitter drängten, das sie von dem Tribunal absonderte.

Ethel sah diesem Schauspiele zu, als ob sie wachend einem Traum angewohnt hätte. Sie sah den Präsidenten sich erheben und im Namen des Königs verkünden, daß jetzt das Gericht eröffnet sei.

Nun las der kleine schwarze Mann mit flüchtiger und fast unvernehmbarer Stimme einen langen Bericht ab, in welchem der Name ihres Vaters in Verbindung mit den Worten »Verschwörung, Hochverrath, Aufstand der Bergleute« häufig vorkam. Sie erinnerte sich nun mit Schrecken an das, was ihr die Unbekannte von einer Anklage gesagt hatte, die ihrem Vater drohe, und sie schauderte, als sie den schwarzen Mann seinen Bericht mit dem Worte Tod, das er stark betonte, schließen hörte.

Erschüttert wandte sie sich zu der verschleierten Frau, vor welcher sie, sie wußte selbst nicht warum, ein Gefühl der Furcht hegte, und fragte schüchtern: »Wo sind wir? Was heißt Alles dies?« Eine Geberde der Unbekannten verwies sie zur Stille und Aufmerksamkeit. Sie wandte ihre Blicke wieder dem Tribunal zu.

Der ehrwürdige Greis im geistlichen Ornat hatte sich erhoben und sprach mit lauter und deutlicher Stimme: »Im Namen des allmächtigen und allbarmherzigen Gottes, ich Pamphilius Eleutherus, Bischof der königlichen Stadt Drontheim und der königlichen Provinz Drontheimhus, grüße den ehrwürdigen Gerichtshof, der im Namen des Königs, welcher nächst Gott unser Herr und Gebieter ist, richtet.

Da die vor dieses Tribunal geführten Gefangenen Menschen und Christen sind, und da sie keine Vertheidiger haben, so erkläre ich hiemit den ehrwürdigen Richtern, daß ich ihnen in der bedrängten Lage, worein sie der Himmel versetzt hat, mit meiner schwachen Kraft beizustehen gedenke.

So bitte ich nun Gott, daß er meine Schwäche mit seiner Kraft stärken, und meine Blindheit mit seinem Licht erleuchten wolle!«

Mit diesen Worten stieg der Bischof von seinem erhabenen Sitze und setzte sich auf die für die Angeklagten bestimmte hölzerne Bank. Ein Murmeln des Beifalls erhob sich unter den Zuschauern.

Der Präsident stand auf und sagte mit kalter und trockener Stimme: »Hellebardiere, gebietet Stille!«

»Hochwürdiger Herr Bischof,« fuhr er fort, »der Gerichtshof dankt Ihnen im Namen der Gefangenen. Einwohner von Drontheimhus, habt Acht auf die hohe Rechtspflege des Königs, von diesem Gericht findet keine Berufung Statt! Kerkermeister, führt die Gefangenen herein!«

Unter den Zuschauern entstand eine Stille schauerlicher Erwartung; sie theilten sich in zwei Reihen. Bald ertönten Schritte vieler Menschen, Piken und Gewehre blitzten, und sechs Gefangene in Ketten und von Wache umgeben, traten mit entblößten Häuptern ein. Ethel sah nur den ersten dieser sechs Gefangenen: es war ein Greis mit weißen Haaren, ihr Vater.

Sie lehnte sich halb ohnmächtig auf das steinerne Geländer, ihr Blick umnebelte sich und sie seufzte mit erloschener Stimme: »O, Herr mein Gott, stehe mir bei!« Die verschleierte Frau neigte sich gegen sie und hielt ihr ein Riechfläschchen vor, das sie aus ihrer Ohnmacht wieder erweckte.

Der Präsident erhob sich und sprach mit langsam feierlicher Stimme: »Gefangene, man hat Euch vor diesen Gerichtshof geführt, damit er untersuche und entscheide, ob Ihr des Hochverraths, der Verschwörung und des bewaffneten Aufstands gegen unsern König und Herrn schuldig seid oder nicht. Geht nun in Euch und überlegt in Euerm Gewissen, denn eine Anklage der Majestätsbeleidigung ersten Grads lastet auf Euern Häuptern.«

In diesem Augenblicke fiel ein Lichtstrahl auf das Gesicht eines der sechs Gefangenen, eines jungen Mannes, der den Kopf auf die Brust geneigt hatte, als ob er seine Gesichtszüge unter seinen langen, herabhängenden Locken verbergen wollte. Ethel zitterte an allen Gliedern, sie glaubte zu erkennen, daß … doch nein, es war bittere Täuschung; der Saal war nur schwach beleuchtet, und die Menschen bewegten sich darin gleich Schatten; kaum konnte man das große Christusbild von schwarzem Ebenholz, das über dem Lehnstuhl des Präsidenten hing, erblicken.

Aber dieser junge Mann trug einen Mantel, der von Weitem grün schien, seine Haare, die in Unordnung herabhingen, waren kastanienbraun, und der Strahl des Lichts, der sein Gesicht gezeigt hatte … Doch nein, er war es nicht, er konnte es nicht sein! Es war eine furchtbare Täuschung.

Die Gefangenen saßen auf der Bank, auf welche der Bischof herabgestiegen war. Schuhmacher saß an einem Ende derselben, der unbekannte junge Gefangene am andern. Der Bischof saß auf dem äußersten Ende der Bank.

Der Präsident wandte sich an Schuhmacher und fragte mit strengem Tone: »Wer seid Ihr und wie heißt Ihr?«

Der Gefangene erhob sich und blickte den Präsidenten starr an: »Ehemals nannte man mich Graf von Greiffenfeld und Tongsberg, Prinz von Wollin, Fürsten des heiligen römischen Reichs, Ritter des Elephantenordens, Ritter des Danebrogordens, Ritter des goldenen Vließes und des Hosenbandordens, ersten Minister, Generalinspektor des Kirchen- und Schulwesens, Großkanzler von Dänemark und …«

Der Präsident unterbrach ihn: »Angeklagter, der Gerichtshof will nicht wissen, wie man Euch ehemals genannt, noch wer Ihr sonst gewesen seid, sondern wie man Euch jetzt nennt, und wer Ihr jetzt seid.«

»Jetzt,« erwiederte der Gefangene, »jetzt heiße ich Johann Schuhmacher, neunundsechzig Jahre alt, und bin nichts mehr, als Euer alter Wohlthäter, Kanzler von Ahlfeldt.«

Der Präsident schien verlegen.

»Ich habe Euch erkannt, Herr Graf,« fügte der Gefangene hinzu, »und da Ihr mich nicht erkannt habt oder nicht erkennen wolltet, so bin ich so frei gewesen, Euer Gnaden in Erinnerung zu bringen, daß wir alte Bekannte sind.«

»Schuhmacher,« sagte der Präsident mit einem Tone, in welchem der unterdrückte Zorn unverkennbar war, »spart dem Gerichtshof seine kostbare Zeit.«

Der alte Gefangene unterbrach ihn abermals: »Wir haben die Rolle gewechselt, edler Kanzler. Ehemals nannte ich Euch bloß Ahlfeldt, und Ihr nanntet mich Herr Graf.«

»Angeklagter,« erwiederte der Präsident, »Ihr schadet Eurer Sache, wenn Ihr das schimpfliche Urtheil in Erinnerung bringt, das schon über Euch ergangen ist.«

»Wenn dieses Urtheil schimpflich ist, Graf Ahlfeldt, so beschimpft es wenigstens nicht mich.«

Der Gefangene war bei diesen Worten, die er mit starker Stimme sprach, halb aufgestanden. Der Präsident streckte die Hand gegen ihn aus.

»Setzt Euch! Schmäht nicht vor einem Tribunal auf die Richter, die Euch verurtheilt haben, und auf den König, der Euch diese Richter gab. Denkt daran zurück, daß der König Euch das Leben zu schenken geruhte, und beschränkt Euch hier auf Eure Vertheidigung.«

Der alte Gefangene antwortete bloß mit einem Achselzucken.

»Habt Ihr,« fragte der Präsident, »in Betreff des Kapitalverbrechens, dessen Ihr angeklagt seid, dem Gerichtshof einige Geständnisse zu machen?«

Der Gefangene gab keine Antwort. Der Präsident wiederholte die Frage.

»Sprecht Ihr mit mir?« erwiederte der Exkanzler. »Ich glaubte, edler Graf von Ahlfeldt, Ihr sprecht mit Euch selbst. Welches Verbrechen meint Ihr denn? Habe ich je einem Freunde einen Judaskuß gegeben? Habe ich je einen Wohlthäter eingekerkert und schimpflich verurtheilt? Habe ich dem Alles genommen, dem ich Alles dankte? Ich weiß in der That nicht, Herr Kanzler von heute, warum man mich hieher gebracht hat. Ohne Zweifel um zu sehen, mit welcher Geschicklichkeit Sie unschuldige Köpfe fallen machen. Allerdings werden Sie mich mit eben so leichter Mühe ins Verderben zu stürzen wissen, wie dieses Königreich, und ein Komma oder Punktum wird hinreichend sein, mich des Todes schuldig zu finden, gleichwie es für Sie nur eines Buchstabens bedurfte, um einen Krieg mit Schweden zu provociren.«4

Kaum hatte der Exkanzler diese bittere Anspielung vollendet, so erhob sich der kleine schwarze Mann an der Nebentafel.

»Herr Präsident,« sagte er mit einer tiefen Verbeugung, »meine Herren Richter, ich trage darauf an, dem Johann Schuhmacher das Wort zu entziehen, wenn er fortfährt, auf solche Weise Se. Gnaden den Herrn Großkanzler und dieses ehrwürdige Gericht zu schmähen.«

Der Bischof erhob mit ruhiger Würde seine Stimme: »Herr geheimer Sekretär, man kann einem Angeklagten das Wort nicht entziehen …«

»Sie haben ganz Recht, hochwürdiger Herr Bischof,« fiel der Präsident ein. »Es ist unsere Absicht, der Vertheidigung alle mögliche Freiheit zu lassen. Ich fordere den Angeklagten bloß auf, seine Sprache zu mäßigen, und das liegt in seinem eigenen Interesse.«

Schuhmacher schüttelte den Kopf und sagte kalt: »Es scheint der Graf Ahlfeldt sei diesmal seiner Sache gewisser, als im Jahre 1677.«

»Schweigt,« erwiederte der Präsident, wandte sich sogleich an den Gefangenen, der neben Schuhmacher saß, und fragte ihn um seinen Namen.

Dieser Gefangene war ein Mann von riesenmäßiger Gestalt, dessen Stirne verbunden war. Er erhob sich und sagte: »Ich bin Han von Klipstadur in Island.«

Eine Bewegung des Schauders lief durch das Auditorium, und Schuhmacher, dessen Kopf bereits nachdenkend auf seine Brust gefallen war, erhob ihn wieder und warf einen schnellen Blick auf seinen furchtbaren Nachbar, von dem sich alle andern Mitangeklagten entfernt hielten.

»Han von Island,« fuhr der Präsident zu fragen fort, »was habt Ihr dem Gerichtshofe mitzuteilen?«

»Ich war der Anführer des Aufstands.«

»Habt Ihr aus eigenem Antrieb oder aus fremdes Antreiben den Befehl über die Rebellen übernommen?«

»Nicht aus eigenem Antrieb.«

»Wer hat Euch zu diesem Verbrechen verleitet?«

»Ein Mensch, der sich Hacket nannte.«

»Wer war dieser Hacket.«

»Ein Agent von Schuhmacher, den er auch Graf von Greiffenfeld nannte.«

Der Präsident wandte sich an Schuhmacher: »Kennt Ihr diesen Hacket?«

»Ihr seid mir zuvorgekommen, Graf Ahlfeldt, ich wollte die nämliche Frage an Euch richten.«

»Johann Schuhmacher, Ihr seid übel berathen mit Eurem Hasse. Der Gerichtshof wird Euer Vertheidigungssystem zu würdigen wissen.«

Der Bischof nahm das Wort: »Herr geheimer Sekretär, befindet sich dieser Hacket unter meinen Klienten?«

»Nein, hochwürdiger Herr!«

»Weiß man, was aus ihm geworden ist?«

»Er hat sich aus dem Staube gemacht, ehe man ihn festnehmen konnte.«

»Läßt man ihn verfolgen? Hat man seine Gestaltsbezeichnung?«

Ehe der geheime Sekretär antworten konnte, erhob sich der junge Bergmann und sagte mit lauter kräftiger Stimme: »Sein Signalement ist leicht zu geben. Dieser elende Hacket, dieser Agent Schuhmachers, ist ein Mann von kleiner Gestalt, von offenem Gesicht, aber offen wie der Schlund der Hölle … Seine Stimme, hochwürdiger Herr Bischof, hat viele Aehnlichkeit mit der Stimme des Herrn, der an dieser Tafel schreibt und den Euer Hochwürden geheimer Sekretär nennen. Und wenn dieser Saal weniger düster wäre, und wenn weniger Haare das Gesicht des geheimen Sekretärs bedeckten, so möchte ich fast behaupten, daß in seinen Zügen einige Aehnlichkeit mit denen des Verräthers Hacket liege.«

»Unser Bruder redet die Wahrheit, riefen die beiden Nachbarn des jungen Bergmanns aus.«

»Wirklich!« murmelte Schuhmacher mit einem Ausdrucke des Triumphs.

Der Sekretär machte eine unwillkürliche Bewegung, sei es aus Furcht, sei es aus Unwillen, daß man ihn mit diesem Hacket verglich. Der Präsident, der selbst verlegen schien, beeilte sich, seine Stimme zu erheben.

»Gefangene, vergeßt nicht, daß Ihr nur dann reden dürft, wenn Euch der Gerichtshof fragt, und vor allen Dingen beleidigt kein Mitglied des Tribunals durch unwürdige Vergleichungen!«

»Inzwischen, Herr Präsident,« sagte der Bischof, »ist hier nur von einem Signalement die Rede. Wenn der flüchtige Hacket einige Aehnlichkeit mit dem geheimen Sekretär hat, so könnte das von Nutzen sein …«

Der Präsident unterbrach ihn: »Han von Island, Ihr, der Ihr in so genauer Verbindung mit Hacket gestanden, sagt uns doch, zur Befriedigung des hochwürdigen Herrn Bischofs, ob dieser Mensch wirklich unserem geheimen Sekretär gleicht?«

»Ganz und gar nicht,“ antwortete der Riese ohne Zögern.

»Da sehen Sie also selbst, Herr Bischof!«

Der Bischof gab durch ein Kopfneigen zu erkennen, daß er befriedigt sei. Der Präsident wendete sich zu einem andern Angeklagten mit der üblichen Frage: »Wie heißt Ihr?«

»Wilfried Kennybol aus den Bergen von Kole.«

»Wart Ihr unter den Aufrührern?«

»Ja, gnädiger Herr! Die Wahrheit geht über das Leben. Ich bin in den verdammten Schluchten des schwarzen Pfeilers gefangen worden. Ich war der Anführer der Gebirgsbewohner.«

»Was hat Euch zum Verbrechen des Aufruhrs angetrieben?«

»Unsere Brüder, die Bergleute, beklagten sich über die königliche Vormundschaft und da hatten sie ganz Recht, mit Euer Gnaden Erlaubniß. Wenn Einer nur eine elende Lehmhütte und zwei schlechte Fuchsbälge hat, so ist es ihm doch lieb, daß er darüber Herr und Meister ist. Die Regierung hat auf ihre Bitten nicht geachtet; darum, gnädiger Herr, haben sie sich empört und um unsern Beistand gebeten. So etwas kann ein Bruder dem andern nicht abschlagen. So ist es gegangen.«

»Hat Niemand Euern Aufstand angereizt, ermuntert und geleitet?«

»Ein Herr Hacket sprach uns immer viel von einem Grafen vor, der zu Munckholm gefangen sitze, und den wir befreien sollten. Wir haben es ihm versprochen, denn es machte uns nichts aus, ob einer mehr frei sei.«

»Hieß dieser Graf nicht Schuhmacher oder Greiffenfeld?«

»Richtig, so hieß er.«

»Habt Ihr ihn nie gesehen?«

»Nein, gnädiger Herr! Wenn es aber der alte Mann ist, der Ihnen eben so viele Namen gegeben hat, so muß ich gestehen …«

»Was?« fragte hastig der Präsident.

» … Daß er einen schönen weißen Bart hat, fast eben so schön, als der des Schwiegervaters meiner Schwester Maase, im Flecken Surb, welcher 120 Jahre alt geworden ist.«

Der Präsident schien durch diese naive Antwort des Gebirgsbewohners nicht sonderlich befriedigt; er befahl den Gerichtsdienern einige feuerfarbene Fahnen, die vor dem Tribunal niedergelegt waren, aufzurollen.

»Wilfried Kennybol,« sagte er, »erkennt Ihr diese Fahnen?«

»Ja, Ihr Gnaden, Hacket hat sie uns im Namen des Grafen Schuhmacher zugestellt. Er hat auch Gewehre unter die Bergleute austheilen lassen, denn wir Gebirgsbewohner, die wir von der Büchse und Waidtasche leben, brauchen keine. Und ich, wie Sie mich hier sehen, gebunden wie eine alte Henne, die man braten will, ich habe mehr als einmal aus der Tiefe unserer Thäler alte Adler herabgeschossen, die in der Höhe ihres Flugs nicht größer erschienen, als eine Lerche oder Wachtel.«

»Die Herren Richter hören,« sagte der geheime Sekretär, »daß der angeklagte Schuhmacher durch Hacket Waffen und Fahnen unter die Rebellen austheilen ließ.«

»Kennybol,« fuhr der Präsident fort, »habt Ihr sonst nichts zu sagen?«

»Nichts, als daß ich den Tod nicht verdiene. Ich habe bloß, als redlicher Bruder, den Bergleuten Beistand geleistet, und ich kann versichern, daß die Kugel meiner Büchse, so ein alter Schütze ich auch bin, noch nie einen Damhirsch des Königs getödtet hat.«

Der Präsident begann jetzt das Verhör der beiden Anführer der Bergleute. Der älteste derselben, Namens Jonas, wiederholte mit andern Worten, was Kennybol bereits gesagt hatte. Der jüngere, Norbith, gestand furchtlos seinen Antheil an der Empörung, über Hacket und Schuhmacher aber wollte er nichts aussagen. »Er habe,« sagte er, »den Eid der Verschwiegenheit abgelegt.« Alle Ermahnungen und Drohungen des Präsidenten brachten ihn nicht von diesem Vorsätze ab. »Im Uebrigen,« fügte er hinzu, »habe er sich nicht für Schuhmacher empört, sondern für seine arme Mutter, die Hunger und Kälte leide.«

Der geheime Sekretär resumirte die Aussagen der Angeklagten und bemühte sich, daraus Folgerungen und Beweise für die Schuldbarkeit des Exkanzlers zu ziehen. »Es ist jetzt,« fuhr er fort, »nur noch ein Angeklagter zu verhören, und wir haben gegründete Ursache, denselben für einen geheimen Agenten der Befehlshaberschaft zu halten, welche für die Ruhe der Provinz Drontheimhus so schlecht gesorgt hat. Diese Befehlshaberschaft hat, wo nicht durch strafbares Einverständniß, mindestens doch durch ihre unselige Nachlässigkeit den Ausbruch des Aufstands begünstigt, der alle diese Unglücklichen ins Verderben stürzen und diesen Schuhmacher abermals auf das Schaffot bringen wird, von dem ihn schon einmal die Gnade des Königs gerettet hat.«

Ethel schauderte bei diesen Worten, und ein Strom von Thränen entfloß ihren Augen. Ihr Vater erhob sich und sagte mit Ruhe: »Kanzler Ahlfeldt, Alles das ist trefflich eingefädelt. Habt Ihr doch die Vorsicht gehabt, den Scharfrichter schon zu bestellen?«

Inzwischen hatte sich der sechste Angeklagte erhoben. Als der Präsident die übliche Frage an ihn richtete, strich er die Haare aus dem Gesicht und antwortete mit lauter, fester Stimme: »Ich heiße Ordener Guldenlew, Baron von Thorwick, Ritter des Danebrogordens.«

Ein Schrei des Staunens entwischte dem Sekretär: »Der Sohn des Vicekönigs!«

»Der Sohn des Vicekönigs!« wiederholten alle Stimmen.

Der Präsident fuhr auf seinem Lehnstuhl zusammen, die bis dahin unbeweglichen Richter neigten sich tumultuarisch zusammen. Eben so große Gährung herrschte unter den Zuschauern.

Nachdem die Stille allmählig wieder hergestellt war, schickte sich der Präsident an, das Verhör zu beginnen.

»Herr Baron,« sagte er mit zitternder Stimme…

»Ich heiße hier nicht »›Herr Baron,‹« unterbrach ihn Ordener, »sondern Ordener Guldenlew, wie der ehemalige Graf von Greiffenfeld bloß Johann Schuhmacher.«

Der Präsident blieb einige Augenblicke wie versteinert.

»Nun denn,« fuhr er dann fort, »Ordener Guldenlew, ohne Zweifel hat Sie ein bloßer Zufall vor diesen Gerichtshof geführt. Die Rebellen haben Sie auf der Reise aufgefangen und gezwungen, ihnen zu folgen, und so kommt es ohne allen Zweifel, daß man Sie in ihren Reihen gefunden hat.«

Der Sekretär erhob sich: »Verehrteste Herren Richter: schon der Name des Sohns des Vicekönigs allein ist für ihn eine hinreichende Vertheidigung. Der Baron Ordener Guldenlew kann kein Rebelle sein. Unser erlauchter Präsident hat seine Anwesenheit unter den Aufrührern genügend erklärt. Das einzige Unrecht, das dieser edle Gefangene begangen hat, besteht darin, daß er seinen Namen nicht bälder sagte. Wir geben jede Anklage gegen ihn auf, tragen auf seine augenblickliche Freilassung an und bedauern nur, daß er einen Augenblick auf der Bank saß, die der Staatsverbrecher Schuhmacher und seine Mitschuldigen besudeln.«

»Was soll das heißen?« fragte Ordener.

»Der geheime Sekretär,« erwiederte der Präsident, »enthält sich aller gerichtlichen Anklage gegen Ihre Person.«

»Daran thut er Unrecht,« sagte Ordener mit lauter volltönender Stimme, »ich bin es, der hier allein angeklagt, gerichtet und verurtheilt werden muß. Ich bin der einzige Schuldige.«

»Der einzige Schuldige!« rief der Präsident aus.

»Der einzige Schuldige!« wiederholte der geheime Sekretär.

Ein neuer Ausbruch des Staunens erfolgte unter den Zuschauern. Die unglückliche Ethel schauderte.

»Hellebardiere, gebietet Stille!« sagte der Präsident, der mühsam seine Geisteskräfte zu sammeln suchte.

»Ordener Guldenlew,« fuhr er fort, »erklären Sie sich näher.«

Der junge Mann blieb einige Augenblicke sinnend, stieß einen Seufzer aus und antwortete dann mit der Ruhe der Ergebung: »Ich weiß, welches Ende meiner wartet, aber ich weiß auch, was die Pflicht mir gebietet. Ja, ihr Herren Richter, ich bin schuldig, und allein schuldig. Schuhmacher ist unschuldig, die Andern sind bloß verführt. Der Urheber des Aufstandes bin ich.«

»Sie!« riefen der Präsident und der geheime Sekretär zumal in seltsamer Ueberraschung.

»Ich! Ich habe die Bergleute in Schuhmachers Namen zur Empörung gereizt, ich habe in seinem Namen Geld und Waffen unter sie vertheilt. Hacket war mein Agent. Ich trieb sie zum Aufstand an, ich bin in ihren Reihen gefangen worden. Ich allein habe Alles gethan. Mein ist das Verbrechen, Schuhmacher ist unschuldig. Jetzt, ihr Herren Richter, fällen Sie das Urtheil.«

Ethel war der Ohnmacht nahe. Eine Pause allgemeinen Erstaunens trat ein. Der Präsident sammelte sich mühsam.

»Wenn Sie wirklich der einzige Urheber dieses Aufstandes sind,« fragte er endlich, »zu welchem Zwecke haben Sie ihn angestiftet?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Hatten Sie nicht,« fuhr der Präsident nach einer Pause fort, »einen Liebeshandel mit Schuhmachers Tochter?«

Ordener trat einen Schritt gegen das Tribunal vor und sagte mit würdiger Haltung: »Kanzler von Ahlfeldt, begnügen Sie sich mit meinem Leben, das ich hingebe, und achten Sie eine edle, unschuldige Jungfrau.«

»Ordener Guldenlew, achten Sie selbst den Gerichtshof des Königs. Ich frage Sie nochmals, zu welchem Zwecke Sie diesen Aufstand angestiftet haben?«

»Und ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich das nicht sagen kann.«

»Geschah es nicht, um Schuhmacher zu befreien?«

Ordener schwieg.

»Es ist erwiesen, daß Sie Einverständnisse mit Schuhmacher hatten, und das Geständniß Ihrer Strafbarkeit klagt ihn selbst mehr an, als es ihn rechtfertigt. Sie sind oft nach Munckholm gekommen, und Ihre Besuche müssen etwas Anderem, als gewöhnlicher Neugierde, zugeschrieben werden. Beweis dafür ist diese diamantene Schnalle.«

Der Präsident nahm eine Diamantschnalle vom Tisch und hielt sie Ordener vor: »Erkennen Sie diese Schnalle als die Ihrige?«

»Ja! Durch welchen Zufall? …«

»Einer der Aufrührer hat sie, ehe er den Geist aufgab, unserem geheimen Sekretär zugestellt, mit der Erklärung, daß er sie von Ihnen als Bezahlung der Ueberfahrt aus dem Hafen von Drontheim nach Munckholm erhalten habe. Ich frage nun die Herren Richter, ob eine solche Belohnung für einen so geringen Dienst nicht beweise, welchen Werth der Angeklagte darauf legte, in Schuhmachers Gefängniß zu gelangen?«

»Ich verhehle nicht, daß ich Schuhmacher zu sehen wünschte; aber diese Schnalle beweist nichts. Man darf nicht mit Diamanten und andern Kostbarkeiten in die Festung: der Schiffmann hatte sich bei der Ueberfahrt über seine Dürftigkeit beklagt; ich warf ihm diese Schnalle zu, die ich nicht bei mir behalten durfte.«

»Verzeihung, gnädiger Herr,« unterbrach ihn der geheime Sekretär, »das Reglement nimmt den Sohn des Vicekönigs von dieser Maßregel aus. Sie konnten also …«

»Ich wollte meinen Namen nicht nennen.«

»Warum?« fragte der Präsident.

»Das kann ich nicht sagen.« »Ihr Einverständniß mit Schuhmacher und seiner Tochter beweist, daß der Zweck Ihres Complots war, sie zu befreien.«

Schuhmacher, der bis dahin kein anderes Zeichen von Aufmerksamkeit von sich gegeben hatte, als ein verächtliches Achselzucken, erhob sich: »Mich befreien! Der Zweck dieses höllischen Complots war, mich in Verdacht zu bringen und ins Verderben zu stürzen, wie er es noch ist. Glaubt Ihr denn, daß Ordener Guldenlew seinen Antheil an dem Verbrechen gestanden hätte, wenn er nicht unter den Aufrührern gefangen genommen worden wäre? Oh! Ich weiß wohl, daß er seines Vaters Haß gegen mich geerbt hat. Und was das Einverständniß betrifft, das man bei ihm mit mir und meiner Tochter voraussetzte, so mag er wissen, dieser schändliche Guldenlew, daß auch meine Tochter meinen Haß gegen ihn, gegen daß ganze Geschlecht der Guldenlew und Ahlfeldt geerbt hat.«

»Der Gerichtshof wird sein Urtheil fällen,« sagte der Präsident.

Ordener erhob das Haupt und sprach: »Verehrte Richter, vergessen Sie nicht, daß Ordener Guldenlew allein schuldig, Schuhmacher unschuldig ist. Die andern Unglücklichen sind durch meinen Agenten Hacket irregeführt worden. Ich habe alles Uebrige gethan.«

Kennybol unterbrach ihn: »Der gnädige Herr sagt die Wahrheit, denn er hat Han den Isländer in der Grotte von Walderhog aufgesucht und uns zugeführt. Ja, wir sind durch diesen verfluchten Hacket verleitet worden, und wir verdienen den Tod nicht.«

»Herr geheimer Sekretär,« sagte der Präsident, »die Verhandlungen sind geschlossen. Wie lautet Ihr Antrag?«

Der Sekretär erhob sich: »Herr Präsident, verehrteste Herren Richter! Die Anklage bleibt in voller Kraft. Ordener Guldenlew, der eine Schande seines glorwürdigen Namens ist, hat seine Strafbarkeit bewiesen, ohne dadurch Schuhmachers und der übrigen Angeklagten Unschuld darzuthun. Ich trage daher darauf an, sämmtliche sechs Angeklagte des Hochverraths und Majestätsverbrechens ersten Grads schuldig zu erkennen.«

Der Bischof erhob sich: »Gelehrte Herren Richter! Dem Vertheidiger der Angeklagten gebührt das letzte Wort. Ich wundere mich über den strengen Antrag des geheimen Sekretärs. Das Verbrechen meines Clienten Schuhmacher ist durch nichts erwiesen. Man kann keine unmittelbare Theilnahme an dem Aufstand gegen ihn aufstellen, und da mein anderer Client, Ordener Guldenlew, erklärt, daß er Schuhmachers Namen mißbraucht habe und der einzige Urheber dieser verdammlichen Empörung sei, so schwindet aller Verdacht gegen Schuhmacher, der deßhalb gänzlich freizusprechen ist. Die andern Angeklagten, die bloß verführt worden sind, empfehle ich Ihrer christlichen Milde, und selbst den jungen Ordener Guldenlew, der wenigstens das in den Augen des Himmels große Verdienst hat, sein Verbrechen bekannt zu haben. Legen Sie seine Jugend und Unerfahrenheit in die Wagschale Ihres Urtheils und entziehen Sie ihm nicht ein Leben, das ihm der Himmel vor noch nicht langer Zeit geschenkt hat.«

Der ehrwürdige Bischof setzte sich, und die Richter entfernten sich in ihr Berathungszimmer. Die Berathung dauerte lange, der Morgen brach bereits an, als sie in den Sitzungssaal zurückkehrten.

Der Oberrichter der Provinz erhob sich und entfaltete ein Papier:

»Seine Gnaden, unser erlauchter Präsident, ermüdet von der Länge der Sitzung, hat uns, Oberrichter der Provinz Drontheimhus, gewöhnlichen Präsidenten dieses ehrwürdigen Gerichtshofs, ermächtigt, das im Namen des Königs gefällte Urtheil statt seiner abzulesen. Wir werden nun diese ebenso ehrenvolle als traurige Pflicht erfüllen, und ermahnen die Zuhörer, den Spruch der unfehlbaren Rechtspflege des Königs in ehrerbietiger Stille anzuhören.«

Die Stimme des Oberrichters nahm jetzt einen ernsten und feierlichen Ton an, der die Herzen der Zuhörer erbeben machte:

»Im Namen unseres allergnädigsten Königs und Herrn, Christiern, Königs von Dänemark und Norwegen!

Wir, die Richter des Obertribunals der Provinz Drontheimhus, nachdem wir die Gesetze und unser Gewissen befragt, erlassen, betreffend Johann Schuhmacher, Staatsgefangenen, Wilfried Kennybol, Bewohner der Berge von Kole, Jonas, königlichen Bergmann, Norbith, königlichen Bergmann, Han von Klipstadur in Island, und Ordener Guldenlew, Baron von Thorwick, Ritter des Danebrogordens, sämmtlich des Hochverraths und Majestätsverbrechens ersten Grads, Han von Island überdies der Verbrechen des Mords, der Brandstiftung und des Straßenraubs, angeklagt, folgendes Urtheil:

  1. Johann Schuhmacher ist nicht schuldig.
  2. Wilfried Kennybol, Jonas und Norbith sind schuldig, aber der Gerichtshof findet einen Milderungsgrund darin, daß sie verführt worden sind.
  3. Han der Isländer ist aller ihm zur Last gelegten Verbrechen schuldig.
  4. Ordener Guldenlew ist des Hochverrats und Majestätsverbrechens ersten Grads schuldig.«

Der Richter hielt einen Augenblick inne, als ob er Athem schöpfen wollte.

»Johann Schuhmacher,« fuhr er fort, »der Gerichtshof absolvirt Euch und schickt Euch in Euer Gefängniß zurück.

Kennybol, Jonas und Norbith, der Gerichtshof verwandelt die Todesstrafe, welche Euch gebührt hätte, in ewige Gefangenschaft und eine Strafe von tausend Thalern für jeden von Euch.

Han von Klipstadur, Mörder und Brandstifter, Ihr werdet diesen Abend auf den Waffenplatz von Munckholm geführt und am Halse gehängt werden, bis der Tod erfolgt.

Ordener Guldenlew, Hochverräther, Ihr werdet vor diesem Gerichtshofe Eurer Ehren und Würden entsetzt, sofort diesen Abend, mit einer Fackel in der Hand, an den nämlichen Ort geführt werden, allwo man Euch das Haupt abschlagen und Euern Körper verbrennen wird, damit Eure Asche in alle Winde zerstreut und Euer Haupt auf den Pfahl gesteckt werde.

Jetzt entfernt euch Alle. So lautet der Spruch, den die Rechtspflege des Königs erlassen hat.«

Kaum hatte der Oberrichter dieses furchtbare Urtheil verkündet, so ertönte im Saale ein Schrei. Dieser Schrei erfüllte die Umstehenden mit noch mehr Schauder, als das Bluturtheil selbst. Ordener erbleichte.

  1. Es waren ernstliche Zwistigkeiten zwischen Dänemark und Schweden ausgebrochen, weil der Graf von Ahlfeldt in einer Unterhandlung verlangt hatte, durch einen Vertrag zwischen den beiden Staaten dem König von Dänemark den Titel rex Gothorum beizulegen, welches dem dänischen Monarchen die Souveränetät über Gothland, eine schwedische Provinz, zu überweisen schien; während ihm die Schweden bloß die Eigenschaft eines rex Gototorum bewilligen wollten, welche unbestimmte Benennung dem alten Titel der dänischen Monarchie »König der Goten« gleichkam. Auf dieses h, welches die Ursache einer langen Unterhandlung war und beinahe zu einem Kriege geführt hätte, spielte hier Schuhmacher an.

XLI.

Ordener Guldenlew saß in einem feuchten Kerker, in welchen das Licht des Tages nur spärlich durch vergitterte Oeffnungen fiel. Seine Hände und Füße waren gefesselt, ihm zur Seite stand ein Wasserkrug und lag ein schwarzes Brod. Die schwere eiserne Pforte drehte sich kreischend in ihren verrosteten Angeln, Ethel Schuhmacher trat herein.

Halb ohnmächtig fiel die Jungfrau in seine Arme, ein Thränenstrom floß aus ihren Augen über seine gefesselten Arme hinab. Lange hielten sie sich sprachlos umarmt. Endlich erhob die Jungfrau das Haupt von seiner Brust.

»Ordener,« sagte sie, »ich komme, Dich zu retten.«

Ordener schüttelte lächelnd den Kopf: »Mich retten, Ethel! Flucht ist unmöglich.«

»Das weiß ich wohl. Dieses Schloß wimmelt von Soldaten, jeder Ausgang ist bewacht. Aber ich bringe Dir ein anderes Mittel der Rettung.«

»Vergebliche Hoffnung! Täusche Dich nicht selbst durch Trugbilder. In wenigen Stunden wird das Beil des Henkers …«

»Halt ein, Ordener! Nein, Du sollst nicht sterben. Der Tod in seiner ganzen schrecklichen Gestalt steht vor meinen Augen, ich will freudig das Opfer bringen.«

»Welches Opfer?«

»Ordener, Du sollst nicht sterben. Um das Leben zu behalten, darfst Du nur versprechen, Ulrike Ahlfeldt zu heirathen.«

»Ulrike Ahlfeldt! Dieser Name in meiner Ethel Mund!«

»Unterbrich mich nicht. Die Gräfin Ahlfeldt schickt mich hieher. Man verspricht Dir, Deine Begnadigung vom König zu erlangen, wenn Du der Tochter des Großkanzlers Deine Hand reichen willst. Mich hat man zur Botin gewählt, weil man glaubt, daß meine Stimme etwas über Dich vermöge.«

»Ethel, wenn Du aus diesem Kerker gehst, so sage ihnen, daß sie den Henker schicken.«

Die Jungfrau sank auf die Kniee vor ihm, hob ihre Hände flehend zu ihm auf und sagte mit brechender Stimme: »Ordener, willst Du mich tödten?«

Eine Thräne trat in des Jünglings Auge: »Ethel, hast Du aufgehört mich zu lieben?«

»Ich Dich nicht mehr lieben?« rief die Jungfrau aus.

»Du liebst mich nicht mehr, denn Du verachtest mich.«

»O mein Gott! Den sollte ich verachten, den ich anbete!«

»Wie konntest Du mich dann auffordern, mein Leben durch das Opfer meiner Liebe zu erkaufen?«

»Ordener, von den Fenstern meines Kerkers sieht man auf dem Waffenplatze Dein Schaffot erbauen. Die Gräfin Ahlfeldt kam zu mir, sie fragte mich, ob ich Dich retten wolle, sie bot mir dieses Rettungsmittel an. Ich schwankte keinen Augenblick, ich kenne kein anderes Glück mehr, als Dich dem Leben zu erhalten.«

»Auch ich schwanke keinen Augenblick, geliebte Ethel! Ich will sterben, und wenn Du wüßtest, warum ich sterbe, so wärest Du nicht gekommen, mir mit Ulrikens Hand das Leben anzubieten.«

»Wie? Welches Geheimniß! …«

»Laß mir mein Geheimniß. Ich will sterben, und Du sollst nicht wissen, ob ich für meinen Tod Deinen Dank oder Deinen Haß verdient habe.«

»Du willst sterben! Ist es denn kein Traum? Und eben schlägt man das Blutgerüste auf, und keine menschliche Macht vermag Dich zu befreien! Nein, Du sollst nicht sterben; Du bist zu einem langen glücklichen Leben bestimmt. Gewiß ist diese Ulrike Ahlfeldt ein edles Geschöpf, die Dir das Leben versüßen wird.«

»Nichts mehr davon, meine Ethel! In diesen letzten Augenblicken soll nur Dein und mein Name aus unserem Munde gehen.«

Ein Greis in priesterlicher Kleidung trat aus dem Schatten des dunklen Eingangs.

»Was wollen Sie?« fragte ihn Ordener.

»Gnädiger Herr, ich bin mit der Abgesandten der Gräfin Ahlfeldt gekommen. Sie haben mich nicht bemerkt, und ich wartete in der Stille, bis Ihre Augen auf mich fallen würden. Ich bin der Geistliche, welcher …«

»Ich verstehe, und bin bereit.«

»Auch Gott ist bereit, Sie aufzunehmen, mein Sohn.«

»Herr Prediger, Ihr Gesicht ist mir bekannt. Ich habe Sie schon irgendwo gesehen.«

»Im Thurme von Bygla. Sie versprachen mir die Begnadigung von zwölf Verurtheilten, und ich setzte kein Vertrauen in Ihr Versprechen, denn ich wußte nicht, daß Sie der Sohn des Vicekönigs sind, und Sie, gnädiger Herr, der damals auf seinen Rang und seine Macht vertraute …«

»Ich kann jetzt heute nicht einmal meine eigene Begnadigung erlangen. Ich baute auf meine Macht, aber das Schicksal ist mächtiger, als wir arme Sterbliche.«

Der Geistliche beugte das Haupt: »Gott ist allmächtig, Gott ist allgütig.«

»Herr Prediger,« sagte Ordener nach einer Pause, »ich will mein Versprechen halten. Wenn ich vollendet haben werde, so gehen Sie nach Bergen zu meinem Vater, und sagen Sie ihm, die letzte Bitte seines Sohnes an ihn sei die Begnadigung der zwölf Verurtheilten. Er wird sie Ihnen gewähren.«

»Mein Sohn,« erwiederte der Geistliche mit gerührter Stimme. »Sie müssen ein edles Herz haben, daß Sie in der Stunde, wo Sie Ihre eigene Begnadigung verschmähen, um Gnade für Andere bitten. Sagen Sie mir nun: Unde scelus? Wie kommt es, daß ein Mann, der so edle Gefühle hegt, sich mit dem Verbrechen des Hochverraths besudeln konnte?«

»Mein Vater, das habe ich selbst diesem Engel verhehlt, und kann es Ihnen auch nicht sagen. Das dürfen Sie aber glauben, daß die Ursache meiner Verurtheilung nicht in einem Verbrechen liegt.«

»Erklären Sie sich näher, mein Sohn.«

»Drängen Sie mich nicht, ich will mein Geheimniß mit in das Grab nehmen.«

»Dieser Mensch kann nicht schuldig sein,« murmelte der Prediger zwischen den Zähnen. Hierauf zog er ein Crucifix aus dem Busen, stellte es auf die Mauer, zündete eine kleine eiserne Lampe an, die er mitgebracht hatte, und legte eine Bibel daneben.

»Jetzt, mein Sohn, erheben Sie Ihren Geist im Gebet. In einigen Stunden werde ich wiederkehren. Wir müssen jetzt,« fügte er zu Ethel gewendet hinzu, »den Gefangenen verlassen.«

Ethel erhob sich mit Ruhe. Ein Strahl himmlischen Friedens leuchtete aus ihren Augen.

»Verweilen Sie noch einen Augenblick, Herr Prediger,« sagte sie. »Sie müssen zuvor Ethel Schuhmacher mit Ordener Guldenlew ehelich verbinden.«

Sie warf einen Blick auf Ordener: »Wenn Du noch glücklich, frei und mächtig wärest, so würde ich mein Schicksal von dem Deinigen trennen. Jetzt, da Du ein armer Gefangener bist wie ich, so will ich mich mit Dir im Tode vereinen.«

Ordener umschlang entzückt ihre Kniee.

»Sie, ehrwürdiger Greis, werden Vaterstelle an uns vertreten, dieser Kerker ist der Tempel, dieser Stein der Altar. Hier ist mein Brautring, wir liegen auf den Knieen vor Gott und seinem Diener. Weihen Sie den Bund unserer Ehe ein.«

Der Prediger betrachtete sie mit mitleidigem Wohlwollen: »Wie, meine Kinder! Was machen Sie da?«

»Mein Vater,« erwiederte die Jungfrau, »die Zeit enteilt. Gott und der Tod erwarten uns.«

Der Priester hob seine Augen zum Himmel: »Möge mir Gott verzeihen, wenn meine Schwäche strafbar ist! Ihr liebt Euch, Euch ist nur noch eine Spanne Zeit auf Erden übrig, ich will Eurer Liebe den Segen der Kirche ertheilen.«

Die Ceremonie war vorüber, sie erhoben sich als Gatten.

»Was das Leben nicht konnte,« sagte die Jungfrau feierlich, »hat der Tod vollbracht: wir sind durch das Band der heiligen Ehe vereint. Höre mich jetzt, mein Gatte! Ich werde an das Fenster treten, wenn man Dich auf das Blutgerüste führt, und ehe der tödtliche Streich fällt, wird meine Seele ihre irdische Hülle verlassen haben. An den Pforten des Himmels sehe ich Dich wieder.«

Der Jüngling drückte sie schweigend an seine Brust.

»Meine Kinder,« sagte der Priester gerührt, »sagt Euch Lebewohl!«

Ethel sank auf die Kniee nieder: »Segne mich, mein Geliebter, ehe ich scheide!«

Ordener legte segnend seine Hand auf ihr Haupt; dann wandte er sich an den Priester, um ihn zum Abschied zu grüßen. Der ehrwürdige Greis kniete vor ihm.

»Was verlangen Sie von mir, mein Vater?« fragte er staunend.

»Deinen Segen, mein Sohn!« erwiederte der Priester mit christlicher Demuth.

»So segne Dich der Himmel, mein Vater, und vergelte Dir in der Ewigkeit, was Du hienieden für die Menschen, Deine Brüder, gethan hast!« sagte Ordener feierlich.

XXIV.

Oft entwickelt sich eine tiefe Vernunft in dem, was die Menschen Zufall nennen. Es waltet in den Ereignissen des Menschenlebens eine geheimnißvolle Hand, die ihnen Mittel und Zweck bezeichnet. Man schilt die Launen des Glücks, die Seltsamkeiten in dem Loose des Menschen, und plötzlich fahren aus diesem Chaos schauderhafte Blitze, wunderbare Strahlen, damit menschlicher Dünkel sich vor der Weisheit des Himmels demüthige.

Als Friedrich von Ahlfeldt in den Prunksälen Kopenhagens seine prachtvollen Kleider, den Dünkel seines Ranges und die Selbstbewunderung seiner faden Redensarten zur Schau trug, wenn ihm damals ein Mann, mit dem Blicke des Sehers in die Zukunft, entgegengetreten wäre und die ernsten Prophetenworte zugerufen hätte: »Diese glänzende Uniform, die heute Dein Stolz ist, wird eines Tages Dein Verderben sein; ein Unthier in Menschengestalt wird mit eben so vielem Behagen Dein Blut trinken, wie Du sorgenloser Wollüstling die Weine des Südlandes eingeschlürft hast; Deine Haare, die jetzt von Wohlgerüchen duften, werden den Staub einer schmutzigen Höhle fegen, worin wilde Thiere hausen; dieser Arm, der heute die reizende Tänzerin umschlingt, wird der Fraß eines wilden Bären werden; der sorgenlose Jüngling hätte auf diese Prophezeihungen durch ein schallendes Gelächter geantwortet, die ganze vornehme Welt hätte mit eingestimmt; selbst die menschliche Vernunft hätte den Propheten einen Wahnwitzigen gescholten. Und doch fielen nur seine und der Seinigen Verbrechen auf sein und der Seinigen Haupt zurück.

Die Familie Ahlfeldt spinnt ein höllisches Complot gegen die Tochter eines armen Gefangenen; die Unglückliche findet einen Beschützer, der denjenigen entfernt, der sie verführen will. Kaum in seinem neuen Aufenthalt angekommen, läßt das rächende Schicksal ihn den Tod in den Klauen eines Halbthiers finden. Sie wollten ein unschuldiges Mädchen in Schande und Unglück stürzen, und haben ihren eigenen Sohn in den Tod gejagt. Ihr eigenes Verbrechen ist auf ihre eigenen Häupter zurückgefallen.

XLII.

»Baron Voethaün, Oberst der Arquebusiere von Munckholm, nennen Sie dem Gerichtshofe den Soldaten, der in den Schluchten des schwarzen Pfeilers Han den Isländer zum Gefangenen gemacht hat, damit er die versprochenen tausend Thaler in Empfang nehme.«

So sprach der Präsident des Tribunals zu dem Oberst der Arquebusiere. Das Tribunal, das ohne Appellation verurtheilte, blieb nach altem Gebrauche versammelt, bis sein Spruch vollzogen war. Vor ihm stand der falsche Han von Island mit dem Strick um den Hals.

Der Oberst, der an dem Tische des Geheimschreibers saß, erhob sich.

»Verehrteste Herren Richter,« sprach er, »der Soldat, der Han den Isländer gefangen hat, ist hier; er heißt Torie Belfast, zweiter Arquebusier meines Regiments.«

»So trete er vor,« sagte der Präsident, »die zugesagte Belohnung zu empfangen.«

Ein junger Soldat trat vor.

»Seid Ihr Torie Belfast?«

»Ja, Ihr Gnaden!«

»Habt Ihr Han von Island gefangen genommen?«

»Ja, mit Beelzebubs Hülfe, Euer Gnaden erlauben!«

Man legte einen schweren Geldsack auf den Tisch nieder.

»Erkennt Ihr in diesem Manne da Han den Isländer?«

»Das Gesicht der schönen Cattie kannte ich besser, als das Han’s von Island, aber wenn Han der Isländer irgendwo ist, so steckt er gewiß in diesem Riesen da.«

»Tretet näher, Torie Belfast, hier sind die versprochenen tausend Thaler.«

Der Soldat trat näher. Da erhob sich unter den Zuschauern eine Stimme: »Arquebusier von Munckholm, Du hast Han den Isländer nicht gefangen!«

»Bei allen Teufeln!« rief der Soldat und wandte sich um, »ich habe nichts im Vermögen, als meine Tabakspfeife, aber dem, der dies sagt, will ich zehntausend Thaler geben, wenn er beweist, was er gesagt hat.«

Der Soldat kreuzte die Arme über die Brust und warf einen zuversichtlichen Blick auf die Zuschauer umher: »Nun, trete hervor, wer gesprochen hat!«

»Ich!« sagte ein kleiner Mann und trat aus der Menge.

Der Mann war in Seehundsfelle gehüllt, ein schwarzer Bart und schwarze Haare bedeckten sein Gesicht; was man davon sehen konnte, war scheußlich anzublicken. Seine Kleidung war über ihn ausgebreitet, wie das Dach einer konischen Hütte, und man sah nichts von seinen Armen und Händen.

»Ah! Du bist es!« sagte der Soldat mit lautem Lachen. »Und wer sonst hat denn diesen teufelhaften Riesen gefangen?«

Der kleine Mann lächelte spöttisch und sagte: »Ich!«

»Wirklich! Du!« erwiederte der Soldat ironisch. »Wenn Du nicht in diesen grönländischen Seehundsfellen stecktest, würde ich Dich für jenen andern Zwerg halten, der vor etwa vierzehn Tagen im Spladgest Streit mit mir anfing … Es war an dem Tage, wo man den Leichnam des Bergmanns Gill Stadt …«

»Gill Stadt!« unterbrach ihn der kleine Mann heulend.

»Ja, Gill Stadt, der abgewiesene Liebhaber eines Mädchens, welches die Geliebte eines meiner Kameraden war, und für die er gestorben ist, wie ein Thor.«

Der kleine Mann fragte mit dumpfer Stimme: »War nicht auch im Spladgest der Leichnam eines Offiziers Deines Regiments?«

»Richtig, ich werde mein Lebenlang an diesen Tag denken, ich hatte im Spladgest die Stunde des Zapfenstreichs vergessen, und wäre deßhalb beinahe degradirt worden. Dieser Offizier war der Hauptmann Dispolsen …«

Bei diesem Namen erhob sich der geheime Sekretär: »Diese beiden Individuen mißbrauchen die Geduld des Gerichtshofs. Wir bitten den Herrn Präsidenten, diesem nutzlosen Gespräch ein Ende zu machen.«

»Bei den Schelmenaugen meiner Cattie, das ist mir ganz recht, wenn mir nur die Herren Richter die tausend Thaler zuerkennen, denn ich habe Han den Isländer gefangen genommen.«

»Du lügst!« schrie der kleine Mann.

Der Soldat griff mit der rechten Hand an die linke Seite.

»Es ist ein Glück für Dich, daß wir vor Gericht stehen, wo ein Soldat unbewaffnet erscheinen muß, wie ein altes Weib,« sagte der Soldat.

»Mir,« erwiederte frostig der kleine Mann, »gehört der Preis, denn ohne mich würde man Han des Isländers Kopf nicht haben.«

Der Soldat wurde wüthend und schwur, daß er Han den Isländer gefangen genommen habe, als er auf dem Schlachtfelde lag und die Augen wieder zu öffnen begann.

»Es ist möglich,« antwortete sein Gegner, »daß Du ihn gefangen hast, aber ich habe ihn niedergeschlagen. Ohne mich hättest Du ihn nicht gefangen nehmen können. Also gehören mir die tausend Thaler.«

»Das ist erlogen, nicht Du hast ihn niedergeschlagen, sondern ein in Thierhäute gehüllter Dämon.«

»Ich war es!«

»Nein! Nein!«

Der Präsident legte Beiden Stille auf; dann fragte er den Oberst Voethaün, ob Torie Belfast es gewesen, der ihm Han den Isländer gefangen zugeführt, und auf dessen bejahende Antwort erklärte er, daß die Belohnung dem Soldaten gehöre.

Der kleine Mann knirschte mit den Zähnen, und der Soldat streckte gierig die Hände aus, den Geldsack in Empfang zu nehmen.

»Einen Augenblick Geduld!« rief der kleine Mann aus. »Herr Präsident, nach dem Edikt des Oberrichters gehört dieses Geld bloß demjenigen, der Han den Isländer überliefern wird?«

»Nun denn,« sagten einige Richter.

Der kleine Mann wendete sich gegen den Riesen: »Dieser Mensch da ist nicht Han der Isländer.«

Ein Murmeln des Staunens durchlief den Saal. Der Präsident und der geheime Sekretär ereiferten sich auf ihren Sitzen.

»Nein,« wiederholte mit starker Stimme der kleine Mann, »das Geld gehört nicht dem verdammten Arquebusier von Munckholm, denn dieser Mensch da ist nicht Han der Isländer.«

»Hellebardiere,« sagte der Präsident, »man führe diesen Rasenden ab, er ist wahnsinnig.«

Der Bischof erhob seine Stimme: »Der Herr Präsident erlaube mir die Bemerkung, daß man, wenn dieser Mensch nicht angehört wird, die Rettungsplanke unter den Füßen des hier gegenwärtigen Verurtheilten zertrümmern kann. Ich verlange daher, daß die Confrontation fortgesetzt werde.«

»Hochwürdiger Herr Bischof,« erwiederte der Präsident, »der Gerichtshof willfahrt Ihnen.«

Hierauf wandte er sich zu dem Riesen: »Ihr habt erklärt, Han der Isländer zu sein. Bestätigt Ihr diese Aussage im Angesicht des Todes?«

Der Verurtheilte erwiederte: »Ich bestätige sie, ich bin Han der Isländer.«

»Sie hören jetzt selbst, Herr Bischof!«

Der kleine Mann rief zu gleicher Zeit: »Du lügst, Bergbewohner von Kole! Du lügst! Beharre nicht länger darauf, einen Namen zu führen, dessen Gewicht Dich zu Boden drückt! Denke daran, daß er Dir schon einmal Unheil gebracht hat!«

»Ich bin Han von Klipstadur in Island,« wiederholte der Riese, während er den geheimen Sekretär starr anblickte.

Der kleine Mann trat näher zu dem Soldaten von Munckholm, der, wie alle Zuschauer, diesen Auftritt neugierig beobachtete.

»Bergbewohner von Kole, Han der Isländer trinkt Menschenblut. Wenn Du Han bist, so trink! Hier ist Menschenblut!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so ließ er seinen Seehundsmantel fallen, und durchbohrte mit einem Dolche die Brust des Soldaten, der entseelt zu den Füßen des Riesen niederfiel.

Ein Schrei des Entsetzens erhob sich, die Soldaten, welche den Riesen bewachten, wichen scheu zurück. Der kleine Mann, schnell wie der Blitz, stürzte auf den Bergbewohner los und mit einem zweiten Dolchstiche streckte er ihn auf den Leichnam des Soldaten nieder. Jetzt warf er sein falsches Haar und seinen falschen Bart ab und stand da in der ganzen Kraft seiner nervigen Glieder, scheußlich in Thierfelle gehüllt und mit einem Gesichte, das unter den Umstehenden noch mehr Entsetzen erregte, als selbst der von Menschenblut gefärbte Dolch, den er in seiner Hand hielt.

»He, Ihr Richter,« rief er aus, »wo ist Han der Isländer?«

»Wachen,« rief der Präsident mit Entsetzen, »greift dieses Ungeheuer!«

Er warf seinen Dolch auf den Boden: »Er ist mir unnütz, es sind keine Soldaten von Munckholm mehr da!«

Nachdem er dies gesprochen hatte, ließ er sich von den Häschern und Hellebardieren, die sich angeschickt hatten, ihn wie eine Festung zu belagern, ohne Widerstand greifen. Man kettete ihn auf die Bank der Angeklagten, und eine Sänfte trug seine beiden Schlachtopfer, von denen das eine, der Bergbewohner, noch athmete, weg.

Der Bischof erhob sich: »Verehrteste Herren Richter…«

»Bischof von Drontheim,« unterbrach ihn das Ungeheuer, »ich bin Han der Isländer, gib Dir nicht die Mühe, mich zu vertheidigen.« Der geheime Sekretär stand auf: »Erlauchter Präsident…«

»Geheimer Sekretär,« fiel ihm das Unthier ins Wort, »ich bin Han der Isländer, gib Dir nicht die Mühe, mich anzuklagen.«

Jetzt, mit seinen Füßen im Blute der Ermordeten, ließ er seinen wilden Blick über die Richter, die Wächter und die Zuschauer hinschweifen, und diese ganze Menschenmasse schien vor einem einzelnen waffenlosen, angeketteten Manne zu zittern und sich zu entsetzen.

»Ihr Richter,« fuhr er fort, »erwartet kein langes Geschwätz von mir. Ich bin der Dämon von Klipstadur. Meine Mutter ist das alte Island, die Insel der Vulkane. Sie bildete ehemals nur einen einzigen Berg, aber ein Riese, der sich auf sie stützte, als er vom Himmel fiel, hat sie zusammengedrückt. Ich bin der Abkömmling Ingulphs des Vertilgers und sein Geist ruht auf mir. Ich habe mehr Mordthaten begangen und mehr Gebäude angezündet, als Ihr in Eurem Leben ungerechte Urtheile gesprochen habt. Ich habe gemeinschaftliche Geheimnisse mit dem Kanzler Ahlfeldt. Ich würde alles Blut, das in Euren Adern fließt, mit Vergnügen trinken. Meine Natur ist, die Menschen hassen, mein Beruf, ihnen zu schaden. Oberst der Arquebusiere von Munckholm, ich war es, der Dir von dem Marsch der Bergleute durch die Schluchten des schwarzen Pfeilers Nachricht gab, weil ich wußte, daß Du in diesen Schluchten viele Menschen tödten würdest, ich war es, der ein Bataillon Deines Regiments mit meinen Feldstücken zerschmetterte; ich rächte meinen Sohn. Jetzt, Ihr Richter, ist mein Sohn todt, und ich komme, hier den Tod zu suchen. Ingulphs Seele wird mir zur Last, weil ich sie allein trage und keinem Erben übergeben kann. Ich bin des Lebens müde, weil es nicht mehr Lehre und Beispiel für einen Nachfolger sein kann. Ich habe Menschenblut genug getrunken, ich habe keinen Durst mehr. Hier bin ich, jetzt könnt Ihr mein Blut trinken.«

Er schwieg, und leise liefen seine furchtbaren Worte von Mund zu Mund.

Der Bischof sprach zu ihm: »Mein Sohn, in welcher Absicht habt Ihr denn so viele Verbrechen begangen?«

Das Unthier lachte: »Ich schwöre Dir, hochwürdiger Bischof, daß es nicht in der Absicht geschah, wie Dein Kollege, der Bischof von Borglum that, mich zu bereichern.5 Es lag etwas in meinem Innern, das mich dazu trieb.«

»Gottes Geist ruht nicht auf allen seinen Dienern,« erwiederte demüthig der Bischof. »Ihr wolltet mich schmähen, ich möchte Euch vertheidigen können.«

»Du verlierst Deine Zeit, Bischof! Frage Deinen andern Kollegen, den Bischof von Scalholt in Island. Bei Ingulph, das ist seltsam, daß zwei Bischöfe sich meines Lebens angenommen haben, der eine an meiner Wiege, der andere an meinem Grabe, Bischof, Du bist ein alter Narr.«

»Glaubst Du an Gott, mein Sohn?«

»Warum nicht? Es soll ein Gott sein, damit ich ihn lästern kann.«

»Halt ein, Unglücklicher! Du stirbst und demüthigst Dich nicht zu Christi Füßen!«

Das Ungeheuer zuckte die Achseln: »Wenn ich es thäte, so würde es auf die Weise des Kriegsmanns Rolf geschehen, der des Königs Füße küßte, um ihn zu Boden zu werfen.«

Der Bischof setzte sich tief betrübt nieder.

»Nun, ihr Richter,« rief der Räuber, »auf was wartet Ihr noch? Wäre ich an Eurer Stelle gewesen und Ihr an der meinigen, ich hätte Euch nicht so lange auf Euer Todesurtheil warten lassen.«

Die Richter entfernten sich. Nach einer kurzen Berathung kehrten sie zurück, und der Präsident las mit lauter Stimme ein Urtheil, das in den üblichen Formeln Han den Isländer verurtheilte, am Halse gehängt zu werden, bis der Tod erfolge.

»So ist es recht,« sagte das Ungeheuer. »Kanzler von Ahlfeldt, ich weiß genug von Dir, um ein gleiches Urtheil für Dich zu erlangen; aber lebe, weil Du den Menschen Böses thust. Macht fort, ich bin jetzt sicher, nicht in den Nysthiem6 zu kommen.

Der geheime Sekretär befahl der Wache, ihn in den Keller des Löwen von Schleswig zu führen, während man ihm in der Kaserne der Arquebusiere von Munckholm ein Gefängniß bereite.

»In der Kaserne der Arquebusiere von Munckholm,« wiederholte das Unthier mit freudigem Grinsen.

  1. Nach alten Chroniken machte sich im Jahre 1525 ein Bischof von Borglum durch verschiedene Räubereien berüchtigt. Er war im Bunde mit Seeräubern, welche die Küsten von Norwegen plünderten.
  2. Nach dem Volksglauben war bei Nysthiem die Hölle derjenigen, die an Krankheit oder Altersschwäche sterben.

XLIII.

Vor Sonnenaufgang, in der Stunde, wo Ordeners Urtheil zu Munckholm gesprochen ward, war der neue Aufseher des Spladgest zu Drontheim, der ehemalige Gehülfe und jetzige Nachfolger des Benignus Spiagudry, der Lappe Oglypiglap, durch heftiges Pochen an der Thüre aus dem Schlafe geweckt worden, Fischer aus dem See von Sparbo brachten einen Leichnam.

Nachdem Oglypiglap allein war, entkleidete er den todten Körper, der sich durch seine Lange und Magerkeit auszeichnete. Der erste Gegenstand, der ihm in die Augen fiel, nachdem er das Tuch, das den Leichnam bedecke, weggezogen hatte, war eine ungeheure Perrücke.

»Diese Perrücke kenne ich,« sagte er, »sie hat dem jungen französischen Stutzer gehört … Hier,« fuhr er fort, »sind die Reiterstiefel des armen Postillons Kramner, den seine Pferde geschleift haben … Was Teufels bedeutet das?«

»Der schwarze Rock des Professors Syngramtax, der sich kürzlich ersäuft hat … Wer ist denn dieser neue Ankömmling, der die Kleider aller meiner alten Bekannten auf dem Leibe hat?«

Er besichtigte den Todten genauer, aber seine Gesichtszüge waren nicht mehr zu erkennen. Er durchsuchte die Taschen und fand darin einige alte Pergamentblättchen, die vom Wasser durchnäßt waren; er wischte sie ab und konnte darauf noch einzelne Worte ohne Zusammenhang lesen: »Rudbeck: Sachs der Grammatiker; Arngrimm, Bischof von Holum … Es gibt in Norwegen nur zwei Grafschaften, Löwig und Jarlsberg, und eine Baronie … Man findet bloß zu Kongsberg Silberminen; Magnet und Asbest bloß zu Sundmoer; Amethyst bloß zu Guldbransthal … In Nukahiva aßen zur Zeit der Hungersnoth die Männer ihre Weiber und Kinder … Thormodus Thorföus, Bischof von Scalholt, erster Historiker Islands … Hirundo, hirudo … Je mehr der Boden … um so weniger führt er Gyps …

»Kaum traue ich meinen Augen,« rief Oglypiglap aus, »das ist ja die Handschrift meines alten Meisters Benignus Spiagudry!«

Jetzt besichtigte er den Leichnam von Neuem, erkannte die langen Hände, das kahle Haupt und den ganzen Körperbau seines alten Herrn.

»Nicht mit Unrecht,« dachte er, »hat man ihn wegen Schwarzkunst und Entweihung des Heiligen verfolgt. Der Teufel hat ihn durch die Lüfte geführt und in den See Sparbo fallen lassen.«

Er hob den Körper auf, um ihn auf eines der steinernen Betten zu legen, als er etwas Schweres bemerkte, das mit einem Leder um den Hals des unglücklichen Spiagudry befestigt war.

»Das ist ohne Zweifel der Stein,« murmelte er, »den ihm der Teufel umhing, als er ihn in den See stürzte.«

Er hatte sich geirrt, es war eine kleine eiserne Büchse, auf welcher er bei näherer Besichtigung ein mit einem Wappen versehenes breites Schloß wahrnahm.

»Ohne Zweifel sind irgend Teufelskünste in dieser Büchse verborgen,« sagte er, »denn dieser Mensch war ein Schwarzkünstler. Ich will diese Büchse zum Bischof tragen, es steckt vielleicht irgend ein gebannter Teufel oder Geist darin.«

Nachdem er den Leichnam auf das steinerne Bett gelegt hatte, rannte er in aller Eile mit der furchtbaren Büchse, gegen deren teuflischen Inhalt er sich unterwegs durch einige Gebete verwahrte, in den bischöflichen Palast.

XLIV.

Han der Isländer saß in Ketten, von Wachen umgeben, im Kerker des Löwen von Schleswig. Schuhmacher ging mit finsterer Miene langsam im Zimmer auf und ab. Die beiden Gefangenen beobachteten sich lange stillschweigend; man hätte glauben können, daß sie instinktartig sich gegenseitig als Menschenfeinde erkannten.

»Wer bist Du?« fragte endlich der Exkanzler den Räuber.

»Wenn Du meinen Namen hörst, wirst Du davon fliehen. Ich bin Han der Isländer.«

Schuhmacher trat auf ihn zu: »Hier ist meine Hand!«

»Soll ich sie fressen?«

»Han von Island, ich liebe Dich, weil Du die Menschen hassest.«

»Darum hasse ich auch Dich.«

»Höre, ich hasse die Menschen, wie Du, weil ich ihnen Gutes gethan habe, und sie mir dafür Böses thaten.«

»Du hassest sie nicht wie ich; ich hasse sie, weil sie mir Gutes thaten, und ich ihnen mit Bösem vergalt.«

Schuhmacher schauderte zurück vor dem Blicke des Unthiers. Wohl mochte er seiner Natur Gewalt anthun, aber mit dieser Seele konnte die seinige sich nicht befreunden.

»Ja,« rief er aus, »ich verwünsche die Menschen, weil sie heuchlerisch, undankbar, grausam sind. Menschen sind an allem Unglück meines Lebens Schuld.«

»Desto besser! Ich danke ihnen alles Glück meines Lebens.«

»Welches Glück?«

»Das Glück, noch zuckendes Fleisch zwischen meinen Zähnen zu fühlen und das noch rauchende Blut in meine Kehle zu schütten; die Wollust, lebende Wesen an Felsen zu zerschmettern, zu hören, wie das Geschrei der Schlachtopfer sich mit dem Krachen ihrer brechenden Glieder mischt. Solche Vergnügungen haben mir die Menschen verschafft.«

Schuhmacher wich mit Entsetzen vor dem Ungeheuer zurück, dem er sich fast mit dem Stolz, ihm zu gleichen, genähert hatte. Von Scham durchdrungen, bedeckte er sein ehrwürdiges Gesicht mit beiden Händen, denn seine Augen waren voll Thränen des Unwillens, nicht gegen das menschliche Geschlecht, sondern gegen sich selbst. Sein edelmüthiges Herz begann zurückzuschaudern vor dem Hasse, den er so lange gegen die Menschen genährt hatte, als er diesen Haß, wie in einem Spiegel, aus dem Herzen dieses Ungeheuers wiederstrahlen sah.

»Nun,« sagte das Unthier lachend, »Du Feind der Menschen, wagst Du Dich zu rühmen, daß Du mir gleichest?«

Der Greis schauderte zurück: »O Gott! Ehe ich die Menschen hassen sollte wie Du, wollte ich sie eher lieben.«

Eine Wache holte das Ungeheuer ab, um es in einen festern Kerker zu bringen. Schuhmacher blieb sinnend allein im Zimmer zurück, aber er war kein Feind der Menschen mehr.

XLV.

Nur noch die Hälfte der Sonnenscheibe stand über dem Horizont, die furchtbare Stunde nahte. Alle Posten in der Festung waren verdoppelt, vor jeder Thüre gingen schweigsame Schildwachen trotzig auf und ab. In allen Höfen ertönte der dumpfe Schall der schwarz behängten Trommeln; je und je fiel von den Außenwerken ein Kanonenschuß; die schwere Glocke ertönte in schauerlich langsamen Schlägen, und aus allen Punkten des Hafens eilten Fahrzeuge, mit Neugierigen angefüllt, der Festung zu.

Ein schwarz ausgeschlagenes Schaffot, um das sich die ungeduldige Menge drängte, war auf dem Waffenplatz aufgeschlagen und von einem Viereck von Soldaten umgeben. Auf dem Schaffot ging ein roth gekleideter Mann, der ein Beil in der Hand trug, auf und ab. Neben dem Schaffot war ein Holzstoß aufgeschichtet, zwischen beiden war ein Pfahl aufgepflanzt, an welchem eine Tafel hing, worauf mit großen Buchstaben geschrieben stand: »Ordener Guldenlew, Hochverräther.« Hoch oben von dem Kerker des Löwen von Schleswig flatterte eine große schwarze Fahne.

In diesem Augenblicke wurde Ordener vor den noch immer versammelten Gerichtshof geführt. Der Bischof allein war abwesend, da seine Funktion als Vertheidiger aufgehört hatte.

Ordener war schwarz gekleidet und trug den Danebrogorden um den Hals. Sein Gesicht war bleich, aber stolz und ruhig. Er war allein, denn man hatte ihn zur Hinrichtung abgeholt, ehe noch der Almosenier Athanasius Munder in seinen Kerker zurückgekommen war. Die Zuschauer waren bewegter, als der Verurtheilte selbst. Sein hoher Rang und sein grausames Schicksal erweckten Mitleid in Aller Herzen.

Kaum hatte sich die durch seine Ankunft erregte Bewegung gelegt, so ließ sich der Präsident das Wappenbuch beider Königreiche und die Statuten des Danebrogordens darreichen. Hierauf forderte er den Verurtheilten auf, niederzuknieen, ermahnte die Zuschauer zu ehrerbietigem Schweigen und begann mit lauter und ernster Stimme zu lesen:

»Wir Christiern, von Gottes Gnaden König von Dänemark und Norwegen, der Vandalen und Gothen, Herzog von Schleswig, Holstein, Stornmarn und Dithmarsen, Graf von Oldenburg und Delmenhurst, thun hiemit kund und zu wissen, nachdem wir auf den Antrag Unseres Großkanzlers, Grafen von Greiffenfeld (der Präsident sprach diesen Namen so schnell aus, daß man ihn kaum hörte), den von unserem Vorfahrer in der Regierung St. Waldemar gegründeten königlichen Danebrogorden wieder hergestellt, In Betracht, daß dieser ehrwürdige Orden zum Andenken an die Danebrogfahne, die Unserm gesegneten Königreich von dem Himmel selbst zugesendet ward, geschaffen worden,

Und daß es den göttlichen Ursprung dieses Ordens verläugnen hieße, wenn ein Mitglied desselben die Ehre und die heiligen Gesetze der Kirche und des Staats ungestraft verletzen könnte,

Als verordnen wir, vor Gott auf den Knieen liegend, daß ein jeglicher unter den Rittern des Ordens, welcher mittelst Treulosigkeit und Verraths seine Seele dem Teufel übergeben hätte, vor Gericht öffentlich gerügt und für immer des Rangs eines Ritters unseres königlichen Danebrogordens entsetzt werde.«

Der Präsident schloß das Buch wieder und sprach: »Ordener Guldenlew, Baron von Thorwick, Ritter des Danebrogordens, Ihr habt Euch des Hochverraths schuldig gemacht, für welches Verbrechen Euer Kopf abgeschlagen, Euer Körper verbrannt und Eure Asche in alle Winde zerstreut werden wird. Ordener Guldenlew, Hochverräther, Ihr habt Euch unwürdig erwiesen, unter die Ritter des Danebrogordens zu gehören, darum demüthigt Euch, denn ich werde öffentlich im Namen des Königs Euch aus ihrer Liste ausstreichen.«

Der Präsident streckte die Hand nach dem Ordensbuche aus, um den Urtheilsspruch zu vollziehen, als plötzlich eine Seitenthüre, rechts vom Tribunal, sich öffnete. Ein geistlicher Diener erschien unter ihr und kündigte den hochwürdigen Bischof von Drontheim an.

Der ehrwürdige Geistliche trat in den Saal, begleitet von einem andern Priester, der ihn unterstützte.

»Halten Sie ein, Herr Präsident!« rief er eifrig. »Halten Sie ein! Gelobt sei Gott! Noch ist es Zeit.«

Der Präsident wandte sich mißmuthig dem Bischof zu: »Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, hochwürdiger Herr, daß Ihre Anwesenheit hier überflüssig ist. Der Gerichtshof ist im Begriff, den Verurtheilten seiner Ehren und Würden zu entsetzen, ehe er seine Strafe ersteht.«

»Hüten Sie sich,« erwiederte der Bischof, »an den Ihre Hand zu legen, der rein ist vor dem Herrn. Dieser Verurtheilte ist unschuldig.«

Ein Schrei des Staunens erhob sich unter den Zuschauern und Richtern.

»Ja,« fuhr der Bischof fort, »zittert, ihr Richter! Ihr wart auf dem Punkt, unschuldiges Blut zu vergießen.«

»Herr Bischof,« sagte der Präsident, »lassen Sie sich nicht durch einen leeren Schein täuschen. Wenn Ordener Guldenlew unschuldig ist, wer ist dann schuldig?«

»Euer Gnaden wird das erfahren,« antwortete der Bischof. Bei diesen Worten zeigte er dem Gerichtshof eine eiserne Büchse vor, die ein Diener hinter ihm trug.

»Verehrte Richter,« rief er aus, »ihr habt im Finstern gerichtet, in dieser Büchse ist das wunderbare Licht, das Euch erleuchten wird.«

Der Präsident, der geheime Sekretär und Ordener schienen von dem Anblick dieser geheimnißvollen Büchse gleich ergriffen.

Der Bischof fuhr fort: »Hört mich, ihr Richter! Heute, als ich in meine bischöfliche Wohnung zurückkehrte, um von den Beschwerden dieser Nacht auszuruhen und Gott für das ewige Heil der Verurtheilten anzuflehen, hat man mir diese versiegelte eiserne Büchse zugestellt. Der Aufseher des Spladgest hatte sie diesen Morgen gebracht, mit der Versicherung, daß sie ohne Zweifel irgend ein satanisches Geheimniß enthalte, da er sie bei dem Schwarzkünstler Benignus Spiagudry gefunden habe, dessen Leichnam man im Sparbosee aufgefischt hat. Nachdem ich über diese Büchse den Segen gesprochen, öffnete ich das Siegel, das, wie Sie hier noch sehen können, das alte abgeschaffte Wappen des Grafen von Greiffenfeld an sich trägt. Ich habe in der That ein satanisches Geheimniß darin gefunden. Schenken Sie mir jetzt Ihre ganze Aufmerksamkeit, denn es handelt sich hier um Menschenblut, und der Herr wägt jeden Tropfen desselben auf gerechter Wage.«

Mit diesen Worten öffnete er die Büchse und zog ein Pergament daraus hervor, auf dessen Rückseite folgendes Zeugniß geschrieben war:

»Ich Blaxtum Cumbysulsum, Doktor, erkläre in der Stunde meines Todes, daß ich dem Hauptmann Dispolsen, Prokurator des ehemaligen Grafen von Greiffenfeld, folgendes Aktenstück zugestellt habe, das ganz von der Hand Turiaf Musdoemons, in Diensten des Grafen von Ahlfeldt, geschrieben ist, damit der oben benannte Hauptmann Dispolsen davon denjenigen Gebrauch mache, der ihm gefallen wird. Somit bitte ich Gott, mir meine Sünden zu vergeben.«

»Kopenhagen am 11. Tage des Monats Januar im Jahr unserer Erlösung 1699.«

»Cumbysulsum.«

Der geheime Sekretär zitterte krampfhaft. Er wollte sprechen und vermochte es nicht. Der Bischof stellte das Pergament dem Präsidenten zu, der bleich und heftig bewegt war.

»Was sehe ich?« rief der Präsident aus, als er das Aktenstück entfaltete: »Note an den erlauchten Grafen von Ahlfeldt, betreffend die Mittel, sich auf gerichtlichem Wege des Exkanzlers Schuhmacher zu entledigen …«

»Ich schwöre Ihnen, hochwürdiger Bischof …«

Das Papier entfiel der Hand des Präsidenten.

»Lesen Sie, lesen Sie, gnädiger Herr!« fuhr der Bischof fort. »Ich zweifle nicht daran, daß Ihr unwürdiger Sekretär Ihren Namen mißbraucht hat, wie er den des unglücklichen Schuhmacher mißbrauchte. Sie werden jetzt einsehen, welche unselige Folgen Ihr unchristlicher Haß gegen Ihren Vorgänger gehabt hat. Einer Ihrer Untergebenen hat in Ihrem Namen ihn zu Grunde zu richten gesucht, in der Hoffnung, sich dadurch bei Ihnen in Gunst zu setzen.«

Als der Präsident sah, daß der Verdacht des Bischofs, der den ganzen Inhalt der Büchse kannte, sich nicht bis zu ihm erhob, faßte er wieder frischen Muth. Ordener fühlte sich freudig ergriffen, als ihm klar ward, daß Schuhmachers Unschuld mit der seinigen zugleich an den Tag kommen würde.

Der Präsident nahm jetzt seine ganze Besonnenheit zusammen und las mit allen Zeichen des Unwillens, den sämmtliche Zuschauer theilten, eine lange Note, in welcher Musdoemon den Plan, welchen wir ihn im Laufe dieser Geschichte befolgen sahen, in allen seinen Einzelnheiten entwickelte. Mehrere Male wollte der geheime Sekretär aufstehen, um sich zu vertheidigen, aber jedesmal warf ihn das Geräusch der öffentlichen Entrüstung wieder auf seinen Sitz zurück. Als die Verlesung des schändlichen Aktenstücks zu Ende war, ließ sich unter den Zuschauern ein Murren des Abscheus vernehmen.

»Hellebardiere, greift diesen Menschen!« sagte der Präsident, indem er mit dem Finger auf den geheimen Sekretär deutete.

Der elende Wicht stieg, sprachlos und mit wankenden Füßen, unter dem lauten Zischen des Volks von seinem Sitze herab auf die Bank der Angeklagten.

»Verehrteste Herren Richter,« sprach der Bischof, »schaudern Sie und freuen Sie sich zugleich. Die Wahrheit, welche bereits Ihre Gewissen durchdrungen hat, wird noch bestätigt werden durch das, was der Almosenier der Gefängnisse dieser königlichen Stadt, mein ehrwürdiger Mitbruder Athanasius Munder, der hier gegenwärtig ist, Ihnen zu berichten hat.«

Athanasius Munder neigte sich vor dem Bischof und dem Gerichtshof: »Was ich jetzt sagen werde, ist die reine Wahrheit. Nach allem dem, was ich diesen Morgen in dem Kerker des Sohns des Vicekönigs sah, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß dieser junge Mann unschuldig sei, obwohl ihn das Tribunal auf sein eigenes Geständniß hin verurtheilt hatte. Vor einigen Stunden nun bin ich berufen worden, dem unglücklichen Bergbewohner, der hier vor Ihren Augen so grausam erdolcht worden ist, und den Sie als Han den Isländer verurtheilt hatten, den letzten Trost der Religion zubringen. Dieser Mensch hat mir sterbend Folgendes mitgetheilt: Ich bin nicht Han der Isländer; ich habe diesen Namen fälschlich geführt und bin nur allzusehr dafür gestraft worden. Derjenige, welcher mich bezahlt hat, diese Rolle zu spielen, ist der geheime Sekretär des Großkanzlers; er heißt Musdoemon und hat den Aufstand unter dem Namen Hacket angezettelt. Ich halte ihn für den allein Schuldigen bei der ganzen Sache. – Nach diesem Bekenntniß hat er mich um den Segen der Kirche gebeten und mir empfohlen, alsbald hieher zu eilen, um seine letzten Worte dem Gerichtshof mitzutheilen. Gott ist Zeuge, daß ich die Wahrheit sage. Möchte es mir gelingen, das Blut des Unschuldigen zu retten, ohne daß das des Schuldigen vergossen wird!«

»Ew. Gnaden sehen,« sagte der Bischof zum Präsidenten, »daß einer meiner Clienten nicht mit Unrecht so viele Aehnlichkeit zwischen diesem Hacket und Ihrem geheimen Sekretär gefunden hat.«

»Turins Musdoemon,« fragte der Präsident den neuen Angeklagten, »was habt Ihr zu Eurer Vertheidigung vorzubringen?«

Musdoemon erhob zu seinem Herrn einen Blick, der diesen erschreckte. Seine ganze Besonnenheit war zurückgekehrt, und er antwortete nach einigem Bedenken: »Nichts, gnädiger Herr!«

Der Präsident fuhr mit schwacher angegriffener Stimme fort: »Ihr bekennt Euch demnach des Euch zur Last gelegten Verbrechens schuldig? Ihr gesteht, daß Ihr der Urheber einer Verschwörung seid, welche gegen den Staat und ein Individuum Namens Schuhmacher zugleich gerichtet war?«

»Ja, gnädiger Herr!« antwortete Musdoemon.

Der Bischof erhob sich: »Damit kein Zweifel in dieser Sache übrig bleibe, so bitte ich den Angeklagten zu fragen, ob er Mitschuldige gehabt hat?«

»Mitschuldige!« wiederholte Musdoemon.

Er schien einen Augenblick nachzusinnen. Im Gesicht des Präsidenten malte sich peinliche Angst.

»Nein, Herr Bischof!« sagte endlich Musdoemon.

Der Präsident warf einen Blick des Dankes auf ihn, der dem seinigen begegnete. »Nein,« fuhr Musdoemon mit Bestimmtheit fort, »nein, ich habe keine Mitschuldige gehabt. Ich habe dieses Complot aus Anhänglichkeit an meinen Herrn, der nichts davon wußte, geschmiedet, um seinen Feind Schuhmacher ins Verderben zu stürzen.«

Die Blicke des Angeklagten und des Präsidenten begegneten sich abermals.

»Da Musdoemon keine Mitschuldige gehabt hat,« sagte der Bischof, »so folgt daraus von selbst, daß Ordener Guldenlew nicht schuldig sein kann.«

»Wenn er es nicht war, hochwürdiger Herr Bischof, warum hat er sich dann als schuldig bekannt?«

»Warum, Herr Präsident, hat sich dieser Gebirgsbewohner auf Gefahr seines Kopfes hartnäckig für Han den Isländer ausgegeben? Gott allein weiß, was im Grunde der Herzen vorgeht.«

Ordener nahm das Wort: »Verehrteste Herren Richter, da nun der wahre Schuldige entdeckt ist, kann ich offen reden. Ja, ich habe mich selbst fälschlich angeklagt, um den gewesenen Kanzler Schuhmacher, dessen Tod seine Tochter ohne Schutz gelassen hätte, zu retten.«

Der Präsident biß sich in die Lippen.

»Ich ersuche das Tribunal,« sagte der Bischof, »die Unschuld meines Clienten Ordener auszusprechen.«

Der Gerichtshof entfernte sich und kehrte nach kurzer Berathung in den Saal zurück. Der Präsident las mit fast erloschener Stimme das Urtheil ab, das Turiaf Musdoemon zum Tode verdammte, Ordener Guldenlew freisprach und in alle Ehren und Würden wieder einsetzte.

XXXVI.

Als die Rebellen alle Pässe und Höhen von Feinden besetzt sahen, geriethen ihre bereits ordnungslosen Haufen in unbeschreibliche Verwirrung. Das furchtbare Feuer, das nun die aus ihrem Hinterhalt hervorgetretenen königlichen Truppen von allen Seiten auf sie schleuderten, nahm an Heftigkeit stets zu, und ehe noch von ihrer Seite ein einziger Schuß geantwortet hatte, herrschte schon überall Tod und Verwirrung in ihren Reihen. Ihre Streitkräfte waren in einem Engpasse zerstreut, der ungefähr eine Stunde Wegs lang aus der einen Seite von einem tiefen Waldstrome eingefaßt und auf der andern von einer hohen Felswand beherrscht ist.

Nachdem die erste Ueberraschung vorüber war, ergriff diese von Natur unerschrockenen Menschen alle zumal, wie einen einzigen Mann, ein Gefühl der Verzweiflung. Wüthend, sich so ohne Vertheidigung hingeschlachtet zu sehen, stießen sie ein furchtbares Geschrei aus, kletterten ohne Ordnung, fast ohne Waffen, unter dem unaufhörlichen Feuer der Feinde, die steile Felswand hinan, hielten sich mit den Händen, mit den Füßen, mit den Zähnen fest, schwangen ihre Säbel, ihre Hämmer, Waffen aller Art, boten ihren Gegnern einen so furchtbaren Anblick verzweifelnder Wuth dar, daß diese so wohl geordneten, so sicher aufgestellten Schaaren, die noch nicht einen einzigen Mann verloren hatten, sich eines unwillkürlichen Schauderns nicht enthalten konnten. Manche gelangten durch übermenschliche Anstrengung bis auf die Spitze der Felswand, aber kaum hatten sie Zeit, ihre Waffen gegen ihre Feinde zu erheben, so waren sie in den Abgrund zurückgestürzt. Es war gleich unmöglich zu fliehen oder sich zu vertheidigen; alle Ausgänge des Engpasses, alle zugänglichen Punkte waren besetzt. Einige zerschlugen selbst ihre Waffen an dem Felsen und warfen sich auf die Erde nieder, so den Tod erwartend, andere kreuzten die Arme über die Brust, hefteten den starren Blick auf den Boden, setzten sich am Wege nieder und harrten so, stumm und unbeweglich, bis eine Kugel sie treffen und in den Wellen des Stromes begraben würde. Diejenigen, welche mit Flinten bewaffnet waren, richteten auf Gerathewohl einige verlorene Schüsse gegen den Gipfel der Felsen, von denen ohne Unterbrechung ein Hagel von Kugeln herabregnete.

Die von dem tapfern und unklugen Kennybol angeführten Bergbewohner hatten vom Anfang des Treffens an am meisten gelitten. Sie bildeten; wie bereits gesagt, die Vorhut der Rebellen und hatten, als die ersten Schüsse fielen, einen Tannenwald erreicht, der den Ausgang des Engpasses bildet. Kaum war der unselige Schuß aus Kennybols Büchse gefallen, so bevölkerte sich, wie mit einem Zauberschlage, das Gehölz mit feindlichen Plänklern und schloß sie in einen Zirkel von Feuer ein, während von der Spitze eines abgeplatteten Felsens ein ganzes Bataillon des Regiments von Munckholm sie mit einem Kugelregen übergoß. In dieser furchtbaren Krisis warf Kennybol in seiner Verwirrung seine Augen auf den geheimnißvollen Riesen, da er keine andere Rettung mehr erwartete, als von einer übermenschlichen Macht, wie die Hans des Isländers war. Jetzt, dachte er, jetzt wird der furchtbare Dämon plötzlich zwei ungeheure Flügel entfalten, sich hoch über die Streitenden in die Wolken erheben und die Feinde mit einem Feuerstrome übergießen; jetzt wird auf einmal seine Gestalt größer und immer größer werden, bis sie in den Himmel ragt, dann wird er mit seinen Riesenarmen einen Berg ergreifen und die Feinde darunter begraben; jetzt wird er mit dem Fuß auf die Erde stampfen, und sie wird sich alsbald öffnen und die Feinde in ihrem Schooße verschlingen. Von Allem diesem geschah nichts. Der gefürchtete Han wich bei den ersten Schüssen zurück, wie die Andern, kam ziemlich bestürzt zu Kennybol und verlangte von ihm eine Büchse, weil, wie er mit ganz gewöhnlicher Menschenstimme sagte, in diesem Augenblicke seine Axt so wenig brauchbar sei, als die Kunkel eines alten Weibes.

Kennybol, verwundert, aber immer noch voll Glauben an die dämonischen Eigenschaften des Riesen, händigte ihm mit einem Schrecken, der ihn fast die Furcht vor den feindlichen Kugeln vergessen ließ, seine eigene Büchse ein. Immer noch hoffte er auf ein Wunder. Jetzt, dachte er, wird in des Dämons Händen meine Büchse so groß werden, wie eine Kanone, oder sich in einen geflügelten Drachen verwandeln, der aus Augen, Rachen und Naslöchern Feuer auf die Feinde speit. Wie groß war aber die Verwunderung des armen Schützen, als er den Dämon seine Büchse auf ganz ordinäre Weise mit Pulver und Blei laden, nach Art aller Schützen an den Backen legen und wie ein anderes Menschenkind losschießen sah, ohne auch nur so gut zu zielen, als er, Kennybol, hätte thun können. Er sah ihn mit stummer Verwunderung dieses ganze mechanische Verfahren mehrmals wiederholen, und da er nun begriff, daß er nicht länger auf ein Wunder zählen dürfe, dachte er darauf, sich und seine Gefährten durch irgend ein menschliches Mittel aus ihrer übeln Lage zu reißen. Schon war sein alter Kamerad Guldon Stayper an seiner Seite gefallen, und seine Bergbewohner, von allen Seiten eingeschlossen, drängten sich aufeinander, wie eine Heerde Schafe, stießen ein klägliches Geschrei aus und dachten nicht an Vertheidigung. Da Kennybol leicht begriff, welchen Vortheil diese gedrängte Stellung dem feindlichen Feuer gewährte, befahl er seinen unglücklichen Gefährten, sich zu zerstreuen und längs des Weges in die Gebüsche zu werfen, um von dort aus das Feuer des Feindes nach Kräften zu erwiedern. Die Bergbewohner, die als Schützen größtentheils wohl bewaffnet waren, vollzogen mit pünktlichem Gehorsam diesen Befehl, der jedoch bei weitem noch nicht zum Siege, nicht einmal zur Rettung führte, Die Hälfte der Bergbewohner war bereits gefallen, und mehrere von ihnen blieben, trotz des guten Beispieles, das ihnen ihr Anführer und der Riese gaben, vollkommen unthätig, stützten sich stumpfsinnig auf ihre Gewehre und beharrten dabei, den Tod zu empfangen, ohne ihn zu geben. Wer sich darüber wundern möchte, daß Menschen, welche jeden Tag ihr Leben auf Schneebergen und Gletschern wagten, die der Fährte der Gemse aus ihrer gefährlichen Bahn folgten oder den wilden Bären in seinem Lager aufsuchten, so bald den Muth verloren hatten, der bedenke, daß bei gewöhnlichen Seelen der Muth örtlich ist; Mancher lacht dem feindlichen Kartätschenfeuer gegenüber und zittert in der Finsterniß oder am Rande eines Abgrunds; Mancher zittert vor der Mündung einer Kanone und setzt mit einem Sprung über den tiefsten Abgrund, oder tritt jeden Tag den wildesten Thieren entgegen. Die Unerschrockenheit ist häufig bloße Gewohnheit, und wenn man auch dem Tod unter dieser oder jener Form trotzt, so hat man darum nicht aufgehört, ihn zu fürchten.

Kennybol, von den Trümmern seiner Haufen umgeben, begann selbst am Erfolg zu verzweifeln, obgleich er erst eine leichte Wunde am linken Arm erhalten hatte und den dämonischen Riesen sein Handwerk als Musketier mit der ruhigsten Pünktlichkeit vollziehen sah. Plötzlich bemerkte er, unter dem auf der Höhe aufgestellten feindlichen Bataillon eine außerordentliche Verwirrung, die sicherlich nicht durch den geringen Schaden, den ihm das schwache Feuer der Bergbewohner zufügte, entstanden sein konnte. Aus diesem bis jetzt siegreichen Haufen ertönten auf einmal Geschrei Verwundeter und Sterbender, Töne der Verwirrung und des Schreckens. Bald ließ das Gewehrfeuer nach, der Rauch verzog sich, und Kennybol sah deutlich von der Spitze des Felsen, der das Plateau beherrschte, ungeheure Granitblöcke auf die Arquebusiere von Munckholm hinabfallen. Diese Felsstücke folgten sich in ihrem Falle mit reißender Schnelligkeit; man hörte sie mit großem Geräusch eines über das andere fallen, die Linien der Soldaten lösten sich auf, sie verließen in ordnungslosen Haufen die Höhen und flohen in allen Richtungen davon.

Bei dieser unerwarteten Hülfe wandte Kennybol den Kopf nach dem Riesen um, er war zu seinem Erstaunen noch da, denn er hatte nicht anders geglaubt, als daß Han der Isländer endlich sich in die Lüfte geschwungen habe, und jetzt von der Höhe jenes Felsen den Feind zermalme. Er hob die Augen zu dem Gipfel des Felsen, von welchem die furchtbaren Steinmassen herabfielen, und sah nichts. Er konnte daher nicht glauben, daß ein Theil der Rebellen jenen wichtigen Posten eingenommen habe, weil er dort keine Waffen schimmern sah und kein Siegesgeschrei hörte. Inzwischen hatte das Feuer vom Plateau ganz aufgehört. Das dichte Gehölz verbarg die Trümmer des Bataillons, das sich ohne Zweifel am Fuß der Höhe wieder sammelte. Selbst das Feuer der Plänkler war weniger lebhaft geworden, Kennybol benützte als besonnener Anführer diesen unerwarteten Vortheil, machte seine Waffenbrüder auf die Verwirrung in den feindlichen Reihen aufmerksam und feuerte ihren gesunkenen Muth an. Jetzt stimmten die Bergbewohner ein Siegsgeschrei an, bildeten sich in Colonne und rückten vorwärts, entschlossen, um jeden Preis den Ausgang des Passes zu gewinnen.

Die Colonne rückte unter dem Ruf: »Freiheit! Freiheit! Keine Vormundschaft mehr!« gegen den Feind vor. Bald stießen die Bergbewohner auf den Rest der Bataillone, der sich wieder geordnet, so wie durch einige andere Truppen verstärkt hatte, und nun unter dem Schall der Trommeln und Hörner gegen die Rebellen vorrückte. In der Entfernung eines halben Flintenschusses machten die königlichen Truppen plötzlich Halt; ein Offizier mit einer weißen Fahne in der Hand, die er zum Zeichen seines friedlichen Auftrags schwenkte, ging, von einem Trompeter begleitet, den Rebellen entgegen.

Das plötzliche Anrücken der königlichen Truppen hatte Kennybol nicht erschreckt. Es gibt einen Höhepunkt im Gefühle der Gefahr, welcher der Ueberraschung und Furcht unzugänglich ist. Beim ersten Schall der Hörner und Trommeln hatte Kennybol seine Bergbewohner Halt machen lassen. Als die Front der feindlichen Colonne in guter Ordnung vorrückte, ließ er alle Büchsen laden und vertheilte seine Bergbewohner zu zwei und zwei, um den feindlichen Ladungen weniger Oberfläche darzubieten. Er selbst stellte sich an die Spitze neben den Riesen, mit welchem er sich in der Hitze des Gefechtes zu befreunden begann, da er allmählig bemerkt hatte, daß seine Augen gerade nicht so glühend waren, als der Hochofen eines Eisenwerks, und daß die angeblichen Klauen an seinen Händen sich nicht sehr von bei Länge gewöhnlicher Nägel entfernten.

Inzwischen war der Offizier mit der weißen Fahne bis in die Mitte des Raumes gelangt, der die beiden Colonnen trennte. Hier hielt er an und sein Begleiter stieß dreimal in die Trompete, Zugleich rief der Offizier mit lauter Stimme: Im Namen des Königs! Die Gnade des Königs ist allen denjenigen unter den Rebellen bewilligt, welche sogleich die Waffen ablegen und ihre Anführer der souveränen Justiz Sr. Majestät ausliefern weiden!

Kaum hatte der Parlamentär diese Worte geendigt, so fiel ein Schuß aus dem nahen Gebüsche. Der getroffene Offizier schwankte, hob seine Fahne über das Haupt, that noch einige Schritte und fiel mit dem Rufe: Verrath! Verrath!

Niemand wußte, wer den Schuß gethan hatte.

»Verrath! Verrath!« wiederholten die Arquebusiere mit wüthendem Geschrei, und eine furchtbare Gewehrsalve begrüßte die Bergbewohner.

»Verrath! Verrath!« riefen ihrerseits die Rebellen, als sie ihre Brüder neben sich fallen sahen, und eine allgemeine Ladung antwortete der Salve der Soldaten,

»Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!« schrieen die Offiziere, ihre Soldaten anfeuernd,

»Nieder, nieder mit ihnen!« antworteten die Bergbewohner.

Bald trafen die beiden Colonnen in der Mitte der Distanz zusammen, und ein wüthender Kampf mit den blanken Waffen erhob sich. Die Reihen wurden durchbrochen und mischten sich untereinander. Rebellenanführer, königliche Offiziere, Soldaten, Bergbewohner, Alle in bunter Mischung, trafen zusammen, packten, erwürgten, erschlugen, zerrissen sich, wie zwei Haufen hungriger Tiger, die in einer Wüste aufeinander stoßen. Piken und Bajonette waren jetzt unbrauchbar geworden; bloß Säbel und Aexte sah man über den Häuptern der Streiter glänzen, und viele Kämpfer, die sich umfaßt hielten, konnten sogar keine andere Waffe mehr brauchen, als den Dolch, das Messer oder die Zähne. Beide Theile fochten mit gleichem Muth, und das Handgemenge war bis zu jenem Grade gestiegen, wo thierische Wildheit alle Herzen ergreift, wo man den Tod eines Feindes, den man nicht kennt, seinem eigenen Leben vorzieht, wo man gleichgültig über Haufen Todter und Verwundeter wegschreitet, wo der Sterbende den Fuß, der ihn zu Boden tritt, noch mit den Zähnen zerfleischt.

In diesem Augenblicke warf sich ein kleiner Mann, den mehrere Kämpfer, da er in Thierfelle gehüllt war, im Anfang für ein wildes Thier hielten, mit schrecklichem Lachen und Freudengeheul mitten in das Toben der Schlacht. Niemand wußte, woher er kam, noch für welchen Theil er focht, denn seine steinerne Axt wählte die Schlachtopfer nicht und spaltete eben sowohl den Scheitel eines Rebellen, als den Bauch eines Soldaten. Gleichwohl schien er lieber die Arquebusiere von Munckholm niederzumachen. Alle flohen seine Nähe; er schwebte durch das Handgemenge hin wie ein böser Geist, und ohne Unterlaß schwang er seine blutige Axt über dem Haupte; auf allen Seiten flogen abgehauene Stücke Fleisch und gebrochene Glieder um ihn her. Er rief »Rache!« wie alle Andern, und stieß unverständliche Worte aus, unter welchen der Name Gill häufig vorkam. Das Blutbad schien ein Freudenfest für den schrecklichen Unbekannten zu sein.

Ein Bergbewohner, über dessen Haupt das Unthier seine Axt schwang, fiel zu den Füßen des Riesen nieder, auf welchen Kennybol so viele jetzt getäuschte Hoffnungen gesetzt hatte, und rief: »Han von Island, rette mich!«

»Han von Island!« wiederholte der kleine Mann und wandte sich dem Riesen zu. »Bist Du Han der Isländer?« sagte er.

Statt aller Antwort hob der Riese seine eiserne Axt gegen ihn. Der kleine Mann sprang rückwärts, und die Axt fuhr in den Schädel des Unglücklichen, der den Riesen um Hülfe angefleht hatte.

Der Unbekannte schrie lachend: »Ho! Ho! Bei Ingulph dem Vertilger! Ich hielt Han den Isländer nicht für so ungeschickt.«

»So rettet Han der Isländer, wer ihn ansieht!« sagte der Riese.

»Da hast Du Recht!«

Jetzt erhob sich ein furchtbarer Kampf zwischen den Beiden. Eiserne und steinerne Axt klirrten unaufhörlich an einander. Beide fielen bald in Stücken zu Boden.

Schnell wie ein Gedanke raffte der kleine Mann eine schwere hölzerne Keule vom Boden aus, die ein Sterbender hatte fallen lassen, wich dem Riesen aus, der sich gebückt hatte, um ihn mit den Armen zu packen, und brachte seinem kolossalen Gegner einen furchtbaren Schlag über die Stirne bei.

Der Riese stieß einen Schrei aus und fiel zu Boden. Der kleine Mann, schäumend vor Wuth, trat ihn unter die Füße.

»Du führtest einen Namen, der für Dich zu schwer war,« rief er aus, schwang seine siegreiche Waffe und suchte nach andern Schlachtopfern.

Der Riese war nicht todt, sondern nur betäubt von der Heftigkeit des Schlages. Er öffnete die Augen und machte einige schwache Bewegungen, da warf sich ein Soldat mit dem Rufe auf ihn: »Sieg! Han der Isländer ist gefangen! Sieg!«

»Han der Isländer ist gefangen!« ertönte jetzt von allen Seiten, von den Einen im Tone des Triumphs, von den Andern in dem der Muthlosigkeit. Der kleine Mann war verschwunden. Die tapfern Bergbewohner fühlten sich bereits seit einiger Zeit übermannt, da ihre Feinde von allen Seiten Verstärkung erhielten. Jetzt wurde auch der muthige Kennybol, schon im Anfang des Treffens verwundet, gefangen genommen. Die Gefangennehmung Hans des Isländers schlug vollends ihren Muth nieder, sie legten die Waffen ab und ergaben sich.

Als die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die weißen Gipfel der hohen Schneeberge beleuchteten, herrschte tiefe Ruhe und feierliche Stille in den Schluchten des schwarzen Pfeilers. Dunkle Schaaren von Raubvögeln flogen über das Schlachtfeld hin, angelockt von dem Geruch der Leichname, und als die versteckten Hirten, welche vor den Tönen der Schlacht in verborgene Höhlen geflohen waren, wieder das Licht des Tages begrüßten, sahen sie ein Thier mit menschlichem Angesicht auf todten Körpern sitzen und das noch warme Blut der Erschlagenen trinken.

XXXVII.

»Oeffne dieses Fenster, meine Tochter! Diese Scheiben sind sehr trübe; ich möchte den Tag ein wenig sehen.«

»Sehen Sie den Tag, mein Vater? Die Nacht ist nahe.«

»Noch bescheint die Sonne die Hügel, welche den Golf umringen. Ich bedarf dieser reinen Luft, welche durch die Gitter meines Kerkers dringt. Der Himmel ist so hell und schön.«

»Am fernen Horizont zieht ein Gewitter auf, mein Vater!«

»Ein Gewitter, Ethel! Wo siehst Du es?«

»Eben weil der Himmel rein ist, mein Vater, mache ich mich auf ein Gewitter gefaßt.«

Der Greis warf einen Blick des Staunens auf die Jungfrau.

»Wenn ich das in meiner Jugend bedacht hätte,« sprach er, »so wäre ich nicht hier. Was Du hier sagst, ist richtig, aber es geht über Dein Alter. Ich begreife nicht, wie es kommt, daß Deine junge Vernunft meiner alten Erfahrung gleicht.«

Ethel schlug die Augen nieder, wie verwirrt durch diese einfach ernste Betrachtung. Ihre beiden Hände falteten sich in stummem Schmerz, und ein tiefer Seufzer hob ihre Brust.

»Meine Tochter,« sagte der alte Gefangene, »seit einigen Tagen bist Du bleich, als ob ein heißes Blut durch Deine Adern geströmt wäre. Wenn Du Morgens aufstehst, sind Deine Augen roth und angeschwollen, wie nach einer durchwachten und durchweinten Nacht. Seit mehreren Tagen sitze ich einsam und verlassen, und Deine Stimme entreißt mich nicht dem düstern Nachsinnen über mein vergangenes Leben, Du bist trauriger als ich, der alte Gefangene, und doch lastet nicht auf Deinen Schultern, wie auf den meinigen, das Gewicht eines leeren und nichtigen Lebens. Trübsinn mag die Jugend befallen, aber er nistet sich nicht ein in die Tiefen ihres Herzens. Die Wolken des Morgens haben sich am Abend verzogen. Du bist in dem Alter, wo man sich in Träumen eine von der Gegenwart unabhängige Zukunft schafft, welche es auch sei. Was ist Dir denn, mein Kind? Dank dieser eintönigen Gefangenschaft, bist Du vor unvorhergesehenen Unfällen gesichert! Welchen Fehler hast Du denn begangen? Mein Loos kann Dich nicht so beugen, bist Du an mein Unglück gewöhnt, Du weisst, daß es ohne Abhülfe ist. Wenn auch hoffnungslos, bin ich am Rande des Grabes; warum solltest Du verzweifeln in den Tagen Deines blühenden Alters?«

Die strenge und ernste Stimme des alten Gefangenen war allmählig weich geworden und hatte fast den Ton väterlicher Rührung angenommen. Ethel stand stumm vor ihm. Plötzlich wandte sie sich mit einer fast krampfhaften Bewegung ab, sank auf die Kniee und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, als wollte sie die Thränen und Seufzer ersticken, die unwiderstehlich ihrem gepreßten Herzen entströmten.

Der Vater schüttelte das greise Haupt, lächelte bitter und warf einen ernsten Blick auf seine Tochter: »Ethel,« sprach er, »warum weinst Du, während Du doch nicht unter den Menschen lebst?«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so erhob sich das sanfte und edle Geschöpf von der Erde. Die kindliche Liebe gab ihr die Kraft, ihren Schmerz tief in ihr Inneres zu verschließen. Sie fuhr mit ihrer Leibbinde über die Augen und gebot ihren Thränen Stillstand.

»Verzeihen Sie mir, mein Vater,« sagte sie, »es war nur ein Anfall von Schwäche.«

Sie heftete einen aus Thränen lächelnden Blick auf den verehrten Greis, holte die Edda, setzte sich neben ihren schweigsamen Vater und öffnete das Buch auf Gerathewohl. Sie bezwang die Rührung ihrer Stimme und las; aber der Ton ihrer Stimme verflog nutzlos, denn weder sie noch ihr Vater achteten darauf.

»Genug, meine Tochter!« sagte der Greis und gab ein Zeichen mit der Hand.

Sie schloß das Buch.

»Ethel,« fragte der Vater, »denkst Du bisweilen an Ordener?«

Die Jungfrau bebte.

»An jenen Ordener,« fuhr der Vater fort, »der abgereist ist …« »Warum an ihn denken, mein Vater?« unterbrach ihn Ethel. »Ich denke, wie Sie, daß er nie wiederkehren wird.«

»Nie wiederkehren, meine Tochter! Das könnte ich nicht sagen. Im Gegentheil sagt mir irgend eine Ahnung, daß er wiederkommen wird.«

»So dachten Sie nicht, mein Vater, als Sie mit so vielem Mißtrauen von diesem jungen Manne sprachen.«

»Habe ich denn mit Mißtrauen von ihm gesprochen?«

»Ja, mein Vater, und ich trete Ihrer Meinung bei; ich glaube, daß er uns getäuscht hat.«

»Daß er uns getäuscht hat, meine Tochter! Wenn ich ihn so beurtheilte, so habe ich gehandelt, wie alle Menschen, die ohne Beweis verdammen. Ich habe von diesem Ordener lauter Zusicherungen seiner Ergebenheit erhalten.«

»Und wissen Sie denn, mein ehrwürdiger Vater, ob hinter diesen treuherzigen Worten nicht treulose Gesinnungen versteckt waren?«

»In der Regel drängen sich die Menschen nicht zu dem ohnmächtigen Unglück. Wenn dieser Ordener nicht Anhänglichkeit an mich gefühlt hätte, wäre er nicht so ohne Zweck in meinen Kerker gekommen.«

»Wissen Sie gewiß,« fuhr Ethel mit schwacher Stimme fort, »daß er keinen Zweck dabei hatte?«

»Und welchen denn?« fragte lebhaft der Greis.

Die Jungfrau schwieg.

Es kostete sie zu viel Mühe, den geliebten Ordener, den sie sonst gegen ihren Vater vertheidigt hatte, jetzt vor ihm anzuklagen.

»Ich bin nicht mehr der Graf von Greiffenfeld,« fuhr der alte Gefangene fort. »Ich bin nicht mehr der Großkanzler von Dänemark und Norwegen, nicht mehr der begünstigte Vertheiler der königlichen Gnadenspenden, der allmächtige Minister, sondern ein armseliger Staatsgefangener, ein Geächteter, ein politisch Verpesteter. Es beweist schon Muth, wenn man gegen diese Menschen, die ich mit Ehre und Reichthum überhäuft habe, meiner nur ohne Verwünschung erwähnt; es ist Entsagung, wenn man die Schwelle dieses Kerkers betritt, außer man wäre ein Kerkermeister oder Henker! Es ist Heldenmuth, wenn man sie als mein Freund betritt. Nein, ich will nicht undankbar sein, wie dieses ganze menschliche Geschlecht. Dieser junge Mann hat meine Dankbarkeit verdient, und wenn es für nichts Anderes wäre, als daß er mir ein wohlwollendes Gesicht gezeigt hat und mich eine tröstende Stimme vernehmen ließ.«

Diese Sprache, die einige Tage früher die Jungfrau entzückt hätte, zerschnitt jetzt ihr Herz. Der Greis fuhr mit feierlicher Stimme fort: »Höre, meine Tochter, ich will jetzt ein ernstes Wort zu Dir reden. Ich fühle, daß meine Kräfte schwinden, das Leben zieht sich allmählig aus diesem abgelebten Körper zurück, ich fühle, daß mein Ende naht.«

Ethel unterbrach ihn durch einen halberstickten Seufzer.

»Um Gotteswillen, mein Vater, reden Sie nicht so! Schonen Sie Ihre arme Tochter! Wollen Sie mich einsam zurücklassen auf der Welt? Was soll dann aus mir werden? Was bin ich ohne Ihren Schutz?«

»Der Schutz eines Geächteten!« sagte der Greis mit Kopfschütteln. »Doch eben daran denke ich ja. Die Sorge für Dein künftiges Glück, meine Tochter, drückt mich mehr, als das Andenken an mein vergangenes Unglück. Darum höre die Worte Deines Vaters. Dieser Ordener verdient Dein strenges Urtheil nicht, und ich glaubte bis jetzt, daß Du keine solche Abneigung gegen ihn hättest. Sein Aeußeres ist edel und offen, was zwar allerdings nichts für sein Inneres beweist; aber ich muß gestehen, daß er mir nicht ohne einige Tugenden scheint, obwohl das menschliche Herz den Keim aller Laster und Verbrechen in sich trägt. Keine Flamme ist ohne Rauch.

»Im Vorgefühl meines nahen Todes,« fuhr der Greis feierlich fort, »habe ich an Dich und ihn gedacht, und wenn er zurückkommt, wie ich hoffe, so gebe ich ihn Dir zum Beschützer und Gatten.«

Die Jungfrau erbleichte. In demselben Augenblicke, wo ihre Träume für immer in Rauch zerflogen waren, wollte ihr Vater sie verwirklichen. Der bittere Gedanke: »Ich konnte also glücklich sein!« gab ihrer Verzweiflung ihre ganze Kraft wieder. Sie blieb einen Augenblick sprachlos, damit die glühenden Thränen, die in ihrem Auge starrten, ihm nicht entfliehen möchten.

»Wie, mein Vater!« sagte sie endlich mit erloschener Stimme, »Sie wollten mich einem Unbekannten zum Weibe geben, dessen Namen, dessen Geburt, dessen Familie Sie nicht kennen?«

»Ich wollte Dich ihm nicht geben, ich gebe Dich ihm,« erwiederte der Vater in fast gebietendem Tone.

Ethel seufzte.

»Ich gebe Dich ihm, sage ich. Was liegt mir an seiner Geburt? Was geht mich seine Familie an? Er ist der einzige Rettungsanker, der Dir übrig bleibt. Ich glaube, daß er nicht denselben Widerwillen gegen Dich hegt, wie Du gegen ihn.«

Das arme Mädchen hob ihre Augen gen Himmel.

»Du hörst es, Ethel, ich kümmere mich nichts um seine Geburt. Er ist ohne Zweifel von gemeinem Stande, denn in den Palästen der Großen lehrt man diejenigen, die darin geboren werden, nicht, die Hütten der Unglücklichen und die Kerker der Gefangenen zu besuchen. Wozu diese stolzen Rückerinnerungen? Ethel Schuhmacher ist nicht mehr Prinzessin von Wollin und Gräfin von Tongsberg! Du bist tiefer gefallen, als Dein Vater stand, da er sich erhoben hat. Schätze Dich also glücklich, wenn dieser Mann Deine Hand annimmt, welches auch seine Familie sei. Ist er von niederem Stande, desto besser, dann wird Dein Leben wenigstens vor den Stürmen sicher sein, die Dein Vater überstanden hat. Du wirst ferne vom Neid und Haß der Menschen, unter irgend einem unbekannten Namen ein verborgenes Dasein verleben, das glücklicher enden wird, als die Laufbahn meiner Größe …«

Ethel war vor ihrem Vater auf die Kniee gesunken.

»O, mein Vater! … Gnade!«

Der Greis öffnete erstaunt seine Arme.

»Was willst Du damit sagen, mein Kind?«

»Um Gotteswillen, schildern Sie mir ein Glück nicht, das mir nicht beschieden ist!«

»Ethel, spiele nicht mit Deinem ganzen künftigen Lebensglück! Ich habe die Hand einer Prinzessin von königlichem Geblüt, einer Prinzessin von Holstein-Augustenburg ausgeschlagen, und mein Stolz ist grausam bestraft worden. Du willst einen ehrlichen Mann abweisen, weil er nicht von hoher Geburt ist. Zittere, Du möchtest eben so hart gezüchtigt werden!«

»Möchte doch dieser Ordener ein rechtlicher unbekannter Mann sein!« murmelte Ethel.

Der Greis erhob sich und ging mit heftigen Schritten durch das Zimmer.

»Mein Kind, es ist Dein armer alter Vater, der Dich bittet und Dir befiehlt. Versprich mir, diesen Fremdling zum Gatten anzunehmen, damit ich ruhig sterben kann.«

»Ich werde Ihnen immer gehorchen, mein Vater! Doch zählen Sie nicht aus seine Rückkehr …«

»Ich habe die Wahrscheinlichkeiten abgewogen, und nach dem Tone, womit dieser Ordener Deinen Namen aussprach, glaube ich …«

»Daß er mich liebt!« unterbrach ihn die Tochter mit Bitterkeit. »O, nein, glauben Sie das nicht!«

»Ich weiß nicht, ob er Dich liebt; aber ich weiß, daß er zurückkommen wird.« »Geben Sie diesen Gedanken auf, mein edler Vater! Und wenn Sie diesen Fremdling kennten, so würden Sie nicht mehr wünschen, daß er der Gatte Ihrer Tochter sei.«

»Er wird es sein, welches auch sein Name und sein Stand sei.«

»Wenn nun,« erwiederte die Jungfrau feierlich, »dieser Unbekannte, in welchem Sie einen Tröster, den künftigen Beschützer Ihrer Tochter erblicken, der Sohn eines Ihrer Todfeinde, des Vicekönigs von Norwegen, des Grafen Guldenlew wäre?«

Der Greis wich drei Schritte zurück: »Was sagst Du da? Großer Gott! Ordener! Dieser Ordener! … Das ist unmöglich! …«

Der unaussprechliche Ausdruck von Haß, der sich in allen Zügen des alten Mannes malte, erfüllte Ethels Herz mit Schauder, und sie bereute das unkluge Wort, das sie gesprochen hatte.

Der Schlag war gefallen. Der Greis blieb einige Augenblicke unbeweglich mit gekreuzten Armen; sein ganzer Körper zitterte, seine flammenden Augen schienen den kalten Stein des Fußbodens durchdringen zu wollen. Allmählig entfuhren seinen blauen Lippen einige mit schwacher Stimme von einem Träumenden ausgesprochenen Worte.

»Ordener! … Ja, so ist es, Ordener Guldenlew! … So ist es! … Ganz richtig! … Schuhmacher, alter Thor, öffne ihm doch deine Arme, dieser redliche junge Mensch kommt, um dir den Dolch ins Herz zu stoßen …«

Plötzlich stampfte er mit dem Fuß auf den Boden, und seine Stimme ward donnernd.

»Ha! So haben sie mir denn ihr ganzes schändliches Geschlecht auf den Hals geschickt, mich in meinem Falle zu verhöhnen! Ich mußte einen Ahlfeldt vor Augen sehen! Ich habe einem Guldenlew zugelächelt! … Die Unmenschen! Wer hätte von diesem Ordener geglaubt, daß er diesen Namen führe, daß er ein solches Herz habe! Wehe mir! Wehe ihm!«

Der Greis fiel erschöpft in seinen Lehnsessel. Seine Brust arbeitete gewaltig. Seine weinende Tochter saß zu seinen Füßen.

»Weine nicht, meine Tochter!« sagte der Greis mit düsterer Stimme. »Komm an mein Herz!«

Er drückte sie an seine Brust.

»Du hast heller gesehen, junges Mädchen,« fuhr er fort, »als Dein alter Vater. Die giftige Schlange mit den Taubenaugen hat Dich nicht getäuscht. Ich danke Dir für Deinen Haß gegen diesen schändlichen Ordener.«

»Mein Vater, beruhigen Sie…«

»Schwöre mir, stets die nämlichen Gesinnungen gegen Guldenlews Sohn zu hegen!«

»Gott verbietet den Schwur, mein Vater!«

»Schwöre es mir, meine Tochter! Schwöre mir, immer die nämlichen Gesinnungen gegen diesen Ordener Guldenlew zu hegen!«

Ethel konnte mit Wahrheit antworten: »Immer!«

»Wohl, meine Tochter! Ich vermache Dir meinen Haß gegen sie, denn Ehre und Gut haben sie mir geraubt, und ich kann Dir sonst nichts hinterlassen. Die Elenden! Und ich war es, dem sie Macht und Ehre verdanken! Im Namen des Himmels und der Hölle verfluche ich sie in ihrem Dasein und in ihrer fernsten Nachkommenschaft!«

Der Greis schwieg einige Augenblicke und fuhr dann fort: »Aber sage mir, mein Kind, wie hast Du entdeckt, daß dieser Verräther einen der verabscheuten Namen führte, die mit Gift und Galle in mein Herz geschrieben sind? Wie bist Du hinter dieses Geheimniß gekommen?«

Die Jungfrau nahm alle ihre Kraft zusammen, diese Frage zu beantworten, als plötzlich die Thüre sich öffnete. Ein schwarz gekleideter Mann, einen Stab von Ebenholz in der Hand und eine gebräunte Stahlkette um den Hals, erschien auf der Schwelle, umgeben von schwarz gekleideten Hellebardieren.

»Was willst Du von mir?« fragte der Gefangene mit unwilligem Staunen.

Ohne zu antworten und ohne ihn nur anzusehen, rollte der Mann ein langes Pergament aus, an welchem ein Siegel von grünem Wachs an einer seidenen Schnur hing, und las mit lauter Stimme:

»Im Namen Sr. Majestät, unseres allergnädigsten Königs und Herrn, König Christiern!

»Kund und zu wissen dem Staatsgefangenen Schuhmacher in der königlichen Festung Munckholm und dessen Tochter, daß sie dem Vorweiser dieses zu folgen haben.«

»Was willst Du von mir?« wiederholte der Gefangene.

Statt aller Antwort begann der schwarze Mann abermals das königliche Dekret abzulesen.

»Schon gut!« sagte der Greis.

Er stand auf und gab seiner erstaunten Tochter ein Zeichen, mit ihm diesem Unglücksboten zu folgen.

XXXVIII.

Die Nacht war eben angebrochen. Ein kalter Wind pfiff um den verfluchten Thurm, und die Pforten der Ruinen von Vygla erzitterten in ihren Angeln, als ob derselbe Arm sie alle zumal geschüttelt hätte.

Die rohen Thurmbewohner, der Henker und seine Familie, saßen um das Feuer, das in der Mitte des Zimmers brannte und seinen röthlich flackernden Schein auf ihre finstern Gesichter und scharlachenen Gewänder warf. In den Gesichtszügen der Kinder lag etwas Wildes, wie das Lachen ihres Vaters, und etwas Grasses, wie der Blick ihrer Mutter. Die Augen des Weibes und der Kinder waren auf Orugix gerichtet, der, auf einem hölzernen Schemel sitzend, auszuschnaufen schien, und dessen mit Staub bedeckte Füße verriethen, daß er einen langen Weg gemacht habe.

»Weib, höre! Kinder, hört!« sprach er. »Ich bin nicht umsonst zwei Tage abwesend gewesen und bringe keine schlechte Nachrichten mit. Wenn ich nicht, ehe ein Monat vergeht, königlicher Vollstrecker der hohen Gerichtsbarkeit bin, so soll man von mir sagen, ich wisse keine Schleife an einen Strick zu machen und könne kein Beil führen. Freut Euch, Ihr jungen Wölflein, Euer Vater hinterläßt Euch vielleicht sogar das Schaffot von Kopenhagen zum Erbe.«

»Nychol,« fragte Bechlie, »was gibt es denn?«

»Und Du, meine alte Zigeunerin,« fuhr Nychol mit seinem schwerfälligen Lachen fort, »freue Dich, auch Du kannst ein Halsband von blauen Glaskorallen kaufen, um damit Deinen Storchenhals zu schmücken. Unsere eheliche Verpflichtung ist bald zu Ende; wenn Du mich aber in einem Monat mit der Würde eines ersten Henkers beider Königreiche bekleidet siehst, so wirst Du gerne einen zweiten Krug mit mir zerbrechen.«

»Was gibt es denn? Was gibt es denn?« fragten die Jungen, deren ältester mit einer blutigen Zange spielte, während der jüngste einen kleinen Vogel lebendig rupfte.

»Was es gibt, meine Kinder? … Bringe doch diesen Vogel um, Haspar, er schreit wie eine schlechte Säge, und überhaupt man muß nicht grausam sein. Bringe ihn um … Was es gibt? Nichts, gar wenig, außer, Dame Bechlie, daß, ehe acht Tage vergehen, der Exkanzler Schuhmacher, der zu Kopenhagen bereits mein Gesicht in der Nähe gesehen hat, und der berüchtigte isländische Räuber Han von Klipstadur, mir vielleicht beide zumal in die Hände fallen werden.«

Das verstörte Auge des Weibes nahm einen Ausdruck neugierigen Staunens an.

»Schuhmacher! Han der Isländer! Wie kommt das, Nychol?«

»Ich will Euch Alles sagen. Ich begegnete gestern Morgens auf der Straße von Skongen, auf der Brücke von Ordals, dem Regiment der Arquebusiere von Munckholm, das in triumphirendem Aufzug nach Drontheim zurückkehrte. Ich befragte einen der Soldaten, der mich einer Antwort würdigte, weil er ohne Zweifel nicht wußte, warum ich ein rothes Kleid trage, und ich erfuhr, daß die Soldaten aus den Schluchten des schwarzen Pfeilers zurückkamen, wo sie die Banden der rebellischen Bergleute in Stücke gehauen hatten. Nun mußt Du wissen, Zigeunerin Bechlie, daß diese Rebellen sich für Schuhmacher empörten und von Han dem Isländer befehligt waren. Ferner mußt Du wissen, daß diese Empörung Han den Isländer des Verbrechens des Aufruhrs gegen die königliche Gewalt, und Schuhmacher des Verbrechens des Hochverraths schuldig macht, welche beide Verbrechen zum Galgen oder auf das Schaffot zu führen pflegen. Füge nun zu diesen zwei prächtigen Hinrichtungen, deren jede mir wenigstens fünfzehn Dukaten eintragen muß, und mir in den Königreichen zur höchsten Ehre gereichen wird, noch einige andere hinzu, die zwar nicht ebenso wichtig sind …«

»Wie!« unterbrach ihn das Weib, »Han der Isländer ist also gefangen?«

»Warum unterbrichst Du Deinen Herrn und Meister, verdammtes Weib? Allerdings, dieser berüchtigte, ungreifbare Han der Isländer ist gefangen, und mit ihm einige andere Anführer der Rebellen, deren jeder mir ebenfalls zwölf Thaler eintragen wird, ohne zu rechnen, was ich aus den Leichnamen erlösen werde. Er ist gefangen, sage ich Dir, und ich habe ihn selbst gesehen, wie er in den Reihen der Soldaten ging …«

Das Weib und die Kinder traten staunend näher zu Orugir.

»Wie! Du hast ihn gesehen, Vater?« fragten die Kinder.

»Schweigt Kinder! Ihr schreit wie ein Spitzbube, der seine Unschuld betheuert. Ich habe ihn gesehen. Er ist ein Riese und die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, und um den Kopf trug er eine Binde. Ohne Zweifel ist er am Kopfe verwundet worden. Aber er kann ruhig sein, in Kurzem werde ich ihn von dieser Wunde kurirt haben.«

Der Henker begleitete diese furchtbaren Worte mit einer schrecklichen Geberde und fuhr dann fort: »Hinter ihm gingen vier andere Gefangene, und man führt sie alle nach Drontheim, um mit dem Exkanzler Schuhmacher vor Gericht gestellt zu werden.«

»Vater, wie sahen die andern Gefangenen aus?«

»Zwei davon sind alte Männer, und einer von ihnen trug den Filzhut der Bergleute, und der andere die Mütze der Gebirgsbewohner. Beide waren traurig. Von den beiden andern war der eine ein junger Bergmann; er trug den Kopf hoch und pfiff; der andere … Erinnerst Du Dich, meine höllische Bechlie, an die Reisenden, die vor etwa zehn Tagen in diesen Thurm gekommen sind, als bei Nacht ein so heftiges Gewitter war?…«

»Wie Satan sich seines Falls erinnert,« antwortete das Weib.

»Erinnerst Du Dich des jungen Mannes unter den Reisenden, des Gefährten des alten närrischen Perrückenstocks, der den grünen Mantel und die schwarze Feder trug?«

»Ich sehe ihn noch vor mir stehen und höre ihn sagen: Weib, wir haben Gold!«

»Nun denn, Weib, der war der vierte Gefangene, und wenn es nicht so ist, so soll man von mir sagen, daß ich in meinem Leben Niemand die Kehle zugeschnürt habe, als einer alten Henne. Das gibt einen Spaß: neulich habe ich ihm zu essen gegeben, und jetzt werde ich ihm bald auf ewig den Mund stopfen.«

Der Henker lachte hell auf bei diesen Worten und fuhr dann fort: »Wir wollen uns freuen und trinken. Teufelsweib, schenke mir ein Glas Bier ein auf meine nahe Erhöhung. Auf die Gesundheit des Herrn Nychol Orugix, königlichen Vollstreckers der hohen Gerichtsbarkeit in spe! Ich muß Dir gestehen, alte Sünderin, daß es mich Mühe kostete, mich in den Flecken Noes zu begeben, um daselbst einen gemeinen Dieb zu hängen. Doch dachte ich, du kannst die paar Groschen auch mitnehmen, der Exkanzler und Han der Isländer entgehen dir doch nicht.«

In diesem Augenblicke ließ sich außen vor dem Thurme in drei Absätzen der Schall eines Hornes hören.

»Weib,« rief Orugix aufspringend, »das sind die Häscher des Oberrichters.«

Mit diesen Worten stieg er eilends die Treppe hinab. Bald darauf kam er zurück mit einem großen Pergament in der Hand, dessen Siegel er gelöst hatte.

»Hier Weib, das kommt vom Oberrichter. Entziffre mir das, da Du das Teufelsgeschmiere lesen kannst. Es ist vielleicht schon ein Beförderungspatent, denn da der Gerichtshof einen Großkanzler zum Präsidenten und einen Großkanzler zum Delinquenten hat, so schickt es sich nicht wohl anders, als daß ein königlicher Großhenker seinen Spruch vollziehe.«

Das Weib hatte inzwischen die Schrift durchgesehen und begann nun mit lauter Stimme zu lesen:

»Im Namen des Oberrichters von Drontheimhus! Nychol Orugix, Scharfrichter dieser Provinz, hat sich Angesichts dies, versehen mit seinem Ehrenbeil, dem Block »und der schwarzen Behängung nach Drontheim zu begeben.«

»Ist das Alles?« fragte der Henker mißvergnügt. »Alles,« antwortete das Weib.

»Scharfrichter dieser Provinz« murmelte Orugir zwischen den Zähnen und warf unwillige Blicke auf den Brief.

»Nun ins Teufels Namen!« rief er endlich aus, »man muß gehorchen und sich auf den Weg machen. Verlangt man doch das Ehrenbeil und die schwarze Behängung. Weib, Putze mir das Ehrenbeil blank, und bürste mir die schwarze Behängung aus. Man muß den Muth nicht sinken lassen, vielleicht wollen sie mich erst nach dieser schönen Hinrichtung befördern. Freilich werden dann die Verurtheilten der Ehre verlustig gehen, durch einen königlichen Großhenker hingerichtet zu werden.«