Elftes Capitel

Elftes Capitel

Zwischen zwei Ufern

Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.

Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.

Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.

Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat ans dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.

Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.

Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.

Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.

Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres »Bruders«, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen! …

Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.

»Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …«

Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.

Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.

Hier drohte also keine besondere Gefahr.

Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:

Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.

Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.

Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.

Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.

Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das »Oelgebiet«, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.

Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.

Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.

Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.

Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.

»Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.«

Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.

Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.

Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.

»Tartaren!« dachte er.

Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.

Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.

»Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.«

Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.

Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.

Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.

»Das hat auch gar kein Ende!« sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.

Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.

Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.

Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.

Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.

Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.

Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.

Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.

Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.

Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.

Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.

Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab. Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.

Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.

So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.

Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.

Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.

Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.

Alcide Jolivet folgte ihm.

Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.

»Achtung, dort rechts!

– Links drängen ein paar Schollen heran!

– Stoß‘ ab, fest mit der Stange!

– Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …

– Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.

– Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.

– Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!«

Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.

Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: »Bist Du bereit, Nadia?« – welche sie wie immer mit

»Ich bin stets und zu Allem bereit!« beantwortete.

Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.

Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.

Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.

An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.

Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.

Was nun?

In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.

»Komm, Nadia«, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.

Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia »bereit zu Allem« Michael Strogoffs Hand.

»Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!«

Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.

Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.

Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.

Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten. Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. »Komm«, sagte Nadia.

Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.

Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.

Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.

»Unsre armen Gefährten!« seufzte Nadia.

Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.

Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde! …

Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.

Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.

Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.

»Endlich!« murmelte er für sich.

Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.

Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:

»Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!«

Zwölftes Capitel

Zwölftes Capitel

Irkutsk

Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30 000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.

Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockentürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.

Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.

Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.

Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.

Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigentümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.

Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.

Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.

Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.

An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.

Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.

Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.

Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.

Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.

Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.

Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.

Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.

Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.

Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.

Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.

Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.

Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.

Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.

Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.

Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.

Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werft langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.

Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.

Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.

In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.

Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –

Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.

Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.

Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.

»Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.

– Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.

– Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbleiten.

– Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeiträume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?

– Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.

– Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.

– Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.«

Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.

»Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.

– Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.

– Sprechen Sie.

– Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.«

Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.

»Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden mir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.«

Er wandte sich dann an den Director der Polizei.

»Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.

– Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …

– Ausgehend von …?

– Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.«

Die politischen Verbannten, welche sonst über die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.

»Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.

– Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.

– O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.

– Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.

– Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?

– Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.

– Ist es ein Russe?

– Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.

– Sein Name …?

– Wassili Fedor.«

Der Verbannte war der Vater Nadia’s.

Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgänge liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.

Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.

»In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.

– Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.

– Seit zwei Jahren.

– Und seine Aufführung …?

– Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.

– General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.«

Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.

Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.

Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!

Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.

»Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?

– Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.

– Sie wünschen Dich als Anführer?

– Ja, kaiserliche Hoheit.

– Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?

– Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.

– Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.

– Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?

– Sie sind es nicht mehr.«

In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.

Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.

Der Letztere wendete sich an seine Officiere.

»Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.«

Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.

Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.

Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.

Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.

»Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!«

Dreizehntes Capitel

Dreizehntes Capitel

Ein Courier des Czaar

Eine unwillkürliche Bewegung führte alle Theilnehmer der Berathung nach der halb offenen Thür zurück. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick über die Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht hätten, mußten sie dieselbe für unmöglich ansehen.

Der Großfürst war lebhaft auf seinen Feldjäger zugeschritten.

»Laß den Courier eintreten!« sagte er.

An der Schwelle erschien ein Mann. Seine äußere Erscheinung zeugte von großer Erschöpfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines sibirischen Bauern, an der sogar einige Löcher von Kugeln sichtbar waren. Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Mütze. Auf der Wange sah man eine kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche Fußbekleidung verrieth auch, daß er einen Theil seiner Reise zu Fuß zurückgelegt haben mußte.

»Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst?« fragte er eintretend.

Der Großfürst ging auf ihn zu.

»Du bist Courier des Czaar? fragte er.

– Ja, Hoheit.

– Und kommst …?

– Aus Moskau.

– Und hast Moskau verlassen?

– Am 15. Juli.

– Dein Name …?

– Michael Strogoff.«

Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen angenommen, den er unschädlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte ihn weder der Großfürst, noch irgend Jemand Anderes, so daß er sein Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine etwa angezweifelte Identität zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu fürchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama des feindlichen Einfalles zu krönen.

Nach der Antwort Iwan Ogareff’s gab der Großfürst seinen Officieren ein Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurückzogen.

Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurück.

Der Großfürst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer Aufmerksamkeit. Dann begann er:

»Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?

– Ja, Hoheit, und habe Seine Majestät den Czaaren in der Nacht vom 14. zum 15. Juli im Neuen Palais gesprochen.

– Du hast einen Brief des Czaar?

– Ja, hier ist er.«

Iwan Ogareff übergab dem Großfürsten das kaiserliche Schreiben, das er auf das kleinste Format zusammengebrochen hatte.

»Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande übergeben worden?

– Nein, Hoheit, doch mußte ich das Couvert zerstören, um ihn vor den Soldaten des Emirs besser verbergen zu können.

– Warst Du Gefangener der Tartaren?

– Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es auch, daß ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h. also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen.«

Der Großfürst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen Eingangsformel. An der Authenticität dieses Schreibens, wie an der Identität des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein wildes Antlitz auch erst einiges Mißtrauen in dem Großfürsten erweckt, so schwand dieses doch jetzt vollständig.

Einige Augenblicke verhielt sich der Großfürst schweigend. Er durchlas langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.

Endlich nahm er wieder das Wort.

»Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?

– Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu müssen, um es nicht den Tartaren in die Hände fallen zu lassen, und war für diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit möglichst genau mittheilen zu können.

– Du weißt also, daß dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu sterben, als die Stadt auszuliefern?

– Ich weiß es.

– Und weißt auch, daß er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekämpfen?

– Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglückt.

– Wie so?

– Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Städten Sibiriens zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan’s nach und nach in die Hände gefallen.

– Ohne daß es zu Gefechten gekommen wäre? Sollten unsere Kosaken nicht auf die Tartaren getroffen sein?

– Mehrmals, kaiserliche Hoheit.

– Und sie sind zurückgeschlagen worden?

– Sie verfügten nur über ungenügende Kräfte.

– Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?

– Bei Kolyvan, Tomsk …«

Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, übertrieb er die durch die Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fügte hinzu:

»Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.

– Und das letzte Treffen? … fragte der Großfürst, über dessen Lippen kaum die Worte kamen.

– Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.

– Eine Schlacht?

– Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement Tobolsk heranzogen, stürzten sich 150 000 Tartaren entgegen und wurden trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.

– Du lügst, rief der Großfürst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern suchte.

– Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwärtig und gerieth eben da in Gefangenschaft!«

Der Großfürst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen zu erkennen, daß er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.

»An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.

– Am 2. September.

– Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?

– Alle.

– Und Du schätzest diese …?

– Auf 400 000 Mann.«

Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten Uebertreibung Iwan Ogareff’s.

»Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten? fragte der Großfürst.

– Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.

– Nun wohl, so höre, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten noch von Westen her Unterstützung bekommen, und zählten die Barbaren 600 000 Mann, ich werde Irkutsk niemals übergeben!«

Das boshafte Auge Iwan Ogareff’s bedeckte sich ein wenig. Der Verräther schien sagen zu wollen, daß der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne Rücksicht auf Verrätherei machte.

Der Großfürst hatte bei seinem nervösen Temperament alle Mühe, bei diesen Unglücksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab vor den Augen Iwan Ogareff’s, die ihm wie einer schon seiner Rache verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich über ein Geräusch aufzuklären, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und aneinander prallenden Eisschollen herrührte.

Eine Viertelstunde verging, ohne daß er eine weitere Frage stellte. Dann nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle desselben.

»Du weißt, Michael Strogoff, daß hierin von einem Verräther die Rede ist, vor dem ich mich hüten soll?

– Ja, Hoheit.

– Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den Tartaren zu überliefern.

– Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiß auch, daß Iwan Ogareff geschworen hat, persönlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.

– Warum?

– Man sagt, dieser Officier sei von dem Großfürsten zu einer entehrenden Degradation verurtheilt worden.

– Ja, richtig, … ich entsinne mich … doch, er verdiente es, dieser Elende, der später gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der Barbaren zu organisiren.

– Seiner Majestät dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten gegen Ihre Person in Kenntniß zu setzen.

– Ja, der Brief enthält die nöthigen Aufschlüsse …

– Und Seine Majestät haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir vorzüglich eingeschärft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor diesem Verräther zu hüten.

– Bist Du ihm begegnet?

– Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Hätte er vermuthen können, daß ich der Träger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten Schreibens war, das seine abscheulichen Pläne enthüllte, so würde er mir keine Gnade gewährt haben.

– Gewiß, dann wärst Du verloren gewesen, antwortete der Großfürst. Doch wie bist Du überhaupt entkommen?

– Dadurch, daß ich mich in den Irtysch stürzte.

– Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?

– Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die Verteidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so führte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.

– Gut, Michael Strogoff, antwortete der Großfürst. Du hast bei Deiner schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen. Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?

– Nein, außer dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu dürfen.

– Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen persönlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Paläste Wohnung erhalten.

– Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? …

– So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!«

Iwan Ogareff salutirte vor dem Großfürsten militärisch, indem er nicht vergaß, daß er Kapitän bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog sich zurück.

Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen. Das Vertrauen des Großfürsten hatte er schnell und im vollsten Maße errungen. Er konnte dasselbe mißbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, würde in alle Geheimnisse der Verteidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollständig in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske abreißen. Er beschloß also ohne Zögern an’s Werk zu gehen.

Die Zeit drängte in der That. Jedenfalls mußte die Auslieferung der Stadt vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen; letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren erst Herren von Irkutsk, so wären sie gewiß nur schwer wieder daraus zu vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen würden, es später wieder auszugeben, so würde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund aus zerstört und den Kopf des Großfürsten zu Feofar-Khan’s Füßen gelegt hätten.

Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu handeln, so beschäftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Wälle zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glückwünschen der Officiere, Soldaten und Bürger begrüßt. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie ein Band, welches sie auf’s Neue mit dem Kaiserreiche verknüpfte. Iwan Ogareff erzählte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn niemals im Stiche ließ, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er, ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er, ebenso wie vor dem Großfürsten, die Erfolge der Tartaren und die Kräfte, über welche sie verfügten, absichtlich übertrieb. Seiner Darstellung nach waren die bevorstehenden Zuzüge, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen, gewiß unzureichend, und es stand zu befürchten, daß eine Schlacht unter den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen würde, wie die Treffen bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.

Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch um. Er ließ diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hören. Er schien nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit Widerwillen. Allemal aber fügte er hinzu, daß man sich bis auf den letzten Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen müsse, bevor man sie übergebe.

Auf jede Weise suchte er die üble Lage schlimmer darzustellen. Die Garnison und die Bevölkerung von Irkutsk waren glücklicher Weise aber viel zu patriotisch, um sich einschüchtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten und Bürgern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.

Dagegen argwöhnte auch Keiner die häßliche Rolle, welche Iwan Ogareff spielte, Keiner konnte vermuthen, daß dieser scheinbare Courier des Czaar ein erbärmlicher Verräther war.

Ganz erklärlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk bald in nähere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der Stadt, zu Wassili Fedor.

Es ist dem Leser bekannt, von welch‘ verzehrender Unruhe der unglückliche Vater gequält ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres letzten Briefes nach annehmen mußte, Rußland wirklich zu jener Zeit verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Würde sie dennoch versuchen, die von den Feinden überschwemmten Provinzen zu bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft? Wassili Fedor fand kein anderes Betäubungsmittel für seinen Schmerz, als sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider viel zu selten darbot.

Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm, sagte ihm ein Vorgefühl, daß er von diesem werde Nachrichten über seine Tochter einziehen können. Wenn er sich auch nicht verhehlte, daß diese Hoffnung auf sehr schwachen Füßen stehe, so klammerte er sich doch gern an sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia vielleicht heute noch war?

Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit ergriff, mit dem Commandanten in tägliche Berührung zu kommen. Dachte der Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunützen?

Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia’s. Schon am Morgen nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem Paläste des Großfürsten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstände mit, unter welchen seine Tochter höchst wahrscheinlich das europäische Rußland verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen empfinde.

Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe aufhielten. Er war also außer Stande, Wassili Fedor die gewünschten Nachrichten über seine Tochter mitzuteilen.

»Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa verlassen?

– Ungefähr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.

– Ich verließ Moskau am 15. Juli.

– Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr letzter Brief diesen Termin an.

– Sie war am 15. Juli in Moskau?

– Ja gewiß, an eben diesem Tage.

– Richtig …« sagte zögernd Iwan Ogareff.

Dann aber schien er seine Meinung zu ändern.

»Nein, nein, ich täusche mich doch … ich verwechsele jetzt das Datum, fügte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, daß ihre Tochter die Grenze noch überschritten hat, und Sie können nun höchstens die einzige Hoffnung hegen, daß sie sich hat zurückhalten lassen, wenn sie von dem Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.

Wassili Fedor neigte betrübt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wußte, daß nichts im Stande sein würde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.

Iwan Ogareff beging hier eine unnöthige Grausamkeit. Er hätte Wassili Fedor mit einem Worte beruhigen können. Hatte Nadia auch, wie wir wissen, die sibirische Grenze unter ganz besondern Umständen passirt, so hätte Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und des ergangenen Verbotes erwähnte, glauben müssen, daß sie nicht den Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch gezwungen, doch noch auf europäischem Gebiete befinden werde.

Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals berührt wurde, folgte dabei nur seiner Natur, er hätte jenes Wort sprechen können … er sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurück. Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.

An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, ließ der Großfürst den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und befahl ihm, alles zu miederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen Palais gehört hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen vorbereitet hatte, stets ohne Zögern. Er verheimlichte dabei absichtlich nicht, daß die Regierung des Czaar durch den Einfall vollständig überrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, daß in den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.

Da er übrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und vorzüglich deren schwächste Punkte auszuspähen, um davon Nutzen ziehen zu können, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausführung der geplanten Verrätherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaïa seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu überliefern beabsichtigte.

An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne die Kugeln der Belagerer zu fürchten, deren erste Posten noch keine Werst weit von demselben entfernt waren; er wußte recht gut, daß ihm nichts widerfahren könne, ja, daß man ihn sogar erkenne.

Da bemerkte er einen Schatten, der geräuschlos bis an den Fuß der Erdwerke heranschlich.

Sangarre war es, die ihr Leben auf’s Spiel setzte, um von Iwan Ogareff Nachricht zu erlangen.

Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an welche die Tartaren sie bisher nicht gewöhnt hatten.

Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff’s. Der Lieutenant Feofar-Khan’s wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk vollkommen. Vielleicht, – wenigstens setzte er noch einige Hoffnung hierauf, – ließ die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Für jeden Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner Zeit gegen das von seinen Verteidigern entblößte Thor vorzugehen, wenn von Iwan Ogareff die Stunde für den Angriff bestimmt worden wäre.

Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff’s Beschluß war gefaßt und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand Sangarre’s.

Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes überliefern.

Vierzehntes Capitel

Vierzehntes Capitel

Die Nacht vom 5. zum 6. October

Iwan Ogareff’s Plan war mit größter Sorgfalt vorbereitet und mußte, im Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiß gelingen, wenn er nur dafür sorgen konnte, das Thor von Bolchaïa zur Zeit, wo er es ausliefern wollte, von Verteidigern entblößt zu halten. Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.

Ein Scheinangriff flußauf- und flußabwärts auf dem rechten Ufer der Angara sollte an beiden Stellen mit möglichster Kraftaufwendung ausgeführt und auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht werden. Dabei durfte man voraussetzen, daß das Thor von Bolchaïa ziemlich verlassen werden würde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben weiter zurückgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie wären an anderen Stellen verwendet worden.

Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Händen des Emirs, der Großfürst in der Gewalt Iwan Ogareff’s sein.

Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz ungewöhnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Häuser am Ufer erkannte man deutlich, daß daselbst sehr umfassende Vorbereitungen betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem Punkte zusammen und verstärkten die Truppenmacht, welche der Emir persönlich befehligte. Alles das gehörte zu der verabredeten Diversion und wurde möglichst auffällig in’s Werk gesetzt.

Iwan Ogareff verhehlte auch dem Großfürsten nicht, daß von jener Seite ein Angriff zu befürchten sei. Er glaube annehmen zu müssen, sagte er, daß von beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem Großfürsten, die bedrohten Punkte möglichst zu verstärken.

Alles, was man sehen konnte, bestätigte Iwan Ogareff’s Ansicht, der man sich bald Rechnung zu tragen entschloß. Nach einem im Palais abgehaltenen Kriegsrathe erging der Befehl, die verfügbare Hauptmacht an beiden Enden der Stadt, wo sich deren Wälle auf den Strom stützten, zu concentriren.

Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wünschte. Er rechnete zwar bestimmt nicht darauf, daß das Thor von Bolchaïa ganz von Mannschaften entblößt würde, aber diese konnten doch nur in geringer Stärke daselbst verbleiben. Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu geben, daß der Großfürst sich genöthigt sehen sollte, alle disponiblen Kräfte gegen dieselbe aufzubieten.

Die Verhältnisse wurden übrigens durch ein Ereigniß von ungewöhnlicher Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff’s, ungemein erschwert, ein Ereigniß, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner Absichten beitragen mußte. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von dem Thore von Bolchaïa entferntestem Punkte unternommen wurde, so hätte jener Zwischenfall hingereicht, alle Kräfte der Vertheidiger dahin zu concentriren, wo es Iwan Ogareff wünschte. Gleichzeitig mußte es eine entsetzliche Katastrophe über die arme Stadt herbeiführen.

Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde fast unbedeckt zu finden, mährend mehrere tausend Tartaren in Verstecken bereit lagen, gegen dasselbe anzustürmen.

Während dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevölkerung von Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniß gefaßt. Alle Maßnahmen zur Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte Punkte wurden eiligst getroffen. Der Großfürst und der General Voranzoff visitirten die auf ergangenen Befehl verstärkten Posten. Das Elitecorps Wassili Fedor’s hielt den nördlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am größten wäre. Mit diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff’s getroffenen Maßregeln wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, über die man eben verfügte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man erwarten, daß sie für den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff doch mindestens einige Tage verschieben würden. Die von dem Großfürsten erwarteten Truppen mußten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Fädchen.

An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fünf Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf Stunden. Zwei Stunden noch kämpfte die Dämmerung gegen das Dunkel der Nacht. Dann hüllte sich Alles in Finsterniß, und auch auf das Erscheinen des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu rechnen.

Die tiefe Dunkelheit mußte offenbar Iwan Ogareff’s Pläne begünstigen.

Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kälte auf die bevorstehende Strenge des sibirischen Winters über und an eben diesem Abend war sie doppelt fühlbar. Die auf der rechten Seite der Angara aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten, hatten deshalb kein Wachtfeuer angezündet. Sie litten von der auffälligen Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen Tag über sah man sie in gedrängten Massen in breitem Zuge zwischen beiden Ufern. Dieser von dem Großfürsten und seinen Officieren beobachtete Umstand ward für besonders glücklich angesehen. Es lag auf der Hand, daß an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange dieses Gewirr von Eisstücken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren konnten weder Boote noch Flöße benutzen. Dabei brauchte man nicht zu befürchten, daß sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander gefrorenen Eise versuchen würden, da dieses für die Passage einer starken Colonne offenbar zu wenig haltbar war.

Wenn diese Verhältnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz vortheilhaft erschienen, so hätte Iwan Ogareff sie doch bedauern müssen. Doch im Gegentheil! Der Verräther wußte ja recht gut, daß die Tartaren gar nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und daß alle ihre hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.

Gegen zehn Uhr Abends veränderte sich die Oberfläche des Flusses zum größten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar. Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in großer Menge dahinjagten, verschwanden plötzlich stromabwärts, und nur fünf bis sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre Structur veränderte sich gegenüber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem größeren Eisfelde mit glatten Rändern abgelöste Splitter.

Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veränderungen am Flusse wahrnahmen, dieselben dem Großfürsten. Sie erklärten sich übrigens dadurch, daß das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte und einen festen Schutz bildete.

Man weiß, daß dem so war.

Die Passage der Angara mußte also jetzt leichter zu forciren sein, was die Russen nun zu noch größerer Vorsicht nach dieser Seite nöthigte.

Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore von Bolchaïa, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein Feuerschein glühte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen Wolken des Horizontes verschmolz.

Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine allgemeine Bewegung des Heeres.

Etwa eine Werst stromauf- und stromabwärts von den Stellen, wo die Erdwerke sich den Abhängen des Flußufers anschlössen, ließ sich ein dumpfes Geräusch vernehmen, ein Beweis dafür, daß daselbst tartarische Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.

Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.

Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenturme der Kathedrale in Irkutsk, und auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere feindliche Absichten.

Der Großfürst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer Täuschung befangen wären, zu glauben, daß die Tartaren einen Versuch zur Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorher gehenden Nächte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette einzelne Flintenschüsse auf und brausten einige gröbere Geschosse durch die Luft, – heute blieb Alles still.

Dennoch verweilten der Großfürst, der General Voranzoff und deren Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umständen die nöthigen Befehle zu geben und zu ertheilen.

Wir wissen, daß Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich war dasselbe ein geräumiger Saal im Erdgeschoß, dessen Fenster nach einer Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten über diese Terrasse gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu übersehen war.

In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniß.

Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen, von ihm ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das Palais verlassen, um sein Bubenstück zu vollenden.

Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine Beute stürzen will.

Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Großfürst, daß Michael Strogoff, – denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, – vor ihn geführt werde. Ein Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thür geschlossen. Er rief …

Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster, hütete sich aber zu antworten.

Man meldete dem Großfürsten, daß der Courier des Czaar augenblicklich im Palais nicht anwesend sei.

Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt für die mit den Tartaren verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt waren.

Iwan Ogareff öffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem nördlichen Ende der Seitenterrasse.

Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hörbar an den Pfeilern der früheren Brücke brachen.

Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete dadurch ein Stückchen mit Pulver imprägnirten Schwamm und warf diesen in den Fluß …

Auf Iwan Ogareff’s Befehl waren jene Ströme Mineralöls auf die Oberfläche der Angara geleitet worden.

Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den vorräthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung eines Stücks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome ausstießen zu lassen.

Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die Ursache, weshalb das Floß mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia und den übrigen Flüchtlingen in einem Strome von Mineralöl schwamm. Durch die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs hatte sich die flüssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der natürlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet, auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf schwimmen mußte.

So führte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. –

Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.

In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestände, flammte die ganze Fläche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen den beiden Ufern wälzten sich bläuliche Feuerwogen. Darüber wirbelten dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strömung vorhandenen Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen und mit Zischen und Pfeifen schoß das verdampfende Wasser in die Höhe.

Gleichzeitig knatterte am südlichen und nördlichen Ende der Stadt das Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara öffneten ihren gruben Mund. Mehrere Tausend Tartaren stürzten sich stürmend auf die Erdwerke. Die hölzernen Gebäude am Flusse und dem Abhänge daneben fingen an allen Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.

»Endlich!« sagte Iwan Ogareff für sich.

Er konnte sich mit vollem Rechte Glück wünschen. Sein Angriffsplan ging fürchterlich in Erfüllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen plötzlich zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.

Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevölkerung noch kräftige Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem Feuer zerstörten Häusern, um wenigstens die übrige Stadt zu retten.

Das Thor von Bolchaïa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflüsse des Verräthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwählt, um die letzten Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwälzen und eher durch den politischen Haß jener Mannschaften erklären zu können.

Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell erleuchteten Zimmer zurück. Dann machte er sich bereit, auszugehen.

Doch kaum öffnete er die Thür, als sich ein Weib mit durchnäßter Kleidung und wild herab, hängendem Haar in das Zimmer stürzte.

»Sangarre!« rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.

Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.

In dem Augenblicke, als das junge Mädchen auf der Eisscholle, dem letzten Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf ausstieß, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich mit ihr in das Wasser gestürzt, um unter demselben einen Schutz gegen die Flammen zu finden. Wie erwähnt befand sich die Scholle, welche sie trug, nur etwa noch dreißig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.

Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff, daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.

Endlich winkte Michael Strogoff sein heißersehntes Ziel. Er war in Irkutsk!

»Zum Paläste des Gouverneurs!« rief er Nadia zu.

Kaum zehn Minuten später erreichten Beide den Eingang des Palais, um dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschädlich emporzüngelte.

Weiterhin standen die Häuser am Ufer alle in Flammen.

Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt überall offene Gebäude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz ihrer triefenden Kleidung, Niemand.

In dem großen Parterresaale drängte sich eine Anzahl Officiere, um sich Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszuführen. Hier wurden Michael Strogoff und Nadia durch das Stoßen und Drängen der erregten Menge von einander getrennt.

Rathlos durchirrte Nadia die Säle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach ihrem Begleiter und verlangte, vor den Großfürsten geführt zu werden.

Da öffnete sich vor ihr die Thür zu einem vom Feuerscheine hell erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenüber Demjenigen, dessen ruchlose Hand in der nächsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.

»Iwan Ogareff!« rief sie entsetzt.

Der Elende zitterte, als er seinen Namen hörte. Sein ganzer Plan mußte ja scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines übrig: das lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen kannte.

Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mädchens, das sich durch eine Mauer im Rücken zu decken suchte, blitzte schon ein Messer, um sich zu vertheidigen.

»Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewußtsein, daß dieser verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.

– Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verräther.

– Iwan Ogareff!« rief das unerschrockene Mädchen zum dritten Male mit einer Stimme, deren Stärke ihr tödtlicher Haß nur verdoppelte.

In wahnsinniger Wuth riß Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Gürtel, sprang auf Nadia zu und drängte sie nach einer Ecke des Raumes.

Jetzt wäre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den Schurken von ihr wegriß und zur Erde schleuderte.

»Michael!« rief Nadia.

Es war Michael Strogoff.

Die Ausrufe Nadia’s hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem Zimmer Iwan Ogareff’s gelangt und durch die halb offen gebliebene Thür eingetreten.

»Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff stellend.

– Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder! … Der Verräther ist bewaffnet … Er kann auch sehen, und Du …«

Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes Spiel zu haben wähnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.

Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.

Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, daß er ja einen Degen habe. Er riß diesen aus der Scheide und stellte sich wieder zum Angriff bereit.

Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut für ihn.

Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thür, um nach Hilfe zu rufen.

»Schließe die Thür, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, laß die Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken nicht mehr zu fürchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte ihn!«

Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen. Er suchte das Geräusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tödtlich treffen, bevor er seine Annäherung gewahr würde. Der Schuft dachte nicht daran, sich ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte, einfach ermorden.

Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese fürchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff’s unerschütterliche Ruhe schien auch über sie gekommen zu sein. Als Waffe besaß Michael Strogoff nur sein sibirisches Jägermesser, und seinen mit dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit über Jenen? Wie konnte er, ohne daß ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des Feindes zu begegnen?

Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese übermenschliche Ruhe erdrückte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu Rache zog, sagte er sich wieder, daß ja der Vortheil ganz auf seiner Seite sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte … Er glaubte sie gefunden zu haben … Was hielt denn seinen Arm zurück?

Endlich sprang er auf und führte einen heftigen Stoß gegen Michael Strogoff’s Brust.

Eine geschickte und unerklärliche Bewegung des Messers Michael Strogoff’s lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltblütig schien er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.

Aus Iwan Ogareff’s Stirn perlte ein eiskalter Schweiß. Er trat erst einen Schritt zurück und drang dann auf’s Neue vor. Aber der Todesstreich mißlang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten Messers drängte den nutzlosen Degen zur Seite.

Rasend vor Wuth und Schrecken gegenüber dieser lebenden Bildsäule heftete der Verräther seinen Blick auf die weit geöffneten Augen des Geblendeten. Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen und doch unmöglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art entsetzlicher Zauberkraft.

Plötzlich stieß Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es unerwartet klar.

»Er sieht, rief er, er kann sehen! …«

Und wie ein Raubthier scheu seine Höhle zu gewinnen sucht, wich er in den Hintergrund des Saales zurück.

Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan Ogareff zu und sagte:

»Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich elenden Verräther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genügt mir gegen Deinen Degen!

– Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gütiger, gerechter Gott, ist das möglich?«

Iwan Ogareff fühlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten Muth zusammen und stürzte sich mit dem Degen auf seinen unerschütterlichen Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael Strogoff’s, geführt von der geübten Hand des sibirischen Jägers, sprengte die Klinge in Stücke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos zu Boden.

In diesem Augenblick wurde die Zimmerthür von außen aufgestoßen. Begleitet von einigen Officieren erschien der Großfürst auf der Schwelle.

Letzterer trat vor. Auf dem Fußboden erkannte er die Leiche Desjenigen, den er für den Courier des Czaar gehalten hatte.

Mit drohender Stimme fragte er:

»Wer hat diesen Mann getödtet?

– Ich that es«, antwortete Michael Strogoff. Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schläfe.

»Dein Name? fragte der Großfürst.

– Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Füßen liegt.

– Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier des Czaar.

– Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!

– Iwan Ogareff? rief der Großfürst.

– Ja, Iwan, der Verräther seines Vaterlandes.

– Aber Du, wer bist Du denn?

– Ich bin Michael Strogoff.«

Fünfzehntes Capitel

Fünfzehntes Capitel

Schluß

Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische Ursache hatte die Wirkung der glühenden Säbelklinge vereitelt, die der Scharfrichter Iwan Ogareff’s damals vor seinen Augen vorbeiführte.

Der Leser erinnert sich, daß bei Vollziehung des grausamen Urtheils die alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand. Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird, wenn er weiß, daß es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen ihm die Thränen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurück zu drängen suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thränen gebildete Dampfschicht zwischen der glühenden Klinge und den Augäpfeln befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschädlich zu machen. Es ist das derselbe Vorgang, als wenn ein Gießer nach Anfeuchtung seiner Hand mit Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flüssigen Eisens führt.

Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus erwachsen könne, wenn er sein Geheimniß gegen irgend Jemand offenbarte. Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstände bezüglich der Durchführung seiner Aufgabe ziehen könne. Nur daß er für blind galt, schien seine persönliche Freiheit einigermaßen sicher zu stellen. Er mußte also blind scheinen, er mußte es für Alle sein, selbst für Nadia, und, niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluß stand fest. Er mußte selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf’s Spiel setzte.

Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es damals auf dem Platze vor Tomsk in’s Ohr geflüstert, als er in der Dunkelheit über jene gebeugt sie mit seinen heißen Küssen bedeckte.

Man entsinnt sich auch, daß, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff’s geblendete Augen hielt, dieser dasselbe lesen konnte, und natürlich Alles gelesen hatte, was die verruchten Pläne des Verräthers enthüllte. Hieraus erklärt sich auch sein verdoppeltes Drängen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner Mission wenigstens mündlich zu entledigen. Er wußte, daß die Stadt verrathen werden solle, daß des Großfürsten Leben in der ernstesten Gefahr schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens ruhte also in seiner Hand.

Mit wenigen Worten wurden dem Großfürsten alle die früheren Vorkommnisse mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wärme den Antheil hervorhob, der Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebührte.

»Wer ist das junge Mädchen? fragte der Großfürst.

– Die Tochter Wassili Fedor’s, eines Verbannten.

– Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Großfürst fort, ist nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine Verbannten mehr!«

Nadia fiel, überwältigt von der Freude, der sie leichter erlag als den harten Schlägen des Schicksals, dem Großfürsten zu Füßen, der sie jedoch mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.

Eine Stunde später lag Nadia in den Armen ihres Vaters.

Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch schlugen ihre Herzen im Uebermaß des Glückes.

Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gänzlich fehl. Wassili Fedor hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstürmenden niedergemacht, die vor dem Thore von Bolchaïa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden, erschienen, während Jener mit instinctivem Vorgefühl darauf drang, hier zur Verteidigung zurück zu bleiben.

Gleichzeitig mit der Zurückweisung der Tartaren gelang es den Belagerten auch, die Feuersbrunst zu bewältigen. Die Naphtha auf der Oberfläche der Angara war bald verbrannt, und die auf die Häuser längs des Flusses concentrirten Flammen verschonten die übrigen Theile der Stadt.

Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan’s, unter Zurücklassung einer großen Anzahl auf den Wällen umherliegender Todter, in ihr Lager zurück.

Zu den Gefallenen gehörte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.

Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff. Iwan Ogareff’s Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des ganzen Kriegszuges, und er allein besaß durch seine unausgesetzten Agitationen Einfluß genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rußlands zu verleiten.

Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts der noch andauernden Einschließung, stets gleichmäßig wachsam und kampfbereit.

Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von Geschützen auf den umgebenden Höhen der Stadt.

Es war der Gruß der Hilfsarmee, die unter der Führung des Generals Kisselef heranrückte und dem Großfürsten ihr Eintreffen anmeldete.

Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen, unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu müssen, und hoben daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.

Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.

Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael Strogoff’s in die Stadt eingezogen, – die unzertrennlichen Collegen Harry Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, über den Eisschutz das rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den übrigen Flüchtlingen zu entkommen, bevor die brennende Angara das Floß ergriffen hatte. In Alcide Jolivet’s Notizbuch fand sich hierüber die lakonische Bemerkung:

»Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!«

Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund wieder zu treffen, vorzüglich als sie erfuhren, daß ihr muthiger Gefährte nicht blind sei. Harry Blount fühlte sich veranlaßt, als eigene Beobachtung zu notiren:

»Rothglühendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilität des Sehnerven zu zerstören« Das Verfahren bedarf der Modification.«

Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie an’s Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte über den Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den untergeordnetsten Punkten widersprachen.

Der ganze Feldzug verlief übrigens höchst unglücklich für den Emir und seine Verbündeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen den russischen Koloß gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten, welche in rascher Folge alle eroberten Städte wieder in ihre Gewalt brachten. Dazu trat der Winter mit ungewöhnlicher Strenge auf, so daß von den durch die Kälte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die Steppen der Tartarei wieder erreichte.

Die Straße von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den Großfürsten drängte es, nach Moskau zurückzukehren, doch er verschob seine Abreise, um einer rührenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage nach dem Einzüge der russischen Truppen vollzog.

Michael Strogoff befand sich an Nadia’s Seite und sagte zu ihr in Gegenwart ihres Vaters:

»Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga nach Irkutsk einen andern Kummer zurückgelassen, als die Trauer um Deine Mutter?

– Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.

– Kein Stückchen Deines Herzens ist dort zurück geblieben?

– Keines, Bruder.

– Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als daß es Gottes Absicht war, uns nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prüfungen, sondern wohl für immer zusammen zu führen.«

Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff’s Arme.

Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.

»Mein Vater! sagte er leicht erröthend.

– Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!«

Die Vermählungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war nur einfach hinsichtlich des äußeren Pompes, aber erhebend durch die ungeheure Theilnahme der ganzen Bevölkerung, welche ihrer tiefen Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.

Selbstverständlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei dieser Hochzeit, über die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.

»Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte Alcide Jolivet seinen Collegen.

– Pah, erwiderte Harry Blount, hätte ich freilich eine Cousine so wie Sie …

– Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide Jolivet.

– Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von Schwierigkeiten zwischen London und Peking. – Hätten Sie keine Lust zuzusehen, was dort vorgeht?

– Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen diesen Vorschlag machen!«

Stehenden Fußes brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem Himmlischen Reiche.

Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und Nadia, natürlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rückreise nach Europa. Diese Schmerzensstraße auf dem Herweg wurde zum Glückspfade für den Rückweg. Sie eilten in größter Schnelligkeit dahin auf einem jener prächtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug über Sibiriens eisbedeckte Steppen stiegen.

Nur am Ufer der Dinka gönnten sie sich einen einzigen Rasttag.

Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein letztes Gebet an der Ruhestätte des ergebenen, heldenmüthigen Freundes, den Beide niemals vergessen konnten.

In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Häuschen der Strogoff’s. Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn erkennen und ihrem mütterlichen Stolze genug thun.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff nach Europa weiter. Wassili Fedor ließ sich in Petersburg nieder, und weder sein Sohn noch seine Tochter verließen‘ ihn jemals, außer wenn sie der bejahrten Mutter in der Feine einen Besuch abstatteten.

Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen Georg aushändigte.

Michael Strogoff gelangte später zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die seiner männlich überwundenen Prüfungen und Leiden.

*

Ende.

Sechstes Capitel

Sechstes Capitel

Ein Freund unterwegs

Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk verlassen.

Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes Menschenknäuels vernachlässigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie erst mit den anderen Gefangenen weggeführt hatte, zu entfliehen und nach dem Plateau zurück zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir geschleppt wurde.

Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht ein Schrei entfuhr ihr, als die weißglühende Säbelklinge die Augen ihres Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurück zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff’s nach dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin ohnmächtig niedersinken sah, aber ein Gedanke reichte hin, ihr all‘ die frühere Entschlossenheit zurück zu geben.

»Ich werde der treue Hund des Blinden sein!« sagte sie sich.

Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen. Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen, wie ein elendes Geschöpf, das man nicht weiter zu fürchten hatte, war Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner Mutter hin tastete, sich über sie beugte, ihre Stirn voll heißer Liebe küßte und dann zu entfliehen suchte …

Einige Minuten später verließen Beide Hand in Hand den Abhang des Hügels, folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.

Nur die eine Straße nach Irkutsk verlief dort in östlicher Richtung. Nadia führte Michael Strogoff möglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniß, es möchten die Plänkler des Emirs nach Schluß der tierischen Orgie, die sie jetzt feierten, wieder ausschwärmen und jeden Weg verlegen. Ihr galt es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das übrigens 500 Werst von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwärts von der Straße zu wagen, das hieß dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.

Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen vermochte; woher sie die Kräfte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten; wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch blutenden Füße sie bis dahin tragen konnten, – wohl ist das kaum begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am nächsten Tage, zwölf Stunden nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoë, – nach einem Wege von fünfzig Werst Länge.

Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt seine Hand, sondern er schloß sich die ganze Nacht über an die seiner Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.

Semilowskoë erwies sich fast vollständig verlassen. Aus Furcht vor den Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseïsk entflohen, und nur zwei oder drei Häuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an nützlichen und werthvollen Gegenständen hatte man auf Karren fort geschafft.

Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen. Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.

Das junge Mädchen führte seinen Begleiter also nach dem Ende des Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thür. Sie traten ein. Neben dem in sibirischen Häusern gebräuchlichen ungeheuren Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hölzerne Bank. Beide setzten sich dort nieder.

Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefährten in’s Gesicht, wie sie ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglück. Hätte nur Michael Strogoff sie sehen können, er hätte in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zärtlichkeit lesen müssen.

Die von der hellglühenden Klinge gerötheten Lider bedeckten zur Hälfte die trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weiße Augenhaut) erschien leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergrößert; die Iris (Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, – scheinbar aber hatte der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs verändert. Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollständig war, so rührte das von der totalen Zerstörung der Lichtempfindlichkeit der Netzhäute und Sehnerven durch die Hitze des glühenden Stahles her.

Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Hände aus.

»Du bist hier, Nadia? fragte er.

– Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Mädchen, ich werde Dich niemals verlassen, Michael.«

Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen wahren Namen aussprach. Er begriff, daß seine Gefährtin Alles wußte, wer er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknüpften.

»Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen müssen.

– Uns trennen? Und warum, Michael?

– Ich will Dir kein Hinderniß Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich in Irkutsk. Du mußt zu ihm eilen.

– Mein Vater würde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du für mich gethan, verlassen wollte.

– Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drückte die Hand, welche das junge Mädchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an Deinen Vater zu denken.

– Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr, als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?

– Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine ganze frühere Energie durchklingen ließ.

– Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr …

– Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte! … Ja wohl, doch auch das soll mich nicht abhalten, Nadia! – Sie haben mich als Spion verurtheilt, – gut, so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was ich gesehen, was ich gehört habe, und, beim allmächtigen Gott, ich schwöre es, daß der Verräther mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muß ich vor ihm in Irkutsk ankommen.

– Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!

– Die Nichtswürdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.

– Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann für Dich mit ihnen sehen und Dich dahin führen, wohin Du allein niemals gelangen würdest.

– Und wie sollen wir weiter reisen?

– Zu Fuß.

– Und wovon leben?

– Wir betteln.

– Nun denn, mit Gott!

– Komm, Michael.«

Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das gemeinsame Unglück kettete sie noch inniger an einander. Beide verließen das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher die Straßen des kleinen Ortes, und es war ihr geglückt, einige Stücken »Tschornekhleb«, d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in Rußland mit dem Namen »Meed« bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das Brod und der Meth sättigten nothdürftig Michael Strogoff’s Hunger und Durst. Nadia hatte ihm den größeren Theil des kärglichen Mahles aufgenöthigt. Er aß die Brodbissen, die ihm seine Gefährtin einen nach dem andern reichte; er trank aus der Kürbisflasche, die sie an seine Lippen setzte.

»Ißt Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.

– Ja wohl, Michael«, beruhigte ihn das junge Mädchen, während es sich doch mit den Ueberresten begnügte.

Michael Strogoff und Nadia verließen Semilowskoë und begaben sich wieder auf den mühseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge Mädchen jeder Ermüdung. Hätte Michael Strogoff sie gesehen, es wäre ihm wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht, und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hörte, so ging er mit einer Hast, die er selbst nicht zu zügeln vermochte. Und warum? Durfte er hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuß, ohne Geld und – blind, und wenn Nadia, seine einzige Führerin, ihm entrissen werden sollte, blieb ihm ja nichts Anderes übrig, als sich an die Seite der Straße zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne Zweifel die nöthigen Mittel gewähren würde, um Irkutsk zu erreichen.

Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken weiter. Er hielt Nadia’s Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es schien, als bedürften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das Schweigen.

»Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.

– Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!« antwortete die junge Liefländerin und bemühte sich, ihre Erschöpfung nicht durch ihre Stimme zu verrathen.

Manchmal aber sanken ihre Füße zusammen, als stände ihr Puls schon still, ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geöffneten Armen blieb sie ein wenig zurück, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und richtete die Augen auf das junge Mädchen, so als könne er es in der Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine Begleiterin noch besser zu unterstützen und nahm den ermüdenden Weg wieder auf.

Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine überaus glückliche Wendung erfahren, welche Beiden für die Zukunft eine große Erleichterung versprach.

Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoë verlassen, als Michael Strogoff stehen blieb und fragte:

»Ist die Straße menschenleer?

– Vollständig verlassen, antwortete Nadia.

– Hörst Du nicht hinter uns irgend ein Geräusch?

– Ja, wirklich.

– Das könnten Tartaren sein; wir werden uns verbergen müssen. Passe wohl auf!

– Warte ein wenig, Michael!« erwiderte Nadia und ging die Straße einige Schritte, bis zu einer nahen Biegung rückwärts.

Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.

Nadia kehrte sehr bald zurück und meldete:

»Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann führt.

– Ist er allein?

– So viel ich sehen kann, ja.«

Michael Strogoff zögerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? – oder sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf diesem Wagen, wenn auch nicht für sich selbst, so doch vielleicht für sie, einen Platz zu erhalten? Er würde sich damit begnügen, eine Hand auf den Wagen zu stützen; ja, er würde diesen selbst mit schieben, denn seine Füße versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fühlte wohl, daß Nadia durch die lange, achttägige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende ihrer Kräfte sein müsse.

Er wartete.

Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Straße.

Es war ein sehr verfallenes, für höchstens drei Personen eingerichtetes Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.

Gewöhnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger Mähne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine Stärke und Ausdauer verrieth.

Als Führer saß ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund neugierig hervorguckte.

Nadia erkannte bald, daß der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um sein Pferd nicht überanzustrengen, und wer ihn so sah, hätte gewiß nie geglaubt, daß er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren jederzeit abschneiden konnten.

Nadia faßte Michael Strogoff’s Hand sicherer und trat zur Seite.

Die Kibitka hielt; lächelnd sah deren Führer das junge Mädchen an.

»Ei, wo wandert Ihr denn hin?« fragte er mit freundlich teilnehmendem Blicke.

Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, daß er dieselbe irgendwo schon einmal gehört habe. Ohne Zweifel genügte ihm dieser Anhaltepunkt, um den Führer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn heiterte sich plötzlich auf.

»Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich direct an Michael Strogoff wandte.

– Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.

– Aber, Väterchen, Du weißt wohl gar nicht, daß es noch viele, viele Werst bis Irkutsk ist.

– O ja, das weiß ich.

– Und Du reisest zu Fuß?

– Wie Du siehst.

– Für Dich mag das angehen, aber die junge Dame …

– Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es für gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.

– Ja, das ist ganz gut, Väterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu Fuß niemals nach Irkutsk kommen.

– Guter Freund, begann Michael Strogoff und näherte sich dem Wagen, die Tartaren haben uns geplündert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen willst, so werd‘ ich Dir gern zu Fuß folgen, nötigenfalls laufen, um Dich keine Stunde aufzuhalten …

– Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in’s Wort, … ich will das nicht, nein, ich will nicht! … Mein Bruder ist blind, mein Herr!

– Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.

– Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu, während sie die Hände ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.

– Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? – O, Du armes Väterchen! – Nun, ich will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuß zu gehen. Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.

– Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.

– Ich heiße Nicolaus Pigassof.

– Diesen Namen werd‘ ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.

– Nun komm, steig‘ auf, blindes Väterchen. Hinten im Wagen mag Deine Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu führen. Im Wagen liegt schöne Birkenrinde und Gerstenstroh – es ist wie ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach‘ Platz!«

Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer Race mit grauem Fell, von mittlerer Größe, mit großem, gutmüthigem Kopfe und schien sehr an seinem Herrn zu hängen.

Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein. Michael Strogoff hatte die Hände ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof’s zu suchen.

»Meine Hand willst Du drücken, Väterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie! Drücke sie, soviel es Dir Vergnügen macht.«

Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Paßgänger. Wenn Michael Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia doch weitere Körperanstrengungen erspart.

Die Erschöpfung des jungen Mädchens war auch so groß, daß es, geschaukelt von dem gleichmäßigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast todtenähnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof betteten die müde Schläferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael Strogoff’s Lidern keine Thräne drängte, so lag es daran, daß das glühende Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.

»Es ist ein nettes Mädchen, sagte Nicolaus.

– O ja, erwiderte Michael Strogoff.

– Die Püppchen wollen immer stark sein, Väterchen, immer muthig, und im Grunde sind sie doch nur schwach. – Kommt Ihr von weit her?

– Von sehr weit.

– Arme Leutchen, – das mußte Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen verbrannten.

– Ja gewiß, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als hätte er Nicolaus sehen können.

– Und Du weintest dabei nicht?

– Doch.

– O, ich hätte wohl auch geweint. Zu denken, daß man seine Lieben niemals wiedersehen soll! Aber, sie können Euch doch sehen, darin liegt ja wenigstens ein Trost.

– Ja, vielleicht. – Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du mich noch niemals gesehen haben?

– Dich, Väterchen? Daß ich nicht wüßte.

– Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.

– Sieh da! versetzte Nicolaus lächelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme. Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.

– Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?

– Das trifft, bestätigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.

– Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick? – Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeußersten auszuharren.

– Das geschah an dem Tage, da ein Engländer und ein Franzose, die Hände voller Rubelstücke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der Engländer die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren ließ?

– Das mag sein, Väterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.

– Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?

– Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie zu vergessen, und das Kürzeste, gar keine Kenntniß von ihnen zu nehmen.«

Diese Antwort schloß Michael Strogoff den Mund.

Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem mäßigen Tempo weiter, das Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt hätte. Doch Nicolaus und sein Pferd erschienen an jenes so gewöhnt, daß weder der Eine noch das Andere je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte weiter, dann ruhte es während einer Stunde, – und das Tag und Nacht. An den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiß ein. Die Kibitka war mindestens für zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig seine Vorräthe den beiden Gästen, die er für Bruder und Schwester hielt, zur Verfügung.

Nach eintägiger Ruhe gewann Nadia ihre Kräfte so ziemlich wieder. Nicolaus sorgte nach Kräften für ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch langsam, doch regelmäßig und unter ganz leidlichen Verhältnissen von statten. Es kam auch vor, daß Nicolaus während der Nacht, die Zügel in den Händen, einschlief, wobei sein ungestörtes Schnarchen ein beredtes Zeugniß für sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann hätte man beobachten können, daß Michael Strogoff die Zügel des Pferdes zu erlangen und dieses in schnelleren Gang zu bringen suchte, zum größten Erstaunen Sersko’s, der das indeß schweigend geschehen ließ. Unwiderruflich verlangsamte sich dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Paßgang, sobald Nicolaus erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst über die reglementmäßige Geschwindigkeit gewonnen.

So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoë, Berikylskoë, Kuskoë, den Mariinsk-Fluß, die gleichnamige Ortschaft, Bogostowskoë und kam endlich über den Tschula, einen unbedeutenderen Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Straße durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwälder, die gar kein Ende zu nehmen schienen.

Alles war öde; die Wohnstätten der Menschen fast ausnahmslos verlassen. Die Landleute flüchteten sich über den Yeniseï, in der Meinung, daß dieser breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.

Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein Zwischenfall hatte die Fahrt gestört. Seit sechs Tagen vereinigt waren Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die nämlichen geblieben, jener bezüglich seiner unerschütterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen der Stunde, in der sich ihr Gefährte von ihnen trennen würde.

Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die Augen Nicolaus‘ und des jungen Mädchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wußte, ob in der Umgebung ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Häuschen in der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus‘ Zunge stand selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen Anschauungsweise der Dinge hörte man ihm gern zu.

Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.

»O, recht schön, Väterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald genug werden sich die ersten Winterfröste melden. Vielleicht beschließen die Tartaren, während der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu beziehen?«

Ungläubig schüttelte Michael Strogoff den Kopf.

»Du glaubst es nicht, Väterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden bis Irkutsk vordringen?

– Ich fürchte es, erwiderte Michael Strogoff.

– Ja … Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. – Hast Du von Iwan Ogareff gehört?

– Gewiß.

– Weißt Du, daß es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?

– Ja, das ist es … antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe mühsam zu bewahren suchte.

– Väterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empört Dich gar nicht so sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hören. Jedes russische Herz zittert doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.

– Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen könntest.

– Das ist unmöglich, erklärte Nicolaus; nein, das ist nicht möglich! Wenn ich an Iwan Ogareff denke, an das Böse, das er unserm heiligen Rußland zugefügt hat, so übermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Händen hätte …

– Nun, wenn Du ihn hättest, Freund?

– Ich glaube, ich würde ihn umbringen.

– Und ich, ich weiß das gewiß«, erklärte ruhig Michael Strogoff.

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Die Ueberschreitung des Jeniseï

Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen. Wenn sie trotz aller Bemühungen Michael Strogoff’s nicht schneller vor sich ging, kam das daher, daß Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus ergab‘ sich die Unmöglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen, das unter anderen Händen nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht hätte. Zum Glück war von den Tartaren noch gar nichts zu spüren. Kein Plänkler ließ sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Straße sehen. Es erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mußte ein sehr gewichtiger Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk zu weiter zu marschiren.

In der That war ein solches Hinderniß eingetreten. Ein neues in aller Eile gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseïsk auf Tomsk gezogen, um diese Stadt womöglich wieder zu erobern. Freilich erwies es sich der Heeresmacht Feofar-Khan’s gegenüber noch zu schwach und hatte sich wieder zurückziehen müssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfügte Feofar-Khan über eine Gesammtzahl von 250 000 Mann, denen die russische Regierung noch keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So frühzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausführbar, und jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk aufzubrechen.

Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff zunächst nichts wußte, das aber hinreichend erklärt, warum der Vortrab des Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelästigt gelassen hatte.

Kannte Michael Strogoff auch die jüngsten Ereignisse nicht, so wußte er doch das Eine, daß er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm entfernt.

Er rechnete übrigens darauf, daß es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von etwa 12 000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen könne. Da Nicolaus Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines Führers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nöthig. Michael Strogoff hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete, seine Identität und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, – was ihm nicht schwer fallen konnte, – gewiß gelingen, mit dessen Hilfe Irkutsk in kürzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und unverzüglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher verlassen, als bis er sie den Händen ihres Vaters übergeben hätte.

Nicolaus‘ Entschluß, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur »unter der Bedingung, dort Verwendung zu finden«.

Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfügung zu stellen.

»Wie könnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient hätte?« wiederholte er mehrfach.

Für den Fall, daß man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benöthigte, wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer Verbindung stehen mußte, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem Bruder und der Schwester fort, und wo hätten diese einen sicherern Führer, einen ergebeneren Freund finden können?

Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk. Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier an den Straßen in der Nähe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen und die Profile der an dem steilen Abhange des Jeniseï erbauten Häuser ab. Das Wasser des Flusses erglänzte in den letzten Lichtstrahlen der Atmosphäre.

Die Kibitka hielt an.

»Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.

– Eine halbe Werst von den ersten Häusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.

– Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut dringt zu meinen Ohren.

– Und ich sehe auch kein Licht erglänzen, keinen Rauch in die Luft emporsteigen, fügte Nadia hinzu.

– Eine eigenthümliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man kein Lärmen und legt sich sehr zeitig nieder!«

In Michael Strogoff stieg eine böse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fürchtete er, seine Hoffnung werde noch einmal getäuscht werden. Aber Nadia hatte seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefährte jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige Worte fallen lassen.

»Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!« Darauf beschränkte sich seine ganze Antwort.

Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, mußte er in Krasnojarsk noch ein schnelles Beförderungsmittel finden.

»Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?

– Ich befürchte, die Bewohner der Stadt durch das Geräusch unsres Wagens aus dem Schlafe zu stören.«

Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte mäßig schnell die Straße hinab, die nach Krasnojarsk hinein führte.

Zehn Minuten später befand sie sich in der Hauptstraße.

Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte »das nordische Athen«, wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so prächtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen Straßen. Kein Fußgänger wandelte auf den Trottoirs der schönen, in monumentalem Style erbauten Holzhäuser. Keine elegante, nach neuester Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke, der, in einem Birkenwalds angelegt, sich bis an das Ufer des Jeniseï fortsetzte. Die große Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der Kirchen blieben stumm, während sonst nur selten der Gesang derselben in den russischen Städten nicht ertönt. Doch hier war Alles erstorben. Kein lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!

Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand und Alles, was den Tartaren hätte von Nutzen sein können, wegzuschaffen und nach Irkutsk zu flüchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den Schritten der Feinde eine Wüste herzustellen. Solche eines Rostopschin würdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in Krasnojarsk zurück.

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straßen der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geräusch, das in dieser todten Stadt ertönte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, ließ Michael Strogoff zwar äußerlich nichts merken, aber es kochte doch manchmal auf in ihm über das unersättliche Mißgeschick, welches ihn verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter täuschte.

»Großer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wüstenei werde ich meinen Gehalt nimmer ehrlich verdienen können.

– Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach Irkutsk einschlagen müssen.

– Freilich muß ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk muß die Leitung noch im Stande sein und da … Wollen wir weiter, Väterchen?

– Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.

– Du hast Recht, bestätigte Nicolaus. Wir müssen den Jeniseï passiren und dazu sehen können.

– Sehen können!« murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden Gefährten.

Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehört und wendete sich an Michael Strogoff.

»Verzeihe, Väterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist für Dich ja gleichgiltig!

– Mache Dir keine Vorwürfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und strich dabei mit der Hand über seine Augen. Mit Dir als Führer kann ich auch noch etwas nützen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich durch den Schlummer stärken. Morgen wird es ja wieder Tag.«

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine Ruhestätte zu finden« Das erste Haus, dessen Thüre sie öffneten, war ja ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich darin vor. In Ermangelung besseren Futters mußte das Pferd sich mit diesem begnügen. Von dem noch nicht erschöpften Proviant aus der Kibitka erhielt jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand hängenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flämmchen einer Lampe beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mädchen bald ein, während Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen wachte.

Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jeniseï.

Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluß überschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fähren zerstört hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzögern? Er kannte den Jeniseï, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die beträchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen den Inseln in seinem Bette. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verlangt die Ueberschreitung des Jeniseï mittels besonderer für den Transport von Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fahren eine Zeit von drei Stunden, und dabei erreichen diese Fährboote das rechte Ufer nur unter dem Aufwände der größten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?

»Und ich muß doch hinüber kommen!« sagte sich Michael Strogoff wiederholt.

Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das Uferland etwa hundert Fuß über der Wasserfläche, so daß diese bis auf weite Entfernung hin zu übersehen ist.

»Entdeckt Ihr eine Fähre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen, eine Folge früher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als könne er selbst noch sehen.

– Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so dichter Dunst, daß man kaum das Wasser zu sehen vermag.

– Doch ich höre das Rauschen der Wellen«, setzte Michael Strogoff noch hinzu.

Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf einander treffenden Strömungen und Gegenströmungen herauf. Das zu dieser Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne über den Horizont empor und ihre ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dünste weg.

»Nun? fragte Michael Strogoff.

– Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon durchdringt ihn allmälig das Licht des Tages.

– Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?

– Bis jetzt noch nicht.

– Etwas Geduld, Väterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da, es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben. Schon zeigen die hohen Hügel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehäuften Wasserdünste. O, wie schön das ist, Du armer Blinder, und welches Unglück für Dich, dies prächtige Schauspiel nicht genießen zu können!

– Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.

– Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.

– Sieh scharf hinaus, Freund, längs dieses Ufers und längs des anderen, soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus Baumrinde!«

Nicolaus und Nadia, die sich an den äußersten Birkenstämmen des steilen Ufers anhielten, bogen sich fast bis über den Fluß hinaus. Ihr Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jeniseï ist an dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei ungleich große Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin schießen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hügel des östlichen Ufers, gekrönt mit Wäldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem Morgenlichte flammten. Stromaufwärts und stromabwärts erstreckte sich der Lauf des Jeniseï bis über Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schöne Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fünfzig Werst.

Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau einer Schiffbrücke nicht selbst von Süden hierher, so mußte ihr Zug auf Irkutsk durch den schwer überschreitbaren Jeniseï eine nicht unbeträchtliche Verzögerung erfahren.

»Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Häusern von Krasnojarsk. Dort legten die Fähren an. Laß uns den Fluß hinauf ziehen, Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden ist.«

Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff Michael Strogoff’s Hand und führte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine Barke, nur ein hinreichend großes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen, und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren überzuführen, – und Michael Strogoff würde keinen Augenblick gezögert haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.

Zwanzig Minuten später hatten alle drei die beschränkte Landungsstelle erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Häuser bis an das Niveau des Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschließender kleiner Vorort.

Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein für drei Personen hinreichendes Floß hätte herstellen lassen.

Michael Strogoff befragte Nadia über den Befund, und diese gab leider die wenig trostreiche Antwort, daß ihr unter den gegebenen Verhältnissen eine Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmöglich scheine.

»Wir kommen hinüber«, erklärte Michael Strogoff.

Die Nachsuchungen begannen auf’s Neue. Man durchstöberte die an dem Abhange gelegenen Gebäude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der eigentlichen Stadt. Höchstens die Thüren hätte man dort ausheben können. Es waren übrigens nur vollkommen leere Hütten ärmerer Leute. Nicolaus sah sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande, der ihm jetzt hätte von Nutzen sein können.

Nicolaus und das junge Mädchen hatten sich vergeblich in den Hütten umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie ihre Namen rufen hörten.

Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der Schwelle einer Hausthür.

»Kommt hierher!« rief dieser.

Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Hüttchen ein.

»Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berührte mit der Hand verschiedene in einer Art Speisegewölbe liegende Gegenstände.

– Das sind Schläuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles halbes Dutzend.

– Sind sie gefüllt?

– Ja wohl, mit Kumiß, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant zu erneuern.«

Der »Kumiß« ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes stärkendes, sogar berauschendes Getränk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses Fundes zu freuen.

»Leg‘ einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort alle übrigen.

– Sogleich, Väterchen.

– Diese sollen uns den Jeniseï überschreiten helfen.

– Und das Floß?

– Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser Schläuche halten.

– Gut ausgedacht, Väterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden wir glücklich den Hafen erreichen … vielleicht nicht in gerader Linie, denn die Strömung ist sehr stark.

– Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Laß uns nur erst hinüber kommen, die Straße nach Irkutsk finden wir schon wieder.

– An’s Werk also«, sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schläuche zu entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.

Nur ein mit Kumiß gefüllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft aufgeblasen und sorgfältig verschlossen, sollten als schwimmende Träger dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses über Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka zwischen den Rädern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floß benutzen zu können.

Diese Arbeit war bald vollendet.

»Du wirst Dich doch nicht fürchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.

– Nein, Bruder, erwiderte das junge Mädchen.

– Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfüllung meiner Träume, gleich in der Kutsche zu schwimmen.«

Das hier sanfter geneigte Ufer begünstigte den Stapellauf (wenn man so sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.

Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die Fußbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener Schläuche, das Wasser kaum bis an die Knöchel.

Michael Strogoff führte die Zügel des Pferdes und lenkte es, nach den Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So lange die Kibitka sich direct mit der Strömung bewegte, ging Alles ganz gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der Hand, daß sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwärts von der Stadt erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.

Die Fahrt über den Jeniseï wäre nun, trotz der sehr mangelhaften Hilfsmittel, ohne zu große Schwierigkeit ausgeführt worden, wenn sich die Strömung in ihren gewöhnlichen, regelrechten Verhältnissen bewegt hätte. Unglücklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberfläche des schäumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller Anstrengungen Michael Strogoff’s, sie in einer andern Linie zu erhalten, unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.

Die Gefahr war groß. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem östlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch den Kopf über dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt zu werden. Auch Sersko hatte einen Stützpunkt an der Kibitka suchen müssen.

Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fühlte sich in einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu wollen, um sie leichter zu vermeiden – sie konnten es nicht!

Auch Nadia schwieg. Ihre Hände klammerten sich krampfhaft an das Gerüst des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.

Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth für ihn und galt es ihm, nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, »wie eine Hotelwohnung für fünf Tage«, die man wohl oder übel am sechsten Tage räumen muß? Jedenfalls zeigte sein immer lächelndes Gesicht keine Spur einer Veränderung.

Die Kibitka verblieb also in dem reißenden Strudel und das Pferd stand am Ende seiner Kräfte. Plötzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstücke, die ihm hinderlich sein konnten, ab und stürzte sich in das Wasser; dann ergriff er mit mächtigem Arme den Zügel des halb scheu gewordenen Pferdes und riß es so mächtig fort, daß es sich bis über den anziehenden Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die geordnete Strömung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.

»Hurrah!« rief Nicolaus.

Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka den größeren Arm des Stromes überschritten und landete, freilich sechs Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.

Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren Thiere gern eine Stunde Ruhe gegönnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter dem schützenden Dache prächtiger Birken quer über das ganze Eiland und langte an dem schmäleren Arme des Jeniseï an.

Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so schnelle, daß die Kibitka das rechte Ufer erst fünf Werst stromabwärts erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.

Diese großen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch nirgends überbrückt sind, bilden überall sehr fühlbare Hindernisse der Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fähre, welche ihn und Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen. Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig am glücklichsten ab.

»Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche Schwierigkeiten geboten hätte.

– Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!«

Erstes Capitel

Erstes Capitel

Ein tartarisches Feldlager

Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk breitet sich eine große Ebene aus, auf der sich einige hohe Bäume, vorzüglich Tannen und Cedern, erheben.

Während der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewöhnlich von sibirischen Hirten besucht und gewährt auch den zahlreichen Heerden derselben hinlängliche Nahrung. Jetzt hätte man wohl vergeblich nach einem dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht daß diese fruchtbare Ebene verlassen und öde gewesen wäre, – im Gegentheil, sie zeigte ein ganz außergewöhnliches Leben.

Hier erhoben sich nämlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am 7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000 Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestützten, feindlichen Heersäulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert Soldaten davon gekommen.

Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen, oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben.

Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten? Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an?

Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiß befand er sich unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher, und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück.

»Ich werde noch ankommen!« wiederholte er sich immer wieder.

Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der passende Zeitpunkt da wäre.

Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge, mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, »Karaoys« genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden.

Das ganze Lager zählte mindestens 150 000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan, zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, – die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten. Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem »Tschakane«, d. i. eine kurz gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem, sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen, Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs, einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden.

Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt wurden.

Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen, und endlich darunter gemischt noch Hunderte »Kalender«, eine Art religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.

Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren, unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels »Arkan«, d. i. der Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge gekreuzter Racen von geringerem Werthe.

Lastthiere zählten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte Mähne ihren Hals verhüllte, gelehrige und leichter als die Dromedare zähmbare Thiere; ferner einhöckerige »Nars« mit rothgelbem, gelocktem Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten und deren sehr geschätztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung der Tartaren ausmacht.

Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, über diese ungeheuren Haufen von Zelten verbreiteten in größeren Gruppen zusammen stehende Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen höchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle Farben seiner Palette hätte erschöpfen müssen.

Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar’s und der Großwürdenträger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getöse mischte sich aber auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und sechspfündiger Geschütze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.

Feofar lebte hier unter rein militärischer Umgebung und Lebensweise. Seine Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Händen der Tartaren war.

Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien endgiltig zu vertauschen hoffte.

Feofar’s Fürstenzelt überragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus breiten Stücken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit goldenen Fransen zusammenhielten, überragt von dichten Troddeln, welche der Luftzug fächerartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prächtige Birken und gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem glänzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geöffnet der heilige Koran, dessen Blätter aus ganz dünnen, fein gravirten Goldplättchen bestanden. Darüber flatterte die tartarische Fahne.

Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der höchsten Beamten von Bukhara. Da wohnten der Großstallmeister, dem das Recht zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der Groß-Falkenier, der »Housch-Vegui«, d. i. der Siegelbewahrer des Herrschers, der »Toptschi-Baschi«, d. i. der Oberbefehlshaber der Artillerie, der »Khodja« oder Vorsitzende des Großen Rathes, der von dem Fürsten geküßt wird und sich vor ihm mit offenem Gürtel zeigen darf, der »Scheik-ul-Islam«, der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste, der »Cazi-Askev«, der in Abwesenheit des Emirs über alle Streitfragen zwischen Militärs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen, deren Hauptgeschäft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.

Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden, glücklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm hätte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er hielt sich aber zurück in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestät der orientalischen Fürsten erhält. Man bewundert Den, der sich nicht zeigt, und fürchtet ihn mehr.

Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzäunung eingepfercht, wo sie mißhandelt, nur nothdürftig ernährt und allen verderblichen Einflüssen des Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar’s entgegen harrten.

Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiß Michael Strogoff. Er ließ sich gern führen, denn man führte ihn dahin, wohin er selbst wollte, und das in verhältnißmäßiger Sicherheit, die er, frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie hätte finden können. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt hätte ihn unzweifelhaft in die Hände der Plänkler zurück geliefert, welche die umgebende Steppe durchschwärmten. Die östlichste, von den Schaaren der Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht über dem zweiundachtzigsten Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich außerhalb des von Feinden überschwemmten Gebietes zu befinden, den Yeniseï gefahrlos zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese Provinz besetzte.

»Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner Ungeduld, deren er nicht völlig Meister werden konnte, Zu unterdrücken, werde ich binnen wenigen Minuten über die Vorpostenkette hinaus sein, und zwölf Stunden vor Feofar, zwölf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein, das genügt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!«

Was Michael Strogoff am meisten fürchtete und wohl auch fürchten mußte, das war die Anwesenheit Iwan Ogareff’s in dem tartarischen Lager. Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser Instinct, daß es für ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem Verräther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, daß durch die Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff’s und Feofar-Khan’s die feindliche Armee nun vollzählig wurde und mit aller Macht nach der ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte in ihm aber die schwersten Befürchtungen, und aufmerksam lauschte er auf jeden schmetternden Trompetenstoß, ob dieser etwa das Eintreffen jenes Unterbefehlshabers des Emirs verkünde.

An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurück geblieben, die Andere auf den Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte Nichts für sie zu thun! Würde er jene Zwei überhaupt wiedersehen? Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu beantworten wagte.

Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt worden. Ihr früherer Reisegefährte wußte zwar, daß Jene in derselben dicht mit Wachtposten besetzten Umzäunung untergebracht waren, er hatte sich ihnen aber nicht zu nähern gesucht. Nur wenig kümmerte es ihn jedoch, was sie über ihn bezüglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken möchten; er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein handeln zu können. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.

Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite fiel, diesem die größte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager, daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch, daß er sich auf den Arm seines Rivalen stützte, dem Gefangenenzuge folgen. Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Engländer legitimiren, das hätte ihm aber gegenüber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstößen und Säbelhieben antworteten, nicht im mindesten genützt. Der ehrenwerthe Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunächst das Schicksal aller Uebrigen, und blieb es ihm überlassen, später zu reclamiren und Satisfaction für die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte er aber seiner Wunde wegen nur mit der größten, schmerzlichen Anstrengung zurück, und ohne Alcide Jolivet’s Hilfe wäre er wohl kaum im Stande gewesen, das Lager zu erreichen.

Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche ließ, hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel möglichst gestärkt. Als er sich unabwendbar in jene Hürde eingeschlossen sah, eilte er zunächst, Harry Blount’s Wunde zu untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er überzeugte sich, daß dessen Schulter nur von dem Sprengstück einer Kugel gestreift worden war.

»O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder drei kühlen Aufschlägen ist die ganze Sache vorüber.

– Aber diese nothwendigen Umschläge? … fragte Harry Blount.

– Die mache ich Ihnen selbst.

– Sie sind also ein wenig Arzt?

– Alle Franzosen sind halbe Aerzte!«

Nach dieser dreisten Versicherung zerriß Alcide Jolivet sein Taschentuch, zupfte aus einem Stücke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen Ziehbrunnen Wasser, wusch die glücklicher Weise nur leichte Wunde sorgfältig aus und legte mit großer Geschicklichkeit die feuchten Leinenstücke auf Harry Blount’s Schulter.

»Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flüssigkeit ist das wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt, und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000 Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000 Jahre!

– Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf ein Lager von dürren Blättern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.

– Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie hätten an meiner Stelle dasselbe gethan.

– Ja, ich weiß nicht … antwortete Harry Blount ziemlich naiv.

– Sie Spaßvogel! Alle Engländer sind edelmüthig!

– Gewiß, aber die Franzosen …?

– Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfältig; aber was das wieder gut macht, ist, daß sie eben Franzosen sind. Doch sprechen wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe.«

Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als Verwundeter vernünftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der Fall.

»Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, daß unsere letzten Depeschen noch über die russische Grenze befördert worden sind?

»Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde wird meine glückselige Cousine schon missen, was von dem Treffen bei Kolyvan zu halten ist.

– Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen richtete.

– Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hört und unglücklich sein würde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer störte.

– Ich mag nicht schlafen, versetzte der Engländer. – Was urtheilt Ihre Cousine wohl über die Sachlage?

– Nun, daß es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch, was da! die moskowitische Regierung ist mächtig, sie braucht sich wegen eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird und kann ihr nicht verloren gehen.

– Ueberhebung hat schon die größten Reiche gestürzt! antwortete Harry Blount, der von einer gewissen »englischen« Eifersüchtelei wegen der russischen Prätensionen in Centralasien nicht ganz frei war.

– O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der Facultät untersagt! Für Schulterwunden giebt es gar nichts Gefährlicheres! … Sie müßten denn dadurch einschlummern wollen!

– So sprechen wir davon, was uns zu thun übrig bleibt, lenkte Harry Blount ein. Ich, Herr Jolivet, verspüre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt Gefangener der Tartaren zu bleiben.

– Ich bei Gott auch nicht!

– Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.

– Ja, wenn’s zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel giebt.

– Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter erwartungsvoll an.

– Gewiß! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden reclamiren.

– Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?

– Nein, er verstände das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan Ogareff, seinem Untergeneral.

– Der ist ein Schurke!

– Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiß, daß er mit dem Völkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns zurückzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht schwer werden.

– Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn noch nicht bemerkt, äußerte Harry Blount.

– Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muß sich hier dem Emir anschließen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und offenbar erwartet ihn nur Feofar’s Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.

– Und was thun wir, wenn wir frei sind?

– Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt, im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts! Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser, mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen. Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!«

Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter, gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben.

Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war, mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als Spione abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.

Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen. Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem »Krut« genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch geweicht die gewöhnlich »Kumiß« genannte Speise der Kirghisen darstellt. Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde. Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei, deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger jenen sogar ein Grab verweigerten.

Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie früher keinen harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen, welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.

Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan, befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte, von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August wirklich ein.

An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam über der Straße von Kolyvan dahin.

Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das Lager der Tartaren.

Zweites Capitel

Zweites Capitel

Alcide Jolivet’s Haltung

Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zuführte. Diese Reiter und Fußsoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche sich der Stadt Omsk bemächtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzählt, der Gouverneur zurückgezogen hatte, so entschloß er sich, weiter zu ziehen, um die Operationen, welche im östlichen Sibirien geplant waren, nicht aufzuhalten. So ließ er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurück. Dann sammelte er seine Horden, verstärkte sich unterwegs durch die Sieger von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar’s her.

Die Truppen Iwan Ogareff’s hielten vor den Außenposten des Lagers. Sie erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Führer ging offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu dringen und in kürzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukünftigen Operationen bestimmt schien.

Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in Feindeshand gefallen waren. Diese Unglücklichen wurden gar nicht erst in die Umzäunung geführt, welche ohnedies schon zu klein für alle die erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten, ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch Feofar-Khan bevor? Würde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie vielleicht eine blutige Execution, das gewöhnliche Verfahren der Tartarenhäuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniß des launischen Emirs.

Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen großen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche gewöhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen. Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und ließ wenig zu plündern hinter sich zurück. Schon hieraus ergab sich die Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um für die Expeditions-Colonnen den nöthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwüstet und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich ließen die Tartaren eine Wüste, welche die Russen gewiß nur mit größter Schwierigkeit zu durchziehen im Stande sein konnten.

Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren, befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet hatte. Sangarre zählte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der böse Geist Iwan Ogareff’s, verließ ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Rußland selbst, im Gouvernement von Nishny-Nowgorod, ihre Pläne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals Ichim so schnell als möglich zu erreichen, während Sangarre und ihre Gesellschaft durch den Süden der Provinz auf Omsk zu zogen.

Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete. Durch ihre Tsiganen drang sie überall ein, hörte und beobachtete Alles. Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem Dienst geöffnet. Uebrigens gewährte er für diese Spionendienste, deren Vortheil ihm genügend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.

Als Sangarre früher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergaß sie, was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verräthers beschritt, erkannte er recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, – Sangarre führte ihn aus; ein wahrhaft außergewöhnlicher Instinkt, noch mächtiger entwickelt als selbst das Gefühl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast gedrängt, sich dem Verräther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloß. Geschmeichelt durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr Vagabundenleben den Empörern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien führte. Mit der natürlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine Wilde, würdig die Hütte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu theilen.

Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder anschloß, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall, welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengeführt hatte, war ihr bekannt. Die Befürchtungen Iwan Ogareff’s wegen des Durchzugs eines Couriers des Czaaren wußte und theilte sie. Für die gefangene Marfa Strogoff wäre sie die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu peinigen, um ihr ihr Geheimniß zu entreißen. Noch war aber die Stunde nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen wollte. Sangarre mußte warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag und Nacht bewachte, um das Wort »Sohn« einmal ihren Lippen entschlüpfen zu hören, während Marfa Strogoff’s außerordentliche Kaltblütigkeit vorläufig noch alle diese Bemühungen vereitelte.

Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der Oberbefehlshaber der Artillerie und der Großstallmeister des Emirs, begleitet von einer glänzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff’s vor das Feldlager hinaus begeben.

Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die höchsten Ehrenbezeigungen und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan’s zu folgen.

Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kühl die Höflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, – fast erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, – noch russische Uniform.

Gerade als er die Zügel seines Rosses faßte, um in den Kreis des Lagers zu reiten, drängte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, näherte sich ihm und blieb unbeweglich stehen.

»Nichts? fragte Iwan Ogareff.

– Nichts.

– Sei geduldig.

– Nähert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen wirst?

– Sie kommt, Sangarre.

– Wann wird das Weib sprechen sollen?

– Sobald wir in Tomsk sind.

– Und dahin kommen wir …?

– Binnen drei Tagen.«

Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre’s großen, schwarzen Augen, dann zog sie sich still und geschmeidig zurück.

Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fürsten.

Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln Steinen glitzernden Degengehänge, mit dem krummen, einem Yatagan ähnlichen Säbel, dessen Scheide mit prächtigen Gemmen eingelegt war, den schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mütze, an der eine Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal, eines unumschränkten Herrschers, der über Leib und Blut seiner Unterthanen ganz nach Gutdünken verfügt, dessen persönliche Macht ohne Grenzen ist, und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschließlich den Namen »Emir« beilegte.

Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Großwürdenträger auf ihren goldbetreßten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fußboden der weiche Sammet eines bukharischen Teppichs verhüllte.

Der Emir näherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuß; ein Zeichen, dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuß erhob den Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig über den Khodja.

Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.

»Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hören.

– Takhsir, Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebräuchlichen »Sir« und wird gegenüber dem Sultan von Bukhara gewöhnlich angewendet. erwiderte Iwan Ogareff, so höre, was ich zu sagen habe.«

Iwan Ogareff sprach tartarisch und drückte sich mit dem emphatischen Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.

»Takhsir, die Zeit ist unnützen Worten nicht hold! Du weißt, was ich an der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter können ihre Pferde in dem nun tartarisch gewordenen Strome tränken. Die Kirghisenhorden erheben sich auf den Ruf Feofar-Khan’s, und Dein ist die Hauptstraße Sibiriens vom Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersäulen ebenso wohl nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem Westen, wo sie sich niederlegt.

– Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne daß ein Zug des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.

– Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.

– Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?

– So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der tartarischen Herrschaft unterwerfen.

– Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Rußland bezeichnete.

– Von ihnen hast Du nichts zu fürchten, weder nach Sonnenaufgang, noch nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte zu plötzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hände gefallen sein. Die Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es überall geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verächtlichen Heerhaufen des Occidentes streiten werden.

– Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit für die Sache der Tartaren ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.

– Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der östlichen Steppen sollen die Rosse der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geißel zu gewinnen, welche den Besitz eines großen Landes aufwiegt. Jetzt muß, da es der Czaar nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Großfürst, sein Bruder, in Deine Hände fallen.«

Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hörte man ihn so reden, so hätte man ihn wohl für einen Abkommen jenes grausamen Stephan Razine halten können, der das südliche Rußland im 18. Jahrhundert verwüstete. Sich des Großfürsten zu bemächtigen, ihn ohne Mitleid in Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er unablässig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf übrigens gleichzeitig das ganze östliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.

»Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.

– Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?

– Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden.«

Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui zurück, um die Befehle des Emirs auszuführen.

Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurückzukehren, entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wüstes Geschrei, dem zwei oder drei Gewehrschüsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurückgewiesen wurde?

Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und fast gleichzeitig erschienen zwei Männer, trotz der Anstrengung der Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.

Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Köpfe der Gefangenen wohl schnell hätte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige Worte fallen ließ, die dem schon über Jenen geschwungenen Säbel Halt geboten.

Der Russe hatte schnell erkannt, daß die beiden Gefangenen Fremde waren, und befahl, sie ihm vorzuführen.

Man ließ nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.

Seit der Ankunft Iwan Ogareff’s im Lager hatten sie schon verlangt, vor ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab. Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen Gewehrschüssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung entgingen; immerhin hätten sie ohne das Dazwischentreten des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit dem Leben zu büßen gehabt.

Letzterer examinirte die ihm vollständig unbekannten Gefangenen einige Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der brutale Reisende von damals hatte indeß den mit anwesenden Personen keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.

Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder und Letzterer sagte halblaut:

»Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim sind ein und dieselbe Person!«

Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:

»Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir einen großen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager mißfällt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner Vermittlung noch auf seinen Schultern sitzt, so würden sich meine Augen doch eher verächtlich von ihm abwenden, als ihm in’s Angesicht zu sehen.«

In Alcide Jolivet’s Zügen malte sich die vollständigste und hochmüthigste Gleichgiltigkeit.

Empfand es Iwan Ogareff, daß diese Haltung des Gefangenen etwas Beleidigendes für ihn hatte? Jedenfalls ließ er nichts davon bemerken.

»Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber minder als gewöhnlich rauhem Tone.

– Zwei Correspondenten englischer und französischer Journale, erwiderte Harry Blount lakonisch.

– Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identität nachzuweisen?

– Hier sind Schriftstücke, welche uns in Rußland bei den Kanzlern Englands und Frankreichs accreditiren.«

Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen und las sie mit Aufmerksamkeit durch.

»Sie begehren die Erlaubniß, unseren militärischen Operationen in Sibirien zu folgen? begann er darauf.

– Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische Reporter.

– Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.

– Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto.«

Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurück, der seine Worte stillschweigend zu bestätigen schien.

Iwan Ogareff lächelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.

»Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie über Iwan Ogareff, den Oberanführer der Tartarenheere? fragte Harry Blount.

– Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lächelnd Alcide Jolivet, daß jener Housch-Begui eine recht hübsche Geste machte, als er den Befehl gab, uns um einen Kopf kürzer zu machen!«

Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiß nicht in den Sinn, die Flinte in’s Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche sie früher wohl gegen einander fühlten, hatte einer innigen Freundschaft Platz gemacht. Durch die Umstände einander genähert, dachten sie gar nicht daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnützen Eifersucht waren für immer gelöscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu erinnern; die gegenseitige Annäherung erleichterte die Zwecke der Reportage, gewiß zum Vortheile der beiderseitigen Leser.

»Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit anfangen?

– Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu sehen, was dort geschieht.

– Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet, uns einem russischen Corps anzuschließen? –

– Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die Civilisation verbreiten, und offenbar hätten die Volksstämme Centralasiens Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann nur eine Frage der Zeit sein.«

Das Erscheinen Iwan Ogareff’s, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine große Gefahr für Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff vor Augen führte, mußte dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen, den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan hätte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mußte er doch der Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit werden, – was der Erreichung seiner Ziele gewiß nicht förderlich sein konnte.

Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff’s. Dagegen durfte es als eine glückliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, daß noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.

Michael Strogoff’s lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Seine Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der übrigen Gefangenen zu erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plänklern in die Hände zu fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in großer Anzahl umschwärmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff’s aber und der Furcht, von diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen solle.

Michael Strogoff hätte sich wahrscheinlich noch für das letztere entschieden, als ihm zu Ohren kam, daß Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.

»Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz ausnahmsweise günstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk überwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden über die am meisten nach Osten vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage Geduld und dann stehe Gott mir bei!«

In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch die Steppe zurückzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine Entfernung von einhundertfünfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer aber den unglücklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwächten Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug über die sibirische Heerstraße bezeichnen.

Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.

Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte. Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren.

Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen. Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art Hochachtung zu sichern.

Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das Marfa Strogoff’s.

Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser Erinnerung.

»Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es selbst nicht mehr kann?«

Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:

»Mach es, Herr, daß ich es sein darf!«

Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den Gott ihr nicht erst hatte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder verlieren sollte! …

Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.

Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte?

Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerten Loose unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.

»Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan hast!« sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.

Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte.

Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste Theilnahme der alten Sibirerin.

»Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus! Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend, von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?

– Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in allen andern Dingen die Wahrheit sprach?«

Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere Fragen zu stellen.

»Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir versichert, daß er es war, sagte sie.

– Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia.

– So wäre mein Sohn auch gewesen«, murmelte Marfa Strogoff halb für sich.

Dann fuhr sie fort:

»Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie eine Mutter?

– Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!

– Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen?

– Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held!

– Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ?

– Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.

– Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.

– Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann.

– Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen, in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff verachtet?

– Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.«

Die alte Frau schwieg einen Augenblick.

»Er war groß? fragte sie hierauf.

– Sehr groß.

– Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.

– Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend.

– Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme.

– Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!

– Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von seiner Mutter gesprochen?

– Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!

– Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt«, schluchzte die alte Frau.

Dann fügte sie ruhiger hinzu:

»Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter, welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk einmal zu sehen?

– Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.

– Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?

– Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne, gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und Gewissenspflicht.

– Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir, Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.

– Ich verlange keine Belohnung, Mutter«, antwortete Nadia.

Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.

»O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!«

Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst gesprochen hatte! …

Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen:

»Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei! … Hoffe noch immer, meine Tochter! Mach‘ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Schlag für Schlag

In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen.

Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.

Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen, welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt. Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge. Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her. Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung, so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen brachen, um nicht wieder aufzustehen.

In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die seinige.

Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und solch‘ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der Bewegung, ein endloser Weg zu sein!

Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr, die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von der Straße durfte nicht abgewichen werden.

Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.

So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz wieder einzunehmen.

Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, »auf Unkosten des Emirs« bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen, wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.

Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die Straße mit dem Laufe des Tom.

Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos dichter Cordon von Feldwachen.

Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen, um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen.

Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden. Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der Armee vor den Mauern bivouaquirte, um vereint mit der nachfolgenden Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.

Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen gebräuchlichen Pompe empfangen wollte.

Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und einige Ruhe genießen.

Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu erobern.

Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen.

Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten, plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.

Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!

Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.

Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei … Er gewann aber genug Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte compromittiren können.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt! …

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie zurück und raunte ihr in’s Ohr:

»Bleib‘ hier, meine Tochter!

– Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er lebt, Mutter! Er ist es!

– Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir darin, meine Tochter!«

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun, wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.

Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte, seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war, hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen, an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt zurück ließ.

Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene, trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s, beobachtet wurden.

Auch die Zigeunerin befand sich nämlich am Ufer, wo sie wie immer die alte Sibirerin ohne deren Wissen argwöhnisch überwachte. Michael Strogoff, welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie Nadia zurück hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen Marfa’s sagte ihr Alles.

Es stand ihr nun außer Zweifel, daß der Sohn Marfa Strogoff’s, der Courier des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan Ogareff’s befinden müsse.

Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wußte, daß er da war! Sie suchte ihn vorläufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmöglich schien.

Auch eine weitere Beobachtung Nadia’s und Marfa Strogoff’s hielt sie für nutzlos. Offenbar würden die beiden Frauen äußerst vorsichtig sein und Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend compromittiren könnte.

Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu erstatten. Sie verließ also sofort das Lager.

Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.

Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.

»Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.

– Der Sohn Marfa Strogoff’s befindet sich im Lager, antwortete das Weib.

– Als Gefangener?

– Als Gefangener!

– O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen …

– Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in’s Wort, denn Du kennst ihn ja nicht.

– Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!

– Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine Bewegung, die mir Alles erklärte.

– Täuschest Du Dich nicht?

– Ich täusche mich nicht.

– Du weißt, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege, sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls übergebene Cabinetsschreiben dem Großfürsten ausgehändigt, so wird dieser auf seiner Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nähern vermögen. Jenen Brief muß ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, täuschte Dich Deine Beobachtung nicht?«

Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in ihrer Ueberzeugung.

»Ich täusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.

– Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest, daß Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.

– Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte, ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man wird seine Mutter zum Sprechen zwingen müssen.

– Morgen soll das geschehen!« erwiderte Iwan Ogareff.

Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese küßte sie, ohne daß diese bei den Völkerschaften des Nordens so gebräuchliche Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwürfigkeit zeigte.

Sangarre kehrte nach dem Lager zurück. Sie spürte bald die Stelle aus, an der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und ließ diese nun die ganze Nacht über nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen schliefen nicht, trotzdem daß die Erschöpfung sie fast übermannte. Eine fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber Gefangener gleich ihnen. Wußte das Iwan Ogareff, und wenn nicht, würde er es noch erfahren? Nadia beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, daß ihr todt geglaubter Gefährte noch lebe. Marfa Strogoff’s Blick reichte weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war, so hatte sie doch Grund genug, für ihren Sohn das Schlimmste zu befürchten.

Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend … Vergeblich. Wie durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und Nadia, überhaupt ein Wort zu wechseln.

Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten augenblicklich unter die Waffen.

Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch finsterer, als gewöhnlich, und die strengen Züge verriethen einen verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.

Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind vorüber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefühl, daß jetzt eine Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wußte, daß Marfa Strogoff die Mutter Michael Strogoff’s, des Officiers im Corps der Czaarencouriere, sei.

Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde, und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.

Da näherte sich Sangarre wieder und sagte:

»Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!«

Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der Officiere.

Bald darauf drängten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen der Gefangenen. Von Peitschenschlägen getrieben oder von Lanzenschäften gestoßen, mußten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fußsoldaten, und hinter diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmöglich.

Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff’s begab sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.

Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle. Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu Nadia und sagte zu ihr mit gedämpfter Stimme:

»Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart diese Prüfung werden möge, – kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich hier um ihn, nicht um mich!«

Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand auf die Schulter der alten Sibirerin.

»Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.

– Komm‘ mit mir!« erwiderte Sangarre.

Fortdrängend führte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan Ogareff.

Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das Aufflammen seiner Augen zu verrathen.

Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz empor, kreuzte die Arme und wartete.

»Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.

– Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.

– Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in Omsk um Etwas fragte?

– Nein.

– Du weißt also nicht, daß Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk gekommen ist?

– Das weiß ich nicht.

– Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen glaubtest, das war Dein Sohn nicht?

– Nein, das war er nicht.

– Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht gekommen?

– Nein.

– Und wenn ich Dir ihn zeigte, würdest Du ihn wieder erkennen?

– Nein.«

Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschütterlichen Entschlusses, nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.

Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.

»So höre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.

– Nein!

– Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Männer werden Dir vorgeführt werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorüber gekommen sind.«

Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, daß er die unbeugsame Sibirerin trotz aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen können. Um den Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es für unmöglich, daß Mutter und Sohn, wenn sie einander gegenüber ständen, sich nicht durch irgend eine Bewegung verrathen sollten. Wäre es ihm nur allein um das kaiserliche Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das Schriftstück aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch, nach Irkutsk zu flüchten, so waren Iwan Ogareff’s Pläne durchkreuzt. Der Verräther mußte sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des Ueberbringers desselben versichern.

Nadia hatte Alles mit angehört; sie wußte nun, wer Michael Strogoff sei und warum er die von den Feinden überfallenen Provinzen Sibiriens unerkannt durchreisen wollte.

Auf Iwan Ogareffs Befehl defilirten die Gefangenen Mann für Mann vor Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsäule, und deren Blicke die vollständigste Gleichgiltigkeit heuchelten.

Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor seiner Mutter vorüber schritt, schloß Nadia die Augen, um es nicht mit anzusehen.

Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand blutete, so fest hatten sich die Nägel eingepreßt.

Iwan Ogareff war vorläufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!

Sangarre, welche neben ihm stand, äußerte nur ein Wort.

»Die Knute herbei! sagte sie.

– Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!«

Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand näherte sich ein tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.

Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in geflochtene Drahtstücken auslaufen. Man nimmt an, daß eine Verurtheilung zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist. Marfa Strogoff wußte das wohl, aber sie wußte auch, daß keine Tortur sie zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer bringen.

Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden geworfen. Man riß ihr das Kleid herunter und entblößte den Rücken. Nur wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Säbel befestigt, so daß sie in dessen Spitze fallen mußte, wenn der Schmerz sie niederbeugte.

Der Tartar stand bereit.

Er wartete eines Zeichens.

»Thu‘ Deine Pflicht!« sagte Iwan Ogareff.

Die Geißel pfiff durch die Luft …

Aber bevor sie niederfiel hatte eine kräftige Faust sie der Hand des Tartaren entrissen.

Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte, als die Peitsche Iwan Ogareffs ihn selbst traf, hier, wo sie seiner Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.

Iwan Ogareff hatte gesiegt.

»Michael Strogoff!« rief er.

Dann trat er näher.

»Ah, sagte er höhnisch, der Mann von Ichim?

– Derselbe!« schrie Michael Strogoff.

Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wüthend mehrmals in’s Gesicht.

»Schlag für Schlag! rief er.

– Brav zurückerstattet!« ließ sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen, die sich glücklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.

Ein Haufe Soldaten stürzte sich auf Michael Strogoff, um ihn umzubringen …

Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr, hielt sie durch eine Handbewegung zurück.

»Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man durchsuche ihn!«

Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael Strogoff’s gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.

Der Zuschauer, von dem der Ausruf: »Brav zurückerstattet!« herrührte, war kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefährte und er wohnten, da sie sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.

»Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind doch handfeste Männer. Sie geben doch zu, daß wir unsrem Reisegefährten nun eine Ehrenerklärung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die Wage! Eine schöne Revanche für die Schmach in Ichim!

– Gewiß, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse hätte er wohl besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.

– Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!

– Glauben Sie, daß er dieser und seiner Schwester durch seinen Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?

– Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiß auch nichts, als daß ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt hätte. O, zum Teufel, manchmal muß man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott hätte Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, daß wir stets und allezeit unerregt blieben.

– Ein hübsches Thema für eine Erzählung! meinte Harry Blount. Nun sollte uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen! …«

Nachdem er sich das Blut, das ihm über das Antlitz rann, abgewischt, hatte Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam durch, so als wollte er seinem Gedächtniß jedes Wort des Inhaltes einprägen.

Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit den übrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann übernahm er den Befehl über die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter betäubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in der der Emir ihn erwartete.