Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Nach dem Schiffbruche.

Beim Sonnenaufgang des folgenden Tages wütete der Sturm noch mit ungeschwächter Kraft. Bis zum fernen Horizonte bildete das Meer einen brodelnden Kessel mit weißem Schaume. Am Ausläufer des Kaps wälzten sich die Wogen fünfzehn bis zwanzig Fuß in die Höhe, und ihre vom Winde abgerissenen Schaumsetzen flatterten gespensterhaft über den Rand der Steilküste hinweg. Die Flut war im Sinken und die am Ausgange der Bucht einander widerstrebenden Mächte des Wassers und des Windes begegneten sich hier mit unerhörter Gewalt. Kein Schiff hätte jetzt hier einsegeln, keines hätte auslaufen können. Dem Aussehen des noch wie früher drohenden Himmels nach schien es, als ob das Unwetter gleich mehrere Tage anhalten würde, was in der Umgebung des Magellanslandes übrigens keine Seltenheit ist.

Es lag also auf der Hand, daß die Goelette ihren Ankerplatz heute auf keinen Fall verlassen konnte, und daß dieser widrige Umstand den Ingrimm Kongres und seiner Bande erregen mußte, ist wohl leicht zu verstehen.

Das war die Lage der Dinge, die Vasquez beim ersten Frührot des nächsten Tages, wo der Sand noch immer umhergewirbelt wurde, auf den ersten Blick übersah.

Vor ihm lag aber folgendes Bild entrollt:

Zweihundert Schritt weit und auf der nördlichen Abdachung des Kaps, also noch außerhalb der Bucht, lag das verunglückte Fahrzeug, ein Dreimaster etwa von fünfhundert Tonnen. Von seinen Masten waren nur noch drei Stümpfe übrig, die kaum noch so hoch wie die Schanzkleidung über das Deck emporragten. Vielleicht hatte der Kapitän sich genötigt gesehen, die Masten zu kappen, um von diesen klar zu kommen, vielleicht waren sie bei der Strandung, als das Schiff auf die Felsblöcke aufschlug, kurz abgebrochen. Auf dem Meere schwammen übrigens keine Trümmer, jedenfalls hatte der heftige Wind diese tief in die Elgorbucht hineingetrieben.

War das der Fall, so mußte Kongre auch wissen, daß wieder ein Schiff an den Klippen des Kaps Sankt-Johann zugrunde gegangen war.

Vasquez hatte dann aber alle Ursache, möglichst vorsichtig zu sein und wagte sich nur hinaus, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sich noch keiner von den Raubgesellen am Eingange der Bucht befand.

Nach wenigen Minuten hatte er den Schauplatz des Unfalls erreicht. Da jetzt Niedrigwasser war, konnte er um das gestrandete Schiff herumgehen, und da las er an dessen Stern die Bezeichnung: ‚Century, Mobile‘.

Es war also ein amerikanisches Segelschiff, beheimatet in der Hauptstadt des Staates Alabama, im Süden der Union und am Golf von Mexiko.

Die ‚Century‘ war mit Mann und Maus verunglückt. Nirgends war ein Überlebender zu sehen, und der Schiffsrumpf bildete nur noch eine fast formlose Masse. Beim Aufstoßen war der Rumpf in zwei Stücke zersprengt worden. Die heranrollenden Wogen hatten die Ladung herausgespült und fortgeschwemmt. Auf den jetzt trotz des Sturmes frei aufragenden Klippen lagen da und dort Reste der Verplankung, Rippen, Rahen und Spieren verstreut. Kisten, Ballen und Fässer aller Art sah man längs des Kaps und auf dem Strande umherliegen.

Der Rumpf der ‚Century‘ wurde jetzt nicht vom Wasser umspült, so daß Vasquez hineintreten konnte.

Hier war die Zerstörung eine vollständige. Die Wellen hatten alles zertrümmert, hatten die Deckplanken aufgerissen, die Kabinen des Deckhauses zerschlagen, die Schanzkleidung abgesprengt und das Steuer zerbrochen… dann mochte der Stoß bei der Strandung das Zerstörungswerk vollendet haben.

Und kein lebendes Wesen zu sehen, keiner der Offiziere, kein Mann von der Besatzung.

Vasquez stieß einen lauten Ruf aus, erhielt aber keine Antwort. Er drang bis tief in den Frachtraum ein, fand aber auch hier nicht einmal eine Leiche. Entweder waren die Unglücklichen also vielleicht schon vorher von Sturzseen ins Meer gerissen worden, oder in dem Augenblicke ertrunken, wo die ‚Century‘ auf den Felsblöcken in Trümmer ging.

Vasquez begab sich wieder nach dem Strande und überzeugte sich von neuem, daß weder Kongre noch einer seiner Gefährten auf dem Wege nach der Stelle des Schiffbruchs war. Dann ging er trotz des tobenden Sturmes bis zum Ende des Kaps Sankt-Johann hinaus.

»Vielleicht, sagte er sich, finde ich doch einen von den Leuten der ‚Century‘, der noch schwache Lebenszeichen verrät und den ich noch retten könnte.«

Seine Nachsuchung blieb vergeblich. Ans Ufer zurückgekehrt, besichtigte Vasquez nun die verschiedenen Triften, die die Wellen dahin getragen hatten.

»Es wäre ja denkbar, meinte er, daß ich darunter eine Kiste mit Konserven fände, die meine Ernährung zwei bis drei Wochen sicherte!«

Bald entdeckte er denn auch ein größeres Faß und eine Kiste, die das Wasser bis über den Klippengürtel hereingetragen hatte. Eine Aufschrift deutete auf ihren Inhalt. Die Kiste war mit Schiffszwieback und das Faß mit schmackhaftem Corned-beef gefüllt… das war Fleisch und Brot… wenigstens für zwei Monate.

Vasquez trug zuerst die Kiste in seine Grotte, die höchstens zweihundert Meter weit entfernt lag, und rollte dann das Faß ebendahin.

Sofort nach dem Ausläufer des Kaps zurückgekehrt, ließ er den Blick über die Bucht hin schweifen. Er war überzeugt, daß Kongre von dem Schiffbruche Kenntnis haben mußte. Am Tage vorher hatte er, ehe es ganz dunkel wurde, das auf das Land zu treibende Schiff von der Höhe des Leuchtturmes aus jedenfalls bemerken können. Da die ›Maule‹ den Landeinschnitt jetzt unmöglich verlassen konnte, eilte gewiß die ganze Bande bald nach dem Eingange der Elgorbucht, um sich die erwünschte Beute zu sichern. Wenn hier nun brauchbares, vielleicht auch besonders wertvolles Strandgut angetrieben war, wie hätten die Räuber sich diese Gelegenheit entgehen lassen können?

Als Vasquez um die Ecke der Steilküste herumkam, war er erstaunt über die Heftigkeit des Windes, der sich in der Bucht sozusagen fing.

Für die Goelette wäre es unmöglich gewesen, dagegen aufzukommen, wenn sie aber dennoch die Höhe des Kaps Sankt-Johann erreicht hätte, das offene Meer hätte sie doch niemals gewinnen können.

Da, als der Wind einen Augenblick schwieg, wurde eine schwache Stimme hörbar, der Hilferuf eines Unglücklichen, der vielleicht sein Ende nahen fühlte.

Vasquez ging der Stimme nach, die von der Seite der von ihm zuerst erwählten Höhle neben der von den Räubern als Lagerschuppen benutzten zu kommen schien.

Er hatte kaum fünfzig Schritte gemacht, als er einen am Fuße eines Felsblockes liegenden Mann erblickte, der wie hilfesuchend die Hand bewegte.

Binnen einer Sekunde stand Vasquez neben ihm.

Der Mann, der hier lag, mochte dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt und schien von recht kräftiger Konstitution zu sein. In Seemannstracht, die Augen geschlossen, lag er da auf der rechten Seite mit keuchendem Atem und von krampfhaften Zuckungen geschüttelt. Er schien übrigens nicht verletzt zu sein, denn seine Kleidung zeigte keine Spur von Blut.

Der Mann, wahrscheinlich der einzige Überlebende von der ‚Century‘, hatte Vasquez, als dieser zu ihm kam, nicht bemerkt. Als der Turmwärter ihm aber die Hand auf die Brust legte, machte er einen vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, denn er sank vor Schwäche auf den Sand zurück. Wenige Sekunden hielt er jedoch die Augen offen und stöhnend kamen die Worte »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« von seinen erblaßten Lippen. Vasquez kniete neben ihm, hob den Armen mit Vorsicht halb auf und lehnte ihn an den Felsen.

»Mut, Mut, guter Freund, redete er ihm zu, ich bin ja da, ich werde euch retten!«

Der Unglückliche vermochte nur die Hand ein wenig auszustrecken, dann verlor er wieder das Bewußtsein. Seine außerordentliche Schwäche erforderte sofort die sorgsamste Pflege.

»Gott gebe, daß es dazu noch nicht zu spät ist!« sagte Vasquez für sich.

Jetzt galt es zunächst, von dem Platze wegzukommen. Jeden Augenblick konnte die Räuberrotte mit dem Boote oder der Schaluppe landen oder auch zu Fuß längs des Ufers kommend hier auftauchen.

Vasquez sah ein, daß er den Mann nach seiner Grotte tragen mußte, und er tat das ohne Zögern.

Nach einem gegen hundert Toisen langen Wege verschwand er zwischen den beiden Steinpfeilern, den regungslosen Mann auf dem Rücken, und legte ihn dann auf eine Decke, den Kopf durch ein Bündel Kleidungsstücke gestützt, sorgsam nieder.

Der Schiffbrüchige war noch nicht wieder zu sich gekommen, doch atmete er wenigstens noch schwach. Wenn er auch keine äußern Verletzungen zeigte, so konnte er doch beim Rollen über die Klippen die Arme oder die Beine gebrochen haben. Das fürchtete Vasquez am meisten, da er außer stande gewesen wäre, dagegen genügende Hilfe zu leisten. Er betastete ihn also vorsichtig und machte mit seinen Gliedern einige schwache Bewegungen, und siehe da: der ganze Körper schien unverletzt zu sein.

Vasquez goß ein wenig Wasser in eine Tasse und setzte ihm einige Tropfen Branntwein zu, die sich noch in seiner Feldflasche vorfanden. Das Getränk brachte er dem Schiffbrüchigen zwischen die Lippen. Dann rieb er ihm die Arme und die Brust ab, nachdem er seine durchnäßten Kleider mit andern, in der Höhle der Räuber gefundenen, vertauscht hatte.

Mehr konnte er für ihn vorläufig nicht tun.

Endlich bemerkte er zu seiner größten Freude, daß der Leidende allmählich zum Bewußtsein kam. Diesem gelang es schließlich, sich aufzurichten, und mit einem Blick auf Vasquez, der ihn noch in den Armen hielt, sagte er mit schwacher Stimme:

»Zu trinken!… Etwas zu trinken!«

Vasquez reichte ihm die Tasse mit Wasser und dem Branntweinzusätze.

»Nun, geht es etwas besser? fragte Vasquez.

– Ja… ach ja!« antwortete der Schiffbrüchige.

»Hier?… Ihr?… Wo bin ich?« fuhr er fort, als hätte er seine noch unklaren Erinnerungen an die letzten Ereignisse gesammelt, und schwach drückte er dazu die Hand seines Retters.

Er sprach englisch, eine Sprache, deren Vasquez auch mächtig war, und so erwiderte der Turmwärter:

»Ihr seid in Sicherheit. Ich habe euch nach dem Unfalle der ‚Century‘ auf dem Strande gefunden.

– Der ‚Century‘?… Ach ja, ich erinnere mich…

– Wie heißt ihr denn, guter Freund?

– Davis… John Davis.

– Wart ihr der Kapitän des Dreimasters?

– Nein, der Obersteuermann. Doch die andern… wie steht’s mit den andern?

– Die sind alle umgekommen, antwortete Vasquez, alle! Ihr seid der einzige, der aus dem Schiffbruche mit dem Leben davongekommen ist.

– Sonst also alle?…

– Alle!«

John Davis erschien bei dieser Mitteilung wie vom Blitze getroffen. Er… der einzige Überlebende!… Und wem verdankte er, einem elenden Tode entrissen zu sein? Es wurde ihm klarer: der Unbekannte, der sich da mit liebevoller Sorge über ihn beugte, der hatte ihm das Leben gerettet.

»Dank… Dank euch! flüsterte er, während eine schwere Träne aus seinen Augen perlte.

– Habt ihr Hunger?… Wollt ihr ein wenig essen?… Etwas Zwieback oder Fleisch? fragte ihn Vasquez.

– Nein, nein… trinken, noch etwas zu trinken!«

Das frische Wasser mit zugemischtem Brandy tat John Davis sehr wohl; er war bald imstande, auf alle Fragen zu antworten.

Hier nur kurz wiedergegeben, berichtete er folgendes:

Der zum Hafen von Mobile gehörige Dreimaster ‚Century‘, ein Segelschiff von fünfhundertfünfzig Tonnen, hatte vor zwanzig Tagen die amerikanische Küste verlassen. Seine Besatzung bestand aus dem Kapitän Harry Steward, dem Obersteuermann John Davis und zwölf Leuten, darunter ein Schiffsjunge und ein Koch. Er war, mit Nickel und allerlei Gut beladen, nach Melbourne in Australien bestimmt. Bis zum fünfundfünfzigsten Grade südlicher Breite verlief die Fahrt über den Atlantischen Ozean ganz nach Wunsch. Da erhob sich plötzlich der gewaltige Sturm, der schon gestern das Meer tief aufwühlte. Gleich zu Anfang verlor die von der ersten Bö überraschte ‚Century‘ ihren Besanmast und das ganze hintere Segelwerk. Bald nachher wälzte sich eine ungeheure Sturzwelle über Backbord herein, fegte über das Deck hinweg, zertrümmerte einen Teil der Kajüte darauf und riß zwei Matrosen mit fort, die man unmöglich retten konnte.

Der Kapitän Steward hatte beabsichtigt, hinter der Stateninsel in der Le Mairestraße Schutz zu suchen. Er glaubte die Lage des Schiffes bezüglich der geographischen Breite genau zu kennen, da erst im Laufe desselben Tages ein Besteck gemacht worden war. Dieser Kurs erschien ihm mit Recht als der bessere, um das Kap Horn zu umschiffen und dann nordwestwärts nach der australischen Küste zu steuern.

In der Nacht verdoppelte sich die Gewalt des Sturmes. Alle Segel waren eingebunden, bis auf das dreimal gereffte Fock- und das obere Marssegel, und der Dreimaster trieb vor dem Winde noch immer pfeilschnell dahin.

Jener Zeit dachte der Kapitän, er sei wenigstens noch zwanzig Seemeilen vom Lande entfernt, er hielt es also nicht für gefährlich, so lange in derselben Richtung steuern zu lassen, bis er das Licht des Leuchtturms sehen könnte. Ließ er diesen dann weit im Süden liegen, so lief er keine Gefahr, auf den Klippenkranz des Kaps Sankt-Johann zu laufen, und er mußte ohne Schwierigkeiten in die enge Meeresstraße gelangen können.

Die ‚Century‘ glitt also mit dem Wind im Rücken weiter, da Harry Steward überzeugt war, den Leuchtturm vor Verlauf einer Stunde nicht erblicken zu können, weil dessen Leuchtweite nur zehn Seemeilen betrug.

Dieses Licht kam ihm aber nicht vor Augen. Als er noch in großer Entfernung von der Insel zu sein glaubte, erfolgte plötzlich ein fürchterlicher Stoß. Drei in der Takelage beschäftigte Matrosen verschwanden mit dem Groß- und dem Fockmaste. Gleichzeitig donnerten die Wogen gegen den Schiffsrumpf, der völlig zerbarst, und der Kapitän, der Obersteuermann und die Überlebenden von der Mannschaft wurden in die schäumende Brandung geschleudert, aus der es so gut wie keine Rettung gab.

So war die ‚Century‘ also mit Mann und Maus zugrunde gegangen… nur der Obersteuermann John Davis kam, dank der Hilfe durch Vasquez, mit dem Leben davon.

Auf welcher Küste die ‚Century‘ aber ihren Untergang gefunden hatte, das war für John Davis ein ungelöstes Rätsel.

Er fragte deshalb Vasquez noch einmal:

»Wo sind wir überhaupt?

– Auf der Stateninsel.

– Der Stateninsel! rief John Davis, verblüfft über diese Antwort.

– Ja, auf der Stateninsel, wiederholte Vasquez, nahe beim Eingange zur Elgorbucht.

– Doch der Leuchtturm?

– Der war nicht angezündet.«

John Davis, in dessen Zügen sich die peinlichste Überraschung malte, erwartete von Vasquez eine Erklärung dieses Umstandes… Doch da sprang dieser plötzlich auf und horchte gespannt hinaus. Er hatte ein verdächtiges Geräusch zu vernehmen geglaubt und wollte sich überzeugen, ob die Räuberrotte hier in der Nachbarschaft umherschweifte.

Er schlüpfte also nochmals durch die Felsenpfeiler hinaus und ließ die Blicke über das Ufergelände bis zum Kap Sankt-Johann schweifen.

Alles war leer und verlassen. Der Orkan hatte noch nichts von seiner Stärke verloren. Die Wogen brausten noch wie vorher mit donnerndem Getöse heran, und die drohenden Wolken jagten eilig über den von Dunstmassen bedeckten Himmel hin.

Das Geräusch, das Vasquez gehört hatte, war die Folge einer geringen Verschiebung der ‚Century‘ auf ihrem steinigen Bette. Unter dem Drucke des Windes hatte sich das Hinterteil des Rumpfes ein wenig gedreht und dieses dann, als er ins Innere hineindringen konnte, ein wenig nach dem Strande zu vorwärts gedrängt. Hier rollte es gleich einer ihres Bodens beraubten Tonne hin und her, und wurde endlich an einer Kante der Steilküste völlig zerschellt. An der von tausend Trümmern bedeckten Strandungsstelle lag jetzt nur noch die zweite Hälfte des Dreimasters.

Vasquez kehrte also zurück und streckte sich neben John Davis auf dem Sandboden aus. Der Obersteuermann der ‚Century‘ gewann allmählich seine Kräfte wieder. Er hätte sich schon erheben und, auf den Arm seines Begleiters gestützt, nach dem Strande hinuntergehen können. Dieser hielt ihn jedoch zurück, und nun fragte John Davis nochmals, warum in der vergangnen Nacht das Leuchtfeuer nicht angezündet gewesen wäre.

Vasquez schilderte ihm darauf alle die abscheulichen Vorkommnisse, deren Schauplatz die Elgorbucht seit sieben Wochen gewesen war. Nach der Abfahrt des Avisos ›Santa-Fé‹ war mit dem Leuchtturm, dessen Bedienung ihm, Vasquez, und seinen zwei Kameraden, Felipe und Moriz, anvertraut worden war, etwa zwei Wochen lang alles in Ordnung gewesen. In diesem Zeitraume kamen verschiedene Schiffe in Sicht der Insel, gaben ihre Signale und erhielten auch die vorschriftsmäßige Antwort.

Am 26. Dezember war aber am Abend gegen acht Uhr eine Goelette an der Einfahrt der Bucht erschienen. Vom Wärterzimmer aus, wo Vasquez eben die Wache hatte, hatte er deren Positionslichter deutlich sehen können und das ganze Manöver des Schiffes beobachtet. Seiner Ansicht nach mußte der Kapitän, der das Fahrzeug führte, den Weg, den er zu verfolgen hatte, schon genau kennen, denn er steuerte ohne Zögern über die Fläche der Bucht hin.

Die Goelette erreichte schließlich einen kleinen Landeinschnitt dicht unter der Einfriedigung des Leuchtturmes und ging da vor Anker.

Daraufhin begaben sich Felipe und Moriz, die aus dem Wohnhause gekommen waren, an Bord, um dem Kapitän ihre Dienste anzubieten, hier wurden sie aber, ohne sich überhaupt wehren zu können, meuchlerisch ermordet.

»Die armen, unglücklichen Leute! rief John Davis.

– Ja, meine unglücklichen Gefährten! wiederholte Vasquez, in dem der Gram bei dieser schmerzlichen Erinnerung aufs neue erwachte.

– Und ihr, Vasquez? fragte John Davis weiter.

– Ich, ich hatte oben auf der Turmgalerie die Rufe meiner Kameraden gehört und durchschaute sofort, was geschehen war. Die Goelette war ein Seeräuberschiff. Wir waren hier drei Wärter; zwei davon hatten sie umgebracht und um den dritten machten sie sich offenbar keine besondere Sorge.

– Wie habt ihr den Mordgesellen aber entkommen können? fragte noch John Davis.

– Ich eilte schleunigst die Treppe des Leuchtturmes hinunter, flüchtete zunächst in unsre Wohnung, wo ich einige Kleidungsstücke und Nahrungsmittel zusammenraffte, und entfloh dann, was die Beine hergeben wollten, ehe die Mannschaft der Goelette ans Land gesetzt war.

– Die Elenden!… Die ruchlosen Schurken! rief John Davis wiederholt. Sie sind also die Herren des Leuchtturmes, den sie nicht mehr in Betrieb halten. Sie sind es, die an dem Schiffbruch der ‚Century‘, an dem Tode meines Kapitäns und aller unsrer Leute die Schuld tragen!

– Ja, sie sind die Herren des Turmes, sagte Vasquez, und da es mir gelang, ein Gespräch des Anführers mit einem seiner Gefährten zu belauschen, habe ich kennen gelernt, was die Verbrecher im Schilde führten.«

John Davis erfuhr nun, wie die schon mehrere Jahre auf der Stateninsel hausenden Räuber Schiffe ins Verderben lockten und die Überlebenden von solchen Schiffbrüchen herzlos hinmordeten. Alles Strandgut nur von einigem Werte war dann in einer Höhle aufgespeichert worden in der Erwartung, daß Kongre sich noch einmal eines brauchbaren Schiffes bemächtigen könnte. Dann, als die Bauarbeiten für den Leuchtturm begannen, mußte die Bande die Elgorbucht verlassen und sich nach dem Kap Saint-Barthelemy am andern Ende der Stateninsel zurückziehen, wo niemand etwas von ihrer Anwesenheit ahnte.

Nach Vollendung der Arbeiten kehrten die Burschen zurück; es mußte mehr als ein Monat verstrichen sein, dann aber kam Kongre in Besitz einer vor dem Kap Saint-Barthelemy gestrandeten Goelette, deren Besatzung umgekommen war.

»Wie kommt es aber, daß das Schiff mit der Beute der Raubgesellen noch nicht abgesegelt ist? erkundigte sich John Davis.

– Das liegt daran, daß es durch unumgängliche Reparaturen bis heute hier zurückgehalten worden ist. Ich habe mich aber persönlich überzeugen können, Davis, daß die Ausbesserungen nun beendigt sind und alle Fracht verladen ist. Gerade für heute war die Abfahrt in Aussicht genommen.

– Und wohin?

– Nach irgendwelchen Inseln des Großen Ozeans, wo die Räuber sich in Sicherheit glauben und von wo aus sie ihre Plünderungszüge fortzusetzen gedenken.

– Die Goelette wird jedoch, so lange dieser Sturm anhält, nicht auslaufen können.

– Natürlich nicht, bestätigte Vasquez, und wie das Wetter aussieht, dürfte sich diese Verzögerung auf eine ganze Woche ausdehnen.

– Und so lange sie hier sind, Vasquez, wird der Turm sein Licht nicht wieder ausstrahlen?

– Nein, Davis.

– Und andre Schiffe werden Gefahr laufen, ebenso zu verunglücken, wie die ‚Century‘ verunglückt ist?

– Leider nur zu wahr!

– Man könnte den Seefahrern also kein Zeichen geben, daß sie auf die Küste zu steuern, wenn sie sich in der Dunkelheit der Insel nähern?

– Doch… vielleicht dadurch, daß ein Feuer auf dem Strande vor dem Kap Sankt-Johann angezündet würde. Das habe ich auch schon versucht, um die ‚Century‘ zu warnen. Ich wollte mit aufgelesenen Trümmerstücken und trocknem Tang einen Brand anfachen. Der Wind blies aber leider so heftig, daß es mir nicht gelang.

– Nun, was ihr nicht habt allein ausführen können, das werden wir beide tun, knurrte John Davis. An Holz wird’s ja nicht fehlen. Die Trümmer meines armen Schiffes… und leider auch die von so vielen andern, werden solches in Überfluß liefern. Denn wenn sich die Abfahrt der Goelette noch einigermaßen verzögert und der Leuchtturm der Stateninsel von den vom hohen Meere kommenden Fahrzeugen nicht gesichtet werden kann, wer weiß, ob sich dann hier nicht gar noch weitere Schiffbrüche ereignen?

– Nun, jedenfalls, versicherte Vasquez, werden Kongre und seine Bande ihren Aufenthalt auf der Insel nicht mehr besonders verlängern können, und die Goelette wird, dessen bin ich sicher, auslaufen, sobald die Witterung ihr das irgend gestattet.

– Ja, warum denn? fragte John Davis.

– Weil sie ganz gut wissen, daß eine Ablösungsmannschaft für die Bedienung des Leuchtturmes in nächster Zeit eintreffen wird.

– Eine Ablösung?

– Ja, in den ersten Tagen des März, und wir haben heute den achtzehnten Februar.

– Zu dem Termine soll ein Schiff hierher kommen?

– Gewiß, der Aviso ›Santa-Fé‹ wird von Buenos-Ayres aus eintreffen… am zehnten März, vielleicht noch etwas früher.«

John Davis hatte bei diesen Worten denselben Gedanken, der auch dem Wärter Vasquez aufgestiegen war.

»Ah, rief er fast freudig, das ändert ja die ganze Sachlage! Möge das schlimme Wetter ja bis dahin aushalten, und gebe der Himmel, daß die Schurken noch auf der Insel sind, wenn die ›Santa-Fé‹ ihren Anker auf den Grund der Elgorbucht sinken läßt!«

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Die Strandräuber.

Ein Dutzend Mann waren sie zur Stelle, Kongre und Carcante mit ihnen, alle angelockt durch die Aussicht auf einen erfolgreichen Raubzug.

Am Abend des vergangenen Tages, als die Sonne eben unter dem Horizonte verschwinden sollte, hatte Carcante von der Galerie des Leuchtturmes aus den von Osten heransegelnden Dreimaster beobachtet. Kongre, dem er das Auftauchen des Schiffes gemeldet hatte, glaubte, dieses wolle auf der Flucht vor dem Sturme die Le Mairestraße zu erreichen und an der Westküste der Insel Schutz suchen. Soweit es das Tageslicht gestattete, folgte er seinen Bewegungen, und als es finster geworden war, konnte er noch die Positionslichter des Fahrzeuges sehen. Er erkannte auch, daß seine Bemastung und Takelage arg beschädigt waren, und hoffte, daß es hier an dem ihm unsichtbaren Lande stranden werde. Hätte Kongre die Lampen des Leuchtturmes anzünden lassen, so wäre jede Gefahr ausgeschlossen gewesen. Das zu tun hütete er sich aber wohlweislich, und als die Bordlaternen der ‚Century‘ erloschen, war er überzeugt, daß diese zwischen dem Kap Sankt-Johann und der Severalspitze mit Mann und Maus zugrunde gegangen sei.

Auch am folgenden Morgen tobte der Sturm noch mit ungebrochner Kraft. Es wäre ganz unmöglich gewesen, sich mit der Goelette hinauszuwagen. Eine Verzögerung war nicht zu vermeiden, eine Verzögerung, die recht gut mehrere Tage dauern konnte, und das machte bei dem nun drohenden Eintreffen der Ablösung die Lage immer ernster. So sehr Kongre und seine Leute auch darüber murrten, es blieb ihnen nichts übrig als zu warten, zu warten um jeden Preis. Übrigens war heute erst der 19. Februar. Bis zum Ende des Monats mußte sich das Unwetter doch wohl ausgetobt haben, und beim ersten Zeichen der Besserung sollte die ‚Carcante‘ die Anker lichten und in See gehen.

Da jetzt aber noch ein Fahrzeug auf die Küstenklippen geworfen worden war, bot sich eine zu gute Gelegenheit, aus dem Schiffbruche Nutzen zu ziehen, von den Trümmern zusammenzuraffen, was irgend wertvoll erschien, und damit den Wert der Ladung zu erhöhen, die die Goelette mitnehmen sollte. Die Vermehrung der Beute konnte doch einigermaßen als Ausgleich für die durch die Verzögerung erhöhte Gefahr angesehen werden.

Die betreffende Frage wurde gar nicht weiter erörtert. Man hätte sagen können, daß dieser Schwarm von Raubvögeln wie mit einem einzigen Flügelpaare aufflatterte. Die Schaluppe wurde unverzüglich zur Abfahrt klar gemacht, und ein Dutzend der Leute mit ihrem Führer nahmen darin Platz. Freilich mußte mit aller Kraft gegen den Wind angerudert werden, der mit außerordentlicher Gewalt wehte und das Wasser von außen in die Bucht hineinwälzte. Anderthalb Stunden genügten jedoch, das äußerste Ufer zu erreichen, und später mußte die Rückfahrt mit Hilfe des Segels desto schneller von statten gehen.

Der Höhle gegenüber stieß die Schaluppe im Norden der Bucht ans Land. Alle stiegen aus und eilten dem Schauplatze des Schiffbruchs zu.

In diesem Augenblick war es, wo verschiedene Rufe das Gespräch zwischen Vasquez und John Davis jäh unterbrochen hatten.

Sofort kroch der Turmwärter mehr als er ging nach dem Eingange der Höhle, natürlich immer mit der Vorsicht, sich nicht sehen zu lassen.

Einen Augenblick später stand auch John Davis neben ihm.

»Wie… ihr? sagte Vasquez. Nein, laßt mich allein hier; ihr bedürft noch der Ruhe.

– O nein, erwiderte John Davis, ich bin jetzt wieder völlig wohl… nein, ich muß diese Bande von Räubern auch einmal sehen.«

Ein energischer Mann war es entschieden, dieser Obersteuermann von der ‚Century‘, von nicht weniger schnellem Entschlusse als Vasquez, ein Sohn Amerikas mit eisernem Temperamente, der, wie man im Volke zu sagen pflegte, »eine mit dem Leibe verbolzte Seele« haben mußte, so daß sich auch nach dem Schiffbruche die eine nicht von dem andern trennen konnte.

Gleichzeitig war er ein vortrefflicher Seemann. Vor seinem Übertritte zur Handelsflotte hatte er als Oberbootsmann in der Flotte der Vereinigten Staaten gedient, und jetzt, wo Harry Steward, der Kapitän der ‚Century‘, sich nach der Rückkehr nach Mobile zur Ruhe zu setzen gedachte, wollten die Reeder des Schiffes ihm dessen Führung anvertrauen.

Dieses Zusammentreffen war für ihn ein weiterer Grund gerechtfertigten Zornes. Von dem Schiffe, das er bald hätte als Kapitän übernehmen sollen, sah er nur noch formlose Trümmer, und diese obendrein in der Gewalt einer Räuberbande. Wenn Vasquez einer Anfeuerung seines Mutes bedurfte… Davis war dazu der geeignete Mann.

Doch so entschlossen, so mutig und tüchtig auch beide waren, was hätten sie gegen Kongre und seine Rotte von Spießgesellen ausrichten können?

Hinter Felsblöcken versteckt, behielten Vasquez und John Davis das Ufer bis zum Ausläufer des Kaps Sankt-Johann scharf im Auge.

Kongre, Carcante und die Übrigen waren zuerst an dem Küstenwinkel stehen geblieben, wohin der Orkan die eine Rumpfhälfte der ‚Century‘ geworfen hatte, die jetzt zu Stücken zerschmettert nahe dem Fuße des Steilufers lag.

Die Raubgesellen befanden sich weniger als zweihundert Schritt weit von der Höhle, so daß man ihre Gesichter recht gut erkennen konnte. Sie waren mit Röcken aus Wachsleinwand bekleidet, die an der Taille fest anschlossen, um dem Winde weniger Angriffsfläche zu bieten, und auf dem Kopfe trugen sie Südwester, die am Kinn mit einer starken Lasche befestigt waren. Es war deutlich zu sehen, daß sie sich gegen die wütenden Windstöße nur mit Mühe aufrecht erhalten konnten, denn wiederholt mußten sie sich hinter einem Trümmerstück oder einem Felsblocke niederbeugen, um nicht umgeworfen zu werden.

Vasquez bezeichnete John Davis die darunter, die er von ihrem ersten Besuche der Höhle her kannte.

»Der Große dort, sagte er, der neben dem Vordersteven der ‚Century‘, den nannten sie Kongre.

– Ist das ihr Anführer?

– Ohne Zweifel.

– Und der Mann, mit dem er spricht?

– Das ist Carcante, wie es scheint, sein Obersteuermann, und, wie ich vom Turme aus sehen konnte, einer von denen, die meine Kameraden ermordet haben.

– Und ihr… ihr würdet ihm gern den Schädel einschlagen, meinte John Davis.

– Ihm und seinem Vorgesetzten… wie einem Paare tollwütiger Hunde!« antwortete Vasquez.

Fast eine Stunde ging darüber hin, ehe die Räuber diesen Teil des Rumpfes vollständig durchsucht hatten, worin sie keinen Winkel unbeachtet ließen. Das Nickelerz, die Hauptladung der ‚Century‘, womit sie nichts anzufangen wußten, sollte auf dem Strande liegen gelassen werden. Das andre auf dem Dreimaster verstreute Stückgut enthielt aber vielleicht Gegenstände, die ihnen willkommen waren. In der Tat sah man sie bald zwei oder drei größere Kisten und verschiedene Ballen herausschaffen, die Kongre auf die Schaluppe bringen ließ.

»Wenn die Schandbuben nach Gold, Silber, nach sonstigen Wertstücken oder nach Piastern suchen, werden sie sich gründlich täuschen, sagte John Davis.

– Ja, und gerade dergleichen würden sie am liebsten finden, antwortete Vasquez. Davon hatten sie nicht wenig in der Höhle versteckt, und die Schiffe, die hier gescheitert sind, müssen eine ziemliche Menge von Kostbarkeiten aller Art mitgeführt haben. Ihr könnt mir glauben, Davis, daß die Goelette in ihrer Fracht recht ansehnliche Schätze birgt.

– Und ich begreife, erwiderte dieser, daß sie es jetzt eilig haben, ihren Raub in Sicherheit zu bringen. Vielleicht gelingt ihnen das aber doch nicht!

– Dann müßte das schlechte Wetter freilich noch vierzehn Tage anhalten, bemerkte dazu Vasquez.

– Wenn es uns nicht auf andre Weise gelingt…«

John Davis sprach seinen Gedanken nicht weiter aus. Und doch, wie sollte es möglich sein, die Goelette am Auslaufen zu hindern, wenn der Sturm seine Kraft erschöpft, das Wetter sich wieder gebessert hätte und wenn das Meer wieder ruhig geworden wäre?

Die Räuber wendeten sich eben von der einen Rumpfhälfte des Fahrzeugs der andern auf der eigentlichen Stelle des Schiffbruchs zu, die vorn an der Spitze des Kaps lag.

Von ihrem Verstecke aus konnten Vasquez und John Davis sie noch, wenn auch in etwas größerer Entfernung, beobachten.

Die Ebbe fiel weiter. Obgleich das Wasser vom Sturme zurückgedrängt wurde, trat doch schon eine große Strecke des Klippengürtels zutage; dadurch wurde es wesentlich erleichtert, zum Rumpfe des Wracks vorzudringen.

Kongre und zwei oder drei andre verschwanden bald in dessen Innerm, und zwar an der Rückseite des Fahrzeugs, wo sich – wie John Davis dem Turmwärter sagte – die Kambüse befand.

Jedenfalls war diese Kambüse von den überschlagenden Wellen ziemlich weit zerstört worden; immerhin konnte sich darin noch eine gewisse Menge Proviant in unbeschädigtem Zustande vorfinden.

Wirklich brachten einige der Männer daraus Kisten mit Konserven und auch Fässer und Tönnchen heraus, die sie dann über den Sand hinwegrollten und in die Schaluppe schafften. Auch Pakete mit Kleidungsstücken wurden aus dem halbzerstörten Deckhause getragen und ebendahin befördert.

Die Nachsuchungen dauerten gegen zwei Stunden, dann schlugen Carcante und zwei von den andern Leuten mit Äxten auf das Hackbord los, das infolge der Neigung des Schiffes nur zwei bis drei Fuß über dem Erdboden lag.

»Was machen denn die Drei da? fragte Vasquez. Ist denn das Fahrzeug nicht schon genug zerstört? Warum, zum Teufel, es damit noch weiter treiben?

– O, mir ahnt, was sie beabsichtigen, antwortete John Davis, jedenfalls soll davon nichts mehr von seinem Namen und seiner Nationalität erkennbar bleiben, damit niemand erfahren könne, daß die ‚Century‘ in dieser Gegend des Atlantischen Ozeans zugrunde gegangen ist.«

John Davis täuschte sich hierin nicht. Nur wenige Minuten später trat Kongre aus dem Deckhause mit der amerikanischen Flagge in der Hand, die er in der Kabine des Kapitäns gefunden hatte und die er in tausend Fetzen zerriß.

»Ah, der Schurke! rief John Davis, die Flagge… die Flagge meines Vaterlandes!«

Vasquez gelang es kaum noch, ihn am Arme zurückzuhalten, als Davis auf den Strand hinausstürzen wollte.

Nach vollendeter Plünderung – die Schaluppe mußte eine schwere Last zu tragen haben – wendeten sich Kongre und Carcante dem Fuße des Steilufers zu. Hin und her gehend, kamen sie zwei- oder dreimal vor den zwei Felsensäulen vorüber, hinter denen die Grotte lag. Vasquez und John Davis konnten dabei verstehen, was sie sprachen.

»Es wird immer noch unmöglich sein, morgen auszulaufen.

– Ja freilich; ich fürchte sogar, daß das Unwetter noch mehrere Tage anhält.

– Nun, wir haben ja durch die Verzögerung nichts verloren…

– Das wohl, doch ich hoffte, in einem Amerikaner von diesem Tonnengehalte noch mehr zu finden. Der letzte, den wir auf die Klippen verlockt haben, brachte uns fünfzigtausend Dollars ein.

– Ja, Schiffbrüche folgen einer auf den andern, sie gleichen einander aber nicht, entgegnete Carcante mit philosophischem Gleichmute. Hier haben wir’s mit armen Teufeln zu tun gehabt… das ist alles!«

John Davis hatte in seiner Wut einen Revolver erhoben und hätte in überschäumendem Zorne dem Anführer der Bande den Schädel zerschmettert, wenn es Vasquez nicht gelungen wäre, ihn im letzten Augenblicke noch einmal zurückzuhalten.

»Ja, ihr habt recht, sagte John Davis etwas beruhigter. Ich kann aber den Gedanken nicht los werden, daß diese elenden Schurken unbestraft bleiben sollten. Und doch… wenn ihre Goelette die Insel einmal verlassen hat, wo könnte man sie wiederfinden, wo die Räuberrotte verfolgen?

– Der Sturm scheint sich noch nicht zu legen, bemerkte Vasquez. Selbst wenn der Wind stiege (d. h. von Süden nach Norden umschlüge), bliebe das Meer noch tagelang stark aufgewühlt. Nein, glaubt mir nur, sie sind vorläufig noch nicht fort von hier.

– Gewiß, Vasquez; doch eurer Rede nach wird der Aviso vor Anfang nächsten Monats nicht hier eintreffen.

– Vielleicht auch etwas eher, Davis, wer kann das wissen?

– Gott geb‘ es, Vasquez, Gott geb‘ es!«

Augenscheinlich nahm die Gewalt des Sturmes jetzt noch nicht im geringsten ab, und unter dieser Breite dauern derartige atmosphärische Störungen selbst in der guten Jahreszeit zuweilen volle vierzehn Tage an. Blies der Wind von Süden, so führte er die Dünste des antarktischen Eismeers herauf, und dann trat auch sehr bald eine winterliche Witterung ein. Schon mußten die Walfänger daran denken, die Polargegenden zu verlassen, denn vom März an bildet sich vor der Packeiswand bereits das neue Eis.

Trotzdem war zu befürchten, daß in der Atmosphäre binnen vier bis fünf Tagen Ruhe eintreten würde, die die Goelette dann jedenfalls zum Auslaufen benutzte.

Es war vier Uhr geworden, als Kongre und seine Leute sich wieder einschifften. Das Segel gehißt, verschwand die Schaluppe, die dem nördlichen Ufer folgte, schon nach sehr kurzer Zeit.

Gegen Abend verschlimmerten sich noch die Windstöße. Ein kalter, schneidender Regen strömte von den aus Südwesten heraufgezogenen Wolken hernieder.

Vasquez und John Davis konnten ihre Höhle nicht verlassen. Die Kälte wurde so empfindlich, daß sie Feuer anzünden mußten, sich zu erwärmen; das taten sie tief im Hintergrunde der engen Grotte. Da das Ufergelände leer und es schon sehr dunkel war, hatten sie dabei nichts zu fürchten.

Eine schreckliche Nacht! Das Meer schlug bis an den Fuß des Steilufers heran. Man hätte glauben mögen, daß sich ein Mascaret (eine riesige Welle, die in manche Flüsse urplötzlich eindringt) oder ein mächtiger Springflutstrom über die Küste der Insel hinwälzte.

Dabei brauste der Sturm heulend bis zum Hintergrunde der Bucht hinein, so daß Kongre die größte Mühe hatte, die ‚Carcante‘ an ihrem Ankerplatz zu halten.

»Wenn sie dabei doch in Stücke ginge, rief John Davis wiederholt, damit ihre Trümmer mit der nächsten Ebbe ins Meer hinausgespült würden!«

Vom Rumpfe der ‚Century‘ waren am nächsten Morgen nur noch Trümmer übrig, die zwischen den Felsen eingekeilt oder auf dem Strande zerstreut umherlagen.

Vasquez und sein Gefährte beeilten sich, beim ersten Morgengrauen zu entdecken, ob der Sturm nun wohl den Gipfel seiner Heftigkeit erreicht hätte.

Nein, das war noch nicht der Fall. Es erschien fast unmöglich, sich einen solchen Aufruhr der Elemente vorzustellen. Das Wasser vom Himmel vereinigte sich tatsächlich mit dem vom Meere. Auch den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht trat hierin keine Änderung ein. Im Laufe dieser achtundvierzig Stunden zeigte sich kein Schiff in der Nähe der Insel, denn selbstverständlich hielten sich alle Seefahrer um jeden Preis fern von diesen gefährlichen Küsten des Magellanslandes, die den Sturm sozusagen aus erster Hand bekamen. Weder in der Magellans- noch in der Le Mairestraße hätten sie vor der Wut eines solchen Orkans genügenden Schutz gefunden. Ihr Heil lag einzig in der Flucht und sie mußten die freie Meeresfläche vor ihrem Steven zu behalten suchen.

Wie John Davis und Vasquez es vorausgesehen hatten, war der Rumpf der ‚Century‘ vollständig zerschlagen, und zahllose Trümmer davon bedeckten den Strand bis zum Grunde des Steilufers.

Glücklicherweise brauchte die Frage nach ihrer Ernährung Vasquez und seinem Gefährten keine Sorge zu machen. Mit den aus der ‚Century‘ herrührenden Konserven hätten sie sich auch einen Monat lang bequem sättigen können. Bis dahin, vielleicht schon in zehn bis zwölf Tagen, mußte die ›Santa-Fé‹ aber in Sicht der Insel aufgetaucht sein. Das schreckliche Unwetter war dann jedenfalls vorüber, und dem Aviso konnte es keine Schwierigkeit bereiten, das Kap Sankt-Johann zu erkennen.

Von dem so sehnsüchtig erwarteten Fahrzeuge sprachen die Beiden sehr häufig.

»Möchte nur der Sturm andauern, um die Goelette am Auslaufen zu verhindern, nur so lange, bis die ›Santa-Fé‹ hier eingetroffen ist, das ist mein einzigster Wunsch! rief Vasquez seinem Genossen zu.

– O, erwiderte John Davis, wenn wir über Wind und Wasser zu gebieten hätten, wäre das eine leichte Sache.

– Leider liegt das aber allein in Gottes Hand.

– Er wird jedoch nicht wollen, daß diese Elenden der Strafe für ihre Schandtaten entgehen!« versicherte John Davis, der sich annähernd derselben Worte bediente, die Vasquez früher gebraucht hatte.

Beide waren erfüllt von demselben Hasse, demselben Durst nach Vergeltung, beide nährten nur den einen Gedanken: Rache!

Am 21. und 22. änderte sich die Lage der Dinge nicht, wenigstens nicht merkbar. Höchstens verriet der Wind Neigung, nach Nordosten umzuschlagen. Nach einer Stunde zeitweiligen Wechselns ging er aber wieder zurück und überschüttete die Insel aufs neue mit seinem Gefolge von Regenströmen und Windstößen.

Natürlich war von Kongre oder einem der Seinigen unter diesen Umständen noch nichts wieder zu sehen gewesen. Diese waren jedenfalls in Anspruch genommen, die Goelette in dem Landeinschnitte, den die vom Sturme noch mehr angeschwellte Flutwoge bis zum Uferrande füllte, vor neuen Havarien zu bewahren.

Am Morgen des 23. besserten sich die Witterungsverhältnisse ein wenig. Nach einigem Schwanken schien der Wind aus Nordnordost stetiger zu werden. Erst seltnere und kleinere, später ausgedehntere helle Stellen legten den südlichen Horizont mehr frei. Der Regen hörte allmählich auf, und wenn auch der heftige Wind fortbestand, so klärte er doch nach und nach den Himmel. Das Meer freilich war noch furchtbar aufgewühlt, und donnernd brachen sich noch immer die Wogenberge am Ufer. Auch der Eingang zur Bucht war kaum befahrbar, und jedenfalls konnte die Goelette weder an diesem noch am nächsten Tage abfahren.

Sollten nun Kongre und Carcante die etwas ruhigere Zeit benutzen, sich nach dem Kap Sankt-Johann zu begeben, um das Meer zu besichtigen? Das war möglich, sogar wahrscheinlich, und deshalb durfte keine Vorsicht vernachlässigt werden.

Gar so früh am Morgen war ihr Erscheinen aber kaum zu erwarten. John Davis und Vasquez wagten sich daraufhin auch aus ihrer Höhle, die sie seit achtundvierzig Stunden nicht verlassen hatten.

»Wird sich der Wind, wie er jetzt ist, halten? fragte Vasquez.

– Das fürchte ich, antwortete John Davis, den sein seemännischer Instinkt kaum jemals täuschte. Wir hätten aber noch zehn Tage schlechtes Wetter behalten müssen… zehn Tage… und nun wird das nicht der Fall sein.«

Mit gekreuzten Armen dastehend, betrachtete er den Himmel und das Meer.

Da sich Vasquez aber einige Schritte weit entfernt hatte, ging er ihm längs der Uferwand nach.

Plötzlich stieß er mit dem Fuße nahe an einem Felsblocke an einen halb im Sande begrabenen Gegenstand, der dabei einen metallischen Klang hören ließ. Er bückte sich und erkannte sofort einen Behälter von seinem Schiffe, der sowohl Pulver für Gewehre, als auch solches für die vier Karonaden enthielt, die die ‚Century‘ zu Signalschüssen gebraucht hatte.

»Wir können leider nichts damit anfangen, sagte er. Ach, wenn es möglich wäre, das im Rumpfe der Goelette zu entzünden, die jene Raubgesellen trägt!

– Daran ist nicht zu denken, antwortete Vasquez mit Kopfschütteln. Doch gleichviel, ich nehme die Eisenkiste auf dem Rückwege mit und bringe sie in Schutz in der Höhle.«

Beide gingen auf dem Strande weiter und wandten sich dann dem Kap zu, bis zu dessen Ende sie aber nicht vordringen konnten, so wütend stürmten, jetzt zur Zeit der Flut, die Wogen daran herauf. Da bemerkte Vasquez in einer Felsenspalte eins der kleinen Feuerrohre, das nach dem Schiffbruche der ‚Century‘ samt seiner Lafette bis hierher gerollt worden war.

»Da… das gehört euch, sagte er zu John Davis, ebenso wie die Kugeln, die die Wellen dorthin gewälzt haben.«

Und wie das erste Mal äußerte John Davis darauf nur:

»Wir können leider nichts damit anfangen!

– Wer weiß das? entgegnete Vasquez. Da wir nun die Möglichkeit haben, diese Karonade zu laden, bietet sich ja vielleicht Gelegenheit, uns ihrer zu bedienen.

– Das möcht‘ ich doch bezweifeln, meinte sein Gefährte.

– Ja, warum denn nicht, Davis? Da das Leuchtturmfeuer nicht angezündet wird, könnten wir, wenn ein Schiff in der Nacht der Küste zu nahe käme und sich in derselben Notlage wie die ‚Century‘ befände, doch durch einen Kanonenschuß ein Warnungssignal geben.«

John Davis sah seinem Gefährten auffallend fest ins Gesicht. Vielleicht war ihm eben ein ganz andrer Gedanke aufgestiegen. Er antwortete aber nur:

»Also dieser Gedanke ist euch gekommen, Vasquez?

– Jawohl, Davis, und ich meine, daß er nicht schlecht ist. Gewiß würde der Krach auch tief drinnen in der Bucht vernommen werden und würde unsre Anwesenheit auf der Insel verraten. Die Raubgesellen suchten uns dann jedenfalls aufzufinden, sie würden uns schließlich wohl auch entdecken, und damit wäre unser Leben verspielt. Doch wie viele Leben hätten wir mit dem Opfer des unsrigen gerettet, und am Ende hätten wir damit doch nur unsre Pflicht getan!

– Es gibt aber vielleicht noch eine andre Art und Weise, unsre Pflicht zu erfüllen«, murmelte John Davis, ohne sich weiter zu erklären. Er erhob jedoch keine weitern Einwendungen, und in Übereinstimmung mit Vasquez wurde das kleine Geschützrohr nach der Höhle geschleppt und dann die Lafette, sowie endlich der Pulverkasten nebst einer Anzahl Kugeln dahin gebracht. Das machte immerhin ziemlich große Mühe und erforderte recht lange Zeit. Als John Davis und Vasquez dann zum letzten Male zurückgekehrt waren, um nun zu frühstücken, erkannten sie an der Höhe der Sonne über dem Horizonte, daß es etwa zehn Uhr sein mochte.

Kaum waren aber beide außer Sicht, als Kongre, Carcante und der Zimmermann Vargas um die Ecke des Steilufers gebogen kamen. Die Schaluppe hätte gegen den Wind und die Flut, die in die Bucht einzuströmen begann, zu schwer anzukämpfen gehabt. So waren die Drei am Ufer hingewandert… diesmal freilich nicht, um zu plündern.

Wie Vasquez es vermutet hatte, hatte sie angesichts des besseren Wetters das Verlangen getrieben, sich über den Zustand des Himmels und des Meeres zu unterrichten. Jedenfalls mußten sie sich dabei überzeugen, daß es für die ‚Carcante‘ mit größter Gefahr verknüpft gewesen wäre, schon aus der Bucht auslaufen zu wollen, und daß diese gegen die mächtigen, aus der offenen See heranrollenden Wasserberge nicht hätte ankämpfen können. Ehe sie nach der Meerenge kam oder nur um nach Westen hin zu wenden, wo sie später Rückenwind bekommen hätten, mußte sie um das Kap Sankt-Johann segeln, doch auf die Gefahr hin, dabei zu kentern oder mindestens die schlimmsten Sturzseen überzunehmen.

Das sahen Kongre und Carcante auch ohne weitres ein. An der Strandungsstelle stehend, wo nur noch einzelne Überreste von dem hintern Teile der ‚Century‘ umherlagen, konnten sie sich kaum gegen den Wind aufrecht halten.

Die Räuber sprachen lebhaft miteinander, gestikulierten heftig, wiesen mit der Hand nach dem Horizonte und sprangen zuweilen ein Stück zurück, wenn eine zu große schaumgekrönte Welle an der Spitze anbrandete.

Weder Vasquez noch sein Gefährte ließ sie die halbe Stunde, in der sie den Eingang zur Bucht beobachteten, aus den Augen. Endlich brachen sie auf, wandten sich aber noch vielmals um, bis sie an der Ecke des Steilufers verschwanden und den Weg auf den Leuchtturm zu einschlugen.

»Da sind ja die Schurken weg, rief Vasquez. Tausend Millionen Donnerwetter, müßten sie doch noch nach mehreren Tagen wiederkehren, sich das Meer draußen vor der Insel anzusehen!«

John Davis schüttelte dazu mit dem Kopfe. Er erkannte zu gut, daß der Sturm binnen weitern achtundvierzig Stunden ausgetobt haben würde. Dann hatte sich der Wogenschlag, wenn auch noch nicht gänzlich, doch mindestens hinreichend gelegt, der Goelette die Umschiffung des Kaps Sankt-Johann zu gestatten.

Diesen Tag verweilten Vasquez und John Davis größtenteils auf dem Strande. Die Besserung der atmosphärischen Verhältnisse machte weitere Fortschritte. Der Wind hielt sich von Nordnordosten, und ein Schiff würde nicht mehr gezögert haben, die Reffe aus dem Focksegel losbinden und ein Marssegel hissen zu lassen, um auf die Le Mairestraße zuzusteuern.

Als der Abend herankam, zogen sich Vasquez und John Davis in ihre Höhle zurück, wo sie ihren Hunger mit Schiffszwieback nebst Corned-beef und ihren Durst mit Wasser stillten, dem etwas Brandy zugesetzt war. Dann wollte sich Vasquez schon in seine Decke hüllen, als ihn sein Gefährte noch einmal unterbrach.

»Ehe wir schlafen gehen, Vasquez, hört noch einen Vorschlag an, den ich euch zu machen habe.

– So sprecht euch aus, Davis.

– Euch, Vasqurz, verdanke ich mein Leben, und ich möchte nichts unternehmen ohne eure ausdrückliche Zustimmung. Nun möchte ich euch jetzt noch einen Gedanken unterbreiten. Prüft ihn und antwortet mir darauf ohne jede Besorgnis, mich dadurch etwa zu kränken.

– Nun, ich bin ganz Ohr, lieber Davis.

– Das Wetter schlägt um, der Sturm ist vorüber und das Meer wird sich bald beruhigen. Ich erwarte deshalb, daß die Goelette höchstens binnen achtundvierzig Stunden zur Abfahrt bereit sein wird.

– Das ist leider nur zu wahrscheinlich«, erwiderte Vasquez, der seine Worte mit einer Handbewegung begleitete, die seine Ansicht »Leider können wir nichts dagegen tun« ausdrücken sollte.

John Davis nahm wieder das Wort.

»Ja, nach zwei Tagen wird sie hinten in der Bucht erscheinen, wird auslaufen, das Kap umschiffen, wird im Westen verschwinden, in die Meerenge hineinsteuern, und niemand wird sie wieder zu sehen bekommen, eure Kameraden aber, Freund Vasquez, und mein Kapitän, meine Kameraden von der ‚Century‘ werden ungerächt sein und bleiben!«…

Vasquez hatte den Kopf gesenkt; als er ihn wieder erhob, sah er John Davis an, dessen Gesicht die letzten flackernden Flammen des Feuers beleuchteten.

Dieser fuhr fort:

»Ein einziger Umstand könnte die Abfahrt der Goelette verhindern oder wenigstens verzögern, bis der Aviso eintrifft: sie müßte durch eine Havarie genötigt werden, tief in die Bucht zurückzukehren. Nun seht, wir haben ja eine Kanone, haben auch Pulver und Geschosse. Da wollen wir doch an der Ecke des Steilufers das Rohr auf seine Lafette legen, wollen es laden, und wenn die Goelette vorübersegelt, jagen wir ihr eine Kugel in die Seite. Wahrscheinlich wird sie deshalb nicht gleich untergehen, auf eine längere Fahrt, die sie jedenfalls vorhat, wird sich ihre Besatzung mit der neuen Havarie aber nicht hinauswagen. Die Schurken werden gezwungen sein, nach der Ankerstelle umzukehren, um den Schaden auszubessern. Sie müssen dazu die Fracht nochmals löschen… das beansprucht vielleicht eine volle Woche, und bis dahin könnte die ›Santa-Fé‹…«

John Davis schwieg; er ergriff die Hand seines Gefährten und drückte sie warm.

Ohne zu zögern, antwortete Vasquez nur:

»So geschehe, was ihr wollt!«

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Beim Auslaufen aus der Bucht.

Wie das oft nach starken Stürmen zu beobachten ist, war der Himmel am Morgen des 25. Februar durch Dunstmassen verschleiert. Mit dem Umschlagen des Windes war dieser jedoch abgeflaut und die Zeichen einer weitern Änderung des Wetters traten immer deutlicher hervor.

Am nämlichen Tage war beschlossen worden, daß die Goelette ihren Ankerplatz verlassen sollte, und Kongre ließ alles klar machen, um am Nachmittage auslaufen zu können, da anzunehmen war, daß die Sonne bis dahin den Nebeldunst zerstreut haben würde. Die Ebbe, die gegen sechs Uhr abends einsetzen mußte, erleichterte dann die Ausfahrt aus der Bucht. Gegen sieben Uhr konnte die Goelette auf der Höhe des Kaps Sankt-Johann angelangt sein, und die lange Dämmerung dieser hohen Breiten würde es ihr ermöglichen, das Kap noch hinter sich zu bringen.

Sie hätte auch schon mit der Ebbe am Morgen abfahren können, wenn es da nicht so neblig gewesen wäre. In der Tat war an Bord dazu alles bereit gewesen, die Ladung verstaut und Nahrungsmittel in Überfluß vorhanden, da ja die von der ‚Century‘ genommenen ebenso mit eingeschifft waren, wie die, die man aus dem Lagerhause des Leuchtturms herangebracht hatte. In den Nebengebäuden des Leuchtturms waren nur die Möbelstücke und die Werkzeuge zurückgelassen worden, da Kongre seinen fast ohnehin überfüllten Frachtraum damit nicht belasten wollte. Obwohl von einem Teile des frühern Ballastes befreit, tauchte die Goelette jetzt doch um mehrere Zoll über ihre normale Schwimmlinie, und es wäre nicht ratsam gewesen, diese noch weiter zu überschreiten.

Als Carcante kurz nach Mittag innerhalb der Einfriedigung ein wenig auf und ab ging, sagte er zu Kongre:

»Der Nebel beginnt zu steigen, und wir werden draußen auf dem Meere einen klaren Fernblick haben. Mit solchen Dünsten legt sich der Wind gewöhnlich und das Meer beruhigt sich dann sehr schnell.

– Ich glaube auch, daß wir jetzt endlich fortkommen, antwortete Kongre, und daß nichts unsre Fahrt bis zur Meerenge hindert.

– Und darüber hinaus auch nicht, setzte Carcante hinzu. Die Nacht wird freilich recht finster werden, Kongre. Wir haben kaum das erste Mondviertel, und die dünne Sichel wird fast gleichzeitig mit der Sonne untergehen.

– Das tut nichts, Carcante, ich brauche weder Mond noch Sterne, den Weg an der Insel hin zu finden. Die ganze Nordküste ist mir gut bekannt, und ich denke, die kleinen Neujahrsinseln und das Kap Calnett in sichrer Entfernung von ihren Klippen zu umschiffen.

– Morgen, Kongre, sind wir mit dem Rückenwinde und vollen Segeln dann schon weit weg.

– Morgen werden wir bereits das Kap Saint-Barthelemy aus dem Gesicht verloren haben, und ich hoffe stark darauf, daß am Abend die ganze Stateninsel wenigstens zwanzig Seemeilen hinter uns liegt.

– Das ist auch nicht zu zeitig, Kongre, wenn man die lange Zeit bedenkt, die wir darauf zugebracht haben.

– Bedauerst du’s etwa, Carcante?

– Nein, jetzt, wo es vorüber ist, gewiß nicht, denn hier haben wir uns ein Vermögen gemacht, wie man zu sagen pflegt, nun möge ein gutes Schiff uns mit unsern Schätzen davon wegtragen! Alle Teufel, ich hatte aber doch geglaubt, daß alles verloren wäre, als die ›Maule‹… nein, die ‚Carcante‘ mit einem Leck in die Bucht einlief. Wenn wir das nicht hätten ausbessern können, wer weiß, wie lange wir dann auf der Insel noch hätten aushalten müssen! Sobald der Aviso eintraf, wären wir da wieder genötigt gewesen, nach dem Kap Saint-Barthelemy zurückzuweichen, und das… wahrlich, das hatte ich schon früher gründlich satt.

– Jawohl, antwortete Kongre, dessen wilde Gesichtszüge sich noch mehr verdüsterten, und unsre Lage wäre auch in andrer Hinsicht eine bedrohtere geworden. Sobald der Kommandant der ›Santa-Fé‹ sah, daß die Turmwärter fehlten, würde er seine Maßregeln getroffen und Nachforschungen veranlaßt haben. Dann wäre die ganze Insel abgesucht und unser Zufluchtsort doch vielleicht entdeckt worden. Außerdem konnte sich ihm ja auch der dritte Wärter, der uns entwischt ist, zugesellen.

– Das war wohl kaum zu befürchten, Kongre; wir haben zwar niemals eine Spur von ihm gefunden, doch wie hätte er, von allen Hilfsmitteln entblößt, die letzten zwei Monate sein Leben fristen können? Es sind ja ziemlich zwei Monate verstrichen, seit die ‚Carcante‘ – o, diesmal hab‘ ich ihren neuen Namen nicht vergessen – in der Elgorbucht vor Anker gegangen war, und wenn dieser wackre Wärter die ganze Zeit über nicht von rohen Fischen und Wurzeln gelebt hat…

– Na, alles in allem, unterbrach ihn Kongre, wir werden vor der Ankunft des Avisos abgefahren sein, das steht fest.

– Nach den Angaben des Leuchtturmjournals kann der vor Verlauf von acht Tagen nicht hier eintreffen, erklärte Carcante.

– Und in acht Tagen. fuhr Kongre fort, sind wir schon weit über das Kap-Horn hinaus und auf dem Wege nach den Salomonsinseln oder den Neuen Hebriden.

– Das hoffe ich auch, Kongre. Ich will nur noch ein letztes Mal nach der Turmgalerie hinausgehen, um Umschau über das Meer zu halten. Wenn gerade ein Schiff in Sicht wäre…

– O, was ficht das uns an? erwiderte Kongre. Der Atlantische und der Stille Ozean gehören jedermann. Die ‚Carcante‘ hat ihre Papiere in Ordnung, in dieser Hinsicht, du kannst dich darauf verlassen, ist das Erforderliche geschehen. Selbst wenn die ›Santa-Fé‹ ihr noch an der Einfahrt zur Bucht begegnete, würden wir vor dieser salutieren, denn eine Höflichkeit ist der andern wert!«

Wie sich hieraus ergibt, zweifelte Kongre nicht im geringsten am Gelingen seiner Pläne; es schien vielmehr, als gestaltete sich alles zu seinen Gunsten.

Während sein Kapitän nun nach dem Landeinschnitt hinunterging, erstieg Carcante die Treppe des Turmes und blieb auf dessen Galerie eine Stunde lang auf Ausguck.

Der Himmel war jetzt völlig dunstfrei, und die etwa zwölf Seemeilen zurückliegende Linie des Horizontes zeigte sich in voller Schärfe. Das allerdings noch erregte Meer hatte doch keine sich überstürzenden Wogen mehr, und wenn auch noch eine starke Dünung herrschte, konnte diese der Goelette doch nicht gefährlich werden. Sobald dann die Meerenge erreicht war, kam sie in stilleres Wasser, worauf sie unter dem Schutze des Landes und mit dem Winde im Rücken wie auf einem Strome hinsegeln konnte.

Draußen auf dem offnen Meere war kein Schiff sichtbar, außer einem Dreimaster, der gegen zwei Uhr auf kurze Zeit auftauchte, sich aber in so großer Entfernung hielt, daß Carcante seine Takelung selbst mit dem Fernrohre nicht erkennen konnte. Er steuerte übrigens in nördlicher Richtung, hielt also seinen Kurs nach dem Stillen Ozean ein und verschwand bald auch gänzlich.

Eine Stunde später bemächtigte sich Carcantes jedoch eine gewisse Unruhe und er fragte sich, ob er über deren Ursache Kongre nicht gleich Mitteilung machen sollte.

Im Nordnordosten zeigte sich, wenn auch in weiter Ferne, ein Rauchstreifen; dort befand sich also ein Dampfer, der nach der Stateninsel oder der Küste des Feuerlandes steuerte.

Ein schlechtes Gewissen ist leicht beunruhigt: hier genügte schon die Rauchfahne, Carcante mit peinlicher Angst zu erfüllen.

»Sollte das der Aviso sein?« murmelte er für sich.

Heute schrieb man ja erst den 25. Februar, und die ›Santa-Fé‹ sollte vor den ersten Tagen des März nicht eintreffen. Wenn sie nun aber früher abgefahren war?… Und wenn es sich hier um die ›Santa-Fé‹ handelte, würde sie binnen zwei Stunden vor dem Kap Sankt-Johann liegen… dann war alles verloren… sollten sie auf die Freiheit verzichten, die sie eben zu erlangen hofften, und wieder nach dem Kap Saint-Barthelemy flüchten, dort ein erbärmliches Leben weiterzuführen?

Zu seinen Füßen sah Carcante die Goelette, die graziös hin und her schaukelte, gerade als ob sie seiner spotten wollte. Alles war ja fertig; sie brauchte nur den Anker einzuholen, um abzusegeln. Und doch hätte sie das nicht gekonnt wegen des widrigen Windes und entgegen der ansteigenden Flut, die ihren höchsten Stand erst nach zweiundeinhalb Stunden erreichte.

Es war also unmöglich, vor dem Dampfer die offne See zu gewinnen, und wenn das der Aviso war…

Carcante entrang sich ein halberstickter Fluch. Er wollte jedoch Kongre, der mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt war, auf keinen Fall eher stören, als bis er seiner Sache ganz sicher wäre, und so blieb er allein auf der Galerie des Leuchtturms, um den fernern Verlauf der Dinge zu beobachten.

Von der Strömung und dem Winde unterstützt, kam das unbekannte Fahrzeug schnell näher. Sein Kapitän ließ offenbar ein scharfes Feuer unterhalten, denn aus dem Schornstein, den Carcante wegen des dichten Segelwerks noch nicht sehen konnte, wirbelten dicke Rauchwolken hervor. Das Schiff lag ziemlich stark über Steuerbord geneigt. Wenn es dieselbe Geschwindigkeit weiter einhielt, mußte es sich in kurzer Zeit vor dem Kap Sankt-Johann befinden.

Carcante legte das Fernrohr gar nicht mehr aus der Hand, und seine Unruhe wuchs im gleichen Verhältnis mit der Annäherung des Dampfers. Diese verringerte sich bald bis auf wenige Seemeilen, so daß der Rumpf des Fahrzeugs allmählich sichtbar wurde.

Doch gerade als die Befürchtungen Carcantes am schlimmsten waren, sollten sie plötzlich zerstreut werden.

Der Dampfer machte eine Schwenkung, ein Beweis, daß er der Meerenge zusteuern wollte, und damit bot sich Carcante ein Überblick über seine gesamte Takelung.

Es war ein Dampfschiff von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen, das mit der ›Santa-Fé‹ gar nicht zu verwechseln war.

Carcante kannte, ebenso wie Kongre und dessen Leute, den Aviso gut genug, hatten ihn doch alle während seines längern Verweilens in der Elgorbucht wiederholt gesehen. Er (Carcante) wußte, daß dieser als Goelette getakelt war, der sich nähernde Dampfer war dagegen ein Dreimaster.

Wie erleichtert fühlte sich jetzt Carcante, und wie beglückwünschte er sich, die ganze Räuberbande aus ihrer Ruhe nicht unnütz aufgescheucht zu haben. Noch eine weitre Stunde blieb er auf der Galerie und sah den Dampfer im Norden von der Insel, doch drei bis vier Meilen von ihr entfernt, vorübergleiten, d. h. zu weit von ihm, als daß das Schiff seinen Namen und seinen Heimathafen hätte signalisieren können, ein Signal, das übrigens aus begreiflichem Grunde unbeantwortet geblieben wäre.

Vierzig Minuten später verschwand der Dampfer, der in der Stunde mindestens zwölf Knoten zu laufen schien, hinter der Calnettspitze.

Carcante stieg nun hinab, nachdem er sich überzeugt hatte, daß bis zum Horizonte kein andres Schiff zu sehen war.

Inzwischen kam die Stunde des Gezeitenwechsels heran, und mit ihm sollte die Abfahrt der Goelette erfolgen. Alle Vorarbeiten dazu waren vollendet und die Segel bereit, gehißt zu werden. Einmal in die richtige Lage gebracht, mußten sie den jetzt nach Ostsüdost umgeschlagenen Wind von der Seite bekommen, und die ‚Carcante‘ konnte damit bequem zum hohen Meere hinaussteuern.

Um sechs Uhr waren Kongre und die meisten der Leute an Bord. Das Boot brachte noch die, die sich an der Turmeinfriedigung aufgehalten hatten, und dann wurde auch dieses auf seine Ausholer hinaufgewunden.

Die Flut begann nun langsam abzulaufen. Schon lag die Stelle trocken, nach der man die Goelette wegen der nötigen Ausbesserungen geschleppt hatte. Auf der andern Seite des Landeinschnittes traten die spitzen obern Teile von Felsblöcken hervor. Der Wind pfiff durch Spalten des Steilufers herein und am Ufer zeigte sich eine leichte Brandung.

Der Augenblick der Abfahrt war gekommen, und Kongre gab Befehl, das Ankerspill zu drehen. Die Kette spannte sich an, knarrte in den Klüsen, und als sie senkrecht lag, wurde der Anker aus dem Grunde gebrochen und auf seine Kranbalken gehoben, wo man ihn für eine bevorstehende längre Fahrt sorgsam festlegte. Danach wurden die Segel eingestellt, und unter ihrem Focksegel, dem Großsegel, dem Mars-, einem Top- und den Klüversegeln begann die Goelette sich mit Backbordhalsen zu wenden und damit dem Meere zuzusteuern.

Da der Wind aus Ostsüdosten kam, mußte die ‚Carcante‘ das Kap Sankt-Johann ohne Schwierigkeiten umschiffen können. Übrigens lag auch keine Gefahr darin, daß sie vorläufig sehr nahe am Steilufer hinsegelte.

Kongre wußte das. Er kannte die Bucht vollständig. Am Steuer stehend, ließ er die Goelette ohne Bedenken noch ein Stück beidrehen, um ihre Fahrschnelligkeit so viel wie möglich zu erhöhen.

Die ‚Carcante‘ kam im allgemeinen doch nur etwas unregelmäßig vorwärts: langsamer, wenn der Wind zeitweise nachließ, schneller, wenn er ihre Segel straffer aufblähte. Sie überholte jedoch immer den Ebbestrom und ließ einen Kielwasserstreifen hinter sich zurück, ein gutes Zeichen für ihre Schwimmlinie und auch ein günstiges Vorzeichen für die weitere Reise.

Halb sieben Uhr befand sich Kongre nur noch eine Seemeile hinter dem Ende der Bucht und vor ihm breitete sich schon das Meer bis zum Horizont hin aus. Die Sonne sank auf der entgegengesetzten Seite, und bald mußten die Sterne im Zenit aufleuchten, der sich unter dem Schleier der Dämmerung verdunkelte.

Da trat Carcante an Kongre heran.

»Endlich sind wir nun bald aus der Bucht heraus, sagte er mit deutlicher Befriedigung.

– In zwanzig Minuten, antwortete Kongre, werde ich die Schoten nachschießen lassen und das Ruder nach Steuerbord legen, um das Kap Sankt-Johann zu umschiffen.

– Werden wir, in der Meerenge angelangt, vielleicht noch kreuzen müssen?

– Das glaube ich nicht, meinte Kongre. Gleich hinter dem Kap Sankt-Johann wechseln wir die Halsen, und dabei wird es bis zum Kap Horn bleiben können. Wir sind schon ein Stück in das neue Jahr hinein, und deshalb erwarte ich, daß der Wind im allgemeinen eine östliche Richtung behalten wird. In der Meerenge selbst tun wir, was die Umstände erfordern, ich fürchte jedoch nicht, daß wir eine so widrige Brise bekommen, uns gar schleppen lassen zu müssen.«

Wenn Kongre es, wie er hoffte, vermeiden konnte, die Halsen nochmals zu wechseln, gewann er entschieden nicht wenig Zeit. War er dazu gezwungen, so sollten die viereckigen Segel eingebunden, und nur die lateinischen, die Brigantine, die Stag- und die Klüversegel, beibehalten werden.

In diesem Augenblicke rief ein am Kranbalken stehender Mann:

»Achtung… nach vorn!

– Was gibt es denn?« fragte Kongre.

Carcante lief zu dem Manne hin und beugte sich über die Reling hinaus.

»Stopp!… Stopp!… Vorsichtig!« rief er Kongre zu.

Die Goelette schwamm jetzt gegenüber der Höhle, die der Bande so lange als Zufluchtsort gedient hatte.

Nahe bei ihr trieb, von der Strömung dem Meere zu getragen, ein Bruchstück des Kiels von der ‚Century‘ hin. Ein Zusammenprall damit hätte üble Folgen haben können, und es war schon hohe Zeit, von dieser Trift klar zu kommen.

Kongre legte das Steuerruder dazu ein wenig nach Backbord um. Die Goelette drehte bei und glitt so längs des Kielstückes hin, das ihren Rumpf nur ganz schwach streifte.

Das kurze Manöver hatte zur Folge, daß die ‚Carcante‘ sich dem nördlichen Ufer noch etwas mehr näherte, doch wurde sie baldigst wieder in die frühere Richtung gebracht. Etwa noch zwanzig Toisen, dann war die Ecke des Steilufers passiert und Kongre konnte das Steuerruder nachlassen und einen Kurs nach Norden einschlagen.

In diesem Augenblicke zerriß die Luft ein scharfes Pfeifen und der Rumpf der Goelette erzitterte unter einem Stoße, dem ein donnernder Knall folgte.

Gleichzeitig stieg vom Ufergelände ein weißlicher Rauch auf, der, vom Winde getrieben, nach dem Innern der Bucht abzog.

»Was war das? rief Kongre bestürzt.

– Man hat auf uns geschossen, antwortete Carcante.

– Hier… nimm du das Ruder!« befahl Kongre.

Damit stürmte er schon nach Backbord, und über die Reling hinunterblickend, bemerkte er, kaum einen halben Fuß über der Schwimmlinie, ein Loch in der Schiffswand.

Die ganze Mannschaft war ebenfalls nach derselben Seite am Vorderteil der Goelette geeilt.

Ein Angriff, der von dieser Seite des Ufers erfolgt war!… Eine Kanonenkugel, die im Augenblicke der Abfahrt in die Flanke der ‚Carcante‘ eingeschlagen war, und die, wenn sie das Schiff nur etwas tiefer unten getroffen hätte, es unausweichlich hätte zum Sinken bringen müssen. So wie jedermann auf der Goelette über einen solchen Angriff erschrocken war, empfand jeder fast noch mehr die ganz unerwartete Überraschung.

Was konnten aber Kongre und seine Gefährten dagegen tun? Die Seisinge des Bootes schießen lassen, sich einschiffen und vielleicht an das Land eilen, dahin wo der Pulverdampf aufgestiegen war, dort sich derer zu bemächtigen suchen, die den Schuß abgefeuert hatten, oder sie wenigstens von dieser Stelle vertreiben? Doch wußten sie denn, ob die Angreifer ihnen gegenüber nicht in der Mehrzahl wären, und erschien es nicht ratsamer, jetzt nicht vom Schiffe wegzugehen und zuerst den Umfang der Beschädigung zu untersuchen?

Das erwies sich um so dringender, als die Karonade kurz darauf noch einmal Feuer gab. Wieder erhob sich eine Rauchwolke an derselben Stelle. Die Goelette erhielt einen zweiten Stoß… wiederum war sie von einem Geschosse dicht hinter dem ersten getroffen worden.

»Das Ruder in den Wind legen!… Die Segel umstellen!… Fertig zum Wenden!« schrie Kongre, während er nach dem Hinterteile auf Carcante zustürmte, der seinen Befehlen schleunigst nachzukommen bemüht war.

Sobald das Steuer umgelegt war, luvte die Goelette an und neigte sich über Steuerbord. Nach kaum fünf Minuten entfernte sie sich schon von dem gefährlichen Ufer und befand sich bald außer Schußweite von dem Geschütz, das auf sie gerichtet war.

Von einem weitern Schuß war übrigens nichts zu hören. Der Strand lag bis zur Spitze des Kaps öde und verlassen da, man durfte also annehmen, daß sich der Angriff nicht erneuern werde.

Jetzt galt es vor allem, den Zustand des Rumpfes zu untersuchen. Von innen her wäre das kaum ausführbar gewesen, weil dann erst die Fracht umgeladen werden mußte. Nur über eines herrschte von vornherein kein Zweifel: daß die beiden Kugeln die Seitenwand durchschlagen und sich im Frachtraume irgendwo verloren hatten.

Das Boot wurde also klar gemacht, während die ‚Carcante‘ gegenbraßte und nur von dem sinkenden Wasser etwas weiter geführt wurde.

Kongre und der Zimmermann stiegen ins Boot hinunter und besichtigten den Rumpf, um zu erkennen, ob die Havarie an Ort und Stelle ausgebessert werden könnte.

Dabei sahen sie, daß zwei etwa vierpfündige Geschosse die Goelette getroffen und die Bordwand durchbohrt und teilweise zerschmettert hatten. Zum Glück waren die lebenswichtigsten Teile des Schiffes verschont geblieben. Die beiden Löcher befanden sich oberhalb des kupfernen Bodenbeschlags und sehr nahe an der Schwimmlinie. Nur wenige Zentimeter weiter unten, und durch die Geschosse wäre ein Leck entstanden, das zu schließen die Besatzung kaum Zeit gefunden hätte. Der Laderaum wäre bald voll Wasser gelaufen und die ‚Carcante‘ am Eingange der Bai rettungslos untergegangen.

Ohne Zweifel hätten Kongre und seine Spießgesellen das Ufer noch im Boote erreichen können, die Goelette aber wäre vollständig verloren gewesen.

Gewiß war die Havarie nicht besonders schwer, sie verhinderte die ‚Carcante‘ aber immerhin, sich aufs offne Meer zu wagen. Lag sie nach Backbord nur ein wenig geneigt, so mußte das Wasser ins Innere eindringen. Es war also unumgänglich, die zwei durch die Geschosse entstandenen Löcher zu schließen, ehe an eine Fortsetzung der Fahrt zu denken war.

»Wer ist aber der Schurke, der uns diesen Streich gespielt hat? fragte Carcante wiederholt.

– Vielleicht der Turmwärter, der uns entwischt ist! anwortete Vargas. Und vielleicht auch noch ein Überlebender von der ‚Century‘, den dieser Wärter gerettet haben mochte. Um Geschosse hinauszuschleudern, muß man aber allemal eine Kanone haben, und die Kanone hier ist doch nicht vom Monde heruntergefallen!

– Natürlich nicht, stimmte ihm Carcante zu. Kein Zweifel, sie rührt vom Dreimaster her. Es ist recht ärgerlich, daß wir sie nicht unter den Trümmern gefunden haben!

– Das kommt hier alles nicht in Betracht, fiel Kongre kurz angebunden ein. Jetzt heißt’s nur, so schnell wie möglich reparieren, was zu reparieren ist!«

Tatsächlich konnte es sich im Augenblicke nicht darum handeln, die nähern Umstände bei dem Angriffe auf die Goelette zu erörtern, sondern nur darum, die Ausbesserungen sofort vorzunehmen. Im Notfalle konnte man ja das Schiff nahe an das andre Ufer der Bucht nach der Diegospitze überführen. Dazu hätte eine Stunde genügt. An dieser Stelle wäre es aber den Winden von der Seeseite zu sehr ausgesetzt gewesen, und bis zur Severalspitze fand sich an der Küste sonst kein geschützter Punkt. Beim ersten schlechten Wetter wäre die Goelette auf den Klippen zertrümmert worden. Kongre entschloß sich deshalb, noch denselben Abend nach dem Hintergrund der Elgorbai zurückzukehren, wo die Arbeit in Ruhe und mit größter Beschleunigung ausgeführt werden konnte.

Augenblicklich herrschte jedoch der Ebbestrom, und die Goelette wäre gegen diesen schwerlich aufgekommen. Es mußte also die nächste Flut abgewartet werden, die noch vor Verlauf von drei Stunden einsetzen sollte.

Bei der noch vorhandnen Dünung rollte die ‚Carcante‘ jedoch recht bedenklich und kam, von der Strömung fortgetragen, in Gefahr, bis zur Severalspitze getrieben zu werden und sich inzwischen mit Wasser zu füllen. Schon hörte man zuweilen das Gurgeln des Wassers, das bei jeder stärkeren Rollbewegung durch die Schußöffnungen an der Seite eindrang. Kongre mußte sich damit begnügen, einige Kabellängen vor der Diegospitze den Anker hinabsenken zu lassen.

Die Lage gestaltete sich alles in allem recht beunruhigend. Schon kam die Nacht, und bald mußte alles in tiefer Finsternis liegen. Es bedurfte der ganzen gründlichen Kenntnis, die Kongre von der hiesigen Gegend hatte, um eine Strandung auf einem der zahlreichen, der Küste vorgelagerten Riffe zu vermeiden.

Gegen zehn Uhr machte sich die Flut endlich bemerkbar. Der Anker wurde wieder an Bord geholt, und noch vor Mitternacht lag die ‚Carcante‘, nachdem sie tausend Gefahren glücklich entgangen war, wieder an ihrem alten Ankerplatze tief im Hintergrunde der Elgorbucht.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Die drei nächsten Tage.

Welche Erbitterung sich Kongres, Carcantes und der Übrigen jetzt bemächtigt hatte, kann man sich ja leicht vorstellen. Gerade in dem Augenblicke, wo sie die Insel für immer verlassen wollten, mußte das an einem unerwarteten Hindernisse scheitern! Und jetzt konnte der Aviso schon binnen vier bis fünf Tagen vor der Einfahrt zur Elgorbucht erscheinen. Wären die Havarien der Goelette weniger schwer gewesen, so hätte Kongre jedenfalls nicht gezaudert, einen andern Ankerplatz aufzusuchen, zum Beispiel den Hafen Sankt-Johann, der an der Rückseite des Kaps ziemlich tief in die Nordküste der Insel einschneidet. Bei dem tatsächlichen Zustande des Fahrzeugs wäre es aber eine unverantwortliche Torheit gewesen, die Fahrt dahin unternehmen zu wollen. Das Schiff wäre untergegangen, ehe es nur die Höhe des Kapausläufers erreichte. Auf dem Teile der Fahrt, der mit vollem Rückenwind hätte zurückgelegt werden müssen, käme das Schiff jedenfalls in starkes Rollen von einer Seite zur andern, und dabei hätte es sich unzweifelhaft mit Wasser gefüllt, mindestens wäre seine Fracht unwiderbringlich verloren gewesen.

Es blieb also nichts weiter übrig, als nach dem Landeinschnitte beim Leuchtturm zurückzukehren, und Kongre tat klug daran, sich dazu zu entschließen.

Die folgende Nacht, wo an Bord kaum jemand schlief, mußte die Mannschaft Wache beziehen, und jede Minute aufmerksam Umschau halten. Wer konnte wissen, ob nicht noch ein neuer Angriff erfolgte?… Ob vielleicht eine zahlreiche, der Bande Kongres überlegene Truppe an einer andern Stelle der Insel gelandet wäre?… Ob die Anwesenheit dieser Räuberrotte nicht schließlich in Buenos-Ayres bekannt geworden wäre und die argentinische Regierung beschlossen hätte, die Übeltäter zu vernichten?

Auf dem Hinterdeck sitzend, besprachen Kongre und Carcante diese Möglichkeiten, wobei eigentlich nur der zweite das Wort führte, da Kongre viel zu sehr in Nachsinnen versunken war, als daß er anders als mit einer kurzen Gegenrede hätte antworten können.

Carcante hatte dabei gleich zu Anfang die Vermutung ausgesprochen, daß nach der Stateninsel Soldaten zur Verfolgung Kongres und seiner Gefährten abgesandt worden wären. Nahm man jedoch an, daß niemand von seiner (Kongres) Landung hier gewußt hätte, so würde eine regelrechte Truppe schwerlich in der Weise, wie es geschehen war, vorgegangen sein. Sie wäre zu einem offnen Angriff übergegangen, oder wenn es an Zeit zu einem solchen fehlte, hätte sie eine Anzahl Boote am Eingange der Bucht zurückgelassen, die der Goelette aufgelauert und sich dieser noch am nämlichen Abend entweder mit offner Gewalt bemächtigt oder sie doch gehindert hätten, ihre Fahrt fortzusetzen. Jedenfalls würde eine Soldatenabteilung sich nicht nach einer Art Scharmützel hinter Erdwällen verkrochen haben, wie die unbekannten Angreifer, deren Vorsicht auf ihre Schwäche schließen ließ. Carcante gab seine erste Vermutung also auf und schloß sich der an, die Vargas ausgesprochen hatte.

»Ja… die, welche die Schüsse abgegeben haben, bezweckten zweifellos nur, die Goelette an der Abfahrt von der Insel zu hindern, und wenn es sich um mehrere handelt, so sind das Leute, die den Schiffbruch der ‚Century‘ überlebt haben. Dann haben sie wahrscheinlich den Turmwärter getroffen und von ihm gehört, daß der Aviso nun bald ankommen müsse. Die benutzte Kanone ist eine Trift, die sie gefunden und aufs Land hinaufgeschafft haben.

– Noch ist der Aviso nicht zur Stelle, sagte Kongre mit vor Wut zitternder Stimme. Ehe er eintrifft, wird die Goelette weit weg sein.«

Wirklich war es, selbst angenommen, daß der Wärter Schiffbrüchige von der ‚Century‘ gefunden hatte, höchst unwahrscheinlich, daß es deren mehr als höchstens zwei bis drei Mann gewesen wären. Wie hätte man glauben können, daß bei einem so gewaltigen Sturm noch mehr hätten ihr Leben retten können? Was vermochte aber eine solche Handvoll Leute gegen eine zahlreiche und wohlbewaffnete Bande auszurichten! Nach Ausbesserung ihrer Schäden würde die Goelette einfach wieder unter Segel gehen, sich dabei aber auf der Fahrt nach dem offnen Meere in der Mitte der Bucht halten. Was vorher einmal möglich gewesen war, würde sich dann nicht wiederholen können.

Alles war also nur eine Frage der Zeit: wie viel Tage würde die Reparatur der neuen Havarie beanspruchen?

Im Laufe der Nacht kam es zu keiner Störung, und am nächsten Tage ging die Mannschaft an die Arbeit.

Zunächst galt es da, die Ladung im Frachtraume, die an der Backbordwand anlag, wegzuschaffen, und es bedurfte nicht weniger als eines halben Tages, die große Menge von Gegenständen auf dem Deck niederzulegen. Eine weitere Entladung machte sich ebensowenig nötig, wie ein Überholen der Goelette auf die Sandbank. Die Kugellöcher befanden sich ein wenig über der Schwimmlinie, und es gelang jedenfalls, sie von einem darunter festgelegten Boote aus ohne besondre Mühe zu verschließen. Freilich kam hierbei viel darauf an, ob von den Geschossen auch die Rippen des Fahrzeugs beschädigt worden waren oder nicht.

Kongre und der Zimmermann begaben sich also in den Frachtraum hinunter und bei einer sorgfältigen Untersuchung fanden sie folgendes:

Die beiden Kugeln hatten nur die Beplankung getroffen und diese fast in gleicher Höhe durchschlagen. Sie fanden sich auch wieder, als man noch einige Frachtstücke entfernte. Die benachbarten Spanten waren davon nur gestreift, in ihrer Haltbarkeit aber nicht beeinträchtigt worden. Die zwei bis drei Fuß voneinander entfernten Löcher hatten so glatte Ränder, als wären sie mit einer Säge herausgeschnitten Sie mußten sich mit Zapfen verschließen lassen, die von mehreren zwischen den Spanten eingeschalteten Holzstücken gehalten werden sollten, während man an der Außenseite noch eine Planke darüber zu legen gedachte.

Alles in allem waren das keine besonders schweren Havarien Sie hatten mit dem guten Zustande des Rumpfes kaum etwas zu tun und sollten jedenfalls in kurzer Zeit ausgebessert sein.

»Wann denn? fragte Kongre.

– Ich werde zuerst die querlaufenden Innenhölzer zurechtmachen, und die würden noch diesen Abend eingesetzt werden können, antwortete Vargas.

– Und die Verschlußzapfen?

– Die fertige ich morgen früh an, so daß wir sie noch am Nachmittag an Ort und Stelle eintreiben können.

– Dann könnten wir am Abend also die Fracht wieder verstauen und übermorgen früh abfahren?

– Jedenfalls,« versicherte der Zimmermann.

Hiernach sollten für die Reparaturen also sechzig Stunden ausreichen, und die Abfahrt der ‚Carcante‘ würde sich nur um zwei Tage verzögern.

Carcante fragte dann Kongre, ob er, am nächsten Morgen oder Nachmittage, nicht gewillt wäre, sich nach dem Kap Sankt-Johann zu begeben…

»Um sich einmal davon zu überzeugen, wie es dort aussieht, sagte er.

– Was sollte das nützen? erwiderte Kongre. Wir wissen ja gar nicht, mit wem wir es dort zu tun bekämen. Wir müßten in größrer Zahl, wenigstens zu zehn bis zwölf Mann, dahin gehen und könnten folglich nur zwei oder drei Mann zur Bewachung der Goelette zurücklassen. Wer weiß aber, was sich während unsrer Abwesenheit ereignen könnte?

– Das ist ja richtig, stimmte ihm Carcante zu, und was würden wir überdies dabei gewinnen? Mögen die Burschen, die auf uns geschossen haben, sich irgendwo anders aufbaumeln lassen! Für uns ist es das Wichtigste, die Insel zu verlassen, und zwar so schnell wie möglich.

– Übermorgen früh schwimmen wir draußen auf dem Meere,« erklärte Kongre mit voller Zuversicht.

Danach war also alle Aussicht vorhanden, daß von dem erst nach mehreren Tagen fälligen Aviso vor der Abfahrt nichts zu sehen sein werde.

Hätten sich Kongre und seine Gefährten übrigens nach dem Kap Sankt-Johann begeben, so würden sie doch keine Spur von Vasquez und John Davis gefunden haben.

Dort war es wie folgt zugegangen:

Der Nachmittag des vorigen Tages hatte beide bis zum Abend beschäftigt, den von John Davis ausgegangenen Vorschlag auszuführen. Der für die Aufstellung der Karonade gewählte Platz lag unmittelbar an der Ecke des Steilufers. Zwischen Felsblöcken, die neben diesem verstreut lagen, konnten Vasquez und John Davis die Lafette bequem aufstellen, eine Arbeit, die leicht auszuführen war. Viele Mühe machte es dagegen, das Geschützrohr ebendahin zu schleppen. Es mußte erst auf dem Ufersande hingezogen, dann aber über eine von Felsenköpfen durchbrochene Strecke befördert werden, wo es nicht mehr weitergezogen werden konnte. Hier blieb nichts andres übrig, als es mit Hebeln immer und immer wieder emporzuheben, was natürlich Zeit und Anstrengung kostete.

So war es fast sechs Uhr geworden, als das Rohr endlich auf seiner Lafette lag und nun nach dem Buchteingange gerichtet werden konnte.

John Davis begann darauf mit der Ladung und steckte eine große Kartusche hinein, die mit einem Bündel trocknen Werges festgestopft wurde, über das endlich die Kugel zu sitzen kam. Dann wurde das Zündloch des Geschützes mit einer Lunte versehen, die nur angezündet zu werden brauchte, zu beliebiger Zeit den Schuß abzugeben.

Da sagte John Davis noch zu Vasquez:

»Ich habe mir reiflich überlegt, was wir zu tun haben. Es kann uns nicht darauf ankommen, die Goelette in den Grund zu bohren. Alle die Schurken darauf würden doch wohl das Ufer erreichen, und wir könnten ihnen vielleicht nicht entgehen. Nein, die Hauptsache bleibt es, die Goelette zur Rückkehr auf den frühern Ankerplatz zu zwingen und sie dort zur Ausbesserung ihrer Beschädigungen einige Tage zurückzuhalten.

– Gewiß, meinte Vasquez, doch ein Kanonenkugelloch kann an einem Vormittag schon wieder verschlossen werden.

– Nein, entgegnete John Davis, in diesem Falle deshalb nicht, weil sie genötigt sein werden, ihre Fracht umzuladen. Das dauert meiner Schätzung nach allein mindestens achtundvierzig Stunden, und heute haben wir den achtundzwanzigsten Februar.

– Wenn der Aviso aber nun erst in einer Woche eintrifft, wendete Vasquez ein, wäre es da nicht besser, auf die Maste und die Takelage als auf den Schiffsrumpf zu schießen?

– Ganz recht, Vasquez; ihres Fock- oder ihres Großmastes beraubt – ich sehe nicht, wie sie dafür Ersatz schaffen könnten – würde die Goelette sehr lange zurückgehalten werden. Leider ist es nur weit schwieriger, einen Mast zu treffen, als einen Schiffsrumpf, und unsre Kugeln dürfen vor allem nicht fehlgehen.

– Ja freilich, antwortete Vasquez, und obendrein werden die Schurken erst mit der Ebbe am Abend abfahren, und dann wird es nicht mehr besonders hell sein. Tut also nur euer Bestes, Davis.«

Nachdem nun alles vorbereitet war, hatten Vasquez und sein Gefährte nur noch zu warten, und so setzten sie sich zur Seite des Geschützes nieder, bereit, Feuer zu geben, sobald die Goelette vorübersegelte.

Der Erfolg dieser Kanonade und der Zustand, in dem die ‚Carcante‘ ihren Ankerplatz wieder aufsuchen mußte, ist dem Leser ja schon bekannt. Vasquez und John Davis verließen die Stelle des Angriffs auch nicht eher, als bis sie das Fahrzeug hatten hinten in der Bucht verschwinden sehen.

Dann gebot ihnen aber die Klugheit, einen Zufluchtsort anderswo auf der Insel zu suchen.

Wie Vasquez sagte, lag ja die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Kongre mit einem Teile seiner Leute nach dem Kap Sankt-Johann käme. Vielleicht wollten sie die Verfolgung der unbekannten Angreifer aufnehmen.

Ihr Entschluß war bald gefaßt: sie wollten die Höhle verlassen und an der Küste ein oder zwei Meilen weiterhin ein neues, so gelegenes Versteck suchen, daß sie von ihm aus jedes von Norden kommende Schiff bemerken könnten. Wenn die ›Santa-Fé‹ auftauchte, wollten sie ihr Signale geben, nachdem sie zum Kap Sankt-Johann zurückgeeilt wären. Dann schickte der Kommandant Lafayate jedenfalls ein Boot ab, nahm sie an Bord und er sollte sofort über die Lage der Dinge unterrichtet werden… eine Lage, die nun endlich geklärt werden würde, ob die Goelette nun zu dieser Zeit sich noch in dem kleinen Landeinschnitt befand, oder ob sie – was ja leider möglich war – schon das offne Meer erreicht hatte.

»Gebe Gott, daß ihr das nicht gelingt!« riefen John Davis und Vasquez wiederholt.

Mitten in der Nacht brachen sie auf und nahmen einigen Mundvorrat, ihre Waffen und das noch vorhandne Pulver mit. Sechs Meilen weit auf dem Wege um den Hafen Sankt-Johann folgten sie dem Ufer des Meeres. Nach mehrfachen Nachsuchungen entdeckten sie endlich an der andern Seite dieses Golfs eine Aushöhlung, die geeignet erschien, ihnen bis zur Ankunft des Avisos Schutz zu gewähren.

Gelang es der Goelette, noch vorher abzufahren, so konnten sie ja noch immer nach der früher bewohnten Höhle zurückkehren.

Den ganzen Tag über beobachteten Vasquez und John Davis das Meer vor ihnen. Die ganze Zeit, wo die Flut anstieg, wußten sie, daß die Goelette nicht absegeln konnte, und fühlten sich darüber also beruhigt. Sobald aber der Ebbestrom einsetzte, befiel sie die Furcht, daß die Reparaturen vielleicht schon in der Nacht vollendet worden sein könnten, dann verzögerte Kongre die Abfahrt gewiß nicht länger, nicht um eine Stunde, wenn er glaubte, absegeln zu können. Mußte er nicht besorgen, die ›Santa-Fé‹ erscheinen zu sehen, deren Ankunft John Davis und Vasquez so sehnlich herbeiwünschten?

Gleichzeitig behielten diese Beiden auch das Ufergelände im Auge, doch weder Kongre noch einer seiner Spießgesellen ließ sich blicken.

Wir wissen ja, daß Kongre sich dafür entschieden hatte, keine Zeit mit Nachsuchungen zu verlieren, die wahrscheinlich doch nutzlos wären. Die Arbeit zu beschleunigen, die Reparaturen in möglichst kurzer Zeit ausführen zu lassen, das war seine Hauptaufgabe, die er auch nicht versäumte. Wie der Zimmermann Vargas gesagt hatte, wurde das neue Holzstück am Nachmittag zwischen die Innenhölzer eingefügt. Am nächsten Tage sollten, wie er versprochen hatte, die Zapfen zugearbeitet und in den Löchern befestigt werden.

Vasquez und John Davis wurden also am 1. März durch nichts aus ihrer Ruhe gestört; doch wie unendlich lang erschien ihnen dieser Tag.

Am Abend zogen sie sich, nachdem sie immer nach der Goelette ausgespäht und sich überzeugt hatten, daß diese noch auf ihrem Ankerplatze liegen müsse, in die Höhle zurück, wo sie bald in einen sanften, erquickenden Schlummer fielen, den sie gar sehr brauchten.

Am nächsten Tage waren sie schon mit dem Morgengrauen auf den Füßen.

Ihre ersten Blicke richteten sich hinaus nach dem Meere.

Kein Schiff war in Sicht. Die ›Santa-Fé‹ erschien nicht, und keine Rauchfahne zeigte sich am Horizonte.

Sollte die Goelette nun mit dem Gezeitenwechsel in See stechen? Schon machte sich die Ebbe bemerkbar. Wenn das Räuberschiff sie benutzte, konnte es binnen einer Stunde das Kap Sankt-Johann umsegelt haben…

An eine Wiederholung des gestrigen Handstreichs konnte John Davis gar nicht denken. Kongre würde schon auf seiner Hut sein und einen vom Ufer so entfernten Kurs steuern, daß die Kugeln ihn nicht erreichen konnten.

Es ist wohl leicht verständlich, welche Ungeduld, welche Unruhe John Davis und Vasquez bis zum Ablauf der Ebbe erfüllte. Endlich, gegen sieben Uhr machte sich die Flut bemerkbar… nun konnte Kongre bis zur nächsten Ebbe am Abend nicht abfahren.

Das Wetter war schön, der wieder umgeschlagene Wind wehte jetzt aus Nordosten. Das Meer hatte sich nach dem letzten Sturme wieder geglättet. Die Sonne strahlte glänzend zwischen leichten, hohen Wolken, an die die Brise nicht hinausreichte.

Noch ein nicht enden wollender Tag für Vasquez und John Davis; ebenso wie der gestrige ohne jeden Zwischenfall. Die Bande hatte die kleine Einbuchtung nicht verlassen. Daß sich einer der Raubgesellen am Vor- oder am Nachmittage von da entfernte, hatte wenig Wahrscheinlichkeit für sich.

»Das beweist, daß die Burschen alle bei ihrer Arbeit sind, sagte Vasquez.

– Jawohl, sie beeilen sich damit, antwortete John Davis. Die Kugellöcher werden bald genug geschlossen sein, und dann hält sie nichts mehr zurück.

– Und vielleicht… noch diesen Abend… trotz des späten Eintritts der Ebbe, bemerkte Vasquez. Freilich, diese Bucht ist ihnen ja gründlich bekannt; sie bedürfen keines Feuers zu ihrer Beleuchtung; sind ja schon letzte Nacht tief hineingefahren. Wollen sie in der nächsten Nacht hinaussteuern… ihre Goelette wird sie schon sicher hinaustragen. Ach, welches Unglück, schloß er halb verzweifelt, daß ihr das Räuberschiff nicht entmastet habt?

– Ja, was denkt ihr denn, Vasquez, gab Davis zur Antwort, wir haben doch alles getan, was in unsrer Macht stand. Gott der Herr möge das Übrige tun.

– Wir werden ihm aber helfen!« murmelte Vasquez, der plötzlich einen kühnen Entschluß gefaßt zu haben schien, mehr zwischen den Zähnen vor sich hin.

Eine Beute seiner Gedanken, ging John Davis, die Augen nach Norden gerichtet, auf dem Strande hin und her. Nichts am Horizonte… nichts!

Plötzlich blieb er stehen. Dann trat er an seinen Gefährten heran und sagte: »Hört, Vasquez, wenn wir nun einmal fortgingen, zu sehen, was die da unten machen?

– Nach dem Hintergrunde der Bucht, Davis?

– Ja… da sähen wir doch, ob die Ausbesserung vollendet und die Goelette segelklar ist.

– Und wozu sollte uns das dienen?

– O, zu wissen, wie die Sache steht, Vasquez. Ich brenne vor Ungeduld… ich kann mich nicht mehr beherrschen… mein Verlangen ist stärker als ich!«

Und wahrlich, der Obersteuermann der ‚Century‘ war nicht mehr Herr seiner selbst.

»Wie weit ist es von hier bis zum Leuchtturm, Vasquez? fuhr er fort.

– Höchstens drei Seemeilen, wenn man über die Hügel in gerader Linie nach dem Hintergrunde der Bucht geht.

– Nun denn… so werde ich gehen, Vasquez. Gegen vier Uhr mache ich mich auf den Weg… vor sechs Uhr kann ich am Ziele sein… dort schleiche ich mich vor, so weit wie möglich. Wohl dürfte es noch heller Tag sein… doch mich soll niemand sehen… aber ich… ich werde sehen, was ich brauche!«

Es wäre vergeblich gewesen, John Davis abzureden. Vasquez versuchte es auch gar nicht erst, und als sein Gefährte zu ihm sagte:

»Ihr bleibt inzwischen hier und behaltet das Meer im Auge. Am Abend bin ich zurück. Ich gehe allein!… antwortete er entschlossen.

– Nein, ich begleite euch, Davis. Auch ich werde gar nicht böse darüber sein, einmal wieder in die Nähe des Leuchtturms zu kommen.«

Die Sache war hiermit entschieden und sollte ausgeführt werden.

In den wenigen Stunden, die bis zur Zeit des Aufbruchs noch verlaufen sollten, verblieb Vasquez, der seinen Gefährten auf dem Strande allein ließ, in der Höhle, die ihnen als Zufluchtsort gedient hatte, und nahm hier recht geheimnisvolle Dinge vor. Der Obersteuermann von der ‚Century‘ überraschte ihn einmal dabei, als er im Begriff war, sein großes Messer an einer Felsenkante sorgsam zu schärfen, und ein andermal, als er ein Hemd in Streifen zerriß, aus denen er nachher eine Art Schlinge herstellte.

Auf die an ihn darüber gerichteten Fragen gab Vasquez nur ausweichende Antworten und versicherte, er werde sich, wenn es Abend würde, über sein Verhalten deutlicher aussprechen. John Davis drang auch nicht weiter in ihn.

Um vier Uhr machten sich beide, mit ihren Revolvern bewaffnet, auf den Weg, nachdem sie noch etwas Schiffszwieback und ein Stück Corned-beef gegessen hatten.

Eine enge Schlucht erleichterte ihnen das Ersteigen der Hügel, deren Kamm sie ohne große Anstrengung erreichten.

Vor ihnen dehnte sich hier eine dürre, nur da und dort mit einzelnen Sauerdornbüschen bestandne Hochebene aus… nicht ein einziger Baum so weit das Auge reichte. In Scharen nach Süden fliehend, flogen einige schreiende und kreischende Seevögel über die Einöde hin.

Was die einzuhaltende Richtung, den hintern Teil der Elgorbucht zu erreichen, anging, so ergab diese sich ganz von selbst.

»Dort!« sagte Vasquez und wies dabei nach dem Leuchtturm, der sich etwa in der Entfernung von zwei Meilen erhob.

»Also vorwärts!« antwortete John Davis.

Beide schritten nun schnell dahin. Eine gewisse Vorsicht zu beobachten, hatten sie ja erst nötig, wenn sie dem Landeinschnitte näher kamen. Erst nach einem halbstündigen Gewaltmarsche hielten sie schwer atmend einmal inne, von Müdigkeit verspürten sie aber nichts. Jetzt hatten die Wandrer noch eine halbe Seemeile zurückzulegen, und nun hieß es, etwas vorsichtig sein für den Fall, daß Kongre oder einer seiner Leute, um nach allen Seiten zu spähen, auf der Turmgalerie gewesen wäre. In dieser nur mäßigen Entfernung konnten sie recht gut bemerkt worden sein.

Bei dem hellen Wetter war die Galerie deutlich sichtbar. Darauf befand sich in diesem Augenblicke zwar niemand, Carcante oder einer der andern hielt sich vielleicht aber im Wachzimmer auf, von wo aus man durch die schmalen, nach den Haupthimmelsgegenden gerichteten Fenster die Insel in weitem Umkreise übersehen konnte.

John Davis und Vasquez schlüpften zwischen den hier in chaotischer Unordnung zerstreuten Felsblöcken hin. Sie sprangen schnell von einem zum andern oder krochen sogar weiter, wenn eine größre offne Stelle zu überschreiten war. Auf dem letzten Teile des Weges kamen sie deshalb auch nur langsam vorwärts.

Fast sechs Uhr war es, als sie den Rand der Hügel erreichten, die den Landeinschnitt einrahmten. Jetzt richteten sie die Blicke nach diesem hinunter.

Es war kaum möglich, daß sie hier gesehen werden konnten, wenn nicht einer von der Bande selbst den Hügel erstieg, wo sie sich befanden. Selbst von der Höhe des Leuchtturms aus konnten sie nicht entdeckt werden, so gut waren sie durch die Felsmassen der Umgebung gedeckt.

Da lag die Goelette, in dem Landeinschnitte schwimmend, vor ihnen, Masten und Rahen in bester Ordnung und die sonstige Takelage in tadellosem Zustande. Die Mannschaft war beschäftigt, den Teil der Ladung, der einstweilen auf dem Deck niedergelegt worden war, wieder im Frachtraume unterzubringen. Am Hinterteile schaukelte das von seinem Seile gehaltene Boot, und da es nicht mehr dicht an der Backbordsverplankung anlag, wies das darauf hin, daß die Arbeiten beendigt, die Kugellöcher wieder dicht verschlossen waren.

»Sie sind seeklar, murmelte John Davis, der mit Mühe einen sich ihm aufdrängenden Zornesausdruck zurückhielt.

– Ja, wer weiß, ob sie nicht noch vor dem Eintritt der Ebbe, vielleicht in zwei bis drei Stunden, abzufahren denken.

– Und nichts dagegen tun zu können… nichts!« murrte John Davis.

Der Zimmermann Vargas hatte richtig Wort gehalten; seine Arbeit war schnell und gut beendet worden. Von der Havarie sah man keine Spur mehr, die beiden Tage hatten hingereicht, jede Andeutung daran zu verwischen. Lag die Fracht wieder an Ort und Stelle und waren die Luken geschlossen, so war die ‚Carcante‘ nach allen Seiten fertig, wieder abzufahren.

Inzwischen verflossen die Stunden, die Sonne sank allmählich und verschwand endlich ganz; es wurde Nacht, ohne daß irgend ein Anzeichen darauf hingedeutet hätte, daß die Goelette vielleicht in der nächsten Zeit absegeln sollte. In ihrem Versteck hörten John Davis und Vasquez allerlei Laute, die von der Bucht bis zu ihnen hinauf schallten. Da vernahmen sie lautes Lachen, Geschrei, lästerliche Flüche und das Knarren der Warenpacken, die über das Deck hin geschleift wurden. Gegen zehn Uhr vernahm man deutlich das Zudecken einer Luke. Dann wurde es still.

Voll ängstlicher Spannung warteten Davis und Vasquez noch länger. Die Arbeiten waren beendigt… offenbar kam der Augenblick der Abfahrt heran. Doch nein, die Goelette wiegte sich noch weiter im Hintergrunde des kleinen Einschnitts, der Anker lag noch fest im Grunde und die Segel blieben eingebunden wie bisher. Noch eine weitre Stunde verging. Der Obersteuermann der ‚Century‘ faßte Vasquez an der Hand.

»Die Strömung wechselt, sagte er. Da… da haben wir wieder Flut!

– Sie werden nicht abfahren!

– Heute nicht. Doch morgen?…

– Weder morgen noch jemals, versicherte Vasquez. Kommt mit!« rief er seinem Gefährten zu, während er schon zwischen den Felsblöcken, die sie verborgen hatten, hinaustrat.

Davis folgte Vasquez voller Spannung, als dieser vorsichtig auf den Leuchtturm zuschritt. In kurzer Zeit standen sie am Fuße der Erderhöhung, von der der Turm aufragte. Hier rückte Vasquez nach einigem Nachsuchen einen größern Steinblock, den er ohne große Anstrengung wie um eine Achse drehte, von seiner Stelle.

»Schlüpft da hinein, flüsterte er Davis zu, indem er mit der Hand nach einem Raume unter dem Felsen hinwies. Hier ist ein Versteck, das ich durch Zufall entdeckt habe, als ich beim Leuchtturm tätig war. Da kam mir gleich der Gedanke, daß das einmal von Nutzen werden könnte. Eine Höhle kann man’s ja nicht nennen, es ist nur ein Loch, worin wir zwei nur mit Mühe Platz finden werden. Hier können aber andre tausendmal an unsrer Tür vorübergehen, ohne zu ahnen, daß das Haus bewohnt ist.«

Davis ließ sich auf diese Aufforderung hin in die Aushöhlung hinuntergleiten und Vasquez folgte ihm augenblicklich nach. Aneinandergedrückt, so daß sie sich kaum rühren konnten, sprachen sie gedämpften Tones miteinander.

»Nun hört meinen Plan, begann Vasquez. Ihr werdet mich hier erwarten

– Euch erwarten? fragte Davis verwundert.

– Ja, denn ich… ich werde mich nach der Goelette begeben.

– Wie? Nach der Goelette? wiederholte Davis erstaunt.

– Ich hab‘ es mir vorgenommen, die Schurken nicht abfahren zu lassen,« erklärte Vasquez mit Bestimmtheit.

Dabei brachte er aus seiner Jacke zwei Pakete und ein Messer hervor.

»Hier ist eine Kartusche, fuhr er fort, die ich aus unserm Pulver und einem Stück eines Hemdes hergestellt habe. Aus einem andern Stück des Hemdes und dem noch übrigen Pulver hab‘ ich eine Lunte gemacht… da ist sie. Das Ganze nehme ich auf den Kopf und schwimme bis zur Goelette hin. Dort klettre ich am Steuer hinauf und bohre mit diesem Messer ein Loch in die Beplankung zwischen Steuerruder und Hintersteven. Da hinein stecke ich meine Kartusche, zünde die Lunte an und schwimme sofort zurück. Da… nun kennt ihr meinen Plan, von dessen Ausführung mich nichts in der Welt abhalten wird.

– Vortrefflich ausgedacht! rief Davis voller Begeisterung. Einer solchen Gefahr gegenüber werde ich euch aber nicht allein gehen lassen. Nein, ich begleite euch!

– Wozu? erwiderte Vasquez. Ein Mann kommt besser durch, wenn er allein ist, und einer genügt auch auszuführen, was ich vorhabe.«

Davis mochte noch so dringlich auf seinem Verlangen bestehen, Vasquez blieb doch bei seiner Weigerung. Der Gedanke ging von ihm aus, und er allein wollte ihn auch zur Ausführung bringen. Des Wettstreits müde, mußte Davis wohl oder übel nachgeben.

In der dunkelsten Stunde der Nacht kroch Vasquez, nachdem er sich seiner Kleider entledigt hatte, aus dem Loche und schlich vorsichtig die Seite der kleinen Erhöhung hinunter. Am Ufer angelangt, sprang er ins Wasser und schwamm mit kräftigem Arme auf die Goelette zu, die in der Entfernung einer Kabellänge sanft hin und her schwankte.

Je näher er herankam, desto düstrer und massiger erschien ihm das Fahrzeug. An Bord regte sich nichts, obwohl man dort gewiß Wache hielt. Der Schwimmer unterschied trotz der Finsternis auch bald die Gestalt des Wachpostens. Auf dem Vorderkastell sitzend und die Beine über dem Wasser hinaushängend, pfiff der Matrose leise ein Seemannslied vor sich hin, dessen Melodie bei der Stille der Nacht doch deutlich vernehmbar war.

Vasquez beschrieb einen Bogen und wurde, während er sich dem Stern des Schiffes näherte, desto unsichtbarer, je mehr er in den tiefdunkeln Schatten des Rumpfes kam. Jetzt lag das Steuerruder über ihm. Er packte dessen schlüpfrige Fläche fest mit beiden Händen und es gelang ihm, indem er sich an den Eisenbeschlag klammerte, sich mit übermenschlicher Kraft daran emporzuziehen. Als es ihm gelungen war, rittlings auf die Hacke (den obersten Teil) des Ruders zu gelangen, schloß er die Knie fest daran, wie der Reiter auf seinem Pferde. Da er hiermit die Hände frei bekam, erfaßte er nun den auf seinem Kopfe befestigten Sack, hielt ihn zwischen den Zähnen und holte daraus den Inhalt hervor. Mit dem Messer begann er sofort seine Arbeit. Allmählich wurde das Loch, das er zwischen Ruderhacke und Hintersteven ausgrub, größer und tiefer. Nach einstündiger Bemühung drang das Messer zur Innenseite der Beplankung hindurch. Als die Öffnung groß genug geworden war, steckte Vasquez die Kartusche hinein, befestigte die Lunte daran und suchte im Sacke nach seinem Feuerzeuge.

In diesem Augenblicke verloren seine ermüdeten Knie auf eine Viertelsekunde ihren Halt. Er fühlte, daß er abglitt, und abgleiten, das war gleichbedeutend mit einem Fehlschlag seines Unternehmens. Wurde sein Feuerzeug einmal durchnäßt, so war es für die Folge unbrauchbar. Bei der unwillkürlichen Bewegung, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, schwankte der Sack auf seinem Kopfe, und das Messer, das er schon wieder in diesen gesteckt hatte, glitt heraus und fiel hinunter, wodurch das Wasser geräuschvoll aufspritzte.

Das Lied des Wachpostens wurde plötzlich unterbrochen. Vasquez hörte, wie er vom Vorderkastell herabstieg, über das Deck hinging und auf dem Hinterdeck erschien. Sein Schattenbild lag deutlich auf der Fläche des Meeres. Über die Schanzkleidung hinausgebeugt, suchte der Matrose offenbar die Ursache des ungewöhnlichen Geräusches zu erkennen, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Lange blieb er in dieser Lage, während Vasquez, die Knie fest geschlossen und die Nägel in das schlüpfrige Holz fast eingedrückt, seine Kräfte allmählich schwinden fühlte.

Durch die herrschende Stille beruhigt, entfernte sich der Matrose endlich und begann, nach dem Vorderteile zurückgekehrt, sein Lied aufs neue.

Vasquez zog das Feuerzeug aus dem Sacke und schlug mit dem Steine kräftig an den Stahl. Da sprühten einige Funken hervor. Die Lunte fing Feuer und glimmte lautlos weiter.

Sofort ließ sich Vasquez am Ruder hinabgleiten, tauchte wieder ins Wasser und schwamm mit unhörbaren Bewegungen dem Lande zu.

In dem Versteck, wo er allein zurückgeblieben war, war Davis die Zeit unendlich lang geworden. Eine halbe Stunde, dreiviertel, eine ganze Stunde verrann. Davis, der sich nicht mehr bezwingen konnte, kroch aus dem Loche hervor und blickte voller Angst nach dem Wasser hinaus. Was konnte Vasquez zugestoßen sein? Wäre sein Unternehmen vielleicht mißglückt? Jedenfalls konnte er nicht entdeckt worden sein, da sich keinerlei Geräusch hören ließ.

Plötzlich donnerte, von dem Echo der Hügel wiederholt, eine dumpfe Explosion durch die Stille der Nacht, eine Explosion, der ein betäubendes Getrappel von Füßen und ein wildes Geschrei folgte. Wenige Augenblicke später tauchte ein von Wasser und Schlamm triefender Mann auf, der in vollem Laufe näher kam, Davis beiseite schob, dann mit ihm in das Loch schlüpfte und endlich mit dem Steinblocke den Eingang dazu verbarg.

Fast gleichzeitig stürmte aber auch ein Trupp von Männern schreiend vorüber. Wie laut auch deren grobe Schuhe auf den steinigen Boden schlugen, sie übertönten doch nicht die Stimmen der Leute.

»Fest!… Vorwärts! rief einer. Den bekommen wir!

– Ich habe ihn gesehen, wie ich dich vor mir sehe, sagte ein andrer. Er ist allein.

– Und hat keine hundert Meter Vorsprung.

– O, dieser Hallunke! Doch, den fassen wir!«

Der Lärm wurde schwächer und schwieg endlich ganz.

»Es ist also gelungen? sagte Davis leise.

– Jawohl, bestätigte Vasquez.

– Und ihr glaubt, mit vollem Erfolge?

– Das hoffe ich,« erwiderte der Turmwärter.

Beim Tagesanbruche verscheuchte ein Klappern von Hammerschlägen hierüber jeden Zweifel. Da man so emsig an Bord der Goelette arbeitete, mußte diese einen größern Schaden erlitten haben und der tollkühne Versuch des Turmwärters gelungen sein. Welchen Umfang diese Beschädigungen hatten, konnte freilich weder der eine noch der andre wissen.

»Möchten sie nur so schwerer Art sein, die Burschen einen Monat lang in der Bucht zurückzuhalten, rief Davis, ohne daran zu denken, daß in diesem Falle sein Gefährte und er in ihrem Verstecke Hungers gestorben wären.

– Still! Still!« raunte ihm Vasquez, seine Hand ergreifend, zu.

Ein neuer, diesmal schweigender Trupp näherte sich dem Versteck. Vielleicht kamen die Männer von ihrer unfruchtbaren Verfolgung zurück. Jedenfalls sprachen alle, die dazu gehörten, kein einziges Wort.

Man vernahm nichts als das Hämmern der Schuhabsätze auf dem Erdboden. Den ganzen Morgen hörten Vasquez und Davis in gleicher Weise das Vorüberkommen einzelner Gruppen, die gewiß zur Aufspürung des unergreifbaren Attentäters ausgesandt waren. Je weiter die Zeit fortschritt, desto mehr schien diese Verfolgung jedoch zu erlahmen. Schon längere Zeit hatte nichts das Schweigen in der Umgebung unterbrochen, als gegen Mittag drei oder vier Männer kaum zwei Schritte weit vor dem Loche stehen blieben, worin Davis und Vasquez versteckt waren.

»Entschieden ist der nicht zu finden! sagte der eine von ihnen, während er sich auf das Felsstück setzte, das die kleine Aushöhlung bedeckte.

– Ja, es ist wohl besser, wir verzichten darauf, äußerte ein andrer. Unsre Kameraden sind schon an Bord zurückgekehrt.

– Und wir werden dasselbe tun, um so mehr, da der Anschlag des Schuftes doch nicht ganz geglückt ist.«

Vasquez und Davis erschracken hierüber und lauschten womöglich mit noch größrer Spannung.

»Ja, ließ sich ein Vierter vernehmen. Ihr habt doch gesehen, daß er das Steuer hat absprengen wollen.

– Die Seele und das Herz jedes Schiffes.

– Da hätte uns der Kerl, wie man sagt, hübsch lahme Beine gemacht!

– Zum Glück ist seine Kartusche mehr nach Back- und nach Steuerbord hin wirksam gewesen. So beschränkt sich der Schaden auf ein Loch in den Planken und auf einen abgerissnen Eisenbeschlag. Was den Pfosten des Ruders betrifft, ist das Holz kaum angekohlt.

– Das wird im Laufe des heutigen Tages noch alles ausgebessert sein, sagte der, der zuerst gesprochen hatte. Wenn’s erst Abend ist und vor Eintritt der Flut… an das Spill, Jungens! Nachher mag der andre vor Hunger elend umkommen, wenn ihm das so paßt.

– Na, Lopez, hast du denn nun endlich ausgeruht? wurde er durch eine rauhe Stimme rücksichtslos unterbrochen. Was nützt unser Schwatzen? Zurück an Bord!

– Zurück!« sagten auch die drei Andern. während sie schon davongingen.

In dem Versteck, worin sie verborgen waren, sahen Vasquez und Davis, entmutigt durch das eben Gehörte, schweigend einander an. Dem Wärter Vasquez quollen zwei dicke Tränen aus den Augen und glitten an den Lidern hinunter, ohne daß der harte Seemann sich irgendwie bemühte, dieses Zeichen seiner ohnmächtigen Verzweiflung zu verbergen. Da wußte er ja nun, zu welch lächerlichem Erfolge sein heldenhaftes Unternehmen geführt hatte. Höchstens zwei Stunden Verzögerung, das war der ganze Nachteil, den die Räuberbande zu spüren hatte. Noch am nämlichen Abend würde die Goelette nach der Reparatur der Havarien aufs weite Meer hinaussegeln und unter dem Horizont verschwinden.

Der vom Ufer her schallende Lärm von Hammerschlägen bewies, daß Kongre eifrig daran arbeiten ließ, die ‚Carcante‘ wieder in seetüchtigen Zustand setzen zu lassen. Gegen ein viertel sechs Uhr hörte der Lärm, zur großen Beunruhigung der beiden Versteckten, plötzlich auf. Sie schlossen daraus, daß die Arbeit mit dem letzten Hammerschlage beendigt worden sei. Wenige Minuten später bestätigte das Knirschen der durch die Klüsen gezognen Kette diese unwillkommene Vermutung. Kongre ließ den Anker einholen, der Augenblick der Abfahrt war gekommen.

Vasquez konnte sich nicht zurückhalten. Er drehte die Steindecke etwas beiseite und wagte vorsichtig einen Blick nach draußen.

Gegen Westen vergoldete die sinkende Sonne noch die Gipfel der Berge, die die Aussicht nach dieser Seite abschlossen. Jetzt, so nahe der Herbst-Tag- und Nachtgleiche, mußte es aber noch eine Stunde dauern, ehe sie wirklich unterging.

Auf der andern Seite lag die Goelette vorläufig noch immer an ihrem Anker tief hinten in dem kleinen Landeinschnitte. Von den neuen Havarien war daran keine Spur zu sehen. An Bord schien alles in bester Ordnung zu sein. Die, wie Vasquez vermutet hatte, schon lotrecht angespannte Kette verlangte nur noch einen letzten Zug, den Anker im gewünschten Augenblicke aus dem Grunde zu brechen. Jede Vorsicht außer acht lassend, hatte sich der Turmwärter mit halbem Leibe über das Loch hinausgehoben. Hinter ihm drängte sich Davis gegen seine Schulter, und beide starrten, nach Atem ringend, hinaus. Die meisten der Raubgesellen befanden sich schon wieder an Bord, nur einige trotteten noch auf dem Lande umher. Unter diesen erkannte Vasquez deutlich Kongre, der mit Carcante innerhalb der Einfriedigung des Leuchtturms auf und ab ging.

Fünf Minuten später trennten sich die Beiden, und Carcante schritt auf die Tür des Nebengebäudes zu.

»Achtung! sagte Vasquez mit gedämpfter Stimme, der wird jedenfalls auf den Turm hinaufsteigen wollen.«

Beide glitten wieder nach dem Grunde ihres Versteckes zurück.

Wirklich bestieg Carcante den Leuchtturm noch zum letzten Male; die Goelette sollte nun in kürzester Frist abfahren. Er wollte nur noch den Horizont überblicken und nachsehen, ob ein Schiff in Sicht der Insel vorüberkäme.

Übrigens schien eine ruhige Nacht bevorzustehen; der Wind hatte sich am Abend fast ganz gelegt, und das versprach bei Sonnenaufgang schönes Wetter.

Als Carcante die Galerie erreicht hatte, konnten Davis und Vasquez ihn sehr deutlich sehen. Er ging um den Turm herum und richtete sein Fernrohr nach allen Seiten des Horizontes hinaus.

Plötzlich entrang sich seinem Munde ein grauenvoller Aufschrei. Kongre und die andern hatten den Kopf nach ihm gewendet. Mit lauter, für alle vernehmbarer Stimme rief Carcante:

»Der Aviso!… Der Aviso!«

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Der Aviso ›Santa-Fé‹.

Wie die Aufregung schildern, deren Schauplatz jetzt der Hintergrund der Bucht wurde! Der Ruf »der Aviso… der Aviso!« hatte wie ein Blitzstrahl eingeschlagen, wie ein Todesurteil über die Rotte von elenden Schurken. Die ›Santa-Fé‹, das war die unbestechliche Gerechtigkeit, die nach der Insel kam, die drohende Bestrafung für so viele Verbrechen, der die Buben nun nicht mehr entgehen konnten.

Aber hatte sich Carcante nicht schließlich doch getäuscht? War das Schiff, das da herandampfte, wirklich der Aviso von der argentinischen Flotte? Sollte es wirklich in die Elgorbucht einfahren oder nicht vielmehr nach der Le Mairestraße oder nach der Severalspitze steuern, um einem Kurse südlich um die Insel zu folgen?

Sobald Kongre den Alarmruf Carcantes gehört hatte, erstieg er eiligst die kleine Erhöhung nach dem Standplatze des Leuchtturmes, stürmte dessen Treppe hinauf und befand sich nach weniger als fünf Minuten auf der Galerie.

»Wo ist das Schiff? fragte er.

– Dort… dort im Nordnordosten.

– Wie weit entfernt?

– Etwa noch zehn Seemeilen von hier.

– Es kann also vor dem Dunkelwerden wohl kaum am Eingange der Bucht sein?

– Nein… schwerlich!«

Kongre hatte ein Fernrohr ergriffen. Ohne ein Wort zu äußern, beobachtete er das Schiff mit gespannter Aufmerksamkeit.

Eins war unzweifelhaft, daß man es hier mit einem Dampfer zu tun hatte, denn man sah deutlich den in dichten Wirbeln hervorquellenden Rauch, ein Zeichen, daß das Kesselfeuer kräftig unterhalten wurde.

Daß dieser Dampfer aber wirklich der Aviso wäre, darüber konnten sich Kongre und Carcante kaum einen Augenblick unklar sein. Hatten sie dieses Schiff doch während der Bauarbeiten oft genug gesehen, wenn es bei der Stateninsel eintraf oder von ihr wegfuhr. Überdies steuerte der Dampfer gerades Wegs auf die Bucht zu. Hätte sein Kapitän beabsichtigt, in die Le Mairestraße einzulaufen, so hätte er einen mehr westlichen Kurs einschlagen müssen, oder einen mehr südlichen für den Fall, daß er die Severalspitze umschiffen wollte.

»Ja, sagte Kongre endlich, das ist bestimmt der Aviso!

– Verdammtes Pech, das uns bis heute hier zurückgehalten hat! wetterte Carcante wütend. Ohne die unsichtbaren Schurken, die unsre Abfahrt zweimal verhindert haben, schwämmen wir jetzt schon weit draußen auf dem Großen Ozean!

– Da nützt nun freilich alles Reden nicht mehr, erwiderte Kongre. Hier heißt es, zu einem Entschlusse kommen.

– Recht schön… doch zu welchem?

– Abzufahren.

– Wann denn?

– Auf der Stelle.

– Doch bevor wir nur einigermaßen weit weg sind, wird der Aviso vor der Bucht liegen.

– Mag sein; doch er wird auch davor liegen bleiben.

– Warum denn?

– Weil er kein Leuchtturmfeuer sehen und sich danach richten kann; er wird es aber nicht wagen, im Finstern dem Landeinschnitte zuzudampfen.«

Die Vermutung, die Kongre hier aussprach, war ja ganz richtig; auch John Davis und Vasquez waren derselben Ansicht. Sie wollten aber von der Stelle, wo sie sich befanden, nicht weggehen, so lange sie von der Galerie aus noch gesehen werden konnten. In ihrem engen Schlupfwinkel sprachen sie jedoch dieselben Gedanken aus, wie der Anführer der Räuberbande. Das Leuchtfeuer des Turmes hätte jetzt, wo die Sonne eben untergegangen war, schon angezündet sein müssen. Ohne daß er diesen Lichtschein sah, würde es der Kommandant Lafayate, obwohl er die Formation der Insel gewiß hinlänglich kannte, kaum gewagt haben, seine Fahrt vorläufig fortzusetzen. Und da er sich das Ausbleiben des Lichtes doch nicht würde erklären können, kreuzte er voraussichtlich die ganze Nacht auf freiem Wasser. Freilich war er schon zehnmal in die Elgorbucht eingefahren, doch immer nur am Tage, und da ihm jetzt der Leuchtturm als leitendes Seezeichen fehlte, wagte er sich jedenfalls nicht in die finstre Bucht hinein. Außerdem mußte ihm doch wohl der Gedanke kommen, daß die Insel der Schauplatz ernster Vorfälle gewesen sein müsse, da die Turmwärter nicht auf ihrem Posten waren.

»Wenn der Kommandant nun aber, sagte Vasquez, das Land vor sich überhaupt noch nicht gesehen hat, und in der Erwartung, das Leuchtfeuer in Sicht zu bekommen, weiter fährt, kann ihm da nicht dasselbe geschehen, was der ‚Century‘ widerfahren ist? Läuft er nicht Gefahr, an den Klippen des Kaps Sankt-Johann zugrunde zu gehen?«

John Davis antwortete nur durch eine ausweichende Handbewegung. Es war nur zu richtig, daß alles so kommen könnte, wie Vasquez es ausgesprochen hatte. Gewiß herrschte jetzt kein Sturm, und die ‚Santa Fé‘ befand sich deshalb nicht ganz in derselben Lage, wie seinerzeit die ‚Century‘. Wenn es das Unglück wollte, war eine Katastrophe aber immerhin nicht ausgeschlossen.

»Wir wollen schnell nach dem Ufer hinuntergehen. Binnen zwei Stunden können wir schon am Kap sein. Vielleicht ist es da noch Zeit genug, ein Feuer zu entzünden, um die Nähe des Landes erkennbar zu machen.

– Nein, entgegnete John Davis, dazu ist es zu spät. Vor Verlauf einer Stunde liegt der Aviso vielleicht schon an der Einfahrt zur Bucht.

– Was sollen wir dann aber beginnen?

– Warten… ruhig warten!« antwortete John Davis.

Es war jetzt weit über sechs Uhr, und die Insel verschwand schon allmählich in der Dämmerung.

Die Vorbereitungen zur Abfahrt waren auf der ‚Carcante‘ inzwischen mit größtem Eifer betrieben worden. Kongre wollte um jeden Preis von hier wegzukommen versuchen. Von quälender Unruhe verzehrt, war er entschlossen, den Ankerplatz unverzüglich zu verlassen. Geschah das erst mit dem Gezeitenwechsel am Morgen, so setzte er sich der Gefahr aus, dem Aviso in den Weg zu kommen. Wenn der Kommandant das Schiff aber aus der Bucht herauskommen sah, würde er es jedenfalls nicht weiterfahren lassen, sondern ihm befehlen, gegenzubrassen, und dann würde er dessen Kapitän ausfragen. Ohne Zweifel suchte er dabei zu erfahren, warum das Leuchtfeuer in der Laterne des Turmes nicht angezündet wäre. Die Anwesenheit der ‚Carcante‘ mußte ihm ja mit Recht verdächtig erscheinen. Hatte er die Goelette dann zum Halten veranlaßt, so würde er zu ihr an Bord gehen, hier Kongre kommen lassen und auch dessen Mannschaft besichtigen. Da mußte ihm aber schon das wilde Aussehen der Leute den begründetsten Verdacht erwecken. Daraufhin zwang er das Schiff voraussichtlich, umzukehren und ihm zu folgen, und dann würde er es gewiß bis zur weitern Klärung der Sachlage in dem kleinen Landeinschnitte zurückgehalten haben.

Fand der Kommandant der ›Santa-Fé‹ nun die drei Turmwärter hier nicht wieder, so konnte er sich deren Verschwinden jedenfalls nicht anders als durch einen unvermuteten Angriff erklären, dem sie zum Opfer gefallen sein mußten. Und führte ihn das dann nicht auf den Gedanken, daß die Angreifer die Leute des Schiffes gewesen sein möchten, das hier allem Anscheine nach zu entfliehen suchte? Endlich kam hierzu noch eine weitre Erschwerung der Sachlage.

So gut wie Kongre und seine Bande die ›Santa-Fé‹ draußen vor der Insel gesehen hatten, mußte man als wahrscheinlich, ja als gewiß annehmen, daß auch die sie bemerkt hätten, die die ‚Carcante‘ zweimal angegriffen hatten, als sie schon im Begriff war abzusegeln. Jene unbekannten Feinde waren sicherlich allen Bewegungen des Avisos gefolgt, sie würden bei dessen Einlaufen in den Landeinschnitt zur Stelle sein, und wenn sich darunter, wie doch anzunehmen war, der dritte Turmwärter befand, so konnten sich Kongre und die Seinigen der Strafe für ihre Verbrechen auf keine Weise mehr entziehen.

Kongre hatte alle diese Möglichkeiten und deren unausweichliche Folgen ins Auge gefaßt. Das hatte ihn auch zu dem einzigen, vielleicht noch Rettung versprechenden Entschlusse gebracht, ohne Säumen abzufahren, und da der von Norden kommende Wind günstig war, die Nacht zu benutzen, um mit vollen Segeln womöglich noch das offne Meer zu erreichen. Dann konnte die Goelette, wenn sie den Ozean vor sich hatte, noch vor dem Tagesgrauen mehr in Sicherheit sein. Bei der Unmöglichkeit, den Leuchtturm zu sichten, befand sich der Aviso, der sich in der Dunkelheit dem Lande voraussichtlich nicht zu sehr nähern wollte, von der Stateninsel auch ziemlich weit entfernt. Wenn nötig, wollte dann Kongre zu noch größrer Sicherheit statt nach der Le Mairestraße zu steuern, einen Kurs nach Süden einschlagen, die Severalspitze umschiffen lassen und sich dann hinter der Südküste verborgen zu halten suchen. Er drängte also zum schleunigsten Aufbruch.

John Davis und Vasquez, die die Absicht der Räuber errieten, beratschlagten, wie sie diese zum Scheitern bringen könnten, erkannten aber bald voller Verzweiflung, daß sie das gar nicht vermöchten.

Gegen halb acht Uhr ließ Carcante die wenigen noch auf dem Lande weilenden Leute heranrufen. Sobald die Mannschaft vollzählig an Bord war, wurde das Boot aufgehißt, und Kongre gab den Befehl, den Anker emporzuwinden.

John Davis und Vasquez hörten den regelmäßigen Aufschlag des Sperrkegels, während sich die Kette durch die Drehung des Spills einrollte.

Nach fünf Minuten lag der Anker auf seinem Kranbalken. Sofort setzte sich die Goelette langsam in Bewegung. Sie trug jetzt alle Leinwand, die obern und die untern Segel, um die allmählich abflauende Brise so gut wie möglich auszunutzen. Sanft wiegend glitt sie aus dem Landeinschnitte heraus und hielt sich, um mehr Wind abzufangen, möglichst in der Mitte der Bucht. Bald boten sich ihrer Fahrt jedoch gewisse Schwierigkeiten. Da es schon bald Niedrigwasser war, wurde die Goelette von keiner Strömung mehr unterstützt, und bei dem dreiviertel Backstagswind kam sie kaum noch vorwärts. Ja sie gewann an Weg jedenfalls gar nichts mehr, oder glitt vielleicht gar wieder etwas rückwärts, wenn – nach zwei Stunden – die Flut einsetzte. Selbst unter sonst noch so günstigen Umständen, konnte sie vor Mitternacht nicht dem Kap Sankt-Johann gegenüber angelangt sein.

Das machte indes nicht viel aus. So lange die ›Santa-Fé‹ nicht in die Bucht hereindampfte, brauchte Kongre kein Zusammentreffen mit ihr zu befürchten. Ehe dann die nächste Ebbe bei Tagesanbruch eintrat, durfte er hoffen, schon ziemlich weit draußen zu sein.

Die Mannschaft tat ihr Möglichstes, die Fahrt der ‚Carcante‘ zu beschleunigen, sie war aber wehrlos gegen die recht ernste Gefahr, aus dem Kurse verschlagen zu werden. Nach und nach trieb der Wind das Fahrzeug näher an das südliche Ufer. Kongre kannte das zwar nur unzulänglich, wußte aber, daß es mit dem langen Streifen von Felsblöcken, der sich davor hinzog, sehr gefährlicher Natur war. Eine Stunde nach der Abfahrt glaubte er auch, ihm so bedenklich nahe zu sein, daß er vor dem Winde wenden ließ, um sich davon fern zu halten.

Die Kursänderung war bei dem in der Nacht noch weiter abnehmenden Winde nicht ohne Mühe auszuführen.

Das Manöver gestattete jedoch keinen Aufschub. Das Steuer wurde umgelegt, die Schoten im Hinterdeck spannte man weiter an und ließ gleichzeitig die am Vorderdeck nachschießen. Wegen Mangel an Fahrt luvte die Goelette aber trotzdem nicht an, sondern trieb langsam weiter auf das Ufer zu.

Kongre erkannte die vorliegende Gefahr, der gegenüber ihm nur noch ein einziges Mittel übrig blieb, das er denn auch zur Anwendung brachte. Das Boot wurde hinuntergelassen, sechs Mann, die eine Trosse mitnahmen, stiegen hinein, und mit Hilfe von Rudern gelang es ihnen, die Goelette zu drehen, die nun Steuerbordhalsen führte. Eine Viertelstunde später konnte sie ihren ersten Kurs wieder aufnehmen, ohne die Gefahr, auf die Klippen am Südufer geworfen zu werden.

Unglücklicherweise machte sich jetzt fast gar kein Wind mehr bemerkbar; die Segel klatschten unregelmäßig an die Masten. Es wäre ein vergeblicher Versuch gewesen, die ‚Carcante‘ vom Boote bis zur Mündung der Bucht schleppen zu lassen. Da war nun nichts andres zu tun, als während der Flut, deren Strömung schon fühlbar wurde, vor Anker liegen zu bleiben. An ein Aufkommen gegen diese war gar nicht zu denken. Sollte Kongre nun wirklich gezwungen sein, hier an der Stelle, nur zwei Seemeilen vom Landeinschnitte, still zu liegen?

Gleich nach der Abfahrt hatten John Davis und Vasquez sich erhoben; sie gingen zum Ufer hinunter und beobachteten von hier aus die Bewegungen der Goelette. Da der Wind jetzt gänzlich eingeschlafen war, sagten sie sich, daß Kongre genötigt wäre, an der Stelle, wo er lag, so lange auszuhalten, bis wieder Ebbe eintrat. Dabei blieb ihm aber noch immer Zeit, den Eingang zur Bucht zu erreichen, ehe es Tag wurde, und er hatte dann die beste Aussicht, unbemerkt zu entkommen.

»Nein… wir halten ihn zurück! rief Vasquez plötzlich.

– Doch wie? fragte John Davis.

– Kommt… kommt nur mit mir!«

Vasquez zog seinen Gefährten schnell in der Richtung auf den Leuchtturm mit sich fort.

Seiner Ansicht nach mußte die ›Santa-Fé‹ vor der Insel kreuzen. Sie konnte dieser sogar ziemlich nahe sein, was bei dem ruhigen Meere ja keine besondere Gefahr bot. Ohne Zweifel hielt sich der Kommandant Lafayate, der über das Erloschensein des Leuchtturms gewiß erstaunt war, stets unter Dampf, um mit Tagesanbruch zum Einlaufen bereit zu sein.

Dieser Gedanke kam Kongre zwar auch, er sagte sich aber, daß er doch die besten Aussichten hätte, den Aviso noch rechtzeitig aufzuspüren. Sobald die Ebbe das Wasser der Bucht wieder dem Meere zuführte, sollte die ‚Carcante‘ ihre Fahrt wieder aufnehmen, und dann genügte jedenfalls eine Stunde, aufs offne Meer zu kommen.

Hatte er die Bucht hinter sich, so wollte Kongre auf keinen Fall weit hinausfahren. Ihm würden die kurzen Windstöße genügen, die sich von Zeit zu Zeit, selbst in den stillsten Nächten, zu erheben pflegen, in Verbindung mit der nach Süden abziehenden Strömung, in der sehr dunkeln Nacht ungesehen – und unbestraft – längs der Küste hinzusegeln. Sobald die Goelette die höchstens sieben bis acht Seemeilen entfernte Severalspitze umschifft hätte, würde sie hinter dem Steilufer geschützt sein und nichts mehr zu fürchten haben. Die einzige Gefahr lag nur darin, von den Wachtposten der ›Santa-Fé‹ vorher bemerkt zu werden, wenn das Kriegsschiff sich nahe bei der Insel und nicht auf der Höhe des Kaps Sankt-Johann befand. Ganz sicher würde der Kommandant Lafayate, wenn die Ausfahrt der ‚Carcante‘ aus der Bucht gemeldet wurde, diese sich nicht weiter entfernen lassen, und wäre es auch nur, um ihren Kapitän wegen des Leuchtturms zu befragen. Mit Hilfe des Dampfes hätte er das etwa fliehende Fahrzeug leicht eher eingeholt, als das hinter den Höhen des Südens verschwinden konnte.

Es war jetzt neun Uhr vorüber. Kongre mußte sich darauf beschränken, dem Flutstrom gegenüber so lange vor Anker zu liegen, bis die Ebbe wieder fühlbar wurde. Das dauerte aber gegen sechs Stunden; erst um drei Uhr des Morgens konnte wieder eine ihm günstige Strömung eintreten. Die Goelette schweite (d. h. drehte auf) vor der Flut, so daß ihr Vordersteven nach dem offnen Meere zu lag. Das Boot war wieder aufgehißt worden. Kongre wollte, wenn die Zeit dazu herankam, keinen Augenblick verlieren, weiter zu fahren.

Plötzlich stießen seine Leute einen so lauten Aufschrei aus, daß er an beiden Ufern hörbar sein mußte.

Ein langer Lichtstreifen brach glänzend durch die Finsternis, das Feuer des Leuchtturms brannte so hell wie je zuvor und beleuchtete auch noch das Wasser vor der Insel.

»O, die Schurken!… Sie sind da oben! rief Carcante.

– Schnell ans Land!« kommandierte Kongre.

Der so nahe liegenden Gefahr, die ihn jetzt bedrohte, konnte er in der Tat nur auf eine Weise entgegentreten: ans Land gehen, hieß sie, nur eine kleine Anzahl der Männer an Bord zurücklassen, nach der Einfriedigung stürmen, in den Anbau eindringen, die Treppe des Turmes ersteigen, den Eingang in die Wachtstube erzwingen, sich auf den Wärter und auf seine Gefährten, wenn er solche hatte, stürzen, sich ihrer entledigen und die Lampen des Turms sofort löschen. War der Aviso dann auch schon auf dem Wege in die Bucht, so würde er jedenfalls stoppen. Befand er sich bereits darin, so würde er wahrscheinlich wieder hinauszugelangen suchen, da ihm dann das Licht gefehlt hätte, ihn nach dem Landeinschnitte zu leiten. Schlimmsten Falls würde er vor Anker gehen und so den Tag abwarten.

Kongre ließ das Boot klar machen. Carcante und zwölf von den Leuten nahmen mit ihm darin Platz. Alle hatten sich mit Gewehren, Revolvern und großen Messern versehen. Binnen einer Minute waren sie ans Ufer gestoßen und stürmten sofort auf die kaum anderthalb Seemeilen entfernte Einfriedigung zu.

Die Strecke bis dahin wurde in fünfzehn Minuten zurückgelegt, wobei sich alle dicht beieinander gehalten hatten. Die ganze Rotte befand sich – abgesehen von den an Bord zurückgebliebenen zwei Männern – vereint am Fuße des Erdhügels.

Ja… John Davis und Vasquez waren da. Im Laufschritt, und jede Vorsicht aus den Augen lassend, da ihnen ja niemand begegnen konnte, hatten sie die Erhöhung erstiegen und waren in die Einfriedigung eingedrungen. Vasquez beabsichtigte, das Leuchtturmfeuer wieder anzuzünden, damit der Aviso, ohne den Tag abwarten zu müssen, in den Landeinschnitt einlaufen könnte. Er hegte nur die eine Furcht – eine Furcht, die nagend an ihm zehrte – daß Kongre die Linsen zertrümmert, die Lampen zerstört haben könnte, so daß der Leuchtapparat nicht mehr zu fungieren vermöchte. Dann würde die Goelette freilich aller Wahrscheinlichkeit nach noch entfliehen können, ohne auf der ›Santa-Fé‹ bemerkt worden zu sein.

Beide Männer stürzten in das Wohnhaus, drangen in den Verbindungsgang ein und stießen die Tür zur Treppe auf, die sie hinter sich schlossen und mit den schweren eisernen Riegeln sicherten. Dann eilten sie die vielen Stufen hinauf und erreichten das Wachtzimmer…

Die Laterne war im guten Zustande, die Lampen befanden sich an ihrem Platze und hatten auch noch die Dochte und reichlichen Ölvorrat seit dem Tage, wo sie ausgelöscht worden waren. Nein… Kongre hatte den dioptrischen Apparat der Laterne nicht zertrümmert, sondern offenbar nur beabsichtigt, den Leuchtturm so lange außer Tätigkeit zu setzen, wie er sich im Hintergrunde der Elgorbucht aufhielt. Wie hätte er auch die Verhältnisse voraussehen können, unter denen er genötigt sein würde, die Bucht zu verlassen?

Jetzt strahlte aber der Turm sein Licht von neuem hinaus! Der Aviso konnte ohne Mühe und Gefahr seinen alten Ankerplatz wieder aufsuchen.

Da donnerten gewaltsame Schläge am Fuße des Turmes. Die ganze Rotte drängte sich gegen die Tür, um nach der Galerie hinaufzueilen und die Lampen zu löschen. Alle setzten unbesorgt ihr Leben aufs Spiel, um die Ankunft der ›Santa-Fé‹ wenigstens zu verzögern. Innerhalb der Einfriedigung und im Wohnhause hatten sie niemand gefunden. Die, die sich oben im Wachtzimmer befanden, konnten unmöglich zahlreich sein, mit ihnen würden sie leicht fertig werden. Sie wollten sie töten, und dann strahlte der Turm diese Nacht sein verderbenbringendes Licht nicht weiter aus.

Die Tür zwischen der Treppe und dem Verbindungsgange bestand, wie früher erwähnt, aus dicken Eisenplatten. Die Riegel an der Treppenseite mit Gewalt zu beseitigen, erwies sich von vornherein als unmöglich; ebenso unmöglich, die Tür mit Spaten oder Axtschlägen zu zertrümmern. Carcante versuchte das zwar, sah aber bald ein, daß es vergeblich war. Nach einigen nutzlosen Versuchen schloß er sich Kongre und den Übrigen im Leuchtturmhofe wieder an. Was nun beginnen?… Gab es kein Mittel, von außen nach der Laterne des Leuchtturms zu gelangen?… Wenn sich kein solcher Ausweg fand, blieb der Räuberrotte nichts übrig, als nach dem Innern der Insel zu entfliehen, um dem Kommandanten Lafayate und seiner Mannschaft nicht in die Hände zu fallen. An Bord der Goelette zurückzukehren, wäre ja augenblicklich ganz nutzlos gewesen, und dazu fehlte es obendrein an Zeit. Kein Zweifel, daß der Aviso jetzt bereits in der Bucht war und auf den Landeinschnitt zudampfte.

War der Leuchtturm im Gegenteil nach einigen Minuten wieder gelöscht, so würde die ›Santa-Fé‹ ihre Fahrt nicht allein nicht weiter fortsetzen können, sondern auch vielleicht gezwungen sein, wieder zurückzusteuern, und dann konnte es der Goelette wohl gelingen, an ihr vorbeizukommen.

Nun… ein Mittel gab es wirklich, nach der Galerie zu gelangen.

»Der Strang des Blitzableiters!« rief Kongre.

In der Tat verlief längs des Turmes ein metallischer Strang, der in Abständen von drei zu drei Fuß von eisernen Krampen gehalten wurde. Kletterte man von einer solchen zur andern hinauf, so mußte es jedenfalls möglich sein, die Galerie zu erreichen und vielleicht die zu überraschen, die sich in der Wachtstube aufhielten.

Kongre wollte dieses letzte Rettungsmittel erproben; Carcante und Vargas kamen ihm aber dabei zuvor. Beide erstiegen den Anbau des Turmes, packten das Metallseil und klommen einer hinter dem andern in die Höhe, überzeugt, daß sie bei der herrschenden Finsternis nicht zu früh bemerkt werden würden.

Endlich erreichten sie die Brüstung der Galerie und wollten sich an deren Geländer emporziehen… sie brauchten sich fast nur noch darüber zu schwingen…

In diesem Augenblicke krachten zwei Revolverschüsse…

John Davis und Vasquez standen zur Verteidigung bereit.

In den Kopf getroffen, ließen die Banditen die Geländerstäbe los und lagen nach wenigen Sekunden zerschmettert auf dem Dache des Wohnhauses.

Da ertönten schrille Pfiffe in der Nähe des Leuchtturms. Der Aviso war im Landeinschnitte eingetroffen und weithin schallten die ohrzerreißenden Töne seiner Dampfpfeife.

Jetzt war es die höchste Zeit, zu entfliehen. In wenigen Minuten mußte die ›Santa-Fé‹ an ihrer gewohnten Ankerstelle liegen.

Kongre und seine Gefährten sprangen, als sie einsahen, daß hier nichts mehr zu tun sei, den Erdhügel hinunter und retteten sich ins Innere der Insel.

Als der Kommandant eine Viertelstunde später seinen Anker in den Grund senken ließ, traf die wiedergefundene Wärterschaluppe nach wenigen Ruderschlägen an der Seite des Kriegsschiffs ein.

John Davis und Vasquez waren an Bord des Avisos.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Schluß.

Der Aviso ›Santa-Fé‹ hatte, mit der Ablösungsmannschaft für die Stateninsel an Bord, Buenos-Ayres am 19. Februar verlassen. Von Wind und Meer begünstigt, hatte er eine sehr schnelle Reise gemacht. Der fast acht volle Tage anhaltende, entsetzliche Sturm war über die Magellanstraße hinaus nicht fühlbar gewesen. Der Kommandant Lafayate hatte von ihm also nichts zu leiden gehabt, und war vielmehr drei Tage früher als erwartet an seinem Bestimmungsorte eingetroffen.

Zwei Stunden später wäre die Goelette schon weit weg gewesen, und dann hätte man darauf verzichten müssen, die Bande Kongres und ihren Anführer zu verfolgen.

Der Kommandant Lafayate ließ die Nacht nicht verstreichen, ohne sich über alles unterrichtet zu haben, was seit drei Monaten auf der Insel vorgefallen war.

Wenn Vasquez an Bord war, so fehlten doch seine Kameraden Moriz und Felipe. Seinen jetzigen Begleiter kannte niemand, weder von Person noch dem Namen nach.

Der Kommandant Lafayate ließ beide nach der Kajüte vor sich rufen. Sein erstes Wort lautete:

»Die Lampen auf dem Leuchtturm sind heute zu spät angezündet worden, Vasquez.

– Sie haben schon neun Wochen lang nicht mehr gebrannt, antwortete der Wärter.

– Neun Wochen?… Was soll das heißen?… Wo sind denn eure Kameraden?

– Felipe und Moriz sind tot!… Seit einundzwanzig Tagen nach der Abfahrt der ›Santa-Fé‹ hatte der Leuchtturm nur noch einen einzigen Wächter, Herr Kommandant!«

Vasquez schilderte nun die Ereignisse, deren Schauplatz die Stateninsel gewesen war. Eine Rotte von Seeräubern hatte sich unter dem Befehl eines Anführers mit Namen Kongre schon seit mehreren Jahren in der Elgorbucht eingenistet, wo sie nahe kommende Schiffe auf die Klippen vor dem Kap Sankt-Johann zu verlocken wußte, dann die Wracks beraubte und die etwa überlebenden Schiffbrüchigen kaltblütig ermordete. Während der Dauer der Bauarbeit für den Leuchtturm ahnte niemand ihre Anwesenheit, denn die Schurken hatten sich damals nach dem Kap Saint-Barthelemy zurückgezogen, das am westlichen Ende der Insel liegt. Als dann die ›Santa-Fé‹ wieder abgefahren war und nur die drei Wärter zur Bedienung des Leuchtturms hier zurückgelassen hatte, erschien die Kongresche Räuberbande wieder, diesmal aber auf einer Goelette, die ihr durch Zufall in die Hände gefallen war. Nur wenige Minuten nach deren Einlaufen in den Landeinschnitt hier, wurden Moriz und Felipe an ihrem Bord meuchlerisch hingeschlachtet. Und wenn Vasquez demselben Schicksal entging, lag das daran, daß er sich gerade auf dem Turm als Wache befand. Nachdem er heruntergeeilt war, hatte er sich längs des Ufers nach dem Kap Sankt-Johann geflüchtet. Dort glückte es ihm, sich von den Vorräten aus einer Höhle zu ernähren, worin die Strandräuber ihren Überfluß aufgespeichert hatten.

Weiter erzählte Vasquez, wie es ihm nach der Strandung der ‚Century‘ gelungen war, den Obersteuermann dieses Schiffes zu retten, und wie beide, während sie das Eintreffen der ›Santa-Fé‹ erwarteten, ihr Leben gefristet hatten. Ihr heißester Wunsch war da immer nur gewesen, daß die durch notwendige und umfassende Reparaturarbeiten zurückgehaltene Goelette nicht eher möchte aufs offne Meer auslaufen und die Gewässer des Großen Ozeans erreichen können, als bis der Aviso in den ersten Tagen des März hier eingetroffen wäre.

Diese würde aber doch von der Insel abgesegelt sein, wenn die zwei Geschosse, die John Davis ihr in den Rumpf gejagt hatte, sie nicht nochmals mehrere Tage aufgehalten hätten. Vasquez beendete hiermit seinen Bericht; er schwieg bescheiden über das, was ihm persönlich zur Ehre gereicht hätte. Da nahm aber John Davis das Wort.

»Was Vasquez Ihnen. Herr Kommandant, mitzuteilen vergessen hat, sagte er, ist, daß unsre beiden Kugeln, trotz der Löcher, die sie in die Beplankung der Goelette gerissen hatten, den beabsichtigten Zweck doch keineswegs erreichten.

Die ›Maule‹, so hieß die Goelette, wäre trotzdem noch an jenem Morgen in See gegangen, wenn Vasquez nicht auf die Gefahr seines Lebens hin zu ihr hingeschwommen wäre und eine Kartusche zwischen dem Steuer und dem Hintersteven des Fahrzeuges befestigt hätte. Leider erreichte er auch damit nicht ganz was wir wünschten und erwarteten. Die durch das Sprengmittel verursachten Havarien waren nur leichterer Art und konnten in zwölf Stunden ausgebessert werden. Diese zwölf Stunden sind es jedoch, die es Ihnen ermöglicht haben, die Goelette noch in der Bucht vorzufinden. Das Verdienst dafür fällt Vasquez zu, ebenso wie das, nach Erkennung des Avisos nach dem Leuchtturm geeilt zu sein und dessen seit so langer Zeit erloschene Lampen wieder angezündet zu haben.«

Der Kommandant Lafayate dankte John Davis und Vasquez mit einem warmen Händedruck, hatten die beiden es doch durch ihre erfinderischen Eingriffe der ›Santa-Fé‹ erst ermöglicht, noch vor der Abfahrt der Goelette zur Stelle zu sein. Dann erzählte der Offizier, unter welchen Verhältnissen der Aviso eine Stunde vor dem Untergange der Sonne die Insel in Sicht bekommen hätte.

Der Kommandant Lafayate war sich über die Lage seines Schiffes klar, da er erst am Morgen das Besteck gemacht hatte. Der Aviso brauchte nur auf das Kap Sankt-Johann zuzusteuern, das er noch vor dem Dunkelwerden in Sicht bekommen mußte.

So kam es auch; ehe die Dämmerung den Himmel zu verschleiern anfing, gewahrte der Kommandant Lafayate deutlich, wenn auch nicht die Küste der Insel, so doch die höhern Berggipfel, die hinter dieser aufragten. Er befand sich damals noch in der Entfernung von etwa zehn Seemeilen von der Insel und rechnete darauf, binnen zwei Stunden an seinem alten Ankerplatze zu liegen.

Zur gleichen Zeit war es gewesen. wo John Davis und Vasquez die ›Santa-Fé‹ zuerst bemerkt hatten, und wo Carcante oben vom Leuchtturm aus ihr Erscheinen Kongre meldete, der sofort Anstalten traf, unverzüglich abzufahren, um die Bucht verlassen zu haben, ehe die ›Santa-Fé‹ in diese eingelaufen wäre.

Inzwischen dampfte die ›Santa-Fé‹ weiter auf das Kap Sankt-Johann zu. Das Meer war ruhig; kaum spielten darauf kleine Wellen, die der letzte Hauch des Abendwindes von der See her dahintrieb.

Vor der Zeit, wo der Leuchtturm am Ende der Welt errichtet worden war, wäre der Kommandant Lafayate gewiß nicht so unvorsichtig gewesen, sich dem Lande im Dunkeln so weit zu nähern, noch weniger natürlich, in die Elgorbucht einzulaufen, um den kleinen Landeinschnitt aufzusuchen.

Da Küste und Bucht jetzt aber beleuchtet werden mußten, erschien es ihm nicht notwendig, bis zum Morgen zu warten.

Der Aviso setzte also seinen Weg nach Südwesten fort, und als es vollständig Nacht geworden war, lag er kaum noch eine Seemeile vor dem Eingange zur Elgorbucht. Der Aviso hielt sich unter Dampf, in der Erwartung, daß der Leuchtturm bald angezündet werden müßte.

Eine Stunde verging. Kein Lichtschein blitzte von der Insel her auf. Über seine Lage konnte sich der Kommandant Lafayate doch gar nicht täuschen… ohne Zweifel lag hier die Elgorbucht vor dem Bug seines Schiffes und er befand sich unbedingt in der Tragweite des Leuchtfeuers… und doch, der Leuchtturm blieb dunkel wie bisher.

Was hätte man auf dem Aviso anders vermuten können, als daß eine Störung am Leuchtapparate vorgekommen wäre?

Vielleicht war während des letzten, so ungewöhnlich heftigen Sturmes etwas an der Laterne zerbrochen, das Linsensystem beschädigt oder die Lampen selbst waren unbrauchbar geworden. Niemals… nein, niemals wäre jemand die Ahnung gekommen, daß die drei Wärter hätten können von einer Räuberbande überfallen worden sein, daß zwei von ihnen unter den Streichen von Mordbuben gefallen wären, und daß der dritte sich gezwungen gesehen hätte zu entfliehen, um demselben Schicksale zu entgehen.

»Ich wußte nun nicht, was ich tun sollte, sagte der Kommandant Lafayate weiter. Die Nacht war so finster, daß es ein zu tolles Wagnis gewesen wäre, in die Bucht selbst einzulaufen. Ich mußte also bis zum Morgen draußen davor liegen bleiben Meine Offiziere, meine Mannschaft, alle wurden wir von tödlicher Unruhe gepeinigt, da wir nun doch darauf gefaßt sein mußten, daß hier ein Unglück geschehen wäre. Endlich, erst nach neun Uhr, leuchtete der Turm auf. Die Verspätung konnte nur auf einen Unfall zurückzuführen sein. Ich ließ mehr Dampf, machen und das Schiff wurde dem Buchteingange zugewendet.

Eine Stunde später dampfte die ›Santa-Fé‹ durch diesen ein. Anderthalb Meilen vor dem Landeinschnitte sah ich eine Goelette vor Anker liegen, die dem Anscheine nach verlassen war. Eben wollte ich einige Mann dahin an Bord schicken, als wir Schüsse knattern hörten, die von der Galerie des Leuchtturmes aus abgegeben wurden. Da begriffen wir, daß unsre Wärter dort oben angegriffen wurden, und daß sie sich – wahrscheinlich doch gegen die Mannschaft der verankerten Goelette – verteidigten. Da ließ ich die Sirene ertönen, um die Angreifer zurückzuschrecken, und eine Viertelstunde später lag die ›Santa-Fé‹ auf ihrem Ankerplatze.

– Gerade noch zur rechten Zeit, Herr Kommandant, sagte dazu Vasquez.

– Ja, fuhr der Kommandant Lafayate fort, was aber nicht möglich gewesen wäre, wenn Sie, Vasquez, nicht das Leben daran gewagt hätten, das Leuchtfeuer anzuzünden. Jetzt würde die Goelette sonst schon auf dem Meere schwimmen. Wir hätten sie beim Auslaufen aus der Bucht schwerlich bemerkt, und diese Rotte von Missetätern wäre uns entschlüpft.«

Was wir hier eben wiedergaben, verbreitete sich in einem Augenblicke an Bord des Avisos, und natürlich wurden Vasquez und John Davis mit den wärmsten Glückwünschen überhäuft.

Die Nacht verlief ungestört, und am nächsten Tage machte Vasquez sich mit den drei als Ablösung eingetroffenen Wärtern bekannt, die die ›Santa-Fé‹ nach der Stateninsel gebracht hatte.

Selbstverständlich war noch in der Nacht eine starke Matrosenabteilung nach der Goelette beordert worden, von dieser Besitz zu nehmen. Geschah das nicht, so hätte Kongre doch wahrscheinlich versucht, sich darauf einzuschiffen, und hätte, wenn das gelang, mit dem Ebbestrom das offene Meer gewiß bald erreicht.

Um die Sicherheit der neuen Wärter zu gewährleisten, konnte jetzt der Kommandant Lafayate nur ein Ziel verfolgen: die Insel von den Banditen zu säubern, die hier hausten, und von denen, ihren der Verzweiflung verfallenen Anführer eingerechnet, nach Carcantes und des Zimmermanns Vargas Tode, noch dreizehn Mann übrig waren.

Bei der großen Ausdehnung der Insel drohte deren Verfolgung freilich lange zu dauern und vielleicht nicht einmal von vollem Erfolge zu sein. Wie wäre es auch der Mannschaft von der ›Santa-Fé‹ möglich gewesen, Statenland vollständig abzusuchen. Jedenfalls begingen Kongre und seine Spießgesellen nicht die Unklugheit, zum Kap Saint-Barthelemy zurückzukehren, da das Geheimnis dieses Schlupfwinkels ja bekannt geworden sein konnte. Dafür stand ihnen jedoch die ganze übrige Insel offen, und vielleicht vergingen Wochen, ja sogar Monate, ehe es gelang, die Bande bis auf den letzten Mann abzufangen. Dennoch würde sich der Kommandant Lafayate auf keinen Fall entschlossen haben, die Stateninsel zu verlassen, ehe er die Wärter vor jeder Möglichkeit eines Überfalls und auch die regelmäßige Funktion des Leuchtturms gesichert wußte.

Einen schnellern Erfolg nach dieser Seite konnte freilich der Umstand herbeiführen, daß sich Kongre und seine Gefährten bald von allen Hilfsmitteln zur Lebenserhaltung entblößt sehen mußten. Von Proviant hatten sie weder in der Höhle am Kap Saint Barthelemy noch in der an der Elgorbucht etwas übrig. Von Vasquez und John Davis nach dieser geführt, überzeugte sich der Kommandant Lafayate früh am nächsten Tage, daß die zweite Höhle weder an Schiffszwieback oder Pöckelfleisch, noch an irgend welchen Konserven andrer Art einen Vorrat enthielt. Was an Lebensmitteln noch vorhanden gewesen war, hatten die Räuber schon auf die Goelette geschafft, und diese wurde jetzt von den Seeleuten des Avisos nach dem Landeinschnitte zurückbugsiert. In der Höhle lagen zuletzt nur noch wertlose Überbleibsel umher; Bettzeug, Kleidungsstücke und Werkzeuge wurden nach dem Wohnhause am Leuchtturm befördert. Angenommen, Kongre hätte sich in der Nacht noch einmal nach der Niederlage seiner geraubten Beute zurückgeschlichen, so würde er darin nicht mehr das geringste gefunden haben, was zur Ernährung seiner Bande hätte dienen können. Er konnte nicht einmal Jagdgewehre im Besitz haben, wenigstens nach der Anzahl derartiger Flinten und der zugehörigen Munition, die man an Bord der ‚Carcante‘ entdeckt hatte. Damit sah er sich aber auf die Ausbeute des Fischfangs beschränkt. Unter diesen Umständen sahen sich seine Spießgesellen und er entweder gezwungen, sich zu ergeben, oder sie mußten vor Hunger elend umkommen.

Die Nachsuchungen wurden nichtsdestoweniger sofort aufgenommen. Einzelne Matrosenabteilungen wandten sich, unter der Führung eines Offiziers oder eines Bootsmanns, die einen dem Inselinnern, die andern der Küste zu. Der Kommandant Lafayate selbst begab sich nach dem Kap Saint-Barthelemy, konnte hier aber keine Spur von der Räuberbande entdecken.

So vergingen mehrere Tage, ohne daß einer der Banditen aufgespürt worden wäre, als am Morgen des 10. März sieben elend aussehende, abgezehrte, erschöpfte und vom Hunger gequälte Pescherähs vor der Einfriedigung erschienen. Man brachte sie von hier sofort an Bord der ›Santa-Fé‹, reichte ihnen einige Nahrung, versetzte sie aber auch in die Unmöglichkeit, etwa wieder zu entfliehen.

Vier Tage später stieß der erste Steuermann Riegal, der die Südküste in der Umgebung des Kaps Webster absuchte, auf fünf Leichen, von denen Vasquez noch zwei Chilenen der Bande erkennen konnte.

Die auf der Erde rings um die Toten verstreuten Reste zeigten, daß die Leute versucht hatten, sich mit Fischen und Schaltieren zu ernähren; doch nirgends fanden sich Spuren von einer Feuerstätte, nirgends verkohlte Holzreste oder Asche. Sie hatten offenbar kein Mittel besessen, sich Feuer zu verschaffen. Endlich, am Abend des nächsten Tages, tauchte kurz vor Sonnenuntergang ein Mann zwischen den Felsen auf, die weniger als fünfhundert Meter vom Leuchtturm den Landeinschnitt umgaben.

Der Mann befand sich fast auf derselben Stelle, von der aus John Davis und Vasquez, die die bevorstehende Abfahrt der Goelette befürchteten, ihn am Tage vor der Ankunft des Avisos beobachtet hatten, an jenem Abend, wo der Mann sich entschlossen hatte, einen letzten verzweifelten Rettungsversuch zu wagen.

Dieser Mann war Kongre.

Vasquez, der mit den neuen Turmwärtern innerhalb der Einfriedigung auf und ab ging, erkannte ihn auf den ersten Blick und rief:

»Da ist er, da ist er!«

Auf diesen lauten Ausruf hin beeilte sich der Kommandant Lafayate, der mit dem ersten Steuermann am Strande hinging, sofort herbeizukommen.

John Davis und einige Matrosen hatten sich schon zur Verfolgung des Mannes aufgemacht, und auf dem Erdhügel versammelt, konnten alle den einzigen überlebenden Anführer der von ihm befehligten Bande sehen.

Was wollte dieser aber hier?… Warum zeigte er sich freiwillig?… Beabsichtigte er vielleicht, sich zu ergeben?… Dann durfte er sich aber über das Los, das seiner harrte, keiner Täuschung hingeben. Er würde natürlich nach Buenos-Ayres übergeführt werden und hier mit dem Kopfe für sein Räuber- und Mörderleben zu büßen haben.

Kongre stand regungslos auf einem die andern überragenden Felsen, an dessen Fuße sich die Wellen sanft murmelnd brachen. Seine Blicke schweiften über den Landeinschnitt hin. Neben dem Aviso konnte er hier die Goelette liegen sehen, die ein blinder Zufall ihm am Kap Barthelemy in die Hände gespielt und die ein widriges Zusammentreffen von Umständen ihm wieder geraubt hatte. Welche Gedanken mochten sich in dem Hirne des Strandräubers kreuzen! Welche Klagen und heimlichen Verwünschungen! Ohne das Eintreffen des Avisos befände er sich schon lange auf der Wasserwüste des Großen Ozeans, wo es ihm so leicht gewesen wäre, sich jeder Verfolgung zu entziehen und sich Straflosigkeit zu sichern.

Begreiflicherweise lag dem Kommandanten Lafayate alles daran, sich Kongres zu bemächtigen. Er gab diesbezügliche Befehle, und der erste Steuermann Riegal schlüpfte, von einem halben Dutzend Matrosen begleitet, aus der Einfriedigung, um nach dem Buchenwäldchen zu schleichen, von wo aus es ihnen, wenn ein Teil der Verfolger sich längs des Felsendammes hinschlich, leicht sein müßte, den Banditen zu fangen.

Vasquez führte die kleine Truppe auf dem kürzesten Wege dahin.

Sie waren aber kaum hundert Schritte über die kleine Erderhöhung um den Leuchtturm hinausgekommen, als ein Schuß ertönte und ein Menschenkörper, über den Uferrand hinausfliegend, ins Meer hinabstürzte, das schäumend um den Selbstmörder aufspritzte.

Kongre hatte einen Revolver aus seinem Gürtel gezogen und sich ihn an die Stirn gesetzt. Der Schurke hatte sich gerichtet, und jetzt trug die Ebbe seine Leiche schon aufs hohe Meer hinaus.

Das war die Schlußszene dieses Dramas der Stateninsel.

Selbstverständlich war der Leuchtturm seit der Nacht vom 3. zum 4. März wieder ununterbrochen in Betrieb gewesen. Vasquez hatte die neuen Wärter über ihre Obliegenheiten eingehend unterrichtet.

Jetzt war kein einziger Mann von der Räuberbande mehr übrig.

John Davis und Vasquez schifften sich beide bald auf dem Aviso ein, der nach Buenos-Ayres zurückkehrte; von da wollte der erste sich wieder nach seiner Heimat Mobile begeben, wo er ohne Zweifel in kurzer Zeit einen Kapitänsposten erhielt, den er für seine Entschlossenheit, seinen Mut und seinen persönlichen Wert überhaupt ja reichlich verdiente.

Vasquez wollte nach seiner Vaterstadt gehen und da von so vielem, herzhaft ertragenem Ungemach ausruhen. Er würde aber allein dahin kommen, seine armen Kameraden kehrten ja nicht mehr mit ihm zurück.

Am Nachmittage des 18. März war es, wo der Kommandant Lafayate, der wegen der Sicherheit der neuen Wärter nun völlig beruhigt war, den Befehl zur Abfahrt gab.

Die Sonne war im Versinken, als das Schiff aus der Bucht hinausdampfte. Bald glänzte hinter ihm über dem Ufer ein Licht auf, dessen Widerschein auf dem Kielwasser tanzte. Der Aviso aber, der auf das schon halb verdunkelte Meer hinausglitt, schien einige der unzähligen Strahlen mit fortzunehmen, die der neue Leuchtturm am Ende der Welt durch die Nacht hinaussandte.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Am ersten Tage des Betriebes.

Die Sonne versank allmählich hinter den Anhöhen, die die Aussicht im Westen begrenzten.

Das Wetter war schön. An der andern Seite spiegelten vereinzelte Wölkchen über dem Meere, das im Osten und Nordosten zusammenfloß, die letzten Strahlen wieder, die aber auch bald in den Schatten der unter der hohen Breite von fünfundfünfzig Graden der südlichen Erdhälfte ziemlich langen Dämmerung verlöschen sollten.

In dem Augenblicke, wo von der Sonnenscheibe nur noch die obere Hälfte sichtbar war, donnerte ein Kanonenschuß an Bord des Avisos ›Santa-Fé‹ und, im Winde sich entfaltend, wurde die Flagge der Argentinischen Republik an der Gaffel des Briggsegels gehißt.

Genau zu derselben Zeit blitzte dem Schiffe gegenüber ein glänzender Lichtschein auf, der von dem obersten Teile eines in Flintenschußweite vom Ufer der Elgorbai befindlichen Leuchtturmes hinausstrahlte, der Bai, worin die ›Santa-Fé‹ verankert lag. Zwei Wächter und eine Gruppe Arbeitsleute am Ufer, sowie die auf dem Vorderteile des Fahrzeuges versammelte Mannschaft begrüßten mit lautem Zuruf das erste an dieser weltentlegenen Küste entzündete Leuchtfeuer.

Zwei weitere und von dem scharfen Echo der Umgebung noch mehrfach wiederholte Kanonenschüsse antworteten darauf; dann wurde, entsprechend den für Kriegsschiffe geltenden Vorschriften, die Flagge wieder eingeholt, und nun wurde es still auf der Stateninsel hier an der Stelle, wo die Gewässer des Atlantischen und des Stillen Ozeans einander begegnen. (Diese Stateninsel ist also nicht mit dem Staten Island im Hafenbereich von New York zu verwechseln.)

Die Arbeiter begaben sich sofort an Bord der ›Santa-Fé‹ und am Lande blieben nur drei Wächter zurück, von denen sich einer schon auf dem Turme auf seinem Posten befand.

Die zwei andern suchten ihre Wohnstätte noch nicht sogleich auf, sondern gingen plaudernd längs des Ufers hin.

»Na, Vasquez, begann der Jüngere von beiden, morgen geht der Aviso nun wieder in See….

– Jawohl, Felipe, antwortete Vasquez, und ich hoffe, er wird keine schlechte Heimfahrt haben.

– O, es ist eine etwas weite Strecke, Vasquez!

– Ach was, der Rückweg ist nicht länger, als es der Herweg war.

– Das möcht‘ ich doch ein bißchen bezweifeln, erwiderte Felipe lachend.

– Zuweilen, Kamerad, fuhr Vasquez fort, braucht man sogar mehr Zeit zu der Ausreise als zu der Rückfahrt, wenigstens wenn man für die zweite einigermaßen günstigen Wind hat. Übrigens sind fünfzehnhundert Meilen (etwa 2800 km) doch keine so große Sache, wenn ein Schiff eine gute Maschine hat und reichlich Segel führt.

– Ja freilich, Vasquez, und dazu kennt der Kommandant Lafayate den Weg ganz genau.

– Nun, der ist ja ganz gerade, alter Junge. Auf der Fahrt hierher ist er nach Süden gesteuert, auf der Heimreise wird er einen Kurs nach Norden einhalten, und wenn der Wind auch weiter vom Lande her stehen bleibt, dann hat der Kapitän den Schutz der Küste und er segelt wie auf einem Flusse hin.

– Nun ja, meinte Felipe, doch auf einem Flusse, der nur ein einziges Ufer hat.

– Das ist gleichgültig, wenn’s nur das ‚gute‘ ist, und das ist’s allemal, so lange man Landwind hat.

– Ganz recht, gab Felipe zu; der Wind hat aber seine Launen, und wenn er nun ins Gegenteil umschlägt….

– Dann hat man eben Pech, Felipe, ich hoffe aber, das werde der ›Santa-Fé‹ erspart bleiben. In vierzehn Tagen kann sie die fünfzehnhundert Meilen recht gut zurückgelegt haben und schon auf der Reede von Buenos-Ayres vor Anker liegen. Freilich, wenn’s dem Winde einfiele, von Osten her zu blasen….

– Dann fände das Schiff weder am Lande noch nach der Seeseite zu einen Schutzhafen.

– Ganz recht, Kamerad. Feuerland oder Patagonien, nirgends ein sicherer Platz! Da heißt’s: hinaus aufs hohe Meer, um nicht gegen die Küste geworfen zu werden.

– Meiner Meinung nach scheint das gute Wetter aber von Dauer zu sein, Vasquez!

– Das glaub‘ ich auch, Felipe. Wir stehen ja erst am Anfang der schönen Jahreszeit. Drei Monate vor sich zu haben, das ist schon etwas.

– Und die Arbeiten, flocht Felipe ein, sind auch zur richtigen Zeit beendet worden.

– Das weiß ich, Kamerad, das weiß ich, mit Anfang Dezember, und das heißt für Seeleute drüben im Norden soviel wie Anfang Juni. Zu der Zeit kommt ja selten so ein Hundewetter, das ein Schiff hin und her zu schleudern ebensowenig Umstände macht, wie es dir die Mütze vom Kopfe reißt. Liegt die ›Santa-Fé‹ aber einmal im Hafen, dann mag es blasen und wehen und drauf losstürmen, wie’s dem Teufel Spaß macht! Für unsre Insel samt ihrem Leuchtturm ist auch nicht zu fürchten, daß sie dabei unterginge.

– Gewiß nicht, Vasquez. Wenn er dann da unten alles über die hiesigen Verhältnisse pflichtschuldigst berichtet hat und der Aviso mit der Ablösung zurückkehrt….

– Erst nach drei Monaten, Felipe.

– Nun ja…. dann wird er die Insel noch an der alten Stelle finden.

– Und uns darauf, Felipe, antwortete Vasquez, der sich die Hände rieb, nachdem er einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife getan hatte, so daß er von einer dichten Wolke umhüllt war. Vergiß nicht, Kamerad, wir befinden uns hier nicht an Bord eines Schiffes, das der Sturm jetzt hierhin und dann dorthin verschlägt, oder wenn es ein Schiff wäre, so liegt es doch fest vertäut am Ende von Amerika, und es wird auch nicht vor Anker treiben. Die hiesige Gegend ist ja verrufen, und ich gebe zu, auch mit Recht. Die Meere um Kap Horn, nun ja, die stehen verdientermaßen in schlechtem Ansehen. Daß man die Schiffbrüche an diesen Küsten gar nicht mehr richtig zählt, und daß Seeräuber sich gar kein besseres Feld für ihre verbrecherische Tätigkeit wählen können, das will ich auch ohne Widerrede zugeben. Alles das wird sich aber ändern, Felipe! Hier haben wir nun die Stateninsel mit ihrem Leuchtturme, und dessen Licht wird kein Orkan, und wenn er aus allen Strichen der Windrose pfiffe, zu verlöschen imstande sein. Die Schiffe draußen werden es zeitig genug sehen, ihren Kurs danach bestimmen zu können. Sie werden sich nach dem Feuer richten und selbst in finstrer Nacht nicht mehr Gefahr laufen, an die Uferfelsen des Kaps Sankt Johann, der Landzunge von San-Diegos oder der Fallowspitze anzulaufen. An uns ist es, das Leuchtfeuer zu unterhalten, und was an uns liegt, das wird geschehen!«

Man hätte Vasquez so sprechen hören müssen, mit der Lebhaftigkeit, die auch einen Eindruck auf seinen Kameraden nicht verfehlte. Felipe blickte wohl nicht so leichten Herzens den langen Wochen entgegen, die er auf dieser einsamen Insel zubringen sollte, und auf der er bis zu dem Tage, wo die ersten drei Wächter abgelöst werden würden, außer aller Verbindung mit andern Menschen blieb.

Vasquez schloß seine Rede noch mit den Worten:

»Siehst du, Kamerad, seit vierzig Jahren bin ich als Schiffsjunge, Leichtmatrose, Vollmatrose und Bootsmann ein bißchen auf allen Meeren der Alten und der Neuen Welt umhergefahren. Jetzt, wo nun das Alter herangekommen ist, wo man daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen, jetzt kann ich mir gar nichts Besseres vorstellen, als Wärter auf einem Leuchtturm und obendrein auf einem wie dem unsrigen, zu sein… auf dem Leuchtturm am Ende der Welt!«

In der Tat rechtfertigte er diesen Namen wegen der Lage am Ende dieser Insel, die sich hier, so weit von allen bewohnten und bewohnbaren Gebieten der Erde, aus dem stets unruhigen Meere erhob.

»Wie war’s doch, Felipe, nahm Vasquez noch einmal das Wort, indem er seine ausgerauchte Pfeife ausschüttelte, um welche Zeit wirst du Moriz ablösen?

– Um zehn Uhr.

– Schön; da werd‘ ich also um zwei Uhr nachts an deine Stelle treten und bis zum Tagesanbruch wachen.

– Wie da sagst, Vasquez. Für jetzt haben wir aber alle beide nichts Gescheiteres zu tun, als schlafen zu gehen.

– Ja ja, zu Bett, Felipe, zu Bett!«

Vasquez und Felipe wandten sich hiermit der kleinen Einfriedigung zu, in deren Mitte der Leuchtturm aufragte, und sofort betraten sie ihre Wohnung, deren Tür sich hinter ihnen schloß.

Die Nacht war still. Sobald sie zu Ende ging, löschte Vasquez die seit zwölf Stunden brennenden Flammen.

Die Gezeiten, die im Großen Ozean, vorzüglich längs der Küsten Amerikas und Asiens, nur ziemlich schwach auftreten, sind im Gegenteil im Atlantischen Ozean sehr stark und machen sich an den weltfernen Küsten von Magellansland sehr heftig fühlbar.

Da die Ebbe heute morgen um sechs Uhr eintrat, hätte der Aviso, um sie zu benutzen, mit Tagesanbruch auslaufen müssen. Dazu waren aber noch nicht alle Vorbereitungen beendigt, und der Kommandant rechnete nur darauf, die Bucht von Elgor mit Eintritt der zweiten Ebbe dieses Tages zu verlassen.

Die ›Santa-Fé‹, ein Schiff der argentinischen Kriegsflotte, maß nur zwölfhundert Tonnen, hatte eine Maschine von hundertsechzig Pferdekräften und wurde von einem Kapitän und einem zweiten Offizier geführt, die mit den Bootsleuten eine Besatzung von fünfzig Mann unter sich hatten. Das Fahrzeug war eigentlich zur Überwachung der Küsten von der Mündung des Rio la Plata bis zur Le Maire-Enge am Atlantischen Ozean bestimmt. Jener Zeit hatte die Schiffsbaukunst noch keine schnellaufenden Fahrzeuge geliefert, wie die heutigen Kreuzer, die Torpedoboote und andre. Mit Hilfe ihrer Schraube konnte die ›Santa-Fé‹ in der Stunde etwa neun Seemeilen zurücklegen, das genügte aber für die Handhabung der Polizei an den Küsten Patagoniens und der Tierra del Fuego (des Feuerlandes), die ja nur von Fischerfahrzeugen aufgesucht wurden.

Dieses Jahr hatte der Aviso aber die Aufgabe, die Arbeiten beim Bau des Leuchtturms zu beaufsichtigen, den die argentinische Regierung gegenüber der Le Maire-Enge errichten ließ. Das Personal und alles zum Bau notwendige Material war an Bord des Schiffes hierher befördert worden, wo die Arbeiten nach den Plänen eines geschickten Ingenieurs von Buenos-Ayres eben nach Wunsch zu Ende geführt worden waren.

Jetzt hatte die ›Santa-Fé‹ mehrere Wochen im Hintergrunde der Elgorbucht verankert gelegen. Nach Ausladung des für vier Monate nötigen Proviantes und nachdem er sich überzeugt hatte, daß es den Wärtern des neuen Leuchtturmes bis zum Eintreffen der Ablösungsmannschaft an nichts fehlen würde, wollte der Kommandant Lafayate nun die nach der Stateninsel entsandten Arbeiter wieder mit nach Hause befördern. Hätten nicht einige ganz unvorhergesehene Hindernisse die Vollendung des Baues etwas verzögert, so wäre die ›Santa-Fé‹ sicherlich schon seit einiger Zeit in ihrem Heimathafen zurück gewesen.

In der ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthalts hatte der Kommandant übrigens im Hintergrunde der gegen Nord-, Süd- und Westwinde gut geschützten Bucht nichts zu fürchten. Nur sehr rauhes Wetter von der offenen See her hätte ihn belästigen können. Der Frühling hatte sich jedoch sehr milde gezeigt, und jetzt, zu Anfang des Sommers, konnte man mit Recht erwarten, daß in den magellanischen Gewässern nur vorübergehende Störungen der Atmosphäre eintreten würden.

Gegen sieben Uhr war es, als der Kapitän Lafayate und sein zweiter Offizier aus ihren unter dem Hinterdeck des Avisos und ganz nahe bei dem Deckhäuschen gelegenen Kabinen traten. Die Matrosen waren noch mit dem Abwaschen des Decks beschäftigt, und das Wasser aus den letzten von den Leuten geleerten Kübeln lief eben durch die Speigatten ab. Gleichzeitig traf der erste Bootsmann schon die ersten Anordnungen, daß alles fix und fertig wäre, wenn die Stunde der Abfahrt herankam. Sollte diese auch erst am Nachmittage erfolgen, so wurden doch bereits die Segelhüllen abgenommen, die Luftzuführungsrohre gesäubert und der kupferne Teil des Kompaßhäuschens und der vergitterten Oberlichter geputzt. Das große Boot brachte man auf seinen Ausholer, und nur das kleine blieb zum Borddienst noch im Wasser.

Als die Sonne aufging, stieg die Landesflagge nach der Gaffel des Briggsegels empor.

Dreiviertel Stunden später schlug es an der Glocke des Vorderteiles vier Glas, und die dadurch zur Wache gerufenen Matrosen traten ihren Posten an.

Nach einem gemeinsamen Frühstück begaben sich die beiden Offiziere nach dem Deck, besichtigten den vom frühzeitigen Landwinde schon ziemlich rein gefegten Himmel und gaben dem Bootsmann Befehl, sie nach dem Ufer übersetzen zu lassen.

An diesem Morgen wollte der Kommandant ein letztes Mal den Leuchtturm und dessen Nebengebäude, das Wohnhaus der Wärter und die Schuppen inspizieren, worin das Heizmaterial und die Mundvorräte aufgestapelt waren, und sich endlich überzeugen, daß alle Apparate tadellos funktionieren.

Er betrat also in Begleitung des Offiziers das Land und begab sich nach der Einfriedigung des Leuchtturms.

Auf dem Wege beschäftigten sich beider Gedanken mit den drei Männern, die nun allein in der traurigen Einöde der Stateninsel zurückbleiben sollten.

»Das ist freilich eine harte Aufgabe, sagte der Kapitän. Immerhin ist dabei nicht zu vergessen, daß die armen Burschen, meist alte Seebären, von jeher ein beschwerliches Leben geführt haben. Für sie ist der Leuchtturmdienst eigentlich ein Ruheposten.

– Ja gewiß, stimmte ihm Riegal zu. Es ist aber doch ein ander Ding, Leuchtturmwärter in einer belebten Gegend und mit leichter Verbindung mit dem Lande zu sein, als hier auf einer öden Insel, die die Schiffe nur peilen, und auch das so weit von ihr entfernt wie möglich…

– Das ist freilich wahr, Riegal. In drei Monaten trifft hier ja eine Ablösung ein, und Vasquez, Felipe und Moriz versehen den ersten Dienst in der mildern Jahreszeit.

– Jawohl, Herr Kapitän; von dem schrecklichen Winter am Kap Horn werden die Drei noch nichts zu leiden haben.

– Ja, der ist hier schrecklich, bestätigte der Kapitän. Seit einer Rekognoszierungsfahrt, die wir vor einigen Jahren in der Meerenge und längs der Küsten von Feuerland und Desolationsland, nach dem Kap der Jungfrauen und dem Kap Pilar, ausgeführt hatten, da hab‘ ich’s kennen gelernt, was tolle Stürme sind! Unsre Wächter aber haben ja eine feste Wohnstätte, die auch kein Orkan zerstören kann. An Lebensmitteln und Kohlen wird’s ihnen nicht fehlen, sollte sich ihre Dienstzeit auch um zwei Monate verlängern. Wir lassen sie hier in gutem Gesundheitszustande zurück und werden sie ebenso wiederfinden. Bläst hier die Luft auch scharf, so ist sie doch rein, wo sich der Atlantische und der Große Ozean begegnen. Übrigens vergessen Sie nicht das eine, Riegal: als das oberste Seeamt Wärter für den Leuchtturm am Ende der Welt verlangte, da hatte es nur die Qual der Wahl.«

Die beiden Offiziere waren inzwischen an die Einfriedigung herangekommen, wo Vasquez und seine Kameraden sie erwarteten. Die Tür sprang auf und sie standen kurze Zeit still, nachdem sie den vorschriftsmäßigen Gruß der drei Männer erwidert hatten.

Ehe der Kapitän Lafayate ein Wort an sie richtete, musterte er die Wärter von den mit schweren Wasserstiefeln bekleideten Füßen an bis zum Kopfe, der von der Kapuze des Wachstuchrockes bedeckt war.

»In der Nacht ist alles gut gegangen? fragte er darauf, an den Oberwärter gewendet.

– Ganz gut, Herr Kommandant, antwortete Vasquez.

– Ihr habt kein Schiff draußen auf dem Meere gesichtet?

– Keines, und da der Himmel ganz dunstfrei war, hätten wir ein Licht noch auf drei bis vier Meilen bemerken können.

– Die Lampen sind immer in Ordnung gewesen?

– Ohne Unterbrechung, Herr Kommandant, bis zum Aufgang der Sonne.

– Oben im Wachzimmer habt ihr auch nicht von der Kälte zu leiden gehabt?

– Nein, Herr Kommandant, das ist überall gut geschlossen, und durch die Doppelfenster kann auch kein Wind eindringen.

– Wir wollen erst einmal eure Wohnung besichtigen und dann den Turm ersteigen.

– Zu Befehl, Herr Kommandant«, antwortete Vasquez.

Dicht neben dem Fuße des Turmes stand das Wohnhaus der Wärter. Es hatte dicke Mauern, die auch dem Ungestüm der Windstöße des magellanischen Gebietes trotzen mußten. Die beiden Offiziere besuchten darin sämtliche, sehr zweckmäßig ausgestattete Räume. Hier drin war nichts zu fürchten, weder vom Regen oder der Kälte, noch von den Schneestürmen, die unter dieser fast antarktischen Breite oft mit entsetzlicher Gewalt auftreten.

Die einzelnen Räume trennte ein schmaler Gang, an dessen Ende sich die Tür befand, durch die man nach dem Innern des Turmes gelangte.

»Wir wollen hinausgehen, sagte der Kapitän Lafayate.

– Zu Befehl, erwiderte Vasquez.

– Es genügt, wenn Sie allein uns begleiten.«

Vasquez gab seinen Kameraden ein Zeichen, im Gange zurückzubleiben. Darauf öffnete er die Tür zur Treppe und die beiden Offiziere folgten ihm nach.

Die schmale Wendeltreppe mit ihren in die Wand eingefügten steinernen Stufen war gar nicht dunkel. Zehn schießschartenähnliche Öffnungen beleuchteten sie von Stockwerk zu Stockwerk.

Als sie das Wachzimmer erreicht hatten, über dem nun unmittelbar die Laterne und die Leuchtapparate lagen, setzten sich die beiden Offiziere auf eine in der Mauer befestigte Rundbank. Durch die vier Fenster dieses Zimmers konnte man den Horizont nach allen Richtungen bequem überblicken.

Obwohl nur ein mäßiger Wind wehte, blies er hier oben doch recht tüchtig, doch ohne den scharfen Schrei der Möwen oder das Gekreisch der Fregattvögel und Albatrosse zu übertönen, die mit mächtigem Flügelschlag vorüberzogen.

Um einen noch freiern Ausblick über die Insel und das sie umgebende Meer zu gewinnen, erstiegen Kapitän Lafayate und sein zweiter Offizier noch die Leiter, die nach der die Laterne des Leuchtturmes umschließenden Galerie führte.

Der ganze Teil der Insel, der sich nach Westen hin vor ihren Augen ausdehnte, war ebenso öde und verlassen wie das Meer, von dem sie von Nordwesten bis Süden ein großes Stück überblicken konnten, dessen Fläche nur im Nordosten durch die Anhöhen am Kap Johann unterbrochen war. Am Fuße des Turmes lag die Elgorbucht vor ihnen, am Ufer jetzt belebt von zahlreichen Matrosen der ›Santa-Fé‹. Auf dem hohen Meere kein Segel, keine Rauchsäule… nichts als der unbegrenzte, schimmernde Ozean.

Nach einviertelstündigem Verweilen auf der Galerie des Leuchtturmes stiegen die beiden Offiziere, denen Vasquez folgte, wieder hinunter und begaben sich sofort zurück an Bord.

Nach einem zweiten Frühstück ließ sich der Kapitän Lafayate mit seinem zweiten Offizier noch einmal ans Land setzen. Sie wollten die letzten Stunden vor der Abfahrt noch zu einem Spaziergange längs der Nordküste der Elgorbucht benutzen.

Schon mehrere Male war der Kapitän am Tage, doch ohne Lotsen – einen solchen gab es auf der Stateninsel natürlich nicht – hier eingelaufen und hatte seinen gewohnten Ankerplatz in einem kleinen Landeinschnitt am Fuße des Leuchtturms aufgesucht. Aus Vorsicht unterließ er es jedoch niemals, einen neuen Teil des noch wenig oder schlecht bekannten Terrains genauer zu besichtigen.

Die beiden Offiziere wanderten also am Strande hin.

Nach Überschreitung der kurzen Landenge, die das Kap Sankt-Johann mit dem Ende der Insel verbindet, besichtigten sie das Hafenbecken gleichen Namens, das an der andern Seite des Kaps eine Art Pendant zur Elgorbucht darstellt.

»Dieser Hafen von Sankt-Johann, bemerkte der Kommandant, ist immerhin sehr wertvoll. Er hat auch für die tiefstgehenden Schiffe stets genug Wasser; zu beklagen ist dabei nur, daß er eine so schwierige Einfahrt hat. Ein wenn auch noch so bescheidenes Leuchtfeuer, das in gewissem Verhältnisse zu dem Leuchtturm von Elgor stände, würde es allen Fahrzeugen ermöglichen, darin bequem Zuflucht zu finden.

– Obendrein ist das der letzte Hafen, den man beim Austritt aus der Magellanstraße findet«, setzte der Leutnant hinzu.

Um vier Uhr waren die beiden Offiziere zurück und gingen an Bord, nachdem sie sich von Vasquez, Felipe und Moriz, die nun am Strande auf die Abfahrt des Avisos warteten, freundlich verabschiedet hatten.

Um fünf Uhr fing die Dampfspannung im Kessel des Schiffes an zu steigen; aus dem Schornstein wirbelten dichte Rauchmassen empor. Die Gezeiten mußten bald zum Stillstand kommen, und die ›Santa-Fé‹ sollte die Anker lichten, sobald die Ebbe bemerkbar wurde.

Dreiviertel sechs gab der Kommandant Befehl, die Maschine Probe laufen zu lassen. Sofort zischte der überschüssige Dampf aus dem Abblaserohr hervor.

Auf dem Vorderteile überwachte der zweite Offizier die nötigen Vorbereitungen; bald war der Anker mittels des Spills aus dem Grunde gebrochen, dann wurde er vollends emporgehoben und auf den Kran ausgepentert.

Begrüßt von den Abschiedsrufen der drei Wärter, setzte sich die ›Santa-Fé‹ langsam in Bewegung. Und was auch Vasquez darüber denken mochte… wenn er und seine Kameraden das Schiff nicht ohne eine innere Erregung davonfahren sahen, die Offiziere und die Mannschaft der ›Santa-Fé‹ fühlten es noch tiefer, die drei Männer auf dieser Insel am Ende Amerikas zurückzulassen.

Nur mit mäßiger Schnelligkeit glitt das Schiff längs des nordwestlichen Ufers der Elgorbucht hin; erst gegen acht Uhr kam es aufs offne Meer hinaus. Nach Umschiffung des Kaps Sankt-Johann verließ es unter Volldampf die Meerenge im Westen, und als es völlig dunkel war, schimmerte das Feuer des Leuchtturms am Ende der Welt nur noch wie ein Stern am fernen Horizonte.

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Die Ueberschreitung des Jeniseï

Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen. Wenn sie trotz aller Bemühungen Michael Strogoff’s nicht schneller vor sich ging, kam das daher, daß Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus ergab‘ sich die Unmöglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen, das unter anderen Händen nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht hätte. Zum Glück war von den Tartaren noch gar nichts zu spüren. Kein Plänkler ließ sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Straße sehen. Es erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mußte ein sehr gewichtiger Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk zu weiter zu marschiren.

In der That war ein solches Hinderniß eingetreten. Ein neues in aller Eile gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseïsk auf Tomsk gezogen, um diese Stadt womöglich wieder zu erobern. Freilich erwies es sich der Heeresmacht Feofar-Khan’s gegenüber noch zu schwach und hatte sich wieder zurückziehen müssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfügte Feofar-Khan über eine Gesammtzahl von 250 000 Mann, denen die russische Regierung noch keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So frühzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausführbar, und jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk aufzubrechen.

Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff zunächst nichts wußte, das aber hinreichend erklärt, warum der Vortrab des Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelästigt gelassen hatte.

Kannte Michael Strogoff auch die jüngsten Ereignisse nicht, so wußte er doch das Eine, daß er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm entfernt.

Er rechnete übrigens darauf, daß es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von etwa 12 000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen könne. Da Nicolaus Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines Führers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nöthig. Michael Strogoff hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete, seine Identität und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, – was ihm nicht schwer fallen konnte, – gewiß gelingen, mit dessen Hilfe Irkutsk in kürzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und unverzüglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher verlassen, als bis er sie den Händen ihres Vaters übergeben hätte.

Nicolaus‘ Entschluß, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur »unter der Bedingung, dort Verwendung zu finden«.

Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfügung zu stellen.

»Wie könnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient hätte?« wiederholte er mehrfach.

Für den Fall, daß man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benöthigte, wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer Verbindung stehen mußte, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem Bruder und der Schwester fort, und wo hätten diese einen sicherern Führer, einen ergebeneren Freund finden können?

Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk. Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier an den Straßen in der Nähe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen und die Profile der an dem steilen Abhange des Jeniseï erbauten Häuser ab. Das Wasser des Flusses erglänzte in den letzten Lichtstrahlen der Atmosphäre.

Die Kibitka hielt an.

»Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.

– Eine halbe Werst von den ersten Häusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.

– Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut dringt zu meinen Ohren.

– Und ich sehe auch kein Licht erglänzen, keinen Rauch in die Luft emporsteigen, fügte Nadia hinzu.

– Eine eigenthümliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man kein Lärmen und legt sich sehr zeitig nieder!«

In Michael Strogoff stieg eine böse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fürchtete er, seine Hoffnung werde noch einmal getäuscht werden. Aber Nadia hatte seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefährte jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige Worte fallen lassen.

»Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!« Darauf beschränkte sich seine ganze Antwort.

Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, mußte er in Krasnojarsk noch ein schnelles Beförderungsmittel finden.

»Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?

– Ich befürchte, die Bewohner der Stadt durch das Geräusch unsres Wagens aus dem Schlafe zu stören.«

Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte mäßig schnell die Straße hinab, die nach Krasnojarsk hinein führte.

Zehn Minuten später befand sie sich in der Hauptstraße.

Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte »das nordische Athen«, wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so prächtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen Straßen. Kein Fußgänger wandelte auf den Trottoirs der schönen, in monumentalem Style erbauten Holzhäuser. Keine elegante, nach neuester Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke, der, in einem Birkenwalds angelegt, sich bis an das Ufer des Jeniseï fortsetzte. Die große Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der Kirchen blieben stumm, während sonst nur selten der Gesang derselben in den russischen Städten nicht ertönt. Doch hier war Alles erstorben. Kein lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!

Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand und Alles, was den Tartaren hätte von Nutzen sein können, wegzuschaffen und nach Irkutsk zu flüchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den Schritten der Feinde eine Wüste herzustellen. Solche eines Rostopschin würdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in Krasnojarsk zurück.

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straßen der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geräusch, das in dieser todten Stadt ertönte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, ließ Michael Strogoff zwar äußerlich nichts merken, aber es kochte doch manchmal auf in ihm über das unersättliche Mißgeschick, welches ihn verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter täuschte.

»Großer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wüstenei werde ich meinen Gehalt nimmer ehrlich verdienen können.

– Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach Irkutsk einschlagen müssen.

– Freilich muß ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk muß die Leitung noch im Stande sein und da … Wollen wir weiter, Väterchen?

– Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.

– Du hast Recht, bestätigte Nicolaus. Wir müssen den Jeniseï passiren und dazu sehen können.

– Sehen können!« murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden Gefährten.

Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehört und wendete sich an Michael Strogoff.

»Verzeihe, Väterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist für Dich ja gleichgiltig!

– Mache Dir keine Vorwürfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und strich dabei mit der Hand über seine Augen. Mit Dir als Führer kann ich auch noch etwas nützen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich durch den Schlummer stärken. Morgen wird es ja wieder Tag.«

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine Ruhestätte zu finden« Das erste Haus, dessen Thüre sie öffneten, war ja ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich darin vor. In Ermangelung besseren Futters mußte das Pferd sich mit diesem begnügen. Von dem noch nicht erschöpften Proviant aus der Kibitka erhielt jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand hängenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flämmchen einer Lampe beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mädchen bald ein, während Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen wachte.

Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jeniseï.

Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluß überschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fähren zerstört hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzögern? Er kannte den Jeniseï, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die beträchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen den Inseln in seinem Bette. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verlangt die Ueberschreitung des Jeniseï mittels besonderer für den Transport von Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fahren eine Zeit von drei Stunden, und dabei erreichen diese Fährboote das rechte Ufer nur unter dem Aufwände der größten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?

»Und ich muß doch hinüber kommen!« sagte sich Michael Strogoff wiederholt.

Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das Uferland etwa hundert Fuß über der Wasserfläche, so daß diese bis auf weite Entfernung hin zu übersehen ist.

»Entdeckt Ihr eine Fähre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen, eine Folge früher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als könne er selbst noch sehen.

– Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so dichter Dunst, daß man kaum das Wasser zu sehen vermag.

– Doch ich höre das Rauschen der Wellen«, setzte Michael Strogoff noch hinzu.

Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf einander treffenden Strömungen und Gegenströmungen herauf. Das zu dieser Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne über den Horizont empor und ihre ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dünste weg.

»Nun? fragte Michael Strogoff.

– Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon durchdringt ihn allmälig das Licht des Tages.

– Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?

– Bis jetzt noch nicht.

– Etwas Geduld, Väterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da, es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben. Schon zeigen die hohen Hügel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehäuften Wasserdünste. O, wie schön das ist, Du armer Blinder, und welches Unglück für Dich, dies prächtige Schauspiel nicht genießen zu können!

– Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.

– Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.

– Sieh scharf hinaus, Freund, längs dieses Ufers und längs des anderen, soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus Baumrinde!«

Nicolaus und Nadia, die sich an den äußersten Birkenstämmen des steilen Ufers anhielten, bogen sich fast bis über den Fluß hinaus. Ihr Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jeniseï ist an dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei ungleich große Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin schießen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hügel des östlichen Ufers, gekrönt mit Wäldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem Morgenlichte flammten. Stromaufwärts und stromabwärts erstreckte sich der Lauf des Jeniseï bis über Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schöne Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fünfzig Werst.

Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau einer Schiffbrücke nicht selbst von Süden hierher, so mußte ihr Zug auf Irkutsk durch den schwer überschreitbaren Jeniseï eine nicht unbeträchtliche Verzögerung erfahren.

»Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Häusern von Krasnojarsk. Dort legten die Fähren an. Laß uns den Fluß hinauf ziehen, Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden ist.«

Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff Michael Strogoff’s Hand und führte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine Barke, nur ein hinreichend großes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen, und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren überzuführen, – und Michael Strogoff würde keinen Augenblick gezögert haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.

Zwanzig Minuten später hatten alle drei die beschränkte Landungsstelle erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Häuser bis an das Niveau des Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschließender kleiner Vorort.

Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein für drei Personen hinreichendes Floß hätte herstellen lassen.

Michael Strogoff befragte Nadia über den Befund, und diese gab leider die wenig trostreiche Antwort, daß ihr unter den gegebenen Verhältnissen eine Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmöglich scheine.

»Wir kommen hinüber«, erklärte Michael Strogoff.

Die Nachsuchungen begannen auf’s Neue. Man durchstöberte die an dem Abhange gelegenen Gebäude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der eigentlichen Stadt. Höchstens die Thüren hätte man dort ausheben können. Es waren übrigens nur vollkommen leere Hütten ärmerer Leute. Nicolaus sah sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande, der ihm jetzt hätte von Nutzen sein können.

Nicolaus und das junge Mädchen hatten sich vergeblich in den Hütten umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie ihre Namen rufen hörten.

Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der Schwelle einer Hausthür.

»Kommt hierher!« rief dieser.

Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Hüttchen ein.

»Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berührte mit der Hand verschiedene in einer Art Speisegewölbe liegende Gegenstände.

– Das sind Schläuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles halbes Dutzend.

– Sind sie gefüllt?

– Ja wohl, mit Kumiß, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant zu erneuern.«

Der »Kumiß« ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes stärkendes, sogar berauschendes Getränk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses Fundes zu freuen.

»Leg‘ einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort alle übrigen.

– Sogleich, Väterchen.

– Diese sollen uns den Jeniseï überschreiten helfen.

– Und das Floß?

– Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser Schläuche halten.

– Gut ausgedacht, Väterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden wir glücklich den Hafen erreichen … vielleicht nicht in gerader Linie, denn die Strömung ist sehr stark.

– Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Laß uns nur erst hinüber kommen, die Straße nach Irkutsk finden wir schon wieder.

– An’s Werk also«, sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schläuche zu entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.

Nur ein mit Kumiß gefüllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft aufgeblasen und sorgfältig verschlossen, sollten als schwimmende Träger dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses über Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka zwischen den Rädern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floß benutzen zu können.

Diese Arbeit war bald vollendet.

»Du wirst Dich doch nicht fürchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.

– Nein, Bruder, erwiderte das junge Mädchen.

– Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfüllung meiner Träume, gleich in der Kutsche zu schwimmen.«

Das hier sanfter geneigte Ufer begünstigte den Stapellauf (wenn man so sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.

Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die Fußbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener Schläuche, das Wasser kaum bis an die Knöchel.

Michael Strogoff führte die Zügel des Pferdes und lenkte es, nach den Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So lange die Kibitka sich direct mit der Strömung bewegte, ging Alles ganz gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der Hand, daß sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwärts von der Stadt erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.

Die Fahrt über den Jeniseï wäre nun, trotz der sehr mangelhaften Hilfsmittel, ohne zu große Schwierigkeit ausgeführt worden, wenn sich die Strömung in ihren gewöhnlichen, regelrechten Verhältnissen bewegt hätte. Unglücklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberfläche des schäumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller Anstrengungen Michael Strogoff’s, sie in einer andern Linie zu erhalten, unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.

Die Gefahr war groß. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem östlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch den Kopf über dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt zu werden. Auch Sersko hatte einen Stützpunkt an der Kibitka suchen müssen.

Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fühlte sich in einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu wollen, um sie leichter zu vermeiden – sie konnten es nicht!

Auch Nadia schwieg. Ihre Hände klammerten sich krampfhaft an das Gerüst des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.

Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth für ihn und galt es ihm, nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, »wie eine Hotelwohnung für fünf Tage«, die man wohl oder übel am sechsten Tage räumen muß? Jedenfalls zeigte sein immer lächelndes Gesicht keine Spur einer Veränderung.

Die Kibitka verblieb also in dem reißenden Strudel und das Pferd stand am Ende seiner Kräfte. Plötzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstücke, die ihm hinderlich sein konnten, ab und stürzte sich in das Wasser; dann ergriff er mit mächtigem Arme den Zügel des halb scheu gewordenen Pferdes und riß es so mächtig fort, daß es sich bis über den anziehenden Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die geordnete Strömung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.

»Hurrah!« rief Nicolaus.

Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka den größeren Arm des Stromes überschritten und landete, freilich sechs Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.

Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren Thiere gern eine Stunde Ruhe gegönnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter dem schützenden Dache prächtiger Birken quer über das ganze Eiland und langte an dem schmäleren Arme des Jeniseï an.

Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so schnelle, daß die Kibitka das rechte Ufer erst fünf Werst stromabwärts erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.

Diese großen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch nirgends überbrückt sind, bilden überall sehr fühlbare Hindernisse der Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fähre, welche ihn und Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen. Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig am glücklichsten ab.

»Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche Schwierigkeiten geboten hätte.

– Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!«

Achtes Capitel

Achtes Capitel

Ein Hase, der über den Weg läuft

Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, daß die Straße bis nach Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurückgehaltenen Tartaren gewiß weit überholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen, fanden sie da nur eine verlassene Stadt und außerdem keinerlei Hilfsmittel zur Ueberschreitung des Jeniseï. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer anzubringende Schiffsbrücke schlagen mußte, um sich einen Uebergang herzustellen.

Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in Omsk fühlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte hoffen, daß sich kein neues Hinderniß zwischen ihm und seinem Ziel erheben werde.

Die Kibitka rollte nun schräg nach Südosten und traf nach einem Wege von etwa fünfzehn Werst wieder auf die lange Straße durch die Steppe.

Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Straße zwischen Krasnojarsk und Irkutsk wird sogar für den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stöße durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schützte die Reisenden vor den Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wälder von Fichten und Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken und Dörfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum grüßten Theil einen slawischen Typus zeigen. Rings gähnte eine Wüste und, wie wir wissen, eine künstliche Wüste auf Befehl der Regierung.

Das Wetter hielt sich schön; bei den schon kühleren Nächten aber erwärmte sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rückten die ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite gelegenen Gegend verkürzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns über dem Horizont. Der Herbst währt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des sibirischen Gebietes nicht über dem 55. Grade der Breite, also etwa so hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des asiatischen Rußlands auch auf, wenn man bedenkt, daß sie das Quecksilber im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei ungefähr 42° unter Null geschieht) und man eine Temperatur von 20° für eine ganz erträgliche hält.

Die Witterung begünstigte also die Reisenden; sie war weder stürmisch noch regnerisch, die Hitze nur mäßig, die Nächte frisch. Nadia’s und Michael Strogoffs Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus Tomsk hatten sie fast alle früheren Beschwerden vergessen.

Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.

Ihm galt diese Reise für einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfüllte.

»Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwölf Stunden des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator (der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen Zeichen gegeben werden) zu arbeiten.«

Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermögen, daß er das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er ihm anvertraut, daß Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk verbannten Vater aufzusuchen, und daß sie große Eile hätten, dahin zu kommen. Natürlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fünfzehn Werst genügend Ruhe gegönnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst zurücklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kräften und schon seiner Race nach für längere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter fehlte es ihm längs der Straße nicht, überall sproßte fettes, frisches Gras fast im Ueberfluß. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum wohl zumuthen.

Nicolaus fügte sich diesen Gründen. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute, welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe. Nichts erschien ihm rührender. Mit zufriedenem Lächeln sagte er auch zu Nadia:

»Himmlische Güte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange öffnen. Wenn ich bis Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu sein? Ja, nicht wahr?«

Dann schlug er sich vor die Stirn.

»Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, daß sein armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und Schmerz doch immer!«

Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwärts und legte, Michael Strogoff’s Rechnung nach, zehn bis zwölf Werst in der Stunde zurück.

Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaïsk, achtzig Werst von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaïsk.

Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung von fünfunddreißig Werst Kamsk, einen größeren Ort, den der gleichnamige Fluß, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des Jeniseï, bespült. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen großen Platz errichtete Gruppe von hölzernen Häusern; über diese hinaus ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz hell in der Sonne funkelte.

Die Häuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt; kein Pferd in den Ställen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen. Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört.

Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens Beschäftigung zu suchen.

Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders verzögert werden.

Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen nicht versäumt, »ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde«. Nach stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng beobachtet werden.

Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.

Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend »Pogatchas«, das ist eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.

Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem Großfürsten zu erscheinen.

Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreißig Schritt vor der Kibitka, über den Weg.

»O weh! rief Nicolaus.

– Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche das geringste Geräusch erregt.

– Siehst Du nicht« … antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich plötzlich verdüstert hatte.

Doch er unterbrach sich.

»Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut für Dich, Väterchen.

– Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.

– Desto besser, desto besser! Aber ich … ich sah …

– Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.

– Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!« antwortete Nicolaus.

Wenn ein Hase Jemand über den Weg läuft, so hält das der Volksglaube in Rußland allgemein für das Vorzeichen eines drohenden Unglücks.

Abergläubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.

Michael Strogoff verstand recht gut das Zögern seines Gefährten, obgleich er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezüglich des vorüberlaufenden Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.

»O, deshalb ist nichts zu fürchten, Freund, sagte er.

– Für Dich nichts, für sie auch nicht, Väterchen, das weiß ich, erwiderte Nicolaus, wohl aber für mich!«

Dann fuhr er fort:

»Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!«

Er trieb das Pferd wieder an.

Trotz des unglücklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede Störung.

Am nächsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.

Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer, wie sie die sibirischen Jäger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte selbst das andere.

Die Kibitka befand sich nun noch fünfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk entfernt.

Während dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frühere gute Laune wiederfinden können. Das üble Vorzeichen hatte ihn tiefer berührt, als man hatte glauben sollen, und wenn er früher fast unaufhörlich plauderte, so verfiel er jetzt manchmal in so düsteres Schweigen, daß Nadia Mühe hatte, ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen abergläubischen Vorfahren die düstere hyperboräische Mythologie herrührt.

Von Jekaterinenburg aus verläuft die Straße nach Irkutsk fast stets parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich herab nach Südosten, so daß sie den 100. Meridian schief durchschneidet. Sie hält nun die kürzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und wendet sich über den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge stellt selbst nur einen Vorwall der großen Altaïkette dar, welche mau hier schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.

Die Kibitka eilte also auf dieser Straße hin. Ja, sie eilte. Man fühlte recht wohl, daß Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu schonen, und daß er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr für sicher, als in den Mauern von Irkutsk. Gewiß hätten viele Russen dieselbe Empfindung gehabt, und nicht wenige von ihnen hätten wohl gar das Pferd gewendet, um die Stelle nicht zu überschreiten, an der ihnen ein Hase über den Weg gelaufen war!

Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich Nadia überzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien es allerdings möglich, daß die Reihe der ihnen bevorstehenden Prüfungen noch immer nicht abgeschlossen sei.

Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht sonderlich verändert, hier aber trugen die Wälder Spuren von Zerstörungen durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Straße waren verwüstet, und es lag auf der Hand, daß daselbst eine bedeutende Truppenmacht vorüber gekommen sein mußte.

Dreißig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings stattgefundenen Zerstörung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von der Hand der Tartaren herrühren konnte.

Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde zertreten, die Wälder von der Axt des Holzhauers gefällt. Die in weiten Zwischenräumen längs der Straße verstreuten Häuser standen nicht nur leer, nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstört. Die Wände verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.

Michael Strogoff’s Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es schwand ihm jeder Zweifel, daß ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf dieser Straße gehaust hatte, und doch konnten das unmöglich Soldaten des Emirs gewesen sein, denn sie hätten ihn, wenn sie den Wagen einholten, ganz bestimmt treffen müssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstraße nach Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren noch entgegen?

Michael Strogoff theilte seine Befürchtungen weder Nadia, noch Nicolaus mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht überhaupt unnöthig zu beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen, so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniß aufhielt. Dann wollte er sehen, was sich noch thun ließe.

Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten verdächtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter. Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Häuser, die gewiß erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezündet worden waren.

Am 8. September endlich stand die Kibitka plötzlich still; das Pferd scheute zurück. Sersko bellte Klagelaute.

»Was giebt es, fragte Michael Strogoff.

– Hier liegt ein Leichnam!« antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen sprang.

Es war der Körper eines gräßlich verstümmelten Mujiks.

Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff’s Hilfe schleppte er den Todten nach der Böschung der Straße. Er gedachte ihn auch ordentlich zu begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe von den Resten dieses Körpers abzuhalten, doch Michael Strogoff ließ ihm nicht die Zeit dazu.

»Vorwärts, Freund, rief er, vorwärts, wir dürfen uns auch nicht eine Stunde aufhalten.«

Die Kibitka setzte ihren Weg fort.

Hätte Nicolaus übrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten, die letzte Ehre erweisen wollen, er wäre nimmer fertig geworden. Mehr in der Nähe von Nishny-Udinsk fand man die Körper der Ermordeten zu Fünfzigen auf der Erde liegend.

Dennoch mußte man diesem Wege so lange folgen, als es ausführbar war, ohne den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverändert beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstörung mit jedem Dorfe mehrten.

Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gründung durch verbannte Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwüstung und Plünderung ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet. Wie es überhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniß gekommen war, das konnte Niemand erklären, da sich keine lebende Seele fand, die es hätte sagen können.

An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte die hohen Thürme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wälzten sich dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrührten.

Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluß mußte gefaßt werden. War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren, hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es, sie um jeden Preis zu umgehen.

»Laßt uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber jedenfalls vorsichtig.«

Noch eine Werst wurde zurückgelegt.

»Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder, man zündet dort die Stadt an!«

Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die Dunstmassen züngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf und wälzte sich gen Himmel. Einen Flüchtling sah man aber nicht. Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der Zerstörung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese Verwüstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf höheren Befehl? Lag es in der Absicht der Regierung des Czaaren, daß keine Stadt, kein Flecken vom Jeniseï und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun zurückbleiben oder seinen Weg fortsetzen?

Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gründlicher Erwägung des Für und Wider hielt er es aber doch für das Wichtigste, selbst um den Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in die Hände zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Straße zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben zurückzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuß krachte. Eine Kugel pfiff herüber, und zu Tode getroffen stürzte das Pferd der Kibitka zusammen.

Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Straße und umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach Nishny-Udinsk abgeführt.

Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine Kaltblütigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm auch unmöglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Hätte er seine Augen gebrauchen können, er würde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu einem schrecklichen Blutvergießen geführt hätte. Doch wenn er nichts sah, so konnte er doch hören und verstehen, was Jene sagten.

An ihrer Sprache erkannte er, daß diese Soldaten Tartaren waren, und an ihren Worten, daß sie der Armee der Feinde vorausschwärmten.

Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt führten, und aus einigen Brocken ihrer späteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:

Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch immer hinter dem Jeniseï zurückgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan’s nächstens in der Nähe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.

Auf Iwan Ogareff’s Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des Einfalls in die östlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der Grenze des Gouvernements Semipalatinsk längs der Südküste des Balkhachsee’s und dem Fuße des Altaïgebirges hingeschlichen. Geführt von einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den oberen Lauf des Jeniseï. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch den Czaaren getroffenen Maßregeln zur Erleichterung des Uebergangs der Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche entweder als solche oder als Brückenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jeniseï herabgezogen und hatte die Straße nach Irkutsk erst in der Nähe von Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklärte sich die Anhäufung von Ruinen jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegführung dieser Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren, in einer Gesammtstärke von 50 000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemächtigen. In kurzer Zeit sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.

So lagen die Dinge zu jener Zeit, – gewiß eine gefährliche Lage für den vollständig isolirten Theil des östlichen Sibiriens und für die verhältnißmäßig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.

Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs und Iwan Ogareff’s mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine Frage der Zeit.

Welche Gedanken bestürmten hierbei Michael Strogoff! Wer würde erstaunen, wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder die Worte:

»Ich werde dennoch ankommen!«

Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben die letzten Marodeure verließen, sollten sie nicht bleiben.

Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt. Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschüttert in ihrem Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar äußerlich gleichgiltig, aber immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit böte.

Den Tartaren entging es keineswegs, daß einer ihrer Gefangenen blind war, und ihre natürliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen Unglücklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte. Michael Strogoff’s Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte öfters Seitensprünge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mädchens brachen und Nicolaus empörten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der Tartaren war ihnen nicht geläufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch zurückgewiesen.

Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den Gedanken, Michael Strogoff’s Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der Reiter, den Michael Strogoff sagen hörte:

»Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!«

Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Dörfern Tatan und Chibarlinskoë. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd gesetzt, dessen Zügel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch Peitschenschläge, Steinwürfe und lautes Schreien in Galop.

Das blinde Pferd stieß, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und Stößen wieder zurück.

Michael Strogoff widersprach nicht. Er ließ keine Klage hören. Stürzte sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Füße brachte. Das geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.

Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht mehr zurückhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt ihn zurück und mißhandelte ihn.

Gewiß hätte dieses Spiel noch lange Zeit zum größten Ergötzen der Tartaren fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.

Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuß tiefe Schlucht neben der Straße zu.

Nicolaus wollte ihm nach, – man hielt ihn zurück. Das führerlose blinde Pferd stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe.

Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mußten glauben, daß ihr unglücklicher Gefährte bei diesem Fall zerschmettert sei.

Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff außer dem Sattel und unverwundet, während das Pferd zwei Füße gebrochen hatte und völlig dienstuntauglich geworden war.

Man ließ es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoß zu geben, und band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so daß er dem Detachement zu Fuße folgen mußte.

Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen Schrittes, so daß sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum anspannte. Er blieb immer »der Mann von Eisen«, von dem General Kissoff dem Czaaren gesprochen hatte.

Am nächsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken Chibarlinskoë.

Hier trug sich ein Ereigniß zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.

Die Nacht war gekommen. Während einer Stunde der Rast hatten die tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt wieder aufbrechen.

Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.

Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber Nicolaus hatte diesen für ihn gesehen.

Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu überlegen und ohne sich von seiner That Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoß sie dem Tartaren mitten auf die Brust ab.

Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses herzugelaufen.

Die Reiter wollten den unglücklichen Nicolaus erwürgen, doch auf ein Zeichen des Officiers begnügte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.

Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb durchnagt sein mochte, riß bei der unerwartet heftigen Bewegung des Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus, ohne es nur gewahr zu werden.

Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstraße.

Neuntes Capitel

Neuntes Capitel

In der Steppe

Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.

Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.

Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.

Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.

»Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!«

Michael Strogoff erwiderte nichts.

»Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?«

Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?

Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:

»Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:

– Nach Irkutsk.

– Auf der großen Landstraße?

– Ja, Nadia.«

Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.

Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.

Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus‘ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.

Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere »Sukharis« (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.

Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch‘ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.

Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.

»Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.

– O nein, antwortete sie.

– Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.

– Ja wohl, Michael.«

Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.

Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.

So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.

Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.

Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.

Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.

Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.

Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.

Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzustoßen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.

Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:

»Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?«

Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?

»Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.«

Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.

»Der ich immer hatte bleiben sollen«, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.

Nach einer Pause fügte er dann hinzu:

»Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.

– Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.

– Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!

– Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.

– Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.

– Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.

– Sprich, Nadia!

– Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?«

Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.

»Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?

– Nein, er war mir unbekannt.

– Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?

– Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!

– Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?

– Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.

– Auch jetzt noch?

– Auch jetzt, und es wird mir gelingen!«

Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.

Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.

Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:

»Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!«

Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.

So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.

Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.

Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.

Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten, daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.

Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.

Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:

»Geh‘, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh‘ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag‘ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh‘ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr! …«

Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.

Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.

Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.

Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.

»Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.

– Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?

– Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?

– Komm, Michael!« lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.

In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.

Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.

Aus der Steppe her ertönte Gebell.

»Hörst Du das?« fragte Nadia.

Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.

»Nicolaus! Nicolaus!« rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.

Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.

»Komm, Michael, komm!« bat Nadia.

Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.

»Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.

– Ja, es muß sein! … erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.«

Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.

Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.

Nadia blieb stehen.

»Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.

– Nicolaus!« rief das junge Mädchen. Keine Antwort ließ sich vernehmen.

Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.

Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.

Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.

»Michael!« verstanden sie deutlich.

Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.

Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.

Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.

Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.

Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.

Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.

Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.

»Da … da!« rief sie.

Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.

Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.

Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht!

Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!

… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.

Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.

Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.

Nicolaus‘ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.

Er erkannte Michael und Nadia.

»Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich! …«

Das waren seine letzten Worte.

Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.

Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.

Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.

Michael Strogoff horchte.

Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.

»Nadia, Nadia!« sagte er heimlich.

Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.

»Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.

– Ah, die Tartaren!« flüsterte sie.

Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.

»Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen«, sagte Michael Strogoff.

Schweigend setzte er seine Arbeit fort.

Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.

»Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!«

Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.

»Vorwärts, Nadia!« sagte er.

Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.

Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.

Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.

Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.

Er stand am Baïkalsee.