Zwölftes Capitel

Zwölftes Capitel

Eine Herausforderung

Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.

Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.

In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.

Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen, das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.

Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.

Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.

Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.

Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.

Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.

»Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.

– Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.

– Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ….

– Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.«

Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.

Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.

Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.

Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!

Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.

Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.

Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.

So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietsteile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.

Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.

Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.

Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister au, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, »als und mit russischen Adlern«. Eine russische Geldmünze im Werthe von 5 Rubeln.

Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.

Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:

»Welche junge Liefländerin?«

– Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.

– Das ist seine Schwester?

– Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. – Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?

– Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!« antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.

Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.

Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernsten Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.

Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.

Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.

Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.

Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.

Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.

Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10 000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.

Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.

Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.

Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.

Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.

Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.

Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.

Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den seinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.

Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.

Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.

Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.

Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.

Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.

Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.

Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.

Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.

Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:

»Anhalten!«

Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.

Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.

Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.

Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.

Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.

Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.

Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.

Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.

Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.

Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.

Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.

»Gut«, erwiderte er.

Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.

»Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.

– Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?

– Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.

– Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?

– Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.

– Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.

– Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.

– Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.

– Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.«

Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.

Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.

Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.

»Pferde!« rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.

– Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.

– Ich brauche solche aber im Augenblick.

– Es ist unmöglich.

– Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?

– Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.

– So spanne man sie wieder ab! …« sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.

Michael Strogoff trat einen Schritt vor. »Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.

– Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.

– Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar«, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.

Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.

»Genug der Worte!« versetzte der fremde Reisende.

Dann wandte er sich an den Postmeister:

»Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.«

In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.

Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.

Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.

»Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben«, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.

Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: »Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?

– Gewiß, antwortete Michael Strogoff.

– Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!«

Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.

Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.

Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.

»Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.

– Du wirst Dich nicht schlagen?

– Nein.

– Auch hiernach nicht?« schrie der Reisende.

Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.

Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes. Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen! … Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern! … Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!

»Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.

– Die Pferde für mich! Und augenblicklich!« herrschte Jener.

Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.

Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.

Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:

»Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.«

Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.

Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.

Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.

Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.

Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.

»Deine Hand, Bruder!« redete sie ihn an.

Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.

Dreizehntes Capitel

Dreizehntes Capitel

Die Pflicht über Alles!

Nadia hatte es durchschaut, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die Handlungsweise Michael Strogoff’s bestimmte, daß dieser, aus welchem Grunde wußte sie nicht, sich nicht selbst angehörte, nicht das Recht hatte, über seine Person zu verfügen, und daß er unter diesen Umständen sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenüber einer so frechen, tödtlichen Beleidigung.

Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklärung zu beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden Morgen nicht zu beschaffen; man mußte demnach die ganze Nacht auf dem Relais zubringen. Für Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so nöthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewähren. Es wurde für sie also ein Zimmer zurecht gemacht.

Gewiß wäre das junge Mädchen lieber bei ihrem Reisegefährten geblieben, aber sie fühlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte sich an, das für sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.

Unmöglich war es ihr aber, sich zurück zu ziehen, ohne sich von Jenem wenigstens zu verabschieden.

»Lieber Bruder …«, flüsterte sie noch einmal.

Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens, und schweigend verließ sie das Zimmer.

Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er hätte unmöglich Schlaf finden können. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.

»Für das Vaterland und für dessen Vater!« murmelte er endlich am Schlusse eines stillen Abendgebetes.

Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der Mann sein möge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er käme, wohin er ginge. Die Gesichtszüge desselben hatten sich seinem Gedächtniß so tief eingeprägt, daß er nie zu befürchten brauchte, dieselben zu vergessen.

Michael Strogoff ließ den Postmeister rufen.

Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann etwas über die Achsel an und erwartete dessen Begehren.

»Du bist selbst aus diesem Lande?

– Ja.

– Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?

– Nein.

– Du hast ihn nie vorher gesehen?

– Niemals.

– Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?

– Ein großer Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiß!«

Wie ein Dolchstoß traf Michael Strogoff’s Blick den Sibirier bis in’s Herz, aber der Postmeister rührte die Augenlider nicht.

»Du unterstehst Dich, über mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.

– Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.

– Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?

– Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage, Dir das sagen zu können.«

Michael Strogoff näherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden wuchtigen Hände auf die Schultern.

Dann sagte er mit besonders gemäßigter Stimme:

»Geh‘ Deines Weges, guter Freund! – Geh‘, ich könnte Dich umbringen!«

Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht mißverstanden. »So sehe ich Dich lieber«, sagte er noch halblaut.

Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wartesaal.

Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantaß Morgens acht Uhr mit drei muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz, und Ischim, für Beide eine Stadt mit so betrübender Erinnerung, verschwand bald hinter einer Biegung der Straße.

Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages berührte, konnte er sich überzeugen, daß die Berline ihm immerfort auf dem Wege nach Irkutsk vorausfuhr und daß der Reisende, der es offenbar ebenso eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.

Gegen vier Uhr Abends mußte, fünfundsiebzig Werst weiter, bei der Station Abatskaja, der Ischimfluß, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch, überschritten werden.

Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene über den Tobol. Die Strömung des Ischim ist nämlich gerade an dieser Stelle eine besonders heftige. Während des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflüsse, welche der Frost mit mehrere Fuß dickem Eise belegt, leicht zu passiren; ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weißen Decke, welche sich über die ganze Hälfte des größten Erdtheils lagert; im Sommer können sie dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt über den Ischim hin, – zwei Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.

Diese lauteten etwa folgendermaßen:

Einzelne Plänkler von Feofar-Khan’s Truppen waren schon an beiden Ufern des unteren Ischim, in den südlichen Landstrichen des Gouvernements Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der Grenze des Gebietes der großen Kirghisenhorde, – ein Treffen, das für die auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rückzug, der gleichzeitig eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansässigen Bauern zur Folge hatte. Man erzählte sich von haarsträubenden Frevelthaten der Eindringlinge, von Plünderungen, Diebstählen, Brandstiftungen und Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegführung der Tartaren. Von allen Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan’s zu entfliehen. Bei dieser Entvölkerung der Flecken und Dörfer fürchtete Michael Strogoff vor Allem, daß es ihm an den nöthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen könne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mögliche Weise. Jenseits dieser Stadt schien es eher möglich, den tartarischen Plänklern, die längs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie Straße nach Irkutsk zu erreichen.

Der Tarantaß überschritt den Fluß übrigens gerade am Ende der Stelle, welche man in der Militärsprache als »die Ischimsperre« bezeichnet, eine Reihe von hölzernen Thürmen und Fortificationsanlagen, die sich von der südlichen Grenze Sibiriens in einer Länge von 400 Werst (= 427 Kilometer) nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhäuser u. s. w. von Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die moskowitische Regierung diese Horden aber für vollständig unterworfen hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nützen, obschon sie gerade jetzt hätten recht vortheilhaft vertheidigt werden können. Der größte Theil dieser Blockhäuser lag in Asche, und einige Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten, bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annäherung der tartarischen Vorhut.

Sobald die Fähre den Tarantaß nebst Bespannung an das rechte Flußufer befördert hatte, ward der Weg durch die Steppe in möglichster Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.

Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmäßig verschleiert. Wiederholt fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu löschen und den Weg eher zu bessern.

Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trübem Schweigen, ohne daß er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor, Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast möglichst zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage über des jungen Mädchens Lippen kam. Wie gern hätte sie den Pferden des Tarantaß Flügel verliehen! Ein unbekanntes Etwas rief ihr zu, daß ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe, in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie jetzt noch von diesem Ziele!

In ihr stieg auch der Gedanke auf, daß bei einer Besetzung von Omsk durch die Tartaren Michael Strogoff’s alte Mutter, welche ja in dieser Stadt wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf’s schmerzlichste beunruhigen mußten, und daß hierin wohl ein hinreichender Erklärungsgrund zu finden sei für seine Ungeduld, möglichst schnell bei ihr einzutreffen.

Nadia hielt es also für gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so ernsthaften Ereignisse befand.

»Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine Nachricht erhalten? fragte sie.

– Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei Monaten, dieser enthielt jedoch nur günstige Nachrichten. Marfa ist eine energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiß sich auch in mißliche Umstände zu schicken.

– Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mädchen. Da Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa’s Tochter!«

Michael Strogoff antwortete nicht sofort. »Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen können? fügte sie hinzu.

– Das ist wohl möglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe sogar, daß es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die alte Marfa ist von Haß gegen die Tartaren erfüllt. Sie kennt die Steppe, sie hat keine Furcht, und ich wünschte, sie hätte ihren Stab ergriffen und wäre längs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es keinen Ort, der ihr unbekannt wäre. Wie oft hat sie das ganze Land an der Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzügen durch die sibirische Wüstenei! Gewiß, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glücklich verlassen haben.

– Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?

– Jedenfalls … auf der Rückreise.

– Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wäre, wirst Du ein Stündchen opfern, sie zu umarmen?

– Ich werde nicht erst zu ihr gehen.

– Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?

– Nein, Nadia. ..! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mühsam hob und der wohl einsah, daß er die Fragen des jungen Mädchens noch weiter zu beantworten nicht im Stande sei.

– Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen könnten Dich, wenn Deine Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?

– Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gründen meiner Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veränderten Stimme, daß das junge Mädchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der Ursachen, die mich meinen Zorn überwinden ließen gegenüber jenem Elenden, dessen ….«

Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.

»Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu. Ich weiß nur Eines, oder vielmehr ich weiß es nicht, aber ich fühle es, daß jetzt nur ein Gefühl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefühl einer noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter bindet!«

Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespräch, welches zu der gegenwärtigen eigenthümlichen Lage Michael Strogoff’s irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniß, gewiß ein wichtiges, vor. Sie achtete es aufrichtig.

Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantaß um drei Uhr früh bei dem Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am Ischim gegen 120 Werst zurückgelegt hatte.

Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indeß erhob hier zum ersten Male der Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, daß Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und daß Reisende, Pferde und Wagen für jenes Raubgesindel eine erwünschte Beute sein würden.

Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender Münze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fällen wollte er von seinem Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen übermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen Russen lenkte sich dadurch, daß er von der Befolgung der in jenem enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden suchte. Sollten die ausgesprochenen Befürchtungen des Jemschiks vielleicht nur daher rühren, daß der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des Reisenden gründete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer zu befürchten?

Endlich fuhr der Tarantaß ab und bewegte sich mit einer solchen Schnelligkeit weiter, daß er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoë, in einer Entfernung von 80 Werst, glücklich erreichte. Eine Stunde später befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20 Werst entfernt.

Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen Hauptarterien, die ihre Wasser nach dem Norden Asiens hinabrollen. Entsprungen in den Altaïbergen, wendet er sich schräg von Südosten nach Nordwesten und mündet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in, den Obi ein.

Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Ströme der sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein ungewöhnlich hoher, so daß die heftige, fast reißende Strömung die Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste Schwimmer hätte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst eine Fähre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt über den Irtysch, bot jetzt einige Gefahren.

Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide entschlossen waren, all‘ und jedem Hinderniß ohne Besinnen zu trotzen.

Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den Vorschlag, erst allein über den Fluß zu gehen, indem er sich auf der mit dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fähre einschiffen wollte, denn er fürchtete, daß das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fähre einigermaßen in Frage stellen könne. Nachdem er Pferde und Wagen am jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurückkehren, um Nadia abzuholen.

Nadia verweigerte diese Rücksichtnahme, welche eine volle Stunde Zeitverlust veranlaßt hätte, und sie wollte um ihrer persönlichen Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzögerung sein.

Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand jetzt theilweise unter Wasser und die Fähre konnte in Folge dessen nicht so nahe anlegen.

Nach halbstündiger Anstrengung brachte der Fährmann den Tarantaß und die drei Pferde glücklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und der Jemschik schifften sich ein, und man stieß nun vom Ufer.

Während der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete hier eine Art Wirbel, welchen die Fähre leicht überwand. Die beiden Schiffer stießen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr geschickt bedienten, vorwärts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes näherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so daß von den Stangen kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuß aus dem Wasser, was die Arbeit der Leute natürlich nicht wenig erschwerte.

Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fähre Platz genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzögerung zu erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsführer.

»Achtung!« rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.

Diesen Zuruf veranlaßte eine unerwartete Wendung der Fähre, welche mit großer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strömung des Flusses ergriffen und von dieser stromabwärts mit fortgerissen. Es handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die Fähre wieder in schräge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu bringen. Die Bootsführer ließen nichts unversucht, und es gelang ihnen, wenn auch mit einiger Mühe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu verändern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.

Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, daß das Fährboot fünf bis sechs Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen würde, was ja nicht von zu großer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glücklich das Land erreichten.

Die beiden Bootsführer, kräftige Männer, welche noch das Versprechen eines reichlichen Fährgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten Zweifel in das glückliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.

Dabei ließen sie freilich einen Zwischenfall außer Acht, den sie unmöglich voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick hätten eben gegen diesen etwas auszurichten vermocht.

Die Fähre befand sich inmitten der Strömung, etwa in gleicher Entfernung von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der Stunde mit jener thalabwärts, als Michael Strogoff sich erhob und mit gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwärts richtete.

Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerüstet waren.

Auf Michael Strogoff’s Stirn bildeten sich plötzlich einige Falten und ein leiser Schrei kam unwillkürlich über seine Lippen.

»Was giebt es?« fragte das junge Mädchen.

Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der Bootsführer mit erschrockener Stimme:

»Die Tartaren! Die Tartaren!«

Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in größter Schnelligkeit hinab und mußten binnen wenigen Minuten die Fähre erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug entweichen zu können.

Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fährleute verzweifelt auf und verließen ihre Bootshaken.

»Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fünfzig Rubel sind euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels erreichen!«

Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmüthigen Fährleute so weit, daß sie mit dem Aufgebot aller Kräfte die scharfe Strömung zu durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmöglichkeit, vor Ankunft der Tartaren zu landen.

Würden diese nun vorüberfahren, ohne die Fähre und ihre Insassen zu belästigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen Barbaren Alles zu fürchten.

»Hab‘ keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor auf Alles!

– Ich bin es, antwortete Nadia.

– Selbst Dich in den Fluß zu stürzen, wenn ich es verlangte?

– Auf Dein erstes Wort.

– Vertraue mir, Nadia.

– Ich vertraue Dir stets.«

Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.

Die Fähre befand sich jetzt noch zwei Schiffslängen weit vom Ufer. Die Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit übermenschlicher Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantaß noch auszuschiffen und im Galop davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht berittenen Tartaren zu entgehen.

Aber alle Mühe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!

»Sarin na kitschu!« riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.

Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.

Und da weder er selbst noch die Bootsführer diesem Befehle gehorchten, knatterte eine kräftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tödtlich getroffen wurden.

Da – in diesem Augenblick, – folgte auch ein heftiger Stoß: die Barken waren an der Langseite der Fähre angelangt.

»Komm, Nadia!« rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr über Bord zu stürzen.

Eben wollte das junge Mädchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von einem Lanzenstoße getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riß ihn mit weg; einen Augenblick noch kämpften seine Arme über den Fluthen, dann verschwand er unter den wirbelnden Wellen.

Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann, sich Michael Strogoff nachzustürzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und in eines der Boote gefangen gesetzt.

Einen Augenblick nachher fielen die Bootsführer, von Lanzenstichen durchbohrt, und die Fähre trieb steuerlos weiter, während die Tartaren den Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.

Viertes Capitel

Viertes Capitel

Von Moskau nach Nishny-Nowgorod

Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk zurückzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der Ostküste Sibiriens überspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte die Reise durch das asiatische Rußland gewöhnlich vier bis fünf Wochen, obwohl alle Beförderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfügung gestellt wurden.

Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fürchtete, hätte es Michael Strogoff vorgezogen, während der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurückzulegen. Dann sind alle Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kämpfen hat, bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte Eisfläche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet. Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen zu fürchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kälte, lange andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, daß von Hunger gequälte Wölfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer wäre es noch besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch‘ hartem Winter mußten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den Städten aufhalten, ihre Marodeure hätten die Steppen nicht unsicher gemacht, jede Truppenbewegung wäre unausführbar gewesen und Michael Strogoff leichter hindurch gekommen. Indeß er konnte weder Zeit noch Stunde selbst wählen. Wie auch die Umstände lagen, er mußte sie hinnehmen und abreisen.

Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar überschaute, und er richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.

Dazu kamen ihm nicht die gewöhnlichen Verhältnisse eines Couriers des Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand während seiner Fahrt diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden überschwemmten Lande wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe einhändigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Möglichkeit erleichtern mußte, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der Bezeichnung: »Specialdienst des Kaisers«, das Sesam, dessen Kräfte nie versagen. Er begnügte sich, ihm nur einen »Podaroshna« auszustellen.

Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben enthielt er die ausdrückliche Bemerkung, daß er selbst dann giltig sei, wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus Rußland verbieten sollte.

Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnißschein, Postpferde zu requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezüglich seiner Eigenschaft hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europäischem Boden befand. Hieraus folgte, daß er in Sibirien, wenn er die aufständischen Provinzen durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenüber benehmen, noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel für seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann, Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als solcher allen Zufälligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen.

Unbemerkt hindurch zu kommen – ob mehr oder weniger schnell, – aber jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.

Vor dreißig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fußvolk, fünfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert Pferden, fünfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stück Kanonen. Das war das nöthige Material bei einer Reise durch Sibirien.

Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fußsoldaten oder Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das möglich war; zu Fuß, wenn es nicht anders anging.

Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der Grenze Rußlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten. Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen, Dampfschiffe – standen hier Jedermann zur Verfügung und waren folglich auch dem Courier des Czaaren zur Hand.

Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber mit einem Reisesack, den er auf dem Rücken trug, bekleidet mit einem gewöhnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock, dem herkömmlichen Mujik (Gürtel), weiten Beinkleidern und an den Knöcheln anschließenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den nächsten Zug zu benutzen. Er führte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich, unter dem Gürtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan bilden und mit dem ein sibirischer Jäger einen Bären sauber auszuweiden im Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschädigen.

Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedränge. Die Perrons der russischen Eisenbahnen bilden häufig gewissermaßen Versammlungsörter ebensowohl für Diejenigen, welche abreisen, als für Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Börse für Neuigkeiten.

Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod führen. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St. Petersburg verbindet und bis zur Grenze Rußlands fortgeführt werden soll. Die Strecke bis dahin maß etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in ungefähr zehn Stunden zurücklegen mußte. In Nishny-Nowgorod angelangt, wollte Michael Strogoff je nach den Umständen entweder zu Lande weiter reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell als möglich zu erreichen.

Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver Bürger, den seine Geschäfte nicht übermäßig beunruhigen und der sich die Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.

Da er in dem Coupé aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem Auge, hörte aber dabei mit beiden Ohren.

Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch schon einigermaßen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn zusammenwürfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer gewissen Zurückhaltung.

Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges, Kaufleute, die sich zur großen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine erklärlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Türken, Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmücken und Anderen bestand, die sich indessen Alle der Nationalsprache bedienten.

Man besprach das Für und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu fürchten, daß die russische Regierung sich veranlaßt sehen könnte, einige beschränkende Maßregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der asiatischen Grenze, zu ergreifen, – Maßregeln, unter denen der Handel ohne Zweifel leiden mußte.

Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die Unterdrückung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines einfachen Soldaten in Uniform – man weiß ja, wie groß der Einfluß der Uniform gerade in Rußland ist, – hätte gewiß hingereicht, die Zungen dieser Handelsleute zu zügeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupé ließ nichts die Gegenwart einer Militärperson vermuthen, und der Courier des Czaaren, der sein Incognito bewahren mußte, hütete sich wohl, seinen wahren Charakter zu verrathen.

Er horchte gespannt.

»Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Mütze und dem abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.

– O, der Thee hat auch keine Baisse zu fürchten, erwiderte ein alter Jude mit verschmitzten Zügen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen aus Bukhara aber anders.

– Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.

– Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther sind eher noch mehr gefährdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in helle Empörung gebracht ist.

– Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von den Verräthern noch weniger zu erwarten, denke ich.

– Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den für nichts?

– Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespräch, asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls aus dem Morgenlande.

– Ei, nehmen Sie sich in Acht, Väterchen, antwortete ein russischer Reisender mit spöttelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!

– Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.

– Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf’s Haupt streuen wollte, fuhr jener Reisende fort, würde das den Lauf der Dinge ändern? Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Meßgüter.

– Man erkennt es, daß Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.

– Meiner Treu, nein, würdiger Nachkomme Abraham’s! Ich verkaufe weder Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Pökelfleisch, Caviar, Holz, Wolle, Bänder, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder Pelzwaaren! …

– Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des Reisenden unterbrechend.

– So wenig als möglich und nur für meinen Privatbedarf, antwortete jener mit den Augen zwinkernd.

– Das ist ein Spaßvogel, raunte der Jude dem Perser zu.

– Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedämpfter Stimme. Hüten wir uns und sprechen nicht mehr als nöthig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten nicht sehr zart, und man weiß nie, mit wem man zusammen sitzt.«

In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger über Handelsgeschäfte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen möglichen Folgen.

»Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, äußerte sich ein Reisender, und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens werden sehr erschwert sein!

– Bestätigt es sich, fragte sein Nachbar, daß die Kirghisen der Mittleren Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?

– Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in diesem Lande rühmen, etwas Bestimmtes zu wissen!

– Ich hörte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die Donischen Kosaken sollen bereits längs der Wolga versammelt sein und man will sie den aufrührerischen Kirghisen entgegen werfen.

– Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die Straße nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis dahin gelangen können. Es steht zu befürchten, daß die Tartarenhaufen binnen Kurzem das ganze östliche Sibirien isolirt haben werden!

– In Summa, Väterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschäftsabwickelung besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die Reihe kommen, dann die Wagen und überhaupt alle Transportmittel, bis es endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuß zu bewegen.

– Ich fürchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschüttelnd. Aber die Sicherheit und Integrität des russischen Gebietes geht über Alles! Geschäfte sind eben doch nur Geschäfte!«

Wenn in diesem Coupé der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte, so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein strenger Beobachter würde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine ungemeine Zurückhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Maßnahmen zu kritisiren.

Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen des Zuges. Dieser – offenbar ein Ausländer, – hatte seine Augen überall und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung fanden. Fortwährend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster, dessen Scheibe er stets zum großen Unbehagen seiner Reisegefährten niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren Handelsbeziehungen und Gewerbsverhältnissen, nach den Einwohnerzahlen, der mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen überladenes Notizbuch.

Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten doch dann und wann etwas Interessantes »für seine Cousine« zu erhaschen. Natürlich sah man ihn deshalb für einen Spion an und sprach vor ihm keine Sylbe bezüglich der Tagesereignisse.

Als er sich überzeugt, daß er über den Tartareneinfall hier nichts zu erfahren vermöge, schrieb er in das Notizbuch: »Die Reisenden absolut discret. Schießen über Politik nur sehr schwer los.«

Während aber Alcide Jolivet seine Reiseeindrücke mit peinlicher Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben Zuge saß und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupé ganz der nämlichen Beschäftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu Moskau nicht begegnet, und Keiner wußte von des Andern Aufbruche nach dem voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen näher zu stehen.

Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen Reisegefährten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn hatte man nicht für einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten vor ihm ohne jede Zurückhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen ließen, als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet hätte. Der Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute berührten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.

Er zögerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung einzuverleiben:

»Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man behandelt dieses Thema mit einer Freimüthigkeit, welche zwischen Weichsel und Wolga erstaunlich zu nennen ist.«

Die Leser des Daily-Telegraph mußten demnach ebenso gut unterrichtet werden, wie »die Cousine« Alcide Jolivet’s.

Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges saß, hatte er nur den einen Theil der hier ziemlich hügeligen Landschaft überblicken können, ohne daß er es der Mühe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fügte er seiner Notiz kurz und bündig hinzu:

»Zwischen Moskau und Wladimir Bergland.«

Inzwischen lag es auf der Hand, daß die russische Regierung angesichts der ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge Maßregeln nehmen werde. Die Empörung griff zwar noch nicht über die Grenze Sibiriens hinüber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines übeln Einflusses jener Ereignisse versehen.

Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff’s Spuren nicht wieder zu finden vermocht. Ob dieser Verräther, der die Fremden aufhetzte, um seine persönliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empörung schüre, wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen gewürfelte Bevölkerung tummelte, – kein Mensch wußte es.

Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen Persern, Armeniern und Kalmücken Vertraute, welche die Bewegung im Innern des Reiches in Fluß bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren, vorzüglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reußen, nicht zurück zu weisen.

In der That kann dieses ungeheure Ländergebiet von zwölf Millionen Quadratkilometern die Homogenität der westlichen Staaten Europas überhaupt nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Völkerschaften desselben herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflächliche Nuancen. In Europa, Asien und Amerika (unsere Erzählung spielt in der Zeit, da das russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war) erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade östl. Länge (von Ferro) bis zum 110. Grade westlicher Länge und vom 38. bis zum 81. Grade nördl. Breite. Es zählt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreißig verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der Slaven, aber außer den eigentlichen Russen zählen zu dieser auch die Polen, Litthauer und die Kurländer. Rechne man zu diesen noch die Finnen, Esthen, Lappen, die Tschermissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen, die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Stämme, die Mongolenhorden, Kalmücken, Samojeden, Kamtschadalen und Alëuten, so sieht man leicht ein, wie schwierig es sein muß, die Einheit eines so ungeheuren Reiches aufrecht zu erhalten, und daß diese dereinst nur von der Zeit und der Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen Nachforschungen zu entziehen gewußt. Auf jeder Station aber, wo der Zug anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle scharf in’s Auge faßten, denn sie hatten auf Befehl des Großmeisters der Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, daß dieser Verräther das europäische Rußland noch nicht habe verlassen können. Erschien ein Reisender verdächtig, so mußte er sich im Polizeibureau ausweisen, während der Zug weiter sauste, ohne sich um solche unfreiwillige Nachzügler zu bekümmern.

Es ist völlig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten Rücksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in militärischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel, womit ein Souverän sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat, an die Spitze seiner Ukase zu setzen: »Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod, Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones, Fürst von Skof, Großherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen Ländern, Herrscher und Großfürst der Territorien von Nishny-Nowgorod, Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien, Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber über die hyperboräischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie, Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souverän der Tscherkessenfürsten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen, Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg.« In der That ein mächtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweiköpfiger Adler mit Scepter und Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod, Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem großen Bande des St. Andreasordens, über dem eine Kaiserkrone schwebt! –

Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen Scheerereien.

Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende Skizze dieser alten Hauptstadt Rußlands zu entwerfen.

Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch ein junges Mädchen an der Thür von Michael Strogoff’s Coupé.

Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Mädchen nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche, scheinbar ihr ganzes Gepäck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufälligen Reisegefährten auch nur einmal angesehen zu haben, für eine mehrstündige Fahrt zurecht.

Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin teilnehmend zu betrachten. Da sie einen Rücksitz einnahm, bot er ihr seinen Platz an, wenn sie diesen vorzöge, aber sie lehnte das mit einer leichten Verbeugung dankend ab.

Das junge Mädchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zählen. Ihr wirklich hübscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, – einen etwas strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schön als hübsch werden mußte, wenn einige Jahre die Züge ihres Gesichtes weiter befestigt haben würden. Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fülle goldblonden Haares. Ihre braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade Nase verband mit beweglichen Flügeln ihre etwas schmalen und blassen Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit längerer Zeit alles Lächeln verlernt zu haben.

Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie trug, erkennen konnte, groß und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne des Wortes als »ein sehr junges, unschuldiges Kind« erschien, so war doch ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des Gesichtes ließ auf eine ungewöhnliche Energie schließen, – Einzelheiten, welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Mädchen früher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens sowohl anzukämpfen gewußt, als sie die Entschlossenheit besaß, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschütterlich, vielleicht selbst unter Umständen, welche einen Mann in Verlegenheit gebracht hätten.

Diesen Eindruck erweckte das junge Mädchen auf den ersten Blick. Michael Strogoff, selbst ein energischer Charakter, mußte sich von einer solchen Erscheinung getroffen fühlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie dadurch nicht zu belästigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen Aufmerksamkeit.

Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die größte Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar nicht sein; aber man hätte vergeblich nach einer Spur von Nachlässigkeit an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepäck barg jene rothe Tasche, die sie aus Mangel an Platz auf den Knieen hielt.

Sie trug einen langen, ärmellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloß. Unter demselben bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fußgelenk reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffälliger Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als wären sie für eine lange Reise bestimmt, schützten die kleinen Füßchen.

Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costüms die Tracht der Liefländerinnen zu erkennen und setzte also voraus, daß seine Nachbarin in den baltischen Provinzen zu Hause sei.

Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstützung des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie wirklich schon nach Zurücklegung einer längeren Reise aus den westlichen Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag ihr Ziel noch über den östlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter, ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich, daß sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt befinden werde, wie in diesem Coupé, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine Seele um sie kümmerte?

Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewöhnen pflegt, zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und Weise, wie sie in das Coupé einstieg und sich für die Fahrt einrichtete, das Vermeiden jeder Belästigung Anderer, welches an eine gewisse Schüchternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und nur auf sich selbst zu rechnen.

Michael Strogoff beobachtete sie mit zurückhaltendem Interesse und suchte nicht einmal ein Gespräch anzuknüpfen, wiewohl die Fahrt bis Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.

Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mädchens, – jener Kaufmann, welcher so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, – im Einschlafen seine Nachbarin mit dem großen, auf den Schultern hin und her taumelnden Kopfe zu belästigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm zu verstehen, daß er gerade sitzen und sich etwas rücksichtsvoller betragen solle.

Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte »von Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen«; Michael Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, daß der Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.

Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke, der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrückte.

Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den Charakter des jungen Mädchens noch klarer erkennen ließ.

Etwa zwölf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoß. Dann lief er noch eine Minute neben der Böschung eines Dammes hin.

Ein tüchtiges Schütteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man konnte wohl noch ein schweres Unglück befürchten. Noch bevor der Zug zum Stehen kam, sprangen schon die Waggonthüren auf, die entsetzten Reisenden suchten ihr Heil in der Flucht und stürzten aus den Coupés.

Michael Strogoff dachte zunächst an seine Nachbarin; doch während die übrigen Insassen sich schreiend und stoßend hinaus drängten, hielt das junge Mädchen, deren Gesicht kaum etwas blässer geworden war, ruhig auf ihrem Platze aus.

Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.

Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut kam über ihre Lippen.

Beide blieben ganz ruhig.

»Eine energische Natur!« dachte Michael Strogoff.

Inzwischen war jede Gefahr vorüber. Ein Radreifensprung am Gepäckwagen hatte erst den Stoß und dann das Anhalten des Zuges veranlaßt, doch hätte nicht viel gefehlt, daß er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme in die Tiefe gestürzt wäre. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich, nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.

Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.

Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden Podaroshna vor, der ihn genügend legitimirte.

Auch die andern Insassen des Coupés, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod gingen, schienen zu ihrem Glücke unverdächtig.

Das junge Mädchen für ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepaß hervor, der ja im Innern Rußlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein schien.

Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfältiger Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:

»Du bist aus Riga?

– Ja, erwiderte das junge Mädchen.

– Und willst nach Irkutsk?

– Ja.

– Auf welchem Wege?

– Auf der Straße über Perm.

– Gut, antwortete der Inspector. Vergiß in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen.«

Das junge Mädchen verneigte sich bejahend.

Als er diese Fragen und Antworten hörte, empfand Michael Strogoff gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie! Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu jetzt, wo zu den gewöhnlichen Unzuträglichkeiten noch alle Gefahren eines von Feinden überschwemmten, aufrührerischen Landes hinzutraten! Wie würde sie ankommen? – was aus ihr werden? ….

Nach Schluß der Inspection wurden die Waggonthüren geöffnet, doch bevor Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die junge Liefländerin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die Perrons bedeckte, verschwunden.

Fünftes Capitel

Fünftes Capitel

Eine Verordnung mit zwei Artikeln

Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier mußte Michael Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit über die Stadt noch nicht hinausreichte. Je weiter er vorwärts kam, desto langsamer und gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.

Nishny-Nowgorod, das gewöhnlich nur 30–35 000 Einwohner zählt, beherbergte jetzt über 300 000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht. Dieser Zuwachs rührte von der weltberühmten Messe her, welche in seinen Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Früher erfreute sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem Jahre 1817 aber ward die große Messe hierher verlegt.

Die sonst ziemlich düstere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europäischer und asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige Handelsgeschäfte im Spiel waren.

Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof verließ, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen ist die obere, auf einem abschüssigen Felsen erbaute Stadt von einer jener Festungsanlagen vertheidigt, die man in Rußland ganz allgemein »Kreml« zu nennen pflegt.

Wäre Michael Strogoff genöthigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod längere Zeit aufzuhalten, so hätte er wohl Mühe haben sollen, ein Hotel oder doch eine halbwegs passende Herberge zu finden, – Alles war überfüllt. Da er indeß auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den nächstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so mußte er sich doch wohl oder übel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indeß, sich über die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.

Dort erfuhr er zu seinem großen Mißvergnügen, daß der »Kaukasus« – so hieß das reisefertige Schiff – erst zu Mittag am nächsten Tage abgehen werde. Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm für einen Mann, der es eilig hatte, und doch mußte er sich darein finden. Er that es auch ruhig, da er nicht unnöthig zu außergewöhnlichen Mitteln greifen wollte.

Uebrigens hätte ihn unter den gegebenen Umständen auch kein Teleg oder Tarantaß, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach Perm oder Kasan befördert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des Steamers zu erwarten – jenes Beförderungsmittels, das ihn schneller als jedes andere vorwärts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich wieder einbringen mußte.

Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen könnte. Der letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das Gefühl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fühlbar machte, hätte er die Straßen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht über durchirrt. Es gelüstete ihn also weit mehr nach einem tüchtigen Abendimbiß, als nach einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der »Stadt Konstantinopel«.

Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmäßiges Zimmerchen ablassen, das zwar nur ein dürftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebräuchliche Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von säuerlichem Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer Zucker mit Zimmet, ein Krug »Kwaß«, d. i. eine in Rußland sehr verbreitete Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel, seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls aß er sich aber satt, und das auch besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer »Altgläubiger« von der Secte der Raskolniks, der bei seinem Gelübde der Enthaltung gewisser Speisen die Kartoffeln von sich wies und sich weislich hütete, seinen Thee zu versüßen.

Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem Zimmer zu begeben, ganz maschinenmäßig die unterbrochene Promenade durch die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Dämmerung lichteten sich doch schon die Mengen, die Straßen wurden allmälig öder und Jedermann suchte sein Lager.

Warum Michael Strogoff sich nicht gemächlich in’s Bett begab, wie man es nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage Wohl erwarten sollte? Dachte er vielleicht noch an die junge Liefländerin, seine Reisegenossin während einiger flüchtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun wußte, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befürchtung an, daß sie in dieser geräuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein könnte? – Er fürchtete es, und gewiß mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und im Nothfall sich zu ihrem Beschützer auszuwerfen? Nein. Eine Begegnung war nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf …. mit welchem Rechte durfte er ihn anbieten?

»Allein, sprach er so für sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich für Rußland, für den Czaaren wagen will, das unternimmt sie für …. Ja, für wen? Für was …. Sie hat einen Paß zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land über derselben ist in Empörung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen! ….«

Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie überlegend, stehen.

»Unzweifelhaft, dachte er bei sich, faßte sie den Plan zu dieser Reise vor dem Einfalle. Vielleicht weiß sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien gesprochen, und sie schien darüber nicht im Mindesten betroffen …. Sie verlangte keine näheren Erklärungen …. Aber dann wußte sie davon auch schon vorher …. und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund dieser gefahrvollen Reise muß ein sehr zwingender sein! Doch so entschlossen sie auch sein mag – und sie ist es ganz gewiß, – die Kräfte werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar nicht zu ertragen im Stande sein! …. O, sie wird niemals bis Irkutsk gelangen!«

Michael Strogoff ging hierbei immer auf’s Gerathewohl weiter. Bei seiner ausreichenden Localkenntniß konnte ihm die Wiederauffindung seiner Herberge ja nicht schwer fallen.

Nach einstündigem Umherwandeln setzte er sich von ungefähr auf eine Bank an einer Art Holzhütte, die sich inmitten vieler anderer auf einem großen Platze erhob.

Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte.

»Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen Mannes an, dessen Annäherung ihm entgangen war.

– Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.

– Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben? fragte der Mann.

– Wenn mir das paßt, gewiß! versetzte Michael Strogoff in einem etwas bestimmteren Tone, als er seinem Aeußern, d. h. einem einfachen Kaufmanne, entsprach.

– Tritt heran, daß ich Dich erkenne!« Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, daß er auf keinen Fall eine Unklugheit begehen dürfe, wich unwillkürlich aus.

– »Mich hat Keiner nöthig zu erkennen«, erwiderte er.

Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurück.

Bei genauerer Betrachtung überzeugte er sich, daß er es mit einer Art Zigeuner zu thun hatte, wie man sie häufig bei allen Messen und Märkten trifft, und deren Berührung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geräumigen Wagen, die gewöhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in Rußland überall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen sind.

Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thür der Bude öffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:

»Wieder ein Spion! Laß ihn und komm zum Essen. Die ›Papluka‹ Eine Art Blättergebackenes. wartet.«

Michael Strogoff mußte unwillkürlich lachen, als er diesen Titel hörte, er, der vielmehr allen Spionen möglichst auswich.

In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:

»Du hast recht, Sangarre; übrigens werden wir morgen weg sein!

– Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaßen überrascht.

– Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater selbst sendet uns weg …. wohin wir wollen!«

Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurück, deren Thür von Innen sorgfältig geschlossen wurde.

»Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen, nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart einer andern Sprache zu bedienen.«

Als geborener Sibirier, der seine ganze frühe Jugend in der Steppe verlebt hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwähnt, fast alle gebräuchlichen Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekümmerte er sich blutwenig. Welches Interesse konnte er daran haben?

Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach, der Herberge zurückzukehren, um sich einige Ruhe zu gönnen. Er folgte auf seinem Rückwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse unzähliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden standen auf eben dem geräumigen Platze, auf dem alljährlich die große Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde – ein Erklärungsgrund für die Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.

Eine Stunde später ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf einem jener russischen Betten, welche dem Ausländer so hart vorkommen, und erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.

Noch hatte er fünf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein Jahrhundert dünkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen, als mit einer Wanderung durch die Straßen wie am Tage vorher? Hatte er sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wälzen; deshalb stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches er den Gürtel schnallte. Dann schloß er seinen Reisesack und warf ihn über den Rücken. Da er nicht noch einmal nach »Stadt Konstantinopel« zurückkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frühstücken gedachte, um nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und verließ das Gasthaus.

Aus übergroßer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux der Steamer und versicherte sich, daß der »Kaukasus« zur angegebenen Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, daß die junge Liefländerin, da sie ja ebenfalls über Perm reisen mußte, sich höchst wahrscheinlich auch auf dem »Kaukasus« einschiffen würde, in welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mußte.

Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau übrigens sehr ähnlich ist, erschien damals merkwürdig verödet. Selbst der Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere Stadt war, so belebt war dafür die untere.

Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets bewachten Schiffbrücke über die Wolga, nach dem nämlichen Platze, wo er am Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe vergleichen kann, wird ein wenig außerhalb der Stadt abgehalten. Auf weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl während der ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhörliche Bewachung erfordert.

Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und langen, breiten Gängen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf- und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Größe und Form bildete allemal ein besonderes Quartier für je einen bestimmten Handelszweig. Da gab es Quartiere für den Handel mit Eisenwaaren, Quartiere für die Rauchwaaren, für Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem Salzfleische; – es galt das als Musterkarte für die Waaren, welche die Inhaber der Meßmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare, fast amerikanische Reclame!

Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, über denen die früh um vier Uhr aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen, Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen, Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europäern und Asiaten, – Alles plauderte, erörterte, stritt und feilschte daselbst. Träger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meßplatze angehäuft. Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, türkische Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rüstungen aus Tiflis, Karawanenthee, europäische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Früchte, Gemüse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfüms, Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kürbisse, Wassermelonen u. s. w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte der Erde zusammengehäuft.

Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur sehr zum Lärmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht nichts nachgeben zu dürfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren über die endlosen Ebenen zu bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Läden und Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in Nishny-Nowgorod ist so groß, daß der Werth der Handelstransactionen daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark, also 157 Mill. Gulden) beziffert.

Auf den Plätzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt tummelten sich eine ganze Menge wandernder Künstler. Seiltänzer und Akrobaten betäubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen Müßiggängern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tänze producirten; Schauspieler von auswärtigen Gesellschaften, welche die Dramen Shakespeare’s aufführten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge, die in hellen Haufen herzuströmte. In den langen Zwischengängen trieben sich Bärenführer mit ihren vierbeinigen Künstlern ganz sorglos umher, und aus den Menagerien tönten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe Geißel oder das rothglühende Eisen des Thierbändigers in Wuth brachte; endlich in der Mitte des großen Centralplatzes, umrahmt von einem vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor »Seeleute der Wolga«, die auf dem Boden saßen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen Untersteuermanns dieses imaginären Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen nachahmten.

Da, welch‘ eigenthümliche und reizende Sitte! Ueber den Köpfen dieses Menschenknäuels flogen ganze Wolken von Vögeln aus den Käfigen, in denen man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod sehr beliebten Gebrauche öffneten die Kerkermeister der Vögel gegen einige von gutmüthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher hinaus.

Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch während der sechs Wochen, so lange die berühmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewöhnlich dauert. Nach dieser geräuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lärm wie durch einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder, die untere versinkt zu ihrer gewöhnlichen Eintönigkeit, und von all diesem ungeheuren Zusammenfluß von Kaufleuten, welcher aus aller Herren Ländern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkäufer zurück, der irgend etwas ausböte, noch auch nur ein einziger Einkäufer, der irgend etwas zu erhandeln suchte.

Es verdient wohl bemerkt zu werden, daß England und Frankreich bei der dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, – durch die Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.

Die beiden Correspondenten hatten sich nämlich zunächst hier eingefunden, um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrücke zu sammeln, und nutzten auch die wenigen freien Stunden nach besten Kräften aus, denn sie wollten ebenfalls mit dem Dampfer »Kaukasus« weiter reisen.

Sie begegneten sich gerade auf dem Meßplatze, ohne sonderlich darüber zu erstaunen, denn der nämliche Instinct mußte sie ja auf ein und dieselbe Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern beschränkten sich auf eine gegenseitige, etwas kühle Begrüßung.

Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, daß hier Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein Notizbuch um einige für die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende Anmerkungen.

Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel übernachten müssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und überlegte sich schon einen geharnischten Artikel über die Stadt, in der die Hôteliers die Reisenden von der Thür wiesen, welche doch bereit waren, sich »moralisch und physisch mißhandeln zu lassen.«

Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indeß hätte es ein feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt, daß er an seinem Zaume nagte.

Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straßen der Stadt, um immer wieder nach dem Meßplatze zurückzukehren. Als er sich da so durch die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten asiatischen Ländern eine offenkundige Unruhe. Die Geschäfte lahmten sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltänzer und Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die Händler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.

Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente. In Rußland erblickt man den Soldaten überall. Die Mitglieder des Heeres mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze ans der Schulter für Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300 000 Fremdlingen sorgen.

Heute fehlte es auf dem Meßplatze sichtlich an Soldaten, au Kosaken wie an anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein plötzliches Ausrücken in ihren Kasernen consignirt.

Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezüglich der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjäger und Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewöhnliche Bewegung, welche man sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklären konnte. Die Stafetten jagten einander auf den Straßen der Provinz, sowohl in der Richtung von Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg wechselten die Telegramme unaufhörlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende Vorsichtsmaßregeln. Man durfte nicht vergessen, daß die Stadt im 14. Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden war, welche Feofar-Khan’s Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.

Eine andere hohe Person, den Polizeipräfecten, drückte die Last der Geschäfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu nehmen, die Ausführung aller Reglements zu überwachen, kamen nicht dazu, die Hände in den Schooß zu legen. Die Tag und Nacht geöffneten Räume des Polizeiamtes waren unaufhörlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt, wie von Fremden aus Europa und Asien.

Michael Strogoff befand sich gerade auf dem großen Mittelplatze, als sich das Gerücht verbreitete, der Polizeipräfect sei soeben durch Estafette zum Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.

Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Paläste des Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge einer allgemeinen Ahnung, daß eine eingreifende, ganz unerwartete und außergewöhnliche Maßnahme in Aussicht stehe.

Michael Strogoff lauschte auf das Gerücht, um im Nothfall davon Nutzen zu ziehen.

»Man will die Messe schließen!« rief der Eine.

– Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrücken erhalten! meinte ein Anderer.

– Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!

– Da kommt der Polizeipräfect!« scholl es von allen Seiten.

Ein wüstes Geschrei hatte sich plötzlich erhoben, legte sich dann allmälig und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fühlte, daß jetzt eine wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.

Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Troß Beamter, den Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken begleitete ihn und brach ihm durch rücksichtslos ausgetheilte und geduldig hingenommene Rippenstöße Bahn durch die Menge.

Der Polizeipräfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo Jedermann sehen konnte, daß er ein Papier in der Hand hielt.

Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:

»Verordnung des Gouverneurs von
Nishny-Nowgorod.

»1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle, das Land verlassen.
»2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu verlassen.«

Sechstes Capitel

Sechstes Capitel

Bruder und Schwester

In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm eingreifen; die Umstände rechtfertigten sie gewiß vollkommen.

»Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen« – wenn sich Iwan Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mußte er verhindert oder es ihm mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder anzuschließen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber entzogen wurde.

»Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu verlassen«; damit schaffte man sich gründlich alle jenen Händler aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe hier zusammengehäuft hatte. So viele Köpfe, so viele Spione; ohne Zweifel erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.

Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschläge, welche auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar empfindlicher als jede andere getroffen wurde.

Einheimische, deren Geschäftsangelegenheiten sie vielleicht über die sibirische Grenze gerufen hätten, konnten das Land also nicht verlassen, mindestens für den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes Privatinteresse mußte dem öffentlichen Wohle weichen.

Auch der zweite Artikel der Verordnung ließ keinen Zweifel übrig. Er bezog sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Für die Seiltänzer und derlei Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurückzulegen hatten, erschien der Befehl als ein wahres Unglück.

Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhörten Maßregeln ein Murmeln der Entrüstung, die Kosaken und Polizisten wußten dasselbe aber bald zum Schweigen zu bringen.

Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrüstung dieses ungeheuren Lagers nennen könnte. Die vor und über den Buden ausgespannten Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stücke; Tänze und Gesänge hörten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen; die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde der wandelnden Wohnungen kamen aus den Ställen wieder an die Deichseln. Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben die Säumigen an und zögerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst abzureißen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin befanden. Offenbar mußte unter dem Einflüsse dieser Maßregeln der Meßplatz von Nishny-Nowgorod bald vollständig geräumt sein, und dem geräuschvollen Leben das Schweigen der Wüste folgen.

Und – um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere Erschwerung bei dieser Verordnung – allen jenen Nomaden, welche der Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens verboten, und diese mußten sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres, nach Persien, der Türkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und der Berge, welche gewissermaßen eine Verlängerung dieses Flusses längs der russischen Grenze darstellten, hätten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den Fuß auf freien Boden setzen konnten.

Eben als der Polizeipräfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemächtigte, sonderbar erregt.

»Ein ungewöhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen dieser Verordnung bezüglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten Worten! ›Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt … wohin wir wollen‹, hatte der Alte gesagt. Aber ›der Vater‹, das ist der Kaiser! Man bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute die gegen sie ergriffenen Maßregeln voraussehen, so als hätten sie dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir verdächtige Leute, denen gegenüber die Verordnung des Generalgouverneurs weit mehr nützlich als schädlich sein wird.«

Diese ganz zeitgemäße Reflexion wurde aber in Michael Strogoff’s Geist durch eine andere Gedankenreihe, welche sich plötzlich ihm aufdrängte, bald unterbrochen. Er vergaß die Tsiganen, ihre verdächtigen Aeußerungen, die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung … dafür trat das Bild und das Schicksal der jungen Liefländerin lebhaft vor sein Auge.

»Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht überschreiten können!«

In der That, das junge Mädchen aus Riga war ja Liefländerin, also Russin und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen neuesten Maßregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmöglich noch Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk zu begeben, jetzt mußte es ihr unmöglich werden, dasselbe zu erreichen.

Dieser Gedankengang beschäftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte sich zuerst so ganz oben hin, daß er, ohne bezüglich der wichtigen ihm anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein könnte, dem guten Kinde einigermaßen behilflich zu sein, und er freute sich fast über diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persönlich entgegen ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen, daß dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde kannte, für jenes junge Mädchen doch ungleich furchtbarer werden mußten. Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie Jene; auch sie würde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen müssen, wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie höchst wahrscheinlich, nur die für eine Reise unter gewöhnlichen Umständen berechneten Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhältnissen auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefährlicher, sondern auch weit kostspieliger machten?

»Nun gut, schloß er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm einschlägt, ist es ja fast unmöglich, daß ich ihr nicht begegnen sollte. Dann werde ich über sie wachen können, ohne daß sie es weiß, und da sie es nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen, wird sie mir keine Ursache zur Verzögerung werden.«

Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke, der die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ.

»Ja, sagte er sich, ich könnte ihrer vielleicht doch noch mehr nöthig haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnützlich sein und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen. Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, könnte man weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen jenes junge Mädchen, so müßte ich ja in aller Augen weit mehr als der Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie muß mich also begleiten, ich muß sie wiederfinden! Unmöglich kann sie sich seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!«

Michael Strogoff verließ den großen Platz, wo der durch die Ausführung jener Verordnung erzeugte Tumult eben den höchsten Grad erreicht hatte. Die Einsprüche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen Getöse. Hier konnte sich die Gesuchte unmöglich aufhalten.

Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen. Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wünschte.

Von Neuem überschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen Ufer, wo die Menschenmenge minder beträchtlich war. Er durchforschte, man konnte sagen, Straße für Straße, die obere und die untere Stadt. Er trat in die Kirchen, jener natürliche Zufluchtsort aller Weinenden und Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Liefländerin.

»Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen haben. Ich muß weiter suchen!«

So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne auszuruhen, er empfand keine Ermüdung, er gehorchte einem ihn ganz beherrschenden Gefühle, das ihm keine Zeit ließ, lange nachzudenken. Alles vergeblich!

Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen vielleicht noch ohne alle Kenntniß war von der ergangenen Verordnung, – zwar ein unwahrscheinlicher Umstand, denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von Allen gehört zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mußte an Allem, was Sibirien betraf, wie hätten ihr die Maßnahmen des Gouverneurs entgehen können, Maßnahmen, welche ihr so direct angingen?

Kannte sie dieselben indessen nicht, so mußte sie ja in wenig Stunden nach dem Landungsplätze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre Weiterreise hindern werde. Unbedingt mußte Michael Strogoff sie noch vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu entgehen.

Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.

Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, – was unter anderen Verhältnissen ganz unnöthig gewesen wäre, seinen Podaroshna im Bureau der Polizei zu präsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar nicht treffen, da dieser Fall für ihn vorhergesehen war; aber er wollte sich überzeugen, daß seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.

Der Courier mußte deshalb nach der andern Seite des Flusses zurückkehren, nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipräfecten zur Zeit befanden.

Dort war ein großer Zusammenfluß von Menschen, denn wenn die Ausländer auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitäten vor der Abreise. Ohne dem hätte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen können, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die Erlaubniß zur Abreise erst zu beschaffen.

Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern, Bänkelsängern, Zigeunern und Tsiganen, außer diesen aber von Kaufleuten aus Persien, der Türkei, Turkestan und China buchstäblich vollgepfropft.

Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener bald mangeln mußten, so daß Säumige leicht in die Lage kommen konnten, die festgesetzte Frist zu überschreiten und in Folge dessen sich einer brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.

Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kräftigen Ellenbogen, durch, den Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stück Arbeit. Indessen ein Wort, das er einem Inspector in’s Ohr flüsterte, und einige rechtzeitig in dessen Hand gedrückte Rubel besaßen die Macht, ihm den Durchgang zu erzwingen.

Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent bei einem Oberbeamten an.

Michael Strogoff mußte also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in seinen Bewegungen sein.

Inzwischen sah er sich von ungefähr etwas um. Und was erblickte er?

Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mädchen, ein Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen konnte, da sich nur das Profil desselben von der weißgetünchten Mauer abhob.

Michael Strogoff täuschte sich nicht; er hatte die junge Liefländerin wieder erkannt.

Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei gekommen, ihren Schein visiren zu lassen! …. Man hatte ihr das Visum versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle früher ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloß alle Wege nach Sibirien.

Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben, näherte sich dem jungen Mädchen.

Diese sah ihn einen Moment an, und über ihr Gesicht flog ein leichter Schimmer als sie den Reisegefährten wieder erkannte. Sie erhob sich fast instinctmäßig und wollte, so wie ein Schiffbrüchiger sich an jedes Trümmerstück klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ….

In diesem Augenblick berührte der Agent Michael Strogoff’s Schulter.

»Der Polizeipräfect erwartet Sie, sagte er.

– Gut«, erwiderte Michael Strogoff.

Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn selbst oder auch sie hätte compromittiren können, zu beruhigen, folgte er dem Agenten durch die gedrängten Massen.

Als die junge Liefländerin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige Unterstützung erwartet hätte, sank sie auf die Bank zurück.

Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines Agenten wieder im Saale erschien.

In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien öffnete.

Er ging auf die junge Liefländerin zu, streckte ihr die Hand entgegen und sagte:

»Schwester ….!«

Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine plötzliche Eingebung ihr nicht erlaubte, zu zaudern.

»Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt, unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?

– Ich folge Dir, Bruder«, antwortete das junge Mädchen und legte ihre Hand in die Michael Strogoff’s.

Sofort verließen Beide das Gebäude des Polizeiamtes.

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Auf der Wolga stromabwärts

Kurz vor zwölf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplätze an der Wolga eine große Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche hatten abreisen wollen. Die Kessel des »Kaukasus« besaßen schon hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kräuselten sich nur leichte Rauchwirbel, während aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der Weiße Dampf brodelte.

Selbstverständlich überwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.

Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu unterstützen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nöthig und Alles verlief ohne offenen Widerstand.

Rechtzeitig ertönte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelöst, die mächtigen Räder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen Schaufeln, und schnell glitt der Kaukasus zwischen den beiden Stadtteilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.

Michael Strogoff und die junge Liefländerin hatten sich mit eingeschifft und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, daß der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und Schwester.

Still saßen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlaß des Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.

Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mädchen gesprochen, keine Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, daß sie reden würde, wenn es ihr passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen, in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten Beschützers gefangen zurückgeblieben wäre. Sie sprach zwar nicht, aber ihre Augen dankten ihm.

Die Wolga, die Rha der Alten, wird für den bedeutendsten Strom ganz Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als 4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei Nishny-Nowgorod durch die Einmündung der Oka, eines schnell fließenden Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.

Man hat die Gesammtheit der Kanäle und Wasserläuse Rußlands mit einem riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des Czaarenreiches verästeln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mündungen in dem Küstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im größten Theile ihres Laufes schiffbar.

Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt und Kasan sehr schnell zurück. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der Strömung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmündung der Kama, so vertauschen sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwärts fahren müssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mächtigen Maschine konnte der »Kaukasus« nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde zurücklegen. Bei nur einstündigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in Anspruch.

Der Steamer besaß übrigens sehr bequeme Einrichtungen für die Passagiere, welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen Klassen befördert wurden. – Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige zurück zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.

Heut war der »Kaukasus« von Passagieren aller Art überfüllt. Eine große Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es für gerathen erachtet haben, Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der für die erste Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in langen Gewändern und einer Mitra ähnlichen Kopfbedeckungen, – Juden, mit ihren hohen, konischen Mützen, – reichen Chinesen in Landestracht, mit sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und Rückseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitärmeligen Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, – Türken mit dem nationalen Turban, – Indier mit viereckiger Mütze, einem einfachen Stricke als Gürtel, von denen einige Stämme, vorzüglich aber die Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, – endlich Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und über der Brust reichverzierten Kleidern. Diese Kaufleute alle mußten im Schiffsräume oder auf dem Verdeck ihr umfängliches Gepäck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiß theuer zu stehen kam, da sie vorschriftsmäßig nur zwanzig Pfund Freigepäck mitführen durften.

Im Vordertheile des »Kaukasus« befanden sich noch weit zahlreichere Passagiere, nicht allein Ausländer, sondern auch Russen, denen die Verordnung nach den Heimatsstädten der Provinz zurückzukehren nicht verbot.

Dort saßen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mützen auf dem Kopfe, bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze; Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln, das Hemd von röthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegürtet, und mit flacher Kappe oder Filzmütze. Einige Frauen in geblümten Baumwollkleidern trugen Schürzen mit möglichst lebhaften Farben und grellroth gemusterte Tücher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine langdauernde Rückfahrt nicht sonderlich zu belästigen schien. Jedenfalls war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich übrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.

Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der »Kaukasus« indessen zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch Remorqueure stromaufwärts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren nach Nishny-Nowgorod beförderten. Dann schwammen Holzflöße daher, so lang wie die unmeßbaren Sargassobündel im Atlantischen Ocean, und bis zum Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen. Uebrigens sehr unnütze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach ihrem Anfang plötzlich geschlossen worden war.

Die von dem Wellenschlage des Dampfers überspülten Ufer der Wolga zeigten sich mit großen Entenschwärmen besetzt, welche mit betäubendem Geschnatter aufflogen. Darüber hinaus weideten auf den dürren, von Birken, Weiden und Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kühe, Heerden von Schafen mit bräunlichem Fell und ganze Haufen von weißen und schwarzen Schweinen und Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder dürftigem Korn bestandene Felder dehnten sich bis über kleine Landerhebungen aus, welche indeß nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einförmigen Landstrichen hätte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder suchte, gewiß nichts zu thun gefunden.

Zwei Stunden nach der Abfahrt des Kaukasus wandte sich die junge Liefländerin an Michael Strogoff und fragte:

»Du gehst nach Irkutsk, Bruder?

– Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nämlichen Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.

– Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Küste der Ostsee verließ, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.

– Ich frage nach Nichts, Schwester.

– Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mädchen, auf deren Lippen ein schmerzliches Lächeln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts verheimlichen. Heute könnte ich aber nicht! …. Die Anstrengung, die Verzweiflung haben meine Kräfte verzehrt.

– Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.

– Ja …. ja …. und morgen ….

– So komm …!«

Er brach den Satz ab, so als hätte er ihn mit dem ihm noch unbekannten Namen seiner Begleiterin schließen wollen.

»Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.

– Komm, Nadia, und verfüge über Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle Umstände.«

Er geleitete das junge Mädchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des Hintertheils.

Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurück und mischte sich, begierig zu hören, doch ohne sich an den Gesprächen zu betheiligen, unter die Gruppen der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte, was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wäre. Sollte er zufällig selbst gefragt und zu einer Antwort genöthigt werden, so wollte er sich für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der »Kaukasus« nur nach der Grenze zurücktrug, denn Niemand sollte vermuthen, daß ihn eine spezielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.

Die Ausländer auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin, daß sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurück. Möglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem »Kaukasus« geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten, denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder flüsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, daß daraus im Zusammenhange nichts zu entnehmen war.

Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar – denn man kannte ihn ja nicht, – so traf sein Ohr dafür der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt zu sein schien, ob sie gehört wurde oder nicht.

Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente, und sein mehr zugeknöpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart, welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.

»Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod wieder sah?

– Gewiß, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.

– Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, daß Sie mir so unmittelbar, so auf den Fersen folgen würden.

– Ich folge Ihnen, nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.

– Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und vorläufig könnten wir übereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.

– Ich werde es doch thun!

– Das wird sich erst auf dein Kriegsschauplätze zeigen; doch bis dahin können wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Später werden wir noch Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.

– Feinde!

– Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine Klarheit des Ausdrucks, welche mich höchst angenehm berührt. Bei Ihnen weiß Einer doch, woran er ist.

– Nun, was ist daran so schlimm?

– O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, daß auch ich mir die Freiheit nehme, unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.

– Nach Belieben.

– Sie gehen nach Perm …. wie ich?

– Wie Sie.

– Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.

– Wahrscheinlich.

– Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten des überfallenen Gebietes sein.

– So ist es.

– Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: ›Jeder für sich und Gott mit ….‹

– Gott mit mir!

– Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schön! Da wir indeß noch acht neutrale Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten regnen dürfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.

– Zu Feinden!

– Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin können wir aber in Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren! Ich verspreche Ihnen überdies, Alles für mich zu behalten, was ich etwa sehe ….

– Und ich Alles, was ich etwa höre.

– Abgemacht?

– Abgemacht!

– Ihre Hand darauf?

– Hier ist sie!«

Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fünf weit offene Finger, schüttelte kräftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch hinhielt.

»Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine zu telegraphiren.

– Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13 gesendet.

– Bravo, Herr Blount!

– Zu gütig, Herr Jolivet!

– Bis ich mich revanchire!

– Dürfte Ihnen schwer fallen!

– Man versucht eben Alles!«

Bei diesen Worten grüßte der französische Correspondent vertraulich den englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.

Diese beiden Neuigkeitsjager, welche ja weder Russen, noch Fremde von asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben Stunde verließen, so geschah das, weil der nämliche Instinct sie vorwärts trieb. Ganz natürlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache Reisegefährten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage »bis zum Aufgang der Jagd« vor sich. Dann hieß es: Dran und drauf! Jetzt hatte Jolivet die ersten Zwischenvorschläge gemacht und der Brite sie, wenn auch so kühl als möglich, angenommen.

Jedenfalls saßen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur Schwatzhaftigkeit, der Engländer immer verschlossen, an derselben Tafel und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten Cliquot, offenbar den Abkömmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.

Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hörte, sprach er für sich:

»Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese drei Schritt vom Leibe zu halten.«

Die junge Liefländerin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam heran, ohne daß sie wieder auf Deck erschienen wäre.

Mit der langen Dämmerung gewann die Atmosphäre eine wohlthuende Frische, an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die Salons oder Kabinen aufzusuchen. Auf die Bänke gestreckt, athmeten sie behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte. Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die Wolga stromauf und stromab befuhren.

Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das Schweigen wurde nur durch das regelmäßige Klatschen der Schaufelräder unterbrochen.

Eine eigenthümliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch über den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der für die Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.

Dort schlief Alles nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf Ballen und Gepäckstücken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grüne und eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe Strahlen auf die Wand des Dampfers.

Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher liegenden Schläfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei ihrer Gewöhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon genügte, die aber doch Jeden schlecht empfangen hätten, der sie vorzeitig durch einen Fußtritt erweckte.

Michael Strogoff hütete sich also wohl, an Jemand zu stoßen. Bei seiner Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als sich durch eine längere Promenade des Schlafes zu erwehren.

Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hörte. Er hielt an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit allerhand Shawls und Decken verhüllt dasaß, die er aber bei der Dunkelheit nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig, wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige röthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten durch die Gruppe oder als erglänzten Tausende von Metallflitterchen in dem ungewissen Lichte.

Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem Meßplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.

Unwillkürlich drängte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit einander redenden Fahrgäste eigentlich sehen konnte. Er mußte sich demnach begnügen, zu horchen.

Die anfänglich gewechselten Worte besaßen, – wenigstens für ihn, – keine besondere Bedeutung, doch genügten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod gehört hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht unmöglich, daß jene Tsiganen, von deren Gespräch er einige Brocken aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord des »Kaukasus« Passage genommen hätten.

Wie gut es war, daß er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer Mundart gewechselten Worten:

»Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.

– Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spät oder auch gar nicht ankommen!«

Michael Strogoff fühlte, wie diese ihn persönlich so nahe angehende Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemühungen.

Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hände gestützt, nieder. Man hätte meinen sollen, er schliefe.

Er schlief aber weder, noch dachte er überhaupt daran. Er überlegte sich vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniß, was er gehört hatte.

»Wer in aller Welt weiß von meiner Abreise und wer hat ein Interesse daran, sie zu kennen?«

Erstes Capitel

Erstes Capitel

Ein Fest im Neuen Palais

»Sire, eine neue Depesche.

– Von woher?

– Aus Tomsk.

– Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?

– Sie ist seit gestern gestört.

– General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.

– Zu Ew. Majestät Befehl«, antwortete der General Kissoff.

Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen Palais abgehaltenes Fest eben in höchstem Glanze strahlte.

Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten zu dieser Soirée die gewähltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas, Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von Tänzern und Tänzerinnen rauschten durch die prächtigen Salons dieses Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem »alten Hause aus Stein« erhebt, in welch‘ letzterem sich so viele furchtbare Dramen abgespielt haben und das jetzt nur die flüchtigen Melodien der Quadrillen wiederhallte.

Der Oberhofmarschall fand bei Erfüllung seiner delicaten Pflichten sehr beachtenswerthe Unterstützung. Die Großfürsten selbst, deren Adjutanten, die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen sich des Arrangements der Tänze. Die von Diamanten strahlenden Großfürstinnen und die Hofdamen in gewähltester Galatoilette gingen den Frauen und Töchtern der höchsten Militär- und Civilbeamten mit aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertönte, als die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenüberwebten Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu verdoppeln schienen, dem Auge ein entzückendes, kaum zu beschreibendes Bild.

Dazu lieferte der große Salon, das schönste der Gemächer im Neuen Palais, für diese Versammlung hoher und höchster Personen und verschwenderisch geschmückter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien wie besäet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in schweren Falten herabfallenden Portièren färbte sich mit warmen Tönen, welche sich nur an den schärferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter heraushoben.

Durch die Scheiben der großen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern nur wenig geschwächt, ähnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach außen, und stach grell ab von dem nächtlichen Dunkel, das seit wenig Stunden diesen glitzernden Palast umhüllte. Dieser Contrast mochte auch die Aufmerksamkeit zweier Ballgäste erregen, welche am Tanze keinen Antheil nahmen. In einer der Fensteröffnungen stehend, konnten sie mehrere jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthürme wahrnehmen, deren riesige Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend, das Gewehr wagrecht über die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiß taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem Parket des Festsaales. Dann und wann hörte man den Zuruf der Schildwachen von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.

Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den Fenstern des Neuen Palais ausgeströmten Lichtkegeln. Das waren Schiffe, die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, überstrahlt von den grellen Lichtbündeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuß der Terrassen des Palastes bespülten.

Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem gegenüber General Kissoff jene nur den Souveränen zukommende Anrede benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejäger. Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines Mannes, der für äußeren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung contrastirte demnach mit den prachtvollen Costümen, die sich um ihn drängten, und ebenso zeigte er sich auch gewöhnlich inmitten seiner Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener prächtigen Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.

Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie, aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gesprächen der jüngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den ernsteren Worten seiner höchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker – geborene Physiognomiker, – glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklärlich blieb, aber ohne daß Einer derselben sich erlaubt hätte, eingehender danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejäger, durch seine Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeinträchtigen, und da er einer der seltenen Fürsten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im Gedanken, zu gehorchen sich gewöhnt hatte, so wurden auch die Vergnügungen des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.

Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm ans Tomsk überreicht hatte, auf die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen; aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen, durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn. Unwillkürlich faßte seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien, als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu können.

»Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine Fensternische geführt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem Großfürsten?

– Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befürchten, daß die Depeschen bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr überschreiten können.

– Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?

– Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches über den Baikalsee hinaus zu senden möglich war.

– Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?

– Gewiß, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, daß die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht überschritten haben.

– Und von dem Verräther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?

– Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen, ob jener die Grenze überschritten hat oder nicht.

– Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Keliwan, Tomsk und überhaupt nach allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr stehen.

– Ew. Majestät Befehle werden unverzüglich ausgeführt werden, erwiderte der General.

– Kein Wort über alles Dieses!«

Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der General, mischte sich erst unbefangen unter die Gäste, verließ aber bald die Salons, ohne daß sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.

Der Officier blieb träumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militärs wieder näherte, hatte sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollständig wiedergefunden.

Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber keineswegs so unbekannt, als der Gardejägerofficier und der General Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht einmal officiös, da die Zungen jetzt noch nicht gelöst waren, aber verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue Berichte erhalten über die Vorgänge jenseit der Grenze.

Was man nur so vom Hörensagen wußte, davon unterhielt man sich nicht, nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen mit gedämpfter Stimme über diese Angelegenheit und schienen sehr genaue Informationen zu besitzen.

Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wußten aber diese beiden einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflußreiche Personen kaum muthmaßten? – Niemand hätte das sagen können. Waren sie mit einem Vorgefühl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaßen sie noch einen sechsten Sinn, der es ihnen ermöglichte, über den begrenzten Horizont hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschließt? Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten auszuspüren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gänzlich verändert haben? Man wurde versucht, das zu glauben.

Diese beiden Männer, der eine Engländer, der andere Franzose, waren lange, hagere Gestalten, – dieser gebräunt wie die Südländer der heißen Provence, – jener roth, wie ein Gentleman ans Lancashire. Der abgemessene, kalte, phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushälterische Anglo-Normanne schien nur bei der Auslösung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestüme Gallo-Romane dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Händen, und schien seine Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, während seinem Partner nur eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest saß.

Diese physischen Unterschiede hätten des oberflächlichen Beobachters Urtheil gewiß leicht irre führen können; der Physiognomiker aber, der diese beiden Persönlichkeiten aus der Nähe beobachtete, hätte den physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiß in die Worte zusammen gefaßt, daß der Franzose »ganz Auge« und der Engländer »ganz Ohr« sei.

In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz außerordentlich geschärft. Seine Netzhaut besaß dieselbe Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geübten Taschenspieler, welche eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren Zeichen erkennen, daß es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose besaß also in höchstem Grade das, was man so bezeichnend »das Gedächtniß des Auges« nennt.

Der Engländer im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hören und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehörapparat der Ton einer Stimme nur ein einzig Mal, so vergaß er diesen niemals mehr und hätte diese Stimme nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehört. Seine Ohren besaßen zwar sicherlich nicht das Vermögen, sich so zu bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln versehen sind; da die Gelehrten aber außer Zweifel gesetzt haben, daß die äußeren Ohren des Menschen nur »nahezu« unbeweglich sind, so wäre man anzunehmen berechtigt gewesen, daß die des genannten Engländers sich mußten strecken, verschieben und winden können, um die Schallwellen unter den günstigsten Verhältnissen aufzunehmen, so daß einem Sachverständigen ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wären.

Es sei gleich hierbei bemerkt, daß diese Vervollkommnung des Gesichts und Gehörs den beiden Männern bei ihrer Beschäftigung sehr zu Statten kam, denn der Engländer war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose Correspondent des … ja, welches oder welcher Journale, das sagte er nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er correspondire mit »seiner Cousine Madelaine«. Im Grunde war dieser Franzose trotz seines legèren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Blöße. Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein College vom Daily-Telegraph.

Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als Journalisten und zwar zur größten Erbauung ihrer Leserkreise.

Es versteht sich ganz von selbst, daß diese beiden Männer für ihre Mission in der Welt wirklich begeistert waren; daß sie es liebten, sich wie Spürhunde auf die Fährte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stürzen, daß Nichts sie zurückschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und daß sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser Helden von der Feder besaßen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase, dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie über die Hecken, flogen über die Flüsse, setzten über die Hürden mit dem unvergleichlichen Feuereifer jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben wollen.

Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, daß weder der Eine noch der Andere je über die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und daß sie nur dann in Thätigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in’s Spiel kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu sagen pflegt, »die großen politischen und militärischen Berichterstatter«.

Indeß wird man bei näherer Betrachtung sehen, daß sie die Thatsachen und ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr Möglichstes thaten, so würde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln.

Der französische Korrespondent hieß Alcide Jolivet. Harry Blount war der Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male bei dem Feste im Neuen Palais, über welches sie ihren Journalen Bericht erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit einer gewissen Geschäftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige Sympathie einflößen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem nämlichen Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, daß sie immer so weit Fühlung behielten, um einander zu sehen und zu hören.

An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas in der Luft.

»Und wenn’s nur ein Volk Enten wäre, sagte sich Alcide Jolivet, einen Flintenschuß wird’s doch werth sein!«

Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespräch während des Balles, kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide klopften erst gegenseitig auf den Busch.

»Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide Jolivet, mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit dieser ausgesprochen französischen Phrase einleitend.

– Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Bürger des Vereinigten Königreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen pflegt.

– Ich jedoch, fügte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine …

– Ihrer Cousine? … wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen Collegen unterbrach.

– Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren, meine Cousine! … Ich glaubte ihr also mittheilen zu müssen, daß die Stirn des Souveräns bei diesem Feste doch von einigen Wölkchen beschattet gewesen sei.

– Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der wahrscheinlich seine Ansicht über diesen Gegenstand zu verbergen suchte.

– Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des-Daily-Telegraph ›strahlen‹ lassen?

– Gewiß.

– Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?

– So genau, als ob ich dabei gewesen wäre, erwiderte der englische Reporter.

– Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, daß man bei einem dem Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte, daß Napoleon mit der französischen Vorhut soeben den Niemen überschritten habe. Der Kaiser verließ jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekämpfte äußerlich jede Unruhe …

– So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die Meldung machte, daß die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien.

– Ah, Sie kennen diese Einzelheiten?

– Ich kenne sie.

– Ich muß wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen Genugthuung.

– Und die meinigen nur bis Krasnojask, erwiderte Harry Blount etwas unwirsch.

– So wissen Sie auch, daß schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk abgegangen sind?

– Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen ließ, sich zu sammeln.

– Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Maßnahmen sind mir vollkommen bekannt, und glauben Sie, meine liebenswürdige Cousine wird schon morgen Einiges davon zu erzählen wissen.

– Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein werden, Herr Jolivet.

– Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht …

– Und wenn man Alles hört, was gesprochen wird!

– Da wird’s einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben.

– Dem ich mich anschließe, Herr Jolivet.

– O, dann kann sich’s treffen, daß wir uns auf einem minder sicheren Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen.

– Wohl einem minder sicheren, aber auch …

– Einem weniger glatten!« antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen in den Armen auffing, als dieser eben beim Rückwärtsgehen fast umgefallen wäre.

Später trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, daß Keiner dem Andern um eine Nasenlänge voraus war.

Jetzt sprangen die Thüren der anstoßenden Säle auf. Dort zeigten sich verschiedene große und prächtig servirte Tafeln, schwer beladen mit kostbarem Porzellan und goldenen Gefäßen. Auf der mittelsten, für die Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps reservirten Tafel glänzte ein Tafelaufsatz von unschätzbarem Werthe aus Londoner Werkstätten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzähligen Stücken des herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sèvres verlassen hatte.

Die Gäste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesälen.

In diesem Augenblicke näherte sich der General Kissoff, der inzwischen zurückgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejäger.

»Nun, wie steht’s? fragte dieser lebhaft.

– Die Telegramme gehen nicht über Tomsk hinaus, Sire.

– Sofort einen Courier!«

Der Officier verließ den großen Saal und zog sich in ein daneben liegendes großes Gemach zurück. Es war das ein mit Eichenmöbeln sehr einfach ausgestattete Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige Bilder, darunter einzelne Oelgemälde von Horace Vernet, hingen an den Wänden.

Der Officier riß schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem mächtigen Balcon die laue Luft der schönen Julinacht ein.

Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Paläste und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen Städte: Kitaï-Gorod, Boloï-Gorod und Zemlianoï-Gorod, das ungeheure europäische, tartarische und chinesische Quartier, überragt von Thürmen und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren grünen Dächern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluß mit vielgewundenem Laufe glänzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefärbte Mosaik, welche ein zehn Stunden langer Rahmen umschloß.

Dieser Fluß war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk war der Kreml und jener Officier der Gardejäger, der mit gekreuzten Armen und träumerischer Stirn nur halb den Lärmen des Festes hörte, der sich aus dem Neuen Palais über die alte Stadt der Moskowiter verbreitete – das war der Czaar.

Zweites Capitel

Zweites Capitel

Russen und Tartaren

Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest, welches er den Spitzen der Civil- und Militärbehörden gab, in schönstem Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verließ, so kam das daher, daß sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen.

Das asiatische Rußland oder Sibirien bedeckt eine Oberfläche von 560 000 Quadratmeilen (französische Lieues) und zählt etwa zwei Millionen Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem europäischen Rußland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans. Nach Süden zu schließt es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer, häufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem Karameere bis zur Behringsstraße. Es wird in Gouvernements oder Provinzen getheilt, nämlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk; ferner umfaßt es zwei Districte, die von Okfotsk und von Kamschatka, und besitzt endlich zwei Länder, welche jetzt dem moskowitischen Scepter unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen.

Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Längenausdehnung über 110 Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort für Verbrecher, das Exil für diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung belegte.

Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluß des Jenisei, trennt die beiden Hälften des Territoriums.

Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen, welche bei ihrer Ausdehnung über große Strecken den Boden Sibiriens unter der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberfläche. Im Sommer reist man daselbst im Tarantaß; im Winter im Schlitten.

Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknüpft die beiden Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamks, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny, Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagowestenks, Radde, Orloneskaga, Alexandrowskoë, Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das äußerste Ende zu befördernde Wort 6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden östr.). Von Irkutsk aus verläuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort für 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder 48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befördert werden.

Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk, nachher vor Tomsk und einige Stunden später zwischen Tomsk und Kolyvan durchschnitten worden.

Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General Kissoff ihm machte, nur geantwortet: »Sofort einen Courier!«

Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thüren öffneten. Der erste Chef der Polizei erschien auf der Schwelle.

»Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du über Iwan Ogareff weißt.

– Es ist das ein sehr gefährlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe Polizeibeamte.

– Er hatte den Rang eines Obersten?

– Ja, Sire.

– Und war ein intelligenter Officier?

– Gewiß, sehr intelligent, aber unmöglich zu zügeln und von sinnlosem Ehrgeiz, der vor nichts zurückschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem Großfürsten erst degradirt und später nach Sibirien verwiesen.

– Wann ungefähr?

– Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew. Majestät Gnade erlöst, kehrte er nach Rußland zurück.

– Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?

– Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurück«, antwortete der Chef der Polizei.

Dann fügte er mit etwas zurückgehaltener Stimme hinzu:

»Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurückkehrte, wenn man nach Sibirien ging!

– Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem man auch wiederkehrt!«

Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, daß die russische Justiz auch zu verzeihen vermöge.

Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von halben Maßregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter Bedeckung von Gensdarmen überschritten hatte, jemals daran denken, es noch einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als für Verbrechen gegen das gemeine Recht? Politische Sträflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk in das Vaterland zurück? Wahrlich, der Polizeichef, gewöhnt an die autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit dieser Art und Weise zu regieren niemals aussöhnen. Doch er schwieg und wartete es ab, daß der Czaar ihn weiter fragen werde.

Das ließ nicht lange auf sich warten.

»Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den sibirischen Provinzen, einer Reise übrigens, deren eigentlicher Zweck wohl unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Rußland gekommen?

– Gewiß, Sire.

– Und seit dieser Rückkehr hat die Polizei seine Spur verloren?

– O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst gefährlich!«

Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fürchtete der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten seiner Ideen gewiß nicht größer und stärker war, als seine unbegrenzte Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte Vorwürfe bezüglich seiner innern Politik unbeachtet ließ, fuhr einfach in seiner Fragestellung fort:

»Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?

– Im Gouvernement von Perm.

– In welcher Stadt?

– In Perm selbst.

– Was that er daselbst?

– Er schien unbeschäftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei Verdacht.

– Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht?

– Nein, Sire.

– Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?

– Etwa im März.

– Und wandte sich wohin?

– Das ist mir unbekannt.

– Seit dieser Zeit weiß man auch nicht, was aus ihm geworden ist?

– Niemand weiß es.

– Recht schön, aber ich, ich weiß es! antwortete der Czaar. Geheime Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich gelangt und in Berücksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben zu glauben!

– Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, daß Iwan Ogareff bei der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe?

– Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weißt. Iwan Ogareff überschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural. Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort nicht ohne Erfolg die Nomadenvölker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er sich weiter nach Süden, bis nach dem unabhängigen Turkestan begeben. Dort fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Häuptlinge, welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschürt worden, sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege und Communicationsmittel zwischen dem östlichen und dem westlichen Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben, meinem Bruder nach dem Leben!«

Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort, aber er sagte sich, daß Iwan Ogareff’s Pläne zur Zeit, als die Selbstherrscher aller Reußen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht hätten zur Reife gedeihen können.

Still vergingen einige Augenblicke, dann näherte er sich dem Czaaren, der sich in einen Fauteuil geworfen hatte.

»Ew. Majestät, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, daß dieser Einfall so schnell als möglich zurückgewiesen wird?

– Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat erreichen können, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk, Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees in Bewegung setzen müssen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und Nishny-Nowgorod in Eilmärschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden möglich ist!

– Und Ew. Majestät Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Großfürst, der in diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau in keiner directen Verbindung mehr?

– Nein.

– Er muß aus den letzten Depeschen aber die Maßregeln Ew. Majestät erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunächst gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?

– Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiß aber nicht, daß Iwan Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die aber der Großfürst nicht kennt und folglich sofort erfahren muß!

– Nun wohl, Sire, ein tüchtiger, muthiger Courier …

– Den erwarte ich.

– Und beeilen muß er sich, fügte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie gestatten mir auszusprechen, Sire, daß dieses ganze Sibirien zur Rebellion sehr geneigt ist!

– Glaubst Du, General, daß die Sträflinge mit den Feinden gemeinschaftliche Sache machen könnten? rief der Czaar, der bei dieser Andeutung des Polizeichefs ganz außer sich gerieth.

– Verzeihung, Majestät! … entgegnete stammelnd der Chef des Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem unruhigen und mißtrauischen Kopfe aufgestiegen war.

– Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar.

– In Sibirien befinden sich auch andere Sträflinge, als die politischen Verbannten, antwortete der Polizeichef.

– Die Verbrecher! O, General, die überlasse ich Dir! Das ist der Auswurf des menschlichen Geschlechts; diese haben überhaupt kein Vaterland. Die Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser gerichtet, sondern gegen Rußland, gegen die Heimat, welche die Verbannten doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen werden! … Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben und zu schwächen!«

Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden Erleichterungen bei Ausführung der früher so schrecklichen Ukase garantirten ihm, daß er sich hierin nicht täusche. Aber auch ohne diese mächtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich die Sachlage überaus ernst, denn es stand mindestens zu befürchten, daß sich ein großer Theil der Kirghisenbevölkerung den Angreifern anschließen werde.

Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Große, die Kleine und die Mittlere, und zählen etwa 40 000 »Zelte«, d. h. gegen 2 000 000 Seelen. Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhängig, Andere erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der mächtigsten Häuptlinge von Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist übrigens auch die bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den Wasserläufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang- und Aksakalsee. Die Große Horde, welche die östlich von der Mittleren gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und Tobolsk aus. Empörten sich diese Kirghisenvölker, so überschwemmten sie das asiatische Rußland und rissen Sibirien östlich vom Jenisei los.

Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr nächtliche Räuber oder gewohnt, die Karawanen zu überfallen, als reguläre Soldaten. Levchine sagte von ihnen: »Eine geschlossene Front oder ein Quarré tüchtiger Infanterie widersteht einer zehnfach größeren Anzahl Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde.«

Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch nöthig, daß ein Quarré Infanterie in dem empörten Lande bei der Hand sei und daß die Feuerschlünde die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen, welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Außer auf der directen Straße von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die häufig sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mußten unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen, die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben.

Omsk, das Centrum der Militärorganisation von Westsibirien, ist dazu bestimmt, die Kirghisenbevölkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, daß Omsk schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militärcolonien, d. h. der Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiß an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befürchten, daß die »Großsultane«, welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmänner so wie sie selbst, anerkannten und dabei der durch ihre Botmäßigkeit schon genährte Haß sich durch den Antagonismus der muselmännischen und griechischen Religion verstärkte.

Schon seit langer Zeit suchten tatsächlich die Tartaren von Turkestan, und vor Allen die aus den Khanaten von Buchara, Khiwa und Khokhand, durch Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem moskowitischen Scepter zu entreißen.

Ueber diese Tartaren nur einige Worte.

Speciell gehören die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der kaukasischen und der mongolischen Menschenrace.

Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Rémusat sagt, »daß sie in Europa als der Typus der Schönheit unserer Menschenklassen angesehen wird, weil alle Völker dieses Erdtheiles von ihr abstammen«, umfaßt unter demselben Namen die Türken und die Eingeborenen persischer Abkunft.

Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und den Thibetanern.

Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehörten zur kaukasischen Race und waren vorzüglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w.

Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflußreichste und mächtigste. Schon mehrmals hatte Rußland Krieg geführt mit seinen Häuptlingen, welche aus persönlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die Unabhängigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft vertheidigten. Der dermalige Häuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den Fußstapfen seiner Vorgänger.

Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Süden nach Norden vom 37. bis zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Längengrade, d. h. über eine Fläche von gegen 10 000 Quadratmeilen.

Die Bevölkerung des Staates schätzt man auf 2 500 000 Einwohner mit einer Armee von 60 000 Mann Fußvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache verstärkt wird, und etwa 30 000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit großen Schätzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoï und Meïmaneh nicht unwesentlich vergrößert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Städte. Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von Thürmen flankirten Mauer, eine berühmte Stadt, deren schon die Ovirenna’s und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwähnen, wird als Mittelpunkt muselmännischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplätzen Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan’s und jenem berühmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan bei Antritt seiner Regierung setzen muß, wird von einer ungemein starken Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in einer Oase mit sumpfiger, von Schildkröten und Eidechsen wimmelnden Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer Volksmenge von fast 20 000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan, Nurata, Djizah, Païkande, Karakul, Khuzar und andere, – sie alle bilden einen Kranz von schwer zu bändigenden Städten. Dieses durch seine Berge geschützte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach ein in Wahrheit zu fürchtender Staat, und Rußland muß ihm stets nicht unbeträchtliche Streitkräfte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestützt auf die andern Khans, – vorzüglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame und beutegierige Kriegsmänner, welche stets bereit waren, sich zu betheiligen, wo es ihr Interesse galt, – und unter Mitwirkung der Häuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff war. Dieser Verräther hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, daß man zuerst die große sibirische Straße in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein Tollhäusler, glaubte er die russische Macht brechen zu können, und auf seine Anordnung überschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurückziehen müssen. Sogar über den Balkhachsee drang er vor und riß die Kirghisenbevölkerung mit sich fort. Raubend, sengend und brennend wälzte sich der Schwarm von Stadt zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in’s Heer, wer Widerstand leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen Anhängseln eines orientalischen Souveräns, seiner aus den Frauen und Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, – immer mit der gedankenlosen Tollkühnheit eines modernen Gengis-Khan.

Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau gelangte?

Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen zurückweichen müssen? – Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen waren gestört. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder überzog schon der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze südliche Westsibirien in Flammen? Reichte die Empörung schon bis nach den Gebieten im Osten? – Keiner wußte es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kälte noch die Hitze fürchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch die Steppen laufen, war außer Stande, den Großfürsten zu benachrichtigen von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff’s bedrohte.

Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermaßen ersetzen. Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523 Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurückzulegen. Er mußte, um die Haufen der Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen übermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf und Herz kommt man ja weit!

»Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?« fragte sich der Czaar.

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Michael Strogoff

Bald öffnete sich die Thür des kaiserlichen Cabinets und der Huissier meldete den General Kissoff.

»Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar.

– Ist schon da, Sire, antwortete der General.

– Du hast einen geeigneten Mann gefunden?

– Ich wage, mich Ew. Majestät dafür zu verbürgen.

– Stand er in Palastdiensten?

– Ja, Sire.

– Du kennst ihn?

– Persönlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur Zufriedenheit ausgeführt.

– Im Auslande?

– Gerade in Sibirien.

– Woher ist er?

– Aus Omsk, also selbst ein Sibirier.

– Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth?

– Gewiß, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo Andere vielleicht scheitern könnten.

– Wie alt?

– Dreißig Jahre.

– Es ist ein gesunder, kräftiger Mann?

– Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeußersten zu ertragen.

– Er hat einen Körper von Stahl?

– Ohne Zweifel, Sire.

– Und ein Herz? …

– Ein Herz von Gold.

– Sein Name?

– Michael Strogoff.

– Er ist bereit abzureisen?

– Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestät Befehle.

– Er soll hierher kommen«, sagte der Czaar.

Einige Augenblicke später trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers ein.

Michael Strogoff war hochgewachsen, kräftig, hatte breite Schultern und eine volle Brust. Sein mächtiger Kopf zeigte die besten Merkmale kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmaßen erschienen wie eben so viel mechanische Hebel zur sicheren Ausführung kräftiger Bewegungen. Der äußerlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu können, denn wenn er seine Füße auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kräuselte sich üppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der moskowitischen Mütze bedeckte. Veränderte sich sein gewöhnlich etwas blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug, unter dem Einflüsse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes lebhafter färbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem Blicke glänzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, »jenen Muth ohne Zorn, den die Helden besitzen«, wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmüthigen und guten Charakters.

Michael Strogoff besaß das Temperament des entschiedenen Mannes, der seinen Entschluß schnell zu fassen gewöhnt ist, der nicht in der Ungewißheit die Nägel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren kraut und nicht unentschlossen mit den Füßen stampft. Karg in Bewegungen und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine große Leichtigkeit, eine auffallende Sicherheit der Bewegungen – ein Zeichen des Selbstvertrauens und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehörte zu den Leuten, die immer etwas vorzuhaben scheinen und die Ausführung nicht zu verzögern pflegen.

Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, ähnlich jener des Officiercorps der berittenen Feldjäger, Stiefeln, Sporen, anliegende Beinkleider und einen pelzverbrämten Dolman mit gelben Schnüren auf braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glänzten ein Kreuz und verschiedene Medaillen.

Michael Strogoff gehörte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person, und leicht genug erkannte es auch der Czaar, daß dieser Mann gewöhnt war, einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besaß also eine der in Rußland schätzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach Aussage des berühmten Schriftstellers Turgénjew, im Moskowitenreiche die Staffel nach den höchsten Ehrenstellen bildet.

Gewiß, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glücklich vollenden, in jenem empörten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren überwinden konnte, so war es Michael Strogoff.

Ein für das Gelingen jenes Vorhabens sehr günstiger Umstand war es, daß Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon bereist hatte, sondern weil er, wie erwähnt, von Geburt selbst Sibirier war.

Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jäger seinen Sohn Michael »verstählt« hatte, wie der landläufige Ausdruck hieß. Sommer und Winter, im glühenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten Kälte, streifte er über die endlosen Ebenen, durch die Lärchen- und Weidengebüsche, durch die düstern Kiefernwälder, legte seine Fallen aus, verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das große mit dem Spieße und dem Waidmesser. Unter großem Wilde verstand man hierbei aber den sibirischen Bären, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Größe ihren Verwandten in den Polargegenden vollständig gleichkommt. Peter Strogoff hatte mehr als neununddreißig Bären erlegt, das will sagen, daß auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, – und man weiß ja, wenn den Jagdgeschichten aus Rußland einigermaßen zu trauen ist, wie viele Jäger bis zum neununddreißigsten Bären glücklich davon kamen und beim vierzigsten unterliegen mußten!

Peter Strogoff hatte diese Unglückszahl also überschritten, ohne auch nur eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterließ es der damals elfjährige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausflügen zu begleiten, wobei er die »Ragatina« trug, d. h. eine Art Gabelspieß, um seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich führte, im Nothfall zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff seinen ersten Bären erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel heißen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten väterlichen Hause geschleppt, – was bei dem Kinde eine ungewöhnliche Kraft voraussetzen ließ.

Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte, vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Mühsal und Plage.

Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne etwas zu essen, zehn Nächte, ohne zu schlafen, und begnügte sich mit einem Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkältet hätten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weiße Ebene geführt von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen Horizont verhüllte, und das selbst in höhern Breiten, wo die Polarnacht schon mehrere Tage anhält, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo Andere nicht mehr gewußt hätten, wohin sie den Fuß setzen sollten. Alle Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wußte sich nach kaum bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der Stellung der dünnsten Baumzweige, nach schwachen Gerüchen, welche von außerhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blätter im Walde, nach den schwächsten Geräuschen in der Luft oder nach entfernten Detonationen, wie nach dem Zuge der Vögel in der dunstigen Atmosphäre, – nach tausend Einzelheiten, welche für den Kenner eben so viel Wahrzeichen sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehärtet war, wie der Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz von Gold.

Eine einzige Leidenschaft besaß Michael Strogoff, die Liebe zu seiner alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der Strogoff’s in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so lange Zeit mit dem alten Jäger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie verließ, geschah es, um seinem Triebe nach einem größeren Wirkungskreise zu genügen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr zurückzukehren, sobald die Umstände es erlaubten – ein Versprechen, das mit religiöser Strenge eingehalten wurde.

Es war beschlossen worden, daß Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten Jahre in den persönlichen Dienst des Kaisers von Rußland eintreten sollte, und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kühne, intelligente, eifrige und sich wacker aufführende junge Sibirier fand die erste Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus, mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl’s aufgewühlte Land; später bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in Kamtschatka, nach den äußersten Grenzen des asiatischen Rußland, führte. Während dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltblütigkeit, Klugheit und seines Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner Vorgesetzten erwarben und seine Carrière beschleunigten. Den ihm nach so mühseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versäumte er nie seiner alten Mutter zu widmen – und wenn er auch Tausende von Wersten entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte. Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Süden des Reichs vielfach beschäftigt wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, für ihn drei Jahrhunderte – nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen reglementsmäßigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse eintraten.

Michael Strogoff wurde vor den Czaaren geführt, in vollständiger Unkenntniß dessen, was derselbe von ihm verlangen würde.

Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit durchdringendem Blicke, während Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.

Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorprüfung, nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig Zeilen.

Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit größter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch die Worte: »Byt po semu«, welche »So geschehe es« bedeuten und eine gewöhnliche Bestätigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt hatte.

Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem kaiserlichen Wappen verschlossen.

Der Czaar erhob das Schriftstück und winkte Michael Strogoff, sich zu nähern.

Dieser that dann einige Schritte vorwärts und blieb wieder unbeweglich vor seinem Kaiser stehen.

Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in’s Gesicht. Dann begann er:

»Dein Name?

– Michael Strogoff, Sire.

– Deine Stellung?

– Kapitän bei den Courieren des Czaaren.

– Du kennst Sibirien?

– Ich stamme daher.

– Du bist geboren?

– In Omsk.

– Hast Du Verwandte in Omsk?

– Meine alte Mutter.«

Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:

»Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem Großfürsten eigenhändig, keinem, keinem Anderen! – zu überliefern.

– Ich werde ihn besorgen, Sire.

– Der Großfürst befindet sich in Irkutsk.

– Ich werde nach Irkutsk gehen.

– Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes, von den Tartaren überfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene Meuterer ein Interesse haben könnten, diesen Brief aufzufangen.

– Ich werde hindurch kommen.

– Und wirst Dich vor Allem vor einem Verräther, Iwan Ogareff, zu hüten haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen könntest.

– Ich werde ihm auszuweichen wissen.

– Kommst Du über Omsk?

– Mein Weg führt mich dahin.

– Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, würdest Du Gefahr laufen, erkannt zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!«

Michael Strogoff zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort.

»Ich werde sie nicht sehen, sagte er.

– Schwöre mir, daß nichts Dich vermögen wird, Dir zu entlocken, wer Du bist und wohin Du gehst.

– Ich schwöre es.

– Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das Schreiben einhändigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens und vielleicht das Leben meines Bruders, des Großfürsten, abhängt.

– Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Großfürsten gelangen.

– Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?

– Ich dringe hindurch überall, bis man mich tödtet.

– Ich bedarf aber Deines Lebens.

– Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen«, antwortete Michael Strogoff.

Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten Michael Strogoff’s wohl zufrieden.

»So geh‘ also, Michael Strogoff, sagte er, geh‘ mit Gott für Rußland, für meinen Bruder und für mich!«

Michael Strogoff grüßte militärisch, verließ sofort das Cabinet des Kaisers und wenige Minuten später das Neue Palais.

»Ich glaube, Du hast eine glückliche Hand gehabt, General, sagte der Czaar.

– Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestät können versichert sein, daß Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu leisten vermag.

– In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!« bemerkte der Czaar.

Fünfzehntes Capitel

Fünfzehntes Capitel

Unfall oder Zwischenfall

Am folgenden Tage, den 22. März, wurden um sechs Uhr früh die Vorbereitungen zur Abreise begonnen. Der letzte Dämmerschein zerfloß in Nacht. Es war streng kalt; die Sternbilder schimmerten in auffallend starkem Glanz. Im Zenith strahlte das wunderschöne Südkreuz, der Polarstern der antarktischen Gegenden.

Das Thermometer zeigte zwölf Grad unter Null, und wenn frischer Wind wehte, verursachte er stechenden Schmerz. Die Eisblöcke vermehrten sich auf dem freien Wasser; das Meer fing an überall zu gefrieren. Zahlreiche schwärzliche Platten auf seiner Oberfläche kündigten die bevorstehende Bildung frischen Eises an. Offenbar war das südliche Becken, wenn es während der sechs Wintermonate gefroren war, durchaus unzugänglich. Was wurde aus den Wallfischen während dieser Zeit? Ohne Zweifel zogen sie unter der Eisdecke in andere Meere, die mehr Verkehr gestatten. Die Robben und Wallrosse, welche in so strengem Klima zu leben gewohnt sind, blieben in den Eisgegenden. Diese Thiere werden durch Instinct getrieben, Löcher in die Eisfelder zu bohren und sie beständig offen zu halten, um an denselben Luft zu schöpfen. So sind denn, wenn auch die Vögel von der Kälte nach Norden wandern, diese Seesäugethiere die einzigen Herren des Polarcontinents.

Unterdessen waren die Wasserbehälter gefüllt worden, und der Nautilus tauchte langsam hinab und machte in einer Tiefe von tausend Fuß halt. Seine Schraube setzte ihn in Bewegung und er fuhr gerade nordwärts mit einer Schnelligkeit von fünfzehn Meilen die Stunde. Gegen Abend schwamm er bereits unter der unermeßlichen Eisdecke.

Die Laden des Salons waren aus Vorsicht geschlossen worden, denn der Rumpf des Nautilus konnte wider einen versenkten Eisblock stoßen. Daher brachte ich diesen Tag damit hin, meine Notizen in’s Reine zu bringen. Mein Geist war ganz in die Erinnerungen an den Pol versenkt. Wir hatten diesen unzugänglichen Punkt ohne Beschwerden und Gefahr erreicht, als wenn unser schwimmender Waggon über die Schienen einer Eisenbahn glitt. Und jetzt begann die Rückkehr. Sollte sie mir noch ähnliche Überraschungen bereiten? Ich dachte es, da die Reihe der unterseeischen Wunder unerschöpflich ist! Indessen hatten wir seit den fünf Monaten, da uns der Zufall auf dieses Fahrzeug verschlagen, vierzehntausend Lieues zurück gelegt, und auf dieser Fahrt, welche eine längere Linie enthielt, als der Erdäquator, wie viel merkwürdige oder fürchterliche Zwischenfälle hatten unserer Reise Reiz verliehen, die Jagd auf Crespo, das Stranden in der Torres-Straße, die Perlfischerei, der Korallenfriedhof, der arabische Tunnel, das Heben des Schatzes zu Vigo, die Atlantis, nun der Südpol! Während der Nacht beschäftigten alle diese Erinnerungen von Traum zu Traum meinen Geist, und ließen ihn nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen.

Um drei Uhr früh wurde ich durch einen heftigen Stoß aufgerüttelt. Ich richtete mich auf und horchte in dem Dunkel, als ich mit einem heftigen Ruck mitten in das Zimmer geschleudert wurde. Offenbar saß der Nautilus fest und hatte sich auf die Seite gelegt.

Ich stützte mich seitwärts an die Wände und drückte mich durch die Gänge bis zu dem Salon, welcher vom Plafond herab erleuchtet war. Die Möbel waren umgeworfen; glücklicher Weise waren die unten fest gefügten Glaskästen in ihrer Lage geblieben. Die Gemälde der rechten Seitenwand hatten sich bei Veränderung der Verticallinse fest an die Tapeten gelegt, während sie auf der linken unten um einen Fuß abstanden. Der Nautilus hatte sich also rechts gelegt, und zwar vollständig unbeweglich.

Innen hörte ich Fußtritte, verwirrte Stimmen. Aber der Kapitän Nemo erschien nicht. Im Moment, als ich den Salon zu verlassen im Begriff war, traten Ned-Land und Conseil ein.

»Was ist vor? fragte ich sie gleich.

– Das wollten wir von meinem Herrn hören, erwiderte Conseil.

– Tausend Teufel! rief der Canadier, ich weiß es wohl! Der Nautilus sitzt fest, und nach der Lage zu urtheilen, welche er angenommen hat, glaube ich nicht, daß er sich, wie das erste Mal in der Torres-Straße herausziehen wird.

– Aber doch, fragte ich, ist er wieder auf die Oberfläche gekommen?

– Das wissen wir nicht, erwiderte Conseil.

– Wir können uns leicht darüber Gewißheit verschaffen«, erwiderte ich. Ich befragte das Manometer. Zu meiner großen Ueberraschung zeigte es eine Tiefe von dreihundertsechzig Metern.

»Was will das bedeuten? rief ich aus.

– Man muß den Kapitän Nemo fragen, sagte Conseil.

– Aber wo ist er zu finden? fragte Ned-Land.

– Folgen Sie mir«, sagte ich zu meinen Gefährten.

Wir verließen den Salon. In der Bibliothek Niemand. Auf der Mittelstiege, dem Posten der Mannschaft, Niemand. Ich vermuthete, der Kapitän Nemo müsse sich im Gehäuse des Steuerers befinden. Das Beste war abwarten. Wir gingen wieder in den Salon.

Die Verwünschungen des Canadiers übergehe ich. Er konnte nun seinen ganzen Zorn auslassen.

Ich ließ ihn seiner üblen Laune ganz nach Belieben Luft machen, ohne etwas zu erwidern.

In dieser Lage befanden wir uns seit zwanzig Minuten, indem wir das geringste Geräusch im Innern des Nautilus belauschten, als der Kapitän Nemo eintrat. Er schien uns nicht zu sehen. Seine gewöhnlich so bewegungslose Physiognomie gab eine gewisse Unruhe zu erkennen. Er sah schweigend auf den Compaß, das Manometer, und legte seinen Finger auf einen Punkt der Karte, in der Gegend der Süd-Meere.

Ich mochte ihn nicht unterbrechen. Nur, als er nach einer kleinen Weile sich zu mir wendete, sagte ich, indem ich mich eines Ausdrucks, welchen er in der Torres-Straße gebraucht hatte; bediente:

»Ein Zwischenfall, Kapitän?

– Nein, mein Herr, erwiderte er, dieses Mal ein Unfall.

– Von ernstlicher Bedeutung?

– Vielleicht.

– Ist die Gefahr dringend?

– Nein.

– Der Nautilus sitzt fest?

– Ja.

– Und woran liegt die Schuld?

– In einer Laune der Natur, nicht in der Unerfahrenheit der Menschen. Bei unseren Manoeuvren ist kein Versehen vorgekommen. Doch die Wirkung der Gleichgewichtsgesetze läßt sich nicht hemmen. Man kann wohl menschlichen Gesetzen Trotz bieten, aber nicht den Naturgesetzen sich widersetzen.«

Diese Antwort gab mir keine Auskunft.

»Darf ich wissen, mein Herr, fragte ich ihn, was diesen Unfall veranlaßt hat?

– Ein ungeheurer Eisblock, ein ganzer Berg, hat sich umgewendet, erwiderte er. Wenn die Eisberge durch wärmeres Wasser oder wiederholte Stöße an ihrer Basis untergraben sind, verändert sich ihr Schwerpunkt. Dann wendet sich die ganze Masse, sie stürzen um. Dieser Fall ist eingetreten. Ein solcher Eisblock ist beim Umstürzen wider den Nautilus, der unter’m Wasser schwamm, gefallen. Dann glitt er darunter, hob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die Höhe und brachte ihn in minder dichte Schichten, wo er jetzt auf der Seite fest liegt.

– Aber kann man den Nautilus nicht durch Entleeren seiner Behälter frei machen, so daß er wieder in’s Gleichgewicht kommt?

– Das geschieht in diesem Augenblick, mein Herr, Sie können hören, wie die Pumpen arbeiten. Sehen Sie auf den Zeiger des Manometer. Er zeigt an, daß der Nautilus im Steigen begriffen ist, aber der Eisblock steigt mit ihm zugleich, und bis daß ein Hinderniß seine steigende Bewegung hemmt, bleibt unsere Lage unverändert.«

In der That, der Nautilus lag fortwährend aus der rechten Seite. Ohne Zweifel würde er sich aufrichten, wenn der Block selbst fest läge. Aber in diesem Augenblicke, wer weiß, ob wir nicht an die Eisdecke oben anstoßen, ob wir nicht erschrecklich zwischen die beiden Eisoberflächen gedrängt wurden?

Ich überdachte alle Consequenzen dieser Lage. Der Kapitän Nemo beobachtete unablässig das Manometer. Der Nautilus war seit dem Herabsturz des Eisberges um etwa hundertundfünfzig Fuß gestiegen, aber er blieb stets in demselben Winkel zur senkrechten Linie.

Plötzlich spürte man im Schiffsraum eine leichte Bewegung. Offenbar richtete sich der Nautilus ein wenig auf. Die hängenden Gegenstände nahmen allmälig ihre richtige Lage wieder ein. Die Wände wurden fast wieder senkrecht. Keiner von uns sprach nur ein Wort. Mit unruhigem Gemüth beobachteten, spürten wir das Wiederaufrichten. Der Fußboden wurde wieder wagrecht.

»Endlich sind wir aufrecht! rief ich aus.

– Ja, sagte der Kapitän Nemo, und ging nach der Thüre des Salons zu.

– Aber werden wir wieder flott? fragte ich.

– Zuverlässig, erwiderte er, da die Behälter noch nicht leer sind; und sind sie leer, so muß der Nautilus wieder zur Meeresoberfläche aufsteigen.«

Der Kapitän ging hinaus, und ich sah bald, daß man auf seinen Befehl die aufsteigende Bewegung des Nautilus gehemmt hatte. Wirklich würde er bald wider die untere Seite der Eisdecke gestoßen sein, und es war besser, ihn etwas tiefer sich bewegen zu lassen.

»Wir sind gut davon gekommen! sagte darauf Conseil.

– Ja, wir konnten zwischen diesen Eisblöcken erdrückt oder wenigstens eingesperrt werden. Und dann, Luftmangel … Ja! wir sind gut durchgekommen!

– Wenn jetzt alles zu Ende ist!« brummte Ned-Land.

Ich wollte mich nicht mit dem Canadier in eine unnütze Erörterung einlassen, und gab ihm keine Antwort. Uebrigens öffneten sich in diesem Augenblick die Laden, und durch das freie Glas drang das äußere Licht ein.

Wir befanden uns, wie gesagt, im freien Wasser; aber in einer Entfernung von zehn Meter ragte auf beiden Seiten des Nautilus eine glänzende Eiswand. Ueber und unter uns eine gleiche Wand, Ueber uns, weil die untere Seite der Eisdecke gleichsam einen ungeheuren Plafond bildete. Unter uns, weil der herabgestürzte Block, indem er allmälig hinabrutschte, an den Seitenwänden auf zwei Stützpunkte gestoßen war, welche ihn in dieser Lage fest hielten. Der Nautilus war in einem wahrhaften Eistunnel eingesperrt. Es war ihm jedoch leicht, durch Vorwärts- oder Rückwärtsfahren aus demselben herauszukommen, um dann einige hundert Meter tiefer freie Bahn unter der Eisdecke zu finden.

Die Leuchte am Plafond war erloschen, und dennoch war der Salon von starkem Licht zum Blenden erhellt, weil die Lichtströme des Fanal von den Eiswänden in großer Stärke zurückgestrahlt würden. Unbeschreiblich war die Wirkung der Voltaischen Strahlen auf die großen launenhaft gestalteten Eisblöcke mit ihren verschiedenen Winkeln, Spitzen, kleinen Flächen, welche jede nach Beschaffenheit ihrer Adern ein verschiedenes Licht zurück warfen, eine unerschöpfliche Mine von Edelgestein, besonders von Saphir, der seine blauen Strahlen mit den grünen des Smaragds durchkreuzte.

»Wie herrlich schön! Wie schön! rief Conseil aus.

– Ja! sagte ich, ’s ist ein wundervoller Anblick. Nicht wahr, Ned?

– Ei, Tausend Teufel! ja erwiderte Ned-Land. Prachtvoll! Ich bin entrüstet, daß ich nicht nein sagen kann. So etwas hat man noch nie gesehen. Aber dieser Anblick kann uns theuer zu stehen kommen. Und, offen gestanden es kommt mir vor, als sähen wir hier Dinge, die Gott den Blicken der Menschen hat entziehen wollen!«

Ned hatte Recht. Es war allzu schön. Plötzlich schrie Conseil laut auf; ich drehte mich um.

»Was giebt’s? fragte ich.

– Schließe mein Herr seine Augen! Schaue nicht!«

Bei diesen Worten hielt Conseil seine Hände auf beide Augen.

»Was ist Dir, lieber Junge?

– Ich bin geblendet, blind!«

Meine Blicke richteten sich unwillkürlich nach dem Fenster, aber ich konnte das entgegen strahlende Feuer nicht aushalten.

Ich verstand, was vorgegangen war. Der Nautilus hatte sich mit größter Schnelligkeit in Bewegung gesetzt. Aller ruhige Glanz der Eiswände hatte sich dadurch in blitzende Strahlen verwandelt und es war, als fahre der Nautilus durch eine Scheide von Blitzen.

Darauf schlossen sich die Läden des Salons wieder.

Wir hielten unsere Hände vor die Augen, die ganz von dem concentrischen Lichtschein durchdrungen waren, welcher vor der Netzhaut flimmert, wenn sie von den Sonnenstrahlen allzustark getroffen wird. Es bedurfte einiger Zeit, um die Unruhe unseres Blickes zu beruhigen.

Endlich ließen wir die Hände wieder herabsinken.

»Meiner Treu, das hätte ich niemals geglaubt, sagte Conseil.

– Und ich glaube es noch nicht! entgegnete der Canadier.

– Wenn wir wieder auf die Erde kommen werden, fügte Conseil bei, überreizt von so vielen Naturwundern, was werden wir dann von dem armseligen Festland denken, und von den kleinen, aus der Menschenhand herrührenden Werken! Nein! Die bewohnte Welt ist unser nicht mehr würdig!«

Solche Worte im Munde eines phlegmatischen Flamländers zeigte, bis zu welchem Höhepunkt der Wallung unser Enthusiasmus gestiegen war. Aber der Canadier ermangelte nicht, ein Tröpfchen kaltes Wasser hinein zu gießen.

»Die bewohnte Welt! sagte er mit Kopfschütteln. Seien Sie nur ruhig, Freund Conseil, wir werden nie dahin zurückkehren!«

Es war damals fünf Uhr früh. In diesem Augenblicke spürten wir, daß der Nautilus mit dem Vordertheil widerstieß. Ich dachte mir, daß sein Schnabel wider einen Eisblock gefahren sei. Dies mußte ein falsches Manoeuvre sein, denn der unterseeische, von Blöcken versperrte Tunnel bot nicht eine leichte Fahrt. Also meinte ich, der Kapitän Nemo werde seinen Weg ändernd diese Hindernisse umfahren oder den Krümmungen des Tunnels folgen. Jedenfalls konnte die Fahrt vorwärts nicht gänzlich gehemmt sein. Doch nahm der Nautilus, gegen meine Erwartung, eine entschiedene Rückwärtsbewegung vor.

»Wir fahren rückwärts? sagte Conseil.

– Ja, antwortete ich. Der Tunnel muß nach dieser Seite hin ohne Ausgang sein.

– Und dann? …

– Dann, sagte ich, ist das Verfahren sehr einfach. Wir fahren den Weg, welchen wir kamen, zurück, um an der südlichen Mündung heraus zu kommen. Das ist alles.«

Mit diesen Worten wollte ich mehr Beruhigung zu erkennen geben, als ich wirklich hatte. Indessen wurde die Rückwärtsbewegung des Nautilus rascher und brachte uns mit großer Schnelligkeit weiter.

»Das wird nur eine Verzögerung sein, sagte Ned-Land.

– Was liegt daran, einige Stunden früher oder später, wenn wir nur heraus kommen.

– Ja, widerholte Ned-Land, wenn wir nur heraus kommen!«

Ich ging auf einige Augenblicke aus dem Salon in die Bibliothek. Meine Gefährten blieben schweigend sitzen. Ich warf mich bald auf einen Divan und nahm ein Buch in die Hand, das meine Augen mechanisch durchliefen.

Nach einer Viertelstunde trat Conseil zu mir heran und sprach:

»Ist es ein interessantes Buch, worin Sie lesen?

– Sehr interessant, erwiderte ich.

– Das glaube ich. Es ist meines Herrn eigenes Werk!

– Mein Werk?«

Wirklich hatte ich mein eigenes Werk: »Ueber die großen Meerestiefen« in der Hand, was ich gar nicht vermuthet hatte. Ich machte das Buch zu und setzte meinen Spaziergang fort. Ned und Conseil standen auf, um sich zurück zu ziehen.

»Bleiben Sie, meine Freunde, sagte ich, indem ich sie zurückhielt. Bleiben wir beisammen, bis wir aus der Sackgasse wieder heraus sind.

– Wie es meinem Herrn beliebt,« erwiderte Conseil.

Es verflossen wieder einige Stunden. Ich sah häufig auf die an der Wand des Salons hängenden Instrumente. Das Manometer zeigte, daß der Nautilus sich standhaft in einer Tiefe von dreihundert Meter hielt; der Compaß, daß er immer südwärts fuhr; das Log, daß er zwanzig Meilen in der Stunde fuhr, was in einem so engen Raum etwas Außerordentliches war. Aber der Kapitän Nemo wußte, daß er nicht genug eilen konnte, und daß damals die Minuten Jahrhunderte galten.

Um acht Uhr fünfundzwanzig Minuten spürten wir einen abermaligen Stoß; diesmal am Hintertheil. Ich erbleichte. Meine Gefährten waren zu mir getreten. Ich erfaßte Conseil’s Hand. Wir fragten uns mit Blicken, und zwar directer, als Worte unsere Gedanken ausgedrückt hätten.

In dem Augenblick trat der Kapitän in den Salon. Ich ging auf ihn zu.

»Der Weg ist auch im Süden versperrt? fragte ich.

– Ja, mein Herr. Der Eisberg hat mit einer Wendung jeden Ausweg abgeschnitten.

– Wir sind abgesperrt?

– Ja.«