Kapitel 10

 

10

 

Die Dynamomaschine surrte, als er den Gehweg entlangging. Zischend und funkensprühend sprang das grelle Licht an und beleuchtete plötzlich die Fassade des Landhauses. Auf der Straße hielt ein Motorradfahrer erstaunt an und betrachtete das ungewöhnliche Schauspiel.

 

»Was ist denn hier los?« fragte er neugierig.

 

»Hier werden Filmaufnahmen gemacht«, sagte Mike.

 

»Ach so, daher das Licht. Sicher gehört die Ausstattung Mr. Knebworth.«

 

»Wo fahren Sie hin?« fragte Mike plötzlich. »Entschuldigen Sie meine Frage, aber wenn Sie nach Chichester unterwegs sind, könnten Sie mir einen sehr großen Dienst erweisen, wenn Sie mich bis dahin mitnehmen.«

 

»Sitzen Sie hinten auf«, sagte der Mann. »Ich fahre nach Petworth, aber es macht mir nichts aus, wenn ich Sie erst nach der Stadt bringe.«

 

Brixan stieg nahe am Markt ab und ging zu dem Haus eines seiner früheren Lehrer, der sich in Chichester niedergelassen hatte. Er wußte, daß dieser eine ausgezeichnete Bibliothek besaß. Nachdem er die Einladung zum Abendessen strikt abgelehnt hatte, trug er sein Anliegen vor, und sein alter Lehrer lachte.

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen, daß Sie sehr fleißig waren, als Sie noch zur Schule gingen«, sagte er dann. »Aber meinetwegen können Sie ruhig die Bibliothek benützen. Haben Sie einen Vers von Vergil vergessen? Dann könnte ich Ihnen vielleicht das Nachschlagen ersparen.«

 

»Nein, um Vergil handelt es sich nicht, großer Meister«, antwortete Mike lächelnd. »Es handelt sich um etwas viel Greifbareres.«

 

Er hatte etwa zwanzig Minuten in der Bibliothek zu tun, und als er wieder zum Vorschein kam, lag ein zufriedener Zug auf seinem Gesicht.

 

»Kann ich einen Augenblick bei Ihnen telefonieren?« fragte Er bekam die Verbindung mit London sofort. Ungefähr zehn Minuten lang sprach er mit Scotland Yard, dann ging er ins Speisezimmer, wo sein Lehrer, ein alter Junggeselle, allein sein Abendbrot einnahm.

 

»Sie können mir noch einen großen Dienst erweisen«, sagte er zu ihm. »Haben Sie eine Schnellfeuerpistole im Haus, die ein größeres Kaliber hat als diese?«

 

Bei diesen Worten zog er seine eigene Waffe aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Mike wußte, daß Mr. Scott als Offizier beim Heer gedient hatte und sogar Lehrer bei dem Offiziersausbildungskurs gewesen war. Deshalb schien die Erfüllung seiner Bitte nicht so unmöglich, wie es aussehen mochte.

 

»Ja, ich kann Ihren Wunsch erfüllen. Was wollen Sie denn schießen – etwa Elefanten?«

 

»Etwas viel Gefährlicheres«, sagte Mike.

 

»Ich bin noch nie neugierig gewesen«, meinte Mr. Scott, verließ das Zimmer und kam mit einer schweren Browningpistole wieder. In der anderen Hand hatte er eine Schachtel mit Patronen.

 

Fünf Minuten reinigten sie die Pistole, die lange Zeit nicht in Gebrauch gewesen war. Und mit dieser neuen Waffe, deren Gewicht seinen Rock bedenklich herunterzog, nahm Mike Abschied.

 

Sein Herz war jetzt leichter und sein Verstand klarer als bei seiner Ankunft. Er nahm in der Stadt ein Auto und fuhr wieder nach Dower House. Kurz vor dem Ziel stieg er aus und schickte den Wagen zurück. Jack Knebworth hatte nicht einmal gemerkt, daß er verschwunden war. Aber der alte Mr. Longvale, der einen langen Rock mit einem Cape und eine seidene Kappe mit einer langen Troddel trug, kam gleich auf ihn zu, als er den Garten betrat.

 

»Kann ich Sie sprechen, Mr. Brixan?« fragte er leise. Sie gingen zusammen in das Haus.

 

»Erinnern Sie sich, daß Mr. Knebworth sehr bestürzt war, weil er glaubte, daß jemand zum Fenster hereinschaute – ein Geschöpf mit einem Affengesicht?«

 

Mike nickte.

 

»Es ist merkwürdig«, sagte der alte Herr nachdenklich. »Es war vor einer Viertelstunde – ich machte meinen gewöhnlichen Spaziergang in dem hinteren Teil meines Gartens und schaute über die Hecke auf das Feld hinaus. Plötzlich sah ich, wie sich eine riesenhafte Gestalt erhob, die wie aus dem Erdboden wuchs. Sie bewegte sich auf jenes Gebüsch zu.« Er zeigte durch ein Fenster auf eine Gruppe von Bäumen und Sträuchern, die jenseits der Straße stand. »Sie wollte sich wohl heimlich entfernen.«

 

»Können Sie mir den Platz zeigen?« fragte Mike schnell.

 

Er ging mit dem anderen quer über die Straße zu dem Gebüsch, aber in dem Gehölz war nichts zu entdecken. Um besser sehen zu können, kniete er nieder und suchte den ganzen Horizont ab, aber keine Spur von Bhag. Er war überzeugt, daß es der Affe von Griff Towers war. Vielleicht hatte die ganze Sache nichts zu bedeuten, denn Gregory hatte ihm selbst erzählt, daß sich das Tier nachts umhertrieb und daß es völlig harmlos war, vorausgesetzt…

 

Der Gedanke war zu phantastisch, zu absurd – aber der Affe war so außergewöhnlich vernünftig und besaß fast menschlichen Verstand, daß keine Vermutung über ihn unmöglich gewesen wäre.

 

Als er zum Garten zurückkehrte, sah er Helen stehen. Sie hatte ihre Szene zu Ende gespielt und beobachtete nun die vorsichtigen Bewegungen zweier Filmbanditen, die in dem abgeblendeten Licht der Bogenlampen an der Mauer entlangkrochen.

 

»Entschuldigen Sie eine aufdringliche Frage, Miss Leamington. Haben Sie andere Kleider und Wäsche bei sich?«

 

»Warum wollen Sie das wissen?« fragte sie erstaunt. »Ja, ich habe andere Kleider mitgenommen. Das tue ich immer, für den Fall, daß wir einmal in den Regen kommen.«

 

»Nun noch etwas, haben Sie etwas verloren, als Sie in Griff Towers waren?«

 

»Ich vermisse meine Handschuhe«, sagte sie schnell. »Haben Sie sie gefunden?«

 

»Nein. Wann haben Sie sie verloren?«

 

»Ich habe sie gleich vermißt. Einen Augenblick dachte ich…« Sie hielt plötzlich inne. »Aber das war nur eine dumme Idee –« »Was dachten Sie?« fragte er.

 

»Das möchte ich Ihnen lieber nicht sagen, das ist eine rein persönliche Sache.« – »Sie dachten, daß Sir Gregory sie sich als Andenken angeeignet hat?«

 

Selbst in dem Halbdunkel sah er, wie sie die Farbe wechselte.

 

»Ja, das dachte ich«, sagte sie verwirrt.

 

»Dann ist die Frage, ob Sie noch andere Kleider mitgebracht haben, ziemlich belanglos.«

 

»Worüber sprechen Sie denn eigentlich?«

 

Sie sah ihn argwöhnisch an, und er fühlte, daß sie ihn vielleicht für etwas angetrunken hielt. Aber er konnte ihr im Augenblick unmöglich seine unzusammenhängenden Fragen erklären.

 

»Jetzt müssen alle zu Bett gehen«, sagte Jack Knebworth vernehmlich. »Legen Sie sich jetzt schlafen. Mr. Foß hat allen Räume angewiesen. Morgen früh um vier Uhr müssen wir wieder an der Arbeit sein. Deshalb muß jeder sehen, soviel wie möglich zu schlafen. – Foß, haben Sie die Räume bezeichnet?«

 

»Ja«, sagte der Dramaturg. »Ich habe die Namen an jede Tür geschrieben. Miss Leamington habe ich einen Raum für sich gegeben – ist das recht so?«

 

»Vielleicht«, sagte Knebworth in zweifelndem Ton. »Na, sie ist ja nicht lange genug dort, um sich daran zu gewöhnen.«

 

Helen sagte dem Detektiv gute Nacht und ging direkt in ihr Zimmer. Es war ein kleiner Raum, in dem ein etwas muffiger Geruch herrschte. Die bescheidene Einrichtung bestand aus einer Bettstelle auf Rollen, einer Kommode mit beweglichem Spiegel, einem kleinen Tisch und einem Stuhl. Bei dem Licht ihrer Kerze konnte sie sehen, daß der Fußboden erst kürzlich gescheuert worden war. In der Mitte des Zimmers lag ein abgenützter, quadratischer Teppich.

 

Sie schloß. die Tür, löschte das Licht, entkleidete sich im Dunkeln, ging zum Fenster und öffnete einen Flügel. Dabei bemerkte sie, daß in der Mitte der einen Scheibe ein kreisrundes weißes Papier aufgeklebt war. Zuerst wollte sie es abreißen, aber sie vermutete, daß es ein Merkzeichen für die Filmaufnahmen am nächsten Morgen sei, das Knebworth hatte anbringen lassen.

 

Sie konnte nicht gleich einschlafen. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit Mike Brixan, auf den sie sehr ärgerlich war. Sie wußte nicht, ob sie ihn bewundern oder sich über ihn lustig machen sollte. Er war ein sympathischer Mensch, das stimmte. Der sechste Sinn, den Frauen hierfür entwickeln, hatte ihr bereits diese Gewißheit gegeben. Sicherlich hatte er viel Mut. Schließlich siegte der Humor über ihre Gefühle, und sie schlief lächelnd ein.

 

Kaum hatte sie zwei Stunden geruht – ihr schien es nur ein kurzer Augenblick zu sein –, da erwachte sie voller Entsetzen. Das Gefühl einer unmittelbar drohenden Gefahr weckte sie. Sie richtete sich im Bett auf. Ihr Herz schlug heftig. Ängstlich sah sie sich im Zimmer um. In dem blassen Mondlicht war jede Ecke zu erkennen. Nichts rührte sich. Niemand befand sich außer ihr im Zimmer. War vielleicht jemand vor der Tür, der sie aufgestört hatte? Sie stand auf und drückte den Griff leise nieder. Aber die Tür war noch verschlossen. Das Fenster? Es lag nicht sehr hoch über dem Erdboden, wie sie sich erinnern konnte. Sie ging zum Fenster, um den einen Flügel zu schließen. Als sie auch den anderen zumachen wollte, kam plötzlich aus dem Dunkeln ein haariger langer Arm, und fünf Finger legten sich wie ein Schraubstock um ihr Handgelenk.

 

Sie schrie nicht. Sie stand atemlos vor Schrecken, ihr Herz setzte aus. Kalte Todesfurcht faßte sie. Was war das – was konnte das sein? Sie nahm all ihren Mut zusammen und schaute aus dem Fenster. Sie sah ein schreckliches, tierisches Gesicht, aus dem ihr zwei runde, grüne Augen entgegenfunkelten.

 

Kapitel 11

 

11

 

Das unheimliche Wesen gab ein vögelähnliches, sanftes Zwitschern von sich, als ob es mit ihr sprechen wollte. Als sie näher hinschaute, erblickte sie seine weißen Zähne in der Dunkelheit. Es zog nicht an ihrer Hand, es umspannte sie nur fest. Mit einer Hand hielt es sich an den Efeuranken, an denen es emporgeklettert war. Wieder fing das Wesen an zu zwitschern, und jetzt zog es an ihrem Arm. Sie versuchte, ihn zurückzuziehen, aber ebensogut hätte sie versuchen können, einen Maschinenkolben anzuhalten. Plötzlich schwang sich ein großes haariges Bein über das Fensterbrett, und jetzt kam auch die zweite Hand und bedeckte ihr Gesicht, so daß ihr Schrei erstickte. Und doch hatte ihn jemand gehört. Von unten herauf kam ein blitzartiger Feuerschein und der betäubende Knall eines Pistolenschusses. Ein Geschoß pfiff durch die Luft und schlug zwischen den Efeuranken in die Mauer ein. Sofort ließ der große Affe sie los, sprang auf den Boden und verschwand. Halb ohnmächtig fiel sie auf das Fensterbrett, sie war unfähig, sich zu bewegen.

 

Unten löste sich aus dem Schatten des Lorbeergebüsches eine Gestalt, und sie erkannte den mitternächtlichen Schützen. Es war Mike Brixan.

 

»Sind Sie verletzt?« fragte er leise.

 

Sie konnte nur den Kopf schütteln, die Sprache versagte ihr.

 

»Habe ich ihn getroffen?«

 

Unter Aufbietung all ihrer Kräfte versuchte sie zu sprechen.

 

»Nein, ich glaube nicht«, flüsterte sie heiser. »Er ließ sich hinunterfallen.«

 

Mike leuchtete mit seiner elektrischen Taschenlampe den Boden ab.

 

»Ich kann keine Blutspuren finden. Er war sehr schwer zu treffen – ich war besorgt, Sie zu verletzen.«

 

Ein Fenster wurde aufgerissen, und man hörte Knebworths Stimme rufen.

 

»Was bedeutet diese Schießerei? Sind Sie es, Brixan?«

 

»Ja, ich bin es. Kommen Sie herunter in den Garten, ich werde Ihnen alles erklären.«

 

Mr. Longvale schien durch den Lärm nicht aufgewacht zu sein, ebenso keiner der Filmleute. Als Knebworth in den Garten kam, fand er nur Mike Brixan.

 

Mit ein paar Worten erzählte Mike alles, was geschehen war.

 

»Der Affe gehört unserem Freund Penne. Ich habe ihn heute morgen selbst gesehen.«

 

»Was halten Sie davon? Sind Sie der Ansicht, daß er hier umherstreifte und dabei das offene Fenster sah?«

 

Mike schüttelte den Köpf.

 

»Nein«, sagte er ruhig. »Er kam mit einer ganz bestimmten Absicht hierher. Er wollte Ihre Diva entführen. Das klingt zwar hochdramatisch und scheint fast unmöglich zu sein, aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß dieser Affe nahezu menschlichen Verstand hat.«

 

»Aber er kannte Helen doch gar nicht – hatte sie nie gesehen!«

 

»Er hatte aber ihre Witterung«, sagte Mike. »Sie hat in Griff Towers heute ein Paar Handschuhe verloren, und es ist sehr wahrscheinlich, daß sie der edle Gregory Penne gestohlen hat, um Bhag eine unfehlbare Witterung zu geben.«

 

»Das kann ich nicht glauben, das ist unmöglich. Aber ich gebe gern zu«, sagte Jack Knebworth gedankenvoll, »daß diese großen Affen Erstaunliches leisten können. Haben Sie ihn angeschossen?«

 

»Nein, ich habe ihn nicht getroffen, aber ich kann Ihnen versichern, daß dieses Tier früher einmal einen Schuß abbekam, denn sonst wäre es ohne weiteres auf mich losgegangen und wäre jetzt sicher tot.« – »Wie kamen Sie eigentlich hierher?«

 

»Ich war hier auf Wache«, sagte der andere gleichgültig. »Ein Detektiv, der es ernst meint, muß so viele Dinge beobachten, daß er nicht schlafen kann wie gewöhnliche Menschen. Ich hatte auch nie die Absicht, den Garten zu verlassen, weil ich Bhag nämlich erwartete – wer ist da?«

 

Die Tür öffnete sich, und eine schlanke Gestalt, in einen Morgenrock gehüllt, trat heraus.

 

»Liebes Fräulein, Sie werden sich fürchterlich erkälten«, warnte Knebworth. »Was ist Ihnen passiert?«

 

»Ich weiß nicht.« Sie strich über ihr Handgelenk. »Ich hörte plötzlich ein Geräusch und ging zum Fenster. Dann kam dieses schreckliche Wesen und hielt mich fest. Was war eigentlich, Mr. Brixan?«

 

»Weiter nichts Besonderes, nur ein Affe«, sagte er mit gekünstelter Gleichgültigkeit. »Es tut mir leid, daß Sie so geängstigt wurden, Ich glaube, der Schuß hat Sie am meisten erschreckt.«

 

»Das dürfen Sie nicht denken, Sie wissen doch ganz genau, daß ich über den Schuß nicht erschrak. Aber es war schrecklich, ganz schrecklich.« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den zitternden Händen.

 

Jack brummte.

 

»Ich glaube schon, daß sie recht hat. Aber, liebes Fräulein, Sie sind unserem Freund hier zu Dank verpflichtet. Offenbar erwartete er diesen Besuch und blieb deshalb im Garten.«

 

»Sie erwarteten ihn?« fragte sie starr vor Staunen.

 

»Mr. Knebworth hat die Rolle, die ich spielte, übertrieben«, sagte Mike. »Und wenn Sie vermuten, daß es die Bescheidenheit eines Helden ist, so sind Sie auf dem falschen Weg. Ich wartete auf diesen Burschen, weil er von Mr. Longvale auf dem Felde gesehen wurde. Sie sahen ihn doch auch, Mr. Knebworth?«

 

Jack nickte.

 

»Wir haben ihn tatsächlich alle gesehen«, fuhr Mike fort. »Und da ich nicht wünschte, daß die Karriere eines neu entdeckten Filmstars durch das Erscheinen eines blöden Affen gestört wird, habe ich im Garten Wache gehalten.«

 

Mit einer plötzlichen Bewegung streckte sie ihre kleine Hand aus, und Mike drückte sie.

 

»Ich danke Ihnen, Mr. Brixan, ich hatte Sie in falschem Verdacht.«

 

»Wem passiert das nicht«, sagte Mike und zuckte die Schultern.

 

Sie ging in ihr Zimmer zurück, und diesmal schloß sie das Fenster fest zu. Aber bevor sie sich zum Schlafen niederlegte, trat sie nochmals ans Fenster, schaute durch die Gardinen und sah einen kleinen, glühenden Punkt. Es war Mikes Zigarre. Dann legte sie sich ruhig wieder zu Bett, um noch möglichst viel zu schlafen, bevor Foß an die Türen klopfen und die ganze Gesellschaft wecken würde.

 

Der Dramaturg war der erste, der unten im Freien war. Der Garten begann langsam im fahlen Morgendämmerlicht sichtbar zu werden. Er wünschte Mike Brixan ein unfreundliches guten Morgen, Mike erwiderte den Gruß.

 

»Da ich Sie gerade treffe, Mr. Foß – warum blieben Sie gestern in Griff Towers zurück, um mit Penne zu sprechen?«

 

»Das geht Sie doch nichts an«, brummte er und wollte vorbeigehen. Mike trat ihm in den Weg.

 

»Aber etwas geht mich sehr wohl an. Ich möchte Sie nämlich fragen, was diese weiße Marke am Fenster von Miss Leamington zu tun hat?« Dabei zeigte er auf das runde Papier, das Helen in der vorigen Nacht auch bemerkt hatte.

 

»Darüber weiß ich nichts«, sagte Foß ärgerlich. Aber es drückte sich Furcht in seiner Stimme aus.

 

»Wenn Sie es nicht wissen, wer soll es dann wissen? Ich habe doch selbst gesehen, wie Sie es gestern anbrachten, kurz bevor es dunkel wurde.«

 

»Nun gut, wenn Sie es durchaus erfahren wollen – es ist eine Marke, die dem Operateur die Grenze des Gesichtsfeldes angibt.«

 

Diese Erklärung klang glaubwürdig. Brixan hatte gesehen, wie Jack Knebworth im Garten die Grenzen abgesteckt hatte, um sicher zu sein, daß die Schauspieler auch auf den Filmstreifen kämen. Bei der ersten Gelegenheit, als er Knebworth sah, fragte er ihn wagen der Sache.

 

»Nein, ich habe niemals Anweisungen gegeben, solche Marken anzuheften. Wo ist sie denn?«

 

Mike zeigte sie ihm.

 

»Da oben würde ich niemals ein Markierungszeichen anbringen, gerade mitten im Fenster. Was mag das zu bedeuten haben?«

 

»Ich glaube, daß Foß eine bestimmte Absicht damit verfolgte. Ich nehme an, daß er es auf Gregorys Wunsch getan hat.«

 

»Aber warum denn?« fragte Knebworth verblüfft.

 

»Um das Zimmer Helen Leamingtons für Bhag kenntlich zu machen. Das ist der Grund«, sagte Mike, und er war von dem, was er sagte, vollkommen überzeugt.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mike Brixan wartete nicht, um sich die Filmaufnahmen am frühen Morgen anzusehen. Er hatte selbst etwas vor und verließ Dower House, sobald es, ohne den Anstand zu verletzen, möglich war. Er ging querfeldein und erreichte die Straße, die nach Griff Towers führte. Er hatte sich den Feldweg, der an der Grenze von Gregory Pennes Grundstück entlanglief, genau gemerkt. Wenn er den benutzte, konnte er einen ziemlichen Umweg vermeiden. Als er zehn Minuten gewandert war, kam er zu der Stelle, wo sich der Fußweg von der Fahrstraße trennte. Er schritt schnell und beobachtete den Boden scharf, um womöglich Bhags Fährte zu finden. Aber es hatte lange nicht geregnet, und wenn das Tier nicht verwundet war, konnte er kaum hoffen, seine Spur zu entdecken.

 

Er kam zu der hohen Steinmauer, die die südliche Grenze der Besitzung des Barons bildete. Hier ging er entlang, bis er an einen hinteren Ausgang kam. Vor kurzem mußte jemand hier durchgegangen sein, denn die Tür war nur angelehnt, wie er zu seiner Befriedigung feststellte.

 

Als er eingetreten war, stand er am Rand eines großen Feldes, das anscheinend als Küchengarten benützt wurde. Er konnte niemanden sehen. In der frühen Morgendämmerung machte der Turm einen häßlichen und abschreckenden Eindruck. Kein Rauch kam aus dem Kamin. Griff Towers schien wie ausgestorben. Vorsichtig ging er weiter. Aber er wagte sich nicht aufs offene Feld, sondern hielt sich im Schatten der Mauer, bis er die hohe Hecke erreicht hatte, die im rechten Winkel abbog und den Küchengarten von dem wundervoll angelegten alten Park trennte, den Jack Knebworth gestern als Hintergrund für seine Filmaufnahmen benützt hatte.

 

Immer noch spähte er scharf nach Bhag aus. Er war darauf vorbereitet, diese häßliche Gestalt jeden Augenblick auftauchen zu sehen. Schließlich erreichte er das Ende der Hecke, nur noch wenige Schritte trennten ihn von dem grauen viereckigen Turm, der dem Haus den Namen gab.

 

Von seinem Standpunkt aus konnte er alles überschauen; die zugezogenen weißen Vorhänge und die Totenstille, die in Griff Towers herrschte, hätten einen weniger kritischen Mann als Mike Brixan überzeugt, daß sein Verdacht unbegründet sei.

 

Er zögerte und wußte nicht recht, ob er in das Haus gehen sollte oder nicht. Da hörte er, wie eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Vom obersten Turmzimmer fielen Glasscheiben herunter. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Erde lag noch im dämmerigen Morgenlicht, so daß die Hecke ein gutes Versteck bildete.

 

Wer mochte zu so früher Morgenstunde ein Fenster einstoßen? Jedenfalls konnte das nicht der vorsichtige Bhag sein… So weit war er in seinen Überlegungen gekommen, als plötzlich ein greller, entsetzlicher Schrei die Stille des Morgens zerriß. Er kam vom Turmzimmer und war scharf abgerissen, als ob jemand dem Unglücklichen den Mund mit der Hand geschlossen hätte.

 

Mike packte ein kaltes Grauen. Er verließ sein Versteck, lief schnell über den geschotterten Platz und klingelte am Haupteingang, der sich unmittelbar neben dem Turm befand. Mit einem schnellen Blick ringsum vergewisserte er sich, daß nicht Bhag oder einer der farbigen Diener hinter ihm war.

 

Eine Minute verging und noch eine. Soeben hob er seine Hand, um noch einmal zu läuten, als er schwere Schritte in dem Gang und gleich darauf das Schlürfen von Pantoffeln auf den Fliesen der Halle hörte.

 

»Wer ist da?« fragte eine rauhe Stimme.

 

»Mike Brixan.«

 

Er hörte ein heiseres Räuspern, dann Rasseln von Ketten. Es wurde aufgeschlossen, und die schwere Tür öffnete sich eine Handbreit.

 

Gregory Penne erschien hinter der Tür. Er trug graue Flanellhosen und ein Hemd, dessen Ärmel am Handgelenk nicht geschlossen waren. Sein düsterer Blick erhellte sich, als er Mike Brixan sah. »Was wünschen Sie?« fragte er verwundert und öffnete die Tür etwas weiter.

 

»Ich möchte Sie besuchen«, sagte Mike.

 

»Machen Sie Ihre Besuche immer bei Tagesanbruch?« brummte Gregory und schloß die Tür hinter Brixan.

 

Mike antwortete nicht, sondern folgte Gregory. Die Bibliothek mußte die ganze Nacht benützt worden sein. Die Fensterläden waren fest geschlossen, das elektrische Licht brannte, und vor dem Kamin stand ein Tisch mit zwei Whiskyflaschen. Eine davon war leer.

 

»Wollen Sie ein Glas trinken?« fragte Penne mechanisch und schenkte sich selbst ein. Mike sah, daß seine Hand sehr unsicher war.

 

»Ist Ihr Affe zu Hause?« fragte der Detektiv, indem er die angebotene Erfrischung mit einer Handbewegung ablehnte.

 

»Meinen Sie Bhag? Ich glaube, er ist in seinem Raum. Er geht und kommt, wann er will. Möchten Sie ihn sehen?«

 

»Nein, jetzt nicht«, sagte Mike. »Ich habe ihn die letzte Nacht schon einmal zu Gesicht bekommen.«

 

Penne steckte sich seine ausgegangene Zigarre wieder an, während er sprach. Mit einem schnellen Blick sah er sich im Raum um.

 

»Sie haben ihn vorhin gesehen? Was meinen Sie damit?«

 

»Ich sah ihn in Dower House, als er versuchte, in Miss Leamingtons Zimmer einzudringen, und beinahe hätte er dabei seinen Tod gefunden.«

 

Gregory ließ das brennende Streichholz fallen und stand erregt auf.

 

»Haben Sie auf ihn geschossen?« fragte er.

 

»Ich habe auf ihn geschossen.«

 

Gregory nickte.

 

»So, so«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Deshalb kommen Sie, also. Warum haben Sie das getan? Er ist doch vollkommen harmlos.«

 

»Ich hatte nicht den Eindruck, daß er so harmlos ist«, sagte Mike kühl. »Er versuchte, Miss Leamington aus ihrem Zimmer zu zerren.«

 

Gregory machte große Augen. »Hat er das getan?«

 

Eine Pause entstand.

 

»Sie haben ihn ausgeschickt, um das Mädchen zu holen«, sagte Mike. »Sie haben auch Foß bestochen, ein Zeichen am Fenster anzubringen, so daß Bhag wußte, wo das Mädchen schlief.«

 

Gregory kniff die Lider so weit zusammen, daß man seine Augen nicht mehr sehen konnte. Sein Gesicht war noch eine Schattierung dunkler geworden.

 

»Darauf wollen Sie hinaus?« sagte er. »Ich dachte, Sie meinen es gut mit mir.«

 

»Ich kann nichts dafür, wenn Sie sich falsche Vorstellungen machen«, entgegnete Mike. »Ich sage Ihnen nur«, und dabei berührte er die Brust des anderen mit seinem Finger, »wenn Helen Leamington auch nur das geringste passiert, das mit Ihnen oder Ihrem scheußlichen Affen zusammenhängt, dann werde ich nicht nur Mr. Bhag erschießen, dann komme ich auch hierher und jage Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Verstehen Sie mich? Und jetzt sagen Sie mir gefälligst, was bedeutete der Schrei, den ich soeben aus Ihrem Turmzimmer hörte?«

 

»Was zum Teufel bilden Sie sich denn ein, mich so zu verhören?« polterte Penne los. Er war furchtbar wütend. »Sie niederträchtiger, elender kleiner Filmmensch!«

 

Mike nahm eine Karte aus seiner Tasche und reichte sie seinem Gegenüber.

 

»Wenn Sie dies lesen, werden Sie sehen, daß ich das Recht habe, Sie zu fragen.«

 

Gregory las die Karte beim Licht der Tischlampe. Er war vollständig erschlagen. Sein Kinn sank herab, und seine Hand zitterte so heftig, daß die Karte zu Boden fiel.

 

»Ein Detektiv?« sagte er stockend. »Sie – Sie sind ein Detektiv? Was wollen Sie denn von mir?«

 

»Ich habe hier jemanden furchtbar schreien hören«, sagte Mike.

 

»Das war vielleicht einer der Dienstboten – das ist schon möglich. Wir haben eine Papuafrau im Hause, die krank und nicht ganz bei Sinnen ist. Sie soll morgen von hier fortkommen. Ich will einmal nach ihr sehen, wenn Sie gestatten.«

 

Er sah zu Brixan hinüber, als ob er seine Erlaubnis einholen wolle. Seine ganze Haltung war gedrückt, und sein blasses Gesicht und seine Bestürzung genügten Mike, um seinen Verdacht zur Gewißheit werden zu lassen. In diesem Haus ging etwas vor. Er wollte der Sache auf den Grund kommen.

 

»Kann ich gehen und nachsehen?« fragte Penne.

 

Mike nickte. Der große, starke Mann verließ den Raum, als ob er sich fürchtete. Brixan hörte, wie er den Schlüssel umdrehte. Im Nu war er an der Tür und drückte die Klinke herunter. Er war eingeschlossen. Rasch sah er sich im Zimmer um, eilte zu einem Fenster, zog den Vorhang zurück und wollte die Fensterläden öffnen. Aber die waren auch verschlossen. Als er sie genauer untersuchte, entdeckte er, daß sie wie eine Tür versperrt werden konnten. Er fand das kleine Schlüsselloch. Plötzlich gingen alle Lichter im Zimmer aus. Nur die dunkelrote Glut des Kamins verbreitete noch spärliches Licht.

 

Kapitel 7

 

7

 

Joan begab sich gleich in ihr Zimmer. Sie wollte nicht noch einmal mit dem Mann zusammentreffen, in dessen Augen sie vorhin die Abgründe menschlicher Leidenschaften entdeckt hatte. Sie fühlte sich körperlich krank, als sie sich die schrecklichen Augenblicke auf dem Rasen ins Gedächtnis zurückrief.

 

Müde setzte sie sich vor dem Spiegel nieder und ließ alle Eindrücke noch einmal an sich vorüberziehen. Hamons Enthüllungen über James Morlake hatten den größten Sturm der Entrüstung in ihr wachgerufen. Das konnte nicht wahr sein – und doch hätte Hamon nicht gewagt, eine derartige Anklage auszusprechen, wenn er keine Beweise dafür hatte.

 

Sie stand auf, öffnete eine der breiten Türen und trat auf den Steinbalkon über der Einfahrt hinaus. Grell leuchtende Blitze zerrissen den dunklen Nachthimmel. Sie hörte langhinrollende Donner, aber sie achtete nicht auf die düster drohenden Wolken. Aus der Ferne schimmerte ein schwaches, gelbliches Licht zu ihr herüber, das die Lage von Wold House anzeigte.

 

Wußte dieser sonderbare einsame Mann, daß man ihn verdächtigte? Mußte er nicht gewarnt werden? Sie wurde ungeduldig. Es war offenbar heller Wahnsinn, überhaupt an ihn zu denken. Sie kannte ihn nicht und hatte nur um sein ungewöhnlich anziehendes Gesicht allerhand phantastische Träume gesponnen. In der Nähe würden diese Illusionen sicher in nichts zerfließen. Und gerade jetzt wünschte sie das und haßte doch zugleich auch Hamon, weil er den ersten Argwohn in ihrem Herzen geweckt hatte.

 

Wenn dieser Mensch die Wahrheit gesprochen hatte, schwebte Morlake in unmittelbarer Gefahr. Und wenn Hamon gelogen hatte, so führte er doch bestimmt Böses gegen ihn im Schilde.

 

Mit schnellem Entschluß ging sie zum Schrank, nahm einen Regenmantel und einen Hut und legte beides auf ihr Bett.

 

In Creith House zog man sich bald zur Ruhe zurück, aber erst um halb elf hörte sie, wie Stephens die Haustür verschloß. Nach einer weiteren Viertelstunde lag das Haus in tiefem Schweigen.

 

Wieder trat sie auf den Balkon hinaus. Das Licht in Wold House brannte noch immer. Ohne Zögern nahm sie nun den Mantel über den Arm, den Hut in die Hand und schlich sich vorsichtig die breite Treppe zur Halle hinunter.

 

Der Hausschlüssel hing an der Wand. Er war groß und unhandlich, so daß sie ihn kaum in ihre Tasche stecken konnte. Sie schob die Riegel leise zurück und schloß die Tür auf.

 

Sie hatte keine Schwierigkeit, den Weg zu finden, denn die Blitze zuckten unaufhörlich am nächtlichen Himmel. Ihr Herz klopfte wild, als sie im Schatten der rauschenden Walnußbäume den Fahrweg entlangschritt. Bald befand sie sich auf der Hauptstraße.

 

Sie war doch eine Närrin, sentimental und verrückt, sie benahm sich wie ein romantisch veranlagtes Schulmädchen. Ihre Vernunft suchte sie zurückzuhalten, aber ein starkes Gefühl, das nichts mit Verstand oder Überlegung zu tun hatte, ein Instinkt, der stärker war als jede Hemmung, trieb sie vorwärts.

 

Was würden wohl die Nachbarn denken und sagen, wenn sie wüßten, daß sich Lady Joan Carston aufgemacht hatte, nachts einen amerikanischen Verbrecher zu warnen, der verhaftet werden sollte – einen Mann, den sie nicht einmal kannte und mit dem sie noch nie gesprochen hatte! Sie überdachte das alles mit kritischer Selbstironie.

 

Inzwischen war sie zu der hohen Ziegelmauer gekommen, die Wold House umgab. Nur mit Mühe fand sie die Klinke des schmiedeeisernen Tores und drückte sie nieder. Das Licht, das sie bis dahin im Haus gesehen hatte, erlosch plötzlich, und das Gebäude lag nun in vollkommener Dunkelheit vor ihr.

 

Sie hatte gerade einen Schritt auf das Haus zu getan, als sich, die Tür unerwartet öffnete. Ein breiter Lichtschein fiel auf den Weg, und im Rahmen der Haustür sah sie die Silhouette einer Männergestalt. Blitzschnell zog sie sich in den Schutz der Bäume zurück. Hinter dem Fremden tauchte James Morlake auf, der leise auf ihn einsprach. Mit einer gewissen Genugtuung erkannte sie, daß er eine warme, sympathische Stimme besaß.

 

»Fühlen Sie sich jetzt besser?« fragte Morlake.

 

»Ja, ich danke Ihnen.«

 

»Sie werden das Haus an der Straße sicher finden. Ich weiß nichts von einer Mrs. Cornford, aber ich glaube, daß neuerdings eine Dame dort wohnt.«

 

»Es ist ganz unangebracht und unpassend von mir, daß ich hierherkomme … aber ich bin vorhin eingekehrt … dieses schreckliche Gewitter drohte … ich fürchte, ich bin betrunken.«

 

»Das fürchte ich auch.«

 

Es war also Mrs. Cornfords Patient, der Trinker. Die beiden stiegen zusammen die Treppe herunter. Der jüngere Mann schwankte ein wenig, und Morlake stützte ihn.

 

»Ich bin Ihnen sehr verbunden – ganz gewiß –, mein Name ist Fairringdon – Ferdie Farringdon …«

 

Plötzlich sah Joan bei einem aufleuchtenden Blitz das hagere, unrasierte Gesicht des Mannes. Sie mußte sich auf die Lippen beißen, um einen Aufschrei zu unterdrücken, und sie klammerte sich entsetzt an einen Zweig des Lorbeerbusches, der sie deckte. Starr schaute sie den beiden nach, bis sie in der Dunkelheit verschwanden, und sie stand noch reglos, als James allein zurückkehrte.

 

Sie beobachtete ihn genau, als er in das Haus ging und die Tür schloß. Dann wartete sie noch einige Zeit. Große Regentropfen begannen zu fallen, und die Blitze leuchteten greller.

 

Die gespenstische Erscheinung des Betrunkenen mitten in der Nacht hatte sie furchtbar erschreckt, und sie dachte nicht länger daran, Morlake zu warnen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte riß sie sich zusammen und eilte den Fahrweg entlang.

 

Sie versuchte, die großen, eisernen Tore zu öffnen, aber zu ihrer Bestürzung blieben ihre Anstrengungen vergeblich. Morlake mußte zugeschlossen haben, nachdem er Farringdon auf den Weg gebracht hatte. Was sollte sie nun tun?

 

Vorsichtig schlich sie über den Rasen, doch auf dieser Seite war der Fluß. Sie wäre über die Mauer gestiegen, wenn sie nur eine Leiter hätte finden können.

 

Plötzlich öffnete sich die Haustür abermals, und Joan verbarg sich aufs neue im Schatten, als Morlake heraustrat. Er ging schnell den Pfad hinunter, und sie hörte, wie das Tor hinter ihm zuschlug. Sie eilte hin, er hatte nicht abgeschlossen. Mit einem Seufzer der Dankbarkeit und Erleichterung schlüpfte sie hinaus.

 

Nach wenigen Schritten war sie schon vollständig durchnäßt, denn der Regen strömte mit ungewöhnlicher Heftigkeit nieder. Das Rollen und Dröhnen des Donners betäubte sie, und das anhaltende Wetterleuchten und Blitzen blendete ihre Augen. Aber sie kämpfte sich vorwärts, und schließlich konnte sie die Tore von Creith House sehen. Sie fühlte in ihrer durchnäßten Handtasche nach dem Schlüssel und stellte zu ihrer Beruhigung fest, daß sie ihn noch bei sich hatte.

 

Schnell durcheilte sie die Allee und war beinahe am Ziel, als sie entsetzt stehenblieb. Ihre Augen öffneten sich weit. Dicht vor sich sah sie im Licht der Blitze die Gestalt eines schwarzgekleideten Mannes, der bewegungslos mitten auf dem Weg stand. Sie konnte sein Gesicht unter dem breiten Rand des weichen Filzhutes nicht erkennen.

 

»Wer sind Sie?« fragte sie mit zitternder Stimme.

 

Bevor er antworten konnte, war plötzlich alles in Helligkeit getaucht, und ein furchtbarer Donnerschlag folgte unmittelbar. Joan wurde fortgeschleudert.

 

Einen Augenblick war der Mann starr vor Schrecken, dann sprang er mit einem unterdrückten Ausruf vorwärts, hob sie auf und trug sie von dem brennenden Baum fort. In einem der Fenster des Herrenhauses erschien Licht. Die Bewohner waren erwacht – der große, brennende Walnußbaum mußte sie bald ins Freie locken.

 

Der Mann schaute sich um und entdeckte eine Gruppe von Rhododendronsträuchern. Er konnte das bewußtlose Mädchen gerade noch hinter dieses Gebüsch tragen, bevor der Butler heraustrat.

 

Der Fremde wußte nicht, wer Joan war. Er hielt sie für ein Dienstmädchen, das verspätet aus dem Dorf zurückkam, und er nahm sich auch nicht die Mühe, sie genauer zu betrachten. Dadurch wäre er wahrscheinlich auch nicht klüger geworden, denn Joans Gesicht war mit weicher Erde beschmutzt, in die sie glücklicherweise gefallen war.

 

Sie kam bald wieder zu sich, öffnete die Augen und sah verzweifelt um sich. Jemand hielt ihren Kopf auf den Knien, ihr Gesicht war naß, und über ihr bewegten sich Zweige und Äste – wie mochte sie wohl hierhergekommen sein?

 

»Ich glaube, es wird Ihnen bald wieder bessergehen.«

 

Sie erkannte Jim Morlakes Stimme und starrte ihn betroffen an.

 

»Was ist denn geschehen?« fragte sie. Dann entdeckte sie den schwelenden Baum und zitterte. Der Blitz hatte dort eingeschlagen, und nur durch ein Wunder war sie entkommen.

 

»Ich danke Ihnen so sehr –« begann sie, als der Himmel wieder grell aufleuchtete.

 

In dem hellen Schein sah sie, daß Morlakes Gesicht von den Augenbrauen bis zum Kinn von einer schwarzseidenen Maske verhüllt war …

 

Kapitel 8

8

»Es ist also doch wahr – wirklich wahr«, sagte sie atemlos. Er hörte das Entsetzen in ihrer Stimme und schaute auf sie nieder. »Was soll wahr sein? Aber bitte sprechen Sie nicht zu laut, man wird Sie hören.« Sie versuchte, die Herrschaft über sich wiederzugewinnen. »Sie sind ein Einbrecher«, sagte sie endlich. »Glauben Sie … etwa wegen der Maske? Aber eine Maske macht noch keinen Einbrecher, so wenig wie eine Schwalbe einen Sommer macht. In einer so feuchten Nacht wie dieser muß sich ein Mann, der auf seinen Teint hält, natürlich gegen die Witterung schützen …« »Ach, machen Sie doch jetzt nicht so dumme Scherze!« Gleich darauf wurde ihr klar, daß ihre Entrüstung nicht mit ihrer hilflosen Lage in Einklang stand. Sie lag auf dem feuchten Gras, ihr Gesicht … Sie hoffte, daß er es nicht sehen konnte, und wischte heimlich den dicken Lehm mit einem Zipfel ihres Regenmantels ab, den sie trotz des Unwetters in ihrer Aufregung über dem Arm getragen hatte. »Würden Sie so liebenswürdig sein, mir aufzuhelfen?« Er neigte sich über sie und hob sie ohne jede Anstrengung auf. »Wohnen Sie im Herrenhaus?« fragte er höflich. »Ja, ich wohne dort. Sind Sie … waren Sie im Begriff, hier einzubrechen?« Er lachte leise: »Sie würden es mir ja doch nicht glauben, daß ich kein Einbrecher bin –« »Also sind Sie – ein Dieb?« »Ja, das bin ich.« Sie wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn er etwas anderes gesagt hätte. Ein Räuber und Einbrecher mochte er sein – aber daß er ein Lügner gewesen wäre, hätte sie nicht ertragen. »Bei uns gibt es nichts zu rauben, Mr. –« sie brach plötzlich ab. Ob er wohl wußte, daß sie ihn erkannt hatte? »Nun, Mr. –?« wiederholte er und wartete auf den Namen. »Sie sagten doch vorhin: ›Es ist also doch wahr‹ – meinten Sie damit, daß ich ein Einbrecher sei? Erwarteten Sie denn heute abend einen solchen Besuch?« »Ja«, erwiderte sie ohne die geringsten Gewissensbisse. »Mr. Hamon sagte, daß bei uns eingebrochen werden könnte.« Es war freie Erfindung von ihr, aber sie hatte nicht gedacht, daß ihre Worte so großen Eindruck auf ihn machen würden. »Ach, Sie sind zu Besuch hier? Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung – ich dachte, Sie seien … nun ja, ich wußte nicht genau, was ich aus Ihnen machen sollte. Sehen Sie doch bitte einmal nach dem Hause hin.« »Warum denn?« »Bitte –« Sie gehorchte und wandte ihm den Rücken. Es kam eben ein Mann heraus und näherte sich dem brennenden Baum. Er trug eine Sturmlaterne in der Hand und kam nur zögernd näher. »Das ist Stephens«, sagte sie und drehte sich wieder um. Aber sie war allein, der Mann mit der schwarzen Maske war verschwunden. In der allgemeinen Aufregung gelang es ihr, unbemerkt nach oben in ihr Zimmer zu kommen. Sie war Frau genug, vor allem ihre äußere Erscheinung in Ordnung zu bringen, und erst als sie ein Bad genommen hatte und in ihrem Bett lag, dachte sie wieder an ihr Abenteuer. Nun hast du deine Illusionen wohl endlich verloren, Joan Carston, sagte sie ernüchtert zu sich. Dein Wunderprinz ist ein Einbrecher, und für Einbrecher kannst du dich doch nur interessieren, wenn du krankhaft bist. Laß es dir eine Lektion sein und benimm dich in Zukunft wieder vernünftig. Nach diesem Selbstgespräch stand sie auf und schaute zwischen den großen Baumgruppen des Parks nach Wold House hinüber. Das schwache Licht brannte – Mr. Morlake war heimgegangen. Sie seufzte dankbar und legte sich wieder hin.

Kapitel 9

 

9

 

Joan kam am nächsten Morgen frühzeitig herunter, denn sie wollte mit dem Frühstück fertig sein, bevor Mr. Hamon aufstand. Sie hatte ihre Mahlzeit auch beinahe beendet, als er in das Zimmer stürzte. Sein Anblick war jedoch nichts weniger als gesellschaftsfähig. Er trug nur Strümpfe, eine Hose, von der die Träger herabhingen, und eine lebhaft gestreifte Pyjamajacke. Außerdem war er nicht rasiert, und Wut und Ärger entstellten seine Züge.

 

»Wo ist Stephens?« rief er wild. Aber plötzlich erkannte er, daß weder sein Ton noch seine äußere Erscheinung den Regeln des Anstands entsprachen, und er wurde sehr höflich. »Entschuldigen Sie bitte, Lady Joan, aber ich bin furchtbar aufgeregt – ich bin bestohlen worden!«

 

Sie schaute ihn mit großen Augen an.

 

»Hat man Ihnen vielleicht die Schuhe oder den Rock weggenommen?« fragte sie ironisch.

 

Er wurde rot.

 

»Ich entdeckte es gerade im Augenblick – ich meine den Diebstahl. In der vergangenen Nacht ist jemand in mein Zimmer eingebrochen und hat meine Brieftasche mit dreitausend Pfund gestohlen – das kann kein anderer gewesen sein als dieser Hund – dieser Morlake! Ich habe diesem Schwein auch noch eine Chance gegeben –«

 

»Es ist sehr schade, daß der Einbrecher nicht auch Ihren Wortschatz gestohlen hat«, erwiderte sie kühl.

 

Sie war durchaus nicht so gleichgültig, wie sie vorgab. Morlake war also doch zurückgekommen!

 

Sie hatte sich durch den Lichtschein in dem Zimmer von Wold House irreführen lassen. Aber vielleicht war James Morlake auch gar nicht dafür verantwortlich? Nach den etwas verworrenen Angaben Hamons, den Aussagen Stephens‘ und den Überlegungen ihres Vaters war offensichtlich in den frühen Morgenstunden irgendein Unbekannter durch eines der Fenster eingedrungen und hatte unter dem Kopfkissen Ralph Hamons eine Brieftasche entwendet, die etwa drei- bis viertausend Pfund enthielt. Auch hatte er sich den Scherz erlaubt, den Revolver, der auf einem Tisch an Hamons Bett lag, zu entladen.

 

»Also, mein Lieber«, sagte Lord Creith, der durch die dauernde Wiederholung der Geschichte und die Aufzählung der Einzelheiten gelangweilt wurde, »es ist doch das Einfachste von der Welt, wenn Sie sich an die allerdings etwas langsame Polizei wenden und der alles berichten. Die Leute sind unten im Garten und trampeln meine Blumenbeete kaputt. Die interessieren sich viel mehr als ich dafür, daß Sie Mr. Morlake im Verdacht haben. Als Ortsvorsteher werde ich gern den Haftbefehl gegen ihn unterschreiben oder, was in diesem Fall bedeutend wichtiger wäre, sein Haus durchsuchen lassen. Wenn er Ihr Geld gestohlen hat, wird man es ja auch bei ihm finden.«

 

»Nein, das möchte ich nicht«, entgegnete Hamon etwas kleinlaut. »Ich habe keine Beweise.«

 

»Aber Sie haben doch behauptet, daß die Polizei ihn dauernd beobachtet«, mischte sich Joan in die Unterhaltung. Sie erkannte jedoch sofort, daß ihre Bemerkung vielleicht dazu beitragen könnte, den Dieb zu fangen, und es lief ihr heiß und kalt den Rücken hinunter.

 

»Mein Freund, Inspektor Marborne, überwacht ihn seit Jahren. Nein, ich will diesen Fall nicht der Ortspolizei übergeben, die würde die ganze Sache verpfuschen. Außerdem ist ein Mann wie Morlake viel zu schlau, das gestohlene Geld in seinem Haus aufzubewahren. Ich gehe später hin und spreche selbst mit ihm.«

 

Er sah böse zu Joan hinüber, als sie lachte.

 

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich, »aber das klingt mir doch sehr komisch, daß der Bestohlene selbst mit dem Dieb verhandelt. Wollen Sie das tatsächlich tun?«

 

»Auf alle Fälle war es grenzenlos töricht, so viel Geld in der Tasche herumzuschleppen«, mischte sich Lord Creith ein. »Dreitausend Pfund bringt man auf die Bank, mein Lieber! Wozu gibt es denn Safes und Stahlkammern?« Er schaute auf die Uhr. »In einer halben Stunde fahre ich in die Stadt. Leider kann ich Sie nicht einladen, mitzukommen, weil in meinem Auto nur zwei Personen Platz haben.«

 

»Ach, Sie fahren in die Stadt?« fragte Hamon enttäuscht. »Ich dachte, Sie würden den Rest der Woche noch hier verbringen.«

 

»Ich habe es Ihnen doch schon am Montag gesagt«, erwiderte der Lord, obgleich das nicht stimmte. »Bei Tattersall ist morgen eine große Auktion, bei der ich zugegen sein will, und Joan muß zu ihrem Zahnarzt … Wenn es Ihnen beliebt, können Sie ruhig hierbleiben, ich möchte Sie in Ihren Plänen durchaus nicht stören.«

 

»Wann kommen Sie zurück?«

 

»Wahrscheinlich in einem Monat.«

 

Ralph Hamon überlegte sich, daß es auch für ihn besser war, in die Stadt zu fahren. Er bemerkte, daß sein Wagen groß genug sei, alle mitzunehmen, aber man achtete nicht auf seinen Vorschlag.

 

»Die Sache hätten wir nun also glücklich hinter uns«, meinte Lord Creith mit einem Seufzer der Erleichterung, als sein Auto durch das Tor auf die Hauptstraße fuhr. »Hamon ist ja sonst eine ganz hervorragende Persönlichkeit, aber er fällt mir doch auf die Nerven.«

 

Kapitel 55

 

55

 

Die Leute brachten Sadi Hafis zu Hamons Haus auf dem Hügel zurück. Die Reise war lang für einen Mann, der eine Kugel in der Schulter hatte.

 

»Allah! Dieses Schwein!« stöhnte der Maure. »Wenn sich die Pistole nicht in den Falten meines Mantels verfangen hätte, würde der Kerl jetzt in der Hölle sein!«

 

Hamon schickte nach Frauen, die die Wunde untersuchten und verbanden.

 

»Es ist nichts«, sagte Sadi rauh. »Als er mich das letztemal anschoß, war die Sache schlimmer.«

 

»Sprechen Sie von dem Bettler?« fragte Hamon erstaunt.

 

»Natürlich!«

 

»Ich hätte nie gedacht, daß er Ihnen etwas anhaben könnte. Er ist doch alt und schwach. Und Sie haben mir auch nicht gesagt, daß Sie ihn kannten.«

 

»Ich wußte es selbst bis zum letzten Augenblick nicht, aber dieser Morlake ist ein alter Feind von mir.«

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Sie sprachen doch eben noch von dem Bettler«, erwiderte er und runzelte die Stirn. »Ich bin so aufgeregt heute nacht – Sie meinten doch den alten Bettler Abdul?«

 

»Ich spreche von Morlake«, stieß Sadi zwischen den Zähnen hervor, »den Sie heute morgen so voreilig mit einer Frau verheirateten!«

 

Hamon starrte ihn fassungslos an.

 

»Das verstehe ich nicht. Der Bettler war Morlake? Aber – er war doch ein alter Mann!«

 

»Wenn ich nicht die Augen eines Mondkalbes gehabt hätte«, entgegnete Sadi bitter, »dann hätte ich gleich sehen müssen, daß es Morlake war. Schon früher bevorzugte er diese Verkleidung, als er hier noch im diplomatischen Dienst tätig war.«

 

Hamon ließ sich verstört auf dem Diwan nieder.

 

»Der Bettler war also Morlake – und ich habe die beiden verheiratet!«

 

Er brach in ein hysterisches Lachen aus, aber allmählich beruhigte er sich wieder.

 

»Er haßt Sie!« sagte Sadi nach einem langen Schweigen. »Was steckt eigentlich hinter der ganzen Geschichte?«

 

»Er will ein Schriftstück haben, das in meinem Besitz ist – das ist alles.«

 

Das aufgeregte, rote Gesicht Hamons und der nervöse Ton seiner Stimme weckten Sadis Verdacht. Ob Hamon getrunken hatte?

 

»Sie denken, ich bin betrunken«, meinte Hamon, als ob er Sadis Gedanken gelesen hätte. »Aber das stimmt nicht.«

 

Plötzlich ging er aus dem Zimmer und ließ Sadi allein. Der Scherif dachte über alle Möglichkeiten nach. Hamon mußte verschwinden, entschied er kaltblütig. Wenn es wahr wäre, daß ein englischer Detektiv in Tanger Nachforschungen nach ihm anstellte, dann sollte er auch seine Beute erhalten. Nur auf diese Weise konnte sich Sadi rächen. Hamon war ja auch keine große Einnahmequelle mehr für ihn.

 

Kurz nach Sonnenaufgang stand Sadi auf, um seinen Gastgeber aufzusuchen. Hamon hielt sich in dem Zimmer auf, das Joan innegehabt hatte. Er schlief, sein Kopf ruhte über den gefalteten Armen auf der Tischplatte. Neben ihm lag eine offene Brieftasche mit vielen Papieren. Sadi untersuchte sie leise. Er fand ein halbes Dutzend noch nicht eingelöster Schecks und ein viermal zusammengefaltetes Blatt. Begierig griff er danach und las.

 

›Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß Ralph Hamon, den ich für meinen Freund hielt, mich töten will. Er hält mich augenblicklich in einem kleinen Haus in der Nähe von Hindhead gefangen. Auf seinen Rat begleitete ich ihn nach Marokko, um dort eine Mine zu besichtigen, die ich für sein Eigentum hielt. Wir kehrten auf seinen Wunsch heimlich nach London zurück, weil niemand erfahren sollte, daß er seinen Anteil an der Mine verkaufen wollte. Ich hatte den Verdacht, daß die Mine, die er mir als die seine zeigte, in Wirklichkeit nichts mit ihm und seinen Unternehmungen zu tun hatte, kam nach Hindhead und wollte erst dann zahlen, wenn sich mein Argwohn als unbegründet erwiesen hatte. Ich habe eine Vorsichtsmaßregel ergriffen, die ich für sehr wirksam halte. In Hindhead wurde mein Verdacht bestätigt, und ich weigerte mich deshalb, das Geld zu zahlen. Darauf schloß mich Hamon in der Küche ein und ließ mich von einem Araber bewachen, den er von seiner letzten Reise aus Tanger mitgebracht hatte. Sie haben bereits versucht, mich umzubringen, und ich fürchte, das nächstemal –‹

 

Hier endete das Schreiben plötzlich. Aber als Sadi das Blatt umwandte, weiteten sich seine Augen. Die Anklage stand auf der Rückseite einer Tratte auf die Bank von England in Höhe von hunderttausend Pfund …

 

Hamon erwachte, während Sadi noch las.

 

»Geben Sie mir mein Eigentum zurück, wenn Sie fertig sind«, sagte er.

 

Der Maure zeigte nicht die geringste Verlegenheit und legte das Schriftstück wieder auf den Tisch.

 

»Jetzt weiß ich Bescheid. Ich wunderte mich schon immer, warum Sie in so großer Unruhe waren. Sie sind doch ein Narr – das Dokument bringt Sie noch an den Galgen –, warum verbrennen Sie es denn nicht?«

 

»Weil ich es brauche – ich muß es behalten«, erwiderte Ralph und steckte die Brieftasche wütend ein.

 

Gegen Abend sah er, daß einer von Sadis Leuten sein Pferd bestieg und ein anderes am Zaum führte. Das konnte nur eins bedeuten. Dieser Bote sollte so schnell wie möglich nach Tanger reiten. Er nahm ein zweites Pferd mit, um unterwegs wechseln zu können. Und er konnte nur einen bestimmten Auftrag haben.

 

Ralph Hamon lachte leise vor sich hin. Aus irgendeinem Grunde bereitete ihm diese Entdeckung unendliches Vergnügen. Sadi Hafis wollte also auf seine Kosten die eigene Haut retten. In zwei Tagen, vielleicht schon morgen, konnten der Befehl und die Vollmacht von dem Vertreter des Sultans kommen, und er, Ralph Hamon, würde dann von dem Mann verhaftet werden, mit dem er so eng befreundet gewesen war. Sadi würde ihn nach Tanger bringen und dem Gericht ausliefern.

 

Er ging hinters Haus und rief seinen Stallmeister zu sich.

 

»Ich werde heute nacht eine Reise machen, aber sie muß geheim bleiben. Du bringst mein und dein Pferd an den Bach, wo er die Straße kreuzt. Wir reiten zur Küste und gehen später auf spanisches Gebiet über. Du bekommst zweitausend Peseten von mir, wenn du schweigst. Bist du einverstanden?«

 

»O Herr, du hast meinen Mund mit Goldfäden zugenäht«, sagte der Mann.

 

Hamon speiste mit Sadi zu Abend.

 

Von der kleinen Uhr im Wohnzimmer schlug es Mitternacht, als Hamon in Reitanzug und dickem Mantel die Treppe hinunterstieg. Er trug Gummischuhe über den Stiefeln und schlich sich geräuschlos zu Sadis Schlafraum. Leise klinkte er die Tür auf und lauschte, bis er den regelmäßigen Atem des Schlafenden hörte. Dann zog er ein langes, gerades Messer aus der Tasche und trat in das Zimmer ein, in dem nur eine Kerze brannte. Er blieb ein paar Minuten dort, dann löschte er das Licht und verließ den Raum wieder.

 

Er ritt zwei Stunden in scharfem Trab, dann hielt er an, und sein Diener bereitete ein Mahl. Hamon saß am Feuer.

 

»O Herr, ich sehe Blut an deinem Ärmel und an deinen Händen!« rief sein Begleiter plötzlich erregt.

 

»Das ist nichts!« erwiderte Hamon ruhig. »Am Abend wollte mich ein Hund beißen. Ich habe ihn getötet.«

 

Kapitel 56

 

56

 

Eine Flut von Sonnenlicht ergoß sich über Tanger, und die Oberfläche des Meeres erschien wie schimmerndes Gold. Aber die beiden älteren Herren, die an dem Geländer der Hotelterrasse lehnten, sahen nichts von dieser Schönheit.

 

»Keine neuen Nachrichten?« fragte Welling.

 

Lord Creith schüttelte den Kopf, und seine Blicke wanderten zu der prachtvollen Yacht hinüber, die im Hafen vor Anker lag.

 

»Wollen Sie hier warten, bis Sie etwas hören?«

 

»Das muß ich wohl tun«, sagte der Lord niedergeschlagen. »Und was beabsichtigen Sie?«

 

»Meine Arbeit hier ist eigentlich beendet. Ich wollte die ersten Anfänge von Hamons Aufstieg untersuchen, und ich habe alles, was noch unklar war, vollständig aufgeklärt. Er gründete Schwindelgesellschaften und verdiente damit allerhand Geld. Dann brachte er einen vermögenden Engländer hierher. Sie wohnten ungefähr vierzehn Tage im Hause von Sadi Hafis. Nachher verließen sie das Land wieder. Ich entdeckte, daß der Fremde ihm eine große Geldsumme zahlte – ich habe auch beim Credit Lyonnais Nachforschungen angestellt und die alten Akten eingesehen. Die Geldüberweisung ist klar. Fünfzigtausend Pfund gab der Mann als Anzahlung.«

 

»Wofür denn?« fragte der Lord, der sich trotz seiner Sorgen für die Sache zu interessieren begann.

 

»Das muß ich noch herausbekommen. Allem Anschein nach sollte später noch eine viel größere Summe auf Hamons Konto eingezahlt werden.«

 

»Kennen Sie eigentlich den Namen dieses geheimnisvollen Engländers?«

 

»Nein. Vermutlich wurde die Einzahlung in der Nähe von Hindhead geleistet. Wenn ich das sicher wüßte, würde sich Hamon in Tanger nicht wieder blicken lassen.«

 

»Das wird er auch so nicht mehr wagen«, entgegnete der Lord bitter. »Wenn die Regierung dieses verfluchten Landes morgen nicht etwas unternimmt, dann mache ich auf eigene Faust eine Expedition ins Innere, um meine Tochter zu finden! Und wenn ich Ralph Hamon entdecke, ist es aus mit ihm!«

 

Welling rauchte bedächtig weiter und schaute auf die sonnige Bucht hinaus.

 

»Wenn Jim Morlake sie nicht findet, wird es Ihnen auch nicht gelingen.«

 

»Wo mag sie nur geblieben sein?«

 

Zwei Leute ritten die Küste entlang auf die Stadt zu. Sie waren kaum noch eine halbe Meile entfernt und fielen durch ihr merkwürdiges Betragen auf.

 

»Ein Maure, der sich mit einer Frau in der Öffentlichkeit unterhält, ist ein seltener Anblick«, sagte Welling, der die beiden beobachtete.

 

Lord Creith schaute durch sein Fernglas. Die Frau hob die Hand und winkte, und es sah fast so aus, als ob der Gruß ihm gelten sollte.

 

»Wollen sie uns ein Zeichen geben?«

 

»Es scheint so«, meinte Welling.

 

Lord Creith wurde plötzlich bleich.

 

»Das ist doch nicht möglich!« rief er mit zitternder Stimme, drehte sich plötzlich um und eilte die Stufen zur Uferstraße hinunter. Die beiden Reiter fielen in Galopp.

 

Welling beobachtete die Szene erstaunt und sah, wie die maurische Frau plötzlich aus dem Sattel sprang und in die Arme des alten Mannes eilte. Dann stieg auch ihr Begleiter ab und wurde von Lord Creith aufs herzlichste begrüßt.

 

Wenn das nicht Jim Morlake ist, will ich ein Neger sein, sagte Welling zu sich selbst.

 

Im nächsten Augenblick eilte auch er hinunter, um die beiden zu begrüßen, und eine Stunde später saßen vier glückliche Menschen bei einer vergnügten Mahlzeit.

 

Einen Tag später erfuhren sie von Sadis Tod und der mißglückten Flucht seines Mörders. Sadis Leute hatten Hamon verfolgt, ihm den Weg abgeschnitten und ihn aus dem Hinterhalt erschossen. Sein Dienernder entkommen war, brachte die Nachricht nach Tanger. Die Leiche wurde geborgen, und das Dokument, nach dem Jim seit Jahren vergeblich gesucht hatte, kam endlich zutage.

 

»Wir fahren noch heute abend«, erklärte der Lord. »Mögen die Wellen im Golf von Biscaya haushoch sein, und mag der größte Sturm im Kanal toben – wenn wir nur aus diesem Land fortkommen! Ich muß die Yacht zur Heimfahrt benützen, denn der eigentliche Besitzer ist ein persönlicher Freund von mir, wie ich inzwischen erfahren habe. Sie begleiten uns doch, Morlake?«

 

»Ja«, erwiderte Jim. »Meine Aufgaben sind erledigt. Sie wurden vom Schicksal für mich gelöst. Um so mehr freue ich mich, daß ich jetzt nur noch schöne vor mir habe.«

 

Er sah Joan freudig an, und ihre Augen leuchteten glücklich auf.

 

Kapitel 6

 

6

 

»Hat es nicht eben gedonnert?« fragte Lord Creith. Er hob die Hand zum Mund, um ein Gähnen zu verbergen.

 

Auch Joan fühlte sich gelangweilt. Das Essen nahm kein Ende.

 

»Es klang fast so«, erwiderte Hamon und fuhr aus seinen unangenehmen Gedanken auf.

 

»Im Oktober sind Gewitter sehr selten«, meinte der Lord. »Ich kann mich daran erinnern, als ich noch ein Junge war …«

 

Er machte einen schwachen Versuch, die andern durch eine Geschichte zu unterhalten, die jedoch niemand fesselte. Er schien es auch zu fühlen und brach bald ab. Aber dann brachte er das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das seine beiden Tischgenossen in hohem Maße interessierte.

 

»Ich habe Stephens nach diesem Morlake gefragt. Ein merkwürdiger Mensch. Niemand weiß auch nur das Geringste über ihn. Vor drei Jahren kam er von irgendwoher, kaufte Wold House und ließ sich hier als Gutsbesitzer nieder. Er beteiligt sich an keiner Jagd, keinem Ball, lehnt alle Einladungen ab, die ihm geschickt werden, und hat offenbar weder Bekannte noch Freunde. Ein ganz eigentümlicher Kerl!«

 

»Das kann ich nur bestätigen!«

 

Mr. Hamon lachte laut, und Joan sah ihn erstaunt an.

 

»Kennen Sie ihn denn?«

 

»Ziemlich genau – er ist ein amerikanischer Verbrecher!«

 

Joan versuchte vergeblich, ihre Erregung zu verbergen. Aber anscheinend übersah Hamon das Wohlwollen und die Sympathie, die der Besitzer von Wold House hier genoß. Er freute sich über das Aufsehen, das seine Worte hervorriefen.

 

»Ja, er ist ein Verbrecher, einer der größten Geldschrankknacker und Erpresser! Wie er in Wirklichkeit heißt, weiß ich nicht.«

 

»Aber dann ist die Polizei doch sicher über ihn informiert«, meinte Lord Creith verwundert.

 

»Das mag sein, aber ein Mann wie Morlake, der so viel Geld hat, braucht die Polizei nicht zu fürchten.«

 

Joan hatte bis jetzt sprachlos zugehört.

 

»Woher wollen Sie denn das alles wissen?« fragte sie, als sie ihre Stimme wieder beherrschte.

 

Hamon zuckte die Schultern.

 

»Vor einigen Jahren bin ich einmal mit ihm aneinandergeraten. Er dachte, er habe etwas entdeckt, was ihm eine gewisse Macht über mich gebe, und versuchte, mich zu erpressen. Er entkam nur mit genauer Not. Das nächstemal wird es ihm nicht glücken! Und das nächstemal –« er öffnete und schloß die Hand, als ob er jemand erwürgen wollte »– wird recht bald kommen! Ich habe ihn in meiner Gewalt.«

 

Joan haßte Ralph Hamon in diesem Augenblick über alle Maßen, obwohl er sie eigentlich nicht beleidigt hatte.

 

»Ich sagte schon, daß ich nicht weiß, wie er in Wirklichkeit heißt. Die Polizei beobachtet ihn seit Jahren, aber sie hat noch nie genügend Material gegen ihn sammeln können, um ihn vor Gericht zu bringen.«

 

»Ich habe aber noch nie etwas davon erfahren«, unterbrach ihn Lord Creith, »und ich bin doch hier der Ortsvorstand. Die hiesige Polizei hat nichts gegen ihn, im Gegenteil, man spricht ganz gut von Mr. Morlake.«

 

»Als ich eben die Polizei erwähnte, meinte ich damit Scotland Yard in London, und die Leute dort reden natürlich nicht darüber.«

 

»Ich kann das alles nicht glauben!« Joans lange unterdrückte Entrüstung kam zum Durchbruch. »Wahrscheinlich haben Sie irgendwelche Schauergeschichten gehört, die Ihre Phantasie jetzt verwirren!«

 

Hamon lächelte.

 

»Ich gebe zu, daß es recht unglaubhaft klingt, aber es ist die volle Wahrheit. Ich habe Morlake erst heute morgen gesprochen. Er war auf das unangenehmste überrascht, als er mich sah, das kann ich Ihnen sagen. Am meisten schien er sich darüber zu ärgern, daß ich ihn wiedererkannte. Er bat mich auch händeringend, es niemand zu erzählen –«

 

»Das ist nicht wahr! Unter keinen Umständen kann das stimmen!« erklärte Joan zornig. »Mr. Morlake ist der letzte, der einen anderen um etwas bitten würde. Ich glaube auch nicht, daß er ein Dieb ist.«

 

»Ist er denn Ihr Freund?«

 

»Ich bin ihm noch nie begegnet.«

 

Ein verlegenes Schweigen trat ein, aber Ralph Hamon hatte ein dickes Fell. Obwohl sie ihm auf den Kopf zusagte, daß er log, fühlte er sich nicht im mindesten verletzt.

 

Als sich Lord Creith in sein Zimmer zurückgezogen hatte, ging Joan hinaus, um die aufflammenden Blitze am südlichen Himmel zu beobachten. Sie wollte allein sein, doch Hamon folgte ihr.

 

»Es sieht so aus, als ob wir eine stürmische Nacht bekämen«, meinte er, um eine Unterhaltung zu beginnen.

 

Sie gab ihm recht und wollte wieder ins Haus zurückkehren, aber er hielt sie an.

 

»Wo haben Sie denn die Bekanntschaft der Dame gemacht, die dort drüben wohnt?«

 

»Sprechen Sie etwa von Mrs. Cornford? Ist sie vielleicht auch eine Verbrecherin?« fragte sie scharf.

 

Er lächelte nachsichtig über die sarkastische Bemerkung.

 

»Das nicht gerade. Ich interessiere mich nur für sie. Es kommt mir vor, als hätte ich sie schon vor Jahren einmal gesehen. Ich vermute, daß sie mich noch kennt. Hat sie Ihnen etwas davon gesagt?«

 

»Sie hat Ihren Namen niemals erwähnt – wahrscheinlich, weil ich mit ihr nicht über Sie gesprochen habe«, antwortete Joan etwas erstaunt.

 

»Ich glaube mich daran zu erinnern, daß sie nicht ganz richtig im Kopf war – sie war ein Jahr in einer Irrenanstalt.«

 

Joan lachte laut auf.

 

»Ausgezeichnet! Wer von meinen Freunden nicht gerade ein Verbrecher ist, wird von Ihnen für wahnsinnig erklärt!«

 

»Ich wußte nicht, daß er Ihr Freund ist«, sagte er schnell und trat an sie heran.

 

»Mr. Morlake ist unser Nachbar, und Nachbarn sind nach alter Sitte unsere Freunde. Wir gehen jetzt aber besser hinein.«

 

»Einen Augenblick noch.«

 

Er nahm ihren Arm, und sie machte sich durch eine leichte Bewegung wieder frei: »Was wollen Sie mir denn noch sagen?«

 

»Hat Ihr Vater über meinen Antrag mit Ihnen gesprochen?«

 

»Ja, es war die Rede davon«, erwiderte sie gleichgültig. »Ich erklärte ihm, daß ich nicht den Wunsch habe, Sie zu heiraten, obwohl ich gut verstünde, welches Kompliment Sie mir mit Ihrem Antrag machten.«

 

Hamon räusperte sich. »Erwähnte er auch die Tatsache, daß in Wirklichkeit ich der Eigentümer der Creithschen Güter bin?«

 

»Auch das hat er mir gesagt.«

 

»Ich nehme an, daß Ihnen das Stammhaus der Creith doch ein wenig am Herzen liegt? Ihre Vorfahren haben es seit Hunderten von Jahren besessen!«

 

»Sicher, es ist mir sehr teuer«, entgegnete sie steif. »Aber es ist mir doch nicht so kostbar, daß ich das Glück meines Lebens opfern würde, um den Titel einer Herrin von Creith zu behalten. Es gibt noch viel schlimmere Dinge, als heimatlos zu sein, Mr. Hamon.«.

 

Sie machte eine Bewegung, als ob sie gehen wollte, aber wieder hielt er sie zurück.

 

»Warten Sie noch«, sagte er leidenschaftlich. »Joan, ich bin zwanzig Jahre älter als Sie, aber Sie sind die Frau, von der ich geträumt habe, solange ich denken kann. Es gibt nichts, das ich nicht für Sie tun könnte, kein Dienst wäre mir zu schwer. Ich muß Sie besitzen!«

 

Bevor sie wußte, was geschah, hatte er sie in die Arme geschlossen. Sie wehrte sich und wollte sich frei machen, aber er umklammerte sie fest.

 

»Lassen Sie mich gehen – wie dürfen Sie das wagen!«

 

»Ruhe!« zischte er. »Ich liebe Sie, Joan, obwohl Sie mich mit Ihrem Hochmut tief gekränkt haben. Ich liebe Ihr süßes Gesicht, Ihre Augen, Ihren herrlichen, schlanken Körper …«

 

Sie bog den Kopf zur Seite, um dem Kuß seiner gierigen Lippen zu entgehen. Im selben Augenblick klang die Stimme ihres Vaters von der Halle zu ihnen herüber.

 

»Bist du noch draußen, Joan?«

 

Hamon ließ die Arme sinken, und sie taumelte zitternd vor Schrecken und Abscheu zurück.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich mich so vergaß«, flüsterte er.

 

Sie konnte nicht sprechen und zeigte nur zur Tür. Er verließ sie und ging hinein. Erst nach einigen Minuten folgte sie ihm.

 

Lord Creith schaute mit seinen kurzsichtigen Augen prüfend auf seine Tochter.

 

»Ist etwas passiert?« fragte er, als er ihre Blässe bemerkte.

 

»Nein, Vater.«

 

Er sah sich um. Hamon war verschwunden.

 

»Ein Mensch ohne Erziehung – ich werde ihn aus dem Hause weisen, wenn du es wünschest, mein Liebling.«

 

»Ach, das ist nicht notwendig. Aber wenn er morgen nicht von selbst verschwindet, wollen wir dann nicht lieber nach London gehen?«

 

»Ja, das wollen wir tun.«

 

Kapitel 51

 

51

 

Sadi wartete im Rauchsalon auf Hamon und war so in Gedanken vertieft, daß er ihn erst hörte, als er angerufen wurde.

 

»Allah! Sie haben mir aber einen Schrecken eingejagt!« fuhr er auf. »O ja, das ist eine sehr schöne Frau – wenn auch nicht gerade das, was wir Mauren lieben, etwas zu dünn für meinen Geschmack.«

 

Hamon ließ sich nicht täuschen. Joan hatte großen Eindruck auf Sadi gemacht.

 

»Gehen Sie morgen nach Tanger zurück?« fragte Hamon und kniff die Augenlider zusammen, als Sadi den Kopf schüttelte.

 

»Nein, ich habe mich entschlossen, noch ein wenig hierzubleiben. Ich habe auch einmal einen kleinen Luftwechsel nötig – die letzte Zeit war sehr anstrengend für mich.«

 

»Aber Sie versprachen doch, Bannockwaite herzubringen?«

 

»Ich habe einem meiner Leute den Auftrag gegeben, ihn herzuschaffen. Ihr englischer Vertreter hätte das übrigens auch besorgen können! Dieser Bannockwaite kommt unter allen Umständen, wenn Sie ihn dafür bezahlen!«

 

»Kennen Sie ihn eigentlich genauer?«

 

»Ich habe ihn schon gesehen – er ist eine charakteristische Gestalt in Tanger geworden«, entgegnete Sadi Hafis. »Er kam während des Krieges zu uns. Ich habe gehört, daß er sich am Abend der großen Schlacht an der Somme betrank und dann desertierte. Aber Sie haben mir doch erzählt, daß er kein Geistlicher mehr ist und aus Ihrer Kirche ausgestoßen wurde.«

 

»Sein Name stand im Verzeichnis der Geistlichen, bis er nach der Schlacht an der Somme als vermißt gemeldet wurde. Ich glaube, daß er noch eingetragen ist, aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, würde das der Eheschließung nicht schaden, die er vorgenommen hat.«

 

»Aber – warum wollen Sie denn überhaupt heiraten? Sie hängen noch zu sehr an den alten Gebräuchen, mein Freund.«

 

Ralph lächelte.

 

»Das ist nicht so schlimm, wie Sie denken. Ich habe aber meine Gründe dafür. Der Titel der Familie Creith wird durch meine Frau auch auf deren Kinder vererbt.«

 

»Verrückter Gedanke! All diese unmöglichen Dinge sind ja an Ihrem Zusammenbruch schuld, Hamon.«

 

»Was reden Sie da von Zusammenbruch?« fragte Hamon.

 

»Wenn es noch nicht soweit ist, wird es sicher nicht mehr lange dauern. Es sei denn, Sie ziehen es vor, hier in Marokko zu bleiben, jenseits der Grenze, wo europäische Gesetze gelten.« Er streckte die Arme aus und gähnte. »Ich gehe zu Bett. Und es wird Sie vielleicht freuen, daß ich mich jetzt doch entschieden habe, morgen früh nach Tanger zurückzureiten.«

 

Sadi sah die Genugtuung in Hamons Blick und freute sich.

 

»Ich werde Ihnen Bannockwaite unter Bedeckung herschicken.«

 

Als Hamon am nächsten Morgen erwachte, erfuhr er, daß der Scherif tatsächlich aufgebrochen war. Er ließ Joan allein, obgleich er sah, daß sie im Garten spazierenging.

 

Am Abend berichtete ihm ein Diener, daß sich eine Reisegesellschaft dem Haus näherte. Hamon nahm seinen Feldstecher und beobachtete die drei Männer, die quer durch das Land dahergaloppierten. Zwei waren Mauren, und den dritten, der im Sattel hin und her taumelte, als ob er betrunken sei, erkannte er sogleich wieder.

 

Hastig eilte er aus dem Haus und wartete an der offenen Tür, bis Reverend Aylmer Bannockwaite ankam.

 

Der Mann wäre beinahe vom Pferd gefallen, aber seine Begleiter sprangen ab und eilten an seine Seite.

 

Bannockwaite wandte sein blutunterlaufenes Gesicht Hamon zu, übersah dessen ausgestreckte Hand, zog ein Monokel aus seiner Westentasche und klemmte es ins Auge.

 

»Wer sind Sie und was wollen Sie?« fragte er gereizt. »Sie haben mich quer durch dieses verfluchte Land schleppen lassen und mich in meiner Ruhe gestört – zum Teufel, was wollen Sie von mir?«

 

»Es tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, Mr. Bannockwaite«, erklärte Ralph höflich.

 

»Sehr nett gesagt.«

 

Eine große fleischige Hand drückte schwach Hamons Rechte.

 

»Sehr schön gesagt, mein Junge. Also, wenn Sie mich jetzt ein wenig ausruhen lassen und ich später eine Pfeife Hanf rauchen kann, um meine Nerven zu beruhigen, bin ich Ihr Freund. Und wenn Sie mir dann noch etwas von dem köstlichen Marsala zu trinken geben und mir eine blumige Zigarre anbieten, bin ich Ihr Sklave mit Leib und Seele!«

 

Joan hatte von ihrem Fenster aus die heruntergekommene Gestalt beobachtet und vermutete sofort, wer es war. Was war aus diesem schlanken, großen Mann mit dem asketischen Gesicht geworden! Sie hatte ihn nur zweimal gesehen, aber sie wußte bestimmt, daß er es war. Etwas an seinem Gang, an seinen Bewegungen erinnerte sie an früher. Sie starrte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dann setzte sie sich hin, hielt den Kopf in den Händen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

 

Dann war er also nicht gestorben! Der wählerische, halbverrückte Pastor, der Abgott der Schule von Hulston, der Gründer dieser absurden Geheimgesellschaften kam nun in Schmutz und Lumpen daher.

 

Wie mochte Ralph Hamon ihn gefunden haben? Bannockwaite würde sie trauen, das wußte sie. Diese merkwürdige Situation mußte ihn so fesseln, daß er keinen Augenblick zögern würde, Hamons Auftrag auszuführen.

 

Ralph erschien auch am Abend nicht bei ihr, obgleich sie erwartet hatte, daß er den heruntergekommenen Geistlichen zu ihr bringen würde. Ihr Schlafzimmer stieß an den großen Wohnsalon und war geräumig und luftig. Gegen Mitternacht kleidete sie sich aus und hüllte sich in den langen Mantel aus weicher Seide, den ihr die junge Araberin gebracht hatte. Sie zog einen Stuhl ans Fenster, löschte das Licht und schob die Vorhänge zurück. Aber plötzlich schrie sie laut auf und wäre beinahe vor Schreck zusammengebrochen, denn durch die Eisengitter starrte ein Gesicht mit langem Bart, einer großen Hakennase und rot unterlaufenen Augen zu ihr herein. Es war der Bettler. Das lange Messer, das er in den Händen hielt, blitzte im Mondlicht auf.