Kapitel 10

 

10

 

Die Dynamomaschine surrte, als er den Gehweg entlangging. Zischend und funkensprühend sprang das grelle Licht an und beleuchtete plötzlich die Fassade des Landhauses. Auf der Straße hielt ein Motorradfahrer erstaunt an und betrachtete das ungewöhnliche Schauspiel.

 

»Was ist denn hier los?« fragte er neugierig.

 

»Hier werden Filmaufnahmen gemacht«, sagte Mike.

 

»Ach so, daher das Licht. Sicher gehört die Ausstattung Mr. Knebworth.«

 

»Wo fahren Sie hin?« fragte Mike plötzlich. »Entschuldigen Sie meine Frage, aber wenn Sie nach Chichester unterwegs sind, könnten Sie mir einen sehr großen Dienst erweisen, wenn Sie mich bis dahin mitnehmen.«

 

»Sitzen Sie hinten auf«, sagte der Mann. »Ich fahre nach Petworth, aber es macht mir nichts aus, wenn ich Sie erst nach der Stadt bringe.«

 

Brixan stieg nahe am Markt ab und ging zu dem Haus eines seiner früheren Lehrer, der sich in Chichester niedergelassen hatte. Er wußte, daß dieser eine ausgezeichnete Bibliothek besaß. Nachdem er die Einladung zum Abendessen strikt abgelehnt hatte, trug er sein Anliegen vor, und sein alter Lehrer lachte.

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen, daß Sie sehr fleißig waren, als Sie noch zur Schule gingen«, sagte er dann. »Aber meinetwegen können Sie ruhig die Bibliothek benützen. Haben Sie einen Vers von Vergil vergessen? Dann könnte ich Ihnen vielleicht das Nachschlagen ersparen.«

 

»Nein, um Vergil handelt es sich nicht, großer Meister«, antwortete Mike lächelnd. »Es handelt sich um etwas viel Greifbareres.«

 

Er hatte etwa zwanzig Minuten in der Bibliothek zu tun, und als er wieder zum Vorschein kam, lag ein zufriedener Zug auf seinem Gesicht.

 

»Kann ich einen Augenblick bei Ihnen telefonieren?« fragte Er bekam die Verbindung mit London sofort. Ungefähr zehn Minuten lang sprach er mit Scotland Yard, dann ging er ins Speisezimmer, wo sein Lehrer, ein alter Junggeselle, allein sein Abendbrot einnahm.

 

»Sie können mir noch einen großen Dienst erweisen«, sagte er zu ihm. »Haben Sie eine Schnellfeuerpistole im Haus, die ein größeres Kaliber hat als diese?«

 

Bei diesen Worten zog er seine eigene Waffe aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Mike wußte, daß Mr. Scott als Offizier beim Heer gedient hatte und sogar Lehrer bei dem Offiziersausbildungskurs gewesen war. Deshalb schien die Erfüllung seiner Bitte nicht so unmöglich, wie es aussehen mochte.

 

»Ja, ich kann Ihren Wunsch erfüllen. Was wollen Sie denn schießen – etwa Elefanten?«

 

»Etwas viel Gefährlicheres«, sagte Mike.

 

»Ich bin noch nie neugierig gewesen«, meinte Mr. Scott, verließ das Zimmer und kam mit einer schweren Browningpistole wieder. In der anderen Hand hatte er eine Schachtel mit Patronen.

 

Fünf Minuten reinigten sie die Pistole, die lange Zeit nicht in Gebrauch gewesen war. Und mit dieser neuen Waffe, deren Gewicht seinen Rock bedenklich herunterzog, nahm Mike Abschied.

 

Sein Herz war jetzt leichter und sein Verstand klarer als bei seiner Ankunft. Er nahm in der Stadt ein Auto und fuhr wieder nach Dower House. Kurz vor dem Ziel stieg er aus und schickte den Wagen zurück. Jack Knebworth hatte nicht einmal gemerkt, daß er verschwunden war. Aber der alte Mr. Longvale, der einen langen Rock mit einem Cape und eine seidene Kappe mit einer langen Troddel trug, kam gleich auf ihn zu, als er den Garten betrat.

 

»Kann ich Sie sprechen, Mr. Brixan?« fragte er leise. Sie gingen zusammen in das Haus.

 

»Erinnern Sie sich, daß Mr. Knebworth sehr bestürzt war, weil er glaubte, daß jemand zum Fenster hereinschaute – ein Geschöpf mit einem Affengesicht?«

 

Mike nickte.

 

»Es ist merkwürdig«, sagte der alte Herr nachdenklich. »Es war vor einer Viertelstunde – ich machte meinen gewöhnlichen Spaziergang in dem hinteren Teil meines Gartens und schaute über die Hecke auf das Feld hinaus. Plötzlich sah ich, wie sich eine riesenhafte Gestalt erhob, die wie aus dem Erdboden wuchs. Sie bewegte sich auf jenes Gebüsch zu.« Er zeigte durch ein Fenster auf eine Gruppe von Bäumen und Sträuchern, die jenseits der Straße stand. »Sie wollte sich wohl heimlich entfernen.«

 

»Können Sie mir den Platz zeigen?« fragte Mike schnell.

 

Er ging mit dem anderen quer über die Straße zu dem Gebüsch, aber in dem Gehölz war nichts zu entdecken. Um besser sehen zu können, kniete er nieder und suchte den ganzen Horizont ab, aber keine Spur von Bhag. Er war überzeugt, daß es der Affe von Griff Towers war. Vielleicht hatte die ganze Sache nichts zu bedeuten, denn Gregory hatte ihm selbst erzählt, daß sich das Tier nachts umhertrieb und daß es völlig harmlos war, vorausgesetzt…

 

Der Gedanke war zu phantastisch, zu absurd – aber der Affe war so außergewöhnlich vernünftig und besaß fast menschlichen Verstand, daß keine Vermutung über ihn unmöglich gewesen wäre.

 

Als er zum Garten zurückkehrte, sah er Helen stehen. Sie hatte ihre Szene zu Ende gespielt und beobachtete nun die vorsichtigen Bewegungen zweier Filmbanditen, die in dem abgeblendeten Licht der Bogenlampen an der Mauer entlangkrochen.

 

»Entschuldigen Sie eine aufdringliche Frage, Miss Leamington. Haben Sie andere Kleider und Wäsche bei sich?«

 

»Warum wollen Sie das wissen?« fragte sie erstaunt. »Ja, ich habe andere Kleider mitgenommen. Das tue ich immer, für den Fall, daß wir einmal in den Regen kommen.«

 

»Nun noch etwas, haben Sie etwas verloren, als Sie in Griff Towers waren?«

 

»Ich vermisse meine Handschuhe«, sagte sie schnell. »Haben Sie sie gefunden?«

 

»Nein. Wann haben Sie sie verloren?«

 

»Ich habe sie gleich vermißt. Einen Augenblick dachte ich…« Sie hielt plötzlich inne. »Aber das war nur eine dumme Idee –« »Was dachten Sie?« fragte er.

 

»Das möchte ich Ihnen lieber nicht sagen, das ist eine rein persönliche Sache.« – »Sie dachten, daß Sir Gregory sie sich als Andenken angeeignet hat?«

 

Selbst in dem Halbdunkel sah er, wie sie die Farbe wechselte.

 

»Ja, das dachte ich«, sagte sie verwirrt.

 

»Dann ist die Frage, ob Sie noch andere Kleider mitgebracht haben, ziemlich belanglos.«

 

»Worüber sprechen Sie denn eigentlich?«

 

Sie sah ihn argwöhnisch an, und er fühlte, daß sie ihn vielleicht für etwas angetrunken hielt. Aber er konnte ihr im Augenblick unmöglich seine unzusammenhängenden Fragen erklären.

 

»Jetzt müssen alle zu Bett gehen«, sagte Jack Knebworth vernehmlich. »Legen Sie sich jetzt schlafen. Mr. Foß hat allen Räume angewiesen. Morgen früh um vier Uhr müssen wir wieder an der Arbeit sein. Deshalb muß jeder sehen, soviel wie möglich zu schlafen. – Foß, haben Sie die Räume bezeichnet?«

 

»Ja«, sagte der Dramaturg. »Ich habe die Namen an jede Tür geschrieben. Miss Leamington habe ich einen Raum für sich gegeben – ist das recht so?«

 

»Vielleicht«, sagte Knebworth in zweifelndem Ton. »Na, sie ist ja nicht lange genug dort, um sich daran zu gewöhnen.«

 

Helen sagte dem Detektiv gute Nacht und ging direkt in ihr Zimmer. Es war ein kleiner Raum, in dem ein etwas muffiger Geruch herrschte. Die bescheidene Einrichtung bestand aus einer Bettstelle auf Rollen, einer Kommode mit beweglichem Spiegel, einem kleinen Tisch und einem Stuhl. Bei dem Licht ihrer Kerze konnte sie sehen, daß der Fußboden erst kürzlich gescheuert worden war. In der Mitte des Zimmers lag ein abgenützter, quadratischer Teppich.

 

Sie schloß. die Tür, löschte das Licht, entkleidete sich im Dunkeln, ging zum Fenster und öffnete einen Flügel. Dabei bemerkte sie, daß in der Mitte der einen Scheibe ein kreisrundes weißes Papier aufgeklebt war. Zuerst wollte sie es abreißen, aber sie vermutete, daß es ein Merkzeichen für die Filmaufnahmen am nächsten Morgen sei, das Knebworth hatte anbringen lassen.

 

Sie konnte nicht gleich einschlafen. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit Mike Brixan, auf den sie sehr ärgerlich war. Sie wußte nicht, ob sie ihn bewundern oder sich über ihn lustig machen sollte. Er war ein sympathischer Mensch, das stimmte. Der sechste Sinn, den Frauen hierfür entwickeln, hatte ihr bereits diese Gewißheit gegeben. Sicherlich hatte er viel Mut. Schließlich siegte der Humor über ihre Gefühle, und sie schlief lächelnd ein.

 

Kaum hatte sie zwei Stunden geruht – ihr schien es nur ein kurzer Augenblick zu sein –, da erwachte sie voller Entsetzen. Das Gefühl einer unmittelbar drohenden Gefahr weckte sie. Sie richtete sich im Bett auf. Ihr Herz schlug heftig. Ängstlich sah sie sich im Zimmer um. In dem blassen Mondlicht war jede Ecke zu erkennen. Nichts rührte sich. Niemand befand sich außer ihr im Zimmer. War vielleicht jemand vor der Tür, der sie aufgestört hatte? Sie stand auf und drückte den Griff leise nieder. Aber die Tür war noch verschlossen. Das Fenster? Es lag nicht sehr hoch über dem Erdboden, wie sie sich erinnern konnte. Sie ging zum Fenster, um den einen Flügel zu schließen. Als sie auch den anderen zumachen wollte, kam plötzlich aus dem Dunkeln ein haariger langer Arm, und fünf Finger legten sich wie ein Schraubstock um ihr Handgelenk.

 

Sie schrie nicht. Sie stand atemlos vor Schrecken, ihr Herz setzte aus. Kalte Todesfurcht faßte sie. Was war das – was konnte das sein? Sie nahm all ihren Mut zusammen und schaute aus dem Fenster. Sie sah ein schreckliches, tierisches Gesicht, aus dem ihr zwei runde, grüne Augen entgegenfunkelten.

 

Kapitel 11

 

11

 

Das unheimliche Wesen gab ein vögelähnliches, sanftes Zwitschern von sich, als ob es mit ihr sprechen wollte. Als sie näher hinschaute, erblickte sie seine weißen Zähne in der Dunkelheit. Es zog nicht an ihrer Hand, es umspannte sie nur fest. Mit einer Hand hielt es sich an den Efeuranken, an denen es emporgeklettert war. Wieder fing das Wesen an zu zwitschern, und jetzt zog es an ihrem Arm. Sie versuchte, ihn zurückzuziehen, aber ebensogut hätte sie versuchen können, einen Maschinenkolben anzuhalten. Plötzlich schwang sich ein großes haariges Bein über das Fensterbrett, und jetzt kam auch die zweite Hand und bedeckte ihr Gesicht, so daß ihr Schrei erstickte. Und doch hatte ihn jemand gehört. Von unten herauf kam ein blitzartiger Feuerschein und der betäubende Knall eines Pistolenschusses. Ein Geschoß pfiff durch die Luft und schlug zwischen den Efeuranken in die Mauer ein. Sofort ließ der große Affe sie los, sprang auf den Boden und verschwand. Halb ohnmächtig fiel sie auf das Fensterbrett, sie war unfähig, sich zu bewegen.

 

Unten löste sich aus dem Schatten des Lorbeergebüsches eine Gestalt, und sie erkannte den mitternächtlichen Schützen. Es war Mike Brixan.

 

»Sind Sie verletzt?« fragte er leise.

 

Sie konnte nur den Kopf schütteln, die Sprache versagte ihr.

 

»Habe ich ihn getroffen?«

 

Unter Aufbietung all ihrer Kräfte versuchte sie zu sprechen.

 

»Nein, ich glaube nicht«, flüsterte sie heiser. »Er ließ sich hinunterfallen.«

 

Mike leuchtete mit seiner elektrischen Taschenlampe den Boden ab.

 

»Ich kann keine Blutspuren finden. Er war sehr schwer zu treffen – ich war besorgt, Sie zu verletzen.«

 

Ein Fenster wurde aufgerissen, und man hörte Knebworths Stimme rufen.

 

»Was bedeutet diese Schießerei? Sind Sie es, Brixan?«

 

»Ja, ich bin es. Kommen Sie herunter in den Garten, ich werde Ihnen alles erklären.«

 

Mr. Longvale schien durch den Lärm nicht aufgewacht zu sein, ebenso keiner der Filmleute. Als Knebworth in den Garten kam, fand er nur Mike Brixan.

 

Mit ein paar Worten erzählte Mike alles, was geschehen war.

 

»Der Affe gehört unserem Freund Penne. Ich habe ihn heute morgen selbst gesehen.«

 

»Was halten Sie davon? Sind Sie der Ansicht, daß er hier umherstreifte und dabei das offene Fenster sah?«

 

Mike schüttelte den Köpf.

 

»Nein«, sagte er ruhig. »Er kam mit einer ganz bestimmten Absicht hierher. Er wollte Ihre Diva entführen. Das klingt zwar hochdramatisch und scheint fast unmöglich zu sein, aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß dieser Affe nahezu menschlichen Verstand hat.«

 

»Aber er kannte Helen doch gar nicht – hatte sie nie gesehen!«

 

»Er hatte aber ihre Witterung«, sagte Mike. »Sie hat in Griff Towers heute ein Paar Handschuhe verloren, und es ist sehr wahrscheinlich, daß sie der edle Gregory Penne gestohlen hat, um Bhag eine unfehlbare Witterung zu geben.«

 

»Das kann ich nicht glauben, das ist unmöglich. Aber ich gebe gern zu«, sagte Jack Knebworth gedankenvoll, »daß diese großen Affen Erstaunliches leisten können. Haben Sie ihn angeschossen?«

 

»Nein, ich habe ihn nicht getroffen, aber ich kann Ihnen versichern, daß dieses Tier früher einmal einen Schuß abbekam, denn sonst wäre es ohne weiteres auf mich losgegangen und wäre jetzt sicher tot.« – »Wie kamen Sie eigentlich hierher?«

 

»Ich war hier auf Wache«, sagte der andere gleichgültig. »Ein Detektiv, der es ernst meint, muß so viele Dinge beobachten, daß er nicht schlafen kann wie gewöhnliche Menschen. Ich hatte auch nie die Absicht, den Garten zu verlassen, weil ich Bhag nämlich erwartete – wer ist da?«

 

Die Tür öffnete sich, und eine schlanke Gestalt, in einen Morgenrock gehüllt, trat heraus.

 

»Liebes Fräulein, Sie werden sich fürchterlich erkälten«, warnte Knebworth. »Was ist Ihnen passiert?«

 

»Ich weiß nicht.« Sie strich über ihr Handgelenk. »Ich hörte plötzlich ein Geräusch und ging zum Fenster. Dann kam dieses schreckliche Wesen und hielt mich fest. Was war eigentlich, Mr. Brixan?«

 

»Weiter nichts Besonderes, nur ein Affe«, sagte er mit gekünstelter Gleichgültigkeit. »Es tut mir leid, daß Sie so geängstigt wurden, Ich glaube, der Schuß hat Sie am meisten erschreckt.«

 

»Das dürfen Sie nicht denken, Sie wissen doch ganz genau, daß ich über den Schuß nicht erschrak. Aber es war schrecklich, ganz schrecklich.« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den zitternden Händen.

 

Jack brummte.

 

»Ich glaube schon, daß sie recht hat. Aber, liebes Fräulein, Sie sind unserem Freund hier zu Dank verpflichtet. Offenbar erwartete er diesen Besuch und blieb deshalb im Garten.«

 

»Sie erwarteten ihn?« fragte sie starr vor Staunen.

 

»Mr. Knebworth hat die Rolle, die ich spielte, übertrieben«, sagte Mike. »Und wenn Sie vermuten, daß es die Bescheidenheit eines Helden ist, so sind Sie auf dem falschen Weg. Ich wartete auf diesen Burschen, weil er von Mr. Longvale auf dem Felde gesehen wurde. Sie sahen ihn doch auch, Mr. Knebworth?«

 

Jack nickte.

 

»Wir haben ihn tatsächlich alle gesehen«, fuhr Mike fort. »Und da ich nicht wünschte, daß die Karriere eines neu entdeckten Filmstars durch das Erscheinen eines blöden Affen gestört wird, habe ich im Garten Wache gehalten.«

 

Mit einer plötzlichen Bewegung streckte sie ihre kleine Hand aus, und Mike drückte sie.

 

»Ich danke Ihnen, Mr. Brixan, ich hatte Sie in falschem Verdacht.«

 

»Wem passiert das nicht«, sagte Mike und zuckte die Schultern.

 

Sie ging in ihr Zimmer zurück, und diesmal schloß sie das Fenster fest zu. Aber bevor sie sich zum Schlafen niederlegte, trat sie nochmals ans Fenster, schaute durch die Gardinen und sah einen kleinen, glühenden Punkt. Es war Mikes Zigarre. Dann legte sie sich ruhig wieder zu Bett, um noch möglichst viel zu schlafen, bevor Foß an die Türen klopfen und die ganze Gesellschaft wecken würde.

 

Der Dramaturg war der erste, der unten im Freien war. Der Garten begann langsam im fahlen Morgendämmerlicht sichtbar zu werden. Er wünschte Mike Brixan ein unfreundliches guten Morgen, Mike erwiderte den Gruß.

 

»Da ich Sie gerade treffe, Mr. Foß – warum blieben Sie gestern in Griff Towers zurück, um mit Penne zu sprechen?«

 

»Das geht Sie doch nichts an«, brummte er und wollte vorbeigehen. Mike trat ihm in den Weg.

 

»Aber etwas geht mich sehr wohl an. Ich möchte Sie nämlich fragen, was diese weiße Marke am Fenster von Miss Leamington zu tun hat?« Dabei zeigte er auf das runde Papier, das Helen in der vorigen Nacht auch bemerkt hatte.

 

»Darüber weiß ich nichts«, sagte Foß ärgerlich. Aber es drückte sich Furcht in seiner Stimme aus.

 

»Wenn Sie es nicht wissen, wer soll es dann wissen? Ich habe doch selbst gesehen, wie Sie es gestern anbrachten, kurz bevor es dunkel wurde.«

 

»Nun gut, wenn Sie es durchaus erfahren wollen – es ist eine Marke, die dem Operateur die Grenze des Gesichtsfeldes angibt.«

 

Diese Erklärung klang glaubwürdig. Brixan hatte gesehen, wie Jack Knebworth im Garten die Grenzen abgesteckt hatte, um sicher zu sein, daß die Schauspieler auch auf den Filmstreifen kämen. Bei der ersten Gelegenheit, als er Knebworth sah, fragte er ihn wagen der Sache.

 

»Nein, ich habe niemals Anweisungen gegeben, solche Marken anzuheften. Wo ist sie denn?«

 

Mike zeigte sie ihm.

 

»Da oben würde ich niemals ein Markierungszeichen anbringen, gerade mitten im Fenster. Was mag das zu bedeuten haben?«

 

»Ich glaube, daß Foß eine bestimmte Absicht damit verfolgte. Ich nehme an, daß er es auf Gregorys Wunsch getan hat.«

 

»Aber warum denn?« fragte Knebworth verblüfft.

 

»Um das Zimmer Helen Leamingtons für Bhag kenntlich zu machen. Das ist der Grund«, sagte Mike, und er war von dem, was er sagte, vollkommen überzeugt.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mike Brixan wartete nicht, um sich die Filmaufnahmen am frühen Morgen anzusehen. Er hatte selbst etwas vor und verließ Dower House, sobald es, ohne den Anstand zu verletzen, möglich war. Er ging querfeldein und erreichte die Straße, die nach Griff Towers führte. Er hatte sich den Feldweg, der an der Grenze von Gregory Pennes Grundstück entlanglief, genau gemerkt. Wenn er den benutzte, konnte er einen ziemlichen Umweg vermeiden. Als er zehn Minuten gewandert war, kam er zu der Stelle, wo sich der Fußweg von der Fahrstraße trennte. Er schritt schnell und beobachtete den Boden scharf, um womöglich Bhags Fährte zu finden. Aber es hatte lange nicht geregnet, und wenn das Tier nicht verwundet war, konnte er kaum hoffen, seine Spur zu entdecken.

 

Er kam zu der hohen Steinmauer, die die südliche Grenze der Besitzung des Barons bildete. Hier ging er entlang, bis er an einen hinteren Ausgang kam. Vor kurzem mußte jemand hier durchgegangen sein, denn die Tür war nur angelehnt, wie er zu seiner Befriedigung feststellte.

 

Als er eingetreten war, stand er am Rand eines großen Feldes, das anscheinend als Küchengarten benützt wurde. Er konnte niemanden sehen. In der frühen Morgendämmerung machte der Turm einen häßlichen und abschreckenden Eindruck. Kein Rauch kam aus dem Kamin. Griff Towers schien wie ausgestorben. Vorsichtig ging er weiter. Aber er wagte sich nicht aufs offene Feld, sondern hielt sich im Schatten der Mauer, bis er die hohe Hecke erreicht hatte, die im rechten Winkel abbog und den Küchengarten von dem wundervoll angelegten alten Park trennte, den Jack Knebworth gestern als Hintergrund für seine Filmaufnahmen benützt hatte.

 

Immer noch spähte er scharf nach Bhag aus. Er war darauf vorbereitet, diese häßliche Gestalt jeden Augenblick auftauchen zu sehen. Schließlich erreichte er das Ende der Hecke, nur noch wenige Schritte trennten ihn von dem grauen viereckigen Turm, der dem Haus den Namen gab.

 

Von seinem Standpunkt aus konnte er alles überschauen; die zugezogenen weißen Vorhänge und die Totenstille, die in Griff Towers herrschte, hätten einen weniger kritischen Mann als Mike Brixan überzeugt, daß sein Verdacht unbegründet sei.

 

Er zögerte und wußte nicht recht, ob er in das Haus gehen sollte oder nicht. Da hörte er, wie eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Vom obersten Turmzimmer fielen Glasscheiben herunter. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Erde lag noch im dämmerigen Morgenlicht, so daß die Hecke ein gutes Versteck bildete.

 

Wer mochte zu so früher Morgenstunde ein Fenster einstoßen? Jedenfalls konnte das nicht der vorsichtige Bhag sein… So weit war er in seinen Überlegungen gekommen, als plötzlich ein greller, entsetzlicher Schrei die Stille des Morgens zerriß. Er kam vom Turmzimmer und war scharf abgerissen, als ob jemand dem Unglücklichen den Mund mit der Hand geschlossen hätte.

 

Mike packte ein kaltes Grauen. Er verließ sein Versteck, lief schnell über den geschotterten Platz und klingelte am Haupteingang, der sich unmittelbar neben dem Turm befand. Mit einem schnellen Blick ringsum vergewisserte er sich, daß nicht Bhag oder einer der farbigen Diener hinter ihm war.

 

Eine Minute verging und noch eine. Soeben hob er seine Hand, um noch einmal zu läuten, als er schwere Schritte in dem Gang und gleich darauf das Schlürfen von Pantoffeln auf den Fliesen der Halle hörte.

 

»Wer ist da?« fragte eine rauhe Stimme.

 

»Mike Brixan.«

 

Er hörte ein heiseres Räuspern, dann Rasseln von Ketten. Es wurde aufgeschlossen, und die schwere Tür öffnete sich eine Handbreit.

 

Gregory Penne erschien hinter der Tür. Er trug graue Flanellhosen und ein Hemd, dessen Ärmel am Handgelenk nicht geschlossen waren. Sein düsterer Blick erhellte sich, als er Mike Brixan sah. »Was wünschen Sie?« fragte er verwundert und öffnete die Tür etwas weiter.

 

»Ich möchte Sie besuchen«, sagte Mike.

 

»Machen Sie Ihre Besuche immer bei Tagesanbruch?« brummte Gregory und schloß die Tür hinter Brixan.

 

Mike antwortete nicht, sondern folgte Gregory. Die Bibliothek mußte die ganze Nacht benützt worden sein. Die Fensterläden waren fest geschlossen, das elektrische Licht brannte, und vor dem Kamin stand ein Tisch mit zwei Whiskyflaschen. Eine davon war leer.

 

»Wollen Sie ein Glas trinken?« fragte Penne mechanisch und schenkte sich selbst ein. Mike sah, daß seine Hand sehr unsicher war.

 

»Ist Ihr Affe zu Hause?« fragte der Detektiv, indem er die angebotene Erfrischung mit einer Handbewegung ablehnte.

 

»Meinen Sie Bhag? Ich glaube, er ist in seinem Raum. Er geht und kommt, wann er will. Möchten Sie ihn sehen?«

 

»Nein, jetzt nicht«, sagte Mike. »Ich habe ihn die letzte Nacht schon einmal zu Gesicht bekommen.«

 

Penne steckte sich seine ausgegangene Zigarre wieder an, während er sprach. Mit einem schnellen Blick sah er sich im Raum um.

 

»Sie haben ihn vorhin gesehen? Was meinen Sie damit?«

 

»Ich sah ihn in Dower House, als er versuchte, in Miss Leamingtons Zimmer einzudringen, und beinahe hätte er dabei seinen Tod gefunden.«

 

Gregory ließ das brennende Streichholz fallen und stand erregt auf.

 

»Haben Sie auf ihn geschossen?« fragte er.

 

»Ich habe auf ihn geschossen.«

 

Gregory nickte.

 

»So, so«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Deshalb kommen Sie, also. Warum haben Sie das getan? Er ist doch vollkommen harmlos.«

 

»Ich hatte nicht den Eindruck, daß er so harmlos ist«, sagte Mike kühl. »Er versuchte, Miss Leamington aus ihrem Zimmer zu zerren.«

 

Gregory machte große Augen. »Hat er das getan?«

 

Eine Pause entstand.

 

»Sie haben ihn ausgeschickt, um das Mädchen zu holen«, sagte Mike. »Sie haben auch Foß bestochen, ein Zeichen am Fenster anzubringen, so daß Bhag wußte, wo das Mädchen schlief.«

 

Gregory kniff die Lider so weit zusammen, daß man seine Augen nicht mehr sehen konnte. Sein Gesicht war noch eine Schattierung dunkler geworden.

 

»Darauf wollen Sie hinaus?« sagte er. »Ich dachte, Sie meinen es gut mit mir.«

 

»Ich kann nichts dafür, wenn Sie sich falsche Vorstellungen machen«, entgegnete Mike. »Ich sage Ihnen nur«, und dabei berührte er die Brust des anderen mit seinem Finger, »wenn Helen Leamington auch nur das geringste passiert, das mit Ihnen oder Ihrem scheußlichen Affen zusammenhängt, dann werde ich nicht nur Mr. Bhag erschießen, dann komme ich auch hierher und jage Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Verstehen Sie mich? Und jetzt sagen Sie mir gefälligst, was bedeutete der Schrei, den ich soeben aus Ihrem Turmzimmer hörte?«

 

»Was zum Teufel bilden Sie sich denn ein, mich so zu verhören?« polterte Penne los. Er war furchtbar wütend. »Sie niederträchtiger, elender kleiner Filmmensch!«

 

Mike nahm eine Karte aus seiner Tasche und reichte sie seinem Gegenüber.

 

»Wenn Sie dies lesen, werden Sie sehen, daß ich das Recht habe, Sie zu fragen.«

 

Gregory las die Karte beim Licht der Tischlampe. Er war vollständig erschlagen. Sein Kinn sank herab, und seine Hand zitterte so heftig, daß die Karte zu Boden fiel.

 

»Ein Detektiv?« sagte er stockend. »Sie – Sie sind ein Detektiv? Was wollen Sie denn von mir?«

 

»Ich habe hier jemanden furchtbar schreien hören«, sagte Mike.

 

»Das war vielleicht einer der Dienstboten – das ist schon möglich. Wir haben eine Papuafrau im Hause, die krank und nicht ganz bei Sinnen ist. Sie soll morgen von hier fortkommen. Ich will einmal nach ihr sehen, wenn Sie gestatten.«

 

Er sah zu Brixan hinüber, als ob er seine Erlaubnis einholen wolle. Seine ganze Haltung war gedrückt, und sein blasses Gesicht und seine Bestürzung genügten Mike, um seinen Verdacht zur Gewißheit werden zu lassen. In diesem Haus ging etwas vor. Er wollte der Sache auf den Grund kommen.

 

»Kann ich gehen und nachsehen?« fragte Penne.

 

Mike nickte. Der große, starke Mann verließ den Raum, als ob er sich fürchtete. Brixan hörte, wie er den Schlüssel umdrehte. Im Nu war er an der Tür und drückte die Klinke herunter. Er war eingeschlossen. Rasch sah er sich im Zimmer um, eilte zu einem Fenster, zog den Vorhang zurück und wollte die Fensterläden öffnen. Aber die waren auch verschlossen. Als er sie genauer untersuchte, entdeckte er, daß sie wie eine Tür versperrt werden konnten. Er fand das kleine Schlüsselloch. Plötzlich gingen alle Lichter im Zimmer aus. Nur die dunkelrote Glut des Kamins verbreitete noch spärliches Licht.

 

Kapitel 9

 

9

 

Joan kam am nächsten Morgen frühzeitig herunter, denn sie wollte mit dem Frühstück fertig sein, bevor Mr. Hamon aufstand. Sie hatte ihre Mahlzeit auch beinahe beendet, als er in das Zimmer stürzte. Sein Anblick war jedoch nichts weniger als gesellschaftsfähig. Er trug nur Strümpfe, eine Hose, von der die Träger herabhingen, und eine lebhaft gestreifte Pyjamajacke. Außerdem war er nicht rasiert, und Wut und Ärger entstellten seine Züge.

 

»Wo ist Stephens?« rief er wild. Aber plötzlich erkannte er, daß weder sein Ton noch seine äußere Erscheinung den Regeln des Anstands entsprachen, und er wurde sehr höflich. »Entschuldigen Sie bitte, Lady Joan, aber ich bin furchtbar aufgeregt – ich bin bestohlen worden!«

 

Sie schaute ihn mit großen Augen an.

 

»Hat man Ihnen vielleicht die Schuhe oder den Rock weggenommen?« fragte sie ironisch.

 

Er wurde rot.

 

»Ich entdeckte es gerade im Augenblick – ich meine den Diebstahl. In der vergangenen Nacht ist jemand in mein Zimmer eingebrochen und hat meine Brieftasche mit dreitausend Pfund gestohlen – das kann kein anderer gewesen sein als dieser Hund – dieser Morlake! Ich habe diesem Schwein auch noch eine Chance gegeben –«

 

»Es ist sehr schade, daß der Einbrecher nicht auch Ihren Wortschatz gestohlen hat«, erwiderte sie kühl.

 

Sie war durchaus nicht so gleichgültig, wie sie vorgab. Morlake war also doch zurückgekommen!

 

Sie hatte sich durch den Lichtschein in dem Zimmer von Wold House irreführen lassen. Aber vielleicht war James Morlake auch gar nicht dafür verantwortlich? Nach den etwas verworrenen Angaben Hamons, den Aussagen Stephens‘ und den Überlegungen ihres Vaters war offensichtlich in den frühen Morgenstunden irgendein Unbekannter durch eines der Fenster eingedrungen und hatte unter dem Kopfkissen Ralph Hamons eine Brieftasche entwendet, die etwa drei- bis viertausend Pfund enthielt. Auch hatte er sich den Scherz erlaubt, den Revolver, der auf einem Tisch an Hamons Bett lag, zu entladen.

 

»Also, mein Lieber«, sagte Lord Creith, der durch die dauernde Wiederholung der Geschichte und die Aufzählung der Einzelheiten gelangweilt wurde, »es ist doch das Einfachste von der Welt, wenn Sie sich an die allerdings etwas langsame Polizei wenden und der alles berichten. Die Leute sind unten im Garten und trampeln meine Blumenbeete kaputt. Die interessieren sich viel mehr als ich dafür, daß Sie Mr. Morlake im Verdacht haben. Als Ortsvorsteher werde ich gern den Haftbefehl gegen ihn unterschreiben oder, was in diesem Fall bedeutend wichtiger wäre, sein Haus durchsuchen lassen. Wenn er Ihr Geld gestohlen hat, wird man es ja auch bei ihm finden.«

 

»Nein, das möchte ich nicht«, entgegnete Hamon etwas kleinlaut. »Ich habe keine Beweise.«

 

»Aber Sie haben doch behauptet, daß die Polizei ihn dauernd beobachtet«, mischte sich Joan in die Unterhaltung. Sie erkannte jedoch sofort, daß ihre Bemerkung vielleicht dazu beitragen könnte, den Dieb zu fangen, und es lief ihr heiß und kalt den Rücken hinunter.

 

»Mein Freund, Inspektor Marborne, überwacht ihn seit Jahren. Nein, ich will diesen Fall nicht der Ortspolizei übergeben, die würde die ganze Sache verpfuschen. Außerdem ist ein Mann wie Morlake viel zu schlau, das gestohlene Geld in seinem Haus aufzubewahren. Ich gehe später hin und spreche selbst mit ihm.«

 

Er sah böse zu Joan hinüber, als sie lachte.

 

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich, »aber das klingt mir doch sehr komisch, daß der Bestohlene selbst mit dem Dieb verhandelt. Wollen Sie das tatsächlich tun?«

 

»Auf alle Fälle war es grenzenlos töricht, so viel Geld in der Tasche herumzuschleppen«, mischte sich Lord Creith ein. »Dreitausend Pfund bringt man auf die Bank, mein Lieber! Wozu gibt es denn Safes und Stahlkammern?« Er schaute auf die Uhr. »In einer halben Stunde fahre ich in die Stadt. Leider kann ich Sie nicht einladen, mitzukommen, weil in meinem Auto nur zwei Personen Platz haben.«

 

»Ach, Sie fahren in die Stadt?« fragte Hamon enttäuscht. »Ich dachte, Sie würden den Rest der Woche noch hier verbringen.«

 

»Ich habe es Ihnen doch schon am Montag gesagt«, erwiderte der Lord, obgleich das nicht stimmte. »Bei Tattersall ist morgen eine große Auktion, bei der ich zugegen sein will, und Joan muß zu ihrem Zahnarzt … Wenn es Ihnen beliebt, können Sie ruhig hierbleiben, ich möchte Sie in Ihren Plänen durchaus nicht stören.«

 

»Wann kommen Sie zurück?«

 

»Wahrscheinlich in einem Monat.«

 

Ralph Hamon überlegte sich, daß es auch für ihn besser war, in die Stadt zu fahren. Er bemerkte, daß sein Wagen groß genug sei, alle mitzunehmen, aber man achtete nicht auf seinen Vorschlag.

 

»Die Sache hätten wir nun also glücklich hinter uns«, meinte Lord Creith mit einem Seufzer der Erleichterung, als sein Auto durch das Tor auf die Hauptstraße fuhr. »Hamon ist ja sonst eine ganz hervorragende Persönlichkeit, aber er fällt mir doch auf die Nerven.«

 

Kapitel 7

 

7

 

Joan begab sich gleich in ihr Zimmer. Sie wollte nicht noch einmal mit dem Mann zusammentreffen, in dessen Augen sie vorhin die Abgründe menschlicher Leidenschaften entdeckt hatte. Sie fühlte sich körperlich krank, als sie sich die schrecklichen Augenblicke auf dem Rasen ins Gedächtnis zurückrief.

 

Müde setzte sie sich vor dem Spiegel nieder und ließ alle Eindrücke noch einmal an sich vorüberziehen. Hamons Enthüllungen über James Morlake hatten den größten Sturm der Entrüstung in ihr wachgerufen. Das konnte nicht wahr sein – und doch hätte Hamon nicht gewagt, eine derartige Anklage auszusprechen, wenn er keine Beweise dafür hatte.

 

Sie stand auf, öffnete eine der breiten Türen und trat auf den Steinbalkon über der Einfahrt hinaus. Grell leuchtende Blitze zerrissen den dunklen Nachthimmel. Sie hörte langhinrollende Donner, aber sie achtete nicht auf die düster drohenden Wolken. Aus der Ferne schimmerte ein schwaches, gelbliches Licht zu ihr herüber, das die Lage von Wold House anzeigte.

 

Wußte dieser sonderbare einsame Mann, daß man ihn verdächtigte? Mußte er nicht gewarnt werden? Sie wurde ungeduldig. Es war offenbar heller Wahnsinn, überhaupt an ihn zu denken. Sie kannte ihn nicht und hatte nur um sein ungewöhnlich anziehendes Gesicht allerhand phantastische Träume gesponnen. In der Nähe würden diese Illusionen sicher in nichts zerfließen. Und gerade jetzt wünschte sie das und haßte doch zugleich auch Hamon, weil er den ersten Argwohn in ihrem Herzen geweckt hatte.

 

Wenn dieser Mensch die Wahrheit gesprochen hatte, schwebte Morlake in unmittelbarer Gefahr. Und wenn Hamon gelogen hatte, so führte er doch bestimmt Böses gegen ihn im Schilde.

 

Mit schnellem Entschluß ging sie zum Schrank, nahm einen Regenmantel und einen Hut und legte beides auf ihr Bett.

 

In Creith House zog man sich bald zur Ruhe zurück, aber erst um halb elf hörte sie, wie Stephens die Haustür verschloß. Nach einer weiteren Viertelstunde lag das Haus in tiefem Schweigen.

 

Wieder trat sie auf den Balkon hinaus. Das Licht in Wold House brannte noch immer. Ohne Zögern nahm sie nun den Mantel über den Arm, den Hut in die Hand und schlich sich vorsichtig die breite Treppe zur Halle hinunter.

 

Der Hausschlüssel hing an der Wand. Er war groß und unhandlich, so daß sie ihn kaum in ihre Tasche stecken konnte. Sie schob die Riegel leise zurück und schloß die Tür auf.

 

Sie hatte keine Schwierigkeit, den Weg zu finden, denn die Blitze zuckten unaufhörlich am nächtlichen Himmel. Ihr Herz klopfte wild, als sie im Schatten der rauschenden Walnußbäume den Fahrweg entlangschritt. Bald befand sie sich auf der Hauptstraße.

 

Sie war doch eine Närrin, sentimental und verrückt, sie benahm sich wie ein romantisch veranlagtes Schulmädchen. Ihre Vernunft suchte sie zurückzuhalten, aber ein starkes Gefühl, das nichts mit Verstand oder Überlegung zu tun hatte, ein Instinkt, der stärker war als jede Hemmung, trieb sie vorwärts.

 

Was würden wohl die Nachbarn denken und sagen, wenn sie wüßten, daß sich Lady Joan Carston aufgemacht hatte, nachts einen amerikanischen Verbrecher zu warnen, der verhaftet werden sollte – einen Mann, den sie nicht einmal kannte und mit dem sie noch nie gesprochen hatte! Sie überdachte das alles mit kritischer Selbstironie.

 

Inzwischen war sie zu der hohen Ziegelmauer gekommen, die Wold House umgab. Nur mit Mühe fand sie die Klinke des schmiedeeisernen Tores und drückte sie nieder. Das Licht, das sie bis dahin im Haus gesehen hatte, erlosch plötzlich, und das Gebäude lag nun in vollkommener Dunkelheit vor ihr.

 

Sie hatte gerade einen Schritt auf das Haus zu getan, als sich, die Tür unerwartet öffnete. Ein breiter Lichtschein fiel auf den Weg, und im Rahmen der Haustür sah sie die Silhouette einer Männergestalt. Blitzschnell zog sie sich in den Schutz der Bäume zurück. Hinter dem Fremden tauchte James Morlake auf, der leise auf ihn einsprach. Mit einer gewissen Genugtuung erkannte sie, daß er eine warme, sympathische Stimme besaß.

 

»Fühlen Sie sich jetzt besser?« fragte Morlake.

 

»Ja, ich danke Ihnen.«

 

»Sie werden das Haus an der Straße sicher finden. Ich weiß nichts von einer Mrs. Cornford, aber ich glaube, daß neuerdings eine Dame dort wohnt.«

 

»Es ist ganz unangebracht und unpassend von mir, daß ich hierherkomme … aber ich bin vorhin eingekehrt … dieses schreckliche Gewitter drohte … ich fürchte, ich bin betrunken.«

 

»Das fürchte ich auch.«

 

Es war also Mrs. Cornfords Patient, der Trinker. Die beiden stiegen zusammen die Treppe herunter. Der jüngere Mann schwankte ein wenig, und Morlake stützte ihn.

 

»Ich bin Ihnen sehr verbunden – ganz gewiß –, mein Name ist Fairringdon – Ferdie Farringdon …«

 

Plötzlich sah Joan bei einem aufleuchtenden Blitz das hagere, unrasierte Gesicht des Mannes. Sie mußte sich auf die Lippen beißen, um einen Aufschrei zu unterdrücken, und sie klammerte sich entsetzt an einen Zweig des Lorbeerbusches, der sie deckte. Starr schaute sie den beiden nach, bis sie in der Dunkelheit verschwanden, und sie stand noch reglos, als James allein zurückkehrte.

 

Sie beobachtete ihn genau, als er in das Haus ging und die Tür schloß. Dann wartete sie noch einige Zeit. Große Regentropfen begannen zu fallen, und die Blitze leuchteten greller.

 

Die gespenstische Erscheinung des Betrunkenen mitten in der Nacht hatte sie furchtbar erschreckt, und sie dachte nicht länger daran, Morlake zu warnen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte riß sie sich zusammen und eilte den Fahrweg entlang.

 

Sie versuchte, die großen, eisernen Tore zu öffnen, aber zu ihrer Bestürzung blieben ihre Anstrengungen vergeblich. Morlake mußte zugeschlossen haben, nachdem er Farringdon auf den Weg gebracht hatte. Was sollte sie nun tun?

 

Vorsichtig schlich sie über den Rasen, doch auf dieser Seite war der Fluß. Sie wäre über die Mauer gestiegen, wenn sie nur eine Leiter hätte finden können.

 

Plötzlich öffnete sich die Haustür abermals, und Joan verbarg sich aufs neue im Schatten, als Morlake heraustrat. Er ging schnell den Pfad hinunter, und sie hörte, wie das Tor hinter ihm zuschlug. Sie eilte hin, er hatte nicht abgeschlossen. Mit einem Seufzer der Dankbarkeit und Erleichterung schlüpfte sie hinaus.

 

Nach wenigen Schritten war sie schon vollständig durchnäßt, denn der Regen strömte mit ungewöhnlicher Heftigkeit nieder. Das Rollen und Dröhnen des Donners betäubte sie, und das anhaltende Wetterleuchten und Blitzen blendete ihre Augen. Aber sie kämpfte sich vorwärts, und schließlich konnte sie die Tore von Creith House sehen. Sie fühlte in ihrer durchnäßten Handtasche nach dem Schlüssel und stellte zu ihrer Beruhigung fest, daß sie ihn noch bei sich hatte.

 

Schnell durcheilte sie die Allee und war beinahe am Ziel, als sie entsetzt stehenblieb. Ihre Augen öffneten sich weit. Dicht vor sich sah sie im Licht der Blitze die Gestalt eines schwarzgekleideten Mannes, der bewegungslos mitten auf dem Weg stand. Sie konnte sein Gesicht unter dem breiten Rand des weichen Filzhutes nicht erkennen.

 

»Wer sind Sie?« fragte sie mit zitternder Stimme.

 

Bevor er antworten konnte, war plötzlich alles in Helligkeit getaucht, und ein furchtbarer Donnerschlag folgte unmittelbar. Joan wurde fortgeschleudert.

 

Einen Augenblick war der Mann starr vor Schrecken, dann sprang er mit einem unterdrückten Ausruf vorwärts, hob sie auf und trug sie von dem brennenden Baum fort. In einem der Fenster des Herrenhauses erschien Licht. Die Bewohner waren erwacht – der große, brennende Walnußbaum mußte sie bald ins Freie locken.

 

Der Mann schaute sich um und entdeckte eine Gruppe von Rhododendronsträuchern. Er konnte das bewußtlose Mädchen gerade noch hinter dieses Gebüsch tragen, bevor der Butler heraustrat.

 

Der Fremde wußte nicht, wer Joan war. Er hielt sie für ein Dienstmädchen, das verspätet aus dem Dorf zurückkam, und er nahm sich auch nicht die Mühe, sie genauer zu betrachten. Dadurch wäre er wahrscheinlich auch nicht klüger geworden, denn Joans Gesicht war mit weicher Erde beschmutzt, in die sie glücklicherweise gefallen war.

 

Sie kam bald wieder zu sich, öffnete die Augen und sah verzweifelt um sich. Jemand hielt ihren Kopf auf den Knien, ihr Gesicht war naß, und über ihr bewegten sich Zweige und Äste – wie mochte sie wohl hierhergekommen sein?

 

»Ich glaube, es wird Ihnen bald wieder bessergehen.«

 

Sie erkannte Jim Morlakes Stimme und starrte ihn betroffen an.

 

»Was ist denn geschehen?« fragte sie. Dann entdeckte sie den schwelenden Baum und zitterte. Der Blitz hatte dort eingeschlagen, und nur durch ein Wunder war sie entkommen.

 

»Ich danke Ihnen so sehr –« begann sie, als der Himmel wieder grell aufleuchtete.

 

In dem hellen Schein sah sie, daß Morlakes Gesicht von den Augenbrauen bis zum Kinn von einer schwarzseidenen Maske verhüllt war …

 

Kapitel 8

8

»Es ist also doch wahr – wirklich wahr«, sagte sie atemlos. Er hörte das Entsetzen in ihrer Stimme und schaute auf sie nieder. »Was soll wahr sein? Aber bitte sprechen Sie nicht zu laut, man wird Sie hören.« Sie versuchte, die Herrschaft über sich wiederzugewinnen. »Sie sind ein Einbrecher«, sagte sie endlich. »Glauben Sie … etwa wegen der Maske? Aber eine Maske macht noch keinen Einbrecher, so wenig wie eine Schwalbe einen Sommer macht. In einer so feuchten Nacht wie dieser muß sich ein Mann, der auf seinen Teint hält, natürlich gegen die Witterung schützen …« »Ach, machen Sie doch jetzt nicht so dumme Scherze!« Gleich darauf wurde ihr klar, daß ihre Entrüstung nicht mit ihrer hilflosen Lage in Einklang stand. Sie lag auf dem feuchten Gras, ihr Gesicht … Sie hoffte, daß er es nicht sehen konnte, und wischte heimlich den dicken Lehm mit einem Zipfel ihres Regenmantels ab, den sie trotz des Unwetters in ihrer Aufregung über dem Arm getragen hatte. »Würden Sie so liebenswürdig sein, mir aufzuhelfen?« Er neigte sich über sie und hob sie ohne jede Anstrengung auf. »Wohnen Sie im Herrenhaus?« fragte er höflich. »Ja, ich wohne dort. Sind Sie … waren Sie im Begriff, hier einzubrechen?« Er lachte leise: »Sie würden es mir ja doch nicht glauben, daß ich kein Einbrecher bin –« »Also sind Sie – ein Dieb?« »Ja, das bin ich.« Sie wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn er etwas anderes gesagt hätte. Ein Räuber und Einbrecher mochte er sein – aber daß er ein Lügner gewesen wäre, hätte sie nicht ertragen. »Bei uns gibt es nichts zu rauben, Mr. –« sie brach plötzlich ab. Ob er wohl wußte, daß sie ihn erkannt hatte? »Nun, Mr. –?« wiederholte er und wartete auf den Namen. »Sie sagten doch vorhin: ›Es ist also doch wahr‹ – meinten Sie damit, daß ich ein Einbrecher sei? Erwarteten Sie denn heute abend einen solchen Besuch?« »Ja«, erwiderte sie ohne die geringsten Gewissensbisse. »Mr. Hamon sagte, daß bei uns eingebrochen werden könnte.« Es war freie Erfindung von ihr, aber sie hatte nicht gedacht, daß ihre Worte so großen Eindruck auf ihn machen würden. »Ach, Sie sind zu Besuch hier? Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung – ich dachte, Sie seien … nun ja, ich wußte nicht genau, was ich aus Ihnen machen sollte. Sehen Sie doch bitte einmal nach dem Hause hin.« »Warum denn?« »Bitte –« Sie gehorchte und wandte ihm den Rücken. Es kam eben ein Mann heraus und näherte sich dem brennenden Baum. Er trug eine Sturmlaterne in der Hand und kam nur zögernd näher. »Das ist Stephens«, sagte sie und drehte sich wieder um. Aber sie war allein, der Mann mit der schwarzen Maske war verschwunden. In der allgemeinen Aufregung gelang es ihr, unbemerkt nach oben in ihr Zimmer zu kommen. Sie war Frau genug, vor allem ihre äußere Erscheinung in Ordnung zu bringen, und erst als sie ein Bad genommen hatte und in ihrem Bett lag, dachte sie wieder an ihr Abenteuer. Nun hast du deine Illusionen wohl endlich verloren, Joan Carston, sagte sie ernüchtert zu sich. Dein Wunderprinz ist ein Einbrecher, und für Einbrecher kannst du dich doch nur interessieren, wenn du krankhaft bist. Laß es dir eine Lektion sein und benimm dich in Zukunft wieder vernünftig. Nach diesem Selbstgespräch stand sie auf und schaute zwischen den großen Baumgruppen des Parks nach Wold House hinüber. Das schwache Licht brannte – Mr. Morlake war heimgegangen. Sie seufzte dankbar und legte sich wieder hin.

Kapitel 51

 

51

 

Sadi wartete im Rauchsalon auf Hamon und war so in Gedanken vertieft, daß er ihn erst hörte, als er angerufen wurde.

 

»Allah! Sie haben mir aber einen Schrecken eingejagt!« fuhr er auf. »O ja, das ist eine sehr schöne Frau – wenn auch nicht gerade das, was wir Mauren lieben, etwas zu dünn für meinen Geschmack.«

 

Hamon ließ sich nicht täuschen. Joan hatte großen Eindruck auf Sadi gemacht.

 

»Gehen Sie morgen nach Tanger zurück?« fragte Hamon und kniff die Augenlider zusammen, als Sadi den Kopf schüttelte.

 

»Nein, ich habe mich entschlossen, noch ein wenig hierzubleiben. Ich habe auch einmal einen kleinen Luftwechsel nötig – die letzte Zeit war sehr anstrengend für mich.«

 

»Aber Sie versprachen doch, Bannockwaite herzubringen?«

 

»Ich habe einem meiner Leute den Auftrag gegeben, ihn herzuschaffen. Ihr englischer Vertreter hätte das übrigens auch besorgen können! Dieser Bannockwaite kommt unter allen Umständen, wenn Sie ihn dafür bezahlen!«

 

»Kennen Sie ihn eigentlich genauer?«

 

»Ich habe ihn schon gesehen – er ist eine charakteristische Gestalt in Tanger geworden«, entgegnete Sadi Hafis. »Er kam während des Krieges zu uns. Ich habe gehört, daß er sich am Abend der großen Schlacht an der Somme betrank und dann desertierte. Aber Sie haben mir doch erzählt, daß er kein Geistlicher mehr ist und aus Ihrer Kirche ausgestoßen wurde.«

 

»Sein Name stand im Verzeichnis der Geistlichen, bis er nach der Schlacht an der Somme als vermißt gemeldet wurde. Ich glaube, daß er noch eingetragen ist, aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, würde das der Eheschließung nicht schaden, die er vorgenommen hat.«

 

»Aber – warum wollen Sie denn überhaupt heiraten? Sie hängen noch zu sehr an den alten Gebräuchen, mein Freund.«

 

Ralph lächelte.

 

»Das ist nicht so schlimm, wie Sie denken. Ich habe aber meine Gründe dafür. Der Titel der Familie Creith wird durch meine Frau auch auf deren Kinder vererbt.«

 

»Verrückter Gedanke! All diese unmöglichen Dinge sind ja an Ihrem Zusammenbruch schuld, Hamon.«

 

»Was reden Sie da von Zusammenbruch?« fragte Hamon.

 

»Wenn es noch nicht soweit ist, wird es sicher nicht mehr lange dauern. Es sei denn, Sie ziehen es vor, hier in Marokko zu bleiben, jenseits der Grenze, wo europäische Gesetze gelten.« Er streckte die Arme aus und gähnte. »Ich gehe zu Bett. Und es wird Sie vielleicht freuen, daß ich mich jetzt doch entschieden habe, morgen früh nach Tanger zurückzureiten.«

 

Sadi sah die Genugtuung in Hamons Blick und freute sich.

 

»Ich werde Ihnen Bannockwaite unter Bedeckung herschicken.«

 

Als Hamon am nächsten Morgen erwachte, erfuhr er, daß der Scherif tatsächlich aufgebrochen war. Er ließ Joan allein, obgleich er sah, daß sie im Garten spazierenging.

 

Am Abend berichtete ihm ein Diener, daß sich eine Reisegesellschaft dem Haus näherte. Hamon nahm seinen Feldstecher und beobachtete die drei Männer, die quer durch das Land dahergaloppierten. Zwei waren Mauren, und den dritten, der im Sattel hin und her taumelte, als ob er betrunken sei, erkannte er sogleich wieder.

 

Hastig eilte er aus dem Haus und wartete an der offenen Tür, bis Reverend Aylmer Bannockwaite ankam.

 

Der Mann wäre beinahe vom Pferd gefallen, aber seine Begleiter sprangen ab und eilten an seine Seite.

 

Bannockwaite wandte sein blutunterlaufenes Gesicht Hamon zu, übersah dessen ausgestreckte Hand, zog ein Monokel aus seiner Westentasche und klemmte es ins Auge.

 

»Wer sind Sie und was wollen Sie?« fragte er gereizt. »Sie haben mich quer durch dieses verfluchte Land schleppen lassen und mich in meiner Ruhe gestört – zum Teufel, was wollen Sie von mir?«

 

»Es tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, Mr. Bannockwaite«, erklärte Ralph höflich.

 

»Sehr nett gesagt.«

 

Eine große fleischige Hand drückte schwach Hamons Rechte.

 

»Sehr schön gesagt, mein Junge. Also, wenn Sie mich jetzt ein wenig ausruhen lassen und ich später eine Pfeife Hanf rauchen kann, um meine Nerven zu beruhigen, bin ich Ihr Freund. Und wenn Sie mir dann noch etwas von dem köstlichen Marsala zu trinken geben und mir eine blumige Zigarre anbieten, bin ich Ihr Sklave mit Leib und Seele!«

 

Joan hatte von ihrem Fenster aus die heruntergekommene Gestalt beobachtet und vermutete sofort, wer es war. Was war aus diesem schlanken, großen Mann mit dem asketischen Gesicht geworden! Sie hatte ihn nur zweimal gesehen, aber sie wußte bestimmt, daß er es war. Etwas an seinem Gang, an seinen Bewegungen erinnerte sie an früher. Sie starrte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dann setzte sie sich hin, hielt den Kopf in den Händen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

 

Dann war er also nicht gestorben! Der wählerische, halbverrückte Pastor, der Abgott der Schule von Hulston, der Gründer dieser absurden Geheimgesellschaften kam nun in Schmutz und Lumpen daher.

 

Wie mochte Ralph Hamon ihn gefunden haben? Bannockwaite würde sie trauen, das wußte sie. Diese merkwürdige Situation mußte ihn so fesseln, daß er keinen Augenblick zögern würde, Hamons Auftrag auszuführen.

 

Ralph erschien auch am Abend nicht bei ihr, obgleich sie erwartet hatte, daß er den heruntergekommenen Geistlichen zu ihr bringen würde. Ihr Schlafzimmer stieß an den großen Wohnsalon und war geräumig und luftig. Gegen Mitternacht kleidete sie sich aus und hüllte sich in den langen Mantel aus weicher Seide, den ihr die junge Araberin gebracht hatte. Sie zog einen Stuhl ans Fenster, löschte das Licht und schob die Vorhänge zurück. Aber plötzlich schrie sie laut auf und wäre beinahe vor Schreck zusammengebrochen, denn durch die Eisengitter starrte ein Gesicht mit langem Bart, einer großen Hakennase und rot unterlaufenen Augen zu ihr herein. Es war der Bettler. Das lange Messer, das er in den Händen hielt, blitzte im Mondlicht auf.

 

Kapitel 52

 

52

 

Er hörte den Schrei und verschwand schnell nach unten, so daß Joan ihn nicht mehr sehen konnte. Sie sprang auf und hielt sich am Fensterbrett fest. Ihr Herz schlug wild. Wer mochte er sein, und was wollte er von ihr? Im Haus herrschte tiefes Schweigen. Niemand hatte sie gehört, denn die Mauern waren sehr stark.

 

Es kostete sie einige Überwindung, hinauszuschauen, soweit es ihr das Eisengitter gestattete. Der kleine Garten lag friedlich und geheimnisvoll im Mondschein vor ihr, und lange Schatten fielen quer über den Boden. Merkwürdige Gestalten schienen aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Dann sah sie den Mann, der sich vorsichtig zur Mauer schlich. Im nächsten Augenblick war er außer Sicht.

 

Warum brachte sie nur diesen mitternächtlichen Vagabunden mit Sadi Hafis in Verbindung? War er irgendein Agent oder Beauftragter des schlauen Arabers?

 

Der Tag graute schon, als sie sich niederlegte, und als sie spät am Vormittag erwachte, blieb ihr keine Zeit, über ihr nächtliches Erlebnis nachzudenken. Kaum hatte sie sich angezogen und ihr Frühstück beendet, als Ralph eintrat. Er war lebhaft und begrüßte sie mit strahlendem Lächeln.

 

»Joan, ich möchte Sie bitten, jetzt Reverend Aylmer Bannockwaite zu empfangen. Sie werden ihn allerdings sehr verändert finden. Er hat zugestimmt, die Trauung vorzunehmen, die hoffentlich der Beginn einer neuen und schönen Zeit für uns beide ist.«

 

»Wann wollen Sie denn –«

 

»Noch heute.«

 

Entsetzt sah sie ihn an.

 

»Sie müssen mir Zeit lassen, Mr. Hamon! Morgen –«

 

»Heute«, bestand er. »Ich will nicht noch einen weiteren Tag verlieren. Ich kenne meinen Freund Sadi Hafis. Er hat genug Respekt vor dem Gesetz und der Heiligkeit der Ehe, um sich nicht an Sie heranzuwagen, wenn Sie verheiratet sind. Aber wenn ich bis morgen warte –«

 

Feste Entschlossenheit prägte sich plötzlich in ihren Zügen aus.

 

»Ich lehne es ein für allemal ab, Sie zu heiraten. Und wenn Mr. Bannockwaite nur noch einen Funken von Ehrgefühl hat, wird er diese Schandtat nicht begehen.«

 

»Bannockwaite hat wirklich nicht mehr das geringste Ehrgefühl. Empfangen Sie ihn jetzt. Er ist augenblicklich in gehobener Stimmung, und man kommt so besser mit ihm aus.«

 

Bei Tageslicht erschien Aylmer Bannockwaite noch schrecklicher als in der Dämmerung. Er zitterte, und Joan hatte den Eindruck, daß ein Teufel in menschlicher Gestalt in den Raum trete, als er auf sie zukam und ihr seine plumpe Hand entgegenstreckte.

 

»Ach, sehen Sie, das ist ja mein liebes, nettes Carstonmädel«, sagte er aufgeräumt. »Ein sehr hübscher Zufall, daß ich Sie zum zweitenmal trauen soll. Ein ganz besonderer Vorzug.«

 

Sie schauderte.

 

»Ich will nicht heiraten, Mr. Bannockwaite! Ich mache Sie ausdrücklich darauf aufmerksam, daß es gegen meinen Willen geschieht, wenn Sie mich trauen.«

 

»Na, na, nun seien Sie doch nicht empfindlich!« rief er laut. »Das habe ich noch nie gehört – eine Braut, die sich ziert! Die Ehe ist doch der natürliche Stand für den Menschen. Ich habe stets bedauert, daß ich –«

 

»Sie sind ein gemeiner, niederträchtiger Mensch«, rief sie empört.

 

Seine Unterlippe schob sich vor, und er schaute sie wütend an.

 

»Ich werde Sie trauen, und wenn ich dafür gehenkt werden sollte!« schrie er wild. »Und die Trauung, die ich vollziehe, ist gesetzmäßig und bindend!«

 

Hamon ergriff ihn am Arm.

 

»Ruhig, ruhig«, sagte er und klopfte ihm begütigend auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Joan. »Was hat es denn für einen Zweck, sich zu sträuben? Bei Ihrer ersten Trauung war er doch auch gut genug.«

 

»Ich will Sie nicht heiraten, und ich werde Sie nicht heiraten!« Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Eher würde ich den Bettler heiraten, den ich draußen auf der Straße sah, oder den niedersten Sklaven in Ihrem Haus, als einen Dieb und einen Mörder – einen Mann, dem kein Verbrechen zu gemein ist! Ich würde eher noch einen –«

 

»Einbrecher nehmen!« Hamon schäumte vor Wut.

 

»Ja! Zehntausendmal lieber als Sie, wenn Sie Jim Morlake meinen!«

 

»Sie sollen Ihren Willen haben!« zischte er, lief aus dem Zimmer und ließ sie mit dem heruntergekommenen Menschen allein.

 

»Wie können Sie sich so weit erniedrigen?« fragte sie ihn. »Ist denn nichts Gutes mehr in Ihnen, an das man sich wenden könnte?«

 

»Ich brauche keine Predigten, von Ihnen schon gar nicht«, sagte er mit einem Fluch. »Ich werde Ihnen begreiflich machen, daß ich Ihnen an Verstand über bin und gesellschaftlich gleichgestellt –«

 

»Moralisch sind Sie der Staub an meinen Füßen!« rief sie zornig.

 

»An Verstand bin ich Ihnen überlegen, und gesellschaftlich stehe ich Ihnen gleich«, wiederholte er. »Und ich bin erhaben über Ihre Beleidigungen.«

 

Plötzlich stürzte Hamon wieder herein. Mit Entsetzen sah Joan, daß er den Bettler hinter sich herzog, den grinsenden, zahnlosen, unterwürfigen Greis.

 

»Da haben Sie Ihren Mann!« schrie er. »Schauen Sie ihn nur an – Sie wollten doch eher einen Bettler heiraten als mich! Haben Sie das nicht eben gesagt? Nun gut, Sie sollen ihn heiraten und Ihre Flitterwochen in der Wüste verbringen! Nehmen Sie Ihr Ritualbuch, Bannockwaite!« brüllte er. Schaum trat vor seinen Mund; er hatte jede Beherrschung verloren.

 

Bannockwaite zog ein kleines Buch aus der Tasche und öffnete es.

 

»Wir brauchen Zeugen«, sagte er dann.

 

Hamon stürmte wieder hinaus und kam mit einem halben Dutzend Diener zurück.

 

Unter den neugierigen Blicken der kichernden Araber wurde Lady Joan Carston mit Abdul Aziz vermählt. Hamon flüsterte den Leuten auf arabisch etwas zu, dann wurde Joan am Arm ergriffen und in den Garten gebracht.

 

Hamon selbst schleppte sie an das offene Tor und stieß Joan und den Bettler mit solcher Heftigkeit hinaus, daß sie beinahe gefallen wären.

 

»So, nun nimm deinen Mann mit nach Creith!« schrie er höhnisch. »Beim Teufel, du wirst noch froh sein, wenn du zu mir zurückkehren darfst!«

 

Kapitel 53

 

53

 

Joan versuchte zu gehen, taumelte und riß sich noch einmal zusammen, aber dann verlor sie das Bewußtsein.

 

Als sie wieder zu sich kam, lag sie unter dem Schatten eines großen Wacholderstrauches. Ihr Gesicht und ihr Hals waren angefeuchtet, und ein Gefäß mit Wasser stand an ihrer Seite. Aber der alte Bettler war verschwunden. Erst als sie sich auf die Ellbogen stützte, sah sie, daß er sich mit seinem unscheinbaren, häßlichen Pferd beschäftigte. Was sollte sie tun? Unsicher richtete sie sich auf und schaute sich entsetzt um. Ein Entkommen war unmöglich.

 

Fernab im Tal entdeckte sie eine Staubwolke. Mehrere Reiter näherten sich, und als sie ihre Augen anstrengte, erkannte sie weiße Arabergewänder. Stahl und Waffen blitzten in der Sonne. Es waren Mauren – wahrscheinlich kehrte Sadi Hafis zurück. Von dieser Seite aus würde ihr keine Hilfe kommen.

 

Wieder schaute sie zu dem Bettler hinüber. Der Alte wickelte eben seinen Kopf und den größten Teil seines Gesichtes in einen Turban von Lumpen, bis nur noch sein eisgrauer Bart und die Spitze seiner roten Hakennase sichtbar waren.

 

Dann kam er auf sie zu und führte das Pferd herbei. Sie gehorchte seinem Wink ohne Widerrede und stieg in den Sattel. Als er vorwärtsschritt, hielt er die Hand am Zügel, und sie merkte, daß er einen Weg einschlug, der von der Hauptstraße nach Tanger in rechtem Winkel abbog. Mehrere Male schaute er zurück, zuerst nach dem Haus, dann nach den schnellen Reitern, die man jetzt deutlich erkennen konnte. Es war Sadi, der an der Spitze der Schar ritt. Alle waren bewaffnet, jeder der Männer hatte ein Gewehr über der Schulter hängen.

 

Plötzlich änderte der Bettler die Richtung und führte das Pferd einen Hügel hinunter zu einer Stelle, die man vom Garten aus nicht mehr sehen konnte. Mehrmals blickte er sich um. Anscheinend fürchtete er, daß Hamon zur Vernunft kommen und seinen Wahnsinn bereuen würde. Schließlich führte er das Pferd in das Bett eines kleinen Baches und ließ es im Wasser gehen. Dann hörte sie einen Schuß, gleich darauf einen zweiten. Das Echo kam von den Hügeln zurück. Ängstlich schaute sie auf den alten Mann.

 

»Was war das?« fragte sie auf spanisch.

 

Er schüttelte nur den Kopf.

 

Wieder fiel ein Schuß. Jetzt vermutete Joan den Grund. Wahrscheinlich wollten die Leute auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Bettlers erregen und ihn zurückrufen. Er dachte wohl dasselbe, denn er schlug mit den Zügeln auf den Hals des Tieres, das in leichten Trab fiel. Der Alte selbst rannte dicht neben seinem Pferd her.

 

Nach einer Weile kamen sie zu einem kleinen Gehölz, wo er das Tier versteckte. Er gab ihr ein Zeichen, zu warten, und ging zu Fuß zurück. Erst nach einer halben Stunde kam er wieder, reichte ihr die Hand und hob sie aus dem Sattel. Sie schloß die Augen, um sein Gesicht nicht sehen zu müssen. Nach einiger Zeit brachte er ihr Wasser vom Fluß und öffnete ein kleines Bündel, in dem er Nahrungsmittel mit sich führte. Aber sie trank nur gierig das frische Wasser. Auch war sie so erschöpft, daß sie willenlos auf die Lumpen sank, die er für sie ausbreitete. Sie vergaß, daß das Schicksal sie zur Frau eines Bettlers gemacht hatte, und fiel in tiefen, traumlosen Schlaf.

 

*

 

Ralph Hamon kauerte in einem Sessel und fühlte sich elend und krank. Die Erregung und Wut, die ihn zu dieser Wahnsinnstat getrieben hatten, waren verraucht, und er zitterte nun an allen Gliedern. Von seinem Fenster aus konnte er sehen, wie der Bettler Joan die Hügel hinunterführte. Er sprang auf. Der Fehler mußte so schnell als möglich wieder gutgemacht werden.

 

Er rief einen alten, treuen Diener zu sich.

 

»Ahab, du kennst doch den Bettler, der auf dem Pferd reitet?«

 

»Ja, Herr.«

 

»Er hat die Frau, die meinem Herzen nahesteht, mit sich genommen. Geh und bringe sie mir zurück – dem Alten aber gib dieses Geld.«

 

Er nahm einige Banknoten aus der Tasche und gab sie ihm.

 

»Wenn er dir Widerstand leistet, töte ihn!«

 

Ralph stieg ins oberste Geschoß hinauf, um von dort aus seinen Boten zu überwachen. Dabei entdeckte er die Reiter, die auf dem gewundenen Weg den Hügel heraufkamen.

 

»Sadi«, murmelte er und wußte, was dieser Besuch zu bedeuten hatte.

 

Es war zu spät, den Boten zurückzurufen, und er eilte ans Tor, um seinen ehemaligen Agenten zu begrüßen. Sadi Hafis sprang aus dem Sattel. Sein Ton und seine Miene hatten sich vollkommen geändert. Er war nicht länger der höfliche, gewandte Zögling der Missionsschule, sondern ein anmaßender arabischer Häuptling.

 

»Sie wissen, warum ich gekommen bin«, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften. »Wo ist sie? Ich will sie haben! Ich vermute, daß Sie noch nicht verheiratet sind – und selbst wenn Sie es sein sollten, macht mir das wenig aus.«

 

»Ich bin nicht verheiratet. Aber sie ist nicht mehr hier.«

 

»Was soll das heißen?«

 

»Sie sagte, lieber als mich würde sie den alten Bettler heiraten, der sie am Weg um Almosen bat – ich habe ihren Wunsch erfüllt.«

 

Sadis Augen wurden klein.

 

»Vor einer halben Stunde wurden sie getraut, sie sind jetzt in der Wüste.« Hamon zeigte mit einer Handbewegung über das Land.

 

»Sie lügen!« rief Sadi. »Mit solchen Geschichten können Sie mich nicht täuschen! Ich werde Ihr Haus durchsuchen, wie Morlake das meine durchsucht hat!«

 

Hinter Sadi standen zwanzig bewaffnete Leute.

 

»Es steht Ihnen frei, das Haus vom Harem bis zur Küche zu durchsuchen.« Hamon wußte gut genug, daß er machtlos war.

 

Aber Sadi konnte unmöglich eine gründliche Untersuchung vorgenommen haben, denn er kam kurz darauf schon wieder zurück.

 

»Ich habe mit Ihren Dienern gesprochen. Sie haben mir erzählt, daß Sie die Wahrheit sagten. Welchen Weg sind sie gegangen?«

 

Hamon zeigte ihm die Richtung, und Sadi gab seinen Leuten einen Befehl. Einer der Reiter feuerte in die Luft. Ein zweiter und dritter Schuß folgten.

 

»Wenn er daraufhin nicht zurückkommt, ziehen wir aus und suchen ihn«, rief Sadi grimmig.

 

Ralph zuckte die Schultern.

 

»Sie können tun, was Sie wollen. Mein Interesse an der Dame ist erloschen.«

 

Es war nicht die Wahrheit, aber sein Benehmen täuschte den Mauren.

 

»Sie waren ein Narr, sie gehen zu lassen«, erwiderte er etwas freundlicher.

 

»Wenn ich sie vorhin nicht hätte gehen lassen, so würden Sie mich wahrscheinlich jetzt dazu überredet haben.«

 

Sadis hinterlistiges Lächeln bestätigte Hamons Argwohn.

 

Eine Minute später ritten die Mauren den Hügel hinunter und zerstreuten sich nach rechts und links, um die Spur des Bettlers und der Frau zu finden.

 

Als Joan erwachte, sah sie in die dunklen Augen Sadis, der auf sie niederschaute.

 

»Wo ist Ihr Freund?« fragte er und bückte sich, um ihr aufzuhelfen.

 

Sie war noch kaum zu sich gekommen.

 

»Mein Freund – meinen Sie etwa Abdul?«

 

»Ach, Sie kennen seinen Namen?« fragte er höflich.

 

»Was wollen Sie von mir?«

 

»Ich will Sie nach Tanger zu Ihren Freunden bringen.«

 

Sie wußte, daß er log.

 

Als sie sich umblickte, sah sie nichts mehr von dem Bettler, nur das Pferd graste unter dem Baum. Sadi befahl einem Mann, das Tier zu holen, und half ihr in den Sattel.

 

»Ich war sehr beunruhigt«, sagte er in bestem Englisch, »als unser Freund Hamon mir die Dummheit erzählte, die er begangen hatte. Manchmal ist er nicht recht bei Verstand – ich bin sehr böse auf ihn. Lieben Sie Marokko, Lady Joan?«

 

»Nicht besonders.«

 

Er lachte vor sich hin.

 

»Das dachte ich mir.« Bewundernd schaute er zu ihr auf. »Wie gut Ihnen das maurische Kostüm steht! Man könnte denken, daß es besonders für Sie entworfen worden sei!«

 

Er ging an ihrer Seite, ein anderer Mann führte das Pferd.

 

Nach einer Weile kamen sie zu der Stelle zurück, wo die übrigen Leute seiner Gefolgschaft warteten. Sie saßen am Ufer und stiegen auf seinen Wink zu Pferd.

 

»Vielleicht ist es ganz gut, daß ich Ihren Mann nicht getroffen habe«, sagte Sadi bedeutungsvoll. »Hoffentlich hat er Ihnen keine Ursache zur Klage gegeben.«

 

Sie war nicht in der Stimmung, sich mit ihm zu unterhalten, und antwortete nur kurz.

 

Es wurde keine Zeit verloren. Gleich darauf saß sie auf einem schönen Zelter, der offensichtlich schon für sie mitgebracht worden war. Auch wenn sie Ralph Hamon geheiratet hätte, würde sie jetzt auf diesem Pferd durch die Wüste reiten, denn Sadi Hafis war gekommen, um sie mit sich nach seinem kleinen Haus in der Talsenke zu nehmen, gleich, ob sie verheiratet war oder nicht.

 

Er ritt fast den ganzen Tag an ihrer Seite und sprach sehr liebenswürdig von Menschen und Dingen, so daß sie über seine Bildung und seine umfassenden Kenntnisse erstaunt war.

 

»Ich war Hamons Agent in Tanger – Sie hatten wahrscheinlich den Eindruck, daß ich ein besserer Diener sei. Aber es gefiel mir, für ihn tätig zu sein. Er kennt weder Gewissensbisse noch Dankbarkeit.«

 

Vor Sonnenuntergang hielten sie an und schlugen ein Lager auf. Trotz der Kälte der Nacht bereiteten sich die Männer vor, im Freien zu schlafen, und hüllten sich in ihre wollenen Mäntel ein. Aber für Joan errichteten sie an der geschützten Stelle ein Zelt, das von einem Packpferd getragen worden war.

 

»Wir wollen bis Mitternacht hier rasten«, sagte Sadi. »Ich muß mein Ziel noch vor Tagesanbruch erreichen.«

 

Sie lag wach, lauschte auf jedes Geräusch und beobachtete den Schatten der rauchenden Feuer. Allmählich verstummten die Stimmen, nur ab und zu wieherte noch ein Pferd. Sie schaute auf ihre Armbanduhr – es war neun. Noch drei Stunden blieben ihr zur Flucht.

 

Sie zog den Vorhang des kleinen Zeltes beiseite, schaute hinaus und sah eine dunkle Gestalt. Vermutlich war es eine Wache. Auf dieser Seite konnte sie also nicht entkommen. Sie versuchte, den Zeltstoff an der Rückseite zu heben, aber er war mit Pflöcken in der Erde befestigt. Sie steckte ihre Hand durch, faßte den Zeltstock und bemühte sich, ihn mit aller Kraft herauszuziehen. Endlich gelang es ihr, und sie schlüpfte vorsichtig hinaus.

 

Gerade vor ihr lagen undurchdringliche Dornbüsche. Sie kroch an der Außenseite des Zeltes herum. Ihr weißes Kleid mußte sie sofort verraten, wenn die Wache den Kopf wandte. Aber sie fand doch eine Öffnung im Unterholz und kroch hindurch. Als der Wächter das Krachen der Zweige hörte, drehte er sich um und rief einige arabische Worte.

 

Nun sprang sie auf und lief vorwärts, so schnell sie konnte. Zuerst sah sie kaum auf Armlänge vor sich, rannte gegen einen Baum und fiel hin. Aber gleich darauf war sie wieder auf den Füßen. Der Mond ging eben auf, und sie sah, daß sie sieh auf einer Ebene befand, die mit Sträuchern bestanden war. Doch auch ihre Verfolger konnten sie jetzt erkennen.

 

Sofort war das ganze Lager in Aufruhr. Sie hörte Schreie und die aufgeregte Stimme Sadis, der selbst hinter ihr herritt. Sie wußte es, ohne sich umgesehen zu haben. Entsetzen trieb sie vorwärts, dennoch konnte sie nicht hoffen, zu entkommen. Immer näher kam er an sie heran, bis sie die Hufe des Pferdes dicht neben sich hörte. Der Reiter schnitt ihr den Weg ab.

 

»Oh, meine kleine Rose«, sagte er höflich, »das ist nicht der Weg zum Glück.«

 

Er streckte die Hand aus, packte sie am Mantel, sprang vom Pferd und nahm sie in die Arme.

 

»Diese Nacht will ich leben!« rief er heiser.

 

»Diese Nacht wirst du sterben!« erwiderte plötzlich eine helle, klare Stimme.

 

Sadi wandte sich blitzschnell um und griff in die Falten seines Gewandes, als er den Bettler vor sich sah.

 

Joan Carston starrte verstört auf das Gesicht des Alten, denn sie hatte eben Jim Morlakes Stimme gehört!

 

Kapitel 54

 

54

 

Zwei Schüsse fielen zu gleicher Zeit. Sadi Hafis stürzte mit einem Schrei in die Knie und brach zusammen.

 

»Schnell aufs Pferd!« sagte Jim und hob Joan in den Sattel.

 

In der nächsten Sekunde hatte er sich hinter sie geschwungen. Das starke Tier holte weit aus, obwohl es doppelte Last zu tragen hatte. Jim schaute über die Schulter zurück und sah, daß Sadis Gefolgsleute anhielten, um ihrem gefallenen Häuptling zu helfen.

 

»Zehn Minuten Vorsprung! Wenn wir Glück haben, entkommen wir ihnen!«

 

Er überließ die Richtung dem Pferd, das die Gegend genau kannte und dessen Augen in der Dunkelheit etwaige Hindernisse erkennen konnten. Von den Verfolgern war noch nichts zu sehen, aber Jim gab sich keinen falschen Hoffnungen hin. Wenn Sadi Hafis noch imstande war, einen Befehl zu geben, würden seine Leute bald hinter ihnen her sein.

 

Nachdem sie eine Stunde geritten wären, merkte Jim, daß das Pferd müde wurde. Er sprang ab und klopfte ihm die Mähne.

 

»Hier an der Küste war früher ein Wachthaus«, sagte er. »Aber ich weiß nicht, ob uns eine maurische Wache freundlicher gesinnt ist als Sadi Hafis.«

 

Sie schaute auf ihn nieder und versuchte, in den häßlichen Zügen eine Spur von dem Gesicht zu entdecken, das ihr so lieb und vertraut war.

 

»Bist du es wirklich, Jim?«

 

»Ja, natürlich!« erwiderte er lachend. »Ist meine Maske nicht gut? Es ist die alte Verkleidung, die ich früher immer trug. Wenn Sadi nur den Verstand eines Kaninchens gehabt hätte, würde er sich daran erinnert haben. Die Nase ist allerdings die größte Schwierigkeit, denn das Wachs wird in der Sonne warm und muß immer wieder nachmodelliert werden. Das andere ist dafür sehr einfach.«

 

»Aber du hast ja keine Zähne«, sagte sie, als sie die schwarze Höhle in seinem Mund sah.

 

»Doch, sie sind alle noch an ihrer Stelle! Eine Zahnbürste entfernt die Schwärze wieder.«

 

Vor Tagesanbruch hielten sie in der Nähe eines Baches, sattelten das Pferd ab und gaben ihm zu trinken.

 

»Ich fürchte, ich kann dir nichts zu essen anbieten«, sagte Jim. »Das einzige, was ich tun kann –«

 

Er streifte den Fellab ab, löste das schmutzige Hemd ein wenig, zog einen kleinen, wasserdichten Beutel hervor und ging zu dem naheliegenden kleinen Bach. Er ging als alter, häßlicher Mann und kam als Jim Morlake wieder zurück.

 

»Ich glaube, ich träume«, sagte sie leise. »Und wenn ich aufwache –« Sie zitterte.

 

»Du warst noch nie so wach wie in diesem Augenblick. Wir sind zwei Meilen von der Küste entfernt, und wenn Sadi nicht sehr dringliche Befehle gegeben hat, folgen seine Leute uns nicht bis hierher.«

 

Jims Vermutung war richtig. Sie sahen nichts mehr von den Verfolgern und erreichten das kleine Gebäude. Es stand unter dem Befehl eines spanischen Offiziers.

 

»Von hier aus müssen wir nun an der Küste entlangreiten und versuchen durchzukommen«, sagte Jim, nachdem er mit dem Offizier gesprochen hatte. »Die Spanier können uns nicht begleiten, denn die Franzosen sind eifersüchtig darauf bedacht, daß sie die Grenze nicht überschreiten. Aber ich glaube nicht, daß wir noch einmal belästigt werden.«

 

Am Abend schlugen sie an der Küste ein Lager auf und sahen die Lichter von Tanger beinahe vor sich. Jim hatte von dem spanischen Posten Tücher und Decken geliehen und breitete sie unter den Ruinen eines alten maurischen Wachthauses aus. Dann zog er sich zurück, um Wache zu halten.

 

Als Joan sich zum Schlafen niedergelegt hatte, dachte sie darüber nach, ob die Trauung wohl gesetzlich und bindend gewesen war, und sie hoffte mit aller Inbrunst, daß es so sein möchte.