Ich nehme einige Extrastunden.

Ich nehme einige Extrastunden.

Während dieses starken Steigens des Flusses waren die kleinen Fahrzeuge eine unausstehliche Plage. Wir passierten eine Enge nach der andern – eine neue Welt für mich, – und wenn in einer engen Passage eine recht schwierige Stelle sich befand, durften wir mit ziemlicher Gewißheit erwarten, dort ein Flachboot zu treffen; und wenn nicht dort, dann gewiß an einer noch schlimmeren Stelle, nämlich am oberen Ende der Enge, im seichtesten Wasser. Und dann fand ein endloser Austausch liebreicher Zurufe statt.

Manchmal, wenn wir draußen auf dem großen Strom vorsichtig unseren Weg durch den Nebel hin fühlten, wurde plötzlich die tiefe Stille durch gellendes Geschrei und das Klappern von Blechpfannen unterbrochen, und einen Augenblick später zeigte sich unklar durch den Nebelschleier dicht vor uns ein Holzfloß. Da warteten wir dann nicht lange, sondern rissen heftig an den Maschinenglocken und wandten allen Dampf an, um aus dem Wege zu kommen! Man stößt mit einem Dampfboot nicht gern auf einen Felsen oder auf ein solides Holzfloß, wenn man es vermeiden kann.

Es mag seltsam erscheinen, – aber häufig führten die Buchhalter auf den Dampfbooten in jenen vergangenen Zeiten des Dampfbootfahrens eine große Auswahl von religiösen Traktätchen bei sich. Wohl ein Dutzendmal an einem Tage kämpften wir uns aufwärts durch die schwierigsten Passagen, während uns eine Menge dieser kleiner Racker von Fahrzeugen, welche von oben den engen Kanal herabfuhren, die Arbeit noch mehr erschwerten; da stieß blitzschnell ein Kahn von einem derselben ab und bahnte sich mühsam kämpfend einen Weg durch die Wasserwüste. Im Schatten unseres Buges drehte er bei und die keuchenden Ruderer riefen: »Gebt uns eine Zeitung!« während der Kahn rasch an uns vorbeiglitt. Der Buchhalter warf ihnen ein Päckchen New-Orleanser Zeitungen hinüber. Wurden diese ohne Bemerkung aufgenommen, dann konnte man wahrnehmen, daß nunmehr ein Dutzend anderer Boote auf uns zutrieb, ohne etwas zu sagen. Sie hatten abgewartet, wie es Nr. 1 gehen würde. Da Nr. 1 keine Bemerkung machte, legten sich die übrigen alle in die Ruder und kamen nun heran; und so schnell sie kamen, warf der Buchhalter ihnen kleine Päckchen religiöser Traktätchen, auf ein flaches Stück Holz gebunden, zu. Es ist einfach unglaublich, welche Menge schwerer Flüche zwölf Päkchen mit religiöser Litteratur hervorrufen, wenn sie unparteiisch an die Mannschaften von zwölf Flößen verteilt werden, die eigens deshalb an einem heißen Tag eine Stunde weit gerudert haben.

Wie schon gesagt, brachte das starke Steigen des Flusses eine neue Welt in meinen Gesichtskreis. Sobald der Strom über seine Ufer getreten war, hatten wir unsere alten Pfade verlassen und kletterten stündlich über Sandbänke, die vorher zehn Fuß aus dem Wasser emporgeragt hatten; wir fuhren dicht an steilen Ufern hin, wie z. B. am unteren Ende von Madrid Bend, die ich vorher immer hatte meiden sehen; wir steuerten durch Engen wie die von 82, wo die Einfahrt am unteren Ende eine ununterbrochene Waldmauer war, daß wir sie fast mit dem Buge berührten. In einigen dieser Engpässe glaubte man sich in einen Urwald versetzt. Dichter, jungfräulicher Wald hing über beide Ufer des gewundenen Fahrpasses und man erhielt den Eindruck, als ob noch nie ein menschliches Wesen hier eingedrungen sei. Hängende Weinreben schlangen sich von Baum zu Baum, schimmernde Lichtungen und grüne Winkel zeigten sich dem Blick beim Vorüberdampfen; blühende Schlingpflanzen, deren rote Blüten sich auf den Gipfeln abgestorbener Bäume wiegten; der ganze Reichtum des Waldlaubwerks schien hier mit verschwenderischer Hand ausgestreut. In den engen Durchfahrten steuerte sich’s prächtig; sie waren tief, ausgenommen am oberen Ende; die Strömung war schwach; unterhalb der Landspitzen stand das Wasser geradezu stille; die steilen Ufer waren in dichtes Weidengebüsch eingehüllt, welches weit in den Fluß hineinragte, so daß das Boot beim Vorüberfahren zur Hälfte in demselben begraben war.

Hinter anderen Inseln fanden wir elende kleine Farmen und noch elendere kleine Blockhütten; da ragten gebrechliche Holzzäune einen oder zwei Fuß aus dem Wasser, und oben auf dem Zaun kauerten ein paar gelblich aussehende, fieberfröstelnde Mannsleute, die Ellbogen auf den Knieen, das Kinn in die Hände gestützt, Tabak kauend und das Resultat durch die Zahnlücken auf vorübertreibende Holzstücke entladend, während die übrigen Familienglieder und die wenigen Haustiere sich auf einem leeren Flachboot zusammendrängten, das in der Nähe verankert lag. In diesem Flachboot mußte die Familie eine Reihe von Tagen, zuweilen sogar Wochen, kochen, essen und schlafen, bis der Fluß zwei oder drei Fuß fiel, und ihnen die Rückkehr zu ihrer Blockhütte gestattete. Diesem Kampieren auf dem Wasser waren diese Leute ein paarmal im Jahre ausgesetzt; beim Steigen des Ohio im Dezember und beim Steigen des Mississippi im Juni. Und das waren noch glückliche Fügungen, denn sie ermöglichten es den armen Geschöpfen, wenigstens hin und wieder von den Toten aufzuerstehen und einen Blick aufs Leben zu werfen, wenn ein Dampfboot vorüberfuhr. Sie wußten die Segnung auch zu würdigen, denn sie rissen Mäuler und Augen weit auf und benützten diese Gelegenheit in ausgiebiger Weise. Was mochten diese verbannten Geschöpfe wohl während der Zeit des niederen Wasserstandes anfangen, um nicht an Langeweile und Schwermut zu sterben?

Einmal fanden wir in einer dieser lieblichen Inselpassagen unser Fahrwasser von einem hohen umgefallenen Baum vollständig überbrückt. Das läßt ersehen, wie schmal einige dieser Engen waren. Die Passagiere konnten sich eine Stunde lang in einer jungfräulichen Wildnis vergnügen, während die Schiffsmannschaft den Baum abhackte; denn an ein Umkehren war gar nicht zu denken.

Von Kairo bis Baton Rouge hat man, wenn der Strom über die Ufer getreten ist, bei Nacht keine besondere Schwierigkeit, denn die tausend Meilen lange dichte Waldmauer, welche den Weg der ganzen Länge nach einfaßt, wird nur hier und da von einer Farm oder einem Holzplatz unterbrochen, es ist deshalb ebensowenig möglich, aus dem Fahrwasser zu kommen, als aus einer eingezäunten Gasse. Von Baton Rouge bis New-Orleans aber liegt die Sache ganz anders: der Strom ist mehr als eine englische Meile breit und sehr tief – an manchen Stellen bis zu zweihundert Fuß. Beide Ufer sind auf einer Strecke von weit mehr als hundert englischen Meilen ganz von Gehölz entblößt und von einer ununterbrochenen Reihe von Zuckerfeldern eingefaßt, zwischen denen nur hier und da ein einzelner oder eine Reihe, gleichsam zur Zierde dienender, Chinabäume steht. Das Gehölz ist zwei bis vier Meilen weit bis hinter die Pflanzungen gänzlich ausgerodet. Wenn der erste Frost droht, bringen die Pflanzer eiligst ihre Ernte herein; wenn sie mit dem Mahlen des Zuckerrohrs fertig sind, bilden sie aus dem Abfall, der sogenannten Bagasse, große Haufen, welche dann verbrannt werden. In andern Zuckerländern wird dieser Abfall als Brennmaterial für die Öfen der Zuckermühlen verwendet. Diese feuchten Bagassehaufen verbrennen sehr langsam und rauchen wie die Küche des Teufels.

Ein zehn bis fünfzehn Fuß hoher Damm schützt beide Ufer des Mississippi auf der ganzen Strecke des unteren Stromlaufes und dieser Damm zieht sich in einer Entfernung von zehn bis zu hundert Fuß rückwärts vom Uferrande entlang – meist sind es dreißig bis vierzig Fuß. Nun lasse man diese ganze Strecke von einer undurchdringlichen Masse Rauchs, der aus einer hundert Meilen langen Reihe von brennenden Bagassehaufen emporsteigt, erfüllt sein, während der Fluß die Ufer überschwemmt hat, und versetze sich auf einen Dampfer, der um Mitternacht passieren muß! Und dann denke man sich hinein, wie einem dabei zu Mute ist! Man befindet sich draußen inmitten einer trüben uferlosen See, die in der düstern Ferne verschwimmt und sich verliert; denn die Umrisse des schmalen Dammes sind nicht zu erkennen. Den Pflanzungen selbst hat der Rauch ein ganz verändertes Aussehen gegeben; sie sehen wie ein Teil der See aus. Während der ganzen Wache wird man von der Qual der größten Ungewißheit gefoltert; man hofft noch im Strom zu sein, weiß es aber nicht. Man weiß nur soviel gewiß, daß man dem Ufer und dem Untergang auf sechs Fuß nahe sein kann, während man eine gute halbe englische Meile vom Ufer entfernt zu sein glaubt. Und falls das Boot plötzlich auf den Damm stößt und die Schornsteine über Bord fallen, bleibt einem jedenfalls der geringe Trost, daß man eigentlich nichts anderes erwartet hat. Eines der großen Vicksburger Paketbote schoß eines Nachts in eine Zuckerpflanzung hinein und mußte eine volle Woche dort bleiben. Aber dies war nichts Neues; es war schon öfters geschehen.

Ich glaubte dieses Kapitel schon beendigt zu haben, möchte aber jetzt noch einen seltsamen Vorgang erwähnen, so lange er mir im Sinne ist. Es gab einmal einen ausgezeichneten Lotsen auf dem Flusse, einen Herrn X., der ein Nachtwandler war. Wenn er sich wegen einer schwierigen Stromstrecke Sorgen machte, stand er, wie man erzählt, des Nachts auf, wandelte im Schlaf umher und that allerlei seltsame Dinge. Einmal war er während einiger Fahrten mit einem gewissen George Ealer zusammen Lotse auf einem großen Passagierdampfer aus New-Orleans. Letzterem war es daher auf der ersten Reise neben einem solchen Kameraden anfangs ziemlich unbehaglich, er beruhigte sich indessen bald, als er wahrnahm, daß X. ruhig im Bett schlief. Eines Abends kam das Boot spät nach Helena in Arkansas; der Wasserstand war niedrig und die Überfahrt oberhalb der Stadt von einem Ufer zum andern eine sehr schwierige und verwickelte Aufgabe. X. hatte die Stelle später passiert als Ealer, und da die Nacht besonders regnerisch, düster und nebelig war, überlegte Ealer, ob es nicht besser wäre, X. zur Mithilfe beim Passieren der Strecke zu rufen, als sich die Thüre öffnete und X. hereintrat. Nun ist in sehr finstern Nächten das Licht ein Todfeind des Lotsen; es ist bekannt, daß man aus einem erleuchteten Zimmer die Gegenstände auf der dunkeln Straße nicht genau erkennen kann, während man sie ziemlich deutlich sieht, wenn man das Licht auslöscht und sich in der Dunkelheit befindet. Deshalb rauchen die Lotsen bei sehr dunkler Nacht nicht, dulden im Steuerhaus kein Feuer im Ofen, wenn dieser einen Sprung hat, durch den auch nur der schwächste Strahl entweichen kann, und lassen die Feuerstellen mit großen Segeltüchern verhängen und das Oberlicht dicht verschließen. Dann strahlt kein Licht vom Boote aus. Die unbestimmte Gestalt, die jetzt ins Steuerhaus trat, hatte Herrn X.s Stimme und sagte:

»Laß mich das Boot führen, George; ich habe die Strecke erst kürzlich gesehen, und sie ist so gekrümmt, daß ich dort leichter selbst lotsen als dir sagen kann, wie man’s machen muß.«

»Sehr freundlich von dir; ich nehme mit Dank an. Hab‘ keinen Tropfen Schweiß mehr im Leibe. Ich bin wie ein Eichhörnchen mit dem Rade herumgetanzt, so oft hab‘ ich hin und herdrehen müssen. Es ist so finster, daß ich nicht sagen kann, nach welcher Richtung das Boot sich wendet.«

Damit setzte sich Ealer keuchend und atemlos auf die Bank. Das schwarze Gespenst ergriff, ohne ein Wort zu sagen, das Rad, gab dem walzenden Dampfer mit einigen Drehungen eine feste Richtung und stand dann gemächlich da und steuerte so ruhig und stetig, als ob es Mittag gewesen wäre. Als Ealer dieses wunderbare Steuern beobachtete, wünschte er, er hätte nicht gebeichtet! Er war ganz starr vor Verwunderung und sagte schließlich:

»Ich hatte mir eingebildet, ich könne ein Dampfboot steuern, sehe aber ein, daß ich mich wieder einmal geirrt habe.«

X. sagte nichts, sondern steuerte ganz gemächlich und ruhig weiter. Er gab mit der Glocke Befehle für den Mann am Lot, ließ den Dampf teilweise abblasen und steuerte das Boot sorgfältig und glatt nach unsichtbaren Merkzeichen, stand dann ruhig vor der Mitte des Rades und blickte in die schwarze Nacht hinaus, vorwärts und rückwärts, um seine Position festzustellen; als die Lotungen immer seichteres Wasser anzeigten, ließ er die Maschinen gänzlich stoppen; darauf folgte Totenstille und das Hangen und Bangen des ›Treibens‹; als das seichteste Wasser erreicht war, ließ er volle Dampfkraft geben, führte das Boot prächtig hinüber und begann dasselbe vorsichtig in das nächste System der Flachwasser-Marken zu steuern. Dort arbeitete er mit Lot und Maschinen in derselben geduldigen, sorgfältigen Weise; das Boot glitt hindurch, ohne den Grund zu berühren und dampfte in die dritte und letzte Schwierigkeit der Kreuzungsstrecke. Unmerklich bewegte es sich durch die Finsternis, fuhr langsam zwischen den Marken, trieb allmählich weiter, bis das seichteste Wasser ausgerufen wurde, und schwang sich dann mit vollem Dampf über das Riff, in tiefes Wasser und in Sicherheit!

Ealer ließ den langverhaltenen Atem in einem tiefen, erleichternden Seufzer ausströmen und sagte:

»Das ist das netteste Stück Lotsenarbeit, das je auf dem Mississippi geschah! Würde nicht glauben, daß es möglich wäre, wenn ich’s nicht selbst gesehen hätte.«

Da keine Antwort erfolgte, fügte er hinzu: »Halte das Ruder nur noch fünf Minuten, Kamerad, damit ich hinunterlaufen und eine Tasse Kaffee trinken kann.«

Eine Minute später aß Ealer unten in der Kajüte ein Stück Kuchen und labte sich an einer Tasse Kaffee. Da kam zufällig der Nachtwächter herein; als er wieder hinaus wollte, bemerkte er Ealer und rief: »Wer ist am Ruder, Sir?«

»X.«

»Rennen Sie nach dem Steuerhaus, rascher wie der Blitz.«

Im nächsten Augenblick flogen beide Männer die Treppe zum Steuerhaus hinauf, immer drei Stufen auf einmal. Niemand dort! Der große Dampfer tanzte ganz nach seinem Belieben die Mitte des Stromes hinab! Der Wächter stürzte wieder hinaus; Ealer ergriff das Rad, ließ eine Maschine mit Macht rückwärtsarbeiten und hielt den Atem an, während das Boot sich mit Widerstreben von der Insel zurückzog, die es eben im Begriff gewesen war, mitten in den Golf von Mexiko hinein zu schleudern.

Bald darauf kam der Wächter zurück und fragte:

»Hat Ihnen denn der Mondsüchtige nicht gesagt, daß er schlief, als er zuerst heraufkam?«

»Nein!«

»Nun, ich kann’s bezeugen. Ich kam gerade dazu, wie er oben auf den Geländern herumspazierte, gerade so sorglos, wie ein anderer auf dem Straßenpflaster gehen würde, und brachte ihn zu Bett; und nun zur Minute war er auf dem Hinterdeck, wo er dieselbe Seiltänzerteufelei anstellte.«

»Nun, wenn er wieder einen von diesen Anfällen hat, will ich dabeibleiben; aber ich hoffe, daß er noch oft solche hat. Du hättest nur sehen sollen, wie er das Boot durch die Helena-Kreuzung hindurchsteuerte. Habe in meinem Leben nichts Prächtigeres gesehen. Herrgott, wenn er so ›goldblatt-, glacehandschuh-, diamantnadelartig‹ lotsen kann, während er fest schläft, was müßte der erst leisten, wenn er tot wäre

Das Loten

Das Loten

Wenn der Wasserstand des Flusses sehr niedrig ist und das Dampfboot gerade so tief geht, ja noch ein paar Zoll mehr, als Wasser da ist, wie es damals häufig vorkam, dann muß man beim Lotsen ziemlich vorsichtig sein. Bei sehr niedrigem Stande des Flusses mußten wir fast auf jeder Reise auf einer Anzahl besonders schlimmer Stellen loten.

Das Loten geschieht in folgender Weise. Das Boot wird zunächst dicht am Ufer festgemacht, gerade oberhalb der seichten Kreuzung; dann nimmt der wachfreie Lotse seinen Lehrling oder Steuerer und eine auserlesene Schar Matrosen (manchmal auch einen Offizier) und fährt – vorausgesetzt, daß das Boot nicht jenen seltenen und kostbaren Luxusartikel, ein eigens gebautes Lotungsboot besitzt – mit der Jolle hinaus, um nach dem besten Wasser zu suchen, während der wachhabende Lotse auf dem Dampfboot inzwischen seine Bewegungen durch ein Fernglas beobachtet und dieselben zuweilen durch Signale mit der Dampfpfeife »Versuchts weiter oben« oder »Versuchts weiter unten« unterstützt; denn die Oberfläche des Wassers ist, wie ein Ölgemälde, aus einiger Entfernung betrachtet ausdrucksvoller und verständlicher, als ganz aus der Nähe gesehen. Die Pfeifensignale sind indessen nur selten notwendig – und vielleicht nur dann, wenn der Wind die bedeutungsvollen kleinen krausen Wellenbewegungen auf dem Wasser stört. Wenn die Jolle die seichte Stelle erreicht hat, wird die Fahrgeschwindigkeit vermindert, der Lotse beginnt mit einer zehn bis zwölf Fuß langen Stange die Tiefe zu messen, und der Mann an der Ruderpinne gehorcht aufs schnellste jedem Befehl des Lotsen, das Boot nach Steuerbord oder Backbord zu lenken oder den geraden Kurs zu verfolgen.

Wenn die Messungen anzeigen, daß sich das Boot dem flachsten Teil des Riffs nähert, folgt das Kommando: »Stopp Rudern!« Die Leute hören auf zu rudern und die Jolle treibt mit der Strömung. Der nächste Befehl ist: »Klar bei der Boje!« In dem Augenblick, wenn der seichteste Punkt erreicht ist, ruft der Lotse: »Los die Boje!« die dann über Bord geht. Ist der Lotse nicht ganz befriedigt, so peilt er die Stelle nochmals; und wenn er weiter nach oben oder unten mehr Wasser findet, so läßt er die Boje dorthin bringen. Ist er endlich befriedigt, so giebt er den Befehl, daß alle Leute ihre Remen in einer Linie in die Höhe halten; ein Pfiff vom Dampfboot zeigt an, daß man das Signal gesehen hat; die Leute ziehen die Remen an und legen die Jolle längsseits von der Boje. Der Dampfer kommt nunmehr langsam und behutsam herab, den Bug gerade auf die Boje gerichtet, spart seine Kraft aber auf für den bevorstehenden Kampf; im kritischen Augenblick geht er mit vollem Dampf knirschend und schwankend über Boje und Sand, um das tiefe Wasser auf der andern Seite zu gewinnen – oder auch nicht; vielleicht »stößt er auf und schwingt herum« und muß dann stunden- oder tagelang arbeiten, bis er wieder flott wird.

Zuweilen wird gar keine Boje gelegt, sondern die Jolle fährt voran, um das beste Wasser aufzusuchen, und der Dampfer folgt in ihrem Kielwasser. Oft ist das Loten sehr lustig und aufregend, besonders an schönen Sommertagen oder in stürmischen Nächten. Im Winter wird der Spaß aber durch Kälte und Gefahr größtenteils verdorben.

Eine Boje ist nichts als ein vier oder fünf Fuß langes Brett, dessen eines Ende rechtwinkelig umgebogen ist; sie ist wie eine umgekehrte Schulbank, die nur einen Fuß besitzt, während der andere abgenommen ist. Sie wird an der flachsten Stelle des Riffes mit einem Tau, an dem ein schwerer Stein hängt, verankert; ohne den Widerstand des umgebogenen Teiles des Brettes würde die Strömung die Boje unter Wasser ziehen. Des Nachts wird oben auf der Boje eine Papierlaterne mit einer Kerze darin befestigt, die als kleiner, schimmernder Fleck eine englische Meile weit und mehr in der schwarzen Wüstenei zu sehen ist.

Nichts freut einen Lotsenlehrling mehr als eine Gelegenheit zum Loten. Die Sache hat einen so abenteuerlichen Zug; oft ist Gefahr dabei; und dann ist es so lustig und kriegsschiffmäßig, hinten im Boot zu sitzen und eine schnelle Jolle zu steuern; es ist etwas Köstliches, das fröhliche Hüpfen eines Boots, wenn auserlesene alte Matrosen mit aller Macht sich in die Remen legen. Lieblich ist’s, zu sehen, wie der weiße Schaum vom Bug wegströmt; es liegt Musik im Rauschen des Wassers, und im Sommer ist es köstlich erheiternd, über die kühlen Stromflächen dahinzuschießen, wenn eine Menge kleiner Wellen in der Sonne tanzt. Und dann ist es so erhaben für den Lehrling, vielleicht die Gelegenheit zu haben, einen Befehl geben zu dürfen; denn oft sagt der Lotse einfach: »wenden!« und überläßt das andere seinem Lehrling, der mit kräftigster Kommandostimme augenblicklich ruft: »Langsam an Steuerbord! Pull Backbord! Pull weg, Steuerbord! Tüchtig, Leute!« Den angehenden Lotsen freut das Loten aus dem ferneren Grunde, weil die Blicke der Passagiere alle Bewegungen der Jolle mit gespanntestem Interesse verfolgen, – das heißt bei Tage; und wenn es Nacht ist, weiß er, daß dieselben staunenden Augen auf die Laterne des Bootes gerichtet sind, wie sie hinausgleitet in die Finsternis und in weiter Ferne allmählich verschwindet.

Auf einer Fahrt verbrachte ein hübsches Mädchen von sechzehn Jahren, welche mit Onkel und Tante reiste, seine ganze Zeit im Steuerhaus. Ich verliebte mich in sie, Tom G. – –, Herrn Thornburys Lehrling, gleichfalls. Tom und ich waren bis dahin Busenfreunde gewesen; jetzt aber begann eine gewisse Kälte zwischen uns einzutreten. Ich erzählte dem Mädchen viele meiner Abenteuer auf dem Strom und spielte mich so heldenmäßig wie möglich auf; ebenso wollte Tom sich für einen Helden ausgeben, und es gelang ihm auch bis zu einem gewissen Grade; er schmückte eben alles aus. Aber die Tugend findet ihren Lohn in sich selbst, und so war ich denn in dem Wettlauf um ihre Gunst ein wenig voraus. Um diese Zeit geschah etwas, von dem ich mir sehr viel versprach: die Lotsen beschlossen, die Wassertiefe der Kreuzung am oberer Ende von 21 zu peilen. Das würde etwa um neun oder zehn Uhr abends geschehen, – zu einer Zeit, in der die Passagiere noch wach waren. Herr Thornbury würde die Wache, mein Lehrmeister also das Loten zu besorgen haben. Wir hatten ein allerliebstes Boot zum Loten – lang, schmuck, anmutig und so schnell wie ein Windspiel; die Ruderbänke waren gepolstert; es führte zwölf Ruderer; und einer der Steuerleute wurde stets mitgeschickt, um der Rudermannschaft die Befehle zu übermitteln, da es auf unserem Dampfer unendlich stilvoll zuging.

Wir befestigten den Dampfer oberhalb 21 am Ufer und machten alles bereit. Es war eine schlimme Nacht und der Fluß so breit, daß die ungeübten Augen einer Landratte durch eine solche Finsternis das entgegengesetzte Ufer nicht unterscheiden konnten. Die Passagiere waren munter und voll Interesse; alles ging befriedigend. Als ich, malerisch in Ölzeug gehüllt, durch den Maschinenraum eilte, begegnete mir Tom, und ich konnte nicht unterlassen, ihn anzureden; ich fragte ihn:

»Bist du nicht froh, daß du nicht zum Loten hinaus mußt?«

Tom wollte vorübergehen, wandte sich aber rasch um und sagte:

»Höre, nun kannst du dir selbst die Peilstange holen. Ich war auf dem Wege darnach, möchte dich aber jetzt lieber in – Halifax sehen, als sie holen.«

»Wer verlangt, daß du sie holst? Ich nicht. Sie ist im Boot.«

»Nein, sie ist nicht dort. Sie ist frisch angestrichen worden und liegt seit zwei Tagen auf der Damenkajüte zum Trocknen.«

Ich flog zurück und gelangte gleich darauf unter die Schar beobachtender und staunender Damen – gerade früh genug, um das Kommando zu hören:

»Stoßt ab, Leute!«

Ich schaute hinüber und sah das schmucke Boot dahinfliegen, der gewissenlose Tom saß am Steuer, neben ihm mein Lehrmeister mit der Peilstange, mit der ich in den April geschickt worden war. Da sagte das junge Mädchen zu mir:

»O, wie entsetzlich, in einer solchen Nacht in dem kleinen Boot hinausfahren zu müssen! Glauben Sie, daß Gefahr dabei ist?«

Ich wünschte mir geradezu den Tod; voller Gift entfernte ich mich, um im Steuerhaus zu helfen. Bald darauf verschwand die Bootslaterne, und nach einer kurzen Zwischenzeit blitzte in der Entfernung von etwa einer Meile ein ganz schwacher Funke auf dem Wasser auf. Herr Thornbury gab zum Zeichen, daß er das Licht gesehen, ein Signal mit der Dampfpfeife, brachte den Dampfer in den Strom und steuerte auf das Licht zu. Wir flogen eine Weile dahin, verlangsamten dann die Fahrt und glitten vorsichtig auf den Lichtfunken zu. Gleich darauf rief Herr Thornbury:

»Hallo, die Bojenlaterne ist verlöscht.«

Er ließ die Maschinen stoppen; einen Augenblick später sagte er:

»Ei, da ist sie wieder!«

Wieder setzte er die Maschinen in Gang und ließ das Lot auswerfen. Nach und nach wurde das Wasser seichter, dann wurde es wieder tiefer! Herr Thornbury murmelte:

»Nun, das begreife ich nicht. Ich glaube, die Boje ist von dem Riff weggetrieben; scheint mir ein wenig zu weit links zu sein. Gleichviel, es ist jedenfalls am sichersten, drüber wegzufahren.«

So steuerten wir denn in der undurchdringlichen Finsternis langsam auf das Licht zu. Gerade als unser Bug darüber hinpflügen wollte, griff Herr Thornbury nach den Glockenzügen, schellte mit aller Macht und rief aus:

»Bei meiner Seele, es ist das Boot!«

Ein Chor von wilden Alarmrufen stieg plötzlich von unten herauf – eine Pause – und dann folgte ein knirschender, krachender Ton. Herr Thornbury schrie:

»Da! Das Schaufelrad hat das Boot zu Zündhölzchen zerschmettert! Geschwind, sieh nach wer getötet ist!«

Im Nu war ich auf dem Hauptdeck. Mein Lehrmeister, der dritte Steuermann und fast alle Ruderer waren wohlbehalten. Sie hatten die Gefahr, in der sie schwebten, erst entdeckt, als es zu spät zum Ausweichen war; im Moment, als der große Radkasten sie beschattete, waren sie bereits gefaßt und wußten, was sie zu thun hatten; auf Befehl meines Lehrmeisters sprangen sie im rechten Augenblick auf, ergriffen den Radkasten und wurden an Bord gezogen. Im nächsten Augenblick wurde die Jolle nach dem Schaufelrad geschleudert, von diesem erfaßt und zu Atomen zersplittert. Zwei der Leute und Tom fehlten – eine Thatsache, die sich wie ein Lauffeuer auf dem Dampfer verbreitete. Die Passagiere kamen in Scharen nach den vorderen Gängen, alle Damen und Herren mit besorgten Blicken, blassen Wangen, und sprachen mit gepreßter Stimme von dem schrecklichen Vorfall. Und oft und immer wieder hörte ich sie sagen: »Arme Burschen! Armer Junge, armer Junge!«

Mittlerweile war eine Jolle bemannt worden und abgefahren, um nach den Vermißten zu suchen. Jetzt ließ sich ein schwacher Ruf hören, weit entfernt nach links, während die Jolle in der entgegengesetzten Richtung verschwunden war. Die Hälfte der Leute stürzte nach der einen Seite, um den Schwimmer mit ihren Zurufen zu ermutigen; die andere Hälfte eilte nach rechts, um der Jolle zuzuschreien, daß sie umkehren solle. Dem Schall nach näherte sich der Schwimmer, aber einige sagten, das Rufen zeige ein Nachlassen der Kräfte. Die Menge drängte sich an der Reling des Kesseldecks zusammen, lehnte sich hinüber und starrte in die Finsternis hinaus, und jeder schwache und schwächere Schrei entrang ihnen Worte wie: »Ach der arme, arme Kerl! ist denn keine Möglichkeit vorhanden, ihn zu retten?«

Aber noch immer dauerten die Rufe fort und kamen näher, und endlich erschollen die Worte:

»Ich kann’s aushalten! Klar bei der Leine!«

Mit welch donnerndem Hurra sie ihn empfingen! Der erste Steuermann, mit einer langen Leine in der Hand, stellte sich in den Schein einer Fackel, und seine Leute gruppierten sich um ihn. Im nächsten Augenblick erschien das Gesicht des Schwimmers im Lichtkreise, und in einem weiteren Augenblick war der letztere ermattet und durchnäßt an Bord geholt, während zahllose Hurrarufe ihn begrüßten. Es war der verteufelte Tom.

Die Bootsmannschaft suchte überall, fand aber keine Spur von den beiden Ruderern. Es war ihnen wahrscheinlich nicht gelungen, den Radkasten zu erfassen, und sie waren zurückgefallen, vom Rade getroffen und getötet worden. Tom war überhaupt nicht nach dem Radkasten gesprungen, sondern hatte sich kopfüber in den Strom gestürzt und war unter das Rad getaucht. Es war nicht viel dabei; ich hätte es leicht nachmachen können und sagte es auch; aber trotzdem fuhr jedermann fort, soviel Aufhebens von dem Esel zu machen, als ob er Wunder was gethan hätte. Jenes Mädchen schien während der übrigen Dauer der Fahrt gar nicht genug bekommen zu können von jenem kläglichen ›Helden‹; mir war’s aber einerlei; ich verabscheute sie so oder so.

Daß wir die Laterne des Peilbootes irrtümlich für das Bojenlicht hielten, hatte folgenden Grund. Mein Lehrmeister sagte, er sei, nachdem die Boje gelegt war, weitergetrieben und habe sie beobachtet, bis sie festzuliegen schien; dann habe er etwa hundert Meter unter ihr Stellung genommen, etwas seitwärts vom Kurs des Dampfers, den Bug des Boots stromaufwärts gerichtet und gewartet. Da einige Zeit verfloß, begannen er und der Steuermann zu plaudern. Als er glaubte, daß der Dampfer ungefähr auf dem Riff sein mußte, blickte er auf und sah, daß die Boje fort war, meinte aber, der Dampfer sei bereits darüber hinweggefahren. Er plauderte daher fort und bemerkte dann, daß der Dampfer sehr dicht an ihn herankam; indessen war das ganz korrekt: er mußte dicht an ihm vorbeifahren, um die Mannschaft bequem an Bord nehmen zu können. Er erwartete bis zum letzten Augenblick, daß der Dampfer abscheren würde; da derselbe die Richtung jedoch nicht änderte, ging ihm plötzlich durch den Sinn, ob nicht der Dampfer seine Laterne für das Bojenlicht hielte und das Boot niederrennen würde. Er rief also: »Klar zum Überspringen auf den Radkasten, Leute!« und im nächsten Augenblick wurde der Sprung ausgeführt.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

In diesem Lande sind haarsträubende Geschichten von Ermordungen querköpfiger Heiden ein beliebtes Thema. Ich erinnere mich mit Vergnügen des gemütlichen Abends, den wir in dem Lokal eines Heiden verbrachten, wo wir uns bei einer Pfeife erzählen ließen; wie Burton unter die um Gnade flehenden wehrlosen ›Morisiten‹ hineinsprengte und sie sämtlich, Männer und Weiber, wie Hunde niederschoß, oder wie Bill Hickmann, ein Würgengel, D. u. A. totschoß, weil sie eine Schuld gegen ihn eingeklagt hatten; oder wie Porter Rockwell diese oder jene grause That verübte; und wie oft Leute so unvorsichtig seien, nach Utah zu kommen und Bemerkungen über Brigham Young oder die Vielweiberei oder sonst etwas Heiliges zu machen, und dann die Betreffenden sich fest darauf verlassen dürfen, gleich beim nächsten Morgengrauen irgendwo in einem Hintergäßchen aufgefunden zu werden, wo sie geduldig auf ihr Begräbnis harren.

Nächst diesem bietet es das größte Interesse, diesen ›Heiden‹ zuzuhören, wenn sie über die Vielweiberei reden, und sich erzählen zu lassen, wie so ein dickbäuchiger alter Frosch von einem Ältesten oder Bischof ein Mädchen heiratet, – sie gern hat und ihre Schwester dazu nimmt, – sie gern hat und noch eine Schwester von ihr heiratet, – sie gern hat und eine dritte nimmt – sie gern hat und deren Mutter ehelicht und schließlich deren Vater, Groß- und Urgroßvater heiratet und dann immer noch nicht genug hat. Und wie dann vielleicht das junge schnippische Ding von elf Jahren sein Lieblingsweib wird, und ihre würdige alte Großmutter nun in ihres gemeinsamen Eheherrn Wertschätzung nach D 4 hinunterrückt und in der Küche schlafen muß. Und wie die mormonischen Frauen dieses entsetzliche Zusammenpferchen von Mutter und Töchtern in demselben faulen Neste, die Erhebung einer jungen Tochter an Rang und Einfluß über ihre leibliche Mutter sich geduldig gefallen lassen, weil nach den Lehren ihrer Religion je mehr Frauen ein Mann auf Erden hat und je größer die Zahl der Kinder ist, die er aufzieht, um so höher der Platz sein soll, den er mit den Seinigen in der zukünftigen Welt einnehmen werde – vielleicht auch um so wärmer; doch sprechen sie sich, wie es scheint, darüber nicht genauer aus.

Nach Aussage dieser unserer heidnischen Freunde enthält Brigham Youngs Harem zwanzig bis dreißig Weiber. Einige derselben, so sagten sie, seien alt geworden und aus dem aktiven Dienst getreten, seien aber ganz gut untergebracht und versorgt im Hühnerhause oder ›Löwenhaus‹, wie es seltsamerweise bezeichnet wird. Jede Frau habe ihre Kinder bei sich – fünfzig im ganzen. Es gehe ganz ordentlich und ruhig im Hause zu – wenn die Kinder sich still verhalten. Sie nehmen ihre Mahlzeiten alle zusammen in demselben Saale ein, was als ein äußerst glückliches und anheimelndes Bild gerühmt wird. Von unserer Gesellschaft hatte niemand das Vergnügen, bei Herrn Young zu speisen, aber ein Heide Namens Johnson erklärte, einmal im Löwenhause an dem gemeinsamen Frühstück teilgenommen zu haben. Er gab uns eine verrückte Schilderung von dem ›Verlesen der Präsenzliste‹ und andern Präliminarien und von dem Blutbad, das angerichtet worden sei, als die Buchweizenkuchen erschienen. Aber er trug doch etwas zu stark auf. Herr Young habe ihm, so berichtete er, verschiedene gescheite Äußerungen von einigen seiner ›Zweijährigen‹ erzählt und dabei mit einigem Stolze hervorgehoben, daß er in diesem Fache jahrelang der gewichtigste Mitarbeiter für eine der Zeitschriften des Ostens gewesen; daraus wollte er Herrn Johnson eines von den Püppchen zeigen, das die letzte hübsche Äußerung gethan hätte, er vermochte jedoch das Kind nicht herauszufinden. Er sah sich die Gesichter sämtlicher Kinder genau an, konnte aber nicht bestimmt sagen, welches es gewesen war. Endlich gab er es mit einem Seufzer auf und sagte: »Ich dachte, ich würde das kleine Ferkel wiedererkennen, aber es ist nichts damit.«

Weiter hätte Herr Young die Bemerkung gemacht, »es sei doch etwas gar zu Trauriges um das Leben, denn die Freude über einen neu eingegangenen Ehebund werde einem so leicht in ungelegener Weise durch die Leichenfeier für eine frühere Braut gestört.«

Sodann erzählte Herr Johnson, während er mit Herrn Young sich ganz gemütlich unterhalten hätte, sei eine von dessen Frauen hereingekommen und habe eine Busennadel verlangt; sie hätte nämlich herausgebracht, daß er der Nr. 6 eine solche gegeben, und sie gedenke ihm eine solche Parteilichkeit nicht hingehen zu lassen, ohne ganz gehörigen Lärm darüber zu schlagen. Herr Young machte sie darauf aufmerksam, daß ein Fremder zugegen sei, worauf Frau Young meinte, wenn dem Fremden nicht behage, was im Hause vorgehe, so könne er ja draußen Platz finden. Herr Young versprach ihr die Busennadel, worauf sie sich entfernte. Aber nach ein paar Minuten erschien schon wieder eine andere Frau Young, die ebenfalls eine Busennadel haben wollte. Herr Young suchte ihr Vorstellungen zu machen, allein sie schnitt ihm einfach das Wort ab. Nr. 6 habe eine bekommen, meinte sie, und der Nr. 11 sei eine versprochen, »er solle es nur aufgeben, sie einschüchtern zu wollen, – sie kenne ihre Rechte.« Er gab sein Versprechen und sie ging. Nun kamen gleich drei Frauen Young mit einander herein und ließen einen Sturm von Thränen, Schmähungen und Bitten auf ihren Eheherrn los. Sie hatten alles vernommen, was mit Nr. 6, 11 und 14 vorgekommen war. Drei weitere Busennadeln wurden zugesagt. Kaum waren jene fort, als neun weitere Ehehälften des Herrn Young auf einmal im Gänsemarsch anrückten und ein neues Gewitter losbrach und über den Propheten und seinen Gast hintobte. Neun weitere Busennadeln wurden zugesagt, worauf die Schicksalsschwestern im Gänsemarsch wieder abzogen. Und herein kamen nochmals elf mit Heulen, Wehklagen und Zähneknirschen. Mit dem Versprechen weiterer elf Busennadeln wurde noch einmal der Frieden erkauft.

»Da haben Sie eine Probe,« sagte Herr Young. »Sie sehen, wie es steht. Sie sehen, was für ein Leben ich führe. Man kann eben nicht immer vernünftig sein. In einem unbedachten Augenblick gab ich meinem Liebling Nr. 6 – entschuldigen Sie, daß ich sie so nenne, aber ihr anderer Name ist mir augenblicklich entfallen – eine Busennadel. Sie kostete nicht über fünfundzwanzig Dollars d. h. das war der scheinbare Preis – aber das, was sie mich schließlich unvermeidlich kosten wird, beläuft sich weit höher. Sie haben selbst mitangesehen, wie die Summe bis auf sechshundertfünfzig Dollars angewachsen ist – und ach, das ist noch lange nicht das Ende! Ich habe ja Frauen hier im ganzen Territorium Utah herum. Ich habe Dutzende von Frauen, deren Nummern ich nicht einmal weiß, ohne in die Familienbibel zu blicken. Sie sind weit und breit über Berg und Thal in meinem Reiche zerstreut. Und merken Sie wohl, jede einzelne derselben wird von dieser unglückseligen Busennadel hören und bis auf die letzte werden sie sämtlich auch eine haben müssen oder sterben. Die Busennadel meiner Nr. 6 wird mich auf fünfundzwanzighundert Dollars kommen, ehe ich das Ende der Geschichte absehe. Und dann werden diese Geschöpfe ihre Nadeln mit einander vergleichen, und wenn eine einzige um eine Idee schöner ist als die andern, so werden sie mir sämtlich vor die Füße gelegt und ich darf eine neue Bestellung machen, wenn ich Frieden in meiner Familie behalten will. Sie haben es wahrscheinlich nicht gewußt, aber die ganze Zeit über, so lange sie mit meinen Kindern zusammen waren, wurde jede Ihrer Bewegungen von wachsamen Dienern meines Hauses beobachtet. Hätten Sie einem Kind ein Zehncentsstück angeboten oder ein Stück Kandiszucker oder sonst eine Kleinigkeit der Art, – augenblicklich wären Sie zum Hause hinausgeworfen worden, wofern nämlich die Gabe noch nicht aus Ihren Fingern gewesen wäre. Andernfalls würde es unvermeidlich für Sie gewesen sein, allen meinen Kindern ganz genau das gleiche Geschenk zu machen – und da ich aus Erfahrung weiß, was davon abhängt, so würde ich bei der Verteilung selbst hingestanden sein, um mich von der genauesten Ausführung zu überzeugen. Ein Herr schenkte einmal einem meiner Kinder eine Blechpfeife – eine wahre Erfindung des Satans, vor der ich ein unbeschreibliches Grausen empfinde, wie es Ihnen gewiß auch ginge, wenn Sie achtzig bis neunzig Kinder im Hause hätten. Aber die That war geschehen – der Mann entkam. Ich wußte, wohin die Sache führen würde und dürstete nach Rache. Ich schickte eine ganze Schar Würgengel hinter ihm her, die den Mann bis tief in die Felsenklüfte Nevadas jagten. Aber bekommen haben sie ihn niemals. Ich bin nicht grausam – ich bin nicht rachsüchtig, aber wenn ich ihn bekommen hätte, Herr, ich würde ihn, so wahr mir Joseph Smith helfe, in die Kinderstube eingesperrt haben, bis die Krappen ihn totgepfiffen hätten! Bei dem hingeschlachteten Leibe des heiligen Parley Pratt (dem Gott seine Sünden vergebe), so etwas ist in der ganzen Welt noch nicht dagewesen! Ich wußte ja, wer dem Kind die Pfeife gegeben hatte, aber ich konnte die eifersüchtigen Mütter nicht davon überzeugen. Sie glaubten einmal, ich sei es gewesen, und das Ende vom Liede war, was jeder vernünftige Mensch längst hatte voraussehen können: Ich durfte hundertzehn Pfeifen bestellen – wir hatten damals nämlich, meine ich, hundertzehn Kinder im Hause, es sind jetzt aber eine Anzahl davon fort auf der Schule – hundertzehn solcher quiekenden Dinger; und ich will auf ewig verstummen, wenn es nicht wahr ist, daß wir von da an uns solange lediglich mit der Zeichensprache behelfen mußten, bis die Kinder die Pfeifen satt hatten. Und wenn wieder jemand einem meiner Kinder eine Pfeife giebt und ich bekomme ihn zwischen die Finger, den hänge ich höher als Haman!

»Bei Nephis Schatten! Sie wissen nicht, was es heißt, verheiratet sein. Ich bin reich, und jedermann weiß es. Ich bin gutmütig, und alle Welt benützt das. Ich habe starke väterliche Triebe, deshalb halst man mir alle Findelkinder auf. Wenn ein weibliches Wesen ihr Herzblättchen recht gut betten will, so quält sie ihr Hirn ab, bis sie einen Plan ausgetüftelt hat, um es mir in die Hände zu spielen. Sehen Sie, Herr, kommt da einstmals ein Weibsbild daher mit einem Kind von eigentümlich totenbleicher Farbe (sie selber sah gerade so aus) und schwört, das Kind gehöre mir und sie sei mein Weib – ich hätte sie zu der und der Zeit da und da geheiratet, aber ihre Nummer hatte sie vergessen, und ihres Namens konnte ich mich natürlich nicht erinnern. Nun, sie machte mich darauf aufmerksam, wie ähnlich mir das Kind sehe, und in der That schien es auch so – etwas sehr Gewöhnliches hier zu Lande – und, um die Geschichte kurz zu machen, ich steckte das Kind in die Kinderstube und sie ging ihrer Wege.

»Und bei Orson Hydes Geist, wie man dem Kind die Farbe abwusch, war es eine Rothaut! Meiner Seele, Sie wissen nicht, was verheiratet sein heißt! Es ist ein wahres Hundeleben, Herr – ein wahres Hundeleben. Und wie soll man dabei sparen! – es ist unmöglich. Ich habe versucht, einen Brautanzug für alle Gelegenheiten aufzubewahren. Aber es nützt nichts. Einmal heiraten Sie eine Verbindung von Kaliko und Schwindsucht, mager wie eine Latte, und das nächstemal kommen Sie an ein Geschöpf, das nichts als in Kleider gesteckte Wassersucht ist, und dann können Sie das Brautkleid mit einem alten Luftballon weiter machen lassen! Ja, so geht es. Und denken Sie nur an die Wäscherechnung – (entschuldigen Sie diese Thränen) – neunhundertvierundachtzig Stück die Woche! Nein, Herr, so etwas wie Sparen giebt es gar nicht in einer Familie wie die meine. Schon der eine Artikel Wiegen – stellen Sie sich nur vor! Und Wurmsamen! Syrup! Zahnringe! Und Taschen-Uhren zum Spielen für die Kleinen! Und allerhand Sachen, um die Möbel damit zu zerkratzen! Und Streichhölzchen zum essen, und Glasstücke, um sich damit zu schneiden. Der Artikel Glas allein würde für den Unterhalt Ihrer Familie hinreichen, behaupte ich. Da mag ich scharren und quetschen, wie ich will, ich kann nicht so schnell vorwärts kommen, wie es bei den mir gebotenen Chancen der Fall sein sollte. Gott sei es geklagt, zur Zeit, da ich zweiundsiebzig Weiber hier im Hause hatte, stöhnte ich unter der Last, Tausende von Dollars in zweiundsiebzig Bettstellen stecken zu müssen, während das Geld hätte auf Zinsen ausgeliehen werden sollen; so schlug ich denn frischweg den ganzen Vorrat mit Verlust los und ließ eine Bettstatt zimmern, sieben Fuß lang und sechsundneunzig Fuß breit. Aber es war ein Mißgriff. Ich konnte schlechterdings nicht schlafen. Es kam mir vor, als schnarchten alle zweiundsiebzig Weiber auf einmal. Es war ein betäubender Lärm. Und dann die Gefahr bei der Sache! Das war noch das schlimmste. Sie zogen alle den Atem zugleich ein, und da konnte man wahrhaftig sehen, wie die Wände des Hauses sich nach innen bogen – dann atmeten sie wieder alle auf einmal aus, so daß man sehen konnte, wie die Wände sich nach außen aufblähten und man die Balken knacken und die Schindeln knistern hörte. Mein Freund, lassen Sie sich von einem alten Manne raten, und laden Sie sich ja keine starke Familie auf den Hals – hören Sie, thun Sie’s ja nicht, ich sage es Ihnen. In einer kleinen Familie, und nur in einer kleinen Familie, werden Sie das Behagen und den innern Frieden finden, welche schließlich doch die besten Segnungen sind, die diese Welt uns zu bieten vermag, und für deren Mangel kein Reichtum, kein Ruhm, keine Macht und keine Größe uns je Ersatz bieten können. Verlassen Sie sich darauf, mit zehn bis elf Weibern haben Sie genug – gehen Sie nie darüber hinaus.«

Ich hatte zwar ein unbestimmtes Gefühl, als sei dieser Johnsohn nicht ganz verläßlich. Und doch war er eine höchst unterhaltende Persönlichkeit, und ich glaube kaum, daß irgend eine seiner Mitteilungen aus einer anderweiten Quelle stammen konnte. Er bildete einen recht angenehmen Gegensatz zu diesen schweigsamen Mormonen.

  1. Dieser Name, sowie andere in Brigham Youngs Gespräch gehören der mormonischen Geschichte an.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Ich verließ die große Salzseestadt mit ziemlich unklaren Begriffen über die daselbst herrschenden Zustände, – manchmal fragte ich mich sogar, ob überhaupt ein Zustand daselbst herrsche oder nicht. Doch fiel mir zu meiner wirklichen Erleichterung plötzlich ein, daß wir dort wenigstens ein paar gewöhnliche Thatsachen erfahren hatten, auf die wir uns verlassen konnten, so daß unsere zwei Tage doch nicht völlig verloren waren. Zum Beispiel hatten wir in unbedingter greifbarer Wirklichkeit erfahren, daß wir uns in einem neubesiedelten Lande befanden. Die hohen Preise, die man uns für die geringwertigsten Dinge abverlangte, gaben beredte Kunde von hohen Frachten und erstaunlichen Entfernungen. Im Osten war zu damaliger Zeit der kleinste Begriff eines Geldstückes ein Penny, und derselbe bezeichnete die kleinste Menge, die von irgend etwas käuflich zu haben war. Westlich von Cincinnati war die kleinste im Umlauf befindliche Scheidemünze das silberne Fünfcentsstück, und für weniger als fünf Cents konnte man von keinerlei Ware haben. In Overland City schien das Zehncentsstück die kleinste Münze zu sein; in der Salzseestadt jedoch gab es anscheinend im Verkehr kein kleineres Stück als den Viertelsdollar und keine kleinere käufliche Menge von irgend etwas als im Wert von fünfundzwanzig Cents. Wir waren gewohnt gewesen, das Fünfcentsstück als den kleinsten Begriff bei Geldausgaben zu betrachten; in der Salzseestadt dagegen zahlte man für eine Cigarre einen Viertelsdollar, für eine Thonpfeife einen Viertelsdollar; ob man einen Pfirsich verlangte, oder ein Licht, oder eine Zeitung, oder den Barbier, oder einen kleinen heidnischen Schnaps zum Einreiben der Hühneraugen oder gegen das Magendrücken oder das Zahnweh – stets kostete es fünfundzwanzig Cents. Wenn wir ab und zu in unser Geldsäckchen schauten, kam es uns vor, als ob wir unser Vermögen in einem wahren Luderleben verschwendeten, ein Blick in das Verzeichnis unserer Ausgaben bewies uns jedoch sofort, daß uns kein derartiger Vorwurf traf. Indessen versöhnt man sich leicht mit großem Geld und hohen Preisen, man hat sie gerne und ist stolz darauf – ein Herabsteigen zu kleiner Münze und niederen Preisen ist schwer zu ertragen und man gewöhnt sich nur langsam daran. Hat der Durchschnittsmensch einmal einen Monat lang das Minimum von fünfundzwanzig Cents kennen gelernt, so denkt er nur mit Erröten an seine verächtlichen Fünfcentstage zurück. Wie dunkelrot ich in dem prächtigen Nevada jedesmal im Gesicht wurde, wenn ich an meine erste Erfahrung in Geldangelegenheiten dachte, die ich am Salzsee gemacht hatte. Ein junger Mischling mit einer Gesichtsfarbe wie eine gelbe Rübe fragte mich, ob er mir die Stiefel putzen solle. Es war am Salzseehotel am Morgen nach unserer Ankunft. Ich bejahte und er that es. Dann händigte ich ihm mit der wohlwollenden Miene eines Menschen, der Reichtum und Glückseligkeit über die leidende Armut ausgießt, ein silbernes Fünfcentsstück ein. Der Gelbe nahm es mit einem Ausdruck entgegen, den ich für unterdrückte Rührung hielt und legte es ehrerbietig auf die breite Fläche seiner Hand. Dann begann er es zu betrachten, ungefähr wie ein Naturforscher ein Mückenohr auf dem weiten Felde seines Mikroskops beschaut. Mehrere Leute aus dem Gebirge, Fuhrleute, Postkutscher u. s. w. traten heran, gruppierten sich malerisch um uns und machten sich an die Untersuchung des Geldstückes mit jener anziehenden Unverfrorenheit, die den kühnen Bahnbrecher der Kultur kennzeichnet. Jetzt gab mir der Gelbe meinen Fünfer zurück mit dem Bemerken, er rate mir einen Arzt zu konsultieren, da ich offenbar an – Großherzigkeit leide!

Das gemeine Gelächter, das daraufhin losbrach! Ich zertrat zwar den giftigen Wurm auf der Stelle, mußte jedoch die ganze Zeit über vor mich hin lächeln, während ich ihm den Skalp abzog, denn die Bemerkung war für solch einen Mischling wirklich gut.

Ja, wir hatten am Salzsee gelernt, uns hohe Preise fordern zu lassen, ohne unsern innern Schauder darüber äußerlich zu zeigen – denn wir hatten lange genug den Ton, in dem sich die Unterhaltung zwischen Postkutschern, Kondukteuren und Hausknechten und schließlich auch zwischen den Bewohnern der Salzseestadt bewegte, mit angehört und aufgefaßt, um sehr wohl zu merken, wie gering diese höheren Wesen uns ›Auswanderer‹ achteten. Wir gaben daher in unsern Mienen keinen verräterischen Schauder oder Schrecken kund, denn wir wollten für Mormonen, Halbindianer, Fuhrleute, Postkutscher oder Banditen von Mountain Meadow – kurz für irgend etwas auf der Welt gelten, das auf den Ebenen von Utah geachtet und bewundert wurde, – wir schämten uns dagegen erbärmlich, ›Auswanderer‹ zu sein und bedauerten höchlich, daß wir weiße Hemden anhatten und in Gegenwart von Damen nicht fluchen konnten ohne wegzublicken.

Auch in Nevada hatten wir später noch gar manchmal Anlaß, uns mit Beschämung bewußt zu werden, daß wir ›Auswanderer‹, folglich eine niederstehende, untergeordnete Klasse von Geschöpfen waren. Wir Armen! – da machen sie sich über den Hut lustig, den man trägt; über den Schnitt eines Rockes, der aus New-York stammt; über die Gewissenhaftigkeit, womit man die Grammatik, und die Unerfahrenheit, womit man das Fluchen behandelt; über die zum Totlachen drollige Unkenntnis, die man in Bezug auf Erze, Schachte, Stollen und andere Gegenstände bekundet, die man noch nie gesehen und die man auch nie interessant genug gefunden hat, um darüber zu lesen. Und während man immer über sein trauriges Los nachdenkt, in diese entlegene Gegend, in dieses einsame Land verbannt zu sein, sehen die Eingeborenen mit vernichtendem Mitleid auf einen herab, weil man ein ›Auswanderer‹ ist und nicht eines jener stolzesten, glücklichsten Wesen auf der Welt, ein ›Neunundvierziger‹.

Das gewohnte Leben in der Postkutsche begann jetzt aufs neue, und gegen Mitternacht kam es uns bereits fast so vor, als hätten wir unser Nest zwischen den Postsäcken gar nie verlassen gehabt. Eine Änderung hatten wir übrigens getroffen. Wir hatten uns mit Brot, gekochtem Schinken und hartgesottenen Eiern so reichlich versehen, daß es noch einmal so weit reichen konnte, als für die sechshundert Meilen, die wir noch vor uns hatten.

Es gewährte uns während der folgenden Tage ein großes Behagen, von unserem Hochsitze aus das großartige Panorama von Bergen und Thälern unter uns zu betrachten, und uns an Schinken und harten Eiern zu laben, während unser geistiges Wesen abwechselnd in Regenbogen, Gewittern und unvergleichlichen Sonnenuntergängen schwelgte. Nichts unterstützt den Eindruck der Landschaft so mächtig, wie Schinken und Eier. Schinken und Eier und eine großartige Umgegend, während der Wagen mit Windeseile einen ›Hang‹ hinunterrollt, eine duftende Pfeife und ein zufriedenes Herz – darin besteht das Glück, nach dem die Menschheit all die Jahrhunderte hindurch gestrebt.

  1. ¼ Dollar oder 25 Cents = 1 M 5 Pf.
  2. An welchem Ort ein großer Zug Auswanderer überfallen und niedergemacht wurde.
  3. Aus diesem Jahr stammen die Pioniere des Goldlandes.

Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Um acht Uhr morgens erreichten wir die Überbleibsel und Trümmer dessen, was einst die wichtige Militärstation ›Camp Floyd‹ gewesen war, einige fünfundvierzig oder fünfzig Meilen von der Salzseestadt. Um vier Uhr nachmittags hatten wir die Entfernung verdoppelt und befanden uns neunzig bis hundert Meilen von dort. Wir kamen jetzt in den Bereich einer besonderen Gattung von Wüsten, einer Alkali-Wüste. In der Vereinigung alles Abschreckenden und Entsetzlichen läßt sie selbst die Sahara mit ihren Schrecknissen hinter sich. Auf achtundsechzig Meilen gab es darin nur eine einzige Unterbrechung, – wenn man ein in der Mitte dieser Strecke gelegenes Wasserreservoir überhaupt so nennen kann. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, so gab es keinen Brunnen oder Quell daselbst, sondern das Wasser wurde mittels Maultier- oder Ochsengespannen von dem entfernten Rande der Wüste dahin geschafft. Es befand sich eine Poststation dort, vor der wir gerade mit Sonnenaufgang nach zwölfstündiger Fahrt eintrafen. Nachts im Schlafe durch eine Wüste zu fahren, dazu gehörte nicht viel, und dabei hatte man am andern Morgen die angenehme Vorstellung, in höchst eigener Person wirklich mit einer Wüste Bekanntschaft gemacht zu haben und von nun an jederzeit in Gegenwart von Neulingen aus eigener Erfahrung von Wüsten sprechen zu können. Und nicht minder angenehm war der Gedanke, daß es sich nicht um irgend eine unbekannte im Hinterland versteckte Wüste, sondern um die hochberühmte Hauptwüste selbst handelte. Das war alles sehr gut, sehr behaglich und befriedigend – aber jetzt sollten wir bei hellem Tage durch eine Wüste kommen. Das war herrlich, neu, romantisch, dramatisch abenteuerlich – das war wirklich des Lebens, des Reisens wert. Alles sollte ganz genau nach Hause berichtet werden.

Aber diese Begeisterung, dieser ernstliche Durst nach Abenteuern, schmolz dahin unter der schwülen Augustsonne und hielt nicht länger vor als eine Stunde. Eine arme kurze Stunde – und dann schämten wir uns bereits, so ›übergeschäumt‹ zu haben. Die Poesie lag ausschließlich im Vorgefühl – in der Wirklichkeit fehlt dieselbe gänzlich. Man stelle sich einen ungeheuren wellenlosen Ozean vor, der erstorben und in ein Aschenfeld verwandelt ist; man denke sich diese feierlich stille Einöde mit aschenbestäubten Salbeibüschen bedeckt; man denke sich das leblose Schweigen und die Einsamkeit, die zu solch einem Orte gehören; man denke sich dazu eine Kutsche, die wie eine Wanze über diese uferlose Fläche hinkriecht und dabei wirbelnde Staubwolken emporsendet, als kröche sie mit Dampf; man stelle sich vor, daß das mühselige Fahren durch den tiefen Staub mit peinigender Eintönigkeit Stunde um Stunde fortdauert, während das Ufer scheinbar immer noch nicht näher rücken will; man denke sich Gespann, Kutscher, Wagen und Reisende so dick mit Asche bedeckt, daß sie allesamt eine farblose Farbe tragen; man vergegenwärtige sich die Aschenhäufchen, die sich auf Bart und Augbrauen setzen, wie Schneeflocken auf Sträucher und Büsche. So nimmt sich die Wirklichkeit aus.

Die Sonne brennt mit dumpfer, blasenziehender, unbarmherziger Wut herunter, Schweiß bricht Mensch und Tier aus jeder Pore, aber kaum eine Spur davon gelangt an die Oberfläche – er wird aufgesogen, ehe er dahin kommt. Nicht der leiseste Lufthauch regt sich. Keine einzige mitleidige Wolke zeigt sich an dem ganzen strahlenden Himmelsgewölbe. Nach welcher Richtung man auch die leere Fläche, die sich meilenweit rings in eintöniger Gleichmäßigkeit ausbreitet, durchspähen mag, nirgends ist ein lebendes Wesen zu erblicken. Kein Laut, kein Seufzer, kein Flüstern, kein Husch, kein Flügelschlag, keine Stimme eines Vogels aus der Ferne – nicht einmal ein Schluchzen von einer der verlorenen Seelen, die ohne Zweifel diese erstorbene Luft bevölkern, läßt sich vernehmen. So hebt sich das zeitweilige Schnauben der rastenden Maultiere und ihr Kauen am Gebiß grell von der schauerlichen Stille ab, löst aber den Zauber nicht, sondern macht ihn nur drückender und erhöht noch das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit.

Unter gewaltigem Fluchen, Schmeicheln und Peitschenknallen nahmen die Maultiere von Zeit zu Zeit einen Anlauf und schleppten die Kutsche ein bis zweihundert Ellen weit, wobei sie eine wogende Staubwolke hinter sich aufwühlten, die das Fuhrwerk bis zum oberen Rande der Räder oder noch höher herauf einhüllte, so daß man meinte, es schwebe durch einen Nebel. Darauf folgte eine Ruhepause mit dem üblichen Schnauben und Kauen am Gebiß. Darauf kam wieder ein Anlauf und sodann abermals eine Ruhepause. So ging es den ganzen Tag fort, ohne daß die Maultiere getränkt oder gewechselt wurden. Wenigstens ging es zehn ganze Stunden so fort, was doch wohl in einer Alkaliwüste für eine Tagesleistung, und zwar für eine recht anständige, gelten darf. Wir waren von morgens vier bis nachmittags zwei Uhr unterwegs. Und dabei war es so heiß und so beengend; und unsere Wasserflaschen waren um die Mitte des Tages so trocken und wir so durstig! Es war so stumpf und dumpf und ermattend; und die langweiligen Stunden schlichen und schleppten sich und hinkten mit so grausamer Bedächtigkeit dahin! Man bemühte sich, seiner Uhr eine recht lange Zeit zu ungestörtem Gang zu lassen; und zog man sie dann heraus, so fand man jedesmal, daß sie die Zeit vertrödelt und nichts Ordentliches voran gebracht hatte! Der Alkalistaub schnitt einem in die Lippen, peinigte einen in den Augen und fraß sich durch die Nasenschleimhaut, so daß diese unaufhörlich blutete – die Romantik verschwand allen Ernstes in weiter Ferne und zurück blieb von unserer Wüstenfahrt nichts als die nackte Wirklichkeit – eine durstige, dürre, langweilige, hassenswerte Wirklichkeit. Zehn Stunden lang je zwei und eine viertel Meilen – das war unsere ganze Leistung. Es hielt wirklich schwer, einen solchen Schneckengang zu begreifen, während wir sonst gewohnt gewesen waren, acht und zehn Meilen in der Stunde zu machen. Als wir die Station an der jenseitigen Grenze der Wüste erreicht hatten, waren wir zum erstenmal froh, das Wörterbuch bei der Hand zu haben, weil wir sonst niemals Worte genug hätten finden können, um unsere Befriedigung darüber auszudrücken. Um aber die Ermüdung zum Ausdruck zu bringen, welche diese Maultiere empfanden, nachdem sie uns dreiundzwanzig Meilen weit geschleppt hatten, dazu würde eine ganze Bibliothek von Wörterbüchern nicht genügt haben. Und wollten wir gar vollends versuchen, dem Leser eine Vorstellung von ihrem Durste zu geben – es wäre gerade, als wollten wir gediegenes Gold vergolden oder die Lilie weiß bemalen!

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Am sechzehnten Tage nach unserer Abfahrt von St. Joseph langten wir morgens am Eingang des Rocky Cañon an, zweihundertfünfzig Stunden vom Salzsee. In dieser wilden Gegend, weit von allen Wohnplätzen weißer Menschen, mit Ausnahme der Poststationen, trafen wir auf die jämmerlichsten Vertreter des Menschengeschlechtes, die mir bis dahin je zu Gesicht gekommen waren. Ich meine die Goschut-Indianer, die sich nach allem, was wir von ihnen sahen und in Erfahrung brachten, höchstens allenfalls mit den Buschmännern Südafrikas auf eine Linie stellen lassen. Diejenigen, welche sich an der Straße und auf den Stationen herumtrieben, waren kleine, magere, ›verhutzelte‹ Geschöpfe; ihre Gesichtsfarbe ein mattes Schwarz wie gewöhnlich bei den Negern in Amerika; ihre Gesichter und Hände mit einer Schmutzkruste bedeckt, die sich Monate, Jahre, ja Menschenalter hindurch je nach dem Alter des Besitzers aufgehäuft hatte. Sie erschienen als eine schweigsame, schleichende, heimtückische Sippe, die verstohlen alles beobachtete, gerade wie alle andern ›edlen roten Männer‹, ohne dabei eine Miene zu verziehen; stumpfsinnig, stets geduldig und unermüdlich wie alle andern Indianer; schamlose Bettler – ist doch der Trieb zum Betteln dem Indianer nicht minder notwendig, um ihn ›im Gang zu erhalten‹, als das Pendel der Uhr; hungrig, jederzeit hungrig, obwohl sie nichts verschmähen, was ein Schwein frißt und dagegen oft etwas essen, was ein Schwein zurückweist; Jäger, deren Ehrgeiz jedoch nicht über das Erlegen und Verspeisen von Eselskaninchen, Grillen und Heupferden und über die Aneignung von Aas hinaus geht, das von Rechts wegen dem Mäusefalken und dem Cayote gehört; Wilde, die auf die Frage, ob sie den allgemeinen Glauben der Indianer an einen ›Großen Geist‹ teilen, in eine Art von Rührung geraten, weil sie darunter Branntwein verstehen. Diese Goschuten sind ein kleines, weit zerstreutes Volk von beinahe völlig nackten schwarzen Kindern, das schlechterdings nichts hervorbringt, keine Dörfer und überhaupt keine feste Stammesgemeinschaft bildet – ein Volk, dessen einziges Obdach in einem Lappen besteht, der über einen Busch geworfen wird, um den Schnee teilweise abzuhalten, und das doch eine der felsigsten, winterlichsten Einöden bewohnt, die man in irgend einem Teil der Erde finden kann.

Kriegslustig könnte man die Goschuten ungefähr mit demselben Rechte nennen, wie die Kaninchen, und doch kam es vor, daß sie, nachdem sie monatelang vom Abfall und Kehricht der Stationen gelebt hatten, in einer dunkeln Nacht, während niemand Arges vermutete, heranschlichen, die Gebäude niederbrannten und die herausstürzenden Leute aus dem Hinterhalt niederschossen. Einmal griffen sie bei Nacht die Postkutsche an, in der eben ein Distriktsrichter des Territoriums Nevada ganz allein fuhr, wobei sie mit ihrem ersten Pfeilhagel (drunter auch eine oder zwei Kugeln) die Vorhänge durchlöcherten, ein oder zwei Pferde verletzten und den Postillon tödlich verwundeten. Dieser letztere war aber schneidig und sein Passagier nicht minder. Letzterer schwang sich auf des Postillons Zuruf auf den Bock und ergriff die Zügel, und fort flogen sie mitten durch den rasenden Haufen und unter einem Hagel von Geschossen. Der Postillon war sofort auf den Schuß in die Kniee gesunken, hielt aber die Zügel noch in den Händen und erklärte, er hoffe, sie bis zu seiner Ablösung halten zu können. Und als sie schließlich seiner ermattenden Hand entsanken, legte er seinen Kopf zwischen die Füße des andern und gab ihm in aller Ruhe Weisung betreffs des Weges; er könne es wohl noch so lang aushalten, bis sie aus dem Bereich der Halunken seien, dann wäre die Hauptschwierigkeit vorüber, und wenn der Richter so und so führe (dabei gab er ihm Weisung betreffs einzelner schlimmer Wegestrecken, sowie der einzuhaltenden Richtung), so würde er die nächste Station ohne Mühe erreichen. Der Richter kam wirklich dem Feinde voraus und fuhr endlich an der Station vor; nun wußte er, daß die Gefahren für jene Nacht vorüber waren, aber er hatte keinen Kriegskameraden mehr, um seine Freude zu teilen, denn der tapfere Rosselenker war tot.

Der Widerwille, den die Goschuten mir einflößten, – einem Jünger Coopers und einem Verehrer des Roten Mannes, selbst jener künstlichen Wilden im ›Letzten der Mohikaner‹, – veranlaßte mich zu ernsten Nachforschungen darüber, ob ich vielleicht den roten Mann überschätzt habe, so lange ich ihn im milden Mondschein der Romantik betrachtete. Die Enthüllungen, die mir wurden, waren jedenfalls sehr ernüchternder Art. Es war merkwürdig, wie schnell die Tünche und das Blattgold, die seine Außenseite bedeckt hatten, verschwunden waren, so daß nur noch der verräterische, schmutzige, abstoßende Kerl übrig blieb – und wie rasch sich die Beweise dafür häuften, daß jeder Indianerstamm, auf den man stoßen mag, lediglich aus Goschuten besteht, die je nach Verhältnissen und Umgebung etwas verändert sind – aber eben doch immer Goschuten. Sie verdienen Mitleid, die armen Wesen; und ich zolle ihnen das meinige gerne – aus der Ferne. In größerer Nähe wird ihnen solches von niemand zuteil werden.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Am siebzehnten Tage kamen wir an den höchsten Berggipfeln, die wir bis jetzt erblickt hatten, vorüber, und obwohl der Tag sehr heiß war, folgte demselben eine wirklich kalte Nacht, gegen welche wir uns kaum mit unsern Decken zu schützen vermochten.

Am neunzehnten Tage begegneten wir auf der Station am Neese River den Leuten, die an der Telegraphenlinie nach dem Osten arbeiteten, und gaben eine Depesche an Se. Excellenz Gouverneur Nye zu Carson City auf. (Entfernung: hundertsechsundfünfzig Meilen.)

Am selben Tage kamen wir durch die große amerikanische Wüste vierzig denkwürdige Meilen grundlosen Sandes, in den die Wagenräder sechs Zoll bis einen Fuß tief einsanken. Den größten Teil dieser Strecke legten wir zu Fuß zurück, indem wir neben dem Wagen hergingen. Es war ein entsetzliches Ringen mit dem Sand und zugleich mit dem Durste, denn wir hatten kein Wasser. Von einem Ende dieser Wüste bis zum andern war die Straße ganz weiß von Ochsen- und Pferdeknochen. Ich könnte fast ohne Übertreibung behaupten, daß wir die vierzig Meilen weit Schritt für Schritt den Fuß auf einen Knochen hätten setzen können. Die ganze Wüste war ein ungeheurer Friedhof. Und die Hemmketten, Radschuhe und vermodernden Reste von Fuhrwerken waren fast ebenso dicht gesäet wie die Knochen. Ich glaube, die Hemmketten, die da vor unsern Augen verrosteten, hätten in jedem Staat der Union von einer Grenze zur andern gereicht. Geben uns diese Trümmer nicht ungefähr eine schwache Vorstellung von den furchtbaren Leiden und Entbehrungen, welche die frühesten Einwanderer nach Kalifornien zu erdulden hatten?

Am Rand der Wüste liegt der Carson-See, auch ›Carson-Sink‹ genannt, ein seichter, trübseliger Wasserspiegel von achtzig bis hundert Meilen Umfang. Der Carsonfluß mündet in denselben, um zu verschwinden – geheimnisvoll versinkt er im Boden und erblickt nie das Licht der Sonne wieder – denn der See hat keinerlei Ausfluß.

Es giebt mehrere Flüsse in Nevada, die dasselbe rätselvolle Geschick haben. Sie münden in verschiedene Seen oder ›Sinks‹ und werden nicht mehr gesehen. Der Carson-, Humbold-, Walter- und Mono-See sind große Wasserbecken ohne jeden sichtbaren Abfluß. Fortwährend fließt Wasser hinein, keines sieht man je abfließen, und doch bleiben sie stets eben voll, ohne abzunehmen oder überzulaufen. Was aus ihrem Überfluß wird, weiß nur der Schöpfer.

Am Westrand der Wüste machten wir einen Augenblick Halt in Ragtown. Es bestand aus einem einzigen Blockhause und ist auf der Karte nicht verzeichnet. Dabei fällt mir etwas ein. Gleich nach unserer Abfahrt von Julesburg, am Platte, saß ich beim Postillon. Dieser fing an:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen, wenn Sie gern zuhören wollen. Horace Greeley fuhr einstmals auf dieser Straße. Beim Abgang von Carson City sagte er zum Postillon, Hank Monk, er habe sich verbindlich gemacht, in Placerville einen Vortrag zu halten und wünsche dringend, rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk ließ seine Peitsche knallen und fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen hüpfte so schrecklich auf und nieder, daß alle Knöpfe an Horacens Rock absprangen und er schließlich geradezu mit dem Kopf durch die Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat ihn, doch langsamer zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als vor einer Weile. Aber Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Horace, ich will Sie schon bei Zeiten hinbringen!‹ – und Sie können darauf wetten, daß er ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was noch von ihm übrig war.«

Einen oder zwei Tage darauf lasen wir an der Straßenkreuzung einen Mann aus Denver auf, der uns allerlei über die Umgegend und die Goldgruben von Gregory erzählte. Es schien ein recht unterhaltender Mensch zu sein, der über die Verhältnisse in Colorado gut Bescheid wußte. Nach einer Weile begann er:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen. Horace Greeley fuhr einstmals auf dieser Straße. Beim Abgang von Carson City sagte er zum Postillon, Hank Monk, er habe sich verbindlich gemacht, in Placerville einen Vortrag zu halten und wünsche dringend, rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk ließ seine Peitsche knallen und fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen hüpfte so schrecklich auf und nieder, daß alle Knöpfe an Horacens Rock absprangen und er schließlich geradezu durch die Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat ihn, doch langsamer zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als vor einer Weile. Aber Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Horace, ich will Sie schon bei Zeiten hinbringen!‹ – und Sie können darauf wetten, daß er ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was noch von ihm übrig war.«

In Fort Bridger nahmen wir ein paar Tage darauf einen Kavalleriewachtmeister an Bord, einen sehr netten Menschen von echt soldatischem Wesen. Nirgends auf unserer langen Reise trafen wir sonst jemand, der uns einen solchen Vorrat an kurzer und guter Belehrung über militärische Dinge verschafft hätte. Es war ganz überraschend, in diesen verlassenen Einöden unseres Landes einen Mann von untergeordnetem Rang zu finden, der mit allem, was für seinen Lebensberuf zu wissen von Nutzen sein kann, so gründlich vertraut und dabei so anspruchslosen Wesens war. Volle drei Stunden hörten wir ihm mit ungemindertem Interesse zu. Schließlich kam er auf das Reisen über den Kontinent zu sprechen und auf einmal begann er:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen« – und erzählte wiederum wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch von ihm übrig war.«

Acht Stunden nach unserer Abreise von der Salzseestadt stieg auf einer Zwischenstation ein Mormonenprediger ein – ein artiger Mann mit sanfter Stimme und freundlichem Wesen, zu dem jeder Fremde sich beim ersten Anblick hingezogen fühlen mußte. Nie kann ich den Ausdruck in seinen Augen vergessen, als er mit einfachen Worten die Wanderungen und grausamen Leiden seines Volkes schilderte. Keine Kanzelberedsamkeit war je so rührend und so schön, als das Bild, das dieser Fremdling von der Wanderung der ersten Mormonen durch die Prairieen entwarf, wie sie sich kummervoll nach dem Land ihrer Verbannung durchschlugen und ihren einsamen Pfad mit Gräbern bezeichneten und mit Thränen benetzten. Seine Worte ergriffen uns dergestalt, daß wir es alle als Erleichterung empfanden, als die Unterhaltung in eine heiterere Bahn einlenkte und man auf die Natureigentümlichkeiten des seltsamen Landes, in dem wir uns befanden, zu sprechen kam.

Ein Gegenstand nach dem andern wurde in angenehmer Weise erörtert, bis endlich der Fremde begann:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen« – wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch von ihm übrig war.«

Zehn Meilen hinter Ragtown fanden wir einen armen Wanderer, der sich zum Sterben niedergelegt hatte. Er war so lange gegangen, als er es imstande war, allein seine Glieder hatten ihm schließlich den Dienst versagt. Hunger und Ermüdung hatten ihn überwältigt. Es wäre unmenschlich gewesen, ihn hier liegen zu lassen. Wir bezahlten für ihn Fahrgeld bis nach Carson und hoben ihn in den Wagen. Es dauerte eine kleine Weile, bis er die ersten entschiedenen Lebenszeichen gab, aber durch Reiben und Einflößen von Branntwein brachten wir ihn zuletzt einigermaßen zum Bewußtsein. Dann gaben wir ihm ein wenig zu essen, und nach und nach schien er seine Lage zu begreifen und ein Ausdruck von Dankbarkeit milderte den starren Blick seiner Augen. Wir machten es ihm auf dem Postbeutel-Bett so bequem als möglich und richteten ihm aus unsern Röcken ein Kopfkissen her. Er schien sehr dankbar dafür zu sein. Dann schaute er uns ins Gesicht und sagte mit schwacher Stimme, in der etwas wie zarte Rührung bebte:

»Meine Herren, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie haben mir das Leben gerettet; und wenn ich Ihnen dies auch niemals vergelten kann, so fühle ich doch, daß ich Ihnen wenigstens eine Stunde Ihrer langen Reise leichter zu machen vermag. Ich nehme an, Sie sind mit dieser großen Heerstraße nicht bekannt, ich dagegen bin ganz vertraut damit. In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen, wenn Sie sie gerne hören wollen. Horace Greeley –«

Ich unterbrach ihn nachdrücklich mit den Worten: »Fremder Dulder, fahren Sie fort, wenn Sie es verantworten können. Sie sehen in mir den traurigen Schatten einer ehemals kraftvollen stolzen Männergestalt. Was hat mich so weit gebracht? Die Geschichte, die Sie eben auf der Zunge hatten. Langsam aber sicher hat diese alte langweilige Anekdote mir die Kräfte ausgesogen, die Gesundheit untergraben, das Leben ausgedörrt. Haben Sie Mitleid mit meiner Hilflosigkeit. Verschonen Sie mich nur damit und erzählen Sie mir lieber statt dessen vom jungen George Washington und seiner kleinen Axt.«

Wir waren gerettet, nicht aber unser Kranker. Bei dem Versuch, die Anekdote bei sich zu behalten, verfiel er in krampfhafte Zuckungen und verschied in unsern Armen.

Ich weiß jetzt, daß ich selbst vom stärksten Mann in jener ganzen Gegend nicht hätte verlangen sollen, was ich diesem bloßen Schatten eines Menschen zumutete, denn nach siebenjährigem Aufenthalt an der Küste des Stillen Ozeans weiß ich, daß kein Postillon oder Reisender auf der Überlandroute jemals diese Anekdote verkorkt bei sich behalten hat, ohne daran zu ersticken. Innerhalb von sechs Jahren reiste ich dreizehnmal mit der Post über die Gebirgszüge zwischen Nevada und Kalifornien hin und her und hörte dabei diese nicht umzubringende Geschichte vierhundertein- oder zweiundachtzigmal mit an. Ich habe ein Verzeichnis darüber in meinem Besitz. Die Postillone erzählten sie stets, die Kondukteure, die Wirte erzählten sie, jeder gerade einsteigende Passagier erzählte sie, sogar die Chinesen und wilden Indianer erzählten sie nach. Ich habe es erlebt, daß sie mir ein und derselbe Postillon an einem Nachmittag zwei- oder dreimal erzählte. Sie ist mir im Gewande jeder der vielen Sprachen entgegengetreten, die Babel der Welt vermacht hat, und gewürzt mit den Düften von Whiskey, Brandy, Bier, Eau de Cologne, Sozodont, Tabak, Knoblauch, Zwiebeln und Heuschrecken, kurz von allem, was auf der langen Liste aller Dinge, welche durch Mund und Nase des Menschen eingehen, einen Duft an sich hat. Nie habe ich eine Geschichte so oft zu riechen bekommen, als diese, und nie habe ich eine gerochen, die so verschiedenartig roch. Und dabei war es nicht einmal möglich, sie am Geruch zu erkennen, weil sie jedesmal, so oft man meinte, man habe ihren Geruch los, wieder mit einem andern Duft auftrat. Bayard Taylor hat über diese uralte Geschichte geschrieben, Richardson hat sie veröffentlicht, desgleichen Jones, Smith, Johnson und Roß Browne und jedes sonstige, Korrespondenzen liefernde Wesen, das irgend einmal zwischen Julesburg und S. Francisco den Fuß auf die große Überlandroute setzte; ja, wie man mir sagt, steht sie sogar im Talmud. Ich habe sie in neun verschiedenen Sprachen gedruckt gelesen; wie es heißt, bedient sich die Inquisition in Rom derselben, und jetzt vernehme ich mit betrübtem Herzen, daß sie in Musik gesetzt werden soll. Das halte ich nicht für erlaubt.

Die Überlandpost geht nicht mehr, und das Geschlecht der Postillone ist ausgestorben. Ich möchte wissen, ob sie diese Urgroßvatergeschichte ihren Nachfolgern, den Eisenbahnbremsern und Schaffnern, vermacht haben, und ob diese letzteren den schutzlosen Reisenden noch immer damit verfolgen, bis er zu der Überzeugung gelangt, die wahren Wunder der Küste des Stillen Ozeans seien nicht in Yosemite und den Riesenbäumen, sondern in Hank Monk und seinem Abenteuer mit Horace Greeley zu erblicken.

Und was diese abgedroschene Anekdote noch unausstehlicher macht, das ist, daß das Abenteuer, das sie verherrlicht, sich niemals zugetragen hat. Wäre die Geschichte gut, so läge in diesem scheinbaren Mangel gerade ihr größter Vorzug, denn Schöpferkraft gehört zur Größe; was hat dagegen derjenige verdient, der mutwillig eine solche platte Mär verbricht? Wollte ich sagen, was nach meinem Dafürhalten mit ihm geschehen sollte, man würde es übertrieben finden. Aber was steht im Propheten Daniel Kapitel 16? Aha! –

  1. Sr. Zeit ein bekannter Politiker.

Ich gehe in die Lehre.

Ich gehe in die Lehre.

Die vier Tage, welche wir auf dem Felsen bei Louisville festlagen, und einen oder den anderen sonstigen Aufenthalt mit eingerechnet, verscherzte der arme alte ›Paul Jones‹ mit der Fahrt von Cincinnati nach New-Orleans volle zwei Wochen. Das gab mir denn endlich doch eine Gelegenheit, mit einem der Steuermänner bekannt zu werden, der sich sogar endlich herbeiließ, mich die Handgriffe seines Rades und die Bewegungen seines Bootes zu lehren, und dadurch den Zauber, den das Flußleben auf mich ausübte, zu einem gewaltigeren als je zuvor machte.

Auch gab es mir Gelegenheit, die Bekanntschaft eines Jünglings zu machen, der im Zwischendeck fuhr und dadurch meine Teilnahme erregte. Er borgte mir mit Leichtigkeit sechs Dollars ab, unter dem Versprechen, am Tage nach unserer Landung auf das Boot zurückzukehren und das Geld zurückzuzahlen. Indessen – er muß gestorben sein oder die Sache vergessen haben, denn er kam nicht. Wahrscheinlich war das erstere der Fall, da er mir von seinen Eltern erzählt hatte, daß sie vermögend seien, und er nur deshalb im Zwischendeck fahre, weil es kühler sei.

In New-Orleans entdeckte ich sehr bald zwei Dinge. Erstens, daß es nicht sehr wahrscheinlich sei, daß ein Schiff vor zehn bis zwölf Jahren von dort nach der Mündung des Amazonenstromes segeln werde. Und zweitens, daß selbst, wenn ich so lange warten könnte, die neun oder zehn Dollars, die ich noch in der Tasche hatte, zur Ausführung eines so großartigen Unternehmens, wie ich es im Kopfe hatte, nicht hinreichen würden. Daraus ergab sich denn die Notwendigkeit für mich, auf eine neue Karriere zu sinnen. Ich unternahm eine regelrechte Belagerung meines Lotsen und hatte den Triumph, ihn nach drei Tagen kapitulieren zu sehen. Er verpflichtete sich, mich für eine von den ersten Verdiensten meiner künftigen Lotsenstellung zu bezahlende Summe von fünfhundert Dollars den »Mississippi von New-Orleans bis St. Louis hinauf zu lehren,« und ich stürzte mich in das geringfügige Wagnis, das darin bestand, zwölf- bis dreizehnhundert Meilen des großen Mississippistroms zu »lernen« mit der ganzen Selbstvertrauensseligkeit meiner Jahre. Hätte ich allen Ernstes eine Vorstellung von dem gehabt, was ich meinen Fähigkeiten zuzumuten im Begriff stand, ich würde sicherlich den Mut nicht gefunden haben, es auch nur anzufangen. Ich nahm einfach an, daß ein Lotse nichts weiter zu thun habe, als sein Bot im Strome zu halten, und da derselbe so breit war, hatte ich keine Ahnung davon, welch ein Kunststück das sei.

Wir gingen um vier Uhr nachmittags von New-Orleans ab, und bis acht Uhr war »unsere Wache«. Herr Bixby, mein Chef, richtete das Boot, lenkte es haarscharf längs den Achterenden der übrigen, am Quai liegenden Dampfer hin und sagte dann zu mir: »Da, nimm das Ruder und halte so dicht an den andern Booten vorbei, als gelte es, einen Apfel zu schälen.« Ich ergriff das Rad, aber das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. Es schien mir ein Ding der Unmöglichkeit, an den Schiffen so dicht vorbeizukommen, ohne einem jeden die Seitenwand einzudrücken. Ich hielt den Atem an und begann sofort aus dem Verderben herauszusteuern. Ich hütete mich wohlweislich, es auszusprechen, hatte aber doch meine eigene Ansicht, von einem Lotsen, der nichts Besseres zu thun wußte, als uns in eine solche Gefahr zu stürzen. In einer halben Minute hatte ich einen breiten Streifen rettenden Wassers zwischen dem ›Paul Jones‹ und die Schiffe am Ufer gebracht, – und nach Verlauf weiterer zehn Sekunden war ich mit Schimpf und Schande beiseite geschleudert, Herr Bixby aber steuerte unter einer wahren Sturzflut von Schmähungen, die er über mich ausströmte, aufs neue in das Unheil zurück. Ich war aufs tödlichste verletzt, ohne jedoch mich gleichzeitig der höchsten Bewunderung enthalten zu können, wie Herr B. an dem Rade hin- und hertanzte und mit uns so dicht an den anderen Booten hinschoß, daß das Verderben jeden Augenblick unvermeidlich schien. Nachdem er sich ein wenig abgekühlt hatte, erklärte er mir, daß das ruhige Fahrwasser sich längs des Ufers, die Strömung hingegen weiter draußen befände, und daß wir aus diesem Grunde stromaufwärts am Ufer hinhalten müßten, um uns ersteres zu nutze zu machen, stromabwärts aber ihm fern zu bleiben hätten, um die Vorteile der letzteren für uns zu haben. Sofort beschloß ich bei mir, mich damit zu begnügen, ein Stromablotse zu werden und das Stromaufhandwerk solchen über die gewöhnliche Menschenweisheit hinaus gescheiten Leuten, wie Herrn B., zu überlassen.

Hier und da lenkte Herr Bixby meine Aufmerksamkeit auf gewisse Dinge. So z. B.: »Das ist die Sechsmeilenspitze!« Ich stimmte ihm zu. Es war ganz hübsch, in dieser Weise belehrt zu werden, aber ich sah nicht ein, was dabei herauskommen sollte. Weiterhin hieß es: »Das ist die Neunmeilenspitze!« Noch weiterhin: »Und das ist die Zwölfmeilenspitze!« Ich hatte wirklich keine Ahnung, daß diese Landvorsprünge irgendwie Gegenstände des Interesses für mich seien. Sie lagen fast alle in derselben Höhe mit dem Wasserspiegel, und einer sah genau wie der andere aus. Zudem waren sie von unmalerischster Eintönigkeit. Ich hoffte ernstlich, Herr B. würde nun bald ein anderes Gesprächsthema aufgreifen. Aber nein. Er steuerte, ganz hart ans Ufer haltend, um eine dieser Landspitzen herum und sagte: »Hier hört das tote Wasser auf, gerade oberhalb jener Gruppe von Chinabäumen. Jetzt gehen wir querüber.«

Zwei- oder dreimal übergab er mir auch wieder das Rad. Aber ich hatte kein Glück. Bald kam ich nahe daran, auf ein ins Wasser hineinreichendes Zuckerfeld aufzufahren, bald hielt ich zu weit vom Ufer ab. Und so fiel ich immer wieder in Ungnade und hatte für ein paar Minuten die bekannte Sturzflut von Scheltworten aufs neue über mich ergehen zu lassen.

Endlich war die erste Wache beendet. Wir nahmen unser Abendbrot und gingen zur Ruhe. Um Mitternacht fiel mir plötzlich der grelle Schein einer Laterne ins Gesicht, und der Nachtwächter des Boots rief:

»Auf – hinaus an Deck!«

Damit verschwand er. Ich war außer stande, mir dieses seltsame Vorgehen zu erklären. Da ich aber vorderhand keine Neigung verspürte, weiter darüber nachzudenken, wandte ich mich um und begann weiterzuschlafen. Aber schon war auch der Nachtwächter wieder da und zwar war er diesmal grob. Mich verdroß das, und ich sagte:

»Wer heißt euch hier mitten in der Nacht herumstöbern und andere stören? Es ist ja gerade als sollte ich heute nicht mehr zum Einschlafen kommen!«

Der Mann sagte:

»Na, das ist heiter – das muß ich sagen!«

In diesem Augenblick kam die abgelöste Wachmannschaft herein und ich hörte, wie sie unter rohem Gelächter verschiedene Bemerkungen machten, wie die folgenden: »Hallo, Wächter, ist das neue ›Steuermännchen‹ noch nicht heraus? Ein zarter Junge, nicht? Gebt ihm ein Stück Zucker in einem Sauglappen und ruft das Stubenmädchen, um ihn einzusingen.«

In diesem Augenblick erschien Herr B. auf der Szene. Eine Minute später aber klimmte ich bereits die steilen Stufen zum Steuermannshäuschen empor, die eine Hälfte meiner Kleider auf dem Leibe, die andere über dem Arm, Herr B. folgte mir auf den Fersen und machte seine Glossen. Das war wirklich neu für mich – so mitten in der Nacht heraus und an die Arbeit zu müssen! Es war das eine jener Einzelheiten im Lotsenleben, an die ich noch nie gedacht hatte. Ich wußte wohl, daß die Boote die ganze Nacht hindurch gingen, aber es war mir nie beigefallen, daß ein menschliches Wesen seinem warmen Bette entrissen werden müßte, um sie zu steuern. Eine trübe Ahnung überkam mich, daß der Steuermannsberuf doch nicht ganz so romantisch sei, wie ich geträumt hatte; wenigstens war in der neuesten Phase desselben, die sich mir da eben enthüllte, etwas verzweifelt Reales.

Es war eine äußerst dunkle Nacht, wiewohl eine beträchtliche Anzahl Sterne am Himmel stand. Der zweite Steuermann war gerade am Rade. Er hielt auf einen bestimmten Stern zu, und das Boot schoß mitten im Strom dahin. Wiewohl keines der Ufer weiter als eine Meile von uns entfernt war, schienen doch beide in entlegene Ferne entrückt, ganz unbestimmt, kaum erkennbar. Der zweite Steuermann sagte:

»Wir müssen an Jones Plantage anlegen, Herr.«

Sofort regte sich triumphierend auch der Geist der Verneinung in mir. Ich sagte bei mir selbst: »Viel Glück zu diesem Unternehmen, Herr B., Sie werden einige Zeit brauchen, um Jones Plantage in einer Nacht, wie diese, zu finden. Und ich hoffe, Sie werden sie überhaupt nicht finden, wenigstens in diesem Leben nicht!«

In diesem Augenblick fragte Herr B. den zweiten Steuermann, den er eben ablöste:

»Am unteren oder oberen Ende der Plantage?«

»Am oberen!«

»Wird unmöglich sein. Es sind Baumstümpfe dort, die, wie der Fluß eben steht, außerhalb des Wassers sind. Die Entfernung bis zum unteren Ende ist nicht groß; er muß zufrieden sein, wenn wir dort halten.«

»Ganz wohl. Wenn es Jones nicht paßt, soll er sehen, wie er zurechtkommt.«

Und der zweite Steuermann ging. Meine Schadenfreude verrauchte, und statt ihrer ergriff Bewunderung meine Seele. Da stand ein Mann vor mir, der sich nicht nur anheischig machte eine bestimmte Plantage in solch einer Nacht aufzusuchen, sondern auch das obere oder untere Ende derselben, wie man eben beliebte. Es juckte mich förmlich, eine Frage zu thun, da ich aber bereits genug kurze Antworten eingeheimst hatte, um meine Schlafkabine damit vollzustauen, schwieg ich lieber. Die Frage, welche ich so gerne an Herrn B. gerichtet hätte, war einfach die: ob er wirklich so närrisch sei, um sich allen Ernstes einzubilden, diese Plantage in einer Nacht, in der eine Plantage ganz genau wie die andere aussieht, ausfindig zu machen? Aber wie gesagt, ich schwieg, wie ich denn überhaupt in jenen Tagen in Bezug auf das, was klug war, einen trefflichen Instinkt entwickelte.

Herr B. steuerte gegen das Ufer und strich an demselben hin, als wäre es helles Tageslicht. Und dazu sang er ganz ruhig:

»Vater im Himmel, der Tag geht zur Rüste!« u. s. w.

Es blieb mir kein Zweifel, ich hatte mein Leben in die Hände eines wahren Ausbunds von Gewissenlosigkeit gelegt. Eben als mir dies klar zu werden begann, wandte er sich nach mir um und fragte:

»Wie heißt die erste Landspitze oberhalb New-Orleans?«

Erfreulicherweise konnte ich die Frage ohne Besinnen beantworten, und ich that es. Ich sagte, ich wüßte es nicht.

»Weißt es nicht?«

Die Art, in der dies ›nicht‹ betont wurde, empörte mich. Aber wie schnell ich meine Fassung auch wiedergewann, – ich wußte doch nichts anderes zu sagen, als ich zuvor gesagt hatte.

»Schön so, – du bist mir der Rechte!« entgegnete Herr B.

»Wie heißt denn die nächste Spitze?«

Wieder wußte ich es nicht.

»Das geht denn doch über alles und jedes. So sage mir den Namen von irgend einem der Punkte, welche ich dir genannt.«

Ich sann eine Weile nach und war endlich in der Lage, zu versichern, daß ich keinen einzigen wüßte.

»Gieb acht, – wo gingen wir oberhalb der Zwölf-Meilen-Spitze quer über den Fluß?«

»Ich – ich – weiß es nicht.«

»Du – du – weißt es nicht –?« spottete Herr B. mir nach. »Was weißt du denn?«

»Ich, – ich? Nichts – mit Bestimmtheit.«

»Beim Geist des großen Propheten, ich glaube dir. Du bist der ärgste Strohkopf, der mir je vorgekommen ist, oder wovon ich je gehört habe. Die Idee, aus dir einen Lotsen zu machen, – aus dir! Du hast ja nicht Grütze genug, eine alte Kuh eine Straße hinunterzusteuern.«

Und immer höher schlug sein Unwille empor. Er war ein nervöser Mann, und sprang von einer Seite des Rades auf die andere, als ob der Fußboden glühend sei; dann kochte er eine Weile für sich allein, um gleich darauf wieder überzulaufen und mich mit seinem Grimme zu verbrühen.

»Gieb acht, – warum glaubst du, daß ich dir die Namen von den Spitzen und Punkten da eigentlich genannt habe?«

Ich dachte zitternd einen Moment nach, und dann ließ ich mich vom Teufel der Versuchung packen und sagte:

»Nun, zur – zur Unterhaltung, dachte ich.«

Das war denn freilich ein rotes Tuch für meinen Stier. Er raste und tobte derartig – wir kreuzten gerade den Fluß – daß es ihn ganz blind machte, denn er rannte mit dem Boot über das Steuerruder eines stromabwärts gehenden Getreidekahnes hinweg. Natürlich schickte die Bemannung des Kahnes einen Hagel siedend heißer Flüche zu uns herüber. Herrn B. war das gerade recht; denn voll von Gift und Galle, war er froh, Menschenkinder zu finden, die ihm Rede und Antwort standen. Er riß ein Fenster des Steuerhäuschens auf und streckte den Kopf hinaus. Und dann erfolgte ein solcher Ausbruch, wie ich ihn nie vorher erlebt hatte. Je weiter sich die beiden Fahrzeuge voneinander entfernten, um so höher wurde Herrn B.’s Stimme, um so wuchtiger fielen die Beinamen, mit denen er die Enteilenden belegte. Als er endlich das Fenster schloß, war sein Vorrat vollkommen erschöpft. Wenn man ihn durch ein Haarsieb hätte sieben können, würde man nicht so viel lästerliche Reden gefunden haben, um eine fromme Frau damit zu erschrecken. Und so kam es denn, daß seine Rede durchaus menschlich und liebreich klang, als er sich plötzlich mit den Worten zu mir wendete:

»Mein Junge, du mußt dir ein kleines Memorandumbuch anlegen und darin alles, was ich dir erkläre, sogleich aufzeichnen.

»Es giebt nur ein Mittel, ein guter Steuermann zu werden, und das ist: den ganzen Strom auswendig zu lernen. Du mußt ihn ebenso genau kennen, wie dein ABC.«

Das war denn eine nicht wenig unheimliche Eröffnung für mich! Mein Gedächtnis war nie mit etwas anderem geladen gewesen, als mit leeren Patronen. Trotzdem hielt meine Entmutigung nicht lange an – ich war so sehr überzeugt, daß Herr B. in der zwanglosesten Weise übertrieb, daß mir die Überzeugung unwillkürlich Nachsicht mit ihm auferlegte. Auf einmal zog er an dem Strick der großen Glocke und läutete einigemal. Die Sterne waren verschwunden, und die Nacht war schwarz wie Tinte. Ich konnte deutlich hören, wie die Schaufelräder am Lande hinstrichen, war jedoch keineswegs sicher, ob ich das Ufer sah. Die Stimme des unsichtbaren Wächters auf dem Oberdeck rief:

»Was ist dies, Herr?«

»Jones Plantage!«

Ich bedauerte innerlich auf das tiefste, nicht eine Wette anbieten zu können, daß dies nicht Jones Plantage sei. Aber ich muckste nicht. Ich wartete einfach ab. Herr B. zog die zum Maschinenraum führende Glockenleitung, und im nächsten Moment stieß das Bug des Schiffes an das Land. Eine Fackel leuchtete auf dem Vorderdecke auf, – ein Mann sprang auf das Ufer hinüber, – die Stimme eines Negers klang ihm dort entgegen: »Geben Sie mir die Reisetasche, Massa Jones,« – und in der nächsten Minute befanden wir uns feierlich und stattlich wieder mitten im offenen Fahrwasser. Eine Weile dachte ich ernstlich nach, dann sagte ich – natürlich nicht laut –: »Wenn es je einen glücklichen Zufall gegeben, so war es dieses Auffinden von Jones Plantage. Hundert Jahre mögen vergehen, ehe sich wieder etwas Ähnliches ereignet!« Und nicht genug, daß ich dies bei mir selbst sagte, – ich war auch durchdrungen davon, daß es nur ein Zufall gewesen.

Nach und nach waren wir sieben- bis achthundert Meilen den Fluß hinaufgekommen. Allem zum Trotz hatte ich es allmählich doch gelernt, ein erträglicher Tages-Steuermann zu sein, und ehe wir St. Louis erreichten, sogar in der Nachtarbeit einige Fortschritte gemacht. Ich besaß ein Notizbuch, welches in der gediegensten Weise von allerlei Namen von Städten, Landspitzen, Punkten, Sandbänken, Inseln, Buchten, Krümmungen u, s. w. u. s. w. starrte. Aber diese wichtigen Informationen waren alle nur in dem Notizbuch zu finden, – in meinem Kopfe hätte man vergebens danach gesucht. Auch machte es mir nicht geringen Kummer, bloß die Hälfte des Flusses in meinem Buch zu wissen, denn da unsere Wache jedesmal nur vier Stunden währte, denen eine ebenso lange Pause folgte, so gähnte mir in meinen Aufzeichnungen eine ununterbrochene Kette von Vier-Stunden-Lücken entgegen, die ich vom Beginn der Reise an verschlafen hatte.

In St. Louis übernahm mein Chef die Lotsenstelle auf einem der größten New-Orleans-Dampfer. Ich packte meine kleine Handtasche und folgte ihm. Das neue Boot war die Pracht selbst. Als ich zuerst in dem Steuermannshäuschen stand, befand ich mich so hoch über dem Wasserspiegel, daß ich mich auf die Spitze eines Berges versetzt wähnte, und die Verdecke dehnten sich unter mir so weit nach allen Richtungen hin, daß ich es gar nicht mehr begreifen konnte, wie ich am alten ›Paul Jones‹ jemals Gefallen zu finden vermochte. Alles war anders. Das Steuerhänschen des ›Paul Jones‹ war eine armselige, lumpige Rattenfalle, in der man die Ellenbogen nicht regen konnte. Hier hatten wir einen schimmernden Glastempel, geräumig genug, um darin zu tanzen, mit rotgemalten und vergoldeten Fensterrahmen, einem üppigen Sofa, ledernen Polstern und einem gastfreundlichen großen Ofen für den Winter. Das sah denn doch nach etwas aus, – und aufs neue wuchs mir der Mut, den Lotsenberuf allen bisherigen Erfahrungen zum Trotz für etwas Romantisches zu halten. Kaum hatten wir unsere Fahrt angetreten, so begann ich auch das ganze große Fahrzeug zu durchstreichen und mich förmlich vor Freude zu berauschen. Alles war neu und sauber wie ein Putzzimmer. Wenn ich den langen, reich mit Vergoldungen gezierten Hauptsalon entlang sah, so meinte ich durch einen schimmernden Tunnel zu blicken. Jede Kajütenthür war von der Hand irgend eines hochbegabten Künstlers bemalt. Überall blitzten die Kristall-Prismen von Arm- und Kronleuchtern. Der Schreibtisch des Buchhalters war ein Schmuckkästchen, der Schenktisch prachtvoll, und der Kellner mit großem Aufwand frisiert und herausgeputzt worden. Das Kesseldeck, d. h. die zweite Etage des Bootes, erschien mir geräumig wie eine Kirche. Ebenso das Vordeck. Und wir hatten nicht bloß eine Handvoll Mannschaft, sondern ein ganzes Bataillon Matrosen, Heizer, Deckarbeiter und sonstiger Angestellten. Die Feuer strahlten rotglühend aus einer langen Reihe von Heizflächen her, und über ihnen erhoben sich acht mächtige Kessel. Es war eine unsägliche Großartigkeit. Die riesigen Maschinen, – doch genug! Ich hatte mich nie vorher so gehoben gefühlt! Und als ich schließlich gar noch die Entdeckung machte, daß die sauber gekleidete Schiffsdienerschaft mich in respektvoller Weise per ›Sir‹ behandelte, da fühlte ich mich auf dem Gipfel aller Genugthuung!

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Wir näherten uns dem Ende unserer langen Fahrt. Es war der Morgen des zwanzigsten Tages. Um Mittag sollten wir Nevadas Hauptstadt, Carson City, erreichen. Wir freuten uns nicht, im Gegenteil, wir waren betrübt darüber. Es war eine schöne Vergnügungsreise gewesen; Tag für Tag hatten wir uns mit Wundern gemästet; wir waren an das Leben in der Postkutsche jetzt völlig gewöhnt und hatten es sehr lieb gewonnen; so hatte der Gedanke, nun an einem Ruhepunkt angelangt zu sein, und sich zu einem langweiligen Leben in einem Landstädtchen niederlassen zu sollen, nichts Anmutendes, im Gegenteil etwas Niederschlagendes.

Augenscheinlich war unsere neue Heimat eine von öden, schneebedeckten Bergen eingeschlossene Wüste. Pflanzenwuchs war außer dem endlosen Salbeigebüsch und Fettholzgesträuch nicht vorhanden. Die ganze Natur hatte einen grauen Anstrich davon. Wir gingen wie ein Pflug tief durch Alkalistaub, der sich in dichten Wolken erhob und über die Ebene wälzte wie der Rauch von einem brennenden Hause. Wir waren damit bestäubt wie Müller; ebenso der Wagen, die Maultiere, die Postbeutel, der Kutscher – wir teilten vollkommen die eintönige Färbung mit dem Salbeigebüsch und der Landschaft rings umher. Lange Reihen von Frachtwagen, die ganz in aufsteigende Staubmassen gehüllt waren, erinnerten aus der Entfernung an Bilder von Prairiebränden. Diese Gespanne mit den dazu gehörigen Fuhrleuten waren das einzige Leben, das wir erblickten. Im übrigen waren wir auf unserer Fahrt rings von Einsamkeit, Schweigen und Öde umgeben. Alle zwanzig Schritt kamen wir an dem Gerippe eines gefallenen Lasttieres vorüber, dessen staubbedeckte Haut sich straff über die fleischlosen Rippen spannte. Oft saß ein Rabe gravitätisch auf dem Schädel oder Hüftknochen und betrachtete sich die vorbeifahrende Post mit beschaulicher Heiterkeit.

Allmählich tauchte Carson City in der Ferne auf. Es schmiegte sich an den Rand einer großen Ebene und war eine genügende Anzahl von Meilen entfernt, um sich wie ein Haufen weißer Punkte im Schatten einer finster darauf niederblickenden Kette von Bergen auszunehmen, deren Gipfel jeder Gemeinschaft mit den Angelegenheiten dieser Erde und jedem Gedanken an solche weit entrückt schienen. Wir fuhren an, stiegen aus, und die Post ging weiter.

  1. Seinen Aufenthalt in Carson und Nevada schildert der Verfasser im nächsten Band. Der Herausg.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Unser Abendessen war sehr schmackhaft und bestand aus ganz frischem Fleisch, Geflügel und Gemüse – in großer Mannigfaltigkeit und ebenso großer Fülle. Später spazierten wir ein wenig durch die Straßen und blickten in Läden und Magazine, und dabei konnten wir es nicht lassen, ein jedes Geschöpf, das uns wie ein Mormone vorkam, verstohlenerweise zu mustern. Das Land war für uns in jeder Richtung ein Märchenland voll von Zauberspuk, Kobolden und schauerlichen Geheimnissen. Wir waren so neugierig, daß wir gerne ein jedes Kind gefragt hätten, wie viele Mütter es habe und ob es sie alle einzeln kenne; und so oft wir im Vorübergehen durch eine zufällig geöffnete Hausthür etwas von menschlichen Köpfen, Rücken und Schultern zu erspähen vermochten, bebten wir förmlich vor Erregung – so sehr brannten wir darauf, eine Mormonenfamilie in ihrer ganzen umfassenden Reichhaltigkeit, geordnet nach den üblichen konzentrischen Ringen ihres häuslichen Kreises, einmal ordentlich und gründlich in Augenschein nehmen zu dürfen.

Bald darauf führte uns der Gouverneur des Territoriums bei andern ›Heiden‹ ein, mit denen wir eine gemütliche Stunde verbrachten. ›Heiden‹ sind nämlich alle Nicht-Mormonen. Unser Reisegefährte Bemis sorgte während dieser Abendstunden selbst für sich, hatte jedoch damit gerade keinen großartigen Erfolg; denn gegen elf Uhr erschien er auf unserem Zimmer im Gasthof in ungeheuer heiterer Stimmung, die sich in allerhand unzusammenhängenden, verrenkten und nicht zu einander passenden Reden äußerte, wobei er alle Augenblicke einmal ein Bruchstück von einem Wort herauswürgte, das mehr aus Schluchzern als aus Silben bestand. Dies zusammen mit dem Umstand, daß er seinen Rock am Fußboden neben einem Stuhle, seine Weste ebenfalls am Fußboden, nur auf der andern Seite aufhängte und seine Hosen nicht minder auf die Dielen vor eben jenem Stuhle hinlegte, um dann das Gesamtergebnis mit abergläubischer Scheu zu betrachten und schließlich mit den Worten: »das geht mir doch über den Verstand«, samt den Stiefeln ins Bett stieg, brachte uns auf die Befürchtung, er möchte etwas gegessen haben, was ihm nicht bekommen sei.

Später stellte sich jedoch heraus, daß es etwas gewesen war, was er getrunken hatte. Es war der ausschließliche Erfrischungstrank der Mormonen, ›Valley Tan‹. Valley Tan, oder wenigstens eine Sorte desselben, ist eine Art Whiskey oder nächstverwandt mit diesem; er ist eine Erfindung der Mormonen und wird nur in Utah hergestellt. Der Sage zufolge wird er aus (importiertem) Feuer und Schwefel bereitet. Wenn ich mich recht erinnere, so gestattete Brigham Young keine öffentlichen Trinkhäuser in seinem Reiche, und erlaubte den Gläubigen auch keine Privatkneipereien, außer sie beschränkten sich auf ›Valley Tan‹.

Am folgenden Tage strolchten wir allenthalben in den breiten, geraden und ebenen Straßen umher und genossen das ebenso seltene als angenehme Schauspiel einer Stadt von fünfzehntausend Einwohnern, in der sich weder Bummler noch Betrunkene oder lärmendes Volk bemerkbar machten; wo an Stelle einer unflätigen Gosse ein klarer Bach durch jede Straße perlte; wo ein Häuserviertel von netten Gebäuden aus Balkenwerk und an der Sonne getrockneten Backsteinen ans das andere folgte – und dazu anscheinend hinter jedem Hause ein großer reichtragender Obstgarten. Verzweigungen des Stadtbaches schlängelten sich perlend zwischen den Beeten und Obstbäumen hin und alles weit und breit trug das Gepräge der Sauberkeit, der Ordentlichkeit, des Gedeihens und Behagens. Überall ringsum waren Werkstätten, Fabriken und sonstige Gewerbszweige in Thätigkeit, geschäftige Mienen und regsame Hände zeigten sich dem Auge, wohin man blickte, und unaufhörlich tönte einem der Klang von Hämmern, das Summen des Geschäftsverkehrs und das vergnügliche Schnurren von Rädern aller Art ins Ohr.

Das Wappenbild meines Heimatstaates waren zwei lüderliche Bären, die sich an einem ausgestochenen Fasse aufrecht hielten und dazu die passende Bemerkung machten: »Vereint stehen – (ha, ha!) – getrennt fallen wir.« Für den Verfasser dieses Buches war dasselbe stets zu bildlich. Dagegen war das mormonische Wappenbild leicht zu deuten. Einfach und anspruchslos, paßte es wie ein Handschuh. Es stellte einen goldenen Bienenkorb dar, dessen Insassen sämtlich an der Arbeit waren.

Die Stadt liegt am Rande einer ebenen Fläche von der Größe des Staates Connecticut und schmiegt sich dicht an den Boden unter einer schrägen Wand mächtiger Berge, die ihre Häupter in den Wolken verbergen und auf ihren Schultern den ganzen Sommer durch Reste des Winterschnees tragen. Von einer dieser schwindelnden Höhen auf zwölf bis fünfzehn Meilen Entfernung gesehen, nimmt sich die Große Salzseestadt immer bescheidener und kleiner aus, bis sie zuletzt an ein Kinderspielwaren-Dörfchen unter dem Schutze der gewaltigen chinesischen Mauer erinnert.

Auf einigen dieser Berge im Südwesten hatte es zwei Wochen lang Tag für Tag geregnet, ohne daß in der Stadt ein Tropfen gefallen wäre. Und an heißen Tagen gegen Ende des Frühjahrs und in den ersten Herbstwochen konnten die Einwohner, wenn sie sich zu Hause genug gefächelt und genug gebrummt hatten, sich draußen vor der Stadt durch den genußreichen Anblick eines großartigen Schneesturms im Gebirge Kühlung verschaffen. Jeden Tag konnten sie sich zu den erwähnten Jahreszeiten aus der Ferne dieses Vergnügen gönnen, obwohl in der Stadt selbst und der Umgegend kein Schnee fiel.

Die Salzseestadt war ein gesunder – ein ganz außerordentlich gesunder Ort. Es heißt, es sei nur ein einziger Arzt in der Stadt, der regelmäßig jede Woche wegen Subsistenzlosigkeit zur Verantwortung gezogen werde. (Im Punkte der Wahrheit erhält man am Salzsee allezeit gute, reelle Ware und so reichliches Maß und Gewicht, daß man zur Abwägung ihrer Behauptungen eine Henwage brauchen könnte.)

Wir hätten gar gern das berühmte Binnenmeer, das ›Tote Meer Amerikas‹, den Großen Salzsee, besucht, der nur zu Pferde zu erreichen und siebzehn Meilen von der Stadt entfernt ist, hatten wir doch die ganze Anfangszeit unsrer Reise hindurch unaufhörlich von ihm geträumt, an ihn gedacht und nach ihm geschmachtet – aber jetzt, wo er auf Armslänge vor uns lag, hatten wir das Interesse für ihn fast gänzlich verloren. So verschoben wir denn den Ausflug auf den nächsten Tag und damit war der Plan begraben. Wir speisten in Gesellschaft einiger gastfreien ›Heiden‹ zu Mittag; wir besichtigten die Fundamente des großartigen Tempels und hatten eine lange Unterredung mit dem geriebenen Yankee aus Connecticut, dem inzwischen verstorbenen Heber C. Kimball, einem Heiligen von hohem Ansehen und mächtigen Handelsherrn. Wir sahen das ›Zehnthaus‹ und das ›Löwenhaus‹ und ich weiß selbst nicht mehr wie viele sonstige Kirchen und Staatsgebäude verschiedener Art mit absonderlichen Namen. Wir huschten hierhin und dorthin, genossen jede Stunde, schnappten sehr viel nützliche Belehrung und unterhaltenden Unsinn auf und legten uns am Abend befriedigt zur Ruhe.

Am zweiten Tage machten wir die Bekanntschaft des großen Telegraphenunternehmers, Herrn Street, zu dem wir uns im Schmucke weißer Hemden begaben, um ihm einen Staatsbesuch abzustatten. Dieser machte den Eindruck eines ruhigen, freundlichen, behaglichen, würdigen, gesetzten, alten Herrn von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren, dessen Blick eine ganz eigentümliche Mischung von Sanftmut und Schlauheit ausdrückte. Er war höchst einfach gekleidet und nahm bei unserem Eintritt eben einen Strohhut vom Kopfe. Er sprach mit unserem Sekretär und einigen in unserer Gesellschaft erschienenen Regierungsbeamten über Utah, die Indianer, Nevada und über allgemeine amerikanische Angelegenheiten und Fragen. Mir dagegen schenkte er nicht die mindeste Aufmerksamkeit, obwohl ich verschiedentlich versuchte, ihn über die Politik der Bundesregierung und seinen hochmütigen Standpunkt gegenüber dem Kongreß auszuholen. Soviel ich meinte, hatte ich dabei ein paar Bemerkungen gemacht, die gar nicht übel waren. Allein er schaute sich bloß von Zeit zu Zeit nach mir um, so wie ich es wohl schon bei einer freundlichen alten Katze gesehen hatte, die gerne wissen wollte, welches Kätzchen mit ihrem Schwanz spiele. So versank ich nach und nach in ein entrüstetes Schweigen, in dem ich bis zum Schlusse heiß und rot dasaß, während ich ihn in meinem Herzen als einen unwissenden Wilden verwünschte. Er dagegen kam nicht aus seiner Ruhe. Seine Unterhaltung mit den andern Herren floß so sanft und friedlich dahin, wie ein Bächlein, das im Sommer durch die Fluren murmelt. Als wir uns nach Schluß der Audienz zurückzogen, legte er mir die Hand aufs Haupt und ließ seine Blicke wie bewundernd auf mich herabstrahlen, indem er zu meinem Bruder sagte: »Ah – vermutlich Ihr Kind, – Knabe oder Mädchen?«