Kapitel 24

 

24

 

Der Rollstuhl, in dem der alte Lyne tot aufgefunden worden war, stand unter der Treppe. Zu Dicks Erstaunen gab Surefoot Anweisung, ihn in das Arbeitszimmer zu bringen.

 

Der Chefinspektor hatte dauernd das unangenehme Gefühl gehabt, daß er sich nicht genügend um den Stuhl gekümmert hatte. Die vielen Mitteilungen, die er in den letzten Tagen bekommen hatte, machten es notwendig, sich noch einmal eingehend mit diesem Möbelstück zu beschäftigen.

 

Direkt gegenüber der Tür des Arbeitszimmers war in der Wand eine Nische eingelassen, und Surefoot erkannte nun, daß sie einem besonderen Zweck diente. Lyne hatte anscheinend die Gewohnheit gehabt, sich in seinem Arbeitszimmer in den Rollstuhl zu setzen. An dem Türrahmen befanden sich verschiedene Kratzer in Höhe der Radnaben. Die Nische war so angeordnet, daß man den Stuhl an der Stelle leicht wenden konnte, und es machte keine Schwierigkeiten, ihn in das Arbeitszimmer hinein- oder herauszubringen.

 

Surefoot ließ einen der Polizeibeamten in dem Stuhl Platz nehmen und machte sich selbst die Mühe, ihn auf die Straße hinauszufahren. Der Gang war nicht sehr breit, und auch die Haustür ließ auf beiden Seiten nur einen verhältnismäßig schmalen Raum frei. Hier konnte man ebenfalls Kratzer und Spuren von den Radnaben erkennen.

 

Surefoot erfuhr nicht viel Neues durch dieses Experiment; er ließ den Stuhl wieder unter die Treppe bringen und setzte seine Nachforschungen im Hause weiter fort.

 

»Was wollen Sie denn finden?« fragte Dick.

 

»Binny«, entgegnete der Chefinspektor kurz. »Der Kerl ist kein Dummkopf. Er muß hier irgendwo ein Versteck haben. Wenn ich nur wüßte, wo!« Smith sah auf die Uhr. »Ist es möglich, daß Miss Lane hierherkommen könnte?«

 

Dick Allenby fuhr mit einem Taxi zu ihrem Hotel. Er wußte allerdings nicht, ob sie nach den Aufregungen der letzten Nacht imstande war, ihn in das Haus ihres Vormunds zu begleiten. Aber er fand sie frisch. Sie fragte ihn sofort nach Binny.

 

»Wir haben ihn nicht gefunden«, erwiderte er. »Ich habe große Sorge um dich, Mary. Dieser Verbrecher schreckt vor nichts zurück.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube nicht, daß er mich noch einmal belästigen wird.«

 

»Wie erfuhr er denn überhaupt, daß du ihm nachspioniertest?«

 

»Das merkte er wohl, als ich ihn nach Nordengland schickte. Der Plan war vielleicht etwas ungeschickt. Ich habe seine Intelligenz unterschätzt. Ich glaube sogar, er ist mir gefolgt, als ich die einzelnen Kaufleute aufsuchte. Einmal kam es mir so vor, als ob ich ihn gesehen hätte. Das war an dem Tag, an dem ich in Maidstone war.«

 

Mary fuhr mit Dick zum Naylors Crescent. Surefoot befand sich gerade auf dem kleinen Hof auf der Rückseite des Hauses, und sie ging mit Dick in die Küche. Schaudernd dachte sie an ihren letzten mitternächtlichen Besuch. Selbst jetzt, bei hellem Tageslicht, hatte der Raum etwas Unangenehmes und Abstoßendes für sie. Die Tür des Schranks stand weit offen, ebenso die Tür, zu der der leuchtende Schlüssel gehörte. Die Küche und die danebenliegende Anrichte erschienen ihr erstaunlich klein. Aber sie erklärte sich das damit, daß ihr in ihrer frühen Jugend wohl unwillkürlich alle Dinge und Räume größer vorgekommen waren.

 

Surefoot trat gleichfalls in die Küche, als Mary sich dort umschaute, und begrüßte sie.

 

»Können Sie sich auf diesen Raum noch genau besinnen, Miss Lane?« fragte er.

 

»Ja.« Sie zeigte auf die weißen Kacheln. »Die sind allerdings erst nach meiner Zeit angebracht worden.«

 

Sie hatte den ungewissen Eindruck, daß sich auch sonst noch etwas verändert hatte, wußte aber nicht was. Und weil sie keine genauen Angaben über ihre Vermutung machen konnte, schwieg sie darüber.

 

»Wissen Sie, was das ist?« fragte Smith plötzlich. Er hatte in der Schublade des Küchentisches ein merkwürdiges Instrument gefunden. Es glich beinahe einer kleinen Gartenspritze, nur war das untere Ende ein Saugnapf aus Gummi.

 

»Eine Vakuumpumpe«, sagte Dick.

 

Smith drückte den Saugnapf auf den Tisch, setzte die Pumpe in Bewegung und hob den Tisch mit dem Apparat an der einen Seite an. »Miss Lane, haben Sie das Ding schon früher gesehen? Wissen Sie, wozu es benutzt wurde?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Surefoot hatte auch noch einen kleinen Topf mit dunkelgrüner Ölfarbe und ein Paket Fensterkitt entdeckt.

 

»Das sah ich schon das letzte Mal. Wissen Sie; wozu es benutzt wurde?«

 

Er winkte Mary, und sie folgte ihm in den dunklen Gang. Die elektrische Birne an der Decke gab nur wenig Licht, und Surefoot nahm seine Taschenlampe, ging zu der Tür und leuchtete das dicke Eichenpaneel ab.

 

»Sehen Sie einmal hierher«, sagte er dann zu ihr.

 

Sie bemerkte eine runde Vertiefung, die mit Kitt ausgefüllt und kürzlich mit Ölfarbe überstrichen worden war.

 

»Was ist das?« fragte sie erstaunt.

 

»Das ist die Stelle, an der das Geschoß einschlug, die Kugel, mit der Hervey Lyne getötet wurde. Er ist hier in diesem Gang ermordet worden.«

 

Kapitel 18

 

18

 

Für Surefoot war es keine Neuigkeit, daß Leo Moran an Börsengeschäften interessiert war. Moran war gerissen. In diesem Ruf stand er sowohl bei der Bank als auch bei seinen Freunden. Soweit Surefoot ihn kannte, war er unberechenbar; er konnte sehr großzügig gegen andere sein, ließ sich jedoch durch seine Schlauheit häufig dazu verleiten, die Grenze des Erlaubten zu überschreiten. Er mochte ein Mörder sein; ein Fälscher war er bestimmt, außerdem ein egoistischer Junggeselle, der kaum ein anderes Steckenpferd als Schießen und das Theater hatte.

 

Noch bevor Surefoot Smith das Büro des Maklers verließ, hatte er sich ausgerechnet, daß Moran – wenigstens auf dem Papier – ein Millionär geworden war. Über eins wunderte er sich: Moran hatte dauernd Aktien gekauft, und seine Finanzmanöver erstreckten sich über all die Jahre, in denen er Unterschlagungen begangen hatte. Trotzdem hatte er nur eine verhältnismäßig kleine Summe, nur einen geringen Prozentsatz seines Geldes zum Ankauf der Cassari-Aktien benutzt. Er mußte noch in anderen Aktien spekulieren; Smith konnte sich jedoch im Augenblick darüber keine Gewißheit verschaffen.

 

Der Chefinspektor kehrte in seine Wohnung am Haymarket zurück und war erstaunt, als er Mary Lane, die ihn besuchen wollte, vor dem Hause fand.

 

»Ich bin auch eben erst gekommen«, erklärte sie: »Ich habe mich zuerst an Ihren Sekretär gewandt, und der sagte mir, daß Sie wahrscheinlich in Ihrer Wohnung seien.«

 

Er schloß die Tür auf und führte sie in sein unaufgeräumtes Wohnzimmer.

 

»Haben Sie etwas herausgebracht?« erkundigte er sich.

 

Sie schüttelte den Kopf und lächelte verlegen.

 

»Nein, ich habe bis jetzt nur erkannt, wie beschränkt meine Fähigkeiten als Detektiv sind.«

 

Sie setzte sich auf den Stuhl, den er ihr anbot.

 

»Also wollen Sie es aufgeben?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Nein.«

 

Es kostete sie Überwindung, dieses Nein zu sagen, denn am Morgen war sie schon halb entschlossen gewesen, einen Brief an den Chefinspektor zu schreiben und ihm den Schlüssel zurückzuschicken. Aber während des Frühstücks war dann ihr Selbstbewußtsein zurückgekehrt.

 

»Nun, was kann ich für Sie tun?«

 

»Wäre es Ihnen möglich, mir eine Liste all der größeren Schecks zu geben, die Mr. Washington Wirth auf das Konto meines Vormunds zog? Ich möchte gern die Daten wissen, an denen sie ausgestellt wurden. Darauf kommt es mir besonders an. Wenn meine Vermutung richtig ist, sind sie alle am Siebzehnten des jeweiligen Monats ausgestellt.«

 

Surefoot lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah sie groß an.

 

»Das ist mir ein wenig zu wissenschaftlich«, sagte er vorwurfsvoll.

 

Sie lachte.

 

»Es klingt geheimnisvoll, aber im Ernst, ich möchte es wissen.«

 

Er nahm den Hörer vom Telefon und wählte eine Nummer.

 

»Merkwürdig genug, daß ich nie daran gedacht habe, mir die Ausstellungsdaten der Schecks anzusehen.«

 

Sie merkte, daß er ein wenig gekränkt war, und amüsierte sich heimlich darüber.

 

Die Bank meldete sich. Dann dauerte es einige Zeit, bis ihm der Kassierer die nötigen Angaben machte.

 

Die Schecks waren tatsächlich am 17. Februar, 17. April, 17. Mai und 17. Dezember des vorigen Jahres ausgestellt. Surefoot notierte, legte dann den Hörer wieder auf und reichte ihr den Zettel.

 

»Ich dachte es mir«, sagte sie, und ihre Augen glänzten. »Alle Schecks sind am Siebzehnten ausgeschrieben.«

 

»Glänzend, daß Ihre Vermutung so prompt zutrifft. Vielleicht erklären Sie mir jetzt auch, was das zu bedeuten hat?«

 

Sie nickte.

 

»In einer Woche erfahren Sie es, inzwischen stelle ich noch einige Nachforschungen an. Aber über einen andern Punkt möchte ich noch mit Ihnen sprechen.« Ihre Stimme klang erregt. »Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl, daß ich beobachtet werde. Ich bin sicher, daß mir gestern ein Mann gefolgt ist. In der Oxford Street verlor ich ihn aus den Augen, aber als ich in der Regent Street in ein Schaufenster sah, entdeckte ich ihn wieder, einen Mann mit abstoßenden Zügen.«

 

Der Chefinspektor lächelte.

 

»Das ist Detektivinspektor Mason. Ich weiß, daß er etwas abstoßend aussieht.«

 

»Was, ein Detektiv?« fragte sie verblüfft.

 

Surefoot nickte.

 

»Selbstverständlich muß ich Sie doch behüten. Sie werden beobachtet, aber nicht weil Sie unter Verdacht, sondern unter dem Schutz Scotland Yards stehen.«

 

Sie seufzte erleichtert auf.

 

»Sie wissen nicht, wie mich das beruhigt. Ich bin schon ganz nervös geworden. Beinahe wäre ich gestern schon aus diesem Grund zu Ihnen gekommen.«

 

*

 

Dick ärgerte sich über Marys neue Tätigkeit, da er sie selten zu Hause antraf. Er beschwerte sich bei Surefoot darüber und fragte ihn um Rat.

 

»Das ist doch eine furchtbar gefährliche Geschichte«, beklagte er sich. »Dieser Verbrecher scheut vor nichts zurück. Vielleicht denkt er noch immer, daß sie die Abrechnung in ihrem Besitz hat.«

 

»Haben Sie denn die junge Dame überhaupt gesehen?«

 

Surefoot öffnete geschickt eine neue Flasche Bier. Er saß auf der Werkbank in Dicks Arbeitsraum.

 

»Ja, gesehen habe ich sie schon. Sie wünscht, daß ich ihr Binny leihen soll.«

 

»Binny leihen? Was heißt denn das?«

 

»Nun, Binny steht jetzt in meinen Diensten. Sie sagt, sie will Nachforschungen anstellen nach einer früheren Angestellten meines Onkels, die unter einem angenommenen Namen in Newcastle wohnt. Binny soll dorthin reisen und sie ausfindig machen. Ich habe mit ihm darüber gesprochen – er kann sich auf die Frau besinnen. Sie hat ihre Stelle aufgegeben, kurz nachdem er seinen Dienst antrat, und sie war damals schon recht alt. Anscheinend hatte sie einen ungeratenen Sohn. Binny kann sich nicht an ihn erinnern, aber Mary weiß das noch sehr gut. Die alte Frau muß beinahe neunzig Jahre alt sein und lebt im Norden Englands. Mary will nun Binny hinschicken. Er soll feststellen, ob sie sich nicht geirrt hat.«

 

Smith sah ihn düster an.

 

»Davon hat sie mir nichts gesagt. Binny ist also jetzt bei Ihnen angestellt? Das Haus haben Sie ja wohl auch geerbt? Was wollen Sie denn damit machen?«

 

»Ich werde es verkaufen«, entgegnete Dick prompt. »Ich habe bereits ein Angebot.«

 

In dem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Hausmeister kam herein und brachte ein Telegramm für Mr. Allenby.

 

Dick öffnete es und las verwundert die Nachricht. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er das Blatt dann Surefoot. Es war in Sunningdale aufgegeben und lautete:

 

In Sachen der Ihnen gestohlenen patentierten Luftpistole. Waffe, genau Beschreibung entsprechend, wurde in Toyne Copse auf dem Boden einer Grube unter einem Toten gefunden, in dem man Gerald Dornford aus der Half Moon Street vermutet. Bitte wenden Sie sich sofort an Polizeiwache Sunningdale zwecks Identifizierung Ihres Eigentums.

 

Kapitel 19

 

19

 

Dick fuhr mit Surefoot nach Berkshire. Er erkannte in dem verrosteten Stahlkasten sofort sein Eigentum wieder, überließ aber dem Chefinspektor die anderen traurigen Feststellungen.

 

Surefoot kam zurück, nachdem er den Fundort der Leiche und die nähere Umgebung besichtigt hatte. Das Auto Jerry Dornfords wurde, weniger als hundert Meter von der Stelle entfernt, in einem kleinen Gebüsch entdeckt.

 

»Es ist Dornfords Wagen, und ich glaube, man kann ohne große Schwierigkeiten rekonstruieren, wie er den Tod fand«, sagte Surefoot. »Eine Abendzeitung lag im Auto, und zwar von dem Tag, an dem der alte Lyne ermordet wurde.«

 

»Der arme Kerl! Wie ist es denn geschehen? Wurde er ermordet oder –?«

 

»Ein Unglücksfall. Die Pistole war noch geladen, als Dornford sie stahl. Entweder hat er nach dem Diebstahl Angst bekommen, oder er konnte sie nicht verkaufen, wie er beabsichtigte, und entschloß sich deshalb, sie zu vergraben. Es ist erklärlich, daß er sie auf seinem eigenen Grund und Boden verscharren wollte. Er nahm auch einen Spaten mit. Als er aufgefunden wurde, war er in Hemdsärmeln. Allem Anschein nach hat er das Loch also selbst gegraben. Wahrscheinlich wollte er die Pistole gerade hineinlegen, als der Schuß sich löste. Die Kugel ging durch seinen Körper; wir fanden sie in einer Fichte, die daneben steht. Seine Brieftasche enthielt ein Darlehensgesuch an den Geldverleiher Stelbey, der mit Lyne in Verbindung stand. Außerdem einige sehr belastende Notizen über einen gewissen Jules. Wir werden uns alle Mühe geben, die Persönlichkeit dieses Mannes zu identifizieren.«

 

»Da kann ich Ihnen helfen«, erklärte Dick. »Ich kenne den Kerl sehr genau.«

 

Sie kamen spät nach London zurück. Surefoot war in gedrückter Stimmung.

 

Dick suchte Mary unverzüglich auf, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen. Er war erstaunt und ein wenig enttäuscht, als er sah, wie gelassen sie die Nachricht aufnahm.

 

»Ich habe es schon in der Abendzeitung gelesen«, erklärte sie ihm. »Er war ein armer Kerl. Aber ich habe einen glänzenden Tag hinter mir, Dick. Ich habe eine große Überraschung für den Chefinspektor – morgen noch nicht, aber übermorgen.«

 

Er verbrachte eine unruhige Nacht, da er sich sehr um Mary sorgte. Als er am Morgen bei ihr anläutete, war sie schon ausgegangen.

 

Surefoot, mit dem er später zusammentraf, beruhigte ihn.

 

»Sie brauchen sich nicht um die junge Dame zu ängstigen. Der tüchtigste Mann, den ich habe, beobachtet sie Tag und Nacht.

 

Hat sie Ihnen denn nicht gesagt, welchen Plan sie verfolgt? Soviel ich von meinen Leuten gehört habe, hält sie sich dauernd in den Vorstädten auf und kauft dort in den verschiedensten Läden ein.«

 

»Seltsam«, erwiderte Dick ungläubig. »Was kauft sie denn?«

 

»Hauptsächlich Mixed Pickles, aber auch Schinken. Einmal hat sie in der City eine Stunde gebraucht, um Tee zu besorgen. Sie packt die Sache entschieden zu wissenschaftlich an.«

 

Mr. Smith war über die unerklärliche Mitarbeit Mary Lanes durchaus nicht erfreut. Er haßte Geheimnisse.

 

Mary war schon am frühen Morgen nach Maidstone gefahren und hatte dort lange mit einem Schuhmacher verhandelt. Es zeigte sich, daß der Mann ein verhältnismäßig schlechtes Gedächtnis hatte und auch seine Bücher nicht ordentlich führte. Etwa um fünf kehrte sie müde in die Stadt zurück, nahm ein heißes Bad, ruhte sich einige Stunden aus und fühlte sich wieder frisch, als sie ihren Mantel zuknöpfte und ausging.

 

Es war zehn Uhr, und es regnete leicht. Sie nahm ein Taxi und fuhr zum King’s-Cross-Bahnhof. Auf dem Bahnsteig traf sie Binny, der in keiner besonders guten Stimmung zu sein schien. Obgleich der Abend warm war, trug er einen schweren Mantel und ein Halstuch. Er sah elend und verlassen aus. Der Detektiv, der Mary gefolgt war, beobachtete, wie sie mit ihm sprach, und amüsierte sich, denn er wußte, warum Binny verreisen mußte.

 

Der Butler machte ein skeptisches Gesicht.

 

»Ich weiß nicht recht, ob ich mich noch auf sie besinnen kann. Die Leute ändern doch ihr Aussehen im Lauf der Jahre, besonders wenn sie schon älter sind. Sie war nur drei Wochen mit mir in dem Haus zusammen!«

 

»Sie werden sie sicher wiedererkennen!« erklärte Miss Lane energisch.

 

Er zögerte.

 

»Vermutlich. Aber diese Nachtreisen gefallen mir nicht. Früher habe ich einmal ein Eisenbahnunglück miterlebt, und seit der Zeit bin ich immer nervös, wenn ich nachts in einem Zug sitzen muß. Und bedenken Sie doch, daß Mr. Lyne erst vor kurzem gestorben ist und daß ich eine Menge Aufregung mit all den Zeitungsleuten gehabt habe, die mich dauernd ausfragten. Ich weiß überhaupt nicht recht, was ich zu alledem sagen und wie ich mich dazu verhalten soll.«

 

Mary kümmerte sich nicht weiter um seine lange Litanei, sondern sagte ihm noch einmal kurz und klar, was er tun sollte.

 

»Sie gehen also zu dem Haus, das ich Ihnen beschrieben habe, und fragen nach Mrs. Morris. Das ist der Name, den sie angenommen hat – wahrscheinlich, weil ihr Sohn mit der Polizei in Konflikt kam. Wenn Sie feststellen, daß es Mrs. Laxby ist, schicken Sie mir ein Telegramm. Aber Sie müssen Ihrer Sache ganz sicher sein. Haben Sie die Fotografie, die ich Ihnen gegeben habe?«

 

Er nickte schwach. »Ja. Aber meiner Meinung nach ist das eine Sache für die Polizei, mich geht das nichts an.«

 

»Binny, Sie haben das zu tun, was ich Ihnen sage«, erwiderte sie streng. »Ich habe Ihnen eine Schlafwagenkarte gelöst, und Sie haben auf der Reise nicht die geringsten Unannehmlichkeiten auszustehen.«

 

»Aber ich muß doch schon um vier aus dem Zug heraus!« Er merkte, daß er wohl etwas zu weit gegangen war, und lenkte ein. »Es ist schon gut, Miss Lane. Überlassen Sie mir nur die Sache, und wenn es sich so verhält, schicke ich Ihnen ein Telegramm.«

 

Sie verließ den Bahnsteig ein paar Minuten vor Abfahrt des Zuges und nahm wieder ein Taxi.

 

Der Detektiv, der ihr folgte, war davon überzeugt, daß sie zu ihrer Wohnung zurückkehren würde, und gab seinem Chauffeur nur die Weisung, dem vorausfahrenden Wagen zu folgen.

 

Taxichauffeure sind nicht immer auch gute Detektive. Erst als aus dem anderen Auto vor einem Hotel in der Bloomsbury Street ein alter Herr ausstieg, kam dem Mann von Scotland Yard zum Bewußtsein, daß er einer falschen Spur gefolgt war.

 

Er fuhr zu Marys Wohnung und fluchte, daß die junge Dame noch nicht zurückgekommen war. Sofort raste er kreuz und quer mit dem Wagen durch die Stadt, um sie zu suchen. Er wußte, daß es eine fast hoffnungslose Sache war, aber er hatte Glück. Es war Viertel nach elf, als er sie vom Fenster seines Wagens aus auf der Straße gehen sah. Sie kam seinem Auto entgegen. Sofort ließ er halten, bezahlte den Chauffeur und folgte ihr zu Fuß durch den Regen.

 

Kapitel 2

 

2

 

Mr. Tickler, so hieß der Verfolger, konnte dem Auto nur bis zur Oxford Street auf der Spur bleiben. Niedergeschlagen wanderte er auf den Regent’s Park zu und bog dann zum Naylors Crescent ein. In dieser Seitenstraße war es sehr still; die kleinen hübschen Häuser lagen alle in tiefer Nachtruhe.

 

Mr. Tickler blieb vor Nr. 17 stehen und sah zu den Fenstern hinauf. Die weißen Jalousien waren heruntergelassen, und das Haus sah vollkommen tot aus. Dann musterte er die grüne Haustür, die er so gut kannte, die drei ausgetretenen Stufen, die hinaufführten, das kleine eiserne Geländer und die Stahlschienen, die in die Stufen eingelassen waren, damit man einen Rollstuhl leicht hinunterbefördern konnte.

 

In diesem Haus herrschte Reichtum. Ein begüterter Mann wohnte hier, der dem Grab sehr nahe war. Ein Gefühl der Bitterkeit stieg in Mr. Tickler auf. Er dachte an die harte Behandlung im Gefängnis von Pentonville. Es ging zu ungerecht im Leben zu.

 

Der alte Lyne schlief im ersten Stock, sein Bett stand zwischen beiden Fenstern. Das kleine niedrige Fenster gehörte zu seinem Arbeitszimmer, in dem er tagsüber saß.

 

Dort befand sich auch ein Safe, aber es lagen nur alte Papiere darin. Der alte Lyne war schlau und hatte niemals Geld im Hause, wie er ständig betonte. Ein oder zwei Einbrecher, die ihm nicht geglaubt hatten, mußten ohne Beute wieder abziehen.

 

Und dieser alte Geizhals schlief nun in einem luxuriösen Zimmer unter Daunendecken, und hier draußen stand Horace Tom Tickler mit ein paar Silbermünzen in der Tasche.

 

Aber vielleicht war der Alte überhaupt nicht zu Hause. Es gehörte zu seinen Tricks, sich anderswo aufzuhalten, wenn man ihn in seiner Wohnung vermutete.

 

Tickler wanderte eine Stunde in der kleinen Sackgasse auf und ab, dachte über zahlreiche Pläne nach, von denen sich die meisten nicht ausführen ließen, und schlich sich dann nach den breiten Straßen zurück, wo die vielen Cafés mit den hell erleuchteten Fenstern lagen. Schließlich ging er durch eine enge Gasse, um schneller zum Portland Place zu kommen, und dabei hatte er unerwartetes Glück.

 

Ein Polizist, der durch Baynes Mews ging, hörte einen Mann singen, und wenn er sich nicht sehr täuschte, war der Mann betrunken. Die Stimme kam aus einer der vielen kleinen Wohnungen über den Garagen, die zu beiden Seiten der Nebenstraße lagen.

 

An dem Gesang war nichts Besonderes, und der Polizist wäre auch weitergegangen, wenn er nicht eine Gestalt auf den Stufen zur Haustür hätte sitzen sehen.

 

Er leuchtete den Mann mit seiner Taschenlampe an, konnte aber nichts Auffälliges an ihm entdecken. Der Fremde hatte ein rotes Gesicht, war unrasiert und außerordentlich schlecht gekleidet.

 

»Hören Sie ihn?« fragte er den Polizisten und wies mit dem Kopf nach oben. »Das erste Mal, daß so was passiert«, sagte er grinsend. »Der ist ja mächtig benebelt. Zu toll, daß der sich auch besäuft! Heute abend ist er mir durch die Lappen gegangen, und ich hätte ihn niemals wieder erwischt … da hör‘ ich ihn zufällig singen. Er muß ordentlich geladen haben.«

 

Der laute Gesang war inzwischen verstummt, und sie hörten nur noch ein unmelodisches Summen.

 

»Ist das ein Freund von Ihnen?« fragte der Beamte den seltsamen Fremden.

 

Der kleine Mann schüttelte den Kopf.

 

»Das weiß ich nicht. Ich will ja gerade herausbringen, ob er nett zu mir ist oder nicht.«

 

Der Polizist machte eine unwillige Handbewegung.

 

»Sehen Sie zu, daß Sie weiterkommen, und lassen Sie sich hier nicht wieder blicken«, sagte er barsch.

 

»Schon gut«, erwiderte Mr. Tickler und ging davon.

 

Der Polizist kam in Versuchung, ihn zurückzurufen, um den Namen des betrunkenen Sängers zu erfahren, aber dann entschloß er sich doch nicht dazu und beobachtete Mr. Tickler nur, bis er ihn nicht mehr sehen konnte.

 

Es war kurz vor zwei Uhr morgens, und der Polizist ging zu der Stelle, an der er seinen Sergeanten treffen sollte.

 

Mr. Tickler wanderte den Portland Place entlang und schaute in jeder Türnische nach Zigaretten- oder Zigarrenstummeln, die die Herren bei ihrer Rückkehr nach Hause vielleicht fortgeworfen hatten.

 

Welchen Erfolg würde er haben, wenn er an der richtigen Stelle erzählen könnte, was er erfahren hatte! Oder er hätte auch gleich den Sänger da oben erpressen können. Damit kann man leicht Geld verdienen, wenn der andere genug besitzt. In einer Wirtschaft in der Oxford Street trank er eine Tasse Kaffee. Er hatte zur Zeit etwas Geld, sogar eine Schlafstelle, und er konnte mit dem Autobus fahren, wenn er wollte.

 

Gestärkt trat er wieder auf die Straße und schlenderte Regent Street entlang. Dort traf er den Mann, dem er am wenigsten begegnen wollte.

 

Surefoot Smith stand im Schatten eines zurückliegenden Schaufensters. Er war untersetzt und trug einen eng anliegenden Mantel. Den steifen Filzhut hatte er wie gewöhnlich in den Nacken geschoben; sein rundes Gesicht war lebhaft gerötet. Hätte er nicht geraucht, so hätte er eine Statue sein können.

 

»Heda!«

 

Widerwillig drehte sich Tickler um und erkannte den Beobachter. Er richtete sich auf, nahm die Schultern zurück und ging mit leichten Schritten vorwärts. Dadurch hoffte er, nicht erkannt zu werden.

 

Surefoot Smith hatte aber ein seltsam gutes Gedächtnis, das wie eine geordnete Kartei funktionierte. Selbst den kleinsten und unwichtigsten Missetäter, der durch seine Hände gegangen war, vergaß dieser Polizeibeamte nicht.

 

»Kommen Sie her.«

 

Tickler gehorchte.

 

»Was treiben Sie denn jetzt, Tickler? Verlegen Sie sich noch auf Einbrüche, oder schleppen Sie nur das Bier für größere Gauner herbei? Es ist zwei Uhr morgens – haben Sie eine Bleibe?«

 

»Jawohl.«

 

»So? Aber sicherlich doch nicht hier draußen in West End?«

 

Mit oder ohne Berechtigung durchsuchte der Detektiv den Mann, und der Kleine streckte auch gehorsam die Arme aus.

 

»Hab‘ kein Werkzeug bei mir, keinen Meißel, kein Stemmeisen, nicht einmal einen Schießprügel. Ich führe jetzt wirklich ein anständiges Leben.«

 

Surefoot Smith war mit dem Ergebnis der Durchsuchung zufrieden.

 

»Reden Sie keinen Unsinn. Auf was für besondere Diebereien sind Sie denn jetzt aus? Sie werden mir doch nicht sagen wollen, daß Sie ehrlich Ihr Geld verdienen.«

 

In diesem Augenblick flammte zweimal eine Taschenlampe von dem Dach des Hauses auf, das Smith beobachtete. Sofort tauchten aus allen benachbarten Türnischen Gestalten auf, die das Gebäude umzingelten. Surefoot Smith war einer der ersten, die den gegenüberliegenden Bürgersteig erreichten.

 

Ein lautes Klopfen drüben an der Haustür sagte Mr. Tickler, was er wissen wollte. Das Haus wurde von der Polizei durchsucht. Vielleicht war es ein Spielklub, vielleicht noch etwas Schlimmeres.

 

Tickler war froh, daß er so gut weggekommen war, und machte sich schleunigst davon. Am Piccadilly Circus blieb er stehen und überlegte. Und je länger er nachdachte, desto mehr kam ihm zum Bewußtsein, daß er eine äußerst günstige Gelegenheit versäumt hatte. Mit gesenktem Kopf ging er Piccadilly entlang und träumte davon, sich leicht und mühelos Geld zu verschaffen.

 

Kapitel 13

 

13

 

Der Krankenwagen war gekommen und wieder fortgefahren, und nun saßen vier Herren in dem Arbeitszimmer des Ermordeten: Surefoot Smith, Dick Allenby, Binny und der Polizeiinspektor des Bezirks.

 

Smith wandte sich an den Butler, der vollständig verstört mit aschgrauem Gesicht auf seinem Stuhl hockte.

 

»Erzählen Sie uns, was sich zugetragen hat.«

 

Binny schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht … es ist doch entsetzlich, daß er so ums Leben kommen mußte …«

 

»Hat Mr. Lyne heute Besuch empfangen?«

 

Binny schüttelte den Kopf.

 

»Es ist niemand im Haus gewesen, soviel ich weiß.«

 

»Wo war Mr. Lyne um ein Uhr?«

 

»Hier in seinem Zimmer. Er saß in dem Stuhl, in dem Sie jetzt sitzen, und schrieb etwas. Als ich näher trat, deckte er das Blatt mit der Hand zu, und ich konnte infolgedessen nicht sehen, was es war.«

 

»Wahrscheinlich war es der Brief an Miss Lame«, meinte der Detektiv. »Schrieb er öfter solche Mitteilungen?«

 

»Nein.«

 

»Brachten nicht Sie seine Briefe fort?«

 

»Nicht immer. Der arme Mr. Lyne war sehr mißtrauisch. Er konnte nur noch schlecht sehen und hatte immer die Vorstellung, daß Leute an der Tür lauschten oder seine Briefe lasen. Er rief gewöhnlich jemand von der Straße, um die Briefe zu bestellen, die er geschrieben hatte. Aber das kam nicht häufig vor.«

 

»Wer hat ihn in der letzten Zeit besucht?«

 

»Mr. Dornford war gestern abend hier, und sie hatten eine ziemlich scharfe Auseinandersetzung. Soweit ich es beurteilen kann, handelte es sich um Geld.«

 

»Gerieten sie ernstlich aneinander?« fragte Smith.

 

Binny nickte.

 

»Mr. Lyne hat mich aufgefordert, Mr. Dornford hinauszuwerfen. Aber er war in dieser Beziehung immer etwas heftig.«

 

Surefoot Smith machte sich eine Notiz.

 

»Wer war sonst noch hier?«

 

Binny machte ein ernstes Gesicht.

 

»Vor zwei Tagen war Mr. Moran hier. Er kam, um mit Mr. Lyne über Bankangelegenheiten zu sprechen. Außerdem war Miss Lane hier. Ich glaube, das waren alle. Wir hatten im allgemeinen nur wenig Besuch.«

 

Smith notierte sich alles Wichtige in einer eigentümlichen Stenographie.

 

»Nun erzählen Sie uns mal, was heute geschah. Fuhren Sie Mr. Lyne gewöhnlich am Nachmittag aus?«

 

»Ja. Aber gegen Mittag sagte er, daß er nicht ausfahren wollte, weil er um drei Uhr Besuch bekäme. Um zwei änderte er aber seine Absicht wieder. Ich fuhr ihn in den Park, setzte mich neben ihn und las ihm die Verhandlungen vor dem Polizeigericht vor.«

 

»Hat Mr. Lyne etwas gesagt, als er im Park war?«

 

»Nichts Besonderes. Als wir eine Viertelstunde dort waren, sagte er, ich solle seinen Rockkragen hochklappen, weil es ihm zog. Ich las dann weiter, bis ich glaubte, er wäre eingeschlafen.«

 

»Haben Sie kein auffallendes Geräusch gehört?«

 

Binny dachte einen Augenblick nach.

 

»Doch. Bin Auto fuhr vorüber.«

 

Smith und Dick hatten bis jetzt vergessen, daß Dornford an ihnen vorbeigefahren war, und warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

 

»Haben Sie denn keinen Schuß gehört?«

 

Binny schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Außer dem Auto habe ich nichts gehört.«

 

»Hat Mr. Lyne irgendwann gesprochen, vielleicht gestöhnt oder sich bewegt?«

 

»Nein.«

 

Surefoot stützte die Ellbogen auf den Tisch.

 

»Nun noch eine Frage. Wann hat Mr. Lyne zum letzten Mal mit Ihnen geredet, bevor wir ihn tot auffanden?«

 

Binny dachte nach.

 

»Es muß ungefähr zehn Minuten vorher gewesen sein. Ein Parkwächter kam vorbei und sagte guten Tag zu ihm. Als er nicht antwortete, glaubte ich, er sei eingeschlafen, und hörte auf zu lesen.«

 

»Nun zeigen Sie mir einmal das Haus«, bat Smith und erhob sich.

 

Binny ging voraus und führte die anderen zuerst in die Küche, an die ein kleines Schlafzimmer stieß.

 

Seine Frau befand sich auf dem Land bei Verwandten, wie er Surefoot erzählte, aber davon merkte Mr. Lyne kaum etwas, da Binny fast den ganzen Haushalt allein versah.

 

»Sie trinkt, wenn ich die Wahrheit sagen soll, und ich bin froh, daß sie aus dem Hause ist.«

 

Die Küche war nicht gerade allzu sauber. Surefoot sah etwas auf dem Fußboden, bückte sich und nahm ein dreieckiges Stückchen Glas auf, das unter dam Tisch in der Nähe des Fensters lag. Dann betrachtete er das Fenster und befühlte den Kitt.

 

»Ist das Fenster eingedrückt worden?«

 

Binny zögerte.

 

»Mr. Lyne wollte nicht, daß etwas darüber bekannt wurde. An einem der letzten Abende hat jemand die Scheibe eingedrückt und das Fenster geöffnet.«

 

»Ein Einbrecher?«

 

»Mr. Lyne nahm es an. Er wollte aber durchaus nicht haben, daß ich die Polizei verständigte.«

 

Sie gingen dann in das obere Stockwerk und traten zuerst in das Zimmer, das nach vorn hinaus lag. Es befand sich in jedem Stockwerk nur ein sehr großer Raum, der durch Schiebetüren geteilt werden konnte.

 

Im obersten Geschoß war Lynes Schlafzimmer, aber auch dort konnten sie nichts feststellen. Der Polizeiinspektor und zwei seiner Beamten prüften oberflächlich die Papiere und die Sachen des Verstorbenen. Surefoot hatte die Schlüssel aus der Tasche des Toten genommen. Er selbst hatte vorher schon alles durchgesehen, besonders den Geldschrank, hatte aber nichts entdecken können.

 

Schließlich kamen sie ins Arbeitszimmer zurück. Smith stand lange am Fenster und starrte hinaus.

 

»Der amerikanische Detektiv, der morgen nach New York zurückfährt, könnte uns wahrscheinlich helfen. Es wäre vielleicht gut, wenn ich ihn um Rat fragte.«

 

»Wer ist denn das?« fragte Dick neugierig.

 

»John Kelly, Chef der Geheimpolizei in Chikago. Möglich, daß er uns einen Tip geben kann. Ich werde es jedenfalls versuchen.« Er sah nach der Uhr.

 

»Ich möchte nur wissen, ob noch Nachrichten über Moran eingelaufen sind. Ich will mich einmal in seiner Wohnung umsehen. Hoffentlich finde ich dort jemand vor?«

 

»Wenn nicht, dann kann ich Ihnen helfen«, erwiderte Dick. »Er sagte mir, daß er verreisen und mir den Schlüssel senden wollte, damit ich ihm seine Post nachschicken könnte. Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie sehr gerne.«

 

Als sie ankamen, machte ihnen der Hausmeister eine überraschende Mitteilung. Er sagte, daß Moran die Wohnung erst vor einer Stunde verlassen habe.

 

»Stimmt das auch?« fragte Dick aufs höchste erstaunt. »Ist er nicht schon heute morgen abgereist?«

 

»Nein, er ist den ganzen Morgen fortgewesen, kam aber zurück und hat die Wohnung erst um halb vier verlassen. Wenn ich nicht irre, sind Sie Mr. Allenby? Ich sollte einen Brief an Sie zur Post bringen.«

 

Der Mann ging in sein kleines Büro und überreichte Dick ein Kuvert, das nur zwei hastig hingeworfene Zeilen enthielt. Der Schlüssel lag bei.

 

Bin gerade im Begriff abzureisen. Die gemeinen Kerle haben mein Gesuch abgelehnt.

 

»Wer sind denn die gemeinen Kerle?« fragte Surefoot.

 

Dick lächelte.

 

»Wahrscheinlich meint er damit den Aufsichtsrat der Bank. Er sagte mir, er würde abreisen, ob sie ihm Urlaub bewilligten oder nicht.«

 

Als sie die Wohnung betraten, sahen sie, daß Moran in aller Eile aufgebrochen war. Sie fanden an einem Bettpfosten eine Weste, in der noch die goldene Uhr, das Zigarettenetui und etwa zehn Pfund in barem Geld steckten. Er hatte sich so schnell umgezogen, daß er vergessen hatte, die Taschen zu leeren.

 

Surefoot trat ans Fenster, und Dick folgte ihm dorthin. Von hier aus konnten sie den Park übersehen, besonders die Stelle, an der Hervey Lyne in seinem Rollstuhl gesessen hatte.

 

»Fällt Ihnen etwas auf?« fragte Surefoot.

 

Dick nickte, und ein Schauder überlief ihn. Von seinem Standpunkt aus konnte er durch das offene Fenster direkt auf den Platz sehen, an dem der alte Mann erschossen worden war.

 

Surefoot musterte den Fußboden in der Nähe des Fensters eingehend, aber er konnte nichts finden. Dann ging er in das elegante Schlafzimmer und durchsuchte es in aller Eile. Als er den Kleiderschrank aufmachte, fiel ein Militärgewehr heraus. Ein zweites lag auf dem Boden des Schrankes, und daneben lagen ein halbes Dutzend langer, schwarzer Metallhülsen.

 

Surefoot öffnete die Kammer, roch daran, trug die Waffe ans Fenster und sah durch den Lauf. Wenn kürzlich ein Schuß daraus abgegeben worden war, mußte das Gewehr sofort gereinigt worden sein, denn man konnte im Laufinnern keinen Pulverrückstand sehen. Er prüfte das andere Gewehr in derselben Weise und nahm dann einen Metallzylinder in die Hand.

 

»Was ist denn das?«

 

Dick betrachtete den Gagenstand genau.

 

»Ein Schalldämpfer«, erwiderte er. »Moran interessierte sich sehr für Gewehrschießen und besonders für jede neue Art von Schalldämpfern. Er hat mich selbst ein- oder zweimal um Rat gefragt und mir häufig gesagt, ich sollte mich mit der Konstruktion solcher Instrumente befassen. Sie dürfen nicht vergessen, Smith, daß Morans Lieblingsbeschäftigung und Erholung Gewehrschießen ist.«

 

»Eine nette Erholung!« entgegnete der Chefinspektor.

 

Er durchsuchte den Kleiderschrank und die Schubladen nach Patronen, konnte aber nichts finden. Die Kammern der beiden Gewehre waren leer. Auch konnte er keine abgeschossene Patronenhülse in der Wohnung entdecken.

 

Smith trat vom Fenster zurück und schätzte den Abstand bis zum Tatort.

 

»Nicht ganz zweihundert Meter«, meinte er.

 

Moran hatte seinen Diener nicht mitgenommen. Surefoot ließ sich vom Hausmeister die Adresse des Mannes geben und schickte einen Schutzmann zu ihm, der ihn in sein Büro bringen sollte.

 

»Sie gehen jetzt am besten zu der jungen Dame«, wandte er sich an Dick. »Sie ist sicherlich durch das traurige Ereignis sehr beunruhigt.«

 

»Das glaube ich kaum. Aber ich werde sie aufsuchen. Wohin gehen Sie denn?«

 

Surefoot lächelte nur geheimnisvoll.

 

Kapitel 14

 

14

 

Das vordere Portal der Bank war schon geschlossen, als der Chefinspektor dort ankam. Er klingelte deshalb an der Seitentür und wurde auch sofort eingelassen. Der Kassierer, der stellvertretende Direktor und mehrere Angestellte waren noch bei der Arbeit. Er sprach mit dem Kassierer in dessen Privatbüro und erhielt von ihm einige wertvolle Auskünfte.

 

»Ich weiß nur, daß Moran einen Urlaub beantragt hatte, der nicht bewilligt wurde. Das weiß ich, weil der Brief der Generaldirektion nicht an ihn persönlich, sondern an den ›Vorsteher‹ adressiert war. Deshalb habe ich ihn geöffnet. Ich telefonierte ihn in seiner Wohnung an und teilte ihm den Bescheid mit. Er sagte darauf nur, er komme heute nicht ins Büro.«

 

»Haben Sie das der Direktion mitgeteilt?«

 

Es war nicht gemeldet wenden, da das häufiger vorkam. Bankdirektoren können sich dergleichen manchmal gestatten.

 

»Es wird natürlich in dem täglichen Bericht später erwähnt«, sagte der Kassierer. »Ich hatte heute morgen den Eindruck, als sei Mr. Moran in die City gefahren, um mit den Generaldirektoren zu sprechen. Als ich hörte, er sei auf Urlaub gefahren, nahm ich an, es sei ihm gelungen, die Leute zu überreden. Ist ihm etwas zugestoßen?« fragte er ängstlich.

 

»Hoffentlich nicht. Hat er eigentlich bei dieser Bank sein eigenes Konto gehabt?«

 

»Er hatte wohl ein Konto, es stand aber nicht viel darauf. Vor ein paar Jahren hat man ihm große Schwierigkeiten gemacht, weil er spekulierte, und deshalb hat er wahrscheinlich sein Hauptkonto nicht mehr bei uns geführt. Sicher wollte er verhindern, daß der Aufsichtsrat seine Geschäfte kontrollierte. Ich kann Ihnen ja im Vertrauen sagen, daß er ein Konto auf der Southern Provincial Bank hat. Einmal war sein Guthaben bei uns nahezu aufgebraucht, und da zahlte er einen Scheck ein, den er auf diese Bank ausgestellt hatte. Darf ich vielleicht erfahren, Mr. Smith, warum Sie sich für Mr. Moran interessieren?«

 

Mit ein paar Worten erzählte ihm der Detektiv von dem Mord.

 

»Ja, wir führen Mr. Lynes Konto und verwalten sein Vermögen. Es ist ziemlich groß, allerdings nicht mehr so bedeutend wie früher. Er ist Geldverleiher und hat natürlich viele ausstehende Kapitalien.«

 

Smith sah auf die Uhr.

 

»Kann ich noch jemand von der Generaldirektion sprechen?«

 

Der Kassierer konnte die Frage nicht beantworten, telefonierte aber mit der Zentrale. Er erhielt den Bescheid, daß bereits alle Herren nach Hause gegangen seien.

 

»Wenn Mr. Moran morgen früh nicht kommen sollte –«

 

»Der kommt nicht«, erklärte Surefoot.

 

»In diesem Fall wäre es mir sehr lieb, wenn Sie die Generaldirektoren aufsuchen würden. Ich darf Ihnen nämlich eigentlich keine Informationen geben, weder über Mr. Moran noch über einen unserer Kunden. Warten Sie bitte noch einen Augenblick.«

 

Er stand auf und sprach mit einem anderen Angestellten. Nach einer Weile kam er zurück.

 

»Das eine möchte ich Ihnen noch mitteilen, ganz gleich, ob man mir nachher Vorwürfe macht oder nicht. Der verstorbene Mr. Lyne hat gestern sechzigtausend Pfund abgehoben – das heißt, der Scheck wurde uns gestern nachmittag eingereicht und von uns ausgezahlt. Es war ein Barscheck. Einzelheiten kann ich Ihnen nicht mitteilen, aber ich glaube, die Generaldirektion wird Ihnen alle weiteren Angaben machen.«

 

Als Surefoot nach Scotland Yard zurückkehrte, fand er mehrere Beamte in seinem Büro.

 

Sie verabschiedeten sich gerade von John Kelly, der um Mitternacht die Rückreise nach den Vereinigten Staaten antreten wollte.

 

»Es tut mir leid«, sagte er, als er Surefoots Bericht gehört hatte. Es wäre mir wirklich ein großes Vergnügen gewesen, wenn ich Ihnen in diesem Mordfall hätte helfen können. Ich habe die Sache in der Abendzeitung gelesen. Ist inzwischen noch etwas Neues passiert?«

 

Surefoot erzählte ihm, was er auf der Bank erfahren hatte.

 

Der Amerikaner nickte.

 

»Ich kannte einen Spezialisten für solche Verbrechen bei uns drüben. Es ist ein gewisser Arthur Ryan. Ich weiß, daß er jetzt in England ist. Sobald ich nach Chikago komme, schicke ich Ihnen Fotos und alle Unterlagen. Er hatte gewöhnlich mehrere Bankkonten und verschob fremdes Geld von einem auf das andere. Dabei lebte er sonst sehr unauffällig, so daß man ihm derartige Geschichten nicht zutraute.«

 

Surefoot mußte zu seinem Bedauern die Einladung zu dem offiziellen Abschiedsessen ablehnen. Sein Vorgesetzter wollte ihn noch sprechen, und die Sache duldete keinen Aufschub.

 

»Wir müssen eine Personalbeschreibung von Moran an alle Polizeistationen geben«, meinte der Polizeipräsident, nachdem er den Bericht des Chefinspektors gehört hatte. »Aber es darf nichts an die Öffentlichkeit dringen, sonst bekommen wir große Unannehmlichkeiten. Die Tatsache, daß er ein paar Gewehre in seiner Wohnung hat, besagt noch gar nichts. Ich selbst weiß, daß er ein sehr guter Gewehrschütze ist. Und soweit wir wissen, haben sich bis jetzt noch keine Unstimmigkeiten bei den Bankkonten gezeigt. Das einzige, was ihn verdächtig macht, ist der Brief, den Lyne kurz vor seiner Ermordung geschrieben hat. Daraus geht hervor, daß er Moran wiedersehen wollte. Hat er ihn denn vorher gesprochen?«

 

»Ja, vor zwei Tagen, wie mir Binny sagte. Moran behauptete allerdings, daß er ihn in den letzten beiden Jahren nicht gesehen habe. Allenby fragte ihn beiläufig am Abend vor der Tat, ob er Lyne in letzter Zeit besucht habe, und darauf gab Moran diese seltsame Antwort. Allenby ist absolut zuverlässig. Nun fragt sich, warum Moran die falsche Angabe gemacht hat. Es ist doch merkwürdig, daß Lyne in seinem Brief ausdrücklich die Anwesenheit eines Polizeibeamten verlangte. Meiner Meinung nach gibt es hier nur eine Erklärung. Lyne mußte etwas über Moran entdeckt haben und wollte ihn vermutlich zur Rechenschaft ziehen. Moran hat dringend um Urlaub nachgesucht, der ihm nicht bewilligt wird. Er kommt nicht zur Bank, und meiner Meinung nach werden wir noch herausfinden, daß die Direktion überhaupt nichts von seiner Abreise weiß. Er verwaltete noch das Vermögen des alten Lyne, und wenn da etwas nicht in Ordnung ist, kommt er ins Zuchthaus. Möglicherweise war der einzige, der Unstimmigkeiten feststellen konnte, Lyne selbst. Er wird ermordet, jemand erschießt ihn – und zwar genau eine halbe Stunde, bevor Moran London verläßt. Das ist zwar kein direkter, sondern nur ein Indizienbeweis, aber die meisten Leute, die zum Tode verurteilt werden, kommen auf Indizien hin an den Galgen.«

 

Smith setzte seine Nachforschungen noch am Abend fort, und eine Stunde, bevor der Vorhang im Sheridan-Theater zum letztenmal nach der Vorstellung niederging, machte er auch dort einen Besuch. Mike Hennessey war schon nach Hause gegangen als ein gebrochener Mann, wie der Regisseur dramatisch beschrieb.

 

Smith ging durch die Bühnentür hinter die Kulissen und kam durch einen langen Korridor zu Marys Garderobe. Wie er erwartet hatte, fand er Allenby bei ihr. Sie sah müde aus. Offenbar hatte der Tod des alten Mannes sie doch mehr mitgenommen, als Dick und Surefoot erwartet hatten.

 

»Ja, das Stück ist vom Spielplan abgesetzt«, sagte sie. »Aber die Umstände haben sich nicht so schlecht entwickelt, wie Mike fürchtete. Der Scheck ist noch gekommen, und Mike kann die Gagen an die Schauspieler auszahlen. Für ihn selbst bleibt auch noch etwas übrig.«

 

Über Hervey Lyne konnte sie Smith weiter nichts erzählen. Aber sie berichtete ihm viel über Moran, als er sie nach ihm fragte. Zum erstenmal sprach sie auch über den mitternächtlichen Besuch des Bankdirektors.

 

»Aber Liebling«, warf Dick ein, »ich verstehe nicht recht. Er wollte, daß du ein Dokument unterzeichnest…«

 

»Wissen Sie, um welche Aktien es sich handelte?« unterbrach ihn Surefoot.

 

Sie konnte ihm jedoch keine Auskunft darüber geben. Smith nahm an, daß es ausländische Aktien waren, denn nur bei manchen ausländischen Börsen besteht die Vorschrift, daß Aktien von einem Vormund nicht ohne Zustimmung und Unterschrift des Mündels verkauft werden können.

 

»Das ist an und für sich noch nicht verdächtig. Selbst wenn er der Käufer gewesen wäre, hätte sich der alte Lyne nicht übers Ohr hauen lassen.«

 

Surefoot konnte an diesem Abend nicht mehr viel unternehmen. Lynes Papiere wurden sorgfältig durchsucht und registriert. Die Stelle, wo der Mord geschehen war, wurde durch ein Seil abgesperrt und bewacht, eine Vorsichtsmaßregel, die sich als sehr berechtigt herausstellte, als die Ärzte ihren Bericht über den Mord machten.

 

Hervey Lyne war durch ein Geschoß getötet worden, das von hinten durch das Herz gedrungen war. Im Körper fand man es nicht, und Surefoot gab den Auftrag, bei Tageslicht den Rasenplatz eingehend nach der Kugel abzusuchen.

 

Um neun morgens war er in der City und wartete auf die Ankunft der Generaldirektoren. Wie er vermutet hatte, wußten sie nichts von einer Abreise Morans. Aber er erfuhr, daß der Mann keinen guten Ruf bei der Bank genoß.

 

»Er war ein sehr fähiger Bankdirektor und bei unseren Kunden besonders beliebt. Wir hätten ihn sonst nicht behalten, nachdem sich herausstellte, daß er spekulierte. Wir können ihm nichts Schlechtes vorwerfen, natürlich mit Ausnahme dieser letzten Disziplinlosigkeit, die allerdings ziemlich schwer ins Gewicht fällt. Wie wir annehmen, ist er nach Devonshire gereist. Wenigstens sagte er, daß er dorthin gehen würde.«

 

Surefoot lächelte.

 

»Der ist nicht in Devonshire, darauf können Sie sich verlassen. Er ist mit einer bestellten Maschine gestern nachmittag um vier Uhr zwanzig von Croydon nach Köln geflogen. Dort erwartete ihn ein anderes Flugzeug, das ihn nach Berlin brachte. Dort ist er noch nicht gefunden worden.« Der Generaldirektor schaute ihn bestürzt an.

 

»Er ist in Berlin?« fragte er betroffen.

 

Leo Moran verwaltete große Konten, und ein Bankdirektor, der unter verdächtigen Umständen plötzlich verschwindet, nimmt gewöhnlich Bankgelder mit.

 

»Ich nehme ja nicht an, daß etwas nicht stimmt«, sagte er entsetzt. »Er hat zwar früher spekuliert, und man weiß nie, was ein Spieler sich alles zuschulden kommen läßt. Aber sonst war er wirklich zuverlässig und ehrenhaft. Trotzdem will ich sofort alle Bücher kontrollieren lassen.«

 

Surefoot hatte eine sehr genaue Personalbeschreibung von Mr. Moran erhalten, aber er konnte keine Fotografie von ihm finden. Der Mann war jedoch nicht schwer wiederzuerkennen, da er fast vollkommen kahl war. Er konnte allerdings mit Hilfe einer Perücke seinem Kopf ein ganz anderes Aussehen geben.

 

Surefoot runzelte die Stirn. Eine Perücke! Er erinnerte sich plötzlich an die drei Perücken, die er in dem Zimmer über der Garage in Baynes Mews entdeckt hatte, und er dachte auch an Washington Wirth, der in Mittelengland leben sollte … Sechzigtausend Pfund waren vor kurzem von Mr. Lynes Konto durch eine Bank in Mittelengland abgehoben worden.

 

Er ließ sich eine Vollmacht geben, alle Konten auf Morans Bank zu untersuchen. Mit dieser Ermächtigung fuhr er zur Bank und sprach mit dem Hauptkassierer.

 

»Ich kenne zufällig den Stand von Mr. Lynes Konto bis vor ein paar Tagen«, sagte er. »Irrtümlicherweise schrieb er nämlich eine Mitteilung an sein Mündel auf die Rückseite der Abrechnung.«

 

Er nahm das Schreiben aus der Tasche, und der Kassierer prüfte es.

 

»Ich will die Sache sofort prüfen. Hier sind natürlich nicht die sechzigtausend Pfund berücksichtigt, die auf den letzten Scheck hin abgehoben wurden.«

 

Der Kassierer kam erst nach einer längeren Weile zurück und legte die Abrechnung auf den Tisch.

 

»Die Aufstellung, die Mr. Moran dem verstorbenen Mr. Lyne gegeben hat, ist vollständig falsch. Sie ist vor drei Tagen aufgestellt. Aber hier steht zum Beispiel, daß Mr. Lyne ein Guthaben von zweihunderttausend Pfund haben soll. In Wirklichkeit beträgt sein Konto aber nicht ganz fünfzigtausend – achtundvierzigtausendsiebenhundert, um genau zu sein. Als ich die Aufstellung sah, wußte ich gleich, daß sie nicht stimmte. Ich habe das Konto Mr. Lynes genau beobachtet und Mr. Moran schon zweimal gedrängt, ihm zu schreiben und ihn auf den niedrigen Stand seines Kontos aufmerksam zu machen. Aber weil Mr. Lyne Geldverleiher ist, haben wir uns nicht zu sehr darum gekümmert. Die Leute verleihen ja häufig größere Summen.«

 

»Wie verhält es sich mit dem Depot an Wertpapieren?«

 

»Die sind alle noch vorhanden, nur haben wir vor vier Monaten auf besonderen Auftrag Mr. Lynes für dreißigtausend Pfund Aktien verkauft.«

 

»Hat Mr. Moran am vergangenen Dienstag, etwa um zehn Uhr morgens, Mr. Lyne besucht?«

 

»Wenn er es getan hat, bin ich jedenfalls nicht davon unterrichtet worden.« Er dachte kurz nach. »Ja, am vorigen Dienstag kam er erst gegen Mittag ins Büro und sagte, daß er eine Besprechung gehabt habe. Aber ich weiß nicht, mit wem. Es handelt sich hier doch um ein schweres Verbrechen, an dem Mr. Moran beteiligt ist? Ich will Ihnen und der Bank helfen, soviel ich kann. Aber wie ich Ihnen schon sagte, weiß ich nichts von diesen Transaktionen. Wollen Sie einmal das Konto Mr. Lynes durchsehen? Es sind in den letzten achtzehn Monaten große Summen ausgezahlt worden, gewöhnlich auf Barschecks hin, und das ist eigentlich nicht die Art, wie Geldverleiher über ihr Konto verfügen. Im allgemeinen sind solche Leute sehr vorsichtig und stellen die Schecks auf die Namen bestimmter Personen aus, so daß man auch durch die Bankbücher feststellen kann, wo ihr Geld geblieben ist. Aber Mr. Lyne hat das niemals getan.«

 

Der Kassierer brachte ein besonderes Aktenstück, und Smith prüfte es. Es waren Beträge von zehn-, fünfzehn- und zwanzigtausend Pfund abgehoben worden, und zwar stets durch eine Bank in Birmingham.

 

»Nur ein einziger dieser großen Schecks wurde persönlich ausgestellt«, erklärte der Kassierer, wandte ein Blatt um und zeigte auf einen Namen. »Und zwar, während Mr. Moran auf Urlaub war –«

 

Smith sah erstaunt auf die Zeile. Klar und deutlich konnte er lesen: Washington Wirth.

 

Kapitel 15

 

15

 

Lange Zeit starrte Smith nachdenklich auf den Namen.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein und mich einmal mit dei Bank in Birmingham verbinden?«

 

Schon kurze Zeit darauf sprach er mit dem Direktor. Dieser bestätigte alles, was Smith schon wußte. Er kannte Mr. Washington Wirth nicht persönlich, obwohl er ihn einmal im Hotel gesehen hatte. Als Mr. Wirth sein Konto eröffnete, war er offenbar leidend und lag zu Bett. Sein Zustand machte es notwendig, daß die Vorhänge im Hotelzimmer vorgezogen sein mußten. Einer der Bankbeamten hatte sich damals seine Unterschrift geben lassen. Sonst wußte man nichts von ihm. Er hatte ein besonderes Abkommen mit der Bank getroffen, daß er Barschecks an drei verschiedenen Filialen einlösen konnte, und zwar in London, Bristol und Sheffield. Stets kündigte er vierundzwanzig Stunden vor Vorzeigung des Schecks der Bank in Birmingham telegrafisch an, daß er Geld abheben werde. Obwohl große Summen auf sein Konto gebucht und wieder ausgezahlt wurden, war der augenblickliche Stand des Kontos doch sehr gering.

 

Surefoot Smith schickte einen Detektiv mit einer Anzahl von Unterschriften nach Birmingham; der Mann sollte die Originalunterschrift mitbringen, die Wirth bei Eröffnung seines Kontos geleistet hatte.

 

Wer auch immer der Veranstalter der mitternächtlichen Gesellschaften im Kellner-Hotel gewesen sein mochte, jedenfalls war er es, an den die großen Summen von Lynes Konto ausgezahlt wurden. Und wahrscheinlich war er auch der Mörder.

 

Surefoot suchte Dick auf und erstattete ihm Bericht.

 

»Sie sind der nächste Verwandte des Ermordeten, und infolgedessen ist es nur natürlich, daß ich Ihnen das mitteile«, meinte er.

 

Dick hörte bestürzt, welche Geldsummen fehlten.

 

»Haben Sie die Möglichkeit bedacht, daß Mr. Wirth mit Hervey Lyne identisch sein könnte?«

 

»Ja, der Gedanke ist mir auch schon gekommen. Daß sich der alte Mann immer herumfahren ließ, bedeutet nichts. Das ist einer der ältesten Tricks. Die Schecks wurden zweifellos von ihm persönlich unterzeichnet; ich habe sie selbst gesehen, und den letzten habe ich sogar noch bei mir.«

 

Er nahm das Formular aus der Tasche. Als er es umdrehte, entdeckte er zu seinem größten Erstaunen auf der Rückseite eine mit Bleistift gekritzelte Bemerkung, die er vorher übersehen hatte. Die Schrift war nur schwach; auch schien ein Versuch gemacht worden zu sein, sie auszuradieren. Mit Hilfe eines Vergrößerungsglases gelang es Surefoot, die Worte zu entziffern.

 

»Schicken Sie nicht mehr chinesische E…« Offenbar war der Bleistift hier auf der Schreibunterlage abgeglitten, ohne daß es Lyne bemerkt hatte.

 

»Zum Teufel, was hat das zu bedeuten?« fragte Smith nervös. »Zweifellos ist das die Handschrift des alten Lyne. Was wollte er denn mit ›chinesisch‹ sagen? Und wer hat sich die Mühe gemacht, das auszuradieren?«

 

Er schüttelte verzweifelt den Kopf.

 

»Ich hätte den Kassierer fragen sollen, ob der alte Lyne irgendwelche chinesischen Papiere bei der Bank deponiert hatte.«

 

*

 

Dick speiste mit Mary Lane zu Mittag und erzählte ihr alles, was ihm der Detektiv mitgeteilt hatte. Er sprach auch von der rätselhaften Bleistiftschrift auf der Rückseite des Schecks. Sie stieß plötzlich einen leisen Ausruf aus und sah ihn erstaunt an.

 

»Ach!« sagte sie dann.

 

Dick lächelte.

 

»Weißt du etwas von chinesischen Papieren?«

 

»Nein. Aber erzähle mir noch einmal alles recht langsam.«

 

Dick erfüllte ihren Wunsch. Wenn sie die banktechnischen Ausdrücke nicht verstehen konnte, bat sie ihn um Erklärungen. Als er geendet hatte, seufzte sie und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Aber ihre Augen glänzten.

 

»Du siehst entsetzlich geheimnisvoll aus.«

 

Sie nickte.

 

»Ja, ich bin es auch.«

 

»Weißt du am Ende gar, wer den unglücklichen alten Lyne ermordet hat?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Ja; ich wage es noch nicht, seinen Namen zu nennen, aber ich glaube, daß ich einen Anhaltspunkt habe … Ich lebte als kleines Mädchen in Mr. Lynes Haus, und verschiedene Dinge habe ich nicht vergessen.«

 

»Ich werde Surefoot sagen –«, begann er.

 

»Nein, nein«, erwiderte sie schnell. »Das darfst du nicht tun. Wenn du mich lächerlich machst, werde ich dir das nie verzeihen. Meine Theorie ist vielleicht töricht. Ich muß sie erst beweisen können, bevor ich darüber spreche.«

 

»Willst du auch unter die Detektive gehen, Liebling?« fragte er scherzend. »Übrigens ist das Testament gefunden worden. Ich bin wirklich Universalerbe. Es ist allerdings mit allen möglichen einschränkenden Bedingungen versehen. Wenn ich zum Beispiel eine Frau heirate, die nicht Engländerin ist oder nicht der englischen Hofkirche angehört, verliere ich einen Teil der Erbschaft; ebenso, wenn ich meinen Wohnsitz außerhalb Englands verlege und wenn ich seinen Hund nicht pflege. Nun ist der Hund allerdings schon seit sechzehn Jahren tot. In gewisser Weise war der Alte aber großzügig, Mary. Er hat dir vierzigtausend Pfund hinterlassen, frei von jeder Erbschaftssteuer.«

 

»Wirklich?« Sie war fast bestürzt über die Freigebigkeit ihres Vormunds. Und sie freute sich, daß er nicht in einer ärgerlichen Laune seinen Neffen enterbt hatte.

 

Surefoot erfuhr erst bei seiner Rückkehr ins Büro, daß das Testament gefunden worden war. Er läutete Dick an, gratulierte ihm und hörte zu seiner Enttäuschung, daß dieser die Neuigkeit schon wußte.

 

»Da. Sie ja großes Interesse an dem Fall haben, wäre es gut, wenn Sie sofort zum Scotland Yard kämen. Ich habe den Hauptkassierer von der Bank hier, und er hat etwas zu berichten, das auch Sie angeht.«

 

Dick kam der Aufforderung sofort nach. Auf Surefoots Schreibtisch lag eine Anzahl beschriebener Blätter.

 

»Also hierum dreht es sich«, erklärte Smith mit Nachdruck, als er ihm die Papiere zuschob, damit er sie lesen konnte. »Unser Freund hier« – er wies auf den Bankbeamten –, »sagt, daß die Aufstellung, die an Miss Lane gesandt wurde, nicht mit einer Schreibmaschine der Bank geschrieben wurde. Er hat mir das auch bewiesen, indem er mir Schriftproben sämtlicher Schreibmaschinen der Bank vorlegte. Das ist eine brauchbare Feststellung, aber vorläufig bringt sie uns noch nicht weiter. Wenn Moran Gelder beiseite schaffte, hat er. sicher alle diesbezügliche Korrespondenz zu Hause erledigt. Die Formulare konnte er sich leicht von der Bank mitnehmen. Konnte sich eigentlich jemand außerhalb der Bank diese Formulare auch besorgen?«

 

Der Kassierer hielt das für möglich.

 

Surefoot konnte sich nicht besinnen, eine Schreibmaschine in Morans Wohnung gesehen zu haben. Er begleitete Dick, nachdem der Bankbeamte gegangen war, nach Parkview Terrace und durchsuchte dort alles noch einmal sorgfältig. Sie fanden diesmal eine Reiseschreibmaschine, aber sie war defekt, so daß man sie nicht benutzen konnte. Surefoot dachte an die kleine Wohnung über der Garage in Baynes Mews. Wenn Moran deren Eigentümer war, besaß er sicher auch noch andere Unterkunftsmöglichkeiten und Schlupfwinkel in London. Er konnte ja leicht genug unter anderem Namen Wohnungen mieten. Smith hatte festgestellt, daß die Wohnung in Baynes Mews auf den Namen Whiteley gemietet worden war.

 

»Haben Sie denn noch Zweifel?« fragte Dick.

 

»Ja, ich bin noch keineswegs überzeugt. Vielleicht klärt sich manches auf, wenn ich Jerry Dornford finde. Sie besinnen sich doch noch, daß er mit einem Höllenspektakel ziemlich langsam an der Stelle vorbeifuhr, wo der alte Lyne saß?«

 

»Ja, gewiß – aber …«

 

»Hat er nicht Ihre Luftpistole gestohlen?« Der Chefinspektor ärgerte sich über Dicks Schwerfälligkeit.

 

»Großer Gott, Sie halten doch nicht Dornford für den Mörder?«

 

»Warum denn nicht?« entgegnete Smith vorwurfsvoll. »Er schuldete Lyne Geld – Lyne hatte gedroht, ihn gerichtlich verfolgen zu lassen, wenn er nicht am selben Tag noch zahlen würde. Wenn Sie Dornfords Charakter nur einigermaßen kennen, wissen Sie, daß er unter allen Umständen einen finanziellen Skandal vermeiden wollte. Er ist stolz darauf, daß man ihn für wohlhabend hält, obgleich sein Vater Pferdehändler war und seine Mutter – nun, darüber wollen wir nicht reden. Wenn das Gericht ihn für bankrott erklärt, muß er aus allen Klubs austreten, in denen er Mitglied ist. Und ein Mann wie er wird natürlich von sich aus alles daransetzen, das zu verhindern.«

 

»Wo ist er denn jetzt?«

 

»Das möchte ich auch gern wissen. Er ist nicht wieder aufgetaucht, seitdem wir ihn in Naylors Crescent im Auto sahen!«

 

Kapitel 16

 

16

 

Surefoot Smith grübelte in seiner Privatwohnung in der Panton Street über die Probleme nach, die er lösen sollte. Im Augenblick schrieb er der Reihenfolge nach in seiner einzigartigen Stenographie auf, wo Leo Moran nach den bisherigen Feststellungen überall in der Welt aufgetaucht war.

 

Der Bankdirektor hatte im Rundfunk einen Vortrag gehalten. Nach dem Vortrag hatte sich Moran ins Sheridan-Theater begeben, von dort zur Wohnung Dick Allenbys. Dann mußte er nach Hause zurückgekehrt sein, wo er einen Brief vorfand – Surefoot wollte ihm das ruhig glauben. Dieser Brief veranlaßte ihn, Mary Lane noch einen Besuch zu machen.

 

Was hatte Moran nun aber am Mordtag selbst gemacht?

 

Eins war jedenfalls sicher: Das Flugzeug, das er benutzt hatte, war erst im letzten Augenblick gemietet worden. Er hatte also zuerst andere Absichten gehabt.

 

Um welche Aktien mochte es sich übrigens gehandelt haben, für deren Übertragung er Mary Lanes Unterschrift brauchte? Diese Frage konnte wohl erst nach langen, mühsamen Nachforschungen beantwortet werden.

 

Das Verschwinden Jerry Dornfords war ein Problem für sich. Sein Diener in der Half Moon Street sagte, daß er sich darüber keine Sorge mache. Sein Herr sei schon öfter tagelang weggeblieben, ohne anzugeben, wo er sich aufhielte. Mr. Dornford war anscheinend keine mitteilsame Natur, außerdem ein Mann ohne Geld und mit nur wenigen Freunden. Der eine oder andere von ihnen hatte Besitzungen auf dem Land, aber die Nachforschungen dort blieben ohne Erfolg. Der Diener erinnerte sich wohl an die Namen einiger Damen, mit denen Dornford verkehrte, aber das brachte auch keine Aufklärung.

 

Dornford selbst besaß ein kleines Gut in Berkshire; ein Teil der Besitzung war Ackerland und brachte genug Pacht ein, um die Hypothekenzinsen zu zahlen. Auf dem Besitztum stand ein Haus, das jedoch schon vor vielen Jahren an einen Golfklub vermietet worden war.

 

Auf keinen Fall besaß Dornford genügend Mittel, um Wohnungen an zwei oder drei Stellen zu unterhalten.

 

Das Geschoß, mit dem der alte Lyne getötet worden war, hatte man noch nicht gefunden, obwohl der Rasen zum größten Bedauern der Parkdirektion abgehoben wurde. Immerhin konnte es in einem solchen Winkel abgefeuert worden sein, daß es in den Kanal oder auf das jenseitige Ufer fiel.

 

Wenn Surefoots erste Theorie stimmte, daß Lyne von dem Obergeschoß des Hauses in Parkview Terrace aus erschossen wurde, mußte die Kugel ein paar Schritte von der Stelle entfernt gefunden werden, wo der Rollstuhl gestanden hatte. Und wenn der tödliche Schuß aus Dornfords Auto abgegeben worden war, konnte das Geschoß kaum durch Lynes Körper gegangen und bis zum Kanal geflogen sein.

 

Surefoot Smith blieb in steter Verbindung mit dem Butler Binny, aber dieser konnte ihm auch keine weiteren Aufklärungen geben, er hatte weder Schuß noch Einschlag gehört. Das war auch verständlich, denn Dornfords Auto hatte einen solchen Spektakel gemacht, daß alle anderen Geräusche darin untergingen.

 

Es war Sonnabendnachmittag vier Uhr, und Surefoot Smith, der in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte, war in seinem Sessel eingenickt. Ärgerlich über sich selbst fuhr er nach einer Weile in die Höhe, erhob sich sofort, wusch sich und ging dann nach Haymarket.

 

Er wußte noch nicht, wie und in welcher Richtung er weiterarbeiten sollte.

 

Schließlich wanderte er über Piccadilly Circus, blieb unentschlossen an einer Straßenecke stehen und beobachtete die haltenden Wagen. Plötzlich stieß ihn jemand an.

 

Der Mann, der ihn angerempelt hatte, ohne es zu wollen, entschuldigte sich und wollte weitergehen. Aber Surefoot erkannte ihn und faßte ihn am Ärmel.

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Mike?«

 

Surefoot war mit Recht erstaunt.

 

In vierundzwanzig Stunden hatte sich Mike Hennesseys Aussehen auffallend verändert. Sein dickes, unrasiertes Gesicht war aufgedunsen und zeigte eine häßliche graue Farbe. Seine Augen waren blutunterlaufen. Bildete es sich Surefoot nur ein, oder wurde der Mann tatsächlich bleich, als er ihn ansah?

 

»Hallo!« stammelte Mike. »Ach – ist es nicht sonderbar, daß wir uns hier treffen?«

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Mike?« wiederholte Surefoot.

 

Der Chefinspektor hatte sich angewöhnt, auch in den unschuldigsten Menschen verbrecherische Absichten zu wittern, und seine Frage klang deshalb vorwurfsvoll und mißtrauisch.

 

»Nichts – ich laufe heute herum wie im Traum. Das Stück ist vom Spielplan abgesetzt, und ich weiß nicht, was ich machen soll.«

 

»Ich habe den ganzen Morgen versucht, Sie anzutelefonieren. Wo haben Sie denn gesteckt?«

 

Mike fuhr zusammen.

 

»Sie haben … Warum denn, Surefoot, alter Knabe? Ich war nicht in der Stadt. Was wollten Sie von mir?«

 

»Sie waren nicht in Ihrer Wohnung und Sie waren auch nicht im Theater. Warum sind Sie mir aus dem Weg gegangen?«

 

Mike versuchte zu sprechen, schluckte und sagte dann heiser:

 

»Wir wollen irgendwo ein Glas zusammen trinken. Ich habe schwere Sorgen.«

 

In einer Seitenstraße lag eine Kneipe, wo man Bier eigentlich erst von sechs Uhr abends an bekommen konnte. Trotzdem gingen die beiden dahin, und der Oberkellner empfing sie mit einem Lächeln.

 

»Wollen Sie sich mit dem Herrn ein wenig privat unterhalten, Mr. Smith? Sicher wollen Sie nicht hier draußen im großen Lokal sitzen, das ist nicht angenehm. Kommen Sie in das Zimmer des Geschäftsführers.«

 

Er führte die beiden in einen kleinen Privatraum, der durchaus nicht das Büro des Geschäftsführers war, höflicherweise aber so genannt wurde.

 

»Ich werde Ihnen eine Portion Tee bringen, Mr. Smith. Mr. Hennessey, Sie nehmen doch Kaffee?«

 

Mike hatte die Augen geschlossen und nickte.

 

»Nun, was für Sorgen haben Sie?« fragte Smith geradezu. »Handelt es sich um Washington Wirth?«

 

Mike öffnete sofort die Augen und starrte ihn an.

 

»Ja«, erwiderte er und blinzelte den Chefinspektor an. »Ich meine … ja … er wird sich wohl nicht mehr ums Theater kümmern, und das macht mir große Sorge. Er war ein guter Freund von mir.«

 

Es fiel Mike nicht nur schwer zu reden, sondern auch zu atmen. Er keuchte förmlich.

 

»Wollten Sie seinetwegen mit mir sprechen?« fragte er nervös.

 

»Ja. Er war also ein Freund von Ihnen?«

 

»Freund kann man eigentlich nicht sagen. Er war der Mäzen meines Theaters«, verbesserte Hennessey schnell. »Ich sorgte für ihn, wenn er in der Stadt war. Viel wußte ich nicht von ihm, aber er war sehr reich.«

 

»Haben Sie ihn nie gefragt, woher er das Geld hatte?«

 

»Nein, das habe ich natürlich nicht getan.« Hennessey konnte dem Chefinspektor nicht in die Augen sehen.

 

Der Oberkellner kam mit einem Tablett zurück, auf dem zwei große Bierflaschen, eine Flasche Whisky, zerstoßenes Eis und ein Siphon mit Sodawasser standen.

 

»Hier ist Ihr Tee«, sagte er in aller Form, stellte die Getränke nieder und ging wieder hinaus.

 

Surefoot Smith nahm an dieser Übertretung des Gesetzes keinen Anstoß.

 

»Also, Mike, nun sagen Sie doch schon, was Sie wissen«, begann er freundlich. »Ich möchte von Ihnen erfahren, wer dieser Wirth eigentlich ist.«

 

Hennessey feuchtete die trockenen Lippen an.

 

»Zuerst würde ich gern hören, was eigentlich los ist«, erwiderte er verbissen. »Nicht, daß ich Ihnen etwas Bestimmtes sagen könnte, aber nehmen wir einmal an, ich wüßte etwas – wo bleibe ich? Stellen Sie sich einmal vor, ich hielte ihn für einen anderen und würde zu ihm sagen; ›Entweder helfen Sie mir, oder ich fange an zu erzählen.‹«

 

»Ja, angenommen, Sie wollten ihn erpressen«, unterbrach ihn Smith brutal.

 

Mike stöhnte.

 

»Nein, ich habe ihn nicht erpreßt. Ich war ja meiner Sache gar nicht sicher, ich habe doch nur einen Bluff versucht, um zu sehen, wie weit er gehen würde …« Plötzlich brach Mike zusammen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu schluchzen. »Ach, es ist schrecklich!« stöhnte er.

 

Andere Leute wären in Verwirrung geraten, Surefoot Smith war nur interessiert. Er legte die Hand auf Mikes Arm.

 

»Sind Sie auch an dem Mord beteiligt? Darum handelt es sich jetzt.«

 

Mikes Hände fielen plötzlich auf den Marmortisch. Sein tränenbedecktes Gesicht zeigte einen bestürzten Ausdruck, aber er weinte nicht mehr.

 

»Mord …? Sie meinen, ich soll in einen Mord verwickelt sein?« fragte er mit schriller, erregter Stimme.

 

»Ja, an dem Mord an Hervey Lyne. Wußten Sie nicht, daß er erschossen worden ist?«

 

Mike sah ihn starr vor Schrecken an.

 

»Was, Lyne … ist erschossen?« stieß er mühsam hervor.

 

Es war kaum zu glauben, daß er der einzige Mann in London sein sollte, der nichts von dem geheimnisvollen Mord in Regent’s Park erfahren hatte, denn die Zeitungen waren voll davon. Aber Surefoot fühlte, daß Mike ihm nichts vormachte.

 

»Sie wollen mich doch nicht etwa aufs Glatteis führen, Surefoot?«

 

»Nein. Wie kommen Sie denn auf eine solche Idee?«

 

Mike schwieg und sah den Beamten mit großen Augen an. Aber seine Züge waren vollkommen ausdruckslos. Als er nach einer Weile wieder sprach, hatte er sich gesammelt.

 

»Das ist entsetzlich! Ich habe die Zeitungen heute morgen noch nicht gelesen.«

 

»Es stand gestern abend drin«, erklärte Smith.

 

Mike schüttelte den Kopf.

 

»Seit Donnerstag morgen habe ich keine Zeitung mehr gesehen. Der alte Lyne ist also tot! Er war doch der Vormund von Miss Lane.« Surefoot wußte, daß Mike Zeit gewinnen wollte, um sich wieder vollständig zu fassen. »Ich habe wirklich nichts davon gelesen. Es ist merkwürdig, wie man Dinge übersehen kann, die in der Zeitung stehen. Ich war so mit dem Zusammenbruch meines Theaters beschäftigt, daß ich mich für nichts anderes interessierte.«

 

»Was haben Sie denn eigentlich für Washington Wirth getan?«

 

Surefoot sprach eisig. Er hatte sein freundliches Wesen abgelegt und interessierte sich im Augenblick nicht einmal für das Bier, das neben ihm stand.

 

»Haben Sie Geld für ihn von der Bank abgehoben?«

 

Mike nickte. »Ja. Große Summen. Ich bin zur Bank gegangen und habe mich dann später mit ihm getroffen.«

 

»Wo sind Sie mit ihm zusammengekommen?« fragte Smith.

 

»An den verschiedensten Stellen, zum Beispiel auf Bahnhöfen, meistens aber im Kellner-Hotel. Er hob gewöhnlich einen großen Betrag ab, wenn er eine Gesellschaft gab, und ich brachte ihm das Geld, bevor die Gäste kamen. Er sagte, er sei Fabrikbesitzer in Mittelengland, aber um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Mr. Smith, ich habe immer daran gezweifelt. Den Eindruck eines Verbrechers hat er aber nicht auf mich gemacht. Man begegnet ja den merkwürdigsten Leuten, die in guten Verhältnissen leben und Geld wie Heu haben. Warum sollte er nicht dazu gehören? Er ist nicht der erste, der sein Geld in Theater steckt, und hoffentlich ist er auch nicht der letzte.«

 

»Von welcher Bank haben Sie Geld für ihn geholt?«

 

Mikes Antwort stimmte mit dem überein, was Surefoot bereits wußte.

 

»Das wäre in Ordnung.« Smith lehnte sich über den Tisch. »Nun möchte ich noch wissen, wer dieser … Washington Wirth war.«

 

Mike schüttelte den Kopf.

 

»Offengestanden – das weiß ich. selber nicht. Wenn ich in dieser Minute sterben sollte, könnte ich es Ihnen nicht sagen. Ich kam durch meinen letzten Bankrott mit ihm in Verbindung. Er schrieb mir damals einen sehr liebenswürdigen Brief und drückte darin sein Bedauern aus, daß ein so tüchtiger Mann wie ich mit derartigen Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Zum Schluß bot er mir seine finanzielle Hilfe an.«

 

»War der Brief mit der Hand geschrieben?«

 

»Nein, mit der Maschine. Ich habe das Schreiben noch irgendwo in meinen Akten. Dann traf ich im Kellner-Hotel mit ihm zusammen. Damals hatte er nur ein Zimmer. Ich wußte, daß er eine Perücke trug und daß er in Wirklichkeit ein anderer war, aber ich habe mir niemals die Mühe gemacht, hinter sein Geheimnis zu kommen –«

 

»Das ist eine ganz dicke Lüge«, sagte Surefoot ruhig. »Sie haben doch zugegeben, daß Sie ihn erpreßten.«

 

»Nein, das habe ich nicht getan. Ich habe nur einen Bluff versucht. Ich wußte, daß er ein anderer war, und vermutete die Wahrheit.«

 

»Sind Sie sich auch klar darüber, daß Sie in einer bösen Patsche sitzen, wenn dieser Washington Wirth verhaftet werden sollte? Ich kann als sicher annehmen, daß er Geld von Hervey Lyne unterschlagen hat. Jedenfalls habe ich manche Anhaltspunkte dafür, daß er den alten Finanzmann erschossen hat. Mike, Sie wollen doch nicht in einen Mord verwickelt werden?«

 

Hennesseys Gesicht war verzerrt, und er konnte kaum noch zusammenhängend sprechen.

 

»Ich würde Ihnen gern helfen, wenn ich könnte, Mr. Smith. Aber ich weiß doch gar nicht, wer er in Wirklichkeit ist – ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht weiß.«

 

Der Chefinspektor sah ihn scharf an.

 

»Wissen Sie etwas von Moran?«

 

»Sie meinen doch nicht den Bankdirektor?« stammelte Mike bestürzt.

 

»Wissen Sie etwas von der falschen Bankbilanz, die Lyne zufällig an Miss Lane schickte?«

 

Einen Augenblick glaubte Smith Mike würde ohnmächtig zusammenbrechen.

 

»Nein – nichts – ich kenne Moran – und ich kenne auch Wirth. Nehmen wir einmal an, daß ich ihn – Washington Wirth – fände – was würde das für mich bedeuten?«

 

Surefoot Smith erhob sich.

 

»Das macht für Sie gar nichts aus, ob Sie ihn finden oder ob die Polizei ihn findet«, erwiderte er barsch. »Sie scheinen immer noch nicht zu wissen, Mike, in welche Lage Sie sich gebracht haben. Zwei Leute sind ermordet worden, wahrscheinlich von derselben Person. Tickler wurde umgebracht, weil er zuviel wußte. Es ist vielleicht sicherer für Sie, wenn ich Sie in Schutzhaft nehme.«

 

Mike lächelte. »Bin ich denn ein Kind?« fragte er. Anscheinend hatte er seine Fassung jetzt wiedergewonnen. »Ich kümmere mich nicht um Drohungen. Machen Sie sich meinetwegen keine Mühe, Surefoot.«

 

»Ich habe Ihnen noch eine ganze Menge zu sagen«, unterbrach ihn Smith. »Aber warten Sie, bis ich telefoniert habe.«

 

Mike sah ihn argwöhnisch und etwas furchtsam an.

 

»Haben Sie keine Angst, ich verhafte Sie nicht.«

 

In dem großen Gastzimmer nebenan befand sich eine Telefonzelle, und Surefoot rief Scotland Yard an.

 

»Hier Chefinspektor Smith. Schicken Sie sofort zwei der besten Detektive zu Bellinis Restaurant. Ich bin mit Mike Hennessey, dem Theatermann, dort. Er steht von diesem Augenblick an Tag und Nacht unter Beobachtung. Die Sache ist sehr wichtig, es dürfen keine Fehler gemacht werden. Verstanden?«

 

Der Befehl wurde pünktlich ausgeführt. Als Smith und Mike eine Viertelstunde später auf die Straße traten und nach Piccadilly Circus gingen, folgten ihnen zwei junge Detektivbeamte, und als Mike in einem Taxi fortfuhr, stiegen die beiden ebenfalls in ein Auto und blieben ihm auf der Spur. –

 

Mike Hennessey war nicht im Theater, als der Vorhang das letztemal nach dem Stück »Klippen des Schicksals« fiel. Obwohl die Absetzung des Stückes nun bedeutete, daß sich die Schauspieler nach neuer Arbeit umsehen mußten, atmeten sie doch alle erleichtert auf, als sie die Bühne verließen.

 

Dick war mit der Lektüre der Abendzeitung beschäftigt, als Mary in ihren Ankleideraum trat. Das Blatt brachte einen großen Artikel über die Ermordung des Finanzmannes Lyne.

 

Dick legte es beiseite, als Mary hereinkam, und wollte die Garderobe verlassen, während sie sich umkleidete.

 

»Bleib sitzen«, sagte sie. »Ich will noch ein wenig warten, ich fühle mich so müde.«

 

»Nun, wie ist es? Hast du den Mörder gefunden? Du wolltest doch selbst Detektiv spielen?« fragte er leichthin.

 

Sie ging nicht auf seinen scherzenden Ton ein.

 

»Ich glaube, ich weiß, wer es ist.«

 

»Hast du die Berichte in der Zeitung gelesen?«

 

»Ja, ich habe jede Zeile studiert.«

 

»Binny hat übrigens eine eigene Theorie. Ich habe heute mit ihm gesprochen. Er hält Jerry Dornford für den Mörder. Vermutlich deshalb, weil er Jerry nicht leiden kann.«

 

»Hat Mr. Smith dir alle Anhaltspunkte genannt, die er bisher herausbekommen hat?« fragte sie. Was Binny über den Fall dachte, schien sie nicht zu interessieren.

 

»Nein. Er ist meistens sehr zugeknöpft, wenn es sich um seinen Beruf handelt.«

 

»Meinst du, er würde sie mir mitteilen?«

 

»Wenn er der Ansicht ist, daß du ihm helfen kannst – vielleicht. Er hat versprochen, heute abend ins Theater zu kommen und mir die letzten Neuigkeiten zu berichten. Bei der Gelegenheit könntest du ihn ja einmal fragen.«

 

Surefoot kam verhältnismäßig spät und war nicht in der besten Laune. Er hatte auch Grund, verstimmt zu sein, denn um halb acht hatte ihn einer der Detektive angerufen und gemeldet, daß sie Mikes Spur verloren hatten.

 

»Was, er ist Ihnen entkommen?« hatte Smith durch das Telefon gerufen. »Was ist denn eigentlich mit euch los?«

 

»Es tut mir furchtbar leid, aber er muß bemerkt haben, daß wir ihm folgten. Ich habe mich nur einmal umgedreht, und schon war er fort.«

 

»Man dreht sich eben nicht um! Suchen Sie ganz London ab und gabeln Sie ihn wieder auf! Kennen Sie seine Adresse? Dann warten Sie vor seiner Wohnung. Der Mann muß unter allen Umständen gefunden werden.«

 

Im Sheridan-Theater schimpfte Smith noch eine Weile auf diese Grünschnäbel, die sich Detektive nannten.

 

»Beruhigen Sie sich. Hier ist ein neuer Detektiv für Sie.«

 

Dick zeigte bei diesen Worten auf Mary. Zu seinem größten Erstaunen wurde Smith nicht ungeduldig.

 

»Ich möchte fast sagen, daß die junge Dame mehr Verstand in ihrem kleinen Finger hat als die beiden in ihren großen Schädeln«, meinte er und sah sie nachdenklich an.

 

»Und ich möchte eine Frage an Sie richten, Mr. Smith«, begann sie. »Würden Sie mir alles sagen, was Sie über den Fall wissen? Ich glaube, ich kann Ihnen dann helfen.«

 

Dick war wieder erstaunt, daß der Chefinspektor die Sache sofort ernst nahm und nicht darüber scherzte.

 

»Warum sollten Sie mir nicht helfen können?« erwiderte Smith. »Soll er es auch erfahren?« Er zeigte mit dem Kopf auf Dick.

 

Sie zögerte.

 

»Ja, wenn Sie nichts dagegen haben. Sonst können wir ihn auch solange fortschicken.«

 

Als der Chefinspektor kam, war sie bereits umgezogen gewesen, und sie schlug jetzt vor, in ihre Wohnung zu gehen.

 

Marys Wohnung lag am Ende eines langen Korridors. Die junge Schauspielerin ging voraus, blieb aber plötzlich bestürzt stehen. Die Tür stand weit offen!

 

Der Chefinspektor zeigte auf das Schloß, das aufgebrochen worden war und nur noch an einer Schraube hing. Er betrat als erster die Wohnung und wollte das Licht andrehen, hatte aber keinen Erfolg.

 

»Die Sicherung ist herausgeschraubt – wo ist denn das Schaltbrett?«

 

Sie zeigte es ihm, und nachdem er einige Zeit daran herumhantiert hatte, ging das Licht wieder an.

 

Er trat hinaus in den Korridor, der an der Außenwand endete. Dort war ein Notausgang, der zur Feuerleiter führte. Die Tür war nicht verschlossen; eine Eisenleiter führte dicht daran vorbei und verschwand im Dunkeln.

 

Smith klingelte dem Fahrstuhlführer, aber der konnte keine Auskunft geben. Es war Sonnabend, und die meisten Leute im Haus waren aufs Land hinausgefahren, um das Wochenende dort zu verbringen. Soviel er wußte, waren keine Fremden hereingekommen.

 

Surefoot ging in die Wohnung zurück. In Marys Schlafzimmer herrschte große Unordnung. Alle Schubladen waren herausgezogen, und der Inhalt lag auf dem Fußboden und dem Bett verstreut. Im Wohnzimmer sah es ähnlich aus. Der kleine Schreibtisch, der dort stand, war aufgebrochen.

 

Mary schaute ärgerlich auf das Durcheinander, atmete aber erleichtert auf, als sie das Etui mit ihren Schmucksachen unversehrt in einem Schreibtischfach vorfand. Sie hatten einen Wert von über vierhundert Pfund.

 

Smith hatte seine Untersuchung auch auf die Küche ausgedehnt. Selbst der Abfalleimer und der Kohlenkasten waren durchstöbert worden. Und hier fand er einen wertvollen Anhaltspunkt. Die kleine Küchenuhr war von der Anrichte heruntergefallen und um elf Uhr fünfzehn stehengeblieben.

 

»Der Einbrecher ist also vor nicht ganz einer Stunde hier gewesen. Und er scheint es sehr eilig gehabt zu haben. Nun sagen Sie mir einmal, Miss Lane, wer kennt Ihre Wohnung? Ich meine, wer ist schon hier gewesen? Ihre Freundinnen wollen wir ausschalten, aber nennen Sie mir die Herren.«

 

Sie hatte die wenigen Leute schnell aufgezählt.

 

»So, Mike Hennessey war auch hier? Hat er Sie oft besucht? Ich habe doch alle Räume gesehen?«

 

»Nein, im Badezimmer waren Sie noch nicht.«

 

Er öffnete die Tür des kleinen Raumes und drehte das Licht an. Der Einbrecher war auch hier gewesen; das Waschbecken war noch halb mit Wasser gefüllt.

 

»Hallo, was ist denn das?«

 

Smith kniff die Augen zusammen.

 

Etwas rechts von dem Waschbecken sah er auf den weißen Wandkacheln einen roten Flecken, der sich noch feucht anfühlte. Auf dem Fußboden war nichts zu entdecken, aber an der Ecke der weißen Badewanne bemerkte er wieder eine rote Spur.

 

Hinter der Tür befand sich ein Kleiderhaken, und auch hier fand er rote Flecken.

 

»Der Einbrecher ist zuerst hier hineingegangen«, sagte Smith langsam. »Er mußte die Hände waschen, und als er den Hahn aufdrehte, beruhte er mit dem Ärmel die Wand. Es war Blut an seinen Kleidern. Er zog den Rock aus und legte ihn zuerst über die Badewanne, dann änderte er seine Absicht und hängte ihn an den Türhaken.«

 

»Blut?« fragte Mary und starrte auf die roten Flecken. »Hat er sich vielleicht verletzt, als er einbrach?«

 

»Nein, dann hätten wir die Blutspuren schon in der Diele oder draußen auf dem Korridor gesehen. Übrigens ist die Glastür auf dem Korridor nicht aufgebrochen – ich möchte nur wissen, wie er mit dem Blut in Berührung gekommen ist.«

 

Er dachte eine Weile nach.

 

»Ich kann es nicht herausfinden«, sagte er dann.

 

Er ging in die Küche und betrachtete wieder die Uhr. Schon oft hatte er derartige Uhren gesehen, die plötzlich stehengeblieben waren; gewöhnlich war das jedoch von Leuten gemacht worden, um die Polizeibeamten irrezuführen. Aber als er die Uhr in der Hand hielt und sie untersuchte, wurden alle seine Zweifel beseitigt. Sie war nicht stehengeblieben, sie tickte noch; nur die Verbindung der Zeiger war zerstört, und das konnte kaum anders als durch einen Fall geschehen sein.

 

Mary war ihm gefolgt und beobachtete ihn, während er seine Nachforschungen anstellte.

 

»Wollen Sie mir nun alles sagen?« fragte sie ihn.

 

Surefoot Smith sah sie erstaunt an.

 

»Worüber?«

 

»Sie wollten mir doch alles mitteilen, was Sie über die Ermordung Mr. Lynes herausgebracht haben.«

 

Er setzte sich auf die Ecke des Küchentisches und erzählte ihr in kurzen Worten, was er wußte.

 

Dick war inzwischen auch eingetreten und hörte erstaunt zu. Bis dahin hatte er alle Beamten von Scotland Yard, besonders Smith, für unzugänglich und schweigsam gehalten, und nun sprach dieser Mann rückhaltlos zu Mary, die sich auf einen Stuhl gesetzt und die Hände gefaltet hatte.

 

»Sind Sie mitgekommen?« fragte Surefoot zum Schluß. Im gleichen Augenblick sah er das verblüffte Gesicht Dick Allenbys und schaute ihn unliebenswürdig an.

 

»Sie halten es wohl nicht für richtig, daß ich der jungen Dame das alles sage? Aber beruhigen Sie sich. Jede Frau hat ein feines Gefühl, das eigentlich die Detektive besitzen müßten. Es hängt weniger mit Vernunft und Wissenschaft als mit einem sicheren Instinkt zusammen.« Er wandte sich wieder an Mary. »Haben Sie irgendeine Vermutung über diesen Einbruch?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann mir den Zusammenhang noch nicht vollkommen erklären, wenn ich auch weiß, warum meine Wohnung durchsucht wurde.«

 

Surefoot nickte.

 

»Sie können sich nicht vorstellen, wie die Leute auf den Gedanken kamen, sie könnten hier etwas finden?«

 

Dick unterbrach ihn.

 

»Entschuldigen Sie, aber ich verstehe nicht ganz, worüber Sie sprechen. Was soll denn hier zu finden gewesen sein?«

 

»Die Bankabrechnung«, erwiderte Mary, ohne aufzusehen.

 

Smith nickte, und ein breites Grinsen ging über sein Gesicht.

 

»Ja, deshalb wurde eingebrochen, aber ich weiß noch nicht recht, wie die Leute das wissen konnten«, fuhr Mary fort.

 

Surefoot lachte.

 

»Ich bin der schlaue Mann, der es ausposaunt hat«, erklärte er. »Ich habe heute nachmittag Mike Hennessey gegenüber erwähnt, daß Ihnen eine Bankabrechnung geschickt wurde. Ich verschwieg aber, daß ich das Papier in meiner Tasche hatte. Dadurch hätte ich ihm eine Menge Zeit und Mühe ersparen können. Es tut mir wirklich leid.«

 

Er fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar und rutschte dann vom Tisch herunter.

 

»Die Blutflecken machen mir zu schaffen, die sehen übel aus.«

 

Er ging aus dem Zimmer, und die beiden folgten ihm wieder ins Bad.

 

»Das war sein Ärmel, der an der Wand entlangstreifte. Man kann es deutlich sehen. Der Blutflecken hier kommt von seiner Hand, aber er ist zu sehr verwischt, als daß man noch einen Fingerabdruck davon nehmen könnte. Der Mann, der hier hereinkam, war nicht verletzt, und wahrscheinlich hatte er auch keine Ahnung, daß sein Rock blutig war.«

 

Surefoot nahm seine Taschenlampe heraus und untersuchte den Korridor. Aber dort konnte er nichts finden.

 

Erst bei dem Notausgang entdeckte er zwei neue Blutspuren, eine am Eisengeländer, die andere direkt unter dem Türfenster.

 

»Ich möchte einmal telefonieren«, sagte Smith.

 

Bald darauf war er mit Scotland Yard verbunden und gab Anordnung, alle Eisenbahnstationen zu überwachen und besonders scharfe Kontrollen in Dover, Harwich, Folkestone und Southampton durchzuführen.

 

»Ich glaube nicht, daß er versuchen wird, das Land zu verlassen. Es ist überhaupt merkwürdig, wie selten Verbrecher diesen Fluchtweg wählen.«

 

Der Chefinspektor bot Mary an, einen Beamten herzuschicken, der ihre Wohnungstür bewachen sollte. Sie lehnte es zunächst ab, aber er bestand darauf, und sie wußte, daß es keinen Zweck hatte, sich ihm zu widersetzen.

 

Auf dem Rückweg ging Smith zum Haus des alten Lyne, um noch einmal mit Binny zu sprechen. Der Butler lag schon längst im Bett, als der Detektiv läutete, und wollte zuerst nicht öffnen. Im Haus waren keine Polizeibeamten zurückgeblieben. Surefoot hatte alle Schriftstücke und Dokumente zum Scotland Yard bringen lassen, damit sie dort durchgesehen werden konnten. Das Schlaf- und das Arbeitszimmer des Ermordeten waren verriegelt worden.

 

Binny führte ihn in die Küche hinunter und legte einige neue Holzstücke auf das glimmende Feuer.

 

»Ich wußte zuerst nicht, wer so spät noch klingelte. Die letzten Erlebnisse haben mich nervös gemacht, und ich bekam sofort Herzklopfen«, entschuldigte er sich, als er den Chefinspektor in den kleinen Raum führte.

 

»Mr. Smith«, fragte er dann ängstlich, »hat mir der alte Lyne in seinem Testament etwas vermacht? Ich habe gehört, daß Sie es gefunden haben, und ich wäre nicht sehr überrascht; wenn er es nicht getan hätte. Er sorgte sich wenig um seine Dienstboten. Mir hat er nicht viel Angenehmes gesagt, im Gegenteil, aber man kann nicht wissen –«

 

»Ich habe das Schriftstück noch nicht ganz durchgelesen«, entgegnete Smith, »aber ich kann mich nicht besinnen, Ihren Namen gesehen zu haben.«

 

Binny seufzte.

 

»Es war der Traum meines Lebens, daß mir jemand mal ein kleines Vermögen vermachen würde«, erklärte er dramatisch. »Ich bin stets ein guter Diener gewesen und habe mich in jeder Weise um ihn gekümmert – ich habe ihm sein Essen gekocht, habe das Bett gemacht, habe alles für ihn getan…«

 

Smith nahm eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und schob sie über den Tisch. Binny seufzte, nahm sich eine und steckte sie an.

 

»Ich glaube, in einer Weise können Sie mir helfen«, meinte der Detektiv. »Erinnern Sie sich noch an Mr. Morans Besuch?«

 

Binny nickte.

 

»Wissen Sie, warum er den alten Lyne besuchte?«

 

Der Butler zögerte einen Augenblick.

 

»Genau weiß ich das nicht, aber vermutlich hatte sein Besuch mit der Bankabrechnung zu tun. Mr. Lyne war ein merkwürdiger alter Mann. Er wollte eigentlich nie jemanden empfangen, und wenn es trotzdem geschah, war er unhöflich und grob zu den Leuten.«

 

»Verhielt er sich gegen Mr. Moran auch so?«

 

»Ich möchte nicht gern aus der Schule plaudern, Mr. Smith, aber ich glaube, er hat ihn ziemlich angefaucht.«

 

»Ach, haben Sie an der Tür gelauscht?«

 

Binny lächelte und schüttelte den Kopf.

 

»In dem Fall brauchte ich nicht zu lauschen.« Er zeigte auf die Decke. »Das Arbeitszimmer liegt hier drüber. Wenn sich Leute dort in gewöhnlicher Weise unterhalten, kann man hier nichts hören, aber Mr. Lyne hat ziemlich laut gesprochen, ja sogar gebrüllt. Und das war natürlich sehr gut zu verstehen.«

 

»Kennen Sie Moran?«

 

Binny nickte.

 

»Kennen Sie ihn sehr gut?«

 

»Ja, ich war doch sein Diener.«

 

»Ach ja, ich besinne mich darauf.«

 

Der Chefinspektor biß nachdenklich auf seine Unterlippe.

 

»Hat er mit Ihnen gesprochen, nachdem er aus dem Zimmer des alten Lyne kam?«

 

»Ich möchte nicht gern jemand in Ungelegenheiten bringen –«, erwiderte Binny zögernd.

 

»Es ist wirklich schrecklich mit Ihnen, daß Sie nicht anständig antworten können! Sagen Sie doch ja oder nein. Haben Sie ihn nachher gesehen?«

 

»Ja. Ich ging gerade zur Haustür und nahm einen Brief in Empfang, als Moran die Treppe herunterkam. Mr. Smith, ich will Ihnen alles erzählen. Mr. Moran hat mir etwas Sonderbares gesagt. Er bat mich, darüber zu schweigen, daß er hier im Hause war, und gab mir zwanzig Schilling. So, nun wissen Sie alles, was ich weiß. Ich wunderte mich damals darüber, aber Sie können mir glauben, er war nicht der erste, der mich darum ersucht hat.«

 

»Das kann ich verstehen.«

 

Auf dem kleinen Tisch in der Nähe der Wand lag ein Päckchen. Surefoot hatte einen guten Geruchssinn und wußte sofort, daß es Fensterkitt enthielt. Er zeigte darauf.

 

»Wozu haben Sie das gebraucht?«

 

Binny sah ihn verwundert an.

 

»Meinen Sie den Fensterkitt?«

 

»Haben Sie denn eine Scheibe eingesetzt?«

 

»Nein, das hat der Glaser getan, aber ich habe heute morgen das Kellerfenster zerbrochen und wollte nicht gern jemand rufen. Deshalb habe ich es selbst repariert.«

 

»Merkwürdig, daß in diesem Haus immer Fenster zerbrochen werden! Warum haben Sie der Polizei nicht gemeldet, daß Leute versuchten, in das Haus einzubrechen? Ach so, ich weiß schon, Mr. Lyne wollte es nicht haben.«

 

Als der Chefinspektor wieder ins Freie trat, untersuchte er das Grundstück genauer, als er es jemals bei Tageslicht getan hatte. Er ging zur Rückseite des Hauses und dann die kleine hintere Straße entlang. Dabei entdeckte er, wie leicht es für einen Einbrecher war, in das Gebäude zu kommen. Die hintere Front war nicht wie bei den meisten Nachbarhäusern durch einen Garagenbau geschützt, sondern ohne weiteres für jedermann zugänglich, der über die Mauer stieg oder die Tür zum Hof mit einem Nachschlüssel öffnete.

 

Surefoot Smith runzelte die Stirn. Der Einbruch mußte in derselben Nacht verübt worden sein, in der Tickler ermordet wurde. Bestand irgendein Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen?

 

Er ging zurück zum Scotland Yard, um die eingelaufenen Berichte entgegenzunehmen, und fand zu seiner Enttäuschung, daß alle Nachforschungen ergebnislos verlaufen waren. Das Polizeipräsidium in Berlin konnte keine Nachrichten über Moran geben, und es waren auch keinerlei Nachrichten über Dornford eingelaufen.

 

Smith öffnete den Safe, der in der Ecke seines Büros stand, nahm den Glacehandschuh mit dem Schlüssel heraus und legte beides auf den Tisch. Der Schlüssel war ihm ein Rätsel. Warum mochte man ihn nur so mühsam und doch so nachlässig mit Silberbronze angepinselt haben?

 

Surefoot zog einen großen, frischen Bogen Löschpapier aus einer Schublade seines Schreibtisches, um sich in gewohnter Weise Klarheit über den Stand der Untersuchungen zu verschaffen.

 

Tickler war ermordet worden, ebenso der alte Lyne, beide vermutlich von demselben Täter. Obwohl Smith keinen Anhaltspunkt dafür hatte, verband er die beiden Morde miteinander. Leo Moran war allem Anschein nach geflohen, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Der Chefinspektor konnte ohne weiteres Anklage wegen Betrugs und Unterschlagung gegen ihn erheben. Das Verschwinden des Bankdirektors traf zeitlich zusammen erstens mit dem Tod Lynes, zweitens mit der Entdeckung, daß Lynes Bankkonto schwer geschädigt worden war.

 

War Moran überhaupt in Berlin? Irgend jemand hatte doch hier in London versucht, die gefälschte Bankabrechnung zurückzubekommen. Der Betreffende hatte sich zu diesem Zweck die Mühe gemacht, in Mary Lanes Wohnung einzubrechen. Wer mochte es nur gewesen sein? Einer wußte jedenfalls, oder er glaubte zu wissen, daß sich diese Bankabrechnung in Marys Wohnung befand – Mike Hennessey.

 

Das Betragen dieses Mannes am vergangenen Nachmittag war sehr auffällig gewesen. Bestimmt wußte er, wer Washington Wirth in Wirklichkeit war, und dieser Washington Wirth war ein Mörder, wahrscheinlich sogar ein Doppelmörder.

 

Der Chefinspektor schrieb alle diese Schlußfolgerungen auf, strich etwas aus, wenn er eine Verbesserung fand, notierte in seiner merkwürdigen Stenographie, was er darüber dachte, strich dann alles wieder aus und begann von neuem. Er machte einen kleinen Kreis und schrieb »Mary« hinein; drei weitere Kreise bezeichneten Dick Allenby, Dornford und Moran. An den unteren Rand der Seite malte er einen fünften für Lyne. Wie waren diese Personen nun miteinander verbunden, und welche Beziehungen bestanden zwischen den vier oberen und dem unteren?

 

Schließlich zeichnete er dazwischen noch einen großen Kreis, der Mike Hennessey darstellen sollte. Mike stand in Verbindung mit Washington Wirth, mit Mary Lane und wahrscheinlich auch mit Moran. Die letzte Schlußfolgerung strich er aus und fing wieder von vorne an.

 

Nach einer Weile wurde er müde, legte den Bleistift nieder und lehnte sich mit einem Seufzer in seinen Sessel zurück. Er wollte gerade den Schlüssel nehmen, als plötzlich das elektrische Licht ausging.

 

Smith war nicht überrascht, er hatte das erwartet. Die Birne hatte in den letzten Tagen schon trübe gebrannt und mußte ersetzt werden.

 

Er erhob sich, um zu klingeln, blieb aber plötzlich wie gebannt stehen. In der Dunkelheit leuchtete der Schlüssel in grün phosphoreszierendem Licht auf. Griff und Bart waren genau zu unterscheiden. Nun verstand Smith. Der Schlüssel war nicht mit Bronze, sondern mit Leuchtfarbe angestrichen.

 

Surefoot ließ eine neue Birne einschrauben und betrachtete nun den Schlüssel mit großem Interesse. Dann machte er wieder Notizen auf dem schon reichlich vollgeschriebenen Löschblatt. Die Sache klärte sich jetzt ein wenig.

 

Nach einer Weile klingelte das Telefon. Smith nahm den Hörer ab, ging dann zur Tür und rief den diensttuenden Beamten. »Schicken Sie Mr. Allenby in mein Büro.«

 

Er sah auf die Uhr, die zwanzig Minuten nach zwölf zeigte, und wunderte sich, warum Dick zu dieser Zeit noch nach Scotland Yard kam. Vielleicht war seine Luftpistole wiedergefunden worden.

 

»Ich war gespannt, ob ich Sie hier treffen würde«, sagte Dick, als er eintrat und die Tür hinter sich schloß. »Ich hätte telefoniert, aber ich fürchtete, die Zentrale würde mich nicht mit Ihnen verbinden.«

 

»Was gibt es denn?« fragte Smith neugierig.

 

Dick lächelte.

 

»Nichts Besonderes, nur bin ich – nein, Mary ist von Hennesseys Haushälterin angerufen worden.«

 

»Ist er nicht heimgekommen?«

 

»Sie erwartete ihn nicht zu Hause. Sie hat vom Waterloo-Bahnhof aus angeläutet, wo sie seit neun Uhr mit Mikes Koffern steht. Er hatte die Absicht, nach Le Havre zu fahren, und sie sollte ihm das Gepäck an den Zug bringen. Bis Mitternacht hat sie gewartet, dann wurde es ihr zu lange, und sie rief verschiedene Bekannte Mikes an, darunter auch Mary. Glücklicherweise war ich noch bei ihr, als der Anruf kam.«

 

»Sind Sie zu Mikes Wohnung gegangen?«

 

»Nein, das war nicht notwendig. Er hatte ein möbliertes Zimmer in der Doughty Street, bezahlte die Miete und gab die Wohnung heute abend auf. Allem Anschein nach wollte er in größter Eile abreisen, er hat erst am Nachmittag angefangen zu packen.«

 

»Nachdem er mit mir gesprochen hat.« Surefoot strich über sein Kinn. »Das ist allerdings merkwürdig. Ich kann wohl verstehen, daß er fort wollte – aber er wäre nicht weiter als bis Southampton gekommen. Ich hatte die Häfen bereits verständigt.«

 

»Wollten Sie ihn verhaften?« fragte Dick erstaunt.

 

»Das ist gar nicht notwendig«, erwiderte Surefoot müde. »Man braucht nicht alle Leute gleich zu verhaften, die man nicht aus England hinauslassen will. Ihre Pässe sind eben nicht in Ordnung – entweder steht das Visum auf der falschen Seite, oder die Stempelmarke ist verkehrt aufgeklebt und so weiter. Es gibt die verschiedensten Wege, Leute, die man nicht außer Land lassen will, an der Grenze anzuhalten.«

 

Es klopfte an der Tür, und ein Inspektor trat ein.

 

»Die Polizei von Buckinghamshire meldet eben einen Fall, der nach Ihrem Herzen sein wird, Surefoot. Sieht ganz nach Mord aus, wie ihn die amerikanischen Banden verüben.«

 

Surefoot sprang sofort auf.

 

»Was, ein amerikanischer Bandenmord? Wissen Sie etwas von den näheren Umständen?«

 

»Jemand hat den armen Teufel auf eine Autofahrt mitgenommen, ihm aus nächster Nähe eine Kugel durch den Kopf gejagt und ihn dann während der Fahrt auf den Gehsteig geworfen.«

 

»Wo hat sich das abgespielt?«

 

»In Colnbrook, auf dieser Seite von Slough. Ein großes Auto kam vorüber. Die Insassen sahen im Licht der Scheinwerfer den Mann auf dem Gehsteig liegen und meldeten es der Polizei. Der Mann konnte kaum eine halbe Stunde tot sein, als die Beamten an Ort und Stelle kamen.«

 

»Wie sieht er denn aus?«

 

»Ein ziemlich großer Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, trägt eine grüne Krawatte –«

 

»Donnerwetter, Mike Hennessey hat heute nachmittag auch eine grüne Krawatte getragen –«

 

Kapitel 17

 

17

 

Mike Hennessey sah ruhig und würdevoll aus, als er auf der Bahre lag. Surefoot Smith trat aus dem kleinen, düsteren Gebäude und wartete, bis der Polizeisergeant die Tür abgeschlossen hatte. Dick war auf der Wache geblieben. Er hatte genug Schrecken für eine Nacht erlebt und Smith deshalb nicht zum Leichenschauhaus begleitet.

 

»Ja, es ist tatsächlich Mike«, sagte Surefoot. »Der Mord wurde ungefähr um zehn Uhr fünfzehn begangen. Die Zeit wird durch die Insassen des großen Wagens bestätigt, die Hennessey liegen sahen. Ein Motorradfahrer, der in dem nahen Dorf wohnt, berichtete der Polizei, er habe kurz vorher eine kleine Limousine an der Stelle warten sehen, wo Mike später gefunden wurde. Der große Wagen hat später kein anderes Auto auf der Landstraße überholt. Ich nehme daher an, daß die Limousine umgekehrt ist, nachdem der Tote auf die Straße geworfen war. Der Mörder war auch der Mann, der in Miss Lanes Wohnung eingebrochen ist«, fuhr Smith ernst fort. »Sein Rock muß mit Blut befleckt gewesen sein, ohne daß er es wußte. Er hat es erst entdeckt, als er das Bad durchsuchte. Dabei kam er mit dem Ärmel an die Wand, zog dann den Rock aus und wusch sich die Hände.«

 

»Aber irgendein Garagenbesitzer muß doch wissen, in welchem Auto die Tat verübt wurde, wenn wirklich Blut geflossen ist. Das Innere ist sicher vollständig beschmutzt«, meinte Dick.

 

Surefoot nickte.

 

»O ja, den Wagen werden wir schon bekommen. Es wurden in der Nacht drei Autos gestohlen, auf die die Beschreibung ungefähr paßt. Ich habe mich mit Scotland Yard verbinden lassen und erfahren, daß man ein leeres Auto in Sussex Gardens gefunden hat.«

 

Ein schneller Polizeiwagen brachte die beiden nach Paddington, und die Vermutung des Chefinspektors bestätigte sich. Es war das Auto, das der Täter benutzt hatte. Man sah deutlich, daß jemand darin ermordet worden war. Aber weitere Anhaltspunkte ergaben sich nicht.

 

»Wir wollen das Steuer nach Fingerabdrücken absuchen, aber Mr. Washington Wirth hat sicher Handschuhe getragen.«

 

»Dadurch ist Moran doch nun außer Verdacht?«

 

Surefoot lächelte.

 

»Wo ist Moran eigentlich? In Deutschland – ebensogut mag er auch in London sein. Man kann ja heutzutage Deutschland mit dem Flugzeug in wenigen Stunden erreichen und noch schneller wieder zurückkehren. Außerdem steht noch gar nicht sicher fest, daß Moran tatsächlich mit jener Maschine abgeflogen ist.«

 

Dick Allenby war bestürzt und um Mary Lanes Sicherheit besorgt. Er deutete das an, und Surefoot Smith gab ihm recht.

 

»Ich halte es auch nicht für gut, daß sie in ihrer Wohnung bleibt. Vielleicht besitzt sie noch andere Dinge, die mit dem Verbrechen in Zusammenhang stehen, und da sie sich jetzt mit der Aufklärung beschäftigt, wird sie unserem Freund am Ende gefährlich.«

 

Dick begleitete Smith zu der Polizeiwache, wohin der Wagen gebracht worden war. Sie fanden dort die Beamten bereits an der Arbeit. Die üblichen Untersuchungen wurden angestellt; Fotografen machten ihre Aufnahmen, und Automechaniker untersuchten den Kilometerzähler. Der Eigentümer, den man sofort aufgefunden und zur Polizei gebracht hatte, war ein gewissenhafter Mann. Er wußte, wieviel Kilometer gefahren waren, bevor man ihm den Wagen stahl, und diese Angabe bedeutete eine große Hilfe.

 

Dick Allenby trat näher heran, als einer der Leute gerade ein Kissen vom Führersitz nahm.

 

»Hallo!« sagte er und sah über die Schulter des Mannes. Er hatte ein silbernes Zigarettenetui entdeckt, das gleich darauf Surefoot überreicht wurde.

 

Es war leer, trug im Innern aber eine Inschrift, die gut zu lesen war:

 

»Mr. Leo Moran von seinen Kollegen, Mai 1920.«

 

Surefoot betrachtete den kleinen Behälter von allen Seiten. An manchen Stellen war das Etui verbeult und blankgescheuert. Entweder war es häufig benutzt oder kürzlich gereinigt worden.

 

Surefoot hatte ein Stück Papier genommen und hielt es damit fest, um keine Fingerabdrücke zu machen. Schließlich wickelte er es vorsichtig darin ein.

 

»Vielleicht können wir einen Fingerabdruck darauf finden«, meinte er. »Aber ich glaube es kaum. Merkwürdig, daß wir das Ding unter dem Sitzkissen fanden.«

 

»Es ist ja möglich, daß er es unter das Kissen gesteckt und später vergessen hat.«

 

Surefoot schüttelte den Kopf.

 

»Es ist nicht sein Wagen. Das Auto wurde doch gestohlen. Mike Hennessey hat vermutlich während der Fahrt oder kurz vorher dem Mörder von der Bankabrechnung erzählt, die sich bei Miss Lane befinden sollte. Der Mann hat Hennessey dann zu sich in den Wagen genommen und ihn erledigt. Übrigens glaubte Mike, sein Begleiter würde nach Southampton fahren, um seinen Dampfer zu erreichen. Das Auto hat an einer Tankstation am Ende der Great West Road gehalten. Hennessey stieg aus und telefonierte von dort aus mit seiner Wohnung, wahrscheinlich mit seiner Haushälterin, daß sie ihm das Gepäck auf den Bahnhof bringen sollte. Der Mörder hat sich dann Hennesseys so schnell wie möglich entledigt, ist in die Stadt zurückgefahren und hat Mary Lanes Wohnung durchsucht. Allem Anschein nach ist er früher schon dort gewesen –«

 

»Dann könnte es tatsächlich Moran gewesen sein«, meinte Dick.

 

Surefoot zögerte.

 

»Das ist nicht vollkommen bewiesen. Auf jeden Fall hat er aber nach der Bankabrechnung gesucht. Außerdem hat er früher in Amerika gelebt. Sind Sie mit meinen Schlußfolgerungen zufrieden?«

 

»Woher wissen Sie das nun schon wieder?«

 

»Es ist ein typischer Bandenmord, wie sie in Amerika zu Dutzenden vorkommen.«

 

Smith fuhr mit Dick zurück und war auffallend gesprächig.

 

»Hennessey war von Anfang an in die Sache verwickelt. Er wußte genau, wer Washington Wirth war; er wußte, daß Wirth Schecks fälschte, und er zog seinen Vorteil daraus, indem er den Mann erpreßte. Ich werde übrigens Miss Lane den Schlüssel und den Scheck zeigen.«

 

Dick hörte zum erstenmal etwas von dem Schlüssel.

 

Als Surefoot Smith zum Scotland Yard kam, lagen alle Sachen, die der Ermordete bei sich gehabt hatte, auf einem Tisch: ein Notizbuch, einige Papiere, ungefähr zwanzig Pfund in bar, eine Uhr mit Kette, ein Schlüsselring. Mike hatte aber sicher nicht die Absicht gehabt, mit einer so geringen Barschaft auf eine weite Reise zu gehen. Surefoot vermutete deshalb, daß der Mörder sich den größeren Teil des Geldes angeeignet hatte.

 

Unter den Papieren befand sich eine aus einem Kursbuch gerissene Seite, auf der mit Bleistift verschiedene Züge angestrichen waren. Daraus ergab sich, daß Hennessey nach Wien hatte fahren wollen.

 

Das nächste Blatt, das der Chefinspektor in die Hand nahm, war interessanter. Es standen viele Zahlen darauf. Surefoot hatte ein gutes Gedächtnis und erkannte sofort die Zahlen, die in der Bankaufstellung eine Rolle gespielt hatten. Das Papier war sehr abgegriffen und mußte häufig benutzt worden sein.

 

Smith war erstaunt. Warum hatte sich Mike die Mühe genommen, die Summen der Schecks zu notieren und aufzuheben? Offenbar wußte er etwas von der Bankabrechnung; vielleicht hatte er sie selbst aufgestellt. Wenn sie aber eine Fälschung war, brauchte er doch dieses Stück Papier mit den Zahlen nicht aufzubewahren. Entweder hatte er die Angaben im Moment erfunden, oder er hatte irgendein Buch, in dem er die Fälschung und die wirkliche Summe, die Lynes Bankguthaben ausmachen mußte, eintrug.

 

In der Frühe des nächsten Morgens telefonierte er mit Mary Lane, die eine unruhige Nacht verbracht hatte.

 

Die Nachricht, daß ein Polizeibeamter auf dem Korridor vor ihrer Wohnung, ein anderer unten an der Feuerleiter wachte und ein dritter vor dem Haus auf- und abpatroullierte, munterte sie auch nicht auf.

 

»Kommen Sie bitte zu mir«, sagte sie und atmete erleichtert auf, als sie hörte, daß er sie sofort aufsuchen wollte. Sie brauchte dringend seinen Rat.

 

Surefoot hatte am Morgen keine weiteren Neuigkeiten erfahren. Eine Durchsuchung von Hennesseys Wohnung war ohne Ergebnis geblieben. Papiere und Dokumente hatte man nicht gefunden, und ein altes Bankbuch sagte ihm auch nicht mehr, als daß Hennessey seit drei Jahren von der Hand in den Mund gelebt hatte.

 

Er war nicht gerade in der besten Stimmung, als er Marys Wohnung betrat.

 

»Es sieht tatsächlich so aus, als ob wir moderne wissenschaftliche Methoden anwenden müßten, um weiterzukommen«, meinte er düster, als er ein Päckchen aus der Tasche zog und auf den Tisch legte. »Vielleicht können Sie etwas daraus machen?«

 

Er öffnete den kleinen Lederbeutel und nahm den Schlüssel heraus, dann zog er den Scheck aus seiner Brieftasche und legte ihn auf den Tisch.

 

Sie prüfte die Bleistiftnotiz auf der Rückseite und nickte.

 

»Das ist Mr. Lynes Handschrift. Ich sagte Ihnen schon, daß ich als junges Mädchen in seinem Haus lebte. Ich habe sogar eine Zeitlang seinen Haushalt geführt. Aber das Zusammenleben mit ihm war wirklich nicht angenehm.«

 

»Warum?«

 

Sie zögerte.

 

»Er hatte zum Beispiel seit vierzig Jahren dieselben Kaufleute, bei denen er seine Waren bezog. Er wechselte sie nicht, und trotzdem hatte er dauernd mit ihnen Auseinandersetzungen wegen der Rechnungen.«

 

Sie nahm den Schlüssel in die Hand und betrachtete ihn.

 

»Halten Sie es für Selbstüberhebung, wenn ich Ihnen sage, daß ich meiner Meinung nach den Mörder von Mr. Lyne finden kann?«

 

»Ich würde es für sehr unklug halten, wenn Sie es auf eigene Faust versuchen wollten«, erklärte Smith offen. »Der Mörder ist ein Mensch, mit dem man nicht spaßen kann.«

 

»Das weiß ich wohl. Aber lassen Sie mir eine Woche Zeit für meine Nachforschungen.«

 

»Ist es nicht besser, Sie sagen mir jetzt gleich, wen Sie verdächtigen?«

 

»Nein, dann mache ich mich vielleicht lächerlich, und das möchte ich nicht.«

 

Smith biß sich auf die Unterlippe.

 

»Sie können die Sachen nicht behalten –«, begann er.

 

»Ich brauche sie auch nicht«, entgegnete sie schnell und entschlossen. »Sie meinen doch den Scheck und den Schlüssel? Wäre es aber zuviel verlangt, wenn ich Sie um ein Duplikat des Schlüssels bäte? Sobald ich das dazu passende Schlüsselloch finde, gebe ich Ihnen Bescheid.«

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Glauben Sie denn, Sie finden das Schloß?«

 

Sie nickte.

 

Surefoot seufzte:

 

»Solche romantischen Geschichten machen mich krank. Aber ich will Ihren Wunsch gern erfüllen.«

 

Zwei Tage später erhielt Mary Lane einen nagelneuen Schlüssel und begann ihre Nachforschungen. Sie ahnte nicht, daß sie auf Surefoots Anordnung hin Tag und Nacht von drei Detektiven bewacht wurde.

 

Am dritten Tag nach der Ermordung Mike Hennesseys stiegen plötzlich die Aktien von Cassari-Petroleum, die in den letzten fünf Jahren zwischen dreiundzwanzig und siebenundzwanzig Schilling geschwankt hatten. Der Nennwert betrug vierzig Pfund pro Aktie. Das Ölfeld lag in Kleinasien, und man hatte immer genug Petroleum gefunden, so daß die Gesellschaft nicht zusammenbrach; aber es war nicht genug, um den vollen Wert der Aktien zu garantieren.

 

Mary las die große Überschrift »Sensationelle Hausse in Cassari-Petroleum« im Handelsteil der Zeitung und rief Mr. Smith an.

 

»Also Ihrer Meinung nach waren das die Aktien, die Sie damals auf Moran übertrugen?« fragte er interessiert. »Wie hoch wurden sie gestern notiert? Ich habe die Zeitung nicht gelesen.«

 

Sie waren über Nacht von fünfundzwanzig auf fünfundneunzig Schilling gestiegen, und als Surefoot Smith einen Geschäftsmann in der City anrief, hörte er zu seinem Erstaunen, daß sie bereits auf dreißig Pfund standen und jede Minute höher kletterten. Um den Grund für diese plötzliche Hausse zu erfahren, suchte er einen Bekannten in der Old Broad Street auf, der ihm gewöhnlich über finanzielle Angelegenheiten Informationen gab.

 

Etwa vor drei Monaten hatte die Gesellschaft eine neue Petroleumquelle angebohrt, und es wurden dauernd neue Bohrtürme errichtet. Allem Anschein nach hatte man unerwartet große Ölmengen gefunden, diese Nachricht aber zunächst unterdrückt, bis die Gesellschaft heimlich alle im freien Handel befindlichen Aktien aufgekauft hatte.

 

»Sie werden wahrscheinlich auf hundert Pfund steigen, und wenn es Ihnen möglich ist, gebe ich Ihnen nur den Rat, auch Cassari zu kaufen. Sie machen Geld damit.«

 

»Wer steht denn hinter dieser Hausse?« fragte der Chefinspektor.

 

Der Börsenmann schüttelte den Kopf.

 

»Wenn ich versuchen wollte, die Namen auszusprechen, würde ich mir die Zunge abbrechen. Es sind meistens Türken – Effendis, Paschas und so weiter. Sie können die Namen finden, wenn Sie im Börsenjahrbuch nachschlagen. Es sind solide, zuverlässige Geschäftsleute. Fast alle Millionäre, so sicher wie die Bank von England. Diese Hausse ist kein Scheinmanöver. Die Gesellschaft hat in London kein besonderes Büro. Jolman & Joyce sind ihre Agenten.«

 

Surefoot sprach bei dieser Firma vor. Das Haus war von vielen Leuten belagert, aber er sandte seine Karte hinein und wurde auch sofort von Joyce empfangen.

 

»Ich kann Ihnen kaum mehr berichten, als auch schon in der Zeitung steht, Mr. Smith. Es sind wenig Aktien auf dem Markt. Der einzige, der in London eine große Menge davon besitzt, ist ein gewisser – Leo Moran.«

 

Kapitel 1

 

1

 

Mr. Washington Wirth wählte zu seinen exklusiven Gesellschaften die Gäste sorgfältig aus. Trotzdem hatte Mary Lane die Einladung nur angenommen, weil Mike Hennessey sie darum gebeten hatte. Sie mochte diesen etwas untersetzten, melancholischen Mann gern. Die Leute nannten ihn immer nur den »armen, alten Mike«, weil er schon öfter Bankrott gemacht hatte. Im Augenblick brauchte man jedoch kein Mitleid mit ihm zu haben, denn er war mit Mr. Washington Wirth befreundet, der sich allen Theaterleuten gegenüber sehr freigebig und hilfsbereit zeigte. Mr. Washington Wirth war ein reicher, etwas geheimnisvoller Mann. Man nahm an, daß er in Mittelengland wohnte und aus der Industrie stammte. Seine Londoner Gesellschaften gab er im Kellner-Hotel, wo alle Leute den etwas korpulenten Herrn mit den hellblonden Haaren und der Hornbrille gut kannten.

 

Er trug stets tadellose, elegante Anzüge und weiße Wildlederhandschuhe. Seine Stimme war merkwürdig hoch; er sprach im Falsett. Außerdem hatte er die Angewohnheit, die Hacken zusammenzuschlagen und den Damen, die er einlud, die Hand zu küssen, wie es auf dem Festland Sitte ist.

 

Er oder vielmehr Mike luden öfters weniger bekannte Schauspieler und Schauspielerinnen, hübsche Statistinnen und Sängerinnen, die am Anfang ihrer Laufbahn standen, zu kleinen Festen ein. Mike hatte früher einmal vorgeschlagen, bekanntere Schauspieler einzuladen, aber Mr. Wirth war ganz empört darüber gewesen.

 

»Solche Leute kann ich nicht brauchen«, hatte er geantwortet. Denn er liebte es, wenn die Menschen ihm Angenehmes sagten und ihm schmeichelten. Dafür zeigte er sich erkenntlich und machte großzügige und freigebige Geschenke.

 

Es war unmöglich, sich ungebeten zu einem solchen Essen einzuschleichen. Den Einladungen waren nämlich Erkennungszeichen beigefügt, die die Gäste am Abend tragen mußten, wenn sie das Hotel betraten.

 

»Ich nehme an, daß mich unser Mäzen nicht eingeladen hätte, wenn ich wirklich eine bedeutende Rolle spielte«, sagte Mary Lane zu Mike.

 

Er lächelte gutmütig. »Ärgern Sie sich nicht darüber. Sie sind eine gute Schauspielerin und heute abend die wichtigste Persönlichkeit in diesem Kreis. Der alte Knabe wollte Sie unter allen Umständen kennenlernen.«

 

»Wer ist denn eigentlich dieser Mr. Wirth?«

 

Mike schüttelte den Kopf.

 

»Er hat so viel Geld, wie er braucht«, erwiderte er diplomatisch.

 

Lachend schaute sie ihn an, und Mary Lane sah sehr gut aus, wenn sie lachte. Sie wußte, daß Washington Wirth sie von der Seite beobachtete, obwohl er im Augenblick von zwei hübschen Blondinen festgehalten wurde, die ihm eine Menge Schmeicheleien sagten.

 

»Er gibt sehr viele Gesellschaften«, meinte sie. »Mr. Allenby sagte mir, daß er monatlich mindestens zweimal Gäste empfängt. Wirth muß wirklich sehr reich sein, sonst könnte er nicht unser Theater unterstützen, so daß wir das gegenwärtige Stück weiterspielen können. Unter uns, Mike, wir müssen ein ganzes Vermögen bei dieser Aufführung zusetzen.«

 

Er nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete nachdenklich die Asche.

 

»Ich verliere jedenfalls mein Geld nicht.« Plötzlich wandte er sich mit einer unerwarteten Frage an sie. »Ist der alte Hervey Lyne nicht ein Freund von Ihnen?«

 

»Nein«, entgegnete sie heftig. »Er ist mein Vormund. Warum fragen Sie danach?«

 

Mike rauchte ruhig weiter.

 

»Ich dachte nur, Sie würden ihn vielleicht genauer kennen. War er nicht früher Bankier oder Geldverleiher? Auf die Art hat er doch sein großes Vermögen zusammengekratzt. Ist Mr. Allenby mit ihm verwandt?«

 

Mary errötete leicht.

 

»Er ist sein Neffe, aber warum wollen Sie das alles wissen?«

 

Mike sah auf die tanzenden Paare.

 

»Die Leute scheinen sich alle gut zu amüsieren, oder sie tun wenigstens so. Die Damen bekommen heute abend wunderbare Ledertaschen mit echt goldenen Bügeln. Sie kriegen auch eine.«

 

»Und warum haben Sie sich nach Mr. Lyne erkundigt?« fragte sie hartnäckig.

 

»Ich wollte nur wissen, ob Sie den Alten etwas besser kennen. Mir hat er niemals Geld geliehen, darüber können Sie beruhigt sein. Er will immer solche Sicherheiten haben, die ich ihm nicht geben kann. Moran ist sein Bankier.«

 

Wenn Mike von sich aus nichts sagen wollte, blieb jeder Versuch, ihn zum Reden zu bringen, vergeblich. Mary sah auf ihre kleine Armbanduhr.

 

»Wird Mr. Wirth sehr ärgerlich sein, wenn ich etwas früher gehe? Ich habe nämlich versprochen, noch in den Gesandtschafts-Klub zu kommen.«

 

Er schüttelte den Kopf, nahm sie freundlich am Arm und führte sie zu dem Gastgeber.

 

»Meine kleine Freundin muß sich leider verabschieden, Mr. Wirth. Sie hat morgen eine wichtige Probe und möchte sich noch darauf vorbereiten.«

 

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte Mr. Wirth mit ausgesuchter Höflichkeit. »Ich hoffe auch bei meiner nächsten Einladung das Vergnügen zu haben, Sie bei mir zu sehen, Miss Lane. In drei Wochen bin ich aus dem Ausland zurück.«

 

Mike begleitete sie zum Ausgang und half ihr in den Mantel.

 

»Ich bleibe noch eine Stunde hier, dann drücke ich mich auch. Um ein Uhr ist gewöhnlich Schluß, länger bleibt Mr. Wirth auch nicht. Die Handtasche mit dem Goldbügel bringe ich Ihnen ins Theater mit.«

 

Mary hatte Mike gern – alle Leute hatten Mike gern. Fast alle Schauspieler und Schauspielerinnen in London waren bereit, um halbe Gage für ihn zu spielen. Wenn er in einer Geldklemme oder nahezu ruiniert war, konnte er virtuos mit schmerzlichem Blick zum Himmel schauen und bittere Tränen über seine Wangen rinnen lassen. Und er war immer ruiniert, wenn hartherzige Gläubiger ihn mahnten, seine Schulden zu bezahlen. Ein angenehmer, liebenswürdiger Mensch, aber wenig zuverlässig, Niemand wußte, was er mit all dem Geld machte, das andere Leute ihm auf Nimmerwiedersehen liehen.

 

»Ich weiß nicht, was mit unserem letzten Stück los ist«, meinte er, als er mit Mary den Gang entlangging. »Vielleicht ist es der Titel ›Klippen des Schicksals‹. Darunter kann sich doch kein Mensch etwas vorstellen. Ich habe das Stück vierzigmal über mich ergehen lassen und weiß immer noch nicht recht, was der Autor eigentlich damit sagen will.«

 

Sie sah ihn verblüfft an. »Aber Sie haben es doch ausgesucht!«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das hat er getan.« Er zeigte mit der Hand zurück auf den Gastgeber. »Er hat mir sogar gesagt, er fühle sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er das Stück lese. Auf mich macht es nicht den geringsten Eindruck.«

 

Er wartete vor dem Hoteleingang, bis Mary mit einem Taxi abgefahren war. Als er sie das erste Mal zum Abendessen ausführte, gab er ihr ein paar gute Ratschläge, wie eine hübsche Schauspielerin Karriere machen könne. Sie hatte ihm darauf sehr vernünftig und taktvoll geantwortet, so daß er sich nicht verletzt fühlen konnte. Seitdem hatte er sie wirklich gern, während seine zahlreichen Liebesabenteuer ihn wenig berührten.

 

Langsam ging er in den Festsaal zurück, wo Mr. Wirth gerade die Geschenke für die Damen verteilte.

 

Er war in ungewöhnlich heiterer Stimmung. Im allgemeinen trank er nur wenig, aber an diesem Abend hatte er versprochen, eine ganze Flasche Sekt auszutrinken, wenn jemand sein Alter raten würde. Zufällig hatte eine der Damen die Zahl zweiunddreißig genannt und damit die Wette gewonnen.

 

»Großer Gott!« sagte Mike, als er die Geschichte hörte.

 

Sobald es ihm möglich war, nahm er Mr. Wirth beiseite.

 

»Es ist wohl Zeit, daß wir Schluß machen«, meinte er.

 

Mr. Wirth lächelte nicht gerade sehr intelligent, und seine etwas sonderbare Erwiderung verriet, daß er dem Wein reichlich zugesprochen hatte.

 

»Mein lieber – lieber Junge! Ich stehe immer noch ganz fest auf den Beinen – um mich brauchen Sie keine Angst zu haben – ich komme noch sehr gut in meine Wohnung.«

 

Das war ja ein ganz neuer Mr. Wirth! Mike runzelte die Stirn, denn er fürchtete, diesen unschätzbaren Protektor zu verlieren. Es war, als ob der Besitzer einer verborgenen Goldmine plötzlich eine Fahne hißte, um die Lage der Mine öffentlich bekanntzumachen.

 

»Sie müssen etwas Kaltes trinken, Mr. Wirth, das die Hitze niederschlägt. Warten Sie einen Augenblick, ich werde etwas bringen.«

 

Mike eilte hinaus, traf den Oberkellner und kam gleich darauf mit einer kleinen blauen Flasche zurück. Er schüttete eine Anzahl weißer Körner in ein Weinglas und goß Wasser hinzu, dann reichte er den schäumenden Trank dem Gastgeber.

 

»Nehmen Sie das.«

 

Mr. Wirth gehorchte und trank zwei kleine Schlucke. Zwischendurch atmete er schwer.

 

Die letzten Gäste waren gegangen.

 

»Nun, wie fühlen Sie sich?« fragte Mike ängstlich.

 

»Vollkommen in Ordnung«, erklärte Mr. Wirth.

 

Er schien plötzlich wieder nüchtern geworden zu sein. Auf jeden Fall ließ sich Mike täuschen. Er brachte seinen Freund nicht zum Auto, weil er das sonst auch nicht tat. Mr. Wirth schlug den Kragen seines schweren Mantels hoch und setzte den Zylinder nach vorn, als er zur Garage des Hotels ging und den Wagen vorfahren ließ. Er stieg gerade ein, als ein Mann an ihn herantrat.

 

»Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« fragte der Fremde.

 

Mr. Wirth sah ihn mit verglastem Blick an, kletterte dann auf den Führersitz und ließ den Wagen anspringen.

 

»Kann ich Sie einen Augenblick –«

 

Im nächsten Moment schoß das Auto vorwärts, und der Mann, der einen Fuß auf das Trittbrett gesetzt hatte, wurde zu Boden geschleudert. Rasch erhob er sich wieder und lief zur Belustigung des Garagenpersonals hinter Wirth her. Gleich darauf wurden Wagen und Mann von der Dunkelheit verschluckt.