Kapitel 9

 

9

 

Dick Allenby sagte niemals, daß er verlobt sei, und auch an Mary Lanes Hand war kein Verlobungsring zu sehen. Er erwähnte dies beiläufig, als er zwischen den beiden letzten Akten in ihrer Garderobe saß. Sie sprachen miteinander durch einen Wandschirm, hinter dem sie sich umkleidete.

 

»Ich werde noch einen schlechten Ruf bekommen«, meinte er. »Nichts schädigt das Ansehen eines Erfinders mehr, als wenn ihn der Portier am Bühneneingang eines Theaters genau kennt. Er läßt mich jetzt schon ohne Frage durch und nickt nur freundlich, wenn ich auftauche.«

 

»Dann solltest du eben nicht so oft kommen!«

 

»Ich will nicht gerade sagen, daß es eine Sache auf Leben und Tod mit uns beiden ist, aber du bist mir doch wichtiger und teurer als irgend etwas auf der Welt.«

 

»Einschließlich deiner letzten Erfindung?«

 

»Ach, du meinst die Luftpistole?« fragte er verächtlich. »Übrigens hat ein deutscher Ingenieur mir heute im Namen seiner Essener Firma zehntausend Pfund für das Patent geboten.« –

 

»Was hatte denn der gute Mann?« fragte sie belustigt.

 

»Ja, ich war auch verwundert.« Dick steckte sich verbotenerweise eine Zigarette an. »Du mußt aber nicht denken, daß der Mensch irgendwie betrunken oder nicht bei Verstand war. Er ist ein sehr tüchtiger Mann, der weiß, was er will. Er sagte, daß er mich für einen der größten Erfinder unserer Zeit hielte.«

 

»Das bist du auch, Liebling.«

 

»Das weiß ich«, erklärte Dick befriedigt. »Aber es klang so nett, als mir der Deutsche das sagte. In allem Ernst, Mary, ich hatte keine Ahnung, daß meine Erfindung soviel wert ist.«

 

»Wirst du das Patent verkaufen?«

 

Er zögerte.

 

»Ich bin noch nicht ganz sicher. Aber die Aussicht, soviel Geld auf einmal zu verdienen, hat mich auf die Idee gebracht, daß wir beide uns doch verloben und heiraten könnten.«

 

Mary nahm die Puderquaste.

 

»Ich werde noch eine sehr erfolgreiche Schauspielerin werden.«

 

»Du bist es schon. Du hast es fertiggebracht, daß dir ein großes Genie einen Heiratsantrag macht.«

 

»Weißt du, wovor ich mich fürchte?«

 

»Ich wüßte nicht, wovor du dich fürchten solltest, wenn es nicht die Hochzeit ist.«

 

»In der letzten Zeit ist mir öfters der Gedanke gekommen«, entgegnete sie ernst, »daß dein Onkel mir all sein Geld hinterlassen könnte.«

 

Er lachte leise.

 

»Deshalb lasse ich mir keine grauen Haare wachsen. Aber warum kommst du gerade jetzt darauf?«

 

Sie war mit ihrer Garderobe fertig und schob den Wandschirm beiseite.

 

»Einmal hat er so etwas Ähnliches gesagt«, entgegnete sie nachdenklich und biß sich auf die Unterlippe. »Und als ich das letzte Mal bei ihm war, hatte ich den Eindruck, daß er dich ungeheuer haßt. Schon allein um dich zu ärgern, wird er mir sein Vermögen hinterlassen, und das wäre entsetzlich.«

 

Er starrte sie verwundert an.

 

»Aber um Himmels willen, warum denn?«

 

»Dann wäre ich gezwungen, dich zu heiraten.«

 

»Du meinst, nur um dem Alten ein Schnippchen zu schlagen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Aber es wäre schrecklich.«

 

»Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Der Alte wird wahrscheinlich sein Geld eher einem Hundeheim als mir oder dir vermachen. Hast du ihn in letzter Zeit öfters gesehen?«

 

Sie erzählte ihm von ihrem letzten Besuch, aber das wußte er schon alles.

 

Während sie sich noch unterhielten, klopfte es an die Tür. Mary erhob sich schon halb, weil sie dachte, ihr. Auftritt wäre gekommen. Als aber noch einmal geklopft wurde, rief sie: »Herein!«

 

Leo Moran erschien in der Tür. Er warf Dick einen verschmitzten Blick zu.

 

»Sie hätten sich lieber meine Rede im Radio anhören sollen, als Ihre Zeit im Theater zuzubringen«, sagte er.

 

»Haben Sie schon wieder einen Vortrag gehalten?« fragte Dick lächelnd. »Muß man sich so elegant anziehen, wenn man vor dem Mikrophon steht?«

 

»Ich gehe zu einem Souper.«

 

Es klopfte wieder, und sie hörten die helle Stimme des Pagen, der Miss Lane zur Bühne rief. Mary eilte hinaus. Sie war froh, daß sie sich entfernen konnte, denn in Morans Gegenwart fühlte sie sich nie behaglich.

 

»Haben Sie das Stück schon gesehen?« fragte Dick.

 

Moran nickte.

 

»Ja. Es ist eine Strafe, das entsetzlichste Stück in ganz London. Ich wundere mich nur, daß der alte Mike es nicht endlich vom Spielplan absetzt. Er muß einen sehr kapitalkräftigen Hintermann haben, daß er das durchhalten kann.«

 

»Haben Sie schon einmal von Washington Wirth gehört?«

 

Leo Morans Gesicht war ausdruckslos.

 

»Nein. Wer ist das – ein Amerikaner?«

 

»Jedenfalls ein ungewöhnlicher Mann. Ich habe neulich einmal nachgerechnet, daß er allein bei diesem Stück mindestens zehntausend Pfund verloren haben muß. Und ich kann nicht einsehen, warum er darauf versessen ist, es weiterzuspielen. Mary ist die einzige Schauspielerin in der ganzen Truppe, die etwas taugt, und sie ist noch nicht einmal mit ihm befreundet.«

 

»Washington Wirth? Der Name kommt mir doch bekannt vor.« Moran sah auf die Wand. »Ich muß von ihm gehört oder in der Zeitung über ihn gelesen haben. Übrigens habe ich heute einen alten Freund von Ihnen gesehen, Surefoot Smith. Sie waren doch dabei, als der ermordete Tickler aufgefunden wurde?«

 

Dick nickte.

 

»Der Chefinspektor behandelte mich, als ob ich ein Mittäter wäre.«

 

»Nun, da können Sie sich trösten. Mich hat er neulich behandelt, als ob ich der Mörder selbst wäre. Haben Sie ihm auch Bier zu trinken gegeben?«

 

Leo Moran ging zur Tür, öffnete sie, sah den Korridor entlang und schloß sie dann wieder.

 

»Dick, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.«

 

Dick grinste.

 

»Nichts würde mir größeren Spaß machen, als einem Bankdirektor etwas abzuschlagen.«

 

»Reden Sie keinen Unsinn. Es hat nichts mit Geld zu tun. Nur –«

 

Er hielt plötzlich inne, als ob er seine nächsten Worte sorgfältig wählen müßte.

 

»Es ist möglich, daß ich eine oder zwei Wochen nicht in London bin. Mein Urlaub ist fällig; und ich möchte aufs Land gehen. Würden Sie so freundlich sein, die Post aus meiner Wohnung abzuholen und aufzuheben, bis ich wiederkomme?«

 

»Warum lassen Sie sich denn die Post nicht nachschicken?« fragte Dick erstaunt.

 

Leo Moran schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Ich bitte Sie aus einem ganz bestimmten Grund um die Gefälligkeit. Ich lasse mir überhaupt nichts nachschicken. Mein Diener hat auch Urlaub. Würden Sie ein wenig auf die Wohnung aufpassen, wenn ich Ihnen die Schlüssel schicke?«

 

»Wann reisen Sie ab?«

 

Moran machte keine bestimmten Angaben hierüber. Er sagte, es sei noch ungewiß, ob sein Urlaub überhaupt bewilligt werde. Die Direktion mache Schwierigkeiten, obwohl er einen sehr tüchtigen Assistenten besäße, dem er die Führung seiner Bankfiliale jeden Augenblick übergeben könne.

 

»Ich möchte so bald als möglich abfahren, aber dieser Aufsichtsrat ist eine furchtbar schwerfällige Gesellschaft. Der läßt sich in seiner Gottähnlichkeit überhaupt nicht stören, wenn Sie von dem etwas haben wollen, müssen Sie erst dreimal vor ihm niederknien. Also, wollen Sie meine Bitte erfüllen?«

 

»Gewiß«, erwiderte Dick. »Sie wissen ja, wohin Sie den Schlüssel zu schicken haben. Nun möchte ich Sie aber in einer anderen Angelegenheit um Ihren Rat bitten.«

 

Er erzählte ihm von seiner patentierten Luftpistole und dem Angebot, das ihm der Deutsche gemacht hatte. Die Waffe selbst brauchte er nicht zu erklären, denn Moran hatte sie schon gesehen und geprüft.

 

»Ich würde an Ihrer Stelle eine einmalige Zahlung ablehnen. Nehmen Sie die Hälfte der Summe als Anzahlung auf eine Beteiligung. Gehen Sie bald nach Hause?«

 

»Ja, gleich. Mary ist zum Souper eingeladen.«

 

»Von Mr. Wirth?« fragte Moran lächelnd.

 

»Ich dachte, Sie hätten niemals von ihm gehört?«

 

»Doch, inzwischen ist es mir wieder eingefallen. Er ist doch der Mann, der wegen seiner Einladungen und Feste bekannt ist. Früher habe ich das auch gemacht. Wenn Sie nach Hause gehen, komme ich mit vorbei und sehe mir Ihre Erfindung noch einmal an.«

 

Obgleich der Abend warm war, hatte sich Nebel gebildet, der immer dichter wurde, je mehr sie sich dem Park näherten. Als sie nach Knightsbridge kamen, lichtete er sich etwas.

 

»Ich wollte schon den ganzen Abend nach Hause gehen und mich nach der Luftpistole umschauen«, sagte Dick. »Im Unterbewußtsein hat mich das dauernd gequält. Es war dumm von mir, daß ich damit experimentiert und sie geladen habe, bevor ich ausging.«

 

Der Nebel hatte sich wieder verdichtet, und der Chauffeur konnte nur langsam am Rinnstein entlangfahren, bis sie zu Dick Allenbys Haus kamen. Der Fahrstuhl war dunkel, und selbst als Dick den Schalter andrehte, flammte das elektrische Licht nicht auf. Er ging einen Schritt weiter und trat dabei auf etwas, das unter seinen Füßen krachend zerbrach.

 

»Zum Teufel, was war denn das?« fragte Moran.

 

Dick steckte ein Streichholz an und sah auf dem Boden die Glassplitter einer elektrischen Birne, die offensichtlich aus der Decke der Kabine herausgeschraubt worden war.

 

»Unser Hausmeister wird nachlässig«, meinte er.

 

Er drückte auf den Knopf, und der Fahrstuhl glitt nach oben. Vor seiner Wohnungstür entdeckte er zu seinem Erstaunen, daß schon ein Schlüssel im Schloß steckte, und zwar so fest, daß er ihn weder nach rechts noch nach links herumdrehen konnte.

 

Als er die Klinke niederdrückte, gab die Tür nach.

 

»Hier hat jemand Dummheiten gemacht«, sagte Dick sehr bestimmt.

 

Er schaltete das Licht ein und blieb wie versteinert stehen. Der Platz, an dem der Stahlkasten mit der Luftpistole gestanden hatte, war leer. Die Waffe war verschwunden, keine Spur davon zu sehen.

 

Kapitel 6

 

6

 

Arthur Jules, der sich stets sehr wichtig vorkam, war ein düsterer, verhältnismäßig kleiner junger Mann. Er trug ein Monokel, hatte eine tadellose Frisur und war immer so gekleidet, als ob er an einer großen Festlichkeit teilnehmen sollte.

 

Als Attaché bei einer südamerikanischen Gesandtschaft befaßte er sich auf eigene Faust mit Diplomatie. In einem Land, wo die Leute mehr verdächtigt werden als in England, hätte man ihm vermutlich äußerst höflich seinen Paß zugestellt und ihn unter besonderer Aufsicht eines Detektivs in seine Heimat abgeschoben.

 

Eines Tages saß er an seinem Fenster, von dem aus er die St. James Street übersehen konnte. Er strich seinen kleinen schwarzen Schnurrbart nachdenklich und unterhielt sich mit Jerry Dornford.

 

Jedermann kannte Jerry. Er besaß all die angenehmen Umgangsformen, die begüterten Leuten einen Verschwender lieb und wert machen. Wie Jules war er Mitglied des Snells-Club. Er gehörte auch all den vornehmen Klubs an, in denen sich die oberen Zehntausend treffen, zahlte pünktlich seine Beiträge, und alle seine Schecks wurden von der Bank honoriert. Man konnte ihm nichts vorwerfen, er war bisher all seinen Verpflichtungen nachgekommen. Er war groß, trug elegante Kleidung, ging aber etwas vornübergeneigt. Seine braunen Haare lichteten sich auf dem Scheitel schon stark. Er hatte tiefliegende Augen und lächelte müde und nachsichtig, wenn er jemand ansah.

 

Jerry hatte ein sehr flottes Leben hinter sich und brauchte viel Geld. Er war Junggeselle und lebte in einer kleinen Wohnung in der Half Moon Street, wo er auch gelegentlich seine Gesellschaften gab.

 

Augenblicklich hatte er wieder einmal dringend Geld nötig, und Jules wußte, wie sehr er in der Klemme war. Die beiden hatten nur wenig Geheimnisse voreinander und kannten sich sehr gut.

 

»Wie heißt denn eigentlich dieser Mann?«

 

»Hervey Lyne.«

 

»Hervey Lyne? Ja, den kenne ich. Das ist ein alter Tapergreis. Als mein Vater in London Legationssekretär war, hat er auch schon Geld von ihm geborgt. Das muß in den neunziger Jahren gewesen sein. Aber ich dachte, der Mann hätte jetzt das Geschäft aufgegeben.«

 

Jerrys Mundwinkel zuckten leicht.

 

»Er hat sich schon lange vom Geschäft zurückgezogen. Seit Jahren schulde ich ihm dreitausend Pfund, jetzt sind es mit Zinsen viertausend geworden. Sie wissen doch, daß ich beim Tod meiner Tante Aussicht auf eine große Erbschaft hatte, aber die alte Hexe hat mir nichts vermacht.«

 

»Und jetzt drängt Sie der Geldverleiher?«

 

»Ja. Er droht, mich zum Bankrott zu treiben, und ich kann ihn leider nicht daran hindern. Bis jetzt habe ich diese Klippe immer vermeiden können. Es hat schon manchmal sehr böse ausgesehen, aber ich habe die Sache stets eingerenkt.«

 

Ein langes Schweigen folgte. Jules strich seinen kleinen Schnurrbart häufiger und schneller.

 

»Mit zweitausend könnten Sie sich helfen? Nun gut, Sie sollen zweitausend haben. Ich stelle nicht die Bedingung, daß Sie zum Kriegsministerium gehen und die Mobilisationspläne stehlen sollen, wie man es in manchen Romanen lesen kann. Aber etwas muß ich doch dafür haben, und zwar für einen Herrn, der einen ähnlichen Beruf hat wie Ihr Freund. Mir erscheint die Summe ja reichlich hoch für einen so kleinen Dienst. Natürlich sage ich das dem Betreffenden nicht. Wenn er so ungeheuere Beträge zahlen will, ist das schließlich seine Sache und berührt mich nicht weiter.«

 

Jerry Dornford sah düster auf die Straße hinaus. Wenn ihm einer sagte, daß er für Geld arbeiten sollte, fiel ihm immer ein, daß er ein Gentleman war, aber er hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, noch viel unangenehmere Dinge zu tun.

 

»Ich weiß noch nicht genau, ob ich es durchführen kann«, sagte er.

 

In diesem Augenblick kamen zwei Herren in den Rauchsalon. Jerry kannte beide, aber er interessierte sich nur für den einen.

 

»Das ist geradezu ein Wink des Schicksals.«

 

»Wer ist es denn?« fragte Jules. Der zweite war ein Klubmitglied. Aber der andere untersetzte Mann mit den blonden Haaren war ihm fremd.

 

»Das ist Mr. Moran, mein Bankier. Zufällig hat Mr. Lyne auch sein Geld bei ihm.«

 

Jules warf einen schnellen Blick zu den beiden hinüber.

 

»Nun, wie denken Sie über die Sache?«

 

Jerry holte tief Atem, dann schüttelte er den Kopf.

 

»Ich muß es mir erst noch überlegen. Es ist eine ekelhafte Geschichte.«

 

»Aber ein Bankrott wäre doch noch viel ekelhafter«, erwiderte Jules liebenswürdig. »Sie müßten dann aus allen Klubs austreten und wären ein armer Junge wie Mike Hennessey. Das wollen Sie doch sicher nicht?«

 

»Wie kommen Sie auf Mike Hennessey?« fragte Jerry.

 

Jules lachte.

 

»Das ist so eine Gedankenverbindung. Sie gehen doch oft ins Sheridan-Theater? Ich mache Ihnen deshalb nicht die geringsten Vorwürfe. Sie ist wirklich ein hübsches Mädel.« Er verzog den Mund, als ob er pfeifen wollte. »Allenby hat die junge Dame auch sehr gern. Also überlegen Sie es sich noch einmal, Jerry. Sie können mich ja später im Grosvenor-Hotel anläuten.«

 

Er schnappte mit den Fingern, um den Kellner herbeizurufen, schrieb seine Anfangsbuchstaben unter die Rechnung und schlenderte zur Tür. Jerry folgte ihm. Sie mußten an Moran und dessen Freund vorübergehen. Der Bankmann sah gerade auf, nickte Jerry freundlich zu und faßte ihn am Ärmel.

 

»Ich würde diese Woche gern einmal mit Ihnen sprechen, wenn Sie Zeit haben, Jerry.«

 

Dornford vergaß nie, daß er Mitglied des Snells-Club war, wo nur Gentlemen verkehrten. Dieser Mr. Leo Moran stammte aus niederen Kreisen und war früher einmal Bankangestellter gewesen. Jerry ärgerte sich vor allem, daß dieser Mann ihn mit dem Vornamen anredete. Mit einer unwilligen Bewegung machte er sich frei.

 

»Gut, ich werde Sie gelegentlich besuchen«, erwiderte er kühl.

 

Gleich darauf ging er mit Jules die Treppe hinunter.

 

»Dieses Schwein!« sagte er empört. »Wie kommt dieser Kerl in den Klub hinein? Bei Snells geht es auch nicht mehr vornehm zu.«

 

»Es leben alle möglichen Leute auf der Welt, mein Freund, und nicht alle können gleich sein«, entgegnete Jules mit leicht ironischem Unterton. Dann wischte er ein Stäubchen von seinem Rock, klopfte Jerry auf den Arm, als ob er ein Kind wäre, und ging die St. James Street hinauf.

 

Jerry Dornford zögerte eine Sekunde, folgte dann einem augenblicklichen Impuls, winkte ein Taxi heran und fuhr nach Queen’s Gate. Dort stieg er aus und ging zu Fuß weiter.

 

Dick Allenby wohnte in einem großen Haus, das in kleinere Wohnungen aufgeteilt worden war. Da kein Portier vorhanden war, hatte man den Fahrstuhl zur Selbstbedienung eingerichtet. Jerry fuhr zum vierten Stock hinauf und klopfte an Dicks Arbeitszimmer, das in eine Werkstatt verwandelt worden war. Als niemand antwortete, drückte er die Klinke herunter und trat ein. Das Zimmer war leer, aber Dick hatte offenbar Besuch gehabt. Mehrere leere Bierflaschen standen auf einer Werkbank.

 

»Allenby, sind Sie hier?« rief er laut.

 

Alles blieb still. Nun ging Jerry zu dem Tisch, auf dem der Stahlkasten lag, und hob die Kassette auf. Er war befriedigt, daß er sie mühelos tragen konnte, und setzte sie wieder nieder. Dann wandte er sich zur Tür, zog den Schlüssel heraus und betrachtete ihn aufmerksam. Wachs, um einen Abdruck zu machen, hatte er nicht bei sich, weil er kein Berufseinbrecher war. Aber er hatte früher ein paar Semester auf einer Technischen Hochschule studiert, das kam ihm jetzt zustatten.

 

Er lauschte. Vom Fahrstuhl her hörte er kein Geräusch. Wahrscheinlich hielt sich Dick in seinem Schlafzimmer auf, das im Stockwerk darüber lag. Dornford machte auf der Rückseite eines Briefumschlags schnell eine Skizze von dem Schlüssel. Trotz der Schnelligkeit war die Zeichnung sehr genau. Er maß mit dem Bleistift die Länge des Bartes ab und machte sich einige Notizen. Als er hörte, daß jemand die Treppe herunterkam, steckte er den Schlüssel lautlos wieder in die Tür.

 

Er stand gerade vor der Werkbank und betrachtete die leeren Bierflaschen, als Dick eintrat.

 

»Hallo, Dornford, wollten Sie mich sprechen?«

 

Die Frage klang gerade nicht sehr ermutigend und freundlich.

 

Jerry lächelte.

 

»Ja, ich wollte einmal einen Erfinder besuchen und beobachten, wie er arbeitet. Übrigens habe ich Sie neulich im Theater gesehen – muß schon sagen, eine sehr nette junge Dame. Sie war aber verdammt unhöflich zu mir, als ich neulich zum erstenmal mit ihr sprach.«

 

Dick sah ihm gerade ins Gesicht.

 

»Und ich werde auch verdammt unhöflich zu Ihnen sein, wenn Sie die Dame das nächste Mal ansprechen.«

 

Dornford lachte.

 

»Steht es so? Übrigens sehe ich den Alten heute abend – soll ich ihm einen Gruß von Ihnen bestellen?«

 

»Ich würde Ihnen raten, ihm lieber Ihre Schulden zurückzuzahlen«, entgegnete Dick kühl.

 

Er machte diese Bemerkung aufs Geratewohl. Dornford, der sich selten aus der Fassung bringen ließ, zuckte zusammen und konnte seinen Ärger nicht ganz unterdrücken.

 

Merkwürdigerweise war es Dick Allenby noch nie zum Bewußtsein gekommen, wie sehr er diesen Mann haßte.

 

»Warum mögen Sie mich auf einmal nicht mehr? Ich interessiere mich doch überhaupt nicht für Ihre junge Dame. Sie ist eine schöne Frau und ein nettes, liebes Kind, aber auf der Bühne wird sie es in London nicht weit bringen.«

 

»Wenn Sie von Miss Lane sprechen, brauchen Sie kein weiteres Wort zu verlieren. Warum sind Sie eigentlich hergekommen? Sie haben recht, ich bin kein großer Freund von Ihnen. Ich kann mich aber nicht darauf besinnen, daß wir jemals viel füreinander übrig hatten.«

 

»Wir waren doch im selben Regiment«, erwiderte Jerry leichthin. »Großer Gott, das sind nun schon zwölf Jahre her –«

 

Dick öffnete die Tür mit einer nicht mißzuverstehenden Geste.

 

»Ich möchte Sie nicht gern hier in der Werkstatt haben und lege auch keinen Wert auf unsere Bekanntschaft. Wenn Sie meinen Onkel heute abend sehen sollten, dann sagen Sie ihm, daß ich Sie gebeten habe, meine Wohnung zu verlassen.«

 

Jerry Dornford verlor die Ruhe nicht.

 

»Sie kennen wahrscheinlich Tickler, der neulich in einem Auto erschossen wurde?« fragte er.

 

»Ich möchte mit Ihnen nicht über diesen Mord sprechen.«

 

Dick ging auf den Korridor hinaus und zog das Metallgitter vom Lift zurück.

 

Später ärgerte er sich über sich selbst, aber er haßte Jerrys Lebensauffassung und dessen Art, über die Dinge zu reden.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die Bank war geschlossen, und Surefoot Smith ging deshalb zu Mr. Morans Wohnung. Er kam an Naylors Crescent vorbei, und dort begegnete ihm zufällig Binny, der Butler des alten Lyne. Er kannte den Mann und wußte, daß er eine geborene Klatschbase war. Plötzlich stieg eine dunkle Erinnerung in ihm auf, daß Binny in irgendwelcher Verbindung mit dem Bankdirektor stehen mußte. Vor vielen Jahren hatte er einmal diesen Bezirk als Polizeibeamter verwaltet, und sein Gedächtnis war außerordentlich gut.

 

»Guten Tag, Mr. Smith.«

 

Binny berührte mit dem Zeigefinger seinen steifen Hut und zögerte einen Augenblick. »Darf ich mir die Frage erlauben, ob es etwas Neues gibt?«

 

»Sie sagten mir doch, daß Sie diesen Tickler kannten?«

 

Binny schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nur, daß er mein Amtsvorgänger war. Mehr ist mir nicht bekannt.«

 

»Na, das Wort können Sie sich tatsächlich einrahmen lassen«, erwiderte Surefoot kurz. »Er hatte also vorher Ihre Stelle inne. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Waren Sie nicht übrigens früher einmal bei einem Bankdirektor Moran in Dienst?«

 

Binny lächelte.

 

»Ich habe schon für die verschiedensten Leute gearbeitet, zum Beispiel war ich Kammerdiener bei Lord Frenley –«

 

»Sie brauchen mir Ihre Lebensgeschichte nicht zu erzählen, Binny. Was für ein Mann ist denn dieser Moran? Netter, freundlicher Charakter – großzügig, gibt gern Geld aus?«

 

Binny dachte nach, als ob sein Lebensglück von seiner Antwort abhinge. »Ja, er war wirklich ein sehr netter Herr. Aber ich war nur sechs Monate bei ihm, er wohnt direkt hier um die Ecke am Park.«

 

»Ist er ein ruhiger Mensch?«

 

»Ich habe niemals gehört, daß er großen Lärm machte –«, begann Binny.

 

»Sie haben mich falsch verstanden«, erklärte Surefoot Smith ärgerlich. »Ich meine, ob er viel auf Weiber, Wein und Spiel gibt. Sie kennen doch die Art Leute. Schließlich sind Sie auch einmal jung gewesen, Binny.«

 

»Nein, ich könnte nicht sagen, daß sich Mr. Moran viel daraus gemacht hätte. Früher gab er immer kleine Gesellschaften, Damen und Herren vom Theater waren meistens eingeladen. Aber damit ist es vorbei, seitdem er sein Geld verloren hat.«

 

Surefoot kniff die Augen zusammen.

 

»Seitdem er sein Geld verloren hat? Was soll das heißen? Er ist doch Bankdirektor und mit einem festen Gehalt angestellt. Wie konnte er denn da Geld verlieren?«

 

»Es war sein eigenes Geld«, sagte Binny. »Deshalb mußte ich auch damals meine Stellung bei ihm aufgeben. Er hatte verschiedene Anteile an einer großen Bank, und die brach zusammen.«

 

»Na, das ist ja sehr interessant. Er hat also Schauspieler und Schauspielerinnen eingeladen, gern Wein getrunken und dergleichen mehr.«

 

Binny fühlte sich nicht wohl und sah sich ängstlich nach rechts und nach links um, als ob er davonlaufen wollte.

 

»Haben Sie es eilig?« fragte der Polizeibeamte.

 

»Ja – der Hauptfilm beginnt in zehn Minuten, und ich möchte den Anfang nicht gern versäumen.«

 

»Ach so, ins Kino wollen Sie. Sagen Sie mir aber noch, wie das mit Tickler war. Hatte der jemals eine Stellung bei Moran?«

 

Binny überlegte.

 

»Nein – nein. Er war Butler bei Mr. Lyne, als ich den Posten bei Mr. Moran hatte. Aber genau kann ich es im Augenblick wirklich nicht mehr sagen. Wissen Sie übrigens, daß Mr. Moran heute abend einen Radiovortrag hält?«

 

Surefoot sah ihn erstaunt an.

 

»Mr. Moran spricht über das Bankenwesen«, fuhr Binny fort. »Er hält regelmäßig Vorträge.«

 

Surefoot Smith interessierte sich wenig dafür. Er stellte noch ein paar Fragen über den unglücklichen Tickler und ging dann seines Weges.

 

Parkview Terrace war ein vornehmer Häuserblock, den man nach dem Krieg wie so manches andere große Gebäude in kleine Wohnungen aufgeteilt hatte.

 

Mr. Moran wohnte im obersten Stockwerk, und Surefoot Smith traf ihn zu Hause an. Der Bankdirektor war gerade dabei, sich zum Abendessen umzukleiden.

 

Smith wurde in einen großen Raum geführt, der sehr luxuriös und geschmackvoll eingerichtet war. Von zwei Fenstern hatte man einen schönen Ausblick auf den Park und den Kanal. Aber der Beamte achtete nicht darauf. Er interessierte sich mehr für die kostbare Ausstattung des Zimmers, die er mit dem verhältnismäßig bescheidenen Gehalt eines Bankdirektors nicht in Einklang bringen konnte.

 

Ein Perserteppich bedeckte den Fußboden, die Beleuchtungskörper an den Wänden waren anscheinend aus Silber. Im Hintergrund stand eine große, sehr bequeme Couch. Besonders fiel Smith eine prachtvolle Glasvitrine auf, die eine Sammlung kostbarer Miniaturen enthielt. Von Gemälden verstand er nicht viel, aber zwei der großen Bilder, die die Wände zierten, hielt er für sehr wertvoll.

 

Er betrachtete noch den Inhalt der Vitrine, als er Schritte hinter sich hörte. Er wandte sich um und sah Mr. Leo Moran vor sich. Der Bankdirektor trug einen seidenen Schlafrock.

 

»Hallo, Mr. Smith! Wir sehen uns ja gerade nicht allzu häufig. Nehmen Sie Platz und trinken Sie ein Glas.« Er klingelte. »Ihr Lieblingsgetränk ist doch Bier?«

 

»Ganz recht«, erklärte Surefoot befriedigt. »Sie haben aber eine sehr schöne Wohnung.«

 

»Ja, es wohnt sich hier nicht schlecht«, entgegnete der Bankmann gleichgültig. Dann zeigte er auf ein Gemälde. »Das ist ein echter Corot. Mein Vater hat einmal dreihundert Pfund dafür bezahlt. Aber es ist dreitausend wert.«

 

»Ihr Vater war sehr wohlhabend?«

 

Moran warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Ja, er hatte Geld. Warum fragen Sie danach? Sie glauben doch nicht etwa, daß ich eine Wohnung wie diese mit meinem jetzigen Gehalt hätte einrichten können? Oder denken Sie, daß ich mir auf unrechte Weise Geld beschafft und die Bank betrogen hätte?«

 

»Hoffentlich kommt mir ein solcher Gedanke niemals«, erwiderte Smith ernst.

 

»Bier«, sagte Moran, als sich der Diener in der Tür zeigte. »Aber Sie sind doch mit einer bestimmten Absicht hergekommen? Um was handelt es sich denn?«

 

Surefoot runzelte die Stirn.

 

»Ich stelle Nachforschungen nach diesem Tickler an.«

 

»Ach, das ist der Mann, der neulich erschossen wurde. Wollten Sie fragen, ob ich ihn kannte?«

 

»Ja.«

 

»Der Kerl war eine furchtbare Landplage. Er lauerte mir öfter an der Haustür auf und wollte mir etwas erzählen oder etwas verkaufen – ich habe mich aber nicht mit ihm abgegeben, sondern ihn immer kurz abgefertigt.«

 

Moran hatte sehr schnell gesprochen. Seine manchmal rauhe und etwas gewöhnlich klingende Sprache verriet, daß er keine gute Kinderstube hatte.

 

»Meinen Sie vielleicht, ich hätte den Mann ermordet?« fragte er geradezu.

 

Surefoot lächelte. Es war allerdings nicht klar, ob er über die sonderbare Frage oder über die Flasche Bier lächelte, die der Diener gerade hereinbrachte.

 

»Kennen Sie Miss Lane?«

 

»Ja, oberflächlich«, entgegnete Moran kühl.

 

»Wirklich ein hübsches Mädchen – also, auf Ihr Wohl!«

 

Surefoot hob das Glas und trank es in einem Zuge aus.

 

»Gutes Bier.«

 

»Warum fragen Sie mich nach Miss Lane?«

 

»Ich wußte, daß Sie sich für das Theater interessieren. Sie haben doch früher Gesellschaften gegeben und Leute vom Theater dazu eingeladen?«

 

Der Bankdirektor nickte.

 

»Ja, vor vielen Jahren, in meiner blühenden Jugend. Aber trotzdem verstehe ich die Frage nicht.«

 

»Ach, es interessierte mich nur«, sagte Smith leichthin.

 

Mr. Moran ging im Zimmer auf und ab.

 

»Warum sind Sie hergekommen, Smith? Zum Teufel, Sie sind doch nicht ein Mann, der bloß herumläuft und alberne Fragen stellt. Sie bringen mich irgendwie mit dem Mord an diesem Herumtreiber in Zusammenhang.«

 

Smith schüttelte den Kopf.

 

»Sie können mir doch wenigstens sagen, was los ist«, fuhr Moran fort. »Seien Sie doch nicht so geheimnisvoll und erzählen Sie mir, warum Sie hier sind.«

 

Mr. Smith wischte seinen Schnurrbart ab und erhob sich langsam. Vor einem Spiegel rückte er seine Krawatte zurecht.

 

»Nun gut, ich will Ihnen im Vertrauen mitteilen, um was es sich handelt. Wir erhielten einen anonymen Brief, dessen Herkunft jedoch nicht schwer festzustellen war. Er war von Ticklers Wirtin abgeschickt. Einer meiner Beamten hat sich mit ihr unterhalten und dabei folgendes erfahren: Tickler trank viel, und wenn er zuviel geladen hatte, was manchmal zweimal am Tage passierte, sprach er mit seiner Wirtin gewöhnlich über Sie.«

 

»Was, über mich?« fragte Moran schnell. »Aber er kannte mich doch gar nicht näher?«

 

»Viele Leute sprechen über andere, die sie gar nicht näher kennen. Sehen Sie, wenn man wie Sie in der Öffentlichkeit lebt –«

 

»Aber das stimmt nicht. Ich lebe durchaus nicht in der Öffentlichkeit. Ich bin weiter nichts als ein kleiner, verhältnismäßig armer Bankdirektor, der seinen Beruf haßt. Ich würde gern viel Geld dafür geben, wenn ich alle Bankbücher auf einen Haufen werfen und ein Freudenfeuer anzünden könnte. Ich hasse die Bank und alles, was damit zusammenhängt. Man würde viel besser einen Nachtklub daraus machen.«

 

Smith schaute ihn verwundert an. Dieses Eingeständnis überraschte ihn vollkommen. Morans Züge hatten sich verfinstert, und seine Stimme klang leidenschaftlich erregt, als er weitersprach.

 

»Früher hat man mich beinahe einmal aus der Bank hinausgeworfen, weil ich spekulierte. Ich wäre ruiniert gewesen, und ich mußte die Generaldirektoren auf Knien bitten, mich zu behalten. Ich nahm mir, vor, meinen Beruf so bald wie möglich aufzugeben, aber jedesmal, wenn ich soweit war, kam mir irgend etwas dazwischen.« Er wandte sich an Smith. »Ich kenne Tickler wirklich nicht. Warum er über mich geredet hat, kann ich Ihnen nicht erklären. Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

 

Surefoot Smith sah auf seinen Hut, der auf dem Stuhl lag.

 

»Kennen Sie Mr. Hervey Lyne?«

 

»Ja, er ist ein Kunde unserer Bank.«

 

»Haben Sie ihn in letzter Zeit einmal gesehen?«

 

»Nein, in den letzten zwei Jahren nicht.«

 

»Ach so.«

 

Surefoot Smith sagte das nur, weil ihm im Moment nichts Besseres einfiel.

 

»Gut, ich will jetzt gehen. Es tut mir leid, daß ich Sie aufgehalten habe. Aber Sie wissen ja, unser Beruf bringt das mit sich.«

 

Er reichte dem Bankdirektor seine große Hand. Aber Mr. Moran war so in Gedanken versunken, daß er es übersah. Nachdem er die Tür hinter seinem Besucher geschlossen hatte, ging er in sein Schlafzimmer und setzte sich auf den Rand des Bettes. Nach einer Weile stand er auf, ging quer durch das Zimmer zu einem eingebauten Safe, der hinter einem Bild versteckt war, öffnete ihn und entnahm ihm eine Anzahl von Schriftstücken, Sorgfältig sah er sie durch, legte sie dann in den Schrank zurück und holte eine dicke Brieftasche heraus, in der sich merkwürdige farbige Papiere befanden – Eisenbahn- und Schiffskarten. Obenauf lag sein Paß, und darin ein Paket von dreißig Banknoten zu je hundert Pfund.

 

Er schloß den Safe wieder, hängte das Bild darüber und kleidete sich dann vollkommen an. Er war bestürzt. Die zufällige Erwähnung von Hervey Lyne hatte ihn erschreckt.

 

Kapitel 8

 

8

 

Als um acht Uhr abends der Vortrag über »Bankwesen und Sparsystem« im Radio angekündigt wurde, schalteten die meisten Teilnehmer ab, um auf die Jubilee-Jazzband zu warten, deren Spiel um neun Uhr von Manchester übertragen werden sollte.

 

Binny mußte seinem Herrn das Programm vorlesen und kam schließlich auch zu dem Vortrag von Mr. Moran um acht.

 

»Ach, Moran, ist das der Mensch, der gestern hier war?« fragte der alte Herr.

 

»Jawohl.«

 

»Bankwesen!« brummte Lyne. »Nein, das will ich nicht hören.«

 

»Sehr wohl«, entgegnete der Butler.

 

Die weißen, runzeligen Hände des Alten tasteten an dem Tisch entlang, bis sie die goldene Uhr fanden. Dann drückte er auf den Knopf.

 

»Sechs«, sagte er, als die Repetieruhr geschlagen hatte. »Geben Sie mir meinen Salat.«

 

»Ich habe den Chefinspektor heute getroffen, der neulich hier war, diesen Mr. Smith –«

 

»Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen mir meinen Salat bringen.«

 

Hühnersalat mit Mayonnaise war stets die letzte Mahlzeit, die Lyne jeden Tag zu sich nahm. Binny servierte ihm das Essen, aber er konnte ihm nichts recht machen. Wenn er redete, sollte er den Mund halten, und wenn er schwieg, schimpfte der Alte, daß er blöde sei und nichts sage.

 

Der Butler räumte schließlich das Geschirr ab und stellte eine Tasse vor seinen Herrn. Als er sich entfernen wollte, wurde er jedoch zurückgerufen.

 

»Wie stehen die Aktien von Cassari-Petroleum?«

 

Binny hatte die Kurse auf dem Petroleummarkt seit langem nicht mehr verfolgt und konnte deshalb keine Auskunft geben.

 

»Holen Sie eine Zeitung, Sie alter Esel!«

 

Binny brachte ein Abendblatt. Morgens, mittags und abends mußte er seinem Herrn die Kurse der Industrieaktien vorlesen, was er immer sehr langweilig fand. Mr. Lyne hatte sein Geld in goldsicheren Papieren angelegt, die kaum ihren Kurs änderten. Cassari-Petroleum war allerdings eine unangenehme Überraschung gewesen. Die Aktien waren Teile des Vermögens, das er als Treuhänder für Mary Lane verwaltete. Er zögerte lange Zeit, bevor er sie verkaufte und sie gegen sichere Papiere eintauschte. Zwei Jahre lang hatte er sie in Besitz gehabt, und zwei Jahre lang hatte er sich dauernd geängstigt. Die Preise stiegen und fielen wie die Flammen eines Papierfeuers; höchstens eine Woche hielten sie sich.

 

Binny las die Notierung vor, und Mr. Lyne quittierte mit einem Brummen.

 

»Wenn sie in die Höhe gegangen wären, hätte ich die Bank verklagt. Dieser niederträchtige Moran hat mir den Rat gegeben, sie zu verkaufen.«

 

»Sind sie denn in die Höhe gegangen?« fragte Binny interessiert.

 

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, knurrte der Alte unfreundlich.

 

Um sieben Uhr kam Jerry Dornford. Dauernd hatte er sich unterwegs wiederholt, welche Entschuldigungsgründe er vorbringen wollte. Er hatte das Gefühl, daß er als der letzte Schuldner des alten Finanzmannes von diesem behandelt wurde wie die Maus von der Katze. Sicher freute sich der Mann an seiner Verlegenheit und wollte sich erst noch an seinen Qualen weiden, bevor er ihn erledigte. In dieser Annahme hatte Jerry bis zu einem gewissen Grad recht.

 

Hervey empfing ihn mit einem Grinsen, das eigentlich ein Lächeln sein sollte. »Nehmen Sie Platz, Mr. Dornford«, sagte er mit seiner hohen Stimme. »Binny, gehen Sie hinaus.«

 

»Binny ist nicht hier, Mr. Lyne.«

 

»Dann lauscht er draußen – immer horcht er am Schlüsselloch. Sehen Sie doch einmal nach.«

 

Dornford öffnete die Tür, konnte aber nichts von dem Butler sehen.

 

»Sie kommen also wegen des Geldes«, begann der Alte dann. »Dreitausendsiebenhundert Pfund, wenn ich nicht irre, wollten Sie mir doch heute abend zahlen, nicht wahr?«

 

»Ich bin leider nicht in der Lage, Ihnen heute abend die Summe zu geben, und es wird mir auch nicht so bald möglich sein«, erwiderte Jerry. »Ich kann die Schuld auf keinen Fall schnell begleichen, aber ich habe alles vorbereitet, um Ihnen vier- bis fünfhundert Pfund abzahlen zu können.«

 

»Die leihen Sie wohl von Stelbey, was?«

 

Jerry verwünschte sich selbst wegen dieser Dummheit. Er wußte doch, daß die Geldverleiher untereinander eine Liste all der Leute auswechselten, die sie um ein Darlehen angingen.

 

»Nun, ich kann Ihnen schon im voraus sagen, daß Sie das Geld nicht bekommen. Aber Sie müssen sich Geld beschaffen, sonst übergebe ich die Sache morgen meinem Anwalt.«

 

Diese Drohung hatte Jerry erwartet.

 

»Wenn ich Ihnen Ende der Woche zweitausend Pfund bar bezahlen könnte, würden Sie mir dann genügend Zeit geben, die Restsumme zu besorgen?«

 

Jerry war selbst erstaunt, daß seine Stimme heiser klang. Er hatte doch schon viele Krisen durchlebt und sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Aber diesmal war er aufgeregt und nervös.

 

»Wenn Sie zweitausend beibringen, können Sie auch dreitausendsiebenhundert beschaffen. Bis Ende der Woche wollen Sie Zeit haben? Ich gebe Ihnen keinen Tag. Und außerdem, woher wollen Sie denn die zweitausend nehmen?«

 

Jerry räusperte sich.

 

»Ein Freund von mir –«

 

»Das ist doch eine Lüge«, erwiderte Lyne zynisch. »Sie haben keine Freunde. Die Leute, die früher mit Ihnen verkehrten, wollen nichts mehr von Ihnen wissen. Ich werde Ihnen sagen, was ich mit Ihnen mache.« Der Alte lehnte sich über den Tisch und stützte die Fäuste auf die polierte Mahagoniplatte. Er genoß diesen Augenblick des Triumphes. »Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend um sechs. Dann zahlen Sie mir entweder die ganze Summe, oder ich treibe Sie zum Bankrott.«

 

Wenn er nur einigermaßen hätte sehen können, würde ihn der haßerfüllte Blick Jerrys erschreckt haben. Aber er sah nichts und fühlte nur, daß seine Worte Eindruck gemacht hatten.

 

»Verstehen Sie, was ich sage?«

 

»Ja, ich verstehe.«

 

»Morgen bringen Sie mir das Geld, dann bekommen Sie den Schuldschein. Aber pünktlich um sechs, sonst übergebe ich die Sache dem Gericht und meinem Anwalt.«

 

»Aber Mr. Lyne, zweitausend Pfund sind doch auch eine schöne Summe.«

 

»Bis morgen abend die ganze Summe. Ich habe weiter nichts zu sagen.«

 

Jerry stand auf. Er zitterte vor Wut.

 

»Aber ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, Sie verdammter alter Wucherer! Sie Bluthund, Sie wollen mich zum Bankrott treiben?«

 

Hervey Lyne hatte sich erhoben und zeigte mit seiner weißen Hand auf die Tür.

 

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« Auch der Alte konnte vor Aufregung kaum noch sprechen. »Bluthund hat er gesagt einen verdammten alten Wucherer hat er mich genannt – Binny!«

 

Der Butler kam die Treppe von der Küche herauf.

 

»Werfen Sie ihn hinaus, werfen Sie den Kerl die Treppe hinunter!« zeterte der Alte.

 

Binny zuckte mit den Achseln, als er vor dem Mann stand, der einen Kopf größer war als er selbst.

 

»Es ist besser, Sie gehen jetzt«, wandte er sich dann leise an ihn. »Und hören Sie nicht auf das, was ich sage. – Wollen Sie wohl machen, daß Sie sofort aus dem Haus kommen?« brüllte er und machte geräuschvoll die Haustür auf. »So!« Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und sah Mr. Dornford entschuldigend an.

 

Als er wieder nach oben kam, hatte sich der Alte erschöpft in die Kissen zurückgelegt.

 

»Haben Sie ihn auch ordentlich verprügelt?« fragte er schwach.

 

»Und ob ich ihn geschlagen habe! Ich habe mir beinahe das Handgelenk gebrochen.«

 

»Darauf kommt es gar nicht an. Haben Sie ihm das Handgelenk gebrochen?«

 

»Der muß mindestens zwei Ärzte rufen, daß sie ihn wieder kurieren«, erklärte Binny mit Überzeugung.

 

»Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie ihn angerührt haben, Sie armseliger Wurm«, erwiderte Lyne. Sein Mund zuckte verächtlich.

 

»Haben Sie es denn nicht gehört?« fragte Binny vorwurfsvoll.

 

»Ja, Sie haben die Hände zusammengeschlagen, Sie alter Lügner! Wenn ich auch blind bin, kann ich doch noch sehr gut hören. Haben Sie vielleicht vorige Nacht den Einbrecher auch geprügelt – oder wann war es? Nein, Sie haben ihn nicht einmal gehört!«

 

Binny sah ihn hilflos an. Vor zwei Nächten hatte jemand eine Scheibe an der Rückseite des Hauses eingedrückt und ein Fenster geöffnet. Ob der Einbrecher in die Küche gekommen war, konnte man nicht sagen. Lyne, der nur einen leichten Schlaf hatte, hörte die Scherben auf den Boden fallen, ging von seinem Schlafzimmer zur Treppe und rief Binny, der im untersten Stockwerk neben der Küche schlief.

 

»Haben Sie den etwa verprügelt? Haben Sie den überhaupt gehört?«

 

»Ich habe ja gleich geraten, die Polizei zu rufen«, erwiderte Binny. »In solchen Fällen ist es immer das beste, wenn man den gesetzmäßigen Weg geht.«

 

»Machen Sie, daß Sie verschwinden«, brüllte der Alte noch wütender. »Jetzt redet er von Gesetz und Polizei! Glauben Sie denn, ich will eine Menge von tölpelhaften Polizisten hier in meinem Haus haben? Scheren Sie sich fort – ich werde ganz krank, wenn Sie hier im Zimmer sind!«

 

Binny machte schnell, daß er fortkam.

 

*

 

Lyne saß erregt in seinem Stuhl und sprach mit sich selbst. Er faltete die Hände auf dem Tisch, dann trommelte er nervös mit den Fingern auf der Platte. Als es nach einiger Zeit acht schlug, drehte er den Lautsprecher an.

 

»Bevor ich über das Bankwesen in England spreche, möchte ich erst noch ein paar Worte über die historische Entwicklung der Banken in früheren Zeiten sagen …«

 

Hervey Lyne richtete sich auf und lauschte gespannt. Sein Gehör war, wie er gesagt hatte, noch außerordentlich gut.

 

Kapitel 25

 

25

 

»Das sind vorläufig nur Schlußfolgerungen«, meinte Surefoot, »aber ich gehe die höchste Wette ein, daß sie stimmen. Und das will viel heißen, denn ich bin ein äußerst sparsamer Mann und wette im allgemeinen nie. Binny wußte, daß der alte Lyne ihn seit einiger Zeit im Verdacht hatte, und als sich die Verhältnisse mehr und mehr zuspitzten, kam er zu der Überzeugung, daß er schnell handeln mußte. Der alte Mann vermutete, daß seine Bankabrechnung nicht stimmte. Sicher hätte er Binny nicht zu Moran geschickt, wenn er ihn nicht verdächtigt hätte. Er haßte Bankleute und sprach nur mit ihnen, wenn es unumgänglich notwendig war. Als Binny erfuhr, daß Lyne mit Moran sprechen wollte, kam er in große Verlegenheit. Es blieb ihm nur der eine Ausweg, sich einen Verbündeten zu suchen, einen Komplicen, der in der Rolle Leo Morans einen Besuch bei dem alten Lyne machte, und dieser Komplice war –«

 

»Mike Hennessey«, warf Dick ein.

 

Surefoot nickte.

 

»Daran zweifle ich nicht im mindesten. Als wir Hennesseys Kleider durchsuchten, fanden wir ein Stück Papier, auf dem dieselben Zahlen standen, die auf der Bankabrechnung vorkamen. Das konnte nur bedeuten, daß Binny ihm die Zahlen gegeben hatte und daß Mike sie auswendig lernen mußte, falls der Alte ihn danach fragen sollte.«

 

Surefoot hatte irgendwo ein großes Blatt Löschpapier gefunden. Er legte es auf den Tisch und schrieb mit Bleistift die Theorien darauf nieder, die er entwickelte.

 

»Moran hat niemals eine Aufforderung bekommen, den alten Lyne zu besuchen. An dem Vormittag, an dem die Unterredung mit Lyne geplant war, hielt er sich nicht in seinem Büro auf, sondern verhandelte mit den Agenten der Cassari-Petroleum-Gesellschaft. Statt seiner erschien Mike. Hervey Lyne hat also den Bankdirektor nicht gesprochen. Aber Mike mußte etwas gesagt oder getan haben, was den Verdacht des alten Mannes erregte. Was das war, werden wir allerdings nicht mehr erfahren. Lyne nahm dann das erste Stück Papier, das ihm in die Hände fiel, und schrieb eine Mitteilung an Mary Lane darauf. Zufällig erwischte er die Bankabrechnung. Daß Lyne tatsächlich mißtrauisch geworden war, ergibt sich daraus, daß Miss Lane einen Polizeibeamten mitbringen sollte. Binny erfuhr das. Ob der alte Lyne ihm den Betrug auf den Kopf zusagte oder was er sonst tat, werden wir erst hören, wenn Binny im Prozeß die Wahrheit sagt.

 

Den Entschluß, Lyne zu ermorden, muß er gefaßt haben, nachdem er ihn für die Ausfahrt angekleidet hatte. Er trat hinter den Rollstuhl und erschoß ihn mit einem Browning. Ich habe die Kugel in der Tür gefunden. Vielleicht hatte er zuerst gar nicht die Absicht, den Ermordeten noch in den Park zu fahren. Nachdem er aber sah, daß der Alte nur wenig blutete und daß man die Wunde nicht erkennen konnte, riskierte er es. Lynes dunkelblaue Brillengläser verdeckten ja die Augen. Außerdem war er meistens halb im Schlaf, wenn er in den Park gefahren wurde. Binny konnte sein Vorhaben tatsächlich ausführen, ohne daß etwas entdeckt wurde. Er hatte sogar die Kühnheit, den Polizisten zu bitten, den Verkehr anzuhalten, bis er mit dem Rollstuhl auf die andere Seite der Straße gekommen war.«

 

Smith seufzte und schüttelte den Kopf. Im stillen bewunderte er die unglaubliche Kühnheit Binnys.

 

»Hat er irgendwelche Aussichten, aus England fliehen zu können?« fragte Dick.

 

Surefoot strich sich das Kinn.

 

»Theoretisch genommen – nein. Aber man muß bedenken, daß sich dieser Mann sehr gut verkleiden und in anderen Rollen auftreten kann. Im Augenblick ist er in London und wohnt irgendwo unter anderem Namen. Vielleicht hat er zwei oder drei solche Schlupfwinkel in der Stadt. Er ist ein sehr methodischer Mensch und wird alle möglichen Vorbereitungen für seine Flucht getroffen haben. Es stehen ihm genug Geld und Waffen zur Verfügung. Der Galgen wartet auf ihn, aber seine Verhaftung wird uns noch große Schwierigkeiten machen.«

 

»Ich verstehe den Mann nicht«, sagte Dick. »Warum hat er denn nur diese Gesellschaften für die Leute vom Theater gegeben? Warum hat er die Rolle von Washington Wirth gespielt? Das hat ihn doch nur unnötiges Geld gekostet.«

 

»Es mag Ihnen unlogisch erscheinen, aber Binny wollte sich eben auf diese Weise ausleben. Es gefiel ihm, einen klangvollen Namen zu führen. Über diese Theaterliebhaberei kann ich Ihnen noch mehr erzählen. Er hatte vermutlich die Absicht, später erstklassige Stars zu bewirten, die bei solchen Gelegenheiten kostbaren Schmuck trugen. In Chikago hat er einmal die großen Künstlerinnen eingeladen und ihnen dann mit vorgehaltenem Revolver alle Juwelen abgenommen. In London hat er das allerdings nicht wiederholt. Im großen und ganzen ist er furchtbar eitel. Er wollte eben den ganz großen Mann spielen, und das gelang ihm am besten unter kleinen Leuten.«

 

Chefinspektor Smith nahm die Vakuumpumpe wieder auf und betrachtete sie.

 

»Ich möchte nur wissen, wozu er die gebraucht hat. Vorläufig werde ich das Ding einmal mitnehmen.«

 

Er steckte sie in die Tasche, und nachdem er das Haus abgeschlossen hatte, gingen sie fort. Dick begleitete Mary zu ihrem Hotel, und der unermüdliche Smith begab sich in seine Wohnung am Haymarket.

 

Eine Stunde verging, und in Lynes Haus rührte sich nichts. Aber dann öffnete sich in der Küche plötzlich eine Stelle in der Wand, die mit weißen Kacheln bedeckt war, und Binny trat in Gummischuhen heraus. Er hatte eine Pistole in der Hand und sah sich vorsichtig um. Nachdem er eine Weile gelauscht hatte, trat er schnell und geräuschlos in den Gang, durchsuchte das ganze Haus, verriegelte dann die Vordertür und kehrte zur Küche zurück. Er legte die Pistole auf den Tisch und fuhr mit der Hand über sein unrasiertes Kinn.

 

Ein Lächeln glitt über sein häßliches Gesicht.

 

»Eitel soll ich sein!« murmelte er.

 

Das war die einzige Äußerung, die ihn in Wut gebracht hatte.

 

Er stand am Tisch, hielt den Kopf gesenkt und spielte mechanisch mit der schweren Waffe.

 

»Eitel!« Das Wort hatte ihn schwer verletzt. Er haßte diesen Surefoot Smith. In diesem so unscheinbaren Mann hatte er von Anfang an instinktiv seinen gefährlichsten Feind erkannt, der sein Leben bedrohte.

 

Was man auch über Binny sagen mochte, seine Vorliebe für Theater und Bühne war echt. Immer hatte er danach gestrebt, mit Künstlern und Künstlerinnen zu verkehren. Die ersten Veruntreuungen hatte er begangen, um ein Stück zu finanzieren, das nachher nur eine Woche gespielt wurde. Er war selbst kein schlechter Schauspieler.

 

Nun mußte er all seinen Witz und Verstand zusammennehmen, um dem Netz zu entkommen, das sich immer enger um ihn zog. Er trat durch die enge Tür wieder in den kleinen Raum zurück, der schmaler war als eine Zelle.

 

Auf dem Boden lag eine Matratze, auf der er geschlafen hatte, am Fußende stand ein kleiner Frisiertisch, unter dem zwei Koffer standen. Er zog einen hervor und schloß ihn auf. Ganz oben lag ein Briefumschlag mit Eisenbahnfahrkarten und drei Pässen. Er nahm sie mit sich in die Küche, stellte einen Stuhl an den Tisch und studierte sie sorgfältig. Er hatte seine Vorbereitungen gut getroffen. Die Pässe waren auf Namen ausgestellt, die noch in keinen Polizeiakten standen, und die Fotos zeigten ihn in den verschiedensten Aufmachungen. Es fiel ihm leicht, in kürzester Zeit die betreffenden Verkleidungen vorzunehmen und auf der Reise seine Persönlichkeit mehrmals zu ändern.

 

Aus der Hüfttasche zog er einen dicken Stoß Banknoten, französisches, englisches und deutsches Geld. Ein anderes Paket nahm er aus einer Geheimtasche seines Rocks. Dann holte er noch ein drittes und viertes hervor und legte alles zusammen auf den Tisch. Eine Viertelstunde saß er ruhig davor und weidete sich an dem Anblick. Dann ging er in die kleine Kammer zurück, holte einen Spiegel und ein Rasiermesser und traf seine Vorbereitungen. Zwei Stunden lang bearbeitete er sein Gesicht und färbte es mit einer braunen Schminke. Dann zog er sich um und steckte das Papiergeld in einen besonders dafür angefertigten Gürtel, den er auf der bloßen Haut trug. Die Reisekoffer ließ er zurück. Er konnte es sich jetzt nicht mehr leisten, großes Gepäck mitzunehmen; er mußte sich mit zwei Pistolen und Munition begnügen.

 

Mit größter Geschicklichkeit verteilte er sie so in den Taschen, daß äußerlich nichts zu sehen war, wenn er sich bewegte. Er wartete bis gegen Mittag, und nachdem er lange Zeit durch ein Seitenfenster Ausschau auf die Straße gehalten hatte, entschloß er sich, das Haus zu verlassen.

 

Die Dienstboten der benachbarten Häuser mochten ihn sehen, aber wahrscheinlich waren sie gerade beim Essen oder mußten ihre Herrschaften bedienen. Um diese Zeit kamen auch keine Händler, um Waren abzuliefern. Es war höchstens zu befürchten, daß Surefoot einigen Beamten den Auftrag gegeben hatte, das Haus zu bewachen. Aber ohne Risiko ging es nun einmal nicht ab.

 

Vorsichtig riegelte er die Haustür auf, öffnete sie leise und trat auf die Straße.

 

Als er auf der anderen Seite angelangt war, bemerkte er eine Frau in schlechten Kleidern, die mit unsicheren Schritten vor ihm herging. Es war die Person, die er als seine Frau ausgegeben hatte. Sie war so betrunken, daß sie ihn nicht erkannte. Vor ein paar Tagen hatte er sie mit dem Auftrag fortgeschickt, nach Wiltshire zu fahren, woher sie stammte. Er hatte ihr genügend Geld gegeben, daß sie sich ein Jahr lang unterhalten konnte.

 

Ruhig, aber vorsichtig ging er die Straße entlang. Nur gelegentlich sah er sich einmal um, ob er beobachtet oder verfolgt würde. Einen Autobus durfte er nicht benutzen, auch ein Taxi war zu gefährlich. Und wenn er in seiner jetzigen Verkleidung selbst ein Auto lenkte, zog er nur allzu leicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich.

 

Er erreichte die Finchley Road und kam zu einem Häuserblock, in dessen Untergeschoß sich nur Läden befanden. Die oberen Stockwerke enthielten Büros.

 

Binny betrat das Eckhaus und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Direkt dem Lift gegenüber lag ein Zimmer, an dessen Tür ein Messingschild mit der Aufschrift »Neues Theatersyndikat« prangte. Er schloß auf und trat ein.

 

Der selten benutzte Raum war von mittlerer Größe und einfach, aber gut möbliert. Binny verriegelte die Tür von innen, zog Mantel und Rock aus, setzte sich und dachte nach.

 

Von hier aus konnte er leicht fortkommen. Etwas Gepäck befand sich im Aufbewahrungsraum des Liverpool-Bahnhofs. Alles war gut vorbereitet, und doch –

 

Binny hätte ein Buch über die Psychologie des Verbrechers schreiben können. Er war kaltblütig, und die Vernunft behielt bei ihm immer die Oberhand. Viele Menschen hatte er schon ermordet, und niemals hatte er sich zu unbedachten Schritten hinreißen lassen.

 

Es war allerdings ein großer Fehler gewesen, daß er umkehrte, um den Schlüssel in Miss Lanes Zimmer zu suchen. Sonst wäre Leo Moran längst tot, und die gefälschte Selbstbezichtigung wäre von der Polizei geglaubt worden.

 

Binny hatte alles so sorgfältig geplant: Den Schlüssel hatte er auf der Innenseite vor der verschlossenen Tür auf den Boden legen wollen und ihn eigens zu diesem Zweck in die Tasche gesteckt. Aber nachher hatte er es doch vergessen. Und dieses kleine Versehen hatte den ganzen Plan zum Scheitern gebracht.

 

Die Vernunft, die bis dahin alle seine Handlungen diktiert hatte, sagte ihm, daß er jetzt möglichst ruhig aus London verschwinden müsse, und zwar so bald als möglich. Aber plötzlich machte sich der theatralische Zug in seinem Wesen geltend, den man häufig bei Verbrechern findet, und es kam ihm der Gedanke, noch einen großen Streich auszuführen, bevor er den Schauplatz seiner Tätigkeit verließ. Die ganze Welt würde dann über ihn sprechen! Er sah bereits die sensationellen Überschriften der Zeitungen vor sich: »Der berühmte Surefoot Smith ermordet! Täter entkommen!« »Der große Detektiv Smith ermordet, der hervorragende Polizeibeamte, der so viele Mörder gefangen hat!«

 

Binny dachte nicht mehr daran, sich in Sicherheit zu bringen. Seine Gedanken waren nur noch darauf gerichtet, eine ungeheure Sensation hervorzurufen. Es kam ihm nicht zum Bewußtsein, wie sehr sich gerade in diesem Verhalten seine Eitelkeit zeigte.

 

Kapitel 26

 

26

 

Dick Allenby und Mary speisten zusammen im Carlton-Hotel und unterhielten sich, aber Mary war zerstreut.

 

»Du hörst überhaupt nicht zu«, sagte Dick vorwurfsvoll.

 

Sie schrak zusammen.

 

»Ach, ich war unaufmerksam«, erwiderte sie betroffen. »Ich glaube, du hast mir einen Heiratsantrag gemacht, und ich bin mit meinen Gedanken immer noch bei der schrecklichen Küche.«

 

Er lachte.

 

»Wenn du mir tatsächlich zuhören wolltest, wäre ich sehr glücklich. Warum denkst du eigentlich noch daran? Was quält dich?«

 

»Es fehlte dort etwas. Und nun erinnere ich mich, daß Mr. Lyne erzählte, er habe die Küche umbauen lassen. Ich besinne mich, daß er Binny lobte und sagte, er habe die Bauhandwerker beaufsichtigt und dadurch viel Geld erspart.« Sie strich mit der Hand über die Stirn. »Es stand doch früher ein großer Küchentisch an der Wand – den habe ich heute nicht mehr gesehen. In der Ecke war auch noch ein Ausguß … und es kommt mir alles so klein vor …«

 

Plötzlich hielt sie inne und sah ihn mit großen Augen an.

 

»Jetzt weiß ich, was es ist. Die Tür zur Speisekammer habe ich nicht mehr gesehen! Ich weiß ganz genau, daß sie in der Ecke war. Was ist nur daraus geworden?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dafür habe ich mich wirklich nicht interessiert.«

 

»Mr. Smith sagte doch, Binny müßte ein Versteck haben! Das ist natürlich die Speisekammer! Sie lag rechter Hand vom Kücheneingang.«

 

Dick Allenby lachte.

 

»Rechter Hand vom Eingang ist eine massive Mauer!«

 

»Aber ich bin sicher, daß sich dahinter ein Raum befindet.«

 

In diesem Augenblick betrat Surefoot den Speisesaal, sah sie und nickte ihnen zu. Aber offenbar war er nicht ihretwegen gekommen, denn er ging weiter, und sein Blick wanderte suchend über andere Tische. Als er wieder in ihrer Nähe war, winkte Mary ihm, und er kam zögernd zu ihnen.

 

»Haben Sie nicht den Polizeipräsidenten gesehen? Er hat mich für drei Viertel zwei eingeladen, und jetzt ist es gleich zwei. Übrigens haben wir Binnys angebliche Frau verhaftet, aber es war nichts aus ihr herauszubringen.«

 

»Ich weiß jetzt aber, wo Binnys Versteck ist!« rief Mary.

 

Smith war sofort aufs höchste interessiert.

 

»Glauben Sie, er hält sich in Naylors Crescent verborgen?«

 

Atemlos erzählte sie ihm, was ihr eingefallen war, und er schlug sich aufs Knie.

 

»Selbstverständlich haben Sie recht! Dadurch erklärt sich auch die Existenz der Vakuumpumpe. Die ganze Wand ist doch mit weißen Kacheln verkleidet. Da konnte er natürlich keine Klinke anbringen, wenn der Unterschlupf wirklich ein Versteck bleiben sollte. Mit der Vakuumpumpe hat er die Tür geöffnet! Ich habe das Ding in meinem Büro und werde es sofort holen. Auf den Polizeipräsidenten kommt es jetzt nicht an, der kann warten.« Er verließ den Speisesaal, und eine halbe Stunde später war Hervey Lynes Haus von Detektiven umstellt.

 

Surefoot ging mit der Pistole in der Hand in die Küche und betrachtete die Wand. Eine Tür war nicht zu entdecken. Er befestigte die Vakuumpumpe an verschiedenen Stellen, und bei dem fünften Versuch wurden seine Anstrengungen belohnt. Er könnte einen Stein herausziehen, der auf Stahlschienen lief, und es zeigte sich eine längliche Öffnung.

 

Er steckte die Hand hinein, fühlte einen Griff und drückte ihn nieder. Nun ging die Tür auf, und er stand in Binnys geheimem Versteck. Er sah die unordentlich durcheinanderliegenden Kleider auf dem Boden, den Spiegel, das Rasiermesser, das nicht gereinigt worden war, und die kleine Schale mit der gelbbraunen Schminke, mit der Binny sein Gesicht behandelt hatte.

 

»Wir werden noch viel Aufregung und Ärger haben«, meinte er dann.

 

Eilig durchsuchte er die Kleider und den ganzen Raum, fand aber nichts, was auf Binnys Pläne schließen ließ.

 

Eins stand fest: Der Mann war in diesem Versteck gewesen, als sie sich am Morgen in der Küche aufhielten, und hatte alles gehört, was sie dort sprachen. Surefoot Smith machte selbst die Probe darauf, daß man in der kleinen Kammer eine Unterhaltung verstehen konnte, die in der Küche geführt wurde.

 

Die Schminke in der Schale verriet, daß er sich nach einem gelbbraunen Mann umsehen mußte. Dieser Anhaltspunkt konnte bei den Nachforschungen sehr gute Dienste leisten.

 

Surefoot entdeckte noch eine Menge Patronen und einen weißen Glacehandschuh, der beschmutzt war, aber offensichtlich zu dem im Garagenzimmer gefundenen gehörte.

 

»Man kann nicht wissen, wozu das gut ist«, sagte er und reichte den Handschuh einem Untergebenen. »Geschworene sind manchmal schwer zu überzeugen, und ein kleines Beweisstück wie dieses hat zuweilen die größte Wirkung. Heben Sie ihn auf, damit wir ihn beim Prozeß verwenden können.«

 

Der Chefinspektor schickte seine Leute die Straße auf und ab. Überall erkundigten sie sich, aber niemand hätte Binny gesehen. Smith eilte zum Carlton-Hotel zurück, wo er Mary Lane mit ihrem Verlobten noch antraf, und berichtete über die Entdeckung, die er gemacht hatte.

 

»Wenn ich nur schon früher daran gedacht hätte!« sagte Mary bedauernd.

 

»Dann wäre jetzt wahrscheinlich einer von uns nicht mehr am Leben. Vielleicht hätten wir auch alle drei daran glauben müssen. Dieser Binny hat ein ganzes Waffenlager mit sich herumgeschleppt. Nein, es war so viel besser.«

 

»Glauben Sie, daß er sich in seinem Versteck aufgehalten hat, als wir uns miteinander unterhielten?«

 

Smith nickte.

 

»Darüber besteht wohl kaum ein Zweifel.«

 

»Dann wird es diesem Erzgauner also aller Wahrscheinlichkeit nach doch noch gelingen, sich in Sicherheit zu bringen?« fragte sie.

 

Surefoot runzelte die Stirn.

 

»Es ist möglich, daß er einen Versuch macht, England zu verlassen. Aber die Häfen sind bewacht, und jeder einzelne Passagier wird beobachtet. Er könnte nur entkommen, wenn irgendwo an der Küste ein seetüchtiges Motorboot für ihn bereitläge. Aber ich glaube, daran hat er nicht gedacht.« –

 

In Scotland Yard hielt man eine eingehende Konferenz ab, und nach allen Teilen des Landes wurden dringende Telegramme ausgesandt, die vor dem bewaffneten Mörder warnten.

 

Um halb zehn abends sah Surefoot die eingegangenen Berichte durch. Alle Züge waren sorgfältig überwacht und durchsucht worden, aber man hatte nichts von Binny gesehen. Nun, Binny war ein tüchtiger Chauffeur, und er würde London vermutlich nicht im Zug verlassen.

 

Kapitel 27

 

27

 

Chefinspektor Smith verließ Scotland Yard ein paar Minuten nach elf. Er ging in der Richtung nach Blackfriars, und wenn er hier entlangwanderte, dachte er gewöhnlich nach. Einer seiner Beamten hatte die Straße von Scotland Yard nach Savoy Hill deshalb »den Garten des Denkens« genannt. Sooft sich Surefoot über ein Problem nicht klarwerden konnte, ging er hier auf und ab, gleichgültig ob es Sommer oder Winter war, ob es regnete oder ob die Sonne schien. Um diese Stunde waren nur wenig Leute auf der Straße zu sehen; ab und zu fuhr ein Auto vorüber, und gelegentlich tauchte auch ein Bettler auf, der nach Zigarren- und Zigarettenstummeln suchte.

 

In der Nähe eines Hotelgartens, der nach dem Themseufer hinausführte, stand ein blauer Luxuswagen, und Smith sah hinein, als er vorüberkam. Er tat es mehr aus Gewohnheit als aus Neugierde. Mit einem flüchtigen Blick streifte er die Dame, die in dem Auto saß, und setzte dann seinen Spaziergang fort.

 

Im Weitergehen dachte er unentwegt darüber nach, wie er Binny verhaften könnte. Das größte Problem war gelöst: Er wußte, wer der Mörder war. Jetzt handelte es sich noch um die schwierige Aufgabe, ihn zu fassen.

 

Er kehrte um und ging nach Scotland Yard zurück. Um diese Zeit mußten die Berichte von der Südküste einlaufen.

 

Das große Luxusauto hielt immer noch neben dem Gehsteig, aber die Dame stand jetzt draußen an der offenen Tür. Sie war etwa Mitte Fünfzig und etwas korpulent.

 

Zu seinem größten Erstaunen sprach sie ihn mit einer merkwürdig hohen Stimme an.

 

»Könnten Sie nicht einen Polizisten für mich holen?«

 

Das war ein Ansinnen für einen so wohlbekannten Mann von Scotland Yard!

 

»Wo fehlt es denn?« fragte er.

 

Sie trat etwas von der Tür zurück.

 

»Mein Chauffeur ist betrunken zurückgekommen, und ich kann ihn nicht aus dem Wagen bringen.«

 

Ein betrunkener Chauffeur ist für alle Polizeibeamten ein Greuel. Surefoot öffnete die Tür und schaute hinein. Aber er sah nichts, ebensowenig hörte oder fühlte er etwas. Sein Bewußtsein schwand plötzlich.

 

Kapitel 28

 

28

 

Surefoots Kopf schmerzte entsetzlich. Er versuchte, die Hände zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Der Wagen raste in wildem Tempo durch eine Gegend, die nicht von Laternen erleuchtet war. Aus dem Geräusch der Räder schloß Smith, daß die Fahrt über eine neuangelegte Straße ging. Es war merkwürdig, daß ihm diese Tatsache wichtig erschien. Er konnte sich auf nichts besinnen und wußte nur, daß er zusammengekrümmt auf dem Boden eines Autos lag. Nach einer kleinen Weile verlor er wieder die Besinnung.

 

Erst als der Wagen über unebenes Gelände ratterte, kam Smith erneut zu sich. Er schaute auf, versuchte sich zu erheben und merkte nun, daß er Handschellen an den Gelenken hatte. Es waren seine eigenen. Er trug immer ein Paar solcher Eisen in der Tasche.

 

Jemand hatte ihm die Hände gefesselt. Jemand hatte ihm auch die Beine zusammengebunden. Er fühlte das, konnte aber mit den Händen nicht so weit hinunterreichen, um den Knoten zu lösen. Plötzlich erinnerte er sich an die Dame, an das Auto und an den. Chauffeur, nach dem er im Wagen gesucht hatte.

 

Das Auto rüttelte jetzt so heftig, daß Smith große Schmerzen empfand. Wahrscheinlich fuhren sie über einen gepflügten Acker oder einen Feldweg. Kurz darauf hielt der Wagen an, und die Tür wurde aufgerissen. Der Chefinspektor sah die »Frau« und wußte nun, mit wem er es zu tun hatte.

 

Ein kleines Landhaus lag wenige Schritte entfernt, ein häßlicher Bau aus roten Ziegeln.

 

Binny packte seinen Gefangenen am Kragen, zerrte ihn auf die Straße und schleppte ihn zu dem Haus. Die Tür flog auf, und Smith wurde in das dunkle Innere gedrängt. Es roch nach frischem Mörtel, nach Putz und neuem Holz. Binny verschloß die Tür von innen und schob den Detektiv dann in einen vollständig dunklen Raum. Dort stürzte Smith zu Boden. Es war erstaunlich, daß er sich mit gebundenen Beinen so weit hatte fortbewegen können.

 

Binny steckte ein Streichholz an, und gleich darauf erhellte das Licht einer Petroleumlampe das Zimmer. Es standen zwei Sofas, ein Stuhl und ein Küchentisch in dem Raum. Weder Vorhänge noch Gardinen waren angebracht, und die Fensterläden waren geschlossen. Der ganze Raum machte einen kahlen Eindruck.

 

Binny setzte sich auf den Stuhl, stemmte die Hände auf die Knie und betrachtete Smith.

 

Es war schwer, in dieser alten Frau mit dem gelben Gesicht und der grauen Perücke Binny zu erkennen. Er trug einen langen Damenpelzmantel, und die Perücke saß etwas schief. Das gab ihm ein teils komisches, teils grauenerregendes Aussehen. Da er sich um keinen Preis lächerlich machen wollte, nahm er sie ab. Aber mit dem kahlen Kopf und dem gelblichbraunen Gesicht wirkte er noch grotesker.

 

»Na, jetzt hab‘ ich Sie gefangen«, sagte er heiser und grinste häßlich. Dann sprach er plötzlich mit der affektiert hohen Stimme, die er als Mr. Washington Wirth stets annahm.

 

»Dieses kleine Landhaus habe ich mir vor ein paar Jahren gebaut. Ich dachte, ich könnte es einmal brauchen. Aber ich war lange Zeit nicht hier, und nun verlasse ich England. Wollen Sie es nicht kaufen, Mr. Smith? Es ist ein ausgezeichneter Platz, um sich von Berufssorgen zurückzuziehen. Hier hat man Ruhe, und ich sag‘ Ihnen, Sie werden bald sehr ruhig sein!«

 

Binny zog eine Pistole aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, bückte sich, hob Surefoot auf und lehnte ihn in eine Ecke des Zimmers. Dann knöpfte er das Seidentuch auf, das um die Fußgelenke des Gefangenen geschlungen war, zog ihm die Schuhe aus und warf sie in eine andere Ecke. Nach einer kleinen Pause lockerte er den Kragen des Chefinspektors.

 

»Es ist Ihnen nichts passiert. Sie sind nicht im geringsten verletzt, Mr. Smith. Ein Gummiknüppel, mit dem man jemand über den Schädel schlägt, tötet nicht. Natürlich ist es unangenehm für Sie, das gebe ich zu.«

 

Surefoots Mund war trocken, und sein Kopf dröhnte. Aber er fürchtete sich nicht im mindesten, obwohl er seine verzweifelte Lage klar genug erkannte.

 

»Sie wußten nicht, daß dieser kleine Landsitz mir gehört?«

 

»O doch, das wußte ich sehr gut. Der Platz liegt etwa hundert Meter von der großen Chaussee nach Taplow entfernt. Sie haben das Grundstück vor vier Jahren gekauft und hundertfünfzig Pfund dafür gezahlt.«

 

Einen Augenblick war Binny sprachlos.

 

»Ich habe das Haus in der vorigen Woche von meinen Beamten durchsuchen lassen, und es wird jetzt von der Buckinghamshire-Polizei bewacht. Ein ähnliches Haus haben Sie in Wiltshire.«

 

Binny starrte ihn verblüfft an. Surefoot sah es und suchte seinen Vorteil rücksichtslos auszunutzen.

 

»Welchen Zweck hat es denn, solche Dummheiten zu machen, Binny? Vorläufig können wir nicht beweisen, daß Sie einen Mord begangen haben. Wir wissen nur, daß Sie Hervey Lynes Schecks gefälscht haben. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, sind sieben Jahre. Vielleicht bekommen Sie noch eins extra, weil Sie mich hierhergeschleppt haben. Aber was bedeutet ein Jahr! Holen Sie mir jetzt etwas Wasser. Hinter diesem Zimmer liegt die Küche. Lassen Sie es erst eine Zeitlang laufen, neulich war es rostig und trübe. Auf der Anrichte steht ein Zinnbecher, waschen Sie ihn erst gründlich aus!«

 

Der Instinkt, zu gehorchen, ist bei den meisten Menschen größer als der Instinkt, zu befehlen. Binny ging hinaus, kehrte mit dem Zinnbecher zurück und hielt ihn an die Lippen seines Gefangenen.

 

»So, nun nehmen Sie mir die Handfesseln ab. Dann wollen wir uns ein wenig unterhalten. Warum haben Sie nicht Mike Hennessey hierhergebracht, statt ihn –« Surefoot hielt ein, denn er erkannte sofort, welch einen großen Fehler er gemacht hatte.

 

Binny trat wütend zurück.

 

»Haben Sie nicht eben gesagt, daß Sie mich nicht wegen Mordes verfolgen wollen? Sie sind ein ganz gemeiner, doppelzüngiger Kerl! Aber ich werde Ihnen schon zeigen, was ich mit Ihnen vorhabe!«

 

Er langte nach der Pistole auf dem Tisch, nahm sie auf und prüfte sie sorgfältig.

 

»Ich hatte Ihnen schon immer sagen wollen, wo Ihre Macht zu Ende ist«, begann er.

 

»Nun, Ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen«, erwiderte Surefoot kühl. »Es wäre besser, wenn Sie sich beeilten.«

 

»Sie können sicher sein, daß ich mich beeile.«

 

Binny grinste verächtlich, schob die Pistole in die Tasche, nahm das Seidentuch auf und band dem Gefangenen die Füße wieder zusammen. Dann legte er den Pelzmantel und die Frauenkleider ab. Aus einem Theaterkoffer, der in einer Ecke stand, nahm er einen alten Anzug und zog ihn an.

 

»Der Boden hier ist gerade nicht sehr weich«, erklärte Binny mit vielsagender Betonung. »Man kommt erst nach eineinhalb Metern auf eine Tonschicht.«

 

Wenn er glaubte, Smith durch diese Worte zu erschrecken, erlebte er eine Enttäuschung.

 

»Warum lassen Sie mich das nicht erledigen? Sie sind etwas zu korpulent und außerdem aus der Übung. Aber mich würde es freuen, mein eigenes Grab zu graben.«

 

Binny schien eine Sekunde lang den Vorschlag zu überlegen.

 

»Nein, ich werde es allein tun«, sagte er dann.

 

»Aber warum machen Sie sich denn solche Mühe?« entgegnete Surefoot leichthin. »Sobald man mich vermißt, wird man nach mir suchen, und zwar sowohl hier als auch in dem anderen Haus. Soviel ich sehe, wollen Sie keine Spuren hinterlassen. Es steht noch nicht fest, daß wir Ihnen einen Mord nachweisen können, aber wenn Sie einen Polizeibeamten umbringen, kommen Sie bestimmt an den Galgen.«

 

Smith wollte nur Zeit gewinnen.

 

»Wegen der Geschichte mit Hennessey kommen Sie vielleicht durch«, fuhr er fort. »Auch die Sache mit dem alten Lyne und Tickler kann man schließlich nicht beweisen. Aber wenn Sie mich über den Haufen schießen, ist es aus. Die Leute kommen hierher und durchsuchen das Grundstück. Die finden mich, verlassen Sie sich darauf!«

 

Binny blieb an der Tür stehen.

 

»Ich habe einmal einen Polizisten gekannt, der konnte genausogut schwätzen wie Sie. Aber das hat ihm nichts geholfen, er schmort doch in der Hölle.«

 

Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich.

 

Smith zog die Beine hoch, so daß er das verknotete Seidentuch mit den Händen erreichen konnte. Schließlich brachte er es fertig, den Knoten zu öffnen. Aber im gleichen Augenblick hörte er, daß Binny zurückkam.

 

Der Mann fand die ungewohnte Tätigkeit doch schwerer, als er erwartet hatte. Seine Stirn war in Schweiß gebadet. Er suchte in dem Koffer, fand eine Flasche Whisky, entkorkte sie und nahm einen langen Zug.

 

»Müssen Sie sich Mut antrinken, oder brauchen Sie neue Kräfte?« fragte Surefoot.

 

»Das werden Sie schon noch sehen«, brummte Binny.

 

Smith blickte sehnsüchtig auf die zwei Pistolen, die aus Binnys Taschen herausschauten. Der Verbrecher war schon wieder halb zur Tür gegangen, kehrte aber noch einmal um und prüfte den Knoten des Seidentuches.

 

»Aha, den haben Sie schon aufgemacht! Nun, das Handwerk will ich Ihnen legen!«

 

Er durchsuchte den Koffer aufs neue, schlang dann einen Strick zwischen den Handschellen durch, zog die Arme des Gefangenen hoch und befestigte den Strick um seinen Nacken.

 

»Sie sehen merkwürdig aus – fast, als ob Sie beteten. Aber ich werde Sie jetzt nicht mehr lange warten lassen.«

 

Mit diesen Worten verließ er den Raum.

 

Surefoot war völlig hilflos, obwohl er die Autohupen von der nahen Chaussee hören konnte.

 

Er beobachtete die rauchende Petroleumlampe. Der Docht war zu hoch geschraubt, und der Zylinder hatte sich auf der einen Seite schon schwarz gefärbt.

 

Binny war vor allem darauf bedacht, zu entkommen. Er würde sich hüten, irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Selbst den Mord würde er nicht im Hause begehen.

 

Eine volle Stunde verging. Dann hörte Smith schwere Schritte und wußte, daß das Ende nahe war.

 

Kapitel 29

 

29

 

Man hatte die Abwesenheit Surefoots in Scotland Yard wohl bemerkt. Es war aufgefallen, daß er nicht verabredungsgemäß in seinem Büro erschienen war, um die Meldungen entgegenzunehmen. Da es sich allerdings nur um negative Berichte handelte, hätte man sich mit seinem Ausbleiben schließlich abgefunden. Aber zufällig meldete ein junger Polizist, daß er ein blaues Luxusauto gesehen habe, das von einer Dame gesteuert wurde. Als er ihr an der Ecke der Westminsterbrücke und des Themseufers das Haltesignal gab, achtete sie nicht darauf, obwohl sie auf der falschen Seite der Straße fuhr. Er hatte die Nummer notiert.

 

Gewöhnlich werden solche kleinen Vergehen erst am nächsten Morgen erledigt, aber während der Meldung erschien ein Mitglied des Parlaments und zeigte an, daß ihm sein blauer Wagen gestohlen worden sei.

 

»Es war ein Mann, der sich als Frau verkleidet hatte«, schloß er seinen Bericht.

 

»Wie kommen Sie darauf?« fragte der Polizeiinspektor.

 

»Als er in den Wagen stieg, stieß er mit dem Kopf an den oberen Teil der Tür. Dadurch wurden sein Hut und seine Perücke zurückgeschoben, und ich sah, daß es ein Mann mit kahlem Kopf und gelbbraunem Gesicht war. Zuerst dachte ich, er würde an Gelbsucht leiden.«

 

Der Inspektor richtete sich plötzlich wie elektrisiert auf. Die Polizei von ganz England suchte nach einem Mann mit kahlem Kopf und gelbbraunem Gesicht. Kurz darauf waren Telegraf und Telefon tätig.

 

Einige Zeit später kam wieder eine Meldung von einem Verkehrsschutzmann. In der Nähe von Heston, wo eine Straßenbahn die Hauptstraße kreuzt, hatte der blaue Wagen einen Aufenthalt gehabt. Nur mit Mühe und Not entging er einem Zusammenstoß und mußte so scharf bremsen, daß der Wagen schleuderte. Der Polizist ging auf das Auto zu, um sich den Führerschein zeigen zu lassen. Dabei sah er eine Frau am Steuer. Aber noch bevor er eine Frage stellen konnte, fuhr der Wagen wieder davon.

 

Erst anderthalb Stunden, nachdem die Beschreibung des blauen Autos an alle Stationen durchgegeben war, kam dieser Bericht. Inzwischen hatte man auch Chefinspektor Smith gesucht, da verschiedene Nachrichten auf ihn warteten. Man hatte ihn aber nirgends im Amt finden können.

 

Seine Gewohnheit, ab und zu am Themseufer einen kleinen Spaziergang zu machen, war allgemein bekannt, und der Polizeiposten dort hatte auch gesehen, daß Smith zum Savoy Hill gegangen war. Einer seiner Kollegen hatte beobachtet, daß der Chefinspektor dort umkehrte. Jemand erinnerte sich daran, daß er ein blaues Luxusauto an der Straße hatte stehen sehen.

 

Als die Ermittlungen so weit gediehen waren, hatte der Präsident selbst die Sache in die Hand genommen. Alle Detektive waren im Amt zur Beratung versammelt.

 

»Möglich, daß Binny an die Küste geflohen ist«, sagte er. »Vielleicht hat er aber auch eins seiner beiden Landhäuser aufgesucht. Die Polizei von Buckinghamshire und von Salisbury muß sofort telefonisch verständigt werden. Außerdem soll sofort das Überfallkommando an beide Orte fahren.«

 

Der Präsident sah auf die Uhr. Sie zeigte soeben halb zwei.

 

*

 

Surefoot Smith hatte kaum eine halbe Minute Zeit, um sich für einen der vielen Pläne zu entscheiden, die er sich überlegt hatte. Die meisten hatte er bereits als unausführbar verworfen.

 

Langsam öffnete sich die Tür, und Binny kam herein.

 

»So, jetzt werden Sie einen kleinen Spaziergang mit mir machen, mein Freund«, sagte er liebenswürdig, nahm die Flasche vom Tisch und trank gierig.

 

Dann bückte er sich, löste den Strick und die Fessel an Surefoots Füßen, riß ihn mit einem kräftigen Ruck vom Boden hoch und stellte ihn auf die Beine.

 

Smith schwankte etwas. Sein Kopf schmerzte furchtbar, aber die Gefahr des Augenblicks ließ alles vergessen. Er dachte jetzt vollkommen klar. Binny stand neben der Tür und hatte die Pistole in der Hand. Auf die Mündung hatte er einen eiförmigen Stahlkörper geschraubt. Surefoot hatte einen solchen Schalldämpfer noch nie gesehen.

 

Er ging zum Tisch und legte die Hände auf die Platte.

 

»Na, beten Sie erst noch ein wenig?« höhnte Binny.

 

»Es soll doch niemand erfahren, daß ich hier war? Sie wollen doch keine Spuren hinterlassen?«

 

»Richtig geraten!« entgegnete Binny belustigt.

 

»Wenn nun ein paar hundert Leute hierhereilten und alle möglichen Fragen an Sie stellten, würde Ihr Plan dann über den Haufen geworfen werden?«

 

»Was soll das heißen?« fragte er scharf.

 

Er machte einen Schritt auf seinen Gefangenen zu. Im gleichen Augenblick hob Surefoot die Lampe hoch und warf sie in den offenen Koffer, unter Kostüme, Perücken und Bärte. Glas splitterte, das Licht flackerte, und gleich darauf schoß mit dumpfem Knall eine Flamme zur Decke empor.

 

Binny stand still, von Schrecken gelähmt. Erst als sich Surefoot mit aller Gewalt auf ihn warf, um ihm mit den Handschellen ins Gesicht zu schlagen, erwachte er aus seiner Erstarrung und duckte sich. Der Schlag ging vorbei. Im nächsten Moment fühlte Smith ein heißes Brennen im Gesicht und hörte, daß eine Kugel in die Wand schlug. Wieder holte er aus und zielte nach Binnys Schädel. Obwohl sich der Mann zur Seite bog, konnte er dem Hieb doch nicht ganz ausweichen. Dabei fiel ihm die Pistole aus der Hand.

 

Das Zimmer stand nun in Flammen; die Treppe brannte, und die Hitze wurde unerträglich.

 

Smith schlug wieder auf Binny ein. Mit einem schnellen Fußtritt hatte er die Pistole zu dem brennenden Koffer gestoßen.

 

Die Tür stand auf, und Binny lief aus dem Raum hinaus. Er versuchte, die Tür zu schließen, aber Smith hatte sich schon dazwischengeschoben. Er taumelte in den Gang und warf sich wieder mit voller Wucht auf den Mörder.

 

Die einzige Hoffnung des Chefinspektors bestand darin, Binny auf den Fersen zu bleiben. Der Verbrecher hatte noch eine Pistole in der Tasche, und wenn er diese herausziehen konnte, war es vorbei. Es gelang Smith, ihn gegen die Wand zu drücken. In dieser Stellung war es Binny unmöglich, die Waffe zu erreichen. Mit allen Mitteln versuchte er, von seinem Gegner loszukommen, und nach einer fast übermenschlichen Anstrengung konnte er sich schließlich freimachen. Surefoot war dicht hinter ihm. Im nächsten Moment zog Binny die Pistole, aber Smith brachte ihn zu Fall. Eine Sekunde später erhob sich Binny jedoch wieder und lief weiter.

 

Die Flammen schlugen schon aus dem Dach und aus den Fenstern und erleuchteten die ganze Umgebung. Smith verfolgte den Verbrecher trotz seiner Fesseln. Plötzlich wandte sich Binny um, und diesmal konnte er sorgfältig zielen. Der Chefinspektor wußte, daß es jetzt keine Hoffnung mehr für ihn gab. Binny war ein guter Pistolenschütze, und er war kaum ein Dutzend Schritte von ihm entfernt. Verzweifelt sprang Surefoot vorwärts, trat aber ins Leere und fiel …

 

Er hörte den Schuß und wunderte sich, daß er noch lebte. Schließlich erkannte er, was geschehen war. Er war in das Grab gestürzt, das Binny für ihn geschaufelt hatte!

 

Plötzlich krachten mehrere Schüsse hintereinander, und jemand brüllte ein lautes »Halt!«

 

Bald darauf beugte sich sein Sergeant über den Rand der Grube.

 

»Wir haben ihn«, erwiderte der Detektiv auf Surefoots hastige Frage. Smith war müde, verletzt und zerschunden, aber als er diese Nachricht hörte, vergaß er alle Schmerzen.

 

*

 

Die Verhaftung und Verurteilung Binnys wirkten entschieden demoralisierend auf Surefoot Smith. An dem Tag, an dem der Verbrecher im Gefängnis von Pentonville gehenkt wurde, brach der Chefinspektor mit einer lebenslangen Gewohnheit. Er trank nämlich nicht Bier, sondern Whisky.

 

»Wenn es einen Tag gibt, an dem ich mich betrinken darf, dann ist es der heutige!« sagte er zu Dick Allenby.

 

Kapitel 3

 

3

 

Mary Lane sah erschrocken auf ihre goldene Armbanduhr.

 

»Vier Uhr, mein Lieber!«

 

Es tanzten immerhin noch etwa zwanzig Paare auf dem Parkett des Gesandtschafts-Klubs. Es war ein Galaabend, und bei solchen Festen wurde es immer sehr spät.

 

»Tut mir leid, daß es so ein langweiliger Abend war.«

 

Aber Dick Allenby sah nicht gelangweilt aus. Er hatte freundliche blaue Augen und ein faltenloses, sonnengebräuntes Gesicht, obwohl er in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen hatte.

 

»Auf jeden Fall hast du mich gerettet«, sagte er und winkte einem Kellner. »Bis du kamst, war ich ganz allein. Ich habe geschwindelt, als ich dir erzählte, daß Moran hier war und später wegging. Der Junge war überhaupt nicht da. Jerry Dornford sucht Anschluß – er scheint die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben.«

 

Er sah zu einem Tisch auf der anderen Seite des Tanzsaals hinüber, wo der tadellos gekleidete Jerry saß.

 

»Ich kenne ihn kaum«, entgegnete Mary.

 

Er lächelte.

 

»Er möchte dich eben besser kennenlernen, aber ich kann dir nur den guten Rat geben, ihm aus dem Weg zu gehen. Jerry entfernte sich kurz vor dem Abendessen und ist erst vor kurzem wieder aufgetaucht. Die Gesellschaft, die du besucht hast, war wohl auch nicht sehr anregend, was? Dieser Wirth ist doch ein ganz merkwürdiger Kerl. Ich muß sagen, Mike Hennessey hat sich ziemlich viel herausgenommen, daß er dich dazu eingeladen hat.«

 

»Aber Mike ist ein netter Mensch«, protestierte sie.

 

»Mike ist ein Verbrecher. Ein liebenswürdiger Charakter, aber doch ein Verbrecher. Solange der frei herumläuft, ist es eine Schande, daß andere Leute im Gefängnis sitzen.«

 

Sie traten auf die Straße hinaus, und während sie auf ein Taxi warteten, sah Dick Allenby ein bekanntes Gesicht.

 

»Mr. Smith, Sie sind noch so spät auf den Beinen?«

 

»Sie meinen so früh am Morgen«, entgegnete der Detektiv und begrüßte die junge Dame.

 

»Guten Morgen, Miss Lane. Eigentlich keine gute Angewohnheit, in einen Nachtklub zu gehen.«

 

»Ich habe eine ganze Menge schlechter Angewohnheiten«, erwiderte sie lächelnd.

 

Ein Taxi fuhr vor. Mary lehnte Dicks Begleitung ab, und der Wagen entfernte sich.

 

»Nette junge Dame«, bemerkte der Chefinspektor. »Schauspielerinnen mag ich im allgemeinen nicht – ich komme gerade von der Marlborough Street, wo ich drei verhaftet habe.«

 

»Haben Sie eine kleine Razzia abgehalten?«

 

»Ach, es war nichts von Bedeutung. Übrigens wäre ich neulich beinahe in Ihre Werkstätte gekommen und hätte mir Ihre neue Schußwaffe angesehen. Ist doch wohl eine Art Luftgewehr?«

 

»Ja. Wer hat Ihnen denn davon erzählt?«

 

»Dieser Dornford. Ich verstehe die Mechanik Ihrer neuen Pistole nicht. Dornford sagt, daß bei jedem Abfeuern die Waffe neu geladen wird.«

 

»Durch das Abfeuern erhalte ich komprimierte Luft.«

 

Dick Allenby war nicht in der Stimmung, über seine Erfindung zu sprechen.

 

»Das Ding sollten Sie nach Chikago verkaufen, dort haben die Leute großes Interesse an solchen Sachen. Jede Woche werden mindestens sechs Leute umgebracht, und die Polizei fängt niemand!«

 

Dick lachte. Er war erst vor einem Monat aus Chikago zurückgekehrt und kannte die schweren Aufgaben, die die Polizei drüben zu lösen hatte.

 

»Wenn einer umgebracht werden soll«, fuhr Smith fort, »machen sie mit ihm eine Spazierfahrt aufs Land und jagen ihm unterwegs eine Kugel durch den Kopf. So etwas wäre hier einfach nicht möglich.«

 

»In der Beziehung bin ich etwas skeptisch.« Dick schüttelte den Kopf. »Aber es ist beinahe halb fünf, und ich möchte mich jetzt nicht länger über Verbrechen unterhalten. Kommen Sie mit in meine Wohnung, dort können wir noch ein Glas trinken.«

 

»Schön, ich begleite Sie. Schlafen kann ich doch nicht mehr. Dort steht ein Taxi.«

 

Das Auto stand mitten auf der Straße neben einer Verkehrsinsel.

 

Smith pfiff. »Der Chauffeur ist fortgegangen«, sagte der Portier des Nachtklubs. »Ich habe schon vorhin versucht, den Wagen für die Dame zu rufen.«

 

»Der Kerl schläft wahrscheinlich«, meinte Smith und ging über die Straße. Dick folgte.

 

Der Chefinspektor sah durch das geschlossene Fenster, konnte aber im Innern nichts erkennen. Als er schließlich die Tür aufmachte, sah er jemand am Boden liegen.

 

»Der Mensch scheint sinnlos betrunken zu sein!« rief Smith und leuchtete die Gestalt mit seiner Lampe an.

 

Das Gesicht war grauenvoll entstellt, denn der Mann hatte aus nächster Nähe einen Schuß in den Kopf erhalten. Aber Smith erkannte trotzdem, daß Mr. Horace Tom Tickler tot in diesem Wagen lag.

 

»Was, den hat man auch auf eine Spazierfahrt mitgenommen?« fragte der Chefinspektor verstört. »Großer Gott, wir leben doch nicht in Chikago!«