Kapitel 27

 

27

 

Chefinspektor Smith verließ Scotland Yard ein paar Minuten nach elf. Er ging in der Richtung nach Blackfriars, und wenn er hier entlangwanderte, dachte er gewöhnlich nach. Einer seiner Beamten hatte die Straße von Scotland Yard nach Savoy Hill deshalb »den Garten des Denkens« genannt. Sooft sich Surefoot über ein Problem nicht klarwerden konnte, ging er hier auf und ab, gleichgültig ob es Sommer oder Winter war, ob es regnete oder ob die Sonne schien. Um diese Stunde waren nur wenig Leute auf der Straße zu sehen; ab und zu fuhr ein Auto vorüber, und gelegentlich tauchte auch ein Bettler auf, der nach Zigarren- und Zigarettenstummeln suchte.

 

In der Nähe eines Hotelgartens, der nach dem Themseufer hinausführte, stand ein blauer Luxuswagen, und Smith sah hinein, als er vorüberkam. Er tat es mehr aus Gewohnheit als aus Neugierde. Mit einem flüchtigen Blick streifte er die Dame, die in dem Auto saß, und setzte dann seinen Spaziergang fort.

 

Im Weitergehen dachte er unentwegt darüber nach, wie er Binny verhaften könnte. Das größte Problem war gelöst: Er wußte, wer der Mörder war. Jetzt handelte es sich noch um die schwierige Aufgabe, ihn zu fassen.

 

Er kehrte um und ging nach Scotland Yard zurück. Um diese Zeit mußten die Berichte von der Südküste einlaufen.

 

Das große Luxusauto hielt immer noch neben dem Gehsteig, aber die Dame stand jetzt draußen an der offenen Tür. Sie war etwa Mitte Fünfzig und etwas korpulent.

 

Zu seinem größten Erstaunen sprach sie ihn mit einer merkwürdig hohen Stimme an.

 

»Könnten Sie nicht einen Polizisten für mich holen?«

 

Das war ein Ansinnen für einen so wohlbekannten Mann von Scotland Yard!

 

»Wo fehlt es denn?« fragte er.

 

Sie trat etwas von der Tür zurück.

 

»Mein Chauffeur ist betrunken zurückgekommen, und ich kann ihn nicht aus dem Wagen bringen.«

 

Ein betrunkener Chauffeur ist für alle Polizeibeamten ein Greuel. Surefoot öffnete die Tür und schaute hinein. Aber er sah nichts, ebensowenig hörte oder fühlte er etwas. Sein Bewußtsein schwand plötzlich.

 

Kapitel 28

 

28

 

Surefoots Kopf schmerzte entsetzlich. Er versuchte, die Hände zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Der Wagen raste in wildem Tempo durch eine Gegend, die nicht von Laternen erleuchtet war. Aus dem Geräusch der Räder schloß Smith, daß die Fahrt über eine neuangelegte Straße ging. Es war merkwürdig, daß ihm diese Tatsache wichtig erschien. Er konnte sich auf nichts besinnen und wußte nur, daß er zusammengekrümmt auf dem Boden eines Autos lag. Nach einer kleinen Weile verlor er wieder die Besinnung.

 

Erst als der Wagen über unebenes Gelände ratterte, kam Smith erneut zu sich. Er schaute auf, versuchte sich zu erheben und merkte nun, daß er Handschellen an den Gelenken hatte. Es waren seine eigenen. Er trug immer ein Paar solcher Eisen in der Tasche.

 

Jemand hatte ihm die Hände gefesselt. Jemand hatte ihm auch die Beine zusammengebunden. Er fühlte das, konnte aber mit den Händen nicht so weit hinunterreichen, um den Knoten zu lösen. Plötzlich erinnerte er sich an die Dame, an das Auto und an den. Chauffeur, nach dem er im Wagen gesucht hatte.

 

Das Auto rüttelte jetzt so heftig, daß Smith große Schmerzen empfand. Wahrscheinlich fuhren sie über einen gepflügten Acker oder einen Feldweg. Kurz darauf hielt der Wagen an, und die Tür wurde aufgerissen. Der Chefinspektor sah die »Frau« und wußte nun, mit wem er es zu tun hatte.

 

Ein kleines Landhaus lag wenige Schritte entfernt, ein häßlicher Bau aus roten Ziegeln.

 

Binny packte seinen Gefangenen am Kragen, zerrte ihn auf die Straße und schleppte ihn zu dem Haus. Die Tür flog auf, und Smith wurde in das dunkle Innere gedrängt. Es roch nach frischem Mörtel, nach Putz und neuem Holz. Binny verschloß die Tür von innen und schob den Detektiv dann in einen vollständig dunklen Raum. Dort stürzte Smith zu Boden. Es war erstaunlich, daß er sich mit gebundenen Beinen so weit hatte fortbewegen können.

 

Binny steckte ein Streichholz an, und gleich darauf erhellte das Licht einer Petroleumlampe das Zimmer. Es standen zwei Sofas, ein Stuhl und ein Küchentisch in dem Raum. Weder Vorhänge noch Gardinen waren angebracht, und die Fensterläden waren geschlossen. Der ganze Raum machte einen kahlen Eindruck.

 

Binny setzte sich auf den Stuhl, stemmte die Hände auf die Knie und betrachtete Smith.

 

Es war schwer, in dieser alten Frau mit dem gelben Gesicht und der grauen Perücke Binny zu erkennen. Er trug einen langen Damenpelzmantel, und die Perücke saß etwas schief. Das gab ihm ein teils komisches, teils grauenerregendes Aussehen. Da er sich um keinen Preis lächerlich machen wollte, nahm er sie ab. Aber mit dem kahlen Kopf und dem gelblichbraunen Gesicht wirkte er noch grotesker.

 

»Na, jetzt hab‘ ich Sie gefangen«, sagte er heiser und grinste häßlich. Dann sprach er plötzlich mit der affektiert hohen Stimme, die er als Mr. Washington Wirth stets annahm.

 

»Dieses kleine Landhaus habe ich mir vor ein paar Jahren gebaut. Ich dachte, ich könnte es einmal brauchen. Aber ich war lange Zeit nicht hier, und nun verlasse ich England. Wollen Sie es nicht kaufen, Mr. Smith? Es ist ein ausgezeichneter Platz, um sich von Berufssorgen zurückzuziehen. Hier hat man Ruhe, und ich sag‘ Ihnen, Sie werden bald sehr ruhig sein!«

 

Binny zog eine Pistole aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, bückte sich, hob Surefoot auf und lehnte ihn in eine Ecke des Zimmers. Dann knöpfte er das Seidentuch auf, das um die Fußgelenke des Gefangenen geschlungen war, zog ihm die Schuhe aus und warf sie in eine andere Ecke. Nach einer kleinen Pause lockerte er den Kragen des Chefinspektors.

 

»Es ist Ihnen nichts passiert. Sie sind nicht im geringsten verletzt, Mr. Smith. Ein Gummiknüppel, mit dem man jemand über den Schädel schlägt, tötet nicht. Natürlich ist es unangenehm für Sie, das gebe ich zu.«

 

Surefoots Mund war trocken, und sein Kopf dröhnte. Aber er fürchtete sich nicht im mindesten, obwohl er seine verzweifelte Lage klar genug erkannte.

 

»Sie wußten nicht, daß dieser kleine Landsitz mir gehört?«

 

»O doch, das wußte ich sehr gut. Der Platz liegt etwa hundert Meter von der großen Chaussee nach Taplow entfernt. Sie haben das Grundstück vor vier Jahren gekauft und hundertfünfzig Pfund dafür gezahlt.«

 

Einen Augenblick war Binny sprachlos.

 

»Ich habe das Haus in der vorigen Woche von meinen Beamten durchsuchen lassen, und es wird jetzt von der Buckinghamshire-Polizei bewacht. Ein ähnliches Haus haben Sie in Wiltshire.«

 

Binny starrte ihn verblüfft an. Surefoot sah es und suchte seinen Vorteil rücksichtslos auszunutzen.

 

»Welchen Zweck hat es denn, solche Dummheiten zu machen, Binny? Vorläufig können wir nicht beweisen, daß Sie einen Mord begangen haben. Wir wissen nur, daß Sie Hervey Lynes Schecks gefälscht haben. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, sind sieben Jahre. Vielleicht bekommen Sie noch eins extra, weil Sie mich hierhergeschleppt haben. Aber was bedeutet ein Jahr! Holen Sie mir jetzt etwas Wasser. Hinter diesem Zimmer liegt die Küche. Lassen Sie es erst eine Zeitlang laufen, neulich war es rostig und trübe. Auf der Anrichte steht ein Zinnbecher, waschen Sie ihn erst gründlich aus!«

 

Der Instinkt, zu gehorchen, ist bei den meisten Menschen größer als der Instinkt, zu befehlen. Binny ging hinaus, kehrte mit dem Zinnbecher zurück und hielt ihn an die Lippen seines Gefangenen.

 

»So, nun nehmen Sie mir die Handfesseln ab. Dann wollen wir uns ein wenig unterhalten. Warum haben Sie nicht Mike Hennessey hierhergebracht, statt ihn –« Surefoot hielt ein, denn er erkannte sofort, welch einen großen Fehler er gemacht hatte.

 

Binny trat wütend zurück.

 

»Haben Sie nicht eben gesagt, daß Sie mich nicht wegen Mordes verfolgen wollen? Sie sind ein ganz gemeiner, doppelzüngiger Kerl! Aber ich werde Ihnen schon zeigen, was ich mit Ihnen vorhabe!«

 

Er langte nach der Pistole auf dem Tisch, nahm sie auf und prüfte sie sorgfältig.

 

»Ich hatte Ihnen schon immer sagen wollen, wo Ihre Macht zu Ende ist«, begann er.

 

»Nun, Ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen«, erwiderte Surefoot kühl. »Es wäre besser, wenn Sie sich beeilten.«

 

»Sie können sicher sein, daß ich mich beeile.«

 

Binny grinste verächtlich, schob die Pistole in die Tasche, nahm das Seidentuch auf und band dem Gefangenen die Füße wieder zusammen. Dann legte er den Pelzmantel und die Frauenkleider ab. Aus einem Theaterkoffer, der in einer Ecke stand, nahm er einen alten Anzug und zog ihn an.

 

»Der Boden hier ist gerade nicht sehr weich«, erklärte Binny mit vielsagender Betonung. »Man kommt erst nach eineinhalb Metern auf eine Tonschicht.«

 

Wenn er glaubte, Smith durch diese Worte zu erschrecken, erlebte er eine Enttäuschung.

 

»Warum lassen Sie mich das nicht erledigen? Sie sind etwas zu korpulent und außerdem aus der Übung. Aber mich würde es freuen, mein eigenes Grab zu graben.«

 

Binny schien eine Sekunde lang den Vorschlag zu überlegen.

 

»Nein, ich werde es allein tun«, sagte er dann.

 

»Aber warum machen Sie sich denn solche Mühe?« entgegnete Surefoot leichthin. »Sobald man mich vermißt, wird man nach mir suchen, und zwar sowohl hier als auch in dem anderen Haus. Soviel ich sehe, wollen Sie keine Spuren hinterlassen. Es steht noch nicht fest, daß wir Ihnen einen Mord nachweisen können, aber wenn Sie einen Polizeibeamten umbringen, kommen Sie bestimmt an den Galgen.«

 

Smith wollte nur Zeit gewinnen.

 

»Wegen der Geschichte mit Hennessey kommen Sie vielleicht durch«, fuhr er fort. »Auch die Sache mit dem alten Lyne und Tickler kann man schließlich nicht beweisen. Aber wenn Sie mich über den Haufen schießen, ist es aus. Die Leute kommen hierher und durchsuchen das Grundstück. Die finden mich, verlassen Sie sich darauf!«

 

Binny blieb an der Tür stehen.

 

»Ich habe einmal einen Polizisten gekannt, der konnte genausogut schwätzen wie Sie. Aber das hat ihm nichts geholfen, er schmort doch in der Hölle.«

 

Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich.

 

Smith zog die Beine hoch, so daß er das verknotete Seidentuch mit den Händen erreichen konnte. Schließlich brachte er es fertig, den Knoten zu öffnen. Aber im gleichen Augenblick hörte er, daß Binny zurückkam.

 

Der Mann fand die ungewohnte Tätigkeit doch schwerer, als er erwartet hatte. Seine Stirn war in Schweiß gebadet. Er suchte in dem Koffer, fand eine Flasche Whisky, entkorkte sie und nahm einen langen Zug.

 

»Müssen Sie sich Mut antrinken, oder brauchen Sie neue Kräfte?« fragte Surefoot.

 

»Das werden Sie schon noch sehen«, brummte Binny.

 

Smith blickte sehnsüchtig auf die zwei Pistolen, die aus Binnys Taschen herausschauten. Der Verbrecher war schon wieder halb zur Tür gegangen, kehrte aber noch einmal um und prüfte den Knoten des Seidentuches.

 

»Aha, den haben Sie schon aufgemacht! Nun, das Handwerk will ich Ihnen legen!«

 

Er durchsuchte den Koffer aufs neue, schlang dann einen Strick zwischen den Handschellen durch, zog die Arme des Gefangenen hoch und befestigte den Strick um seinen Nacken.

 

»Sie sehen merkwürdig aus – fast, als ob Sie beteten. Aber ich werde Sie jetzt nicht mehr lange warten lassen.«

 

Mit diesen Worten verließ er den Raum.

 

Surefoot war völlig hilflos, obwohl er die Autohupen von der nahen Chaussee hören konnte.

 

Er beobachtete die rauchende Petroleumlampe. Der Docht war zu hoch geschraubt, und der Zylinder hatte sich auf der einen Seite schon schwarz gefärbt.

 

Binny war vor allem darauf bedacht, zu entkommen. Er würde sich hüten, irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Selbst den Mord würde er nicht im Hause begehen.

 

Eine volle Stunde verging. Dann hörte Smith schwere Schritte und wußte, daß das Ende nahe war.

 

Kapitel 29

 

29

 

Man hatte die Abwesenheit Surefoots in Scotland Yard wohl bemerkt. Es war aufgefallen, daß er nicht verabredungsgemäß in seinem Büro erschienen war, um die Meldungen entgegenzunehmen. Da es sich allerdings nur um negative Berichte handelte, hätte man sich mit seinem Ausbleiben schließlich abgefunden. Aber zufällig meldete ein junger Polizist, daß er ein blaues Luxusauto gesehen habe, das von einer Dame gesteuert wurde. Als er ihr an der Ecke der Westminsterbrücke und des Themseufers das Haltesignal gab, achtete sie nicht darauf, obwohl sie auf der falschen Seite der Straße fuhr. Er hatte die Nummer notiert.

 

Gewöhnlich werden solche kleinen Vergehen erst am nächsten Morgen erledigt, aber während der Meldung erschien ein Mitglied des Parlaments und zeigte an, daß ihm sein blauer Wagen gestohlen worden sei.

 

»Es war ein Mann, der sich als Frau verkleidet hatte«, schloß er seinen Bericht.

 

»Wie kommen Sie darauf?« fragte der Polizeiinspektor.

 

»Als er in den Wagen stieg, stieß er mit dem Kopf an den oberen Teil der Tür. Dadurch wurden sein Hut und seine Perücke zurückgeschoben, und ich sah, daß es ein Mann mit kahlem Kopf und gelbbraunem Gesicht war. Zuerst dachte ich, er würde an Gelbsucht leiden.«

 

Der Inspektor richtete sich plötzlich wie elektrisiert auf. Die Polizei von ganz England suchte nach einem Mann mit kahlem Kopf und gelbbraunem Gesicht. Kurz darauf waren Telegraf und Telefon tätig.

 

Einige Zeit später kam wieder eine Meldung von einem Verkehrsschutzmann. In der Nähe von Heston, wo eine Straßenbahn die Hauptstraße kreuzt, hatte der blaue Wagen einen Aufenthalt gehabt. Nur mit Mühe und Not entging er einem Zusammenstoß und mußte so scharf bremsen, daß der Wagen schleuderte. Der Polizist ging auf das Auto zu, um sich den Führerschein zeigen zu lassen. Dabei sah er eine Frau am Steuer. Aber noch bevor er eine Frage stellen konnte, fuhr der Wagen wieder davon.

 

Erst anderthalb Stunden, nachdem die Beschreibung des blauen Autos an alle Stationen durchgegeben war, kam dieser Bericht. Inzwischen hatte man auch Chefinspektor Smith gesucht, da verschiedene Nachrichten auf ihn warteten. Man hatte ihn aber nirgends im Amt finden können.

 

Seine Gewohnheit, ab und zu am Themseufer einen kleinen Spaziergang zu machen, war allgemein bekannt, und der Polizeiposten dort hatte auch gesehen, daß Smith zum Savoy Hill gegangen war. Einer seiner Kollegen hatte beobachtet, daß der Chefinspektor dort umkehrte. Jemand erinnerte sich daran, daß er ein blaues Luxusauto an der Straße hatte stehen sehen.

 

Als die Ermittlungen so weit gediehen waren, hatte der Präsident selbst die Sache in die Hand genommen. Alle Detektive waren im Amt zur Beratung versammelt.

 

»Möglich, daß Binny an die Küste geflohen ist«, sagte er. »Vielleicht hat er aber auch eins seiner beiden Landhäuser aufgesucht. Die Polizei von Buckinghamshire und von Salisbury muß sofort telefonisch verständigt werden. Außerdem soll sofort das Überfallkommando an beide Orte fahren.«

 

Der Präsident sah auf die Uhr. Sie zeigte soeben halb zwei.

 

*

 

Surefoot Smith hatte kaum eine halbe Minute Zeit, um sich für einen der vielen Pläne zu entscheiden, die er sich überlegt hatte. Die meisten hatte er bereits als unausführbar verworfen.

 

Langsam öffnete sich die Tür, und Binny kam herein.

 

»So, jetzt werden Sie einen kleinen Spaziergang mit mir machen, mein Freund«, sagte er liebenswürdig, nahm die Flasche vom Tisch und trank gierig.

 

Dann bückte er sich, löste den Strick und die Fessel an Surefoots Füßen, riß ihn mit einem kräftigen Ruck vom Boden hoch und stellte ihn auf die Beine.

 

Smith schwankte etwas. Sein Kopf schmerzte furchtbar, aber die Gefahr des Augenblicks ließ alles vergessen. Er dachte jetzt vollkommen klar. Binny stand neben der Tür und hatte die Pistole in der Hand. Auf die Mündung hatte er einen eiförmigen Stahlkörper geschraubt. Surefoot hatte einen solchen Schalldämpfer noch nie gesehen.

 

Er ging zum Tisch und legte die Hände auf die Platte.

 

»Na, beten Sie erst noch ein wenig?« höhnte Binny.

 

»Es soll doch niemand erfahren, daß ich hier war? Sie wollen doch keine Spuren hinterlassen?«

 

»Richtig geraten!« entgegnete Binny belustigt.

 

»Wenn nun ein paar hundert Leute hierhereilten und alle möglichen Fragen an Sie stellten, würde Ihr Plan dann über den Haufen geworfen werden?«

 

»Was soll das heißen?« fragte er scharf.

 

Er machte einen Schritt auf seinen Gefangenen zu. Im gleichen Augenblick hob Surefoot die Lampe hoch und warf sie in den offenen Koffer, unter Kostüme, Perücken und Bärte. Glas splitterte, das Licht flackerte, und gleich darauf schoß mit dumpfem Knall eine Flamme zur Decke empor.

 

Binny stand still, von Schrecken gelähmt. Erst als sich Surefoot mit aller Gewalt auf ihn warf, um ihm mit den Handschellen ins Gesicht zu schlagen, erwachte er aus seiner Erstarrung und duckte sich. Der Schlag ging vorbei. Im nächsten Moment fühlte Smith ein heißes Brennen im Gesicht und hörte, daß eine Kugel in die Wand schlug. Wieder holte er aus und zielte nach Binnys Schädel. Obwohl sich der Mann zur Seite bog, konnte er dem Hieb doch nicht ganz ausweichen. Dabei fiel ihm die Pistole aus der Hand.

 

Das Zimmer stand nun in Flammen; die Treppe brannte, und die Hitze wurde unerträglich.

 

Smith schlug wieder auf Binny ein. Mit einem schnellen Fußtritt hatte er die Pistole zu dem brennenden Koffer gestoßen.

 

Die Tür stand auf, und Binny lief aus dem Raum hinaus. Er versuchte, die Tür zu schließen, aber Smith hatte sich schon dazwischengeschoben. Er taumelte in den Gang und warf sich wieder mit voller Wucht auf den Mörder.

 

Die einzige Hoffnung des Chefinspektors bestand darin, Binny auf den Fersen zu bleiben. Der Verbrecher hatte noch eine Pistole in der Tasche, und wenn er diese herausziehen konnte, war es vorbei. Es gelang Smith, ihn gegen die Wand zu drücken. In dieser Stellung war es Binny unmöglich, die Waffe zu erreichen. Mit allen Mitteln versuchte er, von seinem Gegner loszukommen, und nach einer fast übermenschlichen Anstrengung konnte er sich schließlich freimachen. Surefoot war dicht hinter ihm. Im nächsten Moment zog Binny die Pistole, aber Smith brachte ihn zu Fall. Eine Sekunde später erhob sich Binny jedoch wieder und lief weiter.

 

Die Flammen schlugen schon aus dem Dach und aus den Fenstern und erleuchteten die ganze Umgebung. Smith verfolgte den Verbrecher trotz seiner Fesseln. Plötzlich wandte sich Binny um, und diesmal konnte er sorgfältig zielen. Der Chefinspektor wußte, daß es jetzt keine Hoffnung mehr für ihn gab. Binny war ein guter Pistolenschütze, und er war kaum ein Dutzend Schritte von ihm entfernt. Verzweifelt sprang Surefoot vorwärts, trat aber ins Leere und fiel …

 

Er hörte den Schuß und wunderte sich, daß er noch lebte. Schließlich erkannte er, was geschehen war. Er war in das Grab gestürzt, das Binny für ihn geschaufelt hatte!

 

Plötzlich krachten mehrere Schüsse hintereinander, und jemand brüllte ein lautes »Halt!«

 

Bald darauf beugte sich sein Sergeant über den Rand der Grube.

 

»Wir haben ihn«, erwiderte der Detektiv auf Surefoots hastige Frage. Smith war müde, verletzt und zerschunden, aber als er diese Nachricht hörte, vergaß er alle Schmerzen.

 

*

 

Die Verhaftung und Verurteilung Binnys wirkten entschieden demoralisierend auf Surefoot Smith. An dem Tag, an dem der Verbrecher im Gefängnis von Pentonville gehenkt wurde, brach der Chefinspektor mit einer lebenslangen Gewohnheit. Er trank nämlich nicht Bier, sondern Whisky.

 

»Wenn es einen Tag gibt, an dem ich mich betrinken darf, dann ist es der heutige!« sagte er zu Dick Allenby.

 

Kapitel 3

 

3

 

Mary Lane sah erschrocken auf ihre goldene Armbanduhr.

 

»Vier Uhr, mein Lieber!«

 

Es tanzten immerhin noch etwa zwanzig Paare auf dem Parkett des Gesandtschafts-Klubs. Es war ein Galaabend, und bei solchen Festen wurde es immer sehr spät.

 

»Tut mir leid, daß es so ein langweiliger Abend war.«

 

Aber Dick Allenby sah nicht gelangweilt aus. Er hatte freundliche blaue Augen und ein faltenloses, sonnengebräuntes Gesicht, obwohl er in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen hatte.

 

»Auf jeden Fall hast du mich gerettet«, sagte er und winkte einem Kellner. »Bis du kamst, war ich ganz allein. Ich habe geschwindelt, als ich dir erzählte, daß Moran hier war und später wegging. Der Junge war überhaupt nicht da. Jerry Dornford sucht Anschluß – er scheint die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben.«

 

Er sah zu einem Tisch auf der anderen Seite des Tanzsaals hinüber, wo der tadellos gekleidete Jerry saß.

 

»Ich kenne ihn kaum«, entgegnete Mary.

 

Er lächelte.

 

»Er möchte dich eben besser kennenlernen, aber ich kann dir nur den guten Rat geben, ihm aus dem Weg zu gehen. Jerry entfernte sich kurz vor dem Abendessen und ist erst vor kurzem wieder aufgetaucht. Die Gesellschaft, die du besucht hast, war wohl auch nicht sehr anregend, was? Dieser Wirth ist doch ein ganz merkwürdiger Kerl. Ich muß sagen, Mike Hennessey hat sich ziemlich viel herausgenommen, daß er dich dazu eingeladen hat.«

 

»Aber Mike ist ein netter Mensch«, protestierte sie.

 

»Mike ist ein Verbrecher. Ein liebenswürdiger Charakter, aber doch ein Verbrecher. Solange der frei herumläuft, ist es eine Schande, daß andere Leute im Gefängnis sitzen.«

 

Sie traten auf die Straße hinaus, und während sie auf ein Taxi warteten, sah Dick Allenby ein bekanntes Gesicht.

 

»Mr. Smith, Sie sind noch so spät auf den Beinen?«

 

»Sie meinen so früh am Morgen«, entgegnete der Detektiv und begrüßte die junge Dame.

 

»Guten Morgen, Miss Lane. Eigentlich keine gute Angewohnheit, in einen Nachtklub zu gehen.«

 

»Ich habe eine ganze Menge schlechter Angewohnheiten«, erwiderte sie lächelnd.

 

Ein Taxi fuhr vor. Mary lehnte Dicks Begleitung ab, und der Wagen entfernte sich.

 

»Nette junge Dame«, bemerkte der Chefinspektor. »Schauspielerinnen mag ich im allgemeinen nicht – ich komme gerade von der Marlborough Street, wo ich drei verhaftet habe.«

 

»Haben Sie eine kleine Razzia abgehalten?«

 

»Ach, es war nichts von Bedeutung. Übrigens wäre ich neulich beinahe in Ihre Werkstätte gekommen und hätte mir Ihre neue Schußwaffe angesehen. Ist doch wohl eine Art Luftgewehr?«

 

»Ja. Wer hat Ihnen denn davon erzählt?«

 

»Dieser Dornford. Ich verstehe die Mechanik Ihrer neuen Pistole nicht. Dornford sagt, daß bei jedem Abfeuern die Waffe neu geladen wird.«

 

»Durch das Abfeuern erhalte ich komprimierte Luft.«

 

Dick Allenby war nicht in der Stimmung, über seine Erfindung zu sprechen.

 

»Das Ding sollten Sie nach Chikago verkaufen, dort haben die Leute großes Interesse an solchen Sachen. Jede Woche werden mindestens sechs Leute umgebracht, und die Polizei fängt niemand!«

 

Dick lachte. Er war erst vor einem Monat aus Chikago zurückgekehrt und kannte die schweren Aufgaben, die die Polizei drüben zu lösen hatte.

 

»Wenn einer umgebracht werden soll«, fuhr Smith fort, »machen sie mit ihm eine Spazierfahrt aufs Land und jagen ihm unterwegs eine Kugel durch den Kopf. So etwas wäre hier einfach nicht möglich.«

 

»In der Beziehung bin ich etwas skeptisch.« Dick schüttelte den Kopf. »Aber es ist beinahe halb fünf, und ich möchte mich jetzt nicht länger über Verbrechen unterhalten. Kommen Sie mit in meine Wohnung, dort können wir noch ein Glas trinken.«

 

»Schön, ich begleite Sie. Schlafen kann ich doch nicht mehr. Dort steht ein Taxi.«

 

Das Auto stand mitten auf der Straße neben einer Verkehrsinsel.

 

Smith pfiff. »Der Chauffeur ist fortgegangen«, sagte der Portier des Nachtklubs. »Ich habe schon vorhin versucht, den Wagen für die Dame zu rufen.«

 

»Der Kerl schläft wahrscheinlich«, meinte Smith und ging über die Straße. Dick folgte.

 

Der Chefinspektor sah durch das geschlossene Fenster, konnte aber im Innern nichts erkennen. Als er schließlich die Tür aufmachte, sah er jemand am Boden liegen.

 

»Der Mensch scheint sinnlos betrunken zu sein!« rief Smith und leuchtete die Gestalt mit seiner Lampe an.

 

Das Gesicht war grauenvoll entstellt, denn der Mann hatte aus nächster Nähe einen Schuß in den Kopf erhalten. Aber Smith erkannte trotzdem, daß Mr. Horace Tom Tickler tot in diesem Wagen lag.

 

»Was, den hat man auch auf eine Spazierfahrt mitgenommen?« fragte der Chefinspektor verstört. »Großer Gott, wir leben doch nicht in Chikago!«

 

Kapitel 4

 

4

 

Fünf Minuten später war ein Dutzend Polizeibeamter zur Stelle. Ein Sergeant in der Marlborough Street, der gerade einen Betrunkenen transportierte, hatte sie alarmiert.

 

»Der ist mit einer Pistole von sehr kleinem Kaliber aus allernächster Nähe erschossen worden«, sagte er, als er den Toten oberflächlich untersucht hatte.

 

Kurz darauf kam der Krankenwagen, und Horace Tom Ticklers Leiche wurde fortgeschafft. Ein Polizist brachte das Auto zur nächsten Polizeiwache. Die Nummer war bereits aufgeschrieben, und Scotland Yard hatte Beamte ausgeschickt, um den Eigentümer, den Taxichauffeur Wells, aufzutreiben.

 

Man hatte Dick Allenby nicht besonders eingeladen, an den Ermittlungen teilzunehmen, aber er ging trotzdem zur Polizeiwache mit.

 

Der Mann war tatsächlich im Wagen erschossen worden. Das Geschoß hatte ein Loch in den Lederbezug gerissen.

 

»Wahrscheinlich lebte er noch, als er auf dem Boden lag«, meinte Smith. »Der Mörder muß einen zweiten Schuß abgefeuert haben. Wir haben nämlich eine Kugel im Boden des Wagens entdeckt.«

 

»Haben Sie den Chauffeur gefunden?« fragte Dick.

 

»Der ist auf dem Weg hierher.«

 

Mr. Wells war entsetzt, als er erfuhr, unter welchen Umständen man sein Auto gefunden hatte. Seine Aussagen waren klar.

 

Kurz vor zwei Uhr hatte er den Wagen wie gewöhnlich vor der verschlossenen Garage stehenlassen, damit er am frühen Morgen geputzt und für die Tagestour fertiggemacht werden konnte. Er durfte das riskieren, da Taxis äußerst selten gestohlen wurden; sie konnten leicht erkannt werden und brachten daher den Autodieben nichts ein.

 

Wells hatte ein vorzügliches Alibi. Als er den Wagen verlassen hatte, war er zur nächsten Polizeiwache gegangen, um dort einen Regenschirm und eine Brieftasche abzugeben, die einer der Fahrgäste liegengelassen hatte. Ein Polizist hatte gesehen, wie er den Wagen vor der Garage stehenließ, und war auch später dazugekommen, als der Chauffeur die Gegenstände persönlich auf der Wache abgab.

 

Es war bereits sieben Uhr, und die Straßen in West End belebten sich allmählich. Dick fuhr zu seiner Wohnung in Queen’s Gate zurück. Er war sehr beruhigt darüber, daß Mary nicht über die Straße gegangen war und die Tür des Unglücksautos geöffnet hatte. Es war zwanzig Minuten vor der Entdeckung an der Stelle geparkt worden. Der Portier hatte beobachtet, wie der Chauffeur den Wagen verließ und in Richtung der Air Street ging.

 

Die Polizeibeamten stellten fest, daß der Hebel der Zähluhr immer noch nach unten gedrückt war und auf siebzehn Shilling zeigte. Daraus konnten sie annähernd berechnen, wieviel Zeit zwischen dem Mord und der Entdeckung des Verbrechens vergangen war.

 

Spät am Nachmittag suchte der Chefinspektor Dick Allenby in seiner Wohnung auf.

 

»Ich dachte, Sie würden sich dafür interessieren, wie weit wir mit unseren Nachforschungen gekommen sind. Wir haben in einer der Taschen des Toten hundert Einpfundnoten gefunden.«

 

»Was, so viel Geld hatte Tickler bei sich?«

 

»Woher wußten Sie denn, daß der Mann Tickler heißt?« Surefoot Smith sah ihn argwöhnisch an.

 

Dick antwortete nicht gleich.

 

»Nun ja, ich erkannte ihn, als er im Wagen lag. Früher war er einmal Diener bei meinem Onkel.«

 

»Davon haben Sie aber gestern abend kein Wort gesagt.«

 

»Ich war meiner Sache zuerst nicht ganz sicher. Erst als er aus dem Wagen gehoben wurde, konnte ich es genau feststellen. Ich glaube, der Mann wurde entlassen, weil er gestohlen hatte, und zwar vor etwa sechs oder sieben Jahren.«

 

Der Chefinspektor nickte.

 

»Nun, dann ist alles in Ordnung. Ich wollte Ihnen eben dasselbe erzählen. Heute morgen habe ich nämlich den alten Lyne aufgesucht, aber der kümmert sich nicht um Scotland Yard. Der ist also Ihr Onkel? Da kann man Ihnen ja gratulieren!«

 

»Was sagte er denn?« fragte Dick neugierig.

 

Surefoot Smith steckte seine große Pfeife an und setzte sich.

 

»Die Geschichte machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Er erinnerte sich nur noch daran, daß Tickler gestohlen hatte, und das wußten wir selbst auch schon. Hundert Einpfundnoten! Wenn wenigstens eine Fünfpfundnote darunter gewesen wäre! Dann kämen wir leichter vorwärts. Ich möchte nur wissen, wer den auf die Fahrt mitgenommen hat. Sicher war es ein Amerikaner.«

 

Smith sah mehrere Flaschen Bier unter einer der Werkbänke, öffnete zwei und trank sie kurz hintereinander aus.

 

»Wie fanden Sie denn meinen lieben Onkel?«

 

»Sind Sie mit ihm befreundet?«

 

Dick schüttelte den Kopf.

 

»Nun, dann kann ich Ihnen ja ruhig sagen, was ich von ihm denke.«

 

Der Chefinspektor äußerte sich in wenig schmeichelhafter Weise über Hervey Lyne.

 

»Das mag stimmen«, pflichtete Dick Allenby bei und sah ruhig zu, wie der Chefinspektor eine weitere Flasche Bier nahm. »Ich spreche in der letzten Zeit überhaupt nicht mehr mit ihm.«

 

»Sagen Sie mal, hatten Sie nicht seinerzeit einen Wortwechsel mit Tickler?«

 

Dick kniff die Augenlider zusammen.

 

»Hat Lyne Ihnen das erzählt?«

 

»Irgend jemand hat es mir gesagt«, bemerkte Smith.

 

»Ja, ich habe ihn aus meiner Wohnung hinausgeworfen. Er brachte eine beleidigende Mitteilung von meinem Onkel und fügte von sich aus noch ein paar unverschämte Bemerkungen hinzu.«

 

Smith erhob sich von der Bank und klopfte sich sorgfältig ab.

 

»Das hätten Sie mir alles gestern abend sagen sollen«, entgegnete er vorwurfsvoll. »Sie hätten mir damit viel Arbeit erspart.«

 

Er betrachtete die merkwürdig aussehende Luftpistole, nahm sie in die Hand und legte sie wieder hin.

 

»Mit so einer Waffe hätte man die Schüsse abfeuern können, die Tickler getötet haben.«

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich den Mann umgebracht habe?« fragte Allenby ärgerlich.

 

Der Chefinspektor lächelte.

 

»Lassen Sie sich die Laune nicht verderben. Ich habe ja gar nichts gegen Sie. Mein Groll richtet sich nur gegen die wissenschaftlichen Methoden, mit denen die Verbrecher heutzutage arbeiten.«

 

»Gewiß ist das eine gute Waffe«, erwiderte Dick, der sich wieder faßte, »aber ich verfolge damit ganz andere Ziele – ich weiß nicht, ob ich das in Ihren Schädel trommeln kann …«

 

»Danke schön«, murmelte Smith.

 

»Sie soll vor allem für die Industrie nutzbar gemacht werden. Wenn ich hier in dieser Stahlkammer eine gewöhnliche Patrone abschieße, erziele ich einen unheimlich hohen Luftdruck, den ich dazu verwenden kann, eine Maschine in Gang zu setzen. Genauso kann ich mit dem Ding einem Galgenvogel das Lebenslicht ausblasen.«

 

Smith sollte um vier Uhr nachmittags an einer Konferenz in Scotland Yard teilnehmen. Er haßte derartige Besprechungen, bei denen die Leute an einem runden Tisch zusammensaßen, rauchten und hochtrabende Reden über Dinge hielten, von denen sie nichts verstanden. Aber dieses Mal kam er pünktlich und fand, daß seine vier Kollegen dieses Verbrechen ebensowenig erklären konnten wie er selbst.

 

Eine neue Nachricht war inzwischen eingetroffen. Ein Polizist, der am Portland Place patrouillierte, hatte in dem Toten einen Mann wiedererkannt, den er kurz vor zwei Uhr in einer Nebenstraße gesprochen hatte. Das stimmte mit den Beobachtungen des Chefinspektors überein, der um zwei Uhr Tickler vom Portland Place her die Regent Street hatte entlanggehen sehen.

 

Merkwürdigerweise hatte der Polizist nichts von dem betrunkenen Mann erzählt, für den sich Tickler so sehr interessiert hatte.

 

»Das bringt mich auch nicht weiter«, sagte Surefoot und legte den Bericht beiseite. »Ich möchte nur wissen, warum dieser kleine Dieb ums Leben kam. Er war ziemlich am Ende. Bevor ich ihn anrief, habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie er sich nach Zigarettenstummeln bückte.«

 

Smith fand in seinem kleinen Büro eine Anzahl von Briefen. Einer davon war in Westminster aufgegeben und am Nachmittag zugestellt worden. Das Kuvert war schmutzig, und eine wenig geübte Hand hatte die Adresse geschrieben. Der Chefinspektor riß den Umschlag auf und nahm ein Blatt Papier heraus, das von einem billigen Notizblock abgerissen war. Mit Bleistift stand darauf gekritzelt:

 

Wenn Sie wissen wollen, wer den armen Mr. Tickler ermordet hat, so erkundigen Sie sich am besten bei Mr. L. Moran.

 

Smith sah lange auf die Nachricht.

 

»Warum auch nicht?« fragte er dann laut. Er hielt Mr. Moran schon immer für eine dunkle Persönlichkeit.

 

Kapitel 5

 

5

 

Mary Lane war davon überzeugt, daß sie eines Tages im West End als große Schauspielerin gefeiert werden würde, wenn sie sich auch den Wunschtraum, über Nacht berühmt zu werden, aus dem Kopf geschlagen hatte.

 

Am zweiten Morgen nach der Gesellschaft bei Washington Wirth hatte sie eine kurze Unterredung mit Mr. Hervey Lyne über die Rente, die er ihr zahlte. Es war keine angenehme Unterhaltung.

 

»Wenn du zur Bühne gehst, mußt du eben damit rechnen, daß du nur ein Hungerleben führen kannst. Dein Vater hat mich zum Vollstrecker seines Testaments gemacht, und ich besitze unbeschränkte Vollmacht. Und ich sage dir nochmals, bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag bekommst du nicht mehr als hundertfünfzig Pfund jährlichen Zuschuß. Es hat keinen Zweck, noch weiter darüber zu reden.«

 

Mary Lane beherrschte sich in bewunderungswürdiger Weise.

 

»Ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund bringt mehr als hundertfünfzig jährlich ein«, sagte sie.

 

»Du bekommst nicht mehr Geld in die Hand, ehe du fünfundzwanzig bist. Und dann werde ich glücklich sein, wenn ich nicht mehr dein Vormund sein muß. Übrigens noch eins: Du bist mit meinem Neffen Richard Allenby befreundet?«

 

Sie warf den Kopf in den Nacken.

 

»Ja.«

 

Er drohte ihr mit dem Finger.

 

»Ich möchte dich warnen. Von mir bekommt er nichts, ganz gleich, ob ich lebe oder tot bin.«

 

Der Butler Binny begleitete sie bis zur Tür und war sehr liebenswürdig zu ihr.

 

»Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen«, sagte er beruhigend. »Heute hat er seinen bösen Tag.«

 

Sie erwiderte nichts darauf. Binny seufzte schwer und schüttelte traurig den Kopf, als er die Haustür schloß.

 

Der alte Hervey Lyne war ein exzentrischer Mensch, mit dem nicht leicht auszukommen war.

 

Die vornehmen Herren, die während der Regierungszeit der Königin Viktoria Tausende auf ihre Rennpferde setzten und Einladungen und Sektgelage gaben, waren manchmal in Schwierigkeiten, bares Geld aufzutreiben. Dann kamen sie immer zu Hervey, weil sie sofort wußten, ob er ihnen Geld leihen würde oder nicht.

 

Das war das Angenehme an ihm, daß er sofort ja oder nein sagte. Und was er sagte, meinte er auch, ohne lange zu handeln oder zu feilschen. Er gab das Geldgeschäft auf, als die Testamentsvollstrecker des Herzogs von Crewdon einen großen Prozeß gegen ihn anstrengten und verloren. Hervey hatte bestimmt damit gerechnet, daß die Gegner gewinnen würden.

 

Er betrachtete alle Leute, die zu ihm kamen, als Narren und hatte nicht die geringste Achtung vor ihnen. Seiner Meinung nach war es töricht, Geld zu borgen, hohe Zinsen zu zahlen und das Geld zurückzugeben.

 

Auch Dick Allenby hielt er für einen Narren, einen unverschämten Burschen, der sich für einen Erfinder hielt und nicht klug genug war, beizeiten Geld zu verdienen. Ebenso war Mary Lane in seinen Augen eine dumme Person, eine alberne Schauspielerin, die sich in Pose setzte, ihr Gesicht schminkte und für eine viel zu kleine Gage auf der Bühne arbeitete. Allenby war sein Neffe, der bei etwas vernünftigem Benehmen leicht von ihm eine Million hätte erben können. Mary Lane war die Tochter seines früheren Partners und hätte, wenn sie einen anderen Beruf gehabt hätte, dieselbe Summe bekommen können.

 

Seine Dienstboten hielt er natürlich auch für besondere Dummköpfe.

 

Binny kümmerte sich aber nicht um das, was sein Herr von ihm dachte. Er war freundlich, hatte große treue Augen und einen vollständig kahlen Kopf. Er war ein wenig faul, und seine Frau hatte morgens immer viel Mühe, ihn aus dem Bett zu bringen.

 

Er versah alle möglichen Dienste bei Mr. Lyne: er war Kammerdiener, Privatsekretär, Bote, Butler und Krankenpfleger. Von Rechts wegen hätte er ein hohes Gehalt haben müssen.

 

Der alte Hervey saß in seinem Rollstuhl zwischen den Kissen und sah düster auf die Setzeier und die Toastschnitten, die vor ihm auf einem Tablett standen.

 

»Hat dieser verrückte Detektiv wieder nach mir gefragt?«

 

»Nein«, entgegnete Binny. »Sie meinen doch Mr. Smith?«

 

»Ich meine den blöden Kerl, der sich nach diesem Verbrecher Tickler erkundigte«, rief der Alte heftig und schlug mit der Faust so hart auf den Tisch, daß die Tassen tanzten.

 

»Der im Auto gefunden wurde?«

 

»Fragen Sie nicht so dumm, Sie wissen es doch ganz genau. Natürlich hat ihn irgendeiner von dem Diebsgesindel getötet, mit dem er befreundet war. Die Leute nehmen ja gewöhnlich ein solches Ende.«

 

Hervey Lyne verfiel in Schweigen. Er schaute düster vor sich hin und dachte darüber nach, ob Binny ihn auch bestahl. Seit einiger Zeit war sein Verdacht gewachsen, da die Rechnungen bei der Kolonialwarenhandlung immer größer wurden. Binny hatte zwar erklärt, daß die Lebensmittelpreise in die Höhe gegangen seien, aber das war nach Lynes Meinung gelogen. Der Kerl gehörte zu diesen verdammt ruhigen Leuten, die vor ihrem Herrn kriechen, sich aber kein Gewissen daraus machen, ihn zu bestehlen. Es war höchste Zeit, daß er Binny entließ und einen anderen Butler engagierte.

 

»Wann kommt dieser Bursche?« fragte er barsch.

 

Binny schenkte am Nebentisch seinem Herrn gerade eine Tasse Tee ein. Er wandte den Kopf und sah ihn ungewiß an.

 

»Wen meinen Sie? Die junge Dame ist um neun gekommen.«

 

Hervey verzog verächtlich den Mund.

 

»Sie Dummkopf, ich meine den Bankdirektor.«

 

»Mr. Moran – um zehn.«

 

»Bringen Sie mir den Brief – bringen Sie ihn sofort!«

 

Binny stellte die Teetasse vor Mr. Lyne, blätterte in einem kleinen Stoß von Papieren, die auf dem offenen Sekretär lagen, und fand schließlich, was er suchte.

 

»Lesen Sie vor – lesen Sie genau«, drängte der alte Mann.

 

Sein Augenlicht war sehr schlecht geworden. Er konnte wohl noch hell und dunkel unterscheiden, an dem lichten Schein erkennen, wo das Fenster lag, ohne Hilfe die siebzehn Treppenstufen hinaufsteigen, die zu seinem Schlafzimmer führten, und seinen Namen unterschreiben. Aber das war auch alles.

 

Binny las mit monotoner Stimme:

 

»Sehr geehrter Mr. Lyne, es wird mir ein Vergnügen sein, morgen vormittag um zehn Uhr bei Ihnen vorzusprechen.

 

Mit vorzüglicher Hochachtung

Leo Moran«

 

Hervey lächelte wieder.

 

»So, es wird ihm ein Vergnügen sein?« wiederholte er mit schriller Stimme. »Meint der Kerl denn, ich bestelle ihn zum Vergnügen her?«

 

Es klingelte an der Haustür. Binny ging nach unten und kam kurz darauf mit dem Besucher zurück.

 

»Mr. Moran«, meldete er.

 

»Nehmen Sie Platz, Mr. Moran.« Der alte Mann machte eine ungewisse Handbewegung. »Binny, bringen Sie einen Stuhl, und dann machen Sie, daß Sie hinauskommen – verstanden? Und horchen Sie nicht an der Tür, verdammt noch mal!«

 

Der Besucher lächelte, als sich die Tür hinter Binny schloß. Die Worte schienen wenig Eindruck auf den Butler gemacht zu haben.

 

»Mr. Moran, Sie sind mein Bankier.«

 

»Ja, Mr. Lyne. Ich habe schon vor einem Jahr angefragt, ob ich einmal mit Ihnen sprechen könnte – vielleicht erinnern Sie sich daran?«

 

»Natürlich. Aber ich mag keine Bankdirektoren sehen. Die sollen dafür sorgen, daß mein Geld Zinsen bringt. Das ist ihre Pflicht, dafür werden sie bezahlt. Haben Sie die Abrechnung?«

 

Der andere zog einen Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und nahm zwei große, zusammengefaltete Bogen heraus.

 

»Hier«, begann er. Sein Stuhl krachte, als er sich erhob.

 

»Ich will die Abrechnung nicht sehen. Sagen Sie mir die Endsumme.«

 

»Zweihundertundzwölftausendsiebenhundertsechzig Pfund und einige Shilling.«

 

»Hm!« erwiderte Mr. Lyne zufrieden. »Und wie steht es mit den Wertpapieren?«

 

»Nach dem jetzigen Kursstand sind sie sechshundertzweiunddreißigtausend Pfund wert.«

 

»Ich will Ihnen sagen, warum ich mit Ihnen sprechen wollte«, sagte Lyne, fügte aber sofort argwöhnisch hinzu: »Öffnen Sie doch einmal die Tür und sehen Sie zu, ob dieser verdammte Kerl horcht.«

 

Der Besucher erhob sich, machte die Tür auf und schloß sie wieder.

 

»Es ist niemand draußen.«

 

Er lächelte, aber Mr. Lyne konnte das nicht beobachten.

 

»So, es ist niemand draußen? Also, Moran, dann hören Sie einmal zu. Ich halte mich für einen sehr fähigen Mann. Damit will ich mich nicht rühmen; das ist eine Tatsache, die Sie selbst feststellen können. Ich traue niemandem, nicht einmal einem Bankdirektor. Meine Sehkraft ist nicht mehr besonders gut, und es fällt mir schwer, Rechnungen zu kontrollieren. Aber ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, das ich dauernd trainiere. Ich kann Zahlen unheimlich lange behalten, und ich hätte Ihnen bis auf einige Shilling genau die Summe nennen können, die Sie eben angaben.« Der alte Mann machte eine Pause und sah durch seine dicken Gläser zu dem Besucher hinüber, der auf der anderen Seite des Schreibtisches saß.

 

»Hoffentlich spekulieren und spielen Sie nicht?«

 

»Nein, Mr. Lyne.«

 

Mr. Moran atmete erleichtert auf, als er sich wieder von dem Alten verabschieden konnte.

 

Binny wurde durch ein Klingelzeichen seines Herrn in seinem Zimmer aufgestört. Als er nach oben kam, war der Besucher schon gegangen.

 

»Sagen Sie, Binny, wie sah der Mann aus? Hatte er ein ehrliches Gesicht?«

 

Der Butler dachte lange nach.

 

»Er hatte ein ganz gewöhnliches Gesicht«, meinte er dann.

 

Lyne war ärgerlich.

 

»Bringen Sie das Frühstücksgeschirr weg. Wer kommt denn heute sonst noch?«

 

Binny überlegte lange.

 

»Ein gewisser Dornford.«

 

»Ein Herr namens Dornford«, verbesserte ihn der Alte. »Er schuldet mir Geld, deshalb ist er ein Herr. Wann kommt er?«

 

»Ungefähr um acht.«

 

»Sie bleiben im Zimmer, wenn er kommt. Haben Sie mich verstanden? Er ist ein gemeiner Kerl – ein gefährlicher Mensch. Es ist gut, wenn Sie da sind.«

 

»Jawohl.«

 

Kapitel 19

 

19

 

Dick fuhr mit Surefoot nach Berkshire. Er erkannte in dem verrosteten Stahlkasten sofort sein Eigentum wieder, überließ aber dem Chefinspektor die anderen traurigen Feststellungen.

 

Surefoot kam zurück, nachdem er den Fundort der Leiche und die nähere Umgebung besichtigt hatte. Das Auto Jerry Dornfords wurde, weniger als hundert Meter von der Stelle entfernt, in einem kleinen Gebüsch entdeckt.

 

»Es ist Dornfords Wagen, und ich glaube, man kann ohne große Schwierigkeiten rekonstruieren, wie er den Tod fand«, sagte Surefoot. »Eine Abendzeitung lag im Auto, und zwar von dem Tag, an dem der alte Lyne ermordet wurde.«

 

»Der arme Kerl! Wie ist es denn geschehen? Wurde er ermordet oder –?«

 

»Ein Unglücksfall. Die Pistole war noch geladen, als Dornford sie stahl. Entweder hat er nach dem Diebstahl Angst bekommen, oder er konnte sie nicht verkaufen, wie er beabsichtigte, und entschloß sich deshalb, sie zu vergraben. Es ist erklärlich, daß er sie auf seinem eigenen Grund und Boden verscharren wollte. Er nahm auch einen Spaten mit. Als er aufgefunden wurde, war er in Hemdsärmeln. Allem Anschein nach hat er das Loch also selbst gegraben. Wahrscheinlich wollte er die Pistole gerade hineinlegen, als der Schuß sich löste. Die Kugel ging durch seinen Körper; wir fanden sie in einer Fichte, die daneben steht. Seine Brieftasche enthielt ein Darlehensgesuch an den Geldverleiher Stelbey, der mit Lyne in Verbindung stand. Außerdem einige sehr belastende Notizen über einen gewissen Jules. Wir werden uns alle Mühe geben, die Persönlichkeit dieses Mannes zu identifizieren.«

 

»Da kann ich Ihnen helfen«, erklärte Dick. »Ich kenne den Kerl sehr genau.«

 

Sie kamen spät nach London zurück. Surefoot war in gedrückter Stimmung.

 

Dick suchte Mary unverzüglich auf, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen. Er war erstaunt und ein wenig enttäuscht, als er sah, wie gelassen sie die Nachricht aufnahm.

 

»Ich habe es schon in der Abendzeitung gelesen«, erklärte sie ihm. »Er war ein armer Kerl. Aber ich habe einen glänzenden Tag hinter mir, Dick. Ich habe eine große Überraschung für den Chefinspektor – morgen noch nicht, aber übermorgen.«

 

Er verbrachte eine unruhige Nacht, da er sich sehr um Mary sorgte. Als er am Morgen bei ihr anläutete, war sie schon ausgegangen.

 

Surefoot, mit dem er später zusammentraf, beruhigte ihn.

 

»Sie brauchen sich nicht um die junge Dame zu ängstigen. Der tüchtigste Mann, den ich habe, beobachtet sie Tag und Nacht.

 

Hat sie Ihnen denn nicht gesagt, welchen Plan sie verfolgt? Soviel ich von meinen Leuten gehört habe, hält sie sich dauernd in den Vorstädten auf und kauft dort in den verschiedensten Läden ein.«

 

»Seltsam«, erwiderte Dick ungläubig. »Was kauft sie denn?«

 

»Hauptsächlich Mixed Pickles, aber auch Schinken. Einmal hat sie in der City eine Stunde gebraucht, um Tee zu besorgen. Sie packt die Sache entschieden zu wissenschaftlich an.«

 

Mr. Smith war über die unerklärliche Mitarbeit Mary Lanes durchaus nicht erfreut. Er haßte Geheimnisse.

 

Mary war schon am frühen Morgen nach Maidstone gefahren und hatte dort lange mit einem Schuhmacher verhandelt. Es zeigte sich, daß der Mann ein verhältnismäßig schlechtes Gedächtnis hatte und auch seine Bücher nicht ordentlich führte. Etwa um fünf kehrte sie müde in die Stadt zurück, nahm ein heißes Bad, ruhte sich einige Stunden aus und fühlte sich wieder frisch, als sie ihren Mantel zuknöpfte und ausging.

 

Es war zehn Uhr, und es regnete leicht. Sie nahm ein Taxi und fuhr zum King’s-Cross-Bahnhof. Auf dem Bahnsteig traf sie Binny, der in keiner besonders guten Stimmung zu sein schien. Obgleich der Abend warm war, trug er einen schweren Mantel und ein Halstuch. Er sah elend und verlassen aus. Der Detektiv, der Mary gefolgt war, beobachtete, wie sie mit ihm sprach, und amüsierte sich, denn er wußte, warum Binny verreisen mußte.

 

Der Butler machte ein skeptisches Gesicht.

 

»Ich weiß nicht recht, ob ich mich noch auf sie besinnen kann. Die Leute ändern doch ihr Aussehen im Lauf der Jahre, besonders wenn sie schon älter sind. Sie war nur drei Wochen mit mir in dem Haus zusammen!«

 

»Sie werden sie sicher wiedererkennen!« erklärte Miss Lane energisch.

 

Er zögerte.

 

»Vermutlich. Aber diese Nachtreisen gefallen mir nicht. Früher habe ich einmal ein Eisenbahnunglück miterlebt, und seit der Zeit bin ich immer nervös, wenn ich nachts in einem Zug sitzen muß. Und bedenken Sie doch, daß Mr. Lyne erst vor kurzem gestorben ist und daß ich eine Menge Aufregung mit all den Zeitungsleuten gehabt habe, die mich dauernd ausfragten. Ich weiß überhaupt nicht recht, was ich zu alledem sagen und wie ich mich dazu verhalten soll.«

 

Mary kümmerte sich nicht weiter um seine lange Litanei, sondern sagte ihm noch einmal kurz und klar, was er tun sollte.

 

»Sie gehen also zu dem Haus, das ich Ihnen beschrieben habe, und fragen nach Mrs. Morris. Das ist der Name, den sie angenommen hat – wahrscheinlich, weil ihr Sohn mit der Polizei in Konflikt kam. Wenn Sie feststellen, daß es Mrs. Laxby ist, schicken Sie mir ein Telegramm. Aber Sie müssen Ihrer Sache ganz sicher sein. Haben Sie die Fotografie, die ich Ihnen gegeben habe?«

 

Er nickte schwach. »Ja. Aber meiner Meinung nach ist das eine Sache für die Polizei, mich geht das nichts an.«

 

»Binny, Sie haben das zu tun, was ich Ihnen sage«, erwiderte sie streng. »Ich habe Ihnen eine Schlafwagenkarte gelöst, und Sie haben auf der Reise nicht die geringsten Unannehmlichkeiten auszustehen.«

 

»Aber ich muß doch schon um vier aus dem Zug heraus!« Er merkte, daß er wohl etwas zu weit gegangen war, und lenkte ein. »Es ist schon gut, Miss Lane. Überlassen Sie mir nur die Sache, und wenn es sich so verhält, schicke ich Ihnen ein Telegramm.«

 

Sie verließ den Bahnsteig ein paar Minuten vor Abfahrt des Zuges und nahm wieder ein Taxi.

 

Der Detektiv, der ihr folgte, war davon überzeugt, daß sie zu ihrer Wohnung zurückkehren würde, und gab seinem Chauffeur nur die Weisung, dem vorausfahrenden Wagen zu folgen.

 

Taxichauffeure sind nicht immer auch gute Detektive. Erst als aus dem anderen Auto vor einem Hotel in der Bloomsbury Street ein alter Herr ausstieg, kam dem Mann von Scotland Yard zum Bewußtsein, daß er einer falschen Spur gefolgt war.

 

Er fuhr zu Marys Wohnung und fluchte, daß die junge Dame noch nicht zurückgekommen war. Sofort raste er kreuz und quer mit dem Wagen durch die Stadt, um sie zu suchen. Er wußte, daß es eine fast hoffnungslose Sache war, aber er hatte Glück. Es war Viertel nach elf, als er sie vom Fenster seines Wagens aus auf der Straße gehen sah. Sie kam seinem Auto entgegen. Sofort ließ er halten, bezahlte den Chauffeur und folgte ihr zu Fuß durch den Regen.

 

Kapitel 2

 

2

 

Mr. Tickler, so hieß der Verfolger, konnte dem Auto nur bis zur Oxford Street auf der Spur bleiben. Niedergeschlagen wanderte er auf den Regent’s Park zu und bog dann zum Naylors Crescent ein. In dieser Seitenstraße war es sehr still; die kleinen hübschen Häuser lagen alle in tiefer Nachtruhe.

 

Mr. Tickler blieb vor Nr. 17 stehen und sah zu den Fenstern hinauf. Die weißen Jalousien waren heruntergelassen, und das Haus sah vollkommen tot aus. Dann musterte er die grüne Haustür, die er so gut kannte, die drei ausgetretenen Stufen, die hinaufführten, das kleine eiserne Geländer und die Stahlschienen, die in die Stufen eingelassen waren, damit man einen Rollstuhl leicht hinunterbefördern konnte.

 

In diesem Haus herrschte Reichtum. Ein begüterter Mann wohnte hier, der dem Grab sehr nahe war. Ein Gefühl der Bitterkeit stieg in Mr. Tickler auf. Er dachte an die harte Behandlung im Gefängnis von Pentonville. Es ging zu ungerecht im Leben zu.

 

Der alte Lyne schlief im ersten Stock, sein Bett stand zwischen beiden Fenstern. Das kleine niedrige Fenster gehörte zu seinem Arbeitszimmer, in dem er tagsüber saß.

 

Dort befand sich auch ein Safe, aber es lagen nur alte Papiere darin. Der alte Lyne war schlau und hatte niemals Geld im Hause, wie er ständig betonte. Ein oder zwei Einbrecher, die ihm nicht geglaubt hatten, mußten ohne Beute wieder abziehen.

 

Und dieser alte Geizhals schlief nun in einem luxuriösen Zimmer unter Daunendecken, und hier draußen stand Horace Tom Tickler mit ein paar Silbermünzen in der Tasche.

 

Aber vielleicht war der Alte überhaupt nicht zu Hause. Es gehörte zu seinen Tricks, sich anderswo aufzuhalten, wenn man ihn in seiner Wohnung vermutete.

 

Tickler wanderte eine Stunde in der kleinen Sackgasse auf und ab, dachte über zahlreiche Pläne nach, von denen sich die meisten nicht ausführen ließen, und schlich sich dann nach den breiten Straßen zurück, wo die vielen Cafés mit den hell erleuchteten Fenstern lagen. Schließlich ging er durch eine enge Gasse, um schneller zum Portland Place zu kommen, und dabei hatte er unerwartetes Glück.

 

Ein Polizist, der durch Baynes Mews ging, hörte einen Mann singen, und wenn er sich nicht sehr täuschte, war der Mann betrunken. Die Stimme kam aus einer der vielen kleinen Wohnungen über den Garagen, die zu beiden Seiten der Nebenstraße lagen.

 

An dem Gesang war nichts Besonderes, und der Polizist wäre auch weitergegangen, wenn er nicht eine Gestalt auf den Stufen zur Haustür hätte sitzen sehen.

 

Er leuchtete den Mann mit seiner Taschenlampe an, konnte aber nichts Auffälliges an ihm entdecken. Der Fremde hatte ein rotes Gesicht, war unrasiert und außerordentlich schlecht gekleidet.

 

»Hören Sie ihn?« fragte er den Polizisten und wies mit dem Kopf nach oben. »Das erste Mal, daß so was passiert«, sagte er grinsend. »Der ist ja mächtig benebelt. Zu toll, daß der sich auch besäuft! Heute abend ist er mir durch die Lappen gegangen, und ich hätte ihn niemals wieder erwischt … da hör‘ ich ihn zufällig singen. Er muß ordentlich geladen haben.«

 

Der laute Gesang war inzwischen verstummt, und sie hörten nur noch ein unmelodisches Summen.

 

»Ist das ein Freund von Ihnen?« fragte der Beamte den seltsamen Fremden.

 

Der kleine Mann schüttelte den Kopf.

 

»Das weiß ich nicht. Ich will ja gerade herausbringen, ob er nett zu mir ist oder nicht.«

 

Der Polizist machte eine unwillige Handbewegung.

 

»Sehen Sie zu, daß Sie weiterkommen, und lassen Sie sich hier nicht wieder blicken«, sagte er barsch.

 

»Schon gut«, erwiderte Mr. Tickler und ging davon.

 

Der Polizist kam in Versuchung, ihn zurückzurufen, um den Namen des betrunkenen Sängers zu erfahren, aber dann entschloß er sich doch nicht dazu und beobachtete Mr. Tickler nur, bis er ihn nicht mehr sehen konnte.

 

Es war kurz vor zwei Uhr morgens, und der Polizist ging zu der Stelle, an der er seinen Sergeanten treffen sollte.

 

Mr. Tickler wanderte den Portland Place entlang und schaute in jeder Türnische nach Zigaretten- oder Zigarrenstummeln, die die Herren bei ihrer Rückkehr nach Hause vielleicht fortgeworfen hatten.

 

Welchen Erfolg würde er haben, wenn er an der richtigen Stelle erzählen könnte, was er erfahren hatte! Oder er hätte auch gleich den Sänger da oben erpressen können. Damit kann man leicht Geld verdienen, wenn der andere genug besitzt. In einer Wirtschaft in der Oxford Street trank er eine Tasse Kaffee. Er hatte zur Zeit etwas Geld, sogar eine Schlafstelle, und er konnte mit dem Autobus fahren, wenn er wollte.

 

Gestärkt trat er wieder auf die Straße und schlenderte Regent Street entlang. Dort traf er den Mann, dem er am wenigsten begegnen wollte.

 

Surefoot Smith stand im Schatten eines zurückliegenden Schaufensters. Er war untersetzt und trug einen eng anliegenden Mantel. Den steifen Filzhut hatte er wie gewöhnlich in den Nacken geschoben; sein rundes Gesicht war lebhaft gerötet. Hätte er nicht geraucht, so hätte er eine Statue sein können.

 

»Heda!«

 

Widerwillig drehte sich Tickler um und erkannte den Beobachter. Er richtete sich auf, nahm die Schultern zurück und ging mit leichten Schritten vorwärts. Dadurch hoffte er, nicht erkannt zu werden.

 

Surefoot Smith hatte aber ein seltsam gutes Gedächtnis, das wie eine geordnete Kartei funktionierte. Selbst den kleinsten und unwichtigsten Missetäter, der durch seine Hände gegangen war, vergaß dieser Polizeibeamte nicht.

 

»Kommen Sie her.«

 

Tickler gehorchte.

 

»Was treiben Sie denn jetzt, Tickler? Verlegen Sie sich noch auf Einbrüche, oder schleppen Sie nur das Bier für größere Gauner herbei? Es ist zwei Uhr morgens – haben Sie eine Bleibe?«

 

»Jawohl.«

 

»So? Aber sicherlich doch nicht hier draußen in West End?«

 

Mit oder ohne Berechtigung durchsuchte der Detektiv den Mann, und der Kleine streckte auch gehorsam die Arme aus.

 

»Hab‘ kein Werkzeug bei mir, keinen Meißel, kein Stemmeisen, nicht einmal einen Schießprügel. Ich führe jetzt wirklich ein anständiges Leben.«

 

Surefoot Smith war mit dem Ergebnis der Durchsuchung zufrieden.

 

»Reden Sie keinen Unsinn. Auf was für besondere Diebereien sind Sie denn jetzt aus? Sie werden mir doch nicht sagen wollen, daß Sie ehrlich Ihr Geld verdienen.«

 

In diesem Augenblick flammte zweimal eine Taschenlampe von dem Dach des Hauses auf, das Smith beobachtete. Sofort tauchten aus allen benachbarten Türnischen Gestalten auf, die das Gebäude umzingelten. Surefoot Smith war einer der ersten, die den gegenüberliegenden Bürgersteig erreichten.

 

Ein lautes Klopfen drüben an der Haustür sagte Mr. Tickler, was er wissen wollte. Das Haus wurde von der Polizei durchsucht. Vielleicht war es ein Spielklub, vielleicht noch etwas Schlimmeres.

 

Tickler war froh, daß er so gut weggekommen war, und machte sich schleunigst davon. Am Piccadilly Circus blieb er stehen und überlegte. Und je länger er nachdachte, desto mehr kam ihm zum Bewußtsein, daß er eine äußerst günstige Gelegenheit versäumt hatte. Mit gesenktem Kopf ging er Piccadilly entlang und träumte davon, sich leicht und mühelos Geld zu verschaffen.

 

Kapitel 20

 

20

 

Mary Lane wußte nicht, daß ihr jemand folgte, als sie an ihrem Ziel ankam. Sie stand in einem kleinen gepflasterten Hof, in dem sich der wenig angenehme Geruch von lange nicht geleerten Mülleimern bemerkbar machte. Vorsichtig ging sie weiter und benutzte eine Taschenlampe, um den Weg zu finden. Am Ende des Hofes befand sich eine kleine Tür, daneben ein Fenster.

 

Eine Weile stand sie auf der Schwelle und lauschte. Ihr Herz schlug schneller, und sie fühlte sich plötzlich allein und verlassen in der Stille der Nacht. Es schien ihr vermessen, daß sie als Dilettantin der Polizei ins Handwerk pfuschen wollte.

 

Unaufhörlich fiel der Regen, und das monotone Rauschen machte sie niedergedrückt und mutlos.

 

Aber schließlich raffte sie sich auf und nahm aus ihrer Handtasche das Duplikat des Schlüssels, das Surefoot für sie hatte anfertigen lassen. Sie fand das Schlüsselloch und steckte den Schlüssel hinein. Nun sollte sich zeigen, ob ihre Theorie stimmte oder nicht. Als sie versuchte, ihn umzudrehen, schien er nicht zu passen, und sie war beinahe froh darüber. Aber nachdem sie ihn noch ein wenig tiefer hineingeschoben hatte, drehte er sich, und das Schloß schnappte mit einem lauten Krach auf.

 

Marys Knie zitterten, als ob sie die Last des Körpers nicht mehr tragen könnten, und sie atmete schwer. Hier war das Experiment eigentlich zu Ende, und sie hätte zurückgehen sollen. Aber plötzlich wurde sie von Abenteuerlust gepackt und öffnete die Tür, die lautlos nachgab. Furchtsam schaute sie in das dunkle Innere. Sollte sie hineingehen? Ihre Vernunft sagte nein. Aber Mary hielt die warnende Stimme für weibliche Schwäche, für Angst vor der Finsternis und vor Gespenstern, die nicht existierten.

 

Sie machte die Tür weiter auf, trat einen Schritt vor, leuchtete mit der Taschenlampe umher und sah nichts.

 

Dann hörte sie plötzlich in der Dunkelheit einen Laut, der ihr Blut in den Adern erstarren ließ – es war das Wimmern einer Frau.

 

Eisiger Schrecken packte sie, und sie glaubte, sie würde ohnmächtig umsinken. Der Laut kam aus der Tiefe, aus einem Raum unter ihren Füßen, und doch hatte sie das Gefühl, als ob sich auch vor ihr etwas regte.

 

Die Taschenlampe in ihrer Hand zitterte so sehr, daß sie nicht genau erkennen konnte, was vor ihr war. Sie stützte sich mit einem Arm an der Wand, bemerkte eine Schranktür, schlich dorthin und lauschte. Nun hörte sie es deutlich: Das Geräusch kam tatsächlich aus der Tiefe, und die Tür bildete offenbar den Eingang zu einem Keller. Sie versuchte sie zu öffnen, fand sie aber verschlossen.

 

Plötzlich wurde sie von einer unsagbaren Furcht befallen, wie sie sie noch nie zuvor kennengelernt hatte. Sie fühlte fast greifbar, daß ihr Gefahr drohte, und zwar aus nächster Nähe.

 

Sie wandte sich um und blieb starr vor Schrecken stehen. Die Tür schloß sich langsam!

 

Mary sprang vorwärts und packte die Kante, aber jemand drückte die Tür zu, und dieser Unheimliche stand mit ihr in demselben Raum, ja er hatte schon dort gestanden, als sie eingetreten war!

 

Als sie die Lippen öffnen wollte, um einen Schrei auszustoßen, legte sich eine große Hand auf ihren Mund. Eine andere Hand packte sie an der Schulter und riß sie zurück. Im nächsten Augenblick fiel die Tür krachend ins Schloß.

 

»Oh, Miss Lane, wie konnten Sie das nur tun?«

 

An der hohen Stimme erkannte sie sofort, daß sie Mr. Washington Wirth gegenüberstand. Mit Aufbietung all ihrer Kräfte versuchte sie, sich loszureißen, aber in den Armen des Mannes war sie machtlos wie ein Kind.

 

»Darf ich Ihnen vielleicht den Rat geben, meine Liebe, sich ruhig zu verhalten? Sonst wäre ich leider gezwungen, Ihnen die Kehle durchzuschneiden.«

 

Die Stimme klang höflich und freundlich, und doch verbarg sich dahinter eine schreckliche Drohung. Mary wußte, daß dieser Mensch sie ohne die geringsten Gewissensbisse umbringen würde. Aber wahrscheinlich würde er diese Drohung nicht gleich wahrmachen. Ihre Rettung hing jetzt allein von ihrem Witz und Verstand ab.

 

Stöhnend sank sie in seinen Armen zusammen. Darauf war er so wenig vorbereitet, daß er sie fast hätte fallen lassen. Er verlor das Gleichgewicht und legte sie mit einem ärgerlichen Ausruf auf den Steinboden nieder. Nach einer kleinen Weile hörte sie das Klappern von Schlüsseln. Er schloß die Schranktür auf.

 

Geräuschlos erhob sich Mary, tastete sich nach der Tür, drückte die Klinke lautlos nieder und riß sie im nächsten Augenblick auf. Wie von Furien gehetzt rannte sie über den Hof. Er kam zu spät, um sie anhalten zu können, und sie befand sich bereits auf der einsamen Nebenstraße, als er sich von seiner Überraschung erholt hatte.

 

Ein paar Minuten später erreichte sie eine Hauptstraße, und als sie zwei Polizisten vor sich sah, wollte sie auf sie zustürzen und ihnen ihr Abenteuer erzählen. Aber sie zögerte. Die beiden würden sie wahrscheinlich für verrückt halten.

 

»Hallo, Miss Lane! Sie haben mich furchtbar erschreckt!«

 

Es war der Detektiv, der ihr den ganzen Abend gefolgt war und sie schließlich aus den Augen verloren hatte. Er verbarg seine Erleichterung durchaus nicht.

 

»Um Himmels willen, wo waren Sie denn? Ich bin Stenford von Scotland Yard. Mr. Smith hat mir gesagt, Sie wüßten, daß Sie beobachtet werden.«

 

Sie hätte ihm vor Dankbarkeit um den Hals fallen können. Atemlos erzählte sie ihm ihre Geschichte, während er ihr ungläubig zuhörte.

 

»Haben Sie den Schlüssel?«

 

Sie schüttelte den Kopf, Sie hatte ihn in der Tür steckenlassen.

 

»Ich bringe Sie jetzt nach Hause, Miss Lane. Nachher berichte ich Mr. Smith.«

 

Stenford war ein noch junger, diensteifriger Detektiv, und kaum hatte er sich vor der Wohnungstür von Mary verabschiedet, als er auch schon zurückeilte, um auf eigene Faust vorzugehen, bevor er sich bei seinem Vorgesetzten meldete.

 

Mary kochte sich eine Tasse Tee, um ihre Nerven zu beruhigen. Die Räume erschienen ihr schrecklich einsam und verlassen, und sie hörte merkwürdige Geräusche. Sie wußte, daß sie nicht würde schlafen können, und wollte gerade den Hörer abnehmen, als das Telefon scharf klingelte. Sie zuckte zusammen.

 

Surefoot Smith rief sie an, und seine Stimme klang aufgeregt und besorgt.

 

»Sind Sie es, Miss Lane? Hören Sie zu und tun Sie schnell, was ich Ihnen sage. Verriegeln Sie sofort Ihre Wohnungstür und öffnen Sie auf keinen Fall, bevor ich komme. In zehn Minuten bin ich bei Ihnen.«

 

»Aber –«

 

»Tun Sie, was ich Ihnen sage!«

 

Sie hörte, wie er aufhängte. Ein entsetzlicher Schrecken packte sie, denn der Chefinspektor hätte nicht so aufgeregt gesprochen, wenn die Lage nicht gefährlich gewesen wäre.

 

Sie trat in den Flur, im gleichen Augenblick ging das Licht aus. Rasch folgte sie einer unbewußten Eingebung, sprang in das Zimmer zurück, das sie eben verlassen hatte, schlug die Tür krachend zu und drehte den Schlüssel um.

 

In der nächsten Sekunde warf sich jemand von draußen mit vollem Gewicht dagegen. Sie hatte keine Waffe, wußte nur, daß eine Schere auf dem Tisch lag.

 

Wieder donnerte der Eindringling gegen die Tür, die Füllung krachte bedenklich.

 

»Ich habe einen Revolver und schieße, wenn Sie nicht gehen!« rief sie.

 

Darauf folgte Schweigen. Hastig sprang sie zum Fenster und riß es auf. Jetzt mußte sie eine gute Schauspielerin sein, sonst kostete es ihr Leben.

 

»Mr. Smith, sind Sie das? Klettern Sie die Feuerleiter herauf!« schrie sie so laut sie konnte.

 

Wieder krachte die Türfüllung. Da kam Mary ein Einfall. Sie nahm den Hörer und wählte die Nummer der Polizeistation:

 

»Ein gewisser Moran versucht, in mein Zimmer einzubrechen – Leo Moran, bitte erinnern Sie sich an den Namen, falls mir etwas geschehen sollte, hier spricht Mary Lane …«

 

Sie ließ den Hörer fallen und schlich zur Tür.

 

Leise ging jemand den Korridor entlang; das Geräusch wurde schwächer, bis sie nichts mehr hörte.

 

Mary Lane sank zu Boden, und diesmal war sie wirklich ohnmächtig geworden.

 

Erst das heftige Klopfen und die erregte Stimme Dick Allenbys brachten sie wieder zu sich. Schwerfällig erhob sie sich, drehte den Schlüssel um und sah Dick und den Chefinspektor eintreten. Aber sie hatte kaum ein paar Worte gesprochen, als sie wieder bewußtlos wurde.

 

»Es ist wohl besser, Sie rufen eine Krankenschwester«, sagte Surefoot. »Ich fürchtete schon, ich würde sie nicht mehr lebend antreffen!«

 

Dick rieb Marys Gesicht mit einem nassen Tuch ab. Er war so besorgt um sie, daß er sich im Augenblick nicht einmal dafür interessierte, wie der Chefinspektor von der großen Gefahr Kenntnis erhalten hatte. Surefoot hatte ihn in seinem Klub anrufen lassen, und beide waren zu gleicher Zeit vor dem Haus angekommen.

 

»Ich erhielt eine telefonische Meldung von dem Beamten, der sie beobachtete«, berichtete Smith. »Er erzählte mir die Geschichte, die sie ihm mitgeteilt hatte, und ich beauftragte ihn, sofort zu ihrer Wohnung zurückzukehren und dort zu bleiben, bis ich käme. Eine halbe Stunde später ruft mich der Kerl an und sagt mir, daß er den Hof und die Nebenstraße durchsucht und niemand gefunden habe! Können Sie sich so etwas vorstellen?«

 

Mary hatte die Augen wieder geöffnet, und ein paar Minuten später richtete sie sich auf. Sie sah bleich und angegriffen aus, aber sie war jetzt ruhig genug, um erzählen zu können.

 

Die ganze Nacht hindurch waren Beamte von Scotland Yard unterwegs, um London und die Vorstädte nach einem bestimmten Mann zu durchsuchen. »Möglich, daß er von einer Frau begleitet wird«, stand in der offiziellen Benachrichtigung. Dann folgte eine genaue Beschreibung des Paares.

 

Auf den Rat des Chefinspektors hin zog Mary in ein ruhiges Hotel in der Nähe des Haymarket. Surefoot nahm an, daß ihr jetzt nichts mehr passieren würde, nachdem das Geheimnis von Washington Wirth bekannt war. Er hätte sie vielleicht töten können, um zu verhindern, daß sie sein Geheimnis preisgab, aber nachdem sie nun mit andern darüber gesprochen hatte, war sie wohl nicht mehr bedroht.

 

»Ich hoffe es auch«, sagte sie kleinlaut. »Als Detektiv habe ich nichts geleistet.«

 

Surefoot räusperte sich.

 

»Ich kann schlecht Komplimente machen. Im übrigen haben Sie ja schließlich nun den Täter gefunden und entdeckt, wie die Bankfälschungen zustande kamen.«

 

An dem Abend, an dem Mary ihr Abenteuer erlebte, hatte Surefoot seinem Freund in Chikago telegrafiert und ihn um alle Einzelheiten über den amerikanischen Gangster Ryan gebeten, der augenblicklich in England arbeitete. Nun ersuchte er das New Yorker Polizeipräsidium noch um telegrafische Übermittlung einer Fotografie.

 

Als der Chefinspektor das Bild in Händen hatte, ging er zu Morans Bank. Es wurden alle Bücher durchgesehen, aber man konnte keine weiteren Unterschlagungen feststellen.

 

»Vielleicht hilft Ihnen eine kleine Mitteilung, die ich Ihnen machen kann«, sagte der Generaldirektor. Moran hat seinen Dienst bei der Bank einige Jahre unterbrochen. Während dieser Zeit war er in Amerika. Wir nehmen an, daß er damals an der Börse spekuliert hat – er selbst hat darüber nie genaue Angaben gemacht.«

 

»Merkwürdig«, erwiderte Surefoot, erklärte aber nicht weiter, was er mit diesen Worten sagen wollte.

 

»Er hatte auch großes Interesse an Cassari-Petroleum-Aktien, die eine so sensationelle Hausse erlebten. Das habe ich allerdings erst vor ein paar Tagen erfahren.«

 

»Ich wußte es schon ziemlich lange«, entgegnete der Chefinspektor grimmig, »und ich kann Ihnen sogar erzählen, daß er nahezu eine Million daran verdient hat.«

 

Der Generaldirektor runzelte die Stirn.

 

»Dann hatte er es doch gar nicht nötig, sich irgendwelche Verfehlungen zuschulden kommen zu lassen?«

 

»Nein, nötig hatte er das nicht«, erwiderte Surefoot geheimnisvoll. –

 

Dick Allenby war in diesen Tagen sehr beschäftigt, denn als Haupterbe seines Onkels hatte er viel zu erledigen. Der verstorbene Mr. Lyne hatte auch Geschäftsinteressen in Frankreich gehabt, und Dick fuhr infolgedessen eines Nachmittags mit dem Schnellzug nach Paris.

 

Am Tage vorher war zwischen Ashford und Dover ein Zug entgleist, und die Strecke konnte daher nur eingleisig befahren werden. Die Expreßzüge hatten nur geringe Verspätung, aber es war notwendig, daß sie auf einer kleinen Station hielten, an der sie sonst vorüberrasten.

 

Der Expreßzug nach dem Festland fuhr langsam in die Station ein und hielt. Ein anderer, der aus der entgegengesetzten Richtung kam, wartete. Als sich der Expreß wieder in Bewegung setzte, wandte sich Dick zufällig um und betrachtete die Passagiere des anderen Zuges.

 

In einem Abteil des letzten Wagens saß ein Mann in der Ecke, der eine Zeitung las. Als der Zug vorüberfuhr, senkte er das Blatt, und Dick erkannte – Leo Moran!

 

Kapitel 21

 

21

 

Es war Dick unmöglich, im Augenblick etwas zu unternehmen. Der Zug fuhr schneller und schneller und hielt erst wieder in Dover. Vielleicht war es möglich, von dort aus mit Scotland Yard zu telefonieren. Aber dann erreichte er am Ende seinen Dampfer nicht mehr.

 

Als Dick in Dover ankam und durch die Paßkontrolle ging, erkannte er glücklicherweise einen Detektiv, der die Abreisenden beobachtete. Ihm erklärte er die Dringlichkeit der Situation.

 

»Moran hat Dover nicht passiert«, erwiderte der Beamte und schüttelte den Kopf. »Sie sind dem Anschlußzug von Boulogne-Folkestone begegnet. Aber ich werde mich sofort mit Mr. Smith in Verbindung setzen. Wir haben hier schon seit einiger Zeit eine genaue Personalbeschreibung von Mr. Moran, ebenso die Leute in Folkestone. Ich kann mir nicht erklären, daß man ihn nicht erkannt haben sollte.«

 

Chefinspektor Smith schickte sofort Beamte an den Bahnhof, als er die Nachricht hörte. Sie überwachten den Zug bei der Ankunft, fanden aber Moran nicht. Surefoot stellte später fest, daß der Zug auf der Station South Bromley gehalten hatte. Dort war ein Passagier, der sein Gepäck selbst trug, ausgestiegen und hatte seine Fahrkarte abgegeben. Er war mit einem Taxi weggefahren.

 

Der Reisende hatte offenbar einen plötzlichen Entschluß gefaßt, wie der Schaffner des Wagens aussagte. Spät am Abend wurde auch der Taxichauffeur ermittelt und verhört. Es stellte sich heraus, daß Moran zu einer anderen Station gefahren war, die ein paar Meilen von Bromley entfernt lag. Von dort aus hatte er einen Vorortzug nach London benutzt.

 

Ein Anruf in seiner Wohnung blieb ohne Ergebnis. Der Portier hatte ihn auch nicht gesehen.

 

Der Chefinspektor telefonierte Dick in dessen Pariser Hotel an. »Haben Sie nicht die Schlüssel zu Morans Wohnung?« fragte er ihn.

 

»Ja, das habe ich ganz vergessen. Sie liegen in meiner Werkstatt. Setzen Sie sich mit dem Hausmeister in Verbindung, Sie finden sie in der einen Tischschublade …«

 

Smith lag weniger daran, die Schlüssel zur Wohnung zu bekommen, als festzustellen, daß Leo Moran nicht zurückgekehrt war. Er würde doch sicher versuchen, seine Schlüssel aus Dicks Wohnung zu holen. Auf jeden Fall ließ der Chefinspektor Dick Allenbys Haus beobachten.

 

Aber Moran zeigte sich nicht. Entweder wußte er, daß man genau auf ihn aufpaßte, und zeigte sich deshalb nicht, oder aber er besaß irgendeine andere Wohnung in London, die der Polizei nicht bekannt war.

 

Die anderen Nachforschungen, die Smith in die Wege leitete, blieben gleichfalls erfolglos. Aber im Augenblick konzentrierte er seine Hauptaufmerksamkeit auf Moran. Die Fremdenlisten in allen Hotels wurden überwacht.

 

Mary Lane wußte nichts davon, daß Moran wieder in London war, und Surefoot Smith, der sie am Abend sprach, erwähnte auch nicht, daß Moran gesehen worden war. Er suchte sie gewöhnlich ein- oder zweimal am Tage auf, da er kein Risiko auf sich nehmen wollte.

 

Marys Hotel lag in einem alten Häuserblock mitten in West End. Es war in mancher Beziehung etwas altmodisch und primitiv eingerichtet, aber schließlich hatte der Eigentümer Gasöfen zur Heizung der Schlafzimmer aufstellen lassen und sich auch dazu bequemt, elektrisches Licht zu legen. Das Telefon betrachtete er dagegen als unliebsame Neuerung, die seinen Frieden störte. Es gab nur einen Apparat im ganzen Haus, und zwar in seinem Büro.

 

Mary war nicht unzufrieden darüber. Vor allem war das Hotel ruhig, und man konnte nachts schlafen. Sie fühlte sich in ihrem großen hellen Zimmer, das nach der Straße lag, sehr wohl. Es verkehrten fast nur Familien aus der Provinz hier.

 

Mary konnte auf einen Balkon hinaustreten, der die ganze Breite des Hauses einnahm. Allerdings passierte auf der Straße nicht viel, das man sich von oben hätte ansehen können.

 

Als Mr. Smith Mary am nächsten Abend wieder besuchte, hatte er Pech. Wäre er ein paar Minuten früher gekommen, so hätte er beobachten können, wie Leo Moran die breite Treppe in die Höhe stieg und dem Hotelportier in den Raum, folgte, der an Marys Zimmer stieß. Der Mann hatte sich nicht als Moran ins Hotelregister eingetragen, sondern als John More aus Birmingham. Er bestellte ein einfaches Abendbrot aufs Zimmer. Als das Geschirr wieder fortgeräumt war, schloß er die Tür, öffnete eine Mappe, nahm eine Anzahl Dokumente heraus und war eifrig tätig.

 

Der Chefinspektor blieb nicht lange, und Mary las noch eine Stunde. Sie hatte die Aufregungen jener furchtbaren Nacht allmählich überwunden und Surefoot gesagt, daß sie wieder in ihre Wohnung zurückkehren wollte.

 

»Sie bleiben besser noch eine Woche im Hotel«, hatte er ihr erwidert. »Es ist möglich, daß ich mich täusche, aber ich glaube, bis dahin habe ich den Fall vollkommen geklärt.«

 

»Aber da der Polizei jetzt sein Name und seine Personalbeschreibung bekannt sind, wird er mir doch nicht mehr nachstellen«, protestierte sie. »Ich bin auch vollkommen davon überzeugt, daß er nicht aus Rache, sondern aus Selbsterhaltungstrieb gehandelt hat –«

 

»Man kann nicht vorsichtig genug sein, wenn es sich um diesen Menschen handelt. Vor allem muß man annehmen, daß er bis zu einem gewissen Grade geistesgestört ist.«

 

Mary war unzufrieden, daß ihr noch immer Einschränkungen auferlegt wurden. Sie war auch nicht damit einverstanden, daß sie so früh zu Bett gehen sollte, wie der Arzt vorgeschrieben hatte, denn sie konnte nicht einschlafen.

 

Erst kurz vor Mitternacht fiel sie in einen leichten Schlaf, aber eine Stunde später schreckte sie plötzlich wieder auf. Zitternd zog sie die Decke über die Schultern.

 

Die Tür zum Balkon, die sie geschlossen hatte, stand weit offen; ein kalter Luftzug wehte durch den Raum, und die Zimmertür war auch halb geöffnet. Mary hatte sie von innen verschlossen, darauf konnte sie sich genau besinnen.

 

Als sie neben dem Bett stand, erschien die Gestalt eines Mannes in der Türöffnung. Deutlich war sie in dem trüben Licht des Korridors zu sehen. Mary war einen Augenblick wie gelähmt vor Furcht und Entsetzen. Dann erkannte sie den Mann plötzlich, und in wilder Todesangst schrie sie auf.

 

Er trat zurück und verschwand. Sie eilte zur Tür, warf sie zu und drehte den Schlüssel um. Hastig machte sie Licht, klingelte heftig, schloß auch, die Tür nach dem Balkon und saß dann verängstigt in einem Sessel, bis sie die Stimme des Nachtportiers hörte.

 

Schnell schlüpfte sie in einen Morgenrock, öffnete und berichtete, was sie erlebt hatte. Er sah sie ungläubig an. Zwar sagte er nichts, aber er schien davon überzeugt, daß sie geträumt hatte.

 

»Was, ein Mann war in Ihrem Zimmer? An mir ist aber niemand vorbeigekommen«, meinte er schließlich. »Und ich habe unten in der Halle seit zehn gewacht.«

 

»Gibt es nicht noch einen anderen Ausgang?«

 

Der Portier dachte einen Augenblick nach.

 

»Höchstens könnte er die Gesindetreppe hinuntergegangen sein. Ich werde einmal nachsehen. Ist Ihnen etwas gestohlen worden?«

 

Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht«, erwiderte sie ungeduldig. »Bitte rufen Sie Chefinspektor Smith in Scotland Yard an. Sagen Sie ihm, er möchte sofort herkommen, es sei sehr, sehr wichtig.«

 

Sie ging in ihr Zimmer zurück, schloß die Tür und öffnete sie erst wieder, als sie nach einem Klopfen Surefoots Stimme hörte.

 

Noch bevor sie sprechen konnte, rief er den Portier zurück, der ihn nach oben gebracht hatte.

 

»Irgendwo im Haus steht ein Gashahn auf«, sagte er.

 

»Ich habe es auch schon bemerkt.«

 

Der Mann ging den Gang entlang und kehrte dann wieder um.