Kapitel 27

 

27

 

Pretoria-Smith schwieg eine Weile und steckte sich eine neue Zigarette an. »Sir James Tynewood ist tot«, sagte er dann langsam, »und es stimmt, daß ich davon weiß. Ich kenne auch die Frau, die ihn ums Leben gebracht hat.«

 

Sie wußte nicht, wie sie nun fortfahren sollte. Er bemerkte es und wandte sich freundlich, ja liebevoll zu ihr.

 

»Aber ich wollte dich nicht stören. Erzähle mir nur deine Geschichte.«

 

»Bevor Onkel Stedman uns half, ging es uns schlecht, und ich hatte eine Stellung als Privatsekretärin bei Mr. George Vance. Er war ein Freund meines Vaters und tat viel für mich. Ich hatte alle vertraulichen Angelegenheiten der Firma zu erledigen, und ich empfing auch dich, als du damals von Südafrika zurückkehrtest. Kannst du dich noch auf mich besinnen?«

 

»O ja, sehr gut.«

 

»An dem Tag, an dem du zurückkamst, rief er mich zu sich und übergab mir einen Brief, den er selbst geschrieben haben mußte. Er war an Sir James Tynewood adressiert.

 

›Miss Stedman‹, sagte er, ›ich tue es zwar ungern, aber in diesem Fall bleibt mir nichts anderes übrig. Besorgen Sie diesen Brief persönlich. Sie sind die einzige, auf die ich mich in dieser Angelegenheit verlassen kann.‹ Er erklärte mir auch, daß die Wohnung der Schauspielerin Alma Trebizond gehöre, einer sehr lebenslustigen jungen Dame. ›Sie treffen Sir James dort. Übergeben Sie ihm das Schreiben und bringen Sie mir eine Antwort. Was Sie dort sehen und hören, müssen Sie aber als striktes Geschäftsgeheimnis betrachten.‹

 

Ich hatte früher noch nie einen solchen Auftrag erhalten und war sehr gespannt, was ich erleben würde. Als ich bei der Wohnung ankam, war es schon dunkel geworden. Schon bevor ich klingelte, konnte ich die lärmende Gesellschaft hören, und es dauerte einige Zeit, bis mir jemand aufmachte. Endlich wurde ich hineingeführt, und Sir James trat auf mich zu.

 

Ich sagte ihm, daß ich von Rechtsanwalt Vance käme. Er fluchte, als ich ihm den Brief übergab, riß ihn auf und las ihn.

 

Er hatte zuviel getrunken und brüllte mir schließlich zu, ich könnte Mr. Vance bestellen, daß er sich zum Teufel scheren sollte. Damals sah ich auch Alma Trebizond zum erstenmal.

 

Als ich zu Mr. Vance zurückkam, berichtete ich ihm alles.«

 

»Was sagte er denn dazu?«

 

»Er war sehr aufgeregt und bat mich noch einmal dringend, über alles zu schweigen.«

 

»Und am selben Abend kam ich noch zum Büro. Was geschah denn am Tage darauf?«

 

»Am Nachmittag schickte mich Mr. Vance wieder mit einem Brief zu Doktor Fordham. Er war ein Freund von Sir James.«

 

Sie erzählte ihm nun alle weiteren Einzelheiten ihrer Fahrt bis zu dem dramatischen Ende.

 

»Es war schon sehr spät, als ich wieder in London ankam«, schloß sie, »aber Mr. Vance erwartete mich noch auf dem Bahnsteig. Als ich ihm alles mitgeteilt hatte, erklärte er entschieden, daß Sir James nicht tot sei. Und dann ersuchte er mich noch einmal, nie mit einem Menschen über die Tragödie zu sprechen. Und ich habe bis heute mein Wort gehalten.«

 

Pretoria-Smith stand langsam auf, warf die Zigarette fort.

 

»Du glaubst also, daß ich Sir James umgebracht habe?«

 

»Nein, jetzt nicht mehr«, erwiderte sie bestimmt. »Als ich natürlich in den Zeitungen las, daß Sir James ins Ausland gegangen und sein jüngerer Bruder an Typhus gestorben sei, wußte ich, daß Doktor Fordham einen falschen Totenschein ausgestellt hatte. Sir James hatte keinen Bruder.«

 

»Halbbruder. Aber wie hast du dir denn die Vorgänge erklärt?« fragte er. »Welche Lösung hast du gefunden?«

 

»Keine befriedigende. Vielleicht hat sich Sir James selbst erschossen, und sein Bruder ist ins Ausland gegangen, um den Skandal für die Familie abzuwenden. Man hat dann Sir James unter dem Namen seines Bruders begraben.«

 

Er überlegte einen Augenblick. »Hast du auch daran gedacht, daß der Bruder jeden Tag auftauchen und das Familienerbe für sich in Anspruch nehmen könnte?«

 

»Das könnte er doch wohl nicht. Er war nur ein Halbbruder. Ich dachte, die ganze Angelegenheit sollte in Vergessenheit geraten und das Familienerbe mit der Zeit –« Marjorie sprach nicht weiter.

 

»An Lady Tynewood fallen?« ergänzte er. »Das ist nicht wahrscheinlich. Aber wer ist dieser Halbbruder?«

 

Sie sah schnell zu ihm auf. »Wenn überhaupt ein Halbbruder lebt, dann bist du es«, sagte sie.

 

Er nickte. »Du kannst tatsächlich logisch und scharf denken.«.

 

Kapitel 21

 

21

 

Es ist alles so verworren und seltsam – einfach entsetzlich, dachte Marjorie, als sie in der kleinen, alten Normannenkapelle des Schlosses Tynewood saß. Sie wartete auf die Ankunft ihres zukünftigen Mannes. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit Alma, mit Sir James Tynewood und hauptsächlich mit Pretoria-Smith.

 

Der Geistliche war schon gekommen und saß mit Lord Wadham in der kleinen Sakristei.

 

Pretoria-Smith erschien Marjorie nach ihren gestrigen Erlebnissen nicht mehr so abstoßend wie früher. Nach dem Zwischenfall mit Lance Kelman hatte er sie zu ihrer Wohnung begleitet, und seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

 

Und heute war nun also ihr Hochzeitstag. Sie konnte es selbst kaum glauben. Es erschien ihr alles unwirklich und grotesk. Sie hätte eigentlich lachen können, wenn es nicht so furchtbar gewesen wäre. Ihre Mutter hatte sie begleiten wollen, aber die Gegenwart dieser Frau hätte sie um den letzten Rest ihrer Fassung gebracht. Glücklicherweise war es ihr gelungen, Mrs. Stedman zu Hause zu halten.

 

Der Pförtner führte sie in der Kapelle umher. Die Wände waren mit Grabsteinen bedeckt, und in den sechs Nischen unter den schönen Fenstern lagen die Tynewoods begraben. Die kleine Kirche machte großen Eindruck auf Marjorie, obwohl es ihr sonderbar genug vorkam, daß sie an ihrem Hochzeitstag Grabsteine betrachten sollte.

 

Plötzlich blieb sie stehen und wäre beinahe umgesunken, als sie einen Namen las.

 

Norman Garrick

 

stand auf der schlichten Platte. Kein Datum, keine weiteren Einzelheiten.

 

Norman Garrick! Mr. Vance hatte ihr gesagt, daß das der eigentliche Name von Pretoria-Smith sein sollte. Schon damals ahnte sie, daß der Rechtsanwalt sie belog, aber jetzt erst hatte sie den vollen Beweis dafür. Warum hatte Mr. Vance sie getäuscht? Er war doch sonst so freundlich und aufrichtig zu ihr gewesen.

 

Ihr Führer schien ihre Aufregung nicht zu bemerken, und sie machte wieder ein interessiertes Gesicht, als ob sie seinen Worten lauschte. Er zeigte ihr das Familienwappen, das in einen Pfeiler eingraviert war. Ein Tynewood hatte es in den Tagen König Karls eingekratzt, als er in dieser Kapelle gefangensaß.

 

Lord Wadham kam aus der Sakristei, und der Geistliche folgte ihm in seiner Amtstracht. Marjorie war froh, als sie den Lord sah, denn er gehörte der Wirklichkeit an.

 

»Jetzt müßte er doch eigentlich kommen«, sagte er und sah auf seine Uhr. »Sie haben einen unpünktlichen Bräutigam, mein liebes Kind. Es ist schon zehn Minuten nach elf.«

 

Fünfzehn – zwanzig – dreißig Minuten vergingen, und noch immer erschien Pretoria-Smith nicht. Lord Wadham war schon reichlich ungeduldig geworden, als sie schließlich unsichere Schritte in der Vorhalle hörten. Pretoria-Smith wankte herein, blieb einen Augenblick stehen und hielt sich an einem Pfeiler fest. Er war nicht rasiert, und die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Seine Augen brannten, und Marjorie sah, daß er sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Langsam kam er das Hauptschiff entlang und trat neben sie. Vor Entsetzen wagte sie kaum zu atmen.

 

»Der ist schon wieder betrunken«, sagte Lord Wadham und warf dem Geistlichen einen Blick zu. Aber der Pfarrer sah und hörte nur sehr wenig. Er hatte sein Buch aufgeschlagen, und die Trauung begann.

 

Smith wankte dauernd von einer Seite zur anderen, und Marjorie erschien diese kirchliche Feier wie ein böser Traum. Endlich war die Zeremonie vorüber, und Marjorie wußte, daß sie nun Mrs. Pretoria-Smith war, die Frau eines Mannes, der sich den Namen eines Toten zugelegt hatte. Mit Grauen dachte sie daran, daß die Gebeine Norman Garricks unter ihren Füßen moderten.

 

Nachdem der Pfarrer den Segen gesprochen hatte, berührte. Wadham Pretoria-Smith an der Schulter.

 

»Stehen Sie auf«, sagte er.

 

Aber Pretoria-Smith war auf die Seite gefallen, und als sich der Lord über ihn neigte, war er eingeschlafen.

 

Ein langes, peinliches Schweigen folgte. Schließlich fand Wadham seine Fassung wieder.

 

»Ich werde das Auto holen«, sagte er so leise wie möglich zu Marjorie.

 

Sie sah, wie traurig er war, und drückte ihm die Hand.

 

»Es wartet schon draußen. Vielleicht hilft die Fahrt an der frischen Luft –« Sie unterdrückte ein Schluchzen.

 

»Wohin fahren Sie?«

 

»Nach Brightsea, zu einem Landhaus, das ziemlich weit von der Stadt entfernt liegt. Ich bin froh, daß uns dort niemand beobachten kann. Glauben Sie, daß wir ihn in den Wagen schaffen können?«

 

Mit Hilfe des Chauffeurs und des Pförtners gelang es dem Lord, Pretoria-Smith in die Limousine zu schaffen.

 

Marjorie sah elend und unglücklich aus, als sie Wadham zum Abschied die Hand reichte.

 

»Leben Sie wohl, und viel Glück! Es tut mir leid, daß Sie so abfahren müssen – aber ich kann Sie ja nicht aufhalten.«

 

Sie sagte nichts, als sie in den Wagen stieg, und der Chauffeur schlug die Tür zu.

 

So fuhr Marjorie Smith in ihre Flitterwochen.

 

Kapitel 22

 

22

 

Lord Wadham sah dem Auto betrübt nach. Dann gab er dem Pförtner ein reichliches Trinkgeld und ging langsam den Fahrweg hinunter, bis er zu den großen Toren kam. Der Pförtner war ihm gefolgt, und da Wadham das Bedürfnis hatte, mit einem Menschen zu reden, drehte er sich noch einmal um.

 

»Haben Sie eigentlich etwas Neues von Ihrem Herrn gehört, Hill?«

 

»Nein, Mylord. Aber eines Tages wird er zurückkommen.«

 

»Es ist alles so traurig, Hill«, sagte der Lord laut.

 

»Ja, Mylord, es war eine schreckliche Sache. Und nur die Leute, die die Wahrheit wirklich wissen, können beurteilen, wie traurig es ist.«

 

»Sind Sie denn eingeweiht, Hill?«

 

»Nein, Mylord«, erwiderte der Mann und starrte ins Leere.

 

»Ich glaube, Sie sind ein verdammter Lügner«, entgegnete der Lord gutmütig. »Aber wenn Sie die Geheimnisse Ihres Herrn hüten, wird es Ihnen gut gehen. Ich wünschte nur, ich hätte solche Leute wie Sie. Was ist eigentlich aus dem Bruder von Sir James geworden?«

 

»Sie meinen den Halbbruder, Mylord?«

 

»Ja, ja, natürlich, den meine ich. Er war doch auch ein hübscher Junge.«

 

»Er ist vor einigen Jahren an Typhus gestorben.«

 

»Wie lange ist das denn her?«

 

»Ich weiß es nicht genau. Es muß aber um die Zeit gewesen sein, als sich Sir James in London verheiratete. Ob es vorher oder nachher war, weiß ich wirklich nicht mehr genau. Doktor Fordham hat ihn gepflegt. Das war ein guter Freund von Sir James, der ihn gewöhnlich auf seinen Auslandsreisen begleitete.«

 

»Fordham?« Der Lord runzelte die Stirne. »Ich kann mich gar nicht auf ihn besinnen.«

 

»Er stammt nicht aus der Gegend hier. Ich glaube, er war aus Irland. Und soviel ich gehört habe, ist er auch schon tot.«

 

Lord Wadham schaute vor sich hin.

 

»Kommt Lady Tynewood oft hierher?«

 

Hill unterdrückte ein Lachen.

 

»Ja, Mylady kommt manchmal hierher, aber ich lasse sie nicht in den Park.«

 

»Den Auftrag haben Sie also immer noch?«

 

»Sehen Sie, Mylady ist dort drüben.« Der Pförtner deutete mit dem Kopf nach der anderen Seite der Straße. »Sie wartet schon, seitdem die Hochzeit in Gang ist.«

 

Aus einer Seitenstraße schaute tatsächlich ein Teil ihre eleganten, schwarzen Autos hervor.

 

Alma war eine kluge Frau, die manche Dinge intuitiv vorausahnte. Lord Wadham glaubte, daß sie nur als neugierige Zuschauerin erschienen sei, aber er täuschte sich. Er selbst stand im Mittelpunkt ihres Interesses, da sie seine ungewöhnlich laute und weittragende Stimme kannte. Ebenso wußte sie, daß er sich gern mit dem alten Pförtner unterhielt. Sollte er also mit dem Mann sprechen, so konnte sie von ihrem Wagen aus die Unterhaltung belauschen. Und sie machte an diesem Tag eine sehr wichtige Entdeckung, wichtiger, als sich Lord Wadham jemals träumen ließ. Zum erstenmal hörte sie davon, daß Sir James einen Bruder gehabt hatte, der gestorben war. Der Name Dr. Fordham gab ihr einen anderen Anhaltspunkt. Er war ein Freund von Sir James, also wahrscheinlich auch der ganzen Familie.

 

Lord Wadham mußte noch ein Stück gehen, bis er zu seinem eigenen Auto kam, das etwas weiter unten auf der Straße hielt. Er war ängstlich bemüht, eine Begegnung mit Lady Tynewood zu vermeiden, aber sie war anderer Ansicht und stellte sich ihm direkt in den Weg.

 

»Guten Morgen, Lord Wadham«, sagte sie liebenswürdig, als er den Hut abnahm.

 

»Guten Morgen. Waren Sie auch bei der Trauung?« fragte er nicht ohne Schadenfreude.

 

Sie lächelte.

 

»Leider läßt man mich nicht in mein eigenes Haus ein. Aber ich habe die Hochzeitsgesellschaft gesehen. Mr. Pretoria-Smith schien nicht – ganz wohl gewesen zu sein. Hatten Sie nicht auch den Eindruck?«

 

»Ja, er ist wirklich sehr krank. Aber sonst ist mir nichts Besonderes an ihm aufgefallen.«

 

Ihr zynisches Lächeln ärgerte ihn, und er wandte sich zum Gehen. Aber sie hielt ihn zurück.

 

»Sind Sie ein Freund von Miss Stedman?«

 

»Gewiß, ich bin ein Freund von Mrs. Smith«, erwiderte er mit Nachdruck.

 

»Nennen Sie sie, wie Sie wollen. Ich kann mich noch ganz gut auf sie besinnen, wie sie noch ein Botenmädchen bei einem Rechtsanwalt in London war. Aber da Sie ihr Freund sind, werden Sie ja froh sein, wenn sie sich möglichst bald wieder von diesem schrecklichen Menschen scheiden läßt. Wenn sich der Dienstbotenklatsch bewahrheiten sollte –«

 

Er schaute sie an und lächelte sonderbar.

 

»Ehen lassen sich nicht so leicht scheiden, wie Sie vielleicht auch schon erfahren haben, Lady Tynewood.«

 

Sie sah ihm verblüfft nach und ging schließlich zu ihrem Wagen zurück. Mr. Javot saß gelangweilt am Steuer.

 

»Ich möchte nur wissen, was er damit sagen wollte.«

 

»Zerbrich dir doch nicht den Kopf darüber. Das ist doch alles so gleichgültig«, entgegnete Javot ärgerlich. »Willst du mich vielleicht den ganzen Tag hier auf der Straße warten lassen?«

 

»Ehen lassen sich nicht so leicht scheiden«, wiederholte sie nachdenklich.

 

»Bist du etwa anderer Meinung?« fragte Javot und lachte laut.

 

Kapitel 23

 

23

 

Marjorie sank in eine Ecke des Wagens und wagte nicht, den Mann anzusehen, den sie unter so merkwürdigen Umständen geheiratet hatte. Erst als sie die Parktore passiert hatten und ins freie Land kamen, sah sie sich um. Pretoria-Smith schlief und atmete schwer. Seine Hände, die in seinem Schoß lagen, zuckten nervös.

 

»Womöglich erstickt er noch«, dachte sie und löste den weichen Kragen seines Oberhemdes, den er nicht wie gewöhnlich offen, sondern geschlossen trug. Dabei streifte sein Atem ihre Wange, und sie schaute Smith erstaunt an. Auf jener fürchterlichen Gesellschaft bei Lady Tynewood war sie von einem betrunkenen Mann geküßt worden, und der entsetzliche Alkoholgeruch war ihr noch verhaßt. Aber sie konnte ihn hier nicht feststellen. Sie überlegte, was sie tun konnte. Vielleicht hatte er irgendein Mittel bei sich, das ihn wieder nüchtern machte. Sie hatte schon von solchen Dingen gehört. Zuerst zögerte sie, aber dann faßte sie Mut und durchsuchte seine Westentaschen. Sie fand eine Taschenuhr, die anscheinend in der vergangenen Nacht stehengeblieben war, und ein flaches, schwarzes Kästchen. Sie nahm es heraus und öffnete den Deckel. Aber sie erschrak heftig, als sie eine Spritze darin liegen sah, wie sie Morphiumsüchtige gebrauchen. Das war also die Ursache! Sie betrachtete das Instrument genauer. Es war vollständig neu, und zu ihrem größten Erstaunen entdeckte Marjorie den Namen des Apothekers aus Tynewood darauf.

 

Eine Anzahl Tabletten in einer kleinen Glasröhre waren beigefügt.

 

»Chinin«, las sie und schüttelte den Kopf. Man verwendete doch Chinin weder als Beruhigungs- noch als Betäubungsmittel.

 

Sie steckte die Schachtel in ihre Handtasche und betrachtete ihn einige Zeit. Schließlich war es ja gleichgültig, ob sie mit einem Trinker oder mit einem Morphiumsüchtigen verheiratet war. Verzweifelt dachte sie an die Zukunft.

 

Der Wagen fuhr mit großer Geschwindigkeit. Die Fahrt ging über Hügel und durch Täler, an Waldungen vorbei und durch landwirtschaftliche Gegenden, aber Marjorie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Natur. Der Sonnenschein lockte sie nicht, und sie schaute nicht zum blauen Himmel empor. Nur der Wind streifte ihre heißen Wangen durch die offenen Fenster.

 

Endlich hielt der Chauffeur am Rand einer großen Wiese und stieg aus.

 

»Haben Sie etwas zu essen mitgenommen, Madam?« fragte er. »Oder soll ich bei einem Gasthaus halten? Wir kommen gleich durch eine Stadt.« Bei diesen Worten warf er einen vielsagenden Blick auf den schlafenden Mann.

 

»Danke, wir wollen nicht bei einem Gasthaus halten. Aber vielleicht nehmen Sie den Proviantkoffer herunter. Er ist hinten festgeschnallt.«

 

»Entschuldigen Sie noch eine Frage. Hat der Herr nicht seine Kleider vergessen? Ich habe keinen Koffer von ihm bekommen.« Sie sah sich bestürzt um. Pretoria-Smith hatte tatsächlich kein Gepäck bei sich.

 

»Die Koffer kommen mit dem Zug nach«, erwiderte sie schnell. Sie hatte sich jetzt schon daran gewöhnt, für ihn zu lügen und zu schwindeln. »Ach, öffnen Sie doch die Tasche und reichen Sie mir ein paar belegte Brötchen – auch die Thermosflasche mit Kaffee.« Sie schaute wieder zweifelnd zu ihrem Mann hinüber. »Glauben Sie, daß ich ihn aufwecken könnte?«

 

»Ich werde es versuchen, wenn es Ihnen recht ist«, sagte er und rüttelte Pretoria-Smith wach.

 

Smith sah zuerst auf den Chauffeur, dann auf Marjorie und faßte mechanisch nach seiner Westentasche.

 

»Hallo, was ist denn geschehen?« fragte er.

 

Er betrachtete Marjorie lange Zeit, und plötzlich schien er sich seiner Lage bewußt zu werden.

 

»Ach so, wir haben uns trauen lassen! Es fällt mit wieder ein. Wo sind wir denn jetzt?«

 

»Möchtest du Kaffee haben?« fragte sie. »Ich glaube, du fühlst dich – nicht ganz wohl.«

 

»Kaffee? Das ist ausgezeichnet. Ich fürchte, du hast mich heute morgen wieder für einen unausstehlichen Menschen gehalten, aber –«, er tastete wieder mit der Hand nach seiner Tasche – »ich konnte mein Mittel nicht nehmen, und da ist mir schwach geworden.«

 

Er trank den Kaffee begierig und schien sich zu erholen. Dann fuhr er mit der Hand über sein unrasiertes Gesicht.

 

»Ich möchte ein wenig auf und ab gehen, ich bin ganz steif geworden durch das lange Sitzen im Wagen.«

 

Er ging die Straße entlang, und als er zurückkam, machte er einen fast normalen Eindruck.

 

»Ich weiß kaum, was ich sagen soll, damit du mir verzeihst«, begann er. »Aber gestern abend –«

 

»Bitte sprich nicht darüber«, unterbrach sie ihn. »Es ist wirklich nicht nötig, daß ich es erfahre.«

 

Er sah sie merkwürdig an und lachte.

 

»Nun gut, dann wollen wir die Sache vorläufig auf sich beruhen lassen.«

 

Er gefiel ihr eigentlich, wenn er lachte. Seine Züge veränderten sich dann und wurden ihr sympathisch. Sie reichte ihm einige Brote, aber er dankte.

 

»Ich kann nicht essen«, sagte er und schauderte zusammen. »Vielleicht später. Wann kommen wir in Brightsea an? Wir sind doch auf dem Weg dorthin?«

 

»Wir haben noch etwas über eine Stunde Fahrt«, sagte der Chauffeur.

 

Smith sah auf die Uhr.

 

»Sie ist stehengeblieben«, meinte er, als er sie ans Ohr hielt. »Wie spät ist es jetzt?«

 

»Zwei«, erwiderte der Mann, und Pretoria-Smith schien zufrieden zu sein.

 

Bald darauf setzte sich der Wagen wieder in Bewegung, und nun unterhielt sich Smith mit Marjorie, obwohl er immer wieder wegen seines ungepflegten Aussehens in Verlegenheit kam.

 

»Wenn wir in das Haus kommen, sind wahrscheinlich auch meine Anzüge da. Ich habe der Schneiderfirma in London geschrieben, daß meine Sachen direkt nach Brightsea geschickt werden sollen. Du hast doch nichts dagegen?«

 

»Durchaus nicht. Wir sind doch jetzt verheiratet, und du hast ein Recht, deine Kleider in mein Haus zu schicken«, versuchte sie zu scherzen.

 

»Wir sind also richtig verheiratet?«

 

»Aber selbstverständlich.«

 

Er hörte den bitteren Unterton in ihrer Stimme. Eine Viertelstunde lang schaute er schweigend in die Landschaft hinaus.

 

»Mir; gefällt die Gegend hier sehr gut«, sagte er dann. »Manchmal fällt es mir schwer, daran zu denken, daß ich wieder nach Südafrika gehe.«

 

»Fährst du dahin zurück?« fragte sie ein wenig enttäuscht. »Ich meine – fahren wir dorthin?«

 

»Ich gehe nach einer angemessenen Zeit zurück«, sagte er freundlich und doch nachdenklich, als ob er überlegte, wie lange eine angemessene Zeit wohl dauern könnte.

 

»Liebst du eigentlich Südafrika?«

 

»In gewisser Weise – ja.«

 

»Wann – wann kommst du denn von dieser Reise wieder zurück?«

 

Er lächelte. »Ach, das kann Jahre dauern.«

 

»Ist das dein Ernst?«

 

»Natürlich. Südafrika gefällt mir, und ich habe deinen Onkel gern. Er bildet sich natürlich ein, daß er nur noch kurze Zeit zu leben hat, aber das ist Unsinn. Er sieht so gesund und frisch aus wie nur irgend jemand. Übrigens«, sagte er plötzlich, »läßt er dich nicht warten, bis er stirbt. Du hast sofort Anspruch auf Geld, wenn du geheiratet hast.«

 

»Wie soll ich das verstehen?« fragte sie überrascht.

 

»Seine Rechtsanwälte in London haben den Auftrag, zweihunderttausend Pfund auf dein Konto einzuzahlen, und zwar an deinem Hochzeitstag. Und ich habe heute morgen in aller Frühe jemanden beauftragt, deinem Onkel ein Telegramm zu schicken, sobald die Trauung vorüber ist.«

 

»Zweihunderttausend Pfund hat er für mich bestimmt?« fragte sie atemlos.

 

Er nickte.

 

»Du hast doch ein Konto bei der Bankfiliale in Tynewood? Dort wird das Geld eingezahlt.«

 

Marjorie atmete erleichtert auf. Nun konnte ihre Mutter wenigstens die Schulden an Lady Tynewood bezahlen. Sie erzählte ihm jetzt von der Torheit ihrer Mutter.

 

»Du bist ja nun mit mir verheiratet und mußt schließlich auch diese Dinge wissen. Meine Mutter hat leider viele Schulden, aber erst in der letzten Zeit hat sie gespielt. Es tut mir so leid, denn sie hat wirklich noch nicht viel von ihrem Leben gehabt.«

 

»Mit wem spielt sie denn? Doch nicht etwa mit Lady Tynewood?«

 

Sie nickte.

 

»So?« Er lächelte grimmig.

 

»Du scheinst Lady Tynewood zu hassen? Du kannst es mir ruhig sagen, denn mir ist sie auch unausstehlich.«

 

»Was hat sie dir denn getan? In meinem Leben hat sie schon viel Unheil angerichtet, ja sie hat sogar –« Er brach ab, sprach aber nach einer kurzen Pause weiter. »Wenn du mir vertraust, muß ich auch dir vertrauen. Sie hat einen guten Freund von mir ruiniert.«

 

Sie sah schnell zu ihm auf.

 

»War sie mit ihm verheiratet?«

 

»Ja, er war ihr Mann. Kennst du die Geschichte von Sir James Tynewood?«

 

»Sie ist doch sehr traurig?«

 

»Ich weiß nicht, ob man sie traurig oder wahnsinnig nennen soll. Ich kenne alle Einzelheiten, und an einem der nächsten Tage will ich sie dir erzählen. Lady Tynewood wird ihre Handlungsweise noch einmal sehr bereuen.«

 

Sein Ton klang so drohend, daß Marjorie ihn befremdet betrachtete.

 

Kapitel 24

 

24

 

Das kleine Haus lag am Abhang eines Hügels, und der Garten war von einem neuen, hübschen Zaun eingefaßt. Überall blühten die Kletterrosen.

 

Als die beiden ankamen, fanden sie den Teetisch gedeckt. Die alte Haushälterin bediente sie.

 

Der Nachmittag verging erträglich. Marjorie hatte viel Zeit nachzudenken, denn Pretoria-Smith sprach nur wenig und schien in Gedanken versunken zu sein. Eine Weile wanderte er ruhelos im Garten umher. Man hatte von dort aus einen schönen Blick auf das Meer. Später aßen sie zusammen Abendbrot, aber er blieb immer noch einsilbig. Marjorie wurde die Situation mit der Zeit unangenehm, und als die alte Haushälterin fragte, ob sie fortgehen dürfte, löhnte sie entsetzt ab. Die Frau wollte den Abend zu Hause mit ihrem Sohn verbringen, der bei der Marine diente und auf Urlaub war.

 

»Nein, nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Sie müssen hier bleiben«, sagte sie verstört.

 

Pretoria-Smith sah erstaunt auf.

 

»Aber Marjorie, warum soll sie denn nicht gehen? Wenn ihr Sohn auf Urlaub ist, möchte sie doch gern mit ihm zusammen sein. Die Leute bekommen wenig Urlaub in letzter Zeit.«

 

»Aber ich kann doch nicht allein hier im Haus bleiben«, erwiderte die junge Frau, die dem Weinen nahe war. »Ich kann kein Feuer anmachen und weiß auch sonst nicht Bescheid.«

 

»Du brauchst doch auch kein Feuer anzumachen, höchstens in der Küche. Und wenn du es nicht kannst, koche ich morgen früh selbst den Tee.«

 

»Nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Ich brauche Sie. Ich fühle mich nicht recht wohl, und mein Mann war heute auch krank.«

 

Die Frau sah ratlos und enttäuscht von einem zum andern. Als sie wieder in die Küche ging, folgte ihr Pretoria-Smith.

 

Fünf Minuten später kam er wieder, und gleich darauf brachte Mrs. Parr den Kaffee, servierte ihn und verschwand.

 

Sie sprachen noch über gleichgültige Dinge, dann horte Marjorie plötzlich, daß die Hintertür zugemacht wurde.

 

»Was hat denn das zu bedeuten?«

 

»Mrs. Parr ist nach Hause gegangen, um ihren Sohn zu sehen«, entgegnete er kühl. »Es ist doch kindisch, daß du dich so fürchtest, Marjorie. Die arme Frau hat wirklich Sehnsucht nach ihrem Jungen.«

 

Sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

 

»Schon gut«, sagte sie endlich und versuchte, ihre Angst zu meistern. Sie hatte sowieso noch etwas mit ihm zu besprechen, und plötzlich fühlte sie sich sicherer.

 

»Ich hörte, daß du Mrs. Parr heute nachmittag den Auftrag gabst, eine Flasche Whisky in dein Zimmer zu stellen.«

 

Er nickte und sah sie ernst an.

 

»Ich wünschte aber – ich möchte, daß du das nicht tust«, entgegnete sie ebenso ernst.

 

Er runzelte die Stirn.

 

»Es tut mir sehr leid, daß du das nicht haben willst. Und wenn es dir lieber ist, kannst du die Flasche ruhig in dein Zimmer mitnehmen.«

 

»Ich wäre dann viel ruhiger. Du hältst mich wohl für pedantisch?«

 

Er lachte.

 

Zwei Stunden blieben sie noch zusammen, und sie versuchte krampfhaft, sich mit ihm zu unterhalten. Sie sprach über alle möglichen Dinge, um nicht an die eine große Tatsache denken zu müssen, die alles andere in den Schatten stellte. Seit zehn Stunden war sie nun mit diesem Mann verheiratet!

 

Um halb elf erhob sie sich.

 

»Ich gehe jetzt zu Bett«, sagte sie, wandte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ den Raum.

 

Als sie in ihrem Schlafzimmer war, machte sie die Tür zu und fühlte nach dem Schlüssel, aber es war keiner vorhanden. Dann erinnerte sie sich, daß ihre Mutter aus Angst vor Feuersgefahr niemals einen Schlüssel in einer Tür duldete. Sie suchte erregt in ihrem Gepäck nach ihrem Schlüsselring, aber keiner paßte. Verzweifelt sank sie auf das Bett und starrte vor sich hin.

 

Sie war sehr müde. Die Ereignisse des Tages hatten sie doch mehr angegriffen, als sie gedacht hatte. Aber sie konnte nicht schlafen. Sie lag auf der Seite und lauschte angestrengt. Plötzlich hörte sie Schritte auf der Treppe und hielt den Atem an. Pretoria-Smith ging vorüber und schloß seine Tür leise.

 

Sie wartete eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, aber sie hörte keinen Laut mehr. Als die Uhr auf dem Kirchturm in Brightsea eins schlug, schlief Marjorie endlich ein.

 

Aber plötzlich fuhr sie entsetzt auf, strich sich das Haar aus Stirn und Gesicht und richtete sich auf. Sie hatte ein Geräusch gehört und wußte nicht, was es zu bedeuten hatte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Jetzt vernahm sie es ganz deutlich auf dem Gang draußen krachte eine Diele. Sie konnte hören, wie schwer Pretoria-Smith atmete, und verstört beobachtete sie, wie sich die Klinke langsam nach unten senkte. Das Licht in ihrem Zimmer brannte noch. Die Tür öffnete sich leise und vorsichtig, als ob der Eindringling fürchtete, sie aufzuwecken. Pretoria-Smith kam herein. Er trug einen Schlafanzug und schwankte von einer Seite auf die andere.

 

Er sah zu dem Bett hinüber und hob den Blick langsam, bis er in Marjories bleiches Gesicht schaute.

 

»Was willst du denn?« brachte sie mühsam hervor.

 

»Ich möchte den Whisky haben«, erwiderte er mit belegter Stimme.

 

»Nein, nein, das gibt es nicht«, sagte sie und versuchte, einen scherzenden Ton anzuschlagen. »Du darfst nicht mehr trinken, wirklich, das mußt du nicht tun. Du hast gestern schon soviel getrunken, und wir haben doch abgemacht, daß die Flasche in meinem Zimmer bleiben soll.«

 

»Aber ich muß den Whisky haben«, entgegnete er müde. »Die Flasche ist hier – ich habe sie selbst hergebracht.«

 

Sie sah nach dem Waschtisch hinüber und entdeckte tatsächlich die Flasche.

 

»Es ist das einzige Mittel, das mir helfen kann«, sagte er halblaut.

 

Er schwankte und wäre gefallen, wenn er sich nicht an der Ecke des Bettes festgehalten hätte. Im gleichen Augenblick schlüpfte sie auf der anderen Seite hinaus und warf ihren Morgenrock um.

 

»Ich will dir die Flasche bringen. Aber bitte geh jetzt, ich komme dann in dein Zimmer.«

 

»Es ist das einzige, was mir hilft«, wiederholte er leise und zog sich höher, bis er ausgestreckt auf dem Bett lag. »Ach, mein Kopf – diese entsetzlichen Schmerzen!«

 

Sie sah ihn bestürzt an.

 

»Bist du krank?« fragte sie besorgt.

 

Er nickte.

 

»Mutter hat hier in der Hausapotheke verschiedene Medikamente.«

 

Sie ging rasch durchs Zimmer zu dem kleinen Wandschrank und öffnete ihn mit zitternden Fingern.

 

»Trinken darfst du nichts mehr. Was willst du denn haben?«

 

»Hast du etwas Chinin?« fragte er schwach.

 

Sie nahm ein Glas mit weißlichen Tabletten heraus und brachte sie ihm.

 

»Hier, bitte.«

 

»Gott sei Dank«, sagte er und griff hastig danach.

 

»Aber du darfst nicht trinken«, erklärte sie wieder.

 

»Trinken?« fragte er müde. »Ich habe seit acht Jahren nichts getrunken.«

 

Sie konnte ihren Ohren kaum trauen.

 

»Aber du warst doch betrunken, als du damals in den Saal kamst.«

 

»Betrunken?« wiederholte er und lächelte leicht. Dann schüttete er drei Tabletten in die Hand, legte den Kopf zurück und schluckte sie hinunter. »Bringe mir doch bitte etwas Wasser.«

 

Sie reichte ihm das Glas vom Nachttisch. Er trank begierig.

 

»Glaube mir, ich habe seit acht Jahren nichts getrunken. Denkst du wirklich, daß ich an dem Abend betrunken war, Marjorie? Frage doch den Prinzen selbst. Hast du nicht gehört, wie wir beide uns in Suaheli unterhielten? Wir sind alte Kameraden von den Jagdzügen in Südafrika her. Deshalb war er auch so nett zu mir. Ich hatte einen schweren Anfall von Malaria damals. Ich bin fieberkrank, seitdem ich nach England zurückkehrte. Zu dieser Jahreszeit leide ich immer darunter.«

 

»Malaria!« flüsterte sie, als sie den Zusammenhang plötzlich verstand. »Dann warst du auch während der Trauung nicht betrunken?«

 

Er lächelte wieder.

 

»Das hat mir gutgetan.« Er fuhr mit der Hand über die Stirne. »Die Kopfschmerzen sind schon fast weg. Du glaubst, ich wäre an unserem Hochzeitstag betrunken gewesen? Mein Gott, ich habe eine gefährliche Dosis Chinin genommen, um überhaupt für die Feier auf die Beine zu kommen. Fühle doch einmal meine Hand.«

 

Sie nahm sie in die ihre und hätte beinahe aufgeschrien, denn sie brannte wie Feuer.

 

»Ich habe beinahe vierzig Grad Fieber. Wenn du es messen willst, kannst du dich davon überzeugen«, sagte er schwach. »Könntest du mir nicht etwas heißen Kaffee geben?«

 

Sie eilte die Treppe hinunter und hatte im Nu ein Feuer in der Küche angemacht. Mit keinem Gedanken dachte sie daran, daß sie am vergangenen Abend erklärt hatte, nichts davon zu verstehen. Gleich darauf brachte sie ihm eine Tasse Kaffee. Er lag noch auf dem Bett, und sie deckte ihn zu.

 

»Du bleibst hier bis morgen früh«, erklärte sie entschieden. »Das Fieber steckt hoffentlich nicht an?«

 

»Ebensowenig wie das Trinken.«

 

Er lächelte sie noch einmal an und schlief dann ein.

 

Marjorie setzte sich neben das Bett und beobachtete ihn. Allmählich dämmerte der Morgen im Osten. All ihre Zweifel waren nun beseitigt, und ihr letzter Argwohn war verschwunden. In ihrem Innersten hatte sie bisher fest geglaubt, daß Pretoria-Smith der Mörder von Sir James Tynewood war, der unter anderem Namen in der Schloßkapelle begraben lag.

 

Kapitel 15

 

15

 

Lord Wadham brachte Marjorie spät in der Nacht in seinem Wagen nach Hause. Er war von dem Verlauf des Festes begeistert und daher in der fröhlichsten Stimmung. Dauernd schrie er ihr mit seiner lauten Stimme in die Ohren, so daß sie schon halb taub war.

 

»Das ist ein feiner, großartiger Vertreter, dieser Prinz. Einer von der alten, guten Art. Wenn wir solche Leute an der Spitze des Staates haben, brauchen wir uns nicht um Revolution und Anarchie zu kümmern. Und Sie haben sich auch glänzend gehalten, meine Liebe, wirklich glänzend! Ich habe noch nie eine Dame gesehen, die eine derartig schwierige Situation so fabelhaft gemeistert hätte wie Sie.«

 

Sie lächelte schwach und tastete mit der Hand nach dem Orden an ihrer Brust, denn sie war menschlich genug, sich über diese Auszeichnung und Ehrung zu freuen. Im Augenblick hatte sie vergessen, wie schwer man sie beleidigt hatte, und dachte nur an angenehme Dinge.

 

»Der junge Kelman ist ein alberner, nichtsnutziger Schlingel!« brüllte Lord Wadham. »Aber ich bin davon überzeugt, daß er von anderer Seite aus zu dieser Gemeinheit angestiftet worden ist. Diese Tynewood steckt dahinter! Ich sage Ihnen, das ist eine ganz gefährliche Frau.«

 

Er schimpfte noch eine Weile über Alma, und wenn seine Sprache auch nicht restlos salonfähig war, so nahm ihm Marjorie das im Moment nicht übel. Sie glaubte, daß er recht hatte, und sie war ihm dankbar, daß er sie verteidigte. Der Wagen hielt schließlich vor dem Haus, und Wadham begleitete sie noch bis zur Tür. Marjories gute Stimmung dauerte an, bis sie ins Wohnzimmer kam, aber als sie sich dann ganz allein fühlte, erschien ihr das Schicksal fast unerträglich. Sie sank in einen Sessel und war dem Zusammenbruch nahe.

 

Gerade in diesem Augenblick erschien Mrs. Stedman, die in ausgezeichneter Laune war.

 

»Nun, wie ist alles gegangen?« erkundigte sie sich eifrig. »Sicher hast du großen Erfolg in deinem Kleid gehabt. Ich hätte nur gewünscht, daß dein armer Vater dich noch so hätte sehen können. Persönlich finde ich allerdings die Zusammenstellung von Silber und Weiß nicht schön. Es ist ein wenig zu auffällig. Aber die jungen Mädchen sind ja heutzutage ganz anders als früher. Mein Gott, wenn ich an die Zeiten denke, als ich noch jung war! Ist der Prinz eigentlich nett zu dir gewesen?«

 

Marjorie erhob sich mühsam.

 

»Er hat mir diesen Orden überreicht«, sagte sie und zeigte ihrer Mutter die Dekoration.

 

Auf Mrs. Stedman machte diese Auszeichnung großen Eindruck.

 

»Das ist ja entzückend von dem Prinzen. Ist es Gold oder nur vergoldetes Messing? Dein armer Onkel John, der von dem Autobus überfahren wurde, besaß einen persischen Orden, den ihm der Schah verliehen hatte. Es war aber nur wertloses Zeug, einfach vergoldetes Blech.«

 

»Mutter«, sagte Marjorie und nahm den Orden ab, »ich werde mich verheiraten.«

 

Mrs. Stedman sah sie verblüfft an.

 

»Was sagst du da – du willst dich verheiraten?« erwiderte sie vorwurfsvoll. »Aber Liebling, davon hast du mir ja überhaupt noch nichts erzählt! Das mußt du doch schon gewußt haben! Ich habe dir doch immer gesagt, die beste Freundin eines jungen Mädchens ist seine Mutter, und deiner Mutter solltest du doch so wichtige Dinge zuallererst mitteilen.«

 

»Ich heirate Pretoria-Smith«, erklärte Marjorie rücksichtslos. »Er heißt aber nicht Smith, und ich weiß auch nicht, wer er eigentlich ist. Vielleicht war er früher in Südafrika ein Bankräuber oder ein Dieb oder etwas Ähnliches. Er ist sehr reich, und außerdem trinkt er.«

 

Mrs. Stedman sah ihre Tochter entsetzt an.

 

»Marjorie, du hast doch nicht etwa zuviel Alkohol getrunken? Mein armes Kind, das ist ja furchtbar. Das sollten junge Mädchen niemals tun. Als ich noch jung war, tranken wir zu dreien ein Glas Portwein, und ich muß sagen, das war eigentlich auch schon zuviel für mich, denn mein Kopf war nachher ganz benommen.«

 

Marjorie verließ das Zimmer rasch, kam aber gleich darauf mit dem Brief ihres Onkels zurück.

 

»Bitte, lies das einmal«, forderte sie ihre Mutter auf.

 

Mrs. Stedman sah ihre Tochter argwöhnisch an und nahm die Brille aus der Tasche.

 

»Willst du Lance heiraten?«

 

»Lance!« rief Marjorie so wütend, daß Mrs. Stedman entsetzt zurückfuhr.

 

»Ich begreife dich nicht. Er ist doch ein netter, lieber Junge«, erklärte die alte Frau.

 

»Lies erst den Brief, bevor du wieder sprichst. Ich werde noch verrückt, wenn du immer weiterredest.«

 

Mrs. Stedman hatte inzwischen die Brille aufgesetzt. Als sie zu Ende gelesen hatte, sah sie bleich aus.

 

»Aber natürlich wirst du doch den Wunsch deines Onkels erfüllen, mein Liebling. Du kennst diesen Herrn zwar nicht, aber ich bin fest davon überzeugt, daß dein Onkel nur eine sehr respektable Persönlichkeit für dich aussucht.«

 

»Meinst du?« entgegnete Marjorie bitter. »Diese Persönlichkeit ist so respektabel, daß sie heute abend während des Festessens in vollständig betrunkenem Zustand in den Saal kam und aussah wie ein Strauchdieb!

 

Ich weiß nicht, was der Prinz von allem gedacht haben muß. Denke dir, direkt vor unserem Tisch ist dieser Pretoria-Smith auf den Boden gefallen, Und kein anderer als der gemeine Lance Kelman hat ihn hereingebracht!«

 

»Der arme, gute Junge würde sich niemals derartig, skandalös benehmen, davon bin ich überzeugt. Aber du wirst doch Pretoria-Smith heiraten, nicht wahr?«

 

»Vermutlich.«

 

»Nun, das ist lieb von dir«, sagte Mrs. Stedman befriedigt, nahm ihre Brille ab und steckte sie in die Hülle. »Es mag dein Glück sein. Diese romantischen Eheschließungen geben meistens sehr glücklich aus.«

 

»Romantisch nennst du die Geschichte obendrein noch?« rief Marjorie verzweifelt. »Mutter, siehst du denn nicht, was eine solche Heirat für mich bedeutet? Ahnst du nicht, wie sehr ich darunter leide? Glaubst du vielleicht, ich habe diesen entsetzlichen Vorschlag meines Onkels mit leichtem Herzen angenommen, weil ich ihn für romantisch halte? Mein Leben lang werde ich unglücklich sein!«

 

»Warum tust du es dann?« fragte Mrs. Stedman mit weinerlicher Stimme. »Meinethalben kann man mich ja aus dem Hause weisen«, sagte sie und wischte sich eine Träne ab. »Mir soll es recht sein, wenn ich auf der Landstraße verhungern muß. Tue es nicht, wenn du dich so bitter darüber beschwerst. Ich will später keine Vorwürfe von dir hören, auf mich brauchst du keine Rücksicht zu nehmen! Ich bin ja sowieso in deinen Augen nichts.«

 

Und nun begann sie regelrecht zu schluchzen und preßte das Taschentuch vors Gesicht.

 

Glücklicherweise klopfte es in diesem Augenblick an die Tür. Marjorie hörte es, ebenso Mrs. Stedman, die sofort ihren Kummer vergaß.

 

»Ich möchte nur wissen, wer uns jetzt noch besucht?« fragte sie. »Es ist doch schon entsetzlich spät.«

 

Marjorie fürchtete, daß Pretoria-Smith zur Tür hereintreten würde, und mußte sich zusammennehmen, um nicht umzusinken. Aber als das Dienstmädchen verschlafen hereinkam und meldete, daß Lance Kelman die Damen zu sprechen wünsche, wich der Alpdruck von ihr.

 

Kapitel 16

 

16

 

Lance kam verstört und aufgeregt ins Zimmer.

 

»Marjorie«, begann er, »dieser Herzog hat mich ganz schamlos behandelt. Ich habe zwar nie etwas von königlichen Hoheiten gehalten, aber er –«

 

Sie brachte ihn durch eine energische Handbewegung zum Schweigen.

 

»Lance, du hast dich heute abend abscheulich benommen«, erwiderte sie ruhig. »Was dich dazu gebracht haben könnte, weiß ich nicht. Aber vielleicht war deine Eitelkeit verletzt, als du erfuhrst, daß ich einen anderen Mann heiraten würde. Bitte, unterbrich mich nicht«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, als er etwas sagen wollte. »Du hast mich vor der ganzen Gesellschaft beleidigt und lächerlich gemacht. In deiner kleinlichen, selbstsüchtigen Art hast du dir eingebildet, du könntest Pretoria-Smith in meinen Augen so herabsetzen, daß ich ihn ablehnen und dich heiraten würde. Aber ich sage dir nur das eine, Lance«, ihre Augen blitzten so gefährlich, daß er vor ihr zurückschrak, »ich heirate noch eher Pretoria-Smith oder zwanzig Leute wie ihn als einen Mann wie dich. Es ist ja möglich, daß er keine Erziehung genossen hat und es eben nicht besser versteht. Aber du hast auf der Universität studiert, und man hält dich im allgemeinen für einen Gentleman. Nur um deiner Eitelkeit zu frönen, hast du mich vor der ganzen Versammlung lächerlich gemacht. Du hast jedes Wort redlich verdient, das der Prinz zu dir sagte – und nun mach, daß du hinauskommst!«

 

Sie zeigte auf die Tür.

 

Lance Kelman machte noch den vergeblichen Versuch, etwas zu erwidern, aber dann entfernte er sich, und erst als er zu Hause angekommen war und im Bett lag, fiel ihm ein, was er eigentlich hätte sagen sollen.

 

*

 

Marjorie Stedman brachte eine schlaflose Nacht zu. Ruhelos warf sie sich von einer Seite auf die andere, und beim Morgengrauen saß sie in ihrem Kimono am Fenster, sah zum westlichen Himmel und beobachtete, wie die Sterne allmählich ihren Glanz verloren. Die Luft war wunderbar mild, und schwerer Blütenduft wurde vom Wind zu ihr hereingetragen. Sie fühlte sich nicht im mindesten müde. Die Stille der Morgenstunde stärkte und beruhigte sie, und allmählich zog wieder Friede in ihr zerrissenes Gemüt.

 

Von ihrem Zimmer aus konnte sie die Chaussee übersehen. Das eine Ende des Hauses lag nur zehn Meter von der hohen Hecke entfernt, die das Grundstück ihrer Mutter von der Landstraße trennte. Das Fenster gewährte Ausblick auf einen großen Teil des Weges, der von Tynewood zum Schloß, führte, und plötzlich entdeckte Marjorie einen Wanderer, der mitten auf der Straße näher kam. Sie dachte, es wäre ein Landarbeiter, der frühzeitig aufs Feld ging. Aber an seinen elastischen, schwingenden Schritten und an der Leichtigkeit, mit der er sich bewegte, erkannte sie bald, daß sie sich getäuscht hatte. Sie saß still und beobachtete ihn, bis er ganz nahe herangekommen war. Er trug den Hut in der Hand, und nun wußte sie, daß dort unten Pretoria-Smith ging. Er schien jetzt vollkommen nüchtern zu sein. Vielleicht machte er diesen Spaziergang in der Morgenluft, um seine heiße Stirn zu kühlen.

 

Er sah weder nach rechts noch nach links, und erst als er dicht vor ihrem Hause stand, schaute er auf. Sie hatte vom Fenster zurücktreten wollen, damit er sie nicht sehen sollte, aber seine unerwartete Bewegung überraschte sie. Auch er schrak offenbar zusammen, blieb, dann verlegen stehen und sagte etwas. Sie verstand nur die Worte »sehr leid«, dann sprang sie auf und schlug das Fenster geräuschvoll zu.

 

Pretoria-Smith zuckte die Schultern und ging weiter.

 

Unruhe und Angst hatten Marjorie wieder erfaßt. Sie warf sich aufs Bett und verbarg das Gesicht in den Armen. Aber sie war so traurig, daß sie nicht weinen konnte. Diesen Mann sollte sie doch heiraten! Es war töricht und schlecht von ihr gewesen, ihn so zu behandeln und sich ihm gegenüber so feindselig zu verhalten.

 

Mit diesem Mann sollte sie zusammenleben. Sie fuhr schaudernd zusammen und zog die Daunendecke höher.

 

Schließlich fiel sie doch in Schlaf und wachte an diesem Morgen erst um zehn Uhr auf. Sie badete, zog sich langsam an und ging dann die Treppe hinunter.

 

Mrs. Stedman saß im Wohnzimmer, hatte ein Buch in der Hand und rauchte eine Zigarette. Diese Gewohnheit hatte sie erst angenommen, nachdem sie die Bekanntschaft der Lady Tynewood gemacht hatte, Marjorie fühlte sich nicht wohl, aber sie mußte doch heimlich lächeln. Sie wußte, daß ihre Mutter nur rauchte, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt hatte.

 

»Bist du schon auf, mein Liebling?« bemerkte Mrs. Stedman unnötigerweise. »Es sind einige Briefe für dich gekommen.«

 

Marjorie warf einen gleichgültigen Blick auf die Post.

 

»Hast du schon gefrühstückt?«

 

»Ja, ich habe mir Kaffee nach oben bringen lassen«, erwiderte Marjorie kurz und beschloß, der Sache sofort auf den Grund zu gehen. »Was ist denn los, Mutter?«

 

»Ach, es ist entsetzlich«, klagte die alte Frau nervös. »Ich habe einen Brief von Alma bekommen – sie schreibt sehr liebenswürdig – aber – sie – sie –«

 

»Sie will ihr Geld haben – das wolltest du doch sagen?«

 

Es hatte sich aber auch alles gegen sie verschworen – alles.

 

Selbst wenn sie nach dieser fürchterlichen Szene am vergangenen Abend ihre Meinung doch noch hätte ändern wollen, hätte die erneut verschärfte Lage sie gezwungen, davon abzusehen. Sie konnte ihrem grauenvollen Geschick nicht mehr entgehen.

 

»Ja, sie will das Geld haben«, sagte Mrs. Stedman unsicher. »Alma hat natürlich auch viele Ausgaben, und gerade im Augenblick ist ihr etwas Unerwartetes dazwischengekommen. Ich will dir den Brief vorlesen, wenn es dir recht ist.«

 

»Nein, mache dir weiter keine Mühe. Ich weiß doch schon im voraus, was diese Lady Tynewood zu sagen hat. Vergiß nicht, daß ich in der letzten Zeit an Tausende von Leuten um Geld geschrieben habe, als ich für den Unterstützungsfonds sammelte. Ich bin im Bilde darüber, was man in solchen Fällen zu schreiben pflegt.«

 

»Aber Alma hat doch eine große Summe für deinen Fonds gezeichnet«, entgegnete Mrs. Stedman vorwurfsvoll. »Sie war wirklich großzügig.«

 

»Ja, sie hat hundert Pfund gezeichnet und so getan, als ob sie tausend gegeben hätte«, erwiderte Marjorie bitter. »Und sie würde ihre hundert Pfund am liebsten wieder zurücknehmen, wenn sie könnte. Wann sollst du ihr denn das Geld zurückzahlen?«

 

»Nächsten Montag. Es ist ganz furchtbar, daß ich meine eigene Tochter bitten muß, mir in dieser Sache zu helfen«, jammerte Mrs. Stedman wieder unter Tränen. »Ich dachte schon, daß ich die ganze Sache arrangieren könnte, ohne dir etwas davon zu sagen, denn gestern nachmittag hatte ich beim Spiel wirklich Glück.«

 

»Was, gespielt hast du auch wieder? Aber Mutter, wie konntest du das nur tun!«

 

»Warum soll ich denn nicht spielen?« begehrte Mrs. Stedman auf. »Du lieber Himmel, man sollte fast glauben, ich wäre nicht mehr imstande, mich um mich selbst zu kümmern.«

 

Marjorie seufzte, trat ans Fenster und sah in den Garten hinaus, um ruhiger zu werden. Nach einer Weile wandte sie sich wieder um.

 

»Wie schnell kann man heiraten?«

 

»Wie schnell?« wiederholte Mrs. Stedman. »Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Schneiderin deine Kleider gemacht hat –«

 

»Ich denke jetzt nicht an die Schneiderin. Ich denke an eine Heirat. Wie lange vorher muß man das Aufgebot bestellen, bis die Zeremonie selbst stattfinden kann?«

 

»Wenn du natürlich eine besondere Erlaubnis bekommst aber ich halte nichts von diesen überstürzten Trauungen –, kann man die Sache beschleunigen. In ein oder zwei Tagen läßt sich alles erledigen.«

 

Marjorie lachte verächtlich.

 

»Es bleibt doch gar nichts anderes übrig, als die Trauung zu beschleunigen. Telefoniere bitte an Rechtsanwalt Curtis, daß er diese Sondererlaubnis beschafft.«

 

Mrs. Stedman schaute ihre Tochter betroffen an.

 

»Du schuldest doch nicht am Ende Mr. Curtis auch Geld?« fragte Marjorie schnell.

 

»Mein Liebling, die letzten Hypothekenzinsen –«, stammelte die alte Frau. »Ich habe dir doch gestern gesagt, daß ich Hypotheken aufgenommen habe.«

 

»Sind vermutlich nicht bezahlt.« Marjorie schüttelte den Kopf.

 

»Aber ich kann die Sache natürlich arrangieren«, erklärte Mrs. Stedman plötzlich mit Würde. »Ich werde mit Mr. Curtis sprechen und ihm meine Wünsche auseinandersetzen.«

 

Sie ging zum Schreibtisch und griff nach einem Blatt Papier.

 

»Marjorie Mary Stedman«, sagte sie laut, während sie schrieb, »Tochter von Maud und John Francis Stedman.« Plötzlich drehte sie sich um. »Wie heißt dein Verlobter?« fragte sie so gleichgültig, als ob eine so phantastische Eheschließung etwas Alltägliches wäre.

 

»Wie mein Verlobter heißt?« wiederholte Marjorie und atmete schwer. »Das weiß ich nicht.«

 

Kapitel 17

 

17

 

Lady Tynewood kam die Treppe herunter und trat in das eichengetäfelte Speisezimmer, wo sie Mr. Javot bei der Lektüre der Sportberichte störte.

 

Er war der alte geblieben und sah so schlank und stattlich aus wie früher. Die Zeit schien keinen Einfluß auf ihn zu haben. Trotz seines französischen Namens stammte er aus einer altenglischen Familie. Seine Verwandten schwiegen ihn allerdings am liebsten tot, denn sie waren nicht besonders stolz auf ihn. Man nahm im allgemeinen an, daß er die Stelle eines Sekretärs und Rechtsbeistands bei Lady Tynewood versah, aber er benahm sich ihr gegenüber sehr frei und durchaus nicht wie ein Angestellter.

 

Lady Tynewood war eine schöne Frau, und nicht einmal das wenig schmeichelhafte Morgenlicht beeinträchtigte ihr Aussehen.

 

»Javot!« sagte sie nervös.

 

Er schaute nicht auf.

 

»Javot!!« rief sie jetzt scharf.

 

Resigniert wandte er sich zu ihr um.

 

»Warum unterbrichst du mich denn immer?« fragte er vorwurfsvoll. »Du weißt doch, daß ich es nicht leiden kann, wenn man mich beim Lesen stört.«

 

Sie hatte eine kleine Zigarette aus ihrem goldenen Etui genommen und zündete sie jetzt an.

 

»Erinnerst du dich noch an alles, was ich dir gestern abend erzählte?«

 

»Ja, ich weiß es noch ganz genau. Es hat einen Spektakel gegeben, weil der fremde Herr aus Südafrika in den Saal kam. Nachher hat ihn der Prinz hinausgewiesen.«

 

»Du hast überhaupt nicht zugehört«, erwiderte sie heftig. »Der Prinz hat ihn in der liebenswürdigsten Weise aus dem Saal gebracht. Du verwechselst wieder einmal alles. Dein Gedächtnis leidet anscheinend unter Altersschwäche! Lance Kelman ist vom Prinzen fortgeschickt worden.«

 

»Ein alberner Mensch.«

 

»Aber wir können ihn vorzüglich für unsere Zwecke brauchen«, entgegnete Alma etwas ruhiger. »Er ist halb in das Mädchen verliebt, und wenn wir ein wenig nachhelfen und ihn aufputschen, tut er, was wir wollen. Ich kann dir nicht sagen, Javot, wie ich dieses kleine Biest hasse!«

 

Er lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Taschen seiner Breeches und lächelte.

 

»Die kleine Stedman ist ein entzückendes Ding«, sagte er nachdenklich. »Ich besinne mich noch –« Er sprach nicht weiter.

 

Mr. Javot gehörte nicht zu den mitteilsamen Naturen und sprach sich auch Alma gegenüber nicht aus. Er hatte Marjorie sofort erkannt, als er sie zum erstenmal in Tynewood wiedersah, obwohl sie sich anscheinend nicht mehr an ihn erinnern konnte.

 

»Und sie will tatsächlich diesen Südafrikaner heiraten? Am Ende ist er selbst ein roher Diamant, der nur noch ein wenig geschliffen werden muß.«

 

Alma setzte sich auf die Tischkante und baumelte mit den Beinen, während sie den Zigarettenrauch in die Luft blies.

 

»Gestern bin ich zum Schloß gegangen, aber dieser unverschämte Pförtner hat mich wieder nicht hineingelassen.«

 

»Wozu gehst du denn überhaupt noch hin? Du blamierst dich doch nur jedesmal aufs neue. Ein dutzendmal habe ich dir mindestens schon gesagt, daß du das unterlassen sollst. Warum bist du nicht mit dem zufrieden, was du hast? Warte doch deine Zeit ab. Früher oder später wird dieser Sir James einmal sterben, dann erbst du die ganze Besitzung und obendrein das berühmte Brillanthalsband der Familie.«

 

Sie antwortete nicht darauf, denn sie war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

 

»Ich möchte eigentlich zu gern diesen Pretoria-Smith näher kennenlernen«, meinte sie nach einer Weile. »Er ist ein Mann, der viel in Afrika herumgekommen ist. Vielleicht hat er James getroffen. Er sieht übrigens gut aus, hat interessante Züge und gefällt mir gar nicht übel –«

 

»Du hast aber auch jeden Augenblick eine andere Marotte«, sagte er argwöhnisch.

 

Sie warf den Kopf zurück.

 

»Es wäre doch sehr leicht möglich, daß wir Nachricht über James von ihm bekommen könnten.«

 

»Das glaube ich nicht. Laß diesen James Tynewood in Frieden, und verhalte dich ruhig. Du hast doch ein glänzendes Einkommen, bist noch jung und kannst ein paar Jahre warten. Oder willst du mir vielleicht weismachen, daß du dir seinetwegen Sorgen machst und dich nach ihm sehnst?« fügte er ironisch hinzu. »Es kann dir doch ganz egal sein, ob er lebendig oder tot ist. Spiele bloß nicht die verliebte und verlassene Frau. Du hast ihn doch nur kurze Zeit gekannt, und er war total betrunken, als er dich heiratete.«

 

»Sei doch nicht so gemein und roh, Javot!« Sie sprang vom Tisch hinunter und warf die Zigarette fort. »Er war allerdings betrunken, als er mich heiratete, sonst hätte er diese Dummheit wahrscheinlich nicht gemacht. Wenn wir ihn nicht die Nacht vorher mit Kartenspiel unterhalten und ihm das nötige Quantum Absinth und Kognak beigebracht hätten, wäre aus der Sache nichts geworden. Du hast ihn schließlich so weit gebracht, daß er mit mir zum Standesamt in Marylebone ging. Das rechne ich, dir hoch an. Ohne deine Hilfe wäre diese Heirat wohl nie zustande gekommen, und ich säße jetzt nicht in aller Ruhe in einer so komfortablen Villa.«

 

Er strich sich über das Haar.

 

»Du hast vermutlich recht«, gab er zu. »Aber dasselbe sage ich doch auch. Laß diesen Sir James in Frieden.«

 

»Aber es ginge mir doch noch viel besser, wenn ich beweisen könnte, daß James Tynewood tot ist. Wir haben es beide früher nicht sehr glänzend gehabt und sind durch eine harte Schule gegangen. Wir wissen, wie schnell es mit Leuten zu Ende geht, die sich dem Trunk ergeben und derartig mit ihrer Gesundheit wüsten, wie es James machte. Ein heißes Klima mußte ihm eigentlich den Rest geben.«

 

»Wenn wir nur eine Fotografie von ihm hätten, die wir in Umlauf setzen könnten. Das wäre die einzige Möglichkeit, Nachrichten über ihn zu erhalten«, erwiderte Javot. »Aber es scheint kein Bild von ihm zu existieren. Ich habe schon bei allen bedeutenden Fotografen Londons nachgefragt, ob sie eine Aufnahme von ihm gemacht haben, aber überall mit negativem Erfolg.«

 

»Und doch sollte es nicht zu schwer sein, ihn aufzufinden«, entgegnete sie hartnäckig. »Er hat den kleinen Finger der linken Hand verloren, und das ist ein sicheres Kennzeichen.«

 

Er nickte.

 

»Er hat ihn sich einmal im Leichtsinn selbst abgeschossen, als er noch ein Junge war«, fuhr sie fort.

 

Javot beschäftigte sich wieder mit seiner Sportzeitung und brummte nur undeutlich ein paar Worte vor sich hin.

 

»Ich gehe jetzt aus.«

 

»Wohin?«

 

»Ich besuche meine liebe Maud Stedman«, sagte sie spöttisch und ahmte die Stimme der alten Dame nach.

 

»Wie steht es denn mit dem Geld?«

 

»Ich habe ihr geschrieben, daß ich große Rechnungen zu bezahlen hätte.«

 

»Glaubst du, daß sie zahlen kann?« fragte er plötzlich lebhaft, denn für Finanzangelegenheiten interessierte er sich stets.

 

»Sie wird schon zahlen. Ihre Tochter heiratet doch einen reichen Mann. Lance hat mir gestern abend alles haargenau erzählt. Es war eigentlich sehr dumm von mir, daß ich sie unter diesen Umständen gemahnt habe. Aber ich hatte den Brief schon in den Kasten gesteckt, bevor mir Lance sein Herz ausschüttete. Vor allem darf ich jetzt keinen schlechten Eindruck bei der Alten machen. Deshalb will ich zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich das Geld vorläufig nicht brauche und daß sie sich deswegen keine Sorgen machen soll.«

 

Sie lachte laut auf, und auch Mr. Javot grinste vergnügt.

 

*

 

Mrs. Stedman stand auf dem Rasen und fütterte die Vögel, als Lady Tynewood in einem eleganten Straßenkostüm durch das Gartentor trat und ihren kleinen Spazierstock in der Luft wirbelte. Alma küßte die alte Dame und begrüßte sie aufs herzlichste.

 

»Ach, meine Liebste, wir müssen noch wegen des Geldes miteinander sprechen«, begann Mrs. Stedman nervös.

 

»Nein, das ist schon erledigt«, entgegnete Alma mit ihrem süßesten Lächeln. »Ich habe es so eingerichtet, daß ich meine Rechnungen bezahlen kann, ohne meine Freunde zu beunruhigen. Betrachten Sie die Sache bitte so, als ob ich den Brief gar nicht geschrieben hätte. Aber geben Sie mir eine Tasse Tee, die tut mir auch am Vormittag sehr gut.«

 

Mrs. Stedman machte ihr ein geheimnisvolles Zeichen und schaute unsicher zum Haus hinüber. Dann dämpfte sie die Stimme, obwohl sie allein auf dem Rasen stand und in einem Umkreis von fünfzig Metern kein Mensch zu sehen war.

 

»Wir können leider nicht hineingehen. Er – er ist da.«

 

»Er?« fragte Alma verwundert. »Von wem sprechen Sie denn eigentlich?«

 

»Von dem Verlobten meiner Tochter«, erklärte Mrs. Stedman naiv. »Es ist ein gewisser Smith.«

 

»Aber diesen Mann möchte ich doch gerade so gern kennenlernen«, erwiderte Alma und ging quer über den Rasen auf das Haus zu.

 

Kapitel 18

 

18

 

Er war gekommen. Marjorie hatte nicht geglaubt, daß er sich nach der peinlichen Szene des vergangenen Abends so schnell sehen lassen würde, aber offenbar schämte er sich nicht im mindesten.

 

Sie hatte gerade ihrer Mutter nachgesehen und sich dann an den Schreibtisch gesetzt; um einen Dankbrief an Lord Wadham zu schreiben, als es klopfte.

 

Das Dienstmädchen trat aufgeregt herein, als, ob auch sie etwas von den Geheimnissen der Familie wüßte.

 

»Mr. Smith«, meldete sie atemlos.

 

Er folgte ihr auf dem Fuße, und Marjorie erhob sich, um ihm entgegenzutreten.

 

Einige Sekunden lang standen sie sich schweigend gegenüber.

 

Er war erstaunt und betroffen über die ungewöhnliche Schönheit dieses Mädchens. Am vergangenen Abend hatte er sie nicht beachtet, und in den frühen Morgenstunden dieses Tages hatte er sie nur undeutlich am Fenster gesehen und auch nur vermuten können, wer sie war. Deshalb war seine Überraschung jetzt um so größer.

 

Auch Marjorie betrachtete den sonderbaren Mann nicht ohne Verwunderung. Er war nicht so breitschultrig, wie sie sich eingebildet hatte, und die Sonne Afrikas hatte sein Gesicht dunkelbraun gebrannt. Seine tiefblauen Augen waren etwas blutunterlaufen, und sie ahnte sofort den Grund dafür. Und doch hatte sie den Eindruck, als ob er eine Maske trüge, hinter der er seine wahre Persönlichkeit und seine Gefühle verbarg. In seinen Zügen lag eine gewisse Strenge, vielleicht sogar Unnahbarkeit. Er trug noch den einfachen, unansehnlichen, grauen Flanellanzug vom letzten Abend, der ihm schlecht paßte und für einen kleineren, korpulenten Mann gemacht zu sein schien.

 

Diese erste Begegnung war für beide peinlich.

 

»Ich bin der Mann, von dem Ihr Onkel geschrieben hat«, begann er schließlich nervös. »Man nennt mich allgemein Pretoria-Smith, aber das ist nicht mein eigentlicher Name.«

 

Das wußte sie bereits, aber sie machte keine Bemerkung darüber.

 

»Ich möchte aber unter diesem Namen heiraten«, fuhr er fort. »Die Rechtsgültigkeit der Ehe wird dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Ich könnte vielleicht in Schwierigkeiten kommen, aber die Ehe besteht zu Recht.«

 

Ihr erschien das Namensproblem unbedeutend im Vergleich zu der grauenvollen Tatsache, daß sie überhaupt heiraten mußte.

 

»Ich brauche mich ja nicht weiter vorzustellen«, erwiderte sie ruhig. »Sie wissen, daß ich Marjorie Stedman bin, die Nichte von Mr. Alfred Stedman. Ich habe Sie früher schon einmal gesehen – und zwar im Büro von Mr. Vance. Ich war damals seine Privatsekretärin.«

 

Er starrte sie verwundert an.

 

»Ja, richtig – ich entsinne mich jetzt.«

 

Er legte die Stirn in Falten, als ob er versuchte, sich genauer an ihre damalige Begegnung zu erinnern. Sie hatte den sehnlichsten Wunsch, daß er sie nicht mit jener schrecklichen Nacht in Schloß Tynewood in Verbindung bringen möchte. Aber daran dachte er offenbar nicht.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

 

Er setzte sich verlegen auf die Kante eines großen Armsessels. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß er sie unverwandt ansah. Aber wenn ihr das auch nicht angenehm war, so zog sie es doch einem unruhigen, unsteten Blick vor, wie sie ihn eigentlich bei diesem Mann vorausgesetzt hatte.

 

»Sie sind also ein Freund meines Onkels?« fragte sie, um wenigstens eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

 

»Ja, wir stehen uns sehr nahe«, erwiderte er und räusperte sich. »Wir kennen uns seit vier Jahren. Ich habe ihm einmal das Leben gerettet«, fügte er etwas unbeholfen hinzu.

 

»Ach, das ist ja interessant.«. Ihre Stimme verriet höfliches Interesse.

 

»Ihr Onkel durchzog damals die Kalahari-Wüste, um nach Gold zu suchen, und hatte die große Mine gefunden, die wir jetzt ausbeuten. Wir haben beide ein großes Vermögen daran verdient. Ich kam gerade dazu, als ihn seine Leute in der Nähe des Wasserlochs im Stich ließen. Es waren zwei gemeine Kerle, die ihn absichtlich in die Irre geführt hatten. Sie wollten ihn verdursten lassen, damit sie nachher sein Eigentum stehlen konnten. Aber ich kam noch zu rechter Zeit. Er war dem Tod schon ziemlich nahe. Dicht bei dem Wasserloch war er umgesunken und besaß nicht mehr die Kraft, dorthin zu gehen.«

 

»Haben Sie ihm dann Wasser zu trinken gegeben?« fragte sie und versuchte sich diese Szene in der Wüste vorzustellen.

 

»Ja, ich habe den beiden schon Beine gemacht, daß sie ihm Wasser gaben. Und dann habe ich ihn zur nächsten Stadt gebracht.«

 

»Und was wurde aus den Schwarzen?«

 

Sein Blick schweifte durch das Zimmer.

 

»Dem einen habe ich eine Kugel durch den Schädel jagen müssen. Der machte Schwierigkeiten«, sagte er leichthin.

 

Marjorie schauderte leicht.

 

»Vielleicht habe ich ihn getötet – genau weiß ich das nicht. Der andere war dann willig und trug das Gepäck Ihres Onkels. Dem ist weiter nichts passiert.«

 

Es folgte wieder ein verlegenes Schweigen, aber schließlich raffte sich Marjorie auf.

 

»Mr. Smith, mein Onkel wünscht, daß ich Sie heirate«, sagte sie mit erzwungener Ruhe. »Er schrieb mir, daß er Sie dazu überredet hätte.« Es kostete sie große Anstrengung, die letzten Worte über die Lippen zu bringen, und sie errötete tief.

 

Er nickte.

 

»Ich wünschte es zu Anfang allerdings nicht, und jetzt wünsche ich es noch viel weniger. Aber ich bin Ihrem Onkel zu großem Dank verpflichtet, und er hat sich diese Sache nun einmal in den Kopf gesetzt. Er ist nämlich ein ganz verrückter, alter Teufel.« Er sagte das halb zu sich selbst, aber sie hörte an seinem Ton, daß er ihren Onkel sehr gern haben mußte. Beinahe hätte sie gelächelt.

 

»Warum mußte er Sie denn dazu überreden?«

 

»Weil – ja, weil – ich überhaupt nicht heiraten wollte. Vor allem nicht eine Frau, die ich gar nicht kannte. Das war der eine Grund. Und dann dachte ich doch auch an das junge Mädchen. Es ist eine ungeheuerliche Zumutung, einfach einen unbekannten Mann heiraten zu müssen.«

 

Sie sah ihn verwundert an. Er mißverstand ihren Blick und wurde wieder verlegen.

 

»Entschuldigen Sie bitte meine Kleidung. Ich mußte sie unten in Südafrika in aller Eile vor meiner Abreise kaufen und kam gerade noch mit Mühe und Not zu dem Schiff. Und vor allem muß ich wegen des Vorfalls von gestern abend um Verzeihung bitten, Miss Stedman.«

 

»Es ist besser, wenn wir nicht darüber sprechen«, sagte sie höflich, »aber ich hoffe, daß –«, sie wußte kaum, wie sie fortfahren sollte – »Sie sich nicht wieder betrinken, wenn wir erst verheiratet sind.«

 

Er antwortete nicht gleich, und im nächsten Augenblick kam Lady Tynewood vom Garten herein.

 

»Guten Tag, meine Liebe«, wandte sie sich vergnügt an Marjorie. »Stellen Sie mich doch bitte auch Ihrem Verlobten vor.« Wenn ihre Blicke hätten töten können, wäre das junge Mädchen auf der Stelle leblos umgesunken.

 

Pretoria-Smith drehte sich langsam um und streckte die Hand aus.

 

»Darf ich Ihnen Mr. Smith vorstellen – Lady Tynewood«, sagte Marjorie, die sich die größte Mühe gab, auf den leichten Ton der anderen einzugehen.

 

Alma betrachtete mit Bewunderung die große, stattliche Gestalt des Mannes, aber Marjorie bemerkte plötzlich zu ihrem Schrecken, daß Pretoria-Smith Lady Tynewood haßerfüllt und feindlich ansah. Er trat einen Schritt zurück und hob die Hand wie zur Abwehr.

 

»Sie – Sie!« stieß er heiser und erregt hervor. »Mein Gott, ich würde lieber einem Aussätzigen die Hand geben als Ihnen!«

 

Kapitel 19

 

19

 

Lady Tynewood schrak vor dem wütenden Blick des Mannes zurück. Er wandte sich um, nahm seinen Hut vom Stuhl auf und verließ schnell das Zimmer.

 

Alma faßte sich zuerst wieder, während Marjorie noch bleich und mit weitaufgerissenen Augen zur Tür starrte, durch die Pretoria-Smith eben verschwunden war.

 

»Das ist also der junge Mann, den Sie heiraten wollen?« fragte sie verächtlich. »Ein feiner Gentleman, das muß man wohl sagen. Da kann man Ihnen ja gratulieren.«

 

Marjorie schwieg.

 

Mrs. Stedman war inzwischen auch hereingekommen. Sie hatte die Szene von weitem beobachtet und war in hellster Aufregung.

 

»Er war aber wirklich unhöflich und roh«, sagte sie atemlos.

 

»Sie haben ihn wahrscheinlich dazu aufgestachelt« wandte sich Lady Tynewood heftig an Marjorie. »Oder gehört es bei den Leuten aus den Kolonien zum guten Ton, sich derartig aufzuführen?«

 

Marjorie machte in dieser schwierigen Lage eine merkwürdige Erfahrung. Sie mußte nun obendrein noch den Mann verteidigen, gegen den sie die größte Abneigung fühlte.

 

»Mr. Smith wird wahrscheinlich aus guten Gründen so gehandelt haben«, erwiderte sie langsam. »Ich dachte schon im ersten Augenblick, Ihr lange vermißter Gatte wäre zurückgekehrt, Lady Tynewood.«

 

Sie war gehässig, niederträchtig, grausam. Aber es war ihr im Augenblick alles gleichgültig. Sie konnte sogar wegwerfend von dem Mann sprechen, der nicht mehr am Leben war.

 

»Was schwätzen Sie da?« ereiferte sich Alma. »Sir James war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle – vielmehr er ist ein Gentleman«, verbesserte sie sich schnell. »Wenn so ein junges, unerfahrenes Ding wie Sie über solche Sachen reden will, kommt natürlich nichts Gutes dabei heraus. – Aber er kam mir doch so bekannt vor – ich möchte nur wissen, ob ich ihn früher schon getroffen habe.«

 

Sie sah Marjorie von der Seite an.

 

»Sie werden ja nicht viel Freude in Ihrer Ehe haben«, sagte sie noch verächtlich und verließ dann das Zimmer.

 

Marjorie hatte es kaum gehört. Sie wartete nicht auf das Mittagessen, sondern, ließ sofort ihr Pferd satteln und ritt zu Lord Wadham. Sie wußte, daß der Prinz schon am Morgen abgereist war, so daß sie dort ohne weiteres Besuch machen konnte. Sie fand den alten Herrn bei einem Spaziergang im Park.

 

»Hallo!« rief er laut. »Zum Kuckuck, was machen Sie denn schon am frühen Morgen hier?«

 

»Ich möchte mich trauen lassen«, sagte sie, »mit – mit einem entsetzlichen Menschen.«

 

»Teufel noch mal«, erwiderte er verhältnismäßig leise und schlug dann plötzlich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. »Jetzt weiß ich, wer es ist. Der betrunkene Mann, der gestern ins Hotel kam!«

 

Sie wurde rot.

 

»Ja, er ist mein Verlobter.«

 

»Ach, irgend so ein Johannesburg-Jones oder ein Maritzburg-Mike?«

 

»Pretoria-Smith.«

 

»Donnerwetter – aber das ist doch nicht Ihr Ernst. Wie kommen Sie bloß auf die verrückte Idee, einen Menschen von solchem Kaliber heiraten zu wollen? Ich habe ihn mir ja nicht genauer angesehen, aber ich wette, daß er einen schlechten Charakter hat. Ein Mann, der einen fertigen Anzug kauft, ist zu allem fähig, auch zu einem Mord.«

 

Sie lachte.

 

»Sie müssen ihn nicht so streng beurteilen. Vielleicht klärt sich alles noch ganz harmlos auf.« Eine Weile schwieg sie, dann wandte sie sich plötzlich wieder an ihn. »Lord Wadham«, fragte sie atemlos, »würden Sie mir einen großen Gefallen tun?«

 

»Für Sie tue ich alles, was in meinen Kräften steht, liebes Kind«, sagte er begeistert. »Wenn ich nicht schon eine Frau und vier Kinder hätte, würde ich Sie vom Fleck weg heiraten. Aber meine Frau ist gesund und vergnügt. Sie ist eine Wingley aus Norfolk und wird sicher neunzig Jahre alt«, fügte er schmunzelnd hinzu.

 

»Ich hätte Sie gern wegen der Trauung um Rat gebeten.«

 

»Ach, Sie wollen sich wohl sofort trauen lassen?« fragte er nachdenklich. »Na, das kann ich schon arrangieren. Aber liebes Kind, ich würde mir die Sache an Ihrer Stelle doch noch einmal reiflich überlegen. Selbst wenn Sie es –« Er zögerte. Auch er hatte schon verschiedene Gerüchte über Mrs. Stedman gehört, und er wußte, daß die Frau Spielschulden hatte. »Selbst um meinen nächsten Verwandten zu helfen, würde ich das nicht tun«, fuhr er fort. »Aber ich will Ihnen nicht das Herz schwermachen. Sie sind wahrscheinlich in einer sehr schwierigen, Situation, und ich will alles tun, um Ihnen zu helfen. Welchen Eindruck haben Sie denn von dem Mann? Haben Sie ihn schon einmal bei Tageslicht betrachtet?«

 

Sie lächelte ein wenig verlegen.

 

»Er ist eben – Pretoria-Smith«, sagte sie so gleichgültig wie möglich.

 

Lord Wadham rieb sich das Kinn.

 

»Na schön. Ich werde mich um die Heiratserlaubnis kümmern. Nennen Sie mir doch bitte die Namen.«

 

Sie konnte ihm auf keinen Fall sagen, daß sie den Namen ihres Verlobten nicht kannte.

 

»Ich werde Ihnen das alles schreiben.«

 

»Wenn Sie es heute noch tun, schicke ich Ihnen morgen mit der ersten Post die Lizenz zu«, sagte er freundlich.

 

»Wo können wir denn getraut werden?«

 

»Ach, in jeder Kirche. Mein Hauskaplan wird sich ein Vergnügen daraus machen, Sie zu trauen. Sie kennen doch den alten Stoneham? Ein guter Mensch. Nur schade, daß er halb blind und halb taub ist.«

 

Er lachte, als er an den Pfarrer dachte.

 

»Das ist der rechte Mann, der paßt für Sie. Er kennt Sie später überhaupt nicht wieder. Auch Ihren Mann nicht, und wenn sein Name mit großen Buchstaben auf der Stirn stände. Ja, aber wo könnte denn nun die Trauung stattfinden?« überlegte er. »Halt, das weiß ich jetzt auch«, sagte er nach einiger Zeit und klatschte vergnügt in die Hände. »Ich werde an meinen Freund Vance telegrafieren. Er ist der Rechtanwalt der Familie Tynewood. Den frage ich um Erlaubnis, daß Sie in der Schloßkapelle hier getraut werden dürfen.«

 

»Mr. Vance?« wiederholte sie erstaunt. »Den kenne ich auch sehr gut. Aber glauben Sie denn, daß er die Erlaubnis geben wird? Ich weiß, daß er in solchen Dingen recht eigentümlich ist.«

 

»Überlassen Sie das nur mir, ich bringe die Sache schon in Ordnung«, erklärte Lord Wadham. »Also, ich sorge dafür, daß die Kapelle zur Verfügung steht, und ich beschaffe den Pfarrer. Wie wäre es denn, wenn ich nun auch noch den Brautvater machte und Sie in die Ehe gäbe?«

 

Marjorie traten die Tränen in die Augen.

 

»Sie sind wirklich sehr lieb zu mir«, sagte sie mit bewegter Stimme.

 

Er klopfte ihr freundlich auf die Schulter.

 

»Es macht mir einen unheimlichen Spaß, junge Leute miteinander zu verheiraten, auch wenn ich mit dieser Trauung nicht ganz einverstanden bin. Also, sind Sie damit zufrieden, daß ich die Sache mit der Kirche und dem Pfarrer regele?«.

 

Sie nickte.

 

»Und um wieviel Uhr soll die Trauung stattfinden?«

 

»Darüber muß ich erst noch mit – Mr. Smith sprechen.«

 

Zu Hause setzte sich Marjorie verzweifelt an den Schreibtisch und schrieb kurzerhand: John Smith, Sohn von Henry und Mary Smith. Dem Vater gab sie den Beruf eines Mineningenieurs, und das Alter von Pretoria-Smith setzte sie einfach auf zweiunddreißig Jahre fest.

 

Sie adressierte die Mitteilung an Lord Wadham und schickte dann noch einen Brief. zu dem einzigen Gasthaus des Dorfes. Darin bat sie Smith, zu ihr zu kommen. Aber offenbar erreichte ihn diese Nachricht nicht.

 

Am Spätnachmittag machte sie einen Spaziergang, und bei einer Biegung des Weges sah sie plötzlich einen Mann im Gras sitzen. Er stützte den Kopf in die Hand und hatte sich weit vornüber gebeugt, so daß sein Kinn fast die Knie berührte. Als er ihre Schritte hörte, wandte er sich um. Es war Pretoria-Smith, und er sprang sofort auf.

 

»Es tut mir leid, daß ich mich heute so gehenließ«, sagte er etwas barsch. »Ich hätte dieser Dame gegenüber meine Fassung nicht verlieren dürfen.«

 

»Kennen Sie denn Lady Tynewood?«

 

»Ob ich sie kenne?« wiederholte er bitter. »Ja, die Frau kenne ich!«

 

»Sie ist doch die Gattin von Sir James Tynewood, der hier in der Gegend der größte Landbesitzer ist, obwohl er nie hier gelebt hat.«

 

Sie beobachtete ihn scharf, während sie sprach. Wie würde er sich verhalten, wenn er den Namen des Mannes wieder hörte, der vor Jahren auf so tragische Weise umgekommen war?

 

»Er wohnt nicht hier? Das ist aber seltsam. Ich halte die Gegend hier für eine der schönsten auf der ganzen Erde. Aber vielleicht kommt sie mir auch nur so herrlich vor, weil ich so lange in den traurigen Einöden von Südafrika lebte. Trotzdem ist Sir James töricht, wenn er sich diesen Genuß entgehen läßt.«

 

»Mr. Smith –«, es fiel ihr schwer, weiterzusprechen, »ich wollte Sie noch etwas fragen. Haben Sie etwas dagegen, daß unsere Trauung sehr bald stattfindet?«

 

»Nein, je eher, desto besser«, erwiderte er sofort. Er hatte das Gesicht von ihr abgewandt und schaute über das Tal hin.

 

»Sie müssen verstehen, daß alles so unerwartet für mich kam und daß mir der Gedanke an diese Heirat zuerst entsetzlich erschien.« Sie spielte mit dem Verschluß ihrer Handtasche und schaute ihn nicht an. »Wenn ich sage entsetzlich, so meine ich das natürlich nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes.«

 

»Das. kann ich mir gut vorstellen, und Sie haben auch vollkommen, recht. Mir selbst ging es ja nicht anders. Ich sagte Ihnen schon, daß ich ebensowenig daran dachte, mich zu verheiraten, wie der Mann im Mond. Am liebsten wollte ich ganz allein auf der Mine bleiben und in Ruhe gelassen werden. Ich war zufrieden, wenn ich meine Pfeife hatte und nachdenken konnte. Meine Gedanken waren nicht immer angenehm, aber immerhin war ich damals zufrieden im Vergleich zu jetzt.«

 

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Das ist allerdings kein Kompliment für mich«, sagte sie und lachte. »Aber ich erwarte von Ihnen ja auch keine Komplimente. Sie haben also nichts dagegen, daß wir sofort heiraten?«

 

»Sie möchten die Sache möglichst schnell hinter sich haben«, entgegnete er und sah zu einer Kuh hinüber, die auf dem nahen Hügel weidete. »Und ich kann Ihnen wirklich keinen Vorwurf daraus machen. Ich sage Ihnen ja, mir geht es genauso. Meinetwegen kann die Trauung sofort abgehalten werden.«

 

»Lord Wadham hat mir den Vorschlag gemacht, uns von seinem Pfarrer trauen zu lassen. Sind Sie damit einverstanden?«

 

»Ach, meinen Sie den alten Stoneham? Der war ja schon früher hier im Amt – der arme Mann ist aber halb blind.«

 

»Kennen Sie ihn denn?« fragte sie schnell.

 

Er kam in Verlegenheit.

 

»Ich habe gehört, wie sich die Leute im Dorf über ihn unterhielten. Nein, ich kenne Lord Wadham und, seinen Pfarrer nicht. Im Grunde genommen ist ja auch ein Pfarrer ebensogut wie der andere.«

 

»Ich habe Ihren Namen als John Smith angegeben – heißen Sie wirklich John?«

 

»So ähnlich. Darauf kommt es ja nicht an. Sie können mich ruhig John nennen. Dann haben Sie ja auch meine Eltern nennen müssen?«

 

»Ja, das habe ich auch getan. Ich habe geschrieben, daß Ihr Vater Mineningenieur ist.«

 

Er mußte lachen.

 

»Nun, das ist ganz gut. Er hat sich schließlich auch mit dem Erdboden beschäftigt – das heißt, gewöhnlich hat er nur Unkraut aus den Blumenbeeten ausgejätet. In diesem Punkt war er unerbittlich, und die Gärtner hatten große Angst vor ihm.«

 

»Noch eins. Es liegt doch weder Ihnen noch mir an einer großen Teilnahme der Öffentlichkeit, und es wäre besser, wenn die Hochzeit in aller Stille stattfände. Lord Wadham meinte, daß wir uns am besten in der Schloßkapelle von Tynewood trauen ließen.«

 

Er antwortete nicht gleich.

 

»Gibt es denn eine Schloßkapelle hier?« fragte er nach einer Weile.

 

Sie ärgerte sich, daß er sie täuschen wollte.

 

»Ja. Sie ist sehr hübsch. Ich hatte schon die Absicht, sie mir heute einmal anzusehen. Wollen Sie mich begleiten?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das möchte ich eigentlich nicht tun.«

 

Diese Antwort hatte sie auch erwartet.

 

»Dann ist also alles soweit in Ordnung?« fragte sie. »Und an welchem Tag wollen Sie sich trauen lassen?«

 

»Mir ist jede Zeit recht.«

 

»Wollen wir sagen: morgen um elf?«

 

»Ja, das paßt mir.«

 

»Und – und –«, sie konnte kaum weitersprechen, »wohin wollen wir nachher gehen?«