Kapitel 2

 

2

 

Marjorie Stedman, die Privatsekretärin des Rechtsanwalts und Notars Vance, atmete erleichtert auf, als sie an diesem herrlichen Frühlingsabend wieder in die frische, kühle Luft hinaustreten konnte.

 

Das war also Sir James Tynewood. Wie oft hatte sie diesen Namen gelesen, der im Büro mit weißen Buchstaben auf einen schwarzen Aktenkasten gemalt war.

 

Und dieser Nachkomme eines alten, angesehenen Geschlechts, das sich in früheren Tagen im Dienste des Vaterlands ausgezeichnet hatte, war ein Trinker, ein Verschwender, der sich in unmöglicher, vulgärer Gesellschaft herumtrieb! Dieses Erlebnis war eine große Enttäuschung für sie, und sie schauderte noch bei der Erinnerung.

 

Als sie zu dem Büro in Bloomsbury zurückkam, waren schon alle Angestellten fortgegangen. Aber der alte Mr. Vance wartete in seinem Privatzimmer auf sie und sah sie neugierig an, als sie eintrat.

 

»Nun, Miss Stedman, haben Sie den Brief abgegeben?«

 

»Ja, Mr. Vance.«

 

»Haben Sie Sir James Tynewood persönlich angetroffen?«

 

Sie nickte.

 

Die Spannung in seinen Zügen steigerte sich.

 

»Was haben Sie denn – Sie sehen ja so blaß aus? Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

 

Sie schüttelte den Kopf, erzählte ihm aber dann, was sie auf der ausgelassenen Gesellschaft gesehen und gehört hatte.

 

Mr. Vance biß sich auf die Lippe, er war sehr ärgerlich und erregt.

 

»Das tut mir wirklich leid. Ich dachte nicht, daß man es wagen würde, Sie so zu behandeln, sonst wäre ich natürlich selbst hingegangen. Sie verstehen doch, Miss Stedman, daß ich keinen der anderen Angestellten mit diesem Gang beauftragen konnte?«

 

»Natürlich. Ich weiß sehr gut, daß diese Mitteilung vertraulich war.« Sie verschwieg, daß sie sich darüber gewundert hatte. Es war ihr seltsam vorgekommen, daß ausgerechnet sie den Brief Sir James persönlich übergeben mußte.

 

Aber Mr. Vance las ihre Gedanken.

 

»Eines Tages werden Sie noch verstehen, warum ich gerade Ihnen den Auftrag gab, Sir James Tynewood aufzusuchen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, daß Sie die Sache erledigt haben. Hat Ihnen Sir James eigentlich eine Antwort mitgegeben oder etwas gesagt?«

 

Sie zögerte. »Was er sagte, möchte ich nicht gern wiederholen. Es war nämlich nicht sehr schmeichelhaft für Sie, Mr. Vance«, entgegnete sie lächelnd.

 

Der Rechtsanwalt nickte.

 

»Es ist eine recht unangenehme Angelegenheit«, meinte er nach einem kurzen Schweigen. »Hat denn Sir James wirklich nichts gesagt, was für mich von Bedeutung sein könnte?«

 

»Zu mir direkt hat er es nicht gesagt, er hat mehr im allgemeinen gesprochen –« Sie zögerte wieder. »Eine Dame fragte ihn, welche Nachricht der Brief enthalte, und darauf antwortete er, daß der Mann, den er am meisten von allen Menschen hasse, zurückgekommen sei.«

 

»Den er am meisten hasse«, wiederholte er mit einem traurigen Lächeln. Dann erhob er sich und zuckte die Schultern.

 

»Es ist tatsächlich eine sehr unangenehme Geschichte«, sagte er noch einmal und nahm den Mantel vom Haken. Dann wechselte er plötzlich das Thema. »Am Ende der Woche verlieren wir Sie also, Miss Stedman?«

 

»Ja, Mr. Vance. Es fällt mir selbst schwer genug zu gehen, denn ich habe mich in Ihrem Büro sehr wohl gefühlt«, erwiderte sie bedrückt.

 

»Von meinem egoistischen Standpunkt aus tut es mir natürlich auch unendlich leid.« Er schlüpfte in den Mantel. »Aber um Ihretwillen bin ich doch eigentlich recht froh. Hat Ihr Onkel denn nun die Goldmine entdeckt, nach der er so lange gesucht hat?«

 

Sie lächelte. »Nein, das nicht, aber er hat in Südafrika viel Geld verdient. Er war ja schon immer so großzügig zu meiner Mutter und zu mir. Sie müssen Onkel Alfred doch auch noch gekannt haben?«

 

»Ja, vor zwanzig Jahren habe ich ihn einmal gesehen. Ihr Vater brachte ihn eines Tages in mein Büro. Ich, hatte damals, soweit ich mich noch entsinnen kann, den Eindruck, daß er ein charaktervoller Mann war.«

 

Er ging zur Tür und blieb dort stehen, als ob er darauf wartete, daß Marjorie vor ihm hinausging.

 

»Sie haben doch heute nichts mehr zu tun?« fragte er etwas erstaunt, als sie keine Miene machte, ihm zu folgen.

 

»Ich muß noch den Schriftsatz in Sachen James Vesson abschreiben, bevor ich gehe.«

 

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Ach, das hatte ich ja ganz vergessen! Aber da hätte ich Sie doch gar nicht fortschicken dürfen! Können Sie es denn nicht morgen früh machen, Miss Stedman?«

 

Aber er wußte selbst nur zu gut, daß der Schriftsatz morgen in aller Frühe gebraucht wurde.

 

»Es kommt mir nicht darauf an, wenn ich heute ein wenig später nach Hause komme, Mr. Vance«, sagte sie und lachte. »Ich habe sowieso nichts weiter vor, und in zwei Stunden bin ich ja mit der Arbeit fertig. Es ist viel besser, ich schreibe die Sache heute abend noch, sonst müßte ich morgen schon sehr früh ins Büro kommen.«

 

»Na, dann ist es gut, Miss Stedman. Ich muß mich jetzt beeilen, daß ich meinen Zug nach Brighton noch erreiche. Morgen rufe ich Sie im Laufe des Vormittags an, dann können Sie mir sagen, ob irgend etwas Wichtiges vorgefallen ist. Also, gute Nacht.«

 

Als Marjorie allein war, ging sie in ihr kleines Büro, das an das Arbeitszimmer des Rechtsanwalts stieß, und kurze Zeit später klapperte ihre Schreibmaschine in rasendem Tempo. Sie wußte, daß sich ihre Mutter stets Sorgen machte, wenn sie nicht rechtzeitig nach Hause kam, und sie bemühte sich deshalb, so schnell wie möglich fertig zu werden.

 

Sie hatte gerade die vierte DIN-A-4-Seite des langen, trockenen Schriftsatzes hinter sich, als sie ein Klopfen an der äußeren Bürotür zu hören glaubte. Sie machte eine Pause und lauschte angestrengt.

 

Jetzt vernahm sie es deutlich und erhob sich. Sie war sehr gespannt, wer Mr. Vance zu so später Stunde noch geschäftlich aufsuchen wollte.

 

Als sie die Tür öffnete, erwartete sie eigentlich einen Telegrafenboten, aber zu ihrem Erstaunen sah sie sich einem großen, schlanken Herrn gegenüber.

 

Mit einem Blick umfaßte sie seine äußere Erscheinung und sah, daß er einen alten, grauen Flanellanzug und weder Kragen noch Krawatte trug. Sein weiches Hemd war am Hals offen und der etwas verbeulte, graue, breitkrempige Filzhut in den Nacken geschoben. Die Sonne hatte sein hübsches, hageres Gesicht außergewöhnlich dunkel gebräunt, und seine klugen, tiefblauen Augen standen in reizvollem Gegensatz zu der dunklen Hautfarbe.

 

»Ist Mr. Vance noch im Büro?« erkundigte er sich kurz, nachdem er den Hut abgenommen hatte;

 

»Nein, er ist vor etwa zwanzig Minuten gegangen.«

 

Der Fremde biß sich auf die Lippe.

 

»Wissen Sie vielleicht, wo ich, ihn heute abend noch treffen könnte?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Für gewöhnlich könnte ich es Ihnen sagen«, entgegnete sie lächelnd, wenn es auch eigentlich nicht gebräuchlich ist, Klienten seine Privatadresse mitzuteilen. »Aber heute abend ist er nach Brighton gefahren, wo er mit einem Freund das Wochenende verbringen will, und er hat keine Adresse hinterlassen.« Sie zögerte einen Augenblick. »Vielleicht nennen Sie mir Ihren Namen?«

 

Er sah sie unschlüssig an. »Setzt er sich morgen irgendwie mit Ihnen in Verbindung?«

 

Sie nickte.

 

»Er telefoniert morgen mit mir, um zu hören, ob etwas Wichtiges vorgefallen ist. Dann könnte ich ihm ja von Ihrem Besuch erzählen und ihm sagen, daß Sie ihn sprechen wollten.«

 

Er stand noch im Gang, und während sie ihn betrachtete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß er trotz seiner gerade nicht sehr vorteilhaften Kleidung vielleicht doch ein wichtiger Kunde sein könnte. Sie öffnete die Tür weiter.

 

»Wollen Sie nicht näher treten und einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht möchten Sie auch eine kurze schriftliche Mitteilung für Mr. Vance zurücklassen?«

 

Langsam ging er in den Büroraum und sah einen Augenblick auf den Stuhl, den sie ihm hinschob.

 

»Nein, schreiben möchte ich nichts«, sagte er nach einer Pause. »Aber wenn Mr. Vance morgen anrufen sollte, dann sagen Sie ihm doch bitte, daß Mr. Smith von Pretoria gekommen ist.«

 

Die letzten Worte hatte er sehr deutlich und mit besonderem Nachdruck gesprochen. »Also, bitte vergessen Sie es nicht – Mr. Smith von Pretoria. Bestellen Sie ihm auch, daß ich so bald wie möglich mit ihm in Verbindung treten möchte.«

 

»Mr. Smith von Pretoria«, wiederholte sie und machte eine Notiz auf ein Blatt Papier. Sie hatte den Eindruck, daß es sich um eine wichtige Sache handeln müßte.

 

Er stand vor ihr und schaute sie an, aber sie hatte das merkwürdige Gefühl, daß er durch sie hindurchsähe. Die Falten auf seiner Stirn ließen erkennen, daß er tief in Gedanken versunken war.

 

Plötzlich schien er sich wieder an die Wirklichkeit zu erinnern und machte eine impulsive Bewegung zum Tisch hin.

 

»Ich habe es mir doch überlegt. Ich werde eine kleine Mitteilung für Mr. Vance zurücklassen. Geben Sie mir bitte Papier und Feder.«

 

»Beides liegt schon vor Ihnen«, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln.

 

Er wurde verlegen über seine Unachtsamkeit.

 

»Es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Ich bin heute etwas zerstreut.«

 

»Ja, das habe ich auch schon bemerkt.«

 

Sie ging in den anderen Teil des Zimmers, um nicht den Anschein der Neugierde zu erwecken.

 

Offenbar fiel es ihm schwer, seine Gedanken in Worte zu fassen, denn er saß fünf Minuten vor dem Schreibtisch und grübelte.

 

»Nein, ich werde doch nicht schreiben«, erklärte er dann, legte die Feder auf den Tisch und stand auf. »Es genügt, wenn Sie Ihrem Chef sagen, daß Mr. Smith von Pretoria im Büro vorgesprochen hat. Er weiß, wo er mich finden kann.«

 

Vom Gang her ertönten plötzlich Schritte, und gleich darauf wurde die Türklinke hastig heruntergedrückt. Der Besucher mußte in ungewöhnlicher Aufregung sein, da er zu klopfen vergessen hatte.

 

»Wo ist Rechtsanwalt Vance?« fragte er schnell, als er eintrat.

 

Das Licht fiel voll auf sein Gesicht, und Marjorie erkannte in dem Mann mit dem zerwühlten Haar und dem roten Gesicht Sir James Tynewood wieder.

 

»Mr. Vance ist schon gegangen«, entgegnete sie.

 

Sir James antwortete nicht gleich. Er starrte entsetzt Mr. Smith von Pretoria an.

 

»Mein Gott!« stieß er dann verstört hervor. »Du bist es – Jot!«

 

Die beiden standen einander gegenüber und maßen sich mit den Blicken. Mr. Smiths Züge wurden plötzlich hart und undurchdringlich.

 

Als das Schweigen andauerte, wurde Marjorie die Situation sehr peinlich. Sie ahnte, daß sich eine Tragödie hinter diesen Worten und Blicken verbarg, und rein gefühlsmäßig nahm sie für den Mann aus Südafrika Partei.

 

»Kennen Sie Sir James Tynewood?« fragte sie verlegen.

 

Langsam wandte sich Mr. Smith von Pretoria um und lächelte bitter.

 

»Ja, ich kenne Sir James Tynewood sehr gut.« Er drehte sich wieder dem anderen zu. »Wir werden uns morgen abend in Schloß Tynewood sprechen, Sir James.«

 

Der junge Baron hatte den Kopf gesenkt und zitterte am ganzen Körper. Sein Gesicht war totenbleich.

 

»Ja, ich werde kommen«, erwiderte er heiser und verließ mit unsicheren Schritten das Zimmer.

 

Kapitel 20

 

20

 

»Es tut mir so leid«, sagte er liebenswürdig. »Sie halten mich wahrscheinlich für einen rohen, ungebildeten Menschen, Miss Stedman. Aber ich war in Südafrika so lange allein mit meinen Gedanken, daß ich nicht mehr in die europäische Gesellschaft passe und auch nicht mehr weiß, wie ich mich mit den Leuten unterhalten soll. Es ist sehr gut, daß Sie wegen der Trauung schon alles verabredet haben.«

 

Er sah sie so freundlich an, wie sie es niemals von ihm erwartet hatte.

 

»Ich werde dafür sorgen, daß nach der Trauung ein Auto auf uns wartet.«

 

»Im Augenblick habe ich keinen besseren Anzug als diesen hier. Aber ich habe mir bereits einige in London bestellt. Sie heißen doch Marjorie?«

 

»Ja.«

 

Er wiederholte den Namen leise.

 

»In Zukunft muß ich Sie ja wohl Marjorie nennen. Sie haben doch nichts dagegen?«

 

Sie mußte lachen.

 

»Ich glaube, es ist Brauch, daß sich Eheleute beim Vornamen nennen.«

 

Sie hatte das Gefühl, daß er noch etwas sagen wollte, und zögerte. Aber er schwieg, bis sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

 

»Ich werde Sie noch ein wenig begleiten. Gehen Sie nach Hause zurück?«

 

Sie nickte.

 

Als sie dann neben ihm herging, kam sie sich selbst sonderbar vor. Er war einen Kopf größer als sie, und große Leute waren ihr immer sympathisch gewesen. Aber sie wollte diese Sympathie nicht auf Pretoria-Smith ausdehnen.

 

»Es klang unhöflich, als ich Ihnen sagte, daß ich eigentlich gegen meinen Willen nach England reiste, um mich mit Ihnen trauen zu lassen«, sagte er plötzlich, »aber es war die reine Wahrheit. Ich verdanke Ihrem Onkel so viel, daß ich seinen Wunsch schließlich erfüllen mußte. Und wenn ich Ihnen jetzt ein Angebot mache und sage, was ich eigentlich denke, betrüge und hintergehe ich ihn.«

 

»Welches Angebot wollen Sie mir denn machen?« fragte sie überrascht.

 

»Ein sehr einfaches«, erklärte er ruhig. »Es ist mir klar, daß Sie mich heiraten, weil Sie die jährliche Unterstützung Ihres Onkels nicht entbehren können. Ich erfuhr von seiner häßlichen Drohung erst in dem Augenblick, als ich von Afrika abreiste. Er hat sich diese Heirat nun einmal in den Kopf gesetzt, weil er fürchtet, sein Geld könnte in die Hände eines Mannes fallen, der Sie nur wegen Ihres Reichtums heiratet. Miss Stedman, ich kann Ihnen versichern, daß Ihr Onkel zuerst nur Ihr Glück im Auge hatte. Er hat mir so oft von Ihnen erzählt, und er freute sich immer so sehr, wenn er Briefe von Ihnen erhielt. Er hat sie noch alle aufbewahrt.«

 

Marjorie war gerührt.

 

»Der arme Onkel«, sagte sie leise. »Ich bin davon überzeugt, daß er seiner Meinung nach das Beste für mich tut.«

 

»Denken Sie immer daran«, fuhr er fort, »dann werden Sie auch verstehen, in welchem Dilemma ich mich befinde. Ich würde Ihnen ja gern eine Viertelmillion Pfund geben, um es Ihnen zu ermöglichen, diese Heirat abzulehnen – mit oder ohne Ihren Dank.« Er lächelte ein wenig und sah plötzlich viel hübscher und jünger aus.

 

Sie war stehengeblieben und schaute ihn erstaunt an.

 

»Nein, das geht nicht, das dürfte ich doch nicht tun. Ich habe meinem Onkel schon mein Wort gegeben. An dem Tag, an dem ich seinen Brief erhielt, ist mein Telegramm an ihn abgegangen.«

 

»Das fürchtete ich«, erwiderte er düster, »aber ich fürchtete auch, daß Sie mein Angebot annehmen würden, und das wäre dem alten Stedman gegenüber sehr unfair gewesen. Er war nicht um das Geld besorgt, sondern er wollte Sie vor gewissenlosen Menschen schützen, die nur Ihrem Vermögen nachjagten. Und wenn ich Sie nun reich machte – ich kann es, denn ich besitze ebensoviel, wenn nicht mehr als Ihr Onkel –, dann wären Sie derselben Gefahr ausgesetzt wie vorher.«

 

Sie ging wieder langsam neben ihm her. Plötzlich hörten sie Pferdegetrappel und traten zur Seite, um die Reiter vorüberzulassen.

 

Es waren Lance Kelman und Lady Tynewood. Kelman wurde dunkelrot vor Zorn, als er Marjorie und Pretoria-Smith zusammen sah. Er hatte sich schon vorher für seine Kusine stark interessiert, aber jetzt glaubte er, daß sie die große Liebe seines Lebens sei. Almas Reden und Bemerkungen hatten ihn aufgestachelt.

 

Er ritt nicht vorbei, sondern hielt mitten im Weg an. Lady Tynewood beobachtete die Szene belustigt.

 

»So, da hast du nun endlich deinen Pretoria-Smith!« schrie Kelman laut. Er hatte bei Alma zu Mittag gegessen und viel Wein getrunken.

 

Marjorie war blaß geworden. Sie sah ihn fest an, aber sie schwieg.

 

»Jetzt muß ich allerdings wirklich annehmen, daß du in diesen Menschen verliebt bist«, führ Lance fort und lachte pöbelhaft. »Er hat ja wohl das nötige Kleingeld, und deine Mutter, kennt sich nicht mehr aus vor Schulden. Da kommt es ja schließlich auch nicht darauf an, daß du einen alten Trinker heiratest. Hast du nicht gesehen, was für ein Kerl das ist, als ich ihn gestern abend in den Saal brachte?«

 

Pretoria-Smith stand plötzlich an seiner Seite. Er hatte die Hand auf das Knie des Reiters gelegt.

 

»Sie haben mich in den Saal gebracht?« fragte er ruhig. »Ich habe heute morgen etwas davon gehört, welche Szene sich dort abgespielt hat. Ich selbst kann mich nicht darauf besinnen. Sie haben mich also hineingeführt?«

 

»Nehmen Sie Ihre Hand weg, Sie Schwein!«

 

Marjorie schrie auf, aber die Peitsche traf nicht. Pretoria-Smith hatte Kelman am Handgelenk gepackt und hielt ihn mit eisernem Griff fest.

 

»Es gibt gewisse Dinge, die Sie nicht tun dürfen«, sagte er ruhig. »Können Sie schwimmen?«

 

»Lassen Sie mich los!« schrie Lance und versuchte, sich freizumachen.

 

»Können Sie schwimmen?« wiederholte Pretoria-Smith. Aber er zog ihn schon vom Pferd, bevor der junge Mann etwas antworten konnte.

 

Einen Augenblick zappelte Lance in der Luft, dann warf ihn Pretoria-Smith wie einen Stein in einen großen, grünen Teich, der dicht neben der Straße lag. Das Wasser spritzte hoch auf, und die beiden Frauen sahen entsetzt hinüber, als ein angstvoller Schrei ertönte. Aber nach wenigen Sekunden tauchte Kelman in etwas sonderbarer Verfassung wieder auf und kam ans Ufer. »Das werde ich Ihnen heimzahlen, Sie verdammter Hund – Sie Negermörder! Erzählen Sie doch Marjorie, wie viele Leute Sie schon zu Tode gepeitscht haben!«

 

Pretoria-Smith war bleich geworden, und seine Stimme zitterte.

 

»Es tut mir leid, daß ich meine Fassung verloren habe«, sagte er leise, als Kelman näher kam. Er sah nicht zu Lady Tynewood auf. »Sie sind in schlechter Gesellschaft, junger Mann.«

 

»Ich glaube allerdings, daß Sie auf der Höhe sind, wenn es gilt, schlechte Gesellschaft zu beurteilen«, mischte sich Alma nun ein.

 

Langsam schaute er zu ihr auf.

 

»Ich freue mich wenigstens, daß ich früher niemals auf Ihren Gesellschaften war, Miss Trebizond«, erwiderte er gelassen.

 

Sie versuchte zu lächeln, aber dann sah sie Marjorie an und schrak zusammen. In diesem Augenblick erst erkannte sie in ihr die Stenotypistin, die an dem Abend ihrer Hochzeit in ihre Wohnung gekommen war.

 

Kapitel 10

 

10

 

Lance Kelman wartete in tadellosem Reitdreß am Gartentor. Er sah außerordentlich gut aus, aber seine affektierten Bewegungen verrieten seine Eitelkeit und seinen wenig männlichen Charakter. Sein sorgfältig frisiertes und gebürstetes Haar duftete nach Brillantine, und er war sehr stolz auf seine schmalen, gepflegten Hände.

 

Als Marjorie im Straßenanzug an das Tor kam, grüßte er sie in überschwenglicher Weise.

 

»Aber ich dachte doch, du wolltest heute morgen mit mir ausreiten?«

 

Lance Kelman war mit sich selbst sehr zufrieden und trat auch dementsprechend auf. Er hatte gehofft, durch dieses Benehmen auch auf Mr. Stedman einen so großen Eindruck zu machen, daß dieser ihm einen Teil seines Vermögens überlassen oder ihm wenigstens eine Anstellung geben würde, bei der er mit geringster Anstrengung möglichst viel verdiente. Aber er war sehr enttäuscht aus Südafrika nach Hause gekommen und hatte sich wenig schmeichelhaft über Mr. Stedman ausgesprochen.

 

Marjorie hatte eigentlich nicht die Absicht, ihre schwierige Lage mit Lance Kelman zu besprechen, aber sie mußte sich in diesem Augenblick irgendeinem Menschen anvertrauen, wenn sie nicht den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung verlieren sollte.

 

Sie wünschte, daß sie nur etwas stärker wäre, um nicht gerade in dieser Krise zusammenzubrechen.

 

»Ja, du hast recht«, sagte sie hastig. »Aber ich reite erst heute nachmittag.«

 

»Ich hätte dir gern einmal das Schloß Tynewood und den großen Park gezeigt.«

 

Er sprach so anmaßend und herablassend, als ob ihm das ganze Land gehörte und er es aus lauter Gnade und Barmherzigkeit seinen Mitmenschen zeigte. Aber heute machte sein Wesen, über das sie sich sonst amüsierte, nicht den geringsten Eindruck auf sie. Sie sah ihn nur traurig an.

 

»Ich bin aber wirklich nicht in der Stimmung, mir Tynewood anzusehen oder etwas, was mit diesem Namen zusammenhängt. Du kommst doch morgen abend auch zum Essen?«

 

Er nickte und runzelte die Stirn.

 

»Ich wundere mich nur, daß es dir nicht gelungen ist, Marjorie, mir einen Platz an deinem Tisch zu verschaffen. Ich will mich nicht an die Rockschöße des Prinzen hängen, das liegt mir ganz fern, aber ich möchte doch gern in deiner Nähe sein. Und dann noch eins. Was hast du bloß mit Lady Tynewood gemacht? Hast du dich schon wieder einmal mit ihr gezankt?« fragte er schnell.

 

»Nein, ich habe mich nicht mit ihr gezankt. Sie hat Streit angefangen, und zwar wegen derselben Sache, über die du dich eben auch bei mir beschwert hast. Sie wollte absolut an der Ehrentafel sitzen. Ich wünschte nur, daß ich überhaupt nicht hinzugehen brauchte.«

 

»Sitzt sie denn nicht bei den Honoratioren?«

 

»Nein.« Marjorie verlor die Geduld. »Und ich freue mich darüber. Ich habe gar nichts mit der Platzverteilung zu tun, ob es sich nun um große oder um kleine Tische handelt.«

 

Lance fühlte sich ebenso beleidigt wie Alma und machte deren Sache zu seiner eigenen.

 

»Ich weiß nicht, was du immer gegen Lady Tynewood hast. Sie ist wirklich eine sehr nette Dame, das kannst du mir glauben. Und sie hat große Weltkenntnis. Ich muß sagen, daß ich sie in jeder Weise respektiere. Mein Verhältnis zu ihr läßt sich allerdings in keiner Beziehung mit meinen Gefühlen dir gegenüber vergleichen«, fügte er schnell hinzu.

 

Marjorie sah ein, daß es sinnlos war, mit diesem jungen Mann ihre Sorgen zu besprechen.

 

»Ich muß jetzt ins Dorf gehen, Lance«, erwiderte sie ungeduldig. »Holst du mich um zwei ab? Du siehst in deinem Reitdreß wirklich recht smart aus«, lenkte sie dann ein und lächelte ein wenig. »Eigentlich solltest du dich gar nicht umziehen bis heute nachmittag.

 

Er strahlte.

 

»Schön, um zwei bin ich wieder hier. Aber kann ich dich denn nicht ins Dorf begleiten?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe etwas Wichtiges auf der Post zu erledigen und möchte lieber allein gehen.«

 

Sie wartete nicht mehr auf seine Antwort, wandte sich mit einem kurzen Kopfnicken um und ging schnell den Hügel zu dem Dorf hinunter.

 

Tynewood! Wie sie den Namen haßte! Obwohl sie in der letzten Zeit zufrieden und glücklich in dieser Gegend gelebt hatte, empfand sie doch jetzt eine unsägliche Bitterkeit gegen ihre Umgebung. Sie hatte das Gefühl, daß die Nähe Alma Tynewoods die herrliche Natur ringsum vergiftete und ihr das Leben unerträglich machte. Und ihre Mutter war in den Klauen dieser entsetzlichen Frau! Allein diese Tatsache zwang Marjorie gegen ihren Willen zu dem Schritt, gegen den sich ihr ganzes Inneres aufbäumte. Glühender Haß gegen Alma Tynewood packte sie.

 

An diesem Morgen verschwor sich alles gegen das junge Mädchen. Das Postamt lag am äußersten Ende der Dorfstraße, so daß sie durch den ganzen Ort gehen mußte. Sie machte diesen Weg nur selten, denn der Bahnhof lag näher am Schloß.

 

Als sie an dem Laden des Fleischers Perkins vorüberkam, trat dieser aus seiner Tür und grüßte sie höflich.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, Miss Stedman. Aber schon seit vierzehn Tagen habe ich versucht, einmal mit Ihnen zu sprechen.«

 

»Warum denn?« fragte sie erstaunt.

 

»Nun, sehen Sie, ich dränge ja meine guten Kunden nicht«, entgegnete der Mann verlegen, »vor allem da Sie doch im ganzen Ort so geachtet sind. Aber ich wäre Ihnen doch sehr dankbar, wenn Ihre Mutter die Rechnung bezahlte, die noch bei mir steht.

 

Marjories Herz wurde schwer.

 

»Ist sie hoch?«

 

»Ach, es sind im ganzen hundertzwanzig Pfund. Die sind im Lauf der Zeit zusammengekommen. Für Sie bedeutet es ja nicht viel, aber für mich ist das schon eine andere Sache, denn ich muß auch meinen Verpflichtungen nachkommen. Sie wissen vielleicht auch, wie schwer es heutzutage ist, bares Geld hereinzubringen.«

 

Sie nahm sich zusammen und sah ihn freundlich an.

 

»Schon gut, Mr. Perkins, ich will sehen, daß Ihre Rechnung bald beglichen wird.«

 

Ein paar Minuten später wurde sie von dem kleinen Mr. Grain angehalten, der ein Baugeschäft hatte.

 

»Miss Stedman«, sagte er ebenso höflich wie der Fleischer, »würden Sie so liebenswürdig sein und Ihre Mutter daran erinnern, daß meine Rechnung immer noch nicht bezahlt ist? Ich habe sie schon vor zwölf Monaten geschickt. Sie wissen doch, daß ich umfangreiche Reparaturen an Ihrem Hause ausgeführt habe. Im vergangenen Frühjahr habe ich es innen und außen neu gestrichen.«

 

»Ist Ihre Rechnung hoch?« fragte Marjorie leise.

 

»Etwa hundertachtzig Pfund. Ich habe Ihrer Mutter schon mehrmals geschrieben, aber sie hat mir nie geantwortet.«

 

»Ich werde dafür sorgen, daß die Sache in Ordnung kommt, Mr. Grain. Meine Mutter war in der letzten Zeit sehr beschäftigt und hat es wahrscheinlich vergessen.«

 

Es bedrückte Marjorie tief, daß all diese armen, bescheidenen Leute, die selbst schwer kämpfen mußten, Geld von ihrer Mutter zu bekommen hatten. Wenn sie noch irgendeine Bestärkung für ihren Vorsatz brauchte, so hätte sie sie jetzt erhalten. Es blieb ihr kein Ausweg.

 

Mit hoch erhobenem Kopf ging sie in das Postamt und nahm ein Telegrammformular.

 

»Aber das ist ein Auslandstelegramm, Miss Stedman«, sagte die Beamtin freundlich.

 

»Ja, das weiß ich.«

 

Die Ausführung ihres Entschlusses fiel ihr aber doch sehr schwer. Mit größter Selbstüberwindung tauchte sie schließlich die Feder ein und schrieb die Adresse.

 

»Alfred Stedman, Stedman’s Mine, Vrykloof, Südafrika.«

 

Dann hielt sie wieder inne und starrte ein paar Minuten verzweifelt auf das Blatt. Endlich riß sie sich gewaltsam zusammen.

 

»Nehme Vorschlag betreffend Pretoria-Smith an«, stand plötzlich auf dem Blatt, und mit fester Hand setzte sie ihren Namenszug darunter.

 

Kapitel 11

 

11

 

»Was ist nur mit Marjorie los?« fragte Lance Kelman nachlässig und zündete sich eine Zigarette an.

 

Mrs. Stedman saß mit ihrem Neffen im Empfangszimmer. Sie zuckte die Schultern, was andeuten sollte, daß sie darüber nichts wüßte.

 

»Ich kann das Mädchen überhaupt nicht verstehen. Je älter sie wird, desto mehr lebt sie für sich«, klagte sie. »Sie nimmt nicht mehr die geringste Rücksicht auf mich und weiß auch nicht, was sie mir schuldig ist.«

 

»Ach, sie ist noch sehr jung«, meinte Lance wohlwollend. »Wenn sie erst einmal etwas mehr reist und die Welt kennenlernt, bekommt sie auch einen weiteren Gesichtskreis und bessere Urteilsfähigkeit.«

 

Er tröstete seine Tante stets, und sie bewunderte dafür immer aufs neue seine elegante Erscheinung.

 

»Ich wünschte nur, Marjorie käme endlich einmal zur Vernunft. Das beste wäre doch wirklich, wenn sie sich verheiraten würde. Ich hoffte eigentlich damals, als du diese gefährliche Reise nach Südafrika machtest, daß mein Schwager dir irgendeine Lebensstellung verschaffte, damit du heiraten könntest.«

 

»Du meinst, damit ich Marjorie heiraten könnte?« fragte Lance ruhig, denn dieser Gedanke erschien ihm vollkommen selbstverständlich. »Ich dachte auch schon daran. Sie ist ein ganz nettes Mädel, nur leider etwas engherzig und einseitig, Tante.«

 

»Genau meine Meinung«, entgegnete sie und schaute nervös nach der Uhr. »Ich möchte nur wissen, wie lange sie wieder fortbleibt.«

 

»Gehst du heute nachmittag aus?«

 

»Ja«, erwiderte sie leise. »Aber bitte sage nichts davon zu Marjorie. Sie hat ein so unvernünftiges Vorurteil gegen Lady Tynewood.«

 

»Ach, willst du Lady Alma besuchen? Nun, da tust du ganz recht. Sie ist eine sehr liebenswürdige Dame. Ich habe ihr neulich einmal von meiner Reise nach Südafrika erzählt, und da fragte sie mich, ob ich nicht zufällig ihren Mann, Sir James, dort getroffen hätte. Du weißt doch, daß er sie verlassen hat. Ich bin aber nie ganz hinter die Geschichte gekommen.«

 

»Ja, die Leute haben viel darüber gesprochen«, begann Mrs, Stedman gerade, als sie durch das plötzliche Erscheinen Marjories gestört wurde. Das junge Mädchen trug Reitkleidung und sah in dem hellgrauen Anzug vorzüglich aus. Lance betrachtete sie mit aufrichtiger Bewunderung.

 

»Bei deinen sonst soliden Ansichten kleidest du dich manchmal etwas gewagt, Marje.«

 

»Darüber kannst du nicht urteilen. Und nenne mich doch vor allem nicht Marje. Das klingt so gewöhnlich, ich will es nicht hören.«

 

»Aber Marjorie, wie kannst du nur so schroff sein!« rief ihre Mutter entrüstet.

 

»Bist du fertig, Lance?« fragte Marjorie kurz und ging, ohne seine Antwort abzuwarten, nach draußen, wo die Pferde bereitstanden.

 

Er eilte ihr nach, um ihr behilflich zu sein, aber schon ehe er ankam, hatte sie den Fuß in den Steigbügel gesetzt und sich in den Sattel geschwungen.

 

»Du bist ja kolossal selbständig geworden«, beschwerte er sich, da er sich zurückgesetzt fühlte.

 

Sie ritten durch eine lange Allee, die von hohen Hecken eingefaßt war, und Marjorie blieb zunächst schweigsam. Sie hatte die Absicht, Lance kurz mitzuteilen, was sie telegrafiert hätte, und sie zweifelte natürlich nicht daran, daß er ihre Handlungsweise verurteilen würde.

 

»Deine Mutter hat von Schloß Tynewood gesprochen«, begann er schließlich, und sie ärgerte sich, daß dieser Name fiel.

 

»Ich hoffe nur, daß sie heute nachmittag nicht wieder zu Lady Tynewood geht«, sagte sie plötzlich, aber Lance schwieg über diesen Punkt.

 

»Hast du das Schloß eigentlich schon einmal gesehen?«

 

Sie erinnerte sich gut genug an den schrecklichen Abend, den sie dort zugebracht hatte, und schauderte leicht.

 

»Nein, ich kenne es nicht.«

 

»Es ist ein schönes, altes Gebäude aus der Tudorzeit, und der Park ist wirklich großartig. Ich verstehe nicht, daß Sir James es fertigbringt, seine hübsche Frau und eine solche Besitzung im Stich zu lassen und in der Wildnis umherzustreifen. Ich halte das direkt für Wahnsinn!«

 

»Du scheinst ja mit den Verhältnissen der Familie Tynewood ziemlich gut Bescheid zu wissen.«

 

»Ja, man erfährt so allerlei. Der Baron hat seine Frau verlassen, und zwar einige Tage nach der Hochzeit. Die wirklichen Zusammenhänge sind hier allerdings nicht bekannt. Er hat nämlich zwei große Güter und hält sich meistens auf dem anderen auf. Hier in Schloß Tynewood ist nur der alte Pförtner, der ihn schon seit seiner frühen Jugend kennt. Vor vier Jahren hat Sir James ganz plötzlich geheiratet. Lady Tynewood war früher Schauspielerin, das weißt du wohl auch.«

 

»Ja, ich habe davon gehört.«

 

»Er muß nicht ganz bei Verstand gewesen sein. Ohne daß er ihr die geringste Mitteilung machte, hat er sie einfach verlassen. Die beiden haben in London geheiratet.«

 

»Wer hat dir denn das alles erzählt?«

 

»Nun, wenn ich offen sein soll – Lady Tynewood selbst. Sie hat mich in diese traurige Angelegenheit eingeweiht, als ich neulich zum Tee bei ihr war«, sagte Lance gleichgültig.

 

»Ach so, jetzt verstehe ich.« Marjorie lächelte ein wenig. »Aber sprich nur ruhig weiter. Ich interessiere mich sehr für Sir James Tynewood.«

 

»Also, der Mann ist unbegreiflicherweise auf und davon gegangen«, fuhr Lance fort. Er war sehr stolz darauf, daß er die Geschichte aus erster Hand hatte. »Soweit ich die Sache beurteilen kann, hatte er einen etwas aufbrausenden Charakter und war in mehrere unangenehme Affären verwickelt, bevor er Alma traf – ich meine Lady Tynewood. Man hat seinerzeit viel in den Zeitungen über ihn geschrieben. In einem Artikel wurde auch erwähnt, daß Lady Tynewood in den Besitz des berühmten Halsbandes kommen würde. Es ist ein herrliches Brillantkollier.«

 

»Ich weiß, daß es kein Hundehalsband ist«, erwiderte sie ironisch.

 

Er sah sie mißtrauisch von der Seite an.

 

»Lady Tynewood bestand darauf, daß James es ihr bringen sollte. Das war in ihrer Londoner Wohnung. Er kam bis hierher zum Schloß, und von dem Augenblick an« – er machte eine dramatische Pause – »hat man nie wieder etwas von ihm gesehen. Am nächsten Morgen erhielt sie einen Brief von seinem Rechtsanwalt, daß sie unter keinen Umständen den Versuch machen dürfte, das Schloß und den Park von Tynewood zu betreten. Und dabei war sie doch rechtmäßig verheiratet! Es wurde ihr ein jährliches Einkommen ausgesetzt, aber es ist viel zu gering für eine Frau von ihrer Stellung. Und dann las sie in der Zeitung, daß James Tynewood nach Südafrika gereist sei.«

 

»Nach Südafrika?« wiederholte sie mit besonderer Betonung. »Natürlich, das Schiff ›Carisbrooke Castle‹ fährt ja nach Kapstadt.«

 

»Den Namen des Schiffes habe ich doch gar nicht erwähnt«, entgegnete Lance etwas verblüfft. Aber er war zufrieden mit der Wirkung seiner Worte und machte sich nicht die Mühe, Marjorie näher auszufragen. »Warum hast du denn eigentlich eben so merkwürdig ›Südafrika‹ gesagt?«

 

»Weil ich mich dafür interessiere«, erwiderte sie schroff.

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Ich heirate nämlich einen Pretoria-Smith«, fuhr sie fort.

 

»Pretoria-Smith?« rief er atemlos. »Aber was soll denn das heißen?«

 

»Hier – lies bitte.«

 

Sie nahm den Brief aus der Tasche und gab ihn Lance, der sein Pferd anhielt.

 

»Du wirst doch nicht einen derartigen Unsinn machen«, sagte er heftig, als er die Zeilen überflogen hatte. »Diesen Pretoria-Smith kenne ich sehr gut, er ist ein entsetzlicher Mensch! Furchtbar aufdringlich, spricht nur von sich selbst, verprügelt die Neger und ist ein roher, wüster Kerl. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er einen Eingeborenen geschlagen hat. Es war so schlimm, daß ich dazwischentreten mußte. Einmal stand er auch vor Gericht, weil er einen Buschmann erschossen hatte. Den Namen habe ich vergessen, aber auf jeden Fall bleibt die Tatsache bestehen, daß er vor Gericht stand. Und dann trinkt der Mensch. Ich war mehrmals Zeuge, wie er stockbesoffen durch die Straßen wankte. Man sagt auch –«

 

»Ach, hör doch auf!« sagte sie schaudernd und fuhr mit der Hand über die Augen.

 

»Aber Marjorie, das kann doch nicht dein Ernst sein. Du wirst diesen Mann nicht heiraten! Ich selbst hoffe, dich in allernächster Zeit um deine Hand bitten zu können.«

 

»Dich könnte ich niemals heiraten, Lance«, erwiderte sie ruhig. »Bitte, mache die Sache nicht noch komplizierter, als sie schon ist.«

 

»Aber das ist doch Wahnsinn! Das erlaube ich nicht!«

 

Sie lächelte bitter.

 

»Du kannst doch gar nichts dagegen tun., Und es bleibt mir wirklich nichts anderes übrig.«

 

Sie erzählte ihm nichts von den Torheiten ihrer Mutter und von ihrem eigenen Kummer, als sie weiterritten. Lance war wütend und fühlte sich persönlich gekränkt, während sich Marjorie hilflos dem unabwendbaren Schicksal gegenübersah.

 

Schließlich kamen sie an das Parktor von Tynewood.

 

»Ich möchte mir den Park heute nicht ansehen«, sagte sie abgespannt. »Aber wir wollen einen Augenblick hier ausruhen.«

 

Sie hatten einen schönen Blick auf die großen Wiesen, die alten, mächtigen Bäume mit den weitausladenden Ästen und das graue Haus, dessen Fenster in der Nachmittagssonne glänzten.

 

»Es ist wirklich herrlich hier«, sagte sie leise.

 

Während sie die wundervolle Aussicht genoß, vergaß sie für einen Augenblick ihre Sorgen.

 

Plötzlich kam ein Auto in Sicht und hielt gleich darauf vor dem Parktor. Eine Dame stieg aus.

 

»Lady Tynewood«, flüsterte Lance.

 

Marjorie wollte eigentlich davonreiten, ohne sich umzusehen, aber ihre Neugierde hielt sie doch zurück.

 

Der Pförtner öffnete, blieb aber mitten im Weg stehen.

 

»Kann ich etwas für Sie tun, Mylady?« fragte er und legte die Hand an die Mütze.

 

»Ich möchte mir den Park ansehen«, erwiderte Alma.

 

Der Mann rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber ich habe strengen Befehl, Sie unter keinen Umständen einzulassen.«

 

»Und ich gebe Ihnen jetzt den strikten Auftrag, zur Seite zu treten und mir den Weg freizugeben«, entgegnete sie aufgeregt. »Ich habe mich allzu lange den Wünschen von Sir James gefügt, aber jetzt bestehe ich auf meinem Recht. Ich will den Schloßpark betreten, wann es mir paßt.«

 

Der Pförtner trat einen Schritt zurück und schloß das schwere Tor vor ihrer Nase.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber meine Instruktionen sind eindeutig. Ich kann Ihnen nicht gestatten näherzutreten.«

 

Als sich Lady Tynewood wütend umdrehte, entdeckte sie Marjorie.

 

»Wie kommen Sie denn hierher?« fragte sie mit heiserer Stimme und legte die Hand an die Kehle, als ob ihr das Atmen schwerfiele. »Das ist eine neue Unverschämtheit von Ihnen, daß Sie mir hier nachspüren! Aber das soll Ihnen schlecht bekommen?«

 

Marjorie sagte zunächst nichts, und es entstand eine peinliche Pause.

 

»Ich spüre Ihnen nicht nach«, erwiderte das junge Mädchen schließlich gelassen. »Nicht einmal, wenn Sie meiner Mutter beim Bridgespiel das Geld abnehmen.«

 

Sie wandte ihr Pferd und ritt davon.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mr. Vance, Chef der renommierten Rechtsanwaltfirma Vance and Vance, war gerade eifrig beschäftigt, als ihm ein Besuch gemeldet wurde. Er las die Karte und zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Lassen Sie Miss Stedman näher treten.«

 

Er erhob sich und ging ihr halbwegs entgegen.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen«, begann er. »Aber Sie kommen doch hoffentlich nicht zu mir, um sich in Rechtsangelegenheiten beraten zu lassen?«

 

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Man erzählt sich ja große Dinge darüber, wie angesehen Sie in Ihrer Gegend sind. Aber nehmen Sie doch bitte Platz. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich muß sagen, daß ich Sie als Privatsekretärin sehr vermißt habe. Ja, der Ruf Ihrer Tüchtigkeit ist selbst bis zu meinem Büro nach London gedrungen. Wie ich hörte, haben Sie eine große Summe für das dortige Hospital zusammengebracht. Ich las auch in der Zeitung, daß Ihnen zu Ehren ein Essen stattfinden sollte. Haben Sie das schon hinter sich?«

 

»Nein, ich habe es noch vor mir, aber es wird nicht für mich allein abgehalten. Man will nur die Gelegenheit feiern, und alle Leute gratulieren sich, daß die Aufbringung des Fonds so gut gelungen ist. Und zu diesen Leuten gehöre ich auch.« Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht. »Mr. Vance, haben Sie eigentlich jemals meinen Onkel Alfred Stedman gesehen?«

 

»Soviel ich weiß, habe ich Ihnen diese Frage schon einmal beantwortet.« Er nickte. »Ich kann mich allerdings nur sehr dunkel auf ihn besinnen.«

 

»Sie wissen aber doch, daß er ein großes Vermögen erworben hat?«

 

»Gewiß. Das haben Sie mir ja damals geschrieben, und ich kann Ihnen dazu nur gratulieren. Aber was ist denn passiert?« fragte er schnell, als er den traurigen Ausdruck in ihren Zügen sah. »Hat er sein Geld etwa wieder verloren?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Manchmal wünschte ich direkt, daß es so wäre. Nein, das ist es nicht. Aber denken Sie, er hat den Versuch gemacht, über meine Zukunft zu bestimmen«, sagte sie zögernd.

 

Mr. Vance sah sie etwas verwirrt an, aber dann verstand er plötzlich den Sinn ihrer Worte.

 

»Ach so, er hat einen Mann für Sie ausgesucht?« fragte er vergnügt und zwinkerte ihr mit den Augen zu.

 

»Sie haben es erraten.«

 

»Und wer ist denn der Glückliche?«

 

»Jemand, den Sie sehr gut kennen.«

 

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Rechtsanwalts.

 

»Wie soll ich das verstehen – jemand, den ich sehr gut kenne? Miss Stedman, das müssen Sie mir genauer erklären. Ist es einer meiner Freunde?«

 

»Ich weiß nicht, ob er ein Freund von Ihnen ist. Ich habe ihn allerdings früher einmal in Ihrem Büro hier getroffen – es ist Mr. Smith von Pretoria.«

 

Er erhob sich halb aus seinem Stuhl und sah sie ungläubig an.

 

»Mr. Smith von Pretoria – das ist doch ausgeschlossen!«

 

»Wenn es nur so wäre!«

 

Trotz ihres Kummers amüsierte sie sich einen Augenblick über seine Verwirrung.

 

Dann erzählte sie ihm kurz die näheren Umstände, erwähnte den Brief ihres Onkels, die Unterredung mit ihrer Mutter und deren törichte Handlungsweise. Sie hielt es nicht für angebracht, diese Dinge jetzt noch zu verschweigen.

 

»Ich bin tatsächlich aufs höchste erstaunt«, erwiderte Mr. Vance etwas betreten, als sie geendet hatte. »Vor allem hatte ich nicht die geringste Ahnung, daß Mr. Smith augenblicklich in England ist.«

 

Er dachte einige Zeit nach, und Marjorie beobachtete ihn scharf. Ihre Mitteilungen hatten den alten Herrn in ungewöhnliche Erregung versetzt.

 

»Ich möchte Sie noch etwas fragen, Mr. Vance. Aber bitte sagen Sie mir jetzt die volle Wahrheit. Das klingt zwar etwas unhöflich, aber es handelt sich um meine Zukunft, und da muß ich die Wahrheit erfahren.«

 

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte er ruhig.

 

»Was bedeutete der Auftritt, den ich an einem gewissen Abend vor vier Jahren in Schloß Tynewood beobachtete?«

 

Er schwieg eine Weile.

 

»Darauf kann ich Ihnen nicht antworten, Miss Stedman«, sagte er schließlich. »Wenn ich es täte, würde ich das Vertrauen eines Freundes verletzen, und es würde dadurch ein alter, geachteter Name in den Staub getreten werden.«

 

»Sie meinen die Ehre des Hauses Tynewood?« fragte sie schnell.

 

Er nickte.

 

»Dann beantworten Sie mir bitte eine andere Frage. Wenn ich mich für Pretoria-Smith entscheide, heirate ich dann nicht den Mann, der die Veranlassung dazu war, daß Sir James Tynewood aus England verschwand? Ich sage ausdrücklich nicht, daß er ihn ermordete«, fügte sie hastig hinzu. »Das wäre zu schrecklich. Ich weiß allerdings, daß Sir James Tynewood tot ist. Aber ich habe das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab, und mit keinem Menschen über jene Ereignisse auf dem Schloß gesprochen.«

 

Er sah Marjorie mit aufrichtiger Bewunderung an.

 

»Dafür bin ich Ihnen auch zu größtem Dank verpflichtet, Miss Stedman. Und auch Sir James wird Ihnen das sicher hoch anrechnen, wenn er wieder nach England zurückkehrt.«

 

Marjorie schaute ihn durchdringend an.

 

»Sir James Tynewood ist tot«, sagte sie fest. Seine Augen verengten sich.

 

»Ich wiederhole«, entgegnete er ruhig, »daß Sir James Tynewood Ihnen das hoch anrechnen wird, wenn er nach England zurückkehrt.«

 

Marjorie legte die Hand auf den Schreibtisch.

 

»Ich will ganz offen und ehrlich zu Ihnen sein. Ich weiß, daß Sir James Tynewood tot ist. Durch einen Zufall habe ich es erfahren. Ich kam damals in Ihr Zimmer, als Sie mit Doktor Fordham darüber sprachen.«

 

Er erhob sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. Nachdenklich hatte er das Kinn auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken gefaltet. Plötzlich blieb er vor ihr stehen.

 

»Sie haben also die Absicht, Pretoria-Smith zu heiraten?« fragte er.

 

Sie zuckte die Schultern. »Was bleibt mir denn sonst noch übrig?«

 

Er rieb sein Kinn.

 

»Sie könnten noch schlimmere Dinge tun. Pretoria-Smith ist ein sehr liebenswürdiger, charaktervoller Mann und stammt aus einer guten, alten Familie.«

 

»Heißt er wirklich Smith?«

 

»Sie wissen doch ganz genau, daß sich viele Leute Smith nennen«, erwiderte er gut gelaunt. »Miss Stedman –« er legte die Hand auf ihre Schulter, »wollen Sie einen guten Rat von Ihrem alten Freund annehmen?«

 

»Was raten Sie mir denn?«

 

»Pretoria-Smith zu heiraten«, lautete die erstaunliche Antwort.

 

»Was, ich soll einen Trunkenbold heiraten?« rief sie erregt und zornig.

 

»Wie kommen Sie denn auf eine solche Idee?« fragte er betroffen. »Pretoria-Smith ist doch kein Trinker!« sagte er dann ungläubig. »Das müssen Sie mir näher erklären.«

 

»Mein Vetter Lance Kelman hat eine Reise nach Südafrika gemacht und kennt daher den Mann genauer – wahrscheinlich viel besser als Sie. Er hat mir noch heute erzählt, daß er mit eigenen Augen, sah, wie Pretoria-Smith betrunken in den Straßen umherwankte.« Marjorie war ärgerlich auf ihren alten Chef, weil er ihr den Rat, gegeben hatte, diesen Menschen zu heiraten, and sie beobachtete nun triumphierend seine offensichtliche Bestürzung.

 

»Mr. Vance, wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, wie er wirklich heißt? Ich kann doch nicht einen Mann heiraten, dessen Namen ich nicht einmal kenne.«

 

Er zögerte und sah sie unentschlossen an.

 

»Wenn ich Ihnen das mitteile, müssen Sie mir aber versprechen, und zwar feierlich und unverbrüchlich, weder Pretoria-Smith noch sonst jemandem zu sagen, daß Sie es von mir erfahren haben.«

 

»Gut, das verspreche ich Ihnen«, erwiderte sie sofort.

 

»Also – er heißt in Wirklichkeit Norman Garrick«, entgegnete er langsam.

 

»Norman Garrick?« wiederholte sie. Plötzlich glaubte sie einen Zusammenhang zu erkennen. »War er irgendwie verwandt mit dem jungen Mann, der jetzt tot ist?«

 

Sie konnte den Namen Tynewood im Augenblick, nicht aussprechen.

 

Mr. Vance suchte Zeit zu gewinnen und antwortete nicht gleich.

 

»Er ist sein Halbbruder«, sagte er dann leise. »Mehr kann ich Ihnen aber nicht erzählen.«

 

Er unterhielt sich noch eine Weile mit ihr über das Leben, das sie auf dem Lande führte, und über das große Festessen. Dann verabschiedete sie sich von ihm. Im äußeren Zimmer hielt sie kurz an, um den Bürovorsteher zu begrüßen, mit dem sie früher sehr gut gestanden hatte.

 

»Man wird wirklich an die guten, alten Zeiten erinnert, wenn man Sie wiedersieht, Miss Stedman«, meinte er vergnügt. »Ich muß schon sagen, es ist nach Ihnen kein Mensch mehr hier gewesen, mit dem ich so gern zusammengearbeitet habe wie mit Ihnen.«

 

»Ich soll wohl wiederkommen und Ihnen helfen? Sie haben sicher sehr viel zu tun und werden nicht mit der Arbeit fertig«, erwiderte sie lachend.

 

»Ach, das habe ich mir schon oft gewünscht. Auf meinem Platz sammeln sich die Aktenstöße und die Dokumente, und es ist niemand da, der alles so schön ordnen könnte, wie Sie es früher taten.«

 

Auf seinem Schreibtisch türmten sich tatsächlich die Schriftstücke in wildem Durcheinander.

 

»Sie haben es niemals verstanden, Ordnung zu halten, Mr. Herman«, sagte sie und begann rein mechanisch die Papiere zu sichten.

 

Als sie einen Stoß auf der einen Seite des Schreibtisches niedersetzte, fiel ihr Blick zufällig auf ein kleines Aktenstück, das mit einer roten Schnur zusammengebunden war. Sie nahm es auf, um es zu den anderen Schriftstücken zu legen, und las dabei die Aufschrift.

 

»In Sachen Norman Garrick.«

 

Mit einem Ausruf ließ sie den Aktendeckel fallen und starrte den Bürovorsteher an.

 

»Wer ist denn Norman Garrick?« fragte sie ängstlich.

 

Mr. Herman sah sie sonderbar an, nahm dann das Aktenstück und schob es in eine Schublade.

 

»Er ist einer unserer Klienten«, entgegnete er gleichgültig. »Das heißt, er gehörte früher dazu, denn vor einiger Zeit ist er gestorben.«

 

Zwei Minuten später ging Marjorie wie im Traum die Straße entlang, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

 

Pretoria-Smith war Norman Garrick – und Norman Garrick war tot! Wer war denn nun Pretoria-Smith? Der Mann hatte ja überhaupt keine Existenzberechtigung!

 

Kapitel 13

 

13

 

Der Abend war gekommen, an dem die Direktion des Krankenhauses von Droitshire die Aufbringung des Fonds durch ein großes Galadiner feiern wollte. Die Gelder waren notwendig, um die Anstalt weiterführen zu können. Aber eigentlich wurde das Essen zu Ehren der energischen Sekretärin des Hilfskomitees gegeben, deren unermüdliche Tätigkeit den unerwartet großen Erfolg gebracht hatte.

 

Marjorie Stedman hatte das Wissen und die Geschäftserfahrungen, die sie in London gesammelt hatte, praktisch verwertet. Alle Vorteile hatte sie ausgenutzt, und da sie außerdem ein gutes Organisationstalent besaß, hatte sie diese hohe Summe zusammenbringen können.

 

Seine Königliche Hoheit der Herzog von Wight war der Protektor des Hospitals, und er war eigens von London gekommen, um den Vorsitz bei der Feier zu führen. Er war der Gast des Earl von Wadham, der seinen Landsitz in dieser Gegend hatte.

 

Marjorie sah in ihrem weißen Seidenkleid mit Silberbrokat entzückend aus. In der fröhlichen Umgebung und inmitten der glänzenden Gesellschaft vergaß sie für kurze Zeit ihre Sorgen und die unangenehmen Ereignisse des vergangenen Tages. Alle Leute gratulierten ihr. Von jeder hervorragenden Familie war mindestens ein Mitglied erschienen.

 

Lord Wadham war ein älterer Herr mit weißen Haaren und gesundem, gutmütigem Gesicht. Er trug ein Monokel und lächelte fast immer. Um zu Marjorie zu gelangen, mußte er sich einen Weg durch die Menge bahnen, denn sie wurde von allen Seiten umringt.

 

»Ach, hier sind Sie!« sagte er laut. Seine Stimme schrillte, und wenn er flüsterte, konnte man es noch im äußersten Winkel des großen Saales hören. »Kommen Sie doch bitte mit mir, Miss Stedman, ich möchte Sie Seiner Königlichen Hoheit vorstellen.«

 

Er führte sie zu dem Empfangsraum, wo sich der Herzog von Wight, eine jugendlich-schlanke Erscheinung, mit mehreren Herren unterhielt. Über der Frackweste trug der Prinz das blaue Band des Hosenbandordens.

 

»Königliche Hoheit, darf ich mir gestatten, Miss Marjorie Stedman vorzustellen, deren aufopferungsvoller Tätigkeit wir diesen großen Erfolg für das Droitshire-Hospital verdanken?«

 

Der Herzog lächelte und reichte ihr die Hand.

 

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Miss Stedman, und ich bin hergekommen, um Ihnen meinen Dank persönlich auszusprechen. Wie Sie wissen, interessiere ich mich ganz besonders für das Hospital. Wenn Sie sich nicht mit solcher Tatkraft der Sache angenommen hätten, wären wahrscheinlich große Schwierigkeiten entstanden.«

 

Sie macht einen Hofknicks, als sie ihre Hand in die seine legte.

 

»Königliche Hoheit, die Arbeit für den wohltätigen Zweck war mir das größte Vergnügen.«

 

»Und es muß auch ein großes Vergnügen sein, mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, erwiderte der Prinz liebenswürdig. Dann warf er Lord Wadham einen Blick zu und sah auf die große Uhr.

 

Gleich darauf meldete ein Diener, daß das Essen serviert sei, und die Anwesenden begaben sich in den Speisesaal.

 

Etwa fünfzig kleinere Tische waren aufgestellt worden. Nur am hinteren Ende des Raumes stand eine größere, überreich mit Blumen dekorierte Tafel, und dorthin führte der Herzog Marjorie Stedman.

 

»Heute sitzen Sie an meiner Rechten«, sagte er verbindlich, als sie neben ihm Platz nahm.

 

Die Mitglieder der alten Familien neideten ihr diese Ehre nicht, im Gegenteil, sie freuten sich darüber, daß die Verdienste dieses jungen Mädchens belohnt wurden. Aber die kleineren Leute, die Neureichen und Emporkömmlinge, gönnten ihr diese Auszeichnung nicht. Auch Lady Tynewood, die an einem der kleinen Tische mitten im Saal saß, gehörte zu ihnen.

 

»Nun, Mr. Kelman, was halten Sie jetzt von Ihrer Kusine?« wandte sie sich an ihren Tischherrn.

 

»Ach, sie sieht doch ganz nett aus«, entgegnete er vorsichtig, denn er wußte wohl, daß er in Almas Gegenwart Marjorie nicht zu sehr loben durfte. »Ich fürchte nur, sie wird hochmütig, wenn soviel Aufhebens von ihr gemacht wird. Wissen Sie, jungen Leuten steigt dergleichen gewöhnlich zu Kopf.«

 

Sie sah ihn belustigt an.

 

»Aber Sie sind doch selbst noch nicht so alt«, sagte sie ironisch. »Ist es wirklich wahr, daß sie einen Minenbesitzer heiratet? Ich habe gehört, daß sie sich mit einem gewissen Pretoria-Smith aus Südafrika verloben will.«

 

»Das ist ein ganz gemeiner Mensch«, erwiderte Lance heftig. »Wenn sie ihn gesehen hätte, wie ich ihn gesehen habe, würde sie überhaupt nicht daran denken, ihn zu heiraten. Es ist eine unverständliche Laune von ihr, und ich möchte ihr tatsächlich einmal eine Lektion erteilen.«

 

Marjorie dachte im Augenblick weder an Pretoria-Smith noch an sonst jemanden. Während der Herzog mit ihr über das Hospital sprach, ließ er den Blick über die Versammlung schweifen, und plötzlich entdeckte er Alma.

 

»Sitzt dort nicht Lady Tynewood?« fragte er.

 

»Ja, Königliche Hoheit. Ist sie Ihnen bekannt?«

 

»Ich kenne ihren Mann«, entgegnete er nachdenklich. »Wir waren zusammen in Eton auf der Schule. Später habe ich ihn in Südafrika wieder getroffen und war lange Zeit mit ihm dort unten auf der Jagd. Ein wirklich netter, lieber Kerl«, sagte er und schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe diese merkwürdige Heirat niemals verstehen können.« Aber dann erinnerte er sich plötzlich daran, daß er sich nicht auf Gerede und Klatsch einlassen durfte, und änderte sofort das Gesprächsthema.

 

Lady Tynewood hatte seinen Blick aufgefangen und mit untrüglichem Instinkt sofort erkannt, daß der Herzog ihr nicht wohlgesinnt war.

 

»Lance, gehen Sie doch einmal zur Garderobe«, wandte sie sich an ihren Tischherrn. »Ich habe meine Handtasche dort gelassen, und darin liegt mein kleines Opernglas. Da ich hier für das Essen bezahlt habe, kann ich mir auch, ruhig den Schnabel Seiner Königlichen Hoheit genauer ansehen.«

 

Mr. Kelman lachte über diesen rohen Scherz und erhob sich.

 

Die Eingangshalle des Hotels war leer, und die Garderobenfrau hatte schnell die Handtasche gefunden.

 

Lance Kelman wollte gerade wieder in den Speisesaal zurückkehren, als ein Herr mit unsicheren Schritten in das Vestibül trat. Er sah ihn genauer an und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Dann fuhr ihm plötzlich ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Es war eine häßliche, gemeine Intrige, die er inszenieren wollte und über deren Folgen er sich nicht klarwurde.

 

Der Fremde war groß und breitschultrig und hatte ein glattrasiertes Gesicht, aber seine Züge zeigten kein Leben und schienen zu einer Maske erstarrt zu sein. Er trug einen etwas schäbigen, grauen Anzug nach Art der Farmer in Südafrika und ein Oberhemd mit weichem, offenem Kragen.

 

Lance steckte das Opernglas der Lady Tynewood ein und trat auf ihn zu.

 

»Hallo!« rief er.

 

Der Fremde drehte sich langsam nach ihm um.

 

»Hallo!« entgegnete er ein wenig heiser.

 

»Sie sind doch Pretoria-Smith?«

 

Der Mann schwankte von einer Seite zur anderen.

 

»Ja, so heiße ich«, sagte er mit unsicherer Stimme. »Aber zum Kuckuck, wer sind Sie denn?«

 

»Können Sie sich nicht auf mich besinnen? Ich bin doch der Neffe von Mr. Stedman.«

 

»Ach so – ja – jetzt fällt es mir wieder ein.« Pretoria-Smith nickte. »Sagen Sie, wo ist denn der Eingang zum Hotel? Ich bin anscheinend auf einer falschen Seite hereingegangen. Hier ist doch ein Festessen oder etwas Ähnliches im Gang?«

 

Der Gedanke, der Lance Kelman wie ein Blitz durchzuckt hatte, nahm immer festere Gestalt an. Er vergaß alle Rücksicht, die er Marjorie schuldig war, und er dachte nicht an die Folgen, die seine unverantwortliche Handlungsweise haben mußte. Rasch packte er Pretoria-Smith am Arm.

 

»Kommen Sie mit«, sagte er eifrig, »ich bringe Sie auf einem Seitengang dorthin, wo Sie die Dame treffen können, die Sie suchen.«

 

»Warten Sie einen Augenblick. Was haben Sie denn eigentlich vor?«

 

»Sie sind doch hungrig?«

 

»Ja, das stimmt«, erwiderte Pretoria-Smith heiser, nachdem er Lance einige Zeit mit glasigen Blicken betrachtet hatte. »Aber ich möchte doch nichts essen. Ich habe eigentlich mehr Durst.«

 

Wieder schwankte er unsicher.

 

Total betrunken, dachte Kelman frohlockend. Marjorie, du wirst dich sicherlich wundern, was für einen Mann du heiraten willst!

 

»Ich bringe Sie zu einem Büfett, wo Sie etwas trinken können«, sagte er laut. »Dort bekommen Sie alles, was Sie nur wollen.«

 

Er führte ihn den Korridor entlang, der dem Speisesaal parallel lief.

 

Der große Raum hatte mehrere Türen, und an der letzten blieb Mr. Kelman stehen. Er vermutete, daß sie direkt der Ehrentafel gegenüberlag. Wenn er diesen Mann jetzt in den Saal brachte, mußte es eine Sensation geben, die nicht zu überbieten war! Die Tür zu öffnen machte einige Schwierigkeiten, aber schließlich gelang es ihm doch. Er zog Pretoria-Smith schnell hinein, und die Aufmerksamkeit der Gäste richtete sich auch sofort auf den Fremden.

 

Der Herzog sah sich bestürzt um und runzelte die Stirn. Marjorie starrte betroffen auf den Mann, dem sie seit vier Jahren nicht mehr begegnet war. Sie glaubte, daß er betrunken sei, und wurde bleich.

 

Im Saal herrschte plötzlich peinliche Stille. Lance Kelman war befriedigt und redete die Versammlung mit erhobener Stimme an.

 

»Königliche Hoheit, meine Damen und Herren – gestatten Sie, daß ich Ihnen den Verlobten von Miss Marjorie Stedman vorstelle – Mister Pretoria-Smith aus Südafrika«, rief Kelman langsam aus.

 

Der Mann an seiner Seite sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an, als ob er nicht verstünde, was um ihn vorging. Er machte ein paar Schritte vorwärts und ging auf den Prinzen zu, der aufgesprungen war. Marjorie war einer Ohnmacht nahe und schrak in ihrem Stuhl entsetzt zurück.

 

»Donnerwetter, ist der Mensch betrunken!« sagte Lord Wadham leise, aber der ganze Saal hörte es.

 

Im gleichen Augenblick strauchelte Pretoria-Smith und fiel polternd gegen den Tisch den Prinzen.

 

Kapitel 14

 

14

 

Marjorie Stedman wäre vor Scham am liebsten in die Erde gesunken, als sie diese demütigende Szene erleben mußte. Wie durch einen Schleier sah sie den großen Saal, der taghell erleuchtet, war, die mit den Landesflaggen dekorierten Wände, die weißen Tische und die prachtvollen Gedecke. Alle Gesichter wandten sich ihr zu, und vor ihr auf dem Boden lag Smith.

 

Er redete in einer fremden, ungewöhnlichen Sprache und mußte nur noch halb bei Bewußtsein sein. Der Prinz hatte beide Hände auf die Tischplatte gelegt und sich leicht vorgeneigt. Er war der erste, der sich rührte. Schnell ging er um den Tisch herum, und bevor die Kellner kommen konnten, hatte er Pretoria-Smith aufgehoben. Anderen Leuten, die nun zu Hilfe kommen wollten, winkte er ab, stützte Pretoria-Smith und führte ihn langsam in die Hotelhalle.

 

Sobald er den Saal verlassen hatte, setzte an allen Tischen lebhafte Unterhaltung ein. Alle sahen zu Marjorie hinüber, die noch starr vor Entsetzen und Furcht auf ihrem Platz saß.

 

Nach kurzer Zeit kam der Prinz ruhig und gelassen zurück, als ob nichts geschehen wäre, und setzte sich wieder an ihre Seite. Freundlich neigte er sich zu ihr und streichelte ihre Hand.

 

»Es tut mir so unendlich leid«, sagte er leise. »Wer ist denn eigentlich dieser junge Mann, der ihn hereingebracht hat?«

 

Er schaute sich um, und sein Blick traf Kelman. Lance fühlte sich nicht besonders wohl, als der Herzog ihn zu sich winkte. Nachdem er seinen niederträchtigen Plan ausgeführt hatte, packte ihn großer Schrecken. Mit zitternden Knien ging er zu dem Tisch und blieb an derselben Stelle stehen, an der Pretoria-Smith wenige Minuten vorher gelegen hatte.

 

»Ich kenne Ihren Namen nicht«, sagte der Prinz und sah ihn mit eisigem Blick an, »und ich wünsche ihn auch nicht zu erfahren. Aber ich möchte Ihnen erklären, daß Sie kein Gentleman sind und nicht in diese Gesellschaft gehören. Ich fordere Sie deshalb auf, den Saal zu verlassen.«

 

Lance Kelman ging hinaus, ohne sich umzusehen. Innerlich kochte er vor Wut, die jedoch zum größten Teil aus einer wahnsinnigen Angst vor den Folgen seiner Unbesonnenheit bestand. Ihn, Lance Kelman, einen vermögenden, angesehenen Mann, der wahrscheinlich später einmal im Parlament sitzen würde, hatte man aus dem Saal gewiesen! Diese öffentliche Schande war doch zu groß. Er hätte laut aufschreien mögen. Die Tränen waren ihm nahe, und er bemitleidete sich selbst, als er in den Wagen stieg und zu dem Haus zurückfuhr, das er für den Sommer gemietet hatte.

 

Nur wenige Leute hatten gesehen, daß er sich entfernte, oder den Grund für sein Verschwinden erkannt.

 

Marjorie hatte die Worte des Prinzen natürlich gehört. Der Herzog wandte sich jetzt wieder lächelnd an sie.

 

»Aber Miss Stedman, Sie essen und trinken ja gar nichts«, sagte er vergnügt. »Darf ich Sie bitten, sich durch dieses traurige Vorkommnis nicht weiter stören zu lassen?«

 

Sie hob das Weinglas, und er sah, daß ihre Hand zitterte.

 

»Es muß entsetzlich für Sie gewesen sein, und es tut mir aufrichtig leid, daß dieser Zwischenfall das schöne Fest gestört hat. Der junge Mann, den ich hinauswies, hat sich aber auch unglaublich betragen. Hat er denn irgendeinen Grund für seine Handlungsweise?«

 

»Ich verstehe nicht, was ihn dazu getrieben hat«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Lance Kelman und ich waren bisher ganz gute Freunde. Aber er scheint irgend etwas übelgenommen zuhaben.«

 

Mit großem Takt verstand es der Herzog,, ihr Vertrauen zu gewinnen, und schließlich erzählte sie ihm, was sie bedrückte. Er erfuhr von dem Brief ihres Onkels, von dem Heiratsbefehl, von ihrer Abneigung und dem Entsetzen, das sie vor diesem unbekannten Mann hatte. Sie erzählte ihm allerdings nicht, daß sie Pretoria schon von früher her kannte, und sie sprach auch nicht über den Leichtsinn ihrer Mutter. Aber er vermutete, daß nur ein äußerst wichtiger Grund sie bestimmt haben konnte, den Vorschlag Mr. Stedmans anzunehmen.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß er schon in England war. Aus dem Brief meines Onkels sah ich nur, daß er unterwegs sein mußte. Er ist wahrscheinlich mit demselben Schiff angekommen, der auch den Brief beförderte.«

 

Der Prinz nickte.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte sie hilflos. »Wenn ich meiner eigenen Neigung folgen könnte, würde ich nach London zurückgehen und dort wieder eine Stellung annehmen, um mir mein Brot zu verdienen. Aber aus bestimmten Gründen geht das nicht. Ich muß deshalb den Wunsch meines Onkels erfüllen und mich mit – Pretoria-Smith abfinden.«

 

Der Herzog schwieg einen Augenblick. Alle Leute im Saal beobachteten, daß sich Marjorie anscheinend angeregt mit ihm unterhielt; nicht die geringste Bewegung der beiden interessanten Persönlichkeiten entging ihnen.

 

Plötzlich erhob sich der Prinz, und es herrschte sofort Stille. Würde er eine Erklärung für den sonderbaren Zwischenfall abgeben?

 

»Meine Damen und Herren«, begann der Herzog von Wight, »ich bringe einen Toast aus auf Seine Majestät den König.«

 

Die Sache wurde also mit Stillschweigen übergangen, und es blieb ihnen selbst überlassen, herauszubringen, was diese ungewöhnliche Szene bedeutet haben mochte.

 

Marjorie war mit niemandem verlobt, soweit ihnen bekannt war, und bestimmt würde dieses Mädchen nicht einen Vagabunden und Herumtreiber heiraten, der sich derartig benahm.

 

Es gab mindestens ein Dutzend junger Leute in der Umgebung, die Marjorie mit Freuden zum Altar geführt hätten. Sie hatte viele Freunde, denen der Auftritt so peinlich war wie ihr selbst. Sie nahmen sich alle vor, später über diese Angelegenheit noch ein ernstes Wort mit Mr. Lance Kelman zu sprechen. So leicht sollte er nicht davonkommen, nachdem er die junge Dame so schwer beleidigt hatte.

 

Schließlich vergaß man die unangenehme Sache, als die Tischreden begannen, und Marjorie hörte wie im Traum das große Lob, das ihr der Prinz in seiner Rede spendete. Nachdem er geendet hatte, wandte er sich zu ihr und heftete ihr die Insignien des Ordens vom Roten Kreuz an.

 

Die Versammlung brach in spontane und begeisterte Hochrufe aus. Nur Lady Tynewood blieb stumm auf ihrem Stuhl sitzen und rührte sich nicht. Sie beobachtete die Szene aber genau durch ihr brillantenbesetztes Opernglas, und ihre Wut und ihr Neid kannten keine Grenzen mehr.

 

»Der Mann muß sich tatsächlich selbst in das Mädchen verliebt haben«, sagte sie laut.

 

Ihr Tischnachbar, ein etwas altmodischer Herr, sah sie mit einem bösen Blick an.

 

»Solche Worte wünsche ich nicht wieder in diesem Saal zu hören«, erwiderte er und wandte ihr den Rücken zu.

 

Sie kümmerte sich aber nicht darum. Ihre Gedanken waren nur damit beschäftigt, wie sie sich an Marjorie rächen könnte. Dieser Pretoria-Smith mußte ihr dabei helfen. Sie hatte ihn an diesem Tag zum erstenmal gesehen, aber sie wollte ihn näher kennenlernen und ihn für ihre Zwecke ausnützen.

 

Kapitel 1

 

1

 

»Deinen Baron hast du dir ja nun glücklich erobert! Was hältst du denn jetzt von ihm?« fragte Javot und schaute sich mit einem zynischen Lächeln um.

 

Der verhältnismäßig kleine Gesellschaftsraum in Almas Wohnung bot ein Bild vollkommener Unordnung. Die Möbel waren an die Wände gerückt, um mehr Raum für die Tanzfläche zu schaffen. Einer der silbernen Armleuchter hing schief, weil ihn ein angetrunkener Gast in seinem Übermut verbogen hatte, und eine große, kostbare Vase mit weißem Flieder war umgeworfen worden. Die welken Blumen lagen zwischen den Porzellanscherben in einer Wasserlache auf dem Boden. Mit schrillem, metallischem Ton spielte ein Schallplattenspieler einen Twostep. Mehrere Paare tanzten mit etwas unsicheren Schritten nach der abgehackten Melodie, die ab und zu von der ausgelassenen, lauten Unterhaltung und dem Gelächter übertönt wurde. Der Sekt hatte seine Wirkung getan; selbst die Damen kicherten und sprachen hemmungslos.

 

Die hübsche Frau, die neben dem Schauspieler Javot stand, sah zu einem jungen Herrn hinüber, der mit hochrotem Gesicht den Versuch machte, auf den Händen zu stehen. Ein Freund, der nicht nüchterner zu sein schien als der Amateurakrobat, feuerte ihn durch laute Zurufe an.

 

Alma Trebizond hob die Augenbrauen leicht und warf Javot einen merkwürdigen Blick zu.

 

»Wenn man kein Geld hat, kann man eben nicht lange wählen«, erwiderte sie nachdenklich. »Großen Eindruck kann ich ja nicht mit ihm machen, aber er ist ein Baron von altenglischem Adel und hat ein jährliches Einkommen von vierzigtausend Pfund. Das fällt doch ins Gewicht.«

 

»Vergiß nicht das berühmte Diamantenhalsband aus dem Familienschmuck der Tynewoods«, entgegnete er leise. »Es wird ein ungewöhnlich entzückender Anblick sein, dich darin zu sehen. Schlecht gerechnet hat es einen Wert von hunderttausend Pfund, mein Liebling. Das gibt dir erst das nötige Profil.«

 

Sie seufzte befriedigt, denn sie hatte ein hohes Spiel gewagt und einen Erfolg errungen, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf.

 

»Ja, die Sache ist besser gegangen, als ich je erwartet hätte. Ich habe übrigens eine Vermählungsanzeige an die maßgebenden Zeitungen geschickt.«

 

Er sah sie scharf und durchdringend an. Kalte, habichtähnliche Augen belebten sein sonst sehr intelligentes, hageres Gesicht. Seine Haare hatten sich schon stark gelichtet.

 

»Hast du die Nachricht wirklich schon an die Redaktionen geschickt?« fragte er langsam. »Das wäre aber sehr unüberlegt von dir gewesen.«

 

»Warum denn?« erwiderte sie ärgerlich. »Ich brauche mich doch absolut nicht zu schämen! Ich bin genausoviel wert wie er, und es ist in unseren Tagen durchaus nichts Ungewöhnliches, wenn eine Schauspielerin von meinen Fähigkeiten einen Repräsentanten des hohen Adels heiratet!«

 

»Ein Baron gehört wirklich nicht zum hohen Adel«, verbesserte er sie ironisch. »Aber darauf kommt es im Augenblick ja nicht an. Viel wichtiger ist, daß er dich ausdrücklich gebeten hat, die Eheschließung mit ihm geheimzuhalten.«

 

»Aber ich wüßte gar nicht, warum ich das tun sollte.«

 

Ein sarkastisches Lächeln spielte um seinen Mund.

 

»Es gibt genug Gründe dafür!« sagte er bedeutungsvoll. »Ich könnte dir einen sehr triftigen nennen, der dich allein schon bestimmen müßte, über diese Vorgänge den Mund zu halten! Du wirst deine Vermählung mit dem Baron nicht veröffentlichen, Alma!«

 

»Aber ich habe es doch schon getan«, entgegnete sie düster.

 

Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Du fängst die Sache gleich von vornherein verkehrt an. Sir James Tynewood war nicht betrunken, als er dich dringend bat, die Heirat für ein Jahr geheimzuhalten. Er war sogar sehr nüchtern, und sicher hat er wichtige Gründe.«

 

Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sie sich von ihm ab und ging zu dem jungen Mann hinüber, der inzwischen seine akrobatischen Kunststücke aufgegeben hatte und mit unsicherer Hand ein Sektglas hielt. Sein Freund bemühte sich, es zu füllen, goß aber dauernd daneben, so daß der fliederfarbene Teppich bald häßliche Flecken zeigte.

 

»Jimmy, komm einmal mit mir«, sagte sie und legte ihren Arm in den seinen.

 

Sein Gesicht war rot und angeheitert, und er lächelte sie verständnislos an.

 

»Einen Augenblick, Schatz«, entgegnete er mit etwas belegter Stimme. »Ich muß noch ein Glas mit meinem lieben alten Mark zusammen trinken.«

 

»Du kommst jetzt mit mir. Ich muß mit dir sprechen«, erklärte sie entschieden.

 

Mit einem Grinsen ließ er den Sektkelch zu Boden fallen, und das Glas zersplitterte in tausend Stücke.

 

»Da merkt man erst, wie verheiratet man ist! Am Ende hat der Pfarrer bei der Trauung noch gesagt, daß man seiner Frau gehorchen soll!«

 

Sie führte ihn zu Javot.

 

»Jimmy«, sagte sie dann unvermittelt, »ich habe den großen Zeitungen und Gesellschaftsblättern unsere Verheiratung mitgeteilt.«

 

Er starrte sie nur erstaunt an und runzelte die Stirn. In seinem betrunkenen Zustand wurde ihm nicht klar, um was es sich eigentlich handelte.

 

»Sag doch – noch einmal –, was du willst.«

 

»Ich habe die Zeitungen davon benachrichtigt, daß sich die bekannte und beliebte Schauspielerin Alma Trebizond mit Sir James Tynewood auf Schloß Tynewood vermählt hat«, erwiderte sie kühl. »Es paßt mir nicht, daß meine Heirat mit dir geheimgehalten werden soll. Du schämst dich doch nicht etwa meinetwegen?«

 

Er zog seinen Arm aus dem ihren und fuhr nervös mit der Hand durch sein Haar. Anscheinend machte er den Versuch, intensiv nachzudenken.

 

»Verdammt noch einmal, ich habe dir doch aber ausdrücklich gesagt, daß du das unterlassen sollst«, entgegnete er mit plötzlicher Heftigkeit. »Zum Henker, habe ich dir das nicht ganz strikt befohlen, Alma?«

 

Plötzlich schlug seine Stimmung jedoch wieder um, und der düstere Ausdruck wich aus seinem Gesicht. Er warf den Kopf zurück und lachte übermäßig laut.

 

»Na, das ist ja der beste Witz, den ich jemals gehört habe«, brüllte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Javot, darauf müssen wir sofort ein Glas trinken.«

 

Aber Augustus Javot schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke vielmals, Sir James. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf –«

 

»Lassen Sie das lieber«, sagte Sir James etwas anmaßend. »In diesen Tagen nehme ich überhaupt von niemandem einen Rat an. Ich habe Alma geheiratet – das ist das einzige, was augenblicklich für mich zählt, und wenn sich die ganze Welt auf den Kopf stellt. Habe ich nicht recht, Liebling?«

 

Als er wieder durch das Zimmer wankte, schaute Javot nachdenklich hinter ihm her.

 

»Ich möchte nur wissen, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte er leise.

 

Alma wandte sich gereizt zu ihm um.

 

»Kommt es denn darauf an, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte sie scharf. »Außerdem hat er gar keine Verwandten! Nur einen jüngeren Bruder, der sich in Afrika aufhält. Und obendrein ist der Junge nur ein Halbbruder von ihm. Javot, du bist heute abend wirklich unausstehlich. Du fällst mir direkt auf die Nerven mit deinem entsetzlichen Unken. Nimm dich doch ein wenig zusammen.«

 

Er erwiderte nichts und setzte sich nachlässig auf die Sofalehne, als sie ihrem Mann nachging. Seine Gedanken beschäftigten sich unablässig damit, wie dieses Abenteuer wohl noch enden würde.

 

Die ausgelassene Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als plötzlich eine Unterbrechung kam.

 

Almas Wohnung lag in einem vornehmen Häuserblock in der Nähe des Hyde Parks, und es wohnten im allgemeinen nur ruhige Leute in dieser Gegend. Als das Dienstmädchen in der Tür erschien, glaubte Javot daher, daß sich die Mieter der unteren Stockwerke über den Lärm beschweren wollten. Daran war er schon gewöhnt, denn solche Unterbrechungen kamen, regelmäßig bei den Gesellschaften vor, die Alma in ihrer Wohnung gab.

 

Diesmal schien Janet jedoch eine wichtige Nachricht zu haben, denn Alma brachte die angeheiterten Gäste zum Schweigen.

 

»Was, ich soll hier gestört werden?« fragte Sir James laut.

 

»Ja, die Dame wünscht, Sie dringend zu sprechen«, erwiderte Janet.

 

»Wer ist es denn?« fragte Alma.

 

»Ein hübsches, junges Mädchen, Mylady.« Janet gab sich Mühe, ihre Herrin mit dem neuen Titel anzureden.

 

Lady Tynewood lachte.

 

»Hast du schon wieder eine neue Eroberung gemacht, Jimmy?«

 

Sir James grinste selbstzufrieden, denn er war sehr stolz auf die Wirkung seiner Persönlichkeit.

 

»Na, dann bringen Sie die Dame mal herein«, befahl er gönnerhaft.

 

Janet zögerte.

 

»Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?« rief Tynewood übermäßig laut.

 

Janet verschwand.

 

Gleich darauf kam sie zurück und führte eine junge Dame herein.

 

Javots Augen leuchteten auf, als er das unbekannte Mädchen sah.

 

»Ein verdammt hübscher Käfer!« murmelte er halblaut vor sich hin.

 

Miss Stedman sah sich etwas verwirrt in der Gesellschaft um und schien sich in dieser Umgebung wenig wohl zu fühlen.

 

»Sir James Tynewood?« fragte sie leise.

 

»Ja, das bin ich.«

 

»Ich bringe einen Brief für Sie.«

 

»Für mich?« wiederholte er gedehnt. »Zum Teufel, woher kommen Sie denn?«

 

»Von den Rechtsanwälten Vance and Vance.«

 

Sir James Tynewoods Gesicht zuckte nervös.

 

»So, von Vance and Vance kommen Sie?« sagte er heiser.

 

Javot glaubte, einen angstvollen Unterton in der Stimme des jungen Mannes zu hören.

 

»Ich weiß wirklich nicht, wie Mr. Vance dazu kommt, mich zu so später Stunde noch zu stören.«

 

Zögernd nahm Sir James den Brief aus der Hand des Mädchens und betrachtete ihn von allen Seiten.

 

»Mach ihn doch auf, Jimmy«, rief Alma ungeduldig. »Du kannst doch die junge Dame nicht so lange warten lassen!«

 

Ein Herr mit Künstlerlocken trat näher, und bevor Miss Stedman seine Absicht erkennen konnte, hatte er sie schon um die Taille gefaßt.

 

»Das ist meine Partnerin zum Tanz, auf die habe ich schon den ganzen Abend gewartet!« erklärte er ausgelassen. »Dreh doch den Klapperkasten wieder an, Billy.«

 

Sie wollte sich freimachen, aber es gelang ihr nicht, und wohl oder übel mußte sie sich nach dem Takt der Musik bewegen. Hilfesuchend sah sie sich um, aber niemand nahm sich ihrer an. Die anderen grinsten nur und schauten vergnügt zu.

 

»Lassen Sie mich sofort gehen«, rief sie erregt. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe. Sie dürfen doch nicht –«

 

»Immer flott und elegant, meine kleine Puppe«, erwiderte der junge Mann. Aber plötzlich packte ihn eine starke Hand am Arm.

 

»Lassen Sie die Dame sofort los«, sagte Mr. Javot streng.

 

»Verdammt noch mal, kümmern Sie sich doch um Ihren eigenen Kram!« rief ihm der Gast ärgerlich zu.

 

Aber Javot hatte erreicht, daß er das Mädchen freiließ, und trat nun zwischen sie und ihn.

 

»Entschuldigen Sie vielmals«, wandte er sich freundlich an sie und schob den aufgeregten jungen Mann beiseite.

 

Tynewood riß den Umschlag auf, und Javot beobachtete ihn interessiert. Sir James konnte in seinem Rausch das Schreiben nur Wort für Wort lesen. Plötzlich wurde er bleich, und seine Unterlippe zitterte.

 

»Was hast du denn?« fragte Alma scharf, denn auch sie bemerkte die Veränderung in seinen Zügen.

 

Langsam zerknitterte James den Brief in der Hand, und ein häßlicher Ausdruck entstellte sein Gesicht.

 

»Verdammt noch mal, der Kerl ist tatsächlich zurückgekommen!« stieß er heiser hervor.

 

»Wer ist zurückgekommen?« wandte sich Javot schnell an ihn.

 

Sir James antwortete nicht gleich und biß die Zähne aufeinander.

 

»Der Kerl, den ich von allen Menschen auf der Welt am meisten hasse«, sagte er dann böse und schob das zerknüllte Papier in seine Tasche.

 

Dann drehte er sich plötzlich zu dem jungen Mädchen um.

 

»Soll ich etwas bestellen?« fragte sie ängstlich. Sie sah noch blaß aus und zitterte vor Erregung.

 

»Sagen Sie Vance, daß er sich zum Teufel scheren soll! – He, Mark, gieß mir mal einen Kognak ein!«

 

Kapitel 2

 

2

 

Mr. Reeder interessierte sich wirklich außerordentlich für den Fall, der für ihn ziemlich klar lag. Alle diese seltsamen Einzelheiten ordneten sich ihm zu einer zusammenhängenden Geschichte. Nur wußte er nicht, wer Ernie eigentlich war, und noch geheimnisvoller erschien ihm der Mann mit dem falschen Schnurrbart und dem gewandten Auftreten, der die Familie Panton mitten in der Nacht aufgesucht hatte, um das Erscheinen einer Verlobungsanzeige zu verhindern. Mr. Reeder fragte Lizzie, ob sie den Text der Annonce wisse.

 

Sie erklärte triumphierend, daß sie den genauen Wortlaut in ein Heft eingetragen hätte, das sie zu Hause aufbewahrte.

 

»Ich glaube«, fuhr sie fort, »daß Mr. Molyneux meine Schwester los sein will. Vielleicht steckt sein Onkel dahinter, wahrscheinlich aber seine Mutter. Sie wissen ja, wie solche Leute denken – sie haben immer Angst, daß ihr Sohn nicht standesgemäß heiratet. Aber darin täuscht sich die Frau! Ich sage Ihnen, meine Schwester hat einen guten Charakter und ist sehr anständig, und außerdem findet man bei den einfacheren Leuten mehr glückliche Ehen als bei den sogenannten ›Vornehmen‹. Man braucht nur in der Zeitung von all den Ehescheidungen zu lesen …«

 

»Ja, ja, Sie mögen recht haben«, erwiderte Mr. Reeder zerstreut. »So genau bin ich darüber allerdings nicht informiert.«

 

Er erhob sich, ging langsam im Zimmer auf und ab und runzelte die Stirn. Die Hände hatte er in die Taschen gesteckt, und die Schultern ließ er herabhängen.

 

»Und noch etwas«, begann Lizzie wieder, die merkte, daß ihre Geschichte großen Eindruck auf ihn gemacht hatte. »Auch wenn sein Onkel ihn enterben will, könnten die beiden heiraten. Enas Schmuck ist ziemlich wertvoll – mindestens tausend Pfund …«

 

»Wie wäre es – könnte ich einmal mit Ena sprechen?« unterbrach Mr. Reeder das Mädchen. »Sie weiß doch wahrscheinlich, daß Sie mir das alles mitteilen? Oder etwa nicht?«

 

Lizzie schlug verlegen die Augen nieder.

 

»Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll«, entgegnete sie verwirrt, »so hat sie keine Ahnung davon. Was wird sie bloß sagen, wenn sie erfährt, daß ich zu einem Detektiv gegangen bin!«

 

Er nickte ihr zu.

 

»Sagen Sie ihr das ruhig«, erwiderte er freundlich. »Und dann bringen Sie Ihre Schwester morgen abend einmal hierher. Sie soll auch die anderen Briefe mitbringen, die sie von Ernie bekommen hat. Mir kann sie ruhig alles anvertrauen, ich verstehe gut, daß sie jetzt sehr traurig ist.«

 

Er wollte den Brief behalten, den Lizzie ihm gezeigt hatte, aber sie bestand darauf, ihn wieder mitzunehmen.

 

*

 

Den größten Teil der Nacht versuchte sie, ihre Schwester zu überreden, mit ihr zusammen Mr. Reeder aufzusuchen. Ena erschrak, als sie alles erfuhr und machte ihrer Schwester heftige Vorwürfe. Aber schließlich gab sie nach.

 

Am nächsten Abend begleitete sie Lizzie sogar bereitwillig zu der Wohnung Mr. Reeders, denn im Laufe des Tages hatte sich wieder etwas Merkwürdiges ereignet. Sie hatte von Ernie einen eingeschriebenen Brief erhalten, in dem sich drei Banknoten zu je hundert Pfund befanden. Auch eine kurze Mitteilung war dabei:

 

 

›Wenn ein Telegramm mit einer bestimmten Adresse bei Dir eintrifft, so erzähle niemand etwas davon. Verbrenne es und komme sofort zu mir. Ich halte es einfach nicht mehr aus ohne Dich. Besorge dir sofort einen Reisepaß. Sprich aber darüber nicht zu Deiner Mutter oder zu Lizzie. Du brauchst keine Angst zu haben, es wird alles wieder gut.‹

 

 

Auf der Rückseite des Briefes war mit Bleistift eine lange Reihe von Zahlen hingekritzelt, und zwar mußte das in größter Eile geschehen sein.

 

Mr. Reeder zählte die Beträge zusammen, die eine Summe von 310 740 Pfund ergaben.

 

Ena hatte sich einen Detektiv ganz anders vorgestellt. Aber so ging es den meisten Leuten, und Mr. Reeder teilte schon seit langem die Menschen, die er kennenlernte, in zwei Kategorien ein. Die einen waren enttäuscht, wenn sie ihn sahen, die anderen atmeten erleichtert auf. Ena gehörte zu den letzteren.

 

Er war freundlich und liebenswürdig und drängte sie nicht, was sie als sehr angenehm empfand. Sie hatte erwartet, daß er sie mit Fragen bestürmen und in die Ecke treiben würde. Er fragte sie zwar einiges, blieb dabei aber immer zuvorkommend und bemühte sich, sie in keiner Weise zu verletzen.

 

Sie erzählte ihm weit mehr, als sie sich vorgenommen hatte. Es kam ihr selbst erstaunlich vor, einem Fremden so viel anzuvertrauen. Sie schätzte und liebte Ernie sehr; er hatte sich ihr gegenüber immer anständig benommen, und es gab für sie nicht den mindesten Grund zur Klage.

 

»Er hätte doch offen mit mir sprechen können, wenn er mich nicht mehr haben wollte. Ich hätte ihm deswegen bestimmt keine Vorwürfe gemacht«, sagte sie niedergeschlagen.

 

»Aber er mag Sie doch gern und sehnt sich nach Ihnen«, erwiderte Mr. Reeder freundlich. »Trotzdem fürchte ich …«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie glauben, daß er es nicht aufrichtig meint, wenn er schreibt, daß ich mir einen Paß besorgen und zu ihm kommen soll?« fragte sie ängstlich.

 

»Ich bin im Gegenteil fest davon überzeugt, daß er das ehrlich gemeint hat«, entgegnete Mr. Reeder bedächtig. »Nein, ich dachte eben an etwas anderes …«

 

»Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt soviel Gedanken mache«, sagte Ena trotzig. »Meiner Meinung nach sind seine Eltern dagegen. Aber wir müssen doch unser eigenes Leben führen, schließlich heiraten wir ja nicht die Eltern – die ich nicht einmal kenne!«

 

Mr. Reeder schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein.

 

»Hat er jemals gesagt, daß er mit Ihnen eine Reise nach Übersee machen wollte?«

 

»Nein.«

 

»Oder unterhielt er sich mit Ihnen darüber, wo Sie einmal Ihre Flitterwochen verbringen würden?«

 

Ena erklärte, daß sie über so etwas niemals gesprochen hätten – solchen Themen wäre er immer ausgewichen.

 

Er rieb sich die Nase und war ein wenig verwundert.

 

»Sie können mir also gar nichts darüber sagen? Hat er nie eine Andeutung über einen Aufenthalt im Ausland gemacht?«

 

Sie schüttelte den Kopf. Das Gespräch begann ihr allmählich auf die Nerven zu gehen, und besonders die letzte Frage erschien ihr völlig abwegig, nachdem es zumindest unwahrscheinlich war, daß sie Ernie jemals heiraten würde.

 

»Wenn er mir auch geschrieben hat, daß ich zu ihm kommen soll, so weiß er doch ganz genau, daß ich nur zusammen mit meiner Mutter reisen würde.«

 

»Selbstverständlich«, pflichtete er ihr bei.

 

So geschickt er sie auch ausfragte, sie konnte ihm nur wenig von Ernies Charakter erzählen. Er war ganz einfach ein Gentleman für sie, wenn er auch nie über seinen Beruf mit ihr gesprochen hatte. Immerhin schien schon die Tatsache, daß er ihr dreihundert Pfund geschickt hatte, zu beweisen, daß er ein gutes Einkommen bezog. Ena wußte auch, daß er in Birmingham wohnte, weil er dort geschäftlich zu tun hatte. Was er aber eigentlich tat und wie seine genaue Adresse dort lautete, konnte sie auch nicht sagen.

 

»Ich lasse mich nicht so behandeln«, erklärte sie zum Schluß kriegerisch. »Wenn Ernie mich aufgegeben hat, weil ich irgend jemand in seiner Familie nicht gut genug bin, dann …«

 

»Schon gut, Sie haben vollkommen recht«, beruhigte sie der Detektiv.

 

Er nahm wieder den künstlichen Schnurrbart in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich, dann stellte er noch einige Fragen. Er wollte wissen, wie groß der fremde Herr gewesen sei, und er erkundigte sich nach dem Klang seiner Stimme, der Kleidung und irgendwelchen besonderen Merkmalen.

 

Sie gab ihm Auskunft, so gut sie konnte. Ziemlich genau glaubte sie sich erinnern zu können, daß er einen Smoking getragen hatte. Völlig sicher war sie sich aber mit der Feststellung, daß sie ihn weder vorher noch nachher jemals gesehen hatte.

 

Als Ena mit ihrer Schwester wieder nach Hause ging, war sie ziemlich ärgerlich.

 

»So habe ich mir einen Detektiv wirklich nicht vorgestellt«, erklärte sie enttäuscht. »Nach jedem Satz macht er eine Pause und sagt ›hm‹. Und dann diese Fragen – ich finde, daß sie in gar keinem richtigen Zusammenhang mit dem Fall stehen. Und meine Ringe hat er überhaupt nicht angesehen. Schließlich hätte er doch wenigstens fragen müssen, ob sie echt sind.«

 

»Du weißt ganz genau, daß sie echt sind«, entgegnete Lizzie gereizt.

 

Sie war selbst ein wenig von Mr. Reeder enttäuscht. Vor allem deswegen, weil er sich nicht weiter zu dem schwarzen Schnurrbart geäußert hatte. Mit einer Bemerkung, daß er sehr kunstvoll angefertigt wäre, hatte er dieses in ihren Augen äußerst wichtige Corpus delicti abgetan.

 

»Am wenigsten gefällt mir, daß er meine Briefe behalten hat«, meinte Ena empört. Ihr ganzer Ärger entlud sich jetzt auf Mr. Reeder, der ihr im Anfang doch eigentlich ganz sympathisch gewesen war.

 

»Es ist doch nur ein Brief, Ena«, beschwichtigte sie Lizzie. »Ich werde Mr. Reeder morgen früh danach fragen, wenn ich ihn sehe. Bestimmt gibt er ihn mir dann zurück.«

 

»Das glaube ich durchaus nicht! Ich habe ihn doch vorhin noch darum gebeten, und er hat sich einfach geweigert, ihn mir zu geben«, erklärte Ena aufgebracht. »An deiner Stelle würde ich bei einem solchen Menschen nicht arbeiten, sondern mir eine andere Stellung suchen.«

 

Lizzie erwiderte nichts darauf. Sie ging ihren eigenen Gedanken nach, und es stieg ein Verdacht in ihr auf, der sich aber nicht gegen den Detektiv richtete.

 

*

 

Am nächsten Morgen ging Mr. Reeder, wie immer tief in Gedanken versunken, in sein Büro. Sogar in der überfüllten U-Bahn beschäftigte er sich eifrig mit Lizzies Schwester und deren sonderbarem Verlobten. Wenn er im Augenblick auch wenig unternehmen konnte, war ihm doch alles klar, was Ernie betraf – und vor allem war er sich über die Bedeutung des Briefes völlig sicher.

 

Es kostete ihn einige Mühe, seinem Chef den Fall auseinanderzusetzen. Er hörte ihm zwar interessiert zu, aber als Reeder alles erzählt hatte, schüttelte er den Kopf.

 

»Man könnte der Sache natürlich auf den Grund gehen«, meinte er, »aber ich bezweifle, daß das unsere Aufgabe ist. Vielleicht benachrichtigen Sie Scotland Yard, die können da mehr tun. Uns geht es eigentlich nichts an. Wenn Scotland Yard etwas damit anfangen kann, müssen wir uns später ja sowieso mit dem Fall beschäftigen.«

 

Mr. Reeder schien damit einverstanden zu sein, aber er meldete die Angelegenheit nicht Scotland Yard, obwohl er noch am selben Tag mit dieser Behörde zu tun hatte. Er wurde nämlich wegen eines aufsehenerregenden Falles konsultiert, der wochenlang die ganze Presse in Atem halten sollte.

 

In Wirklichkeit war es nicht nur ein Fall, sondern eine ganze Reihe von geheimnisvollen Begebenheiten, die scheinbar in keiner Beziehung zueinander standen.

 

Zunächst handelte es sich um Mr. Friston, einen Lehrer in Eton. Er war allgemein bekannt, und man wußte, daß er in bestimmten Dingen eine festumrissene Meinung hatte – besonders was die Wirtschaftspolitik betraf. Er hatte darüber schon öfters auf Versammlungen in London gesprochen und dabei so scharf Stellung genommen, daß man ihn von der Schule aus ersuchte, in dieser Weise nicht mehr in der Öffentlichkeit hervorzutreten.

 

Er war achtundvierzig Jahre alt und äußerst tatkräftig. Dabei hatte er die Angewohnheit, unglaublich früh aufzustehen; allen Leuten erzählte er, daß er höchstens fünf Stunden Schlaf brauche. Da er meist abends um neun Uhr zu Bett ging, saß er für gewöhnlich schon morgens um drei in seinem Studierzimmer und arbeitete, nachdem er einen längeren Spaziergang gemacht hatte.

 

Die Polizeibeamten wußten das und waren auch nicht erstaunt, wenn er ihnen um zwei Uhr nachts begegnete und einen guten Morgen wünschte.

 

Eines Nachts um diese Zeit herrschte leichter Nebel, aber ein Polizist, der im Schatten einer Mauer stand, erkannte Mr. Friston, der hinunter nach Eton wanderte. Der Lehrer wandte sich dann nach links, und man sah ihn nicht wieder, bis ihn derselbe Polizist auf seinem Patrouillengang entdeckte.

 

Inzwischen hatte sich der Nebel in einen Nieselregen verwandelt. Es war Viertel nach drei Uhr, als der Beamte einen Mann fand, der halb auf dem Gehweg, halb auf der Fahrbahn lag. Er leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht und erkannte zu seinem Schrecken Mr. Friston.

 

Sofort telefonierte er nach einem Krankenwagen. Man brachte den Bewußtlosen ins Krankenhaus und stellte dort fest, daß er eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte.

 

Polizeibeamte suchten die Umgebung ab und machten dabei eine wichtige Entdeckung: Sie fanden einen blutigen Schraubenschlüssel, ein langes, schweres Werkzeug, mit dem man ohne weiteres einen Menschen niederschlagen konnte. Der Schlüssel lag nicht mehr als einen Meter von der Stelle entfernt, wo man den Bewußtlosen aufgefunden hatte.

 

Der Polizeipräsident von Berkshire, dem die Sache gemeldet wurde, wandte sich an die Mordkommission von Scotland. Yard. Der Fall war um so ernster, als Mr. Friston am anderen Mittag starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Man hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt gefunden, wer der Täter sein könnte.

 

Mr. Reeder fuhr mit einigen Beamten der Mordkommission nach Windsor und betrachtete den Toten und den blutigen Schraubenschlüssel. Es bestand nicht der geringste Zweifel, daß die Tat mit diesem Werkzeug ausgeführt worden war. Der Täter mußte mehrmals mit aller Kraft auf sein Opfer eingeschlagen haben, wie aus den schweren Verletzungen zu schließen war.

 

»Also, die Waffe, mit der Friston ermordet wurde, haben wir hier«, sagte der Polizeiinspektor, der den Fall bearbeitete. »Wir haben Blut und Haare an dem Schraubenschlüssel gefunden, und der Arzt sagte außerdem, daß das eine Ende des Eisens genau in die Wunde paßte.«

 

Mr. Reeder untersuchte die Wunde und den Schraubenschlüssel genau und legte ihn dann beiseite, ohne ein Wort zu sagen.

 

Er hatte etwas entdeckt, was ihn erstaunte. Allem Anschein nach rührte die Verletzung des Toten von dem Schraubenschlüssel her. Aber es gab da gewisse Einzelheiten, die nicht zu dieser Theorie paßten.

 

»Ein Raubmord kommt nicht in Betracht«, erklärte der Beamte. »Friston hatte zehn Pfund in der Tasche, als er gefunden wurde. Nein, er muß mit jemand in Streit geraten sein – oder seine politischen Gegner haben ihm eins ausgewischt. Wir wissen ja, daß er von dieser Seite mehrmals Drohbriefe erhalten hat. Was meinen Sie dazu, Mr. Reeder?«

 

Der Detektiv schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann Ihnen leider nicht zustimmen«, entgegnete er höflich. »Mit Politik hat diese Sache bestimmt nichts zu tun.«

 

»Dachte ich mir doch, daß Sie wieder mal eine ganz andere Ansicht haben würden als wir«, erwiderte der Inspektor ironisch. »Das Gefühl hatte ich schon, als Sie zugezogen wurden.«

 

»Wirklich ein merkwürdiger Fall«, sagte Mr. Reeder, ohne sich um die Worte des anderen zu kümmern. »Als Mr. Friston gefunden wurde, hatte er doch noch seinen weichen Filzhut auf dem Kopf. Der Hut war ziemlich verbeult, aber immerhin nicht heruntergefallen. Inzwischen habe ich mit seinem Diener gesprochen, der mir sagte, daß Mr. Friston den Hut immer sehr fest auf den Kopf setzte, ja, daß er ihn sich fast bis über die Ohren zog. Das haben wir ja auch gesehen – der Hut fiel nicht einmal vom Kopf, als Mr. Friston zu Boden stürzte.«

 

»Der Hut ist aber doch durchlöchert, nicht wahr?«

 

Mr. Reeder nickte.

 

»Ganz richtig. Filzteilchen wurden außerdem in der Wunde gefunden – Sie haben ja selbst gesagt, daß der Täter mit aller Wucht zugeschlagen haben muß.«

 

Mr. Reeder sah von einem zum anderen.

 

»Ich pfusche Ihnen nicht gern ins Handwerk, Inspektor, glauben Sie mir das! Abgesehen davon könnte ich auch noch gar keine Erklärung des Falles geben – ich muß Ihnen gestehen, daß ich bis jetzt noch vor einem Rätsel stehe.«

 

»Das geht uns allen so«, entgegnete der Inspektor, etwas besser gelaunt. »Aber so ist es ja bei jedem Fall, Mr. Reeder – zuerst stehen Sie vor einem Rätsel, und nachdem Sie sich ein wenig mit der Sache beschäftigt haben, finden Sie auch die richtige Lösung. Der Mann, der das getan hat …«

 

»Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf«, erwiderte Mr. Reeder. »Die Frage, die mich vor allem interessiert, lautet ganz anders: Wer war der zweite Mann, der ermordet wurde?«

 

Der Inspektor starrte ihn entsetzt an.

 

»Was reden Sie da von einem zweiten Mann? Wir haben doch nur einen gefunden.«

 

Mr. Reeder nickte.

 

»Gewiß. Aber es ist noch jemand mit diesem Schraubenschlüssel ermordet worden. Es sind Blut und Haare an dem Eisen.«

 

»Nun, das ist doch leicht zu erklären«, widersprach Inspektor Laymen. »Bei einem so gewaltsamen Mord kann man wohl annehmen, daß Blut und Haare an der Waffe kleben.«

 

»Ich bin da anderer Ansicht«, erklärte Mr. Reeder höflich. »Meiner Meinung nach kam die Waffe nicht direkt mit der Wunde in Berührung. Und außerdem ist Mr. Friston kahlköpfig.

 

Laymen war geschlagen. Aufgeregt rieb er sich die Stirn.

 

»Sie haben recht«, sagte er langsam. »Die Wunde hat kaum geblutet, und der Ermordete hat tatsächlich eine Glatze.«

 

Er nahm den Schraubenschlüssel wieder in die Hand und betrachtete ihn.

 

»Die Sache ist mir ein Rätsel«, fuhr Mr. Reeder fort. »Der Mörder von Mr. Friston tötete auch noch einen anderen mit derselben Waffe oder verletzte ihn zum mindesten sehr schwer.«

 

Der Inspektor ließ sich überzeugen und ordnete an, daß die Umgebung genau abgesucht werden sollte. Die Polizei kämmte das Gelände am Flußufer zwei Meilen aufwärts und abwärts durch, ohne jedoch eine Spur, die zur Aufklärung dieses geheimnisvollen Falles hätte dienen können, zu finden.

 

Mr. Reeder brachte den größten Teil des Tages damit zu, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Er kehrte nicht zu Laymen und den anderen Beamten zurück, sondern fuhr allein im Zug nach London.

 

In Paddington kaufte er alle Abendzeitungen und las die Berichte über den Mord sorgfältig durch, denn Journalisten beobachten manchmal Dinge, die der Aufmerksamkeit der Polizei entgehen.

 

Aber Mr. Reeder entdeckte nichts, was zur Lösung des Rätsels beitragen konnte.

 

Nachdem er in den Bus gestiegen war, der ihn nach Hause bringen sollte, setzte er sich in eine Ecke und beschäftigte sich mit den anderen Nachrichten, die in den Blättern standen.

 

Er ging dabei sorgfältig und systematisch vor und übersah so leicht nichts. Sogar die Annoncen las er aufmerksam durch, und manche Leute behaupteten, daß er auch noch die Kreuzworträtsel löse.

 

Nach einer Weile entdeckte er einen Bericht mit der Überschrift:

 

 

›Dollarpaket in einem Heuschober. Überraschender Fund eines Landarbeiters. Ein Knecht namens Ward, der bei dem Farmer John Carter arbeitet, machte heute morgen eine seltsame Entdeckung. Er mußte auf einen großen Heuschober klettern, von dem der Wind einige Ziegel abgedeckt hatte. Dabei bemerkte er ein flaches Päckchen, das oben auf dem Heu lag, nahm es mit und brachte es Mr. Carter. Als dieser das Päckchen untersuchte, stellte sich heraus, daß es Banknoten im Wert von fünfundzwanzigtausend Dollar enthielt. Es war mit einem Gummiband verschnürt. Die obersten Scheine waren vom Regen durchnäßt, aber sonst hatten sie nicht gelitten. Mr. Carter setzte sich sofort mit der Polizei in Farnham in Verbindung, die die Banknoten in Verwahrung nahm und Nachforschungen über ihre Herkunft anstellte.

 

 

 

In der Umgebung ist in den letzten drei Monaten verschiedentlich eingebrochen worden, und man neigt zu der Ansicht, daß die Scheine vielleicht ein Teil der Beute sind, die von Dieben während des vergangenen Sommers bei mehreren reichen Amerikanern gemacht wurden, die in der Gegend wohnten. Ungeklärt bliebe dann allerdings, warum die Diebe die Banknoten ausgerechnet in einem Heuschober versteckten und nicht mitnahmen. Natürlich durchsuchten Mr. Carter und der Knecht den ganzen Heuschober, konnten aber sonst nichts mehr finden.‹

 

 

Mr. Reeder, der ein geradezu fabelhaftes Gedächtnis für alles hatte, was auch nur von ferne wie ein Verbrechen aussah, wußte genau, daß verschiedene kleinere Diebstähle in der Gegend von Farnham vorgekommen waren; er konnte sich aber durchaus nicht darauf besinnen, daß dort ein größerer Einbruch verübt worden war. Wenigstens war der Polizei nichts dergleichen gemeldet worden.

 

Er blätterte um und fand auf der letzten Seite unter der Überschrift ›Letzte Meldungen‹ noch folgende Notiz, die sich auf den Geldfund in dem Heuschober bezog:

 

 

›Nach dem unvermuteten Dollarfund in einem Heuschober, über den wir schon berichteten, wurde jetzt ein weiteres Päckchen mit Banknoten, abermals in Höhe von fünfundzwanzigtausend Dollar, in einem trockenen Graben entdeckt, etwa zwei Kilometer von dem ersten Fundort entfernt.‹

 

 

»Hm«, brummte Mr. Reeder und las die nächste Meldung.

 

 

›Wie die polizeilichen Ermittlungen ergaben, wurde der ausgebrannte Wagen, über den wir auf Seite 6 berichtet haben, gebraucht von einem gewissen Mr. Waterloo Stevenson in der Brickfield-Reparaturwerkstätte gekauft.‹

 

 

Reeder blätterte auf Seite 6 zurück und erteilte sich selbst einen Verweis, weil er diese Nachricht übersehen hatte. Was er dann aber las, war nicht besonders aufregend.

 

Man hatte in einem Straßengraben zwischen Shrewton und Tilshead in Wiltshire ein Auto entdeckt, das vollkommen ausgebrannt war. Von dem Eigentümer war keine Spur zu finden. Das Nummernschild war außerdem nicht mehr zu entziffern, so daß die Polizei vorerst keinerlei Anhaltspunkte hatte.

 

»Hm«, brummte Mr. Reeder wieder.

 

Zur Hälfte verdankte er seine Erfolge der Fähigkeit, sich auf Grund noch so unscheinbarer Anhaltspunkte eine Geschichte auszudenken. Er hatte eine ganz merkwürdige Gabe, die seltsamsten Dinge miteinander in Verbindung zu bringen. Die Geschichten, die dabei entstanden, waren auch demnach, das heißt, so phantastisch, daß man den Eindruck hatte, er erfinde sie nur zu seinem eigenen Vergnügen.

 

In der Geschichte, die sich Mr. Reeder auf dem Heimweg ausdachte, spielten ein ausgebranntes Auto und zwei Päckchen amerikanischer Banknoten eine Rolle – außerdem ein in Eton angestellter Lehrer, der während der Nacht von einem unbekannten Täter ermordet worden war.

 

Übrigens zog Mr. Reeder keine weiteren Schlüsse aus diesen Geschichten; es sei denn, daß er manchmal plötzlich entdeckte, daß sie der Wahrheit entsprachen. Meistens vertrieb er sich aber nur die Zeit mit diesen Spielereien seiner Phantasie.

 

Er saß gerade beim Abendessen in seiner Wohnung, als er sich eine neue Geschichte ausmalte. Dabei kam ihm auf einmal der Einfall, daß sie diesmal stimmen könnte.

 

Er legte das Brot auf den Teller zurück, trank seine Tasse Tee aus und wischte sich die Hände an der Serviette ab. Dann klingelte er, und, gleich darauf erschien seine Haushälterin.

 

»Bitte räumen Sie das alles ab«, sagte er. »Ich muß jetzt arbeiten.«

 

Dann saß er zwei Stunden vor seinem Schreibtisch, hielt die Hände über der Weste gefaltet und starrte auf seine Schreibunterlage. Nur hin und wieder griff er nach einem Bleistift und schrieb ein paar Worte auf ein Blatt Papier oder strich etwas aus, das er zuvor notiert hatte.

 

Um halb elf ging er in sein Schlafzimmer und zog seinen besten Anzug an. Das war ganz außergewöhnlich, und die Haushälterin erschrak fast, als sie ihn so elegant sah.

 

Kapitel 3

 

3

 

Es war Viertel vor zwölf, als Mr. Reeder die Räume des Ragbag-Klub in der Wardour Street betrat. Die Öffentlichkeit hörte meist nur dann etwas von diesem Lokal, wenn die Polizei dort wieder einmal eine Razzia abgehalten hatte. Obwohl er ein seltener Gast war, kannte man ihn, und der Oberkellner brachte ihn sofort zu einem Ecktisch. Dann servierte er eine Flasche Sprudel und Spiegeleier mit Schinken.

 

»Ist jemand hier, Adolph?«

 

»Nein, noch nicht, Mr. Reeder. Sie kommen vermutlich erst nach der letzten Theatervorstellung.«

 

Der Oberkellner war ein wenig nervös.

 

»Irgend etwas Besonderes los?« fragte er.

 

Mr. Reeder steckte sich eine Zigarette an, bevor er antwortete.

 

»Wenn Sie mich danach fragen, ob die Polizei diese Kneipe heute durchsuchen wird, so kann ich Ihnen das nicht genau sagen … Ich glaube aber, daß Sie diesen Abend sicher sind.«

 

Adolph atmete auf. Mr. Reeders Worte waren so gut wie eine Garantie, daß heute nichts passieren würde.

 

Tatsächlich hatte Mr. Reeder, bevor er zum Ragbag-Klub ging, Scotland Yard über sein Vorhaben informiert.

 

»Erwarten Sie heute jemand?«

 

Adolph schüttelte den Kopf.

 

»Niemand, den Sie kennen.«

 

Diese Versicherung erhielt Mr. Reeder immer, wenn er hierherkam.

 

»Wie steht es denn mit Higson? Kann man Mr. Hymie Higson heute treffen?«

 

Der Oberkellner sah den Detektiv verwirrt an.

 

»Der ist schon lange nicht mehr hiergewesen – seit …«

 

»Sagen Sie mir ruhig die Wahrheit«, entgegnete Mr. Reeder freundlich. »Wenn ich jemand gegenüber offen bin, so erwarte ich dasselbe von ihm. Vor ungefähr einem Jahr gab es große Unannehmlichkeiten wegen eines Mannes, dessen Namen mir im Augenblick entfallen ist. Er hatte gefälschte Banknoten unter das Publikum gebracht. Der Polizei gelang es, die falschen Scheine bis zu diesem Klub zu verfolgen, und besonders der liebenswürdige Oberkellner Adolph, der ja auch Eigentümer des Klubs ist, geriet in Verdacht.

 

Ich widmete mich der Aufklärung des Falles und bekam dabei heraus, daß Sie keine Schuld an der Sache hatten. Natürlich hätte die Geschichte für Sie trotzdem unangenehm werden können, aber ich hatte nun mal nicht die Absicht, Ihre Gäste abzuschrecken. Vor allem deshalb verzichtete ich darauf, Sie als Zeugen vernehmen zu lassen.«

 

Adolph räusperte sich verlegen.

 

»Das stimmt alles, Mr. Reeder. Ich habe Ihnen damals ja auch erklärt, daß ich mich dafür revanchieren würde, sobald sich eine Gelegenheit bietet.«

 

»Gut. Wie steht es also mit Higson?«

 

Mr. Reeder schaute ihn scharf an, aber der Oberkellner antwortete ohne Zögern.

 

»Hymie war seit Sonntagabend nicht mehr hier, aber ich erwarte ihn noch heute. Er hat telefonisch bei mir ein Privatzimmer und ein Menü bestellt. Das Privatzimmer war allerdings bereits vergeben, und ich kann ihm das Essen nur hier servieren. Meiner Meinung nach wird er jeden Augenblick kommen.«

 

»Wann hat er denn angerufen?«

 

Adolph überlegte.

 

»Heute abend – so gegen sechs. Er wollte unter allen Umständen das Nebenzimmer haben.«

 

»Bringt er denn jemand mit?«

 

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

 

»Er hat nichts davon gesagt und auch nur ein Gedeck bestellt.«

 

»Schön, ich werde auf ihn warten«, erklärte Mr. Reeder.

 

Adolph sah ihn besorgt an.

 

»Ist denn etwas nicht in Ordnung? Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie ausgerechnet in meinem Klub jemand verhaften würden. Mein Ruf bei der Polizei ist in der letzten Zeit sowieso nicht sehr gut …«

 

»Keine Sorge, ich werde hier niemand verhaften«, entgegnete Mr. Reeder liebenswürdig. »Ich möchte nur eine alte, nicht gerade sehr angenehme Bekanntschaft erneuern.«

 

Fünf Minuten später kam Hymie Higson durch die Tür und ließ sich vom Kellner aus dem Mantel helfen. Er trug einen unauffälligen Straßenanzug.

 

Als er sich umsah, entdeckte er Mr. Reeder. Er tat, als ob er ihn nicht bemerkt hatte, aber der Detektiv winkte ihn mit einer unmißverständlichen Handbewegung zu sich.

 

Nur wenige Gäste saßen in dem Raum, und Hymie blieb praktisch keine andere Wahl, als Reeders Aufforderung Folge zu leisten.

 

Zögernd kam er an den Tisch.

 

»Sind Sie allein?« erkundigte sich Mr. Reeder freundlich. »Setzen Sie sich doch zu mir.«

 

»Ich erwarte einige Freunde«, erwiderte Hymie kühl und blieb neben dem Tisch stehen.

 

»Meiner Meinung nach wäre es wirklich besser, wenn Sie sich ein wenig zu mir setzten«, sagte Reeder mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

 

Widerwillig folgte Hymie der Aufforderung. Er war schlank und hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht. Wer ihn beobachtete, dem fielen besonders seine ungewöhnlich langen, schmalen Hände auf.

 

»Also gut, dann sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben – aber ein wenig schnell bitte«, erklärte er herausfordernd. »Es schadet meinem guten Ruf, wenn mich Bekannte mit einem Polizeibeamten sehen.«

 

Mr. Reeder lächelte.

 

»Oh, mir macht so etwas nichts aus. Alle Leute, die uns beide zusammen sehen, wissen sowieso, was los ist. Man wird eben denken, daß ich einen Verbrecher ausfrage – schließlich ist es ja bekannt genug, daß Sie Falschgeld vertreiben, Wechsel fälschen und beim Kartenspielen betrügen. Ihre Kameraden in der Offiziersmesse haben Sie doch seinerzeit beim Spiel ganz hübsch hereingelegt, nicht wahr? Deshalb mußten Sie ja den Dienst quittieren. Ich will gar nicht davon reden, was Sie sonst noch alles auf dem Kerbholz haben. Vielleicht auch ein kleiner Mord darunter, wie?«

 

Mr. Reeder hatte mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit gesprochen, eine Reaktion war Hymie aber kaum anzumerken.

 

»Sie könnten tatsächlich meine Lebensgeschichte schreiben!«

 

»Jedenfalls bin ich in der Lage, einige interessante Daten dazu zu liefern«, entgegnete Mr. Reeder zuvorkommend. »Mit dem Geld hatten Sie übrigens wirklich Pech«, fügte er unvermittelt hinzu.

 

Obwohl Hymie sich sehr gut beherrschen konnte, fuhr er jetzt doch ein wenig zusammen.

 

»Was soll das heißen?«

 

»Ich meine die fünfzigtausend Dollar«, erwiderte Mr. Reeder lässig. »Das ist immerhin eine ganz schöne Stange Geld, die man im allgemeinen nicht in Heuschobern und Straßengräben liegen läßt.«

 

»Was soll denn das Gerede? Ich habe nichts mit Heuschobern und Straßengräben zu tun«, entgegnete Hymie schleppend. »Haben Sie vielleicht ein neues Rätselspiel erfunden?« Dann lachte er plötzlich. »Um Himmels willen, Sie meinen doch nicht etwa die amerikanischen Banknoten, von denen die Zeitungen heute abend berichten? Ein Landarbeiter in Kent hat sie gefunden, nicht wahr? Wirklich eine der merkwürdigsten Geschichten, die ich je gehört habe. Aber wie kommen Sie nur auf den Gedanken, daß ich etwas davon wissen sollte?«

 

»Sie irren sich, es war nicht in Kent«, verbesserte ihn Mr. Reeder, »sondern in der Nähe von Farnham.«

 

»Dort bin ich noch nie in meinem Leben gewesen«, sagte Hymie lächelnd. »Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Reeder. Und wenn ich tatsächlich dort gewesen wäre, hätte ich ganz bestimmt nicht so viel Geld in einem Heuschober liegen lassen! Wenn Sie sich nur darüber mit mir unterhalten wollen, dann vergeuden Sie nur Ihre und meine Zeit.«

 

Er stand auf, aber Mr. Reeder packte ihn am Arm.

 

»Nur noch einen Augenblick, ich habe noch einige Fragen an Sie zu richten.«

 

»Dann wäre es gut, wenn Sie mir einen Brief schrieben – oder noch besser, Sie versuchen es mit dem Lügendetektor bei mir. Ich habe neulich einen Aufsatz in einem amerikanischen Magazin darüber gelesen – man schnallt den Delinquenten einfach an, und wenn er lügt, kann man das an der Reaktion verschiedener Instrumente feststellen. Man hat es bei einem Mann ausprobiert, der einen anderen ermordet hatte …«

 

Plötzlich hielt er inne, und Reeder sah, wie sich sein Gesicht verhärtete.

 

»Und weiter, was wollen Sie sagen? Jemand hat einen anderen ermordet …«

 

Higson lachte grell.

 

»Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen Märchen zu erzählen.«

 

Er machte eine knappe Verbeugung und schlenderte davon. Sicher wäre er nicht so ruhig gewesen, wenn er gewußt hätte, daß auch Mr. Reeder den Aufsatz über den Lügendetektor gelesen hatte. Dieser interessante Artikel war wirklich in einem amerikanischen Magazin erschienen.

 

Hymie hatte sich an einen kleinen Tisch gesetzt und ließ sich sein Abendessen servieren. Wie Mr. Reeder bemerkte, schien es ihm nicht sehr zu schmecken. Er hielt sich auch nur verhältnismäßig kurze Zeit in dem Restaurant auf, zahlte bald und ging wieder.

 

Mr. Reeder stellte noch einige andere Nachforschungen an, aber keine führte zu einem befriedigenden Ergebnis.

 

Er suchte einige Klubs auf, die in noch weniger gutem Ruf standen als der Ragbag-Klub. Es waren durchweg keine sehr vornehmen Lokale, in denen er allgemein auffiel. Meistens handelte es sich um kleine Zimmer, die im oberen Stockwerk lagen. Wenn Mr. Reeder die Räume betrat, wurde er sofort erkannt, und es trat Totenstille ein. Trotzdem machte er sich an die unmöglichsten Leute heran und stellte sonderbare Fragen an sie.

 

Nach mehreren Stunden kehrte er sehr müde in seine Wohnung zurück. Es schlug drei, als er sich zur Ruhe legte und die Decke über die Ohren zog. Aber er hatte die Augen noch nicht geschlossen, als er hörte, daß jemand an seiner Haustür klingelte.

 

Da das Klingeln nicht aufhörte, erhob er sich schließlich schimpfend, öffnete das Fenster und schaute hinaus.

 

Vor der Tür stand eine dunkle Gestalt.

 

»Wer ist da?« rief er hinunter.

 

»Ich bin’s, Lizzie – ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen, Mr. Reeder. Es ist etwas Schreckliches passiert!«

 

»Warten Sie!«

 

Er schloß das Fenster, machte Licht und kleidete sich hastig an. Dann ging er nach unten und ließ Lizzie herein, die heftig schluchzte.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zusammenhängend erzählen konnte.

 

»Ena ist fort, man hat sie weggeholt! Und ich bin fest davon überzeugt, daß ihr etwas passiert ist, Mr. Reeder …«

 

Er gab ihr ein Glas Wasser, und schließlich hatte sie sich so weit beruhigt, daß sie der Reihe nach berichten konnte, was vorgefallen war.

 

Um elf Uhr hatte sie sich ins Bett gelegt. Sie schlief mit ihrer Schwester in einem Zimmer, dessen Fenster auf der Straßenseite lagen. Fast eine Stunde lang hatten sie noch über Ernie und sein sonderbares Verhalten gesprochen, schliefen dann aber gegen Mitternacht ein.

 

Um ein Uhr wachte Lizzie, die einen sehr festen Schlaf hatte, an einem Geräusch auf. Schläfrig öffnete sie die Augen und sah, daß Ena Licht gemacht hatte und in ihrem Morgenrock gerade aus dem Zimmer gehen wollte. Sie fragte, was es gäbe, und Ena flüsterte ihr zu: »Ernie will mich sprechen, er ist draußen.«

 

Lizzie war noch halb im Schlaf, blieb liegen und versuchte zuerst einmal, ganz wach zu werden.

 

Sie hörte an der Haustür Stimmen, und dann wurde es plötzlich ganz still. Gleich darauf fuhr vor dem Haus ein Auto an. Sie sprang aus dem Bett, ging zur Tür und lauschte – nichts war zu hören. Schnell warf sie sich einen Mantel über und lief die Treppe hinunter.

 

Sie fand die Haustür weit offen, von Ena keine Spur.

 

Bestürzt ging sie wieder nach oben und weckte ihre Mutter. Beide warteten ängstlich, aber Ena blieb verschwunden. Sie hatte nur einen Morgenrock über ihrem Schlafanzug angehabt, als sie hinunterging. Die Nacht war kalt und neblig, bestimmt hätte sie sich in diesem Aufzug nicht vors Haus gewagt.

 

»Haben Sie die Polizei verständigt?« fragte Mr. Reeder.

 

Lizzie, die noch immer weinte, schüttelte ratlos den Kopf.

 

»Mutter wollte es nicht haben. Sie sagte, es wäre so peinlich …«

 

Darum kümmerte sich Mr. Reeder nun nicht im geringsten. Er ging zum Telefon und rief die nächste Polizeiwache an. Glücklicherweise traf er den Inspektor an, dem der Bezirk unterstand, und verabredete mit ihm, daß er ihn in der Wohnung der Pantons in der Friendly Street treffen wolle. Als er sich dann mit Lizzie auf den Weg dorthin machte, rückte sie mit der Sprache über etwas heraus, wovon sie ihm bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

 

»Natürlich war es eine große Überraschung für uns alle, daß sie plötzlich so viel amerikanisches Geld erhielt.«

 

Mr. Reeder blieb stehen.

 

»Amerikanisches Geld?« fragte er verwundert. »Davon haben Sie mir ja noch gar nichts gesagt!«

 

»Ja, echte amerikanische Dollarscheine«, entgegnete Lizzie. Es waren fünfundzwanzig Banknoten zu je tausend Dollar! Wir alle waren so überrascht – noch niemals hatten wir soviel Geld in Händen gehabt!«

 

»Das ist sehr wichtig«, sagte Mr. Reeder ernst. »Erzählen Sie mir genau, wie Sie das Geld erhalten haben.«

 

»Wir erhielten es in einem Eilbrief, der nicht einmal eingeschrieben war. Gestern morgen in aller Frühe brachte ihn ein Postbote. Ena hat meiner Mutter und mir nichts davon gesagt, daß ihr Ernie schon vorher geschrieben hatte und ihr in seinem Brief das Eintreffen eines Geldbetrages ankündigte. Er hatte sie gebeten, keinem Menschen etwas davon mitzuteilen.«

 

»War bei der Geldsendung ein weiteres Schreiben von Ernie?«

 

»Nein, nur ein Blatt von einem Notizblock. Er hatte es unter das Gummiband gesteckt, mit dem die Banknoten zusammengehalten wurden. Es stand darauf: ›Sag keinem Menschen etwas davon, auch nicht Lizzie.‹ Ich kann Ihnen den Zettel später zeigen.«

 

»Und was hat Ihre Schwester mit dem Geld gemacht?«

 

Lizzie dachte einen Augenblick nach.

 

»Ich weiß gar nicht genau … Ach so, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie hat es unter das Kopfkissen gesteckt, bevor sie ins Bett ging.«

 

»Wo war der Brief aufgegeben? Haben Sie den Poststempel gesehen?«

 

»In London. Ich machte Ena noch besonders darauf aufmerksam, daß er auf dem Postamt London W. aufgegeben worden war – und zwar am Abend vorher. Ena wunderte sich darüber, daß Ernie in London war und sie nicht einmal besuchte.«

 

Mr. Reeder fragte noch verschiedenes, bekam aber nicht mehr viel heraus. Lizzie blieb dabei, daß auf dem Zettel nichts weiter gestanden hätte als die Mahnung, keinem Menschen etwas davon zu sagen.

 

»Sie werden ihn ja noch selbst sehen, auch den Briefumschlag. Ena hat das Geld darin gelassen.«

 

Als sie in der Wohnung der Pantons ankamen, fanden sie dort bereits den Polizeiinspektor des Bezirks mit einem seiner Beamten vor. Der Inspektor stellte an die Mutter, die völlig verstört schien, gerade die üblichen Fragen.

 

Mr. Reeder begrüßte ihn kurz und stieg dann sofort die Treppe zu dem gemeinsamen Schlafzimmer der beiden Mädchen hinauf. Ohne weiteres ging er auf das Bett zu, das ihm Lizzie bezeichnete, und schob das Kissen zurück.

 

Das Zimmer war noch nicht aufgeräumt worden, und er konnte deutlich den Kopfabdruck Enas auf dem Kissen erkennen. Darunter aber fand er nichts – weder den Briefumschlag noch das Geld. Er hob die Matratzen hoch – nichts. Ebensowenig lagen die Banknoten in der Kommode, in der Ena ihre Schmucksachen aufbewahrte.

 

»Nein, sie hat das Geld bestimmt nicht in eine Schublade gelegt«, erklärte Lizzie, die sich ganz sicher zu sein schien. »Ich weiß ganz genau, daß sie es unter das Kissen geschoben hat, bevor sie schlafen ging. Sie sagte noch im Spaß, das wäre sicherer, als es auf die Bank zu bringen.«

 

Mr. Reeder verzog kummervoll das Gesicht.

 

»Haben Sie Ihre Schwester gesehen, als sie das Zimmer verließ? Hatte sie etwas in der Hand?«

 

Lizzie konnte darüber beim besten Willen keine genaue Auskunft geben. Sie erinnerte sich nur noch daran, daß Ena in der offenen Tür stand und mit ihr sprach. Aus tiefem Schlaf hochgeschreckt, war sie so benommen gewesen, daß sie sich nicht einmal genau auf Enas Worte besinnen konnte.

 

»Ich schlafe immer so fest! Es ist auch durchaus möglich, daß Ena das Fenster öffnete und sich einige Zeit mit jemand auf der Straße unterhielt, ohne daß ich es merkte. Auf jeden Fall stand das Fenster offen, und ich wachte wahrscheinlich mehr durch den kalten Luftzug, als durch ein Geräusch auf.«

 

Eines war Mr. Reeder klar – der Mann, der mit Ena gesprochen hatte, mußte ihr gesagt haben, daß sie die fünfundzwanzigtausend Dollar herunterbringen solle.

 

Aber wer war dieser Mann? War es Ernie gewesen? Oder hatte sonst noch jemand solchen Einfluß auf sie, daß sie ihm auf seinen bloßen Wunsch hin das Geld mitten in der Nacht aushändigte?

 

Mr. Reeder ließ den Polizisten rufen, der während der fraglichen Zeit in dem Bezirk Streifendienst gehabt hatte. Der Beamte konnte wenigstens einige Angaben machen.

 

Vor Pantons Haus hatte er einen Wagen gesehen, der dort parkte, und angenommen, daß er einem Arzt gehöre. Für gewöhnlich hielten in der Friendly Street nachts nur selten Autos. Der Polizist hatte den Eindruck gehabt, daß zwei Personen im Wagen saßen, aber mit Sicherheit konnte er das nicht behaupten.

 

Als er auf seinem Rundgang das nächstemal an der Stelle vorbeikam, sah er das Auto nicht mehr.

 

Mr. Reeder stellte fest, daß das etwa eine Viertelstunde nach Enas Verschwinden gewesen sein mußte.

 

Einige Beamte suchten jetzt die Straßen ab und fanden einen weiteren Anhaltspunkt – Enas Pantoffel. Man entdeckte ihn etwa auf der Hälfte des Weges zwischen der Haustür und der Stelle, an der das Auto gehalten hatte. Der Polizeiinspektor brachte ihn ins Haus und untersuchte ihn eingehend, aber er konnte höchstens den Schluß daraus ziehen, daß Ena den Pantoffel verloren hatte, als sie sich von jemand freizumachen versuchte.

 

Mr. Reeder stimmte ihm bei.

 

»Ich bin ganz sicher, daß sie nicht freiwillig mitgegangen ist«, erklärte er besorgt.

 

Und mit dieser Annahme hatte er auch recht.