Arsen

 

Arsen

 

Obwohl Chefinspektor Rater vollkommen modern dachte und handelte, hatte er doch eine ungewöhnliche Abneigung gegen neue Erfindungen. Ein begeisterter Verehrer hatte ihm einen kostbaren Radioapparat geschenkt, aber das Gerät blieb sechs Monate lang unbeachtet in einer Ecke stehen. Als sich der Redner dann eines Tages doch damit beschäftigte, funktionierte er nicht, und es dauerte weitere sechs Monate, bis Rater Interesse aufbrachte, um den Teufelskasten in Gang setzen zu lassen.

 

Nach und nach söhnte er sich aber mit dem Geschenk aus, und es behagte ihm, andere Leute sprechen zu hören und selbst keine Antwort geben zu müssen. Jeden Tag studierte er nun das Programm in den Zeitungen und stellte seinen Apparat je nach seinen Wünschen ein.

 

Musik liebte er nicht besonders und beschränkte sich daher hauptsächlich auf Vorträge. Manchmal weckte ihn dann die Jazzband aus dem Orpheum-Hotel aus dem Schlaf, manchmal wachte er auch von selbst auf. Gelegentlich hörte er sich auch einmal Tanzmusik an, die direkt aus Tanzlokalen übertragen wurde. Am meisten interessierten ihn dabei die kurzen Fetzen der Unterhaltung zwischen den Tänzen, die man hören konnte, wenn die Leute in der Nähe des Mikrofons sprachen.

 

Einmal hörte er die Stimme eines Herrn, der über sein Geschäft redete. Er verstand ihn so deutlich, als ob er ihm gegenübersäße:

 

» … ich lasse niemals Rechnungen einfach laufen. Ich wußte zufällig, daß er uns nach Glasgow geschrieben hatte …«

 

Hier unterbrach ihn das Lachen einer Dame.

 

»… ich bin dem faulen Zahler heute morgen im Strand begegnet. ›Hallo!‹ sagte ich, ›Sie schulden uns noch acht Schilling‹. Doch merkwürdig, daß ich sein Gesicht sofort wiedererkannte, obwohl ich ihn nur einmal gesehen habe … nein, Arsen liefern wir nur unseren Vertretern.«

 

Nun kennt jeder das Gesetz von der Duplizität der Fälle. Wenn einem morgens der Arzt bei der Visite etwas von Sennesblättern sagt, kann man sicher sein, daß man abends bei der Unterhaltung mit einem Bekannten dasselbe Wort wieder hört. Der Redner, der fest an dieses Gesetz glaubte, war daher nicht überrascht, als er am nächsten Morgen in dem Bericht des Polizeidirektors von Wessex über den Mordfall Fainer von Arsen las.

 

Die Sache wurde Scotland Yard verhältnismäßig spät mitgeteilt. Mrs. Fainer saß im Gefängnis und wartete auf die Gerichtsverhandlung. Der Redner las das Schreiben langsam und aufmerksam durch wie gewöhnlich.

 

» … ich bin absolut nicht überzeugt, daß diese Frau die Mörderin ist«, schrieb der Polizeidirektor, ein Freund Mr. Raters. »Ich bin auch mit der Arbeit meiner Detektive nicht zufrieden, obwohl sie sonst Gutes leisten. Es ist schade, daß ich mich nicht früher an Scotland Yard gewandt habe. Aber wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, möchte ich Sie bitten, hierherzukommen, obwohl es ein vergebliches Unternehmen sein wird, den Fall aufzuklären.«

 

Der Redner ging mit diesem Brief zum Polizeipräsidenten. Es war gerade nicht viel zu tun, und er erhielt die Genehmigung, nach Burntown zu fahren. Sein Freund holte ihn auf dem Bahnhof ab.

 

»Die Verhandlung findet schon nächste Woche statt, und ich sehe keine Möglichkeit, daß Sie bis dahin entlastendes Material beischaffen könnten. Die Beweise, die wir in der Hand haben, genügen vollkommen, um die arme Person an den Galgen zu bringen. Es tut mir wirklich leid um sie«, fügte er hinzu. »Sie ist eine schöne Erscheinung, und sie war viel zu gut für ihren Mann, einen unduldsamen, nörgelnden Menschen, der obendrein noch Halbinvalide war und sie von morgens bis abends quälte. Sie war eigentlich im Recht – wenn sie es wirklich getan haben sollte.«

 

Der verstorbene Mr. Fainer war ein wohlhabender Kaufmann gewesen, der sich schon als Dreißiger vom Geschäft zurückgezogen hatte. Zehn Jahre später hatte er die junge Dame geheiratet, die jetzt im Gefängnis saß. Sie hatte kein schönes Leben an seiner Seite, denn er war ein harter Mann, mit dem man schlecht auskommen konnte. Aber allem Anschein nach hatte sie ihr Los getragen, ohne zu klagen und zu murren. Bekannte hatte sie kaum. Nur mit einem gewissen Mr. Alexander Brait war sie befreundet, der eine Anzahl bedeutender Firmen vertrat und eine Generalagentur besaß.

 

Mr. Brait war ein sehr angesehener Bürger in Burntown. Er betätigte sich in der Jugendfürsorge, war ein guter Redner und Mitglied des Kirchenchors, interessierte sich auch sonst für wohltätige Zwecke und stand überall in dem besten Ruf.

 

»Zweifellos traute auch der verstorbene Fainer seinem Freunde Brait mehr als jedem anderen«, berichtete der Kollege Mr. Raters. »Das ist auch leicht erklärlich, denn Brait ist ein offener, freier Charakter, der Sinn für Humor hat und durch seine witzige Unterhaltung Fainer oft aus seiner trüben Stimmung riß. Dadurch hat er auch das Leben der Frau etwas erleichtert. Es ist direkt tragisch, daß ausgerechnet er der Hauptzeuge für die Staatsanwaltschaft ist.«

 

»Wie kommt denn das? Hat er gesehen, daß sie ihm das Gift gab?« fragte der Chefinspektor.

 

Zu seinem größten Erstaunen nickte sein Freund.

 

»Allem Anschein nach ist dem Mann das Gift während des Tees beigebracht worden. Fainer, seine Frau und Brait waren im Zimmer. Sie reichte ihrem Mann eine Schale mit Gebäck. Daraufhin wurde ihm übel – er starb am nächsten Morgen. Bei der Obduktion stellte man Arsenvergiftung fest. Brait wußte nichts davon, da er gleich nach dem Tee weggegangen war. Er erfuhr es erst am nächsten Tag und kam dann in eine furchtbare Situation. Er hatte nämlich Mrs. Fainer an dem Nachmittag des Unglückstages getroffen, und sie hatte ihn gebeten, von einer Apotheke Arsen zu besorgen. Mr. Brait war bestürzt über dieses Ansinnen, wollte sie aber nicht beleidigen und sagte, er könnte es nur beschaffen, wenn er dem Apotheker angäbe, zu welchem Zweck er es haben wollte, und gleichzeitig ein ärztliches Rezept vorzeigte. Sie geriet daraufhin in große Verwirrung und bat ihn, die Sache zu unterlassen. Als er dann später zum Tee zu Fainers kam, erwähnte sie nichts mehr davon.«

 

»Wurde denn später Arsen im Hause gefunden?«

 

»Nein. Obwohl wir alles genau durchsuchten, konnten wir nicht die geringste Spur entdecken. Ebensowenig war festzustellen, wo das Arsen gekauft wurde. Sie bestreitet auch aufs entschiedenste, ihrem Mann das Gift gegeben zu haben. Sie gibt zwar zu, daß sie Brait an dem Nachmittag in der Stadt getroffen hätte, und zwar in der Hauptgeschäftsstraße, wie auch er aussagt, aber sie erklärt mit aller Bestimmtheit, daß sie nicht mit ihm über Arsen gesprochen hätte. Brait ist darüber nicht verwundert. Er ist ein vernünftiger Mann und sieht vollkommen ein, daß die unglückliche Frau lügen muß, um ihr Leben zu retten.«

 

»Wie lange wohnt Brait schon in der Stadt?«

 

»Ungefähr fünf Jahre. Er ist hier sehr geachtet und angesehen.«

 

Und nun hörte der Redner aufs neue von allen Vorzügen dieses Mannes.

 

»Hatte sie irgendeinen Liebhaber?« unterbrach er seinen Freund.

 

»Nein, mein Lieber, daran ist gar nicht zu denken. Wir haben uns natürlich in jeder Weise erkundigt, aber nichts herausgefunden, was darauf hindeuten könnte.«

 

»Ich weiß eigentlich nicht, wie ich noch bei der Aufklärung des Falles helfen könnte. Es handelt sich höchstens noch darum, nachzuweisen, woher das Arsen gekommen ist.«

 

»Ja, das stimmt«, erwiderte Raters Kollege. »Dabei haben eben meine Beamten vollkommen versagt.«

 

Der Redner erinnerte sich in diesem Augenblick zufällig an das, was er durch sein Radio gehört hatte, und rief sofort den Oberkellner des Orpheum-Hotels an, der ihm persönlich bekannt war.

 

»Die Herren sprachen über Arsen? Das könnte nur Mr. Langfort aus Glasgow gewesen sein. Er ist der Inhaber einer großen chemischen Fabrik. Seit gestern ist er hier, und morgen früh fährt er wieder nach Glasgow ab. Wollen Sie mit ihm sprechen?«

 

»Ja, wenn es möglich ist.«

 

Mr. Rater mußte fünf Minuten warten, bis Mr. Langfort gerufen worden war. Er erkannte die Stimme sofort wieder, die er am vergangenen Abend durch den Lautsprecher gehört hatte. Er gab sich zu erkennen, was großen Eindruck auf Langfort machte, und erklärte dann den Zweck seines Anrufs.

 

»Zu komisch, daß Sie mich gehört haben. Das würde meine Frau ja sehr interessieren! Es stimmt, ich sprach über Arsen. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht erwähnten, daß ich mich mit einer Dame unterhielt …«

 

Der Redner lächelte und beruhigte ihn über diesen Punkt.

 

»Es handelte sich um einen Mann, den ich gestern auf der Straße traf. Er besuchte mich früher einmal in Glasgow. Es muß ein Reisender oder ein Vertreter großer Firmen sein. Ich erkannte ihn zufällig wieder. Er hat bei mir ein Pfund Arsen gekauft, ich kann Ihnen auch noch das genaue Datum geben. Ich habe nämlich ein ganz vorzügliches Gedächtnis …«

 

Der Redner ließ ihn erst fünf Minuten über sich und seine Person sprechen, bevor er ihn höflich an das eigentliche Thema der Unterhaltung erinnerte.

 

»Sie wollen seinen Namen wissen? Er hieß Grinnet. Und er hatte ein Geschäft in Bristol. Soviel ich weiß, hatte er auch einen bescheidenen Handel nach Übersee, aber der Kerl hat nicht bezahlt. Nach all diesen Jahren habe ich ihn nun hier in London wiedergetroffen!«

 

»Hat er denn wenigstens jetzt seine Rechnung beglichen?«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, erwiderte Mr. Langfort triumphierend. Er war sehr zugänglich und wollte alles erzählen, was er wußte, aber der Redner dämpfte den Wortschwall des Mannes, da er nur gewisse Einzelheiten brauchte. Er machte sich Notizen, obwohl er nicht wußte, ob sie jemals nur den geringsten Wert für ihn haben könnten.

 

Am Abend speiste er mit seinem Freund und Kollegen und fragte bei der Gelegenheit, ob er die Gefangene besuchen könnte.

 

»Natürlich. Kommen Sie morgen früh ins Gefängnis. Ich werde dafür sorgen, daß alle Formalitäten vorher erledigt sind. Ich glaube allerdings kaum, daß sie Ihnen viel sagen wird, und mir tut es auch leid, wenn ich dazu beitragen muß, sie noch mehr zu belasten. Aber vielleicht können Sie mit ihr sprechen und sie zur Vernunft bringen. Machen Sie doch eine Andeutung, daß sie dem Todesurteil entkommen kann, wenn sie ein volles Geständnis ablegt.«

 

Am nächsten Morgen ging der Redner um neun Uhr durch das düstere Tor des Wilsey-Gefängnisses und wurde zu dem Wartezimmer der Frauenabteilung geführt. Gleich darauf öffnete sich eine Tür an der gegenüberliegenden Seite, und eine Frau trat in den Raum. Sie sah bleich und apathisch aus, aber sie bewahrte ihre Haltung.

 

Der Redner war durchaus nicht sentimental, aber noch nie war ihm eine schöne Frau so fesselnd und anziehend erschienen. Ihr Anblick erschütterte ihn. Aber er war sich nicht darüber klar, ob ihn die furchtbare Lage bedrückte, in der sie sich befand, oder ob ihr ruhiges Wesen, das von Unschuld sprach, so großen Eindruck auf ihn machte.

 

»Ich bin Chefinspektor Rater von Scotland Yard«, sagte er freundlich, »und ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

 

Sie schloß einen Moment die Augen und schüttelte müde den Kopf.

 

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen noch sagen sollte. Ich habe den anderen Beamten schon alles erzählt.«

 

Er ging zu dem Tisch, setzte sich dicht neben sie und gab dem anwesenden Wärter ein Zeichen, sich in eine Ecke des großen Raumes zurückzuziehen.

 

»Ich will Ihnen sagen, was Sie mir mitteilen sollen.«

 

»Woher das Gift kam? Ich weiß es nicht. Das habe ich nun schon so oft erklärt. Ich erwarte auch gar nicht, daß Sie es mir glauben.«

 

»Die Gerichtsverhandlung gegen Sie findet nächste Woche statt. Wollen Sie bei der Geschichte bleiben, die Sie über Mr. Brait erzählt haben?«

 

»Ich habe mit Mr. Brait niemals über Gift gesprochen. Darauf kann ich einen Eid leisten. Aber das macht wohl auch keinen Unterschied.«

 

»Wissen Sie, warum Mr. Brait Ihren Angaben widerspricht?«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

 

Der Redner hatte ein erstaunlich und geradezu unheimlich feines Einfühlungsvermögen. Ihr Achselzucken und der Ton ihrer Stimme verrieten ihm mehr, als sie ahnte.

 

»Sind Sie mit Mr. Brait sehr befreundet?«

 

»Nein«, erwiderte sie zögernd, »nicht sehr.«

 

»Hat er jemals versucht, zu Ihnen in nähere Beziehungen zu tretend«

 

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

 

»Hat er Ihnen nie eine Liebeserklärung gemacht?«

 

Sie sah ihn bestürzt an.

 

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

 

»Er hat Ihnen also eine gemacht?«

 

Sie seufzte.

 

»In gewisser Weise ja. Aber woher wissen Sie das?«

 

»Wie sieht Mr. Brait denn eigentlich aus?«

 

Ein scheuer, verwunderter Blick streifte ihn.

 

»Haben Sie ihn denn noch nicht gesehen?«

 

»Nein, ich bin bisher nur mit dem Polizeidirektor zusammengekommen. Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben, Mrs. Fainer, aber ich möchte Ihnen tatsächlich helfen, und ich stelle Ihnen keine Fallen, wenn ich Sie etwas frage.«

 

Sie schaute ihn lange und prüfend an.

 

»Ich glaube es Ihnen«, entgegnete sie dann. »Ich habe Ihren Namen schon gehört, Mr. Rater. Man nennt sie doch den Redner?« Ein schwaches Lächeln glitt über ihre blassen Züge. »Heute machen Sie diesem Namen tatsächlich einmal Ehre.«

 

Er konnte es nicht verhindern, daß er leicht errötete.

 

»Da mögen Sie recht haben«, sagte er zurückhaltend. »Aber wollen Sie mir nicht etwas mehr von Mr. Brait erzählen?«

 

Ihre Geschichte war nicht lang. Zweimal hatte sie einen unangenehmen Auftritt mit ihm gehabt, und er hatte ihr auch ein paar Briefe geschrieben.

 

Der Redner wußte, daß sie ihm verschwieg, wie schrecklich diese unangenehmen Auftritte für sie gewesen sein mußten.

 

»Haben Sie diese Briefe aufgehoben?«

 

Sie zögerte wieder.

 

»Ja. Ich war deshalb ein wenig in Unruhe, aber ich wollte sie aufheben für den Fall … Sehen Sie, mein Mann glaubte vollkommen an den ehrlichen Charakter Mr. Braits, aber ich habe mich sehr vor ihm gefürchtet. Ich legte die Briefe in einen Kasten und verschloß ihn, aber mein Mann muß ihn in meiner Abwesenheit geöffnet haben. Als ich ihn nach einiger Zeit wieder aufmachte, waren die Briefe nicht mehr darin. Ich weiß nicht, wie er auf den Gedanken kam, den Kasten zu durchsuchen, denn ich verwahrte gewöhnlich nur leeres Briefpapier darin.«

 

»Hat Ihr Mann mit Ihnen über diese Sache gesprochen?«

 

»Nein.«

 

»Es könnte doch aber auch sein, daß einer der Dienstboten die Briefe entwendet hat. Sind Sie überhaupt sicher, daß die Briefe wirklich herausgenommen wurden? Vielleicht liegen sie noch darin?«

 

»Ich bin meiner Sache ganz sicher. Noch kurz vor meiner Verhaftung sah ich nach. Die Polizei hat den Kasten jetzt in Verwahrung. Aber man hat kein Beweismaterial gegen mich darin gefunden.«

 

Sie lächelte ihn wieder an.

 

»Aber nun sagen Sie mir, wie sieht Brait aus?«

 

Sie beschrieb ihn mit einigen Worten.

 

»In mancher Beziehung hat er einen sehr schlechten Charakter, und man kann ihn ja schließlich nicht dafür tadeln, daß er sich in eine Frau verliebt. Wenn er mir nur das nicht angetan hätte! Er sieht sehr vorteilhaft aus, ist aber viel älter, als er auf den ersten Blick erscheint. Und er hat hübsche blaue Augen. Sie werden ihn wahrscheinlich noch sehen.«

 

»Ja, heute abend spreche ich mit ihm«, entgegnete Mr. Rater, und zu ihrem größten Erstaunen erhob er sich. »Ich glaube, ich brauche weiter keine Fragen mehr an Sie zu richten. Nur möchte ich wissen, ob der Kasten ein gewöhnliches Schloß hatte.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das ist ja das Merkwürdige. Der Kasten ist ein Hochzeitsgeschenk und hat ein Yaleschloß. Der einzige Schlüssel dazu war in meinem Besitz.«

 

»Warum verwahrten Sie denn Briefpapier darin?«

 

Sie errötete.

 

»Mein Mann sah nicht gern, daß ich Briefe schrieb. Er war wirklich sehr geizig und zählte jeden Morgen die Briefbogen auf dem Schreibtisch nach. Über jedes Blatt Papier und über jedes Kuvert mußte ich ihm Rechenschaft geben. Das klingt lächerlich, nicht wahr? Ich kaufte mir deshalb Briefpapier in der Stadt und verwahrte es in dem Kasten. Er war immer eifersüchtig, daß ich alte Freundschaften weiterpflegte und mit einigen Damen korrespondierte, die ich von der Schulzeit her kenne. Das werden Sie leicht beweisen können, aber ich weiß nicht, wozu das helfen könnte.«

 

»Warum haben Sie denn der Polizei nichts von Braits Liebeserklärungen erzählt, als Sie verhaftet wurden?«

 

Sie schauderte zusammen.

 

»Ich dachte nicht, daß mir das irgendwie nützen könnte.«

 

Der Redner verließ das Gefängnis mit der festen Überzeugung, daß die Frau unschuldig war, und es war ja nicht das erstemal in seinem Leben, daß er sich auf die Seite der Verteidigung stellte. Aber noch nie hatte sein inneres Gefühl so sehr für einen Angeklagten gesprochen wie in diesem Fall.

 

Am Abend kam er mit Mr. Brait zusammen und sagte ihm, daß er Mrs. Fainer im Gefängnis getroffen hätte und daß sie beharrlich bei ihrer Aussage bliebe, nicht über Arsen mit ihm gesprochen zu haben.

 

Mr. Brait hörte zu und machte ein trauriges Gesicht.

 

»Ich wünschte wirklich, ich hätte sie an dem Tag niemals getroffen. Ich hatte auch erst gar nicht die Absicht, in die Stadt zu gehen. Es war der reinste Zufall, daß ich ihr nachher begegnete. Ich habe die Frau sonst sehr gern.«

 

»Was meinen Sie damit? Lieben Sie die Dame?«

 

Mr. Brait wurde rot.

 

»Ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen, eine solche Frage an mich zu stellen«, erwiderte er etwas von oben herab. »Ich habe sie sehr gern, weil sie eine hübsche Erscheinung ist. Mit ihrem Mann war ich enger befreundet als mit ihr. Das ist alles.«

 

»Haben Sie ihr Briefe geschrieben?«

 

Mr. Brait lächelte.

 

»Hat sie Ihnen das gesagt? Nun, dann will ich es nicht abstreiten. Ich habe ihr ein paar kurze Mitteilungen geschickt, wann ich abends zum Kartenspiel kommen würde und dergleichen. Meinen Sie, ich hätte ihr auch noch andere Briefe geschrieben?«

 

»Ich meine gar nichts, ich frage Sie nur«, entgegnete der Redner kurz.

 

Nachdem Brait gegangen war, machte der Polizeidirektor, in dessen Büro die Unterhaltung stattgefunden hatte, seinem Kollegen Vorwürfe.

 

»Ich glaube nicht, daß Sie auf diese Weise mit Brait umgehen sollten. Er ist wirklich ein sehr anständiger und geachteter Mann. Der tut keinem Menschen etwas zuleide. Welche Meinung haben Sie denn von Mrs. Fainer?«

 

»Ich habe den besten Eindruck von ihr.«

 

Am nächsten Morgen war Mr. Rater schon frühzeitig unterwegs, und der junge Detektiv, der ihm zur Unterstützung beigegeben war, brachte ihm verschiedene interessante Neuigkeiten.

 

»Braits Bürojunge hat seine Stelle verloren, weil er während der Geschäftszeit rauchte. Ich habe mich mit ihm unterhalten, er ist ein intelligenter Bursche.«

 

»Ich hasse intelligente Burschen«, brummte der Redner. »Mir ist es viel lieber, wenn sie vernünftig und normal sind.«

 

Aber später wußte er die Intelligenz des Jungen doch sehr zu schätzen, als er durch dessen Vermittlung ein Tagebuch erhielt. Während der nächsten Tage fuhr Mr. Rater dreimal zu einer benachbarten Stadt, die fünf Meilen entfernt lag. Das tat er nur, weil er von dort aus telefonieren konnte, ohne die Neugierde der lokalen Zentrale zu erregen. Er führte Ferngespräche mit St. Helens in Lancashire und mit einem Pfarrer in einer Stadt in Somerset. Als er abends nach Burntown zurückkehrte, war bis auf das Geheimnis des verschlossenen Kastens alles aufgeklärt.

 

Der Polizeidirektor bewahrte ihn in seinem Büro auf.

 

»Er hat absolut keinen Wert. Mrs. Fainer gab uns auch den Schlüssel dazu. Aber es liegt nur leeres Briefpapier darin.«

 

»Ist das Papier noch darin?«

 

»Ich glaube«, erwiderte sein Freund erstaunt und holte den Kasten herbei. »Hier ist auch der Schlüssel.«

 

Mr. Rater schloß auf und klappte den Deckel zurück.

 

Es lagen ungefähr ein Dutzend Briefbogen von verschiedener Größe und ein halbes Dutzend Kuverts darin.

 

»Ich möchte nur wissen, warum sie Briefpapier von so verschiedenem Format kaufte?« meinte der Chefinspektor.

 

Er nahm die drei obersten Bogen heraus und legte sie auf den Tisch. Daneben breitete er die übrigen aus, die größer waren.

 

»Und warum hob sie angeschmutztes Briefpapier auf?«

 

»Ja, wie in aller Welt soll ich denn das wissen?«

 

Mr. Rater lächelte, was selten genug vorkam.

 

»Ich werde diese Bogen mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Morgen fahre ich nach London; am Sonntag bin ich wieder zurück. Aber bevor ich fahre, möchte ich noch einmal Mrs. Fainer sprechen.«

 

Er hatte eine merkwürdige Unterhaltung mit ihr. Als sie diesmal in den Raum trat, war ihr Schritt fester und sicherer, und die Apathie war aus ihren Zügen gewichen.

 

Und doch hatte ihre veränderte Haltung einen ganz anderen Grund, als er annahm.

 

»Ich habe es aufgegeben«, sagte sie. »Es ist am besten und wird mir am leichtesten. Ich wünschte nur, der Prozeß wäre schon vorüber.«

 

»So dürfen Sie nicht sprechen«, erwiderte er düster.

 

Einen Augenblick leuchteten ihre Augen auf, aber der Glanz erlosch sofort wieder.

 

»Mr. Rater, wenn mich die Geschworenen wirklich durch einen fast undenkbaren Glücksumstand für unschuldig erklärten, hätte das Leben doch keinen Zweck mehr für mich. Ich bin für immer gezeichnet. Ich müßte das Land verlassen, und mein Mann hat mir nichts hinterlassen. Noch kurz vor seinem Tode hat er sein Testament widerrufen, weil er glaubte, daß ich ihn vergiftet hätte. Ich fühle mich nicht mehr stark genug, mit einer solchen Bürde noch einmal den Kampf ums Dasein aufzunehmen.«

 

»Aber sie könnten doch wieder heiraten«, entgegnete der Redner, ohne sie anzusehen.

 

Sie schaute ihn sonderbar an.

 

»Was sind Sie doch für ein merkwürdiger Mann, Mr. Rater! Sie gleichen nicht ein bißchen den Beschreibungen, die ich von Ihnen in den Zeitungen gelesen habe.«

 

Er stand auf und räusperte sich.

 

»Sie müssen dem Leben ganz anders gegenübertreten.«

 

»Glauben Sie denn, daß mich die Geschworenen freisprechen?« fragte sie überrascht.

 

»Das glaube ich nicht nur, das weiß ich ganz sicher. Sehen Sie, die Putzfrau hat die Jacke aufgehoben, um die Hosen ihres kleinen Jungen damit zu flicken.«

 

Sie schaute ihn an, als ob sie einen Betrunkenen vor sich hätte, und er las ihre Gedanken in ihrem Blick.

 

»Nein, ich bin nicht verrückt«, sagte er und verließ das Zimmer schnell.

 

Der junge Detektiv war bei seinen Nachforschungen auf die Putzfrau gestoßen, und es war bereits ein Bericht nach Scotland Yard unterwegs, in dem Mr. Rater empfahl, den Mann ins Polizeipräsidium nach London zu versetzen.

 

Der Redner war zwei Tage in London, dann kam er mit dem Sechsuhrzug nach Burntown zurück. Sein Kollege holte ihn wieder an der Bahn ab.

 

»Ich habe wunschgemäß Mr. Brait gebeten, auf mein Büro zu kommen«, sagte er etwas kurz.

 

Es tat ihm bereits leid, daß er sich an Scotland Yard gewandt hatte.

 

»Aber ich möchte nicht haben, daß Sie ihn wieder beleidigen«, fuhr er fort. »Er war uns sehr behilflich und hat uns jede nur mögliche Information gegeben.«

 

»Ich weiß nicht, ob ich ihn ärgern werde oder nicht, aber ich habe herausgebracht, was Sie von mir wissen wollten, und damit sollten Sie doch eigentlich zufrieden sein.«

 

»Sie haben entdeckt, woher das Gift kam?«

 

Der Redner nickte, gab aber keine nähere Erklärung.

 

Als sie in das Polizeibüro kamen, waren schon zwei andere Beamte zugegen. Mr. Brait erhob sich lächelnd und begrüßte den Redner. Aber Mr. Rater übersah die Hand, die ihm der Mann reichen wollte.

 

»Wie lange wohnen Sie schon in Burntown?« fragte er ohne weitere Einleitung.

 

»Fünf Jahre.«

 

»Wo hielten Sie sich vorher auf?«

 

Mr. Brait erzählte es ihm.

 

»Hatten Sie dort auch eine Generalagentur?«

 

Der Zeuge nickte.

 

»Waren Sie sehr überrascht, als Mrs. Fainer sie bat, Arsen für sie zu kaufen?«

 

»Natürlich.«

 

»Sie haben vermutlich niemals mit Arsen gehandelt?«

 

»Nein«, entgegnete Mr. Brait mit fester Stimme.

 

»Sie haben niemals Arsen pfundweise von der Fabrik gekauft? Ich frage Sie das, weil ich beweisen kann, daß Sie an dem Tag, an dem Mr. Fainer erkrankte, ein eingeschriebenes Paket erhielten. In Ihren Büchern ist es als ›Chemikalien‹ eingetragen, aber ich habe die Firma in St. Helens gefunden, die es Ihnen lieferte.«

 

Brait nickte ruhig.

 

»Ja, ich kann mich jetzt entsinnen. Ich kaufte ein Pfund oder auch ein halbes – das weiß ich nicht mehr genau – und ließ es noch am selben Tage an einen Kunden in Schanghai weitergehen.«

 

»Wer war dieser Kunde?«

 

»Daran kann ich mich im Augenblick nicht erinnern.«

 

»Haben Sie den Einlieferungsschein für die eingeschriebene Sendung, die Sie nach Schanghai schickten?«

 

Mr. Brait zögerte eine Sekunde.

 

»Das Paket war nicht eingeschrieben.«

 

»Warum denn nicht? Sie haben doch der Firma in St. Helens Auftrag gegeben, Ihnen das Arsen eingeschrieben zu senden. Weshalb haben Sie es dann nach China gesandt, ohne diese Vorsichtsmaßregel zu ergreifen?«

 

Mr. Brait antwortete nicht.

 

»Um wieviel Uhr haben Sie es zur Post gegeben?«

 

»Um eins«, entgegnete Mr. Brait unvorsichtig.

 

Der Redner nützte sofort die Blöße aus, die sich der andere gegeben hatte.

 

»Das war zehn Minuten, bevor Sie Mrs. Fainer verließen. Sie hatten das Gift also damals in der Tasche?«

 

Mr. Brait wurde rot, dann bleich.

 

»Ich beantworte Ihnen keine Fragen mehr«, erwiderte er wütend.

 

»Im Gegenteil, Sie werden mir jede Frage beantworten, die ich an Sie stelle!« sagte der Chefinspektor scharf. »Sie gingen dann nicht gleich zur Post?«

 

»Nein, ich habe das Päckchen erst am Abend aufgegeben«, entgegnete Mr. Brait düster.

 

»Dann hatten Sie also das Arsen bei sich, als Sie bei Fainers zum Tee erschienen? Ich nehme an, daß das Paket in Ihrer Jackentasche aufgerissen war, als Sie nach Hause zurückkehrten. Am nächsten Tag haben Sie die Jacke verbrannt. Aber dabei hatten Sie Pech – die Putzfrau nahm sie an sich. Sie war nur angebrannt, auch die Tasche war heilgeblieben. Und darin habe ich Spuren von Arsen gefunden. Was sagen Sie dazu?«

 

Mr. Brait atmete schwer.

 

»Ich will Ihnen noch etwas mitteilen«, fuhr Mr. Rater fort. »Vor fünf Jahren haben Sie schon einmal Arsen von einer Firma in Glasgow bezogen, aber erst neulich, als der Lieferant Sie in London traf, haben Sie die Sendung bezahlt. Der Mann wird als Zeuge geladen, um Sie bei der Verhandlung zu identifizieren. Seinerzeit wurde das Arsen nach der Stadt geschickt, in der Sie früher wohnten und auch eine Generalagentur hatten. Jenes Arsen haben Sie wohl auch nach China geschickt?«

 

Mr. Brait antwortete wieder nicht.

 

»Drei Tage darauf starb Ihre erste Frau!«

 

Jetzt sprang der Mann wütend auf.

 

»Was behaupten Sie da?« schrie er außer sich. »Warum sollte ich denn Mr. Fainer umbringen – er war doch mein bester Freund!«

 

»Weil Sie seine Frau liebten und ihr in Ihren Briefen den Vorschlag machten, mit Ihnen zu fliehen.«

 

»Dann müssen Sie aber erst diese Briefe als Beweis vorlegen!«

 

»Das werde ich auch tun. Ich habe sechs Stück in einem Kasten von Mrs. Fainer gefunden. Sie selbst glaubte allerdings, sie wären herausgenommen worden, aber das stimmte nicht. Die Tinte war nur vollständig verblaßt. Und wer Liebesbriefe mit unsichtbarer Tinte schreibt, ist ein Schuft. Verhaften Sie ihn!«

 

Ein Beamter sprang zur Tür, um Mr. Brait abzufangen, als er hinauseilen wollte. Einen Augenblick blieb der Verbrecher stehen, als ob er nicht wüßte, was er tun sollte, dann riß er den Revolver aus der Tasche, bevor der Redner ihn erreichen konnte.

 

Ein Schuß krachte, und Mr .Brait fiel zu Boden.

 

Die Verhandlung gegen Mrs. Fainer, die ihren Mann ermordet haben sollte, war nur ganz kurz, und nachher nahm sie der Redner in seinem Sportwagen nach London mit. Unterwegs sprach er aber nur einmal, und zwar als sie auf der Spitze eines Hügels haltgemacht hatten. Man hatte dort einen wundervollen Ausblick über ein weites, prächtiges Tal, durch das sich in vielen Windungen ein Fluß hinzog. Er sprach allerdings lange und eindringlich.

 

Seine Frau erinnerte ihn später noch oft an diese folgenschwere Durchbrechung seines heiligen Prinzips.

 

Die Gedankenleser

 

Die Gedankenleser

 

»Es gibt keine Polizei auf der Welt, die einen wirklich intelligenten Verbrecher mit Erfolg bekämpfen könnte«, schrieb Len Witlon in einem Artikel, der in den hervorragendsten Zeitungen Amerikas erschien. »Man kann ihn unmöglich fassen, wenn er seine Pläne ernst und vorsichtig vorbereitet und sie rücksichtslos zur Ausführung bringt.«

 

Len Witlon beherrschte fünf Sprachen und hatte Freunde und Verbündete in wenigstens einem Dutzend europäischer Gefängnisse. Er selbst war zwar schon in Untersuchungshaft gewesen, aber noch niemals verurteilt worden.

 

In Paris konnte man ihn in der American Bar des Hotels Claridge und in anderen vornehmen Lokalen treffen. Gelegentlich machte er eine Kur in Vichy oder in Baden-Baden, auch besuchte er berühmte Moorbäder in der Tschechoslowakei. Er war eitel, trat sehr elegant auf und war ängstlich darauf bedacht, seinen Ruf als Kavalier zu wahren.

 

»Um Einbrüche erfolgreich durchzuführen, muß man psychologisch denken können. Es genügt nicht, die drohenden Gefahren zu kennen, man muß vor allem auch die Gedankengänge der Gegner verstehen. Das ist das wichtigste bei solchen Unternehmungen. Der Erfolg kann auf die Dauer nur einem Mann treu bleiben, der ein tüchtiger Organisator ist und seinen Verbündeten unverbrüchliche Treue hält.«

 

Chefinspektor Rater las diesen interessanten Artikel so oft durch, daß er ihn beinahe auswendig wußte. Er schnitt ihn auch aus und klebte ihn in ein Buch, um sich daran zu erinnern, wenn Len Witlon eines Tages seine Tätigkeit in England aufnehmen sollte.

 

»Sagen Sie Ihrem Freund«, bemerkte er eines Tages zu einem Vertrauten des großen Verbrechers, »wenn er sich hier in London sehen läßt, stecken wir ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit ins Loch. Dann findet er vierzehn Jahre lang keine Gelegenheit mehr, sich von Zeitungsleuten interviewen zu lassen.«

 

Eines schönen Tages nahm Len diese Herausforderung an …

 

*

 

Gemächlich ging Polizist Simpson auf seinem Patrouillengang über den Burford Square zur Ecke der Canford Street. Er hatte sich für elf Uhr mit seinem Kollegen Harry verabredet, der den benachbarten Bezirk überwachte, um mit ihm die unterbrochene Unterhaltung über seinen Schwager fortzusetzen. Dieser Mann war nämlich nach Kanada gegangen und hatte seine Frau mit ihren drei Kindern einfach sitzenlassen.

 

Ungefähr zu gleicher Zeit kamen die beiden am Treffpunkt an, und das interessante Thema wurde sofort wieder in Angriff genommen.

 

»Ich habe meiner Schwester immer gesagt, daß sie eigentlich selbst daran schuld ist, und daß …«

 

Simpson brach ab, denn plötzlich gellten furchtbare Schreie durch die Stille der Nacht. Sie kamen aus einem dunklen Haus in der Nähe.

 

»Mord … Mord!«

 

Die beiden Beamten eilten zu dem Gebäude, so schnell sie konnten. Auf den Stufen zu Nr. 95 stand ein junges Mädchen. In dem schwachen Schein einer entfernten Straßenlaterne sahen sie ihr weißes Nachthemd.

 

»Hilfe …! Ach, Gott sei Dank, daß Sie kommen!«

 

Sie trat vor den beiden durch die offene Tür in den dunklen Flur.

 

»Ich hörte, wie sie miteinander kämpften und wie er um Hilfe rief«, berichtete sie atemlos und verstört. »Und ich versuchte, in sein Zimmer einzudringen …«

 

Sie tastete nach dem elektrischen Schalter und drehte das Licht an. Eine große Lampe an der Decke verbreitete gelbliches Licht.

 

»Was ist denn los? Welches Zimmer meinen Sie denn?« fragte Simpson schnell.

 

Sie zeigte mit zitternder Hand die Treppe hinauf. Ihre Züge zeigten eine auffallende Blässe, aber sie war sehr schön.

 

»Häng doch der Dame einen Mantel um, Harry«, sagte Simpson und deutete auf einen Ständer in einer Nische, an dem Hüte und Kleider hingen. »Sie müssen uns das Zimmer zeigen«, wandte er sich dann an sie.

 

Aber sie schüttelte den Kopf und starrte die beiden entsetzt an.

 

»Nein, nein, das kann ich nicht … Es liegt am ersten Treppenabsatz – nach vorne hinaus. Man kann von dort aus auf den Platz sehen –«

 

Die Polizisten stürzten die Stufen hinauf, und als sie auf dem Podest ankamen, leuchtete die Deckenlampe auf. Wahrscheinlich befand sich der Schalter hierzu auch unten, denn oben konnten sie keinen entdecken. Sie standen vor einer Mahagonitür mit vergoldeten Schnitzereien und einem schönen Griff.

 

Simpson, dessen Schwager nach Kanada durchgebrannt war, drückte die Klinke herunter. Die Tür war aber von innen verschlossen.

 

»Öffnen Sie!« rief er und rüttelte heftig daran.

 

Aber niemand kam der Aufforderung nach, und als er aus Versehen die Klinke wieder berührte, gab die Tür plötzlich nach.

 

Sie traten in einen weiten Raum, der die volle Breite des Hauses einnahm. Ein Kristallkronleuchter brannte, und Simpson sah einen großen Mahagonischreibtisch vor sich. Dahinter zeigte sich ein kostbarer Marmorkamin, der elektrisch geheizt wurde. Als sie um den Schreibtisch herumgingen, entdeckten sie auf dem Boden einen Mann. Er war in Abendkleidung und packte mit einer Hand krampfhaft die Ecke des Kamins. Die andere war halb erhoben, als ob sie einen Schlag abwehren wollte.

 

»Er ist tot – erschossen … Sieh doch hin!«

 

Harry zeigte auf den Blutfleck über dem Herzen des Mannes.

 

Simpson starrte auf ihn nieder. Es war das erste schwere Verbrechen, das er im Dienst erlebte, und sofort durchzuckte ihn der Gedanke, welch große Bedeutung das für ihn und seine Karriere haben könnte. Dadurch geriet er jedoch in große Verwirrung; außerdem erinnerte er sich im Augenblick nur noch dunkel daran, wie man sich als Polizist unter solchen Umständen zu verhalten hatte.

 

»Niemand darf ins Zimmer kommen«, sagte er heiser und sah sich weiter um. Die große Glastür zum Balkon stand offen. Er trat hinaus und leuchtete mit seiner Taschenlampe das Geländer ab.

 

Ein Strick war um die Handleiste geschlungen und reichte bis nach unten zu den Treppenstufen vor der Haustür. Er mußte erst nach ihrem Eintritt ins Haus angebracht worden sein, sonst hätten sie direkt dagegenstoßen müssen.

 

»Der Täter ist entwischt, während wir mit der Dame sprachen«, erklärte Simpson. »Komm, wir wollen wieder nach unten gehen.«

 

Sie eilten wieder in den Flur hinunter, aber von der jungen Dame war nichts mehr zu sehen. Sie mußte auf ihr Zimmer gegangen sein. Das Haustor war verschlossen. Simpson drückte die Klinke herunter, aber die Tür bewegte sich nicht. Er versuchte es ein zweites Mal mit Gewalt, aber sie war mit schweren Stahlschienen beschlagen und rührte sich nicht von der Stelle.

 

»Sie ist doppelt gesichert. Das muß die junge Dame getan haben. Rufe sie doch und lasse dir den Schlüssel von ihr geben.«

 

Harry versuchte die nächste Tür – sie war auch verriegelt, ebenso eine zweite. Nur die dritte, die in den hinteren Teil des Hauses führte, ließ sich öffnen. Er kam in die Küche, und beim Schein seiner Taschenlampe sah er eine Tür, die nur angelehnt war. Er vermutete, daß es sich um die Garage handelte. Das große Tor zur hinteren Straße stand weit auf, und die beiden Flügel pendelten im Nachtwind.

 

Harry ging zu seinem Kollegen zurück.

 

»Warte hier«, befahl Simpson, der der Dienstältere war, und rannte zur hinteren Nebenstraße.

 

Mit zitternden Fingern zog er die Trillerpfeife heraus und pfiff schrill. Dann rannte er um das Gebäude herum und kam gerade vor der Haustür an, als zwei Polizisten und ein Mann in Zivil herbeieilten.

 

Chefinspektor Rater war zu einem bestimmten Zweck in die Gegend gekommen, aber als er das laute Alarmsignal horte, verfolgte er seine eigenen Pläne nicht weiter, sondern wandte sich der neuen Aufgabe zu.

 

Atemlos erzählte der Polizist, was vorgefallen war, während er mit dem Chefinspektor in die hintere Nebenstraße zurückkehrte.

 

»Schon gut«, sagte der Redner ungeduldig. »Einer von den Leuten bleibt vor der Haustür und rührt sich nicht von der Stelle.«

 

»Wo ist die junge Dame?«

 

Harry hatte weder etwas von ihr gesehen noch gehört. Er äußerte aber die Meinung, daß sie wahrscheinlich ohnmächtig geworden sei. Als Familienvater wußte er aus Erfahrung, was Frauen zustoßen kann, wenn sie sich zu sehr aufregen.

 

Der Chefinspektor war schon halb die Treppe hinaufgestiegen und hörte nicht mehr, was Harry zur Erklärung vorbrachte.

 

»Das ist das Zimmer«, rief Simpson.

 

Der Redner drückte die Türklinke herunter.

 

»Verschlossen«, sagte er kurz, bückte sich und schaute durch das Schlüsselloch.

 

Er konnte sehen, daß die Glastür zum Balkon weit offenstand, wandte sich um und stellte eine Frage.

 

»Ja, ich habe sie aufgelassen. Am Geländer war ein Tau angebunden. Der Täter muß auf diese Weise entkommen sein.«

 

»Helfen Sie mir«, erwiderte der Redner.

 

Mehrmals stießen die beiden gleichzeitig mit ihren kräftigen Schultern gegen die Füllung. Plötzlich brach das Schloß, und die Tür sprang auf …

 

»Na, wo ist denn der Tote?«

 

Simpson starrte bestürzt auf den Boden, aber an der Stelle, wo der Ermordete noch eben gelegen hatte, war nichts mehr zu sehen. Das Zimmer war vollkommen leer!

 

Mr. Rater schaute erst auf den Polizisten, dann auf den Boden und schließlich zum Fenster hinaus. Im gleichen Augenblick dachte er an das Haus des Marquis Perello, das auf der anderen Seite des Platzes lag. Aus zwei Gründen dachte er daran. Erstens war Len Witlon in London, und zweitens befanden sich drüben in einem nicht allzu sicheren Safe vier Päckchen geschliffener Smaragde, die erst vor ein paar Tagen aus Argentinien angekommen waren. Die Steine sollten an eine hohe Persönlichkeit in Italien abgeliefert werden. Der Marquis hatte die Polizei benachrichtigt, und der Redner hatte deshalb einen Polizeiposten vor und hinter dem Hause aufgestellt. Er kannte die Namen der beiden Beamten und lehnte sich über das Geländer.

 

»Ist Walton hier?«

 

»Jawohl.«

 

»Martin auch?«

 

»Jawohl!« ertönte eine zweite Stimme.

 

»Ich möchte nur wissen, warum ausgerechnet Sie hierhergelaufen sind! Sie sollten doch drüben auf Ihrem Posten bleiben!«

 

Mr. Raters Schrecken war nicht gering, denn er wußte, wie schnell Len Witlon arbeitete. Er wartete nicht erst, bis die Haustür geöffnet werden konnte, sondern ließ sich an dem Tau auf die Straße hinunter. Fünf Minuten später klopfte er an der Haustür des Marquis Perello. Aber er mußte lange warten. Der Marquis war mit seiner Frau im Theater, die drei Dienstmädchen hatte man im oberen Geschoß eingeschlossen, und der Hausmeister, der mit geladener Pistole den Safe bewachen sollte, lag im Wohnzimmer bewußtlos auf dem Boden. Er war mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen worden. Und der Safe stand offen.

 

»Len hat mit vier Leuten gearbeitet«, erklärte der Redner mit philosophischer Ruhe.

 

Len Witlon arbeitete stets auf diese Weise. Also hatte Mr. Rater keine große, neue Entdeckung gemacht. Wenn ein Streich gelungen war, trennten sich die Komplicen und verließen das Land auf verschiedenen Wegen.

 

Len machte niemals den Fehler, auf althergebrachte Weise vorzugehen; seine Methoden waren originell und einzigartig. Niemand außer Len hätte ein möbliertes Haus am Burford Square gemietet, um dort mit vieler Mühe einen Mord vorzutäuschen. Dadurch versammelte er die ganze Polizei der Gegend an dem vermeintlichen Ort des Verbrechens und lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem anderen Haus ab, in das er einbrechen wollte.

 

Eine genaue Durchsuchung des Gebäudes brachte nichts Neues an den Tag, nur fand man im Kamin des Speisezimmers eine Anzahl verkohlter Papiere und einen kleinen roten Zettel, der nur halb angebrannt war. Die Aufzeichnungen darauf handelten offenbar von Reisewegen, Berechnungen von Fahrpreisen und dergleichen mehr. Mr. Rater steckte ihn sorgsam in die Tasche und zog möglichst viele Erkundigungen ein. Der einzige Anhaltspunkt wurde am nächsten Morgen von einem Polizisten geliefert, der an der Ecke der Queen Victoria und der Cannon Street den Verkehr regelte. Er hatte einen Wagen mit einer Dame beobachtet. Ganz sicher war er allerdings nicht, daß es sich wirklich um eine Frau gehandelt hatte. Aber er nahm es an. Sie schlüpfte gerade in ein Kleid, als er sie sah, und Kopf und Oberkörper waren davon verdeckt.

 

Die Nachforschungen auf dem Bahnhof Cannon Street blieben erfolglos, denn dort war während der fraglichen Zeit keine Dame in einem Auto angekommen. Sie mußte also weiter nach Osten gefahren sein.

 

Der Redner war ein guter Psychologe und kannte auch den Charakter des Verbrechers. Witlon war gegen Damen stets zuvorkommend und hatte sich bestimmt davon überzeugt, daß seine schone Verbündete in Sicherheit war.

 

Polizist Simpson war vollständig niedergeschmettert, daß sich sein erster Mordfall wieder in Dunst und Nebel aufgelöst hatte. Der Redner fragte ihn nach der Dame, die um Hilfe gerufen hatte.

 

»Sie sprach mit einem fremden Akzent«, erwiderte Simpson.

 

»Ich will jedes Wort hören, das sie Ihnen gesagt hat.«

 

Der Polizist dachte intensiv nach und rieb sich eifrig seine Stirn, um seinem Gedächtnis nachzuhelfen. Aber er hatte die Unterredung vollkommen vergessen.

 

»Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Es ist mir nur aufgefallen, daß sie trotz allen Stöhnens und Seufzens nach ihrer Armbanduhr sah. Das habe ich zweimal genau beobachtet.«

 

»Es war doch gegen elf?«

 

Der Polizist meinte, es wäre etwas später gewesen.

 

»Die Sache ist mir jetzt vollkommen klar«, sagte Mr. Rater.

 

Als Simpson gegangen war, zog der Redner einen kleinen Briefumschlag mit dem halbverbrannten roten Zettel aus der Tasche und rekonstruierte die Aufzeichnungen …

 

Ein britischer Torpedobootzerstörer sichtete eines Morgens im Golf von Biskaya den Passagierdampfer »Emil«. Bald holte er ihn ein und signalisierte dem Kapitän zu stoppen. Es war ein Vergnügungsdampfer, der eine Reisegesellschaft nach Marokko und Madeira bringen sollte. Von London war er um Mitternacht abgefahren, kurz nach dem Einbruch im Hause des Marquis Perello.

 

Die hübsche Spanierin Avilez, die sich auch unter den Passagieren befand, wurde von allen als Schönheit bewundert. Erst im letzten Augenblick war sie an Bord gekommen. Sie protestierte heftig gegen ihre Verhaftung und hätte bei dem Versuch, ein kleines Paket über Bord zu werfen, beinahe das Tintenfaß über ihr Tagebuch geschüttet.

 

Das war recht seltsam, denn das Päckchen enthielt siebzehn geschliffene Smaragde, von denen keiner unter zehn Karat hatte.

 

Kurz nach ihrer Ankunft in London verhörte Mr. Rater die Gefangene. Alle seine Fragen beantwortete sie mit einem Hochmut, wie man ihn nur bei Spanierinnen findet.

 

Am nächsten Morgen erschien in der Londoner Presse eine Mitteilung, die der Redner selbst sehr sorgfältig ausgearbeitet hatte. Schriftlich drückte er sich etwas ausführlicher aus als mündlich.

 

Ein Teil der Beute aus dem Einbruch bei Marquis Perello ist bei der Verhaftung einer gewissen Inez Avilez gefunden worden. Der Leiter der Bande, die den überaus schlau durchdachten Plan zur Ausführung brachte, hat dieser jungen Dame offensichtlich einen Weg zur Flucht angegeben, den man leicht verfolgen konnte. Dadurch hat er sich selbst in Sicherheit gebracht. Wahrscheinlich wollte er sie nur als Lockvogel benützen, um die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken.

 

Und einen Tag nach der Verurteilung der schönen Spanierin brachten die Zeitungen eine zweite, wohlberechnete Notiz, die ebenfalls der Redner verfaßt hatte.

 

Diese Frau wurde kaltblütig von dem Mann geopfert, der den Einbruch plante, und sie muß nun die Strafe für sein Verbrechen büßen.

 

»Ich habe Witlon jetzt so gut wie sicher«, berichtete der Redner kurz.

 

Seine Vorgesetzten wußten jedoch, daß nicht die geringsten Anhaltspunkte vorlagen, um Len Witlon mit diesem Verbrechen in Zusammenhang zu bringen. Im Gegenteil, er hatte ein vollkommenes Alibi und konnte Zeugen dafür benennen, daß er sich zur Zeit des Einbruchs in Frankreich aufgehalten hatte.

 

»Auch ich bin ein Gedankenleser«, erwiderte der Redner, als sie ihn um Auskunft fragten. »Gerade in diesem Moment weiß ich, was Witlon sagt und plant. Und was er gerade in dieser Minute über mich äußert, ist so gemein, daß ich mich noch im Grabe umdrehen könnte. Aber glücklicherweise bin ich noch nicht tot.«

 

Mr. Len Witlon hatte einen hervorragenden Helfer, einen gewissen Mr. John B. Stimmings, der ihn auf seine Aufforderung hin in Aix besuchte. Stimmings ahnte allerdings nicht in welcher Gemütsverfassung sich sein Herr und Meister befand.

 

»Die Sache mit Inez ist sehr unangenehm«, meinte er, als er in das prachtvoll ausgestattete Wohnzimmer trat und die Tür schloß. »Sie ist allerdings tüchtig und gerissen, und ich möchte wetten, daß Rater sie nur durch einen Trick gefangen hat. Sie ist in eine Falle gegangen.«

 

»Dazu ist der Mensch doch viel zu dumm«, entgegnete Len erregt. Sein sonst so hübsches Gesicht war von Wut und Ärger entstellt. »Den Redner nennen sie ihn? Na, ich werde ihn schon zum Reden bringen! Sehen Sie sich einmal das an!«

 

Er warf zwei Zeitungsausschnitte auf den Tisch.

 

»Mir konnte er selbstverständlich nichts anhaben. Die Geheimpolizei ist am nächsten Morgen bei mir gewesen, aber ich lag friedlich in meiner Villa in Auteuil im Bett.«

 

»In Paris erzählt man sich, daß Sie bald aus Frankreich ausgewiesen werden sollen –«

 

»Das ist doch purer Blödsinn. Die wissen ganz genau, daß ich in Frankreich nichts anrühre. Aber ich werde nach England gehen und mir diesen Redner einmal vornehmen!«

 

Mr. Stimmings sah ihn bestürzt an.

 

»Da mache ich aber nicht mit«, erklärte er sofort. »Für mich lösen Sie keine Fahrkarte, und für sich brauchen Sie kein Retourbillett zu nehmen. Ich glaube, Sie sind verrückt!«

 

Die Andeutung, daß sein Plan nichts taugte, entlockte Len nur ein verächtliches, mitleidiges Lächeln.

 

»Sie kennen mich doch, Stimmings. Ich weiß genau, was dieser verfluchte Kerl denkt. Ich sehe direkt, wie es in seinem Kopf aussieht. Erinnern Sie sich noch, daß ich seinerzeit die Perlenkette der Infantin stahl und vier Tage später nach Madrid zurückfuhr? Hat mich da jemand erkannt? Ich will dem Redner einmal zeigen, was ich kann. Jetzt kommt mein Meisterstück – Sie werden staunen!«

 

Er hätte auch noch hinzusetzen können, daß es ein häßlicher Racheplan war, denn in einer schlaflosen, unruhigen Nacht dachte er ein Verbrechen aus, wie er es bisher noch nicht begangen hatte.

 

Eine Woche später kam ein älterer Engländer in London an, der sich in einem der besten Hotels als Oberst Pershin einschrieb. Er besaß einen britischen Reisepaß und war offenbar ein nervöser, leicht reizbarer Herr, der keine besondere Beschäftigung hatte. Er wohnte im Wheetam-Hotel, das einerseits sehr abgelegen und ruhig, andererseits sehr elegant war. Mit besonderem Eifer las er die Zeitungen.

 

Ein paar Tage nach der Ankunft Pershins erhielt der Redner einen parfümierten Brief, der von einer Dame geschrieben sein mußte. Die Unterschrift lautete: »Eine, die es weiß.«

 

Wenn Sie wissen wollen, wo sich der Rest der gestohlenen Smaragde des Marquis Perello befindet, kann ich es Ihnen sagen. Da ich weiß, daß Sie als Polizeibeamter ein solches Versprechen nicht geben können, darf ich Sie auch nicht darum bitten, mir etwas darüber zu schreiben. Ich komme am Sonnabend um acht Uhr abends nach Scotland Yard. Werden Sie dann in Ihrem Büro sein?

 

Der Redner las diese Mitteilung mehrmals durch. Wenn Frauen die Hand im Spiel hatten, erschien ihm nichts unmöglich. Trotzdem hatte er den Eindruck, daß der Brief von Mr. Witlon oder in dessen Auftrag geschrieben worden war.

 

Lange Zeit stand er an seinem Fenster, sah auf das Themseufer und den Fluß hinunter und versuchte, sich in die Lage seines Feindes zu versetzen.

 

Zu jener Zeit regierte in Scotland Yard ein sehr unbeliebter Abteilungsleiter, der den Redner nicht leiden konnte. Es war Major Dawlton, der seine frühere Dienstzeit bei der indischen Polizei zugebracht hatte. Er war ein unverbesserlicher Theoretiker und besaß außerdem die schlechte Eigenschaft, die ihm unterstellten Beamten bei der Ausübung ihrer Pflichten zu hindern.

 

Eines Tages ließ er den Redner zu sich ins Büro kommen.

 

»Hören Sie einmal, Mr. Rater«, begann er etwas von oben herab, »das kann aber nicht so weitergehen. Sie packen die Sache wieder ganz verkehrt an. Es ist doch unerhört, daß diese wertvollen Smaragde direkt unter der Nase der Polizei gestohlen worden sind – um so mehr bedauerlich, als Sie vorher gewarnt waren und den besonderen Auftrag hatten, den Eigentümer zu schützen. Haben Sie die Morgenzeitungen schon gelesen?«

 

»Ich kann keine Zeitungen lesen«, erwiderte der Chefinspektor müde und machte eine lange Pause, so daß sein Vorgesetzter vor Wut beinahe einen Schlaganfall bekam. »Ich meine, wenn ich etwas anderes zu tun habe.«

 

»Es ist ein Skandal, Mr. Rater! Wirklich, ich schäme mich schon vor meinen Freunden im Klub. Die erkundigen sich bereits, warum wir denn keine Privatdetektive einstellen. Und ich muß unter diesen Umständen beinahe glauben, daß sie recht haben.«

 

»Um Len Witlon zu fangen, brauchen Sie keine Privatdetektive. Dazu brauchen Sie Gedankenleser.«

 

»Was für ein Blödsinn!« entgegnete der Major heftig.

 

*

 

An diesem friedlichen Sonnabendnachmittag war es in Scotland Yard so heiß, daß die Doppelfenster offenstanden. Die verlassenen Werften und Lagerhäuser, die das südliche Ufer der Themse begrenzen, lagen im prallen Sonnenschein.

 

Die Straßenbahnen waren mehr oder weniger leer, und am Ufer gingen Männer mit ihren Frauen und Kindern spazieren.

 

Chefinspektor Rater nahm mit einem Seufzer den Klemmer ab, faltete den Brief, den er noch einmal gelesen hatte, und steckte ihn wieder in den Umschlag. Nachdenklich sah er durch das offene Fenster. Ein Schlepper zog eine Reihe von Kähnen, die mit Bauholz hoch beladen waren, langsam den Strom hinauf. Am Ufer lehnten ein paar Leute am Geländer.

 

Der Redner wandte sich um, als sich die Tür öffnete und Major Dawlton hereinkam. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er seinem Vorgesetzten das Schreiben. Der Major klemmte das Monokel ins Auge, las und lächelte dann höhnisch.

 

»Da haben wir es wieder. Wenn heutzutage in Scotland Yard überhaupt noch etwas herauskommt, dann hat man es Zwischenträgern und Spitzeln zu verdanken. Ich möchte die Frau sehen.«

 

»Wenn sie kommt«, erwiderte der Redner gelassen.

 

»Sie glauben, daß es sich um einen dummen Scherz handelt? Der Ansicht bin ich durchaus nicht. Wahrscheinlich ist es eine eifersüchtige Verbündete, die schlecht behandelt worden ist. Solche Briefe sind täglich nach Scotland Yard gekommen, solange ich hier bin.«

 

»Ganz recht, sie sind gekommen, solange ich hier bin – also seit siebzehn Jahren.«

 

Der Major war wütend über diese anzügliche Bemerkung, sagte aber nichts darauf.

 

»Sie wird nicht kommen, aber er«, meinte der Redner nach einer kurzen Pause.

 

»Sie meinen Len Witlon? Unsinn! Wir wissen doch genau, daß er in Frankreich ist. Diese gemeinen Kerle tragen ihre Haut nicht so leicht zu Markt. Und sollte er tatsächlich kommen, dann haben wir genügend Beweismaterial, um ihn des Einbruchs und des Diebstahls zu überführen. Heute abend um acht bin ich hier.«

 

»Kommen Sie lieber eine Viertelstunde später«, entgegnete der Redner giftig und sah seinen Vorgesetzten böse nach.

 

*

 

Major Dawlton saß vor dem Schreibtisch und gähnte.

 

»Sie hat Sie versetzt!« bemerkte er.

 

»Ich sagte Ihnen ja gleich, daß Sie nicht um acht kommen sollten.« Der Redner lehnte mit dem Rücken an der Wand und sah düster auf seinen Vorgesetzten herunter.

 

Der Major zog die Uhr.

 

»Eine Viertelstunde will ich noch zugeben –«

 

Im gleichen Augenblick summte ein Geschoß an ihm vorüber. Er fühlte es an dem scharfen, kurzen Luftzug und wandte sich erschrocken um. Das Glas einer gerahmten Fotografie splitterte, und die Scherben fielen klirrend zu Boden.

 

Einen Abschuß hatte man nicht gehört.

 

In der nächsten Sekunde sprang der Major auf und eilte ans Fenster.

 

Ein zweites Geschoß schlug in das Fensterbrett ein, prallte ab und riß Stuck und Putz von der Decke.

 

»Ich würde von dem Fenster weggehen«, warnte der Redner liebenswürdig. »Ich habe gehört, daß Len Witlon ein Scharfschütze ist. Allerdings dachte ich, er würde das Feuer von einem gegenüberliegenden Haus eröffnen. Die Sache mit dem Boot ist tatsächlich eine glänzende Idee!«

 

Dawlton war kreidebleich.

 

»Was, der Kerl schießt?« rief er. »Und dazu noch auf mich!«

 

»Die Kugeln galten mir«, erwiderte Mr. Rater nachdenklich. »Ich hoffe nur, daß unsere Beamten ihn fassen.«

 

Noch während er sprach, beobachtete er, wie zwei Motorboote der Strompolizei aus ihren Verstecken am Ufer in den Fluß glitten. Sie steuerten auf ein einzelnes Fahrzeug in der Mitte des Stromes zu.

 

»Es hat geklappt«, erklärte der Chefinspektor. »Jetzt haben wir wenigstens einen schwerwiegenden Grund, um ihm den Prozeß zu machen.«

 

»Nach mir zu schießen – unerhört!« beschwerte sich der Major, aber seine Stimme klang ängstlich.

 

»Ich habe Ihnen ja geraten, nicht zu kommen«, entgegnete der Redner. Der vergnügte Ausdruck seines Gesichts stand in krassem Gegensatz zu dem teilnehmenden Ton, in dem er sprach.

 

*

 

»Die Sache war gar nicht so schlecht ausgedacht«, berichtete Mr. Rater dem Polizeipräsidenten. »Witlon kannte meine Vorliebe für frische Luft. Er muß die Gegend vorher genau ausgekundschaftet und dabei entdeckt haben, wie leicht es ist, vom Fluß aus durch die offenen Fenster in mein Büro zu sehen. Daß er in England war, wußte ich natürlich – einer meiner Leute hat ihn erkannt, als er mit dem Dampfer von Le Havre in Southampton ankam.«

 

Der Polizeipräsident sah ihn durchdringend an.

 

»Aber Sie haben sich doch wohl nicht träumen lassen, daß er in Ihr Büro schießen würde? Sonst hätten Sie doch sicher dem Major nicht gestattet, daß er zu Ihnen kam?«

 

Der Redner seufzte tief und antwortete erst nach kurzer Überlegung.

 

»Ich glaube nicht«, sagte er dann langsam.

 

Die zwei ungleichen Brüder

 

Die zwei ungleichen Brüder

 

Mr. Rater mischte sich niemals in die Amtshandlungen eines Untergebenen ein, wenn es nicht dringend notwendig war. Der Untergebene war in diesem Fall ein einfacher Polizist, und er hatte die Aufgabe, Mrs. Stalmeester von dem bewußtlos am Boden liegenden Hausverwalter wegzureißen, der die Mieten einkassieren wollte. Der Mann hatte gedroht, sie auf die Straße zu setzen, wenn sie nicht ihre Miete zahlen würde. Daraufhin warf ihm die alte Frau einen Steinkrug an den Kopf, so daß er die Besinnung verlor. Wahrscheinlich kannte er ihren Charakter nicht genügend, sonst hätte er sofort den Rückzug angetreten, als sie nach dem Krug griff.

 

Sie war nahezu sechzig, groß und kräftig gebaut und hatte muskulöse Arme wie ein Hafenarbeiter. In ihrem Streit fand sie natürlich die Unterstützung aller Bewohner des Hauses Keller Row, Nr. 79, denn bei diesen Leuten waren Mieteinnehmer, Schulinspektoren und Polizisten gleich verfemt und verhaßt.

 

Als ein Parteigänger von Mrs. Stalmeester einen Spitzhammer packte, um den Polizisten anzugreifen, hielt es Chefinspektor Rater für nötig, einzugreifen.

 

Er riß die Frau von dem Bewußtlosen weg und zwang mit einem wohlgezielten Faustschlag den Mann mit dem Spitzhammer, sich von dem Schauplatz zurückzuziehen. Schließlich packte er Mrs. Stalmeester und trug sie in den Polizeiwagen, und als sie weiter tobte und wütete, half er, sie festzuschnallen. Eine halbe Stunde später mußte sie sich auf der Polizeistation verantworten. Sie erklärte in gebrochenem Englisch und vielen flämischen Worten, daß sie das Opfer eines gemeinen Angriffs sei, bis der Redner sie scharf zurechtwies und sie an ihre früheren Sünden erinnerte, die sie schon mehrfach mit der Polizei in Berührung gebracht hatten.

 

Sie war eine böse, gewalttätige Frau und der Schrecken ihrer Nachbarschaft. Fünfzehn Jahre lang hatte sie die Schweden, die Holländer und Schotten tyrannisiert, die in Keller Row in Greenwich wohnten. Die meisten von ihnen waren Seeleute und nahmen in unregelmäßigen Zwischenräumen auf den Schiffen Dienst, die von den Victoria-Docks abfuhren.

 

Mrs. Stalmeesters schimpfte noch eine Weile über die Gesetze und die Polizei, aber schließlich beruhigte sie sich.

 

»Fünfzehn Jahre wohne ich nun schon in der Gegend, und noch nie habe ich einen Streit mit jemand gehabt. Im Gegenteil, ich habe immer ruhig und zurückgezogen gelebt. Mein Sohn gibt mir sechs Pfund wöchentlich. Ich habe mich noch mit keinem Menschen verkracht, nur einmal mit meinem Bruder, aber das ist schon furchtbar lange her …«

 

Dann erzählte sie naiv eine Geschichte aus ihrem früheren Leben, ohne sich bewußt zu werden, daß sie damit ein Vergehen gegen Gesetz und Ordnung bekannte. Sie war sogar stolz auf ihre Handlungsweise. Mr. Rater hörte zu, ohne etwas zu erwidern.

 

Die Sache war vor vielen Jahren passiert, und schließlich handelte es sich dabei nur um Formalitäten. Deshalb wollte er gegen die Frau nichts unternehmen. Aber er war doch neugierig genug, die Angaben auf ihre Wahrheit hin nachzuprüfen.

 

Am nächsten Morgen wurde Mrs. Stalmeester von dem Polizeigericht mit einer empfindlichen Geldstrafe belegt, und außerdem erhielt sie eine ernste Verwarnung. Sie zahlte die Summe und die fällige Miete. Geld hatte sie genug, aber sie war von Natur aus geizig. Dann kehrte sie wieder in ihre Wohnung zurück, wo sie im darauffolgenden Winter starb.

 

Der Redner erfuhr nichts von ihrem Tod. Er war zu jener Zeit durch den Diamantendiebstahl in Chislehurst vollauf in Anspruch genommen. Der Fall lag ziemlich kompliziert, und obwohl man die Diebe fassen konnte, verzögerte sich ihre Verhaftung durch ungünstige Umstände so lange, bis die vierzehn großen Diamanten aus Lady Teighmounts altmodischem Diadem beiseite geschafft worden waren. Die alte, wertlose Goldfassung fand man allerdings. Der Redner war von diesem Resultat nicht gerade sehr befriedigt.

 

»Ich sage Ihnen die reine Wahrheit, Mr. Rater«, erklärte Harry Selt, der Hauptschuldige. »Ich habe die Steine einem Juden verkauft, seinen Namen kenne ich nicht. Er arbeitet mit einem großen Mann auf dem Festland zusammen. Nur zweihundert Pfund hat er mir dafür gegeben – damit kann man keine Sprünge machen. Ich habe gar keinen Grund, Ihnen was vorzulügen. Sie wissen ja selbst, wie viele Leute Sie deswegen schon ins Gefängnis gebracht haben.«

 

Mehr bekam der Redner aus Harry nicht heraus, und das war sehr unangenehm. Lady Teighmount war nämlich entfernt verwandt mit einem der Minister, und dieser bat eines Tages Mr. Rater zu sich, um einmal unter vier Augen mit ihm zu sprechen.

 

»Ich bitte Sie um eine persönliche Liebenswürdigkeit«, sagte er. »Meine Tante will die Diamanten unter allen Umständen wiederhaben. Sie sind ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes – allerdings noch aus den neunziger Jahren. Und der Wert, den sie ihnen beimißt, ist eigentlich nur persönlich sentimentaler Art. Ist es Ihnen nicht möglich, durch Ihre Beziehungen zu der Verbrecherwelt die Steine zurückzukaufen? Zweitausend Pfund will ich für die Wiederbeschaffung zahlen, und es sollen keine weiteren Nachforschungen angestellt werden –«

 

»Das verträgt sich nicht mit meinem Diensteid«, entgegnete der Chefinspektor nüchtern.

 

»Ich weiß, ich weiß. Ich frage Sie auch nur, ob Sie mir den persönlichen Gefallen tun wollen, die Steine auf inoffiziellem Wege zu beschaffen?« Der Redner nickte nur, denn er hatte seiner Meinung nach schon genug gesprochen.

 

Man kann einen Hehler niemals direkt angehen, besonders ein Polizeibeamter ist dazu nicht imstande. Mr. Rater begann daher seine schwierigen Nachforschungen damit, daß er zunächst den Hundehändler Alf Barkin aufsuchte. Mit diesem Mann hatte er lange Auseinandersetzungen, die ihn nicht viel weiterbrachten. Dauernd schüttelte Barkin den Kopf und sagte: »Ich weiß wirklich nichts davon, Mr. Rater. Wenn ich etwas wüßte, würde ich es Ihnen sagen.« Aber schließlich willigte er ein, den Redner am Abend in eine kleine Kneipe in Deptford zu begleiten. Dort trafen sie einen gewissen Joseph Kreith, einen Möbelhändler. Der kannte oberflächlich einen Mann, dessen Freund sich durch einen Bekannten eventuell mit dem Hehler in Verbindung setzen konnte.

 

Zwölf Tage lang mühte sich der Chefinspektor ab. Wie gewöhnlich sagte er wenig, hörte aber gut zu und nahm aus den vielen Worten, die gemacht wurden, das Wesentliche für sich heraus.

 

Schließlich reiste er nach Brüssel und hatte dort im Hotel eine Zusammenkunft mit Henry Dissel, einem ziemlich kräftigen Mann von jugendlichem Aussehen, der eine große Hornbrille und einen kleinen Schnurrbart trug und lockiges blondes Haar hatte.

 

»Ich habe Ihren Brief erhalten, Monsieur«, sagte Henry Dissel, »und freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

 

Er legte die große, schwarze Aktentasche neben sich auf den Teppich und zog die scharfgebügelten Beinkleider hoch, als er sich setzte.

 

»Es stimmt, daß ich Kaufmann bin und verschiedene Vertretungen habe. Aber in Brasilien tätige ich selten Geschäfte. In Antwerpen kenne ich allerdings einige Leute, die mit Brillanten handeln. Sie haben die Steine manchmal auf rechte, manchmal auf unrechte Weise erworben. Danach kann ich im allgemeinen nicht fragen. Von meinem Bruder in London haben Sie gehört? Nun, eine große Freundschaft besteht gerade nicht zwischen uns. Er hat mir früher einmal viel Geld geliehen, und ich habe bei Roulette und Poker alles verspielt. Nachher gab es einen entsetzlichen Krach. Wenn ich nach London komme und ihn anrufe, heißt es immer, daß er nicht zu Hause ist.«

 

Er sah Mr. Rater strahlend an, als ob er ihm einen guten Witz erzählt hätte.

 

»Das ist ja alles ganz gut und schön, Monsieur Dissel, aber ich interessiere mich nicht besonders für Ihre Familienangelegenheiten. Liebenswürdigerweise haben Sie meinen Brief wegen der Brillanten beantwortet. Sind Sie tatsächlich in der Lage, die Steine zurückzukaufen?«

 

Dissel schaute ihn triumphierend an, faßte in die innere Brusttasche seines Rocks und brachte eine Ledertasche zum Vorschein. Er warf sie auf den Tisch und fischte zwischen vielen Papieren ein flaches Päckchen heraus. Langsam und vorsichtig schlug er das weiße Seidenpapier auseinander. Es kamen Diamanten zum Vorschein, die zu dreien und dreien noch besonders in Watte eingepackt waren.

 

»Hier sind sie. Zweihundertdreißigtausend Francs habe ich dafür gezahlt. Dreißigtausend verdiene ich dabei, das sage ich ganz offen. Jeder versteht, daß man nicht umsonst arbeiten kann.«

 

Der Redner ging zur Tür seines Schlafzimmers und rief den Fachmann, den er von London mitgebracht hatte. Die Steine wurden einzeln geprüft, während Henry Dissel interessiert zuschaute. Als alles in Ordnung befunden war, legte Mr. Rater zwanzig Hundertpfundnoten auf den Tisch. Der Belgier zählte sie sorgfältig nach und steckte sie dann in seine Brieftasche.

 

»Monsieur Dissel, können Sie mir nicht den Namen des Mannes angeben, von dem Sie die Steine gekauft haben?« Der Belgier zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf.

 

»Er mag ehrlich oder unehrlich sein. Wenn ich seinen Namen nenne, gibt es Nachforschungen und Reklamationen, und schließlich sagt der Mann: ›Monsieur Dissel, durch Sie habe ich all die Unannehmlichkeiten gehabt. In Zukunft will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben!«

 

»Wie ist denn die Geschäftsadresse Ihres Bruder in London?«

 

»Theodor hat sein Büro in der Victoria Street, Nr. 960. Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß wir nicht gut miteinander stehen. Es ist eigentlich schade.«

 

Der Redner runzelte die Stirn.

 

»Theodor? Welche Vornamen hat er denn sonst noch?«

 

»Theodor Louis Hazeborn – ich heiße Henry Frederick Dinehem.«

 

Mr. Rater sah ihn sonderbar an.

 

»Aha!« erwiderte er dann.

 

Ein anderer hätte wahrscheinlich viel mehr gesagt, aber Chefinspektor Rater ging ja bekanntlich sparsam mit seinen Worten um.

 

Dissel war belgischer Untertan und besaß seit zehn Jahren ein Geschäft am Boulevard Militaire. Der Redner hatte allerdings keinen besonders guten Eindruck von den Büroräumen, als er dort einen Besuch machte. Sie sahen unsauber und vernachlässigt aus, aber über dem Schreibtisch hing ein prachtvolles Diplom in goldenem Rahmen. Es war Mr. Dissel für eine hervorragende sportliche Leistung überreicht worden.

 

Da er mehrere Vertretungen hatte, reiste er viel. Von seiten der Polizei lag gegen ihn nichts vor, wie Mr. Rater festgestellt hatte. Er war deshalb eine geeignete Persönlichkeit, mit der internationale Hochstapler und Verbrecher in geschäftliche Verbindung treten konnten.

 

Theodor Louis Hazeborn – die Namen wollten dem Redner nicht aus dem Sinn, als er nach London zurückreiste.

 

Am Tage seiner Rückkehr hatte er das zweifelhafte Vergnügen, Lady Teighmount die vermißten Diamanten wieder zu übergeben. Sie war sehr schlechter Laune. Von Hause aus sparsam, ja beinahe geizig, ärgerte sie sich über jeden Schilling, den sie für die Beschaffung der Steine zahlen mußte. Außerdem glaubte sie, daß die Polizei die Brillanten ebensogut ohne Geld hätte wiedererlangen können, wenn sie es durch Zahlung einer Summe erreichte. Sie war sogar unhöflich genug, anzudeuten, daß die Polizei und der Chefinspektor von dem Betrag profitiert hätten.

 

Der Redner hörte kaum zu, denn seine Gedanken beschäftigten sich unausgesetzt mit den Brüdern Dissel.

 

Mit großer Geduld begann er, neue Nachforschungen anzustellen, und suchte alle Akten über Diamantendiebstähle zusammen. Wochenlang befragte und verhörte er Juwelendiebe, die im Gefängnis saßen. Über ein Dutzend Anstalten besuchte er, und zum Schluß hatte er auch einen gewissen Erfolg. Er entdeckte einen feststehenden Schmuggelweg, der von London nach Belgien führte. Dauernd wurden gestohlene Steine auf diese Weise von Agenten ins Ausland geschafft. Seine Nachforschungen führten nicht immer nach Brüssel, manchmal auch nach Lüttich oder nach Ostende. Aber jedesmal wurde der Betreffende in ein Cafe, ein Bierlokal oder eine kleine Kneipe bestellt, und immer wurde die Zusammenkunft in London vereinbart.

 

»Die Sache war so«, sagte ein Hehler, der eine lange Gefängnisstrafe in Maidstone absaß. »Wenn die Jungens irgendwo ein großes Ding gedreht hatten, wurde einer der bekannten Händler angerufen, und dann erhielt man bestimmte Nachricht, wo die Steine übergeben werden sollten. Ich weiß nicht, woher der Mann am Telefon Bescheid wußte, aber auf jeden Fall klappte es jedesmal. Dann hat einer die Sachen über den Kanal gebracht. Die Bezahlung war immer einwandfrei. Ich selbst habe solche Reisen gemacht.«

 

»Haben Sie denn niemals den Betreffenden gesehen?«

 

»Nein. Man wurde in ein Cafe bestellt, dann kam jemand herein und sagte: ›Er ist draußen.‹ Gewöhnlich wartete er in einem Auto an der Straßenecke, und zwar immer nach Einbruch der Dunkelheit. Mit unheimlicher Geschwindigkeit prüfte er die Diamanten im Schein einer Taschenlampe, nannte den Preis und zahlte sofort.«

 

Mehr konnte der Redner nicht erfahren.

 

Bald darauf stand ihm ein freier Tag zur Verfügung, und er besuchte den Bruder seines Brüsseler Bekannten.

 

Im Gegensatz zu Henry Dissels Geschäftsräumen besaß sein Bruder Theodor in London ein prachtvoll eingerichtetes Büro mit Mahagonitüren, Mahagonimöbeln und kostbaren Ledersesseln. An der Tür war das Firmenschild in Messingbuchstaben angebracht: Theodor Dissel, Dipl.-Ing.

 

Er war ein gutgewachsener, großer Mann in elegantem Anzug. Das Gesicht war glattrasiert, und die Haare sorgsam zurückgebürstet. Er hatte ein Monokel im Auge und trug tadellose Wäsche. Der Belgier sprach nur ein schlechtes Englisch und machte manche Fehler, aber Theodor konnte sich fließend und gut ausdrücken. Auch sein Benehmen war vornehm und zurückhaltend.

 

Eine Stenotypistin führte Mr. Rater in das Privatbüro, wo Theodor an einem eleganten Schreibtisch saß. Mr. Dissel verneigte sich ein wenig zeremoniell und steif. Das war vielleicht das einzige, was ihn als früheren Ausländer kennzeichnete.

 

»Ich habe das unangenehme Gefühl, daß Sie mich wegen meines Bruders sprechen wollen«, sagte er mit einem etwas verlegenen Lächeln. »Ich weiß, daß Sie vor ein paar Tagen eine geschäftliche Unterredung mit ihm hatten. Er hat mir geschrieben, daß Sie mich besuchen würden.«

 

»Und warum sind Sie darüber beunruhigt?« fragte der Redner geradezu.

 

Mr. Theodor Dissel ging in dem Zimmer auf und ab. Er hatte die Hände tief in den Taschen vergraben.

 

»Mein Bruder Henry ist ein etwas wilder Geselle, aber im Grunde ein guter Kerl. Mit Geld weiß er nicht umzugehen, und es besteht immer die Gefahr, daß er Schulden macht. Handelt es sich um irgendein geschäftliches Abkommen, das Sie mit ihm getroffen haben, oder hat er bei Ihnen Geld geliehen, das er nicht zurückzahlt? Direkt betrügerische Sachen hat er sich allerdings nie zuschulden kommen lassen.«

 

Das Verhalten Mr. Dissels verriet eine gewisse Ähnlichkeit, wie es der Redner erwartet hatte.

 

»Wenn es sich um Geld handelt …« Theodor zuckte hilflos die Schultern, »dann kann ich wenig tun. Ich habe ihm schon früher dauernd Geld vorgestreckt, bis jetzt sind es fünfzehntausend Pfund. Das Geld werde ich wohl nie im Leben wiedersehen.«

 

»Nein, es handelt sich nicht um Betrug«, erwiderte der Redner langsam. »Wenigstens nicht so, wie Sie es im Augenblick meinen. Besitzt Ihr Bruder die belgische Nationalität?«

 

Theodor nickte.

 

»Und Sie sind in England naturalisiert?«

 

»Ja.«

 

Mr. Rater sagte nichts darauf; er strich sich nur das Kinn mit der Hand. In seinen großen, blauen Augen schien sich etwas von den Sorgen Mr. Dissels zu spiegeln.

 

»Was Sie mir von Ihrem Bruder Henry erzählten, glaube ich Ihnen gerne. Er verkehrt mit Leuten, die nicht ganz einwandfrei sind. Wissen Sie, daß er Diamanten kauft und verkauft?«

 

Theodor zog die Augenbrauen hoch.

 

»Diamanten?« fragte er bedächtig. »Nein, das wußte ich nicht. Als er das letztemal in London war, machte er allerdings eine Andeutung, daß er mit dem hiesigen Juwelier Devreux in Geschäftsverbindung steht. Ich habe den Mann einmal getroffen, er sieht sehr wenig vertrauenerweckend aus.«

 

Der Redner schwieg einige Zeit.

 

»Da haben Sie ganz recht«, meinte er dann. »Devreux ist ein schlechter Charakter, ich kenne ihn.«

 

Der Chefinspektor ging zu seiner Wohnung zurück und dachte weiter über den Fall nach.

 

»Wirklich zu merkwürdig«, sagte er schließlich und entschied sich dafür, vorläufig nicht mehr daran zu denken. Die Sache würde sich schon von selbst weiter entwickeln.

 

Vierzehn Tage später kam Henry Dissel mit dem Zug in Ostende an. Es war ein warmer Septembertag, und auf dem Kanal herrschte Nebel. Er belegte eine Kabine erster Klasse und stellte dort seinen Lederkoffer ein. Dann aß er zu Mittag. Er hinkte auffällig, und als er an Deck erschien, gebrauchte er einen Stock.

 

An der englischen Küste wurde der Nebel dichter. Dissel war nach dem hinteren Teil des Schiffes gegangen und hatte sich dort auf das Geländer gesetzt. Ein Schiffsoffizier kam vorbei und machte ihn auf die Gefährlichkeit seines Sitzplatzes aufmerksam.

 

Nur mit Hilfe der Signalschüsse und der Sirenen konnte der Dampfer den Eingang zum Hafen von Dover finden. Mit einer Stunde Verspätung näherte er sich der Einfahrt.

 

Als das Schiff drehte – Fährschiffe fahren immer rückwärts ein –, vernahm ein Passagier zweiter Klasse einen Hilferuf. Dann hörte man etwas ins Wasser fallen. Mehrere Leute eilten an die Reling. Ein Steward sah den Stock Mr. Dissels im Wasser treiben, aber von dem Mann selbst war nichts zu sehen.

 

Es wurde sofort ein Boot hinuntergelassen. Die Matrosen fischten den Hut des Verunglückten auf, konnten ihn selbst jedoch nirgends entdecken.

 

Am Abend las Mr. Rater eine Notiz in der Zeitung:

 

Passagier fällt im Kanal über Bord. Ein Passagier des Dampfers »Prinzessin Georgine«, vermutlich Monsieur Henry Dissel aus Brüssel, fiel von der Reling, als der Dampfer in den Hafen von Dover einfuhr. Die Leiche ist bis jetzt noch nicht geborgen worden.

 

»Aha!« sagte der Redner vor sich hin. Die Tragödie schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen.

 

Die Leiche Henry Dissels war auch noch nicht gefunden, als der Redner dem Bruder in London einen Besuch machte, um ihm sein Beileid auszusprechen.

 

Theodor öffnete gerade den Lederkoffer, den ihm die Polizei von Dover geschickt hatte.

 

»Ich bin ganz außer Fassung«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Eben habe ich mit Brüssel telefoniert. Es ist nicht der geringste Grund vorhanden, warum Henry hätte Selbstmord verüben sollen. Sein Geschäft ging gut, seine Bücher und sein Betrieb waren in Ordnung, soweit das bei seinem Charakter überhaupt möglich war. Auf der Bank hatte er einen Kredit von über tausend Pfund. Vor ein paar Tagen hatte er allerdings einen kleinen Unfall beim Tennisspiel und war nicht ganz sicher auf den Füßen. Vielleicht ist der Umstand mit daran schuld, daß er ins Wasser fiel.«

 

»War er in einer Lebensversicherung?« fragte Rater.

 

Theodor nickte.

 

»Ach ja – das hatte ich ganz vergessen. Als ich damals seine Schulden bezahlte, bestand ich darauf. Es war vielleicht etwas herzlos von mir, aber ich mußte doch schließlich irgendeine Sicherheit in der Hand haben.«

 

»Lautete die Police auf fünfzehntausend Pfund?«

 

»Ja, soviel war er mir schuldig. Aber das Geld bedeutet im Augenblick gar nichts. Ich bin noch ganz benommen von diesem schrecklichen Unglück! Der arme Henry!«

 

»War die Versicherung auf den Namen Dissel ausgestellt?« unterbrach ihn der Redner.

 

Theodor zögerte.

 

»Nein, unser Familienname ist –«

 

»Stalmeester. Das weiß ich.«

 

Theodor war etwas aus der Fassung gebracht.

 

»Wir haben unseren Namen durch gerichtliche Eintragung ändern lassen –« begann er.

 

»Das ist mir auch bekannt. Ihre Mutter hatte zwei Brüder. Einer hieß Theodor Louis Hazeborn, der andere Henry Frederick Dinehem. Eine Woche nach Ihrer Geburt meldete Ihre Mutter Sie als Henry Frederick Dinehem auf dem Standesamt an. Aber eine Woche später zog sie in eine andere Gegend Londons und hatte zu jener Zeit eine heftige Auseinandersetzung mit Ihrem Onkel Henry. Um ihn zu ärgern, ging sie zum zweitenmal auf das Standesamt und meldete Sie als Theodor Louis Hazeborn an. Die Namen Ihres zweiten Onkels.«

 

Theodor wurde bleich und schwieg.

 

»Sie haben ein Doppelleben geführt, und Ihre beiden Namen sind Ihnen sehr zustatten gekommen. Mit einem kleinen Schnurrbart waren Sie Henry Dissel in Brüssel, und hier in London traten Sie als Theodor auf. Und in beiden Städten haben Sie gestohlene Steine gekauft. Sie sind einer der größten Hehler. Das inkorrekte Verhalten Ihrer Mutter hat der Polizei viele Schwierigkeiten bereitet.«

 

»Sie sind wahnsinnig!« rief Theodor. »Mein Bruder –«

 

»Sie sind doch selbst Ihr Bruder – und als Sie über Bord fielen, war das für Sie nicht weiter gefährlich. Ich sah doch in Ihrem Büro in Brüssel ein Diplom für Schwimmen über lange Strecken. Ihnen ist es nicht schwergefallen, an Land zu kommen. Und ich wette, daß in der Nähe von Dover ein Auto für Sie bereitstand. Lange genug habe ich darauf gewartet, Sie abzufassen. Nehmen Sie Ihren Hut und kommen Sie mit zur Polizeistation!«

 

Mord in Sunningdale

 

Mord in Sunningdale

 

Der Redner hatte einen Abteilungs-Chef, der ihm wenig Sympathie entgegenbrachte. Für gewöhnlich sind Vorgesetzte mit ihren Untergebenen nicht zufrieden, weil sie zuviel sprechen, aber in diesem Fall war es umgekehrt. Mr. Rater schwieg sich meistens aus und reizte gerade dadurch seinen Vorgesetzten zu größter Wut.

 

Major Dawlton bewohnte eine Villa in Sunningdale und hatte deshalb von vornherein ein besonderes Interesse für den Fall Aliford Gray. Er hatte Frau und Kinder, die in ihm einen bedeutenden Mann sahen, und bei seinen Nachbarn stand er in hohem Ansehen. Sie freuten sich, wenn sie einmal zum Essen eingeladen wurden und ihre Kenntnisse über Polizei und Verbrecherwelt erweitern konnten.

 

In Wirklichkeit hatte der Major kaum eine Ahnung von den Methoden, Verbrecher aufzuspüren und sie zu überführen. In der Hauptsache war er Verwaltungsbeamter, der sich mit finanziellen und statistischen Angelegenheiten zu beschäftigen hatte. Dies soll jedoch nur nebenbei bemerkt sein, und man muß zugeben, daß der Redner nicht leicht zu behandeln war und man sich wohl über ihn ärgern konnte.

 

Mrs. Aliford Gray war eine hübsche, schlanke Witwe von etwa dreißig Jahren. Ihre ausdrucksvollen Augen und ihr dunkles Haar standen in reizvollem Gegensatz zu ihrer etwas blassen Gesichtsfarbe. Ihr Blick war fast immer traurig und melancholisch. Sie wohnte in Fernley Cottage, einer kleinen Villa, die ein wenig abseits von der Hauptstraße lag und Mr. Leicester Vanne gehörte. Das Haus war wunderbar eingerichtet und besaß einen zwei Morgen großen, gepflegten Garten. Mrs. Gray hielt zwei Dienstboten, eine Frau von mittleren Jahren und deren Tochter, die zehn Minuten von der Villa entfernt wohnten. Sie selbst schlief ohne die geringste Furcht nachts allein in dem Haus.

 

Ihr bester Freund war Mr. Leicester Vanne, ein reicher junger Mann, der in der Park Lane wohnte. Es war nicht das geringste gegen ihn einzuwenden, aber er hatte eine Eigenschaft, die ihn auch mit Chefinspektor Rater in Verbindung brachte.

 

Eines Abends suchte ihn der Redner auf. Mr. Vanne ging nachdenklich in seinem Arbeitszimmer auf und ab und hatte die Hände in den Taschen vergraben. Mrs. Gray stand am Fenster und konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken.

 

»Mir tut die Sache wirklich leid, Mr. Rater«, erklärte Vanne mit tiefem Bedauern. »Aber Sie müssen sich auch vorstellen, daß dieser Mann Mrs. Gray in der übelsten Weise beschimpfte. Es ist doch verständlich, daß ich mich vergessen habe.«

 

»Sie haben den Mann beinahe umgebracht!« bemerkte der Redner trocken und sachlich.

 

Der Sachverhalt war kurz folgender: Mr. Vanne und Mrs. Gray gingen spät am Nachmittag im Kensington-Park spazieren. Ein Bettler bat sie um ein Almosen, und als er es nicht erhielt, schimpfte er wütend. Wahrscheinlich hatte er vor Mr. Vanne nicht genügend Respekt und ließ sich durch dessen verhältnismäßig kleine und schlanke Gestalt täuschen. In Wirklichkeit war Vanne aber ein gut trainierter Sportsmann, und als der Bettler immer häßlichere Ausdrücke gebrauchte, wandte er sich plötzlich um, packte ihn buchstäblich am Kragen und warf ihn über das Brückengeländer in die Serpentine. Inzwischen war es dunkel geworden, und es kostete große Anstrengungen, den Mann wieder aus dem See zu retten. Er hatte viel Wasser geschluckt, und nur durch Anwendung künstlicher Beatmung gelang es, ihn allmählich wieder zu sich zu bringen. Jetzt lag er im Hospital. Dieser Vorfall war der Anlaß zu dem Besuch des Chefinspektors.

 

»Aber Dickie, du bist auch wirklich zu jähzornig.«

 

Mrs. Gray lachte leise und sah ihn mit einem zärtlichen Blick an.

 

»Welche Folgen hat die Geschichte denn für mich?« fragte Mr. Vanne nervös. »Ich hätte diese Vogelscheuche natürlich nicht ins Wasser werfen sollen. Merkwürdigerweise kannte mich der Kerl, er nannte mich sogar beim Namen. Erst als er drohte, mich zu ermorden, vergaß ich mich so weit, daß ich ihm einen Denkzettel gab. Will man mich deshalb anklagen?«

 

Der Redner konnte ihm darüber noch keine offizielle Auskunft geben. Er wollte vor allem einen eingehenden Bericht von Mr. Vanne haben, wie sich die Sache abgespielt hatte. Aber seiner Meinung nach hatte er keine Schwierigkeiten mehr zu gewärtigen. Der Bettler war sowohl der Londoner als auch der Provinzialpolizei als ein gefährlicher Kunde bekannt. Seine Personalakten sprachen gegen ihn, und er hatte schon oft im Gefängnis gesessen.

 

»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mr. Vanne, dann schicken Sie jemand ins Hospital und besänftigen den Mann durch ein paar Pfund. Das sage ich Ihnen aber nicht als Polizeibeamter, sondern als Privatmann.«

 

Mrs. Gray hatte sich inzwischen gesetzt und schaute zum Fenster hinaus. Mr. Rater hatte den Eindruck, daß sie heimlich über ihren Freund lachte und es ihm nicht zeigen wollte.

 

Ein paar Tage später erwähnte Major Dawlton zufällig die beiden. Er kannte sie gut, da er nahe der Villa wohnte.

 

»Sie verkehren schon viele Jahre miteinander und sind sehr befreundet«, meinte er. »Die Leute in Sunningdale begreifen nicht, warum sie nicht heiraten.«

 

»Ach, die Leute in Sunningdale begreifen wahrscheinlich manches nicht«, erwiderte der Redner anzüglich und ging zu seinem Büro zurück.

 

Am nächsten Sonntagmorgen stand der Chefinspektor schon um halb fünf auf und bereitete sich gerade eine Tasse Tee, als das Telefon plötzlich klingelte. Wütend sah er auf den Apparat, denn er hatte mehrere Berichte zu schreiben, die er am besten in den frühen Morgenstunden erledigen konnte. Wieder läutete es. Er nahm den Hörer ab und erkannte die Stimme Major Dawltons, der sehr erregt sprach:

 

»Kommen Sie bitte hierher. Ich habe Scotland Yard bereits verständigt, daß Sie den Fall übernehmen. Die Fotografen und die Leute von der Fingerabdruckabteilung sind schon unterwegs.«

 

»Was ist denn passiert?« fragte der Redner schnell.

 

Es dauerte einige Sekunden, bevor die Antwort kam.

 

»… Mrs. Gray – wirklich eine nette Frau, die hier in der Nähe wohnt, ist ermordet worden!«

 

»Was, ermordet? Haben Sie schon irgendeine Spur?«

 

»Nein. Sie ist sicher ermordet worden. Ach, es ist zu schrecklich – eine so schöne Frau … Haben Sie mich verstanden, Mr. Rater?«

 

»Ja, vollkommen«, entgegnete der Chefinspektor ruhig. »Der Fall scheint ja sehr interessant zu sein.«

 

Er legte den Hörer auf, trank seinen Tee und wartete dann auf der Straße, bis das Polizeiauto ihn abholte.

 

»Halten Sie nicht an«, rief er dem Chauffeur zu, sprang auf das Trittbrett, riß die Tür auf und setzte sich neben den Fahrer. »Wissen Sie schon Genaueres?«

 

Keiner der Beamten im Wagen konnte ihm Einzelheiten berichten. Die Frau war ihnen vollständig unbekannt.

 

Der Redner klappte den Mantelkragen hoch und lehnte sich zurück, um zu schlafen.

 

Als der Wagen vor dem kleinen Haus hielt, wachte Mr. Rater wieder auf. Die Haustür stand weit offen, und in der Eingangsdiele brannte Licht. Dort traf er Major Dawlton, der mit dem Polizeiinspektor von Sunningdale sprach.

 

»Gut, daß Sie kommen, Mr. Rater. Die Berkshire-Polizei hat die Hilfe von Scotland Yard erbeten und uns zu dem Fall zugezogen.«

 

»Bin ich zugezogen oder Sie?« fragte Mr. Rater unfreundlich, denn der Major hatte nichts mit dem Außendienst zu tun.

 

»Natürlich Sie«, entgegnete Dawlton ärgerlich. »Ich bin gewissermaßen nur als – Zeuge hier. Nicht, daß ich etwas gesehen hätte«, fügte er schnell hinzu. »Aber die Leute kamen sofort zu meinem Haus und holten mich aus dem Bett.«

 

»Wo ist denn die Tote?«

 

Zum größten Erstaunen des Chefinspektors schüttelte der Major den Kopf.

 

»Das ist es ja gerade – sie ist nicht in der Wohnung, sie ist fortgeschafft worden! Hoffentlich waren Sie vorsichtig, als Sie von der Straße zum Haus gingen. Es sind nämlich Blutspuren draußen zu sehen. Aber das Verbrechen ist hier begangen worden.«

 

Er stieß die Tür zu dem kleinen Wohnzimmer auf, das hell erleuchtet war. Der Redner trat ein und sah sich um. In dem Raum herrschte große Unordnung. Tisch und Stühle waren umgeworfen, und eine Vase lag in Scherben auf dem Boden. Auf dem hellen Teppich zeigte sich ein großer, dunkler Blutfleck.

 

»Vielleicht wäre es besser, wenn ich Ihnen alles sagte, was sich zugetragen hat«, meinte der Major.

 

»Nein, das ist unnötig.« Der Redner konnte manchmal sehr kurz und abweisend sein. »Zunächst möchte ich feststellen: Bearbeite ich den Fall, oder bearbeite ich ihn nicht? Wenn ich ihn aber bearbeite, dann muß ich die Untersuchung auch allein führen, und Sie sind für mich dann weiter nichts als ein ganz gewöhnlicher Mitbürger.«

 

Der Major ärgerte sich, aber er zeigte es äußerlich nicht.

 

»Schön, dann werde ich draußen im Garten warten.«

 

»Warten Sie, wo Sie wollen«, erwiderte Mr. Rater und wandte sich an den Inspektor der Berkshire-Polizei.

 

Die Geschichte, die er von diesem Beamten erfuhr, war sehr einfach. Ein Polizist hatte auf seinem Rundgang um halb vier morgens gesehen, daß Licht in der Eingangsdiele der Villa brannte. Er öffnete das Gartentor, und als er zur Haustür kam, fand er sie nur angelehnt. Gleichzeitig bemerkte er eine große Blutlache auf der Schwelle. Er rief ins Haus, erhielt aber keine Antwort. Da er wußte, daß Mrs. Gray allein wohnte, wartete er nicht länger, ging hinein und entdeckte an den Wänden des Ganges überall Blutspuren.

 

Im Wohnzimmer brannte Licht, und er sah, daß hier ein Kampf stattgefunden haben mußte. Mehr konnte er jedoch nicht feststellen.

 

Mr. Rater rief die beiden Beamten von Scotland Yard, die mit ihm gekommen waren, und zeigte auf die polierten Messingstangen des Kamingitters.

 

»Hier sind Fingerabdrücke. Machen Sie eine Aufnahme davon. Wenn es Tag geworden ist, werde ich das ganze Zimmer genau untersuchen.«

 

Im Kamin lag noch Holzasche und ein angebranntes Stück Papier. Behutsam nahm er es heraus und betrachtete es genauer. Deutlich konnte er die Schriftzüge einer Frau erkennen.

 

»Versuchte, mich zu töten … Verteidigte mich selbst …«

 

Die Worte waren unregelmäßig und hastig geschrieben.

 

Nachdem er das verkohlte Blatt sorgfältig auf den Tisch gelegt hatte, ging er hinaus und machte einen Rundgang um das Haus. Die Morgendämmerung begann, und er konnte auch auf dem gepflasterten Weg vor dem Haus Blutspuren sehen. Es mußte jemand in blutendem Zustand auf die Straße geschafft worden sein. Dort verlor sich die Spur.

 

Mrs. Gray hatte einen kleinen Zweisitzer. Die Tür zur Garage war geschlossen, und man fand den Wagen vollkommen in Ordnung.

 

»Was schließen Sie aus dem Befund?« fragte der Major, der nicht länger schweigen konnte. »Es ist doch alles klar. Sie hatte Streit mit jemand, wurde ermordet und fortgebracht.«

 

»Ach, sind das die Hausangestellten?« unterbrach ihn der Redner, als er zwei Frauen quer über die Straße kommen sah. Er hatte nach ihnen geschickt, setzte aber keine großen Hoffnungen auf ihre Aussagen.

 

Zuerst führte er die Mutter, die die Stellung einer Köchin einnahm, ins Speisezimmer und stellte die gewöhnlichen Fragen an sie. Der Major erschien unaufgefordert zu der Vernehmung. Die Frau hatte schon erfahren, was geschehen war, und zitterte vor Aufregung.

 

»War gestern abend jemand hier?«

 

»Nur Mr. Vanne.«

 

Der Redner sah sie düster an. Das tat er gewöhnlich, wenn er überrascht war.

 

»Mr. Leicester Vanne.«

 

Sie nickte.

 

»Um welche Zeit war er hier?«

 

»Er war noch da, als ich fortging. Eine Bekannte von mir sah, daß sein Wagen etwa um Mitternacht nach London zurückfuhr. Ich möchte nichts sagen, was ich eigentlich nicht sagen sollte«, fügte sie mit nervöser Hast hinzu, »aber die beiden hatten einen schrecklichen Streit miteinander.«

 

»Wer?«

 

»Mrs. Gray und Mr. Vanne. Er brüllte und verlangte eine Erklärung für irgend etwas. Sie bat ihn, sich doch zu beruhigen und nicht so laut zu schreien.«

 

»Haben Sie an der Tür gelauscht?«

 

Die Frau wurde bleich.

 

»Ja – das muß ich zugeben. Ich hörte, wie Mrs. Gray sagte: ›Es ist mir unmöglich, dich zu heiraten. Den Grund dafür kann ich dir nicht sagen. Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du nicht so unvernünftig sein.‹«

 

»Und was geschah dann?« fragte der Redner, der den Inhalt der Angaben schnell notierte.

 

»›Ich würde dich eher umbringen, als dich verlieren oder einem anderen überlassen‹, sagte er. Darauf kann ich einen Eid leisten, obwohl er sonst sehr nett zu uns war und ich ihn nicht in Schwierigkeiten bringen möchte.«

 

»Haben die beiden noch miteinander gestritten, als Sie fortgingen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Sie hatten sich in ruhigem Ton unterhalten, als die Köchin durch die geschlossene Tür Gute Nacht wünschte.

 

Ihre Tochter konnte nichts aussagen, weil sie schon eine Stunde vor Beginn der Auseinandersetzung gegangen war.

 

»Nun, was sagen Sie jetzt?« fragte der Major eifrig. »Die Sache wird doch immer klarer. Mr. Vanne blieb in der Wohnung und fing einen neuen Streit mit der Frau an …«

 

»Sie hat sich aber zur Ruhe gelegt«, erwiderte Mr. Rater kühl. »Und der Mann, der den Mord begangen hat, kam nicht durch die vordere Haustür herein, sondern von der Hinterseite. Wenn Sie um das Haus herumgehen, finden Sie die Spuren eines Stemmeisens an der Küchentür. Und das Schloß ist erbrochen!«

 

Der Major schwieg einen Augenblick.

 

»Ich kenne natürlich Mr. Leicester Vanne«, meinte er dann. »Er ist sehr jähzornig. Selbstverständlich müssen Sie in dieser Richtung Nachforschungen anstellen.«

 

»Der schlaue Gedanke ist mir auch bereits gekommen«, entgegnete der Redner ironisch.

 

Es war schon halb acht, als der Chefinspektor die Wohnung Mr. Vannes erreichte. Nach mehrfachen Erkundungen stellte er fest, daß der junge Mann sein Auto in einer nahen Mietgarage einstellte. Um acht Uhr kehrte Rater zurück und unterhielt sich mit dem Portier, der ihm aber keinen Aufschluß geben konnte, da er erst seit sieben auf seinem Posten war.

 

Die Wohnung lag in der ersten Etage und Mr. Vanne öffnete persönlich, als der Redner klingelte. Er erkannte den Beamten sofort wieder. Mit etwas abweisender Stimme wünschte er Guten Morgen, aber der Redner sah, daß es Vanne große Mühe kostete, eine ruhige Miene zu zeigen.

 

»Kommen Sie bitte herein.«

 

Mr. Vanne öffnete die Tür weiter. Der Redner stellte jedoch fest, daß er ein wenig zögerte und es ungern tat. Auch entdeckte er, daß er einen seidenen Schlafrock über einem Straßenanzug trug. Mr. Vanne sah müde aus und war unrasiert. Aus all diesen Anzeichen ging hervor, daß er eine schlaflose Nacht hinter sich hatte.

 

Er führte seinen Besucher in ein kleines Arbeitszimmer.

 

»Nun, was kann ich für Sie tun?«

 

Mr. Rater sah ihn durchdringend an, bevor er antwortete.

 

»Ich komme wegen der verstorbenen Mrs. Gray.«

 

Mr. Vanne schaute ihn verblüfft an.

 

»Verstorben? Sie wollen doch nicht sagen, daß sie tot ist? Was meinen Sie denn damit?« fragte er ungläubig.

 

Der Redner erzählte in kurzen Worten, was sich seiner Meinung nach diese Nacht zugetragen hatte. Während er sprach, schwand die Angst allmählich aus Vannes Zügen, und schließlich lachte er laut auf.

 

»Wie absurd! Sie glauben tatsächlich, daß Mrs. Gray tot ist?«

 

Der Redner schwieg.

 

»Großer Gott, Sie bilden sich doch nicht etwa ein, daß ich sie umgebracht habe?«

 

»Ich bilde mir gar nichts ein«, erwiderte Mr. Rater. »Ich halte mich nur an Tatsachen. In der Villa in Sunningdale habe ich Blutspuren gefunden; ebenso auf dem Weg vor der Haustür. Außerdem kann man deutlich sehen, daß ein menschlicher Körper auf die Straße gezerrt wurde.«

 

Er machte eine eindrucksvolle Pause.

 

»Und dann habe ich auch in Ihrem Auto Blutflecken gefunden!«

 

Mr. Vanne hatte seine Fassung wiedergefunden. Etwas bleicher war er allerdings geworden, als er erkannte, in welch kritischer Lage er sich befand.

 

»Natürlich haben Sie den Wagen gesehen. Wie dumm von mir!«

 

»Welche Erklärung können Sie mir geben?«

 

Mr. Vanne zuckte die Schultern.

 

»Ich weiß nicht, wo Mrs. Gray ist, und ich kann Ihnen auch sonst nichts über den Fall sagen.«

 

Mr. Rater legte die Stirn in Falten und schaute hinaus.

 

»In Ihrem Wagen sind Blutspuren«, wiederholte er mit eigentümlicher Betonung. »Trugen Sie gestern Abendkleidung?«

 

Vanne nickte.

 

»Bitte zeigen Sie mir den Anzug und das Oberhemd.«

 

Vanne zuckte nicht mit der Wimper, als der Chefinspektor ihn scharf musterte.

 

»Ich habe etwas Kaffee verschüttet und den Einsatz beschmutzt, deshalb habe ich es verbrannt. Der Smoking und die Beinkleider waren alt, ich habe sie mit dem Frackhemd zusammen auch unten in die Zentralheizung geworfen, bevor der Portier aufstand. Ich teile Ihnen das deshalb mit, weil der Nachtportier es Ihnen wahrscheinlich später doch sagen wird. Er hat mich mit dem Paket in den Keller gehen sehen.«

 

»Natürlich waren Blutflecken daran«, meinte der Redner nachdenklich. »Am vergangenen Abend waren Sie mit Mrs. Gray zusammen in ihrer Villa, und Sie hatten einen heftigen Streit miteinander –«

 

Vanne machte eine verzweifelte Handbewegung.

 

»Es ist mein Fehler, daß ich so streitsüchtig bin«, erwiderte er niedergeschlagen. »Dieser entsetzliche Jähzorn! Aber ich verspreche Ihnen, daß ich von jetzt ab …«

 

»Wo ist Mrs. Gray?«

 

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich es nicht weiß. Seit gestern abend habe ich sie nicht wiedergesehen. Wenn Sie glauben, daß ich sie ermordet habe, dann verhaften Sie mich doch.«

 

Er zitterte vor Erregung.

 

»Da Sie zugeben, daß Sie zum Jähzorn neigen …«, begann der Redner.

 

»Ich weiß, daß es mein Fehler ist. Es tut mir außerordentlich leid, aber ich kann Ihnen weiter nichts über Mrs. Gray sagen. Wie unvorsichtig und dumm habe ich mich doch benommen!«

 

»Ja, das stimmt«, sagte der Chefinspektor, als er sich zur Tür wandte. »Ich komme später wieder, Mr. Vanne.«

 

Der Redner zog am Vormittag noch mehrere Erkundigungen ein und war mit dem Resultat zufrieden.

 

Gegen zwölf Uhr hielt man in Scotland Yard eine Konferenz ab, zu der Major Dawlton jedoch nicht zugezogen wurde. Um ein Uhr traf ein Telegramm von einem Arzt in Devonshire ein, das den Redner auf eine neue Spur brachte. Zu gleicher Zeit lief auch der Bericht eines kleinen Krankenhauses in der Nähe von Horsham ein, der die letzte Lücke ausfüllte.

 

Am Nachmittag ging Mr. Rater wieder zu Mr. Vanne, der ihn offenbar erwartete.

 

»Ich will Ihnen keine Schwierigkeiten machen«, erklärte er. »Ich hole bloß noch meinen Hut, dann komme ich mit Ihnen.«

 

»Ich habe nicht die Absicht, Sie zu verhaften, wenn Sie das meinen sollten. Nur muß ich Sie um Auskunft bitten, wo Sie den Mann gelassen haben.«

 

Mr. Vanne wurde bleich.

 

»Fünf Meilen hinter Horsham – ich habe ihn aber nicht auf der Straße liegenlassen –«

 

»Nein, er ist von selbst verschwunden«, erwiderte Mr. Rater. »Jetzt liegt er im Langwell Cottage-Hospital mit einer großen Wunde im rechten Oberarm … Unglaublich, wie solche Wunden bluten können.«

 

Vanne starrte ihn verwundert an.

 

»Lebt er denn noch?« flüsterte er.

 

Der Redner nickte.

 

»Der Mann leidet an Krämpfen – ich habe das in seinen Personalakten in Scotland Yard inzwischen feststellen können. Übrigens hat der Gefängnisarzt das auch bestätigt. Ich vermutete schon etwas Ähnliches. Diese Kerle sterben nicht so leicht, aber wenn sie einen Anfall bekommen, sieht es aus, als ob sie tot wären.«

 

Er nahm ein Telegramm aus der Tasche und faltete es auseinander.

 

»Henry Walter Wassing heißt er – als John Smith wurde er verurteilt. Ich fahre jetzt nach Horsham, um mir den Mann einmal anzusehen. Ich glaube, er wird nun wieder nüchtern und bei Besinnung sein. Hätte sich Mrs. Gray mir anvertraut, so hätte ich ihr genügend Material gegeben, und sie hätte sich in aller Stille von ihm scheiden lassen können. – Erzählen Sie mir jetzt einmal Ihre Geschichte im Zusammenhang.«

 

Mr. Vanne hatte sich inzwischen beruhigt und kam der Aufforderung des Chefinspektors nach.

 

»Ich traf Mrs. Gray vor etwa fünf Jahren zum erstenmal bei einer bekannten Familie und verliebte mich sofort in sie. Trotz meines jähzornigen Charakters erwiderte sie meine Neigung, nur weigerte sie sich, mich zu heiraten. Ich glaubte, sie wäre Witwe, und konnte infolgedessen den Grund für ihre Weigerung nicht verstehen. Ich wußte nicht, daß ihr Mann für ein schreckliches Verbrechen eine zehnjährige Zuchthausstrafe absaß. Sie wollte sich nicht scheiden lassen, da sie die Öffentlichkeit fürchtete. Dazu kam noch, daß sie sich heimlich hatte trauen lassen. Niemand wußte von dem entsetzlichen Leben, das sie an seiner Seite geführt hatte. Sie war gerade nahe daran, mir alles zu erzählen, weil sie gehört hatte, daß Wassing entlassen werden sollte, als er plötzlich unerwartet am Sonnabend nachts in ihrem Haus auftauchte. Er war betrunken und versuchte sie zu erwürgen. Zu ihrer Selbstverteidigung stach sie mit einem Dolch nach ihm, den ich ihr früher einmal als Brieföffner geschenkt hatte. Er stürzte zu Boden und blutete stark. Jetzt weiß ich glücklicherweise, daß er in eine Art Starrkrampf verfiel. Sie glaubte aber, daß sie ihn getötet hätte, und schrieb mir einen Brief. Sie hatte die Fassung vollständig verloren und wollte Selbstmord begehen. Während sie schrieb, wurde sie aber ein wenig ruhiger, verbrannte die Nachricht und erzählte mir am Telefon kurz, was sich zugetragen hatte. Ich fuhr mit meinem Wagen sofort nach Sunningdale, brachte sie zuerst in meine Wohnung und kehrte dann zur Villa zurück.

 

Zunächst hatte ich die Absicht, den vermeintlichen Toten an die Küste zu bringen und ihn dort am Ufer liegenzulassen. Aber ich machte Fehler über Fehler. Ich ließ das elektrische Licht im Flur brennen und die Haustür offenstehen. Dadurch ist natürlich alles vorzeitig herausgekommen. Es gelang mir, den Mann in den Wagen zu schleppen. Kurz hinter Horsham hatte ich durch eine Motorpanne eine Viertelstunde Aufenthalt. Während dieser Zeit muß er das Bewußtsein wiedererlangt haben und aus dem Wagen gekrochen sein. Ich stieg wieder ein und fuhr weiter. Erst nach zehn Minuten entdeckte ich, daß er nicht mehr bei mir war. Ich fuhr zurück, sah mich überall nach ihm um, konnte ihn aber nicht finden. Mrs. Gray hielt sich solange in meiner Wohnung auf. Sie ist jetzt in Bournemouth. Als Sie heute morgen zu mir kamen, erschrak ich sehr, denn ich fürchtete, daß Sie meine Zimmer durchsuchen würden. Um Zeit zu gewinnen, erzählte ich Ihnen, daß ich meine Kleider verbrannt hätte, was aber nicht stimmte. Wie haben Sie denn alles in so kurzer Zeit herausgebracht?«

 

Der Chefinspektor machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Die Fingerabdrücke auf dem Kamingitter wurden in Scotland Yard identifiziert, und dann ergab sich eins aus dem anderen. Übrigens hatte der Kerl einen Brief in der Tasche, den er selbst geschrieben hat. Daraus geht klar hervor, daß er die Absicht hatte, seine Frau umzubringen.«

 

Die Privatsekretärin

Die Privatsekretärin


Der Redner kannte die London and Southern Bank, weil er dort selbst ein kleines Konto hatte. Auch Mr. Baide, den Direktor der Piccadilly-Filiale, kannte er dem Aussehen nach, denn er hatte selbst einmal eine Zeitlang eine verhältnismäßig billige Wohnung in der St. James Street gehabt. Der Hauseigentümer kam ihm mit der Miete entgegen, da er die Anwesenheit eines so hohen Polizeibeamten für ein sicheres Abschreckungsmittel gegen Einbrecher hielt.


Wenn Mr. Rater morgens zuweilen am Fenster saß und seine Pfeife rauchte, sah er häufig Mr. Baide, der langsam die St. James Street nach Piccadilly zu ging. Der Bankmann hatte den Zylinder etwas in den Nacken geschoben und trug Sommer und Winter den Mantel offen. Er sah gewöhnlich nachdenklich aus, und der Redner hielt ihn für einen Philosophen.


Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß Chefinspektor Rater gerade von der London and Southern Bank zu Hilfe gerufen wurde, als er sich um Mr. Joseph Purdew kümmerte, der früher wegen Betrugs und Vertrauensbruchs eine Strafe im Dartmoor-Gefängnis abgesessen hatte. Jetzt war der Mann Inhaber einer Firma, und Mr. Rater interessierte sich dafür, wie es augenblicklich mit seiner Ehrlichkeit stand. Joe Purdew hatte schöne Büroräume in einer vornehmen Straße im Westen Londons und betrieb dort das Geschäft eines Buchmachers und Kommissionsagenten. Pekuniär ging es ihm gut.


Joe schien sich über den Besuch des Chefinspektors nicht allzusehr zu freuen. Die äußere Herzlichkeit, mit der er ihn begrüßte, täuschte den Redner in keiner Weise.


»Aber treten Sie doch bitte näher, Mr. Rater. Darf ich Ihnen vielleicht ein Glas Wein anbieten?«


Joe war von untersetzter Gestalt und hatte eine etwas rote Gesichtsfarbe. Er lief hierhin und dorthin und gackerte wie eine alte Henne. Schließlich machte er die Mahagonitür sorgfältig zu, die zu dem äußeren Büro führte.


»Sonderbar, daß Sie heute zu mir kommen. Vor ein paar Tagen hatte ich die Absicht, Ihnen zu schreiben.«


»Was für einen Schwindel hatten Sie denn vor?« fragte Rater und machte eine abwehrende Handbewegung, als Joe Purdew eine Weinflasche aus dem Schrank holen wollte.


Joe strahlte.


»Aber Mr. Rater, das ist durchaus kein Schwindel. Ich betreibe ein anständiges Geschäft. Vierhundert der bestsituierten Leute Londons sind meine Kunden. Ich mache etwa tausend Pfund wöchentlich Verdienst. Sie sind alle etwas dumm, diese Leute, aber es ist doch schließlich kein Verbrechen, durch die Dummheit anderer Menschen Geld zu verdienen! Es geht bei mir absolut ehrlich zu, Mr. Rater. Mit den früheren Gewohnheiten habe ich vollständig gebrochen«, erklärte Joe mit tugendhaftem Gesicht. »Ich freue mich, daß ich ruhig in meinem Haus in Bayswater wohnen kann und nicht fürchten muß, daß jeden Augenblick ein Schutzmann kommt, mir auf die Schulter klopft und mich zur nächsten Polizeiwache mitnimmt. Wissen Sie noch, wie Sie mich damals in Southampton verhafteten? Aber Gott weiß, ich trage es Ihnen nicht nach.«


Mr. Rater hatte keinen besonderen Grund für seinen Besuch. Er hatte nur von Joes neuester Beschäftigung gehört und wollte sich einmal bei ihm umsehen.


Als er die Tür zum äußeren Büro öffnete, wäre er beinahe mit einer Dame zusammengestoßen, die gerade eintreten wollte. Sie war groß und stattlich, hatte kastanienbraunes Haar und verstand es ausgezeichnet, sich dezent zu schminken. Da sie außerdem sehr gut gekleidet war, vermutete der Redner, daß sie zu den »vierhundert bestsituierten Leuten Londons« gehörte, die Joe zu seinen Kunden zählte.


Gleichzeitig hatte er den Eindruck, daß er sie schon irgendwo gesehen haben mußte. Das Gedächtnis spielte ihm einen Streich; denn die Erinnerung an sie war mit einer zerbrochenen Glasscheibe verbunden.


Er trat zur Seite, um ihr Platz zu machen, und sie rauschte majestätisch an ihm vorüber.


Als er nach Scotland Yard zurückkehrte, wurde ihm der erste Bericht über den Betrug bei der London and Southern Bank überreicht, der zwar zwei Folioseiten füllte, aber merkwürdig wenig Greifbares enthielt. Der Sachverhalt bestand darin, daß ein Scheck über fünfunddreißigtausend Pfund vorgezeigt und ausgezahlt worden war. Später hatte man festgestellt, daß die Unterschrift gefälscht war.


Mr. Baide kam in das äußere Geschäftszimmer, um Mr. Rater zu empfangen. Er sah sehr bekümmert und versorgt aus. Sein graumeliertes Haar war etwas zerwühlt, und sein müder Blick sprach von einer schlaflosen Nacht.


Die Piccadilly-Filiale der London and Southern Bank war erst kürzlich renoviert worden und bot das Letzte an luxuriöser Vornehmheit. Der Chefinspektor fühlte sich in diesen schönen Räumen wohl.


Mr. Baide führte ihn zu seinem Privatbüro, schloß vorsichtig die Tür und schob dann einen Stuhl für seinen Besucher an den Schreibtisch.


»Es ist eine direkt katastrophale Angelegenheit«, sagte er bedrückt. »Fünfunddreißig Jahre bin ich nun bei der Bank, aber noch niemals ist mir eine Fälschung vorgekommen.«


»Da haben Sie ja Glück gehabt«, meinte der Redner.


Er interessierte sich nicht für die Lebensgeschichte des Mannes, er wollte nur die Tatsachen über den gefälschten Scheck von fünfunddreißigtausend Pfund erfahren. Es stellte sich heraus, daß der Scheck von jemand präsentiert worden war, den niemand gesehen hatte. Der Kassierer hatte ihn nicht ausgezahlt, und die Eintragung in den Büchern war von einem Clerk vorgenommen worden, den keiner kannte …


»Von Mr. Gillans Sekretär erhielten wir die erste Nachricht, daß etwas nicht in Ordnung sei. Er kam zu mir, zeigte mir das Kassabuch und sagte, daß keine Eintragung über fünfunddreißigtausend Pfund darin stände. Wir haben eine Eintragung – allerdings in einer fremden Handschrift. Sehen Sie her.«


Er öffnete ein Kontobuch und deutete auf eine Zeile:


Offener Scheck über £ 35 000.-


»Nach langem Suchen haben wir schließlich auch den Scheck gefunden, der versehentlich falsch abgelegt war. Er ist zweifellos gefälscht. Hier ist er.«


Bei diesen Worten reichte er dem Detektiv ein Formular. Mr. Rater betrachtete es, roch daran, hielt es gegen das Licht und legte es schließlich wieder vorsichtig auf den Schreibtisch.


»Stammt es aus Mr. Gillans Scheckbüchern? Sicher haben Sie doch ein Verzeichnis der Hefte, die Sie Ihren Kunden aushändigen?«


Mr. Baide nickte.


»Ja, es war der vorletzte Scheck aus einem der Hefte, die wir Mr. Gillan vor einem Monat schickten. Wir übersenden ihm gewöhnlich zehn Hefte zu je hundert Formularen für das halbe Jahr. Mr. Gillan ist ein sehr reicher Börsenmakler am Grosvenor Square und hat sein Privat- und Geschäftskonto bei uns.«


Der Redner prüfte das kleine Blatt noch einmal. Über dem Namen der Bank standen in kleinen Buchstaben die Worte »Konto Thomas L. Gillan«, und in der linken Ecke war der Scheck mit den beiden Buchstaben C. E. gegengezeichnet.


»Wer ist denn C. E.?«


Mr. Baide lächelte schwach.


»Die beiden Buchstaben stehen für die Zahl fünfunddreißigtausend. A bedeutet zum Beispiel eintausend, B zweitausend und so weiter. Das ist ein zur Kontrolle vereinbarter Geheimcode.«


»Wer kennt ihn? Selbstverständlich sind Sie eingeweiht – aber wer sonst noch?«


»Es war nur eine Verabredung zwischen Mr. Gillan und mir selbst. Alle großen Schecks mußten mir vorgelegt werden, damit ich sie prüfen kann. Das Merkwürdige ist aber, daß mir dieser Scheck nicht vorgelegt wurde. Meine Privatsekretärin meinte noch heute morgen, daß ich den Betrug sicher erkannt hätte.«


»Wer ist denn Ihre Privatsekretärin?«


»Ich kann sie ja einmal kommen lassen.«


Mr. Baide drückte auf eine Klingel, und ein paar Sekunden später trat Miss Helen Lyne ein.


Sie war etwas über mittelgroß und sehr schlank. Das dunkle Haar trug sie zurückgekämmt, und die Hornbrille stand ihr vorzüglich. Der Redner hielt sie für etwa vierundzwanzig. Sie sah sehr intelligent und befähigt aus, trat ruhig und selbstbewußt auf und begegnete dem Blick des Detektivs, ohne die geringste Befangenheit zu zeigen.


Mr. Rater begrüßte sie mit einem Kopfnicken.


»Kennen Sie diesen Code?« fragte er dann ohne weitere Einleitung und zeigte auf die beiden großen Buchstaben in der Ecke des Schecks.


Einen Augenblick runzelte sie die Stirn.


»Ach, meinen Sie den Code, den Mr. Gillan für seine Schecks benützt? Ja, der ist mir bekannt.«


Mr. Baide machte ein erstauntes Gesicht.


»Ich habe Ihnen aber doch niemals etwas davon gesagt«, erwiderte er.


Sie lächelte leicht.


»Nein, aber die Sache ist doch so furchtbar einfach, daß ich sehr bald dahinterkam.«


»Der Scheck wurde nicht in Mr. Baides Abwesenheit vorgelegt?«


Sie schüttelte den Kopf.


»Nein, ich habe ihn niemals vorher zu sehen bekommen.«


Der Redner stellte noch einige Fragen an sie. Unwillkürlich hatte er den Eindruck, daß sie sich in gewisser Weise über ihn lustig machte, und wurde ärgerlich. Schließlich entließ er sie und wartete, bis sie die Tür geschlossen hatte. Dann ging er langsam und leise nach und öffnete schnell. Aber die Sekretärin war nicht zu sehen.


»Wann haben Sie diese Dame engagiert?«


Mr. Baide seufzte.


»Sie ist sehr tüchtig, aber ich komme nicht besonders gut mit ihr aus. Vor sechs Monaten wurde sie mir von der Generaldirektion zugewiesen. Ich kann mich allerdings nicht über sie beschweren. Sie ist fleißig und macht öfter Überstunden.«


»Wo bewahren Sie denn Ihre Schlüssel auf?«


Baide führte ihn zu einem Safe, der in die Wand eingelassen war.


»Hier.« Er zeigte auf eine Reihe von ungefähr zwanzig Schlüsseln der verschiedensten Größen, die an Stahlhaken hingen.


»Kann Miss Lyne diesen Safe öffnen?«


»Für gewöhnlich nicht. Ein- oder zweimal habe ich sie geschickt, um einen Schlüssel zu holen. Ich vertraue ihr selbstverständlich in jeder Weise.«


Später vernahm der Redner noch den stellvertretenden Direktor, den Buchhalter und den Kassier, aber am Ende war er ebenso klug wie vorher.


»Der Betrug kann nur von einem Angestellten der Bank begangen worden sein, der Zutritt zu den Büchern hat und auch zu Ihrem Safe«, sagte er zu Mr. Baide, als er ging.


Dieser sah ihn gespannt an, aber wenn er hoffte, daß ihm der Redner seine Ansicht über den Fall mitteilen würde, täuschte er sich sehr.


Mr. Rater ging nach Scotland Yard zurück und teilte seinem Chef alle Einzelheiten mit, die er festgestellt hatte.


»Ach, der Scheck mit Gillans Unterschrift war gefälscht? Das ist merkwürdig. Einen Tag vor der Vorzeigung wurde nämlich Mr. Gillan fälschlicherweise totgesagt. Er sollte bei einem Flugzeugabsturz in Kent getötet worden sein. Aber offenbar handelte es sich um eine Verwechslung.«


Der Redner sah ihn nachdenklich an, schwieg aber.


Als er am nächsten Morgen wieder zur Bank ging, erfuhr er, daß Mr. Baide nicht erschienen war. Der Mann hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten, und es ging ihm anscheinend sehr schlecht.


»Nun, Sie können mir sicher auch behilflich sein«, wandte sich der Redner an Mr. Wynne, den stellvertretenden Direktor. »Lassen Sie mir doch eine Liste Ihrer Kunden zusammenstellen, die in den letzten zwölf Monaten gestorben sind –«


Er hörte einen unterdrückten Ausruf hinter sich und drehte sich schnell um.


Miss Lyne war geräuschlos eingetreten und starrte ihn verwundert an. Dann sagte sie etwas, das ihr der Redner nicht verzeihen konnte.


»Wie klug von Ihnen!«


Er sah sie noch sprachlos an und wußte nicht, was er auf diese vorlaute Äußerung erwidern sollte, als ein Angestellter hereinkam.


»Mrs. Luben-Kellner wünscht Sie zu sprechen«, wandte er sich an Mr. Wynne.


Der Name war dem Redner bekannt. Mrs. Luben-Kellner besaß einen Rennstall und hatte einen ganz bestimmten Ruf in der Sportwelt. Ihre Pferde hatten jedoch nur wenig Erfolg, und man hielt ihren Rennstall für einen der schlechtesten in England, obwohl sie große Summen für die Tiere ausgegeben hatte. Nach allgemeiner Ansicht rührten die Mißerfolge davon her, daß sie die Pferde selbst trainierte. Sie war der einzige weibliche Trainer Englands und sehr stolz auf diese Tatsache.


Der Bankmann sah den Chefinspektor zweifelnd an.


»Ich müßte die Dame eigentlich empfangen.«


»Soll ich herausgehen?«


»Nein, das Gespräch ist wohl kaum privat. Wenn Sie nichts dagegen haben, bitte ich sie hier herein.«


Der Redner schüttelte den Kopf. Er hatte niemals etwas dagegen, mit Leuten zusammenzukommen.


Die Dame trat ein, und Mr. Rater war nicht wenig erstaunt, als er dieselbe Frau erkannte, die er vor kurzer Zeit in Joe Purdews Büro getroffen hatte. Das Erkennen war gegenseitig. Sie warf dem Redner einen schnellen Blick zu, und als sie sprach, klang ihre Stimme ein wenig heiser.


»Es tut mir leid, daß ich Sie stören muß, aber – wo ist denn Mr. Baide?«


»Er fühlt sich nicht wohl«, entgegnete sein Stellvertreter. »Aber ich kann ebenso alles erledigen, was Sie wünschen.«


Sie sah wieder zu dem Redner hinüber und zögerte.


»Ich möchte die Sache aber mit Ihnen allein und nicht in Gegenwart von Fremden besprechen«, erwiderte sie etwas anmaßend. Ihre Stimme klang hart und gewöhnlich, und in ihrer Erregung zeigte sie, daß ihre Bildung und ihre guten Manieren nur angelernt waren.


Es blieb dem Chefinspektor nichts anderes übrig, als das Büro zu verlassen. Seltsamerweise mußte er bei ihrem Anblick aufs neue an eine zerbrochene Glasscheibe denken.


Nach einer Weile kam Mr. Wynne heraus, ging in Mr. Baides Büro und kehrte dann wieder zu der Dame zurück. Mr. Rater wartete, bis sie gegangen war.


»Wer ist denn das?« fragte er dann.


Mr. Wynne zuckte die Schultern. Er wußte nur, daß sie ein großes Einkommen besaß. Mehr konnte oder wollte er nicht über sie sagen, und Bankiers sind im allgemeinen – besonders Detektiven gegenüber – sehr zurückhaltend mit ihren Angaben über Kunden.


»Sie kam nicht, um etwas Geschäftliches mit mir zu besprechen, sondern um ein Notizbuch zu holen, das sie gestern in Mr. Baides Büro liegenließ.«


Der Redner hatte die Wartezeit dazu benützt, sich etwas eingehender mit der Sekretärin zu beschäftigen. Neue Tatsachen hatte er dabei allerdings nicht ans Licht bringen können. Nachdem er sich von Mr. Wynne verabschiedet hatte, trat er noch einmal bei ihr ein. Sie saß an ihrem Schreibmaschinentisch und hörte ihn nicht, da er die Tür geräuschlos öffnete. Als er sie anredete, schrak sie zusammen und schloß schnell das kleine Notizbuch, in dem sie gelesen hatte. Ihre Bewegung war so hastig, daß er Argwohn schöpfte.


»Was wollten Sie denn eigentlich vorhin mit Ihrer Bemerkung ›Wie klug von Ihnen!‹ sagen?«


Sie wandte sich in ihrem Drehstuhl um und sah ihm offen ins Gesicht. Zu seinem größten Unbehagen glaubte er wieder ein spöttisches Lächeln in ihren Zügen zu bemerken.


»Ich hatte eben die Überzeugung, daß Sie sehr scharfsinnig und geschickt handelten. Sie sind doch Mr. Rater?«


Er nickte.


»Jemand hat mir einmal erzählt, daß Sie sehr schweigsam wären, aber hier bei uns haben Sie eigentlich ziemlich viel geredet.«


Mr. Rater wurde plötzlich rot und war ärgerlich auf sich und auf sie.


»Bisher haben zwei Leute versucht, mich hinters Licht zu führen, und nur einer von ihnen ist dem Galgen entkommen!«


Sie lächelte freundlich.


»Dann gehe ich wahrscheinlich schlechten Zeiten entgegen! Es tut mir leid, Mr. Rater. Ich habe eben nur im Scherz gesprochen. Aber es war wirklich ein sehr kluger Gedanke von Ihnen. Sie haben sich sicher auch überlegt, daß bei einem Todesfall weniger Lärm über einen gefälschten Scheck gemacht wird, als wenn der Betreffende noch höchst lebendig ist und sich selbst um die Sache kümmern kann. Alle Leute glaubten doch, daß Mr. Gillan bei dem Flugzeugunglück umgekommen war. Aber er lebt noch und macht nun einen Mordsspektakel, wenn Sie diesen wenig damenhaften Ausdruck gestatten.«


Der Redner betrachtete sie mit einem sonderbaren Blick.


»Wie klug von Ihnen!« entgegnete er dann. »Sie wissen so viel, daß ich Sie eigentlich mit mir nach Scotland Yard nehmen möchte, um mich einmal gründlich mit Ihnen über den Fall auszusprechen!«


Sie schüttelte den Kopf.


»Das wäre nur Zeitverschwendung. Aber ich kann Ihren Standpunkt sehr gut verstehen. Warten Sie, ich will Ihnen einmal etwas zeigen.«


Sie zog die oberste Schublade ihres kleinen Schreibtisches auf und nahm ein ledergebundenes Notizbuch heraus. Sie blätterte schnell darin und deutete dann auf eine Seite, die ganz mit Zahlen beschrieben war. Er bemerkte, daß die letzte Eintragung »£ 35 000.–« lautete.


»Das ist das Notizbuch, das Mrs. Luben-Keller hier liegenließ… Ich habe gesagt, daß ich es nicht gesehen hätte.«


Der Redner nahm es ihr aus der Hand und steckte es ein.


»Sehr interessant. Aber nun möchte ich Ihnen auch ein paar recht merkwürdige Tatsachen mitteilen. Kennen Sie einen Joe Purdew?«


Zu seinem größten Erstaunen nickte sie.


»Er ist doch ein sehr gerissener Buchmacher?«


»Sehr gerissen!« antwortete sie trocken.


»Und außerdem ein niederträchtiger Charakter. Eine junge Dame geht jeden Abend zu ihm. Ihr Haar ist nicht so glattgekämmt wie das Ihre, und sie trägt auch keine Hornbrille.«


»Vielleicht tut sie das nur in seinem Büro. Sie ist bestimmt kurzsichtig«, erwiderte sie ruhig.


»Sie nennt sich aber nicht Miss Lyne, sondern Miss Larner, wenn ich mich nicht sehr irre.«


Sie lächelte.


»Sie sind wirklich klug«, sagte sie anerkennend.


»Es ist doch nichts Besonderes daran, daß ich Sie beobachtet habe. Aber nun erzählen Sie mir bitte, warum und weshalb Sie abends zu diesem offenkundigen Verbrecher gehen.«


Das Lächeln verschwand aus ihren Zügen.


»Ich führe seine Bücher. Er braucht nicht viel für meine Arbeit zu zahlen, und er hat es schließlich aufgegeben, Annäherungsversuche zu machen – das war zuerst eine recht unangenehme Geschichte.«


»Ist Mrs. Kellner eine Kundin von ihm?«


Sie nickte.


»Seine beste Kundin!«


»Ich kann sie nicht verstehen, und mich selbst begreife ich auch nicht. Sooft ich sie sehe, muß ich an zerbrochenes Glas denken –«


»Von einem Bilderrahmen?« meinte Miss Lyne.


Er sah sie verblüfft an, reichte ihr impulsiv die Hand und drückte sie herzlich.


»Wo wohnt sie?«


»In Pentley, Berkshire, wenn Sie sie besuchen wollen.«


»Ist sie verheiratet?«


»Ja. Sie ist auch beinahe ehrlich«, sagte sie ernst, »aber sie hat diese dumme Eitelkeit mit ihren Pferden – sie ist davon überzeugt, daß sie etwas vom Rennsport versteht. Ich habe den Eindruck, daß sie das Opfer ihres ersten Mannes geworden ist. Haben Sie einmal gesehen, wie ihr zweiter Mann in die Stadt kommt? Er fährt in einem großen Luxusauto, steigt aber jedesmal bei dem Denkmal im Green Park aus und geht den Rest des Wegs zu Fuß –«


Der Redner winkte ihr zu schweigen. Es war ihm peinlich, wenn ihm andere Leute über den Kopf wuchsen. Und diese Miss Lyne wußte wirklich zuviel.


*


Eine gute Stunde von London entfernt liegt ein kleines Dorf am Fuß der Birkshire-Hügel. In der Nähe der Ortschaft steht ein großes, rotes Haus, umgeben von einem schönen Garten. Der Redner fuhr mit seinem Auto nicht am Eingang vor, er machte es vielmehr wie der zweite Mann von Mrs. Kellner und näherte sich dem Gebäude zu Fuß. Von einem Gebüsch aus beobachtete er, daß die Tür weit offenstand, ging in die Diele, ohne zu klingeln, und lauschte.


Er hörte Stimmen in einem Zimmer jenseits der Treppe, schlich sich leise in die Nähe der Tür und horchte. Er schien sich wenig darum zu kümmern, was geschehen würde, wenn Dienstboten kämen und ihn beobachteten.


Mrs. Luben-Kellner konnte sehr ausfallend und heftig werden:


»… nun sitzt du hier herum und machst ein böses Gesicht, statt ins Büro zu gehen und dich dort zu zeigen …, was soll nun dieser Polizeimensch davon denken …, du wirst mich noch ruinieren! Daß du auch dieses verdammte Notizbuch im Büro liegenlassen mußtest, damit alle Leute es lesen können! Mr. Purdew sagt, daß er auch noch in die Sache hineingezogen wird.«


Der Redner hörte ein undeutliches Stöhnen, dann sprach die Frau wieder mit schriller Stimme weiter.


»Wenn du tust, was Joe – Mr. Purdew sagt, dann geht alles gut. Vor allem mußt du morgen wieder ins Büro gehen … niemand weiß etwas davon, und keinem wird auch nur im Traum einfallen, daß ausgerechnet du –«


In diesem Augenblick öffnete Mr. Rater die Tür. Mr. Baide saß zusammengesunken in einem großen Klubsessel, hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben.


»Warum habe ich das bloß getan?« fragte er fassungslos. »Du bist an allem schuld, du hast mich dazu getrieben … Ich hasse Pferde und Pferderennen …, ich wünschte, ich hätte dich nie gesehen, ich wünschte, ich könnte dich endlich loswerden!«


»Dazu kann ich Ihnen verhelfen«, erwiderte Rater.


Baide sprang entsetzt auf.


*


»Es tut mir sehr leid, daß ich diese vorlaute Äußerung tat«, sagte Miss Lyne etwas beschämt. »Aber Sie müssen doch bedenken, Mr. Rater, daß ich Sie als einen Eindringling betrachtete. Dobells Detektivagentur bearbeitet diesen Fall nun schon seit zwei Jahren, und Harry Dobell ist mein Bruder. Seit sechs Monaten bin ich in der Bank tätig. Die Generaldirektion der Bank war nämlich schon seit langer Zeit mißtrauisch. Sooft ein Kunde plötzlich starb, gab es mit den Testamentsvollstreckern Auseinandersetzungen über einen großen Scheck, der am Tag vor dem Tode des Betreffenden ausgestellt worden war. Ich glaube, daß das Purdews Idee war. Sie kennen Ihn doch schon lange? Sobald er von einem geeigneten Todesfall hörte, wurde ein Scheck gefälscht, und der arme alte Baide mußte die Auszahlung bewerkstelligen. Manchmal kam es vor, daß kein Protest erhoben wurde, und die ganze Geschichte wäre wahrscheinlich nie ans Tageslicht gekommen, wenn nicht Mr. Gillan fälschlicherweise tot gemeldet worden wäre. Das Merkwürdigste ist aber, daß Mrs. Purdew alle Rennwetten bei ihrem Mann abschloß und obendrein noch erwartete, bei einem Gewinn ausgezahlt zu werden!«


Der Redner strich das Haar aus der Stirn zurück und lächelte etwas verlegen.


»Zu komisch, daß ich mich nicht gleich darauf besann! Ich habe ihr Bild doch in Joe Purdews Koffer gesehen, als ich ihn das letztemal in Southampton verhaftete!«


»Ich möchte überhaupt wissen, wie der arme Mr. Baide unter den Einfluß dieser Frau gekommen ist«, erwiderte Miss Lyne und schüttelte traurig den Kopf. »Er war so ein netter alter Herr. Welche Anklage erheben Sie denn gegen Mrs. Luben-Kellner?«


»Bigamie und Betrug.«


»Sie tut mir leid. Eigentlich ist sie schon gestraft genug. Das können Sie allerdings nicht verstehen, weil Mr. Purdew niemals versucht hat, Ihnen den Hof zu machen.«


Der geheimnisvolle Nachbar

 

Der geheimnisvolle Nachbar

 

Mr. Giles trat selbstbewußt und sicher in das Büro des Chefinspektors Rater. Schon an seiner Haltung war zu erkennen, daß er von Scotland Yard nichts zu fürchten hatte. Ein Lächeln lag auf seinem gesunden, roten Gesicht, und er sah tatsächlich aus wie einer, der ein gutes Gewissen hat.

 

»Guten Morgen, Mr. Rater. Sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich empfangen. Als ich Ihnen schrieb, dachte ich mir, wer weiß, ob der vielbeschäftigte Herr eine Minute Zeit für mich übrig hat.«

 

»Nehmen Sie Platz, Farmer«, erwiderte der Chefinspektor.

 

Der Besucher lächelte strahlend und zog einen Stuhl an den Schreibtisch. Den Spitznamen »Farmer« hatte er wegen seines blühenden Aussehens erhalten.

 

»Sie wissen ja, wie die Dinge in der Welt nun einmal liegen, Mr. Rater. Wenn jemand mal einen kleinen Konflikt mit der Polizei hatte und seine Existenz von neuem aufbaut, kommt er nicht gern wieder mit ihr in Berührung.«

 

»Sind Sie jetzt ordentlich geworden?« fragte der Redner und sah ihn prüfend und argwöhnisch an.

 

»Vollkommen. Wissen Sie, gesetzwidrige Sachen machen sich nicht bezahlt. Das ist Ihnen ja gut genug bekannt. Außerdem habe ich in letzter Zeit noch etwas Glück gehabt. Ein Onkel von mir hat mir das nötige Kapital gegeben, um ein Geschäft anzufangen. Gott sei Dank wußte der nichts von meinen früheren Dummheiten –«

 

»Was für ein Geschäft haben Sie denn?«

 

Der Mann nahm eine große Karte aus seiner Brieftasche und reichte sie ihm über den Schreibtisch hinüber.

 

 

 

J. Giles & Co. (früher Olney, Brown & Sterner)

Vertretungen

479, Cannon Street, E. C.

 

»Vertretungen? Das kann allerhand bedeuten. Was machen Sie denn eigentlich? Sind Sie Buchmacher?«

 

Aber der Farmer war Inhaber einer gutgehenden Generalagentur.

 

»Das Geschäft hebt sich von Monat zu Monat«, erklärte er begeistert. »In anderthalb Jahren habe ich die Firma so in die Höhe gebracht, daß ich den doppelten Umsatz habe wie früher. Mein Onkel … Ach, ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen, Mr. Rater – ich habe das Geschäft nämlich mit eigenem Geld gekauft, mit tausendzweihundert Pfund. Ich bin immer vorsichtig gewesen, das wissen Sie. Beizeiten habe ich Geld auf die Seite gelegt. Es hat ja doch keinen Zweck, daß ich Ihnen Märchen erzähle. Sie sind zu klug, Ihnen kann man nichts vorflunkern. Aber ich habe mir schon seit langem vorgenommen, Sie einmal aufzusuchen und mit Ihnen zu sprechen –«

 

»Ich habe Sie neulich in der Stadt erkannt, und Sie haben mich auch bemerkt«, unterbrach ihn der Redner. »Ihre Firma ist vollkommen in Ordnung. Das habe ich schon geprüft.«

 

Der Farmer strahlte.

 

»Sehen Sie, auf Sie kann man sich verlassen! Ich sagte neulich noch zu meiner Frau – sie ist wirklich eine Lady – ›Molly, es gibt keinen klügeren Menschen als Mr. Rater‹. Das habe ich tatsächlich gesagt.«

 

»Sie sind also verheiratet?«

 

Mr. Giles nickte.

 

»Seit achtzehn Monaten. Kommen Sie doch einmal am Sonntagnachmittag zum Tee zu uns. Meine Frau ist wirklich sehr nett, die wird Ihnen gefallen. Und hübsch ist sie auch. In einer besonders hervorragenden Gegend wohne ich ja gerade nicht – Acacia Street 908. Wir haben ein paar merkwürdige Leute als Nachbarn. An einem der nächsten Tage will ich mir eine Wohnung im Westen mieten. Aber ich sage immer, man soll sich erst das Geld zusammensparen, bevor man es ausgibt!«

 

»Acacia Street 908!«

 

Der Redner hatte wohl Grund, sich zu wundern. Er kannte die Acacia Street. Es war eine lange Straße, an der kleine Einzelhäuser standen. Und er hatte nicht erwartet, den Inhaber der Firma Giles & Co., die in der City Büroräume hatte, in einer solchen Wohnung zu finden.

 

»Sie müssen meinen Standpunkt verstehen.« Der Farmer legte großen Wert darauf, dem Chefinspektor zu erklären, wie bescheiden seine Lebensansprüche waren. »Ich versuche jetzt, mich ehrlich durchzuschlagen. Aber was passiert, wenn ich in den Westen ziehe und eine große Wohnung nehme? Dann fängt die Polizei gleich an, sich zu erkundigen, ich treffe meine alten Freunde wieder, und die Versuchung für mich ist sehr groß. Eines Tages bin ich wieder auf der schiefen Ebene.«

 

»Na, das sind ja sehr solide Anschauungen.«

 

»Sehen Sie, Sie haben mich vollkommen verstanden«, sagte der Farmer, nahm seinen Hut vom Boden auf und strich ihn glatt.

 

»Kennen Sie eigentlich einen gewissen Smith – George Smith?« fragte er noch.

 

Der Redner schaute zur Decke hinauf.

 

»Ein außergewöhnlich seltener Name«, meinte er nachdenklich.

 

Der Farmer grinste.

 

»Der Mann wird Sie interessieren. Er ist mein direkter Nachbar, und es sollte mich sehr wundern, wenn der nicht auch schon im Gefängnis gesessen hätte. Er redet immer so bieder und ehrbar und geht zur Kirche, aber in der Nacht, als der Einbruch in Blackheath verübt wurde, war dieser George Smith die ganze Nacht aus dem Haus. Sie wissen doch, den Jungens sind dabei für achttausend Pfund Juwelen in die Hände gefallen! Um fünf Uhr morgens habe ich ihn nach Hause kommen sehen.«

 

»Ach, haben Sie bis in die frühen Morgenstunden in Ihrem Büro gearbeitet?« entgegnete der Redner langsam.

 

Mr. Giles wurde etwas verlegen.

 

»Nein, aber ich bin ein Frühaufsteher.«

 

»Das waren Sie schon immer«, erwiderte Mr. Rater ironisch und reichte seinem Besuch wenig begeistert die Hand.

 

Acacia Street 908! Und 910 wohnte ein anderer ihm bekannter Mann, der von Beruf Holzschnitzer war, sich nebenbei aber auch als Elektriker betätigte.

 

Das mochte ein Zufall sein – vielleicht aber ein sehr bedeutungsvoller. Jedenfalls dachte der Redner längere Zeit darüber nach.

 

Giles kehrte zu seinem Büro in der Cannon Street zurück, wo er schöne Räume im zweiten Stockwerk eines Geschäftshauses besaß. Er hatte tatsächlich eine Firma, die Pleite gemacht hatte, gekauft und zwei Angestellte übernommen, aber er kümmerte sich verhältnismäßig wenig darum. Die Firma Giles & Co. wurde eigentlich von dem Geschäftsführer geleitet, der alle wichtigen Briefe schrieb und seinem Chef nur Schecks ins Zimmer brachte, die entweder auf der Vorder- oder auf der Rückseite zu unterzeichnen waren. Mr. Giles selbst behielt sich eine andere Tätigkeit vor, von der seine Angestellten nicht die geringste Ahnung hatten.

 

Die Verschiffung gebrauchter Autos nach Indien und dem Fernen Osten ist ein rentables Geschäft, wenn man nicht zuviel für die Wagen zahlt, und Mr. Giles zahlte fast gar nichts dafür. Er besaß eine große Garage in der Nähe der London Docks, wo große Holzkisten für die Autos gemacht wurden, und verdiente ein Vermögen durch diesen unreellen Handel. Wie man dieses Geschäft betrieb, hatte er von einem Leidensgenossen im Dartmoor-Gefängnis erfahren. Er war bereits auf dem Weg, der größte Autohehler Londons zu werden. Merkwürdigerweise entwickelte sich auch seine andere Firma glänzend.

 

In der Nacht vor seinem Besuch bei Mr. Rater war er in einem gestohlenen Wagen nach Sunningdale gefahren. Zwei Komplicen begleiteten ihn, und sie erbeuteten bei einem Einbruch für tausendfünfhundert Pfund Schmuck und Silber. Und dies war nicht sein erstes Abenteuer dieser Art, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war.

 

Er hatte sich mit seinen Leuten eine sehr einfache Arbeitsmethode zurechtgelegt. Ein Mitglied der Bande stahl irgendein Auto und nahm in einer stillen Straße im Vorüberfahren zwei Kollegen mit. Dann fuhren sie zu dem Haus, das sie vorher genau ausgekundschaftet hatten. Es war Giles jedoch nicht ganz leichtgefallen, die nötigen Leute aufzutreiben. Higgy James, den er schließlich fand, machte ihm einen Vorwurf.

 

»Sie sind ja recht tüchtig in Ihrem Fach, Farmer, aber Sie haben immer diese verdammte Pistole bei sich. Wenn Sie die nicht zu Hause lassen, mache ich nicht mit. Sie sind schon einmal sieben Jahre ins Loch gewandert, weil Sie einen Schutzmann angeschossen haben, und wenn Sie das nächstemal erwischt werden, bleiben Sie lebenslänglich drin. Und jeder, der mit Ihnen gefangen wird, kann sich auf dasselbe gefaßt machen.«

 

Das Silber aus dem letzten Raub war längst eingeschmolzen, und die Firma Giles & Co. verkaufte die Barren im rechtmäßigen Handel.

 

An diesem Tage verließ der Farmer sein Büro früher und ging zu seiner Wohnung in der Acacia Street. Als er an Nr. 910 vorüberkam, wo sein unliebsamer Nachbar wohnte, blickte er düster nach den dunklen Fenstern.

 

Er schloß die eigene Haustür auf und trat in das Speisezimmer. Helen, seine junge Frau, die neben dem Kamin saß und nähte, erhob sich schnell. Auch ein Fremder, der die Beziehungen dieser beiden Menschen zueinander nicht kannte, hätte unwillkürlich den Eindruck haben müssen, daß sie sich trotz ihres erzwungenen Lächelns entsetzlich vor dem Mann fürchtete. Wenn ihre Schönheit schon nach so kurzer Ehe gelitten hatte, war das nur auf Giles häßliche Behandlung zurückzuführen. Aber die Narbe war fast verschwunden, wie er mit Befriedigung feststellte. Es war doch immerhin möglich, daß dieser verdammte Rater eines Tages seine Einladung ernst nehmen und ihn tatsächlich besuchen könnte.

 

»Bring mir Tee«, sagte er kurz.

 

»Ja, sofort.«

 

Als sie zur Tür ging, rief er sie zurück.

 

»Hat sich der Kerl von nebenan hier herumgetrieben?«

 

»Nein, er hat nicht mit mir gesprochen, und ich habe ihn auch nicht gesehen …«

 

»Lüg mir bloß nichts vor«, erwiderte er drohend. »Wenn ich einmal nach Hause komme und dich abfasse, wenn du mit ihm über die Gartenmauer schwätzt, dann kannst du was erleben!«

 

Sie antwortete nicht, wurde aber bleich, während sie noch an der Tür wartete.

 

»Ich habe dich aus dem Rinnstein aufgelesen – du warst doch weiter nichts als eine verhungerte Verkäuferin. Bis über die Ohren hast du in Schulden gesteckt! Warum ich dich überhaupt geheiratet habe, ist mir selbst ein Rätsel. Wahrscheinlich habe ich damals eine Art Sonnenstich gehabt. Dann habe ich so einem hergelaufenen Ding wie dir eine schöne Wohnung eingerichtet und dir alles gegeben, was man sich nur wünschen kann!«

 

»Ich bin dir ja auch sehr dankbar dafür«, entgegnete sie schnell, aber er brachte sie durch eine abwehrende Handbewegung zum Schweigen.

 

»Bring mir jetzt endlich den Tee!«

 

Er wachte oft morgens auf und ärgerte sich, daß er dieses junge Mädchen geheiratet hatte. Männer sollten sich eigentlich nur um ihr Geschäft kümmern, und er war nun einmal ein Einbrecher. Mit Bigamie sollte er sich nicht befassen. Dadurch hatte er auch Scotland Yard einen Grund gegeben, einzugreifen, sobald etwas von seiner ersten Ehe bekannt wurde. Und diesen Unsinn hatte er gerade in dem Augenblick gemacht, als er die ersten dreitausend Pfund beiseite geschafft und bei einer Bank eingezahlt hatte. Je mehr er über die Gefahr nachdachte, die ihm von dieser Seite drohte, desto mehr haßte er seine Frau. Aber trotzdem paßte es ihm durchaus nicht, daß sich sein Nachbar um sie kümmerte. Er hätte den Mann vielleicht für seine eigenen Zwecke benützen können, wenn der alte Narr nicht eines Nachts an die Wand geklopft hätte und später selbst erschienen wäre. Smith hatte einen Mantel über seinem Pyjama an und fragte, was denn das Schreien zu bedeuten hätte. Der Mann sah nicht schlecht aus, nur war er schon etwas grau und verschlossen. Als der Farmer ihn an der Kehle nahm und auf die Straße werfen wollte, hatte ihn Smith einfach am Kragen gepackt und zu Boden geworfen.

 

Giles schaute grübelnd ins Feuer, bis die junge Frau das Tablett mit dem Tee brachte und auf den Tisch setzte.

 

Lange Zeit übersah er ihre Anwesenheit vollständig, und als er dann zu ihr sprach, würdigte er sie keines Blicks.

 

»Es ist möglich, daß ein gewisser Rater hier Besuch macht. Das ist ein Mann von Scotland Yard und ein alter Freund von mir. Ich kenne alle Beamten im Polizeipräsidium, das bringt mein Geschäft mit sich. Aber du wirst ihm nichts über mich erzählen – verstanden?«

 

»Ja«, sagte sie schüchtern.

 

»Womit verdient der Kerl von nebenan eigentlich seinen Unterhalt?«

 

»Das weiß ich nicht, Joe.«

 

»Das weiß ich nicht, Joe!« ahmte er sie höhnisch nach. »Du weißt überhaupt nichts, dumme Gans!«

 

Sie schrak vor seiner erhobenen Faust zurück, und er lachte laut auf.

 

»Benimm dich, dann tu ich dir nichts. Heute abend kommt ein Herr zu mir. Sobald er hier erscheint, verschwindest du oben im Schlafzimmer. Wenn ich dich brauche, rufe ich dich.«

 

Er sah auf die Uhr und gähnte, ging nach oben zum Badezimmer, zog sich um und sagte dann, daß er eine Stunde lang Spazierengehen wollte. Als sie noch jung verheiratet waren, hatte sie einmal den Fehler begangen und gefragt, wohin er ginge. Das hatte sie nicht wieder getan.

 

Sie wartete, bis er die Haustür zuwarf, und schaute ihm hinter den Vorhängen des Wohnzimmers nach. Dann eilte sie durch die Küche und ließ alle Türen offen, damit sie hören konnte. Sie wußte, daß ihr Nachbar das Zuwerfen der Haustür auch gehört haben mußte.

 

Er wartete bereits im Garten auf sie. Im Schatten sah seine Gestalt düster und dunkel aus.

 

»Ich mußte ihn belügen, Mr. Smith. Ich sagte, ich hätte nicht mit Ihnen gesprochen. Aber was soll ich nun tun?«

 

Ihre Stimme zitterte vor Verzweiflung, und doch fühlte Helen eine gewisse Erleichterung, daß sie sich diesem Manne anvertrauen konnte. Jeden Abend ging sie um dieselbe Stunde in den Garten und besprach mit dem Nachbarn ihre trostlose Lage.

 

»Schon gut, Sie haben ja heute auch noch nicht mit mir geredet«, beruhigte er sie. Seine Stimme klang etwas rauh, aber freundlich. »Hat er Sie wieder geschlagen?«

 

Sie schüttelte den Kopf. Es war gerade noch hell genug, daß er das sehen konnte.

 

»Nein, seitdem Sie neulich kamen, hat er mich in Ruhe gelassen. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll, Mr. Smith. Ich fürchte mich so entsetzlich vor ihm. Er gibt mir überhaupt kein Geld, ich kann also nicht von ihm fort. Und wenn ich meine alte Stelle bei Harridge wieder annähme, würde er mich sicher bis dorthin verfolgen. Ich habe schon oft daran gedacht, einfach den Gashahn aufzudrehen. Dann hätte doch dieses Elend ein Ende.«

 

»Das ist aber vollkommen verkehrt gedacht«, sagte der Mann energisch. »Ich werde schon einen Ausweg für Sie finden –«

 

»Wer ist eigentlich Mr. Rater von Scotland Yard?« fragte sie plötzlich.

 

»Wie kommen Sie denn darauf?« entgegnete er, offenbar ziemlich bestürzt.

 

»Joe sprach heute über ihn. Er sagte, daß der Herr wahrscheinlich zu uns kommen würde. Kennen Sie ihn?«

 

»Ja, ich kenne ihn«, antwortete er nach einer kleinen Pause. »Ich traf ihn neulich. Wann kommt er denn?«

 

Sein Ton klang beinahe ängstlich, und sie wunderte sich, in welcher Beziehung er zu Mr. Rater stehen mochte.

 

»Ich weiß nicht, ob er überhaupt kommt. Joe sagte nur, daß es möglich wäre. Dann fragte er auch noch, womit Sie Ihr Geld verdienen.«

 

Mr. Smith lachte leise vor sich hin.

 

»So, das möchte er wissen? Nun, da können Sie ihm ganz wahrheitsgemäß sagen, daß ich ein Holzschnitzer bin. Er hat mich doch oft genug an meiner Arbeitsbank gesehen. Außerdem habe ich noch eine Privatbeschäftigung, aber die geht niemand etwas an, und darüber spreche ich nicht.«

 

»Dazu haben Sie vermutlich auch allen Grund, Sie gemeiner Lump!«

 

Helen schrie auf und wandte sich entsetzt um. Ihr Mann stand direkt hinter ihr. Er hatte sich leise herangeschlichen und den letzten Teil ihrer Unterhaltung gehört. Sie wollte an ihm vorübereilen, aber er packte sie so fest am Arm, daß sie wieder laut aufschrie.

 

»Du bleibst hier! So treibst du dich also herum, wenn ich abends ausgehe! Mit ihnen rede ich später noch, Smith!«

 

Er zog seine Frau ins Haus und riegelte die Tür zu.

 

Mr. Smith, der sonst kaum empfindlich war, zuckte zusammen, als er Helens Schmerzensschreie hörte …

 

Sie lag auf dem Bett und war schließlich zu schwach, um noch zu schreien oder zu weinen.

 

Mr. Giles knöpfte seine Weste zu und zog seinen Rock an.

 

»So, nun mach, daß du zu Bett gehst, und sei froh, daß ich dir nicht das Genick umgedreht habe!«

 

Er schloß die Schlafzimmertür ab, ging nach unten in die Küche und suchte eine leere Sodawasserflasche. Dann verließ er das Haus und klopfte an Mr. Smiths Tür. Er war befriedigt, daß die Diele dunkel blieb, als sein Nachbar kam und öffnete.

 

»Nun, was gibt’s?«

 

Offenbar hatte der Mann Joe Giles erkannt.

 

»Ich wollte einmal mit Ihnen reden«, erwiderte der Farmer höflich. »Vor allem möchte ich Sie darum bitten, nicht immer mit meiner Frau zu sprechen. Sie ist unvorsichtig, und ich wünsche nicht, daß sie in eine schiefe Lage kommt …«

 

Giles täuschte seinen Nachbarn so vollkommen, daß dieser nicht auf seiner Hut war. Erst als es schon zu spät war, entdeckte Smith die Flasche. Er versuchte noch, den Kopf zur Seite zu drehen, als Giles mit aller Gewalt auf ihn einschlug, fiel dann auf die Knie und brach zusammen. Der Farmer schloß die Tür vorsichtig und ging in sein Haus zurück. Eine halbe Stunde saß er in seinem Wohnzimmer, brütete vor sich hin und war mit sich und der ganzen Welt zerfallen. Was sollte nun werden, wenn der Mann zur Polizei ging und ihn anzeigte? Er hatte wieder einmal eine zu verrückte Sache angestellt!

 

Von Zeit zu Zeit legte er das Ohr an die dünne Trennungswand, und schließlich atmete er erleichtert auf, als sich der Mann im Nebenhaus wieder bewegte und umherging. Er setzte sich so, daß er durch das Fenster die Haustür beobachten konnte, denn er erwartete, daß Mr. Smith nun jeden Augenblick zu ihm kommen würde.

 

Aber es verging eine halbe Stunde, dann eine ganze, und es ereignete sich nichts.

 

Der Farmer lächelte. Sein Nachbar hatte wahrscheinlich guten Grund, nicht zur Polizei zu gehen.

 

Um zehn Uhr kam Higgy, sein treuester Helfer. Sie hatten einen neuen Plan gut vorbereitet. Es handelte sich diesmal um eine große Villa an der Grenze von Horsham. Die Familie war verreist; aber es hielten sich sieben Dienstmädchen und zwei ältere Diener im Haus auf.

 

»Die alte Dame, der der Kasten gehört, ist in Bournemouth«, sagte Higgy. »Sie hat aber ihren ganzen Schmuck in dem Safe zurückgelassen. Für gewöhnlich kann man das Ding nicht sehen, weil es in die Wand eingelassen ist, und zwar direkt hinter dem Bett. Stokey Barmond war gestern dort. Er hat sich mit einer Zofe angefreundet und alles gesehen. Er meint, die Sache sei sehr leicht. Ein alter, französischer Schrank, den man beinahe mit dem Fingernagel aufmachen kann! Genauso altmodisch ist auch der Schmuck, aber die Steine sind gut.«

 

»Wie kommt man am besten mit dem Auto dorthin?«

 

Higgy erklärte es ihm. In einer naheliegenden Nebenstraße konnte man parken. Dann kletterte man über eine niedrige Mauer und war auf dem Grundstück. Er legte einen Plan auf den Tisch, und der Farmer betrachtete ihn genau.

 

»Glänzend«, meinte er dann. »Sagen Sie also Stokey, er soll morgen abend einen Wagen besorgen und mich am Ende von Denmark Hill abholen.«

 

»Aber nehmen Sie ja keine Pistole mit!« warnte Higgy. Das sagte er regelmäßig, wenn sie auf eine Unternehmung auszogen.

 

»Glauben Sie denn, ich wäre so dumm?« fragte der Farmer verächtlich.

 

Als er sich am nächsten Abend in seinem Zimmer fertigmachte, steckte er doch einen Browning ein und sah vorher nach, ob er auch geladen war. Er wußte sehr gut, daß er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt werden würde, wenn ihn die Polizei das nächstemal faßte. Und das war ihm zu langweilig, dann wollte er lieber gleich an den Galgen kommen.

 

Am Morgen hatte er gesehen, daß sein Nachbar einen Verband über der Stirn trug. Der Schlag hatte Smith nicht mit voller Härte getroffen, sondern nur gestreift. Der Holzschnitzer stand an dem kleinen, eisernen Zaun, der seinen Vorgarten einschloß, und Mr. Giles griff erschrocken nach seinem Totschläger, als er den Mann bemerkte. Diese Waffe trug er stets bei sich.

 

»Guten Morgen«, sagte der Nachbar. »Ich habe ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen.«

 

»Na, los, wenn Sie die Absicht haben«, erwiderte der Farmer, hielt sich jedoch in genügender Entfernung.

 

Aber Mr. Smith schüttelte den Kopf.

 

»Den Zeitpunkt werden Sie selbst bestimmen«, entgegnete er, und mit dieser geheimnisvollen Bemerkung verschwand er in seinem Haus.

 

Tagsüber beobachtete Mr. Smith den Farmer dauernd, und als dieser am Abend ausgegangen war, um seinen schändlichen Plan zur Ausführung zu bringen, ging er zur nächsten öffentlichen Telefonzelle und ließ sich mit Mr. Rater verbinden. Die Trennungswand zwischen den beiden Häusern war nicht sehr stark, und Mr. Smith, der ein Bastler war, hatte sich selbst ein Mikrofon konstruiert …

 

»Ich hätte mir das an Ihrer Stelle nicht bieten lassen, Smith«, sagte der Chefinspektor.

 

»Sie wissen doch ganz genau, daß ich vor Gericht nicht als Zeuge auftreten kann. Darüber habe ich mich schon den ganzen Tag geärgert.«

 

Der Redner wartete nur so lange, bis sich Scotland Yard mit der Sussex-Polizei in Verbindung gesetzt hatte, dann stieg er in ein Dienstauto und fuhr in die Richtung nach Horsham davon.

 

Der Farmer verstand es, derartige Überfälle zu organisieren. Auf die Minute genau wurde er an der angegebenen Stelle abgeholt. Higgy lenkte den Wagen, während Stokey Barmond hinten saß.

 

»Heute abend haben Sie einen guten Wagen erwischt«, meinte Giles gutgelaunt, was ein großes Lob bedeutete.

 

Sie fuhren in einem Regenschauer durch Horsham, der eine Beobachtung durch die Polizei sehr erschwert hätte, auch wenn Higgy nicht schon die Nummer des gestohlenen Wagens geändert und die Spitze des Kühlers mit einer Haube zugedeckt hätte.

 

Als sie in die Nähe des Schauplatzes kamen, erkundigte sich Higgy nochmals ängstlich, ob Giles keine Pistole bei sich hätte.

 

»Was ist denn heute mit Ihnen los?« fuhr ihn der Farmer böse an. »Werden Sie denn dafür bestraft, wenn ich eine Waffe in der Tasche habe? Dafür muß ich doch geradestehen, nicht Sie.«

 

Aber Higgy blieb hartnäckig.

 

»Ich möchte eine klare Antwort hören. Haben Sie eine Schußwaffe bei sich oder nicht?«

 

»Nein, ich habe keine bei mir«, entgegnete der Farmer ärgerlich.

 

Higgy sagte nichts mehr, aber er war nicht überzeugt. Er hatte die Aufgabe, bei dem Wagen zu bleiben, und nahm sich fest vor, mit dem Auto zu verschwinden, sobald irgendein Schuß fallen würde. Dann war er schon halb in Horsham, bevor der Farmer nur auf die Straße kommen konnte, und eine Entschuldigung hatte er sich für diesen Fall auch bereits zurechtgelegt.

 

Der Wagen fuhr in die Nebenstraße ein und kam zum Stehen. Nach einer kurzen, leisen Unterhaltung kletterten der Farmer und Stokey über die Mauer und verschwanden im Dunkeln. Inzwischen wandte Higgy den Wagen, so daß dieser in umgekehrter Richtung stand. Dann wartete er, während er den Motor laufen ließ. Nach einer Viertelstunde hatte ihn das monotone Geräusch beinahe eingeschläfert.

 

Aber plötzlich fuhr er auf, denn er hörte Schritte, und der Schein einer elektrischen Lampe streifte sein Gesicht.

 

»Steigen Sie aus. und machen Sie keinen Lärm!« befahl eine harte Stimme.

 

Higgy sah, daß die Straße von Polizisten wimmelte. Zwei kletterten bereits über die Mauer.

 

Der Farmer hatte mit seinen Hilfsinstrumenten ein Schlafzimmerfenster von außen geöffnet. Der Safe war leicht zu bewältigen, wie er erwartet hatte. In einer Viertelstunde hatte er ihn aufgebrochen und alle Taschen mit den Wertsachen vollgestopft. Als er auf die Veranda hinaustrat, war Stokey, der dort auf Posten gestanden hatte, verschwunden.

 

Giles schwang sich über das Geländer und ließ sich hinunter.

 

Aber unten packte ihn eine Hand am Arm. Wild riß er sich los, als er undeutlich die Umrißlinien eines Helms erkannte. Er war nur noch einige Schritte von der Mauer entfernt, als ihn der Polizist einholte und zu Boden warf. Im nächsten Augenblick war er jedoch schon wieder auf den Füßen.

 

»So, das haben Sie davon!« rief er wütend und schoß zweimal aus der Tasche. Dann eilte er zur Mauer und kletterte hinüber. Auf der anderen Seite wurde er von zwei Beamten in Empfang genommen, die schon auf ihn gewartet hatten.

 

»Es war ein Polizist, mit dem ich gerungen habe«, sagte der Farmer sofort, um seine Unschuld zu beteuern. »Er wollte mir die Pistole wegnehmen, und dabei entlud sie sich.«

 

»Das können Sie ja den Geschworenen erzählen«, erwiderte der Redner eisig.

 

*

 

Es war ein alltäglicher Mord. Nur die Tatsache, daß ein Polizist erschossen worden war, lenkte das allgemeine Interesse auf den Prozeß. Beim Polizeigericht sowohl als auch vor den Geschworenen wurde der Farmer glänzend verteidigt. Da er dreitausend Pfund besaß, konnte er sich das ja leisten. Infolgedessen dauerte der Prozeß statt eines Tages zwei, aber der Ausgang blieb deshalb doch der gleiche. Die Zeitungsberichterstatter spitzten ihre Bleistifte; die Gerichtsdiener lehnten gelangweilt an der Wand; Die Zuhörer und auch die Geschworenen wußten, daß der Prozeß nur mit der Verurteilung des Schuldigen enden konnte. Nur der Richter und der Verteidiger nahmen noch mit einigem Interesse an der Verhandlung teil.

 

Aber als das Todesurteil ausgesprochen war und Giles unter der Aufsicht von drei Wärtern ins Gefängnis von Wandsworth gebracht wurde, hielt er seine Sache noch immer nicht für aussichtslos.

 

Seine Berufung wurde jedoch von der nächsthöheren Instanz verworfen, und nun bat er Mr. Rater um eine Unterredung.

 

Der Chefinspektor suchte den Farmer auch tatsächlich in der Zelle auf und wurde von dem Mann mit einem Grinsen begrüßt.

 

»Nun haben Sie mich also wirklich so weit gebracht, daß ich gehenkt werde, Rater. Aber warum haben Sie denn den Higgy mit drei Jahren davonkommen lassen?«

 

Der Redner schwieg.

 

»Und dann dieser gemeine Kerl, der Smith, der glaubte natürlich, ich hinterlasse meiner Frau das Geld, damit er sie heiraten kann. Aber damit Sie es nur wissen, Mr. Rater, sie ist gar nicht meine Frau. Ich bin nämlich schon vorher verheiratet gewesen. Die Ehe mit ihr ist vollkommen ungültig, und die Frau bekommt keinen Cent!«

 

Er erzählte dem Chefinspektor alle Einzelheiten über seine erste Ehe, aber nicht aus Reue, sondern aus Rache.

 

»Ich werde es ihr schon eintränken. Sie soll nichts von mir haben! Immer war sie ein Mühlstein an meinem Hals!«

 

Auch Mr. Rater hatte er aus reiner Gemeinheit rufen lassen. Der Chefinspektor sagte ihm offen, was er von ihm dachte, aber Giles grinste nur selbstzufrieden.

 

»Smith heiratet sie nicht – wenigstens nicht meines Geldes wegen.«

 

»Über Smith brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen«, begann der Redner, brach aber plötzlich ab.

 

»Der Kerl ist ein Spitzbube«, sagte der Farmer höhnisch.

 

»Ich habe ihn schon lange durchschaut. Er geht immer nachts aus und bleibt ein paar Tage fort. Er lebt ganz allein für sich, und ich gehe mit Ihnen die größte Wette ein, daß Sie Berge von gestohlenen Dingen bei ihm finden.«

 

Der Redner war froh, als er den Farmer verlassen konnte.

 

Über seinen Nachbar ärgerte sich Giles bis zum letzten Augenblick und sprach dauernd mit seinen Wärtern über ihn, aber die Leute hörten ihm kaum zu.

 

»Ich wünschte nur, ich hätte ihm tatsächlich den Schädel eingetrommelt. Man kann mich ja doch nur einmal henken, auch wenn ich fünfzigtausend Menschen umgebracht hätte. Aber die Narbe an der Stirn wird er noch lange herumtragen. Sehen Sie, hier habe ich ihn getroffen.« Er zeigte auf die Stelle.

 

Schließlich kam der letzte Morgen. Mr. Giles ließ geduldig das Gebet des Geistlichen über sich ergehen. Trotz der langen Haft sah er frisch und blühend aus, und er schien nicht die geringste Furcht vor der Hinrichtung zu empfinden. Als der Pfarrer zu Ende war, erhob sich Giles erleichtert.

 

»Nun wollen wir uns einmal den Henker ansehen«, sagte er, aber das Wort erstarb ihm im Munde, denn der Mann trat gerade in seine Zelle ein. Er hatte einen schwarzen Strick in der Hand. Giles starrte ihn entsetzt an. Deutlich erkannte er die Narbe an seiner Stirn. Es war kein Zweifel, das war Smith – sein geheimnisvoller Nachbar!

 

»Donnerwetter!« rief er atemlos. »Das haben Sie also gemeint, als Sie sagten, Sie hätten ein Hühnchen mit mir zu rupfen? Und ich würde den Zeitpunkt selbst bestimmen …«

 

Smith antwortete nicht, denn er sprach niemals während der Geschäftsstunden.

 

Kapitel 9

 

9

 

Dower House lag abseits von der Hauptstraße. Die Besitzung bestand aus einer Menge unregelmäßiger kleiner Gebäude, die sich hinter verwilderten Hecken und schiefen Mauern erhoben. Früher hatte sich ein Pförtner um das Anwesen gekümmert, aber sein Häuschen lag verlassen da, die Fenster waren zerbrochen, und das Ziegeldach war schwer beschädigt. Die Tore standen schon seit Generationen offen und lehnten zertrümmert gegen die Mauer.

 

Wo früher saftige, gutgepflegte Rasenflächen prangten, zeigte sich nun ein wüstes Dickicht von Unkraut und Sträuchern. Wo einst die früheren, vornehmen Bewohner Kricket und Golf spielten, wuchsen jetzt Disteln und wilde Kamillen. Mike Brixan sah auf den ersten Blick, daß nur ein Teil des Hauses bewohnt war, denn nur in einem Flügel waren die Fensterscheiben unversehrt. Fast alle anderen waren zerbrochen oder mit Staub und Spinnweben bedeckt, so daß man hätte meinen können, sie seien mit Ölfarbe gestrichen.

 

Er war belustigt und erstaunt, als er zum erstenmal die sonderbare Erscheinung Mr. Sampson Longvales sah, der aus seinem Haus trat, um die Gesellschaft zu begrüßen. Sein kahler Kopf leuchtete in der Nachmittagssonne. In seinen rehfarbenen Hosen, seiner Samtweste und dem altväterlichen Spazierstock sah er genauso aus, wie Gregory ihn beschrieben hatte.

 

»Ich freue mich sehr, Sie bei mir zu sehen, Mr. Knebworth. Ich habe allerdings nur ein sehr bescheidenes Haus, aber ich entbiete Ihnen einen um so herzlicheren Willkommensgruß. In meinem kleinen Speisezimmer ist Tee serviert. Wollen Sie mir bitte die Mitglieder Ihrer Gesellschaft vorstellen?«

 

Diese Höflichkeit und Würde einer früheren Zeit entzückten Mike Brixan, und er fühlte sich zu dem alten Herrn hingezogen, der in diese moderne Zeit einen Schimmer liebenswerter Vergangenheit hineintrug.

 

»Ich möchte gern noch eine Szene aufnehmen, bevor das Licht zu schlecht wird, Mr. Longvale«, sagte der Direktor. »Wenn Sie nichts dagegen haben, daß der Tee schnell eingenommen wird, kann ich den Schauspielern noch eine Viertelstunde Zeit geben.« Er sah sich um. »Wo ist Foß?« fragte er. »Ich muß noch etwas an der einen Szene ändern.«

 

»Mr. Foß wollte zu Fuß von Griff Towers nachkommen«, sagte einer der Leute. »Er blieb noch zurück, um mit Sir Gregory zu sprechen.«

 

Jack Knebworth war wütend auf seinen saumseligen Dramaturgen.

 

»Hoffentlich ist er nicht dort geblieben, um sich wieder Geld zu borgen«, sagte er ungehalten zu Mike, »Der Mensch wird mir noch meinen ganzen Kredit verderben, wenn ich ihm nicht auf die Finger sehe.«

 

Anscheinend hatte er seine Abneigung gegen den neuen Statisten überwunden und fühlte, daß niemand sonst unter der ganzen Gesellschaft war; den er ins Vertrauen ziehen konnte, ohne die Disziplin zu untergraben.

 

»Neigt er denn zum Schuldenmachen?« fragte Brixan.

 

»Er hat niemals Geld und versucht sich immer etwas durch irgendwelche faulen Tricks zu verdienen. Dabei fällt er dann gewöhnlich herein und hat nachher weniger als zuvor. Wenn ein Mensch erst so anfängt, dann ist er nicht mehr weit vom Gefängnis entfernt. – Wollen Sie die Nacht auch hier bleiben? Ich glaube nicht, daß Sie hier schlafen können. Sie werden wahrscheinlich nach London zurückkehren?«

 

»Heute abend nicht«, sagte Mike ruhig. »Machen Sie sich aber meinetwegen keine Sorge. Ich möchte Ihnen ganz und gar keine Umstände machen.«

 

»Kommen Sie, ich will Sie dem alten Herrn vorstellen«, sagte Knebworth leise. »Er ist ein sonderbarer Kauz, aber gutherzig wie ein Kind.«

 

»Nach allem, was ich von ihm gesehen habe, gefällt er mir gut.«

 

Als alle Mr. Longvale vorgestellt waren, sagte der alte Herr: »Ich fürchte, daß im Speisezimmer nicht genügend Platz ist. Deshalb habe ich eine kleine Tafel in meinem Studierzimmer decken lassen. Vielleicht nehmen Sie und Ihre Freunde den Tee dort ein.«

 

»Oh, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Longvale. Habe ich Ihnen schon Mr. Brixan vorgestellt?«

 

Der alte Mann nickte lächelnd.

 

»Ich werde seinen Namen sowieso kaum behalten. Das ist eine ganz merkwürdige Schwäche, die sich schon bei meinem Urgroßonkel Charles zeigte. Als er seine Memoiren schrieb, brachte er alles durcheinander. Daher kommt es auch, daß man viele Erlebnisse, die er erzählte, später für erfunden hielt.«

 

Er führte sie in einen schmalen Raum, der sich von der Vorder- bis zur Rückwand des Hauses ausdehnte. Dunkles Gebälk trug die Decke. »Die Holztäfelung, die im Laufe der Zeit spiegelblank geworden war, schaute mindestens auf ein Alter von fünfhundert Jahren zurück. Hier hängen keine gekreuzten Schwerter über dem Kamin, dachte Mike Brixan und mußte bei diesem Gedanken innerlich lächeln. Statt dessen sah er dort das Porträt eines schönen alten Herrn. Würde und Vornehmheit sprachen aus dem Gesicht und der anziehenden Erscheinung. Es lag etwas Grandioses in der Haltung dieses Mannes, das man am besten mit dem Wort »majestätisch« bezeichnen konnte.

 

Longvale machte keine Bemerkung über das Gemälde. Als der Tee in aller Eile beendet war, ging man hinaus. Mike Brixan setzte sich auf die Gartenmauer und beobachtete dort die letzte Szene, die bei Tageslicht aufgenommen wurde. Auch ihm fiel die schauspielerische Begabung Helens auf. Er wußte genug über Filmaufnahmen, um zu verstehen, welche Erleichterung es für den Direktor bedeutete, daß er eine so gute Schauspielerin hatte. Schnell und leicht führte sie alle die Bewegungen aus, die ihr der alte Mann suggerierte.

 

Sonst wäre es ihm vielleicht lächerlich vorgekommen, wenn Jack Knebworth die Rolle eines jungen Mädchens gespielt hätte. Aber jetzt sah er mit Interesse, wie er sein Kinn schüchtern in die Hand legte und mit zierlichen Schritten von einer Seite der Szene zu der anderen ging. Er wußte, daß der Amerikaner ein Künstler war, der in großen Umrissen die Gestalten herausarbeitete und die feinere künstlerische Durchbildung des Ausdrucks seinen Schauspielern überließ. Helen Leamington war nicht mehr sie selbst, sondern nur noch Roselle; die Erbin einer Besitzung, die ihr eine böse Kusine streitig machen wollte. Die Geschichte selbst erkannte er wieder. Sie baute sich aus bekannten Motiven auf.

 

»Das ist ja alles irgendwoher zusammengeschrieben«, sagte Jack Knebworth mit philosophischer Ruhe. »Es ist nur schade, daß ich mich vorher nicht genügend darum gekümmert habe. Die ganze Sache hat Foß zusammengestellt. Wenn ich mir noch soviel Mühe gäbe, könnte ich keine originelle Idee von ihm darin entdecken.«

 

Mr. Foß war, wenn auch spät, wieder auf der Bildfläche erschienen. Brixan fragte sich, was er wohl so vertraulich mit Sir Gregory besprochen haben mochte.

 

Er ging zum Wohnzimmer zurück und konnte dort vom Fenster aus beobachten, wie das Tageslicht immer mehr abnahm. Er mußte über die eigenartige Wirkung nachdenken, die Helen auf ihn ausübte.

 

Mike Brixan hatte im Lauf der Jahre viele schöne Frauen aus vielen Ländern und allen Gesellschaftskreisen kennengelernt. Er hatte gute und schlechte getroffen. Einige hatte er hinter Schloß und Riegel gebracht, und er hatte erlebt, daß eine von ihnen als Spionin an einem grauen Wintermorgen von französischen Soldaten in Vincennes erschossen wurde. Er hatte manche gern gehabt, eine beinahe geliebt, aber jetzt stellte er mit objektiver Selbstkritik fest, daß er ernstlich in Gefahr schwebte, sich in ein Mädchen zu verlieben, das er heute morgen zum erstenmal gesehen hatte.

 

»Das ist doch wirklich sonderbar!« sagte er laut.

 

»Was ist denn so sonderbar?« fragte Knebworth, der unbemerkt in das Zimmer gekommen war.

 

»Ich habe mir auch schon den Kopf darüber zerbrochen, worüber Sie sich so ernste Gedanken machen«, sagte Mr. Longvale lächelnd, der den jungen Mann die ganze Zeit über schweigend beobachtet hatte.

 

»Ich – hm – ich dachte über das Bild nach.« Mike Brixan drehte sich um und zeigte auf das Gemälde über dem Kamin. In mancher Beziehung sagte er auch die Wahrheit. »Mir kommt das Gesicht so bekannt vor«, sagte er. »Aber das ist ja nicht möglich, denn es ist doch offenbar ein altes Gemälde.«

 

Mr. Longvale steckte zwei Kerzen an und beleuchtete damit das Porträt. Mike schaute das Bild wieder an, und aufs neue machte die majestätische Haltung des Mannes tiefen Eindruck auf ihn.

 

»Es ist mein Urgroßonkel Charles Henry«, sagte Mr. Longvale stolz, »oder der ›große Herr‹, wie man ihn in unserer Familie mit Bewunderung nennt.«

 

Brixan hatte sich während der Erklärung des alten Herrn halb dem Fenster zugewandt … Plötzlich schien sich der Raum vor seinen Augen zu drehen. Jack Knebworth sah, wie er bleich wurde, und ergriff ihn am Arm.

 

»Was ist los?« fragte er.

 

»Nichts«, antwortete Mike unsicher.

 

Knebworth folgte seinem Blick und sah aus dem Fenster.

 

»Was war denn das?« rief er aus.

 

Mit Ausnahme des schwachen Lichtes, das die beiden Kerzen verbreiteten, und des Zwielichtes, das durch das Fenster vom Garten herkam, lag der Raum im Dunkeln.

 

»Haben Sie das gesehen?« fragte Knebworth, eilte zum Fenster und schaute hinaus.

 

»Was war es denn?« fragte Mr. Longvale, indem er zu ihnen trat.

 

»Ich könnte einen Eid darauf leisten, daß ich ein Gesicht im Fenster sah. Haben Sie es auch gesehen, Brixan?«

 

»Auch ich habe etwas bemerkt«, erwiderte Mike beunruhigt. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich einmal in den Garten gehe?«

 

»Ich glaube, es war der Kopf eines großen Affen«, sagte Knebworth.

 

Mike nickte. Er verließ den Raum und ging den langen, mit Fliesen bedeckten Gang zum Garten hin. Er nahm einen Browning aus seiner hinteren Tasche, entsicherte und steckte ihn dann in seinen Rock.

 

Er verschwand, und fünf Minuten später sah Knebworth vom Fenster aus, wie er den Gartenweg entlangging. Er lief zu ihm hinaus.

 

»Haben Sie irgend etwas gefunden?«

 

»Im Garten war nichts. Sie müssen sich geirrt haben.«

 

»Haben Sie es denn nicht auch gesehen?«

 

Mike zögerte.

 

»Ich glaube, etwas gesehen zu haben«, sagte er und gab sich den Anschein, als ob es ihm gleichgültig wäre. »Wann werden Sie die Nachtaufnahmen machen?«

 

»Sie haben bestimmt etwas gesehen, Brixan – war es ein Gesicht?«

 

Mike Brixan nickte.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Was haben Sie?« fragte Helen, als sie plötzlich das finstere Gesicht des jungen Mannes sah.

 

»Woher stammt dieses Blatt Papier?« fragte er. Er zeigte ihr die maschinengeschriebene Seite.

 

»Ich kann es nicht sagen, es war unter diesen Blättern. Aber wie ich sehe, gehört es nicht zu ›Roselle‹.«

 

»Ist das der Titel des Films, in dem Sie jetzt spielen?« fragte er schnell. »Wer kann mir über dieses Blatt Auskunft geben?«

 

»Mr. Knebworth.«

 

»Wo ist er jetzt?«

 

»Gehen Sie durch diese Tür«, antwortete sie. »Sie werden ihn im Atelier treffen.«

 

Er verlor kein Wort weiter und ging schnell ins Haus. Ohne daß er fragte, wußte er, wer der Mann war, den er suchte. Als Jack Knebworth den Fremden sah, schaute er ihn von unten herauf mit einem unfreundlichen Blick an. Privatbesuch während der Geschäftsstunden konnte er durchaus nicht leiden. Aber bevor er den Fremden um Aufklärung bitten konnte, war Mike schon an seiner Seite.

 

»Habe ich die Ehre mit Mr. Knebworth?«

 

»Ja, der bin ich.«

 

»Würden Sie mir erlauben, zwei Minuten mit Ihnen zu sprechen?«

 

»Ich habe jetzt keine Zeit, auch nur eine Minute lang mit irgendwem zu schwatzen!« brummte Jack. »Aber sagen Sie mal, wer sind Sie denn eigentlich, und wie kamen Sie hier herein?«

 

»Ich bin Mike Brixan, ein Detektiv im Dienste des Außenministeriums«, sagte er mit leiser Stimme.

 

Jack schaute verdutzt auf und wurde mit einemmal freundlicher.

 

»Ist hier irgend etwas passiert?« fragte er, als er den Detektiv in sein Büro geleitete.

 

Mike legte das maschinengeschriebene Blatt Papier auf den Tisch.

 

»Wer hat das geschrieben?« fragte er.

 

Jack Knebworth sah sich das Blatt an und schüttelte den Kopf.

 

»Habe ich bis jetzt noch nicht gesehen – was soll damit sein?« fragte er.

 

»Hatten Sie es noch nie in der Hand?«

 

»Nein, ich kann einen Eid darauf leisten – aber mein Dramaturg muß das wissen, ich werde ihn einmal rufen.«

 

Er drückte auf die Klingel, und als der Sekretär hereinkam, sagte er: »Bitten Sie Mr. Lawley Foß, daß er schnell zu mir kommt.«

 

»Die Prüfung der Manuskripte, Entwürfe und des ganzen Materials für die Filme liegt in der Hand meines Dramaturgen«, sagte er. »Ich bekomme ein Manuskript erst zu sehen, wenn er es geprüft und für gut befunden hat. Und auch dann ist es noch fraglich, ob es angenommen werden kann. Wenn der Stoff nicht geeignet ist, bekomme ich den Entwurf überhaupt nicht zu sehen. Es ist allerdings möglich, daß das eine oder andere gute Manuskript mir, auf diese Weise entgeht, weil Foß – « er zögerte einen Augenblick –, »weil wir manchmal nicht derselben Ansicht sind. Also, Mr. Brixan, worum handelt es sich denn eigentlich?«

 

Mit einigen Worten erklärte Mike die unheimliche Bedeutung des Papiers.

 

»Der Kopfjäger!« Jack pfiff vor sich hin.

 

Von der Tür her hörte man ein Klopfen, und Lawley Foß kam herein. Er war ein Mann von hagerer Gestalt und dunkler Gesichtsfarbe. Seine Augen gingen schnell von einer Seite zur andern. Tiefe Falten zogen sich durch sein düsteres Gesicht, und er machte den Eindruck, als ob er an einer chronischen Krankheit litte. Aber das war nicht der Fall. Lawley Foß war nur durch und durch verbittert und mit der ganzen Welt zerfallen. Früher gab es einmal eine Zeit, in der er glaubte, daß die Welt ihm zu Füßen läge. Er hatte zwei Filme geschrieben, die auch gedreht und aufgeführt wurden und sich sogar einige Zeit auf dem Spielplan gehalten hatten, aber später war er umsonst von Filmgesellschaft zu Filmgesellschaft gelaufen. Er wurde vom Unglück verfolgt, und niemand öffnete auch nur seine braun eingebundenen Manuskripte, um einen Blick hineinzuwerfen. Da es ihm schlecht ging, kam er, wie viele andere Leute in der gleichen Lage, auf den Gedanken, sich durch Spekulationen Geld zu verschaffen. Aber weder auf der Börse noch beim Rennen hatte er Erfolg, und so wurden seine Verhältnisse immer zerrütteter.

 

Er sah argwöhnisch auf Mike, als er eintrat.

 

»Ich möchte Sie gern sprechen, Foß« sagte Jack Knebworth. »Dieses Stück Papier lag zwischen den Blättern des Manuskripts der ›Roselle‹. – Kann ich Mr. Foß den Zusammenhang klarmachen?« wandte er sich an Mike.

 

Der Detektiv zögerte einen Augenblick. Irgendeine Stimme in seinem Innern warnte ihn, den Zusammenhang mit dem Kopfjäger preiszugeben. Aber gegen seine Überzeugung nickte er.

 

Lawley Foß hörte anscheinend gleichgültig zu, als ihm der alte Direktor erklärte, wie wichtig dieses Blatt Papier sei und welche Bewandtnis es damit habe. Foß nahm das Schreiben in die Hand und überflog es kurz. Aber sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte.

 

»Ich bekomme so viele Manuskripte und Entwürfe, daß ich im Augenblick nicht in der Lage bin, dieses Fragment irgendwo einzuordnen, aber ich werde es in mein Büro mitnehmen und anhand meiner Bücher und Listen versuchen, es zu identifizieren.«

 

Mike zögerte wieder. Er mochte nicht gern dieses Beweisstück aus der Hand geben, aber schließlich war es ohne Bestätigung und ohne Vergleich mit anderen Schriften im Augenblick ziemlich wertlos. So stimmte er denn zögernd zu.

 

»Was halten Sie von dem Menschen?« fragte Jack Knebworth, als sich die Tür hinter dem Dramaturgen geschlossen hatte.

 

»Ich habe eine Antipathie gegen den Mann«, sagte Mike offen. »Mein erster Eindruck von ihm ist entschieden ungünstig, aber es ist möglich, daß ich dem armen Menschen damit unrecht tue.«

 

Jack Knebworth seufzte. Mit Foß hatte er immer Schwierigkeiten, manchmal sogar mehr als mit der temperamentvollen Mendoza.

 

»Sicherlich ist er ein ziemlich seltsamer Mensch«, sagte er. »Er

 

ist höllisch schlau. Ich kenne kaum jemanden, der ein so großes Arbeitspensum, so spielend erledigen könnte wie Lawley Foß aber er ist schwer zu behandeln.«

 

»Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte Mike trocken.

 

Sie gingen zum Atelier, und Mike suchte Helen auf, um sein unhöfliches Benehmen zu entschuldigen. Als er sich ihr näherte, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie war durch sein Verhalten vollständig verwirrt und konnte ihre Gedanken nicht auf das Manuskript konzentrieren. Immer wieder mußte sie daran denken, was es wohl zu bedeuten hatte, daß er ein Blatt des Manuskriptes genommen hatte.

 

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte er zerknirscht. »Ich wünschte, ich wäre nicht hierhergekommen.«

 

»Das wünschte ich auch«, sagte sie, lächelte aber trotzdem, »Warum haben Sie das Stück Papier weggenommen – sicher sind Sie ein Detektiv.«

 

»Das gebe ich zu«, sagte Mike jetzt unbekümmert.

 

»Haben Sie denn auch die Wahrheit gesagt, als Sie mir erklärten, daß mein Onkel…« Sie brach ab, da sie nicht wußte, wie sie fortfahren sollte.

 

»Nein, das habe ich nicht getan«, erwiderte Mike ruhig. »Ihr Onkel ist tot, Miss Leamington.«

 

»Tot?« rief sie erschreckt.

 

Er nickte.

 

»Er wurde unter ganz außergewöhnlichen Umständen ermordet.«

 

Plötzlich verfärbte sie sich.

 

»War er etwa das Opfer, dessen Kopf in Esher gefunden wurde?«

 

»Woher wissen Sie das?«

 

»Es stand in der heutigen Morgenzeitung«, sagte sie, und er verwünschte den Bluthund von Reporter, der auf die Spur dieser Tragödie gekommen war. Aber früher oder später hätte sie es doch erfahren müssen, mit diesem Gedanken tröstete er sich.

 

Foß kam in diesem Augenblick zurück, und das enthob ihn weiterer Erklärungen. Der Dramaturg sprach leise mit Jack Knebworth, und Mike sah, wie der Direktor ihn heranwinkte.

 

»Foß kann das Manuskript nicht identifizieren«, sagte er, als er ihm das Blatt zurückgab. »Es ist möglich, daß es nicht zu einem Manuskript gehörte, sondern nur eine Probeseite war, die uns ein Autor geschickt hat. Es könnte außerdem von meinem Vorgänger herrühren – ich habe nämlich das ganze Atelier von einer Filmgesellschaft übernommen, die in Konkurs geriet. Da sind viele Manuskripte liegengeblieben, die wir einfach übernommen haben.«

 

Der Direktor schaute ungeduldig nach der Uhr.

 

»Mr. Brixan, können Sie mich jetzt entbehren? Ich muß einige Szenen aufnehmen, etwa zehn Kilometer von hier entfernt. Dazu kommt noch, daß Sie meine Schauspielerin durch Ihr Erscheinen durcheinandergebracht haben. Sie können sich denken, daß das meine Arbeit nicht gerade fördert.«

 

Mike folgte einem plötzlichen Einfall.

 

»Würden Sie gestatten, daß ich zu den Aufnahmen mitfahre? Ich verspreche Ihnen hoch und heilig, daß ich niemandem im Weg sein werde.«

 

Der alte Jack sah ihn einen Augenblick an und brummte. Dann aber nickte er zustimmend, und zehn Minuten später saß Mike Brixan neben dem jungen Mädchen in dem großen Autobus, der sie zu dem Ort brachte, wo die Aufnahmen stattfinden sollten. Und als er nun mit den Künstlern hinausfuhr, war er froh, daß er seinen Willen durchgesetzt hatte und nicht bescheiden zurückgeblieben war.

 

Kapitel 6

 

6

 

Helen schwieg lange Zeit. Der Unwille, daß er ihr seine Gesellschaft aufgezwungen hatte, und eine Nervosität, wie die Probe ausfallen würde, machten ihr eine Unterhaltung unmöglich. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto größer wurde ihre Unruhe.

 

»Wie ich sehe, kommt Mr. Lawley Foß auch mit«, sagte Mike, indem er sich umsah und krampfhaft eine Unterhaltung anfangen wollte.

 

»Er geht immer mit, wenn wir Außenaufnahmen machen«, sagte sie kurz. »Manchmal muß ein Manuskript während der Aufnahme geändert werden.«

 

»Wo fahren wir hin?« fragte er.

 

»Zuerst nach Griff Towers«, entgegnete sie. Es wurde ihr schwer, unhöflich zu sein. »Es ist eine große Besitzung, die Sir Gregory Penne gehört.«

 

»Ich dachte, wir führen nach Dower House.«

 

Sie sah ihn mit Stirnrunzeln an. »Warum fragen Sie denn, wenn Sie es besser wissen?« entgegnete sie mit einer gewissen Schärfe.

 

»Weil ich Sie gern sprechen höre«, sagte er ruhig. »Sir Gregory Penne – ich glaube den Namen zu kennen.«

 

Sie antwortete nicht.

 

»War er nicht früher lange Jahre in Borneo?«

 

»Er ist unausstehlich«, sagte sie heftig. »Ich hasse ihn.«

 

Sie gab Mike keinen näheren Grund dafür an, und er wollte sie nicht durch Fragen verletzen. Aber plötzlich fuhr sie fort:

 

»Zweimal war ich dort. Er hat einen sehr schönen Park, in dem Mr. Knebworth schon öfters Aufnahmen gemacht hat. Damals kam ich als Statistin mit und hatte nur in der großen Masse zu spielen. Ich wollte, ich wäre noch viel weniger aufgefallen. Er ist ein großer Schürzenjäger und besonders hinter Schauspielerinnen her. Damit will ich nicht behaupten, daß ich eine Schauspielerin bin«, fügte sie hastig hinzu. »Aber ich meine damit Leute, deren Beruf es ist, zu spielen. Gott sei Dank wird nur eine Szene in Griff Towers gedreht. Hoffentlich ist er nicht zu Hause – aber das ist unwahrscheinlich, denn er ist immer daheim, wenn, ich dorthin muß.«

 

Mike sah sie von der Seite an. Der erste Eindruck, den er von ihrer Schönheit hatte, wurde wesentlich verstärkt. Ihre ernsten, großen, schönen Augen gefielen ihm. Er ahnte ihre Haltung gegenüber, den Huldigungen des Sir Gregory, obwohl er ihn bisher nicht kannte.

 

»Es ist doch merkwürdig, daß alle Barone in Filmen und Romanen Bösewichter sind«, sagte er. »Aber alle, die ich in Wirklichkeit kennenlernte, waren meist Leute von sehr ehrenwertem Charakter. Aber ich falle Ihnen auf die Nerven, weil ich mich Ihnen aufgedrängt habe?« fragte er, indem er seine Stimme zu einem Flüstern dämpfte.

 

Sie schaute ihn groß an.

 

»Das kann man wohl sagen«, entgegnete sie frei heraus. »Mr. Brixan, heute ist die große Chance meines Lebens. Solch eine Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder. Ich hielt es nicht für möglich. Derartige Glücksfälle finden sich sonst nur in Romanen. Sie werden verstehen, daß für mich alles davon abhängt, wie es heute ausgeht. Sie können sich vielleicht vorstellen, daß mich Ihre Gegenwart dabei nervös macht. Aber noch viel mehr verwirrt es mich, daß die erste Szene, in der ich auftrete, in Griff Towers spielt. Mir ist der Platz so furchtbar verhaßt«, sagte sie aufgebracht. »Dieses große, düstere Haus mit den vielen Tigerfellen und den schrecklichen Schwertern an den Wänden –«

 

»Schwerter?« fragte er schnell. »Was meinen Sie damit?«

 

»Die ganzen Wände hängen voll. Es sind alles Waffen aus dem Fernen Osten. Ich zittere, wenn ich sie nur sehe. Aber Sir Gregory hat seine Freude an ihnen. Er erzählte Mr. Knebworth bei unserer letzten Anwesenheit, daß die Klingen noch scharf seien, als ob sie eben erst aus der Hand des Waffenschmiedes kämen – und manche von ihnen sind über dreihundert Jahre alt. Sir Gregory ist ein außergewöhnlicher Mann, er kann zum Beispiel einen Apfel, den Sie in der Hand halten, mit einem Säbel in zwei Hälften spalten, ohne daß Sie auch nur im mindesten verletzt werden. Das ist eine seiner Spezialitäten. – Dort liegt das Haus.«

 

Es kam jetzt in Sicht.

 

»Mir wird schon übel, wenn ich es nur sehe.«

 

Griff Towers war eines jener düsteren Gebäude, wie sie die Architekten in der ersten Zeit der Regierung der Königin Viktoria zu bauen pflegten. Ein großer grauer Turm auf dem linken Flügel machte die Fassade unsymmetrisch. Aber selbst diese malerische Anlage konnte die langweilige Kastenform der Vorderfront nicht verdecken. Das Haus machte einen kahlen Eindruck, und nirgends rankten sich Schlinggewächse an den Wänden hoch. Es stand auf einem großen Platz, der mit gelbem Schotter bedeckt war, was den nüchternen Eindruck noch verstärkte.

 

»Es sieht beinahe wie eine Kaserne aus, mit einem kleinen Exerzierplatz davor«, sagte Mike.

 

Der Wagen fuhr durch das Parktor und hielt mitten auf der Zufahrtsstraße. Die Gartenanlagen befanden sich offenbar auf der Rückseite des Gebäudes, denn diese langweilige vordere Fassade hätte wohl keinen Filmmann anzuziehen vermocht.

 

Mike stieg aus. Jack Knebworth ordnete bereits das Abladen der Kameras und Scheinwerfer an. Hinter dem Bus kam der Dynamowagen mit den drei großen Jupiterlampen, die das Tageslicht noch verstärken sollten.

 

»Sie sind ja auch schon wieder auf der Bildfläche«, brummte Jack. »Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Mr. Brixan, wenn Sie mir nicht im Wege stehen würden. Ich habe heute noch ein schweres Stück Arbeit vor mir.«

 

»Könnten Sie mich nicht als Statisten einstellen?« fragte Mike.

 

Jack machte ein unwilliges Gesicht.

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte er argwöhnisch.

 

»Ich habe einen besonderen Plan. Es würde mir sehr nützen, wenn Sie es mir erlaubten. Ich verspreche Ihnen auch, daß ich nichts unternehme, was Sie im mindesten stören könnte, Mr. Knebworth. Ich muß heute hier zur Stelle sein, und es würde auffallen, wenn meine Anwesenheit nicht durch die Teilnahme am Spiel motiviert wäre.«

 

Jack Knebworth biß sich auf die Lippen, fuhr mit der Hand über sein glattrasiertes Gesicht und schaute düster drein.

 

»Meinetwegen können Sie dableiben«, sagte er dann nicht gerade sehr erfreut. »Mag sein, daß Sie gleich mitmachen können – aber gewöhnlich, habe ich große Mühe, einem Amateur klarzumachen, worum es sich handelt.«

 

Zu der Gesellschaft gehörte auch ein schlanker junger Mann. Er sah hübsch aus und trug das Haar glatt aus der Stirn nach hinten zurückgekämmt. Auf der Herfahrt saß er an der linken Seite Helens und hatte die ganze Zeit über kein Wort gesprochen. Jetzt schlenderte er, die Hände in den Hosentaschen, zu dem Direktor und fragte ihn vorwurfsvoll:

 

»Mr. Knebworth, wer ist eigentlich dieser Mensch?«

 

»Welcher Mensch?« fragte Jack, der alle Hände voll zu tun hatte. »Meinen Sie etwa Brixan? Er ist ein Statist.«

 

»Ach so, ein Statist!« sagte der junge Mann von oben herab. »Es ist etwas Fürchterliches, wenn sich solche Leute mit den Prominenten auf gleiche Stufe stellen. Und diese Leamington, die wird uns noch den ganzen Film verderben, darauf können Sie sich fest verlassen!«

 

»Wirklich?« knurrte Mr. Knebworth. »Hören Sie, Mr. Connolly, ich bin von Ihrem Spiel nicht so begeistert, daß ich mir solche Bemerkungen von Ihnen gefallen lasse, daß mir eine Statistin den Film verdirbt.«

 

»Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Statistin zur Partnerin gehabt, verdammt noch einmal!«

 

»Sie kommen sich jetzt wohl verlassen vor?« brummte Jack und ließ sich beim Entladen und Auspacken nicht stören.

 

»Mr. Knebworth, die Mendoza ist eine erstklassige Künstlerin –« begann der junge Mann wieder. Der Direktor richtete sich hoch auf und sah ihn von oben bis unten an.

 

»Machen Sie, daß Sie fortkommen und warten Sie, bis ich Sie rufe«, sagte er scharf. »Wenn ich Ihren Rat brauche, werde ich Sie darum fragen. Im Moment sind Sie mir hier zuviel. Sie sind überall besser am Platz als gerade hier.«

 

Reggy Connolly zuckte verärgert die Schultern und entfernte sich. Er war fest davon überzeugt, daß dieser Film ein böser Mißerfolg werden würde, aber er lehnte jede Verantwortung ab – er hatte ja den Direktor gewarnt.

 

 

In dem großen Torweg von Griff Towers stand Gregory Penne und betrachtete aufmerksam die ganze Gesellschaft. Er war ein starker, untersetzter Mann von dunkler Farbe. Sein großer Appetit und der Aufenthalt in Borneo waren schuld daran. Viele Runzeln und Falten durchzogen sein von Tropensonne und Rauschgiften zerstörtes Gesicht. Die zusammengekniffenen Augenlider markierten sich nur als zwei waagerechte Striche. Nur das runde, weiche, fast frauenhafte Kinn hatte seine ursprüngliche Form behalten.

 

Mike folgte ihm mit seinen Blicken, als er auf sie zuging, und vermutete, daß er Sir Gregory vor sich hatte. Er trug einen auffällig karierten Golfanzug von rötlicher Färbung; eine Mütze aus demselben Stoff hatte er tief ins Gesicht gezogen. Jetzt nahm er die Zigarre aus seinem Mund und drehte mit einer schnellen, eckigen Bewegung die Enden seines Schnurrbartes in die Höhe.

 

»Guten Morgen, Knebworth!« rief er. Seine Stimme war rauh und hart. Niemals hatte ein Lachen ihren barschen Ton gemildert.

 

»Guten Morgen, Sir Gregory!« Der alte Knebworth trennte sich von seinen Leuten. »Es tut mir leid, daß ich so spät komme.«

 

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte der andere. »Ich dachte mir nur, Sie würden früher mit den Aufnahmen anfangen. Haben Sie mein kleines Mädel mitgebracht?«

 

»Ihr kleines Mädel?« Jack sah ihn verständnislos an. »Meinen Sie die Mendoza? Nein, die kommt heute nicht.«

 

»Nein, nicht die Mendoza. Ich sehe sie schon – die dunkle da. Aber nichts für ungut, ich habe nur einen Spaß gemacht.«

 

Wer, zum Donnerwetter, sollte denn bloß das kleine Mädel sein? dachte Jack. Er konnte ja nicht wissen, welche unangenehmen Erfahrungen eine seiner Statistinnen früher hier machen mußte. Das Rätsel sollte sich aber bald lösen, denn der Baron ging langsam zu Helen Leamington, die eifrig in ihrem Manuskript las.

 

»Guten Morgen, hübsches Fräulein«, sagte er. Dabei hob er seine Kappe kaum einen halben Zentimeter in die Höhe.

 

»Guten Morgen, Sir Gregory«, sagte sie kühl.

 

»Sie haben Ihr Versprechen nicht gehalten?« er schüttelte den Kopf. »Ja, die Weiber!«

 

»Ich könnte mich nicht erinnern, Ihnen ein Versprechen gegeben zu haben«, sagte das Mädchen ruhig. »Sie luden mich zum Abendbrot ein, aber ich sagte Ihnen, daß ich auf keinen Fall kommen würde.«

 

»Ich wollte Ihnen doch meinen Wagen schickten, damit Sie nicht die Entschuldigung hätten, daß der Weg zu weit für Sie wäre. Aber das macht nichts – macht gar nichts.«

 

Mike war wütend, als er sah, wie er Helen in den Arm kniff. Gregory wollte sich als väterlicher Freund aufspielen, aber das Mädchen fühlte sich dadurch abgestoßen und beleidigt.

 

Mit einem Ruck machte sie ihren Arm frei, drehte dem aufdringlichen Menschen den Rücken und ging zu Jack Knebworth hinüber. Sie fragte ihn, ob er ihr helfen könne, eine Zeile zu lesen, obwohl diese ganz klar geschrieben war. Der alte Jack wußte Bescheid. Er hatte alles, was vorging, unter seinen fast geschlossenen Augenlidern beobachtet.

 

Das soll das letzte Mal sein, daß wir in Griff Towers Aufnahmen machen, sagte er zu sich.

 

Jack Knebworth hielt sehr auf guten Ton und anständiges Betragen, und seine Ansichten über Frauen waren denen Gregory Pennes gerade entgegengesetzt.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die Filmleute gingen nach hinten zur Aufnahme und ließen Mike Brixan mit dem Baron allein. Gregory Penne sah dem Mädchen mit glänzenden Augen nach. Als er sich umdrehte, bemerkte er Brixan und warf ihm einen kühlen und geringschätzigen Blick zu.

 

»Wer sind Sie?« fragte er, indem er den Detektiv von oben bis unten ansah.

 

»Ich bin ein Statist«, sagte Brixan.

 

»Ein Statist? So einer von der Komparserie? Die ihr Gesicht mit Farbe und Schminke bemalen? Das ist doch kein Beruf für einen Mann!«

 

»Es gibt noch schlechtere Berufe«, sagte Brixan, indem er seine Abneigung gegen den Mann niederkämpfte.

 

»Kennen Sie das kleine Mädel?« fragte der Baron. »Wie heißt sie doch gleich – Leamington?«

 

»Ich bin gut mit ihr befreundet«, log Brixan.

 

»Ach, sehen Sie mal an«, sagte der Baron und wurde plötzlich liebenswürdig. »Sie ist ein hübsches, nettes Ding. Eigentlich zu schade für eine Statistin. Kommen Sie doch einmal zum Abendessen mit ihr hierher.« Gregory zwinkerte ihm mit seinen geschwollenen Augenlidern zu. Brixan interessierte sich für diesen ungeschlachten Menschen mit den brutalen Instinkten, der anscheinend ein Sklave seiner Leidenschaften war – und doch war er zweifellos begabter als der Durchschnitt, denn er hatte früher einen hohen Posten bei der Regierung bekleidet.

 

»Müssen Sie jetzt mitspielen? Wenn nicht, dann kommen Sie doch mit mir nach oben und sehen Sie sich einmal meine Schwertersammlung an«, sagte der Baron.

 

Brixan fühlte, daß Gregory sich nur mit ihm anfreunden wollte, weil er gesagt hatte, daß er mit Helen gut bekannt sei.

 

»Nein, ich brauche jetzt nicht mitzuspielen«, antwortete er.

 

Für ihn konnte sich die Sache nicht besser entwickeln. Der Baron ahnte nicht, daß Brixan sich vorgenommen hatte, Griff Towers nicht eher zu verlassen, bevor er die seltsame Waffensammlung eingehend besichtigt hatte.

 

»Ja, sie ist ein sehr nettes, liebes Mädel.« Gregory Penne kam sofort wieder auf sein früheres Thema zurück, als sie auf das Haus zugingen.

 

»Wie ich schon vorher gesagt habe, eigentlich ist sie zu schade für eine Statistin. Sie ist jung, natürlich, bildet sich nichts ein, Und die Hauptsache – sie ist eine unberührte Unschuld. Alle diese aufgeklärten, schnippischen Mädels können mir gestohlen bleiben. Sie haben keinen Reiz mehr für mich. Wissen Sie, ein Mädchen muß so rein sein wie eine Frühlingsblume, wie ein zartes Veilchen oder ein Schneeglöckchen. Ich würde einen großen Strauß prächtigster Rosen für eine einzige dieser kleinen, süßen Waldblumen geben.«

 

Brixan fühlte sich angeekelt, und trotzdem hörte er Penne mit großem Interesse zu, obgleich seine Worte freche Gemeinheiten für ihn waren. Er mußte sich sehr zusammennehmen, um diesem Menschen nicht an die Gurgel zu fahren, als er neben ihm die Treppe emporstieg. Er kam sich wie ein begeisterter Zoologe vor, der sich mit Schlangen abgibt. Und dieser Vergleich gab ihm seine Selbstbeherrschung zurück.

 

Die große Eingangshalle, die sie jetzt betraten, war mit Fayenceplatten belegt, und als Brixan aufschaute, sah er, daß die ganzen Wände mit schönen Schwertern dekoriert waren.

 

Hunderte hingen an den Wänden, Krise, Klewangs, alte japanische Schwerter mit schöngeflochtenen Griffen, Zweihänder, die vor langer Zeit von Seeräubern im Kampf benützt wurden.

 

»Wie gefällt Ihnen das?« fragte Sir Gregory Penne mit dem Stolz eines begeisterten Sammlers. »Darunter ist keine Waffe, die Sie noch ein zweitesmal finden würden, mein Lieber. Und das ist nur der kleinere Teil meiner Sammlung.«

 

Er führte seinen Besuch einen breiten Gang entlang, der durch quadratische Fenster in gleichmäßigen Abständen erhellt wurde. Auch hier waren die Wände mit blitzenden Waffen geschmückt. Sir Gregory öffnete eine Tür und nötigte den anderen in einen großen Raum, der offenbar als Bibliothek diente, obgleich Brixan nur wenig Bücher sah. Es waren die üblichen Bände, die man überall auf den Landsitzen findet.

 

Über dem niedrigen Kamingesims hingen zwei große gekreuzte Schwerter. Brixan hatte derartige Waffen noch nie gesehen.

 

»Was sagen Sie dazu?«

 

Gregory Penne gab Brixan eines der beiden Schwerter von den silbernen Haken, an denen sie aufgehängt waren. Als er die Klinge aus der Scheide zog, blitze sie in der Sonne.

 

»Fassen Sie nicht an die Schneide, Sie werden sich sonst verletzen. Die Klinge ist so scharf, daß Sie ein Haar spalten können. Damit könnte ich im Nu Ihren Körper durchschlagen, und Sie würden noch gar nicht einmal wissen, was Ihnen passiert ist, wenn Sie umsinken.«

 

Plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht. Er nahm Brixan das Schwert wieder ab, steckte es in die Scheide und hing es auf.

 

»Stammt dieses Schwert aus Sumatra?«

 

»Nein, es ist aus Borneo«, sagte der Baron kurz.

 

»Ach, das ist die Heimat der Kopfjäger?«

 

Sir Gregory schaute sich nach Brixan um und zog die Augenbrauen zusammen.

 

»Nein, es ist aus dem holländischen Teil von Borneo.« Anscheinend war irgendeine böse Geschichte mit der Waffe verknüpft, an die sich der Baron nicht gerne erinnerte. Lange Zeit blickte er schweigend in das kleine Feuer im Kamin.

 

»Ich tötete den Mann, dem es gehörte«, sagte er schließlich, und Mike war erstaunt, daß er mehr zu sich selbst als zu ihm sprach. »Ich hoffe wenigstens, daß er nicht mehr am Leben ist«, fügte er leise hinzu.

 

Als der Baron seinen Blick wieder hob, bemerkte Brixan, daß sich Furcht und Entsetzen darin spiegelten.

 

»Nehmen Sie Platz – wie ist doch gleich Ihr Name?« sagte er und zeigte auf zwei niedrige Sessel. »Wir wollen etwas trinken.«

 

Er drückte auf einen Knopf, und zu Brixans Verwunderung kam ein untersetzter, kupferfarbener Eingeborener herein, der bis zum Gürtel unbekleidet war. Gregory gab ihm einen Befehl in einer Sprache, die Brixan nicht verstand. Es war malaiisch, soviel er vermuten konnte. Der Diener verbeugte sich, indem er die Arme über der Brust kreuzte. Dann erhob er seine Hand und legte sie auf Stirn, Mund und Herz. Bald darauf kam er mit einem Tablett wieder, auf dem eine Karaffe und zwei kleine Gläser standen.

 

»Ich habe keine weißen Dienstboten, ich kann sie nicht ausstehen«, sagte Penne, indem er den Inhalt seines Glases mit einem Zug leerte. »Ich liebe Diener, die nicht stehlen und nicht klatschen. Sie können diese braunen Kerle prügeln, wenn sie sich nicht ordentlich benehmen, und Sie haben nachher keine Unannehmlichkeiten deshalb. Ich habe diesen Mann letztes Jahr in Sumatra in meine Dienste genommen, er ist der beste Diener, den ich jemals hatte.«

 

»Gehen Sie jedes Jahr nach Borneo?« fragte Brixan.

 

»Fast jedes Jahr. Ich habe eine eigene Jacht, die liegt im Hafen von Southampton. Wenn ich nicht wenigstens einmal im Jahr aus diesem verfluchten Land herauskomme, werde ich verrückt. Hier ist auch wirklich nichts los, gar nichts – haben Sie jemals diesen alten Narren, den Longvale, gesehen? Knebworth sagte mir, daß Sie auch bei ihm Aufnahmen machen werden das ist ein alter Esel, der sich wichtig macht. – In Gedanken lebt er in der Vergangenheit. Er kleidet sich, als ob er ein lebendes Reklamebild für eine bekannte Whiskymarke wäre. Nehmen Sie noch ein Glas!«

 

»Ich habe noch nicht ausgetrunken«, sagte Brixan lächelnd. Dabei sah er wieder auf das Schwert über dem Kamin. »Ist es schon sehr lange in Ihrem Besitz? Es sieht ziemlich neu aus.«

 

»Neu?« sagte der andere schnell. »Wo denken Sie hin! Die Waffe ist über dreihundert Jahre alt. Ich besitze sie allerdings erst ein Jahr.« Gregory änderte das Gesprächsthema plötzlich. »Wissen Sie, ich mag Sie gut leiden. Wenn ich jemanden sehe, dann weiß ich gleich, ob ich ihn gern habe oder ob er mir unangenehm ist. Sie müßten eigentlich nach dem Fernen Osten gehen, Sie könnten dort viel Geld machen. Ich habe zwei Millionen Vermögen dort zusammengebracht. Der Osten ist voller Wunder. Man kann dort Dinge erleben, die kaum glaublich sind.« Er drehte sich um und sah Brixan mit glänzenden Augen an.

 

»Da könnten Sie gute Diener kennenlernen«, sagte er langsam. »Wollen Sie einmal den besten Diener sehen, den es überhaupt gibt?«

 

Er sprach diese Worte mit einem gewissen Unterton, der Brixan nicht entging. Aber er nickte zustimmend.

 

»Wollen Sie den Sklaven sehen, der niemals fragt und niemals den Gehorsam verweigert? Der niemanden anders liebt als mich?« Dabei schlug er gegen seine Brust. »Und alle haßt, die ich hasse? – Sie sollen ihn kennenlernen, meinen treuen – Bhag.«

 

Er erhob sich, ging zum Schreibtisch und ergriff einen Hebel, den Brixan vorher an der Seite des Tisches bemerkt hatte. Als er ihn umlegte, öffnete sich ein Teil der Holzverkleidung in der Wand auf der anderen Seite des Raumes, und einige Augenblicke später sah Brixan dort eine düstere, schreckenerregende Gestalt. Mike Brixan unterdrückte nur mühsam einen Schrei.