Kapitel 15

 

15

 

Lacy Marshalt war in schlimmster Laune. Shannons Knöchel hatten rote Flecke auf seinem Gesicht hinterlassen, und er hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Er saß noch beim Frühstück, als Tonger hereinkam und Mr. Elton anmeldete.

 

»Guten Morgen, Elton!«

 

»Guten Morgen, Marshalt!«

 

Martin legte Zylinder und Stock beiseite und begann langsam, seine Handschuhe auszuziehen. Dann zog er einen Stuhl heran.

 

»Ich schrieb Ihnen kürzlich und ersuchte Sie, meine Frau nicht wieder zu Tisch einzuladen«, sagte er ruhig. »Seit dieser Warnung ist sie trotzdem zweimal bei Ihnen gewesen. Das darf nicht wieder vorkommen.«

 

»Ihre Frau war gestern mit ihrer Schwester hier. Audrey aß bei mir, und Dora kam her, um sie abzuholen …«

 

»Aber an jenem Konzertabend war Audrey doch wohl nicht hier?« fragte Elton mit einem bitteren Lächeln.

 

Marshalt antwortete nicht.

 

»Für die Gelegenheit wird sich schwer eine Ausrede finden lassen. Sie sind ein schlauer Kerl, Marshalt – ein dunkler Kunde allerdings auch, wenn ich nicht sehr irre. Ich denke, es ist nicht erforderlich, daß ich die üblichen heroischen Redensarten vorbringe und Sie zum Beispiel darauf hinweise, daß es besser ist, ein lebendiger Millionär zu sein als – sonst etwas. Die Geschworenen würden Ihren Anverwandten vermutlich ihr Beileid aussprechen – eine Auszeichnung, die mir nicht zuteil werden dürfte. Aber es ist viel angenehmer, einen Bericht über das Ableben anderer Leute zu lesen, als die Hauptrolle bei dem eigenen zu spielen.«

 

Er erhob sich wieder und griff nach Stock und Hut.

 

»Guten Morgen, Mr. Marshalt. Sie brauchen meine Frau nicht erst anzurufen. Ich habe unseren Apparat vorsichtshalber in Unordnung gebracht, bevor ich das Haus verließ.«

 

Er nickte ihm noch einmal zu und ging.

 

An einem strahlenden Wintertag seufzte Audrey erleichtert auf, als sie gegen Mittag ihre täglichen Schreibereien erledigt und das große, schwere Kuvert in den Hotelbriefkasten gesteckt hatte.

 

Wer war nur dieser Mr. Malpas, und welche Geschäfte betrieb er? Mit Unbehagen dachte sie an die bevorstehende Unterredung, die vielleicht ein enttäuschendes Ende für sie nehmen würde. Aber noch mehr beschäftigte sie die Freundschaft, die zwischen ihrer Schwester und Marshalt zu bestehen schien. Sie war entsetzt darüber und hätte trotz aller bösen Erfahrungen dieses Verhalten nicht von Dora erwartet.

 

Als sie zum Lunch hinunterging, überreichte ihr der Portier einen Brief, der eben für sie abgegeben worden war. Sie erkannte die Handschrift auf den ersten Blick und las die Mitteilung staunend:

 

 

»Ich verbiete Ihnen, Marshalt wiederzusehen. Der Antrag, den er Ihnen heute machen wird, muß abgelehnt werden.

 

Malpas.«

 

 

Ungehalten über diesen gebieterischen Ton steckte sie den Brief ein und ging zum Speisesaal. Sie war noch nicht mit ihrer Mahlzeit fertig, als ein Angestellter ihr auch schon das angekündigte Schreiben von Marshalt brachte. Der Mann begann mit demütigen Entschuldigungen, erklärte, daß er sich selbst sein rohes Benehmen niemals verzeihen könne, und schloß mit den Worten:

 

»Aber ich kenne Sie länger, als Sie ahnen, und ich liebe Sie heiß und aufrichtig. Wenn Sie einwilligen, meine Frau zu werden, machen Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen.«

 

Ein Heiratsantrag! Empört stand sie auf, um ihre Antwort unverzüglich zu Papier zu bringen.

 

 

»Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen, die wohl ein Kompliment für mich bedeuten sollen, aber ich bedaure, Ihren Antrag nicht in Erwägung ziehen zu können.

 

Audrey Bedford.«

 

 

»Senden Sie das durch Eilboten ab!« sagte sie zu dem Portier.

 

Sie hatte einen Entschluß gefaßt, und am Nachmittag fuhr sie zur Curzon Street. Das Dienstmädchen erkannte sie nicht wieder und meldete sie Mrs. Elton als »Miß Audrey«.

 

Wenige Minuten später standen sich die beiden Schwestern gegenüber. Dora sah die Besucherin zornglühend an.

 

»Nur ein paar Worte«, sagte Audrey.

 

»Jede Sekunde, die du in meinem Haus verbringst, ist zuviel! Was willst du?«

 

»Ich möchte dich bitten, Marshalt aufzugeben, Dora.«

 

»Um ihn dir zu überlassen?«

 

»O nein, ich verachte ihn. Ich will nicht predigen, Dora, aber Martin ist doch nun einmal dein Mann, nicht wahr?«

 

»Ja, er ist mein Mann.«

 

Das klang so verzweifelt, daß Audrey unwillkürlich Mitleid fühlte und sich ihrer Schwester näherte. Aber Dora wich mit haßerfüllten Blicken von ihr zurück.

 

»Rühr mich nicht an, du Gefängnisdirne! Du willst, daß ich Marshalt aufgebe, daß ich ihn dir überlasse? Ach, wie ich dich hasse! Von jeher hab‘ ich dich gehaßt! Marshalt aufgeben? Ich werde ihn heiraten, sobald ich Martin los – sobald es soweit ist. Hinaus mit dir, Audrey Torrington!«

 

»Torrington!« wiederholte Audrey tonlos. Dann wandte sie sich ab, ging zur Tür hinaus und die Treppe hinab.

 

Aber nun geriet Dora außer sich.

 

»Du hinterlistige Diebin!« schrie sie. »Dich will er heiraten! Aber das soll niemals geschehen – nie!« Im Nu hatte sie aus einer an der Wand befestigten Waffentrophäe einen langen Dolch herausgerissen und stieß zu. Audrey duckte sich instinktiv, und der Dolch fuhr in den Türpfosten. Dora zog ihn heraus und stieß wieder zu. In ihrer Todesangst strauchelte Audrey und fiel.

 

»Jetzt hab‘ ich dich!« kreischte Dora wie wahnsinnig und hob die Waffe.

 

Aber plötzlich packte jemand ihr Handgelenk. Sie fuhr herum und starrte in ein Paar belustigte Augen.

 

»Wenn ich eine Filmaufnahme unterbreche, tut es mir leid«, sagte Slick Smith. »Aber vor Stahl habe ich Angst – richtige Angst!«

 

 

Slick Smith führte die fassungslose junge Frau nach oben, brachte ihr ein Glas Wasser und sprach beschwichtigend auf sie ein.

 

»Daß sich die Frauen doch immer wieder über irgendeinen Mann bei den Haaren kriegen! Und dieses Mädchen scheint so nett zu sein. Sie ging doch ins Gefängnis, um Sie zu retten?«

 

Erst jetzt kam Dora zum Bewußtsein, daß er ein Fremder für sie war.

 

»Wer sind Sie?« fragte sie mit stockender Stimme.

 

»Ihr Mann kennt mich. Ich bin Smith – Slick Smith aus Boston. Verehrte Mrs. Elton – er ist es nicht wert!«

 

»Nicht wert? Von wem sprechen Sie denn?«

 

»Von Lacy Marshalt. Das ist ein ganz übler Bursche – das müssen Sie doch schon gemerkt haben. Martin mag ich leiden, und es würde mir verdammt leid tun, wenn er gerade in dem Augenblick gefaßt würde, in dem er den Revolver auf sich selbst richtete. So was kommt vor. Und vielleicht würden Sie im Gerichtssaal sitzen, und er würde Ihnen zulächeln, wenn der Richter die schwarze Kappe aufsetzte, bevor er Elton nach der Totenzelle schickte. Und Sie würden wie gelähmt sein und daran denken, welch ein elender Kerl Marshalt war, und daß Sie beide Männer ins Grab gebracht haben.«

 

»Hören Sie auf! Sie machen mich verrückt –«

 

»Sie wissen nicht, was für ein Hundsfott dieser Marshalt ist –«

 

Sie hob abwehrend die Hand.

 

»Ich weiß … bitte, gehen Sie jetzt!«

 

Als Slick Smith das Haus verließ, kam Elton gerade die Stufen herauf.

 

»Zum Teufel, was suchen Sie denn hier?« fragte er gereizt.

 

»Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie sich in acht nehmen und nicht so leichtgläubig sein sollten. Das vortrefflich gemachte Geld, das Stanford Ihnen andrehen will, wurde auch mir angeboten. Giovanni Strepesi in Genua verfertigt es und hat schon eine Menge in Umlauf gesetzt, aber – als Nebengeschäft ist Einbruch weniger riskant, und Bakkarat eine wahre Sinekure.«

 

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden –« stammelte Martin.

 

»Und ich sage Ihnen, selbst der Schwindel von Malpas ist besser als Stanfords neue Liebhaberei!«

 

»Welchen Schwindel betreibt denn Malpas?«

 

Slick überlegte einen Augenblick.

 

»Ich weiß es nicht genau. Aber ich rate Ihnen, nie allein zu ihm ins Haus zu gehen! Ich sah ihn einmal – aber er bemerkte mich nicht. Deshalb bin ich noch am Leben, Elton.«

 

Kapitel 16

 

16

 

Am Sonnabendmorgen saß Marshalt in seinem Studierzimmer am Schreibtisch, als Tonger ihm ein Paket Briefe brachte. Der Millionär sah sie rasch durch.

 

»Wieder nichts dabei von unserem Freund aus Matjesfontein«, sagte er dann unmutig. »Seit vier Wochen hat der Kerl nichts von sich hören lassen!«

 

»Vielleicht ist er tot«, meinte Tonger.

 

»Es könnte ja auch sein, daß Torrington etwas zugestoßen wäre.«

 

»Sie sind ein Optimist, Lacy!« spottete Tonger, wurde dann aber nachdenklich. »Vielleicht kann er doch nicht schwimmen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

 

Lacy blickte rasch auf.

 

»Was soll denn das heißen?«

 

»Die Kinder eines königlichen Kommissars sollten eigentlich auch schwimmen können«, fuhr Tonger fort. »Oder wenn sie es nicht können –«

 

Lacy schwang sich auf seinem Stuhl herum.

 

»Jetzt hab‘ ich aber dein Gefasel satt!« rief er ungeduldig. »Sage jetzt gefälligst, was du meinst.«

 

»Na, vor ungefähr anderthalb Jahren nahmen die Kinder von Lord Gilbury ein Segelboot und fuhren in die Tafelbai hinaus. Hinter dem Wellenbrecher kenterte das Boot, und sie wären ertrunken, wenn nicht einer der Sträflinge, die dort arbeiteten, ins Wasser gesprungen und hingeschwommen wäre. Der hat sie gerettet.«

 

Lacys Mund stand weit offen.

 

»War das Torrington?« fragte er leise.

 

Tonger zuckte die Schultern.

 

»Ein Name wurde nicht genannt. In den Zeitungen stand nur, daß der Sträfling lahm war, und daß man von einer Begnadigung spräche.«

 

Wütend sprang Lacy auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

 

»Natürlich! So muß es sein!« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Er ist frei, und seine Rechtsanwälte halten es geheim. Und du hast es die ganze Zeit gewußt, du Hund!«

 

»Gewußt habe ich nichts«, erwiderte Tonger gekränkt. »Vermutet habe ich es allerdings. Aber glauben Sie, Dan Torrington würde Sie in Frieden lassen, wenn er ein freier Mann wäre? Und warum sollte ich Ihnen mit solchen Gerüchten Angst machen? Ich weiß, daß ich Ihnen viel Dank schuldig bin, Lacy, und ich kenne Ihre guten und Ihre schlechten Seiten. Und ich hab‘ wahrhaftig keinen Grund, Torrington zu lieben. Wollte er nicht gerade an dem Tag, an dem Sie ihn faßten, mit meiner kleinen Elsie auf und davongehen?« Er griff in die Tasche und holte einen zerlesenen Brief hervor. »Die ganzen Jahre hab‘ ich ihn mit mir herumgetragen. Es ist der erste Brief, den sie mir aus New York schrieb. Hören Sie zu:

 

 

›Liebes Väterchen, ich möchte Dir doch sagen, daß ich ganz zufrieden bin. Ich weiß, daß Torrington verhaftet ist, und in mancher Hinsicht bin ich froh darüber, daß ich auf seinen Wunsch hin hierher vorausreiste. Väterchen, willst Du mir verzeihen und mir glauben, daß ich zufrieden bin? Ich habe hier in der Riesenstadt neue Freunde gefunden, und mit dem Geld, das mir Torrington gab, habe ich ein ganz einträgliches, kleines Geschäft gegründet. Nach Jahren, wenn alles vergessen ist, werde ich zu dir zurückkehren.‹«

 

 

Vorsichtig legte er das dünne Blatt wieder zusammen und schob es in die Tasche.

 

»Nein, ich habe keinen Grund, Torrington zu lieben«, sagte er, »aber viel Grund, ihn zu hassen.«

 

»Haß ist Furcht«, murmelte Lacy. »Du fürchtest ihn auch.«

 

Unruhig ging er im Zimmer auf und ab.

 

»Mrs. Elton sagt, sie hätte einen hinkenden Mann gesehen –«

 

»Ach was! Solche Damen sind immer nervös und sehen alles mögliche –« Er unterbrach sich plötzlich, denn es klopfte dreimal gedämpft, aber deutlich an die Wand.

 

Lacy blieb stehen und wurde totenbleich.

 

»Was – was ist das?« flüsterte er mit zitternden Lippen.

 

»Ach, irgendein Gehämmer. Vielleicht hängt der alte Mann Bilder auf.«

 

Lacy feuchtete seine trockenen Lippen mit der Zunge an und riß sich zusammen.

 

»Du kannst gehen. Heute nachmittag mußt du aber nach Paris fahren.«

 

»Nach Paris? Was soll ich in Paris – ich kann doch kein Wort Französisch, und Seefahrten bekommen mir nicht. Schicken Sie doch jemand anders!«

 

»Es muß ein Mann sein, auf den ich mich verlassen kann. Ich werde Croydon anrufen, damit sie ein Flugzeug bereithalten. Dann kannst du noch vor Einbruch der Nacht zurück sein.«

 

»Flugzeuge sind auch nicht mein Geschmack! Wann komme ich denn zurück – wenn der Fall überhaupt eintritt?«

 

»Um zwölf fliegst du ab, um zwei bist du in Paris, gibst den Brief ab, und um drei bist du schon wieder auf der Rückreise.«

 

»Na, wenn es sein muß –« knurrte Tonger. »Wo haben Sie den Brief?«

 

»In einer Stunde kannst du ihn dir holen.«

 

Als Lacy allein war, meldete er erst ein Gespräch nach Paris an, ließ sich dann mit Stormers Detektivagentur verbinden und ersuchte, Mr. Willitt sofort zu ihm zu schicken. Darauf setzte er sich an den Schreibtisch und hatte seinen Brief gerade geschrieben und zugesiegelt, als Mr. Willitt auch schon gemeldet wurde.

 

»Wenn ich nicht irre, sind Sie der Chef der Agentur?« begann Lacy sofort und deutete auf einen Stuhl.

 

Willitt schüttelte den Kopf.

 

»Nur Stellvertreter. Mr. Stormer verbringt seine Zeit meistens bei unserer New Yorker Zweigagentur. In Amerika nehmen wir eine viel bedeutendere Stellung ein und werden oft mit Regierungsaufträgen betraut. Hier in England –«

 

»Ich habe einen Auftrag für Sie«, fiel ihm Lacy ins Wort. »Haben Sie schon einmal von einem gewissen Malpas gehört?«

 

»Von dem alten Mann, der nebenan wohnt? O ja! Wir wurden bereits ersucht, seine Persönlichkeit festzustellen – unsere Auftraggeber möchten eine Photographie von ihm haben.«

 

»Wer sind die Leute?«

 

»Das kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.«

 

Lacy holte ein Bündel Banknoten heraus, wählte zwei aus und schob sie dem Detektiv hin.

 

»Hm.« Der Mann lächelte verlegen. »Vielleicht kann ich dieses eine Mal eine Ausnahme machen. Es handelt sich um einen gewissen Laker, der vor einiger Zeit verschwand.«

 

»Laker? Den kenne ich nicht. Sind Sie denn an den alten Mann herangekommen?«

 

»Nein, der lebt wie eine Auster.«

 

Lacy überlegte eine Weile.

 

»Ich wünsche, daß Sie ihn unausgesetzt bewachen. Beobachten Sie das Haus Tag und Nacht von allen Seiten. Stellen Sie auch einen Mann oben auf dem Dach meines Hauses auf.«

 

»Dazu würde ich sechs Leute brauchen«, meinte Willitt und zog sein Notizbuch hervor. »Und was sollen sie tun?«

 

»Ihm folgen und feststellen, wer er ist. Und wenn möglich, mir eine Photographie von ihm verschaffen.«

 

»Von wann ab?«

 

»Sofort. Ich werde veranlassen, daß der Mann, den Sie aufs Dach beordern, eingelassen wird. Mein Diener Tonger wird dafür sorgen, daß es ihm an nichts fehlt.«

 

Der Detektiv empfahl sich, als sich das Pariser Telephonamt meldete, und Lacy Marshalt gab in geläufigem Französisch eine Reihe von Anordnungen.

 

Kapitel 1

 

1

 

Graue Nebelschleier lagen über London, als in den Abendstunden ein Mann mit unsicheren Schritten in den Portman Square einbog und nach einigem Suchen vor Nr. 551 anhielt. Während er zu den dunklen Fenstern hinaufstarrte, verzog sich sein Mund zu einem widerwärtigen Grinsen.

 

Diesem alten Teufel wollte er schon beibringen, daß man nicht ungestraft Leute ausplündern konnte! Warum sollte Malpas ein üppiges Leben führen, während sich sein bester Agent elend und kümmerlich durchschlagen mußte? So oft Laker betrunken war, legte er sich diese Frage vor.

 

Seine äußere Erscheinung, die in dieser vornehmen Gegend höchst sonderbar wirkte, verriet allerdings deutlich genug, daß es ihm schlecht ging. Er trug einen schäbigen Anzug, und sein Gesicht, das von der Backe bis zum Kinn von einer häßlichen Narbe entstellt wurde, sah verkommen und unrasiert aus.

 

Nachdem er noch einen kurzen Blick auf seine abgenützten Schuhe geworfen hatte, stieg er die Stufen zur Haustür hinauf und klopfte.

 

»Wer ist da?« fragte sofort eine Stimme von innen.

 

»Laker!« erwiderte er laut.

 

Geräuschlos öffnete sich die Tür. Er trat in die kahle Halle, ging die Treppe hinauf und stand gleich darauf in einem verdunkelten Zimmer. Nur vor dem Mann am Schreibtisch brannte eine schwache Lampe. Laker hatte kaum die Schwelle überschritten, als sich die Tür wieder hinter ihm schloß.

 

»Setzen Sie sich«, sagte der Alte am anderen Ende des Zimmers.

 

Grinsend ließ sich Laker drei Schritte entfernt auf einem Stuhl nieder.

 

»Wann sind Sie gekommen?«

 

»Heute morgen, mit der ›Buluwayo‹. Ich brauche Geld, und zwar schnell, Malpas.«

 

»Legen Sie auf den Tisch, was Sie mitgebracht haben«, entgegnete der alte Mann barsch. »Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, dann können Sie sich das Geld holen.«

 

»Ich will es aber jetzt haben!« rief der Betrunkene trotzig.

 

Malpas wandte ihm sein grauenerregendes Gesicht zu.

 

»Hier gilt nur mein Wille! Sie sind wieder einmal betrunken und benehmen sich danach. Blöder Narr!«

 

»Ich bin nicht so ein blöder Narr, daß ich noch länger diese Gefahren auf mich nehme! Ihnen bekommt die Sache sicher auch bald schlecht. Sie wissen nicht, wer nebenan wohnt.«

 

Malpas zog den Schlafrock enger zusammen und kicherte.

 

»Ich weiß, daß Lacy Marshalt mein Nachbar ist, Sie Dummkopf! Würde ich sonst vielleicht hier wohnen?«

 

Laker starrte ihn mit offenem Munde an.

 

»Was? Aber er gehört doch zu den Leuten, die Sie ausplündern – wenn er auch ein Verbrecher ist, Sie bestehlen ihn! Warum wollen Sie denn neben ihm wohnen?«

 

»Das geht Sie nichts an. Legen Sie jetzt den Kram hin, und machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

»Ich lege nichts hin, und ich gehe auch nicht fort, bis ich alles weiß, Malpas«, erwiderte Laker und stand auf. »Für nichts und wieder nichts sitzen Sie nicht an dem einen Ende dieser dunklen Stube und lassen mich immer am anderen warten. Ich werde Sie jetzt einmal genau betrachten, mein Lieber. Sie sind nicht der, für den Sie sich ausgeben! Rühren Sie sich nicht – Sie können den Revolver in meiner Hand nicht sehen, aber er ist da, verlassen Sie sich darauf!«

 

Er machte zwei Schritte vorwärts, prallte dann aber zurück. Ein in Brusthöhe quer durch das Zimmer gespannter Draht, der im Dunkeln nicht zu sehen war, hielt ihn auf. Im selben Augenblick ging das Licht aus. Wütend bückte er sich, um unter dem Hindernis wegzukommen, verhakte sich aber gleich darauf mit dem Fuß in einem zweiten Draht, der dicht über den Boden gezogen, war, und fiel hin.

 

»Machen Sie Licht, Sie alter Halunke!« schrie er außer sich, als er wieder auf die Beine kam. »Sie nützen mich nur aus – seit Jahren leben Sie von mir, Sie Schurke! Heraus mit dem Geld, oder ich verpfeife Sie bei der Polizei!«

 

»Das ist das drittemal, daß Sie mir drohen!«

 

Die Stimme ertönte hinter Laker. Rasend fuhr er herum und feuerte. Die mit Stoff bespannten Wände dämpften den Knall, aber beim Aufflammen des Mündungsfeuers sah er die Gestalt, die auf die Tür zuschlich, und drückte noch einmal ab.

 

»Machen Sie Licht!« brüllte er wieder, aber schon öffnete sich die Tür, und die Gestalt schlüpfte hinaus. Wenige Sekunden später stand auch Laker auf dem Treppenpodest, aber der alte Mann war verschwunden. Der Betrunkene sah eine andere Tür, warf sich dagegen und rief wild nach Malpas. Er erhielt keine Antwort. Plötzlich sah er etwas auf dem Boden liegen und hob es auf. Es war ein hervorragend gut modelliertes und gefärbtes Wachskinn mit zwei Gummibändern, von denen eins zerrissen war.

 

Laker lachte laut auf.

 

»Malpas, ich habe Ihr halbes Gesicht hier! Kommen Sie heraus, sonst trage ich es zur Polizei. Die Leute holen sich dann vielleicht den anderen Teil!«

 

Als alles stumm blieb, ging er schließlich die Treppe hinunter und versuchte, die Haustür zu öffnen. Aber sie hatte keinen Griff, und das Schlüsselloch war so winzig, daß man nicht hindurchsehen konnte. Fluchend rannte er wieder die Stufen hinauf und hatte fast den ersten Absatz erreicht, als etwas herabfiel. Er schaute nach oben und blickte in das verhaßte Gesicht. Auch das schwarze Gewicht sah er noch und versuchte, ihm auszuweichen. Aber eine Sekunde später glitt er wie ein schwerfälliger Klotz die Treppe hinab.

 

Kapitel 2

 

2

 

In der amerikanischen Botschaft fand ein Ball statt, und schon seit einer Stunde brachten zahllose elegante Limousinen die vornehmen Gäste herbei. Aus einem der letzten Wagen stieg ein etwas untersetzter Herr mit jovialem Gesicht aus. Er nickte dem Polizisten freundlich zu, der den Eingang von neugierigen Zuschauern freihielt, und betrat gleich darauf die große Halle.

 

»Colonel James Bothwell«, sagte er zu dem Diener und ging auf die Empfangsräume zu.

 

»Verzeihung.«

 

Ein hübscher Herr in tadellosem Frack nahm seinen Arm und führte ihn in ein kleines Vorzimmer.

 

Colonel Bothwell zog die Augenbrauen hoch. Er war etwas erstaunt über diese Vertraulichkeit.

 

»Sie irren sich wohl«, sagte er. »Ich glaube nicht –«

 

Die grauen Augen des anderen lächelten ihn freundlich an.

 

»Mein lieber amerikanischer Freund«, begann der Colonel wieder, »Sie täuschen sich bestimmt.«

 

Der Fremde schüttelte sanft den Kopf.

 

»Ich irre mich nie, und ich bin, wie Sie sehr gut wissen, Engländer – ebenso wie Sie. Es tut mir leid, mein armer, alter Slick!«

 

Slick Smith seufzte.

 

»Sehen Sie her, Captain, ich habe eine Einladung. Und wenn mich mein Botschafter zu sehen wünscht, so geht Sie das vermutlich nichts an.«

 

Captain Dick Shannon lächelte.

 

»Er wünscht Sie ja gar nicht zu sehen. Im Gegenteil, es wäre ihm höchst unangenehm, einen so gewandten englischen Dieb in der Nähe von einer Million Dollars in Diamanten zu wissen. Colonel Bothwell vom vierundneunzigsten Kavallerieregiment würde er gewiß gern die Hand drücken, wenn dieser Mann zu Besuch nach London käme, aber den Juwelendieb Slick Smith kann er wirklich nicht gebrauchen!«

 

»Schade! Den Halsschmuck der Königin von Griechenland hätte ich mir doch zu gern angesehen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit. Zu meinem Unglück bin ich nämlich mit einem Detektivinstinkt begabt, und Sie dürfen mir glauben, daß die Diamantenkette bereits vorgemerkt ist! Eine sehr geschickte Bande ist dahinter her – Namen nenne ich natürlich nicht.«

 

»Sind die Leute hier?« fragte Dick schnell.

 

»Ich weiß es nicht. Das wollte ich ja selbst feststellen. Ich bin in solchen Dingen wie ein Arzt – sehe gern bei Operationen zu. Man lernt dabei immer etwas Neues, was einem nie einfiele, wenn man immer nur seine eigene Arbeit studierte.«

 

Dick Shannon überlegte einen Augenblick.

 

»Warten Sie hier, und lassen Sie das Silber in Frieden«, sagte er dann und ließ Slick allein, der ihm entrüstet nachschaute.

 

Er drängte sich in den überfüllten Räumen durch die Gäste, bis er von einer freien Stelle aus den Botschafter beobachten konnte. Der Amerikaner sprach mit einer hochgewachsenen, müde aussehenden Dame, zu deren Schutz Dick Shannon in die Gesandtschaft beordert worden war.

 

An ihrem Hals glänzte eine Kette, die auch bei der leisesten Bewegung strahlend aufblitzte. Der Detektiv sah sich um und winkte unauffällig einen jungen Mann zu sich, der mit einem der Legationssekretäre sprach.

 

»Steel, Slick Smith ist hier«, flüsterte er ihm zu. »Und er behauptet, daß man versuchen würde, den Schmuck der Königin zu rauben. Sie dürfen sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Und sagen Sie irgendeinem Beamten, daß er die Liste der Gäste nachkontrollieren soll. Wenn sich ein Unbefugter findet, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Dann kehrte er zu Slick zurück.

 

»Warum sind Sie eigentlich gekommen, wenn Sie von diesem Plan wissen?« fragte er. »Auch wenn Sie nichts damit zu tun haben, werden Sie doch verdächtigt.«

 

»Das dachte ich mir auch schon. Daher kommt ja auch die Unruhe, die mich seit einer Woche plagt.«

 

Die Tür nach der Halle stand offen, und die beiden konnten die Nachzügler beobachten, die verspätet eintrafen. Eben kam ein stattlicher Herr von mittleren Jahren vorüber, der von einer auffallend schönen Frau begleitet wurde. Sie waren schon außer Sicht, bevor Dick sie näher betrachten konnte.

 

»Sieht ganz gut aus«, meinte Slick. »Martin Elton ist übrigens nicht hier. Seine Frau läuft viel mit diesem Lacy herum.«

 

»Lacy?«

 

»Ja, der Honourable Lacy Marshalt. Er ist Millionär und ein gerissener, zäher Kerl. Kennen Sie die Dame, Captain?«

 

Dick nickte. Dora Elton war eine bekannte Persönlichkeit, die bei keiner Veranstaltung der ultramondänen Welt fehlte. Lacy Marshalt kannte er nur dem Namen nach. Er brachte Slick Smith zur Haustür und wartete, bis dieser mit einem Mietauto davongefahren war. Dann kehrte er in den Ballsaal zurück.

 

Um ein Uhr brach zu seiner größten Erleichterung die Königin auf und fuhr zu ihrem Hotel am Buckingham Gate zurück, wo sie inkognito abgestiegen war. Neben dem Chauffeur saß ein bewaffneter Detektiv, und Dick zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie ungefährdet ihr Ziel erreichen würde.

 

Nachdem er sich von dem dankbaren Botschafter verabschiedet hatte, kehrte er nach Scotland Yard zurück. Aber der überaus dichte Nebel ließ nur ein Schneckentempo zu. Als er seinen Wagen nach allerhand Zwischenfällen schließlich in den Hof gesteuert hatte, gab er Auftrag, ihn in die Garage zu bringen.

 

»Ich gehe lieber zu Fuß nach Hause«, sagte er zu dem diensttuenden Beamten. »Das ist sicherer.«

 

»Der Inspektor hat nach Ihnen gefragt«, erwiderte der Mann. »Er ist zum Embankment hinuntergegangen. Sie suchen dort nach der Leiche eines Mannes, der heute abend in den Fluß geworfen wurde.«

 

»Geworfen?« wiederholte Dick bestürzt. »Sie meinen wohl, er ist hineingesprungen?«

 

»Nein. Eine Patrouille der Strompolizei ruderte an der Embankmentmauer entlang, als der Nebel noch nicht so dicht war wie jetzt, und dabei sahen die Leute, wie der Mann aufgehoben und übers Geländer geworfen wurde. Der Sergeant pfiff sofort, aber es war gerade keiner von uns in der Nähe, und so ist der Kerl, der es getan hat, entkommen. Sie suchen jetzt nach der Leiche. Ich sollte es Ihnen mitteilen, wenn Sie kämen, meinte der Inspektor.«

 

Shannon zögerte keinen Augenblick und machte sich sofort wieder auf den Weg. Mühsam tastete er sich durch den Nebel, bis er mit dem Inspektor zusammenstieß.

 

»Ein Mord«, sagte der Beamte. »Eben haben sie die Leiche gefunden. Der Mann ist totgeschlagen und dann ins Wasser geworfen worden. Wenn Sie die Stufen herunterkommen, können Sie ihn sehen.«

 

»Wann ist es denn geschehen?«

 

»Heute – oder vielmehr gestern abend gegen neun. Jetzt haben wir gleich zwei.«

 

Shannon ging hinunter und beugte sich über die dunkle Gestalt, die ein Polizist mit seiner Taschenlampe beleuchtete.

 

»Er hat nichts bei sich«, meldete der Sergeant, »aber seine Persönlichkeit wird sich leicht feststellen lassen. Er hat eine große Narbe im Gesicht.«

 

Als Dick mit dem Inspektor nach Scotland Yard zurückkam, herrschte dort fieberhafte Tätigkeit, denn während ihrer Abwesenheit war eine Nachricht eingelaufen, die auch den letzten Reservedetektiv aus dem Bett jagte.

 

Das Auto der Königin war an der dunkelsten Stelle der Mall überfallen, der Detektiv erschossen und die Diamantkette geraubt worden.

 

Kapitel 11

 

11

 

 

Dick Shannon klopfte heftig an die Glasscheibe seiner Autodroschke, riß das Fenster auf und beugte sich vor.

 

»Wenden Sie und fahren Sie an der anderen Seite entlang«, sagte er. »Ich möchte mit der Dame dort sprechen.«

 

Wenige Augenblicke später stand er Audrey gegenüber und zog lachend den Hut.

 

»Miß Bedford! Das ist aber eine großartige Überraschung!«

 

Und es war wirklich eine Überraschung, und zwar in mehr als einer Beziehung. Audrey war keine Bettelprinzessin mehr, sie war tadellos gekleidet und sah so jung und schön aus, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

»Ich habe Sie schon wie eine Stecknadel gesucht! Als Sie Holloway verließen, kam ich drei Minuten zu spät, und nachher bildete ich mir unbegreiflicherweise ein, daß Sie sich bei der Polizei melden müßten.«

 

»Nein, das blieb mir erspart. Aber ich sah Sie ein paarmal in Holloway, als Sie dort zu tun hatten.«

 

Sie wußte nicht, daß er nur um ihretwillen hingekommen war, und daß sie ihm die Versetzung aus der Waschküche in die Bibliothek verdankte.

 

»Ich werde jetzt einmal ganz offen und ehrlich mit Ihnen sprechen«, sagte er, als sie zum Hannover Square kamen. »Dora Elton ist doch Ihre Schwester?«

 

»Eigentlich nicht – wenn ich es auch annahm. Wir haben nichts mehr miteinander zu tun. Ein Mädchen mit meiner Vergangenheit ist kein Umgang für Dora. So, nun aber genug von diesem Thema!«

 

»Was machen Sie denn jetzt?«

 

»Ich kopiere Briefe für einen garstig aussehenden alten Herrn und werde ungebührlich gut dafür bezahlt«, erwiderte sie etwas verlegen.

 

»Wir wollen ein wenig in den Park fahren«, meinte er und winkte einen Chauffeur heran. »Dort können wir uns ungestört unterhalten.«

 

In dem menschenleeren Park fanden sie zwei abseits stehende Stühle und ließen sich nieder.

 

»Nun erzählen Sie mir einmal etwas Näheres über diesen garstig aussehenden alten Herrn«, begann Dick.

 

Sie berichtete ihm über ihre Erfahrungen mit Mr. Malpas.

 

»Sie werden es gewiß verächtlich von mir finden, daß ich das Geld überhaupt angenommen habe. Aber wenn man sehr hungrig ist und friert, hat man keine Zeit, über moralische Grundsätze nachzudenken. Als ich mich aber gemütlich im Palace-Hotel eingerichtet hatte, stiegen doch Bedenken in mir auf, und ich wollte gerade in ablehnendem Sinn an Mr. Malpas schreiben, als er mir etwa zehn bis zwölf flüchtig mit Bleistift gekritzelte Briefe sandte und mich ersuchte, sie abzuschreiben und wieder an ihn zurückzuschicken.«

 

»Was für Briefe waren es denn?« fragte er neugierig.

 

»Meistens Ablehnungen von allerlei Einladungen. Er machte zur Bedingung, daß ich sie auf dem Briefpapier des Hotels und nicht mit Maschine schreiben müßte.«

 

»Die Sache gefällt mir nicht«, meinte Dick nachdenklich.

 

»Kennen Sie den Mann?«

 

»Ich weiß allerhand von ihm. Wieviel Gehalt beziehen Sie?«

 

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Er gab mir eine runde Summe und ersuchte mich, nach acht Tagen wiederzukommen. Seitdem habe ich alle Tage abgeschrieben, was mir mit der Morgenpost zuging. Es war ein Briefwechsel zwischen dem Gouverneur von Bermuda und dem Britischen Kolonialamt dabei, der gedruckt und wohl aus einem Blaubuch herausgerissen war. Was soll ich nun tun, Mr. Shannon?«

 

»Ja, wenn ich das wüßte! Eins dürfen Sie jedenfalls nicht tun: nächsten Sonnabend wieder allein in dieses sonderbare Haus gehen. Ich werde Sie auf dem Portman Square erwarten und mit Ihnen hineinschlüpfen.« Er sah, daß sie erschrak, und lächelte. »Sie brauchen keine Bedenken wegen etwaiger hinterlistiger Polizeiabsichten meinerseits zu haben. Wir haben nichts weiter gegen Mr. Malpas, als daß er ›geheimnisvoll‹ ist. Ich bleibe nur unten in der Halle in Rufweite. Waren übrigens auch Briefe an Mr. Lacy Marshalt unter den Papieren?«

 

»Nein. Das ist doch der afrikanische Millionär, der neben Malpas wohnt?« Sie erzählte ihm von dem kleinen Zwischenfall, der sich vor Marshalts Haus abgespielt hatte.

 

»Hm! Das ist vielleicht eine kleine nachbarliche Bosheit des Alten. Ich muß einmal mit Marshalt sprechen und ihn fragen, was es eigentlich mit dieser Feindschaft auf sich hat. Aber hier ist es kalt. Kommen Sie mit, wir wollen eine Tasse Kaffee trinken.«

 

 

Tonger schien anfangs nicht geneigt, Shannon zu melden, als er dem Beamten öffnete.

 

»Sie können Mr. Marshalt nur auf Verabredung hin sehen, wenigstens solange ich in der Nähe bin. Hat er Sie für diese Zeit bestellt?«

 

Shannon hatte den Eindruck, daß Tonger hier im Haus noch eine andere Stellung als die eines Kammerdieners einnahm.

 

»Vielleicht bringen Sie ihm meine Karte?« fragte er lächelnd.

 

»Vielleicht – aber wahrscheinlich nicht. Alle möglichen sonderbaren Menschen kommen hierher und wollen Mr. Lacy Marshalt sprechen, weil er freigebig und großzügig ist.« Er griff nach Dicks Karte und las sie. »Ach, Sie sind ein Detektiv? Na, dann kommen Sie herein, Captain. Wollen Sie denn jemand verhaften?«

 

»Wo denken Sie hin! In diesem wunderschön geordneten Haushalt, wo selbst die Bedienten so höflich sind, daß man sie kaum belästigen mag!«

 

Tonger kicherte.

 

»Ich bin kein Bedienter.«

 

»Der Sohn des Hauses?« scherzte Dick. »Oder gar am Ende Mr. Marshalt selbst?«

 

»Gott behüte! Ich möchte sein Geld und seine Verantwortung nicht haben. Bitte, diesen Weg!«

 

Er führte Dick zu einem Salon und folgte ihm.

 

»Es ist doch nichts Ernsthaftes?« fragte er besorgt.

 

»Nicht daß ich wüßte. Dies ist ein freundschaftlicher Besuch.«

 

»Nun gut, ich werde Mr. Marshalt Bescheid sagen.«

 

Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit Lacy Marshalt zurück. Als er Miene machte, zu bleiben, deutete der Millionär stumm auf die Tür.

 

»Hoffentlich hat sich Tonger keine Freiheiten herausgenommen«, sagte er, als er mit Dick allein war. »Er ist mit mir zusammen aufgewachsen und stellt meine Geduld manchmal auf harte Proben. Sie kommen von Scotland Yard, Captain Shannon? Was kann ich für Sie tun?«

 

»Vor allem möchte ich wissen, ob Sie Ihren Nachbar, Mr. Malpas, kennen?«

 

»Nein. Ich habe mich nur über das ewige Geklopfe nebenan beschwert –«

 

»Das habe ich gehört. Die Sache ist wohl durch die Distriktspolizei erledigt worden. Sie kennen ihn also nicht?«

 

»Ich habe ihn noch nie gesehen und kann Ihnen deshalb auch nichts Näheres über ihn sagen.«

 

»Wissen Sie auch nicht vom Hörensagen, wie er aussieht, so daß Sie ihn vielleicht als einen Bekannten aus Südafrika identifizieren könnten?«

 

»Nein, ich habe ihn auch nie beschreiben hören. Feinde hat man ja natürlich immer, wenn man es in der Welt zu etwas bringt.«

 

»Ja, man könnte den Eindruck haben, daß Malpas Sie schikanieren will. Und zwar benützt er dazu immer andere Leute. Ich möchte zum Beispiel glauben, daß die betrunkene Frau, die neulich herkam –«

 

»Eine betrunkene Frau?« Marshalts Stirne verdüsterte sich. Er stand auf und klingelte, worauf Tonger eilfertig erschien.

 

Aber auf die ärgerliche Frage seines Herrn hatte er nur eine gleichmütige Antwort.

 

»Ja, die war ordentlich eingeseift! Fiel ins Haus und auch gleich wieder hinaus. Sie sagte, sie wäre Mrs. Lidderley von Fourteen Streams –«

 

Dick Shannon sah den Hausherrn an, während der Diener sprach und bemerkte, daß Marshalts Gesicht leichenblaß wurde.

 

»Mrs. Lidderley?« wiederholte der Millionär langsam. »Wie sah sie denn aus?«

 

»Ach, ein kleines Ding – aber Kräfte hatte sie!«

 

»Klein? Dann hat sie geschwindelt!« Marshalts Stimme klang merklich erleichtert. »Vielleicht kennt sie die Lidderleys. Vor kurzem hörte ich aus Südafrika, daß Mrs. Lidderley schwer krank läge. Hast du sie nach ihrer Adresse gefragt?«

 

»Ich sollte nach der Adresse eines betrunkenen Frauenzimmers fragen? Aber, Lacy –«

 

»Zum Teufel, ich bin Mr. Marshalt für dich!« schrie ihn der Hausherr an. »Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

 

»Ach, es fuhr mir eben so heraus!«

 

»Mach, daß du hinauskommst!« Marshalt schlug die Tür hinter seinem respektlosen Diener zu.

 

»Der Mensch macht mich manchmal wirklich nervös«, entschuldigte er sich dann bei Dick. »Als Jungens haben wir uns natürlich Lacy und Jim genannt, und es wird mir jetzt schwer, auf einer passenderen Anrede zu bestehen, aber man muß die äußere Form doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade wahren. – Verzeihen Sie die Störung. Um auf Malpas zurückzukommen, so weiß ich tatsächlich nichts über ihn. Es mag allerdings jemand sein, dem ich vor Zeiten einmal auf den Fuß getreten habe … wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?«

 

»Alt und furchtbar häßlich, wie ich gehört habe. Außerdem hat er eine Kabarettsängerin beauftragt, Sie zu belästigen, was ja an sich nicht viel auf sich gehabt hätte. Aber Sie haben zufällig eine Abneigung gegen solche Damen.«

 

»Könnten Sie nicht einmal den Mann besuchen?« fragte Marshalt nach einer kurzen Überlegung. »Das klingt natürlich wie eine Zumutung. Aber mir liegt wirklich daran, die Persönlichkeit von Malpas festzustellen.«

 

Dick hatte ohnehin schon beschlossen, sich den geheimnisvollen Mann anzusehen, so daß dieser Vorschlag überflüssig war. Als Tonger die Haustür hinter Shannon geschlossen hatte, schlenderte der Detektiv zu dem Nachbargebäude und blickte zu den öden Fenstern hinauf. Er war schon oft hier gewesen, aber um eine Unterredung hatte er Mr. Malpas noch nicht gebeten. Er suchte nach einer Klingel, fand keine und klopfte schließlich an die Tür. Als alles still blieb, pochte er kräftiger, schrak aber gleich darauf zusammen.

 

»Wer ist da?« fragte eine Stimme, scheinbar dicht an seinem Ohr.

 

Bestürzt sah er sich um, entdeckte aber sofort die Lösung des Rätsels, als er in dem steinernen Türpfeiler ein kleines Gitter bemerkte. Dahinter befand sich ein lautsprechendes Telephon.

 

»Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard und möchte Mr. Malpas sprechen«, sagte er.

 

»Sie können Mr. Malpas nicht sprechen«, knurrte die Stimme, und Dick vernahm ein leises Knacken. Obwohl er noch mehrmals klopfte, erhielt er keine Antwort mehr.

 

Kapitel 12

 

12

 

Nur wenige Dienstboten genossen so viel Freiheit und Behaglichkeit wie Tonger, der das ganze oberste Stockwerk des Hauses bewohnte. Marshalt hatte ihm dort ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Bad eingerichtet, und Tonger verbrachte den größten Teil seiner Abende in seinen eigenen Räumen, wo er mit Hilfe eines kleinen Roulettespiels endlose mathematische Berechnungen anstellte. Es war sein Ehrgeiz, die Kasinodirektion von Monte Carlo durch ein von ihm erfundenes unfehlbares System in Schrecken und Verzweiflung zu bringen.

 

An diesem Abend war er jedoch anderweitig beschäftigt, als die Klingel über seiner Tür ertönte, und er machte sie sorgsam hinter sich zu, bevor er zu Lacy hinunterging, der bereits ungeduldig wurde.

 

»Erwarte Mrs. Elton um sieben Uhr fünfundvierzig an der Hintertür«, befahl er ihm, »und laß sie herein. Dann bringst du das Auto zur Albert Hall und parkst bei den anderen, bis das Konzert vorbei ist. Nachher kommst du wieder an die Hintertür zurück.«

 

»Ist das nicht ein bißchen gefährlich nach dem Brief, den Sie von Elton erhalten haben?«

 

»Was weißt du denn von dem Brief? Ich hatte ihn doch eingeschlossen!«

 

»Ach, das ist doch gleichgültig. Ich habe ihn jedenfalls gelesen, und ich sage Ihnen, daß es gefährlich ist. In einem Scheidungsprozeß möchten Sie doch wohl nicht auftreten?«

 

»Mit dir als Zeuge!« höhnte Marshalt.

 

»Sie wissen sehr gut, daß ich nie gegen Sie aussagen würde«, erwiderte Tonger gelassen. »Das liegt mir nicht. Aber wenn ein Kerl wie Elton mir schriebe, er würde mich niederschießen, wenn er mich noch einmal mit seiner Frau zusammensähe, würde ich mir die Sache doch sehr überlegen.«

 

»Mrs. Elton hat geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu besprechen«, sagte Marshalt kalt. »Tu das, was ich dir sage.«

 

»Das Auto vor der Albert Hall soll beweisen, daß Mrs. Elton das Konzert mit angehört hat!« kicherte Tonger. »Was wollte denn der Detektiv? Kam der auch wegen Mrs. Elton?«

 

»Unsinn! Er wollte sich nur nach dem verrückten Kerl nebenan erkundigen. So, das ist alles. Morgen abend esse ich zu Hause, und wenn ich Glück habe, mit einem sehr interessanten Gast.«

 

»Haben Sie das Mädchen gefunden, hinter dem der Privatdetektiv her war?« fragte Tonger lebhaft.

 

»Woher weißt du denn nun das schon wieder?! Ja, ich hoffe, daß sie kommt. Übrigens brauchst du dabei nicht in Erscheinung zu treten. Das Hausmädchen kann bei Tisch aufwarten.«

 

»Um törichten Jungfrauen Vertrauen einzuflößen«, bemerkte Tonger und verließ das Zimmer …

 

Gegen halb zwölf hielt er wieder mit dem Auto an der Hintertür von Nr.551, nachdem er Marshalts Anweisungen genau befolgt hatte. Dora kam heraus und nahm seinen Platz am Steuer ein.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte sie leise.

 

Er dachte an den Mann, der an der Ecke des Portman Square gestanden und so geduldig gewartet hatte.

 

»Nein«, sagte er aber. »An Ihrer Stelle würde ich jedoch ein solches Abenteuer nicht nochmal riskieren.«

 

»Machen Sie den Schlag zu«, erwiderte sie schroff, und gleich darauf fuhr sie ab.

 

Als sie nach Hause kam, fand sie Martin schon im Wohnzimmer vor.

 

»Na, ist die Unterredung befriedigend verlaufen?« fragte sie vergnügt.

 

Er hatte sich auf dem Diwan ausgestreckt und schüttelte mißmutig den Kopf.

 

»Nein, wir werden das Etablissement wohl schließen müssen. Klein verlangt zuviel Prozente und droht mit der Polizei, um sie durchzudrücken. Das macht mir nun zwar keine Sorge, aber die Säle in der Pont Street bringen viel und regelmäßig Geld ein, so daß ich sie ungern schließen würde. Jetzt erwarte ich Stanford. – Übrigens habe ich Audrey heute abend gesehen.«

 

»Wo denn?« fragte sie verwundert.

 

»Im Carlton Grill. Sie aß mit Shannon.«

 

Dora, die sich eben eine Zigarette anstecken wollte, hielt inne.

 

»Mit Shannon?«

 

»Ja. Sie schienen höchst fidel zu sein. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Zur Angeberin eignet sich Audrey nicht. Es war mir noch nie klar geworden, wie schön sie eigentlich ist. Und dabei tadellos angezogen. Shannon hat sie ordentlich verliebt betrachtet.«

 

»Na, du scheinst ja auch in sie verschossen zu sein! Das Konzert war übrigens ein großer Genuß für mich, Bunny! Kessler war hervorragend. Eigentlich mache ich mir ja nicht viel aus Geigenspiel, aber –«

 

»Kessler trat doch gar nicht auf«, erwiderte er und blies eine Rauchwolke in die Luft. »Er war indisponiert und ließ absagen. Hast du es denn nicht in der Zeitung gelesen?«

 

»Ach, ich kann diese Leute nicht voneinander unterscheiden«, erklärte sie nach einer kaum merklichen Pause gleichmütig. »Jedenfalls spielte der Mann, der ihn vertrat, glänzend.«

 

»Wahrscheinlich war es Manz.« Er nickte.

 

Zu ihrer Erleichterung klingelte es an der Haustür, und gleich darauf erschien Big Bill Stanford, todmüde von der langen Rückfahrt von Rom. Ohne große Vorrede begann er zu berichten.

 

»Die Contessa trifft am Dienstagabend ein. Ich habe Photos von der Tiara und der Perlenkette. Die Imitation wird sich in fünf bis sechs Tagen herstellen lassen, und das weitere ist dann ja Kinderspiel. Stigman hat sich mit der Zofe angefreundet –«

 

»Ich dachte, mit solchen Geschichten würden wir uns nicht wieder abgeben?« unterbrach ihn Dora unwillig.

 

»Geschieht auch nicht«, murmelte Martin. »Daß du mir nichts von dem Kram ins Haus bringst, Bill!«

 

»Hältst du mich für verrückt? Ich habe von der letzten Affäre noch genug!«

 

»Können wir denn das nicht ganz aufstecken, Bunny?« wandte sich Dora an Elton.

 

»Gewiß, warum nicht? Was bedeuten denn auch zehntausend Pfund für uns? Wir können ja auch ohne sie leben!«

 

»Ich kann es jedenfalls«, entgegnete sie.

 

»Willst du uns vielleicht mit Nähen ernähren oder Klavierstunden geben? Oder wieder zur Bühne gehen? Drei bis vier Pfund die Woche hast du ja wohl verdient, bis ich dich kennenlernte. Rede keinen Unsinn, Dora! Ich habe dich erst zu einer wohlhabenden Frau gemacht. Sogar dein Trauring stammt von einem Diebstahl her. Überlege dir das gefälligst!«

 

Sie stand wortlos auf und verließ das Zimmer.

 

Kapitel 5

 

5

 

Der Mann, der Amelia Jones haßte

 

Leon Gonsalez erhielt einen Brief, der eine spanische Marke trug. Während Cordova schlief, hatte der ruhige Poiccart in einer Mußestunde an seine Freunde geschrieben und von allem berichtet, was ihm in den Sinn kam. Er hatte in einer Orangenlaube gesessen und auf den majestätischen Guadalquivir hinabgeschaut, dessen gelbe Fluten aus den Ufern getreten waren.

 

»Er ist von Poiccart«, sagte Leon.

 

»Ja, was schreibt er denn?« fragte George Manfred, der schläfrig in einem großen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.

 

Eine grüne Leselampe und das flackernde Feuer beleuchteten das gemütliche Wohnzimmer in der Jermyn Street.

 

»Also – erzähl.« George streckte sich gemächlich aus.

 

»Auf seinen Zwiebelfeldern ist eine Krankheit ausgebrochen«, begann Leon feierlich.

 

Manfred mußte lachen.

 

»Sieh einmal an, Poiccart hat jetzt eine Zwiebelplantage!«

 

»Warum auch nicht?« fragte Leon. »Hast du eigentlich ›Die drei Musketiere‹ gelesen?«

 

»Natürlich«, erwiderte Manfred und schaute lächelnd in die Flammen.

 

»In welcher Ausgabe?«

 

»In dem Buch ›Die drei Musketiere‹«, antwortete Manfred erstaunt.

 

»Das war nicht richtig. Wenn du den wirklichen Charakter der drei Musketiere kennenlernen willst, dann mußt du das Buch ›Nach zwanzig Jahren‹ lesen. Da ist einer von ihnen behäbig und dick geworden und legt viel Wert auf seine Kleidung, ein anderer ist ein Hofmann beim König von Frankreich, und der dritte kümmert sich auf seine alten Tage um den Liebeskummer seiner Tochter. Sie sind dann ebenso menschlich geworden, mein lieber Manfred, wie Poiccart, der jetzt Zwiebeln züchtet. Soll ich dir ein wenig aus seinem Brief vorlesen?«

 

»Bitte«, sagte Manfred sehr verlegen.

 

*

 

»Ich habe wunderbare Rosenbeete. Manfred würde seine Freude daran haben … Ereifert Euch nicht zu sehr über diese Geschichten von den neuen Blutproben. Irgend so ein amerikanischer Doktor hat behauptet, daß er daraus die Verwandtschaftsgrade zweier Personen feststellen kann … Die kleinen Ferkel gedeihen aufs beste. Eins von ihnen ist ganz besonders intelligent und nachdenklich, ich habe es George getauft.«

 

Manfred grinste vergnügt.

 

»Wir werden ein gutes Weinjahr bekommen, wie man hier allgemein sagt. Aber die Orangenernte wird nicht so gut ausfallen wie letztes Jahr … Wißt Ihr auch schon, daß die Fingerabdrücke von Zwillingen identisch sind? Merkwürdigerweise sind aber die Fingerabdrücke der menschenähnlichen Affen meistens ungleich. Ich wünschte, Ihr würdet Euch darüber etwas genauer informieren …«

 

*

 

Leon las weiter von Poiccarts kleinen häuslichen Sorgen, von seinen neuen wissenschaftlichen Erfahrungen und von dem Stadtklatsch, dann faltete er die zehn engbeschriebenen Blätter und steckte sie in die Tasche.

 

»Was er da über die Fingerabdrücke von Zwillingen schreibt, ist natürlich nicht richtig. In dem Punkt hat sich Lombroso schwer geirrt. Das ganze System ist überhaupt unzureichend.«

 

»Ich habe aber noch nie gehört, daß jemand etwas daran aussetzte. Warum hältst du es denn für unzureichend?« fragte George erstaunt.

 

Leon rollte sich geschickt eine Zigarette und steckte sie in Brand, bevor er antwortete.

 

»In Scotland Yard haben sie eine Sammlung von schätzungsweise hunderttausend Fingerabdrücken. In Großbritannien gibt es aber fünfzig Millionen Menschen. Wir haben also glücklich in Scotland Yard den fünfhundertsten Teil der ganzen Bevölkerung erfaßt. Nehmen wir einmal an, du wärst ein Polizeibeamter und würdest zur Albert Hall gerufen, wo fünfhundert Leute versammelt sind. Man sagt dir, daß einer von ihnen gestohlene Gegenstände bei sich trägt, und gibt dir die Erlaubnis, alle zu durchsuchen. Würdest du zufrieden sein, einen einzigen zu durchsuchen und alle anderen frei laufen zu lassen, wenn du nichts bei ihm findest?«

 

»Natürlich nicht. Aber was willst du damit sagen?«

 

»Meiner Ansicht nach kann man nicht behaupten, daß zwei menschliche Fingerabdrücke gleich sind, bevor man nicht die Fingerabdrücke aller Bewohner dieses Landes und aller Länder Europas miteinander verglichen hat. Es müßte ein Gesetz eingebracht werden, das die Registrierung der Fingerabdrücke aller Bürger fordert, ferner müßten alle Nationen die Fingerabdrücke ihrer Einwohner untereinander austauschen.«

 

»Damit wäre also das System der Fingerabdrücke geregelt«, sagte Manfred mit dem Brustton der Überzeugung.

 

»Logischerweise wohl, aber in der Wirklichkeit noch lange nicht.«

 

Es trat ein langes Schweigen ein, dann nahm Manfred ein Buch von dem kleinen Regal neben dem Kamin.

 

Plötzlich erhob sich Gonsalez und verließ unauffällig den Raum. Manfred schaute auf die Uhr – es war halb neun.

 

Fünf Minuten später kam Leon wieder zurück. Er hatte sich umgezogen, und seine Verkleidung war wie immer vollkommen. Er hatte sich nicht in dem gewöhnlichen Sinn des Wortes maskiert, denn er hatte sein Gesicht in keiner Weise bearbeitet, hatte auch seine Haare nicht anders gefärbt. Seine Verwandlungskunst bestand nur in seiner vollendeten Mimik und einem besonderen Geschick, sich in das Wesen anderer Menschen einzufühlen. Er sah aus wie ein armer Mann. Sein Kragen war sauber, aber ein wenig ausgefranst, seine Stiefel glänzten, aber sie waren alt und geflickt. Die Absätze waren abgetreten, aber er hatte zwei Gummiecken darauf genagelt, die gerade ein wenig zu groß waren.

 

»Du siehst aus wie ein alter Mann, der sich mühsam seinen Lebensunterhalt erwirbt und dabei doch immer noch versucht, standesgemäß aufzutreten«, meinte Manfred.

 

Gonsalez schüttelte den Kopf.

 

»Heute abend spiele ich die Rolle eines Rechtsanwalts, der vor zwanzig Jahren aus der Liste der Anwälte gestrichen wurde und sich ruinierte, weil er einem armen Mann half, der Gesetzesstrafe zu entkommen. Das ist doch noch eine sympathischere Rolle, George. Außerdem haben die Leute mehr Zutrauen zu mir und suchen meinen Rat in allen möglichen Angelegenheiten. An einem der nächsten Abende mußt du mit mir zu dem Wirtshaus ›Cow and Compasses‹ kommen und meinen Vortrag über das Eigenvermögen der verheirateten Frau hören.«

 

»Viel Erfolg, Leon, und meine besten Grüße an Amelia Jones.«

 

Gonsalez biß sich auf die Lippen und sah nachdenklich in das Kaminfeuer.

 

»Ja, die arme Amelia Jones«, sagte er leise.

 

»Du bist wirklich ein prächtiger Mensch.« Manfred lächelte. »Es gelingt nur dir, eine alte Aufwartefrau mit dem Zauber der Romantik zu umgeben.«

 

Leon zog einen abgetragenen Mantel an.

 

»Ich glaube, der englische Dichter Pope sagte einmal, daß jeder romantisch ist, der etwas Schönes bewundern kann oder fähig ist, selbst eine schöne Tat zu tun. Amelia Jones hat beides getan.«

 

»Cow and Compasses« ist ein kleines Gasthaus in der Treet Road in Deptford. Der Abend war kühl und neblig, und die düstere Straße lag einsam und verlassen da, als Leon in die Schenke eintrat. Das ungünstige Wetter hielt wahrscheinlich auch die Gäste fern, denn es waren nur wenig Rechtsuchende an diesem Abend gekommen. Kaum ein halbes Dutzend Leute befanden sich in der Gaststube, als er zu dem Schanktisch ging.

 

Eine Frau, die offensichtlich auf ihn gewartet hatte, erhob sich von einer Bank, als sie ihn sah. Leon schritt mit dem Glas in der Hand auf sie zu.

 

»Nun, Mrs. Jones, wie geht es Ihnen?« begrüßte er sie. Er schaute in das abgezehrte, bleiche Gesicht einer stattlichen Frau. Ihre Hände zitterten krampfhaft.

 

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind«, sagte sie.

 

Sie hielt ein kleines Glas Portwein in der Hand, aber es war kaum berührt. Leon hatte diese Frau kennengelernt, als sie an einem verzweifelten Abend, von Furcht und Schrecken getrieben, aus ihrer einsamen Wohnung in diese Gaststube geflohen war. Er selbst verfolgte damals mit großer Vorsicht einen breitschulterigen Dienstmann, den er in Covent Garden getroffen hatte und der einen außergewöhnlich geformten Schädel besaß. Er war ihm bis zu seiner Wohnung und diesem Gasthaus gefolgt und war gerade dabei, wenn möglich, die Lebensgeschichte dieses Mannes festzustellen und seine Schädelabmessungen zu nehmen, als er die Bekanntschaft von Amelia Jones machte. Diesen Abend hatte sie scheinbar etwas besonders Wichtiges auf dem Herzen, denn sie machte drei vergebliche Ansätze, bevor sie zu erzählen begann.

 

»Mr. Lukas (unter diesem Namen verkehrte Gonsalez in der Wirtschaft), ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten. Sie sind so gütig zu mir gewesen und haben mir schon manchen Rat gegeben wegen meines Mannes und wegen all dieser unangenehmen Dinge. Aber diesmal ist es ein großes Opfer für Sie – Sie sind ein so vielbeschäftigter Mann.«

 

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

 

»Ich habe im Augenblick viel Zeit«, erwiderte Gonsalez.

 

»Würden Sie morgen mit mir fortfahren? Ich möchte, daß Sie – daß Sie jemand sehen.«

 

»Aber gewiß, Mrs. Jones.«

 

»Können Sie mich morgen früh um neun Uhr am Paddington-Bahnhof erwarten? Ich werde natürlich Ihre Fahrkarte zahlen«, sagte sie eifrig. »Ich kann nicht dulden, daß Sie meinetwegen auch noch Ausgaben haben. Ich habe etwas Geld gespart.«

 

»Ich habe heute auch etwas verdient, so daß Sie sich darum nicht zu kümmern brauchen. Haben Sie etwas von Ihrem Mann gehört?«

 

»Nicht von ihm selbst, aber von einem anderen Mann, der eben aus dem Gefängnis gekommen ist.«

 

Ihre Lippen zitterten, und Tränen traten in ihre Augen.

 

»Er wird seine Drohung schon wahr machen, ich weiß es ganz genau«, sagte sie mit schluchzender Stimme. »Aber ich habe nicht meinetwegen Sorge.«

 

Leon sah sie erstaunt an. »Sie haben keine Sorge um sich?«

 

Er hatte schon immer vermutet, daß noch eine dritte Person im Spiel war, aber er hatte bisher noch nicht klarsehen können.

 

»Nein«, erwiderte sie bedrückt. »Sie wissen, daß er mich haßt, und Sie wissen auch; daß er mich umbringen wird, sobald er aus dem Gefängnis kommt. Aber ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt.«

 

»Wo ist er denn jetzt?«

 

»Im Gefängnis zu Devizes. Er ist dorthin versetzt worden, in zwei Monaten wird er entlassen.«

 

»Und Sie glauben, daß er dann gleich zu Ihnen kommt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, so wird er es nicht machen«, entgegnete sie bitter. »Das ist nicht seine Art. Sie kennen ihn nicht, Mr. Lukas. Aber niemand kennt ihn so gut wie ich. Wenn er gleich zu mir käme, dann wäre ja alles gut. Aber das tut er nicht. Er wird mich ermorden, ich sage es Ihnen. Ich sorge mich nicht darum, wann es kommt. Er wurde nicht umsonst Bash Jones, der Totschläger, genannt. Ich kann dem Schicksal nicht entfliehen«, fuhr sie grimmig fort. »Er wird geradenwegs in mein Zimmer gehen und mich, ohne ein Wort zu sprechen, einfach niederschlagen. Und das wird dann mein Ende sein. Aber das ist mir alles gleich, darum kümmere ich mich nicht. Es ist das andere, was mir fast das Herz bricht und was mich die ganze Zeit so bedrückt hat.«

 

Leon wußte, es war nutzlos, ihr zuzureden, daß sie ihm alle ihre Sorgen anvertrauen sollte. Kurz darauf verließen sie zusammen die Wirtschaft.

 

»Ich hätte Sie gern gebeten, mich in meiner Wohnung zu besuchen, aber das würde die ganze Sache nur noch schlimmer machen, und ich möchte nicht, daß Sie meinetwegen in Unannehmlichkeiten kommen, Mr. Lukas.«

 

Er gab ihr zum erstenmal die Hand, und sie drückte sie schwach.

 

Nur wenige Menschen haben Amelia Jones bisher die Hand gegeben, dachte Gonsalez.

 

Er ging nach der Jermyn Street zurück und fand Manfred, der vor dem Kamin eingeschlafen war.

 

Am nächsten Morgen wartete er im Paddington-Bahnhof. Sein Anzug war diesmal nicht ganz so abgetragen, und zu seiner Überraschung hatte sich auch Mrs. Jones viel besser gekleidet, als er für möglich gehalten hatte. Ihre Kleider waren zwar einfach, aber niemand hätte in ihr eine arme Aufwartefrau vermutet. Sie lösten Billetts nach Swindon und sprachen auf der Hinfahrt wenig miteinander. Offenbar hatte sie sich noch nicht dazu entschlossen, sich ihm gegenüber auszusprechen.

 

In Newbury wurde der Zug aufgehalten, bis ein Personenzug, der nach der Stadt fuhr, auf ein Nebengeleise umgeleitet war, um einen Feriensonderzug vorbeifahren zu lassen. Frohe Knaben und Mädchen winkten aus den Fenstern.

 

»Ich hatte ganz vergessen, daß die Osterferien beginnen«, sagte Leon.

 

In Swindon stiegen sie aus, und nun sprach Amelia Jones zum erstenmal über den Zweck ihrer Reise.

 

»Wir müssen hier auf dem Bahnsteig bleiben«, sagte sie nervös. »Ich erwarte jemand, und ich möchte gern, daß Sie das Mädchen auch sehen, Mr. Lukas.«

 

Gleich darauf fuhr ein anderer Sonderzug ein, und die Mehrzahl der Fahrgäste waren wieder Kinder. Einige stiegen aus, um von hier aus andere Züge zu benutzen, die nicht nach London fuhren.

 

Leon sprach mit seiner Begleiterin, obwohl er wußte, daß sie ihm nicht zuhörte. Plötzlich sah er, wie ihre Augen aufleuchteten. Sie verließ ihn mit einem kleinen Seufzer, ging den Bahnsteig entlang und begrüßte ein hübsches, schlankes Mädchen, das an der Mütze das rotweiße Band einer berühmten Schule im Westen Englands trug.

 

»Mrs. Jones, es ist lieb von Ihnen, daß Sie hierhergekommen sind, um mich zu treffen. Ich wünschte, Sie würden sich nicht soviel Mühe machen. Ich wäre ebensogerne nach London gekommen«, sagte sie lachend. »Ist dies ein Bekannter von Ihnen?« Sie reichte Leon mit einem freundlichen Lächeln die Hand:

 

»Es ist schon gut, Miss Grace«, entgegnete Mrs. Jones erregt, »ich dachte nur, ich würde schnell hierherfahren, um Sie wieder einmal zu sehen. Wie geht es denn auf der Schule?«

 

»Oh, glänzend. Ich habe einen Schulpreis gewonnen.«

 

»Ist das nicht herrlich?« sagte Mrs. Jones fast ehrfürchtig. »Aber Sie haben Ihre Sachen schon immer sehr gut gemacht, mein Liebling.«

 

Das Mädchen wandte sich an Leon.

 

»Mrs. Jones war meine Kinderfrau vor vielen, vielen Jahren. Das stimmt doch, Mrs. Jones?«

 

Amelia nickte.

 

»Wie geht es denn Ihrem Mann? Ist er noch so unliebenswürdig?«

 

»Ach, er ist nicht so schlecht«, anwortete Mrs. Jones tapfer. »Nur manchmal ist es schwer, mit ihm auszukommen.«

 

»Ich hätte eigentlich Lust, ihn einmal zu sehen.«

 

»Ach nein, das wäre nichts für Sie, Miss Grace«, sagte Mrs. Jones hastig. »Das gibt Ihnen nur Ihr gutes Herz ein. Wo werden Sie denn die Ferien zubringen?«

 

»Ich gehe mit einigen Freundinnen nach Clifton. Molly Walker hat uns eingeladen. Sie ist die Tochter von Sir George Walker.«

 

Amelia Jones sah das Mädchen begeistert an, und Leon verstand, daß sich alle Liebe, deren diese arme Frau fähig war, auf dieses Kind konzentrierte, das sie aufgezogen hatte. Die drei gingen auf dem Bahnsteig auf und ab, bis der Anschlußzug einfuhr. Mrs. Jones stand vor der Tür des Abteils, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Dann schaute sie den Wagen nach, die in der Ferne verschwanden.

 

»Ich werde sie nie wiedersehen«, sagte sie verzweifelt. »Nie wieder!«

 

Ihr Gesicht war eingefallen und noch bleicher als sonst. Leon nahm ihren Arm.

 

»Sie müssen jetzt mit mir kommen und etwas zu sich nehmen, Mrs. Jones. Sie haben wohl dieses junge Mädchen sehr gern?«

 

»Ob ich sie gern habe? O ja, ich liebe sie – sie ist ja meine Tochter!«

 

Als sie nach London zurückfuhren, saßen sie allein in einem Abteil, und nun erzählte Mrs. Jones ihre Leidensgeschichte.

 

»Grace war erst drei Jahre alt, als ihr Vater in Schwierigkeiten kam. Er war schon immer ein brutaler Mensch, und ich bin jetzt davon überzeugt, daß die Polizei seit seiner frühesten Jugend immer ein Auge auf ihn hatte. Als ich ihn heiratete, wußte ich das noch nicht. Er brach in ein Haus ein, in dem ich Kindermädchen war, und ich wurde damals entlassen, weil ich die Küchentür für ihn hatte offenstehen lassen. Ich hatte ja keine Ahnung, daß er ein Dieb war. Er wurde dann zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, und als er wieder herauskam, schwor er, er würde nicht wieder ins Gefängnis zurückgehen. Wenn er das nächstemal in Gefahr käme, würde er einen Mord begehen. Er und einer seiner Bekannten machten bald darauf die Bekanntschaft eines reichen Buchmachers in Blackheath. Mein Mann pflegte alle schmutzige Arbeit für ihn zu tun, aber schließlich zankten sie sich, und Bash beraubte mit seinem Komplicen das Haus des Buchmachers. Sie erbeuteten nahezu neuntausend Pfund. Sie verübten den Einbruch an einem Renntage, und Bash wußte, daß sehr viele Banknoten im Haus lagen, die auf dem Rennplatz eingenommen waren. Man konnte also die Herkunft der Scheine nicht nachweisen. Ich dachte zuerst, daß er den Mann umgebracht hätte, und es lag ja auch nicht an ihm, daß es nicht so gekommen war. Er ging in das Schlafzimmer des Buchmachers und schlug ihn im Bett nieder. Das war so seine Art. Er glaubte, die Polizei würde genaue Nachforschungen anstellen und gab mir das Geld, damit ich es verwahren sollte. Ich mußte die Banknoten in eine alte Bierflasche stopfen, die halb mit Sand gefüllt war, dann fest verkorken und den Flaschenhals über und über mit geschmolzenem Stearin begießen, damit die Flasche wasserdicht wurde. Später versenkte ich sie in eine Zisterne, die man von einem der Räume unserer Wohnung auf der Rückseite des Hauses erreichen konnte. Ich war fast wahnsinnig vor Furcht, weil ich dachte, der Buchmacher sei ermordet worden. Aber ich tat alles, was Bash mir sagte, und versenkte die Flasche in dem Brunnen. Am selben Abend wollte Bash Jones mit seinem Komplicen nach Nordengland fahren, aber sie wurden schon am Euston-Bahnhof verhaftet. Bashs Freund wurde bei einem Fluchtversuch getötet, er lief in einen gerade ankommenden Zug hinein. Aber Bash Jones verhafteten sie, und unsere Wohnung wurde vollständig durchsucht. Er bekam fünfzehn Jahre Zuchthaus und wäre schon vor zwei Jahren herausgekommen, wenn er sich im Gefängnis ordentlich benommen hätte.

 

Ich mußte nun meine Lage überdenken, und mein erster Gedanke galt meinem Kind. Es war mir klar, welch trauriges Los Grace bevorstand, wenn sie unter diesen Umständen aufwuchs, in dieser schrecklichen Umgebung, in den Elendsquartieren von London, in ständiger Furcht vor der Polizei. Mein Mann hätte sein Geld immer wieder in ein paar Wochen durchgebracht, selbst wenn er eine Million besessen hätte. Ich wußte, daß ich Bash nun für mindestens zwölf Jahre los war, und als ich lange und angestrengt alles überdacht hatte, faßte ich einen Entschluß.

 

Nach zwölf Monaten wagte ich es, das Geld aus dem Brunnen zu holen, denn die Polizei hatte immer noch ein Auge auf mich und beobachtete mich scharf, da das gestohlene Geld nicht gefunden worden war. Ich will Ihnen nicht erzählen, wie ich gute Kleider kaufte, so daß niemand eine Arbeiterfrau in mir vermuten konnte, und wie ich das Geld anlegte.

 

Ich kaufte wertbeständige Aktien dafür. Ich habe zwar keine gute Erziehung genossen, aber ich habe monatelang die Zeitungen gelesen und immer die Börsenberichte genau studiert. Zuerst verwirrten mich die vielen Zahlen, und ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte. Aber allmählich verstand ich sie immer besser, und schließlich kaufte ich argentinische Eisenbahnaktien. Ich übergab sie einem Rechtsanwalt in Bermondsey, den ich zum Verwalter des Vermögens machte. Meine Tochter erhält vierteljährlich die Zinsen und zahlt davon alle ihre eigenen Rechnungen. Ich habe niemals einen Shilling von dem Geld angerührt. Die nächste Aufgabe war nun, meine Tochter aus dieser armseligen Umgebung fortzubringen. Mein Herz brach beinahe, daß ich mich von ihr trennen mußte, aber ich schickte sie in ein Heim für kleine Kinder, bis sie alt genug war, um in die Schule zu gehen. Ich besuchte sie in regelmäßigen Zwischenräumen. Als ich aber nach meinem ersten Besuch merkte, daß sie fast vergessen hatte, wer ich war, gab ich mich als ihre Kinderfrau aus. Nun wissen Sie alles.«

 

Gonsalez schwieg eine lange Weile.

 

»Weiß Ihr Mann davon?« fragte er dann.

 

»Er weiß, daß ich das Geld verbraucht habe.« Sie starrte geistesabwesend aus dem Fenster. »Er weiß auch, daß das Mädchen auf einer guten Schule ist. Er wird alles herausbringen«, sagte sie leise.

 

Das war also das Geheimnis dieser Frau. Leon war aufs tiefste erschüttert.

 

»Warum glauben Sie, daß er Sie töten will? Diese Leute drohen zwar häufig, aber sie führen ihre Drohungen nicht aus.«

 

»Bash Jones droht für gewöhnlich nicht«, unterbrach sie ihn. »Das hat er auch nicht getan. Ich weiß nur, daß er die Leute, die mich kennen, nach mir ausgefragt hat. Es sind die Leute von Deptford, die er im Gefängnis getroffen hat. Er fragt sie, wo ich über Nacht bin, wann ich zu Bett gehe, welche Beschäftigung ich tagsüber habe.«

 

»Ja, jetzt verstehe ich den Zusammenhang. Haben ihm denn die Leute die nötigen Angaben gemacht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, sie sind alle für mich und haben ihr Bestes getan, um mir zu helfen. Es sind wohl schlechte Menschen, sie begehen Verbrechen, aber in mancher Beziehung haben sie doch ein gutes Herz. Sie haben ihm nichts verraten.«

 

»Wissen Sie das ganz bestimmt?«

 

»Ja. Wenn sie es ihm gesagt hätten, würde er doch nicht weiterfragen. Vor einem Monat wurde Toby Brown von dort entlassen. Er erzählte mir, daß Bash Jones immer noch nach mir fragt. Mein Mann will nicht wieder ins Gefängnis zurück und rechnet damit, daß er noch bis Mitte des Jahres zu leben hat, wenn sie ihn fangen.«

 

Leon kehrte in gehobener Stimmung nach Hause zurück.

 

»Wo warst du denn?« fragte Manfred. »Ich habe inzwischen mit dem tüchtigen Mr. Fare zu Mittag gespeist.«

 

»Und ich habe etwas außerordentlich Erhebendes und Großartiges erlebt. Nicht daß ich selbst eine Heldentat vollbracht hätte, George, nein, aber ich bin ganz begeistert von dieser Amelia Jones. Sie ist eine wunderbare Frau, George. Um ihretwillen werde ich einen Monat Ferien machen. Während der Zeit kannst du ja nach Spanien reisen, unseren lieben Poiccart besuchen und einmal hören, wie es mit seinen Zwiebelfeldern steht.«

 

»Ich würde ganz gerne auf einige Tage nach Madrid gehen«, meinte Manfred nachdenklich. »Ich finde zwar London auch sehr anziehend, aber wenn du wirklich eine Erholungsreise machen willst – wo willst du übrigens deine Ferien verbringen?«

 

»Im Gefängnis zu Devizes«, antwortete Gonsalez freundlich.

 

Manfred kannte ihn zu gut, um irgendeine Bemerkung darüber zu machen.

 

Schon am nächsten Nachmittag begab sich Leon Gonsalez nach Devizes. Er kam bei Einbruch der Dunkelheit dort an und schwankte mit unsicheren Schritten auf den Marktplatz. Um zehn Uhr abends lehnte er an der Rückwand des »Hotel zum Bären« und sang mit lauter Stimme lustige Lieder. Ein Polizist fand ihn dort und forderte ihn auf, ruhig zu sein und weiterzugehen. Darauf begann Leon den Beamten in der unflätigsten Weise zu beschimpfen.

 

Am nächsten Morgen mußte er sich deshalb vor dem Polizeirichter verantworten. Er war angeklagt wegen Trunkenheit, wegen widersetzlichen Benehmens gegen einen Polizisten und wegen Beamtenbeleidigung.

 

»Dieser Fall ist so schwer, daß er kaum mit einer Geldstrafe gesühnt werden kann«, sagte der Polizeirichter. »Dies ist ein Fremder, der von London hierhergekommen ist und sich in der niederträchtigsten Weise benommen hat. Liegt sonst etwas gegen den Mann vor?«

 

»Nein«, entgegnete der Gefängniswärter bedauernd.

 

»Sie werden eine Strafe von zwanzig Shilling zahlen oder, wenn Sie nicht zahlen, einundzwanzig Tage ins Gefängnis wandern.«

 

»Dann will ich lieber ins Gefängnis gehen als das Geld zahlen«, erklärte Leon, der Wahrheit entsprechend.

 

So wurde er denn in das Gefängnis des Ortes gebracht, wie er erwartet hatte.

 

Einundzwanzig Tage später kam er braungebrannt, gesund und vergnügt in die gemeinschaftliche Wohnung in der Jermyn Street zurück. Manfred ging ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

 

»Ich habe schon gehört, daß du zurückgekommen bist«, sagte Leon erfreut. »Ich habe eine großartige Zeit verlebt. Sie haben allerdings meine Berechnungen ziemlich über den Haufen geworfen, als sie mir nur drei Wochen statt eines Monats gaben, und ich dachte schon, ich würde vor dir zurück sein.«

 

»Ich kam gestern an«, erwiderte George, und seine Blicke wanderten zum Büfett.

 

Sechs große spanische Zwiebeln lagen dort in einer Reihe. Gonsalez mußte herzlich lachen. Dann ging er in sein Zimmer und legte den abgetragenen Anzug ab. Als er nach einiger Zeit wieder mit seinem gewöhnlichen Aussehen ins Zimmer trat, erzählte er George Manfred von seinen Erfahrungen.

 

»Bash Jones hat unzweifelhaft die Absicht, seine Frau zu ermorden. Ich habe ihn genau betrachtet, derartig unregelmäßige Gesichtszüge habe ich noch nie gesehen. Wir haben zusammen in der Schneiderwerkstätte gearbeitet. Nächsten Montag kommt er heraus.«

 

»Er hat sich wohl an dich herangemacht, als er entdeckte, daß du von Deptford kamst?«

 

Leon nickte.

 

»Er wird den Anschlag gegen seine Frau am Dritten nächsten Monats ausführen, einen Tag nach seiner Entlassung.«

 

»Woher weißt du denn das so genau?« fragte Manfred erstaunt.

 

»Weil das die einzige Nacht ist, in der Amelia Jones allein in dem Hause schläft. Sie hat noch zwei Untermieter, junge Leute, die bei der Eisenbahn beschäftigt sind, die haben am Dritten jeden Monats bis drei Uhr morgens Dienst.«

 

»Entspricht das den Tatsachen, oder hast du ihm das nur eingeredet?«

 

»Ich habe ihm natürlich ein Märchen erzählt, aber er nahm die Geschichte für bare Münze. Die beiden jungen Leute haben keinen Hausschlüssel und müssen durch die Küchentür hereinkommen, die Mrs. Jones für sie offenläßt. Zu der Küchentür kommt man dann durch einen engen Gang von der Little Mill Street aus, der an der Hauswand entlangführt. Er hat mich gleich mit Fragen bestürmt und mir auch gesagt, daß er niemals wieder ins Gefängnis kommen wird, höchstens auf kurze Zeit. Ein interessanter Mann. Es ist wohl das beste, daß er stirbt«, sagte Leon ernst und nachdenklich. »Denke daran, welches Unheil er anrichten kann, George. Das arme Mädchen, das nun glücklich und zufrieden bei ihren Freundinnen weilt – sie ist so wohlerzogen –«

 

»Wenn sie einen so gemeinen Verbrecher wie Bash Jones zum Vater hat?« fragte Manfred lächelnd.

 

»Ich wiederhole, sie ist wohlerzogen. Erziehung erwirbt ein Mensch durch langen Umgang mit vornehm denkenden Leuten. Nimm den Sohn eines Herzogs und lasse ihn in den Verbrechervierteln von London aufwachsen, und du wirst einen Verbrecher aus ihm machen. Denke doch einmal, wie entsetzlich es wäre, wenn man dieses Kind wieder in die traurige Umgebung von Deptford zurückversetzte! Das würde doch die Folge sein, wenn Bash Jones seine Frau nicht umbrächte. Wenn er sie auf der anderen Seite aber tatsächlich ermordet, dann kommt die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht. Beides wäre nicht gut, und ich halte es für das beste, daß wir die Sache mit Bash Jones in Ordnung bringen.«

 

»Ich bin ganz deiner Meinung.« Manfred rauchte nachdenklich seine Zigarre.

 

Leon Gonsalez setzte sich an den Tisch, nahm einen Gedichtband von Browning und las darin. Ab und zu machte er eine Pause und sah gedankenvoll auf das Tischtuch, während er den Plan ausarbeitete, auf welche Weise Bash Jones sterben sollte.

 

Am Nachmittag des betreffenden Tages wurde Mrs. Amelia Jones durch ein Telegramm aus ihrer Wohnung gerufen. Sie traf Leon Gonsalez im Paddington-Bahnhof.

 

»Haben Sie Ihre Schlüssel mitgebracht, Mrs. Jones?«

 

»Ja«, erwiderte sie erstaunt. »Wissen Sie auch schon, daß mein Mann aus dem Gefängnis gekommen ist?«

 

»Es ist mir bekannt, und gerade weil er frei ist, möchte ich, daß Sie einige Tage verreisen. Ich habe Freunde in Plymouth, sie werden Sie wahrscheinlich an der Bahn abholen. Und wenn Sie sich verfehlen sollten, so wenden Sie sich an diese Adresse.«

 

Er gab ihr einen Zettel mit der Adresse einer Pension, die er in einer Zeitung von Plymouth gefunden hatte.

 

»So, und hier haben Sie auch einiges Geld. Ich bestehe darauf, daß Sie es annehmen. Meine Freunde wollen Ihnen sehr gern helfen.«

 

Sie vergoß Tränen der Dankbarkeit; als er sich von ihr trennte.

 

»Sind Sie auch sicher, daß Sie Ihr Haus abgeschlossen haben?« fragte Leon beim Abschied.

 

»Ich habe den Schlüssel hier.«

 

Bei diesen Worten öffnete sie ihre Handtasche, und er sah, daß ihre Hände zitterten.

 

»Lassen Sie einmal sehen.« Leon nahm die Handtasche.

 

Er schaute in seiner kurzsichtigen Art hinein. »Ja, ich sehe ihn, er ist da.«

 

Er faßte hinein, brachte seine Hand scheinbar leer wieder heraus und schloß die Handtasche.

 

»Auf Wiedersehen, Mrs. Jones. Lassen Sie den Mut nicht sinken.«

 

Als die Dunkelheit hereinbrach, begab sich Leon Gonsalez in die Little Mill Street. Er gelangte mit seiner schwarzen Tasche unbemerkt in das Haus, denn es war ein regnerischer und windiger Abend, und die Leute zogen es vor, am warmen Kamin zu sitzen und nicht auf die unwirtliche Straße hinauszugehen.

 

Er schloß die Tür hinter sich. Mit Hilfe einer Taschenlampe fand er den Weg zu dem einfachen Schlafzimmer von Mrs. Jones. Er schlug die Bettdecke zurück, öffnete vorsichtig die schwarze Tasche und nahm den wichtigsten Gegenstand, einen großen, runden Glasbehälter, heraus.

 

Nachdem er sorgfältig eine schwarze Perücke darübergezogen hatte, suchte er in dem Raum nach Kleidungsstücken von Mrs. Jones. Er rollte sie zusammen und machte eine Puppe daraus, die er ins Bett legte. Dann trat er einige Schritte zurück und betrachtete mit Genugtuung sein Werk. Als er mit allem fertig war, stieg er die Treppe hinunter und schloß die Küchentür auf, die ins Freie führte. Um seiner Sache ganz sicher zu sein, ging er den Gang am Hause entlang und sah nach, ob die Tür im Zaun offen war. Das Schloß schien in dauernder Unordnung zu sein, so daß es überhaupt nicht geschlossen werden konnte. Beruhigt kehrte er zurück.

 

In einer Ecke des Schlafzimmers befand sich ein Kleiderhalter, der durch einen billigen Kattunvorhang verdeckt war. Die Kleider hatte er schon vorher verwandt. Er holte sich einen Stuhl, setzte sich an den Tisch und wartete. Geduld, die ja auch andere große Wissenschaftler auszeichnet, gehörte zu seinen hervorragendsten Eigenschaften.

 

Die Kirchenglocken hatten eben zwei geschlagen, als er die Küchentür knarren hörte. Geräuschlos erhob er sich, nahm einen Gegenstand aus der Tasche und trat hinter den Vorhang. Es war ein altes, gebrechliches Haus, in dem man sich nicht bewegen konnte, ohne daß die Bodenbretter krachten. Aber der Mann, der Schritt für Schritt die Treppe heraufschlich, war gewandt und geschickt, und Leon vernahm erst wieder einen Laut, als sich die Tür langsam öffnete und eine Gestalt hereintrat.

 

Behutsam ging der Eindringling näher ans Bett und blieb dann einige Sekunden stehen. Vermutlich lauschte er, ob sich irgend etwas regte … Dann sah Leon, wie er einen Stock hob und mit furchtbarer Gewalt auf die vermeintliche Frau im Bett einschlug.

 

Bash Jones hatte kein Wort gesprochen, bis er das Splittern des Glases hörte. Nun stieß er einen wilden Fluch aus und suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Diese Verzögerung war sein Verhängnis, denn das unter einem Druck von vielen Atmosphären in der Gasflasche komprimierte Chlorgas erfüllte sofort den Raum. Er hustete, keuchte und wandte sich zur Flucht, aber nach einigen Schritten fiel er um. Das todbringende, gelbe Gas hüllte seinen Körper ganz ein.

 

Leon Gonsalez trat aus seinem Versteck hervor. Der sterbende Bash Jones starrte auf die ungeheuer großen Glasaugen einer Gasmaske, als er das Bewußtsein verlor.

 

Leon sammelte die Glassplitter vorsichtig und wickelte die einzelnen Stücke in eine Papiertüte, die er dann in seiner Tasche verwahrte. Mit der größten Sorgfalt hängte er die Kleider wieder an die Wand, entfernte die Perücke, brachte das Zimmer in Ordnung und öffnete Tür und Fenster. Dann ging er nach unten und öffnete auch dort alle Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Es wehte ein kräftiger Südwestwind, und am Morgen würde das Haus ganz von dem Gas gesäubert sein.

 

Erst als er durch die Küchentür das Haus verlassen hatte, nahm er die Gasmaske ab und legte sie ebenfalls in die Handtasche.

 

Eine Stunde später lag er in seinem Bett und schlief fest und ruhig.

 

Auch Mrs. Jones verbrachte eine friedliche, unbekümmerte Nacht, und in einem kleinen, prächtigen Schlafzimmer im Westen Englands schmiegte sich ein junges Mädchen in die weichen Kissen und seufzte glücklich. Aber Bash Jones schlief den tiefsten Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der Mann mit den grossen Eckzähnen

 

»Mord ist eigentlich das zufälligste Verbrechen, mein lieber George«, sagte Leon Gonsalez zu Manfred. Dabei nahm er seine große Hornbrille ab und schaute ihn sinnend an. Manfred, der Anführer der Vier Gerechten, liebte diesen Gesichtsausdruck seines Freundes und betrachtete ihn sehr vergnügt.

 

»Poiccart pflegte zu sagen, daß Mord eine sichtbare Äußerung von Hysterie sei«, erwiderte er lächelnd. »Aber warum sprichst du beim Frühstück über so gräßliche Dinge?«

 

Gonsalez setzte seine Brille wieder auf und wandte sich scheinbar aufs neue dem Studium seiner Zeitung zu. Er überhörte seinen Freund nicht absichtlich, sondern sein Geist war, wie George Manfred wohl wußte, so vollständig von seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Frage überhaupt nicht vernommen hatte. Er blickte auch in die Zeitung, ohne zu lesen. Plötzlich begann er wieder zu sprechen.

 

»Achtzig Prozent aller Menschen, die unter Mordanklage stehen, kommen zum erstenmal mit dem Gericht in Berührung. Deshalb sage ich immer, daß Mörder eigentlich nicht zu den wirklichen Verbrechern gehören. Ich spreche natürlich von den Mördern der angelsächsischen Rasse. Es sind faszinierende Leute, George, wirklich faszinierend!«

 

Sein Gesicht leuchtete vor Begeisterung.

 

»Ich habe mich noch nicht zu dieser Anschauung durchringen können«, entgegnete Manfred. »Mir sind sie einfach schrecklich – für mich ist Mord immer noch die Verkörperung des größten Unrechts.«

 

»Vielleicht hast du recht«, antwortete Gonsalez zerstreut.

 

»Wie kamst du eigentlich auf diese merkwürdigen Gedanken«, fragte Manfred, als er seine Serviette zusammenrollte.

 

»Gestern abend habe ich einen Mann mit einer richtigen Mörderphysiognomie getroffen. Er bat mich um ein Streichholz und lachte, als ich es ihm gab. Ich konnte seine wunderbaren Zähnen sehen, sie waren vollkommen – nur …«

 

»Nun, was denn?«

 

»Nur die Eckzähne waren ungewöhnlich stark und lang. Außerdem hatte er tiefliegende Augen, erstaunlich gerade Brauen und unregelmäßige Gesichtszüge: Die letzte Eigenschaft deutet allerdings nicht unbedingt auf einen Verbrecher.«

 

»Das klingt ja, als wäre er ein richtiges Scheusal gewesen.«

 

»Im Gegenteil.« Gonsalez beeilte sich, den falschen Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, zu verbessern. »Er sah sehr gut aus. Nur jemand, der sich eingehend mit Physiognomien beschäftigt, konnte die Unregelmäßigkeit in seinen Gesichtszügen wahrnehmen. O nein, er konnte sich wirklich sehen lassen.«

 

Gonsalez erklärte noch näher, unter welchen Umständen er den Fremden getroffen und kennengelernt hatte. Er hatte am vorhergehenden Abend ein Konzert besucht, um die Wirkung der Musik auf bestimmte Typen von Menschen zu studieren. Sein ganzes Programm war mit Notizen vollgekritzelt, und er hatte nachher fast die halbe Nacht damit zugebracht, seine Beobachtungen auszuarbeiten.

 

»Er ist der Sohn von Professor Tableman. Mit seinem Vater steht er allerdings nicht sehr gut, weil dieser die Wahl seiner Verlobten nicht billigt. Außerdem haßt er seinen Vetter.«

 

Manfred lachte laut.

 

»Du bist wirklich großartig! Hat er dir das alles freiwillig erzählt, oder hast du ihn hypnotisiert und alle diese Nachrichten aus ihm herausgelockt? Übrigens hast du mich noch gar nicht gefragt, was ich gestern abend getan habe.«

 

Gonsalez steckte sich umständlich eine Zigarette an.

 

»Der junge Tableman ist fast zwei Meter groß, kräftig gebaut und hat solche Schultern!« Er hielt die Zigarette in der einen Hand, das brennende Streichholz in der anderen, um damit die ungewöhnliche Breite des jungen Mannes anzudeuten. »Er hat große, starke Hände, außerdem ist er ein bekannter Fußballspieler. Wo bist du nun gestern abend gewesen, George? Entschuldige, daß ich dich nicht eher danach gefragt habe.«

 

»In Scotland Yard«, entgegnete Manfred. Aber wenn er erwartet hatte, durch diese Mitteilung eine Sensation hervorzurufen, so mußte er enttäuscht sein. Aber offenbar kannte er Leon genügend, um daran überhaupt nicht zu denken.

 

»Scotland Yard ist ein ganz interessantes Gebäude«, meinte Gonsalez. »Der Architekt hätte nur die Westfassade nach Süden verlegen sollen – obwohl die versteckten Eingänge ganz mit dem Charakter des Baues übereinstimmen. Es fiel dir nicht schwer, dort Bekanntschaften anzuknüpfen?«

 

»Nicht im mindesten. Man kennt dort meine Arbeiten in Verbindung mit dem spanischen Strafgesetzbuch und mein Werk über Fingerabdrücke, und ich habe sofort Zutritt zum Polizeipräsidenten bekommen.«

 

Manfred war in London als der hervorragende Schriftsteller über Kriminologie, »Señor Fuentes«, bekannt. Er und sein Freund Leon Gonsalez hatten als spanische Wissenschaftler die besten Empfehlungsschreiben des spanischen Justizministers bei sich, die ihnen alle Türen öffneten. Manfred hatte lange Jahre in Spanien gelebt, und Gonsalez war dort geboren. Der starke freundliche Poiccart, der Dritte der berühmten Vier Gerechten, verließ selten seinen schönen Garten in Cordova. Vor zwanzig Jahren hatte auch noch der Vierte gelebt.

 

»Das mußt du unserem Freund Poiccart schreiben«, meinte Leon. »Er wird sich sehr dafür interessieren. Heute morgen habe ich einen Brief von ihm bekommen. Zwei seiner Mutterschweine haben Junge geworfen, und seine Orangenbäume stehen in Blüte.« Er lachte, wurde aber plötzlich wieder ernst. »Diese Polizeibeamten haben dich also an ihr Herz gedrückt?«

 

Manfred nickte.

 

»Sie waren sehr liebenswürdig und zuvorkommend. Wir werden morgen mit dem Polizeidirektor Mr. Reginald Fare zu Mittag speisen. Die Methoden der englischen Polizei sind seit unserem letzten Aufenthalt in London bedeutend besser geworden, Leon. Die Abteilung für Fingerabdrücke ist einfach musterhaft, und die neuen Leute, die man eingestellt hat, sind sehr intelligent und geschickt.«

 

»Sie werden uns noch hängen«, sagte Leon vergnügt.

 

»Ich glaube kaum!« erwiderte sein Freund.

 

Das Essen im Ritz-Carlton war recht gemütlich, und besonders Gonsalez fühlte sich sehr angeregt. Mr. Fare, ein Mann von mittleren Jahren, war nicht nur ein hervorragender Beamter und liebenswürdiger Gesellschafter, sondern auch ein befähigter Wissenschaftler auf seinem Spezialgebiet. Die Unterhaltung drehte sich bald lebhaft um die Ansichten und Beobachtungen von Marro, Lombroso, Fere, Mantegazza und Ellis.

 

»Für den gewohnheitsmäßigen Verbrecher besteht das Leben aus einer Reihe von Gefängnisstrafen, und wenn er gerade einmal nicht hinter Schloß und Riegel sitzt, denkt er an neue Taten und genießt das Leben, so gut er kann«, sagte Mr. Fare. »Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern ist schon über hundert Jahre alt. Mit den gewohnheitsmäßigen Verbrechern kommt man leicht aus. Aber wenn man mit Leuten zu tun hat, die nicht der Verbrecherklasse angehören, den Mördern, den zufälligen Gesetzesübertretern –«

 

»Das stimmt«, unterbrach ihn Gonsalez. »Ich behaupte immer –«

 

Er kam aber nicht dazu, seine Ansicht zu äußern, denn ein Page brachte Mr. Fare einen Brief. Der Polizeidirektor entschuldigte sich und überflog das Schreiben schnell.

 

»Hm – das ist ein sonderbares Zusammentreffen.« Er sah Manfred nachdenklich an. »Neulich sagten Sie, daß Sie die Beamten von Scotland Yard gerne aus der Nähe bei der Arbeit beobachten möchten, und ich versprach, Ihnen eine Gelegenheit dazu zu geben – sie ist schon da!«

 

Mr. Fare winkte den Kellner heran und zahlte seine Rechnung.

 

»Ich werde mir wahrscheinlich auch Ihre reiche Erfahrung zunutze machen«, fuhr er dann fort, »denn es ist möglich, daß wir bei diesem Fall alle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, die wir nur irgendwie erreichen können.«

 

»Worum handelt es sich denn?« fragte Manfred, als sie in dem Auto Mr. Fares saßen, das sich mühsam durch den lebhaften Verkehr bei Hyde Park Corner durcharbeitete.

 

»Man hat einen Mann unter außergewöhnlichen Umständen tot aufgefunden. Er nahm eine hervorragende Stellung in der wissenschaftlichen Welt ein – vielleicht ist Ihnen der Name auch bekannt – ein gewisser Professor Tableman.«

 

»Tableman?« fragte Gonsalez erstaunt. »Das ist doch zu merkwürdig! Sie sprachen vorhin von einem sonderbaren Zusammentreffen. Nun will ich Ihnen einen anderen Fall erzählen.«

 

Er berichtete von seiner Begegnung mit dem Sohn des Professors.

 

»Persönlich«, fuhr Gonsalez fort, »betrachte ich solche Duplizitäten als etwas Normales. Wenn ich morgens eine Rechnung erhalte, so bin ich sicher, daß ich an demselben Tag noch eine oder mehrere zugesandt bekomme. Und wenn mir ein Scheck mit der ersten Post zugestellt wird, so weiß ich gewiß, daß mit der zweiten oder dritten noch einer einläuft. Eines Tages werde ich diesen Zusammenhängen noch einmal genauer nachforschen.«

 

»Professor Tableman wohnt in Chelsea«, erklärte Mr. Fare. »Vor einigen Jahren kaufte er sein jetziges Haus von einem Künstler und ließ das geräumige Atelier in ein Laboratorium umwandeln. Er las an der Bloomsbury-Universität über Physik und Chemie und besaß ein beträchtliches Vermögen. Ich kannte ihn persönlich und speiste noch ungefähr vor einem Monat mit ihm zu Abend. Er hatte damals eine Auseinandersetzung mit seinem Sohn. Der Professor war ein eigenwilliger, unbeugsamer Mann, einer dieser alten Leute, die sich ein Vorbild an den Patriarchen des Alten Testaments nehmen und die milden Lehren des Neuen Testaments nicht kennen.«

 

Inzwischen waren sie vor Tablemans hübschem, modernem Haus angekommen. Es lag in einer der Straßen, die von King’s Road abzweigen. Offenbar war die Nachricht von dem traurigen Ereignis bis jetzt nicht bekanntgeworden, denn die übliche Menge neugieriger Zuschauer hatte sich noch nicht eingefunden. Ein Detektiv erwartete sie und führte Mr. Fare durch einen gedeckten Gang, der an der Seite des Hauses entlanglief. Dann stiegen sie eine Reihe von Stufen empor, die direkt zu dem Laboratorium führten. Der große Raum zeigte kein ungewöhnliches Aussehen, nur war er sehr gut erleuchtet, da eine der Wände aus einem großen Fenster bestand und die Decke des Raumes von einem abfallenden Glasdach gebildet wurde. Breite Arbeitstische standen an den beiden Längsseiten; ein großer Tisch in der Mitte war mit wissenschaftlichen Apparaten bedeckt, während zwei lange Regale über den Tischen mit Flaschen und Gefäßen gefüllt waren, die wahrscheinlich Chemikalien enthielten.

 

Ein hübscher junger Mann erhob sich von einem Stuhl, als sie eintraten.

 

»Ich bin John Munsey«, sagte er, »der Neffe des Professors. Vielleicht entsinnen Sie sich an meinen Namen, Mr. Fare? Ich assistierte meinem Onkel bei seinen Experimenten.«

 

Fare nickte. Er betrachtete die Gestalt, die zwischen den Bänken und dem großen Tisch auf dem Boden lag.

 

»Ich habe ihn nicht angerührt«, sagte der junge Mann mit leiser Stimme. »Ich habe alles so gelassen, wie es war. Nur die Detektive, die hierherkamen, haben seine Lage etwas verändert, um dem Arzt bei der Untersuchung zu helfen.«

 

Professor Tableman war von großer, hagerer Gestalt. In seinen Gesichtszügen prägten sich unverkennbar Schrecken und Todesangst aus.

 

»Es sieht so aus, als ob er erwürgt worden wäre«, meinte Fare. »Hat man einen Strick oder eine Schnur gefunden?«

 

»Nein. Auch die Detektive äußerten die Ansicht, und wir haben daraufhin das ganze Laboratorium eingehend untersucht, aber nichts Derartiges gefunden.«

 

Gonsalez kniete bei dem Toten nieder und schaute interessiert auf den nackten Hals. Um die Kehle lief ein blauer Streifen, der tief eingeschnitten war. Zuerst hielt er ihn für ein Band aus durchsichtigem Stoff, aber bei näherer Betrachtung erkannte er deutlich, daß nur die Haut so verfärbt war. Dann schaute er auf den Tisch, neben dem der Professor niedergefallen war.

 

»Was ist denn das?« fragte er und zeigte auf eine kleine grüne Flasche, neben der ein leeres Glas stand.

 

»Das ist eine Flasche Likör«, erwiderte Mr. Munsey. »Mein armer Onkel trank gewöhnlich ein Gläschen, bevor er sich schlafen legte.«

 

»Gestatten Sie?« fragte Leon, und Fare nickte.

 

Gonsalez nahm das Glas auf und roch daran, dann hielt er es gegen das Licht.

 

»Das Glas wurde gestern abend nicht mit Likör gefüllt. Er muß also getötet worden sein, bevor er trinken konnte«, sagte Mr. Fare. »Mr. Munsey, würden Sie mir einmal die ganze Geschichte erzählen, soweit Sie sie wissen? Schlafen Sie eigentlich hier im Hause?«

 

Nachdem Mr. Fare den Detektiven einige Aufträge gegeben hatte, folgte er dem jungen Mann in die Bibliothek des verstorbenen Professors.

 

»Ich war der Assistent meines Onkels und seit drei Jahren sein Sekretär«, begann Mr. Munsey. »Das Verhältnis zwischen uns ist immer herzlich gewesen. Mein Onkel brachte den Morgen gewöhnlich in der Bibliothek zu, am Nachmittag arbeitete er entweder im Laboratorium oder in seinen Arbeitsräumen auf der Universität. Nach dem Abendessen beschäftigte er sich dann mit seinen Experimenten im Laboratorium, bis er sich schlafen legte.«

 

»Speiste er gewöhnlich zu Hause?« fragte Mr. Fare.

 

»Ja. Nur wenn er abends noch eine Vorlesung hatte oder in einer wissenschaftlichen Gesellschaft einen Vortrag hielt, speiste er im Royal Society’s Club in der St. James‘ Street.

 

Wie Sie wahrscheinlich wissen, hatte sich mein Onkel mit seinem Sohn Stephen überworfen. Der junge Tableman ist ein guter Freund von mir, und ich habe alles getan, was in meiner Macht stand, um die beiden wieder miteinander auszusöhnen. Ungefähr vor zwölf Monaten schickte mein Onkel nach mir und sagte mir hier in der Bibliothek, daß er sein Testament geändert und sein ganzes Vermögen mir vermacht hätte. Sein Sohn wäre vollständig enterbt. Ich war sehr beunruhigt, ging sofort zu Stephen und bat ihn, keine Zeit zu versäumen und sieh mit seinem Vater wieder zu vertragen. Aber Stephen lachte nur und sagte, daß ihm nichts an dem Geld seines Vaters läge und daß er lieber auf sein Erbe verzichten wolle, bevor er Miss Faber aufgäbe. Der ganze Streit mit seinem Vater drehte sich nämlich um seine Verlobung. Er wollte lieber mit dem kleinen Einkommen vorliebnehmen, das ihm aus dem Erbteil seiner Mutter zufloß. Als ich bei meinem Vetter nichts ausrichten konnte, ging ich zu dem Professor zurück und bat ihn, seinen Sohn wieder als Erben in sein Testament einzusetzen. Ich gebe zu«, fuhr er lächelnd fort, »daß ich wohl ein kleines Legat erwarten durfte. Ich habe dasselbe Spezialgebiet als Wissenschaftler wie mein Onkel, und ich habe den Ehrgeiz, seine Lebensarbeit fortzusetzen. Aber der Professor wollte nichts von meinem Vorschlag hören. Er war sehr ungehalten und ärgerlich, und ich hielt es für besser, nicht weiter über die Angelegenheit zu sprechen. Trotzdem legte ich mit der Zeit immer wieder ein gutes Wort für Stephen ein, und als der Professor letzte Woche in einer ungewöhnlich günstigen Stimmung war, habe ich die ganze Sache wieder vorgebracht, und er stimmte auch zu, daß er seinen Sohn wieder sehen wolle. Sie trafen sich hier im Laboratorium. Ich war bei der Unterredung nicht zugegen, aber ich nehme an, daß es einen schrecklichen Streit gegeben hat. Als ich hereinkam, war Stephen schon fort. Mr. Tableman war außer sich vor Zorn. Offensichtlich hat er darauf bestanden, daß Stephen seine Verlobung lösen solle, was dieser schroff ablehnte.«

 

»Auf welchem Weg kam Stephen denn in das Laboratorium?« fragte Gonsalez. »Gestatten Sie, daß ich diese Frage stelle, Mr. Fare?« Der Polizeidirektor nickte.

 

»Er kam durch den seitlichen Gang. Nur wenig Leute betreten das Haus, außer solchen, die in rein wissenschaftlichen Angelegenheiten kommen.«

 

»Dann kann man also zu jeder Zeit ins Laboratorium gelangen?«

 

»Ja, bis abends das äußere Gartentor abgeschlossen wird«, erwiderte der junge Mann. »Mein Onkel pflegte jeden Abend noch einen kleinen Spaziergang zu machen, bevor er zu Bett ging, und benutzte gewöhnlich diesen Ausgang.«

 

»War das Gartentor gestern abend geschlossen?«

 

»Nein. Das war eins der ersten Dinge, die ich nachprüfte. Das Tor nach draußen war nicht zugeschlossen und stand nur angelehnt. Es ist ja eigentlich kein festes Tor, sondern nur ein Eisengitter, wie Sie wohl bemerkt haben.«

 

»Fahren Sie nur fort«, sagte Mr. Fare und nickte.

 

»Der Professor beruhigte sich allmählich wieder. Ein paar Tage lang war er sehr still und nachdenklich. Ich glaube, sein Verhalten tat ihm leid. Am Montag – was haben wir heute? Donnerstag – ja, es war Montag, sagte er zu mir: ›John, wir wollen noch einmal über Stephen sprechen. Glaubst du, daß ich ihm Unrecht getan habe?‹ – ›Du warst sehr hart gegen ihn, Onkel‹, erwiderte ich. ›Ja, vielleicht war ich zu schroff. Miss Faber muß doch ein sehr anziehendes Mädchen sein, wenn Stephen ihretwegen auf sein Erbe verzichten will.‹ Auf diese Gelegenheit hatte ich gewartet, und ich versuchte nun mit allen Mitteln, meinen Onkel wieder für Stephen günstig zu stimmen. Schließlich gab der alte Mann nach und sandte Stephen ein Telegramm, in dem er ihn bat, gestern abend noch einmal hierherzukommen. Der Professor muß schwer mit sich gekämpft haben, um seinen Widerstand gegen Miss Faber aufzugeben, denn wenn es sich um erbliche Belastung handelte, war er sonst ganz fanatisch und unbeugsam –«

 

»Was meinen Sie mit erblicher Belastung?« unterbrach ihn Manfred schnell. »Was stimmte denn bei Miss Faber nicht?«

 

»Ich weiß es nicht.« Mr. Munsey zuckte die Achseln. »Aber der Professor hatte gehört, daß ihr Vater in einem Trinkerheim gestorben sein soll. Meiner Meinung nach war das Gerücht vollständig haltlos.«

 

»Was geschah denn nun gestern abend?« fragte Mr. Fare.

 

»Soviel ich weiß, kam Stephen zu der Unterredung. Ich hielt mich wohlweislich fern und schrieb in meinem eigenen Zimmer einige Briefe, die schon lange fällig waren. Ungefähr um halb zwölf kam ich herunter, aber der Professor war noch nicht in die Wohnung zurückgekommen. Von hier aus können Sie die Fenster des Laboratoriums sehen, und als ich bemerkte, daß drüben noch Licht brannte, dachte ich, die Unterredung hätte sich in die Länge gezogen. Ich hoffte, daß sich die beiden versöhnen würden, wollte nicht weiter stören und ging zu Bett. Es war früher, als ich mich gewöhnlich hinlege, aber es war nichts Besonderes daran, daß ich dem Professor nicht gute Nacht sagte.

 

Und heute morgen wurde ich um acht Uhr vom Hausmeister geweckt. Er sagte mir, daß der Professor nicht in seinem Zimmer sei. Auch das war nicht merkwürdig. Manchmal, wenn er spät im Laboratorium gearbeitet hatte, setzte er sich nur in seinen Armsessel und schlief dort, ohne sich auszukleiden. Ich habe ihm darüber Vorhaltungen gemacht, so oft ich nur konnte, aber er ließ sich in dieser Beziehung nichts sagen. Ich zog meinen Bademantel an und ging ins Laboratorium hinunter, das man auf dem Weg erreichen kann, den wir eben gegangen sind. Als ich eintrat, sah ich ihn auf dem Boden liegen und fand zu meinem Entsetzen, daß er tot war.«

 

»Stand die Tür zum Laboratorium offen?« fragte Gonsalez.

 

»Sie war angelehnt.«

 

»Und die Gartentür war auch angelehnt?«

 

Munsey nickte.

 

»Haben Sie nichts von einem Streit gehört?«

 

»Nichts.«

 

Es wurde draußen geklopft. Munsey ging zur Tür und öffnete.

 

»Es ist Stephen«, sagte er.

 

Gleich darauf trat der junge Mr. Tableman ein. Hinter ihm erschienen zwei Detektive. Sein Gesicht war blaß, und als er seinen Vetter mit einem schwachen Lächeln begrüßte, sah Manfred die außerordentlich starken Eckzähne. Die anderen Zähne waren von normaler Größe.

 

Stephen Tableman war von riesiger Körpergröße, und als Manfred seine großen Hände bemerkte, biß er sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Sie haben die traurige Nachricht erhalten, Mr. Tableman?«

 

»Ja«, sagte Stephen mit leise zitternder Stimme. »Kann ich meinen Vater sehen?«

 

»Gleich«, entgegnete Mr. Fare scharf. »Sie müssen mir erst ein paar Fragen beantworten. Wann haben Sie Ihren Vater zuletzt gesehen?«

 

»Ich habe ihn noch gestern abend lebend getroffen«, erwiderte Stephen schnell. »Er hatte mich in das Laboratorium bestellt, und wir hatten eine lange Aussprache miteinander.«

 

»Wie lange waren Sie hier?«

 

»Ungefähr zwei Stunden, soweit ich mich besinnen kann.«

 

»Verlief die Unterredung friedlich und freundlich?«

 

»O ja, mein Vater war sehr lieb zu mir«, sagte Stephen mit besonderem Nachdruck. »Seit über einem Jahr« – er zögerte einen Augenblick –, »haben wir uns zum erstenmal ruhig über eine gewisse Angelegenheit unterhalten können.«

 

»Sie sprachen mit Ihrem Vater über Ihre Verlobte, Miss Faber?«

 

Stephen sah ihn ruhig an.

 

»Ja, wir sprachen über sie.«

 

»Haben Sie auch noch über anderes mit Ihrem Vater gesprochen?«

 

Stephen zögerte abermals.

 

»Wir haben auch über Geld gesprochen«, sagte er dann. »Mein Vater hatte die Summe, mit der er mich unterstützte, nicht weiter ausgezahlt, und ich war infolgedessen in einiger Verlegenheit. Ich hatte mein Konto bei der Bank überzogen, und er versprach mir, die Sache in Ordnung zu bringen. Auch haben wir uns über – die Zukunft unterhalten.«

 

»Kam dabei auch das Testament zur Sprache?«

 

»Ja, mein Vater sagte, daß er seinen Letzten Willen ändern wolle.« Bei diesen Worten sah er lächelnd zu Munsey hinüber. »Mein Vetter hat mich stets verteidigt und alles getan, was er für mich tun konnte. Ich kann ihm nicht dankbar genug sein, daß er in diesen traurigen Zeiten treu zu mir gehalten hat.«

 

»Haben Sie das Laboratorium durch den Seitenausgang verlassen?«

 

Stephen nickte.

 

»Und haben Sie die Tür geschlossen?«

 

»Mein Vater hat zugeschlossen. Ich kann mich deutlich darauf besinnen, daß ich das Schloß einschnappen hörte, als ich den Gartenweg entlangging.«

 

»Kann die Tür von außen geöffnet werden?«

 

»Ja. Es ist ein Schloß daran. Aber der einzige Schlüssel ist im Besitz meines Vaters. Das stimmt doch, John?«

 

Mr. Munsey nickte.

 

»Wenn Professor Tableman also die Tür schloß, konnte sie nur von jemand geöffnet werden, der selbst in dem Laboratorium war?«

 

Stephen schaute erstaunt auf.

 

»Ich verstehe die Bedeutung dieser Frage nicht ganz. Der Detektiv sagte mir, daß mein Vater tot aufgefunden wurde. Was war denn die Todesursache?«

 

»Ich nehme an, daß er erdrosselt wurde«, erklärte Mr. Fare ruhig.

 

Stephen trat entsetzt einen Schritt zurück.

 

»Erdrosselt?« wiederholte er leise. »Aber er hatte doch keinen Feind auf der ganzen Welt.«

 

»Das wird die Untersuchung ergeben«, sagte Fare trocken. »Sie können jetzt gehen, Mr. Tableman.«

 

Nach einem kleinen Zögern entfernte sich Stephen und ging in das Laboratorium. Nach einer Viertelstunde kam er totenbleich zurück.

 

»Es ist zu schrecklich! Mein armer Vater!«

 

»Soviel ich weiß, haben Sie Medizin studiert, Mr. Tableman? Ich glaube, Sie sind Assistenzarzt am Middlesex-Hospital«, sagte Mr. Fare. »Sind Sie auch der Meinung, daß Ihr Vater erdrosselt wurde?«

 

Stephen nickte.

 

»Es sieht so aus.« Das Sprechen fiel ihm schwer. »Ich konnte die Untersuchung nicht so objektiv durchführen, als wenn es ein Fremder gewesen wäre. Aber es sieht so aus.« –

 

Manfred und Leon kehrten in ihre Wohnung zurück. Manfred konnte am besten nachdenken, wenn er in Bewegung war. Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder war in seine eigenen Gedanken vertieft.

 

»Hast du die großen Eckzähne bemerkt?« fragte Leon nach einer Weile triumphierend.

 

»Ich habe aber auch gesehen, daß Stephen Tableman offenbar sehr niedergeschlagen war«, erwiderte Manfred.

 

Leon lachte leise vor sich hin.

 

»Scheinbar hast du die wunderbare Monographie Mantegazzas über die ›Psychologie des Schmerzes‹ nicht gelesen«, sagte er ein wenig überheblich. Er konnte manchmal sehr mit seinem Wissen prunken. »Und ebensowenig kennst du wahrscheinlich die herrlichen Tabellen Mantegazzas über ›Synonyme Gesichtsausdrücke‹, sonst wäre dir klar, daß der Ausdruck des Schmerzes von dem der Reue nicht zu unterscheiden ist.«

 

Manfred betrachtete seinen Freund mit einem ruhigen Lächeln.

 

»Jeder, der dich nicht kennt, Leon, würde glauben, du seiest felsenfest davon überzeugt, daß Professor Tableman von seinem Sohn erdrosselt wurde.«

 

»Nach einem heftigen Streit«, fügte Leon Gonsalez selbstgefällig hinzu.

 

»Du hast das Laboratorium noch einmal besichtigt, nachdem der junge Tableman gegangen war. Hast du etwas entdeckt?«

 

»Nicht mehr, als ich erwartete«, erwiderte Gonsalez. »Ich habe die gebräuchlichen Apparate zur Herstellung flüssiger Luft, die Behälter zu ihrer Aufbewahrung und die üblichen elektrischen Schmelztiegel gesehen. Ich gebe zu, daß meine Nachforschungen überflüssig waren, denn als ich in das Laboratorium kam und die Thermosflasche mit dem Wattebausch sah, wußte ich sofort, wie der Mord begangen wurde – denn es war natürlich Mord.« Plötzlich runzelte er die Stirn. »Santa Miranda«, rief er. Gonsalez fluchte gerne bei dieser nicht existierenden Heiligen. »Das habe ich ja ganz vergessen!«

 

Er schaute die Straße hinauf und hinunter.

 

»Dort ist ein Laden, von dem aus wir telefonieren können. Willst du mit mir kommen oder willst du hier auf mich warten?«

 

»Ich bin sehr neugierig, was du zu fragen hast«, erwiderte Manfred.

 

Sie traten zusammen in das Geschäft, und Gonsalez wählte sofort eine bestimmte Nummer am Apparat. Manfred fragte nicht, woher er sie wußte, denn auch er hatte sie an dem Telefon im Laboratorium des Professors bemerkt.

 

»Sind Sie dort, Mr. Munsey?« fragte Gonsalez. »Sie wissen, wer ich bin? Ich habe eben Ihr Haus verlassen … ich dachte mir schon, daß Sie mich an der Stimme wiedererkennen würden. Ich möchte Sie nur noch fragen, wo die Brille des Professors ist.«

 

»Die Brille des Professors?« wiederholte Munsey nach einem kurzen Zögern. »Soviel ich weiß, trug er sie doch.«

 

»Ich habe sie nicht bei ihm gesehen und auch nicht in seiner Nähe. Würden Sie so freundlich sein, einmal nachzusehen, ob sie in seinem Zimmer ist? Ich werde solange am Apparat warten.«

 

Gonsalez summte eine Melodie aus der Operette »El Perro Chico«, die vor einigen Jahrzehnten oft in Madrid gespielt wurde. Aber plötzlich war er still und lauschte aufmerksam.

 

»In dem Schlafzimmer des Professors? Ich danke Ihnen vielmals.«

 

Er hängte den Hörer an. Manfred erhielt keine weitere Erklärung, er erwartete sie auch gar nicht, denn Leon liebte es immer, sich in Geheimnisse einzuhüllen.

 

»Die großen Eckzähne!« sagte er noch einmal. Sie schienen ihm viel Spaß zu machen.

 

Als Gonsalez am nächsten Morgen zum Frühstück kam, teilte ihm der Kellner mit, daß Manfred schon zeitig ausgegangen war. Zehn Minuten, nachdem Leon sein Frühstück begonnen hatte, kam George zurück.

 

Leon Gonsalez schaute auf.

 

»Du machst mir Sorge, wenn dein Gesicht wie eine Maske aussieht. Ich weiß dann niemals, ob du in besonders froher oder besonders trauriger Stimmung bist.«

 

»Halb und halb«, erwiderte Manfred, während er am Tisch Platz nahm. »Ich war in der Fleet Street und habe die Berichte der Sportzeitungen durchgesehen.«

 

»Wie kommst du denn auf diese Idee?« Gonsalez sah ihn erstaunt an.

 

»Zufällig traf ich auch Mr. Fare. Er erzählte mir, daß keine Spur von Gift in dem Körper des Toten gefunden wurde. Die Polizei wird Stephen Tableman heute verhaften.«

 

»Das fürchtete ich«, sagte Gonsalez ernst. »Aber warum hast du die Sportzeitungen durchgesehen?«

 

Manfred beantwortete die Frage nicht, sondern erzählte weiter.

 

»Fare ist davon überzeugt, daß der Mord von Stephen Tableman begangen wurde. Er nimmt an, daß die beiden eine heftige Auseinandersetzung hatten, daß Stephen seine Selbstbeherrschung verlor und seinen Vater erwürgte. Scheinbar ergab die Untersuchung der Leiche, daß die Kehle des Professors mit außerordentlicher Gewalt zugedrückt wurde. Alle Blutgefäße am Hals sind zusammengepreßt. Fare sagte mir auch, daß die Ärzte zuerst Vergiftung annahmen. Aber es wurde nicht, die geringste Spur von Gift entdeckt. Die Ärzte erklären, daß ein Gift, das den Tod unter derartigen Symptomen hervorruft, bisher vollständig unbekannt ist. Stephen Tableman ist schwer belastet, weil er sich in den letzten Monaten intensiv mit dem Studium geheimer Gifte beschäftigt hat.«

 

Gonsalez lehnte sich in seinen Stuhl zurück und steckte die Hände in die Taschen.

 

»Ob er nun diesen Mord begangen hat oder nicht«, sagte er nach einer Weile, »sicher wird er früher oder später zum Mörder werden. Ich erinnere mich an einen Arzt in Barcelona, der die gleichen Zähne hatte. Er war ein guter Christ, ein allgemein bekannter Mann, Junggeselle, hatte viel Geld. Es lag für ihn nicht der geringste Grund vor, zu morden, und doch beging er dieses Verbrechen. Er tötete einen Kollegen, der ihm drohte, einen Irrtum aufzudecken, den er bei einer Operation gemacht hatte. Ich kann dir nur sagen, George, wenn ein Mann solche Zähne hat –« Er machte eine Pause und legte die Stirn in Falten. »Ich werde Fare um die Erlaubnis bitten, daß ich einige Stunden allein in Tablemans Laboratorium zubringen darf.«

 

»Warum denn?« begann Manfred, aber er unterbrach sich selbst. »Aber du wirst natürlich schon Grund dafür haben, Leon. Im allgemeinen fällt es mir ja nicht schwer, solche Rätsel zu lösen, aber diesmal bin ich doch etwas verwirrt. Ich glaube übrigens, daß du das Geheimnis bereits erraten hast. Nur sind gewisse Nebenumstände bei diesem Verbrechen außerordentlich verblüffend. Warum hat der alte Mann zum Beispiel die dicken Handschuhe angehabt?«

 

Gonsalez sprang plötzlich auf, seine Augen leuchteten.

 

»Was für ein Narr bin ich doch, daß ich das nicht gesehen habe! George, bist du sicher? Hatte er dicke Handschuhe an?« fragte er begierig.

 

Manfred nickte und lächelte über die Erregung seines Freundes.

 

»Nun habe ich es!« Gonsalez schnippte mit den Fingern. »Ich wußte doch, daß noch irgendein Irrtum in meiner Theorie war. Waren es dicke, wollene Handschuhe?« Plötzlich wurde er nachdenklich. »Ich bin nur neugierig, wie, zum Teufel, er den alten Mann dazu bringen konnte, sie anzuziehen?« sagte er halb zu sich selbst.

 

Mr. Fare gewährte Leons Bitte gern, und die beiden Freunde gingen zum Laboratorium, wo sie von John Munsey erwartet wurden.

 

»Ich entdeckte die Brille neben dem Bett meines Onkels«, sagte er gleich, als Gonsalez eintrat.

 

»Ach ja, die Brille«, erwiderte Leon zerstreut. »Kann ich sie vielleicht einmal sehen?« Er nahm sie in die Hand. »Ihr Onkel war aber sehr kurzsichtig. Ich bin erstaunt, daß er sie nicht immer bei sich trug.«

 

»Ich glaube, er ging in sein Schlafzimmer, um sich umzukleiden, wie er es gewöhnlich nach dem Abendessen tat«, erklärte Mr. Munsey. »Er hat sie dann wohl dort liegenlassen. Gewöhnlich hat er im Laboratorium ein Reserveglas. Aber aus dem einen oder anderen Grunde scheint er es nicht aufgesetzt zu haben. Möchten Sie allein im Laboratorium bleiben?«

 

»Ja, das war meine Absicht«, entgegnete Leon. »Vielleicht sind Sie so liebenswürdig, meinen Freund zu unterhalten, während ich mich umsehe?«

 

Als die beiden gegangen waren, schloß er die Verbindungstür zwischen dem Laboratorium und dem Haus und suchte dann nach der Brille, die der alte Professor trug, wenn er an der Arbeit war.

 

Merkwürdigerweise ging er gerade auf die Stelle zu, wo sie lag – er fand sie in einem großen Aschenkasten, der neben der Treppe stand, die zu dem Laboratorium führte. Es waren nur Scherben zu sehen, auch die Horneinfassung war an zwei Stellen gebrochen. Leon sammelte die Stücke auf, trüg sie in das Laboratorium und legte sie auf den Tisch. Dann ging er ans Telefon und sprach gleich darauf mit Stephen Tableman.

 

»Natürlich«, erwiderte der junge Mann erstaunt. »Mein Vater trug seine Brille während unserer ganzen Unterhaltung.«

 

»Ich danke Ihnen, mehr wollte ich nicht wissen.« Gonsalez hängte den Hörer wieder an.

 

Er trat zu einem der vielen Apparate, die in einer Ecke des Raumes standen, und arbeitete eineinhalb Stunden lang angestrengt. Dann ging er wieder zum Telefon. Als noch eine halbe Stunde vergangen war, zog er ein paar dicke, wollene Handschuhe aus seiner Tasche, schloß die Tür auf, die zum Haus führte, und rief Manfred.

 

»Bitte auch Mr. Munsey, hereinzukommen«, sagte er.

 

»Ihr Freund interessiert sich wohl sehr für die Wissenschaft«, meinte dieser, als er Manfred begleitete.

 

»Ich glaube, er ist einer der klügsten Männer auf seinem Spezialgebiet«, erwiderte Manfred.

 

Er trat vor Munsey in das Laboratorium. Zu seinem Erstaunen stand Gonsalez in der Nähe des Tisches und hielt ein kleines Likörglas in der Hand, das mit einer fast farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Es war nur eine schwache, blaue Färbung wahrzunehmen, und auf der Oberfläche der Flüssigkeit lag ein schwacher Dunst. Manfred schaute seinen Freund an, der dicke, wollene Handschuhe angezogen hatte.

 

»Haben Sie Ihre Nachforschungen beendet?« fragte Mr. Munsey lächelnd, als er hinter Manfred eintrat. Als er aber Leon sah, erstarb das Lächeln auf seinen Zügen. Sein Gesicht erschien plötzlich hager und eingefallen, seine Augen lagen tief, und er atmete nur mit Mühe.

 

»Wollen Sie nicht einen kleinen Schluck aus diesem Glas nehmen, mein lieber Freund?« fragte Leon liebenswürdig. »Ein wunderbares Getränk. Sie könnten es mit irgendeinem alten Likör verwechseln – besonders wenn Sie ein kurzsichtiger, zerstreuter Gelehrter sind, dem jemand die Brille weggenommen hat.«

 

»Was meinen Sie?« fragte Munsey heiser. »Ich – ich verstehe Sie nicht.«

 

»Ich versichere Ihnen, daß dies ein ganz unschädliches Getränk ist, es enthält nicht das geringste Gift – es ist so rein wie die Luft, die Sie atmen.«

 

»Verdammt!« schrie Munsey. Aber bevor er auf den Mann losspringen konnte, der ihn so höhnisch anredete, hatte ihn Manfred gepackt und zu Boden geworfen.

 

»Ich habe an den ausgezeichneten Mr. Fare telefoniert, er wird gleich hier sein, ebenso Mr. Stephen Tableman. Ah, da sind sie schon.«

 

Es hatte geklopft.

 

»Willst du bitte öffnen, George? Ich glaube nicht, daß sich unser Freund hier rühren wird. Und wenn er es doch versuchen sollte, werde ich ihm den Inhalt dieses Glases ins Gesicht schütten.«

 

Mr. Fare trat ein, Stephen Tableman und ein anderer Beamter von Scotland Yard folgten ihm.

 

»Hier übergebe ich Ihnen Ihren Gefangenen, Mr. Fare«, sagte Gonsalez. »Und hier zeige ich Ihnen das Mittel, mit dem Mr. Munsey den Tod seines Onkels herbeiführte. Er wurde vermutlich durch die Aussöhnung seines Onkels mit Mr. Stephen Tableman zu der Tat getrieben. Er hatte es so gut einzurichten verstanden, daß das Testament zu seinen Gunsten geändert wurde – und nun war all seine Mühe vergeblich gewesen.«

 

»Das ist eine Lüge«, stieß John Munsey hervor. »Ich habe nur für dich gearbeitet – das weißt du doch am besten, Stephen. Ich tat alles, was in meinen Kräften stand –«

 

»Auch das war nur ein Teil des Gesamtplans, um die anderen zu täuschen – wie ich vermute«, sagte Gonsalez. »Wenn ich nicht recht habe, können sie doch ruhig dieses Glas austrinken. Es ist dieselbe Flüssigkeit, die Ihr Onkel an dem Abend zu sich nahm, an dem er starb.«

 

»Was ist es?« fragte Mr. Fare schnell.

 

»Fragen Sie nur den dort«, antwortete Gonsalez lächelnd und zeigte mit dem Kopf auf Munsey.

 

John Munsey drehte sich um und ging zur Tür. Der Polizeibeamte, der mit Mr. Fare gekommen war, folgte.

 

»Und nun will ich Ihnen erzählen, wie sich alles zugetragen hat«, sagte Gonsalez. »Dies ist flüssige Luft!«

 

»Flüssige Luft?« rief Mr. Fare. »Was meinen Sie damit? Wie kann man denn einen Menschen mit flüssiger Luft vergiften?«

 

»Professor Tableman wurde gar nicht vergiftet. Flüssige Luft erhält man, wenn man die Temperatur der Luft auf einhundertundneunzig Grad unter Null verringert. Wissenschaftler benutzen sie zur Durchführung von Experimenten, und sie wird gewöhnlich in einer Stahlflasche aufbewahrt, deren Öffnung man mit einem Wattebausch schließt, weil die Gefahr einer Explosion vorliegt, wenn man die Luft ganz absperrt.«

 

»Großer Gott!« rief Stephen atemlos vor Schrecken. »Dann war also dieser blaue Streifen am Hals meines Vaters –«

 

»Man hat ihn durch die große Kälte getötet. Seine Kehle erstarrte in dem Augenblick, als er die flüssige Luft zu sich nahm. Ihr Vater trank gewöhnlich vor dem Schlafengehen ein Glas Likör, und zweifellos gab ihm Munsey ein Glas flüssiger Luft, nachdem Sie gegangen waren. Vorher hat er ihn irgendwie überredet, Handschuhe anzuziehen.«

 

»Warum denn? Ach, er sollte natürlich die Kälte nicht fühlen«, meinte Manfred.

 

Gonsalez nickte.

 

»Welche Kniffe Munsey angewandt hat, werden wir vielleicht nie erfahren. Sicher ist nur, daß auch er selbst Handschuhe trug. Nach dem Tod Ihres Vaters bereitete er dann alles vor, um einen anderen zu verdächtigen. Wahrscheinlich hatte der Professor seine Brille beiseite gelegt, als er sich anschickte, zu Bett zu gehen. Munsey hat übersehen, daß der Tote noch Handschuhe trug.«

 

»Meiner Ansicht nach«, sagte Gonsalez später, »hat Munsey schon seit Jahren den Plan verfolgt, seinen Vetter und seinen Onkel zu entzweien. Wahrscheinlich hat er auch die ganzen Gerüchte über den Vater Miss Fabers aufgebracht.«

 

Stephen Tableman hatte die beiden Freunde zu ihrer Wohnung begleitet. Gonsalez erschrak plötzlich, als Stephen über eine seiner Äußerungen lachte.

 

»Ihre – Ihre Zähne?« stotterte er.

 

Stephen wurde rot.

 

»Meine Zähne?« wiederholte er verwirrt.

 

»Sie hatten doch zwei ungewöhnlich große Eckzähne, als ich Sie das letztemal sah! Du erinnerst dich doch auch, Manfred?« Gonsalez war in heller Aufregung. »Ich sagte dir noch –«

 

Plötzlich lachte Stephen laut auf.

 

»Ach, das waren meine falschen Zähne«, sagte er etwas verlegen. »Meine eigenen wurden mir bei einem Fußballspiel ausgeschlagen, und Benson, ein guter Freund von mir, der Zahnheilkunde studiert, hat mir zwei neue eingesetzt. Ich muß allerdings sagen, daß er ein schlechter Dentist ist, denn sie waren viel zu groß und sahen schrecklich aus. Ich glaube schon, daß sie Ihnen aufgefallen sind. Ich habe sie mir von einem anderen Zahnarzt herausnehmen und durch neue ersetzen lassen.«

 

»Ihr Unfall passierte am dreizehnten September vorigen Jahres. Ich habe in der Sportzeitung darüber nachgelesen.«

 

Gonsalez sah George mit einem vorwurfsvollen Blick an.

 

»Mein lieber Leon«, Manfred legte die Hand auf die Schulter seines Freundes, »ich wußte, daß sie falsch waren, genauso wie du entdeckt hattest, daß es außerordentlich große Eckzähne waren.«

 

Als sich die beiden Freunde später allein gegenübersaßen, sagte Manfred:

 

»Um noch einmal auf die großen Eckzähne zurückzukommen –«

 

»Wir wollen lieber von etwas anderem reden«, erwiderte Gonsalez gereizt.

 

Kapitel 3

 

3

 

Der Mann, der die Regenwürmer haßte

 

Aus Staines wird der Tod von Mr. Falmouth gemeldet, der früher Direktor der Kriminalpolizei in London war. Man erinnert sich noch, daß Mr. Falmouth während seiner amtlichen Tätigkeit George Manfred, den berüchtigten Führer der Vier Gerechten, verhaftete. Die aufsehenerregende Flucht dieses bekannten Bandenführers ist vielleicht das bedeutendste Kapitel der modernen Kriminalgeschichte. Die »Vier Gerechten« waren bekanntlich eine Organisation, die sich selbst das Ziel gesetzt hatte, Ungerechtigkeiten zu rächen, die das Gesetz unbestraft ließ. Man nimmt an, daß die Mitglieder dieser Bande außerordentlich reiche Leute waren, die ihr Leben und ihr Vermögen dieser merkwürdigen und vollständig gesetzwidrigen Tätigkeit widmeten. Man hat seit langen Jahren nichts mehr von ihnen gehört.

 

*

 

Manfred las diese Notiz aus dem »Morning Telegram« vor, und Leon Gonsalez runzelte die Stirn.

 

»Ich muß energisch dagegen protestieren, daß man uns eine ›Bande‹ nennt«, sagte er.

 

Aber Manfred lächelte nur.

 

»Der arme, alte Falmouth«, meinte er nachdenklich. »Er war wirklich ein netter Mensch.«

 

»Ich mochte ihn auch gerne«, stimmte Gonsalez zu. »Er war soweit normal, nur Anzeichen von Progenismus –«

 

Manfred lachte.

 

»Entschuldige, wenn ich wieder einmal dumm erscheine, aber ich kann es auf diesem wissenschaftlichen Spezialgebiet nicht mit dir aufnehmen. Progenismus?«

 

»Der Laie sagt gewöhnlich ›hervorragender Unterkiefer‹«, erklärte Leon. »Fälschlicherweise wird dieses Merkmal für ein Zeichen von Willensstärke gehalten!«

 

»Aber abgesehen von allem Progenismus war Mr. Falmouth ein guter Kerl«, erwiderte Manfred, und Leon nickte beifällig. »Er besaß auch gutentwickelte Weisheitszähne«, fügte Manfred ironisch hinzu.

 

Gonsalez wurde rot, denn die Erinnerung an seinen Irrtum war ihm peinlich. Trotzdem lachte er.

 

»Es wird dich vielleicht interessieren, mein lieber George«, sagte er triumphierend, »daß der berühmte Doktor Carrara die Zähne von vierhundert Verbrechern und einer gleichen Anzahl von Nichtverbrechern untersuchte und dabei fand, daß die Weisheitszähne bei den normalen Menschen häufiger vorhanden waren.«

 

»Ich gebe dir ja recht mit deinen Weisheitszähnen«, sagte Manfred hastig. »Aber sieh doch einmal aufs Meer hinaus hast du jemals etwas Schöneres gesehen?«

 

Sie saßen auf einer saftigen, grünen Wiese; von der aus man Babbacombe Beach übersehen konnte. Die Sonne ging unter, ein herrlicher Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Die Sonnenstrahlen vergoldeten alle Bäume und Sträucher. Hoch über der blauen See erhoben sich die brandroten Klippen und die grünen Felder von Devonshire.

 

Manfred schaute auf die Uhr.

 

»Wollen wir uns zum Abendessen umziehen? Oder ist dein Freund, für den du dich so sehr interessierst, mehr ein Bohemien?«

 

»Er gehört zu der neuen Generation«, erwiderte Leon. »Über alte Traditionen fühlt er sich erhaben. Ich freue mich sehr, daß du ihn kennenlernst. Seine Hände sind direkt faszinierend.«

 

Manfred war klug genug, nicht zu fragen, warum die Hände faszinierend waren.

 

»Ich habe ihn beim Golfspiel getroffen«, fuhr Gonsalez fort. »Dabei haben sich verschiedene Dinge zugetragen, die mich sehr interessierten. Wenn er einen Regenwurm sah, blieb er zum Beispiel stehen und tötete das unschuldige Tier mit einer solchen Wut, daß ich höchst erstaunt war. Ein Wissenschaftler sollte doch keine solchen Schrullen und Vorurteile haben. Er ist sehr reich. Die Leute im Klub erzählten mir, daß ihm sein Onkel nahezu eine Million hinterlassen hätte. Außerdem ist er der einzige Erbe einer seiner Tanten oder Cousinen, die voriges Jahr starb und ihm ein großes Besitztum hinterließ, das man ebenfalls auf eine Million schätzt. Er ist natürlich eine glänzende Partie. – Ob Miss Moleneux allerdings dasselbe denkt, konnte ich nicht herausbringen«, fügte er nach einer Pause hinzu.

 

»Großer Gott«, rief Manfred verwirrt, »sie kommt wohl auch heute abend zum Essen?«

 

»Sie kommt mit ihrer Mutter«, erklärte Leon ernst.

 

»Diese tüchtige Dame hat brieflichen Unterricht im Spanischen genommen und redet mich immer mit ihrem Kauderwelsch an, wenn ich sie treffe.«

 

Die beiden Freunde hatten für den Frühling Cliff House gemietet, um sich dort zu erholen. Besonders Manfred liebte Devonshire im April, wenn die Abhänge der hügeligen Landschaft mit Schlüsselblumen und Narzissen bedeckt waren, die wie ein goldener Sprühregen auf den grünen Wiesen schimmerten. »Señor Fuentes« hatte das Haus nach einer Besichtigung gemietet. Die Ruhe und der Frieden, die hier von der Natur ausströmten, taten seinem unruhigen, geschäftigen Geist unendlich wohl.

 

Manfred hatte sich zum Essen umgekleidet und saß im Wohnzimmer vor dem großen Kamin, in dem ein Holzfeuer brannte. Als er das Geräusch eines näher kommenden Autos hörte, das vorsichtig den Klippenweg herunterfuhr, stand er auf und trat ins Freie.

 

Leon Gonsalez war bei ihm, bevor die große Limousine vor der Eingangshalle hielt.

 

Zuerst stieg ein großer, schlanker Herr aus dem Wagen. Er sah nicht schlecht aus, obgleich sein Gesicht von Falten durchzogen war und seine Augen tief lagen. Die Brauen waren nicht gewölbt, sondern verliefen in gerader Richtung. Er grüßte Gonsalez mit einer gewissen Herablassung.

 

»Hoffentlich haben wir Sie nicht zu lange warten lassen, meine Experimente haben mich noch etwas aufgehalten. Heute ging alles schief im Laboratorium.«

 

Manfred, der ihn scharf beobachtet hatte, wurde ihm und den Damen vorgestellt. Er reichte einem, ernsten, jungen Mädchen von eigenartiger Schönheit die Hand.

 

Manfred war sehr sensitiv und erkannte sofort, daß Miss Moleneux von einer heimlichen Sorge bedrückt war. Ihr freundliches Lächeln, das zweifellos aufrichtig gemeint war, erschien ihm gleichwohl mechanisch und leer. Leon, der die Menschen mehr nach Verstandes- als nach Gefühlsmomenten beurteilte, zog ebenfalls seine Schlußfolgerungen aus ihrem Verhalten. Der ungewisse Eindruck Manfreds formte sich bei ihm zu einer bestimmten Erkenntnis. Das Mädchen fürchtete sich! Leon hätte gerne gewußt, vor wem sie Angst hatte. Sicherlich nicht vor dieser untersetzten, selbstzufriedenen Frau, die ihre Mutter war, und sicherlich auch nicht vor diesem hageren, bebrillten Gelehrten.

 

Während die Damen ihre Mäntel in einem der oberen Zimmer ablegten, hatte Manfred Gelegenheit, sich ein Urteil über Dr. Viglow zu bilden. Er brauchte ihn nicht zu unterhalten, denn der Doktor war selbst ein gewandter Gesellschafter.

 

»Ihr Freund spielt recht gut Golf«, sagte er, indem er auf Gonsalez zeigte. »Wirklich gut für einen Fremden. Sie sind doch beide Spanier?«

 

Manfred nickte. Eigentlich war er ja mehr Engländer als sein Gast, aber augenblicklich stattete er England als Spanier einen Besuch ab und war auch mit einem spanischen Paß versehen.

 

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, sind Ihre Forschungen ungewöhnlich erfolgreich?« fragte Leon.

 

Dr. Viglows Augen leuchteten auf.

 

»Ja, ich bin sehr zufrieden.« Plötzlich fragte er schnell: »Wer hat Ihnen denn das gesagt?«

 

»Sie haben es mir doch selbst im Klub erzählt.«

 

Der Doktor runzelte die Stirn.

 

»So?« Er fuhr mit der Hand über die Stirn. »Ich kann mich gar nicht darauf besinnen. Wann war denn das?«

 

»Heute morgen. Aber Ihre Gedanken waren wahrscheinlich mit wichtigeren Dingen beschäftigt.«

 

Der junge Gelehrte biß sich auf die Lippen.

 

»Ich hätte nicht vergessen dürfen, was heute morgen passierte«, sagte er in besorgtem Ton.

 

Manfred hatte den Eindruck, daß er verzweifelt mit sich selbst kämpfte. Aber schließlich heiterte sich seine Miene wieder auf.

 

»Ja, ich habe wirklich einen ungewöhnlichen Erfolg zu verzeichnen. In einigen Monaten wird mein Name berühmt sein, sogar in meinem eigenen Vaterland. Aber diese Studien kosten auch eine unheimliche Menge Geld. Erst heute habe ich wieder nachgerechnet, daß ich allein für Stenotypistinnen wöchentlich nahezu sechzig Pfund zahle.«

 

Manfred schaute ihn erstaunt an.

 

»Für Stenotypistinnen?« wiederholte er langsam. »Dann schreiben Sie sicher ein wissenschaftliches Werk?«

 

»Hier kommen unsere Damen«, sagte der Doktor.

 

Es lag zuweilen etwas Abruptes, fast Abstoßendes in seinem Wesen, und als sie später bei Tisch saßen, hatte Manfred weiteren Grund, sich über das schlechte Betragen ihres Gastes zu wundern. Dr. Viglow saß neben Miss Moleneux. Als sich das Essen seinem Ende näherte, wandte er sich plötzlich unerwartet zu ihr.

 

»Du hast mich heute noch nicht geküßt, Margaret«, sagte er laut.

 

Das junge Mädchen errötete und wurde dann blaß. Ihre Finger zitterten nervös. »Habe ich dich – noch nicht geküßt, Felix?« stammelte sie.

 

Das Gesicht des Doktors war rot vor Ärger.

 

»Bei Gott, das ist wirklich gut!« schrie er. »Ich bin mit dir verlobt, ich habe dir in meinem Testament mein ganzes Vermögen vermacht, ich zahle deiner Mutter tausend Pfund im Jahr, und du hast mich heute noch nicht einmal geküßt!«

 

»Doktor!« unterbrach plötzlich die sanfte, aber eindringliche Stimme Leons die Spannung. »Können Sie mir nicht sagen, welcher Stoff mit der chemischen Formel Cl 2O 5 bezeichnet wird?«

 

Dr. Viglow wandte langsam den Kopf zu ihm und schaute ihn an. Allmählich verlor sich der seltsame Ausdruck aus seinem Gesicht, und er wurde wieder normal.

 

»Das ist eine Oxydverbindung von Chlor«, sagte er ganz ruhig. Die Unterhaltung wandte sich nun wissenschaftlichen Dingen zu.

 

Die einzige Person bei Tisch, die durch Dr. Viglows Entgleisung nicht außer Fassung gebracht wurde, war die kleine, selbstzufriedene Frau, die an Manfreds rechter Seite saß. Als der Doktor das Jahresgeld erwähnte, das er ihr zahlte, kicherte sie nur. Nachdem die allgemeine Unterhaltung wieder eingesetzt hatte, wandte sie sich zu Manfred und sprach mit leiser Stimme zu ihm.

 

»Felix ist manchmal so exzentrisch, aber gewöhnlich ist er ein ruhiger, liebenswürdiger und freundlicher Charakter. Man muß doch an die Zukunft seines Kindes denken – sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Señor?«

 

Die letzte Frage hatte sie in ihrem schlechten Spanisch an ihn gerichtet. Manfred nickte und schaute einen Augenblick zu dem jungen Mädchen hinüber, das immer noch verstört und totenblaß aussah.

 

»Ich bin fest davon überzeugt, daß sie noch ganz glücklich mit ihm werden wird«, fuhr die Mutter fort, »viel glücklicher als mit diesem unmöglichen Menschen.«

 

Sie erklärte nicht genauer, wer dieser unmögliche Mensch war, aber Manfred ahnte eine ganze Tragödie. Er war nicht gerade romantisch veranlagt, aber ein Blick auf das Mädchen hatte ihm gesagt, daß bei dieser Verlobung etwas nicht stimmte. Er kam jetzt zu dem Schluß, den sein Freund Leon schon längst gezogen hatte, und erkannte, daß sie von reiner Furcht beherrscht war. Und er wußte jetzt auch, vor wem sie sich fürchtete.

 

Eine halbe Stunde später standen die beiden vor der Tür und sahen dem verschwindenden roten Schlußlicht von Dr. Viglows Wagen nach. Dann gingen sie zurück in das Wohnzimmer, und Manfred legte etwas Brennholz auf das Feuer, um es neu anzufachen.

 

»Nun, welchen Eindruck hast du?« fragte Gonsalez und rieb sich offenbar erfreut die Hände.

 

»Ich finde dieses Verhältnis einfach entsetzlich«, erwiderte Manfred, als er sich in einen Sessel setzte. »Ich dachte, es käme heutzutage nicht mehr vor, daß unvernünftige Mütter es wagen dürfen, ihre Töchter zu einer Ehe mit einem ungeliebten Mann zu zwingen. Man hört doch immer von den modernen jungen Mädchen, die so selbständig sind.«

 

»Die menschliche Natur bleibt immer dieselbe, daran ändern auch die modernen Zeiten nichts«, sagte Gonsalez lebhaft. »Die meisten Mütter handeln recht töricht, wenn es um das Schicksal ihrer Töchter geht. Ich weiß, daß du mir nicht recht geben wirst, aber ich kann Beweise anführen. Mantegazza hat statistische Angaben über achthundertdreiundvierzig Familien gesammelt …«

 

Manfred mußte lachen.

 

»Du bist nur zufrieden, wenn du deinen ewigen Mantegazza zitieren kannst! Hat dieser schreckliche Mensch denn alles gewußt?«

 

»Fast alles. Aber wir wollen von Miss Moleneux sprechen.« Leon wurde wieder ernst. »Es ist klar, daß sie ihn nicht heiraten will.«

 

»Was ist eigentlich mit ihm los?« fragte Manfred. »Er scheint ein ganz unbeherrschter Mensch zu sein.«

 

»Er ist verrückt«, antwortete Leon ruhig.

 

Manfred schaute ihn erstaunt an.

 

»Verrückt?« wiederholte er ungläubig. »Du meinst doch nicht etwa, daß er geisteskrank ist?«

 

»Ich brauche dieses Wort in vollem Ernst.« Gonsalez steckte sich eine Zigarette an. »Der Mann ist zweifellos verrückt. Vor einigen Tagen war ich meiner Sache noch nicht sicher, aber jetzt weiß ich es gewiß. Eine ganz unzweideutige Probe ist das schwindende Gedächtnis. Leute, die am Rande des Wahnsinns oder in den Anfängen einer Geisteskrankheit stehen, können sich nicht daran erinnern, was kurze Zeit vorher geschah. Hast du nicht bemerkt, wie bestürzt er war, als ich von der Unterhaltung sprach, die ich heute morgen mit ihm hatte?«

 

»Das ist mir allerdings aufgefallen«, gab Manfred zu.

 

»Er kämpfte mit sich selbst. Der noch gesunde Teil seines Gehirns lehnte sich gegen den kranken Teil auf – der Wissenschaftler gegen den unverantwortlichen, kranken Menschen. Der Gelehrte in ihm stellte fest, daß er auf dem Wege zum Wahnsinn war, wenn er plötzlich sein Gedächtnis für Vorfälle verlieren konnte, die nur einige Stunden zuvor passiert waren. Aber der Wahnsinn in ihm sagte, daß er so ein außergewöhnlicher, wunderbarer Mensch sei, daß die allgemein gültigen Regeln für ihn nicht in Betracht kämen. Wir werden ihm morgen einen Besuch machen und uns einmal sein Laboratorium ansehen. Wahrscheinlich entdecken wir dann auch, warum er sechzig Pfund wöchentlich für Stenotypistinnen bezahlt. Und nun gehst du am besten zu Bett, mein lieber George. Ich werde noch ein Kapitel des ausgezeichneten, aber manchmal auch irrenden Lombroso lesen.«

 

Dr. Viglows Laboratorium befand sich in einem neuen, roten Ziegelgebäude, das an der Grenze der Heide von Dartmoor lag. Daneben hatte er vor kurzem eine große Baracke errichten lassen, um die vielen Assistentinnen und Stenotypistinnen unterzubringen.

 

»Seit zwei oder drei Jahren habe ich nun keinen Professor getroffen«, sagte Manfred, als sie quer durch die Heide zu Dr. Viglow fuhren. »Seit fünf Jahren habe ich kein Laboratorium betreten. Und nun habe ich im Laufe weniger Wochen zwei außergewöhnliche Gelehrte kennengelernt, von denen allerdings einer schon tot war. Auch habe ich zwei Laboratorien besucht.«

 

Leon nickte.

 

»Eines Tages muß ich doch tatsächlich noch eine wissenschaftliche Abhandlung über die Duplizität der Fälle schreiben«, meinte er.

 

Vor dem Laboratorium hielt ein Postwagen. Drei Mädchen in weißen Arbeitskitteln trugen Postpakete aus der Tür und verstauten sie in dem Wagen.

 

»Er muß aber eine ungeheuer umfangreiche Korrespondenz haben«, sagte Manfred verwundert.

 

Dr. Viglow, der auch einen weißen Arbeitsmantel trug, stand in der Tür und begrüßte sie freundlich, als sie ausstiegen.

 

»Kommen Sie bitte in mein Büro«, sagte er und führte sie zu einem großen, luftigen Raum.

 

»Sie haben aber unheimlich viel Post«, sagte Leon.

 

Dr. Viglow lachte.

 

»Ich schicke die Pakete vorläufig zum Postamt nach Torquay. Sie lagern einstweilen dort und sollen erst abgeschickt werden, wenn« – er machte eine Pause –, »wenn ich meiner Sache sicher bin. Ein Wissenschaftler kann nicht sorgfältig genug sein«, sagte er ernst. »Wenn er eine Entdeckung bekanntgemacht hat, wird er hinterher dauernd von der Furcht gequält, daß er noch etwas Wichtiges, Ausschlaggebendes vergessen haben könnte, oder daß seine Schlußfolgerungen zu voreilig gezogen wären. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß ich recht habe«, sagte er halb zu sich selbst. »Ich bin sicher, daß alles richtig ist, aber ich muß noch mehr Gewißheit haben!«

 

Er führte sie in dem großen Laboratorium umher, aber es war hier für Manfred nicht viel mehr zu sehen als in dem Arbeitsraum des verstorbenen Professors Tableman.

 

Dr. Viglow hatte sie bei ihrer Ankunft herzlich begrüßt und war sehr unterhaltsam gewesen. Aber nach wenigen Minuten schon wurde er immer stiller und gab keine Erklärungen für gewisse Instrumente, die Leon sehr zu interessieren schienen. Erst als er direkt gefragt wurde, antwortete er kurz und ausweichend.

 

In dem nächsten Raum änderte sich plötzlich das Benehmen Dr. Viglows, er wurde wieder mitteilsam und machte einen fast vergnügten Eindruck.

 

»Ich werde es Ihnen jetzt sagen«, rief er. »Ich werde Ihnen alles erklären! Außer mir weiß noch keine lebende Seele davon. Niemand versteht die außerordentlich wichtige Arbeit, die ich geleistet habe, und niemand kennt die Bedeutung meines Planes.«

 

Seine Augen leuchteten, sein Gesicht nahm einen freudigen Ausdruck an, und es schien Manfred, als ob er sich in diesem Augenblick mehr straffte.

 

Dr. Viglow zog die Schublade eines Tisches auf, der an der Wand stand, nahm eine längliche Porzellanplatte heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einem Wandschrank, der mit Drahtgaze geschlossen war, holte er einen Zinnkasten und schüttete den Inhalt mit unverhülltem Widerwillen auf die Porzellanplatte. Es war gewöhnliche Gartenerde. Plötzlich sah Leon zu seinem Erstaunen einen kleinen Regenwurm, der durch das Umstürzen an die Oberfläche gekommen war. Der kleine Kerl versuchte, sich möglichst schnell wieder mit vielen Windungen in den Erdhaufen einzubohren.

 

»Dieser verdammte Bursche!« Viglows Stimme klang zornig und erregt. Sein Gesicht zuckte und war wutentstellt. »Wie ich diese Biester hasse!« Seine Augen sprühten Haß, aber er schien auch von einem entsetzlichen Angstgefühl gepackt zu sein.

 

George Manfred holte tief Atem und trat einen Schritt zurück, um Viglow besser beobachten zu können. Der Mann beruhigte sich allmählich wieder und sah Leon an.

 

»Als ich noch ein Kind war«, sagte er mit zitternder Stimme, »konnte ich mir nichts Schlimmeres vorstellen als diese häßlichen Würmer. Ich hatte damals ein Kinderfräulein, eine böse Person von schlechtem Charakter. Einmal hat sie mir einen solchen Regenwurm in den Halsausschnitt gesteckt. Denken Sie doch, wie schrecklich das gewesen ist!«

 

Leon erwiderte nichts. Für ihn war ein Regenwurm irgendein Tier aus der Familie der Olygochaeten, der den etwas pompösen Namen lumbricus terrestris trug. Er konnte nicht verstehen, warum Dr. Viglow, dieser hervorragende Naturwissenschaftler, das kleine Geschöpf nicht ebenso beurteilte.

 

»Ich habe eine Theorie aufgestellt.« Der Doktor war nun ruhiger geworden und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »In bestimmten großen Perioden kommen alle Lebewesen auf dieser Welt der Reihe nach einmal zur Herrschaft. In Millionen von Jahren wird der Mensch wahrscheinlich zu der Größe einer Ameise zusammenschrumpfen, und der Regenwurm wird an seine Stelle treten. Er wird seine Intelligenz mit unerhörter Kraft steigern und wird sich durch Schlauheit und Grausamkeit die Herrschaft über die Welt aneignen! Dieser Gedanke hat mich immer gequält«, fuhr er fort, als weder Leon noch Manfred irgendeine Bemerkung machte. »Und er quält mich noch dauernd bei Tag und bei Nacht. Deshalb sehe ich meine Lebensaufgabe darin, die Menschheit vor dieser drohenden Gefahr zu schützen.« Er machte eine Pause. »Augenblicklich sind die Regenwürmer weder intelligent noch klug, auch haben sie nicht den geringsten Ehrgeiz. Es ist also jetzt noch leicht, ihrer Herr zu werden.«

 

Dr. Viglow ging wieder zu dem Schrank und nahm eine weithalsige Flasche heraus, die mit grauem Pulver gefüllt war. Er trat an Leon heran und zeigte bedeutsam auf das Gefäß.

 

»Dies ist das Resultat einer zwölfjährigen Arbeit«, sagte er schlicht. »Es ist nicht schwer, irgendeinen Stoff zu finden, der diese pestilenzartigen Tiere tötet. Aber dies ist etwas ganz anderes.«

 

Er nahm eine winzige Portion mit einem Seziermesser heraus, füllte ein Gefäß von zwei Litern mit Wasser und löste das Pulver darin auf. Er rührte die farblose Flüssigkeit mit einem Glasstab um und ließ dann drei Tropfen auf den Erdhaufen fallen, in dem sich der Wurm verborgen hatte. Nach einigen Sekunden bewegte sich die Erde heftig, in der das arme Opfer eingeschlossen war.

 

»Er ist tot«, rief Dr. Viglow triumphierend. Er teilte die Erde mit einem Stäbchen, um die Wahrheit seiner Behauptung zu beweisen. »Und nicht nur das Tier ist tot, sondern diese Handvoll Erde bringt auch jedem anderen Regenwurm Verderben, der damit in Berührung kommt.« Er klingelte, und eine seiner Assistentinnen kam herein. »Nehmen Sie das weg«, sagte er und schüttelte sich vor Widerwillen. Dann ging er mit düsteren Blicken zu seinem Schreibtisch.

 

Leon sprach auf dem Heimweg nicht. Er saß zusammengekauert in einer Ecke des Wagens, hatte die Arme über der Brust gekreuzt und das Kinn nachdenklich gesenkt. Am selben Abend verließ er das Haus ohne irgendein Wort der Erklärung. Er hatte vorher Manfreds Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang abgelehnt und nicht gesagt, wohin er gehen wollte.

 

Gonsalez ging den Weg an den Klippen entlang quer über die Hügel von Babbacombe und kam nach einer längeren Wanderung ungefähr um neun Uhr abends zu der Wohnung Dr. Viglows. Das Haus des Doktors war ziemlich groß und erforderte eine Menge Dienstboten. Aber es gehörte zu seinen vielen Eigentümlichkeiten, daß er in einem kleinen Gärtnerhaus schlief, das in einiger Entfernung von dem Hauptgebäude stand.

 

Erst vor kurzem hatte sich Dr. Viglow diesen einsamen Aufenthaltsort ausgesucht. Vorher war es ihm in dem großen Hause recht gut gegangen, in dem schon sein Vater gewohnt hatte. Aber in letzter Zeit hatte er dort nachts Stimmen und Knarren im Holzwerk gehört, auch hatte er Gestalten aus dem Dunkel auftauchen sehen, die in den langen Gängen einherschlichen. In seinen krankhaften Anwandlungen war er zu der Überzeugung gekommen, daß sich seine Dienstboten gegen ihn verschworen hätten und ihn während der Nacht ermorden wollten. Deshalb hatte er den Gärtner ausquartiert und das kleine Haus neu ausstatten und möblieren lassen. Hier verbrachte er nun hinter verschlossenen Türen die Nächte, indem er las, seinen Gedanken nachhing oder schlief. Gonsalez hatte schon von dieser Schrulle gehört und näherte sich dem Gärtnerhaus mit einiger Vorsicht, denn ein furchtsamer Mann ist gefährlicher als ein böser Mann. Er klopfte an die Tür und hörte gleich darauf Schritte auf dem Steinflur.

 

»Wer ist da?« fragte eine Stimme.

 

»Ich bin es«, erwiderte Gonsalez und nannte den Namen, unter dem er bekannt war.

 

Nach einem Zögern wurde aufgeschlossen, und die Tür öffnete sich.

 

»Treten Sie bitte ein«, sagte Dr. Viglow unwirsch und schloß die Tür wieder hinter ihm zu. »Sie sind sicher hierhergekommen, um mir zu gratulieren. Sie müssen auch zu meiner Hochzeit kommen, lieber Freund. Es wird ein großartiges Fest werden, denn ich werde dabei eine Rede halten über die Bedeutung meiner Entdeckung. Wollen Sie etwas trinken? Ich habe zwar nichts hier, aber ich kann es vom Haupthaus bringen lassen. In meinem Schlafzimmer habe ich ein Telefon.«

 

Leon schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe mir noch viele Gedanken über Ihre Entdeckung gemacht, Doktor«, sagte er dann und nahm die angebotene Zigarette an. »Auch die vielen Postpakete, die heute vor Ihrer Tür aufgeladen wurden, habe ich mit der Entdeckung in Verbindung gebracht, von der Sie uns erzählten.«

 

Dr. Viglows Züge erhellten sich, und er strahlte vor Genugtuung. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und legte ein Bein über das andere wie jemand, der sich auf eine längere Rede vorbereitet.

 

»Das will ich Ihnen auch erklären. Seit Monaten stehe ich in Briefwechsel mit landwirtschaftlichen Gesellschaften, sowohl hier in diesem Lande als auf dem Kontinent. Ich bin eine europäische Größe«, sagte er hochfahrend und anmaßend. »Ich habe ein Mittel gegen die Reblaus gefunden, und durch mich wurde diese Geißel der Weinberge unschädlich gemacht.«

 

Leon nickte, denn er wußte, daß er die Wahrheit gesprochen hatte.

 

»Sie sehen also, daß man auf mein Wort etwas gibt, wenn es sich um Ackerbau handelt. Aber nach verschiedenen Unterredungen mit unseren beschränkten Landwirten fand ich, daß sie die Vernichtung dieser …«, er erwähnte den Namen der ihm so schrecklichen Tiere nicht, aber er zitterte, »… nicht gerne sehen. Und nach dieser Erfahrung muß ich natürlich meine Handlungsweise einrichten, jetzt, da ich davon überzeugt bin, daß mein Mittel in jeder Weise wirksam ist, kann ich der Post den Auftrag geben, die Pakete abzusenden. Ich wollte eben mit dem Vorsteher des Postamts telefonieren, als Sie an die Tür klopften. Die Pakete sind schon adressiert und mit Marken versehen.«

 

»An wen schicken Sie denn die Pakete?«

 

»An Gutsbesitzer und Landwirte. Es sind ungefähr vierzehntausend Pakete, die nach allen Teilen Europas versandt werden. In jedem Paket befindet sich eine gedruckte Anweisung in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch. Damit die Leute meine Vorschriften auch ausführen, habe ich ihnen gesagt, daß dieses Pulver ein neues Düngemittel ist.«

 

»Was sollen die Leute denn tun, wenn sie die Pakete bekommen?« fragte Leon weiter.

 

»Sie sollen das graue Pulver in Wasser auflösen und einen gewissen Teil ihres Landes damit besprengen. Ich habe angegeben, daß es am besten auf gepflügtem Lande geschieht. Sie brauchen nur einen Teil ihres Landes damit zu besprengen. Diese niederträchtigen Biester werden das andere Land bald genug infizieren. Ich bin fest davon überzeugt, daß in sechs Monaten in ganz Europa und Asien kein Exemplar dieser schrecklichen Geschöpfe mehr am Leben ist.«

 

»Die Leute wissen also nicht, daß dieses Gift dazu bestimmt ist, Regenwürmer zu töten?«

 

»Nein, das habe ich Ihnen doch eben erklärt«, erwiderte der Doktor böse. »Warten Sie einen Augenblick. Ich will nur mit dem Postmeister telefonieren.«

 

Er erhob sich schnell, aber Leon war noch schneller und packte ihn am Arm.

 

»Mein lieber Freund«, sagte er, »das dürfen Sie nicht.«

 

Dr. Viglow versuchte sich loszumachen.

 

»Lassen Sie mich gehen«, schrie er wütend. »Gehören Sie auch zu diesen Dämonen, die mich quälen?«

 

Unter gewöhnlichen Umständen wäre Leon stark genug gewesen, einen Mann wie Dr. Viglow aufzuhalten, aber der Wahnsinnige besaß außergewöhnliche Kräfte und warf Gonsalez in einen Stuhl. Bevor sich sein Gegner wieder erheben konnte, schlüpfte Dr. Viglow durch die Tür, machte sie rasch zu und schloß sie ab.

 

Das eingeschossige Haus war durch eine Holzwand, die Dr. Viglow hatte einziehen lassen, in zwei Räume geteilt. Ober der Tür war ein Fenster angebracht; Leon zog schnell den Tisch dorthin, sprang hinauf und schlug das Glasfenster mit seinem Ellbogen ein.

 

»Rühren Sie das Telefon nicht an!« rief er Viglow zu. »Hören Sie?«

 

Der Doktor sah sich hämisch lachend um.

 

»Sie sind auch ein Freund dieser Teufel!« Er streckte gerade die Hand aus, um den Hörer abzuheben, als Leon ihn niederschoß.

 

*

 

Als Manfred am nächsten Morgen von seinem Spaziergang zurückkam, traf er Gonsalez, der auf dem Rasen vor dem Haus auf und ab ging und eine besonders lange Zigarre rauchte.

 

»Mein lieber Leon, du hast mir ja nichts von alledem gesagt?« Manfred legte seinen Arm in den seines Freundes.

 

»Ich dachte, es wäre das beste, zu warten.«

 

»Ganz zufällig habe ich die Geschichte gehört. Man erzählt, daß ein Dieb in das Gärtnerhaus einbrach und den Doktor erschoß, als er um Hilfe telefonieren wollte. Alles Silberzeug in dem äußeren Raum ist gestohlen worden, auch die goldene Taschenuhr und die Brieftasche des Doktors sind verschwunden.«

 

»Sie ruhen auf dem Grund des Meeres in der Babbacombe-Bucht«, erwiderte Leon. »Ich bin heute morgen schon zum Angeln ausgefahren, als du noch schliefst.«

 

Sie gingen eine Weile schweigend auf und ab.

 

»War es denn wirklich notwendig?« fragte Manfred dann.

 

»Durchaus«, antwortete Leon ernst. »Du mußt vor allem daran denken, daß dieser Mann, obwohl er verrückt war, nicht nur ein Gift, sondern auch einen Ansteckungsstoff entdeckte.«

 

»Aber mein lieber Leon«, fragte Manfred lächelnd, »waren denn die Regenwürmer das alles wert?«

 

»Ja, sie sind viel mehr wert als sein Leben. Die größten Gelehrten, die sich mit Landwirtschaft befaßt haben, sind darin einig, daß die ganze Erdoberfläche steril würde und die Menschheit in sieben Jahren verhungern könnte, wenn die Regenwürmer nicht dauernd in Tätigkeit wären.«

 

Manfred blieb stehen und starrte seinen Freund an.

 

»Glaubst du das wirklich?«

 

Leon nickte.

 

»Die Regenwürmer sind im Haushalt der Natur unbedingt notwendig«, entgegnete er ernst. »Das Land wird fruchtbar durch sie. Leider ist ihr Nutzen noch nicht allgemein bekannt. Sie sind die besten Freunde der Menschen. – Aber nun will ich zum Postamt gehen und dem Postmeister eine genügend glaubhafte Geschichte erzählen, damit ich alle diese Pakete zurückbekomme.«

 

»Ich bin in mancher Beziehung froh darüber«, sagte Manfred lächelnd. »Eigentlich in jeder Beziehung. Das junge Mädchen hat mir sehr gut gefallen, und ich bin sicher, daß dieser unmögliche Mensch doch nicht so ganz unmöglich ist.«

 

Kapitel 4

 

4

 

Der Mann, der zweimal starb

 

Die Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt war ungewöhnlich lang. Aber die drei Herren, die in einer der Logen saßen, waren in so harmonischer Stimmung, daß keiner es für notwendig hielt, Konversation zu machen. Das Theaterstück, das sie sich ansahen, war ein gewöhnliches Detektiv- und Verbrecherstück, und jeder von ihnen hatte das »Geheimnis« des Mordes schon enträtselt, bevor der Vorhang nach dem ersten Akt fiel. Alle drei hatten ohne große geistige Anstrengung die richtige Lösung gefunden.

 

Mr. Fare, der Polizeidirektor, hatte mit George Manfred und Leon Gonsalez zu Abend gespeist, dann waren sie gemeinsam zum Theater gegangen.

 

Mr. Fare runzelte die Stirn, als ob er eine unangenehme Erinnerung hätte. Plötzlich hörte er ein leises Lachen und begegnete den belustigten Blicken Leons, als er aufschaute.

 

»Warum lachen Sie?« fragte er, angesteckt von der Fröhlichkeit des anderen.

 

»Über Ihre Gedanken!«

 

»Über meine Gedanken?« wiederholte Mr. Fare erstaunt.

 

»Ja – Sie dachten eben an die ›Vier Gerechten‹.«

 

»Das ist aber sehr merkwürdig! Ich habe tatsächlich an sie gedacht. War das nun Telepathie?«

 

Gonsalez schüttelte den Kopf.

 

Manfred schaute währenddessen zerstreut ins Parkett.

 

»Nein, es war keine Telepathie«, erwiderte Leon. »Ich konnte Ihre Gedanken von Ihrem Gesichtsausdruck ablesen.«

 

»Aber ich habe doch kein Wort von diesen Kerlen gesagt! Wie kommen Sie denn darauf …?«

 

»Der Gesichtsausdruck, besonders der Ausdruck der Erregung, gehört in die Kategorie der primitiven Instinkte sie sind nämlich nicht gewollt, nicht beabsichtigt.« Leon war nun bei seinem Lieblingsthema. »Wenn ein Billardspieler zum Beispiel einen Ball gestoßen hat, so verrenkt er gewöhnlich seinen Körper je nach der Richtung, die der Ball nimmt. Sie haben doch sicher schon einmal die Verdrehungen eines solchen Spielers beobachtet, der die zweite Kugel nur um ein Geringes verfehlte? Ein Mann, der mit der Schere ein Stück Tuch abschneidet, kaut unwillkürlich, und ein Ruderer bewegt seine Lippen bei jedem Ruderschlag. Wir nennen das unwillkürliche Bewegungen. Bei Tieren können Sie dasselbe bemerken.«

 

»Gibt es denn tatsächlich einen feststehenden Gesichtsausdruck für den Gedanken an die ›Vier Gerechten‹?« fragte Mr. Fare lächelnd.

 

Leon nickte.

 

»Es würde sehr lange dauern, das genau zu beschreiben – aber ich will Sie nicht täuschen. Ich habe Ihre Gedanken weniger gelesen als vermutet, indem ich ihnen folgte. Die letzten Worte des Aktes, den wir eben sahen, wurden von einem theatralischen Geistlichen gesprochen: ›Gerechtigkeit! Es gibt eine Gerechtigkeit, die über dem Gesetz steht!‹ Ich sah, daß Sie die Stirn runzelten und dann dem Redakteur des ›Megaphone‹ zunickten, der in der anderen Logenreihe sitzt. Es fiel mir ein, daß Sie für diese Zeitung einen Artikel über die ›Vier Gerechten‹ geschrieben haben –«

 

»Ach, Sie meinen den kleinen Nachruf für den armen Falmouth«, verbesserte Mr. Fare. »Ja, nun verstehe ich. Sie haben natürlich recht. Ich dachte an diese Leute und an ihre Anmaßung, sich als Richter und Henker aufzuwerfen, wenn das Gesetz die Schuldigen zu strafen verfehlt oder wenn sich die Schuldigen dem gerechten Urteil entziehen konnten.«

 

Manfred wandte sich plötzlich um.

 

»Leon«, sagte er in Spanisch – die drei hatten sich schon den ganzen Abend in dieser Sprache unterhalten –, »sieh dir doch einmal den Herrn mit den großen Brillantknöpfen an der Hemdenbrust an. Was hältst du von ihm?«

 

Leon richtete sein Opernglas auf den Mann und betrachtete ihn eingehend.

 

»Ich würde ihn gern einmal sprechen hören«, erwiderte er nach einer Weile. »Er hat ein zartes Gesicht, aber sein Unterkiefer ist so stark entwickelt, daß die unteren Zähne über die oberen vorgreifen. Sind seine Augen nicht ungewöhnlich groß?«

 

Manfred schaute durch das Opernglas zu dem ahnungslosen Fremden hinüber.

 

»Sie sind groß – ja, sie treten stark hervor.«

 

»Was siehst du sonst noch?«

 

»Seine Lippen sind dick und wie geschwollen.«

 

Leon nahm das Glas zurück und wandte sich an Fare.

 

»Ich wette nie, aber wenn ich es täte, würde ich tausend Pesetas darauf setzen, daß dieser Mann eine heisere, gebrochene Stimme hat.«

 

Mr. Fare schaute auch ins Parkett hinunter.

 

»Sie haben ganz recht. Mr. Ballams Stimme ist tatsächlich ungewöhnlich rauh und heiser. Was schließen Sie denn daraus?«

 

»Daß er einen bösen Charakter hat«, erwiderte Gonsalez. »Mein lieber Freund, dieser Mann ist ein gefährlicher, schlechter Mensch. Die vortretenden Augen und die krächzende Stimme sind untrügliche Zeichen – sie deuten auf nichts Gutes.«

 

Mr. Fare rieb aufgeregt seine Nase.

 

»Wenn ich Sie nicht so genau kennen würde, könnte ich jetzt sehr grob werden und einfach behaupten, daß Ihnen der Mann von früher her bekannt ist und daß Sie ihn schon öfter getroffen haben. Aber nachdem Sie mir gestern eine so außergewöhnliche Probe Ihrer Fähigkeiten gegeben haben, bin ich davon überzeugt, daß doch etwas hinter der Physiognomik stecken muß.«

 

Mr. Fare dachte an den Besuch, den Leon Gonsalez und Manfred in der Registratur von Scotland Yard gemacht hatten. Man hatte vierzig Fotografien auf dem Tisch vor Gonsalez ausgebreitet, und er hatte die Leute nacheinander beurteilt und die Verbrechen aufgezählt, deren sie sich schuldig gemacht hatten. Es unterliefen ihm dabei im ganzen nur vier Fehler, und auch diese waren entschuldbar.

 

»Ja, Gregory Ballam ist ein schlechter Mensch«, sagte der Polizeidirektor nachdenklich. »Er ist uns niemals unter die Hände gekommen, aber das ist eben Glück im Spiel. Er ist so schlau wie der Teufel, und es tut mir leid, daß eine so hübsche Dame wie Genee Maggiore ihn begleitet.«

 

»Ist das die Dame, die neben ihm sitzt?« fragte Manfred interessiert.

 

»Sie ist Schauspielerin«, murmelte Gonsalez. »Siehst du, wie sie in gewissen Zwischenräumen ihren Kopf erst nach links und dann nach rechts dreht, obwohl es weder links noch rechts etwas zu sehen gibt? Sie ist daran gewöhnt, daß man sie beobachtet. Das ist weniger Eitelkeit als ein ganz besonderes Kennzeichen ihres Berufes.«

 

»Was treibt dieser Ballam eigentlich?« fragte Manfred den Polizeibeamten.

 

»Sie kennen doch unseren Dickens?« Mr. Fare hielt Manfred für einen Spanier. »Es ist sehr schwer, Ihnen zu erklären, wie Gregory Ballam sein großes Einkommen erwirbt«, sagte er dann ernst. »Er ist eine Art Geldverleiher und hat nebenbei noch verschiedene andere einträgliche Geschäfte.«

 

»Was denn zum Beispiel?« fragte Manfred.

 

Mr. Fare schien nicht gern zu antworten.

 

»Ich will es Ihnen im tiefsten Vertrauen sagen. Wir haben Grund anzunehmen, daß er eine Opiumhöhle unterhält, die von reichen Leuten besucht wird. Haben Sie nicht letzte Woche von John Didworth gelesen, der eine Krankenpflegerin in Kensington Gardens niederknallte und sich dann selbst erschoß?«

 

Manfred nickte.

 

»Er war doch ein sehr bekannter Mann?«

 

»Ja, er genoß so großes Ansehen und hatte so viele Beziehungen, daß wir den Fall auf sich beruhen ließen. Es hätte zuviel Staub aufgewirbelt. Er starb am nächsten Tag im Hospital, und die Ärzte erklärten, daß er unweigerlich unter dem Einfluß eines indischen Rauschgiftes stand. In den wenigen Augenblicken, in denen er noch zum Bewußtsein kam, erzählte er dem Arzt, daß er in der Nacht vorher betrunken war und schließlich in einer Art Opiumhöhle landete. Von der Zeit an konnte er sich auf nichts mehr besinnen, bis er im Hospital erwachte. Er starb, ohne zu wissen, daß er dieses gräßliche Verbrechen begangen hatte. Zweifellos hat er unter dem Einfluß dieses Rauschgiftes in einer Art Wahnsinn die erste Person niedergeschossen, die ihm begegnete.«

 

»War er in Mr. Ballams Opiumhöhle?« fragte Gonsalez interessiert.

 

In diesem Augenblick hob sich der Vorhang wieder, und sie konnten ihre Unterhaltung nur noch flüsternd fortsetzen.

 

»Das wissen wir nicht genau. In seinem Delirium hat er allerdings Ballams Namen erwähnt. Wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, um es herauszubringen. Ballam ist Tag und Nacht beobachtet worden. Alle Lokale, die er besucht hat, haben wir durchforscht, aber wir haben nichts gefunden, was ihn in irgendeiner Weise belasten könnte.«

 

Leon Gonsalez hatte seine besonderen Eigentümlichkeiten. Morgens um neun Uhr beim Frühstück war er am lebhaftesten und leistungsfähigsten. Am nächsten Morgen legte er die Zeitung hin und fragte:

 

»Was ist eigentlich Verbrechen?«

 

»Mein lieber Professor«, sagte Manfred feierlich, »das will ich dir sagen. Es ist die Abweichung von den Gesetzen, welche die menschliche Gesellschaft beherrschen.«

 

»Das ist eine abgegriffene Erklärung. Mein lieber George, um neun Uhr morgens bist du immer etwas fade. Hätte ich dich um Mitternacht gefragt, so hättest du mir geantwortet, daß jede Handlung ein Verbrechen ist, die absichtlich deinen Nächsten verletzt oder schädigt. Wenn ich die Sache noch genauer bestimmen und, wie man sich hierzulande ausdrückt, juristisch definieren wollte, würde ich hinzusetzen, ›die gegen das Gesetz verstößt‹. Auf ein aufgeklärtes Verbrechen kommen wohl zehntausend unentdeckte. Die Leute nennen eigentlich nur diejenigen Übertretungen Verbrechen, die von einer gewissen Klasse von ungebildeten oder halbgebildeten Verrückten oder Halbverrückten begangen werden. Hier liegt doch eine ganz gemeine Tat vor, ein ungeheuerliches Verbrechen. Wir haben hier einen Mann, der die Lebenskraft junger Menschen zerstört und ihr Glück erbarmungslos mordet. Hier ist einer, der Männer und Frauen in den Schmutz zieht, sie in ihren eigenen Augen herabsetzt und allen Ehrgeiz, alles Aufwärtsstreben in ihnen tötet, nur damit er in einem gewissen Luxus leben, schneeweiße Wäsche tragen, teure Weine trinken und die feinsten Leckerbissen essen kann.«

 

»Wen meinst du denn eigentlich?« fragte Manfred.

 

»Er wohnt Nr. 93 Jermyn Street, er ist sozusagen unser Nachbar.«

 

»Ach so, du sprichst von Mr. Ballam?«

 

»Allerdings«, erwiderte Gonsalez ernst. »Heute abend werde ich als ein ausländischer Artist ausgehen und mir viel Geld in die Tasche stecken. Ich habe die Absicht, mich auf Tod und Leben zu amüsieren, und ich zweifle nicht, daß ich früher oder später dabei mit Mr. Ballam zusammentreffe. Sehe ich eigentlich wie ein Detektiv aus, George?« fragte er unvermittelt.

 

»Du siehst eher wie ein genialer Klaviervirtuose aus«, sagte George.

 

Gonsalez rümpfte die Nase.

 

»Du kannst sogar morgens um neun Uhr schon recht unausstehlich sein.«

 

*

 

Die Verbrecher haben mit zwei Gefahrmomenten zu rechnen, wenn sie darauf ausgehen, schnell und leicht zu Reichtum zu kommen. Zunächst besteht das Risiko der Entdeckung und Bestrafung sowohl für wohlhabende als für arme Verbrecher, und außerdem können sie viel Geld verlieren, das sie angelegt haben, um sich damit noch größere Summen anzueignen. Der Verbrecher, der Geld in ein Geschäft steckt, läuft die geringste Gefahr, entdeckt zu werden. Aus diesem Grunde werden gewöhnlich auch nur die Mittellosen und die Dummen gefaßt und zur Verantwortung vor den Richter gezogen, während die Wohlhabenden selten auf der Anklagebank sitzen.

 

Mr. Gregory Ballam hatte früher bei einer Auktion drei Häuser in der Montague Street, Portland Place, gekauft. Sie standen nebeneinander und bildeten einen Block für sich. Das erste war als Bürogebäude vermietet; ein Rechtsanwalt hatte das Erdgeschoß belegt, im ersten Stock befanden sich die Räume eines Wein- und Spirituosenhändlers. Der zweite Stock enthielt eine Reihe einfacher Zimmer, in denen Mr. Gregory Ballam seine Geschäfte abwickelte. Außerdem benutzte er auch das Kellergeschoß, das er vollständig hatte ausbessern und herrichten lassen. Hier war, wenn auch gerade nicht ein komfortables, so doch nettes und sauberes Lager angelegt. Durch den Keller konnte man unter anderem auch zu einer neuen Garage kommen, die für einen Teilhaber Mr. Ballams eingebaut worden war.

 

Nur die Bauarbeiter, die bei den Reparaturen beschäftigt waren, wußten, daß man auch von einem Haus in das andere gelangen konnte, und zwar durch eine Tür im Keller, die schon vor dem Verkauf der Häuser bestand, oder durch einen neuen Zugang in den Büroräumen Mr. Ballams.

 

Das dritte Haus beherbergte die Räume des Internationalen Artistenklubs. Die Polizei war Mr. Ballam niemals dorthin gefolgt, weil er niemals dorthin gegangen war, wenigstens nicht durch den vorderen Haupteingang. Der Artistenklub hatte unter seinen Räumen auch einen ›Ruhesalon‹, und hier war Mr. Ballam manchmal erschienen, als ob er ein Zauberer wäre. Er hatte dann eine kleine, ausgewählte Gesellschaft getroffen und sie durch eine wohlverborgene Seitentür in das Erdgeschoß des Mittelhauses geführt, welches das ansehnlichste der drei Gebäude war. Hübsche Gardinen hingen an allen Fenstern. Hier wohnte Mr. Reymond, ein älterer, achtbarer Herr mit seiner Frau.

 

Es war seine Gewohnheit, jeden Morgen um zehn Uhr ins Geschäft zu gehen. Sein blitzblanker Zylinder saß dann immer etwas kühn auf dem Kopf, unter dem Arm schaute ein zusammengerollter Regenschirm hervor, und im Knopfloch prangte eine Blume. Die Polizei kannte ihn vom Ansehen, und die Polizisten des Bezirks grüßten ihn freundlich. In früheren Zeiten hatte dieser Mr. Reymond einen prachtvollen, weißen Bart und bezog ein verhältnismäßig hohes Einkommen, indem er Bettelbriefe schrieb und leichtgläubige, mitfühlende alte Damen besuchte, um ihren Geldbeutel zu erleichtern. Damals führte er allerdings einen ganz anderen Namen und genoß auch nicht den guten Ruf, dessen er sich in der Montague Street erfreute. Aber jetzt war er glattrasiert, sah aus wie ein pensionierter Admiral und erhielt vier Pfund wöchentlich dafür, daß er jeden Morgen um zehn Uhr aus dem Hause ging, seinen tadellosen Zylinder kühn durch die Straßen trug, den zusammengerollten Regenschirm unter den Arm klemmte und eine Blume im Knopfloch trug. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er in der Guildhall-Bibliothek; um fünf Uhr abends kam er dann wieder heiter und guter Dinge in seine Wohnung zurück.

 

Wenn er sein schweres Tagwerk vollendet hatte, ging er mit seiner Frau in das kleine Wohnzimmer, und dort spielten sie Karten. Sie unterhielten sich dabei lustig und vergnügt, aber ihre Ausdrücke waren keineswegs salonfähig.

 

Im Obergeschoß dieses Mittelhauses befand sich ein geheimnisvoller, luxuriös eingerichteter Salon. Dort frönten hinter dreifachen schwarzen Samtvorhängen Männer und Frauen Tag und Nacht dem Opiumrauchen. Mr. Ballam hatte die Trennungswand zwischen zwei Zimmern herausbrechen lassen und dadurch einen kleinen Saal geschaffen, der unter seiner persönlichen Aufsicht auf das prächtigste ausgestattet worden war. Dieser Raum war nur zum Opiumrauchen bestimmt. Wenn jemand Haschisch bevorzugte, konnte er sich diesen Genuß im Erdgeschoß verschaffen. Zuweilen erschien auch Mr. Ballam selbst, um eine Pfeife von diesem träumeerzeugenden Kraut zu rauchen, aber gewöhnlich beschränkte er seine Besuche auf besondere Gelegenheiten, zum Beispiel die Einführung eines neuen lukrativen Kunden. Merkwürdigerweise hatten die Rauschgifte keinen gesundheitsschädigenden Einfluß auf ihn, worauf er sehr stolz war.

 

Auch jetzt rühmte er sich wieder einem neuen Gast gegenüber. Es war ein reicher, spanischer Artist, den einer seiner Agenten aufgegriffen und zum Internationalen Artistenklub gebracht hatte.

 

»Mir schadet es auch nicht«, erwiderte der Fremde und wehrte einen gelbgesichtigen Chinesen ab, der ihm eine Opiumpfeife anbieten wollte. »Nur bringe ich für gewöhnlich meinen eigenen Stoff mit.«

 

Ballam neigte sich neugierig vor, als der Spanier eine grünliche harzige Pille aus einem kleinen, silbernen Kasten herausnahm.

 

»Was ist denn das?« fragte er neugierig.

 

»Das ist meine eigene Mischung, canabis indica, Opium und etwas türkischer Tabak. Sie ist noch milder als Opium und die Wirkung noch viel wundervoller.«

 

»Das können Sie hier oben aber nicht rauchen«, meinte Ballam kopfschüttelnd. »Versuchen Sie ruhig eine Pfeife Opium, alter Knabe.«

 

Aber der »alte Knabe«, der trotz seiner weißen Haare noch sehr jung war, ließ sich nicht überreden.

 

»Das macht nichts – ich kann ebensogut auch zu Hause rauchen. Ich bin eigentlich nur aus Neugierde hergekommen.« Mit diesen Worten erhob er sich, um zu gehen.

 

»So eilig werden Sie es doch wohl nicht haben«, erwiderte Ballam hastig.

 

»Wir haben unten im Erdgeschoß noch einen Salon für die Hanfraucher – die Leute hier oben können den Geruch nicht vertragen. Ich werde mit Ihnen hinuntergehen und einmal Ihre neue Mischung probieren. Nehmen Sie Ihren Kaffee mit.«

 

Der untere Salon war ganz leer. Sie suchten sich einen bequemen, weichen Diwan aus und nahmen dort Platz.

 

»Meine Mischung können Sie mit einem einfachen Streichholz anzünden, Sie brauchen keinen Spirituskocher dazu«, sagte der Fremde.

 

Ballam nippte an seinem Kaffee und betrachtete argwöhnisch die Pfeife, die ihm Gonsalez anbot.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen. Verursacht Ihnen der Betrieb eines solchen Lokals nicht schlaflose Nächte?«

 

»Nun seien Sie doch nicht wunderlich.« Mr. Ballam steckte seine Pfeife gemächlich an und rauchte mit offenbarer Befriedigung. »Wirklich eine gute Mischung. Weshalb soll ich denn schlaflose Nächte haben?«

 

»Nun, es werden doch viele Leute hier aus ihrem Gleis geworfen. Ich meine, die Leute, die diese Rauschgifte zu sich nehmen, werden doch alle früher oder später ruiniert.«

 

»Das ist ihre Sache, das geht mich nichts an«, sagte Mr. Ballam selbstzufrieden. »Dafür haben sie aber auch eine ganze Menge Vergnügen genossen. Wir haben eben nur ein Leben, und wir müssen alle einmal sterben.«

 

»Manche Menschen sterben aber zweimal«, erwiderte Leon trocken. »Menschen, die ihr Bewußtsein unter dem Einfluß dieser schädlichen Gifte verlieren und zu Mördern geworden sind, wenn sie wieder aufwachen. Im Osten gibt es ein Rauschmittel, das die Eingeborenen Bal nennen. Es macht die Menschen rasend und wahnsinnig.«

 

»Ach, das interessiert mich nicht.« Ballam wurde ungeduldig. »Ich habe auch nicht mehr viel Zeit, wir müssen schnell machen, daß wir mit dem Rauchen zu Ende kommen. Heute abend besucht mich eine Dame – ich habe noch eine Verabredung, die ich einhalten muß, alter Freund!« meinte er lachend.

 

»Im Gegenteil, diese Frage interessiert Sie sehr, und selbst wenn Sie sich mit Miss Maggiore verabredet haben –«

 

Mr. Ballam starrte ihn erstaunt an.

 

»Zum Teufel, wovon reden Sie denn überhaupt?« fragte er heftig.

 

»Obwohl Sie diese Verabredung haben, muß ich Ihnen mitteilen, daß dieses Rauschgift Bal, das die Menschen zu Amokläufern macht, stärker ist als irgendein anderes Mittel, das Sie hier in Ihrem Lokal verabreichen.«

 

»Was hat denn das mit mir zu tun?« brummte Ballam.

 

»Sehr viel«, entgegnete Leon kühl. »Sie rauchen gerade ein doppeltes Quantum von dem, was ein gewöhnlicher Mensch vertragen kann!«

 

Mit einem Schreckensschrei sprang Ballam auf, aber er konnte sich später nicht mehr auf die weiteren Vorgänge besinnen. Es war ihm nur, als ob ihm irgend etwas den Schädel spaltete, ein entsetzliches Licht blendete seine Augen, und dann schienen Tausende von Jahren an ihm vorüberzuziehen. Eine Ewigkeit lang wurde er von grellen Blitzen geschreckt, donnerähnliche Geräusche betäubten seine Ohren, er hörte flüsternde, geheimnisvolle Stimmen, und eine namenlose Unruhe bemächtigte sich seiner. Manchmal kam ihm zum Bewußtsein, daß er sprach, und er lauschte gierig auf seine eigenen Worte. Zuweilen redeten fremde, unsichtbare Geister zu ihm und verhöhnten ihn, und er fühlte, daß ihn irgend jemand verfolgte.

 

Wie lange dieser Zustand dauerte, konnte er selbst nicht beurteilen. In seiner halb bewußtlosen Verfassung versuchte er, die Zeit nachzurechnen, aber er fand, daß er kein Maß besaß, an das er sich halten konnte. Es schienen ihm viele Jahre verflossen zu sein, als er mit einem tiefen Seufzer die Augen öffnete. Er fuhr mit der Hand über seinen schmerzenden Kopf, und allmählich wurde ihm klar, daß er in einem Bett lag. Es war hart, und die Kopfstütze noch härter. Er starrte zu der weißgetünchten Decke empor und betrachtete dann die einfachen, gekalkten Wände. Als er über die Seite seines Lagers schaute, wurde er gewahr, daß der Fußboden aus Eisenbeton bestand. Zwei Lichter brannten in dem Raum, eins auf dem Tisch und eins in der Ecke des Zimmers, wo ein Mann saß und die Zeitung las. Der Mann kam ihm ganz sonderbar vor, und er blinzelte zu ihm hinüber. »Ich träume natürlich«, sagte er laut.

 

Der Mann schaute auf.

 

»Hallo! Wollen Sie aufstehen?«

 

Ballam antwortete nicht. Er starrte noch mit offenem Munde umher und traute seinen Sinnen nicht. Der Mann war in Uniform, trug einen dunklen, enganliegenden Rock und hatte einen Ledergürtel umgeschnallt. Auf dem Kopf saß eine Mütze mit einer Kokarde. Ballam las die Buchstaben auf den Schulterstücken.

 

»A. W.«, wiederholte er verwirrt. »A. W.«

 

Was sollte dieses »A. W.« bedeuten? Aber plötzlich wurde es ihm klar.

 

Assistenzwärter! Er schaute sich in dem Raum um. Es war nur ein Fenster zu sehen, das mit schweren, eisernen Gittern verschlossen war. Dickes Milchglas war dort eingesetzt. An der Wand hing ein Anschlag. Ballam erhob sich mit großer Mühe vom Bett, taumelte dorthin und versuchte, den Text zu lesen.

 

»Dienstvorschriften für die königlichen Gefängnisse.« Er schaute auf seine eigene Kleidung. Er war allem Anschein nach in Strümpfen und Beinkleidern zu Bett gegangen, aber die Hose, die er trug, war aus einem rauhen, gelblichgrauen Stoff und über und über mit verwaschenen schwarzen Pfeilen bedruckt. Er war im Gefängnis! Wie lange mochte er hier sein?

 

»Wollen Sie sich heute anständig benehmen?« fragte der Wärter kurz. »Wir haben keine Lust, noch mehr von diesen Spektakelszenen zu erleben, wie Sie gestern wieder eine aufgeführt haben!«

 

»Seit wann bin ich denn eigentlich hier?« stieß Ballam heiser hervor.

 

»Sie wissen doch ganz genau, wie lange Sie hier sind. Gestern waren es drei Wochen.«

 

»Drei Wochen!« rief Ballam entsetzt. »Weshalb hat man mich denn angeklagt?«

 

»Nun fangen Sie nicht wieder diesen alten Quatsch an, mein lieber Ballam«, sagte der Wärter nicht unfreundlich. »Sie wissen ganz genau, daß es mir verboten ist, mich mit Ihnen zu unterhalten. Legen Sie sich wieder aufs Bett und schlafen Sie. Manchmal denke ich wirklich, daß Sie so verrückt sind, wie Sie sich anstellen.«

 

»Habe ich denn – irgendwelche Dummheiten angestellt?«

 

»Dummheiten?« Der Wärter wandte sich erstaunt um. »Ich war zwar nicht bei der Gerichtsverhandlung dabei, aber sie haben mir alle erzählt, daß Sie vor Gericht den Verrückten gespielt haben. Und als der Richter Sie zum Tode verurteilte –«

 

»Mein Gott!« schrie Ballam und sank kreidebleich und vernichtet auf das Bett. »Zum Tode verurteilt!« Er konnte die Worte kaum aussprechen. »Was habe ich denn getan?«

 

»Sie haben doch die junge Dame umgebracht – das wissen Sie doch ganz genau… Ich wundere mich nur über Sie, daß Sie mir nun auch noch solch ein Theater vorspielen, nachdem ich doch die ganze Zeit so gut zu Ihnen war, Ballam. Warum bocken Sie denn? Tragen Sie doch Ihre Strafe wie ein Mann.«

 

Über dem Platz des Wärters hing ein Abreißkalender.

 

»Der zwölfte April«, las Ballam. Am liebsten hätte er wieder laut aufgeschrien, denn am ersten März hatte er diesen sonderbaren Fremden getroffen. Jetzt konnte er sich wieder an alles erinnern. Er hatte Bal geraucht, das Gift, das die Menschen zum Wahnsinn treibt!

 

Plötzlich sprang er wieder auf.

 

»Ich will den Gefängnisdirektor sprechen! Ich will ihm die Wahrheit sagen, wie sich alles zugetragen hat… man hat mich betäubt!«

 

»All den Quatsch haben Sie uns ja früher schon, wer weiß wie oft, erzählt«, erwiderte der Wärter ärgerlich. »Als Sie die junge Dame umgebracht haben –«

 

»Welche junge Dame?« schrie Ballam. »Doch nicht Miss Maggiore! Sagen Sie nicht…«

 

»Sie wissen gut genug, daß Sie sie getötet haben. Was hat es denn für einen Zweck, diesen ganzen Lärm zu machen. Legen Sie sich zu Bett, Ballam. Es ist ganz sinnlos, daß Sie heute wieder einen solchen Spektakel aufführen. Ausgerechnet in dieser Nacht!«

 

»Ich muß den Gefängnisdirektor sehen! Kann ich ihm nicht schreiben?«

 

»Sie können ihm schreiben, wenn es Ihnen Spaß macht«, sagte der Wärter und zeigte auf einen Tisch.

 

Ballam taumelte hin und setzte sich in den Stuhl. Er zitterte an allen Gliedern. Vor sich sah er ein halbes Dutzend großer, blauer Briefbogen, auf denen mit schwarzer Schrift »Königliches Gefängnis Wandsworth S. W. J.« gedruckt stand.

 

Er war im Wandsworth-Gefängnis! Wieder schaute er sich in der Zelle um. Sie machte eigentlich kaum den Eindruck einer Zelle, und doch mußte es wahr sein. Es war alles so schrecklich kahl, die Tür war fest und mit Eisen beschlagen. Er war früher niemals in einer Gefängniszelle gewesen, und sie sah doch ganz anders aus, als er gedacht hatte.

 

Plötzlich kam ihm ein fürchterlicher Gedanke.

 

»Wann – wann – findet die Hinrichtung statt?« Er konnte die Worte kaum hervorbringen, so würgten sie ihn.

 

»Morgen!«

 

Die ganze Welt brach für ihn zusammen bei diesem Schicksalsspruch. Er fiel vornüber auf den Tisch und vergrub den Kopf in seine Arme. Ein Weinkrampf befiel ihn. Aber dann riß er sich plötzlich zusammen und begann in fieberhafter Eile zu schreiben. Er konnte kaum klar sehen, immer wieder traten ihm die Tränen in die roten Augen.

 

Was er schrieb, war vollständig zusammenhanglos. Er erzählte von einem Mann, der zu dem Klub gekommen war und ihm ein Gift gegeben hatte. Dann hatte er eine ganze Ewigkeit lang in Finsternis gelegen, hatte Blitze gesehen, war von schrecklichen Gestalten verfolgt worden und hatte unheimliche Stimmen gehört. Und doch war er nicht schuldig, im Gegenteil, er liebte doch Genee Maggiore. Er würde ihr niemals ein Haar gekrümmt haben.

 

Er konnte nicht weiterschreiben, er mußte immer wieder schluchzen. Aber vielleicht war dies alles nur ein schrecklicher Traum? Vielleicht stand er immer noch unter dem Einfluß dieses höllischen Rauschgiftes. Er schlug mit aller Gewalt gegen die Wand und schrie dann vor Schmerz laut auf.

 

»Lassen Sie das bleiben!« sagte der Wärter streng. »Jetzt legen Sie sich sofort wieder zu Bett.«

 

Ballam schaute auf seine blutenden Knöchel. Es war bittere Wahrheit! Es war kein Traum – es war wahr – wahr!

 

Er lag auf dem Bett und verlor das Bewußtsein wieder. Als er aufs neue erwachte, saß der Wärter immer noch auf seinem Platz und las die Zeitung. Es schien ihm, als ob er wieder eine halbe Stunde im Halbschlaf gelegen hätte, obwohl es in Wirklichkeit nur ein paar Minuten gewesen waren. Und jedesmal, wenn er wieder aufschreckte, sagte eine Stimme in ihm: »Heute morgen mußt du sterben!«

 

Einmal sprang er in unheimlicher Angst vom Bett auf und schrie laut vor Furcht. Der Wärter mußte ihn wieder niederdrücken.

 

»Wenn Sie noch mehr solchen Unfug machen, muß ich einen anderen Beamten rufen, dann binden wir Sie ans Bett fest. Warum tragen Sie es denn nicht in aller Ruhe wie ein Mann? Es ist für Sie doch nicht schlimmer als für das arme Mädchen«, sagte der Wärter böse.

 

Ballam lag nun still und fiel wieder in einen längeren Schlaf, aus dem er plötzlich erwachte, als der Wärter ihn an der Schulter berührte. Er sah, daß seine eigenen Kleider sorgfältig zusammengefaltet auf dem Stuhl vor seinem Bett lagen. Eilig kleidete er sich an und schaute sich suchend um.

 

»Wo ist mein Kragen?« fragte er zitternd.

 

»Sie brauchen doch keinen Kragen«, erwiderte der Wärter mit grimmigem Humor. »Nehmen Sie sich doch endlich zusammen! Andere Leute haben das auch durchmachen müssen. Soviel ich weiß, haben Sie doch eine Opiumspelunke gehabt? Viele haben dort ihren Verstand verloren und sind dann auch zu uns gekommen. Die haben es auch ausgehalten. Nun ist die Reihe eben an Ihnen.«

 

Ballam setzte sich auf die Kante seines Bettes und vergrub das Gesicht in den Händen. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein Mann kam herein. Er war schlank, hatte einen roten Bart und rötliche Haare.

 

Der Wärter packte den Gefangenen an der Schulter, stellte ihn auf die Füße und drehte ihn um.

 

»Legen Sie Ihre Hände auf den Rücken«, sagte er.

 

Ballam brach der kalte Angstschweiß aus, als er fühlte, daß seine Handgelenke zusammengebunden wurden.

 

Dann ging das Licht aus. Es wurde ihm eine Kappe über das Gesicht gezogen, und er glaubte, Stimmen hinter sich zu hören. Er war nicht darauf vorbereitet, zu sterben, seine Nerven würden ihn im Stich lassen, das fühlte er jetzt. Aber er hatte doch immer gehört, daß bei solchen Gelegenheiten ein Geistlicher zugegen sein müßte. Zwei Leute faßten ihn an den Armen und führten ihn langsam vorwärts durch die Tür über einen Hof, dann durch eine andere Tür. Der Weg schien endlos zu sein, und einmal gaben seine Knie nach. Gleich darauf hielten sie an.

 

»Bleiben Sie, wo Sie sind!«

 

Es wurde ihm eine Schlinge ums Genick gelegt, und er wartete, wartete verzweifelt und in Todesangst. Minuten vergingen, die ihm wie Stunden erschienen. Plötzlich hörte er schwere Schritte, dann packte ihn jemand am Arm.

 

»Was machen Sie denn hier, mein Herr?« fragte eine Stimme.

 

Die Kappe wurde ihm vom Gesicht gerissen. Er stand auf der Straße. Es war Nacht, neben ihm brannte eine Straßenlaterne. Der Mann, der ihn neugierig betrachtete, war ein Polizist.

 

»Sie haben ja einen Strick um den Hals… jemand hat Ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden! Hat man Sie überfallen?« Der Polizist schnitt die Stricke durch. »Oder wollen Sie mir hier etwa einen Schabernack spielen?« fragte der Vertreter des Gesetzes. »Ich bin erstaunt – so ein alter Herr wie Sie, mit weißen Haaren!«

 

Vor sieben Stunden war Gregory Ballams Haar noch schwarz gewesen, Leon Gonsalez hatte ihm ein Betäubungsmittel in den Kaffee geschüttet und ihn dann durch die Tür im Keller auf den großen Hof geführt, der hinter dem Klub lag. Hier befand sich die neue Garage, die Leon entdeckt hatte, als er den Platz auskundschaftete. Und hier konnten Gonsalez und Manfred ungestört die Komödie in der angeblichen Verbrecherzelle mit ihm aufführen. Das blaue Briefpapier hatten sie sich besonders für diesen Zweck beschafft. Ein Exemplar der »Dienstvorschriften für die königlichen Gefängnisse« hatte ihnen Mr. Fare geschenkt, ohne allerdings zu wissen, wozu es dienen sollte.