Kapitel 9

 

9

 

Dick Shannon bewohnte ein Stockwerk am Haymarket, und am Tag nach Audreys Entlassung aus dem Gefängnis waren Inspektor Lane, Steel und er selbst dort versammelt.

 

»Sie haben sie verfehlt?« fragte der Inspektor.

 

Dick seufzte und nickte.

 

»Aber da sie vorzeitig entlassen wurde, muß sie sich melden, und das wird man mir sofort berichten. Lassen wir das einstweilen. Wie steht es denn mit Malpas?«

 

»Er bleibt nach wie vor ein Rätsel«, erwiderte Lane. »Und sein Haus ist ein noch größeres Geheimnis als er. Er bewohnt es ununterbrochen seit Januar 1917, und kein Mensch hat ihn gesehen. Seine Rechnungen bezahlt er prompt, und gleich nach seinem Einzug hat er viel Geld für allerlei neue Anlagen ausgegeben: elektrische Leitungen, Alarmapparate und dergleichen Finessen. Eine große Turiner Firma hat das Haus ausgestattet.«

 

»Hat er keine Dienstboten?«

 

»Nein. Das ist das Seltsamste an der Geschichte. Nahrungsmittel kommen nicht ins Haus, woraus hervorgeht, daß er entweder verhungern oder ausgehen muß. Ich habe es von vorn und von hinten beobachten lassen, aber keiner meiner Leute hat den Mann zu sehen bekommen, obwohl sie sonst verschiedene sonderbare Dinge bemerkten.«

 

»Bringen Sie jetzt das Mädchen herein, Steel«, sagte Shannon, und gleich darauf schob sein Assistent eine stark gepuderte junge Dame ins Zimmer, die sich mißmutig auf einem Stuhl niederließ.

 

»Miß Neilsen, Berufstänzerin ohne Anstellung?« fragte Dick.

 

»Ja.«

 

»Erzählen Sie uns von Ihrem Besuch in Portman Square Nr. 551.«

 

»Hätte ich gewußt, daß ich gestern nacht, als ich so mitteilsam war, mit einem Detektiv sprach, dann hätte ich nicht soviel gesagt«, entgegnete sie unwillig. »Der alte Mann verlangte von mir, daß ich nebenan bei Mr. Marshalt Spektakel machen und schreien sollte, daß Marshalt ein Schuft wäre. Dann sollte ich ein Fenster einschlagen und mich verhaften lassen.«

 

»Einen Grund dafür gab er nicht an?«

 

»Nein. Die Sache paßte mir nicht, und ich war heilfroh, als ich wieder draußen war. War das ein scheußlicher Kerl! Und das Zimmer ganz dunkel! Ein richtiges Gespensterhaus! Türen, die von selbst aufgehen – Stimmen, die von nirgendwoher kommen – ich dankte meinem Schöpfer, als ich wieder auf der Straße stand.«

 

»Woher kannten Sie denn den Mann?« fragte Dick mißtrauisch.

 

»Er hatte meinen Namen in den Inseraten gelesen – bei den Stellengesuchen.«

 

Da weitere Fragen ergebnislos blieben, wurde sie wieder entlassen, und nun berichtete Lane weiter.

 

»Der Steuerbeamte beschwerte sich, daß er Mr. Malpas nicht zu sehen bekäme. Man glaubte, daß er zu wenig Einkommensteuer zahlte. Als er aber vorgeladen wurde, kam er nicht selbst, sondern sandte statt dessen einen Erlaubnisschein zur Einsicht in sein Bankkonto. Es war das einfachste Konto von der Welt: fünfzehnhundert Pfund jährlich bar eingezahlt und fünfzehnhundert Pfund im Jahr ausgezahlt. Keine Geschäftsquittungen. Nichts weiter als Abgaben, Grundsteuer und größere Summen für laufende Ausgaben.«

 

»Und Besuch kommt nie ins Haus?«

 

»Nur zweimal im Monat, gewöhnlich an einem Sonnabend. Wie es scheint, ist es jedesmal ein anderer Mann. Die Leute kommen immer erst nach Einbruch der Dunkelheit und bleiben nie länger als eine halbe Stunde. Einmal war es ein Neger, und einer meiner Leute machte sich an ihn heran, konnte aber nichts aus ihm herausbringen.«

 

»Malpas muß schärfer beobachtet werden«, befahl Dick, und der Inspektor machte sich eine Notiz. »Nehmen Sie einen dieser Besucher unter irgendeinem Vorwand fest und durchsuchen Sie ihn. Vielleicht stellt sich dabei heraus, daß Malpas nur Almosen verteilt – oder auch nicht!«

 

 

Audreys kleiner Geldvorrat schwand dahin, und es war ihr noch nicht gelungen, eine Anstellung zu erhalten. Am ersten Weihnachtstag bestand ihr Frühstück nur aus einer trockenen Brotscheibe und kaltem Wasser.

 

Am folgenden Dienstag erhielt sie jedoch zu ihrer größten Überraschung einen Brief, der nur aus zwei mit Bleistift geschriebenen Zeilen bestand:

 

»Kommen Sie heute nachmittag um fünf zu mir. Ich habe Arbeit für Sie. Malpas, Portman Square Nr. 551.«

 

Sie runzelte die Stirne und starrte auf den Zettel. Wer war Malpas, und wie hatte er von ihr erfahren?

 

Aber Not kennt kein Gebot, und zur angegebenen Zeit stand Audrey, durchnäßt vom Regen, vor dem Haus und klopfte leise mit den Fingern an, da sie keinen Klopfer fand.

 

»Wer ist da?«

 

Die Stimme schien aus dem Türrahmen zu kommen.

 

»Miß Bedford.«

 

Nach einer kurzen Pause öffnete sich die Türe langsam.

 

»Kommen Sie herauf – das Zimmer im ersten Stock«, sagte die Stimme.

 

Die Haustür schloß sich wieder hinter Audrey. Von unerklärlichem Grauen gepackt, wollte sie entfliehen und suchte nach dem Türgriff, aber sie entdeckte keinen. Schließlich bekämpfte sie ihre Angst und stieg die Stufen hinauf. Im ersten Stock bemerkte sie nur eine Tür und klopfte nach einem kleinen Zögern dort an.

 

»Herein!« Diesmal kam die Stimme von oben.

 

Einen Augenblick brauchte Audrey noch, um Mut zu sammeln, dann trat sie durch die nur angelehnte Tür ein.

 

Die Wände des großen Raums waren so dicht mit schwarzem Samt verkleidet, daß man nicht sehen konnte, wo sich die Fenster befanden, und wo die Decke anfing. Der dicke Teppich verschlang jedes Geräusch ihrer Schritte.

 

Am entfernten Ende des Zimmers saß an dem Schreibtisch eine merkwürdig widerwärtige Gestalt. Das Licht einer Stehlampe, die von einem grünen Schirm bedeckt war, warf einen fahlen Schein auf sie. Der Kopf war kahl, das bartlose Gesicht von tausend Falten bedeckt, die Nase dick. Und das lange, spitze Kinn bewegte sich fortwährend, als ob der Mann mit sich selbst spräche.

 

»Setzen Sie sich auf diesen Stuhl«, gebot die dumpfe Stimme.

 

Audreys Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, und sie nahm zitternd hinter dem kleinen Tisch Platz.

 

»Ich habe Sie kommen lassen, um Ihr Glück zu machen«, murmelte die Stimme. »Schon viele haben auf dem Stuhl dort gesessen und sind als reiche Leute fortgegangen. Sehen Sie, was auf dem Tisch liegt?«

 

Er mußte wohl auf einen Knopf gedrückt haben, denn plötzlich flammte über ihrem Kopf ein strahlend helles Licht auf, und sie sah ein Bündel Banknoten auf dem Tisch.

 

»Nehmen Sie es!« sagte der Mann.

 

Sie streckte zitternd die Hand aus und ergriff das Paket und einen Schlüssel. Das Licht erlosch langsam wieder.

 

»Ihr Name ist Audrey Bedford, nicht wahr? Nach neunmonatlicher Haft, die Sie wegen Mitschuld an einem Juwelenraub verbüßt haben, sind Sie vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden?«

 

»Ja, ich mache kein Hehl daraus. Ich hätte es Ihnen auf jeden Fall gesagt.«

 

»Sie waren natürlich unschuldig?«

 

»Ja.«

 

»Sie sind schlecht angezogen … das verletzt mein Schönheitsgefühl. Kaufen Sie sich gute Kleider, und kommen Sie nächste Woche zur selben Zeit wieder. Der Schlüssel öffnet alle Türen, wenn die Sperrvorrichtung ausgeschaltet ist.«

 

Endlich erholte sich Audrey von ihrem Staunen.

 

»Ich muß aber wissen, welche Pflichten ich zu übernehmen habe«, sagte sie. »Es ist sehr großmütig von Ihnen, mir so viel Geld anzuvertrauen, aber Sie werden einsehen, daß ich es unmöglich annehmen kann, ohne zu wissen, was Sie von mir verlangen.«

 

»Ihre Aufgabe besteht darin, einem Mann das Herz zu brechen!« lautete die Antwort. »Gute Nacht!«

 

Sie fühlte einen kühlen Luftzug und drehte sich um.

 

Die Tür stand offen, und Audrey wußte, daß sie entlassen war.

 

Hastig eilte sie die Treppe hinunter. Als sie den Schlüssel in das winzige Loch stecken wollte, entglitt er ihren zitternden Fingern und fiel zu Boden. Sie suchte danach und fand dicht daneben einen nußgroßen Kieselstein, an dem ein Klümpchen roten Siegellacks mit dem deutlichen Abdruck eines Petschafts klebte. Sie nahm sich vor, den sonderbaren Gegenstand nächste Woche wieder mitzubringen, und steckte ihn in ihre Handtasche. Gleich darauf stand sie wieder auf der Straße.

 

Ein Mietauto kam vorbei und hielt auf ihren Wink hin am Bordstein an. Schon wollte sie einsteigen, als sie plötzlich eine Frau in durchnäßtem Pelzmantel bemerkte, die sich taumelnd bemühte, den Klopfer des Nachbarhauses in Bewegung zu setzen. Trotz ihres Abscheus vor betrunkenen Frauen erregte diese Jammergestalt doch Audreys Mitleid, und sie wollte auf sie zugehen, um ihr behilflich zu sein. Aber im gleichen Moment wurde die Haustür aufgestoßen.

 

»Was soll denn das heißen?« rief ein ältlicher Mann. »Wer macht hier einen solchen Spektakel vor dem Haus eines Gentlemans? Gehen Sie weg oder ich hole einen Polizisten!«

 

Es war Tonger. Die Betrunkene schwankte auf ihn zu und brach zusammen. Er schleuderte sie ins Haus und schlug die Tür zu.

 

»Das ist Mr. Marshalts Haus«, meinte der Chauffeur. »Er ist der afrikanische Millionär. Wohin soll ich Sie bringen?«

 

Kapitel 1O

 

1O

 

 

Martin Elton war mit seiner Frau im Theater und schlenderte während einer Pause im Foyer umher. Er stammte aus gutem Haus, war aber durch Spiel, Wetten und manche andere Dinge allmählich immer mehr heruntergekommen. Nur ab und zu nickte ihm noch jemand aus der Ferne zu, und der einzige, der ihn anredete, war ihm unwillkommen.

 

»Abend, Elton! Na, wie geht’s? Stanford soll ja in Italien sein, wie ich höre? Haben Sie was vor?« fragte Slick Smith.

 

»Nein.«

 

»Kürzlich von Marshalt gehört?«

 

»Ich weiß nicht viel von ihm.«

 

»Aber ich. Er ist auch ein Dieb, und wenn er etwas stiehlt, bleibt gewissermaßen eine Lücke zurück. Aber da klingelt es schon – auf Wiedersehen!«

 

Als Martin und Dora nach Hause kamen, wandte sie sich im Wohnzimmer ungeduldig an ihn.

 

»Was hast du denn, Bunny? Diese Launen sind wirklich unausstehlich!«

 

»Hast du etwas von deiner Schwester gehört?« entgegnete er und warf ein Scheit in den Kamin, bevor er sich niederließ.

 

»Nein, und hoffentlich höre ich auch nie wieder von ihr! Die winselnde Gefängnisratte!«

 

»Ich habe sie nicht winseln hören. Und ins Gefängnis haben wir sie gebracht.«

 

Sie schaute ihn verwundert an.

 

»Du hast sie doch selbst geradezu aus dem Haus gejagt, als sie das letztemal hier war!«

 

»Ja, das weiß ich. Aber London ist ein verteufelter Platz für alleinstehende junge Mädchen ohne Geld und Freunde. Ich wollte, ich wüßte, wo sie ist.«

 

»Überlassen wir sie dem Schutz Gottes«, erwiderte Dora spöttisch.

 

Aber Martins Augen wurden klein und lauernd.

 

»Wenn du dich so gegen deine Schwester benimmst, wie würde es dann wohl mir ergehen, wenn du einmal in aller Eile zwischen mir und deiner eigenen Sicherheit wählen müßtest?« fragte er langsam.

 

»Sauve qui peut – das ist mein Wahlspruch«, erklärte sie lachend.

 

Er warf seine Zigarre ins Feuer und stand auf.

 

»Dora«, sagte er dann mit eisiger Stimme, »Lacy Marshalt ist kein wünschenswerter Bekannter.«

 

Sie musterte ihn erstaunt.

 

»Ist er unehrlich?« entgegnete sie harmlos.

 

»Es gibt viele unehrliche Männer, mit denen eine Dame nicht in einem reservierten Zimmer bei Shavarri dinieren darf.«

 

»Ach, du hast spioniert? Marshalt kann unter Umständen sehr nützlich für uns sein.«

 

»Für mich nicht – am allerwenigsten, wenn er heimlich mit meiner Frau diniert.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Wenn es noch einmal vorkommt, suche ich ihn auf und jage ihm drei Kugeln durch die Brusttasche, in der er seine vorzüglichen Zigarren bei sich trägt. – Was ich mit dir machen würde, weiß ich noch nicht. Das hängt ganz von meiner Stimmung und von – deiner Nähe ab.«

 

Sie war totenbleich geworden, suchte vergeblich nach Worten und lag ihm plötzlich schluchzend zu Füßen.

 

»Ach, Bunny, sprich doch nicht so – schau mich nicht so entsetzlich an! Ich will ja alles tun, was du willst … ich schwöre dir, daß nichts vorgefallen ist … es war eine Laune von mir, daß ich hinging …«

 

Er strich über ihr goldenes Haar.

 

»Du bedeutest mir sehr viel, Dora«, sagte er freundlich. »Ich habe dich nicht gut beeinflußt … ich habe selbst die meisten guten Grundsätze über Bord geworfen, nach denen sich andere Leute richten. Aber an einem werde ich immer festhalten: ich verlange ehrliches Spiel unter Dieben, weil ich selbst ehrlich spiele!«

 

Kapitel 6

 

6

 

Big Bill war nicht sentimental, aber dieser Vorschlag ging selbst ihm zu weit.

 

»Das ist unmöglich. Bedenke doch, wenn sie gefaßt wird und uns verrät?«

 

»Das ist auch mein einziges Bedenken, und es ist nur gering«, entgegnete Dora.

 

Der große Mann starrte einen Augenblick vor sich hin.

 

»Das Ding muß unbedingt aus dem Haus«, sagte er dann. »Schließe die Tür zu, Dora!«

 

Sie gehorchte. Auf dem Kaminsims stand eine wunderschön emaillierte Uhr, die mit einer kleinen Faungestalt geschmückt war. Stanford hob den Faun und damit einen Teil der Uhr ab, die ruhig weitertickte. Ein leiser Druck auf eine Feder genügte, um eine Seite des Bronzekastens zu öffnen und ein genau hineinpassendes Stanniolpaket zu zeigen. Er legte es auf den Tisch, und als er es auspackte, flammten blaue, grüne und weiße Blitze blendend auf. Voll Bewunderung sah Dora auf die Steine.

 

»Hier liegen nun siebzigtausend Pfund«, meinte Stanford nachdenklich, »und daneben liegen zehn Jahre für irgendjemand – sieben für Diebstahl und drei für Majestätsbeleidigung.«

 

Der elegante Martin Elton schauderte.

 

»Schenke dir doch solche Bemerkungen. Es handelt sich jetzt nur darum, wer das Ding fortbringt.«

 

»Audrey natürlich«, erklärte Dora gelassen. »Kein Mensch kennt sie, und niemand verdächtigt sie. Und Pierre ist leicht zu erkennen. Aber dann ist auch Schluß mit diesen Geschichten, Martin. Du weißt, der Krug geht solange zu Wasser, bis –«

 

»Vielleicht macht Lacy Marshalt ihn zu einem Direktor«, höhnte Stanford.

 

»Ich kenne den Mann ja kaum«, entgegnete sie. »Ich erzählte dir, daß ich ihn auf dem Ball bei Denshores getroffen habe, Bunny. Er ist Südafrikaner und steinreich, aber unerhört geizig.«

 

Martin sah sie mißtrauisch an.

 

»Ich wußte nicht, daß du ihn kennst –«

 

»Zur Sache!« rief Stanford ungeduldig. »Was soll werden – wenn sie gefaßt wird? Elton, nach der Geschichte in Leyland Hall hast du den Kram doch durch einen Mann aus Bognor außer Landes schaffen lassen. Erinnerst du dich? Nun, mit diesem Freund aus Bognor hat sich Dick Shannon heute stundenlang unterhalten.«

 

Martins hübsches, blasses Gesicht wurde noch einen Schein bleicher.

 

»Er wird nichts verraten«, murmelte er.

 

»Wer weiß! Wenn einer ihn dazu bringt, ist es Shannon.«

 

»Der Schmuck muß weg«, sagte Dora. »Packe ihn wieder ein, Martin.«

 

Er machte sich an die Arbeit, wickelte die Kette in Watte und legte sie in eine kleine, flache Zigarrenschachtel, die er mit braunem Papier umhüllte und verschnürte. Dann steckte er das Päckchen unter ein Sofakissen und brachte die Uhr wieder in Ordnung.

 

»Plaudert deine Schwester aus, wenn sie gefaßt wird?« fragte Stanford.

 

Dora überlegte einen Augenblick.

 

»Nein, bestimmt nicht!« sagte sie dann und ging hinauf, um Audrey zu holen.

 

Als das junge Mädchen ins Zimmer trat, fiel ihr Blick zuerst auf einen großen, breitschulterigen Mann mit kurzgeschorenem Haar, der sie mit ernsten, strengen Augen ansah.

 

»Mr. Stanford«, stellte Dora vor. »Und dies ist mein Mann.«

 

Verwundert betrachtete Audrey den zierlichen, stutzerhaften Mr. Elton, dessen bleiche Gesichtsfarbe durch das dunkle Schnurrbärtchen und die kohlschwarzen Augenbrauen noch mehr hervorgehoben wurde. Das war also der vielgepriesene Martin!

 

»Sehr erfreut, dich kennenzulernen, Audrey!« sagte er und schaute sie begeistert an. »Du hast ja eine entzückende Schwester, Dora!«

 

»Ja, sie ist jetzt hübscher als früher«, erwiderte seine Frau kühl, »aber fürchterlich angezogen.«

 

Audrey wurde nicht leicht verlegen, aber der unverwandte Blick des großen Mannes, der sie geradezu durchbohrte und abschätzte, war ihr unbehaglich. Sie atmete erleichtert auf, als er sich verabschiedete. Martin begleitete ihn hinaus, um Dora Gelegenheit zu geben, ihre Geschichte vorzubringen.

 

Sie erzählte von einer mißhandelten Frau, die sich genötigt gesehen hätte, aus Angst vor ihrem brutalen Gatten das Land zu verlassen, und nicht einmal Zeit gehabt hätte, das Miniaturbild ihres Kindes mitzunehmen.

 

»Wir haben uns das Bild verschafft«, fuhr sie fort. »Nach dem Buchstaben des Gesetzes waren wir allerdings nicht dazu berechtigt, aber die arme Mutter tat uns so leid. Durch ein gutes Trinkgeld hat Martin einen Diener des Hauses bewogen, uns das Bild zu bringen. Nun scheint der Mann aber die Sache herausgebracht zu haben und läßt uns Tag und Nacht beobachten, so daß wir es nicht wagen, das Bild durch die bereits gewarnte Post oder durch einen Boten fortzuschicken. Heute kommt nun ein Freund der armen Lady Nilligan nach London, und wir haben verabredet, ihm das Bild auf den Bahnhof zu bringen. Nun fragt es sich – würdest du wohl so lieb sein, es hinzutragen, Audrey? Dich kennt hier niemand. Die Spione werden dich nicht belästigen, und du kannst einer bedauernswerten Frau einen großen Dienst erweisen.«

 

»Aber das ist doch eine sehr sonderbare Geschichte!« rief Audrey und runzelte die Stirne. »Könnt ihr denn nicht einen Dienstboten schicken? Oder kann der Mann nicht herkommen?«

 

»Ich sagte dir doch, daß unser Haus bewacht wird!« entgegnete Dora ungeduldig. »Aber natürlich, wenn du nicht willst –«

 

»Selbstverständlich werde ich es tun«, lachte Audrey.

 

»Wie nett von dir! Aber eins muß ich dir noch sagen: falls die Sache doch herauskommen sollte, darfst du unseren Namen nicht nennen. Ich bitte dich, mir bei dem Andenken an unsere tote Mutter zu schwören –«

 

»Das ist nicht nötig«, unterbrach sie Audrey kühl. »Ich verspreche es dir – das genügt.«

 

Aus dem kleinen Diner, von dem Dora gesprochen hatte, schien nichts geworden zu sein, denn um halb neun kam sie zu ihrer Schwester nach oben und übergab ihr ein längliches, fest verschnürtes und versiegeltes Päckchen.

 

Sie beschrieb ihr den geheimnisvollen Pierre genau.

 

»Vor allem aber kennst du mich nicht«, schärfte sie ihr noch einmal ein, »und du hast auch das Haus Curzon Street Nr.508 nie in deinem Leben betreten. Und zu dem Mann sagst du weiter nichts als: ›Dies ist für Madame.‹«

 

Audrey wiederholte die Worte.

 

»Welche Umstände für eine solche Kleinigkeit!« meinte sie dann. »Ich komme mir fast wie eine Verschworene vor.«

 

Nachdem sie das Päckchen in einer inneren Manteltasche verborgen hatte, verließ sie das Haus und entfernte sich in der Richtung nach Park Lane. Martin folgte ihr, behielt sie im Auge, bis sie in einen Omnibus stieg, und fuhr dann in einem Mietauto hinter ihr her.

 

Vor dem Charing Cross-Bahnhof stieg Audrey ab und eilte in die große Halle. Dort wimmelte es von Menschen, und es dauerte eine Weile, bis sie Pierre entdeckte, einen untersetzten, flachsbärtigen Mann mit einem kleinen Muttermal auf der linken Backe, das ihr als Erkennungszeichen dienen sollte. Ohne weiteres zog sie das Päckchen aus dem Mantel, ging auf ihn zu und sprach ihn mit den verabredeten Worten an.

 

Er schaute sie forschend an und ließ das Päckchen so schnell in seine Tasche gleiten, daß sie seiner Bewegung kaum zu folgen vermochte.

 

»Bien!« sagte er. »Wollen Sie Monsieur danken und –«

 

Er fuhr blitzschnell herum, aber der Mann, der ihn am Handgelenk gepackt hatte, ließ sich nicht abschütteln. Im selben Augenblick wurde auch Audrey am Arm gefaßt.

 

»Kommen Sie mit, meine Liebe«, sagte eine freundliche Stimme zu ihr. »Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard.«

 

Plötzlich stockte er jedoch und starrte entsetzt in ihr Gesicht.

 

»Meine Bettelprinzessin!« sagte er leise.

 

»Bitte, lassen Sie mich los!« Schreckliche Angst packte Audrey, und sie versuchte sich freizumachen. »Ich muß zu –« Noch rechtzeitig verstummte sie.

 

»Sie wollen natürlich zu Mrs. Elton«, ergänzte er.

 

»Nein, ich kenne keine Mrs. Elton«, erwiderte sie atemlos.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich fürchte, darüber müssen wir noch genauer sprechen. Ich möchte Ihren Arm nicht festhalten. Wollen Sie mich so begleiten?«

 

»Sie – Sie verhaften mich?« keuchte sie.

 

Er nickte ernst.

 

»Ich muß Sie leider festnehmen, bis eine gewisse Angelegenheit aufgeklärt ist. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in Unwissenheit gehandelt haben. Aber Ihre Schwester ist keineswegs unschuldig.«

 

Sprach er von Dora? Das Herz wurde ihr schwer, aber sie nahm sich zusammen.

 

»Ich will gern mit Ihnen sprechen und keinen Fluchtversuch machen. Aber ich komme nicht von Mrs. Elton, und sie ist nicht meine Schwester. Ich habe heute nachmittag geflunkert, als ich das behauptete.«

 

Er winkte ein Auto heran, gab dem Chauffeur Anweisung, wohin er fahren sollte, und half ihr beim Einsteigen.

 

»Sie lügen, um Ihre Schwester und Bunny Elton zu schützen«, sagte er unterwegs.

 

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, aber eins wußte sie jetzt klar: es war kein Miniaturbild gewesen, das sie Pierre übergeben hatte. Es war etwas ganz anderes – etwas Entsetzliches!

 

»Was war in dem Paket?« fragte sie tonlos.

 

»Die Diamantenkette der Königin von Griechenland, wenn ich nicht sehr irre. Man überfiel sie und riß ihr das Kollier vom Hals.«

 

Audrey richtete sich auf, und ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht. Dora!

 

»Sie wußten natürlich nicht, um was es sich handelte«, sagte er, als ob er zu sich selbst spräche. »Es ist in diesem Fall eine furchtbare Zumutung an Sie, aber Sie müssen die Wahrheit sagen – auch wenn es für Ihre Schwester ein Schicksal bedeutet, das sie längst erwartet.«

 

Das Auto schien sich im Kreise zu drehen. »Tu alles, was du kannst, für Dora…« Die beharrliche Mahnung ihrer Mutter dröhnte ihr in den Ohren. Sie zitterte heftig, und ihr Gehirn war plötzlich wie gelähmt.

 

Sie wußte nur, daß sie verhaftet war – sie, Audrey Bedford!

 

»Ich habe keine Schwester«, log sie, und atmete schwer. »Ich habe die Kette gestohlen.«

 

Als sie sein freundliches Lachen hörte, hätte sie ihn ermorden mögen.

 

»Sie armes, liebes Baby! Der Überfall wurde von drei erfahrenen Banditen ausgeführt. Nun hören Sie einmal zu. Ich gestatte Ihnen nicht, daß Sie diesen tollen Plan in die Tat umsetzen und sich einfach für diese Leute opfern. Wußten Sie denn nicht, daß Dora Elton und ihr Mann zu den gefährlichsten Verbrechern Londons gehören?«

 

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.

 

»Nein, nein –« schluchzte sie. »Ich weiß nichts … sie ist nicht meine Schwester.«

 

Dick Shannon seufzte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie anzuklagen.

 

Pierre war schon vor ihnen auf der Polizeistation eingetroffen, und Audrey sah entsetzt zu, als man ihn durchsuchte, das Päckchen öffnete und seinen blitzenden Inhalt auf dem Schreibtisch niederlegte. Dann nahm sie Shannon freundlich an der Hand und führte sie hinter die Stahlschranke.

 

»Name: Audrey Bedford«, sagte er. »Adresse: Fontwell, West Sussex. Sie wird beschuldigt, im Besitz gestohlenen Gutes gewesen zu sein und gewußt zu haben, daß es sich um gestohlenes Gut handelte. – Nun sagen Sie die Wahrheit!« flüsterte er ihr zu.

 

Aber sie schüttelte den Kopf.

 

Kapitel 7

 

7

 

Lacy Marshalt saß in seinem Frühstückszimmer und verglich ein Foto mit der Momentaufnahme eines unternehmenden Pressefotografen, die in einer Zeitung wiedergegeben war: ein junges Mädchen, das in Begleitung eines Polizisten und einer Gefängniswärterin ein Auto verließ.

 

Tonger kam hereingeschlüpft.

 

»Haben Sie geklingelt, Lacy?«

 

»Ja, vor zehn Minuten. Und nun ein für allemal: ich verbitte mir diese Anrede!«

 

Der kleine Mann rieb sich vergnügt die Hände.

 

»Ich hab‘ einen Brief von meinem Mädel bekommen«, sagte er. »Sie ist in Amerika und gut bei Kasse – wohnt in den ersten Hotels. Ein schlaues Kind!«

 

Lacy faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.

 

»Mrs. Elton wird gleich hier sein. Sie kommt durch die Hintertür. Erwarte sie dort und führe sie durch den Wintergarten in die Bibliothek. Wenn ich klingle, bringst du sie auf demselben Weg wieder zurück.«

 

Als Dora kaum fünf Minuten später in der Bibliothek erschien, stand Lacy vor dem Kaminfeuer.

 

»Ich habe meine liebe Not gehabt, um herzukommen«, sagte sie. »Konnte es denn nicht nachmittags sein? Ich mußte Martin allerlei vorlügen. Gibt es denn nicht wenigstens einen Kuß?«

 

Er neigte sich zu ihr und streifte ihre Wange mit den Lippen.

 

»Was für ein Kuß!« spottete sie. »Nun, und –?«

 

»Dieser Juwelenraub! Die Polizei scheint anzunehmen, daß das angeklagte junge Mädchen deine Schwester ist?«

 

Sie schwieg.

 

»Ich weiß natürlich, daß du eine Diebin bist. Ich kenne Stanford von Südafrika her, und er gehört zu deiner Bande. Aber dieses Mädchen – ist sie auch daran beteiligt?«

 

»Du weißt, wie weit sie beteiligt ist«, erwiderte sie unmutig. Sie war schließlich nicht unter soviel Gefahren hierhergekommen, um über Audrey zu sprechen. »Übrigens stand hinten ein Mann und beobachtete das Haus, als ich herkam. Er sah aus wie ein Gentleman, hager und vornehm, und er hinkte –«

 

»Was?« Lacy packte sie am Arm. Er war bleich geworden. »Du belügst mich!«

 

Sie riß sich erschrocken los.

 

»Was soll denn das heißen?«

 

»Ach, es sind die Nerven! Sie ist also deine Schwester?«

 

»Meine Stiefschwester«, murmelte sie.

 

»Ihr hattet verschiedene Väter?«

 

Sie nickte.

 

Er schwieg eine Weile und lachte dann unheimlich auf.

 

»Und sie geht ins Gefängnis – um dich zu retten? – Nun, mir kann es recht sein. Ich habe Zeit.«

 

Kapitel 8

 

8

 

Audrey war fest geblieben, hatte ihre Schwester nicht verraten und war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden. An einem trüben Dezembermorgen wurde sie wieder aus dem Holloway-Gefängnis entlassen. Sie ging in der Richtung nach Camden Town davon, stieg in eine Straßenbahn und fuhr zum Euston- Bahnhof.

 

Ihr Gesicht war ein wenig schmaler geworden, und die Augen blickten ernster, aber es war die alte Audrey, die sich in einem Restaurant eine große Portion gebratener Nieren mit Ei bringen ließ. Neun Monate lang hatte das monotone Leben im Gefängnis sie zermürbt. Zweiundsiebzig Stunden in der Woche hatte sie mit dem Abschaum der Unterwelt verbracht, ohne auf das Niveau dieser Leute herabzusinken, und ohne sich ihnen maßlos überlegen zu fühlen. In bitteren Nächten hatte sie verzweifeln wollen, weil man ihr solches Unrecht angetan hatte.

 

Trotzdem kam ihr Doras Handlungsweise nicht unnatürlich vor. Sie war immer rücksichtslos und egoistisch gewesen. Nur daß ihre Schwester im Charakter soviel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hatte, schmerzte Audrey.

 

Mit einem Seufzer stand sie auf und ging nach der Kasse, um zu bezahlen.

 

Wohin sollte sie sich nun wenden? Zuerst zu Dora, um sich zu vergewissern, ob sie ihr auch nicht mit ihren Gedanken unrecht getan hatte. Aber bei Tag wäre ein Besuch nicht angebracht gewesen. So machte sie sich denn auf die Wohnungssuche, mietete schließlich ein hochgelegenes Hinterzimmer und machte sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg.

 

In der Curzon Street wurde sie von demselben Mädchen empfangen, das ihr bei ihrem ersten Besuch geöffnet hatte.

 

»Mrs. Elton ist nicht zu sprechen«, erklärte sie schnippisch.

 

Aber Audrey trat ruhig ein.

 

»Gehen Sie nach oben und sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich hier bin.«

 

Das Mädchen eilte hinauf, und Audrey folgte ihr. In der Wohnzimmertür kam ihr Dora in großem Abendkleid entgegen.

 

»Wie kannst du dich unterstehen, hierherzukommen?« fragte sie wütend.

 

Audrey trat ins Zimmer und schloß die Tür.

 

»Ich wollte mir deinen Dank holen«, sagte sie schlicht. »Ich habe etwas Törichtes – etwas Wahnsinniges getan, weil ich Mutter vergelten wollte, was ich ihr schuldig war.«

 

»Ich verstehe nicht, wovon du sprichst.«

 

Martin mischte sich ins Gespräch.

 

»Daß Sie die Stirn haben, hierherzukommen! Sie versuchten, uns ins Verderben zu ziehen. Sie haben Ihre – haben Mrs. Elton mit Schande bedeckt und erscheinen nun hier ganz einfach im Haus. Verdammt unverfroren!«

 

»Wenn du Geld brauchst, so schreibe!« rief Dora und stieß die Tür auf. »Solltest du dich noch einmal hier zeigen, so lasse ich einen Polizisten rufen.«

 

»Das kannst du jetzt schon tun«, entgegnete Audrey kühl. »Ich bin zu gut bekannt mit Polizisten und Gefängniswärtern, um mich durch solche Drohungen einschüchtern zu lassen, liebe Schwester.«

 

Dora machte die Tür rasch wieder zu.

 

»Wenn du es denn durchaus wissen willst – wir sind keine Schwestern«, sagte sie leise und tückisch. »Du bist nicht einmal Engländerin! Dein Vater war Mutters zweiter Mann – ein Amerikaner! Und er sitzt lebenslänglich verurteilt in Kapstadt!«

 

Audrey tastete nach einer Stuhllehne.

 

»Das ist nicht wahr!«

 

»Es ist wahr!« zischte Dora. »Mutter erzählte es mir, und Mr. Stanford kennt die ganze Geschichte. Dein Vater kaufte Diamanten und erschoß den Mann, der ihn verriet. In Südafrika ist der Ankauf von Diamanten ein Kapitalverbrechen, und er brachte Schande über Mutter. Sie nahm einen anderen Namen an und kehrte nach England zurück. Du hast nicht einmal ein Recht auf den Namen Bedford! Sie haßte den Mann so, daß sie alles änderte.«

 

Audrey nickte.

 

»Und Mutter verließ ihn natürlich«, sagte sie halb zu sich selbst. »Sie blieb nicht in seiner Nähe, um ihn zu trösten und sein schweres Los zu erleichtern. Sie verließ ihn einfach. Wie ihr das ähnlich sieht!«

 

Ihre Worte klangen weder boshaft noch erbittert, denn sie hatte die Gabe, Tatsachen objektiv und leidenschaftslos zu betrachten. Langsam hob sie den Blick, bis sie Doras Augen begegnete.

 

»Ich hätte nicht ins Gefängnis gehen sollen. Du bist es nicht wert. Und Mutter ebensowenig. «

 

»Du unterstehst dich, so von unserer Mutter zu sprechen!« schrie Dora wütend.

 

»Ja, sie war auch meine Mutter. Aber sie steht nun jenseits meiner Kritik und deiner Verteidigung. Wie heiße ich denn dann in Wirklichkeit?«

 

»Das kannst du selbst herausbringen!« höhnte Dora.

 

Kapitel 34

 

34

 

Audrey hatte einen fürchterlichen Traum. Es war ihr, als ob sie auf der Kante eines hohen, schmalen Turmes läge, der dauernd hin- und herschwankte. Außerdem quälten sie entsetzliche Kopfschmerzen. Sie fühlte ein dunkles Verlangen nach einer Tasse Tee und streckte die Hand nach der Klingel aus, aber sie griff ins Leere, und nach einiger Zeit wurde ihr klar, daß sie auf einer Matratze am Boden lag, denn ihre tastende Hand berührte den Fußboden. Es war stockdunkel, und sie war sehr durstig. Die Zunge klebte ihr am Gaumen.

 

Schließlich erhob sie sich langsam und unsicher, mußte sich aber an die Wand stützen, um nicht umzusinken. Sie suchte nach einer Tür, fand auch eine und öffnete sie. Sie hatte die unklare Empfindung, daß sie einen langen Gang vor sich hätte, an dessen Ende ein Deckenlicht brannte. Sie ging darauf zu und entdeckte in einem kleinen Raum eine Wascheinrichtung, wo sie sich erfrischen konnte. Sie wusch das Gesicht und trank nachher von dem Wasser, indem sie die Hände als Becher benützte. Dann ließ sie sich auf einer Fensterbank nieder und versuchte nachzudenken.

 

Mühsam ging sie Schritt für Schritt in ihrer Erinnerung rückwärts, und plötzlich entsann sie sich des Sektes, der so abscheulich geschmeckt hatte … Dora!

 

Sie stand immer noch unter dem Einfluß des Betäubungsmittels, aber allmählich drang doch zu ihrem Bewußtsein durch, warum es so dunkel war. Sämtliche Fenster waren durch schwere Läden verschlossen. Vergeblich suchte sie die fest eingerammten eisernen Riegel zu bewegen. Die Anstrengung erschöpfte nur ihre schwachen Kräfte, und sie sank ohnmächtig‘ zu Boden.

 

Als sie wieder zu sich kam, war sie erfroren und steif, aber die Kopfschmerzen hatten bedeutend nachgelassen. Sie trank noch etwas Wasser und kehrte dann in das Zimmer zurück, in dem sie erwacht war. Nach einigem Suchen gelang es ihr, dort Licht zu machen, und nun sah sie, daß die Einrichtung des Raumes nur aus der Matratze und einem zerbrochenen Stuhl bestand. Unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft riß sie eine starke Stange von der Lehne ab, um sie im Notfall als Waffe zu benützen. Dann sank sie erschöpft auf die Matratze nieder und fiel sofort in tiefen Schlaf.

 

Nach einer Weile erwachte sie wieder und richtete sich auf, denn sie hatte jemand sprechen hören. Lautlos schlich sie den Gang hinab bis zu der verschlossenen Tür und lauschte. Die Stimme kam von unten, und als sie sie erkannte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen.

 

Es war Lacy Marshalt! Zitternd kauerte sie sich nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Draußen war es hell, und sie bemerkte die Gestalt eines Mannes.

 

»Hier irgendwo muß es sein!« sagte Marshalt eben wieder.

 

Der Mann draußen schien ebenso angestrengt zu horchen wie sie selbst. Plötzlich drehte er sich um, und sie sah die große Nase, das lange Kinn – Malpas!

 

Mit wankenden Knien flüchtete sie in das Zimmer zurück. Ein furchtbares Grauen hatte sie gepackt und raubte ihr fast den Verstand. Nach wenigen Sekunden klopfte es leise an die Flurtür.

 

Mit angehaltenem Atem starrte sie auf die Tür. Noch zweimal klopfte es, dann wurde es wieder totenstill. Audrey wagte nicht, sich zu rühren. Endlich knirschte ein Schlüssel, es raschelte, dann fiel die Tür wieder zu. Audreys Herz schlug rasend, als sie sich nach einer Weile auf den Gang hinauswagte. Aber dann wäre sie vor Freude fast in Tränen ausgebrochen. Auf dem Fußboden stand ein Tablett mit heißem Kaffee, Brötchen, Butter und kaltem Fleisch, Nachdem sie gierig gegessen und getrunken hatte, klärten sich ihre Gedanken, und sie begann zu überlegen. Was konnte Dora nur veranlaßt haben, sie hier im Haus von Malpas gefangenzuhalten? Sie drehte alle Lichtschalter an, die sie finden konnte, und öffnete auch den Wasserhahn wieder. Die Helligkeit und das plätschernde Wasser übten eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Ab und zu ging sie an die Flurtür, aber draußen herrschte tiefe Stille.

 

Erst als sie zum siebtenmal hinaustrat, hörte sie jemand die Treppe herabkommen. Rasch kniete sie nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Eine dunkle Gestalt glitt an der Tür vorüber und hielt auf dem breiten Treppenpodest an. Nun sah sie den Mann deutlich. Er trug einen langen Mantel und einen Schlapphut. Jetzt streckte er die Hand aus, und ein Teil der Wand öffnete sich – eine etwa sechs Zoll große Tür, die so gut durch die Tapete verdeckt war, daß nicht einmal Shannons geübtes Auge sie entdeckt hatte. Er griff mit der Hand hinein, eine blaue Flamme zuckte auf, und das Licht im Flur erlosch. Dann kam er auf die Tür zu.

 

Audrey sah, wie das Ende des Schlüssels in das Loch fuhr, wandte sich mit einem entsetzten Schrei um, rannte in ihr Zimmer zurück, schlug die Tür fest zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen … »

 

Die Flurtür öffnete sich …

 

Kapitel 35

 

35

 

Um vier Uhr morgens kehrte Dick nach Hause zurück, nachdem er Marshalt zu seiner Wohnung begleitet und sich an Stanfords Verlegenheit über diese unvermutete Auferstehung ergötzt hatte. In seinem Arbeitszimmer fand er zwei Herren: den übermüdeten, aber ausdauernden Willitt und –

 

»Mr. Torrington! Sie sind hier?«

 

Der Mann war vollständig verwandelt. Es war nichts mehr von dem leicht spöttischen Ton zu hören, in dem er sonst so gern sprach.

 

»Ich warte sehnsüchtig auf Sie, Captain! Meine Tochter ist verschwunden –«

 

»Ihre -?«

 

»Meine Tochter – Audrey. Ach, Sie wissen wohl nicht, daß sie meine Tochter aus zweiter Ehe ist?«

 

Dick starrte ihn entgeistert an.

 

»Audrey – verschwunden?«

 

»Gestern abend ging sie aus und kam nicht zurück. Ich sagte ihr, sie solle den Abend nach ihrem Belieben verbringen, weil ich eine Verabredung mit Elton hatte.« Er berichtete in kurzen Zügen über die Besprechung, die er mit Martin gehabt hatte, »Natürlich waren mir alle Tatsachen bekannt, und er war noch nicht zu Ende, als ich seine Absicht längst durchschaut hatte. Ich gab Auftrag, Audrey gleich nach ihrer Rückkehr zu mir zu bitten. Um elf war sie noch nicht zurück, und als ich um Mitternacht nach ihr fragen ließ, war sie auch noch nicht da. Nun weiß ich ja, daß junge Mädchen heutzutage bis in die späte Nacht hinein unterwegs sind, und machte mir keine Sorgen, bis es eins und schließlich zwei wurde. Dann rief ich Scotland Yard an, und als sie dort nichts von Ihnen wußten, konnte ich es nicht länger aushalten und kam hierher.«

 

»Wohin wollte sie denn gehen?« fragte Dick schnell.

 

»Ich weiß es nicht, und im Hotel hat sie auch nichts davon erwähnt.«

 

»Wir müssen in ihren Zimmern nachsehen«, erwiderte Dick und fuhr mit Torrington zu dem Ritz- Carlton zurück.

 

In Audreys Papierkorb fand er einen zerrissenen Brief, den er wieder zusammensetzte und las.

 

»Ich muß zu Elton«, sagte er dann kurz. »Sie brauchen nicht mitzukommen.«

 

Es dauerte ziemlich lange, bis Martin herunterkam. Er trug einen Schlafrock, aber Spuren von Zigarrenasche über einem Knopf verrieten, daß er nicht aus dem Bett aufgestanden war.

 

»Ist Ihre Frau auf? Ich muß Sie beide sprechen«, sagte Dick in befehlendem Ton.

 

Einige Minuten später erschien Dora.

 

»Sie wünschen mich zu sprechen, Captain Shannon?«

 

»Ich will wissen, wo Audrey Torrington ist.«

 

»Das weiß ich nicht –« begann sie.

 

»Hören Sie zu, Mrs. Elton. Ihre Schwester kam auf Ihre Einladung hin zu Ihnen. Sie ist gegen sechs hier eingetroffen …« Er unterbrach sich. »Rufen Sie Ihr Mädchen!«

 

Dora machte allerhand Einwendungen, aber Dick war unerbittlich, so daß Martin sich schließlich bequemte, hinaufzugehen und sie zu rufen. Zu seiner Verwunderung kam das Mädchen sofort vollständig angekleidet und in Hut und Mantel heraus.

 

»Nanu!« rief er verwundert, faßte sich aber sofort wieder. »Captain Shannon wünscht Sie zu sprechen. Er fragt nach der Schwester meiner Frau. Sie hat ja gestern abend hier gegessen. Sagen Sie ihm doch, daß Sie die ganze Zeit im Haus waren und gesehen haben, wie sie fortging.«

 

Sie folgte ihm schweigend.

 

»Weshalb sind Sie denn angezogen?« rief Dora ärgerlich, als das Mädchen eintrat.

 

Aber Shannon fiel ihr ins Wort.

 

»Bitte, beantworten Sie erst meine Fragen. Miß Audrey Torrington, die Sie als Miß Bedford kennen, war gestern zu Tisch hier?«

 

»Ich glaube, ja. Ich war nicht zu Hause, als sie kam, und ich habe sie auch nicht fortgehen sehen. Mrs. Elton schenkte mir ein Theaterbillett und entließ die Köchin, so daß nur drei Menschen im Hause waren: Mr. und Mrs. Elton und Miß Bedford.«

 

»Ich war nicht hier!« warf Martin ein. »Ich war im Klub.«

 

»Sie waren oben, aber hier im Haus«, erwiderte das Mädchen gelassen. »Ich habe Miß Bedford nicht fortgehen sehen, weil ich am anderen Ende der Straße mit einem unserer Leute sprach. Ich sah eine Droschke wegfahren, und als ich dann nach Hause kam, war Miß Bedford wohl wirklich fort.«

 

»Einer von Ihren Leuten –? Wie soll ich das verstehen?« fragte Dick.

 

Sie zog einen kleinen silbernen Stern aus der Tasche.

 

»Ich bin bei Stormer angestellt, ebenso wie das letzte Mädchen Mrs. Eltons. Ich erwartete Sie schon, aber ich kann Ihnen nur eins sagen: hier im Haus ist Miß Bedford nicht. Ich habe es bereits bis auf den letzten Winkel durchsucht. Als ich den Ecktisch abräumte, habe ich den Weinrest aus Miß Bedfords Glas in dieses Fläschchen geschüttet.« Sie reichte Dick eine kleine Medizinflasche. »Und dies fand ich nachher in Mrs. Eltons Schmuckkasten.«

 

Dora griff blitzschnell nach der blauen Phiole, aber das Mädchen war auf der Hut und legte sie in Dicks ausgestreckte Hand.

 

»Es riecht nach Butyl«, sagte sie.

 

»Sie hören, was diese Dame aussagt, Elton. Wo ist Audrey?« fragte Dick mit gefährlicher Ruhe.

 

»Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie dafür zahlen«, erwiderte Martin. »Nein, nicht Geld! Aber ich verlange vierundzwanzig Stunden für Dora und. mich, um England verlassen zu können. Wenn Sie mir das gewähren, will ich Ihnen sagen, wo sie ist. Und ich rate Ihnen, auf die Bedingung einzugehen, Shannon. Sie ist in größerer Gefahr, als Sie ahnen. Versprechen Sie es mir?«

 

»Ich verspreche nichts. Sie entkommen lassen? Nein! Nicht einmal, wenn Audreys Leben auf dem Spiel stände. Wo ist sie?«

 

»Bringen Sie das doch selbst heraus!« rief Dora höhnisch.

 

Dick sagte kein Wort, zog ein Paar Handschellen aus der Hüfttasche und legte sie um Martins Handgelenke. Elton leistete keinen Widerstand, aber sein Gesicht wurde plötzlich grau und alt. Im nächsten Augenblick war auch seine Frau gefesselt.

 

Als Dick die beiden nach der Polizeiwache gebracht hatte, wandte er sich noch einmal an die Agentin Stormers.

 

»Haben die zwei kürzlich Besuch gehabt?«

 

»Ja, Stanford war bei ihnen, und sie zankten sich.«

 

»Glauben Sie, daß Stanford damit zu tun haben könnte?«

 

»Ich weiß nicht recht. Gute Freunde scheinen sie nicht zu sein.«

 

»Hm! Als ich ihn diese Nacht sah, schien er mir jedenfalls nichts auf dem Gewissen zu haben«, meinte Dick und reichte ihr zum Abschied die Hand.

 

Dann ging er aber doch zum Portman Square, wo er lange klopfen und schellen mußte, bis Stanford schließlich in Person erschien und ihm aufmachte. Beim Anblick des Detektivs schrak er leicht zusammen.

 

»Wo ist Miß Bedford?« fragte Dick laut und schroff. »Überlegen Sie Ihre Antwort; Stanford! Eltons sitzen bereits im Loch, und für Sie ist auch noch in der Zelle Platz!«

 

Der Mann starrte ihn wie betäubt an und suchte nach Worten.

 

»Was ist denn mit Audrey Bedford?« erwiderte er schließlich mit stockender Stimme. »Und wie soll ich etwas über sie wissen? Ich war den ganzen Abend hier. Sie haben mich doch selbst gesehen. Und mit Elton hab‘ ich mich überworfen…«

 

»Wer ist da?« ertönte eine Stimme von oben, und gleich darauf kam Marshalt im Schlafrock die Treppe herunter.

 

»Audrey Bedford ist verschwunden«, entgegnete Dick. »Sie scheint betäubt und entführt worden zu sein, und ich habe Grund zu der Annahme, daß Stanford von der Sache weiß.«

 

Die drei Männer gingen zusammen nach oben, aber Stanford leugnete beharrlich.

 

»Ich kann Sie auch abgesehen von dieser Geschichte festnehmen!« drohte ihm Dick. »Sie haben den Lederbeutel gekauft, in dem die verschwundenen Diamanten lagen. Der Kaufmann Waller in der Regent Street hat das ausgesagt. Nun, wollen Sie jetzt sprechen?«

 

Marshalt machte ein erstauntes Gesicht.

 

»Antworten Sie jetzt, Stanford!«

 

»Ich habe nichts zu sagen. Was Sie da von dem Beutel erzählen, ist einfach Blech!«

 

»Kennen Sie Slick Smith?«

 

»Gesehen hab ich ihn mal.«

 

»Nun, wenn ich Sie brauche, werde ich Sie schon finden, und wenn es sich herausstellt, daß Sie an dieser Entführung beteiligt sind, sollen Sie es bitter bereuen!«

 

Trotz der kurzen Entfernung schlief Dick zwischen dem Portman Square und dem Ritz-Carlton fest ein und mußte von dem Chauffeur geweckt werden.

 

»Sie sind ja vollständig fertig!« sagte Torrington teilnahmsvoll, als er ihn sah.

 

Gegen fünf Uhr kehrte Dick völlig erschöpft heim, schlief ein paar Stunden wie ein Toter und ging dann um neun wieder zum Portman Square.

 

Seine Autodroschke war kaum um die Ecke gebogen, als aus einem gegenüberliegenden Portal Slick Smith heraustrat. Er mußte sehr vorsichtig sein, denn er wußte, daß sämtliche Polizisten Londons nach ihm Ausschau hielten. Aber er hatte Glück, denn eben kam ein Mietauto vorüber, und im nächsten Augenblick befand er sich auf Dicks Fährte. Sobald er sich davon überzeugt hatte, daß der Detektiv einen Besuch bei Marshalt machen wollte, stieg er aus und entließ den Chauffeur. Zwei Minuten später schlüpfte ein untersetzter Mann in das Hoftor des Malpas’schen Hauses, ohne daß die in der Hintergasse beschäftigten Kutscher und Chauffeure ihm irgendwelche Beachtung schenkten.

 

Unterdessen ersuchte der Detektiv Mr. Marshalt, mit ihm zu Malpas zu gehen und ihm an Ort und Stelle zu schildern, was ihm dort zugestoßen war. Dick hatte einen Schlüssel, und als sie eingetreten waren, schob er einen in der Halle liegenden Holzklotz mit dem Fuß unter die Haustür, um sie offenzuhalten. Oben bat er Marshalt, sich dorthin zu stellen, wo ihn der Schuß getroffen hatte.

 

Lacy ging auf die verhängte Nische zu.

 

»Hier stand Malpas, und ich stand dort, wo Sie jetzt stehen«, sagte er.

 

Im selben Augenblick fiel die Tür krachend ins Schloß.

 

»Was ist das?« rief Lacy.

 

Dick versuchte, die Tür zu öffnen, aber es gelang ihm nicht.

 

»Wo ist Stanford?« fragte er.

 

»Irgendwo in meiner Wohnung. Wer hat denn das getan?«

 

»Das werde ich heute noch feststellen, und Sie sollen mir dabei helfen. Ah, da geht sie schon wieder auf!«

 

Sie gingen ins Treppenhaus hinaus und schauten über das Geländer nach unten, aber es war nichts zu sehen. Als sie ins Zimmer zurückkehrten, zog Dick den Vorhang im Alkoven beiseite, fuhr aber mit einem Schrei zurück. Auf dem schwarzen Marmorsockel lag mit schlaff herabhängendem Kopf – Bill Stanford!

 

Dick neigte sich über ihn.

 

»Er ist nicht tot, aber es ist höchste Zeit, ihm zu helfen«, sagte er hastig.

 

Marshalt eilte in sein Haus zurück, um die Unfallstation anzurufen.

 

Dick untersuchte inzwischen den Unglücklichen und entdeckte drei Schußwunden: eine an der Schulter, eine dicht unter dem Herzen und die dritte am Hals. Der ganze Sockel war mit Blut überströmt, und Dick bemühte sich, den Bluterguß aus der Schulter zu stillen, als die schrille Klingel des Krankenwagens ertönte. Sanitäter kamen herauf und hoben den Bewußtlosen auf eine Bahre.

 

»Wie ist das nur zugegangen?« fragte Marshalt düster.

 

»Ich verließ ihn in einer Vorratskammer, wo ich allerlei Sachen aufbewahre. Wir hatten einen Wortwechsel, weil er meiner Meinung nach etwas über Audreys Verschwinden weiß, und er sagte, er würde das Haus verlassen. Sicher ist er dort umgebracht worden, nachdem wir fortgegangen waren.«

 

»Haben Sie bemerkt, daß er keinen Kragen und Schlips trug?« fragte Dick nachdenklich.

 

»Ja, das fiel mir auch auf. Vorher hatte er beides an.«

 

»Zeigen Sie mir doch einmal, wo er war«, erwiderte Dick.

 

Die beiden gingen nach Lacys Haus zurück. In der Vorratskammer waren Stanfords Kragen und Schlips über einem Zapfen aufgehängt. Sonst konnte Dick nichts Auffälliges bemerken. Die Dienstmädchen sagten aus, daß sie Stanford kurz vor Dicks Ankunft in der Vorratskammer gesehen hätten. Auch eine Untersuchung von Stanfords bescheidenem Gepäck führte zu keinem Ergebnis.

 

Kapitel 36

 

36

 

Nachdem Shannon bitter enttäuscht gegangen war, saß Marshalt noch lange Zeit mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch. Schließlich klingelte er und erklärte den beiden noch im Haus befindlichen Mädchen, daß er seinen Haushalt auflösen müsse, weil er England zu verlassen gedenke. Er zahlte ihnen ihren Lohn aus und beobachtete von der Treppe aus, wie sie sich mit ihrem Gepäck entfernten. Er verschloß und verriegelte die Haustür sorgfältig und kehrte dann in sein Arbeitszimmer zurück. Eine halbe Stunde später weckten ihn heftiges Klingeln und Klopfen an der Haustür aus seinen Grübeleien. Vorsichtig schaute er durch das Fenster nach unten und sah auf den Stufen vor der Haustür Martin und Dora Elton. Auch Torrington war bei ihnen. Er erkannte ihn sofort wieder, obwohl er ihn seit langen Jahren nicht gesehen hatte. Und hinter diesen dreien standen ein Polizeiinspektor und vier Kriminalbeamte in Zivil.

 

Marshalt nahm einen Pfriemen und einen flachen Griff aus der Tasche und befestigte sie aneinander. Dann ging er auf den Kamin zu und steckte den Pfriemen tief in das Schnitzwerk des Gesimses. Sein Handgelenk bewegte sich, und der ganze Kamin drehte sich plötzlich lautlos um einen verborgenen Zapfen. Zu seiner Rechten befand sich das große Götzenbild, zu seiner Linken der umgedrehte Kamin. Nun öffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch, zog unter einem falschen Boden eine Schachtel hervor und machte sich eine Weile mit dem Inhalt zu schaffen. Eine Perücke, eine Hängenase, ein langes, spitzes Kinn wurden mit wenigen geschickten Griffen befestigt.

 

Dann trat er in den halbkreisförmigen Kaminvorsatz und drehte den Pfriemen wieder, diesmal nach der andren Seite. Als Wand und Kamin herumschwangen, stemmte er den Fuß auf, um einen heftigen Stoß zu verhüten. Der ungeschickte Tonger hatte das einmal versäumt, so daß eine glühende Kohle in Malpas Zimmer geflogen war. Wieder trat der Pfriemen in Tätigkeit, und der Kamin schwang zurück. Marshalt nahm das Instrument auseinander und legte die beiden Teile in seine Geldbörse. Dann stieg er langsam die Treppe hinauf.

 

Audrey war da. Nur widerstrebend hatte Stanford es eingestanden. Und nun würde dieses Trauerspiel, das ihm sein Vermögen und beinahe auch sein Leben gekostet hätte, bei Audrey enden – bei der es begonnen hatte. Seine Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln, das auf seinem Gesicht zu gefrieren schien.

 

Aber plötzlich verjagte ein Gedanke das Lächeln. Wie kam es, daß sich die Tür geschlossen und geöffnet hatte, während er mit Shannon in dem Zimmer stand? Hatte das eine besondere Ursache? Schließlich zuckte er die Schultern. Das Wetter und tausend andere Dinge konnten auf die elektrische Verbindung einwirken …

 

Nun lauschte er vor der Tür, hörte leichte Schritte im Gang und lächelte wieder. Er öffnete das Schränkchen an der Treppe, legte einen Hebel um und wußte, daß es drinnen dunkel sein würde, wenn er nach seiner Beute suchte.

 

Als er den Schlüssel umdrehte, hörte er, wie Audrey den Gang entlang lief und die Tür zuschlug. Sie war da – er fühlte es!

 

»Komm her, mein Schatz! Diesmal entwischst du mir nicht wieder!«

 

Er hörte etwas huschen und versperrte die Tür mit beiden Armen.

 

»Dein Liebhaber, der blöde Shannon, und seine Kumpane stehen unten! Dein Vater ist auch dabei! Du wußtest wohl gar nicht, daß du einen Vater hast? Er wird dich zu sehen bekommen – nachher!«

 

Plötzlich sprang er zu und packte einen Arm, aber es war nicht der Arm, den er erwartet hatte. Und jetzt zuckte vor ihm ein seltsamer, schauerlich grüner Lichtschein auf. Er gewahrte sein eigenes Gesicht – Nase, Kinn, Kopf!

 

Ein anderer – grauenhafter, ungeheuerlicher Malpas hielt ihn fest.

 

»Gott, was ist das?« schrie er entsetzt und versuchte, sich freizumachen.

 

»Kommen Sie mit!« sagte eine hohle Stimme.

 

Mit einem wilden Schrei schlug Lacy zu und ergriff die Flucht. Im gleichen Augenblick flammte das Licht auf, und als er sich umwandte, erblickte er sein Ebenbild – Malpas! Aber er selbst war doch Malpas!

 

»Zur Hölle mit dir!« keuchte er und zog den Revolver.

 

Er feuerte einmal – zweimal –

 

»Sparen Sie sich die Mühe, mein Freund!« sagte sein Doppelgänger. »Die Patronen sind blind – ich habe sie ausgewechselt.«

 

Wütend schleuderte Lacy ihm die Waffe ins Gesicht. Der Mann duckte sich, und im nächsten Moment sprang er Marshalt an die Kehle.

 

Und irgendwo im Dunkeln stand Audrey und krampfte in Todesangst die Hände ineinander.

 

Kapitel 37

 

37

 

Unterdessen hatte sich auch Dick vor Marshalts Haus eingefunden, und da alles Klopfen kein Gehör fand, verschafften sich die Leute eine kurze Brechstange, der das Schloß zu weichen begann.

 

»Sie ist hier – ganz sicher?«

 

Martin nickte.

 

»Stanford nahm sie gestern abend mit und sagte, er wollte sie in das Haus von Malpas bringen.«

 

Die Tür von Nr. 551 hatte Dick schon zu öffnen versucht, aber sie war elektrisch gesperrt.

 

Sobald das Schloß nachgab, stürmte Dick als erster ins Haus und eilte geradenwegs zu dem Arbeitszimmer hinauf. Er wußte jetzt, daß der Weg nur durch den Kamin gehen konnte. Das Loch war denn auch bald gefunden, und sobald sich Tongers selbstgefertigter Pfriemen darin drehte, schwang der Kamin herum und gab den Blick in Malpas Zimmer frei.

 

»Rühren Sie den Griff nicht an!« rief er warnend, stellte rasch die elektrischen Sperrhebel ab und rannte durch die offene Tür, als er zwei Schüsse vernahm. Totenbleich hielt er eine Sekunde an, aber dann stürzte er um so schneller vorwärts.

 

Als er die Tür erreichte, kamen zwei Männer heraus – zwei Männer, die einander so vollkommen glichen, daß er fast die Fassung verlor.

 

»Hier ist der Schurke«, sagte der kleinere und übergab seinen mit Handschellen gefesselten Gefangenen den wartenden Polizisten.

 

Dann riß er mit einem Ruck Nase, Kinn und Perücke ab.

 

»Ich glaube, Sie kennen mich?«

 

»Ja, sehr gut«, erwiderte Dick. »Sie sind Slick Stornier – oder, wenn Sie das lieber hören – Slick Smith.«

 

»Wann erkannten Sie mich?«

 

Dick lächelte.

 

»Das müßte ein so kluger Detektiv wie Sie doch wissen!«

 

Dann entdeckte er jemand auf dem Gang, der sich ängstlich fernhielt. Er stürzte auf Audrey zu und zog sie in die Arme.

 

Slick warf einen Blick auf sie und wandte sich dann an Torrington.

 

»Ich kann mir denken, daß Sie Ihre Tochter gern begrüßen möchten, und sie wird sich sicher auch freuen, Sie zu sehen, aber ich glaube, den Herrn kennt sie besser als Sie.«

 

Torrington nickte stumm.

 

 

»Wie Sie mich hier eigentlich einschätzten, war mir nie ganz klar«, sagte Slick Smith, als er abends als liebenswürdiger Gastgeber an einer herrlich geschmückten Tafel präsidierte. »Ich übernahm diesen Auftrag vor nunmehr neunzehn Monaten, als mich Mr. Torrington ins Vertrauen zog und mich ersuchte, Nachforschungen nach seiner Frau und seiner angeblich gestorbenen Tochter anzustellen. Was er mir bei der Gelegenheit von Lacy Marshalt erzählte, interessierte mich nicht nur als Detektiv, sondern auch als Mensch. Nun weiß ich, daß Privatdetektive hierzulande nicht sehr angesehen sind, und teilte deshalb Captain Shannon in meiner Eigenschaft als Mr. Stormer mit, daß ein notorischer amerikanischer Dieb in England eintreffen werde. Ich fügte eine genaue Personalbeschreibung bei und erreichte, was ich wollte. Gleich bei seiner Ankunft wurde ›Slick Smith‹ gewarnt und von diesem Augenblick an dauernd beobachtet. Nun habe ich es mir zur Regel gemacht, daß mich nur drei oder vier meiner Angestellten persönlich kennen dürfen. Das hat für mich den Vorteil, daß diese drei oder vier mich identifizieren können, es aber nicht tun. Ferner konnte ich immer einen von ihnen in meiner Nähe haben, ohne irgendwelchen Argwohn bei meinen Bekannten in der Verbrecherwelt zu erregen. Sie werden sich erinnern, daß mir beständig ein Stormerscher Agent folgte.

 

Ich war auch beauftragt worden, das Verschwinden eines Diamantenvorrats aufzuklären, der aus Torringtons Minen entwendet und nach Ansicht der dortigen Polizei nach England gebracht worden war. In Afrika ist es bekanntlich strafbar, ungeschliffene Diamanten zu besitzen, wenn man sich nicht darüber ausweisen kann. Lacy Marshalt betrieb einen solchen strafbaren Handel seit Jahren und hatte einen regelmäßigen Kurierdienst eingerichtet, um die Steine herüberzuschaffen. Unter verschiedenen Namen hatte er zwei Häuser am Portman Square gekauft und Nr. 551 durch eine italienische Firma mit ungemein klug erfundenen elektrischen Einrichtungen versehen lassen. Lacy ist selbst ein sehr geschickter Mechaniker, und der Kamin und das Götzenbild waren für ihn eine Arbeit, die ihm Freude machte. Den Götzen kaufte er in Durban. Ich stellte das vor ungefähr einem Jahr fest und kannte auch den Mechanismus genau. Aber die Drehzapfenöffnung war Marshalts eigene Erfindung.

 

Die tragische Gestalt in der Geschichte ist Tonger. Marshalt hatte ein Verhältnis mit seiner Tochter angefangen, und als Tonger davon erfuhr, bewog Marshalt das Mädchen, die Schuld auf Torrington zu schieben, und schaffte sie rasch nach New York hinüber. Unter der Bedingung, daß sie das Geheimnis bewahrte und regelmäßig zufriedene Briefe an ihren Vater schrieb, zahlte er ihr monatlich eine angemessene Summe für ihren Unterhalt. Aber sie geriet in schlechte Gesellschaft, begann zu trinken, und kam schließlich in einem Anfall von Verzweiflung nach London. Sie war es, die damals in betrunkenem Zustand zu ihrem Vater flüchtete, als Sie vorüberkamen, Miß Audrey, und sie war es auch, die Sie später im Park tot auffanden. Obwohl Tonger es verheimlichen wollte, entdeckte Marshalt doch, daß sie sich im Haus aufhielt, und in seiner Angst, daß die Wahrheit ans Licht kommen könnte, beschloß er, die Unglückliche aus dem Weg zu räumen. Um sein Vorhaben ausführen zu können, schickte er Tonger unter einem nichtigen Vorwand nach Paris. Er gab dann dem Mädchen eine Flasche mit vergiftetem Kognak und sagte ihr, sie möchte nach dem Park gehen und dort auf ihn warten. Der Plan war geschickt ausgedacht, aber das Unglück wollte es, daß Tonger noch an demselben Abend von dem Tod seiner Tochter erfuhr – und zwar gerade in dem Augenblick, als Marshalt im Nebenhaus auf Miß Audrey wartete. Tonger geriet außer sich, stürzte durch den Kamin in Malpas Zimmer und forderte Rechenschaft von Marshalt. Er gab zwei Schüsse auf ihn ab und hielt ihn für tot, denn er wußte nichts von der kugelfesten Weste. Als Tonger dann nach Nr. 552 zurückkehrte, kam Marshalt wieder zu sich, folgte ihm, schoß ihn nieder und ergriff die Flucht.

 

Vorsichtshalber hatte er für ein Versteck gesorgt. Unter dem Namen eines Rechtsanwalts Crewe hatte er eine prachtvolle Wohnung in den Greville-Gebäuden gemietet, was mir längst bekannt war, da ich nebenan wohnte. Dorthin ging er an jenem Abend, um sich etwas zu stärken und zu erholen, und kehrte dann zurück, um die Diamanten an sich zu nehmen. Das weiß ich, weil ich ihn gesehen habe.«

 

»War es etwa Ihr Gesicht, das ich in jener Nacht durch das Oberlicht sah?« fragte Dick gespannt.

 

»Natürlich!« erwiderte Stormer lachend. »Der Mann auf dem Dach hatte mich selbstverständlich auch gesehen, aber er durfte nichts davon sagen. Klettern ist immer meine Spezialität gewesen, obwohl mir Martin Elton darin noch überlegen ist. Der kam nämlich ohne Strick hinauf.

 

Marshalt war verzweifelt, als sein Diamantenversteck entdeckt wurde, und mit Hilfe Stanfords, den er zu dem Zweck in das Geheimnis einweihen mußte, leerte er das Götzenbild gewissermaßen vor Ihren Augen. Aber Stanford war ungeschickt, und als die Steine in den Beutel gepackt waren, probierte er an dem Mechanismus herum. Das hatte zur Folge, daß der Götze ins Zimmer zurückgedreht wurde. Dabei hatte er das Licht abgestellt und muß den Beutel wohl in seiner Angst aus der Hand gelegt haben, denn der Götze nahm den Beutel mit, als er sich wieder drehte.«

 

»Woran verbrannte ich mir denn eigentlich die Hand?« fragte Steel.

 

»Am Kamin. Sie berührten die heißen Eisenstangen des Rosts, aus dem die Kohlen eben erst herausgenommen worden waren. Stanford brach dann bei Shannon ein und raubte die Steine, während Marshalt den kleinen Autozwischenfall in Szene setzte. Stanford hatte mehr Glück als Marshalt, denn er fand die Steine. Er war übrigens noch im Haus, als Shannon heimkam und seinen Diener in besinnungslosem Zustand entdeckte. Nachdem er die Beute wieder an sich gebracht hatte, verbarg Marshalt die Diamanten in seiner Wohnung in den Greville-Gebäuden. Ich fand sie, als ich dort einbrach, um nach Miß Audrey zu suchen. Natürlich nahm ich den Beutel mit und gab ihn erst heraus, als ich ihn in die rechten Hände legen konnte, ohne selbst verhaftet zu werden. Leider faßte Marshalt aber einen Verdacht gegen Stanford und schoß ihn nieder. Was zwischen den beiden vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber vermutlich erfuhr Marshalt erst bei dieser Gelegenheit, daß Miß Audrey in dem Haus versteckt gehalten wurde. Und da das Spiel nun doch für ihn verloren war, wollte er sich zum Schluß noch an der Tochter des Mannes rächen, den er mehr als alles andere auf Erden haßte und fürchtete. Zu seinem Unglück war ich jedoch häufig im Haus, früher, um die Leute zu beobachten, die ihm Diamanten brachten, und jetzt, weil ich das Geheimnis jener Kammertür lösen wollte. Wenn ich bei ihm einbrach, verkleidete ich mich immer als Malpas. Einmal habe ich die junge Dame mit dem Gesicht halb zu Tode erschreckt.«

 

Er lächelte, und auch Audrey konnte jetzt lächeln, als sie sich daran erinnerte.

 

»Ich habe fürchterlich geschrien, nicht wahr?« sagte sie beschämt.

 

»Ich schreie auch zuweilen«, erwiderte Smith, »oder ich hätte doch wenigstens Lust dazu. – Aber eins muß ich noch erwähnen, obwohl Sie es sich wohl schon gedacht haben, Shannon. Sobald Marshalt die Diamanten zurückerobert hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dramatische Weise wieder aufzutauchen! Und das besorgte er beinahe allzu gründlich. Er stellte sich ins Wasser, legte sich selbst die Handschellen an und wartete mit dem Schlüssel in der einen und einem Revolver in der anderen Hand auf Ihr Erscheinen. Aber Sie kamen etwas später, als er berechnet hatte, und in den fünf Minuten ließ er aus Versehen den Schlüssel zu den Handschellen ins Wasser fallen, so daß er sich nicht wieder befreien konnte. Wenn Sie nicht erschienen wären, hätte er ertrinken müssen. Die Pistole warf er ins Wasser, sobald er auf Sie geschossen hatte. Ich habe sie nachher an mich genommen. Wenn er Sie getötet hätte, wäre seine Unschuld erwiesen gewesen – denn in der Verfassung konnte er allem Anschein nach die Tat nicht begangen haben .– Aber nun möchte ich Sie um Ihr Abzeichen bitten, Miß Torrington!«

 

Etwas überrascht öffnete sie ihre Tasche und reichte ihm den kleinen silbernen Stern.

 

»Danke!« sagte Slick liebenswürdig. »Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel. Ich lasse mir jedesmal den Stern zurückgeben, wenn jemand aus meiner Firma ausscheidet und zu einem Konkurrenzunternehmen übergeht.«

 

Er zwinkerte Shannon vergnügt zu, und beide lachten.

 

Kapitel 5

 

5

 

Dick begrüßte seinen Assistenten Steel, der in seiner Wohnung auf ihn wartete, mit einer Frage.

 

»Wissen Sie etwas über Dora Eltons Verwandte?«

 

»Nein. Hat die denn überhaupt Verwandte?«

 

»Vielleicht weiß Slick darüber Bescheid. Ich habe ihn zu sechs Uhr herbestellt. Ist übrigens die Leiche identifiziert worden?«

 

»Nein. Aber nach den Schuhen und dem Tabaksbeutel zu urteilen, kam der Mann aus dem Ausland, wahrscheinlich aus Südafrika. Vielleicht ist er mit der ›Buluwayo‹ oder der ›Balmoral Castle‹ angekommen. Haben Sie mit dem Bognor-Mann wegen der Diamantenkette gesprochen?«

 

»Ja, aber er behauptet, er hätte sich mit Elton verkracht und wüßte nicht, was der vorhätte. Eltons Haus wird doch bewacht, nicht wahr? – Gut. Ich glaube nicht, daß vor heute abend um dreiviertel neun etwas geschieht. Um diese Zeit wird die Kette die Curzon Street verlassen, und ich werde ihr persönlich nach ihrem Bestimmungsort folgen, weil mir viel daran liegt, das fünfte Mitglied der Bande kennenzulernen. Vermutlich ist es ein Ausländer. Und dann werde ich Dora Elton endlich haben.«

 

»Denken Sie nicht, daß es Bunny sein könnte?«

 

»Der hat wohl Mut, aber doch nicht so viel, daß er mit einer gestohlenen Kette durch London spaziert, die von der gesamten Polizei gesucht wird. Das ist nichts für Bunny. Seine Frau wird es versuchen.« Dick sah auf die Uhr. »Vor einer halben Stunde ist sie angekommen. Ich möchte nur wissen –«

 

In diesem Augenblick erschien Mr. Slick Smith, wie immer sorgfältig gekleidet, selbstbewußt und sorglos. Steel nickte ihm grinsend zu und verließ das Zimmer.

 

»Schön, daß Sie kommen«, sagte Dick Shannon. »Sie haben recht behalten – der Schmuck ist weg, und Elton ist in die Geschichte verwickelt.«

 

Slick zog spöttisch die Augenbrauen hoch.

 

»Wirklich? Nicht zu glauben!«

 

»Lassen Sie Ihre ironischen Bemerkungen. Wissen Sie eigentlich etwas über Mrs. Elton?« fragte Dick und schob ihm die Whiskyflasche zu.

 

»Eine reizende Dame – entzückende Person! Früher war sie ein braves Mädchen, aber eine schlechte Schauspielerin. Vermutlich hat sie Elton geheiratet, um einen besseren Menschen aus ihm zu machen.«

 

»Hat sie eine Schwester?« erkundigte sich Dick gespannt.

 

Slick leerte sein Glas.

 

»Wenn sie eine hat, möge ihr Gott gnädig sein!« erwiderte er.

 

 

Audrey hatte eine Viertelstunde auf dem Victoria- Bahnhof zugebracht und die Anschläge über den Raub der Diamantenkette studiert, während sie vergeblich auf Dora wartete. Schließlich bat sie einen Polizisten um Auskunft und benutzte den von ihm empfohlenen Omnibus, um nach der Curzon Street zu fahren. Ein zierliches Zimmermädchen öffnete ihr.

 

»Mrs. Elton ist beschäftigt«, sagte sie. »Kommen Sie vielleicht von Seville?«

 

»Nein, ich komme aus Sussex. Bitte melden Sie Mrs. Elton, daß ihre Schwester hier ist.«

 

Das Mädchen führte sie in ein kleines Wohnzimmer und ließ sie dort allein. Audrey redete sich ein, daß der Brief, in dem sie Dora ihre bevorstehende Ankunft mitgeteilt hatte, verlorengegangen sein müsse. Die Schwestern standen sich nicht nahe. Dora war vor Jahren zur Bühne gegangen und hatte sich dann kurz vor dem Tod ihrer Mutter »gut« verheiratet. Sie war Audrey stets als hervorragendes Beispiel hingestellt worden, und ihre Mutter hielt sie bis zuletzt für ein Muster von Vollkommenheit, obwohl sie von Dora völlig vernachlässigt wurde.

 

Die Tür öffnete sich plötzlich, und eine junge Frau trat herein. Sie war größer als Audrey und fast ebenso schön wie diese, nur hatten ihre Haare nicht das strahlende Blond und ihre Augen nicht den freundlich-humorvollen Blick Audreys.

 

»Aber liebes Kind, wo kommst du denn her?« fragte Dora Elton bestürzt und streifte mit ihrer schlaffen, ringgeschmückten Hand die Wange der Schwester.

 

»Hast du meinen Brief nicht bekommen?«

 

»Nein. Du bist aber groß geworden, Kind!«

 

»Ja, allmählich zähle ich auch zu den Erwachsenen. Ich habe das Haus verkauft.«

 

Dora sah sie erstaunt an.

 

»Warum denn?«

 

»Es gehörte mir ja längst nicht mehr – es war über und über mit Hypotheken belastet.«

 

»Und nun kommst du hierher? Das ist sehr peinlich. Ich kann dich unmöglich zu mir nehmen.«

 

»Ach, wenn ich nur einmal acht Tage lang hier schlafen könnte, Dora, bis ich Arbeit gefunden habe.«

 

Ihre Schwester runzelte die Stirne und ging auf und ab.

 

»Ich habe Gäste zum Tee«, sagte sie schließlich, »und heute abend ein kleines Diner. Was soll ich mit dir anfangen – in diesem Aufzug? Geh lieber in ein Hotel, schaffe dir elegante Kleider an und komme am Montag wieder.«

 

»Das würde mehr Geld kosten, als ich besitze«, erwiderte Audrey ruhig.

 

Dora kniff die Lippen zusammen.

 

»Wie kannst du einem nur so einfach ins Haus schneien!« rief sie. »Na, warte hier – ich will mit Martin sprechen.«

 

Audrey hatte sich den Empfang kaum anders vorgestellt. Nach einer Weile kam Dora zurück und zeigte ein erzwungen freundliches Gesicht.

 

»Martin meint, du solltest hier bleiben«, erklärte sie und führte ihre Schwester zu einem hübschen Fremdenzimmer im zweiten Stock. »Du hast hier in London wohl gar keine Bekannten?« fragte sie, als sie das elektrische Licht andrehte.

 

»Nein. Aber das ist ja ein entzückendes Zimmer!«

 

»Ich war vorhin vielleicht etwas abweisend, Liebling«, fuhr Dora fort und legte eine Hand auf Audreys Arm. »Du bist mir doch nicht böse deshalb? Ich bin manchmal so nervös. Und du hast Mutter ja versprochen, für mich zu tun, was du könntest.«

 

»Du weißt, daß ich mein Versprechen halte«, entgegnete Audrey.

 

Dora streichelte ihren Arm.

 

»Unsere Gäste brechen schon auf. Du mußt herunterkommen und Mr. Stanford und Martin kennen lernen.«

 

Sie verließ ihre Schwester und ging in den Salon zurück.

 

»Es wäre vielleicht doch besser, sie in ein Hotel zu schicken«, meinte ihr Mann.

 

Dora lachte.

 

»Ihr beide habt euch nun schon den ganzen Nachmittag den Kopf zerbrochen, wie wir das Ding zu Pierre hinschaffen könnten. Keiner von euch wollte sich der Gefahr aussetzen, mit der Diamantenkette der Königin von Griechenland abgefaßt zu werden –«

 

»Nicht so laut!« brummte Elton zwischen den Zähnen.

 

»Hör zu!« rief Big Bill Stanford. »Ich kann mir denken, was du sagen willst, Dora. Wer soll die Kette hinbringen?«

 

»Wer? Natürlich meine kleine Schwester!« erwiderte Mrs. Elton kühl.