Kapitel 5

 

5

 

Der Nebel war noch ebenso dicht und undurchdringlich wie vorher. Die Straßenlaternen verbreiteten ein geisterhaftes gelbes Licht in dem schweren Dunst. Der kleine Zeitungsjunge, der erst die Hälfte seines Auftrages erledigt hatte, eilte dem Fluß zu. Er befreite sich von seinen Zeitungen, indem er sie einfach in einen großen Abfallkasten warf. Dann sprang er geschickt auf einen vorüberfahrenden Autobus, und nach einer halben Stunde hatte er Southwark erreicht. Er bog in eine der engen Straßen ein, die vom Borough abzweigten. Hier brannten nur wenige trübe Gaslaternen, die Nebenstraßen waren enger und düsterer.

 

Er ging einen dunklen und holperigen Weg entlang und sah sich von Zeit zu Zeit um, ob er verfolgt würde.

 

Zwischen den engen Straßenwänden war der Nebel noch dichter, und es herrschte eine warme, stickige Atmosphäre. Die Häuser zu beiden Seiten der Straße waren nicht zu erkennen. Es lag etwas Bedrückendes und Beängstigendes in dieser Enge, doch entsprach das ganz dem Charakter dieses ärmlichen Stadtteils.

 

Manchmal hörte er dicht neben sich einen Gassenhauer, oder er sah das aufgedunsene, rote Gesicht eines halbbetrunkenen Menschen in dem Dunst auftauchen.

 

Aber der Junge befand sich hier in heimatlicher Umgebung und ging flink vorwärts. Er pfiff eine Melodie zwischen den Zähnen und eilte mit einer Gewandtheit, die man nur durch lange Übung erreichen kann, an den langen, schmutzigen Rinnsteinen vorbei, bog vor großen, dunklen Pfützen aus und schlug auch vor den schwankenden Gestalten, die man nur undeutlich durch den Nebel sehen konnte, seine Haken.

 

Während er an der einen Häuserfront entlangging und von Zeit zu Zeit mit der Hand nach einer Mauer tastete, hörte er Schritte hinter sich. Er bog um die Ecke, wandte sich sofort wieder um und stieß dabei mit einem Mann zusammen, der ihn mit großen Händen packte. Ohne zu zögern, beugte sich der Junge vor und biß mit seinen scharfen Zähnen in den haarigen Arm.

 

Mit einem heiseren Fluch ließ ihn der Mann fahren, und der Junge, der flink auf die andere Straßenseite sprang, konnte noch hören, wie er hinter ihm herstolperte und wütend schimpfte. In dem undurchdringlichen Nebel war eine Verfolgung jedoch unmöglich.

 

Als der kleine Bursche die Straße entlanglief, öffnete sich plötzlich eine Tür neben ihm. Ein greller, roter Lichtschein fiel nach draußen, und der schmutzbespritzte Anzug des Jungen wurde hell beleuchtet. Er starrte in die Öffnung hinein.

 

Ein Mann stand in der Tür.

 

»Komm herein«, sagte er kurz.

 

Der Junge gehorchte. Heimlich wischte er sich die Stirn und versuchte, seinen schnellen Atem zu unterdrücken. Er trat in ein unansehnliches Zimmer. Der Fußboden war abgetreten und beschmutzt, die Tapeten hingen von den Wänden herunter. Die Luft war verbraucht und stickig. Nur ein Tisch und ein paar alte Stühle standen in der einen Ecke.

 

Der Junge ließ sich in einen Stuhl fallen und sah seinen Herrn, der ihm schon oft verschwiegene Aufträge gegeben hatte, offenherzig und neugierig an. Aber dann schweiften seine Blicke an dem Mann vorbei zu einer Gestalt, die unter einem schweren, dunklen Mantel auf dem Boden lag. Das Gesicht war der Wand zugekehrt.

 

»Nun?« sprach ihn der Mann mit einer wohlklingenden, gebildeten Stimme an, die gleichwohl einen etwas fremden Akzent hatte. Der Mann war schlank, hatte dunkles Haar und dunklen Bart und ein feingeschnittenes Gesicht. Aber seine Züge waren undurchsichtig und hart wie die einer Sphinx. Er hatte den Abendmantel und den Zylinder abgelegt und stand nun in Gesellschaftskleidung vor seinem kleinen Agenten. Ein großer, vielleicht etwas zu großer Strauß von Parmaveilchen steckte in seinem Knopfloch und verbreitete einen schwachen Duft.

 

Der Junge wußte von seinem Herrn nur, daß er Ausländer war, etwas extravagant lebte, in einem großen Haus in der Nähe des Portland Place wohnte und ihn für seine gelegentlichen Dienste sehr gut bezahlte. Daß dieses große Haus ein Hotel war, in dem Poltavo eine recht hohe Rechnung zu begleichen hatte, konnte er nicht ahnen.

 

Der kleine Bursche erzählte, was er an diesem Abend erlebt hatte, und erwähnte besonders seine letzte Begegnung.

 

Poltavo hörte ruhig zu, setzte sich dann, stützte die Ellbogen auf den Tisch und brütete vor sich hin, indem er sein Gesicht in den Händen verbarg. Ein funkelnder Rubin, der in den Kopf einer Kobra eingesetzt war, glänzte in dem Ring, den er am kleinen Finger trug. Plötzlich erhob er sich wieder.

 

»Das ist alles für heute abend, mein Junge«, sagte er ernst. Er zog seine Brieftasche, nahm eine Pfundnote heraus und drückte sie ihm in die Hand.

 

»Und das«, sagte er leise, indem er ihm eine zweite Pfundnote zeigte und dann in die Hand steckte, »ist für – deine Schweigsamkeit. Hast du mich verstanden?«

 

Der Junge schaute schnell und fast furchtsam auf die ruhende Gestalt, die neben der Wand lag, versprach leise, nichts auszuplaudern, und verließ dann den Raum wieder. Als er draußen im Nebel stand, atmete er tief auf.

 

*

 

Nachdem sich der Bote entfernt hatte, öffnete sich die Tür zu einem anderen Raum, und Mr. Farrington trat heraus. Er war fünf Minuten vor dem Jungen hier eingetroffen. Mr. Poltavo lehnte sich in seinen Stuhl zurück und lächelte Farrington an, der düster auf ihn niederblickte.

 

»Endlich kommt die Sache ins Rollen – die Räder fangen an, sich zu drehen«, sagte er freundlich.

 

Mr. Farrington nickte schwer und schaute in die Ecke, wo die Gestalt auf dem Boden lag.

 

»Sie müssen sich noch schneller drehen, bevor die Nacht um ist«, erwiderte er bedeutungsvoll. »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß wir äußerst vorsichtig zu Werke gehen müssen. Ein einziger Fehltritt, und das ganze Gebäude stürzt zusammen!«

 

»Da haben Sie zweifellos recht«, entgegnete Poltavo liebenswürdig. Er beugte sich nieder, um den Duft der Veilchen einzuziehen. »Aber Sie vergessen etwas. Das große Gebäude, von dem Sie so geheimnisvoll sprechen«, er unterdrückte ein Lächeln, »kenne ich noch gar nicht. Sie haben es in Ihrer ungeheuer vorsichtigen Weise verstanden, mich über diesen wichtigen Punkt vollkommen in Unkenntnis zu lassen.«

 

Er machte eine Pause und sah Mr. Farrington erwartungsvoll an. Ein leises, ironisches Lächeln umspielte seinen Mund. Der leichte Akzent, mit dem er sprach, machte seine Stimme angenehm und reizvoll.

 

»Habe ich nicht recht?« fragte er dann höflich. »Ich stehe, wie Sie neulich sagten, draußen auf der kalten Straße – ich kenne nicht einmal Ihre nächsten Pläne.«

 

Sein Benehmen war vornehm und ruhig, und nur sein schneller Atem verriet seine Erregung.

 

Mr. Farrington bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl.

 

»Es handelt sich um gewisse finanzielle Angelegenheiten«, sagte er leichthin.

 

»Es gibt aber auch noch andere Dinge, die dringend und sofort erledigt werden müssen«, unterbrach ihn Poltavo. »Ich sehe zum Beispiel, daß Ihre rechte Hand in einem Handschuh steckt, der viel größer ist als der linke. Und ich bilde mir ein, daß unter dem weißen Glacéleder ein dünner seidener Verband ist. Für einen Millionär in Ihrer Lage benehmen Sie sich recht sonderbar – ich möchte fast sagen: verdächtig.«

 

»Pst!« Farrington wandte sich um. In seinem Blick lag Furcht.

 

Poltavo übersah diese Unterbrechung. Er legte seine Hand auf Mr. Farringtons Arm und sprach mit seiner wohltönenden, überzeugenden Stimme auf ihn ein.

 

»Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben. Vertrauen Sie sich mir an. Ich spreche hier zu Ihnen, ohne das geringste eigene Interesse daran zu haben. Es wäre wirklich gut, wenn Sie mich ins Vertrauen zögen, denn ich glaube, Sie brauchen jetzt Hilfe, und ich habe Ihnen ja bereits Beweise meiner Fähigkeiten in dieser Beziehung gegeben. Als ich Sie heute nachmittag in Ihrem Hause am Brakely Square aufsuchte, sagte ich Ihnen schon, daß Ihnen ein Mann meiner Art von allergrößtem Nutzen sein könnte. Zuerst waren Sie überrascht, dann wurden Sie argwöhnisch. Als ich Ihnen von meinen Erfahrungen in der Redaktion einer gewissen kleinen Zeitung erzählte, wurden Sie ärgerlich. Ich bin ganz offen zu Ihnen«, sagte er und zuckte die Achseln. »Ich bin ein Abenteurer ohne Geld – kann ich aufrichtiger zu Ihnen sein? Ich nenne mich Graf Poltavo – aber meine Familie hat keinen irgendwie berechtigten Anspruch, einen Adelstitel zu führen. Ich lebe nur von meinem Witz und Verstand und habe mir bis jetzt meinen Lebensunterhalt durch Falschspielen erworben; ich habe fast einen Mord auf dem Gewissen. Ich brauche die wohlwollende Fürsorge eines starken, reichen Mannes – und Sie erfüllen alle Voraussetzungen.« Er neigte sich ein wenig vor und sprach weiter. »Sie sagten mir, ich solle meine Nützlichkeit beweisen nun gut, ich habe die Herausforderung angenommen. Als Sie heute abend ins Theater gingen, wurde Ihnen von einem Boten gesagt, daß der Detektiv T.B. Smith – wirklich ein bewunderungswürdiger Mann – Sie beobachtet und daß er das ganze Theater mit Geheimpolizisten abgesperrt hatte. Ich wählte einen kleinen Jungen als Boten, der Ihnen schon mehr als einmal gedient hat. Damit habe ich Ihnen doch zu gleicher Zeit bewiesen, daß ich nicht nur vollkommen informiert war, welche Schritte die Behörden Ihnen gegenüber ergriffen hatten, sondern daß ich auch wußte, wohin Sie heute abend gehen würden – und daß ich Ihr Geheimnis kannte.«

 

Sein Blick haftete jetzt auf der Gestalt, die von dem dicken Mantel bedeckt war.

 

Er lächelte hintergründig.

 

»Sie sind ein interessanter Mann«, erwiderte Farrington düster. Er schaute auf die Uhr. »Kommen Sie mit mir ins Jollity-Theater – wir können auf dem Weg dorthin die Sache besprechen. Vielleicht fordern wir Mr. Smith heraus«, sagte er lächelnd, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich habe einen sehr guten Freund verloren.« Auch er blickte zu dem schweigend daliegenden Mann. »Sie könnten an seine Stelle treten. Stimmt es, daß Sie etwas von technischen Dingen verstehen, wie Sie mir heute erzählten?«

 

»Ich habe mein Examen als Ingenieur an der Technischen Hochschule zu Padua bestanden und besitze ein Diplom darüber«, entgegnete Poltavo prompt.

 

Kapitel 6

 

6

 

Punkt zehn Uhr, als sich der Vorhang nach dem ersten Akt senkte, wandte sich Lady Dinsmore um und streckte ihre Hand aus, um den ersten der beiden Herren zu begrüßen, die in die Loge traten.

 

»Mein lieber Graf, ich bin sehr böse auf Sie. Ich habe nun schon zu lange auf Sie gewartet und habe diesen jungen Leuten allerhand Gutes über Sie erzählt. Vermutlich waren Sie auch die Veranlassung zu Gregorys plötzlichem Verschwinden?«

 

»Es tut mir unendlich leid!«

 

Graf Poltavo konnte sich den Anschein geben, als ob er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Menschen richtete, mit dem er sprach, und als ob er ihn bis auf den Grund seiner Seele durchschauen wollte. Er konnte wunderbar zuhören, und diese Eigenschaft, verbunden mit einer gewissen Heiterkeit seines Temperamentes, hatte ihn in kurzer Zeit in der Gesellschaft beliebt gemacht, die ihm nun ihre Tore geöffnet hatte.

 

»Bevor Sie mich mit Recht verurteilen, Lady Dinsmore, gestatten Sie, daß ich mich wegen der Verspätung tausendmal bei Ihnen entschuldige.«

 

Lady Dinsmore schüttelte den Kopf und schaute zu Farrington hinüber. Aber der ernste Mann hatte sich auf einem Sessel in der Ecke der Loge niedergelassen und schaute verdrießlich ins Parkett hinunter.

 

»Sie sind einfach unverbesserlich, Graf. Aber nehmen Sie jetzt Platz und bringen Sie ruhig Ihre Entschuldigungsgründe vor. Sie kennen ja meine Nichte – ich glaube, auch Mr. Doughton. Er ist einer unserer kommenden führenden Geister.«

 

Der Graf machte eine Verbeugung und setzte sich neben Lady Dinsmore.

 

Frank, der nur durch ein Nicken kühl auf den Gruß geantwortet hatte, nahm seine Unterhaltung mit Doris sogleich wieder auf. Lady Dinsmore wandte sich an den Grafen.

 

»Was können Sie nun zu Ihrer Rechtfertigung vorbringen?« fragte sie etwas abrupt. »Ich lasse Sie nicht so leichten Kaufes entwischen. Unpünktlichkeit ist ein böses Vergehen, und zur Strafe sollen Sie sagen, weshalb Sie nicht gekommen sind.«

 

Poltavo verneigte sich mit einem strahlenden, liebenswürdigen Lächeln.

 

»Es war eine recht unangenehme geschäftliche Angelegenheit, die meine persönliche Gegenwart erforderte – auch Mr. Farrington mußte zugegen sein.«

 

Lady Dinsmore machte eine abwehrende Geste.

 

»Geschäftliche Dinge können mich nicht versöhnen. Mr. Farrington«, fügte sie mit leiser Stimme vertraulich hinzu, »kann von nichts anderem als von Geschäften sprechen. Als er bei mir wohnte, sandte er dauernd Depeschen, kabelte nach Amerika oder entzifferte Codetelegramme. Weder bei Tag noch bei Nacht war Ruhe im Hause. Schließlich wurde es mir zuviel. ›Gregory‹, sagte ich zu ihm, ›ich dulde es nicht, daß du meine Dienstboten mit deinen extravaganten Trinkgeldern verdirbst und mein Haus zu einem Börsenbüro machst. Es ist besser, daß du deine Hausse- und Baissespekulationen im Savoy-Hotel vornimmst und Doris mir allein überläßt.‹ Diesen Rat hat er auch befolgt«, sagte sie mit einer gewissen Genugtuung.

 

Graf Poltavo schaute sich nach Mr. Farrington um, als hätte er zum erstenmal etwas von dessen merkwürdigem Verhalten gehört.

 

»Geht es ihm gesundheitlich nicht gut?«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Offen gestanden, ich glaube, daß er ein wenig kränkelt. Er macht es aber schlimmer, um nicht an unserer Unterhaltung teilnehmen zu müssen. Er kann Musik an und für sich nicht recht leiden. Doris ist sehr besorgt um ihn, und seitdem sie gemerkt hat, daß es ihm nicht ganz gut geht, ist sie zerstreut. Sie verehrt ihren Onkel – Sie wissen doch, daß sie seine Nichte ist?«

 

Graf Poltavo blickte zu Doris hinüber. Sie saß vorn in der Loge und hatte die Hände leicht im Schoß zusammengelegt. Sie beobachtete das Publikum während der Pause mit einer gewissen Gleichgültigkeit, als ob sie an andere Dinge dächte. Ihre gewöhnliche Harmlosigkeit und ihre frohe Heiterkeit schienen sie im Augenblick ganz verlassen zu haben, und sie war schweigsam, was man sonst nicht an ihr gewöhnt war.

 

»Sie ist wirklich schön«, sagte Poltavo leise vor sich hin.

 

Ein gewisser Unterton in seiner Stimme machte Lady Dinsmore aufmerksam, und sie sah ihn prüfend an.

 

Der Graf erwiderte ihren Blick.

 

»Darf ich eine Frage an Sie richten – ist sie mit Ihrem jungen Freund verlobt?« sagte er leise. »Glauben Sie mir bitte, daß ich nicht nur aus purer Neugierde frage. Ich – ich bin selbst … interessiert.« Er sprach so ruhig und gesetzt wie immer.

 

Lady Dinsmore überlegte schnell.

 

»Ich besitze leider nicht ihr Vertrauen«, antwortete sie schließlich ebenso leise. »Sie ist ein kluges junges Mädchen und fragt niemanden um Rat.« Sie machte eine Pause, fügte dann aber zögernd hinzu: »Sie mag Sie nicht gern, es tut mir leid, wenn ich Ihnen dadurch weh tue, aber das ist ganz offensichtlich.«

 

Graf Poltavo nickte.

 

»Das weiß ich. Würden Sie mir einen aufrichtigen Freundschaftsdienst erweisen und mir mitteilen, warum ich ihr unsympathisch bin?«

 

Lady Dinsmore lächelte.

 

»Ich will sogar noch mehr als das tun«, erwiderte sie freundlich. »Ich will Ihnen Gelegenheit geben, sie selbst danach zu fragen. Frank!« Sie wandte sich nach vorne und klopfte mit ihrem Fächer auf die Schulter des jungen Mannes. »Würden Sie einmal zu mir kommen und mir sagen, was eigentlich Ihr Chefredakteur damit beabsichtigt, daß er all diese schrecklichen Kriegsgerüchte in die Welt setzt? Darunter leidet doch nur die Saison in den Badeorten.«

 

Der Graf erhob sich schweigend von seinem Sessel und nahm den leeren Platz an der Seite der jungen Dame ein. Es herrschte zuerst ein peinliches Schweigen, aber Poltavo ließ sich dadurch nicht einschüchtern.

 

»Miss Gray«, begann er ernst, »Ihre Tante war so liebenswürdig, mir Gelegenheit zu geben, eine Frage an Sie zu richten. Gestatten Sie mir diese Frage?«

 

Doris zog die Augenbrauen hoch, und ihre Lippen kräuselten sich leicht.

 

»Eine Frage, auf die Sie und Tante Patricia keine Antwort finden konnten – das muß allerdings etwas Spitzfindiges sein. Wie kann ich hoffen, eine Antwort darauf zu finden?«

 

Er überhörte den ironischen Ton ihrer Stimme.

 

»Die Frage betrifft Sie selbst.«

 

»Ach!« Sie sah ihn mit blitzenden Augen an, und ihre kleinen Füße klopften ungeduldig auf den Boden. Dann lachte sie ein wenig ärgerlich.

 

»Ich habe nicht viel mit Ihnen im Sinn, Graf, das gebe ich offen zu. Ich habe erfahren, daß Sie niemals sagen, was Sie meinen, oder meinen, was Sie sagen.«

 

»Verzeihen Sie, Miss Gray, wenn ich Ihnen erkläre, daß sie mich ganz und gar verkennen. Ich meine stets, was ich sage, besonders wenn ich mit Ihnen spreche. Aber alles zu sagen, was ich meine, all meine Hoffnungen und Träume zu offenbaren oder gar offen auszusprechen, was ich zu träumen wage«, er sprach ganz leise, »gewissermaßen mein Innerstes nach außen zu kehren wie eine leere Tasche und den Blicken der Menge preiszugeben – nein, das ist nicht meine Art; es wäre auch töricht.« Er machte eine ausdrucksvolle Geste. »Aber um nun zur Sache zu kommen – unglücklicherweise habe ich Sie irgendwie beleidigt, Miss Gray. Ich habe etwas getan oder unterlassen – oder meine unbedeutende Persönlichkeit findet nicht Ihr Interesse. Ist das nicht wahr?«

 

Die Aufrichtigkeit, mit der er sprach, war unverkennbar.

 

Aber das junge Mädchen war mit ihren Gedanken nicht bei der Sache. Ihre blauen Augen blieben kühl, als ob sie etwas anderes beobachtete, und ihr Gesicht hatte in seiner jungen Herbheit eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Zügen ihres Onkels angenommen.

 

»Ist das die Frage, die Sie an mich richten wollten?«

 

Der Graf verneigte sich schweigend.

 

»Dann will ich Ihnen auch eine Antwort geben«, sagte sie leise, aber erregt. »Ich will Vertrauen gegen Vertrauen schenken – ich will diesem unsicheren Zustand ein Ende machen.«

 

»Das ist mein sehnlichster Wunsch.«

 

Doris sprach weiter, ohne sich um die Unterbrechung zu kümmern.

 

»Sie haben recht – es ist wahr, daß ich mich nicht für Sie interessiere. Ich freue mich, daß ich es Ihnen einmal offen sagen kann. Vielleicht sollte ich einen anderen Ausdruck wählen. Ich habe eine ausgesprochene Abneigung gegen Ihr geheimnisvolles Wesen – es verbirgt sich etwas Dunkles in Ihnen; und ich fürchte Ihren Einfluß auf meinen Onkel. Sie sind mir erst vor vierzehn Tagen vorgestellt worden, Mr. Farrington kennt Sie weniger als eine Woche – trotzdem haben Sie es fertiggebracht, mir einen Heiratsantrag zu machen, was ich eigentlich nur als eine Unverschämtheit – bezeichnen kann. Heute waren Sie drei Stunden bei meinem Onkel. Ich kann nur vermuten, was Sie mit ihm zu tun hatten.«

 

»Wahrscheinlich vermuten Sie das Falsche«, erwiderte er kühl.

 

Farrington sah schnell und argwöhnisch zu ihnen hinüber. Poltavo wandte sich wieder an Doris.

 

»Ich möchte nur Ihr Freund sein an dem Tage, an dem Sie meine Hilfe brauchen«, sagte er leise. »Und glauben Sie mir, dieser Tag wird bald kommen.«

 

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie ein wenig bedrückt.

 

Er nickte zustimmend.

 

»Wenn ich Ihnen nur glauben könnte! Ja, ich brauche einen Freund. Oh, wenn Sie wüßten, wie ich von Zweifeln hin und her geworfen werde! Wie mich Furcht und schreckliche Vorstellungen bedrängen!« Ihre Stimme zitterte. »Es ist irgend etwas nicht so, wie es sein sollte – ich kann Ihnen nicht alles erklären … Wenn Sie mir helfen könnten … Darf ich eine Frage an Sie richten?«

 

»Tausend, wenn Sie es wünschen.«

 

»Und werden Sie mir auch antworten – ich meine, aufrichtig und ehrlich?« In ihrem Eifer sah sie wie ein Kind aus.

 

Er mußte lächeln.

 

»Wenn ich überhaupt antworten kann, so seien Sie sicher, daß ich die Wahrheit sagen werde.«

 

»Dann sagen Sie mir, ob Dr. Fall zu Ihren Freunden gehört?«

 

»Ich kenne ihn recht gut«, erwiderte er schnell. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wer Dr. Fall sein konnte, aber die augenblickliche Situation schien diese Lüge zu rechtfertigen – Poltavo fiel das Lügen sehr leicht.

 

»Oder kennen Sie vielleicht Mr. Gorth?«

 

Er schüttelte energisch den Kopf, und sie atmete erleichtert auf.

 

»Und wie stehen Sie zu meinem Onkel? Sind Sie sein Freund?« Sie hatte ganz leise gesprochen, aber sie sah ihn begierig an, als ob von seiner Antwort alles abhinge.

 

Er zögerte.

 

»Das ist schwer zu sagen«, gab er schließlich zurück. »Wenn Ihr Onkel nicht unter dem Einfluß Dr. Falls stände, würde er wohl mein Freund sein.« Er griff alles aus der Luft und folgte nur der Anregung, die er durch ihre erste Frage erhalten hatte.

 

Doris sah ihn plötzlich mit Interesse an.

 

»Darf ich Sie vielleicht fragen, wie Ihr Onkel die Bekanntschaft dieses Dr. Fall gemacht hat?«

 

Poltavo stellte diese Frage mit einer Sicherheit, als ob er alles wüßte und bis auf diesen einen Punkt vollständig informiert wäre.

 

Sie war unentschlossen.

 

»Das weiß ich nicht genau. Dr. Fall haben wir schon immer gekannt. Er lebt nicht in der Stadt, und wir sehen ihn nur gelegentlich. Er ist –« Sie zögerte wieder, fuhr dann aber schnell fort: »Ich glaube, er hat einen furchtbaren Beruf, er behandelt Geisteskranke.«

 

Poltavo war aufs äußerste interessiert.

 

»Bitte erzählen Sie mir noch ein wenig mehr.«

 

»Ich fürchte, Sie lieben den Klatsch«, sagte sie ein wenig ironisch, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich kann ihn nicht ausstehen, aber mein Onkel sagt, das sei ein Vorurteil von mir. Er ist einer dieser ruhigen, bestimmt auftretenden Männer, die sehr wenig sprechen und aus denen man nicht klug wird. Kennen Sie dieses ungewisse Gefühl auch? Es ist so, als ob man gezwungen wäre, einen Tango vor einer Sphinx zu tanzen.«

 

Poltavo lachte, so daß seine weißen Zähne sichtbar wurden. »Und Mr. Gorth?«

 

Wieder zuckte sie zögernd die Schultern.

 

»Das ist ein ziemlich gewöhnlicher Mann, er sieht fast aus wie ein Verbrecher, aber anscheinend hat er meinem Onkel viele Jahre lang treu gedient.«

 

»In welchen Beziehungen steht Dr. Fall zu Ihrem Onkel?« fragte er. »Ist er ihm gleichgestellt?«

 

»Aber natürlich! Er ist ein Gentleman und gehört zur Gesellschaft. Ich glaube auch, daß er ziemlich wohlhabend ist.«

 

»Und wie steht Ihr Onkel zu Gorth?«

 

Er war aufs äußerste interessiert, da er doch die Stellung des Toten einnehmen sollte, der in dem dumpfen Haus in der nebligen Gasse lag.

 

»Es ist ziemlich schwer, die Beziehungen zu beschreiben, in denen Mr. Gorth zu meinem Onkel steht«, sagte sie ein wenig verlegen. »Früher verkehrte mein Onkel mit ihm wie mit seinesgleichen, aber manchmal war er sehr ärgerlich über ihn. Er ist wirklich ein schrecklicher Mensch. Kennen Sie eigentlich die obskure Zeitung ›Der schlechte Ruf‹?« fragte sie unvermutet.

 

Poltavo gab zu, daß er sie kannte und manchmal mit einer gewissen Schadenfreude skandalöse Artikel darin gelesen habe.

 

»Nun, sehen Sie, das war Mr. Gorths Lieblingslektüre. Mein Onkel wollte die Zeitung niemals in seinem Hause dulden, aber sooft man Mr. Gorth sah – er mußte immer in der Küche auf den Onkel warten –, konnte man diese Zeitung bei ihm finden. Er lachte sogar über die Gemeinheiten, die in dem Blatt veröffentlicht wurden. Mein Onkel konnte sich sehr darüber ärgern. Mr. Gorth soll etwas mit der Herausgabe dieser Zeitung zu tun gehabt haben, aber als ich einmal mit meinem Onkel darüber sprechen wollte, wurde er sehr böse.«

 

Poltavo hatte das Gefühl, daß Farrington ihn ständig beobachtete. Er schaute heimlich zu ihm hinüber, ohne den Kopf zu bewegen, und bemerkte, daß Farrington durchaus nicht mit seinem Verhalten einverstanden schien. Er wandte sich ihm zu.

 

»Ein glänzender Anblick – so ein Londoner Theaterpublikum!«

 

»Ja, da haben Sie recht«, erwiderte der Millionär trocken.

 

»Berühmte Leute überall – zum Beispiel Montague Fallock.«

 

Farrington nickte.

 

»Und dieser intelligent aussehende junge Mann auf dem letzten Sitz der vierten Reihe – er sitzt jetzt etwas im Schatten, aber Sie werden ihn vielleicht trotzdem sehen können –«

 

»Mr. Smith«, sagte Farrington kurz. »Ich habe ihn schon gesehen. Ich habe alle Leute erkannt, nur –«

 

»Nur?«

 

»Nur nicht die Dame, die drüben in der Königsloge sitzt. Sie hält sich dauernd im Schatten. Sie wird doch nicht etwa auch eine Detektivin sein?« fragte er ironisch und schaute sich um.

 

Frank Doughton, seine Nichte und Lady Dinsmore unterhielten sich angeregt miteinander.

 

»Poltavo«, sagte Farrington mit gedämpfter Stimme, »ich muß wissen, wer diese Frau ist – ich habe gute Gründe dafür.«

 

Das Orchester spielte ein leises Intermezzo, die Lichter gingen aus, die Unterhaltung hörte auf, und der Vorhang hob sich zum Beginn des zweiten Aktes.

 

Einige Leute rückten mit den Stühlen, um besser sehen zu können, dann war es ganz ruhig, während der Chor auf der Bühne einen felsigen Abhang hinunterstieg.

 

Aber plötzlich schoß ein weißer Lichtstreifen wie ein Blitz aus der Königsloge, und der scharfe Knall eines Pistolenschusses war zu hören.

 

»Mein Gott!« rief Mr. Farrington und taumelte.

 

Aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum, aber eine laute Stimme aus dem Parkett übertönte alles:

 

»Sofort Licht an – schnell!«

 

Der Vorhang fiel, als das Theater plötzlich wieder erleuchtet war.

 

Mr. Smith hatte den Schuß aufblitzen sehen und war in den Seitengang gesprungen. Mit großen Sätzen eilte er zu der Tür, die zur Königsloge führte, aber der Raum war leer. Schnell lief er in den Vorsaal; auch dieser war leer. Aber der Privateingang, der auf die Straße führte, war geöffnet, und die Nebelwolken zogen in großen Schwaden herein.

 

Eilig trat er auf die Straße hinaus und ließ seine Alarmpfeife schrillen. Gleich darauf trat ein Polizist aus dem Nebel, aber er hatte niemand vorbeigehen sehen. Mr. Smith stürzte wieder ins Theater und eilte zu der gegenüberliegenden Loge. Er fand die Menschen hier in völliger Verwirrung.

 

»Wo ist Mr. Farrington?« fragte er und wandte sich an Poltavo.

 

»Er ist fortgegangen«, sagte dieser achselzuckend. »Er war noch da, als der Schuß abgefeuert wurde, der zweifellos auf diese Loge gerichtet war. Man kann es noch aus dem Einschlag des Geschosses erkennen.« Er zeigte auf die Rückwand der Loge, die mit hochglänzend poliertem Paneel verkleidet war. »Als das Licht wieder anging, war er verschwunden. Das ist alles, was ich weiß.«

 

»Er kann gar nicht fortgegangen sein«, erwiderte Mr. Smith kurz. »Das Theater ist völlig umstellt – ich habe Befehl, ihn zu verhaften.«

 

Doris stieß einen Schrei aus. Sie war bleich geworden und zitterte.

 

»Sie wollen ihn verhaften?« rief sie atemlos. »Warum denn?«

 

»Wegen eines Einbruchdiebstahls, den er mit einem gewissen Gorth im Zollamt verübt hat – und wegen versuchten Mordes.«

 

»Gorth!« schrie Doris wild. »Wenn irgend jemand schuld hat, so ist es Gorth – dieser schreckliche Kerl …«

 

»Sprechen Sie nicht so von einem Toten«, sagte Mr. Smith höflich. »Ich glaube, Mr. Gorth wurde bei diesem Abenteuer so schwer verwundet, daß er starb. Vielleicht können Sie mir etwas Genaueres darüber berichten, Mr. Poltavo?«

 

Aber der Graf rang nur verzweifelt die Hände.

 

Mr. Smith trat wieder auf den Korridor. Dort befand sich ein Notausgang, der zur Straße führte. Als Smith ihn untersuchte, fand er, daß er verschlossen war. Auf dem Boden lag ein Handschuh, an der Tür zeigte sich der blutige Abdruck einer Hand.

 

Aber von Farrington selbst war nichts zu sehen.

 

Kapitel 8

 

8

 

Am Morgen nach der Auffindung von Farringtons Leiche saß Mr. T.B. Smith in seinem schönen Arbeitszimmer, von dessen Fenstern aus er Brakely Square überschauen konnte. Er hatte sein einfaches Frühstück beendet. Das Tablett mit dem Geschirr war abgeräumt worden, und er war an seinem Schreibtisch beschäftigt, als der Diener ihm Lady Constance Dex ankündigte.

 

Mr. T.B. Smith schaute gleichgültig auf die Karte.

 

»Führen Sie die Dame herein, George.«

 

Er erhob sich gerade, um seinem Besuch entgegenzugehen, als sich die Tür öffnete und Lady Constance Dex eintrat.

 

Sein erster Eindruck war, daß er eine sehr schöne Frau vor sich hatte. Trotz einer gewissen Härte, die sich in ihren Zügen ausdrückte, und trotz all ihrer Charaktereigenschaften, von denen er schon gehört hatte, war sie doch zweifellos eine sympathische Erscheinung. Sie hatte eine wunderbar zarte Haut, mandelförmige Augen und ebenmäßige Züge. Seiner Schätzung nach mußte sie ungefähr dreißig Jahre alt sein, und er war damit auch nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, denn Lady Constance war siebenundzwanzig.

 

Sie war vornehm, aber mit unauffälliger Eleganz gekleidet. Er schob einen Stuhl für sie an die Seite seines Schreibtisches.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

 

Sie lächelte ihn dankbar an und setzte sich.

 

»Ich fürchte, daß Sie mich für einen lästigen Menschen halten, der Sie bei der Arbeit stören will, besonders zu so früher Morgenstunde. Aber ich wollte Sie wegen der außerordentlichen Ereignisse der letzten Tage einmal sprechen. Ich bin gerade wieder in die Stadt gekommen. Sobald ich die letzten Nachrichten erhielt, fuhr ich von daheim ab.«

 

»Mr. Farrington ist oder war doch Ihr Freund?«

 

»Wir sind seit vielen Jahren eng befreundet gewesen«, antwortete sie ruhig. »Er war ein außerordentlicher Mann mit außerordentlichen Fähigkeiten.«

 

»Nebenbei bemerkt, seine Nichte war doch vor einigen Tagen bei Ihnen zu Besuch, wenn ich nicht irre?«

 

»Ja, sie war auf einem Ball, den ich gab, und blieb die Nacht bei mir. Ich fuhr nach dem Tanz mit meinem Auto nach Great Bradley zurück, so daß ich sie seitdem nicht mehr gesehen habe. Ich werde noch zu ihr fahren und sehen, ob ich etwas für sie tun kann.« Sie hatte sehr überlegt und ruhig zu sprechen begonnen, aber bei den letzten Worten mußte sie sich zusammennehmen, um die Herrschaft über ihre Stimme nicht zu verlieren.

 

»Mr. Smith, ich habe erfahren«, sagte sie dann plötzlich, »daß Sie ein kleines Riechfläschchen besitzen, das mir gehört.«

 

»Man fand es damals auf dem Grundstück Mr. Farringtons, als die beiden Italiener ermordet wurden.«

 

»Was schließen Sie daraus?«

 

»Daß Sie in jener Nacht in Mr. Farringtons Haus waren«, erwiderte Mr. Smith offen. »Lady Constance, wir wollen so aufrichtig wie möglich miteinander sprechen. Ich bin der Ansicht, daß Sie in der Nähe waren, als die Schüsse fielen. Als Sie sie hörten, gingen Sie durch die Küche wieder in das Haus und verheißen es dann durch einen hinteren Ausgang.«

 

Er sah, daß sie die Lippen zusammenpreßte, und fuhr in gleichmütigem Ton fort:

 

»Sie können sich denken, daß ich mich mit den Tatsachen, die ich damals feststellen konnte, nicht zufriedengab. Ich setzte in den frühen Morgenstunden meine Nachforschungen fort, als sich der Nebel ein wenig, verteilt hatte. Ich habe dabei Spuren gefunden, aus denen hervorgeht, wie Sie sich entfernt haben. Die Rückseite des Hauses liegt an einer Nebenstraße. Ich fand heraus, daß in den dortigen Garagen vier verschiedene Wagen untergebracht sind. Ich interessierte mich genauer dafür, aber keins der Autos, die dort stationiert sind, besaß die Gummireifen, deren Eindrücke ich feststellen konnte. Die Sache wird sich so zugetragen haben: Sie hörten die Auseinandersetzung vor dem Haus und gingen hinaus, um zu lauschen, nicht, um sich zu entfernen. Als Sie dann wußten, worum es ging, eilten Sie die kleine Straße zurück, bestiegen Ihren Wagen, der dort auf Sie wartete, und fuhren durch den Nebel davon.«

 

»Sie sind wirklich ein Detektiv«, erwiderte sie ein wenig spöttisch. »Können Sie mir noch mehr erzählen?«

 

»Ich kann Ihnen nur noch sagen, daß Sie selbst am Steuer gesessen haben.«

 

Sie lachte.

 

»Es tut mir leid, daß Sie bis nach Great Bradley gehen mußten, um das zu erfahren. Dort weiß jedes Kind, daß ich meinen Wagen selbst fahre.«

 

»Aber ich habe mir diese Mühe gar nicht gemacht«, sagte Mr. Smith lächelnd. »Ich bin aber sehr begierig zu hören, Lady Constance, was Sie damals in Farringtons Haus gemacht haben. Mir ist niemals der Verdacht gekommen, daß Sie diese Männer erschossen hätten. Ich habe genug Beweise, daß die Schüsse nicht von dem Grundstück Mr. Farringtons abgefeuert wurden.«

 

»Wenn ich nun sagte, daß ich in der Nacht eine Gesellschaft gab und mein Haus nicht verließ?«

 

»Mit dieser Behauptung würden Sie sich selbst widersprechen. Sie haben mir vorhin erzählt, daß Sie Ihr Haus verließen und mitten in der Nacht fortfuhren. Diese Fahrt war von ganz besonderer Bedeutung, soweit ich es beurteilen kann. Übrigens geht das auch aus gewissen Nebenumständen hervor.«

 

Sie sah an ihm vorbei zum Fenster hinaus. Auf ihrer Stirn lagen Falten, und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck von Entschlossenheit.

 

»Ich könnte Ihnen viel erzählen, was Sie nicht wissen«, sagte sie dann und wandte sich ihm plötzlich wieder zu. »Meine Rückkehr nach Great Bradley ist sehr einfach erklärt. Einer meiner Freunde – oder genauer, ein Freund meines Freundes«, verbesserte sie sich selbst, »ist vor kurzem aus Westafrika zurückgekehrt. Ich erhielt die Nachricht, daß er nach Great Bradley gekommen sei, um mir eine Botschaft von einem Mann zu überbringen, der mir in früheren Jahren einmal sehr nahestand.«

 

Mr. Smith hörte, daß ihre Stimme ein wenig zitterte. Er war davon überzeugt, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, eine so gute Schauspielerin sie sonst auch sein mochte.

 

»Ich mußte diesen Mann unter allen Umständen treffen«, erklärte Lady Constance ruhig, »obwohl ich nicht wünschte, daß die Angelegenheit weiter bekannt wurde.«

 

»Ich muß Sie wieder unterbrechen. Der Mann, von dem Sie eben sprachen, war Dr. Thomas Goldworthy, der kürzlich von einer Expedition nach dem Kongo zurückkehrte, die er im Auftrag der Londoner Gesellschaft für Tropenheilkunde unternommen hatte. Aber Ihre Erzählung stimmt nicht ganz überein mit der mir bekannten Tatsache, daß Dr. Goldworthy schon in der Nacht vor Ihrer Gesellschaft nach Great Bradley kam. Sie haben ihn doch schon damals gesprochen. Er brachte einen Holzkasten mit, den er vorher im Zollamt abgeholt hatte. Zwei Männer machten den Versuch, den Inhalt dieses Kastens zu rauben. Ich interessierte mich lebhaft dafür, da einer meiner Freunde diesen etwas geheimnisvollen Einbruchsdiebstahl aufzuklären hatte. Das sind also die Tatsachen, die ich weiß. Dr. Goldworthy brachte den Kasten nach Great Bradley, nachdem er an Sie telegrafiert hatte, daß er kommen würde. Sie sprachen mit ihm. Erst nach dieser Begegnung kehrten Sie nach London zurück, um Ihren Ball zu geben. Wirklich, Lady Constance, Ihr Gedächtnis hat nachgelassen.«

 

Sie sah ihn plötzlich entschlossen und herausfordernd an.

 

»Was haben Sie vor? Sie klagen mich nicht wegen des Mordes an den beiden Männern an. Sie können mich nicht einmal bezichtigen, den Anschlag auf Mr. Farrington inszeniert zu haben. Aber Sie wissen so viel von mir und meiner Vergangenheit«, fuhr sie schnell fort, »daß Sie auch noch mehr wissen sollen. Vor Jahren war ich mit einem Mann verlobt, den ich leidenschaftlich liebte. Es war George Doughton.«

 

»Ja, der Forscher.«

 

»Plötzlich und unerwartet ging er damals außer Landes und löste unsere Verlobung aus einem mir unbekannten Grunde. All meine Briefe, meine Telegramme und alle Anstrengungen, wieder mit ihm in Fühlung zu kommen, während er in Afrika weilte, blieben erfolglos. Seit vier Jahren hatte ich weder eine Nachricht von ihm noch eine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten. Plötzlich erhielt ich die Mitteilung von seinem Tode. Zuerst nahm man an, daß er infolge eines schweren Fieberanfalls gestorben sei, aber Dr. Goldworthy überzeugte mich, daß George Doughton von einem Menschen vergiftet wurde, der ein Interesse an seinem Tode hatte.«

 

Ihre Stimme zitterte, aber dann faßte sie sich wieder.

 

»All diese Jahre hindurch habe ich ihn nicht vergessen, sein Bild stand immer vor mir. Liebe stirbt nur schwer, Mr. Smith, und verletzte und beleidigte Liebe hat in mir alle Leidenschaften geweckt, deren die weibliche Natur überhaupt fähig ist. Jetzt habe ich zum erstenmal erfahren, warum George Doughton fortging und den Tod fand. – Er hatte mir früher immer erzählt, daß man auf der Jagd nach wilden Tieren immer zuerst das Weibchen töten muß, denn wenn es am Leben bleibt, rächt es den Tod des Gefährten. – Es wird noch eine schreckliche Zeit für jemand kommen«, sagte sie dann bedeutsam. – »Für wen?«

 

»Sie wissen schon zuviel, Mr. Smith. Den Rest müssen Sie mit Ihren unübertrefflichen Methoden selbst herausbringen. Hindern Sie mich nicht daran, meine Rachepläne auszuführen. Das klingt zwar theatralisch, aber es ist mein bitterer Ernst, wie Sie noch sehen werden. Man hat mir George Doughton genommen, man hat ihn ermordet! Und der Mann, der dies tat, war Montague Fallock!«

 

Sie gab keine weiteren Erklärungen, und Mr. Smith war zu vorsichtig, um im Augenblick weiter in sie zu dringen. Er begleitete sie nach draußen, wo ihr Sportwagen auf sie wartete.

 

»Ich hoffe, Sie recht bald wiederzusehen, Lady Constance.«

 

»Ohne Haftbefehl?« fragte sie lächelnd.

 

»Ich glaube, ja«, entgegnete er ruhig. »Der Haftbefehl könnte höchstens für Ihren Freund Fallock bestimmt sein.«

 

Er stand in der Eingangsdiele und sah dem Wagen nach, der schnell um die Ecke des Platzes fuhr. Kaum war er außer Sicht, als ein Motorradfahrer aus der kleinen Nebenstraße herauskam, die an der Hinterseite der Häuser vorbeiführte. Er schlug dieselbe Richtung ein wie das Auto.

 

Mr. Smith nickte befriedigt. Er überließ nichts dem Zufall. Lady Constance würde nun Tag und Nacht beobachtet werden.

 

»Und dabei hat sie nicht einmal Farrington näher erwähnt«, sagte er zu sich selbst, als er die Treppe hinaufstieg. »Man könnte fast annehmen, daß er noch lebt.«

 

Um neun Uhr desselben Abends fuhr der kleine Zweisitzer, den Lady Constance Dex geschickt lenkte, die breite Straße entlang, die nach Great Bradley führt. Dann schlug sie einen Nebenweg ein und hielt schließlich vor dem großen, unregelmäßig gebauten Pfarrhaus, das sich etwas abseits von der Stadt auf einem schönen Grundstück erhob. Behend sprang sie aus dem Wagen.

 

Das Geräusch des haltenden Autos hatte einen der Dienstboten herbeigelockt. Sie ging an dem Mann vorbei, ohne ein Wort zu sagen, eilte nach oben in ihr Zimmer und verriegelte und verschloß die Tür hinter sich, bevor sie den Lichtschalter andrehte. Elektrisches Licht zu besitzen war ein ungewöhnlicher Vorzug in einer so kleinen Stadt, aber sie verdankte diese Annehmlichkeit der Freundschaft, die sie mit dem merkwürdigen Manne unterhielt, der das »geheimnisvolle Haus« bewohnte.

 

Dieses hochaufragende Gebäude, das man vom Pfarrhaus aus nicht sehen konnte, lag drei Meilen entfernt in einem kleinen Tal, das in der Umgegend unter dem Namen »Mördertal« bekannt war. Es war eine hübsche, kleine Schlucht, in der sich vor vielen Jahren einmal ein furchtbares Verbrechen abgespielt hatte, und das Haus paßte ganz zu dem schauerlichen Namen, den die Gegend führte. Niemand sah jemals den Besitzer des »geheimnisvollen Hauses«. Sein Sekretär und seine beiden italienischen Diener kamen häufig nach Great Bradley, um dort ihre Einkäufe zu machen. Ab und zu sah man auch einen geschlossenen Wagen in den Straßen des Ortes. – Die Leute, die gerne erfahren hätten, wer der Eigentümer des Hauses war, konnten nur hoffen, daß eines Tages eine Achse dieses Wagens brechen und so der Insasse gezwungen würde, sich ihnen zu zeigen.

 

Aber im allgemeinen störte niemand den Sonderling in seiner Abgeschiedenheit. Mochte er unerhörte Dinge tun, wie er es auch wirklich tat – die Bewohner von Great Bradley kümmerten sich nicht darum und dankten Gott, daß sie nicht so waren wie dieser unbekannte Mann.

 

Der rätselhafte Mann hatte wirklich sonderbare Gewohnheiten. Er hatte eine eigene elektrische Kraftanlage, deren großer Schornstein über Wadleigh Copse hinausragte. In dem Kraftwerk befanden sich Maschinen von gewaltiger Stärke, die den elektrischen Strom erzeugten, der das große Haus erleuchtete und heizte.

 

In Great Bradley lebten viele ehrbare englische Arbeiter, die böse darüber waren, daß der Besitzer des »geheimnisvollen Hauses« fremde Leute ihnen vorzog. Aber es stand fest, daß nur Ausländer in dem Kraftwerk arbeiteten. Sie hatten ihre eigenen Wohnungen abseits des Ortes, lebten dort friedlich für sich und hatten nicht den Wunsch, mit den anderen Einwohnern der Stadt in nähere Berührung zu kommen. Es waren genügsame Italiener, die gern schwer arbeiten und soviel wie möglich von ihrem Gehalt sparen wollten, um später einmal in ihre geliebte Heimat zurückkehren zu können. Sie wurden für ihre Verschwiegenheit gut bezahlt, und sie hatten sie auch noch nie gebrochen.

 

Lady Constances Haus wurde von der Kraftstation des »geheimnisvollen Hauses« gleichfalls mit Strom versorgt, und sie gehörte auch zu den wenigen Bevorzugten, die das Haus unaufgefordert betreten durften.

 

Sie war einige Zeit damit beschäftigt, sich umzuziehen. Dann brachte ihr Mädchen das Abendessen auf einem Tablett, und als sie mit ihrer Mahlzeit fertig war, ging sie in ihr Wohnzimmer, öffnete eine Schublade ihres Schreibtisches und nahm eine zierliche Pistole heraus. Sie betrachtete sie einen Augenblick, prüfte dann sorgfältig die Munitionskammer und steckte einen Patronenrahmen hinein. Nachdem sie die Waffe gesichert hatte, ließ sie dieselbe in die Tasche ihres Mantels gleiten, schloß ihren Schreibtisch wieder ab, verließ ihr Zimmer und ging die Treppe hinunter. Ihr Wagen wartete noch draußen, aber sie wandte sich an den Diener, der ehrerbietig an der Tür stand.

 

»Bringen Sie das Auto in die Garage – ich will Mrs. Jackson noch besuchen.«

 

»Jawohl, Mylady.«

 

Kapitel 21

 

21

 

Eine Gruppe von Polizisten und Detektiven stand vor dem Tor des »geheimnisvollen Hauses«, als das Auto, in dem Ela und Lady Dex saßen, in schärfstem Tempo heranfuhr.

 

Ela sprang aus dem Wagen, als er noch nicht zum Stillstand gekommen war.

 

»Sie haben Smith gefangen!« rief er dem Inspektor zu, der den Befehl über die anwesende Truppe hatte. »Schließen Sie die Kette um das Haus! Alle bewaffneten Beamten folgen mir!«

 

Er eilte den Gartenpfad entlang, aber er wandte sich nicht nach dem Haus, sondern bog zum Kraftwerk ab.

 

Ein Mann mit grimmigem Gesicht stand im Eingang und maß die Beamten mit bösen Blicken.

 

Er versuchte, die Schiebetür zu schließen, aber Ela packte ihn am Kragen und schleuderte ihn nach innen.

 

Im nächsten Augenblick stand er in der Station und war von wütenden Arbeitern umringt. Ein großer, gutaussehender Mann mittleren Alters, der die Oberaufsicht hatte, kam auf Ela zu. Er trug einen großen Schraubenschlüssel in der Hand, um die Eindringlinge abzuwehren.

 

Aber Elas Pistole sprach von seinen Absichten.

 

»Treten Sie sofort zurück!« rief er. »Führen Sie hier die Aufsicht?«

 

Er sprach fließend italienisch.

 

»Was soll das alles bedeuten, mein Herr?« fragte der Mann.

 

»Ich gebe Ihnen eine Minute Zeit, die große Dynamomaschine zum Stehen zu bringen.«

 

»Aber das ist unmöglich! Das darf ich nicht tun – das ist gegen jegliche Vorschrift und Ordnung.«

 

»Wollen Sie meinem Befehl nachkommen?« stieß Ela zwischen den Zähnen hervor. »Wenn Sie mir nicht gehorchen, sind Sie ein toter Mann.«

 

Der Italiener zögerte und ging dann zu dem großen Schaltbrett, auf dem eine ganze Reihe von Lampen brannte.

 

»Ich will es nicht tun«, sagte er düster. »Dort ist der Hebel legen Sie ihn selbst um.«

 

Plötzlich leuchtete eine rote Lampe auf dem Schaltbrett auf.

 

»Was ist das?« fragte Ela.

 

»Das Signal kommt aus den Kellerräumen«, erwiderte der Italiener. »Sie wollen mehr Strom haben.«

 

Ela wandte sich wütend zu dem Mann um und hob seine Pistole. Eine wilde Entschlossenheit lag in seinen Augen.

 

»Gnade!« brüllte der Mann, streckte die Hand aus, ergriff den großen Hebel, über dem »Gefahr« stand, und legte ihn um.

 

Plötzlich wurden alle Lichter in dem Raum düster, die großen Schwungräder verlangsamten ihren Lauf und kamen zum Stillstand. Nur das Tageslicht erleuchtete die Kraftstation jetzt. Ela stand auf der erhöhten Plattform vor der großen Schalttafel und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Er zitterte am ganzen Körper, als ob er vom Fieber geschüttelt würde.

 

»Hoffentlich bin ich noch rechtzeitig gekommen!« sagte er leise zu sich selbst.

 

Die große Maschinenhalle war von vielen Polizisten gefüllt.

 

»Nehmen Sie diese Leute gefangen«, befahl Ela. »Sehen Sie vor allen Dingen zu, daß niemand einen Schalter berührt. Verhaften Sie die Heizer, und trennen Sie sie von den anderen. Nun zu Ihnen«, wandte er sich wieder in Italienisch an den Aufseher. »Ich gebe Ihnen jetzt eine Chance. Sie gehen nicht nur frei aus, sondern ich verspreche Ihnen auch eine große Belohnung, wenn Sie mir gehorchen. Ich bin Polizeibeamter und bin hierhergekommen, um dieses Haus zu durchsuchen. Sie sprachen eben von den Kellerräumen – wissen Sie den Weg dorthin?«

 

Der Mann zögerte.

 

»Der Fahrstuhl geht nicht mehr, mein Herr«, erwiderte er.

 

»Gibt es keinen anderen Weg?«

 

Wieder zauderte der Aufseher.

 

»Es ist auch eine Treppe da«, stammelte er nach einer Weile und fuhr dann schnell fort: »Wenn hier ein Verbrechen vorliegt und Signor Moole Anarchist ist, so weiß ich nichts davon, das schwöre ich Ihnen. Ich bin ein ehrlicher Mann aus Padua.«

 

»Ich will Ihnen das glauben«, sagte Ela ruhiger. »Sie machen ein großes Unrecht wieder gut, wenn Sie mir den Weg zu den unterirdischen Räumen zeigen.«

 

»Ich werde Ihnen gehorchen und alles tun, was Sie wünschen«, erwiderte der Mann hilflos. »Ich rufe hier alle zu Zeugen an, daß ich mein Bestes getan habe, um die Befehle meines Herrn auszuführen.« Er ging mit Ela durch den Privatgarten hinter dem Haupthaus und führte ihn zu einem offenen Gang, der am Kellergeschoß entlanglief.

 

An dessen äußerstem Ende befand sich eine Tür. Der Mann öffnete sie mit einem Schlüssel, den er von einem Bund aus seiner Tasche nahm. Sie mußten noch zwei weitere Türen passieren, bevor sie zu der Wendeltreppe kamen, die in die Tiefe des »geheimnisvollen Hauses« führte. Zu Elas Erstaunen waren die Gänge beleuchtet, und er fürchtete schon, daß gegen seinen Befehl die Lichtmaschine wieder in Gang gebracht worden war. Aber der Italiener beruhigte ihn.

 

»Die Lampen werden von Reservebatterien gespeist«, erklärte er. »Von dort kann man genügend Strom entnehmen, um das ganze Haus zu beleuchten. Aber sie genügen nicht, um Kraftstrom zu liefern.«

 

Sie stiegen hinunter. Die Stufen schienen kein Ende zu nehmen. Ela zählte siebenundachtzig, als sie schließlich zu einem Treppenabsatz kamen, von dem aus sich eine Tür öffnete. Der Detektiv beobachtete, daß der Italiener sich auf dieselbe Methode Eingang verschaffte, die er selbst vorher angewandt hatte. Der Mann steckte einen eisernen Dorn in ein kaum sichtbares Loch, und die Tür tat sich auf.

 

Ela eilte mit den anderen Beamten den Gang entlang, bis sie zu der roten Tür kamen, die sich ebenfalls wieder öffnen ließ.

 

Zwei Lichter brannten düster in dem Raum. Ela sah die Gestalt in dem Stuhl, und sein Mut sank. Er stürzte vorwärts – Farrington hörte ihn zuerst.

 

Der große Mann wandte sich um. Drei Schüsse fielen kurz nacheinander. Ela stand aufrecht und unverletzt, aber Farrington schwankte und fiel zu Tode getroffen nieder.

 

»Verhaften Sie diesen Mann!« rief Ela. Im nächsten Augenblick war Dr. Fall gefesselt.

 

*

 

In seinem Büro in Scotland Yard lehnte sich T.B. Smith in seinem Stuhl zurück und beendete schmunzelnd den Bericht, den er Frank Doughton und dessen Gattin, die ihm gegenübersaßen, gegeben hatte:

 

»Mein Freund Ela hatte gerade in dem Moment den Strom abschalten lassen, in dem Dr. Fall auf Farringtons Zuruf hin den Schalter drehte. Mich erreichte nur noch ein schwacher Stromstoß, der mich zwar kurze Zeit ohnmächtig werden ließ, von dem ich mich aber, wie Sie ja sehen, wieder glänzend erholt habe.« Mr. Smith lächelte dem jungen Paar, das eben von seiner unter so unglücklichen Umständen begonnenen Hochzeitsreise zurückgekehrt war, zu und erkundigte sich nach dem Befinden von Mrs. Doris. Aber ein Blick in ihr Gesicht, das strahlend ihrem Mann zugekehrt war, belehrte ihn, daß diese Frage ganz unnötig war.

 

In einem wenigstens hatte Farrington recht behalten: Frank und Doris waren doch noch ein glückliches Paar geworden.

 

 

ENDE

 

Kapitel 20

 

20

 

Die Durchsuchung des »geheimnisvollen Hauses« hatte Mr. Smith nicht zufriedengestellt. Er hatte allerdings auch nicht erwartet, brauchbare Anhaltspunkte zu finden. Er war sich völlig darüber klar, daß diese kühnen Männer alle Spuren ihrer Verbrechen verwischt hatten.

 

»Was wollen wir nun machen?« fragte Ela, als sie das Haus wieder verließen.

 

»Sofort zurück nach Moor Cottage«, entgegnete Mr. Smith, als er in das Auto stieg. »Ich bin sicher, daß wir eine große Entdeckung machen werden. Sicher führt von dort irgendein unterirdischer Gang hierher. Auf diesem Weg sind Lady Constance und Poltavo fortgebracht worden. Wenn es notwendig ist, werde ich alle Holztäfelungen in den beiden Zimmern des Erdgeschosses zertrümmern! Ich muß den geheimen Gang zu Mr. Farringtons Haus finden.«

 

Eine halbe Stunde lang durchforschten sie den Raum, aus dem Poltavo verschwunden war. Sie bohrten die hölzernen Täfelungen an und untersuchten jedes einzelne Paneel.

 

Dabei machten sie die Entdeckung, daß die eichenen Paneele mit Stahlplatten festgeschraubt waren.

 

»Es ist ein hoffnungsloses Unternehmen. Wir müssen Handwerker haben, die die Platten entfernen können«, sagte Mr. Smith.

 

In Gedanken hatte er das kleine Medaillon wieder aus der Tasche genommen und geöffnet.

 

»Es ist doch zu absurd.« Er lachte hilflos. »In diesen einfachen Worten liegt nun die Lösung, und doch können wir klugen Leute von Scotland Yard sie nicht finden …«

 

»Gott schütz dem Kenig!« sagte Ela traurig. »Ich möchte nur wissen, wie uns das helfen sollte.«

 

Plötzlich zeigte Mr. Smith auf das Klavier. Er eilte zu dem Instrument, hob den Deckel auf und schlug einen Akkord an. Der Ton klang etwas dürftig, das Klavier schien seit langer Zeit nicht mehr gestimmt worden zu sein.

 

»Ich werde einmal ›Gott schütze den König‹ spielen!« rief Mr. Smith mit glänzenden Augen. »Ich glaube, dann wird sich etwas ereignen.«

 

Langsam spielte er die bekannte Weise von Anfang bis zu Ende und schaute dann auf.

 

»Versuchen Sie es noch einmal in einer anderen Tonart«, riet Ela. Wieder spielte Mr. Smith die Nationalhymne. Als er fast zu Ende war, knackte plötzlich die Wand. Er sprang auf. Eins der langen Paneele hatte sich geöffnet. Einen Augenblick sahen sich die beiden Männer an. Sie waren allein in dem Haus, obwohl eine Polizeiwache in Rufweite stand. Die anderen Polizeitruppen waren in der Nähe des »geheimnisvollen Hauses« zusammengezogen.

 

Mr. Smith drehte seine unentbehrliche Taschenlampe an und drang in die dunkle Öffnung vor.

 

»Ich werde einmal allein hineingehen und sehen, was geschieht.«

 

»Ich glaube, es ist besser, wir gehen zusammen«, erwiderte Ela grimmig.

 

»Hier ist ein elektrischer Schalter.«

 

Mr. Smith drehte daran, und eine elektrische Lampe leuchtete im Innern einer kleinen Liftkabine auf.

 

»Hier befinden sich wahrscheinlich die notwendigen Knöpfe – wir wollen einmal diesen versuchen.«

 

Er drückte auf einen Knopf, und der Fahrstuhl begann sich zu senken. Nach einer Weile hielt er an, und die beiden traten hinaus.

 

»Dies ist ein Teil des alten Bergwerks«, erklärte Smith. »Wirklich eine geniale Idee.«

 

Er leuchtete mit seiner Lampe die Wände des Stollens ab, um die elektrischen Schalter zu finden. Er fand sie auch, und im nächsten Augenblick war der Stollen hell erleuchtet.

 

»Teufel noch einmal! Sogar eine unterirdische Trambahn haben sie sich eingerichtet! Sehen Sie doch einmal her!« rief er mit Bewunderung.

 

Auf der kleinen Endstation befanden sich zwei Geleise mit einer Weiche, und ein Wagen schien auf sie zu warten. Ein paar Minuten später hatten Mr. Smith und sein Assistent das andere Ende des unterirdischen Ganges erreicht. Sie fanden auch den zweiten Fahrstuhl.

 

»Das hätten wir geschafft. Sie haben alles elektrisch eingerichtet. Ich dachte mir schon, daß das große Kraftwerk Farringtons einem ganz besonderen Zweck dienen müsse. Nun sehe ich, wieviel Strom sie brauchen. Treten Sie vorsichtig in den Fahrstuhl, und merken Sie sich genau, welchen Weg wir machen. Ich nehme an, daß wir uns jetzt etwas mehr als dreißig Meter unter der Erdoberfläche befinden. Schätzen Sie es einmal oberflächlich, wenn wir nach oben fahren.«

 

Er drückte auf einen Knopf, und der Fahrstuhl glitt aufwärts. Oben traten sie in dem kleinen Zimmer hinaus und fanden die Tür zu dem langen Gang.

 

»Das sieht so aus, als ob hier ein Zimmer oder ein größerer Raum dahinter läge«, meinte Mr. Smith, als er vor einer mit roter Farbe gestrichenen Tür stand, die in eine der dicken Wände eingelassen war. Er lehnte sich dagegen, aber sie bewegte sich nicht. Sie untersuchten die ganze Umgebung, konnten aber kein Schlüsselloch finden.

 

»Die Tür scheint durch irgendeine geheimnisvolle Feder oder einen Schalter in Bewegung gesetzt zu werden, oder sie bewegt sich überhaupt nicht«, flüsterte er Ela zu.

 

»Wenn sie durch eine Feder bewegt wird, werde ich sie schon herausfinden.« Elas Hand tastete über die Oberfläche der Tür, und plötzlich hielt er an.

 

»Hier ist eine Öffnung, die etwas größer ist als ein Nadelöhr.« Er nahm ein Universalmesser mit vielen Klingen aus der Tasche und bog eine Stahlnadel heraus. »Pfeifenreiniger sind manchmal auch zu anderen Dingen nütze«, sagte er und drückte den langen, dünnen Stab in die Öffnung. Plötzlich öffnete sich die Tür geräuschlos.

 

Mr. Smith war der erste, der mit dem Revolver in der Hand in den Raum trat. Er befand sich in einem Zimmer, das keineswegs das Aussehen eines Gefängnisses hatte, selbst wenn es diesem Zweck dienen sollte. Die Wände waren mit kostbaren Brokatstoffen bespannt, der Teppich war dick und weich, und die Möbel zeugten von künstlerischem Geschmack.

 

»Lady Constance«, rief Mr. Smith überrascht.

 

Eine Frau, die neben einer Leselampe saß, erhob sich schnell und sah den Detektiv verwirrt an.

 

»Mr. Smith!« Sie eilte auf ihn zu. »Gott sein Dank, daß Sie gekommen sind!«

 

Sie ergriff seine beiden Hände und weinte fast vor Freude. Sie sprach unzusammenhängende Worte, erzählte von ihrer Gefangennahme, ihrer Furcht, ihrer Dankbarkeit für ihre Rettung.

 

»Setzen Sie sich, Lady Constance«, sagte Mr. Smith freundlich. »Versuchen Sie Ihre Gedanken zu ordnen – haben Sie Poltavo gesehen?«

 

»Poltavo?« fragte sie verwundert. »Nein, ist er denn hier?«

 

»Er muß sich irgendwo hier aufhalten. Ich bin gerade auf der Suche nach ihm. Wollen Sie hierbleiben oder wollen Sie mit uns kommen?«

 

»Ich möchte Sie begleiten«, sagte sie schaudernd.

 

Sie gingen zusammen hinaus.

 

»Führen alle diese Türen hier zu Räumen, die ähnlich sind wie dieser?« fragte der Detektiv.

 

»Ich glaube, daß eine Anzahl von unterirdischen Zellen hier liegt«, antwortete sie flüsternd. »Aber die größte von ihnen ist ganz in der Nähe.«

 

Sie zeigte auf eine rot angestrichene Tür, die etwa zwanzig Schritt entfernt lag. Ela untersuchte sie genau.

 

Offenbar öffneten sie sich alle nach demselben Stecksystem, das im Mittelalter sehr beliebt war. Die Italiener hatten dieses Geheimnis wahrscheinlich aus ihrem Vaterland mitgebracht, in dem einst die Borgias, die Medicis und die Viscontis lebten.

 

»Bleiben Sie hier stehen«, sagte Mr. Smith leise, und Lady Constance lehnte sich an die Wand.

 

Ela preßte seinen Pfeifenreiniger wieder in die Öffnung, die Tür tat sich langsam auf, und Mr. Smith trat hinein.

 

Einen Augenblick stand er still und versuchte die Bedeutung dieses schrecklichen Anblicks zu verstehen: Ein toter Körper lag auf dem Boden, zwei erbarmungslose Männer mit harten Gesichtern standen daneben, Farrington hatte die Arme verschränkt und schaute düster auf den Toten nieder, Dr. Fall war noch an dem Schaltbrett beschäftigt.

 

Mr. Smith hob langsam seinen Revolver.

 

»Hände hoch!« rief er.

 

Kaum hatte er diese Worte ausgestoßen, als der Raum schon vollständig verdunkelt war. Sein Begleiter wurde heftig zurückgeschleudert, denn die elektrische Schließvorrichtung war eingeschaltet worden und die Tür schlug Ela ins Gesicht. Er wollte sich dagegenstemmen, um sie offenzuhalten, aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Auch mit dem Pfeifenreiniger hatte er keinen Erfolg.

 

Er wurde bleich. »Mein Gott! Sie haben Smith gefangen!«

 

Einen Augenblick stand er unentschieden da. Er hatte eben die Szene in dem Zimmer gesehen und wußte, welches Schicksal seinem Vorgesetzten drohte.

 

»Schnell zurück in den Gang!« rief er und führte Lady Constance Dex mit sich. Er fand ohne Schwierigkeit den Weg zum Fahrstuhl, er drückte den Knopf … Jetzt fuhren sie mit größter Schnelligkeit auf dem elektrischen Wagen die Schienen entlang … Jetzt trug sie der andere Fahrstuhl in die Höhe, und sie traten in das Zimmer in Moor Cottage ein. Das Auto von Mr. Smith wartete noch vor dem Haus.

 

»Sie kommen am besten mit mir«, sagte Ela schnell, und Lady Constance sprang nach ihm in den Wagen.

 

»Zu dem ›geheimnisvollen Haus‹ – schnell!« schrie Ela dem Chauffeur zu.

 

»Später bringe ich Sie zu Ihren Freunden – ich darf es jetzt nicht wagen, auch nur eine Sekunde zu verlieren …«

 

»Was werden sie tun?«

 

»Ich weiß, was sie vorhaben«, erwiderte er grimmig. »Farrington spielt seinen letzten Trumpf aus, und Mr. Smith soll sein Opfer sein!«

 

*

 

In der Dunkelheit des unterirdischen Raumes stand Smith seinen Feinden gegenüber. Er hatte den Finger am Abzug seiner Pistole, und seine Augen versuchten, die Finsternis zu durchdringen.

 

»Rühren Sie sich nicht!« sagte er ruhig. »Ich schieße sofort!«

 

»Es ist gar nicht nötig, daß Sie schießen«, erwiderte Dr. Fall höflich. »Das Licht ging zufällig aus. Ich versichere Ihnen, daß Sie und Ihre Freunde nichts zu fürchten haben!«

 

Mr. Smith tastete sich mit vorgestrecktem Revolver an der Wand entlang. In der Dunkelheit fühlte er die große Gestalt des Arztes mehr, als er sie sah, und er streckte vorsichtig die Hand aus.

 

Plötzlich berührte etwas seine Handfläche, das sich unter gewöhnlichen Umständen wie die Spitzen eines Bastbesens angefühlt haben würde. Mr. Smith wurde heftig rückwärts gestoßen.

 

»Schnell in den Stuhl mit ihm«, rief Farrington. »Das war eine gute Idee von Ihnen, Doktor.«

 

»Es war der Sprühapparat«, sagte Dr. Fall zufrieden. »Davon bekommt man einen kräftigen elektrischen Schlag. Sie haben sich wirklich einen mächtigen Bundesgenossen erwählt, als Sie die elektrische Kraft zu Hilfe nahmen, Farrington.«

 

Nun brannten die Lichter wieder, und Smith wurde an den Stuhl geschnallt. Er hatte sich von dem Schlag erholt, aber es war zu spät. Während er bewußtlos gewesen war, hatte man Poltavos Leiche entfernt. Sie behandelten den Detektiv jetzt genauso wie vorher den Polen; er fühlte die elektrischen Kontakte auf der bloßen Haut seiner Handgelenke und biß die Zähne zusammen.

 

»Mr. Smith«, begann Farrington höflich, »ich fürchte, Sie haben sich selbst in eine böse Situation gebracht – wo ist der andere Mann?« fragte er schnell und sah Dr. Fall an.

 

»Ich habe ihn vergessen«, erwiderte der langsam. »Er muß draußen im Gang sein.«

 

Er ging zu der unsichtbaren Tür im Hintergrund und öffnete sie durch eine Berührung. Ein paar Minuten später kam er zurück, sein Gesicht sah plötzlich alt und eingefallen aus.

 

»Er ist fort – auch die Frau ist verschwunden.«

 

Farrington nickte.

 

»Kommt es noch darauf an?« fragte er rauh. »Die beiden können nicht viel wissen! Stellen Sie die elektrische Sicherung für die Tür ein.«

 

Fall drehte an einem Schalter, dann wandte sich Farrington erneut Smith zu.

 

»Sie wissen, in welcher Lage Sie sich befinden – ich werde Ihnen jetzt mitteilen, wie Sie sich daraus befreien können.«

 

»Ich bin begierig, das zu erfahren«, entgegnete der Detektiv kühl. »Aber ich warne Sie davor, mir zu sagen, meine Rettung hänge davon ab, daß ich Sie entfliehen lasse. Ich fürchte, daß ich in diesem Fall zum Tode verurteilt bin.«

 

»Sie haben richtig vermutet. Ich stelle die Bedingung, mich und meine Freunde frei und unversehrt aus England zu bringen. Ich weiß, daß Sie mir erwidern wollen, Sie hätten nicht die Macht dazu, aber ich kenne die außerordentlichen Vorrechte Ihrer Abteilung in Scotland Yard genau. Ich weiß, daß ich mit Ihrer Hilfe das ›geheimnisvolle Haus‹ verlassen und morgen früh in Calais landen kann … Niemand in ganz England könnte Sie daran hindern, mir zu helfen. Ich biete Ihnen Ihr Leben an, wenn Sie meine Bedingungen annehmen. Sonst –«

 

»Sonst?«

 

»Werde ich Sie töten«, antwortete Farrington kurz, »wie ich auch Poltavo getötet habe. Sie sind mein schlimmster Feind, mein gefährlichster Gegner. Sie waren für mich schon immer ein Mensch, dem man möglichst aus dem Wege gehen mußte. Und ich werde Sie mit weniger Gewissensbissen töten, weil nur Sie daran schuld sind, daß ich in den letzten Monaten dieses Hundeleben führen mußte. Es wird Sie interessieren, Mr. Smith, daß Sie mich einmal beinahe gefangen hätten. Der ganze Flügel des Hauses, in dem Mr. Moole liegt, ist verschiebbar und beweglich nach dem Prinzip eines riesigen Aufzugs. Das Geheimnis des ›geheimnisvollen Hauses‹ liegt in Wirklichkeit in systematisch und vorzüglich angeordneten Aufzügen und Fahrstühlen. Das heißt praktisch, daß ich mein Arbeitszimmer in den ersten Stock placieren, es aber auch zum vierten Stock hinaufheben kann. Und das kostet mich nicht einmal so viel Mühe, als nötig ist, um einen Stuhl von einem Zimmer in ein anderes zu tragen.«

 

»Das habe ich schon vermutet. Sie hätten als Elektroingenieur ein Vermögen verdienen können.«

 

»Das bezweifle ich stark«, erwiderte Farrington kühl. »Aber die Vergangenheit und verpaßte Gelegenheiten interessieren mich jetzt weniger als meine und Ihre Zukunft. Wozu haben Sie sich entschlossen?«

 

Smith lächelte.

 

»Ich werde Ihre Bedingung nicht annehmen«, sagte er liebenswürdig. »Ich bin auf meinen Tod vollständig vorbereitet. Nichts in der Welt, keine Drohung gegen mich oder meine nächsten Angehörigen oder Freunde könnte mich dazu bewegen, so gefährliche Verbrecher wie Sie und Ihre Komplicen entkommen zu lassen. Ihre Zeit ist um, Farrington. Ob ich ein wenig früher oder später sterben muß, ändert nichts daran, daß Sie in einem Monat selbst tot sind, ob Sie mich nun umbringen oder laufen lassen.«

 

»Sie sind sehr kühn, mir das ins Gesicht zu sagen«, zischte Farrington ihn an.

 

Smith sah an den wütenden Blicken und den verbissenen Gesichtern, daß seine Worte getroffen hatten.

 

»Wenn Sie sich einbilden, noch entkommen zu können«, fuhr er unbekümmert fort, »dann verschwenden Sie nur Zeit, die Sie besser anwenden könnten, denn jeder Augenblick Verzögerung bringt Sie beide dem Galgen näher.«

 

»Mein Freund, Sie beschleunigen nur Ihren eigenen Tod«, sagte Dr. Fall.

 

»Was das anbetrifft«, entgegnete Smith achselzuckend, »habe ich nicht die Absicht, Ihnen etwas zu prophezeien, denn ich kann ebensowenig in die Zukunft sehen wie Sie. Und wenn es der Wille der Vorsehung ist, daß ich in Ausübung meiner Pflicht sterben soll, so bin ich mit meinem Los zufrieden wie jeder Soldat, der auf dem Feld der Ehre stirbt. Denn es scheint mir«, sagte er halb zu sich selbst, »daß die geschworenen Feinde der Gesellschaft schrecklicher, entsetzlicher und gefährlicher sind als die anstürmenden Feinde, denen ein Soldat gegenübertreten muß. Sie sind nur Feinde, solange der Wahnsinn des Krieges dauert, aber Sie sind Ihr ganzes Leben lang Feinde der Gesellschaft.«

 

Dr. Fall wechselte einen Blick mit seinem Vorgesetzten. Farrington nickte.

 

Der Doktor beugte sich nieder, nahm den Lederhelm auf und setzte ihn mit derselben Behutsamkeit auf den Kopf des Detektivs, die er das erste Mal angewandt hatte.

 

»Ich gebe Ihnen noch drei Minuten Bedenkzeit.«

 

»Sie verschwenden drei Minuten!« Die Stimme des Mannes in dem Stuhl wurde durch den Lederhelm gedämpft.

 

Trotzdem zog Farrington seine Uhr aus der Tasche und hielt sie in der Hand. Kein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich. Stark, groß und entschlossen stand er vor seinem Opfer. Während der hundertachtzig Sekunden herrschte lautlose Stille in dem Raum, so daß man das Ticken der Uhr hören konnte.

 

Als die Zeit um war, ließ er sie wieder in seine Tasche gleiten.

 

»Wollen Sie tun, was ich von Ihnen verlangt habe?«

 

»Nein«, war die entschiedene Antwort.

 

»Schalten Sie ein!« rief Farrington wild.

 

Dr. Fall legte seine Hand auf den elektrischen Schalter. In diesem Augenblick flackerten die Lichter, und ihre Leuchtkraft verminderte sich langsam.

 

»Schnell!« rief Farrington.

 

Gerade als das Licht ausging, drehte der Doktor den Schalter an. Smith fühlte ein scharfes, brennendes Zucken, das seinen ganzen Körper blitzartig durchdrang, und verlor dann das Bewußtsein.

 

Kapitel 2

 

2

 

»Meuchelmörder!«

 

Dieser Schrei schrillte durch die stille Nacht und weckte auch das Interesse und die Neugier eines Bewohners des Brakely Square, der noch wach war. Es war Mr. Gregory Farrington, der gewöhnlich an Schlaflosigkeit litt. Er hörte den Ruf, legte das Buch, in dem er gelesen hatte, stirnrunzelnd aus der Hand, erhob sich aus seinem Lehnstuhl, zog den Schlafrock dichter um seinen etwas behäbigen Körper und trat an das Fenster. Die Jalousien waren heruntergelassen, aber er steckte die Finger zwischen zwei Brettchen und bog sie so, daß er durchschauen konnte.

 

Die Fenster waren beschlagen, und die Straßenlaternen waren nur undeutlich und verschwommen zu sehen. Er rieb die Scheiben mit den Fingerspitzen klar.

 

Zwei Männer standen vor dem Haus, mitten auf dem einsamen Fahrdamm. Sie sprachen erregt miteinander. Mr. Farrington konnte selbst durch das geschlossene Fenster ihre harten Stimmen hören. An ihren heftigen Gesten erkannte er sie als Italiener.

 

Er sah, daß der eine seine Hand hob, um den anderen zu schlagen, und er sah das Blitzen eines Pistolenlaufes.

 

»Hm!« sagte Mr. Farrington.

 

Er war allein in seinem schönen Haus am Brakely Square. Der Hausmeister, die Köchin und ein Stubenmädchen, auch der Chauffeur waren zu einem Dienstbotenball gegangen. Die Stimme auf der Straße wurde lauter.

 

»Dieb!« hörte er plötzlich in französischer Sprache rufen. »Soll ich mich denn bestehlen lassen –« Den Rest konnte er nicht mehr verstehen.

 

Auf der anderen Seite des großen Platzes war ein Polizist erschienen. Mr. Farrington rieb die Glasscheibe energischer und schaute ängstlich nach dem Beamten. Dann ging er die Treppe hinunter, öffnete die Metallklappe seines Briefkastens und lauschte. Es war nicht schwer, alles zu verstehen, was sie sagten, obgleich sie jetzt leiser sprachen, denn sie standen am Fuß der Stufen, die zu der Haustür führten.

 

»Was willst du eigentlich?« fragte der eine auf französisch. »Es ist eine Belohnung ausgesetzt – da könnte man Geld verdienen, gewiß! Aber wenn man ihn selbst packt, kann man genug für zwanzig bekommen! Unglücklicherweise haben wir beide dieselbe Absicht, aber ich schwöre dir, daß ich dich nicht betrügen will –« Dann wurde seine Stimme ganz leise.

 

Mr. Farrington stand in der dunklen Eingangshalle, kaute an dem Ende seiner Zigarre und versuchte, die einzelnen Bruchstücke dieser Unterhaltung zusammenzusetzen. Die beiden Männer mußten Komplicen oder Helfershelfer von Montague Fallock sein, diesem Erpresser, nach dem die Polizei aller Länder Europas suchte. Und sicher hatten die beiden unabhängig voneinander den Plan gefaßt, ihn zu erpressen – oder ihn zu verraten.

 

Mr. T.B. Smith bewohnte ebenfalls ein Haus am Brakely Square. Er war ein hoher Beamter im Polizeipräsidium und sehr begierig darauf, Montague Fallock zu fassen. Mr. Farrington, der all dies genau wußte, war sich darüber klar, daß das wohl der Grund der eben gehörten Unterhaltung vor dem Tor seines schönen Hauses war.

 

»Ich sage dir ja gerade«, erklärte der zweite Mann jetzt ärgerlich, »daß ich alle Vorkehrungen getroffen habe, um Monsieur – aufzusuchen. Das mußt du mir glauben –«

 

»Dann wollen wir zusammen gehen«, erwiderte der andere bestimmt. »Ich traue niemandem, am allerwenigsten einem unzuverlässigen Neapolitaner –«

 

*

 

Der Polizist Habit hatte nichts von dem Streit gehört, wie aus der späteren Untersuchung hervorging. Er sagte ganz bestimmt aus: »Ich hörte nichts Außergewöhnliches.«

 

Aber plötzlich waren, kurz nacheinander, zwei Schüsse gefallen.

 

Sie waren unverkennbar aus einer oder zwei Browningpistolen abgefeuert worden. Dann schrillte eine Polizeipfeife auf, und der Schutzmann P.C. Habit eilte in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren. Er blies laut auf seiner eigenen Alarmpfeife.

 

Als er ankam, fand er drei Männer, von denen zwei tot auf dem Boden lagen. Der dritte war Mr. Farrington, der zitternd vor dem Eingang seines Hauses stand. Er hatte eine Alarmpfeife im Mund. Sein grauer Schlafrock flatterte im Wind.

 

Zehn Minuten später erschien Mr. T.B. Smith auf der Bildfläche. Bei seiner Ankunft hatte sich schon eine große Menschenmenge angesammelt, die Hälfte aller Schlafzimmerfenster am Brakely Square war von neugierigen, und sensationslüsternen Menschen besetzt, auch die Rettungswache war schon erschienen.

 

»Sie sind tot«, berichtete der Polizist.

 

T.B. Smith schaute auf die beiden Männer, die auf dem Boden lagen. Offensichtlich waren es Ausländer. Einer war sehr gut, fast vornehm gekleidet, der andere trug einen etwas abgenützten Kellnerfrack unter einem langen Ulster, der ihn vom Hals bis zu den Füßen einhüllte.

 

Die beiden Männer lagen beinahe Kopf an Kopf, der eine auf dem Gesicht, mit dem Rücken nach oben. Der Polizist hatte ihn in dieser Lage gefunden und hatte ihn wieder so hingelegt, nachdem er festgestellt hatte, daß menschliche Hilfe hier vergeblich war. Der andere lag zusammengekauert an seiner Seite.

 

Die Polizisten hielten die Menschenmenge in der nötigen Entfernung von dem Schauplatz, während der Chef der Geheimpolizei, Mr. T.B. Smith, eine genaue Untersuchung vornahm. Er fand eine Pistole auf dem Boden, eine andere unter dem zusammengekauerten Mann. Während dann die beiden Toten in den Wagen gebracht wurden, wandte er sich an Mr. Farrington.

 

»Wollen Sie so liebenswürdig sein und mit mir nach oben kommen«, bat der bestürzte Millionär, »ich will Ihnen gern alles erzählen, was ich weiß.«

 

Mr. T.B. Smith nahm einen besonderen Geruch wahr, als er in den Hausflur kam, sagte jedoch nichts darüber. Sein Geruchssinn war in einer außergewöhnlichen Weise entwickelt, aber er war ein taktvoller und verschwiegener Mann.

 

Er kannte Farrington – wer kannte ihn nicht! – als seinen Nachbarn und als einen Mann von ungewöhnlichem Reichtum.

 

»Ihre Tochter –«, begann er.

 

»Mein Mündel, meinen Sie wohl«, verbesserte ihn Mr. Farrington, als er alle Lichter in seinem Wohnzimmer eingeschaltet hatte. »Sie ist nicht zu Hause; sie bleibt die Nacht über bei meiner Freundin Lady Constance Dex – kennen Sie die Dame?«

 

Mr. Smith nickte.

 

»Ich kann Ihnen leider nur wenig Informationen geben«, erklärte Mr. Farrington. Er war bleich und zitterte. Seine Verfassung erschien ganz natürlich für einen guten Bürger, der das Gesetz achtete und Zeuge eines so entsetzlichen Mordes gewesen war. »Ich hörte Stimmen und ging zur Haustür hinunter – ich hatte die Absicht, einen Polizisten zu rufen –, dann hörte ich zwei Schüsse, die fast zu gleicher Zeit fielen; ich öffnete die Tür und sah die beiden Männer dort auf der Straße liegen, wie sie später auch von dem Polizisten gefunden wurden.«

 

»Worüber sprachen die beiden denn?«

 

Mr. Farrington zögerte.

 

»Ich hoffe, daß ich nicht als Zeuge bei der Verhandlung dieses Falles zugezogen werde?« Aber Mr. Smith gab ihm in dieser Hinsicht keine Hoffnung. »Sie sprachen über den allbekannten Montague Fallock – einer drohte, ihn bei der Polizei anzuzeigen.«

 

»Ja«, sagte Mr. Smith. Man konnte aus diesem »Ja« entnehmen, daß er die Zusammenhänge ahnte und verstand.

 

»Und wer war der dritte Mann?« fragte er plötzlich.

 

Auf Mr. Farringtons Gesicht kam und ging die Farbe.

 

»Der dritte Mann?« stammelte er.

 

»Ich meine den Mann, der die beiden erschossen hat. Es ist doch klar, daß sie von einer dritten Person getötet wurden. Man hat zwar zwei Pistolen gefunden, aber aus keiner von ihnen ist ein Schuß abgegeben worden. Das entnehme ich daraus, daß beide Waffen gesichert waren. Ebenso ist der Laternenpfahl, in dessen Nähe die beiden standen, durch ein Geschoß beschädigt worden, das keiner der Männer abgefeuert haben kann. Deshalb bin ich der Überzeugung, Mr. Farrington, daß noch ein dritter Mann zugegen war. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihr Haus durchsuche?«

 

Ein leichtes Lächeln zeigte sich jetzt auf dem Gesicht des Millionärs.

 

»Nicht das geringste. Wo wollen Sie mit Ihren Nachforschungen beginnen?«

 

»Im Erdgeschoß – in der Küche.«

 

Mr. Farrington führte den Detektiv die Treppe hinunter. Sie benützten die Dienertreppe, die in das Reich der abwesenden Köchin führte. Er drehte das elektrische Licht in dem Raum an, als sie eintraten.

 

Es war nichts zu entdecken, was darauf hingedeutet hätte, daß jemand hier eingedrungen war.

 

»Dies ist die Kellertür«, erklärte Mr. Farrington. »Hier ist die Speisekammer, und hier geht es zum Hofflur. Die Tür ist verschlossen.«

 

Mr. Smith drückte die Klinke nieder, die Tür öffnete sich leicht.

 

»Aber Sie sehen doch, daß sie nicht verschlossen ist«, sagte er und trat in den dunklen Gang.

 

»Das kann nur eine Nachlässigkeit des Hausmeisters sein«, erwiderte Mr. Farrington erstaunt. »Ich habe strengsten Befehl gegeben, alle Türen zu schließen. Wenn Sie weiter untersuchen, werden Sie finden, daß die Hoftür verriegelt und mit einer Kette versehen ist.«

 

Der Detektiv beleuchtete die Tür mit seiner Taschenlampe.

 

»Das scheint mir nicht der Fall zu sein – sie ist nur angelehnt.«

 

Mr. Farrington war außer sich.

 

»Nur angelehnt?« wiederholte er.

 

T.B. Smith trat auf den kleinen Hof hinaus. Man konnte von der Straße aus über eine kleine Treppe dorthin gelangen. Er ließ das Licht seiner Lampe über die Steinfliesen gehen. Plötzlich sah er etwas auf dem Boden glitzern, bückte sich und hob es auf. Es war eine kleine, mit einer Goldkapsel versehene Flasche, die offenbar aus der Handtasche einer Dame gefallen war. Er roch daran.

 

»Ja, das ist es«, sagte er dann.

 

»Was meinen Sie?« fragte Mr. Farrington argwöhnisch.

 

»Ich meine den Geruch, den ich in Ihrer Eingangshalle wahrnahm. Es ist ein besonderer Duft.« Wieder roch er an dem kleinen Fläschchen. »Gehört dieser Gegenstand Ihrem Mündel?«

 

Farrington schüttelte heftig den Kopf.

 

»Doris ist noch niemals in ihrem Leben hier gewesen«, sagte er. »Abgesehen davon kann sie Parfüms nicht leiden.«

 

Mr. Smith ließ das Fläschchen in seine Tasche gleiten.

 

Alle weiteren Nachforschungen ergaben kein Anzeichen für die Anwesenheit einer dritten Person, und T.B. Smith folgte Mr. Farrington in sein Arbeitszimmer.

 

»Was halten Sie von der ganzen Sache?« fragte Mr. Farrington.

 

Mr. Smith antwortete nicht gleich. Er ging erst zum Fenster und schaute hinaus. Die kleine Menschenmenge, die von den Schüssen angelockt worden war, hatte sich allmählich wieder zerstreut. Der Nebel, der schon den ganzen Abend hereinzubrechen drohte, hatte sich nun auch über den Platz verbreitet, und die Straßenlaternen erschienen nur undeutlich als große, gelbe Lichtkugeln in dem dichten Dunst.

 

»Ich glaube, daß ich nun endlich auf die Spur Montague Fallocks gekommen bin.«

 

Mr. Farrington schaute ihn mit offenem Munde an.

 

»Ist das Ihr Ernst?« fragte er ungläubig.

 

Der Detektiv nickte.

 

»Was halten Sie denn von der offenen Tür da unten – es muß doch irgendein Fremder hier gewesen sein!« rief Mr. Farrington. »Sie denken doch nicht etwa, daß Montague Fallock heute abend in diesem Hause war?«

 

Mr. Smith nickte wieder. Es trat ein kurzes Schweigen ein.

 

»Er hat einen Erpressungsversuch an mir verübt«, meinte Mr. Farrington, »aber ich glaube nicht –«

 

Der Detektiv klappte seinen Mantelkragen hoch.

 

»Ich habe noch eine unangenehme Aufgabe vor mir, ich muß diese unglücklichen toten Leute durchsuchen.«

 

Farrington schauderte. »Das ist schrecklich«, sagte er heiser.

 

Mr. Smith sah sich in dem schönen Zimmer um. Die silbernen Beschläge leuchteten matt in dem milden Licht abgeblendeter Kronleuchter. Kostbare Rosenholzpaneele bedeckten die Wände, ein kräftiges, wärmendes Feuer brannte in dem vergitterten Kamin. Der Boden war mit prachtvollen persischen Teppichen belegt. Wenige auserlesene Gemälde schmückten die Wände jedes von ihnen hatte ein Vermögen gekostet.

 

Auf dem Schreibtisch stand eine große Fotografie in einem einfachen Silberrahmen. Es war das Bild einer schönen Frau in der Blüte ihres Lebens.

 

»Verzeihen Sie«, begann Mr. Smith und ging zu dem Schreibtisch hinüber. »Ist dies nicht …?«

 

»Es ist Lady Constance Dex«, erwiderte Mr. Farrington kurz. »Sie ist mit mir und meinem Mündel eng befreundet.«

 

»Ist sie augenblicklich in der Stadt?«

 

»Sie ist in Great Bradley. Ihr Bruder ist dort Pfarrer.«

 

»Great Bradley?« Mr. Smith runzelte die Stirn, als ob er sich an etwas erinnern wollte. »Liegt in dieser Gegend nicht das ›geheimnisvolle Haus‹?«

 

»Ich habe auch davon gehört«, entgegnete Mr. Farrington mit einem fast unmerklichen Lächeln.

 

»C.D.« sagte Mr. Smith halb zu sich selbst, als er zur Tür ging.

 

»Wie meinen Sie?«

 

»C.D. – das sind doch die Initialen von Lady Constance Dex.«

 

»Das stimmt – aber wie kommen Sie darauf?«

 

»Dieselben Buchstaben sind auch auf dem goldenen Verschluß des Parfümfläschchens eingraviert. Gute Nacht.«

 

Mr. Farrington blieb bestürzt und erschrocken zurück.

 

Kapitel 19

 

19

 

Farrington hatte sich mit Dr. Fall in dem Büro des letzteren eingeschlossen. Es war ein Ereignis eingetreten, das dem Arzt, den kaum etwas aus der Fassung bringen konnte, doch Sorgen bereitete. Düstere Falten lagen auf seiner Stirn. Farringtons Gesicht war vor Wut verzerrt.

 

»Sind Sie dessen auch ganz sicher?« fragte er.

 

»Ganz sicher«, erwiderte Dr. Fall kurz. »Er hat alle Vorbereitungen getroffen, um London zu verlassen. Seine Koffer sind gestern abend vom Charing-Cross-Bahnhof nach Paris geschickt worden. Sein Haus ist vermietet – die Miete hat er sich im voraus zahlen lassen. Seine Möbel sind so gut wie verkauft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er uns betrogen hat.«

 

»Er sollte es wagen!« stieß Farrington atemlos hervor. Die Adern auf seiner Stirn schwollen an, und nur mit größter Anstrengung unterdrückte er seine leidenschaftliche Aufwallung.

 

»Ich habe diesen Kerl aus dem Rinnstein aufgelesen; ich habe diesem verhungerten Hund erst eine Existenz geschaffen; ich habe ihm noch eine Chance gegeben, als er sein Leben schon verspielt hatte … Ich kann nicht daran glauben, daß er so kühn war!«

 

»Diese Art von Verbrechern nimmt sich alles heraus«, sagte Dr. Fall gelassen. »Sie sehen, er ist ein ganz abscheulicher Vertreter seiner Rasse – er besitzt ihre aalglatte Gewandtheit, ihre Hinterlist und ihre rücksichtslose Energie. Er würde Sie verraten, er würde seinen eigenen Bruder preisgeben. Hat er nicht seinen Vater – vielmehr seinen angeblichen Vater – seinerzeit niedergeschossen? Ich bat Sie gleich, ihm nicht zu trauen, Farrington. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er das Haus überhaupt nicht mehr verlassen.«

 

»Um Doris‘ willen habe ich ihn gehen lassen. Ja, ja«, fuhr er fort, als er den überraschten Blick in den Augen Dr. Falls sah. »Ich brauchte jemand, der Angst vor mir hatte und meine Pläne in dieser Richtung förderte. Die Heirat war notwendig.«

 

»Sie haben ein wenig sentimental gehandelt, wenn ich meine Meinung sagen darf.«

 

»Ich will Ihre Meinung nicht hören«, fuhr Farrington auf. »Sie werden niemals begreifen, was ich für dieses Kind empfinde. Ich nahm sie nach dem Tod ihres Vaters zu mir, der einer meiner besten Freunde war. Ich gestehe, daß mich in der ersten Zeit der Gedanke reizte, mir ihr Vermögen anzueignen. Aber als die Jahre vergingen, wurde sie mir immer lieber – sie trug einen neuen und schönen Einfluß in mein Leben, Fall. Es war ein Gefühl, das meinem Dasein bis dahin fremd geblieben war. Ich liebte Doris, und ich liebte sie mehr als Geld oder Macht – und das will viel heißen. Ich wollte alles tun, was zu ihrem Vorteil war, und als meine Spekulationen fehlschlugen und ich mir Geld von ihrem Vermögen lieh, zweifelte ich niemals daran, es mit der Zeit zurückzahlen zu können. Als alles Geld verbraucht war« – er sprach ganz leise – »und ich vor der Tatsache stand, daß ich das einzige menschliche Wesen in der Welt, das ich liebte, finanziell ruiniert hatte, entschloß ich mich zu einem Schritt, den ich von allen meinen Verbrechen am meisten bedauert habe. Ich räumte George Doughton aus dem Weg, um Doris mit dem Erben der Tollington-Millionen verheiraten zu können. Denn ich wußte seit langem, daß Doughton der Mann war, den wir suchten. Ich tötete ihn«, sagte er trotzig, »um der Frau seines Sohnes willen. Es ist eine Ironie des Schicksals!«

 

Er lachte rauh.

 

»Poltavo ließ ich gehen, weil ich ihn brauchte, um meine Pläne im Hinblick auf Doris zu fördern. Daß er in dieser Beziehung nichts taugte und wir schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht haben, tut nichts zur Sache. Doris ist nun glücklich verheiratet«, sagte er mit Befriedigung. »Wenn sie ihren Gatten auch jetzt noch nicht liebt, so wird sie ihn doch später lieben lernen. Sie achtet Frank Doughton, und jeder Tag wird ihr Zugehörigkeitsgefühl zu ihm stärken, und daraus wird allmählich ihre Liebe erwachsen. Ich kenne Doris, ihre geheimen Gedanken und Wünsche. Sie wird mich vergessen –« Seine Stimme zitterte. »Gott gebe, daß sie mich wirklich vergißt!« Er änderte das Thema schnell. »Haben Sie heute morgen eine Nachricht von Poltavo bekommen?«

 

»Nichts Besonderes. Er hat sich mit dem einen oder anderen Agenten in Verbindung gesetzt und die üblichen Briefe geschrieben. Unser Mann, der ihn überwacht, sagt aber, daß er eine große Sache vorhat, von der er uns nicht unterrichtet hat.«

 

»Wenn er uns wirklich betrügt –«

 

»Was könnten Sie dann tun?« fragte Dr. Fall ruhig. »Er ist jetzt nicht mehr in unserer Hand.«

 

Ein leises Summen kam aus der einen Ecke des Raumes.

 

Der Arzt wandte sich bestürzt an Farrington.

 

»Vom Signalturm – was mag das sein?«

 

Hoch über dem Haus erhob sich ein viereckiger einzelner Turm, in dem Tag und Nacht ein Wachtposten stationiert war. Fall ging ans Telefon und nahm den Hörer ab. Er sprach einige Worte und horchte dann. Schließlich hängte er wieder an und berichtete.

 

»Poltavo ist in Great Bradley. Einer unserer Leute hat ihn gesehen und es hierher signalisiert.«

 

»In Great Bradley?« Farrington kniff die Augen zusammen. »Was tut er denn hier?«

 

»Was hatte er neulich in seinem Wagen hier zu schaffen, als er Frank Doughton entführte?« fragte Dr. Fall. »Er wollte damit doch nur den Verdacht auf uns lenken, das ist ganz klar.«

 

Wieder summte es leise, und wieder führte Dr. Fall mit gedämpfter Stimme ein Gespräch mit dem Wachtposten auf dem Turm.

 

»Poltavo befindet sich auf dem Hügelgelände südlich der Stadt«, wandte er sich dann an Farrington. »Er ist offenbar dorthin gekommen, um jemanden zu treffen. Der Posten sagt, daß er ihn vom Turm aus mit seinem Fernglas sehen kann. Er beobachtet auch einen Mann, der auf ihn zukommt.«

 

»Wir wollen selbst nach oben gehen«, erwiderte Farrington.

 

Sie verließen das Zimmer, traten in einen anderen Raum und öffneten dort die Tür eines scheinbaren Schrankes, die aber in Wirklichkeit zu einem der unzähligen Fahrstühle führte, mit denen das Haus versehen und zu deren Inbetriebsetzung das große Kraftwerk notwendig war.

 

Sie gingen in die Kabine und erreichten ein paar Sekunden später das Innere des Turmes, von dessen oberstem Gemach aus man durch zahlreiche Fenster und Teleskope einen vollkommenen Rundblick über die Umgebung des »geheimnisvollen Hauses« hatte. Einer der ausländischen Arbeiter, die Farrington angestellt hatte, beobachtete das entfernt liegende Hügelgelände durch ein großes Fernglas, das auf einem Dreifuß montiert war.

 

»Sehen Sie, dort ist er«, sagte der Mann.

 

Farrington schaute selbst durch das Glas. Es war zweifellos Poltavo. Aber wer mochte der alte Mann sein, der gebückt daherkam und dessen weißer, langer Bart vom Winde zerzaust wurde?

 

Dr. Fall suchte die Gegend mit einem anderen großen Fernglas ab.

 

»Es wird der Vermittler sein«, meinte Farrington schließlich.

 

Sie beobachteten die Begegnung und den Austausch der Briefe. Farrington stieß einen Fluch aus. Aber plötzlich sah er, daß der Fremde auf Poltavo zusprang und daß die beiden auf dem Boden miteinander rangen. Als die Handschellen aufblitzten, wandte er sein bleiches Gesicht Dr. Fall zu.

 

»Mein Gott«, sagte er leise, »er ist in eine Falle gegangen!«

 

Sie sahen sich ein paar Augenblicke schweigend an.

 

»Wird er uns verraten?« Farrington sprach den Gedanken des anderen aus.

 

»Er wird soviel wie möglich verraten. Wir müssen sehen, was sich weiter ereignet. Wenn sie ihn in die Stadt mitnehmen, sind wir verloren.«

 

»Ist irgend etwas von der Polizei zu sehen?« fragte Farrington.

 

Sie suchten den Horizont ab, konnten aber nichts entdecken. Sie beobachteten Mr. Smith, der mit seinem Gefangenen langsam über das Hügelgelände kam.

 

»Sie gehen zu dem kleinen Sommerhaus«, rief Dr. Fall plötzlich.

 

»Unmöglich!« erwiderte Farrington, aber in seinen Augen blitzte Hoffnung auf.

 

»Sie gehen tatsächlich nach Moor Cottage«, sagte Dr. Fall. »Wir müssen schnell handeln!«

 

Im nächsten Augenblick waren die beiden wieder in dem Fahrstuhl und hielten erst an, als sie ganz unten angekommen waren.

 

»Haben Sie eine Pistole bei sich?« fragte Farrington.

 

Fall nickte.

 

Sie verließen die Fahrstuhlkabine und eilten einen gewölbten Gang entlang. In gewissen Abständen brannten Lampen in Nischen. Sie kamen an einer Tür vorbei, die an der linken Seite in die starke Mauer eingelassen war.

 

»Wir müssen sie hier herausbringen, wenn es notwendig ist«, sagte Farrington leise. »Sie macht uns doch keine Schwierigkeiten?«

 

»Sie ist eine sehr ruhige Gefangene.«

 

Am Ende des langen Ganges befand sich eine schwere eiserne Tür. Fall schloß sie auf, und sie traten in einen dunklen Raum. Dr. Fall drehte den Lichtschalter an. Es war ein kleines Zimmer ohne Fenster, das indirekt beleuchtet wurde. In einer Ecke war eine graugestrichene, eiserne Schiebetür zu sehen. Dr. Fall schob sie geräuschlos beiseite, und ein anderer Fahrstuhl wurde sichtbar. Die beiden gingen hinein, und der Fahrstuhl sank und sank, als ob er niemals auf Grund kommen würde. Aber schließlich hielt er doch an, und die Männer traten in einen aus dem Felsen gehauenen Gang.

 

Es war leicht zu erkennen, daß es einer der alten Stollen des Bergwerks war, das nicht mehr benutzt wurde und über dem das Haus errichtet war. Fall tastete nach dem Schalter, und gleich darauf strahlte helles Licht auf.

 

Auf den Schienen, die den Gang entlangliefen bis zu einer Stelle; die sie von ihrem Standpunkt aus nicht sehen konnten, stand ein kleiner Wagen, der durch elektrischen Antrieb bewegt werden konnte. Eine dritte Schiene führte den Strom zu.

 

Farrington stieg ein, und Dr. Fall folgte ihm. Bläuliche Funken knisterten auf der mittleren Schiene, als der kleine Wagen in Bewegung gesetzt wurde. Bald war er in voller Fahrt.

 

In den Kurven verlangsamten sie die Geschwindigkeit – wenn sie lange Strecken vor sich hatten, fuhren sie schneller. Nach fünf Minuten stellte Farrington den Strom ab und zog die Bremsen an. Sie stiegen in einem großen Räume aus, der ähnlich dem war, von dem sie abgefahren waren. Auch hier war wieder ein Fahrstuhl eingebaut, der sie in die Höhe brachte.

 

»Wir wollen langsam fahren«, flüsterte Dr. Fall Farrington ins Ohr. »Es hat keinen Zweck, Geräusche zu verursachen und Verdacht zu erregen. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir es jetzt mit Mr. Smith zu tun haben.«

 

Farrington nickte, und plötzlich stand der Fahrstuhl von selbst still. Sie machten keinen Versuch, die Tür zu öffnen. Sie konnten Stimmen hören: Mr. Smith und Poltavo unterhielten sich miteinander. In diesem Augenblick sprach der Pole.

 

Er erbot sich, alles zu verraten. Die beiden waren im Dunkeln Zeugen seiner Hinterlist. Sie hörten auch, daß das Auto ankam und daß sich der Detektiv entfernte. Eine Tür schlug zu, und ein Schlüssel drehte sich im Schloß. Dr. Fall trat einen Schritt vorwärts, drückte eine Feder in dem Holzwerk, vor dem er stand, und eins der Paneele glitt lautlos zur Seite.

 

Poltavo sah die beiden nicht, bis sie vor ihm standen. Als er dann in ihre haßerfüllten Gesichter blickte, wußte er, welches Schicksal ihn erwartete.

 

»Was wollen Sie?« flüsterte er kaum vernehmlich.

 

»Seien Sie ruhig«, sagte Farrington leise, »oder Sie sind ein toter Mann.« Er hielt ihm die Spitze eines Messers an die Kehle.

 

»Wohin bringen Sie mich?« fragte Poltavo, der totenbleich geworden war und von Kopf bis Fuß zitterte.

 

»Dahin, wo Sie möglichst wenig Gelegenheit haben, uns zu verraten«, erwiderte Dr. Fall.

 

Ein höhnisches Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen. Poltavo, der ahnte, was ihm jenseits des Tunnels bevorstand, vergaß das Messer an seiner Kehle und schrie.

 

Starke Hände packten ihn und unterdrückten den Schrei. Poltavo fühlte einen Schlag hinter dem Ohr und verlor das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich auf dem kleinen elektrischen Wagen, der den alten Bergwerksstollen entlangfuhr. Er lag halb auf dem Boden, halb stützte er sich gegen Dr. Falls Knie. Er machte keinen Versuch, sich zu bewegen. Es wurde kein Wort gesprochen, als sie ihn aus dem Wagen zerrten, in einen anderen Fahrstuhl brachten und nach oben fuhren. Schließlich standen sie wieder in dem kleinen Zimmer am Ende des Ganges, der unter dem »geheimnisvollen Haus« entlanglief.

 

Eine Tür wurde geöffnet, und Poltavo wurde hineingestoßen. Er hörte, daß sich die Stahltür hinter ihm schloß. Als der Raum erhellt worden war, erkannte er, daß er sich in seinem früheren Gefängnis befand.

 

Dort standen der Tisch und der schwere Stuhl, in der Ecke war der verschlossene Eingang zu dem anderen Fahrstuhl. Immerhin war er jetzt nicht mehr in den Händen der Polizei, das war sein erster Gedanke, der ihn in gewisser Weise beruhigte. Er war hier allerdings auch nur so lange sicher, als es Farrington und seinem Freund gut dünkte. Was würden sie mit ihm beginnen? Wie konnte er sich entschuldigen? Sie hatten seine Unterhaltung mit dem Detektiv angehört, dessen war er sicher. Er ärgerte sich über seine Torheit. Er hätte nicht nach Moor Cottage gehen sollen. Es lag etwas Unheimliches über diesem Platz. Aber Mr. Smith hätte das doch besser wissen sollen als er. Warum hatte er ihn allein gelassen?

 

Diese und tausend andere Fragen schossen ihm durch den Kopf, als er unruhig in dem gewölbten Raum auf und ab ging. Diesmal hatten sie keine Eile, ihn mit Nahrung zu versorgen. Er hatte fast vergessen, welche Zeit es war. In diesem unterirdischen Gewölbe, in das kein Sonnenstrahl drang, war es ja auch gleich, ob es Tag oder Nacht war. Sie hatten ihm nicht einmal die Handschellen abgenommen. Würden sie nun kommen und ihn davon befreien? Was hatten sie mit ihm vor? Er fühlte sorgfältig an seinen Taschen entlang. Mr. Smith hatte ihm die einzige Waffe genommen, die er mit sich führte. Zum erstenmal seit vielen Jahren war Poltavo unbewaffnet.

 

Sein Herz schlug zum Zerspringen, und er atmete schwer. Eine entsetzliche Angst packte ihn. Er wandte sich nach der Wand und wollte die Tür suchen, durch die er hereingekommen war, aber zu seinem größten Erstaunen war sie nicht zu finden. So weit er sehen konnte, lief die Steinwand ohne Unterbrechung von einem Ende des Raumes zum anderen. Entfliehen konnte er nicht, er mußte geduldig warten, bis er ihre Pläne entdeckte. Er zweifelte nicht daran, daß es ihm schlechtgehen würde, denn er hatte jedes Recht auf ihr Vertrauen verwirkt. Aber wenn das die einzige Folge seines Verhaltens gewesen wäre, hätte ihn das wenig gekümmert. Er hatte sich Dr. Fall gegenüber gerühmt, daß er schon in sehr schwierigen Lagen gewesen war und dem Tod in manchen merkwürdigen und schrecklichen Situationen ins Auge gesehen hatte, aber die Überzeugung, daß er einem unvermeidlichen Schicksal nicht entgehen konnte, war noch nie so stark in ihm aufgetaucht wie diesmal. Denn er lag im Keller des »geheimnisvollen Hauses«, von hundert geheimen Kräften bewacht.

 

Es blieb ihm nur die schwache Hoffnung, daß Mr. Smith entdecken würde, auf welche Weise er aus dem Raum in Moor Cottage entführt worden war, und ihm bis hierher folgen würde.

 

Offenbar befürchteten die Bewohner des »geheimnisvollen Hauses« dasselbe, denn selbst hier in der Stille des unterirdischen Gefängnisses konnte Poltavo sonderbare Geräusche hören. Es polterte und knirschte, als ob die Konstruktion des ganzen Hauses von Grund auf geändert würde.

 

Er brauchte nicht lange zu warten. Der Fahrstuhl in der Ecke des Raumes kam schnell herunter, und Dr. Fall trat ein.

 

»Mr. Smith ist im Haus«, sagte er. »Er nimmt eine Durchsuchung vor. In einigen Augenblicken wird er hier unten sein. Unter diesen Umständen muß ich Ihnen allerdings eins der Geheimnisse dieses Hauses verraten.« Er packte ihn heftig am Arm und führte ihn halb, halb zerrte er ihn in eine Ecke des Zimmers. Da Poltavo gefesselt war, konnte er keinen Widerstand leisten. Scheinbar berührte Dr. Fall nur einen Teil der Wand, aber er mußte entweder mit der Hand oder mit dem Fuß auf eine starke Feder gedrückt haben, denn ein Teil der Steinwand schwang nach rückwärts und enthüllte eine dunkle Öffnung.

 

»Gehen Sie hier hinein«, sagte Dr. Fall und stieß ihn ins Dunkle.

 

Wenige Augenblicke später betrat Mr. Smith in Begleitung dreier Detektive den Raum, den Poltavo eben verlassen hatte, aber er konnte keine Spur von dem Gefangenen finden, der hier geweilt hatte.

 

Poltavo mußte im Dunkeln warten. Er befand sich in einem kleinen, zellenartigen Raum, der offenbar nur den einen Eingang hatte, durch den er gekommen war.

 

Er konnte allerdings unbehindert atmen, denn das Entlüftungssystem in den Kellerräumen war großartig und genial angelegt.

 

Die zwanzig Minuten, die er allein blieb, erschienen ihm wie Stunden. Endlich öffnete sich die Tür wieder, und er wurde herausgerufen.

 

Farrington war jetzt in dem Raum. Er war von Dr. Fall, seinem treuen Assistenten, und dem einäugigen Italiener begleitet. Poltavo erinnerte sich, daß er diesen Mann im Kraftwerk gesehen hatte, als man ihm eines Tages erlaubte, die Anlage zu besichtigen.

 

Der Raum sah etwas verändert aus. Poltavo war so nervös, daß er das sofort wahrnahm. Der Tisch war zurückgezogen, so daß der auf dem Boden befestigte Stuhl frei stand.

 

Er hatte sich schon das erstemal über die schweren Schrauben gewundert, die ihn festhielten. Dr. Fall und der Italiener packten ihn derb, führten ihn quer durch den Raum und stießen ihn auf den Stuhl.

 

»Was haben Sie vor?« fragte Poltavo totenbleich.

 

»Das werden Sie gleich sehen.«

 

Sie nahmen ihm die Handfesseln ab und schnallten ihn geschickt an den Stuhl. Seine Handgelenke und Ellenbogen wurden an den Armlehnen, seine Schenkel an den Beinen des massiven Möbels befestigt.

 

Poltavo sah Farrington vor sich stehen. Das Gesicht des großen Mannes war erstarrt wie eine Maske. Kein Muskel bewegte sich darin, die Augen waren fest auf den Verräter gerichtet. Dr. Fall kniete nieder, und Poltavo hörte, wie Tuch zerrissen wurde.

 

Er hatte jedes seiner beiden Hosenbeine aufgerissen.

 

»Soll das Ganze ein Scherz sein?« fragte Poltavo mit einer verzweifelten Anstrengung, seine Furcht zu überwinden.

 

Aber er erhielt keine Antwort.

 

Er beobachtete seine Kerkermeister mit wachsendem Entsetzen. Was war der Sinn all dieser Vorbereitungen? Die beiden Männer, die sich an dem Stuhl zu schaffen machten, hoben merkwürdig aussehende Gegenstände vom Boden auf und befestigten sie an jedem seiner Handgelenke. Er fühlte die kalte Oberfläche einer Metallplatte, die sich gegen seine Haut drückte. Noch war er sich nicht über die Gefahr klar, in der er schwebte, noch ahnte er nichts von dem grausamen Entschluß der beiden Männer, deren Geheimnis er hatte verraten wollen.

 

»Mr. Farrington«, wandte er sich bittend an den großen Mann, »wir wollen uns doch verständigen. Ich habe verloren.«

 

»Das stimmt«, erwiderte Farrington. Es waren seine ersten Worte.

 

»Geben Sie mir genug Geld, daß ich das Land verlassen kann, nur das Geld, das ich in der Tasche habe, und ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen nie wieder Schwierigkeiten bereiten werde.«

 

»Mein Freund, ich habe Ihnen nur zu lange getraut. Sie haben sich mir aufgedrängt, als ich Sie nicht wünschte, Sie haben meine Pläne bei allen möglichen Gelegenheiten durchkreuzt, Sie haben mich betrogen, wann es Ihnen nur möglich war oder wann sich Ihnen ein Vorteil dadurch bot. Ich bin fest entschlossen, Ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, mir noch einmal zu schaden.«

 

»Was soll denn dieses Theater bedeuten?« fragte Poltavo. Blinde Furcht und Wut kämpften in ihm.

 

Jetzt erst entdeckte er, daß die sonderbaren Klammern an seinen Handgelenken durch dicke, grüne Schnüre mit einem Kontakt in der Wand verbunden waren. Er stieß einen entsetzten Schrei aus, als er das sah, und nun wurde ihm der schreckliche Ernst seiner Lage plötzlich klar.

 

»Mein Gott!« schrie er. »Sie wollen mich doch nicht umbringen?!«

 

Farrington nickte langsam.

 

»Ja, wir werden Sie schmerzlos töten, Poltavo. Wenn wir weiterleben wollen, müssen Sie sterben. Wir werden Ihnen keine unnötigen Qualen bereiten, aber das Abenteuer Ihres Lebens ist nun zu Ende, mein Freund.«

 

»Sie werden mich doch nicht durch elektrischen Strom töten?« stöhnte der Mann in dem Stuhl. Seine Stimme war heiser und krächzend geworden. »Sagen Sie doch, daß es nicht wahr ist sagen Sie, daß Sie mich nicht hinrichten wollen, Farrington! Geben Sie mir doch die Möglichkeit, zu leben – machen Sie mit mir, was Sie wollen, übergeben Sie mich der Polizei! Alles andere, nur das nicht, Farrington, nur das nicht!«

 

Farrington gab einen kleinen Wink, Dr. Fall ging zur Wand und legte seine Hand auf einen großen, schwarzen Schalter.

 

»Ich verrate Sie nicht …« Poltavos Stimme klang hohl. »Geben Sie mir doch die Möglichkeit … Ich werde ihnen nicht sagen – daß Sie –«

 

Dann verstummte er plötzlich, denn der schwarze Schalter hatte sich umgedreht, und der Tod kam mit blitzartiger Schnelligkeit über Poltavo.

 

Die drei Männer beobachteten die Gestalt. Man sah noch ein leises Zittern in den Händen, dann nickte Farrington, und der Arzt drehte den Schalter wieder ab.

 

Schnell lösten sie alle Fesseln, und der bewegungslose Körper glitt von dem Stuhl herunter.

 

So starb Ernesto Poltavo, ein Abenteurer und ein Schurke, in der Blüte seines Lebens.

 

Farrington schaute mit düsteren Blicken auf die Leiche. Er wollte eben etwas sagen, als plötzlich eine scharfe Stimme hinter ihm erklang.

 

»Hände hoch!«

 

Die steinerne Tür, durch die Poltavo vom Korridor zu seiner Richtstätte gebracht worden war, stand weit offen, und im Eingang stand Mr. Smith, dicht hinter ihm tauchte Ela auf. Eine Pistole blitzte in der Hand des Detektivs auf.

 

Kapitel 18

 

18

 

Drei Tage nach dem Austausch der Briefe ging Graf Poltavo in dem groben Anzug eines Landedelmanns langsam über die Hänge im Süden der Stadt bis zum höchsten Punkt, einem großen, sanft ansteigenden Hügel, von dessen Spitze aus man nach jeder Richtung hin einen weiten Überblick hatte.

 

Der Himmel war bedeckt, und ein kühler Wind wehte. Man konnte sicher sein, daß sich bei diesem Wetter keine Spaziergänger in dieser Gegend aufhielten. Zu seiner Linken, halb verborgen durch die Hügelkette und einen graublauen Dunstschleier, lag Great Bradley mit seinem regen industriellen Leben. Rechts war die massige, häßliche Fassade des »geheimnisvollen Hauses« zu sehen, die jedoch halb durch die umgebenden Baumgruppen verdeckt war. Daneben ragte ein Schornstein auf, aus dem dünne Rauchwolken zum Himmel aufstiegen. Hinter diesem lag das alte Maschinenhaus des verlassenen Bergwerks und rechts davon das hübsche, kleine Landhaus, aus dem Lady Constance Dex vor einer Woche so rätselhaft verschwunden war. Es war das Ziel vieler Neugieriger geworden.

 

Lady Constance Dex war nun schon seit neun Tagen verschwunden. Man hatte sich ihre unerwartete Abwesenheit auf verschiedene Weise zu erklären versucht. Die Polizei von Great Bradley hatte systematisch und mit großer Gründlichkeit alles durchsucht. Nur Mr. Smith und die wenigen Leute, die er in sein Vertrauen zog, waren davon überzeugt, daß sie sich nicht weit von Moor Cottage aufhalten konnte.

 

Graf Poltavo hatte sich mit einem sehr guten Feldstecher versehen und beobachtete nun sorgfältig alle Straßen, die zu seinem Standort führten. Ein Auto, das aus dieser Entfernung unheimlich klein aussah, fuhr die gewundene weiße Chaussee entlang, etwa zwei Meilen entfernt. Er hielt es im Brennpunkt seines Glases, als es einen Hügel in die Höhe fuhr, auf der anderen Seite wieder in das Tal hinunterglitt und schließlich in einer Staubwolke auf der Straße nach London entschwand. Dann entdeckte er plötzlich den Boten. Quer durch das hügelige Gelände kam die gebeugte Gestalt eines Mannes auf ihn zu, der ab und zu anhielt und sich umschaute, als ob er nicht recht wüßte, welche Richtung er einschlagen sollte. Poltavo hatte sich flach auf den Boden gelegt und sein Glas auf ihn gerichtet.

 

Er sah einen alten Mann mit weißem Bart und grauem Haar. Er trug einen handgewebten Anzug, keinen Kragen und hielt den Hut in der Hand. Sein Hemd war am Halse geöffnet, er hatte aber ein Halstuch umgebunden. Alle diese Einzelheiten konnte Poltavo durch seinen scharfen Feldstecher erkennen. Er war befriedigt.

 

Das war kein Mann, der ihn überlisten wollte. Poltavo hatte umfangreiche Vorsichtsmaßregeln getroffen. Auf. den drei Wegen, die zu diesem Gelände führten, hatte er in gleichmäßiger Entfernung von seinem Standort drei Automobile aufgestellt. Er war auf alle möglichen Entwicklungen der Lage gefaßt. Wenn er fliehen mußte, konnte er ein Auto erreichen, welchen Weg er auch immer einschlagen mußte, und auf diese Weise konnte er einen großen Abstand zwischen sich und seine Verfolger bringen.

 

Der Mann kam näher. Poltavo prüfte ihn noch einmal hastig aus kurzer Entfernung und war zufrieden. Dann erhob er sich und ging dem Boten entgegen.

 

»Haben Sie einen Brief für mich?« fragte er.

 

Der Alte sah ihn argwöhnisch von der Seite an.

 

»Ihr Name?« fragte er rauh.

 

»Mein Name ist Poltavo«, sagte der Pole lächelnd.

 

Langsam faßte der Bote in seine Tasche und holte einen großen Briefumschlag hervor.

 

»Sie müssen mir aber erst etwas geben«, forderte er Poltavo auf.

 

Poltavo händigte ihm ein versiegeltes Paket ein und erhielt dafür den Brief.

 

Wieder blickte er den alten Mann lächelnd an. Abgesehen von dem langen weißen Bart und den grauen Haaren, die unter dem breitkrempigen Hut hervorquollen, hatte der Mann ein verhältnismäßig jugendliches Gesicht.

 

»Dies ist ein historischer Augenblick«, sagte Poltavo fröhlich. Er war in der glücklichsten Stimmung seines Lebens. Alle Hoffnungen, die sich an den Inhalt des Briefumschlages knüpften, der nun in seiner Tasche steckte, stiegen wieder vor seinem Geiste auf. »Nennen Sie mir doch Ihren Namen, lieber Freund, damit ich ihn behalte und gelegentlich einmal, nicht jetzt, auf Ihre Gesundheit trinken kann.«

 

»Mein Name ist T.B. Smith«, sagte der alte Mann langsam, »und ich verhafte Sie unter dem Verdacht der Erpressung.«

 

Poltavo sprang zur Seite. Sein Gesicht war aschgrau geworden. Er fuhr mit der Hand an seine Pistolentasche, aber bevor er seine Absicht ausführen konnte, hatte ihn der Detektiv gepackt. Zwei starke Arme, die hart wie Stahl zu sein schienen, ergriffen ihn, dann fiel er zu Boden, und Mr. Smith kniete auf ihm. Einen Augenblick war er durch den Schrecken wie gelähmt. Schnell nahm er sich wieder zusammen, aber es war schon zu spät, er fühlte etwas Hartes und Kaltes an seinen Handgelenken. Eine Hand packte ihn am Genick und riß ihn vom Boden auf, so daß er wieder auf seinen Füßen stand. Der Detektiv, dessen weißer Bart beim Kampf zerzaust worden war, machte eine komische Figur, aber Poltavo hatte jetzt keinen Sinn mehr für Humor.

 

»Habe ich Sie doch erwischt, mein Freund?« fragte Mr. Smith vergnügt, während er seine Verkleidung abnahm und die graue Schminke von seinem Gesicht abwischte.

 

»Es wird Ihnen schwerfallen, mir etwas zu beweisen«, sagte Poltavo herausfordernd. »Wir sind allein, Sie und ich – und mein Wort gilt ebensoviel wie das Ihre. Was nun den Herzog von Ambury betrifft –«

 

Mr. Smith lachte laut auf.

 

»Armer Mann«, erwiderte er nachsichtig, »es gibt überhaupt keinen Herzog von Ambury! Ich dachte mir, daß Sie im englischen Adel nicht Bescheid wüßten. Aber ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so schnell in die Falle gehen würden. Die Herzogswürde von Ambury existiert seit zweihundert Jahren nicht mehr, der Titel wird nicht mehr verliehen. Die Briefe wurden von Ambury Castle an Sie adressiert – das ist eine kleine Vorstadtvilla in der Umgebung von Bolton, deren Miete etwa vierzig Pfund im Jahr beträgt. Wir Engländer haben doch eine größere Phantasie, als Sie uns zutrauen, mein lieber Graf«, fuhr er fort. »Sie spielt eine bedeutende Rolle bei den Namen, die unsere weniger bemittelten Mitbürger ihren Häusern geben.«

 

Er führte seinen Gefangenen quer durch das Hügelgelände.

 

»Was werden Sie mit mir anfangen?« fragte Poltavo.

 

»Ich bringe Sie zuerst zur Polizeistation in Great Bradley von dort lasse ich Sie nach London überführen. Ich habe drei Haftbefehle für Sie, darunter zwei, die auf Ersuchen fremder Regierungen ausgestellt sind, aber ich glaube, die Leute müssen noch ein wenig warten, bis sie Sie wegen Ihrer alten Missetaten zur Rechenschaft ziehen können.«

 

Ihr Weg führte sie an Moor Cottage vorbei. Mr. Smith erwartete hier in einer Viertelstunde mehrere Polizeibeamte, denn er hatte seine Anordnungen genau auf die Minute getroffen.

 

Er öffnete die Haustür und schob seinen Gefangenen hinein.

 

»Wir wollen nicht in das Arbeitszimmer gehen«, sagte er lächelnd. »Vielleicht wissen Sie auch, daß unsere gemeinsame Freundin, Lady Constance Dex, unter ungewöhnlichen Umständen aus diesem Raum verschwunden ist. Da ich Sie aber unter allen Umständen in Gefangenschaft behalten möchte, wollen wir lieber das Wohnzimmer als vorübergehende Zelle wählen.«

 

Er öffnete die Tür zu dem kleinen Raum, in dem das Klavier stand, und wies mit der Hand auf einen der vielen bequemen Sessel.

 

»Nun, mein Freund, haben wir eine Gelegenheit, uns gegenseitig zu verständigen. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß Sie einer sehr schweren Bestrafung entgegengehen. Ich weiß, daß Sie nur ein Agent sind und im Auftrag anderer Leute handeln, aber in diesem besonderen Fall gingen Sie auf eigene Faust vor. Sie haben die weitgehendsten Vorbereitungen getroffen, England zu verlassen.«

 

Poltavo lächelte.

 

»Da haben Sie recht«, gab er zu.

 

»Ich habe all Ihre schönen Koffer gesehen – sie sind wunderbar neu und mit feinen Etiketten versehen. Ich habe sie auch durchsucht.«

 

Poltavo hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und drehte mit den gefesselten Händen an seinem Schnurrbart.

 

»Gibt es denn keinen Weg, aus dieser ganzen Affäre wieder herauszukommen?«

 

»Sie können die Sache viel leichter für sich machen«, erwiderte der Detektiv ruhig.

 

»Auf welche Weise?«

 

»Wenn Sie mir alles sagen, was Sie von Farrington wissen, und wenn Sie mir alle Informationen über das ›geheimnisvolle Haus‹ geben, die Sie besitzen. Wo ist zum Beispiel Lady Constance Dex?«

 

Poltavo zuckte die Schultern.

 

»Sie ist am Leben, das kann ich Ihnen ja sagen. Ich erhielt einen Brief von Dr. Fall, in dem er mir so etwas andeutete. Ich weiß nicht, wie sie gefangengenommen wurde, auch kenne ich den genauen Sachverhalt nicht. Ich kann Ihnen nur sagen, daß sie wohlauf ist und gut versorgt wird. Farrington mußte sie in Sicherheit bringen – sie hat einmal nach ihm geschossen. Deshalb mußte er auch schneller verschwinden, als er ursprünglich beabsichtigte. Er wußte genau, daß sie weitere Gewaltmaßnahmen gegen ihn ergreifen würde. Über die innere Einrichtung des ›geheimnisvollen Hauses‹ weiß ich wenig oder gar nichts. Farrington ist natürlich –«

 

»Mit Montague Fallock identisch«, vollendete Mr. Smith. »Das wußte ich schon.«

 

»Was wollen Sie denn sonst noch von mir wissen?« fragte Poltavo erstaunt. »Ich bin selbstverständlich bereit, Ihnen alles zu sagen, wenn Sie mir die Sache leichtmachen wollen. Der Mann, der dort unter dem Namen Mr. Moole lebt, ist ein halbverrückter alter Landarbeiter, den Farrington vor einigen Jahren zu sich nahm, um ihn seinen Zwecken dienstbar zu machen. Er ist der Mann, der, ohne es zu wissen, als angeblicher Millionär in dem Hause wohnt und dessen Vermögen von Farrington zum Schein verwaltet wird. Das alles ist so arrangiert worden, um den Verdacht zu zerstreuen, der natürlich auf ein Haus fällt, das sonst niemand besucht. Die Bewohner genießen dadurch mehr Sicherheit und Schutz.«

 

»Das ist mir alles klar«, sagte Mr. Smith. »Es ist, wie Sie sagen, eine geniale Idee. Was wissen Sie von Dr. Fall?«

 

Poltavo zuckte die Schultern.

 

»Sie wissen ebensoviel von ihm wie ich. Es gibt aber doch vielleicht noch manche Dinge, die Sie nicht kennen«, fuhr er langsam fort. »Besonders eine Tatsache wäre von ungeheurem Wert für Sie. Sie werden Farrington niemals erwischen.«

 

»Darf ich fragen, warum?« Mr. Smith war sehr interessiert.

 

»Das ist mein Geheimnis«, erklärte der Pole, »und ich bin bereit, es Ihnen zu verkaufen.«

 

»Der Preis?« fragte der Detektiv nach einer Pause.

 

»Meine Freiheit. Ich werde das Geheimnis nur verraten, wenn Sie mich freilassen«, sagte Poltavo kühn. »Ich weiß, daß Sie großen Einfluß bei der Polizei haben und solche Dinge ermöglichen können, besonders, da noch keine Anklage gegen mich erhoben ist. Außerdem können Sie mich höchstens belangen, weil ich durch einen Trick Geld zu bekommen suchte – und auch das dürfte nur sehr schwer zu beweisen sein. Ich weiß wohl, daß Sie das in Abrede stellen, aber bedenken Sie, daß auch ich eine gewisse Kenntnis des Gesetzes und einige Erfahrungen mit englischen Gerichten habe. Ich fürchte mich nicht vor dem englischen Gesetz und nicht vor dem Urteil, das Ihre Richter über mich verhängen werden. Aber mir graut vor der Auslieferung und der Behandlung, die mir dann zuteil werden wird.« Er zitterte. »Nur weil ich die Auslieferung fürchte, mache ich Ihnen dieses Angebot. Bringen Sie alles für mich in Ordnung, und ich will Ihnen nicht nur das Geheimnis von Farringtons Fluchtplan verraten, sondern Ihnen auch eine vollständige Liste seiner Agenten geben, die Sie sonst nirgends finden werden. Während meines Aufenthaltes in dem ›geheimnisvollen Haus‹ war ich vom Morgen bis zum Abend hauptsächlich damit beschäftigt, die Namen und Adressen dieser Leute auswendig zu lernen.«

 

Mr. Smith sah ihn nachdenklich an.

 

»Ihr Vorschlag ist nicht ohne weiteres abzulehnen«, meinte er dann. »Aber ich muß einen Augenblick darüber nachdenken.« Er hörte ein Geräusch auf der Straße und zog den Vorhang beiseite. Ein Wagen war draußen vorgefahren, und einige Beamte von Scotland Yard stiegen aus, unter denen er Ela erkannte.

 

»Ich werde Sie kurze Zeit hier einschließen, während ich mit meinen Freunden berate.«

 

Mr. Smith ging hinaus, schloß die Tür von außen ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Draußen traf er Ela.

 

»Haben Sie ihn?«

 

»Ja, ich habe ihn gefangen – ich hoffe sogar, die ganze Bande jetzt in meiner Hand zu haben.«

 

»Und das ›geheimnisvolle Haus‹?«

 

»Auch das. Es hängt jetzt alles davon ab, was wir mit Poltavo machen. Wenn wir es vermeiden können, ihn vor ein Gericht zu stellen, kann ich diese Verbrecherbande, diese ganze große Organisation, mit einemmal vernichten. Ich weiß, es geht gegen das Gesetz, aber schließlich liegt es im Interesse der öffentlichen Ordnung und des Gesetzes selbst. Wieviel Mann haben wir zur Verfügung?«

 

»Zur Zeit sind etwa hundertfünfzig Leute in Great Bradley. Die Hälfte davon ist dort stationiert, die andere wird von unseren eigenen Beamten gestellt.«

 

»Senden Sie einen Mann mit dem Befehl hin, daß sie das ›geheimnisvolle Haus‹ umstellen sollen. Niemand darf das Gebäude verlassen. Alle ankommenden oder abfahrenden Wagen und Autos sind anzuhalten. Vor allem darf kein Wagen aus Great Bradley heraus, bevor seine Insassen nicht aufs genaueste durchsucht worden sind. – Was ist denn das?« Er wandte sich schnell um.

 

Ein unterdrückter Schrei, der aus dem Hause kam, hatte ihre Unterhaltung unterbrochen.

 

»Rasch!« rief Mr. Smith.

 

Er eilte hinein, erreichte die Tür des Wohnzimmers, in dem er den Gefangenen zurückgelassen hatte, schloß mit fester Hand auf und riß die Tür auf.

 

Der Raum war leer!

 

Kapitel 17

 

17

 

Mr. Smith spielte gerade Golf in Walton Heath, als nach ihm telefoniert wurde.

 

Er brach sofort auf und traf Ela beim Mittagessen im Ritz-Hotel.

 

»Jetzt ist alles verständlich«, sagte er. »Das eigenartige Verschwinden Mr. Farringtons ist aufgeklärt.«

 

»Mir ist aber die endgültige Lösung doch noch ein wenig schleierhaft«, erwiderte Ela unsicher.

 

»Dann will ich es Ihnen einmal in einfachen Worten erklären«, entgegnete Mr. Smith, als er sich eine Sardine von der Horsd’oeuvre-Platte nahm. »Farrington wußte schon lange, daß George Doughton der gesuchte Tollington-Erbe war. Er kannte dieses Geheimnis seit vielen Jahren. Aus diesem Grund ließ er sich auch in Great Bradley nieder, wo die Doughtons beheimatet waren. Offenbar waren damals die älteren Doughtons schon gestorben, und nur George Doughton, der etwas romantische und unpraktische Wissenschaftler, repräsentierte die Familie.

 

George hatte sich in die jetzige Lady Constance Dex verliebt, und da Farrington das wußte, tat er alles, um sich bei ihr beliebt zu machen. Er wußte, daß das Vermögen zu gleichen Teilen an Doughton und seine Frau fallen sollte. George Doughton war Witwer und hatte einen Sohn, der damals zur Schule ging. Es ist sehr leicht möglich, daß Farrington den Jungen, der nur in den Ferien nach Great Bradley kam, nicht kannte und keine Ahnung von seiner Existenz hatte.

 

Die Tatsache, daß dieser Knabe am Leben war, muß seine Absichten geändert haben. Immerhin schien er der Verlobung der beiden nichts in den Weg zu legen, während er einen Plan ausdachte, durch den er einen großen Teil der Tollington-Millionen für sich erwerben konnte. Aber er muß sein Vorhaben noch einmal geändert haben.

 

Während seines Aufenthalts in Great Bradley wurde ihm die Pflegschaft von Doris Gray anvertraut, und als er sich mehr und mehr für das junge Mädchen interessierte und sie liebgewann, muß er die außerordentlich günstige Chance wahrgenommen haben, die ihm das Schicksal gewissermaßen in die Hände spielte. Diese Liebe zu Doris Gray war einer seiner wenigen schönen Charakterzüge.

 

Mit teuflischer List und Genialität, mit rücksichtsloser Konsequenz, die an die unheimlichen Taten der Borgias erinnert, plante er zuerst George Doughtons Tod, um dann dessen Sohn mit seinem Mündel zu verheiraten. Er machte die beiden jungen Leute miteinander bekannt, gab ihnen Gelegenheit, sich häufig zu sehen, und hoffte, auf diese Weise das gewünschte Resultat zu erzielen.

 

Aber die Dinge entwickelten sich nicht schnell genug für ihn. Außerdem muß er, wie kürzlich die anderen Treuhänder, plötzlich erfahren haben, daß das Testament einen bestimmten Termin zur Auffindung des Erben setzte. Infolgedessen versuchte er, seine Nichte zu beeinflussen, aber er fand wenig Gegenliebe bei ihr. Er hat sogar den kühnen Trick versucht, Frank Doughton dazu anzustellen, sich selbst zu entdecken! Hiermit verband er eine doppelte Absicht. Einmal mußte der junge Mann dann dauernd mit ihm in Verbindung bleiben, zweitens wurden die anderen Treuhänder zufriedengestellt, die Farrington den Auftrag gegeben hatten, die nötigen Maßnahmen zur Auffindung des vermißten Erben zu ergreifen.

 

Aber alle Bemühungen, Doris Gray einer Heirat mit Frank Doughton geneigt zu machen, mißlangen. Der Termin näherte sich immer mehr, an dem er das Vermögen des jungen Mädchens aushändigen mußte. Seine Vormundschaft erlosch zufällig zu demselben Zeitpunkt, an dem auch die Frist zur Auffindung des Erben ablief. Farrington wurde also zu einem verzweifelten Schritt getrieben. Aber es gab natürlich auch noch andere Gründe für seine Handlungsweise.

 

Ausschlaggebend für ihn war auch die Erkenntnis, daß ich ihn verdächtigte, und die Gewißheit, daß Lady Constance ihn verraten würde, sobald sie entdeckte, daß er für den Tod ihres Geliebten verantwortlich war. Aber der Hauptgrund für sein Verschwinden war das Testament, das nach seinem angeblichen Tod eröffnet und verlesen wurde.

 

In diesem Testament setzte er unumstößlich fest, daß Doris Frank Doughton unverzüglich heiraten sollte. Vermutlich weiß sie jetzt, daß Farrington noch lebt. Wahrscheinlich enthüllte er ihr seine Pläne, soweit sie seinen angeblichen Tod betrafen, weil er von Schrecken erfaßt wurde, daß sie noch zögerte.«

 

Mr. Smith schaute durch das Fenster auf den Verkehrsstrom, der Piccadilly entlangflutete. Auf seinem Gesicht drückten sich Sorge und Zweifel aus.

 

»Ich könnte Farrington morgen fassen, wenn ich wollte«, sagte er nach einer Weile, »aber ich möchte nicht nur ihn, sondern seine ganze Organisation in die Hand bekommen.«

 

»Was halten Sie denn von dem Verschwinden der Lady Constance Dex?« fragte Ela. »Während wir warten, ist sie doch schließlich in Gefahr?«

 

Mr. Smith schüttelte den Kopf.

 

»Wenn sie in diesem Augenblick noch nicht tot ist, wird ihr nichts geschehen. Wenn Farrington sie töten wollte – denn er war es, der sie entführt hat –, hätte er es ebensogut in ihrem Hause tun können. Niemand hätte diesen Mord aufklären können. Lady Constance muß warten. Wir müssen dem Glück so lange trauen, bis ich in der Lage bin, den unterirdischen Raum zu inspizieren, wo sie gefangengehalten wird. Ich will dieser Erpresserbande ein für allemal das Handwerk legen, die direkt unter den Augen der Polizei und allen Gesetzen zum Hohn ihr Unwesen treibt. Bevor mir das nicht gelungen ist, will ich nicht mehr ruhig schlafen!«

 

»Und Poltavo?«

 

»Auch Poltavo kann noch ein wenig warten«, meinte Mr. Smith lächelnd.

 

Er zahlte die Rechnung; sie verließen das Hotel und überquerten die Straße. Ein Mann, der scheinbar die Auslagen in den Schaufenstern betrachtete, beobachtete sie, als sie herüberkamen, und folgte ihnen unauffällig. Ein anderer, der auf der entgegengesetzten Seite der Straße entlangkam und ostentativ in einer Zeitung las, kam dicht hinter ihnen her.

 

Mr. Smith und sein Begleiter erreichten die Cork Street, die verlassen dalag. Nur ein oder zwei Fußgänger waren zu sehen. Der erste der beiden Verfolger beschleunigte jetzt seine Schritte, griff nach seiner Hüfttasche und zog einen Gegenstand hervor, der in der Aprilsonne aufglänzte. Aber bevor er die Hand erheben konnte, holte der vierte Mann ihn ein, ließ seine Zeitung fallen, schlang mit außerordentlicher Geschicklichkeit einen Arm um den Hals des Mannes, drückte ihm das Knie in den Rücken und entwand ihm die Pistole.

 

Mr. Smith wandte sich bei dem Lärm des Kampfes sofort um und eilte dem Detektiv zu Hilfe. Der Gefangene war von kleiner Gestalt, hatte scharfgeschnittene Gesichtszüge und war offenbar Italiener. Ein dünner schwarzer Schnurrbart, buschige, dichte Brauen und lebhafte braune Augen, die jetzt haßerfüllt aufloderten, sprachen für seine südliche Heimat.

 

Die drei Beamten hatten ihn bald durchsucht und entwaffnet und legten ihm kräftige Handschellen an. Bevor sich die unvermeidliche Menge neugieriger Menschen ansammeln konnte, saßen sie schon in einem Auto und fuhren die Vine Street entlang.

 

Der Mann wurde sofort verhört. Man stellte die üblichen Fragen an ihn, aber er war verstockt und antwortete nicht. Niemand zweifelte daran, daß er die Absicht hatte, Mr. Smith meuchlings zu ermorden. Denn außer der Pistole, mit der er offensichtlich sein Opfer hatte niederschießen wollen, fand man noch ein langes Dolchmesser in seiner Brusttasche. Aber der wichtigste Fund, den man bei ihm machte und der das größte Interesse von Mr. Smith erregte, war ein Blatt Papier, auf dem drei Zeilen in italienischer Sprache standen. Sie wurden sofort übersetzt, und es war daraus zu ersehen, daß dem Mann genaue Instruktionen gegeben waren, wo sich Mr. Smith aufhielt.

 

»Führen Sie ihn in eine Zelle – ich glaube, wir werden noch hinter diese Sache kommen. Wenn dieser Mann nicht ein von Poltavo gedungener Meuchelmörder ist, dann habe ich mich sehr geirrt!«

 

Der Gefangene beantwortete keine Frage. Mr. Smith gab es schließlich verzweifelt auf, ihn durch weiteres Verhör zu einem Geständnis zu bringen.

 

Am nächsten Morgen weckte man den Mann bei Tagesanbruch und bedeutete ihm, sich schnell anzukleiden. Er wurde von zwei Beamten auf die Straße geführt, wo ein Auto wartete, das ihn gleich darauf in schneller Fahrt nach Dover brachte. Zwei Detektive begleiteten ihn auf einen Dampfer und fuhren mit ihm nach Calais. Dort verabschiedeten sie sich freundlich von ihm, überreichten ihm noch hundert Franc und teilten ihm in seiner eigenen Sprache mit, daß er auf Grund eines Befehls des Innenministeriums des Landes verwiesen sei.

 

Der Mann war froh, wieder auf freiem Fuß zu sein, und benützte den größten Teil des ihm übergebenen Geldes dazu, ein langes Telegramm an Poltavo zu senden.

 

Mr. Smith, der bestimmt wußte, daß dieses Telegramm kommen würde, wartete in der Empfangsstation der Londoner Hauptpost schon darauf. Man überreichte ihm eine Kopie der Depesche, und er las sie lächelnd.

 

»Ich danke Ihnen vielmals«, sagte er zu dem Vorstand und reichte ihm das Formular zurück. »Ich gebe es zur Bestellung frei. Ich weiß jetzt alles, was ich wissen wollte.«

 

Poltavo erhielt die Botschaft eine Stunde später und fluchte nicht wenig über die Unvorsichtigkeit seines Agenten. Das Telegramm war in offener italienischer Sprache abgefaßt, und jeder, der die Sprache beherrschte, konnte es lesen und auch verstehen, wenn er Kenntnis von den Tatsachen hatte, auf die es sich bezog.

 

Poltavo wartete den ganzen Tag auf einen Besuch der Polizei, und als Mr. Smith gegen Abend bei ihm vorsprach, war er darauf vorbereitet, alles erklären und entschuldigen zu können. Aber er war sehr erstaunt, als man ihn weder um eine Erklärung noch um eine Entschuldigung bat. Die Frage, die Mr. Smith an ihn stellte, berührte eine ganz andere Angelegenheit. Er erkundigte sich nämlich nach Mrs. Doughton und ihrem verschwundenen Vermögen.

 

»Ich hatte das Vertrauen Mr. Farringtons«, sagte Poltavo, der froh war, daß der Besuch des Detektivs nichts mit der gefürchteten Sache zu tun hatte. »Aber ich war aufs höchste erstaunt, als ich entdeckte, daß der Schrank vollständig leer war. Es war ein böser Schicksalsschlag für die arme junge Dame. Sie ist jetzt mit ihrem Gatten in Paris.«

 

Mr. Smith nickte.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, mir ihre Adresse zu geben?«

 

»Mit Vergnügen.« Graf Poltavo nahm sein Notizbuch aus einer Schublade.

 

»Es ist möglich, daß ich morgen selbst nach Paris fahre«, fuhr Mr. Smith fort. »Ich habe die Absicht, das junge Paar aufzusuchen. Es ist zwar nicht sehr korrekt, Jungvermählte auf der Hochzeitsreise zu stören, aber ein Polizeibeamter besitzt Vorrechte!«

 

Die beiden lächelten sich verständnisinnig an. Poltavo fühlte sich erleichtert, daß der Besuch des Detektivs sich nicht auf seine eigene Person bezog. Er hatte vor diesem hervorragenden Beamten von Scotland Yard einen gewaltigen Respekt, der allerdings zum größten Teil aus Furcht vor ihm bestand. Er maß Mr. Smith Fähigkeiten bei, die dieser Mann vielleicht gar nicht besaß, aber auf der anderen Seite gestand er ihm gewisse Eigenschaften wie List und Schläue nicht zu, die zu den vortrefflichsten Kampfmitteln des Detektivs gehörten. Wer konnte auch annehmen, daß Mr. Smith Poltavo an diesem Abend nur besuchte, um dessen Argwohn zu zerstreuen und ihn in Sicherheit zu wiegen?

 

Nachdem die üblichen Höflichkeitsphrasen zum Abschied gewechselt waren, trennten sie sich.

 

Poltavo machte sich an die Ausarbeitung eines neues Falles, der der interessanteste aller Erpressungsversuche werden sollte, die mit Fallock in Verbindung standen.

 

Er wartete, bis die Tür sich hinter dem Detektiv geschlossen hatte, und beobachtete dann vom Fenster aus, daß er in sein Auto stieg und davonfuhr. Erst dann schloß er die unterste Schublade seines Schreibtisches auf, drückte auf eine Feder in deren Doppelboden und öffnete ein Geheimfach, dem er ein kleines Paket von Briefen entnahm.

 

Viele der Bogen, die er auf dem Tisch ausbreitete, trugen das Erdbeerblatt und das Wappen der Herzogs von Ambury. Die Briefe zeigten eine wenig flüssige Handschrift, aber sie waren alle sehr wichtig. Der Herzog hatte sich in jungen Jahren mit einer Dame in Gibraltar verheiratet. Sein Regiment lag damals in der Festung, und seine Erbfolge war zu jener Zeit nur eine entfernte Möglichkeit. Die Frau, mit der er sich, wie die Briefe bewiesen, vermutlich unter dem Namen eines Mr. Wilson verheiratet hatte (eine Abschrift der Heiratsurkunde lag auch bei den Schriftstücken), war eine typische, faszinierend schöne Spanierin, aber sie war nicht von hoher Geburt.

 

Offenbar bereute der Herzog später diesen übereilten Schritt, denn zwei Jahre, nachdem er den Titel erhalten hatte, vermählte er sich mit der dritten Tochter des Earl von Westchester, ohne – soweit Poltavo es übersehen konnte – sich von seiner ersten Frau scheiden zu lassen.

 

Hier war eine glänzende Sache, die beste, die jemals diesen Erpressern in die Hände gefallen war. Der Herzog von Ambury war einer der reichsten Leute in England, halb London gehörte ihm, und seine Güter lagen in fast allen Grafschaften des Landes verstreut. Wenn jemand in der Lage war, gut zu zahlen, so war er es.

 

Die Spanierin war gestorben, aber sie hatte einen Sohn aus ihrer Ehe mit dem jetzigen Herzog. Die ganze Frage der Erbschaft des Titels und der Nachfolge wurde von der Veröffentlichung dieser Dokumente betroffen. Alle Beweise für die Einzelheiten des Falles befanden sich in Poltavos Besitz. Eine merkwürdig steife Handschrift füllte die Seiten der Briefe, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Sogar eine Kopie der Todesurkunde hatte der verräterische Diener angefertigt. Die Sache war schon im Fluß, und Poltavo hatte unter den Annoncen in der »Times« bereits Antwort auf den Brief erhalten, den er seinem Opfer geschickt hatte.

 

Die Erwiderung lautete sehr günstig. Es stand nichts von Rechtsanwälten darin, es war auch nicht angedeutet, daß man die Sache der Polizei anzeigen würde. Der Herzog wollte tatsächlich zahlen, er wollte jedes pekuniäre Opfer bringen, um seine Ehre zu retten.

 

Es handelte sich jetzt nur noch darum, über die Bedingungen einig zu werden. Poltavo hatte die Höhe der Abstandssumme auf fünfzigtausend Pfund festgesetzt. Mit diesem Betrag konnte er England verlassen und ein Leben führen, wie er es sich wünschte, ohne sich jemals wieder in riskante und gefahrvolle Unternehmungen einlassen zu müssen. Nachdem ihm Doris Gray entgangen war, hatte auch der Verkehr in der Gesellschaft keinen Reiz mehr für ihn, und er sehnte sich nach Abwechslung und neuen Abenteuern. Die fünfzigtausend Pfund schienen ihm sicher zu sein. Er hatte zwar ein Abkommen mit Farrington getroffen, wonach er diesem zwei Drittel der Summe auszuzahlen hatte, aber er dachte überhaupt nicht an eine solche Möglichkeit.

 

Er redete sich ein, daß er Farrington in Wirklichkeit in seiner Gewalt habe. Ein Mann, der sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen durfte, war machtlos und konnte ihm nicht gefährlich werden. Er hatte jetzt alle Trümpfe in der Hand. Seine Tätigkeit in London hatte ihm schon etwa zehntausend Pfund eingebracht. Dr. Fall schrieb energische Briefe an ihn, in denen er ihn ersuchte, den Anteil, der für das »Haus« bestimmt war, sofort zu schicken. Aber Poltavo hatte diese Schreiben mit Verachtung behandelt. Er fühlte sich als Herr der Situation, da er den größten Teil des Geldes, das er in der Hand hatte und das nach dem Abkommen nicht ihm allein gehörte, auf eine Pariser Bank überwiesen hatte. Er war auf alle Möglichkeiten gefaßt – und nun stand ihm hier noch ein großer Erfolg bevor. Wenn er das Schweigegeld des Herzogs von Ambury erhalten hatte, konnte er einen Strich unter sein vergangenes Leben ziehen.

 

Er klingelte. Ein Italiener mit abstoßenden Gesichtszügen trat ein. Es war einer der Agenten, die Poltavo von Zeit zu Zeit engagierte, um Dinge zu erledigen, die unter seiner Würde lagen oder deren Ausführung ihm zu gefährlich erschien.

 

»Federigo«, sagte Poltavo auf italienisch. »Antonio ist festgenommen und von der Polizei nach Calais abgeschoben worden.«

 

»Das ist mir bekannt, mein Herr. Er hatte großes Glück. Ich fürchtete schon, daß sie ihn ins Gefängnis stecken würden.«

 

Poltavo lächelte.

 

»Das Vorgehen der englischen Polizei ist manchmal ganz unverständlich. Antonio wollte den ersten Chef des Geheimdienstes ermorden, und sie haben ihn freigelassen! Ist das nicht Wahnsinn? Aber Antonio wird auf keinen Fall wieder zurückkommen. Denn wenn die Leute auch zuweilen verrückt sind, werden sie doch nicht so dumm sein, ihn wieder hier landen zu lassen. Ich habe ihm telegrafiert, nach Paris zu gehen und mich dort zu erwarten. Wenn Sie durch einen unglücklichen Zufall jemals in eine Lage wie unser tüchtiger Antonio kommen sollten, so bitte ich mir aber vor allem aus, daß Sie mir keine Telegramme schicken!«

 

»Darauf können Sie sich verlassen, mein Herr«, erwiderte der Italiener grinsend. »Ich werde Ihnen keine schicken, denn ich kann nicht schreiben.«

 

»Ein ausgezeichnetes Manko!«

 

Poltavo nahm ein Kuvert vom Tisch.

 

»Sie geben diesen Brief einem Manne, der Sie am Branson Square treffen wird. Die genaue Stelle habe ich Ihnen ja schon erklärt.«

 

Der Italiener nickte.

 

»Dieser Mann wird Ihnen dafür einen anderen Brief einhändigen. Sie kommen nicht hierher zurück, sondern gehen zu dem Haus Ihres Bruders in der Great Saffron Street. Dort wird ein Mann vor der Tür stehen, der einen langen Mantel trägt. Sie gehen dicht an ihm vorbei und stecken dieses Kuvert in seine Tasche – haben Sie mich verstanden?«

 

»Jawohl, ich habe mir alles genau gemerkt.«

 

»Dann gehen Sie, und Gott möge Sie beschützen«, sagte Poltavo fromm, als er diesen Brief abschickte, der den Herzog von Ambury in Schrecken und Verwirrung setzen würde.

 

Es war schon spät am Abend, als Federigo Freggetti die Great Saffron Street erreichte. Er eilte durch die verlassene Straße, bis er an das Haus seines Bruders kam. In der Nähe der engen Tür stand ein Mann, der auf jemanden zu warten schien. Federigo ging an ihm vorbei, tat so, als ob er strauchelte, entschuldigte sich und ließ dabei den Brief in die Tasche des anderen gleiten. Mit raschem Blick hatte er den Fremden als den Grafen Poltavo erkannt; auf der Straße war niemand zu sehen, und in dem Halbdunkel hätte selbst das schärfste Auge die Übergabe des Briefes nicht beobachten können. Poltavo ging langsam zum Ende der Straße, sprang in ein Mietauto, das dort auf ihn wartete, und erreichte sein Haus, nachdem er den Wagen noch öfter gewechselt hatte, ohne einem der vielen wachsamen Agenten von Scotland Yard in die Arme zu laufen. In seiner Wohnung öffnete er in höchster Spannung den Brief. Würde der Herzog von Ambury die große Summe zahlen, die er von ihm gefordert hatte? Und wenn dies nicht der Fall war, welchen Betrag würde er als Schweigegeld anbieten? Aber schon bei den ersten Worten, die er las, atmete er auf.

 

*

 

Ich bin bereit, die Summe zu zahlen, die Sie von mir verlangen, obgleich ich der Ansicht bin, daß Sie sich eines schweren Verbrechens schuldig machen. Und da Sie zu fürchten scheinen, daß ich Ihnen irgendeinen Streich spielen könnte, wird Ihnen das Geld durch einen alten Landarbeiter von meinem Gut in Lancashire überbracht werden, der nichts von der Sache weiß, die er vermitteln soll. Er wird Ihnen die Summe gegen Übergabe der Trauungsurkunde aushändigen. Wenn Sie einen Treffpunkt angeben, der all Ihren Anforderungen auf Entlegenheit und Sicherheit entspricht, so werde ich den Mann zu diesem Platz schicken, zu einer Zeit, die Sie bestimmen mögen.

 

Ein triumphierendes Lächeln zeigte sich auf Poltavos Zügen, als er den Brief zusammenfaltete.

 

»Nun ist es an der Zeit, daß wir uns trennen, Freund Farrington«, sagte er halblaut vor sich hin. »Ich brauche Sie nicht mehr. Der Wert Ihrer Bekanntschaft hat in dem Maße abgenommen, als mein Wunsch nach Freiheit erwacht ist. Fünfzigtausend Pfund«, wiederholte er mit Bewunderung und Freude. »Ernesto, du hast ein ungeahntes Glück! Ganz Europa steht dir offen, und du kannst dieses traurige England verlassen! Ich gratuliere dir, mein Freund!«

 

Die Frage, wo er den Boten treffen würde, war sehr wichtig. Obgleich er aus dem Brief ersah, daß sein Opfer unter allen Umständen den öffentlichen Skandal vermeiden wollte, mit dem Poltavo gedroht hatte, traute er dem Herzog doch nicht recht. Daß er einen alten Landarbeiter senden wollte, war eine gute Idee, aber wo konnte er mit ihm zusammenkommen? Als er Frank Doughton entführte, beabsichtigte er, ihn in ein kleines Haus zu bringen, das er im Osten Londons gemietet hatte. Die Fahrt zu dem »geheimnisvollen Haus« war nur ein Scheinmanöver, um den Verdacht auf Farrington zu leiten und die Polizei von der wirklichen Spur abzulenken. Das Auto sollte nach London zurückkehren, Frank Doughton, unter dem Einfluß eines Betäubungsmittels willenlos gemacht, in das kleine Haus in West-Ham gebracht und dort so lange zurückgehalten werden, bis die Frist abgelaufen war, die Farrington als Termin für die Hochzeit festgesetzt hatte.

 

Aber die Übergabe einer großen Geldsumme in diesem Haus war eine ganz andere Sache. Es war ja möglich, daß die Polizei das Haus umstellte. Um sicherzugehen, mußte er einen Platz im Freien wählen, eine Stelle, die ihm einen klaren Überblick nach jeder Seite hin ermöglichte.

 

Sollte er sich nicht noch einmal für Great Bradley entscheiden? Das wäre in doppelter Hinsicht gut. Wieder fiel dann der Verdacht auf das »geheimnisvolle Haus«, und er hatte dessen Hilfsquellen zu seiner Unterstützung, wenn die Sache im letzten Augenblick schiefgehen sollte. Er konnte ja im schlimmsten Falle erklären, daß er das Geld für Farrington kassieren wolle.

 

Ja, Great Bradley und die öde, abschüssige Gegend im Süden der Stadt wollte er wählen, und er traf alle Vorbereitungen in diesem Sinne.

 

Kapitel 12

 

12

 

Die entfernte Kirchturmuhr von Little Bradley hatte gerade ein Uhr geschlagen, als Mr. Smith aus dem Schatten der Hecke an der Ostseite des »geheimnisvollen Hauses« hinaustrat und langsam auf die Straße zuging. Zwei Männer, die sich dort im Dunkeln niedergeduckt hatten, erhoben sich schweigend und gingen ihm entgegen.

 

»Ich glaube, ich habe eine Stelle gefunden«, sagte Mr. Smith leise. »Es sind tatsächlich elektrische Alarmsignale oben auf den Mauern angebracht und elektrische Drähte durch alle Hecken gezogen. Aber man kann die Alarmsignale an einer Stelle umgehen.«

 

Er führte die anderen den Weg zurück zu dem Platz, von dem er soeben gekommen war.

 

»Sehen Sie, hier ist es«, erklärte er.

 

Er berührte einen äußerst dünnen Draht mit dem Finger.

 

Einer seiner beiden Begleiter ließ das Licht seiner elektrischen Lampe darauf fallen.

 

»Ich kann den Strom an dieser Stelle ablenken«, sagte er dann und zog einen langen Draht aus der Tasche. Zwei Minuten später konnten sie dank seiner schnellen Arbeit sicher die Mauer übersteigen und kamen geräuschlos auf der anderen Seite auf den Boden.

 

»Wir müssen vorsichtig sein, daß wir dem Wachtposten nicht in die Arme laufen«, flüsterte Mr. Smith. »Er ist auf seinem Rundgang um das Haus. Ich glaube auch, daß über dem Rasen Alarmdrähte gespannt sind.«

 

Er befestigte einen Aufsatz auf seiner elektrischen Lampe und untersuchte den Boden sorgfältig, als er vorwärtsging. Der Aufsatz war so angebracht, daß das Licht nur auf die Stelle des Bodens fiel, die er jeweils betrachtete.

 

»Sehen Sie, hier läuft schon ein Draht«, sagte er plötzlich.

 

Die drei stiegen vorsichtig über den fast unsichtbaren Draht, der nur einige Zoll vom Boden entfernt war und in regelmäßigen Abständen durch aufrechtstehende Isolierglocken getragen wurde.

 

»Jeden Abend nach Sonnenuntergang legen sie diese Drähte. Ich habe sie dabei beobachtet«, erklärte Mr. Smith. »In der Nähe des Hauses befindet sich noch ein zweiter.«

 

Sie fanden auch diesen und stiegen behutsam darüber.

 

»Hinlegen!« flüsterte der Detektiv plötzlich.

 

Die drei Leute legten sich flach zu Boden.

 

Mr. Ela konnte im ersten Augenblick nicht erkennen, um was es sich handelte, aber plötzlich sah er eine Gestalt, die sich langsam vorwärtsbewegte. Es war der Wachtposten, der zwischen ihnen und dem Hause vorbeischritt. Selbst bei dem schwachen Licht konnte Ela das Gewehr über der Schulter des Mannes sehen. Sie warteten in atemloser Spannung, bis er um die nächste Ecke verschwunden war, dann eilten sie über den Rasen, der sie noch von dem Hause trennte. Mr. Smith trug einen Leinenbeutel bei sich, griff jetzt hinein und zog ein Kaninchen daraus hervor, das heftig zappelte.

 

»Mein kleiner Freund«, sagte er leise, »du mußt dich opfern.«

 

Er stieg die Stufen zu der Eingangshalle hinauf. Der Stahlvorhang hing vor der Haustür, er reichte beinahe bis zu der Stahlmatte herunter, auf der man sich die Füße reinigte. Jetzt ließ Smith das Kaninchen frei. Das erschrockene Tier machte erst einen vergeblichen Versuch, nach rückwärts auf den Rasen zu entkommen, hüpfte dann aber langsam, fast zögernd, auf die Tür zu, und als Mr. Smith es durch eine Handbewegung aufscheuchte, berührte es mit dem Kopf den Stahlvorhang, um nach dort zu entfliehen. In diesem Augenblick fuhren blaue elektrische Funken aus den Drähten, und das unglückliche Tier rollte zusammengekrümmt an Mr. Smith vorbei auf den geschotterten Weg. Der Detektiv stieg eilig hinunter und nahm es auf – es war tot. Er bemerkte, daß die Kopfhaare versengt waren.

 

»Meine Vermutung war richtig«, sagte er leise. »Es ist ein elektrischer Schutzvorhang. Jeder, der ihn bei dem Versuch, in das Haus zu kommen, berührt, büßt es mit dem Tode. Nun kommen Sie dran, Johnson.«

 

Der dritte Mann legte ein Paar Gummischuhe an, die er aus seiner Tasche nahm, stülpte ein Paar dicke Gummihandschuhe über und stieg die Stufen empor. Er beugte sich vor und versuchte den Vorhang herunterzuzerren, aber das war nicht möglich. Dann nahm er die einzelnen Stahlfäden vorsichtig zusammen. Ihm konnte nichts geschehen, da die Bekleidung seiner Füße und Hände ihn genügend isolierte. Aber er ging äußerst behutsam vor, damit der Vorhang nicht einen anderen Teil seines Körpers berührte. Er zog ihn beiseite und band die Stahldrähte mit starken Gummibändern zusammen. Als ihm das geglückt war, ging Mr. Smith zur Tür. Er hatte in der Zwischenzeit ebenfalls starke Gummigaloschen und Gummihandschuhe angelegt. Bei seinem früheren Besuch hatte er beobachtet, daß das Schloß der Tür von verhältnismäßig einfacher Konstruktion war. Ihr Eindringen konnte nur verhindert werden, wenn die Bewohner des Hauses die Tür verriegelt und mit einer Sicherheitskette versehen hatten. Aber offenbar verließen sie sich auf den Schütz des elektrischen Vorhangs.

 

Nach kurzer Zeit konnte der Detektiv mit einem Dietrich öffnen. Er trat in die Halle und lauschte. All seine Sinne waren wach und angespannt, ob nicht eine Alarmklingel auf schrillte.

 

Aber es blieb alles ruhig. Ela und Johnson folgten ihm. »Es ist besser, daß Sie hier bleiben«, sagte er. »Wir müssen uns auf den Glücksfall verlassen, daß der Wachtposten nicht sieht, daß wir den Vorhang aufgebunden haben. Vielleicht dauert es auch noch einige Zeit, bis er wieder zur Haustür kommt.«

 

Sie untersuchten in größter Eile die Halle, fanden aber keine Anzeichen von elektrischen Kabeln und Drähten, die auf Alarmvorrichtungen hätten schließen lassen. Mr. Smith schlich sich leise nach oben, die beiden anderen blieben als Wachtposten unten. Auf jedem Treppenpodest blieb er stehen und horchte, aber es herrschte tiefste Stille. Ohne Zwischenfall erreichte er den dritten Stock.

 

Er erkannte den langen Gang wieder – ein Kratzer an der Wand neben der Lifttür, den er sich bei seinem ersten Besuch gemerkt hatte, zeigte ihm, daß er auf dem richtigen Wege war.

 

Ohne Zögern ging er schnell den Gang entlang, bis er an die große Tür aus Rosenholz kam, die in das Zimmer des kranken Mr. Moole führte. Er drückte die Klinke vorsichtig herunter sie gab ein wenig nach, und er trat geräuschlos näher. Behutsam öffnete er dann auch die innere Tür. Der Raum war nur mäßig beleuchtet – von einer Nachtlampe, wie Mr. Smith annahm. Er drückte die Tür weiter auf, um das Zimmer besser übersehen zu können, und blieb erstaunt stehen. Dies war nicht der Raum, den er früher gesehen hatte!

 

Er stand in einem prächtig eingerichteten Arbeitszimmer, dessen Wände mit Rosenholzpaneel bedeckt waren. Ein Mann saß am Schreibtisch und schrieb eifrig bei dem Licht einer abgeblendeten Tischlampe. Den Rücken hatte er der Tür zugekehrt. Als der Detektiv jetzt die Tür aufriß, sprang der Mann plötzlich auf, wandte sich um und trat auf den mitternächtlichen Eindringling zu. Mr. Smith sah, daß er sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske verborgen hatte.

 

Als der Mann den Detektiv in der Tür stehen sah, streckte er die Hand aus, und plötzlich lag der Raum im Dunkeln. Die Tür, die Mr. Smith offenhielt, schloß sich mit einer so unwiderstehlichen Gewalt, daß er nach draußen in den Gang geschoben wurde, der plötzlich hell erleuchtet war. Mr. Smith wandte sich um und schaute in das lächelnde Gesicht Dr. Falls. Der große Mann mit dem blassen, ausdruckslosen Gesicht sah ihn ein wenig spöttisch an. Er war vollständig angekleidet.

 

Mr. Smith konnte nicht einmal vermuten, woher er gekommen war. Wie durch ein Wunder war er plötzlich aufgetaucht.

 

»Welchem Umstand verdanke ich die Ehre dieses Besuches, Mr. Smith?« fragte er in seiner trockenen, nüchternen Art.

 

»Ich war nur neugierig«, erwiderte der Detektiv kühl. »Ich wollte mir gern noch einmal Ihren Mr. Moole aus der Nähe ansehen.«

 

»Wie sah er denn aus?« fragte der Doktor mit einem schwachen Lächeln.

 

»Unglücklicherweise habe ich mich im Stockwerk geirrt, und anstatt Ihren Freund zu sehen, habe ich, ohne es zu wollen, einen Herrn gestört, der aus Gründen, die er selbst am besten kennt, sein Gesicht verborgen hält.«

 

Dr. Fall runzelte die Stirn.

 

»Ich kann Sie nicht verstehen.«

 

»Vielleicht gehen wir noch einmal in das Zimmer – dann werden Sie mich besser verstehen.«

 

Er hörte ein merkwürdiges Geräusch und nahm eine erschütternde Bewegung unter seinen Füßen wahr, als ob ein schwerer Traktor dicht an dem Hause vorbeiführe.

 

»Was hat das zu bedeuten?«

 

»Das ist eine der unangenehmen Folgen, die man auf sich nehmen muß, wenn das Haus über einem alten Erzschacht liegt«, erwiderte der Doktor leichthin. »Aber was Ihre merkwürdigen Halluzinationen betrifft«, fuhr er fort, »so würde ich sie doch gern zerstören und Ihnen die Wirklichkeit zeigen.«

 

Er ging langsam in den Raum zurück, den Mr. Smith soeben verlassen hatte. Die Tür öffnete sich, als er sie berührte, aber das Zimmer war dunkel. Dr. Fall drehte einen Schalter an.

 

»Treten Sie bitte näher.«

 

Mr. Smith folgte ihm. Es war derselbe Raum, den er damals betreten hatte. In der Mitte lag wieder der dunkelblaue Teppich, auf dem die silberne Bettstelle stand. Er sah auch den Patienten mit seinem ausdruckslosen, gelben Gesicht. Die Wände waren mit Paneel aus Myrtenholz verkleidet, derselbe elektrische Kronleuchter hing von der Decke herunter.

 

Mr. Smith war bestürzt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

 

»Sie sehen, daß Sie das Opfer Ihrer überreizten Phantasie geworden sind. Sie haben Dinge gesehen, die nicht vorhanden sind. Ich muß annehmen, daß Sie vorhin geträumt haben.«

 

»Sie mögen annehmen, was Sie wollen«, erwiderte Mr. Smith höflich. »Ich würde mir gern die Räume, die über und unter diesem Zimmer liegen, einmal ansehen.«

 

»Ich werde sie Ihnen gern zeigen. Oben befindet sich ein Abstellraum. Kommen Sie bitte mit.«

 

Er führte den Detektiv in das obere Stockwerk, schloß die Tür des Raumes auf, der direkt über dem Zimmer lag, das sie eben verlassen hatten, und ging hinein. Der Raum war nicht möbliert und hatte einen einfachen Holzfußboden und gestrichene Wände. Das hohe Oberlicht zeigte, daß der Arzt die Wahrheit gesagt hatte.

 

»Sie scheinen das Zimmer nicht zu benützen.«

 

»Wir halten auf Ordnung und Sauberkeit«, sagte der Doktor lächelnd. »Nun sollen Sie auch noch den unteren Raum sehen.«

 

Als sie die Treppe hinuntergingen, hörten sie dasselbe merkwürdige Geräusch, das sie schon vorher wahrgenommen hatten. Die Wände zitterten.

 

»Das ist unheimlich, nicht wahr? Als ich es zum erstenmal hörte, war ich ganz konsterniert. Aber es hat weiter nichts zu bedeuten.«

 

Im zweiten Stock betraten sie den Raum, der unmittelbar unter dem Zimmer des kranken Mr. Moole lag. Es war ein hübsches Schlafzimmer.

 

»Das ist unser Reserve-Schlafzimmer«, erklärte Dr. Fall ruhig. »Es wird nur selten gebraucht.«

 

Mr. Smith konnte nichts Verdächtiges entdecken.

 

»Ich hoffe, daß Sie nun zufriedengestellt sind und daß Ihre Freunde unten nicht ungeduldig werden«, sagte der Arzt, als er ihn wieder hinausführte.

 

»Sie haben die beiden gesehen?«

 

»Natürlich, ich bemerkte sie, kurz nachdem Sie in die Halle getreten waren. Sie sehen, Mr. Smith, daß wir nicht so gewöhnliche Dinge wie Alarmglocken oder dergleichen verwenden. Wenn sich die Eingangstür öffnet, flammt ein rotes Licht über meinem Bett auf. Unglücklicherweise saß ich in dem Augenblick Ihrer Ankunft gerade in meinem Nebenzimmer an der Arbeit. Ich mußte zufällig in mein Schlafzimmer gehen, um ein Schriftstück zu holen, und sah das Licht. Obwohl ich Sie also nicht von Anfang an beobachten konnte, war es Ihnen doch nicht möglich, viel zu unternehmen, was ich nicht gesehen hätte. Ich werde Ihnen das alles zeigen, wenn Sie so liebenswürdig sind, mich in mein Zimmer zu begleiten.«

 

»Das würde mir sehr interessant sein.«

 

Mr. Smith war begierig, alles kennenzulernen, was mit dem »geheimnisvollen Haus« und seinen Bewohnern zusammenhing. Dr. Falls Zimmer lag im ersten Geschoß, unmittelbar über der Eingangshalle. Es war ein einfaches Arbeitszimmer. Eine zweite Tür führte zu einem gemütlichen, aber verhältnismäßig luxuriös eingerichteten Schlafzimmer. Neben dem Bett des Doktors stand ein runder Ständer, der wie eines dieser gebräuchlichen, nutzlosen Möbelstücke aussah, die von den Frauen in den Vorstädten benützt werden, um Palmen darauf zu stellen.

 

»Schauen Sie einmal hinein.«

 

Der Detektiv beugte sich darüber.

 

Der Pfeiler war innen hohl, und ein wenig tiefer war eine Fläche zu sehen, die zunächst einem quadratischen Stück Silberpapier glich. Aber bei genauerer Betrachtung schien sie sich zu bewegen. Mr. Smith konnte zwei Gestalten darauf unterscheiden, die er sofort als Ela und Johnson erkannte.

 

»Es ist eine Erfindung von mir«, erklärte Dr. Fall. »Ich dachte schon einmal daran, sie mir patentieren zu lassen. Eine Anzahl von Spiegeln wirft das Bild nach oben auf einen Schirm, der so lichtempfindlich ist, daß sogar das Bild Ihrer beiden Freunde hier oben erscheint, obwohl sie in der halbdunklen Halle stehen.«

 

»Ich danke Ihnen«, sagte Mr. Smith.

 

Es blieb ihm nichts übrig, als einen Mißerfolg so gelassen als möglich hinzunehmen. Er war vollständig aus der Fassung gebracht.

 

»Es wird Ihnen schwerfallen, die Tür zu öffnen«, meinte Dr. Fall liebenswürdig, als sie nach unten kamen.

 

»Darin werden Sie sich wohl irren«, entgegnete Mr. Smith lächelnd.

 

Der Arzt blieb stehen, um das Licht anzudrehen, und die beiden enttäuschten Beamten beobachteten neugierig die Umgebung.

 

»Wir haben die Tür angelehnt gelassen.«

 

»Trotzdem wird es schwierig für Sie sein hinauszukommen, öffnen Sie doch bitte einmal die Tür.«

 

Ela versuchte es, aber es war ihm unmöglich, die schweren eichenen Flügel zu bewegen.

 

»Sie ist auf elektrischem Wege festgestellt«, sagte Dr. Fall. »Sie können sie nach keiner Richtung hin bewegen. Dies ist auch eine geniale Idee von mir, für die ich an einem der nächsten Tage um ein Patent nachsuchen werde.«

 

Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn in eine kaum sichtbare Öffnung des Eichenpaneels in der Halle. Sofort öffnete sich die Tür langsam.

 

»Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht«, verabschiedete sich Dr. Fall, als die anderen vor der Haustür standen. »Und ich hoffe, daß wir uns wiedersehen.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, erwiderte Mr. Smith grimmig, »wir werden uns wiedersehen.«