Der Friedhof des Kastells If.

 

Der Friedhof des Kastells If.

 

Auf dem Bett sah man einen Sack von grober Leinwand, unter dessen verworrenen Falten sich eine lange, steife Gestalt hervorhob. Somit war alles vorbei; Dantes konnte diese Augen nicht mehr sehen, die offen geblieben waren, als wollten sie über den Tod hinaus schauen; er konnte diese fleißige Hand nicht mehr drücken, die für ihn den Schleier verborgener Dinge gelüftet hatte. Faria, der gute, der hilfreiche Gefährte, an den er sich so innig angeschlossen hatte, war nur noch in seiner Erinnerung vorhanden. Da setzte er sich an den Kopf des Bettes und versank in düstere, bittere Schwermut.

 

Allein! Er war wieder allein! Nicht einmal mehr der Anblick, nicht einmal mehr die Stimme des einzigen menschlichen Wesens, durch das er noch mit der Erde zusammenhing, war ihm, als einziger Trost, geblieben!

 

Wenn ich sterben könnte, sagte er, so ginge ich, wohin er geht, und würde ihn sicherlich finden. Aber wie sterben? Das ist sehr leicht, fuhr er spöttisch lachend fort. Ich bleibe hier, werfe mich auf den ersten, der eintritt, erdrossele ihn, und man guillotiniert mich.

 

Aber da bei den großen Schmerzen, wie bei den schweren Stürmen, der Abgrund sich zwischen zwei Wellengipfeln findet, schrak Dantes vor dem Gedanken an diesen entehrenden Tod zurück und ging plötzlich von seiner Verzweiflung zu einem glühenden Durst nach Leben und Freiheit über.

 

Sterben! Oh nein! Es lohnt sich nicht der Mühe, so viel gelebt, so viel gelitten zu haben, um jetzt zu sterben. Sterben, das war gut, als ich den Entschluß dazu faßte, früher, vor Jahren; doch nun hieße es wahrlich, mein elendes Geschick noch elender machen. Nein, ich will leben, ich will bis zum Ende kämpfen; ich will das Glück, das man mir gestohlen hat, wieder erringen. Ich vergaß, daß ich, ehe ich sterbe, meine Henker zu bestrafen und, wer weiß, vielleicht auch einige Freunde zu belohnen habe; aber nun vergißt man mich hier, und ich werde meinen Kerker nur wie Faria verlassen.

 

Bei diesem Worte blieb Dantes unbeweglich, die Augen starr, wie ein Mensch, der von einem Gedanken erfaßt wird. Plötzlich stand er auf, fuhr mit der Hand nach der Stirn, als ob er den Schwindel hätte, ging einigemal in der Zelle auf und ab und blieb dann wieder vor dem Bette stehen. Als wollte er seinem Geiste keine Zeit lassen, den verzweifelten Gedanken, der ihn gepackt hatte, zu zerstören, neigte er sich über den häßlichen Sack, öffnete ihn mit dem Messer, das Faria gemacht hatte, zog den Leichnam heraus, trug ihn in seine Zelle, legte ihn auf sein Bett, umwickelte den Kopf mit dem linnenen Fetzen, dessen er sich gewöhnlich bediente, bedeckte ihn mit seiner Decke, küßte zum letztenmale die eisige Stirn und drehte den Kopf gegen die Wand, damit der Schließer, wenn er das Abendbrot brächte, glaube, er sei schlafen gegangen, wie er es oft getan hatte. Dann kehrte er in den Gang zurück, zog das Bett an die Wand, ging in das andere Zimmer, holte aus dem Schranke Nadel und Faden, warf seine Lumpen ab, damit man unter der Leinwand das nackte Fleisch fühle, schlüpfte in den ausgeleerten Sack, brachte sich in die Lage, die der Leichnam gehabt hatte, und schloß die Naht wieder von innen. Wäre jemand unglücklicherweise in diesem Augenblick eingetreten, so hätte er sein Herz schlagen hören können.

 

Dantes würde vielleicht bis nach dem Abendbesuche gewartet haben, aber er fürchtete, der Gouverneur möchte bis dahin seinen Entschluß ändern, und man könnte den Leichnam wegnehmen. Dann war seine letzte Hoffnung verloren. In jedem Falle war sein Plan nun festgestellt: Erkannten die Totengräber unterwegs, daß sie einen Lebendigen statt eines Toten trugen, so ließ ihnen Dantes keine Zeit, sich zu besinnen; mit einem kräftigen Messerschnitte öffnete er den Sack von oben bis unten, benutzte ihren Schrecken und entfloh; wollten sie ihn festnehmen, so wehrte er sich mit seinem Messer. Brachten sie ihn bis auf den Friedhof und legten ihn in ein Grab, so ließ er sich mit Erde bedecken; sobald hernach die Totengräber den Rücken gewendet hatten, machte er sich durch die weiche Erde Raum und entfloh. Er hoffte, das Gewicht der Erde würde nicht so groß sein, daß er sie nicht aufheben könnte. Täuschte er sich, war die Erde zu schwer und wurde er dadurch erstickt: desto besser, so war alles vorbei.

 

Dantes hatte seit dem vorhergehenden Tage nichts gegessen; am Morgen hatte er nicht an den Hunger gedacht, und er dachte auch jetzt noch nicht daran. Die erste große Gefahr, die ihm jedoch drohte, war, daß der Schließer, wenn er um sieben Uhr sein Abendbrot brachte, die Verwechslung wahrnahm. Zum Glück hatte Dantes aus menschenfeindlicher Laune oder aus Müdigkeit sehr oft im Bette gelegen, wenn der Schließer kam, und dann setzte dieser gewöhnlich das Brot und die Suppe auf den Tisch und entfernte sich, ohne mit ihm zu sprechen. Aber diesmal konnte der Schließer gegen seine Gewohnheit mit Dantes sprechen wollen, und wenn er sah, daß dieser ihm nicht antwortete, sich dem Bette nähern und alles entdecken.

 

Als sieben Uhr abends herannahte, packte ihn wirklich die Angst. An das Herz gedrückt, suchte die eine Hand dessen Schläge zurückzudrängen, während die andre den Schweiß abwischte, der an den Schläfen herabrieselte; zuweilen durchlief ein Schauer seinen ganzen Körper und preßte ihm das Herz wie in einem eisernen Schraubstock zusammen. Dann glaubte er, er müsse sterben. Aber die Stunden verrannen, ohne eine Bewegung im Kastell herbeizuführen, und Dantes erkannte, daß er dieser ersten Gefahr entgangen war. Das galt ihm als gutes Vorzeichen. Zu der vom Gouverneur bestimmten Stunde ließen sich endlich Tritte auf der Treppe hören. Edmond sah, daß der Augenblick gekommen war, raffte seinen ganzen Mut zusammen und hielt den Atem an sich … und wünschte nur, zugleich auch die hastigen Pulsschläge seiner Arterien zurückhalten zu können.

 

An der Tür machte der doppelte Tritt Halt, und Dantes sagte sich, daß es die beiden Totengräber waren, die ihn holen sollten. Diese Mutmaßung verwandelte sich in Gewißheit, als er das Geräusch hörte, das sie beim Niederstellen der Tragbahre machten. Die Tür öffnete sich, ein verschleiertes Licht drang zu Dantes‘ Augen; durch die Leinwand, die ihn bedeckte, sah er, wie sich zwei Schatten seinem Bette näherten. Ein dritter blieb, eine Stocklaterne in der Hand haltend, an der Tür. Jeder von den beiden Männern, die sich dem Bett genähert hatten, faßte den Sack an einem Ende.

 

Der ist schwer genug für einen so magern Alten, sagte der eine, indem er ihn beim Kopfe aufhob.

 

Man sagt, jedes Jahr werden die Knochen ein halb Pfund schwerer, sagte der andre und faßte ihn bei den Füßen.

 

Hast du deinen Knoten gemacht? fragte der erste.

 

Es wäre dumm, wenn wir uns eine unnütze Last aufladen wollten, erwiderte der zweite, ich werde ihn unten machen.

 

Du hast recht, vorwärts!

 

Warum einen Knoten? fragte sich Dantes.

 

Man legte den vermeintlichen Toten vom Bett auf die Tragbahre; Edmond machte sich steif, um die Rolle des Hingeschiedenen besser zu spielen, und beleuchtet von dem Manne mit der Stocklaterne, der vorausging, marschierte der Zug die Treppe hinab. Plötzlich überströmte Edmond die frische, scharfe Nachtluft, an der er den herrschenden Mistral (Nordwestwind im Mittelländischen Meere) erkannte. Die Träger machten ungefähr zwanzig Schritte, dann blieben sie still stehen und setzten die Tragbahre auf die Erde. Einer von ihnen entfernte sich, und Dantes hörte seine Schuhe auf den Platten dröhnen.

 

Wo bin ich denn? fragte er sich.

 

Weißt du, daß er gar nicht leicht ist? sagte der, welcher bei Dantes geblieben war, und setzte sich auf den Rand der Tragbahre.

 

Dantes‘ erster Gedanke war, sich freizumachen; zum Glück hielt er an sich.

 

Leuchte mir doch, sagte der eine Träger, oder ich kann’s nicht finden.

 

Der Mann mit der Stocklaterne gehorchte diesem Befehle.

 

Was sucht er denn? fragte sich Dantes. Vermutlich einen Spaten.

 

Ein Ausruf der Zufriedenheit deutete an, daß der Totengräber gefunden hatte, was er suchte.

 

Endlich, sagte der andre, das kostete Mühe.

 

Ja, aber er wird beim Warten nichts verloren haben.

 

Bei diesen Worten näherte er sich Edmond, der einen schweren schallenden Körper neben sich niederlegen hörte; zu gleicher Zeit umgab ein Strick mit schmerzhaftem Drucke seine Füße.

 

Nun, ist der Knoten gemacht?

 

Und zwar gut gemacht, dafür steh‘ ich dir.

 

 

Und die Tragbahre wurde wieder aufgehoben und fortgeschleppt. Man machte ungefähr fünfzig Schritte, blieb abermals stehen, um eine Tür zu öffnen, und setzte sich dann wieder in Marsch; das Tosen der Wellen, die sich an den Felsen brachen, woraus das Kastell gebaut ist, schlug immer deutlicher an Dantes‘ Ohr, je mehr man vorrückte.

 

Schlimmes Wetter! sagte einer von den Trägern, es wird heute nacht nicht gut in der See sein.

 

Ja, der Abbé läuft große Gefahr, naß zu werden, sagte der andre, und sie brachen in ein schallendes Gelächter aus.

 

Dantes verstand den Scherz nicht, aber seine Haare sträubten sich.

 

Gut! wir sind an Ort und Stelle, sagte der erste.

 

Weiter, weiter, rief der andere; du weißt noch, daß der letzte unterwegs an den Felsen zerschellt ist, und daß uns der Gouverneur am andern Tage gelaust hat.

 

Es ging noch fünf bis sechs Schritte bergan; dann fühlte Dantes, daß man ihn beim Kopfe und bei den Füßen nahm und schaukelte.

 

Eins! sprachen die Totengräber, zwei! drei!

 

Zu gleicher Zeit fühlte sich Dantes wirklich in den ungeheuren leeren Raum geschleudert; er durchschnitt die Luft wie ein verwundeter Vogel und fiel immer tiefer mit einem Schrecken, der ihm das Herz starr machte. Obgleich sein rascher Flug noch durch irgend eine ziehende Gewalt beschleunigt wurde, kam es ihm doch vor, als währte sein Sturz ein Jahrhundert. Endlich schoß er mit einem furchtbaren Getöse wie ein Pfeil in das kalte Wasser, das ihm einen, in demselben Augenblick durch die über ihm zusammenschlagenden Wellen unterdrückten Schrei auspreßte.

 

Dantes war ins Meer geschleudert worden, in dessen Tiefe ihn eine an seine Füße gebundene Kugel von 36 Pfund hinabzog, denn das Meer ist der Friedhof des Kastells If.

 

Vater und Sohn.

 

Vater und Sohn.

 

Überlassen wir es dem gehässigen Danglars, dem Reeder einen boshaften Argwohn gegen Dantes ins Ohr zu flüstern, und folgen wir diesem, der den Weg in die Rue de Noilles einschlägt, in ein kleines auf der rechten Seite der Allee de Meillan gelegenes Haus tritt, rasch die vier Stockwerke einer dunkeln Treppe hinaussteigt und, sich mit der einen Hand am Geländer haltend, mit der andern die Schläge seines Herzens zurückdrängend, vor einer halb geöffneten Tür stehen bleibt.

 

Hier wohnte sein Vater. Die Nachricht von der Ankunft des Pharao war noch nicht bis zu dem Greise gedrungen, der, auf einem Stuhle sitzend, mit zitternder Hand Kapuzinerkresse, vermischt mit Rebwinden, die sich am Gitter seines Fensters hinaufrankten, durch Stäbe zusammenzuhalten suchte. Plötzlich fühlte er sich von Armen umfaßt, und eine wohlbekannte Stimme rief hinter ihm: Mein Vater, mein guter Vater!

 

Mit einem Schrei wandte sich der Alte um, und als er seinen Sohn erblickte, warf er sich bebend und bleich in seine Arme. Was hast du denn Vater? rief der junge Mann beunruhigt, du bist doch nicht krank?

 

Nein, nein, mein lieber Edmond, mein Sohn, mein Kind, nein, ich erwartete dich nicht, und die Freude bei deinem unvorhergesehenen Anblick … ach! mein Gott, ich glaube, ich sterbe.

 

Beruhige dich doch, mein Vater, ich bin es, ich! Man sagt, die Freude könne nicht schaden, und darum bin ich hier ohne Vorbereitung eingetreten. Ich komme zurück, Vater, und wir werden nun glücklich sein.

 

Ah, desto besser, mein Junge, versetzte der Greis; aber wie werden wir glücklich sein? Du verläßt mich also nicht mehr? Erzähle mir von deinem Glücke!

 

Der Herr verzeihe mir, erwiderte der junge Mann, daß ich mich über ein Glück freue, das mit der Trauer einer andern Familie erkauft ist, aber Gott weiß, daß ich dieses Glück nicht gewünscht habe. Der brave Kapitän Leclère ist gestorben, und durch Herrn Morels Fürsprache bekomme ich wahrscheinlich seinen Platz. Begreifst du, Vater, mit zwanzig Jahren Kapitän … mit hundert Louisd’or Gehalt und einem Anteil am Gewinn! Ist das nicht mehr, als ein armer Matrose wie ich hoffen durfte?

 

Ja, mein Sohn, ja, das ist ein großes Glück.

 

Von dem ersten Gelde, das ich verdiene, sollst du auch ein Häuschen mit einem Garten bekommen, um deine Reben und deine Kapuzinerkresse zu pflanzen. Aber was hast du denn, Vater? Man könnte glauben, du seiest unwohl.

 

Geduld, Geduld, das hat nichts zu sagen.

 

Aber schon schwanden dem Greise die Kräfte, und er sank rückwärts nieder.

 

Rasch, rasch, ein Glas Wein wird dich wiederbeleben; wo verwahrst du deinen Wein? sagte der junge Mann und öffnete zwei, drei Schränke.

 

Ach, sprach der Greis matt, es ist kein Wein mehr da.

 

Wie, kein Wein mehr da? rief, jetzt ebenfalls erbleichend, Dantes, indem er abwechselnd die hohlen Wangen des Greises und die leeren Schränke anschaute. Kein Wein mehr hier? Hat es dir etwa an Geld gefehlt?

 

Es fehlt mir an nichts, da du hier bist.

 

Ich habe dir doch bei meiner Abreise vor drei Monaten zweihundert Franken zurückgelassen, stammelte Dantes, sich den Schweiß abtrocknend, der von seiner Stirn lief.

 

Ja, ja, Edmond, das ist wahr; aber du hattest bei deinem Abgang eine kleine Schuld bei dem Nachbar Caderousse vergessen. Er erinnerte mich daran und sagte, wenn ich nicht für dich bezahlte, so würde er sich von Herrn Morel bezahlen lassen; du begreifst, aus Furcht, es könnte dir schaden …

 

Aber ich war ihm 140 Franken schuldig! rief Dantes. Und du hast sie ihm von den 200 Franken gegeben, die ich dir zurückließ?

 

Der Greis machte ein Zeichen mit dem Kopfe.

 

Du hast also drei Monate lang von sechzig Franken gelebt?

 

Du weißt, wie wenig ich bedarf, sagte der Greis.

 

Oh! mein Gott, mein Gott! vergib mir, rief Edmond und warf sich vor dem alten Mann auf die Knie.

 

Bah! Du bist hier, erwiderte lächelnd der Greis, und nun ist alles vergessen, alles ist nun gut.

 

Ja, ich bin hier, versetzte der junge Mann, ich bin hier mit einer schönen Zukunft vor mir und mit einigem Geld; hier, Vater, nimm, nimm und laß sogleich etwas holen!

 

Und er leerte auf den Tisch seine Taschen aus, die ein Dutzend Goldstücke und etwas kleinere Münze enthielten.

 

Sachte, sachte, sagte der Greis lächelnd, mit deiner Erlaubnis werde ich deine Börse nur bescheiden benützen; wenn man mich zu viele Dinge auf einmal kaufen sehen würde, könnte man glauben, ich hätte auf deine Ankunft warten müssen.

 

Ja, wie du willst; aber vor allem nimm eine Magd an! Du sollst nicht länger allein bleiben. Ich habe geschmuggelten Kaffee und vortrefflichen Tabak in einem Kistchen im Schiffsraum; morgen erhältst du beides. Doch still, hier kommt jemand.

 

Es ist Caderousse, der wohl deine Ankunft erfahren hat.

 

Gut, abermals Lippen, die etwas sagen, während das Herz etwas ganz anderes denkt! murmelte Edmond. Doch gleichviel, es ist ein Nachbar, der uns einst Dienste geleistet hat, darum soll er willkommen sein.

 

In dem Augenblick, wo Edmond seinen Satz mit leiser Stimme vollendete, sah man einen schwarzen bärtigen Kopf in der Tür erscheinen; es war Caderousse, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, seines Standes ein Schneider.

 

Ah! Du bist endlich zurückgekehrt, Edmond? sagte er in echt Marseiller Mundart und mit breitem Lächeln.

 

Wie Sie sehen, Meister Caderousse, und bereit, Ihnen gefällig zu sein, antwortete Dantes, seine Kälte nur schlecht unter dieser höflichen Anrede verbergend.

 

Danke, danke, zum Glück brauche ich nichts, und zuweilen können mich sogar andere brauchen. Ich sage das nicht deinetwegen, fuhr er fort, als Dantes eine unwillkürliche Bewegung machte. Ich habe dir Geld geliehen; du hast mich bezahlt; das kommt unter guten Nachbarn vor, und wir sind quitt.

 

Wir sind nie quitt gegen die, welche uns Dienste geleistet haben, antwortete Dantes, denn wenn man ihnen sonst nichts mehr schuldet, so ist man ihnen doch Dank schuldig.

 

Wozu davon reden? Was geschehen ist, ist geschehen. Reden wir von deiner glücklichen Rückkehr, mein Junge. Ich war an den Hafen hinausgegangen und traf dort Danglars, der mir erzählte, daß ihr gut angekommen seid; und dann eilte ich hierher, um dir die Hand zu drücken. Nun, du stehst also aufs beste mit Herrn Morel, du Schlaukopf?

 

Herr Morel hat mir stets viel Güte erwiesen, und ich hoffe, sein Kapitän zu werden, antwortete Dantes.

 

Desto besser, desto besser! Das wird allen alten Freunden Freude machen, und ich kenne jemand da unten hinter der Zitadelle Saint-Nicolas, der nicht ärgerlich darüber sein wird. Mercedes? sagte der Greis.

 

Ja, Vater, versetzte Dantes, und jetzt, da ich gesehen habe, daß du dich wohl befindest und alles hast, was du brauchst, bitte ich dich um Erlaubnis, bei den Kataloniern meinen Besuch zu machen.

 

Geh, mein Sohn, geh, sagte der alte Dantes, und Gott segne deine Frau, wie er mich in meinem Sohne gesegnet hat.

 

Seine Frau! rief Caderousse, wie Ihr rasch zu Werke geht. Es scheint mir, sie ist es noch nicht.

 

Nein, aber aller Wahrscheinlichkeit nach, antwortete Edmond, wird sie es bald werden.

 

Gleichviel, gleichviel, sagte Caderousse, du hast wohl daran getan, dich zu beeilen, mein Sohn.

 

Warum?

 

Weil Mercedes ein hübsches Mädchen ist, und es den hübschen Mädchen nicht an Liebhabern fehlt. Ihr besonders laufen sie zu Dutzenden nach.

 

Wirklich? sagte Edmond mit einem Lächeln, unter dem sich ein leichter Schatten von Unruhe verbarg.

 

Oh ja, antwortete Caderousse, und sogar schöne Partien; aber du begreifst, du sollst Kapitän werden, und man wird sich wohl hüten, deine Hand auszuschlagen.

 

Still, sagte der junge Mann, ich habe eine bessere Meinung als Ihr von den Frauen im allgemeinen und von Mercedes insbesondere, ich bin überzeugt, daß sie mir, mag ich Kapitän sein oder nicht, treu bleiben wird.

 

Desto besser, desto besser, versetzte Caderousse, wenn man sich verheiraten will, tut man immer gut, zu glauben. Doch, wie gesagt, folge mir, mein Junge, verliere keine Zeit, melde ihr deine Ankunft und teile ihr deine Hoffnungen mit!

 

Ich gehe, sagte Edmond, umarmte seinen Vater, grüßte Caderousse und entfernte sich.

 

Caderousse blieb noch einen Augenblick, nahm dann von dem alten Dantes Abschied, ging ebenfalls die Treppe hinab und suchte Danglars wieder auf, der ihn an der Ecke der Rue Senac erwartete.

 

Nun, sagte Danglars, hast du ihn gesehen? Hat er von seiner Hoffnung, Kapitän zu werden, gesprochen?

 

Er spricht davon, als ob er es bereits wäre.

 

Geduld! Geduld! sagte Danglars, mir scheint, er hat’s gar zu eilig. Und er ist immer noch in die Katalonierin verliebt?

 

Wie toll; soeben ist er zu ihr gegangen. Doch wenn ich mich nicht sehr täusche, wird er hier auf Schwierigkeiten stoßen.

 

Sag einmal, du liebst Dantes nicht, wie? – Ich liebe die Anmaßenden nie. – Nun also, was weißt du von der Katalonierin? – Nichts Bestimmtes; nur habe ich gesehen, daß Mercedes, so oft sie in die Stadt kommt, von einem großen schwarzen Katalonier, den sie Vetter nennt, begleitet wird. – Ah, wirklich? Und glaubst du, dieser Vetter mache ihr den Hof? – Ich denke wohl. Was zum Teufel kann ein Bursche von einundzwanzig Jahren mit einem hübschen Mädchen von siebzehn weiter machen?

 

Und du sagst, Dantes sei zu den Kataloniern gegangen?

 

Ja, wenn wir ihm folgen, so können wir im Garten der Reserve bei einem Glase Wein das weitere abwarten.

 

Beide begaben sich mit raschen Schritten nach dem bezeichneten Orte und ließen sich eine Flasche Wein bringen. Der Vater Pamphile, der sie ihnen vorsetzte, hatte Dantes vor kaum zehn Minuten vorübergehen sehen.

 

Die Insel Tiboulen.

 

Die Insel Tiboulen.

 

Betäubt, fast erstickt, hatte Dantes noch die Geistesgegenwart, seinen Atem zurückzuhalten, und da seine rechte Hand, für alle Fälle bereit, sein Messer geöffnet hielt, so schlitzte er rasch den Sack auf und streckte zuerst den Arm und dann den Kopf heraus. Nun aber fühlte er sich, trotz seiner Bemühungen, die Kugel aufzuheben, fortwährend hinabgezogen. Da bückte er sich, suchte den Strick, der seine Beine zusammenhielt und durchschnitt diesen mit äußerster Anstrengung gerade in dem Augenblick, wo er zu ersticken drohte. Hierauf stieg er mittels eines kräftigen Fußstoßes auf die Oberfläche des Meeres, während die Kugel in unbekannte Tiefen das grobe Gewebe hinabzog, das ihm zum Leichentuche hatte dienen sollen. Dantes nahm sich nur Zeit, Atem zu holen, und tauchte zum zweiten Male unter, denn es mußte seine erste Vorsichtsmaßregel sein, spähenden Blicken zu entgehen.

 

Als er zum zweiten Male erschien, war er bereits wenigstens fünfzig Schritte von dem Orte seines Sturzes entfernt; er sah über seinem Haupte einen schwarzen stürmischen Himmel, an dessen Oberfläche der Wind eilige Wolken hinpeitschte, während zuweilen ein sternbesätes Stück Himmel sichtbar wurde. Vor ihm dehnte sich die düstere, tosende Fläche aus, deren Wogen wie beim Herannahen eines Sturmes zu brodeln anfingen, während hinter ihm, einem drohenden Gespenste ähnlich, der Granitriese sich erhob, dessen Spitze wie ein Arm anzuschauen war, der sich ausstreckte, seine Beute wiederzufassen. Auf dem höchsten Felsen erblickte er eine Stocklaterne, die zwei Schatten beleuchtete. Es kam ihm vor, als neigten sich diese Schatten unruhig zum Meere herab. Die Totengräber mußten wirklich den Schrei gehört haben, den er ausgestoßen hatte. Er tauchte abermals unter und legte eine ziemlich lange Strecke unterm Wasser zurück.

 

Als er wieder auf die Oberfläche kam, war die Laterne verschwunden. Er mußte sich orientieren. Von den Inseln, die das Schloß If umgeben, liegen Ratonneau und Pomègue am nächsten; aber sie sind bewohnt. Die sichersten Inseln waren daher die unbewohnten, Tiboulen oder Lemaire, die jedoch eine starke Stunde vom Kastell If entfernt sind. Dantes beschloß nichtsdestoweniger, eine von diesen beiden Inseln zu erreichen. Aber wie sie mitten in der Nacht finden? In diesem Augenblick erblickte er das Feuer des Leuchtturms von Planir. Wenn er gerade auf diesen Leuchtturm zuhielt, ließ er die Insel Tiboulen etwas links; er mußte also die Insel auf seinem Wege finden. Freilich betrug die Entfernung mindestens eine Meile, aber Dantes fand zu seiner Freude, daß ihm seine gezwungene Untätigkeit nichts von seiner Kraft und Behendigkeit genommen, und er fühlte, daß er noch Herr des Elementes war, in dem er sich schon als kleines Kind getummelt hatte. Die Furcht verdoppelte überdies seine Kräfte. So oft er sich auf der Spitze einer Woge erhob, umfaßte sein rascher Blick den sichtbaren Horizont und suchte in die dichte Finsternis zu tauchen. Es verging eine Stunde, während deren Dantes, vom Gefühl der Freiheit begeistert, die Wellen in der gewählten Richtung zu durchschneiden fortfuhr.

 

Nun schwimme ich bald eine Stunde, sagte er zu sich selbst; doch da mir der Wind entgegenbläst, muß ich eine Viertelstunde zugeben. Ich kann indessen, wenn ich mich nicht in der Richtung getäuscht habe, jetzt nicht mehr fern von der Insel Tiboulen sein. Wenn ich mich aber getäuscht hätte?

 

Ein Schauer durchlief den Körper des Schwimmers. Er suchte sich einen Augenblick auf den Rücken zu legen, um auszuruhen, aber das Meer wurde immer heftiger, und er sah, daß dieses Erleichterungsmittel, auf das er gerechnet hatte, unmöglich war.

 

Nun gut! sagte er, ich werde bis ans Ende aushalten, bis meine Arme nachlassen und meine Beine erstarren; dann sinke ich auf den Grund.

 

Und er schwamm wieder mit der Kraft und dem Antriebe der Verzweiflung. Plötzlich kam es ihm vor, als ob der bereits dunkle Himmel sich noch mehr verdüsterte, und als ob eine dichte, schwere, gedrängte Wolke sich auf ihn herabsenkte. Zu gleicher Zeit fühlte er einen heftigen Schmerz am Knie, er streckte die Hand aus und berührte die Erde. Nun sah er, was der Gegenstand war, den er für eine Wolke gehalten hatte. Zwanzig Schritte vor ihm stieg eine Felsenmasse empor, es war die Insel Tiboulen.

 

Dantes fühlte Land unter seinen Füßen, er machte ein paar Schritte vorwärts und streckte sich mit unsäglichem Dank gegen Gott auf den Granitkanten aus, die ihm zu dieser Stunde weicher schienen, als ihm je das weichste Bett vorgekommen war. Dann entschlummerte er, trotz des Windes, trotz des Sturmes, trotz des beginnenden Regens, völlig erschöpft durch die Anstrengung, und versank in den köstlichen Schlaf eines Menschen, dessen Körper erstarrt, dessen Seele aber im Bewußtsein eines unerwarteten Glückes fortglüht. Nach einer Stunde erwachte Edmond wieder unter dem ungeheuren Krachen des Donners; der Sturm war entfesselt und peitschte die Luft mit seinem geräuschvollen Flügelschlage. Dantes hatte sich mit seinem Seemannsblicke nicht getäuscht; er war wirklich auf der Insel Tiboulen gelandet; er wußte aber auch, daß sie kahl und öde war und nicht den geringsten Zufluchtsort bot. Nach Beendigung des Sturmes wollte er sich daher wieder in die See werfen und nach der zwar ebenfalls unfruchtbaren, aber viel größeren und deshalb gastlicheren Insel Lemaire schwimmen. Ein überhängender Fels bot ihm augenblicklichen Schutz: er flüchtete sich darunter, und beinahe gleichzeitig brach der Sturm in seiner ganzen Wut los. Edmond fühlte, wie der Fels zitterte, der ihn beschirmte; am Fuße der riesigen Pyramide sich brechend, sprangen die Wellen bis zu ihm herauf. Obgleich in Sicherheit, wurde er bei dem furchtbaren Tosen und den blendenden Blitzen von einer Art Schwindel ergriffen; nun erinnerte er sich auch, daß er seit 24 Stunden nichts gegessen, er hatte Hunger, er hatte Durst. Er streckte daher die Hände und den Kopf aus und trank das Wasser des Sturmes aus der Höhlung des Felsen.

 

Als er sich erhob, beleuchtete ein Blitz den weiten Raum. Bei dessen Schimmer sah Dantes zwischen der Insel Lemaire und dem Cap Croiselle, eine Viertelstunde entfernt, ein kleines Fischerfahrzeug erscheinen, das zugleich vom Sturme und der Woge fortgerissen wurde. Eine Sekunde nachher erschien das Schiff, mit furchtbarer Geschwindigkeit sich nähernd, auf dem Gipfel einer zweiten Welle. Gleichzeitig vernahm er ein furchtbares Krachen, und Todesgeschrei erreichte sein Ohr. Dann versank alles in Nacht. Nach und nach legte sich der Wind, der Himmel wälzte gegen Westen große graue Wolken; die dunkle Himmelsbläue erschien wieder mit Sternen, die heller funkelten als je; bald zeigte gegen Osten ein langer rötlicher Streifen am Horizont das Nahen des Morgens.

 

Dantes blieb unbeweglich und stumm vor diesem großen Schauspiel, als erblickte er es zum ersten Male – er hatte es in der Tat seit der Zeit, daß er im Kastell If war, nicht wieder gesehen. Es mochte ungefähr fünf Uhr sein, und das Meer beruhigte sich immer mehr. In zwei bis drei Stunden, sagte Edmond zu sich selbst, wird der Schließer in mein Zimmer kommen, den Leichnam meines armen Freundes finden, ihn erkennen, mich vergebens suchen und Lärm machen. Dann wird man das Loch in der Wand finden; man wird die Menschen befragen, die mich ins Meer schleuderten und die den Schrei, den ich ausstieß, hören mußten. Sobald die Barken mit bewaffneten Soldaten gefüllt sind, werden sie dem unglücklichen Flüchtling nachsetzen, da man wohl weiß, daß er nicht fern sein kann. Die Kanone wird der ganzen Küste Nachricht geben, daß man einem Menschen, der nackt und ausgehungert umherirrt, keine Zufluchtsstätte geben soll. Was soll dann aus mir werden? Ich hungere, ich friere, ich habe alles, selbst das rettende Messer, das mir im Schwimmen hinderlich war, weggeworfen; ich bin der Gnade des nächsten Bauern preisgegeben, der durch meine Auslieferung zwanzig Franken verdienen möchte; ich besitze weder Kraft, noch einen Gedanken, noch Entschlossenheit mehr.

 

In dem Augenblick, wo Edmond in völliger geistiger wie körperlicher Erschöpfung seinen Blick angstvoll dem Schlosse If zuwendete, sah er an der Spitze der Insel Pomègue ein lateinisches Segel vom Horizont sich abheben und ein kleines Fahrzeug erscheinen, in dem nur das Auge eines Seemanns eine genuesische Tartane auf der noch dunkeln Linie des Meeres zu erkennen vermochte. Sie kam aus dem Marseiller Hafen und gewann das offene Meer.

 

Oh! rief Edmond, wenn ich bedenke, daß ich in einer halben Stunde dieses Schiff erreichen könnte, befürchtete ich nicht, als Flüchtling erkannt und nach Marseille zurückgeführt zu werden! Was soll ich tun? Was soll ich sagen? Welche Fabel soll ich erfinden, mit der ich Glauben fände? Meist sind das Schleichhändler, halbe Piraten. Unter dem Vorwande der Küstenschiffahrt treiben sie Seeräuberei; sie werden mich lieber verkaufen als eine für sie nutzlose, wenn auch gute Handlung ausführen. Ich will warten … Doch das Warten ist etwas Unmögliches; ich sterbe vor Hunger, in ein paar Stunden wird das Wenige, was mir von Kraft übrig geblieben ist, vollends verschwunden sein. Überdies naht die Stunde des Besuchs, man hat noch nicht Lärm gemacht. Vielleicht haben die Leute keinen Argwohn; ich kann mich für einen von den Matrosen des kleinen Schiffes ausgeben, das in der Nacht gescheitert ist. Das klingt nicht unwahrscheinlich; keiner wird zurückkehren, um mir zu widersprechen, denn das Meer hat sie alle verschlungen.

Während Dantes diese Worte sprach, wandte er die Augen nach der Stelle, wo das kleine Schiff zerschellt war, und erbebte. Am Rande eines Felsens war die phrygische Mütze eines der schiffbrüchigen Matrosen hängen geblieben, und nahe dabei schwammen einige Trümmer des Kiels, träge Balken, die das Meer an den Fuß der Insel warf. Dantes‘ Entschluß war auf der Stelle gefaßt, er bedeckte sich den Kopf mit der Mütze, warf sich in die See, ergriff einen von den Balken und wandte sich, um in die Fahrtlinie des Schiffes zu gelangen.

 

Nun bin ich gerettet, murmelte er.

 

Indessen näherten sich Schiff und Schwimmer einander unmerklich. Da erhob sich Dantes aus den Wellen und bewegte seine Mütze als Notzeichen, aber niemand bemerkte ihn auf dem Schiffe. Er wollte rufen, erkannte jedoch, als er mit dem Auge die Entfernung maß, daß seine Stimme nicht bis zum Schiffe gelangen konnte. Er wünschte sich nun Glück, daß er so vorsichtig gewesen war, sich auf einem Balken auszustrecken. Geschwächt, wie er war, hätte er sich vielleicht nicht auf dem Meere halten können, bis er die Tartane erreicht hatte; und fuhr die Tartane vorüber, ohne ihn zu sehen, so wäre er nicht im stande gewesen, die Küste zu gewinnen. Obgleich des Weges beinahe gewiß, den das Schiff verfolgte, begleitete es Dantes doch angstvoll mit seinen Augen bis zu der Minute, wo es nur noch einige hundert Meter entfernt war. Sogleich erhob er sich nun mit äußerster Anstrengung, daß er beinahe auf dem Wasser stand, bewegte seine Mütze in der Luft und schrie laut um Hilfe.

 

Diesmal hörte und sah man ihn. Die Tartane unterbrach ihren Lauf und drehte nach seiner Seite; zu gleicher Zeit bemerkte er, daß man eine Schaluppe ins Meer ließ. Einen Augenblick nachher steuerte die Schaluppe, mit zwei Matrosen bemannt, auf ihn zu. Dantes ließ nun den Balken los, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, und schwamm kräftig, um denen, die ihm entgegenkamen, den halben Weg zu ersparen. Der Schwimmer hatte indessen seinen Kräften zuviel zugemutet, seine Arme fingen an, steif zu werden, seine Beine hatten ihre Biegsamkeit verloren, seine Bewegungen wurden hart, seine Brust keuchte. Er stieß einen zweiten Schrei aus, die Ruderer verdoppelten ihre Tätigkeit, und einer von ihnen rief ihm italienisch »Mut!« zu. Das Wort drang in dem Augenblick zu ihm, als eine Woge, die er zu überwältigen nicht mehr Kraft hatte, über seinen Kopf hinging und ihn mit Schaum bedeckte.

 

Er erschien wieder, stieß einen dritten Schrei aus und fühlte, wie er untersank, als hätte er noch die tödliche Kugel am Fuße. Das Wasser ging über seinen Kopf, und durch die Wellen sah er den bleifarbigen Himmel mit schwarzen Flecken. Ein gewaltiger Ruck brachte ihn auf die Oberfläche zurück. Es kam ihm vor, als ob man ihn bei den Haaren faßte, dann sah und hörte er nichts mehr; er war ohnmächtig. Als er die Augen wieder öffnete, lag er auf dem Verdeck der Tartane Amalie, die ihren Weg fortsetzte. Er achtete vor allem auf die Richtung, die sie verfolgte; man entfernte sich immer mehr vom Schlosse If.

 

Dantes war so erschöpft, daß der Ausruf der Freude, den er von sich gab, für einen Schmerzensseufzer gehalten wurde; ein Matrose rieb ihm die Glieder mit einer wollenen Decke; ein anderer schob ihm die Mündung einer Kürbisflasche durch die Lippen; ein dritter, ein alter Seemann, der zugleich der Patron war, schaute ihn mitleidig an. Einige Tropfen Rum aus der Flasche belebten den geschwächten Magen des jungen Mannes, während die Reibungen, die der vor ihm knieende Matrose mit der Wolldecke an seinem Körper fortsetzte, seinen Gliedern wieder Geschmeidigkeit verliehen.

 

Wer seid Ihr? fragte in schlechtem Französisch der Patron.

 

Ich bin ein maltesischer Matrose, antwortete Dantes in schlechtem Italienisch; wir kommen von Syrakus und hatten Wein geladen. Der Sturm heute nacht überfiel uns bei Kap Morgiou, und wir scheiterten an den Felsen, die ihr dort seht; ich klammerte mich glücklicherweise daran an, während sich unser armer Kapitän den Kopf zerschellte. Ich bin, glaube ich, allein am Leben geblieben; ich sah euer Schiff, befürchtete, zu lange auf der einsamen Insel warten zu müssen, und suchte auf einem Trümmerstück unseres Fahrzeuges zu euch zu gelangen. Ich denke, daß ihr mir das Leben gerettet habt; ich wäre verloren gewesen, wenn mich nicht einer von euch bei den Haaren gefaßt hätte.

 

Das war ich, sagte ein Matrose mit treuherzigem, von einem langen schwarzen Barte umrahmten Gesichte, und es war Zeit, denn Ihr sankt unter.

 

Ja, sagte Dantes, ihm die Hand reichend, ja, mein Freund, und ich danke Euch zum zweitenmale.

 

Meiner Treu! versetzte der Matrose, ich zögerte fast; mit Eurem sechs Zoll langen Barte und Euren fußlangen Haaren sahet Ihr eher aus wie ein Räuber, als wie ein ehrlicher Mann.

 

Dantes erinnerte sich nunmehr, daß er sich seit seinem Aufenthalt im Schlosse If weder die Haare geschnitten noch rasiert hatte.

 

Ja, sagte er, ich habe in einem Augenblick der Gefahr der heiligen Jungfrau ein Gelübde getan, mir zehn Jahre lang weder die Haare noch den Bart zu schneiden.

 

Was sollen wir nun mit Euch machen? fragte der Patron.

 

Ach! was Ihr wollt. Die Feluke, zu der ich gehörte, ist verloren, der Kapitän ist tot. Ich bin demselben Schicksale entgangen, aber wie Ihr seht, völlig nackt. Zum Glück versteh‘ ich das Schifferhandwerk. Setzt mich im nächsten besten Hafen ab, wo Ihr vor Anker geht, und ich werde auf einem Handelsschiffe Beschäftigung finden.

 

Ihr kennt das mittelländische Meer?

 

Ich fahre darauf seit meiner Kindheit.

 

Ihr wißt, wo gute Ankerplätze zu finden sind?

 

Es gibt wenige Häfen, selbst unter den schwierigsten, wo ich nicht mit geschlossenen Augen aus- und einfahren könnte.

 

Sagt, Patron, sagte der Matrose, der Dantes Mut zugerufen hatte, warum soll der Kamerad nicht bei uns bleiben, wenn er die Wahrheit spricht?

 

Ja, wenn er die Wahrheit spricht, erwiderte der Patron mit einer Miene des Zweifels; aber in dem Zustande, in dem sich der arme Teufel befindet, verspricht man viel und hält dann eben gerade, was man kann.

 

Ich werde mehr halten, als ich versprochen habe.

 

Oh! oh! rief der Patron lachend, wir werden sehen.

 

Wann Ihr wollt, sagte Dantes aufstehend. Wohin fahrt Ihr?

 

Nach Livorno.

 

Warum preßt Ihr nicht, statt Schläge zu tun, wobei Ihr eine kostbare Zeit verliert, ganz einfach den Wind so fest als möglich?

 

Weil wir gerade auf die Insel Rion zulaufen würden.

 

Ihr kommt auf mehr als zwanzig Faden daran vorbei.

 

So nehmt das Steuerruder, sagte der Patron, und wir werden bald sehen, was Ihr versteht.

 

Der junge Mann setzte sich an das Steuerruder, überzeugte sich durch einen leichten Druck, daß das Schiff gehorsam war, und rief: An die Brassen und Boleinen.

 

Die vier Matrosen, welche die Mannschaft bildeten, liefen an ihre Posten, während ihnen der Patron zuschaute.

 

Holt an! fuhr Dantes fort.

 

Dieser Befehl wurde ausgeführt, und statt mit Schlägen fortzulaufen, rückte das kleine Schiff gegen die Insel Rion vor, an der es, wie Dantes vorhergesagt hatte, vorüberkam, indem es dieselbe zwanzig Faden vom Steuerbord ließ.

 

Bravo! riefen der Kapitän und die Matrosen.

 

Und alle schauten verwundert diesen Mann an, dessen Blick wieder eine Energie und dessen Körper wieder eine Kraft erfüllte, die keiner in ihnen vermutet hatte.

 

Ihr seht, sagte Dantes, das Steuerruder loslassend, daß ich Euch auf der Fahrt wenigstens zu etwas nütze sein könnte; wollt Ihr mich in Livorno nicht behalten, nun, so laßt Ihr mich dort, und von meinen ersten Monaten Sold entschädige ich Euch für meine Kost bis dahin und für die Kleider, die Ihr mir leiht.

 

Gut! gut! versetzte der Patron. Die Sache läßt sich machen, wenn Ihr nicht zu viel verlangt; doch nun, Jacopo, gebt dem Manne Kleider!

 

Der Matrose, der Dantes das Leben gerettet hatte, schlüpfte durch die Luke hinab und kam in einem Augenblick mit Hemd und Hose zurück, die Dantes mit unbeschreiblicher Freude anzog.

 

Braucht Ihr noch etwas? fragte der Patron.

 

Ein Stück Brot und noch einen Schluck von dem vortrefflichen Rum, den ich gekostet, denn ich habe lange nichts zu mir genommen.

 

Man brachte Dantes ein Stück Brot, und Jacopo reichte ihm die Flasche.

 

Halt, fragte der Patron, was ist im Kastell If los?

 

Eine kleine weiße Wolke war soeben an der südlichen Bastei des Kastells sichtbar geworden, und eine Sekunde nachher erstarb der Lärm eines entfernten Knalles an Bord der Tartane. Die Matrosen schauten einander an.

 

Es wird ein Gefangener in dieser Nacht entwichen sein, und man feuert die Lärmkanone ab, sagte Dantes.

Der Patron warf dem jungen Mann, der die Kürbisflasche an den Mund gesetzt hatte, einen prüfenden Blick zu; aber er sah ihn den Trank mit solcher Ruhe schlürfen, daß er keinen Verdacht hegte.

 

Euer Rum ist teufelmäßig stark, sagte Dantes, mit dem Hemdärmel seine von Schweiß triefende Stirn abtrocknend.

 

Ist er es, murmelte der Kapitän, ihn anschauend, desto besser, ich habe in jedem Fall einen tüchtigen Mann bekommen.

 

Unter dem Vorwande der Müdigkeit bat Dantes, sich ans Steuerruder setzen zu dürfen. Sehr erfreut, seiner Funktionen überhoben zu sein, fragte der Ruderführer den Patron mit dem Auge, und dieser bedeutete ihm durch ein Zeichen, er könne den Helmstock seinem neuen Gefährten übergeben.

 

Den wievielten haben wir? fragte Dantes Jacopo, der sich zu ihm gesetzt hatte.

 

Den 28. Februar, antwortete dieser.

 

Und welches Jahr? fragte Dantes.

 

Welches Jahr? Ihr fragt, welches Jahr wir haben?

 

Was wollt Ihr, sagte Dantes, ich habe diese Nacht eine solche Angst ausgestanden, daß mein Gedächtnis noch völlig gestört ist.

 

Das Jahr 1829, sagte Jacopo.

 

Es waren auf den Tag vierzehn Jahre, daß man Dantes verhaftet hatte. Mit neunzehn Jahren war er in das Kastell If gekommen, und er verließ es mit dreiunddreißig Jahren. Ein schmerzliches Lächeln zog über seine Lippen hin; er fragte sich, was aus Mercedes während dieser Zeit, wo sie ihn hatte für tot halten müssen, geworden sei. Dann entzündete sich ein Blitz des Hasses in seinen Augen, indem er an die drei Menschen dachte, denen er eine so lange und grausame Gefangenschaft zu verdanken hatte, und er erneuerte gegen Danglars, Fernand und Villefort den Schwur unversöhnlicher Rache, den er im Gefängnis geleistet hatte; und sein Schwur war jetzt keine leere Drohung mehr, denn zu dieser Stunde hätte der beste Schnellsegler im Mittelländischen Meer sicherlich die kleine Tartane nicht mehr einholen können, die mit voller Kraft nach Livorno fuhr.

 

Haydee.

 

Haydee.

 

Die Hoffnung auf den angenehmen Besuch und auf ein paar glückliche Augenblicke verbreitete, sobald Villefort verschwunden war, einen heiteren Ausdruck über das Antlitz des Grafen, so daß Ali, der bei dem Klange des Glöckchens herbeigelaufen war, sich auf der Fußspitze und mit gehemmtem Atem zurückzog, als wollte er die guten Gedanken nicht verscheuchen, die seinen Gebieter zu umschweben schienen.

 

Die schöne Griechin befand sich in einer Wohnung, die von der des Grafen völlig getrennt war. Ihre Gemächer hatte man ganz auf orientalische Weise ausgeschmückt, das heißt, die Böden waren mit dicken türkischen Teppichen belegt, Brokatstoffe fielen an den Wänden herab, und in jedem Zimmer lief an den Wänden ein großer Diwan mit vielen Kissen entlang. Haydee hatte drei französische Kammerfrauen und eine griechische. Die französischen Kammerfrauen verweilten im ersten Zimmer, bereit, auf den Ton eines goldenen Glöckchens herbeizulaufen und den Befehlen der griechischen Sklavin zu gehorchen, die hinreichend Französisch sprach, um ihnen den Willen ihrer Gebieterin zu verdolmetschen, und sollten nach der Vorschrift Monte Christos Haydee mit einer Rücksicht behandeln, die man sonst nur einer Königin gegenüber beobachtet.

 

Die Griechin befand sich im hintersten Zimmer ihrer Wohnung, in einer Art von rundem, nur von oben beleuchtetem Boudoir, worein das Licht durch Scheiben von rosenfarbigem Glase drang. Sie lag auf dem Boden auf Kissen von blauem, mit Silber durchwirktem Atlas, halb zurückgelehnt auf den Diwan, den Kopf mit ihrem weich gerundeten rechten Arme umschlingend, während sie mit der Linken die Korallenspitze einer persischen Pfeife an ihre Lippen hielt. Ihr Anzug war der der epirotischen Frauen; sie trug Beinkleider von weißem, mit rosenfarbigen Blumen broschiertem Atlas, die zwei niedliche Füße entblößt ließen, an denen zwei kleine, mit Gold und Perlen gestickte Sandalen mit aufwärts gebogenen Spitzen sichtbar waren; ferner eine blau und weiß gestreifte Jacke mit weiten, unten geschlitzten Ärmeln, mit silbernen Knopflöchern und Knöpfen von Perlen; endlich eine Art von Leibchen, das durch einen herzförmigen Schnitt den Hals und den ganzen obern Teil der Brust offen ließ und unterhalb des Busens mit zwei Diamantknöpfen geschlossen wurde. Der untere Teil des Leibchens und der obere des Beinkleides verschwanden unter einem Gürtel von lebhaften Farben und mit langen seidenen Fransen. Auf dem Kopfe hatte sie ein mit Gold und Perlen gesticktes, auf die Seite geneigtes Mützchen, unter dem sich eine schöne, natürliche, purpurrote Rose herabneigte.

 

 

Ihr Gesicht zeigte die griechische Schönheit in ihrer ganzen Vollendung, große schwarze, samtartige Augen, marmorne Stirn, gerade Nase, Korallenlippen, Perlenzähne und schwarze Haare. Über dieses reizende Ganze lag die Jugend mit all ihrem Schimmer, all ihrem Dufte ausgebreitet; Haydee mochte kaum neunzehn Jahre alt sein.

 

Monte Christo rief der griechischen Kammerfrau und ließ Haydee um Erlaubnis bitten, bei ihr eintreten zu dürfen. Statt jeder Antwort hieß Haydee ihre Zofe den Vorhang zurückschlagen, der an der Tür angebracht war, deren Simswerk das junge Mädchen wie ein reizendes Gemälde umrahmte.

 

Monte Christo trat ein.

 

Haydee erhob sich auf den Ellenbogen, reichte dem Grafen ihre Hand, lächelte ihm freundlich entgegen und sagte in der wohlklingenden Sprache der Töchter von Athen: Warum läßt du mich um Erlaubnis bitten, bei mir eintreten zu dürfen? Bist du nicht mein Gebieter, bin ich nicht mehr deine Sklavin?

 

Monte Christo lächelte ebenfalls und erwiderte: Haydee, Sie wissen …

 

Warum sagst du nicht mehr du zu mir, wie gewöhnlich? unterbrach ihn die junge Griechin; habe ich denn irgend ein Versehen begangen? Dann mußt du mich bestrafen und nicht Sie nennen.

 

Haydee, entgegnete der Graf, du weißt, daß wir in Frankreich sind, und daß du folglich frei bist.

 

Frei, wozu? fragte das Mädchen.

 

Es steht dir frei, mich zu verlassen.

 

Dich verlassen? … Und warum sollte ich dich verlassen?

 

Was weiß ich? Wir werden andere Leute bei uns sehen.

 

Ich will niemand sehen.

 

Und wenn du unter den jungen Leuten, denen du begegnen wirst, einen träfest, der dir gefiele, so wäre ich nicht so ungerecht …

 

Ich habe keinen schöneren Mann, als du bist, gesehen, und nie einen andern geliebt, als meinen Vater und dich.

 

Armes Kind, sagte Monte Christo, du hast kaum mit jemand anders gesprochen außer mit mir und deinem Vater.

 

Wohl! was brauche ich mit anderen zu sprechen? Mein Vater nannte mich seine Freude, du nennst mich deine Liebe, und Ihr beide nennt mich Euer Kind.

 

Du erinnertst dich deines Vaters, Haydee?

 

Das junge Mädchen lächelte.

 

Er ist da und da, sagte die Griechin, ihre Hand auf ihre Augen und auf ihr Herz legend.

 

Und ich, wo bin ich? fragte lächelnd Monte Christo.

 

Du, erwiderte sie, du bist überall.

 

Monte Christo nahm Haydees Hand, um sie zu küssen, aber das naive Kind entzog sie ihm und bot ihm die Stirn dar.

 

Nun weißt du, Haydee, sagte der Graf, daß du frei, daß du Gebieterin, daß du Königin bist; du kannst deine Tracht beibehalten oder nach deiner Laune aufgeben. Du bleibst hier, wenn du bleiben willst, du fährst aus, wenn du ausfahren willst, es wird stets ein Wagen für dich angespannt sein, Ali und Myrtho begleiten dich überallhin und sind zu deinem Befehl; nur bitte ich dich um eines: Bewahre das Geheimnis deiner Geburt, sage kein Wort über deine Vergangenheit, nenne bei keiner Veranlassung den Namen deines Vaters oder deiner armen Mutter!

 

Herr, ich habe dir bereits gesagt, daß ich niemand sehen werde.

 

Höre mich, Haydee, diese orientalische Abgeschlossenheit wird dir in Paris vielleicht unmöglich werden. Fahre fort, das Leben in unsern nördlichen Ländern kennen zu lernen, wie du dies in Rom, in Florenz, in Mailand und in Madrid getan hast; dies wird dir immerhin nützlich sein, magst du nun beständig hier leben oder nach dem Orient zurückkehren.

 

Das Mädchen schlug seine großen, feuchten Augen zu dem Grafen auf und erwiderte: Oder ob wir nach dem Orient zurückkehren, willst du sagen, nicht wahr, Herr?

 

Ja, meine Tochter, du weißt wohl, daß ich dich nie verlassen werde. Nicht der Baum verläßt die Blüte, sondern die Blüte trennt sich vom Baume. Ich werde dich auch nie verlassen, Herr, denn ich weiß, daß ich ohne dich nicht leben könnte.

 

Armes Kind! In zehn Jahren bin ich alt, und in zehn Jahren bist du noch ganz jung.

 

Mein Vater hatte einen langen, weißen Bart; das hinderte mich nicht, ihn zu lieben; mein Vater zählte sechzig Jahre, und er kam mir schöner vor, als alle jungen Leute, die ich sah.

 

Doch sage mir, glaubst du, daß es dir hier gefallen wird? – Werde ich dich sehen? – Jeden Tag. Nun, Herr, warum fragst du mich dann? – Ich befürchte, du langweilst dich.

 

Nein, Herr, denn am Morgen denke ich, daß du kommen wirst, und am Abend erinnere ich mich, daß du gekommen bist; dann habe ich im Herzen drei Gefühle, mit denen man sich nie langweilt: die Traurigkeit, die Liebe und die Dankbarkeit.

 

Du bist eine würdige Tochter des Epirus, Haydee, du Anmutige, du Poetische, und man sieht, daß du von der in deinem Lande geborenen Familie von Göttinnen abstammst. Sei also unbesorgt, meine Tochter, ich werde es so machen, daß deine Schönheit nicht verloren geht, denn wenn du mich wie deinen Vater liebst, so liebe ich dich wie mein Kind.

 

Du täuschest dich, Herr, ich liebte meinen Vater nicht, wie ich dich liebe, meine Liebe für dich ist eine andere Liebe; mein Vater ist tot, und ich bin nicht tot, während ich sterben müßte, wenn du sterben würdest.

 

Der Graf reichte Haydee die Hand mit einem Lächeln voll tiefer Zärtlichkeit; sie drückte wie gewöhnlich ihre Lippen darauf.

 

Und so in der rechten Stimmung für die Zusammenkunft, die er mit Morel und seiner Familie haben sollte, entfernte er sich, folgende Verse von Pindar murmelnd:

 

Die Jugend ist eine Blüte, deren Frucht die Liebe ist …

Glücklich ist der Gärtner, der sie pflückt, nachdem er sie langsam hat reifen sehen.

 

Der Wagen stand seinen Befehlen gemäß bereit. Er stieg ein, und die Pferde führten ihn wie immer im Galopp fort.

 

-Kapitelname unbekannt-

-Kapitelname unbekannt-


Der Graf von Monte Christo. Erster Band.





Marseille. – Die Ankunft.

 

Marseille. – Die Ankunft.

Am 25. Februar 1815 fuhr der Dreimaster Pharao langsam und wie zögernd in den Hafen von Marseille. Eine Trauerwolke schien das Schiff zu umschweben. Gespannt folgte eine schaulustige Menge allen Bewegungen des Fahrzeugs und bemerkte bei dessen Näherkommen, daß es von einem auffallend jungen und wohlgestalten, dabei aber anscheinend ebenso tatkräftigen wie geschickten Manne gelenkt wurde.

 

Das Volk von Marseille, dem schon seit Gründung der Stadt einiges Griechenblut durch die Adern rollt, ist von Natur lebhaft und neugierig. In jenen Tagen kam dazu eine besondere Unruhe, die vor allem die Herzen der heißblütigen Provençalen erfüllte. Seit neun Monaten weilte Napoleon nach jähem Sturz von halbgottähnlicher Machthöhe als Verbannter auf dem unfernen Eiseneiland Elba. Die Royalisten triumphierten in Frankreich, und nichts war gefährlicher, als bonapartistischer Umtriebe oder auch nur bonapartistischer Gesinnung verdächtig zu sein. Nichtsdestoweniger raunte sich die immer wachsende Zahl der Wohlunterrichteten zu, der kleine Korse mit dem großen Zäsarenkopf bereite sich vor, die ihm aufgedrängte Maske des gebändigten Löwen abzuwerfen. Die Beschränktheit der Anhänger des neuen Königs, Ludwigs XVIII., die alle Errungenschaften der Revolution zurückzuschrauben wünschten, die Uneinigkeit der in Wien um das Erbe des Verbannten sich streitenden Mächte, der noch frische Ruhmesglanz des blendenden napoleonischen Namens ließen die Augen vieler Franzosen sich immer aufgeregter und erwartungsvoller nach dem Süden richten.

 

Unter der bewegten des Pharao harrenden Menge fiel ein Mann auf, der, wie es schien, vor Unruhe die Einfahrt des Schiffes gar nicht erwarten konnte. Er sprang in eine kleine Barke und befahl, dem Pharao entgegenzurudern, den er auch bald erreichte. Als der junge Leiter des Fahrzeugs die Barke sich nähern sah, verließ er seinen Posten neben dem Lotsen, dessen Befehle er mit rascher Gebärde und lebhaftem Blick für die Mannschaft wiederholt hatte, nahm den Hut in die Hand und lehnte sich über die Brüstung des Schiffes.

 

Es war ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren mit schwarzen Augen und schwarzen Haaren. In seiner ganzen Person drückte sich Ruhe und Entschlossenheit aus, wie sie den Menschen eigentümlich sind, die von Kindheit an mit der Gefahr zu kämpfen haben.

 

Ah, Sie sind es, Dantes, rief der Mann in der Barke; was ist geschehen, und was bedeutet das traurige Aussehen des Schiffes?

 

Ein großes Unglück, Herr Morel, antwortete der junge Mann. Auf der Höhe von Civita Vecchia haben wir den braven Kapitän Leclère verloren.

 

Und die Ladung? fragte lebhaft der Reeder.

 

Ist glücklich geborgen, Herr Morel, und ich glaube, Sie werden in dieser Hinsicht zufrieden sein; aber der arme Kapitän …

 

Was ist ihm denn geschehen? fragte der Reeder, sichtbar erleichtert, was ist ihm denn geschehen, dem braven Kapitän?

 

Er ist tot. – In das Meer gefallen?

 

Nein, er starb an einer Hirnentzündung. Dann wandte sich der junge Seemann seinen Leuten zu, rief: Holla, he! Jeder an seinen Posten zum Ankern! und erst als er sah, daß seine Befehle vollführt wurden, kehrte er zu Herrn Morel zurück.

 

Mein Gott, ganz überraschend. Nach einer langen Unterredung mit dem Hafenkommandanten verließ der Kapitän Neapel in sehr aufgeregtem Zustande. Nach 24 Stunden faßte ihn das Fieber, drei Tage nachher war er tot … Er ruht in einer Hängematte, eine Kugel an den Füßen und eine am Kopf, auf der Höhe der Insel Giglio. Wir bringen der Witwe sein Ehrenkreuz und seinen Degen zurück. Warum mußte er, fuhr der junge Mann schwermütig fort, zehn Jahre gegen die Engländer kämpfen, um nun einen solchen Strohtod zu sterben?

 

Verdammt! Wir sind alle sterblich, und die Alten müssen den Jungen Platz machen, und von dem Augenblicke an, wo ich sicher bin, daß die Ladung …

 

Sie befindet sich in gutem Zustande, Herr Morel, dafür stehe ich. Das ist eine Ladung, die ich Ihnen nicht für 25000 Franken Nutzen aus der Hand zu geben rate. Dann, als man um den Leuchtturm am Hafeneingang fuhr, rief er: Alle Segel gestrichen!

 

Der Befehl wurde mit derselben Geschwindigkeit ausgeführt, wie auf einem Kriegsschiffe, und das Schiff rückte nur noch langsam vorwärts.

 

Wenn Sie heraufkommen wollen, Herr Morel, sagte Dantes, die Unruhe des Reeders wahrnehmend, hier ist Ihr Rechnungsführer, Herr Danglars, der wird Ihnen jede Auskunft geben. Ich meinesteils muß für die Ankerung sorgen. – Der Reeder ließ sich das nicht zweimal sagen und erstieg behende das Schiff, wo ihm, während Dantes auf seinen Posten zurückkehrte, Danglars entgegenkam.

 

Danglars war ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, unterwürfig gegen seine Obern und barsch gegen seine Untergebenen, Eigenschaften, die ihn allgemein bei der Mannschaft ebenso verhaßt machten, wie Edmond Dantes bei ihr beliebt war. Nun, Herr Morel, sagte Danglars, Sie wissen bereits das Unglück, nicht wahr?

 

Ja, ja, der arme Leclère! Ein braver, ehrlicher Mann!

 

Und ein trefflicher Seemann, ergraut zwischen Himmel und Wasser, wie es sich für einen Mann geziemt, dem die Interessen eines so wichtigen Hauses wie Morel und Sohn anvertraut sind.

 

Aber, versetzte der Reeder, mit den Augen dem geschäftigen Dantes folgend, es scheint mir, man braucht nicht gerade ein so alter Seemann zu sein, um sein Handwerk zu kennen, und unser Freund Edmond hier treibt das seinige, meine ich, wie ein Mensch, der niemandes Rat nötig hat.

 

Ja, antwortete Danglars, auf Dantes einen Blick des Hasses werfend, ja, der ist jung und fürchtet nichts. Kaum war der Kapitän tot, so übernahm er das Kommando, ohne jemand um Rat zu fragen, und ließ uns anderthalb Tage auf der Insel Elba verlieren, statt unmittelbar nach Marseille zurückzukehren.

 

Was die Übernahme des Kommandos betrifft, sagte der Reeder, so war dies seine Pflicht als Sekond; was aber das Verlieren von anderthalb Tagen auf der Insel Elba betrifft, so hatte er unrecht, wenn nicht das Schiff Haverei ausbessern mußte.

 

Das Schiff befand sich so wohl, wie ich mich befinde, und diese anderthalb Tage dienten bloß dem Vergnügen, ans Land zu steigen.

 

Dantes, sagte der Reeder, sich nach dem jungen Mann umwendend, kommen Sie hierher!

 

Ich bitte um Entschuldigung, erwiderte Dantes, ich stehe sogleich zu Diensten; dann rief er der Mannschaft zu: Anker geworfen!

 

Sogleich fiel der Anker, und die Kette rasselte geräuschvoll hinterdrein. Dantes blieb trotz der Gegenwart des Lotsen an seinem Posten, bis dieses letzte Manöver beendigt war. Dann rief er: Hißt die Flagge Halbmast! Kreuzt die Segelstangen! Sie sehen, sagte Danglars, auf mein Wort, er hält sich bereits für den Kapitän.

 

Gott verdamme mich, warum sollen wir ihn nicht an diesem Posten lassen? entgegnete der Reeder; ich weiß wohl, er ist jung, aber er scheint mir ganz bei der Sache und bereits recht erfahren zu sein.

 

Eine Zorneswolke trübte Danglars‘ Miene.

 

Um Vergebung, Herr Morel, sagte Dantes nähertretend; nun, da das Schiff geankert hat, stehe ich zu Befehl.

 

Danglars machte einen Schritt rückwärts.

 

Ich wollte Sie fragen, warum Sie an der Insel Elba angehalten haben, begann der Reeder.

 

Es geschah in Vollzug eines letzten Befehls des Kapitäns Leclère, der mir sterbend ein Paket für den Großmarschall Bertrand übergab.

 

Sie haben ihn also gesehen, Edmond?

 

Wen? – Den Großmarschall. – Ja.

 

Morel schaute um sich her, zog Dantes beiseite und fragte lebhaft: Wie geht es dem Kaiser?

 

Gut, soviel ich mit meinen eigenen Augen sehen konnte.

 

Haben Sie mit ihm gesprochen? Was sagte er?

 

Er stellte Fragen an mich über das Schiff, über Zeit und Weg unserer Fahrt nach Marseille und über die Ladung. Ich glaube, wäre ich der Herr des Schiffes gewesen, so hätte er es kaufen wollen. Aber ich sagte ihm, ich sei nur Sekond, und das Schiff gehöre dem Hause Morel und Sohn. Ah, erwiderte er, ich kenne das Haus. Die Morel sind ein altes Reedergeschlecht, und ein Morel stand in demselben Regimente mit mir in Valence in Garnison.

 

Das ist bei Gott wahr! rief der Reeder ganz freudig, es war Policar Morel, mein Oheim, der später Kapitän geworden ist. Dantes, Sie werden meinem Oheim sagen, daß der Kaiser sich seiner erinnert hat, und der alte Murrkopf wird weinen. Gut, gut, fuhr der Reeder, dem jungen Menschen vertraulich auf die Schulter klopfend, fort, Sie haben wohl daran getan, Dantes, den Auftrag des Kapitäns Leclère zu erfüllen und an der Insel Elba anzuhalten. Doch wenn man wüßte, daß Sie dem Marschall ein Paket übergeben und mit dem Kaiser gesprochen haben … es könnte Sie gefährden.

 

Wie sollte mich dies gefährden? entgegnete Dantes. Ich weiß nicht einmal, was ich überbrachte, und der Kaiser richtete nur die nächstliegenden Fragen an mich. Doch um Vergebung, hier sind die Zollbeamten. Sie erlauben … nicht wahr?

 

Gewiß, mein lieber Dantes. Der junge Mann entfernte sich, und je weiter er sich entfernte, desto näher kam Danglars.

 

Nun, fragte er, er scheint Ihnen gute Gründe für seinen Aufenthalt in Elba angegeben zu haben?

 

Vortreffliche Gründe, antwortete der Reeder, und es läßt sich nichts dagegen einwenden. Kapitän Leclère selbst hatte ihm den Befehl erteilt.

 

Ah! was den Kapitän Leclère betrifft … hat Dantes Ihnen nicht einen Brief von ihm zugestellt?

 

Nein! Hatte er denn einen?

 

Ich glaubte, der Kapitän Leclère hätte ihm außer dem Paket auch einen Brief anvertraut.

 

Von welchem Paket sprechen Sie, Danglars?

 

Von dem, das Dantes auf Elba abzugeben hatte.

 

Woher wissen Sie, daß er ein Paket abzugeben hatte?

 

Danglars errötete und sagte: Ich ging an der halb geöffneten Tür der Kapitänskabine vorüber und sah, wie Leclère den Brief und das Paket Dantes einhändigte.

 

Er hat mir nichts davon gesagt, entgegnete der Reeder, wird mir aber wohl den Brief noch übergeben.

 

Danglars überlegte einen Augenblick und erwiderte: Ich bitte Sie, Herr Morel, nicht mit Dantes davon zu sprechen; ich werde mich getäuscht haben.

 

In diesem Augenblick kehrte der junge Mann zurück, während Danglars sich entfernte.

 

Nun, mein lieber Dantes, sind Sie frei? fragte der Reeder. – Jawohl, alles ist in Ordnung. – Sie können mit mir zu Mittag speisen. – Ich bitte, entschuldigen Sie mich, Herr Morel; mein erster Besuch gehört meinem Vater. Doch ich bin darum nicht minder dankbar für die Ehre, die Sie mir erzeigen. – Recht, Dantes, ganz recht. Ich weiß, daß Sie ein guter Sohn sind; aber nach diesem ersten Besuche zählen wir auf Sie. – Entschuldigen Sie abermals, nach diesem ersten Besuche habe ich einen zweiten zu machen, der mir nicht minder am Herzen liegt. – Ah! das ist wahr, Dantes, ich vergaß, daß es unter den Kataloniern jemand gibt, der mit nicht geringerer Ungeduld auf Sie wartet, als Ihr Vater. Es ist die schöne Mercedes.

 

Dantes errötete.

 

Ah! ah! sagte der Reeder, ich wundere mich gar nicht mehr, daß sie dreimal zu mir gekommen ist und mich um Nachricht über den Pharao gebeten hat. Edmond, Sie sind nicht zu beklagen, Sie haben eine hübsche Braut. Doch da fällt mir ein, hat Ihnen nicht der Kapitän Leclère sterbend einen Brief für mich gegeben?

 

Es war ihm unmöglich, zu schreiben. Nun möchte ich mir aber noch auf einige Tage Urlaub erbitten.

 

Um zu heiraten?

 

Einmal und dann, um nach Paris zu gehen.

 

Gut, gut, Sie nehmen sich so viel Zeit, als Sie wollen, Dantes. Zum Löschen des Schiffes brauchen wir an sechs Wochen, und vor drei Monaten gehen wir nicht wieder in See. Sie müssen also erst in drei Monaten hier sein. Der Pharao, fuhr der Reeder, den jungen Mann auf die Schulter klopfend, fort, könnte nicht ohne seinen Kapitän abgehen.

 

Ohne seinen Kapitän? rief Dantes mit funkelnden Augen, Sie entsprechen den geheimsten Hoffnungen meines Herzens. Es wäre also wirklich Ihre Absicht, mich zum Kapitän des Pharao zu ernennen?

 

Wenn ich allein wäre, würde ich Ihnen die Hand reichen, lieber Dantes, und sagen: Es ist abgemacht! Aber ich habe einen Associe, und Sie kennen das italienische Sprichwort: Che ha compagno ha padrone. (Wer einen Kompagnon hat, hat auch einen Herrn.) Doch zur Hälfte ist das Geschäft wenigstens abgeschlossen, denn von zwei Stimmen haben Sie bereits eine. Überlassen Sie es mir, Ihnen die andere zu verschaffen; ich werde mein möglichstes tun!

 

Oh, Herr Morel! rief der junge Seemann und ergriff, mit Tränen in den Augen, die Hände des Reeders, Herr Morel, ich danke Ihnen in meines Vaters und in Mercedes‘ Namen.

 

Es ist gut, Edmond, es gibt einen Gott im Himmel für die braven Leute! Besuchen Sie Ihren Vater und Mercedes, und kommen Sie dann zu mir zurück!

 

Soll ich Sie nicht an das Land führen?

 

Nein, ich danke, ich bleibe hier, um meine Rechnung mit Danglars zu ordnen. Sind Sie während der Reise mit ihm zufrieden gewesen?

 

Das kommt auf den Sinn an, in dem Sie diese Frage an mich richten. In Bezug auf gute Kameradschaft, nein; denn ich glaube, er liebt mich nicht mehr, seitdem ich bei einem kleinen Streit die Dummheit beging, ihm vorzuschlagen, zehn Minuten an der Insel Monte Christo anzuhalten, um den Streit auszumachen, ein Vorschlag, den er mit Recht zurückwies. Fragen Sie mich aber nach dem Rechnungsführer, so glaube ich, daß Sie mit der Art und Weise, wie er sein Geschäft besorgt hat, zufrieden sein werden.

 

Wie aber? sagte der Reeder; wenn Sie Kapitän des Pharao wären, würden Sie Danglars gern behalten?

 

Kapitän oder Sekond, antwortete Dantes, ich werde stets die größte Achtung vor denen haben, die das Vertrauen meiner Reeder besitzen.

 

Schön, schön, Dantes, ich sehe, daß Sie in jeder Beziehung ein braver Bursche sind; ich will Sie nicht länger aufhalten, denn Sie stehen gewiß wie auf glühenden Kohlen.

 

Auf Wiedersehen, Herr Morel, und tausend Dank! Der junge Seemann sprang in den Kahn und gab Befehl, an der Cannebière zu landen. Der Reeder folgte ihm lächelnd mit den Augen bis zum Kai, sah ihn aussteigen und sich unter der bunten Menge verlieren, die von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends die berühmte Rue de la Cannebière durchströmt, auf welche die Marseiller so stolz sind, daß sie mit dem größten Ernste von der Welt sagen: Wenn Paris die Cannebière hätte, so wäre es ein kleines Marseille.

 

Als er sich umwandte, erblickte der Reeder Danglars hinter sich, der dem Anscheine nach seine Befehle erwartete, in Wirklichkeit aber dem jungen Seemanne mit dem Blicke folgte. Nur war ein großer Unterschied in dem Ausdruck dieser beiden Blicke, die demselben Menschen folgten.

Der korsische Werwolf.

 

Der korsische Werwolf.

 

Drei Tage nach Villeforts Abreise saß König Ludwig XVIII. in einem Salon der Tuilerien und hörte ungläubig auf die Erzählungen des Herzogs von Blacas, der ihn vergeblich davon zu überzeugen suchte, daß sich im Süden Frankreichs etwas Geheimnisvolles vorbereite, daß er vermute, ja fast gewiß sei, Napoleon wolle von Elba entfliehen. Alle diese Nachrichten habe er von einem Boten, der soeben erst von Marseille eingetroffen sei. Aber der König wollte von alledem nichts hören und las dem mißtrauischen Höfling einen erst am selben Morgen vom Polizeiminister Dandré eingelaufenen Bericht über Napoleons Leben und Treiben auf Elba vor. Darin wurde der Kaiser als krank, melancholisch und vollständig harmlos dargestellt. Endlich gelang es dem Herzog, die Aufmerksamkeit des Königs dadurch zu erregen, daß er sagte, sein Gewährsmann aus Marseille sei Herr von Villefort. Der König, der Villefort als einen ehrgeizigen, durchaus ergebenen Royalisten kannte, gab endlich seine Einwilligung, diesen zu empfangen.

 

Als Villefort eintrat, redete ihn Ludwig XVIII. gnädig an und fragte, ob denn die Sache wirklich so ernst sei, wie man ihm Vorrede.

 

Sire, sagte Villefort, sich verbeugend, ich halte die Sache für sehr dringend; aber bei der Eile, die ich angewendet habe, scheint mir das Übel nicht unüberwindlich.

 

Berichten Sie, bitte, ausführlicher, sagte der König, den selbst die Aufregung zu ergreifen begann, die Herrn von Blacas‘ Gesicht verstört hatte und Villeforts Stimme beben ließ. Sprechen Sie und holen Sie von Anfang aus; ich liebe in allen Dingen die Ordnung.

 

Sire, ich bin so rasch als möglich nach Paris gereist, um Eurer Majestät mitzuteilen, daß ich keins von den gewöhnlichen und nichtssagenden Komplotten, wie sie täglich im Volke und in der Armee angezettelt werden, sondern eine wirkliche Verschwörung entdeckt habe, die nichts weniger als den Thron Eurer Majestät bedroht. Sire, der Usurpator bemannt drei Schiffe. Er beabsichtigt die Ausführung eines vielleicht wahnsinnigen Planes, der jedoch furchtbar ist, so wahnsinnig er auch sein mag. Zu dieser Stunde muß er die Insel Elba verlassen haben, sicherlich, um eine Landung in Neapel, an der toskanischen Küste oder gar in Frankreich zu versuchen. Eurer Majestät ist es nicht unbekannt, daß der Souverän der Insel Elba Verbindungen mit Italien und Frankreich unterhalten hat.

 

Ja, ich weiß es, sagte der König sehr bewegt, und noch kürzlich hat man entdeckt, daß bonapartistische Versammlungen in der Rue Saint-Jaeques stattgefunden haben. Doch fahren Sie fort, ich bitte Sie! Woher wissen Sie diese einzelnen Umstände?

 

Sire, aus einem Verhöre, dem ich einen Schiffer aus Marseille unterworfen habe; ich überwachte ihn seit langer Zeit und ließ ihn am Tage meiner Abreise verhaften. Dieser Mensch, ein unruhiger, des Bonapartismus verdächtiger Seemann, war insgeheim auf der Insel Elba; er hat dort den Großmarschall gesehen, von dem er mit einer mündlichen Botschaft für einen Bonapartisten in Paris beauftragt wurde, dessen Namen zu nennen ich ihn nicht bewegen konnte. Die Botschaft bestand aber darin, der Bonapartist solle die Geister auf eine Rückkehr vorbereiten, die unfehlbar demnächst stattfinden werde.

 

Eine Verschwörung, antwortete Ludwig XVIII. lächelnd, ist jetzt leicht anzuspinnen, aber schwer zum Ziele zu führen; seit zehn Monaten verdoppeln meine Minister ihre Wachsamkeit, um die Ufer des Mittelländischen Meeres vor jeder Gefahr zu bewahren. Stiege Bonaparte in Neapel ans Land, so wäre der ganze Bund auf den Beinen, ehe er Piombino erreicht hätte. Landete er in Toskana, so würde er den Fuß auf feindliches Gebiet setzen; erreichte er französischen Boden, so geschieht das mit einer Handvoll Menschen, und wir werden leicht mit ihm fertig werden. Beruhigen Sie sich also, mein Herr, rechnen Sie aber darum nicht minder auf meine königliche Dankbarkeit!

 

Ah! hier ist Herr Dandré, rief der Graf von Blacas.

 

In diesem Augenblick erschien wirklich auf der Türschwelle der Polizeiminister, bleich, zitternd, mit irrenden Blicken. Villefort machte einen Schritt, um sich zu entfernen, aber ein Händedruck des Herrn von Blacas hielt ihn zurück.

 

Einer übermächtigen Verzweiflung nachgebend, war der Polizeiminister im Begriff, sich Ludwig XVIII. zu Füßen zu werfen, aber dieser wich, die Stirn faltend, zurück und sagte: Werden Sie wohl sprechen?

 

Oh! Sire, welch ein furchtbares Unglück, nie werde ich mich mehr zu trösten wissen! – Der Usurpator hat am 26. Februar die Insel Elba verlassen und ist am 1. März gelandet.

 

Wo? In Italien? fragte rasch der König.

 

In Frankreich, Sire, in einem kleinen Hafen bei Antibes, im Golf Juan.

 

Der Usurpator ist in Frankreich, 250 Meilen von Paris, am 1. März gelandet, und Sie erfahren dies erst heute, am 3. März? … Ei, mein Herr, was Sie mir da sagen, ist unmöglich; entweder hat man Ihnen einen falschen Bericht erstattet, oder Sie sind ein Narr.

 

Ach! Sire, es ist nur zu wahr!

 

Ludwig XVIII. machte eine Gebärde des Zorns und Schreckens und richtete sich hoch auf, als ob dieser unvorhergesehene Schlag ihn tief ins Herz getroffen hätte. In Frankreich! rief er, der Usurpator in Frankreich! Man bewachte also diesen Menschen nicht? Doch, wer weiß, man war vielleicht mit ihm einverstanden.

 

Oh! Sire! rief der Herzog von Blacas, einen Mann, wie Herrn Dandré, kann man eines solchen Verrates nicht anklagen. Sire, wir waren alle blind, und der Polizeiminister hat nur diese allgemeine Blindheit geteilt.

 

Aber … sprach Villefort, dann plötzlich innehaltend, ah! … Vergebung … Sire! sagte er, sich verbeugend, mein Eifer reißt mich fort … Eure Majestät wolle mir gnädig verzeihen.

 

Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie offen, sagte Ludwig XVIII. Sie allein haben das Übel vorhergesehen. Helfen Sie mir ein Mittel dagegen zu suchen.

 

Sire, sagte Villefort, der Usurpator ist im Süden verhaßt; man kann leicht die Provence gegen ihn ausbringen.

 

Ja, allerdings, sagte der Minister, aber wenn er durch Gap und Sisteron vorrückt? …

 

Er rückt vor! rief Ludwig XVIII., er marschiert also gegen Paris! Der Polizeiminister beobachtete ein Stillschweigen, das dem vollständigsten Zugeständnisse gleichkam.

 

Und die Dauphiné, Herr von Villefort, fragte der König, glauben Sie, daß man sie, wie die Provence, zur Schilderhebung bringen kann?

 

Sire, es tut mir leid. Eurer Majestät eine grausame Wahrheit sagen zu müssen; aber der Geist der Dauphiné ist bei weitem nicht so gut und verläßlich wie der der Provence und der Languedoc. Die Bergbewohner sind Bonapartisten, Sire.

 

Er war also gut unterrichtet, murmelte Ludwig XVIII. Und wieviel Mann hat er bei sich?

 

Sire, ich weiß es nicht, sagte der Polizeiminister.

 

Wie, Sie wissen es nicht? Sie haben vergessen, über diesen Umstand Erkundigungen einzuziehen? Er ist allerdings von geringer Bedeutung, fügte er mit niederschmetterndem Lachen bei.

 

Sire, ich konnte hierüber nichts erfahren. Die Depesche brachte nur die Nachricht vom Landen des Usurpators und von dem Wege, den er eingeschlagen hat.

 

Ludwig XVIII. machte einen Schritt vorwärts und kreuzte die Arme, wie es Napoleon getan hatte.

 

Also, sagte er, vor Zorn erbleichend, also sieben verbündete Heere haben diesen Mann gestürzt, ein Wunder des Himmels hat mich nach 25jähriger Verbannung auf den Thron meiner Väter gesetzt, damit nun, da ich ans Ziel meiner Wünsche gelangt bin, eine Gewalt, die ich in meinen Händen hielt, losbreche und mich niederwerfe! – Was unsere Feinde von uns sagen, ist also wahr: Nichts gelernt und nichts vergessen! Wenn ich noch verraten wäre, wie er, wollte ich mich trösten; aber mitten unter Leuten zu sein, die durch mich zu ihren Würden erhoben worden sind und sorgfältiger über mich wachen sollten, als über sich selbst! Denn mein Glück ist das ihrige; vor mir waren sie nichts, nach mir werden sie nichts sein. Elend umkommen durch Unfähigkeit, durch Albernheit, das ist schauderhaft!

 

Der Minister stand wie gebeugt unter diesem furchtbaren Anathem. Herr von Blacas trocknete sich seine mit Schweiß bedeckte Stirn. Villefort lächelte in seinem Innern im Gefühl seiner steigenden Bedeutung.

 

Fallen, fuhr Ludwig XVIII. fort, der mit dem ersten Blicke den Abgrund ermessen hatte, an dem die Monarchie stand. Oh, ich wollte lieber auf das Blutgerüst meines Bruders, Ludwigs XVI., treten, als so die Treppe der Tuilerien hinabsteigen, vertrieben durch die Lächerlichkeit … Kommen Sie her, Herr von Villefort! fuhr der König fort, sich an den jungen Mann wendend, der unbeweglich im Hintergrunde den Gang dieses Gespräches verfolgt hatte. Kommen Sie her und sagen Sie diesen Herrn, daß man zum voraus alles wissen konnte, was er nicht gewußt hat.

 

Sire, es war unmöglich, die Pläne zu erraten, die dieser Mann vor aller Welt verbarg.

 

Unmöglich! Das ist ein großes Wort. Leider gibt es große Worte, wie es große Männer gibt; ich hab‘ es erfahren! Unmöglich für einen Minister, der eine Verwaltung, Büros, Agenten und fünfzehnmal hunderttausend Franken geheime Fonds hat, zu wissen, was sechzig Meilen von Frankreichs Grenzen vorgeht? Hier steht ein Herr, der über keines von diesen Mitteln zu verfügen hatte, ein einfacher Beamter, der mehr wußte, als Sie mit Ihrer ganzen Polizei, der meine Krone gerettet haben würde, hätte er wie Sie einen Telegraphen zur Verfügung gehabt.

 

Der Blick des Polizeiministers richtete sich mit dem Ausdrucke des tiefsten Ärgers auf Villefort, der das Haupt mit der Bescheidenheit des Triumphators neigte.

 

Ich sage dies nicht mit Bezug auf Sie, Blacas, fuhr Ludwig XVIII. fort, denn wenn Sie auch nichts entdeckten, so waren Sie doch wenigstens so gescheit, in Ihrem Argwohn zu verharren; ein anderer als Sie würde vielleicht Villeforts Enthüllung gänzlich mißachtet haben.

 

Villefort suchte dem Minister zu Hilfe zu kommen. Ein anderer hätte sich durch die Trunkenheit des Lobes hinreißen lassen; aber er befürchtete, sich den Polizeiminister zum unversöhnlichen Feinde zu machen, wenn er auch fühlte, daß dieser seine Rolle bald ausgespielt hatte. Der Minister, der im vollsten Besitze seiner Macht nicht hinter Napoleons Umtriebe gekommen war, konnte doch vielleicht in den Zuckungen seines Todeskampfes Villeforts Geheimnis durchdringen; er brauchte ja nur Dantes zu befragen. Villefort kam also dem Minister zu Hilfe, statt ihn vollends niederzudrücken, und sagte: Sire, der rasche Gang des Ereignisses beweist, daß Gott allein es verhindern konnte. Was Eure Majestät als die Wirkung tiefen Scharfsinns meinerseits betrachtet, habe ich ganz einfach dem Zufalle zu verdanken; als ergebener Diener benutzte ich diesen Zufall und nichts weiter. Bewilligen Sie nur nicht mehr, als ich verdiene, Sire, und geben Sie nicht einem ersten überschwenglichen Gedanken nach.

 

Der Polizeiminister dankte dem jungen Mann mit einem beredten Blicke, und Villefort begriff, daß ihm sein Plan gelungen war, das heißt, daß er, ohne die Dankbarkeit des Königs zu verlieren, sich einen Freund gemacht hatte, auf den er kommendenfalls zählen konnte.

 

Es ist gut, sagte der König. Und nun, meine Herren, fuhr er, sich an Herrn von Blacas und den Polizeiminister wendend, fort, ich bedarf Ihrer jetzt nicht mehr; Sie können sich entfernen. Was noch zu tun ist, geht den Kriegsminister an.

 

Zum Glück, Sire, können wir auf die Armee zählen, sagte Herr von Blacas. Eure Majestät wissen, wie sehr sie nach allen Berichten der Regierung ergeben ist.

 

Sprechen Sie mir nicht von Berichten! Ich weiß nun, welches Vertrauen man ihnen schenken darf. Doch ich halte Sie nicht länger zurück, Herr von Villefort, Sie müssen von der langen Reise müde sein, ruhen Sie aus! Im übrigen seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Dienste nicht vergessen werde.

 

Sire, die Güte, die mir Eure Majestät erweisen, ist eine Belohnung, die alle meine Wünsche in so hohem Grade übersteigt, daß ich nichts mehr zu fordern habe.

 

Gleichviel, mein Herr, wir werden Sie nicht vergessen, seien Sie unbesorgt. Inzwischen – der König machte das Kreuz der Ehrenlegion los, das er gewöhnlich neben dem St. Ludwigs-Kreuze trug, und gab es Villefort – nehmen Sie dieses Kreuz!

 

In Villeforts Augen schwamm eine Träne stolzer Freude. Er nahm das Kreuz und küßte es.

 

Und nun, sagte er, mit welchen Befehlen beehrt mich Eure Majestät?

 

Gönnen Sie sich die Ruhe, die Ihnen notwendig ist, und bedenken Sie, daß Sie, während es Ihnen an Macht gebricht, mir in Paris zu dienen, in Marseille von dem größten Nutzen für mich sein können.

 

Sire, antwortete Villefort, sich verbeugend, in einer Stunde werde ich Paris verlassen haben.

 

Gehen Sie, mein Herr, sagte der König, und sollte ich Sie vergessen, so scheuen Sie sich nicht, Ihren Namen bei mir in Erinnerung zu bringen! Herr Baron, geben Sie Befehl, den Kriegsminister aufzusuchen!

 

Ah, mein Herr, sagte der Polizeiminister zu Villefort, als sie die Tuilerien verließen. Sie treten durch die weit geöffnete Tür ein, und Ihr Glück ist gemacht.

 

Auf wie lange? murmelte Villefort, während er sich vor dem Minister, dessen Laufbahn abgeschlossen war, verbeugte. Ein Fiaker kam vorüber, Villefort warf sich in den Wagen und überließ sich seinen ehrgeizigen Träumen. In zehn Minuten hatte er sein Hotel erreicht. Er bestellte Pferde auf zwei Stunden später und befahl ein Frühstück. Als er sich eben zu Tische setzen wollte, erscholl die Glocke. Der Kammerdiener ging hinaus, um zu öffnen, und Villefort hörte eine Stimme seinen Namen aussprechen. Erstaunt fragte sich der junge Mann, wer wohl bereits seine Anwesenheit wissen könne. Der Kammerdiener kam zurück, und Villefort sagte: Nun, wer verlangt nach mir?

 

Ein Fremder, der seinen Namen nicht nennen will.

 

Wie sieht er aus?

 

Es ist ein Mann von fünfzig Jahren, hat schwarze Haare und Augen und trägt einen blauen Rock mit dem Orden der Ehrenlegion.

 

Er ist es, murmelte Villefort erbleichend.

 

Ei, bei Gott! sagte der Mann, dessen Signalement soeben gegeben wurde, auf der Schwelle erscheinend, was für Umstände macht man hier! Ist es in Marseille Gewohnheit, daß die Söhne ihre Väter in den Vorzimmern warten lassen?

 

Mein Vater! rief Villefort, ich täuschte mich also nicht … ich vermutete, Sie wären es.

 

Ah, wenn du es vermutetest, erwiderte der Ankommende, während er seinen Stock in eine Ecke stellte und seinen Hut auf einen Stuhl legte, so erlaube mir, dir zu bemerken, mein lieber Gérard, daß es nicht liebenswürdig von dir ist, mich so warten zu lassen.

 

Laß uns allein, Germain! sagte Villefort.

 

Der Bediente entfernte sich mit sichtbaren Zeichen des Erstaunens.

 

Vater und Sohn.

 

Vater und Sohn.

 

Herr Noirtier folgte dem Bedienten mit den Augen, bis er die Tür zugemacht hatte; dann, ohne Zweifel fürchtend, er könnte im Vorzimmer horchen, öffnete er noch einmal hinter ihm. Diese Vorsicht war nicht überflüssig, und die Geschwindigkeit, mit der sich Herr Germain zurückzog, bewies, daß er von der Sünde nicht frei war, die unsere Ureltern ins Verderben stürzte. Herr Noirtier unterzog sich hieraus selbst der Mühe, die Tür des Vorzimmers zu schließen, schloß auch die des Schlafzimmers, kam dann zurück und reichte Villefort, der alle seine Bewegungen mit großem Erstaunen verfolgt hatte, die Hand.

 

Ei! weißt du wohl, lieber Gérard, sagte er lächelnd, daß du nicht aussiehst, als seiest du entzückt, mich zu sehen?

 

Doch, Vater, aber ich gestehe, ich war so weit entfernt, Ihren Besuch zu erwarten, daß er mich einigermaßen überraschte.

 

Lieber Freund, sagte Noirtier, sich setzend, es scheint mir, ich könnte dir dasselbe sagen. Wie? Du kündigst mir deine Verlobung in Marseille auf den 28. Februar an und bist am 3. März in Paris?

 

Wenn ich hier bin, Vater, erwiderte Gérard, sich Herrn Noirtier nähernd, so beklagen Sie sich nicht darüber, denn ich bin Ihretwegen hierher gekommen, und diese Reise rettet Sie vielleicht.

 

Ah, wirklich? sagte Herr Noirtier, sich nachlässig im Lehnstuhl ausstreckend. Erzählen Sie mir das doch etwas ausführlicher, Herr Staatsbeamter … es muß interessant sein!

 

Vater, Sie haben von einem gewissen bonapartistischen Klub gehört, der in der Rue Saint-Jacques zusammenkommt?

 

Nr. 53? Ja, ich bin Vizepräsident desselben.

 

Vater, Ihre Kaltblütigkeit läßt mich schaudern.

 

Was willst du, mein Lieber? Wenn man unter Robespierre geächtet worden ist, wenn man Paris in einem Heuwagen verlassen hat und in den Heiden von Bordeaux von den Spürhunden des Konvents umstellt wurde, gewöhnt man sich an allerlei. Fahre fort! Was ist mit dem Klub in der Rue Saint-Jacques geschehen?

 

Es ist geschehen, daß man den General Quesnel kommen ließ, der um neun Uhr abends sein Haus verließ, und zwei Tage nachher in der Seine gefunden wurde.

 

Gut, ich will dir dafür eine andre Neuigkeit mitteilen.

 

Ich glaube bereits zu wissen, was Sie mir sagen wollen.

 

Ah! Du weißt von der Landung Sr. Majestät des Kaisers?

 

Still, Vater, ich bitte Sie, einmal für Sie und dann für mich. Ja, ich wußte davon und sogar vor Ihnen; denn seit drei Tagen jage ich mit der Post von Marseille nach Paris, voll Wut darüber, daß ich den Gedanken, der mir das Hirn zermartert, nicht zweihundert Meilen vorausschleudern kann.

 

Seit drei Tagen? Bist du toll? Vor drei Tagen war der Kaiser noch nicht gelandet. Ganz gleich, ich kannte durch einen Brief, der von der Insel Elba an Sie gerichtet war, seinen Plan.

 

An mich?

 

Ja, an Sie, ich habe ihn im Portefeuille des Boten erwischt. Wenn der Brief in die Hände eines andern gefallen wäre, würden Sie vielleicht schon erschossen sein.

 

Herr Noirtier brach in ein Gelächter aus und erwiderte: Es scheint, die Restauration hat vom Kaiserreiche gelernt, wie man Geschäfte schnell erledigt. Erschossen, mein Lieber? Wie rasch du zu Werke gehst! Und wo ist dieser Brief?

 

Ich habe ihn verbrannt, damit nichts davon zurückbleibe; denn dieser Brief bedeutete Ihre Verurteilung.

 

Und den Verlust deiner Zukunft, erwiderte Noirtier kalt; ja, ich begreife das; aber da du mich beschützest, habe ich nichts zu befürchten.

 

Ich tue noch mehr als dies, ich rette Sie!

 

Zum Teufel, das wird immer dramatischer! Erkläre dich deutlicher!

 

Ich komme auf den Klub in der Rue-Saint-Jacques zurück.

 

Es scheint, dieser Klub liegt der Polizei sehr am Herzen. Warum suchte sie nicht besser? Sie hätte ihn gefunden.

 

Sie hat ihn nicht gefunden, ist ihm aber auf der Spur, dafür hat man einen Leichnam gefunden; der General Quesnel ist getötet worden, und in allen Ländern der Welt nennt man das einen Mord.

 

Einen Mord, sagst du? Nichts beweist, daß der General das Opfer eines Mordes geworden ist. Man findet täglich Leute in der Seine, die sich aus Verzweiflung hineingestürzt haben oder ertrunken sind, weil sie nicht schwimmen konnten.

 

Vater, Sie wissen sehr wohl, daß sich der General nicht aus Verzweiflung ertränkt hat, und daß man sich um diese Jahreszeit nicht in der Seine badet. Nein, nein, täuschen Sie sich nicht, dieser Tod ist mit Recht als Mord bezeichnet worden. In der Politik, mein Lieber, das weißt du so gut wie ich, gibt es keine Menschen, sondern Ideen, keine Gefühle, sondern Interessen. Man tötet nicht, sondern man beseitigt einfach ein Hindernis. Willst du wissen, wie sich die Sache verhält? Man glaubte, auf den uns von der Insel Elba aus empfohlenen General Quesnel zählen zu können; einer von uns geht zu ihm und lädt ihn ein, sich in die Rue Saint-Jacques zu einer Versammlung zu begeben, wo er Freunde finden werde. Er kommt dahin, und man entwickelt ihm den ganzen Plan; die Abreise von Elba, die beabsichtigte Landung. Nachdem er alles erfahren hat, erklärt er, er sei ein Royalist. Da schauen sich alle an; man läßt ihn einen Eid leisten, er leistet ihn, aber auf eine Weise, als wolle er Gott versuchen. Trotzdem ließ man den General ungehindert weggehen, er ist aber nicht nach Hause zurückgekehrt und wird sich auf dem Wege verirrt haben. Ein Mord? In der Tat, es setzt mich in Erstaunen, Villefort, daß du, der Vertreter des Staatsanwalts, eine Anklage auf so elende Beweise bauen willst! Ist es mir je eingefallen, wenn du dein Royalistenhandwerk treibst und einem von meinen Freunden den Kopf abschneiden läßt, dir zu sagen: Mein Sohn, du hast einen Mord begangen? Nein, ich sage dir: Du hast heute gesiegt, morgen kommt die Vergeltung.

 

Aber, Vater, seien Sie auf Ihrer Hut, die Vergeltung, die wir üben, wird furchtbar sein. – Ich verstehe dich nicht. – Sie zählen auf die Rückkehr des Usurpators? Sie täuschen sich, er wird keine sechs Meilen in Frankreich zurücklegen, ohne verfolgt, umstellt, wie ein wildes Tier eingefangen zu werden. – Lieber Freund, der Kaiser befindet sich in diesem Augenblick auf dem Wege nach Grenoble; am 10. oder 12. ist er in Lyon, am 20. oder 25. in Paris. – Die Bevölkerung wird sich erheben … – Um ihm entgegenzugehen. – Er hat nur ein paar Mann bei sich, und man wird Heere gegen ihn schicken. – Die seine Eskorte bei der Rückkehr in die Hauptstadt bilden werden. – Grenoble und Lyon sind getreue Städte und werden ihm eine unübersteigbare Schranke entgegensetzen.

 

Grenoble wird ihm begeistert seine Tore öffnen, ganz Lyon wird ihm entgegengehen. Glaube mir, wir sind ebenso gut unterrichtet, wie du, und unsere Polizei ist so viel wert, wie eure. Willst du einen Beweis hierfür? Du wolltest mir deine Reise verbergen, und dennoch habe ich deine Ankunft eine halbe Stunde, nachdem du durch das Tor gefahren bist, gewußt. Du hast deine Adresse niemand gegeben, als dem Postillon, und ich kenne deine Adresse, denn, du siehst, ich komme in dem Augenblick zu dir, wo du dich zu Tische setzen willst. Läute also und bestelle ein zweites Gedeck, und wir speisen miteinander zu Mittag.

 

In der Tat, antwortete Villefort und schaute dabei seinen Vater erstaunt an, in der Tat, Sie scheinen mir sehr gut unterrichtet.

 

Ei, mein Gott, die Sache ist äußerst einfach. Ihr, die ihr die Gewalt in den Händen haltet, habt nur die Mittel, die euch das Geld gibt; wir dagegen, die sie erwarten, haben die, welche die Ergebenheit bietet.

 

Und Noirtier streckte selbst die Hand nach der Klingelschnur aus, um den Bedienten zu rufen. Villefort hielt ihn am Arm zurück.

 

Warten Sie, Vater, noch ein Wort! So schlecht die royalistische Polizei auch sein mag, so kennt sie doch das Signalement des Mannes, der am Morgen des Tages, an dem General Quesnel verschwunden ist, bei diesem war.

 

So sie weiß es, die gute Polizei? Und wie ist das Signalement?

 

Gesichtsfarbe braun, Haare, Backenbart und Augen schwarz, Oberrock blau, bis an das Kinn zugeknöpft, Rosette des Offiziers der Ehrenlegion am Knopfloche, Hut mit breiter Krempe, Rohrstock.

 

So, so! Das weiß sie, sagte Noirtier, und warum legte sie nicht Hand an diesen Menschen? Weil sie ihn gestern oder vorgestern an der Ecke der Rue Coq-Héron aus dem Gesicht verloren hat.

 

Nun, sagte ich nicht eben, deine Polizei sei nichts wert?

 

Ja, aber sie kann ihn jeden Augenblick finden.

 

Ganz richtig, sagte Noirtier, sorglos um sich schauend, wenn dieser Mann nicht davon in Kenntnis gesetzt ist; aber er ist es und, fügte er lachend hinzu, er wird Gesicht und Kleidung verändern. Bei diesen Worten stand er auf, legte Oberrock und Halsbinde ab, ging auf den Tisch zu, auf dem die Toilettengegenstände seines Sohnes lagen, seifte sich das Gesicht ein, nahm ein Rasiermesser und schnitt sich mit vollkommen fester Hand den gefährlichen Bart ab. Villefort schaute ihn voll Schrecken und Bewunderung an.

 

Als der Bart abgeschnitten war, gab Noirtier seinen Haaren eine andere Form, nahm statt seiner schwarzen Halsbinde eine farbige, die er oben in einem geöffneten Koffer liegen sah, zog statt seines blauen einen kastanienbraunen Rock von Villefort an, versuchte vor dem Spiegel einen Hut mit aufgestülpter Krempe, schien mit der Art, wie er ihm stand, zufrieden, ließ sein Rohr in der Kaminecke stehen, wohin er es gestellt hatte, und schwang mit seiner nervigen Hand ein kleines Bambusstöckchen.

 

Nun! sagte er, sich seinem erstaunten Sohne zuwendend, glaubst du, die Polizei werde mich jetzt erkennen?

 

Nein, Vater, stammelte Villefort, ich hoffe es wenigstens.

 

Ja, fuhr Noirtier fort, nun glaube ich, daß du recht hast, und daß ich dir vielleicht das Leben zu verdanken habe; aber ich werde dir’s bald mit gleichem vergelten.

 

Villefort schüttelte den Kopf.

 

 

Willst du in den Augen des Königs als Prophet gelten, sagte Noirtier, so gehe und sage ihm folgendes: Sire, man täuscht Sie über die Stimmung in Frankreich, die Meinung der Städte, den Geist des Heeres. Der, den sie in Paris noch den korsischen Werwolf nennen, den man in Nevers noch den Usurpator nennt, heißt in Grenoble bereits Bonaparte und in Lyon der Kaiser. Sie halten ihn für umstellt, verfolgt, auf der Flucht begriffen, und er marschiert rasch wie der Adler, den er zurückbringt. Die Soldaten, von denen Sie glaubten, sie würden vor Hunger und Anstrengung desertieren, vermehren sich wie die Schneeflocken um den Ball, der vom Gebirge herabstürzt. Sire, fliehen Sie, überlassen Sie Frankreich seinem wahren Herrn, dem, der es nicht erkauft, sondern erobert hat! Fliehen Sie, Sire, nicht als ob Sie Gefahr liefen, denn Ihr Gegner ist stark genug, um Ihnen Gnade angedeihen zu lassen, sondern weil es demütigend für einen Enkel des heiligen Ludwig wäre, sein Leben dem Helden von Marengo und Austerlitz verdanken zu müssen. – Sage ihm dies, Gérard, oder vielmehr geh und sage ihm nichts! Halte deine Reise geheim, rühme dich dessen nicht, was du tun wolltest und in Paris getan hast! Nimm die Eilpost und fahre, daß die Räder rauchen! Begib dich bei Nacht nach Marseille, betritt deine Wohnung durch die Hinterpforte und bleibe dort demütig und geheim und vor allem ganz harmlos. Denn diesmal, das schwöre ich dir, werden wir als kräftige Männer, als Leute, die ihre Feinde kennen, handeln. Geh, mein Sohn, und wenn du die väterlichen Befehle befolgst, wird es möglich sein, dich auf deinem Posten zu erhalten. Vielleicht, fügte Noirtier lächelnd hinzu, vielleicht wirst du dann in der Lage sein, mich zum zweitenmale zu retten, wenn der politische Wagbalken euch eines Tages wieder emporhebt und mich hinabsinken läßt. Gott befohlen, lieber Gérard, bei deiner nächsten Reise steige bei mir ab!

 

Und Nortier entfernte sich nach diesen Worten mit derselben Ruhe, die ihn nicht einen Augenblick während der Dauer dieser Unterredung verlassen hatte. Bleich und erschüttert lief Villefort ans Fenster und sah ihn ruhig mitten durch einen Schwarm verdächtiger Gestalten gehen, die sich an der nächsten Ecke aufgestellt hatten und vielleicht beauftragt waren, den Mann mit dem schwarzen Backenbart, dem blauen Oberrock und dem breitkrempigen Hute zu verhaften.

 

Eine halbe Stunde später war Villefort auf dem Wege nach Marseille; unterwegs erfuhr er, daß Napoleon siegreich in Grenoble eingezogen war.

 

Die hundert Tage.

 

Die hundert Tage.

 

Herr Noirtier war ein guter Prophet, und die Dinge nahmen, wie er vorher gesagt hatte, einen raschen Gang. Seltsam und wunderbar verlief Napoleons Rückkehr von der Insel Elba, und die Geschichte kennt kein zweites Beispiel dieser Art. – Ludwig XVIII. versuchte es nur schwach, den harten Schlag zu parieren. Das geringe Vertrauen, das er zu den Menschen hatte, ließ ihn auch den Ereignissen mißtrauen. Die Monarchie, eben erst wiederhergestellt, zitterte auf ihrer unsicheren Grundlage, und eine einzige Gebärde des Kaisers ließ das ganze Gebäude, eine gestaltlose Mischung von Vorurteilen und neuen Gedanken, einstürzen.

 

Die Dankbarkeit seines Königs, die sich Villefort erworben hatte, war also für diesen im Augenblick nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und er war so klug, das Offizierkreuz der Ehrenlegion niemand zu zeigen. Napoleon hätte ihn gewiß ohne den Schutz Noirtiers abgesetzt, der am Hofe der hundert Tage sowohl wegen der Gefahren, denen er Trotz geboten, als wegen der Dienste, die er geleistet hatte, allmächtig geworden war. Nur der Erste Staatsanwalt wurde, als politisch verdächtig, abgesetzt.

 

So blieb Villefort trotz des Sturzes seines Vorgesetzten an seiner Stelle, aber seine Verheiratung wurde auf glücklichere Zeiten verschoben. Behielt der Kaiser den Thron, so bedurfte Gérard einer andern Verbindung, die sein Vater ihm vermitteln sollte; führte eine zweite Restauration Ludwig XVIII. nach Frankreich zurück, so verdoppelte sich der Einfluß des Herrn von Saint-Meran, wie der seinige, und die beabsichtigte Verbindung wurde wünschenswerter, als je.

 

Der Staatsanwalt war also für den Augenblick der erste richterliche Beamte von Marseille, als eines Morgens seine Tür sich öffnete und man ihm Herrn Morel ankündigte, der durch seine Anhänglichkeit an Napoleon jetzt ein ganz anderes Ansehen als früher besaß.

 

Herr Morel erwartete, Villefort niedergeschlagen zu finden; er fand ihn aber ruhig, fest und voll jener kalten Höflichkeit, der unübersteigbarsten aller Schranken, die den erhabenen Staatsdiener vom gewöhnlichen Sterblichen trennen.

 

Er war zu Villefort in der Überzeugung gekommen, der Beamte würde bei seinem Anblick zittern, und nun war er es, der bang und erregt dem Beamten gegenüberstand, der ihn, den Ellbogen auf den Schreibtisch und das Kinn auf die Hand stützend, erwartete.

 

Er blieb an der Tür stehen. Villefort schaute ihn an, als ob er Mühe hätte, ihn wiederzuerkennen. Endlich, nach einigen Sekunden des Stillschweigens und der Prüfung, während deren Herr Morel seinen Hut in den Händen hin und her drehte, sagte Villefort: Herr Morel, wenn ich mich nicht täusche?

 

Ja, mein Herr, antwortete der Reeder.

 

Treten Sie näher, sagte Villefort mit Gönnermiene, und sagen Sie mir, welchem Umstande ich die Ehre Ihres Besuches zu verdanken habe!

 

Mein Herr, sagte der Reeder, Sie erinnern sich, daß ich einige Tage, ehe man die Landung Sr. Majestät des Kaisers erfuhr, zu Ihnen kam und Sie um Nachsicht für einen unglücklichen jungen Menschen, einen Seemann, Sekond an Bord meiner Brigg, bat. Man hat ihn angeklagt, er stehe in Verbindung mit der Insel Elba; eine solche Verbindung, die damals ein Verbrechen war, gewährt jetzt Anspruch auf Belohnung. Sie dienten zu jener Zeit Ludwig XVIII. und haben den jungen Mann nicht geschont; das war Ihre Pflicht. Heute dienen Sie Napoleon, und Sie müssen ihn in Schutz nehmen; das ist abermals Ihre Pflicht. Ich komme also, um Sie zu fragen, was aus ihm geworden ist.

 

Villefort rang mit aller Macht seine Bewegung nieder und erwiderte: Der Name dieses jungen Mannes? Haben Sie die Güte, mir seinen Namen zu sagen.

 

Edmond Dantes. Villefort hätte offenbar lieber der Pistole eines Duellgegners stand gehalten, als diesen Namen so geradezu aussprachen hören; er verzog jedoch keine Miene. Dantes? Edmond Dantes, sagen Sie? wiederholte er und öffnete ein dickes Register, das in einem nahen Fache lag, ging an einen Tisch, von dem Tische zu einem Haufen Aktenbündeln und sagte, sich zum Reeder wendend, mit äußerst unschuldiger Miene:

 

Warten Sie, ich habe es. Es ist ein Seemann, nicht wahr, der eine Katalonierin heiratete? Ja, ja; oh, ich erinnere mich jetzt, die Sache war sehr ernster Natur.

 

Wieso?

 

Sie wissen, daß er von hier in das Gefängnis des Justizpalastes geführt wurde. Acht Tage darauf brachte man ihn fort, man wird ihn nach Fenestrelles, nach Pignerol oder auf die Sainte-Marguerite-Inseln transportiert haben. Von dort werden Sie ihn eines schönen Tages wiederkehren und das Kommando seines Schiffes übernehmen sehen.

 

Er mag kommen, wann er will, seine Stelle bleibt ihm offen. Doch warum ist er nicht zurückgekehrt?

 

Von dem durch das Gesetz vorgeschriebenen Wege dürfen wir nicht abweichen, erwiderte Villefort. Der Einkerkerungsbefehl war von oben gekommen, der Freilassungsbefehl muß auch von oben kommen. Napoleon aber ist erst seit vierzehn Tagen zurückgekehrt, und die Begnadigungsschreiben können kaum ausgefertigt sein.

 

Gibt es denn kein Mittel, fragte Morel, die Förmlichkeiten zu beschleunigen, jetzt, da wir triumphieren? Ich habe verschiedene Freunde und einigen Einfluß; ich vermag die Aufhebung des Spruches zu erlangen.

 

Es fand kein Spruch statt.

 

Aber es muß doch eine Gefangenenliste geben.

 

Bei politischen Vergehen gibt es keine Gefangenenlisten. Die Regierungen haben oft ein Interesse daran, einen Menschen verschwinden zu lassen, ohne daß eine Spur von seinem Vorhandensein übrig bleibt.

 

Dies war unter den Bourbonen so, doch jetzt …

 

Das ist zu allen Zeiten so, Herr Morel. Eine Regierung folgt der andern, und eine gleicht der andern. Die unter Ludwig XIV. eingerichtete Strafmaschine ist noch heutigen Tages im Gange fast bis auf die Bastille. Der Kaiser handhabte die Gefängnisvorschriften noch strenger als der große König selbst, und die Zahl der Eingekerkerten, von denen sich in den Registern keine Spur findet, ist unberechenbar.

 

Morel hegte nicht den geringsten Verdacht mehr und fragte: Was würden Sie mir raten zur Beschleunigung der Rückkehr des armen Dantes zu tun?

 

Es gibt nur ein Mittel: Richten Sie eine Bittschrift an den Justizminister.

 

Und Sie wollen es übernehmen, diese Bittschrift an ihr Ziel gelangen zu lassen?

 

Mit größtem Vergnügen. Dantes konnte damals schuldig sein, heute ist er unschuldig, und es ist meine Pflicht, dem die Freiheit wiederzugeben, den ich meiner Pflicht gemäß ins Gefängnis setzen mußte.

 

Villefort kam auf diese Art der Gefahr einer nicht sehr wahrscheinlichen, aber doch möglichen Untersuchung zuvor, die ihn hätte ins Verderben stürzen müssen.

 

Setzen Sie sich also hierher, Herr Morel, sagte Villefort, dem Reeder seinen Platz abtretend, ich will Ihnen diktieren. Villefort bebte bei dem Gedanken an den in der Stille und Finsternis ihn verfluchenden Gefangenen; aber er war zu weit gegangen, um zurückweichen zu können. Dantes mußte vom Räderwerke seines Ehrgeizes zermalmt werden.

 

Villefort diktierte nun eine Bittschrift, in der er in anscheinend vortrefflicher Absicht Dantes‘ Patriotismus und die von ihm der bonapartistischen Sache geleisteten Dienste übertrieb. In dieser Bittschrift war Dantes als einer der tätigsten Agenten für die Rückkehr Napoleons dargestellt, und es schien keinem Zweifel zu unterliegen, daß der Minister, der dieses Papier in die Hände bekam, dem Armen sofort Gerechtigkeit widerfahren ließ.

 

Und diese Eingabe wird bald abgehen? fragte Morel.

 

Noch heute. – Mit einem Begleitberichte von Ihnen?

 

Der beste Bericht, den ich beifügen kann, besteht darin, daß ich alles, was Sie in dieser Bittschrift sagen, bestätige.

 

Villefort setzte sich nun ebenfalls und schrieb auf eine Ecke der Eingabe seine Zustimmung.

 

Was soll ich nun weiter tun? sagte Morel.

 

Warten, versetzte Villefort, ich stehe für alles.

 

Diese Versicherung gab Morel die Hoffnung wieder. Er verließ entzückt den Staatsanwalt und kündigte Dantes‘ altem Vater an, er würde seinen Sohn bald wiedersehen. Villefort aber, statt diese Botschaft nach Paris zu schicken, behielt sie in seinen Händen und verwahrte sie sorgfältig.

 

Dantes blieb also gefangen; in der Tiefe seines Kerkers verloren, hörte er nichts von dem geräuschvollen Einsturz des Thrones Ludwigs XVIII., oder von dem noch lauteren Krachen beim Zusammenbruch des Kaiserreiches. Villefort aber hatte alles mit wachsamem Auge verfolgt, alles mit aufmerksamem Ohre gehört. Zweimal war während dieser kurzen Kaiserzeit, die man die hundert Tage nannte, Morel, auf Dantes‘ Freilassung dringend, zu Villefort gekommen, und jedesmal hatte dieser ihn durch Versprechungen und Hoffnungen beschwichtigt. Endlich kam der Tag von Waterloo, und Napoleon wurde Gefangener auf Sankt Helena. Jetzt zeigte sich Morel nicht mehr bei Villefort. Der Reeder hatte für seinen jungen Freund alles getan, was ein Mensch tun konnte. Neue Versuche unter dieser zweiten Restauration machen, hieß sich nutzlos selbst gefährden.

 

Ludwig XVIII. bestieg wieder den Thron. Villefort, für den Marseille voll von Erinnerungen war, die ihm zuweilen Gewissensbisse bereiteten, erbat sich und erhielt die unbesetzte Stelle des Staatsanwalts in Toulouse. Vierzehn Tage später heiratete er Fräulein von Saint-Meran, deren Vater bei dem Hofe höher als je in Gunst stand.

 

So verharrte Dantes während der hundert Tage und auch nach Waterloo hinter Schloß und Riegel.

 

Danglars, der vorher triumphiert und das Gelingen seiner Denunziation in heuchlerischer Verblendung eine Fügung der Vorsehung genannt hatte, wurde von Angst ergriffen, als Napoleon wieder in Paris war und seine Stimme abermals gebieterisch erschallte. Er erwartete jeden Augenblick, Dantes drohend und stark wieder erscheinen zu sehen. Er eröffnete deshalb Herrn Morel seinen Wunsch, den Seedienst zu verlassen, und reiste nach Madrid ab. Seitdem hörte man nichts mehr von ihm.

 

Fernand begriff nichts von allem. Dantes war nicht da; was aus ihm geworden war, wollte er gar nicht wissen. Während der ganzen Frist, die ihm die Abwesenheit des Nebenbuhlers gewährte, strengte er seine Erfindungskraft an, teils um Mercedes über die Ursachen und Beweggründe dieser Abwesenheit zu täuschen, teils um Auswanderungs- und Entführungspläne auszusinnen. Manchmal, in trüben Stunden, setzte er sich wohl auf die Spitze des Kap Pharao und schaute traurig und unbeweglich wie ein Raubvogel hinaus, ob er nicht den jungen Mann mit dem freien Gange und dem hoch erhobenen Kopfe erblickte, der auch für ihn der Künder schwerer Rache sein mußte. Dann stand sein Plan fest. Er wollte Dantes mit einem Flintenschusse den Schädel zerschmettern und sich hernach selbst töten, wie er sich, um seinen Mordplan zu beschönigen, vorredete.

 

Mittlerweile rief das Kaiserreich einen neuen Heerbann auf, und alles, was sich in Frankreich an waffenfähiger Mannschaft vorfand, eilte auf die mächtige Stimme des Kaisers herbei. Auch Fernand mußte dem Rufe folgen. Er verließ seine Hütte und Mercedes, von dem grausamen Gedanken zermartert, sein Nebenbuhler könnte in der Zwischenzeit kommen und die Geliebte heiraten.

 

Seine Aufmerksamkeiten für Mercedes, das Mitleid, das er für ihr Unglück zu empfinden schien, die Sorge, mit der er ihren geringsten Wünschen zuvorkam, hatten die Wirkung hervorgebracht, die der Schein der Ergebenheit auf edle Herzen immer hervorbringt. Mercedes hatte stets eine freundschaftliche Zuneigung für Fernand gehegt, und ihre Freundschaft für ihn vermehrte sich durch ein neues Gefühl, durch die Dankbarkeit. Mein Bruder, sagte sie, als sie den Tornister auf den Schultern des Kataloniers befestigte, mein Bruder, mein einziger Freund, laßt Euch nicht töten, laßt mich nicht allein in dieser Welt, wo ich weinen muß und völlig vereinsamt bin, sobald Ihr nicht mehr lebt.

 

Diese im Augenblick der Trennung gesprochenen Worte gewährten Fernand wieder einige Hoffnung. Wenn Dantes nicht zurückkam, konnte Mercedes eines Tages die Seinige werden.

 

Mercedes blieb allein auf dieser kalten Erde, die ihr nie so öde vorgekommen war, allein, mit dem unermeßlichen Meere als Horizont. Ganz in Tränen gebadet sah man sie beständig um das kleine Dorf der Katalonier irren. Bald stand sie unter der glühenden Mittagssonne, unbeweglich, stumm wie eine Bildsäule, und schaute nach Marseille; bald saß sie am Rande des Gestades, horchte auf das Stöhnen des Meeres, so ewig wie ihr Schmerz, und fragte sich, ob es nicht besser wäre, sich vorwärts zu beugen, sich dem eigenen Gewichte zu überlassen, den Abgrund zu öffnen und sich darein zu versenken, statt die beständige Trauer einer hoffnungslosen Erwartung zu ertragen. Es fehlte ihr nicht an Mut, dieses Vorhaben zu verwirklichen, aber die Religion kam ihr zu Hilfe und bewahrte sie vor dem Selbstmord.

 

Caderousse wurde einberufen wie Fernand; da er jedoch verheiratet und acht Jahre älter war, als der Katalonier, kam er zum dritten Aufgebote und wurde zur Küstenverteidigung verwandt.

 

Der alte Dantes, den nur die Hoffnung aufrecht erhalten hatte, verlor diese bei dem Sturze des Kaisers. Genau fünf Monate, nachdem er von seinem Sohne getrennt worden war, und fast zur selben Stunde, wo man ihn verhaftet hatte, gab er in Mercedes‘ Armen den Geist auf. Herr Morel übernahm alle Kosten seiner Beerdigung und bezahlte die geringen Schulden, die der Greis während seiner Krankheit gemacht hatte. Es war mehr als Wohltätigkeit, so zu handeln, es gehörte Mut dazu. Der Süden Frankreichs stand in Flammen, und den Vater eines so gefährlichen Bonapartisten, wie Dantes, selbst auf dem Totenbette zu unterstützen, war ein Verbrechen.

 

Der wütende Gefangene und der verrückte Gefangene.

 

Der wütende Gefangene und der verrückte Gefangene.

 

Ungefähr ein Jahr nach der Rückkehr Ludwigs XVIII. unternahm der Generalinspektor der Gefängnisse eine Rundreise. Er besuchte wirklich hintereinander alle Zellen und Kerker. Mehrere Gefangene des Kastells If wurden ebenfalls vernommen; der Inspektor fragte sie über die Nahrung, die man ihnen verabreichte, und was sie etwa sonst noch zu wünschen hätten. Sie antworteten einstimmig, das Essen sei abscheulich, und sie wünschten, frei zu sein.

 

Der Inspektor fragte sie, ob sie ihm weiter nichts mitzuteilen hätten. Sie schüttelten den Kopf; was konnten Gefangene anderes verlangen, als die Freiheit?

 

Der Inspektor wandte sich um und sagte zu dem Gouverneur: »Ich weiß nicht, warum man uns diese unnützen Rundreisen machen läßt. Wer ein Gefängnis sieht, sieht hundert; wer einen Gefangenen hört, hört tausend. Es ist stets das gleiche: schlecht genährt und unschuldig. Haben Sie noch andere?

 

Ja, wir haben gefährliche Gefangene oder Narren, die im Kerker bewacht werden müssen.

 

Laßt sie sehen, sagte der Inspektor gelangweilt, ich darf mir nichts sparen.

 

Warten Sie, sagte der Gouverneur, wir müssen wenigstens zwei Soldaten zum Schutze haben. Die Gefangenen begehen zuweilen, und wäre es nur aus Lebensüberdruß und um sich zum Tode verurteilen zu lassen, Taten der Verzweiflung, und Sie könnten das Opfer einer solchen Handlung werden.

 

Man holte wirklich zwei Soldaten und stieg eine feuchte, übelriechende, schimmelige Treppe hinab.

 

Oho! rief der Inspektor, auf der Hälfte der Treppe stehen bleibend, wer zum Teufel kann hier wohnen?

 

Einer der gefährlichsten Meuterer, ein Mensch, der uns als zu allem fähig zu besonderer Wachsamkeit empfohlen ist.

 

Wie lange ist er hier?

 

Seit ungefähr einem Jahre, nachdem er den Schließer hatte töten wollen, hat man ihn in diesen Kerker gesetzt.

 

Er ist also toll?

 

Er ist noch viel schlimmer, sagte der Schließer, er ist ein Teufel.

 

Wollen Sie, daß ich Klage über ihn führe? fragte der Inspektor den Gouverneur.

 

Es bedarf dessen nicht, mein Herr, er ist so hinreichend bestraft. Überdies grenzt sein Zustand gegenwärtig an Narrheit, und nach der Erfahrung, die wir gemacht haben, wird er, ehe ein weiteres Jahr vergeht, verrückt sein.

 

Desto besser für ihn, sagte der Inspektor. Ist er einmal ein völliger Narr, so wird er weniger leiden.

 

Sie haben recht, sagte der Gouverneur, so haben wir in einem Kerker, der von diesem nur durch etwa zwanzig Fuß Mauerwerk getrennt ist, einen alten Abbé, einen ehemaligen italienischen Parteiführer. Er ist seit 1811 hier, wurde gegen das Ende des Jahres 1813 verrückt, und seit dieser Zeit ist er körperlich nicht mehr zu erkennen; früher weinte er, jetzt lacht er; früher magerte er ab, jetzt wird er fett.

 

 

Bei dem Klirren der schweren Schlösser, bei dem Ächzen der verrosteten Angeln, die sich auf ihren Zapfen drehten, erhob Dantes sein Haupt. Beim Anblick eines unbekannten Mannes, der von zwei fackeltragenden Schließern und zwei Soldaten begleitet war, und mit dem der Gouverneur sprach, erriet er, worum es sich handelte, und sprang, da er sah, daß sich ihm endlich eine Gelegenheit bot, einen höheren Beamten anzuflehen, mit gefalteten Händen vorwärts. Die Soldaten kreuzten sogleich das Bajonett, denn sie glaubten, der Gefangene stürze in böser Absicht auf den Inspektor los; auch dieser selbst machte einen Schritt rückwärts.

 

Als Dantes sah, daß man ihn als einen gefährlichen Menschen hingestellt halte, sammelte er in seinem Blicke alles, was das Herz des Menschen an Sanftheit und Demut zu enthalten vermag, und suchte mit ergreifenden, Gott als Zeugen seiner Unschuld und seines Elends anrufenden Worten, welche die Anwesenden in Erstaunen setzten, die Seele des hohen Besuchers zu rühren.

 

Der Inspektor hörte Dantes‘ Rede bis zum Ende an.

 

Er fängt an, fromm zu werden, sagte er hierauf zum Gouverneur mit halber Stimme; schon gibt er sanfteren Gefühlen Raum. Sehen Sie, die Furcht bringt ihre Wirkung auf ihn hervor. Er ist vor den Bajonetten zurückgewichen, ein Narr aber weicht vor nichts zurück; ich habe hierüber in der Irrenanstalt in Charenton seltsame Beobachtungen gemacht. Dann sich an den Gefangenen wendend, fragte er: Was verlangen Sie also?

 

Ich verlange zu wissen, welches Verbrechen ich begangen habe; ich verlange, daß man mir Richter gibt; ich verlange, daß mein Prozeß eingeleitet wird; ich verlange, daß man mich erschießt, wenn ich schuldig bin, aber auch, daß man mich in Freiheit setzt, wenn ich unschuldig bin.

 

Bekommen Sie gute Speise? fragte der Inspektor.

 

Ja, ich glaube; ich weiß es nicht. Doch daran ist wenig gelegen. Aber was nicht allein mich, den armen Gefangenen, sondern auch alle Justizbeamten und sogar den König angeht, das ist, daß ein Unschuldiger nicht das Opfer einer schändlichen Denunziation sein und nicht seine Henker verfluchend eingekerkert bleiben soll.

 

Sie find heute sehr demütig, sagte der Gouverneur, Sie waren nicht immer so. Sie sprachen ganz anders, mein lieber Freund, an dem Tage, wo Sie Ihren Wärter ermorden wollten.

 

Das ist wahr, antwortete Dantes, und ich bitte diesen Mann um Verzeihung, denn er ist stets gut gegen mich gewesen; aber was wollen Sie? Ich war verrückt, ich war wütend.

 

Und Sie sind es nicht mehr?

 

Nein, Herr; denn die Gefangenschaft hat mich gebeugt, gebrochen, vernichtet … Es ist schon so lange, daß ich hier bin!

 

So lange … wann sind Sie denn verhaftet worden?

 

Am 28. Februar 1815 um zwei Uhr nachmittags.

 

Der Inspektor rechnete: Wir haben den 30. Juli 1816; was wollen Sie? Sie sind erst seit siebzehn Monaten gefangen.

 

Siebzehn Monate! Oh! Herr, Sie wissen nicht, was siebzehn Monate Gefängnis sind; siebzehn Jahre, siebzehn Jahrhunderte, besonders für einen Menschen, der, wie ich, seinem Glücke so nahe stand; für einen Menschen, der, wie ich, ein geliebtes Wesen heiraten sollte; für einen Menschen, der eine ehrenvolle Laufbahn vor sich offen sah, und dem jetzt alles entrissen ist, der mitten aus dem schönsten Tage in die tiefste Nacht versinkt; der seine Zukunft zerstört sieht; der nicht weiß, ob die, welche er liebte, ihn noch liebt; der nicht weiß, ob sein alter Vater gestorben ist oder lebt! Siebzehn Monate Gefängnis für einen Menschen, der an die Luft des Meeres, an die Unabhängigkeit des Seemanns, an den freien Raum, an die Unermeßlichkeit, an die Unendlichkeit gewöhnt ist, Herr! Siebzehn Monate Gefängnis, das ist mehr, als alle Verbrechen verdienen, welche die menschliche Sprache mit den gefährlichsten Namen bezeichnet! Haben Sie daher Mitleid mit mir, und verlangen Sie für mich nicht Nachsicht, sondern Strenge, nicht Gnade, sondern ein Gericht; Richter, Herr, ich verlange nur Richter; man kann einem Angeklagten die Richter nicht verweigern.

 

Es ist gut, sagte der Inspektor, wir wollen sehen. In der Tat, der arme Teufel dauert mich; wenn wir hinaufkommen, werde ich mir die Gefangenenliste zeigen lassen.

 

Ganz gewiß! antwortete der Gouverneur; aber Sie werden schwer belastende Eintragungen finden.

 

Ich weiß, Herr, fuhr Dantes fort, daß Sie mich nicht durch eigene Entscheidung freilassen können; doch Sie vermögen meine Bitte der Behörde zu übergeben, Sie können eine Untersuchung veranlassen, mich vor ein Gericht stellen; ein Gericht, das ist alles, was ich fordere. Ich will wissen, welches Verbrechen ich begangen habe, und zu welcher Strafe ich verurteilt bin. Denn sehen Sie, die Ungewißheit ist die schlimmste aller Strafen.

 

Leuchtet mir! sagte der Inspektor.

 

Herr, rief Dantes, ich entnehme dem Tone Ihrer Stimme, daß Sie bewegt sind. Oh, Herr, sagen Sie mir, daß ich hoffen darf.

 

Ich kann Ihnen das nicht sagen, antwortete der Inspektor, ich verspreche Ihnen nur, daß ich die Sie betreffenden Akten untersuchen werde.

 

Oh, dann bin ich frei, dann bin ich gerettet!

 

Wer hat Sie verhaften lassen? fragte der Inspektor.

 

Herr von Villefort, antwortete Dantes, sprechen Sie mit ihm, fragen Sie ihn!

 

Herr von Villefort ist seit einem Jahr nicht mehr in Marseille, sondern in Toulouse.

 

Ah! dann wundere ich mich nicht mehr, murmelte Dantes; mein einziger Beschützer ist entfernt.

 

Hatte Herr von Villefort irgend einen Grund des Hasses gegen Sie? fragte der Inspektor.

 

Keinen, Herr, er benahm sich sogar sehr wohlwollend gegen mich.

 

Ich kann mich also auf die Erklärungen verlassen, die er über Sie gemacht hat oder mir geben wird?

 

Vollkommen, Herr.

 

Es ist gut. Warten Sie!

 

Dantes fiel auf die Knie und murmelte ein Gebet, worin er Gott diesen Mann empfahl, der in sein Gefängnis herabgestiegen war, wie der Heiland, um die Seelen aus der Hölle zu erretten. Die Tür schloß sich wieder; aber die Hoffnung, die mit dem Inspektor herabgekommen war, blieb ebenfalls im Kerker eingeschlossen.

 

Beeilen wir uns, dass wir fertig werden, sagte der Inspektor: wer kommt jetzt daran?

 

Oh, ein drolliger Narr, antwortete der Gouverneur, er hält sich nämlich für den Besitzer eines ungeheuren Schatzes. Im ersten Jahre seiner Gefangenschaft ließ er der Regierung eine Million anbieten, wenn sie ihn in Freiheit setzen wollte, im zweiten Jahre zwei Millionen, im dritten Jahre drei und so fort. Jetzt ist er im fünften Jahre seiner Gefangenschaft; er wird Sie bitten, insgeheim mit Ihnen sprechen zu dürfen, und Ihnen fünf Millionen anbieten.

 

Oh, das ist sonderbar, sagte der Inspektor, und wie heißt dieser Millionär? – Abbé Faria.

 

Der Schließer öffnete eine Tür, und der Inspektor warf einen neugierigen Blick in den Kerker des närrischen Abbés. Mitten im Zimmer, in einem mit einem Stück Mauerkalk auf der Erde gezogenen Kreise lag ein fast nackter Mensch, so sehr waren seine Kleider in Lumpen zerfallen. Er zeichnete in den Kreis sehr eifrig eine geometrische Linie und schien ebensosehr mit der Lösung seines Problems beschäftigt, wie es Archimedes war, als er von einem Soldaten des Marcellus getötet wurde. Er rührte sich nicht bei dem Geräusche, das das Öffnen des Kerkers veranlaßte, und schien erst zu erwachen, als das Licht der Fackeln mit einem ungewohnten Glanze den feuchten Boden übergoß, auf dem er arbeitete. Dann wandte er sich um und sah mit Erstaunen die zahlreiche Gesellschaft, die in seinen Kerker herabgestiegen war.

 

Sogleich stand er lebhaft auf, nahm eine Decke, die am Fuße seines elenden Bettes lag, und wickelte sich darein, um in den Augen der Fremden in einem schicklicheren Zustande zu erscheinen.

 

Was sind Ihre Wünsche? sagte der Inspektor, ich bin Vertreter der Regierung und habe den Auftrag, die Beschwerden und Bitten der Gefangenen entgegenzunehmen.

 

Oh, dann hoffe ich, wir werden uns verständigen, rief der Abbé.

 

Sehen Sie! sagte leise der Gouverneur. Fängt es nicht an, wie ich gesagt habe?

 

Mein Herr, fuhr der Gefangene fort, ich bin der Abbé Faria, geboren zu Rom und war zwanzig Jahre Sekretär des Kardinals Rospigliosi; ich wurde, ohne zu wissen warum, Anfang 1811 verhaftet. Ich bin sehr glücklich, Sie zu sehen, obgleich Sie mich in einer sehr wichtigen Berechnung gestört haben, in einer Berechnung, die, wenn sie gelingt, vielleicht Newtons Lehre von der Schwerkraft über den Haufen wirft. Können Sie mir die Gunst einer geheimen Unterredung bewilligen?

 

Das ist unmöglich.

 

Wenn es sich jedoch darum handelte, versetzte der Abbé, der Regierung eine ungeheure Summe zuzuwenden, sagen wir fünf Millionen?

 

Wahrhaftig, sagte der Inspektor zum Gouverneur, Sie haben alles, sogar bis auf die Summe, vorhergesagt.

 

Mein Lieber, sagte der Gouverneur, leider wissen wir zum voraus und auswendig, was Sie uns sagen wollen; es handelt sich um Ihre Schätze, nicht wahr?

 

Faria schaute den Spötter mit Augen an, in denen ein vorurteilsloser Beobachter den Blitz der Vernunft und der Wahrheit hätte leuchten sehen; dann sagte er: Allerdings, wovon soll ich sprechen, wenn nicht davon?

 

Herr Inspektor, fuhr der Gouverneur fort, ich kann Ihnen diese Geschichte ebensogut erzählen, wie der Herr Abbé selbst; denn seit vier oder fünf Jahren muß ich immer und ewig dasselbe hören.

 

Das beweist, sagte der Abbé, daß Sie wie die Menschen sind, von denen die Schrift spricht, welche Augen haben und nicht sehen, welche Ohren haben und nicht hören.

 

Mein Lieber, die Regierung ist reich und bedarf, Gott sei Dank, Ihres Schatzes nicht. Behalten Sie ihn also für den Tag, wo Sie dieses Gefängnis verlassen werden.

 

Das Auge des Abbés erweiterte sich; er ergriff die Hand des Inspektors und sagte: Aber wenn ich das Gefängnis nicht verlasse, wenn ich gegen jede Gerechtigkeit in diesem Kerker zurückgehalten werde, wenn ich hier sterbe, ohne mein Geheimnis irgend jemand vermacht zu haben, so ist also der Schatz verloren? Ist es nicht besser, wenn die Regierung daraus Nutzen zieht und ich ebenfalls? Ich werde bis zu sechs Millionen gehen, mein Herr, ja, ich werde sechs Millionen abtreten und mich mit dem Reste begnügen, wenn man mir die Freiheit schenken will.

 

Auf mein Wort, sagte der Inspektor halblaut, wüßte man nicht, daß dieser Mensch ein Narr ist, so müßte man glauben, er rede die Wahrheit, in so überzeugendem Tone spricht er.

 

Ich bin kein Narr, Herr, und sage die Wahrheit, versetzte Faria, der mit der den Gefangenen eigenen Feinheit des Gehörs kein Wort von der Bemerkung des Inspektors verloren hatte. Der Schatz, von dem ich spreche, ist wirklich vorhanden, und ich erbiete mich, einen Vertrag mit Ihnen zu unterschreiben, kraft dessen Sie mich an den von mir angegebenen Ort führen. Man soll die Erde unter unsern Augen ausgraben, und wenn ich lüge, wenn man nichts findet, so bin ich ein Narr, wie Sie sagen, und Sie bringen mich in diesen Kerker zurück, wo ich ewig bleiben und sterben werde, ohne von irgend jemand mehr etwas zu verlangen.

 

Der Gouverneur brach in ein Gelächter aus und sagte: Die Sache ist nicht übel ersonnen. Wenn alle Gefangenen sich den Spaß machen wollten, ihre Wärter hundert Meilen spazieren zu führen, so wäre das ein vortreffliches Mittel für sie, bei Gelegenheit sich aus dem Staube zu machen, und an Gelegenheit würde es dabei nicht fehlen.

 

Es ist ein bekanntes Mittel, sagte der Inspektor, und der Herr hat nicht einmal das Verdienst der Erfindung.

 

Mein Herr, antwortete Faria, schwören Sie mir bei Christus, mir zur Freiheit zu verhelfen, wenn ich Ihnen die Wahrheit gesagt habe, und ich nenne Ihnen den Ort, wo mein Schatz vergraben liegt. Sie wagen dabei nichts, und Sie sehen, daß ich mir nicht dadurch eine Gelegenheit verschaffen will, mich zu flüchten, da ich im Gefängnis bleibe, während die Probe gemacht wird.

 

Sie sind mit Ihrer Kost zufrieden? fragte der Inspektor, um zu Ende zu kommen.

 

Fort mit Ihnen! rief der Abbé. Seien Sie verflucht wie die andern Wahnsinnigen, die mir nicht glauben wollten! Sie wollen nichts von meinem Golde; ich werde es behalten. Sie verweigern mir die Freiheit, Gott wird sie mir schicken. Fort, ich habe nichts mehr zu sagen.

 

Damit warf der Abbé seine Decke zurück, griff wieder nach dem Kalkstück, setzte sich in seinen Kreis und fuhr fort, seine Linien und Zahlen zu zeichnen.

 

Sie gingen weg, und der Gefangenenwärter schloß die Tür hinter ihnen.

 

Er muß in der Tat Schätze besessen haben, sagte der Inspektor, die Treppe hinaufsteigend.

 

Es hat ihm wohl vom Besitz derselben geträumt, antwortete der Gouverneur, und am andern Morgen ist er als Narr erwacht.

 

In der Tat, versetzte der Inspektor mit bezeichnender Naivität, wenn er wirklich reich gewesen wäre, so säße er nicht im Gefängnis.

 

So endigte die Inspektion für den Abbé. Er blieb Gefangener, und sein Ruf als lustiger Narr wuchs noch infolge dieses Besuchs.

 

Was Dantes betrifft, so hielt der Inspektor sein Wort.

 

Als er in die Wohnung des Gouverneurs kam, ließ er sich die Gefangenenliste geben.

 

Die den Gefangenen betreffende Note lautete:

 

Edmond Dantes Wütender Bonapartist, hat tätigen Anteil an der Rückkehr von der Insel Elba genommen.

 

Im geheimsten Gewahrsam und unter der strengsten Aufsicht zu halten.

 

Diese Note war von einer andern Handschrift und mit einer andern Tinte als das übrige Verzeichnis geschrieben, woraus hervorging, daß man sie während Dantes‘ Gefangenschaft hinzugefügt hatte.

 

Die Anklage war zu bestimmt, als daß ein Ankämpfen dagegen möglich gewesen wäre. Der Inspektor schrieb also daneben: Nichts zu machen.

 

Dieser Besuch hatte Dantes gleichsam wiederbelebt. Seitdem er ins Gefängnis gekommen war, hatte er die Tage zu zählen vergessen: aber der Inspektor gab ihm ein neues Datum, und Dantes vergaß es nicht. Er schrieb an die Wand mit einem Stück von der Decke gelösten Kalk den 30. Juli 1816, und von jetzt an machte er jeden Tag eine Kerbe, um fortlaufend das Datum bestimmen zu können.

 

Die Tage verliefen, dann die Wochen, dann die Monate; Dantes wartete immer. Er hatte damit angefangen, daß er einen Termin von vierzehn Tagen bis zu seiner Befreiung feststellte. Als diese vierzehn Tage abgelaufen waren, sagte er sich, es sei töricht von ihm, zu glauben, der Inspektor würde sich vor seiner Rückkehr nach Paris mit ihm beschäftigen: seine Rückkehr könnte aber nicht eher stattfinden, als bis er seine Rundreise vollendet hätte, und diese Rundreise dürfte einen bis zwei Monate dauern. Er verlängerte also die Frist auf drei Monate. Als drei Monate abgelaufen waren, bewilligte er sechs Monate. Als aber diese sechs Monate abgelaufen waren, stellte es sich heraus, daß er zehn und einen halben Monat gewartet hatte. Während dieser zehn Monate hatte sich nichts in seiner Lage geändert; keine tröstliche Nachricht war zu ihm gelangt; der Gefangenwärter blieb bei seinen Fragen stumm wie gewöhnlich. Dantes fing an, an seinen Sinnen zu zweifeln und zu glauben, was er für eine Erinnerung hielt, sei nichts als die tolle Ausgeburt seines Gehirns, und der tröstende Engel, der in seinem Gefängnisse erschienen, sei auf den Flügeln eines Traumes herabgekommen.

 

Nach Verlauf eines Jahres wurde der Gouverneur versetzt und nahm Dantes‘ Schließer mit. Ein neuer Gouverneur kam an. Es wäre für ihn zu zeitraubend gewesen, sich die Namen aller Gefangenen sagen zu lassen; er ließ sich nur ihre Nummern vorlegen. Das furchtbare Hotel garni auf If bestand aus fünfzig Zimmern; ihre Bewohner wurden mit der Nummer des Zimmers, das sie inne hatten, vorgerufen, und der unglückliche junge Mann hörte auf, seinen Vornamen Edmond oder seinen Namen Dantes zu führen; er hieß Nummer 34.