835. Burg-Ebracher Gericht

835. Burg-Ebracher Gericht

Wunderlicher Rechtsbrauch der Altvordern ist stets zu beachten. Wem der Weiber Wetzstein zu Westhausen mit seinen Kunkelrichterinnen und der Stettfelder Rüg erecht seltsam bedünken will, dem wird in gleicher Weise seltsam dünken das Mannsbildgericht zu Burg-Ebrach. Alljährlich kamen allda am Aschermittwoch zwölf Jungfrauen des Ortes auf freiem Felde zusammen, richteten ein Mannsbild von Holz auf, bekleideten es, wie die Brüßler ihr Pissemännchen, und beschuldigten nun dieses Bild aller Übeltaten, die während des vergangenen Jahres im Orte selbst und in der ganzen Umgegend begangen worden waren; mußte sonach dieses Bild der Sündenbock und -block für alle sein. Da aber besagtes Bildnis stumm war und sich gegen die vorgebrachten Anschuldigungen nicht verteidigen konnte, so ward ihm ein Fürsprech bestellt, der es wacker verteidigte und rechtfertigte. Ward nun Klage vorgebracht wegen geraubter Jungfernkränzlein, gebrochener Eheversprechen und andere schreckliche Übeltaten, so kam oft vor, daß der Fürsprech sprach: Ei mitnichten, Kätterle, das hat ja nicht dieses Mannsbild getan, sondern ein anderes, das du besser kennst! Soll ich’s laut sagen, wie jenes heißt? – Da kreischten die Mädchen laut auf und schrieen viele: Ja, und andre kreischten: Nein! – die es nicht wußten, wollten’s wissen, und die es wußten, wollten’s nicht wissen lassen. So auch bei gestohlenen Sachen, bei üblem Leumund, und es versteht sich, daß des Bildes Fürsprech Haare auf den Zähnen haben und so ziemlich im voraus Taten und Täter kennen mußte, die zur Sprache und Klage kamen, auch mußte er wissen, wenn er einen Täter nannte, mit diesem vor dem wirklichen Gericht fertig zu werden. So übte dieses eigentümliche Gericht einen sittigenden Einfluß, denn jedermann scheute sich. Böses zu tun, weil es unfehlbar zu seiner Zeit zur unlieben Öffentlichkeit kam. Auch half gar wenig, daß die, welche keine guten Briefe hatten, wohlweislich vom Mannsbildgericht wegblieben, um so eher wurden sie genannt und bekannt.

Heutzutage wird das Mannsbildgericht überall nicht mehr im freien Felde, sondern in den Stuben beim Kaffeekränzchen geübt, und da hat leider das arme Mannsbild niemals einen Fürsprech.

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836. Der Seckendorfs Lindenkränzlein

836. Der Seckendorfs Lindenkränzlein

Kaiser Heinrich II. hatte einen Leibjäger, der hieß Walter, den nannten sie den schönen Jäger, und war nicht allein bei jedermänniglich und bei dem Kaiser selbst beliebt, sondern auch sonsten. Einst jagte der Kaiser in den tiefen Forsten am Roten Main und verfolgte hitzig einen Edelhirsch, da scheuchte er einen mächtigen Ur auf, der sich ihm brüllend entgegenstürzte. Schon glaubte der Kaiser sich verloren, denn er war kein Jüngling mehr, und wie weit er ein Mann war, mocht‘ er wohl am besten selbst wissen, und zitterte vor dem Untier um sein Leben, da warf sich Walter dem Ur entgegen und stieß ihm den Jagdspeer durchs Herz, daß er röchelnd zusammenbrach; darauf erschellete er sein Horn, da fand sich das Gefolge zusammen, das den Herrn aus den Augen verloren hatte, und sah den toten Ur und den erschrockenen Kaiser und den kühnen unerschrocknen Jäger. Den hieß alsbald der Kaiser niederknieen und schlug ihn eigenhändig zum Ritter, brach von einem nahen Lindenbaum einen jungen Sproß mit acht Blättern, bog ihn in ein leichtes Kränzlein zusammen und sprach: Dies sei deines Geschlechtes Wappen fortan, ein ruhmreiches Siegeskränzlein, zum Preis der tapfern Tat, damit du deinem Kaiser und Herrn das Leben gerettet. – Darauf ritt der Herr mit allem Gefolge und dem neuen Ritter aus den Forsten nach Forchheim hinab, andern Tages aber gen Nürnberg, allwo er seinen und des Reiches Kanzellar Eberhard berief und ihn fragte, ob kein ritterlich Lehen anheimgefallen. Darauf eröffnete der Kanzellar dem kaiserlichen Herrn, daß ein Ritter des Namens Cuno, im Rangau am Flüßchen Zenn seßhaft, erbenlos abgegangen, der besaß ein Mannlehen, das hieß Seckendorf, und dieses schenkte der Kaiser dem treuen Walter. Und ist selbiger der Ahnherr und Stammvater des Hernachmals reichen und weitverzweigten Geschlechts derer von Seckendorf geworden, welche sich in nicht weniger als sechs Linien teilten und dem Hochstift Eichstätt einen Bischof gaben.

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837. Pfaffeneifer

837. Pfaffeneifer

Zu Forchheim war ein alter Pfaff, so schwach und lahm, daß er mußte von zwei Diakonen auf die Kanzel geführt werden. Da geschah es am Gründonnerstage 1557, wo man in den Kirchen vom Nachtmahl unsers Herrn predigt, daß der Greis sich auch hinaufführen ließ und begann zu predigen über Pauli erste Epistel an die Korinther das eilfte Kapitel, tadelte aber das klare Wort des Apostels und verteidigte des Papstes Satzung und die Eucharistie in einerlei Gestalt gar hoch. Letzteres zumal hätt‘ ihm niemand verargen dürfen, denn er war katholisch, aber er überschritt in seinem Eifer alle schickliche Grenze, schlug auf das Kanzeltuch, daß Staub und Motten wie ein Rauch herausfuhren, ballte die Fäuste und warf die Hände empor und schrie, gegen den Apostel scheltend, daß er das heilige Mahl in doppelter Gestalt zu nehmen gelehrt: Paule! Paule! Ist dem also, wie du lehrest, und ist es unrecht, sub una specie zu kommunizieren, ei so hole mich doch gleich der Teufel! – Und zum Volke sich wendend, brüllte der Eiferer: Ja, meine geliebten Christen, meine Seele setze ich euch zum Pfände ein, daß des allerheiligsten Vaters, des Papstes, Wort und Lehre die rechte und richtige ist, und wenn sie es nicht ist, so soll mich gleich bei lebendigem Leibe der Teufel holen! – Über solche gotteslästerliche Rede und Predigt hat sich das Volk über alle Maßen entsetzt, und alsbald entstand ein Knacken, Krachen und Brechen in der Kirche, als wolle sie zusammenstürzen – und alles Volk stürzte hinaus – und da hat sich in der Kirche ein langer schwarzer Mann sehen lassen, von dem ging ein starker Wind, daß ein Brausen in der ganzen Kirche erschollen, der hat den gottlosen Pfaffen vom Predigtstuhl geführt, und niemand hat erfahren, wo er hingekommen ist. Hernach hat sich der schwarze Mann wieder sehen lassen und in des Bischofs Bruderssohn Hans Fuchs Rugenstein Stuhl gesessen, der hat gegen ihn sein Schwert gezogen, aber immer nur damit sich selbst geschlagen, und ist darüber gar viel Rumor und Lärmens worden.

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838. Die geraubte Hostie

838. Die geraubte Hostie

Bei Eckenbütter spielte ein Metzgerbursche mit einem andern, dem sein Meister vieles Geld zum Vieheinkauf mitgegeben, und verspielte alles; zuletzt zog er den Rock aus, trennte die Silberknöpfe von der Weste und verlor auch die. Da kam ihm der Gedanke, in der Martinskirche eine goldene Monstranz zu stehlen; er brach heimlich ein, nahm die Monstranz und entwich. Auf dem Wege nach Forchheim entnahm er der Monstranz die heilige Hostie und warf sie auf einen Acker in das Korn. Als er durch Forchheim wanderte und sich nach einem Goldschmiedsladen umsah, siehe, da stellten ihn die Hunde, wie vordessen die Torsoldaten zu Forchheim die Wanderer stellten, und ließen ihn nicht weiter. Als nun hochlöbliche Polizei zu Forchheim des Gesellen sich annahm und die Monstranz bei ihm fand, wurde er eingesponnen. Am andern Morgen ging eine Magd ins Gras, die sah helle Lichter auf dem Kornacker brennen, sie ging näher und sah nichts; als sie wieder entfernter war, sah sie die Lichter wieder, gerade wie es dem Seher im Frankental erging. Sie sagte das Gesicht ihrer Herrschaft an, und auch dieser geschah das gleiche. Darauf gelangte an Geistliche die Kunde, die kamen und erhoben die geweihte Hostie, und auf der Stelle, wo sie gefunden ward, wurde eine Kapelle erbaut. Der Dieb aber ward auf einer Kuhhaut zum Richtplatz geschleift.

Diese Sage wiederholt sich an vielen Orten, unter andern in Erfurt, so genau, daß es auch dort eine Martinskirche ist, aus welcher die Monstranz geraubt wird, nur sind dort der Diebe drei, die Hostie wird in ein Loch geworfen, und den einen der Diebe treibt Reue zur Offenbarung der Missetat.

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83. Vom Ursprung des Moselweins

83. Vom Ursprung des Moselweins

Es ist eine alte Sage, daß der herrliche Moselwein aus dem deutschen Franken stamme. Merowig, der Westfranken König, habe zwölftausend Bewohner des Mosellandes in das morgenländische Franken geführt und aus letzterem zwölftausend Einwohner in das Moselland versetzt. Diese östlichen Franken waren gute Wingersleute, entnahmen aus ihrem heimatlichen Boden edle Reben und pflanzten diese im neuen Vaterlande an, wo sie herrlich gediehen und liebliche Weine lieferten bis auf diesen Tag.

Die Mosel entspringt im Vogesengebirge im deutschen Sundgau aus zwei Hauptquellen, deren Flüsse sich bei Remiremont vereinigen, und durchfließt in den mannigfaltigsten Krümmungen das welsche Lothringen, dann begrüßt sie deutsche Gaue und rauscht altberühmten Städten vorüber.

Wie vom Frankenwein bis auf den heutigen Tag der Spruch geht und gilt: Frankenwein, Krankenwein, also daß selbst Kranken derselbe heilsam sei, so von seinem Sohne, dem Moselwein, dem Erben seines Ruhmes und seiner Tugenden, geht und gilt der lateinische Reim: Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum, das ist zu deutsch: Moselwein soll allzeit gesund gewesen sein.

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839. Das scharfe Eck

839. Das scharfe Eck

Hart an Baiersdorf zwischen Forchheim und Nürnberg sieht man, von Nürnberg kommend, ganz nahe der ersten Stadt zur Linken mitten in dem grünen Tale der Rednitz ein altergraues Ruinenschloß, vier Stockwerke hoch mit vielen Fenstern. Dieses Schloß hieß Scharfeneck, gehörte einst als Sommerlustort einem Abt und barg in seinen Tiefen grauenvolle Kerker, in denen mancher Gefangene schmachtete und verschmachtete, und weil diese Armen so scharf behandelt wurden, nannte das Volk Schloß Scharfeneck das scharfe Eck, und nennt es noch so. In der Ruine soll es gar nicht geheuer sein, zumal in der Mittags- und Mitternachtsstunde. Neugierige werden mit Steinen geworfen oder durch Spukgestalten erschreckt, daher meidet das Volk den öden und verrufenen Bau.

Im markgräflichen Kriege, da der wilde Brandenburger Markgraf Albrecht Alcibiades diese Lande verheerte, hatte er das Schloß Scharfeneck als Eigentum inne und drangsalte von da aus die Umgegend weit und breit. So berannte er auch Kunreuth, das Schloß, welches zwei Herren von Egloffstein verteidigten, da sie es aber nicht halten konnten, so kapitulierten sie auf freien Abzug der Besatzung und räumten die Burg; der Markgraf aber ließ achtzig Landsknechte sotaner Besatzung festhalten, berief den Burgkaplan und gebot diesem, diese Männer zu absolvieren. Als dies geschehen war, ließ er auf einem langen Gang der Burg Kunreuth die achtzig aufhenken, einen hinter dem andern, darum heißt derselbe Gang noch bis heute der Totengang. Darnach nahm der Markgraf den Pfaffen und ließ ihn vor dem Schloß an der großen Linde, die noch steht, gleichermaßen auch henken; heißt noch die Pfaffenlinde. Die beiden Ritter von Egloffstein, welche glücklicherweise entkommen waren, nahmen aber für diesen schändlichen Mord eine empfindliche Rache an dem grausamen Markgrafen; sie sammelten neues Volk, ersahen ihre Zeit und berannten Schloß Scharfeneck, nahmen eö und brannten es aus, daß auch nicht ein Balken darin unverkohlt blieb. Nun steht der einsame Steinbau noch immer da, und – in den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen.

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826. Regiomontanus

826. Regiomontanus

Aus Königsberg ging ein berühmter Gelehrter hervor hieß Johannes Müller, wurde Magister und ein großer Mathematikus und schrieb sich deutsch Magister Johann von Kunsperk, lateinisch aber Regiomontanus. Noch steht auf dem Salzmarkt daselbst Nr. 29 ein altes Häuschen, das Hennebergische genannt, darin soll Regiomontanus geboren sein und gewohnt haben. Auf dem Gang steht mit großen lateinischen Buchstaben an der Türe einer dunkeln Kammer folgendes Distichon:

Cur vivae et cur vivas hoc nascere disce,
Si facis hoc coelo dignus eris.

D.h.:

Wem du lebst und warum du lebst, dies lerne erkennen,
Tust du dieses, dann wirst würdig des Himmels du sein

Diesen Spruch soll Regiomontanus als Jüngling an seine Kammertüre geschrieben haben. In neuerer Zeit hat man alldorten dem berühmten Landsmann ein Ehrendenkmal errichten wollen.

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827. Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck

827. Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck

Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Osterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder ausbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt und vielleicht zum Baume wird. Da mag sich wohl das Sprüchwort erfüllen: Harren ist langweilig, macht aber weise. Auch diese Sage hat noch an andern Orten ihren Widerhall, wie unter andern dort bei Auerbach, wo an die Erlösung der Wiesenjungfrau die gleiche Bedingung geknüpft ward.

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828. Die Ritter vom Altenstein

828. Die Ritter vom Altenstein

Auf dem fränkischen Schlosse Altenstein saßen dreizehn Ritterbrüder des uralten Geschlechtes derer von Altenstein, die waren in Fehde mit dem Bischof Iring von Reinstein zu Würzburg. Beide Gegner, der Bischof und die Ritter, waren kriegslustig und mannlich und schädigten einander nach Herzenslust, doch kämpften nur zwölf Altensteiner gegen Iring, denn ihr dreizehnter Bruder, Seifried geheißen, ein Johanniter, war im Ausland. Der Bischof belagerte Burg Altenstein, das war sehr fest und trutzlich, und die Brüder mit ihrem Ingesinde schlugen jeden stürmenden Angriff ab. Da griff der Bischof zum unrühmlichen Mittel schnöder List, denn er wollte um jeden Preis die Ritter bändigen und demütigen; daher bot er den zwölf Brüdern friedlichen Vergleich an, und diese gewährten seinen Wunsch, öffneten dem Feind mit einigen seiner Mannen die sichere Felsenfeste und bewirteten ihn köstlich. Nach der Mahlzeit ging der Bischof in sein Gemach und heischte da mit den Brüdern zu reden und gütlichen Vertrages zu pflegen; doch mit jedem besonders. Sowie nun einer der Ritter von Stein eintrat in das Zimmer des Bischofs, ward er durch einen unversehenen Schwertstreich meuchlings gefällt. So waren eilf Brüder gefallen, als den letzten und mannlichsten der Ritter eine schwere Ahnung erfaßte; bewaffnet trat er ein, sah den fürchterlichen Bischof triumphierend über den Leichnamen der Gemordeten stehen und drang mit seinem Weidmesser auf den Bischof ein; da packten ihn aber schon die Mordgesellen, und er behielt nur noch Kraft, das Weidmesser nach dem Bischof mit einem Fluche zu schleudern; doch traf es nicht des Mörders Hals oder Herz, sondern nur seine Nase, die davon um ein kleines kürzer wurde. Dann sank auch der tapfere Hervegen in sein Blut. Im Kloster Langheim wurden die zwölf Ritter beerdigt, andere sagen, nur die Häupter. Noch zeigt man in den Burgruinen das Gemach, darin die schauderhafte Untat verübt worden. Der Platz, wo sie geschehen, wird Untereichelboden genannt. – Seifried von Altenstein kehrte aus der Fremde zurück, entbot, als er die grause Tat vernahm, dem Hochstift Würzburg neue Fehde und ruhte nicht, bis er in das Erbe seiner ermordeten Brüder wieder eingesetzt war; er war es, von dem die späteren Altensteiner ihre Abkunft herleiten. Man sagt, Seifried habe eine Zeitlang sich unerkannt gehalten und habe als Maurer gearbeitet, und davon sollen auch die drei Hämmer im Wappen der fränkischen Herren von Altenstein herrühren. Die verkehrten Altertumsdiftler, die nicht der Geschichte in das Herz, sondern woandershin blicken, haben aber freilich des Wappens Ursprung höher hinauf gediftelt und gedeutelt und besagte Hämmer der Familie abgeleitet vom Hammer des Donnergottes Thor – die überklugen Toren. Von der grausen blutigen Tat des Bischofs an den Altensteinern leben noch alte Reime, die sagen, es wären nicht dreizehn, sondern nur zwölf gewesen, und habe der zwölfte Herdegen oder Herieden geheißen, derselbe, der dem Bischof die Nase abhieb.

Im Walde bei Altenstein steht ein hoher Fels; das Volk der Umgegend sagt, daß dieser Felsen innen hohl sei und reich gefüllt mit Schätzen der Urzeit. Zu gewissen Zeiten und Stunden wäre Sonntagskindern vergönnt, die Felsenpforte geöffnet zu finden oder mit der Glücksblume sie zu öffnen, dann liege reiche, blendende Pracht vor Augen. Eigentümlich ist es, daß auch bei dem meiningischen Schloß Altenstein ein Fels, der hohle Stein, liegt, und daß dessen Höhlung offen, diese beim fränkischen Altenstein aber verschlossen ist.

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82. Spanheims Gründung

82. Spanheims Gründung

Es war vordessen ein Graf von Vianden und Ravenzierburg, der liebte eine Gräfin des Nahegaues, welche eine Witwe war, und auch sie war ihm als dem zweiten Bewerber um ihre Hand nicht abhold – aber der Graf hatte in einer Fehde einen nahen Verwandten der Gräfin erschlagen, und so konnte und mochte sie ihm, schon der Verwandtschaft wegen, die Hand zum Ehebunde nicht so bald reichen, sondern band die Erfüllung seines Wunsches an eine Bedingung, welche Zeit vergönnte, jenen Fehdehandel mehr in Vergessenheit kommen zu lassen. Sie sprach zum Grafen von Wanden, er möge zur Sühne des Erschlagenen eine Pilgrimfahrt in das Heilige Land antreten und von dort ihr ein Zeichen von den heiligen Orten mitbringen, das geweiht und beglaubigt sei, daran werde sie seine aufrichtige Liebe und den Willen des Himmels zugleich erkennen.– Der Graf schied vom Heimatlande, und es währte wohl über Jahr und Tag, bevor er an die Rückkehr denken konnte. Er kämpfte gegen die Ungläubigen, betete an allen heiligen Orten und erwarb, sein Gelübde zu lösen, auch einen Span vom Kreuze des Herrn, dessen Echtheit der Patriarch von Jerusalem durch einen Pergamentbrief mit bleiernem Siegel beglaubigte. Der Graf von Vianden war sehr glücklich, einen so werten Schatz zu besitzen, und ließ eine kleine goldene Truhe anfertigen, besetzt mit Edelgesteinen und sehr kunstvoll, und in getriebenem Golde den Namen der Herrin, der er diente, auf dem Deckel der Truhe anbringen. Darauf schickte sich der Graf zur Heimreise an, voll Hoffnung auf endliches Glück. Aber das Geschick zeigte sich ungünstig. Auf der weiten Meerfahrt von Palästina nach den Küsten Italiens erhob sich ein furchtbarer Sturm, welcher das Schiff zu scheitern brachte, kaum daß die Mannschaft das nackte Leben davonbrachte. Alle Habe des Grafen und auch jenes wertvolle Kästchen verschlangen die Wogen des Adriatischen Meeres. – Arm und gebeugten Geistes, bekümmerten Herzens, ein bettelnder Pilgrim, durchreiste der Graf die Gauen Welschlands und Deutschlands, und so kam er auf seinen Heimatburgen wieder an, wo er zwar des Gutes und Geldes genug fand, allein nichts, was seinen Verlust hätte ersetzen können. Betrübt suchte er die Gräfin auf, sie hieß ihn freudig willkommen, er fand sie schöner und liebenswürdiger als je vorher, das schmerzte ihn um so tiefer, und er sprach: Frau Gräfin, Ihr seht mich mit leerer Hand Euch wieder nahen. Ich hatte ein kostbares Reliquienstück, einen echten Span vom Kreuze unsers Herrn, wohlbewahrt in köstlichem Schrein, für Euch vom Heiligen Lande mitgebracht. Ein Sturm, der unser Schiff scheitern ließ, raubte mir alle meine fahrende Habe und auch jenes Kleinod, das für Euch bestimmt war, das mein Glück an Eurer Hand begründen sollte. –

Armer Graf, sprach die Gräfin, und ihre Augen strahlten ihn liebereich und minniglich an, so bringt Ihr vom Kreuze des Herrn keinen Span heim? War denn vielleicht auf dem Kästchen, das Euch der Meersturm raubte, mein Name zu lesen?

Der Graf hörte ganz erstaunt diese Worte, er glaubte zu träumen und rief: Beim Kreuze des Heilands, Frau Gräfin, wie könnt Ihr wissen? –

Gottes Hand, der Heiligen Fügung! antwortete ernst und liebreich die Gräfin, erschloß einen Schrein, nahm aus diesem des Grafen goldne Truhe und hielt sie dem Staunenden unter die Augen. Heute in der Morgenstunde hat es an mein Burgtor geklopft, wie der Pförtner öffnet, steht ein Jüngling draus, hell gekleidet, mit einem Antlitz schön wie die Morgenröte. Der spricht: Für deine Herrin – und gibt dem Pförtner dieses Kleinod in die Hand. Wie der es betrachtet und wieder zu dem Jüngling aufblickt, ist derselbe schon hinweggeschwunden. Brauchen wir weiter Zeugnis? Wir haben gehofft, jetzt laß uns glauben und lieben! – Mit diesen Worten fiel die junge Witwe dem Grafen um den Hals und küßte ihm den Verlobungskuß unter Freudentränen. Und als beide miteinander vermählt waren, erbauten sie eine neue Burg und ein Kloster, und gründeten einen Ort, und nannten den Spanheim, und stifteten den heiligen Span in ihr Kloster, und das Kloster begabte mit kleinen Partikeln von dem Span, reich in Gold gefaßt, auch das nachbarliche Kloster Kreuznach, ja dessen alter Name Crucinaha, dem Kreuze nahe, soll sogar davon abstammen. Und das Geschlecht der beiden Vermählten blieb gesegnet vom Herrn, viele fromme und berühmte Männer und Frauen gingen aus ihm hervor, stifteten Klöster, bauten Kirchen, kämpften im Heiligen Lande oder wandelten selbst als heilige Personen durch das Leben.

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