844. Kaiser Karl im Brunnen und im Berge

844. Kaiser Karl im Brunnen und im Berge

Eine Fürstin unter den Städten ist Nürnberg, sie war der deutschen Kaiser liebste Tochter, des fränkischen Reiches Krone und Thüringens Vormauer. Nürnberger Tand ging durch alle Land. So klang und klingt der alten freien Reichsstadt Lob von einer Zeit zur andern. Auf dem Markt zu Nürnberg steht der schöne Brunnen, mit herrlichem Bildwerk geziert und vom künstlichen Gitter umgeben. Der Brunnen soll sechzehnhundert Schuh tief sein, nach andern nur dreihundert, die Kette, an der die Eimer hangen, wiegt dreitausend Pfund. In dieses Brunnens Tiefe hat Kaiser Carolus Magnus sich verwünscht, da drunten der Welt Ende zu erwarten. Einst ließen die Herren von Nürnberg einen Verbrecher in die Tiefe des Brunnens hinab, der sahe Carolum drunten sitzen an einem Steintisch, wie den Barbarossa im Kyffhäuser. Der Bart war durch den Tisch hindurchgewachsen und reichte schon zweimal um den Tisch herum. Wann er zum dritten umreicht, wird der Welt Ende vor der Türe sein.

Nicht weit von Nürnberg erhebt sich der Kaiser-Karlsberg, auch in diesem soll der Kaiser Karl sitzen und auf der Welt Ende harren mit allen seinen Wappnern. In frühern Zeiten ward aus dem Berge oft ein schöner Gesang vernommen – da waren die Zeiten noch gut –, jetzt hört man aus ihm nur noch klagendes Weinen, weil die Zeiten so schlecht sind. Damit besagtes Weltende nicht allzu schnell herbeirücke, als welches schrecklich und sehr störend wäre, so muß des Kaisers Bart siebenmal um den Tisch wachsen, und da sich nun die Leute darüber gestritten und noch streiten, ob der Bart des verzauberten Kaisers dreimal oder siebenmal um den Tisch wachsen müsse, so ist davon das Sprüchwort entstanden, wann über unausgemachte Sachen nutzlos gestritten wird: es ist ein Streit um des Kaisers Bart. Die Sage geht, ein Bäckerjunge aus Fürth habe einst, wie dort der Semmelknabe im Guckenberge, durch einen Gang Brot in den Kaiser-Karlsberg gebracht, es sei ihm aber auch gleich jenem ergangen, oder noch schlimmer, denn als er das Geheimnis zu entdecken gezwungen worden, sei er zum letzten nicht wiedergekehrt, und nur seine Kleider seien zerstückt außen am Berge gefunden worden.

Aus dunkler Mythenzeit klingt schon die Sage herein, daß ein König Noro im Berge verzaubert sitze, der habe der Stadt ihren alten Namen verliehen: Nor im Berg; aus seines Namens spätem Nachhall ist aber ohne Sinn Nero geworden, ein prächtig Fündlein für die Diftler, die nun gleich die Stadt vom Römerkaiser Nero gründen ließen, denn römisch mußte diesen klassischen Narren alles sein, was gelten sollte, Deutsches paßte nicht in ihren gelahrten Kopf, Kropf und Zopf.

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845. Sankt Sebaldus‘ Wunder und Grab

845. Sankt Sebaldus‘ Wunder und Grab

Es ist eine alte Sage, daß der heilige Sebaldus zu Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christo nach Nürnberg gekommen. Dieser Heilige war eines Königs von Dänemark Sohn, hatte in Paris studiert und eines Grafen in Frankreich Tochter geheiratet. Er war aber gar fromm und gottesfürchtig, und seine Braut erhielt in ihm nicht einen Gemahl, sondern einen vollkommenen Behüter und Beschirmer ihrer Jungfräulichkeit, und nachdem er ihr guten Unterricht in der Keuschheit erteilt, verließ er sie und seines Vaters Palast heimlich und wurde ein Einsiedel, wälzte sich auf Dornen und Disteln und kreuzigte sein aufrührerisches Fleisch, daß sein Leib davon ganz armselig und mager wurde. Darauf pilgerte er samt seinem Schüler Dionysius barfuß gen Rom, traf auch auf seinem Wege die heiligen Männer Willibald und Wunibald und nahm sie in seine Gesellschaft und gab ihnen Speise, die er aus Engelhand, empfing, hatte auch einen Legel, der immer wieder voll Weines wurde, wann die Gesellschaft ihn ausgetrunken, und wann etwan ein Glas zerbrach, so machte St. Sebald selbiges wieder ganz, und lehrte und predigte hin und her auf seinem Wege allem Volke die sanfte Lehre unsers Herrn und Heilandes. Da sich einstmals ein verdammter Ketzer fand, der dem Volke zuschrie, Sebalds Lehre sei falsch, so mußte sich auf der Stelle das Erdreich auftun und selben Ketzer verschlingen, doch nur bis an den Hals. Da nun der arme Ketzer so im Erdloch stak und nicht einmal zappeln konnte, so wünschte er wieder herauszukommen und bekehrte sich, da hob ihn der milde Heilige wieder heraus. Über die Donau schwamm St. Sebald auf dem groben Mantel, den er über seinem härenen Hemde trug und aus das Wasser breitete, stehenden Fußes, weil kein Nachen vorhanden war. Und da kam der Heilige in den Norgau, da hatte ein Bäuerlein seine Ochsen verloren und jammerte, denn es war Nacht, und es wußte nicht, wo es die Ochsen suchen sollte. Da schuf St. Sebald durch sein Gebet, daß des Bauern Finger leuchteten und großen Schein warfen, wie ein Kronleuchter, und da fand und fing er seine Ochsen wieder. Nun kam der heilige Mann gen Nürnberg und nahm seine Herberge bei einem Wagner. Selbem Wagner aber ging es wie jenem Müller, des Mühle die drei Gänge hatte, nach Wasser, Korn und Brot – er hatte nicht einmal Holz zum Einheizen, geschweige zum Wagenbauen. Da heizte der heilige Sebald mit Eiszapfen ein, die brannten, daß es knitterte und knatterte, und wärmte sich, und der Wagner und sein Weib lobten Gott für so billiges Brennmaterial. Eines Tages wünschte Sebaldus Fische zu speisen, es war aber durch die Herrschaft, die auf der Burg wohnte, bei Verlust des Augenlichts allen verboten, vor ihr Fische zu kaufen. Da nun Sebaldus‘ Wirt solches dennoch tat, so ward er ergriffen und geblendet. Dieses tat Sebalds leid, er tat sein Gebet zu Gott und gab dem Wirt sein Augenlicht wieder. Bei diesem guten Manne und dessen Weibe blieb auch Sebaldus bis zu seinem seligen Ende, vor welchem er noch verordnete, daß zwei Ochsen seinen auf einen Wagen gelegten Leichnam ohne Lenker dahin ziehen sollten, wo er bestattet sein wolle, und zogen die Ochsen den Wagen bis zu Sankt Peters Kapelle und keinen Schritt weiter trotz aller Bezwangnis und Geißelhiebe. Da ruhete und rastete Sankt Sebaldus gnädiglich, und ward über ihn ein hölzern Kapellchen erbaut, welches aber hernachmals der Blitz entzündete und einäscherte. Da setzten sie den heiligen Leichnam in das Schottenkloster St. Agidien. Darin war ein vorwitziger, junger Mönch, der zupfte den heiligen Leichnam am Bart und sprach spöttlich: Ei du alter Lügenvater!

Wie viele Menschen hast du dein Lebtage betrogen?! – Solches Schmähwort verdroß den heiligen Leichnam sehr; er erhob sich und verehrte dem Mönch eine so schreckliche Ohrfeige, daß jenem davon alsbald ein Auge aus dem Kopfe sprang. Der Mönch schrie Zeter, alle Mönche liefen herbei und riefen St. Sebald um Vergebung an und um Wiederherstellung des Geschlagenen. Darob wurde der heilige Leichnam beweget, dem Mönch das geschlagene Auge wieder einzusetzen, die Schelle konnte er ihm aber nicht wieder abnehmen, und war ihm selbe auch gar gesund. Nach diesem Vorgang gefiel es Sebalds nicht mehr in St. Agidien, und war ihm lieb, in sein eigen Münster und in einen silbernen Sarg zu kommen. Allda ruhend, war es Sebaldi Segen, der Nürnberg groß und reich und blühend machte als der Stadt sonderlicher Patron und Hauptherr, und fortwährend tat er hohe Wunder. Blinde machte er sehend, Pilgrime errettete er von Straßenräubern, Kranke machte er gesund, Tote lebendig. Einst sandte eine fromme Bäuerin in Nürnbergs Nähe St. Sebald einen großen Käs zum Opfer; der Nachbar aber, dem sie den Käse mitgab, dachte: der liebe Gottesheilige ißt doch keinen Käs, sondern im Paradiese das himmlische Manna, es tut’s also auch ein kleiner, den großen willst du für dich behalten. Da machte St. Sebald den kleinen Käse zu Stein und auf dem Heimwege des Bauers auch den großen. – Da nun zu Nürnberg der unübertreffliche Rotgießermeister Peter Bischer lebte, so bekam derselbe den Auftrag mit seinen fünf verheirateten Söhnen Peter, Hermann, Hans, Paul und Jakob, die alle bei ihm im Hause wohnten und in seiner Gießhütte arbeiteten, St. Sebald ein neues schönes Grabmal zu fertigen, auf dem der Silbersarg mit den heiligen Gebeinen ruhen sollte, und fertigte dieses also herrlich und kunstvollendet schön, mit frommem Sinn und hohem Geist, daß es als Nürnbergs größte Zier dasteht. Und von den vielen Tausenden, die von Jahr zu Jahr dieses herrliche Kenotaph anstaunen, denkt kaum einer noch an den Heiligen, der darinnen ruhet, und an dessen Wunder, sondern nur an die Wunderwerke deutscher Kunst, die Nürnbergs unsterbliche Söhne, ein Peter Bischer, ein Albrecht Dürer, ein Adam Kraft, bewirkt und vollbracht durch den schaffenden wunderwirkenden Gottesgeist in der Menschenseele.

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846. Die Teufelssäulen

846. Die Teufelssäulen

Zu Nürnberg in der alten Kaiserburg ist eine Kapelle, die ruht auf vier Säulen, eine davon ist, weil sie gebrochen, in der Mitte mit einem eisernen Reif umschlossen. Oben am Gewölbe aber schaut ein Pfaffengesicht herab, das ist der Kopf des ersten Kapellans an dieser Burgkirche, der ging mit dem Teufel eine Wette ein, oder umgekehrt der Teufel mit ihm, daß er, bevor das Pfäfflein, das sehr hurtig Messe lesen konnte, eine Messe läse, vier Säulen aus Rom herbeibringen wolle, eine nach der andern. Vermöge der Teufel solches, so solle des Pfaffen Seele sein eigen sein, vermöge er es nicht, so sollten die schönen Säulen aus einem antiken Heidentempel die christliche Kapelle stützen und schmücken. Der Teufel fuhr ab, und der Kapellan begann seine Messe; da ging es fast wie beim Puppenspiel, wenn Fausts Diener die Furien beschwört: perlicko – perlocko! – Im Hui war der Teufel fort, und im Hui war er wieder da und brachte die erste Säule. Als der Pfaffe an das Credo kam, war schon die zweite Säule da, und beim Evangelium die dritte – jetzt hieß es hurtig und geschwind. Ite! missa est! scholl dem Teufel entgegen, als er mit der vierten Säule anrasaunt kam, da warf der Teufel die Säule hin, daß sie mit einem Donnerkrach in zwei Stücke zersprang, und fuhr erhitzt von dannen, denn er kochte von Anstrengung und nun vor Ärger, und stürzte sich in den Dutzendteich, wo die Druden-Eila haust und spukt. Um die zerborstene Säule aber ward der eiserne Reif gelegt, und alle viere schmückten nun die alte Burgkapelle. Sie sind von weißem Marmelstein und gar schön. Des schnellen Messelesers steinern Haupt blickt sie noch immer mit stillem Vergnügen an.

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847. Hausgeister zu Nürnberg

847. Hausgeister zu Nürnberg

Zu Nürnberg hat es von je allerlei Merkwürdiges gegeben, auch Hausgeister und Alraune fehlten nicht, und da neben dem Hausgeist der Handelsgeist in dieser ehrwürdigen Reichsstadt besonders mächtig war, ist es vorgekommen, daß heimlich Handel getrieben ward mit leibhaften Alraunen und Spiritus familiares. Ein altes Handelshaus hatte sie unter dem Namen Heckewurm und hielt sie hoch im Preise, eine bis zwei Pistolen das Stück, und es gab in der Tat gläubige Narren, die davon kauften.

Eine Goldschmiedsfrau hatte einen Spiritus familiaris. Einst sprach er zu ihr: Frau, ein Sandkörnchen hat Euer Leben behütet! – Dieser Geist warnte sie vor Gefahren, betete mit ihr und sang mit ihr schöne Lieder und Psalmen und war ihr gut und nütze. Da überkam sie der leidige Frauentrieb, die schlimme Neugier, sie wollte den Geist durchaus sehen, wie jene Köchin den Hinzelmann. Vergebens warnte sie der Geist und sagte ihr, sie werde es bereuen. Sie drang immer heftiger in ihn – und da sie nun in ihre Kammer trat, so sah sie an der Mauer einen Schatten gleiten, anzusehen wie ein todbleiches Kind in weißem Totenhemdchen, eine Sanduhr in der Hand haltend, deren Sand fast verronnen war, und auf sotanes oberes Glas deutend und schnell verschwindend. Die Frau entsetzte sich, fiel alsbald in schwere Krankheit, ihr Lebenssand verrann, und ihr Geist entfloh.

So war auch einer zu Nürnberg, der konnte die Geister beschwören, aber so, daß auch wirklich welche kamen. Er machte aber dazu sondere Zeremonien, deckte ein Tischlein, setzte Milchschüsselchen darauf, neue Messerchen und Tellerchen und Jungfernhonig, riß einer schwarzen Henne den Kopf ab, ließ Blut auf die Speise träufeln und nahm noch allerlei sonstiges seltsames Gebaren vor. Dies tat er im Freien auf einem heimlichen Plan, und dann barg er sich hinter einen Baum, und da kamen zwei Erdmännlein, setzten sich an den Tisch, speiseten und beantworteten die Fragen, die Paul Cruz, so hieß der Mann, an sie tat. Selbst den König dieser Geisterlein brachte er ans Licht, der kam ganz allein, trug ein rotes Scharlachmäntelein, warf ein Buch auf den Tisch und ließ den Geisterbanner darinnen lesen, der schöpfte daraus große Weisheit und seltsame Geschehnisse. Ob er aber auch das Geheimnis, selig zu sterben, darinnen funden, ist Gott allein bekannt.

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848. Nürnberger Wahrzeichen

848. Nürnberger Wahrzeichen

Zu Nürnberg befindet sich ein Ochs, der nie ein Kalb war, das ward sonst für eine große Rarität erachtet und galt als der Stadt absonderliches Wahrzeichen. Ein Kälbchen ist ein g’spaßig’s Tierlein; heutzutage brüllen, brummeln und bummeln nicht allein zu Nürnberg, sondern allenden Geschöpfe umher, die niemals Kälber waren, sondern gleich von vornherein nicht norische, sondern notorische Ochsen sind. Der Nürnberger Wahrzeichenochs ist zu finden, wenn man über die Fleischbrücke geht, er ist von Stein, wiegt neunundzwanzig und dreiviertel Zentner und liegt über dem Portal zur Metzig. Die Fleischbrücke ist in einem Bogen gespannt und wurde vom Architekten des Eskurials aus seiner Reise nach Wien als das trefflichste Werk einer Brücke solcher Art gepriesen. Auf besagten Ochsen sind viele Verse und Reime gemacht worden, und hat mancher Poet an ihm sein Ingenium geübt, wie das in frühern Zeiten Brauch war, dem Rindvieh zu schmeicheln, es zu verehren, ja in gewissen Fällen anzubeten, wie schon die Heilige Schrift dartut in der Geschichte vom goldnen Kalbe.

Die alte werte Reichsstadt Nürnberg hat der Wahrzeichen noch andere und viele und der Sagen so mannigfaltige, daß sie allein ein mäßig Buch füllen würden. So, um nur ein Wahrzeichen noch zu nennen, der Stein am berühmten St. Johanniskirchhof, welcher kündete, wie ein Familienvater mit dreizehn der Seinen an einem Tage gestorben.

Ist das nit ein senlich vnde jammerliche klag,
Ich starb vs mynem hus selp dryzehend vf einen tag
1827.

Hier tritt abermals die mythische fränkische Vierzehntzahl, wie bei Eppela von Gailing, dem Nürnberger Feind, und den vierzehn Heiligen, vor Augen.

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841. Die Waldjungfrauen

841. Die Waldjungfrauen

In der Nähe des Städtchens Baiersdorf zwischen Erlangen und Forchheim liegt ein Wald und in dem Wald ein Quell, aus diesem kamen, so erzählen alte Leute, zum öftern Jungfrauen in die Stadt von holdseliger Gestalt und Gebärde. Sie wohnten den Tänzen der Jugend bei und erfreuten auch mit süßem Gesang die Zuhörer. Da traf sich’s wohl bisweilen, daß eines Jünglings Herz in Liebe kam gegen diese zarten Mädchen, und daß er ihnen nachfolgte, wenn sie zum Wald zurückgingen. Oder es trieb auch manchen die Neugier hinaus in den Wald, zu erspähen, in welchem Schloß oder Haus diese Huldinnen wohnten, doch hat es keinem Glück gebracht, der ihren Spuren folgte. Die Liebenden kehrten meist in sich gekehrt und tiefsinnig zurück; einer sprach, ein anderer lachte nie mehr, ein dritter fiel in schwere Krankheit des Gemüts, daran er starb. Die Neugierigen wurden geschreckt durch häßliche Waldgespenste und empfingen zum Teil allen Übeln Lohn des Vorwitzes. Daher wurde es bald im Volke üblich, die Kinder zu warnen, zumal abends, nicht in den Wald zu gehen oder im Walde einer Jungfrauenerscheinung nachzuwandeln, weil es Unglück bringe. Heutzutage sieht man die Waldjungfrauen nicht mehr und hört nichts mehr von ihnen.

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832. Kunigundens Ring

832. Kunigundens Ring

Einstmals lustwandelte Kaiser Heinrich und seine Kaiserin Kunigunde in Bambergs Nähe: es war ein Festvorabend, und alle Glocken läuteten den morgenden Festtag ein. Vor allem aber die zwei hehren Domglocken, die der Kaiser eine und Kunigunde eine jüngsthin erst neu gestiftet hatten, klangen füllreich und harmonisch über der stillen, gottgesegneten Bamberger Flur. Da begannen die Gatten zu eifern, wessen Glocke am schönsten klinge, und die Kaiserin rief, vom Streit erhitzt, indem sie ihren Ring vom Finger zog: So wahr dieser Ring meine Glocke und nicht deine treffen soll, so wahr ist meine die schönste und vom reinsten Klang! – und schleuderte den vielwerten Reif durch die Luft, und er fuhr durch die Luft bis zum Domturme und schlug ein Loch in die Kundelsglocke, und dennoch blieb der Glocke Klang voll und rein und unverändert. So sahe der gute Kaiser Heinrich II. sich auch hierin besiegt, denn er zog bei Kunigunden immer den kürzern, selbst noch im Tode. – Andere sagen, der Kaiser habe an dem Ort, den man noch heute Kunigundens Ruh nennt, ihre Treue angezweifelt, und diese zu beweisen, habe sie den Ring durch die Glocke geworfen.

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833. Bamberger Waage

833. Bamberger Waage

Da Kaiser Heinrich II. gestorben war, bereitete man ihm im Dome sein Grab und legte seinen Leichnam in einen weiten Sarkophag, darin Raum war für zweie. Als nun nach langen Jahren Kunigunde, seine Witwe, auch starb, so sollte sie neben dem Gemahle an seiner Seite ruhen. In feierlicher Prozession trug man ihren Leichnam zum Dome und hob den schweren Steindeckel von Heinrichs Sarkophage; da lag inmitten dessen noch unversehrt des Kaisers Leichnam. Und da ward eine laute Stimme durch das Domschiff hallend gehört, welche rief: Cede, vire, virgine! – gib Raum, Mann, der Jungfrau! – und alsbald rückte Heinrichs Leichnam von der rechten Seite nach links und machte ihr Platz, und lagen nun tot beisammen, die im Leben solches nie gepflogen. Hernach ward über des Kaisers Grabe ein Bild der Gerechtigkeit erhöht, wie die alten Heiden selbe gebildet, als weibliche Gottheit, in der Hand eine Waage haltend. Aber dieser Waage Zünglein steht nicht inmitten, wie das der Waage der Gerechtigkeit stehen soll, sondern hängt nach einer Seite nieder, dieweil auf Erden nichts vollkommen und die irdische Gerechtigkeit auch gar oft einseitig züngelt. Es geht aber die alte Sage, wann sich das Zünglein der Bamberger Waage in die Mitte stellen werde, alsdann werde der Welt Untergang nahe sein. Dieser Sage Deutung ist nicht schwer. Wann auf Erden alles so vollkommen, daß selbst die Gerechtigkeit und ihre Diener stets das volle Recht üben und nicht nach links überschnappen, dann ist die Welt vollkommen, das irdische Reich zu Ende, und das himmlische bricht an.

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834. Alberade

834. Alberade

Im alten Banzgau saß ein Gaugraf Hennebergischen Stammes, der vermählte sich mit einer frommen Dame aus dem Niederland, die hieß Alberade. Deren Leben ward gar schwer geprüft; einen blühenden Sohn verschlang ihr der Main, als der Knabe auf dem gefrornen Strom seinen Kreisel trieb, und auch den Gemahl verlor sie; nur eine einzige Tochter gleichen Namens Alberade blieb ihre Stütze, ihre Freude, ihr Glück. Da gründete sie das herrliche Benediktinerstift Banz, indem sie einen Teil ihres umfangreichen Schlosses demselben einräumte, und hoffte nun den Himmel versöhnt zu haben und ihre Tage in Ruhe zu beschließen. Dies ward ihr auch vergönnt, und sie erlebte noch die Freude, daß ihre Tochter sich einem Grafen Vohburg vermählte. Aber nach dem Tode der alten Gaugräfin begann das von ihr begründete Kloster schnell in Abnahme zu kommen; solches ging der Tochter sehr zu Herzen, und sie wandte alles an, das gottselige Werk ihrer frommen Mutter im Flor zu erhalten. Aber auch ihr legte der Himmel herbe Prüfungen auf. Ihr Gemahl fiel in einer Schlacht, und sie zog sich nun mit ihrer Tochter Hedwig auf das mütterliche Erbe, nach Schloß und Kloster Banz, zurück. Da entbrannte einer ihrer Vasallen, einer von Ratzeburg, in Minne gegen Hedwig, und da die Mutter ihm deren Hand verweigerte, so entführte er Hedwig mit Gewalt. Außer sich vor Zorn tat die Mutter, was jene Thüringerin Sophia, der heiligen Elisabeth Tochter, zu Eisenach tat, sie schleuderte ihren Handschuh in die Luft und schrie: Wie diesen Handschuh so übergebe ich den schamlosen Räuber dem Teufel! – und wie dort kam auch hier der Handschuh nicht wieder aus den Lüften herunter. Der Ratzeburger aber setzte sich auf seiner Burg Steglitz fest, plagte die Gegend und bedrängte Kloster Banz so arg, daß die Mönche sich entschlossen, von bannen zu ziehen. Da sann Alberade auf eine List. Sie kleidete ihre Mannen in die Farben der Ratzeburger und legte sie in einen Hinterhalt, lauernd, bis der Raubritter mit seinem Haufen auszog. Als dieser aus dem Gesicht war, sprengten und liefen die Banzer, wie in eiliger Flucht, gegen Steglitz, und da der Burgwart die Farben der Mannen seines Herrn sah und rufen hörte: Der Feind! der Feind!, so ließ er rasch die Zugbrücke nieder und öffnete Tor und Fallgatter. Rasch bemächtigten sich die Eindringenden der Burg, befreiten Hedwig, und als der Ratzeburger wiederkehrte, fand er statt seiner Burg Steglitz eine Ratzeburg, ein Ratzennest, einen Steinhaufen. Lange lebte das Andenken der beiden Frauen Alberade, welche das Hernachmals so prachtvolle Stift Banz gründeten und zur Blüte hoben, im dankbaren Andenken.

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835. Burg-Ebracher Gericht

835. Burg-Ebracher Gericht

Wunderlicher Rechtsbrauch der Altvordern ist stets zu beachten. Wem der Weiber Wetzstein zu Westhausen mit seinen Kunkelrichterinnen und der Stettfelder Rüg erecht seltsam bedünken will, dem wird in gleicher Weise seltsam dünken das Mannsbildgericht zu Burg-Ebrach. Alljährlich kamen allda am Aschermittwoch zwölf Jungfrauen des Ortes auf freiem Felde zusammen, richteten ein Mannsbild von Holz auf, bekleideten es, wie die Brüßler ihr Pissemännchen, und beschuldigten nun dieses Bild aller Übeltaten, die während des vergangenen Jahres im Orte selbst und in der ganzen Umgegend begangen worden waren; mußte sonach dieses Bild der Sündenbock und -block für alle sein. Da aber besagtes Bildnis stumm war und sich gegen die vorgebrachten Anschuldigungen nicht verteidigen konnte, so ward ihm ein Fürsprech bestellt, der es wacker verteidigte und rechtfertigte. Ward nun Klage vorgebracht wegen geraubter Jungfernkränzlein, gebrochener Eheversprechen und andere schreckliche Übeltaten, so kam oft vor, daß der Fürsprech sprach: Ei mitnichten, Kätterle, das hat ja nicht dieses Mannsbild getan, sondern ein anderes, das du besser kennst! Soll ich’s laut sagen, wie jenes heißt? – Da kreischten die Mädchen laut auf und schrieen viele: Ja, und andre kreischten: Nein! – die es nicht wußten, wollten’s wissen, und die es wußten, wollten’s nicht wissen lassen. So auch bei gestohlenen Sachen, bei üblem Leumund, und es versteht sich, daß des Bildes Fürsprech Haare auf den Zähnen haben und so ziemlich im voraus Taten und Täter kennen mußte, die zur Sprache und Klage kamen, auch mußte er wissen, wenn er einen Täter nannte, mit diesem vor dem wirklichen Gericht fertig zu werden. So übte dieses eigentümliche Gericht einen sittigenden Einfluß, denn jedermann scheute sich. Böses zu tun, weil es unfehlbar zu seiner Zeit zur unlieben Öffentlichkeit kam. Auch half gar wenig, daß die, welche keine guten Briefe hatten, wohlweislich vom Mannsbildgericht wegblieben, um so eher wurden sie genannt und bekannt.

Heutzutage wird das Mannsbildgericht überall nicht mehr im freien Felde, sondern in den Stuben beim Kaffeekränzchen geübt, und da hat leider das arme Mannsbild niemals einen Fürsprech.

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