684. Die Mönche von Saar

684. Die Mönche von Saar

Hart an der Grenze von Böhmen und Mähren liegt das Kloster Saar, durch einen Bach also geschieden, daß die eine größere Hälfte im Czaslauer Kreis in Böhmen, die andere aber auf mährischem Gebiete liegt. Saar, im Jahre 1234 erbaut, war ursprünglich ein Zisterzienserkloster, da es aber durch den Krieg sehr verwüstet und die Mönche teils erschlagen, teils vertrieben worden, verwaltete der Kardinal Dietrichstein, Bischof von Olmütz, des Klosters Güter und setzte 1614 Franziskanermönche in die verlassenen Zellen. Sie hatten aber vom Geisterspuk viel zu dulden, wie aus den alten Klosterchroniken zu ersehen ist. Es erschienen ihnen oft die toten Zisterzienser und ermahnten sie mit den Worten: Cedite nostris, das Kloster zu verlassen; ja, wenn die armen Franziskaner zum Gottesdienst oder zum Essen gehen wollten, fanden sie nicht selten ihren Platz im Chor oder an der Tafel von den Geistern schon besetzt und die Speisen verzehrt. Da sie solche Drangsal nicht länger ertragen konnten, räumten sie das Kloster mit Genehmigung des Kardinals im Jahre 1638 den Zisterziensern wieder ein, und hat man von der Stund an vom Geisterspuk allda nichts mehr vernommen.

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675. Libussas Bad

675. Libussas Bad

Auf der alten Bergfeste Wischerad, darauf früher das Schloß Libin stand, in welchem Böhmens erstes Königspaar Hof hielt, zeigt man einen hohen und senkrechten Fels, der sich aus dem Bette des in der Tiefe vorbeirauschenden Stromes aufgipfelt. Dieser trägt die Reste eines runden Gemäuers, und es geht die Sage, daß sich von hier die hohe Herrin gar oft hinabgelassen und in der Moldau gebadet habe, auch wohl Zwiesprach gehalten mit dem Stromgeiste. Andere sagen, es habe über dem Felsen ein Turm gestanden, in welchen die Zauberin Jünglinge gelockt habe, die, von ihrer Schönheit betört, ihr blindlings folgten, dann aber nach gebüßter Lust habe sie aus ihrer Umarmung die betörten Opfer in die Umarmung des kalten Wellentodes gestoßen, auf daß ihrer keiner sein Glück verrate.

Wieder andere aber erzählen, daß nicht auf der Höhe des Wischerad das Bad der Libussa zu suchen sei, sondern nennen die südlich von der alten Herrscherburg gelegene reichhaltige Wasserquelle Gezerka das Bad Libussens, und vielleicht mit größerem Rechte. Die einzige Quelle in der Umgegend des Wischerad, sprudelte sie in einem alten Haine kristallklare Flut zutage. An ihr sollen die alten Herzoge Böhmens gewählt worden sein; Felsen umtürmten sie, und das Schweigen der Einsamkeit weht über ihrem Spiegel.

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676. Libussas Bette

676. Libussas Bette

Unter dem Felsen der alten Königsburg Wischerad, tief auf dem untersten Grunde der dort vorüberrauschenden Moldau ist das goldne Bette der Zauberkönigin Libussa, die zur Stromfeie geworden und sich selbst gebannt hat an ihr geliebtes Haus. Mancher schöne Jüngling ist dort in den Fluten verschwunden, hinabgelockt durch ein überholdseliges Frauenantlitz, das sich ihm lächelnd im Bade zeigte, und das Volk spricht, sooft der Strom solch Opfer fordert: Libussa hat ihn behalten; in Jahr und Tag erkürt sie einen andern. Es ist wohl zuzeiten geschehen, daß kühne Schwimmer und Taucher sich frevelhaft vermaßen, selbstwillig hinabzusteigen, Libussas goldnes Bett zu suchen, oder daß sie der Sage Hohn sprachen. Die sah man wohl niedertauchen, aber nimmer wieder zutage kommen. Einst aber, so hat sich eine dunkle Prophezeiung Libussens von Mund zu Munde erhalten, einst wird das goldne Bette auftauchen aus der Stromtiefe und herrlich leuchtend über den Wassern schwimmen wie eine Barke; das wird dann geschehen, wann über Böhmen ein Herrscher aus dem Stamme der Libussiden herrscht. Diesem wird sich das goldne Bette darbieten, und seine Gemahlin wird darin ihren ersten Sohn zur Welt bringen.

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677. Die Teufelssäule auf dem Wischerad

677. Die Teufelssäule auf dem Wischerad

Vor der Kirche St. Peter und Paul auf dem Wischerad liegt ein starkes Säulenfragment, welches als ein Wahrzeichen den Fremden gezeigt wird. Davon geht folgende Sage.

Ein Priester am Wischerad machte ein Bündnis mit dem Teufel und verschrieb ihm seine Seele, doch unter der Bedingung, daß der Böse während eines Meßopfers eine Säule aus der Kirche des Vatikans zu Rom hole und auf den Wischerad bringe.

Satanas ging den Pakt ein, glaubte ein leichtes Spiel zu haben, fuhr jählings gen Rom, holte die Säule und fuhr geraden Weges wieder zurück. Als er aber über den Venetianischen Meerbusen flog, fühlte er von unsichtbarer Hand auf seinem Rücken so grausamharte Geißelstreiche, daß er sich vor Schmerz krümmte und die Säule fallen ließ. Schnell tauchte er unter und fischte die Säule aus der Flut, aber wieder fühlte er Streiche, wieder ließ er die Säule fallen und so auch noch zum dritten Male. Als er nun eintraf, sprach der Priester soeben das Ite! Missa est. Da warf der Teufel voller Zorn die Säule auf das Kirchendach, daß sie in drei Stücken zersprang und das Dach durchschlug. Lange hat man auch noch die beiden andern Stücke in den Kapellen St. Francisci und St. Pauli Bekehrung zur linken Seite des Eingangs der St. Peter- und Paulskirche auf Wischerad gezeigt. Der Teufel soll gesagt haben, daß er wohl zeitig genug mit seiner Säule angelangt wäre, wenn ihn nicht der heilige Petrus, als Patron der Wischerader Hauptkirche, gezwungen, jene dreimal in die nasse Pfütze, den Venetianischen Meerbusen, fallen zu lassen.

Viele haben ausgesagt, daß die römische Kirchensäule nicht aus der Peterskirche, wo keine fehle, sondern aus der Kirche St. Mariä jenseit der Tiber stamme. Ein frommer Ratsherr aus Prag hat hoch beteuert, daß er in Rom gewesen und mit eigenen Augen gesehen, daß in der Marienkirche trans680. Adamiten in Böhmen Tiberim eine Säule mangele, an deren Stelle ein Kruzifix stehe, und daß die übrigen Säulen der zersprungenen auf dem Wischerad ganz gleich seien.

Einst lebte in Rom ein Schweizer, der war von Kindheit an von vielen Teufeln besessen, die unterschiedliche Namen hatten. Ein Exorzist beschwur einen derselben namens Zardan und setzte dem Besessenen das runde Kästchen mit Reliquien des heiligen Ignatius auf den Kopf; da schrie der Teufel Zardan: Heiß! Heiß! Es brennt! O weh! weh!

Lieber wollt‘ ich einen Mühlstein tragen oder eine Säule nach St. Peter! Ja, einst mußte ich eine Säule gen Prag tragen, die fiel mir dreimal in die große Lache!

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678. Die Säule der Drahomira

678. Die Säule der Drahomira

An dem Orte, wo sonst die Kirche St. Matthäi auf dem Hradschin zu Prag gestanden hat und jetzt das Haus zur güldnen Kugel steht, wird eine alte Denksäule gezeigt, an welche sich eine Sage aus dem grauen Altertume knüpft.

Der zwölfte Herzog Böhmens hatte ein Weib namens Drahomira, welche noch dem Heidentume anhing, während ihr Sohn sich bereits zum Christenglauben bekannte. Als nun Wratislaw, der Herzog, starb und seine Söhne, Wenzeslaw und Boleslaw, noch unmündig waren, eignete sich Drahomira das Regiment zu und ließ die Christen von ihrem heidnischen Anhange grausam verfolgen, wovon viel zu erzählen wäre. Als aber ihr Sohn Wenzeslaw heranwuchs, schirmte er kräftig das Christentum. Darüber erzürnte sie sich eines Tages so heftig, daß sie einen Eid schwur, von dannen und nach ihres Vaters Grabe nach Saaz zu fahren und dort den alten Göttern zu opfern. Wie nun der Wagen an der Kirche zu St. Matthäi vorbeifuhr, hörte der Kutscher drinnen im Gotteshause das Meßglöcklein, sprang, weil er ein Christ war, vom Wagen, warf die Peitsche von sich und fiel auf die Kniee. Darüber begann das böse Heidenweib über alle Maßen wütend zu lästern und zu toben, Gott und Christum zu verfluchen und alle Heiligen – und siehe, da tat sich unter Blitzen und Donnerkrachen der Erdboden auf und schlang Drahomira samt Rossen und Wagen in einen unermeßlich tiefen Abgrund hinunter. Aus dem Abgrunde aber schlugen Rauch und Feuerflammen, und ein entsetzlicher Gestank verpestete die Luft; dann schloß sich die Kluft, und nur des Kutschers Peitsche blieb außen, der nun Gott inbrünstig dankte. Als die Priester und die Schar der Andächtigen aus der Kirche traten, hörten sie in der Tiefe der Erde noch ein zeterndes Heulen. Lange Zeit ist hernach dieser Ort mit einem Zaune umgeben gewesen, wobei sich das Sonderbare zutrug, daß, wer über den Zaun schritt, an demselben Menschen wurde des Tages ein Zeichen des Fluchs gespürt, oder er fiel in eine weltliche Schande, so daß man später die Stelle mit einer Mauer umgab. Auch stellte man zum ewigen Gedächtnis eine Säule dorthin, nahe dem Wirtshaus zum Weidenhof, und schrieb an diese die Kunde von dem Strafgericht des erzürnten Himmels. – Aus diesem Schlosse Hradschin wurden im Jahre 1618 die Abgeordneten des Kaisers zum Fenster herausgeworfen, was den Anstoß gab zu dem blutigen Dreißigjährigen Kriege.

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67. Der Franken Furt

67. Der Franken Furt

Die Sage geht, daß die freie deutsche Stadt Frankfurt ihren Ursprung in solcher Weise erhalten habe. Unter Kaiser Karl dem Großen kriegten die Sachsen gegen die Franken und ihren mächtigen König, und waren erstere siegreich und trieben die Feinde bis hinab zum Ende des Mainstroms. Wie nun die Franken flüchtig an diesen Strom und an die Stelle kamen, wo jetzt Frankfurt liegt, und des Stromes Breite und Tiefe sie erschreckte, da sie weder Brücke noch Schiffe hatten, über den Main zu gelangen, siehe, da zeigte ihnen eine Hirschkuh gleichsam nach dem Ratschluß göttlicher Barmherzigkeit den Weg, indem sie ohne Gefahr durch den Strom schritt und also eine Furt anzeigte, wo die flüchtigen Franken nun ohne Gefahr über den Strom setzen konnten und setzten. Da nun später die nachfolgenden Feinde kamen und jene Furt nicht kannten und fanden, so mußten sie die Franken ferner unverfolgt lassen, und Karl der Große soll gesprochen haben: Besser, daß die Völker sagen, ich sei mit meinen Franken vor den Sachsen dieses Mal geflohen, als daß sie sagen, ich sei hier gefallen, denn weil ich lebe, kann und will ich meine Ehre retten. Dort nun siedelten Franken sich an, denn es war ein lieblich und fruchtreich gelegener Gau, und nannten den Ort die Furt der Franken, Frankfurt. Manche sagen, gleich damals haben die Sachsen den Ort Sachsenhausen, Frankfurt gegenüber dicht am Mainstrom, begründet, andere aber behaupten, dessen Gründung sei erst dann geschehen, als Karl der Große überwundene Sachsen aus ihrem Heimatlande hinweg und zur Ansiedelung im Frankenlande genötigt habe, von welcher bis auf den heutigen Tag noch viele Ortsnamen zeugen. Später erbaute Kaiser Karl selbst eine kleine Pfalz zur Frankenfurt und hielt sich Jagens halber gern dort auf, feierte Ostern da und hielt Reichskonvente. Auch Karls des Großen Sohn, König Ludwig, wohnte da, recht in seines weiten Reiches Mitte, und sein Sohn Karl, hernachmals Karl der Kahle genannt, ward allda geboren. Noch immer wird die seichte Stelle im Main gezeigt, wo der Franken Furt war und Frankfurts erster Anbau und Name sich begründete, und Kaiser Karls Pfalz stand da, wo jetzt die St. Leonhardskirche steht, und die neue Pfalz, welche Ludwig der Fromme erbaute und der Saal hieß, lag neben dem Fahrtor, davon hat noch bis heute die Saalgasse ihren Namen. Im Saalhof starben Ludwig der Deutsche, des frommen Ludwig jüngster Sohn, wie auch Hemma, dessen Gemahlin. Dieser König war es, der Frankfurt zu des ostfränkischen Reiches weltlicher Hauptstadt erhob, während Mainz die geistliche war.

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679. Die Prager Brücke und ihre Wahrzeichen

679. Die Prager Brücke und ihre Wahrzeichen

Seit undenklichen Zeiten ist die Prager Brücke weit und breit berühmt. Sie ist siebzehnhundertundsiebenzig Fuß lang, fünfunddreißig Fuß breit und hat achtzehn Schwibbogen. Als ihr Bau begann unter Kaiser Karl IV., war so wohlfeile Zeit, daß man für einen Silberpfennig ein Dutzend Eier kaufte; darum nahmen die Baumeister Eier und Wein unter den Kalk, dadurch der Mörtel so fest wurde, daß eher die Steine zu zerbrechen als voneinander zu trennen sind.

Diese Brücke zu bauen kostete einen Heller mehr als die Kirche Slovan oder St. Emmaus.

Das bekannteste Wahrzeichen der Brücke sind fünf kleine Enten an jeder Seite des breiten Brückenturmes an der Altstadt, der auch sonst mit mancherlei Bildwerk geziert ist. Von diesen Enten hat das Volk ein Scherzwort: Wer nicht ehrlich geboren ist, kann nicht alle fünfe sehen.

Ein zweites Wahrzeichen wird erblickt am Brückenturme der Kleinseite nach der Altstadt zu. Da sieht man hoch oben an der Turmzinne eine Lücke im Gemäuer. Einst, es war am 17. des Christmondes 1252, ritt ein Edler namens Berthold von Bertholdy über die Prager Brücke. Da stritten oben am Turme zwei Raben miteinander und schrieen und schlugen heftig mit den Flügeln; dabei rührten sie an einen Stein, der wohl schon lange los und locker im Gefüge der Mauer hängen mochte, und so fiel der Stein herab und dem Ritter gerade auf den Kopf, so daß er alsbald vom Pferde sank und auf der Stelle den Geist aufgab. Viele ehrenhafte Männer und selbst der König trugen Leid um den Rittersmann.

Ein drittes Brückenzeichen ist der Bradcy oder Großbart. An dem Schwibbogen, welcher unter dem Spital der Kreuzkirche zu Unserer Lieben Frauen in der Altstadt steht, erblickt man einen verwunderlichen alten Manneskopf eingemauert mit mächtig großem Barte, den die Böhmen den Bradicz nennen. Dieser Kopf ist den Anwohnern ein warnendes Zeichen gegen Wassergefahr; denn wenn die Moldau anschwillt und die Flut im Mühlarme der Moldau bis zu des alten Steinbildes Barte ansteigt, dann räumen jene aus, denn es ist dann vor dem wachsenden Wasser Gefahr im Verzuge.

Endlich geht von alters her noch ein Sprüchwort von der Prager Brücke: Man kann nicht über die Prager Brücke gehen, ohne daß einem begegne ein Mönch, eine feile Dirne und ein weißes Pferd.

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680. Adamiten in Böhmen

680. Adamiten in Böhmen

Im Jahre 1421 erhob sich auch im Lande Böhmen jene Sekte von ganz abscheulicher Art; neuer Zeit würde man deren Bekenntnis Emanzipation des Fleisches genannt haben. Die Bekenner verwarfen das Kleidertragen, weil Gott ja den Vater Adam und die Mutter Eva im Paradiese auch nackend erschaffen; sie gingen demnach nackend und lebten paradiesisch, wenn auch gerade nicht im Stande der Unschuld. Männlein und Weiblein machten sich keine Schürzen, dieweil sie sich nicht schämten. Diese schamlosen und schändlichen Possenreißer fanden viel Anklang und Zulauf, denn die Frechheit und der Unsinn sind ansteckend. Einer dieser Adamiten nannte sich Adam, ein anderer sagte, was neuere Weltweise gleichen Glaubens auch gesagt haben: Es gibt keinen Gott, der Mensch ist Gott – denn es ist alles schon dagewesen. Auch die Adamiten waren schon lange vor denen dagewesen, die sich in Böhmen auftaten. Die menschliche Narrheit, Bosheit und Wollust kommen immer aufs neue wieder und kleiden sich in das Gewand ihrer Zeit. Die Hussiten machten den Adamiten in Böhmen ein schnelles Ende.

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681. Hundetaufe

681. Hundetaufe

Zu Beraun im Rakonitzer Kreise war die Bevölkerung gemischt, halb Deutsche, halb Böhmen, daher auch deutscher und böhmischer Gottesdienst dort von verschiedenen Priestern gehalten ward, und da fehlte es nicht an stammfeindlicher Reibung, die zu unterhalten bis auf den heutigen Tag eine Slawenpartei sich bemüht. Großes Unrecht begingen aber die Deutschen zu einer Zeit in Beraun gegen die Böhmen; sie wickelten einen Hund in Tücher und Kleider, gingen in die Kirche und sandten zum böhmischen Priester, er möge doch eilend kommen, der deutsche Priester sei nicht daheim, und das Kindlein sei sehr schwach. Der Priester kleidete sich willig an, sein heiliges Amt zu versehen, und sah nun, als er in die Kirche kam, mit großem Schrecken und Abscheu einen Hund in den Windeln und im Taufzeug. Über diesen Schrecken des Priesters schlugen die Deutschen ein unmenschliches Gelächter auf, warfen den Hund in den böhmischen Taufstein und eilten von dannen. Dieser gottlose Frevel einiger ruchlosen Gesellen trug eine entsetzliche Frucht, der erzürnte Priester stürmte seine leidenschaftlichen Stammgenossen zusammen, diese wappneten sich und erschlugen und vertrieben alle Deutschen aus Beraun.

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668. Der Teufelsrachen

668. Der Teufelsrachen

Unter Königingrätz lag dicht an der Elbe Opatowitz, der Klöster reichstes. Dieses Benediktinerstift besaß einen unermeßlichen Schatz, aber niemand außer dem Abt und den zwei ältesten Mönchen wußte dieses Schatzes Ort, wo er verborgen war. Da Kaiser Karl IV. ein Verlangen trug, den Schatz zu sehen, so ward ihm dieses zwar gestattet, doch nur ihm allein und unter dem Beding, daß er mit verbundenen Augen in die Schatzkammer sich führen lasse. Dies geschah, und der Kaiser sah erstaunt all den Reichtum und die Pracht, tat ihm freilich wehe, daß der Schatz, ein Wert von vier Millionen Goldgülden, nicht sein sei und so tot daliege, hätt‘ ihn wohl brauchen mögen zum Bau seines Karlstein, des herrlichen Schlosses, und ging unerfreut wieder von hinnen. Da kam die schreckliche Zeit der Hussitenkriege, und der Hussitenfeldherr Ziska trug auch großes Verlangen, mit seinem einen Auge zu sehen, was Karl IV. mit zweien gesehen hatte, und wollte des Schatzes ein fröhlicher Finder und Erheber sein. Allein die Mönche wußten von keinem Schatz; da ließ der schreckliche Held den Abt und die Mönche grausam martern, den Ort anzuzeigen, ließ auch die Abtei durchsuchen von unten bis oben, alle Gänge, Keller, Kerker – jene bekannten nichts, und die Krieger fanden nichts. Und der Abt hatte zu Ziska gesagt: Eher in des Teufels Rachen den Schatz als in deinem! – und war in seiner Marter gestorben. Nahe beim Kloster aber war des Teufels Rachen gelegen, eine wilde unheimliche Stromtiefe, oft brausend und überschwellend und um sich greifend und drohend, über die Czezerkaseen zu brausen, die dort in der Niederung liegen, das Land zu verschlingen und ein Meer zu bilden. Und siehe, in einer Sturmnacht nahm sich der Teufelsrachen das Kloster samt dem Schatz, es versank und verschwand, und die Wellen wogten darüber hin. Bei kleinem Wasserstand, wenn die Elbe ruhig fließt, sehen die Fischer noch etwas von den Klostermauern. Noch verewigt den Namen des Klosters der Opatowitz-Kanal, der gegraben wurde, um dem Strome mehr Abfluß zu verschaffen, denn den Teufelsrachen zu stopfen, ward auch hier unmöglich befunden.

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