658. Der Wunderbrunnen zu Lomnitz

658. Der Wunderbrunnen zu Lomnitz

Nicht gar weit von Glatz am Habelschwerdter Gebirge und nur zwei Meilen von den Quellen der kleinen Elbe war ein Wunderbrunnen, Glomuzi geheißen, zu dem war schon in den Heidenzeiten viel Zuströmens und Wallfahrens, weil selbiger Brunnen allerlei Wunderzeichen tat. Wenn das Land guten Frieden haben sollte und die Früchte wohl geraten sollten, da schwamm es auf dem Wasserpfuhl voll Weizen, Hafer und Eicheln und erfreute den Leuten, die dorthin gewallt waren, Augen und Herzen. Sollte es aber Krieg und Sterben geben, so schwammen auf demselben Brunnen Blut und Asche, des Krieges und Sterbens schreckliche Zeichen. Da baute sich um den Wunderbrunnen allmählich ein Ort an, und der soll Altlomnitz sein und den Namen von dem Brunnen Glomuzi nach der bekannten Wortwurzelgrabekunst haben: Glomuzi, Lomuzi, Lomitschi, Lomnitz. Weit eher könnte die Stadt Chlumecz im Budiner Kreis, zwei Meilen von Elbe-Teinitz, den Namen von solchem Brunnen haben, aber alte Kunden sagen ausdrücklich, daß des Glomuzi wasserreiche Wunderquelle nahe bei Glatz entsprungen.

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65. Heinrich Frauenlobs Begängnis

65. Heinrich Frauenlobs Begängnis

Es war in deutschen Lande ein Minnesänger, der sang viel süße Weisen zum Lobe der Frauen, vor allen zum Preise von aller Frauen Krone, deshalb gewann er auch den Namen Frauenlob, denn sein rechter Name war Meister Heinrich von Meißen. Viele Reisen machte der Sänger von einem deutschen Hofe zum andern, er sang irdische und sang Gottesminne. Zu Rostock war Markgraf Waldemar von Brandenburg gesessen, der hatte einen Rosengarten, und ließ ein Festsingen halten, da war Meister Heinrich der erste Singer. Einstmals lauerten Feinde ihm auf und umringten ihn mit Dräuen, sie wollten ihn töten. Da bat er, sie sollten ihm noch einen Sang zum letzten vergönnen, und als sie das taten, sang er so rührend zum Preise der himmlischen Frauen, daß jede gehobene Waffe sich senkte und die Feinde ihn ungehemmt und ungeschädigt von dannen ziehen ließen. Auf seinen Sangesfahrten kam Meister Heinrich auch nach Mainz und verstarb allda und wurde begraben im Umgang des Domes, neben der Schule, mit großen Ehren. Von seiner Herberge bis zur Grabstätte trugen ihn Frauen und erhoben um ihn großes Weinen und Wehklagen, des großen Lobes willen, welches der Sänger dem ganzen weiblichen Geschlecht zeit seines Lebens erteilt hatte. Und mit den Tränen, die sie vergossen, zugleich gossen sie eine Fülle edlen Weins auf Meister Heinrichs Grab, daß der Wein durch den ganzen Umgang der Kirche umherfloß. Und wäre manchem Dichter, der auch die Frauen minnt und preist, lieber, sie gäben ihm solchen Wein beim Leben. Mehr als ein Denkmal ist Heinrich Frauenlob errichtet worden im Dom zu Mainz, und seine Sänge sind noch unvergessen.

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659. Die Schwestern von Troßky

659. Die Schwestern von Troßky

Auf Chlumecz saßen Herren des Geschlechtes Berka von Dux und Leipa, und einer unter ihnen schrieb sich Otto Berka von Troßky auf Chlumecz. Troßky war eine Felsenburg, deren Riesenzacken miteinander durch Gemäuer verbunden waren und noch sind. Eine dieser Zacken, die höhere, heißt Baba (Mutter) und die andere Panna (Jungfrau). Vorzeiten wohnten auf diesen Zacken zwei Schwestern, die liebten einander so zärtlich wie Hund und Katze, zumal auch die Religion sie getrennt hielt; sie sahen jeden Morgen zum Fenster heraus, riefen einander Schimpfworte zu, deutsch und böhmisch, wie es kam, streckten einander die Zungen heraus, ballten gegeneinander die Fäuste, und jede erbaute im Dorfe Troßkowitz eine Kirche, um ja nicht mit der Schwester in Gemeinschaft zu kommen. Diese Kirchen oder Kapellen sind genau so weit voneinander entfernt als droben auf dem Berge die Zacken mit den Turmtrümmern. Die Schwestern hatten auch noch nach ihrem Tode keine Ruhe, und man hört noch immer in stillen Nächten droben aus den öden Fensterhöhlen ihr Gezänk herüber-, hinüber- und heruntergellen.

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660. Des Kindes Weissagung

660. Des Kindes Weissagung

Wie die Sibylle auf der berühmten Linde bei Eisersdorf vom Türken weissagte, so begab sich’s im Jahr 1254 mit einem halbjährigen Kinde zu Krakau im Lande Polen. Das begann zu reden und zu weissagen von der Tataren (Mongolen) Ankunft, daß jedermann erschrak und sich verwunderte. Und leider ist diese Weissagung des Kindes auf eine schreckliche Weise eingetroffen, und die Tataren sind in das Land gebrochen und haben es verheert mit Schwert und Feuer und sind bis an das Riesengebirge und nach Schlesien und Böhmen gedrungen. Zu Breslau, das sie auch einäscherten, fiel Feuer vom Himel auf das Gebet des heiligen Czeslaw in das Lager der Mongolen, und darum zogen sie sich zurück. Bei Wahlstatt ward die blutige Tatarenschlacht geschlagen, in welcher dreißigtausend Christen blieben und neun Säcke voll Christenohren, von jedem Gefallenen nur eins, abgeschnitten wurden. Unzählige Gefangene wurden hinweggeschleppt, darunter allein einundzwanzigtausend Jungfrauen. Das Kind hatte auch geweissagt, ihm selbst werde das Haupt von den grimmen Tataren abgeschlagen werden, und es geschahe also.

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661. Rückkehrender Selbstmörder

661. Rückkehrender Selbstmörder

In einer bekannten Stadt Schlesiens schnitt sich ein Schuhmacher die Gurgel ab, darob erschrocken und die Schande zu umgehen, verhehlten des Toten Witwe und ihre Schwestern diesen Selbstmord, suchten dessen Spur zu tilgen und umwanden den Leichnam so mit Tüchern, daß nichts von der Todesart des sonst ganz braven und unbescholtenen Mannes verlautete. Es ward ihm ein feierliches ehrliches Begräbnis gehalten, und er ward von vielen aufrichtig betrauert. Nach sechs Wochen aber erging ein Gerücht in der Stadt, der Schuhmacher sei nicht nur eines natürlichen Todes nicht gestorben, sondern lasse sich auch sehen. Und dieses tat derselbe auch wirklich; er ging spukend um am hellen Tage und in der Nacht und warf sich auf die Schlummernden – er war ein Vampyr geworden und erregte so viel Angst und Schrecken, daß niemand mehr allein schlafen mochte, die Leute taten sich zu gemeinschaftlichen Schlafpartien zusammen, allein auch dieses half nicht immer. Diese Plage des Gespenstes währte schon in den siebenten Monat; am 20. September 1591 war der Schuster Todes verblichen, und am 18. April 1592 ließ der Senat in der Nacht um ein Uhr das Grab öffnen. Da lag die Leiche des Schusters noch frisch mit der frischblutigen Halswunde. Dieselbe wurde sechs Tage lang ausgestellt, und über die Witwe und ihre Schwestern ward schwere Untersuchung verhängt. Hierauf ordnete der Stadtrat an, daß die Leiche zum andernmal, aber auf dem Schandplatz begraben werde, welches auch geschah, aber nichts half, denn der Vampyr kehrte immer wieder. Da ist er hernach nochmals ausgegraben worden, der Kopf ihm abgehackt, desgleichen die Gliedmaßen, und dann wurde er mit Rumpf und Stumpf verbrannt und die Asche in den Fluß gestreut. Dieses muß den Geist mißfallen haben, denn von da an war und blieb er hinweg.

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662. Der rote Leu

662. Der rote Leu

Zwischen Glatz und Schweidnitz streckt sich das erzreiche Eulengebirge majestätisch hin. In einem Bergwerke auf der böhmischen Seite arbeitete ein Bergmann, der hieß der rote Leu; er hatte für sich selbst gemutet und arbeitete auf eigene Rechnung, allein anfangs mit gar keinem Glück, denn er setzte Hab und Gut bei seiner Fundgräberei zu und zuletzt auch alles Eingebrachte seiner Frau, so daß sie endlich sogar ihren Schleier verkaufen mußte. Eines Tages, als dieselbe ihrem Manne Essen in die Grube brachte, stieß sie sich an einem großen Knauer (hervorragendem Felsstück) hart an die Ferse, daß diese blutete. Da nahm der Mann sein Gezeug, den Knauer wegzustufen, und wie er begann, hei! da blinkte es hell und klar, da war es gediegenes Gold. Da dankte bald darauf die Frau ihrer blutigen Ferse den schönsten Schleier und bekam alles Verlorene tausend- und abertausendfach wieder, so daß sie sich zu sagen vermaß, jetzt sei es dem lieben Herrgott selbst unmöglich, sie wieder arm zu machen. Und der rote Leu, der wurde ein Mann von mächtigem Ansehen, weit bekannt und genannt. Er durfte den König Wenzel von Böhmen zu Gaste laden, und dieser gute Herr war so gnädig, eine ganze Tonne Goldes vom roten Leu zum Geschenk anzunehmen; Wenzels Vater aber, dem Kaiser Karl IV., rüstete derselbe hundert Reisige vollständig aus mit Pferden und Harnischen. Sich selbst und sein Weib kleidete der rote Leu fortan in Glanz und Pracht, sein Haus wurde der Sitz allen Wohllebens, alles glänzte darinnen von Silber, Gold und Seide. Dazumal begann die Kunst der Alchimie aufs neue eifrig betrieben zu werden, und die Goldmacher nannten den geheimnisvollen Goldkönig, den sie hervorzubringen sich bemüheten, dem reichen glücklichen Goldfinder zu Ehren den roten Leu. Aber Stolz und Hoffart und des Weibes unsinnige Vermessenheit und Gotteslästerung machten der roten Herrlichkeit bald ein Ende, denn der Golderzgang hörte plötzlich auf, gespart war nichts worden, und da flog zuletzt auch des Weibes Schleier wieder fort, und der rote Leu wurde bettelarm und ist samt seinem Weibe auf dem Misthaufen gestorben. Ersteres, das Bettelarmwerden, widerfuhr über dem fruchtlosen Hoffen auf das Erscheinen des roten Leu auch gar vielen Alchimisten.

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663. Die drei Bergleute im Kuttenberg

663. Die drei Bergleute im Kuttenberg

Im Lande Böhmen liegt gar ein berühmtes Bergwerk, das ist im Kuttenberge; da hat sich’s vorlängst zugetragen, daß drei Bergleute miteinander jahraus jahrein in einer Grube arbeiteten und ihr Brot verdienten. Sie nahmen täglich, wenn sie anfuhren, ihr Gebetbuch, ihr Grubenlicht, auf einen Tag mit Öl versehen, und ihr Brot, auch nur auf einen Tag, mit in die Grube, beteten und fuhren dann vor Ort. Da geschah es, daß sich eines Tages ihre Grube verschüttete, und da befahlen sie sich Gott und gedachten zu sterben, denn ihr Öl und Brot reichte nur auf einen Tag, aber ihr Gebet, das sie gemeinsam verrichteten, das reichte viel weiter, und es nahm ihr Öl nicht ab und nicht ihr Brot, und sie beteten und arbeiteten im Berge immer fort und merkten nicht, daß die Jahre dahingingen, und als eine Jahreswoche vorüber war, dünkte es sie noch keine gewöhnliche Woche zu sein; nur daran, daß Bart und Haare ihnen mächtig wuchsen, merkten sie die Flucht der Zeit. Ihre Weiber daheim wußten, daß sie alle drei verschüttet und vergraben waren, und dachten endlich daran, andere Männer zu nehmen, wenn einer sie haben wolle. Zu einer Zeit begannen die drei Bergleute sich doch recht herzlich aus ihrer Gruft herauszusehnen nach dem Lichte, gleich der Pflanze im Keller, die sehnsuchtbleiche Ranken empor zum Lichte schickt und gern ergrünen möchte, und da seufzte einer von den Dreien aus tiefem Herzensgrunde: O nur noch einmal, einmal nur am Tageslicht mich freuen und sonnen, und dann in Gottes Namen sterben! Da seufzte der zweite: O nur einmal noch mit meiner lieben Frau zu Tische sitzen, nur einen Tag mich wieder droben freuen, und dann sterben in Gottes Namen! Und der dritte seufzte: Ach nur ein Jahr im guten Frieden droben an der Seite meiner Frau, und nimmermehr herunter, dann wollt ich gerne sagen: Welt, ade! – Da tat der Berg, als sie so gewünscht hatten, einen Donnerkracher, als wollt‘ er mitten voneinander bersten, und da fiel durch eine Ritze der Schein des blauen Himmels in die tiefe Grube. Da klommen die Drei hinan, und der erste kroch hinaus ans Tageslicht und sog es wonneatmend ein und freute sich und sonnte sich am warmen Strahl und rief: O du Licht, du Licht von Gott! – und sank um und war tot. Indem so krochen die zwei andern auch heraus und wanderten in ihr Dorf, da sie wohnten, und suchten ihre Weiber, die kannten sie nicht, denn jeder sah aus wie ein Waldschrat, und wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Die Männer aber heischten Bartmesser und Seife und traten bald darauf vor ihre Weiber, nachdem sie sich geschoren und gezwagt, und war jetzt jeder ein Mann, der sich gewaschen hatte und auch gekämmt, da freuten sich die Weiber, daß sie ihre Männer wieder hatten, und die des ersten bereitete gleich ein Mahl, so gut sie es vermochte, und da aßen und tranken die beiden und freuten sich, und der Mann sprach zuletzt den Abendsegen und dankte Gott für Speis und Trank und sank um und war tot. Dem dritten aber ward vergönnt, ein ganzes Jahr hindurch sich noch des Erdentages zu erfreuen, und fuhr nicht mehr in den Schacht; und genau, als ein Jahr vorüber, nachdem der Bergmann wieder aus dem Kuttenberge hervorgegangen, da umfing er seine Frau und sagte zu ihr: Lebe wohl! Auf Wiedersehen in Gottes Himmel! – O nimm mich lieber gleich mit! sprach sie, und wie sie sich so liebschmerzlich und treu umfangen hielten, umfing sie selbst beide der ewige Schlaf. – Im Kuttenberge gibt es auch Zwergmännlein, die nennen die Böhmen Haus-Schmiedlein; sie graben und hämmern und schmieden und pochen, necken auch zum öftern die Knappen und strafen die Gottlosen und die Flucher.

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664. Der König im Berge

664. Der König im Berge

Im deutschböhmischen Gebirge lag ein altes Schloß, Schildheiß, das sollte im Bau erneuert werden. Im Grunde fanden die Maurer und Werkleute viele Gänge und Kellergewölbe, und in einem derselben saß ein König im Sessel von Elfenbein und schlief, und neben ihm stand regungslos eine Jungfrau, die stützte sein Haupt. Da nun die Werkleute neugierig näher zu der Erscheinung schritten, so verwandelte sich die Jungfrau urplötzlich in eine Schlange und spie ihnen als solche Feuer und Dampf entgegen, so daß sie scheu zurückwichen. Als solches nun dem Herrn des Schlosses angesagt worden war, begab sich dieser selbst in die Gewölbe hinab, da hörte er die Jungfrau bitterlich seufzen. Er öffnete und trat hinein, aber Feuer und Rauch kam ihm entgegengepustet; sein Hund lief jedoch keck voran, und der Burgherr wollte nicht mindern Mut haben wie sein Hund. Als er der Jungfrau ansichtig war, sah er, daß sie seinen Hund auf den Armen hielt, unbeschädigt, aber an der Wand erschien eine Tafel mit brennender Schrift darauf, die war von Flammen umwebert und leuchtete glühend, und stand darauf eine Mahnung, nicht ins Verderben zu gehen. Mutvoll jedoch schritt der junge Ritter noch näher, da umschlangen und verschlangen ihn die Flammen.

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650. Reichenbachs Ursprung

650. Reichenbachs Ursprung

Die Stadt Reichenbach, so zwischen dem Eulengebirge und dem Zobtenberge liegt, leitet ihren Ursprung aus sehr frühen Zeiten ab. Schon im Jahre 300 nach Christi unsers Herrn Geburt kam ein Römerfeldherr des Namens Lucca, der vielleicht auch Lucka in Meißen gründete, gefolgt von Franken und Wenden in diese schlesische Gegend, schlug Lager allda und erbaute in einem Walde, darin ein Bild des alten Slawengottes Swantewit stand, einen Tempel. Auf diesem Gefilde war es auch, bis wohin die räuberisch in Deutschland eingebrochenen Hunnenhorden nach der Merseburger Siegesschlacht im Jahre 925 durch Duno von Askanien und Siegfried von Ringelheim verfolgt und schier gänzlich aufgerieben wurden. Als die Hunnen sahen, daß kein Entrinnen war, versenkten sie ihre Schätze in den Klinkenbach, allein ein Heerführer Kaiser Heinrichs I. des Namens Funkenstein erfuhr dies und fischte den Bach für seinen Herrn aus, welcher ihm gebot, eine Stadt dorthin zu bauen. Vom reichen Fund im Bach wurde diese Stadt Reichenbach genannt.

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651. Die Tanzwütigen zu Reichenbach

651. Die Tanzwütigen zu Reichenbach

Die Volkskrankheit der Tanz- und Springewut, die man im Mittelalter St. Veits- und St. Johannistanz nannte, und die sich oft in entsetzlicher Weise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gegenden offenbarte: die Tänzer zu Kolbeck (Kolbig) im Jahre 1021, der Erfurter Kindertanz nach Arnstadt 1237, Tänzer zu Utrecht 1278, die auf einer Brücke tanzten, welche brach, so daß sie alle ertranken; die Aachener Tanzfahrt 1374, die sich im ganzen Niederland verbreitete, die gleichzeitig Tanzwütenden zu Köln und zu Metz, wo Sinnenwut und Sinnenglut vereint schamlos walteten; die Tanzplage zu Straßburg 1418 und an andern Orten, die Adamstänzer in Böhmen usw. – Diese Volkskrankheit kam noch im sechzehnten Jahrhunderte zur Erscheinung, und zwar zu Reichenbach, zwei Meilen von Schweidnitz. Dort war ein Mann des Namens Vierscherig, der hatte fünf Kinder, davon die ältesten, ein Mägdlein, Barbara mit Namen, dreizehn Jahre alt, ein Knäblein neun und wieder ein Mägdlein sieben Jahre alt waren. Die wurden am Palmsonntag 1551 allzumal von der Tanzwut erfaßt, begannen wunderlich und seltsam zu tanzen und zu springen, wie noch niemand erhört und ersehen und in unbegreiflicher Weise, und tanzten Tag und Tag sieben bis acht Stunden in die Quere und in die Länge hin und her, in alle Winkel, aus der Stube in das Haus und aus dem Haus in die Stube immer springend und drehend, daß sie grausam müde wurden, schnaubten und keuchten, so daß es niemand verwundert hätte, wenn sie auf der Stelle tot niedergefallen wären. Und wenn sie vor Ermattung nicht mehr stehen konnten, drehten und wirrten sie mit den Köpfen an der Erde, als wenn sie auf denselben tanzen wollten; endlich haben sie dann eine Zeitlang geschlafen und gelegen wie für tot. Wenn sie wieder erwachten, heischten sie bisweilen etwas zu essen, dann begannen sie wieder zu hüpfen und zu springen und zu tanzen, Tag und Nacht, wie es sie ankam, redeten wenig und lachten unterweilen alle zugleich. Ein Pfarrer wollte ihnen von der Sucht helfen mit geistlichem Zuspruch und nahm sie neun Tage zu sich in das Haus, es war aber ganz vergebens.

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