664. Der König im Berge

664. Der König im Berge

Im deutschböhmischen Gebirge lag ein altes Schloß, Schildheiß, das sollte im Bau erneuert werden. Im Grunde fanden die Maurer und Werkleute viele Gänge und Kellergewölbe, und in einem derselben saß ein König im Sessel von Elfenbein und schlief, und neben ihm stand regungslos eine Jungfrau, die stützte sein Haupt. Da nun die Werkleute neugierig näher zu der Erscheinung schritten, so verwandelte sich die Jungfrau urplötzlich in eine Schlange und spie ihnen als solche Feuer und Dampf entgegen, so daß sie scheu zurückwichen. Als solches nun dem Herrn des Schlosses angesagt worden war, begab sich dieser selbst in die Gewölbe hinab, da hörte er die Jungfrau bitterlich seufzen. Er öffnete und trat hinein, aber Feuer und Rauch kam ihm entgegengepustet; sein Hund lief jedoch keck voran, und der Burgherr wollte nicht mindern Mut haben wie sein Hund. Als er der Jungfrau ansichtig war, sah er, daß sie seinen Hund auf den Armen hielt, unbeschädigt, aber an der Wand erschien eine Tafel mit brennender Schrift darauf, die war von Flammen umwebert und leuchtete glühend, und stand darauf eine Mahnung, nicht ins Verderben zu gehen. Mutvoll jedoch schritt der junge Ritter noch näher, da umschlangen und verschlangen ihn die Flammen.

*

 

665. Die Seelen der Ertrunkenen

665. Die Seelen der Ertrunkenen

In einem See im Böhmerlande wohnte ein Wassermann, der trug einen grünen Hut und konnte die Lippen nicht schließen, so daß, wer ihn sah, auch seine grünen bleckenden Zähne sah, sonst war er von einem Menschen in nichts unterschieden. Zuweilen hat er sich den Mädchen gezeigt, sitzend am Ufer des Sees und grünes Band messend, das er endlos aus der Flut herauszog und dann ihnen zuwarf, wenn er genug gemessen. Selbiger Wassermann war gut bekannt worden mit einem Bauer, der am See wohnte, kam zum öftern in dessen Haus und lud auch den Bauer ein, ihn in seiner Wohnung unterm See zu besuchen. Dies tat der Bauer und fand es unten über alle Maßen schön und viele Schätze, und endlich kam er in eine kleine Stube, darin standen ganze Reihen neuer Töpfe, aber alle umgestürzt. – Was tut Ihr damit? fragte der Bauer. – Das will ich dir sagen! antwortete der Wassermann. Alle Jahre hole ich mir einen in den See, und seine Seele, die ist dann mein, und ich halte sie unter dem Topf eingesperrt. Jeder Mann muß doch ein Vergnügen auf der Welt haben, auch der Wassermann, und das ist nun das meine. – Dem Bauer verdroß dieses Vergnügen und ärgerte ihn und ging ihm im Kopf herum; er achtete aber genau auf die Art, wie er in den See gekommen war, der Weg ging durch eine Brunnenstube, und als er eines Tages in der Mittagsstunde den Mönch am See sitzen und Band messen sah, was er den Mädchen nur hinwarf, sie daran zu fangen und hinabzuziehen, so schlüpfte der Bauer geschwinde heimlich hinunter in des Wassermanns Behausung, war her und schmiß alle Töpfe um. Hei, war das eine Seelenlust, wie alle die Seelen aus der Sammlung des Wassermannes frei wurden und erlöst aufwärtsschwebten! Der Wassermann aber wurde sehr böse über den ihm gespielten Streich, denn niemand läßt sich gern sein Steckenpferd nehmen, und drohte dem Bauer grimmige Rache. Da aber der Wassermann die Gewohnheit hatte, sein Fleisch in den Fleischbänken der Stadt selbst zu kaufen, wie die Engländer und Amerikaner, und dieses immer mit alten böhmischen Groschen bezahlte, in denen ein Loch war, folglich von den angereihten Groschen der Halsschnuren der Mädchen, die er in den See gelockt, so gickte ihn bei einem jüngsten Besuch der Metzger, als geschehe es unversehens, mit dem spitzen und scharfen Messer in den Daumen, womit er die Löchergroschen zählte, daß das Blut des Wassermanns floß, welches aussah wie Froschlaich. Da wandte der Wassermann sich zornig hinweg, ging und kam nimmermehr wieder. So entging jener Bauer seiner Rache.

*

 

666. Das Weinfaß im Helfenstein

666. Das Weinfaß im Helfenstein

Am Fuße des Riesengebirges auf der böhmischen Seite liegt das Städtlein Trautenau, und eine Strecke ins Gebirge hinein, eine Meile davon, liegt ein hoher Felsberg, darauf hat ein Schloß gestanden, das hat der Helfenstein geheißen, aber es ist verschwunden und versunken mit Mann und Maus, wie das Schloß auf dem Singerberge in Thüringen und viele andere Schlösser und Burgen, aber die Sage blieb am Leben und versank nicht mit, daß die Menschen im Helfenstein nicht allein vielen Durst, sondern auch vielen Wein gehabt, der auch mit versunken sei, als welches gar schade. Da war nun im Orte Marschendorf am Aupabach, der dicht oben an der Schneekoppe entspringt, im Jahr 1614 eine junge Magd, die hütete Vieh in diesem wilden Gebirgstale und kam dem Helfenstein nahe und sagte zu den drei Kindern, die bei ihr waren: Kommt, laßt uns vollends zum Helfenstein hinaufgehen, vielleicht ist er offen, und wir bekommen das große Weinfaß zu sehen. Das taten sie, und richtig war der Fels offen, und sie traten hinein und kamen durch ein Vorgemach und einen Gang in eine weite Halle, darin lag das zehneimerige Stückfaß, das hatte nur noch wenig Dauben und Reife, aber eine fingersdicke Haut von Weinstein umgab das Faß, daß nichts herauslief. Wenn diese Haut angefaßt wurde, gab sie nach und schlotterte wie ein Windei. Siehe, da trat aus einem andern Gemache, darin Musik und fröhliche Gesellschaft war, ein altmodisch geputzter Herr mit einem roten Federbusch auf dem Hut und einer großen zinnernen Kanne in der Hand, Wein zu zapfen. Dieser Herr sagte, sie sollten nur hineingehen, es gehe drinnen lustig her, aber die Magd und die Kinder zagten. Er bot ihnen Wein aus der Kanne, aber sie weigerten sich. Da sprach er: Harret hier mein, ich will gehen und kleine Becherlein holen. – Kaum war er hinein, so sprach die Magd: Lauft, Kinder, lauft geschwind hinaus, die Leute hier im Berge sollen all verfallen und verwunschen sein. – Und da eilten sie hinaus, und hinter ihnen schlugen mit Knall und Fall die Türen zu, und es polterte furchtbar. – Als sie nach etwa einer Stunde sich von dem Schrecken erholt hatten, war die Magd doch wieder keck, wollte sehen, was es denn gewesen sei, das so gekracht habe, ob etwa der Felsen eingefallen sei, und redete den andern zu, nochmals mit ihr hinaufzusteigen. Sie fanden aber die Öffnung nimmer wieder, der Fels war zu und blieb zu von allen Seiten.

*

 

658. Der Wunderbrunnen zu Lomnitz

658. Der Wunderbrunnen zu Lomnitz

Nicht gar weit von Glatz am Habelschwerdter Gebirge und nur zwei Meilen von den Quellen der kleinen Elbe war ein Wunderbrunnen, Glomuzi geheißen, zu dem war schon in den Heidenzeiten viel Zuströmens und Wallfahrens, weil selbiger Brunnen allerlei Wunderzeichen tat. Wenn das Land guten Frieden haben sollte und die Früchte wohl geraten sollten, da schwamm es auf dem Wasserpfuhl voll Weizen, Hafer und Eicheln und erfreute den Leuten, die dorthin gewallt waren, Augen und Herzen. Sollte es aber Krieg und Sterben geben, so schwammen auf demselben Brunnen Blut und Asche, des Krieges und Sterbens schreckliche Zeichen. Da baute sich um den Wunderbrunnen allmählich ein Ort an, und der soll Altlomnitz sein und den Namen von dem Brunnen Glomuzi nach der bekannten Wortwurzelgrabekunst haben: Glomuzi, Lomuzi, Lomitschi, Lomnitz. Weit eher könnte die Stadt Chlumecz im Budiner Kreis, zwei Meilen von Elbe-Teinitz, den Namen von solchem Brunnen haben, aber alte Kunden sagen ausdrücklich, daß des Glomuzi wasserreiche Wunderquelle nahe bei Glatz entsprungen.

*

 

65. Heinrich Frauenlobs Begängnis

65. Heinrich Frauenlobs Begängnis

Es war in deutschen Lande ein Minnesänger, der sang viel süße Weisen zum Lobe der Frauen, vor allen zum Preise von aller Frauen Krone, deshalb gewann er auch den Namen Frauenlob, denn sein rechter Name war Meister Heinrich von Meißen. Viele Reisen machte der Sänger von einem deutschen Hofe zum andern, er sang irdische und sang Gottesminne. Zu Rostock war Markgraf Waldemar von Brandenburg gesessen, der hatte einen Rosengarten, und ließ ein Festsingen halten, da war Meister Heinrich der erste Singer. Einstmals lauerten Feinde ihm auf und umringten ihn mit Dräuen, sie wollten ihn töten. Da bat er, sie sollten ihm noch einen Sang zum letzten vergönnen, und als sie das taten, sang er so rührend zum Preise der himmlischen Frauen, daß jede gehobene Waffe sich senkte und die Feinde ihn ungehemmt und ungeschädigt von dannen ziehen ließen. Auf seinen Sangesfahrten kam Meister Heinrich auch nach Mainz und verstarb allda und wurde begraben im Umgang des Domes, neben der Schule, mit großen Ehren. Von seiner Herberge bis zur Grabstätte trugen ihn Frauen und erhoben um ihn großes Weinen und Wehklagen, des großen Lobes willen, welches der Sänger dem ganzen weiblichen Geschlecht zeit seines Lebens erteilt hatte. Und mit den Tränen, die sie vergossen, zugleich gossen sie eine Fülle edlen Weins auf Meister Heinrichs Grab, daß der Wein durch den ganzen Umgang der Kirche umherfloß. Und wäre manchem Dichter, der auch die Frauen minnt und preist, lieber, sie gäben ihm solchen Wein beim Leben. Mehr als ein Denkmal ist Heinrich Frauenlob errichtet worden im Dom zu Mainz, und seine Sänge sind noch unvergessen.

*

 

659. Die Schwestern von Troßky

659. Die Schwestern von Troßky

Auf Chlumecz saßen Herren des Geschlechtes Berka von Dux und Leipa, und einer unter ihnen schrieb sich Otto Berka von Troßky auf Chlumecz. Troßky war eine Felsenburg, deren Riesenzacken miteinander durch Gemäuer verbunden waren und noch sind. Eine dieser Zacken, die höhere, heißt Baba (Mutter) und die andere Panna (Jungfrau). Vorzeiten wohnten auf diesen Zacken zwei Schwestern, die liebten einander so zärtlich wie Hund und Katze, zumal auch die Religion sie getrennt hielt; sie sahen jeden Morgen zum Fenster heraus, riefen einander Schimpfworte zu, deutsch und böhmisch, wie es kam, streckten einander die Zungen heraus, ballten gegeneinander die Fäuste, und jede erbaute im Dorfe Troßkowitz eine Kirche, um ja nicht mit der Schwester in Gemeinschaft zu kommen. Diese Kirchen oder Kapellen sind genau so weit voneinander entfernt als droben auf dem Berge die Zacken mit den Turmtrümmern. Die Schwestern hatten auch noch nach ihrem Tode keine Ruhe, und man hört noch immer in stillen Nächten droben aus den öden Fensterhöhlen ihr Gezänk herüber-, hinüber- und heruntergellen.

*

 

660. Des Kindes Weissagung

660. Des Kindes Weissagung

Wie die Sibylle auf der berühmten Linde bei Eisersdorf vom Türken weissagte, so begab sich’s im Jahr 1254 mit einem halbjährigen Kinde zu Krakau im Lande Polen. Das begann zu reden und zu weissagen von der Tataren (Mongolen) Ankunft, daß jedermann erschrak und sich verwunderte. Und leider ist diese Weissagung des Kindes auf eine schreckliche Weise eingetroffen, und die Tataren sind in das Land gebrochen und haben es verheert mit Schwert und Feuer und sind bis an das Riesengebirge und nach Schlesien und Böhmen gedrungen. Zu Breslau, das sie auch einäscherten, fiel Feuer vom Himel auf das Gebet des heiligen Czeslaw in das Lager der Mongolen, und darum zogen sie sich zurück. Bei Wahlstatt ward die blutige Tatarenschlacht geschlagen, in welcher dreißigtausend Christen blieben und neun Säcke voll Christenohren, von jedem Gefallenen nur eins, abgeschnitten wurden. Unzählige Gefangene wurden hinweggeschleppt, darunter allein einundzwanzigtausend Jungfrauen. Das Kind hatte auch geweissagt, ihm selbst werde das Haupt von den grimmen Tataren abgeschlagen werden, und es geschahe also.

*

 

661. Rückkehrender Selbstmörder

661. Rückkehrender Selbstmörder

In einer bekannten Stadt Schlesiens schnitt sich ein Schuhmacher die Gurgel ab, darob erschrocken und die Schande zu umgehen, verhehlten des Toten Witwe und ihre Schwestern diesen Selbstmord, suchten dessen Spur zu tilgen und umwanden den Leichnam so mit Tüchern, daß nichts von der Todesart des sonst ganz braven und unbescholtenen Mannes verlautete. Es ward ihm ein feierliches ehrliches Begräbnis gehalten, und er ward von vielen aufrichtig betrauert. Nach sechs Wochen aber erging ein Gerücht in der Stadt, der Schuhmacher sei nicht nur eines natürlichen Todes nicht gestorben, sondern lasse sich auch sehen. Und dieses tat derselbe auch wirklich; er ging spukend um am hellen Tage und in der Nacht und warf sich auf die Schlummernden – er war ein Vampyr geworden und erregte so viel Angst und Schrecken, daß niemand mehr allein schlafen mochte, die Leute taten sich zu gemeinschaftlichen Schlafpartien zusammen, allein auch dieses half nicht immer. Diese Plage des Gespenstes währte schon in den siebenten Monat; am 20. September 1591 war der Schuster Todes verblichen, und am 18. April 1592 ließ der Senat in der Nacht um ein Uhr das Grab öffnen. Da lag die Leiche des Schusters noch frisch mit der frischblutigen Halswunde. Dieselbe wurde sechs Tage lang ausgestellt, und über die Witwe und ihre Schwestern ward schwere Untersuchung verhängt. Hierauf ordnete der Stadtrat an, daß die Leiche zum andernmal, aber auf dem Schandplatz begraben werde, welches auch geschah, aber nichts half, denn der Vampyr kehrte immer wieder. Da ist er hernach nochmals ausgegraben worden, der Kopf ihm abgehackt, desgleichen die Gliedmaßen, und dann wurde er mit Rumpf und Stumpf verbrannt und die Asche in den Fluß gestreut. Dieses muß den Geist mißfallen haben, denn von da an war und blieb er hinweg.

*

 

64. Die heiligen Kreuze zu Mainz

64. Die heiligen Kreuze zu Mainz

Zu Mainz hat eine schöne Kirche in der frühern Zeit den Namen Zu Unsrer Lieben Frauen im Felde geführt, das Volk aber nennt sie Heiligkreuz. Ein Schiff kam gefahren mit Männern und Frauen, die sahen in der Luft ein schimmerndes Kreuz schweben, das ihrem Schiffe nachzog und an seinen Mast sich heftete. Nahe der alten Schiffbrücke beim Holztor legte das Schiff an, und siehe, da war das schimmernde Kreuz kein Luftgebilde, sondern ein ehernes kunstvolles Kruzifix von wundersamer Meisterarbeit. Um nun dessen Bestimmung zu erkunden, wurde es zwei ungejochten und ungeschirrten Ochsen auf den Rücken gelegt, und diese ließ man ohne Leitung und Führung gehen, und da trugen sie das Kreuz auf den Hechtsheimer Berg, dort ward eine Kirche erbaut und das Wundergebilde darinnen zur Verehrung aufgestellt. Viele Kranke sind genesen, die vor dem Kreuze in Andacht knieten, bis die Kirche mit mehreren anderen in Flammen aufging, als Markgraf Albrecht von Brandenburg 1552 die Stadt Mainz einnahm. Zwischen dem Holz- und Bockstor aber ward noch lange Zeit ein Gemälde gesehen, davon noch heute Spuren zu entdecken sind, darstellend ein Kreuz, hangend an den Segeln eines stromaufwärts fahrenden Schiffes.

Zwischen der Kirche zum Heiligen Kreuz und St. Alban stand vorzeiten eine offene Kapelle, darinnen war ein hölzern Kruzifix, darunter Maria und Johannes, zur Verehrung der Gläubigen aufgestellt. Nun lebte zu Mainz ein Bürger, des Name war Schelkropf, ein Spieler und Trunkenbold, der wenig aus dem Wirtshaus zur Blume kam, das in der ehemaligen Vorstadt Vilzbach stand. Eines Tages hatte er alles, was er besaß, verspielt und vertrunken und verwünschte in seinem wilden Rausche sich, Gott und alle Heiligen und schwur, mit seinem Schwerte das erste beste heilige Bild, auf das er stoße, mitten voneinander zu hauen. So taumelte er durchs Feld, und kam an die offene Kapelle, und rannte auf die hölzernen Bilder an, und stach und hieb. Und siehe, da sprangen ihm aus den leblosen Bildern, zumal aus dem Kruzifix, Ströme Blutes entgegen. Entsetzt stand er und sinnverwirrt, das Schwert entfiel seiner Hand, und so ward er gefunden und gefangen. Fromme Hände fingen in Schalen das rinnende Blut auf. Schelkropf wurde für seinen unerhörten Frevel lebendig verbrannt, das wundertätige Christusbild aber und das heilige Blut brachte man in die nahe Kirche. Als diese in Flammen aufging, blieb dieses heilige Kreuzbild verschont und ward gerettet, und noch heute wird es den Gläubigen in der St. Christophskirche zu Mainz gezeigt.

*

 

649. Der Kopf des Ratsmannes

649. Der Kopf des Ratsmannes

Lange sah man und sieht vielleicht noch immer am Rathaus zu Schweidnitz einen steinernen Kopf als Gedenkzeichen einer schrecklichen Strafe. Es war ein bejahrter Ratsmann allda, vom Teufel des Geizes besessen, der hatte eine Dohle, und die richtete er ab, daß sie aus seinem Fenster hinüber durch eine ausgebrochene Glasscheibe in die Ratskämmerei flog und Geld herübertrug, welches in dem wohlverwahrten Zimmer zum öftern auf dem Tische unverschlossen liegen blieb. Lange nahm man diesen Raub nicht wahr; endlich, da fort und fort fehlte, ward der Räuber entdeckt. Hierauf wurde gezeichnetes Geld hingelegt, und auch dieses holte nach und nach die Dohle. Damit ward denn der Ratsmann leichtlich des Raubes überführt und ihm, obwohl er schon bei hohen Jahren, eine entsetzliche Strafe zuerkannt. Er sollte auf den hohen Kranz des Rathausturms gebracht werden und von da heruntersteigen oder auch, so er das nicht vermöge, droben bleiben und verhungern. Mit Angst und Zittern stieg er hinauf und begann das gefährliche Heruntersteigen, das gelang aber nur eine geringe Strecke abwärts, da kam er auf ein steinernes Geländer und konnte nicht weiter, weder vor noch hinter sich, und blieb allda stehen und hatte nicht Obdach, nicht Trank noch Speise, nagte vor wütendem Hunger das eigne Fleisch sich ab und stand zehn Tage und zehn Nächte, bis der Tod sich sein erbarmte, denn die Menschen erbarmten sich seiner nicht. Darauf ward hernach sein steinern Abbild samt der Dohle auf die Stelle seines Todes gesetzt, aber ein Sturm warf dies Denkmal unerhörter Grausamkeit vom Turm, und es blieb nur der Kopf davon ganz und wurde aufbewahrt.

*