790. Knabenraub im Spessartwalde

790. Knabenraub im Spessartwalde

Wie es nicht selten geschieht, daß die Sage, eines strenggeschichtlichen Ereignisses sich wiederholend bemächtigt, wenn dasselbe nur romantische Färbung hat, so ist es auch in der Nähe von Aschaffenburg im Spessartwalde geschehen. Da klingt die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes in eigentümlich treu wiederholter Weise wieder.

Zwischen Ebersbach und Soden lag eine Burg, Altenburg genannt, auf dem zwischen beiden liegenden Berge. Nur noch aus den Erzählungen der Anwohner weiß man etwas von ihrem Vorhandengewesensein. Einer der Ritter, die daselbst hausten, hatte zwei hoffnungsvolle Knaben. Zwei Räuber im Bann glaubten sich durch den Raub der beiden Kinder Begnadigung zu verschaffen und beschlossen, sie zu entführen. Sie bestachen den Pförtner, der sie auch in Abwesenheit des Ritters in das Schloß ließ, so daß sie sich leicht der Kleinen bemächtigen konnten. Bevor sie sich nun auf die Flucht begaben, beschlossen sie, ein jeder solle nach einer andern Gegend hin fliehen, und versprachen sich gegenseitig, wenn ja einer von ihnen ergriffen würde, so solle der zuerst Ergriffene nur dann den Aufenthalt des andern angeben, wenn ihm vorher neben der eigenen auch dessen Begnadigung zugesagt wäre. Der eine, der vom Fluchtwege ziemlich ermattet war, band nach einem langen Ritte durch den finstern Wald sein Pferd an einen Baum und legte sich zur Ruhe nieder, nachdem er dem geraubten Knaben aufs strengste verboten hatte, sich zu entfernen. Aber der Kleine benützte die günstige Gelegenheit zur Flucht und entlief, und lief, solange es ihm möglich war. Endlich kam er zu einem Köhler, der im Walde arbeitete und in dem Knaben sogleich ein Kind hoher Leute vermutete. Er fragte ihn aus, und der Knabe erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache. Alsbald kehrte der Köhler mit dem Knaben an den Ort zurück, wo der Räuber noch im Schlafe lag. Der Köhler versetzte diesem mit seiner Hacke einen Schlag, der ihn betäubte, und eilte auf dem Pferde des Ritters mit dem Kinde nach dem naheliegenden Ebersbach, von woher er die Glocken, mit denen man ob des Knabenraubes Sturm läutete, hörte, und wo alles in der größten Bestürzung war. Leute von da bemächtigten sich des Räubers und brachten ihn nebst dem Knaben nach der Altenburg. Auf das Versprechen, er werde begnadigt, wenn er seinen Kameraden angeben würde, verriet er denselben treulos. Dieser wurde mit dem zweiten der Knaben eingeholt und hingerichtet. Ersterem ward Wort gehalten, er blieb ungestraft, hatte aber keine frohe Stunde mehr. Der Geist seines verratenen Bündners verfolgte ihn Tag und Nacht, bis er sich selbst den Tod des Stranges gab.

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791. Allerlei Kreuze

791. Allerlei Kreuze

Im Spessartwalde stehen gar viele Bildstöcke und Kreuze nach allen Richtungen hin. So in dem östlich von Oberbessenbach gelegenen Walde ein großes hölzernes Kreuz, das Posthalterskreuz genannt. Hier zog die alte Straße vorüber, die früher nach Aschaffenburg führte. An dieser Stelle wurden einst die Pferde, die den Postwagen zogen, auf einmal unruhig und begannen plötzlich zu rennen, ohne daß der Knecht sie zu zügeln vermochte, über Stock und Stein ging es hinweg. Da gelobte der Posthalter hier ein Kreuz, wenn der Wagen glücklich nach Aschaffenburg käme. Und da dies geschah, ließ er es errichten.

Sodann steht zwischen Hessenthal und Weibersbrunn das rote Kreuz; auch bei Stockstadt zwischen Aschaffenburg und Seligenthal steht ein rotes Kreuz, das ein Priester setzen ließ, der einen Wolf mit seinem Brevier erschlug; zu diesem Kreuze beten noch immer gern viele Gläubige; und eine Stunde von Rohrbrunn gegen Echterspfahl, allwo die Herren von Schönborn ob Jagdzwistes einen Echter aufknüpften, steht das Schweinfurter Kreuz; ein Fuhrmann ist allda verunglückt. Am berühmtesten aber ist in dieser Gegend das Goldbacher Kreuz, denn es sind viele Wunder bei ihm und durch dasselbe geschehen. Es liegt ganz nahe der Hochstraße, die von Lohr durch den Spessart nach Aschaffenburg führt, nur eine halbe Stunde von dieser Stadt, ist alt und steinern und von ehrwürdigen Linden umgeben. Nahe dort erhebt sich der Kugelberg, der auch der Schloßberg heißt, weil eine Burg oben draufstand. Der Ritter auf dieser Burg hatte eine einzige Tochter, die war verlobte Braut eines andern Ritters, wurde aber auf einem Ritt nach dem nahen Aschaffenburg von Räubern angefallen und hinweggeführt. Der Vater wie der Bräutigam boten alles auf, ihren Aufenthalt zu erkunden, was endlich auch dem Bräutigam gelang. Eilend gab dieser dem Vater Kunde, und der Ritter ritt ihr, der unterdes Befreiten, entgegen. Allein ehe er sie wiedersah, stürzte er samt seinem Roß nahe bei Goldbach und verschied. Die Tochter war darüber so entsetzt, daß sie den Schleier nahm. Dem Vater zum Gedächtnis wollte sie ein Kloster an die Unglücksstelle bauen, allein das Bauholz blieb nicht alldort, es ging damit wie mit der Johanniskirche, die nicht im Tale stehen wollte, am andern Morgen war allemal wieder alles fort und lag nahe einer Mühle; da baute denn die trauernde Tochter an jene Stelle ihr Kloster, und das war Schmerlenbach, das lange bestanden hat; auch stehen noch seine Gebäude.

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792. Riesenpflugschar

792. Riesenpflugschar

Im Schloßhofe zu Aschaffenburg hängt eine ungeheuer große Pflugschar offen da und auch eine großmächtige Rippe, welche für die Rippe eines Riesen gilt. Eine dunkle Sage, welche durch moderne Dichtungen nicht hell gemacht ist, läßt einen Riesen mit dieser Schar dem Main, der früher vom Nilkheimer Hof hinter dem schönen Busch vorbei gerade nach dem Dorfe Main =Aschaff floß, ein neues Bette in großer Krümmung pflügen, damit er an Aschaffenburg vorüberfließe, allwo Kaiser Karl der Große eine Burg gehabt haben soll. Aber dadurch, daß die Stadt die Zier eines vorüberfließenden mäßigen Stromes gewann, hatte ein Dorf in der Stadtnähe durch Überflutung gar oft zu leiden, und die Bewohner sprachen: Leider ist der Main zu uns geleitet – und davon hat es den Namen Leider überkommen, den es bis diese Stunde führt. Aschaffenburg hieß in alten Zeiten Asciburgum, und war daselbst, wie auch im nahen Stockstadt, eine Römerkolonie. Zahlreiche Reste römischen Altertums wurden dort, vornehmlich in Stockstadt, ausgegraben. Der Riese, der im nahen Walde hauste, soll nicht im Kampfe gefallen, sondern von wilden Tieren zerrissen worden sein, und ward nichts weiter von ihm aufgefunden als eine Rippe von ihm und seine Pflugschar.

Beim Nilkheimer Hofe soll Bonifazius dem Volke des Bachgaues, so war jene Gegend benannt, die Christuslehre gepredigt und dort ein Kirchlein begründet haben, das die Mutterkirche aller andern des Gaues ward. Nicht weit vom Nilkheimer Hof liegt das Pfarrkirchdorf Groß-Ostheim. Mitten im Großostheimer Walde zeigt man den Hexenkirchhof, den Ort, allwo die Hexen der ganzen Umgegend, deren es nicht wenige gab, verbrannt wurden; es herrscht in derselben auch noch der Glaube an nächtliche Bockreiter, nicht minder der an Butter und Fleisch zuführende Drachen, an Feuermänner, Heerwische, und am Gernspringbach, der durch Stockstadt fließend in den Main fällt, zeigen sich gespenstige Reiter und halten ein Schlagen in den Lüften, während ein schwarzer Reiter ohne Kopf die Grenze umreitet. Zu Stockstadt hat man im Jahre 1842 gar ein wildes Getöse in den Lüften gehört, wie ein glaubhafter Mann versicherte, es war im Monat April, und kam vom Rodenstein herüber, der nur sechs Stunden von dort entfernt liegt. Das Sausen und Brausen des nächtlichen Heerzuges in den Lüften zog sich über den nahen Odenwald und verlor sich in den waldigen Höhen des Spessart.

In Stockstadt hat auch lange Zeit ein Mautner gespukt, genannt Starhart der böse Zöllner oder auch der schwarze Mann im Zollhaus. Als 1812 ein Brunnen aufgegraben ward, hörte er auf zu rumoren.

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793. Heunsäulen und Heunaltar

793. Heunsäulen und Heunaltar

In der Grafschaft Erbach liegt eine Heun- oder Riesensäule, und zwar auf dem Felsberge ohnweit Reichenbach; sie ist von graugrünlichem Granit und über einunddreißig Schuh lang. Früher war sie noch um elf Fuß länger, aber ein Stück sprang ab und liegt im Dorfe Bedenkirche. Viel Spuren alter Römerbauten werden in dieser Gegend angetroffen, so das Kestrich ( Castrum) bei Stockstadt, die gepflasterte Heerstraße bei Mudau von Oberscheidenthal nach Schloßau, wo auch ein Castrum, dann liegen nahe beim Dorfe Bullau auf dem Heunberge ohnweit Miltenberg a.M. sieben Heunsäulen beieinander und weiterhin rief versteckt noch zwei. Daran sind noch die Handgriffe, wie die Riesen sie herumgedreht bei der Bearbeitung, und wollten sie brauchen, eine Brücke über den Main zu bauen. Die Säulen bestehen aus rotem Sandstein, sind hier gebrochen, ordentlich behauen und mit Handhaben zum Wegschaffen versehen. Die größte der Säulen hat siebenundzwanzig Fuß Länge und mißt am Fuße dreieinhalb, am oberen Ende zwei Fuß im Durchmesser. Die andern sind fünfundzwanzig, vierundzwanzig und zwanzig Fuß lang. Vier davon sind mit Schriftcharakteren bezeichnet, welche indes weder mit nordischen oder deutschen noch sonst bekannten Runen auch nur die geringste Ähnlichkeit haben. Die größte hat eine ziemlich regelmäßige Reihe derselben; bei den andern ist weniger Ordnung sichtbar. Die Gelehrten können diese Schriften so wenig lesen wie die Heilsberger Steinschrift, die Riesen haben aber auch nicht für die Zwerge geschrieben.

Wandelt einer von dem Dorfe Großheubach am Main, zur Linken des Engelberges, eine halbe Stunde den Rücken des Baulandes hinauf und nach der Seite zu, welche bei der Krümmung des Mains über diesen hinweg einzelne Dörfer und auch Miltenberg erblicken läßt, so gelangt er zu einem Meer von Felsstücken und von dort zu einem freien Platz, auf welchem hie und da große Felsmassen zerstreut liegen. Unter diesen zeichnen sich besonders zwei übereinanderliegende große Stücke aus, die bei einem Umfang von ungefähr dreißig Fuß sicher vierzehn Fuß Höhe messen und den Namen des Heunenaltars führen. Ob die Heunen gebetet haben, können wir freilich so eigentlich nicht wissen, doch formte und türmte ihre übermenschliche Kraft wohl nicht vergebens Säulen und Altäre.

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794. Amorbach

794. Amorbach

In einer Gegend, wo die Römerzeit so viele Spuren hinterließ, würde es kaum befremden, wenn der Name eines Gottes der antiken Mythe in deutscher Sage begegnete, und niemand würde schneller bereit gewesen sein, dem Herzenbewältiger Amor hier ein frühes Heiligtum zuzuweisen, als jene überklugen Diftler, die den Remus in die Altmark auswandern und dort begraben, der Isis im märkischen Sande Tempel gründen lassen und darüber, ob dergleichen nur möglich, in ihrem archäologischen Gemüte völlig beruhigt sind. Sie würden aber hier mit dem Amor geradeso fehl schießen wie mit der Isis in Gardelegen und dem Sol in Soliswelte, heute Salzwedel, allwo, zu Salzwedel, auch Doktor Faust geboren worden sein soll – denn das gemeine Sprüchwort sagt: Trifft’s nicht, so fehlt’s doch.

Es war ein Abt, der hieß Amor – als welches für einen Abt gar ein hübscher Name – und zwar der erste der Abtei, welcher er seinen Namen verlieh; das ist aber schon lange her, denn die Sage geht, daß schon im Jahre des Herrn 734 sotaner Amor gelebt, und daß Karl Martell und Pipin unter Zurateziehung eines Jüngers des heiligen Maurus namens Pirmin diese Abtei begründet, zu der ein Graf Richard von Berg den Grund und Boden gab. Nahebei liegt auch ein Gehöft, heißt Amorsbrunn; allda soll sich Amor bisweilen sehen lassen.

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782. Liebfrauensee

782. Liebfrauensee

Neben der romantisch gelegenen Kapelle bei Kissingen liegt ein tiefer See, Liebfrauensee, dessen Abfluß treibt eine starke Mühle. Manche wunderbare Mär erzählen sich von diesem See die Umwohner, ganz auf ähnliche Weise, wie die Sagen von dem berufenen Frickenhäuser See ohnweit Mellrichstadt. Er soll in seiner Grube Verbindung haben mit weitentlegenen mächtigen Gewässern, und ein ungeheuer großer Fisch sei einst darin gefangen worden. Einem liebenden Jüngling, der aus Gram und Verzweiflung, daß er sein geliebtes Mädchen nicht sein nennen sollte, sich einst in diesen See stürzen wollte, erschien warnend und in Verklärung über dem Wasser schwebend Unsre liebe Frau, so daß er zurückschrak und allenthalben die Erscheinung verkündete. Darauf wurde die Erkorne sein, und der See erhielt den schönen bedeutungsvollen Namen.

Aber es geht auch von ihm die Sage, daß er dereinst der ganzen Gegend in einem Umkreise von vier Meilen verderblich werden werde, dann werde er ausbrechen und sich ergießen und alles Land überschwemmen, weil er mit unermeßlichen Wasserbecken verbunden ist.

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783. Amalbergas Schlösser

783. Amalbergas Schlösser

Als Thüringens König Irminfried noch sein weitausgedehntes Reich beherrschte, stand auch auf dem sogenannten Hammelburger Berg in der Nähe der alten Stadt Hammelburg ein Schloß, welches Amalberga, die Thüringer Königin, erbaut haben soll, von der denn auch die nahe Stadt den Namen getragen. Dieser Berg liegt der Saale aufwärts nach Westheim zu, und es sind von dem Schlosse noch einige Trümmer zu gewahren. Bei diesen Trümmern hütete einst ein Knabe die Schafe, und da es ein sehr heißer Tag war, so schlief er vor Ermattung ein. Da erblickte er im Traum ein wunderschönes Frauenbild, das winkte ihm still, zu folgen, und er folgte ihm. Beide kamen in ein prächtiges Schloß, und die schöne Frau winkte ihm von Zimmer zu Zimmer, so daß sie alle Prachträume durchwandelten; dabei zeigte sie ihm Truhen voll Goldes, Silbers und köstlicher Edelsteine, von denen zu nehmen die Frau dem Knaben durch Zeichen gebot. Es reizte ihn aber nichts als eine schöne natürliche Blume, welche er auf einem Marmortische liegen sah, die Frau reichte ihm dieselbe, seinen Hut damit zu schmücken, und dann gingen sie aus dem Schloß. Jetzt plötzlich erwachte der Knabe und nahm wahr, daß er alles nur geträumt, und dennoch war auf seinem Hut die Blume befestigt, und als er sie ansah, war sie von lauter purem Golde.

Dies hat eine alte brave Frau erzählt, von der noch Enkel leben, und sie hatte jenen Hirten gut gekannt, der auch ihr und andern oft die Blume gezeigt. Auch viele andere unheimliche Mär erzählt man sich noch von dem alten Schloß.

Auch auf der Burg Saaleck, in deren Nähe im Jahre 9 nach Christo die Markomannen die Drusen schlugen, steht noch ein uralter starker Turm, den soll Amalberga auch erbaut haben. Man sagt ihr nach, sie habe mit diesem Turme dasselbe getan, was jene spätere französische Königin mit dem berüchtigten Turme von Nesle in der Stadt Paris, junge Liebende an sich gelockt und nach gebüßter Lust, daß ihrer keiner sie verrate, sie in diesem Turme umbringen lassen. Darum ist es auch nicht geheuer dort, irrende Flämmchen und aufzuckende Feuer umschweben und umwebern die gebrochenen Zinnen.

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784. Der Kaiser im Guckenberge

784. Der Kaiser im Guckenberge

Bei Gemünden liegt der Guckenberg; von diesem geht die Sage, ähnlich der vom Barbarossa im Kyffhäuser, daß vor langen Zeiten ein Kaiser mit seinem ganzen Heere in ihn versunken sein soll. Nun sitzt er darin an einem steinernen Tische, und wann sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist, so wird der Kaiser mit all seinen Wappnern wieder hervortreten. Einstmals kam ein armer Knabe auf den Berg, welcher in der Gegend Semmeln zum Verkaufe trug, und traf daselbst einen steinalten Mann an, der sprach freundlich mit dem Knaben; dieser klagte ihm sein Leid, daß er so wenig verkaufen könne und sein Verdienst so gering sei. Da sprach der Alte: Höre, Kleiner, ich will dir wohl einen Ort zeigen, wo du alle Tage so viel Wecke verkaufen kannst, als du zu tragen imstande bist; aber du darfst beileibe niemandem etwas davon offenbaren. Darauf führte der alte Mann den Buben in den Berg hinein, und es war im Berg wie in einer großen Stadt und gar ein reges Leben darin. Viele Leute trieben Handel und Wandel, andere gingen in die Kirche, noch andere hielten einen Bittgang. Und an einem Tische saß der Kaiser gewaltig, und sein langer Bart war schon zweimal um den Tisch gewachsen. Dahin brachte nun tagtäglich der Knabe seine Semmelwecke und empfing dafür uraltes Geld. Da aber nun in seinem Orte dessen bald zu viel umlief, wurden die Leute stutzig, mochten es nicht mehr annehmen und drangen endlich in den Jungen, zu sagen, wo er dieses alte Geld bekäme. Da offenbarte er seinen ganzen Handel. Ein junger Freund von ihm drang sich ihm nun beim nächsten Berggang zum Begleiter auf, um des Guckenberges innere Herrlichkeit auch wahrzunehmen; allein der Semmelbube fand nicht nur den Eingang nicht wieder, sondern nicht einmal den Berg, und kam ihm die ganze Gegend anders und schier verwandelt vor.

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785. Seifriedsburg

785. Seifriedsburg

Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Herde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und tat, zumal er unverwundbar war, Taten der Tapferkeit und erwarb Rang und Reichtum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubnis, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte in seiner Heimat, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen samt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden.

Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief:

Ei, es mag donnern oder blitzen,
So muß ich meinen Heuhaufen spitzen!

Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Tal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort.

Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde.

Es leuchtet ein, wie in dieser Sage ein ganz später Widerhall der Siegfriedssage zu finden ist. Der angenommene niedere Stand, die Lindwurmtötung, die Unverwundbarkeit, der Ruhm großer Taten und der Besitz eines reichen Hortes, alles vereint sich hier und deutet sich naturgemäß. Aber woher der alten Sage Verjüngung nun gerade hier? Sollte der Name Seifried – soviel als Siegfried – allein sie hervorgerufen haben?

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786. Mespelbrunn

786. Mespelbrunn

Tief im Spessartwalde jagte ein Kurfürst von Mainz mit seinem Gefolge, und nach der Jagd ruhten sie in einem engen Talgrunde unter uralten Bäumen und an einem Quellbrunnen, der von Mispelbäumen umstanden war. Der Kurfürst sprach: Hier ist’s traun recht schauer – möcht immer da gut essen, um kein’n Wert! – Da sprach ein Weidwerkgenoß, des Geschlechts der Echter einer: Was Ihr wollt, das könnt Ihr. Gebt mir das Revier, so bau‘ ich allda ein Haus, das Euch stetig offensteht. – Das war dem Kurfürsten recht, er gab dem Ritter ein großes Jagdgebiet im Spessart, und der erbaute sich ein stattlich Schloß, gab ihm den Namen Mespelbrunn von den Mispelbäumen und dem Brunnen und fügte diesen Namen seinem eignen für alle Folge hinzu: Echter von Mespelbrunn. Es war ein mannlich und namhaft Geschlecht, das sich reichen Besitz erwarb und sicherte. Einer erbaute auch zu Hessenthal im Spessart, dahindurch die Straße von Würzburg nach Aschaffenburg zieht, ein Jagdschloß und eine Kapelle; dort liegen mehrere Echter begraben, und prächtige Grabsteine verewigen ihr Andenken.

Dieses edlen Geschlechts ruhmreichster Sproß war Julius Echter von Mespelbrunn, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken. Als Bischof unvermählt und kinderlos und der Letzte seines Stammes, im Besitz ungeheuern Reichtums, machte er ein Testament. Eine Schwester- oder Bruderstochter war an einen Grafen von Ingelheim verheiratet und hatte den Bischof zum Paten ihres Sohnes erwählt. Diesem Paten nun dachte Julius seine Güter zu und setzte ihn zum Universalerben ein. Er legte das Testament in eine Schachtel und überdeckte es. Oben auf die Decke legte er drei Zitronen und sandte nun die versiegelte Schachtel durch einen eigenen Boten nach Mespelbrunn, wo seine Nichte mit ihrem Sohne wohnte. Als diese öffnete und nichts in der Schachtel sah als drei Zitronen, wurde sie etwas ärgerlich, wußte nicht, ob das ein Scherz oder ein Schimpf von dem geistlichen Oheim sein sollte, entschloß sich kurz und schickte die Schachtel samt den Zitronen sogleich zurück. Bischof Julius wunderte sich und entsendete mit der aufs neue versiegelten Schachtel nochmals den Boten nach Mespelbrunn. Die Gräfin von Ingelheim wußte nicht, was sie davon denken sollte, und ward noch ärgerlicher. Sie schnitt eine Zitrone auf, meinend, es stecke vielleicht etwas Geheimes in den Früchten, allein da sie nichts fand, schickte sie die Schachtel abermals zurück. Und zum dritten Male kam der Bote von Würzburg mit seiner Schachtel und mit drei frischen Zitronen darin. Die Gräfin hatte fast keine Lust, sie zu öffnen, und als ihr wieder die drei Zitronen entgegenblickten, fehlte wenig, daß sie dieselben nicht nahm und dem Boten an den Kopf warf. Sie besann sich aber doch, schnitt alle drei auf, da sie aber in allen dreien nichts fand, ward ihr Zorn grenzenlos. Sie warf die Zitronen alsbald zum Fenster hinaus, dem Boten die wieder zugeklappte Schachtel an den Kopf und drohte ihm, wenn er noch einmal vor ihre Augen komme, so wolle sie ihn zu Mespelbrunn hinauspeitschen lassen. Wie der Bote dem Bischof ansagte, was sich begeben, sprach Julius: Ich sehe wohl, Gott hat mein Vermögen zu anderer Verwendung bestimmt, entnahm der Schachtel das mit Papier bedeckte Testament und warf es ins Kamin. Hierauf gründete er von seinem Reichtum zu Würzburg das berühmte segensreiche Hospital, das seinen Namen trägt, durch welche Stiftung Julius Echter von Mespelbrunn seines Namens Gedächtnis groß und unsterblich gemacht hat für alle Zeiten.

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