797. Die Wettenburg

797. Die Wettenburg

Ganz nahe bei Kreuzwertheim erhebt sich ein steiler Berg, die Wettenburg genannt, der ist auf drei Seiten vom Main umflossen. Den Namen des Berges leitet die örtliche Sage von einer Burg ab, die ehemals dessen Scheitel krönte. Eine reiche Gräfin, die als Herrin auf der Burg saß, wollte den Berg auch noch auf der vierten Seite vom Main umgeben wissen, auf daß der Strom zum natürlichen Wallgraben eines Inselschlosses würde, und entbot dazu das Volk zur harten Frone. Ihre Untertanen erlagen fast unter der Last der Arbeiten, die das ungeheuere Unternehmen erforderte, und Hindernisse aller Art türmten sich entgegen, doch der Trotz der Gräfin ging so weit, jedem ihrer Freunde und Vasallen eine Wette anzubieten, der etwa das Zustandekommen der Ausführung ihres Planes bezweifeln wollte. Bei einem stattlichen Gastmahle, wo sie die Wette anbot, warf die Gräfin einen blitzenden Demantring in die Flut des Mains und sprach: So gewiß dieser Ring nimmer wieder in meine Hände kommt, so gewiß muß der Berg durchgraben werden; wo nicht, so verschlinge der Main mich und meine Burg! – Ein furchtbarer Donnerschlag aus heiterem Himmel antwortete der Stimme ihres Frevels. Am zweiten Abend saß die Dame in großer Gesellschaft bis Mitternacht beim Mahle, wo unter andern auch ein großer Fisch aufgetragen wurde, und o Wunder! in des Fisches Eingeweiden hatte sich der in die Fluten geschleuderte Ring gefunden, den der Koch, indem er den Fisch auftrug, glückwünschend der Herrin darreichte. Alles entsetzte sich, und mit dem letzten Schlage der Geisterstunde sank unter Donner und Blitz die Burg mit ihren Bewohnern in den Strom, und nur Steinhaufen bezeichneten ihre Stätte.

Diese Stätte der versunkenen Wettenburg, die nun von der Wette erst dann den Namen bekam, als sie nicht mehr war, bezeichnete sonst neben wenigen Trümmern nur eine tiefgehende schachtähnliche Kluft. In diese Kluft ließ sich einmal ein Hirte an einem Seil hinab und hatte seinen oben gebliebenen Gefährten angewiesen, ihn auf ein gegebenes Zeichen sogleich herauszuziehen. Er kam in einen Saal, worin ein schwarzer Hund lag und etliche Männer und Frauen in alter Tracht regungslos, wie Leichensteine, beisammensaßen. Da faßte ihn ein Grausen, und schnell ließ er sich hinaufziehen.

Einen Schäfer, welcher ein andermal hinuntergestiegen war, führte eine Frau, die Herrlichkeit des Schlosses ihm zeigend, durch viele Gemächer, zuletzt in eines, worin lauter Totenköpfe sich befanden. Als er aus dem Berg kam, erfuhr er, daß seit seinem Hinuntersteigen nicht, wie er geglaubt hatte, einige Stunden, sondern sieben ganze Jahre verflossen waren. – Heutiges Tages ist auch der Schacht nicht mehr zu sehen; wohl aber hört man noch Glockengeläute aus der Tiefe des Berges, und goldene Sonntagskinder können alle sieben Jahre am Tage des Untergangs der Burg dieselbe auf dem Grunde des Mains erblicken, ebenso auf dem Berge, da wo das Schloß gestanden, eine Höhle und daneben einen Felsen, worin ein großer Ring abgedruckt ist. Auf diesen Ring legte einst ein Küfer sein Bandmesser und schlief nachher ganz in der Nähe ein. Beim Erwachen sah er weder Felsen noch Messer mehr; aber nach sieben Jahren fand er beide wieder, als er an dem gleichen Tage dahinkam. – Ein Schäfer, welcher sich vor dem Regen in die Höhle geflüchtet hatte, verfiel darin in Schlaf; als er erwachte, waren unterdessen siebenmal sieben Jahre verflossen, und er traf zu Hause alles ganz verändert.

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798. Der Pauker von Niklashausen

798. Der Pauker von Niklashausen

Nicht weit von Wertheim liegt Niklashausen, ein Dorf an der Tauber, darin hat sich im Jahre 1476 ein Hirte und Paukenschläger erhoben und einen Aufruhr angezettelt, den der Teufel nicht schöner hätte einfädeln können, und waren gegen ihn viele Rumpelmeier und Rumorpauker, die in späterer Zeit, auch gleich ihm, auf den Wiesen predigten, nur Schwachmatiker. Das Treiben dieses losen Gesellen und Kommunismuspredigers und seines dreckigen Anhanges kann nur am besten mit Worten seiner Zeitgenossen geschildert werden, sonst könnte mancher denken, man führe gar zu unsäuberlich mit dem unsaubern zottelhaarigen Knaben Absalom. Der Hirte – so berichtet einfältiglich ein geschrieben Schwäbisch-Haller Chronikbuch – predigte gegen die Obrigkeit, gegen die Klerisei und, ein zweiter Capistranus, gegen die spitzen Schuhe, ausgeschnittene Goller und lange Haare. – Wasser, Wild und Weide solle und müsse alles gemein sein, keine Steuer, kein Zoll, kein Geleitgeld! Die Mutter Gottes hätt‘

ihm das in einer Samstagnacht offenbart! Ach ja! Also – denn diese Lehre schmeckte – ward gen Niklashausen ein großer Zulauf und ganz Deutschland bewegig; da liefen die Roßhirten von ihren Pferden, die Zäume in Händen tragend, die Schnitter mit ihren Sicheln vom Felde, die Heuerinnen mit ihren Rechen von den Wiesen, die Weiber von ihren Ehemannen und die Mannen von den Weiben. Der Wein war im Jahr davor wohlgeraten, gut und wohlfeil, da wurden zwei Meilen ringsumher um Niklashausen Tabernen aufgerichtet auf Feld und Rasen, da man Wein schank und den Wallern zu essen gab. Die Waller wurden vom Franken- und Tauberwein bezecht, übernachteten durcheinander in Scheuern und im Feld – ging nit all‘ Sach‘ gleich zu. – So groß ward des Volkes Zulauf, daß der Paukenschläger aus einem Bauernhaus den Kopf zum Dach herausstieß, daß ihn alle hörten, und hinter ihm im Dachboden stand ein Barfüßermönch, der gab ihm ein, was er predigte, und da hub das Volk an zu weinen – es mochte ihn verstehen oder nicht – wie bei Capistranus, der zumal lateinisch predigte – über seine Sünden und das drückende Elend, und schnitt so viel Haare und Schuhspitzen ab, und tat sich der gestickten Kleider und Wämser ab, daß es nit auf viele Wägen gegangen wäre – wenn es sich nicht unter der Hand verkrümelt hätte. Viele Männer und Frauen schienen Lust zu haben, gleich Adamstänzer zu werden vor lauter Zerknirschung und Gemeinheitstrieb, und zogen sich bis aufs Hemde aus; wenn aber das Getös und der Wein ihnen aus den Köpfen kam, hätten sie gern ihre Kleider wiedergehabt. Es fiel ein unsäglich Geld und Wachs, und die armsdicken Wachskerzen waren mit Würzburger Schillingern, Nürnberger Fünfern, Gerhardskreuzern und Ißbrücknern wie ein Igel mit Stacheln besteckt. Dieser Pauker hatte eine Zottelkappe auf, solche Zotteln riß ihm das Volk von seiner Kappe als ein Heiltum, daß es förderlich sei, wo etwan die Weiber in Kindsbanden lägen und hätten solchen Zottel bei sich, dürft’s nit mißlingen. Ja sie küßten dem Pauker Hand und Stecken und was sonst noch. Bald kamen auch absonderlich schöne Liedlein zum Vorschein, die sangen die Waller anstatt der alten Kreuzlieder, zum Beispiel:

Wir wollen’s Gott vom Himmel klag’n,
Kyrie eleison! –
Daß wir die Pfaffen nit tot söll’n schlag’»,
Kyrie eleison! –

Dann nannte das wahnbetörte Volk den Pauker nicht anders als Unser Frauen Botschaft, womit sie unserer Frau den allerschlechtesten Geschmack aufhalsten.

Die Herren zu Nürnberg merkten, wes Geistes Kind diese Wallfahrt war, und verboten den Untertanen ihres Gebietes bei schwerer Strafe das Rennen gen Niklashausen. Da nun endlich auch Bischof Rudolf, des Geschlechtes von Scheerenberg zu Würzburg, von dem andauernden nichtsnutzen Lärm und der Unzucht in seiner Nähe hörte, denn der Lärmspuk dauerte schon über ein Jahr, auch berichtet ward, der Pauker habe auf einen Samstag eine großmächtige Volksversammlung ausgeschrieen, sie sollten gen Niklashausen in großer Zahl kommen und ihre Wehre mitbringen, da wolle der Pauker ihnen sagen, was die Mutter Gottes ihm befehlen würde – wahrscheinlich hatte er einen Handstreich auf die nahen Schlösser und Klöster im Sinne, denn wozu sonst die Wehr? – da sandte der Bischof einige Reiter und ließ vor diesem Samstag den Pauker und seine Ratgeber einfangen und gen Würzburg führen. Wie nun das Volk erschien mit allerhand Wehr, auch Fahnen, Spießen, Stangen, Wandelkerzen, was jeder erwischt und zu Händen hatte, und hörte, daß Unser Frauen Botschaft zu Würzburg im Turm liege, da brauste es wie ein Wasserfall, und der helle Haufe brach gen Würzburg auf, den lieben Botschafter zu befreien. Da ritt des Bischofs reisiger Zeug entgegen, und die Führer fragten, was es geben solle mit diesem Zug und Spuk. – Der Bischof solle Unser Frauen Botschaft herausgeben, wo nit, so wollten sie ihn mit Gewalt herausnehmen! – Die Reisigen sprachen: Gehet heim! – Da hagelten erst die beliebten Schimpfwörter aus der Volkswehr auf die Reisigen: Ketzer! Pfaffenknechte! Hohlhipper! und dergleichen, ins neue Deutsch übersetzt: vertierte Söldlinge der Gewalt. Solches bewegte die Reisigen zur Ungeduld, wiesen ihrer viele mit blutigen Köpfen von sich, empfingen auch deren, und vermochten nicht, dem Strome zu widerstehen. Als nun die Aufruhrrotten wirklich den Frauenberg, die Feste Würzburgs und des Bischofs Residenzschloß, zu stürmen Miene machten, ließ der Bischof die Stückkugeln über ihre Köpfe hinwegspielen, da vermeinten sie. Unsere Frau beschütze sie mächtiglich, und die Kugeln könnten sie nicht treffen, drangen demnach mutig vor. Da ging denn der ernste Tanz los mit Hauen, Schießen, Stechen, Niederreiten, weil sie es gar nicht anders haben wollten, und wurden alle Türme und Gewölbe voll Gefangene gelegt. Dann wurde der Pauker samt einigen Rottgesellen zu Pulver verbrannt und ihre Asche in den Main gestreut, Aberglauben zu verhüten. In die Wallfahrtgelder, die eingegangen und sehr beträchtlich waren, teilten sich Würzburg, Mainz und Wertheim brüderlich, es ward also doch geteilt, nur nicht so, wie es der Pauker gewollt, und damit war die Niklashäuser Wallfahrt zu Ende.

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7. Luzerner Hörner und Mordnacht

7. Luzerner Hörner und Mordnacht

Da die Schweizer aufstanden und zu Felde zogen gegen ihre Unterdrücker, gebrauchten sie allerlei Kriegsinstrumente. So hatten die von Uri einen Mann, den hießen sie den Stier von Uri, der blies ein mächtig Urhorn, das mit Silber beschlagen war; und wenn man einen Keil ins Mundstück schlug, konnte man auch daraus trefflich trinken. Die Luzerner brauchten eherne Hörner, wie die alten Römer gebraucht, die hießen sie Harschhörner, und die hatte ihnen König Karl verliehen, als sie mit ihm in der Roncevaller Schlacht gestritten, wo Held Roland fiel.

Zur Zeit, als die Schweiz sich erhob, gab es in Luzern eine Partei, die war noch gut österreichisch gesinnt, die erkannten sich an den roten Ärmeln, die sie an ihren Wämsern trugen. Die versammelten sich unter dem großen Schwibbogen an der Ecke der Schneiderzunftstube und verabredeten, daß sie um Mitternacht alle Eidgenössischen überfallen und morden wollten. Ein Bettelbube vernahm’s, ward aber entdeckt und mit dem Tode bedreut, wenn er nicht schweige; mußte deshalb einen Eid schwören, niemand den Anschlag anzusagen. Der Knab‘ ging auf die Metzgerzunftstube, da zechten noch viele Gesellen, und der Knabe legte sich auf die Ofenbank und seufzte:

O Ofen, o Ofen, was muß ich dir klagen,
Wel ich’s beim Eed sonst niemand darf sagen.
Die Landsknecht wollen, wenn’s Zwölfe wird schlagen,
Alles morden und alles erschlagen.

Da horchten die Zecher hoch auf, und lief alsbald einer aufs Rathaus, ein anderer zum Glöckner, daß er nicht Zwölfe anschlage, ein dritter und vierter und fünfter zu den Zünften, und kamen den Rotmänteln zuvor. Hernachmals ist das Bild des Knaben auf der Metzgerzunftstube hinter dem Ofen gemalt lange Zeit zu sehen gewesen.

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79. Das Pfaffenkäppchen

79. Das Pfaffenkäppchen

Zwischen schroff und steil überm Tal der Nahe zum Himmel sich aufgipfelnden Felskolossen werden jetzt die Trümmer der einst trotzigen Burgfeste Rheingrafenstein erblickt. Auf der Kauzenburg saß ein junger Rheingraf, jagdlustig, mutig, der wünschte sich eine Burg auf diesen ungeheuren Felsen, stattlich wie die Ebernburg und der Landstuhl der Sickinger, unnahbar dem Feinde – und mit solchen Wünschen weilte er einstens sehnend und sinnend in der Nähe der Felsriesen, deren Gipfel noch kein Mensch erstiegen hatte. Da gesellte sich einer zu ihm, den man nicht gern nennt, der las in des jungen Rheingrafen Seele den Wunsch und redete ihn an und sprach: Eine Burg da droben, eine schöne stattliche, feste, ja, die wär‘ Euch recht! Nicht so? Fehlt nur der Baumeister – ja – und wenn einer käme, und baute sie über Nacht – dem verschriebet Ihr wohl einen stattlichen Lohn? Was gäbet Ihr solchem? Sagt es an! – Ihr redet wunderlich, erwiderte der Rheingraf. Seid Ihr der Mann, der das vermag, so fordert und bestimmt den Lohn. – Nur eine einzige Seele – die Seele dessen, der zuerst durchs Fenster der neuen Burg herab ins Tal der Nahe und über alle die Täler und Berge ausschaut – das ist wohl wenig für eine stattliche Grafenburg. Kommt heute abend wieder her, ich will es in Überlegung ziehen! sagte der Rheingraf und verließ gedankenvoll den Ort – eine Seele seinem Wunsche zu opfern, dünkte ihm sündlicher Frevel, und doch war sein Wunsch stark und groß. Daheim ließ er seinen Burgpfaffen kommen und offenbarte dem den Handel. Der Pfaffe schlug viele Kreuze und riet ernstlich ab, warnte gar treu vor des bösen Feindes List und Tücken und rückte sein schwarzes Käppchen auf dem Scheitel wohl hin und her. Da trat des Rheingrafen junges Ehegemahl herein und hörte das Gespräch und ließ erst den Pfaffen hinausgehen, dann sagte sie: Laß jenem nur gewähren, versprich ihm, was er begehrt, das andere findet sich. – Da ritt der Ritter wieder hinaus ins Nahetal und hielt ganz allein am Fuß der Felsen, und es dämmerte schon, oben aber sprang eine schwarze Gestalt von Fels zu Felsen, einer Gemse gleich, und mit einem Male stand der Fremde auch unten im Tale. Was machtest du da droben? fragte der Ritter. Ich nahm einstweilen die Maße, antwortete jener und fragte: Nun, soll ich? Fast hätte der Rheingraf gesagt: In Gottes Namen – da wäre es gleich aus gewesen – er besann sich und sagte bloß: Ja – aber bis morgen früh fertig, und daß nichts fehle, Bergfried, Mushaus, Palas, Luginsland, Mauern, Brücken, alles, was zu einer stattlichen Burg gehört. – Am andern Morgen glänzte die Burg flammenrot ins Nahetal herab, alle Welt war erstaunt, solch Wunder- und Zauberwerk war noch nicht da gewesen. Der Rheingraf ritt nun hinauf, und der Architekt der Nacht führte ihn in dem neuen herrlichen Eigentum umher, zeigte ihm Hallen und Säle, Brücken und Gänge und öffnete im Palas ein hohes Bogenfenster, die herrliche Aussicht bewundern zu lassen. Aber der Ritter sah nicht hinaus, er sagte spöttisch: Machet zu, hier zieht’s, wir sind warm vom Steigen. Morgen wollen wir die Kauzenburg verlassen und hier heraufziehen. Ihr räumt wohl den Platz und nehmt ein Zimmer im Wächterturme? Nicht? – Der Teufel zog ein schiefes Maul, er hatte sich schon unendlich darauf gefreut, dem Rheingrafen einen Stoß aus dem Fenster in die schwindelnde Tiefe zu geben und mit dessen Seele davonzufahren.

Am andern Morgen kamen der Rheingraf und die Gräfin, und der Burgkaplan, und das Hofgesinde, die Leibdiener, die Jäger, die Knappen, die Stallleute, die Wächter, die Hundejungen, die Hühnerwärter, die Schloßmägde, die Käsemutter, die Zwergin und die Pferde, die Kühe, die Esel, die Rüden, der Meeraffe, die Katzen. Es war ein Zug, schier gleich dem des Erzvaters Noah, da er in den Kasten einging, zu Roß, zu Esel, zu Wagen – alles auf das neue Schloß.

Die junge Gräfin scherzte freundlich mit dem Burgkaplan, da droben werde es sehr zugig sein, sie wolle ihm ein wärmeres Käpplein nähen, er möge ihr das alte zum Muster einmal leihen – und als sie oben angelangt war, ließ sie durch die Knappen auch ein Eselfüllen hinauf in den Palas führen, und hieß es halten, und band ihm das Pfaffenkäpplein auf den Kopf, und ließ das Fenster öffnen und das Füllen daranstellen, das schaute gar fromm und bedächtiglich zum Fenster hinaus und spitzte die Ohren und witterte die frische Morgenluft. Der Teufel hatte lange schon still lauernd seitwärts gegenüber auf der Turmzinne gesessen, jetzt sah er das Fenster sich öffnen, sah des Pfaffen ihm wohlbekanntes Käppchen zum Vorschein kommen, und fuhr im Nu hin, und krallte seiner Meinung nach den Pfaffen heraus, und schmetterte ihn ins Tal, und fing die Seele auf. Herrgott, was der Teufel für einen Zorn hatte, als er von einer Tochter Evas sich überlistet sah und statt einer Pfaffenseele eine Eselsfüllenseele in den Klauen hielt! –

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799. Christnachtwunder

799. Christnachtwunder

Im Frankenlande herrscht gar mancher Aberglaube im Volke, und es hat dort so wenig gegen ihn geholfen, daß 1477 die Asche des Paukers von Niklashausen in den Main gestreut ward, als die Aufklärung der Philosophen, Pfarrer und Schulmeister vom Ende des vorigen Jahrhunderts an bis auf den heutigen Tag im ganzen übrigen Deutschland. In der Christnacht, wann es zwölfe schlägt, so glauben die Landleute, rede das Vieh in deutscher Menschensprache, und wer da lausche, der höre und verstehe, was ein Vieh zum andern sagt, und braucht nicht erst von der weißen Schlange gegessen zu haben wie der Graf Isang. Da war ein Bauer im Dorfe Riedenheim, einige Stunden von Niklashausen, der war neugierig, mocht‘ gar zu gern wissen, was das Vieh in der Christnacht für einen Diskurs führen würde, und barg sich unter die Krippe und lauschte. Und wie die Glocke zwölf schlug, so tat ein Ochs sein Maul auf und sprach zum Nachbarochsen: Du! heut über acht Tage wird unser Herr sterben! – Da antwortete der andere: Du! das geschieht ihm recht, dem Viehschinder! – und da fing der ganze Stall an vor Freude zu brüllen, aber weil die Uhr schon ausgeschlagen hatte, so hörte und verstand er nichts weiter als: Juhu! ju! ju! juhu! – Nun war aber besagter Bauer selbst der Herr und hatte genug gehört und verstanden, und nach acht Tagen lag er auf der Bahre.

Ein anderes Christnachtwunder in Franken, an welches starker Glaube herrscht, ist, daß mit dem Schlage zwölf der Mitternachtstunde, solange die Glocke dröhnt, Wein anstatt Wassers aus jedem Brunnen springe. Gar wunderselten aber wagt es einer oder eine, sotanes Wunder zu erproben. Nun war einmal in demselben Dorfe Riedenheim eine vorwitzige Magd, die wagte es, in der Mitternachtsstunde der Christnacht an den Brunnen zu gehen und während des Stundenschlages ihre Butte zu füllen. Freudezitternd trug sie die Butte nach Hause, da begegnete ihr ein schwarzer Mann, der hatte eine rote Feder auf dem Hut und feurige Augen, faßte die Magd hart an und sprach zu ihr:

In deiner Butte trägst du Wein,
Für deine Sünde bist du mein! –

faßte sie, riß ihr die Butte vom Rücken, die man am andern Morgen leer auf der Straße liegend fand, und fuhr mit ihr durch die Lüfte von bannen.

Ähnliches erzählt man sich im Dorfe Weinheim an der Bergstraße. Alldort stritten sich zwei Bürger über die Wahrheit oder Unwahrheit des Volksglaubens, daß in der zwölften Christnachtstunde Wein aus dem Brunnen fließe. Darauf wurden sie einig, der Knecht des einen solle am Brunnen stehen und die Probe machen, sie aber wollten im nahen Hause am Fenster lauschen. Die Nacht kam, der Brunnen lief, der Knecht stand und probte von Zeit zu Zeit. Wasser!

rief er dann jedesmal. Wasser! Wasser! – Jetzt schlug die Glocke zwölf. Ach! jetzt lauft Wein! rief der Knecht und hatte einen prächtigen Schluck getan. Und du bist mein! rief hinter ihm eine schwarze Gestalt, griff ihn und verschwand mit ihm.

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800. Die Rüden von Collenberg

800. Die Rüden von Collenberg

Überall, wo in einem Geschlechtsnamen eine Andeutung auf Welflin, Hunde, Rüden und dergleichen begegnet, hat die Sage ihr lebendiges Schaffen begonnen und ihr Netz gesponnen. Am rechten Ufer des Mainstromes, eine Strecke unter Wertheim, zeigt sich noch das Trümmerschloß Collenberg. Darauf hauste einst ein Ritter rauher Art, hart, geizig, mürrisch, menschenfeindlich gesinnt. Um so besseren Sinnes war seine Hausfrau, sanft, liebevoll, duldsam, nachgiebig – dafür hatte sie es auch, gleich vielen andern guten Frauen, die solche nichtsnutzige Männer haben, herzlich schlecht, zumal sie ihrem Manne den gehofften Erben nicht schenkte. Da trat einstmals ein Bettelweib den Ritter an, die hatte sechs Söhne bei sich, wie die Orgelpfeifen und alle frisch und rotwangig wie Borsdorfer Äpfelchen. Da nun das Weib mit ihren sechs Jungen den Ritter flehentlich anbettelte, da ergrimmte er über ihren Anblick und schrie sie an: Weib! Du bettelst und hast sechs Rangen, denen man keinen Hunger ansieht! Da muß die Hölle platzen! Gleich pack dich zu allen Teufeln mit deiner Brut, die der Teufel an den Galgen führe! Ich habe keinen einzigen Sohn, und du Nichtsnutz hast sechs Freßmäuler, die dem lieben Herrgott die Tage abstehlen! – Schön! entgegnete das Bettelweib mit einem bösen Blick. Wir bedanken uns, Herr Ritter, für die guten Wünsche! Ich wünsch‘ Euch auch etwas! Ich wünsch‘ Euch zwölf Jungen auf einmal! Ich wünsche, daß sie Euch arm fressen, bettelarm, wie ich – daß ihr selber Gaben heischen müßt und lernt, wie Bettelbrot schmeckt, und wie solche Worte schmecken! Da muß die Hölle platzen! – Der edle Herr von Collenberg war ganz versteinert über des Weibes unerhörte Frechheit, er suchte nach seinem Schwert, hatte aber keins anhängen, rief nach seinen Dienern, seinen Hunden, war aber keiner zur Stelle, und das Weib und ihre Buben hatten flinke barfuße Beine, mit denen sich’s weit leichter und schneller läuft als in Stiefeln oder Schuhen. – Und nach Jahresfrist hatte Gott den Leib der Frau des Ritters von Collenberg gesegnet, und sie gebar zwölf Söhne auf einmal. Da fiel dem Ritter die Verwünschung der Bettlerin ein, und war ihm bei seinem Geiz mächtig bange, das Dutzend möchte ihn arm essen, gab daher heimlich Befehl, die Knäblein bis auf eins gleich jungen Rüden ins Wasser zu tragen. Aber das wollte Gott nicht, und es ging wie bei den acht Knäblein des Grafen von Querfurt und bei den Hunden von Wenkheim, nur daß dort die Mütter aus Furcht unmenschlich grausam waren, hier aber der Vater aus nichtswürdigem Geiz: die Knäblein wurden durch Gottes Hand und Willen am Leben erhalten, und da sie erwachsen waren, kamen sie allzumal und wurden die Rüden geheißen, und war ein mannlich Geschlecht, das den Collenberger arm zehrte und seine Besitzungen gewann. Nachher nahmen sie von der Burg ihres Vaters den Namen an Rüden von Collenberg.

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788. Die Garnkocherin

788. Die Garnkocherin

Zu Hessenthal, das so recht mitten im Schoß des Spessart liegt, steht in einer großen offnen kapellenartigen Halle das Bildwerk einer Kreuzigung mit reicher Gruppierung auf einem dreißig Fuß langen und neun Fuß hohen Piedestal. In der Mitte desselben, unter dem mittleren Kreuze, ist an der Vorderseite eine eingehauene zweikantige Vertiefung in den Stein. Hält man nun hier den Kopf hinein, so vernimmt man ein Brausen, ähnlich dem Strudeln kochenden Wassers. Hierüber geht diese Sage. Es standen früher an diesem Platze zwei Hütten. Die Bewohnerin einer derselben kochte am Pfingstmontage, wo man das Marienbild in Prozession zum Berge trug, Garn, um es zu bleichen. Ihre Nachbarsfrau, die es sah, sagte zu ihr: Was! Du kochst heute am Pfingstmontag Garn? – Allein jene gab ihr zur Antwort: Pfingstmontag hin, Pfingstmontag her, mein Garn muß gekocht sein. – Und alsbald sank sie unter furchtbarem Getöse samt ihrer Hütte unter die Erde. Seitdem vernimmt man nun hier das brodelnde und strudelnde Getöse, das an Pfingstmontagen immer stärker ist als an andern Tagen, und hört aus der Tiefe ein jammerndes Ächzen. Aber die Höhlung hat die wunderbare Eigenschaft, Schwerhörige, die hineinhorchen, von ihrer Taubheit zu heilen.

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78. Der Affe zu Dhaun

78. Der Affe zu Dhaun

Hoch über dem Städtlein Simmern liegt der alte rheingräfliche Burgsitz Dhaun, das war ein gar stattliches und schönes Grafenschloß mit herrlichem säulengezierten Palas – und über dem Eingang zum Palas wird ein Wahrzeichen in Stein erblickt, ein Affe, der einem Kinde einen Apfel darbeut, von welchem Bilde diese Sage geht. Es hatte ein Burggraf ein junges Kind gehabt, das hatte eine Wärterin, die wiegte das Kindlein im schattigen Burghof, und da der Tag ein Sommertag und schwül war, so nickte sie ein, und als sie aufwachte, war das Kindlein aus der Wiege und fort. Da ward ihr angst und bange, denn wie sie es auch ringsum suchte und in alle Winkel lugte – es war und blieb verschwunden. Da schlug ihr der Schreck in alle Glieder, zitternd vor dem Zorn der Gräfin und des Grafen dachte sie nichts Besseres tun zu können, als ihr Leben zu retten, und stürzte in den Wald, um auch da vielleicht noch eine Spur zu finden. Da kam sie in ein dunkles Dickicht, und siehe, da saß der Affe, den der Graf hielt, und hatte den jungen Grafensohn auf seinen haarigen Armen und küßte ihn gar zärtlich und schaukelte ihn, legte ihn dann sanft auf ein Lager von Moos, bot ihm einen Apfel dar, und als es den nicht annahm, sondern einschlief, wehrte der Affe eine Zeitlang die Fliegen von ihm ab, und dann entschlief er selbst. Des war die Amme froh, schlich leise hinzu und nahm das Kind und trug es fröhlich wieder zur Feste Dhaun hinauf, wo schon alles unruhig war und nach ihr rief und suchte. Da verkündete sie laut die Tat des Affen, und die erst entsetzten, nun hocherfreuten Eltern beschlossen, dieselbe in Stein ausgehauen und überm Torbogen ihres herrlichen Palas verewigen zu lassen.

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789. Der Schellenberg

789. Der Schellenberg

Unweit Mespelbrunn in einem engen Tale steht ein alter viereckiger Turm, den bereits der Jahn der Zeit sehr benagte. In seinem Innern befindet sich noch eine Stiege von Stein, die unter die Erde führte. Hier soll sich ein Raubritter aufgehalten haben, der die ganze Umgegend unsicher machte. Von dem Turme aus ging ein Draht nach dem nahen Berge, an dessen Ende in dem Turm eine Schelle angebracht war. über den Berg selbst führte eine sehr lebhaft begangene und befahrene Straße, über diese war der Draht, leicht bedeckt, so geleitet, daß fast alle des Weges Kommenden ihn betreten mußten. Dann klingelte die Schelle, und der Räuber eilte auf einem Richtweg nach einer Stelle hin, wo er nun auf die Reisenden lauerte und ihnen ihre Last leichter machte; davon wird dieser Berg und Turm noch immer der Schellenberg genannt.

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790. Knabenraub im Spessartwalde

790. Knabenraub im Spessartwalde

Wie es nicht selten geschieht, daß die Sage, eines strenggeschichtlichen Ereignisses sich wiederholend bemächtigt, wenn dasselbe nur romantische Färbung hat, so ist es auch in der Nähe von Aschaffenburg im Spessartwalde geschehen. Da klingt die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes in eigentümlich treu wiederholter Weise wieder.

Zwischen Ebersbach und Soden lag eine Burg, Altenburg genannt, auf dem zwischen beiden liegenden Berge. Nur noch aus den Erzählungen der Anwohner weiß man etwas von ihrem Vorhandengewesensein. Einer der Ritter, die daselbst hausten, hatte zwei hoffnungsvolle Knaben. Zwei Räuber im Bann glaubten sich durch den Raub der beiden Kinder Begnadigung zu verschaffen und beschlossen, sie zu entführen. Sie bestachen den Pförtner, der sie auch in Abwesenheit des Ritters in das Schloß ließ, so daß sie sich leicht der Kleinen bemächtigen konnten. Bevor sie sich nun auf die Flucht begaben, beschlossen sie, ein jeder solle nach einer andern Gegend hin fliehen, und versprachen sich gegenseitig, wenn ja einer von ihnen ergriffen würde, so solle der zuerst Ergriffene nur dann den Aufenthalt des andern angeben, wenn ihm vorher neben der eigenen auch dessen Begnadigung zugesagt wäre. Der eine, der vom Fluchtwege ziemlich ermattet war, band nach einem langen Ritte durch den finstern Wald sein Pferd an einen Baum und legte sich zur Ruhe nieder, nachdem er dem geraubten Knaben aufs strengste verboten hatte, sich zu entfernen. Aber der Kleine benützte die günstige Gelegenheit zur Flucht und entlief, und lief, solange es ihm möglich war. Endlich kam er zu einem Köhler, der im Walde arbeitete und in dem Knaben sogleich ein Kind hoher Leute vermutete. Er fragte ihn aus, und der Knabe erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache. Alsbald kehrte der Köhler mit dem Knaben an den Ort zurück, wo der Räuber noch im Schlafe lag. Der Köhler versetzte diesem mit seiner Hacke einen Schlag, der ihn betäubte, und eilte auf dem Pferde des Ritters mit dem Kinde nach dem naheliegenden Ebersbach, von woher er die Glocken, mit denen man ob des Knabenraubes Sturm läutete, hörte, und wo alles in der größten Bestürzung war. Leute von da bemächtigten sich des Räubers und brachten ihn nebst dem Knaben nach der Altenburg. Auf das Versprechen, er werde begnadigt, wenn er seinen Kameraden angeben würde, verriet er denselben treulos. Dieser wurde mit dem zweiten der Knaben eingeholt und hingerichtet. Ersterem ward Wort gehalten, er blieb ungestraft, hatte aber keine frohe Stunde mehr. Der Geist seines verratenen Bündners verfolgte ihn Tag und Nacht, bis er sich selbst den Tod des Stranges gab.

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