807. Christusbild fängt einen Dieb

807. Christusbild fängt einen Dieb

In die Neumünsterkirche zu Würzburg stieg einst ein Dieb; er hatte wahrgenommen, daß ein Christusbild allda mit einer reichen güldnen Kette geziert war, die ein frommer Gläubiger zur Erfüllung eines Gelübdes demselben geopfert. In ernster Ruhe stand das Kruzifix, die Arme fest am Kreuzesstamm; strafend schienen die Augen des heiligen Leichnames den Kirchenräuber anzublicken, aber der Dieb ließ sich nicht schrecken, er nahte dem hölzernen Bilde und streckte die Hand gierig nach der Goldkette aus. Indem so ließ das Bild seine Arme vom Kreuzesstamme los und umhalste den Dieb, was diesem sehr drückend war. Er ächzete und krächzete wie ein Fuchs im Eisen, aber das hörte niemand; er winselte, wimmerte und betete, das hörte auch niemand, denn das Kruzifix stand in der Krypte der Neumünsterkirche. Endlich, als ihm die Umarmung schier unerträglich ward, schrie er: Zetermordio, zu Hülfe, zu Hülfe! – das endlich hörten die Leute, und fanden den Vogel, und banden ihn, und taten ihn in einen sichern Käfig; aber ein Wunder begab sich noch, des Kreuzbildes Arme blieben, so wie sie den Dieb losgelassen, vor den Leib hin ausgestreckt stehen, und so wird es noch heute gezeigt und angestaunt.

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808. Hauger Stiftskirche

808. Hauger Stiftskirche

In dem reichen Stift Haug dicht an Würzburg sollte eine schöne Kirche gebaut werden; der Baumeister verhieß, sie solle im Innern und Äußern der St. Peterskirche zu Rom gleichen und mit gleich herrlicher Kuppel geziert sein. Mißlinge das Werk, so wolle er auf seinen Lohn verzichten. Der Baumeister war ein Teufelsbündner, er glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein, und vollendete mit des Teufels Hülfe glücklich den Bau; aber eben weil er ihn vollendete, verfiel er dem bösen Feind zum Eigentum, und dieser trachtete mit Arglist, ihn zu verderben, denn er hatte mit dem Baumeister bedungen, daß dieser ihm dann verfallen solle, wenn der Bau glücklich vollendet werde und der Baumeister dennoch auf seinen Lohn verzichte. Da nun die Gerüste abgenommen wurden, so entstand in der Gewölbekuppel ein donnerähnliches Krachen, das Gewölbe schien sich zu senken und alles zusammenstürzen zu wollen. Voll Entsetzen und schreiend drängte alles nach den Türen, dem Baumeister selbst war so bange um seinen Kopf, daß er ihn alsbald selbst verlor, stürzte auch aus der Kirche und fand ein schwarzes gesatteltes Pferd stehen, auf das er sich eilend warf, Lohn und alles dahinten ließ, nur sein Leben zu retten, und davonsprenzte. Das Pferd rannte spornstreichs nach dem Galgenberge, zur Gerichtsstätte, wo die armen Sünder abgetan wurden, und als es droben war, warf es den Baumeister ab und verwandelte sich in die Gestalt des Teufels, welcher alsbald dem Baumeister das Genick brach, ehe er Amen sagen konnte.

Nun geht die Sage noch immer in Würzburg, daß das Münster zum Stift Haug bis heute noch nicht bezahlt sei, und daß der Böse statt der Zinsen jedesmal ein Menschenleben fordere, sobald an der Kuppel eine Ausbesserung vorgenommen werde. Da müsse stets ein Arbeiter verunglücken, wie denn auch im Jahre l827 wiederum geschehen.

Dem Stifte Haug gehörte als Eigentum das Dorf Gramschatz ohnweit dem Städtlein Rimpar, wo Wilhelm von Grumbach seinen stattlichen Herrensitz hatte, der noch steht. Dort herrscht ein eigner Brauch: es darf zu Ehren der heiligen Jungfrau an Sonntagen keine Besserung auf das Feld gefahren werden, und am Veitstage spannt kein Bauer ein Vieh an, von wegen des Veitswurms.

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80. Der Stiefel voll Wein

80. Der Stiefel voll Wein

Auf dem Steine, wo nun fortan dieser Rheingraf fröhlich hauste, ging es zum öftern gar hoch her. Da saßen eines Abends die Wild- und Rheingrafen und eine große Schar Ritter von den Nachbarburgen im Saale beisammen und zechten baß, und die Humpen kreisten. Da saßen Ritter von Sponheim, von Dhaun, von der Ebernburg, von Flörsheim, von Stromberg und tranken scharf und fest. Jetzt hob der Rheingraf einen mächtigen Reiterstiefel auf den Tisch und goß den voll Weines und rief: Wer diesen Humpen leert auf einen Zug, dem soll Hüffelsheim zu eigen sein mit Wonne und Weide und aller Zubehör! – Des verwunderten sich die Mannen und mocht sich’s keiner vermessen, schien ihnen allen der Schluck doch zu groß, und selbst der Burgpfaff, der etwas zu leisten vermochte in guten Trünken, und mancher andere Wackere wagten sich nicht daran. Da saß auch ein alter Zecher im Kreise, Ritter Boos von Waldeck, der sah die andern alle der Reihe nach an und wartete, ob einer den Stiefel leeren wolle, und da es keiner tat, da faßte er ihn in die Hand, und ließ den Wein rinnen in seinen Schlund, und trank ihn leer bis auf die Nagelprobe, und dann sagte er: Lieber Rheingraf, dein Hüffelsheim schmeckte gut, wie wär‘ es nun mit Waldbökelheim? Der Mensch kann doch nicht in einem Stiefel gehen? – Aber der Rheingraf wollte nicht noch einen Ort an eine Rittergurgel verlieren und schwieg stille. Darnach ist das Sprüchwort aufgekommen: Der verträgt einen guten Stiefel.

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809. Nixen in Theilheim und im Gründlersloch

809. Nixen in Theilheim und im Gründlersloch

Auch vom Dorfe Theilheim, zwischen Randersacker und Dettelbach, sowie vom Gründersloch zwischen dem Schlosse Castell und dem Dorfe Rüdenhausen, wie noch an vielen Orten Mittelfrankens geht die weitverbreitete und fast immer gleichmäßig mit geringer Abänderung wiederholte Sage von Nixen, die zum Dorftanze kommen, fröhlich sind, singen, tanzen, lieben und dann leiden, als wolle überall die Sage das Glück der Mädchenjugendtage symbolisch andeuten. In Theilheim waren der Tänzerinnen drei, die häufig begegnende Nornenzahl, im Castell kamen aber der Tänzerinnen fünf zur Hochzeit eines jungen Grafen. Immer weilte die jüngste am längsten, immer büßte sie die Lust am härtesten; nie kommen sie wieder, aber die Sage von ihnen geht von Geschlecht zu Geschlecht.

Bei Randersacker ist ein Berg, der Spielberg geheißen, dort hat sich einstmals der wilde Jäger über den Main schiffen lassen, und das wilde Heer hat Feuer in die Fähre geworfen. Einem Heckenwirt, der von Würzburg nach Randersacker fuhr, soff es Wein aus dem Faß, wie die wilden Frauen bei Schwarza das Bier, und segnete es mit Nieversiegen; das währte so lange, bis der Heckenwirt sein Glück verplapperte.

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810. Das heitere Hochgericht

810. Das heitere Hochgericht

Zwischen Ochsenfurt a.M. und Kitzingen lag die Herrschaft Brauneck, die umfaßte das heutige Marktsteft und fünf Maindörfer und kam im Jahr ^448 an das burggräfliche Haus. Da wurde nicht nur in Marktsteft, sondern auch in den Dörfern alljährlich dreimal Hochgericht gehalten, und zwar im Februar, im Mai und im Herbst, etwa zur Weinlesezeit; das war etwas anders eingerichtet als die heutigen Schwurgerichte. Die Beisitzer sotanen Hochgerichts waren Beamte, Frauenzimmer, Jäger und Spielleute, und die Jäger brachten ihre Hunde auch mit, denn ein wackerer Weidmann hält auf den Spruch: Wo mein Hund nicht hin darf, da will ich auch nicht sein. – Da wurde eine große offene Mahlzeit gehalten, selbige war das Hochgericht; es wurde eine weite Kufe voll Wein auf die Gasse gestellt und ein Schöpfstutz oder Kelle hineingelegt, da konnte jeder kommen und schöpfen, wer da wollte, und trinken, so viel er wollte. Die Atzung, so nannte man die Kosten, die bei sotanem Hochgericht aufliefen, trug die Würzburger Dompropstei, die hatte einen großen Säckel. Das hat gewährt gerade zweihundert Jahre minder zwei, und hernach sind zwei andere Jahrhunderte gekommen, in denen hat die Hungerleiderei und die Töpfeguckerei und die Sparsucht überhandgenommen, und die Staatsweisheit ist bis zu den Bäuerlein gedrungen, und wird gespart dem Teufel ein Ohr ab von Ministern und Volksvertretern, kommt aber keiner Seele zugute und läuft immer nur auf den Spruch hinaus:

Wir wollen alle Tage sparen,
Und brauchen alle Tage mehr.

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811. Das Kitzinger Kätterle

811. Das Kitzinger Kätterle

Über den Namen der guten Stadt Kitzingen am Main, Geburtsort des berühmten Theologen Eber, Melanchthons rechte Hand, haben die Sprachdiftler so viel Abgeschmacktes zusammenetymologisiert und ihren Kohl hernach als Sage ausgegeben, daß einem übel und weh von solcher losen Speise werden mag. Am Rathause daselbst wird ein Mädchenbild in Flammen erblickt, vielleicht eine arme Seele im Fegefeuer oder eine unkenntlich gewordene Madonna in der Glorie ihres fliegenden Goldhaars; davon geht diese Sage. Vor langer Zeit lebte in Kitzingen ein durch seine Schönheit berühmtes Mädchen, welchem ein eigentümliches Unglück widerfuhr. Einstmals hatte Kätterle (Kätchen) sich schon ausgekleidet und stellte sich im Hemd nah an den heißen Ofen; auf einmal begann dieses zu brennen, und das Mädchen konnte die Flammen nicht löschen; in voller Angst lief die Arme auf die Straßen, doch je ärger sie lief, desto stärker brannte das Feuer, und das Kätterle mußte eines jämmerlichen Todes sterben. Zum Andenken an das schöne Kätterle ist dasselbe brennend am Rathaus zu Kitzingen abgebildet, und im Volk lebt noch ein Sprüchwort von ihm, denn wenn ein Kind zu nah an den Ofen tritt, so sagt man warnend: Hüte dich, daß es dir nicht ergehe wie dem Kätterle von Kitzingen.

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802. Karlstadter Streiche

802. Karlstadter Streiche

Auch Karlstadt am schönen Main hat die Ehre, in den Kranz der Orte zu gehören, denen Scherz und Sage absonderliche Lalenstreiche aufbürden, gleich den Wasungern und vielen andern, trotzdem, daß schon Karl Martell die Karlsburg über dem Städtlein erbaut haben soll. Freilich ist auch hier vieles, wie bei den meisten andern, nur ein Widerhall aus dem Lalenbuche, anderes ist oft gerade deshalb, weil es eigentümlich, nicht wohl ausführlich mitzuteilen. Der weise Rat, die vom Berge herabgefahrenen Garben wieder hinaufzuführen, weil das Herabwerfen schneller gehe, wiederholt sich anderwärts mit Holz; jener, welche Sorte Papier dem Fürstbischof von Würzburg bei seinem hochgnädigen Besuch in Karlstadt an den dritten Ort gelegt werden solle, könne und dürfe, der sich über Gebühr und Zeit in die Länge zog, ist einer von den eigentümlichen Streichen, zumal diese brennende Frage bis dato noch nicht entschieden sein soll.

Als die Schweden Würzburg erobert hatten und darin als Herren walteten und vieles mitgehen ließen, schien auch für Karlstadt deren Nahen unausbleiblich, daher ward in aller Eile der Schatz der Stadt in eine eiserne Truhe verschlossen und, gleich dem Nibelungenhort im Rhein, in den Main versenkt. Welches Zeichen die Nibelungen gemacht, den Hort dereinst wiederzuerlangen, wußten die Karlstadter nicht, welches sie aber machen sollten, das wußten sie. Sie schnitten in aller Eile in den Schelch, darauf sie den Schatz mitten in den Strom gefahren, an der Stelle, wo sie den Schatz hinabgesenkt, eine tiefe Kerbe und fuhren dann fröhlich wieder zum Ufer. Der Schatz war gut geborgen. Als der Schwede kam, fand er ein leeres Nest, und als er fort war, fanden die Karlstadter wohl die Kerbe im Schelch, aber den Schatz, den fanden sie nicht wieder.

Wie sie das blecherne Männlein an der Uhr kuriert haben, das ist auch so eine Geschichte, die sie nicht gern erzählen hören, darum mag sie auch hier unerzählt bleiben.

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795. Die gleichen Frauen

795. Die gleichen Frauen

Ein Graf von Wertheim verlor seine treugeliebte Hausfrau durch den Tod. Das ging ihm mächtiglich zu Herzen, und er schwur, nie wieder zu freien. So hat in seinem gerechten Schmerz wohl schon mancher Mann geschworen, hat es aber nicht halten können, und übereilter Eid tut Gott so gut leid wie der gezwungene. Da ward aber mannigfach in ihn gedrungen, sich wieder zu vermählen, damit sein Stamm nicht aussterbe und die schöne mit Wald und Wein und Weide gesegnete Grafschaft nicht an die Herren Vettern und Nachbarn falle, und so sprach der Graf: Ich will es tun, so ich eine finde, die meiner verstorbenen Frau in allem gleicht, absonderlich im Gesicht. Und ist ausgeritten auf die Brautschau und hat lange gesucht, bis das Glück ihm ein holdes und tugendsames Frauenbild finden ließ, das seiner verlorenen Herzallerliebsten glich. Das hat er zum zweiten Gemahl erkoren und lange mit ihm unvergleichlich glücklich gelebt, und hat angeordnet, auf seinem Grabstein zwischen seinen beiden sich so gleichen Frauen abgebildet zu werden, gleich jenem thüringischen zweibeweibten Grafen von Gleichen zu Erfurt, auf welchem Steine des Steinmetzen Kunst die Frauen einander nach Gesicht und Tracht auch so ziemlich ähnlich geschaffen. So steht der Graf von Wertheim in der schönen gotischen Pfarrkirche der Stadt Wertheim an der Mauer zur linken Hand, und ward der Grabstein schon oft bewundert.

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796. Doktor Luther in Wertheim

796. Doktor Luther in Wertheim

Da Doktor Luther auf der Reise nach Worms begriffen war, soll er seinen Weg mainabwärts und im Städtlein Miltenberg Nachtquartier genommen haben. Nun wäre – geht die Sage – der damalige Graf von Wertheim ein abgesagter Feind des Reformators und der neuen Lehre gewesen und habe Arges gegen ersteren gesonnen, habe daher, sowie ihm Kunde gekommen, satteln lassen und sei sogleich nach Miltenberg geritten, allwo er aber erst ziemlich spät abends ankam und seinen Plan dem nächsten Morgen aufsparte. Am selbigen Morgen nun stieß der Graf die Fensterladen seiner Herberge auf und schaute in die frische Morgenluft hinaus, und drüben, im Hause gegenüber, schaute auch schon ein Mann heraus in geistlicher Tracht, der bot dem Nachbar gegenüber freundlich guten Morgen und begann zu sprechen vom Wetter und Weg, vom Main und vom Wein, und gab immer ein Wort herüber und hinüber das andere Wort, und beredeten sich die Herren, mitsammen das Frühmahl einzunehmen, und kamen zueinander. Da wurde fortgesprochen von der neuen Lehre, und wie der Graf ihr heftig zürnte, da milderte der andere seinen Zorn und sagte ihm, der Luther wolle ja nicht den Glauben umstoßen, sondern ihn nur geläutert haben, und klärte den Grafen auf über so manches, und sprach ihm die Zweifel aus dem Kopf und den Zorn aus dem Sinne. Und wie der geistliche Herr nun scheiden wollte, da bat ihn der Graf um seinen Segen und fragte ihn bescheidentlich, wie er sich nenne, und jener sprach: Wie soll ich mich anders nennen als Doktor Martinus Luther? Ich hab‘ gemeint, Ihr hättet mich gekannt! – Da hatte der Graf eine große Freude und geleitete Luther weiter mainabwärts nach seinem Wertheim, und ließ ihm im Adler Herberge anweisen, und führte ihn dann auf die Vockenrother Stege, die Stadt und Kreuzwertheim und die Gegend ihm zu zeigen. Da sprach Luther das prophetische Wort, als er die Stadt, von Main und Tauber umflossen, unter sich liegen sah:

Vom Feuer hat Wertheim nichts zu befahn,
Im Wasser aber wird’s untergahn!

Doch hat es mit sotaner Prophezeiung keine Eile. Den Wertheimern hat sie aber gleichwohl einen Schrecken gemacht, und war ihnen nicht lieb, und deshalb haben sie dem Doktor Luther nachgesagt, er sei im Adler immer noch die Bratwürste schuldig, die er alldort verzehrt.

Ein Stück unter Kreuzwertheim liegt das Pfarrdorf Hasloch und das Dörfchen Haselberg am rechten Mainufer, die wollen insofern ein wenig an den Hörselberg und das Hörselloch in Thüringen erinnern, als dort am Main nach allgemeiner Sage sich eine lichte Frauengestalt zeigt, deren Name im Volke Hulla lautet. Sie ist gütig und hülsreich, trägt müden Landleuten die schweren Hockelkötzen und ruht auf einem Felsen unter Hasloch aus, in dem sich ein förmlicher Sitz eingetieft zeigt. Wer sie beleidigt und zum Zorn reizt, dem begegnen dämonische Erscheinungen, die ihn vom Wege ableiten und in die Irre führen oder sonst ihn schrecken und sinnverwirrt machen. Hier ist Frau Hulda als liebreizende Huldgöttin von der Sage ausgefaßt, und nur mit leisem Zuge ist auf das wilde Heer hingedeutet und auf die Nachtseite der deutschmythischen Feine.

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797. Die Wettenburg

797. Die Wettenburg

Ganz nahe bei Kreuzwertheim erhebt sich ein steiler Berg, die Wettenburg genannt, der ist auf drei Seiten vom Main umflossen. Den Namen des Berges leitet die örtliche Sage von einer Burg ab, die ehemals dessen Scheitel krönte. Eine reiche Gräfin, die als Herrin auf der Burg saß, wollte den Berg auch noch auf der vierten Seite vom Main umgeben wissen, auf daß der Strom zum natürlichen Wallgraben eines Inselschlosses würde, und entbot dazu das Volk zur harten Frone. Ihre Untertanen erlagen fast unter der Last der Arbeiten, die das ungeheuere Unternehmen erforderte, und Hindernisse aller Art türmten sich entgegen, doch der Trotz der Gräfin ging so weit, jedem ihrer Freunde und Vasallen eine Wette anzubieten, der etwa das Zustandekommen der Ausführung ihres Planes bezweifeln wollte. Bei einem stattlichen Gastmahle, wo sie die Wette anbot, warf die Gräfin einen blitzenden Demantring in die Flut des Mains und sprach: So gewiß dieser Ring nimmer wieder in meine Hände kommt, so gewiß muß der Berg durchgraben werden; wo nicht, so verschlinge der Main mich und meine Burg! – Ein furchtbarer Donnerschlag aus heiterem Himmel antwortete der Stimme ihres Frevels. Am zweiten Abend saß die Dame in großer Gesellschaft bis Mitternacht beim Mahle, wo unter andern auch ein großer Fisch aufgetragen wurde, und o Wunder! in des Fisches Eingeweiden hatte sich der in die Fluten geschleuderte Ring gefunden, den der Koch, indem er den Fisch auftrug, glückwünschend der Herrin darreichte. Alles entsetzte sich, und mit dem letzten Schlage der Geisterstunde sank unter Donner und Blitz die Burg mit ihren Bewohnern in den Strom, und nur Steinhaufen bezeichneten ihre Stätte.

Diese Stätte der versunkenen Wettenburg, die nun von der Wette erst dann den Namen bekam, als sie nicht mehr war, bezeichnete sonst neben wenigen Trümmern nur eine tiefgehende schachtähnliche Kluft. In diese Kluft ließ sich einmal ein Hirte an einem Seil hinab und hatte seinen oben gebliebenen Gefährten angewiesen, ihn auf ein gegebenes Zeichen sogleich herauszuziehen. Er kam in einen Saal, worin ein schwarzer Hund lag und etliche Männer und Frauen in alter Tracht regungslos, wie Leichensteine, beisammensaßen. Da faßte ihn ein Grausen, und schnell ließ er sich hinaufziehen.

Einen Schäfer, welcher ein andermal hinuntergestiegen war, führte eine Frau, die Herrlichkeit des Schlosses ihm zeigend, durch viele Gemächer, zuletzt in eines, worin lauter Totenköpfe sich befanden. Als er aus dem Berg kam, erfuhr er, daß seit seinem Hinuntersteigen nicht, wie er geglaubt hatte, einige Stunden, sondern sieben ganze Jahre verflossen waren. – Heutiges Tages ist auch der Schacht nicht mehr zu sehen; wohl aber hört man noch Glockengeläute aus der Tiefe des Berges, und goldene Sonntagskinder können alle sieben Jahre am Tage des Untergangs der Burg dieselbe auf dem Grunde des Mains erblicken, ebenso auf dem Berge, da wo das Schloß gestanden, eine Höhle und daneben einen Felsen, worin ein großer Ring abgedruckt ist. Auf diesen Ring legte einst ein Küfer sein Bandmesser und schlief nachher ganz in der Nähe ein. Beim Erwachen sah er weder Felsen noch Messer mehr; aber nach sieben Jahren fand er beide wieder, als er an dem gleichen Tage dahinkam. – Ein Schäfer, welcher sich vor dem Regen in die Höhle geflüchtet hatte, verfiel darin in Schlaf; als er erwachte, waren unterdessen siebenmal sieben Jahre verflossen, und er traf zu Hause alles ganz verändert.

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