Drittes Kapitel


Der König von Apemama: Der Palast der vielen Frauen

Der Palast oder vielmehr der Bezirk, der ihn einschließt, ist mehrere Morgen groß. Eine Terrasse grenzt ihn nach der Lagunenseite hin ab, während nach dem Innern zu eine Palisade mit mehreren Toren steht. Beide sind kaum für Verteidigungszwecke gedacht, denn ein starker Mann kann die Palisade leicht niederreißen, und er braucht nicht einmal besonders gewandt zu sein, um vom Strande auf die Terrasse zu gelangen. Man sieht kein Gepränge von Wachen, Soldaten oder Waffen, die ganze Rüstung ist unter Schloß und Riegel, und die einzigen Schildwachen sind einige unansehnliche alte Weiber, die Tag und Nacht vor den Toren herumlungern. Am Tage sind diese Hexen oft damit beschäftigt, Sirup zu kochen oder ähnliche Haushaltungsarbeit zu verrichten; bei Nacht liegen sie verborgen im Schatten oder drücken sich an der Palisade herum, denn sie erfüllen das Amt der Eunuchen in diesem Harem und sind die einzigen Wächter eines Tyrannendaseins.

Weibliche Wächter sind die angemessenen Türhüter dieses Palastes der vielen Frauen. Ich habe keine Ahnung von der Zahl der Weiber des Königs und nur eine allgemeine Vorstellung von ihren Funktionen. Er selbst verriet Bestürzung, wenn man sie als seine Frauen bezeichnete, nannte sie vielmehr seine »Familie« und erklärte, sie seien seine Basen. Wir vermochten vier aus der ganzen Schar auszusondern: die Mutter des Königs, seine Schwester, eine ernste, strenge Frau, die viel von der Intelligenz ihres Bruders besaß, die eigentliche Königin, der allein meine Frau in aller Form vorgestellt wurde, und die augenblickliche Lieblingsfrau, ein hübsches graziöses Mädchen, das täglich beim König saß und einst, als er Tränen vergoß, ihn mit ihren Zärtlichkeiten tröstete. Man versicherte mir, daß seine Beziehungen auch zu ihr platonischer Art seien. Im Hintergrunde figurierten eine Unmenge Frauen, magere, plumpe und unmäßig fette, manche in Hängekleidern, manche im haarbreiten Ridi; hochwohlgeborene und einfache, Sklavinnen und Herrinnen, von der Königin bis zur Dienstmagd, von der Favoritin bis zu den dürren Schildwachen an der Palisade. Nicht alle gehören natürlich zur »Familie«, viele sind nur Dienerinnen, aber eine erstaunliche Anzahl teilte sich in der Verantwortlichkeit des königlichen Vertrauens. Sie waren Schlüsselträgerinnen, Schatzmeisterinnen, Wächterinnen über das Arsenal, die Stoffvorräte und das Warenlager. Jede kannte genau ihre Pflichten und erfüllte sie bewundernswert. Wurde irgend etwas verlangt – ein besonderes Gewehr vielleicht oder ein besonderer Stoffballen –, so wurde die richtige Königin gerufen, sie brachte die richtige Kiste, öffnete sie in des Königs Gegenwart und zeigte den betreffenden Gegenstand in ausgezeichneter Verfassung vor, das Gewehr war sauber und geölt, die Tücher richtig gefaltet. Ohne Langsamkeit oder Hast und ohne viel Rederei lief der ganze große Apparat wie eine Maschine auf Rädern. Nie habe ich eine vollkommenere und vollendetere Ordnung gesehen. Und doch wurde ich immer wieder erinnert an jene norwegischen Erzählungen von Trollen und Menschenfressern, die ihre Herzen um der bloßen Sicherheit halber in der Erde vergraben und ihren Frauen das Geheimnis anvertrauen müssen. Denn diese Vorsichtsmaßregeln beschützen das Leben Tembinok’s. Er strebt nicht nach Popularität, sondern beherrscht und knechtet seine Untertanen mit so einfachen Regierungsmethoden, daß es unmöglich ist, sie nicht zu bewundern, aber schwer, mit ihnen zu sympathisieren. Wenn eine von diesen vielen Frauen sich als treulos erweisen, die Rüstkammer heimlich geöffnet werden und die Waffen ihren Weg unbeobachtet ins Dorf finden sollten, so wäre eine Revolution nahezu sicher, der Tod das wahrscheinliche Resultat, und der Geist des Tyrannen von Apemama würde entfliehen, um sich mit seinen Vorläufern von Mariki und Tapituea zu vereinigen. Aber alle, denen er sein Vertrauen schenkte, sind Frauen, und sie sind alle Rivalinnen.

Allerdings gibt es auch männliche Diener und Angestellte: einen Koch, einen Proviantmeister, einen Zimmermann und einige Superkargos, etwa nach der Rangliste eines Schoners. Die Spione, »Seiner Majestät Tageszeitungen«, wie wir sie nannten, kommen jeden Morgen zum Bericht und gehen wieder fort. Koch und Proviantmeister haben nur mit der Tafel zu tun. Die Superkargos, deren Amt es ist, das Kopralager für drei Pfund monatlich und einen prozentualen Anteil zu verwalten, sind selten im Palast, und mindestens zwei von ihnen sind immer auf fremden Inseln. Nur der Zimmermann, der schlaue, lustige alte Rubam – vielleicht Ruben? – wurde bei meinem letzten Besuch sogar zur größeren Würde eines Hofmeisters erhoben, er ist täglich anwesend, ändert, erweitert, verschönt und baut die endlose Reihe der königlichen Erfindungen weiter aus. Manchmal verbringt Seine Majestät einen Nachmittag damit, Rubam bei seiner Arbeit zuzuschauen und sich mit ihm zu unterhalten. Aber doch sind diese Männer keine Vertrauensleute, keiner scheint bewaffnet zu sein, und keinem wird irgendein Schlüssel anvertraut. Gegen Abend werden sie einzeln alle aus dem Palast entlassen, und die Last der Monarchie und die Verantwortung für des Monarchen Leben ruht allein auf den Schultern der Frauen.

Ein Haushalt also, der dem unseligen in keiner Weise gleicht und noch viel weniger einem orientalischen Harem, der Haushalt eines ältlichen, kinderlosen Mannes, der seine Tage gezählt sieht, und der nun einsam inmitten einer Schar Frauen aller Alters- und Rangstufen wohnt, die irgendwie mit ihm verwandt sind: Mutter, Schwester, Kusine, legitime Frau, Konkubine, Geliebte, älteste Tochter und frühere Geliebte. Er lebt in ihrer Mitte als alleiniger Mann, alleiniger Spender von Ehren, Kleidern und Kostbarkeiten, das einzige Objekt mannigfaltiger ehrgeiziger Bestrebungen und Wünsche. Ich möchte bezweifeln, ob es in Europa einen Mann gibt, der so kühn wäre, ein solches Experiment des Taktes und der Regierungskunst zu versuchen. Und scheinbar hatte selbst Tembinok‘ anfangs Schwierigkeiten. Man erzählte mir, er habe eine Frau an Bord eines Schoners wegen irgendeiner Leichtfertigkeit erschossen. Eine andere erschlug er auf der Stelle wegen eines etwas größeren Vergehens; er stellte ihren Leichnam in einer offenen Kiste aus und ließ es zu, um die Warnung eindringlicher zu machen, daß er vor den Palasttoren verweste. Ohne Zweifel ist ihm sein Alter zu Hilfe gekommen, denn es ist leichter, bei einer so großen Zahl von Frauen den Vater zu spielen als den Gatten. Und heute scheint alles, wenigstens für den Blick des Fremdlings, reibungslos zu verlaufen, die Weiber scheinen auf das Vertrauen, den Rang und ihren klugen Herrn stolz zu sein.

Soviel ich begriff, machten sie aus diesem Mann eine Art Helden. Ein beliebter Lehrer an einer Mädchenschule ist vielleicht eine Figur von ähnlich exponierter Stellung. Aber der Lehrer ißt, schläft und lebt doch wenigstens nicht inmitten seiner Verehrerinnen und wäscht nicht seine schmutzige Wäsche vor ihren Augen; er kann ihnen entfliehen, er hat seine eigenen Räume und führt sein Privatleben, und wenn er nichts von dem besitzt, so hat er wenigstens seine Ferien, während der unglücklichere Tembinok‘ immer im vollen Rampenlicht ohne jede Deckung lebt.

Sooft ich kam und ging, hörte ich ihn niemals streng sprechen oder das geringste Mißfallen ausdrücken. Äußerste, vielleicht ein wenig schwerfällige Güte – die Güte eines Mannes, der sicher ist, daß man ihm gehorcht – zeichnete sein Leben aus, so daß ich manchmal erinnert wurde an Samuel Richardson im Kreise der ihn bewundernden Frauen. Die Frauen sprachen offen und schienen ihre Ansichten zum besten zu geben, wie unsere Frauen daheim oder, besser gesagt, wie kindische, aber ehrwürdige Tanten. Im großen ganzen beherrscht er, glaube ich, sein Serail weit mehr durch Geschicklichkeit als durch Strenge, und diejenigen, die anders darüber berichten, und von denen keiner meine Beobachtungsmöglichkeiten besaß, versäumten vielleicht die Rangunterschiede festzustellen und zwischen der »Familie« und den Anhängseln, den Wäscherinnen und den Prostituierten, zu unterscheiden.

Ein bemerkenswertes Ereignis ist das abendliche Kartenspiel, wenn die Lampen auf die Terrasse gebracht sind und »ich und meine Familie« stundenlang um Tabak spielen. Es ist höchst charakteristisch für Tembinok‘, daß er sein eigenes Spiel für sich erfinden mußte, und höchst charakteristisch für seine Hausgenossinnen, die ihn so verehren, daß sie auf die absurde Erfindung schwören. Das Spiel ist eine Abart vom Poker, wird mit den Trümpfen von mehreren Pack Karten gespielt und ist unglaublich langweilig. Aber ich habe eine Leidenschaft für alle Spiele und studierte es, und ich bin wohl der einzige Weiße, der die Regeln ungefähr begriffen hat, weswegen mich die Weiber, mit denen ich sonst nicht auf vertrautem Fuße stand, laut bewunderten. Darüber gab es keine Täuschung, es war eine ehrliche Empfindung, sie waren stolz auf ihr Privatspiel, waren durch die Interesselosigkeit, die andere dafür zeigten, ins Herz getroffen und sonnten sich in meiner schmeichelhaften Aufmerksamkeit. Tembinok‘ setzt doppelt und erhält dafür eine doppelte Anzahl Karten, aus denen er seine Auswahl trifft, ein listiges Manöver, das die Frauen in all den langen Jahren noch nicht durchschaut haben. Wenn er mit mir persönlich sprach, machte er nicht das geringste Geheimnis daraus, daß er immer gewinnen mußte, und so erklärte er auch seine neuliche Freigebigkeit an Bord der »Equator«. Er ließ die Frauen ihren eigenen Tabak kaufen, was ihnen im Augenblick Vergnügen machte. Er gewann ihn zurück im Kartenspiel, was ihn von neuem und ohne weitere Ausgaben zum alleinigen Urquell aller Freuden machte, wie er es zu sein wünschte. Und er schloß die Erzählung mit jenem Satz, mit dem er jeden Bericht über seine Politik endete: »Besser so!«

Das Palastgrundstück ist ausgelegt mit gestampften Korallen, die Augen und nackte Füße quälen, aber ausgezeichnet geharkt und gejätet sind. Zwanzig oder mehr Gebäude liegen verstreut an einer Art Straße, die an der Palisade entlang führt, und am Rande der Terrasse: Wohnhäuser für die Frauen und Diener, Lager für des Königs Kostbarkeiten und Schätze, geräumige Maniap’s für Festlichkeiten oder Staatssitzungen, manche auf Holzsäulen, andere auf Mauerpfeilern. Eins befand sich noch im Bau, die neueste und letzte Erfindung des Königs: ein europäisches Fachwerkhaus, das, um Kühle zu erzielen, in einen hohen Maniap‘ hineingebaut wurde: das Dach besteht wie ein Schiffsdeck aus Brettern und kann gehoben werden, so daß ein schattiger, abgeschlossener Promenadenplatz entsteht. Hier verbrachte der König ganze Stunden mit Rubam, und ich gesellte mich manchmal zu ihnen. Das Haus sieht ganz einzigartig aus, und ich muß sagen, daß mich die Phantasie des Architekten stark fesselte, und daß ich mit Vergnügen an ihren Beratungen teilnahm.

Hatten wir am Tage irgend etwas bei Sr. Majestät zu erledigen, so schlenderten wir durch den Sand an den Zwergpalmen vorbei, tauschten mit der alten Frau, die gerade Wache hatte, ein »Konamaori« aus und betraten das Grundstück. Die weite Korallenfläche lag glitzernd und leer vor uns, alle waren von dem riesigen Platz hinter dunkle Vorhänge geflüchtet. Manchmal suchte ich das Labyrinth dieses Platzes ab, um den König zu finden, und das einzige lebende Wesen, das ich entdeckte, wenn ich unter die Pfosten eines Maniap’s blickte, war der sehnige Leib eines der Weiber, die wie eine nackte Amazone ausgestreckt am Boden lag, in ruhigen Schlummer versunken. War es noch die Stunde der »Morgenzeitungen«, so war das Suchen etwas leichter, denn ein halbes Dutzend knechtischer, scheuer Burschen hockte vor einem Hause am Boden, so eng wie möglich in den schmalen Schattenstreifen gedrückt, und blickte mit blinzelnden Augen auf den König. Tembinok‘ war drinnen, die Seitenvorhänge des Gemaches waren gelüftet, der Wind strömte hindurch, und so hörte er ihren Bericht an. Wie Journalisten daheim, wenn Tagesnachrichten mager sind, spannen sie ihre Reden weit aus, und ich kannte einen, der einen ganzen Morgen unnütz ausfüllte mit einer erfundenen Unterhaltung zweier Hunde. Von Zeit zu Zeit geruht der König zu lachen, eine Frage zu stellen oder mit ihnen zu scherzen, und seine Stimme tönt schrill aus dem Gemach heraus. An seiner Seite sitzt manchmal der rechtmäßige Thronerbe, Paul, sein Neffe und Adoptivsohn, sechs Jahre alt, splitternackt, das Bild junger menschlicher Schönheit. Und immer sind die Lieblingsfrau und zwei andere Frauen wach, vier andere liegen nachlässig hingestreckt unter Matten, vom Schlummer umfangen. Wenn wir später kamen und zu einer ruhigen Stunde eintrafen, fanden wir Tembinok‘ zurückgezogen im Hause mit der Lieblingsfrau, einem irdenen Sirupfaß, einem bleiernen Tintenfaß und einem kaufmännischen Hauptbuch. Auf dem Bauche liegend trägt er darin von Tag zu Tag die ereignislose Geschichte seines Reiches ein, und wenn er damit beschäftigt war, verriet er immer eine gewisse Verdrießlichkeit, falls man ihn unterbrach, was ich sehr wohl verstehen kann. Der königliche Chronist las mir einmal eine oder zwei Seiten vor, indem er mir den Text übersetzte. Aber da die Stelle gerade einen Stammbaum enthielt und der Autor bei der Übertragung entsetzlich stammelte, so habe ich mich manchmal schon besser unterhalten, wie ich zugebe. Er beschränkt sich nicht auf Prosa, sondern schlägt auch die Leier in seinen Mußestunden. Man hält ihn für den größten Barden seines Königreiches, wie er ja auch der einzige politische Repräsentant, der leitende Architekt und der einzige Kaufherr ist. Seine Begabung erstreckt sich jedoch nicht auf Musik, und wenn seine Verse fertig sind, werden sie einem Berufsmusiker vorgetragen, der sie in Musik setzt und den Chor drillt. Auf die Frage, wovon seine Lieder handelten, antwortete Tembinok‘: von Verliebten, von den Bäumen und vom Meere. »Nicht alles wahr, alles Lüge.« Eine Charakteristik lyrischer Poesie, die, abgesehen von den Sternen und Blumen, die er vergessen hatte, kaum zu übertreffen ist. Diese mannigfaltigen Beschäftigungen eines Eingeborenen und absoluten Fürsten verraten eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit des Geistes.

Der Hof des Palastes zur Mittagszeit ist ein Platz, an den man sich mit Schrecken erinnert, denn der Besucher stolpert über die losen Steine wie durch ein blendendes Chaos von Licht und Hitze, aber der freie Zutritt des Windes säubert ihn von Fliegen und Moskitos, und bei Sonnenuntergang war er himmlisch schön. Ich erinnere mich seiner am besten aus mondlosen Nächten. Die Luft war wie ein Bad von Milch, zahllose flimmernde Sterne standen am Himmel. Die Lagune spiegelte sie wider. Scharen von Weibern lagerten gruppenweise und leise plaudernd auf dem Kiesgrund. Tembinok‘ pflegte seinen Rock auszuziehen und nackt und schweigend dazusitzen, vielleicht über seinen Liedern brütend, die Lieblingsfrau gewöhnlich an seiner Seite, ebenfalls schweigend. Inzwischen wurden in der Mitte des Hofes die Palastlaternen angezündet und reihenweise auf den Boden gestellt: sie nehmen einen Raum von sechs bis acht Quadratmeter ein, ein Anblick, der einem sonderbare Vorstellungen von der Zahl der »Familie« gab, ein Anblick wie die Ecke eines großen Bahnhofs daheim beim Dunkelwerden. Bald darauf glitten die Lampen in alle Winkel der Gebäude dahin, bestrahlten die letzten Arbeiten des Tages und leuchteten der ungeheuren Menge der Frauen, einer nach der anderen, zur Ruhe. Einige verblieben in der Mitte des Hofes für das Kartenspiel und blickten zu, wie die Trümpfe gemischt und verteilt wurden, wie Tembinok‘ unter seinen beiden Blatt wählte, und wie die Königinnen ihren Tabak verloren. Dann wurden auch sie verteilt und ausgelöscht, und ihren Platz nahm ein großes offenes Feuer ein, die nächtliche Beleuchtung des Palastes. Erlosch dieses, so brannten kleinere Feuer in gleicher Weise an den Toren. Sie wurden von den alten Frauen unterhalten, die man nicht sah, die nicht schlafen, die aber nicht immer still waren. Näherte sich jemand in den Stunden der Nacht, so geht ein Weckruf rund um die Palisade: jeder Wachtposten signalisiert dem benachbarten durch einen Steinwurf, das Aufschlagen fallender Kiesel macht die Runde und stirbt ab, und die Wächterinnen Tembinok’s kauern schweigend auf ihren Plätzen wie zuvor.

Viertes Kapitel


Der König von Apemama: Equatorstadt und der Palast

Fünf Personen wurden bestimmt, uns aufzuwarten. Onkel Parker, der uns Palmwein und grüne Nüsse brachte, war ein ältlicher, beinahe schon alter Mann mit dem Gemüt, der Betriebsamkeit und der Moral eines zehnjährigen Knaben. Sein Gesicht war alt, komisch und diabolisch, die Haut spannte sich über straffe Sehnen wie ein Segel am Tau, und er grinste mit jeder Muskel seines Kopfes. Seine Nüsse mußten jeden Tag gezählt werden, wenn er uns nicht betrügen sollte, sie mußten täglich geprüft werden, sonst waren bestimmt einige nicht geschält. Nichts als der Name des Königs, und auch der kaum, hielt ihn bei seiner Pflicht. Nachdem er seine Arbeiten verrichtet hatte, gaben wir ihm Pfeife, Streichhölzer und Tabak, und er setzte sich auf den Fußboden im Maniap‘ nieder, um zu rauchen. Scheinbar bewegte er sich nicht aus seiner Stellung, und doch war jeden Tag der Tabak verschwunden, wenn er die Sachen zurückgeben sollte, er hatte es möglich gemacht, ihn unter das Dach zu verstecken, wo er ihn am folgenden Morgen strahlend hervorholte. Obgleich dies Zauberkunststück regelmäßig vor drei oder vier Paar Augen ausgeübt wurde, konnten wir ihn niemals auf frischer Tat ertappen, und obgleich wir alles durchsuchten, wenn er fortgegangen war, konnten wir den Tabak niemals finden. Das waren die Scherze Onkel Parkers, eines Mannes von nahezu sechzig Jahren, aber er wurde nach seinen Missetaten bestraft: meine Frau bekam Lust, ihn zu malen, und die Qualen beim Sitzen waren unbeschreiblich groß.

Drei junge Mädchen kamen vom Palast, um unsere Wäsche zu waschen und mit Ah Fu herumzutollen. Sie gehörten der niedrigsten Klasse an, kleine Schmarotzer, die man für die Handelskapitäne zur Verfügung hielt, wahrscheinlich aus der Hefe des Volkes, vielleicht von anderen Inseln, ohne viel Erziehung und nicht sehr reizend, aber nette und lustige Mädel in ihrer Art. Die eine nannten wir das Gassenmädel, denn man findet ihresgleichen in allen Scheunenvierteln jeder Großstadt, dasselbe hagere, dunkeläugige, lebhafte, gewöhnliche Gesicht, dasselbe plötzlich herausbrechende kreischende Lachen, jenes unverfrorene und doch verängstigte Benehmen, mit scheuen Seitenblicken auf jeden Schutzmann – nur war hier der Schutzmann ein lebender König und sein Knüppel ein Gewehr. Ich bezweifle, ob man irgendwo außerhalb dieser Inselwelt oder auch hier oft ein Mädel findet wie Fatty, ein Koloß, der beinahe ebensoviel Stones (vierzehn englische Pfund) wiegen mochte, wie er Sommer zählte. Sie würde einen guten Gardesoldaten abgegeben haben, obgleich sie das Gesicht eines Säuglings hatte und ihre riesigen Körperkräfte fast ausschließlich zum Spielen verwandte. Aber sie waren alle drei von derselben Lustigkeit. Das Waschen wurde unter lärmendem Spiel besorgt, sie rannten umher und verfolgten sich, bespritzten und bewarfen sich, kugelten sich im Sande hin und her, und das Schreien und Lachen nahm kein Ende, wie bei Ferienkindern. In der Tat, mochte auch ihr Dienst in jenen ernsten Räumen sehr eigenartig sein, sie waren doch für einen Tag aus der größten und strengsten Mädchenschule der Südsee entwichen.

Unser fünfter Diener war kein Geringerer als der königliche Koch. Gesicht und Körper waren auffallend schön, er war faul wie ein Sklave und frech wie ein Fleischerjunge. Er schlief und rauchte in den verschiedensten graziösen Stellungen und Lagen in unseren Räumen. Aber abgesehen davon, daß er Ah Fu nicht half, gab er sich nicht einmal die Mühe, ihm zuzuschauen, man kann sagen, daß er herkam, um zu lernen, und da war, um zu lehren, und seine Lektionen waren manchmal schwer zu ertragen. Zum Beispiel schickte man ihn aus, um einen Eimer am Brunnen zu füllen. Ungefähr auf halbem Wege fand er meine Frau, die ihre Zwiebeln begoß, wechselte seinen Eimer mit dem ihren aus, ließ den leeren zurück und kehrte mit dem vollen in die Küche zurück. Ein andermal gab man ihm ein Gericht Klöße für den König und sagte ihm, sie müßten heiß gegessen werden, er solle sie so rasch wie möglich hintragen. Der Lümmel setzte sich im langsamsten Kilometertempo in Bewegung, die Nase in die Luft steckend, die Füße wie ein Seiltänzer voreinandersetzend. Mir riß bei diesem Anblick die Geduld, die er seit einem Monat auf die Probe gestellt hatte. Ich rannte hinter ihm her, packte ihn an den breiten Schultern, stieß ihn vor mir her, rannte den Hügel mit ihm hinunter, über die Sandflächen weg und durch das beifallklatschende Dorf hindurch zum Sprechhaus, wo der König gerade eine Ratsversammlung abhielt. Er besaß die Unverschämtheit zu behaupten, ich hätte ihm durch meine Gewalttätigkeit innere Verletzungen beigebracht, er habe ernstlich um sein Leben gebangt.

Wir ertrugen das alles, denn die Maßnahmen von Tembinok‘ sind sehr gründlich, und ich wollte nicht die Veranlassung seines Todes sein, aber inzwischen plagte sich mein unglücklicher chinesischer Koch für zwei und wurde schließlich krank. Ich befand mich in der Lage eines Cimondain Lantenac und aller Personen in Quatre-Vingt-Treize: wollte ich den Schuldigen auch weiterhin schonen, so mußte ich den Unschuldigen opfern. Ich tat das, was man gewöhnlich tut, ich versuchte beide zu retten, um, wie immer bei solchen Gelegenheiten, den Zweck zu verfehlen. Wohlvorbereitet ging ich zum Palast, fand den König allein vor und erzählte ihm eine endlos lange Geschichte. Der Koch sei zu alt, um noch zu lernen, ich befürchte, er mache keine großen Fortschritte, vielleicht könne man einen jungen Mann statt seiner nehmen – junge Leute lernten leichter. Alles vergebens: der König durchschaute meine Ausflüchte bis auf den Grund, sah, daß der Koch sich gröblich versündigt hatte, und saß eine Weile nachdenklich da. »Ich denken, er zuviel wissen«, sagte er schließlich mit grimmiger Stimme und lenkte das Gespräch sofort auf andere Dinge. Noch am selben Tage erschien ein anderer hoher Beamter, der Proviantmeister, an Stelle des Kochs, und ich muß gestehen, er war höflich und fleißig.

Sobald ich ihn verlassen hatte, scheint der König eine Winchesterbüchse verlangt zu haben und nach draußen vor die Palisade gegangen zu sein, um den Sünder zu erwarten. Tembinok‘ trug den Frauenrock und wahrscheinlich auch einen Tropenhelm und eine blaue Brille. Man stelle sich den glühenden Sandhügel vor, die Zwergpalmen mit ihren mittäglichen Schatten, die lange Flucht der Palisade, die alten Weiber als Schildwachen, jede Sirup kochend auf ihrem Posten bei einem kleinen hellen Feuer – und dann diese Schimäre mit tödlicher Waffe in der Hand auf der Lauer. Schließlich kommt der Koch, schlendert den Sandhügel von Equatorstadt kommend herunter, ahnungslos, eitel und graziös, ohne einen Gedanken an Gefahr. Sobald er richtig in Schußweite war, feuerte dieses Schreckgespenst eines Monarchen sechs Schüsse über seinen Kopf, zu seinen Füßen und an beiden Armen vorbei: das zweite Warnungssignal von Apemama, an sich schon schrecklich, aber furchtbar erst als Vorbedeutung, denn das nächste Mal wird Se. Majestät anlegen, um zu treffen. Man erzählte mir, daß der König ein vorzüglicher Schütze sei, daß man dem das Grab graben kann, auf den er zielt, und daß er, wenn er fehlen will, so scharf vorbeischießt, daß der Schuldige sechsmal die Bitternis des Todes kostet. Die Wirkung auf den Koch konnte ich selbst beobachten. Meine Frau und ich kehrten vom Meeresstrand der Insel zurück, als wir bemerkten, daß uns jemand mit sehr raschen, unregelmäßigen Schritten, halb gehend, halb rennend, entgegenkam. Als wir uns ihm näherten, erkannten wir den Koch, der außer sich war vor Erregung, seine gewöhnlich warme Mulattenhautfarbe erschien bläulichblaß. Er ging ohne Wort und Zeichen an uns vorüber, starrte uns mit dem Gesicht eines Teufels an und verschwand quer durch den Wald in die unbewohnten Gegenden der Insel, zur langgestreckten einsamen Küste, wo er ungesehen auf und ab rasen und Zorn, Furcht und Demütigung austoben konnte. Zweifellos kam in den Flüchen, die er in das Tosen der Brandung und den Gesang der Tropenvögel hineinschrie, oft der Name des Kaupoi, des reichen Mannes, vor. Ich hatte ihn zum Gelächter des ganzen Dorfes gemacht in der Affäre mit den Klößen des Königs, ich hatte ihn durch meine Machenschaften in Ungnade und unmittelbare Lebensgefahr gebracht, und schließlich – das war vielleicht am bittersten für ihn – hatte er mich am Wege getroffen, da ich ihn in der Stunde der Fassungslosigkeit beobachten konnte.

Die Tage vergingen, wir sahen ihn nicht wieder. Die Zeit des Vollmondes kam heran, wo der Mensch es für eine Schande hält zu schlafen, und ich wanderte vielleicht bis Mitternacht oder ein Uhr auf dem strahlenden Sand und unter dem Schatten der wehenden Palmen umher. Ich spielte, während ich so einherging, auf einem Flageolett, was meine Aufmerksamkeit stark in Anspruch nahm. Die Fächer über meinem Haupte rauschten mit metallischem Geraun, und ein nackter Fuß schlich fast geräuschlos über diesen nachgiebigen Boden. Aber als ich zur Equatorstadt zurückkam, wo alle Lichter bereits erloschen waren, und meine Frau, die noch wach war, nach mir ausgeblickt hatte, fragte sie mich, wer mir gefolgt sei. Ich glaubte, sie mache einen Scherz, aber sie sagte: »Durchaus nicht, ich sah zweimal jemand, als du vorübergingst, der dir dicht auf den Fersen folgte. Er blieb erst an der Ecke des Maniap’s zurück und muß noch hinter dem Kochhaus sein.« Ich rannte dorthin wie ein Narr, ohne jede Waffe, und stand dem Koch von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Er war auf meinem Tabugebiet, was an sich schon den Tod bedeutet, nichts konnte ihn zu solcher Stunde dorthin geführt haben als die Absicht zu stehlen oder zu töten; das Schuldbewußtsein machte ihn ängstlich, er drehte sich um und entfloh vor mir in die Stille der Nacht hinaus. Als er enteilte, trat ich ihn in die Stelle, wo man kein Ehrgefühl besitzt, und er schrie leise auf wie eine verwundete Maus. Er glaubte jedenfalls im Augenblick, eine tödliche Waffe habe ihn getroffen.

Was hatte der Mann gewollt? Ich habe im allgemeinen festgestellt, daß meine Musik eher geeignet war, Zuhörer zu vertreiben als anzulocken. Als Amateur konnte ich mir nicht einbilden, daß er für meine Auffassung des »Karneval von Venedig« Interesse oder seine Nachtruhe geopfert habe, um meinen Variationen des »Plouphboy« zu folgen, aber was auch immer seine Absicht gewesen war, ich konnte es nicht dulden, daß er sich nachts zwischen den Häusern herumtrieb. Ein Wort an den König, und der Mann war erledigt, denn in solchem Falle gab es keinen Pardon. Aber es ist ein Unterschied, ob man einen Menschen selbst tötet, oder ob man ihn hinter seinem Rücken anschwärzt und durch einen Dritten erschießen läßt. Ich beschloß, mich mit dem Burschen auf meine eigene Weise auseinanderzusetzen. Ich erzählte Ah Fu die Sache und bat ihn, mir den Koch herbeizuholen, wo immer er ihn fände. Ich glaubte, das würde schwierig sein, aber weit davon entfernt: er kam aus eigenem Antrieb – ein Akt wirklicher Verzweiflung, da sein Leben von meinem Stillschweigen abhing, und alles, was er hoffen konnte, war, vergessen zu werden. Aber er kam mit sicherer Haltung, gab weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung ab, beklagte sich über Verletzungen und behauptete, er sei nicht imstande zu sitzen. Ich glaube, ich bin der schwächste Mann auf Gottes Erdboden, ich hatte ihn in den am wenigsten verwundbaren Teil seines riesigen Leibes getreten, mein Fuß war nackt, und ich hatte nicht einmal meinen Fuß verletzt. Ah Fu konnte das Lachen nicht verbeißen; da ich meinerseits wußte, was er zu befürchten hatte, sah ich in diesem Gipfel der Unverschämtheit doch eine Art Tapferkeit, und ich bewunderte den Mann im stillen. Ich sagte ihm, ich würde dem König von dem nächtlichen Abenteuer nichts sagen, es sei ihm auch gestattet, wenn er eine Besorgung zu machen habe, tagsüber in meinen Tabubezirk zu kommen, aber fände ich ihn dort jemals nach Sonnenuntergang, so würde ich ihn auf der Stelle erschießen, und zum Beweis zeigte ich ihm einen Revolver. Er muß unglaublich erleichtert gewesen sein, entfernte sich in seiner gewöhnlichen dandyhaften Gleichgültigkeit und wurde von uns kaum jemals wiedergesehen.

Diese fünf Leute mit dem Proviantmeister an Stelle des Kochs kamen und gingen und waren unsere einzigen Besucher. Der Umkreis des Tabu hielt die Dorfbewohner auf Armlänge entfernt. Was »meine Familie« betraf, so wohnte diese wie Nonnen in der Klausur, nur einmal traf ich eine von ihnen draußen, des Königs Schwester; der Ort, an dem ich sie fand, das Inselkrankenhaus, stand wahrscheinlich unter einem Sonderrecht. Nur über den König ist noch zu berichten. Er pflegte immer allein kurze Zeit vor der Mahlzeit herüberzubummeln, nahm einen Stuhl und sprach und aß mit uns wie ein alter Familienfreund. Die Höflichkeit der Gilbertiner scheint sich auf das Abschiednehmen nicht zu erstrecken. Man wird sich erinnern, daß wir in dieser Beziehung mit Karaiti Schwierigkeiten hatten, und es klang kindisch und störend, wenn Tembinok‘ plötzlich sagte: »Ich wollen jetzt nach Hause gehen«, beim Aufstehen sich etwas verneigte und dann ohne jede Formalität den Rückzug antrat. Es war der einzige Makel in seinem Benehmen, das im übrigen einfach, vornehm, klug und würdig war. Er blieb niemals lange, trank nicht viel und ahmte unser Benehmen nach, wenn er es von dem seinigen verschieden fand. Schon früh hörte er zum Beispiel auf, mit dem Messer zu essen. Es war klar, daß er entschlossen war, in jeder Beziehung Vorteile aus unserem Besuch zu ziehen, besonders was Umgangsformen anging. Die soziale Stellung seiner weißen Besucher gab ihm viele Rätsel auf und beschäftigte ihn stark. Er nannte Namen nach Namen und fragte, ob der Träger ein großer Häuptling oder überhaupt ein Häuptling sei, was uns manchmal in Verlegenheit setzte, denn einige gehörten zu meinen allerbesten Freunden, von denen gerade keiner mit dem Purpurmantel geboren worden war. Er erfuhr zu seinem Erstaunen, daß bei uns die Klassen sich durch ihre Ausdrucksweise unterscheiden, und daß zum Beispiel gewisse Worte tabu seien in der Offiziersmesse eines Kriegsschiffes. Und er bat uns infolgedessen, wir möchten auf ihn in diesem Punkte achthaben und ihn korrigieren. Wir waren in der Lage, ihm die Versicherung zu geben, daß er keiner Korrektur bedürfe. Sein Wortschatz reicht sehr weit und ist außerordentlich umfassend. Gott weiß, woher er ihn genommen hat, aber zufällig ist er allen profanen oder groben Redensarten aus dem Wege gegangen. » Obliged«, » slabbed«, » gnaw«, » lodge«, » power«, » company«, » slender«, » wonderful« sind einige der Worte, die man von ihm nicht erwartet hätte, und die seine Rede schmückten. Am meisten freute er sich zu hören, wie die Offiziere eines Kriegsschiffes gegrüßt würden. In seiner Dankbarkeit für diesen Wink wurde er ganz gerührt. »Schonerkapitän mir nicht erzählen,« rief er aus, »ich glauben, er nicht wissen. Ihr wissen zuviel, Ihr wissen von Dampfer, Ihr wissen von Kriegsschiff. Ich glaube, Ihr wissen alles.« Aber er quälte mich oft genug mit seinen ewigen Fragen, und der höfliche Barbar stand häufig verlegen vor dem königlichen Sandford. Ich erinnere besonders an einen Vorfall. Wir führten die Laterna magica vor, ein Bild vom Schloß zu Windsor wurde gezeigt, und ich sagte ihm, das sei das Haus Viktorias. »Wieviel Faden es hoch?« fragte er, und ich wurde stumm vor ihm. Es war der Baumeister, der unermüdliche Palastarchitekt, der zu mir sprach, und obgleich er ein Sammler war, sammelte er niemals unnütze Informationen, sondern alle seine Fragen hatten einen Zweck. Besonders interessierten ihn Etikette, Regierungsapparat, Gesetz, Polizei, Geld und Medizin, alles Dinge, die für ihn als König und Vater seines Volkes von großer Bedeutung waren. Es war nicht nur meine Aufgabe, ihm neue Informationen zu geben, sondern ich mußte auch die früheren korrigieren. »Mein Vater, er erzählen mir«, oder »Weißer Mann, er erzählen mir«, so begann er stets. »Ich denken, er lügen?« Manchmal dachte ich, es sei so. Tembinok‘ trug mir einmal eine Schwierigkeit vor, die ich lange Zeit nicht begriff. Ein Schonerkapitän hatte ihm von Kapitän Cook erzählt, der König interessierte sich sehr für diese Geschichte und schlug, um mehr darüber zu erfahren, nicht etwa ein Konversationslexikon oder die Encyclopedia Britannica auf, sondern die Bibel in der Gilbertinselübersetzung, die hauptsächlich aus dem Neuen Testament und den Psalmen besteht. Hier suchte er nun lange und ernsthaft, Paulus fand er und Alexander, den Kupferschmied: kein Wort von Cook. Die Schlußfolgerung war selbstverständlich, daß der Forscher eine Erfindung sei. So schwer ist es selbst für einen Menschen von großer natürlicher Begabung wie Tembinok‘, in den Vorstellungskreis einer neuen Gesellschaftsordnung und Kultur einzudringen.

Fünftes Kapitel


Der König und sein Volk

Wir sahen sehr wenig von dem gemeinen Volk auf der Insel. Und zuerst trafen wir es am Brunnen, wo die Leute ihre Wäsche wuschen und wir unser Wasser für die Küche schöpften. Diese Verbindung war nicht gerade angenehm, und da wir einen Tyrannen in der Herrschaft wußten, wandten wir uns an den König und ließen den Platz in unseren Tabubezirk einbeziehen, was Tembinok‘ sichtbar zögernd gewährte, und man kann verstehen, wie wenig populär es die Fremdlinge machte. Viele Dorfbewohner gingen täglich an uns vorüber, aber sie machten einen weiten Bogen um unser Tabu herum und schienen ihre Blicke abzuwenden. Manchmal gingen wir selbst ins Dorf, einen sonderbaren Platz. Durch seine Kanäle wirkt es holländisch, durch die Höhe und Steilheit der Dächer, die in der Dämmerung wie Tempel aufragten, orientalisch, aber man rief uns selten in ein Haus, kein Willkommen, keine Freundschaft wurde uns geboten, und vom häuslichen Leben genossen wir nur einen Anblick: eine Totenwache, eine grauenhafte Szene. Die Witwe hielt den erkalteten bläulichen Leichnam des Gatten auf ihrem Schoß, nahm von Zeit zu Zeit von den Erfrischungen, die die Runde machten unter der Gesellschaft, und dann weinte sie und küßte den bleichen Mund. (»Ich fürchte, der Verlust geht Euch tief zu Herzen«, sagte der schottische Geistliche. – »Ja, Herr, so ist es!« antwortete die Witwe, »ich habe die ganze Nacht geweint, und jetzt will ich nur eben ein bißchen Hafergrütze essen und dann wieder anfangen zu weinen.«) Auf unseren Spaziergängen hatte ich immer den Eindruck, die Insulaner wichen uns aus, entweder weil sie uns nicht mochten, oder weil ein Befehl vorlag, und wen wir trafen, den überraschten wir im allgemeinen. Auf der Insel gibt es Palmenhaine, Dickichte und romantische, vier Fuß tiefe Gräben, die Reste alter Taroplantagen, und so ist es möglich, daß man unerwartet auf Leute trifft, die ausruhen oder sich vor der Arbeit verstecken. Ungefähr einen Pistolenschuß von unserer Stadt entfernt lag ein Teich in der Senkung eines Dschungels; hierher kamen die jungen Mädchen der Insel zum Baden und wurden mehrere Male durch unser Dazwischenkommen aufgeschreckt. Für sie gibt es nicht die kühlen Flüsse von Tahiti und Upolu, sie dürfen nicht in den Stunden der Dämmerung mit fröhlichen Dorfgespielinnen planschen und lachen, sondern müssen sich in diese Einsamkeit stehlen und in einen Teich kriechen, der einer Viehtränke gleicht, um sich in lauwarmem Sumpfwasser, das braun ist wie ihre eigene Haut, zu waschen, wenn man das waschen nennen kann. Andere, aber doch sehr seltene Begegnungen treten mir ins Gedächtnis zurück. Einige Male fesselte mich ein zarter Klang von Stimmen im Busch, weich wie Flöten, mit feinen Übergängen. Ich durfte auf eine liebliche Überraschung hoffen, schob die Blätter beiseite und sah an Stelle von Waldnymphen ein paar allzu wohlbeleibte Damen, die im reizlosen Ridi bei einer Tonpfeife plauderten. Die Schönheit der Stimme und des Auges war alles, was diesen ungeheuren Damen geblieben war, aber der Adel der Stimmen war in der Tat hervorragend. Merkwürdig genug, daß ich niemals einen gewinnenderen Klang der Sprache hörte, während der Sprachschatz besonders reich ist an aufdringlichen, häßlichen und ausländischen Worten, so daß Tembinok‘ selbst erklärte, sie ekele ihn an, und er betrachte es als eine Erholung, Englisch zu sprechen.

Die Verfassung dieses Volkes, von dem ich sowenig sah, kann ich nur erraten. Der König selbst gab seine Erklärungen ziemlich spitzfindig ab. »Nein, ich sie nicht bezahlen,« sagte er einmal, »ich ihnen Tabak geben, sie für mich arbeiten wie Bruder.« Es stimmt, einst gab es einen Bruder in Arden! Aber wir ziehen das andere Wort vor. Sie tragen alle Zeichen des Sklaventums an sich: kindische Leichtsinnigkeit, unverbesserliche Trägheit, neugierlose Zufriedenheit. Die Frechheit des Kochs war ein Zug, der nur ihm eigen war, während er seinen Leichtsinn mit dem unschuldigen Onkel Parker teilte. Mit derselben Gleichgültigkeit tanzten beide im Schatten des Galgens umher und spielten mit dem Tode in einer Weise, die jeden unvoreingenommenen Beobachter der menschlichen Natur verblüffen mußte. Ich sagte von Parker, daß er sich wie ein Junge von zehn Jahren benahm: was war er sonst, da er ein Sklave von sechzig Jahren war? Er hatte gewissermaßen sein ganzes Leben in der Schule verbracht, wurde ernährt, gekleidet, geleitet und kommandiert, die Furcht vor Strafe war etwas Alltägliches, er kokettierte mit ihr. Durch Schreckensherrschaft kann man Menschen antreiben, aber nicht höherzüchten. Hier in Apemama arbeiten sie in ewiger und unmittelbarer Lebensgefahr und verfallen einer Art Trägheitslethargie. Man sieht sehr oft jemand auf die Felder gehen, der seine steife Matte losgegürtet hat, so daß er mit eingeklemmten Ellbogen einherschreitet, einem Huhn ähnlich, dem man die Flügel zusammengebunden hat. Arbeitet er mit der rechten Hand, so muß die linke inzwischen untätig das Gewand festhalten. Oft sieht man zwei Männer, die einen einzigen Eimer Wasser zwischen sich an einem Stab tragen. Nun kann man eine Kirsche wohl in zwei Bissen verzehren, aber daß man zwei Träger braucht, um die Ausrüstung eines Soldaten eine halbe Meile weit zu tragen, ist denn doch ein wenig übertrieben. Frauen werden durch sklavenhafte Lebensbedingungen weniger entnervt, da sie weniger kindische Tiere sind. Selbst in der Abwesenheit des Königs und selbst, wenn sie ganz allein waren, habe ich Frauen von Apemama beharrlich weiterarbeiten sehen, aber von einem Manne darf man nur erwarten, daß er seine Aufgabe in kleinen, weit auseinandergezogenen Ansätzen erledigt und zwischendurch faulenzt. So sah ich einen Maler mit brennender Pfeife und einen Freund beim Atelierfeuer arbeiten. Man könnte vermuten, daß diesem Volk Männlichkeit und Lebenskraft fehle, wenn man sie nicht tanzen gesehen hätte. Nacht für Nacht und manchmal Tag für Tag ertönte der Chorgesang in dem großen Sprechhaus, feierliche Andantes und Adagios, von Händeklatschen begleitet und mit einer Energie vorgetragen, die das Dach erzittern ließ. Das Tempo war nicht gerade langsam, doch für diese Inselwelt schleppend, und so habe ich es vorgezogen, die Wirkung auf den Hörer darzustellen. Ihre Musik hatte einen gottesdienstähnlichen Charakter, wenn man sie nahebei hörte, und erschien europäischen Ohren regelmäßiger als die sonstige Insulanermusik. Zweimal hörte ich, wie eine Disharmonie regelrecht aufgelöst wurde. Von fernher, zum Beispiel von Equatorstadt gehört, steigen und jagen sich die Rhythmen wie das Bellen von Hunden in einem fernen Zwinger.

Die Sklaven werden sicher nicht überanstrengt, Kinder von zehn Jahren leisten bei uns ohne Ermüdung mehr, und die Arbeiter von Apemama haben Feiertag, wenn am frühen Nachmittag das Singen beginnt; die Ernährung ist schlecht, Kopra und eine Süßspeise aus zerstampftem Pandanus sind die einzigen Gerichte, die ich außerhalb des Palastes sah, aber die Quantität scheint ausreichend zu sein, und der König teilt seine Schildkröten mit ihnen. Drei kamen in einem Boot von Kuria während unseres Aufenthaltes an, eine wurde für den Palast behalten, eine zu uns geschickt und die dritte dem Dorf geschenkt. Es ist Sitte bei den Insulanern, die Schildkröten in ihrem Panzer zu kochen, und da uns die Schalen versprochen worden waren, baten wir darum, diesen törichten Brauch mit dem Tabu zu belegen. Das Gesicht Tembinok’s verfinsterte sich, und er antwortete nichts. Zögern bei der Anfrage wegen des Brunnens konnte ich verstehen, denn das Wasser ist sparsam auf einer niedrigen Insel, aber daß er sich weigern würde, in einer Kochangelegenheit dreinzureden, habe ich mir niemals träumen lassen, und ich nehme an, zu Recht oder Unrecht, daß er es ängstlich vermied, das Privatleben und die Gebräuche seiner Sklaven im geringsten anzutasten. So hat also auch hier unter einem absoluten Despotismus die öffentliche Meinung Gewicht, und selbst hier inmitten der Sklaverei hat die Freiheit eine Gasse.

Geordnet, nüchtern und unschuldig fließt das Leben auf der Insel dahin von Tag zu Tag wie auf einer Musterfarm und unter einem Musterpflanzer. Man kann die wohltätigen Wirkungen dieses harten Regiments nicht anzweifeln. Zierliche Höflichkeit, geschmeidiges und graziöses Benehmen, etwas weibisch und augendienerisch, zeichnet die Bewohner von Apemama aus; alle Händler sprechen davon, auch Besucher, die sowenig beliebt sind wie wir selbst, empfinden es, und selbst bei dem Koch konnte man es in den Augenblicken der größten Unverschämtheit noch wahrnehmen. Der König stand mit seiner männlichen und einfachen Art allein da. Man könnte sagen, er sei der einzige Gilbertinsulaner auf Apemama. Gewalttaten, die in Butaritari an der Tagesordnung sind, scheinen unbekannt zu sein, ebenso Diebstähle und Trunkenheit. Man versicherte mir, daß man den Versuch gemacht habe, Goldstücke am Strande vor dem Dorfe liegen zu lassen: sie blieben unangetastet. Während meines ganzen Aufenthaltes auf der Insel wurde ich nur einmal um Alkohol angegangen. Es handelte sich um einen höchst beredten Burschen, der europäische Kleider trug und ausgezeichnet Englisch sprach, mit Namen Tamaiti, oder wie die Weißen es verhunzt hatten: Tom White, einer von den Superkargos des Königs, die für drei Pfund monatlich und einen prozentualen Anteil arbeiten, einen Medizinmann, der im Privatleben Zauberer war. Er fand mich eines Tages am Rande des Dorfes an einem einsamen Ort, sonnig und abgeschlossen, wo die Tarofurchen tief und die Pflanzen hoch sind. Hier faßte er mich am Rockknopf, blickte sich wie ein Verschwörer um und fragte, ob ich Gin habe.

Ich sagte ihm, daß ich wohl Gin hätte. Er bemerkte, Gin sei verboten, lobte die Prohibition eine Weile und fuhr dann fort zu erklären, daß er ein Doktor sei oder » dogstar«, wie er das Wort aussprach, daß er Gin brauche für seine medizinischen Aufgüsse, daß er nichts mehr besitze und mir sehr dankbar wäre für eine Kleinigkeit in einer Flasche. Ich erzählte ihm, ich hätte dem König bei der Landung mein Wort verpfändet, aber da sein Fall so außergewöhnlich sei, wolle ich sofort zum Palast gehen und bezweifle nicht, daß Tembinok‘ mich für diesen Fall entbinden würde. Tom White wurde sofort von Angst und Schrecken erfaßt, flehte mich in den beweglichsten Ausdrücken an, ihn nicht zu verraten, und floh meine Nachbarschaft. Er besaß nichts von der Kühnheit des Kochs, Wochen vergingen, ehe er mir wieder unter die Augen zu kommen wagte, und dann nur auf Befehl des Königs und wegen einer besonderen Angelegenheit.

Je mehr ich den Triumph dieser starken Regierung durchschaute und bewunderte, desto mehr beschäftigte mich ein Problem auf das ernsthafteste, das vielleicht schon morgen für uns von Bedeutung sein konnte. Hier lebte ein Volk, geschützt vor allen ernsthaften Schicksalsschlägen, befreit von jeder ernsthaften Sorge und dessen beraubt, was wir unsere Freiheit nennen. Liebten sie diesen Zustand? Und wie waren ihre Gefühle gegenüber dem Herrscher? Die erste Frage konnte ich natürlich nicht stellen, auch konnten die Eingeborenen sie kaum beantworten. Selbst die zweite Frage war heikel, aber schließlich fand ich unter reizvollen und sonderbaren Bedingungen Gelegenheit, sie anzubringen, und einen Mann, der sie beantwortete. Es war nahezu Vollmond, und eine herrliche Brise wehte, die Insel war taghell, es wäre Gotteslästerung gewesen zu schlafen, und ich wanderte im Busch und spielte auf meiner Flöte. Es muß wohl der Ton meiner Musik gewesen sein – oder was ich selbstgefällig so nenne –, der einen anderen Wanderer in meine Richtung lockte. Es war ein junger Mann, mit seiner Matte bekleidet und mit einem Blumenkranz im Haar, denn er war soeben vom Tanzen und Singen in der Volkshalle gekommen. Sein Körper, sein Gesicht und seine Augen waren von entzückender Schönheit. Überall sieht man auf den Gilbertinseln junge Leute von dieser unglaublichen Vollkommenheit, ich beobachtete fünf Leute unserer Reisegesellschaft, die eine halbe Stunde in Bewunderung vor einem Knaben auf Mariki standen, und Te Kop, meinen Freund mit der feinen Matte und dem Blumenkranz, hatte ich schon verschiedentlich bemerkt und längst als das schönste Lebewesen von Apemama bezeichnet. Die Wirkung solcher Bewunderung muß sehr stark gewesen sein, oder die Eingeborenen sind besonders empfänglich dafür, denn ich habe selten auf diesen Inseln jemand bewundert, ohne daß er meine Bekanntschaft gesucht hätte. So war es auch mit Te Kop. Er führte mich zum Meeresstrand, und eine oder zwei Stunden lang saßen wir rauchend und plaudernd auf dem glänzenden Sand im unaussprechlichen Leuchten des Mondes. Mein Freund zeigte sich sehr empfänglich für die Schönheit und Anmut der Stunde. »Gute Nacht! Guter Wind!« rief er unausgesetzt aus, und indem er die Worte sprach, schien er mich zu umarmen. Vor langer Zeit habe ich solche immer wiederkehrenden Ausrufe des Entzückens für einen Typ, nämlich Felipe in meiner Geschichte »Olalla«, erfunden und wollte, daß er dadurch einigermaßen blöde wirkte. Aber in Te Kop war nichts Niedriges, sondern er empfand nur ein kindisches Vergnügen am Augenblick. Auch von seinem Begleiter war er nicht weniger entzückt oder freundlich genug, es zu sagen, und er ehrte mich, bevor er mich verließ, indem er mich Te Kop nannte. Er nannte mich »mein Name!«. Mit einer unaussprechlichen Betonung, indem er seine Hand gleichzeitig leicht auf meine Knie legte; und als wir aufgestanden waren und unsere Wege sich im Busch trennten, rief er mir zweimal in einer Art milder Verzückung nach: »Ich Euch lieben zuviel!« Von Anfang an hatte er kein Geheimnis aus seiner Furcht vor dem König gemacht, er wagte es nicht, sich niederzusetzen oder mehr als flüsternd zu sprechen, bevor er nicht die ganze Breite der Insel zwischen sich und seinem Monarchen wußte, der bereits harmlos schlief; und selbst dort, nicht mehr als einen Steinwurf vom großen Meer entfernt, wo unser Gespräch durch das Rauschen der Brandung und das Brausen des Windes in den Palmen eingehüllt wurde, sprach er immer noch vorsichtig, dämpfte seine Silberstimme, die im Chor laut genug ertönte, und blickte sich um wie ein Mann, der Spione fürchtet. Das sonderbarste ist, daß ich ihn niemals wiedersehen sollte. Auf jeder anderen Insel der ganzen Südsee würde jeder Eingeborene, den ich nur halb so weit an mich herankommen ließ, am nächsten Morgen vor meiner Tür gewesen sein, um Geschenke zu bringen und zu erwarten. Aber Te Kop verschwand für immer im Busch. Mein Haus war selbstverständlich unerreichbar, aber er wußte, daß er mich am Ozeanstrand, wohin ich täglich ging, finden konnte. Ich war der Kaupoi, der reiche Mann, mein Tabak und meine Handelswaren waren als unerschöpflich bekannt, er konnte eines Geschenkes sicher sein. Ich bin nicht imstande, sein Benehmen zu erklären, wenn man nicht vermuten dürfte, daß er sich einer Stelle in unserem Gespräch mit Schrecken und Bedauern erinnerte. Hier ist sie:

»Der König, er guter Mann?« fragte ich.

»Glauben er Euch lieben, er guter Mann«, antwortete Te Kop. »Nicht lieben, nicht gut!«

Das ist allerdings eine besondere Art, die Sache darzustellen. Te Kop war wahrscheinlich nicht beliebt, denn er sah, soweit ich beurteilen kann, nicht gerade wie ein fleißiger Mensch aus. Und eine Menge anderer Leute wird der König, um bei dem Ausdruck zu bleiben, nicht lieben. Lieben diese Unglücklichen den König? Oder ist die Abneigung nicht vielmehr gegenseitig? Ist der gewissenhafte Tembinok‘ genau wie der Braxfield vor ihm und viele andere gewissenhafte Herrscher und Richter vor beiden umgeben von einer beträchtlichen Anzahl von »Nörglern«? Man denke zum Beispiel an den Koch, der uns blau vor Wut und Zorn begegnete. Er war sehr wütend gegen mich, aber ich glaube, daß er nach allen Gesetzen der menschlichen Natur nicht gerade entzückt war von seinem Herrn. Dem reichen Manne wollte er auflauern, aber ich glaube, um Haaresbreite wäre es der König gewesen, dem er statt dessen aufgelauert hätte. Und der König gibt, wenigstens scheinbar, viele Gelegenheiten dazu; Tag und Nacht geht er allein umher, ob bewaffnet oder nicht, kann ich nur erraten, und die Tarofelder, wohin ihn seine Geschäfte sooft führten, scheinen für einen Mord geradezu vorbestimmt zu sein. Der Vorfall mit dem Koch belastete mein Gewissen schwer. Ich wollte meinen Feind nicht von einer zweiten Hand töten lassen, aber hatte ich das Recht, dem König, der mir vertraute, den gefährlichen, heimtückischen Charakter seines Dieners zu verbergen? Und angenommen, der König fiele, was wäre das Schicksal der Freunde des Königs? Damals war unsere Meinung, daß wir für die Inanspruchnahme des Brunnens teuer bezahlen müßten, daß unser Atem in des Königs Brust liege, daß, wenn der König irgendwie auf einem Tarofeld meuchlings getötet werden sollte, die philosophischen und musikliebenden Einwohner von Equatorstadt ihr liebliches Instrument beiseitezulegen und zu allen Waffen zu greifen hätten, die ihnen zur Verfügung standen, mit sehr schwachen Aussichten auf Erfolg. Diese Gedanken wurden uns aufgezwungen durch einen Vorfall, den ich mich schäme zu berichten. Der Schoner H. L. Haseltine, der inzwischen mit Verlust von elf Leben auf See gekentert ist, lief Apemama an zu einer für uns günstigen Zeit, da wir unsere Vorräte nahezu erschöpft hatten. Der König brachte gewohnheitsmäßig Tag für Tag an Bord zu, der Gin war unglücklicherweise nach seinem Geschmack, er brachte einen Vorrat mit an Land, und eine Zeitlang war der einzige Tyrann der Insel stark angeheitert. Er war nicht betrunken – der Mann ist kein Trinker, er hat immer Alkoholvorräte zur Hand, die er mit Mäßigkeit genießt, aber er war benebelt, träge und verworren. Er kam eines Tages zum Frühstück zu uns und verfiel auf seinem Stuhl in Schlaf, während das Gedeck aufgelegt wurde. Seine Verwirrung glich unserem Unbehagen, als er aufwachte und sah, daß er sich verraten habe. Nachdem er gegangen war, saßen wir beisammen und sprachen von der Gefahr, in der er sich befinde, und die nach unserer Ansicht bis zu einem bestimmten Grade auch uns anging. Wie leicht konnte der Mann in solchem Zustande von »Nörglern« überrascht werden! Eigenartige Dinge würden folgen: die königlichen Schätze und Vorräte würden in die Hände des Pöbels geraten, der Palast würde überrannt, die Weibergarnison verjagt werden. Und während wir noch sprachen, erschreckte uns ein Gewehrschuß und ein plötzlicher barbarischer Aufschrei. Ich glaube, wir wechselten alle die Farbe, aber es war nur der König, der auf einen Hund feuerte, und der Chor, der im Sprechhaus zu singen begann. Ein oder zwei Tage später erfuhr ich, daß der König sehr krank sei, ich ging hin, untersuchte den Fall und bewies mich sofort als höchste Autorität auf dem Gebiete der Medizin, indem ich doppelkohlensaures Natron hervorzog. Innerhalb einer Stunde war Richard wieder er selbst, und ich fand ihn bei dem unvollendeten Haus, wie er das doppelte Vergnügen genoß, Rubam Anweisungen zu erteilen und eine Mahlzeit von Kokosnußklößen zu verzehren. Er war sehr begierig, das Rezept dieser neuen Art von Schmerzstiller zu erfahren, denn Schmerzstiller ist auf den Inseln die Generalbezeichnung für jede Medizin. So endete des Königs bescheidene Zecherei und unsere Sorge.

Nach außen schien, wie ich behaupten möchte, die Autorität unangetastet. Als unser Schoner schließlich zurückkam, nach vielen unangenehmen Erfahrungen mit täuschenden Winden, brachte er das Gerücht, Tebureimoa habe Apemama den Krieg erklärt. Tembinok‘ wurde ein neuer Mensch, sein Gesicht strahlte, sein Gebaren war lebendig wie das eines Knaben, als er den Vorsitz führte im Rat der Häuptlinge in einem Maniap‘ des Palastes, seine Stimme ertönte schrill und jubelnd nach draußen über den halben Bezirk. Gerade einen Krieg wünschte er, und hier war die große Gelegenheit. Als der englische Kapitän seine Waffen in die Lagune warf, verbot er ihm alle militärischen Unternehmungen in der Zukunft, ausgenommen in einem einzigen Falle. Hier war der Fall gegeben. Der Rat tagte den ganzen Morgen, Leute wurden gedrillt, Waffen gekauft, das Krachen von Schüssen ertönte den ganzen Nachmittag, der König entwarf den Feldzugsplan und teilte ihn mir mit, er war höchst genau und klug, nur vielleicht ein wenig zu fein gesponnen für die rauhen Zufälligkeiten des Krieges. Und in all diesem Aufruhr schien die Verfassung der Bevölkerung ausgezeichnet zu sein, auf jedem Gesicht zeigte sich ungewohnte Begeisterung, und selbst Onkel Parker brannte vor militärischem Eifer.

Selbstverständlich war es ein falscher Alarm. Tebureimoa hatte andere Fische zu braten. Der Abgesandte, der uns auf unserer Rückkehr nach Butaritari begleitete, fand ihn zurückgezogen auf dem Riff einer kleinen Insel, er schmollte mit seinen Altmännern, war unwillig über die Händler und hatte mehr Furcht vor Aufständen in seinem Reich als Gelüste nach auswärtigen Kriegen. Der Bevollmächtigte war unter meinen Schutz gestellt worden, und wir begrüßten uns feierlich, als wir uns trafen. Er bewies sich als ausgezeichneter Fischer und fing Bonitos von Bord aus. Er ruderte vorzüglich und machte sich einen ganzen glühend heißen Nachmittag über sehr nützlich, indem er die in eine Windstille geratene »Equator« an der Küste von Mariki ins Schlepptau nahm. Er erledigte seinen Auftrag ohne großes Geschick, kehrte aber nach Hause zurück, ohne Unheil angerichtet zu haben.

O si sic omnes!

Viertes Kapitel


Sitten und Sekten auf den Paumotus

Selbst der oberflächlichste Leser muß einen Wandel der Atmosphäre nach dem Verlassen der Marquesasinseln bemerkt haben. Das mit allerlei Gerätschaften angefüllte Haus, die herumwirtschaftende Hausfrau, die ihre Besitztümer zählt, der ernste ungelehrte Inselpastor, der zähe Kampf ums Leben in der Lagune: alles das sind Anzeichen einer anderen Welt. Ich las in einer Broschüre – den Namen des Verfassers will ich nicht nennen –, daß der Marquesaner ganz besonders dem Paumotuaner gleiche. Ich möchte die beiden Rassen, obgleich sie so nahe beieinander wohnen, als Extreme polynesischer Verschiedenartigkeit bezeichnen. Die Marquesaner sind ohne Zweifel die schönste menschliche Rasse und eine der größten, der Paumotuaner ist durchschnittlich einen guten Zoll kleiner und nicht einmal hübsch. Der Marquesianer ist freigebig, träge, ohne Gefühl für Religion und kindlich milde gegen sich selbst, der Paumotuaner ist habgierig, zäh, unternehmungslustig, religiös kritisch und besitzt Züge eines asketischen Charakters.

Noch vor einigen Jahren waren die Eingeborenen des Archipels verschlagene Wilde. Ihre Inseln möchte man Sireneninseln nennen, nicht nur wegen der Anziehung, die sie auf den vorüberfahrenden Seemann ausüben, sondern auch wegen der Gefahren, die ihn an Land erwarten. Selbst heute noch lauert Unheil auf gewissen abseits liegenden Inseln, und der zivilisierte Paumotuaner fürchtet sich an Land zu gehen und zögert, sich mit seinem rückständigen Bruder einzulassen. Aber, diese Inseln ausgenommen, lebt die Gefahr heute nur in der Erinnerung. Als unsere Generation noch in der Kinderstube war, bildete sie eine lebendige Tatsache. Zwischen 1830 und 1840 war es z.B. sehr gefährlich, sich Hao zu nähern, wo Schiffe geentert und die Besatzungen gefangengenommen wurden. Noch 1856 segelte der Schoner »Sarah Ann« von Papeete ab und wurde nie wieder gesehen. Es waren Frauen und Kinder an Bord, die Frau des Kapitäns, ein Kindermädchen, ein Säugling und die beiden Söhne des Kapitäns Steven, die sich auf der Fahrt zum Festlande befanden, um die Schule zu besuchen. Man vermutete, daß alle in einem Wirbelsturm umgekommen seien. Ein Jahr später sah der Kapitän der »Julia«, als er an der Küste einer Insel, die abwechselnd Bligh, Lagoon und Tematangi genannt wird, bewaffnete Eingeborene, die in mannigfarbige Stoffe gekleidet waren, den Kurs seines Schoners verfolgen. Sofort erhob sich Argwohn, die Mutter der verlorenen Kinder stellte genügend Geld zur Verfügung, und nachdem eine Expedition den Ort verödet vorgefunden hatte und zurückgekehrt war nach Abfeuerung einiger Schüsse, rüstete sie selbst eine zweite aus und begleitete sie. Niemand erschien, um sie willkommen zu heißen oder ihnen Widerstand zu leisten; sie streiften eine Weile zwischen verlassenen Hütten und menschenleeren Büschen umher, bildeten dann zwei Abteilungen und machten sich auf den Weg, um den Pandanusdschungel von einem Ende der Insel zum anderen abzusuchen. Ein Mann allein blieb am Landungsplatz, Teina, ein Häuptling von Anna und Führer der bewaffneten Eingeborenen, die den Hauptteil der Expedition bildeten. Als nun seine Kameraden nach allen Seiten davongegangen waren, um ihre schwierigen Erkundungen anzustellen, senkte sich eine tiefe Stille herab, und diese Stille war das Verderben der Inselbewohner. Der Laut fallender Steine drang ans Ohr Teinas. Er sah sich um, da er glaubte, eine Krabbe wahrzunehmen, und erblickte statt dessen die braune Hand eines Manschen, die sich aus einer Bodenspalte hervorstreckte. Ein Schrei rief die Fahndungsabteilungen zurück und verkündete den unter der Erde steckenden Feiglingen den Untergang. In der Höhle fand man sechzehn Gestalten, die zwischen menschlichen Knochen und einzigartigen und grauenhaften Dingen hockten, darunter war ein Schädel mit goldenem Haar, in dem man einen Überrest der Kapitänsfrau erkennen durfte, dann die Körperhälfte eines europäischen Kindes, an der Sonne getrocknet und auf einen Stab gespießt, ohne Zweifel zum Zweck irgendeiner Zauberei.

Der Paumotuaner wünscht reich zu sein. Er spart, rafft zusammen, vergräbt Geld und fürchtet die Arbeit nicht. Für je einen Dollar verbrachten zwei Eingeborene die ganzen Tagesstunden, um das Kupfer an unserem Schiff zu putzen. Es war sonderbar, sie so unermüdlich und wohlauf im Wasser zu sehen, sie arbeiteten zeitweise mit brennender Pfeife. Der Raucher tauchte manchmal unter, und der Pfeifenkopf blieb an der Oberfläche. Das sonderbarste aber ist die Tatsache, daß sie nächste Nachbarn der unfähigen Marquesaner sind. Aber der Paumotuaner spart, knausert und arbeitet nicht nur, sondern er stiehlt auch, oder, um es genauer auszudrucken, er ist ein Schwindler. Er streitet niemals eine Schuld ab, sondern flüchtet nur vor dem Gläubiger. Er ist immer darauf bedacht, Vorschüsse zu erhalten, und sobald er sie bekommen hat, verschwindet er. Er kennt genau das betreffende Schiff wieder, und wenn es sich einer Insel nähert, macht er sich davon zu einer anderen. Man glaubt seinen Namen zu kennen, aber er hat ihn inzwischen gewechselt. Eine Verfolgung in dieser unendlichen Inselwelt wäre erfolglos. Das Resultat läßt sich in ein paar Worten beschreiben. Tatsächlich hat man in einem Regierungsbericht vorgeschlagen, Schulden dadurch einzutreiben, daß man den Schuldner photographiert, und neulich wurden in Papeete Kredite in der Höhe von sechzehntausend Pfunden, die auf den Paumotus gewährt worden waren, für weniger als vierzig Pfunde verkauft – quatre cent mille francs pour moins de mille francs. Selbst dann wurde der Kauf als waghalsig empfunden, und nur der Mann, der ihn getätigt hatte und besondere Möglichkeiten besaß, hatte gewagt, soviel zu zahlen.

Der Paumotuaner hängt innig an denen, die seines Blutes sind und zu seinem Haushalt gehören. Eine rührende Zuneigung verbindet oft Weib und Gatten. Ihre Kinder beherrschen die Eltern schon zu Lebzeiten vollständig, und wenn sie gestorben sind, werden ihre Knochen und Mumien oft eifersüchtig aufbewahrt und auf den Wanderungen der Familie von Atoll zu Atoll mitgenommen. Man erzählte mir, daß in manchen Häusern auf Fakarava Kindermumien in verschlossenen Seekisten lägen. Nachdem ich das erfahren hatte, schaute ich ein wenig eifersüchtig auf die Kisten, die neben meinem eigenen Bett standen, und auch in jenem Schrank dort konnte vielleicht ein kleines Skelett ruhen.

Die Rasse scheint ziemlich lebenskräftig zu sein. Ich hatte Gelegenheit, die Statistik von fünfzehn Inseln einzusehen, und fand ein Verhältnis von neunundfünfzig Geburten zu siebenundvierzig Todesfällen für das Jahr 1887. Läßt man drei Inseln von diesen fünfzehn aus, so bleibt für die restlichen zwölf das ansehnliche Verhältnis von fünfzig Geburten zu zweiunddreißig Todesfällen. Andauernde Härte der Lebensbedingungen und Fleiß erklären ohne Zweifel den Gegensatz zu den für die Marquesaner gültigen Ziffern. Aber der Paumotuaner entwickelt außerdem eine gewisse Sorgfalt in der Gesundheitspflege und den sanitären Maßregeln. Das öffentliche Gerede ersetzt bei diesen offenherzigen Leuten ein Seuchengesetz: Leute, die zu einer neuen Insel kommen, erkundigen sich sorgfältig, ob alles gesund ist, und die Syphilis wird, wenn sie auftritt, erfolgreich mit medizinischen Kräutern behandelt. Gleich ihren Nachbarn auf Tahiti, von denen sie vielleicht diesen Irrtum übernommen haben, behandeln sie den Aussatz mit verhältnismäßiger Gleichgültigkeit, die Elefantiasis dagegen mit zu großer Furcht. Aber im Gegensatz zu den Tahitianern nimmt ihre Besorgnis die Formen des Selbstschutzes an. Alle, die von dieser qualvollen und entstellenden Krankheit befallen sind, werden an die Grenzen der Dörfer verbannt, man verbietet ihnen die Benutzung der Fußwege und Landstraßen und verurteilt sie, sich zwischen ihrem Hause und dem Kokosnußwäldchen nur zu Wasser zu bewegen, denn selbst die Fußtapfen hält man für ansteckend. Fe’efe’e ist ein Produkt der Sümpfe, eine Folgeerscheinung des Malariafiebers und deshalb nicht heimisch auf den Atollen. Nur auf der Insel Makatea, wo die Lagune bereits zum Sumpf wurde, hat die Seuche einen Herd. Viele leiden daran; sie werden, wenn Mr. Wilmot recht hat, von vielen Bequemlichkeiten der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, und man glaubt, daß sie sich heimlich rächen. Die Exkremente der Kranken werden als höchst giftig angesehen. In den frühen Morgenstunden, so erzählt man, schleichen sich alte und boshafte Personen in das schlafende Dorf und schlagen verstohlen ihr Wasser vor den Türen junger Leute ab. So verbreiten sie die Krankheit, so begeifern und beschmutzen sie gesunde Wohnstätten, den Gegenstand ihres Neides. Ob es sich hier um eine entsetzliche Tatsache oder eine noch abscheulichere Legende handelt, es charakterisiert auf alle Fälle eine bittere Energie, die den Paumotuaner auszeichnet.

Der Archipel ist aufgeteilt zwischen zwei Hauptreligionen: dem Katholizismus und dem Mormonentum. Sie stehen einander stolz gegenüber mit dem falschen Schein der Dauerhaftigkeit, aber sie sind beide nur leere Formen, und ihre Mitgliederzahl schwankt ständig. Der Mormone wohnt andächtig der Messe bei, der Katholik hört andächtig einer mormonischen Predigt zu, und am folgenden Tage hat vielleicht jeder seinen Glauben gewechselt. Ein Mann war fünfzehn Jahre lang eine Säule der römischen Kirche gewesen; als sein Weib starb, bekannte er, es sei eine armselige Religion, die einem Manne nicht sein Weib erhalten könne, und wurde Mormone. Nach einem Gewährsmann ist der Katholizismus gut für Gesunde, aber beim Hereinbrechen von Krankheiten hält man es für klug auszutreten. Als Mormone habe man in fünf von sechs Fällen Aussicht, wieder gesund zu werden, als Katholik nur geringe Hoffnungen, und diese Meinung rührt vielleicht von der häufigen Anwendung der letzten Ölung her.

Wir alle wissen, was Katholiken sind, ganz gleich ob auf den Paumotus oder in der Heimat. Aber der paumotuanische Mormone ist ein Phänomen für sich. Er heiratet nur eine Frau, benutzt die protestantische Bibel, beobachtet protestantische Gottesdienstformen, verbietet den Gebrauch von Alkohol und Tabak, wendet die Taufe an bei Erwachsenen durch Untertauchen und tauft den Rückfälligen nach jeder öffentlichen Sünde von neuem. Ich besprach mich mit Mahinui, den ich in der Geschichte der amerikanischen Mormonen wohlunterrichtet fand, und er erklärte, es bestehe nicht die geringste Beziehung zu ihnen. » Pour moi,« sagte er mit zarter Rücksicht, » les mormons ici un petit Catholiques«. Einige Monate später hatte ich Gelegenheit, mit einem orthodoxen Landsmann zu sprechen, einem alten schottischen Dissidenten, der lange auf Tahiti gesessen hatte, aber noch nach der Heide von Tiree roch. »Warum nennen sie sich Mormonen?« fragte ich. »Mein Lieber, das ist auch eine Frage,« rief er aus, »denn nach allem, was ich von ihrem Glauben höre, kann ich nichts dagegen einwenden, und ihre Lebensführung ist über jeden Tadel erhaben.« Und doch sind sie echte Mormonen einer älteren Richtung, ähnlich den sogenannten Josephiten, den Anhängern von Joseph Smith und Gegnern von Brigham Young.

Man mag also zugeben, daß die Mormonen Mormonen sind. Aber sofort erheben sich neue Zweifel: was sind die Israeliten, und was sind die Kanitus? Vor langer Zeit teilte man die Sekte ein in eigentliche Mormonen und sogenannte Israeliten, aber den Grund habe ich nie erfahren. Vor einigen Jahren kam ein Reise-Missionar namens Williams, der eine ergiebige Kollekte veranstaltete und, als er sich zurückzog, eine neue Spaltung in naher Zukunft veranlaßte. Irgendeine Sonderbarkeit beim Beginn des Gottesdienstes hatte, wie man mir erzählte, Parteigänger und Feinde geschaffen, die Kirche wurde von neuem erschüttert, und eine neue Sekte, die Kanitus, war das Ergebnis der Spaltung. Später haben die Kanitus und Israeliten gleich den Cameronianern und den vereinigten Presbytern gemeinsame Sache gemacht, und die Kirchengeschichte der Paumotus ist augenblicklich ereignislos. Aber bald wird wieder etwas geschehen, und diese Inseln können sich rühmen, das Schottland des Südens zu sein. Zwei Dinge konnte ich nie erfahren: die Natur der Feuerungen des hochwürdigen Mr. Williams wollte mir keiner erzählen, und die Bedeutung des Namens Kanitu konnte mir keiner verraten. Es war weder tahitisch noch marquesanisch und bildete auch keinen Teil jener alten Sprache der Paumotus, die langsam der Vergessenheit anheimfallt. Ein Mann, ein Priester, Gott segne ihn, sagte, es sei die lateinische Bezeichnung für einen jungen Hund. Ich habe seitdem festgestellt, daß es der Name eines Gottes auf Neuguinea ist, und ein kühnerer Geist als ich müßte die Verbindung nachweisen. Hier ist also ein einzigartiger Zustand: eine brandneue Sekte, die durch Volkszustimmung entsteht, und ein unsinniges Wort, das als Bezeichnung erfunden wird.

Die Absicht, etwas Geheimnisvolles zu schaffen, scheint auf der Hand zu liegen, und nach der Ansicht eines sehr klugen Beobachters, Mr. Magee von Mangareva, bildet dies Element des Geheimnisvollen eine Hauptanziehungskraft der mormonischen Kirche. Sie erfreut sich in ihrem Ursprungsland gewissermaßen des Rufes der Freimaurerei, und für den Konvertiten hat sie einen gewissen abenteuerlichen Reiz. Andere Vorzüge kommen sicherlich hinzu. Die fortwährende Wiedertaufe, die fortgesetzt Tauffestlichkeiten nach sich zieht, empfindet man gesellschaftlich und geistig als Annehmlichkeit. Wichtig ist die Tatsache, daß alle Gläubigen ein Amt erhalten, noch wichtiger vielleicht die Strenge der Disziplin. »Das Alkoholverbot«, sagte Mr. Magee, »führt ihnen zahlreiche Mitglieder zu.« Kein Zweifel, daß diese Insulaner gern trinken, und kein Zweifel, daß sie sich von der Trunksucht freihalten. Dem Gelage an einem Festtage kann zum Beispiel eine Woche oder ein Monat strenger Enthaltsamkeit folgen. Mr. Wilmot schreibt dies der paumotuanischen Mäßigkeit und Sparsamkeit zu; es geht aber viel tiefer. Ich habe erwähnt, daß ich an Bord der »Casco« ein Gastmahl veranstaltete, um den Schiffszwieback und die Marmelade hinunterzuspülen, durfte jeder Gast zwischen Rum und Sirupwasser wählen, und aus der Gesamtzahl stimmte nur ein Mann – in herausforderndem Tone und unter schallendem Gelächter – für »Trum«. Das geschah in aller Öffentlichkeit. Ich besaß die Gemeinheit, das Experiment, sooft ich Gelegenheit hatte, innerhalb der vier Wände meines Hauses zu wiederholen, und mindestens drei Leute tranken gierig Rum hinter verschlossenen Türen, während sie ihn beim Festmahl zurückgewiesen hatten. Andere wiederum waren durchaus standhaft. Ich sagte, daß die Tugenden dieser Rasse bürgerlich und puritanisch seien; und wie bürgerlich ist das, wie puritanisch, wie schottisch, wie yankeehaft! Die Versuchung, der Widerstand, die öffentliche heuchlerische Gleichförmigkeit, die Pharisäer, die frommen Betbrüder und die echten, wahrhaft Religiösen! Bei solchen Leuten ist die Volkstümlichkeit einer asketischen Kirche wohl erklärlich. In den strengen Regeln, in der ständigen Überwachung finden die Schwachen eine Stütze, die Starken ein gewisses Vergnügen, und die Lehre von der Wiedertaufe, eine klare Abrechnung und ein neuer Beginn, mag manchen strauchelnden Bekenner trösten.

Es gibt noch eine neue Sekte oder was man, sicher unberechtigt, so nennt: die der Pfeifer. Aber ich bin nicht ganz sicher und vermute immer noch, daß irgendein vielleicht zufälliger und wahrscheinlich umstrittener Zusammenhang mit den anderen besteht. Hier seien wenigstens einige Geschehnisse berichtet aus dem Hause eines israelitischen Geistlichen oder Propheten auf der Insel Anaa, die, ich bin dessen sicher, Duncan von sich gewiesen hätte, während die Pfeifer sie als Nachahmung ihrer eigenen Bräuche begrüßt hätten. Mein Berichterstatter, ein Tahitier und Katholik, bewohnte einen Teil des Hauses; der Prophet und seine Familie lebten in dem anderen. Abend für Abend hielten die Mormonen auf dem einen Ende ihren abendlichen Gesanggottesdienst ab, Abend für Abend lag auf der anderen Seite das Weib des Tahitiers wach und lauschte dem Gesang mit Staunen. Schließlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, weckte ihren Gatten und fragte ihn, was er höre. »Ich höre mehrere Personen Hymnen singen«, sagte er. »Ja,« erwiderte sie, »aber lausche noch einmal! Hörst du nicht etwas Übernatürliches?« Nachdem seine Aufmerksamkeit auf diese Weise erregt war, vernahm er eine sonderbare summende Stimme, die er trotzdem für schön erklärte, und die die Sänger richtig begleitete. Am nächsten Tage stellte er Nachforschungen an. »Es ist ein Geist,« sagte der Prophet mit voller Einfältigkeit, »der in letzter Zeit an unserem Familiengottesdienst teilzunehmen pflegt.« Scheinbar war das Wesen nicht sichtbar, und wie andere Geister, die in diesen Tagen des Verfalls in der Heimat aufstehen, war es gänzlich ungebildet; zuerst konnte es nur summen, und erst in letzter Zeit hatte es gelernt, seine Rolle bei der Musik richtig zu spielen.

Die Veranstaltungen der Pfeifer tragen einen mehr geschäftlichen Charakter. Ihre Versammlungen werden öffentlich bei unverschlossenen Türen abgehalten, alle sind herzlich eingeladen teilzunehmen; die Gläubigen sitzen in einem Raum und singen Hymnen nach einem Bericht, nach einem anderen singen und pfeifen sie abwechselnd; der Führer der Zauberer – vielleicht darf ich sagen, das Medium – sitzt in der Mitte, eingehüllt in ein Laken, und schweigt. Und bald darauf ertönt genau über seinem Kopf oder manchmal von der Mitte des Daches ein Pfeifen aus der Luft, das Unerfahrene in Staunen versetzt. Das, so scheint es, ist die Sprache der Toten, ihre Ausdeutung wird ununterbrochen von einem der Eingeweihten festgehalten, der, wie man mir erzählte, »so schnell wie ein Telegraphist« schreibt, und schließlich werden die Mitteilungen öffentlich bekanntgegeben. Sie sind von verwegenster Trivialität: ein Schoner wird vielleicht angezeigt, irgendeine lächerliche Nachricht über einen Machbar gegeben, oder wenn der Geist im Falle einer Krankheit zur Konsultation gerufen wurde, wird vielleicht ein Heilmittel empfohlen. Eine von diesen Kuren, das Eintauchen in kochend heißes Wasser, erwies sich vor nicht langer Zeit verhängnisvoll für den Patienten. Die ganze Sache ist äußerst langweilig, äußerst töricht und äußerst europäisch. Sie besitzt nichts von den malerischen Qualitäten ähnlicher Beschwörungen auf Neuseeland und scheint nicht die Spur von Sinn zu besitzen, wie manche Gebräuche der Gilbertinsulaner, die ich beschreiben werde. Doch erzählte man mir, daß viele ernsthafte und kluge Eingeborene eingeschworene Pfeifer seien. »Wie Mahinui?« fragte ich, um einen Maßstab zu haben, und man antwortete mir: »Ja.« Warum sollte ich mich wundern? Gebildetere Leute als mein Sträflingkatechet setzen sich in der Heimat nieder zu ähnlich unnützen und langweiligen Torheiten.

Das Medium ist manchmal eine Frau. Eine Frau war es zum Beispiel, die diese Bräuche an der Nordküste von Taiarapu einführte zur Entrüstung ihrer eigenen Verwandten, wobei besonders ihr Schwager erklärte, sie sei betrunken. Aber was in Tahiti unmöglich war, schien für die Paumotus sehr geeignet, zumal gewisse Frauen dort die natürliche Gabe einzigartiger und nützlicher Kräfte besitzen. Man sagt, es handle sich um ehrbare, gutwillige Frauen, die sich manchmal durch das unheimliche Erbe belastet fühlen. Und in der Tat ist die Unbequemlichkeit, die durch diese Gabe verursacht wird, so groß und der Schutz, den man den Frauen gewährt, so unendlich gering, daß ich mich nur zögernd entschließe, sie als Gabe oder als vererbten Fluch zu bezeichnen. Man kann einer solchen Frau den Kokosnußhain rauben, ihre Kanus stehlen, ihr Haus niederbrennen und ihre Familienmitglieder rücksichtslos niedermetzeln: etwas darf man nicht tun, man darf nicht die Hand auf ihre Schlafmatte legen, oder der Leib des Übeltäters schwillt an, und er kann nur durch die Frau selbst oder ihren Mann geheilt werden. Hier ist der Bericht eines Augenzeugen, der ein geborener Tasmanier war, wohlerzogen, ein Mann mit Vermögen, sicherlich kein Narr. Im Jahre 1886 weilte er in einem Hause auf Makatea, wo zwei Knaben auf den Matten Unfug trieben und, wie ich glaube, hinausgeworfen wurden. Bald nachher begannen ihre Bäuche anzuschwellen, Schmerzen überfielen sie, alle möglichen Inselheilmittel wurden vergeblich angewandt, Reiben vermehrte nur ihre Qualen. Der Herr des Hauses wurde gerufen, gab eine Erklärung ab über die Natur der Heimsuchung und bereitete das Heilmittel vor. Eine Kokosnuß wurde geschält, mit Kräutern gefüllt und unter allen Zeremonien eines Stapellaufes und Beschwörungen in paumotuanischer Sprache dem Meere anvertraut. Von diesem Augenblick an wurden die Schmerzen geringer, die Qualen nahmen ab. Der Leser mag staunen. Ich kann ihm versichern, daß er, wenn er sich viel unter den alten Einwohnern des Archipels bewegt hätte, das eine oder das andere zugeben müßte: entweder waren die Bäuche geschwollen, oder das Zeugnis von Menschen ist überhaupt wertlos.

Ich habe keine dieser begnadeten Damen kennengelernt, aber ich habe selbst eine sonderbare Erfahrung gemacht, denn ich habe, allerdings nur für eine Nacht, die Rolle eines pfeifenden Geistes gespielt. Es hatte den ganzen Tag heftig geweht, aber mit hereinbrechender Nacht war der Wind abgeflaut, und der volle Mond segelte am klaren Himmel. Wir gingen südwärts die Insel entlang auf der Seite der Lagune und wanderten durch langgestreckte Palmenwälder auf schneeweißem Sande dahin. Nirgends Leben, nirgends ein Laut, bis wir auf dem bewaldeten Teil der Insel die Glut eines Feuers wahrnahmen und nicht weil davon in einem dunklen Hause Eingeborene leise sprechen hörten. Ohne Licht zu sitzen, selbst in Gesellschaft und unter Dach, ist für einen Paumotuaner ein äußerst kühnes Unterfangen. Die ganze Szene – das starke Mondlicht und die sonderbaren Schatten auf dem Sand, die umhergestreuten Glutreste, der Laut der leisen Stimmen vom Hause her und das Plätschern der Lagune längs der Küste – veranlaßten in mir, ich weiß nicht wie, abergläubische Vorstellungen. Ich war barfuß, ich bemerkte, daß meine Schritte lautlos waren, und als ich mich dem dunklen Hause näherte und dabei mich sorgfältig im Schatten hielt, begann ich zu pfeifen. Es war irgendein Gassenhauer, ein nicht gerade ernstes Lied. Beim ersten Ton stockte die Unterhaltung, jede Bewegung hörte auf, Schweigen begleitete mich, während ich weiterging, und als ich bei meiner Rückkehr denselben Weg nahm, bemerkte ich, daß die Lampe im Hause brannte, die Lippen aber noch immer stumm waren. Die ganze Nacht hindurch, davon bin ich heute überzeugt, zitterten die armen Kerle und schwiegen. Denn ich hatte in der Tat damals keine Ahnung von der Natur und Größe des Schreckens, den ich einjagte, und mit welch furchtbaren Gesichten die Töne jenes alten Liedes das dunkle Haus erfüllt hatten.

Fünftes Kapitel


Ein paumotuanisches Begräbnis

Nein, ich hatte keine Ahnung von den Ängsten dieser Menschen. Aber ich hatte schon früher einen Wink bekommen, ohne ihn zu verstehen, und der Anlaß war ein Begräbnis.

Ein wenig abseits von der Hauptstraße von Rotoava wohnte in einer niedrigen Laubhütte, die auf einen kleinen eingezäunten Platz hinauslief wie ein Schweinestall auf den Auslauf, ein alter Mann einsam mit seiner bejahrten Frau. Vielleicht waren sie zu alt, um mit den anderen auszuziehen, vielleicht waren sie auch zu arm und hatten keine Besitztümer zu verteidigen. Jedenfalls waren sie daheim geblieben, und so kam es, daß sie zu meinem Fest eingeladen wurden. Ich kann wohl sagen, daß es sich wirklich um einen fast politischen Entschluß handelte in dem Schweinestall, ob sie kommen oder nicht kommen sollten. Und der Gatte schwankte lange zwischen Neugier und Altersschwäche, bis die Neugier siegte und sie kamen, und inmitten dieser letzten Freude berührte der Tod seine Schulter. Einige Tage lang wurde seine Matte unter dem heiteren Himmel und dem kühlen Wind auf der Landstraße des Dorfes ausgebreitet, und man sah ihn dort, nur noch der Schatten eines Menschen, untätig liegen, während sein Weib untätig zu seinen Häupten saß. Sie schienen alle menschlichen Nöte und Fähigkeiten vergessen zu haben, sie sprachen und hörten nicht, sie ließen uns vorübergehen, ohne aufzublicken, die Frau bewegte den Fächer nicht und schien ihrem Mann nicht aufzuwarten, die beiden armen Alten saßen nebeneinander unter dem hohen Baldachin der Palmen wie die in ihre Urelemente aufgelöste menschliche Tragödie, von allem Pathos entblößt, lebhafte Neugier erregend. Und doch verfolgte mich der Gedanke an das Pathetische einer Tatsache: daß noch soviel Jugend und Erwartungsfreude in diesen abgestorbenen Adern gelebt halte, und daß der Wann den ganzen Rest seiner Lebenskraft an eine Vergnügung verschwendet hatte.

Am Morgen des siebzehnten September starb der Dulder, und da die Zeit drängte, wurde er am gleichen Tage um vier Uhr beerdigt. Der Friedhof liegt seewärts hinter dem Regierungsgebäude. Zerbrochene Koralle bedeckt die Oberfläche wie Straßenkies, ein paar Holzkreuze und ein paar unansehnliche, aufgerichtete Steine bezeichnen die Gräber, eine zementierte Mauer, hoch genug, um sich darauf stützen zu können, schließt den Platz ein, und dichtes Gesträuch umgibt ihn mit blassen Blättern. Hier war am Morgen das Grab gegraben, ohne Zweifel von griesgrämigen Totengräbern, beim Rauschen der nahen See und unter dem Geschrei der Meeresvögel. Inzwischen wartete der tote Mann in seinem Hause, und die Witwe und eine andere alte Frau lehnten am Zaun vor der Tür, ohne Worte auf den Lippen, ohne Empfindung in den Augen.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde trat die Prozession den Weg an, der Sarg war mit weißen Tüchern bedeckt und wurde von vier Leuten getragen; die Leidtragenden gingen hinterher – nicht viele, denn nicht viele waren in Rotoava geblieben – und nicht viele in Schwarz, denn sie waren arm; die Männer in Strohhüten, weißen Röcken und blauen Hosen oder dem prächtigen, teilweise farbigen Pariu, dem tahitischen Gewande, ähnlich dem schottischen Kilt; die Frauen mit wenigen Ausnahmen in leuchtende Gewänder gekleidet. Ganz im Hintergrunde kam die Witwe, traurig des toten Mannes Matte tragend, ein übermenschlich bejahrtes Geschöpf, irgendeinem » missing link« ähnlich.

Der Tote war Mormone gewesen, aber der mormonische Geistliche war mit den übrigen fortgezogen, um sich auf der benachbarten Insel über Grenzfestsetzungen zu streiten, und ein Laie übernahm sein Amt. Er stand am Kopfende des offenen Grabes in weißem Rock und blauem Pariu, seine tahitische Bibel in der Hand, ein Auge mit einem roten Taschentuch verbunden, und las feierlich jenes Kapitel aus Hiob, das man lesen hörte bei den Gebeinen so vieler Vorfahren, und sandte mit wohllautender Stimme zwei Gebete zum Himmel. Der Wind und die Brandung sangen ihr Lied dazu. Am Friedhofstore nährte eine Mutter in rotem Gewande ihr Kind, das in blaue Tücher gewickelt war. In der Mitte saß die Witwe auf dem Boden und polierte mit einem Stück Koralle eine Tragstange des Sarges; ein wenig später drehte sie dem Grabe den Rücken und spielte mit einem Blatt. Verstand sie das alles? Gott allein weiß es. Der stellvertretende Geistliche machte eine Pause, starrte vor sich hin, nahm dann ehrfurchtsvoll eine Handvoll Koralle und warf sie klirrend auf den Sarg. Staub zu Staub; aber die Staubkörner waren dick wie Kirschen, und der wirkliche Staub, der bald nachfolgen sollte, saß in der Nähe, noch zusammengefügt wie durch ein Wunder zum tragischen Ebenbild eines weiblichen Affen. Soweit war es ein christliches Begräbnis, ob der Tote nun Mormone war oder nicht. Die bekannte Stelle aus Hiob war vorgelesen, die Gebete waren gesprochen, das Grab zugeschaufelt, die Leidtragenden strebten heimwärts. Das Korn der deckenden Erde war etwas gröber, der Schrei der See ein wenig näher, der Glanz des Sonnenlichtes lag ein wenig starker auf der rohen Einfriedigung des Kirchhofes, und die Farben der Gewänder stimmten nicht ganz, aber sonst waren wohlbekannte Formen beobachtet worden.

Von Rechts wegen hätte es anders sein sollen, die Matte hätte mit dem Eigentümer beerdigt werden müssen, aber da die Familie arm war, wurde sie sparsam für frischen Gebrauch aufbewahrt. Die Witwe mußte sich eigentlich über das Grab werfen und die Stimme zur öffentlichen Trauerklage erheben, die Nachbarn einstimmen und die schmale Insel eine Zeitlang von Jammergeschrei widerhallen. Aber die Witwe war alt, vielleicht hatte sie es vergessen, vielleicht niemals verstanden, und sie spielte wie ein Kind mit Blättern an der Bahre. Mein Gast wurde auf alle Fälle unter Verletzung aller Gebräuche beerdigt. Sonderbar der Gedanke, daß seine letzte bewußte Freude die »Casco« und mein Gastmahl waren, sonderbar der Gedanke, daß er doch hingehinkt war, ein altes Kind, um nach neuen guten Dingen auszuschauen. Das Gute, die Ruhe, war ihm zuteil geworden.

Aber obgleich die Witwe vieles vernachlässigt hatte, so gab es doch eine Rolle, die sie nicht gänzlich außer acht lassen durfte. Sie ging fort mit den übrigen Leidtragenden, aber die Matte des toten Mannes war auf dem Grabe geblieben, und ich erfuhr, daß die Frau bei Sonnenuntergang zurückkehren mußte, um dort zu schlafen. Diese Nachtwache ist strengste Vorschrift. Von Sonnenuntergang bis zum Aufgang des Morgensternes muß der Paumotuaner Wache halten über der Asche eines Verwandten. Viele Freunde leisten den Wächtern Gesellschaft, wenn der Tote ein angesehener Mann war; sie werden mit Decken gegen die Unbilden des Wetters gut versorgt, ich glaube, man bringt ihnen Essen, und der Brauch wird zwei Wochen streng durchgeführt. Unsere arme Überlebende, wenn sie überhaupt noch wirklich lebte, besaß wenig Decken, und wenige waren, die mit ihr wachten. In der Nacht, die dem Begräbnis folgte, jagte ein starker Sturm sie vom Wachtplatz fort, tagelang blieb das Wetter unsicher und windig, und ehe sieben Nächte verstrichen waren, hatte sie es aufgegeben und kehrte zum Schlaf unter ihrem niedrigen Dache zurück. Daß sie sich die Mühe machte, zu so kurzem Aufenthalt in ihr einsames Haus zurückzukehren, daß sie, die am Rande des Grabes stand, ein wenig Wind und eine nasse Decke fürchtete, erfüllte mich damals mit Nachdenken. Ich konnte nicht behaupten, daß sie gleichgültig war, sie war mir an Erfahrungen so überlegen, daß meine Kritik kein Urteil wagte, aber ich erfand Entschuldigungen und sagt? mir, daß sie vielleicht wenig zu beklagen, vielleicht viel gelitten und vielleicht nichts begriffen habe. Und doch war es anders! Bei der ganzen Angelegenheit handelte es sich überhaupt nicht um Zärtlichkeit oder Anhänglichkeit, und die hartherzige Rückkehr des alten Weibes zu ihrem Hause war das Zeichen einer ungewöhnlichen Kraft.

Etwas hatte sich ereignet, das mich auf eine Spur brachte. Ich habe gesagt, daß das Begräbnis beinahe wie in der Heimat verlief. Aber als alles vorüber war und wir in rücksichtsvollem Schweigen von der Friedhofspforte den Pfad entlang schritten zum Dorf, wurden wir plötzlich von dem Ausbruch eines ganz verschiedenen Geistes überrumpelt und beinahe in Schrecken versetzt. Zwei Menschen gingen nicht weit Von uns entfernt in dem Zuge: mein Freund M. Donat, Donat-Rimarau, »Donat der Vielhändige«, der stellvertretende Vizeresident und augenblickliche Beherrscher des Archipels, bei weitem der wichtigste Mann im weiten Umkreise, aber im übrigen bekannt als unerschütterlich gutmütig, und eine gewisse hübsche, gut gebaute junge Paumotuanerin, die hübscheste der Insel, aber, wie wir hoffen wollen, nicht die edelste oder höflichste. Plötzlich, bevor noch die Totenstille des Begräbnisses gebrochen war, sprang sie auf den Residenten zu mit vorgestrecktem Finger, schrie ein paar Worte und rannte wieder zurück mit einem Lachen, das nicht natürliche Heiterkeit war. »Was sagte sie zu Ihnen?« fragte ich. »Sie sagte nichts zu mir,« sagte Donat etwas verwirrt, »sie sprach zum Geist des toten Mannes.« Und der Inhalt jenes Ausrufes war dieser: »Sieh dort! Donat ist ein fetter Bissen für dich heute abend!«

»M. Donat nannte es einen Scherz,« schrieb ich damals in mein Tagebuch, »mir schien es eher eine Art Beschwörung zu sein, die aus Furcht entstand, als wolle sie die Aufmerksamkeit des Geistes von sich ablenken. Menschenfresser mögen Wohl kannibalische Gespenster besitzen.« Die Vermutungen eines Reisenden scheinen von vornherein dazu verurteilt, falsch zu sein, aber in diesem Punkte hatte ich durchaus recht. Die Frau hatte mit Grauen dem Begräbnis beigewohnt, auf dem Friedhof, einem Ort des Schreckens. Sie blickte mit Grauen der kommenden Nacht entgegen, da dieses Schreckgespenst, ein neuer Geist, sich auf der Insel herumtrieb, lind die Worte, die sie Donat ins Gesicht geschrien hatte, waren in der Tat eine schreckhafte Verschwörung, um sich feige zu schützen und den andern feige auszuliefern. Etwas kann man zu ihrer Entschuldigung anführen. Ohne Zweifel wählte sie Donat einerseits, weil er ein Mann von großer Gutmütigkeit war, aber andererseits auch, weil er ein Halbblut war. Denn ich glaube, daß alle Eingeborenen weißes Blut als eine Art Talisman gegen die Mächte der Hölle ansehen. Auf keine andere Weise können sie sich die ungestrafte Unerschrockenheit der Europäer erklären.

Sechstes Kapitel


Friedhofgeschichten

Mit meinem abergläubischen Freund, dem Insulaner, verfahre ich, wie ich fürchte, nicht ganz einwandfrei, da ich ihm oft mit meinen eigenen Erzählungen den Weg weise und immer ein ernster und oft erregter Zuhörer bin. Aber der Betrug ist kaum sehr schwerwiegend, da ich ebenso begierig bin zuzuhören wie er zu erzählen, und da mir die Geschichten ebensosehr gefallen wie ihm sein Glaube. Und außerdem ist die Methode durchaus zweckmäßig, denn es ist kaum möglich, das gewaltige Ausmaß des Aberglaubens zu übertreiben, der sein Leben beherrscht und abfärbt auf das Denken. Wenn der Insulaner nicht von Geistern, Göttern und Teufeln zu mir redet, so verstellt er sich und spricht nur mit den Lippen. Bei einer so verschiedenartigen Ideenwelt muß man sich aufeinander einstellen, und ich ziehe es vor, seinem Aberglauben entgegenzukommen, statt von ihm Rücksicht auf meinen Unglauben zu fordern. Auch muß ich mir einer Tatsache immer gewiß sein: ich mag soviel Vorsicht üben, wie ich will, ich werde nie alles hören, denn er ist bereits auf der Hut vor mir, und der Umfang seines Aberglaubens ist grenzenlos.

Ich will nur ein paar Beispiele herausgreifen, hauptsächlich aus meiner eigenen nächsten Umgebung in Upolu während des verflossenen Monats (Oktober 1890). Einer meiner Arbeiter wurde neulich zur Bananenpflanzung geschickt, um dort zu graben. Es ist eine Felsschlucht, in Wäldern vergraben, völlig außer Seh- und Hörweite aller Menschen, und lange vor Dunkelheit war Lafaele wieder zurück beim Küchenhaus mit verwirrten Mienen; er wagte nicht länger allein zu bleiben, er fürchtete sich vor den Geistern im Busch. Es scheint, es sind die Seelen der unbegrabenen Toten, die sich dort herumtreiben, wo sie gefallen sind, und die Gestalten von Waldgetier annehmen, von Schweinen, Vögeln oder Insekten. Der Busch ist voll von ihnen, sie scheinen nichts zu essen, aber trotzdem anscheinend einsame Wanderer zu erschlagen und von Zeit zu Zeit in menschlicher Gestalt die Dörfer zu besuchen und sich unerkannt unter die Einwohner zu mischen. Soviel erfuhr ich ein oder zwei Tage später, als ich mit einem sehr intelligenten jungen Eingeborenen im Busch spazierenging. Es war ein wenig vor zwölf Uhr mittags, ein grauer und stürmischer Tag, und vielleicht hatte ich leichtsinnig geredet. Eine dunkle Wetterwolke barst am Gebirgsabhang, die Bäume ächzten und stöhnten, das welke Laub erhob sich in Wolken vom Boden wie Schmetterlinge, und mein Begleiter stand plötzlich vollkommen still. Er fürchtete sich, wie er sagte, daß die Bäume umfielen, aber sobald ich das Thema des Gesprächs gewechselt hatte, schritt er heiter fürbaß. Einige Tage zuvor kam ein Bote mit einem Brief den Berg hinauf von Apia, ich war im Busch, er mußte meine Rückkehr abwarten und dann verweilen, bis ich die Antwort aufgesetzt hatte. Bevor ich jedoch fertig war, erhob er schrill seine Stimme, voll Schreck vor dem Einbruch der Nacht und dem langen Weg durch den Wald. Das sind einfache Leute. Wie steht es mit den Häuptlingen? Ein großes Auftauchen und Verschwinden von Zeichen und Vorbedeutungen geschah auf unserer Inselgruppe. In einem Fluß wurde das Wasser zu Blut, rote Igel wurden in einem anderen gefangen, ein unbekannter Fisch wurde an die Küste geworfen, der ein geheimnisvolles Wort auf den Schuppen trug. Soweit könnte man glauben, in einer Mönchschronik zu lesen, aber jetzt kommen wir zu einer besonderen Note, die zugleich modern und polynesisch ist. Die Götter von Upolu und Savaii, unseren beiden Hauptinseln, maßen sich vor einiger Zeit im Kricket. Seit jener Zeit befinden sie sich im Kriegszustand. Schlachtenlärm hört man die Küste entlang rollen. Eine Frau sah einen Mann von der hohen See herüberschwimmen und sofort im Busch verschwinden, es war niemand aus der Nachbarschaft, und es war bekannt, daß es einer der Götter war, der zum Kriegsrat eilte. Das Bemerkenswerteste aber von allem: Ein Missionar auf Savaii, der zugleich Medizinmann ist, wurde spät nachts durch Klopfen gestört. Es war nicht die Zeit für ärztliche Behandlungen, aber schließlich weckte er seinen Diener und beauftragte ihn nachzusehen. Der Diener schaute durch ein Fenster und sah eine Menge Personen, alle mit schweren Wunden, zerstückelten Gliedmaßen, gespaltenen Schädeln und blutenden Schußwunden, aber als die Tür geöffnet wurde, waren sie alle verschwunden. Es waren Götter vom Schlachtfeld. Nun haben diese Berichte sicher eine Bedeutung, und es ist nicht schwer, sie auf politisch Unzufriedene zurückzuführen oder in ihnen eine Drohung mit zukünftigen Unruhen zu sehen. So menschlich betrachtet, fand ich sie selbst schwerwiegend genug als Vorzeichen. Aber gerade ihre Bedeutung als Geistererscheinungen wurde in den geheimen Ratsversammlungen meiner Eingeborenenherrscher diskutiert. Ich kann diesen Zwiespalt des polynesischen Geistes am besten durch zwei miteinander verbundene Vorkommnisse schildern. Einst lebte ich in einem Dorf, dessen Namen ich nicht die Absicht habe zu nennen. Der Häuptling und seine Schwester waren sehr kluge Leute, vornehm und redegewandt. Die Schwester war sehr religiös, ging oft zur Kirche und pflegte mir Vorwürfe zu machen, wenn ich fortblieb. Später stellte ich fest, daß sie heimlich einen Haifisch verehrte. Der Häuptling selbst hatte etwas von einem Freidenker, jedenfalls war er ein weitherziger Mann und besaß außerdem europäische Bildung und Kultur. Er war ein lebhaft ironisierender Geist, und ich würde ihm ebensowenig Aberglauben zugetraut haben wie Herbert Spencer. Aber nun höre man das Folgende: Ich hatte durch sichere Anzeichen beobachtet, daß die Leute ihre Toten zuwenig tief auf dem Dorffriedhof bestatteten, und ich stellte das meinem Freunde als der verantwortlichen Autorität vor. »Es ist irgend etwas nicht in Ordnung mit eurem Friedhof,« sagte ich, »ihr müßt darauf achten, sonst kann es sehr böse Folgen haben.« – »Irgend etwas nicht in Ordnung? Was ist das?« fragte er mit einer Erregung, die mich überraschte. »Wenn du eines Abends ungefähr um neun Uhr vorbeigehst, wirst du es selbst bemerken«, sagte ich. Er wich zurück. »Ein Geist!« rief er aus.

Kurzum, im ganzen Gebiet der Südsee hat einer dem anderen nichts vorzuwerfen. Halbblut und Vollblut, fromm oder lasterhaft, klug oder dumm, alle Menschen glauben an Geister, alle verbinden mit ihrem jungen Christentum die Furcht vor den alten Inselgottheiten und einen unauslöschlichen Glauben an sie. So verkleinerten sich in Europa die Götter des Olymps schließlich zu Dorfgespenstern, so stiehlt sich der kirchliche Hochländer unter den Augen der göttlichen freien Kirche fort, um an einer heiligen Quelle ein Opfer niederzulegen.

Ich versuche die ganze Angelegenheit hier zu behandeln wegen einer besonderen Eigenart des paumotuanischen Aberglaubens. Wahr ist, daß mir diese Geschichten berichtet wurden von einem Manne mit genialem Erzählertalent. Versammelt um unsere abendliche Lampe, hörten wir seinen erregenden Worten zu, während die Inselbrandung herüberdröhnte; der Leser in ganz anderen Breiten muß dem schwachen Echo aufmerksam lauschen.

Dieser Strauß sonderbarer Geschichten geht zurück auf das Begräbnis und den selbstsüchtigen Beschwörungsschrei jenes Weibes. Ich war unzufrieden mit dem, was ich vernommen hatte, versteifte mich auf Fragen und fand schließlich diese wertvolle Quelle. Von Sonnenuntergang bis ungefähr vier Uhr früh sitzen die Verwandten auf dem Grabe, und das sind die Stunden der Geisterwanderungen. Zu irgendeiner Zeit der Nacht, später oder früher, hört man ein Geräusch in der Tiefe, das die Befreiung anzeigt; genau um vier Uhr verkündet ein zweites und heftigeres Geräusch den Augenblick der Wiedereinkerkerung, in der Zwischenzeit macht der Geist seine verhängnisvolle Runde. »Hast du jemals einen bösen Geist gesehen?« fragte man einst einen Paumotuaner. »Einmal.« – »In welcher Gestalt?« – »In der Gestalt eines Kranichs.« – »Und woher wußtest du, daß der Kranich ein Geist sei?« fragte man. »Das will ich erzählen«, antwortete er, und dieses ist der Inhalt seines nicht gerade überzeugenden Berichtes: Sein Vater war ungefähr vierzehn Tage tot, die anderen waren der Nachtwache überdrüssig geworden, und als die Sonne unterging, fand er sich beim Grabe allein. Es war noch nicht dunkel, sondern die Stunde der letzten Dämmerung, als er einen schneeweißen Kranich auf der Korallenmauer wahrnahm. Bald darauf kamen mehrere Kraniche, einige weiße und einige schwarze. Dann verschwanden die Kraniche, und er sah an ihrem Platz eine weiße Katze, der sich schweigend eine große Anzahl Katzen aller nur möglichen Farben zugesellte. Dann verschwanden diese auch, und er blieb verwundert zurück.

Dies war eine tröstliche Erscheinung. Man höre aber nun die Geschichte von Rua-a-mariterangi auf der Insel Katiu. Er brauchte etwas Pandanus und ging über die Insel zum Strand der offenen See, wo sie hauptsächlich wächst. Der Tag war still, und Rua war überrascht, im Waldesdickicht krachende Geräusche und darauf den Sturz eines großen Baumes zu hören. Hier mußte jemand ein Kanu bauen, und er trat in den Waldessaum ein, um den zufälligen Nachbar aufzusuchen und mit ihm den Tag zu verbringen. Das Krachen ertönte näherbei, und dann beobachtete er, wie etwas rasch auf ihn zukam unter den Baumwipfeln. Es schwang sich vorwärts, indem es sich mit den Füßen festklammerte wie ein Affe, so daß die Hände für eine Mordtat frei waren. Es wurde von den winzigsten Ästen sicher getragen, es kam unglaublich schnell heran, und bald erkannte Rua, daß es ein durch Alter furchtbar entstellter Leichnam war, dessen Eingeweide heraushingen. Das Gebet ist die Waffe des Christen im Schatten des Todes, und dem Gebet schreibt Rua-amariterangi seine Rettung zu. Kein rein menschliches Mittel hätte ihm helfen können.

Dieser Dämon stammte sicher aus dem Grabe, aber es ist zu beachten, daß er am Tage unterwegs war. Und sowenig das in Einklang zu bringen ist mit den Stunden der Nachtwache und den vielen Hinweisen auf den Aufgang des Morgensterns, so ist es doch keine alleinstehende Ausnahme. Ich habe niemals wieder jemand getroffen, der diesen Geist, der am Tage und in den Bäumen umging, gesehen hätte, aber andere hatten den Sturz des Baumes gehört, der das Zeichen seines Kommens ist. M. Donat war einmal bei der Perlenfischerei auf der unbewohnten Insel Haraiki. Es war ein Tag ohne Windhauch, wie sie im Archipel abwechseln mit stürmischen Brisen. Die Taucher waren in der Mitte der Lagune bei ihrer Beschäftigung, der Koch, ein Junge von zehn Jahren, war bei seinen Töpfen auf dem Felde, so waren alle beschäftigt mit Ausnahme eines einzigen Eingeborenen, der Donat in den Wald begleitete, um Seevogeleier zu suchen. Plötzlich drang aus der Stille das Geräusch eines fallenden Baumes. Donat wollte weitergehen, um die Ursache festzustellen. »Nein!« rief sein Begleiter aus, »das ist kein Baum. Es war etwas nicht in Ordnung. Laßt uns zum Lager zurückkehren.« Am nächsten Sonntag wurden die Taucher beauftragt, jenen ganzen Inselabschnitt gründlich zu durchsuchen, und es stellte sich mit Sicherheit heraus, daß kein Baum umgestürzt war. Etwas später sah M. Donat einen seiner Taucher vor einem ähnlichen Geräusch fliehen, in ebenso echter Angst auf derselben Insel. Aber niemand wollte eine Erklärung abgeben, und erst später, als er Rua traf, lernte er den Grund ihres Schreckens kennen.

Aber ob bei Tage oder bei Nacht: das Ziel der Toten, das sie in ihrer furchtbaren Betriebsamkeit verfolgen, ist immer dasselbe. Auf Samoa hatte mein Gewährsmann keine Vorstellung von der Nahrung der Waldgeister; eine solche Unklarheit herrschte im Geist der Paumotuaner nicht. In diesem dürftigen Archipel müssen Lebende und Tote gleicherweise um ihre Nahrung kämpfen, und während die Lebenden in der Vergangenheit Kannibalen waren, sind es die Geister noch jetzt. Da die Lebenden die Toten aßen, schufen nächtliche Schreckensvorstellungen den entsetzlichen Gedanken, daß die Toten die Lebenden äßen. Zweifellos erschlagen sie Menschen, zweifellos verstümmeln sie sie sogar aus lauter Bosheit. Marquesanische Geister reißen den Reisenden manchmal die Augen aus, aber auch das mag praktischer sein, als es erscheint, denn das Auge ist eine kannibalische Delikatesse. Und sicher ist die Hauptbeschäftigung der Toten, wenigstens auf den östlichsten Inseln, die Nahrungssuche. Als besonderen Leckerbissen für eine Mahlzeit verschrie das Weib bei der Beerdigung Mr. Donat. Es gibt außerdem Geister, die nicht die Körper, sondern besonders die Seelen der Toten rauben. Das geht klar hervor aus einer tahitischen Erzählung. Ein Kind wurde krank, sein Zustand verschlimmerte sich rasch, und schließlich traten Anzeichen des Todes ein. Die Mutter eilte zum Hause eines Zauberers, der in der Nähe wohnte. »Es ist gerade noch Zeit,« sagte er, »ein Geist ist soeben an meiner Tür vorübergelaufen, der die Seele deines Kindes in einem Puraoblatt eingewickelt forttrug, aber ich habe einen stärkeren und schnelleren Geist, der ihn erreichen wird, bevor er Zeit hat, sie zu verzehren.« Eingewickelt in ein Blatt: genau wie andere eßbare Dinge, die leicht verderben.

Oder man vernehme ein Erlebnis von M. Donat auf der Insel Anaa. Es war eine sehr windige Nacht mit heftigen Regengüssen, sein Kind war sehr krank, und der Vater lag wach, obgleich er zu Bett gegangen war, und lauschte auf den Sturm. Plötzlich wurde ein Huhn heftig gegen die Hauswand geschleudert. In der Annahme, er habe vergessen, das Tier mit den übrigen in den Stall zu sperren, stand Donat auf, fand das Tier (einen Hahn) auf der Veranda liegen und setzte es in den Hühnerstall, worauf er die Tür sorgfältig verschloß. Fünfzehn Minuten später geschah das gleiche, nur krähte der Hahn, als er gegen die Wand geschleudert wurde. Wieder brachte Donat das Tier zurück, sah den Hühnerstall gründlich nach und fand ihn vollkommen in Ordnung. Inzwischen blies der Wind sein Licht aus, und er mußte sich heftig erschrocken zur Tür zurücktasten. Noch ein drittes Mal wurde der Hahn gegen die Wand geschleudert, ein drittes Mal brachte Donat das jetzt halbtote Tier in den Hühnerstall zurück, und als er eben wieder im Hause war, stürmte etwas wie ein wütender starker Mann gegen die Tür, und ein Pfeifen so laut wie das einer Lokomotive ertönte rund um das Haus. Der skeptische Leser wird hinter allem den Sturm als Ursache vermuten, aber die Frauen gaben alles verloren und klammerten sich wehklagend an die Betten. Nichts erfolgte, und ich muß annehmen, daß der Wind sich etwas legte, denn gleich darauf erschien ein Häuptling zu Besuch. Es war tapfer von dem Manne, so spät unterwegs zu sein, aber ohne Zweifel trug er eine helle Laterne. Und er war sicher ein kluger Mann, denn sobald er die Einzelheiten der Störungen gehört hatte, war er imstande, ihre Natur zu erklären. »Dein Kind«, sagte er, »muß bestimmt sterben. Das ist der böse Geist unserer Insel, der darauf wartet, die Seelen der soeben Verstorbenen zu verzehren.« Und dann verwunderte er sich über das sonderbare Benehmen des Geistes. Er gehe gewöhnlich nicht, erklärte er, so offen zum Angriff über, sondern sitze schweigend auf dem Dach des Hauses und warte in der Gestalt eines Vogels, während drinnen die Leute den Sterbenden betreuten, den Toten beweinten und nicht an Gefahr dächten. Aber wenn der Tag komme, die Türen geöffnet würden und die Menschen hinausgingen, verrieten Blutspuren an der Wand die Tragödie.

Ich bewundere diese Art der paumotuanischen Legenden. Auf Tahiti sollen die Kannibalengeister Gestalten annehmen, die zwar viel prächtiger, aber viel weniger schrecklich sind. Alle möglichen Menschen haben sie gesehen, Eingeborene und Fremde, nur behaupten die letzteren, es handle sich um Meteore. Mein Gewährsmann war nicht ganz so sicher. Er ritt mit seiner Frau um ungefähr zwei Uhr morgens, beide schliefen fast, und den Pferden erging es nicht besser. Es war eine helle und stille Nacht, und der Weg ging in Windungen über einen Berg, nahe an einem verfallenen Marae, einem alten tahitischen Tempel vorbei. Plötzlich ging eine Erscheinung über sie hinweg in Form von Licht, das Haupt rund und grünlich, der Körper lang und rot, mit einem Brennpunkt von noch grellerem und leuchtenderem Rot ungefähr in der Mitte. Ein pfeifendes Sausen ertönte, als sie vorüberzog, sie kam direkt aus einem Marae und flog direkt auf einen anderen am Abhange des Berges zu. Und das hat seine Bedeutung, wie mein Gewährsmann behauptete. Denn warum sollte ein bloßer Meteor die Altäre verabscheuungswürdiger Götter besuchen? Die Pferde waren, wie ich glaube, ebenso aufgeregt wie die Reiter. Ich selbst jedoch bin durchaus nicht erregt, nicht einmal angenehm. Man lasse mir lieber den Hahn auf dem Dache des Hauses und die Blutspuren morgens an der Wand.

Aber die Toten sind nicht wählerisch in ihrer Nahrung, sie nehmen insbesondere die polynesische Vorliebe für Fisch mit ins Grab und schließen bisweilen Verträge mit den Lebenden über die Fischbeute. Wieder ist Rua-a-mariterangi mein Gewährsmann. Ich fühle, daß es das Gewicht der Tatsachen mindert, aber dafür charakterisiert es um so mehr diesen unverbesserlichen Geisterseher. Er stammt von der jämmerlich armen Insel Taenga, aber seines Vaters Haus war immer gut bestellt. Als Rua heranwuchs, befahl man ihm schließlich, mit seinem glücklichen Vater zum Fischen zu gehen. Sie ruderten in die Lagune hinaus zur Zeit der Abenddämmerung, und zwar zu den abgelegensten Plätzen. Der Knabe kauerte sich im Boot nieder, der Vater begann vergebens die Angelschnur über Bord zu werfen. Man darf annehmen, daß Rua einschlief, und als er aufwachte, sah er die Gestalt eines anderen Wesens neben seinem Vater, und der Vater zog die Fische haufenweise ins Boot. »Wer ist dieser Mann, Vater?« fragte Rua. »Das geht dich nichts an«, sagte der Vater. Und Rua nahm an, daß der Fremde von der Küste zu ihnen herübergeschwommen sei. Viele Nächte fuhren sie in die Lagune hinaus, oft zu den unmöglichsten Plätzen, und immer sah man plötzlich den Fremden an Bord, der ebenso plötzlich verschwand. Jeden Morgen kehrte das Kanu mit Fischen beladen zurück. »Mein Vater ist ein sehr glücklicher Mann«, dachte Rua. Schließlich, an einem schönen Tage, kam zuerst eine Bootpartie und dann eine andere, die man bewirten mußte, und der Vater mit dem Sohn fuhr später in die Lagune hinaus. Bevor das Kanu an seine Stelle kam, war es bereits vier Uhr, und der Morgenstern stand nahe unter dem Horizont. Da erschien der Fremde, von irgendeinem Kummer niedergedrückt, wandte sich um, zeigte zum erstenmal sein Gesicht, das Antlitz eines Mannes, der vor langer Zeit gestorben ist, mit leuchtenden Augen, starrte zum Osten, legte die Fingerspitzen an den Mund wie jemand, der friert, gab einen sonderbaren, fröstelnden Laut von sich, wie ein Pfeifen oder ein Stöhnen, der das Blut erschauern ließ, und da soeben der Morgenstern aus der See aufstieg, war er plötzlich verschwunden. Da verstand Rua, warum es seinem Vater so gut ging, warum seine Fische früh am Tage faulten, und warum stets einige zum Friedhof getragen und auf die Gräber gelegt wurden. Mein Gewährsmann ist dem Aberglauben sicher nicht abgeneigt, aber er ist klug und nimmt ein höheres Interesse an diesen Dingen, das ich wissenschaftlich nennen möchte. Der letzte Punkt erinnerte ihn an eine ähnliche Sitte auf Tahiti, und er fragte Rua, ob die Fische auf dem Grabe gelassen oder nach einer formalen Schenkung wieder mit nach Hause genommen würden. Es scheint, daß der alte Mariterangi beide Methoden ausübte, manchmal bot er seinem Freund aus dem Schattenreich nur etwas an, ein anderes Mal ließ er den Fisch ehrlich auf dem Grabe verfaulen.

Wir haben ohne Zweifel Erzählungen ähnlicher Art, und der polynesische »varua ino« oder »aitu o le vao« ist offenbar ein naher Verwandter des transsylvanischen Vampirs. Hier folgt eine Erzählung, in der die Verwandtschaft in groben Zügen erkennbar ist. Auf dem Atoll Penrhyn, damals noch teilweise von Wilden bewohnt, war ein gewisser Häuptling lange der heilsame Schrecken der Eingeborenen. Er starb und wurde beerdigt, und kaum hatten seine ehemaligen Nachbarn die Annehmlichkeiten der Freiheit gekostet, als der Geist im Dorf erschien. Furcht ergriff alle, eine Ratsversammlung der Anführer und Zauberer wurde veranstaltet, und unter Zustimmung des Missionars Rarotongan, der sich ebenso fürchtete wie die übrigen, und in Gegenwart mehrerer Weißer – mein Freund Mr. Ben Hird war unter ihnen – wurde das Grab geöffnet, tiefer ausgeschachtet, bis das Wasser kam, und der Leichnam wieder eingegraben mit dem Gesicht nach unten. Das Pfählen der Selbstmörder in England, das bis vor kurzem Sitte war, sowie das Köpfen der Vampire im Osten Europas sind eng verwandte Erscheinungen.

Auf Samoa erwecken nur die Geister der Unbeerdigten Furcht. Während des letzten Krieges fielen im Busch viele Menschen, ihre Körper, manchmal ohne Kopf, wurden von eingeborenen Hirten zurückgebracht und beerdigt, aber das war, ohne daß ich den Grund wüßte, nicht hinreichend, und der Geist trieb sich noch am Ort des Todes herum. Als der Friede zurückkehrte, veranstaltete man an vielen Plätzen eine eigenartige Zeremonie, und besonders an den hochgelegenen Schluchten von Lotoanuu, wo lange der Mittelpunkt des Kampfes und die Verluste schwer gewesen waren. Die Frauen aus der Verwandtschaft der Toten trugen Matten oder Decken herbei, unter der Hut von überlebenden Mitkämpfern. Der Sterbeplatz wurde sorgfältig gesucht, die Decke auf dem Boden ausgebreitet, und die Frauen saßen in frommer Furcht und beobachteten sie. Wenn irgendein Lebewesen erschien, wurde es zweimal fortgejagt; beim drittenmal erkannte man in ihm den Geist des Toten, es wurde eingewickelt nach Hause getragen und neben dem Leichnam beerdigt: der Aitu hatte Ruhe. Die Zeremonie wurde ohne Zweifel in frommer Einfältigkeit ausgeübt, die Ruhe der Seele war ihr Ziel, ihr Beweggrund ehrfürchtige Liebe. Der gegenwärtige König will in der Tat nichts von gefährlichen Aitus wissen, er erklärt, die Seelen der Unbestatteten wanderten nur in der Vorhölle umher, da sie den Eingang zum eigentlichen Land der Toten nicht fänden, sie seien unglücklich, aber keineswegs boshaft. Und diese Meinung, streng auf eine Klasse beschränkt, stellt ohne Zweifel die Ansicht der Gebildeten dar. Aber die Flucht meines Lafaele kennzeichnet die ungeheuren Furchtzustände der Ungebildeten.

Dieser Glaube an die geisterscheuchende Kraft der Beerdigungszeremonien erklärt wahrscheinlich eine Tatsache, die sonst sehr erstaunlich wäre: daß nämlich kein Polynesier unsere europäische Furcht vor menschlichen Gebeinen und Mumien irgendwie teilt. Von Anfang an waren sie ihre schönsten Schmuckgegenstände, sie bewahrten sie in Häusern oder Begräbnishöhlen auf, und die Wächter königlicher Gräber wohnten mit ihren Kindern inmitten der Gebeine von Generationen. Auch die Mumie wurde selbst während der Herrichtung wenig gefürchtet. Auf den Marquesas wurde sie in den Küstendörfern von den Familienmitgliedern unter beständiger Salbung und Sonnenbestrahlung hergerichtet; auf den Karolinen, im äußersten Westen, wird sie im Rauch des Familienherdes getrocknet. Außerdem ist die Kopfjägern noch üblich dicht bei meiner Wohnung auf Samoa. Und vor knapp zehn Jahren mußten die Witwen auf den Gilbertinseln das Haupt ihres toten Gatten wieder ausgraben, reinigen, polieren und dann Tag und Nacht mit sich herumtragen. In allen diesen Fällen dürfen wir annehmen, daß der Prozeß des Reinigens oder Trocknens den Aitu völlig vertrieben hat.

Aber der paumotuanische Glaube ist dunkler. Hier wird der Mann regelrecht bestattet und muß bewacht werden. Obgleich er gut bewacht wird, geht der Geist um. In der Tat ist es nicht der Zweck der Nachtwachen, diese Wanderungen zu verhindern, sondern man will durch höfliche Aufmerksamkeit die natürliche Bosheit des Toten besänftigen. Vernachlässigung, so glaubt man, kann ihn erregen und so seine Besuche veranlassen, aber die Alten und Schwachen halten die Gefahren der Nachtwachen oft für gleich groß und bleiben zu Hause. Man beachte, daß es die Angehörigen und nächsten Freunde des Toten sind, die auf diese Weise durch Nachtwachen seinen Zorn besänftigen. Selbst diese Versöhnungswachen hält man für gefährlich, wenn man nicht in Gesellschaft ist, und man wies mir in Rotoava rühmend einen Knaben, der allein am Grabe seines eigenen Vaters gewacht hatte. Weder die verwandtschaftlichen Beziehungen des Toten noch seine im Leben bewiesenen Charaktereigenschaften beeinflussen die Ereignisse. Ein früherer Resident, der auf Fakarava am Sonnenstich starb, war während seines Lebens beliebt, und man erinnerte sich seiner immer noch mit Zuneigung. Nichtsdestoweniger ging sein Geist auf der Insel um und erregte Schrecken, und die Nachbarschaft des Regierungsgebäudes wurde immer noch nach Eintritt der Dunkelheit gemieden. Man kann den trostreichen Glauben so zusammenfassen: alle Menschen werden Vampire, und der Vampir verschont niemand. Und hier stehen wir einem sonderbaren Widerspruch gegenüber, denn die pfeifenden Geister sind anerkanntermaßen Stammesgeister, man erzählte mir, daß sie nur ihren Angehörigen dienen und sie beraten, und daß das Medium stets vom Stamme des sich mitteilenden Geistes sei. So sehen wir also, wie Familienbande einerseits in der Stunde des Todes zerrissen werden und anderseits wohltätig fortbestehen.

Die Kinderseele in der tahitischen Erzählung wurde in Blätter eingehüllt. Die Seelen der soeben Verstorbenen sind der feinste Leckerbissen. Werden sie getötet, so wird das Haus mit Blut befleckt. Ruas toter Fischer war verwest und in ebenso furchtbarer Weise sein Baumdämon. Der Geist ist also Materie, und durch körperliche Anzeichen der Zersetzung unterscheidet er sich vom Lebenden. Diese Ansicht ist weit verbreitet, sie verleiht den häßlichen polynesischen Erzählungen ungeheure Scheußlichkeit und entstellt die schöneren zu unangenehmer Disharmonie. Ich will zwei Beispiele anführen von weit entfernten Örtlichkeiten, das eine aus Tahiti, das andere aus Samoa.

Zunächst Tahiti. Ein Mann besuchte den Gatten seiner Schwester, die vor einiger Zeit gestorben war. Zu Lebzeiten war seine Schwester nach Insulanerart hübsch gekleidet gewesen und hatte immer einen Blumenkranz als Schmuck getragen. Um Mitternacht wachte der Bruder auf und bemerkte, wie ein himmlisches Leuchten im dunklen Hause auf und ab wanderte. Ich vermute, daß die Lampe erloschen war, denn kein Tahitier würde sich ohne Licht niedergelegt haben. Eine Weile lag er verwundert und entzückt da, dann rief er die andern herbei: »Riecht niemand von euch Blumen?« fragte er. »Oh,« sagte sein Schwager, »wir sind schon daran gewöhnt.« Am nächsten Morgen gingen die beiden Männer spazieren, und der Witwer gestand, daß seine tote Frau ständig zu dem Hause käme, und daß er sie sogar gesehen habe. Sie war in Gestalt und Kleidung wie zu Lebzeiten mit Blumen bekränzt, nur bewegte sie sich einige Zoll über dem Boden und schwebte rasch vorwärts. Die Oberfläche des Flusses überflog sie trockenen Fußes. Und jetzt kommt, was ich betonen möchte: sie ließ immer ihre Rückseite sehen, und die beiden Schwager besprachen die Angelegenheit und waren beide der Ansicht, daß sie dadurch den Beginn der Verwesung verbergen wollte.

Nun die samoanische Geschichte. Ich verdanke sie der Freundlichkeit von Dr. F. Otto Sierich, dessen gesammelte Volkssagen ich mit allergrößtem Interesse erwarte. Ein Mann auf Manu’a war mit zwei Frauen verheiratet und hatte keine Kinder. Er ging nach Savaii, heiratete dort eine dritte und war nun glücklicher. Als seine Frau ihre Zeit herankommen sah, erinnerte er sich, daß er auf einer fremden Insel lebe wie ein armer Mann, und wenn sein Kind geboren würde, müsse er sich der fehlenden Geschenke schämen. Vergebens versuchte seine Frau, ihm abzuraten, er kehrte zu seinem Vater in Manu’a zurück, um Hilfe zu erlangen, machte sich in der Nacht mit dem, was er erhalten hatte, wieder auf den Weg und schiffte sich ein. Nun erfuhren seine Weiber seine Ankunft und gerieten in Zorn darüber, daß er sie nicht besucht hatte, überfielen ihn am Strande bei seinem Kanu und erschlugen ihn. Die dritte Frau lag inzwischen schlafend auf Savaii. Ihr Kind war geboren und schlief an ihrer Seite, und sie wurde von dem Geist ihres Mannes geweckt. »Steh auf,« sagte er, »mein Vater liegt krank auf Manu’a, und wir müssen ihn besuchen.« – »Es ist gut,« sagte sie, »nimm das Kind, während ich seine Matte trage.« – »Ich kann das Kind nicht tragen,« sagte der Geist, »ich bin zu kalt von der See.« Als sie an Bord des Kanus waren, spürte die Frau Verwesungsgeruch. »Wie kommt das?« sagte sie. »Was hast du im Kanu, daß ich Verwesungsgeruch wahrnehme?«– »Es ist nichts im Kanu,« sagte der Geist, »es ist der Landwind, der von den Bergen weht, wo ein totes Tier liegt.« Es scheint, daß sie noch während der Nacht Manu’a erreichten – die schnellste Überfahrt seit Menschengedenken –, und als sie in das Riff hineinfuhren, brannten im Dorf die Totenfeuer. Wieder bat sie ihn, das Kind zu tragen, aber jetzt brauchte er sich nicht mehr zu verstellen. »Ich kann das Kind nicht tragen,« sagte er, »denn ich bin tot, und die Feuer, die du siehst, brennen zu meinem Begräbnis.«

Neugierige mögen aus Dr. Sierichs Buch den unerwarteten Schluß der Erzählung erfahren. Das Mitgeteilte genügt für meine Zwecke. Obgleich der Mann erst eben gestorben war, war der Geist bereits verwest, als ob Verwesung das Kennzeichen und Wesen eines Geistes sei. Die Wachen auf den Gräbern der Paumotuaner dehnen sich nicht über zwei Wochen aus, und man erzählte mir, daß man glaube, dieser Zeitpunkt falle zusammen mit der Auflösung des Körpers. Wenn nun der Geist immer gekennzeichnet wird durch den Zerfall, die Gefahren aber offenbar mit dem Prozeß der Auflösung enden, so liegt hier eine kniffliche Frage für den Theoretiker vor. Aber noch nicht genug, die Dame mit den Blumen war schon lange tot, und man glaubte trotzdem, daß der Geist Verwesungsanzeichen trage. Der Resident war vor mehr als vierzehn Tagen beerdigt worden, und sein Vampirgeist sollte immer noch umgehen.

Es wäre langwierig, vom traurigen Zustande der Toten zu erzählen, von den schaurigen mangaianischen Legenden, in denen Höllengötter die Seelen aller Toten verzaubern und vernichten, bis zu den mannigfaltigen Vorhöllen unter der See und in der Luft, wo die Toten Feste feiern, sich müßig umhertreiben oder die Beschäftigungen ihres irdischen Daseins wieder aufnehmen. Eine Geschichte will ich erzählen, denn sie ist einzigartig, wohlbekannt auf Tahiti und besitzt die besondere Eigentümlichkeit, daß sie aus der nachchristlichen Zeit stammt, denn sie datiert tatsächlich erst einige Jahre zurück. Eine Prinzessin des Herrscherhauses starb, sie wurde zur benachbarten Insel Raiatea hinübergebracht, verfiel dort der Herrschaft eines Geistes, der sie verurteilte, den ganzen Tag Kokospalmen zu besteigen und ihm Nüsse zu bringen, wurde einige Zeit später von einem zweiten Geist aus ihrem eigenen Geschlecht in dieser traurigen Knechtschaft gefunden und auf Grund ihrer Klagen wieder nach Tahiti gebracht, wo sie ihren Körper noch bewacht, aber schon von der herannahenden Zersetzung aufgedunsen vorfand. Es ist eine besondere Eigenart der Erzählung, daß die Prinzessin angesichts dieses entehrten Gefäßes bat, man möge sie auch weiterhin zu den Toten rechnen. Aber es scheint schon zu spät gewesen zu sein, ihr Geist wurde durch die würdeloseste Pforte zurückgeführt, und die entsetzte Familie sah, wie der Körper sich bewegte. Die Arbeiten, die offenbar Fegefeuercharakter tragen, der hilfreiche Geist aus der Verwandtschaft und das Entsetzen der Prinzessin beim Anblick ihres entstellten Körpers sind Nuancen, die man beachten muß.

Tatsache ist, daß die Erzählungen nicht notwendigerweise in sich geschlossen sind, und daß sie außerdem für den Fremden durch die Vieldeutigkeit der Sprache verdunkelt werden. Geister, Vampire, Seelen und Götter werden alle untereinandergemischt. Und doch scheint mir die Auffassung richtig zu sein, daß diejenigen Geister, die wir zu den Göttern rechnen würden, mit gewissen Ausnahmen weniger boshaft sind. Dauernd umgehende Geister wohnen auf Samoa und verüben ihre Morde an einsamen Orten, aber die echten Götter von Upolu und Savaii, deren Kriege und Kricketspiele vor einiger Zeit allgemeine Aufregung verursachten, werden nach meinen Erfahrungen nicht gefürchtet, jedenfalls nicht gleich heftig. Der Geist von Anaa, der die Seele verzehrte, ist sicher ein furchtbarer Mitbewohner, aber die hohen Götter schienen selbst auf dem Archipel hilfreich zu sein. Mahinui – von dem unser Sträflingkatechet seinen Namen hatte –, der Geist der See, der wie Proteus von zahlreichen Vasallen umgeben ist, kam den Schiffbrüchigen zu Hilfe und trug sie in Gestalt eines Rochens an Land. Dieselbe Gottheit trug Priester von Insel zu Insel innerhalb des Archipels, und mit seiner Hilfe hat man in diesem Jahrhundert Menschen fliegen sehen. Die Schutzgottheit jeder einzelnen Insel ist ebenfalls gütig und kündet durch die besondere Form einer keilartigen Wolke am Horizont die Ankunft eines Schiffes an.

Wer die Berichte über diese Atolle liest, die so schmal, so eingeengt und so vom Meer umlauert sind, möchte glauben, daß hier allzu viele geisterhafte Bewohner leben. Und doch sind sie noch zahlreicher. In den vielen Brackwasserteichen und Tümpeln sieht man schöne Frauen mit langem, rotem Haar auftauchen und baden, nur tauchen sie für immer wieder unter beim geringsten Laut von Tritten auf den Korallen, denn sie sind scheu wie Mäuse. Man weiß, daß sie ein glückliches und harmloses Volk sind, Bewohner der Unterwelt, und dieselbe Sage lebt auf Tahiti, wo sie ebenfalls rotes Haar tragen. Tetea ist der tahitische Name, Mokurea der paumotuanische.

Erstes Kapitel


Butaritari

In Honolulu hatten wir der »Casco« und Kapitän Otis Lebewohl gesagt, und unsere nächste Abenteuerfahrt geschah unter veränderten Verhältnissen. Plätze für mich, meine Frau, Mr. Osbourne und meinen chinesischen Bedienten, Ah Fu, wurden belegt auf einem winzigen Handelsschoner, dem »Equator« unter Kapitän Dennis Reid, und an einem sonnigen Junitag des Jahres 1889 verließen wir, nach hawaiischer Sitte zum Abschied mit Blumengirlanden geschmückt, den Hafen und fuhren unter günstigem Wind auf Mikronesien zu.

Das ganze Gebiet der Südsee ist eine Schiffswüste, besonders der Teil, den wir jetzt durchqueren sollten. Post gibt es auf diesen Inseln nicht, jede Verbindung ist eine zufällige, man kann zwar Pläne machen, irgendwohin zu reisen, aber es ist sehr die Frage, ob man wirklich hingelangt. Ich hatte zum Beispiel die Hoffnung, die Karolinen zu erreichen und über Manila und die chinesischen Häfen wieder zurückzukehren, es war uns aber bestimmt, in Samoa wieder aufzutauchen und von neuem durch den Anblick der Berge erfrischt zu werden. Seit der Abendglanz auf den Höhen von Oahu verblaßte, waren sechs Monate verstrichen, und wir hatten nicht einen Erdenfleck gesehen, der so hoch gewesen wäre wie ein Bauernhaus. Unsere Straße war die flache See gewesen, unsere Wohnung niedrige Korallen, unsere Nahrung Pökelfleisch und Konserven; ich hatte gelernt, Haifischfleisch als Abwechslung willkommen zu heißen; ein Berg, eine Zwiebel, eine frische Kartoffel oder ein Beefsteak waren längst unserem Gesichtskreise entschwunden, und wir sehnten uns nach ihnen.

Unsere beiden Aufenthaltsplätze, Butaritari und Apemama, liegen nahe am Äquator, Apemama ungefähr dreißig Meilen entfernt. Beide haben ein herrliches Ozeanklima, Tage blendender Sonne und erfrischenden Windes, Nächte voll himmlischer Klarheit. Beide sind etwas größer als Fakarava und messen in der größten Breite vielleicht eine Viertelmeile von Strand zu Strand. Auf beiden wächst eine derbe Art des Taro, ihre Kultur ist die Hauptbeschäftigung der Eingeborenen, und die dazu notwendigen Hügel und Gräben ergeben eine zierlich bewegte Landschaft und erfreuen das Auge. Im übrigen bieten sie ganz das gewöhnliche Aussehen eines Atolls: den niedrigen Horizont, die weit ausgedehnte Lagune, die riedgrasartige Linie der Palmwipfel, die Eintönigkeit und Schmalheit des Landes, die überragende Größe und das Übergewicht der See und des Himmels. Das Leben auf solchen Inseln ist in mancher Beziehung ähnlich dem Leben an Bord eines Schiffes. Das Atoll wird bald wie ein Schiff als Tatsache hingenommen, und die Insulaner werden genau wie eine Schiffsbesatzung bald zum Mittelpunkt des Interesses. Die Inseln sind stark bevölkert, unabhängig, Sitze kleiner Könige, erst neuerdings zivilisiert und wenig besucht. In den letzten zehn Jahren haben sich manche Veränderungen breitgemacht, die Frauen gehen nicht mehr unbekleidet bis zur Heirat, die Witwe schläft nicht mehr nachts mit dem Schädel des verstorbenen Gatten und geht nicht mehr am Tage mit ihm spazieren. Schußwaffen sind eingeführt, und die Schwerter aus Haifischzähnen werden als Kuriositäten verkauft. Vor zehn Jahren waren alle diese Dinge und Sitten noch im Gebrauch; zehn Jahre weiter, und die alte Gesellschaft wird gänzlich verschwunden sein. Wir kamen in einem glücklichen Augenblick an, als diese Gebräuche noch bestanden und in Apemama noch fast unangetastet waren.

Dicht bevölkert und unabhängig – Schlupfwinkel von Menschen, die mit einem gewissermaßen ländlichen Pomp regiert werden – das war der erste und immer wiederkehrende Eindruck von diesen kleinen Inseln. Als wir über die Lagune auf die Stadt von Butaritari zusteuerten, sahen wir einen niedrigen Küstenstrich besät mit braunen Dächern von Häusern; die des Palastes und der Sommerwohnung des Königs waren aus Wellblech und glitzerten hell in der Nähe der Dorfecke; die königlichen Farben flogen im Winde an einer hohen Fahnenstange; direkt vor uns lag auf einem künstlichen Inselchen das Gefängnis wie eine Art Warnungssignal. Selbst bei diesem ersten Anblick aus der Ferne machte der Ort kaum den Eindruck eines Dorfes, was er wirklich ist, sondern eher den einer kleinen ländlichen und doch königlichen Hauptstadt, was er ebenfalls ist.

Die Lagune ist seicht. Da Ebbe war, wateten wir ungefähr eine Viertelmeile in lauwarmem, flachem Wasser und stiegen schließlich in brennender Sonnenhitze an Land. Die Leeseite einer Äquatorinsel ist nachmittags in der Tat ein windstiller Platz; an der Ozeanküste weht der Passatwind böig und kühl; auch weiter draußen auf der Lagune bläst er noch und treibt die Kanus vorwärts, aber das dichte Buschwerk fängt ihn an der Küste völlig ab, und auf den Städten brüten Schlaf, Schweigen und Moskitoschwärme.

Man kann also sagen, daß wir Butaritari gewissermaßen überrumpelten. Nur wenige Einwohner waren noch an der Nordecke, wo wir landeten, im Freien. Als wir vorwärts schritten, trafen wir sehr bald niemand mehr an und schienen eine tote Stadt zu durchforschen. Nur zwischen den Pfosten der offenen Häuser sahen wir die Bevölkerung ausgestreckt zur Mittagsruhe, manchmal eine ganze Familie zusammen unter einem Moskitonetz, dann wieder einen einzelnen Schläfer auf einer Plattform wie einen Toten auf der Bahre.

Die Häuser waren von verschiedener Größe, manche wie Spielzeug, andere wie Kirchen. Einige konnten ein Bataillon aufnehmen, andere waren so klein, daß sie kaum ein Liebespaar beherbergen konnten; nur in einem Kinderzimmer findet man, wenn man die Spielsachen untereinander mengt, so verschiedene Größenverhältnisse. Manche Behausungen waren offene Schuppen, andere wie überdachte Bühnen, wieder andere hatten Wände, in denen kleine Fenster waren. Einige waren auf Pfählen in der Lagune errichtet, der Rest stand durcheinander auf einer grünen Fläche, durch die sich der Weg wie ein Sandstreifen zog, oder auf den Uferbänken eines Wasserstreifens, der wie ein flaches Hafenbecken anmutete. Alle ohne Ausnahme waren aus einem einzigen Baum hergestellt, Palmholz und Palmblätter das Baumaterial, kein Nagel war eingetrieben, kein Hammerschlag erklungen beim Bau, sie wurden zusammengehalten durch Bänder aus Palmfasern.

In der Mitte der Hauptstraße steht die Kirche wie eine Insel, ein hohes, dunkles Gebäude mit vielen Fensterreihen, ein Rahmen von reichem Maßwerk trägt das Dach, und durch die beiden Türen übersieht man weithin die Straße. Die Ausmaße des Gebäudes erschienen, in solcher Umgebung und aus solchem Material hergestellt, großartig, und wir durchschritten das Schiff mit einem Gefühl, wie es Besucher einer Kathedrale befällt. Bankreihen sind auf beiden Seiten. In der Mitte stehen unter einem sonderbaren Thronhimmel zwei Stühle für den König und die Königin, wenn sie ihre Anbetung verrichten wollen; über ihren Häuptern hängt an einem roten Baumwollstrick ein Reifen, offenbar von einem großen Faß, der schief herabbaumelt und mit roten und weißen Wimpeln aus demselben Stoff geschmückt ist.

Das war das erste Anzeichen königlicher Würde, und bald darauf standen wir vor seinem Zentralsitz. Der Palast ist aus eingeführtem Holz nach europäischen Plänen gebaut, das Dach aus Wellblech, der Hof von Mauern umgeben, die Pforte von einer Art Wachthaus gekrönt. Man kann das Gebäude nicht geräumig nennen, ein Arbeiter in den Vereinigten Staaten wohnt manchmal bequemer, aber als wir die Möglichkeit hatten, das Innere zu besichtigen, fanden wir es reich über Inselerwartungen hinaus geschmückt mit Anzeigen und Bildern aus illustrierten Zeitungen. Selbst vor dem Tore stehen Schätze der Krone in aller Öffentlichkeit: eine ziemlich große Glocke, zwei Kanonen und eine einsame Granate. Die Glocke kann man nicht läuten und die Kanone nicht abfeuern, sie sind Sehenswürdigkeiten, Beweise des Reichtums, Stücke königlicher Pracht, die wie Statuen auf einem Platz zur allgemeinen Bewunderung stehen. Ein gerader Wasserstreifen geht wie ein Kanal fast bis zum Palasttor, die Kaimauern sind vorzüglich gebaut aus Korallen; gegenüber der Mündung steht wie eine Art ländlicher Schmuckbau das Gefängnis in die Lagune gleich einem Warnungsturm. Vasallenhäuptlinge, benachbarte Monarchen, kommen mit Tributen herbeigerudert, so könnte man sich vorstellen, sie sehen mit Staunen diese großen öffentlichen Gebäude und stehen entsetzt den Mündungen der schweigenden Kanonen gegenüber. Unmöglich, den Ort zu schauen und sich nicht vorzustellen, er sei für festliche Aufzüge bestimmt. Aber der sorgfältig hergerichtete Schauplatz war damals leer, das königliche Haus verlassen, Türen und Fenster standen offen, das ganze Stadtviertel war in Schweigen versunken. Auf der gegenüberliegenden Kanalbank schlief unter freiem Himmel als einziger sichtbarer Einwohner auf überdachter Bühne ein alter Herr, und drüben auf der Lagune hißte ein Kanu ein gestreiftes Segel, der einzige bewegliche Gegenstand.

Der Kanal hat an der Südseite einen Pier oder Damm mit einer Brustwehr. Weit draußen hört die Brustwehr auf, und der Kai erweitert sich zu einer länglichen Halbinsel in die Lagune hinein, der luftigen Sommerresidenz des Königs. In der Mitte steht ein offenes Haus oder festes Zeltlager, das man hier maniapa nennt oder, wie man das Wort jetzt ausspricht, maniap‘, mindestens vierzigmal sechzig Fuß im Geviert. Das eiserne Dach, das hoch ist, aber sehr tief nach unten reicht, so daß eine Frau sich beim Eintreten bücken muß, ruht außen auf Korallenpfeilern, innen auf einem Holzgerüst. Der Boden besteht aus zerbrochenen Korallen und wird durch die Gerüstpfeiler in Längsabschnitte eingeteilt, das Haus steht weit genug von der Küste, daß die Brise frei hindurchwehen und die Moskitos vertreiben kann; unter den niedrigen Giebelwänden sieht man die Sonne glitzern und die Wellen auf der Lagune tanzen.

Eine ganze Weile hatten wir nur schlafende Menschen angetroffen, und als wir den Pier entlang wanderten und schließlich unter dies leuchtende Dach traten, waren wir überrascht, das Haus von einer Gesellschaft wacher Leute angefüllt zu sehen, ungefähr zwanzig, die den Hof und die Wachtmannschaft von Butaritari bilden. Die Damen des Hofes flochten eifrig Matten, die Wachtleute gähnten und rekelten sich. Ein halbes Dutzend Gewehre lagen auf einem Felsblock, und eine Axt lehnte gegen einen Pfeiler, die Bewaffnung dieser schläfrigen Musketiere. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein geschlossenes kleines Holzhaus mit dünnen Vorhängen, und es zeigte sich bei näherem Zusehen, daß es ein Abort nach europäischem Muster war. Vor diesem Häuschen lag, auf einigen Matten hingestreckt, Tebureimoa, der König; hinter ihm, an der Holzwand des Häuschens, stellten zwei gekreuzte Gewehre die Liktorenbündel dar. Er trug Pyjamas, die im traurigen Widerspruch standen zu seiner Dickleibigkeit, seine Nase war hakenförmig und unmenschlich, sein Körper massig aufgeschwemmt, sein Blick furchtsam und trübe: er schien von Schläfrigkeit übermannt und gleichzeitig wachgehalten durch Befürchtungen: ein Rajah aus dem Pfefferlande, von Opium berauscht und dem Marsch einer holländischen Armee lauschend, sieht vielleicht nicht anders aus, wir lernten uns später besser kennen, und immer hatte ich denselben Eindruck; er schien stets schläfrig, aber doch immer lauernd und sprungbereit, und es besteht kein Zweifel, daß er aus Gewissensbissen oder Furcht seine Zuflucht zu übermäßigen Betäubungsmitteln nahm.

Der Rajah schien an unserem Erscheinen nicht das geringste Interesse zu nehmen, aber die Königin, die in einem purpurnen Gewande neben ihm saß, war zugänglicher, und auch ein Dolmetscher war anwesend, der so aufdringlich war, daß seine Geschwätzigkeit schließlich die Ursache unseres Abschieds wurde. Er hatte uns bei unserer Ankunft begrüßt. »Dies ist der ehrenwerte König, und ich bin sein Dolmetscher«, hatte er mit mehr Würde als Wahrheit gesagt. Denn er nahm keine Stellung ein bei Hofe, schien mit der Inselsprache sehr schlecht vertraut und machte wie wir nur einen Höflichkeitsbesuch. M. Williams war sein Name, er war ein amerikanischer Neger, ein entsprungener Schiffskoch und Barkeeper auf Butaritari, in der Kneipe » The Land we Live in«. Ich habe niemals einen Menschen getroffen, der mit soviel Worten sowenig Wahres sagte. Weder die Verdrießlichkeit des Königs noch meine eigenen Bemühungen, ihn abzuschütteln, machten auf ihn den geringsten Eindruck, und als die Audienz zu Ende war, redete der Schwarze immer noch weiter.

Die Stadt lag noch im Schlummer oder hatte gerade begonnen, sich zu erheben und zu strecken, noch war sie in Hitze und Schweigen gehüllt. Um so lebhafter war der Eindruck, den wir von dem Haus auf der Insel mitnahmen, von dem mikronesischen Saul zwischen seinen Wachen und dem schwatzhaften David, Mr. Williams, der die schläfrigen Stunden mit seinem Gewäsch erfüllte.

Zweites Kapitel


Die vier Brüder

Das Königreich Tebureimoas umschließt zwei weitere Inseln, Groß- und Klein-Makin, ungefähr zweitausend Untertanen zahlen ihm Tribut, und zwei halbwegs unabhängige Häuptlinge müssen ihm in bedingter Form huldigen. Die Bedeutung der Stellung hängt von dem Manne ab, er kann ein Niemand und kann absoluter Herrscher sein, und beide Extreme haben die heute Lebenden mitgemacht.

Beim Tode des Königs Tetimararoa, Tebureimoas Vater, folgte ihm der älteste Sohn, Nakaeia. Er war ein Bursche von gewaltiger Körperkraft, herrisch, gewalttätig, von einer gewissen barbarischen Sparsamkeit und einiger Geschäftsintelligenz. Er allein trieb Handel auf seinen Inseln und machte Profite, er war Pflanzer und Kaufmann, und seine Untertanen verrichteten Sklavendienste für ihn. Wenn sie lange und gut gearbeitet hatten, so rief ihr Fronmeister einen Feiertag aus und sorgte für ein allgemeines Trinkgelage, an dem er teilnahm. Manchmal bereitete er es in großartiger Weise vor: für sechshundert Dollar Gin und Brandy wurden herbeigeschafft, das schmale Land ertönte vom Lärm der Lustbarkeiten, und es war nichts Außergewöhnliches, die schwankenden Untertanen zu sehen, wie sie ihren betrunkenen Monarchen auf dem Vorderdeck eines gestrandeten Schiffes herumführten, alle miteinander schreiend und singend, König und Volk. Auf ein Wort aus Nakaeias Mund hörte das Gelage auf, Makin wurde wieder zu einer Insel der Sklaven und Temperenzler, und am Morgen mußte die ganze Bevölkerung auf den Straßen oder in den Taropflanzungen sein und unter seinem blutunterlaufenen Blick arbeiten.

Die Furcht vor Nakaeia erfüllte das Land. Es gab keine geregelte Gerichtsbarkeit, keine Untersuchungen, keine Gerichtsbeamten; es scheint nur eine Strafe gegeben zu haben, die Todesstrafe, und die Formen des Strafvollzuges waren gewaltsame Gefangennahme am Tage und Ermordung in der Nacht. Der König selbst spielte den Scharfrichter, seine Schläge wurden heimlich ausgeteilt und nur mit Hilfe und Unterstützung seiner eigenen Weiber. Sie waren seine Ruderer. Eine, die einst eine Krabbe fing, erschlug er sofort mit der Ruderpinne. In solcher Knechtschaft gehalten, fuhren sie ihn nachts zu der Stätte seiner Rache, die er allein wahrnahm, worauf er befriedigt mit seiner weiblichen Mannschaft heimkehrte. Die Insassen des Harems nahmen eine Stellung ein, die uns schwer begreiflich ist. Zugtiere, immer in Todesfurcht, behüteten sie doch stillschweigend das Leben des Königs, sie waren trotz allem Frauen und Königinnen, und es war Vorschrift, daß niemand ihr Antlitz sehen durfte. Sie töten durch ihren Anblick wie Basilisken; eine dieser weiblichen Ruderer zufällig zu sehen, war ein Verbrechen, das nur mit Blut gesühnt werden konnte. Zu Lebzeiten Nakaeias standen rund um den Palast hohe Kokospalmen, die über die Umzäunung hinausragten. Eines Abends, als Nakaeia unten mit seinen Weibern beim Abendessen saß, geschah es, daß der Eigentümer des Palmenhaines in einem Baumwipfel Palmwein abzapfte, zufällig blickte er hinunter, und da der König in demselben Augenblick hinaufsah, begegneten sich ihre Augen. Sofortige Flucht rettete den unfreiwilligen Frevler, aber während des Restes der Regierungszeit des Herrschers mußte er sich verstecken und verbarg sich bei Freunden in abgelegenen Winkeln der Insel. Nakaeia verfolgte ihn ohne Unterlaß, wenn auch vergeblich, und die Palmen, die die Tat verursacht hatten, wurden rücksichtslos niedergelegt. Das war das Ideal weiblicher Reinheit auf einer Insel, wo reife Jungfrauen nackt umhergingen wie im Paradiese. Und doch fand der Skandal seinen Weg in Nakaeias wohlbehüteten Harem. Er war damals Eigentümer eines Schoners, den er als Erholungsstätte benutzte, und wohnte an Bord, wenn das Schiff vor Anker lag. Dorthin befahl er eines Tages ein neues Weib. Sie gehörte zu denen, die ihm vorbehalten waren, das heißt, wie ich vermute, daß er verheiratet war mit ihrer Schwester, denn der Ehemann einer älteren Schwester hat Anspruch auf die jüngeren. Alle Vorbereitungen wurden getroffen, sie kam herbei, gesalbt, mit Blumen geschmückt, beladen mit feinen Matten und den Familienjuwelen, zur Hochzeit, wie ihre Freunde glaubten, zum Tode, wie sie selbst genau wußte. »Nenne mir den Namen des Mannes, und ich werde dich verschonen«, sagte Nakaeia. Aber sie war verschlossen und schweigsam und rettete ihren Liebhaber. Die Königinnen erdrosselten sie zwischen den Matten.

Nakaeia war gefürchtet, aber es scheint nicht, daß man ihn haßte. Taten, die für uns wie Morde aussehen, trugen für seine Untertanen das ehrwürdige Gesicht der Gerechtigkeit, seine Orgien machten ihn populär, die Eingeborenen sprechen noch heute mit Hochachtung von der Festigkeit seines Regiments, und selbst die Weißen, denen er sich lange widersetzte, und die er fernhielt, gaben ihm den Namen eines vollkommenen Gentleman im nüchternen Zustande, wie die stehende Südseephrase lautet.

Als er auf dem Totenbett lag, ohne Nachkommen zu haben, rief er seinen nächstältesten Bruder, Nanteitei, zu sich, hielt ihm eine Rede über die Politik eines Königs und sagte ihm warnend, er sei für einen Herrscher zu schwach. Die Warnung wurde zu Herzen genommen und eine Zeitlang nach dem Muster Nakaeias regiert. Nanteitei schaffte die Wachen ab und ging allein mit einem Revolver in einem Lederbeutel umher. Um seine Schwäche zu verbergen, hüllte er sich in finsteres Schweigen; man konnte den ganzen Tag zu ihm reden, ihm gute Ratschläge geben, ihn tadeln, ermahnen und ihm drohen – alles blieb unbeantwortet. Die Zahl seiner Weiber war siebzehn, viele von ihnen waren reiche Erbinnen, denn das königliche Haus war arm, und die Heirat war damals ein Hauptmittel, den Thron zu befestigen. Nakaeia beschäftigte seinen Harem für sich selbst, Nanteitei verdingte ihn an andere. Damals baute die Firma Messrs. Wightman einen Pier mit einer Veranda am Nordende der Stadt. Das Mauerwerk war die Arbeit der siebzehn Königinnen, die dort wie Fischerknechte Sklavendienste verrichteten und im Wasser wateten; aber der Mann, der die Dachdeckerarbeiten verrichtete, durfte nicht anfangen, bevor sie fertig waren, damit er nicht etwa zufällig hinunterschauen und sie sehen könne.

Das war vielleicht das letzte Auftreten der Haremsarbeiterinnen, denn schon hatten sich hawaiische Missionare in Butaritari niedergelassen, Maka und Kanoa, zwei tapfere, kindliche Männer. Nakaeia wollte ihre Lehren nicht, er war vielleicht eifersüchtig auf ihre Anwesenheit, da er aber doch menschliches Empfinden besaß, hatte er eine gewisse Vorliebe für die beiden. In seinem Hause erschlug er mit eigener Hand vor den Augen Kanoas drei Seeleute von Oahu, indem er auf ihrem Nacken kniete, um sie zu erstechen, und bedrohte den Missionar, falls er dazwischenträte, aber er verschonte ihn nicht nur, sondern rief ihn später, als er geflohen war, zurück mit Ausdrücken der Hochachtung. Nanteitei, der schwächere Mann, geriet immer mehr und mehr unter ihren Einfluß. Maka, ein fröhlicher, liebenswürdiger, aber in seiner Art sehr energischer Mann, gewann steigenden Einfluß auf den König und trug bald den Sieg davon. Nanteitei trat mit dem königlichen Hause in aller Öffentlichkeit über, und mit einer Strenge, die von liberalen Missionaren verworfen wird, wurde der Harem sofort aufgelöst, eine Tat von schwerwiegender Bedeutung. Der Thron war jetzt verarmt, sein Einfluß gebrochen, die Verwandten der Königinnen waren beleidigt, und sechzehn Hauptfrauen, manche davon sehr reich, wurden auf einmal auf den Markt geworfen. Ich fuhr mit einem Seemann aus Hawaii, der nacheinander mit zwei von diesen Frauen, die plötzlich zu Witwen geworden waren, verheiratet war und wegen schlechter Führung nacheinander von ihnen verabschiedet wurde.

Daß zwei bedeutende und reiche Damen – denn beide waren wohlhabend – einen Fremdling von einer anderen Insel heirateten, kennzeichnet die Auflösung der Gesellschaft. Die Gesetze wurden außerdem völlig umgeändert, nicht immer zum Besseren. Ich liebe Maka Mann, als Gesetzgeber hat er zwei Fehler: er ist zu weich in der Bestrafung von Verbrechen und zu hart im Verbieten unschuldiger Vergnügungen.

Krieg und Aufruhr folgten gewöhnlich einer Reform, aber Nanteitei starb an einer zu starken Dosis Chloroform im ruhigen Besitz des Thrones, und erst unter der Regierung des dritten Bruders, Nabakatokia, eines Mannes von starkem Körper und schwachem Geist, brach der Sturm los. Die Herrschaft der großen Häuptlinge und Vornehmen scheint seither das Fundament der Monarchie gewesen zu sein und hat vielleicht manchmal die Alleinherrschaft auch abgelöst. Die Altmänner, wie sie genannt wurden, haben das Recht, mit dem König im Redehaus zu sitzen und zu debattieren, und die höchste Gewalt des Königs liegt in der Formel, mit der er die Debatte schließt: »Das Reden ist zu Ende!« Bei der langen Alleinherrschaft von Nakaeia und den Wandlungen unter Nanteitei waren die Altmänner ohne Zweifel unwillig über ihre Zurücksetzung und ohne Frage eifersüchtig auf den Einfluß von Maka. Verleumdungen oder vielmehr Spötteleien wurden in Umlauf gesetzt, ein Witzwort machte die Runde in der Gesellschaft: man erzählte, daß Maka der Kirche gesagt habe, der König sei der erste Mann auf der Insel und er selbst der zweite, und durch diese erdichtete Beleidigung erregt, erhoben sich die Häuptlinge und veranstalteten Versammlungen in Waffen. Im Laufe eines Vormittags wurde der Thron Nakaeias gestürzt. Der König saß im Maniap‘ vor dem Palasttor in Erwartung seiner Rekruten, Maka ihm zur Seite, beide voller Angst; inzwischen hatte ein Häuptling an einer Haustür am Nordeingang der Stadt Posten gefaßt und fing die Hilfstruppen ab, als sie herankamen. Sie erschienen einzeln oder in Gruppen, alle das Gewehr oder die Pistole über den Rücken geschwungen. »Wohin geht ihr?« fragte der Häuptling. »Der König rief uns«, pflegten sie zu sagen. »Hier ist euer Platz, setzt euch«, antwortete der Häuptling. In unglaublicher Untreue gehorchten sie alle. Und als so von beiden Seiten genug Truppen zusammengekommen waren, wurde Nabakatokia herausgerufen und ergab sich. Zu dieser Zeit wurden in fast allen Gebieten der Inselgruppe die Könige ermordet, und auf Tapituea hängt das Skelett des letzten Königs bis auf diesen Tag im Hauptredehaus der Insel, eine Drohung für Ehrgeizige. Nabakatokia war glücklicher, sein Leben und seine Königswürde blieben ihm erhalten, aber seine Macht wurde ihm genommen. Die Altmänner veranstalteten ein öffentliches Redefest, die Gesetze wurden fortwährend geändert, ohne jemals in Kraft zu treten, das Volk hatte Gelegenheit, den Verdiensten Nakaeias nachzutrauern, und der König, der die Mitgift reicher Frauen und die Dienstleistungen seiner Weibertruppen entbehren mußte, geriet nicht nur in Mißachtung, sondern auch in Schulden.

Er starb einige Monate vor meiner Ankunft auf den Inseln, und niemand bedauerte ihn, sondern alle blickten hoffnungsvoll auf seinen Nachfolger. Dieser war seinem Rufe nach der Familienheld. Er allein unter den vier Brüdern hatte Nachkommen, einen erwachsenen Sohn, Natiata, und eine dreijährige Tochter. An ihn wandte sich Nabakatokia in der Stunde der Revolution zuerst um Hilfe, und in früheren Jahren war er die rechte Hand des gewaltigen Nakaeia gewesen. Nontemat‘, Herr Leichnam, war sein bezeichnender Spitzname, und er hatte ihn wohlverdient. Immer wieder hatte er auf Befehl Nakaeias Häuser in der Stille der Nacht umzingeln lassen, die Moskitonetze durchschnitten und ganze Familien abgeschlachtet. Hier war die Hand von Eisen, hier war ein zweiter Nakaeia. Er kam, herbeigerufen von dem tributpflichtigen Klein-Makin, wo er die Regentschaft führte, er wurde als König eingesetzt und entpuppte sich als Strohmann und Feigling, ein schwerfälliges Spielzeug der Volksredner, und der Leser hat im Sommerhaus gesehen, was von ihm unter dem Namen Tebureimoa übriggeblieben war.

Der Wandel im Charakter dieses Mannes wurde auf der Insel viel besprochen, und man führte ihn bald auf den Opiumgenuß, bald auf das Christentum zurück. Nach meiner Ansicht schien überhaupt kein Wandel vorzuliegen, sondern vielmehr äußerste Beharrung. Herr Leichnam fürchtete seinen Bruder, König Tebureimoa fürchtete die Altmänner, die Furcht vor dem Bruder stachelte ihn an zu Verzweiflungstaten, die Furcht vor den Altmännern machte ihn unfähig zu irgendeiner Regierungstat. Er spielte früher die Rolle eines Helden, indem er die Richtung des geringsten Widerstandes verfolgte und andere zu seinem eigenen Schutz abschlachtete. Jetzt, da er älter und schwerfällig ist, ein Konvertit, ein Bibelleser, vielleicht voll Reue, jedenfalls des Hasses vieler Menschen gewiß, belastet mit der Erinnerung an Gewalttaten und Blutvergießen, kapituliert er vor den Altmännern, berauscht sich mit Opium und hockt in Furcht und Angst unter seinen Wachtmannschaften. Dieselbe Feigheit, die das Messer des Meuchelmörders in seine Hand zwang, beraubt ihn des königlichen Szepters.

Eine Erzählung, die man mir zutrug, und eine winzige Beobachtung, die ich machen konnte, sind bezeichnend für seine beiden Charaktereigenschaften. Ein Häuptling auf Klein-Makin fragte in einer leichtsinnigen Stunde: »Wer ist Kaeia?« Der Wind trug das Wort hinüber, und Nakaeia legte die Angelegenheit in die Hände eines dreiköpfigen Ausschusses. Herr Leichnam war Vorsitzender, das zweite Mitglied starb vor meiner Ankunft, das dritte lebte noch, war wohlauf und von so ehrwürdigem Aussehen, daß wir ihm den Namen Abou ben Adhem gaben. Herr Leichnam hatte Gewissensbisse, denn der Mann auf Klein-Makin war sein Adoptivbruder. In solchem Falle war es nicht sehr fein, überhaupt zu erscheinen, und den Todesstreich zu führen, den man sonst von ihm wohl erwartete, würde mehr als peinlich gewesen sein. »Ich werde den Streich führen«, sagte der ehrwürdige Abou, und Herr Leichnam stimmte, sicherlich mit einem Seufzer, dem Kompromiß zu. Das Wild wurde also in den Busch gelockt, man veranlaßte den Mann, einen Holzblock auf die Schultern zu nehmen, und als seine Arme erhoben waren, schlitzte ihm Abou mit einem Hieb den Bauch auf. Da nun der Gerechtigkeit Genüge getan war, wandte sich die Kommission in kindischem Schrecken zur Flucht, aber das Opfer rief sie zu seiner Seite zurück. »Ihr braucht jetzt nicht fortzulaufen,« sagte der Mann, »ihr habt mir dies angetan, nun bleibt!« Das Sterben dauerte ungefähr zwanzig Minuten, und die Mörder saßen inzwischen bei ihm, eine Szene für Shakespeare. Alle Augenblicke dieses gewaltsamen Todes, das Blut, die ermattende Stimme, die verzerrten Gesichtszüge, der Farbenwechsel haben sich dem Gedächtnis des Herrn Leichnam eingeprägt, und da er sie an dem Bruder, den er verriet, studierte, hat er einigen Grund, über die Möglichkeiten eines Verrates nachzudenken. Niemals war ich einer Sache gewisser als der tragischen Gedanken des Königs, und doch habe ich ihn nur einmal unversehens überrascht. Einst hatte ich ihm eine Botschaft zu überbringen. Es war wieder einmal die Stunde der Mittagsruhe, aber einige Leute, die sich draußen umhertrieben, verwiesen uns auf ein geschlossenes Haus an der Kanalbank, wo Tebureimoa unbewacht liege. Wir traten ohne Zeremonien ein, da wir ziemlich eilig waren. Er lag am Boden auf einem Mattenbett und las reuig in seiner Bibel von den Gilbertinseln. Bei unserem plötzlichen Eintritt richtete sich der schwerfällige Mann halb auf, so daß die Bibel zu Boden fiel, starrte uns einen Augenblick verwirrt an und sank wieder auf die Matte zurück. So schaute Eglon auf Ehud.

Die Gerechtigkeit der Tatsachen ist sonderbar und höchst eigenartig gerecht: Nakaeia, der Urheber dieser Taten, starb im Frieden, indem er von der Gewalt eines Königs redete; sein Werkzeug erlitt täglich den Tod für seine erzwungene Mittäterschaft. Nicht die Natur der Handlungen, sondern die Übereinstimmung zwischen den Taten und den Umständen verdammen oder erlösen den Menschen, und Tebureimoa war von Anfang an in Widersprüche verwickelt. Zu Hause, in einer ruhigen Nebenstraße eines Dorfes, wäre er ein würdiger Zimmermann geworden, und selbst jetzt, von allen Teufeln besessen, entwickelt er manche Tugenden. Er besitzt kein Land, nur den Nießbrauch solcher Ländereien, die beschlagnahmt sind unter dem Gesetz, er kann sich nicht wie früher durch Heiraten bereichern, Sparsamkeit ist die Hauptsicherung seiner Zukunft, und er kennt und übt sie. Elf ausländische Händler zahlen ihm eine Lizenz von hundert Dollar. Ungefähr zweitausend Untertanen entrichten eine Kopfsteuer von einem Dollar für den Mann, einen halben Dollar für das Weib und einen Schilling für das Kind, was, wenn man die Umwechselgebühren abrechnet, ungefähr eine Summe von dreihundert Pfund im Jahr ergibt. Er war seit ungefähr neun Monaten König und hatte seiner Frau ein seidenes Kleid und einen Hut gekauft – die Kaufsumme ist nicht bekannt – und sich selbst eine Uniform für dreihundert Dollar, hatte die Photographie seines Bruders zur Vergrößerung nach San Franzisko gesandt für zweihundertfünfzig Dollar, hatte die Schuldenerbschaft des Bruders wesentlich verringert und immer noch Goldstücke in seiner Tasche. Er war also ein liebevoller Bruder, ein guter Verwalter und außerdem ein geschickter Zimmermann, der gelegentlich das Holzgerüst seines Palastes ausbesserte. Es ist nicht zu verwundern, daß Herr Leichnam Tugenden besitzt, aber daß Tebureimoa eine Liebhaberei hatte, überraschte mich.

Drittes Kapitel


Rund um unser Haus

Als wir den Palast verließen, waren wir immer noch Seefahrer, die zufällig an Land sind, aber innerhalb einer Stunde hatten wir unser Hab und Gut in einem der sechs Fremdenhäuser von Butaritari untergebracht, nämlich in dem, das gewöhnlich von Maka, dem hawaiischen Missionar, bewohnt wurde. Zwei Firmen von San Franzisko haben hier Niederlassungen, Messrs. Crawford und Messrs. Wightman Brothers, die erstere beim Palast mitten in der Stadt, die zweite am Nordeingang, jede mit einem Laden und einer Bar. Unser Haus stand auf dem Gelände von Wightman, zwischen dem Laden und der Bar, innerhalb einer Umzäunung. Auf der anderen Seite der Straße lagen Eingeborenenhäuser versteckt im Buschrand, und eine dichte grüne Mauer von Palmen hielt jeden Windhauch ab. Eine kleine sandige Bucht der Lagune schnitt hinten in das Grundstück ein, begrenzt von einem Pier mit einer Veranda, der Arbeit von Königinnenhänden. Zur Flutzeit segelten die Boote hier herein, um Ladungen in Empfang zu nehmen. War die Flut nicht hoch genug, so ankerten die Boote eine halbe Meile entfernt, und eine große Menge von Eingeborenen stieg die Piertreppen hinunter, schob sich über den Sand in Reihen und Gruppen, watete mit Koprasäcken bis zum Gürtel im Wasser und schlenderte zurück, um neue Lasten zu holen. Das Geheimnis des Koprahandels plagte mich, als ich dasaß und den Profit auf Treppe und Sand fallen sah.

Vor dem Hause strömte von kurz nach vier Uhr morgens bis neun Uhr abends das Stadtvolk ununterbrochen auf der Straße vorüber, Familien gingen zu den entfernten Gebieten der Insel, um auf ihren Ländereien Kopra zu ernten, Frauen wandten sich dem Busch zu, um Blumen für die Abendtoilette zu sammeln, und zweimal täglich gingen die Palmweinzapfer mit Messer und Schale ausgerüstet vorbei. Beim ersten Morgengrauen und dann wieder am Spätnachmittag bummelten sie vorüber, um zu ihrem Geschäft in den Baumwipfeln zu gelangen, bogen hier und da in den Busch ab und verschwanden vom Angesicht der Erde. Ungefähr um dieselbe Stunde, wenn die Flut in der Lagune nicht zu hoch steht, ist man wahrscheinlich auch selbst auf dem Marsch über die Insel zum Bad und betritt dicht auf ihren Fersen die Wege des Palmenhains. Obgleich die Sonne noch nicht aufgegangen ist, flackern im Osten schon Feuerbrände auf, und die gewaltigen Passatwolken erglühen und verkünden als Vorboten der Sonne den kommenden Tag. Die Brise strömt uns entgegen, hoch oben in den Palmenwipfeln, ihrem Spielzeug, ertönt lautes Rauschen; wohin man auch blickt, nirgendwo ist ein menschliches Wesen, nur die Erde und der rauschende Wald. Und über unserem Kopf ertönt im dichten Laubwerk der Gesang eines unsichtbaren Sängers, von fernher antwortet ein zweiter Baumgipfel, und noch weiter weg, im Herzen der Wälder, sitzt verborgen und schaukelnd ein dritter Minnesänger. So hocken überall auf der Insel in der Höhe die Palmweinzapfer, ihr Gewerbe führt sie auf die Gipfel, sie blicken rundum auf die See, halten Ausschau nach Schiffen und schmettern wie große Vögel ihre Gesänge in die Morgenfrühe. Sie singen mit einer gewissen Wollust und bacchantischen Fröhlichkeit. Volltönig und melodiös senkt sich plötzlich ihre Stimme von den Baumwipfeln nieder, woher sonst das Gezwitscher der Vögel dringt. Und doch sind diese Lieder keineswegs leichter Singsang, die Worte sind uralt, außer Gebrauch und heilig, wenige verstehen sie, vielleicht niemand vollkommen, aber es wurde allgemein angenommen, daß die Zapfer »beten, um guten Wein zu bekommen, und von ihren früheren Kriegen singen«. Das Gebet wird denn auch erhört, und wenn die Schale mit dem schäumenden Naß zu unserer Tür gebracht wird, ist es ein Getränk, an dem man sein Wohlgefallen haben kann. Den ganzen Vormittag kann man immer wieder kosten, es gärt, wird immer schärfer und wird zu einem neuen Getränk, das nicht weniger köstlich ist, aber im Laufe des Tages schreitet die Gärung rasch fort, und der Trank wird herbe; nach zwölf Stunden ist es Brothefe, nach zwei Tagen ein teuflisches Rauschgift, die Ursache von Verbrechen.

Die Menschen haben bemerkenswert arabische Gesichtszüge, tragen oft Bärte und Schnurrbärte, sind oft buntfarbig gekleidet, manche haben Arm- und Fußspangen, sie schreiten alle einher wie spanische Edelleute und erwidern den Gruß mit hochmütiger Miene. Die Dandies beiderlei Geschlechts tragen das Haar turbanartig zu krausem Wust gedreht, und ein spitzer Stab wird wie die Dolche der Japaner als Kamm benutzt und zierlich zwischen die Locken gesteckt. Die Frauen schauen unter ihrem Haarbüschel entzückend aus. Die Rasse kann sich mit den Tahitiern an Weibesschönheit nicht messen; ich bezweifle, ob der Durchschnitt groß ist, aber manche der niedlichsten Mädchen und eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, waren Gilbertinerinnen. Butaritari ist als Handelszentrum der Gruppe europäisiert, der farbige Überwurf oder das weiße Hemdgewand werden allgemein getragen, das letztere abends; der Exporthut, beladen mit Blumen, Früchten und Bändern, ist bedauerlicherweise nicht unbekannt und die charakteristische Frauenkleidung der Gilbertinseln nicht mehr allgemein im Gebrauch. Das Ridi ist sein Name, ein entzückendes Schürzchen oder Gürtelchen aus den geräucherten Fasern der Kokospalmblätter, nicht unähnlich geteerten Stricken; das untere Ende erreicht knapp die Mitte des Schenkels, das obere ist so niedrig über die Hüfte gelegt, daß es kaum zu haften scheint. Ein Niesen, denkt man, müßte genügen, um die Dame ganz zu enthüllen. »Das gefährliche, haarbreite Ridi« war unsere Bezeichnung dafür, und in dem Streit über die Frauenkleidung gefällt es unglücklicherweise niemand: die Prüden verdammen es als ungenügend, die Leichtsinnigeren finden es nicht liebenswert genug. Aber wenn eine zierliche Gilbertinerin am vorteilhaftesten aussehen soll, muß sie dies »Gewand« tragen. Mit ihm allein und sonst nur nackt bewegt sie sich in unvergleichlicher Ungezwungenheit, Grazie und Lebendigkeit, die die Dichtung Mikronesiens rühmt. Steckt man sie in ein langes Gewand, so flieht die Charme, und sie rudert einher wie eine Engländerin. Zur Zeit der Abenddämmerung waren die Vorübergehenden immer prächtiger gekleidet. Die Männer strömten herbei in allen Farben des Regenbogens – oder wenigstens der öffentlichen Läden – und Männer und Frauen schmückten sich mit wohlriechenden frischen Blumen. Eine kleine weiße Blüte wird bevorzugt, bald wie zierliche Sterne einzeln in das Frauenhaar gesät, bald zu dichtem Kranz geflochten. Bei Hereinbruch der Nacht wurde die Menge auf den Straßen manchmal dichter, und das Stapfen und Schurren nackter Füße nahm kein Ende, die Spaziergänger waren meistens ernst, das Stillschweigen wurde nur manchmal unterbrochen von kichernden und hin und her huschenden jungen Mädchen, selbst die Kinder waren still. Um neun schlug von der Kathedrale die Schlafglocke, und das Leben in der Stadt hatte ein Ende. Um vier am nächsten Morgen wird das Signal in der Dunkelheit wiederholt, und die unschuldigen Gefangenen werden in Freiheit gesetzt, aber sieben Stunden müssen alle im Hause weilen – ich wollte gerade sagen: hinter verschlossenen Türen, von einer Gegend, wo Türen und selbst Wände Ausnahmen sind –, sie müssen also wenigstens unter ihren luftigen Dächern verweilen oder sich unter zeltförmigen Moskitonetzen zusammenrollen. Wenn eine wichtige Botschaft übermittelt oder jemand auf die Reise geschickt werden soll, so muß der Bote sich der Polizei deutlich mit einem großen Feuerbrand von Kokosnußfasern ankündigen, das wie ein lebendiges Freudenfeuer die Häuser entlang flackert. Die Polizei selbst wandert im Dunkeln und späht in der Nacht aus nach Übeltätern. Ich haßte ihre heimtückische Anwesenheit; besonders ihr Hauptmann, ein gerissener alter Mann in weißer Kleidung, umschlich nachts meine Wohnung, so daß ich es fertiggebracht hätte, ihn zu verprügeln, aber der Kerl war ja vom Gesetz geschützt.

Keiner der elf Händler aus den Niederlassungen kam zur Stadt, kein Kapitän ging in der Lagune vor Anker, ohne daß wir sie innerhalb einer Stunde zu Gesicht bekamen. Das war zurückzuführen auf die Lage unseres Hauses zwischen dem Laden und der Bar Sanssouci, wie man sie nannte. Mr. Rick war nicht nur der Geschäftsführer von Messrs. Wightman, sondern auch Konsularagent für die Vereinigten Staaten, Mrs. Rick war die einzige weiße Frau auf der Insel und eine von den beiden einzigen im Archipel. Auch ihr Haus mit den kühlen Veranden, Bücherregalen und bequemen Möbeln hatte nicht seinesgleichen zwischen Jaluit und Honolulu. Jeder besuchte sie infolgedessen, außer denen, die sich nach Südseemanier herumstritten um den letzten Cent beim Koprahandel oder über irgendeine Differenz beim Geflügelkauf. Aber selbst diese wurden bald, wenn sie nicht von Norden erschienen, im Süden sichtbar, denn Sanssouci zog sie an wie mit Stricken. Auf einer Insel mit einer weißen Gesamtbevölkerung von zwölf Köpfen hätte man eine der beiden Schankstuben als überflüssig ansehen können, aber jeder Deckel paßt zu seinem Topf, und die beiden Lokale auf Butaritari sind in der Praxis für Kapitäne und Schiffsbesatzungen höchst angenehm: The Land we live in wird stillschweigend den Matrosen überlassen, Sanssouci gehört den Offizieren. So aristokratisch waren meine Gewohnheiten und so groß meine Furcht vor Mr. Williams, daß ich niemals die erstere Bar besuchte, aber in der anderen, dem Klublokal oder vielmehr dem Kasino der Insel, verbrachte ich regelmäßig meine Abende. Sie war klein, aber hübsch eingerichtet, und abends beim Lampenlicht funkelten die Gläser und strahlten die bunten Bilder wie ein Theater zur Weihnachtszeit. Die Bilder waren Plakate, das Glas schlecht genug, das Holz des Raumes von ungeschickter Hand zusammengefügt, aber das Ganze erschien auf dieser verwunschenen Insel wie unerhörter Luxus und unglaublicher Reichtum. Hier wurden Lieder gesungen, Geschichten erzählt, Kunststücke vorgeführt und Spiele gespielt. Ricks, wir, der Norweger Tom als Barkeeper, ein oder zwei Kapitäne von den Schiffen und die drei oder vier Handelsleute, die von abgelegenen Teilen der Insel in ihren Booten oder zu Fuß herbeigekommen waren, bildeten gewöhnlich die Gesellschaft. Die Händler, alle ehemalige Seeleute, sind komisch stolz auf ihren neuen Beruf. »Südseekaufleute« ist der Titel, den sie bevorzugen. »Wir sind alle Seeleute hier« – »Kaufleute, bitte« – »Südseekaufleute« – das war die Art der Unterhaltung, die sich endlos wiederholte, und die niemals ihren Reiz zu verlieren schien. Wir fanden sie immer schlicht, klug, heiter, tapfer und gefällig und erinnern uns von Zeit zu Zeit mit Vergnügen an diese Händler von Butaritari. Ein schwarzes Schaf war allerdings unter ihnen. Ich erzähle von ihm unter Angabe seines Wohnortes gegen meine sonstige Gepflogenheit, denn in diesem Falle habe ich keine Rücksicht zu nehmen; der Mann ist typisch für die Klasse der Schurken, die einstmals das ganze Gebiet der Südsee in Verruf brachten und noch heute auf den wenig besuchten Inseln von Mikronesien hausen. Man sagte von ihm im Hafen, daß er ein vollkommener Gentleman sei im nüchternen Zustande, aber ich habe ihn niemals anders als betrunken gesehen. Die wenigen unangenehmen und barbarischen Züge der Mikronesier hatte er mit der List eines Sammlers herausgefunden und sie tief in den Boden seiner ihm angeborenen Bosheit gepflanzt. Er hatte unter der Anklage eines verruchten Mordes gestanden, war freigesprochen worden und hatte sich der Tat seither immer großsprecherisch gerühmt, was mich vermuten läßt, daß er unschuldig war. Seine Tochter ist entstellt durch eine grausame Mißhandlung, die er versehentlich beging, denn er wollte seine Frau treffen und geriet in der Dunkelheit der Nacht und im Rausch des Kokosbrandys an das unrichtige Opfer. Die Frau floh und verbirgt sich seither im Busch bei den Eingeborenen, während der Gatte noch immer vor tauben Ohren ihre zwangsweise Rückkehr verlangt. Er kennt kein besseres Geschäft als Eingeborene betrunken zu machen, um ihnen dann die Summe der verwirkten Geldstrafe gegen Überlassung einer hohen Hypothek vorzuschießen. »Respekt vor den Weißen« ist sein ewiges Gerede: »Was dieser Insel fehlt, ist der Respekt vor den Weißen!« Auf seinem Wege nach Butaritari, wo ich mich damals aufhielt, fand er Spuren seiner Frau bei einigen Eingeborenen im Busch und machte einen Vorstoß, um sie gefangenzunehmen, worauf einer ihrer Begleiter ein Messer zog und der Gatte die Flucht ergriff. »Nennen Sie das den richtigen Respekt vor den Weißen?« rief er aus. Bald nachdem wir seine Bekanntschaft gemacht hatten, bewiesen wir unseren Respekt für diese Art von Weißen, indem wir ihm bei Todesstrafe das Betreten unseres Grundstückes verboten. Von nun ab lungerte er oft in der Nachbarschaft herum, möglicherweise mit Gefühlen des Neides oder Racheplänen, sein weißes hübsches Gesicht, das ich stets mit Verachtung sah, blickte uns über den Zaun zu allen Stunden des Tages an, und einmal rächte er sich, indem er uns eine niedrige Inselbeleidigung zurief, die uns keineswegs traf, aber seinen englischen Lippen unglaublich gemein stand.

Unser Gelände, das dieser Ausbund von Würdelosigkeit umwandelte, war ziemlich ausgedehnt. In einer Ecke war ein Gitterwerk mit einem langen Tisch aus rohem Holz, hier war vor einiger Zeit das Fest des vierten Juli mit seinen denkwürdigen Folgen, von denen wir noch berichten müssen, gefeiert worden, hier nahmen wir unsere Mahlzeiten ein, hier bewirteten wir den König und die Edlen von Makin mit einem Diner. In der Mitte stand das Haus mit Vorder- und Hinter- Veranda und drei Innenräumen. Auf der Veranda hängten wir unsere Kriegsschiffhängematten auf, dort arbeiteten wir tagsüber und schliefen wir nachts. Im Hause waren Betten, Stühle, ein runder Tisch, eine feine Hängelampe und Bilder der königlichen Familie von Hawaii. Das Bild der Königin Viktoria sagt nichts, aber die Gemälde von Kalakaua und Mrs. Bishop verraten allerlei, und wirklich waren wir heimliche Bewohner des Pfarrhauses. Am Tage unserer Ankunft war Maka abwesend, treulose Verwalter öffneten die Tore, und der liebenswürdige, sittenreine Mann, ein geschworener Feind von Alkohol und Tabak, fand bei der Rückkehr seine Veranda von Zigaretten bestreut und sein Wohnzimmer entwürdigt durch Flaschen. Er stellte nur eine Bedingung: auf den runden Tisch, den er zu Sakramentsfeiern benutzte, sollten wir keinen Alkohol setzen; in jeder anderen Beziehung beugte er sich vor den vollendeten Tatsachen, verweigerte die Annahme von Miete, zog sich in ein Eingeborenenhaus jenseits des Weges zurück und suchte die entlegensten Orte der Insel nach Lebensmitteln für uns ab, wobei er sein Boot selbst bediente. Er machte Schweine für uns ausfindig an geheimnisvollen Orten, denn man sah hier sonst überhaupt keine Schweine, er brachte uns Geflügel und Taro. Als wir dem Monarchen und dem Adel unser Festmahl gaben, besorgte er uns alles für die Tafel, überwachte die Kocherei, sprach das Gebet bei Tisch, und als auf das Wohl des Königs getrunken wurde, begann er mit einem englischen Hip-Hip-Hip das Hochrufen. Niemals hatte er eine glücklichere Eingebung, denn das Herz des verfetteten Königs schlug hoch in seiner Brust bei dem Ruf. Alles in allem hatte ich niemals ein liebenswürdigeres Wesen gesehen als diesen Pastor von Butaritari. Fröhlichkeit, Güte, edle und freundschaftliche Gefühle strahlten von diesem Manne aus in Rede und Geste. Er liebte es zu übertreiben, die Rolle des Augenblicks schauspielerisch zu gestalten, Lungen und Muskeln anzustrengen und mit seinem Körper zu reden und zu lachen. Er besaß die Morgenheiterkeit von Vögeln und gesunden Kindern, und sein Humor wirkte ansteckend. Wir waren allernächste Nachbarn und trafen uns täglich, aber unsere Begrüßungen dauerten minutenlang ohne Unterbrechung, wir schüttelten uns die Hände, klopften uns auf die Schultern, taten, als ob wir Seiltänzer und Hanswürste wären, und lachten, daß uns die Seiten weh taten über irgendeinen Witz, der kaum ein Kichern erregt hätte in einer Kinderschule. Es konnte fünf Uhr in der Frühe sein, die Palmweinzapfer waren soeben erst vorübergegangen, die Straße war leer, der Schatten der Insel erstreckte sich noch weit in die Lagune hinaus: aber diese Anregung stimmte mich den ganzen Tag hindurch fröhlich.

Trotzdem hatte ich Maka im Verdacht, daß er im geheimen melancholisch sei; dieses Höchstmaß von Frohsinn konnte kaum immer echt sein. Außerdem war er lang, hager, sein Gesicht war mit Runzeln und Furchen bedeckt, er war schon ein wenig ergraut, und seine Haltung am Sonntag war fast saturninisch. An diesem Tage gingen wir in Prozession zur Kirche oder, wie ich immer sagen muß, zur Kathedrale: Maka als dunkler Fleck in der heißen Landschaft in Zylinder, schwarzem Gehrock und schwarzen Hosen, unter dem Arm das Gesangbuch und die Bibel, seine Züge voll ehrwürdigem Ernst. Neben ihm Mary, sein Weib, eine ruhige, weise und ansehnliche ältere Dame, streng gekleidet; ich selbst folgte ihnen mit sonderbaren und lebhaften Gedanken. Lange Zeit vorher hatte ich unter Glockenklang, Flußrauschen und Vogelgesang Sonntag für Sonntag einen Geistlichen, in dessen Haus ich wohnte, durch ein grünes schottisches Tal begleitet, und tief berührten mich die Ähnlichkeiten, die Unterschiede und die große Zahl der Jahre und der Todesfälle. In der großen dämmerigen Palmholzkathedrale betrug die Zahl der Anwesenden selten mehr als dreißig, die Männer saßen auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen, ich selbst ehrenhalber unter den Frauen, und da diese kleine Missionsgemeinde sich dicht um die Plattform scharte, fühlten wir uns winzig in dem runden Gewölbe. Die Texte wurden in Wechselrede gelesen, die Gemeinde wurde in der Kirchenlehre geprüft, ein blinder junger Mann wiederholte jede Woche eine große Anzahl von Psalmen. Hymnen wurden gesungen – ich habe niemals schlechter singen hören –, und dann folgte die Predigt. Zu sagen, daß ich nichts verstand, wäre eine Lüge. Gewisse Dinge hatte ich mit Gewißheit zu erwarten gelernt, die Namen Honolulu und Kalakaua, die Worte Cap’n-man-o’wa‘ und Schiff sowie die Beschreibung eines Sturmes auf hoher See kamen unfehlbar vor, und nicht selten wurde ich außerdem mit der Erwähnung meines eigenen Herrschers belohnt. Das übrige war Geräusch für meine Ohren und Schweigen für meinen Geist: immer größer wurde die Langeweile, unerträglich die Hitze, der harte Stuhl und der Blick durch die weit offenen Türen auf die glücklicheren Heiden im Grünen. Schlaf brütete in meinen Gliedern und Augen, Schlaf summte in meinen Ohren, er hatte die Herrschaft in der dämmerigen Kathedrale, die Versammelten drehten sich hin und her, streckten sich, stöhnten und grunzten laut, dehnten gähnend die Liedernoten: Laute, wie man sie manchmal von Hunden hört, wenn sie den Höhepunkt tragischer Bitternis und Langeweile erreicht haben. Vergebens schlug der Prediger auf den Tisch, vergebens rief er die Hörer einzeln beim Namen. Ich selbst war vielleicht ein wirksameres Reizmittel, und wenigstens einem alten Herrn bereitete der Anblick meines erfolgreichen Kampfes gegen den Schlaf – ich hoffe wenigstens, daß er erfolgreich war – einen heiteren Zeitvertreib. Wenn er nicht gerade Fliegen fing oder seinem Nachbarn einen Schabernack spielte, starrte er unverwandt und grausamen Blickes auf die einzelnen Stadien meiner Agonie, und einst, als sich der Gottesdienst seinem Ende näherte, zwinkerte er mir durch die Kirche hindurch zu.

Ich berichte lächelnd von diesem Gottesdienst, aber ich war immer anwesend, immer mit Hochachtung vor Maka, immer mit Bewunderung über seinen tiefen Ernst, seine flammende Energie, das Feuer seines begeisternden Auges und die bewegte Aufrichtigkeit seiner Rede. Ihm zuzusehen, wie er allwöchentlich ein totes Pferd peitschte und ein verloschenes Feuer anfachte, war stets eine Lehre der Stärke und Standhaftigkeit. Es ist fraglich, ob der Erfolg nicht größer gewesen wäre, wenn man die Mission besser unterstützt und ihn von geschäftlichen Belastungen befreit hätte. Ich selbst bin anderer Meinung und glaube, daß nicht Vernachlässigung, sondern Strenge seine Herde verringert hat, jene Strenge, die einstmals eine Revolution hervorrief, und die heute bei einem so lebensnahen und liebenswürdigen Mann den Betrachter in Erstaunen setzt. Kein Lied, kein Tanz, kein Tabak, kein Alkohol, keine Lebensfreude – nur Arbeit und Kirchenbesuch: das ist die Sprache seines Antlitzes, und das Antlitz ist das des polynesischen Esaus, aber die Stimme ist die Stimme eines Jakobs aus einer anderen Welt. Ein Polynesier ist im besten Falle eine höchst eigenartige Figur als Missionar auf den Gilbertinseln, denn er kommt aus einem Lande, das unkeusch in höchstem Maße ist, in Gegenden, die offensichtlich streng sittlich sind; er entstammt einem Volk, das von Gespensterfurcht besessen ist, und lebt unter Leuten, die verhältnismäßig kühn sind gegenüber den Schrecken der Nacht. Diese Gedankengänge drängten sich mir eines Morgens auf, als ich zufällig im Mondschein draußen war und die ganze Stadt im Dunkeln liegen sah, während am Bett des Missionars die treue Lampe brannte. Es bedarf keines Gesetzes, keines Feuers und keiner wachsamen Polizei, um Maka und seine Landsleute davon abzuhalten, während der Nacht ohne Laterne spazierenzugehen.

Viertes Kapitel


Geschichte eines Tabus

Am Morgen nach unserer Ankunft (Sonntag, 14. Juli 1889) waren unsere Photographen früh wach. Wieder einmal durchschritten wir eine schweigende Stadt, viele lagen noch schlafend im Bett, manche saßen träumend in ihren offenen Häusern, nirgendwo ein Laut der Unterhaltung oder Geschäftigkeit. In dieser Stunde vor den starken Schatten des Tageslichts schien das Stadtviertel beim Palast und Kanal ein Landungsplatz aus Tausendundeiner Nacht oder aus klassischen Dichtungen zu sein; hier war das richtige Ziel für Feenschiffe, hier mochte ein abenteuernder Prinz an Land gehen, um neue Bekanntschaften zu machen und Neues zu erleben, und das Inselgefängnis, das auf dem dämmerigen Antlitz der Lagune schwamm, lag da wie eine zweite Gralsburg. An solchem Ort und zu solcher Stunde empfing man nicht den Eindruck einer Reise in fremde Länder, sondern vielmehr den vergangener Zeiten; es schien uns, als hätten wir nicht viele Breitengrade durchquert, sondern als wären wir Hunderte von Jahren zurückversetzt und hätten gleichzeitig Heimat und Jetztzeit verlassen. Ein paar Kinder folgten uns, meistens nackt, alle schweigend; im klaren, pflanzenreichen Wasser des Kanals wateten einige schweigende junge Mädchen, die braunen Schenkel entblößt, und eines der Maniap’s vor dem Palasttor zog uns an durch leises, aber erregtes Stimmengesumm.

Die ovale Hütte war voll von Menschen, die mit gekreuzten Beinen dasaßen. Der König war anwesend in gestreiften Pyjamas, seine Rückendeckung bildeten vier Wachtsoldaten mit Winchesterbüchsen, seine Miene und Haltung zeigte ungewöhnliche Erregtheit und Entschlossenheit, Gläser und schwarze Flaschen machten die Runde, und das Gespräch war laut, allgemein und angeregt. Ich war zunächst geneigt, diese Szene als verdächtig zu betrachten. Aber die Stunde schien ungeeignet für ein Gelage, das Trinken war außerdem durch das Landesgesetz und die Vorschriften der Kirche verboten, und während ich noch zögerte, zerstreute die strenge Haltung des Königs meine letzten Zweifel. Wir waren gekommen, um ihn, umgeben von seinen Wachen, zu photographieren, und bei der ersten Andeutung dieser Absicht revoltierte seine Frömmigkeit. Wir wurden an die Heiligkeit des Tages, eines Sonntags, erinnert, an dem du nicht photographieren sollst, und kehrten mit einem Floh im Ohr zurück, die verschmähte Kamera unter dem Arm.

In der Kirche überraschte es mich ein wenig später, daß der Thron unbesetzt blieb. Ein so begeisterter Sonntagsanhänger mußte eigentlich Zeit gefunden haben, anwesend zu sein. Meine Zweifel belebten sich wieder, und bevor ich zu Hause war, erhielt ich Gewißheit. Tom, der Barkeeper von Sanssouci, war im Gespräch mit zwei Abgesandten des Hofes. Der » keen«, sagten sie, wünschte » din«, und wenn Gin nicht vorhanden sei, » perandi«, Brandy. Kein din, war Toms Antwort, und kein perandi, aber pira, Bier, wenn sie es wünschten. Anscheinend wollten sie kein Bier haben und zogen sich verdrießlich zurück.

»Was bedeutet das alles?« fragte ich, »veranstaltet die Insel ein Zechgelage?«

Es war in der Tat so. Am vierten Juli hatte man ein Festgelage gegeben, und der König hatte auf Anraten der Weißen das Tabu für alkoholische Getränke aufgehoben. Es gibt ein Sprichwort von Pferden, das sich kaum auf das höchstentwickelte Tier anwenden läßt, von dem man vielleicht richtiger sagt, ein einzelner könne es zum Trinken bringen, aber zwanzig nicht zum Aufhören. Das Tabu war vor zehn Tagen aufgehoben und noch nicht wieder auferlegt. Zehn Tage lang hatte die Flasche in der Stadt die Runde gemacht, oder man hatte, wie wir am gestrigen Nachmittag gesehen hatten, betäubt geschlafen. Der König, von den Altmännern und seinen eigenen Gelüsten bestimmt, hielt die Erlaubnis immer noch aufrecht, verschleuderte alle seine Ersparnisse im Trunk und nahm an Saufgelagen teil, ja, er gab den Ton an. Die Weißen waren die Anstifter dieser Krisis, auf ihren eigenen Vorschlag hin hatte man zuerst die Genehmigung erteilt, und eine Zeitlang war es ihnen im Interesse des Handels ohne Zweifel recht, daß das Trinken anhielt. Dies Vergnügen war ihnen nun schon eine Weile vergangen, das Gelage hatte sich, wie man zugab, über die Maßen hinausgezogen, und es entstand die Frage, wie man es zu einem Ende bringen könnte. Daher die Weigerung Toms. Aber diese Weigerung war nur für den Augenblick bestimmt und hatte offenbar keinen Erfolg, denn die Boten des Königs, von Tom in Sanssouci zurückgewiesen, würden in » The Land we live in« von dem habgierigen Mr. Williams versorgt werden.

Der Gefahrengrad war damals nicht leicht abzuschätzen, und ich neige heute zu der Ansicht, daß man ihn etwas übertrieb. Aber die Haltung von Trunkenbolden selbst bei uns in der Heimat ist immer eine ängstliche Angelegenheit, und bei uns zu Hause ist die Bevölkerung von den Niedrigsten bis zu den Höchsten nicht mit Revolvern und Repetiergewehren bewaffnet; auch gehen wir nicht städteweise auf den Bummel, oder ich möchte sagen staatweise, während hier König, Magistrat, Polizei und Armee sich alle zu allgemeiner Betrunkenheit vereinigten. Auch muß man bedenken, daß wir hier auf Barbareninseln weilten, die selten besucht werden und erst seit kurzer Zeit und nur teilweise zivilisiert sind. In der Tat ist auf den Gilbertinseln eine immerhin beträchtliche Anzahl von Weißen, hauptsächlich durch eigenes Verschulden, umgekommen, und die Eingeborenen haben in mehr als einem Fall Neigung gezeigt, eine Metzelei als Unglücksfall darzustellen und nichts übrigzulassen als abgenagte Knochen. Dieser letzte Umstand war der Hauptgrund gegen ein plötzliches Schließen der Bars, denn die Barkeeper standen mitten in der Bresche und hatten es mit Verrückten zu tun. Mit ziemlicher Sicherheit würde die Verweigerung von Alkohol jeden Augenblick eine Schlägerei hervorrufen können, und die Schlägerei könnte das Signal für ein Blutbad werden.

Montag, den 15. Juli. Zu derselben Stunde wie gestern kehrten wir zu demselben Maniap‘ zurück. Ausgerechnet Kümmel machte in Gläsern die Runde, in der Mitte saß der Kronprinz, ein fetter junger Mann, umgeben von vollen Flaschen, und gebrauchte eifrig den Korkenzieher. König, Häuptlinge und Volk hatten alle den hängenden Mund, die schlaffe Haltung und den starren, glänzenden Blick des Trinkers am frühen Morgen. Es war uns klar, daß wir ungeduldig erwartet wurden, der König zog sich schleunigst zurück, um sich anzuziehen, die Wachen wurden nach ihren Uniformen gesandt, und wir blieben in Erwartung dieser Vorbereitungen zurück mit einem Haus voll betrunkener Eingeborenen. Die Orgie war schon weiter fortgeschritten als am Sonntag. Der Tag versprach sehr heiß zu werden, es war bereits schwül, die Höflinge waren schon berauscht, und immer noch machte der Kümmel die Runde, der Kronprinz spielte den Kellner. Flämische Ungezwungenheit folgte flämischen Exzessen, und ein lustiger hübscher Kerl, bunt gekleidet, mit einem großen Turban von gekräuseltem Haar, erheiterte die Gesellschaft durch einen heiteren Flirt mit einer Dame in unbeschreiblicher Manier. Wir wurden in dieser Wartezeit abgelenkt durch die Betrachtung der sich versammelnden Wachtmannschaften, die europäische Waffen, europäische Uniformen und, zu ihrem Schmerz, europäische Schuhe trugen. Wir blickten zu, wie einer dieser Krieger mit diesem Kleidungsstück gleich Mars bewaffnet wurde: zwei Männer und eine starke Frau waren kaum stark genug, ihm die Schuhe anzuziehen, und nach einer einzigen Parade ist die Armee für eine Woche verkrüppelt.

Schließlich öffneten sich die Tore des Königshauses, die Armee schritt heraus, ein Mann nach dem andern, mit Gewehren und Achselstücken, die Fahnen senkten sich unter dem Torweg, Se. Majestät folgte in seiner goldbesetzten Uniform, die Gemahlin Sr. Majestät kam hinterher in Federhut und reich verziertem Seidengewande, die königlichen Sprößlinge folgten: so entwickelte sich der Hofstaat von Makin auf der selbstgewählten Bühne. Dickens könnte berichten, wie ernst sie alles nahmen, wie betrunken sie waren, wie der König unter dem aufgestülpten Hut in Schweiß zerfloß, wie er sich neben die größte seiner zwei Kanonen stellte, erhaben, majestätisch, aber nicht ganz gerade, wie die Truppen schwankten, ausgerichtet wurden und wieder zusammensanken, wie sie und ihre Donnerbüchsen gleich Schiffsmasten in die verschiedensten Richtungen wiesen, und wie ein Amateurphotograph sie nun in Augenschein nahm, gruppierte und zurechtrückte, um immer wieder alles verändert zu finden, bevor er den Apparat erreichte.

Die Sache sah sich lustig an, aber ich weiß nicht, ob es richtig war, darüber zu lachen, und unser Bericht über diese Umstände wurde bei unserer Rückkehr mit ernstem Kopfschütteln aufgenommen.

Der Tag hatte schlecht begonnen, elf Stunden trennten uns noch vom Sonnenuntergang, und jeden Augenblick konnten beim geringsten Anlaß Unruhen ausbrechen. Das Wightman-Gebäude war im militärischen Sinne unhaltbar, denn an drei Seiten standen Häuser und dichtes Buschwerk, die Stadt sollte nach Gerüchten über tausend ausgezeichnete neue Waffen beherbergen, und ein Rückzug auf die Schiffe war, wenn er dringlich wurde, unmöglich zu bewerkstelligen. Unsere Unterhaltung mochte an diesem Morgen stark der Unterhaltung in den englischen Garnisonen vor der Sepoy-Meuterei ähneln: hartnäckiges Bezweifeln kommenden Unheils, die feste Überzeugung, daß, wenn etwas geschähe, nichts übrigbliebe, als kämpfend zugrunde zu gehen, eine halb heitere, halb ängstliche Gemütsverfassung, in der wir die weiteren Entwicklungen abwarteten, alles das mochte ähnlich sein.

Der Kümmel war bald zu Ende, und wir waren kaum zurückgekehrt, als der König uns folgte, um mehr zu verlangen. Herr Leichnam hatte sein entsetzliches Gewand nun abgelegt, sein unförmiger Leib war wieder in gestreifte Pyjamas gehüllt, ein Wachtsoldat führte die Leibgarde an, das Gewehr nachschleifend, und Se. Majestät war außerdem begleitet von einem Walfischfänger aus Rarotongan und dem lustigen Höfling mit dem kraushaarigen Turban. Ich habe nie lebhaftere Abgesandte gesehen. Der Walfischfänger gaffte und weinte in seiner Betrunkenheit, der Höfling ging wie auf Eiern, der König selbst war sogar scherzhaft aufgelegt. Er saß auf einem Stuhl in Ricks Wohnzimmer und ließ sich durch unsere Bitten und Drohungen in keiner Weise bewegen. Er wurde sogar gescholten, man führte geschichtliche Beispiele an, drohte ihm mit Kriegsschiffen und befahl ihm, das Tabu sofort wiederherzustellen: nichts rührte ihn im geringsten. Es solle morgen geschehen, sagte er, heute stehe es außerhalb seiner Macht, heute dürfe er nicht. »Ist das königlich?« rief Mr. Rick unwillig aus. Nein, es war nicht königlich; wäre der König ein königlicher Charakter gewesen, so würden wir selbst eine andere Sprache geführt haben, und königlich oder nicht, er trug bei dieser Unterredung den Sieg davon. Die Kräfteverhältnisse waren allerdings nicht gleich, denn der König war der einzige Mann, der das Tabu wiederherstellen konnte, aber Ricks waren nicht die einzigen, die Getränke verkauften, er brauchte nur festzubleiben, um uns wankend zu machen. Sie stritten sich noch ein wenig herum, um das Gesicht zu wahren, und dann ging diese höchst berauschte Deputation in heller Freude fort und führte einen Kasten Brandy auf einer Schubkarre mit sich. Der Mann aus Rarotongan, den ich vorher niemals gesehen hatte, schüttelte mir die Hände, als ob er eine weite Reise anträte. »Mein liebe Freund!« rief er aus, »lebe wohl, mein liebe Freund!« Kümmeltränen standen in seinen Augen, der König torkelte, der Höfling tänzelte: eine äußerst eigenartige Gruppe trunkner Kinder, denen man diese Kiste voll Irrsinn anvertraut hatte.

Man konnte mit dem besten Willen nicht behaupten, daß die Stadt ruhig sei. Den ganzen Morgen war die Stimmung erregt, überall herrschte Bewegung, die Eingeborenen sammelten sich zu Rotten auf der Straße. Aber es war bereits halb zwei, als uns plötzlich Stimmengeschrei aus dem Hause rief, und wir fanden die ganze weiße Kolonie wie auf ein verabredetes Zeichen bereits versammelt. Sanssouci wurde vom Pöbel überrannt, Treppe und Veranda waren voll von Menschen, aus allen Kehlen rangen sich unaufhörlich unartikulierte Laute, unverständlich wie das Blöken junger Lämmer, aber ärgerlicher. Auf dem Wege stand Se. Königliche Hoheit, die ich vor kurzem noch als Kellner gesehen hatte, und schrie auf Tom ein; auf der obersten Stufe stand Tom mitten im Getöse und brüllte den Prinzen an. Eine Weile umschwärmte das Pack noch heulend die Bar, dann erfolgte ein wütender Angriff, der Mob wich zurück, kehrte wieder und wurde von neuem zurückgeworfen. Über der Treppe schwamm ein Meer von Köpfen, und plötzlich zogen drei Männer einen vierten in ihrer Mitte gewaltsam mit sich fort durch die auseinanderstiebende Menge. An Haar und Händen wurde er, den Kopf auf die Knie niedergedrückt, das Gesicht verborgen, von der Veranda heruntergerissen, worauf er heulend den Weg entlang ins Dorf entwischte. Hätte er sein Gesicht gehoben, so hätten wir gesehen, daß er blutüberströmt war, aber nicht von seinem eigenen Blut. Der Höfling mit dem kraushaarigen Turban hatte die Kosten dieses Krawalles mit dem unteren Teil eines Ohres bezahlt.

So ging der Tumult vorüber mit einer einzigen Verwundung, die für Herzlose komisch scheinen mag. Aber rund um uns sahen wir ernsthafte Gesichter, und Tom schloß die Läden der Bar, eine Tatsache, die Bände sprach. Mochte die Kundschaft zu anderen Türen gehen und Mr. Williams verdienen, soviel er wollte – Tom hatte für heute genug vom Schnapsverkauf. Tatsächlich hatte alles an einem Haar gehangen. Ein Mann hatte versucht, einen Revolver zu ziehen, aus welcher Ursache weiß ich nicht, und vielleicht hätte er selbst darüber keinen Aufschluß geben können. Ein Schuß in dem überfüllten Raum würde sicher jemand getroffen haben, und wo so viele Bewaffnete und Betrunkene zusammen waren, hätte er sicher weitere im Gefolge gehabt. Die Frau, die die Waffe sah, und der Mann, der sie an sich riß, hatten vielleicht die weiße Kolonie gerettet.

Der Pöbel zog sich allmählich stumpfsinnig zurück, und für den Rest des Tages ließ man unsere Nachbarn in Frieden, es wurde fast einsam um uns. Aber die Beruhigung beschränkte sich nur auf diesen Platz, » din« und » perandi« flossen an anderen Stellen in Strömen, und wir mußten noch einmal einer Gewalttätigkeit zuschauen, wie sie auf den Gilbertinseln üblich ist. In der Kirche, wohin wir gingen, um zu photographieren, wurden wir plötzlich durch ein heftiges Geschrei aufgeschreckt. Die Szene, auf die wir durch die Türen dieser großen schattigen Halle blickten, blieb uns unvergeßlich. Die Palmen, die sonderbaren, zerstreuten Häuser, die Inselflagge, die an dem hohen Mast wehte: alles lag in glühender, unerträglicher Sonnenhitze. Mitten dazwischen wälzten sich auf dem Gras zwei Weiber. Die Kämpfenden waren um so leichter voneinander zu unterscheiden, als die eine nackt war bis auf das Ridi und die andere ein Holoku (Hemdgewand) trug von ziemlich auffälliger Farbe. Die erstere lag oben, hatte ihre Zähne in das Gesicht der Gegnerin gegraben und schüttelte sie wie einen Hund, die andere schlug und kratzte vergebens. So sahen wir sie einen Augenblick wie Schlangen sich wälzen und winden, dann bildete der Pöbel einen Ring um sie und schloß sie ein.

Wir fragten uns ernsthaft, ob wir in dieser Nacht an Land schlafen sollten, aber wir waren fahrendes Volk, das weither gekommen war, um Abenteuer zu erleben. Es wäre in der Tat inkonsequent gewesen, wenn wir uns beim ersten Anzeichen eines wirklichen Abenteuers zurückgezogen hätten, und wir ließen statt dessen unsere Revolver von Bord holen. In der Erinnerung an Taahauku hielten Mr. Rick, Mr. Osbourne und meine Frau auf den öffentlichen Straßen eine Waffenprobe ab und schossen unter den bewundernden Blicken der Eingeborenen auf Flaschen. Kapitän Reid vom »Equator« blieb mit uns an Land, um nötigenfalls zur Hand zu sein, während wir uns zur gewohnten Stunde schlafen legten, angenehm erregt von den Ereignissen des Tages. Die Nacht war herrlich, die Stille bezaubernd, aber als ich in meiner Hängematte lag und in den hellen Mondschein und die riesigen Palmen sah, verfolgte mich das häßliche Bild der beiden Weiber, nackt und halb bekleidet, in feindlicher Umarmung verbissen. Die Verletzungen, die sie sich beibrachten, waren wahrscheinlich nicht erheblich, aber ich hätte mit geringerer Empörung Totschlag und Metzelei ansehen können. Die Rückkehr zu dieser alten Kampfmethode, der Anblick menschlicher Bestialität und Roheit erschütterten mich mehr als die Verlustziffern unserer Schlachten – Elemente unserer Staatsgeschichte, die wir gern vergessen, und bei denen wir, wenn wir klug sind, nicht verweilen. Verbrechen, Seuchen und Tod bringt jeder Tag, unsere Phantasie verarbeitet sie rasch. Sie sträubt sich aber instinktiv gegen alles, was uns den Zustand des Menschengeschlechtes auf den tiefsten Stufen der Entwicklung ins Gedächtnis zurückruft, da wir mit Tieren, selbst tierisch, ohne jede Ordnung wüst dahinlebten und als behaarte Männer mit behaarten Frauen in den Höhlenwohnungen alter Zeit hausten. Und doch, um gerecht zu sein gegen diese barbarischen Insulaner, dürfen wir die Scheunen und Verließe unserer Großstädte nicht vergessen, und ich darf nicht vergessen, daß ich, um zu speisen, einstmals durch Soho in London ging und, angewidert von dem, was ich sah, den Appetit verlor.