Fünfunddreißigstes Kapitel.


Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ehe der Kreis, der sich rings um den »Alten Höllenschacht« gebildet hatte, sich öffnete, war eine Gestalt aus ihm verschwunden. Mr. Bounderby und sein Schatten standen nicht bei Luise, welche ihren Vater am Arm hielt, sondern an einem entfernten Orte allein. Als Mr. Gradgrind zu der Bahre gerufen wurde, schlüpfte Cili, aufmerksam auf alles, was vorging, hinter diesen bösen Schatten – welch ein Blick wäre es gewesen auf das Entsetzen in seinem Gesicht, wenn hier Augen zu einem Anblick vorhanden gewesen wären, außer für einen – und flüsterte etwas in sein Ohr. Ohne seinen Kopf umzudrehen, sprach er einige Augenblicke mit ihr und verschwand. So war der Bengel aus dem Kreise fortgegangen, ehe die Leute aufbrachen.

Als der Vater nach Hause kam, schickte er in Mr. Bounderbys Wohnung und ließ seinen Sohn auffordern, sofort zu ihm zu kommen. Die Antwort war, Mr. Bounderby habe, da er ihn in dem Volksgedränge verloren und seitdem nichts von ihm gesehen, angenommen, daß er in Stone Lodge sei.

»Ich glaube, Vater«, sagte Luise, »er wird heute nacht nicht nach der Stadt zurückkommen.« Mr. Gradgrind wandte sich ab und sagte nichts mehr.

Am andern Morgen ging er selbst zur Bank hinunter, sobald sie geöffnet wurde. Als er den Platz seines Sohnes leer sah (anfänglich hatte er nicht den Mut, hineinzugehen), kehrte er die Straße entlang zurück, um Mr. Bounderby auf seinem Wege hierher zu treffen. Er sagte ihm dann, daß er aus Gründen, die er sehr bald auseinandersetzen würde, über die er jedoch jetzt nicht gefragt zu werden wünsche, es nötig gefunden habe, seinen Sohn für kurze Zeit wo anders zu beschäftigen. Auch sagte er, daß er beauftragt sei, das Andenken Stephen Blackpools von Verdacht zu reinigen und den Dieb anzugeben. Mr. Bounderby blieb ganz verwirrt auf der Straße stehen, nachdem ihn sein Schwiegervater verlassen hatte, aufschwellend wie eine ungeheure Seifenblase, jedoch ohne ihre Schönheit.

Mr. Gradgrind kehrte nach Hause zurück, verschloß sich in sein Zimmer und blieb dort den ganzen Tag über. Als Cili und Luise an seine Türe klopften, sagte er, ohne sie zu öffnen: »Jetzt nicht, meine Lieben, am Abend.« Als sie des Abend« wiederkamen, gab er zur Antwort: »Ich bin jetzt nicht fähig – morgen.« Er aß den ganzen Tag nichts und zündete kein Licht nach Dunkelwerden an; sie hörten ihn auf und ab gehen bis spät in die Nacht.

Aber am nächsten Morgen erschien er zur gewöhnlichen Zeit beim Frühstück und nahm seinen gewöhnlichen Platz am Tische ein. Er sah alt und gebeugt und ganz niedergedrückt aus; und doch erschien er als ein weiserer Mann und ein besserer Mann, als in den Tagen, wo er nichts in seinem Leben verlangte, als »Tatsachen«. Ehe er das Zimmer verließ, bestimmte er ihnen eine Zeit, wo sie zu ihm kommen sollten, und dann ging er, sein graues Haupt zu Boden gebeugt, hinweg.

»Lieber Vater«, sagte Luise, als sie zur bestimmten Zeit bei ihm eintraten. »Sie haben noch drei Kinder; es wird besser mit ihnen werden. Ich will mich noch bessern, mit Gottes Hilfe.«

Sie gab Cili die Hand, als wenn sie ausdrücken wollte: auch mit ihrer Hilfe.

»Dein unglücklicher Bruder«, sagte Mr. Gradgrind. »Glaubst du, daß er diesen Diebstahl geplant hatte, als er mit dir in das Haus ging?«

»Ich fürchte so, Vater. Ich weiß, er brauchte dringend Geld und hatte eine große Menge ausgegeben.«

»Da der arme Mann im Begriff war, die Stadt zu verlassen, kam es ihm in den verderbten Sinn, den Verdacht auf ihn zu wälzen?«

»Ich glaube, Vater, es muß ihm plötzlich eingefallen sein, während er dort saß. Denn ich bat ihn, mit mir hinzugehen. Der Besuch war nicht sein ursprünglicher Plan.«

»Er hatte eine Besprechung mit dem armen Manne. Nahm er ihn beiseite?«

»Er rief ihn aus dem Zimmer. Ich fragte ihn später, warum er das getan hätte, und er gab eine glaubwürdige Entschuldigung. Aber seit gestern abend, Vater, wenn ich die Umstände in diesem Lichte betrachte, fürchte ich, daß ich mir nur zu gut vorstellen kann, was zwischen ihnen verhandelt wurde.«

»Laß mich wissen«, sagte ihr Vater, »ob deine Ansichten deinen schuldigen Bruder in derselben schwarzen Gestalt erscheinen lassen, als meine.«

»Ich fürchte, Vater«, sagte Luise zögernd, »daß Stephen Blackpool irgendwelche Vorstellungen gemacht haben muß, vielleicht in meinem Namen, vielleicht in seinem eigenen, die ihn bewogen, in gutem, ehrlichem Glauben etwas zu tun, was er nie zuvor getan hatte, und sich an zwei oder drei Abenden in der Nähe der Bank aufzuhalten, ehe er die Stadt verließ.«

»Zu klar!« erwiderte ihr Vater. »Zu klar!«

Er verhüllte sein Gesicht und saß einige Augenblicke schweigend da. Dann faßte er sich wieder und sagte: »Und jetzt, wie kann er aufgefunden, wie kann er der Gerechtigkeit entzogen werden? Wie kann er in den wenigen Stunden, die ich vergehen lassen darf, ehe ich den wahren Sachverhalt veröffentliche, von uns gefunden werden und von uns allein? Zehntausend Pfund könnten dies nicht bewerkstelligen.«

»Cili hat es bewerkstelligt, Vater!«

Er wandte seine Augen nach dem Platze, wo sie stand wie eine gute Fee des Hauses, und sagte in einem Tone sanfter Dankbarkeit und gerührter Güte: »Immer du, mein Kind!«

»Wir hatten unsere Besorgnisse«, erklärte Cili auf Luise blickend, »schon vorgestern, und als ich sah, wie Sie an die Bahre gerufen wurden, und hörte, was vorging (denn ich stand während der ganzen Zeit dicht neben Rachael), so schlüpfte ich zu ihm, ohne von jemandem gesehen zu werden, und sagte ihm: ›Blickt nicht auf mich. Seht, wo Euer Vater ist. Flieht unverzüglich, um seinet- und um euretwillen‹. Er zitterte, ehe ich ihm diese Worte zuflüsterte, dann fuhr er zusammen und zitterte noch mehr und sagte: ›Wohin kann ich gehen? Ich habe sehr wenig Geld, und ich weiß nicht, wer mich verbergen wollte!‹ Ich dachte an meines Vaters alten Zirkus. Ich habe nicht vergessen, wo sich Mr. Sleary zu dieser Jahreszeit aufzuhalten pflegt, und las erst neulich von ihm in der Zeitung. Ich gab ihm daher den Rat, dahin zu eilen, seinen Namen zu nennen und Mr. Sleary zu bitten, bis ich käme. ›Vor morgen früh will ich bei ihm sein‹, sagte er. Und ich sah ihn unter dem Volke verschwinden.«

»Dem Himmel sei gedankt!« rief sein Vater aus. »Er mag noch ins Ausland entkommen sein.«

Das war um so mehr zu hoffen, als die Stadt, wohin ihn Cili gewiesen hatte, nur drei Stunden von Liverpool entfernt lag, von wo er schnell nach einem beliebigen Teil der Welt befördert werden konnte. Aber man mußte vorsichtig sein, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Die Gefahr, daß man ihn in Verdacht ziehen würde, wurde mit jedem Augenblicke größer. Niemand konnte ganz sicher sein, ob nicht Bounderby selbst, in einer lärmenden Laune öffentlichen Eifers, eine Römerrolle spielen werde. – So verabredete man, daß Luise und Cili allein sich auf Umwegen an den fraglichen Ort begeben, und der unglückliche Vater nach einer entgegengesetzten Richtung hin abreisen und auf einem andern und weiteren Wege zu demselben Ziele gelangen sollte. Es wurde ferner vereinbart, daß er nicht zu Mr. Sleary gehen sollte, damit seine Absichten kein Mißtrauen erregten oder die Nachricht von seiner Ankunft seinen Sohn von neuem zur Flucht veranlaßten. Es sollte Cili und Luise überlassen bleiben, die Verbindung herzustellen und den Urheber von soviel Kummer und Unglück von der Anwesenheit seines Vaters und von der Ursache ihres Kommens zu benachrichtigen. Als diese Anordnungen genau überlegt und von allen dreien hinlänglich begriffen worden waren, war es Zeit, ihre Ausführung zu beginnen. Früh am Nachmittag begab sich Mr. Gradgrind direkt von seinem Hause auf das Land, um an die Eisenbahnlinie zu kommen, mit der er reisen mußte; und am Abend machten sich die zwei Zurückgebliebenen in anderer Richtung auf den Weg, sehr ermutigt durch den Umstand, daß ihnen kein bekanntes Gesicht begegnete.

Die zwei reisten die ganze Nacht hindurch, ausgenommen, wenn sie für schlimme Minuten an Zweigstationen hielten mit unendlichen Treppen hinauf oder hinunter – worin die einzige Mannigfaltigkeit solcher Stationen beruhte. Früh am Morgen stiegen sie bei einem Sumpfe ans, eine oder zwei Meilen von der Stadt, die sie suchten.

Von diesem traurigen Platze wurden sie durch einen rohen, alten Postillion erlöst, der zufällig früh auf war und einen Einspänner hatte; so wurden sie durch all die Hintergäßchen, wo die Ferkel wohnten, geführt. Das war zwar kein glänzender oder sehr wohlriechender Zugang, jedoch, wie in solchen Fällen üblich, die gesetzliche Landstraße.

Das erste, was sie beim Eintritt in die Stadt sahen, war das Gerippe von Slearys Zirkus. Die Gesellschaft war in eine andere, über zwanzig Meilen entfernte Stadt gereist und hatte dort am vergangenen Abend ihre Vorstellungen eröffnet. Die Verbindung zwischen diesen beiden Plätzen wurde durch eine hügelige Zollstraße unterhalten, und das Reisen ging hier sehr langsam vonstatten. Obgleich sie nur in aller Eile ein wenig frühstückten und nicht rasteten (was unter so sorgenvollen Umständen ein vergeblicher Versuch gewesen sein würde), so war es doch Mittag, ehe sie die Zettel von Slearys Reitervorstellungen an Scheunen und Mauern angeschlagen fanden, und ein Uhr, als sie auf dem Marktplatz hielten.

Eine große Morgenvorstellung der Reiter, die gerade anfangen sollte, wurde eben von dem Ausrufer ausgeschellt, als sie ihren Fuß auf das Pflaster setzten. Cili riet, um Nachfragen und Aufsehen in der Stadt zu vermeiden, sich selbst am Eingang ein Billett zu nehmen. Wenn Mr. Sleary das Geld einnehme, so würde er sie gewiß erkennen und sich taktvoll benehmen. Wo nicht, so würde er sie gewiß drinnen bemerken, und im Bewußtsein dessen, was er mit dem Flüchtling vorgenommen, ebenfalls Vorsicht beobachten.

Daher erschienen sie mit klopfendem Herzen bei der wohlbekannten Bude. Die Fahne mit der Inschrift »Slearys Reiter-Akademie« war vorhanden, und die gotische Nische war vorhanden, aber Mr. Sleary war nicht vorhanden. Master Kidderminster war zu groß und bärtig geworden, als daß er auch von der schrankenlosesten Leichtgläubigkeit noch länger als Cupido hätte hingenommen werden können. Er hatte der unwiderstehlichen Gewalt der Umstände (und seines Bartes) nachgegeben und präsidierte in der Eigenschaft eines Mannes, der sich allgemein nützlich macht, bei dieser Gelegenheit der Kasse. Zugleich hatte er eine Trommel neben sich, der er seine müßigen Augenblicke und seine überflüssigen Kräfte widmete. Bei der außerordentlichen Schärfe, mit der er auf falsche Münze ausspähte, sah Mr. Kidderminster, wie man ihn nach seiner jetzigen Stellung nennen muß, nie etwas anderes als Geld. So kam Cili unerkannt an ihm vorüber, und sie traten ein.

Der Kaiser von Japan, auf einem treuen alten Schimmel, hübsch mit schwarzen Flecken bemalt, war gerade damit beschäftigt, fünf Waschbecken auf einmal zu drehen, wie das die Lieblingserholung dieser Monarchen ist. Cili, obgleich wohlvertraut mit seinem fürstlichen Stammbaum, kannte den gegenwärtigen Kaiser nicht persönlich, und seine Herrschaft war friedlich. Darauf wurde Miß Josephine Sleary mit ihrer berühmten »Equestrischen Tyroler Blumen-Tour« von einem neuen Clown (der humoristisch »Blumenkohl-Tour« sagte) angekündigt, und Mr. Sleary erschien, sie einführend.

Mr. Sleary hatte dem Clown kaum einen Schlag mit seiner langen Peitsche gegeben, und dieser nur geantwortet: »Wenn Ihr das noch einmal tut, so werde ich das Pferd auf Euch werfen!« als Cili von Vater und Tochter zugleich erkannt wurde. Aber sie spielten den Akt mit großer Selbstbeherrschung zu Ende; und Mr. Sleary legte, ausgenommen im ersten Augenblick, nicht mehr Ausdruck in sein bewegliches als in sein unbewegliches Auge. Die Vorstellung kam Luise und Cili ein wenig lang vor, besonders, als sie unterbrochen wurde, um dem Clown Gelegenheit zu gewähren, Mr. Sleary, der mit der größten Ruhe auf all seine Bemerkungen »Nicht möglich, Sir!« erwiderte und sein Auge auf das Haus gerichtet hielt), von zwei Beinen zu erzählen, die auf drei Beinen saßen und auf ein Bein schauten, als vier Beine hereinkamen und sich eines Beines bemächtigten, worauf zwei Beine aufsprangen, drei Beine ergriffen und sie nach vier Beinen warfen, die mit einem Bein davonliefen. Denn obgleich es eine geistreiche Allegorie auf einen Metzger, einen dreibeinigen Stuhl, einen Hund und ein Schöpfenbein war, so nahm diese Erzählung doch Zeit weg, und sie waren in großer Ungewißheit. Endlich jedoch machte die kleine schönhaarige Josephine ihre Verbeugung unter großem Beifall. Der Clown, der allein in der Bahn geblieben war, hatte sich gerade erwärmt und sagte: »Jetzt kommt die Reihe an mich!« als Cili sich an der Schulter berührt fühlte und herausgewinkt wurde.

Sie nahm Luise mit sich, und sie wurden von Mr. Sleary in einem sehr kleinen Privatzimmer empfangen mit Segeltuchwänden, Grasboden und hölzerner, ganz schiefer Decke, auf die das Logenpublikum seinen Beifall stampfte, als wenn es durchbrechen wollte. »Tetilia«, sagte Mr. Cleary, der Branntwein und Wasser zur Hand hatte, »et tut mir wohl, Euch tu tehen. Ihr wart immer ein Liebling von unt, und ich bin dicher, ihr habt unt deit der alten Teil nur Ehre gemacht. Ihr mütt untere Leute tehen, meine Liebe, bevor wir von Getäften tprechen, oder et wird ihnen dat Hert brechen, – vor allen den Frauen. Da it Jotephine, tie it mit E.W.B. Childerth verheiratet und hat einen Jungen, und obgleich er nur drei Jahre alt it, klettert er auf jedet Ponny, dat man ihm vorführt. Er führt den Namen: Dat kleine Wunder in Tuhlreiterei; und wenn Ihr von dem Knaben nicht bei Atley hören tolltet, so werdet Ihr von ihm in Parit hören. Und Ihr erinnert Euch an Kidderminter, von dem man glaubte, dat er tiemlich galant gegen Euch telbt war? Nun, der it auch verheiratet. Verheiratet mit einer Witwe. Alt genug, teine Mutter tu tein. Tie war Teiltänterin und jett it tie nicht – infolge ihret Fettet. Tie haben twei Kinder! to tind wir tark in der Feen-Branche und in Kindertubenterten. Wenn Ihr untere »Kinder im Wald« tähet, Vater und Mutter beide auf einem Pferd terbend, – ihr Onkel, tie in teine Hut nehmend, auf einem Pferde, – tie telbt beide Heidelbeeren tuchend auf einem Pferde, und der Robint herbeikommend und tie mit Blätter bedeckend, auf einem Pferde – Ihr würdet tagen, dat et dat vollkommente Ding tei, wat je Eure Augen getehen. Und Ihr erinnert Euch an Emma Gordon, meine Liebe, die fat Muttertelle an Euch vertrat? Gant gewit tut Ihr dat; et it unnötig tu fragen. Nun gut. Emma hat ihren Mann verloren. Er türtte in einem traurigen Rückenfall von einem Elefanten in einer Art von Pagodenvortellung alt Tultan von Indien, und er erholte tich nicht wieder; und tie hat tich tum tweiten Male verheiratet – verheiratet mit einem Kätekrämer, der gleich beim erten Anblick in Liebe tu ihr erglühte – und er it ein Knauter und auf dem Wege, reich tu werden.«

Diese verschiedenen Vorkommnisse wurden von Mr. Sleary, der sehr kurzatmig geworden, mit großer Herzlichkeit und in wunderbar kindlicher Weise erzählt. Man muß dabei bedenken, was für ein triefäugiger und bejahrter Grogveteran er war. Später brachte er Josephine herein und E.W.B. Childers (der bei Tageslicht ziemlich scharfe Linien um den Mund hatte) und »das kleine Wunder von Schulreiterei«, mit einem Worte die ganze Gesellschaft. Es waren erstaunliche Geschöpfe in Luisens Augen, so weiß und rot von Gesichtsfarbe, so spärlich bekleidet und mit so unverhüllten Beinen; aber es war sehr nett, sie um Cili geschart zu sehen, und sehr natürlich bei Cili, daß sie sich der Tränen nicht enthalten konnte.

»To! Jett hat Tetilia alle Kinder gekütt, und alle Frauen umarmt, und allen Männern der Reihe nach die Hände getüttelt, nun fort jeder von Euch, und klingelt tie Truppe tur tweiten Abteilung.«

Sobald sie gegangen waren, fuhr er in gedämpftem Tone fort. »Nun, Tetilia, ich will mich nicht in Geheimmitte eindrängen, aber ich vermute, dat ich diete Dame alt Mitt Tquire antutehen habe.«

»Es ist seine Schwester. Ja.«

»Und det andern Tochter. Dat it gerade, wat ich meine. Ich hoffe, Euch wohl tu tehen, Mitt. Und ich hoffe der Tquire befindet tich auch wohl.«

»Mein Vater wird bald hier sein«, sagte Luise, ängstlich bemüht, ihn zur Sache zu bringen. »Ist mein Bruder in Sicherheit?«

»Ticher und getund!« antwortete er. »Ich möchte Euch gerade bitten, einen Blick auf die Reitbahn tu werfen, hier durch. Tetilia, Ihr kennt die Kniffe, tucht Euch telbt ein Guckloch.«

Jeder von ihnen blickte durch eine Bretterritze.

»Dat it Jack, der Rietentöter, – ein Tück, dat tum komiten Kinderfache gehört«, sagte Sleary. »Dort it ein eigenet Haut für Jack, wie Ihr teht, um tich darin tu verrecken; da mein Clown mit einem Pfannendeckel und Brattpiet als Jacks Bertienter; hier der kleine Jack telbt in gläntender Rüttung; dort twei komite twarte Bertienten, tweimal to grot alt dat Haut, die beauftragt tind, tich daneben tutellen und et herein- und hinauttutragen; und der Riete (ein tehr teurer Korb) it noch nicht da. Nun, teht Ihr tie alle?«

»Ja«, sagten beide.

Blickt noch einmal hin«, sagte Sleary, »blickt noch einmal genau hin. Teht Ihr alle? Tehr gut. Nun, Mitt«, er schob ihnen eine Bank hin zum sitzen; »ich habe meine Antichten, und der Tquire, Euer Vater, hat tie teinigen. Ich verlange nicht tu witten, wat Euer Bruder begangen hat; et it better für mich, et nicht tu witten. Allet, wai ich tage, ist, der Tquire hat bei Tetilia getanden und ich will bei dem Tquire tehen. Euer Bruder it einer von den twarten Bertienten.«

Luise entfuhr ein Schrei, der teils Bekümmernis, teils Erleichterung verriet.

»Et it Tattache«, fuhr Sleary fort, »und obgleich Ihr ihn jett kennt, dürftet Ihr Euch ihm doch nicht tu erkennen geben. Latt den Tquire kommen. Ich werde Euren Bruder nach der Vortellung herkommen latten. Ich werde ihn nicht umkleiden und ebentowenig teine Malerei abwaten latten. Latt den Tquire nach der Vortellung herkommen oder kommt telbt her nach der Vortellung und Ihr tollt Euren Bruder finden und den ganten Raum für Euch haben, um mit ihm tu tprechen. Latt Euch tein Auttehen nicht tören, to lange er wohl verteckt it.«

Unter vielem Dank und mit erleichtertem Herzen empfahl sich darauf Luise, um Mr. Sleary nicht länger aufzuhalten. Sie ließ mit Augen voller Tränen Grüße für ihren Bruder zurück, und ging mit Cili bis zum Nachmittag fort.

Eine Stunde darauf langte Mr. Gradgrind an. Auch er war keinem begegnet, den er gekannt hätte; und war jetzt voller Hoffnung, seinen entehrten Sohn mit Slearys Hilfe in der Nacht nach Liverpool zu schaffen. Da ihn niemand von den dreien begleiten konnte, ohne ihn in jeder Verkleidung so gut wie kenntlich zu machen, so hielt er einen Brief bereit an einen Empfänger, dem er Vertrauen schenken konnte, und ersuchte ihn, den Überbringer um jeden Preis nach irgendeiner Küste von Nord- oder Südamerika einzuschiffen, oder nach einem andern entfernten Weltteil, wohin er am schnellsten und geheimsten befördert werden konnte. Nachdem dies geschehen war, gingen sie umher und warteten, bis der Zirkus ganz geräumt sein würde, nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Gesellschaft und den Pferden. Nachdem sie den Zirkus eine lange Zeit beobachtet hatten, sahen sie Mr. Sleary einen Stuhl herausbringen und mit der Pfeife im Munde an der Seitentür sich niedersetzen, als wenn das sein Signal wäre, daß sie kommen könnten.

»Euer Diener, Tquire«, war seine vorsichtige Begrüßung als sie herzutraten. »Wenn Ihr meiner bedürft, to werdet Ihr mich hier finden. Ihr dürft Euch nicht daran toten, dat Euer Tohn eine komite Livree an hat.«

Sie traten alle drei ein, und Mr. Gradgrind setzte sich, in düsteres Sinnen verloren, auf den Stuhl, auf dem der Clown seine Vorstellung zu geben pflegte, mitten in der Bahn. Auf einer der hinteren Bänke, fern gerückt durch das gedämpfte Licht und die Abenteuerlichkeit des Ortes, saß der böse Bube, trotzig bis aufs äußerste, den er das Unglück hatte, seinen Sohn zu nennen.

Er war in einen abgeschmackten Rock gekleidet wie ein Kirchentürsteher,13 mit Aufschlägen und Lappen von unsäglicher Ausdehnung; in einer ungeheuren Weste, Kniehosen, Schnallenschuhen und aufgestutztem Narrenhute. Nichts saß ihm, alles war von grobem Stoffe, mottenzerfressen und voller Löcher. Er hatte Streifen in seinem schwarzen Gesichte, da wo Furcht und Hitze durch die schmierige Mischung gedrungen war, die es über und über besudelte.

Etwas so widerlich, verächtlich, lächerlich Schmachvolles, wie der Bengel in dieser komischen Livree war, würde Mr. Gradgrind bei einer andern Gelegenheit nie für möglich gehalten haben, eine so unleugbare und greifbare Tatsache es auch war. Und eins von seinen Musterkindern war so weit gekommen!

Anfangs wollte der Bengel nicht näher rücken, sondern bestand darauf, in seiner Zurückgezogenheit zu bleiben. Endlich gab er, wenn ein so mürrisch gemachtes Zugeständnis ein Nachgeben genannt werden kann, den Bitten Cilis nach – denn Luise verleugnete er gänzlich. Er kam Bank für Bank herunter, bis er in den Sägespänen stand, am Rande der Bahn, so weit als möglich von dem Platze, wo sein Vater saß.

»Wie wurde das ausgeführt?« fragte der Vater.

»Wie wurde was ausgeführt?« antwortete der Sohn mürrisch.

»Dieser Diebstahl«, sagte der Vater, indem er einen besonderen Nachdruck auf das Wort legte.

»Ich selbst machte den Schrank in der Nacht auf und schloß ihn wieder halb, ehe ich wegging. Ich hatte den Schlüssel, der gefunden wurde, lange vorher machen lassen. An dem Morgen warf ich ihn hin, damit man glauben sollte, er sei zum Diebstahl benutzt worden. Ich nahm das Geld nicht alles auf einmal. Ich gab vor, meinen Kassenüberschuß jede Nacht wegzulegen, tat es jedoch nicht. Nun wißt Ihr alles, was sich darauf bezieht.«

»Wenn ein Donnerschlag auf mich gefallen wäre«, sagte der Vater, »es würde mich weniger erschüttert haben, als dieses.«

»Ich sehe nicht ein, warum«, murrte der Sohn. So viele Leute sind in Vertrauensstellungen, so viele Leute unter den vielen werden unehrlich sein. Ich habe Euch zu hundert Malen davon sprechen hören, daß dies ein Gesetz sei. Wie kann ich für Gesetze verantwortlich sein? Ihr habt andere mit solchen Dingen getröstet, Vater. Tröstet Euch jetzt selbst!«

Der Vater vergrub sein Gesicht in den Händen, und der Sohn stand in seiner schimpflichen Seltsamkeit da und kaute Stroh; seine Hände glichen, da das Schwarze auf der Innenseite zum Teil abgerieben war, denen eines Affen. Der Abend brach herein; und von Zeit zu Zeit richtete er das Weiße seiner Augen rastlos und ungeduldig auf seinen Vater. Sie waren der einzige Teil seines Gesichts, der irgendwelches Leben oder irgendeinen Ausdruck zeigte; die Farbe lag zu dick darauf.

»Du mußt nach Liverpool geschafft und außer Landes geschickt werden.«

»Ich vermute so. Ich kann nirgends elender sein«, winselte der Bengel, »als ich hier gewesen bin, so weit ich zurückdenken kann. Das ist eins.«

Mr. Gradgrind ging zur Tür und kehrte mit Sleary zurück, dem er die Frage vorlegte: »Wie dies beklagenswerte Subjekt wegschaffen?«

»Freilich, ich habe daran gedacht, Tquire. Da it nicht viel Teit tu verlieren. To mütt Ihr ja oder nein tagen. Et it über twantig Meilen tur Eitenbahn. In einer halben Tunde kommt eine Kute, die geht tur Eitenbahn, um den Posttug tu treffen. Dieter Tug wird ihn ticher nach Liverpool bringen.«

»Aber betrachtet ihn«, stöhnte Mr. Gradgrind. »Wird eine Kutsche –«

»Ich meine nicht, dat er in dieter komiten Livree gehen toll«, sagte Sleary. »Tagt ein Wort und ich will mit Hilfe der Garderobe in fünf Minuten einen Jotkin aus ihm machen.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Mr. Gradgrind.

»Ein Jotkin it ein Fuhrmann. Faßt schnell Euren Entschluß, Tquire. Da mut Bier her. Ich habe nie etwat gefunden, dat to tnell einen komiten Mohren reinigt, alt Bier.«

Mr. Gradgrind stimmte schnell zu. Mr. Sleary nahm eben so schnell aus einem Kasten einen Kittel, einen Filzhut und andere notwendige Kleidungsstücke; der Bengel wechselte schnell seine Kleider hinter einem Schirm von Wollzeug; Mr. Sleary brachte schnell Bier und wusch ihn wieder weiß.

»Jett«, sagte Sleary, »kommt tur Kute und tpringt hinten auf; ich werde mit Euch gehen und tie werden Euch für einen von meinen Leuten halten. Tagt Eurer Familie Lebewohl und macht et kurt!« Hiermit zog er sich zartfühlend zurück.

»Hier ist dein Brief«, sagte Mr. Gradgrind. »Alle notwendigen Mittel werden dir verabfolgt werden. Mache durch Reue und Besserung die gräßliche Tat wieder gut, die du begangen, und die traurigen Folgen, zu denen sie geführt hat. Gib mir deine Hand, mein armer Junge, und möge Gott dir vergeben, wie ich dir vergebe!«

Der Verbrecher wurde durch diese Worte und ihren bewegten Ton zu wenigen, verrinnenden Tränen gerührt. Aber als Luise ihre Arme öffnete, stieß er sie von neuem zurück.

»Nicht du. Ich will nichts mit dir zu tun haben.«

»O, Tom, Tom, sollen wir so enden, nach all meiner Liebe!«

»Nach all deiner Liebe!« antwortete er verstockt. »Schöne Liebe! die den alten Bounderby sich selbst überläßt, meinen besten Freund, Mr. Harthouse fortjagt, und gerade, während ich in der größten Gefahr schwebe, nach Hause geht. Schöne Liebe das! Mit jedem Wort in bezug auf unsern Besuch an dem bewußten Orte herauszurücken, während du wußtest, daß sich das Netz rings um mich zusammenzog. Schöne Liebe das! Du hast mich in aller Form aufgegeben. Du hast mich nie geliebt!«

»Macht et kurt!« rief Sleary an der Tür.

Sie eilten alle bestürzt heraus; Luise rief ihm nach, daß sie ihm vergebe und ihn noch immer liebe, daß er es eines Tages bereuen werde, sie so verlassen zu haben, und daß er sich mit Freuden an diese ihre letzten Worte erinnern würde, in weiter Ferne. Da lief jemand gegen sie an. Mr. Gradgrind und Cili, die beide vor ihm hergingen, während seine Schwester noch an seinen Schultern hing, hielten an und prallten zurück.

Denn es war Bitzer, außer Atem, seine dünnen Lippen auseinandergerissen, seine kleinen Nasenlöcher erweitert, seine weißen Augenwimpern zitternd, sein farbloses Gesicht noch farbloser als gewöhnlich. Als wenn er sich in eine weiße Hitze liefe, während sich andere Leute in Glut zu laufen pflegen. Da stand er, keuchend und schnaufend, als wenn er seit dem Abend nicht angehalten, bereits lange Zeit, nachdem er sie angerannt hatte.

»Es tut mir leid, daß ich Eure Pläne durchkreuze«, sagte Bitzer, den Kopf schüttelnd, »aber ich kann mich nicht durch Kunstreiter betrügen lassen. Ich muß den jungen Mr. Tom haben, er darf nicht von Kunstreitern weggeschafft werden; da steht er in einem Kittel und ich muß ihn haben!«

Am Rockkragen noch dazu, schien es. Denn so ergriff er Besitz von ihm.

Sechsunddreißigstes Kapitel.


Sechsunddreißigstes Kapitel.

Sie gingen in die Bude zurück und Sleary verschloß die Tür, um Eindringlinge abzuhalten. Bitzer stand, den gelähmten Verbrecher, noch immer am Kragen haltend, in der Bahn und blickte auf seinen alten Patron durch das Dunkel des Zwielichts.

»Bitzer«, sagte Mr. Gradgrind, niedergebrochen und mit kläglicher Unterwürfigkeit, »habt Ihr ein Herz?«

»Der Blutumlauf, Sir«, erwiderte Bitzer, über die Seltsamkeit der Frage lächelnd, »würde sich ohne ein solches nicht bewerkstelligen lassen. Niemand, Sir, der mit den Harveyschen Untersuchungen über den Blutumlauf vertraut ist, kann zweifeln, daß ich ein Herz habe.«

»Ist es irgendeiner Regung des Mitleids zugänglich?« rief Mr. Gradgrind.

»Es ist der Vernunft zugänglich, Sir«, erwiderte der vortreffliche junge Mann, »und nichts anderm.«

Sie standen sich gegenüber und sahen sich an, und Mr. Gradgrinds Gesicht war so bleich, wie das des Verfolgers.

»Was für einen Beweggrund – selbst was für einen vernünftigen Beweggrund – könnt Ihr haben, das Entkommen dieses unglücklichen Jünglings zu verhindern«, sagte Mr. Gradgrind, »und seinen beklagenswerten Vater zu Boden zu treten? Blickt auf seine Schwester hier. Habt Mitleid mit uns!«

»Sir«, antwortete Bitzer, in einer sehr geschäftsmäßigen und logischen Weise, »da Ihr mich fragt, was für einen vernünftigen Beweggrund ich habe, den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückzubringen, so ist es nicht mehr als vernünftig, es Euch wissen zu lassen. Ich habe den jungen Mr. Tom vom ersten Augenblick an wegen dieses Bankdiebstahls beargwöhnt. Ich hatte mein Auge auf ihm schon vor dieser Zeit, denn ich kannte seine Schliche. Ich habe meine Beobachtungen für mich behalten, aber ich habe sie gemacht. Ich habe mir jetzt vollgültige Beweise gegen ihn verschafft, ganz abgesehen von seiner Flucht und seinem eigenen Bekenntnis, das ich gerade rechtzeitig mit anhören konnte. Ich hatte das Vergnügen, Euer Haus gestern morgen zu umlauern und Euch hierher zu folgen. Ich will den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückbringen, um ihn Mr. Bounderby zu überliefern. Sir, ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß Mr. Bounderby mich auf den Platz des jungen Mr. Tom befördern wird. Und ich wünsche seine Stellung zu haben, denn sie wird eine Beförderung für mich sein und mir gut tun.«

»Wenn dies ausschließlich eine Frage des persönlichen Interesses für Euch ist –« begann Mr. Gradgrind.

»Ich bitte um Verzeihung«, daß ich Euch unterbrechen muß, Sir«, fiel ihm Bitzer in die Rede; »aber es wird Euch gewiß nicht unbekannt sein, daß das ganze soziale System eine Frage des persönlichen Interesses ist. Woran Ihr Euch immer wenden müßt, das ist der persönliche Eigennutz. Das ist Euer einziger Halt. So sind wir nun einmal beschaffen. Ich wurde in diesem Katechismus erzogen, als ich noch sehr jung war, Sir, wie Euch bekannt ist.«

»Was für eine Summe«, sagte Mr. Gradgrind, »wollt Ihr gegen Eure gehoffte Beförderung gesetzt haben?«

»Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, Sir«, entgegnete Bitzer, »daß Ihr mir diesen Vorschlag macht; aber ich will gar keine Summe dagegen gesetzt haben. Da ich voraussah, daß Euer heller Kopf diese Alternative stellen würde, so habe ich diese Berechnungen in meinen Gedanken überschlagen, und finde, daß eine Untreue zu begehen, selbst um eine sehr hohe Summe nicht so sicher und vorteilhaft für mich sein würde, als meine besseren Aussichten bei der Bank.«

»Bitzer«, sagte Mr. Gradgrind, seine Hände ausstreckend, als wollte er sagen: Sieh, wie elend ich bin! »Bitzer, ich sehe nur noch eine Möglichkeit, Euren Sinn zu beugen. Ihr wart viele Jahre in meiner Schule. Entschließt Euch in dankbarer Erinnerung an die Mühe, die man dort auf Euch verwandt hat, von Eurem augenblicklichen Interesse abzusehen und meinen Sohn loszulassen. Ich bitte Euch inständig, ihm die Wohltat dieser dankbaren Erinnerung zu gewähren.«

»Ich wundere mich wirklich, Sir«, versetzte sein alter Schüler im Tone eines Beweisführers, »Euch in einer so unhaltbaren Stellung zu sehen. Mein Unterricht wurde bezahlt; er beruhte auf einem Handelskontrakt, und der Kontrakt war zu Ende, als ich die Schule verließ.«

Es war ein Hauptgrundsatz der Gradgrindschen Philosophie, daß alles zu bezahlen sei. Niemand war unter irgendwelchen Umständen verpflichtet, jemandem irgend etwas zu geben oder irgendwelche Hilfe zu leisten ohne Kaufpreis. Dankbarkeit mußte abgeschafft werden und die aus ihr entspringenden Tugenden mußten aufhören zu existieren. Jeder Zoll des menschlichen Daseins hatte ein auf dem Kassentische abgeschlossener und geregelter Vertrag zu sein. Und wenn wir über den Zahltisch nicht in den Himmel kommen konnten, dann war er kein nationalökonomischer Platz, und wir hatten nichts dort zu suchen.

»Ich leugne nicht«, fuhr Bitzer fort, »daß mein Unterricht billig war. Aber das paßt ja gerade gut, Sir. Ich bin um den billigsten Marktpreis geliefert worden, und habe mich um den teuersten zu verkaufen.«

Hier wurde er durch Luisens und Cilis Weinen etwas außer Fassung gebracht.

»Laßt das, wenn ich bitten darf«, sagte er, »das nützt nichts und stört nur. Ihr scheint zu glauben, ich hätte eine gewisse Feindseligkeit gegen den jungen Mr. Tom; aber ich habe gar keine. Ich beabsichtige nur, aus den erwähnten vernünftigen Gründen, ihn nach Coketown zurückzubringen. Wenn er Widerstand leisten sollte, so würde ich den Ruf erheben: Haltet den Dieb! Aber er wird keinen Widerstand leisten. Ihr könnt Euch darauf verlassen.«

Mr. Sleary, der mit offenem Munde und sein rollendes Auge so unbeweglich in seinen Kopf gezwängt, wie sein feststehendes, diesen Lehrsätzen in tiefer Aufmerksamkeit sein Ohr geliehen hatte, tat jetzt einen Schritt vorwärts.

»Tquire, Ihr wißt tehr wohl und Eure Tochter weit sehr wohl (better alt Ihr, weil ich et ihr getagt habe), dat et mir unbekannt war, wat Euer Tohn begangen, und dat ich et auch nicht tu wissen wünte – ich tagte, et wäre better, obgleich ich tu der Teit nur glaubte, et wäre eine Lumperei. Jedoch, da dieter junge Mann erklärt hat, bat et ein Bankdiebtahl it, so it dat eine tehr ernthafte Tache; viel tu ernthaft für mich, um diete Tache beitulegen, wie dieter junge Mann tich tehr pattend auttudrücken beliebt. Daher dürft Ihr mir et nicht übel nehmen, Tquire, wenn ich mich auf die Teite von dietem jungen Mann telle und tage, er hat recht und da it nicht tu helfen. Aber ich will Euch tagen, wat ich tun will, Tquire, ich will Euren Tohn und dieten jungen Mann tur Eitenbahn fahren und hier eine öffentliche Blottellung verhüten. Ich kann nicht versprechen, mehr tu tun, aber dat will ich tun.«

Neue Wehklagen von Luise und tiefere Betrübnis von seiten Mr. Gradgrinds folgten diesem Verrat ihres letzten Freundes. Aber Cili blickte mit großer Spannung auf ihn, auch mißverstand sie ihn nicht. Als sie alle im Begriff waren hinauszugehen, begünstigte er sie mit einem leichten Rollen seines beweglichen Auges, um ihr anzuzeigen, daß sie zurückbleiben sollte. Als er die Türe schloß, sagte er aufgeregt:

»Der Tquire tand Euch bei, Tetilia, und ich werde dem Tquire beitehen. Mehr alt dat. Diet it ein Prachttaugenicht‘ und gehört dem polternden Turken, den meine Leute fat aus dem Fenster warfen. Et wird eine fintere Nacht geben. Ich habe ein Pferd besorgt, dat allet tun wird, nur nicht tprechen; ich habe ein Pony in Bereittaft, dat fünftehn Meilen in einer Tunde macht, wenn et Childert lenkt, ich habe einen Hund, der teinen Mann vierundtwantig Tunden auf einem Platte hält. Wechtelt ein Wort mit dem jungen Tquire. Tagt ihm, wenn er tieht, dat unter Pferd tu tanten beginnt, so toll er tich nicht fürchten, umgeworfen tu werden, tondern tarf nach einem herankommenden Pony-Gig auttuen. Tagt ihm, wenn er dat Gig dicht hinter tich bemerkt, to toll er heruntertpringen, et werde ihn im Trab davonfahren. Wenn mein Hund dieten jungen Mann einen Fut aufheben lätt, to gebe ich ihm die Erlaubnit, tu gehen. Und wenn mein Pferd tich von dem Platte rührt, wo et tu tanzen anfängt, vor Morgen, – dann kenne ich it tlecht! Macht et kurt!«

Es wurde so kurz gemacht, daß innerhalb zehn Minuten Mr. Childers, der auf dem Marktplatze in einem Paar Pantoffeln herumschlenderte, seinen Wink hatte und Mr. Slearys Equipage bereit war. Es war ein schöner Anblick, den gelehrigen Hund um dieselbe herumbellen und Mr. Sleary ihn mit seinem einzigen brauchbaren Auge unterweisen zu sehen, daß Bitzer der Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit sein solle. Bald nach Dunkelwerden stiegen alle drei ein und fuhren ab. Der gelehrige Hund (ein furchteinflößendes Tier) verfolgte schon Bitzer mit seinen Augen und hielt sich neben dem Wagen hart an seiner Seite, damit er für ihn bereit sei, im Falle er die leiseste Neigung zum Aussteigen verraten sollte.

Die andern drei blieben im Wirtshaus die ganze Nacht hindurch in großer Unruhe auf. Um acht Uhr des Morgens erschien Mr. Sleary mit dem Hunde wieder; beide sehr frohen Mutes.

»Allet in Ordnung, Tquire!« rief Mr. Sleary, »Euer Tohn kann in dietem Augenblicke am Bord einet Tiffes tein. Childert nahm ihn anderthalb Tunden nach unterer Abfahrt am vergangenen Abend auf. Dat Pferd tantte die Polka, bit et ermüdet war (et würde gewallt haben, wenn et nicht im Getirr geweten wäre), dann gab ich ihm dat Wort und et begann behaglich tu tlafen. Alt dat Prachtexemplar vom jungen Taugenicht‘, tagte, er wolle tu Fut weiter gehen, hing tich der Hund an tein Halttuch mit allen vier Beinen in der Luft, tog ihn nieder und rollte ihm dat Unterte tu oben. To kam er turück in den Wagen und tat hier, bit ich dat Pferd umwandte, um halb tieben Uhr dieten Morgen.«

Mr. Gradgrind überschüttete ihn natürlich mit Danksagungen, und spielte so zart er konnte auf eine anständige Geldbelohnung an.

»Ich telbt verlange kein Geld, Tquire, aber Childert it Familienvater, und wenn Ihr ihm etwa eine Fünfpfundnote anbieten tolltet, to dürfte tie nicht turückgewieten werden. In gleicher Weite, wenn Ihr vielleicht willent wäret, ein Haltband für den Hund oder ein Glockentpiel für dat Pferd tu ertehen, to würde ich tehr erfreut tein, et antunehmen. Grog nehme ich immer.« Er hatte bereits ein Glas bestellt, und jetzt bestellte er ein anderes. »Wenn Ihr nicht glauben tolltet, er hiete ut weit gehen, eine kleine Tpende der Geselltaft tu machen, ungefähr drei Mark techtig auf den Kopf, Luce nicht gerechnet, to würde et tie glücklich machen.«

Mr. Gradgrind übernahm es sehr gern, alle diese kleinen Beweise seiner Dankbarkeit zu geben; obgleich er sagte, sie seien seiner Meinung nach viel zu gering für einen solchen Dienst.

»Tehr gut, Tquire; dann, wenn Ihr untere Vortellungen betuchen wollt, to oft Ihr könnt, to werdet Ihr die Rechnung mehr alt aufgeglichen haben. Nun, Tquire, wenn Eure Tochter mir erlauben will, ich möchte ein Wort in’t Geheim mit Euch tprechen.«

Luise und Cili zogen sich in ein anstoßendes Gemach zurück; Mr. Sleary, der seinen Grog stehend umrührte und trank, fuhr fort:

Tquire, ich brauche Euch nit erst tu tagen, dat Hunde wunderbare Tiere tind.«

»Ihr Instinkt«, sagte Mr. Gradgrind, »ist überraschend.

»Wie Ihr et auch heiten mögt – und ich bin froh, wenn ich weit, wie et heiten et it erstaunlich. Der Weg, auf dem ein Hund Euch finden will – in der Richtung wird er kommen!«

»Weil«, versetzte Mr. Gradgrind, »sein Geruch so fein ist.«

»Et würde mich glücklich machen, wenn ich wütte, wie ich et nennen tollte«, widerholte Sleary, sein Haupt schüttelnd, »aber, Tquire, ich habe Hunde mich finden getehen, auf eine Weite, die mich denken lätt, ob der Hund nicht tu einem andern Hunde gegangen und ihn gefragt hat: ›Kennt ihr nicht vielleicht eine Perton nament Tleary? Perton nament Tleary, im Kuntreiterberuf – untertetzter Mann – Tielauge?‹ Und dieter dürfte dann getagt haben: ›Nun, ich kann nicht tagen, dat ich ihn pertönlich kenne, aber ich kenne einen Hund, der, glaube ich wohl, mit ihm bekannt tein könnte.‹ Und dann mag dieter Hund noch einmal darüber nachgedacht und getagt haben: ›Tleary, Tleary! O ja, gant ticher! Ein Freund von mir erwähnte ihn einmal. Ich kann euch teine Adrette augenblicklich geben.‹ Weil ich vor dem Publikum tehe und to viel herumkomme, to begreift Ihr, Tquire, dat eine grote Tahl Hunde mit mir bekannt tein mut, die ich nicht kenne?«

Mr. Gradgrind schien durch diese Betrachtungen ganz verwirrt zu werden.

»Einmal«, sagte Sleary, nachdem er seine Lippen an den Grog gesetzt hatte, »waren wir in Chethter, et mag wohl ungefähr viertehn Monate her tein. Wir waren gerade im Begriff, an einem Morgen untere »Kinder im Walde« eintuüben, alt ein Hund durch dat Theatertor in untere Reitbahn hereinkam. Er hatte einen langen Weg turückgelegt und war in einer tehr üblen Verfattung, lahm und fat gant blind. Er ging rund herum tu unteren Kindern, von einem tum andern, alt wenn er ein Kind tuchte, dat er kannte; dann kam er tu mir, tellte tich hinten auf und mit den twei Vorderfüten in die Höhe, krank wie er war, und darauf wedelte er mit dem Twante und krepierte. Tquiere, dieter Hund war Merrylegt.«

»Cilis Vaters Hund?«

»Tetilias Vaters alter Hund. Nun, Tquiere, kann ich einen Eid darauf ablegen, wie ich den Hund kenne, dat jener Mann tot und begraben war – bevor der Hund tu mir zurückkam. Jotephine, Childert und ich betprachen et lange Teit, ob ich treiben tollte oder nicht. Aber wir kamen überein: Nein. Denn et gibt nicht‘ angenehmet tu berichten, warum alto ihren Tinn beunruhigen und tie unglücklich machen? Ob ihr Vater tie bötwillig verlier, oder ob er lieber tein Hert allein brechen latten, alt tie tugleich mit tich verderben wollte, wird nie bekannt werden, Tquire, bit – nein, bit wir witten, wie ein Hund unt autfindet.«

»Sie bewahrt die Flasche, nach der er sie ausgeschickt hatte, noch bis zu dieser Stunde; und sie wird an seine Liebe noch bis zum letzten Augenblick ihres Lebens glauben«, sagte Mr. Gradgrind.

»Dat teint einem twei Dinge tu beweiten, nicht wahr, Tquire?« sagte Mr. Sleary, während er nachdenklich auf den Grund seines Grogs blickte. »Dat eine it, dat et eine Liebe in der Welt gibt, die nicht durchweg im tieften Grunde Eigennutz, tondern etwat gant anderet it; dat andere, dat die eine Art Telbtberechnung oder Nichtberechnung kennt, die in gewitter Weite to twer tu beteichnen it, alt die Handlungtweite einet Hundet!«

Mr. Gradgrind blickte aus dem Fenster und gab keine Antwort, Mr. Sleary leerte sein Glas und rief die Damen zurück.

»Tetilie, meine Liebe, kütt mich und leb wohl! Mitt Tquire, tu tehen, wie Ihr tie alt eine Tweter behandelt und alt Tweter, der Ihr Vertrauen und Achtung von ganter Teele tenkt und noch mehr alt dat, it ein Anblick, der mir tehr wohl tut. Ich hoffe, Euer Bruder wird leben, um et better um Euch tu verdienen und Euch mehr Freude tu machen. Tquire, gebt mir Eure Hand tum erten und tum lettenmale. Ärgert Euch nicht über arme Vagabunden. Dat Volk mut amütiert werden. Nicht alle Leute können gelehrt und nicht alle können Arbeiter tein; untereint it nicht dafür gemacht. Ihr mütt unt haben, Tquire. Teil daher klug und freundlich tugleich, und macht dat bete aut unt, und nicht dat tlechtete!«

»Und ich würde nie tuvor geglaubt haben«, sagte Mr. Sleary, indem er seinen Kopf noch einmal zur Tür hereinstreckte, »dat ich to viel von einem Schwätzer hätte!«

Drittes Kapitel.


Drittes Kapitel.

Mr. Gradgrind schwebte von der Schule hochzufrieden nach Hause. Es war seine Schule, und er hatte sie zu einem Muster bestimmt. Er wollte aus jedem Kinde darin ein Muster machen – ganz wie die jungen Gradgrinds sämtlich Muster waren.

Es gab fünf junge Gradgrinds und jedes von ihnen war ein Muster. Sie waren von ihrem zartesten Alter an gehofmeistert worden: gehetzt wie junge Hasen. Beinahe seit sie allein laufen konnten, wurden sie angehalten, in die Schule zu laufen. Der erste Gegenstand, mit dem sie in Berührung kamen, oder von dem sie eine Erinnerung hegten, war eine große schwarze Tafel, woran ein garstiger Oger schreckliche weiße Figuren mit Kreide malte.

Nicht daß sie etwas von der Natur oder dem Namen Oger wußten. Bewahre die Tatsächlichkeit! Ich bediene mich nur des Ausdrucks, um ein Ungeheuer in einem pädagogischen Kastell zu bezeichnen, das mit einem, der Himmel weiß aus wie vielen Köpfen bestehenden Haupt die Jugend gefangennahm und sie bei den Haaren in die düsteren statistischen Höhlen schleppte.

Kein Junges von den Gradgrinds hat je ein Gesicht im Monde gesehen. Es war schon oben im Mond, ehe es noch deutlich sprechen konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je das einfältige Reimgeklingel gelernt: O schimmre, schimmre kleiner Stern. Was du denn bist, wie wüßt‘ ich’s gern! es hat nie Bewunderung für diesen Gegenstand gehegt, da es schon mit fünf Jahren den großen Bären wie ein Professor Owen zergliedern und den Charles Wain wie ein Lokomotivführer treiben konnte. Kein Junges von Gradgrinds hat je eine Kuh auf dem Felde mit jener berühmten Kuh mit dem krummen Horn in Verbindung gebracht, die den Hund emporschleuderte, der die Katze erwürgte, die die Ratte tötete, die das Malz fraß, oder mit der noch berühmteren Kuh, die Tom Thumb verschlang. Es hatte nie von jenen Berühmtheiten vernommen und wurde mit der Kuh nur bekannt, als mit einem grasfressenden, wiederkäuenden, vierfüßigen Tier, das diverse Magen hatte.

Mr. Gradgrind lenkte seine Schritte seiner Wohnung der Tatsächlichkeit zu, die den Namen Stone Lodge (Steinhaus) führte. Er hatte sich der Wirklichkeit gemäß von seinem Großhandel mit Eisenwaren zurückgezogen, ehe er noch Stone Lodge baute und sah sich jetzt nach einer schicklichen Gelegenheit um, eine arithmetische Figur im Parlament auszumachen. Stone Lodge war in einem Marschlande innerhalb einer Meile oder zwei von einer großen Stadt gelegen, die in dem gegenwärtigen zuverlässigen Wegweiser den Namen Coketown (die Kohlenstadt) führt. Stone Lodge bildete eine ganz regelmäßige Figur auf der Fläche der Gegend. Kein einziger Gegenstand verdunkelte oder umschattete diese unnachgiebige Tatsache in der Landschaft. Ein großes vierkantiges Haus, dessen Hauptfenster von einem plumpen gewölbten Gang verdunkelt waren, wie die Augenbrauen seines Besitzers dessen Augen umdüsterten. Ein berechnetes, ausgeklügeltes, erwogenes und rekonstruiertes Haus war es. Sechs Fenster auf dieser Seite der Tür, sechs auf jener Seite; im ganzen zwölf auf diesem Flügel und im ganzen zwölf auf jenem Flügel; vierundzwanzig waren auf der Rückseite angebracht. Ein freier Rasenplatz und Garten samt einer jungen Allee, alles schnurgerade abgemessen, wie ein botanisches Register. Die Gasröhren und der Ventilator, die Abzugsgräben und die Wasserleitung, alles war von der vorzüglichsten Beschaffenheit. Eiserne Latten und Bindebalken, feuerfest von oben bis unten. Mechanische Hebemaschinen für die Hausmägde, mit ihren sämtlichen Bürsten und Besen – alles was das Herz begehren konnte.

Alles? Nun, ich nehme es an. Die kleinen Gradgrinds hatten auch Kabinette für verschiedene wissenschaftliche Fächer. Sie hatten ein kleines konchyliologisches Kabinett, ein kleines metallurgisches Kabinett und ein kleines mineralogisches Kabinett. Die Proben waren sämtlich geordnet und mit Zetteln versehen, und die Stücke Metall und Stein sahen aus, als ob sie von ihren verwandten Stoffen mit jenen erschrecklich harten Instrumenten – ihren eigenen Namen – abgelöst worden wären. Wenn nun, um die einfältige Legende von Peter Piper, der nie seinen Weg in ihre Kinderstube gefunden, zu umschreiben, die lüsternen jungen Gradgrinds nach mehr als alledem haschten, was war es, um Gottes Barmherzigkeit willen, wonach die lüsternen jungen Gradgrinds haschten!

Ihr Vater schritt in einer hoffnungsvollen, zufriedenen Gemütsstimmung aus. Er war nach seiner Weise ein zärtlicher Vater. Aber er würde sich wahrscheinlich (wenn er wie Cili Jupe um eine Definition befragt worden wäre) als einen »ausgezeichnet praktischen« Vater bezeichnet haben. Er setzte einen besonderen Stolz in die Redensart »ausgezeichnet praktisch«, was eine besondere Anwendung auf ihn zu haben schien. Was für Versammlungen jemals in Coketown abgehalten wurden und was deren Programm auch immer sein mochte, ganz gewiß ergriff bei einer solchen ein Coketowner die Gelegenheit, auf seinen ausgezeichnet praktischen Freund Gradgrind anzuspielen. Das fand immer den Beifall des ausgezeichnet praktischen Freundes. Er wußte, daß so etwas ihm gebührte; auch war ihm diese Gebühr angenehm.

Er hatte den neutralen Boden außerhalb des Weichbildes der Stadt erreicht, der weder Stadt noch Land war, und doch war eins von beiden beeinträchtigt, als der Klang von Musik an seine Ohren scholl. Die schmetternde und lärmende Bande, die zu der Kunstreitergesellschaft gehörte, und die seit einiger Zeit sich in dem hölzernen Pavillon daselbst niedergelassen hatte, war in vollem Zug. Eine Fahne, die von der Spitze des Tempels flatterte, verkündigte der Menschheit, daß es »Slearys Reitertruppe« sei, die auf ihren Beifall Anspruch erhebe.

Sleary selbst, eine derbe, moderne Statue, mit einer Geldbüchse am Ellbogen, in einer kirchlichen Nische von altertümlicher gotischer Bauart, nahm das Geld. Miß Josephine Sleary weihte damals, wie einige sehr lange und sehr schmale Streifen von Ankündigungszetteln anzeigten, die Belustigungen mit ihrem anmutigen Reiterkunststück des Tiroler Blumentanzes ein.

Unter den sonstigen angenehmen, aber stets höchst moralischen Wundern, die gesehen werden müssen, um geglaubt zu werden, sollte Signor Jupe an jenem Nachmittag »die ergötzlichen Fertigkeiten seines ausgezeichnet dressierten und sich produzierenden Hundes Merrylegs erläutern«. Er sollte ferner vorführen »sein Erstaunen erregendes Kunststück, 75 Zentner in hastiger Aufeinanderfolge rückwärts über den Kopf zu schleudern, und auf diese Weise einen Springbrunnen von festem Eisen inmitten der Luft zu bilden: ein Kunststück, das weder in diesem, noch in einem andern Lande je versucht worden, und das, nachdem es einen so entzückenden, stürmischen Beifall unter den begeisterten Massen hervorgerufen, dem Publikum nicht vorenthalten werden darf. Derselbe Signor Jupe sollte in häufigen Zwischenräumen »die verschiedenartigen Darstellungen mit seinen keuschen Shakespeareschen Stichelreden und Neckereien beleben«. Schließlich sollte er sie dadurch in Spannung versetzen, daß er in der »funkelnagelneuen und drolligen Hippokomedietta des Schneiders Reise nach Brentford, in seiner Lieblingsrolle des Mr. William Button von Tooly Street, erschien«.1

Thomas Gradgrind beachtete diese Trivialitäten, wie es sich von selbst versteht, nicht im geringsten, sondern ging vorüber, wie ein praktischer Mensch vorübergehen sollte, die lärmenden Insekten entweder von seinen Gedanken verscheuchend oder sie dem Zuchthaus überliefernd. Die Wendung der Straße führte ihn aber an der Rückwand der Bude vorüber, und an der Rückwand der Bude eine Menge von Kindern in einer Menge von merkwürdigen Verrenkungen beisammen und war bestrebt, die verborgenen Wunder des Platzes zu begaffen.

Das brachte ihn zum Stehen. »Nun sehe einer einmal diese Vagabunden«, sagte er, »wie sie das junge Pack aus einer Musterschule anlocken.«

Da ein Raum von niedergetretenem Gras und trockenem Schutt sich zwischen ihm und dem jungen Pack befand, so zog er seine Brille aus der Tasche, um nach einem Kinde zu sehen, das er bei Namen kannte und fortrufen könnte. Ein fast unglaubliches, obwohl deutlich wahrgenommenes Phänomen – was mußte er denn erblicken, als seine eigene bleichsüchtige Luise, die mit aller Gewalt durch ein Loch in einem Dielenbrett guckte, und seinen eigenen mathematischen Thomas, der sich auf dem Boden niederkauerte, um nur einen Huf von dem anmutigen Reiterkunststück des Tiroler Blumentanzes zu erhaschen!

Stumm vor Bestürzung schritt Mr. Gradgrind zu der Stelle, wo seine Familie sich so sehr entwürdigte, legte seine Hand auf jedes der sündigen Kinder und sagte: »Luise! Thomas!«

Beide erhoben sich, rot und außer Fassung. Luise blickte jedoch zu ihrem Vater mit mehr Kühnheit als Thomas empor. Thomas sah ihn in der Tat gar nicht an, sondern ließ sich ruhig wie eine Maschine nach Hause bringen.

»Im Namen des Erstaunens, des Müßiggangs und der Torheit«, sagte Mr. Gradgrind, indem er jedes mit einer Hand wegführte, »was macht ihr hier?«

»Wollten sehen, wie das Ding ausschaut«, erwiderte Luise kurz.

»Wie das Ding ausschaut?«

»Ja, mein Vater.«

In beiden war die Miene unterdrückter Hartnäckigkeit ausgeprägt, besonders aber in dem Mädchen. Trotzdem glühte da ein Leuchten im Auge und brach sich durch die Unzufriedenheit ihres Gesichtes Bahn, ein Leuchten, das keine Ruhe kannte, ein Feuer, das keinen Nahrungsstoff vorfand, eine verkommene Phantasie, die auf irgendeine Weise Leben in sich erhielt. Dies Feuer war es, das dem Leben in dieser Seele Glanz verlieh. Nicht den Glanz, der der fröhlichen Jugend so eigen, sondern den mit unsteten, heftigen und ungewissen Flammen, die etwas Schmerzliches in sich haben, ähnlich den Zuckungen eines blinden Gesichtes, das nach dem Wege umhertappt.

Sie war jetzt noch ein Kind von fünfzehn oder sechszehn Jahren, dürfte sich aber in kurzem plötzlich zur Jungfrau entfalten. Ihr Vater war dieser Meinung, als er sie anblickte. Sie war hübsch. Würde eigensinnig gewesen sein (dachte er in seiner ausgezeichnet praktischen Weise), wenn es die Erziehung nicht verhindert hätte.

»Thomas, obgleich die Tatsache vor mir liegt, kann ich es doch kaum glauben, daß du mit deiner Erziehung und deinen Hilfsmitteln, deine Schwester zu einem derartigen Schauplatz gebracht haben solltest.«

»Ich brachte ihn, Vater!« sagte Luise rasch. »Ich bat ihn mitzukommen.«

»Es tut mir leid, das zu hören. Es tut mir in der Tat sehr leid, das zu hören. Es macht Thomas darum nicht besser und macht dich nur schlechter, Luise.«

Sie blickte abermals zu ihrem Vater empor, aber keine Träne benetzte ihre Wangen.

»Du, Thomas, und du, denen der Kreis der Wissenschaften geöffnet ist, Thomas und du, die ihr sozusagen mit Tatsachen angefüllt seid, Thomas und du, die ihr zur mathematischen Genauigkeit erzogen wurdet, Thomas und du hier!« rief Mr. Gradgrind. »In dieser entwürdigenden Lage! Ich bin ganz bestürzt!«

»Ich habe es satt, Vater. Ich habe es seit langem satt gehabt«, sagte Luise.

»Satt gehabt? Was?« fragte der erstaunte Vater.

»Ich weiß nicht was – ich glaube all und jedes.«

»Sag mir keine Antwort mehr«, entgegnete Mr. Gradgrind. »Du bist kindisch. Ich will nichts mehr hören.«

Er sprach nicht wieder, bis sie ungefähr eine halbe Meile stillschweigend gegangen waren, als er auf einmal losbrach: »Was würden deine besten Freunde sagen, Luise? Legst du auf ihre gute Meinung keinen Wert? Was würde Mr. Bounderby sagen?«

Bei der Nennung dieses Namens warf seine Tochter einen verstohlenen Blick auf ihn, der wegen seiner heftigen und forschenden Beschaffenheit merkwürdig war. Er merkte nichts davon; denn ehe er sie anblickte, hatte sie ihre Augen wieder auf den Boden geheftet.

»Was«, wiederholte er gleich darauf, »was würde Mr. Bounderby sagen?«

Während des ganzen Weges nach Stone Lodge wiederholte er in Zwischenräumen, während er die beiden Verbrecher nach Hause führte:

»Was würde Mr. Bounderby sagen?«

Als ob Mr. Bounderby Mrs. Grundy gewesen wäre!

Dreißigstes Kapitel.


Dreißigstes Kapitel.

Mr. James Harthouse verbrachte eine ganze Nacht und einen Tag in einem Zustande so großer Aufregung, daß die »Welt«, mit ihrem besten Glas im Auge, während dieser seiner Geistesabwesenheit schwerlich in ihm den Bruder Jem des ehrenwerten und witzigen Parlamentsmitgliedes erkannt haben würde. Er war wirklich aufgeregt. Er sprach verschiedene Male mit einem Nachdruck, der fast an den Ausdruck der gewöhnlichen Sterblichen grenzte. Er ging hin und her in einer unerklärlichen Weise, wie ein Mann, der von einem Gegenstande besessen ist. Er ritt wie ein Straßenräuber. Mit einem Worte, er war von den obwaltenden Umständen so gelangweilt, daß er vergaß, in der von den Autoritäten vorgeschriebenen Weise auf die Langeweile auszugehen.

Nachdem er sein Pferd durch das Unwetter nach Coketown gepeitscht, als wenn es ein Katzensprung wäre, brachte er die ganze Nacht wachend zu; von Zeit zu Zeit mit der größten Heftigkeit klingelnd, den Hotelportier, der Wache hielt, mit dem Verbrechen belastend, Briefe oder Bestellungen zurückzuhalten, die ohne Zweifel für ihn hinterlassen worden seien. Er müsse sie auf der Stelle haben. Da der Abend kam und der Morgen kam und der Tag kam und weder eine Botschaft noch einen Brief brachte, so begab er sich wieder nach dem Landhause. Hier war der Rapport: Mr. Bounderby verreist und Mrs. Bounderby in der Stadt. Sie sei vergangenen Abend plötzlich dahin abgereist. Man hatte dies erst durch einen Brief aus der Stadt erfahren, der besagte, daß sie in Bälde nicht zurückkehren werde.

Unter diesen Umständen blieb ihm nichts übrig, als ihr in die Stadt zu folgen. Er ging nach dem Haus in der Stadt. Mrs. Bounderby nicht da. Er sprach bei der Bank vor. Mrs. Bounderby nicht da und Mrs. Sparsit nicht da. Mrs. Sparsit nicht da? Wer konnte so ursprünglich zur äußersten Verzweiflung getrieben worden sein, daß er sich ausgerechnet die Gesellschaft dieses Drachen suchte?

»Nun, ich weiß es nicht«, sagte Tom, der seine eigenen Gründe hatte, sich hierüber unbehaglich zu fühlen. »Sie ist diesen Morgen bei Tagesanbruch irgendwohin aufgebrochen. Sie ist immer geheimnisvoll, ich hasse sie. Ja, ich hasse ebenfalls das bleiche Gesicht des Laufburschen. Der hat auch immer seine blinzelnden Augen auf einem braven Kerl.«

»Wo wart ihr gestern abend, Tom?«

»Wo war ich gestern abend!« antwortete Tom. »Sieh‘ doch, so habe ich es gern. Ich wartete auf Euch, Mr. Harthouse, bis es vom Himmel herabgoß, wie ich es nie zuvor habe herabgießen sehen. Wo war ich auch? Wo waret Ihr, wollt Ihr sagen?«

»Ich war verhindert zu kommen – abgehalten.«

»Abgehalten!« murrte Tom. »Zwei von uns waren abgehalten. Ich war durch Warten abgehalten, bis ich jeden Zug, ausgenommen die Postkutsche, verpaßt hatte. Es würde eine ganz ergötzliche Partie gewesen sein, mit der Postkutsche in einer solchen Nacht zurückzurumpeln und durch einen Sumpf heimzuwaten. Kurz, ich mußte in der Stadt schlafen.«

»Wo?«

»Wo? Nun, in meinem eigenen Bette bei Bounderbys.«

»Saht Ihr Eure Schwester?«

»Was zum Kuckuck!« antwortete Tom, mit starrer Verwunderung, »konnte ich meine Schwester sehen, wenn sie fünfzehn Meilen weit entfernt war?«

Mr. Harthouse verwünschte innerlich die raschen Antworten des jungen Herrn. Dann wand er sich von dieser Zusammenkunft so harmlos wie möglich los und überlegte zum hundertsten Male, was das alles bedeuten sollte? Es wurde ihm nur eins klar. Das war, daß sie entweder in der Stadt oder auswärts sich befinde, daß er entweder zu schnell mit ihr, der Unbegreiflichen, gewesen, oder sie den Mut verloren hatte, oder daß sie entdeckt, oder daß ein zur Zeit noch unbekanntes Unglück oder Mißverständnis passiert war, und daß er diesem Unglücke entgegengehen müsse, worin es auch bestehe. Das Hotel, in dem er bekanntlich lebte, seitdem er zu diesem Lande der Finsternis verurteilt, war der Pfahl, an den er sich gebunden fühlte. Im übrigen – was sein wird, wird sein.

Mag ich nun eine Forderung oder eine Bestellung, oder eine bußfertige Vorstellung, oder eine Tracht Prügel aus dem Stegreif mit meinem Freunde Bounderby in der Lancashirer Manier zu erwarten haben, was ja wahrscheinlich bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge eintreten dürfte: »Auf jeden Fall will ich erst einmal dinieren« sagte Mr. James Harthouse. »Bounderby wiegt schwerer als ich, und wenn etwas echt Britisches zwischen uns vorgefallen sein sollte, so wäre es gut, ein wenig vorbereitet zu sein.«

Darauf klingelte er, warf sich nachlässig auf ein Sofa, beorderte »ein Diner um sechs – mit einem Beefsteak dabei«, und brachte die Zwischenzeit so gut hin, wie er konnte. Das gelang ihm aber nicht sehr gut; denn er verblieb in der größten Ratlosigkeit, und als die Stunden vergingen und keine Art der Aufklärung sich zeigen wollte, so vermehrte sich seine Ratlosigkeit mit Zinseszinsen.

Aber er nahm die Angelegenheit so kühl wie nur immer möglich und amüsierte sich immer wieder bei der lustigen Idee des erwarteten Boxkampfes und des Trainings dazu. »Es würde nicht übel sein«, gähnte er in einem Augenblick, »dem Kellner fünf Schilling zu geben und mit ihm loszuboxen. Es kam ihm die Idee: »Oder ein Kerl von beiläufig über zwei Zentnern könne stundenweise gemietet werden.« Aber diese Scherze verrieten an diesem Nachmittag nichts, als seine Unruhe; und, um die Wahrheit zu sagen, er langweilte sich fürchterlich.

Es war unvermeidlich, selbst vor dem Essen, noch oft dem Muster des Fußteppichs nach zu lustwandeln, aus dem Fenster zu sehen, an der Tür nach Fußtritten zu horchen, und gelegentlich ziemlich heiß zu werden, wenn sich dem Zimmer Tritte näherten. Aber nach dem Essen, als der Tag sich im Zwielicht auflöste und das Zwielicht in Nacht und er noch immer keine Aufklärung erhielt, war es ihm, wie er sagte, zumute, wie bei einer Inquisition mit anschließender »sanfter« Tortur. Jedoch, immer treu seiner Überzeugung, daß Snobismus die wahrhafte vornehme Lebensart sei (das war die einzige Überzeugung, die er hatte) benutzte er diese Krisis als passende Gelegenheit, Licht und Zeitung zu bestellen.

Er hatte eine halbe Stunde lang vergebens sich abgemüht, diese Zeitung zu lesen, als der Kellner erschien und geheimnisvoll und entschuldigend zugleich, sagte:

»Ich bitte um Verzeihung, Sir. Man verlangt nach Ihnen, wenn Sie es erlauben.«

Eine vage Erinnerung, daß dies die gewöhnliche Formel sei, welche die Polizei gegen ihre unfreiwilligen Klienten anwendet, veranlaßte Mr. Harthouse, den Kellner trotzig entrüstet zu fragen, was zum Teufel er mit dem »verlangt« sagen wolle.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir. Eine junge Dame draußen wünscht Sie zu sprechen.«

»Draußen? Wo?«

»Hier vor der Tür, Sir.«

Mr. Harthouse wünschte den Kellner in aller Form zum Teufel, wohin er als Dummkopf erster Größe gehöre, und eilte dann auf den Gang. Hier stand ein junges Frauenzimmer, das er nie zuvor gesehen hatte. Einfach gekleidet, sehr ruhig, sehr hübsch. Als er sie in das Zimmer führte und einen Stuhl für sie hinstellte, bemerkte er beim Lichtschein, daß sie noch schöner war, als er anfangs gedacht. Ihre Erscheinung war unschuldig und jugendlich, und ihr Gesichtsausdruck außerordentlich angenehm. Sie zeigte keine Furcht vor ihm, noch die geringste Verwirrung; ihr Sinn schien ganz mit der Aufgabe ihres Besuches beschäftigt, und diese Aufgabe schien sie an die Stelle ihrer Person gesetzt zu haben.

»Ich spreche mit Mr. Harthouse?« sagte sie, als sie allein waren.

»Mit Mr. Harthouse. Und zwar«, fügte er innerlich hinzu, »reden Sie ihn an mit den vertrauensvollsten Augen, die ich je gesehen, und der schlichtesten und ruhigsten Stimme, die ich je gehört habe.«

»Wenn ich auch nicht weiß – und ich weiß es wirklich nicht, Sir –« sagte Cili, »was Sie Ihre Ehre als Gentleman in andern Fällen tun heißt«, das Blut stieg ihm ins Gesicht, als sie mit diesen Worten begann: »so bin ich doch überzeugt, daß ich darauf vertrauen kann, Sie werden meinen Besuch und was ich zu sagen habe, geheimhalten. Ich will mich darauf verlassen, wenn Sie mir sagen, daß ich Ihnen so weit vertrauen darf.«

»Sie dürfen es, ich versichere Sie.«

»Ich bin jung, wie Sie sehen; ich bin allein, wie Sie sehen. Ich komme zu Ihnen, Sir, ohne einen andern Rat oder eine andere Ermunterung als meine Hoffnung.«

Er dachte: »Aber das ist doch sehr stark«, als er dem momentan erhobenen Blick ihrer Augen folgte. Er meinte außerdem: »Das ist ein sehr seltsames Beginnen. Ich sehe nicht, wo das hinaus will.«

»Sie haben wohl schon erraten«, fuhr Cili fort, »von wem ich eben komme?«

»Während der letzten vierundzwanzig Stunden (die mir wie ebenso viele Jahre erschienen sind) habe ich mich in der größten Aufregung und Unruhe um eine Dame befunden. Die Hoffnung, die ich zu hegen wage, daß Sie von dieser Dame kommen, täuscht mich nicht, wie ich vertrauensvoll annehme.«

»Ich verließ sie vor einer Stunde.«

»In –?«

»In dem Haus ihres Vaters.«

Mr. Harthouses Gesicht verlängerte sich, trotz seines kühlen Wesens, und sein Erstaunen wuchs. »Dann sehe ich ganz gewiß nicht«, dachte er, »wohin das führen soll.«

»Vergangene Nacht eilte sie dorthin. Sie kam da in großer Aufregung an und war die ganze Nacht hindurch ohne Bewußtsein. Ich lebe in dem Haus ihres Vaters und war bei ihr. Sie können sich darauf verlassen, Sir, Sie werden sie nie wieder sehen, so lange Sie leben.«

Mr. Harthouse holte tief Atem. Wenn sich je ein junger Mann in der Lage befand, daß er nicht wußte, was er sagen sollte, so war dies ohne alle Frage bei ihm der Fall. Die kindliche Offenheit, mit der seine Besucherin sprach, ihre bescheidene Furchtlosigkeit, ihr ungekünsteltes Vertrauen, ihr gänzliches Selbstvergessen in ihrem ernsten, ruhigen Verhalten bei der Aufgabe, um derentwillen sie gekommen war; alles das, zusammengenommen mit ihrem Vertrauen auf sein leichthin gegebenes Versprechen – das ihn in seinem Innern beschämte – stellte sich ihm als etwas dar, worin er so unerfahren war, und woran seine gewöhnlichen Waffen so ohnmächtig abprallen mußten, daß er nicht ein Wort zu seiner Hilfe aufzubieten vermochte.

Endlich sagte er:

»Eine so überraschende Nachricht, so vertrauensvoll gegeben und von solchen Lippen, ist fürwahr im höchsten Grade entmutigend. Darf ich mich erkundigen, ob Sie von der fraglichen Dame beauftragt sind, mir diese Mitteilung in solchen hoffnungslosen Worten zu machen?«

»Ich habe keinen Auftrag von ihr.«

»Der Versinkende klammert sich an einen Strohhalm. Ohne Mißachtung Ihres Urteils und ohne Zweifel an Ihre Aufrichtigkeit bitte ich es zu entschuldigen, wenn ich mich zu der Ansicht neige, es sei noch Hoffnung vorhanden, daß ich nicht zu einer immerwährenden Verbannung vom Antlitz dieser Dame verurteilt bin.«

»Nicht die leiseste Hoffnung bleibt übrig. Der erste und hauptsächlichste Zweck meines Kommens, Sir, ist, Sie zu der Überzeugung zu bringen, es sei nicht mehr Hoffnung vorhanden, sie je wieder zu sprechen, als wenn sie im Augenblicke, wo sie gestern abend ins elterliche Haus trat, gestorben wäre.«

»Überzeugung? Aber wenn ich nun nicht kann – oder wenn ich bei der Schwachheit der menschlichen Natur halsstarrig bin – und nicht will?«

»Es ist dennoch wahr. Da ist keine Hoffnung.«

James Harthouse blickte sie an mit einem ungläubigen Lächeln um seine Lippen. Aber an ihrem durchdringenden Blicke wurde sein Lächeln zuschanden.

Er biß sich in die Lippen und nahm sich etwas Zeit zur Überlegung. »Gut, wenn es unglücklicherweise der Fall sein sollte«, sagte er, »daß ich zu einer so trostlosen Lage, wie diese Verbannung, gebracht bin, so werde ich die Dame nicht mit meiner Gegenwart behelligen. Aber sie sagten, Sie haben keine Vollmacht von ihr?«

»Ich habe einzig und allein die Vollmacht meiner Liebe für sie, und ihrer Liebe für mich. Ich habe keine andere Beglaubigung, als daß ich seit ihrer Heimkunft bei ihr gewesen, und daß sie mir ihr Vertrauen geschenkt hat. Ich habe keine andere Beglaubigung, als daß ich etwas von ihrem Charakter und von ihrer Ehe kenne. O! Mr. Harthouse, ich dächte, Sie könnten das auch zur Grundlage Ihrer Überzeugung machen!«

In der Höhle, wo sein Herz hätte sein sollen – in diesem Neste verdorbener Eier, wo die Vögel des Himmels hätten leben können, wenn sie nicht hinweggescheucht worden wären – wurde er von dem Stachel dieses Vorwurfes getroffen.

»Ich gehöre nicht zu der moralischen Menschensorte«, sagte er, »und ich habe niemals Anspruch auf derartige Eigenschaften gemacht. Ich bin so unmoralisch, wie es sich gehört. Wenn ich auf der andern Seite jedoch der Dame, die der Gegenstand unserer Unterhaltung ist, irgendwelche Unannehmlichkeiten bereitet oder sie unglücklicherweise kompromittiert, oder wenn ich mich selbst durch irgendeine Preisgabe von Gefühlen gegen sie vergangen habe, die nicht ganz vereinbar sind mit – in der Tat mit – dem häuslichen Herd. Oder wenn ich es zu benutzen suchte, daß ihr Vater eine Maschine, ihr Bruder ein Bengel und ihr Gatte ein Bär ist; so bitte ich mir die Versicherung zu gestatten, daß ich keine besonders üblen Absichten hatte, sondern von einer Stufe zur andern mit so unwiderstehlicher Leichtigkeit glitt, daß ich nicht die leiseste Ahnung hatte, das Sündenregister sei halb so lang, bis ich es durchzublättern begann. Wo ich denn finde«, schloß Mr. Harthouse, »daß es mehrere Bände stark ist.«

Obgleich er alles das in seiner frivolen Weise sagte, so war seine Art dabei diesmal doch bewußte Politur einer häßlichen Oberfläche. Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er mit mehr Unbefangenheit, jedoch mit Zügen von Unruhe und Mißvergnügen, die sich nicht ganz glätten lassen wollten, fort:

»Nach dem, was mir eben vorgestellt worden ist, in einer Weise, in die ich unmöglich Zweifel setzen kann – ich kenne kaum eine andere Quelle, von der ich es so bereitwillig angenommen hätte –, fühle ich mich verbunden. Ihnen, die Sie Ihrer Aussage nach mit dem Vertrauen beschenkt worden sind, folgendes zu sagen: Ich muß mich zu der Möglichkeit verstehen (so unerwartet sie auch kommt), die Dame nicht wieder zu sehen. Ich bin lediglich zu tadeln, daß ich die Sache habe so weit kommen lassen – und – und, ich kann nicht sagen«, fügte er mit einem pathetischen Redeschluß verlegen hinzu, »daß ich eine besondere Hoffnung darauf setze, jemals ein Kerl von der moralischen Sorte zu werden, oder daß ich überhaupt irgendwelchen Glauben an besagte moralische Sorte habe.«

Cilis Miene zeigte zur Genüge, daß sie mit ihrer Forderung an ihn noch nicht zu Ende sei.

»Sie sprachen«, resümierte er, als sie ihre Augen von neuem zu ihm aufschlug, »von Ihrem ersten Zweck. Darf ich annehmen, daß noch ein zweiter zu besprechen ist?«

»Ja.«

»Wollen Sie ihn mir bitte mitteilen?«

»Mr. Harthouse«, erwiderte Cili, mit einer Mischung von Güte und Festigkeit, vor der er ganz erlag, und mit einem einfachen Vertrauen in seine Verpflichtung, ihr Verlangen zu erfüllen, das ihn in einem eigentümlichen Nachteil hielt, »die einzige Genugtuung, die Ihnen zu geben übrigbleibt, ist, diesen Ort sofort und für immer zu verlassen. Ich habe die feste Überzeugung, daß Sie auf keine andere Weise das Unrecht und den Kummer, den Sie verursacht haben, mildern können. Ich habe die bestimmte Überzeugung, daß dies die einzige Möglichkeit, wieder gutzumachen, ist, die Sie noch haben. Ich sage nicht, daß es viel, oder daß es genug ist; aber es ist etwas und es ist notwendig. Ich bin durch nichts anderes zu dem Schritt ermächtigt, als was ich Ihnen schon angegeben habe. Niemand außer mir weiß darum, und so fordere ich Sie auf, noch diese Nacht von hier abzureisen, und zwar mit der Verpflichtung, nie wiederzukommen.«

Hätte sie ihn durch irgend etwas anderes als durch ihr schlichtes Vertrauen auf das Recht und die Wahrheit dessen, was sie sagte, zwingen wollen, hätte sie die geringste Unsicherheit oder Unentschlossenheit gezeigt, oder hätte sie in der besten Absicht einen Hintergedanken oder Vorwand beherbergt, hätte sie im mindesten das Lächerliche oder Erstaunliche der Lage, in die sie sich begeben, empfunden, oder wäre sie seinem etwaigen Widerspruch zugänglich gewesen – so hätte er sie darin schlagen können. Aber er würde ebenso leicht imstande gewesen sein, einen klaren Himmel zu verändern dadurch, daß er ihn erstaunt betrachtete, als hier einen Effekt zu machen.

»Aber kennen Sie«, fragte er ganz verzweifelt, »die Tragweite dessen, was Sie verlangen? Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich in einer öffentlichen Geschäftsangelegenheit hier bin, abgeschmackt genug an und für sich, aber auf die ich eingegangen bin und geschworen habe, und der man mich mit Leib und Seele ergeben glaubt? Sie wissen wahrscheinlich nichts davon, aber ich versichere Sie, daß es eine Tatsache ist.«

Er brachte keine Wirkung auf Cili hervor, Tatsache oder nicht Tatsache.

»Außerdem«, sagte Mr. Harthouse, indem er einmal oder zweimal im Zimmer auf und ab ging, »ist es so verteufelt absurd. Es würde einen Mann so lächerlich machen, nachdem er einmal für diese Kerls eingetreten ist, in solch unbegreiflicher Weise auszukneifen.«

»Es ist meine feste Überzeugung«, wiederholte Cili, »daß es die einzige Sühne ist, die noch in ihrer Macht liegt. Das ist meine feste Überzeugung, oder ich würde nicht hierhergekommen sein.«

Er blickte in ihr Gesicht und ging von neuem im Zimmer umher.

»Bei meiner Seele, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. So ungeheuer absurd.«

Es war jetzt an ihm die Reihe, sich Verschwiegenheit auszubedingen.

»Wenn ich imstande wäre, etwas so wahrhaft Lächerliches zu tun«, sagte er, indem er augenblicklich wieder stockte und sich gegen das Kamingesimse lehnte, »so könnte es nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dem ich vertrauen könnte, geschehen.«

»Ich werde Ihnen vertrauen Sir«, erwiderte Cili, »und Sie werden mir vertrauen.«

Als er sich an den Kamin anlehnte, erinnerte er sich an den Abend mit dem Bengel. Es war ganz dasselbe Kamingesimse, und es regte sich etwas in ihm, als wenn er diesen Abend der Bengel wäre. Er wußte nicht, wo aus noch ein.

»Meiner Ansicht nach hat sich noch nie ein Mann in einer so lächerlichen Lage befunden«, sagte er, bald zur Erde, bald in die Luft blickend, bald lachend, bald die Stirne runzelnd, bald auf, bald nieder gehend. »Aber ich sehe keinen Ausweg. Was geschehen soll, wird geschehen. Dieses wird allem Vermuten nach geschehen. Ich muß mich aufmachen, denke ich – kurz, ich verpflichte mich, es zu tun.«

Cili erhob sich. Sie war durch das Resultat nicht überrascht, »Aber ich darf Ihnen sagen«, fuhr Mr. James Harthouse fort, »daß ich zweifle, ob ein anderer Abgesandter oder Gesandtin sich mit demselben Erfolg an mich gewendet haben würde. Ich muß mich nicht nur als in eine sehr lächerliche Lage Versetzter betrachten, sondern als in allen Punkten geschlagen. Wollen Sie mir die Gunst gewähren, mich an den Namen meiner Feindin zu erinnern?«

»Meinen Namen?« sagte die Gesandtin.

»Der einzige Name, den ich möglicherweise diesen Abend zu kennen Verlangen tragen könnte.«

»Cili Jupe.«

»Verzeihung für meine Neugier zum Abschied. Und in Beziehung zu der Familie?«

»Ich bin nur ein armes Mädchen«, antwortete Cili. »Ich wurde von meinem Vater getrennt – er war nur ein Artist – und aus Mitleid von Mr. Gradgrind aufgenommen. Seitdem habe ich immer in dem Hause gelebt.«

Sie war verschwunden.

»Das war nötig, um die Niederlage vollständig zu machen«, sagte Mr. James Harthouse, mit resignierter Miene auf das Sofa sinkend, nachdem er eine Weile wie angewurzelt dagestanden. »Die Niederlage kann jetzt als vollständig angesehen werden. Nur ein armes Mädchen – nur ein Artist – nur James Harthouse zunichte gemacht – nur James Harthouse, eine große Pyramide von Bankerott.«

Die große Pyramide setzte sich’s in den Kopf, den Nil hinauf zu gehen. Er nahm augenblicklich eine Feder und schrieb folgendes Billett (in geeigneten Hieroglyphen) an seinen Bruder.

»Lieber Jack. Alles aus in Coketown. Herausgelangweilt aus dem Neste und auf Kamele ausgehend. Mit Liebe, Jem.«

Er zog die Klingel.

»Schickt meinen Diener her.«

»Ist zu Bette gegangen, Sir.«

»Laßt ihn aufstehen und einpacken.«

Er schrieb noch zwei Billetts. Eines an Mr. Bounderby, das ihm meldete, daß er von hier fortgereist sei und mitteilte, wo er in den nächsten vierzehn Tagen zu finden wäre. Das andere, ähnlichen Inhalts, an Mr. Gradgrind. Kaum war die Tinte auf den Adressen trocken, so hatte er die hohen Schornsteine von Coketown hinter sich und saß in einem Eisenbahnwagen, gedankenlos über die finstere Landschaft hinträumend.

Die moralische Menschensorte dürfte vielmehr annehmen, daß Mr. James Harthouse später einige erbauliche Betrachtungen an seinen schnellen Rückzug geknüpft hätte, als eine der wenigen Handlungen seines Lebens, die einer Buße gleich sahen, und als Denkzeichen für ihn, einer sehr schlimmen Katastrophe glücklich entronnen zu sein. Aber dem war durchaus nicht so. Ein geheimes Bewußtsein, Fiasko gemacht zu haben und lächerlich geworden zu sein, eine Furcht, was andere Gesinnungsgenossen, die für ähnliche Dinge einträten, zu seiner Aufführung sagen möchten, wenn sie ihnen bekannt würde – lasteten so auf ihm, daß er gerade diese Leistung, die doch bis jetzt seine beste gewesen sein mochte, um keinen Preis als seine Tat anerkennen wollte, und daß dies das einzige Blatt in seiner Lebensgeschichte war, dessen er sich aufrichtig schämte.

Einunddreißigstes Kapitel.


Einunddreißigstes Kapitel.

Mit einem entsetzlichen Schnupfen, mit einer Stimme, die es nur noch zum Wispern brachte, und in ihrem stattlichen Nasengestell durch immerwährendes Niesen so erschüttert, daß eine Explosion zu drohen schien – jagte die unermüdliche Mrs. Sparsit ihrem Patron nach, bis sie ihn in der Hauptstadt fand. Hier segelte sie gravitätisch auf ihn zu in seinem Hotel in St. James Street, zündete die brennbaren Stoffe, womit sie geladen war, an und schoß los. Nachdem sie nun mit unendlicher Befriedigung ihre Mission erfüllt hatte, fiel dieses hochherzige Weib in Ohnmacht auf Mr. Bounderbys Rockkragen.

Mr. Bounderbys erste Prozedur war, Mrs. Sparsit abzuschütteln und es ihr zu überlassen, auf dem Boden so viel Stufen des Leidens zu durchlaufen, wie sie Lust hatte. Darauf nahm er seine Zuflucht zu kräftigen Wiederbelebungsmitteln, drehte ihre Daumen, rieb ihre Hände, begoß ihr Gesicht reichlich mit Wasser und steckte ihr Salz in den Mund. Als diese Aufmerksamkeiten sie wieder zu sich gebracht hatten (und sie taten das eiligst), schaffte er sie gewaltsam in einen Schnellzug, ohne ihr eine weitere Erfrischung anzubieten, und brachte sie mehr tot als lebendig nach Coketown zurück.

Als klassische Ruine betrachtet bot Mrs. Sparsit am Ende ihrer Reise ein interessantes Schauspiel. Aber in jeder anderen Beziehung war der Belauf des Schadens, den sie letzte Zeit erlitten hatte, außerordentlich und stimmte ihre Ansprüche auf Bewunderung herab. Ohne alle Rücksicht auf die klägliche Beschaffenheit ihrer Kleidung und Körperkonstitution, und trotz ihres pathetischen Niesens wurde sie von Mr. Bounderby unmittelbar in eine Kutsche gepackt und nach Stone Lodge befördert.

»Nun, Tom Gradgrind«, platzte Bounderby bei später Nacht in das Zimmer seines Schwiegervaters: »hier ist eine Dame, hier – Mrs. Sparsit – Ihr kennt Mrs. Sparsit – die Euch etwas zu sagen hat, was Euch verstummen lassen wird.«

»Ihr habt meinen Brief nicht erhalten!« rief Mr. Gradgrind, von dem Auftritt überrascht.

»Euren Brief nicht erhalten, Sir!« schrie Bounderby. »Gegenwärtig ist keine Zeit für Briefe. Niemand soll Josiah Bounderby von Coketown bei der Gemütsverfassung, in der er sich jetzt befindet, von Briefen sprechen.«

»Bounderby«, sagte Mr. Gradgrind mit dem Tone milder Vorstellung. »Ich spreche von einem ganz speziellen Brief, den ich Euch wegen Luise geschrieben habe.«

»Tom Gradgrind«, erwiderte Bounderby, indem er mehrere Wale mit flacher Hand heftig auf den Tisch schlug! »ich spreche von einem ganz speziellen Boten, der wegen Luise zu mir gekommen ist. Mrs. Sparsit, Ma’am, tretet vor!«

Als die unglückliche Lady hierauf versuchte, ihr Zeugnis abzulegen, ohne eine Spur von Stimme und mit schmerzlichen Gebärden ihre entzündete Kehle bekundend, verschlimmerte sich ihr Zustand so sehr und ihre Gesichtsverdrehungen wurden so arg, daß Mr. Bounderby, unfähig es langer zu ertragen, sie am Arm faßte und schüttelte.

»Wenn Ihr es nicht herausbringen könnt, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby, »so laßt es mich herausbringen. Das ist keine Gelegenheit für eine Dame, mag sie auch noch so hohe Verbindungen haben, um gänzlich heiser zu sein und sich zu stellen, als schlinge sie Kieselsteine. Tom Gradgrind, Mrs. Sparsit befand sich zufälligerweise kürzlich in der Lage, eine Unterredung außer dem Hause zwischen Eurer Tochter und Eurem liebenswürdigen Gentleman-Freund, Mr. James Harthouse, mit anzuhören.«

»In der Tat?« sagte Mr. Gradgrind.

»Jawohl! In der Tat!« schrie Bounderby. »Und in dieser Unterredung –«

»Es ist nicht nötig, ihren Inhalt zu wiederholen, Bounderby. Ich weiß, was vorging.«

»So? Vielleicht«, sagte Bounderby und starrte verwundert auf seinen so ruhigen und gefaßten Schwiegervater, »vielleicht wißt Ihr auch, wo Eure Tochter sich im gegenwärtigen Augenblicke befindet?«

»Ohne Zweifel. Sie befindet sich hier.«

»Hier?«

»Mein lieber Bounderby, ich bitte Euch, diese lauten Ausbrüche zu mäßigen, unter allen Umständen. Luise ist hier. Sobald sie sich von der Zusammenkunft mit der Person, von der Ihr sprecht und die ich aufrichtig bedaure, bei Euch eingeführt zu haben, losmachen konnte, eilte Luise hierher, um Schutz zu suchen. Ich selbst war erst wenige Stunden zu Hause gewesen, als ich sie hier in diesem Zimmer empfing. Sie eilte mit dem Eisenbahnzuge zur Stadt, lief von der Stadt in dieses Haus während eines rasenden Unwetters – und erschien hier vor mir in einem Zustand der Verzweiflung. Wie sich von selbst versteht, ist sie seitdem hier geblieben. Laßt Euch aber inständig ersuchen, um Euret- und ihretwillen, ruhiger zu sein.«

Mr. Bounderby starrte einige Augenblicke schweigend vor sich hin, nach jeder Seite, nur nicht nach der, wo sich Mrs. Sparsit befand; und dann sich plötzlich zur Nichte Lady Scadgers wendend, sagte er zu dieser unglücklichen Frau:

»Nun, Madame! Wir würden uns glücklich schätzen, wenn Sie es passend finden sollten, uns eine kleine Entschuldigung darüber hören zu lassen, warum Sie eine expresse Reise über Land unternehmen und kein anderes Gepäck mit sich führen als ein Altweibermärchen, Madame!«

»Sir«, flüsterte Mrs. Sparsit, »meine Nerven sind gegenwärtig zu sehr angegriffen und meine Gesundheit ist gegenwärtig zu sehr zerrüttet, und zwar in Ihrem Dienst, um mir etwas anderes zu gestatten, als meine Zuflucht zu Tränen zu nehmen.«

Und so tat sie.

»Na schön, Madame«, sagte Bounderby, »ohne Ihnen eine Bemerkung machen zu wollen, die sich für eine Frau von guter Familie nicht schickt, möchte ich mir doch erlauben, darauf aufmerksam zu machen, daß es etwas anderes gibt, wozu Sie Ihre Zuflucht nehmen dürften, nämlich eine Kutsche. Und da die Kutsche, in der wir herkamen, noch vor der Tür steht, so werden Sie mir erlauben, Sie hinein zu geleiten, und dann scheren Sie sich heim in die Bank. Das beste, was Sie da tun können, wird sein, Ihre Füße in das heißeste Wasser zu stecken, das Sie aushalten können, ein Glas siedend heißen Rum mit Butter zu nehmen und dann zu Bette zu gehen.« Mit diesen Worten streckte Mr. Bounderby seine rechte Hand nach der weinenden Dame aus und eskortierte sie in das fragliche Fuhrwerk, während sie noch manche klägliche Schnupfenträne auf dem Wege vergoß. Er kehrte bald allein zurück.

»Nun, da Ihr mir mit Eurer Miene zu verstehen gegeben habt, Tom Gradgrind, daß Ihr mit mir zu sprechen wünscht«, nahm er wieder das Wort, »hier bin ich. Aber ich bin nicht in einer sehr angenehmen Stimmung, ich sage es Euch offen: denn ich finde keinen Geschmack an dieser Angelegenheit, so wie sie nun einmal liegt, und ich glaube nicht, daß ich zu jeder Zeit so pflichtschuldig und unterwürfig von Eurer Tochter behandelt worden bin, wie Josiah Bounderby von Coketown von seiner Frau behandelt werden sollte. Ihr habt Eure Meinung, ich darf es sagen, und ich habe die meinige, denk‘ ich. Wenn Ihr nun meint, mir heute abend etwas sagen zu wollen, das dieser klaren Bemerkung zuwider läuft, so hättet Ihr besser getan, es zu lassen.«

Hierbei muß bemerkt werden, daß Mr. Bounderby, da Mr. Gradgrind sehr sanft war, ganz besondere Mühe darauf verwandte, in allen Beziehungen hart zu erscheinen. Das war so seine liebenswürdige Natur.

»Mein teurer Bounderby«, begann Mr. Gradgrind seine Entgegnung.

»Halt, Ihr müßt mich entschuldigen, aber ich wünsche nicht zu teuer zu sein. Das ein für allemal. Wenn ich anfange, jemandem teuer zu sein, so finde ich gewöhnlich, daß es seine Absicht ist, mich über den Löffel zu barbieren. Ich spreche nicht höflich zu Euch, denn, damit Ihr es wißt, ich bin nicht höflich. Wenn Ihr Höflichkeit haben wollt, so wißt Ihr, wo sie zu suchen. Ihr habt Eure Gentleman-Freunde, und die werden Euch so viel von dem Artikel vorsetzen, wie Ihr wollt. Ich für meine Person führe ihn nicht.«

»Bounderby«, nahm Mr. Gradgrind eifrig das Wort, »wir alle sind dem Irrtum unterworfen –«

»Ich dachte, Ihr könntet nicht irren«, unterbrach ihn Bounderby.

»Vielleicht dachte ich so. Aber ich sage, wir alle sind dem Irrtum unterworfen –«

»Ich dachte, Ihr könntet nicht irren«, unterbrach ihn Bounderby.

»Vielleicht dachte ich so. Aber ich sage, wir alle sind dem Irrtum unterworfen; und ich würde erkenntlich und dankbar für Euer Zartgefühl sein, wenn Ihr mir diese Hinweise auf Harthouse ersparen wolltet. Ich werde diesen Namen im Laufe unserer Unterredung nicht nennen, als ob Ihr mit ihm vertraut gewesen und ihn ermuntert hättet. Sprecht also bitte nicht, als sei dies bei mir der Fall gewesen.«

»Sein Name ist nicht über meine Zunge gekommen!« sagte Bounderby.

»Gut, gut!« lenkte Mr. Gradgrind mit einer geduldigen, ja unterwürfigen Miene ein. Dann saß er eine kleine Weile in Nachdenken versunken. »Bounderby, ich habe Grund zu zweifeln, ob wir immer Luise ganz verstanden haben.«

»Wen meint Ihr mit dem Wir?«

»Laßt mich denn sagen: ich«, erwiderte er auf die plumpe Frage. »Ich trage Bedenken, ob ich Luise verstanden habe. Ich zweifle fast, ob ich in ihrer Erziehungsweise ganz recht gehabt.«

»Da trefft Ihr den richtigen Fleck«, nahm Bounderby das Wort. »Darin bin ich mit Euch einverstanden. Ihr habt es endlich gefunden, nicht wahr? Erziehung! Ich will Euch sagen, was Erziehung ist – Hals über Kopf zum Hause hinausgeworfen, und in allen Dingen, mit Ausnahme der Prügel, kurzgehalten werden: Das ist es, was ich Erziehung nenne.«

»Ich denke. Euer gesunder Verstand wird begreifen«, wandte Mr. Gradgrind in aller Bescheidenheit ein, »daß, was auch immer die Verdienste eines solchen Systems sein mögen, seine allgemeine Anwendung auf Mädchen doch schwierig sein dürfte.«

»Ich sehe das durchaus nicht, Sir«, erwiderte der halsstarrige Bounderby.

»Nun«, seufzte Gradgrind, »wir wollen nicht auf die Erörterung dieser Frage eingehen. Ich versichere Euch, daß ich keine Lust zu Streitigkeiten habe. Ich wünsche womöglich, das wieder gutzumachen, was versäumt ist, und ich hoffe. Ihr werdet mir mit gutem Willen beistehen, denn ich bin sehr niedergeschlagen gewesen.«

»Ich verstehe Euch noch nicht«, sagte Bounderby«, mit entschlossener Halsstarrigkeit, »und daher kann ich kein Versprechen geben.«

»Im Verlaufe weniger Stunden, mein lieber Bounderby«, fuhr Mr. Gradgrind in derselben gedrückten und persönlichen Weise fort, »glaube ich besser über Luises Charakter unterrichtet worden zu sein, als in Jahren vorher. Die Aufklärung ist mir schmerzlich aufgedrungen worden und die Entdeckung also nicht mein Verdienst. Ich glaube, e« sind – Bounderby, Ihr werdet erstaunt sein, mich das sagen zu hören – ich glaube, e« sind Fähigkeiten in Luise, die – die arg vernachlässigt und – und etwas verstört worden sind. Und – und ich möchte Euch meine Meinung ausdrücken, daß – daß wenn Ihr mich in dem rechtzeitigen Bemühen unterstützen wolltet, sie eine Zeitlang ihrer besseren Statur zu überlassen, und diese durch Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit zu ihrer eigenen Entfaltung zu ermuntern – so – so würde es für unser aller Glück besser sein. Luise«, sagte Mr. Gradgrind, indem er sein Gesicht mit seiner Hand bedeckte, »ist immer mein Lieblingskind gewesen.«

Der polternde Bounderby schwoll so rot an, als er diese Worte hörte, daß er einem Schlagflusse nahe zu sein schien und wahrscheinlich auch war. Obgleich er bis in die beiden Ohrspitzen karmoisinrot anlief, verschloß er doch seinen Unwillen und sagte:

»Ihr möchtet sie gern eine Zeitlang hier behalten?«

»Ich – ich hatte allerdings die Absicht, anzuraten, mein lieber Bounderby, daß Ihr Luise erlauben möchtet, zu einem Besuche hierzubleiben, wo sie dann von Cili (ich meine natürlich Cäcilie Jupe), die sie versteht und ihr Vertrauen genießt, gepflegt werden könnte.«

»Aus allem dem schließe ich, Tom Gradgrind«, sagte Bounderby, indem er mit den Händen in der Tasche aufstand, »daß Ihr der Meinung seid, es beständen zwischen Lu Bounderby und mir Unstimmigkeiten, wie man zu sagen pflegt.«

»Ich befürchte, es bestehen gegenwärtig allgemeine Unstimmigkeiten zwischen Luise und – und – und fast allen den Verhältnissen, in welche ich sie gebracht habe«, war des Vaters sorgenvolle Antwort.

»Gut, nun merkt auf, Tom Gradgrind«, sagte Bounderby mit rotem Kopf, indem er sich ihm gegenüberstellte mit weit ausgespreizten Beinen, seine Hände tiefer in den Taschen, und sein Haar einem Heufelde vergleichbar, in welchem der Wind seines Ärgers wühlte. »Ihr habt gesagt, was Ihr zu sagen habt: nun will ich dasselbe tun. Ich bin ein Coketowner Mann. Ich bin Josiah Bounderby von Coketown. Ich kenne die Bausteine dieser Stadt, und ich kenne die Werke dieser Stadt, und ich kenne die Kamine dieser Stadt, und ich kenne den Rauch dieser Stadt, und ich kenne die ›Hände‹ dieser Stadt. Ich kenne das alles sehr wohl. Das sind Wirklichkeiten. Wenn mir aber jemand von idealen Eigenschaften spricht, so sage ich ihm sofort, wer er auch sein mag, daß ich weiß, was er meint. Er meint Schildkrötensuppe und Wildbret mit einem goldenen Löffel, und in einer sechsspännigen Kutsche fahren. Das ist es, was Eure Tochter will. Da Ihr nun der Meinung seid, daß sie haben soll, was sie will, so empfehle ich Euch, es ihr zu verschaffen. Denn, Tom Gradgrind, von mir wird sie es nie erhalten.«

»Bounderby«, erwiderte Mr. Gradgrind, »nach meiner Einleitung hoffte ich, Ihr würdet einen andern Ton angenommen haben.«

»Wartet nur ein bißchen«, entgegnete Bounderby; »Ihr habt gesagt, was Ihr zu sagen habt, glaube ich. Ich ließ Euch aussprechen; hört mich auch gefälligst zu Ende. Macht nicht ebensolch einen Narren der Unredlichkeit aus Euch wie einen der Ungereimtheit, denn obgleich es mir leid tut, Tom Gradgrind auf seinen gegenwärtigen Standpunkt herabgesunken zu sehen, so sollte es mir doch doppelt leid tun, wenn er so tief fiele. Nun wohl. Ihr gebt mir zu verstehen, daß eine Unstimmigkeit der einen oder der andern Art zwischen mir und Eurer Tochter bestehe. Ich will Euch als Antwort darauf zu verstehen geben, daß ohne alle Frage eine Unstimmigkeit erster Größe hier obwaltet, und die ist in Summa, daß Eure Tochter die Verdienste ihres Gatten nicht geziemend kennt und die Ehre einer Verbindung mit ihm nicht zu würdigen versteht, wie sie es von Gott und Rechts wegen tun müßte. Das ist verständlich gesprochen, hoffe ich.«

»Bounderby«, versetzte Mr. Gradgrind mit Nachdruck, »das ist unvernünftig.«

»In der Tat?« sagte Bounderby. »Ich freue mich. Euch so sprechen zu hören. Denn wenn Tom Gradgrind mit seiner ungewöhnlichen Erleuchtung mir sagt, daß das, was ich spreche, unvernünftig sei, dann bin ich vollkommen davon überzeugt, daß es verteufelt vernünftig ist. Mit Eurer Erlaubnis fahre ich fort. Ihr kennt meine Herkunft und Ihr wißt, daß ich eine ziemliche Reihe meiner Lebensjahre keinen Schuhanzieher brauchte, weil ich keine Schuhe hatte. Jetzt, Ihr mögt das glauben oder nicht, wie es Euch gut dünkt, gibt es Ladys – geborene Ladys – aus Familien – Familien sage ich – die fast den Boden küssen möchten, auf dem ich stehe.«

Diese Worte warf er seinem Schwiegervater, wie eine Rakete, herausfordernd an den Kopf.

»Dagegen«, fuhr Bounderby fort, »ist Eure Tochter weit entfernt, eine geborene Lady zu sein, wie Ihr selbst recht gut wißt. Nicht als ob ich einen Deut auf solche Dinge gäbe. Ihr wißt sehr wohl, daß ich es nicht tue, aber es ist eine Tatsache, an der Ihr nicht« zu ändern vermögt. Warum sage ich das?«

»Nicht um mich zu schonen, fürchte ich«, bemerkte Mr. Gradgrind mit leiser Stimme.

»Hört mich zu Ende«, sagte Bounderby, »und wartet, bis Ihr wieder an die Reihe kommt. Ich sage das, weil hochgestellte Frauen mit Erstaunen das Benehmen Eurer Tochter bemerkt und ihre Gefühllosigkeit beobachtet haben. Sie haben sich gewundert, wie ich es dulden konnte, und ich wundere mich selbst und will es nicht dulden.«

»Bounderby«, erwiderte Mr. Gradgrind, »ich glaube, je weniger wir diesen Abend sprechen, desto besser wird es sein.«

»Im Gegenteil, Tom Gradgrind, je mehr wir diesen Abend sprechen, desto besser ist es. Da« ist meine Ansicht. Das heißt«, fügte er einlenkend hinzu, »bis ich alles gesagt habe, was ich zu sagen wünsche, und dann ist es mir gleichgültig, wie bald wir aufhören. Ich komme zu einer Frage, welche unsere Verhandlungen abkürzen dürfte. Was meint Ihr mit dem Vorschlag, den Ihr eben gemacht habt?«

»Was ich damit meine, Bounderby?«

»Mit Eurem Besuchsvorschlage«, sagte Bounderby mit einem schroffen Zurückwerfen seines Heufeldes.

»Ich meine, daß ich hoffe. Ihr werdet Euch freundschaftlich bewegen lassen, es so einzurichten, daß Ihr Luise eine Zeit der Ruhe und des Nachdenkens hier gestattet. Das könnte zu einer allmählichen Besserung der Verhältnisse in vielen Beziehungen führen.«

»Zu einem sanften Erholungsschlummer auf Euren Ideen von der Unstimmigkeit?« fiel Bounderby ein.

»Wenn Ihr es so auffaßt.«

»Was brachte Euch auf den Gedanken?« sagte Bounderby.

»Ich habe es schon gesagt, ich fürchte, Luise ist nicht verstanden worden. Ist es zu viel verlangt, daß Ihr, Bounderby, der Ihr so viel älter seid als sie, behilflich sein solltet, sie auf den richtigen Weg zu führen? Ihr habt die Sorge für sie auf Euch genommen; auf Glück und Unglück, denn– –«

Mr. Bounderby dürfte von der Wiederholung seiner eigenen Worte zu Stephan Blackpool sehr unangenehm berührt worden sein; aber er schnitt das Zitat mit einem ärgerlichen Ruck kurz ab.

»Laßt das!« sagte er, »ich verlange nicht, hierüber belehrt zu werden. Welche Sorge ich auf mich nahm, weiß ich selbst so gut wie Ihr. Was ich auf mich nahm, geht Euch nichts an, das ist meine Sache.«

»Ich wollte nur bemerken, daß wir alle mehr oder weniger gefehlt haben, Ihr eben nicht ausgenommen, Bounderby; und daß einige Nachgiebigkeit von Eurer Seite, angesichts der übernommenen Verantwortlichkeit, nicht nur ein Akt aufrichtiger Güte, sondern vielleicht auch eine Luisen schuldige Pflicht sein dürfte.«

»Ich denke anders darüber«, polterte Bounderby heraus; »und werde diesen Handel nach meiner eigenen Ansicht zu Ende bringen. Seht, ich wünsche mich nicht hierüber mit Euch zu zanken, Tom Gradgrind. Euch die Wahrheit zu sagen, glaube ich nicht, daß es sich mit meiner Ehre verträgt, über einen solchen Gegenstand zu zanken. Was Euren Gentleman-Freund betrifft, so mag er sich zum Teufel scheren, wohin es ihm gut dünkt. Wenn er mir je in den Weg kommt, so werde ich ihm meine Meinung sagen, kommt er mir nicht in den Weg, so werde ich es nicht tun, denn es würde in diesem Falle meiner unwürdig sein. Was Eure Tochter anbetrifft, die ich zu Lu Bounderby gemacht habe, jedoch vielleicht besser bei ihrem Namen Lu Gradgrind belassen hätte, so wisset: Wenn sie nicht morgen mittag zwölf Uhr nach Hause kommt, so nehme ich an, daß sie vorzieht, fortzubleiben, und werde ihr ihre Putzsachen usw. hierher schicken: Ihr aber werdet in Zukunft für sie zu sorgen haben. Was ich den Leuten im allgemeinen in betreff der Unstimmigkeit sagen werde, die mich zur Auflösung des ehelichen Verhältnisses bewogen hat, wird folgendes sein. Ich bin Josiah Bounderby und hatte meine Erziehung; sie ist die Tochter von Tom Gradgrind und hatte ihre Erziehung: und die zwei Pferde wollten nicht zusammengehen. Ich bin, glaube ich, sehr wohl als ein ziemlich ungewöhnlicher Mann bekannt: und die Mehrzahl wird leicht genug begreifen, daß es auch eine ziemlich außergewöhnliche Frau sein müßte, die bei dem langen Laufe Spur mit mir halten könnte.«

»Laßt Euch ernstlich ersuchen, Bounderby, die Sache noch einmal zu überlegen«, stellte ihm Gradgrind vor, »ehe Ihr einen solchen Entschluß faßt.«

»Mein Entschluß ist immer gefaßt«, sagte Bounderby, indem er seinen Hut aufsetzte, »und was ich auch tue, ich tue es sofort. Es müßte mich überraschen, daß Tom Gradgrind eine solche Bemerkung an Josiah Bounderby von Coketown richtet, nachdem er soviel von ihm kennt, wie er kennt, wenn mich von Tom Gradgrind noch etwas überraschen könnte, seitdem er sich an sentimentalem Humbug beteiligt. Ich habe Euch meinen Entscheid gegeben und habe nichts mehr zu sagen. Gute Nacht!«

Hiermit ging Mr. Bounderby nach seinem Hause in der Stadt und legte sich zu Bette. Am folgenden Tage, fünf Minuten nach zwölf Uhr, gab er Befehl, Mrs. Bounderbys Sachen sorgsam zu verpacken und in die Wohnung Tom Gradgrinds zu senden, ließ seinen Landsitz zum Privatverkauf ausschreiben und setzte sich wieder auf den Junggesellenfuß.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Es dunkelte, als Stephen Mr. Bounderbys Haus verließ. Die Schatten der Nacht waren so dicht herabgesunken, daß Stephen nicht um sich blickte, während er die Tür zumachte, sondern sich gerade die Straße hinabschleppte. Nichts lag seinen Gedanken ferner als die sonderbare Alte, der er bei seinem früheren Besuche in demselben Hause begegnet war, als er einen wohlbekannten Schritt hinter sich hörte und sich umwendend diese in Rachaels Gesellschaft erblickte.

Er sah Rachael jetzt erst, da er sie vorher nur gehört hatte.

»Ach, meine gute Rachael! Liebe Frau, Sie mit ihr!«

»Jawohl, und nun seid Ihr sicherlich überrascht, und ich muß sagen, mit Recht«, entgegnete die Alte. »Hier bin ich wieder, wie Ihr seht.«

»Aber, wieso mit Rachael?« fragte Stephen. Er schloß sich ihnen an und ging, von einer zur andern blickend, zwischen beiden.

»Nun, ich traf dieses hübsche, gute Mädchen, als ich auf Euch gestoßen war«, sagte die Alte, in munterem Ton antwortend. »Meine Besuchszeit fällt dieses Jahr später als gewöhnlich, denn ich war von Atemnot geplagt und verschob daher die Reise, bis das Wetter gut und warm geworden. Aus demselben Grunde lege ich die Reise nicht an ein und demselben Tage zurück, sondern verteile sie auf zwei Tage, und übernachte heute im Kaffeehaus bei der Eisenbahn (ein hübsches, reinliches Haus das), und fahre morgen früh um sechs Uhr wieder mit dem Parlamentszug zurück. ›Nun, was hat das alles aber mit diesem guten Mädchen zu tun?‹ fragt Ihr. Das will ich Euch sagen. Ich habe gehört, daß sich Mr. Bounderby verheiratet hat. Ich las es in der Zeitung, wo es sich großartig ausnahm – oh, es nahm sich prachtvoll aus!« die Alte verweilte bei diesem Gedanken mit sonderbarer Begeisterung, »und ich möchte seine Frau sehen. Ich habe sie noch nie gesehen. Nun stellt Euch nur vor, seit heute mittag hat sie das Haus nicht verlassen. Um sie aber nicht zu leicht aufzugeben, wartete ich noch ein letztes Weilchen, als ich an diesem guten Mädchen zwei- oder dreimal vorüberging, und sie so freundlich ausschaute, so sprach ich sie an und wir kamen in eine Unterhaltung. Da habt Ihr’s nun!« sagte die Alte zu Stephen, »das übrige könnt Ihr selbst erraten, und wie ich glaube, um vieles rascher, als ich es sagen kann.«

Stephen mußte abermals einen instinktmäßigen Widerwillen gegen diese Frau überwinden, obgleich ihr Benehmen so anständig und einfach wie nur möglich war. Mit einem Wohlwollen, das ihm und, wie er wußte, auch Rachael so natürlich war, blieb er bei dem Gegenstand, der sie in ihrem Alter noch so interessierte.

»Nun, Frauchen«, sagte er, »ich habe die Dame gesehen, und sie ist ebenso jung als schön. Sie hat schöne, dunkle und verständige Augen und ein stilles Wesen, Rachael, wie ich nie etwas Ähnliches erblickt habe.«

»Jung und schön. Ja«, rief die Alte ganz entzückt. »So lieblich wie eine Rose. Und was für eine glückliche Frau!«

»Freilich, liebe Frau, ich vermute, sie ist es«, sagte Stephen, warf jedoch einen zweifelhaften Blick auf Rachael.

»Ihr vermutet, daß sie es sei? Sie muß es sein. Sie ist die Frau Eures Herrn«, versetzte die Alte.

Stephen nickte beistimmend. »Obwohl, was den Herrn anbelangt«, sagte er, einen flüchtigen Blick auf Rachael werfend, »mein Herr gewesen. Es ist aus zwischen mir und ihm.«

»Hast du die Arbeit bei ihm verlassen?« fragte Rachael besorgt und schnell.

»Nun, Rachael«, antwortete er, »ob ich die Arbeit verlasse oder ob die Arbeit mich verläßt, kommt auf eins heraus. Seine Arbeit und ich sind geschieden. Es ist auch gut so – besser noch – dachte ich, als daß du mit mir hättest gehen müssen. Es hätte mir nur Verdruß verursacht, wenn ich geblieben wäre. Vielleicht ist’s gar eine Wohltat für mich. Jedenfalls muß es geschehen. Ich muß nun Coketown den Rücken kehren und mein Glück suchen, Liebe, indem ich von vorne anfange.«

»Wohin willst du gehen, Stephen?«

»Ich weiß noch nicht heute nacht«, sagte er, indem er den Hut lüftete und sich das dünne Haar mit der flachen Hand glättete. »Aber ich gehe noch nicht heute nacht fort, Rachael, auch morgen nicht. Es ist nicht so leicht zu wissen, wohin ich mich wenden soll, doch werden mir schon gute Gedanken kommen.«

Auch hier kam ihm seine Natur, uneigennützig zu denken, wieder zu Hilfe. Bevor er noch Mr. Bounderbys Haustür zugemacht hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß es wenigstens für sie gut sei, wenn er nun gehen müsse, da sie dadurch der Möglichkeit entgehe, in seine Angelegenheit mit hineingezogen zu werden, bloß weil sie zu ihm hielt. Obwohl es ihm viel Schmerz verursachen mußte, sie zu verlassen, und obwohl er keinen Ort wußte, wohin seine Verfehmung ihn nicht verfolgen würde, so war es vielleicht gegen die Schwierigkeiten und Drangsale, die ihm bevorstanden, noch eine Erleichterung, die Leiden der verflossenen vier Tage aufgeben zu müssen.

Darum sagte er auch mit voller Wahrheit: »Es ist mir wohler dabei, Rachael, als ich gedacht hätte.« Sie mochte nicht seine Last schwerer machen. Sie antwortete mit ihrem trostreichen Lächeln, und die drei setzten ihren Weg fort.

Das Alter findet, besonders wenn e« sich bestrebt, selbstvertrauend und munter zu erscheinen, viel Rücksicht bei den Armen. Die alte Frau war so anständig und machte so wenig Umstände mit ihren Gebrechen, obwohl diese seit ihrer ersten Zusammenkunft mit Stephen sich noch vermehrt hatten, daß sie beide Interesse für sie faßten.

Sie war zu lebhaft, um zu dulden, daß sie ihretwegen langsamer gingen. Aber sie nahm es dankbar auf, daß man mit ihr sprach, und sie sprach selbst gern und ausführlich wie immer. Als die beiden nun ihr Stadtviertel erreichten, war die Alte munterer und lebhafter als je.

»Kommt mit in meine bescheidene Wohnung, Frau«, sagte Stephen, »und trinkt etwas Tee. Rachael wird auch kommen, und dann will ich Euch nach Eurem Reisehotel bringen. Es dürfte lange dauern, Rachael, eh ich wieder die Gelegenheit habe, in deiner Gesellschaft zu sein.«

Sie sagten zu, und alle drei begaben sich nach dem Hause, wo er wohnte. Als sie in die enge Straße kamen, warf Stephen einen flüchtigen Blick nach dem Fenster mit einer Angst, die seine trostlose Wohnung stets umschwebte. Es war jedoch offen, so wie er es verlassen hatte, und niemand befand sich daselbst. Der Dämon seines Lebens war seit einigen Monaten wieder verschwunden, und seitdem hatte er nichts von ihr vernommen. Das einzige Zeugnis von ihrer letzten Wiederkehr gaben die spärlicheren Möbel seines Zimmers und die grauer gewordenen Haare seines Kopfes.

Er zündete ein Licht an, machte ein Teebrett zurecht, holte warmes Wasser von unten und brachte von dem nächsten Kaufladen kleine Portionen Tee und Zucker, einen Laib Brot und etwas Butter. Das Brot war neubacken und krustig, die Butter frisch und der Zucker natürlich weiß – als Bestätigung der apodiktischen Behauptung der Coketowner Magnaten, daß »diese Leute wie die Prinzen leben«. Rachael bereitete den Tee (eine so große Gesellschaft machte das Borgen einer Tasse nötig) und der Gast genoß ihn mit vielem Vergnügen. Es war der erste Strahl gesellschaftlicher Freuden, der dem Wirt seit langer Zeit zuteil geworden. Auch er, vor dem die Welt wie eine weite Wüste dalag, erfreute sich des bescheidenen Mahles – wieder ein Beispiel zur Bekräftigung des Magnatenausspruches, daß es »diesen Leuten an aller und jeder Berechnung fehlt«.

»Ich hab‘ noch nicht daran gedacht, Mistreß«, sagte Stephen, »Euch nach Eurem Namen zu fragen.«

Die alte Frau stellte sich als »Mrs. Pegler« vor.

»Witwe vermutlich?« fragte Stephen.

»Oh, seit langen Jahren.« – Mrs. Peglers Mann (einer der besten, die es je gegeben) war, nach Mrs. Peglers Berechnung, schon tot, als Stephen geboren wurde.

»Das war auch ein schlimmes Schicksal, einen so guten Mann zu verlieren«, sagte Stephen. »Sind Kinder da?«

Mrs. Peglers Obertasse rasselte, wie sie diese in der Hand hielt, gegen die Untertasse und deutete auf ihre nervöse Aufregung. »Nein«, sagte sie. »Nicht jetzt, nicht jetzt.«

»Tot, Stephen«, deutete Rachael mit sanfter Stimme an.

»Es tut mir leid, daß ich davon gesprochen«, sagte Stephen. »Ich hätte daran denken sollen, daß ich eine wunde Stelle berühren würde. Ich – ich muß mich selbst tadeln.«

Während er sich entschuldigte, rasselte die Tasse der alten Frau immer mehr. »Ich hatte einen Sohn«, sagte sie mit seltsamer Betrübnis, die nicht den gewöhnlichen Schmerzäußerungen gleichkam, »dem es wohl, wunderbar wohlging. Aber, bitte, schweigen wir davon. Er ist –«, indem sie die Tasse niederstellte, machte sie eine Bewegung mit der Hand, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, »tot«. Dann rief sie laut: »Ich habe ihn verloren!«

Stephen hatte sich noch nicht darüber beruhigt, der alten Frau Schmerz verursacht zu haben, als die Hauswirtin die enge Treppe heraufgestolpert kam, ihn an die Tür rief und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Mrs. Pegler war durchaus nicht taub, denn sie griff das Wort auf, so wie es ausgesprochen wurde.

»Bounderby«, rief sie mit gedämpfter Stimme, indem sie vom Tische aufsprang. »Oh, verbergt mich. Laßt mich um alle Welt nicht gesehen werden. Laßt ihn nicht herauf, bis ich fort bin. Bitte, bitte sehr!« Sie zitterte und war über die Maßen aufgeregt. Als Rachael sie zu beruhigen suchte, verbarg sie sich hinter dieser und schien nicht zu wissen, was sie anfangen sollte.

»Aber hört doch, liebe Frau, hört doch«, sagte Stephen erstaunt. »Es ist nicht Mr. Bounderby. Es ist seine Frau. Ihr werdet Euch doch vor ihr nicht fürchten. Ihr waret ja kaum vor einer Stunde noch ganz beglückt von ihr.«

»Seid Ihr aber gewiß, daß es die Lady und nicht der Herr ist?« fragte sie noch immer zitternd.

»Vollkommen gewiß.«

»Nun denn, bitte, sprecht nicht mit mir und nehmt auch keine Notiz von mir«, sagte die Alte. »Überlaßt mich ganz mir selbst in dieser Ecke.«

Stephen nickte zustimmend und sah Rachael fragend an. Aber auch sie konnte ihm keine Erklärung geben. Dann nahm er das Licht, ging hinunter und kehrte nach einigen Augenblicken, Luisen ins Zimmer leuchtend, wieder zurück. Der Bengel folgte ihr nach.

Rachael hatte sich erhoben und stand abseits mit ihrem Schal und Hut in der Hand, als Stephen, durch diesen Besuch höchst überrascht, das Licht auf den Tisch setzte. Dann stand er da, die Hände auf einem nahen Tische übereinandergelegt und harrte, was sie begehre.

Luise hatte zum erstenmal in ihrem Leben eine der Wohnungen der Coketowner Arbeiter besucht, und zum ersten Male in ihrem Leben erschienen ihr diese mit einer Art Individualität behaftet. Sie wußte von deren Existenz zu Hunderten und Tausenden. Sie wußte, welche Resultate eine gegebene Zahl derselben in einem bestimmten Zeiträume an Arbeitsmengen leisten würde. Sie wußte, wie diese in Massen, gleich Ameisen und Käfern, von oder zu ihren Nestern sich bewegten.

Etwas, das so und so viel Arbeit liefern muß und mit so und so viel bezahlt wird und dann endigt! etwas, das unfehlbar nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage reguliert werden muß – zugleich aber etwas, das stets gegen diese Gesetze verstößt und sich in Verlegenheiten stürzt; etwas, das ein bißchen hungert, wenn Weizen teuer ist und sich überißt, wenn Weizen wohlfeil ist: etwas das mit so viel Prozent sich vermehrt, und wieder so viel Prozent in Verbrechen und so viel Prozent an Verarmung und Verelendung abwirft: etwas, das ein Handelsartikel im großen ist, wodurch schon unermeßliche Reichtümer erworben wurden: etwas, das gelegentlich gleich der See steigt und viel Schaden und Nachteil (vorzüglich sich selbst) verursacht und darauf wieder fällt – das war alles, was sie über die Coketowner Arbeiter wußte. Sie hatte jedoch kaum mehr daran gedacht, diese Massenbegriffe in Einheiten aufzulösen, wie die See selbst in die Tropfen, aus denen sie zusammengesetzt ist, zu teilen.

Einige Augenblicke stand sie da und blickte sich im Zimmer um. Von den wenigen Stühlen, den wenigen Büchern, den billigen Kupferstichen und dem Bett warf sie einen flüchtigen Blick auf die beiden Frauen und auf Stephen.

»Ich kam, um Euch wegen des soeben Vorgefallenen zu sprechen. Ich möchte mich Euch gern nützlich erweisen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Ist das Eure Frau?«

Rachael erhob ihre Augen, die genugsam die Frage verneinten, und ließ sie dann wieder sinken.

»Ich besinne mich«, sagte Luise, über den Mißgriff errötend, »ich besinne mich, von Eurem häuslichen Unglück sprechen gehört zu haben, obwohl ich damals den Einzelheiten keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Es lag nicht in meiner Absicht, eine Frage zu stellen, die einem der Anwesenden Schmerz verursachen könnte. Sollte ich eine andere Frage tun, die das gleiche Resultat hervorbringen könnte, so bitte ich Euch, mir zu glauben, daß es nur aus Unwissenheit geschieht, wie ich mit Euch zu sprechen habe.«

So wie Stephen sich erst vor kurzem instinktmäßig an sie gewandt hatte, so wandte sie sich jetzt instinktmäßig an Rachael. Ihr Benehmen war kurz und abgebrochen und doch unsicher und furchtsam.

»Er hat Euch gesagt, was zwischen ihm und meinem Manne vorgegangen war. Ihr müßt wohl, wie ich glaube, seine erste Zuflucht sein?«

»Ich habe das Ende davon gehört, junge Dame«, sagte Rachael.

»Verstand ich recht, daß er, wenn er von einem Arbeitgeber zurückgewiesen ist, wahrscheinlich von allen zurückgewiesen werden dürfte? Ich glaube, er sagte das ungefähr?«

»Die Aussicht ist sehr gering, junge Dame, beinahe gleich Null für einen Mann, der einen schlechten Ruf unter ihnen erlangt hat.«

»Was muß ich unter dem Ausdruck »schlechten Ruf« verstehen?«

»Den Ruf, ein unruhiger Kopf zu sein.«

»Er ist also durch die Vorurteile seines eigenen Standes und durch die Vorurteile des andern auf gleiche Weise aufgeopfert worden? Sind diese beiden Stände in unserer Stadt so sehr geschieden, daß sich zwischen ihnen für einen redlichen Arbeiter kein Platz vorfindet?«

Rachael schüttelte stillschweigend mit dem Kopf.

»Er fiel«, sagte Luise, »bei seinen Arbeitsgenossen in Verdacht, weil er das Versprechen geleistet, ihnen nicht beizutreten. Ich glaube, er muß Euch das Versprechen gemacht haben. Darf ich fragen, warum das geschah?«

Rachael brach in Tränen aus. »Ich habe ihn nicht dazu gedrängt, den Armen. Ich bat ihn, zu seinem eigenen Besten alle Unannehmlichkeiten zu vermeiden und dachte wenig daran, daß er durch mich dazu kommen werde. Aber ich weiß, daß er eher hundertmal sterben würde, als daß er sein gegebenes Wort bräche. Dafür kenne ich ihn zu gut.«

Stephen hatte in seiner gewöhnlichen, nachdenklichen Stellung, mit der Hand am Kinn, in stiller Aufmerksamkeit dagestanden. Er sprach jetzt mit einer etwas minder ruhigen Stimme als gewöhnlich.

»Niemand außer mir kann wissen, welche Ehrfurcht, welche Liebe und Achtung ich für Rachael fühle – oder aus welcher Ursache das geschieht. Als ich jenes Versprechen leistete, hielt ich sie wirklich für den Schutzgeist meines Lebens. Es war ein feierliches Versprechen. Ich habe es geleistet für immer.«

Luise wandte sich mit dem Kopfe gegen ihn und neigte ihn mit einer Ehrerbietung, die neu an ihr war. Sie blickte von ihm auf Rachael, und ihre Züge nahmen einen milderen Ausdruck an.

»Was wollt Ihr beginnen?« fragte sie ihn. Ihre Stimme war ebenfalls milder geworden.

»Nun, Ma’am«, sagte Stephen, der gute Miene zum bösen Spiel machte, mit einem Lächeln, »wenn ich mit der Arbeit zu Ende bin, dann muß ich diesen Ort verlassen und es an einem andern versuchen. Glücklich oder unglücklich – der Mensch kann nichts tun, als versuchen. Man soll nichts lassen, ohne es versucht zu haben – außer das Sichniederlegen und Sterben.«

»Wie wollt Ihr reisen?«

»Zu Fuß, meine gute Lady, zu Fuß.«

Luise errötete, während eine Geldbörse in ihrer Hand sichtbar wurde. Das Rauschen einer Banknote ließ sich hören, während sie eine entfaltete und auf den Tisch legte.

»Wollt Ihr ihm sagen, Rachael – denn Ihr wißt, wie es ohne Beleidigung anzustellen sei – daß dies ihm ganz zu Gebote steht, um ihm die Reise zu erleichtern? Wollt Ihr ihn inständig bitten, es anzunehmen?«

»Ich kann es nicht, junge Frau«, antwortete sie, sich mit dem Kopfe abwendend. »Gott segne Sie, daß Sie mit so viel Güte an den armen Mann denken. Aber er muß sein Herz selber kennen und wissen, was demgemäß recht ist.«

Luise sah teils ungläubig, teils erschrocken und teils von schneller Sympathie ergriffen aus, als dieser Mann von so vieler Selbstbeherrschung, der so einfach und gesetzt während der kürzlichen Unterredung gewesen war, seine Fassung in einem Augenblick verlor, und nun mit der Hand vor dem Gesicht dastand. Sie streckte die ihrige aus, wie um ihn zu berühren – dann bezwang sie sich und blieb ruhig.

»Nein, selbst Rachael«, sagte er, als er wieder mit unbedecktem Gesicht dastand, »könnte ein so liebreiches Anerbieten nicht mit liebreicheren Worten machen. Um zu zeigen, daß ich kein Mann ohne Verstand und Dankbarkeit bin, will ich zwei Pfund nehmen. Ich will sie als Darlehen annehmen und sie wieder zurückbezahlen. Und die Arbeit soll mir die süßeste sein, die ich je verrichtet: denn sie soll mich in den Stand setzen, noch einmal meine ewige Dankbarkeit für Ihre heutige Tat zu erkennen zu geben.«

Sie mußte gern oder ungern die Banknote wieder zurücknehmen und die viel kleinere Summe, die er genannt hatte, an deren Stelle setzen. Stephen war weder höflich, noch hübsch, noch pathetischer Geste: und doch lag in der Art, wie er das Geld annahm und seinen Dank ohne viel Worte ausdrückte, eine Anmut, die Lord Chesterfield seinem Sohne in einem ganzen Jahrhundert nicht hätte beibringen können.10

Tom hatte, bis der Besuch in dieses Stadium getreten war, auf dem Bett gesessen: er schwang mit ziemlicher Gleichgültigkeit einen Fuß hin und her und lutschte an seinem Spazierstock. Als er seine Schwester zum Aufbrechen bereit sah, stand er ziemlich rasch auf und rief:

»Warte nur einen Augenblick, Lu. Ehe wir fortgehen, möchte ich ihn auf einen Moment sprechen. Es fällt mir gerade was ein. Wenn Ihr mit mir auf die Treppe hinausgehen wollt, Blackpool, so will ich’s Euch sagen. Wir brauchen kein Licht, Mann.« Tom war in merkwürdiger Ungeduld, als sich Stephen nach dem Speiseschrank hin wandte, um eines zu holen. »Man braucht kein Licht dazu.«

Stephen folgte ihm nach und Tom machte die Zimmertür zu und hielt das Schloß in der Hand.

»Hört einmal!« flüsterte er. »Ich glaube. Euch einen guten Dienst erweisen zu können. Fragt mich nicht, was es ist, weil vielleicht nichts daraus werden dürfte. Aber es schadet nichts, wenn ich’s versuche.« Sein Atem wehte, einer Feuerflamme gleich, Stephens Ohren an, so heiß war er.

»Es war unser Bürodiener auf der Bank, der Euch diesen Abend die Botschaft hinterbracht hatte«, sagte Tom. »Ich heiße ihn unsern Bürodiener, weil ich auch zur Bank gehöre.«

Stephen dachte: »Was für Eile er hat!« Tom sprach auch wirklich ganz konfus.

»Nun, laßt einmal hören«, fuhr Tom fort. »Wann ist Eure Arbeitszeit hier endgültig aus?«

»Heute ist Montag«, erwiderte Stephen nachdenkend. »Nun, Sir, Freitag oder Samstag ungefähr.«

»Freitag oder Samstag«, sagte Tom. »Nun seht einmal. Ich bin nicht gewiß, ob ich Euch den guten Dienst erweisen kann, den ich beabsichtige – wißt, das ist meine Schwester, die in Eurem Zimmer ist – aber ich dürfte imstande sein, es zu tun, und sollte ich es nicht sein, so ist doch kein Schaden dabei. Darum will ich Euch was sagen. Würdet Ihr unsern Bürodiener wiedererkennen?«

»Ganz gewiß«, sagte Stephen.

»Sehr gut«, versetzte Tom. »Wenn Ihr eines Abends, zwischen heute und Eurer Abreise zu arbeiten aufhört, dann wartet doch ungefähr ein Stündchen bei der Bank. Wollt Ihr das? Laßt keine Absicht merken, wenn er Euch dort warten sieht; denn ich werde ihn nicht beauftragen, mit Euch zu sprechen, außer ich kann Euch den Dienst erweisen, den ich beabsichtige. In diesem Falle würde er einen Zettel oder eine Botschaft für Euch haben, sonst nicht. Also gebt acht! Ihr habt mich doch richtig verstanden?«

Er hatte in der Dunkelheit einen Finger in das Knopfloch von Stephens Rock gezwängt und drehte in einer ungewöhnlichen Weise jenen Winkel des Kleidungsstückes zu einem Knäuel zusammen.

»Ich verstehe wohl, Sir«, sagte Stephen.

»Nun, seht einmal«, wiederholte Tom. »Seid gewiß, daß Ihr Euch nicht irrt und vergeßt nichts. Ich werde meiner Schwester im Nachhausegehen sagen, was ich beabsichtige, und ich weiß, sie wird es billigen. Nun, seht einmal, die Sache ist doch in Ordnung, nicht wahr? Ihr versteht alles davon? Sehr gut also. Komm fort, Lu!«

Er stieß die Tür auf, während er sie rief, kehrte jedoch nicht mehr ins Zimmer zurück und wartete auch nicht, bis man ihr die engen Treppen hinunterleuchtete. Er war schon unten, als sie herabstieg, und befand sich schon auf der Straße, ehe sie seinen Arm nehmen konnte.

Mrs. Pegler blieb in ihrem Winkel, bis das Geschwisterpaar fort war und Stephen mit dem Licht in der Hand zurückkam. Sie befand sich in einem Zustand unaussprechlicher Bewunderung für Mrs. Bounderby, und weinte wie eine höchst seltsame Alte, »weil sie so ein liebes Wesen sei«. Zugleich war sie aber in solcher Angst, daß der Gegenstand ihrer Bewunderung zurückkehren oder sonst jemand kommen könnte, daß es mit ihrer Fröhlichkeit für heute abend vorbei war. Es war auch spät für Leute, die früh aufstanden und hart arbeiteten. Die Gesellschaft brach daher auf, und Stephen und Rachael begleiteten ihre rätselhafte Bekanntschaft bis an die Tür des Passagierhotels, wo sie sich von ihr verabschiedeten.

Sie gingen zusammen bis zur Ecke der Straße zurück, in der Rachael wohnte, und je näher sie dieser kamen, desto schweigender wurden sie. Als sie zu der dunklen Straßenecke gelangten, wo ihre seltenen Zusammenkünfte gewöhnlich endeten, hielten sie, noch immer schweigend, inne, als ob beide sich scheuten zu sprechen.

»Ich werde versuchen, dich noch einmal zu sehen, Rachael, bevor ich gehe, wo nicht aber –«

»Du wirst das nicht tun, Stephen, ich weiß es. Es ist besser, wir entschließen uns, offen gegeneinander zu sein.«

»Du hast immer recht. Es ist kühner und besser. Ich dachte daran, Rachael, daß es besser ist, wenn man dich nicht mit mir sieht, meine Liebe, da es doch nur einen oder zwei Tage dauern wird. Es könnte dir nur, ohne irgendeinen Nutzen, Unannehmlichkeiten verursachen.«

»Deshalb hätte ich nichts dagegen, Stephen. Aber du kennst unsere frühere Übereinkunft. Und das ist die Ursache.«

»Gut, gut«, sagte er. »Es ist besser so, wie es auch immer sei.«

»Du wirst mir schreiben, Stephen, und mir alles mitteilen, was vorfällt?«

»Ja. Was kann ich aber nun mehr sagen, als: Gott sei mit dir, Gott segne dich, Gott belohne dich und vergelte dir’s!«

»Möge er auch dich segnen, Stephen, auf all deinen Wegen und dir endlich Frieden und Ruhe schenken!«

»Ich sagte dir, Liebste«, versetzte Stephen Blackpool, »an jenem Abend – daß ich nichts sagen oder denken wollte, was meinen Zorn reizte, ohne daß du zu meinem Besten im Geiste bei mir stehen würdest. Du stehst mir auch jetzt zur Seite. Du läßt es mich mit gelassenem Blick ansehen. Gott segne dich. Gute Nacht. Leb‘ wohl!«

Es war ein rascher Abschied auf der gewöhnlichen Straße, und doch blieb er für diese beiden gewöhnlichen Leute eine heilige Erinnerung. Ihr Staatsökonomen und Nützlichkeitstheoretiker, ihr Schulmeistergerippe, eleganten und abgenützten Ungläubigen, ihr Prediger so mancher armseligen Glaubensbekenntnisse, die Armen sind immer euch nahe! Pflegt in ihnen, während es noch Zeit ist, alle Gaben der Phantasie und des Herzens, um ihr Leben damit zu schmücken, das so sehr der Schönheit bedarf, oder die Wirklichkeit wird, in dem Augenblicke eures Triumphes – wo die Romantik aus ihrer Seele gänzlich verscheucht ist und sie kahler Existenz euch von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, einen wolfsartigen Charakter annehmen und euch ein Ende machen.

Stephen arbeitete den nächsten Tag und den folgenden, ohne von jemanden mit einem Wort erfreut zu werden. Er blieb wie früher in seinem Tun und Lassen von allen gemieden. Am Ende des zweiten Tages erblickte er Land, und am Ende des dritten stand sein Webstuhl leer.

An jedem der ersten zwei Abende hatte er länger als eine Stunde vor der Bank gewartet, aber nichts war vorgefallen, weder Gutes noch Schlimmes. Damit er jedoch nicht seinerseits nachlässig erscheine, entschloß er sich, in der dritten und letzten Nacht volle zwei Stunden zu warten.

Er sah die Dame, die einst den Haushalt von Mr. Bounderby besorgte, wie früher am Fenster des ersten Stockwerkes sitzen, und auch der Bürodiener befand sich dort, der zuweilen mit ihr sprach, zuweilen über das Firmenschild herabsah, wo »Bank« geschrieben stand, und zuweilen vor die Tür kam und sich auf die Stufen stellte, um frische Luft zu schöpfen. Als er zuerst herauskam, meinte Stephen, er suche ihn und ging nahe an ihm vorbei; der Bürodiener warf ihm aber nur einen blinzelnden Blick zu, sagte indessen nichts. Zwei Stunden wartend herumstreifen war nach der langen Tagesarbeit eine starke Anstrengung. Stephen setzte sich auf eine Haustürstufe, lehnte sich an die Mauer eines Schwibbogens, schlenderte hin und her, lauschte den Schlägen der Turmuhr, hielt inne und betrachtete die spielenden Kinder auf der Gasse. Es ist aber natürlich, daß jeder Wartende eine bestimmte Absicht hat, daß ein bloßer Faulenzer immer sonderbar aussieht und sich auch so fühlt. Als die erste Stunde um war, fing selbst Stephen an, von einem unbehaglichen Gefühl beschlichen zu werden, daß er für den Augenblick eine schimpfliche Rolle spiele.

Dann erschienen der Lampenanzünder und zwei sich verlängernde Lichtstreifen längs der ganzen Perspektive der Straße, bis sie sich in der Ferne vermengten und verloren. Mrs. Sparsit schloß das Fenster des ersten Stockwerkes, ließ die Jalousien herab und ging in das obere Stockwerk. Ein Licht folgte ihr gleich nach, indem es auf seinem Weg nach oben zuerst an dem fächerartigen Türfenster und an den beiden Treppenfenstern vorüberschwebte. Bald darauf geriet eine Ecke der Jalousie im zweiten Stockwerk in Bewegung, als ob Mrs. Sparsits Blick sich dahinter befände; ebenso die zweite Ecke, als ob das Auge des Bürodieners an dieser Stelle wäre. Dennoch erhielt Stephen keine Mitteilung. Um vieles erleichtert, als die zwei Stunden endlich vorüber waren, ging er, um die verlorene Zeit wieder einzuholen, raschen Schrittes nach Hause.

Er hatte nur noch von der Hauswirtin Abschied zu nehmen und sich dann auf das improvisierte Lager auf dem Boden niederzulegen; denn sein Bündel war für den folgenden Tag schon geschnürt und alles für seine Abreise vorbereitet. Er beabsichtigte, die Stadt frühzeitig zu verlassen – noch ehe die »Hände« sich in den Straßen zeigten.

Es war kaum Tagesanbruch, als er das Zimmer verließ, nachdem er einen Abschiedsblick um sich geworfen und traurig darüber nachdachte, ob er es je wiedersehen werde. Die Stadt lag so öde da, als ob deren Einwohner sie lieber verlassen hätten, als mit ihm Gemeinschaft zu pflegen. Alles hatte einen blaßtrüben Anstrich um diese Stunde. Selbst die aufgehende Sonne erschien blaß und öde am Himmel – wie ein trübes Meer.

Vorbei an dem Hause, wo Rachael wohnte, obgleich es nicht in seiner Wegrichtung lag – durch die ziegelroten Straßen – vorbei an den großen stillen Fabriken, die noch nicht erzitterten – vorbei an der Eisenbahn, wo die Signallichter in dem heller werdenden Tag erblichen – vorbei an der unordentlichen Umgebung der Eisenbahn, die halb niedergerissen und halb wieder aufgebaut war – vorbei an den zerstreuten, ziegelroten Landhäusern, wo das rauchgeschwärzte Immergrün mit schmutzigem Staub gesprenkelt war, gleich unsauberen Schnupfern – vorbei an kohlenbestaubten Wegen und einem großen Durcheinander von häßlichen Dingen – gelangte Stephen auf die Spitze eines Hügels, von wo aus er zurücksah.

Die Sonne ergoß ihren hellen Schimmer über die Stadt, und die Glocken läuteten zur Morgenarbeit. Noch brannte kein Herdfeuer, und den hohen Schornsteinen gehörte noch der Himmel, den sie bald genug bedeckten, wenn sie ihre giftigen Massen emporbliesen. Für eine halbe Stunde jedoch erglänzten die Fenster von manchen Häusern golden, Fenster, die den Coketownern durch rauchgeschwärztes Glas eine ständig verfinsterte Sonne zeigten.

Es ist so sonderbar, von den Kaminen zu den Vögeln zu gelangen – so sonderbar, den Straßenstaub anstatt der Kohlenschlacken unter den Füßen zu haben – so sonderbar, solange schon gelebt zu haben und doch an diesem Sommermorgen wie ein Schulknabe wieder zu beginnen! Mit diesen Betrachtungen im Kopf und mit dem Bündel unter dem Arm, wandte Stephen sein gedankenvolles Gesicht längs der Landstraße. Und die Bäume wölbten sich über ihm und flüsterten ihm zu, daß er ein treues, liebevolles Herz zurückgelassen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mr. James Harthouse widmete sich voller Hingebung seiner Partei und war bald bei ihr gut angeschrieben. Mit Hilfe von etwas vermehrtem Phrasengepäck für die politischen Kannegießer, von etwas vermehrter eleganter Lässigkeit gegen die allgemeine Gesellschaft und einem leidlichen Zurschautragen äußerer Ehrlichkeit bei innerer Unehrlichkeit – dieser höchst wirksamen und höchst begünstigten aller seinen Todsünden – wurde er bald als ein vielversprechender Mann betrachtet. Daß er nicht von Ernsthaftigkeit geplagt wurde, fiel nur als günstiger Umstand für ihn ins Gewicht; denn es ermöglichte ihm, sich unter die Herren der harten Tatsachen mit solchem Geschick zu mengen, als wäre er ein Eingeborener ihrer Sekte, und so konnte er dabei alle übrigen Sekten als bewußte Betrüger über Bord werfen.

»Lauter Leute, denen keiner von uns Glauben schenkt, meine teure Mrs. Bounderby, und die sich nicht einmal selbst Glauben schenken. Der einzige Unterschied, der zwischen uns und den Professoren der Tugendlehre, der Wohlfahrt und der Humanität – der Name tut nichts zur Sache – obwaltet, besteht darin, daß wir wohl wissen, alles ist Phrase, und es auch eingestehen, während sie es ebenfalls wissen, aber niemals das Geständnis davon ablegen wollen.«

Warum sollte ihr diese Lehre Ärgernis einflößen oder ihr als Abschreckungsmoment dienen? Solche Behauptungen waren den Grundsätzen ihres Vaters und ihrer ersten Erziehung recht verwandt, daß sie darob nicht zu erschrecken brauchte. Wo lag der Unterschied zwischen den beiden Schulen, da beide sie an die materielle Wirklichkeit schmiedeten und ihr für nichts sonst Glauben ließen? Was war in ihrer Seele für James Harthouse noch zu zerstören übriggeblieben, die Thomas Gradgrind im Zustand der Unschuld ehedem also großgezogen?

Diese Lage war aber um so schlimmer für sie, als in ihrem Geiste – in sie eingepflanzt, ehe ihr ausgezeichnet praktischer Vater ihn zu bilden begann – zwei Neigungen miteinander kämpften: ihre Ahnung von einer höheren und umfassenderen Menschlichkeit lag ständig im Kampf mit ihrer Skepsis und ihrem zweifelnden Groll. Mit Zweifeln, weil das Streben damit in ihrer Jugend erstickt worden. Mit grollenden Empfindungen, der Unbilden halber, die ihr zugefügt worden, als wären sie in der Tat Einflüsterungen der Wahrheit. Einer an Selbstunterdrückung seit langer Zeit gewöhnten Natur, die so zerrissen und mit sich selbst zerworfen war, erschien die Harthousische Philosophie als Trost und Rechtfertigung. Da doch alles hohl und wertlos war, so hatte sie nichts verloren und nichts aufgeopfert. ›Was liegt daran‹, sagte sie zu ihrem Vater, als er ihr ihren Gatten vorschlug. ›Was liegt daran‹, sagte sie noch immer. Mit »die Welt verachtender Bitterkeit« fragte sie sich selbst: ›Was ist überhaupt an allem gelegen‹, und blieb sie auf dem eingeschlagenen Wege.

Wohin? Schritt für Schritt, vorwärts und abwärts, einem Ziele zu, und doch so allmählich, daß sie selbst glaubte, still zu stehen. Was Harthouse anbelangt, so wußte er es weder, noch kümmerte er sich darum, wohin ihn seine Richtung führte. Vor ihm lag kein besonderer Entwurf, kein Plan; kein zielkräftig böses Tatverlangen störte ihn aus seiner Mattigkeit auf. Augenblicklich unterhielt und interessierte er sich gerade so viel, wie es für einen so feinen Gentleman schicklich war, vielleicht noch etwas mehr, als zu gestehen mit seinem Rufe sich vertragen hätte. Bald nach seiner Ankunft schrieb er einen lässigen Brief an seinen Bruder, das ehrenwerte und witzige Parlamentsmitglied, daß die Bounderby’s ihm »viel Spaß« machten, und ferner, daß Frau Bounderby, anstatt die Gorgone zu sein, die er vermutet hatte, jung und auffallend hübsch sei. Später schrieb er nicht mehr von ihnen, und widmete seine freie Zeit vorzüglich ihrem Hause. Er fand sich während seiner Streifereien und Besuche im Coketowner Distrikt sehr oft bei ihnen ein, wozu er von Mr. Bounderby aufgemuntert worden. Es lag ganz in Mr. Bounderbys Windmanier, vor seinen sämtlichen Bekannten damit zu prahlen, daß er sich um vornehme Leute durchaus nicht schere, daß aber, wenn seine Frau, Tom Gradgrind’s Tochter, es tue, sie in ihrem Kreise willkommen sei.

Mr. James Harthouse geriet auf den Gedanken, daß es für ihn einen neuen Reiz ausmachen müsse, wenn Luises Gesicht, das sich so schön für den Bengel veränderte, sich auch für ihn verändern würde.

Er war rasch genug im Beobachten, er besaß ein gutes Gedächtnis, und vergaß kein Wort von den Enthüllungen des Bruders. Er verwob die Worte mit allem, was er von der Schwester sah, und fing an, sie zu verstehen. Der bessere und tiefere Teil ihres Charakters lag wahrlich nicht im Bereich seiner Auffassung; denn die Naturen gleichen hierin dem Meer, in dessen Tiefen nur die Tiefe des Himmels sich abspiegelt – das übrige jedoch begann er bald mit dem Auge des Gelehrten zu lesen.

Mr. Bounderby hatte ein Haus mit Zubehör an Grund und Gelände in Besitz genommen, das ungefähr fünfzehn Meilen von der Stadt entfernt und in einer oder zwei Stunden von der nächsten Eisenbahnstation zu erreichen war. Die Eisenbahn rollte auf mehreren Schwibbogen über eine wüste Gegend hin, die von öden Kohlengruben unterminiert und des Nachts von Feuern und den dunklen Formen der Maschinen gefleckt war. Diese Gegend verlor nach Mr. Bounderby’s Ruhesitz hin allmählich an Härte und nahm daselbst einigermaßen den Schmelz einer Landschaft an, die zur Frühlingszeit golden von Heidekraut und schneeig von Hagedorn, und zur Sommerszeit zitternd von Blattlaub und deren Schatten erschien. Die Bank hatte auf dem so lieblich gelegenen Landsitz eine Hypothek gehabt, die von einem Coketowner Magnaten aufgenommen worden war. Dieser hatte sich entschlossen, einen rascheren Sprung als gewöhnlich zur Erwerbung eines enormen Vermögens zu machen und sich daher mit ungefähr zweimal hunderttausend Pfund verspekuliert. Dergleichen Fälle trugen sich zuweilen in den bestregulierten Familien von Coketown zu, obgleich die Bankrotteure in gar keiner Verbindung mit sonst liederlichen Gesellschaftsklassen standen.

Es gewährte Mr. Bounderby die höchste Befriedigung, sich auf diesem eingefriedeten, kleinen Grundbesitz häuslich einzurichten und daselbst in dem Blumengarten Kohl anzubauen. Es ergötzte ihn, inmitten der eleganten Möbel ein Barackenleben zu führen, und er übertäubte selbst die Gemälde mit seiner Herkunft. »Nun, Sir«, pflegte er zu einem Gaste zu sagen, »man sagte mir, daß Nickit, der frühere Eigentümer, siebenhundert Pfund für jenes Strandgemälde zahlte. Um aufrichtig zu sagen, so wird es schon viel sein, wenn ich in meinem ganzen Leben es siebenmal anblicke, was hundert Pfund für den Blick macht. Nein, Donnerwetter! Ich will nicht vergessen, daß ich Josiah Bounderby von Coketown bin! Jahrelang waren die einzigen Bilder, die ich besaß, oder die ich bekommen konnte, ohne sie stehlen zu müssen, in dem Bilde von dem Mann, der sich im glänzend gewichsten Stiefel spiegelt, und in den Etiketten von Stiefelwichs-Büchsen. Ich war froh, wenn ich solche Etiketten beim Schuhwichsen bekam und verkaufte sie dann mit Vergnügen für ein Viertelpency.«

Dann sprach er Mr. Harthouse in ähnlicher Weise an: »Harthouse, Sie haben da unten ein paar Pferde. Bringen Sie noch ein halbes Dutzend und es wird sich Platz für sie finden. Hier gibt es Stallungen für ein Dutzend Pferde, und wenn man Nickit nicht verleumdet hat, so hielt er diese runde Zahl. Ein rundes Dutzend, Sir. Als Knabe besuchte jener Mann die Westminster Schule. Ging als königlicher Stipendiat in die Westminster Schule, während ich hauptsächlich von Wildbretgedärmen lebte und in Marktkörben schlief. Nun, wenn ich ein Dutzend Pferde halten müßte – was ich aber nicht zu tun brauche, eins ist genug für mich – so könnte ich ihren Anblick in den Ställen hier nicht ertragen, ohne dabei denken zu müssen, was meine eigene Wohnung zu sein pflegte. Ich könnte sie nicht ansehen, ohne sie gleich ’nauszuschmeißen. Aber so ändern sich die Dinge. Sie sehen diesen Ort. Sie wissen, was für ein Ort es ist. Sie wissen wohl, daß es keinen vollkommeneren Ort von seinem Umfange in diesem Königreiche oder anderwärts gibt – Es ist mir auch einerlei wo – und hier befindet sich in seiner Mitte, wie die Made im Speck – Josiah Bounderby. Während Nickits (wie ein Mann, der gestern in mein Büro kam, mir berichtete), der in den lateinischen Stücken der Westminster Schule mitzuspielen pflegte, wobei ihn die Hauptautoritäten und der Adel unseres Landes solange beklatschten, bis sie schwarz im Gesichte wurden – in diesem Augenblicke halb blödsinnig ist – halb blödsinnig, Sir, und das im fünften Stock in einer düsteren, engen Gasse in Antwerpen!

Es war in den langen schwülen Sommertagen unter den Blätterschatten dieses Ruhesitzes, wo Mr. Harthouse seine Experimente mit dem Gesicht begann, dessen erster Anblick ihn so außerordentlich berührte und versuchte, ob es sich nicht für ihn verändern würde.

»Mrs. Bounderby, ich halte es für einen sehr glücklichen Zufall, daß ich Sie hier allein finde. Ich hege seit einiger Zeit den besonderen Wunsch, Sie zu sprechen.«

Es war nicht durch einen wunderbaren Zufall, daß er sie gefunden, da es um jene Tageszeit war, wo sie sich immer allein befand und dieser Platz ihren Lieblingsaufenthalt bildete. Es war eine Lichtung im dunklen Hain, wo einige gefällte Bäume umherlagen, und wo sie zu sitzen pflegte, um das abgefallene Laub vom vergangenen Jahre zu beobachten, sowie sie im elterlichen Hause die fallende Asche beobachtete.

Er setzte sich neben sie, indem er einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht warf.

»Ihr Bruder, mein junger Freund Tom –«

Ihre Züge klärten sich auf, und sie wandte sich gegen ihn mit einem teilnahmsvollen Blick. »Nie in meinem Leben«, dachte er, »sah ich etwas so Merkwürdiges und Einnehmendes als das Aufstrahlen jener Züge!« Sein Gesicht verriet seine Gedanken – vielleicht ohne ihn zu verraten, denn es mochte wohl auf diese Wirkung eingeschult gewesen sein.

»Verzeihen Sie. Der Ausdruck Ihrer schwesterlichen Teilnahme ist so schön – Tom sollte stolz darauf sein. – Ich weiß, dies ist nicht zu entschuldigen – aber ich kann nicht umhin, Sie zu bewundern –«

»Bei Ihrer Empfänglichkeit?« sagte sie ruhig.

»Nein, Mrs. Bounderby, Sie wissen, ich heuchle nicht vor Ihnen. Sie wissen, ich bin ein grobes Stück von Menschennatur, bereit, mich zu jeder Zeit für jede vernünftige Summe zu verkaufen, und durchaus jedes arkadischen Benehmens unfähig.«

»Sie wollten mir wohl von meinem Bruder etwas sagen«, entgegnete sie.

»Sie sind sehr streng gegen mich, und ich verdiene es. Ich bin ein so unwürdiger Hund, wie man nur einen finden kann, mit der Ausnahme, daß ich nicht falsch bin – durchaus nicht falsch. Aber Sie überraschten mich und entfernten mich von einem Gegenstand, der Ihren Bruder betrifft. Ich fühle Interesse für ihn.«

»Fühlen Sie überhaupt für etwas Interesse, Mr. Harthouse?« fragte sie halb ungläubig und halb dankbar.

»Hätten Sie mich das bei meinem ersten Besuche gefragt, so würde ich Nein geantwortet haben. – Jetzt aber muß ich – selbst auf die Gefahr hin, anspruchsvoll zu erscheinen, und gerechterweise Ihre Ungläubigkeit zu erwecken – Ja antworten.«

Sie machte eine leichte Bewegung, als ob sie zu sprechen versuchte, und die Stimme ihr versagte. Endlich sagte sie: »Mr. Harthouse, ich traue es Ihnen zu, sich für meinen Bruder zu interessieren.«

»Ich danke Ihnen. Ich glaube dies zu verdienen. Sie wissen, auf wie wenig Verdienste ich Anspruch machen kann. Diese will ich aber behaupten. Sie haben so viel für ihn getan. Sie haben ihn so lieb. Ihr ganzes Leben – Mrs. Bounderby legt eine so reizende Selbstvergessenheit seinethalben an den Tag – bitte abermals um Verzeihung, ich entferne mich zu sehr von dem Gegenstände. Ich interessiere mich um seinetwillen für ihn.« Sie hatte eben eine ganz leise Bewegung gemacht, als wollte sie sich rasch erheben, um sich zu entfernen. Er aber änderte in demselben Augenblick den Ton des Gesprächs, und sie blieb.

»Mrs. Bounderby«, fuhr er in einer leichteren Weise fort, wobei man ihm jedoch die Mühe anmerkte, die er sich gab, und die noch ausdrucksvoller als jene Taktik war, die er soeben fallen ließ, »es ist bei einem jungen Mann, von dem Alter Ihres Bruders, kein unverzeihliches Vergehen, unbesonnen, unbedachtsam und verschwenderisch zu sein: ja selbst ein wenig liederlich, wie man so sagt. Das ist doch bei ihm der Fall, nicht wahr? Ist er’s?«

»Ja.«

»Erlauben Sie mir offen zu reden. Glauben Sie, daß er überhaupt spielt?«

»Ich glaube, er pflegt zu wetten.«

Da Mr. Harthouse wartete, als ob dies nicht die ganze Antwort sei, fügte sie hinzu: »Ich weiß, er tut es.«

»Natürlich verliert er?«

»Ja.«

»Jedermann, der wettet, verliert. Darf ich auf die Wahrscheinlichkeit hindeuten, daß Sie ihn zu diesen Zwecken zuweilen mit Geld versehen?«

Sie saß mit niedergeschlagenen Augen da, erhob diese jetzt aber ein wenig forschend und beleidigt.

»Halten Sie meine Neugier nicht für zudringlich, meine teure Mrs. Bounderby. Ich meine, Tom müßte allmählich in Verlegenheit geraten, und ich möchte ihm aus der Tiefe meiner sündhaften Erfahrung eine helfende Hand entgegenstrecken. Muß ich abermals sagen, seinetwillen? Ist das notwendig?«

Sie schien eine Antwort zu suchen, konnte aber nichts hervorbringen.

»Um alles aufrichtig zu gestehen, was mir einfiel«, sagte James Harthouse, indem er abermals mit dem gleichen Anschein von Anstrengung in seine leichtere Weise überging, »so will ich Ihnen meine Zweifel mitteilen, daß er vielen Vorteil gehabt. Ob – entschuldigen Sie meine Geradheit – ob es wahrscheinlich ist, daß ein großes Vertrauen zwischen ihm und seinem höchst ehrenwerten Vater obwaltete.«

»Ich«, antwortete Luise errötend, »halte es nicht für wahrscheinlich.«

»Oder zwischen ihm – ich darf doch sicherlich Ihrem vollständigen Verständnis meiner Meinung vertrauen – und seinem hochgeschätzten Schwager?«

Sie errötete immer tiefer, und war glühend rot, als sie mit einer gedämpfteren Stimme antwortete: »Ich halte auch das nicht für wahrscheinlich.«

»Mrs. Bounderby«, sagte Harthouse nach kurzem Stillschweigen »darf ein besseres Vertrauen zwischen uns bestehen? Tom hat wohl eine beträchtliche Summe von Ihnen geliehen?«

»Sie werden wohl begreifen, Mr. Harthouse«, entgegnete sie nach einiger Unschlüssigkeit – sie war während des Gesprächs mehr oder weniger unsicher und verwirrt gewesen, hatte aber im ganzen ihre Selbstbeherrschung beibehalten – »Sie werden wohl begreifen, daß, wenn ich Ihnen sage, was Sie zu erfahren wünschen, dieses nicht auf dem Wege der Beschwerde oder des Bereuens geschieht. Ich würde mich nie über etwas beklagen, und was ich tat, das bereue ich nicht im geringsten.«

»So geistreich noch dazu«, dachte James Harthouse.

»Als ich heiratete, fand ich, daß mein Bruder eben damals schwer verschuldet war – schwer für ihn, meine ich, schwer genug, um mich zum Verkaufe einiger Schmucksachen zu zwingen. Das war für mich kein Opfer, ich verkaufte sie sehr gerne. Ich legte ihnen keinen Wert bei, sie waren ganz unnütz für mich.«

Entweder, sie sah es ihm am Gesichte an, daß er es wußte, oder sie fürchtete bloß in ihrem Gewissen, daß es ihm bekannt sei, sie habe von den Geschenken ihres Mannes gesprochen. Sie hielt inne und errötete abermals. Wenn er es nicht früher gewußt hätte, so würde es ihm nun klar geworden sein, selbst wenn er noch flacheren Geistes gewesen wäre, als er wirklich war.

»Inzwischen gab ich meinem Bruder zu verschiedenen Zeiten alles Geld, das ich entbehren konnte. Kurz, alles Geld, das ich besaß. Da ich Ihnen im Vertrauen auf das Interesse, das Sie für ihn äußern, volles Zutrauen schenke, so will ich es nicht halb tun. Seitdem Sie uns hier zu besuchen pflegen, brauchte er selbst die Summe von hundert Pfund. Ich bin nicht imstande gewesen, sie ihm zu geben. Ich fühlte mich unbehaglich wegen der Folgen seiner Verschuldung, ich habe diese Geheimnisse jedoch bis jetzt bewahrt, wo ich sie Ihrer Ehre anvertraue. Ich habe niemanden in mein Vertrauen eingeweiht, weil – Sie haben den Grund soeben angegeben.« – Hierauf brach sie rasch ab.

Er war ein gewandter Mann, nahm die Gelegenheit wahr und ergriff sie, ihr jetzt unter der leichten Verkleidung ihres Bruders ihr eigenes Bild vorzustellen.

»Mrs. Bounderby, obschon ich ein unwürdiger Mensch auf dieser irdischen Welt bin, so empfinde ich doch die aufrichtige Teilnahme – dessen versichere ich Sie – für Ihre Mitteilung. Ich kann unmöglich streng gegen Ihren Bruder urteilen. Ich begreife und teile die kluge Anschauung, mit der Sie seine Fehler betrachten. Bei allem möglichen Respekt, sowohl für Mr. Gradgrind als für Mr. Bounderby, glaube ich doch zu bemerken, daß seine Erziehung keine glückliche war. Zum Nachteil für die Gesellschaft erzogen, in der er eine Rolle zu spielen hat, stürzt er auf seine eigene Rechnung in diese Extreme aus entgegengesetzten Extremen, die man – ohne Zweifel mit den besten Absichten – seit langer Zeit ihm aufgedrungen. Mr. Bounderbys ausgezeichnet barsche, englische Geradheit, obwohl sie eine höchst anziehende Charakteristik gewährt, ist nicht geeignet – und darüber sind wir einverstanden – Vertrauen einzuflößen. Wenn ich wagen dürfte, zu bemerken, daß jener Mangel an Zartgefühl am wenigsten geeignet ist, einem verirrten Jüngling, einem schlechtverstandenen Charakter und übelgeleiteten Fähigkeiten Trost und Halt zu gewähren – so drücke ich ungefähr aus, was meine eigene Ansicht ist.«

Wie sie dasaß, gerade vor sich hinblickend, mitten durch das auf dem Grase spielende Licht in die Dunkelheit des Gehölzes hinein, nahm er in ihrem Gesicht die Wirkung seiner deutlich gesprochenen Worte und deren Anwendung auf ihre eigene Person wahr. »Man muß«, fuhr er fort, »jede Nachsicht walten lassen. Eines Fehlers muß ich jedoch Tom zeihen, den ich ihm nicht vergeben kann, und für welchen ich ihn schwer zur Rechenschaft ziehe.« – Luise sah ihn an und fragte, worin dieser Fehler bestünde?

»Vielleicht«, entgegnete er, »habe ich genug gesagt. Vielleicht wäre es im ganzen besser gewesen, wenn gar keine Anspielung darauf mir entwischt wäre.«

»Sie erschrecken mich, Mr. Harthouse, lassen Sie es mich wissen.«

»Um Sie von unnützer Furcht zu befreien – und da dieses Vertrauen hinsichtlich Ihres Bruders – das ich über alles in der Welt hochschätze, zwischen uns begründet werden – gehorche ich. Ich kann es ihm nicht vergeben, daß er nicht in jedem Worte, Blicke, in jeder Handlung seines Lebens sich empfänglicher für die Neigung seiner besten Freundin zeigt. Für die Ergebenheit seiner besten Freundin, für ihre Uneigennützigkeit, für ihre Aufopferung. Die Erkenntlichkeit, die er ihr, meiner Beobachtung gemäß, erweist, ist eine sehr armselige. Für das, was sie für ihn getan, sollte er ihr ewige Liebe und Dankbarkeit, nicht aber die üble Laune und Grillenhaftigkeit zuteil werden lassen. Ein so unbedachtsamer Mensch ich auch bin, so bin ich doch, Mrs. Bounderby, nicht so unempfindlich, daß ich diesen Fehler in Ihrem Bruder nicht beachten oder geneigt sein sollte, ihn als ein verzeihliches Unrecht anzusehen.«

Das Gehölz schwamm vor ihren Augen, die sich mit Tränen füllten. Sie entsprangen einer tiefen, lang verborgenen Quelle. Ihr Herz war vom stechenden Schmerz überfüllt, das keinen Trost in ihnen fand.

»Mit einem Worte, ich strebe hauptsächlich danach, Mrs. Bounderby, Ihren Bruder hierin zu bessern. Meine bessere Bekanntschaft mit seinen Verhältnissen, meine Leitung und meine Ratschläge, um ihn aus seinen Schwierigkeiten herauszuziehen – hoffentlich von einigem Wert, da dies alles von einem großzügigen Taugenichts kommt – wird mir einigen Einfluß über ihn verschaffen, und meinen ganzen Vorteil werde ich gewiß zu diesem Zweck benutzen. Ich habe genug gesagt und mehr als genug. Es scheint, ich wolle mich für einen guten Kerl ausgeben, da ich doch, bei meiner Ehre, nicht die geringste Absicht hege, dergleichen zu beteuern und offen erkläre, daß ich nichts dergleichen bin. Dort zwischen den Bäumen«, fügte er hinzu, nachdem er die Augen erhoben und um sich geblickt hatte; denn bis jetzt beobachtete er nur Luise, »ist Ihr Bruder selbst – der ohne Zweifel eben gekommen ist. Da er in dieser Richtung herzuschlendern scheint, so dürfte es wohl gut sein, ihm entgegenzugehen, um ihm in den Weg zu treten. Seit kurzem ist er still und düster geworden. Vielleicht ist sein brüderliches Gewissen erwacht, wenn es ein Ding wie ein Gewissen überhaupt gibt. Freilich, ich höre, bei meiner Ehre, ich höre zuviel davon, um daran zu glauben.« Er half ihr beim Aufstehen, worauf sie seinen Arm nahm und sie zusammen vorschritten, um ihrem Bruder zu begegnen. Dieser schlug trägerweise die Zweige, wie er so herschlenderte, oder blieb mißmutig stehen, um mit seinem Stock das Moos von den Bäumen zu reißen. Er schrak auf, als sie auf ihn zukamen, während er mit diesem Zeitvertreib beschäftigt war, und wechselte die Farbe.

»Hallo«, stammelte er, »ich wußte nicht, daß ihr da seid.«

»Tom«, sagte Mr. Harthouse, indem er die Hand auf seine Schulter legte und ihn herumzog, worauf sie alle drei dem Hause zugingen, »wessen Namen haben Sie in die Bäume geschnitten?«

»Wessen Namen?« erwiderte Tom. »Oh! Sie meinen was für einen Mädchennamen?«

»Sie haben das verdächtige Aussehen, den Namen eines holden Wesens in die Rinde geschnitten zu haben, Tom.«

»Schwerlich, Mr. Harthouse. Es sei denn, daß irgendein Engel mit einem namhaften Vermögen, das zu seiner eigenen Verfügung steht, mich auf einmal liebgewänne. Sie könnte auch ebenso häßlich wie reich sein, ohne meinen Verlust zu befürchten. Dann würde ich ihren Namen, so oft sie wollte, einschneiden.«

»Ich fürchte, Sie sind geldsüchtig, Tom.«

»Geldsüchtig?« erwiderte Tom, »wer ist nicht geldsüchtig? Fragen Sie meine Schwester.«

»Hast du einen Beweis, daß dies mein Fehler ist, Tom?« sagte Luise, die nichts weiter über seine Mißlaune und Bosheit äußerte.

»Du mußt am besten wissen, Lu, ob diese Anspielung auf dich paßt«, entgegnete ihr Bruder mürrisch, »wenn sie es tut, so kannst du sie hinnehmen.«

»Tom ist heute Menschenhasser, wie zuweilen alle Leute, wenn sie Sorgen haben«, sagte Mr. Harthouse. »Glauben Sie ihm nicht, Mrs. Bounderby, er weiß es viel besser. Ich werde einige von seinen Urteilen über Sie preisgeben, die er mir privatim mitgeteilt, wenn er nicht ein bißchen aufgeräumter wird.«

»Jedenfalls können Sie, Mr. Harthouse«, sagte Tom, indem er aus Respekt vor seinem Gönner milder ward, aber doch düster den Kopf schüttelte, »ihr nicht sagen, daß ich sie je deshalb gelobt, weil sie geldsüchtig ist. Ich mag sie des Gegenteils wegen gelobt haben, und ich würde es abermals tun, wenn ich guten Grund dazu hätte. Lassen wir aber das jetzt gut sein. Das ist für sie nicht sehr interessant, und mich ekelt die Sache an.«

Sie gingen dem Haus zu, wo Luise den Arm ihres Gastes losließ und hineintrat. Er stand da und betrachtete sie, als sie die Treppe hinaufging und im Dunkel der Tür verschwand. Dann legte er wieder die Hand auf die Schulter ihres Bruders und lud ihn mit einem vertraulichen Nicken zu einem Spaziergang in den Garten ein.

»Tom, mein lieber Junge, ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen.«

Sie blieben in einer Wildnis von Rosen stehen – es machte einen Teil von Mr. Bounderby’s Demut aus, Nickits Rosen in vernachlässigtem Zustande zu halten, und Tom setzte sich auf eine Rasenbank, pflückte Knospen ab und zerriß sie in Stücke, während sein gewaltiger Schutzgeist über ihm mit einem Fuße auf der Rasenbank stand und sein Körper leicht auf dem Arm ruhte, der von dem gebogenen Knie gestützt war. Sie waren just von ihrem Fenster aus sichtbar; vielleicht wurden sie von ihr gesehen.

»Tom, was gibt es?«

»Oh, Mr. Harthouse«, sagte Tom stöhnend, »mir geht’s schlimm, und ich weiß nicht mehr aus noch ein.«

»Mein guter Junge, so geht’s auch mir.«

»Ihnen?« entgegnete Tom. »Sie sind das leibhaftige Bild der Unabhängigkeit. Mr. Harthouse, ich befinde mich in einer schrecklichen Patsche. Sie haben keinen Begriff davon, in welche Lage ich mich gestürzt habe, – aus welcher Lage meine Schwester mich erretten könnte, wenn sie es nur tun wollte.«

Er fing jetzt an, die Rosenknospen zu zerbeißen, und er riß sie aus seinen Zähnen mit einer Hand, die wie die eines alten kranken Mannes zitterte. Nach einem scharf forschenden Blick auf ihn nahm sein Gesellschafter sein leichtestes Wesen an.

»Tom, Sie erwarten zu viel von Ihrer Schwester, Sie haben Geld von ihr erhalten, Sie Taugenichts, das wissen Sie wohl.«

»Gut, Mr. Harthouse, ich weiß es. Wo sollte ich es sonst hernehmen? Hier ist der alte Bounderby, der stets damit groß tut, daß er in meinem Alter mit zwei Pence monatlich, oder so etwas, gelebt hat. Da ist mein Vater, der, wie er’s so zu nennen beliebt, eine Linie zieht und mich mit Kopf und Fuß von Kindheit an daran bindet. Dort ist meine Mutter, die nie etwas besitzt, außer ihren Beschwerden. Was soll man nun tun, um Geld zu erlangen, und wo soll ich’s herkriegen, wenn nicht von meiner Schwester?«

Er weinte beinahe und warf die Knospen zu Dutzenden umher. Mr. Harthouse faßte ihn besänftigend bei seinem Rock.

»Aber, mein lieber Tom, wenn Ihre Schwester nichts mehr hat?«

»Nichts mehr hat, Mr. Harthouse? Ich sage ja nicht, daß sie welches hat. Ich dürfte wohl mehr brauchen, als sie wahrscheinlich besitzt. Aber dann sollte sie sich welches verschaffen. Sie könnte es sich verschaffen. Nach dem, was ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, ist es ganz unnütz, aus diesen Dingen ein Geheimnis machen zu wollen. Sie wissen, daß sie den alten Bounderby nicht ihret- oder seinetwegen, sondern meinetwegen geheiratet hat. Warum bemüht sie sich also nicht, meinetwegen das aus ihm herauszukriegen, was ich brauche? Sie ist nicht genötigt, anzugeben, was sie damit anfangen will. Sie ist gescheit genug. Sie könnte es leicht durch Liebkosungen von ihm erlangen, wenn sie nur wollte. Warum aber will sie nicht, wenn ich ihr sage, wie wichtig es für mich ist? Aber nein. Da sitzt sie wie ein Stein in seiner Gesellschaft, anstatt sich liebenswürdig zu zeigen und es leicht zu bekommen. Ich weiß nicht, was Sie davon halten, ich meinerseits halte es für ein unnatürliches Benehmen.«

Ein kleiner Teich befand sich dicht bei der Rasenbank und Mr. Harthouse empfand große Lust, Thomas Gradgrind jun. hineinzuschleudern, ähnlich, wie die beleidigten Männer von Coketown gedroht hatten, ihr Eigentum in den atlantischen Ozean zu schleudern. Er behielt jedoch seine leichte Stimmung bei, und nichts Solideres flog über die steinerne Balustrade, als die aufgehäuften Rosenknospen, die jetzt auf der Oberfläche, eine kleine Insel bildend, umherschwammen.

»Mein lieber Tom«, sagte Harthouse, »lassen Sie mich versuchen. Ihr Bankier zu sein.«

»Um Gottes willen«, rief Tom plötzlich aus, »sprechen Sie nicht von Bankier.« Dabei sah er im Kontraste zu den Rosen sehr bleich aus. Äußerst bleich.

Mr. Harthouse konnte als ein wohlerzogener Mann, der an die beste Gesellschaft gewöhnt war, nicht überrascht werden – er hätte ebenso leicht in Rührung geraten können – er erhob jedoch um ein weniges die Augenlider, als wären sie durch eine leise Berührung der Überraschung gelüpft worden. Trotzdem war es ebenso den Vorschriften seiner Schule, wie den Dogmen der Gradgrinds-Erziehung zuwider, sich zu wundern.

»Wieviel brauchen Sie jetzt, Tom? Drei Ziffern? Heraus damit. Nennen Sie den Betrag.«

»Mr. Harthouse«, entgegnete Tom, der jetzt wirklich weinte, wobei seine Tränen viel besser waren als seine Schmähungen, wie kläglich er auch immer dabei aussah. »Es ist zu spät. Das Geld ist für mich jetzt ganz nutzlos. Ich hätte es früher haben müssen, wenn es mir nützen sollte. Aber ich bin Ihnen sehr verbunden. Sie sind ein treuer Freund.«

Ein treuer Freund! »Bengel! Bengel!« dachte Harthouse träge. »Was du für ein Esel bist!«

»Ich betrachte Ihr Anerbieten als einen großen Freundschaftsdienst«, sagte Tom, indem er seine Hand ergriff. »Als einen besonderen Freundschaftsdienst, Mr. Harthouse.«

»Gut«, entgegnete der andere, »vielleicht kann ich Ihnen bald später einmal von Nutzen sein. Und wenn Sie, mein guter Freund, Ihre verwünschten Verlegenheiten mir mitteilen wollen, sobald sie Ihnen zu dick kommen, so dürfte ich Ihnen einen besseren Ausweg zeigen, als Sie selbst finden können.«

»Danke«, sagte Tom, trübselig den Kopf schüttelnd und Rosenknospen kauend. »Ich wollte, ich hätte Sie früher gekannt, Mr. Harthouse.«

»Nun, sehen Sie«, sagte Mr. Harthouse schließlich, indem er einige Rosen als Beitrag zu der Insel fortschleuderte, die immer zu der Mauer trieb, als wollte sie sich dem festen Land verbinden, »jedermann ist in allem, was er tut, eigennützig, und ich bin gerade so wie meine übrigen Nebenmenschen. Ich bin verzweifelt darauf erpicht«, dabei war die Schlaffheit seiner Verzweiflung vollkommen tropisch, »daß Sie Ihr Betragen gegen Ihre Schwester gefälligst bessern. Daß Sie künftig ein liebevollerer und angenehmerer Bruder seien – was Ihre Schuldigkeit ist.«

»Ich werde es tun, Mr. Harthouse.«

»Nichts geht über das Heute. Fangen Sie sogleich an.«

»Das werde ich gewiß, und meine Schwester Lu soll es selbst bezeugen.«

»Da wir nun diesen Handel abgeschlossen haben, Tom«, sagte Harthouse, indem er ihm abermals auf die Schulter in einer Weise klopfte, die es ihm freistellte, daraus zu folgern – wie der arme Tropf es auch tat – daß diese Bedingung ihm aus bloßer anspruchsloser Gutmütigkeit auferlegt worden, um ihm das Gefühl seines zu Dank Verpflichtetseins zu mindern, »so wollen wir uns bis zur Tischzeit trennen.«

Als Tom vor Essenszeit erschien, riß er sich zusammen, obgleich sein Gemüt noch gedrückt genug war – er war auch erschienen, ehe Mr. Bounderby eintrat. »Ich habe es nicht böse gemeint, Lu«, sagte er, indem er ihr die Hand reichte und sie küßte. »Ich weiß, du hast mich lieb, und du weißt, daß ich auch dich lieb habe.

Nach diesem Vorgang schwebte auf Luises Gesicht diesen ganzen Tag ein Lächeln für einen andern. Ach, für einen andern!

»Um so weniger ist der Bengel das einzige Geschöpf, an dem sie Anteil nimmt«, dachte James Harthouse, indem er jetzt das Gegenteil von dem dachte, was er beim ersten Anblick ihres hübschen Gesichtes gedacht hatte. »Um so weniger! Um so weniger!«

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der nächste Morgen war zu schön zum Schlafen, und James Harthouse stand früh auf und saß in einem schönen Bogenfenster seines Ankleidezimmers, den feinen Tabak rauchend, der einen so wohltätigen Einfluß auf seinen jungen Freund gehabt. Im Sonnenlicht ruhend, umgeben von den Wohlgerüchen seiner morgenländischen Pfeife, deren träumerischer Rauch in der von den Düften des Sommers erfüllten milden Luft verschwand, berechnete er seinen Vorteil, wie ein ruhiger Gewinner seinen Gewinn berechnen dürfte. Er war in diesem Augenblick gar nicht gelangweilt und konnte dieser Berechnung seine ganze Aufmerksamkeit schenken.

Er hatte ein Vertrauensverhältnis mit ihr hergestellt, von dem ihr Gatte ausgeschlossen war. Er hatte ein Vertrauensverhältnis mit ihr hergestellt, das sich ganz auf ihre Gleichgültigkeit gegen ihren Gatten und auf den gegenwärtigen und zu allen Zeiten bestehenden Mangel irgendwelcher Seelenverwandtschaft zwischen den Ehegatten begründete. Er hatte ihr fein aber deutlich erklärt, daß er ihr Herz in seinen geheimsten Falten kenne; er hatte sich ihr durch ihre schwache Seite der Liebe zum Bruder so sehr genähert: er hatte sich mit diesem Gefühl verbunden; und die Schranke, hinter der sie lebte, war gefallen. Alles sehr seltsam, aber sehr befriedigend.

Und dennoch hatte er, selbst jetzt nicht, eine ernstlich schlechte Absicht. Es wäre besser für das Zeitalter, in dem er lebte, wenn im öffentlichen und im Privatleben, er und die Legion, deren einer er war, absichtlich schlecht wären, anstatt indifferent und ziellos. Es sind die treibenden Eisberge, die sich, je nach der Strömung, irgendwo ansetzen, an denen die Schiffe scheitern.

Wenn der Teufel gleich einem brüllenden Löwen umhergeht, so geht er in einer Gestalt um, durch die nur einige wenige Wilde und Jäger angezogen werden. Aber wenn er, nach der Mode geschmückt, gefirnist und poliert ist, wenn er ermüdet vom Laster und ermüdet von der Tugend, abgenützt selbst gegen Leiden und abgenützt selbst gegen Freuden ist, dann ist er, ob er sich mit dem Servieren von Spirituosen oder mit dem Anfachen von Spirituellem abgibt, der wahre Teufel.

So lehnte James Harthouse, indolent rauchend, in dem Fenster und berechnete die Schritte, die er auf dem Wege getan, auf dem er sich zufällig bewegte. Das Ende, wohin er führte, war ihm ziemlich klar, aber er beunruhigte sich durch keinerlei Berechnungen desselben. Was kommen mußte, würde kommen. Da er an diesem Tage einen ziemlich langen Ritt zu machen hatte, – es galt nämlich eine öffentliche Versammlung in einiger Entfernung mitzumachen, wobei sich eine ziemlich gute Gelegenheit darbot, sich den Gradgrind-Parteimännern zu zeigen – so kleidete er sich früh an und ging zum Frühstück hinab. Er war begierig zu sehen, ob nicht, seit dem vorhergehenden Abend, ein Rückfall bei ihr stattgefunden. – Nein. – Er fuhr fort, wo er aufgehört hatte. Sie hatte wieder einen Blick der Teilnahme für ihn.

Er kam über diesen Tag so sehr (oder so wenig) zu seiner Befriedigung weg, wie man es unter so ermüdenden Umständen erwarten konnte, und kam gegen sechs Uhr nach Hause geritten. Es war eine Strecke von etwa einer halben Meile zwischen dem Torweg und dem Haus, und er ritt langsamen Schrittes über den weichen Sand dahin, der einst Nickit gehörte, als Mr. Bounderby mit solcher Heftigkeit aus dem Gebüsch hervorbrach, daß sein Pferd scheu über den Weg sprang.

»Harthouse«, schrie Bounderby, »haben Sie gehört?«

»Gehört, was?« sagte Harthouse, sein Pferd beruhigend und innerlich Herrn Bounderby nicht mit den besten Wünschen beehrend. »So haben Sie nicht gehört?«

»Ich habe Sie gehört, und das Tier hat dies auch getan. Sonst habe ich nichts gehört.«

Mr. Bounderby, rot und erhitzt, pflanzte sich in der Mitte des Weges vor des Pferdes Kopf auf, um seine Bombe mit mehr Erfolg platzen zu lassen.

»Die Bank ist ausgeplündert.«

»Sie sprechen nicht im Ernst.«

»Vergangene Nacht ausgeplündert, Sir. In außerordentlicher Weise ausgeraubt. Mit einem falschen Schlüssel ausgeraubt.«

»Um viel?«

Mr. Bounderby schien bei seinem Wunsch, soviel wie möglich daraus zu machen, wirklich betrübt, zu einer Auskunft genötigt zu sein. »Nein, nicht um sehr viel. – Aber es hätte viel sein können.«

»Um wieviel?«

»O, was die Summe betrifft, – wenn Sie auf der Summe bestehen, so ist’s nicht mehr als hundertundfünfzig Pfund«, sagte Bounderby ungeduldig. »Aber es handelt sich nicht um die Summe, es handelt sich um das Faktum, um die Tatsache, daß die Bank ausgeraubt worden, das ist der wichtige Umstand. Ich bin erstaunt, daß Sie das nicht einsehen.«

»Mein lieber Bounderby«, sagte James, absteigend und den Zaum seinem Diener gebend, »ich sehe ein und bin so bestürzt, wie Sie es nur immer wünschen können, durch das, was ich hören muß. Trotzdem hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen Glück zu wünschen, und ich tue es von ganzem Herzen, daß sie keinen größeren Verlust erlitten haben.«

»Danke«, sagte Bounderby kurz und unfreundlich. »Aber ich will Ihnen nur sagen, es hätten zwanzigtausend Pfund sein können.«

»Ich vermute, es hätte so sein können.«

»Vermuten es? Bei Gott, Sie mögen es vermuten. Zum Donnerwetter!« sagte Mr. Bounderby, mit ständigem drohendem Nicken und Schütteln seines Kopfes. »Man kann nicht wissen, was es hätte sein können, oder was es nicht hätte sein können, da es nur soviel war, weil die Kerle gestört wurden.«

Luise, Mrs. Sparsit und Bitzer waren währenddem hinzugekommen.

»Hier ist Tom Gradgrinds Tochter, sie weiß ziemlich gut, was es hätte sein können, wenn Sie es nicht wissen«, polterte Mr. Bounderby. »Sie sank um, Sir, wie von einer Kugel getroffen, als ich’s ihr sagte. Habe sie vorher nie so gesehen. Macht ihr Ehre unter den Umständen in meiner Meinung.«

Sie sah immer noch schwach und blaß aus. James Harthouse bat sie, seinen Arm zu nehmen, und fragte, als sie langsam weitergingen, wie der Diebstahl sich zugetragen.

»Nun, ich will es Ihnen erzählen«, sagte Mr. Bounderby, gereizt Mrs. Sparsit seinen Arm anbietend. »Wenn Sie nicht so außerordentlich auf die Summe versessen gewesen wären, so würde ich damit angefangen haben, es Ihnen vorhin zu erzählen. Sir kennen diese Lady (denn es ist eine Lady) Mrs. Sparsit?«

»Ich habe schon die Ehre gehabt.«

»Gut denn, und diesen jungen Mann, Bitzer, Sie sahen ihn bei der gleichen Gelegenheit?« Mr. Harthouse neigte sein Haupt bejahend, und Bitzer duckte seine Stirne.

»Gut denn, beide wohnen in der Bank. Sie wissen vielleicht, daß sie in der Bank wohnen? Also gut. Gestern nachmittag, beim Schluß der Geschäftsstunden, wurde alles wie gewöhnlich beiseite geschafft. In dem eisernen Gemach, vor dem dieser junge Bursche schläft, war – es ist einerlei, wieviel. In der kleinen Kasse, in des jungen Toms Kabinet, der Kasse, die für Kleinigkeiten benützt wird, waren hundert und einige fünfzig Pfund.«

»Hundertvierundfünfzig Pfund, sieben Schilling, ein Penny«, sagte Bitzer.

»Laß das gut sein«, entgegnete Bounderby, sich wie ein Rad zu ihm umdrehend, »lasse uns keine deiner Unterbrechungen hören. Es ist genug, bestohlen zu werden, während du schnarchst, weil du zu bequem bist, ohne daß man noch mit deinen vier Pfund, sieben Schilling und ein Pence behelligt wird. Ich schnarchte nicht, als ich in deinem Alter war, das kann ich dir sagen. Ich hatte nicht Lebensmittel genug, um zu schnarchen. Und ich sagte nicht vier, sieben, eins. Nicht daß ich’s wüßte!«

Bitzer duckte wieder seine Stirn in der kriechenden Art und schien augenblicklich von dem Beispiel, das Mr. Bounderby zuletzt von seiner moralischen Enthaltsamkeit angeführt, eine eindrückliche und niederdrückende Wirkung zu empfinden.

»Hundertfünfzig und einige Pfunde«, fuhr Bounderby fort. »Diese Summe schloß der junge Thomas in seine Kasse, keine sehr starke Kasse, aber das ist jetzt von keinem Belang. Alles befand sich in guter Ordnung. In der Nacht, während der Bursche schnarchte – Mrs. Sparsit, Ma’am, Sie sagen, Sie haben ihn schnarchen hören?«

»Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, »ich kann nicht sagen, daß ich ihn gerade habe schnarchen hören, und vermag deshalb nicht diese Behauptung aufzustellen. Aber an Winterabenden, wenn er an seinem Tisch eingeschlafen war, habe ich es, was ich als engbrüstiges Atmen am liebsten bezeichnen möchte, bei ihm wahrgenommen. Ich habe ihn bei solchen Gelegenheiten Töne hervorbringen hören, ähnlich denen, die man manchmal bei holländischen Uhren vernimmt. – Nicht«, sagte Mrs. Sparsit, im stolzen Bewußtsein, ein wahrhaft getreues Zeugnis abzulegen, »als ob ich irgendeinen Tadel gegen seinen moralischen Charakter vorbringen wollte. Im Gegenteil. Ich habe Bitzer immer für einen jungen Mann von den biedersten Grundsätzen gehalten, und in dieser Weise bitte ich Sie mein Zeugnis aufzufassen.«

»Gut«, sagte der erbitterte Bounderby, »während er schnarchte oder erstickte, oder wie eine holländische Uhr schnarrte, oder das eine oder das andere tat, während er schlief, kamen irgendwie einige Kerle herbei – ob vorher im Hause versteckt oder nicht, wissen wir nicht – sie fielen über des jungen Toms Kasse her, erbrachen sie und entwendeten ihren Inhalt. Da sie hierbei gestört wurden, machten sie sich davon; sie gingen zur Haupttür hinaus, und verschlossen sie doppelt. Die Tür war nämlich doppelt verschlossen gewesen, und der Schlüssel unter Mrs. Sparsits Kissen. Also sie verschlossen mit einem falschen Schlüssel, der heute gegen zwölf Uhr in der Nähe der Bank auf der Straße gefunden worden. Kein Alarm findet statt, bis dieser Mensch, Bitzer, heute morgen aufsteht, um die Kontore für das Geschäft zu öffnen und in Ordnung zu bringen. Als er dabei nach Toms Kasse sah, fand er die Tür offen, das Schloß erbrochen und das Geld fort.«

»Wo ist Tom eigentlich?« fragte Harthouse, um sich schauend.

»Er hat der Polizei geholfen und ist länger in der Bank geblieben. Ich wollte, diese Kerle hätten versucht, mich zu berauben, als ich in seinem Alter war. Sie hätten dabei Verluste gehabt, und wenn sie auch nur achtzehn Pence für die Sache ausgelegt hätten. Das kann ich Sie versichern.«

»Hat man Verdacht auf jemanden?«

»Verdacht?« Ich sollte meinen, daß man Verdacht auf jemanden hat, zum Donnerwetter!« sagte Bounderby, Mrs. Sparsits Arm loslassend, um seinen erhitzten Kopf abzutrocknen. »Josiah Bounderby von Coketown wird nicht ausgeplündert, ohne daß man Verdacht auf jemanden hat. – Nein, danke Ihnen schönstens.«

»Dürfte Mr. Harthouse wohl fragen, wer verdächtig ist?«

»Nun«, sagte Bounderby stillstehend und sich so stellend, daß er sie alle sich gegenüber hatte, »es soll nirgends davon gesprochen werden, damit die in Frage stehenden Schurken (es ist eine ganze Bande) nicht gewarnt werden, auf ihrer Hut zu sein. So hören Sie dies im Vertrauen. Nun, warten Sie ein wenig.« Mr. Bounderby trocknete seinen Kopf von neuem. »Was würden Sie sagen, wenn es« – heftig losplatzend – »eine ›Hand‹ wäre?«

»Ich hoffe«, sagte Harthouse lässig, »nicht unser Freund Blackpot?«

»Sagen Sie Pool anstatt Pot«, erwiderte Bounderby, »und Sie haben den Mann.«

Luise äußerte leise einige Worte des Zweifels und des Erstaunens.

»O ja, ich weiß«, sagte Bounderby, augenblicklich den Ton auffangend. »Ich weiß, ich bin daran gewöhnt. Ich weiß alles darüber. Sie sind das schlaueste Volk von der Welt, diese Gesellen. Sie haben die Gabe der Rede, das haben sie. Sie wollen nur ihr Recht erklärt haben, das wollen sie. Aber ich will Ihnen etwa« sagen. Zeigen Sie mir eine unzufriedene ›Hand‹ und ich will Ihnen einen Mann zeigen, der zu allem erdenkbar Schlechtem fähig ist.«

Eine neue von den beliebten Fabeln über die Coketowner, die auszusprengen man sich einige Mühe genommen, und die bei einigen Personen wirklich Glauben fand.

»Aber ich kenne diese Gesellen«, sagte Bounderby, »ich kann in ihnen lesen, wie in Büchern, Mrs. Sparsit, Ma’am, ich berufe mich auf Sie. Welche Warnung gab ich diesem Gesellen, als er das erstemal seinen Fuß in das Haus setzte, und der ausgesprochene Grund seines Besuches war zu wissen, wie er die Religion niederschlagen und die bestehende Kirche über den Haufen werfen könne? Mrs. Sparsit, in bezug auf vornehme Verwandtschaft, stehen Sie auf einer Höhe mit der Aristokratie – sagte ich, oder sagte ich nicht zu diesen Gesellen, Ihr könnt die Wahrheit nicht vor mir verbergen. Ihr seid nicht von dem Schlage, den ich leiden mag! Ihr werdet zu nichts Gutem kommen?«

»Gewiß, Herr«, erwiderte Mrs. Sparsit, »das taten Sie. Sie gaben ihm diese Warnung in einer sehr eindringlichen Weise.«

»Als er Sie beleidigte, Ma’am«, sagte Bounderby, »als er Ihre Gefühle verletzte?«

»Ja, Herr«, erwiderte Mrs. Sparsit, mit einem demütigen Kopfschütteln, »er tat dies wirklich. Obgleich ich nicht sagen will, daß meine Gefühle in solchen Punkten vielleicht empfindlicher, törichter wären – wenn dieser Ausdruck vorgezogen werden sollte – als sie sonst sein würden – wenn ich mich stets in meiner gegenwärtigen Lage befunden hätte.«

Mr. Bounderby starrte Mr. Harthouse mit emporsprudelndem Stolz an, der so viel sagen wollte als: »Ich bin der Eigentümer dieser Frau, und mich dünkt, sie ist deiner Beachtung würdig«, worauf er wieder in dem Gespräch fortfuhr.

»Sie können sich wohl erinnern, Harthouse, was ich dem Mann sagte, als Sie ihn sahen. Ich machte mit ihm keine Umstände. Ich mache keine Geschichten mit diesen Leuten, ich kenne sie sehr gut, Sir. Drei Tage darauf riß er aus, ging fort. Niemand weiß wohin, wie es mein Mutter mit mir in der Kindheit machte, nur mit dem Unterschiede, daß er womöglich noch ein schlechteres Subjekt ist, als meine Mutter. Was tat er, ehe er fortging? Was sagen Sie dazu«. Mr. Bounderby, der den Hut in der Hand hielt, gab bei jedem kleinen Absätze seiner Worte einen Schlag auf den Deckel, als wäre derselbe ein Tambourin, »daß er – Nacht für Nacht – bei der Bank herumstreichend gesehen worden? – daß er dort – nach Dunkelwerden – umherschlich? – daß Mrs. Sparsit auf den Gedanken kam, daß er nichts Gutes im Sinne haben müsse – daß sie Bitzers Aufmerksamkeit auf ihn lenkte – daß sie beide Notiz von ihm nahmen – daß es sich heute auf Erkundigungen ergeben, er sei gleichfalls von der Nachbarschaft bemerkt worden?« – Nachdem Mr. Bounderby zu dieser Steigerung gelangt war, setzte er sich, gleich einem Tänzer des Orients, das Tambourin auf.

»Verdächtig«, sagte James Harthouse, »sicherlich.«

»Das will ich meinen, aber es sind noch mehrere von ihnen im Spiele. Auch eine alte Frau ist dabei. Man hört nie von diesen Dingen, bis das Unglück geschehen ist. Erst wenn das Pferd gestohlen worden, findet man allerhand Fehler an der Stalltür. Jetzt taucht ein altes Weib auf. Eine Alte, die zuweilen auf einem Besenstiel nach der Stadt geflogen zu sein scheint. Sie besichtigt die Bank während eines ganzen Tages, ehe der Kerl beginnt, und an dem Abend, wo man ihn sah, schleicht sie sich mit ihm davon, pflegt mit ihm Rat – wahrscheinlich um ihm zu berichten von dem, was sie beobachtet hat, die verdammte Alte.«

»An jenem Abend fand sich eine solche Person im Zimmer, und sie scheute sich, bemerkt zu werden«, dachte Luise.

»Das sind noch nicht alle, von denen wir wissen«, sagte Bounderby, den Kopf mehrere Male bedeutungsvoll schüttelnd. »Aber ich habe für jetzt genug gesagt. Haben Sie nur die Güte, die Sache geheim zu halten und sie vor niemandem zu erwähnen. Es mag noch einige Zeit dauern, aber wir werden sie schon kriegen. Man muß ihnen klugerweise erst freien Spielraum lassen, und dagegen ist nichts einzuwenden.«

»Sie werden natürlich nach der äußersten Strenge des Gesetze bestraft werden«, entgegnete James Harthouse, »und es geschieht ihnen schon recht. Kerle, die auf Bankraub ausgehen, müssen sich schon die Folgen gefallen lassen. Wenn es keine Folgen gäbe, so würden wir alle auf Bankraub ausgehen.« – Er hatte in sanfter Weise Luisen den Sonnenschirm aus der Hand genommen und öffnete ihn für sie. Sie ging unter seinem Schatten dahin, obgleich die Sonne auf dieser Seite nicht schien.

»Für den Augenblick, Lu Bounderby«, sagte ihr Mann, »muß Mrs. Sparsit gepflegt werden. Mrs. Sparsits Nerven sind durch diese Geschichte angegriffen worden, und sie wird sich hier einen oder zwei Tage aufhalten. Richte es ihr daher bequem ein.«

Danke Ihnen sehr, Sir«, bemerkte diese bescheidene Lady, »aber bitte, halten Sie meine Bequemlichkeit nicht der Beachtung wert. Für mich wird alles gut sein.«

Es ergab sich bald, daß wenn Mrs. Sparsit in diesem Hause unbequem wurde – so war es bloß deshalb, weil sie um sich selbst gänzlich unbekümmert war, und um andere sich so sehr bekümmerte, daß es lästig werden mußte. Als man sie auf ihr Zimmer führte, war sie über dessen Komfort so ergriffen, daß sie zu der Annahme berechtigte, sie hätte die Nacht über lieber im Waschhause auf der Rolle geschlafen. »Es ist wahr, daß die Powlers und Scadgers an Pracht gewohnt waren, – aber es ist meine Pflicht, mich zu erinnern«, pflegte sie gerne mit stolzer Anmut zu bemerken – besonders wenn jemand von der Dienerschaft gegenwärtig war – »daß ich nicht mehr bin, was ich gewesen. In der Tat«, sagte sie, »wenn ich ganz und gar die Erinnerung ausmerzen könnte, daß Mrs. Sparsit eine Powler war, oder daß ich selbst mit der Scadgers-Familie in Verwandtschaft stehe – oder wenn ich selbst dies Faktum zunichte machen und mich in eine Person von niedriger Herkunft und gewöhnlichen Verbindungen verwandeln könnte, so würde ich es gerne tun. Ich würde es unter den obwaltenden Umständen für recht halten, so zu handeln.« – Derselbe asketische Geisteszustand veranlaßte sie auch auf besonders lecker bereitete vornehme Gerichte und Wein bei Tisch zu verzichten, bis Mr. Bounderby ihr geradezu gebot, diese Dinge anzunehmen, wobei sie sagte: »Sie sind wirklich sehr gütig, Sir.« Dann gab sie den Entschluß auf, den sie formell und offiziell verkündigt hatte, auf einfaches Hammelfleisch warten zu wollen. Sie war ebenfalls voll Entschuldigungen, wenn sie Salz gerührt haben wollte, und da sie die angenehme Verpflichtung fühlte, Mr. Bounderbys Hymnus auf ihre Nervenschwäche in vollem Maße zu bestätigen, pflegte sie sich zuweilen in ihrem Stuhle zurückzulegen und im stillen zu weinen. Dabei konnte man eine höchst umfangreiche Träne, groß wie ein kristallener Ohrring, sehen, oder vielmehr man mußte den Tränentropfen sehen (denn sie bestand auf öffentliche Aufmerksamkeit), wie er ihre römische Nase hinabglitt.

Mrs. Sparsits Hauptstärke bestand jedoch in ihrem Entschluß, Mr. Bounderby zu bedauern. Es gab Momente, wo sie ihn betrachtete und zugleich den Kopf in einer Weise schüttelte, als wollte sie sagen: »Ach, armer Yorick!« Nachdem sie also ihre Rührung verraten hatte, zwang sie sich zu flüchtiger Heiterkeit, ward plötzlich munter und sagte: »Sie sind immer noch heiterer Laune, Sir, Gott sei Dank!« Sie schien es als wahren Segen zu betrachten, daß Mr. Bounderby so gelassen sein Joch ertrug. Eine Merkwürdigkeit, für die sie sich öfters entschuldigte, konnte sie außerordentlich schwer besiegen; sie hatte einen besonderen Hang, Mrs. Bounderby Miß Gradgrind zu heißen, und gab demselben während des Abends einige Dutzend Male nach.

Jedesmal, wenn ihr der Irrtum passierte, hüllte sie sich in bescheidene Verwirrung, – aber wirklich, sagte sie, es scheine ihr so natürlich, Miß Gradgrind zu sagen, während sie’s beinahe für unmöglich hielt, sich zu überreden, daß die junge Lady, die sie das Glück hatte von Kindheit an zu kennen, in der Tat und Wirklichkeit Mrs. Bounderby sei. Eine weitere Eigenheit in dieser merkwürdigen Sache war, daß es ihr, je mehr sie darüber nachdachte, desto unmöglicher erschien, da ihre Verschiedenheiten, wie sie bemerkte, zu groß seien. –

Nach dem Essen stellte Mr. Bounderby im Gesellschaftszimmer über den Diebstahl eine gerichtliche Untersuchung an, verhörte die Zeugen, notierte ihre Aussagen, fand die verdächtigten Personen schuldig und verurteilte sie zur äußersten gesetzlichen Strafe. Nachdem dies vorüber war, wurde Bitzer in die Stadt geschickt, um Tom zu bestellen, er möge mit dem Postzug nach Hause kommen.

Als Lichter gebracht wurden, murmelte Mrs. Sparsit: »Seien Sie nicht niedergeschlagen, Sir! Gönnen Sie mir die Freude, Sie fröhlich zu sehen, wie ich es gewohnt bin.« Mr. Bounderby, auf den diese Trostworte derart wirkten, daß er in ochsige, abgeschmackte Sentimentalität verfiel – seufzte wie ein Seeungeheuer. – »Ich kann es nicht ertragen, Sie so zu sehen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »versuchen Sie eine Partei Back-Gammon,11 Sir, wie Sie es zu tun pflegten, als ich noch die Ehre hatte, unter Ihrem Dache zu leben.«

»Ich habe seit jener Zeit kein Back-Gammon gespielt«, sagte Mr. Bounderby.

»Nicht, Sir?« sagte Mrs. Sparsit gütig, »ich weiß, daß Sie es nicht getan. Ich weiß, daß Miß Gradgrind für dieses Spiel kein Interesse hat. Ich werde mich aber glücklich schätzen, wenn Sie sich herbeilassen wollten.«

Sie spielten in der Nähe eines Fensters, das auf den Garten ging. Es war eine schöne Nacht – nicht mondhell, aber warm und duftig. Luise und Mr. Harthouse schlenderten in dem Garten, von wo man ihre Stimmen, jedoch nicht ihre Worte vernehmen konnte. Mrs. Sparsit strengte von ihrem Platze bei dem Back-Gammon-Brett aus dauernd die Augen an, um draußen die Schatten zu durchdringen.

»Was gibt’s, Ma’am?« fragte Mr. Bounderby. »Sie sehen doch wohl kein Feuer?«

»O, du lieber Himmel, nein! Sir!« entgegnete Mrs. Sparsit, »ich dachte bloß an den Tau.«

»Was geht Sie der Tau an, Ma’am?« fragte Mr. Bounderby.

»Es ist nicht meinetwegen«, entgegnete Mrs. Sparsit, »ich fürchte bloß, Miß Gradgrind werde sich erkälten.«

»Sie erkältet sich niemals«, sagte Mr. Bounderby.

»Wirklich, Sir?« fragte Mr«. Sparsit, und hatte darauf einen Anfall von Husten.

Als die Zeit zum Schlafengehen heranrückte, trank Mr. Bounderby ein Glas Wasser.

»O, Sir«, rief Mrs. Sparsit, »keinen warmen Sherry mit Zitronenschale und Muskatnuß?«

»Nun, ich bin jetzt aus der Gewohnheit herausgekommen, das vor dem Schlafengehen zu nehmen«, sagte Mr. Bounderby.

»Um so mehr ist es zu bedauern«, sagte Mrs. Sparsit. »Sie entwöhnen sich all‘ ihrer guten Gewohnheiten. Seien Sie nicht so asketisch, Sir! Wenn Miß Gradgrind es mir gestattet, will ich gern den Trank für Sie bereiten, wie ich es oft getan.«

Da Miß Gradgrind bereit war, Mrs. Sparsit gern alles zu gestatten, was sie nur tun wollte, so bereitete diese aufmerksame Lady das Getränk und reichte es Mr. Bounderby. »Das wird Ihnen gut bekommen, Sir. Es wird Ihnen das Herz erwärmen. E« ist gerade das, was Sie brauchen und nehmen sollen, Sir.«

Und als Mr. Bounderby sagte: »Ihre Gesundheit, Ma’am!« antwortete sie mit tiefem Gefühl: »Danke Ihnen, Sir! Ihnen ein gleiches und viel Glück!« Endlich wünschte sie ihm mit vielem Pathos gute Nacht. Und Mr. Bounderby ging zu Bett mit der benebelten Überzeugung, daß er in einer zarten Angelegenheit benachteiligt worden, obgleich er für sein Leben nicht hätte sagen können, um was es sich eigentlich handle.

Lange nachdem Luise sich entkleidet und niedergelegt hatte, wachte und wartete sie auf die Rückkehr ihres Bruders. Diese konnte erst, das wußte sie wohl, eine Stunde nach Mitternacht stattfinden – in der ländlichen Stille jedoch, die die Aufregung ihrer Gedanken durchaus nicht beruhigen konnte, schlich die Zeit langsam dahin. Als endlich die Dunkelheit und Stille stundenlang sich gegenseitig zu vergrößern schienen, hörte sie die Hausglocke. Es war ihr, als hätte sie es mit Vergnügen hören können, wenn diese bis Tagesanbruch fortschellte. Sie hörte aber auf, und das Erklingen des letzten Tones verbreitete sich schwach und weit in der Luft, worauf alles wieder totenstill ward.

Sie wartete nach ihrer Berechnung noch eine Viertelstunde. Dann erhob sie sich, warf ein weites Kleid um, verließ im Dunkeln ihr Zimmer und begab sich die Treppe hinauf zu dem ihres Bruders. Da die Tür des Zimmers zugemacht war, öffnete sie diese leise und sprach zu ihm, während sie sich seinem Bett mit geräuschlosem Schritt näherte.

Sie kniete neben dem Bett nieder, schlang den Arm um seinen Nacken und zog sein Gesicht an das ihrige. Sie wußte, er stellte sich bloß, als ob er schliefe, sagte aber nichts darüber.

Er fuhr bald darauf empor, als wäre er eben erwacht, fragte, wer es sei und was es gäbe?

»Tom, hast du mir etwas zu sagen? Wenn du mich je in deinem Leben lieb hattest und du etwas hast, das du vor allen übrigen verbirgst, so sage es mir.«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Lu. Du mußt geträumt haben.«

»Mein teurer Bruder!« Sie legte ihren Kopf auf sein Kopfkissen nieder, und ihr Haar wallte über ihn, als ob sie ihn vor allen andern verbergen wollte. »Hast du mir denn gar nichts zu sagen? Gibt es nichts, das du mir sagen könntest, wenn du wolltest? Du kannst mir nichts sagen, das mich gegen dich verändern könnte. O, Tom, sag‘ mir die Wahrheit!«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Lu!«

»Wie du, mein teurer Bruder, hier in der dunklen Nacht allein liegst, so wirst du einst irgendwo allein liegen, wo selbst ich, wenn ich noch am Leben sein sollte, dich werde verlassen haben. Wie ich hier bei dir bin, barfuß, entkleidet, unerkennbar in der Dunkelheit, so werde ich liegen müssen während der ganzen Nacht meiner Verwesung, bis ich zu Staub geworden. Im Namen jener Zeit, Tom, sage mir nun die Wahrheit!«

»Was willst du denn eigentlich wissen?«

»Du kannst gewiß sein«, – in der Gewalt der Liebe drückte sie ihn, einem Kinde gleich, an ihre Brust – »daß ich dir keinen Vorwurf machen werde. Du kannst gewiß sein, daß ich mitleidsvoll und treu gegen dich sein werde. Du kannst gewiß sein, daß ich dich um jeden Preis retten werde. O, Tom, hast du mir nichts zu sagen? Flüstere es ganz leis, sage bloß ›Ja‹, und ich werde dich verstehen.« Sie wandte ihr Ohr gegen seine Lippen, er aber verharrte in mürrischem Schweigen.

»Nicht ein Wort, Tom?«

»Wie kann ich ›Ja‹, oder wie kann ich ›Nein‹ sagen, wenn ich nicht weiß, was du meinst? Lu, du bist ein liebes, gutes Mädchen, und wie ich zu glauben anfange, eines besseren Bruders würdig. Ich habe aber nichts mehr zu sagen, geh‘ schlafen, geh‘ schlafen.«

»Du bist müde«, flüsterte sie gleich darauf, mehr in ihrer gewöhnlichen Weise.

»Ja, ich bin schrecklich müde.«

»Du hast heute so viel Unruh‘ und Mühe gehabt. Sind neue Entdeckungen gemacht worden?«

»Bloß die, von denen du schon gehört hast. Von – ihm.«

»Tom, hast du jemandem mitgeteilt, daß wir jene Leute besuchten, und daß wir die drei beisammensahen?«

»Nein. Hast du es mir nicht besonders aufgetragen, die Sache geheim zu halten, als du mich auffordertest, mit dir hinzugehen?«

»Ja.«

»Aber damals wußte ich nicht, was vorfallen würde.«

»Auch ich nicht. Wie könnt‘ ich auch?«

Er war mit dieser Antwort sehr rasch gegen sie.

»Sollte ich nach dem, was vorgefallen ist, sagen«, frug seine Schwester, die jetzt bei seinem Bette stand – sie hatte sich allmählich zurückgezogen und erhoben – »daß ich jenen Besuch machte, soll ich es sagen? muß ich es sagen?«

»Du lieber Himmel, Lu!« entgegnete ihr Bruder, »du bist nicht gewohnt, mich um Rat zu fragen. Sage, was dir beliebt. Wenn du es verschweigst, so will ich es auch verschweigen, wenn du es aufdeckst, so hat die Geschichte ein Ende.«

Es war für beide zu dunkel, das Gesicht des andern zu sehen. Jedes schien jedoch höchst aufmerksam zu sein und genau zu bedenken, was zu sprechen sei.

»Tom, glaubst du, daß der Mann, dem ich das Geld gab, bei diesem Verbrechen wirklich beteiligt ist?«

»Ich weiß nicht. Ich sehe es nicht ein, warum er es nicht sein sollte.«

»Er schien mir ein redlicher Mann.«

»Ein anderer mag dir ehrlos erscheinen, und ist es doch nicht.«

Eine Pause trat ein, denn er zögerte und hielt inne. »Kurz«, fuhr Tom fort, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte, »wenn du darauf zurückkommst, so bin ich vielleicht durchaus nicht in seiner Gunst gestanden, weil ich ihn vor die Tür rief, um ihm zu sagen, daß er sich glücklich schätzen mag, zu einem solchen guten Fund durch meine Schwester gelangt zu sein, und ich hoffe, er werde einen guten Gebrauch davon machen. Du wirst dich erinnern, ob ich ihn hinausrief oder nicht. Ich will nichts gegen den Mann sagen – er mag nach dem, was ich von ihm weiß, ein ehrlicher Kerl sein: ich will hoffen, er ist es.«

»War er durch deine Worte beleidigt?«

»Nein. Er nahm sie ziemlich gut auf. Er war höflich genug. Wo bist du, Lu?« Er richtete sich im Bett empor und küßte sie. »Gute Nacht, meine Liebe, gute Nacht!«

»Du hast mir nichts mehr zu sagen?«

»Nein. Was sollte ich sagen? Du willst doch nicht, daß ich dir eine Lüge sage?«

»Ich wollte nicht, du tätest es diese Nacht, Tom, vor allen andern Nächten deines Leben«, deren du, wie ich hoffe, noch viele und glücklichere haben wirst.«

»Ich danke dir, meine gute Lu. Ich bin so müde, daß es mich wirklich wundern sollte, wenn ich nicht alles Mögliche sage, um nur schlafen zu können. Geh‘ schlafen, geh‘ schlafen!«

Indem er sie abermals küßte, drehte er sich um, zog sich die Decke über den Kopf und lag so still, als ob jene Zeit schon gekommen wäre, bei der sie ihn beschworen. Sie stand ein wenig bei dem Bett still, ehe sie sich langsam zurückzog. An der Tür verweilte sie, blickte still zurück, nachdem sie dieselbe geöffnet hatte, und frug ihn, ob er sie gerufen. Aber er lag still, und sie schloß sachte die Tür und kehrte in ihr Zimmer zurück.

Der elende Junge blickte jetzt vorsichtig auf und sah, daß sie fort war, schlich aus dem Bett, schloß die Tür und warf sich wieder auf sein Lager, wobei er sich das Haar zerraufte, trotzig weinte, mit widerwilliger Liebe ihrer gedachte, sich selbst voll Haß aber unbußfertig verachtete, und ebenso haßerfüllt und zwecklos alles Gute in der ganzen Welt verachtete.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Indem sich Mrs. Sparsit ruhig verhielt, um die Spannkraft ihrer Nerven auf Mr. Bounderbys Ruhesitz wieder zu erlangen, paßte sie unter ihren Corolianischen Augenbrauen Tag und Nacht äußerst wachsam auf. Ihre Augen hätten wie ein Paar Leuchttürme an einer mit eisernen Reifen versehenen Küste, alle vorsichtigen Seeleute vor jenen kühnen Felsen ihrer römischen Nase und der düsteren und holperigen Region in ihrer Nachbarschaft warnen müssen, wenn ihr Benehmen nicht so sanft gewesen wäre. Man konnte schwerlich anderes glauben, als daß sie sich nur der Form wegen in der Nacht zurückzog, – so weit offen standen ihre klassischen Augen und so unmöglich schien es, daß ihre strenge Nase einem erschlaffenden Einfluß nachgeben könnte. Aber war doch ihre Weise zu sitzen, und ihre unbequemen, um nicht zu sagen kratzigen Handschuhe zu glätten, (sie waren nach dem kühlenden Prinzip eines Fleischschranks gebaut) oder mit ihrem Fuß in dem Steigbügel von Baumwollgarn hinzubaumeln – so vollkommen harmlos, daß die meisten Beobachter sie für eine Taube hätten halten müssen. Für eine Taube, die durch eine Laune der Natur in den irdischen Körper eines Vogels von dem Habichtschnabelgeschlecht verkörpert worden.

Ihre Art, im Haus umherzustreifen, war höchst sonderbar. Wie sie von Stockwerk zu Stockwerk geriet, war ein unlösbares Rätsel. Eine Lady, die an und für sich selbst so anständig und so vornehm war, konnte nicht in den Verdacht geraten, über die Geländer zu setzen oder diese hinunterzugleiten, und dennoch mußte ihre außerordentliche Leichtigkeit in ihren Bewegungen auf diese kühne Idee führen. Ein zweiter bemerkenswerter Umstand bei Mrs. Sparsit war, daß sie nie in übermäßiger Eile erschien, sie schoß mit vollkommener Geschwindigkeit vom Dache zur Halle, und war, sobald sie unten anlangte, dennoch im vollen Besitze ihres Atems und ihrer Würde. Auch hatte kein menschliches Auge sie große Schritte machen sehen.

Sie benahm sich sehr freundlich gegen Mr. Harthouse und hatte bald nach ihrer Ankunft ein angenehmes Gespräch mit ihm. Sie machte ihm eines Morgens vor dem Frühstück in dem Garten ihre Staatsaufwartung.

»Es scheint mir, als wäre es erst gestern gewesen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »daß ich die Ehre hatte, Sie in der Bank zu empfangen. Damals wünschten Sie liebenswürdigerweise Mr. Bounderby’s Adresse zu erfahren.«

»Gewiß, ein Ereignis, das von mir im Verlauf der Zeiten nicht vergessen werden wird«, sagte Mr. Harthouse, indem er mit möglichster Lässigkeit den Kopf vor Mrs. Sparsit verneigte.

»Wir leben in einer sonderbaren Welt, Sir«, sagte Mr«. Sparsit.

»Durch eine Begegnung, auf die ich stolz bin, habe ich die Ehre gehabt, eine dem Sinn nach gleiche Beobachtung zu machen. Nur daß ich sie nicht, wie Sie, in so epigrammatischer Kürze ausdrücken kann.«

»In einer sonderbaren Welt, möchte ich sagen, Sir«, fuhr Mrs. Sparsit fort, nachdem sie für das Kompliment mit einer Neigung ihrer dunklen Augenbrauen gedankt, deren Ausdruck nicht ganz so mild war, wie ihre süßtönende Stimme. »Ich meine, eine sonderbare Welt hinsichtlich der Bekanntschaften, die wir zu einer Zeit mit Personen machen, die uns zu anderen Zeiten ganz unbekannt waren. Ich erinnere mich, Sir, daß Sie damals so weit gingen, zu gestehen, daß Sie vor Miß Gradgrind wirkliche Furcht hätten.«

»Ihr Gedächtnis erweist mir mehr Ehre, als mein unbedeutendes Wesen verdient. Ich machte von Ihren gefälligen Andeutungen Gebrauch, um meine Schüchternheit zu überwinden, und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Ihre Winke völlig richtig waren; Mrs. Sparsits Talent für – in der Tat für alles, was Genauigkeit bedarf, mit einer Kombination von Geistesstärke – und Familie – ist zu gewohnheitsmäßig entwickelt, um noch bezweifelt zu werden.«

Er war über diesem Kompliment beinahe eingeschlafen – so lange dauerte es, bis er sich durchwand; sein Geist war laß und abschweifend.

»Sie finden Miß Gradgrind – ich kann sie wirklich nicht Mrs. Bounderby nennen – das ist höchst dumm von mir – so jugendlich, wie ich sie beschrieben?« fragte Mrs. Sparsit in süßlichem Tone.

»Sie zeichneten ihr Porträt vollkommen«, sagte Mr. Harthouse, »stellten ihr leibhaftes Bild dar.«

»Sehr liebenswürdig, Sir?« fragte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Handschuhe langsam umeinander drehte.

»Ganz außerordentlich.«

»Man meinte immer«, sagte Mrs. Sparsit, »daß es Miß Gradgrind an Lebhaftigkeit fehle – aber ich gestehe, es scheint mir, als hätte sie in dieser Hinsicht höchst bedeutende und auffallende Fortschritte gemacht. – Ja, und in der Tat, hier kommt Mr. Bounderby!« rief Mrs. Sparsit, indem sie mit dem Kopfe vielmals nickte, als ob sie über niemand anders gesprochen oder gedacht hätte.

»Wie geht es Ihnen heute morgen, Sir? Bitte, zeigen Sie sich uns fröhlich, Sir.«

Diese beharrlichen Besänftigungen seines Elends und Erleichterungen seiner Bürde, fingen nun an, die Wirkung zu haben, daß Mr. Bounderby milder als je gegen Mrs. Sparsit und härter als gewöhnlich gegen alle übrigen, von seiner Frau abwärts, war. Als daher Mrs. Sparsit mit erzwungener Gemütsruhe bemerkte: »Sie warten auf Ihr Frühstück, Sir, – ich glaube jedoch, daß Miß Gradgrind sich bald einfinden wird, um bei Tisch die Hausfrau zu stellen«, antwortete Mr. Bounderby: »Wenn ich warten wollte, bis meine Frau sich um mich bekümmerte, Ma’am, so wissen Sie recht gut, daß ich dann wohl bis zum jüngsten Tag warten müßte. Ich möchte Sie daher bitten, den Tee zu servieren.«

Mrs. Sparsit fügte sich und nahm ihre einstige Position bei Tische ein. Auch hierbei zeigte sich die treffliche Frau höchst sentimental. Sie war bei alledem so demütig, daß sie sich erhob, als Luise erschien, und dabei beteuerte, jetzt wirklich nicht mehr an jenem Platz sitzen zu können, so oft sie auch die Ehre gehabt habe, Mr. Bounderby’s Frühstück zu bereiten – ehe Miß Gradgrind – sie bitte um Verzeihung – sie wollte sagen: Mrs. Bounderby – sie hoffe, man werde sie entschuldigen, aber sie könne sich wirklich noch nicht darein finden – obwohl sie die Hoffnung hege, bald daran gewöhnt zu sein – ihre gegenwärtige Stellung eingenommen hatte. Es geschah bloß (bemerkte sie) weil Miß Gradgrind sich ein wenig verspätete, und Mr. Bounderbys Zeit so kostbar sei. Sie wisse es von früher, wie wesentlich es für ihn sei, pünktlich zu frühstücken. Da habe sie sich die Freiheit genommen, seinem Ersuchen zu willfahren; denn sein Wille wäre seit langem für sie Gesetz.

»Bleiben Sie nur, wo Sie sind, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby; bleiben Sie nur, wo Sie sind. Ich glaube, Mrs. Bounderby wird sich freuen, der Mühe überhoben zu sein.«

»Sagen Sie das nicht, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit beinahe mit Strenge, »denn das klingt sehr ungütig für Mrs. Bounderby; und ungütig sein, sieht Ihnen nicht gleich.«

»Sie können sich beruhigen, Ma’am. Du kannst es doch ruhig mit ansehen, nicht wahr, Lu?« sagte Mr. Bounderby in polternder Weise zu seiner Frau.

»Natürlich, die Sache hat keine Bedeutung, warum sollte sie für mich von Wichtigkeit sein?«

»Warum sollte sie überhaupt für jemand von Wichtigkeit sein, Mrs. Sparsit, Ma’am?« sagte Mr. Bounderby mit aufgeblasener Verachtung. »Sie legen diesen Dingen zu viel Wichtigkeit bei, Ma’am, zum Donnerwetter! Manche Ihrer Begriffe werden hier zurechtgewiesen werden. Sie sind noch altmodisch, Ma’am, Sie sind hinter der Zeit von Gradgrinds Kindern zurück.«

»Was fehlt Ihnen?« fragte Luise mit kaltblütigem Erstaunen. »Was hat Sie beleidigt?«

»Beleidigt?« wiederholte Bounderby. »Glauben Sie, wenn ich beleidigt worden wäre, ich würde dazu schweigen und nicht darauf dringen, daß es gutgemacht würde? Ich bin, wie ich glaube, ein gerader Mann, ich brauche nicht auf Nebenwegen zu schleichen.«

»Ich glaube, niemand ist je veranlaßt worden, Sie für zu schüchtern oder zu zartfühlend zu halten«, antwortete ihm Luise gefaßt. »Ich habe Ihnen nie diesen Vorwurf gemacht, weder als Kind, noch als Frau. Ich begreife nicht, was Sie haben wollen.«

»Haben?« erwiderte Mr. Bounderby, »nichts. Weißt du, Lu Bounderby, denn nicht recht gut, daß ich, Josiah Bounderby von Coketown, es sonst auch haben würde?«

Sie sah ihn, wie er auf den Tisch schlug und die Teetassen klirren machte, mit flammender Nöte im Gesichte an, die nach der Meinung von Mr. Harthouse eine neue Nuance seines Wesens war.

»Sie sind heute morgen unbegreiflich«, sagte Luise, »bitte bemühen Sie sich nicht weiter, sich zu erklären, ich bin nicht neugierig, Ihre Meinung zu wissen. Was ist daran gelegen?«

Es wurde über diesen Gegenstand nichts weiter gesprochen, und Mr. Harthouse unterhielt sich bald in lässiger Lustigkeit über gleichgültige Gegenstände. Von diesem Tage an wurden jedoch Luise und James Harthouse durch den Sparsit-Einfluß auf Mr. Bounderby enger aneinander geknüpft. Das verstärkte Luises gefährliche Entfremdung von ihrem Manne und das vertrauliche Verhältnis mit einem anderen gegen ihn. Sie war in dieses Verhältnis auf so seine Weise geraten, daß sie die Spuren, wie alles gekommen, trotz ihrer Versuche nicht aufzufinden vermochte. Ob sie es aber je versucht hatte oder nicht, lag in ihrem eigenen verschlossenen Herzen verborgen.

Mrs. Sparsit aber war von diesem Vorgang so sehr ergriffen, daß sie nach dem Frühstück Mr. Bounderby den Hut reichte und während ihres Alleinseins in der Halle ihm einen keuschen Kuß auf seine Hand drückte, indem sie murmelte: »Mein Wohltäter!« worauf sie sich von Schmerz überwältigt zurückzog. Dennoch bleibt nach dem Zeugnis dieser Geschichte folgendes eine unzweifelhafte Tatsache: fünf Minuten, nachdem er das Haus mit demselben Hut verlassen, schwang das Familienmitglied der Scadgers und Powlers den Handschuh ihrer rechten Hand gegen sein Porträt, schnitt eine verächtliche Grimasse gegen jenes Kunstwerk, und rief: »Geschieht dir schon recht, du Esel, und ich freue mich darüber!«

Mr. Bounderby war noch nicht lange fort, als Bitzer erschien. Bitzer war mit einem Sonderzug von Stone Lodge herabgekommen. Dieser Zug war pfeifend und rasselnd über die lange Schwibbogenlinie dahingefahren, die sich in jener wilden Gegend ehemaliger und jetziger Kohlengruben erhebt. Er brachte die eilige Botschaft für Luise, daß Mrs. Gradgrind sehr krank sei. Sie hatte sich, wie ihrer Tochter bekannt war, nie wohl befunden, seit den letzten Tagen jedoch hatte sie sehr abgenommen und war in der Nacht schwächer und schwächer geworden; jetzt war sie dem Tode so nahe, wie es ihre beschränkte Fähigkeit, in einem Zustand zu schweben, nur irgend gestattete, der den Schatten einer Absicht in sich schlösse, seiner ledig zu werden.

Begleitet von dem strohköpfigsten aller Laufburschen – einem geeigneten farblosen Portier an der Todespforte, wo Mrs. Gradgrind anklopfte – rasselte Luise nach Coketown, über die ehemaligen und jetzigen Kohlengruben hinweg, und wurde in den rauchgefüllten Rachen der Stadt hineingewirbelt. Sie überließ den Boten seinen eigenen Geschäften und fuhr ihrem elterlichen Hause zu.

Seit ihrer Verheiratung war sie selten dagewesen. Ihr Vater befand sich gewöhnlich bei seinem parlamentarischen Kehrichthaufen in London, sichtend und sichtend (ohne daß man ihn je viele kostbare Dinge aus dem Quarke herausfinden sah), und war sehr emsig in dem nationalen Schutt- und Müll-Abfuhrplatz beschäftigt. Ihre Mutter hätte es mehr als Störung betrachtet, wenn man sie besuchte, während sie auf dem Sofa ruhte. Als junge Person fühlte sich Luise ganz ungeschickt dazu; Cili hatte sich seit jener Nacht, wo des Landstreichers Kind die Augen zu Mr. Bounderbys künftiger Frau erhob, nie freundlich genähert. So hatte sie keine Veranlassung, zurückzugehen, und tat es auch selten.

Auch wurden keine schönen Eindrücke des Schauplatzes ihrer Kindheit in ihr rege, als sie sich jetzt dem Vaterhause näherte. Ihre Träume der Kindheit – ihre lustigen Märchen; ihre anmutigen, schönen, menschlichen, unmöglichen Freuden einer reichen Welt, an die einmal zu glauben so wohltuend ist, und so süß sich deren zu erinnern, wenn wir erwachsen sind! Denn dann wird die bescheidenste Erinnerung an jene Welt zur Stätte erbarmender Liebe im Herzen, wo Kinder eintreten dürfen, und mit ihren reinen Händen inmitten der steinigen Pfade dieses Lebens einen Garten pflegen; allwo, in vertrauensvoller Einfachheit, fern allem Welttreiben, sich öfter zu sonnen, für alle Adamskinder weit besser wäre – was wußte sie von alledem! Erinnerungen an eine Zeit, wo sie dem Wenigen, was sie wußte, auf dem Zauberpfade entgegengewandert war, auf dem Pfade des Lebens, das sie und Millionen unschuldiger Geschöpfe erhoffte. Jenes Kinderparadies, in dem man beim Erwachen des Verstandes im duftigen Licht der Phantasie zuerst den liebenden Gott sah, der sich vor anderen, gleich großen Gottheiten beugte: keinen grimmigen Götzen, grausam und kalt, der seine Opfer an Händen und Füßen fesselt und der als stumpfe dumpfe Masse geistlos ins Leere von so und soviel Pferdekräften umzurechnen ist – was für Teil hatte sie daran? – Ihre Erinnerungen an Elternhaus und Kindheit waren Erinnerungen an das Austrocknen jeder Quelle und jedes Brunnens in ihrem jungen Herzen, wie sie hervorströmten. Die goldenen Fluten befanden sich nicht dort. Sie flossen, um das Land fruchtbar zu machen, wo Trauben von Dornen und Feigen von Disteln eingesammelt werden.

Sie trat mit schwerem, verhärtetem Gram in das Hau und in das Zimmer ihrer Mutter. Seitdem sie das Elternhaus verlassen, hatte Cili neben der übrigen Familie gleichberechtigt gestanden. Cili saß neben ihrer Mutter, und ihre Schwester Jane, die jetzt zehn bis zwölf Jahre alt war, befand sich auch im Zimmer. Es kostete viel Mühe, ehe man es Mrs. Gradgrind begreiflich machen konnte, daß ihr ältestes Kind da sei. Sie sank zurück und stützte sich aus bloßer Gewohnheit auf ein Kissen, und das alles in ihrer frühern gewöhnlichen Stellung, die ein so hilfloses Geschöpf annehmen konnte. Sie hatte sich entschieden geweigert, sich zu Bett zu begeben, und zwar aus dem Grunde, daß, wenn sie es täte, die Sache kein Ende nehmen würde. Ihre schwache Stimme klang so entfernt aus ihrem Bündel Schals, und der Klang einer andern Stimme, die sie ansprach, schien so lange Zeit zu gebrauchen, bis sie an ihr Ohr gelangte, als hätte sie im Grund eines Brunnens gelegen.

Die arme Frau befand sich näher der Wahrheit als je, was viel heißen wollte. Als man ihr sagte, Mrs. Bounderby sei da, antwortete sie im Geiste des Widerspruchs, daß sie ihm nie diesen Namen gegeben, seit er Luise geheiratet; daß sie, unentschieden in der Wahl eines passenden Namens, ihn bloß J nannte; und daß sie jetzt von dieser Regel nicht abweichen könne, da sie keinen andern zur Verfügung habe. Luise hatte bei ihr einige Minuten gesessen und das Gesagte mehrfach wiederholt, ehe sie es klar begreifen konnte, wer es sei. Hierauf schien sie es auf einmal zu begreifen. »Gut denn, mein Kind«, sagte Mrs. Gradgrind, »ich hoffe, du bist ganz zufrieden. Dein Vater allein hat es getan. Er hat darauf bestanden. Er muß es wissen, warum.«

»Ich will von dir hören, Mutter, und nicht von mir.«

»Von mir willst du hören, mein Kind? das ist gewiß etwas Neues, wenn jemand von mir hören will; es geht mir durchaus nicht gut, Luise, sehr schwach und schwindelig.«

»Fühlst du Schmerz, liebe Mutter?«

»Ich glaube, es befindet sich ein Schmerz irgendwo im Zimmer«, sagte Mrs. Gradgrind, aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn habe.«

Nach diesen sonderbaren Worten lag sie einige Zeit still. Luise ergriff ihre Hand, konnte aber keinen Puls fühlen. Als sie die Mutter aber küßte, spürte sie einen leichten, dünnen Lebensfaden in unruhiger Bewegung.

»Du siehst deine Schwester sehr selten«, sagte Mrs. Gradgrind. »Sie wächst auf gleich dir, ich wünsche, daß du dich ihrer annimmst. Cili, bringe sie her.«

Sie ward herbeigeführt und stand da, ihre Schwester bei der Hand haltend. Luise hatte sie ihren Arm um Cilis Nacken schlingen gesehen, und sie fühlte den Unterschied dieser Annäherung.

»Siehst du die Ähnlichkeit, Luise?«

»Ja, Mutter, ich sollte denken, sie ist mir gleich, aber –«

»Nun? ich sage es ja immer, sagte Mrs. Gradgrind mit unerwarteter Raschheit. »Und das erinnert mich. – Ich habe etwas mit dir zu sprechen, mein Kind. Cili, mein gutes Mädchen, laß uns einen Augenblick allein.«

Luise hatte die Hand losgelassen, dachte, daß das Gesicht ihrer Schwester schöner und heiterer sei, als ihres je gewesen, – sah in diesem Gesicht nicht ohne ein aufkeimendes Gefühl der Bitterkeit selbst hier zu dieser Stunde etwas von Sanftheit des anderen Gesichtes in dem Zimmer, des Gesichtes mit den vertrauensvollen Augen, das durch das reiche dunkle Haar blässer erschien, als es durch Wachen und teilnehmenden Kummer geschah.

Mit ihrer Mutter allein gelassen, sah Luise, wie diese dalag, mit einer trüben Schläfrigkeit auf ihrem Gesicht, gleich jemandem, der widerstandslos auf einem weiten Wasser dahinschwimmt, damit zufrieden, den Strom hinuntergetragen zu werden. Sie führte den Schatten einer Hand abermals an ihre Lippen und weckte sie aus ihrer Ohnmacht.

»Du wolltest mit mir sprechen, Mutter.«

»Ei! Ja gewiß, mein Kind. Du weißt, dein Vater ist fast immer abwesend, und deshalb muß ich ihm darüber schreiben.«

»Worüber, Mutter? Beunruhige dich nicht; worüber denn?«

»Du wirst dich erinnern, mein Kind, daß, wenn ich irgend etwas über einen Gegenstand gesagt hatte, man mich nie damit gelten ließ, deshalb habe ich seit langer Zeit unterlassen, überhaupt etwas zu sagen.«

»Ich höre dich wohl, Mutter«, aber sie konnte nur dadurch, daß sie ihr Ohr neigte und gleichzeitig die Lippen betrachtete, wie sie sich bewegten, dergleichen schwache und abgebrochene Töne in zusammenhängende Verbindung bringen.

»Du hast sehr viel gelernt, Luise, und ebenso dein Bruder, allerhand Ologien,12 von morgens bis abends. Wenn es noch irgendeine Ologie gibt, die in diesem Haus nicht zersetzt worden ist, so kann ich nur davon sagen, ich hoffe, nie ihren Namen zu hören.«

»Ich kann dich hören, Mutter, wenn du nur Kraft hast, fortzufahren.« Das sagte sie, um sie vom Davonschwimmen abzuhalten.

»Aber es gibt etwas, durchaus keine Ologie – das dein Vater unterlassen oder vergessen hat, Luise. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe oft daran gedacht, wenn Cili neben mir dasaß, ich werde mich jetzt seines Namens nicht erinnern. Aber dein Vater kennt es, es macht mich unruhig, ich will ihm darüber schreiben, damit er um des Himmels willen ausfinde, was es ist. Gib mir eine Feder! Gib mir eine Feder!«

Selbst die Kraft der Unruhe war verschwunden, ausgenommen von dem armen Kopfe, der sich gerade von einer Seite auf die andere drehen konnte.

Sie bildete sich aber ein, daß ihre Bitte erfüllt worden, und daß die Feder, die sie nicht halten konnte, sich in ihrer Hand befinde. Es ist wenig daran gelegen, welche Gestalten wunderbaren Unsinns sie auf ihren Umschlagetüchern zu zeichnen begann. Die Hand hielt bald mitten in der Bewegung inne. Das Licht, das hinter dem schwachen Lampenschirm immer matt und dunkel gewesen, ging aus; und selbst Mrs. Gradgrind, die aus dem Schatten heraustrat, in dem der Mensch wandelt und vergebens sich abmüht, nahm die grauenhafte Feierlichkeit der Weisen und Patriarchen an.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Da Mrs. Sparsits Nerven nur sehr langsam ihre Spannkraft wiedererlangten, so blieb die würdige Frau mehrere Wochen auf Mr. Bounderbys Ruhesitz. Dort ergab sie sich, trotz ihrer Vorliebe für Einsamkeit, die auf dem schicklichen Bewußtsein ihres veränderten Standes beruhte, mit edler Stärke darein, sozusagen im Füllhorn des Überflusses zu leben und am Fett des Landes zu zehren. Während der ganzen Zeit dieser Zurückgezogenheit von der Bewachung der Bank, benahm sich Mrs. Sparsit als ein Muster von Standhaftigkeit, indem sie fortfuhr, Mr. Bounderby derart ins Gesicht zu bemitleiden, wie das nur selten einem Manne widerfährt, und zugleich sein Porträt »Esel« ins Gesicht zu heißen, mit der größten Bitterkeit und Verachtung.

Mr. Bounderby hatte es nun in sein explodierendes Wesen als Axiom aufgenommen, daß Mrs. Sparsit überlegen genug sei, um wahrzunehmen, wie er jenes allgemeine Kreuz in seiner Einsamkeit trage. Er hatte nur noch nicht herausgefunden, was er war. Ferner war ihm klar geworden, daß Luise sie nicht als ständigen Besuch haben möchte, wofern sich solcher Widerspruch überhaupt an sein, Bounderbys, Größe heranwagte; darum beschloß er erst recht, Mrs. Sparsit in seiner Umgebung zu behalten. Als daher ihre Nerven soweit gespannt waren, daß sie wieder Kalbsmilch in der Einsamkeit genießen konnte, sagte er zu ihr während des Mittagessens am Tage vor ihrer Abreise: »Ich will Ihnen was sagen, Ma’am. Sie müssen, solange es schönes Wetter gibt, am Samstag zu uns herkommen und bis Montag bleiben.« Worauf Mrs. Sparsit, in der Tat, obwohl nicht mohammedanischen Glaubens, erwiderte: »Hören ist gehorchen.«

Nun, Mrs. Sparsit war kein poetisches Weib, aber sie faßte doch eine Idee, die ins Reich allegorischer Phantasien gehörte. Sie beobachtete Luise sorgfältig und bewachte deren undurchdringliches Betragen beharrlich. Dadurch war ihre eigene Geistesschärfe gewetzt und geschliffen; sie hatte auf dem Weg der Inspiration sozusagen einen Schwung erhalten. Sie schuf also in ihrem Geist eine gewaltige Treppe, die in einen düstern Schlund von Schande und Verderben mündete; und diese Treppe sah sie von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde Luisen hinuntersteigen.

Es machte nun Mrs. Sparsits Lebensgeschäft aus, diese Treppe zu betrachten und Luise herabsteigen zu sehen; zuweilen langsam, zuweilen mehrere Staffeln mit einem Satze, zuweilen innehaltend, aber niemals umwendend. Wenn sie einmal umgewandt hätte, so würde Mrs. Sparsit aus Verdruß und Schmerz den Tod davon erlitten haben.

Sie war beharrlich heruntergestiegen, bis zu dem Tag, wo Mr. Bounderby die obenerwähnte wöchentliche Einladung ergehen ließ. Mrs. Sparsit war in guter Laune und geneigt, ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun bitte, Sir«, sagte sie, »wenn ich wagen darf, eine Frage über etwas zu stellen, über das Sie Stillschweigen beobachten – was wohl kühn von mir ist; denn ich weiß recht gut, daß Sie einen Grund haben für alles, was Sie tun – haben Sie hinsichtlich des Diebstahls Nachrichten erhalten?«

»Nein, Ma’am, nein, noch nicht! Unter den Umständen habe ich es noch nicht erwartet. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut, Ma’am.«

»Sehr wahr, Sir«, sagte Mrs. Sparsit kopfschüttelnd.

»Auch in einer Woche nicht, Ma’am.«

»Nein, in der Tat nicht«, entgegnete Mrs. Sparsit mit einem Anstrich von Wehmut.

»Auf ähnliche Weise«, sagte Bounderby, »kann ich auch warten, wie Sie wissen. Wenn Romulus und Remus warten konnten, kann Josiah Bounderby auch warten. Sie waren indessen in ihrer Jugend besser daran als ich. Sie hatten eine Wölfin zur Amme, ich hatte bloß eine Wölfin zur Großmutter, sie gab mir keine Milch, Ma’am, sie gab mir Prügel. Sie war in dieser Beziehung eine vollständige Alderney.

»Ach!« seufzte Mrs. Sparsit und schauderte.

»Nein, Ma’am«, fuhr Mr. Bounderby fort, »ich habe nichts weiter darüber gehört. Man ist aber damit beschäftigt, und der junge Tom, der im Geschäft jetzt ziemlich fleißig arbeitet – was etwas Neues bei ihm ist, er hat nicht meine Schule durchgemacht – ist dabei tätig. Mein Bescheid ist, sich bei dieser Sache ruhig zu verhalten und ihr den Anschein der Vergessenheit zu geben. Alles, was man tun will, muß geheim geschehen, und nichts darf durch irgendein Zeichen verraten werden, sonst sammelt sich gleich ein halbes Hundert von diesem Gelichter und hilft jenem Kerl zu entwischen, daß man seiner nicht mehr habhaft werde. Man verhalte sich nur ruhig, und die Diebe werden nach und nach Vertrauen fassen, worauf wir sie schon kriegen werden.«

»Sehr klug, in der Tat, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »sehr interessant. Die alte Frau, deren Sie Erwähnung getan, Sir –«

»Die alte Frau, deren ich erwähnte, Ma’am«, sagte Bounderby, die Sache kurz abmachend, da nichts dabei aufzuschneiden war, »ist noch nicht eingefangen worden. Aber sie kann Gift darauf nehmen, daß es geschehen wird, wenn das ihre Lasterseele beruhigt. Unterdessen, Ma’am, bin ich der Meinung, wenn Sie mich überhaupt um meine Meinung fragen, daß es desto besser ist, je weniger man davon spricht.«

Am gleichen Abend sah Mrs. Sparsit von dem Fenster ihres Zimmers aus, als sie vom Einpacken ausruhte, auf ihre große Treppe und sah Luise immer abwärts steigen.

Sie saß neben Mr. Harthouse in einer Gartenlaube in leises Gespräch vertieft. Er lehnte sich über sie, wie sie zusammen flüsterten, und sein Gesicht berührte beinahe ihr Haar. »Warum nicht ganz!« sagte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Falkenaugen aufs äußerste anstrengte. Mrs. Sparsit war zu entfernt, um ein Wort ihres Gesprächs zu vernehmen oder um auch nur zu wissen, daß sie leise sprachen, außer was sie nach dem Ausdruck ihrer Gebärden schloß; was sie aber sprachen, war folgendes:

»Sie erinnern sich des Mannes, Mr. Harthouse?«

»O, vollkommen!«

»Seines Gesichtes, seines Benehmens, und dessen, was er sagte?«

»Vollkommen! und er erschien mir auch als eine unendlich trübselige Person. Langweilig und prosaisch über die Maßen. Er war sehr gewandt darin, in der demütig-tugendhaften Schule der Beredsamkeit einem voranzuleuchten. Ich kann Sie indessen versichern, daß ich gleich damals dachte: mein lieber Mann, Sie übertreiben die Geschichte.«

»Es fiel mir sehr schwer, von jenem Manne schlecht zu denken.«

»Meine teure Luise – wie Tom sagt« – was er eigentlich nie tat – »Sie wissen doch selbst nichts Gutes von jenem Burschen?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Auch nicht von einer anderen ähnlichen Person?«

»Wie vermöchte ich«, antwortete sie, mehr mit jenem sonstigen Ausdrucke, als er seit kurzem bei ihr bemerkt, »da ich überhaupt nichts von ihnen weiß, von Männern oder Frauen?«

»Meine teure Mrs. Bounderby! So gestatten Sie denn den untertänigen Vortrag ihres ergebenen Freundes entgegenzunehmen, der etwas von den verschiedenen Klassen seiner ausgezeichneten Nebenmenschen weiß – denn ausgezeichnet sind sie, daran zweifle ich nicht, trotz ähnlicher kleiner Schwächen, die darin bestehen, sich das anzueignen, was sie können. Jener Bursche macht Redensarten. Gut, das tun sie alle. Sein Gerede von sittlichen Grundsätzen verdient nur einen Augenblick Beachtung, sofern sie gerade ein sehr verdächtiger Umstand ist. Alle Heuchler bekennen sich zur Moralität, von dem Unterhaus bis zum Zuchthaus, ausgenommen Leute unseres Schlages. Es ist in der Tat jene Ausnahme, die unsere Leute so angenehm macht. Sie haben den Fall gesehen und gehört. Hier war ein gewöhnlicher Mann, der durch meinen geschätzten Freund Mr. Bounderby sehr scharf angefaßt worden war. Bounderby besitzt, wie wir wohl wissen, nicht jenes Zartgefühl, das eine so harte Hand milder machen könnte. Der gewöhnliche Mann war verletzt und verließ, zur Verzweiflung getrieben, murrend das Haus, begegnete jemanden, der ihm anbot, an diesem Bankraub aktienweise beteiligt zu sein. Er ging darauf ein, steckte etwas in die Tasche, wo früher sich nichts befand, und fühlte sein Gemüt dadurch höchst erleichtert. Er müßte in der Tat ein ungewöhnlicher, statt ein gewöhnlicher Mann gewesen sein, wenn er eine solche Gelegenheit nicht benutzt hätte. Oder er hätte es doch getan, wenn er nur die Geschicklichkeit dazu besessen. Ebenfalls wahrscheinlich.«

»Es dünkt mich, als wäre es schlecht von mir«, erwiderte Luise nach einer gedankenvollen Pause, »so schnell bereit zu sein, mit Ihnen übereinzustimmen und mein Gemüt durch Ihre Worte so erleichtert zu fühlen.«

»Ich sage nur, was vernunftgemäß ist; nichts Schlimmeres. Ich habe die Sache mehr als einmal mit meinem Freunde Tom besprochen – ich befinde mich natürlich immer auf vollkommen vertrautem Fuße mit Tom, und er ist ganz meiner Meinung, wie ich ganz der seinen bin. Wollen Sie einen Spaziergang machen?«

Sie schlenderten fort durch die schmalen Wege zwischen den Hecken, die jetzt in der Dämmerung undeutlich zu werden anfingen – sie stützte sich auf seinen Arm – und dachte wenig daran, wie sie immer hinab, hinab die Treppe von Mrs. Sparsit ging.

Tag und Nacht stand vor Mrs. Sparsit diese Treppe. Wenn Luise einmal am Boden angelangt und in dem Abgrund verschwunden war, so konnte sie auch über ihr zusammenstürzen; bis dahin jedoch mußte sie aufrechtstehen, als ein Gebäude vor Mrs. Sparsits Augen. Luise befand sich immer auf derselben. Sie glitt immer hinunter, hinunter, hinunter.

Mrs. Sparsit sah James Harthouse kommen und gehen; sie hörte von ihm hie und da; sie sah die Veränderungen des Gesichtes, das er studiert hatte; sie bemerkte ebenfalls mit peinlicher Genauigkeit, wie und wann es sich umwölkte, wie und wann es sich erheiterte; sie hielt ihre schwarzen Augen weit offen, ohne einen Zug der Teilnahme, ohne Aufregung, ganz in Interesse versunken, doch in das Interesse zuzusehen, wie jene, ohne von ihr aufgehalten zu werden, dem Abgrund jener neuen Riesentreppe immer näher kam. Bei aller Achtung vor Mr. Bounderby, der sich durch verschiedene Eigenschaften vor seinem Bilde so sehr auszeichnete, hatte Mrs. Sparsit nicht die geringste Absicht, das Herabsteigen zu hindern. Begierig, dieses vielmehr vollendet zu sehen, und doch geduldig, sah sie dem letzten Fall wie der Reife und Fülle der Ernte ihrer Hoffnungen erwartungsvoll entgegen. Und in Erwartung eingelullt, heftete sie den vorsichtigen Blick auf die Treppe, und sehr selten schwang sie nur leise den rechten Handschuh (mit der Faust in diesem) gegen die niedersteigende Gestalt.