Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)
Rheinsagen
Hermann Schaffstein Verlag in Köln
1945
(Erstauflage 1912)
Dreiundzwanzigstes der Blauen Bändchen
Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)

Hermann Schaffstein Verlag in Köln
1945
(Erstauflage 1912)
Dreiundzwanzigstes der Blauen Bändchen

Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied. So auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthard), aus dem Schoße der Alpen, nieder als Strom des Segens. Durch Hohenrhätiens Alpentalschluchten stürzt er sich mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach.
Einst zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Troge zu essen; ein anderer in Fardün trieb ihnen weidende Herden in die Saat; andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrhätiens Männer zusammen, Alte mit grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgrauen unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tavanasa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter freiem Himmel, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund bestehen solle, solange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder.
Im Dreißigjährigen Kriege kämpfte der Sachsenherzog Bernhard von Weimar in den Gefilden des Oberrheins. Da belagerte er das Städtchen Neuenburg zwischen Basel und Breisach, das noch gut kaiserlich war und sich tapfer hielt. Der langen Belagerung und des hartnäckigen Widerstandes der Neuenburger äußerst müde, ergrimmte der Sachsenherzog und verschwur sich hoch und teuer bei. Himmel und Hölle: »Komme ich in das Nest hinein, so soll weder Hund noch Katze mit dem Leben davonkommen!«
Bald darauf mußten sich die tapferen Neuenburger, da sie die Belagerung nicht länger aushalten konnten, ergeben, und die Soldaten wollten schon ihr Mütlein im Blute der Bürgerschaft kühlen und alles ermorden. Da gereute den Herzog seines vermessenen Eides und des vielen edeln, auch zum Teil unschuldigen Blutes, das hier vergossen werden sollte, und er sprach: »Nur was ich schwur, wird gehalten, und nicht mehr und nicht minder! Schont nicht Hunde, nicht Katzen; aber bei Leib und Leben gebiet‘ ich, daß der Menschen geschont werde!« Und also geschah es.
Herzog Bernhard, der große Kriegesheld, hat auch Breisach belagert und erobert, Freiburg eingenommen und bei Rheinfelden das Heer der Kaiserlichen geschlagen. Große Hoffnungen baute auf ihn das deutsche Volk, auch das im Elsaß, und jubelte ihm zu. Es begrüßte ihn überall als einen Retter und als einen Schirmvogt gegen das treulose Nachbarland. Aber er sprach ahnungsvoll: »Ich werde des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf Schicksal teilen: sobald das Volk ihn mehr ehrte als Gott, mußte er sterben.« Und ein Jahr nach Neuenburgs Einnahme starb er alldort, wo er so menschlich gewaltet, der Sage nach an Gift. Die Zeichen dieser Tat aber deuten nach Frankreich hinüber.
An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Riesenfräulein bis schier gen Haslach; das war des Burgherrn Tochter, die hatte noch niemals Menschen gesehen. Da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte. Das dünkte ihr etwas sehr Spaßiges, das kleine Zeug. Sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihre Schürze aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein. Dann schlug sie die Schürze zusammen, hielt’s mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten war sie oben und trat jubelnd vor ihren Vater, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte.
Als er die Tochter so mit freudestrahlendem Gesicht eintreten sah, fragte er: »Nu, min Kind, was hesch22 so Zwaselichs23 in di Furti24 ? Krom’s us, krom’s us25 !« – »O, min Vater!« rief die Riesentochter, »gar ze nettes Spieldings ha i funden!« Und da kramte sie aus ihrem Fürtuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt’s auf den Tisch und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. »Ja, min Kind,« sprach der alte Riese, »do hest de ebs26 Schöns gemacht! Dies is jo ken Spieldings nitt; dies is jo e Bur! Trog alles widder fort und stell’s widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast!«
Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und sie greinte. Der Riese aber ward zornig und schalt: »Potz tusig27 Daß de mir nett murrst! E Bur is nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern!« – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram alsbald wieder forttragen, und sie stellte alles wieder an seinen Ort.
Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig. Es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz bis auf den Grund nieder; doch blieb der Chor Karls des Großen stehen. Aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer.
Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam. Er beklagte des Münsters Untergang und ließ sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen. Die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Krone zu entsagen und ein Chorherr in »Unser lieben Frauen Münster« zu Straßburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen; denn das Reich bedurfte seiner, und sie redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen. Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte wegen den Heiligen nannte, wollte nicht von seinem Vorsatz lassen.
Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard. Als dieser sah, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, nahm er sich vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten, da das Reich seiner Herrschaft nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet; doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Er stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über 600 Jahre.
Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.
Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor aller Augen.
Am Fuße des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan; darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist. Zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen die Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten. Jeden Tag zeigt sich, sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht zur Mittagsstunde in der Mitte und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber befindet sich ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sieht man vier Gebilde: die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesiggroße, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten; darüber steht: Dominus lux mea, quem timeo28 . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigen sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken schlagen; über ihnen hängt die Stundenglocke. Nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde anzuschlagen; aber da begegnet ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrt ihm. Erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch über allem diesem erhebt sich eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel. Dahinter aber birgt sich ein gar schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und manch gedankenvoller Spruch daran zu lesen.
Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Jsaak Habrecht; der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und unermüdlich gearbeitet, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn, und er sprach: »Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen! Ich möchte noch etwas daran verbessern, da ich’s später nicht mehr vermag, wenn ich nicht mehr sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und so stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathause den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Gestalten der Menschenalter wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht.
Vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, aber keiner bracht’s in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit. Erst in den Jahren 1839–42 ist es gelungen, das Werk zu erneuern und wieder in Gang zu setzen.
Allezeit war Rübezahl auch ein Goldmacher. Heimlich in den heimlichsten Schlupfen natürlich.
Wo sollte auch das schnöde Gold herkommen, um das alles Spiel des Lebens geht? Und solange es Carl Duisberg in Leverkusen noch immer nicht auf chemischem Wege erfunden hat.
Was so an goldenen Waren im Riesengebirge früher in den Hochzeitspinden der jungen Weiber oder als goldene Kegel oder als goldene Ruten in den Truhen der Drechslergesellen und Schustergesellen lag, was der Bauer an seinen Wagenrädern noch an Goldblättern daheim sammelte, wenn er auch freilich aus Dumpfheit und Faulheit den Hauptblättersegen, der ihm seinen Wagen beinahe eingedrückt, schon vorher abgeladen hatte, das alles erzählt die Chronik.
Denn Rübezahl war niemals ein Wesen, das seine ausbündigen Launen unbezahlt und unvergolten ließ.
Diesmal übrigens waren in Forstlangwasser, einem Gebirgsneste für zwei dreiviertel Bauern, die dort in drei einem halben Häuschen ganz an der Schattenstelle lebten, die Kirschen so groß geworden wie Preiselbeeren. Und man freute sich, daß der Herbst kam.
Und da es im Riesengebirge zwar keine Krösusse gab, die zu ihren Festen luden, so gab es doch immer Wirte, die etwas anstellen mußten, damit die Leute in Freudenlaune kamen und dächten, sie wären nicht bloß zum Essen und Trinken, sie wären auch zum Tanze und Juchhegeschrei in die Welt gekommen.
Die Zeit der Kirmes war da.
Polnische Schalmei- und Dudelsackleute, mit einem schwerfälligen, braunen Bären am Stricke hinter sich, waren aus dem Jammertal oder Armenruh, wie Schreiberhau damals hieß, Schritt für Schritt aufs Gebirge hochgestiegen.
Und oben standen die polnischen Musikanten, sahen tief unten die ferne Welt. Sahen Opalglanz die Täler füllen. Sahen in dem Opalglanz auch die Stadt Hirschberg halb versunken. Und darüber bis in den Ätherhimmel hinauf schillerten rubinige Tinten, so warm und rosig wie nur einer himmlischen Frau Wangenhaut, wenn sie vor tausend Engeln im lichten Himmelssaale die Cour hält.
Die Polen schleppten auch Brummbaß und Fiedel, hielten die langen Schallröhre in den Arm gepreßt und wollten zur Baudenkirmes. Sie wanderten ganz langsam. Der braune Bär grunzte beständig bei jedem Schritte.
Sie lebten ewig auf der Wanderschaft. Und strebten jetzt, wo es gegen den Abend ging, der Wiesenbaude zu. Sie wollten auf solchem Umweg dann weiter ins Böhmische hinein wandern.
Da war es in dieser Abendstunde schon ein gemachter Spaß, daß den Schalmei- und Dudelsackleuten ein junger, selbstherrlicher, sehr gewiefter Student aus Hirschberg, David Hollatz, des Apothekers Sohn, frisch schreitend nachkam, der an der Universität Wittenberg Jus studierte.
Der hatte auch eine schwirrende Laute bei sich. Und er bildete sich auf seine Lautenkunst besondere Stücke ein. Liebte es auch, davon vor fremden Leuten, die er in der Welt antraf, reichlich Gebrauch zu machen, um ihnen mit Sang und Spiel von sich den gehörigen Begriff zu geben.
Der hatte auch nach kurzer Bekanntschaft, und weil die Polen nicht recht Deutsch verstanden, bald die Laute aus seinem Felleisen herausgeholt, um die letzte, steinigste Wegstrecke kurz zu machen.
So zog bald die ganze, kleine verwegene Horde mit ihren Wimmerhölzern und Blaseröhren, lahmend und stolpernd, hinter dem schwärmenden Lautenspieler her, dessen Weisen freilich in den sonnigen Abendlüften hoch oben auf dem Kamme sich gehörig zerlösten.
Zerlösten. So muß man es nennen.
Denn allen erschien es gleich sonderbar, als wenn die Töne der Laute nur ganz in einem Wasserglase eingeschlossen wären oder aus einem Berg voller Watte heraus summten. Obgleich nicht ein Hauch die weichen, rubinigen Abendlüfte bewegte, in denen sie hinschritten.
Aber wie sie so mit kaum hörbarem Klingen auf dem freien Plane vorwärtszogen, kam ein verwegener Bauernkerl, wirr behaart bis zur Nase, mit einem mächtigen Wurzelstecken in massigen Händen, von irgendwoher plötzlich in ihre Wege, der ganz in sich eingekrummt und eingesunken fürbaß schlupfte. Es war an einem Kreuzwege.
Und weil die Polen und der voran spielende Jusstudent keine hinreichenden Erfahrungen in der einsamen Höhe besaßen, war das Musikantenvolk gezwungen, einen Augenblick das Tirilieren einzustellen, den unheimlichen Landbart aus seinen Träumen zu wecken und ihn nach dem richtigen Wege zu fragen.
Der verrunzelte Ackerkerl hatte sich durchaus für keine Kirmes angetan.
Er mochte so mir nichts dir nichts von Stall und Misthaufen davongegangen sein.
Er stand im groben, schmutzigen Lotterhemde. Trug abgewetzte Lederhosen. Schlurrte in vertretenen, alten Holzpantinen. Stand ohne Mütze mit richtig verhudeltem und verfilztem Braunhaar, fast als wenn er ein verbohrtes, irres Wesen verschlösse.
Aber der Sonderling sah jetzt doch in die Gesichter der Fragenden hinein, begann aufzuwachen. Hörte den braunen Bären grunzen. Merkte, daß der Wind ganz leise um die Steinblöcke pfiff. Sah auch blaue Enzianstauden ein wenig blattvergilbt im Abendlichte schimmern. Besann sich, daß er irgendwo zwischen dem großen Teiche und der Wiesenbaude war. Und trieb dann das Gauklergesindel mit dem säuselnden Studenten an der Spitze zur Eile an, wenn sie noch vor Dunkelheit in der Baude Unterkunft finden wollten.
Danach raste er freilich gleich, fast schien es mit Meilenpantinen, mit einem unheimlichen, windigen Sausen nach der Gegenseite weiter.
Aber er mußte bald zurückgebogen sein.
Ehe sich die Kirmeswanderer in ihrem Weiterstapfen versahen, war er von hinten neu an sie angefahren, um sich in dieser abendlichen Einöde eine Vergünstigung von ihnen zu erbitten.
»Vergebt mir«, sagte er wie eingeschüchtert, »daß ich Euch, der Ihr wohl ein Student der Rechte oder sonst ein weiser Grünschnabel sein mögt, um eine Liebe bitte… denn eine Liebe ist der andren wert.«
Und damit betrachtete er den Jusstudenten mit scharfem Funkelauge.
»Ihr seid doch aus Hirschberg… man sieht es Euch an der Nase an… und werdet es auch nicht anders tun, als in Wittenberg zu studieren… wo Meister Luther die Thesen schrieb!«
»Euer Diener, Monsieur!« sagte der Jusstudent sehr gefällig und im Selbstgefühl. »Ich bin hierher gekommen, um dem Herrn des Riesengebirges eins vorzuspielen und meine Kunst vor ihm hören zu lassen!«
»Nun… das tut nichts!« sagte der Bauernkerl ziemlich gleichgültig. »Wenn Ihr auch noch soviel Rechte auf Eurer Seite habt… Spielen ist Spielen… und ich muß auch einmal Eure Laute probieren!«
Und damit nahm er dem jungen Frischling das Lautenband über den vollen Haarschopf. Denn dessen Hut begann ein Windblasen eben weit in die Lüfte weg zu entführen.
Aber das achteten jetzt weder die Polen noch der Student selber, weil sie der wüste, verhudelte Lumpenbauer schon völlig im Banne hielt.
»Bitte!« sagte nur der zwanzigjährige Nasehoch und dachte bei sich in seinem Dünkel:
»Spiele nur immer, du mistiger Kärrner… ich habe die Laute auf mein Herz gebunden… und du willst mit deinen Schmutztatzen über die feinen Saiten fahren… das gibt ein Vergnügen!«
Und die Polen und er und auch der braune Meister Petz stellten sich in die Runde, des Spiels gewärtig.
Da kam es freilich gleich gehörig.
Der Bauer trug über dem sudligen Hemde die verfilzten Haare in dicken Strähnen um die Stirn, so daß die Augen fast bedeckt waren.
Aber man sah doch, wie er jetzt die Augen ganz zuschloß, um die Saiten abzufühlen und die Schwebetöne lebendig in die Abendhuschen des Kammes und in die Schimmer des Glanzes auf Stein und Gräsern hineinzujagen.
Gleich klang es hell. Gleich klang es wie loses Singen.
Gleich klang es, als wenn diese Töne mit den zitternden Halmen tanzten.
Gleich klang es, als wenn dieser Töne Gesponse die Windpfeifen wären, die nur immer geordneter um sie zu singen begannen.
Gleich war es auch, als wenn die Steine rings heimlich erwachten und Augen bekämen. Obgleich das nur vom letzten Sonnenglühen ein Schein war.
Und es war allmählich, wie wenn der große Viehkerl in sich kröche unter seine flatternden Haarwülste. Und als wenn er sich immer unheimlicher in sein selig erwachtes Konzert verlöre, darein jetzt auch der Abendstern wie eine helle Obermelodie jach hineinsprang.
Da war schließlich alles, was in der weiten, einsamen Berg- und Himmelshöhe ragte und hauchte und glühte, als seliger Ton in seine Abendmusik geklungen oder gar als Saite auf seine Laute gesprungen, sobald eine Saite gerissen war.
Da war dem Studenten sein Jus vergangen. Sein Hochmut flog wie ein goldener Strohhalm im Winde fort.
Da standen die polnischen Gaukler mit ihren Brummhölzern und ihrem Dudelsack. Und reckten die Schalmeien. Und begannen im Chore mitzutun, darein der wackelnde Hudelkopf den Takt nickte, obwohl er am Ende immer kleiner in sich hineinsank, je mehr die Nacht über die weiten Bergwiesen hereinbrach.
So hätten sie alle sicherlich noch um Mitternacht gestanden und hätten dem weiten Sternenhimmel ihre selige Chorweise anbetend und gehorsam vorgetragen, mit den Steinstimmen und den aufgesperrten Herbstblumenmäulern um die Wette, unter dem schwelgenden Vorausschritt der Abendsternstimme, wobei die Laute des Studenten in den plumpen Bauernhänden doch immer die taktgebende Führerin blieb, wenn nicht auf einmal eine gellende, schwüle Stille mit einem heißen Lufthauche eilig über den Kamm gefegt wäre. Alles um sie geschwiegen hätte. Nichts sich mehr zu rühren gewagt. Polen und Student wie aus einem glückseligen Schlafe allmählich ganz aufgewacht wären. Und zu ihrer Erstaunung auch gleich noch entdeckt hätten, daß der Hudelkopf des unheimlichen Meilenschreiters vor ihnen ganz in den dicken Felsklotz hineingekrochen war.
Da besannen sie sich voll.
Gingen nur stillschweigend weiter der Baude zu.
Der Student schwieg am tiefsten.
Die Polen mußten jetzt den Bären hart antreiben, der zu der Höhenmusik anfangs richtig mitgetanzt, und dann von dem tollen Drehen müde mit triefender Zappelzunge sich einfach wie ein hetzender Hund hingeworfen. Und der noch immer am liebsten nicht vom Flecke ging.
*
In der Wiesenbaude saß ein Hochzeitspaar. Dürftige Leute unten aus dem Tale, die vielleicht diesen einen Tag heute und nicht wieder im Leben mit Kränzen geputzt waren.
Und heute hatte der Schuhflicker auch die Ehre durchaus nicht lassen wollen, als ein Herr in Bekränzung neben dem bekränzten Weibe in einer bekränzten Kutsche vor das Kirchentor zu fahren und nach der kirchlichen Zeremonie auch noch den Dorfweg bis an eine höhere Stelle aufs Gebirge hinauf, um sozusagen die Straßengänger einmal von höher herab stolz anzulächeln.
Die Brautleute, Trauzeugen und Brautjungfern, eine winzige Schar, hatten dann den Fußweg bis zur Baude gemacht, hatten juchheit und Lieder gesungen und waren auch vom reichlichen Branntweintrinken unterwegs schon launiger als nötig in die Baude eingekehrt.
Nun sahen sie die stutzigen, schweigsamen Polen, einen nach dem andern, und dann auch den schweigsamen Studenten in die Baude eintreten.
Das gab vorerst ein tolles Grölen, ein Umarmen wider Willen und Durcheinander-Gestikulieren mit allen Körpern und Gliedmaßen.
So daß die junge Frau im Myrtenkranze ihren Schuhflicker und die Brautjungfern ihre Lieblinge am Arme wieder auf die Ofenbank und auf die Seitenbänke reißen mußten, ehe man begreifen konnte, was eigentlich los war.
Selbst dem Bären, der nur in der offenen, niedrigen Stubentür stand, war das Gezeter und der Tumult zuviel geworden, so daß er eine mächtige Grunze erschallen ließ, gleichsam als wenn er endlich gebieterisch Ruhe in die Stube brüllte.
Und da hatte alles vollends einmütig gelacht. Und es war wirklich still geworden.
Aber niemand wußte, daß auch schon Rübezahl wieder in der Baudenstube anwesend war.
Niemand hatte den räudigen Bauern in den hintersten Ofenwinkel auf die hinterste Bankecke schlüpfen sehen.
Alle dachten jetzt also nur an Tanz, aber keiner an Spuk.
Und niemand ahnte auch nur den geringsten Zauber, als der verrunzelte und verfaltete Puschelschädel jetzt von seiner Ofenbank aufstand und als erster zum Tanze bat. – Wen bat?
Den Bräutigam um die Braut bat.
Und gleich mit ihr tanzte, als wenn er der gemachte Tanzmeister wäre.
Sausend tanzte wie ein Quirl. Und herumschlüpfte, als wären die tapferen, schweren Holzpantinen eitel Schuhe aus weichem Samte.
Da begann man bald allerseits die Holzdiele zu trampeln.
Da stampfte und schob man durcheinander.
Da schwangen sich die dick gestopften und gefalteten Frauenröcke.
Da flogen buntseidene Haubenbänder den Frauenzimmern im Nacken.
Und die Mannsleute tumultuierten mit Armen und Beinen in den Lüften und juchzten und schrien, daß man nur lange ein wirres Nebelbild sah. Und vor aufgewühltem Staube in der kümmerlichen Spanbeleuchtung über dem Tische und in Ofennähe kaum atmen konnte.
Und gleich zu Anfang des ersten Bauerntanzes mochte schon der tanzenden Braut eine Verwirrung kommen, weil sie nicht anders tanzte, als wenn der schmierige Lodenkopf, der sie jetzt fest im Anne schwang, ein vom Himmel gefallener Engel wäre. Da sie nicht aufhörte, sich immer lächelnder und lieblicher zu drehen. Immer weniger ein Ende fand mit dem wahnsinnigen Wirbeljagen in dem niedrigen Holzgeräume. Und dieses einzige, verwegene Paar schließlich durch alle sonstigen Paare wie sinnlos von Ecke zu Ecke unaufhaltsam hindurchstob.
So ging es bei der aufgescheuchten Polenmusik eine lange Zeit.
Und je mehr die Manns- und Weibsleute in die Branntweinflasche sahen, wurde es immer gefirrer.
Bis aus der einen Stubenwand, die mit Brettern verschlagen war, vor die myrtenbekränzte Braut, die einst im Armenhause in Laus und Lumpen gelebt, plötzlich ein junger Mannesengel feierlich und steif heraustrat, der ihr ein blutrot funkelndes Granatband rechts und links um jedes dicke Handgelenk befestigte.
Der ihr auch liebreich lachend um den derben Hals eine Kette aus dicken, weinroten Steinen herumlegte.
Unterdessen aus den anderen Holzwänden, weil der Dungbauer wieder mit der Faust dagegen geschlagen, schon zwei herrliche Frauenzimmer, wie junge Gräfinnen oder auch Engel in Goldgewänder gekleidet, kamen, die auf Tabletten Silberbecher trugen und im Schoße purpurne Rosen. Diese Erscheinung wollten alle gleichzeitig gesehen haben.
Und alle sahen auch jetzt, daß Arbeitsleute Weinfässer hereinbalancierten, die zwar hohl und leer klangen. Aber aus denen trotzdem, als der filzige Bauernkerl mit dem Blechbecher darauf schlug, wobei der Blechbecher übrigens zu einem Kuchen verflachte, klarer Wein in Strömen herausfloß, gleichsam als wäre man nicht im Armutslande, sondern in die Nähe der Weinberge von Samaria aufgestiegen.
Da hatten die Leute plötzlich auch untereinander Dukaten statt Groschen aus allen Westen- und Hosentaschen herausgeholt.
Die Braut hatte ihr Wunder, ihren Bräutigam aus dem Edelmannswirbel, und der Bräutigam seine geputzte Kuhmagd aus dem Gewimmel von allerhand kostbaren Weibsbildern herauszufinden.
Das ging so fort, bis die Augen aller Hochzeiter und Kirmesgänger samt den Augen der Polenmusikanten irgendwo innen auf oder unter Stühlen und Bänken oder draußen um das Haus in den nahen Steinhalden jäh zugeklappt, und auch die rauchigen Spanlichter, die nur lichte Sterne noch aus Glasblumen geschienen, eines nach dem andern müde geflackt hatten und erloschen waren.
Nur den Bären, der im Stalle an der Kette gelegen, hatte das unheimliche Nachtgetümmel in der Baude ganz um den Nachtschlaf gebracht.
Und auch der Jusstudent hatte sich nach kurzem Imbiß schon gleich am Abend wieder aus der Baude in die nächtliche Bergwelt hinausgeschlichen.
Der saß jetzt am Morgen noch, wie er im Sinnen über die rübezählische Musik die Einsamkeit gesucht und sich unter dem weiten Sternenhimmel auf einen Steinklotz im Flechtengetrümmer niedergelassen.
Der saß noch im Morgenlichte wie ein schweigendes Steinbild.
Starrte nur nach Osten und wartete auf Rübezahls Morgenkonzert.
Aber das Gebirge lag menschenleer. Lag ganz einsam. Hob sich wie am ersten Schöpfungstage schimmernd hingebildet aus den Nebeln, die die Täler deckten. War nur leise um Halm und Stein umflüstert von Windstimmen. Weil Rübezahl den Tag vorher genug getanzt und getrunken, konzertiert und gelärmt hatte und endlich einmal Ruhe brauchte. Niemand konnte ahnen, wohin er an diesem Morgen zum Schlafe verschwunden war.
Es wurde von der Spinnerin Zeit schon wieder einmal der Herbst abgespult und auf dem Rade versponnen.
Oben über die Kammwiesen fauchten Sturmstöße wie aus hohlen Hörnern. Und unten trieben Windhuschen die Streu von den Scheunen der Dorfleute hoch und jagten sie im Kreise.
In den Dorfangern hingen die Aste der Obstbäume kahl zur Erde. Und da und dort hörte man den Zweischlag von der Tenne.
Im Hirschberger Tal hatte es einen verspäteten Nachsommer gegeben. So daß vor dem Häuschen des Lehrers in Warmbrunn noch im Oktober ein Rosenstock halbgeöffnete Knospen trug, obgleich die Blätter schon staubig und vergilbt waren. Und Rübezahl war aus den fliehenden, pfeifenden Höhen lieber mit allerlei Kräuter- und Wurzelwerk zu Tale gefahren, um sie unten in den Dörfern und in der Stadt an die Hausfrauen zu verhandeln.
So war Rübezahl schon, frech wie er manchmal das Leben nahm, mit seiner vertrackten Bockskarre den letzten Viehweg niedergebogen und hatte in Arnsdorf einen ziemlich täppischen Bauersmann und dessen pfiffigeren Bruder begegnet, der aus Breslau zu Gaste gekommen war.
Die beiden sprachen auf ihrem Dorfwege zur Schenke grade sehr aufdringlich laut von Rübezahl. Und der städtische Handwerksgeselle, der sich im Dorfe natürlich doppelt geschniegelt und gebügelt trug, verriet unter farigem Gelächter eine unverschämte Sehnsucht, endlich einmal Rübezahl in selbsteigener Person sozusagen von oben bis unten und vorn und hinten aufs Korn zu nehmen.
Da hatte Rübezahl, jetzt in der Art als gebückter Kräutermann hinter der Bockskarre schiebend, flüchtig Lust gespürt, diesem Stänker aus der Großstadt gleich das wahre Gesicht seiner Laune von hinten zu zeigen.
Während er also unter seiner großen, grünen Schirmmütze scheinbar gleichgültig bei den beiden Dickköpfen vorbeiratterte, standen die erschreckten Landleute auch schon wie gebannt vor einem kahlen Apfelbaume jenseits des nachbarlichen Lattenzaunes, weil in dessen Baumzwiesel ein Mensch oder sonst ein frech entblößter Unhold soeben sich präsentierte, als wenn ihm weniger an der schönen Aussicht von vorn, als vielmehr daran gelegen wäre, den großmäuligen Filzen Drang und Not der innersten Eingeweide von hinten vorzukonzentrieren.
Einen Augenblick war dabei den beiden dummgemachten Bauersleuten wahrhaftig nicht geheuer.
Indessen hatte der eilig fortschlurende Kräutermann mit seinem sonderbaren Gefährt voll Kräuter- und Wurzelwerk längst vor der Warmbrunner Apotheke und später in der Kunnersdorfer Ortsbrauerei haltgemacht.
Und schon dort hatte der unheimliche Alte, als er noch immer mit seiner großen, grünen Schirmmütze am Wirtstische saß, tüchtig Lärm geschlagen, weil er drinnen in der Schenke auf einen weißhaarigen Leiermann, einen einäugigen und einarmigen Krüppel aus dem verwichenen, großen Kriege gestoßen war.
Da hatte sich Rübezahl mit seinem eingeheimsten Gelde sofort als rechter Zechbruder aufgespielt. Und war sogar nach der kräftigen Erbssuppe voller Schweinsohren, die er mit harten Zähnen nur so ganz hinuntergeknorpelt, auf die Idee gekommen, mit dem krüppligen Lumpenmanne gemeinsam in die Stadt zu ziehen, um in Hirschberg, wie es ihm jetzt in die Laune schoß, sozusagen einen fliegenden Jahrmarkt aus der Erde zu stampfen und die ganze Stadt am Narrenseile zu ziehen.
Er hatte vorerst dem wolligen Weißbart mit einem gelben, chinesischen Barte ausgeholfen, der dem Alten wie ein lichtes Flammenbüschel oben auf dem obersten Schädel brannte.
Und so war der tief beschirmte, sonderbare Laborant mit der Bockskarre hinter der dröhnenden Leiermannsweise durch das Langgassentor, die Lange Gasse hinein, auf den Hirschberger Markt marschiert.
Es fiel ihm jetzt auch gleich ein, nicht mehr Kräuter und Wurzelwerk und wohlriechende Steine, sondern allerlei ausländische Waren aus dem Kasten auf seiner Karre hervorzuholen.
Schon wegen der sonderbaren Karre strömte viel Volk heran.
Die Karre schien unförmig groß und hing über und über voll Haarzotteln, wie das Fell eines alten Ziegenbockes.
Und auch deshalb staute sich gleich eine immer mehr wachsende Menge, weil der hudlige Alte mit den dicken Brauenbüschen unteren grünen Mützenschirm aus den kleinsten Gefäßen die allergrößten Dinge entnahm.
Vor allem zuerst Balken und Gestelle zu einer mächtigen Verkaufsbude. Eine sehr kostbare Plane, richtig bunte Schmiedeberger Teppiche, die er geschickt zur Verhüllung des Holzgerüstes benutzte.
So daß da sofort eine ganz geheimnisvolle Räumlichkeit vor dem Ratskeller wie mit Zauberei aus der Erde wuchs. Und daß er nun seine weiteren Possen, nachdem noch alle Ritzen und Luken verstrichen und jeder Einblick mit Zwecken zugesteckt war, dahinter ungesehen treiben konnte. Das tolle Horngeschmetter vor allem, das wie aus hundert Trompeten bald hinter den bunten, kostbaren Behängen hervortönte.
Diese tolle Fanfarenmusik trieb den Marktplatz noch richtig voller neugieriger Gesichter. So daß Männer und Weiber und Kinder aus den Häusern rannten. Und die ehrsamsten Bürger Hirschbergs, die zu dem Vespertrunke in den Ratskeller spazierten, auch der Stadtschreiber und die Ratsherren selber, und wer sich von den Honoratioren noch eine leibliche Erlustigung dort ersehnte, alle mit offenen Mündern stehenblieben und seltsamer Dinge gewärtig waren.
Der Lärm aus der verhangenen Schaubude heraus schallte in den Leiermannstumult des Invaliden, der possierlich wie ein chinesischer Götze aufgetakelt, seine Leier auf einem hohen Podium neben der Bude drehte. Und wurde allmählich so arg, als wenn es eine ganze Janitscharenmusik wäre, die von den Giebelhäusern am Marktplatze siebenfach widerhallte, und die die Kleinhändler unter den breiten Pfeilern der alten Stadtlauben schier wie ein beständiges Zittern ihrer Unterkiefer empfanden.
Auf dem riesigen Stirnschilde, das plötzlich über der Schaubude hoch in die Luft gewachsen war, ehe jemand auch nur gesehen, daß sich Hände daran betätigten, stand geschrieben, daß man hier Waren aus der herrlichen Sultanstadt Venedig und aus den Wundergärten Kaschmirs billig erhandeln, und daß man sich auch an den Steinblumen Indiens Heilkräfte und langes Leben, Wundenlosigkeit und Schmerzlosigkeit, Gesundheit und Glück kaufen könnte.
Da las man auch von Steinen, die jeden Gesichtsschmerz oder den Beinbruch durch bloßes Aufliegen heilen konnten. Die jeden Seelenkummer derart vertrieben, daß einem, wenn man sie zerstampfte und in Pulverform mit Milch genösse, aus der tiefsten Schwermut Paradiesträume aufwachten, die die himmlische Herrlichkeit schon hier auf Erden vortäuschen könnten.
Da gab es natürlich rings in der volkreichen Runde ein tiefes Geraune und ein immer größeres Gewirr, stumm und ehrfürchtig.
Der ganze Marktplatz war jetzt dicht vollgepfropft mit Menschenköpfen wie der Topf mit Erbsen.
Alle hatten die Münder noch weiter offen vor Staunen. Auch weil der Lärm im Innern der Teppichbude noch immer zunahm.
Bis endlich der Kräutermann, aber nicht mehr in seiner ungelenken, trüben Langschössigkeit und Beschirmtheit, jetzt als ein satanischer Schwerenöter, seidig gefalbelt, mit spitzem Degen am goldenen Gürtel, mit pechschwarzem Spitzbart und fliegendem Samthaar um die bleiche Stirn heraustrat. Nicht anders, wie einer der hundertmal von ihm genarrten Valonen. Hinaustrat in den furchtbarsten Lärm von Musik und Menschenstimmen, seine tollsten Zauberstücke in Händen, die er nur hoch hielt.
Da war auch im Nu in alle Instrumente und in das Volksgewirr das tiefste Schweigen gekommen. So daß nun in diese äußerste Stille auf dem Marktplatz mit einer lieblich klingenden, ganz fremdartigen, aber verständlichen Sprachweise seine Anpreisungen laut und vernehmlich tönten.
»Das ist ein Püffelring, geehrte Signoria dieser schönsten Stadt!« rief er lächelnd. »Verwarnt vor großes Unglück… da ist eine herrliche Stadt an die See… Lübeck… si Signori… eins der Kaufmänner trug diese Ring am Finger… und diese Ring war plötzlich gesprungen… und hätte dieser Mann nicht darüber gelacht… er könnte noch heute leben… er wäre hübsch daheim geblieben… daß ihn am anderen Tage auf die Gasse der Mörder nicht hätte begegnen und erstechen können…«
Er schrie eine lange Geschichte über die staunenden Köpfe hinweg von dem rotfunkelnden Hyazinthen, der von der Insel Sucota käme. Und daß es im Meissenschen Lande ein herrliches Schloß gäbe, das auf eitel Hyazinthensäulen errichtet wäre, um es vor Feuer und Fäulnis zu bewahren.
Hielt auch den wunderbaren Adlerstein hoch, der in seiner Hand, weil er hohl war und noch ein kleineres Steinchen darin eingeschlossen lag, hell klapperte. Erklärte mit lockendem Entgegenkommen, daß man ein solches Steinei nur im Neste des Adlers fände. Daß man ihn sonst sehr teuer bezahlen müßte, weil der Stein den Müttern in Kindesnöten Kraft brächte. Und daß man ihn vielerorts sogar zum gemeinen Wohle auf den Ratshäusern hielte, um ihn den Müttern zu leihen.
So brachte er immer neue Steine, die sogleich reißenden Absatz fanden.
»Hier ist ein Chelidonier!« sang er fast in die Lüfte, »den man nur im Augustmonat bei wachsendem Monde in jungen Schwalbenmägen findet!« Und er vergaß manchmal das Ausländische und sprach dann, wie ein rechter Gebirgsbauer redet. »Die wuschpernen, klenn Tierla derfa noch kenn Dreck und kenne Arde beriehrt han!« Aber da besann er sich gleich wieder und fuhr um so geschmeidiger fort. »Nämlich es ist das Wunder der Wunder… du kleines, reizendes Freilein… da unten in diese Volksauflauf… du schiebst dieses kleine, keulige Steinchen in deine Augenwinkel neben die Schläfe… es läuft eilfertig drinnen herum… und jedes Staubkörnchen, das diese liebliche Äuglein drücken möchte, jagt es dir heraus, wie der Hund eine Hasen!«
Da reckten sich tausend Hände gleichzeitig. Alle Mannsleute gierten auch nach dem Stein, der in der Tasche getragen nüchtern machte, auch wenn man schon ein ganzes Oxoft Bier oder Wein hinuntergegossen.
Alle Weiberarme kamen jach in die Höhe, das Kraut zu greifen, wovon der Valone soeben versichert hatte, daß eine Messerspitze davon zerrieben und in eine Bratwurst gestreut, Müttern unfehlbar zu Knaben verhülfe.
Man kaufte auch Kleider, die zu kleine Leute sofort um einen Fuß größer machten. Und andere, die den Mädchen zu dürftige Leibchen voll, und den Mannsleuten Waden und Arme zu Knollen wachsen ließen.
Man kaufte auch Perücken, die gleichzeitig die dicksten Nasen zu einer Schönheitsform abschwächten. Und zu kurze länger machten.
Und der lustig betriebsam Valone praktizierte auch alles am eigenen Leibe vor der Menge Augen.
Er flatterte und schwenkte dann auch Siegteppiche in die Luft, die jedem auf Reisen Sicherheit brächten. Die, wenn er noch rechtzeitig auf sie träte, vor dem Schlage und dem Tode unterwegs behüteten. Die auch das Zittern der Glieder benähmen. Und wenn man bei neuem Monde tagelang starr darauf sitzen bliebe, Haupthaar und Augenbrauen ganz buschig machten.
Die Arme, die aus dem Volkshaufen in die Lüfte griffen, als tausend solcher Wunderdinge schon in der Menge kreisten, wurden immer zahlreicher. Der Valone verschleuderte auch die funkelndsten Geschmeide.
Und je üppiger das Geld aus allen Taschen der Städter in Strömen herzufloß, desto üppiger wuchsen die Fuder neuer Kostbarkeiten vor dem Volksgedränge ins Licht.
Der Valone verkaufte auch zyprischen Wein. Und Mohren kredenzten plötzlich an allen Ecken des Marktes mit launigem Lachen südliche Früchte in den Oktoberwind, der nur noch ungeachtet über die Köpfe fauchte, weil er wegen der hundert und hundert Füße, die den Marktplatz besetzt hielten, am Boden nicht mehr Raum fand.
Es war schließlich ein richtiges Jahrmarktsfest.
Wurstkessel hatten längst unter dem Volke zu dampfen begonnen. Es waren jetzt auch andere Verkaufstische mit tausenderlei Pfefferkuchen und frischem Backwerk an Ecken und Enden in dem Tumulte erstanden.
Denn die ganze, gute Stadt Hirschberg war von dem Marktschreier und dem einäugigen Leiermanne auf die Beine gebracht und tumultuierte, einmal in Bewegung, lustig weiter.
So daß alle Kneipen und Haustüren voll glücklicher Manns- und Weibsleute standen, die Zaubersachen in Händen hielten. Oder die die Steinwunder schon an sich erprobten. Auch Frauen in den herrlichsten Kleidern charmierten. Und Gruppen von halbwüchsigem Volk, Singinstrumente am Munde, einhermusizierten, bis zum Rande voll des Gejauchzes und Gelärmes, das seit dem Einzuge des gebeugten Laboranten mit der unheimlichen Schirmmütze und des krüppligen Leiermannes eingesetzt.
Der gauklerische Valone war mitten im tollsten Jahrmarktstrubel endlich tänzelnd an seine behaarte Karre zurückgetreten. Als ein richtiger, feiner Ausländer in buntem Falbelhabit jetzt auch mit buntseidenem Federhut wie ein junger, venezianischer Doge. Hatte plötzlich den Karren, der nicht zehn-, sondern tausendmal aufs letzte geleert sein mußte, vor der Leute Augen einfach an den beiden Griffen genommen. Hatte die Griffe wie die Hinterbeine eines Bockes auf die Erde gebogen, so daß es die Leute jetzt sahen: die Karre war eigentlich ein lebendiger Ziegenbock mit hochgenommenem Hintergestell.
Und nun hatte sich der pechdunkle Fremdling unter dem Gejohl der festlich berauschten Jugend, aber auch unter dem ausbündigsten Freudentaumel der Alten, auf den lebendigen Bock gnädig lachend aufgesetzt, der auch gleich mit Purpursamt gesattelt dastand. Und er war unter richtigem Jauchzen der ganzen Stadt, mit Winken und Blumenwerfen aus allen Fenstern und seinem gnädigen Nicken, ja sogar unter wirklichem Glockenläuten von den Kirchtürmen, das er aber durch das Zusammenschlagen seiner Stiefel und Steigbügel heimlich selber erregte, durch die Lange Gasse die Warmbrunner Straße hinaus endlich wieder auf den Heimweg geritten.
Da war freilich die Phantasmagorie für die Hirschberger noch lange nicht zu Ende.
Weil die Leute erst einmal ausschlafen und in ihren unverzauberten Zustand zurückgebracht werden mußten, ehe sie es wirklich erkennen konnten, daß sie mit Wurzeln und Haderlumpen, mit gemeinen Kieselsteinen und Moos, mit gedörrten Erdmolchen und Fröschen und Strohwischen und vertrocknetem Dung betrogen waren.
Aber es war Oktober.
Rübezahl lachte nur vor sich hin. Hatte den Spaß bald vergessen. War längst in sein Kostüm als Meilengänger gefahren und befand sich schon wieder nahe am Vitriolwerk.
Oben in den Engtälern gab es noch andere Arbeit.
Es begann auf den Winter zu gehen. Und der Winter kam in diesem Jahre hart.
Da wollte manches Blatt vom Baume. Und mancher verdorrte Mensch ins Grab.
Auch die alte, hustende Mutter Gottwald wollte sterben. Sie hatte ihren Enkelsohn von drei Jahren in ihren dürren Knochenarmen, lag zusammengekrümmt in der Backofenstelle und ächzte.
Draußen ratterte der Schneesturm an der kleinen Holzhütte in der Schlucht, und es begann auf den Abend zu gehen. Da deuchte es der aufgescheuchten Alten, als wenn ein Altes käme.
Obwohl ihr einstiger Ehemann, der Schmied im Dorfe gewesen, ehe sie in der elenderen Armut wohnte, längst neben Pferdeleichen und Granatsplittern irgendwo zuhauf auf dem Ackerboden unbegraben verfault war. –
Ein wirrumhangener, braunhudliger, sanfter Schädel reckte sich auch gleich zur schiefen, niedrigen Tür herein.
»Brauchst gar nicht zu erschrecken, liebe Frau Gottwalden… ’s ist der alte Gevatter!« sagte eine tiefe, gutmütige Stimme.
»O mein Gott… mein Gott du du!« seufzte die Alte, »immer Elend… bloß Not und Jammer… immer Elend… das arme, ganze, lange Leben… da is weiß Gott besser, ma läßt Not und Qual endlich hinter sich!«
Sie versuchte mit ihren verglasten Augen genauer zu sehen und kroch wieder zitternd und zögernd in ihr Lumpenbette zurück.
»Du willst wohl jetzt gar zu deinem Schmiede ins Grab nachfahren!« sagte der alte Gevatter sehr launig, hatte das große, böhmische Taschentuch, das er zum Beutel gebunden vor sich trug, sorglich gelöst und hielt ein glitzerndes Vogelbauer in Händen, darinnen sogleich ein lieblicher Vogel aufsang.
»Nu gar… du hast mir wohl einen Kanarinenvogel oder so mitegebracht!« sagte die Alte aus ihrer Backofenstelle, und ihr todbleiches Gesicht starrte auch schon an die rauchschwarze Balkendecke auf, wo der sanfte Gevatter den blinkenden Käfig befestigte.
»Ja… einen solchen Kanarienvogel hab ich dir mittegebracht!«
Der kleine, gelbe Vogel zwitscherte und jubilierte jetzt fröhlich.
»Ich hab dir den goldenen Vogel ausdrücklich mittegebracht… nämlich… es hat einmal einen Mann gegeben, der hieß Petrus Forschegrund… und dieser Mann hatte einem solchen kleinen Jubiliervogel solange zugehört, bis er darüber die Zeit und sogar das Sterben verpaßte… und wenn du also jetzt nicht gar zu erbärmlich kreißt und jammerst…«
Er vollendete seine Rede nicht, setzte sich nur auch still auf die Ofenbank nieder, um selber dem Vogelgesange zu lauschen.
Denn die Alte starrte nur noch staunend und schweigsam in das selige Tirilieren hinein.
Der goldene Vogel sang unter der rauchigen Balkendecke in die enge, irdische Dämmerung.
Bald herrschte tiefste Stille.
Der Totenwurm pochte in der oberen Türschwelle.
Und der goldene Vogel sang. Tirilierte und reckte selig Kehle und Köpfchen.
Da schien es der bleichen Alten in ihrem Lumpenbette zuerst und sie träumte in ihre leeren, verglasten Augen hinein, daß die Welt und alle Dinge in ihrem grauen Armutsstübel wie im Wasserspiegel leicht tanzten und tändelten, wie leise auf- und abgewiegt.
Und es deuchte ihr auch daneben, als wenn sie nicht mehr nur auf Erden, sondern mit dem Vogelgezwitscher unter den Wolken wäre und hintriebe.
Das waren wundersame Verwandlungen.
Auch der alte Meilenschreiter saß nur stumm, seinen Kopf in beide Hände gestützt und rührte sich nicht.
Und dann begann vor dem Auge der Alten eine kleine, goldene, warme Flamme zu brennen, wie wenn es auf ihrem eigenen Tische wäre. Das war der kleine, goldene Vogel noch immer, der sein seliges Lied ohn‘ Unterlaß hinaustirilierte.
Aber die Alte war doch noch einmal irdisch erwacht. Flüsterte Worte, die man nicht verstand. Und sagte ganz laut: »Ich lache!«
Weil der goldene Vogel sang und sang.
Dann deuchte es der alten Gottwalden fortwährend, als wenn ein leichter Zweig ihres blühenden Birnbaums draußen vor den Fenstern in blauer Luft hin- und herschwankte und leise an ihrer kleinen Sonnenscheibe auf- und niederstriche.
Und es schien ihr auch, als wenn ihr Bäumchen ein Paradiesbäumchen wäre, obgleich es nur dürftige aber schneeweiße Blüten trug.
Und in das selige Bild, das beständig vor ihrem erloschenen Auge stand, schien sich das Aufatmen ihres dreijährigen Enkels lieblich vernehmbar und wie erlöst hineinzumischen. Nichts sonst hatte sich ewig in der stillen Dämmerhütte geregt.
Nur der kleine, goldene Vogel flötete und tirilierte unaufhörlich.
Ganz spät erst begann sich der alte, bedächtige Meilenschreiter auf der Ofenbank zu regen, war ans Fenster getreten, damit ihm noch der trübe Schein von draußen das alte Gesangbuch ein wenig erhellte, und fing mit seiner rostigen Stimme ein altes Kirchenlied einsam zu singen an.
Wie am Abend die enge Stube im Tiefdunkel sich mit den jungen Leuten, dem Sohne der Gottwalden und dessen jungem Weibe und den beiden frischen Jungen füllte, die draußen im Sturme Holzbürden vom Walde hintereinander niedergeschleppt, und jetzt nur nach derben Brotkeilen und einem Trunke Wasser Gier heimbrachten, da war die Stube tiefstill.
Weder der goldene Vogel im Käfig an der Balkendecke, noch irgendein alter Hudelkopf stand mehr vor dem Fenster und sang ein Gesangbuchlied.
Nur das Gesangbuch lag noch auf dem Fensterbrett aufgeschlagen, als das junge Frauenzimmer mit ziemlichem Lärm den Span vor dem Ofenloch entzündete.
Aber wie die Kinder nach der alten Großmutter sahen, standen sie bald, eins nach dem andern, stumm um eine Entschlafene herum.
Die alte Mutter Gottwald hatte über dem Singen des Jubiliervogels wirklich das Sterben verpaßt. Lag jetzt mit ganz jungem Gesicht da. Längst unwiederbringlich in die Ewigkeit eingebettet.
An diesem Abend war den Lebendigen in der armen Hütte zumute, als läge Goldstaub auf allen Bänken. Und als sänge immerfort heimlich eine ferne, selige Vogelstimme draußen in der Winternacht.
Und das junge Weib sah dann im Traume lange den Himmel weit offen. Und sah die Großmutter im hellerlichtesten Himmelsschein über Wolken gehen.
*
So hat Rübezahl auch manchmal die Mühseligen, die er liebte, die kleinen Mühsamen in den steinigen Schattentälern des Riesengebirges mit einem Stück tiefer Lebenswonne bedient, die je und je nur von den Inseln der Seligen herfliegt.
Oben im Gebirge schrie jetzt der Nordsturm.
Noch am Vormittag hatte die Dezembersonne blaß geschienen und die kleinen Fenster der Hütten am Hange mit ihren matten Strahlen dünn vergoldet.
Aber gegen die Vesperstunde begannen Huschen Schnee mit wildem Hörnerschall auch durch die Hohlen unten hinaufzufahren. Und oben höher auf den freien Steinhalden des Kammes jagten die schneeweißen Bergfrauen in feinen Glitzerschleiern im Wirbeltanz, Hunderte und Tausende die abschüssigen, reinen Flächen hinab.
Da blieb keine Stätte hoch oben, wo nicht in sinnverwirrendem Zuge die unkenntlichen, vermummten alten Rauzen und Knieholzzwerge in den menschenleeren Einsamkeiten umfegt und umgellt waren.
Tausende von Windsbräuten mit gierigen Herzen und gierigen Mündern, die ihre Buhlen im Fluge suchen gingen, waren in Gründen und Schluchten zugleich aufgewacht. Und die verdorrten und abgestorbenen Forstherrlichkeiten alle, die noch eben in der herbstlichen Sonne sanft geleuchtet hatten, begannen unter jähem Bellen und lautem Gekläff der tollen Meute mit flatternden Graukleidern hangauf hangab im Kreise zu jagen.
Heere waren überall aufgestanden und in die Lüfte geflohen.
Heere, wie sie der große Schwedenkönig nicht zahlreicher gegeneinander durch Deutschland und Böhmen gejagt.
Undurchdringliche Wirbelheere.
So daß das Auge des kleinen Dorfschmiedes in der umheulten Wohnhütte in der Schlucht durch die verfrorene Scheibe hinaufsah, wo kein Himmel mehr sich zeigte.
Heere, deren Gejohl und freches Gewieher den dicken Schankwirt mit flatternder Schürze von dem kleinen Scheunentore wieder jach in den Hausflur zurücktrieb.
Denn die kleinste Ritze am Scheunentore in diesem Augenblicke aufzutun, hätte nur heißen können, die beiden Torflügel auseinander zu reißen, damit die lechzenden, von hudligen Silbergespinsten umflogenen Gesichter der Bergfrauen zu Scharen auch noch auf die glatte Tenne stürmten und die kleine Tenne samt Körnerresten und Strohpuppen zum Tanzsaale machten.
Da war für den Menschen in den kleinen Bergdörfern keine Rettung vor Wintergewalten.
Die Armseligen innen saßen in ihren Holzhütten und starrten in den langen, trüben Stubendämmer.
Welche auch saßen und schnitzten Rübezahle, wie die Leute an heiligen Wallfahrtsstätten Muttergottesbilder und den Christ am Kreuze schnitzen.
Da waren Rübezahls Atemhauche auch vom Sturmheer gefaßt.
Da war auch er einer aus einer anderen Welt. Und durchraste die Räume einsam wie der Sturm selber.
Blieb ungestalt.
Weil er jetzt mit Menschen nicht mehr handeln brauchte, die nur ihresgleichen mit ihren kleinen Tieräuglein begreifen können.
Ging mit den wesenlosen Nebelfrauen wesenlos im Zuge, die Winterhirsche und Winterrehe in die Täler treiben.
Da jauchzte auch sein Herz.
Da lag die Welt der Menschentäler tief unten.
Da wuchs auch er schemenhaft in die Lüfte wie der Gewaltigste unter Gewaltigen.
Da fuhr er wie ein wahnsinniger Luftgeist einher, den tausend Tänzerinnen wie ihren Götzen umtanzten. Oder vor dem tausend Beterinnen sich in den wirbelnden Schneestaub beugten.
Da konnte das Menschenauge hoch oben nur unheimliche Visionen entdecken, die sich im Fluge zerlösten, wenn es einen Blick hoch hinaufgeworfen, sobald eine unsichtbare Riesenhand ein Loch in die treibenden Nebelschleier gerissen und das Tal bis hinauf zum Kamme einen Augenblick freigemacht.
Da ahnte man wohl, wie ein kühnster Führer seine Geisterscharen in wilden Haufen in die Schluchten trieb, sie in der Tiefe plötzlich verbergend. Um sie im nächsten Augenblicke neu emporzutreiben, daß sie kühn und dröhnend die Höhe hinanmarschierten, bald im tollsten Handgemenge miteinander.
Da stand Rübezahl mitten inne. Hochgerichtet im Luftkreise. Ein kühnes Gespinst. Umheult und umbrüllt wie ein Fels im Meere.
Nur Wahnsinn und Gier um ihn und hartes Gelechz.
Nicht anders auch, als wäre er ein kühner Hexenmeister am Sabbattage der Hölle.
Als wollten die allertollsten Hexenweiber den Herrn der Feuer und Stürme selber zu ihrem Buhlen machen. Und mit ihm durch alle Hohlen jagen und um alle verschneiten Gebirgsriffe teuflische Tänze im Fluge tanzen.
Das waren Tage, wo Rübezahl nichts mehr vom Meilenschreiter oder vom grünbeschirmten Laboranten wußte. Sich niemals erinnerte, als Rad in Sommersonne von den Grenzbauden nach Schmiedeberg getorkelt und getanzt zu sein. Vielleicht noch eher daran, daß er auch einmal als Baumfalke mit Tausenden schwirrender Kohlweißlinge auf einer Sommerwiese um die Wette geflattert und getändelt.
Das waren Tage, wo man die innerste Gewalt seiner Lüste ausspürte. Wo man begreifen konnte, daß ein solcher wie er mochte ein Verwandter von Geistern aus dem kalten Weltenraume sein, der von wer weiß woher einst seine Reise aus Ferne und Sternenlicht auf die steinige Erde gemacht, um hier des Riesengebirges Herr und Meister zu sein. Wer auch sollte jetzt wissen, welche der tausend Buhlerinnen, deren Gieren über die Berghalden schrien und gellten, ihm seine Gnadenlaune am jähesten abstahl. In welchen Tanzwirbeln sich seine Süchte am künsten erletzten.
Wer hätte es wagen dürfen, heimlich zuzusehen, wie die tobsüchtigen Flockenweiber ihn umringten. Ihm auf Kopf und Nacken sprangen. In tollem Hintreiben auf seinem Rücken hockten, so daß er sich ihrer kaum erwehren konnte.
Wie er mit seiner Sturmpeitsche den Scharen um die silberglitzernden Geschmeide schlug, daß es hundertfach klirrte. Weil sonst vor ihren Umarmungen und Erstickungen keine Hilfe gewesen.
Oft stand Rübezahl wie ein weißer, gewaltiger Hirsch kühn auf der Höhe, Machttöne voll Brunst die Hänge niederbrüllend. Die gestauten Nebelheere in trotzendem Lachen rings um ihn.
Wer könnte je die einsamen Leidenschaftsspiele begreifen, wenn alle eisigen Wintereinsamkeiten den gewaltigen Berggeist aus seinen Schlupfen emporgelockt, um sich selber genug zu tun und seiner irdischen Herrschaft froh zu werden.
Da waren viele Tage und Nächte, die unheimlicher und erschütterlicher waren wie die ersten Schöpfungstage, wo die Engel die Ecksteine der Welt in die Räume geworfen unter dem Jauchzen der Morgensterne.
Da war kein Sehen mit Menschenaugen. Und das Ohr der Menschen wäre nicht fähig gewesen, das Brausen aufzunehmen, das wie ein Brüllen von Orkanen wild durcheinander ging.
Da wurde jeder begreifliche Laut wie ein Tropfen im Meer verschlungen.
Das waren nicht Finsternisse für ein kleines enges, irdisches Leben.
Nur Finsternisse, dreimal so tief wie die dunkelsten Nächte.
Und sinnloseste Verwirrungen, als wenn es gälte, noch einmal die Urlust des Chaos auszukosten.
Da wollte der Geist der Berge unter den entflatterten tausend Gieren Herr und Genießer sein.
Das waren keine Menschenfreuden.
Das waren Dämonentumulte im Blute des unbarmherzigen Bergriesen, dessen Gelüste aufzischten wie Schlangen aus Eiskristallen, die um Berghäupter herum wuchsen, um sich als wilder Drachen mit unzähligen Mäulern bis zum Himmel auszudehnen.
Hu! Schneestürme hoch und fern, dem Wolkenzuge nahe. Darein die gierigen Bergfeen jauchzend springen, um endlich selbst die lieblichen Goldengel zu ihren Liebesspielen zu greifen und herunterzuholen.
Oder daraus sündige Engel, von flüchtigen Sonnenschimmern beglüht, gierig herabstürzen, von der Frechheit der irdischen Schneeschatten verlockt, um in dem freien Treiben über die Hänge einmal Lust und Wahn des Erdenglückes auszukosten.
Und dann ewig zu stürzen und zu stürzen. Wie ein Wasserfall stürzt. Stufe um Stufe in die Dämmer der Abgründe.
Das war Rübezahls Geisterreich.
Wenn die Sonne ihren kurzen Weg um die Erde nahm, so daß an dem Steinleibe der Erde Wonne und Wachstum und die Glückseligkeit von Blüte und Baum und Vogelsang ganz verarmte, saßen die Menschen unten im Tale heimlich in ihren Hütten und warteten, daß sie endlich den heiligen Lichterbaum neu entzünden könnten, um darunter zu singen, daß doch wieder der Frühling kommt.
Tage um Tage, Wochen um Wochen ging es so in den einsamen Winterbergen…
Aber eines Tages konnte der mächtige Berggeist dann auch einmal von den wilden Sturm- und Eisfesten hoch oben verschnaufen.
Da lag er hingedehnt wie ein Schemen am Rande einer weißen Winterwiese und tändelte hin im Erinnern und Hoffen wie der Mensch selber.
Denn Sehnsucht nach Frühling mag wohl in allen Geistern wohnen.
Da spielte er lose damit, die stillen Schneewiesen auf allen Gebirgshängen zu überhauchen, daß sie bald glitzernd unter dem tiefen Blau des Himmels lagen. Versuchte über sie gleichsam hinzuträumen, als wenn schon wieder der Frühling wäre. Und so im Träumen, die handtellergroßen Eisblätter reichlich eins in das andere geschachtelt, Rose an Rose aus diamantenen Scheibchen über die Wiese hinzubilden.
Und schien dann wohl auch, kaum wie das glitzernde Schemen eines Tänzers, über die tausend Wunderblumen hinzuwehen.
Horchte im Schauen tief versunken lange in die Waldeinsamkeiten hinein. Dort wo unter schneelastenden Hochstämmen ein Bergwasserlauf sich unter Eise staute und dumpf brauste.
Saß wieder am Bachrande im Schnee, wo die tiefschwarze Wasserstarre spiegelt.
Hauchte auch hier im Erinnern, gleichsam als wenn es schon wieder Frühling wäre, stille Scharen großer, weißer Falter über den dunklen Wassergrund. Die feinsten, diamantenen Flügel wie zum Fluge gebreitet. Als wenn sich Rübezahl auch noch zugetraut, mit dem leisesten Atemhauche das silbereisige Sommergaukelspiel als Hunderte weißer Schmetterlinge in die Lüfte aufzutauchen.
Auch heute war ein solcher ruhiger, eiskalter, eisklarer Wintertag gewesen.
Rübezahl war allenthalben unten über Wiesen und in Schluchten lose umgegangen, leiser wie eine Husche gestörter Schneekristalle von einem Tannenwipfel herabstäubt.
Und nun war er achtlos schon wieder hinauf, quirlte zwischen den Eispalästen der gebeugten Kammknorren, wo verwunschen glitzernde Gestalten ihn um und um wie ein müdes Heer umgaben. Skythe an Skythe auf mageren Pferden. Kanonengefährte und Fußvolk in diamantenen und goldenen Lappen und Lumpen. Alles im Tode erstarrt. Auch dazwischen schlafende Adler und erstarrte Beterinnen. Alles aus Eiskristallen flüchtig und unbegreiflich hingebildet.
Hinter dem Hochstein schien die Sonne wie ein Feuer zu brennen. Die Täler lagen ganz unter schneeweißen Nebelbetten verborgen. Der Reifträger erstrahlte wie aus Golde. Und von der Tiefe wogten die Talnebel dünn und lose dem obersten Bannwaldgürtel zu, dessen urweltliche Eisbehänge im eisfarbigen Lichte hundertfältig flimmerten.
Wie Rübezahl lose so hintrieb, begann er gleichsam in einem erhabenen Weltentraum sich zu verlieren. Und Wunder in die Abendluft träumend, mit seinem leisesten Bergatem in die Waldflächen hineinzuwehen.
Da deuchte es, als wenn die tausend und tausend schneeverwunschenen Waldgebilde plötzlich nicht mehr starre, eisverhangene Bäume wären.
Als wenn nur Scharen stummer, grauer, langschopfiger Riesenvögel hockend in dem weiten Bergkessel säßen, darein sie mit ihren trägen, schwerfälligen Flügellasten Zuflucht suchend sich dicht ineinander gedrängt.
Und es schien auch, als wenn unter dem erzenen, rauchsilbernen Gefieder ein feierliches Schwanken und hartes, klirrendes Vibrieren jetzt anhob, das metallene Töne wesenlos auftrieb. Ein weiter, unbegreiflicher Chor war aus den eisbehangenen Bergwäldern plötzlich aufgewacht.
Ein sagenhaftes, unirdisches Tönen. Steinhart und klar, als ob allenthalben hellste Diamanten und Saphire wie zufällig sanft aneinander schlügen und feinste, spröde und durchdringende Glockentöne gäben.
Nicht wie aus je erdachten menschlichen Instrumenten.
Die Töne schienen unbegreiflich frei in den Lüften zu hängen. Als wären die Lüfte selber entfesselt ohne Ursprung und Grenzen.
Es klang nicht wie Sehnsuchten der Menschenseele.
Nicht wie Zerrissenheiten oder Klagen.
Es klang wie ein selig gebundenes Schöpferlied.
Schlaf oder Tod gebunden.
In silberner Schönheit und Klarheit erstarrt. Und wie Traumschemen noch wieder sich regend.
So schwoll es geheimnisvoll auf und ebbte jäh ins Nichts, ohne daß je von dem tiefen Himmel und den glitzernden Bergwänden eine Antwort erwachte.
Auch Weideglocken einer freien Herde schienen für Augenblicke darein zu klingen. Und auch wieder Harfen und Geigen in den Lüften dazwischen zu singen und zu zerklirren.
Das war kein irdisches Tönen, das die Scharen rauchsilberner Zaubervögel mit dem Zittern und Schwanken ihrer müde atmenden Riesenflügel in die verglühende Sonne sangen. Das war Rübezahls Wintermusik, die den eisklaren Bergeinsamkeiten und dem bleichenden Ätherhimmel, als das Sonnenfeuer verglommen war, immer noch zuschwoll wie von einem Unsichtbaren geläutet.
Unten in Spindelmühl hausten in einer Holzhütte am Waldsaum armselige Besenbinder. Der alte Veist mit der kranken, frommen Frau und zwei Jungen, denen sich noch immer aus dem unteren Dorfe ein dritter Junge zugesellte, wenn es galt, auf Abenteuer zu gehen.
Der alte Veist war ein gehässiger Bocksbart, den nur die gelähmte Alte mit dem Heiligengesicht im Zaum hielt.
Aber die Jungen hielt niemand im Zaum. Denn die gingen durch Dick und Dünn, wo Gelähmte nicht den Weg finden, auch wenn sie wirklich noch anderthalb Beine gebrauchen könnten.
Ernst und Paul, vierzehn- und zwölfjährig, hatten derbe Muskeln und viel Hunger. Die Hütte oben wurde auch leicht kalt, wenn der Winter hart und kein Holz auf dem Stapel war.
So war ihnen weder das gräfliche Holz im Walde, noch der Kartoffelkeller des Polizeimeisters heilig, selbst wenn sich hinter dem Lattenverschlag noch eine große Preßwurst zeigte.
Kecke, lustige, rothaarige Jungen beide. Frech, daß sie am Dorflehrer und am Schulzen sicher lachend vorübergingen, wenn sie nicht nur Kartoffeln und Rüben, wenn sie gleich eine ganze Speckseite unter ihren Lumpenkleidern verborgen hielten.
Und gutmütig waren sie auch.
Dem noch elenderen, letzten Dorfbettler schnitten sie triumphierend die Hälfte ihres Winterraubes ab, wenn sie es gehörig im Heimlichen tun konnten.
Es war ihnen nicht nur um die Aussicht, sich daheim voll zu fressen. Auch das Gefühl, sich an dem Polizeimeister zu rächen, belustigte sie höllisch.
Der dritte im Bunde hieß Richard, dessen Eltern nie in der Welt existiert hatten.
In der Schule standen gewöhnlich alle drei mit von Rohrstockhieben zerdroschenen Rücken im Winkel. Denn der kleine Richard litt zu Recht oder Unrecht mit, wenn die Veiste für ihre Frechheiten den Zahlaus bekamen.
Richard war immer mit ihnen.
Heute stellte er die Jungfrau Maria dar und trug das Jesuskind im Arm. Er war ein zärtlicher Junge, den Veistjungen bis zur Unterwürfigkeit ergeben.
Ernst Veist war Sternträger.
Paul Veist trug unterm Mantel die goldene Krippe und das blaue Zimmermannshemd.
Alle hatten Gürtel und Schnallen und Knöpfe mit Gold beklebt. Und Maria trug die goldene Krone auf dem Kopfe.
An diesem Tage gingen die Wintergewalten in den Bergen mit heulenden Tönen und Schneewolken über die Hänge.
Es war ein Dezembertag.
Auch drei Waldarbeiter, junge Männer aus den benachbarten Hütten, die die Veistjungen gut kannten, wanderten als die drei Könige aus dem Morgenlande mit purpurnen Kattunlappen und Kronen lustig verkleidet auf die Hänge hinauf. Da hatten es die drei waghalsigen Jungen ruhig mit unternommen, auf den Kamm hinauf zu ziehen, um oben in dem traulichen Holzgehäuse der Peterbaude den Traum des alten Weihnachtsspiels wecken zu helfen.
Jetzt war es später Nachmittag, und man stapfte schon höher im Walde aufwärts.
Die purpurnen drei Könige schritten bereits aus dem Waldgürtel heraus den Hang empor. Immer noch im Licht des Tages trotz des heulenden Flockentreibens.
Man konnte auch einander immer noch sehen.
Tiefer schwenkte der Sternträgerjunge im Wirbel den Goldstern an der Stange.
Noch weiter unten drehte sich Maria im tollsten Flockentanze, schwang das Kindlein in die Lüfte und sang in die tollsten Windhuschen:
| »– inse Mutter soate: War ne vor da Pilza ißt, Die doch schmecka wie Solloate, Wie ihr jo schunn olle wißt, Hot faars ganze Johr doas Leiden, Doß ihm kene Kleider stihn, Migas sein die schinsta seiden, War de ißt, dam stihn se schin.« |
Aber wie dann die Dämmerung gekommen, waren die drei Könige bald ganz in dem treibenden, quirlenden Grau der Höhe verschwunden…
Als Maria und Joseph aus dem Waldgürtel heraus auf die freie, unsinnig durchfegte und immer mehr in Dämmergrau sinkende Höhe traten, mußten sie sich fest aneinanderhalten.
»Du… Paul… oben in der Baude… verstehste… Warmbier… der alte Erlebach… den kenne ich gutt!« sagte Maria plötzlich, vom Sturmhauche ganz um den Atem gebracht.
Aber kühn waren auch die beiden kleinen Zwölfjährigen. Man konnte auch denken, daß ihnen jetzt der Sternträgerjunge schnell zupfiff, der ihnen voraus war.
Denn Pfiffe formten sich in der Dämmerjagd.
Den beiden war lustig zumute, daß es so toll in den Lüften zuging.
Und wie sie in dem nächtlichen Dämmer stapften, psalmodierte Joseph:
»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«
Aber je länger sie schritten, desto dunkler kamen die Scharen der Bergweiber am Hange niedergetrieben.
Und je höher sie an dem freien Hange weiterzogen, desto atemloser wurde der Weg, und trieben ihnen die heulenden, johlenden Schemen sinnlos hetzend den Atem vom Munde weg in die Täler.
Über ihnen und um sie in der finsteren Nacht hing und raste wesenloser Tumult nachtgrauen Gelichters.
»Nu, das heißt… hier erfriert man sich obendrein noch die Zehen… wenn wir überhaupt wüßten, wo wir hier wären!« sagte Maria.
»Ach… nur feste… wir kommen schon vorwärts!«
Das kam schon so wild und sinnverworren, daß sie ihren lustigen Weihnachtsrefrain doch eine Weile vergessen mußten.
Aber Mut hatten sie. Frech waren sie. Nicht nur vor dem Dorfschulzen und Dorflehrer. Frech waren sie auch gegen die wilden Fauststöße der gespenstisch jagenden Weiberheere.
Schließlich begannen sie sich, als ihnen die Nacht unversehens vollends auf dem Halse saß, nach dem Sternträgerjungen zu sehnen.
Und Maria dachte dann auch gleich an die hellerleuchtete Pfarrstube zurück. Und es fiel ihr ein, wie sie gestern unten im Pfarrhause in Spindelmühl das heilige Puppenstöckchen behaglich in der Wiege gewiegt. Indessen Joseph mit der Rute in der Hand knarrig singend um des Pfarrers Eßtisch in der warmen Stube Umgang gehalten.
Da fingen sie plötzlich an, wie aus einer Kehle nach dem Sternträgerjungen zu schreien. Oder wenigstens halb lachend seinen Namen in den düsteren Nachttumult hinauszurufen.
Beide ein paarmal zu gleicher Zeit. Aber da war kein Widerhallen, weil ihnen nur heulend und in Fetzen zerrissen die Worte vom Munde flogen und in die Dunkelschluchten niederpfiffen.
Da war doch allmählich beiden eine Ahnung gekommen, daß sie vielleicht in der Irre säßen.
Denn sie waren wieder ewig gestapft.
Um sie war jetzt nur Nacht und Wirbel und ein reines Tollhaus von quiekenden und schmetternden Tönen.
Sie konnten beim besten Willen nicht mehr wissen, was Oben und Unten, Rechts und Links in diesem wahnwitzigen Umgang noch bedeutete.
Da griff Maria zum Glück eine Wegstange.
Und außerdem, weil sie beide glühend heiß in ihren gefrorenen Kleidern steckten, machte es ihnen längst neue, gute Täuschungen vor.
Sie sahen die Warmbiertöpfe vor der Nase dampfen. Und einen tiefen Teller voll Suppe mit großen Fleischbrocken drin, ein jeder.
Und in beider Blute stieg auch der Vers wieder auf:
»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«
Und es war ihnen auch wieder sehr weihnachtlich zu Sinn. Und weil sie dann noch eine Wegstange griffen, stapften sie weiter, was das Zeug hielt.
Bis sie plötzlich einen Stern am Himmel schießen sahen; ein Gezeter und Dröhnen und Donnern wie ein Lawinensturz auf sie einstob, sie hart zurückstieß. Sie umstäubte. Und sie irgendwo tiefer in eine Schlucht senkte.
Da gingen die Gedanken der beiden nur eine Weile im hellen Wirrwarr um. Das Blut tollte. Sie griffen nacheinander mit den Händen und griffen nach ihren Gesichtern, die richtig mit Eis überzogen waren. Obwohl aus ihnen nebenbei auch noch ein lustiges Lachen ausfuhr, wie bei tollkühnen Leuten, wenn sie die tollste Gefahr vor Augen haben.
Sie hatten die bellende Nacht vor Augen.
Maria schossen auch innere Bilder vorbei.
Nein, wirklich war ihr bei dem Sturze noch einmal die allerlichteste Pfarrstube mit vor dem Blicke vorbeigesprungen.
Und auch Joseph hatte schließlich einige Juchzer in die Luft gerufen.
Aber sie klammerten sich dabei fest aneinander. Sie hatten die Gesichter ganz nahe zueinander gebracht. Sie fühlten ihren heißen Atem in der beißenden Eiskälte wohlig. So daß sie sich ihn wechselseitig vom Munde tranken.
Denn die Eiskrallen stachen an allen Ecken durch die Kleider ins weiche Fleisch.
»Feste, Paul… immer feste!«
»Immer feste, Richardtel!«
»Wir müssen raus aus der Fuchsfalle!«
»Jawohl… Richardtel… stemm dich!«
»Es wird schon!«
»Jawohl… es wird schon!«
»Stemm dich, Paul… es geht…«
»Gut… Ja… Plampe…«
»Ich sage dir, Paul… es geht…«
»Es muß gehen!« sagte Paul.
Sie dachten jetzt wirklich, es ginge.
Und im nächsten Augenblick hatten die johlenden, jagenden Geisterheere längst wieder ihren Atem ausgetrunken und sie um die Besinnung gebracht.
Sie rutschten von neuem.
Den Stern am Himmel sahen sie neu niederschießen.
Und ein paar hartgefrorene Kleiderzipfel hörten sie beständig aneinander klappen und schlagen, soweit sie nicht ganz in der verzweifelten Sturmnacht untergegangen.
»Paul… wir müssen vorwärts!«
»Wir müssen vorwärts, Richardtel.«
In beiden stieg jetzt die Angst auf die Höhe. Der Atem jagte ihnen vom Munde weg heiß wie Dampf.
Sie klammerten sich krampfend aneinander.
Sie wollten nun um Hilfe rufen.
Richard begann aufzuweinen.
»Sei nicht verrückt, Richardtel…«
»Hier kommen wir um!«
»I keine Spur… wir kommen nicht um!«
»Hier kommen wir um… meine Beine sind starr… ich sag dir, ich kann kein Glied mehr rühren…«
»Schlag die Arme ineinander… und rühr die Zehen…«
Dann begannen beide wirklich ihre Hilferufe hinauszuschreien. Und tief in die tollenden Finsternisse gleich danach hinauszuhorchen.
Jetzt begriffen es die verwegenen Jungen, daß sie irgendwo in eine Gebirgsschrunde hineingestürzt waren und an diesem Abend und diese ganze Nacht keine Hoffnung auf Hilfe mehr war.
Da begannen sie auch ebenso rasch ganz still ineinander einzukriechen, sich dicht aneinander zu legen und eine lange, stumme Weile nur den Schauern der treibenden Nachtgewalten sich zu ergeben…
Aber… da kam… in die brüllende, furchtbare Nacht… ganz langsam ein kleines, helles Licht.
Offenbar von einer ziemlich großen Stallaterne.
Das warf einen Schein weit vor sich.
So daß die beiden gar nicht sehen konnten, wer eigentlich diese Laterne vor sich her durch den samtschwarzen Wirbelsturm herantrug. Es deuchte ihnen nur, als wenn sie einander neu vor Augen hätten.
Der Gottesmutter hatten die Bergfeen offenbar ihren alten Jackenfetzen längst in die grauen Gründe fortgetrieben.
Sie stand jetzt im blauen Gewande. Hielt das Christkind zärtlich in ihren Arm gedrückt, und die kleine Goldkrone auf ihrem Blondhaar schimmerte hell.
Auch Joseph stand im blauen Zimmermannshemd, eine kleine Krone im Haar. Und die Goldkrippe vor sich in beiden Händen.
Beide schienen gleich mitten in einem Strahlenlicht zu stehen.
Und dann war der Nachtwandrer ganz nahe herangekommen. Ein kräftiger, breitmäuliger, behaglicher Kerl mit verschneiten Hudelhaaren. Der ihnen aber nur freundlich zuwinkte, hintendrein zu gehen, als er die Höhe in dem Wirbeljagen in sich versunken weiterschritt.
Es begannen dann auch Menschenstimmen wer weiß woher plötzlich zu klingen.
Das alte Baudenhaus schwebte richtig wie aus dem verhallenden Nachtsturme hervor.
Und als sie die kleinen lichten Baudenfenster schimmern gesehen, waren sie über die trauliche Schwelle in die große Baudenstube hineingehuscht.
Da saßen sie längst am warmen Herde geborgen.
Es gab ein fröhliches Durcheinander.
Die Heiligen Drei Könige schritten unter der niedrigen, spanerhellten Balkendecke um die bunte Säule herum. Auch der muntere Sternträgerjunge hielt lachend die Stange mit dem goldenen Flitterstern hoch.
Durch Blick und Blut all der vielen Leute juchzten die Worte:
»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«
Alle, auch die Väter und Mütter, die aus dem Tale gekommen waren, taktierten fröhlich den eilfertigen Rhythmus in die Lüfte.
Auch die dampfenden Kessel auf der Ofenplatte und die Dampfkringel aus den vollen Warmbiergläsern und Suppennäpfen schienen die Weise mitzusingen.
So daß ein tolles Gelächter herrschte. Und allen drollig und selig zumute war.
Nun hoben sie an, gemeinsam zu singen:
| »Wir treten herein ohn‘ jeden Spott: Ein’n schön guten Abend, den gebe euch Gott! Ein’n schön guten Abend, eine fröhliche Zeit, Die uns der Herr Christus hat bereit’t. Wir sein gezogen in großer Eil‘, In dreißig Tagen vierhundert Meil’n. Da kamen wir vor Herodes sein Haus. Herodes, der schaute zum Fenster heraus. Herodes, der sprach aus falschem Sinn: Ihr lieben Weisen, wo wollt ihr hin? Nach Bethlehem, ins jüdische Land, Dort sind wir drei Weisen gar wohl bekannt.« |
Eine rätselhafte, monotone Musik. Darein auch für Augenblicke harte Sturmstöße wie aus Tiefdunkel stöhnten. Indessen in der traulichen, lichten Enge das winzige Geräusch der heiligen Wiege fortwährend deutlich den Takt schlug.
Dann trat der eine der Mohrenkönige vor, in Purpurmantel und goldener Krone:
| »Ich bin der König aus dem Mohrenland, Die Sonne hat mich so verbrannt. Schwarz bin ich, das weiß ich, Die Schuld aber ist meine nicht, Die Schuld ist meiner Kindermagd, Weil sie mich nicht rein gewaschen hat. Hätt‘ sie mich gewaschen mit dem Schwamm, So wäre ich weiß wie ein Lamm; So aber hat sie mich gewaschen mit dem Lappen, So bin ich schwarz wie ein Rappen. Pax vobis! Friede sei mit euch! Ein’n schön guten Abend wünsch‘ ich euch, Ein’n schön guten Abend den Herren und Damen, Ein jeder wird’s nehmen in Billigkeit. Amen.« |
Irgendwo schien es auch von Eiszapfen eintönig zu tropfen.
Es war ein unaussprechliches Geheimnis.
Der alte, strupphaarige Nachtwandrer, der längst die große Stallaterne in den Winkel gehangen, saß breitbeinig auf der Ofenbank und lachte vor sich hin, die kurze Pfeife einen Augenblick taktierend in die Lüfte schwingend und auch psalmodierend:
»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«
Alle hatten sich längst halbtot gelacht, als sie sahen, daß die zärtliche Himmelsmutter nur ein langer, feiner Knabe war.
Man hätte denken können, daß es eine hellerlichte, himmlische Stube wäre.
Die Sternsinger in ihren lichten, bunten Kleidern gingen darin um.
Manchmal schien das Bild für Augenblicke wie in tiefste Stille und eisige Erstarrung einzusinken.
Aber die Münder der Jungen öffneten sich neu von himmlischer Freude. Und schrien ausgelassen die Lust des Weihnachtspieles in die alte, wohlige Baudenstube.
*
Zwei Tage nachher hatte man die drei munteren Jungen aus Spindelmühl, Maria, Joseph und den Sternträger, nach langem Suchen irgendwo vom Wege abgeirrt, in der bittersten Kälte totstarr und verschüttet gefunden.
Aber seit jener Nacht huschen und treiben die dreie oben an allen Winterhängen des Riesengebirges hin. Fliegen und wirbeln unter den wilden Bergfrauen wie erlöste Luftgestalten.
Und mit ihnen zusammen tummeln sich in den jachen Flockenfesten der Höhe auch zwei andere waghalsige, übermütige Gebirgskinder, die sich in neuerer Zeit zu ihnen gefunden.
Das sind die beiden Bradlerjungen aus der Martinsbaude.
Denen hat Rübezahl in ihren Nachtschrecken auch zu rechter Zeit seine gaukelnden Baudenstufen unter die stämmigen Füße geschoben, als sie den Schlitten mit Winterholz verspätet aus der Höhe wollten ohne Vaterhilfe unten in die Martinsbaude niederholen.
Jetzt sehen Winterwanderer, die auf Schneeschuhen hinstieben, die Jungen hoch oben im Wirbel um die Wette tanzen, wenn die tollsten Stürme die Hänge fegen. Sehen den Sternträgerjungen den Goldstern an der Stange, Maria und Joseph in buntflatternden Kleidern lustig durch den Wirbel quirlen. Und die beiden Bradlerjungen mit ihrem mächtigen Schlitten mit hoher Holzbürde juchhend hintendrein durch die Lüfte ziehen.
Dort oben fliegen die kühnen Gebirgskinder, mit jedem neuen Winter neu erwacht und in Rübezahls Geisterreiche geborgen.