Das Riesenspielzeug

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An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Riesenfräulein bis schier gen Haslach; das war des Burgherrn Tochter, die hatte noch niemals Menschen gesehen. Da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte. Das dünkte ihr etwas sehr Spaßiges, das kleine Zeug. Sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihre Schürze aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein. Dann schlug sie die Schürze zusammen, hielt’s mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten war sie oben und trat jubelnd vor ihren Vater, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte.

Als er die Tochter so mit freudestrahlendem Gesicht eintreten sah, fragte er: »Nu, min Kind, was hesch22 so Zwaselichs23 in di Furti24 ? Krom’s us, krom’s us25 !« – »O, min Vater!« rief die Riesentochter, »gar ze nettes Spieldings ha i funden!« Und da kramte sie aus ihrem Fürtuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt’s auf den Tisch und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. »Ja, min Kind,« sprach der alte Riese, »do hest de ebs26 Schöns gemacht! Dies is jo ken Spieldings nitt; dies is jo e Bur! Trog alles widder fort und stell’s widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast!«

Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und sie greinte. Der Riese aber ward zornig und schalt: »Potz tusig27 Daß de mir nett murrst! E Bur is nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern!« – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram alsbald wieder forttragen, und sie stellte alles wieder an seinen Ort.

  1. vgl. dieselbe Sage von Grimm in Bl. 162 u. das gleichnamige Gedicht von Chamisso in Bl. 154
  2. hast
  3. Zappeliges
  4. Fürtuch, Schürze
  5. kram’s aus
  6. etwas
  7. Potz tausend!

Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig. Es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz bis auf den Grund nieder; doch blieb der Chor Karls des Großen stehen. Aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer.

Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam. Er beklagte des Münsters Untergang und ließ sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen. Die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Krone zu entsagen und ein Chorherr in »Unser lieben Frauen Münster« zu Straßburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen; denn das Reich bedurfte seiner, und sie redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen. Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte wegen den Heiligen nannte, wollte nicht von seinem Vorsatz lassen.

Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard. Als dieser sah, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, nahm er sich vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten, da das Reich seiner Herrschaft nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet; doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Er stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über 600 Jahre.

Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

Die Münsteruhr

Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor aller Augen.

Am Fuße des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan; darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist. Zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen die Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten. Jeden Tag zeigt sich, sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht zur Mittagsstunde in der Mitte und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber befindet sich ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sieht man vier Gebilde: die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesiggroße, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten; darüber steht: Dominus lux mea, quem timeo28 . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigen sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken schlagen; über ihnen hängt die Stundenglocke. Nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde anzuschlagen; aber da begegnet ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrt ihm. Erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch über allem diesem erhebt sich eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel. Dahinter aber birgt sich ein gar schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und manch gedankenvoller Spruch daran zu lesen.

Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Jsaak Habrecht; der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und unermüdlich gearbeitet, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn, und er sprach: »Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen! Ich möchte noch etwas daran verbessern, da ich’s später nicht mehr vermag, wenn ich nicht mehr sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und so stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathause den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Gestalten der Menschenalter wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht.

Vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, aber keiner bracht’s in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit. Erst in den Jahren 1839–42 ist es gelungen, das Werk zu erneuern und wieder in Gang zu setzen.

  1. Der Herr ist mein Licht, den ich fürchte.

Straßburger Schießen und Züricher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte dahin einstmals die Stadt Zürich voller Brei, den sie in Zürich gekocht hatten und der noch warm in Straßburg ankam. Das begab sich also.

Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz. Die kamen auch durch Gesandte in großer Zahl und nahmen teil am Feste. Am weitesten hatten’s freilich die Schützen von Zürich, drei Tagereisen. Da war zu Zürich ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd und sann ein lustig Stücklein aus: »Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren; da brechen wir kein Rad und fällt keiner vom Roß. Und wir wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen.«

Dieser Rat fand großen Beifall. Alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürichs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher gefährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon die Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke zehn schlug, nahte das glückhafte Schiff mit seinen Zürichern schon der Brücke. Da schallte ihnen von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten. Aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kaspar Thomann, der Züricher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter; aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe. Der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel. Das Münster taucht empor wie ein Geisterschiff; von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels. Jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an.

Rheinsagen

Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht: in einem Tage die unendlichen Strecken gefahren, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen; mit Musik und Fahnen wurden die werten Züricher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Züricher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

Sankt Ottilia

Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: »Ein blindes Kind will ich nicht; fort mit dem Wurme, und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein!« und tobte fort. Die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseits der Alpenberge in Friaul; dort war ein Frauenmünster, und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht.

Im Bayerlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: »Mache dich auf gen Palma in das Stift; dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen!« Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind und taufte es und segnete es. Und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und es ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten.

Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßenen Kindes, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Welschland, sein Kind zu suchen. Und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges und hörte nun in Andacht das Wunder, das sich mit ihr begeben, und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter.

Glanz und Reichtum umgab das holde, fromme Kind; aber das alles lockte sie nicht. Und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in der Gegend verbreitete und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet und wollte allein des Heilands Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich ihm sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr. Sie suchte Trost und Rettung im Gebet und fand endlich keinen andern Ratschluß, als schnelle Flucht.

Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein, und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tagen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein, und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus und kamen bis gen Freiburg im Breisgau. Und als sie dort im Tale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln, und sie sprengten eilend hinan.

Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig, und sie rief den Himmel um seinen Schutz an. Und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da tat vor ihr die Wand sich auf und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell, und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war.

Nun begann Herr Attich aufs neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen und aus seiner Burg ein Kloster machen und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Äbtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzen Gaues und ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen. Und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden, und sie ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen.

Trifels

Rheinsagen

Über dem Annweiler Tale bei Landau erhob sich eine stattliche Kaiserpfalz, Burg Trifels genannt. Es geht die Sage, daß König Richard Löwenherz von England darinnen gefangengehalten worden sei vom Kaiser Heinrich VI. Niemand wußte, wo er hingekommen, und es war große Sehnsucht nach Richards Wiederkehr in seinem Reiche.

Nun hatte Richard einen treuen Dienstmann, der hieß Blondel; der war ein Minnesänger und verstand sich meisterlich auf die Kunst des Gesanges und der Töne. Der machte sich mit einer Schar redlicher Männer auf, seinen König allüberall zu suchen. Reichen Schatz an Gold und Kleinodien, den das Volk geopfert, nahmen sie mit sich zum Lösegeld. Auch König Richard war ein Minnesänger, und Blondel kannte und konnte des Königs Lieder. Vor mancher Burg, darinnen er den König gefangen glaubte, hatte Blondel schon seine Weisen angestimmt, auf welche, wie er sicher voraussetzte, der König, wenn er ihn hörte, singend antworten mußte; aber es war still geblieben hinter den festen Mauern.

Schon war er am Donaustrom auf- und abgezogen und hatte auch rings um den Rhein gesucht und gesungen, da vernahm er, daß in der Nähe der Stadt Landau, allwo man dazumal des deutschen Reiches Kleinodien aufbewahrte, auf dreien Felsenzacken ein gar großes und stattliches Kaiserschloß stehe. Und da Blondel der Meinung war, nur in einem solchen Schloß werde der deutsche Kaiser seinen König und Herrn gefangenhalten, so wandte er sich dorthin mit den Seinen, umschlich spähend die Mauern und stimmte am Fuße der starken und hohen Türme, in deren Tiefen und Verliesen man gewöhnlich die Gefangenen schmachten ließ, jene Weisen an, die nur König Richard kannte. Und – o Freude! – endlich, endlich drang aus dem Gemäuer des Turmes auf Trifels antwortender Gesang in gleicher Weise. Hoch schlug vor Freude Blondels Herz: sein Richard, sein König, war gefunden und bald darauf auch aus seiner Haft befreit.

Siebentes Abenteuer

Unten in Spindelmühl hausten in einer Holzhütte am Waldsaum armselige Besenbinder. Der alte Veist mit der kranken, frommen Frau und zwei Jungen, denen sich noch immer aus dem unteren Dorfe ein dritter Junge zugesellte, wenn es galt, auf Abenteuer zu gehen.

Der alte Veist war ein gehässiger Bocksbart, den nur die gelähmte Alte mit dem Heiligengesicht im Zaum hielt.

Aber die Jungen hielt niemand im Zaum. Denn die gingen durch Dick und Dünn, wo Gelähmte nicht den Weg finden, auch wenn sie wirklich noch anderthalb Beine gebrauchen könnten.

Ernst und Paul, vierzehn- und zwölfjährig, hatten derbe Muskeln und viel Hunger. Die Hütte oben wurde auch leicht kalt, wenn der Winter hart und kein Holz auf dem Stapel war.

So war ihnen weder das gräfliche Holz im Walde, noch der Kartoffelkeller des Polizeimeisters heilig, selbst wenn sich hinter dem Lattenverschlag noch eine große Preßwurst zeigte.

Kecke, lustige, rothaarige Jungen beide. Frech, daß sie am Dorflehrer und am Schulzen sicher lachend vorübergingen, wenn sie nicht nur Kartoffeln und Rüben, wenn sie gleich eine ganze Speckseite unter ihren Lumpenkleidern verborgen hielten.

Und gutmütig waren sie auch.

Dem noch elenderen, letzten Dorfbettler schnitten sie triumphierend die Hälfte ihres Winterraubes ab, wenn sie es gehörig im Heimlichen tun konnten.

Es war ihnen nicht nur um die Aussicht, sich daheim voll zu fressen. Auch das Gefühl, sich an dem Polizeimeister zu rächen, belustigte sie höllisch.

Der dritte im Bunde hieß Richard, dessen Eltern nie in der Welt existiert hatten.

In der Schule standen gewöhnlich alle drei mit von Rohrstockhieben zerdroschenen Rücken im Winkel. Denn der kleine Richard litt zu Recht oder Unrecht mit, wenn die Veiste für ihre Frechheiten den Zahlaus bekamen.

Richard war immer mit ihnen.

Heute stellte er die Jungfrau Maria dar und trug das Jesuskind im Arm. Er war ein zärtlicher Junge, den Veistjungen bis zur Unterwürfigkeit ergeben.

Ernst Veist war Sternträger.

Paul Veist trug unterm Mantel die goldene Krippe und das blaue Zimmermannshemd.

Alle hatten Gürtel und Schnallen und Knöpfe mit Gold beklebt. Und Maria trug die goldene Krone auf dem Kopfe.

An diesem Tage gingen die Wintergewalten in den Bergen mit heulenden Tönen und Schneewolken über die Hänge.

Es war ein Dezembertag.

Auch drei Waldarbeiter, junge Männer aus den benachbarten Hütten, die die Veistjungen gut kannten, wanderten als die drei Könige aus dem Morgenlande mit purpurnen Kattunlappen und Kronen lustig verkleidet auf die Hänge hinauf. Da hatten es die drei waghalsigen Jungen ruhig mit unternommen, auf den Kamm hinauf zu ziehen, um oben in dem traulichen Holzgehäuse der Peterbaude den Traum des alten Weihnachtsspiels wecken zu helfen.

Jetzt war es später Nachmittag, und man stapfte schon höher im Walde aufwärts.

Die purpurnen drei Könige schritten bereits aus dem Waldgürtel heraus den Hang empor. Immer noch im Licht des Tages trotz des heulenden Flockentreibens.

Man konnte auch einander immer noch sehen.

Tiefer schwenkte der Sternträgerjunge im Wirbel den Goldstern an der Stange.

Noch weiter unten drehte sich Maria im tollsten Flockentanze, schwang das Kindlein in die Lüfte und sang in die tollsten Windhuschen:

»– inse Mutter soate:
War ne vor da Pilza ißt,
Die doch schmecka wie Solloate,
Wie ihr jo schunn olle wißt,
Hot faars ganze Johr doas Leiden,
Doß ihm kene Kleider stihn,
Migas sein die schinsta seiden,
War de ißt, dam stihn se schin.«

Aber wie dann die Dämmerung gekommen, waren die drei Könige bald ganz in dem treibenden, quirlenden Grau der Höhe verschwunden…

Als Maria und Joseph aus dem Waldgürtel heraus auf die freie, unsinnig durchfegte und immer mehr in Dämmergrau sinkende Höhe traten, mußten sie sich fest aneinanderhalten.

»Du… Paul… oben in der Baude… verstehste… Warmbier… der alte Erlebach… den kenne ich gutt!« sagte Maria plötzlich, vom Sturmhauche ganz um den Atem gebracht.

Aber kühn waren auch die beiden kleinen Zwölfjährigen. Man konnte auch denken, daß ihnen jetzt der Sternträgerjunge schnell zupfiff, der ihnen voraus war.

Denn Pfiffe formten sich in der Dämmerjagd.

Den beiden war lustig zumute, daß es so toll in den Lüften zuging.

Und wie sie in dem nächtlichen Dämmer stapften, psalmodierte Joseph:

»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«

Aber je länger sie schritten, desto dunkler kamen die Scharen der Bergweiber am Hange niedergetrieben.

Und je höher sie an dem freien Hange weiterzogen, desto atemloser wurde der Weg, und trieben ihnen die heulenden, johlenden Schemen sinnlos hetzend den Atem vom Munde weg in die Täler.

Über ihnen und um sie in der finsteren Nacht hing und raste wesenloser Tumult nachtgrauen Gelichters.

»Nu, das heißt… hier erfriert man sich obendrein noch die Zehen… wenn wir überhaupt wüßten, wo wir hier wären!« sagte Maria.

»Ach… nur feste… wir kommen schon vorwärts!«

Das kam schon so wild und sinnverworren, daß sie ihren lustigen Weihnachtsrefrain doch eine Weile vergessen mußten.

Aber Mut hatten sie. Frech waren sie. Nicht nur vor dem Dorfschulzen und Dorflehrer. Frech waren sie auch gegen die wilden Fauststöße der gespenstisch jagenden Weiberheere.

Schließlich begannen sie sich, als ihnen die Nacht unversehens vollends auf dem Halse saß, nach dem Sternträgerjungen zu sehnen.

Und Maria dachte dann auch gleich an die hellerleuchtete Pfarrstube zurück. Und es fiel ihr ein, wie sie gestern unten im Pfarrhause in Spindelmühl das heilige Puppenstöckchen behaglich in der Wiege gewiegt. Indessen Joseph mit der Rute in der Hand knarrig singend um des Pfarrers Eßtisch in der warmen Stube Umgang gehalten.

Da fingen sie plötzlich an, wie aus einer Kehle nach dem Sternträgerjungen zu schreien. Oder wenigstens halb lachend seinen Namen in den düsteren Nachttumult hinauszurufen.

Beide ein paarmal zu gleicher Zeit. Aber da war kein Widerhallen, weil ihnen nur heulend und in Fetzen zerrissen die Worte vom Munde flogen und in die Dunkelschluchten niederpfiffen.

Da war doch allmählich beiden eine Ahnung gekommen, daß sie vielleicht in der Irre säßen.

Denn sie waren wieder ewig gestapft.

Um sie war jetzt nur Nacht und Wirbel und ein reines Tollhaus von quiekenden und schmetternden Tönen.

Sie konnten beim besten Willen nicht mehr wissen, was Oben und Unten, Rechts und Links in diesem wahnwitzigen Umgang noch bedeutete.

Da griff Maria zum Glück eine Wegstange.

Und außerdem, weil sie beide glühend heiß in ihren gefrorenen Kleidern steckten, machte es ihnen längst neue, gute Täuschungen vor.

Sie sahen die Warmbiertöpfe vor der Nase dampfen. Und einen tiefen Teller voll Suppe mit großen Fleischbrocken drin, ein jeder.

Und in beider Blute stieg auch der Vers wieder auf:

»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«

Und es war ihnen auch wieder sehr weihnachtlich zu Sinn. Und weil sie dann noch eine Wegstange griffen, stapften sie weiter, was das Zeug hielt.

Bis sie plötzlich einen Stern am Himmel schießen sahen; ein Gezeter und Dröhnen und Donnern wie ein Lawinensturz auf sie einstob, sie hart zurückstieß. Sie umstäubte. Und sie irgendwo tiefer in eine Schlucht senkte.

Da gingen die Gedanken der beiden nur eine Weile im hellen Wirrwarr um. Das Blut tollte. Sie griffen nacheinander mit den Händen und griffen nach ihren Gesichtern, die richtig mit Eis überzogen waren. Obwohl aus ihnen nebenbei auch noch ein lustiges Lachen ausfuhr, wie bei tollkühnen Leuten, wenn sie die tollste Gefahr vor Augen haben.

Sie hatten die bellende Nacht vor Augen.

Maria schossen auch innere Bilder vorbei.

Nein, wirklich war ihr bei dem Sturze noch einmal die allerlichteste Pfarrstube mit vor dem Blicke vorbeigesprungen.

Und auch Joseph hatte schließlich einige Juchzer in die Luft gerufen.

Aber sie klammerten sich dabei fest aneinander. Sie hatten die Gesichter ganz nahe zueinander gebracht. Sie fühlten ihren heißen Atem in der beißenden Eiskälte wohlig. So daß sie sich ihn wechselseitig vom Munde tranken.

Denn die Eiskrallen stachen an allen Ecken durch die Kleider ins weiche Fleisch.

»Feste, Paul… immer feste!«

»Immer feste, Richardtel!«

»Wir müssen raus aus der Fuchsfalle!«

»Jawohl… Richardtel… stemm dich!«

»Es wird schon!«

»Jawohl… es wird schon!«

»Stemm dich, Paul… es geht…«

»Gut… Ja… Plampe…«

»Ich sage dir, Paul… es geht…«

»Es muß gehen!« sagte Paul.

Sie dachten jetzt wirklich, es ginge.

Und im nächsten Augenblick hatten die johlenden, jagenden Geisterheere längst wieder ihren Atem ausgetrunken und sie um die Besinnung gebracht.

Sie rutschten von neuem.

Den Stern am Himmel sahen sie neu niederschießen.

Und ein paar hartgefrorene Kleiderzipfel hörten sie beständig aneinander klappen und schlagen, soweit sie nicht ganz in der verzweifelten Sturmnacht untergegangen.

»Paul… wir müssen vorwärts!«

»Wir müssen vorwärts, Richardtel.«

In beiden stieg jetzt die Angst auf die Höhe. Der Atem jagte ihnen vom Munde weg heiß wie Dampf.

Sie klammerten sich krampfend aneinander.

Sie wollten nun um Hilfe rufen.

Richard begann aufzuweinen.

»Sei nicht verrückt, Richardtel…«

»Hier kommen wir um!«

»I keine Spur… wir kommen nicht um!«

»Hier kommen wir um… meine Beine sind starr… ich sag dir, ich kann kein Glied mehr rühren…«

»Schlag die Arme ineinander… und rühr die Zehen…«

Dann begannen beide wirklich ihre Hilferufe hinauszuschreien. Und tief in die tollenden Finsternisse gleich danach hinauszuhorchen.

Jetzt begriffen es die verwegenen Jungen, daß sie irgendwo in eine Gebirgsschrunde hineingestürzt waren und an diesem Abend und diese ganze Nacht keine Hoffnung auf Hilfe mehr war.

Da begannen sie auch ebenso rasch ganz still ineinander einzukriechen, sich dicht aneinander zu legen und eine lange, stumme Weile nur den Schauern der treibenden Nachtgewalten sich zu ergeben…

Aber… da kam… in die brüllende, furchtbare Nacht… ganz langsam ein kleines, helles Licht.

Offenbar von einer ziemlich großen Stallaterne.

Das warf einen Schein weit vor sich.

So daß die beiden gar nicht sehen konnten, wer eigentlich diese Laterne vor sich her durch den samtschwarzen Wirbelsturm herantrug. Es deuchte ihnen nur, als wenn sie einander neu vor Augen hätten.

Der Gottesmutter hatten die Bergfeen offenbar ihren alten Jackenfetzen längst in die grauen Gründe fortgetrieben.

Sie stand jetzt im blauen Gewande. Hielt das Christkind zärtlich in ihren Arm gedrückt, und die kleine Goldkrone auf ihrem Blondhaar schimmerte hell.

Auch Joseph stand im blauen Zimmermannshemd, eine kleine Krone im Haar. Und die Goldkrippe vor sich in beiden Händen.

Beide schienen gleich mitten in einem Strahlenlicht zu stehen.

Und dann war der Nachtwandrer ganz nahe herangekommen. Ein kräftiger, breitmäuliger, behaglicher Kerl mit verschneiten Hudelhaaren. Der ihnen aber nur freundlich zuwinkte, hintendrein zu gehen, als er die Höhe in dem Wirbeljagen in sich versunken weiterschritt.

Es begannen dann auch Menschenstimmen wer weiß woher plötzlich zu klingen.

Das alte Baudenhaus schwebte richtig wie aus dem verhallenden Nachtsturme hervor.

Und als sie die kleinen lichten Baudenfenster schimmern gesehen, waren sie über die trauliche Schwelle in die große Baudenstube hineingehuscht.

Da saßen sie längst am warmen Herde geborgen.

Es gab ein fröhliches Durcheinander.

Die Heiligen Drei Könige schritten unter der niedrigen, spanerhellten Balkendecke um die bunte Säule herum. Auch der muntere Sternträgerjunge hielt lachend die Stange mit dem goldenen Flitterstern hoch.

Durch Blick und Blut all der vielen Leute juchzten die Worte:

»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«

Alle, auch die Väter und Mütter, die aus dem Tale gekommen waren, taktierten fröhlich den eilfertigen Rhythmus in die Lüfte.

Auch die dampfenden Kessel auf der Ofenplatte und die Dampfkringel aus den vollen Warmbiergläsern und Suppennäpfen schienen die Weise mitzusingen.

So daß ein tolles Gelächter herrschte. Und allen drollig und selig zumute war.

Nun hoben sie an, gemeinsam zu singen:

»Wir treten herein ohn‘ jeden Spott:
Ein’n schön guten Abend, den gebe euch Gott!
Ein’n schön guten Abend, eine fröhliche Zeit,
Die uns der Herr Christus hat bereit’t.
Wir sein gezogen in großer Eil‘,
In dreißig Tagen vierhundert Meil’n.
Da kamen wir vor Herodes sein Haus.
Herodes, der schaute zum Fenster heraus.
Herodes, der sprach aus falschem Sinn:
Ihr lieben Weisen, wo wollt ihr hin?
Nach Bethlehem, ins jüdische Land,
Dort sind wir drei Weisen gar wohl bekannt.«

Eine rätselhafte, monotone Musik. Darein auch für Augenblicke harte Sturmstöße wie aus Tiefdunkel stöhnten. Indessen in der traulichen, lichten Enge das winzige Geräusch der heiligen Wiege fortwährend deutlich den Takt schlug.

Dann trat der eine der Mohrenkönige vor, in Purpurmantel und goldener Krone:

»Ich bin der König aus dem Mohrenland,
Die Sonne hat mich so verbrannt.
Schwarz bin ich, das weiß ich,
Die Schuld aber ist meine nicht,
Die Schuld ist meiner Kindermagd,
Weil sie mich nicht rein gewaschen hat.
Hätt‘ sie mich gewaschen mit dem Schwamm,
So wäre ich weiß wie ein Lamm;
So aber hat sie mich gewaschen mit dem Lappen,
So bin ich schwarz wie ein Rappen.
Pax vobis! Friede sei mit euch!
Ein’n schön guten Abend wünsch‘ ich euch,
Ein’n schön guten Abend den Herren und Damen,
Ein jeder wird’s nehmen in Billigkeit. Amen.«

Irgendwo schien es auch von Eiszapfen eintönig zu tropfen.

Es war ein unaussprechliches Geheimnis.

Der alte, strupphaarige Nachtwandrer, der längst die große Stallaterne in den Winkel gehangen, saß breitbeinig auf der Ofenbank und lachte vor sich hin, die kurze Pfeife einen Augenblick taktierend in die Lüfte schwingend und auch psalmodierend:

»Meinen Jesum laß ich nicht, holla hü, holla hu!«

Alle hatten sich längst halbtot gelacht, als sie sahen, daß die zärtliche Himmelsmutter nur ein langer, feiner Knabe war.

Man hätte denken können, daß es eine hellerlichte, himmlische Stube wäre.

Die Sternsinger in ihren lichten, bunten Kleidern gingen darin um.

Manchmal schien das Bild für Augenblicke wie in tiefste Stille und eisige Erstarrung einzusinken.

Aber die Münder der Jungen öffneten sich neu von himmlischer Freude. Und schrien ausgelassen die Lust des Weihnachtspieles in die alte, wohlige Baudenstube.

*

Zwei Tage nachher hatte man die drei munteren Jungen aus Spindelmühl, Maria, Joseph und den Sternträger, nach langem Suchen irgendwo vom Wege abgeirrt, in der bittersten Kälte totstarr und verschüttet gefunden.

Aber seit jener Nacht huschen und treiben die dreie oben an allen Winterhängen des Riesengebirges hin. Fliegen und wirbeln unter den wilden Bergfrauen wie erlöste Luftgestalten.

Und mit ihnen zusammen tummeln sich in den jachen Flockenfesten der Höhe auch zwei andere waghalsige, übermütige Gebirgskinder, die sich in neuerer Zeit zu ihnen gefunden.

Das sind die beiden Bradlerjungen aus der Martinsbaude.

Denen hat Rübezahl in ihren Nachtschrecken auch zu rechter Zeit seine gaukelnden Baudenstufen unter die stämmigen Füße geschoben, als sie den Schlitten mit Winterholz verspätet aus der Höhe wollten ohne Vaterhilfe unten in die Martinsbaude niederholen.

Jetzt sehen Winterwanderer, die auf Schneeschuhen hinstieben, die Jungen hoch oben im Wirbel um die Wette tanzen, wenn die tollsten Stürme die Hänge fegen. Sehen den Sternträgerjungen den Goldstern an der Stange, Maria und Joseph in buntflatternden Kleidern lustig durch den Wirbel quirlen. Und die beiden Bradlerjungen mit ihrem mächtigen Schlitten mit hoher Holzbürde juchhend hintendrein durch die Lüfte ziehen.

Dort oben fliegen die kühnen Gebirgskinder, mit jedem neuen Winter neu erwacht und in Rübezahls Geisterreiche geborgen.

Wie Rübezahl sich freute, daß das Riesengebirge auch seine historischen Tage hatte und wie er dazwischen den Prczichowitzer Jahrmarkt fegte


Achtes Abenteuer

Diesmal war es ein Tag im August.

Niemals soll Rübezahl so ausgelassen, so kindisch und breitmäulig vergnügt, so pfiffig schwenkend und schwankend mit seinen langen Armen und mit den langen Fingern schwippend, so zu Luftsprüngen bereit und außer allem Gleichgewicht gewesen sein, wie in der Zeit, wo das Riesengebirge seinen großen historischen Tag hatte.

Niemals soll er auch sich eitler und richtig in langatmiger Trottelhaftigkeit kopfloser dienstwillig gezeigt haben, wie in den damaligen Augusttagen. Gleichsam als wenn sein heimlichstes Herz nie höher geschlagen.

Es hatten in dem Sommer Heere der Preußen und Russen monatelang bis tief hinein nach Schlesien abwartend gelegen. Und das Heer des Kaisers dehnte sich mit seinen vielen Feldlagern tief nach Böhmen hinein.

Durch alle deutschen Völker ging damals ein ehernes Schüttern.

Es war im August des Jahres 1813.

Allerwärts hielt man den Atem an.

Keins der Völker war einzeln stark genug, den gewaltigen Löwen im Westen, den großen Phantasten, der mit seiner grenzenlosen Staatsidee die Welt durchraste, wieder in seine irdische Enge zurückzutreiben.

Österreich zögerte noch immer den Kampf zur Befreiung mit den Preußen und Russen gemeinsam zu führen.

Man wartete längst auf die letzte kaiserliche Entscheidung.

Und die war an dem Augusttage endlich gefallen.

Fürst Metternich hatte den kaiserlichen Befehl in Händen, daß jetzt der gemeinsame Kampf für die Freiheit wirklich begänne.

Das war der große Tag für das Riesengebirge gewesen.

Das Riesengebirge sollte das gewaltige Postament sein, von dem aus in dieser Augustnacht die Feuerfanale von allen Höhen zum Himmel brannten, um den deutschen Völkern die Einigkeit zu verkündigen.

In dieser entschlußdurchtobten Nacht wollen viele Leute, auch Studenten, die über das Gebirge zu den Freiheitsfahnen heimeilten, den Rübezahl gesehen haben wie einen lustigen Schattenriesen, mit wildern Flatterhaar sich im jauchzenden Wirbel von Flammenherd zu Flammenherd drehen.

Und es scheint auch gar kein Zweifel, daß die kühnen Fanale im nächtlichen Luftkreis von den Tälern aus so mächtige Feuer schienen, als wenn sie von Götteratem hochgetrieben manchmal bis zum Nachtfirmamente auflohten.

*

Das Riesengebirge hat noch einen zweiten historischen Tag.

Der war elf Jahre später. 1824.

Es war auch ein Tag im August.

Der zweite historische Tag kam nur wie ein leises Abendwehen.

Aber er war nicht weniger deshalb nach Rübezahls Herzen. So daß er dabei die Koppe wie einen Feuerberg brennen ließ.

Aber wir wollen erst erzählen, was diesem Tage alles vorherging.

Die neuen Blütenlichter über Tannen und Fichten waren längst grün geworden. Die neuen Zapfen allenthalben schon geschwollen. Und der Wald duftete reich unter der heißen Augustsonne. Zwei Studenten der Theologie schritten die Paßstraße von Schreiberhau in der Waldkühle auf Böhmen zu.

Der beiden Blut hatte mit den sonnendurchringelten Flußwellen und mit den munteren Waldschatten und Goldlichtern gehüpft.

Sie genossen die Losgebundenheit der ersten Ferientage.

Und nun wanderten sie fröhlich singend und schauend in die Wiesenansiedlung Neuwelts hinein, deren graue und karierte Holzhäuschen im grünsten Grün der Gräser lagen.

Die alten Schornsteine aus den Glashüttenkolossen schickten ihren dicken Rauch in den tiefblauen Augusthimmel.

Junge Mütter im warmen Goldschein saßen auf den Türschwellen, Strümpfe strickend.

Die kleinen Kinder lärmten und schrien um die Häuser.

Sie sahen auch berußte Glasmacher am Tore der Hütten mit Kaffeetöpfchen im Schatten stehen und ihre Vesperstunde genießen.

Und obzwar die beiden Wandrer wie lustige Blätter waren, die sich gerne vom Winde treiben lassen, hatten sie doch einen alten, zerlumpten Bettelmann am Wege gefragt, wie sie am besten in die Berge weiterkämen.

Der staubgraue Lumpenkerl, der auch eine Art Torwärtel an einem Hütteneingang schien, hatte ihnen pfiffig geraten, über Wurzelsdorf nach Prczichowitz weiter zu wandern, weil dort oben grade ein schöner böhmischer Jahrmarkt wäre.

Die beiden, Gustav Reichardt und sein Freund, waren Studenten der Universität Greifswald. Waren Lieblingsschüler eines berühmten, dortigen Gotteslehrers. Junge, heiße Herzen. Jetzt noch mehr mitten im weiten Wald und Gebirge des Schwärmens voll. Beide mit einer Kehle voll Wohllaut. Gustav Reichardt auch mit einer Seele voll Melodien.

So wanderten sie mit Singen und mit Schauen noch eine Weile am Flusse weiter. Waren lange einen Waldweg unter Hochstämmen schroff bergan geschritten. Und traten endlich aus den kühlen Waldschatten wieder ins Freie.

Da glänzten in weit sich dehnender, hügeliger Runde allenthalben im hellsten Sommerlichte Dörfchen und Ansiedelungen nahe und fern und ferner bis in die entferntesten Höhen so schön und wellig getürmt wie die heiligen Stätten von Samaria und Galiläa.

Denn sie waren Theologiestudenten und sahen in aller Welt voll Wonne immer auch ein Stück der heiligen Geschichte schimmern.

Dort standen sie lange. Besahen sich immer wieder neu diese unerhört leuchtende, unvergleichliche Erdenwelt, die ihnen noch von keiner Stelle im Gebirge so selig verheißend vor Augen gelegen.

Lachten in alle Sonnenfernen.

Rühmten Gottes Schöpfung.

Wurden im Anschauen stumm.

Schritten dann weiter mit frei erhobenen Köpfen, als wenn sie von den glücklichsten Gefühlen Flügel hätten.

Und rühmten und priesen neu die fernen, blauen Hügel, daran Menschen wie an Ölbaumhängen zu wohnen und auch nur zum Lobe Gottes zu leben schienen.

Da fuhr an ihnen vorbei auf der Straße zum Jahrmarkt ein sonderbarer Planwagen mit einer ungeheuer großen, tiefblauen Plane.

Der Wagen selber so blitzblank und blau gestrichen, als wäre er eben erst aus der Wagnerei und vom Anstreicher gekommen. Und der Wagen innen so geräumig, daß man hätte darin tanzen können.

Trotzdem war nur eine einzige, klapperdürre Isabelle davorgespannt, die mit tollem Galopp an ihnen vorbeirollte und tatterte, als wenn der alte Handelsmann sich verspätet hätte oder gar etwas auf dem Jahrmarkt verpassen könnte.

Dabei klang das muntere Geschrei des alten Hudelkopfes, der langatmig und ausgelassen die Peitsche schwang, so anfeuernd, daß auch sie ihre Schritte noch beschleunigten.

So liefen die beiden Wanderfreunde eiliger nun dem Jahrmarkt zu, der schon am Hange nahe mit Fahnen und Wimpeln flatterte.

Und bald waren die beiden Studenten wie zwei hohe Mannesengel, die eine Friedensmission mit sich trugen, unter den Jahrmarktsleuten erschienen.

Der Jahrmarkt wimmelte von Hunderten bunter, sonnegeröteter Bauersleute.

Die jungen Burschen trugen Federsträußchen an der Mütze. Hatten windige Laune in den Augen blinken. Und die Mädchen gingen mit bunten Sträußchen am Mieder.

Da waren allerhand Verkaufsbuden aufgeschlagen.

Die ganze Dorfstraße entlang bis zu dem großen Wirtshause hin mußte man sich durch geschmücktes Menschenvolk drängen.

Vor und hinter den Verkaufsbuden, die lärmend umlagert waren, standen die alten Handelswagen, die Porzellan- und Glaswaren, Steinwaren und allerhand Heilmittel, Kräuter und Salben, auch Zucker und Backwaren, Leinenzeug und Tuchzeug, Mützen und Hüte, Spielwaren und Schnarrteufel, Uhren im Glase und Teufelchen in der Flasche herzugefahren.

Ausrufer machten ihre rostigen Kehlen noch rauher mit ihrem Geschrei.

Bunte böhmische Tücher und Fähnchen wehten überall.

Und um die Wurstkessel und Bierfässer standen Gruppen, Brot und Fleisch in Händen. Oder die buntbäuerlichen, flüggen Mädchen an Zuckerkringeln knabbernd.

Ganze Reihen, breit wie die Straße, kamen lachend und lärmend einher, daß die einzelnen Fußgänger ausweichen mußten. Und die halbwüchsigen Burschen klumpten sich, schrille Pfiffe aus ihren erhitzten, bedrohlichen Mienen ausstoßend, und nach Raube lüstern.

Übrigens hatte auch der tolle Alte längst eine blitzblank blaue, mächtige Bude aufgeschlagen.

Auch er brüllte schon seine Schätze aus.

Die klapperdürre Isabelle benagte hinten den Planwagen.

Und viele Jungen standen bereits und höhnten.

Das Pferd sah wirklich jämmerlich aus.

Aber es warf Blicke wie ein verrückter, jähzorniger Mensch. Sobald man sich ihm nur frech nahen wollte. Schlug aus, als wenn sich jedes Hinterbein in einem Augenblicke um drei Meter verlängern könnte.

Und der alte Hudelkopf achtete dessen gar nicht, brüllte nur immer seine weisen Sprüche:

»Iserin… Iserin… das wird euch Gesindel sehen helfen… denn ihr denkt auch, lieber nur für den Bauch sorgen… durch Auge und Ohr geht bessere Speise als durchs Maul… das werdet ihr freilich nie begreifen… deshalb bleibt die Welt eben voll Gesindel!«

Solche Sätze brüllte der Alte.

Und die Bauersleute alle, und noch schlimmer die Dorfjungen, schrien höhnend dazwischen.

Alles lief herzu.

Aber erst, wie Reichardt und sein Freund auch lachend unter die Zuhörer traten, begann heimlich der Unfrieden, zu dem der alte Isabellenkutscher unter der tiefblauen Plane offenbar noch rechtzeitig hatte zur Stelle sein wollen.

Nämlich der Alte wandte sich jetzt sofort nur an die beiden Studenten, die er damit immer näher an sich heranzog. Und denen er schließlich grinsend und pfiffig immer nur alle Dinge und Steine ausdrücklich dicht vor die Nase hielt, damit es die anderen womöglich gar nicht zu sehen bekamen.

Und wenn sich die Dorfburschen mit den Ellbogen doch herandrängen wollten, puffte er sie, als wenn die beiden fremden Wandersleute etwas Extraes wären, einfach beiseite.

Da wurde der Janhagel natürlich immer frecher.

Der alte Hudelkopf betrachtete am Ende die Studenten richtig mit breitmäuligen Liebesblicken. Und die drängenden und johlenden und frech rempelnden Leute ringsum sah er mit solcher gemeinen Verachtung an, als wenn er ihnen gleich »Gesindel« und »Viehkerl« und allerhand niedrige Namen in die Augen und an den Kopf würfe.

So fing der ganze Jahrmarkt an, immer toller zu schäumen.

Man hatte sich längst hinter dem Rücken der Studenten zu schaffen gemacht.

Man fing an, vereinzelt loszubrüllen.

Ein Junge rief: »Das sein sanfte Heilige!«

Andere brüllten in die Lüfte: »Laffen… Preißenlaffen!«

Andere schrien: »Sanfte Heilige aus der Fremde!«

Andere brüllten lachend: »Nein doch… das sind preißische Erzengel!«

Man hatte den beiden Pappplakate an den Rücken gezweckt.

Es stand mit großen Buchstaben darauf geschrieben:

»Preißische Erzengel!«

Nun merkten sie plötzlich, daß sie genarrt wurden.

Aber da kam es auch gleich derber.

Eine Rotte von halbwüchsigen Jungen, einer fest in den anderen gehenkelt, kam mit Gejohl gegen sie heran. Die äußersten reckten die Ellenbogen wie Henkelkrüge. Hin und her schwankend stürmten sie an und versuchten die beiden Freunde rüde in ihren Kreis hineinzuziehen.

Die beiden waren natürlich ziemlich erschrocken. Und lachten doch noch immer. Weil sie zu einer Balgerei in der hellen Sommersonne auf der vollbesetzten Jahrmarktstraße durchaus nicht gestimmt waren.

Wenn nur überhaupt noch ein paar Augenblicke Zeit zur Besinnung übrig gewesen.

Man hatte den beiden schon unversehens einen Zünder vor die Füße geworfen.

Sie mußten rasch beiseite springen.

Und während sie an den Zaun eines Bauerngartens heransprangen, warf ihnen ein langer, halbbetrunkener, aufgeputzter Kuhknecht eine Hand voll Mehl dicht vor die Augen.

Das alles ging gleich so wirr durcheinander, daß die Studenten nur noch rasch ihre Wanderstecken fest umgreifen konnten.

Und doch hielten sie die Stecken wieder einen Augenblick nur hoch. Noch immer gute Miene zum bösen Spiel machend.

Freilich jetzt mächtig gespannt und scharf nach allen Seiten beobachtend.

Aber da schrien schon alle möglichen Jahrmarktsläufer und sträußchengeschmückte Bengel. Und auch alte, saumselige, vertrottelte Runzelschädel schrien wild durcheinander.

Da flogen auch schon Stücke fauler Holzreste, die ein dummer Junge von einem Lattenzaune abgerissen hatte.

Da hatte der Freund gleich auch losgeschlagen.

Aber Reichardt hatte eine wahre Trompetenstimme erhoben.

Er hatte in die Volksmenge laut und feierlich hineingeredet, wie ein sanfter Pfarrer.

Er hatte gesagt, daß sie friedliche Wandersleute wären. Daß sie ins Gebirge aufsteigen, aber vorher die herrliche Welt um Prczichowitz hätten mit eigenen Augen besehen wollen. Und daß sie diese Welt so herrlich gefunden hätten wie die heiligen Hügel im gelobten Lande.

Jung und alt, Männer und Frauenzimmer, geputzt und bewimpelt, pfiffen und schnarrten und johlten nur.

Die Burschen machten ein Schrillen, daß man dachte, der tollste Sturm pfiffe auf Eisenpfeifen.

Die Worte, die Reichardt mit freiem, furchtlosem Tone noch erzählen wollte, ertranken in sinnlosem Getöse.

Und man begann längst mit Fäusten und Knüppeln ineinander einzuhauen.

Es war auch schon auf Reichardts Arm ein derartig harter Schlag gefallen, daß er hätte sofort müssen aus der Balance kommen, wenn er nicht im selben Augenblicke an den heiligen Georg mit dem Drachen gedacht und mit dem linken Arme jetzt einen Burschen richtig unter seine Knie gestoßen.

Und auch der Freund, der noch handfester wie Reichardt war, wäre in diesem Handgemenge beinahe mit dem Kopfe zuunterst gekommen, wenn er nicht in diesem Augenblicke das eine Bein seines Gegners gewaltsam niedergezogen und den grünrot bebüschelten, gelbzähnigen Bauernknecht jach in die wütende Menge hineingeschleudert.

Aber da war ein Wunder gekommen.

Reichardt hat die Geschichte später oft erzählen müssen.

Die alte, blitzblank-blaue Steinschneiderbude war mit der klapperdürren Isabelle im Vorspann jach unter Krachen in die Lüfte gegangen und richtig wie in flatternden Fetzen zerfledert.

In diesem Augenblicke hupften und watschelten über die Wiese auch schon fünf große Dreschflegel her.

Die Dreschflegel hatten etwa zwanzig Schritt vom Wege an einer alten Scheunenwand gehangen.

Diese fünf Dreschflegel schlurten und schlüpften wie kurzbeinige Krokodile immer näher.

Einzelne Burschen, die am äußersten Ende der Kämpfenden durcheinanderstürzten und dieses unheimliche Ereignis mit Augen sahen, wurden fast starr vor Staunen und Schrecken.

Die Dreschflegel hüpften ungestört auf diese mühsame Weise bis auf den Jahrmarkt heran.

Dort fingen sie an, sich von selber etwa so hoch wie ein Mensch aufzurichten.

Da kam in das Wirrsal des Jahrmarktes ein richtiger panischer Schrecken.

Denn jetzt begannen die Dreschflegel, wie von Menschenarmen durch die Lüfte geschwungen, wild und rücksichtslos in das kämpfende Gesindel hineinzuschlagen.

Die tollsten Rädelsführer flohen plötzlich mit gesträubten Haaren.

Aber einer der Dreschflegel und dann ein zweiter hoben sich ihnen nach, wie vertrackte Flügelwesen in den Lüften surrend.

Unterdessen die anderen an alle Ecken und Enden des Jahrmarkts weiter gaukelten und schwankten, richtig wie Pinguine.

Und so kreuz und quer in die Runde hauend, fegten sie die wirrseligen Knäuel, als Reichardt und sein Freund sich längst aus dem Staube gemacht und nur noch manchmal von ferne staunend und lachend auf den zerflädernden Jahrmarktsplunder zurückgesehen.

*

Das war der Jahrmarkt von Prczichowitz.

Den haben die beiden Freunde in gutem Andenken behalten.

Auch wie sie auf der freien Kammhöhe neu ihre alte Wanderlust fühlten.

Dann erst waren sie tagelang unbehelligt den Kamm entlanggezogen. Allenthalben freundlich begrüßt von den Baudenleuten. Oder von einem einsamen Wandersmann, wie ihnen in der verspäteten Jahreszeit damals selten einer entgegenkam.

Die Welt, tief und fern, schwoll ihnen neu zu Herzen, je höher die Felshäupter von leisem Winde umwogt lagen, die Bergrücken sich hindehnten und alle Menschenwohnungen in den Tälern unten in Dunst versanken.

Erst am dritten Tage ihrer Wanderung stapften sie dem Koppenkegel zu.

Das einsame, flechtengelbe Steingetrümmer liegt hochgehalten in den Himmel.

Lose Nebel wehten und zerwehten über den steilen, steinigen Zickzackweg.

Eine lockende Kühle kam nach heißer Wanderung froh gefahren, die den leuchtenden Geröllhang auf und den leuchtenden Geröllhang hinunter huschte.

Die einsame, beglänzte Kapelle ragte über ihnen.

Der ganze Berg lag in einem zarten Rosenglanz.

Ein schier liebliches Geflüster herrschte allenthalben in den Lüften und umflatterte ihre Ohren wie ein ferner Sonnengesang.

Keiner von beiden konnte ein Wort aus der Kehle bringen, als sie endlich über die letzten Felsstufen auf die höchste, östliche, deutsche Landeswacht anstiegen.

Alles um sie schien Licht und Wohllaut.

Da haben sie ewig schweigend gestanden.

Da haben sie die Sonne und die ferne Welt und dazwischen den kleinen Klang des Steinpiepers über dem Flechtengetrümmer lange einsam tönen hören.

Wie traumwandelnd und selber mit heimlich singenden Sinnen.

Haben auch noch lange schweigend in der kleinen Kuppelkapelle gestanden, indessen Gustav Reichardt auf die leere Rückseite eines Briefes hastig diese Noten niederschrieb.

Und haben dann das frische Notenblättchen vor den Augen mit jungen, frohen Stimmen in die kleine Kuppelwölbung hoch und durch die offene Tür in die Berglüfte die alten Arndtworte in der neuen, eigenen Weise hinausgesungen:

»Was ist des Deutschen Vaterland!
Ist’s Preußenland, ist’s Schwabenland?
Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist’s, wo am Belt die Möve zieht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Bayernland, ist’s Steierland?
Ist’s, wo des Marsen Rind sich streckt?
Ist’s, wo der Märker Eisen reckt?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Pommerland, Westfalenland?
Ist’s, wo der Sand der Dünen weht?
Ist’s, wo die Donau brausend geht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Soweit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt.
Das soll es sein!
Das große Deutschland soll es sein!«

Und Rübezahl?

Der saß unterdessen wie ein gewaltiger Flechtenblock gegen den Himmel und die sinkende Sonne, und hat urtrotzig wie ein Denker der Welt, der im höchsten Luftkreise atmet, dem Liede zugehört.

Und hat dazu seine Wunder spielen lassen.

Denn an diesem späten Augustabend haben die Leute in Böhmen und in Schlesien gleichermaßen, und wo immer man in der Ferne die Koppe ragen sah, gewähnt, als wäre der Koppenkegel von diesem Liede in lebendigen Brand geraten. So daß er von tausendfach flammender Lohe umgeben im lichtesten Feuer gen Himmel brannte.

Und es hat allen in den Tälern dabei heimlich in Ohren und Herzen geklungen, als wenn aus den höchsten Lüften her die kühnen Worte mit Windgeflatter herniederflögen:

»Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel sieh darein
Und gib uns rechten deutschen Mut,
Daß wir es lieben treu und gut.
Das soll es sein!
Das große Deutschland soll es sein!«

*

Das war der zweite historische Tag des Riesengebirges.

Das war eine kleine einsame Feier, als aus den Seelen und Kehlen der beiden Studenten, als käme es aus der Seele des ganzen deutschen Volkes, der alte Vaterlandswunsch in hellem Gesange ausfuhr:

»Das große Deutschland soll es sein!«

Und wer Zeit und Raum vergißt, sieht die beiden jungen Wandrer dort oben singend ragen, wenn der Koppenkegel von Goldwolken umgeben im Abendlicht glüht.

Wie Rübezahl den hartherzigen Grafen von der Bolzenburg in eine Mücke verwandelt


Zweites Abenteuer

Es war auch ein Morgen im Frühling. Wie zur Zeit, als die ausgedienten Kürassiers sich ihr Mütchen kühlten.

Die Quertäler herauf hing die Blüte über den niedrigen Obstbäumen. Und dahinter versteckt lagen die winzigen Hütten mit ihren schwarzen Querbalken in weißem Grunde.

Der große Krieg lag schon in weiter Ferne zurück.

Rübezahl hatte als Wasseramsel im Uferloche geschlafen, als vor seinem Neste im schäumenden Zackenwasser eine alte Forelle jach in die Morgenluft platschte und ihn gleich zum rechten Leben aufgeweckt.

Frühling! Man denkt: Frühling sei jung wie ein Kind.

Frühling ist so jung wie ein Lied, das eben erst aus der Blutwelle aufsteigt und Klang und Seele wird.

Aber Frühling ist auch nur wieder ein himmlisches Kleid, das an einem uralten Steindinge lebendig wird.

Also summte und sang jetzt auch der uralte Berggeist sein Frühlingslied in die Lüfte wie der schneehaarige Fiedelmann die junge Liebe.

Rübezahl war als ein mit Apfelblütenhauchen reich getränkter Windstoß sanft und linde die Schlucht immer höher unter jung knospenden Buchen hinaufgefahren, ließ sich von einem liebesgeschwellten Auerhahn auf dem obersten Fichtenwipfel durch ein buhlerisches, versunkenes Getöse erlustigen und erschüttern. Schüttete im Vorüberwehen einem jungen Baudenweibe Goldblätter in den Eimer, darin sich der Morgen mit spielenden Seidenfarben fing.

Dann war er eine Weile hoch oben zu einem Steinklotz erstarrt am Hange stehengeblieben, die Seligkeit des neuen Frühlingslebens ganz in sich auszukosten. Ließ sich nur still von der Sonne bescheinen. Und horchte ewig: indessen das Aufbrechen der Knospen an Staude und Strauch und in Gras und Moose heimlich knisterte.

An diesem Tage hatten auch die Menschen unten im Tal Sonnenschein im Blute und Lebensmut genug.

Den Bauern trieb es vor sein Kuhgespann auf die erwachenden Winterfelder.

Die junge Wirtstochter aus dem Dorfkretscham tänzelte mit feucht angeklatschtem Blondhaar mit zwei tüchtigen Holzkannen an den Wassertrog und sah sich um, ob nicht wenigstens die gackernden Hühner oder die Schar Sperlinge auf der einsamen Straße sähen, wie schön sie sich am Frühlingsmorgen tummelte.

Auch der weißhaarige, magere, gräfliche Herr auf der Bolzenburg räkelte sich mit verkniffenen, prüfenden Augen im Himmelbett in den Sonnenstrahl hinein. Sprang auf und hieß schon jetzt einen seiner vielen Diener sein Leibpferd satteln, was das Zeug hielt.

Denn an einem solchen Frühlingsmorgen ist der junge Gott in aller Blute gefahren und will hinausspringen. Und weder die arme Kuhmagd noch der sprödeste Monokelherr kann sich in solchen Augenblicken halten, nicht aus der Rolle zu fallen und heimlich zu simmsen, wie eine glückliche, junge Fliegenmutter.

So kam es also, daß der alte Edelmann, einer Derer von Bauchwitz oder Strauchwitz, der im Talgrunde weites Ackerland und Buschwerk und auch diese reiche Burg besaß, sich eilig in die höchste Turmstube begab, noch gleich im schlohweißseidenen, wattierten Morgenmantel überm seidenen Hemde. Und daß er dort oben nur ganz selbstvergessen lange ins Frühlicht hinaus und fern auf die ganz in Gold getauchte Koppe starrte.

Rübezahl haßte den Ritter.

Der alte Edelmann war als ein hoffärtiger, jähzorniger Herr bekannt, der die Fronen seines Gesindes hart eintrieb und Bürger und Bauern verachtete.

Rübezahl haßte ihn auch, weil er früh und spät auf den Beinen mit der Büchse beständig hinter den grazilsten Rehböcken und den königlichsten, alten Hirschen der Wälder herjagte, die er in ganzen Rudeln zur Strecke brachte.

Er hatte ihm schon während des letzten Winters einen Schabernack angetan. Hatte die Stäbe des hohen Lattenzaunes am Wildgarten nur so im kühnsten Sturmflockenwirbel in die Lüfte geführt und die eingegitterten Waldtiere in alle Winde getrieben.

Jetzt war neu Frühling. Und der gestrenge Edelherr stand im weißseidenen Morgenmantel bar und bloß in der Turmstube, starrte nur die weitschwingende Linie des Gebirges an, die wie ein fernes Schemen im blendenden Lichte lag. Und dachte: »Hinauf und hinan!« die Welt einmal aus der Höhe zu besehen, noch höher wie seine Burg und sein Herz.

Und wie der stocksteife Rittersherr im langen, grauen Spitzbart endlich in seiner leichten Ritterrüstung und Helmzier gestiefelt und gespornt auf der besonnten Freitreppe stand, lachte er zum ersten Male barsch hinaus, weil er in dem Burghofe ein ganzes Fähnlein bunter Reiterei in der Frühlingssonne seiner harren sah.

Ganz nur ausgefüllt von dem einen brennenden Triebe, hoch oben auf dem Riesenkamme mutterseelenallein durch die Frühlingssonnenwelt zu reiten, hatte er sich nur unversehens auf den Goldfuchs mit heller Mähne geschwungen. Hatte herrisch zurückgewinkt, daß die Schar Diener bliebe, wo sie wollte. War in die mächtigen Silberbügel gestemmt durch das Burgtor hinausgesprengt. Und war der alten Gräfin, die mit einem Fliederbusch im Goldhäubchen am offenen Burgfenster zu winken versucht, und der pikierten, runzligen Kammerfrau, die sich heimlich hinter eine Gardine gedrängt, bald aus den Augen.

Aber den Goldhelm des Herrn, auch wie er jetzt in die Bergschlucht hineinritt, umspielten bedenkliche Mengen schwarzer Schlänglein, all die Hartherzigkeiten, die ihm vom Tale nachflogen.

Schon das dörflerische Frühleben hatte den weiberlaunischen Grafen gleich in leisen Verdruß gebracht. Der Dunggestank und das Hähnekrähen mit dem wüsten Gekläff frecher Dorfköter war seinem tänzelnden Goldfuchse ein paarmal so nahe gekommen, daß sogar das frohe Pferd unversehens hinter sich geschlagen.

Und weiter oben hatten sich die Mienen des alten Ritters von Bauchwitz in noch unbarmherzigere Falten gelegt, weil der in seine Arbeit vertiefte, plumpe, gebeugte Ackersmann, der am steinigen Dorfhange mit einem Kuhpfluge Furchen zog, seines grundherrlichen Erscheinens und Vorbeireitens gar nicht achtete.

Aber oben lag der Frühling. Lagen die freien Hochmoore voll Glanz und Blumen. Ragten die Felsgetürme. Die spitzige Veilchenkoppe war nahe. Der beblühte Hang dehnte sich hinab. In der Morgenferne schwammen die bläulichen Bergwellen, in Tinten ganz weich. Zogen still der Sonne entgegen, die als Goldscheibe im Himmel hing. Und ein Rieseln und Flüstern in den Kammgräsern. Eine leise Pfeifmelodie um die Steinblöcke. So daß der verfinsterte Edelmann jetzt doch wohl oder übel die reine Sonnenluft eintrinken mußte.

Der alte Graf hörte das hohe, helle, jubilierende Klingen, das in den Lüften über den Kammwiesen wogte. War von seinem Goldfuchse ins Gras niedergestiegen, hatte sich die steifen Glieder grollend ausgetreten und hatte jetzt auch dem Luftsänger im blauen Himmel eine Weile zugesehen und zugehört. Freilich konnte niemand wissen, daß Rübezahl als dieser Steinpieper in den Lüften hing. Und daß der heimlich zitterte, dem hartherzigen Rittersherrn gerade jetzt ein Schnippchen zu schlagen.

Der Steinpieper war längst wie ein Pfeil ins Krummholz niedergefahren. Er ragte schon als hell besonnter Wurzelstock dicht neben dem Edelherrn aus der Erde heraus, nur gewärtig, daß sich der sorgenbefreite Mann mit der Helmzier endlich auf ihm würde behaglich zum Ausruhen niederlassen.

Aber da lag der blanke Rittersmann auch schon hinterrücks in der Moorlache drin.

Mitten in Moorzotteln. Ritterstab und weiße Handschuhe triefend schwarz.

Und der Herr rief natürlich kläglich nach seinen Dienern. Indessen der Steinpieper schon wieder sein höhnisches Gezwitscher in den Lüften hören ließ.

Und rings nur einsames, weites, buntes, steiniges Sonnenland. In allen Fernen keine Menschenseele.

Ein kleiner Erdmolch hob in der Nähe sein schwarzgelbes Köpfchen in die Luft und witterte. Aber der konnte unmöglich des besudelten Ritters Diener sein.

Da hatte sich der Graf zum Aufstehen aus der Pfütze und zu seiner Toilette schließlich selber bequemen müssen. Hatte sein Leibpferd persönlich herangeholt, gänzlich verbittert im Gemüte und hart die Lage verfluchend. Und hatte sehr spät den gespornten Stiefel wieder in den mächtigen Steigbügel hinaufgehoben.

Da bemerkte er plötzlich fern in den Kammwiesen eine unglaubliche Liebesaffäre.

Er stellte den Fuß noch einmal auf die Erde zurück. Und spannte gleich mit hartherzigem Blick.

Es konnte gar kein Zweifel sein. Dort hinten im Licht saß auf einer morschen Holzbank, halb hinter einem Krummholzbusche verborgen, ein krummrückiger, klotziger Bauernknecht, der Gott in diesem Lenzlichte mit Liebesgetändel den Tag abstahl. Gar kein Zweifel, daß sich hier oben vor des erleuchten Herrn Augen ein junger Kuhknecht aus dem herrschaftlichen Gesinde… mit wem?… der strenge Herr traute wahrhaftig jetzt seinen Augen nicht… mit einem jungen Adelsgespons im silberseidigsten Kleide Liebkosendes zu schaffen machte.

Da saß der jähzornige Graf plötzlich wieder fest auf seinem Goldfuchse angeklammert. Da hatte er dem frohen Tiere mit der hellen Mähne die Sporen nur so in die Weichen gehauen. Und schwang im jachsten Jagen gellend und pfeifend die langrollende Russenpeitsche, die er vor Aufregung kaum hatte aus der Sattelbandage lösen können. Ritt, als wenn er Rübezahls Isabelle selber unterm Leibe hätte, dröhnend über die Moorwiesen ins Weite.

Schrie in den Lüften Befehle und Flüche.

Ritt und ritt.

Brüllte und fluchte im wildesten Hinrasen über des niedrigsten Knechtes frechste Frechheit.

War in seiner ritterherrlichen, blinden Wut gar nicht mehr zur Besinnung zu bringen, obwohl der plumpe Bauer mit seinem Adelsliebchen nur immer wie der Sturmwind vor ihm her in die Ferne zog.

Und der bügelgestemmte, blankgepanzerte Adelshochmut wäre bis an den jüngsten Tag so in sinnlosem Wüten fortgeritten, wie der Mensch hinter dem Glücke her, wenn nicht Rübezahl selber die fliegende Luftjagd satt bekommen.

Bauer und Edelweib versanken plötzlich vor dem Grafen in ein Krummholzbuschwerk hinein.

Da dachte freilich der von Zorn und Schweiß rauchende Ritter die beiden erst richtig zu erjagen.

Er war im Fluge von seinem dampfenden Goldfuchse abgesprungen, Sumpflöcher und Blöcke und Knieholzäste wie ein langer, taumelnder Springer überstürzend, und wähnte sich endlich am Ziele. Zog die gewundene Knutenpeitsche hundertmal über den plumpen Rücken des verächtlichen Bauernklotzes und des ehrvergessenen Fräuleins her.

Hörte ihr greuliches Jammergeschrei.

Hörte zwar auch schon ein tolles Juchheen dazwischen. Und stockte.

Schlug noch sinnloser, und stockte wieder, die Augen weiter und weiter aufreißend, als seine Armkraft doch schließlich zu Ende ging. Und mußte nun erst erleben, daß nur zwei einsame, starre, graue Götzensteine vor ihm stumm und unschuldig in die Sonne ragten.

Da waren die Blicke des hoffärtigen Herrn scheu und erschöpft in sich hineingekrochen, und sein Gesicht war länger geworden wie so ein alter Granitklotz selber.

Vielleicht wäre da gar nicht mehr nötig gewesen, daß dem in seinen Grundfesten erschütterten Rittersherrn ein heulender Windstoß auch noch Bandelier und Helmzier samt der Knutenpeitsche vom Leibe gerissen und fortgetrieben.

*

Der alte Ritterherr von Bauchwitz soll an diesem Tage klein wie eine Mücke heimgekommen sein.

Nicht auf seinem Goldfuchse.

Den hat Rübezahl selber mit Geschrei wie ein richtiger Fuhrknecht über Stock und Stein zu Tale und in den Schloßstall getrieben.

Denn Rübezahl hatte den hochfahrenden Edelherrn doch in seiner Gutmütigkeit davor bewahren wollen, in der ganz demolierten und vernichteten Herrlichkeit durch das Schloßtor einzureiten.

Er hatte also den alten Grafen zunächst nur als Mücke auf einem Wasserstar festgehalten und ihn dann auf dem Zweige eines jungen Apfelbäumchens in den Bachwellen weiter zu Tale fahren lassen, ohne daß der Graf überhaupt dabei wußte, wer er war und wie das alles zuging.

Der hartherzige Edelmann war von diesem Frühlingsritt ganz wortkarg in seiner Burg wieder aufgetaucht. Er war aus seinen Gedanken seit der Zeit nicht mehr richtig aufzuwecken. Er war ganz kleinlaut geworden. Wenn er sprach, redete er ganz unverständliche Worte vor sich hin. Die Dienerschaft begriff niemals, was eigentlich passiert war.

Der Graf behauptete immer, daß er durchaus nicht mehr der Graf, sondern nur ein winziges Insekt wäre.

Das hat er sich weder von seinem Leibarzt, noch von seinen liebsten Verwandten ausreden lassen.

Mit diesem Worte auf den Lippen ist er auch dann sanft entschlafen.

Aber Rübezahl soll doch auch einen Kranz aus goldenen Krummholzzweigen selber auf des alten Edelmanns Grab niedergelegt und mit unerhörter Baßstimme unter der Grabbegleitung mitgesungen haben.

Wie Rübezahl wegen eines Stammvaters der Hechte Rache nahm


Drittes Abenteuer

Dieses Ereignis fällt in den Hochsommer.

Der Waldboden der Lichtungen hatte sich mit Weidenrosen, rot wie liebliche Frauenkleider, überwuchert.

Rübezahl trieb sich umher so recht wie einer, den die Julisonne nicht ruhen läßt.

Er rollte und rann, fauchte und tobte, pfiff und sang, tirilierte und wußte der lustigen Schwänke keine Grenzen.

Er kam unter dem Steingeröll hervor als braunkariertes Schlänglein, blickte mit tiefen Stecknadelaugen. Hatte dabei wohl eine blitzende Krone auf der flachen Schlangenstirn. Wand sich des Weges in Sonnenstrahlen. Schlang sich um Felsblöcke.

Und wenn ein Wandrer danach greifen oder gar schlagen wollte, wisperte das kleine Ding mit schwarzer Nadelzunge, als wenn es den ganzen Haß des menschlichen Störenfriedes sogleich damit aufspießen und durchlöchern könnte.

Mancher Roßtäuscher, der Koppelpferde von Prag die Bergwege nach Polen ritt, mußte auf der Hut sein vor seinen Streichen, die aus Boden oder Luft unerwartet aufwuchsen.

Der Herr der Berge kam auch wohl an solchem Sommertage auf seinem Bocke geritten, wild und mit Getöse, gleich wie ein ganzes Rudel fetter Sommerrehe kommt.

Und die Rosine Sender, die mit flatternden Röcken und aufgepluschtem Hemde, weil der Bergwind alles an ihr noch mehr aufblies, auf der einsamsten aller Bergwiesen stand und das lange Nadelgras samt den bunten Blumen in dünne Schwaden hinschnitt, hielt inne, wenn Gemecker hinter ihr hörbar wurde und die Steine aufsprangen. Sie wagte dann nicht, den Kopf zu drehen, weil sie genau wußte, daß der Meister Rübezahl mit einer Ritternase von einer halben Elle Länge hinter ihr vorbeistob.

Aber obzwar jede einsame Kuhmagd heimlich erbebte und sich nicht zu rühren gewagt, die vorher oben in der freien Sonnenhöhe ihr Lied geträllert: etwas Tolles hatte es dabei gewöhnlich doch gegeben. Und wenn es nur gewesen wäre, daß der vergnügte Bockreiter der Jungfrau mit der Sense einen verzwickten Ziegenbart an ihr sonnenbraunes Kinn angedreht.

Oder Rübezahl, der wie der Wind in Schluchten unten und oben in den Kammwiesen und an vielen Stellen zugleich wehen konnte. Auch auf den lichten, staubigen Landstraßen von Schmiedeberg nach den Grenzbauden. Oder im Dunkeltal, dessen Hütten jetzt sommerhell an den Hängen klebten. Rübezahl tollte in dieser Zeit als tanzendes oder widerwilliges Rad auf dem Wege nach Großaupa hinunter.

Tanzte, rollte, turkelte und lag. Erhob sich wieder, wenn der atemlose Rademacher es noch kaum zum Stehen gebracht. Ließ den Rademacher einherspringen. Oder lag plötzlich auch wieder als Zentnerlast am Wege und ging ebenso mir nichts dir nichts wie eine leichte Feder in die Lüfte fort.

Wenn so etwas geschah, wußte dann jeder Rademacher gleich, wer ihn an der Nase geführt. Und er wußte es auch, daß Fluchen und lästerliches Gerede die Sache nur schlimmer, nicht besser machte. Daß dann der Mensch nur stillhalten mußte, wenn er dabei auch seinen Atem aus dem Blasebalg beinahe ganz auspfiff. Da durfte keiner die Lammgeduld verlieren, wenn er nicht obendrein noch mit einem Ochsenkopfe statt seines eigenen in die Bergschenke eintreten, oder gar die Besinnung verlieren und unter einem stinkenden Ziegenkadaver auf einer Geröllhalde irgendwo sich wieder neu entdecken sollte.

So war es auch heute gegangen.

Rübezahl war im Tale gewesen.

Er hatte es umständlich erfahren, daß ein Troß hoher Herren im Gefolge des gräflichen Erbherren den schönsten Julitag nutzen wollte, um sich auf der höchsten Höhe über der Welt einmal richtig zu belustigen.

Damals hatte Rübezahl immer auch etwas zu streiten und zu hadern gegen die großen Herren, die ihm sein Revier von Jahr zu Jahr mehr und mehr zu beschränken suchten.

Deshalb stieg Rübezahl nicht etwa mit seinen langen Beinen selber wieder auf die Höhe zurück. Er war vornehm gelaunt. Er hatte sechs Isabellen aus den Lüften gerufen, um dem Erbherrn unten zu zeigen, daß auch er sich nicht weniger lumpen brauchte.

So fuhr er also mit sechs Edelpferden, hell wie die Sonne, mit blauen Schabracken und vergoldetem Lederzeug. Saß in der Kutsche. Lümmelte sich und lachte. Und strich seinen großen Försterbart.

Aber schon, wo der Weg in den Tabaksteig mündet, ärgerte ihn das Gerattere eines Topfwagens, den ein junges Gebirgsweib mit einem Hunde zusammen zu Tale zog. Und obzwar Rübezahl nicht gewillt war, dem versorgten, jungen Frauenzimmer Böses zu tun, da er es jetzt in Gedanken nur mit den hohen Edelherren zu tun hatte, so ließ er doch die Posaunensturmstimme einen Augenblick zornerregt aus der Höhe in die Töpfe blasen, so daß die junge Frau samt ihren Töpfen richtig ein Stück durch die Luft ging, und Töpfe und Teller wie beim Polterabend in tausend Scherben zerbrochen plötzlich am Wege lagen.

Das Weib stand freilich gleich danach wieder fest auf seinen Beinen. Aber mit jämmerlichem Geschrei. Nicht anders, als wenn der Satan selber ihr einen Possen getan. Erinnerte sich allerdings von ferne, daß sie grade vorher einen bösen, häßlichen Gedanken mit sich getragen.

Aber weil Rübezahl darin ein richtiger Weichquark war, daß er Jammergeschrei durchaus nicht ertragen, dann noch lieber den Schaden tragen wollte, hatte er dem Jungweibe seine Geldbörse aus seinem Wagen zugeworfen. Fuhr und fuhr den jähen Tabaksteig heilstoll hinauf. Landete an der Grenzschenke und machte da mit Wirt und Gesinde, mit der kleinen Kinderschar und Enten- und Gänse- und Hühnerschwärmen nicht viel Federlesens mehr, als wenn der Sturmwind sie alle in Ehrfurcht und Schrecken vor seiner Hoheit zu Paaren trieb.

Da sprang und wirbelte alles mit Käsen und Milchkannen, Rahmschüsseln und Schwarzbrot, mit Eiern und gebackenen Kuchen hin und her, als gälte es einen kleinen Herrgott selber eilig mit den schönsten Nährmitteln zu versehen.

Die sechs Isabellen standen vor dem Prunkwagen vor der Tür und scharrten.

Und man konnte denken, daß auch die gestiefelten Goldknechte, Diener und Pagen nur himmlisches Gesinde wären.

Es war Sommer.

Und sommers mußte auch der Rübezahl seinen Reisewagen schirren.

Rübezahl hatte natürlich bloß an ein flüchtiges Halten vor der Grenzschenke gedacht.

Ihn plagten längst allerhand andere Gedankenspäne. So daß er beim Verzehren des größten Eierkuchens in der Grenzschenke den Mund kaum auftat. Und daß er es nicht einmal fertigbrachte, seinen irdenen Teller in einen silbernen zu verwandeln. Und also der Teller halb noch im Irdenen steckenblieb. Bloß weil er es mitten im Tun schon vergaß, um zu tolleren Gedankenspielen überzuspringen.

Und dann war Rübezahl sogleich oben.

Oben am Rande des Koppenplanes.

Gar nicht mit Pferden.

Die Isabellen hatten gewartet wie genarrtes Brauervieh, wenn der Bierkutscher betrunken in der Kneipe lallt und duselt.

Sie standen und standen.

Und die gestiefelten Kutscher und Diener in Golddreß sahen und lachten einander nur an. Und gingen dann einfach in blauen Rauch auf.

Und der Wirt und die Wirtin sahen vor die Tür in den Sonnennebel, der fortflog. Bekreuzten sich. Und legten die Hand vor die großen Zähne. Denn sie begriffen den Zauber.

Rübezahl war glücklich an ihnen vorüber. Er hatte eine halbreife Kornähre mit vom Tale gebracht, mit der er beim Essen und während der Fahrt schon getändelt.

Nun fand sie die Wirtin noch auf dem Wirtstisch liegen. Und brachte sie gleich sorglich in ihre Hochzeitstruhe. Weil sie auch hier wußte, wie mit den scheinbar irdischen Geschenken Rübezahls behutsames Umgehen dringend gefordert war.

Und Rübezahl war jetzt also oben am Rande des Koppenplanes. Der Koppenplan ist wie ein großer Felstisch über dem Lande. So recht für die Tafel eines großen Herrn geeignet.

Rübezahl hing noch einstweilen als bloßer Gedanke mitten in verwehenden Sonnennebeln. Er war der Bequemlichkeit halber lieber gleich ganz ohne Sang und Klang hinaufgefahren.

Er hatte sich gewissermaßen völlig nur in den Gedanken verdichtet, wie er dem großen Herrentroß von unten ein wahres Sommervergnügen bereiten würde.

Aber weil ihm als bloßer Gedanke zu nackt und bloß zumute wurde, hatte er sich bald in eine kleine Spinne verwandelt, die wegen ihres dürren Leibes und ihres vertrackten Beinwerks mit einem Gedanken noch am meisten Ähnlichkeit mitführt.

Und Rübezahl lag ruhig in Netz- und Steinwerk und sah den Berg nach dem Melzergrunde hinab, wo sich der vornehme Troß prustend, aber bunt und wie ein Fasching blinkend und blitzend über Stock und Block mühsam emporhob.

Ich glaube, daß die Spinne ein feines Simsen wie ein höhnisches Spinnenlied vor sich hin tremolierte. So durchzuckte es sie durch alle Gelenkchen und Zängchen, sich mit den hohen Ankömmlingen eine Lust zu machen wie nur im Julimonat.

Zunächst muß man wissen, was und wie alles da unten in dem Trosse einherging.

Da kamen voran ein paar junge Pagen, die waren fast mädchenhaft wie Engel. Die sahen nie einander an.

Die sahen nur mit erhobenen Milchgesichtern und kirschroten Wämsern ganz ins Licht.

Ein jeder der Pagen trug in seinen Händen vor sich je einen Goldbecher: die Mundgefäße des erlauchten Herrn und seines hohen Vetters und Gastes selber.

Dann kamen acht Pagen als eine geschlossene Kolonne.

Die sahen nicht weniger goldig und weinrot aus. Hatten lustige Bandeliere um ihre Zipfelkappen wehen und trugen allerhand silberne Weingefäße und in prunkenden Kästchen gräfliche Silber- und Goldbestecke, die fürs Mahl oben auf dem höchsten Tische bestimmt waren.

Dann kamen ein Dutzend kirschrot und goldbefrackter Kammerdiener mit allerkostbarsten, weichen, wohligen Garderobestücken.

Denn niemand konnte an einem solchen Tage wissen, welche Laune den Erbherren und seinen erlauchten Vetter in den Höhenlüften anfahren konnte, daß sie wer weiß nach welcher Bequemlichkeit winken könnten.

Das waren ihrer schon an die zweiundzwanzig Diener.

Dann kamen inmitten von Korbträgern mit Speisen (an die dreißig Mann) eine Gruppe von vier Leibjägern und Hornbläsern.

Und hinter diesen drein schritt Meister Kaspar, der Mundkoch und oberste Küchenchef mit seinem Stabe von zwei Unterköchen und fünf lustigen Küchenjungen. Meister Kaspar zum Zeichen seiner Würde die goldene Suppenkelle in der Hand tragend, die für den Leibteller des Erbherrn und heute natürlich auch für den Teller des erlauchten Gastes bestimmt war.

Dann kam Eustachius Kahl, der weißbefilzte Benediktinerpater des Schlosses, der allzeit mußte in der Nähe sein, um dem gräflichen Herrn im Namen Gottes die Grillen zu scheuchen und das Herz leicht zu machen, wenn Gedanken an die Hölle oder das Fegefeuer in ihm auftauchten. Der aber jetzt nur redselig neben Herrn Anderckens, dem gräflichen Forstmeister, herging, obwohl beiden beim Steigen die Worte nur so vom Munde weg und in alle Lüfte flogen.

Diese beiden, der weiße Benediktinerpater und der grüne Forstmeister, lachten augenblicklich belustigt in den hellen Nebelzug, der über Geröllhalden her und über Geröllhalden weiterjagte. Und hinter ihnen drein schritten zehn Tafeldecker, in Weißleinen mit Kirschrot und Gold paspeliert gekleidet, die mit allerhand Kisten und Kasten voll Leinentüchern und schneeweißen Servietten sich tapfer mühten, die schweren Wäschepacken für das erlauchte Mahl endlich auf die immer noch nicht ganz erreichte höchste Koppenhöhe emporzuheben.

Wieviel hatten wir Leute?

Zwei. Und acht. Und zwölf. Und dreißig. Und vier. Und acht. Und eins. Und eins. Und dann die zehn Tafeldecker.

Das gibt erst sechsundsiebenzig männliche Wesen, die als Kranz und Umhang oben in den Lüften um zwei hohe Adelsherrn herumtänzeln und springen, herzuschaffen und hinwegschaffen, und auf den Wink auch lustig und toll sein sollten.

In Wirklichkeit müßten wir noch über weitere vierzehn Mann Rechenschaft geben.

Denn die Chronik erzählt, daß ungerechnet die beiden erlauchten Grafen, die jeder in einer goldenen Sänfte getragen wurden, und dem Herrn von Kollakowsky, einem polnischen Kleinedelmanne, und dann dem gräflichen Sekelbewahrer, der immer hinter des Erbgrafen goldener Sänfte herging und zahlreichen heiteren Herren der vornehmen Schloßgesellschaft »von des Hofstaats Untertanen, die Ihro Exzellenz als auch Provision und alle anderen Notwendigkeiten getragen, rund neunzig männliche Wesen«, bunt bewimpelt und betreßt, die Koppenhöhe am letzten Ende schon fast hinaufgestrauchelt wären.

Aber oben war warme Sonne.

Oben ging der Wind wie ein vergessener Maigesang, der sich kaum noch erheben will.

Oben hieß es herrlich hoch über der Welt.

Höher noch als des Pater Eustachius Kahl und des Meisters Kasparn sein Herz.

Oben waren die Lüfte rein wie Ätherglast.

Oben war man hoch über den deutschen Ländern. Sah, daß die Welt weit in die Ferne sich dehnte und nie sich greifen läßt.

Oben war die unermeßliche Glocke Sonnenlicht.

Und die Worte der Träger, die angesichts der erlauchten Nähe schon leise gingen, verwehten, als wenn hier nie mehr ein Wort einen hellen Klang gewönne.

Denn selbst als die vier grünen Leibhornisten des Grafen jetzt mit den Hörnern stolz in die Lüfte bliesen, weil die beiden goldenen Sänften endlich über den letzten Steinrand herüber auf die höchste Höhe schwebten, verwehten die gräflichen Fanfaren, als wären es Tonfetzen. Und als wären sie kaum je gewesen.

Alles lachte.

Alles war fröhlich.

Alles begann sich heimlich oder offen den Schweiß zu wischen.

Und besonders der Pater Eustachius ging zu Seiner Erlaucht, dem Grafen, mit breiter, geröteter Fülle und noch triefend im Gesicht und lobte die Welt Gottes um und um.

Oben war es herrlicher, als ein jeder gedacht hatte…

Oben lag Rübezahl als eine winzige Spinne am Steinklotz, hing im Netze und tremolierte sein Spinnenlied.

Man kann nicht ahnen, was so ein höhnisches Spinnenlied aus verhaltener Spottlust und Laune des Rübezahls bedeutete.

Da war es schon ein recht verwunderlicher Zufall gewesen, daß in die Vorbereitungen des festlichen Mahles, die Tafeldecker und Mundkoch, Heiducken und Kammerdiener, Pagen und Jäger jetzt eilfertig betrieben, indessen die hohen Herren sich selbst eigens die lahmgewordenen Beine austraten, weil derartiges unmöglich von Dienern besorgt werden konnte, eine jache Sturmhusche von flüchtigem Nebelwind einhergejagt kam, das größte Tafeltuch rücksichtslos von der Haupttafel riß und unter scharfen Flattergeräusch den Stein- und Geröllhang fliegend ins Weite führte. Alles lachte neu.

Auch die Diener durften jetzt ein wenig lachen.

Man rief dem flatternden Tuche Grüße nach aus gräflichem Munde. Und ließ ein zweites Tafeltuch an die Stelle rücken.

Aber Rübezahl kroch schon an Herrn von Kollakowskys Degengehänge herum. Und über dessen verschnürte, gelbe Uniform, die in der Sonne wie ein Stück Eierkuchen in der Pfanne schimmerte.

Und dann kroch Rübezahl auch am erlauchten Grafen selber herum.

Man konnte eigentlich schon jetzt auf eine Tollheit von ihm gefaßt sein, weil auch der Graf nach der Spinne schlug.

Auch der Graf war in schmucker Edelmannstracht. Sehr bunt, weil er jung war.

Er hatte ein Wams aus passiertem Blausamt mit Silberborten an. Den Degen an der Seite. Eine Mütze, die nicht weniger gereigte Falten hatte. Samt einer stachligen Feder, die hoch stand. Und Schuhe, die unter den weißen Wadenstrümpfen äußerst schlank und ganz spitzig waren, und die an diesem Morgen auch noch keinen eigenen Schritt getan hatten.

Jetzt sah man ein gemächliches und gelindes Stolzieren über Gottes weiter Welt. So daß ein jeder der Herren, die dieses weite Anschauen gnädig genossen, auch Koch und Tafeldeckern von oben zuwinkten oder dem ersten, besten Kammerdiener einen launigen Klaps auf die Backe verabreichten, als der den feinsten Stonsdorfer zur Stärkung vor die Edelherren trug.

Die Begleitherren bildeten unterdessen heitere Gruppen, die auch die Gläser schwenkten und der Bauchflasche Ehre taten.

Da hätte Rübezahl am liebsten gleich mitgetan, wenn er nicht in diesem Augenblicke hunderterlei Wünsche zu gleicher Zeit durcheinander gehabt. Denn er fuhr auch gerade aus der Spinne in eine Felsnase am Rande des Koppenplanes, die er wie ein Maulwurf sofort aufstieß. Und dabei passierte es, daß der brokatene Lehnsessel des Grafen, den man um der schönen Aussicht willen auf die vorragendste Stelle getragen, einfach den jähsten Hang hinab in den Riesengrund stolperte und sauste.

Heidi! Da gab es nun erst ein tolles Gelächter des Herrn Grafen selber, der ein »Fare well world« hinunterlachte. Und der nur lachend in die Runde sah. So daß auch die Diener und Begleitherren gleich wieder wagten, die ernster gewordenen Mienen zu beleben.

Aber der Rübezahl saß nur als Felsnase gemächlich hoch und starr und dachte sich noch immer sein Teil.

Man hatte Polsterstühle für die beiden Erlauchten und auch für den polnischen Kleinedelmann herbeigetragen. Die Tische begannen sich zu biegen unter den Schüsseln von Wildschwein und Pasteten. Von Hühnern und Turteltäubchen mit Trüffeln gefüllt. Von Galantinen aus jungen Häschen, die noch nicht ganz flügge waren. Von Bachforellen, die junges Grün in offenen Mäulern trugen. Von gebratenen Gänsen, kalt mit französischen Gelees garniert und gerösteten Austern. Von im feinsten Butterfett und indischen Gewürzen schwimmenden, gemästeten, provenzalischen Weinbergswachteln. Von Ziemern aus dem Riesengebirge, die mit Wacholderkraut gedämpft waren.

Und die Augen aller, vor allem auch des Paters Eustachius Kahl, und natürlich auch des Meister Kaspar, der während des eifrigen Tranchierens und Tuns seine Blicke über die Herrentafel schweifen ließ, begannen zu glänzen.

Die Augen der erlauchten Herren hatten sich von der Unendlichkeit der weiten, hochgewölbten Ätherglocke in Himmelshöhen endlich weggewendet.

Ihre Blicke begannen einen seligen und versöhnlichen, um nicht zu sagen einen menschlichen und irdischen Glanz anzunehmen, als endlich auch der Herr Graf selber mit seinem Vetter sich an der Tafel hoch über den deutschen Landen zum Essen einladend niederließ.

Der Forstmeister Anderckens mußte stehen.

Man stellte fest, er war der jüngste der Begleitherren.

Weil man ja doch den gräflichen Leibsessel schon vermißte.

Und auch Rübezahl war jetzt ganz auf der Fährte, wie er die ganze Sachlage zur Katastrophe bringen wollte.

Obgleich er noch immer nur als Felsnase dalag.

Er begann sich schon richtig in seinen Ärger einzuwühlen.

Schon die Wachtel- und Ziemergerichte begannen sein väterliches Bergherz in eine gelinde Wut zu versetzen. Und so versuchte er es mit dem ersten wirklichen Präludium.

Er pfiff im Reigen, wie dreißig Nebelfrauen nicht pfeifen können. Pfiff eine schnöde, zischende Weise. Als wenn sich Peitschen um die Koppenluft aufrollten und sie schrillend zerschnitten. Stieß dem erlauchten Herrn derartig mit der Windfaust heftig ins Gesicht, daß dessen Monokel ins Essen flog. In eine kalte Schildkrötenbouillon. Und weil der Herr Vetter grade ein gesplittertes, leichtes Backwerk in den Mund schob, riß er ihm das vom Munde weg und schüttete die Krümel auf die fette Poularde des gräflichen Tellers.

Das Tafeltuch, ob es gleich angezweckt war, begann sich gleichzeitig zu erheben und zwischen den üppigen Schüsseln mächtig aufzublasen.

Alles schon recht verheißende Dinge.

Aber es schien noch immer wieder die ruhige Sonne.

Man fing an, die schäumenden Weine aus Frankreich in den Silberbechern zu schwenken. Der erlauchte Herr erzählte leutselig von »höchsten« Mahlen.

Er erinnerte sich daran, daß jeder Mensch einmal einen höchsten Tag erleben müßte.

Er wurde feierlich.

»Einen höchsten Tag wie heute, auf höchster Höhe im Lande!«

Er trank seinem Vetter gnädig zu. Indem er gleichzeitig lachte und zum Zeichen, daß auch die anderen alle sich bei seinen Worten erheben sollten, erhob er sich von seinem Polsterstuhle.

Er erinnerte daran, daß einmal Einer Derer Von sich auf einem Kreuzritterzuge auch auf dem Sinai derart umgesehen.

Er behauptete: »Nur im Traume gibt es solche Gastmahle, die hoch und Gott näher gegessen würden!«

Er wurde immer feierlicher. Sprach schließlich mit einigen Tränen, so daß auch die mädchenhaften Pagen, die hinter den Stühlen standen, ernstlich gerührt, Tränen bekamen.

Aber da brachte man gerade einen gewaltigen Hecht an die Herrentafel.

Er war auf dem großen Feldherde sorgfältig gebraten worden, den man an einer Ecke des Koppenplanes für einige Leibgerichte des Erbherrn, besonders für diesen Hecht à la Beranger hatte aufrichten müssen.

Und da mußte man erleben, daß sich in diesem Augenblicke, wie man den Hecht von der Platte nahm, in den Lüften ein Tirilieren wie aus tausend spitzigsten Flöten hören ließ. Der eiserne Kochherd, noch mit dem brennenden Feuerbauche, sich hoch in die Lüfte aufhob. Wie ein kreiselndes Frauenzimmer mit steifendem Reifrocke nicht etwa zu Tale, sondern hoch und höher in den Himmel ging. Und endlich als lachendes, feistes Mönchsgesicht mit blökender, goldener Zunge und schließlich als Punkt entschwebte.

Das wäre an sich schon genug gewesen.

Wenn nicht der Spuk gleich noch toller ins Breite gegangen.

An der Tafel erinnerte man sich, als besagte Lufterscheinung hochfuhr, freilich noch immer lüstern des Hechtes, den man grade vor den erlauchten Herren niederließ.

Des Hechtes, der so stolz mit grünen Reisern und den schönsten Weidenröschen besteckt aufgetragen wurde.

Und zu dessen Triumphe sogar jetzt die vier grünen Jägersleute doch wagten, ihre schmetternde Musik in die Lüfte hinauszustoßen.

Aber mit dem Hechte hatte man etwas Gehöriges angerichtet.

Man muß nämlich die Geschichte des Hechtes kennen.

Der Hecht war ein alter Urvater der Hechte im Riesengebirge.

Man hatte ihn in einem entlegenen Teiche im Walde gefangen, den man ewig in Ruhe gelassen. Irgendwo nahe am Gebirge. Unter Schmiedeberg. Natürlich innerhalb der gräflichen Herrschaft.

Der Hecht hatte seltsame Wammen und Auswüchse um den Hals und am Leibe. Auf seinem Kopfe war auch Moos gewachsen.

Seine Augen hatten scharf und überlegen in die Welt der Fische und des Wassergewimmels hineingesehen.

Er hatte sogar auf seinem Kopfe in Moos verklebt einen Kieselstein. Und es war ihm dazu eine Art kleines Geweih auf der Schädelplatte gewachsen. So daß man es ihm wirklich ansah, daß ihn die Natur zum Häuptling oder König unter Seinesgleichen ausgezeichnet hatte.

Jetzt war er zentnerschwer von mehreren Dienern gleichzeitig auf einer extra dazu verfertigten Silberschüssel aufgetragen worden.

Es ziemte sich also auch diese strotzende Totenmusik.

Der Hecht war ein Kapitaltier. Hatte hundert Jahre und mehr auf seinem Rücken.

Die Flossen schienen allen gleich von Golde zu schimmern.

Und wie man ihn vor den Grafen hinstellte, deuchte es allen, als wenn er nicht nur ein kleines Geweih, als wenn er gleich eine stachlige Krone trüge.

Dann begann ihn der gräfliche Vorschneider, endlich ganz wieder beruhigt, vor seines Herrn Auge mit einem riesigen Silbermesser mitten zu spalten.

Aber da hörte man es schon, daß die Ohren der Hörer lang und länger wurden.

Da hörte man schon, daß eine ungewöhnliche Baßstimme im Bauche des Hechtes ein freches Grölen ertönen ließ.

So daß allen an der Tafel die Ohren richtig sichtbar voreinander länger wuchsen.

Und daß der Forstmeister Anderckens, der sich schon ein neues Besteck und einen extra großen Teller hatte reichen lassen, weil er stand, Teller und Besteck einfach achtlos auf den Steinboden klirren ließ.

Denn jetzt, wie man die Hechtseiten auseinander legte, sah man da plötzlich ein Wesen, ein unziemlich nacketes, unappetitliches Ding, lang wie ein Bratenspieß und zierlich, das sich aus dem Bauche des Hechtes gewandt aufhob, richtig einen jämmerlichen, kleinen Lausekerl, der wütend aus vollem Halse froschmäulig in die Luft hinausschrie: »Bonus dies, ihr Herren… wie gefällt euch der Hecht?«

Von der Zeit an ging da alles nur noch wie ein wilder Orkan und reißender Wolkenbruch.

Nebelfrauen durchgackerten die Lüfte wie Gänse. Die gebratenen Hühner auf der Tafel fingen an mit den Flügeln richtig zu gestikulieren. Die gebratenen Wachteln hupften mit ihrem Puttperwutt einher. Fuhren den Herren barsch um die Ohren, noch triefend von Bratenfett. Und die Weinflaschen standen mit ihren entkorkten Köpfen, als wäre ein ganzer Verein Sangesbrüder entstanden, die das Beleidigendste vom Tollen herausbrüllten.

So daß schließlich nichts mehr da war, einem gräflichen Mahle auf Himmelshöhen ähnlich, sondern nur ein finsteres, rauchendes Sabbattollen im Gemüllhaufen der Hölle, das Lebendes und Totes, alles in seine Wirbel zog.

Die Herren riefen nach ihren Dienern.

Aber die Diener konnten auch nur vergebens nach ihren Herren rufen.

Meister Kaspar und seine Küchenjungen schienen frei in den Lüften zu hängen, die Beine nach oben. Von den Schüsseln konnte man wähnen, als wenn sie die Leibjäger oder Heiducken, während sie selber Kapriolen schlugen, mit verzerrten Gesichtern in die Abgründe entleerten.

Es gab da weder unten noch oben.

Allen war auch so, als ob sie ohne Beine durch den Luftraum flögen. Als wenn sie sich müßten bis ans Ende der Welt im Wirbel drehen.

Das Tollhaus von Tönen nicht mitgerechnet, das losgebrochen war. Als wenn sich der kleine Lausekerl aus dem Hechtbauche vertausendfacht hätte. Den Herren aus allen Lüften fortwährend jetzt in die Ohren gellte.

Und den Herren auch die Ohren, wie es ihnen deuchte, bis hinauf an den Himmel, und die Nasen und Lippen bis an den Nabel der Welt hinunterzerrte. Bloß, um mit ihnen den tollsten Sommerspaß zu treiben.

Alles lag herum. Oder taumelte herum. Alle wußten gar nichts. Der Rübezahl hatte sein Mütchen gekühlt.

Dem jungen Grafen hatte man müssen Siegellack auf die nackte Brust träufeln, damit er wieder atmete. Und man hat dann den Erbherrn und auch den Herrn Vetter in den goldenen Sänften nach Haus gebracht.

Nicht tot, aber liegend. Und erst nach einigen Wochen wieder ganz entlastet.

Nach diesem Abenteuer war es kein Wunder, daß der Graf, wenn er nachmals aus seinem Schlosse die Koppe von Goldketten umhangen vor dem Frühlicht aufragen sah, oder wenn der Berg von feinem Rosenschimmer übergossen im Abendlichte schwamm, jedesmal zu seinem Leibjäger, der das Geheimnis auch kannte, lachend sagte: »Bonus dies, Ihr Herren… wie gefällt euch der Hecht?«