Die Wiesenjungfrau

Auf einer grünen Wiese bei Auerbach an der Bergstraße hütete ein Hirtenbub seines Vaters Kühe, stand müßig und dachte an gar nichts. Da fühlte er auf einmal einen sanften Backenstreich von einer weichen Hand, und wie er sich erschrocken umdrehte, stand eine wunderschöne Jungfrau vor ihm da, ganz schleierweiß, und tat den Mund auf, ihn anzureden. Aber der Bub brüllte vor Schreck, als wenn er am Spieße stäke, und rannte davon, nach Auerbach zu.

Nach einiger Zeit hütete der Bub abermals auf jener Wiese und stand träumend in der heißen Mittagsstunde am Waldesrain. Da raschelte es am sonnigen Rain, als schlüpfe eine Eidechse ins Dorngebüsch. Der Knabe blickte hin; da sah er eine kleine Schlange, die trug in ihrem Mund eine blaue Blume und sprach: »Guter, erlöse mich! erlöse mich! Mit dieser Blume öffnest du droben im alten Schloß Auerbach die verfallenen Keller und die Fässer voll Gold, und alles ist dein! Nimm die Blume! Nimm die Blume!« Aber dem Buben wurde es ganz unheimlich und graulich; er hatte all sein Lebetage noch keine Schlange sprechen hören – und lief von dannen, als wenn der wilde Jäger hinter ihm drein wäre.

Als der Spätherbst kam, hütete der Bube zufällig wieder an derselben Stelle, und da empfing er wieder einen sanften Backenstreich und sah im Umdrehen wieder die weiße Jungfrau, welche ihn flehend ansprach: »Erlöse mich! erlöse mich! Ich will dich reich und glücklich machen. Du allein kannst es, nur du allein. Ich bin verwünscht, zu harren und zu wandeln, und kann nicht eher zur Seligkeit eingehen, bis aus einem Kirschkern, den ein Vöglein auf diese Wiese fallen läßt, ein Kirschbaum groß und stark gewachsen ist, der Baum abgehauen und aus ihm eine Wiege gemacht ist. Nur das erste Kind, das in solcher Wiege geschaukelt worden ist, kann mich dadurch erlösen, daß es mit der blauen Blume, die ich hier halte, hinauf zur Burg geht und dort die unterirdischen Schätze hebt. Du bist das Kind, das in solcher Wiege gewiegt worden ist.«

Als der Bube diese Rede hörte, zitterte er, und es lief ihm eiskalt über den Nacken; denn er hatte kein Herz, und wenn der Mensch kein Herz hat, ist er ein Tropf. Und er kreuzigte und segnete sich und schüttelte mit dem Kopfe. »Wehe mir! Wehe!« rief da die Jungfrau. »So muß ich wieder hundert Jahre harren und wandeln. Wehe dir, daß du kein Herz hast; so sollst du auch keins finden!« Und sie tat einen lauten Schmerzensschrei und verschwand.

Der Bube aber ging von diesem Tage an still und bleich umher und hat nicht lange gelebt.

Des Rodensteiners Auszug

Im Odenwalde oder nahe dabei stehen zwei Trümmerburgen, die heißen der Rodenstein und der Schnellerts, zwei Stunden voneinander entfernt.

Die Herren von Rodenstein waren ein mächtiges Rittergeschlecht. Einer derselben war ein gewaltiger Kriegs- und Jagdfreund. Kampf und Jagd war sein Vergnügen, bis er auf einem Turnier zu Heidelberg auch die Minne kennenlernte und ein schönes Weib gewann. Doch lange hielt er es nicht aus im friedsamen Minneleben auf seiner Burg: eine nachbarliche Fehde lockte ihn zu blutiger Teilnahme. Vergebens warnte ihn sein Weib, das durch schwere Träume geängstigt worden; sie bat und flehte, sie doch nicht zu verlassen. Er zog dennoch von dannen und achtete ihres Flehens nicht. Sie aber war so sehr erschüttert, daß sie eines toten Sohnes genas und – starb.

Der Ritter war, um dem Feinde näher zu sein, auf seine Burg Schnellerts gezogen. Dort erschien ihm im Nachtgrauen der Geist seines Weibes und sprach eine Verwünschung über ihn aus. »Rodenstein!« sprach sie, »du hast nicht meiner, nicht deiner geschont. Der Krieg ging dir über die Liebe. So sei fortan ein Bote des Krieges bis an den Jüngsten Tag!«

Bald darauf begann der Kampf. Der Rodensteiner fiel und ward auf Burg Schnellerts begraben. Ruhelos muß seit der Zeit sein Geist ausziehen und dem Lande ein Unheilsbote werden. Wenn ein Krieg auszubrechen droht, erhebt er sich schon ein halbes Jahr zuvor, begleitet von Troß und Hausgesinde, mit lautem Jagdlärm und Pferdegewieher und Hörner- und Trompetenblasen. Das haben viele Hunderte gehört. Man kennt sogar im Dorfe Oberkainsbach einen Bauernhof, durch den er hindurchbraust mit seinem Zuge, dann durch Brensbach und Fränkisch-Krumbach und endlich hinauf zum Rodenstein. Dort weilt das Geisterheer bis zum nahenden Frieden; dann zieht es, doch minder lärmend, nach dem Schnellerts zurück.

Das Rad im Mainzer Wappen

Erzbischof Willegis von Mainz war ein gelehrter und frommer Mann und von Herzen demütig. Er war aber von niederer und geringer Herkunft; sein Vater war ein armer Rademacher. Das machte ihm Neid bei den adeligen Domherren; die malten ihm heimlich Räder an die Türen und Wände seines Bischofhofes und spotteten: »Das ist unsers Bischofs Ahnenwappen.« Willegis aber, der fromme Mann, nahm sich des mit nichten als eines Spottes an. Er ließ über seiner Bettstatt ein hölzernes Pflugrad aufhängen und in seine Gemächer weiße Räder in rote Wappenfelder malen und dazu einen Reim setzen, der lautete:

»Willegis, Willegis,
denk, woher du kommen sis!«

Und nachher haben dem frommen Willegis zum Gedächtnis alle nach ihm kommenden Erzbischöfe dieses Rad als Wappenzeichen beibehalten, und Stadt und Bistum Mainz haben es angenommen und beibehalten bis auf den heutigen Tag.

Heinrich Frauenlobs Begräbnis

Es war in deutschen Landen ein Minnesänger, der sang viel süße Weisen zum Lobe der Frauen; deshalb gewann er auch den Namen Frauenlob, denn sein rechter Name war Meister Heinrich von Meißen. Viele Reisen machte der Sänger von einem deutschen Hofe zum andern. Er sang irdische und sang Gottesminne. Zu Rostock regierte Markgraf Waldemar von Brandenburg, der hatte einen Rosengarten und ließ ein Wettsingen veranstalten; da war Meister Heinrich der erste Sieger. Einstmals lauerten Feinde ihm auf und umringten ihn mit Dräuen, sie wollten ihn töten. Da bat er, sie sollten ihm noch einen Sang vergönnen. Und als sie das taten, sang er so rührend zum Preise der himmlischen Frauen, daß jede gehobene Waffe sich senkte und die Feinde ihn ungehemmt und ungeschädigt von dannen ziehen ließen.

Auf seinen Sangesfahrten kam Meister Heinrich auch nach Mainz und verstarb allda und wurde begraben im Umgang des Domes, neben der Schule, mit großen Ehren. Von seiner Herberge bis zur Grabstätte trugen ihn Frauen und erhoben um ihn großes Weinen und Wehklagen, um des großen Lobes willen, welches der Sänger dem ganzen weiblichen Geschlecht zeit seines Lebens erteilt hatte. Und mit den Tränen zugleich gossen sie eine Fülle edlen Weins auf Meister Heinrichs Grab, daß der Wein durch den ganzen Umgang der Kirche floß. Und wäre manchem Dichter lieber, sie gäben ihm solchen Wein beim Leben. Mehr als ein Denkmal ist Heinrich Frauenlob errichtet worden, und seine Sänge sind noch unvergessen.

Der Franken Furt

Zur Zeit Karls des Großen kriegten die Sachsen gegen die Franken und ihren mächtigen König. Einst waren die Sachsen siegreich und trieben die Feinde bis hinab zum Mainstrom. Wie nun die flüchtigen Franken an die Stelle kamen, wo jetzt Frankfurt liegt, und des Stromes Breite und Tiefe sie erschreckte, da sie weder Brücke noch Schiffe hatten, siehe, da zeigte ihnen eine Hirschkuh den Weg, indem sie ohne Gefahr durch den Strom schritt und also eine Furt anzeigte, wo die Franken ohne Gefahr über den Strom setzen konnten. Als nun später die nachfolgenden Feinde kamen und jene Furt nicht kannten und fanden, mußten sie die Franken unverfolgt lassen. Und Karl der Große soll gesprochen haben: »Besser, daß die Völker sagen, ich sei mit meinen Franken diesmal vor den Sachsen geflohen, als daß sie sagen, ich sei hier gefallen; denn weil ich lebe, kann und will ich meine Ehre retten!« Dort nun siedelten sich Franken an; denn es war ein lieblich und fruchtreich gelegener Gau. Und sie nannten den Ort die Furt der Franken, Frankfurt.

Manche sagen, gleich damals hätten die Sachsen den Ort Sachsenhausen, Frankfurt gegenüber, dicht am Mainstrom begründet; andere aber behaupten, dessen Gründung sei erst dann geschehen, als Karl der Große überwundene Sachsen aus ihrem Heimatlande hinweg und zur Ansiedelung im Frankenlande genötigt habe, wovon bis auf den heutigen Tag noch viele Ortsnamen zeugen. Später erbaute Kaiser Karl selbst eine kleine Pfalz zu Frankfurt und hielt sich Jagens halber gern dort auf, feierte Ostern da und hielt Reichskonvente30 . Auch Karls des Großen Sohn, König Ludwig, wohnte da, recht in seines weiten Reiches Mitte, und sein Sohn Karl, hernachmals der Kahle genannt, ward allda geboren. Noch immer wird die seichte Stelle im Main gezeigt, wo der Franken Furt war und Frankfurts erster Anbau und Name sich begründete. Und Kaiser Karls Pfalz stand da, wo jetzt die St. Leonhardskirche steht, und die neue Pfalz, welche Ludwig der Fromme erbaute und der Saal hieß, lag neben dem Fahrtor; davon hat noch bis heute die Saalgasse ihren Namen. Im Saalhof starben Ludwig der Deutsche, des frommen Ludwig jüngster Sohn, wie auch Hemma, dessen Gemahlin. Dieser König war es, der Frankfurt zu des ostfränkischen Reiches weltlicher Hauptstadt erhob, während Mainz die geistliche war.

  1. Zusammenkünfte

Vom Eschenheimer Turm

Zu Frankfurt steht noch ein gar alter Turm von der ehemaligen Stadtmauer, der heißt der Eschenheimer Turm.

Einst hatten die Frankfurter einen Wilddieb gefangen, des Name war Hänsel Winkelsee. Der saß schon neun Tage im finstern Loch, ehe Spruch und Urteil über ihn erging. Und er hörte allnächtlich die Wetterfahne kreischen und rasaunen über seinem luftigen Losament31 hoch oben im Eschenheimer Turme und sprach: »Wär‘ ich frei und dürft‘ ich schießen nach meinem Wohlgefallen, so schöss‘ ich dir, du lausige Fahn‘, so viel Löcher durchs Blech, als Nächt‘ ich hier gesessen hab‘!«

Diese Rede hörte der Kerkermeister und trug sie vor den Stadtschultheißen der freien Stadt, und dieser sagte: »Dem Kerl gehört keine Gnad‘ als der lichte Galgen; wenn er aber so ein gar guter Schütz sein will, so wollen wir ihn sein Glück probieren lassen.« Und da ward dem Winkelsee seine Büchse gegeben und gesagt, nun solle er tun, wes er sich vermessen; wenn er das könne, solle er frei von dannen gehen; wenn aber auch nur eine Kugel fehlgehe, so müsse er baumeln, und da krähe kein Hahn nach ihm.

Da hat der Wildschütz seine Büchse genommen und hat sie besprochen mit guten Weidmannssprüchlein, und hat Kugeln genommen, die auch nicht ohne waren, und hat angelegt und nach der Fahne gezielt und hat losgedrückt. Da saß ein Löchlein im Blech, und alles hat gelacht und »Bravo!« gerufen. Und nun noch achtmal so und jede Kugel an die richtige Stelle, und mit dem neunten Schuß war der Neuner fertig, der heute noch in der Fahne auf dem Eschenheimer Turm zu sehen ist, und war ein großes Hallo um den Schützen her.

Der Stadtrat aber dachte bei sich: »O weh, unsere armen Hirsche und sonstiges Wild, wenn dieser Scharfschütze und Gaudieb wieder hinaus in die Wälder kommt!« und beriet sich. Und der Stadtschultheiß sagte: »Höre, Hänsel, daß du gut schießen kannst, haben wir schon lange an unserer Stadt Wildstand verspürt und jetzt auch deine Kunst mit Augen gesehen. Bleibe bei uns; du sollst Schützenhauptmann bei unserer Bürgerwehr werden!« Aber der Hänsel sprach: »Mit Gunst, werte Herren, ins Blech hab‘ ich geschossen, und ich schieß‘ euch auch auf euern Schützenhauptmann! Eure Dachfahnen trillen mir zu sehr, und euer Hahn kräht mir zu wenig. Mich seht ihr nimmer, und mich fangt ihr nimmer! Dank für die Herberge!« Und er nahm seine Büchse und ging trutziglich von dannen. –

Mit dem Hahn aber hatte der Hänsel nur einen Spott ausgeredet. Er meinte das Frankfurter Wahrzeichen, den übergüldeten Hahn mitten auf der Sachsenhäuser Brücke, die der Teufel hatte fertigbauen helfen. Denn als sie der Baumeister nicht fertigbrachte, rief er den Teufel zu Hilfe und versprach ihm die erste Seele, die darüberlaufen werde, und jagte dann in der Frühe zuallererst einen Hahn über die Brücke. Da ergrimmte der Teufel, zerriß den Hahn und warf ihn durch die Brücke mitten hindurch. Davon wurden zwei Löcher, die können bis heute nicht zugebaut und zugemauert werden; denn bei Nacht fällt alles am Tage Gemauerte wieder ein. Auf der Brücke aber wurde der Hahn zum ewigen Wahrzeichen aufgestellt. Den meinte Hänsel Winkelsee, daß er zu wenig krähe, nämlich – gar nicht.

  1. Herberge

Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig. Es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz bis auf den Grund nieder; doch blieb der Chor Karls des Großen stehen. Aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer.

Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam. Er beklagte des Münsters Untergang und ließ sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen. Die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Krone zu entsagen und ein Chorherr in »Unser lieben Frauen Münster« zu Straßburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen; denn das Reich bedurfte seiner, und sie redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen. Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte wegen den Heiligen nannte, wollte nicht von seinem Vorsatz lassen.

Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard. Als dieser sah, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, nahm er sich vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten, da das Reich seiner Herrschaft nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet; doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Er stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über 600 Jahre.

Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

Die Münsteruhr

Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor aller Augen.

Am Fuße des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan; darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist. Zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen die Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten. Jeden Tag zeigt sich, sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht zur Mittagsstunde in der Mitte und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber befindet sich ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sieht man vier Gebilde: die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesiggroße, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten; darüber steht: Dominus lux mea, quem timeo28 . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigen sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken schlagen; über ihnen hängt die Stundenglocke. Nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde anzuschlagen; aber da begegnet ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrt ihm. Erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch über allem diesem erhebt sich eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel. Dahinter aber birgt sich ein gar schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und manch gedankenvoller Spruch daran zu lesen.

Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Jsaak Habrecht; der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und unermüdlich gearbeitet, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn, und er sprach: »Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen! Ich möchte noch etwas daran verbessern, da ich’s später nicht mehr vermag, wenn ich nicht mehr sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und so stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathause den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Gestalten der Menschenalter wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht.

Vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, aber keiner bracht’s in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit. Erst in den Jahren 1839–42 ist es gelungen, das Werk zu erneuern und wieder in Gang zu setzen.

  1. Der Herr ist mein Licht, den ich fürchte.

Straßburger Schießen und Züricher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte dahin einstmals die Stadt Zürich voller Brei, den sie in Zürich gekocht hatten und der noch warm in Straßburg ankam. Das begab sich also.

Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz. Die kamen auch durch Gesandte in großer Zahl und nahmen teil am Feste. Am weitesten hatten’s freilich die Schützen von Zürich, drei Tagereisen. Da war zu Zürich ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd und sann ein lustig Stücklein aus: »Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren; da brechen wir kein Rad und fällt keiner vom Roß. Und wir wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen.«

Dieser Rat fand großen Beifall. Alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürichs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher gefährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon die Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke zehn schlug, nahte das glückhafte Schiff mit seinen Zürichern schon der Brücke. Da schallte ihnen von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten. Aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kaspar Thomann, der Züricher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter; aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe. Der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel. Das Münster taucht empor wie ein Geisterschiff; von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels. Jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an.

Rheinsagen

Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht: in einem Tage die unendlichen Strecken gefahren, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen; mit Musik und Fahnen wurden die werten Züricher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Züricher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

Sankt Ottilia

Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: »Ein blindes Kind will ich nicht; fort mit dem Wurme, und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein!« und tobte fort. Die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseits der Alpenberge in Friaul; dort war ein Frauenmünster, und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht.

Im Bayerlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: »Mache dich auf gen Palma in das Stift; dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen!« Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind und taufte es und segnete es. Und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und es ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten.

Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßenen Kindes, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Welschland, sein Kind zu suchen. Und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges und hörte nun in Andacht das Wunder, das sich mit ihr begeben, und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter.

Glanz und Reichtum umgab das holde, fromme Kind; aber das alles lockte sie nicht. Und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in der Gegend verbreitete und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet und wollte allein des Heilands Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich ihm sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr. Sie suchte Trost und Rettung im Gebet und fand endlich keinen andern Ratschluß, als schnelle Flucht.

Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein, und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tagen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein, und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus und kamen bis gen Freiburg im Breisgau. Und als sie dort im Tale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln, und sie sprengten eilend hinan.

Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig, und sie rief den Himmel um seinen Schutz an. Und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da tat vor ihr die Wand sich auf und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell, und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war.

Nun begann Herr Attich aufs neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen und aus seiner Burg ein Kloster machen und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Äbtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzen Gaues und ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen. Und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden, und sie ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen.