Die Weingötter am Rhein

Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vor Zeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar: Bacchi ara39 herrühren. Diesen Altarstein nannten die Winzer auch den Elterstein. Dort ist ein Fels im Rhein, der wird nur bei großem Wassermangel und heißem, dürrem Sommerwetter sichtbar. Er gilt stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung; denn es geht ein Sprüchlein, das lautet: »Kleiner Rhein gibt guten Wein.« Viele meinen, daß dieser Fels der Altar des Bacchus sei. Und wenn der Elterstein sich zeigt, so putzen die Schiffsleute eine Strohpuppe als Bacchus auf und befestigen sie auf dem Stein.

Zu Kaub, nahe der alten Burg Pfalzgrafenstein, mitten im Rheinstrom, lebt noch eine Sage von einem wunderlichen Heiligen, Theonest, dessen Name wie eine Verstümmelung des griechischen Wortes Dionysos (Bacchus) klingt. Dieser Theonest soll aber nicht ein heidnischer Weingott gewesen sein, sondern ein christlicher Märtyrer, der in Mainz bis auf den Tod gequält wurde und dem es gelang, in einer Weinkufe statt Nachens auf dem Rheinstrom zu entkommen und sich abwärts tragen zu lassen. Je weiter Theonest fuhr, um so wohler wurde ihm zumute, und bei Kaub landete er in seiner Kufe an, predigte das Christentum und pflanzte Weinreben, und zwar solche mit süßen Trauben, die kelterte er zuerst in seiner Kufe. Davon erhielt der Ort, den er hier am Strome gründete, den Namen Kaub, und in das Stadtsiegel nahmen hernach dankbar die Kauber das Bild des heiligen Theonest, in seiner Kufe sitzend, als ihr Stadtwappen auf. Auch ist Kaub hernachmals ein wichtiger Ort geworden durch Rheinzoll und Stromreederei40 .

  1. d. h. des Bacchus Altar
  2. Schiffsbau

Lurlei

Rheinsagen

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Wo das Stromtal des Rheins unterhalb Kaub am engsten sich zusammendrängt, starren schroff und steil zu beiden Seiten echoreiche Felsenwände von Schiefergestein schwarz und unheimlich hoch empor. Schneller fließt dort die Stromflut, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Fels und bilden schäumende Wirbel. Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht; die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Lurlei oder Lorelei, ist in den Felsen gebannt. Doch erscheint sie oft den Schiffern, strählt mit goldenem Kamme ihr langes, flachsenes Haar und singt dazu ein süß betörendes Lied. Mancher, der davon sich locken ließ und den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellenwirbeln. Rheinab, rheinauf ist keine Sage so in aller Mund, als die von der Lurlei; aber sie gleicht dem Echo der Uferfelsen, das sich mannigfach rollend bricht und wiederholt. Viele Dichter haben sie ausgeschmückt – fast bis zur Unkenntlichkeit.

Lurlei ist die Rhein-Undine42 . Wer sie sieht oder wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Busen gezogen. Hoch oben auf ihres Felsens höchster Spitze steht sie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erstiege. Sie weicht vor ihm, sie schwebt zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit bis an des Abgrunds jähen Rand. Er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmettert in die Tiefe.

  1. Eine ausführlichere Fassung dieser bekannten Sage findet sich in Bl. 13.
  2. Nixe

Die Brüder

Rheinsagen

Auf den nachbarlichen Burgen Sterrenberg und Liebenstein am Rhein wohnten zwei Brüder, die waren sehr reich und hatten die Burgen stattlich von ihres Vaters Erbe erbaut. Als ihre Mutter starb, wurden sie noch reicher. Beide hatten aber eine Schwester, die war blind, mit der sollten nun die Brüder der Mutter Erbe teilen. Sie teilten aber, da man das Geld in Scheffeln maß, daß jedes ein volles Maß nach dem andern nahm, und die blinde Schwester fühlte bei jedem, daß eins so voll war wie das andere. Die arglistigen Brüder drehten aber jedesmal, wenn es ans Maß der Schwester ging, das Maß um und deckten nur den von schmalem Rand umgebenen Boden mit Geld zu; die Blinde fühlte oben darauf und war zufrieden, daß sie ein volles Maß empfing, wie sie nicht anders glaubte. Sie war aber gottlos betrogen. Dennoch war mit ihrem Gelde Gottes Segen, und sie konnte reiche Andachten stiften in drei Klöstern, zu Bornhofen, zu Kiedrich und zur Not Gottes.

Aber mit dem Gelde der Brüder war der Unsegen für und für. Ihre Habe verringerte sich, ihre Herden starben, ihre Felder verwüstete der Hagel, ihre Burgen begannen zu verfallen, und sie wurden aus Freunden Feinde und bauten zwischen ihren nahe gelegenen Burgen eine dicke Mauer als Scheidewand, deren Reste noch heute zu sehen sind. Als all ihr Erbe zu Ende gegangen war, versöhnten sich die feindlichen Brüder und wurden wieder Freunde, aber auch ohne Glück und Segen. Beide bestellten einander zu einem gemeinschaftlichen Jagdritt; wer zuerst munter sei, solle den andern Bruder frühmorgens durch einen Pfeilschuß an den Fensterladen wecken. Der Zufall wollte, daß beide gleichzeitig erwachten und im gleichen Augenblick die Laden aufstießen und schossen, und daß der Pfeil jedes von ihnen dem andern ins Herz fuhr. Das war der Lohn ihrer untreuen Tat an ihrer blinden Schwester.

Triers Alter

Trier und Solothurn sollen die ältesten Städte in Europa sein; 1300 Jahre vor Christus habe Trier schon gestanden, wie alte Rheinverse aussagen. Ja, Trier war lange die zweitgrößte Stadt in der alten Welt, Rom die größte. Die Alten nannten es das reiche Trier – und dies schon zur Römerzeit. Zur Zeit des Mittelalters war Trier des Christentums Wiege, das deutsche Rom. Triers frühe Blüte brachen zuerst die Gallier durch eine dreimalige Verheerung und schufen aus der Stadt einen großen Totenhof.

Das schönste unter den vielen Baudenkmälern uralter Zeit ist der Dom zu Trier. Lange zeigte man in ihm ein Horn, das die Einwohner die Teufelskralle nannten, und sie erzählten, der Erbauer des Doms habe allein nicht zustande kommen können und den Teufel zu Hilfe gerufen und diesen überlistet. Da habe der Teufel in seiner Wut die Altäre umreißen wollen; es sei ihm aber nicht gelungen, und er habe noch dazu eine Kralle lassen müssen.

Im Dom zu Trier wird auch der ungenähte heilige Rock aufbewahrt, den Christus der Herr getragen haben soll und um den die Kriegsknechte gewürfelt, weil er zu schön war, als daß sie ihn hätten zerschneiden mögen. Es ist ein Mannsrock mit langen Ärmeln, aus zartem Linnenstoff, aus feinen Fäden buntfarbig gewirkt. Die heilige Helena war es, welche diesen Rock mit einem Stücke des heiligen Kreuzes und einem Nagel, mit welchem Christus an das Kreuz geheftet war, nach Trier schenkte. Dieser Rock genießt der andächtigsten Verehrung von vielen Millionen Gläubigen, die an seiner Echtheit nicht zweifeln, obschon an vielen Orten ein ähnlicher Rock für echt gezeigt wird.

Sankt Arnulfs Ring

Von besonders hohem Alter ist zu Trier die Moselbrücke, ein dauerbares Gebäu von Steinen ungeheurer und ungewöhnlicher Größe, jedenfalls ein Bauwerk aus der Römerzeit; der Kaiser Nero soll schon über die Brücke gezogen sein, um alles Land bis Köln zu erobern. Wo sich die Bogen der Brücke miteinander schließen, stehen Säulen, welche über die Brustwehr der Brücke emporragen, darauf sollen heidnische Götterbilder gestanden haben.

Einst fühlte der heilige Arnulf zu Trier sein Gewissen belastet. Und da er von ohngefähr über die Moselbrücke ging, sah er in des Wassers Tiefe nieder, zog einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn voll Vertrauen auf Gottes Allmacht und Barmherzigkeit hinab in die Mosel und rief: »Wenn ich hoffen darf, daß meine Sünden mir verziehen werden, so werde ich diesen Ring wiederbekommen.«

Es vergingen wenige Jahre, und der heilige Arnulf wurde unterdes Bischof zu Metz. Da lieferte eines Tages ein Fischer einen großen Fisch in die bischöfliche Küche, und da der Koch ihn zubereitete für die Tafel seines Herrn, fand er voller Verwunderung im Eingeweide des Fisches einen schönen Ring und brachte ihn zum Bischof. Da sah dieser, daß es sein Ring war, den der Fisch, ihn wohl für Speise haltend, beim Fallen hinabgeschlungen und einige Jahre bei sich behalten hatte. Und Sankt Arnulf pries Gott in Demut für dieses Gnadenzeichen und tat sich aller sündigen Gedanken ab, um dieser Gnade sich wert zu erzeigen.

Siegenheim

Nahe der Stadt Mannheim, an der Straße von da nach Heidelberg, liegt das Dorf Seckenheim, früher Siegenheim genannt von einem großen Siege, den Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz, genannt der Sieghafte, im Jahre des Herrn 1462 in Siegenheims Gefild erfochten. Damals ward ein steinern Kreuz auf der Walstatt erhöht, mit einer Gedenkschrift, welche Kurfürst Friedrichs Sieg verkündete. Der junge mutige Sieger machte alle seine Gegner, den Markgrafen Karl von Baden, den Herzog Ulrich von Württemberg, den Bischof Georg von Metz und nicht weniger als 240 Grafen und Herren nebst noch einer großen Schar reisigen Volkes zu Gefangenen, ohne das Volk, welches erschlagen ward und die blutige Walstatt deckte. Da konnte man wohl vom Siege reden. Alle Gefangenen ließ der Kurfürst gen Heidelberg führen und mit den Fahnen, die er den Feinden abgewonnen, die Heilige-Geist-Kirche daselbst ausschmücken.

Die gefangenen Fürsten wurden indes standesgemäß behandelt und ehrlich gehalten, und des Abends rüstete man ihnen eine stattliche Mahlzeit. Da gab es Wild und Fisch und Beiessen und Wein im Überfluß, und nichts mangelte bis auf eins. Und der Kurfürst trat zu den Gefangenen und munterte sie auf, doch zuzulangen und wacker zu essen, es werde ihnen doch schmecken nach so heißem Tage! Aber sie aßen nicht, und einer sprach: »Gnädigster Herr Kurfürst, es mangelt uns an Brot!« – »Ha so!« entgegnete der Kurfürst, »das tut mir leid. Da ergeht es euch gerade wie meinen Untertanen, denen ihr und euer Volk alle Brotfrucht geraubt und verbrannt und nicht einmal der Früchte auf dem Felde verschont habt. Wo soll dann Brot herkommen?«

Mit großen Summen mußten die Gefangenen sich lösen, und sie dachten all ihr Lebtag an den Tag bei Siegenheim und an das Gastmahl zu Heidelberg.

Wormser Wahrzeichen

Am westlichen Portal des uralten Domes Unser lieben Frauen zu Worms ist als ein steinern Bildwerk ein Weib mit einer Mauerkrone zu erblicken, reitend auf einem seltsamen vierfüßigen Tiere. Das wird eines der Wahrzeichen der Stadt Worms genannt und ist vielfach ausgedeutet worden. Manche meinen, das Frauenbild stelle die triumphierende Kirche dar; andere meinen, es sei Brunhild, die Gemahlin des Austrasierkönigs Siegbert, über welche, nachdem sie bereits 80 Jahre alt geworden, ein furchtbares Strafgericht, ihrer Herrschsucht wegen, gehalten ward. Drei Tage lang wurde Brunhild gemartert, alsdann auf ein Kamel gesetzt und allem Volke zur Verspottung darauf umhergeführt, endlich an eines wilden Hengstes Schweif gebunden und dahingeschleift über Stock und Stein.

Weiter zeigt sich auf freier Straße westlich vom Dom nach St. Andreaspforte zu ein Felsstück; das warf vom Rosengarten, einer Insel im Rhein, ein Recke bis herein in die Stadt. Ohnweit davon ward eine Stange aufbewahrt, die war groß wie ein Weberbaum, war spitz und 23 Werkschuh lang. Das soll, wie die Sage geht, der Weberbaum gewesen sein, mit welchem der Hörnerne Siegfried den Drachen erschlug, wie im Volksbuche zu lesen ist. Eine andere Riesenstange, 66 Werkschuh lang, ward vordem im Dome aufbewahrt. Auch hat man lange Jahre hindurch bis zum großen Brande zu Worms des Hörnernen Siegfrieds Grab gezeigt.

Des Schweizervolkes Ursprung

In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebauet war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden. Einst kam über dieses Volk große Hungersnot und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel waren, daß von Monat zu Monat eine Schar auswandern sollte; wen das Los treffe, der müsse fort, bei Strafe Leibes und Lebens. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, ward ferner beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgelost werden und hinwegziehen solle. So geschah es, und es zogen an die 6000 Schweden fort und 1200 Friesen mit ihnen. Sie ernannten sich Führer, deren Namen waren Suiter, Swei und Hasius, ferner Restius, Rumo und Ladislaus.

Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen. Endlich kamen sie in ein Land voll hoher Gebirge, allda bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an, wirkten und schafften. Ein Teil zog ins Brünig1, ein anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der Stadt Hasle2 stammten, erbauten Hasli3 und wohnten darin unter ihrem Führer Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen4 und wohnte allda. Swei und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie. Sie waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwilchene5 Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren stark wie die Riesen, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenspiel. Alte Lieder sagen aus, wie ihrer ein Teil unter den Führern Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rotes Kreuz und ein weißes, und wie sie dann diese Zeichen nach der neuen Heimat getragen.

Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren ins Land gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen seien als die Täler. Erst ein späteres, jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist.

  1. Brunegg (Aargau)
  2. auf Bornholm (gehört jetzt den Dänen)
  3. in Luzern
  4. in Bern
  5. Gewebe mit zweiteiligen Fäden

Die Königstochter am Rhein

Vor grauen Zeiten soll das alte Worms auch die Hauptstadt des burgundischen Reiches gewesen sein. Ein Zigeunerweib stahl aus der Insel des Rosengartens eine Königstochter in einem kleinen Badewännlein und trug sie über den Rhein. Niemand wußte, wo das Kind hingekommen war. Sein Vater grämte sich zu Tode, und seine Mutter starb fast vor Herzeleid.

Achtzehn Jahre gingen darüber hin, da ritt der Königssohn durch einen Wald, fand dort ein Wirtshaus und kehrte ein. Den Wein, den er begehrte, brachte ihm eine schöne Jungfrau, die ihm über alle Maßen wohlgefiel. Da er nun eines Fußbades begehrte, so rüstete ihm das die Maid mit frischen grünen Kräutern und brachte es in einem Badewännlein getragen. Die Wirtin aber war ein häßliches, altes, braunes Weib, die gab der Maid böse Rede und sagte dem unbekannten jungen Rittersmann, daß jene nur ein Findelkind sei, vor langen Jahren von ihr angenommen und auferzogen zu einer Dienstmagd.

Wie aber der Königssohn sich das Badewännlein ansah, gewahrte er mit Staunen daran das burgundische Wappenschild, und er dachte bei sich selbst: »Wie kommt dieses Wännelein mit dem Wappen meines Stammes in dieses schlechte Wirtshaus?« Und da fiel ihm ein, gehört zu haben, daß vor langen Jahren sein Schwesterlein zusamt dem Wännchen, in dem es gebadet worden, aus dem Rosengarten verschwunden sei, und daß seine Mutter ihm oft erzählt, das Schwesterlein habe ein Malzeichen am Halse gehabt, und dasselbige Zeichen entdeckte nun alsobald der Königssohn am Halse der Dienerin. Da grüßte und umfing er sie als seine liebe Schwester.

Und als die Wirtin hereintrat, fragte er sie, von wem und von wannen sie diese edle Jungfrau habe. Die Wirtin erschrak gar sehr, zitterte und erbleichte und fiel auf die Knie. Sie hatte, als die Wärterin nur auf eine kurze Zeit sich entfernt, Kind und Wännlein davongetragen und war eilend in einem Kahn über den Rhein hinübergefahren. – Da zog der Königssohn sein Schwert, das war sehr spitz und scharf, und er stach die böse Wirtin damit in das Ohr, daß die Spitze zum andern Ohr wieder heraustrat, hob die Maid samt dem Wännelein auf sein Roß und ritt gen Worms zu seiner Frau Mutter.

Die Königin wunderte sich sehr, als sie das Paar so seltsam daherreiten sah, und sie fragte ihren Sohn: »Welch eine Dirne bringst du uns daher?« – »Frau Mutter, ich bringe keine Dirne, sondern Euer verlorenes Kind, mein lieb Schwesterlein, samt dem Wännelein, darin es Euch geraubt ward vor achtzehn Jahren!« Bei dieser Rede fiel die Königin vor Freude in Ohnmacht, und als sie wieder in den Armen ihrer Kinder erwacht war, priesen alle drei den Herrn.

Die Wiesenjungfrau

Auf einer grünen Wiese bei Auerbach an der Bergstraße hütete ein Hirtenbub seines Vaters Kühe, stand müßig und dachte an gar nichts. Da fühlte er auf einmal einen sanften Backenstreich von einer weichen Hand, und wie er sich erschrocken umdrehte, stand eine wunderschöne Jungfrau vor ihm da, ganz schleierweiß, und tat den Mund auf, ihn anzureden. Aber der Bub brüllte vor Schreck, als wenn er am Spieße stäke, und rannte davon, nach Auerbach zu.

Nach einiger Zeit hütete der Bub abermals auf jener Wiese und stand träumend in der heißen Mittagsstunde am Waldesrain. Da raschelte es am sonnigen Rain, als schlüpfe eine Eidechse ins Dorngebüsch. Der Knabe blickte hin; da sah er eine kleine Schlange, die trug in ihrem Mund eine blaue Blume und sprach: »Guter, erlöse mich! erlöse mich! Mit dieser Blume öffnest du droben im alten Schloß Auerbach die verfallenen Keller und die Fässer voll Gold, und alles ist dein! Nimm die Blume! Nimm die Blume!« Aber dem Buben wurde es ganz unheimlich und graulich; er hatte all sein Lebetage noch keine Schlange sprechen hören – und lief von dannen, als wenn der wilde Jäger hinter ihm drein wäre.

Als der Spätherbst kam, hütete der Bube zufällig wieder an derselben Stelle, und da empfing er wieder einen sanften Backenstreich und sah im Umdrehen wieder die weiße Jungfrau, welche ihn flehend ansprach: »Erlöse mich! erlöse mich! Ich will dich reich und glücklich machen. Du allein kannst es, nur du allein. Ich bin verwünscht, zu harren und zu wandeln, und kann nicht eher zur Seligkeit eingehen, bis aus einem Kirschkern, den ein Vöglein auf diese Wiese fallen läßt, ein Kirschbaum groß und stark gewachsen ist, der Baum abgehauen und aus ihm eine Wiege gemacht ist. Nur das erste Kind, das in solcher Wiege geschaukelt worden ist, kann mich dadurch erlösen, daß es mit der blauen Blume, die ich hier halte, hinauf zur Burg geht und dort die unterirdischen Schätze hebt. Du bist das Kind, das in solcher Wiege gewiegt worden ist.«

Als der Bube diese Rede hörte, zitterte er, und es lief ihm eiskalt über den Nacken; denn er hatte kein Herz, und wenn der Mensch kein Herz hat, ist er ein Tropf. Und er kreuzigte und segnete sich und schüttelte mit dem Kopfe. »Wehe mir! Wehe!« rief da die Jungfrau. »So muß ich wieder hundert Jahre harren und wandeln. Wehe dir, daß du kein Herz hast; so sollst du auch keins finden!« Und sie tat einen lauten Schmerzensschrei und verschwand.

Der Bube aber ging von diesem Tage an still und bleich umher und hat nicht lange gelebt.