Einundzwanzigstes Kapitel


Die Reise nach Holland

Das Schiff lag nur an einem einzigen Ankertau weit draußen im Leither Hafen, und wir Passagiere mußten alle auf kleinen Booten hinübergerudert werden. Dies schaffte uns jedoch nur geringe Beschwer, denn das Meer war still und glatt und der Tag bitterkalt und trübe, mit einem tieflagernden wallenden Nebel über den Wassern. So kam es, daß der Rumpf des Schiffes vollständig verhüllt war, als ich mich ihm näherte; aber die hohen Spieren ragten klar und leuchtend wie flackernde Flammen in den Sonnenschein. Das Fahrzeug entpuppte sich als ein äußerst geräumiges, bequemes Kauffahrteischiff mit etwas plumpem Bug und war mit Salz, gepökeltem Lachs und feinen, weißen Leinenstrümpfen für die Holländer außerordentlich schwer beladen. Bei meiner Ankunft an Bord begrüßte mich der Kapitän – ein gewisser Mr. Sang – (aus Lesmahaga, wenn ich mich nicht irre) –, eine warmherzige, freundliche Teerjacke, die im Augenblick jedoch vollauf beschäftigt schien. Die anderen Passagiere waren noch nicht gekommen; ich wanderte daher einsam an Deck auf und ab, betrachtete die Aussicht und fragte mich des öfteren, worin wohl die mir verheißenen Abschiedsgrüße beständen.

Ganz Edinburg und die Hügel von Pentland schimmerten über mir in einer Art nebligen Glanz, und nur von Zeit zu Zeit verbargen sie Wolkenmassen; von Leith waren lediglich die Kaminfirste sichtbar, und den Wasserspiegel selbst deckten undurchdringliche Schwaden. Aus diesem Nichts heraus hörte ich plötzlich das Geräusch von Rudern, und kurz darauf tauchte (wie aus dem Rauch eines Feuers) ein Boot auf. Am Heck saß ein ernst blickender Mann, den zahlreiche Hüllen gegen die Kälte schützten, neben ihm eine hohe, hübsche, zarte Mädchengestalt, bei deren Anblick mein Herzschlag stockte. Kaum blieb mir Zeit, den Atem anzuhalten und mich für den Empfang zu stählen, da stand sie auch schon auf Deck, und ich ging ihr lachend und mit einer eleganten Verbeugung (weit eleganter als die, mit der ich zuerst Mylady, ihre Tante, begrüßt hatte) entgegen. Ohne Zweifel hatten wir uns beide stark verändert: sie schien hochaufgeschossen wie ein junger, schöner Baum und trug jetzt eine reizende Schüchternheit zur Schau, die ihr vortrefflich stand, als schätze sie sich selbst höher als zuvor und sei inzwischen ganz Weib geworden. Tatsache war, Miß Grant hatte veredelnd auf uns beide gewirkt.

Die gleiche Begrüßung entfuhr uns in fast den nämlichen Worten. Jeder glaubte vom andern, er sei um Abschied zu nehmen, an Bord gekommen, und jeder erkannte blitzartig, daß wir die Fahrt zusammen zurücklegen sollten.

»O, weshalb hat Baby mir das nicht gleich gesagt!« rief sie; dann fiel ihr ein, daß man ihr einen Brief gegeben hatte, mit der Bedingung, ihn erst an Bord zu öffnen. Er enthielt eine Einlage für mich selbst, die folgendermaßen lautete:

»Lieber David, was haltet Ihr von meinem Abschiedsgruß? Und was sagt Ihr zu Eurer Mitreisenden? Habt Ihr geküßt oder gefragt? Hier wollte ich bereits die Unterschrift hinzufügen, aber da fiel mir ein, daß das den Zweck meiner Frage im unklaren ließe; was mich betrifft, so kenne ich die Antwort. Also anschließend die guten Ratschläge! Seid nicht zu schüchtern und versucht um Gottes willen auch nicht, zu fürwitzig zu sein; nichts kleidet Euch schlechter. Womit ich verbleibe

Eure wohlgeneigte treue Freundin und Lehrmeisterin

Barbara Grant.«

Ich kritzelte ein Wort des Dankes und der Höflichkeit auf ein Blatt meines Notizbuches, legte einen Zettel von Catriona bei, versiegelte das Ganze mit meinem neuen Siegelring mit dem Balfourwappen und beförderte es durch Prestongranges Diener, der noch in meinem Boote wartete.

Dann erst hatten wir Zeit, uns in Muße zu betrachten, und noch war keine Minute verstrichen, als wir, auf gemeinsamen Impuls hin, einander noch einmal die Hand schüttelten.

»Catriona!« stieß ich hervor. Zu mehr reichte meine Beredsamkeit nicht.

»Ihr freut Euch, mich wiederzusehen?«

»Ich meine, das ist ein überflüssiges Wort; wir sind zu große Freunde, um derartige Nichtigkeiten zu reden.«

»Ist sie nicht das prächtigste Mädchen von der Welt?« hub sie von neuem an. »Noch nie habe ich ein so aufrichtiges, schönes Mädchen getroffen.«

»Und doch bedeutet ihr Alpin nicht mehr als ein Kohlstrunk.«

»Ach, das behauptet sie nur so!« rief Catriona. »Es war um des Adels und des guten, adeligen Blutes willen, daß sie mich aufnahm und so gut zu mir war.«

»Ich will Euch sagen, weshalb sie es tat«, entgegnete ich. »Es gibt alle möglichen Gesichter auf dieser Welt. Es gibt Barbaras Gesicht, das keiner ansehen kann, ohne es zu bewundern und sie für ein prächtiges, hochgemutes, munteres Mädchen zu halten. Und dann gibt es Euer Gesicht, das ganz anders ist – wie anders, weiß ich erst heute. Ihr könnt Euch selbst nicht sehen und den Unterschied begreifen; aber es war die Liebe zu Euerm Gesicht, die sie bewog, Euch aufzunehmen und gut zu Euch zu sein. Jeder Mensch würde das gleiche tun.«

»Jeder?«

»Jede lebende Seele.«

»Ach, das war also der Grund, weshalb die Soldaten auf dem Schlosse mich festhielten!«

»Barbara hat Euch gelehrt, mir Fallen zu stellen.«

»Sie hat mich auch noch anderes gelehrt. Zum Beispiel hat sie mir viel von einem Mr. David gesprochen – von allen seinen schlechten Eigenschaften und ein klein wenig auch von seinen guten«, sagte sie lächelnd. »Ja, sie wird mir von Mr. Balfour erzählt haben, was es zu erzählen gibt, nur nicht, daß er auf dem gleichen Schiffe wie ich fahren würde. Was ist eigentlich der Zweck Eurer Reise?«

Ich nannte ihn ihr.

»So,« meinte sie, »dann werden wir wohl einige Tage zusammenbleiben und endlich (vermutlich) auf immer auseinandergehen! Ich reise zu meinem Vater, an einen Ort namens Helvoetsluys, und von dort aus nach Frankreich, um mit unserem Häuptling das Exil zu teilen.«

Ich vermochte nur »O!« zu sagen; der Name James More genügte, um mir die Rede zu verschlagen.

Sie merkte das auf der Stelle und erriet einen Teil meiner Gedanken.

»Eines muß ich vor allem sagen, Mr. David. Ich glaube, zwei aus meiner Sippe haben nicht gut an Euch gehandelt. Der eine von beiden ist James More, mein Vater, und der andere ist der Herr von Prestongrange. Prestongrange wird sich selbst gerechtfertigt haben, oder seine Tochter hat es an seiner Statt getan. Und für meinen Vater, James More, möchte ich Folgendes sagen: er lag in Ketten im Gefängnis; er ist ein schlichter, ehrlicher Soldat und ein einfacher Hochlandsgentleman; worauf die anderen hinauswollten, hat er niemals erraten. Hätte er es jedoch gewußt, er hätte lieber den Tod erlitten als geduldet, daß einem jungen Gentleman wie Euch solches Unrecht geschehe. Und um all Eurer Freundschaft willen bitte ich Euch jetzt, meinem Vater und meiner Familie diesen Irrtum zu verzeihen.«

»Catriona,« entgegnete ich, »worin dieser Irrtum bestand, will ich niemals erfahren. Ich weiß nur das eine: Ihr seid zu Prestongrange gegangen und habt kniefällig um mein Leben gebeten. O, ich weiß genau, Ihr gingt um Eures Vaters willen; aber als Ihr dort waret, batet Ihr auch für mich. Zwei Dinge gibt es, die ich Euch nie vergessen kann: die guten Worte, die Ihr sprachet, als Ihr Euch meine kleine Freundin nanntet, und die Tatsache, daß Ihr um mein Leben flehtet. Zwischen uns beiden, Euch und mir, soll niemals wieder die Rede von Unrecht und Vergebung sein.«

Danach verharrten wir in Schweigen; Catriona betrachtete das Deck, und ich betrachtete sie, und noch ehe wir weiterredeten, sprang aus Nordwesten ein leichter Wind auf, die Mannschaft hißte die Segel, und der Anker wurde gelichtet.

Außer uns befanden sich noch sechs Passagiere an Bord; damit war das Schiff besetzt. Es waren drei solide Kaufleute aus Leith, Kirckaldy und Dundee, die alle in dem gleichen Unternehmen nach Süddeutschland reisten, ein Holländer, auf der Rückfahrt begriffen, und zwei brave Kaufmannsfrauen, deren Obhut Catriona anvertraut war. Mrs. Gebbie, so hieß die eine, hatte zum großen Glück ziemlich viel unter der Seekrankheit zu leiden und lag Tag und Nacht flach auf dem Rücken. Da wir, mit Ausnahme eines bleichgesichtigen Jungen, der meiner alten Pflicht, bei Tische aufzuwarten, oblag, die einzigen jungen Leute an Bord der »Rose« waren, blieben wir ziemlich viel allein. Bei Tisch saßen wir nebeneinander, und ich erwies Catriona mit größter Freude jede Aufmerksamkeit. Auf Deck bereitete ich ihr mit meinem Mantel ein weiches Lager, und da das Wetter für die betreffende Jahreszeit ungewöhnlich schön war, mit klaren, kalten Tagen und Nächten und einer stetigen, sanften Brise, zitterte auf der ganzen Fahrt durch die Nordsee kaum ein Segel, und wir saßen da (nur von Zeit zu Zeit auf und ab gehend, um warm zu bleiben) vom ersten Sonnenstrahl an bis acht oder neun Uhr nachts unter den hellen Sternen. Mitunter warfen uns die Kaufleute oder Kapitän Sang im Vorübergehen einen lächelnden Blick oder ein Scherzwort zu, die meiste Zeit jedoch waren sie eingehend in Gespräche über Heringe, Möbelkattune und Leinen vertieft oder berechneten die Länge der Fahrt und überließen uns unseren eigenen Angelegenheiten, die ja auch niemandem außer uns selbst wichtig dünkten.

Anfänglich hatten wir uns viel zu sagen und kamen uns dabei recht geistreich vor; ich gab mir erkleckliche Mühe, den Galan zu spielen und sie (wie ich glaube) die weltkluge, junge Dame. Aber bald wurden wir beide schlichter. Ich legte mein hochgeborenes, geschraubtes Englisch ab (sehr fest saß es ohnehin nicht) und vergaß meine Edinburger Reverenzen und Kratzfüße, und sie verfiel in eine Art Vertraulichkeit. Wir lebten zusammen wie Mitglieder einer Familie, nur bestand auf meiner Seite ein tieferes Gefühl. Gleichzeitig schien unseren Gesprächen gleichsam der Boden auszufallen, aber wir waren deswegen nicht weniger glücklich. Hin und wieder erzählte sie mir Altweibermärchen, von denen sie, vornehmlich durch meinen rothaarigen Freund Neil, eine erstaunliche Menge kannte und die sie wunderhübsch wiedergab. Wirklich waren es auch hübsche, kindliche Geschichten; aber mein größter Genuß war doch, ihrer Stimme zu lauschen und mir klarzumachen, daß sie mir erzählte, und daß ich zuhörte. Mitunter saßen wir auch in tiefstem Schweigen, ohne selbst durch einen Blick eine Verbindung herzustellen, und doch innig befriedigt von der Süße dieses Zusammenseins. Ich spreche in diesem Falle nur von mir selbst. Was in der Jungfrau Herzen vorging, danach fragte ich, glaube ich, nie, und was in dem meinen lebte, fürchtete ich mich zu betrachten. Ich brauche es weder dem Leser noch mir selbst zu verbergen: ich hatte mich rettungslos verliebt. Sie stand zwischen mir und der Sonne. Wie gesagt, sie war plötzlich gewachsen, aber es war ein freudiges Wachstum, ganz Gesundheit, Leichtigkeit und hoher Mut. Ja, mich dünkte, sie glich im Gehen einem jungen Hirsche und in der Ruhe einer Birke am Bergeshang. Ich war es sehr zufrieden, auf Deck neben ihr zu sitzen, und widmete der Zukunft tatsächlich keinen Gedanken. Ja, der augenblickliche Genuß war so erschöpfend, daß ich mir nicht die Mühe machte, weitere Schritte zu erwägen, es sei denn, daß ich mich mitunter versucht fühlte, ihre Hand zu ergreifen und sie in der meinen zu halten. Aber ich geizte allzusehr mit meinen gegenwärtigen Freuden, um sie durch irgendwelche Kühnheit aufs Spiel zu setzen.

Unser Gespräch drehte sich in der Hauptsache um uns selbst; wem es daher gelohnt hätte, uns zu belauschen, der hätte uns für die größten Egoisten von der Welt halten müssen. Eines Tages kamen wir auch auf Freunde und Freundschaft zu sprechen; das war, glaube ich, der Augenblick, in dem wir der eigentlichen Sache am nächsten waren. Wir betonten, welch schönes Ding doch die Freundschaft wäre, und wie wenig wir sie bisher gekannt hätten, und daß sie das ganze Leben erneuere, und tausend andere verschleierte Worte dieser Art, wie sie ohne Zweifel seit Erschaffung der Welt von jungen Menschen in unserer Lage gesagt worden sind. Dann wunderten wir uns über die Tatsache, daß Freunde einander anfangs so gegenüberträten, als lebten sie in jenem Augenblick zum ersten Male, und doch wären beide Teile herangewachsen und hätten ihre Zeit mit anderen vergeudet. »Ich habe bisher nicht viel erlebt,« sagte sie, »fünf Fünftel davon lassen sich in zwei, drei Worten zusammenfassen. Ich bin ja nur ein Mädchen, was kann sich schon im Leben eines Mädchens ereignen! Aber ich bin im Jahre ’45 mit dem Clan marschiert. Die Männer zogen mit Schwertern und Feuerschloßgewehren ins Feld, und etliche trugen gleiche Farben und waren zu Brigaden formiert. Ich sage Euch, da ließ keiner auf sich warten. Gentlemen aus dem Flachland waren dort mit ihren berittenen Pächtern und mit Trompeten; und die Kriegspfeifen bliesen laut und schrill. Ich ritt auf einem kleinen Hochlandpony zur rechten meines Vaters, James Mores, neben Glengyle selbst. Und das ist eines der schönsten Dinge, deren ich mich erinnern kann: Glengyle küßte mich ins Gesicht, »weil«, wie er sagte, »du, meine kleine Base, die einzige Dame bist, die mit dem Clan reitet.« Dabei war ich nur ein kleines Mädchen von zwölf Jahren. Ich habe auch Prinz Charlie gesehen und seine blauen Augen; o, er war ein schöner Mann! Und ich erhielt vor der ganzen Armee seine Hand zum Kuß. Ja, das waren herrliche Zeiten, aber nun ist alles wie ein Traum, den ich geträumt habe, und aus dem ich inzwischen erwacht bin. Ihr wißt ja, wie es ausging. Das waren die schlimmsten Zeiten von allen, als die Rotröcke nach uns fahndeten und mein Vater und meine Onkel in den Bergen verborgen lagen und ich ihnen um Mitternacht oder bei Morgengrauen, wenn die Hähne krähten, ihr Essen brachte. Ja, manches Mal bin ich mitten in der Nacht unterwegs gewesen, während das Herz mir aus Furcht vor der Dunkelheit schwoll. Es ist recht seltsam, daß mich niemals ein Gespenst erschreckt hat; aber man sagt ja, eine Jungfrau ginge unbehindert. Dann kam meines Onkels Heirat, und das war auch eine schreckliche Geschichte. Jean Kay war der Name der Frau; sie zwang mich in jener Nacht, in ihrer Kammer zu bleiben, in der Nacht zu Inversnaid, wo wir sie nach altem Brauch ihrer Sippe raubten. Jean war bereit und auch nicht bereit: den einen Augenblick war sie willens, Rob zu heiraten, und im nächsten wollte sie nichts von ihm wissen. Nie sah ich ein so hilfloses Geschöpf; wahrlich, ihr ganzes Sein hätte ihr doch Antwort geben müssen. Nun, sie war eine Witwe, und die sind in meinen Augen niemals gute Weiber.«

»Catriona,« sagte ich, »wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?«

»Ich weiß es nicht; ich sage Euch nur, was in meinem Herzen lebt. Einen zweiten Mann heiraten? Pfui! Aber so war sie; sie heiratete meinen Onkel Robin und ging eine Zeitlang mit ihm zur Kirche und auf den Markt, und dann bekam sie ihn satt, oder ihre Freunde beschwatzten sie, oder aber sie schämte sich der Sache. Jedenfalls lief sie ihm davon zu ihrer eigenen Sippe und sagte, wir hätten sie in den See getaucht und anderes, das ich Euch nie erzählen werde. Seitdem halte ich nicht viel von den Weibern. Und endlich wurde mein Vater, James More, ins Gefängnis geworfen, und den Rest kennt Ihr so gut wie ich.« »Und hattet Ihr während der ganzen Zeit keine Freundinnen?« forschte ich. »Nein, ich war von zwei, drei Mädels die Anführerin, aber Freundinnen waren es nicht.«

»Nun, meine Geschichte ist sehr einfach. Ich hatte nie einen Freund, bis ich Euch fand.«

»Und jener tapfere Mr. Stuart?«

»O ja, den hatte ich vergessen! Aber er ist ein Mann; das ist etwas ganz anderes.«

»Das will ich meinen«, antwortete sie. »Natürlich etwas anderes.« »Ja, und da war noch einer. Ich hielt ihn für einen Freund, aber es war eine Täuschung.« Sie fragte, wer es gewesen sei, »Wir beide waren die Bellen in meines Vaters Schule und glaubten einander zu lieben. Mit der Zeit ging er aber nach Glasgow und trat bei einem Kaufmann ins Geschäft, einem Vetter dritten Grades. Er schrieb mir zwei-, dreimal durch den Landboten und fand dann neue Freunde. Da konnte ich schreiben, bis ich müde war, niemals nahm er davon Notiz. Ja, Catriona, es brauchte lange Zeit, ehe ich das der Welt zu verzeihen vermochte. Nichts ist so bitter, als einen vermeintlichen Freund zu verlieren.«

Darauf fragte sie mich eingehend nach seinem Aussehen und Charakter – jeder nahm an allem, was den anderen betraf, innigen Anteil –, bis ich mich endlich, in einem unglücklichen Augenblick, seiner Briefe erinnerte und in die Kabine ging, um sie zu holen. »Hier sind seine Briefe,« sagte ich, »alle Briefe, die ich besitze. Das ist das Letzte, das ich Euch von mir erzählen kann; das Übrige kennt Ihr so gut wie ich.« »Wollt Ihr mir erlauben, sie zu lesen?« fragte sie. Ich sagte ja, wenn sie sich die Mühe machen wollte, und sie bat mich, sie allein zu lassen; sie wolle sie von Anfang bis zu Ende durchlesen. Aber in dem Bündel befanden sich nicht nur die Briefe meines treulosen Freundes, nein, auch einige Briefe, die mir Mr. Campbell von der Konsistoriumsversammlung aus geschrieben hatte, sowie, um die Liste zu vervollständigen, Catrionas kleines Billett und die beiden Billetts von Miß Grant, die ich auf der Insel Baß und hier auf dem Schiff erhalten hatte. Diese hatte ich jedoch im Augenblick vergessen. Der Gedanke an meine Freundin beherrschte mich so vollständig, daß es mir gleichgültig war, was ich tat, ja, es machte mir nur wenig aus, ob ich ihre Gegenwart genoß oder nicht; sie war mir ins Blut übergegangen wie eine Art edlen Fiebers, das ständig, Tag und Nacht, in meiner Brust brannte, ob ich nun wachte oder schlief. So kam es, daß ich, als ich mich erst einmal an den Schiffsbug begeben hatte, wo die breiten Planken klatschend in die Wogen tauchten, keine sonderliche Eile, zu ihr zurückzukehren, spürte. Ich zog vielmehr meine Abwesenheit in die Länge, wie um eine Art Freude auszukosten. Ich glaube kaum, daß ich von Natur aus ein Epikuräer bin; aber ich hatte bisher so wenig Freuden gekannt, daß ein Verweilen dabei vielleicht entschuldbar scheint.

Bei meiner Rückkehr spürte ich ein leichtes Mißbehagen, wie wenn etwas nicht ganz in Ordnung wäre, so kalt überreichte sie mir das Bündel.

»Habt Ihr sie gelesen?« fragte ich, und meine Stimme klang mir unnatürlich; ich zerbrach mir den Kopf, was Catriona wohl hätte.

»Wolltet Ihr, daß ich alle lesen sollte?« Gedrückt antwortete ich mit Ja.

»Den letzten Brief ebenfalls?« Jetzt wußte ich, wo wir standen; aber ich wollte ihr gegenüber nicht lügen. »Ich gab sie Euch alle, ohne mir etwas dabei zu denken, und nahm an, daß Ihr alle lesen würdet. Ich halte sie alle für harmlos.«

»Dann bin ich anders als Ihr. Ich danke Gott, daß ich anders bin. Es ziemte sich nicht, mir diesen Brief zu zeigen. Es ziemte sich nicht, daß er überhaupt geschrieben wurde.« »Ich glaube, Ihr sprecht von Eurer Freundin, Barbara Grant?« »Nichts ist so bitter, wie einen vermeintlichen Freund verlieren«, zitierte sie als Antwort.

»Ich glaube, mitunter ist die Freundschaft nur eingeredet!« rief ich. »Nennt Ihr das gerecht, mir wegen einiger Zeilen von der Hand eines tollen Mädchens die Schuld zu geben? Ihr wißt genau, wie achtungsvoll ich mich benahm und mich stets benehmen werde.« »Und doch habt Ihr mir diesen Brief gezeigt! Ich will von solchen Freunden nichts wissen. Ich kann auch ohne Barbara Grant – und ohne Euch – recht gut auskommen, Mr. Balfour.«

»Das nenn ich mir einen schönen Dank!«

»Ich bin Euch sehr verpflichtet«, sagte sie. »Ich bitte Euch, Eure Briefe zu entfernen.« Sie schien bei diesen Worten zu ersticken, und es klang wie ein Fluch. »Ihr sollt mich nicht zweimal darum bitten«, sagte ich, nahm das Bündel, trat ein paar Schritte vor und warf es, soweit wie nur möglich, in die See. Es fehlte nicht viel, und ich hätte mich selbst nachgeworfen. Den Rest des Tages ging ich wutschnaubend auf und ab. Als die Sonne versank, gab es wenige böse Worte, die ich Catriona in Gedanken nicht an den Kopf geworfen hatte. Alles, was mir je über den Hochländerstolz zu Ohren gekommen war, schien hier weit übertroffen. Daß ein Mädel, kaum erwachsen, eine Anspielung von seiten ihrer intimsten Freundin, deren Lob sie mir unermüdlich gesungen, übelnehmen konnte, ging doch zu weit! Meine Gedanken an sie waren hart und bitter wie die eines zornigen Knaben. Ich glaube, sie würde, wenn ich sie tatsächlich geküßt hätte, die Sache ziemlich gut aufgenommen haben; und nur weil dieser Gedanke in treffenden Scherzworten zu Papier gebracht worden war, redete sie sich in solchen lächerlichen Zorn hinein. Mir schien, als litte das ganze weibliche Geschlecht an einem Mangel an Einsicht, der selbst die Engel im Himmel über uns arme Männer zum Weinen bringen mußte.

Beim Abendessen saßen wir wieder nebeneinander, aber welche Veränderung von ihrer Seite! Zu mir war sie wie saure Milch; ihr Gesicht war das einer Holzpuppe. Ich hätte sie schlagen oder mich vor ihr im Staube krümmen mögen, aber sie bot mir zu beiden Möglichkeiten nicht den geringsten Anlaß. Kaum war die Mahlzeit zu Ende, da begab sie sich zu Mrs. Gebbie, die sie, glaube ich, bisher etwas vernachlässigt hatte. Aber nun holte sie das Versäumte nach, und den Rest der Überfahrt erwies sie der alten Dame die größte Aufmerksamkeit und schien sich auf Deck, mehr als mir klug dünkte, mit Kapitän Sang einzulassen. Zwar schien der Kapitän ein würdiger, väterlicher Mann, aber ich haßte es, irgend jemanden außer mir selbst vertraulich mit ihr umgehen zu sehen.

Kurz, sie wich mir geschickt aus und wußte sich so hartnäckig von Fremden zu umgeben, daß ich lange warten mußte, bis ich Gelegenheit, sie zu sprechen, fand; und selbst dann scheiterte ich, wie man gleich hören wird, ziemlich kläglich. »Ich ahne nicht, wodurch ich Euch beleidigt habe,« hub ich an, »daher dürfte das Vergehen kaum unverzeihlich sein. O, versucht doch, mir zu vergeben!«

»Ich habe nichts zu vergeben«, lautete die Antwort, und die Worte kamen hart wie Marmelsteine aus ihrer Kehle. »Ich bin Euch für all Eure Freundschaft sehr verpflichtet.« Damit schenkte sie mir den achten Teil eines Knickses.

Aber ich hatte mich darauf gefaßt, mehr zu sagen, und war auch entschlossen, es zu tun.

»Vor allem eins: wenn ich durch das Vorzeigen jenes Briefes Euer Anstandsgefühl verletzt habe, kann das doch Miß Grant in keiner Weise berühren. Sie schrieb nicht an Euch, sondern an einen ganz gewöhnlichen, armen Burschen, der mehr Verstand hätte haben müssen, als den Brief Euch zu zeigen. Wenn Ihr also mir die Schuld zumesset…«

»Ich rate Euch, unter keinen Umständen ein Wort mehr von diesem Mädchen zu sprechen!« rief Catriona. »Ich würde sie nicht ansehen, und wenn sie im Sterben läge.« Damit wandte sie sich von mir ab und drehte sich dann plötzlich noch einmal um. »Wollt Ihr schwören, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben?« fragte sie.

»Nein, nie und nimmer werde ich so ungerecht und so undankbar sein«, erwiderte ich.

Und jetzt war ich es, der sich wegwandte.

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Helvoetsluys

Gegen Ende der Reise verschlimmerte sich das Wetter beträchtlich; der Wind sang in den Wanten, die See ging höher und höher, und das Schiff begann unter der Wucht der Wellen zu schlingern und zu stöhnen. Der Ruf des Lotsen an den Ankerketten tönte fast unablässig, ständig mußten wir unseren Weg zwischen Sandbänken suchen. Etwa um neun Uhr morgens, während eines flüchtigen Durchbruchs der Sonne zwischen zwei Hagelschauern, warf ich meinen ersten Blick auf Holland, – eine Reihe Windmühlen, die sich im Seewind drehten. Es war auch das erstemal, daß ich eine dieser tollen Baulichkeiten zu Gesicht bekam, und das Bewußtsein fremder Länder und einer neuen Welt und neuen Lebens wurde in mir wach. Etwa um halb zwölf Uhr vormittags gingen wir außerhalb des Hafens von Helvoetsluys vor Anker, an einer Stelle, wo sich von Zeit zu Zeit die Wellen brachen und unser Schiff wild umherschleuderten. Es versteht sich von selbst, daß wir alle, mit Ausnahme von Mrs. Gebbie, auf Deck waren, teils in Mänteln, teils in Öltücher gehüllt; dort hielten wir uns an den Tauen fest und suchten nach Möglichkeit, wie erfahrene Seeleute, über die Lage zu scherzen.

Bald danach tastete sich ein Boot mit dem Rückenpanzer einer Seekrabbe vorsichtig an uns heran, der Führer rief unserem Kapitän auf holländisch etwas zu. Darauf wandte sich Kapitän Sang mit sehr besorgtem Ausdruck an Catriona und setzte uns, die wir ihn umringten, auseinander, welche Schwierigkeiten es zu bewältigen gälte. Die »Rose« war nach Rotterdam bestimmt, wohin die anderen Passagiere möglichst schnell gelangen wollten, da noch am selben Abend ein Schiff nach Deutschland abging. Bei dem gegenwärtigen stürmischen Wind, erklärte der Kapitän, könne er, wenn hier keine Zeit versäumt würde, das Ziel noch rechtzeitig erreichen. James More hatte sich aber mit seiner Tochter in Helvoet ein Rendezvous gegeben, und der Kapitän hatte sich verpflichtet, am dortigen Hafen anzulegen und Catriona (dem Brauche gemäß) ausbooten zu lassen. Das Boot war ja auch zur Stelle, Catriona war bereit; aber sowohl der Kapitän wie der holländische Bootsführer scheuten sich, ein derartiges Risiko auf sich zu nehmen, und ersterer war nicht geneigt, zu warten.

»Euer Vater würde wenig entzückt sein, wenn Ihr durch unsere Schuld ein Bein brächet, Miß Drummond, oder wenn wir gar zusähen, wie Ihr ertränket. Laßt Euch von mir raten: fahrt mit uns andern nach Rotterdam. Von dort könnt Ihr in einem Schnellsegler die Maas hinunter bis Brill fahren und weiter in einem Postwagen nach Helvoet zurück.«

Aber Catriona wollte von keiner Änderung ihrer Reisepläne hören. Sie erbleichte, als sie den hoch sprühenden Gischt sah, die grünen Wogen, die mitunter über dem Vorkastell zusammenbrachen, und das Boot, das unablässig auf den Wellenkämmen tanzte und schaukelte, aber sie hielt an ihres Vaters Befehl fest. »Mein Vater, James More, hat es so bestimmt«, war ihr erstes und letztes Wort. Mich dünkte es sehr töricht, ja leichtsinnig von dem Mädchen, sich so wörtlich an eine Verabredung zu halten und so dringlichem, freundschaftlichen Rat entgegenzuhandeln; in Wahrheit jedoch hatte sie dafür einen sehr guten Grund, wenn wir es nur gewußt hätten. Schnellsegler und Postwagen sind zwar vortreffliche Dinge, wollen aber im voraus bezahlt werden, und Catrionas ganzes Hab und Gut betrug zwei Schillinge und sechs Pence Sterling. So kam es, daß der Kapitän und die Passagiere in Unkenntnis ihrer Armut, die sie zu stolz war, einzugestehen, umsonst redeten.

»Aber Ihr könnt ja weder Französisch noch Holländisch«, bemerkte der eine.

»Wahr, aber seit dem Jahre ’46 halten sich so viele brave Schotten im Ausland auf, daß ich recht gut durchkommen werde, danke.«

In diesen Worten lag eine so reizende, ländliche Einfalt, daß einige lächelten und andere ernster denn je dreinschauten, und Mr. Gebbie erhielt einen regelrechten Wutanfall. Ich glaube, er wußte genau, daß es seine Pflicht war, da seine Frau die Verantwortung für das Mädchen übernommen hatte, Catriona an Land und in Sicherheit zu bringen; dazu hätten ihn aber keine zehn Pferde gebracht, da das die Versäumnis seines Anschlusses bedeutete; vermutlich erstickte er daher die Stimme des Gewissens durch lautes Poltern. Endlich wandte er sich wutschnaubend gegen Kapitän Sang, behauptete, das Ganze wäre eine Schande, und jetzt das Schiff verlassen, hieße dem Tod in die Arme laufen; unter keinen Umständen könnten wir ein unschuldiges Mädchen einem Boot voll widerlicher holländischer Fischer ausliefern und sie dann ihrem Schicksal überlassen. Ich dachte ungefähr das Gleiche, zog den Maat beiseite, vereinbarte mit ihm, mein Gepäck durch ein Treidelboot an eine angegebene Adresse in Leyden nachzusenden, und trat vor und machte den Fischern ein Zeichen.

»Ich werde mit der jungen Dame an Land gehen, Kapitän Sang«, sagte ich. »Es ist mir ganz gleich, auf welche Weise ich Leyden erreiche«, damit sprang ich mit solcher Eleganz in das Boot, daß ich zwei von den Fischern mit mir zu Boden riß.

Von unten aus erschien die Sache noch gefährlicher als von Deck, so hoch über uns ragte das Schiff, so heftig waren seine Bewegungen, und so sehr bedrohte es uns durch sein Stampfen und Reißen am Ankerkabel. Ich fing an zu glauben, ich hätte einen Narrenstreich begangen – es schien mir schier unmöglich, daß Catriona mir nachfolgen könnte –, und daß ich ganz allein in Helvoet an Land gehen müßte, ohne andere Aussicht auf Lohn als die Freude, James More in die Arme zu schließen, falls ich dazu Lust verspürte. Aber ich hatte ohne des Mädchens Mut gerechnet. Sie hatte gesehen wie ich, scheinbar fast ohne zu zögern (ganz gleich, welches meine wahren Gefühle waren), hinabgesprungen war und wollte, koste es, was es wolle, nicht hinter ihrem verschmähten Freunde zurückstehen. Da stand sie auf der Reeling und hielt sich an dem Gestänge fest, während der Wind ihre Röcke zauste – ein Umstand, der das Unterfangen noch gefährlicher gestaltete –, dabei zeigte sie uns ein wenig mehr von ihren Strümpfen, als in einer Stadt gerade für vornehm gegolten hätte. Es gab keine Minute zu verlieren, und uns blieb auch keine Zeit, uns einzumischen, vorausgesetzt, daß wir den Wunsch dazu gehabt hätten. Ich breitete unten meine Arme aus; das Schiff tauchte zu uns herab, der Patron schob sein Boot etwas näher heran, als mit unserer Sicherheit so ganz vereinbar war, und Catriona sprang in die Luft. Ich war so glücklich, sie aufzufangen, und wir entgingen, da die Schiffer uns bereitwillig stützten, einem Fall. Einen Augenblick klammerte sie sich, schwer und tief Atem holend, an mich, dann half uns der Steuermann an unsere Plätze, und unter den Hurrarufen und Abschiedsgrüßen Kapitän Sangs und der Passagiere hielt das Boot auf die Küste zu.

Kaum, hatte Catriona sich ein wenig gefaßt, als sie wortlos meine Hand losließ. Auch ich sprach kein Wort, ja das Pfeifen des Windes und der Sprühregen machten Sprechen fast unmöglich; unsere Besatzung gab sich die denkbar größte Mühe, kam aber nur sehr langsam vorwärts, und die »Rose« war bereits wieder unterwegs, ehe wir die Hafenmündung erreichten.

Sobald wir in ruhigem Wasser fuhren, hielt der Patron, der abscheulichen holländischen Sitte gemäß, das Boot an und verlangte von uns das Fahrgeld. Der Mann forderte zwei Guilders – etwa drei bis vier englische Schillinge – pro Fahrgast. Da aber begann Catriona sehr aufgeregt zu protestieren. Sie erklärte, sie hätte sich bei Kapitän Sang nach dem Preis erkundigt; er betrüge nur einen Schilling englisch. »Glaubt Ihr, ich wäre, ohne vorher zu fragen, an Bord gekommen?« rief sie. Der Patron antwortete schimpfend in einem Dialekt, der reichlich mit englischen Flüchen untermischt, sonst aber gut holländisch war, bis ich dem Schelm heimlich sechs Schillinge in die Hand drückte, da ich erkannte, daß das Mädchen den Tränen nahe war, worauf er die Güte hatte, ohne weitere Beschwerden von ihr den verbleibenden Schilling anzunehmen. Fraglos war ich ziemlich gereizt und beschämt. Ich liebte Sparsamkeit, nicht aber, wenn sie zur Leidenschaft wurde; als das Boot sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, fragte ich Catriona daher in zweifellos recht kühlem Tone, wo sie ihren Vater zu treffen gedächte.

»Ich soll mich nach ihm im Hause eines gewissen Sprott erkundigen, der ein ehrlicher schottischer Kaufmann ist«, entgegnete sie und fügte im gleichen Atemzuge hinzu: »Ich möchte Euch recht herzlich danken – Ihr habt an mir als wackerer Freund gehandelt.«

»Dazu ist noch Zeit genug, wenn ich Euch zu Eurem Vater gebracht habe«, antwortete ich, ohne zu ahnen, wie wahr ich sprach. »Ich habe ihm eine prächtige Geschichte von einer treuen Tochter zu erzählen.«

»O, ich glaube, ich bin kein treues Mädchen«, rief sie mit sehr schmerzlichem Ausdruck. »Ich glaube, im Herzen bin ich gar nicht treu.«

»Sehr wenige Menschen hätten jenen Sprung gewagt, nur um eines Vaters Befehl zu gehorchen«, bemerkte ich.

»Ich kann nicht dulden, daß Ihr solches von mir denkt«, rief sie von neuem. »Wie konnte ich zurückbleiben, da Ihr vor mir das Gleiche getan hattet? Jedenfalls war Treue nicht der einzige Grund.« Und brennenden Antlitzes schilderte sie mir offen ihre Armut.

»Gott im Himmel, was ist das für ein tolles Unterfangen, sich mit leerem Beutel auf dem europäischen Kontinent absetzen zu lassen – das ist in meinen Augen kaum anständig – kaum anständig!« wiederholte ich aufgeregt.

»Ihr vergeßt, James More, mein Vater, ist ein armer Gentleman. Er ist ein gehetzter Verbannter.«

»Aber all Eure Freunde sind, soviel ich weiß, nicht gehetzte Verbannte«, rief ich aus. »Ist das gerecht gegen die gehandelt, denen Ihr teuer seid? Ist es gerecht gegen mich? Gerecht gegen Miß Grant, die Euch den Rat, zu fahren, gab, und die fuchsteufelswild wäre, wenn sie davon wüßte? War es selbst gegen diese Gregorys gerecht, mit denen Ihr zusammenlebtet, und die sehr gütig zu Euch waren? Es ist ein Segen, daß Ihr in meine Hände fielet. Wenn nun Euer Vater durch irgendeinen Zufall verhindert wäre, was sollte wohl aus Euch werden, falls Ihr Euch mutterseelenallein in einem fremden Ort befändet? Schon der Gedanke macht mir Angst.«

»Ich habe sie alle belogen«, erwiderte sie. »Ich sagte allen, ich hätte reichlich Geld. Ich sagte es auch ›ihr.‹ Ich konnte James More in ihren Augen nicht herabsetzen.«

Später entdeckte ich, daß sie ihn selbst bis in den Staub herabgesetzt haben mußte; die Lüge war ursprünglich von dem Vater, nicht von der Tochter ausgegangen, und sie war gezwungen gewesen, des Mannes Ruf zu decken. Im Augenblick wußte ich jedoch nichts hiervon; bereits der Gedanke, in welche Not und Gefahr sie hätte geraten können, genügte, um mich über die Maßen zu irritieren.

»Ja, ja,« antwortete ich, »Ihr müßt lernen, mehr Vernunft anzunehmen.«

Ich ließ ihr Gepäck vorübergehend in einem Wirtshaus am Strande, wo ich mich auch in meinem neuen Französisch nach Sprotts Wohnung erkundigte. Wir gingen zu Fuß dorthin – sie lag eine ganze Strecke entfernt – und staunten im Gehen den Ort an. Es gab hier für Schotten wirklich viel zu bewundern: Kanäle und Bäume zwischen den einzelnen Häusern; Häuser, jedes für sich abgeschlossen, aus schönen roten, rosenfarbenen Ziegeln mit Treppen und Bänken aus blauem Marmor an jeder Türschwelle, das ganze Städtchen so sauber, daß man von der Straße hätte essen können. Sprott saß zu Hause über seinen Rechnungsbüchern, in einem niederen, sehr ordentlichen, properen Wohnzimmer, das ganz mit Porzellan und Bildern und mit einem Globus in messingnem Rahmen ausgeschmückt war. Er war ein pausbäckiger, kräftiger, vollblütiger Mann mit einem harten, unehrlichen Ausdruck und hatte nicht einmal die Höflichkeit, uns einen Stuhl anzubieten.

»Ist James More McGregor zur Zeit in Helvoet, Sir?« erkundigte ich mich.

»Ich kenne niemanden jenes Namens«, entgegnete er ungeduldig.

»Da Ihr es so genau nehmt,« antwortete ich, »werde ich meine Frage vervollständigen und mich bei Euch erkundigen, ob in Helvoet ein gewisser James Drummond, alias McGregor, alias James More, weiland Pächter in Inveronachile, zu finden ist?«

»Sir,« erwiderte er, »er kann meinetwegen in der Hölle sein, was weiß ich; ich persönlich wünsche, er wäre es.«

»Diese junge Dame hier ist jenes Gentlemans Tochter, Sir,« sagte ich, »und Ihr werdet, nehme ich an, mit mir übereinstimmen, daß es nicht gerade der Schicklichkeit entspricht, sich in ihrer Gegenwart über seinen Charakter zu äußern.«

»Ich habe weder mit ihm noch mit ihr noch mit Euch selbst was zu schaffen!« schrie er mit seiner groben Stimme.

»Mit Verlaub, Mr. Sprott,« entgegnete ich, »diese junge Dame ist aus Schottland gekommen, um ihn aufzusuchen und erhielt, einerlei durch welchen Irrtum, Euer Haus als seine Adresse angegeben. Es scheint hier in der Tat ein Irrtum vorzuliegen, aber ich glaube, das legt sowohl Euch wie mir – der ich zufällig einer ihrer Mitreisenden bin – die starke Verpflichtung auf, unserer Landsmännin zu helfen.«

»Wollt Ihr mich noch verrückt machen?« schrie er. »Ich sage Euch ja, ich weiß nichts von ihm seiner Brut und frage noch weniger danach. Ich sage Euch, der Mann ist mir Geld schuldig.»

»Das kann sehr leicht möglich sein«, entgegnete ich, jetzt noch um einen Grad aufgebrachter als er. »Ich aber zum mindesten schulde Euch nichts; diese junge Dame steht unter meinem Schutz, und ich bin derartige Manieren weder gewöhnt, noch bin ich gesonnen, sie mir gefallen zu lassen.«

Als ich mit diesen Worten, ohne mir etwas dabei zu denken, ein, zwei Schritt näher trat, bemerkte ich, daß ich durch schieres Glück das einzige Mittel entdeckt hatte, das den Mann irgendwie zu berühren vermochte. Das Blut wich aus seinem roten, gesunden Gesicht.

»Um des Himmels willen, nicht so hastig, Sir!« stieß er hervor. »Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, jemanden zu beleidigen. Aber Ihr wißt schon, Sir, ich gehöre zu den gutmütigen, ehrlichen, vorsichtigen alten Rauhbeinen. Wenn man mich hört, könnte man fast meinen, ich sei ein wenig sauertöpfisch; aber nein, nein, im Grund seines Herzens ist Sandie Sprott ein guter alter Kerl! Und Ihr könnt Euch nicht denken, welchen Ärger ich schon mit jenem Mann gehabt habe.«

»Gut, Sir, dann werde ich Eure Güte so weit in Anspruch nehmen, Euch um die letzten Nachrichten von Mr. Drummond zu bitten.«

»Herzlich gern, Sir! Und was die junge Dame betrifft (respektvollsten Diener!), so wird er sie rein vergessen haben. Sie begreifen, ich kenne den Mann; ich habe schon früher Geld an ihn verloren. Er denkt an niemand als an sich selbst; Clan, König und Tochter, er ließe sie und seinen Geschäftsfreund im Stich, um nur erst sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Gewissermaßen bin ich sein Geschäftsfreund. Tatsache ist, wir sind zusammen an einem Unternehmen beteiligt, und es scheint mir ganz so, als sollte das Sandie Sprott teuer zu stehen kommen. Der Mann ist so gut wie mein Teilhaber, trotzdem geb ich Euch mein Wort, daß ich nicht weiß, wo er steckt. Vielleicht ist er auf dem Wege nach Helvoet; vielleicht kommt er morgen, vielleicht in einem Jahr. Ich werde mich über nichts in der Welt mehr wundern, nur noch über das eine: wenn ich mein Geld zurückerhalte. Ihr seht also, wie’s um mich steht und daß ich keine große Lust habe, mich um die junge Dame zu kümmern, wie Ihr sie nennt. Hier kann sie nicht bleiben, das ist sicher. Bei Gott, Sir, ich bin Junggeselle! Wenn ich sie bei mir aufnähme, der Teufelskerl bekäm’s fertig und zwänge mich bei seiner Rückkehr, sie zu heiraten!«

»Genug von diesem Geschwätz«, sagte ich. »Ich werde die junge Dame zu besseren Freunden bringen. Gebt mir Feder, Tinte und Papier, und ich werde James More die Adresse meines Leydener Korrespondenten dalassen. Er kann sich bei mir erkundigen, wo seine Tochter zu finden ist.«

Ich schrieb und versiegelte einen Zettel dieses Inhalts, während Sprott von sich aus das willkommene Angebot machte, die Sorge für Miß Drummonds Gepäck zu übernehmen, ja einen Träger nach dem Gasthaus zu senden. Zu diesem Zweck händigte ich ihm als Deckung ein paar Taler aus, und er überreichte mir dafür eine schriftliche Quittung.

Darauf bot ich Catriona meinen Arm, und wir verließen zusammen das Haus dieses unausstehlichen Gauners. Sie hatte während der ganzen Zeit kein Wort gesprochen und mir statt dessen das Reden und das Handeln überlassen; ich meinerseits hatte mir Mühe gegeben, sie durch keinen Blick in Verlegenheit zu setzen. Und selbst jetzt war es meine Sorge, vollkommen unbefangen zu erscheinen, obwohl mein Herz vor Scham und Zorn stillzustehen drohte.

»So,« sagte ich, »jetzt wollen wir in das Wirtshaus zurückkehren, in dem man französisch spricht, zu Mittag essen und uns nach einer Reisemöglichkeit nach Rotterdam erkundigen. Ich werde keine Ruhe haben, bis ich Euch wieder sicher in Mrs. Gebbies Händen weiß.«

»Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben,« meinte Catriona, »obwohl ich kaum glaube, daß sie sich darüber freuen wird. Ich möchte Euch auch noch einmal daran erinnern, daß ich nur einen Schilling und sechs Pence besitze.«

»Und ich sage nochmals, es ist ein Segen, daß ich Euch an Land begleitete.«

»Meint Ihr, ich hätte die ganze Zeit an etwas anderes denken können?« entgegnete sie und lehnte sich, wie mich dünkte, etwas stärker auf meinen Arm. »Ihr seid mir ein treuer Freund.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel


Wanderungen durch Holland

Der Postwagen, ein langes Gefährt mit Reihen von Bänken, brachte uns in vier Stunden nach der großen Stadt Rotterdam. Es war inzwischen längst dunkel geworden, aber die Straßen waren ziemlich hell erleuchtet und gedrängt voll wilder, fremdländischer Gestalten – bärtiger Hebräer, Neger und Scharen von Kurtisanen, die äußerst unanständig aufgeputzt waren und Seeleute am Ärmel festhielten. Das Schreien und Reden dröhnte uns in den Ohren, und, was das Erstaunliche von allem war: all diese Ausländer schienen auf uns ebensowenig Eindruck zu machen, wie wir auf sie. Um des Mädchens willen hatte ich das zuversichtlichste Gesicht von der Welt aufgesetzt; in Wahrheit jedoch kam ich mir wie ein verirrtes Schäfchen vor, und das Herz klopfte mir vor lauter Sorge. Ein-, zweimal erkundigte ich mich am Hafen nach dem Ankerplatz der »Rose«; allein ich geriet entweder an jemanden, der nur Holländisch sprach, oder mein eigenes Französisch versagte. Als ich auf gut Glück in eine Straße einbog, stieß ich auf eine Flucht erleuchteter Häuser, deren Türen und Fenster voll geschminkter, zweifelhafter Weiber waren; sie drängten und stießen uns im Vorübergehen, und ich war froh, daß wir ihre Sprache nicht verstanden. Bald danach kamen wir auf einen freien Platz am Hafen.

»Jetzt sind wir endlich am Ziel!« rief ich, als ich die Masten gewahrte. »Wir wollen hier am Hafen auf und ab spazieren. Da werden wir sicherlich bald jemanden treffen, der Englisch spricht; ja, wenn wir Glück haben, finden wir unser Schiff.«

Der Zufall wollte es, daß sich das Nächstbeste ereignete. Wem liefen wir so um neun Uhr abends in die Arme? Niemandem anderen als Kapitän Sang! Er berichtete, sie hätten die Fahrt in unglaublich kurzer Zeit zurückgelegt, da der kräftige Wind sie bis zu dem Hafen geleitet hätte; dadurch wäre es sämtlichen Passagieren noch möglich gewesen, sich auf die Weiterreise zu begeben. Wir konnten aber unmöglich den Gebbies bis nach Süddeutschland nachjagen und hatten hier keinen Bekannten, an den wir uns halten konnten, außer Kapitän Sang. Um so froher waren wir, als dieser sich sehr freundlich und hilfsbereit zeigte. Er erklärte, es wäre eine Kleinigkeit, eine einfache und anständige Kaufmannsfamilie zu finden, bei der Catriona bis zur Neuladung der »Rose« wohnen könnte, und daß er Fräulein Drummond mit Freuden umsonst nach Leith zurückbringen und wohlbehalten Mr. Gregory abliefern würde. Inzwischen führte er uns in eine Nachtkneipe, um uns zu einer Mahlzeit zu verhelfen, derer wir beide sehr bedürftig waren. Wie gesagt, er schien sehr freundlich und hilfsbereit, zu meiner Überraschung jedoch auch etwas ausgelassen, und der Grund hierfür wurde bald offenbar. In der Gaststätte bestellte er sofort Rheinwein, den er in reichlichen Mengen hinunterspülte, und wurde bald grenzenlos betrunken. Dabei verließ ihn, wie das bei vielen Männern, vornehmlich aber bei Männern seines rauhen Handwerks, nur allzu häufig der Fall ist, auch der letzte Rest von Manieren. Sein Benehmen der jungen Dame gegenüber war skandalös; er scherzte in der unflätigsten Weise über das Bild, das sie abgegeben hätte, als sie auf der Schiffsreeling stand, und mir blieb daher nichts übrig, als mich heimlich mit ihr zu entfernen. Als wir das Speisehaus verließen, klammerte sie sich krampfhaft an meinen Arm. »Führt mich fort von hier, David«, sagte sie. »Laßt mich bei Euch sein. Vor Euch habe ich keine Angst.« »Und habt dazu auch keine Ursache, meine kleine Freundin!« rief ich laut, im Stillen jedoch hätte ich weinen können. »Wo wollt Ihr mich jetzt hinführen?« forschte sie weiter. »Was Ihr auch tut, verlaßt mich nicht, verlaßt mich bitte nie.« »Ja, wo soll ich Euch hinführen?« wiederholte ich und hielt im Gehen inne – bislang war ich blind drauflos marschiert. »Ich muß ein Weilchen stehenbleiben und nachdenken. Ich werde Euch nie verlassen, Catriona; der Herrgott tue mir das Gleiche, ja, strafe mich noch härter, wenn ich Euch im Stich lasse oder kränke.« Als Antwort preßte sie sich noch enger an mich.

»Hier«, sagte ich, »ist der stillste Platz, den wir in dieser lauten, geschäftigen Stadt gefunden haben. Wir wollen uns unter jenem Baume niederlassen und unsere Lage bedenken.«

Der Baum (den ich so bald nicht vergessen werde) stand dicht am Hafenrand. Die Nacht war dunkel, aber in den Häusern und auf den schweigenden Schiffen in unserer Nähe brannte noch Licht; uns zur Rechten schimmerte der Lichterglanz der Stadt, und über ihr schwebte das Summen vieler Tausender von in Bewegung und im Gespräch befindlichen Menschen; zur Linken lag Dunkelheit und das glucksende Wasser. Ich breitete meinen Mantel über einen Stein und hieß Catriona sich niedersetzen; sie wollte sich auch weiterhin an mich klammern, so heftig zitterten die Beleidigungen in ihr nach, aber mir lag daran, meine Gedanken zu ordnen; daher machte ich mich von ihr los und vollführte vor ihr einen Schmugglermarsch, wie wir es nennen – immer auf und ab gehend und mir den Kopf nach einem Ausweg zerbrechend. Während ich hin und her überlegte, fiel mir ein, daß ich in der Eile und Hast unseres Aufbruchs es Kapitän Sang überlassen hatte, für uns die Zeche zu bezahlen. Ich mußte laut auflachen; meiner Meinung nach geschah es dem Manne ganz recht; gleichzeitig fuhr ich instinktiv mit der Hand in die Tasche, in der ich mein Geld aufbewahrte. Wahrscheinlich war mir die Sache in der Gasse zugestoßen, als die Weiber uns anrempelten; das eine war gewiß: ich hatte meine Börse verloren. »Ihr habt soeben einen guten Gedanken gehabt«, sagte Catriona, als sie merkte, wie ich stutzte.

In der Klemme, in der wir uns jetzt befanden, sah ich plötzlich ganz klar wie durch ein Fernrohr, daß uns keine Wahl übrigblieb. Ich besaß keinen Groschen Bargeld, aber in meiner Brieftasche ruhte mein Kreditbrief auf das Leydener Bankhaus. Es gab nur eine Möglichkeit, dorthin zu gelangen: unsere zwei Paar Füße. »Catriona,« sagte ich, »ich kenne Euch als ein tapferes und kräftiges Mädchen – glaubt Ihr, Ihr könntet auf ebener Landstraße dreißig Meilen wandern?« Es stellte sich später heraus, daß die Entfernung nur zwei Drittel davon betrug, aber ich glaubte, der Weg wäre so weit. »David,« entgegnete sie, »wenn Ihr mich in Eurer Nähe behaltet, will ich überall hingehen und alles tun, was Ihr wollt. Mir ist der Mut ganz gebrochen. Laßt mich nur nicht in dieser furchtbaren Stadt allein; sonst ist mir alles recht.« »Könnt Ihr jetzt aufbrechen und die Nacht über marschieren?« »Ich will alles tun, was Ihr von mir verlangt, und Euch niemals nach dem Grunde fragen. Ich habe mich Euch gegenüber als schlechtes, undankbares Mädchen gezeigt; macht jetzt mit mir, was Ihr wollt! Ich finde auch, Miß Grant ist das beste Fräulein von der Welt«, fügte sie hinzu, »und sehe nicht ein, weshalb sie Euch verleugnet hat.« Das war für mich Griechisch und Hebräisch, aber ich hatte anderes zu bedenken. Vor allem mußten wir aus der Stadt heraus auf die Leydener Heerstraße. Das erwies sich als ein hartes Problem, und es mochte ein bis zwei Uhr nachts geworden sein, ehe wir die glückliche Lösung fanden. Sobald die Häuser hinter uns lagen, hatten wir nichts, das uns als Wegzeichen dienen konnte, weder Mond noch Sterne, nur das weiße Band der Straße inmitten zweier schwarzer Seitenwege. Außerdem gestaltete sich das Gehen zu einer ungemeinen Schwierigkeit infolge eines eisigen Nachtfrostes, der ganz plötzlich nach Mitternacht eingesetzt und die Landstraße in eine einzige, lange Rutschbahn verwandelt hatte.

»Nun, Catriona,« bemerkte ich, »jetzt gleichen wir den Königssöhnen und den Töchtern der alten Hexe aus Euren wunderlichen Hochlandssagen. Bald wandern auch wir über die ›sieben Berge, die lieben Täler und die sieben Sümpfe‹ .« Das war so eine Redensart, die immer wieder in ihren Märchen vorkam, und die ich mir gemerkt hatte.

»Ja,« entgegnete sie, »nur gibt es hier keine Berge und Täler! Aber ich will nicht leugnen, einige der Bäume und der Ortschaften hier in der Ebene sind recht hübsch. Trotzdem ist unser Land das beste.«

»Ich wollte, wir könnten das gleiche von unseren Landsleuten behaupten«, erwiderte ich und dachte dabei an Sprott und Sang, vielleicht an James More selbst.

»Ich werde nie und nimmer Nachteiliges über meines Freundes Heimat sagen«, bemerkte sie mit so eigentümlicher Betonung, daß ich den Ausdruck ihres Gesichtes klar vor mir sah.

Ich sog scharf den Atem ein und wäre auf dem schwarzen Eise fast hingeschlagen.

»Ich weiß nicht, was Eure Meinung ist, Catriona,« sagte ich, als ich mich ein wenig gefaßt hatte, »aber ich finde, heute war bisher der schönste Tag unserer Reise. Ich schäme mich, es einzugestehen, da Ihr so viel Unglück und Unannehmlichkeiten hattet; aber für mich war es der schönste.«

»Es war ein guter Tag, da Ihr mir so viel Liebe zeigtet.« »Trotzdem schäme ich mich, so glücklich zu sein, während Ihr Euch hier in tiefster Nacht auf der Landstraße befindet.« »Wo in weiter Welt sollte ich sonst wohl sein?« rief sie. »Ich meine, bei Euch bin ich doch am sichersten.«

»Ihr habt mir also ganz verziehen?«

»Wollt Ihr mir nicht so weit verzeihen, nie wieder über die Sache zu sprechen?« stieß sie hervor; »in meinem Herzen lebt für Euch nichts als Dankbarkeit. Aber ich will ehrlich sein,« fügte sie überraschend hinzu, »jenem Mädchen kann ich nie vergeben.«

»Sprecht Ihr wieder von Miß Grant? Ihr sagtet doch selbst, sie sei das gütigste Fräulein von der Welt.«

»Das ist sie auch, das ist sie auch! Trotzdem kann ich ihr nie verzeihen. Nie und nimmer werde ich ihr verzeihen, also will ich nichts mehr von ihr hören.«

»Nun,« meinte ich, »das übersteigt wohl alles, was ich je erlebt habe; ich staune, daß Ihr so kindischen Launen nachgebt. Hier ist eine junge Dame, die sich uns beiden gegenüber als die treueste aller Freundinnen erwiesen hat, die uns lehrte, wie man sich anzieht, ja die uns ein gut Teil Gesittung beibrachte, wie jeder, der uns vor und nach unserer Bekanntschaft mit ihr kannte, auf den ersten Blick sehen muß –« Aber Catriona war mitten auf der Landstraße stehengeblieben. »Die Sache liegt so,« sagte sie, »entweder Ihr wollt weiter von ihr reden, und ich kehre, komme, was da wolle, zur Stadt zurück, oder Ihr erweist mir die Rücksicht, nicht mehr von ihr zu sprechen.«

So vollkommen ratlos wie ich war wohl keiner auf dieser Welt; aber ich überlegte mir, daß sie ganz und gar auf meinen Beistand angewiesen sei, daß sie dem schwachen Geschlecht angehöre und kaum die Kinderschuhe abgestreift hätte, und daß es mir gezieme, Vernunft für zwei zu zeigen.

»Mein liebes Mädchen,« antwortete ich, »ich begreife an der ganzen Sache keinen Deut, aber Gott verhüte, daß ich Euch auf irgendeine Weise erzürne. Und was das Gerede über Miß Grant betrifft, so ist es mir recht gleichgültig; ich glaube sogar, Ihr habt selbst damit angefangen. Meine einzige Absicht, als ich darauf einging, war, Euch eines Besseren zu belehren; ich hasse selbst den Schein der Ungerechtigkeit. Ich bin weit davon entfernt, einen schönen Stolz und edles, weibliches Zartgefühl an Euch zu tadeln; sie kleiden Euch außerordentlich gut, aber Ihr geht darin zu weit.«

»Seid Ihr jetzt fertig?« fragte sie.

»Jawohl.« »Das ist gut«, meinte sie, und wir setzten unsere Wanderung fort, jetzt aber schweigend.

Es ist unheimlich, in tiefster Nacht zu marschieren, nur von Schatten begleitet, und ohne jedes andere Geräusch als die eigenen Schritte. Anfänglich, glaube ich, brannte viel Feindschaft in unseren Herzen, aber die Dunkelheit und Kälte und das Schweigen, das nur von dem Krähen der Hähne oder von dem Gebell eines Bauernköters unterbrochen war, brachten gar bald unsern Stolz zu Fall. Ich für meinen Teil hätte jede entschuldbare Gelegenheit für eine Anrede mit Freuden begrüßt. Vor Morgengrauen fiel ein warmer Regen und fegte den Frost zu unseren Füßen spurlos hinweg. Da brachte ich Catriona meinen Mantel und versuchte, ihn ihr umzuhängen, aber sie sagte ziemlich ungeduldig, ich solle ihn behalten. »Keinesfalls«, entgegnete ich. »Ich bin ein großer, ungeschlachter Bursche, der bereits alle möglichen Unbilden der Witterung über sich hat ergehen lassen, und Ihr seid ein zartes, hübsches Mädchen! Liebe, wollt Ihr, daß ich mich schämen muß?«

Ohne weitere Worte hüllte ich sie darin ein, und da das in der Dunkelheit geschah, ließ ich fast wie als Liebkosung meine Hand einen Augenblick auf ihrer Schulter ruhen. »Ihr müßt versuchen, mit Eurem Freunde etwas mehr Geduld zu haben«, sagte ich. »Eure Güte nimmt kein Ende«, lautete ihre Antwort.

Und wieder ging es schweigend weiter; jetzt jedoch unter ganz anderen Bedingungen. Das Glück in meinem Herzen brannte wie ein Feuer in einem großen Kamine. Der Regen verging noch vor Tagesanbruch, aber es war ein kotiger Morgen, als wir in die Stadt Delft einzogen. Die rotgegiebelten Häuser nahmen sich zu beiden Seiten des Kanals recht stattlich aus; die Dienstmädel scheuerten und wuschen selbst die Pflastersteine der öffentlichen Heerstraße; Rauch stieg aus hundert Küchen auf, und bei mir meldete sich plötzlich das starke Gefühl, daß es an der Zeit sei, zu frühstücken. »Catriona,« sagte ich, »ich glaube, Ihr besitzt noch einen Schilling und drei Doppelpence?«

»Braucht Ihr sie?« erkundigte sie sich und händigte mir ihre Börse aus. »Ich wollte, es wären fünf Pfund! Was wollt Ihr damit machen?«

»Weshalb sind wir denn die ganze Nacht wie ein paar verirrte Zigeuner umhergewandert?« fragte ich. »Doch nur, weil ich in jener unglückseligen Stadt Rotterdam meiner Börse und all meines Hab und Gutes beraubt wurde. Ich erzähle Euch jetzt davon, weil ich glaube, daß das Schlimmste bereits vorüber ist; immerhin liegt noch ein ziemlicher Marsch vor uns, bis wir dorthin gelangen, wo sich mein Geld befindet; und wenn Ihr mir nicht ein Stück Brot kaufen wollt, muß ich wohl fasten.« Sie sah mich mit großen Augen an. Beim Licht des neuen Tages erkannte ich, daß sie ganz grau und bleich vor Müdigkeit war, und das Herz tat mir um ihretwillen weh. Sie brach indes in Lachen aus.

»Du meine Qual! So sind wir beide Bettler? Ihr auch? Ach, ich habe mir das gewünscht! Und ich freue mich, daß ich für Euch das Frühstück kaufen kann. Das wäre erst hübsch, wenn ich, um Euch eine Mahlzeit zu verschaffen, tanzen müßte! Ich glaube, sie kennen unsere Art des Tanzes hier nicht und würden vielleicht aus Neugier für den Anblick bezahlen.«

Ich hätte sie um dieses Wortes willen küssen mögen, nicht als Liebhaber, nur in der Glut meiner Bewunderung. Einem Mann wird stets warm ums Herz, wenn er eine tapfere Frau sieht.

Wir kauften von einer Bäuerin, die frisch in die Stadt gekommen war, einen Trunk Milch und in einem Bäckerladen ein Stück ausgezeichneten, heißen, süß duftenden Brotes, das wir unterwegs verzehrten. Der Weg von Delft nach dem Haag besteht aus einer fünf Meilen langen Allee schattiger Bäume, auf der einen Seite von einem Kanal, auf der anderen von ausgezeichneten Viehweiden begrenzt. Hier war es wirklich angenehm. »Und jetzt, Davie,« sagte sie, »verratet mir, was Ihr mit mir anfangen wollt?« »Das müssen wir noch besprechen, je eher, desto besser. Ich kann in Leyden Geld abheben; das ist also in Ordnung. Die Frage ist nur, was sollen wir mit Euch anfangen, bis Euer Vater zurückkehrt? Gestern nacht hatte es den Anschein, als trenntet Ihr Euch nicht gern von mir.« »Es hat mehr als nur den Anschein«, sagte sie.

»Ihr seid ein sehr junges Mädchen, und ich bin nur ein recht junger Bursch. Darin liegt eine große Schwierigkeit. Wie wollen wir es anstellen? Wollt Ihr Euch als meine Schwester ausgeben?«

»Weshalb denn nicht? Wenn Ihr es mir erlauben wollt?« »Ich wollte wahrhaftig, Ihr wäret es!« rief ich. »Ich wäre ein ganzer Kerl, besäße ich eine solche Schwester. Aber der Haken ist, Ihr seid Catriona Drummond.«

»Und jetzt will ich Catriona Balfour sein«, entgegnete sie. »Wer soll dahinterkommen? Die Leute hier sind uns alle fremd.« »Wenn Ihr meint, es ginge? Ich gestehe, mir macht es Sorge. Mir wäre es recht arg, wenn ich Euch falsch beriete.« »David, Ihr seid hier der einzige Freund, den ich besitze.« »Die reine Wahrheit ist, ich bin zu jung, um Euer Freund zu sein. Ich bin zu jung, Euch zu beraten, und Ihr seid zu jung, um beraten zu werden. Ich sehe nicht ein, was uns sonst übrigbleibt, und doch fühl ich mich verpflichtet, Euch zu warnen.«

»Mir bleibt keine andere Wahl«, sagte sie. »Mein Vater, James More, hat nicht gut an mir gehandelt, es ist nicht das erstemal. Ich bin Euch gleich einem Sack Hafermehl aufgehalst worden und habe mich jetzt nur noch nach Euren Wünschen zu richten. Wollt Ihr mich – schön und gut. Wollt Ihr mich nicht,« – sie drehte sich nach mir um und legte ihre Hand auf meinen Arm – »David, ich fürchte mich.« »Trotzdem muß ich Euch warnen«, hub ich von neuem an, und dann fiel mir ein, daß ich ja der Säckelbewahrer sei, und daß es beileibe nicht anginge, den Anschein zu erwecken, als wolle ich mich lumpen lassen. »Catriona,« fuhr ich fort, »versteht mich nicht falsch: ich will Euch gegenüber nur meine Pflicht erfüllen, Mädchen! Ich befinde mich hier allein in einer fremden Stadt, um ein einsamer Student zu werden; und jetzt hat es sich so gefügt, daß Ihr vielleicht ein Weilchen bei mir wohnen werdet, wie eine Schwester. Ihr versteht doch wenigstens das eine, Liebe, daß ich Euch sehr, sehr gerne bei mir haben möchte?« »Nun, hier bin ich ja«, entgegnete sie. »Das wäre also in Ordnung.« Ich weiß, ich war verpflichtet, offener mit ihr zu sein. Ich weiß, dies ist ein großer Flecken auf meinem Charakter, und es war ein Glück, daß ich nicht teurer dafür bezahlen mußte. Aber ich erinnerte mich, wie stark ihr Zartgefühl schon durch das Wort »küssen« in Barbaras Brief verletzt worden war; wie sollte ich da jetzt, nun sie auf mich angewiesen war, kühner sein? Außerdem sah ich wahrhaftig keine andere Möglichkeit, für sie zu sorgen, und wahrscheinlich zogen auch meine Wünsche mich heftig in diese Richtung. Kurz hinter dem Haag wurde Catriona recht fußlahm und legte den Rest der Entfernung mit ziemlicher Mühe zurück. Zweimal mußte sie am Wegrain ausruhen, und sie tat es mit allerlei anmutigen Reden, indem sie sich vorwarf, sie mache dem Hochland und der Rasse, der sie entstamme, Schande und bedeute für mich nur einen Hemmschuh. Ihre Entschuldigung, sagte sie, sei, daß sie es nicht gewöhnt wäre, in Schuhen zu wandern. Ich wollte, sie solle Schuhe und Strümpfe ablegen und barfuß gehen. Aber sie machte mich darauf aufmerksam, daß anscheinend alle Weiber hierzulande, selbst auf den Landwegen, Schuhzeug trügen. »Ich darf meinem Bruder keine Schande machen«, sagte sie und machte dabei die heitersten Scherze, aber ihr Gesicht strafte sie Lügen.

In der Stadt, die unser Ziel war, befindet sich ein öffentlicher Garten; die Wege sind ganz mit reinem Sand bestreut; die Bäume, teils beschnitten, teils verflochten, bilden zu Häupten ein dichtes Blätterdach, und der ganze Ort ist verschönt durch Laubengänge und Lauben. Hier ließ ich Catriona auf mich warten, während ich meinen Korrespondenten aufsuchte. Dort nahm ich einen Teil meines Kredites in Anspruch und bat ihn, mir eine anständige, ruhige Unterkunft zu empfehlen. Da mein Gepäck noch nicht angekommen war, sagte ich ihm, daß ich wahrscheinlich bei meinen Wirtsleuten seiner Bürgschaft bedürfen würde; dann setzte ich ihm auseinander, daß meine Schwester mich auf kurze Zeit begleitet hätte, um mir die Wirtschaft zu führen, und daß ich daher zwei Zimmer brauchen würde. Das Schlimme aber war: Mr. Balfour hatte sich in seinem Schreiben auf alle möglichen Einzelheiten eingelassen, ohne jedoch ein Wort von einer Schwester zu erwähnen. Ich sah, der Holländer faßte starken Argwohn, und mich über den Rand eines gewaltigen Paars Augengläser anstarrend – er war ein elendes, schwächliches Kerlchen und erinnerte mich an ein krankes Kaninchen – begann er mich eingehend auszufragen. Da ergriff mich eine förmliche Panik. Wenn er nun meine Geschichte glaubt (dachte ich), wenn er mich mit meiner Schwester in sein Haus einladet und ich sie mitbringen muß! Ein nettes Knäuel gab’s da zu entwirren; ja vielleicht würde ich damit endigen, das Mädel wie mich selbst rettungslos zu blamieren. Ich begann ihm also in aller Eile meiner Schwester Charakter zu schildern. Sie sei außerordentlich schüchtern und scheue sich so sehr, fremden Menschen zu begegnen, daß ich sie in diesem Augenblick allein auf einem öffentlichen Platz hätte sitzen lassen. Soweit gediehen, tat ich, was alle in meiner Lage getan haben und verwickelte mich viel tiefer, als nötig war; ja, ich erging mich in einigen völlig überflüssigen Details über Miß Balfours schwächliche Gesundheit und ihr zurückgezogenes Leben als Kind. Da, inmitten dieser Auseinandersetzungen, wurde mir mein Benehmen plötzlich klar, und von Kopf bis zu Fuß überströmte mich eine einzige Blutwelle.

Der alte Herr war nicht so tief ins Netz gegangen, daß er nicht den Wunsch spürte, mich sobald wie möglich loszuwerden. Vor allem war er aber Geschäftsmann, und da mein Geld gut war, mochte mein Betragen noch so viel zu wünschen übriglassen, hatte er die Gewogenheit, mir seinen Sohn als Führer und Bürgen in der Wohnungssuche mitzugeben. Dadurch war ich gezwungen, den jungen Mann Catriona vorzustellen. Das arme, hübsche Kind hatte sich durch die Ruhe gut erholt; ihr Aussehen und ihr Benehmen waren tadelfrei, sie ergriff meinen Arm und nannte mich »Bruder« mit weit größerer Leichtigkeit, als ich zu antworten vermochte. Aber ein unglücklicher Umstand zeigte sich auch hier: in der irrigen Annahme, mir zu helfen, war sie eher vertraulich als das Gegenteil meinem Holländer gegenüber. Ich konnte nicht anders, mich dünkte, Miß Balfour hatte etwas plötzlich ihre Schüchternheit überwunden. Dann gab es noch ein weiteres Bedenken: der Unterschied unserer Rede. Ich sprach den Dialekt der Flachlande und dehnte meine Worte; sie hatte eine Stimme, wie sie nur in den Hochlanden zu finden ist, unterhielt sich mit leicht englischem, aber weit reizenderem Akzent und konnte hinsichtlich der englischen Grammatik nicht gerade als ein Kirchenlicht gelten. Als Bruder und Schwester machten wir daher ein etwas ungleiches Paar. Aber der junge Holländer war ein schwerfälliger Kerl und besaß nicht einmal genügend Temperament, ihre Schönheit zu bemerken – wofür ich ihn gründlich verachtete. Kaum hatten wir ein Dach über unserem Haupte, da ließ er uns zu unserer größten Erleichterung allein.

Vierundzwanzigstes Kapitel


Ausführliche Geschichte eines Exemplars Heineccius

Die Wohnung, die wir gefunden hatten, lag im Oberstock eines Hauses, das rückwärts an den Kanal grenzte. Wir hatten zwei Zimmer, von denen das zweite nur durch das erste betreten werden konnte; in jedem befand sich ein Kamin, nach holländischer Art weit in das Gemach hineingebaut, und da die Räume nebeneinander lagen, blickte man von beiden Fenstern zuerst auf den Wipfel eines Baumes und in einen kleinen Hof, dann auf einen Ausschnitt des Kanals und auf Häuser in holländischem Stil sowie auf einen Kirchturm am jenseitigen Ufer. In jenem Turme hing ein großes Glockenspiel, das die herrlichste Musik machte, und wenn es überhaupt Sonne gab, schien sie gerade in unsere beiden Zimmer hinein. Gute Mahlzeiten ließen wir uns aus einem benachbarten Gasthof kommen. Die erste Nacht waren wir beide ziemlich müde, Catriona war sogar völlig erschöpft. Wir sprachen nur wenig, und ich schickte sie ins Bett, sobald wir gegessen hatten. Am Morgen schrieb ich als Erstes eine Zeile an Sprott, um ihr Gepäck nachkommen zu lassen, sowie einen kurzen Brief an Alan, den ich an die Adresse seines Häuptlings richtete; beide hatte ich expediert und das Frühstück bereitet, bevor ich sie weckte. Ich schämte mich ein wenig, als sie in ihrem einzigen Gewande, ihre Strümpfe noch kotbespritzt von der Landstraße, aus ihrem Zimmer trat. Nach allem, was ich erfahren, mußte eine ganze Reihe von Tagen vergehen, ehe ihre Koffer in Leyden eintreffen konnten, und es war klar, daß sie ein Kleid zum Wechseln brauchte. Anfänglich sträubte sie sich, mir derartige Unkosten aufzuerlegen; aber ich erinnerte sie daran, daß sie jetzt eines reichen Mannes Schwester sei und in einem Anzug, wie er sich für diese Rolle schickte, auftreten müßte; schon bei dem zweiten Händler war sie hingerissen von dem Geist des Unterfangens, und ihre Augen leuchteten. Ich freute mich an ihrer unschuldigen Hingabe an dieses Vergnügen. Merkwürdiger noch war die Leidenschaft, mit der ich mich selbst in die Sache stürzte; nichts war mir schön und gut genug für sie, und ich bekam es niemals satt, sie in den verschiedensten Aufputzen zu sehen. Ja, ich begann einen Teil von Miß Grants tiefem Interesse an der Kleiderfrage zu verstehen; denn die Wahrheit ist, gilt es einen schönen Menschen zu schmücken, so wird alles an dem Geschäft selber schön. Ich muß noch hinzufügen, daß die holländischen Kattune außerordentlich fein und billig waren; aber ich schäme mich, zu verraten, was ich für ihre Strümpfe ausgab. Im großen und ganzen verwendete ich eine so große Summe auf dieses Amüsement – anders kann ich es nicht gut nennen –, daß ich mich lange Zeit schämte, noch weiteres Geld auszugeben und als eine Art Gegengewicht unsere Zimmer ziemlich kahl ließ. Wenn wir nur Betten hatten, wenn Catriona nur recht zierlich gekleidet ging und mir genug Licht, sie zu betrachten blieb, waren unsere Räume für meinen Geschmack prächtig genug. Am Schlusse unserer Besorgungen war ich froh, Catriona mit unseren vielen Paketen vor der Tür absetzen zu können, und begab mich auf einen langen, einsamen Spaziergang, um mir eine Strafpredigt zu halten. Da hatte ich unter mein Dach und quasi an meinen Busen ein junges, sehr schönes Mädchen genommen, deren einzige Bedrohung ihre Unschuld war. Meine Unterredung mit dem alten Holländer und die Lügen, zu denen ich mich gezwungen sah, zeigten mir, wie mein Verhalten sich in anderer Leute Augen ausnehmen mußte; und nach der starken Bewunderung, die ich soeben erst gespürt und der Unmäßigkeit, mit der ich meiner eitlen Kauflust gefrönt hatte, begann ich mein Benehmen selbst für äußerst gewagt zu halten. Ich fragte mich, ob ich, wenn ich in der Tat eine Schwester hätte, sie wohl so kompromittieren würde; dann, als mir das Problem gar zu schwer löslich erschien, veränderte ich die Frage dahin, ob ich Catriona irgendeinem anderen Menschen so ausliefern würde: die Antwort ließ mich schamrot werden. Ich hatte mich selbst und auch das Mädchen in eine Falle gelockt, um so mehr mußte ich darauf achten, mich mit peinlichster Korrektheit zu benehmen. Sie hing, was Nahrung und Unterkunft betraf, gänzlich von mir ab; falls ich ihr Schamgefühl verletzte, blieb ihr keine Zuflucht mehr. Ich war ihr Wirt und ihr Beschützer; je abenteuerlicher die Art, auf die ich in diese Rolle verfallen war, um so unverzeihlicher mein Handeln, wenn ich durch eine noch so ehrliche Werbung dadurch zu profitieren suchte. Angesichts der Gelegenheiten, die sich mir boten, Gelegenheiten, die kein kluger Vater auch nur einen Augenblick geduldet haben würde, war auch die ehrlichste Werbung unfair. Ich erkannte, ich mußte in unserem Verkehr außerordentlich zurückhaltend sein, und doch wieder nicht zu zurückhaltend; denn hatte ich auch kein Recht als Freier aufzutreten, so mußte ich mich doch in der Rolle des Wirts, und wenn möglich des liebenswürdigen Wirts, zeigen. Es war klar, das Ganze bedurfte eines großen Maßes von Takt und Wohlerzogenheit, größer vielleicht, als meine Jahre es mir gewährten. Aber ich hatte mich kühn hineingestürzt, wo selbst die Engel kaum zu wandeln wagten, und es gab keinen anderen Ausweg aus jener Lage, als zu tun, was mich recht dünkte. Ich baute mir daher ein System von Verhaltungsmaßregeln auf, flehte innerlich um Kraft, sie einzuhalten, und kaufte mir als menschlicheres Mittel zu diesem Zweck ein Lehrbuch der Jurisprudenz. Da mir sonst nichts einfallen wollte, ließ ich alle ernsten Betrachtungen fahren und wurde sogleich so überschäumend glücklich, daß ich auf dem Heimwege auf lauter Luft zu gehen schien. Ja, bei dem Gedanken an den Begriff »Heim« und an die Gestalt, die mich zwischen meinen vier Wänden erwartete, klopfte mir das Herz in der Brust vor lauter Freude.

Meine Nöte setzten mit meiner Rückkehr ein. Sie lief mir in unverhüllter, rührendster Freude entgegen. Außerdem war sie von Kopf bis zu Fuß in die neuen Sachen gekleidet, die ich ihr gekauft hatte, und sah über die Maßen hübsch aus, und natürlich drehte und wendete sie sich von allen Seiten und knickste in einem fort, um sich zu zeigen und bewundert zu werden. Letzteres tat ich ohne Zweifel recht ungnädig; die Worte blieben mir förmlich in der Kehle stecken. »Nun,« sagte sie, »wenn du nicht nach meinen hübschen Kleidern fragst, so sieh dir wenigstens an, was ich mit unseren Zimmern getan habe.« Und sie zeigte mir die sauber gefegten Räume und die Feuer, die in den beiden Kaminen brannten. Ich freute mich der Gelegenheit, etwas strenger erscheinen zu können, als mir in Wahrheit zumute war. »Catriona,« sagte ich, »ich bin mit dir sehr unzufrieden; niemals wieder darfst du mein Zimmer anrühren. Einer von uns beiden muß der Herr sein, solange wir zusammen sind! Als der Ältere und als Mann kommt mir diese Rolle zu, nimm meine Worte also als Befehl.« Sie machte mir eine ihrer Reverenzen, die über die Maßen reizend waren. »Wenn du zankst, muß ich dich kajolieren, Davie. Ich werde sehr folgsam sein, wie es sich schickt, da jeder Fetzen an meinem Leibe dir gehört. Aber du darfst auch nicht böse sein, denn ich habe jetzt niemanden als dich.« Diese Worte trafen mich tief, und ich beeilte mich, halb und halb reumütig, die gute Wirkung meiner letzten Rede wieder aufzuheben. In dieser abschüssigen Richtung war es leichter, Fortschritte zu machen; Catriona schritt lächelnd voran, und bei ihrem Anblick, bei dem freundlichen Licht des Feuers, bei ihren reizenden Gesten und Blicken ward mein Herz butterweich. Unsere Mahlzeit verlief unter unendlichen Scherzen und Zärtlichkeiten; ja, wir beide waren so eins, daß selbst unser Lachen einer Liebkosung glich. Inmitten dieses Treibens fielen mir meine Bedenken ein; ich stammelte eine lahme Entschuldigung und machte mich bäurisch tölpelhaft an meine Studien. Das Buch war ein umfangreiches, instruktives Werk des verstorbenen Dr. Heineccius, in das ich mich in den folgenden Tagen noch recht häufig vertiefen sollte, obwohl ich mich mitunter freute, daß niemand da war, mich über meine Lektüre auszufragen. Mich dünkte, Catriona biß sich leicht auf die Lippen – das schnitt mir ins Herz. Ja, mein Verhalten ließ sie völlig einsam, zumal sie nur wenig las und im Augenblick kein einziges Buch besaß.

Der Rest des Abends verfloß fast schweigend.

Ich hätte mich prügeln können. In jener Nacht vermochte ich vor Wut und Reue nicht im Bett zu bleiben und lief mit bloßen Füßen so lange im Zimmer auf und ab, bis ich vor Kälte umzukommen meinte, denn das Feuer war ausgegangen, und es herrschte ein scharfer Frost. Der Gedanke an Catriona im Nachbarzimmer, der Gedanke, daß sie mich jetzt vielleicht auf und ab gehen hörte, die Erinnerung an meine Unhöflichkeit und das Bewußtsein, daß ich gezwungen war, auch weiterhin an diesem undankbaren Benehmen festzuhalten, wenn ich nicht ehrlos werden wollte, raubten mir fast den Verstand.

Ich stand zwischen Szylla und Charybdis: was mußte sie nur von mir denken? Das war die Vorstellung, die mich immer wieder wankend machte. Die andere, die mich in meinem Entschlusse stählte, lautete: »Was sollte nur aus uns werden?« Diese meine erste schlaflose und von Zweifeln zerrissene Nacht, der noch viele ähnliche folgen sollten, verbrachte ich teils wie ein Wahnsinniger auf und ab rennend, teils unter kindischen Tränen, teils (wie ich hoffe) christliche Gebete zum Himmel sendend.

Aber man hat leicht beten; viel schwerer ist die Praxis. In Catrionas Gegenwart hatte ich nur geringe Macht über die Konsequenzen meines Handelns, vor allem, wenn ich irgendwelche Vertraulichkeiten aufkommen ließ. Dagegen überstieg es meine Kraft, den ganzen Tag mit dem Mädchen das Zimmer zu teilen und mich dem äußeren Anschein nach in meinen Heineccius zu versenken. So verfiel ich auf den Ausweg, mich möglichst viel zu absentieren. Ich besuchte regelmäßig die Kollegs, häufig jedoch mit nur geringer Aufmerksamkeit; der Beweis dafür ist ein Kollegheft jener Tage, das mir vor kurzem in die Hände fiel. Mitten in einem erbaulichen Vortrag bricht es ab; statt dessen sind die Seiten mit recht schlechten Versen vollgekritzelt, wenn auch das Latein besser ist, als ich je gehofft hatte, schreiben zu können. Zum Unglück wogen die Nachteile eines derartigen Verhaltens die Vorteile fast auf. Zwar wurde meine Prüfungszeit verkürzt, aber sie war meines Erachtens nach um so schwerer, solange sie dauerte; denn da Catriona viel allein blieb, begrüßte sie meine Rückkehr mit wachsender Inbrunst, die mich fast überwältigte. Diese liebevollen Annäherungen war ich gezwungen auf barbarische Art zurückzuweisen, und meine Härte verletzte sie mitunter so tief, daß ich sofort wieder weich wurde und alles durch doppelte Güte wieder gutmachte. So war die Zeit unseres Zusammenlebens ein einziges Auf und Ab, eine Flut von Verstimmungen und Enttäuschungen, die mich (mit aller Ehrfurcht sei’s gesagt) fast kreuzigten.

Die Basis meiner Nöte war Catrionas überraschende Unschuld, die mich indes nicht so sehr mit Staunen wie mit Mitleid und Bewunderung erfüllte. Das Mädchen schien unserer Lage auch nicht einen Gedanken zu schenken, meine Kämpfe überhaupt nicht zu ahnen. Jedes Zeichen von Schwäche meinerseits begrüßte sie mit aufquellender Freude, und wenn ich dadurch in die Abwehr gezwungen wurde, gab sie sich nicht immer Mühe, ihren zornigen Kummer zu verbergen. Mitunter dachte ich bei mir selbst: wenn sie bis über beide Ohren verliebt wäre und es sich in den Kopf gesetzt hätte, mich einzufangen, könnte sie es nicht anders treiben. Und wieder mußte ich mich über die Einfalt der Frauen wundern, von denen abzustammen ich mich (in derartigen Momenten) für unwürdig hielt. Einen Punkt insbesondere gab es, um den unser Krieg sich drehte: das war die Frage ihrer Kleider. Meine Koffer waren uns sehr bald von Rotterdam nachgesandt worden, die ihrigen von Helvoetsluys. Sie besaß daher im Augenblick zwei komplette Garderoben, und es wurde allmählich selbstverständlich (wie, vermochte ich niemals zu sagen), daß sie, wenn sie mir gut war, meine Kleider trug, und wenn sie mir grollte, die ihrigen. Letzteres sollte als eine Art Zurückweisung und als Verzicht auf ihre Dankbarkeit gelten, und tief im Herzen empfand ich es auch so; gewöhnlich aber war ich zu klug, um nach außen hin diesen Umstand zu bemerken.

Einmal ließ ich mich in noch kindischerer Weise gehen als sie. Das geschah so: auf dem Heimwege aus meinem Kolleg hatte ich ihrer in Liebe, untermischt mit ziemlich viel Ärger, inbrünstig gedacht, bald jedoch war der Ärger verschwunden, und als ich in einem Ladenfenster eine jener Treibhausblumen erblickte, in deren Zucht die Holländer Meister sind, gab ich einem Impulse nach und kaufte sie für Catriona. Den Namen der Blume kenne ich nicht; sie war von rosa Farbe. Ich glaubte, Catriona würde sie sehr bewundern und trug sie in wunderbar weicher Stimmung heim. Beim Abschied hatte Catriona meine Kleider getragen, als ich sie nun bei meiner Rückkehr völlig umgezogen und obendrein mit einem hierzu passenden Gesicht antraf, maß ich sie mit einem einzigen Blick von Kopf bis zu Fuß, biß die Zähne aufeinander, riß das Fenster auf, warf meine Blume auf den Hof hinunter und mich selbst (zwischen Wut und Vorsicht schwankend und die Tür hinter mir ins Schloß donnernd) zur Tür hinaus. Auf der steilen Treppe wäre ich um ein Haar gefallen; das brachte mir die Torheit meines Benehmens augenblicklich zum Bewußtsein. Ich ging daher nicht, wie ich es ursprünglich beabsichtigt hatte, auf die Straße, sondern in den Hof, der wie immer verlassen da lag. Dort sah ich meine Blume (die mich weit mehr als ihren eigentlichen Wert gekostet hatte) an dem kahlen Baume hängen. Ich pflanzte mich neben dem Kanale auf und starrte hinunter auf das Eis. Bauern glitten auf ihren Schlittschuhen vorüber: ich beneidete sie. Ich sah keinen Ausweg aus meiner Klemme, sah nicht einmal eine Möglichkeit, in das Zimmer zurückzukehren, das ich soeben verlassen hatte. Kein Zweifel, ich hatte das Geheimnis meiner Gefühle verraten, hatte, um die Sache noch schlimmer zu machen, in elender, kindischer Wut meinen hilflosen Gast vor den Kopf gestoßen.

Vermutlich sah sie mich aus dem offenen Fenster. Ich glaube, ich hatte noch nicht lange dort gestanden, da hörte ich knirschende Schritte auf dem gefrorenen Schnee und erblickte, als ich mich ärgerlich über die Störung umwandte, Catriona. Sie war abermals von Kopf bis zu den gestickten Strümpfen, umgezogen. »Sollen wir heute unseren Spaziergang versäumen?« erkundigte sie sich.

Ich blickte sie verwundert an. »Wo ist deine Brosche?« fragte ich.

Sie fuhr mit der Hand an den Busen und errötete tief. »Ich habe sie vergessen. Ich laufe gleich nach oben und hole sie; dann können wir doch unseren Spaziergang machen, nicht wahr?«

Das Letzte wurde in so bittendem Tone gesprochen, daß ich vor Staunen nicht aus noch ein wußte. Mir blieben die Worte wie die Stimme versagt; so konnte ich nur zustimmend nicken und kletterte, kaum daß sie mich verlassen hatte, auf den Baum, um die Blume zu holen, die ich ihr bei ihrer Rückkehr überreichte. »Ich habe sie für dich gekauft, Catriona«, sagte ich. Sie befestigte sie mit ihrer Brosche am Busen, wie mich deuchte, nicht ohne Zärtlichkeit.

»Sie ist durch meine Behandlung nicht besser geworden«, hub ich von neuem an.

»Sie gefällt mir darum nicht schlechter, des kannst du sicher sein«, antwortete sie.

An jenem Tage sprachen wir nicht viel miteinander; sie schien einen Schatten reserviert, aber nicht unfreundlich. Und was mich betraf, so grübelte ich die ganze Zeit unseres Spazierganges und nach unserer Rückkehr, als ich sie die Blume in ein Gefäß mit Wasser hatte stecken sehen, darüber nach, was für ein Rätsel doch die Frauen seien. Jetzt dachte ich, es sei doch die größte Dummheit von der Welt, daß sie meine Liebe nicht erkannt hätte, jetzt, daß sie sie längst bemerkt haben müßte, und daß sie nur als kluges Mädchen mit feinem, weiblichen Instinkt für Schicklichkeit ihr Wissen verberge.

Wir gingen täglich spazieren. Auf der Straße fühlte ich mich sicherer; da ließ meine Zurückhaltung etwas nach, und vor allem gab es da keinen Heineccius. So kam es, daß diese Zeiten für mich eine Erleichterung und für mein armes Kind ein großes Vergnügen bedeuteten. Wenn ich um die gewohnte Stunde nach Hause zurückkehrte, fand ich sie meist schon fertig angezogen und glühend vor Erwartung. Sie pflegte unsere Wanderungen nach Möglichkeit in die Länge zu ziehen und schien (ebenso wie ich) sich vor der Stunde der Rückkehr zu fürchten. In Leyden gibt es daher kaum ein Feld oder ein Flüßchen, keine Straße oder Gasse, wo wir nicht geweilt. Im übrigen hatte ich sie gebeten, sich ganz auf die Wohnung zu beschränken; ich fürchtete, sie könnte irgendeinem Bekannten in die Arme laufen und unsere Lage noch erschweren. Aus dem nämlichen Grunde gestattete ich es weder ihr noch mir selbst, in die Kirche zu gehen; statt dessen improvisierten wir eine Art Privatgottesdienst in unserer Wohnung – wie ich hoffe mit ehrlichem, wenn auch zweifellos geteiltem Herzen. Ja, nichts rührte mich so tief, wie gleich Mann und Weib mit ihr vor Gott zu knien.

Eines Tages schneite es ungewöhnlich heftig. Ich hatte es für unmöglich gehalten, in solchem Wetter auszugehen, und war erstaunt, sie fertig angekleidet auf mich wartend zu finden. »Nie und nimmer werde ich auf meinen Spaziergang verzichten«, rief sie. »Du bist im Hause kein guter Junge, Davie; ich liebe dich nur in der freien Luft. Ich glaube, das beste ist, wir werden Zigeuner und schlagen unser Lager neben der Landstraße auf.«

Das wurde der schönste Spaziergang von allen; sie klammerte sich im fallenden Schnee an mich; die Flocken umwirbelten uns und schmolzen auf unserer Kleidung, und die Tropfen hafteten wie Tränen auf ihren hellen Wangen und zerrannen in ihren lächelnden Mund. Mir war’s, als wüchsen mir Riesenkräfte; ich glaube, ich hätte sie in die Arme nehmen und mit ihr bis ans Ende der Erde laufen können, und die ganze Zeit unterhielten wir uns mit einer Freiheit und süßen Harmonie, wie ich es nie erlebt hatte. Es war dunkle Nacht, als wir wieder vor der Haustüre standen. Sie drückte meinen Arm an ihre Brust. »Ich danke dir von Herzen für diese guten Stunden«, sagte sie, und ihre Stimme hatte einen tiefen Klang. Die Sorge, in die mich diese Worte sofort stürzten, zwang mich mit gleicher Schnelligkeit in eine Abwehrstellung; kaum hatten wir unsere Zimmer erreicht und das Licht angezündet, als sie von neuem das alte, sauertöpfische, eigensinnige Gesicht des heineccius’schen Studenten vor sich sah. Ohne Zweifel fühlte sie sich mehr denn je verletzt; ich weiß jedenfalls, daß es mir schwerer als sonst fiel, meine Steifheit zu bewahren. Selbst beim Essen wagte ich es kaum, weniger zugeknöpft zu sein und meine Augen zu ihrem Gesicht zu erheben. Sobald das Mahl vorüber war, versenkte ich mich in mein bürgerliches Recht, diesmal mit größerer Hingabe und weniger Verständnis als je zuvor. Mir war während der Lektüre, als hörte ich mein Herz wie eine Wanduhr schlagen. So sehr ich mich auch mühte, in mein Buch vertieft zu erscheinen, äugte ich doch verstohlen über den Rand hinweg nach Catriona. Sie hockte auf dem Boden neben meinem großen Koffer; der Schein des Feuers umspielte sie, funkelte und zuckte und ließ ihr Gesicht in einem Wunder schöner Farben aufleuchten und versinken. Jetzt starrte sie in die Flammen, dann wieder zu mir hinüber; sogleich tauchte ich in panischer Angst vor mir selbst in meinen Heineccius und umblätterte die Seiten, wie jemand, der in der Kirche nach dem Text sucht.

Plötzlich schrie sie laut: »Oh, – weshalb kommt mein Vater nicht?« Dann löste sich ihre Spannung in einem Strom von Tränen. Ich sprang auf, warf den Heineccius mitten ins Feuer, lief zu ihr hin und umschlang ihren schluchzenden Körper mit beiden Armen. Sie stieß mich heftig von sich. »Du liebst deine Freundin nicht«, sagte sie. »Auch ich könnte so glücklich sein, wenn du es nur erlaubtest!« Und dann: »Oh, was habe ich nur getan, daß du mich so hassest?« »Hassen!« rief ich, sie fest in den Armen haltend. »Du blindes Kind, kannst du denn nicht ein wenig in meinem Herzen lesen und sehen, wie unglücklich ich bin? Glaubst du, wenn ich hier sitze und in dem dummen Buch lese, das ich soeben verbrannt habe – der Teufel hole es! – ich hätte auch nur einen einzigen Gedanken an etwas anderes als dich? Nacht für Nacht hätte ich heulen können, dich dort so einsam zu sehen. Aber was sollte ich nur tun? Du bist meiner Ehre anvertraut; willst du mich deswegen strafen? Willst du aus diesem Grunde deinen treuen Diener von dir weisen?« Bei diesen Worten klammerte sie sich mit plötzlicher, kleiner Gebärde fest an mich. Ich hob ihr Gesicht zu dem meinen und küßte es, und sie drückte ihren Kopf an meine Brust und hielt mich fest umschlungen. Ich saß da in einem schwindelnden Wirbel, wie betrunken. Da hörte ich eine ganz leise Stimme erstickt aus meinen Kleidern aufsteigen: »Hast du sie wirklich geküßt?«

Mich durchzuckte eine so gewaltige Welle des Erstaunens, daß ich am ganzen Leibe zitterte.

»Miß Grant!« rief ich völlig ausgelöst. »Ja, ich bat sie, mir zum Abschied einen Kuß zu geben und sie tat es auch.« »Ah,« sagte sie, »aber wenigstens hast du mich auch geküßt.« Bei der Seltsamkeit und Süße dieser Worte wurde mir plötzlich klar, wohin wir geraten waren; ich erhob mich und stellte sie auf die Füße.

»Das geht so nie und nimmermehr«, sagte ich. »Nie und nimmermehr. O Katrin, Katrin!« Eine Pause, in der ich zu reden unfähig war, und ich fügte hin zu: »Geh fort, zu Bett. Geh zu Bett und laß mich allein.« Sie wandte sich, fügsam wie ein kleines Kind, um mir zu gehorchen. Das Nächste, was ich wußte, war, daß sie auf der Türschwelle stehen blieb.

»Gute Nacht, Davie,« sagte sie. »Gute Nacht, du mein Lieb!« rief ich in einem einzigen, leidenschaftlichen Ausbruch meiner Seele und riß sie mit einer Gewalt an mich, daß ich glaubte, ich hätte sie zerbrochen. In der nächsten Sekunde hatte ich sie aus dem Zimmer gedrängt und die Tür heftig zugeschlagen und stand allein.

Jetzt war der Krug zerschellt, die Milch verschüttet; das Wort war mir entschlüpft, die Wahrheit an den Tag gekommen. Wie ein wankelmütiger Schwächling hatte ich mich in des armen Mädchens Liebe eingeschlichen; als gebrechliches, unschuldiges Geschöpf, das ich nach Belieben zerstören oder hüten konnte, lag sie in meiner Hand; welche Verteidigungswaffe war mir jetzt noch geblieben? Es schien mir wie ein Symbol, daß das Exemplar Heineccius, mein alter Schild, verbrannt war. Ich bereute, und doch brachte ich es nicht über mich, mir meines Versagens wegen Vorwürfe zu machen. Es schien mir ein schier unmögliches Verlangen, ihrer kühnen Unschuld oder der letzten großen Versuchung ihrer Tränen widerstanden zu haben. Aber alle meine Entschuldigungen ließen meinen Fehler nur noch größer erscheinen – fast dünkte es mich, ich hätte ein so wehrloses Wesen, alle Vorteile meiner Position ausnutzend, überlistet.

Was füllte jetzt aus uns werden? Wir konnten doch nicht länger in der gleichen Wohnung hausen? Wohin sollte ich aber gehen? Wohin sie? Ohne Zutun oder Schuld unsererseits hatte sich das Leben gegen uns verschworen und uns in jene engen vier Wände eingesperrt. Mir kam der wilde Gedanke, mich auf der Stelle mit ihr zu verheiraten; im nächsten Augenblick wies ich ihn empört zurück. Sie war ja nur ein Kind, sie kannte nicht einmal ihr eigenes Herz; ich hatte ihre Schwäche überrumpelt; niemals durfte ich diesen Überfall ausnutzen; ich mußte nicht nur dafür sorgen, daß sie kein Makel traf, nein, auch daß sie so frei von mir ging, wie sie gekommen war.

Ich setzte mich vor das Feuer und grübelte nach und bereute und zerbrach mir vergeblich den Kopf auf der Suche nach einem Ausweg. Etwa um drei Uhr morgens waren noch drei rotglühende Kohlen übriggeblieben, Haus und Stadt lagen im Schlaf, da hörte ich vom Nebenzimmer her ein leises Weinen. Sie dachte, auch ich schliefe, das arme Kind; sie bereute ihre Schwäche, ihre Fürwitzigkeit (Gott helfe ihr!), wie sie es vielleicht nannte, und suchte sich in der Totenstille der Nacht durch Tränen Erleichterung zu verschaffen. Zärtliche und bittere Gefühle, Liebe, Reue und Mitleid kämpften in meiner Seele einen Kampf; ich schien verpflichtet, jene Tränen zu trösten.

»O, versuche doch, mir zu verzeihen!« rief ich laut, »versuche, versuche, mir zu verzeihen! Wir wollen alles vergessen, wir wollen versuchen, ob wir es nicht vergessen können!« Es kam keine Antwort, aber das Schluchzen hörte auf. Lange Zeit stand ich, immer noch mit verschlungenen Händen, wie im Augenblick, da ich sie gebeten hatte; dann packte mich schaudernd die Kälte der Nacht, und ich glaube, meine Vernunft gelangte wieder zur Herrschaft. »Du wirst aus dieser Sache doch nicht klug, Davie«, dachte ich. »Geh zu Bett wie ein verständiger Junge, und versuche zu schlafen. Morgen wirst du vielleicht wissen, was du zu tun hast.«

Fünfundzwanzigstes Kapitel


Die Rückkehr James Mores

Am Morgen wurde ich zu später Stunde durch Klopfen an meiner Tür aus unruhigem Schlummer geweckt; ich lief, um zu öffnen und wäre im Widerstreit meist schmerzlicher Empfindungen fast umgesunken: dort auf der Schwelle in einem groben Überrock und ungewöhnlich großem, betreßten Hut stand James More. Ich hätte mich vielleicht rückhaltlos freuen sollen, denn der Mann kam in gewissem Sinne wie eine Antwort auf ein Gebet. Ich hatte mir vorgeredet, bis mir der Kopf schwindelte, daß Catriona und ich uns trennen müßten, hatte mich, bis ich Kopfschmerzen bekam, nach einer Möglichkeit hierzu umgeschaut. Jetzt war das Mittel auf zwei Beinen zu mir heranspaziert, und Freude nahm den hintersten Platz in meinen Gedanken ein. Zu bedenken ist jedoch, daß, obwohl die Last der Zukunft durch dieses Mannes Ankunft von meinen Schultern genommen wurde, die Gegenwart nur um so schwärzer und drohender vor mir aufragte; ich glaube daher, daß ich, als ich mich im ersten Augenblick in Hemd und Hosen ihm gegenüber sah, wie angeschossen zurückfuhr.

»Ah,« sagte er, »ich habe Euch gefunden, Mr. Balfour.« Und er bot mir seine große, schöne Hand, die ich (gleichzeitig, wie zur Abwehr, meinen Posten an der Tür von neuem beziehend) etwas im Zweifel ergriff. »Höchst eigentümlich, wie unsere Geschäfte sich verstricken«, fuhr er fort. »Ich schulde Euch wegen dieses bedauerlichen Eingreifens in die Euren, zu dem ich mich durch mein Vertrauen in jenes Doppelgesicht, Prestongrange, verleiten ließ, eine Entschuldigung; ich schäme mich, einzugestehen, daß ich einmal einem Juristen traute.« Er zuckte auf sehr französische Art die Achsel. »Aber wahrhaftig, der Mann machte einen so guten Eindruck. Und jetzt scheint es gar, als hättet Ihr Euch in nobelster Weise meiner Tochter angenommen, deren Adresse zu erfragen man mich an Euch wies.«

»Ich glaube, Sir,« entgegnete ich über die Maßen verlegen, »zwischen uns beiden ist eine Auseinandersetzung erforderlich.« »Es ist doch alles in Ordnung?« forschte er. »Mein Agent, Mr. Sprott –« »Um Gottes willen, dämpft Eure Stimme!« rief ich. »Sie darf Euch nicht hören, bis wir unsere Auseinandersetzung gehabt haben.«

»Sie befindet sich hier?« rief er.

»Das ist ihre Kammertür.«

»Ihr seid hier mit ihr allein?« »Wen sonst sollte ich noch bei mir haben?« rief ich. Ich will ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen: er erbleichte. »Das ist sehr ungewöhnlich«, sagte er. »Die Umstände sind sehr ungewöhnlich. Ihr habt recht: eine Auseinandersetzung ist erforderlich.«

Mit diesen Worten ging er an mir vorbei, und ich muß gestehen, der imponierende alte Schelm nahm sich im Augenblick sehr würdig aus. Er sah jetzt zum erstenmal mein Zimmer, das ich sozusagen mit seinen Augen musterte. Ein Strahl der Morgensonne fiel durch das Fenster und beleuchtete den Raum; mein Bett, meine Koffer, der Waschtisch, meine ziemlich unordentliche Garderobe, der leere Kamin bildeten die einzige Ausstattung; kein Zweifel, es sah kalt und kahl aus und schien als Unterkunft für eine Dame der unpassendste, erbärmlichste Platz von der Welt. Gleichzeitig fielen mir die Kleider ein, die ich ihr gekauft hatte, und mich dünkte, der Kontrast zwischen Armut und Verschwendung machte einen üblen Eindruck.

Er sah sich rings im Zimmer nach einem Sitz um, und ließ sich, da er keinen anderen passenden fand, auf meinem Bettrand nieder, wo ich mich wohl oder übel zu ihm setzen mußte, nachdem ich zuvor die Tür geschlossen hatte. Wie immer diese merkwürdige Unterredung auch enden mochte, sie mußte, wenn möglich, stattfinden, ohne Catriona zu wecken, und dazu war erforderlich, daß wir dicht beieinander saßen und leise sprachen. Ich kann mir kaum vorstellen, welch ein Bild wir beide abgaben, er in seinem schweren Mantel, der gegen die Kälte außerordentlich am Platze schien, ich frierend in Hemd und Hosen; er fast mit der Miene eines Richters, ich (was immer auch mein Aussehen war) ganz mit den Gefühlen eines Mannes, der die Posaune des Jüngsten Gerichts erschallen hört.

»Nun?« forschte er. »Nun«, hub ich an, entdeckte aber, daß ich nicht weiterreden konnte.

»Ihr sagt mir, sie sei hier?« fragte er abermals, jetzt aber mit einem Anflug von Ungeduld, der mir Mut zu verleihen schien. »Sie befindet sich in diesem Hause«, sagte ich; »ich wußte, man würde die Umstände ungewöhnlich finden. Aber Ihr müßt bedenken, wie ungewöhnlich die ganze Angelegenheit von Anfang bis zu Ende war. Hier ist eine junge Dame, die mit zwei Schillingen und anderthalb Pence in der Tasche an der Küste Europas an Land gesetzt wird. Sie wird an Euren Beauftragten, Sprott, in Helvoet gewiesen. Ich höre, Ihr bezeichnet den Mann als Euren Agenten. Alles, was ich von ihm weiß, ist, daß er bereits bei der Nennung Eures Namens in Flüche und Schimpfworte ausbricht, und ich bin genötigt, ihn aus meiner eigenen Tasche zu bezahlen, um ihn zu bewegen, wenigstens Eurer Tochter Sachen in Aufbewahrung zu nehmen. Ihr sprecht von ungewöhnlichen Umständen, Mr. Drummond, falls das der Name ist, den Ihr Euch zu geben beliebt. Das war ein Umstand, dem Ihr sie niemals hättet aussetzen dürfen – ja, eine Barbarei.« »Aber ich begreife von alledem kein Wort«, sagte James. »Meine Tochter wurde der Obhut verantwortlicher Leute anvertraut – den Namen habe ich vergessen.« »Der Name lautet Gebbie,« sagte ich,» und ohne Zweifel hätte Mr. Gebbie mit ihr in Helvoet an Land gehen müssen. Das tat er aber nicht, Mr. Drummond, und ich meine, Ihr könnt Gott danken, daß ich dort war und an seiner Statt zu gehen mich erbot.«

»Ich werde noch ein Wort mit Mr. Gebbie zu haben«, erwiderte er »Und was Euch selbst betrifft, so hättet Ihr, meine ich, bedenken müssen, daß Ihr für einen derartigen Posten ein wenig jung seid.«

»Aber es handelte sich ja gar nicht um eine Wahl zwischen ihr und jemand anderem. Es blieb nur die Wahl zwischen mir und niemand. Niemand erbot sich, statt meiner zu gehen, und ich muß sagen, Ihr scheint mir für das, was ich getan habe, nur geringe Dankbarkeit zu zeigen.« »Ich werde warten, bis ich die Art meiner Verpflichtung etwas genauer kenne«, meinte er.

»Nun, mich dünkt, sie starrt Euch förmlich ins Gesicht. Euer Kind war ganz verlassen, sie war mitten in Europa auf die Straße gesetzt, mit knapp zwei Schillingen und keine zwei Worte der Landessprache zu ihrer Verfügung: ich muß sagen, ein sauberes Geschäft! Ich brachte sie hierher. Ich gab ihr den Namen und die zärtliche Pflege einer Schwester; all das ist nicht ohne Aufwand geschehen, aber das brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Diese Dienste war ich der jungen Dame, deren Charakter ich hochschätze, schuldig. Ja, mich dünkt, es wäre eine nette Sache, wenn ich hier ihrem Vater noch ihr Lob singen müßte.« »Ihr seid ein junger Mann«, begann er.

»Das habt Ihr mir schon einmal gesagt«, entgegnete ich ziemlich hitzig. »Ihr seid ein sehr junger Mann,« wiederholte er, »oder Ihr hättet die Bedeutung dieses Schrittes erkannt.«

»Ich finde, Ihr habt hier sehr leicht reden«, rief ich. »Was konnte ich sonst wohl tun? Freilich hätte irgendeine ehrbare arme Frau als Gesellschafterin mieten können; aber ich erkläre Euch, auf diesen Gedanken bin ich erst jetzt gekommen. Und wo sollte ich sie hernehmen, ich, der ich hier selbst fremd bin? Außerdem möchte ich Euch darauf aufmerksam machen, Mr. Drummond, daß es mich nochmals Geld aus meiner Tasche gekostet hätte. Darauf läuft die ganze Sache hinaus: für Eure Nachlässigkeit habe ich büßen müssen; und die Wahrheit ist: Ihr wäret so lieblos und so unachtsam, Eure Tochter einfach zu verlieren.« »Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen«, antwortete er; »erst wollen wir einmal Miß Drummonds Verhalten untersuchen, bevor wir über ihren Vater zu Gericht sitzen.«

»Aber ich lehne es ab, mich in eine derartige Stellung locken zu lassen. Wie ihr Vater eigentlich wissen müßte, ist Miß Drummonds Charakter über jeden Zweifel erhaben. Der meinige auch; das gebe ich Euch hiermit zu verstehen. Es stehen Euch nur zwei Wege offen. Der eine ist der, mir wie ein Gentleman dem anderen Euren Dank auszudrücken und kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Der andere (wenn Ihr es wirklich so genau nehmt) besteht darin, mir meine Auslagen zurückzuerstatten und Euch von mir zu trennen.« Er schien mich mit erhobener Hand beruhigen zu wollen. »Sachte, sachte; Ihr seid zu hastig, Mr. Balfour. Gut, daß ich etwas mehr Geduld gelernt habe. Ich glaube, Ihr vergeßt, daß ich meine Tochter noch nicht gesprochen habe.«

Ich fühlte mich ein wenig erleichtert nach dieser Rede und nach einer gewissen Veränderung in des Mannes Gebaren, die ich entdeckte, sobald das Wort Geld zwischen uns gefallen war.

»Ich glaube, es wäre schicklicher – falls Ihr mir die Ungeniertheit des Ankleidens in Eurer Gesellschaft verzeihen wollt – wenn ich ausginge und Euch bei Eurem Zusammentreffen allein ließe?«

»Das hatte ich von Euch erwartet!« entgegnete er, und kein Zweifel! die Worte waren höflich gemeint. Dies gefiel mir immer mehr, und da mir, während ich meine Strümpfe anzog, des Mannes unverschämte Schnorrerei bei Prestongrange einfiel, beschloß ich, meinen offenbaren Sieg zu verfolgen.

»Falls Ihr Euch längere Zeit in Leyden aufzuhalten gedenkt, steht Euch dieses Zimmer von Herzen gern zur Verfügung; ich kann ohne Schwierigkeiten ein anderes finden. Auf diese Weise haben wir möglichst wenig Scherereien, da nur einer umzuziehen genötigt ist.« »Sir,« entgegnete er, sich in die Brust werfend, »ich schäme mich nicht einer Bedürftigkeit, die ich mir im Dienste meines Königs zugezogen habe. Ich verhehle nicht, der Stand meiner Angelegenheiten ist sehr im unklaren; ja im Augenblick wäre es mir sogar unmöglich, eine Reise zu unternehmen.«

»Bis Ihr Gelegenheit erhaltet, Euch mit Freunden in Verbindung zu setzen,« sagte ich, »ist es Euch dann vielleicht recht (wie es mir natürlich eine Ehre ist) Euch als meinen Gast zu betrachten?«

»Sir,« entgegnete er, »Euer Angebot ist freimütig, ich glaube, ich ehre mich selbst am meisten, wenn ich diesen Freimut nachahme. Eure Hand, Mr. David; Ihr besitzt einen Charakter, den ich vor allem schätze; Ihr gehört zu den Menschen, aus deren Händen ein Gentleman ohne weitere Worte eine Gefälligkeit anzunehmen vermag. Ich bin ein alter Soldat,« fügte er hinzu, sich ein wenig angewidert im Zimmer umsehend, »Ihr braucht daher nicht fürchten, daß ich Euch zur Last fallen werde. Ich habe allzuoft schon neben Schützenwällen gespeist und aus einem Graben getrunken und außer dem Regen kein Dach über meinem Haupte gehabt.« »Ich muß Euch noch sagen, daß uns gewöhnlich um diese Zeit unser Frühstück gebracht wird«, versetzte ich. »Ich schlage daher vor, daß ich mich jetzt in den Gasthof begebe, um noch ein zweites Gedeck für Euch zu bestellen und das Mahl um eine Stunde hinauszuzögern. In der Zwischenzeit könnt Ihr ja Eure Tochter sprechen.« Ich glaube, bei diesen Worten zuckten seine Nasenflügel. »Oh, eine ganze Stunde?« meinte er. »Das ist vielleicht doch überflüssig. Eine halbe Stunde, Mr. David, oder sagen wir, zwanzig Minuten. Das genügt mir vollkommen. Da fällt mir ein,« fügte er hinzu, mich am Rockzipfel festhaltend, »was trinkt Ihr eigentlich morgens? Bier oder Wein?«

»Offen gesagt, Sir, nichts als pures, kaltes Wasser.«

»Puh, puh« machte er, »das ist ja für den Magen schier ruinös, nehmt eines alten Veteranen Wort. Unser heimatlicher Branntwein ist vielleicht das Allergesündeste; da der aber nicht erhältlich ist, werden Rheinwein oder Burgunder wohl das Nächstbeste sein.« »Ich werde dafür sorgen, daß Euch nichts mangelt«, entgegnete ich. »Sehr gut,« sagte er, »wir werden noch einen Mann aus Euch machen, Mr. David.« Jetzt war ich so weit, daß ich kaum noch auf ihn achtete, höchstens schoß es mir durch den Kopf, was für eine Art Schwiegervater er wohl abgeben würde. All meine Sorge konzentrierte sich auf das Mädchen, seine Tochter, die ich vor dem Zusammentreffen mit ihrem Besuche irgendwie zu warnen beschloß. Ich trat daher an ihre Tür, klopfte und rief gleichzeitig durch die Füllung: »Miß Drummond, Euer Vater ist endlich angekommen.« Dann machte ich mich an die Erledigung meines Auftrags, nachdem ich zuvor (durch zwei kleine Worte) meiner Sache schwer geschadet hatte.

Achtzehntes Kapitel


Der Schwungball

Am folgenden Tage hörte ich von ihrem Privatzimmer aus, wo niemand mich sehen konnte, die Richter das Urteil über James Stuart sprechen und verlesen. Ich hin ganz sicher, des Herzogs Worte richtig verstanden zu haben; und da jene berühmte Rede seither vielfach umstritten wurde, dürfte es angebracht sein, meine Version zu fixieren. Nach einer Anspielung auf das Jahr ’45 redete das Oberhaupt der Campbells in seiner Eigenschaft als Lord Oberrichter den unglücklichen Stuart vor ihm mit folgenden Worten an: »Wäret Ihr in jener Rebellion erfolgreich gewesen, Ihr würdet vielleicht Recht sprechen, wo Ihr heute aus den Händen des Rechts das Urteil empfangt; wir, die wir heute Eure Richter sind, wären von einem Eurer Scheingerichte abgeurteilt worden; dann hättet Ihr Euch an dem Blute jenes Mannes oder Clans satt trinken können, gegen den Ihr einen Haß nährtet.«

»Das heißt tatsächlich die Katze aus dem Sack lassen«, dachte ich. Dies war auch der allgemeine Eindruck. Man mußte sich wundern, zu sehen, wie die grünen Anwaltjungen jene Rede aufgriffen und verspotteten; wie kaum eine Mahlzeit vorbeigehen konnte, ohne daß irgend jemand die Worte einschmuggelte: »Dann hättet Ihr Euch satt trinken können.« Zahlreiche Augenblickslieder wurden gedichtet und fast alle wieder vergessen. Ich erinnere mich, das eine begann:

» Von wem wollt Ihr trinken das Blut, ja das Blut?
Ist’s ein Name, sagt, ist es ein Clan?
Oder ist’s gar ein wilder Hochlandsmann,
Von dem Ihr wollt trinken das Blut, ja das Blut

Ein anderes wurde nach meiner alten Lieblingsmelodie »The House of Airlie« gesungen:

» Es begab sich an dem Tag, da Argyle präsidierte,
Daß man ihm einen Stuart zum Abendbrot servierte

Und einer der Verse lautete:

» Und auf stand der Herzog und sprach zu seinem Koch:
Ich eracht es als mein heißestes Bestreben,
Mir zu füllen den Schlauch
Und zu stopfen den Bauch
Mit dem Blute der feindlichen Leben

James wurde so offenkundig ermordet, als hätte der Herzog ihn mit seiner Jagdflinte niedergeknallt. Das alles wußte ich genau, aber andere wußten es nicht. Um so größer war die Empörung über gewisse skandalöse Einzelheiten, die im Verlauf des Prozesses durchsickerten; darunter an erster Stelle dieser Hieb des Vorsitzenden. Mit ihm wetteiferte die ausfallende Bemerkung eines Geschworenen, der ein Plädoyer Coulstons mit den Worten unterbrach: »Ich bitte Euch, Sir, faßt Euch kurz, wir haben die Sache satt.« Das mußte als der Gipfel der Unverfrorenheit und Einfalt erscheinen. Doch einige meiner neuen Freunde unter der Anwaltschaft fühlten sich noch mehr vor den Kopf gestoßen durch einen neuen Brauch, der diesen Prozeß verunglimpfte, wenn nicht gar schändete. Der eine Zeuge wurde niemals aufgerufen. Zwar stand sein Name auf der vierten Seite der Zeugenliste, wo er auch heute noch zu finden ist, als »James Drummond, alias MacGregor, alias James More, weiland Pächter auf Inveronachile«, und sein Vorverhör war, der Sitte gemäß, protokolliert. Er hatte darin Material beigebracht oder erdichtet, (Gott helfe ihm), das, wie ich erkannte, Blei in James‘ Schuhe goß, während es seinen eigenen Schwingen anheftete. Nun war es zwar äußerst wünschenswert, diese Aussagen der Jury zu unterbreiten, jedoch ohne den Zeugen selbst der Gefahr eines Kreuzverhörs auszusetzen; und der Ausweg, den man wählte, bot allen die größte Überraschung. Das Schriftstück wurde (gleich einer Kuriosität) von Hand zu Hand weitergegeben, wanderte zur Geschworenenbank, wo es seine Arbeit verrichtete, und verschwand wieder (wie zufällig), ehe es die Rechtsbeistände des Gefangenen erreichte. Diese Machenschaft wurde als besonders hinterlistig angesehen; und daß mit ihr der Name James More verknüpft war, füllte mich mit Scham für Catriona und mit Sorge um mich selbst. Am folgenden Tage brachen Prestongrange und ich, begleitet von einem ziemlich großen Anhang, nach Glasgow auf, wo wir uns (ganz gegen meinen Willen) teils in Geschäften, teils zum Vergnügen ziemlich lange aufhielten. Ich wohnte zusammen mit Mylord und wurde zu intimem, persönlichem Umgang herangezogen. Ich war zu allen Gesellschaften eingeladen und wurde den wichtigsten Gästen vorgestellt, kurz, wurde hofiert in einem Maße, wie es weder meinen Verdiensten noch meinem Range entsprach, so daß ich oft in Gegenwart von Fremden für Prestongrange errötete. Ich muß gestehen, die Weltanschauung, die ich mir in den letzten Monaten gebildet hatte, drohte mich melancholisch zumachen. Vielen war ich begegnet, die durch Geburt oder Talent den Edelsten der Nation angehörten; und wer von ihnen allen hatte reine Hände gehabt? Was die Browns und Millers anbetraf, so hatte ich sie derart streberisch gefunden, daß ich sie nicht länger zu achten vermochte. Prestongrange war von allen noch der Beste; er hatte mich gerettet oder verschont, wo andere geplant hatten mich kaltblütig zu ermorden. Allein, an seinen Händen klebte das Blut James‘, und ich fand seine Verstellung bezüglich meiner Person unverzeihlich. Daß er an meiner Unterhaltung Freude zu haben vorgab, ging fast über meine Geduld. Ich saß dann da und beobachtete ihn, während in meinem Innern eine Art langsamen Feuers schwelte. »Ach Freundchen, Freundchen,« dachte ich im Stillen, »hättest du dich erst durch diese Memorialaffäre durchgewunden, mit einem Fußtritt flöge ich auf die Straße.« Darin tat ich ihm, wie spätere Ereignisse zeigten, schweres Unrecht; ich glaube vielmehr, er war gleichzeitig weit aufrichtiger und ein viel geschickterer Schauspieler, als ich vermutete. Doch ein Teil meines Mißtrauens wurde durch das Benehmen einer Korona von jungen Anwälten gerechtfertigt, die den Lord Staatsanwalt in der Hoffnung auf Protektion umschwärmten. Die plötzliche Gunst, zu der ein junger Bursche ausrückte, von dem sie früher nie gehört hatten, stürzte sie in Unruhe. Keine zwei Tage waren vergangen, da sah ich mich plötzlich mit Schmeicheleien und Aufmerksamkeiten überschüttet. Ich war inzwischen weder besser noch hübscher geworden, ja, war immer noch derselbe junge Mann, dem sie vor einem Monat die kalte Schulter gezeigt hatten, und jetzt war keine Artigkeit für mich zu gut! Derselbe, sage ich? Durchaus nicht; das bestätigte mir der Spitzname, den sie mir hinter meinem Rücken gaben. Da sie mich in des Lord Staatsanwalts Gunst fest verankert fanden und überzeugt waren, ich würde noch weit und hoch fliegen, wählten sie eine Bezeichnung aus der Golfsprache und nannten mich »den Schwungball«. Sie erklärten mir, jetzt sei ich »einer von ihnen«; ich, der ich ihre rauhe Schale gespürt hatte, sollte jetzt den süßen Kern kosten. Ja, ein junger Mann, dem ich in Hope Park vorgestellt worden war, besaß die Unverfrorenheit, mich an jene Zusammenkunft zu gemahnen. Ich sagte ihm, ich hätte nicht das Vergnügen, mich daran erinnern zu können. »Aber Miß Grant hat mich Euch persönlich vorgestellt«, protestierte er. »Mein Name lautet Soundso.« »Ich will es Euch gern glauben, Sir«, entgegnete ich; »leider habe ich es jedoch vergessen.«

Da ließ er mich in Ruhe, und ich empfand inmitten des Ekels, der mich gemeinhin zu ersticken drohte, so etwas wie Freude. Allein ich habe nicht die Langmut, bei jener Zeit zu verweilen. Befand ich mich in Gesellschaft dieser jungen Diplomaten, so überwältigten mich Scham über mich selbst und mein ungehobeltes Wesen und Verachtung ihrer Doppelzüngigkeit. Von beiden Übeln hielt ich Prestongrange für das geringere, und ob ich auch den jungen Modeherren stets eine stocksteife Front präsentierte, verbarg ich doch so ziemlich meine bitteren Gefühle gegen den Lord Staatsanwalt und war (um mit Mr. Campbell zu reden) dem »Herrn des Hauses gegenüber gefügig«. Prestongrange selbst stellte mich des Unterschiedes wegen zur Rede und forderte mich auf, mich meinem Alter entsprechend zu benehmen und mit meinen jungen Kameraden Freundschaft zu schließen.

Ich sagte ihm, daß ich mich nur schwer jemandem anschlösse. »Ich nehme das Wort zurück«, erwiderte er. »Es gibt auch so etwas wie ›Schön guten Abend und guten Tag‹, Mr. David. Das sind hier die nämlichen jungen Männer, an deren Seite Ihr Eure Tage verbringen und Euch durchs Leben schlagen sollt. Eure Zurückhaltung schmeckt nach Arroganz, und ich fürchte, Ihr werdet auf Eurem Wege Schwierigkeiten begegnen, wenn Ihr nicht ein wenig mehr Schmiegsamkeit annehmt.« »Es ist ein undankbar Geschäft, aus einem Schweinsohr eine seidene Börse schneidern wollen«, lautete meine Antwort. Am Morgen des 1. Oktober wurde ich durch das Pferdegetrappel eines reitenden Boten aus dem Schlafe geschreckt; fast noch ehe er abgesessen hatte, stand ich schon am Fenster und erkannte, daß der Mann scharf geritten war. Später wurde ich zu Prestongrange befohlen, der in Schlafrock und Nachtmütze vor einem Haufen Briefe saß. »Mr. David,« sagte er, »ich habe für Euch Neuigkeiten. Sie betreffen Freunde von Euch, derer Ihr Euch, wie ich manchmal glaube, ein wenig schämt, denn Ihr habt niemals ihre Existenz erwähnt.«

Ich errötete vermutlich. »Ich sehe, Ihr habt mich verstanden; Ihr gebt das richtige Antwortsignal. Übrigens mein Kompliment – Ihr versteht Euch vortrefflich auf Frauenschönheit. Wißt Ihr jedoch, Mr. David, daß wir es anscheinend mit einem höchst unternehmungslustigen jungen Frauenzimmer zu tun haben? Sie kommt uns von allen Seiten in die Quere. Die Regierung von Schottland weiß, wie es scheint, dank der Jungfer Katharina Drummond weder ein noch aus, ganz wie es (vor kurzem erst) mit einem gewissen Mr. David Balfour der Fall war. Würden die beiden nicht ein passendes Paar abgeben? Des Fräuleins erster Eingriff in die Politik – aber ich darf jene Geschichte nicht verraten; die Behörden haben beschlossen, sie Euch durch einen anderen, lebhafteren Berichterstatter wissen zu lassen. Dieser neue Fall ist indes schwerwiegender, und ich fürchte, ich muß Euch durch die Nachricht beunruhigen, daß das Fräulein sich zur Zeit im Gefängnis befindet.«

Ich schrie auf. »Ja,« bestätigte er, »das kleine Fräulein sitzt im Gefängnis. Aber Ihr braucht deswegen nicht zu verzweifeln. Wenn Ihr (samt Euren Freunden und Eurem Memorial) nicht meinen Sturz herbeiführt, wird ihr kein Leid geschehen.« »Was hat sie getan? Welches ist ihr Vergehen?« rief ich.

»Hm – man könnte es fast als Hochverrat bezeichnen,« antwortete er, »sie ist in das Königliche Schloß von Edinburgh eingebrochen.«

»Ich – bin von Herzen – der Dame Freund«, sagte ich. »Ich weiß; Ihr würdet meiner nicht spotten, wäre die Sache ernst.« »Und doch ist sie das in gewissem Sinne,« entgegnete er, »denn diese Schelmin Katharina oder Katrin, wie wir sie ruhig nennen dürfen – hat jene höchst zweifelhafte Persönlichkeit, ihren Herrn Papa, von neuem gegen die Welt losgelassen.«

Also war eine meiner Vermutungen Wahrheit geworden: James More hatte die Freiheit wiedererlangt. Er hatte seine Leute hergegeben, um mich gefangenzuhalten; er hatte in der Appiner Mordsache sein Zeugnis angeboten, und das Zeugnis war (einerlei durch welche Schliche) dazu benutzt worden, die Jury zu beeinflussen. Seine Belohnung war fällig – er wurde freigelassen. Mochten die Behörden der Affäre das Mäntelchen einer Flucht umhängen – ich wußte es besser; ich wußte, das Ganze war nur die Erfüllung eines Paktes. Dieser Gedankengang nahm mir auch den letzten Rest Sorge um Catriona. Mochte man ruhig glauben, sie sei in ihres Vaters Gefängnis eingebrochen; mochte sie es ruhig selbst glauben. Die führende Hand in dieser Sache war die Hand Prestongranges, und ich war überzeugt, er würde es nicht einmal zu einer Gerichtsverhandlung, geschweige denn zu einer Verurteilung kommen lassen, worauf mir sogleich der nicht sehr diplomatische Ruf entschlüpfte:

»A! Das hatte ich erwartet!« »Und doch leidet Ihr mitunter an einem Übermaß von Diskretion!« lautete Prestongranges Antwort.

»Was beliebt Euer Lordschaft damit sagen zu wollen?« »Ich wundere mich nur, daß Ihr, nun Ihr so klug seid, diese Schlüsse zu ziehen, sie nicht auch klugerweise für Euch behaltet. Doch Ihr wünscht vermutlich Näheres über die Angelegenheit zu hören. Ich habe zwei verschiedene Fassungen erhalten: die inoffizielle ist die ausführlichere und zugleich weit unterhaltsamer, da sie der munteren Feder meiner ältesten Tochter entstammt. ›Zur Zeit hat ein recht sauberes Schelmenstückchen die ganze Stadt in Aufruhr versetzt‹, schreibt sie, ›und, was die Sache noch anrüchiger macht, wenn es die guten Leute wüßten – die Spitzbübin ist eine Protegée Seiner Lordschaft, meines Herrn Papas. Ich bin überzeugt, Euer Herz ist (abgesehen von allem andern) allzusehr eins mit Eurer Pflicht, als daß Ihr der »Grauen Augen« vergessen hättet. Was tut nun das Mädchen! Schafft sich einen breitrandigen Hut mit heruntergeschlagenen Ohrenklappen, einen langen, zottigen Männermantel und eine stattliche Krawatte an, schürzt sich die Röcke hoch bis Gott weiß wohin, zieht sich zwei Paar Gamaschen über die Beine und marschiert, ein Paar geflickter Nagelschuhe in der Hand, gen’s Schloß! Dort gibt sie sich aus als einen Schuhmacher in Diensten von James More und wird in seine Zelle gelassen, wobei der Herr Leutnant (der ein recht scherzfroher Mann zu sein scheint) sich mit seinen Kerls über des Schusters Paletot amüsieret. Bald darauf hört man drinnen Streit, zudem Lärm von Hieben. Heraus fliegt der Schuster mit flatternden Rockschößen, die Ohrenklappen fest ums Gesicht gezogen, und Leutnant und Soldaten lachen hinter ihm drein. Sie lachten nicht ganz so herzhaft, als sie das nächstemal die Zelle inspizierten und niemanden dort fanden als ein großes, hübsches, grauäugiges Mädchen in Frauenzimmerkleidern! Was nun den Schuster anbetrifft, so ist er längst über alle Berge, und es heißt, unser armes Schottland müsse sich ohne ihn trösten. Ich habe in jener Nacht öffentlich auf Catrionas Wohl getrunken. Wahrhaftig, die ganze Stadt bewundert sie; ich glaube, die Herren Galans würden Stücke ihres Strumpfbandes im Knopfloch tragen, könnten sie nur etliche bekommen. Ich hätte sie auch im Gefängnis besucht, wäre mir nicht rechtzeitig eingefallen, daß ich Papas Tochter bin. So schrieb ich ihr statt dessen ein Billett, das ich dem treuen Doig anvertraute, und ich hoffe, Ihr werdet zugeben, daß ich, wenn nötig, diplomatisch sein kann. Derselbe treue Esel soll auch dieses Schreiben zusammen mit Briefen der klugen und gescheiten Leute per Eilpost weiter befördern, so daß Ihr Hans Narr in Gesellschaft Salomos reden hören könnt. A propos Esel! Benachrichtigt bitte auch David Balfour! Ich wollte, ich sähe sein Gesicht, wenn er von der verzwickten Lage eines langbeinigen Mädchens hört, geschweige denn von der frivolen Dreistigkeit Eurer zärtlichen Tochter und seiner respektvollen Freundin!‹ So unterschreibt sich meine Schelmin«, fügte Prestongrange hinzu. »Ihr seht also selbst, Mr. David, ich habe vollkommen recht, wenn ich behaupte, daß meine Tochter Euch mit wohlgeneigter Munterkeit betrachtet.« »Der Esel läßt sich vielmals bedanken«, sagte ich.

»War die Sache nicht scharmant arrangiert?« fuhr er fort. »Hat dieses Hochlandsmädchen nicht etwas von einer Heldin?« »Ich wußte von jeher, sie hatte ein großes Herz,« sagte ich, »und ich wette, sie hat nichts erraten. Pardon – das heißt, sich auf verbotenes Gebiet wagen.« »Ich bürge dafür, daß sie nichts ahnt«, erwiderte er ganz offen. »Ich wette, sie glaubte, damit König George einen Schlag ins Gesicht zu versetzen.«

Erinnerungen an Catriona und der Gedanke an ihr Gefangensein griffen mir seltsam ans Herz. Es war klar, selbst Prestongrange bewunderte sie, ja konnte sich in Erinnerung an ihr Verhalten eines Lächelns nicht erwehren. Was nun gar Miß Grant betraf, so machte sie trotz ihrer peinlichen Spottlust kein Hehl aus ihrer ausdrücklichen Bewunderung. Da packte mich eine Art Feuer. »Ich bin nicht Eurer Lordschaft Tochter«, hub ich an.

»Das weiß ich!« unterbrach er mich lächelnd.

»Ich rede wie ein Narr – vielmehr habe ich falsch angefangen. Ohne Zweifel wäre es von Miß Grant unklug, sie im Gefängnis zu besuchen; dagegen gälte ich, meiner Meinung nach, nur als ein lauer Freund, wenn ich nicht sofort zu ihr eilte.«

»O, Mr. David, ich dachte, Ihr und ich hätten einen Handel abgeschlossen?« »Mylord, als ich auf jenen Handel einging, war ich zwar recht sehr gerührt von Eurer Güte, gleichzeitig jedoch unleugbar von persönlichen Interessen bewogen. Selbstsucht lebte in meinem Herzen; jetzt schäme ich mich ihrer. Möglich, daß die Behauptung, dieser lästige David Balfour sei Eurer Lordschaft Freund und Hausgenosse, sich mit Eurer Sicherheit reimt. Haltet sie also aufrecht, ich werde Euch niemals widersprechen. Doch was Eure Gunst betrifft, so gebe ich sie hiermit ungeteilt zurück. Ich bitte nur um das eine – laßt mich gehen und gebt mir einen Paß, daß ich sie im Gefängnis besuchen darf.«

Er warf mir einen harten Blick zu. »Ihr zäumt, wie es scheint, das Pferd beim Schwanze auf. Was ich Euch gewährte, war ein Teil meiner Zuneigung, und Eure undankbare Natur scheint das nicht bemerkt zu haben. Meine Gunst jedoch ist Euch weder gewährt noch (um präzis zu sein) Euch angeboten worden – vorläufig.« Er schwieg einen Augenblick. »Ich warne Euch, Ihr kennt Euch selbst nicht«, fügte er hinzu. »Die Jugend ist vorschnell, Ihr werdet in einem Jahr über das alles anders denken.«

»Ich möchte aber zu dieser Art Jugend gehören!« rief ich. »Ich habe gar zuviel von der anderen Partei in Gestalt der jungen Advokaten gesehen, die Eure Lordschaft mit Schmeichelei umgeben und sich sogar die Mühe machen, mir zu schmeicheln. Ja, ich habe das Gleiche auch bei den Alten entdeckt. Sie jagen alle bestimmten Zwecken nach – alle, die ganze Sippschaft! Das ist der Grund, weswegen ich Eurer Lordschaft Zuneigung anzweifle. Weshalb sollte ich annehmen, daß Ihr mich mögt? Ihr sagtet mir im Gegenteil selbst, Ihr verfolgtet dabei einen Zweck!« Ich hielt inne, verwirrt, daß ich mich so weit hatte hinreißen lassen; er betrachtete mich derweil mit unergründlichem Ausdruck. »Mylord, ich bitte Euch um Verzeihung. In meinem Maul steckt nur eine grobe Bauernzunge. Ich meine, es wäre nicht mehr als anständig, wenn ich die mir befreundete Dame in der Gefangenschaft besuchte; aber ich verdanke Euch mein Leben – das werde ich Euch nie vergessen. Und wenn es Eurer Lordschaft Wohl befiehlt – so bleibe ich. Das verlangt die bloße Dankbarkeit.« »Dieses Resultat hätte sich mit geringerem Wortaufwand erreichen lassen«, bemerkte Prestongrange grimmig. »Es ist leicht und mitunter auch edelmütig, mit einem schlichten, schottischen ›Ja‹ zu antworten.« »Ah, Mylord, ich glaube, Ihr habt mich nicht ganz verstanden!« rief ich. »Um Euretwillen, um des Lebens willen, das ich Euch schulde, und um des Wohlwollens willen, das Ihr mir, wie Ihr sagt, entgegenbringt – gebe ich meine Zustimmung; nicht etwa, weil Gutes daraus für mich entstehen könnte. Wenn ich beiseite trete, während dieses junge Mädchen in Not ist, wird es durchaus nicht mein Vorteil sein; ich werde im Gegenteil daran verlieren, niemals gewinnen. Lieber scheiterte ich mit Mann und Maus, als auf solcher Grundlage weiterbauen.«

Einen Augenblick blickte er ernst drein, dann lächelte er. »Ihr erinnert mich an den Mann mit der langen Nase«, sagte er. »Wenn Ihr durchs Fernrohr den Mond betrachtetet, würdet Ihr auch nur David Balfour sehen! Aber Ihr sollt Euren Willen haben. Ich will nur noch einen einzigen Dienst von Euch erbitten, dann seid Ihr frei. Meine Schreiber sind übermäßig beschäftigt; seid so gut, mir diese wenigen Seiten zu kopieren«, und er kramte ostentativ zwischen mächtigen Manuskriptrollen … »Ist das geschehen, dann wünsche ich Euch gute Reise! Gott verhüte, daß ich mich mit Mr. Davids Gewissen belaste! Wenn Ihr jedoch ein Teil davon (so en passant) wegwürfet – Ihr würdet sehen, Ihr säßet weit leichter zu Pferde.« »Der Ritt ginge vielleicht nicht ganz in der gleichen Richtung weiter, Mylord!« »Ihr sollt wahrhaftig das letzte Wort haben!« rief er wohlgelaunt. Er hatte auch in der Tat einigen Grund zu dieser Laune, da er inzwischen das Mittel zur Erreichung seines Zieles entdeckt hatte. Um das Gewicht des Memorials zu verringern und eine plausible Antwort bei der Hand zu haben, wünschte er, daß ich öffentlich in der Rolle seines vertrauten Freundes aufträte. Wenn ich jedoch mit der gleichen Öffentlichkeit Catriona im Gefängnis besuchte, würde die Welt nicht säumen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, und die wahre Bewandtnis von James Mores Flucht mußte allen klar werden. Das war das kleine Problem, das ich ihm unversehens zu lösen gegeben und auf das er so rasch die Antwort gefunden hatte. Ich sollte in Glasgow durch die Kopierarbeit festgehalten werden, die ich aus reinem äußeren Anstand nicht ausschlagen konnte; während ich so beschäftigt war, konnte er sich im Stillen Catrionas entledigen. Ich schäme mich, so etwas von diesem Manne zu schreiben, der mich derart mit Wohltaten überhäufte. Er war gütig zu mir wie der gütigste Vater; dennoch dünkte er mir stets so falsch wie eine gesprungene Glocke.

Zwölftes Kapitel


Wieder auf dem Marsch mit Alan

Es mochte zwischen ein und zwei Uhr sein; der Mond war, wie gesagt, untergegangen; ein starker Wind, der schwere Wolkenmassen vor sich hertrieb, sprang plötzlich im Westen auf, und wir traten unseren Marsch in einer so finsteren Nacht an, als sie ein Flüchtling oder Mörder sich nur wünschen könnte. Der weiße Schimmer der Landstraße geleitete uns nach dem schlafenden Städtchen Broughton und von dort über Picardy, vorbei an meinem alten Bekannten, dem Galgen mit den beiden Dieben. Kurz danach, in Lochend, gewahrten wir in einem Fenster ein Licht, das uns als willkommenes Leuchtfeuer diente. Mit ihm als Wegweiser ging es, immer noch ziemlich auf gut Glück, vorwärts, mitunter über volle Erntefelder, dann wieder stolpernd und gleitend über Brachacker, quer durch das Land, bis wir schließlich die wellige, sumpfige Heidelandschaft von Figgate Whins erreichten. Hier unter einem Ginsterbusch legten wir uns nieder, um den Rest der Nacht zu verschlafen. Etwa um fünf Uhr weckte uns der Tag. Es war ein wunderschöner Morgen, immer noch blies aus Westen ein kräftiger Wind, aber die Wolken waren alle nach dem Kontinent gezogen. Alan hatte sich schon lächelnd aufgerichtet. Es war das erstemal seit unserer Trennung, daß ich meines Freundes Gesicht sah, und ich betrachtete es mit frohem Herzen. Er trug immer noch den gleichen schweren Mantel; neu war nur ein Paar gestrickte Gamaschen, die ihm bis über die Knie reichten. Zweifellos sollten sie eine Art Verkleidung sein; da es jedoch ein warmer Tag zu werden versprach, machte Alan eine äußerst auffallende Figur. »Nun, David,« sagte er, »ist das nicht ein schöner Morgen? Heute ist ein Tag, wie er sein sollte. Das nenn ich mir eine Abwechslung nach dem Aufenthalt im Bauche des Heus; und während du hier schliefst und dich rekeltest, habe ich etwas getan, das ich vielleicht nur allzu selten tue.«

»Was denn?« fragte ich.

»Ach, nur so ’n bißchen gebetet.«

» Und wo sind meine ›Herrschaften‹, wie du sie nennst?«

»Das weiß allein der liebe Gott«, antwortete er.

»Mit einem Wort, wir müssen uns auf unser Glück verlassen. Munter, David! Auf die Beine! Fortuna sei uns noch einmal hold! Es scheint, wir sollen einen wundervollen Spaziergang haben.«

So ging es in östlicher Richtung weiter am Meere entlang bis an die Mündung des Esk, wo die Salzgruben dampften. Ohne Zweifel schien die Morgensonne strahlender als sonst auf Arthurs Sitz und auf die grünen Hügel von Pentland, aber der Zauber des Tages schien Alan gegen den Strich zu gehen.

»Ich komme mir vor wie ein Holzklotz, an einem Tage wie heute Schottland zu verlassen«, bemerkte er. »Es will mir nicht aus dem Schädel; lieber, glaub ich, bleibe ich hier und lass mich henken.«

»Es würde dir doch nicht gefallen, Alan«, sagte ich. »In Frankreich ist es ja auch ganz schön,« erklärte er, »aber es ist nicht dasselbe. Es ist, glaube ich, sogar schöner als hier, aber es ist nicht Schottland. Es gefällt mir großartig, wenn ich erst drüben bin; und doch bang ich mich nach schottischen Strohdächern und schottischem Torfgeruch.«

»Wenn dich nichts anderes drückt, Alan, so ist es ja weiter nicht schlimm«, sagte ich.

»Ich hab auch kein Recht, mich zu beklagen,« meinte er, »gerade jetzt, da ich eben erst aus dem verdammten Heu heraus bin.«

»Du hattest deinen Heuschober also gründlich satt?« erkundigte ich mich.

»Satt ist gar nicht der richtige Ausdruck«, entgegnete er. »Ich lass mich nicht so leicht entmutigen; aber ich fühl mich wohler an der frischen Luft mit dem Himmel über mir. Ich bin wie der alte schwarze Douglas (so hieß er doch?), der lieber die Lerche trillern als die Mäuse piepsen hörte. Und in dem Schober, David – der sich ja, wie ich zugeben muß, vorzüglich als Versteck eignete – war es stockfinster von morgens bis abends, weißt du. Es gab Tage (oder auch Nächte, wie sollte ich das wissen?) die mir so lang wie ein langer Winter erschienen.«

»Wie wußtest du die Stunde für unser Stelldichein?« fragte ich.

»Der Hausvater brachte mir so um elf mein Abendbrot und einen Tropfen Schnaps und ein Endchen Talglicht, um mir zu leuchten«, sagte er. »Wenn ich dann einen Bissen gegessen hatte, wußte ich, es war ungefähr Zeit, in den Wald zu gehen. Dort lag ich und bangte mich arg nach dir, David,« fuhr er fort, seine Hand auf meine Schulter legend, »und erriet aus dem Gefühl, wann die zwei Stunden vorbei waren – wenn nicht Charlie Stuart kam und es mir an seiner Uhr bewies, – und zurück ging’s in meinen Schober. Ja, ja, das war kein kurzweiliger Aufenthalt, und dem Himmel sei Dank, daß ich mich durchgeschunden habe.«

»Wie vertriebst du dir die Zeit?« erkundigte ich mich.

»So gut ich konnte!« antwortete er. »Manchmal spielte ich das Knöchelspiel. Ich bin großartig im Knöchelspiel, aber es ist eine langweilige Geschichte, wenn keiner da ist, um einen zu bewundern. Und manchmal hab ich auch gedichtet.«

»Wovon handeln denn deine Gedichte?« forschte ich weiter.

»Oh, so von Hirschen und von der Heide und von den alten Häuptlingen, die längst gestorben sind – na, wovon Gedichte im allgemeinen handeln – und manchmal redete ich mir auch ein, ich hätte einen Dudelsack und spielte darauf. Großartige Melodien hab ich gespielt, und mir kam’s vor, ganz meisterhaft; ich schwöre, mitunter hab ich’s direkt schrillen hören! Aber die Hauptsache ist doch, daß es nun hinter mir liegt.«

Danach brachte er das Gespräch wieder auf meine Abenteuer, die er sich ganz von vorne, aber ausführlicher erzählen ließ, und denen er mit außerordentlichem Beifall lauschte. Von Zeit zu Zeit erklärte er, ich sei doch »ein sonderbares Exemplar von einem Burschen«.

»Du hattest also Angst vor Simon Fraser?« fragte er das eine Mal.

»Große Angst!« rief ich.

»Das hätte ich auch gehabt, Davie. Er ist, weiß Gott, ein furchtbarer Mensch. Aber selbst dem Teufel soll man zahlen, was ihm gebührt, und ich sage dir, Fraser ist auf dem Schlachtfeld ungemein zu respektieren.«

»Ist er so tapfer?« fragte ich.

»Tapfer?« wiederholte er. »So tapfer wie meine Klinge hier.«

Die Geschichte meines Duells brachte ihn außer sich. »Wer hätte das gedacht!« rief er. »Nachdem ich dir obendrein in Corrynakiegh gezeigt habe, wie man’s macht! Dreimal – dreimal hintereinander entwaffnet! ’s ist eine Schande für mich, der ich dich unterrichtet habe! Hier, stell dich mal in Positur, heraus mit deinem Eisen! Du kommst mir nicht vom Fleck, bis du nicht mir und dir mehr Ehre machst.«

»Alan,« erwiderte ich, »das ist doch hellster Wahnsinn. Jetzt ist nicht die Zeit für Fechtunterricht.«

»Eigentlich hast du recht«, gab er zu. »Aber dreimal hintereinander, Junge! Und sich wie ein Holzklotz hinzustellen und dann wegzulaufen und sein eigenes Schwert aufzulesen, wie ’n Hündchen ein Taschentuch! David, dieser Duncansby muß ein Phänomen sein! Er muß ein Wunder an Fechtkunst sein! Hätt ich die Zeit, ich kehrte um, mich selber mal mit ihm zu messen. Der Mann müßte Profos werden.«

»Du dummer Kerl,« erwiderte ich, »du vergißt, er hatte ja nur mich als Gegner.«

»Aber dreimal hintereinander!«

»Aber du weißt doch selbst genau, daß ich kaum fechten kann!«

»Nein, so was ist mir noch nicht vorgekommen.«

»Ich will dir eines versprechen, Alan«, fügte ich hinzu. »Wenn wir uns das nächste Mal treffen, werde ich es besser verstehen. Du sollst in Zukunft nicht die Schmach erdulden, einen Freund zu haben, der keinen Hieb austeilen kann.«

»Das nächste Mal?« wiederholte er. »Wann wird das sein? Ich wollte, ich wüßte es.«

»Nun, Alan, ich habe auch darüber nachgedacht,« sagte ich, »und mein Plan ist: ich will Advokat werden.«

»Ein langweiliges Geschäft,« meinte Alan, »und ein schuftiges obendrein. Da stäkest du schon besser in des Königs Rock.«

»Das wäre zweifellos die richtige Art, uns wieder zu treffen«, rief ich. »Du in König Louis‘ Rock und ich in König Geordies. Eine reizende Zusammenkunft!«

»Du hast nicht so ganz unrecht«, stimmte er zu.

»Also muß es schon bei dem Advokaten bleiben,« fuhr ich fort, »ich glaube auch, der Beruf paßt besser für einen Gentleman, der dreimal hintereinander entwaffnet worden ist. Aber das Schöne ist: eine der besten Fakultäten für diese Wissenschaft – bei der auch mein Verwandter Pilrig gehört hat – befindet sich zu Leyden in Holland. Was sagst du dazu, Alan? Könnte nicht ein Fähnrich der Royal Ecossais gelegentlich Urlaub bekommen, um über die Marsch zu eilen und einen Leydener Studenten zu besuchen?« »Das will ich meinen!« rief er. »Schau, ich steh mich gut mit meinem Obristen, dem Grafen Drumond-Belfort; und was noch wichtiger ist, ein Vetter von mir ist Obristleutnant in einem schottischen Regiment in Holland. Nichts könnte passender sein, als daß ich Urlaub nehme, um Obristleutnant Stuart von Halkett zu besuchen. Und Lord Melfort, der so eine Art Gelehrter ist und Bücher nach der Manier Cäsars schreibt, wird sich meine Beobachtungen sicherlich mit Freuden zunutze machen.« »Ist Lord Melfort ein Autor?« fragte ich, denn ob auch Alan viel von den Militärs hielt, mir standen Edelleute, die Bücher schrieben, höher.

»Freilich, Davie«, antwortete er. »Man sollte meinen, ein Obrist hätte Besseres zu tun. Aber was soll ich dazu sagen, der ich Gedichte schreibe?«

»Ja, dann brauchst du mir nur noch eine Adresse in Frankreich anzugeben, an die ich dir schreiben kann, und sowie ich in Leyden bin, schicke ich dir die meine.« »Das Beste ist, du schreibst mir an die Adresse meines Häuptlings, Charles Stuart, Herrn von Ardshiel, in der Stadt Melons, Isle de France. Es kann lang dauern, und es kann auch nicht lang dauern, aber zum Schluß kommt es doch in meine Hände.« Zum Frühstück in Musselburgh verspeisten wir einen Schellfisch, und es war ungemein belustigend, dabei Alan zuzuhören. Sein schwerer Mantel und die Wollgamaschen mußten an diesem warmen Morgen jedem auffallen, und vielleicht war eine vorsichtige Erklärung in der Tat ganz angebracht. Alan jedoch machte sich an diese Angelegenheit wie an ein Geschäfl oder, besser noch, Vergnügen. Er eroberte das Herz der Hausfrau mit einigen Komplimenten über die Zubereitung des Fisches, und den Rest unseres Aufenthaltes verwickelte er sie in ein Gespräch über eine Unterleibserkältung, die er sich zugezogen hätte, wobei er ihr todernst alle möglichen Symptome auseinandersetzte und mit scheinbar ungeheurem Interesse der Aufzählung der Altweibermittel lauschte, die sie ihm anpries. Wir verließen Musselburgh noch vor Eintreffen der Neun-Pence-Postkutsche aus Edinburg, denn das wäre eine Begegnung, meinte Alan, der wir am besten aus dem Wege gingen. Der Wind war zwar noch kräftig, aber sehr mild, die Sonne brannte, und Alan begann unter seinem schweren Anzug zu leiden. Bei Prestonpans führte er mich vom Wege ab nach dem Schlachtfeld von Gladsmuir, wo er sich weit mehr als nötig anstrengte, um mir den Verlauf der Schlacht zu schildern. Dann ging es in unserem altbekannten, scharfen Wanderschritt weiter nach Cockenzie. Dort bauten sie bei Cadells Heringsboote, aber das Ganze machte den Eindruck eines verlassenen, rückschrittlichen Städtchens, zur Hälfte voll verfallener Häuser. Allein das Wirtshaus war sauber, und Alan, der mittlerweile die Hitze kaum ertragen konnte, mußte sich durchaus eine Flasche Ale leisten und der neuen Wirtin seine alte Geschichte von dem Unterleibsleiden aufbinden, nur waren die Symptome diesmal ganz andere. Ich saß und lauschte, und mir fiel ein, ich hätte ihn noch niemals in meinem Leben im Ernst drei Worte mit einer Frau sprechen hören; immer trieb er Scherz und Spott mit ihnen und machte sich im Stillen über sie lustig, und doch verwandte er auf dieses Geschäft eine erstaunliche Menge Energie und Interesse. Das ungefähr sagte ich ihm auch, als die Gevatterin zufällig abgerufen wurde. »Was willst du mehr?« fragte er. »Ein Mann sollte sich mit dem Weibervolk stets auf möglichst guten Fuß stellen; er muß ihnen immer irgendeine Geschichte zum besten geben, arme Schäfchen, die sie sind! Das solltest du auch lernen, David; du müßtest wenigstens die Grundbegriffe zu erfassen suchen. Es gehört nun mal zum Geschäft. Zum Beispiel, wäre unsere Freundin hier ein junges Mädchen oder auch nur ein bißchen hübsch, niemals hätt ich ihr von meinem Bauch erzählt, Davie. Sind sie aber fürs Hofieren zu alt geworden, dann werden sie alle Quacksalberinnen. Warum? Weiß ich es! Sie sind nun mal so, wie der Herrgott sie erschaffen hat. Aber ein Mann, der sich nicht mit ihnen abgibt, ist in meinen Augen ein Dummkopf.« Und als in diesem Augenblick die alte Dame zurückkehrte, wandte er sich, wie ungeduldig, von neuem das Gespräch aufzunehmen, von mir weg. Die gute Frau war schon früher von dem Thema, Alans Bauch, abgekommen, um ihm den Fall eines Gevatters in Aberlady zu erklären, dessen Siechtum und Tod sie mit großer Ausführlichkeit beschrieb. Mitunter war die Geschichte nur langweilig, mitunter aber auch grausig, und die Frau sprach mit sichtlichem Wohlbehagen. Die Folge war, daß ich in tiefes Nachsinnen versank und zum Fenster auf die Landstraße hinaussah, ohne indes das meiste wirklich wahrzunehmen. Würde man mich jedoch beachtet haben, man hätte mich nach einer Weile zusammenzucken sehen. »Wir machten ihm einen warmen Umschlag für die Füße«, erzählte die Gevatterin gerade, »und legten ihm einen heißen Stein auf den Leib, und wir gaben ihm einen Trank aus Eisenkraut und Poleiminze, und schönen, sauberen Schwefelbalsam gegen den Husten –.« »Sir,« unterbrach ich sie sehr ruhig, »ein Freund von mir ist eben am Haus vorbeigegangen.« »Wahrhaftig«, entgegnete Alan vollkommen gleichgültig, und die lästige Klatschbase fuhr mit ihrer Geschichte fort. Bald jedoch gab er ihr als Bezahlung eine halbe Krone, und sie mußte zum Wechseln das Zimmer verlassen. »War es der Rothaarige?« fragte Alan. »Jawohl«, entgegnete ich. »Was hab ich dir im Walde gesagt?« rief er. »Und doch ist’s sonderbar, daß er hier ist. War er allein?« »Mutterseelenallein, soweit ich sehen konnte.«

»Ging er vorüber?« »Geradeswegs vorüber, ohne nach rechts oder links zu schauen.«

»Das ist noch sonderbarer«, meinte Alan. »Ich glaube, Davie, es ist an der Zeit, daß wir uns aus dem Staube machen. Aber wohin? Der Teufel hol es! Jetzt ist tatsächlich die alte Zeit zurückgekehrt.«

»Mit einem großen Unterschied«, erwiderte ich. »Diesmal haben wir Geld in der Tasche.« »Da ist noch ein zweiter, wichtiger Unterschied, Mr. Balfour«, sagte er. »Heute sind uns die Spürhunde auf den Fersen. Sie haben die Fährte aufgenommen; die Meute ist uns hart auf der Spur, David, ’s ist ein elendes Geschäft, hol es der Henker.« Er dachte angestrengt nach, und ein Ausdruck trat auf sein Gesicht, den ich gut kannte. »Sagt einmal, Frau Wirtin,« fragte er, als die Hausfrau zurückkehrte, »hat dieses Gasthaus noch einen rückwärtigen Ausgang?« Sie bejahte und erklärte ihm, wohin er führe.

»Dann, Sir,« meinte er, zu mir gewandt, »ist das, meines Erachtens, für uns der kürzeste Weg. Lebt recht wohl, gute Frau, und das Zimtwasserrezept werde ich mir merken.« Wir verließen das Haus durch der Wirtin Kohlgarten und bogen in einen Wiesenpfad ein. Alan spähte scharf nach allen Seiten und ließ sich, da wir uns in einer kleinen Erdsenke außer Sichtweite befanden, am Wege nieder. »Und jetzt zu unserm Kriegsrat, Davie«, sagte er. »Zuvor aber einen Wink. War ich nun wie du gewesen, was hätte sich die Alte an uns gemerkt? Nichts weiter, als daß wir durch die Hintertür das Haus verließen. Und an was erinnert sie sich jetzt? An einen netten, gemütlichen, freundlichen, gesprächigen Mann, der – armer Kerl – an Leibschmerzen litt und ungemein von ihres Gevatters Schicksal mitgenommen war! Ach, Davie, Mann, versuch doch ein wenig klüger zu werden.« »Ich will’s versuchen, Alan«, versprach ich.

»Und jetzt zu dem Fuchskopf«, fuhr er fort; »ging er schnell oder langsam?«

»So halb und halb«, entgegnete ich.

»Also keine große Eile?«

»Keineswegs.« »Hm,« sagte Alan, »das sieht merkwürdig aus. Heute morgen in Whins war keine Spur von ihnen zu entdecken; er überholt uns, er scheint nicht nach uns auszuschauen, und doch bleibt er uns auf der Spur! Potz Donner, Davie, ich glaube, ich hab’s! Ich glaube, sie sind gar nicht hinter dir her, mich wollen sie fangen. Und ich glaube, sie wissen genau, was sie tun.« »Sie wissen?« fragte ich, »Ich glaube, Andie Scougal hat mich verkauft – er oder sein Maat, der zum Teil Bescheid weiß – oder Charlies Schreiberbursche, was ja ein Jammer wäre«; bemerkte Alan, »und wenn du mich nach meiner ganz persönlichen Ansicht fragst, bin ich der Meinung: auf Gillane Sands wird’s einige geborstene Schädel geben.« »Alan,« rief ich, »wenn du nur annähernd recht hast, werden ihrer mehr als genug dort sein! Es wird uns aber wenig nützen, ihnen die Schädel einzuschlagen.« »Es wäre aber eine Art Genugtuung«, meinte Alan. »Doch wart ein Weilchen, wart ein Weilchen; laß mich mal überlegen – ich glaube, ich hab noch eine Chance, durchzukommen, dank dieses prächtigen Westwinds. Auf folgende Weise, Davie: ich habe mich mit diesem Kerl Scougal erst gegen Dunkelwerden verabredet. ›Aber,‹ sagte er, ›schnapp ich von Westen her ’ne Handvoll Wind auf, bin ich viel früher dort,‹ – das hat er gesagt – ›und dann warte ich auf Euch hinter der Insel Fidra.‹ Wenn nun deine Herrschaften den Treffpunkt kennen, wissen sie auch die Zeit. Siehst du, worauf ich hinaus will, Davie? Dank Johnnie Copes und der übrigen schafsköpfigen Rotröcke kenn ich diese Gegend wie meine Tasche; und bist du bereit, wieder mal einen kleinen Eilmarsch mit Alan Breck zu unternehmen, so könnten wir uns ein Stückchen landeinwärts schlagen und bei Dirleton wieder zur Küste stoßen. Finden wir dort mein Schiff, so werden wir versuchen, an Bord zu gehen. Ist es nicht dort, muß ich wohl oder übel in meinen verdammten Heuschober zurück. Auf jeden Fall aber werden unsere Herrschaften vergeblich nach uns pfeifen.« »Vielleicht ist die Sache durchführbar«, sagte ich. »Also los, Alan!«

Dreizehntes Kapitel


Gillane Sands

Ich lernte aus Alans Führung weniger als er aus General Cope’s Manöver, denn ich weiß kaum, welchen Weg wir nahmen. Meine Entschuldigung ist, daß wir sehr rasch reisten. Teils liefen, teils trabten wir, und die übrige Strecke marschierten wir in einem verteufelten Tempo drauflos. Zweimal prallten wir mitten im Lauf mit Landleuten zusammen, und obwohl der erste ganz unversehens an einer Ecke auftauchte, war Alan schlagfertiger als eine geladene Muskete. »Habt Ihr mein Pferd gesehen?« keuchte er. »Nee, nee, wir haben überhaupt kein Pferd gesehen,« antwortete der Bauer. Und Alan nahm sich die Zeit, ihm ausführlich auseinanderzusetzen, wir hätten höchste Eile; unser Rößlein hätte sich losgemacht, und wir fürchteten, es sei auf dem Wege in den Stall nach Linton. Damit nicht zufrieden, fing er an, unter Aufwand des geringen Atems, der ihm noch geblieben war, sein Pech und meine Dummheit, die an allem schuld wäre, zu verfluchen. »Wer nicht die Wahrheit sagen kann,« bemerkte er im Weitergehen zu mir, »sollte stets eine ehrliche, handfeste Lüge bei der Hand haben. Wenn die Leute nicht wissen, was du vor hast, Davie, sind sie verflixt neugierig; glauben sie aber Bescheid zu wissen, dann fragen sie so wenig danach, wie ich nach einem Linsengericht.«

Da wir zuerst landeinwärts marschiert waren, führte unsere Straße zuletzt fast unmittelbar nach Norden; die alte Kirche von Aberlady war unser Wegzeichen zur Linken, zur Rechten die Anhöhe von Berwick Law; so erreichten wir dicht bei Dirleton die Küste. Westlich von North Berwick bis Gillane Neß liegen in einer Reihe vier kleine Inseln: Craigleich, The Lamb, Fidra und Eyebrough, alle bemerkenswert durch die Verschiedenheit ihrer Größe und Gestalt. Fidra ist die eigenartigste: eine seltsame, graue Insel mit zwei Höckern, die obendrein noch eine Ruine trägt; und ich erinnere mich, die See spähte, als wir uns ihr näherten, fast wie ein menschliches Auge durch die Türen und Fenster dieser Trümmerstätte. Die Leeseite von Fidra bietet bei Westwind einen guten Ankerplatz; und dort sahen wir auch schon von weitem die ›Thristle‹ sich an ihren Tauen wiegen. Die Küste ist gegenüber diesen Inseln vollkommen verödet; nirgends eine menschliche Behausung und nur sehr selten ein menschliches Wesen; höchstens verirren sich gelegentlich ein paar strolchende Kinder beim Spielen dorthin. Gillane ist ein kleiner Ort jenseits der Neß – die Bewohner von Dirleton haben ihre Felder weiter nach dem Innern verlegt, und die von North Berwick betreiben unmittelbar von ihrem Hafen aus die Fischerei – so daß wenige Teile der Küste einsamer sind. Trotzdem erinnere ich mich, daß wir scharf nach allen Richtungen spähten, und daß unsere Herzen gegen die Rippen hämmerten, als wir platt auf dem Bauche durch dieses Labyrinth von Hügeln und Tälern krochen; und die Sonne schien so hell, der Wind pfiff so lustig durch das Dünengras, und es herrschte ein derartiger Lärm von auffliegenden Möwen und sich niederduckenden Kaninchen, daß die Wüste einem bevölkerten Orte glich. Zweifellos war der Platz für eine heimliche Einschiffung – falls sie wirklich geheim war – in jeder Hinsicht gut gewählt. Und selbst jetzt, da wir verraten waren und man den Ort beobachtete, vermochten wir uns unbemerkt bis nach der vordersten Dünenkette, die unmittelbar auf Strand und Meer niederschaute, heranzupirschen.

Dort aber hielt Alan plötzlich an.

»Davie,« sagte er, »das hier ist ein kitzliger Weg! Solange wir stillliegen, sind wir sicher; aber ich bin dann meinem Schiff und der französischen Küste nicht viel näher. Und das Aufstehen und Heranwinken der Brigg ist auch ’ne heikle Sache. Wo, meinst du, stecken deine Herrschaften?«

»Vielleicht sind sie noch gar nicht da«, entgegnete ich. »Und selbst wenn sie da sind, spricht ein Umstand klar zu unseren Gunsten: sie haben sich zwar versammelt, um sich auf uns zu stürzen, aber sie sind darauf vorbereitet, daß wir aus Osten kommen, und hier befinden wir uns westlich von ihnen.«

»Ja,« sagte Alan, »trotzdem wünschte ich, wir wären unserer mehr, und das hier wäre eine Schlucht, dann hätten wir sie fein überlistet! Aber es ist nun mal nicht der Fall, David, und so wie die Dinge liegen, wirken sie ein bißchen ernüchternd auf Alan Breck. Ich schwanke, Davie.«

»Die Zeit flieht, Alan«, drängte ich.

»Ich weiß«, sagte Alan. »Ich weiß nichts anderes, wie die Franzosen sagen. Aber es ist ein schreckliches Lotteriespiel. Ach, wüßte ich nur, wo deine Herrschaften stecken!«

»Alan«, entgegnete ich, »du bist gar nicht du selbst. Es gilt: jetzt oder nie.«

»Das bin ich nicht, sagt er,
Ich bin es nicht, du bist es nicht,
Nein, Johnnie, Mann! Wir beide nicht,«

sang Alan mit komischem Ausdruck, halb drollig, halb beschämt, und plötzlich hatte er sich kerzengerade aufgerichtet und marschierte, ein wehendes Taschentuch in der Rechten, auf den Strand zu. Auch ich stand auf, hielt mich aber etwas im Hintergrund und beobachtete im Osten die Dünenkette. Sein Auftauchen blieb anfänglich unbemerkt; Scougal erwartete ihn nicht zu so früher Stunde und ›meine Herrschaften‹ hielten nach der anderen Richtung Ausguck. Dann erwachten die Leute an Bord der ›Thristle‹ zum Leben; alles schien in Bereitschaft, denn nach einem sekundelangen Durcheinander auf Deck sahen wir sie am Heck ein Boot zu Wasser lassen, das eilig auf das Ufer zuhielt. Fast im gleichen Augenblick erschien auf einem Hügel etwa eine halbe Meile nach Gillane Neß zu blitzschnell die Gestalt eines Mannes, der mit den Armen gestikulierte, und obwohl er ebenso rasch wieder verschwand, fuhren die Möwen an jener Stelle fort, eine Weile unruhig hin und her zu flattern.

Alan hatte ihn nicht bemerkt, da er unentwegt meerwärts nach Schiff und Boot ausschaute.

»Es muß kommen, wie es will!« sagte er, als ich ihm berichtet hatte. »Wenn nur mein Boot sich eilt, sonst wird mein Schädel wohl einige Püffe aushalten müssen.« Der Strand dehnte sich an jenem Teil der Küste lang und eben und bot bei Ebbe ein bequemes Gehen; ein kleiner, kressereicher Bach ergoß sich an der einen Stelle ins Meer, und die Dünen zogen sich gleich einem Mauerwall an seiner Mündung hin. Keiner von uns konnte sehen, was sich in den Senken ereignete, keine noch so große Eile unsererseits vermochte die Fahrt des Bootes zu beschleunigen. Für uns schien die Zeit während dieses unheimlichen Harrens stillzustehen.

»Das eine möchte ich wissen.« meinte Alan, »jener Herren Befehle. Wir beide zusammen sind unsere vierhundert Pfund wert; wie wenn sie nun Gewehre gegen uns herangeschleppt hätten, Davie? Von jener langen Sandböschung aus könnten sie einen feinen Schuß gegen uns abgeben.«

»Logisch unmöglich«, entgegnete ich. »Das ist es ja gerade: Gewehre haben sie nicht. Sie sind allzu heimlich ans Werk gegangen; sie haben vielleicht Pistolen, aber keine Gewehre.«

»Ich glaube, du hast recht«, bestätigte Alan. »Trotzdem sehne ich mich ganz ungemein nach jenem Boot.« Und er schnippte mit den Fingern und versuchte, es wie einen Hund heranzupfeifen.

Die Jolle hatte jetzt vielleicht den dritten Teil der Strecke zurückgelegt, und wir selbst befanden uns fast am Meeresrande, so daß der weiche Sand in meine Schuhe drang. Wir konnten nichts anderes tun als warten und, so gut es ging, beobachten, wie das Boot näher kroch, und so wenig wie möglich nach der unerbittlichen Front der Dünen schauen, über der die Mövenflügel funkelten und hinter der zweifellos unsere Feinde sich sammelten.

»Ein schöner, prächtiger, passender Ort zum Erschießen«, sagte Alan plötzlich; »Mann, ich wollte, ich hätte deinen Mut.«

»Alan,« rief ich, »was sind das für Redensarten? In dir lebt nichts anderes als Mut; er ist die Wurzel deines Charakters; das kann ich allein schon beweisen, falls keine anderen Zeugen da sind.«

»Um so mehr würdest du dich irren«, widersprach er. »Den Unterschied machen lediglich mein großer Scharfblick und meine Kenntnisse der Lage aus. Aber was alten, kalten, forschen, tödlichen Mut betrifft, so bin ich nicht wert, dir die Schuhriemen zu lösen. Sieh uns beide an, wie wir hier am Strande stehen. Da bin ich und verzappele mich vor Ungeduld, wegzukommen, und da bist du und weißt (wenn ich mich nicht täusche) nicht einmal, ob du gehen oder bleiben sollst. Meinst du, ich könnte oder würde das tun? Ich nicht! Erstens hätte ich nicht den Mut und würde mich nicht getrauen, und dann bin ich ein Mann von großem Scharfsinn und würde dich eher zum Teufel gehen lassen.«

»Also darauf willst du hinaus!« rief ich. »Ach, Alan, Mann, deine alten Weiber magst du an der Nase herumführen, mich aber nicht.«

Erinnerung an meine Versuchung im Walde machte mich fest wie Eisen.

»Ich muß ein Stelldichein einhalten«, fuhr ich fort. »Ich habe mich mit deinem Vetter Charlie verabredet und habe mein Wort gegeben.«

»Ein schönes Stelldichein, und schön wirst du’s einhalten«, sagte Alan. »Den Herrschaften dort hinter den Dünen wirst du in die Arme laufen; dabei wird’s bleiben, ein für allemal. Und weshalb?« fügte er mit bedrohlichem Ernst hinzu. »Sag mir nur, weshalb, mein Jungchen! Will man dich verschwinden lassen wie Lady Grange? Oder wollen sie dir den kalten Stahl zu fressen geben, um dich dann in den Dünen zu verscharren? Oder haben sie sich das Gegenteil in den Kopf gesetzt, und wollen sie dich mit James zusammen vor Gericht schleppen? Sind das etwa Leute, denen man vertrauen kann? Willst du wirklich deinen Kopf Simon Fraser und den anderen Whigs direkt in den Rachen stecken?« schloß er mit auffallender Bitterkeit.

»Alan,« rief ich, »es sind alles Lügner und Schelme, das gebe ich zu. Um so wichtiger, daß unter solchem Gaunerpack wenigstens ein anständiger Mensch bleibt! Ich habe mein Wort gegeben und werde daran festhalten. Damals schon sagte ich zu deiner Base, ich würde vor keinem Risiko zurückschrecken. Erinnerst du dich noch jener Nacht, als Colin Campbell fiel? Hier bleibe ich. Prestongrange hat mir mein Leben versprochen, und wird er meineidig, so sterbe ich hier.«

»Schön, schön«, antwortete Alan.

Die ganze Zeit über hatten wir nichts mehr von unseren Verfolgern gesehen oder gehört. In Wahrheit hatten wir sie völlig überrumpelt. Wie ich später erfuhr, hatte die Bande sich noch nicht vollständig versammelt; die zur Stelle waren, lagen zwischen den Hängen nach Gillane zu verstreut. Es war keine leichte Sache, sie zu alarmieren und zusammenzutreiben, und inzwischen kam das Boot gut vorwärts. Außerdem hatten wir es mit feigem Pack zu tun: einer Rotte von Hochlandsräubern, die sich nur aufs Viehstehlen verstand, aus verschiedenen Clans zusammengestellt, ohne einen Gentleman-Anführer, und je länger sie Alan und mich dort stehen sahen, umso weniger (nehme ich an) gefiel ihnen unser Aussehen. Wer immer Alan verraten hatte, der Kapitän war es nicht. Der begleitete selbst das Boot und lenkte und feuerte seine Ruderer an gleich jemandem, der mit dem Herzen bei der Sache ist. Schon war er uns ganz nahe, schon wollte das Boot auf dem Sand auflaufen, und Alans Gesicht glühte vor Aufregung über seine Rettung – da stießen unsere Freunde in den Dünen, sei es aus Verzweiflung, ihr Opfer entrinnen zu sehen, sei es in der Hoffnung, Andie abzuschrecken, einen schrillen, mehrstimmigen Schrei aus.

Der Lärm hier an dieser gottverlassenen Küste war wirklich furchterregend, und sofort hielten die Männer in dem Boote an.

»Wer da? Was ist los?« schrie der Kapitän, der sich jetzt bequem in Rufweite befand.

»Freunde von mir«, entgegnete Alan und begann auf der Stelle durch das seichte Wasser zum Boot hinauszuwaten. »Davie,« sagte er, noch einmal innehaltend, »Davie, kommst du wirklich nicht mit? Ich kann dich nicht hier lassen.«

»Nicht einen Zoll weit«, sagte ich.

Eine Sekunde zögerte er immer noch, bis zu den Knien im Salzwasser.

»Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen«, sagte er und wurde, jetzt bis zu den Hüften naß, an Bord der Jolle gezogen, die sofort wieder auf das Schiff zuhielt. Ich stand, wo er mich verlassen hatte, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Alan saß mit dem Gesicht zu mir gekehrt und sah mich an, und das Boot glitt unbehindert weg. Plötzlich war ich so nahe daran, in Tränen auszubrechen, wie nur je in meinem Leben, und fühlte mich als den verlassensten, einsamsten Burschen in ganz Schottland. Da drehte ich mich mit dem Rücken dem Meere zu, den Dünen entgegen. Kein Mensch war zu sehen oder zu hören; die Sonne schien über nassem und trockenem Sand, der Wind wehte durch die Dünen, die Möwen schrieen traurig. Als ich den Strand hinaufschritt, hüpften die Sandflöhe munter durch den angeschwemmten Tang. Kein Laut oder sonstiges Merkmal von Leben an jenem unheimlichen Ort. Und doch wußte ich, Menschen waren da und belauerten mich zu irgendeinem verborgenen Zweck. – Es waren keine Soldaten, sonst hätten sie uns längst überfallen und gefangen genommen; zweifellos hatte ich es nur mit ganz gemeinen Halunken zu tun, gedungen zu meinem Schaden, vielleicht um mich zu verschleppen, vielleicht auch, um mich kaltblütig zu ermorden. Nach dem Range der Mietlinge hielt ich das erstere für wahrscheinlicher; was ich von ihrem Charakter und ihrer Liebe zu diesem Geschäft wußte, ließ das letztere als möglich erscheinen, und bei dieser Vorstellung fror mir das Herzblut. Mir kam der tolle Gedanke, mein Schwert in der Scheide zu lockern; denn war ich auch völlig außerstande, mich Klinge gegen Klinge mit einem Gentleman zu messen, so glaubte ich doch in einem Handgemenge ganz gehörigen Schaden anrichten zu können. Doch ich erkannte rechtzeitig die Torheit eines Widerstandes. Ohne Zweifel war dieser Überfall der ›bestimmte Weg‹, über den Prestongrange und Fraser sich geeinigt hatten. Der eine, des war ich sicher, hatte gesorgt, daß man mein Leben schonte; der andere aber hatte höchstwahrscheinlich Neil und seinen Gefährten gegenüber irgendeinen gegenteiligen Wink fallen lassen, und zog ich blank, so spielte ich meinem Todfeinde vielleicht einen Trumpf in die Hand und besiegelte eigenhändig meinen Untergang. Diese Gedanken hatten mich bis zu der Strandböschung begleitet. Ich sah mich um; das Boot näherte sich der Brigg. Alan ließ als Lebewohl sein Taschentuch flattern, und ich winkte ihm meine Antwort mit der Hand. Aber selbst Alan war für mich angesichts meiner schrecklichen Lage zu einer nebensächlichen Angelegenheit zusammengeschrumpft. Ich drückte den Hut fest ins Gesicht, biß die Zähne zusammen und schritt gerade auf den Dünenkranz los. Es war eine schwierige Kletterpartie, der Sand gab unter meinen Tritten nach wie Wasser. Aber schließlich packte ich oben an der Dünenkuppe ein Büschel des langen Seegrases und zog mich auf festeren Boden hinauf. Im nämlichen Augenblick rührte sich etwas, und sechs bis sieben Männer, sämtlich zerlumpt und jeder mit einem Dolch in der Hand, tauchten hier und dort wie aus dem Erdboden auf. Die Wahrheit ist, ich schloß die Augen und betete. Als ich sie wieder öffnete, waren die Halunken, schweigend und ohne jede Eile, einen Schatten näher gekrochen. Aller Augen waren auf mich gerichtet, und mit seltsam starken Empfinden spürte ich ihr Leuchten und die Furcht, mit der die Burschen sich auch weiterhin mir näherten. Ich streckte ihnen meine leeren Hände entgegen; da fragte mich einer mit starkem, hochländischen Akzent, ob ich mich ergäbe. »Unter Protest,« entgegnete ich, »falls Ihr das versteht, was ich bezweifle.« Nach diesen Worten stürzten sie alle über mich her, wie ein Schwarm Vögel über Aas, packten mich, nahmen mir meinen Degen ab und das Geld aus meinen Taschen, banden mich, Hand und Fuß, mit einem starken Strick und warfen mich auf einen Klumpen Seegras. Dort setzten sie sich im Halbkreis um ihren Gefangenen und starrten ihn schweigend an, wie reißende Tiere, Löwen oder Tiger auf dem Sprung. Nach einer Weile ließ ihre Aufmerksamkeit nach. Sie rückten näher aneinander heran, fingen an, sich auf gälisch zu unterhalten und verteilten mit größter Unverfrorenheit vor meinen Augen unter sich mein Eigentum. Währenddessen war es mein Trost, daß ich von meiner Lage aus meines Freundes Flucht verfolgen konnte. Ich sah, wie das Boot die Brigg erreichte, wie es hochgezogen wurde, wie die Segel sich blähten, und wie das Schiff hinter den Inseln an North Berwick vorbei das offene Meer gewann. Im Verlauf der nächsten zwei, drei Stunden stießen mehr und mehr zerlumpte Hochländer zu uns, darunter als einer der ersten Neil, bis die Gesellschaft an die zwanzig Mann zählte. Mit jedem Ankömmling wurde das Gespräch wieder lebhaft, und es klang, als folgten Beschwerden und Erklärungen einander. Das eine fiel mir auf: keiner der Nachzügler erhielt einen Anteil an der Beute. Die letzte Auseinandersetzung war äußerst heftig und bewegt, und einmal dachte ich, es käme zu einem Kampf. Das Ergebnis war, daß sie sich trennten; die Mehrzahl zog vereint in westlicher Richtung davon, während Neil mit zwei anderen als Bewachung zurückblieb.

»Ich kenne jemand, dem Eure Tagesarbeit sehr schlecht gefallen würde, Neil Duncanson«, sagte ich, als die anderen sich entfernt hatten. Als Antwort versicherte er mir, man würde mich schonend behandeln, da ich ›ein Bekannter des Fräul’ns‹ wäre. Das war unsere ganze Unterhaltung; sonst ließ kein Muttersohn sich an jenem Teil der Küste blicken, bis die Sonne hinter den Bergen des Hochlands versank und die Dämmerung sich zur Nacht vertiefte. Um diese Zeit bemerkte ich einen langen, hageren, knochigen Tiefländer von auffallend dunkler Gesichtsfarbe, der uns zwischen den Dünen auf einem Ackergaul entgegenritt. »Jungens, habt ihr einen Ausweis wie diesen hier?« rief er, ein Papier hoch haltend. Neil zog ein zweites hervor, das der Fremde durch eine Hornbrille studierte, worauf er erklärte, alles wäre in Ordnung; wir seien die Leute, die er suche. Dann saß er ab, und ich wurde statt seiner auf das Pferd gesetzt; man band meine Füße unter den Bauch des Tieres zusammen, und wir machten uns unter der Führung des Tiefländers auf den Weg. Er muß seine Route gut gewählt haben, denn die ganze Zeit über begegneten wir nur zwei Menschen, einem Liebespärchen, die uns vielleicht für Schmuggler hielten und bei unserem Kommen flohen. Einmal befanden wir uns hart am Fuße des Südhangs von Berwick Law; ein andermal, als wir einige offene Hügel passierten, gewahrte ich die Lichter eines Dorfes und in der Nähe, zwischen Bäumen, einen alten Kirchturm, alles aber noch so fern, daß jeder Hilferuf, selbst wenn ich daran gedacht hätte, umsonst gewesen wäre. Endlich hörten wir wieder das Meer. Der Mond schien, wenn auch nicht hell, und in seinem Licht konnte ich die drei mächtigen Türme und bröckelnden Bastionen von Tantallon, dem alten Stammsitz der Roten Douglas, erkennen. Das Pferd wurde in der Tiefe eines Grabens zum Grafen angekoppelt, und mich führte man hinein durch den Hof und von dort in einen verfallenen, steinernen Saal. Hier, mitten auf den Fliesen, bauten meine Wärter ein lustiges Feuer, denn die Nacht war kühl. Meine Hände wurden losgebunden, ich wurde an dem einen Ende der Halle gegen die Mauer gesetzt und erhielt (nachdem der Flachländer Mundvorrat hervorgeholt hatte) Haferbrot und eine Kanne französischen Schnapses. Danach ließ man mich wieder mit meinen drei Hochländern allein. Diese scharten sich eng ums Feuer und tranken und schwatzten; der Wind pfiff durch die Mauerlücken, wirbelte den Rauch und Flammenwolken umher und heulte durch die Turmspitzen. Ich konnte das Meer am Fuße der Klippen hören, und da ich in bezug auf mein Leben beruhigt und nach diesem Tage an Leib und Seele erschöpft war, drehte ich mich auf die Seite und schlief. Wie spät es war, als man mich weckte, vermochte ich durchaus nicht zu erraten, aber der Mond war untergegangen, und das Feuer brannte schwach. Man löste meine Fußfesseln und schleppte mich durch die Ruinen einen steilen Pfad den Klippen entlang an eine Stelle, wo ich in einem natürlichen Felshafen ein Fischerboot fand. Dieses mußte ich besteigen, und wir stießen bei leuchtendem Sternenlicht vom Ufer ab.

Vierzehntes Kapitel


Die Insel Baß

Ich dachte nicht nach, wohin sie mich führten; ich spähte nur hier und dort nach einem Schiff aus, und indessen ging ein Wort Ransomes – »die Zwanzigpfünder« – mir unaufhörlich im Kopfe herum. Sollte ich wiederum der Gefahr einer Verschleppung nach den Plantagen ausgesetzt werden, so würde es mir diesmal, meinte ich, schlecht ergehen; ein zweites Mal würden kein Alan, kein Schiffbruch und keine lose Rahe da sein, und ich sah mich bereits unter der Peitsche Tabak schneiden. Der Gedanke ließ mich frieren; die Luft auf dem Wasser war scharf, die Sitze im Boot waren von eisigem Tau durchnäßt, und ich zitterte vor Kälte auf meinem Platze neben dem Steuermann. Dieser war der Dunkelhäutige, den ich bisher als den Flachländer bezeichnet habe; er hieß Dale und wurde gewöhnlich der »Schwarze Andie« genannt. Als er mich zittern fühlte, reichte er mir freundlichst eine grobe Jacke voller Fischschuppen, und ich war froh, mich damit bedecken zu können. »Ich danke Euch für Eure Güte«, sagte ich, »und erlaube mir, sie durch eine Warnung zu vergelten. Ihr habt mit dieser Sache eine schwere Verantwortung auf Euch geladen. Ihr seid nicht wie diese unwissenden, barbarischen Hochländer, sondern kennt die Gesetze und das Risiko, das jene laufen, die sie übertreten.«

»Ich kann zwar nicht behaupten, daß ich’s mit den Gesetzen so besonders genau nehme, auch in der besten Zeit nicht«, entgegnete er; »aber in dieser Sache handle ich mit sicherer Vollmacht.« »Was wollt Ihr mit mir anfangen?« fragte ich.

»Nichts Schlimmes,« erwiderte er, »durchaus nichts Schlimmes. Ihr habt mächtige Freunde, mein‘ ich. Es wird noch alles gut werden.«

Ein grauer Schleier begann sich auf des Meeres Antlitz zu senken, kleine rosa und rote Flecken, glimmenden Kohlen gleich, tauchten im Osten auf; gleichzeitig erwachte das Wildgeflügel und umkreiste schreiend den Gipfel von Baß. Die Insel besteht, wie jeder weiß, aus einem einzigen Felsen, der jedoch so groß ist, daß man draus eine ganze Stadt hauen könnte. Die See war ungewöhnlich ruhig, aber am Fuß der Klippe tönte ein hohles Plätschern. Mit dem wachsenden Licht konnte ich sie immer deutlicher erkennen; die schiere Felswand war mit Exkrementen von Seegeflügel bemalt wie mit morgendlichem Rauhreif, den schrägen Gipfel deckte grünes Gras, ein Volk von weißen Lummen umschrie ihre Flanken, und die schwarzen, verfallenen Baulichkeiten des Gefängnisses hockten hart neben dem Uferrand. Bei diesem Anblick ging mir plötzlich die Wahrheit auf. »Dorthin schafft Ihr mich also!« rief ich. »Nach Baß, wohin sonst denn, Freundchen?« entgegnete er. »Wo vor Euch die alten Märtyrer waren; doch zweifle ich, ob Ihr Euer Gefängnis auf so redliche Weise verdient habt.«

»Aber jetzt haust niemand mehr hier«, rief ich; »der Ort ist ja längst verfallen.« »Um so angenehmer der Wechsel für die Lummen«, meinte Andie trocken. Als der Tag sich mählich klärte, bemerkte ich zwischen dem Seetang unter großen Steinen, wie die Fischer sie als Ballast wählen, eine Reihe von Fässern und Körben sowie einigen Brennvorrat. All das war auf den Klippen abgeladen worden. Andie, ich und meine drei Hochländer (ich nenne sie »mein«, obwohl es umgekehrt richtiger wäre) landeten neben ihnen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als das Boot sich wieder entfernte, während das Knirschen der Ruder in den Dollen von den Klippen widerhallte, und wir fünf blieben in unserer seltsamen Wüstenei allein. Andie Dale war der Präfekt von Baß (wie ich ihn im Scherz zu nennen pflegte) und gleichzeitig der Schäfer und Wildhüter jener kleinen, aber reichen Herrschaft. Er mußte etwa ein Dutzend Schafe hüten, die dort fett wurden und an den schrägen Hängen weideten gleich Tieren auf den Dächern einer Kathedrale. Außerdem pflegte er die weißen Tölpel – eine Lummenart – die in den Klippen nisteten, und die ein ansehnliches Vermögen repräsentierten. Die Jungen gelten als Delikatesse und werden gewöhnlich von Epikuräern bereitwilligst mit zwei Shilling das Stück bezahlt. Selbst die ausgewachsenen Vögel sind durch die Federn und das Öl, das sie liefern, wertvoll, sodaß ein Teil der Pfründe des Pfarrers von North Berwick bis auf den heutigen Tag in diesem Seegeflügel bezahlt wird, weshalb sie (in mancher Leute Augen) als ungemein begehrenswert gilt. Um diesen mannigfachen Pflichten nachzukommen, auch um die Vögel vor Wilderern zu schützen, mußte Andie häufig Tage und Nächte auf dem Felsen zubringen, und er war dort so vollkommen zu Hause wie ein Bauer auf seinem Hof. Mit der Aufforderung, einen Teil der Vorräte aufzuladen – ein Geheiß, das ich mich zu erfüllen beeilte – führte er uns durch ein verschließbares Tor, den einzigen Zugang zur Insel, und durch die Ruinen der Festung nach dem Gouvernementsgebäude. Dort hatte er, wie wir aus der Asche im Kamin und einem in der Ecke befindlichen Pfostenbett ersahen, seine ständige Wohnstatt aufgeschlagen. Das Bett bot er mir zur Benutzung an, mit der Bemerkung, ich beanspruche vermutlich, vom Adel zu sein. »Mein Adel hat nichts mit der Art meiner Unterkunft zu tun«, entgegnete ich. »Gottlob war ich auch früher schon harte Betten gewöhnt und kann sie mit Dankbarkeit von neuem hinnehmen. Solange ich hier bin, Mr. Andie – falls das Euer Name ist – werde ich genau wie Ihr anderen meine Arbeit tun und meinen Platz an Eurer Seite einnehmen; dagegen bitte ich Euch, mich mit Eurem Spott zu verschonen, der mir, das gebe ich zu, nicht behagt.« Er murrte ein wenig gegen diese Rede, schien sie jedoch nach einigem Nachdenken zu billigen. In Wahrheit war er ein schlauer, vernünftiger Mann, ein guter Whig und Presbyterianer. Täglich las er in seiner Taschenbibel und war sowohl imstande wie begierig, sich ernsthaft über Religion zu unterhalten; dabei zeigte er keine geringe Neigung zu cameronischen Extremen. Seine Moral jedoch war von zweifelhafter Farbe. Ich fand, daß er tief in das Schmugglergewerbe verstrickt war und die Ruinen von Tantallon als Stapelplatz für seine verbotenen Waren benutzte. Und was die Zollbeamten betraf, so war ihm deren Leben, glaube ich, keinen halben Farthing wert. Aber jener Teil von Lothian ist auch heute noch eine wilde Gegend und das Volk so rauh als nur irgendeins in Schottland. Ein Vorfall, der sich während meiner Gefangenschaft ereignete, ist mir dank seiner Folgen im Gedächtnis haften geblieben. Damals war im Firth ein Kriegsschiff stationiert, das »Seepferd«, Kapitän Palliser. Zufällig kreuzte es im Monat September zwischen Fife und Lothian, um die dortigen Untiefen zu loten. Eines schönen Morgens wurde es in aller Frühe etwa zwei Meilen östlich von uns gesichtet, wie es ein Boot zu Wasser ließ, um Wildfire Rocks und Satans Bush, zwei berüchtigt gefährliche Stellen jener Küste, zu sondieren. Nachdem es seine Jolle wieder aufgenommen hatte, hielt das Schiff vor dem Wind unmittelbar auf Baß zu. Das kam Andie und den Hochländern sehr in die Quere; meine Entführung war von Anfang bis zu Ende auf Geheimhaltung berechnet, und jetzt lief ihnen zur Unzeit dieser Kriegsschiffskapitän über den Weg, und es sah ganz so aus, als würde die Sache zum mindesten ruchbar werden, selbst wenn sie keine schlimmeren Folgen hätte. Ich stand allein vier Mann gegenüber; ich bin kein Alan, der über eine ganze Bande herfällt, und ich war durchaus nicht überzeugt, daß das Kriegsschiff meine Lage bessern würde. Alles in allem gab ich daher Andie mein Ehrenwort, verpflichtete mich zu Ruhe und Gehorsam und wurde in aller Eile nach der Felskuppe geschafft, wo wir uns an verschiedenen versteckten Beobachtungsposten hart am Rande der Klippe niederließen. Das »Seepferd« hielt scharf auf uns zu, bis ich dachte, sie würde auflaufen, und wir konnten von unserem schwindeligen Ausguck her die Mannschaft an ihren Plätzen beobachten und hörten den Mann mit dem Lot seine Befunde ausschreien. Dann drehte das Schiff plötzlich bei und gab aus – ich weiß nicht wie vielen – mächtigen Rohren eine Salve ab. Der Felsen bebte unter der Wucht der Detonation, der Rauch ergoß sich über unsere Köpfe, und die Lummen schwärmten in unfaßlicher Zahl auf. Ihr Schreien und das Funkeln ihrer Flügel gestalteten sich zu einem einzigartigen Erlebnis; und ich nehme an, Kapitän Palliser hatte sich nur diesem etwas kindlichen Vergnügen zuliebe der Insel genaht. Das kam ihm später teuer zu stehen. Während das Schiff auf uns zusteuerte, hatte ich Gelegenheit gehabt, mir die Takelung einzuprägen, weshalb ich es von nun an selbst aus meilenweiter Entfernung zu erkennen vermochte; und das sollte (mit Gottes Hilfe) das Mittel werden, um einen Freund vor großem Unglück zu bewahren, Kapitän Palliser dagegen eine empfindliche Enttäuschung zu bereiten.

Die ganze Zeit während meines Aufenthaltes auf dem Felsen lebten wir gut. Wir hatten Dünnbier und Schnaps, sowie Hafermehl, aus dem wir uns abends und morgens unsere Grütze bereiteten. Mitunter setzte von Castleton aus ein Boot zu uns über und brachte uns ein Hammelviertel, da wir die Schafe auf der Klippe, die besonders für den Markt gemästet wurden, nicht anrühren durften. Für die Vögel war es leider nicht die richtige Jahreszeit; so ließen wir sie in Ruhe. Aber wir fischten eigenhändig und ließen öfter noch die Lummen für uns fischen, indem wir ihnen, sobald sie einen Fisch gefangen hatten, die Beute wieder abjagten, ehe sie sie verschlingen konnten.

Die seltsame Natur des Ortes und die Merkwürdigkeiten, von denen es dort wimmelte, bildeten meine Beschäftigung und mein Vergnügen. Da eine Flucht unmöglich war, ließ man mir volle Freiheit, und ich fuhr fort, die Oberfläche der Insel zu erforschen, so weit ein Menschenfuß sich wagen konnte. Der alte Gefängnisgarten war noch klar zu erkennen; Blumen und Pflanzen wucherten dort wild, und eines der Bäumchen trug reife Kirschen. Etwas unterhalb des Gartens lag eine Kapelle oder Eremitenklause; wer sie erbaut oder bewohnt hatte, wußte niemand, und der Gedanke an ihr Alter versenkte mich oft in tiefes Sinnen. Auch das Gefängnis, in dem ich jetzt mit meinen hochländischen Viehräubern biwakierte, war in weltlichem wie religiösem Sinne eine historische Stätte. Mich berührte es seltsam, daß so viele Heilige und Märtyrer erst vor kurzem hier geweilt hatten, ohne auch nur ein Bibelblatt oder einen eingeschnitzten Namen als Andenken zu hinterlassen, während die rauhen Soldatenkerls, die auf den Bastionen Wache gehalten, die ganze Umgebung mit Spuren übersät hatten – zumeist mit einer erstaunlichen Menge zerbrochener Pfeifenköpfe, daneben aber auch mit Uniformknöpfen. Zeitweise glaubte ich aus den Gefängnissen der Märtyrer fromme Psalmen klingen zu hören und sah im Geiste die Soldaten, glimmende Pfeifen im Maul, auf der Bastei auf und ab marschieren, während ihnen im Rücken aus der Nordsee der Morgen aufstieg.

Zweifellos trug Andie mit seinen Erzählungen viel dazu bei, mein Hirn mit diesen Träumen zu bevölkern. Er war in der Geschichte des Felsens ungewöhnlich beschlagen und wußte alle Einzelheiten bis auf die Namen der gemeinen Soldaten, da sein Vater in dieser Eigenschaft dort gedient hatte. Außerdem besaß er ein natürliches Erzählertalent, so daß die Menschen zu reden und die Dinge sich direkt vor des Hörers Augen zu ereignen schienen. Diese Gabe und meine Freude am Zuhören brachten uns einander näher. Ich kann in Wahrheit nicht leugnen: er gefiel mir gut; bald erkannte ich, daß auch er mich gern hatte, und ich hatte mir ja von Anfang an vorgenommen, sein Wohlwollen zu erringen. Ein seltsamer Umstand (von dem später noch die Rede sein wird) verwirklichte dies über jede Erwartung hinaus; aber selbst in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft standen wir für einen Wärter und seinen Gefangenen auf ungemein freundschaftlichem Fuß.

Ich könnte es vor meinem Gewissen nicht verantworten, wenn ich behaupten wollte, mein Aufenthalt auf Baß sei durchwegs unangenehm gewesen. Die Insel erschien mir im Gegenteil als eine Art Zufluchtsstätte, wo ich allen meinen Nöten entronnen war. Niemand durfte mir etwas zuleide tun; physische Hindernisse – der Felsen und die tiefe See – machten jede weitere Anstrengung unmöglich; ich fühlte, mein Leben und meine Ehre waren in sicherem Gewahrsam, und es gab Zeiten, in denen ich mich so weit gehen ließ, mich daran wie an gestohlenem Gut zu weiden. Aber ich hatte auch ganz andere Gedanken. Ich erwog, mit welcher Kraft ich vor Rankeillor und Stuart getreten war; ich überlegte, daß man meine Gefangenschaft auf Baß, hier im Angesicht eines großen Teiles der Küste von Fife und Lothian, als eine Sache ansehen würde, die ich eher gesucht als unfreiwillig über mich hatte ergehen lassen, und daß ich vor jenen beiden Herren als Prahler und Feigling dastehen mußte. Manchmal nahm ich das alles leicht genug und versicherte mir selbst, solang ich mit Catriona Drummond gut stünde, sei die übrige Welt für mich nur Mondschein und flüchtiges Wasser; dann fiel ich unmerklich in jene Betrachtungen, die einem Liebenden so teuer sind, dem Leser jedoch stets erstaunlich eitel dünken. Ein anderes Mal packte mich mit Gewalt die Furcht; dann schüttelte mich förmlich panische Angst um meine Selbstachtung, und jenes vermeintliche, harte Urteil erschien mir als eine Ungerechtigkeit, die ich unmöglich ertragen könnte. Das führte mich wieder zu anderen Gedanken; kaum hatte ich begonnen, mich um der Welt Meinung über mich selbst zu sorgen, da verfolgte mich schon die Erinnerung an James Stuart in seinem Gefängnis und an die Klagen seiner Frau. Dann erst begann sich echte Leidenschaft in mir zu rühren; ich konnte es mir niemals verzeihen, daß ich hier müßig saß; mir war, als müßte ich (wenn nur ein Funken Mannhaftigkeit in mir lebte) fliegend oder schwimmend meinem Asyl entfliehen. In solchen Stimmungen, wie um meiner Selbstquälerei zu fröhnen, machte ich mich daran, Andie Dale zu gewinnen.

Eines schönen Morgens endlich, als wir uns ganz allein auf dem Gipfel des Felsens befanden, ließ ich einen vorsichtigen Wink über eine Bestechung fallen. Er blickte mich an, warf den Kopf zurück und lachte mir ins Gesicht.

»Ah, Ihr lacht, Mr. Dale,« sagte ich, »wenn Ihr aber die Güte hättet, einen Blick auf dieses Papier zu werfen, würdet Ihr vielleicht einen andern Ton anschlagen.«

Die dummen Hochländer hatten mir bei meiner Gefangennahme lediglich mein Bargeld abgenommen, und das Papier, das ich Andie jetzt zeigte, war eine Quittung der British Linen Company über eine beträchtliche Summe.

Er las. »Bei Gott, Ihr seid gar nicht so ein Bettler«, meinte er.

»Dachte ich’s mir doch, daß Ihr Eure Meinung ändern würdet«, sagte ich.

»Pah!« rief er, »das zeigt nur, daß Ihr bestechen könnt; aber ich bin unbestechlich.«

»Das werden wir noch sehen«, entgegnete ich. »Erst will ich Euch beweisen, daß ich weiß, was ich sage. Ihr habt Befehl, mich bis nach Donnerstag, dem 21. September, hier festzuhalten.«

»Da habt Ihr auch nicht so ganz unrecht«, meinte Andie. »Ich soll Euch, falls nicht Gegenorder kommt, Samstag, den 23. September, freilassen.«

Ich konnte nicht anders, mir kam diese Verabredung ungemein raffiniert vor. Daß ich just dann wieder auftauchen sollte, wenn es zu spät war, würde meine Geschichte, falls ich wirklich eine erzählte, um so unglaubhafter machen; das brachte mich erst recht in Harnisch.

»Paßt auf, Andie; Ihr kennt die Welt, also hört mich an und bedenkt, was ich Euch sage«, hub ich an. »Ich weiß, große Herren sind in diese Sache verstrickt, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihr Euch auf sie berufen könnt. Ich selbst habe auch mit ihnen zu tun gehabt, seit diese Affäre begann, und habe ihnen meine Meinung ins Gesicht gesagt. Was für ein Verbrechen soll ich denn begangen haben? Und nach welchem Verfahren bin ich abgeurteilt? Ich werde von ein paar lumpigen Hochländern am 30. August überfallen, nach diesem alten Steinhaufen geschleppt, der (einerlei was er früher war) weder eine Festung noch ein Gefängnis, sondern lediglich die Behausung des Wildhüters von Baß ist, und soll am 23. September genau so heimlich, wie ich gefangen genommen wurde, wieder freigelassen werden – klingt Euch das nach Gerechtigkeit? Oder klingt es nicht vielmehr nach niedriger, schmutziger Intrige, deren sich sogar die Leute, die sie ersonnen haben, schämen?«

»Ich kann Euch nicht widersprechen, Shaw. Es sieht verteufelt unsauber aus«, erklärte Andie. »Und wären die Leute nicht gute, handfeste Whigs und waschechte Presbyterianer – ich hätte sie eher nach dem Jordan und Jerusalem geschickt, als mich auf so was eingelassen.«

»Der Herr von Lovat ist ein rechter Whig«, entgegnete ich, »und ein großartiger Presbyterianer.«

»Ich weiß nichts von ihm,« beharrte er, »ich habe nichts mit den Lovats zu schaffen.«

»Nein, Ihr werdet mit Prestongrange zu tun haben«, sagte ich.

»A, das sollt Ihr nicht aus mir herauskriegen.«

»Als wenn ich das brauchte, nun ich schon alles weiß«, lautete meine Antwort.

»Auf das eine könnt Ihr Euch verlassen, Shaw«, beteuerte Andie. »Mit Euch habe ich nichts zu schaffen (und wenn Ihr Euch auf den Kopf stellt). Und ich werde auch nichts mit Euch zu schaffen haben«, fügte er hinzu.

»Nun, Andie, ich sehe, ich muß offen mit Euch reden«, erwiderte ich und erzählte ihm die Tatsachen, soweit ich das für nötig hielt.

Er hörte mich mit ernsthaftem Interesse an und schien, als ich geendet hatte, eine Weile zu überlegen.

»Shaw,« sagte er endlich, »ich will frei von der Leber weg reden. ’s ist eine merkwürdige Geschichte und keine sehr schöne, so wie Ihr sie erzählt, womit ich nicht behaupten will, sie hätte sich anders zugetragen, als Ihr glaubt. Was Euch selbst betrifft, so scheint Ihr mir ein recht anständiger junger Mann. Aber ich bin älter und verständiger als Ihr und sehe in dieser Sache vielleicht ein Endchen weiter. Und das hier ist meine ehrliche Meinung: Euch wird’s nicht schaden, wenn ich Euch hier behalte; im Gegenteil, ich glaube, Ihr seid hier ein gut Teil besser aufgehoben als draußen. Dem Lande wird’s auch nicht schaden – bloß ein Hochländer mehr wird aufgeknüpft, und dazu können wir uns, weiß Gott, nur gratulieren! Dagegen würde ich mir selber ziemlich viel schaden, wenn ich Euch laufen ließe. Und darum – als guter Whig und aufrichtiger Freund von Euch und eifriger Freund von mir selbst gesprochen – die nackte Tatsache ist: ich denke, Ihr werdet hier bei Andie und den Lummen bleiben müssen.«

»Andie,« sagte ich, meine Hand auf seine Knie legend, »dieser Hochländer ist unschuldig.«

»Ja, ja, in dem Punkt ist’s schon schade«, meinte er.

»Aber Ihr wißt ja, so wie der Herrgott diese Welt erschaffen hat, kann einer nicht alles haben, wie er sich’s wünscht.«

Fünfzehntes Kapitel


Was der Schwarze Andie von Tod Lapraik erzählte

Ich habe bisher wenig von den Hochländern gesprochen. Alle drei waren Gefolgsleute von James More; das band ihrem Herrn die Schuld sehr fest um den Hals. Alle konnten ein oder zwei Worte Englisch, aber Neil war der einzige, der genug für eine allgemeine Unterhaltung zu verstehen glaubte, obwohl seine Gefährten (war erst ein Gespräch im Gange) sich oft zur gegenteiligen Ansicht gezwungen fühlten. Alle waren einfache, willige Geschöpfe, die mehr Höflichkeit zeigten, als man nach ihrem verwahrlosten, wüsten Aussehen hätte annehmen mögen, und fielen Andie und mir gegenüber von selbst in die Rolle von Dienern.

Hier an diesem einsamen Ort inmitten der bröckelnden Ruinen eines Gefängnisses, umgeben von den endlosen, fremdartigen Geräuschen des Meeres und der Vögel, glaubte ich schon früh an ihnen die Wirkungen abergläubischer Furcht zu bemerken. Wenn es nichts zu tun gab, schliefen oder ruhten sie, eine Beschäftigung, die sie nie satt bekamen, oder Neil unterhielt die anderen mit Geschichten, die indes alle grausig waren. War keines dieser beiden Vergnügen erreichbar – schliefen, zum Beispiel, zwei und sah der dritte sich außerstande, es auch zu tun –, so pflegte er ängstlich lauschend dazusitzen; seine Unruhe wuchs, er schrak zusammen, erbleichte und verkrampfte die Hände – kurz, glich in seiner Spannung einem gestrafften Bogen. Die Art seiner Befürchtungen vermochte ich nie zu erraten, aber ihr Anblick wirkte ansteckend, und die Natur des Ortes, an dem wir uns befanden, begünstigte diese Angst. Andie hatte dafür einen volkstümlichen Ausdruck, den er immer wieder brauchte.

»Ja,« pflegte er zu sagen, »hier auf Baß ist es nicht geheuer.«

So scheint es mir auch heute noch. »Nicht geheuer« war es dort, Tag und Nacht, ›nicht geheuer‹ waren die Geräusche – das Geschrei der Lummen, das Branden des Meeres und das Echo der Felsen – die ständig an unsere Ohren tönten, am stärksten aber bei verhältnismäßig ruhigem Wetter. Sogar bei geringem Wellengang umbrüllten die Wogen den Felsen wie der Donner selbst oder wie das Trommeln ganzer Armeen: ein furchtbarer, aber ausgelassener Lärm. Und an den stillen Tagen gar konnte es jeden, der lauschte, – nicht nur die Hochländer, wie ich aus Erfahrung weiß – ganz entnerven, so zahlreich waren die leisen, hohlen Stimmen, die in den Felsennischen widerhallten und uns unablässig verfolgten.

Das bringt mich auf eine Geschichte und eine Szene, an der ich teilnahm, die unsere Lebensweise von Grund auf veränderten und für mein Entkommen von größter Bedeutung waren. Ich saß eines Nachts neben dem Feuer, in tiefes Nachdenken versunken, und begann in Erinnerung an Alan sein Lied zu pfeifen. Da legte sich eine Hand auf meinen Arm, und die Stimme Neils bat mich, aufzuhören, denn die Musik sei ›nicht geheuer‹.

»Nicht geheuer?« fragte ich. »Wieso denn?«

»Ja,« meinte er, »die hat ein Geist gemacht, die auf sein Leib kein Kopf nicht hatte.«

»Nun,« sagte ich, »hier kann es keine Geister geben, Neil; es ist nicht anzunehmen, daß sie so weit vom Wege abirren, um ein paar Lummen vorzuspuken.«

»Was sagt Ihr da?« fuhr Andie dazwischen. »Ist das Eure Meinung? Ich sage Euch, hier hat schon Schlimmeres als Geister gespukt.«

»Was gibt es denn Schlimmeres, Andie?« fragte ich.

»Zauberer«, erwiderte er. »Und’n Zauberer war es zum mindesten. Aber das ist ’ne merkwürdige Geschichte«, fügte er hinzu. »Wenn Ihr wollt, erzähl ich sie Euch.«

Darüber gab es freilich nur eine Meinung, und selbst der Hochländer, der von den dreien am wenigsten Englisch konnte, setzte sich zurecht, um mit aller Macht zu lauschen.

Die Geschichte von Tod Lapraik

Mein Vater, Tom Dale – Friede seiner Asche! – war in seinen jungen Jahren ein wilder, toller Bursch mit wenig Vernunft und noch weniger Tugend. Er liebte den Wein und die Weiber und lustige Unterhaltung; doch daß er ehrliche Arbeit liebte, hab ich nie gehört. Eins ergab das andere; bald hatte er sich als Soldat anwerben lassen und stand in Garnison in dieser Festung, und so kam es, daß die Dales auf Baß Fuß faßten. War das ein elender Dienst! Der Gouverneur braute sein eigenes Bier; wie’s scheint, das schlechteste, das man sich nur denken konnte. Der Felsen wurde von der Küste aus verproviantiert, das Ganze war falsch geleitet, und mitunter waren sie im Essen nur auf die Fische und die Lummen angewiesen. Um allem die Krone aufzusetzen, herrschten damals die Religionsverfolgungen. Die eisig kalten Zellen waren alle mit Heiligen und Märtyrern besetzt, dem Salz der Erde, die ihrer gar nicht würdig ist. Und obzwar Tom Dale, ein einzelner Soldat, wacker sein Feuerschloßgewehr spazieren trug, und, wie gesagt, den Wein und die Weiber liebte, verrichtete er mehr aus Pflicht denn aus Freude seinen Dienst. Zu Zeiten hatte er kurze Offenbarungen von den Herrlichkeiten der Kirche – dann stieg ihm der Zorn hoch, des Herrn Heilige so mißhandelt zu sehen, und Scham packte ihn bei dem Gedanken, daß er bei einem so sündhaften Geschäft das Licht hielt (oder eine Muskete führte). Mitunter, wenn er des Nachts auf Posten stand und alles so unheimlich still war, während der Winterfrost in den Mauern knackte, hörte er einen der Gefangenen einen Psalm anstimmen, und die andern fielen ein, und die heiligen Klänge stiegen aus den verschiedenen Räumen – ich meine: Gefängnissen – so mächtig auf, daß dieser alte Fels mitten im Meer ein Zipfel vom Himmelreich schien. Schwarze Schande erfüllte seine Seele, und seine Sünden ragten vor ihm auf, groß wie der Felsen von Baß, alle überragend die Todsünde, daß er mit Hand anlege, die Kirche Christi zu verfolgen und bedrängen. Aber die Wahrheit ist, er widerstand der Stimme des Geistes. Der Morgen kam, die Kameraden erwachten, und seine guten Vorsätze waren verschwunden. Damals hauste ein Erwählter des Herrn auf Baß, Peden, der Prophet genannt. Ihr werdet von dem Propheten Peden gehört haben. Niemals mehr hat es seinesgleichen gegeben, und manche bezweifeln, ob es das früher gab. Er war wild wie eine Moorhexe, furchtbar zu sehen und zu hören, und sein Antlitz war wie das Jüngste Gericht. Seine Stimme war die der Lummen und donnerte den Leuten in die Ohren, und seine Worte glichen glühenden Kohlen. Nun lebte damals auf dem Felsen ein Mädchen, die dort, glaube ich, wenig zu suchen hatte, denn es war kein Ort für ehrbare Weiber; aber sie war, wie es scheint, hübsch, und sie und Tom Dale verstanden sich gut. Der Zufall wollte, daß Peden ganz allein in seinem Garten betete, als Tom und das Mädchen vorbeigingen; und was fällt der Dirne ein? Mit Lachen und Spott überhäufte sie des Heiligen Andacht. Da stand er auf und schaute die beiden an, und Toms Knie wankten bei seinem Anblick. Doch als der andere sprach, geschah es mehr in Trauer denn im Zorne. »Armes Ding, armes Ding!« sagte er und blickte dabei das Mädchen an. »Ich höre dich schreien und lachen,« sagte er, »aber der Herr hält einen tödlichen Schuß für dich bereit, und bei jenem erstaunlichen Gottesgericht wirst du nur einen Schrei ausstoßen!« Kurz danach schlenderte sie mit zwei, drei Soldatenkerls auf den Klippen umher, und es war ein stürmischer Tag. Da kam ein Windstoß, packte ihre Röcke und wirbelte sie, so wie sie ging und stand, ins Meer. Und die Soldaten bemerkten, daß sie dabei nur den einen Schrei ausstieß. Ohne Zweifel, dieses Gottesgericht machte ziemlichen Eindruck auf Tom; aber der verging, und Tom blieb der alte. Eines Tages zankte er sich mit einem Kameraden. »Der Teufel hol mich!« schimpfte Tom, denn er fluchte stets gotteslästerlich. Und schon stand Peden da und starrte ihn an, schlau und finster, Peden mit seinem langen Gesicht und seinen brennenden Augen, sein Plaid fest um die Brust gewickelt und die eine Hand mit den schwarzen Krallen weit ausgestreckt – denn der Leibespflege achtete er nicht. – »Pfui, pfui, armer Mann!« schrie er, »armer, törichter Mann! Der Teufel hol mich, sagt er? Ich sehe den Teufel an seiner Seite!« Da brach die Erkenntnis seiner Schuld und der Gnade des Himmels über Tom herein wie der Ozean selbst; er warf die Pike weg, die er trug, und rief: »Nie mehr erhebe ich meine Hand gegen die Sache Christi!« Und er hielt sein Wort. Anfänglich gab’s viele Scherereien, aber als der Gouverneur ihn so entschlossen sah, erteilte er ihm doch den Abschied, und Tom ließ sich in North Berwick nieder und heiratete und stand von dem Tage an bei allen ehrlichen Leuten in gutem Ruf. Es war im Jahre 1706, als die Insel Baß in die Hände derer von Dalrymple überging, und zwei Männer bewarben sich um den Verwalterposten. Beide eigneten sich trefflich dafür, denn beide hatten als Soldaten dort in Garnison gelegen und wußten die Lummen zu behandeln und kannten die Zeiten, in denen sie was wert waren. Außerdem waren – oder schienen doch – beide andächtige Bekenner und in erbaulichen Reden beschlagen. Der erste war kein anderer als Tom Dale, mein Vater; der zweite war ein gewisser Lapraik, den die Leute meist Tod4 Lapraik nannten, ob aber wegen seines Namens oder seiner Natur, konnte ich niemals erfahren. Nun, Tom ging zu Lapraik, um die Sache mit ihm zu bereden, und führte mich, der ich damals ein kleines Kerlchen und noch unsicher auf den Beinen war, an der Hand. Tods Haus stand an der langen Gasse nördlich des Friedhofs. Es ist eine finstere, unheimliche Gasse; außerdem ist die Kirche seit Jakobs VI. Zeiten und dem Teufelsspuk, der sich während der Königin Fahrt übers Meer dort zutrug, verschrien. Und Tods Haus lag am dunkelsten Ende und war denen, die am besten Bescheid wußten, nie recht geheuer. Die Tür stand an jenem Tage offen, und mein Vater und ich traten, ohne zu klopfen, ein. Tod war von Beruf aus Weber; sein Webstuhl stand auf der Diele. Dort saß er, ein dicker, feister Klumpen von Mann, weiß und ölig wie Schmalz, mit so ’ner Art heiligem Lächeln auf dem Gesicht, das mir den hellen Ekel wachrief. Mit der einen Hand führte er das Schiffchen, aber seine Augen waren verglast. Wir riefen ihn beim Namen, schrien ihm in die tauben Ohren und rüttelten ihn an der Schulter. Da saß er und führte das Schiffchen und lächelte ölig.

»Gott steh uns bei«, sagte Tom Dale, »das geht nicht mit rechten Dingen zu!« Kaum hatte er gesprochen, als Tod Lapraik wieder zu sich kam. »Bist du’s, Tom?« fragte er. »Grüß dich Gott, Mann! Bin froh, dich zu sehen. Von Zeit zu Zeit fall ich in so ’ne Art Ohnmacht, weißt du; – es kommt vom Magen.« Na, sie fingen also an, von dem Posten auf Baß zu sprechen, und wer von beiden ihn wohl kriegen würde, und allmählich kam es zu bitteren Worten zwischen den beiden, und sie gingen im Zorn auseinander. Ich weiß noch genau, wie mein Vater auf dem Rückwege immer wieder auf das eine zu sprechen kam: ihm gefielen Tod und seine Ohnmachten nicht. »Ohnmachten!« rief er. »Wegen dergleichen Ohnmachten sind Leute schon verbrannt worden, mein‘ ich!« Na, wie dem auch sei, mein Vater kriegte den Posten auf Baß, und Tod mußte leer ausgehen. »Tom,« sagte er, »diesmal bist du mir wieder über, und hoffentlich«, sagte er, »find’st du auf Baß alles so, wie du dir’s gewünscht hast.« Und das hat man später für ’ne recht merkwürdige Redensart gehalten. Endlich war die Zeit gekommen, in der Tom die jungen Lummen aus den Nestern holen mußte. Das war ein Geschäft, das er gewohnt war, denn er war von klein auf auf den Klippen zu Hause und vertraute dergleichen Arbeit niemandem als sich selber an. Eines Tages baumelt er also an einem Tau an der Klippenfront, wo sie am höchsten und steilsten ist. Vier kräftige Burschen hielten oben auf der Kuppe den Strick und warteten auf Toms Zeichen. Aber wo Tom hing, war nichts als die schiere Klippe und weit in der Tiefe das Meer und die schreienden, fliegenden Lummen. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, und Tom pfiff vor sich hin, während er die jungen Vögel fing. Oft hab‘ ich ihn davon erzählen hören, und jedesmal brach ihm der Schweiß aus. Zufällig, müßt Ihr wissen, blickte Tom auf und bemerkte eine große Lumme, und die Lumme hackte nach dem Tau. Er fand das merkwürdig und gar nicht nach der Kreatur Gewohnheit. Er erinnerte sich, Stricke seien unheimlich mürbes Zeug und der Lummen Schnabel sowie der Felsen unheimlich hart, und ein Sturz von zweihundert Fuß war etwas mehr, als ihm zu fallen behagte. »Husch!« sagte Tom. »Fort mit dir, Vieh! Husch! Mach, daß du fortkommst!« Die Lumme starrte Tom so von oben ins Gesicht, und an des Tieres Auge war etwas nicht ganz geheuer. Es starrte ihn nur das einzige Mal an und fiel dann wieder über das Seil her. Und jetzt riß und zerrte es daran wie nicht recht gescheit. Niemals hat es eine Lumme gegeben, die wie jene Lumme sich mühte, und sie schien auch ihr Geschäft vortrefflich zu verstehen, denn sie rieb das weiche Tau immer zwischen ihrem Schnabel und dem spitzen Fels. Kalte Furcht schoß Tom ins Herz. »Das Ding da ist kein Vogel«, dachte er. Da drehten sich ihm die Augen im Kopfe herum und um ihn wurde es finster. »Wenn ich hier ohnmächtig werde,« dachte er, »ist es aus mit Tom Dale!« Und er gab den Burschen ein Zeichen, daß sie ihn hoch ziehen möchten.

Aber die Lumme schien das Zeichen zu verstehen. Kaum hatte Tom es gegeben, da ließ sie den Strick los, krächzte laut auf, flatterte hin und her und schoß schnurstracks auf Tom Dales Augen los. Tom hatte ein Messer, und er ließ den kalten Stahl funkeln. Doch die Lumme schien auch über Messer Bescheid zu wissen; denn als die Klinge in der Sonne glitzerte, stieß sie einen einzigen Schrei aus, aber leiser, wie jemand, der enttäuscht ist, und verschwand um die Klippe herum, und Tom sah sie nie wieder. Und sowie das Ding fort war, sank Toms Kopf auf seine Schulter, und sie zogen ihn wie einen Toten herauf, und da lag er, wie ’n Toter, der Länge nach auf dem Felsen. Ein Gläschen Schnaps, den er stets bei sich hatte, brachte ihn wieder zur Vernunft, wenigstens zu dem, was noch davon übrig war. Er setzte sich aufrecht. »Lauf, Geordie, lauf nach dem Boot und bewache es, Mann – lauf!« schrie er. »Sonst geht die Lumme mit ihm durch.« Die vier Burschen starrten einander an und versuchten, ihm gut zuzureden und ihn zu beruhigen. Aber Tom Dale gab sich nicht zufrieden, bis einer von ihnen vorangegangen war, um neben dem Boot Posten zu stehen. Die anderen fragten Tom, ob sie ihn wieder ‚runterlassen sollten. »Nein,« sagte er, »weder ich noch einer von Euch geht mir da ‚runter, und sowie ich wieder auf meinen Beinen stehen kann, wollen wir sehen, daß wir von diesem Teufelsfelsen fortkommen.«

Tatsächlich verloren sie keine Zeit, und auch so blieben sie zu lange dort, denn bevor sie North Berwick erreichten, lag Tom in schwerem Fieber. Den ganzen Sommer lag er zu Bett; und wer war so freundlich, ihn immer wieder zu besuchen? Wer anders als Tod Lapraik! Die Leute meinten später, jedesmal, wenn Tod in die Nähe des Hauses kam, wäre das Fieber schlimmer geworden. Ich weiß nicht, ob das stimmt; aber ich weiß, daß es damit bald ein Ende hatte. Es war etwa um diese Jahreszeit; mein Großvater war draußen beim Schellfischfang, und Bub, der ich war, hatte ich ihn begleitet. Ich erinnere mich, wir hatten einen großartigen Fang, und so, wie die Fische lagen, mußten wir bis hart an den Felsen von Baß heran, wo wir einem zweiten Boote begegneten, das einem gewissen Sandie Fletcher aus Castleton gehörte. Er ist noch gar nicht lang gestorben, sonst könntet Ihr Euch bei ihm selber erkundigen. Nun, Sandie rief uns an. »Was ist das für ein Ding da auf dem Felsen?« fragte er. »Auf dem Felsen?« wiederholte mein Großvater. »Ja,« sagte Sandie, »auf dem grünen Abhang.«

»Was für ein Ding meinst du?« fragte Großvater. »Auf dem Felsen können nur Schafe sein.«

»’S sieht ganz wie ein Mensch aus«, meinte Sandie, der der Insel näher war als wir. »Ein Mensch«, wiederholten wir, und die Sache gefiel uns allen nicht. Denn nirgendwo war ein Boot zu sehen, um einen Menschen dorthin zu bringen, und der Schlüssel des Gefängnisses hing immer noch daheim am Kopfende von meines Vaters Wandbett. Wir blieben dicht beisammen, um nicht allein zu sein, und krochen langsam näher. Großvater hatte ein Glas, denn er war ein Seemann und Kapitän eines Fischerboots gewesen, ehe er das Schiff auf den Sandbänken des Tay verloren hatte. Und als wir durch das Glas schauten, sahen wir tatsächlich einen Mann. Da stand er in einer grünen Hügelfalte, dicht unterhalb der Kapelle, ganz mutterseelenallein, und hüpfte und sprang und tanzte herum wie so ’n tolles Frauenzimmer bei ’ner Hochzeit. »Es ist Tod«, sagte Großvater und reichte das Glas Sandie. »Ja, er ist’s«, sagte Sandie. »Oder jemand anders in seiner Gestalt«, meinte der Großvater. »Das ist ungefähr dasselbe«, entgegnete Sandie. »Ob Teufel oder Hexenmeister, ich will ihm mal ’ne Probe aus meiner Büchse zu kosten geben«, sagte er und zog eine Vogelflinte heraus, die er immer bei sich hatte, denn Sandie war als Schütze in der ganzen Gegend berühmt. »Halt ein, Sandie,« warnte der Großvater, »wir müssen erst klarer sehen, sonst kann es uns beiden teuer zu stehen kommen.« »Unsinn!« meinte Sandie. »Das ist wahrhaftig die Strafe des Herrn, Himmelherrgottnocheinmal!« »Kann sein, kann aber auch nicht sein«, sagte mein Großvater, – Gott hab ihn selig! – »Hüte dich vor dem Staatsanwalt; ich denke, ’s war‘ nicht das erstemal, daß du ihm in die Quere liefest.« Das war nur allzu wahr. Sandie schien ein bißchen abgekühlt. »Na, schön, Edie,« sagte er, »was schlägst du vor, zu tun?« »Nur das eine«, sagte mein Großvater. »Ich habe das schnellere Boot und fahre zurück nach North Berwick, und du bleibst hier und behältst das Ding da im Auge. Kann ich Lapraik nicht finden, dann bin ich gleich wieder da, und wir beide wollen mit ihm eins schwatzen. Wenn aber Lapraik zu Hause ist, dann zieh ich die Flagge im Hafen hoch, und dann kannst du das Ding dort mit deiner Büchse traktieren.« Na, so wurde es zwischen ihnen ausgemacht. Ich war nur ein Bub und kletterte in Sandies Boot, von wo es, wie ich meinte, das meiste zu sehen gäbe. Mein Großvater reichte Sandie ein silbernes Sixpencestück, daß er ’s mit den Bleikugeln abschösse, da es gegen Teufelsspuk viel wirksamer ist. Und dann machte sich das eine Boot auf den Weg nach North Berwick, während das andere das unselige Ding dort auf dem Hügel bewachte. Die ganze Zeit, während wir da lagen, hüpfte und wirbelte das Geschöpf herum wie ein Kreisel, und wir konnten die Schreie hören, die es im Tanzen ausstieß. Ich habe Dirnen, tolle, wilde Frauenzimmer, eine ganze Winternacht durchtanzen sehen und erlebt, daß sie bei Morgengrauen immer noch tanzten. Aber dann waren Leute da, um ihnen Gesellschaft zu leisten und Burschen, die sie antrieben, und das hier war ganz allein. Und sonsten ist ein Fiedler da, der in der Ofenecke den Ellbogen tanzen läßt, während dieses Wesen als Musik nur die Schreie der Lummen hatte. Und die Dirnen waren junge Dinger, denen das rote Blut in den Adern brannte und sang, aber das hier war ein dicker, plumper, feister Mann, hoch in den Jahren. Sagt, was Ihr wollt, ich muß aussprechen, was meine Meinung ist. Freude war’s, die in des Unwesens Herzen lebte: die Freude der Hölle vielleicht; aber doch Freude. Wie oft hab ich mich gefragt, weshalb Hexen und Zauberer ihre Seelen (als da sind ihr kostbarstes Gut) verkaufen und alte, gebrechliche, runzlige Weiber oder greise, bresthafte, saft- und kraftlose Männer bleiben, und jedesmal mußte ich dabei an Tod Lapraik denken, der ganz allein in dem Jubel seines schwarzen Herzens die Stunden vertanzte. Ohne Zweifel, sie müssen dafür in der tiefsten Hölle braten, aber hier oben freuen sie sich ihres Lebens – solange es dauert – Gott verzeih mir’s! Na, endlich sehen wir die winzige Flagge draußen auf den Felsen im Hafen am Maste hochgehen. Auf das hatte Sandie gewartet. Im Handumdrehen hatte er die Flinte heraus, zielte sehr sorgfältig und drückte ab. Der Schuß krachte, und von der Insel kam ein jämmerlicher Schrei. Und wir saßen da und rieben uns die Augen und starrten uns an wie Menschen, die den Verstand verloren haben. Denn mit dem Krach und dem Schrei war das Ding vom Erdboden verschwunden. Die Sonne schien, und der Wind blies, aber da war der leere Platz, wo das Wunder noch vor einer Sekunde gehüpft und gesprungen war. Den ganzen Rückweg schrie und brüllte ich vor Schreck über diesen Richtspruch des Himmels. Den Erwachsenen ging es auch nicht viel besser; in Sandies Boot kam wenig über unsere Lippen, außer dem Namen Gottes, und als wir die Mole erreichten, war der ganze Landungsplatz schwarz von Menschen, die auf uns warteten. Es scheint, sie hatten Lapraik in einer seiner Ohnmachten gefunden, wie er das Schiffchen führte und vor sich hinlächelte, und hatten einen Burschen geschickt, um die Flagge zu hissen, während sie alle in des Webers Haus blieben. Ihr könnt Euch denken, daß ihnen dabei nicht wohl zumute war, aber manchen von denen, die dort leise beteten (denn keiner hatte Lust, es laut zu tun) und dabei das schreckliche Etwas, das das Schiffchen führte, vor Augen hatten, wurde es ein Mittel zur Bekehrung. Da, plötzlich, sprang Tod mit einem fürchterlichen Schrei von seinem Sitz auf und fiel als blutige Leiche auf das Gewirk. Als die Leiche untersucht wurde, sah man, die Bleikugeln waren von des Zauberers Körper abgeprallt; man fand auch nicht einen Tropfen Blei, aber meines Großvaters silbernes Sixpencestück stak tief in seinem falschen Herzen.« Andie hatte kaum geendet, da ereignete sich ein äußerst törichter Vorfall, der seine Folgen hatte. Neil war, wie gesagt, selbst ein großer Geschichtenerzähler. Später erfuhr ich, er wisse sämtliche Sagen des Hochlandes, und er selbst und auch andere seien nicht wenig stolz darauf. Jetzt erinnerte ihn Andies Geschichte an eine, die er kannte. »Ich haben die Geschichte schon mal gehört«, sagte er »Sie war die Geschichte von Uistean More M’Gillie Phadrig und dem Gavar Vore.« »Den Teufel war es das«, rief Andie. »Es ist die Geschichte meines Vaters (Gott hab ihn selig) und Tod Lapraiks. Das behaupte ich Euch glatt ins Gesicht,« setzte er hinzu, »und haltet in Zukunft Euer loses Hochlandsmaul.« Der Umgang mit Hochländern ist, wie man ersehen wird, und wie auch die Geschichte beweist, für Tiefländer von Rang sehr leicht, für die Plebs aus dem Flachland dagegen fast unmöglich. Es war mir längst aufgefallen, daß Andie mit unseren drei McGregors ständig auf Kriegsfuß lebte, und jetzt kam es tatsächlich zu einem offenen Streit. »Das sind keine Worte nicht zu Shentlemans«, brach Neil los. »Shentlemans!« schrie Andie. »Shentlemans, du hochländischer Ochs! Wenn Gott dir die Gnade schenkte, dich einmal selbst zu sehen, wie andere dich sehen – du kämst herunter von deinem Roß!«

Neil entfuhr eine Art gälischer Fluch; im selben Augenblick blitzte das schwarze Messer in seiner Hand. Zeit zum Denken gab es nicht; ich packte den Hochländer am Bein und hatte ihn hingeworfen und die ausgestreckte Hand mit der Waffe am Boden festgenagelt, ehe ich noch wußte, was ich tat. Seine Kameraden sprangen ihm zu Hilfe, Andie und ich waren ohne Waffen und zwei Mann gegen drei. Wir schienen rettungslos verloren, als Neil in seiner Muttersprache aufschrie und den anderen befahl, abzulassen, worauf er in der demütigsten, hündischsten Art mir seine Unterwerfung anbot und mir sogar sein Messer aushändigte, das ich ihm jedoch nach einer Wiederholung seines Versprechens am nächsten Tage zurückgab. Zwei Dinge gingen aus alledem klar hervor: erstens, daß ich nicht allzu fest auf Andie bauen durfte, der sich, bleich wie der Tod, gegen die Wand gekauert hatte, bis der Handel vorüber war; zweitens, daß ich mich den Hochländern gegenüber, die strenge Weisung haben mußten, mein Leben zu schonen, in einer sehr starken Position befand. Allein obwohl ich nicht viel von Andies Mut zu halten vermochte, konnte ich mich über Mangel an Dankbarkeit nicht beklagen. Er verfolgte mich weniger mit Dankesbezeigungen, als daß seine ganze Stellungnahme zu mir, innerlich wie äußerlich, anders schien, und da er von nun an große Scheu vor seinen Gefährten hatte, waren er und ich mehr denn je aufeinander angewiesen.

  1. Schottisch für Fuchs.