Drittes Kapitel


Die Irrfahrten des Junkers (Aus den Memoiren des Chevalier de Burke)

Ich verließ Ruthven, wie ich kaum zu bemerken brauche, mit weit größerer Genugtuung, als wie ich gekommen war, aber ob ich nun meinen Weg in den Einöden verlor, oder ob meine Kameraden mich verließen: bald fand ich mich allein. Das war eine sehr unangenehme Lage, denn ich habe dies wüste Land und unkultivierte Volk nie begriffen, und der letzte Streich, den uns der Prinz mit seinem Rückzug spielte, hatte uns bei den Irländern noch unbeliebter als zuvor gemacht. Ich dachte über meine schlechten Aussichten nach, als ich einen zweiten Reiter oben auf dem Hügel sah, den ich zuerst für ein Gespenst hielt, da ganz allgemein in der Armee angenommen wurde, er sei in vorderster Front bei Culloden gefallen. Es war der Junker von Ballantrae, Sohn des Lord Durrisdeer, ein junger Edelmann von außergewöhnlicher Tapferkeit und Begabung, der von Natur aus berufen war, bei Hof zu glänzen und soldatische Lorbeeren zu ernten. Unsere Begegnung war um so angenehmer für uns beide, als er einer der wenigen Schotten war, der die Irländer anständig behandelt hatte, und der mir nun sehr große Dienste leisten konnte auf meiner Flucht. Was jedoch unsere Freundschaft im besonderen begründete, war ein Geschehnis, das an sich so romantisch war wie irgendeine Legende über König Arthur.

Es war am zweiten Tage unserer Flucht, nachdem wir eine Nacht im Regen am Abhang eines Berges geschlafen hatten. Wir trafen dort einen Mann aus Appin, Alan Black Steward (oder ein ähnlicher Name, Anm. Mr. Mackellare: Sollte das nicht Alan Breck Steward gewesen sein, später als Mörder von Appin berüchtigt? Der Chevalier nimmt es oft mit den Namen nicht sehr genau. aber ich habe ihn später in Frankreich wiedergesehen), der zufällig desselben Weges kam und auf meinen Kameraden eifersüchtig war. Es wurden grobe Bemerkungen gewechselt, und Steward forderte den Junker auf, abzusteigen und die Sache auszufechten.

»Nun, Mr. Steward«, sagte der Junker, »ich halte es gegenwärtig für besser, ein Rennen mit Ihnen zu veranstalten.« Und bei diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen.

Steward lief hinter uns her, und zwar mehr als eine Meile, was sehr kindisch war, so daß ich lachen mußte, als ich mich schließlich umsah und ihn auf dem Hügel erblickte, wie er die Hand in die Seite stemmte und vom Laufen fast platzte.

»Aber trotz allem«, sagte ich zu meinem Kameraden, »würde ich keinen Menschen hinter mir herlaufen lassen aus einem solchen Grunde, ohne ihm zu Willen zu sein. Es war ein guter Scherz, aber es riecht etwas nach Feigheit.«

Er runzelte die Stirn. »Ich tue genug«, sagte er, »wenn ich mich mit dem unbeliebtesten Mann in Schottland verbinde, das beweist genug Mut.«

»Nun, verteufelt«, sagte ich, »ich könnte Ihnen ohne Fernrohr einen noch unbeliebteren zeigen. Und wenn Sie meine Gesellschaft nicht wünschen, will ich mich mit einem anderen zusammentun.«

»Oberst Burke«, sagte er, »wir wollen nicht streiten, seien Sie sicher, daß ich der ungeduldigste Mann von der Welt bin.«

»Ich bin ebensowenig geduldig wie Sie«, sagte ich, »und jeder soll es wissen.«

»Unter diesen Umständen«, antwortete er und hielt sein Pferd an, »wollen wir nicht weiterziehen. Ich schlage vor, daß wir uns entscheiden: entweder kämpfen wir, und die Sache ist erledigt, oder wir einigen uns dahin, daß wir gegenseitig alles voneinander ertragen wollen.«

»Wie zwei Brüder?« fragte ich.

»Solchen Unsinn habe ich nicht gesagt«, antwortete er. »Ich habe selbst einen Bruder und schätze ihn nicht höher als einen Kohlkopf. Wenn wir aber auf unserer Flucht gemeinsame Sache machen wollen, sollten wir uns wie Wilde benehmen und uns zuschwören, daß keiner den anderen verachten oder verraten wird. Ich bin im Grunde ein verteufelt schlechter Kerl und finde es langweilig, Tugenden vorzuschützen.«

»Oh, ich bin so schlecht wie Sie«, sagte ich, »Francis Burke hat keine Milch in den Adern. Aber was ist? Kämpfen wir oder schließen wir Freundschaft?«

»Nun«, sagte er, »es wird am besten sein, wir werfen eine Münze.«

Dieser Vorschlag war so ritterlich, daß er mich gefangennahm, und so sonderbar das bei zwei hochgeborenen Edelleuten heutzutage erscheinen mag, warfen wir eine halbe Krone hoch wie alte Paladine, um ausfindig zu machen, ob wir uns einander die Gurgel abschneiden oder Freunde sein sollten. Romantischer kann ein Geschehnis kaum sein, und es gehört zu jenen meiner Erinnerungen, aus denen man entnehmen kann, daß die alten Erzählungen Homers und anderer Dichter heute ebensoviel Wahrheit haben wie in Vorzeiten, wenigstens bei adligen und vornehmen Leuten. Die Münze entschied für Frieden, und wir reichten uns die Hände zum Zeichen des Paktes. Und dann erklärte mir mein Kamerad, warum er vor Mr. Steward davongerannt sei, und sein Gedankengang war ohne Zweifel seiner Schlauheit würdig. Der Bericht von seinem Tode, sagte er, sei für ihn ein großer Schutz, und da Mr. Steward ihn erkannt habe, sei er für ihn eine Gefahr. Er habe deshalb das beste Mittel gewählt, um diesen Gentleman zum Schweigen zu veranlassen. »Denn«, fuhr er fort, »Alan Black ist zu eitel, um eine solche Geschichte von sich selbst zu erzählen.«

Gegen Nachmittag gelangten wir zum Ufer jener Bucht, die wir erreichen wollten, und dort lag das Schiff, das soeben vor Anker gegangen war. Es war die »Sainte-Marie-des-Anges«, beheimatet in Havre de Grace. Der Junker gab ein Zeichen, daß man ein Boot herausschicke, und fragte mich, ob ich den Kapitän kenne. Ich erzählte ihm, er sei ein Landsmann von mir, von untadeligem Charakter, aber, wie ich fürchtete, ziemlich furchtsam.

»Das macht nichts«, sagte er, »auf alle Fälle soll er die Wahrheit hören.«

Ich fragte ihn, ob er damit die Schlacht meine, denn wenn der Kapitän erführe, daß unsere Sache erledigt sei, würde er sofort in See stechen.

»Wennschon!« sagte er. »Waffen nützen jetzt nichts mehr.«

»Lieber Mann«, sagte ich, »wer denkt an Waffen? Aber wir müssen doch auf unsere Freunde Rücksicht nehmen! Sie sind uns dicht auf den Fersen, und mit ihnen vielleicht der Prinz selbst, und wenn das Schiff abfährt, werden sehr viele wertvolle Leben in Gefahr kommen.«

»Der Kapitän und seine Mannschaft wollen auch leben, wenn es sich darum handelt«, sagte Ballantrae.

Ich erklärte, das sei fauler Zauber, und ich wünsche nicht, daß der Kapitän die Wahrheit erfahre. Aber dann gab Ballantrae mir eine so witzige Antwort, daß ich um ihretwillen und auch, weil man mir selbst Vorwürfe gemacht hat wegen dieser Sache mit der »Sainte-Marie-des-Anges«, die ganze Unterhaltung wiedergebe, wie sie sich zugetragen hat.

»Frank«, sagte er, »erinnere dich an unseren Pakt. Ich darf nicht widersprechen, wenn du deinen Mund hältst, wozu ich dich sogar hierdurch auffordere, aber nach denselben Bedingungen darfst du nicht widersprechen, wenn ich alles erzähle.«

Ich konnte nicht umhin, über diese Rede zu lachen, obgleich ich ihn nochmals warnte vor den Folgen.

»Der Teufel soll die Folgen holen!« sagte der kühne Bursche, »ich habe immer getan, was ich wollte.«

Es ist bekannt, daß meine Voraussage eintraf. Kaum hatte der Kapitän die Wahrheit erfahren, als er die Taue durchhieb und in See stach. Noch vor Anbruch des Morgens waren wir im großen Kanal.

Das Schiff war sehr alt, und der Kapitän war einer der unfähigsten Leute, obgleich er sehr ehrenhaft und außerdem Ire war. Der Wind blies stürmisch, und die See stand hoch. Den ganzen Tag spürten wir keine Lust zu essen oder zu trinken und gingen etwas besorgt zu Bett, und in der Nacht schlug der Wind plötzlich nach Nordosten um, als ob er uns eine Lektion erteilen wollte, und wurde zum Orkan. Wir wachten auf durch das furchtbare Getöse des Sturmes und das Getrampel der Mannschaft an Deck, so daß ich vermutete, unsere letzte Stunde sei gekommen. Das Grauen in meiner Seele wurde grenzenlos verstärkt durch Ballantrae, der sich über meine Gebete lustig machte. In solchen Stunden erscheint der Mensch, der noch einige Frömmigkeit besitzt, in seinem wahren Licht, und man findet bestätigt, was uns als Kinder gelehrt wurde, daß man sich auf weltlich gesinnte Freunde nicht verlassen kann. Ich wäre meiner Religion unwürdig, wenn ich das nicht besonders bemerkte. Drei Tage lang lagen wir im Dunkel der Kajüte und hatten nur einen Schiffszwieback zu knabbern.

Am vierten Tage flaute der Wind ab, aber das Schiff hatte die Masten verloren und trieb auf hohen Wellenbergen. Der Kapitän hatte keine Ahnung, wohin wir verschlagen waren, er kannte sein Gewerbe sehr schlecht und rief immer nur die Heilige Jungfrau an: sicher sehr lobenswert, aber mit der Seemannskunst hat es wenig zu tun. Allem Anscheine nach war unsere einzige Hoffnung, von einem anderen Schiff gerettet zu werden, und wenn es zufällig ein englisches war, dann gnade Gott dem Junker und mir.

Den fünften und sechsten Tag wurden wir hilflos hin und her geworfen. Am siebenten setzten wir einige Segel, aber das Schiff war sehr schwerfällig, und wir konnten nur ein wenig vor dem Winde segeln. Die ganze Zeit waren wir tatsächlich nach Südwesten getrieben, und während des Sturmes sogar mit unerhörter Gewalt. Der neunte Tag war kalt und dunkel, die See ging turmhoch, und alles deutete auf schlimmstes Wetter.

In dieser Lage waren wir heilfroh, als wir am Horizont ein kleines Schiff sichteten und wahrnahmen, daß es die »Sainte-Marie« ansteuerte. Aber unsere Freude dauerte nicht lange. Denn als es beigedreht und ein Boot ausgesetzt hatte, stellte sich heraus, daß es mit wilden Gesellen bemannt war, die sangen und schrien, während sie zu uns herüberruderten, und laut fluchend mit nackten Dolchen unser Verdeck überschwärmten. Der Anführer war ein furchtbarer Strolch, der sein Gesicht geschwärzt und seinen Schnurrbart gekräuselt hatte. Sein Name war Teach, ein weithin bekannter Pirat. Er trottete über unser Deck, brüllte und schrie, sein Name sei Satan und sein Schiff heiße die Hölle. Er sah ungefähr aus wie ein bösartiges Kind oder wie ein Halbidiot, so daß er mich über alle Maßen anwiderte. Ich flüsterte Ballantrae ins Ohr, daß es das klügste sei, wenn wir uns ihm zur Verfügung stellten, und flehte zu Gott, daß man uns gebrauchen könnte. Ballantrae stimmte mir kopfnickend zu.

»Verflucht«, sagte ich zu Meister Teach, »wenn Sie der Satan sind, bin ich ein Teufel für Sie.«

Das Wort gefiel ihm, und, um nicht lange bei diesen üblen Dingen zu verweilen, Ballantrae und ich sowie zwei andere Leute wurden sofort angeworben, während der Kapitän und die ganze andere Mannschaft ins Meer geworfen wurden, indem man sie über eine Planke laufen ließ. Ich sah das zum ersten Male, und mein Herz erstarrte in der Brust. Meister Teach oder einer seiner Spießgesellen (denn mein Kopf war zu verwirrt, um klare Gedanken zu haben) machte über die Blässe meines Gesichts eine sehr verdächtige Bemerkung. Ich hatte die Geistesgegenwart, ein oder zwei Tanzschritte zu machen und irgendeine Zote herauszuschreien, was mich rettete, aber meine Beine waren wie Wasser, als ich mit diesen Kreaturen ins Boot steigen mußte, und um mein Entsetzen über die Fahrtgenossen und meine Angst vor den ungeheuren Wellen zu verbergen, konnte ich nur irisch fluchen und ein paar Witze reißen, als wir an Bord gebracht wurden. Gott fügte es in seiner Gnade, daß auf dem Piratenschiff eine Geige war, die ich sofort an mich riß, und da ich ein guter Fiedler bin, hatte ich das himmlische Glück, in ihren Augen Gefallen zu finden. Sie gaben mir den Spitznamen »Fiedelfritze«, aber das war mir gleichgültig, solange meine Haut heil blieb.

Was für ein Tollhaus das Schiff war, kann ich nicht beschreiben, aber es wurde von einem Irrsinnigen befehligt, und man konnte es eine Verrücktenanstalt nennen. Man trank, brüllte, sang, stritt und tanzte den ganzen Tag, keiner war nüchtern, und es gab Tage, an denen uns ein aufkommender Sturm in die Tiefe versenkt hätte. Wäre ein Kriegsschiff gekommen, so hätten wir an Verteidigung nicht denken können. Einige Male sichteten wir ein Segelschiff und raubten es aus – Gott vergebe uns! – wenn wir nüchtern genug waren. Es entkam nur, wenn wir alle zu betrunken waren, und ich flehte stets zu allen Heiligen. Teach herrschte durch den Schrecken, den er verursachte, wenn man das Herrschen nennen konnte, was keine Ordnung schuf. Ich stellte fest, daß der Mann sehr eitel war auf seine Stellung. Ich habe Marschälle von Frankreich und sogar schottische Hochländerhäuptlinge kennengelernt, die sich weniger offensichtlich aufblähten, was ein sonderbares Licht wirft auf die Bedeutung von Ehre und Ruhm. Je länger wir leben, desto mehr begreifen wir in der Tat die Weisheit des Aristoteles und anderer alter Philosophen, und obgleich ich während meines ganzen Lebens immer nach rechtmäßigen Auszeichnungen strebte, kann ich die Hand aufs Herz legen und am Ende meiner Karriere erklären, daß keine Ehre, ja, daß das Leben selbst nicht wert ist, erstrebt und erhalten zu werden, wenn man dafür mit seiner Würde bezahlen muß.

Es dauerte lange, bevor ich mit Ballantrae vertraulich sprechen konnte, aber schließlich krochen wir eines Nachts auf den Bugspriet, als die andern sich vergnügten, und jammerten über unsere Lage.

»Niemand kann uns retten als die Heiligen«, sagte ich.

»Ich bin ganz anderer Ansicht«, antwortete Ballantrae, »denn ich werde mich selber retten. Dieser Teach ist eine höchst jämmerliche Kreatur, wir erlangen keinen Vorteil durch ihn und laufen immer Gefahr, gefangengenommen zu werden. Aber ich«, sagte er, »habe nicht die Absicht, um nichts ein lumpiger Pirat zu bleiben oder in Ketten zu geraten, wenn ich es vermeiden kann.« Dann erzählte er mir, daß er die Absicht habe, die Disziplin auf dem Schiff zu verbessern, was uns in unserer gegenwärtigen Lage helfen werde und uns größere Hoffnung auf Befreiung gebe für den Zeitpunkt, wo diese Leute genug zusammengeraubt hätten und auseinander gehen wollten.

Ich bekannte offen, daß meine Nerven durch die entsetzliche Umgebung ganz zerrüttet seien, und daß er kaum auf mich rechnen könne.

»Ich lasse mich nicht sehr leicht erschrecken«, antwortete er, »und bin nicht leicht zu schlagen.«

Einige Tage später ereignete sich etwas, was uns alle nahezu an den Galgen gebracht hätte und die Narretei deutlich macht, die unter uns herrschte. Wir waren alle ziemlich betrunken, als einer der Irrsinnigen ein Segelschiff erblickte. Teach machte sich sofort an die Verfolgung, ohne näher hinzublicken, und wir rasselten mit den Waffen und rühmten uns der Schreckenstaten, die bald folgen sollten. Ich beobachtete, wie Ballantrae am Bug stand und die Hand vor Augen hielt, um hinauszuschauen, aber ich selbst, treu meinem Gehabe inmitten dieser Wilden, benahm mich mit am tollsten und riß irische Witze, um sie zu erheitern.

»Die Flagge hoch!« schrie Teach, »zeigt diesen Gaunern den lustigen Wimpel von Irland!«

Das war die tolle Verrücktheit eines Trunkenboldes in solchem Augenblick und konnte uns eine wertvolle Beute rauben, aber ich hielt es nicht für meine Pflicht, nachzudenken und riß mit eigener Hand die schwarze Flagge hoch.

Ballantrae kam plötzlich nach hinten, ein Lächeln auf dem Gesicht.

»Du weißt vielleicht nicht, daß du ein Kriegsschiff verfolgst, du betrunkener Hund!« sagte er.

Teach brüllte ihn an, er lüge, aber rannte doch sofort zur Reling, und alle folgten ihm. Nie habe ich so viele Menschen plötzlich nüchtern werden sehen. Der Kreuzer hatte beigedreht, als er unsere unverschämte Herausforderung wahrnahm, und war gerade dabei, einen neuen Kurs zu steuern. Seine Flagge flog im Winde, und als wir eben hinüberstarrten, erhob sich eine Rauchwolke, dann folgte ein Krachen, und ein Schuß sauste in die Wogen ziemlich weit vor uns. Einige stürzten zu den Segeltauen und rissen die »Sarah« mit unglaublicher Schnelligkeit herum. Einer der Burschen griff nach dem Rumfaß, das angezapft auf Deck stand, und rollte es sofort über Bord. Ich selbst sprang zur Flagge, riß sie herunter und schleuderte sie ins Meer. Ich hätte mich selbst hinterher stürzen können, so zornig war ich über unsere Torheit. Teach wurde bleich wie der Tod und ging unverzüglich in seine Kajüte. Nur zweimal kam er an diesem Nachmittag wieder an Deck, ging zum Heck, warf einen langen Blick auf das Kriegsschiff, das uns immer noch verfolgte, und stieg wieder in die Kajüte, ohne ein Wort zu sprechen. Man darf behaupten, daß er uns im Stich ließ, und wenn wir nicht einen sehr begabten Seemann an Bord gehabt hätten und der Wind nicht so günstig gewesen wäre, wären wir ohne Zweifel dem Arm der Gerechtigkeit nicht entgangen.

Es war zu vermuten, daß Teach sich gedemütigt fühlte und um seine Stellung bangte. Jedenfalls ist die Art, wie er seine Einbuße wieder aufholen wollte, sehr bezeichnend für den Mann. Am nächsten Tage in aller Frühe rochen wir, wie er in seiner Kajüte Schwefel verbrannte und ausrief: »Hölle, Hölle!«, was die Mannschaft sofort verstand und ihre Herzen beklommen machte. Bald darauf kam er an Deck, wie ein Harlekin anzuschauen, das Gesicht geschwärzt, Haar und Schnurrbart gekräuselt, den Gurt voller Pistolen. Er kaute auf kleinen Glassplittern, so daß das Blut über sein Kinn lief, und schwang einen Dolch. Ich weiß nicht, ob er diese Methode von den Indianern in Amerika gelernt hatte, woher er stammte, aber er benahm sich immer so, wenn er Schreckenstaten ankündigen wollte. Der erste, der ihm zu nahe kam, war der Bursche, der tags zuvor das Rumfaß über Bord gerollt hatte. Er jagte ihm den Dolch ins Herz und fluchte, er sei ein Meuterer, und dann hüpfte er um den Leichnam herum, tobte und brüllte und forderte uns auf, heranzukommen. Ein höchst lächerliches Benehmen und doch gefährlich, denn der feige Kerl machte sich offenbar Mut zu einem zweiten Mord.

Plötzlich ging Ballantrae auf ihn zu. »Laßt diesen Unfug!« sagte er. »wollt Ihr uns bange machen mit solchen Verrücktheiten? Gestern wart Ihr nicht zu sehen, als wir Euch brauchten, und wir sind gut ohne Euch ausgekommen, das laßt Euch gesagt sein.«

Eine Bewegung und ein Murmeln der Freude und Aufregung ging durch die Mannschaft, und ich glaube, beides war gleich stark. Teach stieß ein indianerhaftes Geheul aus und schwang seinen Dolch, um ihn zu schleudern, eine Kunst, in der er wie viele Seeleute sehr erfahren war.

»Schlagt ihm das Ding aus der Hand!« rief Ballantrae so plötzlich und scharf, daß mein Arm ihm gehorchte, bevor mein Verstand alles begriffen hatte.

Teach stand da wie ein Idiot und dachte nicht an seine Pistolen.

»Geht in Eure Kajüte!« rief Ballantrae, »und kommt nicht wieder an Deck, bevor Ihr nüchtern seid. Glaubt Ihr, daß wir um Euretwillen hängen wollen, Ihr dreckiger, verrückter, trunkener Halunke und Schlächter? Hinunter!« Und er stampfte so heftig mit dem Fuß auf, daß Teach fast im Laufschritt zu seiner Kabine eilte.

»Und nun, Kameraden«, sagte Ballantrae, »ein Wort für euch. Ich weiß nicht, ob ihr nur aus Vergnügen Glücksritter seid, aber ich bin es nicht. Ich will Geld machen und dann an Land gehen und es als Mensch ausgeben. Zu einem bin ich entschlossen: ich will nicht gehängt werden, wenn ich es vermeiden kann. Kommt, helft mir, ich bin ja nur ein Anfänger. Ist denn keine Möglichkeit, etwas Disziplin und Vernunft in dies Unternehmen zu bringen?«

Einer der Leute begann zu reden, er sagte, sie müßten von Rechts wegen einen Quartiermeister haben, und kaum war das Wort aus seinem Munde, als sie alle derselben Meinung waren. Durch Zuruf wurde Ballantrae zum Quartiermeister gewählt, der Rum wurde ihm anvertraut, man stimmte ab über Gesetze, ähnlich denen auf einem Piratenschiff, das von einem gewissen Roberts geführt wurde, und schließlich wurde der Vorschlag gemacht, Teach abzusetzen. Aber Ballantrae fürchtete sich vor einem fähigeren Kapitän, der ihm die Waage halten könnte, und widersprach sehr energisch. Teach, sagte er, sei gut genug, um Schiffe zu entern und mit geschwärztem Gesicht und Flüchen Trottel zu erschrecken. Wir würden kaum einen besseren Mann für diese Zwecke finden als Teach, und außerdem sei er jetzt mißachtet und so gut wie abgesetzt, so daß wir seinen Anteil am Raub vermindern könnten. Das gab den Ausschlag, der Anteil von Teach wurde auf eine lächerliche Summe herabgedrückt, so daß er tatsächlich kleiner war als der meine, und es blieben nur noch zwei Punkte zu erledigen: erstens, ob er sich damit einverstanden erklären würde, und zweitens, wer ihm die Beschlüsse mitteilen sollte.

»Macht euch keine Sorge«, sagte Ballantrae, »ich werde es tun.«

Er ging zur Kajüte und trat dem betrunkenen Raufbold ganz allein entgegen.

»Das ist der richtige Mann für uns!« rief einer von den Leuten. »Drei Hurras für den Quartiermeister!« Sie wurden kräftig ausgebracht, meine eigene Stimme war die lauteste, und ich glaube, daß diese Hochrufe einen tiefen Eindruck machten auf Teach in seiner Kabine, wie wir denn in unseren Tagen ja gesehen haben, daß lautes Schreien auf den Straßen selbst die Gemüter von Gesetzgebern beunruhigen kann.

Was sich wirklich zutrug, wurde niemals bekannt, obgleich einige der Hauptpunkte später ruchbar wurden. Wir waren alle sehr aufgeregt und gleichzeitig auch sehr beruhigt, als Ballantrae mit Teach am Arm auf Deck erschien und verkündete, alles sei erledigt.

Ich überfliege rasch jene zwölf oder fünfzehn Monate, die wir noch im nördlichen Atlantik auf See blieben, indem wir Nahrung und Wasser von den Schiffen nahmen, die wir beraubten. Alles in allem machten wir sehr gute Geschäfte. Niemand wird gern so unerfreuliche Dinge lesen wie die Memoiren eines Piraten, und sei es auch eines unfreiwilligen wie ich. Unsere Pläne verwirklichten sich unendlich viel besser als früher, und Ballantrae behauptete seine Führerkraft von diesem Tage an zu meiner Verwunderung. Ich hatte gedacht, daß ein Gentleman überall an der Spitze stehen müsse, selbst an Bord eines Raubschiffes, aber von Geburt aus bin ich ebensoviel wie jeder andere schottische Lord und schäme mich nicht zu bekennen, daß ich bis zum Schluß der Fiedelfritze blieb und nicht viel mehr als ein Spaßmacher für die Besatzung war. Es war keine Umgebung, meine Tugenden ans Licht zu bringen. Meine Gesundheit litt aus den verschiedensten Ursachen, ich bin im Sattel durchaus mehr zu Hause als an Bord eines Schiffes, und um ehrlich zu sein, die Angst vor dem Meere lastete immerfort auf meiner Seele und war nur zu vergleichen mit der Furcht vor meinen Kameraden. Ich brauche mich meines Mutes nicht laut zu rühmen, ich habe mich auf vielen Schlachtfeldern unter den Augen berühmter Generale bewährt und meine letzte Auszeichnung durch eine Tat größter Tapferkeit vor vielen Zeugen gewonnen. Aber wenn wir ein fremdes Schiff entern mußten, fiel das Herz Francis Burkes in die Schuhe. Die kleine Nußschale, auf der wir fuhren, das entsetzliche Auftürmen der hohen Wogen, die Steilheit des Schiffes, das wir erklettern mußten, der Gedanke an große Besatzungen, die sich mit Recht verteidigten, der finstere Himmel, der in jenen Gegenden so oft dunkel auf unsere Abenteuer herunterblickte, und das Stöhnen des Windes in meinen Ohren: alles das waren Eindrücke, die meiner Tapferkeit zuwiderliefen. Außerdem, da ich immer ein Geschöpf von höchster Empfindsamkeit war, regten mich die Szenen, die einem erfolgreichen Angriff folgten, ebensosehr auf wie eine etwaige Niederlage. Zweimal fanden wir Frauen an Bord vor, und obgleich ich ganze Städte niederbrennen sah und noch kürzlich in Frankreich furchtbare öffentliche Tumulte miterlebte, hatten diese Piratenstücke wegen der geringen Anzahl der Kämpfenden inmitten der Meereswüste etwas höchst Aufregendes an sich. Ich gestehe offen, daß ich nicht mitmachen konnte, wenn ich nicht dreiviertel betrunken war, und der Mannschaft ging es ebenso. Teach selbst war unbrauchbar, bis er voll Rum war, und es war eine der schwierigsten Aufgaben Ballantraes, uns unser genaues Maß von Alkohol zu verabreichen. Selbst das tat er bewunderungswert; er war alles in allem der fähigste Mensch und der von der Natur begabteste, den ich je angetroffen habe. Er riß sich nicht einmal um die Gunst der Mannschaft, wie ich es durch fortwährenden Ulk wegen meiner Herzensangst tat, sondern bewahrte unter den meisten Umständen viel Würde und Distanz, so daß er wie ein Vater unter einer Familie von unerwachsenen Kindern oder wie ein Schulmeister unter seinen Zöglingen erschien. Seine Aufgaben waren um so schwerer zu erfüllen, als die Leute eingefleischte Nörgler waren; so gelinde Ballantraes Zucht war, widerstand sie doch ihrer Freiheitsliebe, und was noch schlimmer war: wenn sie nüchtern waren, hatten sie Zeit nachzudenken. Einige verfielen deshalb darauf, ihre verabscheuungswürdigen Verbrechen zu bereuen, und besonders einer, ein guter Katholik, mit dem ich mich manchmal beiseitestahl, um zu beten, vorzugsweise bei schlechtem Wetter, Nebel und strömendem Regen, wenn man uns weniger scharf beobachtete. Ich bin sicher, daß nie zwei Verbrecher im Zuchthaus ihre Andacht mit ernsterer Aufrichtigkeit verrichteten. Die anderen, die solche Hoffnungen nicht hegten, verfielen auf einen anderen Zeitvertreib, sie begannen die Beute nachzurechnen. Den ganzen Tag lang konnten sie ihre Anteile zählen und sich über das Resultat entrüsten. Ich habe gesagt, daß wir ziemlich gute Erfolge hatten, aber man bemerkt immer wieder, daß auf dieser Erde die Gewinne niemals den Erwartungen entsprechen. Wir fanden viele Schiffe und raubten sie aus, aber wenige nur enthielten viel Geld, ihre Ladung war gewöhnlich für uns wertlos, denn was sollten wir mit Pflügen oder gar mit Tabak machen, und es ist ein sehr qualvoller Gedanke, daß wir viele Besatzungen über das Brett ins Meer sandten, nur um etwas Schiffszwieback oder ein oder zwei Fässer Schnaps zu bekommen.

Inzwischen wurde unser Schiff sehr morsch, und es war hohe Zeit, unseren Zufluchtshafen anzusteuern, der in einer Flußmündung mitten in Sümpfen lag. Es war stillschweigend vereinbart, daß wir alsdann auseinander gehen und jeder seinen Beuteanteil fortschaffen sollte, und das machte jeden habgierig in Kleinigkeiten, so daß der Entschluß von Tag zu Tag hinausgezögert wurde. Schließlich führte ein nichtssagender Umstand, der dem Uneingeweihten lächerlich erscheinen mag, zur Entscheidung. Aber hier muß ich eine Erklärung einfügen. Von allen Schiffen, die wir ausraubten, bot nur eines ernsthaften Widerstand, nämlich das erste, auf dem sich Frauen befanden. Bei dieser Gelegenheit wurden zwei unserer Leute getötet und mehrere verletzt, und wenn Ballantrae nicht so tapfer gewesen wäre, hätte man uns schließlich ohne Zweifel zurückgeschlagen. Überall sonst war die Verteidigung, wenn sie überhaupt aufgenommen wurde, so schwach, daß die schlechtesten europäischen Truppen darüber gelacht hätten. Das Erklimmen der Bordseite war also unsere gefährlichste Aufgabe, und ich habe sogar gesehen, wie die armen Seelen an Bord uns Taue zuwarfen, so eifrig waren sie bemüht, uns zu helfen, dem Tode des Ertrinkens zu entgehen. Diese ständige Gefahrlosigkeit hatte unsere Leute verweichlicht, so daß ich verstehen konnte, warum Teach einen so tiefen Eindruck auf ihre Gemüter machte, denn die Anwesenheit dieses Irrsinnigen war unsere größte Lebensgefahr. Das Ereignis, das ich erwähnen will, war folgendes: Wir hatten ein kleines Vollschiff nahe vor uns im Nebel gesichtet. Es segelte ebenso gut wie wir oder, um der Wahrheit näher zu kommen, ebenso schlecht, und wir machten ein Wurfgeschoß klar, um den Leuten ein paar Speere um die Ohren sausen zu lassen. Die See ging außerordentlich hoch, das Schiff schaukelte über alle Maßen, und es war nicht zu verwundern, daß unsere Schützen dreimal feuerten und immer noch weit vom Ziele landeten. Aber in der Zwischenzeit hatte das Segelschiff eine Kanone am Heck klargemacht, was durch den dichten Nebel verborgen blieb, und da sie besser schossen, traf die erste Kugel unsern Bugspriet und zerfetzte unsere Kanoniere zu Brei, so daß wir alle mit Blut bespritzt wurden. Der Schuß drang durch das Deck ins Vorderschiff, wo unsere Schlafstätten waren. Ballantrae hätte ausgehalten, und kein echter Soldat hätte sich durch den Gegenangriff abschrecken lassen. Aber der Junker hatte die Wünsche unserer Mannschaft rasch erkannt, und es war klar, daß dieser glückliche Schuß sie ihres Gewerbes überdrüssig machte. Alle waren plötzlich einer Meinung, das andere Schiff zog von uns fort, die Verfolgung war zwecklos, die »Sarah« war zu morsch, um auch nur eine leere Flasche einzuholen, und es wäre höchste Torheit gewesen, mit ihr auf hoher See zu bleiben. Aus diesen Gründen, die vorgeschützt wurden, machten wir sofort kehrt und nahmen Kurs auf den Fluß zu. Es war eigenartig zu sehen, welche Fröhlichkeit unter der Mannschaft ausbrach und wie sie das Deck stampften vor Freude, wobei jeder sich ausrechnete, welchen Beutezuwachs er durch den Tod der beiden Kanoniere erhalten habe.

Die Reise zum Hafen dauerte neun Tage, so schwach war der Wind und so morsch der Schiffsrumpf, aber in der Frühe des zehnten Tages passierten wir die Landzunge im Nebel, der sich langsam hob. Etwas später senkte er sich wieder, wobei wir einen Kreuzer ziemlich nahebei erblickten. Das war ein unangenehmer Schlag, der uns so dicht vor unserem Zufluchtsort traf. Es erhob sich eine lebhafte Debatte, ob er uns gesichtet habe, und ob er, wenn das der Fall wäre, die »Sarah« erkannt hätte. Wir waren vorsichtig genug, alle Leute zu töten von den Schiffen, die wir ausgeraubt hatten, um keine Augenzeugen zu hinterlassen, die uns wiedererkennen konnten, aber das Erscheinen der »Sarah« selbst konnten wir nicht verheimlichen. Obendrein hatten wir in der letzten Zeit, seit sie morsch geworden war, manches Schiff erfolglos verfolgt, und öfter war eine Beschreibung unseres Fahrzeuges veröffentlicht worden. Ich vermutete deshalb, daß dies Zusammentreffen Veranlassung sein würde, uns sofort voneinander zu trennen, aber auch hier überraschte mich wieder die natürliche Begabung Ballantraes. Er und Teach – und das war einer seiner größten Erfolge – hatten Hand in Hand gearbeitet seit dem Tage seiner Ernennung zum Quartiermeister. Ich befragte ihn oft über diese Tatsache, konnte aber nie eine Antwort erhalten außer einmal, als er mir erzählte, er und Teach hätten eine Vereinbarung getroffen, »die die Mannschaft sehr überraschen würde, wenn sie davon hören sollte, und ihn selbst werde es am meisten überraschen, wenn sie zur Ausführung gelangte«. Kurz, auch hier waren Teach und er einer Meinung, und durch ihre gemeinsamen Bemühungen geriet die ganze Mannschaft in einen Zustand unbeschreiblicher Betrunkenheit, als der Anker eben ausgeworfen war. Gegen Nachmittag befanden sich auf unserem Schiff nur noch Verrückte, die Sachen über Bord warfen, hundert Lieder zu gleicher Zeit hinausbrüllten und sich stritten und kämpften, um sofort ihre Zwistigkeiten wieder zu vergessen und sich zu umarmen. Ballantrae hatte mich aufgefordert, nichts zu trinken und Betrunkenheit vorzutäuschen, wenn mir mein Leben lieb sei. Ich habe nie einen langweiligeren Tag erlebt, ich lag die meiste Zeit auf dem Vorderdeck und betrachtete die Sümpfe und das Dickicht, von denen unsere kleine Bucht überall umgeben war, so weit das Auge reichte. Kaum war es dunkel geworden, als Ballantrae dicht an mich heranstolperte, so tat, als ob er fiele, trunken auflachte und mir, bevor er wieder auf die Beine kam, zuflüsterte, ich solle in die Kajüte hinunterschwanken und mich zum Scheine auf einem Kasten schlafen legen, bald werde man mich brauchen. Ich tat, wie mir befohlen war, und als ich in die Kajüte kam, wo es stockfinster war, ließ ich mich auf den ersten besten Kasten niederfallen. Dort war bereits ein Mann, und die Art, wie er mich anpackte und fortstieß, ließ mich vermuten, daß er nicht viel Alkohol genossen habe, aber als ich einen anderen Platz gefunden hatte, schien er wieder einzuschlafen. Mein Herz schlug heftig, denn ich sah voraus, daß irgendeine Verzweiflungstat in Vorbereitung war. Bald darauf kam Ballantrae herunter, machte Licht, blickte sich um, nickte, als ob er zufrieden sei, und ging, ohne ein Wort zu sagen, wieder an Deck.

Ich sah durch meine Finger hindurch zwei Leute schlafen oder so tun, als ob sie schliefen: außer mir einen gewissen Dutton und einen Mann namens Grady, beides entschlossene Kerle. Auf Deck hatten die andern inzwischen einen Zustand der Trunkenheit erreicht, der nicht mehr menschlich genannt werden konnte, so daß man die Laute, die sie von sich gaben, anständigerweise nicht beschreiben kann. Ich habe im Laufe meines Lebens manchen Trunkenbold gehört und manche tolle Szene an Bord der »Sarah« mitgemacht, aber alles das war nichts im Vergleich zu dieser Orgie, so daß ich damals schon vermutete, man habe etwas unter den Schnaps gemischt. Es dauerte lange, bevor das Schreien und Heulen zu einer Art jämmerlichen Grunzens abstarb. Schließlich war alles ruhig, und es kam mir sehr lange vor, bis Ballantrae wieder herunterkam, diesmal gefolgt von Teach, der anfing zu fluchen, als er uns drei auf den Kästen schlafen sah.

»Pah!« sagte Ballantrae. »Ihr könnt eine Pistole vor ihren Ohren abfeuern. Ihr wißt, was sie verschluckt haben.«

Im Kajütenboden war eine Luke, unter der der größte Teil der Beute bis zum Tage der Teilung versteckt lag. Sie war mit einem Riemen und drei Schlössern gesichert, deren Schlüssel der größeren Sicherheit wegen verteilt waren; einen besaß Teach, den zweiten Ballantrae und den dritten der Steuermann, ein Mann namens Hammond. Aber ich staunte, als ich alle drei in einer Hand sah, und noch mehr wunderte ich mich – ich sah immer noch durch meine Finger –, als Ballantrae und Teach mehrere Pakete heraufbrachten, alles in allem vier Stück, die sorgfältig verpackt waren und eine Schleife zum Tragen hatten.

»Und nun«, sagte Teach, »wollen wir gehen.«

»Ein Wort«, sagte Ballantrae, »ich habe festgestellt, daß noch ein Mann außer Ihnen einen Schleichweg durch den Sumpf weiß, und es scheint, als ob er kürzer ist als der Ihre.«

Teach schrie, in diesem Falle seien sie verloren.

»Das weiß ich nicht«, sagte Ballantrae. »Ich muß Sie im übrigen noch mit einigen anderen Dingen vertraut machen. Zunächst ist keine Kugel in Ihren Pistolen, die ich, wie Sie sich erinnern werden, heute morgen für uns beide freundlicherweise geladen habe. Zweitens können Sie sich vorstellen, daß ich mich wahrscheinlich nicht mit einem Idioten wie Sie belasten werde, da es einen anderen Menschen gibt, der einen Weg kennt. Drittens gehören diese Herren, die sich nicht länger schlafend zu stellen brauchen, zu meiner Partei. Sie werden Sie ergreifen und an den Mast binden, und wenn Ihre Leute aufwachen, falls das geschehen sollte trotz des Giftes, das wir unter den Schnaps gemischt haben, werden sie Sie ohne Zweifel von Herzen gern ausliefern. Die Sache mit den Schlüsseln werden Sie dann, wie ich annehme, leicht erklären können.«

Teach sprach kein Wort, sondern blickte uns wie ein erschrockenes Kind an, als wir ihn knebelten und banden.

»Nun wissen Sie, Sie Mondkalb«, sagte Ballantrae, »warum wir vier Pakete gemacht haben. Bisher hat man Sie Kapitän Teach genannt, aber ich glaube, jetzt sind Sie eher ein Kapitän Learn.«

Das war unser letztes Wort an Bord der »Sarah«. Wir vier mit unseren vier Paketen ließen uns vorsichtig in ein Boot hinunter, und hinter uns blieb das Schiff schweigend wie ein Grab zurück, abgesehen von dem Stöhnen einiger Betrunkener. Auf dem Wasser lag Nebel bis ungefähr zur Brusthöhe, so daß Dutton, der den Weg kannte, aufstehen mußte, um unsere Ruder zu lenken. Das war der Grund, weshalb die Flucht gelang, denn wir waren gezwungen, langsam zu rudern. Erst eine kurze Strecke waren wir vom Schiff entfernt, als der Morgen zu grauen begann und die Vögel über das Wasser strichen. Plötzlich sackte Dutton auf den Sitz nieder und flüsterte uns zu, um des Himmels willen ruhig zu sein und zu lauschen. Wir hörten deutlich das leise Quietschen von Riemen auf der einen Seite, und dann wieder etwas weiter weg ein ähnliches Geräusch auf der andern Seite. Es wurde uns klar, daß wir gestern früh gesichtet worden waren, die Boote des Kreuzers sollten uns vom Meere abschneiden, und wir lagen hilflos zwischen ihnen. Niemals drohte uns armen Teufeln größere Gefahr, und während wir auf unsere Ruder gebückt lagen, flehten wir zu Gott, der Nebel möge dicht bleiben, und Schweiß tropfte von unseren Stirnen. Bald darauf hörten wir eins der Boote so nahe, daß wir einen Schiffszwieback hätten hinüberwerfen können. »Vorsichtig, Leute«, hörten wir einen Offizier flüstern, und ich fragte mich, ob sie nicht das Hämmern meines Herzens vernehmen könnten.

»Es kommt jetzt nicht auf den Richtweg an«, sagte Ballantrae, »wir müssen irgendwo Deckung finden, laßt uns direkt auf die Ufer der Bucht zuhalten.«

Mit größter Vorsicht ruderten wir weiter, und zwar mit den Händen, so gut es ging. Auf gut Glück steuerten wir durch den Nebel, der unsere einzige Rettung war. Aber der Himmel schützte uns, wir liefen in einem Dickicht auf Grund, krochen mit unserem Schatz an Land, und da wir das Boot nicht verstecken konnten und der Nebel sich bereits lichtete, drückten wir es nieder und ließen es absacken. Kaum waren wir in Deckung, als die Sonne aufging, und im selben Augenblick erscholl in der Mitte der Bucht ein Geschrei von Matrosen, und nun wußten wir, daß die »Sarah« gestürmt wurde. Ich hörte später, daß der Offizier, der sie einnahm, zu großen Ehren gelangte, und die Annäherung wurde tatsächlich klug durchgeführt, obgleich er meines Erachtens wenig Schwierigkeiten hatte, als er einmal an Bord war. Anm. Mr. Mackellars: Dieser Teach von der »Sarah« darf nicht verwechselt werden mit dem berühmten Black-Beard. Die Daten und Taten stimmen keineswegs überein. Möglicherweise hat der zweite Teach sich nicht nur den Namen beigelegt, sondern auch die verrückten Eigenarten des ersteren nachgeahmt. Selbst der Junker von Ballantrae fand ja Bewunderer.

Noch war ich allen Heiligen dankbar für unser glückliches Entkommen, als ich bemerkte, daß uns andere Gefahren bevorstanden. Wir waren hier auf gut Glück in einem großen und drohenden Sumpf gelandet, und es war schwierig, anstrengend und gefährlich, den Richtweg zu erreichen. Dutton war der Ansicht, wir sollten warten, bis das Schiff abgefahren sei, um dann das Boot wieder herauszufischen, denn ein gewisses Zögern sei klüger, als blindlings durch den Morast zu waten. Einer von uns ging deshalb zum Ufer der Bucht zurück, blickte durch das Gestrüpp und sah den Nebel schon ganz verflüchtigt und die englische Flagge auf der »Sarah«, aber kein Anzeichen dafür, daß sie sich in Bewegung setzte. Unsere Lage war sehr ungewiß. Im Sumpf zu verharren war ungesund. Wir waren so gierig gewesen, unsere Schätze in Sicherheit zu bringen, daß wir nur wenig Nahrungsmittel mitführten, und es war höchst wünschenswert, aus dieser Gegend herauszukommen und zu menschlichen Wohnungen zu gelangen, bevor die Nachricht von der Eroberung des Schiffes bekannt wurde. Diesen Befürchtungen entgegen stand nur die eine Gefahr, durch die Sümpfe zu gelangen. Ich glaube, es ist nicht verwunderlich, daß wir uns zum Handeln entschlossen.

Die Sonne brannte schon heiß, als wir uns aufmachten, um den Morast zu durchqueren oder vielmehr an der Hand eines Kompasses den Pfad ausfindig zu machen. Dutton nahm den Kompaß, und abwechselnd trugen wir seinen Anteil an der Beute. Man kann mir glauben, daß er sich scharf umblickte, denn was er uns anvertraute, war ihm so wertvoll wie seine Seele. Das Gestrüpp war dicht wie Buschwerk, der Boden sehr trügerisch, so daß wir oft entsetzlich tief einsanken und Umwege machen mußten. Außerdem war die Hitze erstickend, die Luft sonderbar schwer, und stechende Insekten umschwirrten uns in so dichten Schwärmen, daß jeder von uns wie unter einer Wolke ging. Man hat oft behauptet, daß Edelleute von hoher Geburt Strapazen besser ertragen als Leute aus dem Volke, so daß Offiziere, die neben ihren Mannschaften im Schmutz marschieren müssen, durch ihre Ausdauer die Soldaten beschämen. Das war auch hier leicht festzustellen, denn hier waren Ballantrae und ich, zwei Edelleute vornehmster Herkunft, und andererseits Grady, ein Matrose, ein Mann von nahezu riesenhafter Körperkraft. Der Fall Duttons kommt hier nicht in Frage, denn ich muß gestehen, daß er sich ebenso tapfer wie einer von uns benahm. Anm. Mr. Mackellars: Und erklärt sich dies nicht vollkommen dadurch, daß dieser Dutton genau wie die Offiziere den Anreiz einer gewissen Verantwortlichkeit empfand?

Was Grady betrifft, so begann er bald sein Geschick zu beklagen. Er fiel zurück, weigerte sich, Duttons Paket zu tragen, wenn die Reihe an ihm war, verlangte ständig Rum, wovon wir nur wenig besaßen, und bedrohte uns schließlich sogar von hinten mit gespannter Pistole, wenn wir ihm nicht gestatteten, auszuruhen. Ballantrae wollte es ausfechten, wie ich glaube, aber ich bewog ihn zu einer anderen Maßnahme, und so machten wir halt und aßen etwas. Grady schien sich nur wenig zu erholen und stürzte schließlich aus Unachtsamkeit, und weil er nicht sorgfältig unserer Spur folgte, in ein tiefes Loch, das hauptsächlich mit Wasser gefüllt war. Er schrie ein paarmal grauenhaft auf, und bevor wir ihm zur Hilfe kommen konnten, war er mit seiner Beute versunken.

Sein Schicksal und vor allem seine Schreie erschütterten uns, aber letzten Endes war es doch ein Glückszufall, der zu unserer Rettung beitrug, denn Dutton fühlte sich veranlaßt, einen Baum zu besteigen, von wo er eine Erhöhung des Waldes wahrnehmen konnte, ein Wahrzeichen des Fußweges, das er mir zeigte, da ich ihm nachgeklettert war. Er ging nun etwas sorgloser vorwärts, wie ich annehme, denn bald darauf sahen wir ihn etwas einsinken. Er zog die Füße heraus und sank wieder ein, und so zweimal hintereinander. Dann wandte er uns sein Gesicht zu, das sehr weiß geworden war.

»Helft mir«, sagte er, »ich bin in Gefahr.«

»Das scheint mir nicht so«, sagte Ballantrae und blieb stehen.

Dutton stieß entsetzliche Flüche aus, sank wieder etwas tiefer ein, so daß der Morast ihm fast bis zum Gürtel reichte, und riß eine Pistole heraus. »Helft mir«, schrie er, »oder sterbt und fahrt zur Hölle!«

»Nun«, sagte Ballantrae, »ich scherzte nur. Ich komme.« Er legte sein eigenes und Duttons Paket nieder, das er gerade trug. »Kommen Sie mir nicht nach, bevor ich sehe, daß ich Sie brauche«, sagte er zu mir, und ging allein vorwärts zu dem Platz, wo der Mann steckengeblieben war. Dutton war jetzt still, hielt die Pistole aber noch in der Hand, und die Anzeichen des Grauens konnte man nur mit tiefer Bewegung wahrnehmen.

»Um des Himmels willen«, sagte er, »gebt scharf acht.«

Ballantrae war nun ganz nahe bei ihm. »Haltet Euch ruhig«, sagte er und schien zu überlegen. Dann fuhr er fort: »Gebt mir beide Hände!«

Dutton legte seine Pistole nieder, und so wäßrig war die Oberfläche des Bodens, daß sie sofort ganz verschwand. Mit einem Fluch bückte er sich, um nach ihr zu greifen, und in diesem Augenblick lehnte Ballantrae sich vor und stieß ihm einen Dolch zwischen die Schultern. Hoch über den Kopf warf er seine Hände, ich weiß nicht, ob aus Schmerz oder um sich zu wehren, und im nächsten Augenblick stürzte er nach vorn in den Morast.

Ballantrae war bereits bis über die Knöchel eingesunken, aber er riß sich heraus und kam zurück zu mir, der ich mit zitternden Knien dastand. »Der Teufel hole Euch, Francis!« sagte er. »Ich glaube, Ihr seid doch ein Hasenfuß. Ich habe nur Gericht gehalten über einen Piraten, und jetzt sind wir alle Verbindungen mit der »Sarah« los! Wer will nun behaupten, daß wir unsere Hände in unredlichen Dingen gehabt haben?«

Ich versicherte ihn, daß er mir Unrecht tue, aber mein Gefühl für Menschlichkeit war durch die grauenhafte Tat so verletzt, daß ich kaum eine Antwort stammeln konnte.

»Kommt«, sagte er, »Ihr müßt entschlossener sein. Wir brauchten diesen Burschen nicht mehr, als er Euch gezeigt hatte, wo der Fußpfad ist, und Ihr könnt nicht leugnen, daß ich ein Tor gewesen wäre, wenn ich eine so günstige Gelegenheit verpaßt hätte.«

Ich konnte in der Tat nicht leugnen, daß er grundsätzlich recht hatte, aber trotzdem konnte ich mich der Tränen kaum erwehren, deren sich kein tapferer Mann zu schämen braucht, und ich mußte erst einen Schluck Rum nehmen, bevor ich weitergehen konnte. Ich wiederhole, daß ich keineswegs beschämt war über mein Mitgefühl, denn Mitleid ehrt den Krieger, und doch konnte ich Ballantrae nicht scharf tadeln. Er hatte wirklich Erfolg, denn wir erreichten den Pfad ohne weitere Zwischenfälle und kamen gegen Sonnenuntergang desselben Abends an den Rand des Sumpfes.

Wir waren zu erschöpft, die Gegend auszukundschaften, legten uns auf den trockenen Sand, der noch warm war von der Tagessonne, dicht bei einem Kiefernwald, und fielen sogleich in Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachten wir sehr früh und begannen sofort verdrießlich eine Unterhaltung, die beinahe mit Schlägen geendet hätte. Wir waren nun in den südlichen Provinzen gestrandet, tausende Meilen entfernt von einer französischen Niederlassung, eine furchtbare Reise und zahllose Gefahren lagen vor uns, und wenn je Freundschaft wertvoll war, so war sie es unter solchen Umständen. Ich kann nur vermuten, daß Ballantrae den Begriff wahrer Höflichkeit verloren hatte, und tatsächlich ist diese Vorstellung durchaus nicht sonderbar, nachdem wir solange mit Seeräubern zusammengelebt hatten. Er behandelte mich so schroff, daß jeder Mann von Ehre ein solches Benehmen zurückweisen mußte. Ich sagte ihm, in welchem Lichte ich sein Betragen sähe. Er entfernte sich etwas, und ich folgte ihm, um ihm Vorhaltungen zu machen, bis er mich mit der Hand zurückhielt.

»Frank«, sagte er, »Ihr wißt, was wir uns geschworen haben, und doch würde kein Eid mich veranlassen können, solche Redensarten hinunterzuschlucken, wenn ich Euch nicht mit aufrichtiger Zuneigung betrachtete. Daran könnt Ihr unmöglich zweifeln, ich habe genug Beweise gegeben. Dutton mußte ich mitnehmen, weil er den Pfad kannte, und Grady, weil Dutton ohne ihn nicht mitkommen wollte. Aber welche Veranlassung lag vor, Euch mitzunehmen? Ihr bedeutet für mich eine ständige Gefahr wegen Eures verfluchten irischen Dialektes. Von Rechts wegen müßtet Ihr jetzt auf dem Kreuzer in Eisen liegen. Und Ihr streitet Euch mit mir herum wegen einiger Lächerlichkeiten!«

Ich empfand diese Rederei als höchst unfein und kann sie bis auf den heutigen Tag nicht in Einklang bringen mit meiner Vorstellung von einem Gentleman, der mein Freund war. Ich warf ihm seinen schottischen Dialekt vor, der zwar nicht sehr ausgeprägt war, aber hinreichte, um unvornehm und gemein zu wirken, wie ich ihm offen sagte. Die Angelegenheit hätte sich noch ausgewirkt, wenn nicht ein höchst beunruhigender Zwischenfall eingetreten wäre.

Wir waren eine Strecke den Sand entlang gegangen. Der Platz, wo wir geschlafen hatten und wo die Pakete geöffnet lagen, das Geld ringsumher verstreut, lag zwischen uns und den Kiefern, und der Fremde muß aus dem Walde herausgetreten sein. Jedenfalls stand er plötzlich da, ein großer, ungeschlachter Geselle dieses Landes, eine breite Axt auf der Schulter, und blickte mit offenem Munde bald auf den Schatz, der zu seinen Füßen lag, bald auf uns, die wir in unserem Streit bereits zu den Waffen gegriffen hatten. Kaum hatten wir ihn bemerkt, als er seine Beine wiederfand und zum Walde zurücklief.

Diese Szene konnte zu unserer Beruhigung nicht beitragen: ein paar bewaffnete Leute in Seemannskleidung, die sich wegen eines Schatzes stritten, nur einige Meilen entfernt von der Stelle, wo man ein Piratenschiff erobert hatte – das mußte genügen, um alle Bewohner des Landes auf uns zu hetzen. Die Streitigkeiten wurden nicht einmal richtig ausgeglichen, sondern waren im Nu in unseren Herzen ausgelöscht. In einer Sekunde rafften wir unsere Pakete zusammen und rannten aus Leibeskräften davon. Aber das Unglück war, daß wir die Richtung nicht kannten und fortwährend wieder umkehren mußten. Ballantrae hatte zwar alles aus Dutton herausgeholt, soweit es möglich war, aber es ist schwierig, nach solchen Angaben zu wandern, und die Flußmündung, die einen großen, unregelmäßigen Hafen einschließt, hemmte unseren Weg auf allen Seiten durch Wasserläufe.

Wir waren nahezu verzweifelt und vom Laufen beinahe erschöpft, als wir von der Höhe einer Düne feststellten, daß wir durch eine weitere Verzweigung der Bucht wieder abgeschnitten waren. Dieser Einschnitt unterschied sich jedoch erheblich von den andern, die uns bisher aufgehalten hatten, er lag zwischen Felsen und fiel jäh ab zu solcher Tiefe, daß ein kleines Schiff, das mit einer Trosse befestigt war, am Ufer liegen konnte. Die Leute hatten ein Brett zur Küste hinübergelegt, wo sie ein Feuer angezündet hatten und beim Mahle saßen. Das Schiff war eins von denen, wie man sie auf den Bermudasinseln baut.

Die Liebe zum Gold und der große Haß, den jeder gegen Piraten hegt, waren zu gefährlich und würden ohne Zweifel das ganze Land auf unsere Spur gesetzt haben. Außerdem war es uns nun klar, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden, die sich wie die Finger einer Hand spaltete, und das Handgelenk, nämlich der Übergang zum eigentlichen Festland, dem wir uns sofort hätten zuwenden sollen, war jetzt wahrscheinlich schon versperrt. Diese Überlegungen trieben uns zu einem kühnen Entschluß. Wir legten uns, solange wir es wagen durften, auf der Höhe der Düne nieder und horchten aufmerksam auf Geräusche von Verfolgern. Als wir auf diese Weise wieder etwas zu Atem gekommen waren und unsere Kleider geordnet hatten, schlenderten wir auf die Leute am Feuer zu und gaben uns den Anschein größter Sorglosigkeit.

Es war ein Händler und seine Negersklaven aus Albany in der Provinz New York, der auf dem Heimwege war von Indien mit seiner Ladung. Seinen Namen habe ich vergessen. Wir hörten erschrocken, daß er aus Furcht vor der »Sarah« hier Zuflucht gesucht hatte. Daß unsere Taten so allgemein bekannt waren, hatten wir nicht gedacht. Kaum hatte der Kapitän vernommen, daß das Schiff gestern gekapert worden sei, als er auf die Füße sprang, uns ein Glas Schnaps reichte zum Dank für die guten Nachrichten und seinen Negern befahl, die Segel zu hissen. Wir selbst gewannen durch den Schluck aus der Flasche mehr Zutrauen und boten uns schließlich als Passagiere an. Er blickte mißtrauisch auf unsere teerigen Kleider und die Pistolen und erwiderte höflich, er könne uns schlecht unterbringen. Auch unsere Bitten und Geldangebote, die wir hoch hinaufschraubten, konnten ihn nicht rühren.

»Ich sehe«, sagte Ballantrae, »daß Ihr schlecht von uns denkt, aber ich will Euch beweisen, wie gut wir von Euch denken, indem ich Euch die Wahrheit sage. Wir sind flüchtige Jakobiten, und auf unsere Köpfe ist ein Preis ausgesetzt.«

Der Mann aus Albany war durch diese Bemerkung offenbar etwas bewegt. Er stellte uns viele Fragen über den schottischen Krieg, die Ballantrae ausführlich beantwortete. Und dann sagte er mit einer Handbewegung ziemlich grob: »Ich denke, ihr und euer Prinz Charlie habt mehr abbekommen, als euch lieb ist.«

»Zum Teufel, ja, das haben wir!« sagte ich. »Und Ihr, verehrter Herr, solltet ein besseres Beispiel geben und uns entsprechend gut behandeln.«

Ich sagte das in der irischen Art, die, wie allgemein zugestanden wird, etwas sehr Verlockendes an sich hat. Es ist bemerkenswert und ein Beweis für die Liebe, die man für unsere Nation hegt, daß ein irisches Wort bei einem anständigen Menschen fast nie seine Wirkung verfehlt. Ich weiß nicht, wie oft ich es erlebt habe, daß ein gemeiner Soldat den Spießruten entging oder ein Bettler reiche Gaben erhielt, weil sie sich der irischen Sprache bedienten. Und als der Mann mir zulachte, war ich sehr beruhigt. Allerdings stellte er auch dann noch viele Bedingungen und nahm uns vor allen Dingen unsere Waffen ab, bevor er uns an Bord gehen ließ. Das war das Zeichen zur Abfahrt, und wenige Augenblicke später fuhren wir bei guter Brise die Bucht hinunter und dankten Gott für unsere Rettung. Ungefähr auf der Höhe der Flußmündung kamen wir an dem Kreuzer vorbei und etwas später an der armen »Sarah« mit der gefesselten Mannschaft, beides Anblicke, die uns zittern machten. Das bermudische Schiff schien ein sehr sicherer Aufenthaltsort zu sein und unsere Kühnheit sich zu lohnen, als wir auf diese Weise an das Schicksal unserer früheren Kameraden erinnert wurden. Alles in allem waren wir allerdings noch keineswegs sicher, wir waren aus der Bratpfanne ins Feuer gehüpft, rannten vom Gefängnis zum Galgen und waren der offenen Feindschaft des Kriegsschiffes entronnen, um der zweifelhaften Ehrbarkeit des Händlers aus Albany ausgeliefert zu sein.

Verschiedene Umstände brachten es jedoch mit sich, daß wir sicherer waren, als wir zu hoffen gewagt hatten. Die Stadt Albany befaßte sich damals viel mit dem Schmuggel zwischen Indianern und Franzosen in den Wüstengebieten. Da dieser Handel im höchsten Grade ungesetzlich war und die Leute andererseits in Berührung brachte mit dem höflichsten Volk der Erde, waren ihre Sympathien geteilt. Sie glichen allen Schmugglern, Spionen und Zwischenhändlern der ganzen Welt und waren beiden Parteien gleich geneigt. Unser Kapitän war außerdem ein sehr ehrenhafter Mensch und sehr habgierig, und nebenbei gefiel ihm unsere Gesellschaft vorzüglich, was unser Glück krönte. Bevor wir die Stadt New York erreicht hatten, hatten wir uns in jeder Beziehung verständigt. Er sollte uns ganz bis Albany führen und uns dort helfen, die Grenze zu überschreiten, um zu den Franzosen zu stoßen. Wir mußten dafür hoch bezahlen, aber Bettler haben keine Wahl, und Verbrecher dürfen sich nicht beklagen.

Wir segelten also den Hudson hinauf, ein sehr stolzer Strom, wie ich ausdrücklich bemerken will, und schlugen unser Quartier in den »Kings Arms« zu Albany auf. Die Stadt war voll von Soldaten aus der Provinz, die Rache brüteten gegen die Franzosen. Der Gouverneur Clinton war selbst anwesend, ein sehr geschäftiger Mann und, soviel ich feststellen konnte, durch die Parteizwistigkeiten des Parlaments nahezu wahnsinnig. Die Indianer auf beiden Seiten waren auf dem Kriegspfad, wir sahen sie in Gruppen Gefangene einbringen, und was viel schlimmer ist, auch männliche und weibliche Skalpe, für die sie nach einem festen Satz bezahlt wurden. Ich brauche nicht zu versichern, daß uns der Anblick nicht sehr ermutigte. Wir konnten kaum zu einem ungeeigneteren Zeitpunkt kommen, um unsere Pläne durchzuführen. Der Aufenthalt in dem ersten Hotel der Stadt richtete alle Blicke furchterregend auf uns, der Kaufmann aus Albany fand tausend Ausflüchte, um die Abreise zu verzögern, und schien sich aus seinen Verpflichtungen lösen zu wollen. Nichts als Gefahr schien uns arme Flüchtlinge zu umgeben, und eine Zeitlang suchten wir unsere Sorgen durch einen sehr unregelmäßigen Lebenswandel zu vergessen.

Aber auch das war uns günstig, und man kann über unsere ganze Flucht nur sagen, daß alle unsere Schritte bis zum Schluß von der Vorsehung gelenkt wurden: welche Demütigung für die Würde des Menschengeschlechts! Meine Philosophie, die außerordentliche Begabung Ballantraes und unsere Tapferkeit, in der wir uns, wie ich zugebe, gleichstanden: alles das mochte unzureichend sein ohne den göttlichen Segen, der unsere Bemühungen begleitete. Und wie richtig ist es, wenn die Kirche uns lehrt, daß die Wahrheiten der Religion letzten Endes auch auf alltägliche Dinge durchaus anwendbar sind. Im Laufe unserer Ausschweifungen machten wir nämlich schließlich die Bekanntschaft eines mutigen jungen Mannes namens Chew. Cr war einer der kühnsten Händler unter den Indianern, wohlvertraut mit den geheimen Pfaden durch die Wildnis, bedürftig, liederlich und, ein weiterer guter Zufall, von seiner Familie ziemlich verachtet. Ihn überredeten wir, uns beizustehen. Er beschaffte heimlich alles, was wir zur Flucht brauchten, und eines Tages machten wir uns stillschweigend fort aus Albany, ohne uns von unserem früheren Freund zu verabschieden, und bestiegen etwas höher hinauf ein Kanu.

Um die Mühseligkeiten und Gefahren dieser Reise richtig zu beschreiben, bedürfte es einer geübteren Feder. Der Leser selbst muß sich die furchtbare Wildnis vorstellen, die wir nun zu durchqueren hatten, mit ihren Dickichten, Sümpfen, steilen Felsen, reißenden Strömen und tosenden Wasserfällen. Inmitten dieser wilden Szenerie mußten wir den ganzen Tag schuften, indem wir bald paddelten, bald unser Kanu auf den Schultern trugen. Nachts schliefen wir bei einem Feuer, umlauert von heulenden Wölfen und anderen wilden Tieren. Unser Plan war, gegen die Strömung des Hudson bis in die Nähe von Crown Point vorzudringen, wo die Franzosen in den Wäldern am Champlain-See einen befestigten Platz hatten. Aber der direkte Weg war zu gefährlich, und wir benutzten deshalb ein solches Labyrinth von Flüssen,, Seen und Stromschnellen, daß mein Gehirn sich verwirrt, wenn ich daran denke. Diese Wege waren gewöhnlich ganz einsam, aber jetzt war das Land in Aufruhr, die Stämme auf dem Kriegspfad, die Wälder voll von Indianerspionen. Immer wieder trafen wir auf solche Gruppen, wenn wir es am wenigsten erwarteten, und eines Tages fanden wir uns, was ich nie vergessen werde, in der Abenddämmerung plötzlich umzingelt von fünf oder sechs dieser bemalten Teufel, die wüste Schreie ausstießen und ihre Beile schwangen. Aber alles verlief friedlich wie unsere sämtlichen Abenteuer, denn Chew war bei den verschiedenen Stämmen gut bekannt und hoch geschätzt. Er war wirklich ein sehr tapferer, anständiger, kluger Mensch, aber selbst in seiner Begleitung waren diese Zusammenkünfte durchaus nicht ungefährlich. Um unsere Freundschaft kundzutun, mußten wir Rum verteilen, wie es denn die eigentliche Aufgabe der Indianerhändler ist, in den Wäldern in irgendeiner Weise eine wandernde Schänke bei sich zu behalten. Hatten die Tapferen ihre Flasche »Scaura«, wie sie den widerlichen Schnaps nennen, einmal erhalten, so konnten wir weiterwandern und unsere Skalpe retten. Waren sie erst etwas betrunken, so war Vernunft und Anstand vergessen, sie hatten nur noch den einen Gedanken, mehr »Scaura« zu bekommen. Es hätte ihnen dann leicht einfallen können, uns zu verfolgen, und wenn sie uns eingeholt hätten, so hätte ich dies Tagebuch nie geschrieben.

Wir waren zum kritischen Punkt unserer Reise gelangt, wo wir sowohl in die Hände der Franzosen als auch in die der Engländer geraten konnten, als uns ein entsetzliches Unglück zustieß. Chew wurde plötzlich krank, zeigte alle Symptome der Vergiftung und verschied nach wenigen Stunden auf dem Boden des Kanus. Wir verloren so zugleich unseren Führer, unseren Dolmetscher, unseren Bootsmann und unseren Paß, was er alles in einer Person war, und sahen uns mit einem Schlage einer verzweifelten Hilflosigkeit gegenüber. Chew, der sehr stolz war auf seine Kenntnisse, hatte uns allerdings oft Unterricht gegeben in der Geographie, und Ballantrae hatte, wie ich glaube, gut zugehört. Aber ich fand solche Belehrungen immer sehr langweilig und wußte nur, daß wir im Lande der Adirondackindianer und nicht sehr weit von unserem Ziel waren, wenn wir nur den Weg ausfindig machen konnten. Die Weisheit meines Benehmens wurde bald offenbar, denn Ballantrae wußte trotz seiner großen Anstrengungen nicht mehr als ich. Er war sich klar, daß wir einen Fluß verfolgen und dann über eine Stromschnelle hinweg einen zweiten hinunterfahren mußten, um schließlich einen dritten wieder hinaufzupaddeln. Man muß aber bedenken, daß in einem so gebirgigen Lande von allen Zeiten zahlreiche Ströme herbeiflossen. Wie kann also ein Mann, der diese Teile der Welt durchaus nicht kennt, den einen vom anderen unterscheiden? Auch war das nicht unsere einzige Sorge. Wir waren noch Anfänger in der Handhabung eines Kanus, die Stromschnellen gingen beinahe über unsere Kraft, so daß wir manchmal eine halbe Stunde stumm in Verzweiflung dasaßen, und das Auftauchen eines einzigen Indianers würde wahrscheinlich unser Verderben bedeutet haben, da wir uns ja nicht mit ihm verständigen konnten. Es ist also wohl zu entschuldigen, daß Ballantrae manchmal ziemlich niedergeschlagen war. Seine Gewohnheit, den anderen, die ebenso tüchtig waren wie er, alle Schuld zuzuschieben, war immer schwerer zu ertragen, und seine Ausdrücke waren nicht leicht zu verzeihen. Er hatte sich an Bord des Piratenschiffes eine Sprache angewöhnt, die zwischen Edelleuten höchst ungewöhnlich ist, und jetzt, wo er gewissermaßen im Fieber war, wurde er um so anmaßender.

Am dritten Tage unserer Wanderung fiel das Kanu, als wir es über eine felsige Stromschnelle trugen, nieder und zerschellte vollständig. Die Stromschnelle lag zwischen zwei Seen, die beide sehr groß waren; der Pfad, soweit von ihm die Rede sein konnte, führte an beiden Enden ins Wasser und war an beiden Leiten von undurchdringlichen Wäldern eingeschlossen. Die Ufer der Seen waren sumpfig und ungangbar, so daß wir nicht nur gezwungen waren, unser Boot und den größten Teil des Proviantes im Stich zu lassen, sondern sofort einen Weg durch undurchdringliches Dickicht bahnen und unsere einzige Richtschnur, den Flußlauf, verlassen mußten. Wir steckten beide unsere Pistolen in den Gürtel, schulterten eine Axt und nahmen unseren Schatz und so viel Vorrat, wie wir schleppen konnten, auf den Rücken. Den Rest unseres Eigentums ließen wir liegen, darunter sogar unsere Schwerter, die uns im Walde sehr behindert hätten, und stürzten uns in dies beklagenswerte Abenteuer. Die Arbeiten des Herkules, die Homer so schön beschreibt, waren lächerlich gegen das, was uns bevorstand. Manche Teile des Waldes waren bis zum Boden vollkommen dicht, so daß wir uns unseren Weg wie Maden im Käse suchen mußten. In anderen Teilen war der Boden tief, sumpfig, und alles Holz vollständig morsch. Einmal sprang ich auf einen großen niedergestürzten Baumstamm und sank bis zu den Knien in faules Holz, und während ich fiel, versuchte ich mich an einem, wie es schien festen Stamm zu halten, aber das ganze Ding sank bei der bloßen Berührung wie ein Blatt Papier in sich zusammen. Wir taumelten, fielen, rutschten auf den Knien, hieben unseren Weg vorwärts, Zweige und Äste schlugen uns beinahe die Augen aus, die Kleider wurden uns vom Leibe gerissen, wir mühten uns den ganzen Tag ab, und es blieb fraglich, ob wir zwei Meilen vorwärts kamen. Was aber schlimmer war: da wir keinen freien Ausblick hatten und ständig durch Hindernisse vom Wege vertrieben wurden, war es unmöglich, auch nur ungefähr eine Ahnung von der Richtung zu haben, in der wir uns bewegten.

Etwas vor Sonnenuntergang warf Ballantrae auf einem freien Platz an einem Fluß, ringsumher von schroffen Bergen umgeben, sein Gepäck nieder. »Ich gehe nicht mehr weiter«, sagte er und forderte mich auf, Feuer zu machen, indem er mich bis aufs Blut kränkte durch Ausdrücke, wie sie sich kaum für einen Kutscher geziemen.

Ich sagte ihm, er möge doch vergessen, daß er einmal ein Seeräuber gewesen sei und sich erinnern, daß er zuvor ein Edelmann war.

»Seid Ihr verrückt?« schrie er. »Widersprecht mir hier nicht!« Und dann schüttelte er die Faust gegen die Berge und rief: »In dieser elenden Wildnis soll ich meine Gebeine lassen! Wollte Gott, ich wäre wie ein Edelmann auf dem Schafott gestorben!« Er sagte das, indem er wie ein Schauspieler schwülstig deklamierte, und dann saß er da, biß auf seine Finger und starrte auf den Boden, ein höchst unchristlicher Anblick.

Mich überkam ein wenig Verachtung vor dem Mann, denn ich sagte mir, daß ein Soldat und ein Edelmann sein Ende philosophischer hinnehmen müsse. Ich gab ihm deshalb keine Antwort, und bald darauf nahte die Nacht so kühl, daß ich froh war, aus eigenem Interesse ein Feuer entzünden zu können. Und doch grenzte diese Handlung weiß Gott an Irrsinn, da der Platz offen lag und das Land von Wilden überrannt war. Ballantrae schien mich nicht mehr zu sehen, aber schließlich, als ich dabei war, etwas Korn zu rösten, blickte er auf.

»Habt Ihr jemals einen Bruder gehabt?« fragte er.

»Dem Himmel sei Dank«, antwortete ich, »nicht weniger als fünf.«

»Ich habe nur den einen«, sagte er mit eigenartiger Stimme, und gleich darauf: »Er soll mich für all dies bezahlen!« Und als ich ihn fragte, was sein Bruder mit unserem Mißgeschick zu tun habe, schrie er: »Wie? Er sitzt an meinem Platz, er trägt meinen Namen, er liebt mein Weib, und ich bin hier allein mit einem verfluchten Irländer in dieser Wüste, daß mir die Zähne klappern! Oh, welch ein elender Tor bin ich gewesen!«

Dieser Ausbruch widersprach so vollkommen der Natur meines Freundes, daß alle gerechte Empfindsamkeit in mir erstarb. Gewiß erscheint ein beleidigender Ausdruck, auch wenn er heftig hervorgestoßen wird, unter so verzweifelten Umständen als äußerst geringfügige Angelegenheit, aber hier machte sich eine sonderbare Sache bemerkbar. Er hatte bisher nur einmal die Dame erwähnt, zu der er in Beziehungen gestanden hatte. Das war damals, als wir in die Nähe von New York kamen und er mir erzählte, daß er jetzt sein eigenes Besitztum sehen könnte, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, denn Miß Graeme verfügte über große Güter in dieser Provinz. Das war ohne Zweifel ein natürlicher Anlaß gewesen, aber jetzt erwähnte er sie ein zweites Mal, und es ist sicher angebracht, zu berichten, daß gerade in diesem Monat, nämlich im November 1747, und ich glaube, gerade an jenem Tage, als wir zwischen diesen wilden Gebirgen saßen, sein Bruder und Miß Graeme heirateten. Ich bin durchaus nicht abergläubisch, aber die Hand der Vorsehung zeigte sich hier zu deutlich, um unbeachtet zu bleiben. Anm. Mr. Mackellars: Ein völliger Irrtum, denn an diesem Tage wurde kein Wort von der Hochzeit erwähnt. Man vergleiche meinen eigenen Bericht.

Der nächste und übernächste Tag wurde unter ähnlichen Anstrengungen verbracht, und Ballantrae entschied oft über die Richtung, indem er eine Münze hochwarf. Als ich diesem kindischen Benehmen einmal widersprach, machte er eine sonderbare Bemerkung, die ich niemals vergessen habe. »Ich weiß keinen besseren Weg«, sagte er, »um meiner Verachtung der menschlichen Vernunft Ausdruck zu verleihen.«

Ich glaube, es war der dritte Tag, als wir den Leichnam eines Christen fanden, der skalpiert und höchst unwürdig verstümmelt war. Er lag in der Lache seines Blutes, und die Vögel der Wildnis schrien um ihn herum wie Fliegenschwärme. Ich vermag nicht zu beschreiben, wie entsetzlich dieser Anblick für uns war, aber er raubte mir alle Kraft und alle Hoffnung dieser Welt. Am gleichen Tage, und nur ein wenig später, stolperten wir durch einen Teil des Waldes, der niedergebrannt worden war, und plötzlich bückte sich Ballantrae, der ein wenig voraus war, hinter einen niedergestürzten Stamm. Auch ich benutzte die Deckung, und wir konnten rundum blicken, ohne selbst gesehen zu werden, und bemerkten im Grunde des nächsten Tales einen großen Kriegszug von Wilden, der unsere Richtung kreuzte. Sie mochten ungefähr ein kleines Bataillon stark sein, alle nackt bis zum Gürtel, geschwärzt mit Fett und Ruß und bemalt mit weißer und roter Farbe, wie es ihre viehische Sitte war. Sie gingen hintereinander wie eine Gänseherde, mit raschen Schritten, so daß sie nach kurzer Zeit vorbeigetrottet und in den Wäldern verschwunden waren. Aber ich glaube, wir erduldeten in diesen wenigen Minuten größere Todesangst der Verzagtheit und Hilflosigkeit, als ein Mensch gewöhnlich während seines ganzen Lebens erleidet. Ob es französische oder englische Indianer waren, ob sie Skalpe oder Gefangene wollten, ob wir uns auf gut Glück zeigen oder ruhig verhalten und unsere herzzerbrechende Mühsal wieder auf uns nehmen sollten: alle diese Fragen hätten, glaube ich, selbst den Verstand eines Aristoteles lebhaft beschäftigt. Ballantrae wandte mir sein Gesicht zu, das ganz in Falten gezogen war, seine Zähne traten aus den Lippen hervor wie bei Leuten, die verhungern – nach Berichten, die ich gelesen habe. Er sprach kein Wort, aber seine ganze Erscheinung war eine Art furchtbarer Frage.

»Vielleicht gehören sie zur Partei der Engländer«, flüsterte ich, »und bedenkt, das beste, was wir dann erhoffen könnten, wäre neue Flucht unter denselben Umständen.«

»Ich weiß – ich weiß«, sagte er, »aber schließlich muß die Entscheidung fallen.« Und er riß plötzlich seine Münze heraus, schüttelte sie mit geschlossenen Händen, sah sie an und legte sich nieder, das Gesicht in den Staub gedrückt.

*

Bemerkung Mr. Mackellars: Hier unterbreche ich die Erzählung des Chevaliers, weil die beiden sich am selben Tage erzürnten und trennten, und der Bericht des Chevaliers über den Streit scheint mir, wie ich bemerken muß, ganz unvereinbar mit der Natur dieser Gegner. Von jetzt ab wanderten sie allein und erlitten außerordentliche Qualen, bis zuerst der eine und dann auch der andere von Truppen des Fort St. Frederick aufgegriffen wurde. Nur zweierlei ist bemerkenswert. Erstens, und das ist das wichtigste für meine Erzählung, vergrub der Junker im Laufe seiner Irrfahrten seinen Schatz an einer Stelle, die bisher noch nicht wieder entdeckt worden ist, von der er aber eine Zeichnung mit seinem eigenen Blut auf dem Futter seines Hutes entwarf. Und zweitens wurde er, als er völlig mittellos im Fort ankam, von dem Chevalier wie ein Bruder willkommen geheißen, der dann auch seine Überfahrt nach Frankreich bezahlte. Die Einfalt seines Charakters veranlaßt Burke bei dieser Gelegenheit, den Junker außerordentlich zu loben. Einem klügeren Menschen muß es scheinen, als ob allein der Chevalier zu preisen wäre. Es bereitet mir um so größeres Vergnügen, diesen außerordentlich edlen Zug meines hochgeschätzten Mitarbeiters zu erwähnen, als ich, wie ich fürchten muß, ihm soeben noch unrecht getan habe. Ich habe es vermieden, seine ungewöhnlichen und in meinen Augen unmoralischen Ansichten zu kritisieren, denn ich weiß, daß er Achtung verdient. Aber seine Darstellung des Zwistes ist wirklich mehr, als ich wiedergeben kann, denn ich kannte den Junker selbst, und man kann sich keinen Mann vorstellen, der der Furcht weniger zugängig war als er. Ich bedaure, daß der Chevalier das nicht klar erkannt hat, um so mehr, als der Wortlaut seiner Erzählung mir als höchst geistreich erscheint, abgesehen von einigen schnörkelhaften Redensarten.

Der Junker von Ballantrae

An Sir Percy Florence und Lady Shelley.

Dies ist eine Geschichte, die sich über viele Jahre erstreckt und in vielen Ländern spielt. Durch besondere Gunst der Umstände hat der Verfasser sie begonnen, fortgeführt und abgeschlossen in weit voneinander entfernten und ganz verschiedenen Landschaften. Vor allem war er viel auf der See. Der Charakter und das Schicksal der feindlichen Brüder, die Halle und das Gehölz von Durrisdeer, das Problem der trockenen Vortragsweise Mackellars und wie man seine Sprache auf höhere Gedankengänge zuschneiden könnte: alles das beschäftigte mich auf Deck in vielen sternfunkelnden Häfen, verfolgte meinen Geist auf See beim Lärm schlagender Segel und wurde oft sehr plötzlich beiseitegedrängt, wenn Böen hereinbrachen. Ich hoffe, daß diese Umgebung bei der Abfassung meiner Geschichte ihr in gewissem Grade die Gunst der Seefahrer und meerliebender Leute verschaffen wird.

Und zumindest kommt hier eine Zueignung von weither. Sie wurde geschrieben an den hallenden Küsten einer subtropischen Insel, ungefähr zehntausend Meilen von Boscombe Chine and Manor: Gegenden, die sich vor mir erheben mit den Gesichtern und Stimmen meiner Freunde.

Nun wohl, ich gehöre wieder der See und ohne Zweifel auch Sir Percy. Laßt uns das Signal geben: B.R.D.!

R.L.S.

Waikiki, 17. Mai 1889.

Erstes Kapitel


Die Ereignisse während der Irrfahrten des Junkers

Die volle Wahrheit über diese sonderbaren Ereignisse hat die Welt lange erwartet, und die öffentliche Neugier wird sie sicher willkommen heißen. Es fügte sich, daß ich auf das innigste mit den letzten Jahren und mit der Geschichte des Hauses verknüpft war, und es lebt kein Mensch, der gleich mir imstande wäre, diese Dinge klarzustellen, und gleichzeitig so begierig, sie wahrheitsgemäß zu erzählen. Ich kannte den Junker; über viele Einzelheiten seines Lebenslaufes habe ich authentische Berichte zur Hand; ich segelte mit ihm fast allein auf seiner letzten Reise; ich machte jene Winterfahrt mit, von der so manche Gerüchte ins Ausland gelangten, und ich war anwesend beim Tode des Mannes. Was meinen verstorbenen Lord Durrisdeer anlangt, so diente ich ihm ungefähr zwanzig Jahre und liebte ihn. Ich schätzte ihn um so mehr, je genauer ich ihn kennenlernte. Alles in allem glaube ich, daß es nicht richtig wäre, wenn so viele persönliche Zeugnisse verlorengingen; die Wahrheit ist eine Schuld, die ich dem Andenken meines Lords abzutragen habe, und ich glaube, meine alten Tage werden ruhiger dahinfließen und mein weißes Haar wird leichter auf den Kissen ruhen, wenn diese Dankespflicht erfüllt ist.

Die Duries von Durrisdeer und Ballantrae waren eine angesehene Familie im Südwesten seit den Tagen Davids I. Ein Vers, der noch jetzt in dem Lande bekannt ist:

Die Duries waren ein tapfres Geschlecht,
Sie ritten mit Speeren in manches Gefecht!

trägt das Kennzeichen des Alters. Und der Name erscheint auch in einer anderen Strophe, die man allgemein Thomas von Ercildoune selbst zuschreibt. Ich weiß nicht, wie weit das stimmt und mit welchem Recht manche diese Verse auf die Ereignisse meiner Erzählung beziehen:

Zwei Duries von Durrisdeer –
Der eine ins Feld, der andre getraut:
Ein böser Tag für den Freiersmann,
Ein grausiger für die Braut.

Auch ist die amtliche Geschichtsschreibung voll von ihren Taten, die nach unserer heutigen Denkungsweise nicht sehr lobenswert erscheinen. Die Familie hatte ihren vollen Anteil an den Glücks- und Unglücksfällen, denen die berühmten Häuser Schottlands von jeher unterworfen waren. Aber alles das überschlage ich, um zu jenem bemerkenswerten Jahre 1745 zu gelangen, in dem der Grund zu dieser Tragödie gelegt wurde.

Zu jener Zeit lebte im Hause von Durrisdeer nahe St. Bride am Ufer des Solway eine Familie von vier Personen. Das Haus war der Hauptsitz des Geschlechtes seit der Reformation. Mein alter Lord, der achte seines Namens, war noch nicht hochbetagt, aber er litt frühzeitig unter den Unzuträglichkeiten des Alters. Sein Platz war an der Seite des Kamins, wo er in einem gefütterten Hausrock lesend saß. Er richtete wenige Worte an die Menschen und niemals ein verletzendes an irgend jemand, er war das Vorbild eines alten zurückhaltenden Hausherrn. Und doch war sein Geist wohlgenährt mit Studien, und man schätzte ihn in dem ganzen Gebiet für klüger ein, als er sich den Anschein gab. Der Erbe oder Junker von Ballantrae, in der Taufe James genannt, erbte von seinem Vater die Liebe zu ernsthaften Büchern und daneben auch einiges von seinem Taktgefühl; aber was beim Vater wirkliche Klugheit war, wurde beim Sohn schwarze Heuchelei. Sein Benehmen nach außen kann man nur als gemein und wüst bezeichnen: er saß bis in die späte Nacht bei Wein und Karten und hatte in der ganzen Gegend den Ruf eines Mannes, der jungen Mädchen gefährlich sei. Bei allen Zusammenstößen war er an erster Stelle, aber wenn er auch immer in der vordersten Front war, zog er sich doch immer vorteilhaft aus der Affäre, und seine Genossen bei losen Streichen mußten gewöhnlich die ganze Zeche bezahlen. Dies Glück oder vielmehr diese Verschlagenheit trug ihm manches Übelwollen ein, aber bei dem Rest der Bevölkerung erhöhte es sein Ansehen, so daß man große Dinge von ihm erwartete in der Zukunft, wenn er reifer geworden wäre. Er hatte einen recht schwarzen Fleck auf seinem Namen, aber die Sache wurde damals vertuscht und durch Legendenbildung so entstellt, bevor ich dorthin kam, daß ich mich scheue, sie hier zu erzählen. Es ist wahr, für einen so jungen Menschen war es eine verabscheuungswürdige Tat, und wenn die Gerüchte falsch sind, war es eine niedrige Verleumdung. Ich betrachte es als bemerkenswert, daß er sich stets brüstete, er sei unversöhnlich. Man nahm ihn beim Wort, so daß er zu allem Überfluß unter seinen Nachbarn bekannt war als ein Mann, mit dem schlecht Kirschen essen sei. Ein junger Edelmann also, der im Jahre 1745 noch nicht vierundzwanzig Lenze zählte und doch bereits weit über seine Jahre hinaus im weiten Umkreis berüchtigt war.

Um so weniger war es zu verwundern, daß man von dem zweiten Sohn, Mr. Henry, meinem verstorbenen Lord Durrisdeer, bisher wenig gehört hatte. Er war weder sehr schlecht noch sehr begabt, sondern ein ehrenhafter und anständiger junger Mann wie viele seiner Nachbarn. Ich sagte, man hatte wenig von ihm gehört, aber man kann es besser so ausdrücken: es wurde wenig von ihm gesprochen. Unter den Lachsfischern im Firth war er gut bekannt, denn er liebte den Fischsport außerordentlich. Dann war er auch ein ausgezeichneter Pferdearzt und bekümmerte sich fast von Jugend auf lebhaft um die Bewirtschaftung der Ländereien. Wie schwer das war angesichts der Umstände, in denen sich die Familie befand, weiß niemand besser als ich. Mit allzu wenig Berechtigung kann ein solcher Mann in den Ruf eines Tyrannen und Geizhalses geraten. Die vierte Person im Hause war Miß Alison Graeme, eine nahe Verwandte, eine Waise, die Erbin eines großen Vermögens, das ihr Vater durch Handelsgeschäfte erworben hatte. Dies Geld wurde dringend benötigt zur Aufbesserung der Finanzen meines Lords. Der Besitz war mit Hypotheken hoch belastet, und infolgedessen wurde Miß Alison bestimmt zur Gattin des Junkers, worüber sie sehr froh war. Eine andere Frage ist es, wie er sich dazu stellte. Sie war ein hübsches Mädchen und für jene Zeit sehr beherzt und eigenwillig, denn der alte Lord hatte selbst keine Tochter, und da die Lady schon lange tot war, wurde sie aufgezogen, so gut es eben ging.

Zu diesen vier Menschen gelangte eines Tages die Nachricht von der Landung des Prinzen Charlie, und sie gerieten sofort heftig aneinander. Mein Lord als alter Ofenhocker war durchaus fürs Abwarten. Miß Alison war gegenteiliger Ansicht, weil ihr alles romantisch erschien, und der Junker, der, wie ich hörte, nicht oft mit ihr übereinstimmte, war diesmal ganz ihrer Meinung. Das Abenteuer reizte ihn, soweit ich verstehe, er sah allerlei Möglichkeiten, das Vermögen seines Hauses zu vergrößern, und trug sich mit der Hoffnung, seine persönlichen Schulden auszugleichen, die weit größer waren, als man vermutete. Was Mr. Henry anbelangte, so sagte er anscheinend zunächst sehr wenig, seine Rolle begann erst später. Die drei stritten sich einen ganzen Tag lang, bevor sie sich entschlossen, einen mittleren Kurs zu steuern. Der eine Sohn sollte ausreiten, um König Jakob beizustehen, der alte Lord und der zweite Sohn sollten zu Hause bleiben, um die Partei König Georgs zu ergreifen. Das war ohne Zweifel der Entschluß des alten Lords und, wie man weiß, die Rolle, die viele angesehene Familien damals spielten.

Aber nachdem der erste Streit beigelegt war, erhob sich sofort ein zweiter. Der Lord, Miß Alison und Mr. Henry waren alle der Meinung, daß es Aufgabe des jüngeren Sohnes sei, hinauszuziehen, aber der Junker, ruhelos und eitel, war unter keinen Umständen bereit, zu Hause zu bleiben. Der Lord flehte ihn an, Miß Alison weinte, und Mr. Henry brauchte sehr deutliche Worte: alles vergeblich.

»Der direkte Erbe von Durrisdeer muß mit dem König reiten!« sagte der Junker.

»Wenn wir ein männliches Spiel trieben«, antwortete Mr. Henry, »hätte es Sinn, so zu sprechen. Aber was tun wir? Wir spielen mit falschen Karten!«

»Wir retten das Haus von Durrisdeer, Henry«, sagte der Vater.

»Und siehe«, sagte Mr. Henry, »wenn ich gehe, und der Prinz gewinnt die Oberhand, kannst du leicht mit König Jakob Frieden schließen. Aber wenn du gehst, und die Expedition erleidet einen Fehlschlag, reißen wir Besitz und Titel auseinander. Und was wird dann aus mir?«

»Du wirst Lord Durrisdeer sein«, sagte der Junker, »ich setze alles auf eine Karte.«

»Ich liebe ein solches Spiel nicht!« rief Mr. Henry. »Ich werde in einer Lage sein, die kein Mann von Vernunft und Ehre ertragen kann. Ich werde weder Fisch noch Fleisch sein!« rief er aus. Und etwas später drückte er sich noch deutlicher aus, als er vielleicht beabsichtigte. »Es ist deine Pflicht, hier bei deinem Vater zu bleiben«, sagte er. »Du weißt sehr wohl, daß du der Lieblingssohn bist.«

»Wie?« sagte der Junker. »So spricht der Neid! Willst du in meine Fußtapfen treten, Jakob?« fragte er und legte einen häßlichen Nachdruck auf dies Wort.

Mr. Henry ging ohne Antwort zu geben am unteren Ende der Halle auf und ab, denn er wußte ausgezeichnet zu schweigen. Plötzlich kam er zurück.

»Ich bin der Jüngere, und ich muß gehen«, sagte er. »Mein Lord hier ist der Herr, und er sagt, daß ich gehen muß. Was sagst du dazu, mein Bruder?«

»Ich sage dies, Harry«, antwortete der Junker, »daß es nur zwei Wege gibt, wenn hartnäckige Leute aneinandergeraten: Zweikampf – ich denke, daß keiner von uns Lust hat, so weit zu gehen – oder Entscheidung durch den Zufall. Hier ist ein Goldstück. Wollen wir es entscheiden lassen?«

»Ich will dadurch stehen und fallen«, sagte Mr. Henry. »Kopf: ich gehe; Wappen: ich bleibe.«

Die Münze wurde hochgeworfen. Die Münze fiel und zeigte die Wappenseite.

»Das ist eine Lehre für Jakob«, sagte der Junker.

»Wir alle werden das bereuen«, antwortete Mr. Henry und stürzte aus der Halle.

Miß Alison ergriff das Goldstück, das soeben ihren Geliebten ins Feld gesandt hatte, und schleuderte es durch das Familienwappen in dem großen bemalten Fenster.

»Wenn du mich so liebtest, wie ich dich liebe, wärst du geblieben!« rief sie aus.

»Ich könnte dich, Liebste, nicht lieben so sehr, liebt‘ ich Kampf und Ehre nicht mehr!« sang der Junker.

»Ach!« rief sie. »Du hast kein Herz, ich hoffe, du wirst getötet!«

Sie eilte aus dem Raum und lief weinend auf ihr Zimmer.

Es scheint, daß der Junker sich in heiterster Haltung zum Lord wandte und sagte: »Sie muß ein Teufel von einem Weib sein!«

»Ich glaube, du bist ein Teufel von einem Sohn«, rief der Vater aus. »Du, der du immer mein Lieblingssohn gewesen bist, zu meiner Schande sei es gestanden! Niemals habe ich eine gute Stunde mit dir erlebt, seit du geboren bist, nein, niemals eine gute Stunde«, und er wiederholte es zum dritten Male. Ob es die Leichtsinnigkeit des Junkers oder sein Ungehorsam oder Mr. Henrys Wort vom Lieblingssohn war, was den alten Lord so aufbrachte, weiß ich nicht, aber ich neige zu der Ansicht, daß es das letztere war, denn nach allen Berichten, die mir zur Verfügung stehen, begann er von dieser Stunde an, Mr. Henry mehr zu beachten.

Alles in allem ritt der Junker in ziemlich böser Stimmung gegen seine Familie nordwärts, woran sich die anderen mit großem Kummer erinnerten, als es zu spät schien. Durch Drohungen und Begünstigungen hatte er ungefähr ein Dutzend Leute um sich versammelt, zumeist Söhne von Pächtern. Sie waren alle ziemlich betrunken, als sie aufbrachen und den Hügel bei der alten Abtei lärmend und singend hinaufritten, die weiße Kokarde am Hut. Es war ein verzweifeltes Abenteuer für eine so kleine Schar, fast ganz Schottland ohne Unterstützung zu durchqueren. Man glaubte das um so mehr, als gerade damals, da dies Dutzend Leutchen den Hügel hinaufkletterte, ein großes Schiff aus der Flotte des Königs mit flatterndem Wimpel in der Bucht lag und sie durch die Mannschaft eines einzigen Bootes hätte aufreiben können. Am nächsten Nachmittag mußte Mr. Henry abreisen, nachdem der Junker einen genügenden Vorsprung gewonnen hatte. Ganz allein ritt er von dannen, um der Regierung König Georgs sein Schwert zur Verfügung zu stellen und ein Handschreiben seines Vaters zu überreichen. Miß Alison wurde in ihrem Zimmer eingeschlossen, bis beide fortgezogen waren. Sie weinte fast ununterbrochen, nur nähte sie die Kokarde an des Junkers Hut, die (wie John Paul mir erzählte) von Tränen durchtränkt war, als er sie ihm hinuntertrug.

In der ganzen nächsten Zeit blieben Mr. Henry und der alte Lord ihrem Plan treu. Daß sie jemals etwas unternommen hätten, ist mehr, als ich weiß, und ich glaube auch nicht, daß sie sich sehr energisch um die Sache des Königs bemühten. Sie hielten sich an ihren Treuschwur, wechselten Briefe mit dem Lord-Präsidenten, weilten ruhig zu Hause und hatten wenig oder keine Verbindung mit dem Junker, solange die Zwistigkeiten dauerten. Auch war er seinerseits nicht sehr mitteilsam. Miß Alison sandte ihm zwar stets Stafetten, aber ich weiß nicht, ob sie jemals eine Antwort erhielt. Einst ritt Macconochie für sie hin und fand die Hochländer vor Carlisle, wo der Junker in hoher Gunst stand beim Prinzen. Er nahm den Brief, wie Macconochie erzählte, öffnete ihn, überflog ihn, den Mund gespitzt wie ein Mann der flötet, und steckte ihn in seinen Gürtel. Als das Pferd aufbäumte, fiel er unbeachtet zur Erde. Macconochie hob ihn auf und nahm ihn an sich, und ich selbst habe ihn in seinen Händen gesehen. Selbstverständlich kamen Nachrichten nach Durrisdeer, wie sich eben Gerüchte im Lande verbreiten, eine Sache, die mir immer wunderbar vorkam. Auf diese Weise erfuhr die Familie allerlei von der Gunst, in der der Junker beim Prinzen stand. Man behauptete, das habe seinen Grund in einer höchst sonderbaren Kriecherei eines so stolzen Mannes, der allerdings noch mehr Ehrgeiz besaß. Er soll sich zu seiner hohen Stellung hinaufgearbeitet haben, indem er den Irländern schmeichelte. Sir Thomas Sullivan, Oberst Burke und alle andern waren sein täglicher Umgang, wodurch er seinen eigenen Landsleuten entfremdet wurde. Bei allen kleinen Intrigen hatte er seine Hand im Spiel, stellte Lord Georg tausendmal Fallen, fügte sich immer den Ansichten des Prinzen, ob sie nun gut oder schlecht waren, und scheint wie ein Spieler, der er sein ganzes Leben lang war, weniger bedacht gewesen zu sein auf die Durchführung der Kämpfe, als auf die Gunst, die er bei glücklichem Ausgang erlangen konnte. Im übrigen benahm er sich im Felde sehr tapfer, was niemand anzweifelte, denn er war kein Feigling.

Die nächste Nachricht kam von Culloden und wurde von einem der Pächtersöhne nach Durrisdeer gebracht, dem einzig Überlebenden, wie er erklärte, von allen denen, die damals singend den Hügel erklommen hatten.

Durch einen unglückseligen Zufall hatten gerade an jenem Morgen John Paul und Macconochie das Goldstück gefunden, das die Ursache alles Übels war, und das in einem Gebüsch versteckt lag. Sie waren vor der Tür gewesen, wie die Leute von Durrisdeer es nennen, nämlich in der Schenke, und so war wenig von dem Goldstück übriggeblieben und noch weniger von ihrem Verstand. Was konnte John Paul also anderes tun, als in die Halle zu stürzen, wo die Familie bei Tisch saß, und die Nachricht herauszubrüllen, daß Tam Macmorland soeben an der Pforte erschienen sei, und wehe! niemand mit ihm?

Sie hörten das Wort wie Menschen, die zum Tode verurteilt werden. Nur Mr. Henry führte die Hand zum Gesicht, und Miß Alison legte den Kopf auf die Hände. Der alte Lord war grau wie Asche.

»Ich habe noch einen Sohn«, sagte er. »Und, Henry, ich will dir Gerechtigkeit widerfahren lassen – der bessere ist mir geblieben.«

Eine sonderbare Sache, das in einem solchen Augenblick zu sagen, aber mein Lord hatte Mr. Henrys Rede niemals vergessen, und er trug Jahre der Ungerechtigkeit auf seinem Gewissen. Trotzdem war es eine sonderbare Sache, und mehr, als Miß Alison hingehen lassen konnte. Sie wurde heftig und tadelte den Lord wegen seiner unnatürlichen Worte und Mr. Henry, weil er hier in Sicherheit säße, während sein Bruder erschlagen läge, sich selbst aber, weil sie ihrem Geliebten beim Abschied böse Worte gegeben hatte. Sie nannte ihn den Besten von allen, rang die Hände, bekannte laut ihre Liebe und rief seinen Namen aus, so daß die Dienerschaft erstaunt dreinblickte.

Mr. Henry stand auf und hielt sich am Stuhl fest. Nun war er grau wie Asche.

»Oh«, schrie er plötzlich, »ich weiß, du hast ihn geliebt!«

»Die Welt weiß es, so wahr mir Gott helfe!« rief sie, und dann sagte sie zu Mr. Henry:

»Aber ich allein weiß, daß du ihn in deinem Herzen verraten hast!«

»Gott weiß«, murmelte er, »es war verlorene Liebesmühe auf beiden Seiten.«

Die Zeit floß nun in diesem Hause dahin ohne viel Ereignisse, nur waren jetzt drei statt vier, was immer wieder an den Verlust erinnerte. Das Geld Miß Alisons war, wie man vor Augen halten muß, für das Besitztum dringend erforderlich, und da der eine Bruder tot war, wurde es bald zu einer Herzensangelegenheit des alten Lords, den anderen Sohn mit ihr verheiratet zu sehen. Tagein, tagaus versuchte er auf sie einzuwirken. Er saß zur Seite des Kamins, den Finger in seinem lateinischen Buch, die Augen mit einer Art liebenswürdigen Eindringlichkeit auf ihr Gesicht gerichtet, wie es dem alten Herrn so gut stand. Wenn sie weinte, tröstete er sie wie ein bejahrter Mann, der schlimmere Zeiten erlebt hat, und nun auch über Kümmernisse ruhiger denkt. Geriet sie in Zorn, begann er wieder in seinem lateinischen Buch zu lesen, aber immer mit einer höflichen Ausrede. Bot sie ihm, wie es öfter geschah, ihr Geld zum Geschenk an, bewies er ihr, wie wenig das mit seiner Ehre zu vereinen sei, und gab ihr zu bedenken, wenn sie darauf beharrte, daß Mr. Henry dies ohne Zweifel ablehnen würde. Sein Lieblingswort war: non vi sed saepe cadendo, und seine ruhige Beharrlichkeit verringerte ohne Zweifel allmählich ihren Widerstand. Gewiß hatte er großen Einfluß auf das junge Mädchen, da er beide Eltern bei ihr vertreten hatte, weshalb sie auch mit dem Geist der Duries erfüllt war und große Zugeständnisse an das Wohlergehen von Durrisdeer machen wollte, wenn sie sich auch nicht dazu verstanden hätte, glaube ich, meinen armen Herrn zu heiraten. Aber sonderbarerweise kam ihm der Umstand zu Hilfe, daß er außerordentlich unbeliebt war.

Das war das Werk Tam Macmorlands. Tam war ein harmloser Bursche, aber er hatte eine große Schwäche: eine lose Zunge, und da er der einzige Mensch in der Gegend war, der mit draußen gewesen oder vielmehr wiedergekommen war, fand er leicht Gehör. Wer im Kampf unterlegen ist, will mir scheinen, ist immer geneigt, andern zu erzählen, daß er verraten wurde. Nach Tams Bericht waren die Rebellen bei jeder Gelegenheit und von jedem ihrer Offiziere betrogen worden, sie waren verraten worden bei Derby, sie waren verraten worden bei Falkirk. Der Nachtmarsch war ein Verräterstück von Lord Georg, und die Schlacht von Culloden ging verloren durch den Verrat der Macdonalds. Die Gewohnheit, stets von Verrat zu reden, bemächtigte sich dieses Narren so sehr, daß er schließlich Mr. Henry auch nicht mehr schonte. Nach seiner Ansicht hatte Mr. Henry die Burschen von Durrisdeer verraten, er hatte versprochen, mit mehr Leuten zu folgen, und statt dessen war er zum König Georg geritten.

»Ach, und am nächsten Tage!« pflegte Tam auszurufen. »Der arme gute Junker und die armen feinen Kerle, die mit ihm ritten, waren kaum jenseits der Klippe, als er sie im Stich ließ, der Judas! Nun, er hat seinen Weg gemacht, er ist Lord, trotz allem, aber unter der Hochlandheide liegt mancher kalte Leichnam!«

Bei diesen Worten pflegte Tam, falls er betrunken war, in Tränen auszubrechen.

Wenn einer lange genug redet, findet er Glauben. Die schlechte Meinung vom Benehmen Mr. Henrys verbreitete sich allmählich in der ganzen Gegend. Leute, die das Gegenteil wußten, aber keine genauen Einzelheiten kannten, sprachen darüber, und man hörte und glaubte es. Unwissende und Übelwollende verbreiteten es als Evangelium. Mr. Henry wurde allmählich gemieden. Kurze Zeit darauf begann das gemeine Volk zu murren, wenn er vorüberging, und die Frauen, die immer am kühnsten sind, weil sie sich am sichersten fühlen, begannen ihm Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern.

Der Junker wurde zum Heiligen erklärt. Man entsann sich, daß er die Pächter niemals bedrückt hatte, was er tatsächlich auch nie tat, es sei denn, daß er viel Geld ausgab. Er war vielleicht ein wenig wüst, sagte das Volk, aber wieviel besser war ein natürlicher und wilder Kerl, der bald ruhiger geworden wäre, als ein dürrer Geizhals, der seine Nase in die Abrechnungsbücher steckte, um die armen Pächter zu bedrücken. Eine Dirne, die ein Kind vom Junker hatte und nach allen vorliegenden Berichten sehr schlimm von ihm behandelt worden war, machte sich sogar zur Vorkämpferin seiner Ehre. Eines Tages schleuderte sie einen Stein gegen Mr. Henry.

»Wo ist mein guter Junge, der dir vertraute?« schrie sie.

Mr. Henry hielt sein Pferd an und sah sie mit weißen Lippen an. »Nun, Jeß«, sagte er, »auch du? Du solltest mich besser kennen!« Denn er hatte ihr mit seinem Gelde ausgeholfen.

Das Weib ergriff einen zweiten Stein, als wollte sie ihn werfen, und er riß die Hand, die die Reitpeitsche hielt, nach oben, um sein Gesicht zu schützen.

»Was? Du willst ein Mädel schlagen, du dreckiger …?« schrie sie und lief heulend von dannen, als ob er sie gezüchtigt hätte.

Am nächsten Tage breitete sich das Gerücht wie Lauffeuer in der Gegend aus, Mr. Henry habe Jessie Broun fast zu Tode geprügelt. Ich erzähle das, um klarzumachen, wie die Lawine wuchs, und wie eine Verleumdung die andere hervorbrachte, bis mein armer Herr so verschrien war, daß er das Haus zu hüten begann gleich dem alten Lord. In der ganzen Zeit beklagte er sich selbstverständlich daheim niemals. Der Urgrund des Skandals war eine zu heikle Angelegenheit, und Mr. Henry war sehr stolz und ein außergewöhnlich hartnäckiger Schweiger. Der alte Lord muß schließlich durch John Paul, falls durch niemand sonst, davon gehört oder wenigstens die Änderung in der Lebensweise seines Sohnes beobachtet haben. Wahrscheinlich aber war auch er nicht unterrichtet, wie stark die Feindschaft war, und was Miß Alison betrifft, so kümmerte sie sich überhaupt nicht um Gerüchte und brachte ihnen keinerlei Interesse entgegen, wenn man sie ihr zutrug.

Als die Empörung ihren Höhepunkt erreicht hatte (später verringerte sie sich, und niemand wußte warum), fand eine Wahl statt in der Stadt St. Bride, die ganz nahe bei Durrisdeer liegt, am Swiftsee. Irgendeine Unruhe machte sich unter den Leuten bemerkbar, aber ich vergaß, was es war, wenn ich es jemals gewußt habe. Man erzählte allgemein, es würde vor Anbruch der Nacht blutige Köpfe geben, der Sheriff habe sogar Soldaten angefordert von Dumfries. Der alte Lord war dafür, daß Mr. Henry anwesend sein solle, er stellte ihm vor, es sei notwendig für das Ansehen des Hauses, sich einmal wieder zu zeigen. »Man wird bald behaupten«, sagte er, »daß wir die Führung in unserem Gebiete verlieren.«

»Eine merkwürdige Führung, die ich übernehmen soll«, sagte Mr. Henry, und als sie ihn um eine Erklärung baten, fügte er hinzu: »Ich will euch die volle Wahrheit sagen, ich darf mein Gesicht draußen nicht blicken lassen.«

»Du bist der erste dieses Hauses, der das sagt«, rief Miß Alison.

»Wir wollen alle drei gehen«, sagte der alte Lord, und tatsächlich zog er seine Stiefel an, das erstemal seit vier Jahren, und ein schwieriges Geschäft für John Paul. Miß Alison erschien im Reitkleid, und alle drei machten sich auf den Weg nach St. Bride.

Die Straßen waren voll vom Pöbel aus der ganzen Gegend. Kaum hatten die Leute Mr. Henry erblickt, als sie zu zischen begannen. Dann fingen sie an zu brüllen, und man hörte Schreie wie Judas! und »Wo ist der Junker?« und »Wo sind die armen Kerle, die mit ihm hinausritten?« Selbst ein Stein wurde geschleudert, aber die meisten verurteilten das, zum Glück für den alten Lord und Miß Alison. Nach zehn Minuten wußte der Lord, daß Mr. Henry recht gehabt hatte. Er sagte kein Wort, warf sein Pferd herum und ritt heim, das Kinn auf der Brust. Auch Miß Alison sprach nicht. Ohne Zweifel dachte sie aber um so mehr nach, und ohne Zweifel war ihr Stolz verletzt, denn sie war eine gebürtige Durie, und ebenso gewiß rührte es an ihr Herz, ihren Vetter so unwürdig behandelt zu sehen. In jener Nacht legte sie sich nicht schlafen. Ich habe meine Lady oft getadelt. Aber wenn ich mich jener Nacht erinnere, verzeihe ich ihr gern alles. Am nächsten Morgen kam sie in aller Frühe zum alten Lord, der an seinem gewohnten Platz saß.

»Wenn Henry mich noch will«, sagte sie, »kann er mich jetzt haben.« Zu Henry selbst redete sie anders: »Ich bringe dir keine Liebe entgegen, Henry, aber, Gott weiß es, alles Mitleid der Welt.«

Der erste Juni 1748 war der Tag ihrer Hochzeit. Im Dezember desselben Jahres langte ich an den Toren des großen Hauses zum erstenmal an, und von diesem Zeitpunkt an berichte ich über die Ereignisse, die unter meinen eigenen Augen geschahen, wie ein Zeuge vor Gericht.

Das Flaschenteufelchen


Übersetzt von Heinrich Conrad

Es war ein Mann von der Insel Hawaii, den ich Keawe nennen will; er lebt nämlich noch, und sein Name muß verschwiegen bleiben; aber sein Geburtsort war nicht weit von Honaunau, wo die Gebeine Keawes des Großen in einer Höhle begraben liegen. Dieser Mann war arm, ehrlich und fleißig; er konnte lesen und schreiben wie ein Schulmeister; außerdem war er ein ausgezeichneter Matrose, fuhr eine Zeitlang auf den Inseldampfern und steuerte einen Kutter an der Küste von Hamakua. Schließlich kam es Keawe in den Sinn, sich mal die große Welt und ausländische Städte anzusehen, und er heuerte auf einem Schiff an, das nach San Franzisko fuhr.

Das ist eine schöne Stadt, mit einem schönen Hafen und so vielen reichen Leuten, daß man sie nicht zählen kann; und im besonderen ist da ein Hügel, der ganz mit Palästen bedeckt ist. Nach diesem Hügel machte nun Keawe eines Tages einen Spaziergang, seine ganze Tasche voll von Geld, und besah sich mit Vergnügen die großen Häuser auf beiden Seiten,

»Was für schöne Häuser sind das!« dachte er bei sich selber, »Und wie glücklich müssen die Leute sein, die darin wohnen und sich nicht um den morgigen Tag zu kümmern brauchen!«

Wie er so darüber nachdachte, kam er vor ein Haus, das war kleiner als die anderen, aber wunderschön und sauber wie ein Spielzeug; die Treppen vor dem Hause glänzten wie Silber, die Beete in dem Garten waren voll Blumen wie Girlanden, und die Fensterscheiben funkelten wie Diamanten. Und Keawe blieb stehen und verwunderte sich über die Herrlichkeit all dessen, was er sah.

Wie er nun so dastand, bemerkte er einen Mann, der durch ein Fenster nach ihm sah, und das Fenster war so klar, daß Keawe ihn beobachten konnte, wie man einen Fisch in einer Wasserlache auf dem Riff beobachten kann. Der Mann war schon ältlich, mit einem kahlen Kopf und einem schwarzen Bart; auf seinem Gesichte lag schwere Sorge, und er seufzte bitterlich. Und die Wahrheit ist die: Als Keawe auf den Mann drinnen und der Mann auf Keawe draußen sah, beneidete jeder von ihnen den anderen.

Auf einmal lächelte der Mann und nickte und winkte Keawe zu, er solle hereinkommen, und ging ihm an die Haustür entgegen. Und da sagte der Mann und seufzte dabei bitterlich:

»Das ist ein schönes Haus, mein Haus. Hätten Sie nicht Lust, sich mal die Zimmer anzusehen?«

So führte er denn Keawe durch das ganze Haus, vom Keller bis auf den Dachboden hinauf, und in dem Hause war nichts, das nicht in seiner Art vollendet war, und Keawe war erstaunt.

»Gewiß«, sagte Keawe, »dies ist ein schönes Haus; wenn ich in einem solchen Haus wohnte, würde ich den ganzen Tag lachen. Wie kommt es denn nun, daß Sie immer so seufzen?«

»Es ist kein Grund vorhanden«, sagte der Mann, »warum Sie nicht ein Haus haben sollten, das in allen Dingen diesem hier ähnlich ist, und sogar noch schöner, wenn Sie wünschen. Sie haben doch wohl etwas Geld bei sich, denke ich?«

»Ich habe fünfzig Dollar«, sagte Keawe, »aber ein Haus wie dies wird mehr als fünfzig Dollar kosten.«

Der Mann dachte einen Augenblick nach, wie wenn er rechnete; dann sagte er:

»Es tut mir leid, daß Sie nicht mehr haben, denn das kann Ihnen vielleicht in der Zukunft Sorgen bereiten; aber für fünfzig Dollar sollen Sie es haben.«

»Das Haus?« fragte Keawe.

»Nein, nicht das Haus«, antwortete der Mann, »aber die Flasche; denn ich muß Ihnen sagen: Obwohl ich Ihnen so reich und glücklich erscheine, so kam all mein Glück und dieses Haus mitsamt dem Garten von ihr her, die nicht viel größer ist als eine Faust. Da ist sie.«

Und er öffnete einen Wandschrank und nahm eine rundbauchige Flasche mit einem langen Hals heraus; das Glas der Flasche war weiß wie Milch, mit schillernden Regenbogenfarben. Drinnen in der Flasche bewegte sich etwas Unbestimmtes, wie ein Schatten und ein Feuer.

»Dies ist die Flasche«, sagte der Mann; und als Keawe lachte, fuhr er fort: »Sie glauben mir nicht? Nun, dann versuchen Sie es selber mal. Sehen Sie zu, ob Sie sie zerbrechen können.«

So nahm denn Keawe die Flasche in die Hand und schmiß sie auf den Fußboden und schmiß sie immer wieder, bis er müde war; aber sie prallte von dem Fußboden ab wie ein Kinderball und blieb heil und ganz.

»Das ist ein merkwürdiges Ding«, sagte Keawe, »denn wie sie sich anfühlt und aussieht, sollte sie aus Glas sein.«

»Aus Glas ist sie«, versetzte der Mann und seufzte dabei schwerer denn je, »aber das Glas dieser Flasche wurde in den Flammen der Hölle geblasen. Ein Teufelchen wohnt darin, und das ist der Schatten, den wir da sich bewegen sehen; wenigstens denke ich mir das. Wenn irgendein Mensch diese Flasche kauft, steht ihm das Teufelchen zu Befehl; alles was er begehrt – Liebe, Ruhm, Geld, Häuser wie dieses Haus, ja sogar eine Stadt wie diese Stadt – alles ist sein, sobald er das Wort ausspricht. Napoleon hatte diese Flasche und wurde durch sie der König der Welt; aber schließlich verkaufte er sie und stürzte. Kapitän Cook hatte diese Flasche und fand dank ihr den Weg zu so vielen Inseln; aber auch er verkaufte sie und wurde auf Hawaii erschlagen. Denn sobald sie verkauft ist, entschwindet die Macht des früheren Besitzers und der Beistand des Teufels: und wenn einer nicht mir dem zufrieden ist, was er hat, wird es ihm übel ergehen.«

»Und doch reden Sie selber davon, daß Sie sie verkaufen wollen?« sagte Keawe.

»Ich habe alles, was ich wünsche, und ich werde allmählich alt«, antwortete der Mann. »Ein einziges vermag das Teufelchen nicht – es kann nicht das Leben verlängern; und, es wäre nicht ehrlich, es Ihnen zu verhehlen: Mit der Flasche ist ein Übelstand verbunden; denn wenn ein Mensch stirbt, bevor er sie verkauft, muß er ewiglich in der Hölle brennen.«

»Ganz gewiß ist das ein Übelstand!« rief Keawe. »Mit dem Ding möchte ich nichts zu tun haben. Ich kann, Gott sei dank, auch ohne ein Haus fertig werden; aber eines gibt es, womit ich ganz und gar nicht fertig werden könnte, nämlich, daß ich verdammt wäre!«

»Herrje! Sie müssen nicht gleich so hastig sein!« antwortete der Mann. »Sie haben weiter nichts zu tun, als daß Sie sich der Macht des Teufelchens mit Mäßigung bedienen und die Flasche dann an irgendeinen andern verkaufen, wie ich sie jetzt Ihnen verkaufe, und dann bis an das Ende Ihrer Tage in Behaglichkeit leben.«

»Hm, ich bemerke zweierlei«, sagte Keawe. »Die ganze Zeit seufzen Sie wie eine Jungfer, die verliebt ist – das ist das eine; und das andere ist: Sie verkaufen diese Flasche sehr billig.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, warum ich seufzte: nämlich weil ich befürchte, daß meine Gesundheit schwach wird; und wie Sie selber sagten, zu sterben, um zum Teufel zu gehen, das ist für jeden Menschen was Schreckliches. Was nun das anbetrifft, daß ich die Flasche so billig verkaufe, so muß ich Ihnen erklären, daß mit der Flasche eine besondere Bedingung verknüpft ist. Vor langer Zeit, als der Teufel sie zuerst auf die Erde brachte, da war sie ungeheuer teuer. Zu allererst wurde sie an den Priester Johannes verkauft für viele Millionen Dollar; sie kann aber nur mit Verlust verkauft werden. Wenn Sie sie um denselben Preis verkaufen, den Sie dafür bezahlt haben, so kommt sie zu Ihnen zurück wie eine Taube in den Schlag. Infolgedessen ist der Preis in allen diesen Jahrhunderten fortwährend gesunken, und die Flasche ist jetzt merkwürdig billig. Ich selber kaufte sie von einem meiner großmächtigsten Nachbarn hier auf dem Hügel, der Preis, den ich dafür bezahlte, betrug nur neunzig Dollar. Ich könnte sie für neundundachtzig Dollar und neunundneunzig Cent verkaufen, aber nicht um einen Cent teurer, sonst würde das Ding zu mir zurückkommen. Nun sind zwei Mißstände dabei. Erstens: Wenn man eine so eigenartige Flasche für achtzig und soundsoviele Dollar anbietet, denken die Leute, man mache einen Scherz. Und zweitens – aber damit eilt es nicht, und ich brauche nicht näher darauf einzugehen. Nur müssen Sie dran denken, daß Sie die Flasche für gemünztes Geld verkaufen müssen.«

»Woher soll ich aber wissen, daß dies alles wahr ist?« fragte Keawe.

»Einen kleinen Versuch können Sie sofort machen«, versetzte der Mann. »Geben Sie mir Ihre fünfzig Dollar, nehmen Sie die Flasche und wünschen Sie sich Ihre fünfzig Dollar in Ihre Tasche zurück. Wenn das nicht eintrifft, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenwort, daß ich den Handel rückgängig mache und Ihnen Ihr Geld zurückzahle.«

»Sie belügen mich doch nicht?« fragte Keawe.

Und der Mann band sich mit einem großen Eid.

»Schön, soviel will ich riskieren«, sagte Keawe, »denn das kann ja weiter nichts schaden.«

Und er bezahlte dem Mann sein Geld, und der Mann übergab ihm die Flasche.

»Flaschenteufelchen!« sagte Keawe. »Ich wünsche meine fünfzig Dollar zurück!« Und richtig – kaum hatte er das Wort gesprochen, so war seine Tasche so schwer wie zuvor.

»Wahrhaftig! Das ist eine wundervolle Flasche!« rief Keawe.

»Und nun guten Morgen, mein schöner Junge, und hole Sie der Teufel statt meiner!« sagte der Mann.

»Halt!« rief Keawe. »Ich will von diesem Unsinn nichts mehr wissen. Hier – nehmen Sie Ihre Flasche zurück!«

»Sie haben sie für weniger gekauft, als ich dafür bezahlt hatte«, antwortete der Mann und rieb sich die Hände. »Jetzt gehört sie Ihnen, und ich für meinen Teil wünsche weiter nichts, als Ihren Rücken zu sehen.«

Und damit klingelte er nach seinem chinesischen Diener und ließ Keawe die Haustür zeigen.

Als nun Keawe auf der Straße stand, seine Flasche unter dem Arm, da begann er nachzudenken.

»Wenn dies von der Flasche alles wahr ist, habe ich vielleicht ein böses Geschäft gemacht«, dachte er, »aber vielleicht hat der Mann nur einen Spaß mit mir getrieben.«

Das erste, was er tat, war, daß er sein Geld zählte. Die Summe stimmte genau – neunundvierzig Dollar amerikanisches Geld und ein chilenischer Peso.

»Das sieht nach Wahrheit aus«, sagte Keawe zu sich selber, »nun will ich es mal an einer anderen Stelle versuchen.«

Die Straßen in jenem Stadtteil waren so rein wie ein Schiffsdeck, und obgleich es Mittag war, gingen keine Leute auf der Straße. Keawe setzte die Flasche in den Rinnstein und ging weg. Zweimal sah er sich um, und da stand jedesmal die milchweiße, rundbauchige Flasche auf der Stelle, wo er sie hingestellt hatte. Zum dritten Male sah er sich um, und dann bog er um eine Ecke; aber kaum hatte er das getan, da stieß etwas an seinen Ellbogen – und siehe da! Es war der lange Flaschenhals, der steil empor stand, und der runde Bauch der Flasche, der fest in der Tasche seiner Matrosenjacke stak.

»Und das sieht auch nach Wahrheit aus!« sagte Keawe.

Das nächste, was er nun tat, war folgendes: Er kaufte in einem Laden einen Pfropfenzieher und ging an einen einsamen Ort auf freiem Felde, draußen vor der Stadt. Und dort versuchte er, den Pfropfen herauszuziehen; aber sooft er die Schraube hineindrehte, kam sie wieder heraus, und der Kork war heil und ganz wie zuvor.

»Das ist ein neumodischer Pfropfen«, sagte Keawe; und auf einmal begann er zu zittern und zu schwitzen, denn er hatte Angst vor der Flasche.

Auf seinem Rückweg nach dem Hafen sah er einen Laden, worin ein Mann Muscheln und Keulen von den Südsee-Inseln verkaufte, dazu alte Götzenbilder, alte Münzen, chinesische und japanische Bilder und all solches Zeug, wie Seeleute es in ihren Matrosenkisten mitbringen. Und da hatte er einen Einfall. So ging er denn hinein und bot die Flasche für einhundert Dollar zum Verkauf an. Der Ladenbesitzer lachte ihn zuerst aus und bot ihm fünf. Aber allerdings – hm, es sei eine merkwürdige Flasche, solches Glas sei niemals in einer menschlichen Glashütte geblasen worden, so hübsch spielten die Farben unter dem Milchweiß, und so seltsam tanzte der Schatten in der Mitte. Nachdem er also eine Weile mit ihm gefeilscht hatte, wie diese Leute zu tun pflegen, gab der Trödler dem Keawe sechzig Silberdollar für das Ding und setzte es auf ein Bord mitten in seinem Schaufenster.

»Nu«, sagte Keawe, »ich habe also für sechzig verkauft, was ich für fünfzig kaufte – oder eigentlich noch etwas billiger, weil einer von meinen Dollars ein chilenischer war. Nun werde ich also die Wahrheit auch über einen anderen Punkt erfahren.«

So ging er denn an Bord seines Schiffes zurück, und als er seine Kiste aufmachte, da lag die Flasche – sie war also schneller gekommen als er selber.

Nun hatte Keawe an Bord einen Maat, der hieß Lopaka.

»Was fehlt dir denn«, sagte Lopaka, »daß du so in deine Kiste starrst?« Sie waren allein vorne im Schiffsraum, und Keawe ließ ihn Verschwiegenheit schwören und erzählte ihm alles.

»Das ist eine sehr sonderbare Geschichte«, sagte Lopaka, »und ich fürchte, du wirst wegen dieser Flasche in Sorgen kommen. Aber eines ist dabei sehr klar: Die Sorgen sind dir sicher, und darum solltest du auch den Profit von diesem Geschäft mitnehmen. Überlege dir, was du dir wünschen willst; gib den Befehl, und wenn der ausgeführt wird, wie du es willst, dann will ich selber die Flasche kaufen; denn ich habe den Wunsch, einen Schoner zu besitzen und zwischen den Inseln Handel zu treiben.«

»Danach steht mein Sinn nicht«, sagte Keawe, »sondern ich möchte ein schönes Haus mit Garten an der Küste von Kona haben, wo ich geboren wurde: wo die Sonne zur Tür hineinscheint, mit Blumen im Garten; Glasscheiben in den Fenstern, Bilder an der Wand, Nippsachen und schöne Decken auf den Tischen – ganz und gar so ein Haus, wie das, worin ich heute war – bloß ein Stockwerk höher und mit Balkonen rund herum wie des Königs Palast; und darin möchte ich wohnen ohne Sorge und mit meinen Freunden und Verwandten lustig sein.«

»Schön«, sagte Lopaka, »laß uns die Flasche mit nach Hawaii nehmen; und wenn alles richtig ausfällt, wie du denkst, will ich die Flasche, wie ich dir sagte, kaufen und will für mich einen Schoner verlangen.«

So machten sie es denn miteinander ab, und es dauerte nicht lange, da fuhr das Schiff nach Honolulu zurück, mit Keawe und Lopaka und der Flasche an Bord. Kaum waren sie an Land gekommen, so begegneten sie am Strande einem Freund, der sofort Keawe sein Beileid auszusprechen begann.

»Ich weiß nicht, wozu man mir Beileid aussprechen muß«, sagte Keawe.

»Ist es möglich, daß du es noch nicht gehört hast?« rief der Freund. »Dein Oheim, der gute alte Mann, ist tot, und dein Vetter, der schöne Junge, ertrank in der See.«

Keawe war sehr bekümmert, begann zu weinen und zu klagen und vergaß so ganz und gar seine Flasche. Aber Lopaka war nachdenklich, und als Keawes Schmerz sich ein bißchen gelegt hatte, sagte er auf einmal:

»Ich habe eben darüber nachgedacht – hatte nicht dein Oheim Landbesitz in Hawaii im Bezirk Kau?«

»Nein«, sagte Keawe, »nicht in Kau; die Ländereien liegen an der Bergseite – ein bißchen südlich von Hookena.«

»Diese Ländereien werden ja jetzt dein sein?« fragte Lopaka.

»Ganz gewiß werden sie das!« sagte Keawe und begann wieder um seine Verwandten zu jammern.

»Nein!« rief Lopaka. »Laß jetzt das Jammern sein! Ich habe einen Gedanken in meinem Sinn. Was meinst du, wenn dies die Flasche verursacht hätte? Denn hier ist ja der Platz fertig für dein Haus.«

»Wenn das so ist«, rief Kaewe, »dann ist das eine sehr schlimme Art, mir zu dienen, indem man meine Verwandten tötet. Aber, allerdings, es mag wohl sein; denn gerade in so einer Lage sah ich das Haus mit meines Geistes Augen.«

»Das Haus ist aber noch nicht gebaut«, sagte Lopaka.

»Nein – und wird wohl auch niemals gebaut werden!« sagte Keawe. »Denn mein Onkel hatte zwar ein bißchen Kaffee und Ava und Bananen, aber das wird nicht mehr sein, als daß ich bequem leben kann; und der Rest der Ländereien ist schwarze Lava.«

»Laß uns zum Rechtsanwalt gehen«, sagte Lopaka, »ich habe meinen Gedanken immer noch im Kopf.«

Als sie nun zu dem Rechtsanwalt kamen, da stellte es sich heraus, daß Keawes Oheim in den letzten Tagen ungeheuerlich reich geworden war, und es war ein Vermögen an barem Geld vorhanden. Da rief Lopaka:

»Und hier ist das Geld für das Haus!«

»Wenn Sie an ein neues Haus denken, das Sie bauen wollen«, sagte da der Rechtsanwalt, »hier ist die Karte eines neuen Baumeisters, von dem man große Dinge erzählt.«

»Besser und besser!« rief Lopaka. »Hier ist ja alles klipp und klar. Laß uns fortfahren, den Befehlen zu gehorchen!«

So gingen sie denn zu dem Baumeister, und der hatte Baupläne von Häusern auf seinem Tisch liegen.

»Sie wünschen etwas, das nicht so alltäglich ist«, sagte der Baumeister. »Wie gefällt Ihnen dies hier?« Und er reichte Keawe eine Zeichnung.

Als nun Keawe einen Blick auf diese Zeichnung warf, da schrie er laut auf; denn es war ganz genau das Bild von dem Hause, das er sich gedacht hatte.

»Dies Haus muß ich kriegen«, dachte er bei sich. »So wenig mir die Art und Weise gefällt, wie ich dazu komme, so muß ich es doch jetzt kriegen; es ist wohl auch ebensogut, wenn ich mit dem Bösen auch das Gute nehme.«

So sagte er denn dem Baumeister alle seine Wünsche und wie er das Haus eingerichtet haben wolle, und von den Bildern an der Wand und den Nippsachen auf den Tischen; und er fragte den Mann, für wieviel Geld er es übernehmen wollte, den ganzen Auftrag auszuführen.

Der Baumeister stellte viele Fragen, und dann nahm er eine Feder und machte eine Berechnung; und als er fertig war, nannte er genau die Summe, die Keawe geerbt hatte.

Lopaka und Keawe sahen einander an und nickten.

»Es ist ganz klar«, sagte Keawe, »daß ich dieses Haus kriegen muß, ob ich will oder nicht. Es kommt vom Teufel, und ich fürchte, ich werde wenig Gutes davon haben; und eines ist ganz gewiß: Ich werde keine Wünsche mehr äußern, solange ich noch diese Flasche habe. Aber das Haus habe ich nun einmal auf dem Buckel, und darum kann ich ebensogut mit dem Bösen auch das Gute nehmen.«

So machte er seinen Vertrag mit dem Baumeister, und sie unterzeichneten ein Papier; und Keawe und Lopaka gingen wieder zu Schiff und segelten nach Australien; denn sie hatten untereinander abgemacht, daß sie sich um den Bau gar nicht bekümmern, sondern es dem Baumeister und dem Flaschenteufel überlassen wollten, nach ihrem eigenen Gefallen dieses Haus zu bauen und auszuschmücken.

Sie hatten eine gute Reise; nur wagte die ganze Zeit über Keawe kaum ein Wort zu sagen, denn er hatte geschworen, daß er keine Wünsche mehr aussprechen und keine Dienste mehr von dem Teufelchen annehmen wollte. Als sie zurückkamen, war die Zeit herum. Der Baumeister sagte ihnen, das Haus sei fertig, und Keawe und Lopaka fuhren als Passagiere auf der ›Hall‹ nach Kona hinunter, um das Haus zu besichtigen und nachzusehen, ob alles richtig gemacht sei, wie Keawe es sich in seinem Sinn gedacht hatte.

Nun, das Haus stand am Bergabhang, so daß es vom Schiff aus gesehen werden konnte. Über ihm lief der Wald hinauf bis in die Regenwolken; unter ihm fiel die schwarze Lava in Klippen ab, in denen die Könige der alten Zeiten begraben liegen. Ein Garten blühte rund um das Haus herum mit Blumen von allen Farben; und auf der einen Seite war ein Garten mit Papaiabäumen, und auf der anderen ein Garten mit Brotbäumen, und auf der Vorderseite, nach der See zu, da war ein Schiffsmast aufgetakelt und trug eine Flagge. Das Haus war aber drei Stockwerke hoch mit großen Zimmern und breiten Balkonen vor jedem. Die Fenster waren aus Glas, und das war so ausgezeichnet, daß es so klar wie Wasser und so hell wie der Tag war. Alles mögliche Hausgerät schmückte die Zimmer. Gemälde hingen an den Wänden in goldenen Rahmen: Bilder von Schiffen und von Schlachten, von den allerschönsten Weibern und von merkwürdigen Orten; nirgendwo auf der Welt gibt es Gemälde von so hell leuchtenden Farben wie die, die Keawe in seinem Hause an der Wand hängen fand. Die Nippsachen aber waren außerordentlich schön: Uhren, die die Stunden schlugen, und Spieldosen; kleine Männchen mit nickenden Köpfen; Bücher voll von Bildern; kostbare Waffen aus allen Teilen der Welt; die elegantesten Rätselspiele, mit denen ein Mann, wenn er allein ist, sich die Zeit vertreiben kann. Und da kein Mensch in solchen Zimmern leben möchte, bloß um durch sie hindurchzugehen und sie anzugucken, so waren die Balkone so breit gemacht, daß eine ganze Stadt voller Wonne hätte darauf hausen können; und Keawe wußte nicht, welcher Balkon ihm lieber war: der auf der Rückseite, wo man die Landbrise bekam und auf die Baumgärten und die Blumenbeete sah, oder der Vorderbalkon, auf dem man den Seewind trinken und über den steilen Bergwall hinabblicken und die ›Hall‹ sehen konnte, wie sie alle Wochen einmal zwischen Hookena und den Bergen von Pili hin und her fuhr, oder die Schoner, die die Küste hinaufkreuzten, um Holz und Ava und Bananen zu holen.

Als sie nun alles besichtigt hatten, da setzten Keawe und Lopaka sich auf die Türschwelle, und Lopaka fragte:

»Nun, ist alles so, wie du es dir ausgedacht hattest?«

»Worte können es nicht aussprechen«, sagte Keawe. »Es ist besser, als ich geträumt hatte, und ich bin ganz krank vor Zufriedenheit.«

»Es ist bloß ein Ding dabei zu bedenken«, sagte Lopaka, »dies alles kann auf ganz natürliche Weise hergegangen sein, und das Flaschenteufelchen hat vielleicht gar nichts damit zu tun. Wenn ich nun die Flasche kaufte und schließlich keinen Schoner bekäme, dann hätte ich für nichts und wieder nichts meine Hand ins Feuer gesteckt, Ich gab dir allerdings mein Wort; trotzdem denke ich, du möchtest mir eine weitere Probe nicht abschlagen.«

»Ich habe geschworen, ich würde keine Gunst mehr annehmen«, sagte Keawe. »Ich sitze schon tief genug drin.«

»Es ist keine Gunst, woran ich denke«, versetzte Lopaka. »Ich möchte bloß das Teufelchen selber sehen. Dabei ist nichts zu gewinnen, und so braucht man sich auch eines solchen Wunsches nicht zu schämen; aber wenn ich ihn einmal sähe, so würde ich der ganzen Sache gewiß sein. Also tu mir doch den Gefallen und laß mich das Teufelchen sehen; sobald du es getan hast, will ich die Flasche kaufen.«

»Dabei ist bloß eins, wovor ich Furcht habe«, sagte Keawe. »Das Teufelchen mag vielleicht sehr häßlich anzusehen sein; und wenn du es einmal gesehen hättest, so könnte es dir dann sehr unerwünscht sein, die Flasche zu haben.«

»Ich bin ein Mann von Wort«, sagte Lopaka. »Und hier zwischen uns liegt das Geld.«

»Nun schön«, antwortete Keawe. »Ich bin selber neugierig. Also los: Laßt Euch mal anschauen, Herr Teufel!«

Sobald nun das gesagt war, schaute das Teufelchen aus der Flasche heraus und war gleich wieder drinnen, flink wie eine Eidechse; Keawe und Lopaka aber saßen da zu Stein erstarrt. Es war schon finstere Nacht, bevor einer von den beiden einen Gedanken fassen oder die Stimme finden konnte, ein Wort zu sprechen; und dann schob Lopaka seinem Freunde das Geld zu, nahm die Flasche und sagte:

»Ich bin ein Mann von Wort, und wenn ich das nicht wäre, dann würde ich diese Flasche nicht mit meinem Fuß anrühren. Na, ich werde meinen Schoner kriegen und dazu einen Dollar oder zwei für meine Flasche; und dann will ich diesen Teufel wieder loswerden, so schnell ich kann. Denn um dir die reine Wahrheit zu sagen: Sein Anblick hat mich ganz umgeschmissen.«

»Lopaka«, sagte Keawe, »denke nicht schlechter von mir, als du nötig hast! Ich weiß, es ist Nacht, die Wege sind schlecht und die Stelle bei den Gräbern ist ein schlimmer Ort, um in so später Stunde dran vorbeizugehen – aber ich erkläre dir: Seitdem ich das Gesichtchen gesehen habe, kann ich nicht essen oder schlafen oder beten, bis es aus meiner Nähe ist. Ich will dir eine Laterne geben und einen Korb, in den du die Flasche legen kannst – und jedes Bild oder jedes schöne Ding in meinem Hause, wonach dir der Sinn stehen mag, kannst du haben –, aber geh sofort und schlafe in Hookena bei Nahinu.«

»Keawe«, sagte Lopaka, »mancher Mann würde dies übelnehmen – zumal da ich dir einen so großen Gefallen tue, mein Wort zu halten und die Flasche zu kaufen, und besonders, da die Nacht und die Dunkelheit und der Weg an den Gräbern vorbei zehnmal so gefährlich sein müssen für einen Menschen, der solch eine Sünde auf seinem Gewissen und solch eine Flasche unter seinem Arm hat. Aber ich bin selber so fürchterlich erschrocken, ich habe nicht das Herz, dich zu tadeln. So gehe ich denn also; und ich bitte Gott, du mögest in deinem Hause glücklich sein und ich möge mit meinem Schoner Glück haben und wir mögen beide schließlich in den Himmel kommen, trotz dem Teufel in seiner Flasche.«

So ging Lopaka den Berg hinunter; und Keawe stand auf seinem Vorderbalkon und horchte auf das Klappern der Hufe und spähte nach dem Laternenschein, wie er den Bergpfad beleuchtete und das Höhlenriff, wo die Toten der alten Zeit begraben liegen; und die ganze Zeit über zitterte er und faltete die Hände und betete für seinen Freund und gab Gott Ruhm und Preis dafür, daß er selber aus dieser Not entronnen war.

Aber der nächste Tag kam herrlich leuchtend, und sein neues Haus war so köstlich anzuschauen, daß er seine Schrecken vergaß. Ein Tag folgte dem anderen, und Keawe hauste dort in beständiger Freude. Er hatte seinen Platz auf dem hinteren Balkon; dort aß und wohnte er und las die Geschichten in den Zeitungen von Honolulu; jeder aber, der vorüberging, kam herein und besah die Zimmer und die Bilder. Und der Ruhm des Hauses erscholl weit und breit: In ganz Kona nannte man es Ka-Hale Nui, das große Haus; zuweilen auch das Blanke Haus, denn Keawe hielt sich einen Chinesen, der den ganzen Tag Staub wischte und putzte; und das Glas und die Vergoldungen und die schönen Stoffe und die Gemälde leuchteten so hell wie der Morgen. Keawe selber aber konnte nicht in seine Zimmer gehen, ohne zu singen – so weit war ihm das Herz! Und wenn auf der See Schiffe vorbeisegelten, ließ er seine Flagge vom Mast wehen.

So ging die Zeit dahin, bis eines Tages Keawe auf einen Besuch nach Kailua kam, um nach seinen Freunden zu sehen. Dort wurde er wohl bewirtet; am nächsten Morgen aber verabschiedete er sich, sobald er konnte, und ritt schnell wieder heim, denn er war ungeduldig, sein schönes Haus zu sehen, und außerdem war die nächste Nacht gerade die Nacht, in der bei Kona die Toten der alten Tage umgehen; und da er bereits mit dem Teufel zu tun gehabt hatte, lag ihm um so weniger etwas daran, es mit den Toten zu tun zu kriegen. Ein bißchen über Honaunau hinaus sah er in die Ferne und bemerkte ein Weib, das am Strande badete; und sie schien ein wohlgewachsenes Mädchen zu sein, aber er dachte nicht weiter daran, Dann sah er ihr weißes Hemd flattern, als sie es anzog, und dann ihr rotes Holoku; und als er bei ihr angekommen war, da war sie mit dem Anziehen fertig geworden und war von der See heraufgekommen und stand neben der Straße in ihrem roten Holoku; sie war ganz frisch von dem Bade, und ihre Augen glänzten und waren freundlich. Kaum sah nun Keawe sie, so zog er die Zügel an und sagte zu ihr:

»Ich dachte, ich kenne jedermann in dieser Gegend; wie kommt es denn, daß ich dich nicht kenne?

»Ich bin Kokua, Kians Tochter«, sagte das Mädchen, »und bin gerade von Oahu zurückgekehrt. Wer bist du?«

»Wer ich bin, das werde ich dir in einer kleinen Weile sagen«, sagte Keawe und stieg von seinem Pferd herunter, »aber nicht jetzt. Denn ich habe einen Gedanken in meinem Sinn, und wenn du wüßtest, wer ich bin, so könntest du schon von mir gehört haben und würdest mir keine wahre Antwort geben. Aber sage mir vor allen Dingen eins: Bist du verheiratet?«

Da lachte Kokua laut und sagte:

»Du fragst aber auch! Bist du selber verheiratet?«

»Wahrhaftig, Kokua, ich bin nicht verheiratet«, antwortete Keawe, »und dachte bis zu dieser Stunde niemals daran, mich zu verheiraten. Aber hier ist die reine Wahrheit: Ich habe dich hier am Wegrand getroffen, und ich sah deine Augen, die wie die Sterne sind, und mein Herz flog dir zu, so schnell wie ein Vogel. Nun also, wenn du nichts von mir wissen willst, dann sag es, und ich will weiterreiten nach meinem Hause; aber wenn du mich nicht für schlechter hältst als irgendeinen anderen jungen Mann, dann sag auch das! Und ich will für die Nacht bei deinem Vater einkehren und will morgen mit dem guten Mann reden.« Kokua sprach kein einziges Wort, aber sie sah über das Meer hin und lachte.

»Kokua«, sagte Keawe, »wenn du nichts sagst, will ich das als gute Antwort nehmen; so laß uns zu deines Vaters Tür gehen!«

Sie ging vor ihm her, immer noch ohne zu sprechen; nur zuweilen sah sie sich um und blickte dann wieder weg, und sie hielt die Bänder ihres Hutes zwischen ihren Zähnen.

Als sie nun vor die Tür gekommen waren, da trat Kiano auf seine Veranda hinaus, rief laut und hieß Keawe mit seinem Namen willkommen. Da sah das Mädchen ihn an, denn der Ruf von dem großen Hause war auch ihr zu Ohren gekommen; und sicherlich war es eine große Versuchung. Diesen ganzen Abend waren sie sehr lustig beisammen, und das Mädchen war unter den Augen der Eltern dreist wie ein Spatz und neckte Keawe, denn sie hatte einen flinken Witz. Den nächsten Tag sprach er mit Kiano, und dann suchte er das Mädchen auf, das allein war, und sagte:

»Kokua, den ganzen Abend hast du mich geneckt, und es ist noch Zeit, mir zu sagen, ich könne gehen. Ich wollte dir nicht sagen, wer ich bin, weil ich ein so schönes Haus habe und fürchtete, du würdest zu viel an das Haus denken und zu wenig an den Mann, der dich liebt. Jetzt weißt du alles, und wenn du mich nie wiederzusehen wünschest, dann sag es nur gleich.«

»Nein«, sagte Kokua; aber diesmal lachte sie nicht, Keawe fragte aber auch nicht weiter.

So freite Keawe. Es war schnell gegangen; aber auch ein Pfeil fliegt schnell und eine Büchsenkugel noch schneller, und doch können beide das Ziel treffen. Es war schnell gegangen, aber es war auch tief gegangen, der Gedanke an Keawe erfüllte des Mädchens ganzen Sinn; sie hörte seine Stimme in der Brandung am Lavastrand; um dieses Jünglings willen, den sie nur zweimal gesehen hatte, würde sie Vater und Mutter und ihre heimatlichen Inseln verlassen. Keawe aber flog auf seinem Roß den Bergweg entlang unter der Gräberklippe, und der Klang der Hufe und Keawes Stimme, der vor Freude sang, hallten aus den Höhlen der Toten wider. Er kam zu dem Blanken Hause und sang immer noch. Er saß und aß auf dem breiten Balkon, und der Chinese wunderte sich über seinen Herrn, wie er zwischen zwei Bissen sang. Die Sonne sank in die See und die Nacht kam; und Keawe ging auf seinen Balkon bei Lampenlicht, das hoch auf den Berg hinaufschien, und der Klang seines Singens verwunderte die Menschen auf den Schiffen.

»Hier bin ich nun in meinem Haus auf der Höhe«, sagte er zu sich selber, »Besser wird wohl mein Leben nicht werden; dies ist die Höhe des Berges, und rund um mich herum neigt es sich abwärts zum Schlimmeren. Zum erstenmal will ich die Zimmer benutzen und will in meiner schönen Wanne baden mit dem heißen Wasser und dem kalten und will allein in dem Bett meines Brautgemachs schlafen.«

So bekam denn der Chinese einen Befehl und mußte aus seinem Schlaf aufstehen und den Herd heizen; und als er unten an seinem Kessel arbeitete, hörte er über sich in den erleuchteten Zimmern seinen Herrn singen und frohlocken. Als das Wasser zu kochen begann, rief der Chinese seinen Herrn; und Keawe ging in das Badezimmer; und der Chinese hörte ihn singen, als er die Marmorwanne füllte; und hörte ihn singen und wieder singen, als er sich auszog – bis plötzlich der Gesang aufhörte. Der Chinese lauschte und lauschte; er ging ins Haus hinauf, um Keawe zu fragen, ob alles recht sei, und Keawe antwortete ihm: »Ja« und hieß ihn zu Bett gehen; aber es war kein Gesang mehr in. dem Blanken Hause, und die ganze Nacht hindurch hörte der Chinese seines Herrn Schritte, wie er ruhelos auf den Balkon um das Haus herumging.

Nun, die Sache war die: Als Keawe sich auszog, um sein Bad zu nehmen, da bemerkte er auf seiner Haut einen Flecken, wie einen Moosfleck an einem Felsen, und da hörte er auf zu singen. Denn er kannte solche Flecken und wußte, daß er von der Chinesischen Krankheit befallen war.

Nun ist es sehr traurig für jeden Menschen, diese Krankheit zu haben. Und sehr traurig wäre es für jeden Menschen, ein so schönes und behagliches Haus zu verlassen, von allen seinen Freunden zu scheiden und nach der Nordküste von Molokai gehen zu müssen, zwischen den gewaltigen Felsen und der Brandung des Meeres. Aber was wollte das heißen im Vergleich zu Keawe, der seine Liebste erst gestern gesehen und sie erst an diesem Morgen gewonnen hatte und jetzt alle seine Hoffnungen in einem Augenblick zerbrechen sah wie ein Stück Glas?

Eine Weile saß er auf dem Rande der Badewanne; dann sprang er mit einem Schrei, auf und rannte hinaus, und lief auf und ab, auf und ab, immer den Balkon entlang, wie ein Verzweifelter.

»Herzlich gern könnte ich Hawaii verlassen, die Heimat meiner Vorväter«, dachte Keawe bei sich selber; »leichten Herzens könnte ich mein Haus verlassen, das hochgelegene, das vielfenstrige, hier oben auf den Bergen, mit tapferem Herzen könnte ich nach Molokai gehen, nach Kalaupapa an den Klippen, um mit den Aussätzigen zu leben und dort zu schlafen, fern von meinen Vorvätern. Aber welches Unrecht habe ich getan, welches Unglück liegt auf meiner Seele, daß ich Kokua begegnen mußte, wie sie kühl vom Seewasser in den Abend ging? Kokua, die die Seelen bezaubert! Kokua, das Licht meines Lebens! Sie darf ich niemals freien; sie darf ich nicht länger ansehen; sie darf ich nicht mehr streicheln mit meiner liebenden Hand. Und darum, um deinetwillen, o Kokua, schreie ich meine Klagen!«

Nun war Keawe ein bemerkenswerter Mann; er hätte dort oben in dem Blanken Hause jahrelang wohnen können, und kein Mensch hätte etwas davon gemerkt, daß er von der Lepra befallen war. Aber darauf gab er nichts, wenn er Kokua verlieren mußte. Und ferner – er hätte Kokua heiraten können, krank wie er war, und so manche würden das getan haben, weil sie Schweineseelen haben; aber Keawe liebte das Mädchen mannhaft, und er wollte ihr keinen Schaden tun und sie nicht in Gefahr bringen.

Ein Weilchen später, als Mitternacht vorbei war, kam ihm wieder die Flasche in den Sinn. Er ging nach der Schwelle seiner Hintertür, wo er mit Lopaka gesessen hatte und rief in sein Gedächtnis den Tag zurück, an dem der Teufel herausgeschaut hatte; und bei dem Gedanken erstarrte das Blut in seinen Adern zu Eis.

»Ein furchtbares Ding ist die Flasche«, dachte Keawe, »schrecklich ist das Teufelchen, und schrecklich ist es, Höllenflammen zu riskieren. Aber welche andere Hoffnung hab‘ ich, meine Krankheit zu heilen oder Kokua zu heiraten? Was? Habe ich dem Teufel einmal getrotzt, nur um ein Haus zu bekommen, und ich sollte ihm nicht abermals trotzen, um Kokua zu gewinnen?«

Und da erinnerte er sich, daß am nächsten Tage die ›Hall‹ auf ihrer Rückfahrt nach Honolulu vorbeikäme.

»Dahin muß ich zuerst gehen«, dachte er, »und Lopaka aufsuchen. Denn meine beste Hoffnung ist jetzt, dieselbe Flasche wiederzubekommen, die ich mit solcher Freude loswurde.«

Keinen Augenblick konnte er schlafen; der Bissen blieb ihm in der Kehle stecken beim Essen; aber er schickte einen Brief an Kiano, und um die Zeit, als der Dampfer kommen mußte, ritt er über die Gräberklippen an den Strand, Es regnete; sein Pferd ging mühsam; er blickte nach den schwarzen Öffnungen der Höhlen hinauf und beneidete die Toten, die dort schliefen und keine Sorgen mehr hatten, und er dachte daran, wie er am Tage vorher vorübergaloppiert war, und war erstaunt. So kam er denn nach Hookena hinunter, und da waren wie gewöhnlich die Bewohner der ganzen Gegend versammelt wegen des Dampfers. Unter dem Wellblechdach vor dem Kaufladen saßen sie, scherzten und erzählten die Neuigkeiten; in Keawes Brust aber war keine Lust zum Sprechen, und er saß in ihrer Mitte und sah hinaus auf den Regen, der auf die Häuser niederfiel und auf die Brandung, die gegen die Felsen schlug, und Seufzer stiegen in seiner Kehle hoch.

»Keawe vom Blanken Haus ist trübselig«, sagte einer zum andern. Jawohl, das war er, und das ist kein Wunder.

Dann kam die ›Hall‹, und das Strandboot brachte ihn an Bord. Das Achterdeck des Schiffes war voll von Weißen, die den Vulkan besucht hatten, wie es ihre Gewohnheit ist; und das Mittelschiff war voll bepackt mit Kanaken und das Vorderschiff mit wilden Ochsen von Hilo und Pferden von Kau; aber Keawe saß abgesondert von allen andern in seinem Kummer und spähte nach Kianos Haus aus. Da lag es, tief am Strand in den schwarzen Felsen und überschattet von den Kokospalmen, und dort neben der Tür war ein rotes Holoku, nicht größer als eine Fliege, und bewegte sich, geschäftig wie eine Fliege, hin und her.

»Oh! Königin meines Herzens«, rief er, »ich will meine liebe Seele wagen, dich zu gewinnen!«

Bald nachher sank die Dunkelheit hernieder, die Kajüten wurden beleuchtet, und die Weißen saßen und spielten Karten und tranken Whisky, wie es ihre Gewohnheit ist; Keawe aber ging die ganze Nacht hindurch auf dem Deck auf und ab; und den ganzen nächsten Tag, als sie im Lee von Maui oder von Molokai vorüberdampften, lief er immer noch auf und ab wie ein wildes Tier in einem Käfig.

Gegen Abend fuhren sie an Diamond Head vorüber und kamen an die Kais von Honolulu. Keawe ging vom Schiff unter die Menge und begann, nach Lopaka zu fragen. Er war anscheinend Besitzer eines Schoners geworden – keinen besseren gab es auf den Inseln! – und war auf eine Kreuzfahrt ausgesegelt, weit weg – bis Pola-Pola oder Kahiki; so konnte er also von Lopaka keine Hilfe erwarten. Da fiel Keawe ein, daß ein Freund von ihm Rechtsanwalt in der Stadt war – seinen Namen darf ich nicht nennen –, und er erkundigte sich nach ihm. Sie sagten, er sei plötzlich reich geworden und habe ein schönes neues Haus am Strande bei Waikiki; und da kam Keawe ein Gedanke, er rief einen Wagen an und fuhr nach des Anwalts Haus.

Das Haus war funkelnagelneu, die Bäume im Garten waren nicht größer als Spazierstöcke, und der Rechtsanwalt, als er kam, sah aus wie ein Mensch, der zufrieden ist.

»Womit kann ich dir dienen?« sagte der Rechtsanwalt.

»Du bist ein Freund von Lopaka«, antwortete Keawe. »Lopaka kaufte von mir ein Stück Ware, und ich dachte, du wärest vielleicht imstande, mir auf seine Spur zu helfen.«

Des Anwalts Gesicht wurde sehr finster, und er sagte:

»Ich will nicht behaupten, daß ich dich nicht verstehe, Keawe; aber dies ist eine üble Geschichte, die man lieber nicht aufrühren sollte. Ich versichere dir: Ich weiß nichts Bestimmtes, indessen habe ich eine Ahnung, und wenn du in einer gewissen Gegend anfragen würdest, so denke ich, du könntest was Neues hören.«

Und er nannte den Namen eines Mannes, den auch ich wieder besser verschweige. So ging es tagelang, und Keawe lief von einem zum anderen, fand überall neue Kleider, Pferde und Wagen, schöne neue Häuser und überall sehr zufriedene Leute, obgleich allerdings, sobald er sein Anliegen andeutete, ihre Gesichter sich verfinsterten.

»Ohne Zweifel bin ich auf der Spur«, dachte Keawe. »Diese neuen Kleider und Fuhrwerke sind lauter Gaben des Teufelchens, und diese frohen Gesichter sind die Gesichter von Menschen, die ihren Profit gehabt und sich selber vor dem verfluchten Ding in Sicherheit gebracht haben. Wenn ich bleiche Wangen sehe und Seufzen höre, dann werde ich wissen, daß ich dicht bei der Flasche bin.«

So geschah es zuletzt, daß er mit einer Empfehlung an einen Weißen in die Britanniastraße gewiesen wurde. Als er vor die Tür kam, ungefähr um die Zeit des Abendessens, waren da die üblichen Anzeichen von einem neuen Hause und neuen Garten und elektrischem Licht, das durch die Fenster strahlte; als aber der Besitzer kam, da fuhr Keawe ein Stoß von Hoffnung und Furcht durch den Leib; denn hier war ein junger Mann, weiß wie ein Leichnam und schwarz um die Augen, das Haar wüst um den Kopf, und in seinem Gesicht ein Ausdruck, wie ein Mensch ihn haben mag, der den Galgen erwartet.

»Hier ist es ganz gewiß!« dachte Keawe; und so gab er denn diesem Mann ganz unverhüllt sein Anliegen kund und sagte:

»Ich bin gekommen, um die Flasche zu kaufen.«

Bei diesem Wort taumelte der junge Weiße gegen die Wand.

»Die Flasche!« ächzte er. »Die Flasche zu kaufen!«

Dann war es, wie wenn er erstickte, er ergriff Keawe an einem Arm, zog ihn in ein Zimmer und schenkte zwei Gläser Wein ein.

»Auf Ihr wertes Wohlsein!« sagte Keawe, der zu seiner Zeit viel mit Weißen verkehrt hatte. »Ja«, fuhr er dann fort, »ich will die Flasche kaufen. Wie hoch ist jetzt der Preis?«

Auf dieses Wort hin ließ der junge Mann sein Glas aus der Hand fallen, sah Keawe an wie ein Gespenst und rief:

»Der Preis! Der Preis! Sie wissen den Preis nicht?«

»Deshalb frage ich Sie ja«, antwortete Keawe. »Aber weshalb sind Sie so bestürzt? Ist etwas nicht in Ordnung mit dem Preis?«

»Die Flasche ist seit Ihrer Zeit ein gut Teil im Wert gesunken, Herr Keawe«, sagte der junge Mann stammelnd.

»Nun schön, da werde ich um so weniger dafür zu bezahlen haben«, sagte Keawe. »Wieviel zahlten Sie dafür?«

Der junge Mann war so weiß wie ein Bettuch, als er sagte:

»Zwei Cents.«

»Was?« rief Keawe. »Zwei Cents? Dann können Sie sie ja nur für einen Cent verkaufen. Und wer sie kauft –«

Die Worte erstarben auf Keawes Zunge: Wer sie kaufte, der konnte sie niemals wieder verkaufen; die Flasche und der Flaschenteufel mußten bei ihm verbleiben, bis er starb; und wenn er starb, mußte er in die rote Höllentiefe fahren.

Der junge Mann in der Britanniastraße fiel auf seine Knie und schrie:

»Um Gottes willen, kaufen Sie sie! Sie können mein ganzes Vermögen obendrein bekommen. Ich war wahnsinnig, als ich sie zu dem Preise kaufte. Ich hatte all mein Geld in meinem Geschäft aufs Spiel gesetzt und hatte fremdes Geld unterschlagen; ich wäre sonst verloren gewesen und hätte ins Gefängnis gehen müssen.«

»Armes Geschöpf!« sagte Keawe. »Sie wagten Ihre Seele an ein so verzweifeltes Abenteuer, um der gerechten Strafe für Ihre Missetat zu entgehen; und Sie denken, ich könnte zögern, da ich es aus Liebe tue? Geben Sie mir die Flasche und Kleingeld heraus, das Sie, davon bin ich überzeugt, schon zur Hand haben. Hier ist ein Fünfcentstück.«

Es war so, wie Keawe vermutet hatte: Der junge Mann hatte das Kleingeld in einer Schublade bereitliegen; die Flasche wechselte den Besitzer, und kaum hatten Keawes Finger den Flaschenhals umspannt, so hatte er den Wunsch ausgesprochen, wieder eine reine Haut zu haben. Und richtig – als er in sein Zimmer kam und sich vor einem Spiegel nackt auszog, da war sein Leib blank und rein wie der eines neugeborenen Kindes. Und nun kam das Sonderbare. Kaum hatte er dieses Wunder gesehen, da änderte sich sein Sinn, und er machte sich gar nichts mehr aus dem Chinesenübel und wenig genug aus Kokua und hatte nur den einzigen Gedanken, daß er jetzt für Zeit und Ewigkeit dem Flaschenteufel verfallen sei und keine bessere Hoffnung habe, als ewiglich in den Flammen der Hölle zu brennen.

In weiter Ferne sah er vor seines Geistes Augen die Flammen lodern, und seine Seele schauderte zurück, und Finsternis fiel auf das Licht.

Als Keawe ein wenig zu sich kam, bemerkte er, daß es ein Abend war, an dem die Musikbande im Gasthaus spielte. Dorthin ging er, weil er Angst hatte, allein zu sein; und dort lief er unter glücklichen Gesichtern hin und her und hörte die Melodien auf und ab schweben und sah Berger den Takt schlagen, und die ganze Zeit hörte er die Flammen prasseln und sah das rote Feuer in der bodenlosen Höllentiefe brennen. Plötzlich spielte die Musik: ›Hiki – ao ao‹, das war ein Lied, das er mit Ivokua gesungen hatte, und bei diesen Klängen kam ihm der Mut wieder, und er dachte:

»Es ist nun mal geschehen, und so will ich noch einmal mit dem Bösen auch das Gute hinnehmen.«

Und so geschah es, daß er mit dem ersten Dampfer nach Hawaii zurückfuhr, und sobald es geschehen konnte, wurde er mit Kokua vermählt und brachte sie nach dem Blanken Hause am Berghang.

Nun war es so mit diesen beiden: Wenn sie beisammen waren, dann war Keawes Herz beruhigt; aber sobald er allem war, befiel ihn ein brütendes Grauen, und er hörte die Flammen prasseln und sah das rote Feuer in dem bodenlosen Höllenabgrund brennen. Das Mädchen hatte sich ihm ganz und gar zu eigen gegeben; das Herz hüpfte ihr in der Brust bei seinem Anblick, ihre Hand schlug sich in die seinige; und sie war so schön gestaltet von den Haaren auf ihrem Kopf bis herab zu den Nägeln ihrer Zehen, daß kein Mensch sie ohne Freude ansehen konnte. Sie war liebreich in ihrem Wesen. Stets wußte sie ein gutes Wort zu sagen. Voll von Gesang war sie und ging hin und her in dem Blanken Hause, das Schönste in seinen drei Stockwerken, und schmetterte ihre Lieder wie die Vögel. Keawe sah und hörte sie mit Entzücken, und dann mußte er sich beiseite schleichen und weinen und stöhnen, wenn er an den Preis dachte, den er für sie bezahlt hatte; und dann mußte er seine Augen trocknen und sein Gesicht waschen und zu ihr gehen und mit ihr auf den breiten Balkonen sitzen, in ihre Lieder einstimmen und, mit einem kranken Gemüt, auf ihre lächelnden Blicke antworten.

Es kam ein Tag, da begannen ihre Füße schwer und ihre Lieder seltener zu werden; und nun war es nicht Keawe allein, der abseits weinte, sondern jedes von ihnen beiden sonderte sich von dem anderen ab, und sie saßen auf gegenüberliegenden Balkonen, die die ganze Breite des Blanken Hauses trennte. Keawe war so in seine Verzweiflung versunken, daß er die Veränderung kaum bemerkte und nur froh darüber war, daß er mehr Stunden für sich hatte, um allein zu sitzen und über seinem Schicksal zu brüten, und daß er nicht so oft dazu verdammt war, mit einem kranken Herzen ein lächelndes Gesicht zu zeigen. Aber eines Tages, als er leise durch das Haus ging, da hörte er einen Ton wie von einem schluchzenden Kinde, und da lag Kokua mit dem Gesicht auf den Brettern des Balkons und weinte wie eine verlorene Seele.

»Du hast recht, daß du in diesem Hause weinst, Kokua«, sagte er. »Und doch wollte ich den Kopf von meinem Leibe hergeben, damit du wenigstens hättest glücklich sein können.«

»Glücklich!« rief sie. »Keawe, als du allein in deinem Blanken Hause wohntest, da war dein Name sprichwörtlich auf der Insel für einen glücklichen Mann; Lachen und Singen waren in deinem Munde, und dein Antlitz war glänzend wie der Sonnenaufgang. Dann heiratetest du die arme Kokua; und der liebe Gott weiß, was an ihr nicht recht ist – aber von dem Tage an hast du nicht mehr gelächelt. Oh, was fehlt mir? Ich dachte, ich sei hübsch, und ich wußte, daß ich ihn liebte. Was fehlt mir, daß ich diese Wolke über meinen Gatten bringe?!«

»Arme Kokua«, sagte Keawe, Er setzte sich auf den Boden neben sie und suchte ihre Hand zu fassen; aber sie riß sie weg.

»Arme Kokua!« sagte er wieder. »Mein armes Kind – mein hübsches! Und ich hatte alle diese Zeit gedacht, ich wollte dich schonen! Nun, so sollst du alles wissen; dann wirst du wenigstens Mitleid haben mit dem armen Keawe; dann wirst du begreifen, wie sehr er dich liebte in den vergangenen Tagen – daß er der Hölle trotzte, um dich zu besitzen – und wie sehr er dich immer noch liebt, der arme Verdammte, daß er noch ein Lächeln auf sein Gesicht zwingen kann, wenn er dich erblickt.« Und so erzählte er alles, vom allerersten Anfang an.

»Dies hast du um mich getan?« rief sie. »Oh – dann habe ich auch keinen Kummer mehr!«

Und sie umschlang ihn und weinte an seiner Brust.

»Ach, Kind!« sagte Keawe. »Ich aber, wenn ich an das Höllenfeuer denke, ich habe recht viel Kummer!«

»Sprechen wir nicht davon!« sagte sie. »Kein Mensch kann verloren sein, weil er Kokua liebte und sonst keinen anderen Fehler begangen hat. Ich sage dir, Keawe, ich werde dich retten, mit diesen meinen Händen, oder mit dir vereint untergehen. Was! Du liebtest mich und gabst deine Seele hin, und du denkst, ich will nicht sterben, um dafür dich zu retten?«

»Ach, Geliebte! Du möchtest hundertmal sterben – welchen Unterschied würde das machen?« rief er. »weiter nichts, als daß ich dann einsam wäre, bis die Zeit meiner Verdammnis käme!«

»Du weißt nichts!« sagte sie. »Ich wurde in einer Schule in Honolulu erzogen; ich bin kein gewöhnliches Mädchen. Und ich sage dir: Ich werde meinen Geliebten retten. Was sagtest du da von einem Cent? Die ganze Welt ist doch nicht amerikanisch? In England haben sie ja ein Geldstück, das sie einen Farthing nennen – das ist ungefähr ein halber Cent. Aber o weh!« rief sie. »Damit wird es ja kaum besser – denn der Käufer muß verloren und verdammt sein, und wir werden keinen Menschen finden, der so tapfer ist wie mein Keawe! Aber höre – da ist Frankreich! Da haben sie eine kleine Münze, die sie einen Centime nennen, und von denen gehen fünf auf einen Cent, oder so ungefähr. Besser könnte es uns nicht passen. Komm, Keawe – laß uns nach den französischen Inseln gehen; laß uns nach Tahiti gehen, so schnell uns Schiffe befördern können. Dort haben wir vier Centimes, drei Centimes, einen Centime; viermal also ist ein Verkauf und Kauf möglich; und wir sind zwei, um den Handel zu betreiben. Komm, mein Keawe! Küsse mich und jage die Sorgen weg! Kokua wird dich beschützen.«

»Gottesgabe!« rief er. »Ich kann nicht glauben, daß Gott mich dafür bestrafen will, daß ich etwas so Gutes begehrt habe! Sei es also, wie du willst; bringe mich, wohin es dir beliebt: Ich lege mein Leben und Seelenheil in deine Hände.«

In aller Frühe am nächsten Morgen war Kokua schon beim Packen. Sie nahm Keawes Kiste, die er als Matrose benutzt hatte; und zuerst legte sie die Flasche in eine Ecke; und dann packte sie ihre reichsten Kleider ein und die besten Schmucksachen, die sie im Hause hatten. »Denn«, sagte sie, »wir müssen wie reiche Leute aussehen – wer würde sonst an die Flasche glauben?«

Und während der ganzen Zeit, da sie packte, war sie so lustig wie ein Vogel; nur wenn sie Keawe ansah, dann stürzten ihr die Tränen in die Augen und sie mußte hinlaufen und ihn küssen. Keawe aber war eine Last von seiner Seele los; jetzt, da er sein Geheimnis mit einem anderen Menschen teilte und Hoffnung vor sich sah, da schien er ein neuer Mensch geworden zu sein; seine Füße traten leicht auf die Erde, und das Atmen war ihm wieder eine Wonne. Aber immer noch lauerte Grauen an seinen Ellbogen; immer und immer wieder, wie der Wind eine Kerze ausbläst, starb in ihm die Hoffnung, und er sah die Flammen züngeln und die rote Glut in der Hölle brennen.

Sie verbreiteten in der Gegend das Gerücht, daß sie eine Vergnügungsreise nach den Staaten machten; das kam den Leuten sonderbar vor und war doch nicht so sonderbar wie die Wahrheit, wenn einer hätte die erraten können! So fuhren sie denn nach Honolulu mit der ›Hall‹ und von da auf der ›Umatilla‹ nach San Franzisko mit einem Haufen weißer Leute, und in San Franzisko machten sie die Überfahrt auf der Postbrigantine ›Tropic Bird‹ nach Papeete, dem Hauptort der Franzosen auf den Südsee-Inseln. Dort kamen sie nach einer angenehmen Reise an einem schönen Tage an und sahen das Riff mit der schäumenden Brandung, und Motuiti mit seinen Palmen, und den Schoner, der auf der Reede lag, und die weißen Häuser der Stadt unten am Strande entlang unter grünen Bäumen, und in der Höhe die Berge und die Wolken von Tahiti, der Insel der Weißen.

Und die Leute sagten ihnen, das weiseste sei, ein Haus zu mieten. Das taten sie auch und nahmen eins gegenüber dem britischen Konsulat, gaben auf protzige Weise viel Geld aus und taten sich hervor mit schönen Wagen und Pferden. Dies konnten sie sich leisten, solange sie die Flasche in ihrem Besitz hatten. Denn Kokua war kühner als Keawe und verlangte, sooft sie Lust hatte, von dem Teufelchen zwanzig oder auch hundert Dollar. So wurden sie denn bald in der Stadt viel bemerkt; und die Fremden von Hawaii, ihr Reiten und ihr Fahren, Kokuas schöne Holokus und kostbare Spitzen wurden das Stadtgespräch.

Mit der Sprache von Tahiti wurden sie nach dem allerersten Anfang ganz gut fertig; sie ähnelt in der Tat dem Hawaiischen, nur daß gewisse Buchstaben anders sind; und sobald sie sich einigermaßen gewandt ausdrücken konnten, begannen sie sich um den Verkauf der Flasche zu bemühen. Nun muß man bedenken, daß das nicht so leicht zu machen war; es war nicht so einfach, Leute dahin zu bringen, daß sie es für ernst hielten, wenn man sich erbot, für vier Centimes ihnen die Quelle von Wohlergehen und unerschöpflichem Reichtum zu verkaufen. Außerdem war es notwendig, die Gefahren der Flasche deutlich zu nennen. So kam es denn, daß einige überhaupt nicht an die ganze Geschichte glaubten und sie auslachten, andere aber um so mehr an die dunklere Seite dachten, ernste Gesichter machten und sich von Keawe und Kokua zurückzogen, als von Menschen, die mit dem Teufel zu tun hätten. Anstatt Boden zu gewinnen, begannen die beiden zu bemerken, daß man in der Stadt ihnen auswich; die Kinder liefen schreiend vor ihnen davon – für Kokua etwas Unerträgliches –, Katholiken bekreuzigten sich, wenn sie vorübergingen; und alle Menschen wichen wie auf Verabredung ihren Freundlichkeiten aus.

Da kam Niedergeschlagenheit über sie. Nach der Mühsal eines Tages saßen sie abends in ihrem neuen Hause und sprachen kein Wort miteinander, aber das Schweigen wurde dadurch gebrochen, daß Kokua plötzlich laut aufschluchzte; manchmal beteten sie miteinander; manchmal holten sie ihre Flasche hervor, stellten sie auf den Boden und saßen den ganzen Abend und sahen zu, wie der Schatten in der Mitte tanzte. Dann hatten sie Angst, zu Bett zu gehen. Eis dauerte lange, bis Schlaf zu ihnen kam, und wenn eines von ihnen eingeschlummert war und dann aufwachte, fand es das andere, wie es stumm im Finstern weinte; oder auch, das andere war aus dem Hause geflohen und aus der Nachbarschaft der Flasche, um unter den Bananen im Gärtchen auf und ab zu gehen oder im Mondschein am Strande zu wandern.

So war es eines Nachts, als Kokua erwachte. Keawe war fort. Sie fühlte im Bett nach ihm, und sein Platz war kalt. Da befiel sie Furcht, und sie richtete sich im Bett auf. Ein bißchen Mondschein drang durch die Ritzen der Läden ein, das Zimmer war hell, und sie konnte die Flasche auf dem Fußboden sehen. Draußen wehte ein starker Wind, die großen Bäume in der Allee rauschten und ächzten laut, und die abgefallenen Blätter raschelten auf der Veranda. In all diesen Geräuschen hörte Kokua einen anderen Ton; ob er von einem Tier oder von einem Menschen ausging, konnte sie kaum sagen, aber der Ton war todestraurig und schnitt ihr in die Seele. Leise stand sie auf, öffnete die Tür ein wenig und sah hinaus auf den mondhellen Garten. Da lag Keawe unter den Bananen, den Mund in den Staub gedrückt, und wie er so lag, stöhnte er.

Kokuas erster Gedanke war, hinauszulaufen und ihn zu trösten; aber ihr zweiter Gedanke hielt sie mit Macht zurück. Keawe hatte sich vor seiner Frau wie ein tapferer Mann gehalten; es geziemte ihr nicht, in der Stunde seiner Schwachheit ihn zu beschämen. Mit diesem Gedanken ging sie in das Haus zurück.

«Himmel!« sagte sie bei sich selber. »Wie gedankenlos bin ich gewesen – wie schwach! Nicht ich, sondern er schwebt in dieser ewigen Gefahr; er, nicht ich, nahm den Fluch auf seine Seele. Um meinetwillen, aus Liebe zu einem Geschöpf, das so wenig wert ist und so wenig helfen kann, sieht er jetzt die Flammen der Hölle vor sich – ja, riecht schon ihren Qualm, wie er da draußen liegt in Sturm und Mondschein. Bin ich so stumpfsinnig, daß ich bis jetzt niemals meine Pflicht geahnt habe, oder sah ich sie schon vorher und schob sie beiseite? Aber nun will ich wenigstens meine Seele in beide Hände meiner Liebe nehmen; jetzt nehme ich Abschied von den weißen Stufen zum Himmel und den wartenden Gesichtern meiner Freunde. Liebe um Liebe – und möge meine Liebe Keawes Liebe gleich sein! Seele um Seele – laß es die meinige sein, die zugrunde geht!«

Sie war ein flinkes, behendes Weib und schnell mit ihrem Anzug fertig. Sie nahm in ihre Hand das Wechselgeld – die kostbaren Centimestücke, die sie immer bereithielten; denn diese Münze ist wenig im Gebrauch, und sie hatten sich bei einer amtlichen Stelle damit versehen. Als sie draußen in der Allee war, trieb der Wind Wolken heran, und der Mond verdunkelte sich; die Stadt lag im Schlaf, und sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte, bis sie im Schatten der Bäume einen Menschen husten hörte.

»Alter Mann«, sagte Kokua, »was suchst du hier draußen in der kalten Nacht?«

Der alte Mann konnte vor Husten kaum sprechen, aber sie verstand schließlich so viel, daß er alt und arm war und fremd auf der Insel.

»Willst du mir einen Dienst erweisen?« sagte Kokua. »Als ein Fremdling dem anderen und als ein alter Mann einem jungen Weibe – willst du einer Tochter Hawaiis helfen?«

»Oho!« sagte der alte Mann. »So bist du die Hexe von den acht Inseln und suchst sogar meine arme Seele zu umstricken? Aber ich habe von dir gehört und spotte deiner sündhaften Lockung!«

»Setz dich hierher«, sagte Kokua, »und laß mich dir eine Geschichte erzählen.«

Und sie erzählte ihm die Geschichte von Keawe, vom Anfang bis zum Ende, und so schloß sie:

»Nun, ich bin seine Frau, die er mit dem Heil seiner Seele erkauft hat. Was könnte ich tun? Wenn ich selber zu ihm ginge und ihm anböte, die Flasche zu kaufen, würde er nein sagen. Aber wenn du gehst – dann wird er sie bereitwillig verkaufen. Ich will hier auf dich warten; du kaufst sie für vier Centimes, und ich kaufe sie dir für drei wieder ab. Und der Herrgott gebe einem armen Mädchen Kraft!«

»Wenn du mit falschem Herzen redest«, sagte der alte Mann, »so glaube ich, Gott würde dich auf der Stelle sterben lassen.«

»Das würde er! Verlaß dich drauf, das würde er! Ich könnte nicht verräterisch sein – Gott würde es nicht leiden.«

»Gib mir die vier Centimes und warte hier auf mich«, sagte der alte Mann.

Als nun Kokua allein auf der Straße stand, erstarrte ihre Seele. Der Wind heulte in den Bäumen, und ihr kam es vor, wie wenn es das Rauschen der Höllenflammen wäre; die Schatten schwankten im Licht der Straßenlaterne, und sie kamen ihr vor wie Hände böser Geister, die nach ihr griffen. Hätte sie die Kraft gehabt, so hätte sie weglaufen müssen, und hätte sie den Atem gehabt, so hätte sie laut schreien müssen; aber wirklich, sie konnte weder das eine noch das andere und stand und zitterte da in der Allee wie ein geängstigtes Kind.

Dann sah sie den alten Mann zurückkommen, und er hielt die Flasche in seiner Hand.

»Ich habe nach deinem Wunsch getan«, sagte er. »Als ich deinen Mann verließ, weinte er wie ein Kind; heute nacht wird er ruhig schlafen.«

Er hielt ihr die Flasche hin.

»Bevor du sie mir gibst«, sagte Kokua keuchend, »nimm das Gute mit dem Bösen – verlange von deinem Husten befreit zu werden.«

»Ich bin ein alter Mann«, erwiderte er, »und zu nahe am Tor des Grabes, um vom Teufel eine Gunst anzunehmen. Aber was ist dies? Warum nimmst du nicht die Flasche? Zögerst du?«

»Nichts von Zögern!« rief Kokua. »Ich bin nur schwach. Gönne mir einen Augenblick noch. Es ist nur meine Hand, die widerstrebt; mein Fleisch schreckt zurück vor dem verfluchten Ding. Einen Augenblick nur!«

Der alte Mann sah Kokua freundlich an; dann sagte er: »Armes Kind! Du hast Angst; deine Seele täuscht dich. Wohlan, laß mich die Flasche behalten. Ich bin alt und kann in dieser Welt nicht mehr glücklich sein, und was in der nächsten –«

»Gib sie mir!« keuchte Kokua. »Hier ist dein Geld. Denkst du, ich bin so gemein? Gib mir die Flasche.«

»Gott segne dich, Kind!« sagte der Alte.

Kokua verbarg die Flasche unter dem Holoku, sagte dem alten Mann Lebewohl und ging den Baumgang entlang, es war ihr gleichgültig, wohin. Denn alle Wege waren für sie jetzt gleich – sie führten alle in die Hölle. Manchmal ging sie, manchmal lief sie, manchmal schrie sie laut in die Nacht hinaus, manchmal lag sie im Straßenstaub und weinte. Alles, was sie von der Hölle gehört hatte, fiel ihr ein; sie sah die Flammen lodern und roch den Qualm, und ihr Fleisch verfiel auf den glühenden Kohlen.

Als es fast Morgen war, kam sie wieder zur Besinnung und ging zu ihrem Haus zurück. Es war genau, wie der alte Mann gesagt hatte: Keawe schlummerte wie ein Kind. Kokua stand da, starrte auf sein Antlitz und sagte:

»Jetzt, mein Gatte, kannst du schlafen. Wenn du erwachst, kannst du singen und lachen. Aber die arme Kokua, die nichts Böses dachte – ach! für die arme Kokua gibt es keinen Schlaf mehr, kein Singen mehr, keine Freude mehr – weder auf Erden noch im Himmel.«

Und sie legte sich in das Bett an seine Seite, und ihr Elend war so groß, daß sie augenblicklich in einen tiefen Schlaf verfiel.

Spät am Morgen weckte ihr Gatte sie auf und erzählte ihr die gute Nachricht. Er war anscheinend ganz wahnsinnig vor Entzücken, denn er achtete gar nicht auf ihren Kummer, obgleich sie diesen nur schlecht verhehlen konnte. Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken; Keawe sprach genug für beide. Sie aß keinen Bissen, aber wer hätte das bemerken sollen? Keawe leerte die ganze Schüssel. Kokua sah und hörte ihn wie etwas Sonderbares in einem Traum; zeitweise vergaß sie ihr Unglück oder zweifelte daran und legte ihre Hände auf die Stirne; daß sie selber sich verdammt wußte und dabei ihren Gatten schwatzen hörte, erschien so ungeheuerlich.

Die ganze Weile aß Keawe, plauderte, machte Pläne für ihre Rückfahrt und dankte ihr dafür, daß sie ihn gerettet habe, schmeichelte ihr und nannte sie die treue Helferin, die schließlich doch Rat gewußt habe. Er lachte über den alten Mann, der so dumm gewesen wäre, die Flasche zu kaufen.

»Er sah aus wie ein würdiger alter Mann«, sagte Keawe, »aber kein Mensch kann nach dem äußeren Schein urteilen; denn wozu wollte der alte Schuft die Flasche haben?«

»Lieber Mann«, sagte Kokua bescheiden, »seine Absicht ist vielleicht gut gewesen.«

Keawe lachte ärgerlich und rief:

»Papperlapapp! Ein alter Schuft war er, sage ich dir; und ein alter Esel dazu! Denn es war schwer genug, die Flasche für vier Centimes zu verkaufen; und für drei, das wird ganz unmöglich sein. Es ist nicht mehr Spielraum genug, das Ding beginnt schon sengerig zu riechen – brrr!« sagte er und schauderte. »Allerdings kaufte ich selber sie für einen Cent, als ich nicht wußte, daß es kleinere Münzen gebe. Ich lief wie ein Narr herum und fand keinen Käufer – du hattest mehr Glück; aber niemals wird noch einer gefunden werden – und wer die Flasche jetzt hat, der wird mit ihr zur Hölle fahren!«

»O mein Gatte!« sagte Kokua. »Ist es nicht schrecklich, sich selber durch das ewige Verderben eines anderen zu retten? Mir scheint, ich könnte darüber nicht lachen. Ich würde mich demütig fühlen. Ich würde voll Trauer sein. Ich würde für den armen Menschen beten, der die Flasche hat.«

Da wurde Keawe noch ärgerlicher, weil er die Wahrheit ihrer Worte fühlte, und er rief:

»Firlefanz! Du magst voll Trauer sein, wenn du Lust hast. Aber ein gutes Weib denkt nicht so! Wenn du überhaupt an mich dächtest, würdest du dich jetzt schämen!«

Hierauf ging er aus, und Kokua war allein.

Welche Aussicht hatte sie, die Flasche für drei Centimes zu verkaufen? Keine – das sah sie klar und deutlich. Und wenn sie auch eine Aussicht hätte – ihr Mann nahm sie ja in aller Eile mit nach einem Lande, wo es keine kleinere Münze gab als einen Cent. Und hier – an dem Morgen ihrer Selbstopferung – lief ihr Gatte von ihr weg und schalt sie aus!

Sie wollte nicht einmal versuchen, die Zeit auszunutzen, die sie noch hatte, sondern saß zu Hause. Bald holte sie die Flasche hervor und sah sie in unaussprechlicher Angst an. Bald verbarg sie sie voll Ekel an irgendeinem Ort, wo sie sie nicht sah.

Nach einer Zeit kam Keawe heim und sagte ihr, sie solle mit ihm spazierenfahren.

»Mein Gatte«, antwortete sie, »ich bin krank, mir ist nicht gut zumute. Entschuldige mich – ich kann an keine Vergnügungen denken.«

Da wurde Keawe noch zorniger. Auf sie, weil er glaubte, sie denke nur noch über das Geschick des alten Mannes nach. Auf sich selber, weil er ihr eigentlich recht gab und weil er sich schämte, so glücklich zu sein.

»Das ist deine Treue!« rief er. »Das ist deine Liebe! Dein Gatte ist gerade eben von ewigem Verderben errettet, das er nur deinetwillen auf sich nahm – und du kannst nic ht an Vergnügen denken! Kokua, du hast kein aufrichtiges Herz!«

Wütend lief er wieder weg und zog den ganzen Tag in der Stadt herum. Er traf Freunde und zechte mit ihnen; sie nahmen einen Wagen und fuhren aufs Land und zechten dort auch wieder. Die ganze Zeit über war’s Keawe unbehaglich zumute, weil er sich vergnügte, während seine Frau traurig seinem Herzen wußte, daß sie mehr im Recht war als er; und weil er das wußte, trank er um so mehr.

Nun war unter den Zechern, die mit ihm tranken, auch ein roher Mensch, ein Weißer, der früher Bootsmann auf einem Walfischfänger gewesen war, ein Landstreicher, Goldgräber, Galgenvogel, ein gemein denkender, dreckschnauziger Kerl. Er soff und freute sich, wenn er andere betrunken sah, und er drängte Keawe zum Trinken. Bald hatte die ganze Gesellschaft kein Geld mehr.

Da rief der Bootsmann: »Hör mal, du! Du bist ja reich – hast es wenigstens fortwährend gesagt. Du hast ’ne Flasche oder so ’nen Affenkram.«

»Ja«, sagte Keawe, »ich bin reich; ich will in die Stadt gehen und etwas Geld von meiner Frau holen; sie hat es in Verwahrung.«

»Das ist Unsinn, Maat«, sagte der Bootsmann, »traue niemals einem Unterrock mit den Dollars! Sie sind alle so falsch wie Wasser; halte lieber ein Auge auf sie!«

Nun, dieses Wort machte Eindruck auf Keawe; denn er war von all dem Trinken nicht mehr ganz klar im Kopf; und er dachte:

»Ich sollte mich allerdings nicht wundern, wenn sie falsch wäre! Warum wäre sie sonst so niedergeschlagen, da ich doch erlöst bin? Aber ich will ihr zeigen, daß ich nicht der Mann bin, mit mir spaßen zu lassen! Ich will sie auf frischer Tat ertappen!«

Sie gingen demgemäß nach der Stadt zurück. Keawe sagte dem Bootsmann, er solle an der Ecke, beim alten Gefängnis, auf ihn warten und ging allein die Allee hinauf bis an die Tür seines Hauses. Es war wieder Abend geworden; drinnen war Licht, aber kein Laut war zu hören, und Keawe schlich um die Ecke, öffnete sachte die Hintertür und sah hinein.

Da saß Kokua auf dem Fußboden, die Lampe neben ihr, vor ihr stand eine milchweiße Flasche mit einem runden Bauch und einem langen Hals; und Kokua sah die Flasche an und rang die Hände.

Lange Zeit stand Keawe da in der Tür und schaute. Erst war er so verblüfft, daß er nicht denken konnte; dann kam Angst über ihn, der Handel sei nicht richtig gewesen und die Flasche wieder zu ihm zurückgekommen wie damals in San Franzisko. Und da zitterten ihm die Knie, und die Dünste des Weines verflogen aus seinem Kopf wie Nebel von einem Fluß am Morgen. Und dann hatte er einen anderen Gedanken, und das war ein seltsamer, der die Wangen erglühen machte. Und er sagte zu sich selber:

»Hierüber muß ich Gewißheit haben!«

So schloß er die Tür, ging leise wieder um die Hausecke und trat dann geräuschvoll in den Garten, wie wenn er gerade eben nach Hause gekommen wäre! Und siehe da! Als er die Haustür öffnete, war keine Flasche zu sehen, Kokua saß auf einem Stuhl und fuhr empor wie ein Mensch, der aus dem Schlaf geweckt wird.

»Ich habe den ganzen Tag gezecht und bin lustig gewesen«, sagte Keawe. »Ich war mit guten Gesellen zusammen und bin bloß gekommen, mir Geld zu holen; dann geh‘ ich wieder mit ihnen zechen und jubeln.«

Dabei waren sein Gesicht und seine Stimme so erregt wie das Jüngste Gericht; aber Kokua war zu verstört, um das zu bemerken.

»Du hast recht, lieber Mann; es ist ja dein eigenes Geld«, sagte sie, und dabei zitterte ihre Stimme.

»Oh, ich tue immer recht, in allen Dingen!« sagte Keawe, und er ging stracks auf die Kiste los und nahm Geld heraus. Aber außerdem sah er in die Ecke, wo sie die Flasche aufbewahrt hatten, und da stand die Flasche.

Da schwankte vor ihm die Kiste auf dem Fußboden wie eine Meereswoge, und das Haus drehte sich um ihn wie ein Kranz von Rauch, denn er sah, daß er jetzt verloren war und daß es kein Entrinnen gab. »Es ist, wie ich befürchtete«, dachte er, »sie hat die Flasche gekauft.«

Und dann kam er wieder zu sich selber und stand auf, aber der Schweiß strömte über sein Gesicht, so dick wie Regen und so kalt wie Brunnenwasser. Und er sagte:

»Kokua, was ich dir heute sagte, paßt sich nicht für mich. Jetzt gehe ich wieder zu meinen lustigen Gesellen, um mit ihnen lustig zu sein«, und dabei lachte er gemütlich. »Das Weinglas wird mir mehr Vergnügen machen, wenn du mir verzeihst.«

Im Nu umschlang sie seine Knie, sie küßte seine Knie mit strömenden Tränen und rief:

»Oh! Ich verlangte bloß ein freundliches Wort!«

»Laß uns niemals wieder hart voneinander denken!« sagte Keawe, und schon war er zum Hause hinaus.

Nun war das Geld, das Keawe genommen hatte, nur etwas von dem Vorrat an Centimestücken, die sie gleich nach ihrer Ankunft sich besorgt hatten. Ganz gewiß hatte er keine Lust, noch zu trinken! Sein Weib hatte ihre Seele für ihn hingegeben – jetzt mußte er seine Seele für sie hingeben. Kein anderer Gedanke war auf der ganzen Welt für ihn da.

An der Ecke, beim alten Stockhaus, stand der Bootsmann und wartete auf ihn.

»Meine Frau hat die Flasche«, sagte Keawe, »und wenn du mir nicht hilfst, sie von ihr herauszukriegen, gibt’s heute abend kein Geld mehr und kein Getränk mehr.«

»Du willst doch nicht sagen, daß das mit der Flasche ernst ist?« rief der Bootsmann.

»Da ist die Laterne!« sagte Keawe. »Sehe ich aus, wie wenn ich Spaß machte?«

»Das stimmt. Du siehst so ernsthaft aus wie ein Gespenst.«

»Na also!« sagte Keawe. »Hier sind zwei Centimes; du mußt zu meiner Frau ins Haus gehen und ihr diese für die Flasche anbieten, die sie dir – wenn ich mich nicht sehr irre – augenblicklich geben wird. Bringe sie mir hierher, und ich werde sie für einen Centime wieder von dir zurückkaufen; denn das ist bei der Flasche Gesetz: daß sie stets für eine geringere Summe verkauft werden muß, als sie gekostet hat. Aber was du auch tust – sag ihr auf keinen Fall ein Wort davon, daß du von mir kommst!«

»Maat! Hast du mich auch nicht zum besten?« sagte der Bootsmann.

»Wenn ich’s täte, könnte es dir ja nichts schaden«, antwortete Keawe.

»Da hast du recht, Maat«, sagte der Bootsmann.

»Und wenn du an meinen Worten zweifelst«, fuhr Keawe fort, »so kannst du einen Versuch machen. Sobald du aus dem Haus heraus bist, wünsche dir deine Tasche voll Geld oder eine Flasche vom besten Rum oder was du magst, und du wirst sehen, was das Ding leistet.«

»Schön, Kanake!« sagte der Bootsmann. »Ich will’s versuchen; aber wenn du deinen Spaß mit nur treibst, dann treib‘ ich meinen auf deinem Buckel mit ’nem Tauende!«

So ging denn der Bootsmann die Allee hinauf, und Keawe stand und wartete. Es war beinahe dieselbe Stelle, wo Kokua die Nacht zuvor gewartet hatte; aber Keawe war fester entschlossen und schwankte nicht einen Augenblick in seinem Vorhaben; nur war seine Seele bitter vor Verzweiflung.

Es kam ihm vor, wie wenn er lange Zeit gewartet hätte, als er endlich eine Stimme in der dunklen Allee singen hörte. Er erkannte die Stimme als die des Bootsmanns, aber es war sonderbar, wie betrunken sie plötzlich klang.

Dann kam der Mann selbst in den Lichtkreis der Laterne getaumelt. Er hatte des Teufels Flasche in seinen Rock gesteckt und diesen zugeknöpft. Eine andere Flasche hielt er in der Hand, und in dem Augenblick, als er in Sicht kam, hob er sie an seinen Mund und trank.

»Du hast sie, wie ich sehe«, sagte Keawe.

»Hand vom Sack!« rief der Bootsmann und sprang zurück. »Komm mir bloß einen Schritt zu nahe und ich hau‘ dir in die Fresse! Du dachtest wohl, du könntest mich als deinen Dummen schicken, was?«

»Was meinst du!« rief Keawe.

»Was ich meine?« brüllte der Bootsmann. »Das ist ’ne verdammt gute Flasche, jawoll! Das mein‘ ich! Wie ich sie für zwei Centimes bekam, kann ich nicht begreifen. Aber ganz gewiß sollst du sie nicht für einen kriegen!«

»Du meinst, du willst sie nicht verkaufen?«

»Nä, Herr!« rief der Bootsmann. »Aber ich will dir einen Schluck von dem Rum geben, wenn du Lust hast.«

»Ich sage dir, der Mann, der die Flasche hat, fährt zur Hölle!«

»Ich denke, dahin fahre ich sowieso!« antwortete der Matrose. »Und diese Flasche ist das Beste, was ich bis jetzt auf der Welt traf, um damit zur Hölle zu fahren. Nä, Herr!« rief er noch einmal. »Das ist jetzt meine Flasche, und du kannst sehen, wo du ’ne andere herkriegst!«

»Kann dies wahr sein?« rief Keawe. »Um deinetwillen bitte ich dich dringend: Verkaufe sie mir.«

»Ach, Quatsch!« antwortete der Bootsmann. »Du dachtest, ich wäre ein Schafskopf, jetzt siehst du, daß ich keiner bin und damit basta! Wenn du keinen Schluck von dem Rum haben willst, will ich selber einen nehmen. Hier, prost! Und gute Nacht!«

So ging er denn die Allee hinunter nach der Stadt zu, und damit verschwindet die Flasche aus dieser Geschichte.

Keawe aber rannte zu Kokua, so leicht wie der Wind; und groß war ihre Freude in dieser Nacht; und groß war seitdem der Friede aller ihrer Tage im Blanken Haus.

Sechstes Kapitel


Weiland Herr von Lovat

Ein Mann erwartete uns in Prestongranges Studierzimmer, den ich schon auf den ersten Blick nicht ausstehen konnte, so wie man ein Frettchen oder einen Ohrwurm verabscheut. Er war bitter häßlich, schien jedoch ein vollkommener Gentleman und hatte ein stilles Wesen, das indes plötzlicher Attacken und heftiger Zornausbrüche fällig war, und eine leise Stimme, die, wenn es ihm paßte, schrill und drohend werden konnte. Der Staatsanwalt stellte uns auf zwanglos liebenswürdige Art vor. »Das hier, Fraser,« meinte er, »ist Mr. Balfour, von dem ich Euch erzählt habe. Mr. David, Mr. Simon Fraser, den wir früher unter einem anderen Namen kannten – aber das ist eine alte Geschichte. Mr. Fraser hat etwas mit Euch zu besprechen.« Mit diesen Worten trat er zu seinen Bücherschränken und machte sich am andern Ende des Zimmers mit einem Quartbande zu schaffen. So blieb ich allein mit dem Menschen, den ich von allen auf der Welt am wenigsten erwartet hätte. Die Art der Vorstellung ließ keinen Zweifel zu; dieser Mann konnte niemand anders sein als der verfehmte Herr von Lovat, das Haupt des großen Clans Fraser. Ich wußte, daß er sich während der Rebellion an die Spitze seiner Leute gestellt hatte; ich wußte, seines Vaters Kopf – der Kopf des alten Lords, des »grauen Fuchses vom Berge« – war jenes Verbrechens wegen auf dem Block gefallen, und das Vermögen der Familie war sequestiert und ihr Adel gelöscht. Ich konnte mir nicht denken, was er in Grants Haus zu schaffen hatte; ich kam nicht auf den Gedanken, daß man ihn an das Gericht berufen hätte, daß er seine ganze Überzeugung abgeschworen und jetzt so weit um die Gunst der Regierung buhlte, daß er sich nicht scheute, in der Appiner Mordsache als stellvertretender Staatsanwalt zu erscheinen. »Nun, Mr. Balfour,« hub er an, »was sind das für Dinge, die ich von Euch hören muß.« »Es kommt mir nicht zu, voreilig zu urteilen,« erwiderte ich, »wenn jedoch der Herr Staatsanwalt Euer Gewährsmann ist, betone ich, daß er über alles Bescheid weiß.« »Ich will Euch nur gleich sagen, daß man mich mit der Appiner Mordsache betraut hat,« fuhr er fort, »und daß ich unter Prestongrange auftreten werde; nach meinem Studium der Aussagen bei dem Vorverhör kann ich Euch versichern, Ihr seid gänzlich im Irrtum. Die Schuld Alan Brecks ist offenbar; und Eure Zeugenaussage, in der Ihr zugebt, ihn im entscheidenden Moment auf dem Hügel gesehen zu haben, wird genügen, ihn zu hängen.« »Es dürfte ziemlich schwer sein, ihn zu hängen, so lange man ihn nicht hat,« bemerkte«ich. »Und was die andern Dinge betrifft, so möchte ich Euch durchaus nicht dreinreden.«

»Der Herzog ist von allem unterrichtet«, fuhr er fort. »Ich komme soeben von Seiner Gnaden und er hat sich mir gegenüber mit dem Freimut geäußert, der einem so großen Edelmanne ziemt. Er nannte Euch bei Namen, Mr. Balfour, und erklärte im voraus seine Dankbarkeit, falls Ihr Euch von denen leiten ließet, die Euer eigenes Interesse und die Interessen Eures Vaterlandes so viel besser verstehen als Ihr selbst. Dankbarkeit ist im Munde eines solchen Mannes keine leere Phrase: experto crede. Ich nehme an, Ihr wißt einiges über meinen Namen und meinen Clan und von dem verdammenswerten Beispiel und beklagenswerten Ende meines seligen Vaters, von meinen eigenen Mißgriffen ganz zu schweigen. Nun, ich habe mit dem guten Herzog meinen Frieden gemacht; er hat sich für mich bei unserem Freunde Prestongrange verwendet, und hier sitze ich wieder fest im Sattel und trage sogar einen Teil der Verantwortung in diesem Prozeß gegen die Feinde König Georgs, der die schamlos-dreiste Kränkung seiner Majestät rächen soll.« »Ohne Zweifel eine stolze Stellung für Eures Vaters Sohn«, bemerkte ich. Er runzelte die kahlen Brauen. »Es beliebt Euch, Euch in der Ironie zu versuchen, wie ich sehe«, versetzte er. »Aber ich stehe hier auf dem mir angewiesenen Posten und tue in gutem Glauben meine Pflicht; Ihr werdet mich nicht davon abbringen. Und laßt Euch noch sagen, für einen jungen Burschen von Eurem Feuer und Eurem Ehrgeiz bedeutet ein gutes Sprungbrett mehr als zehn Jahre schwere Arbeit. Das Sprungbrett wird Euch jetzt geboten; wählt, worin Ihr gefördert werden wollt; der Herzog wird über Euch wachen wie ein zärtlicher Vater.« »Ich fürchte, mir mangelt ein wenig die Fügsamkeit eines guten Sohnes«, entgegnete ich.

»Und glaubt Ihr wirklich, junger Mann, man wird die ganze Politik eines Landes an dem Widerstand eines Tölpels von grünen Jungen scheitern lassen?« schrie er. »Man hat diesen Fall zu einem Probefall gemacht; jeder, der vorwärtskommen will, muß seine Schultern gegen das Rad stemmen. Seht mich an! Meint Ihr, ich hätte mich zum Vergnügen in die überaus verhaßte Position begeben, einen Mann gerichtlich verfolgen zu müssen, an dessen Seite ich gekämpft habe? Mir bleibt gar keine Wahl.« »Ich meine, Sir, Ihr hättet Euch der Wahl begeben, als Ihr Euch an jener höchst unnatürlichen Rebellion beteiligtet«, bemerkte ich. »Zum Glück liegt der Fall bei mir ganz anders. Ich bin ein treuer Untertan und kann dem Herzog wie auch König Georg gerade in die Augen schauen.« »Pfeift der Wind aus dem Loch!« versetzte er. »Ich versichere Euch, Ihr befindet Euch in einem verhängnisvollen Irrtum. Prestongrange war, wie er mir sagt, bisher so höflich, Eure Aussagen stillschweigend zu akzeptieren; glaubt aber deswegen nur ja nicht, daß man sie ohne jeden Verdacht hinnimmt. Ihr behauptet, unschuldig zu sein. Mein teurer junger Herr, die Tatsachen erklären Euch für das Gegenteil.« »Auf diesen Hieb war ich gefaßt«, lautete meine Antwort.

»Da ist Mungo Campbells Aussage; Eure Flucht unmittelbar nach der Tat; Euer langes Verborgensein und die nachfolgenden Heimlichkeiten – mein teurer junger Mann,« erklärte Mr. Simon, »das genügt, um einen Ochs zu hängen, geschweige denn David Balfour! Ich werde bei jenen Verhandlungen dabei sein; ich werde meine Stimme erheben, ich werde dann ganz anders reden als heute, und zwar weniger nach Eurem Geschmack, so wenig Ihr auch jetzt Gefallen daran findet! Ah, Ihr erblaßt!« rief er. »Jetzt hab ich den Schlüssel zu Eurem unverschämten Herzen. Ihr seid bleich, Euer Blick schwankt. Mr. David, Ihr seht das Grab und den Galgen aus größerer Nähe, als Ihr es Euch gedacht hattet.« »Ich gestehe, daß ich eine natürliche Schwäche spüre,« entgegnete ich. »Darin erblicke ich keine Unehre. Unehre –« wollte ich fortfahren … » Unehre harrt Euer auf dem Schafott«, unterbrach er.

»Dann würde es mir nicht anders gehen als Mylord, Eurem Vater«, erwiderte ich. »Im Gegenteil!« rief er, »Ihr habt den vollen Umfang dieser Affäre nicht erfaßt. Mein Vater litt für eine große Sache, weil er sich in die Angelegenheiten der Könige mischte, Ihr aber werdet baumeln wegen eines schmutzigen Mords an einem armen Schlucker. Eure persönliche Rolle bei dieser Affäre – die hinterlistige Rolle, den armen Teufel in ein Gespräch zu verwickeln – und Eure Komplicen, eine Rotte bettelhafter Hochländer, gereichen Euch nicht zur Ehre. Und es kann und es wird bewiesen werden, das dürft Ihr mir, der ich mich dieser Sache angenommen habe, schon glauben – es kann bewiesen werden, und es soll bewiesen werden, daß Ihr dafür bezahlt wurdet. Ich sehe schon die Bewegung, die durch den Gerichtssaal gehen wird, wenn ich erst meine Beweise beibringe. Aus diesen wird hervorgehen, daß ein junger Mann von Eurer Erziehung sich zu jener scheußlichen Tat hat verleiten lassen für einen abgetragenen alten Anzug, eine Flasche Hochlandschnaps und dreieinhalb Shilling in Kupfermünzen.« An diesen Worten war etwas Wahres, das mich traf wie ein Keulenschlag. Kleider, eine Flasche ›Usquebaugh‹ und dreieinhalb Shilling Kleingeld waren in Wahrheit alles, was Alan und ich aus Aucharn mitgenommen hatten. Ich schloß daraus, daß ein Teil von James Leuten in ihren Gefängnissen geplaudert hatte. »Ihr seht, ich weiß mehr als Ihr ahnt«, fuhr er triumphierend fort. »Und was diese Wendung der Dinge anbetrifft, mein erhabener Mr. David, so werdet Ihr doch nicht glauben, der Regierung von Großbritannien und Irland könnte es an Beweisen fehlen? Wir haben in unseren Gefängnissen Männer, die sich die Seele aus dem Leib schwören, um das zu bekräftigen, was wir ihnen in den Mund legen, oder was ich ihnen in den Mund lege, falls Euch das besser paßt. Und nun wißt Ihr, welch glorreiches Schicksal Eurer harrt, wenn Ihr den Tod wählt! Auf der einen Seite: Leben, Wein, Weiber und einen Herzog als Gönner; auf der anderen einen Strick um den Hals und einen Galgen als Wippe für Euer Gebein samt der lausigsten, dreckigsten Geschichte, die je von einem gedungenen Meuchelmörder erzählt wurde, als Erbe für Euresgleichen. Seht einmal her!« rief er mit fürchterlicher, schriller Stimme, »seht diese Papiere in meiner Tasche! Seht Euch einmal den Namen an: es ist der Name des tugendhaften David, wenn ich mich nicht irre, und die Tinte ist noch nicht einmal trocken! Erratet Ihr, was das zu bedeuten hat? Es ist Euer Haftbefehl, und es kostet mich nur ein einziges Zeichen auf dieser Glocke, um ihn auf der Stelle vollstrecken zu lassen. Und Gott sei Eurer Seele gnädig, seid Ihr erst einmal an dem Ort, der auf diesem Papiere verzeichnet steht, denn dann ist der Würfel gefallen!« Ich kann nicht leugnen, der Einblick in so viel Gemeinheit entsetzte mich und die Nähe und Schrecklichkeit der Gefahr erschütterten mich schwer. Schon einmal hatte Mr. Simon sich an meiner wechselnden Gesichtsfarbe geweidet; sicherlich war ich im Augenblick nicht röter als mein Hemd, und meine Stimme zitterte, als ich rief: »In diesem Zimmer befindet sich ein Gentleman! Ich appelliere an ihn und lege mein Leben und meinen Ruf in seine Hände!« Prestongrange schloß mit hörbarem Rucke sein Buch. »Ich sagte es Euch ja, Simon«, bemerkte er. »Ihr habt Eure Trümpfe gründlich ausgenutzt und habt das Spiel verloren. Mr. David,« fuhr er fort, »ich bitte Euch, mir zu glauben, daß die Probe, der Ihr soeben unterzogen wurdet, nicht auf meine Initiative zurückzuführen ist. Ich wollte, Ihr wüßtet, wie froh ich bin, daß Ihr sie so mit Ehren bestanden habt. Ihr habt mir ebenfalls einen Dienst damit erwiesen, wenn Ihr das im Augenblick auch nicht einzusehen vermögt. Denn, hätte unser Freund hier einen besseren Erfolg gehabt als ich vorgestern abend, man hätte ihn vielleicht für einen besseren Menschenkenner gehalten als mich; ja, es hätte den Anschein haben können, als stünden Mr. Simon und ich jeder auf dem falschen Posten. Unser Freund Simon, müßt Ihr wissen, ist ehrgeizig«, setzte er hinzu, Fraser auf die Schulter klopfend. »Aber dies Komödiespielen hat jetzt ein Ende. Mein Gefühl steht stark auf Eurer Seite, und was immer auch der Ausgang dieser unglückseligen Angelegenheit sein mag, ich werde dafür sorgen, daß Ihr mit Nachsicht behandelt werdet.« Das waren tröstende Worte, und ich sah überdies, daß zwischen den beiden Männern wenig Zuneigung, wenn nicht gar ein Funken echten Hasses bestand. Trotzdem war ganz klar: diese Szene war mit beider Zustimmung erdacht und vielleicht sogar einstudiert worden. Es war auch klar, daß meine Gegner an ihrem Entschluß, mich mit allen Mitteln auf die Probe zu stellen, festhielten, und nun, da Überredung, Schmeichelei und Drohungen versagt hatten, fragte ich mich, womit sie es wohl als Nächstes versuchen würden. Meine Augen waren noch immer feucht und meine Knie schwach von dieser letzten Quälerei; ich vermochte daher nur stammelnd meine Worte zu wiederholen: »Ich lege mein Leben und meinen Ruf in Eure Hände.« »Schon gut, schon gut,« entgegnete er, »wir müssen versuchen, sie zu retten. Inzwischen aber wollen wir zu sanfteren Methoden zurückkehren. Ihr dürft meinem Freunde hier, Mr. Simon, nichts nachtragen; er hat auch nur seine Amtspflicht erfüllt. Und selbst wenn Ihr mir, der ich sozusagen daneben stand und das Licht hielt, noch böse seid, darf ich doch nicht dulden, daß sich das bis zu den unschuldigen Mitgliedern meiner Familie erstreckt. Diesen liegt viel daran, Euch näher kennenzulernen, und ich kann nicht zugeben, daß meine Weibsen eine Enttäuschung erleben. Morgen vormittag wollen sie nach Hope Park hinaus spazieren, und ich würde es sehr passend finden, wenn Ihr ihnen dort Eure Reverenz machtet. Kommt jedoch vorher noch zu mir, für den Fall, daß ich Euch privatim etwas zu sagen habe; dann sollt Ihr unter der Obhut meiner jungen Fräulein wieder freigelassen werden; und bis dahin wiederholt mir Euer Versprechen, nicht zu schwatzen.« Ich hätte besser getan, sofort abzulehnen, doch die Wahrheit ist, ich war keines logischen Gedankens mehr fähig. Ich tat also, wie mir geheißen wurde und verabschiedete mich, ich weiß nicht wie; und als ich mich wieder auf dem Hofe befand und die Tür hinter mir geschlossen hatte, war ich froh, mich gegen die Mauer lehnen zu können, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Jenes furchtbare Nachtgespenst (wie es mich dünkte), Mr. Simon, wollte mir nicht aus dem Sinn, so wie einem mitunter eine Melodie, die man gehört hat, ständig im Kopfe herum geht. Geschichten von seinem Vater, von dessen Falschheit und wiederholten Verrätereien tauchten aus Büchern und Erzählungen vor mir auf und gesellten sich zu dem, was ich soeben am eigenen Leibe durch den Sohn erfahren hatte. Und sobald ich daran dachte, schrak ich von neuem vor der raffiniert schmutzigen Verleumdung zurück, mit der er meinen Ruf hatte kreuzigen wollen. Der Fall des Mannes am Galgen neben Leiths Walk schien sich jetzt von dem Los, das meiner wartete, kaum noch zu unterscheiden. Ein Kind um eine weniger als geringe Summe zu berauben war entschieden erbärmlich und zweier erwachsener Männer unwürdig; jedoch meine eigene Geschichte, so wie Mr. Simon sie vor Gericht darstellen wollte, schien, was schiere Gemeinheit und Feigheit anbetraf, in jeder Hinsicht eine exakte Parallele bilden zu sollen.

Die Stimmen zweier Lakaien von Prestongrange, die sich auf der Türschwelle unterhielten, brachten mich wieder zu mir selbst.

»Heda«, sagte der eine, »der Zettel hier ist sofort dem Kapitän zu überbringen.«

»Ist der Hochlandsbandit etwa wieder herbefohlen?« fragte der andere.

»Es scheint so«, entgegnete der erste. »Der Alte und Simon wollen ihn sprechen.«

»Ich glaube, Prestongrange ist verrückt geworden«, meinte der andere. »Er wird James More nächstens noch ins Bett nehmen.«

»Na, es ist weder deine noch meine Sache«, erklärte der erste.

Und sie trennten sich, der eine, um seinen Auftrag zu erledigen, der andere, um ins Haus zu gehen.

Das sah so schlimm wie nur möglich aus. Kaum war ich fort, da schickten sie schon nach James More, auf den, wie ich von vorneherein vermutet hatte, Mr. Simons Bemerkung, sie hätten Männer im Gefängnis, die zu jeder Schandtat bereit wären, um ihr Leben zu retten, abzielte. Mich überlief es kalt, und im nächsten Moment schoß mir in Erinnerung an Catriona das Blut zu Kopf. Armes Mädchen! Ihr Vater sollte einer üblen Sache wegen gehenkt werden. Was aber unverzeihlich war: er schien seine Haut durch die schändlichste, feigste und gemeinste Art des Mordes, durch einen Meineid, retten zu wollen, und um das Unglück voll zu machen: ich selbst war zu seinem Opfer ausersehen. Da begann ich rasch und ziellos drauflos zu marschieren, ohne jeden anderen Gedanken als den Wunsch nach Bewegung, Luft und freiem Himmel.

Siebentes Kapitel


Ich verstoße gegen mein Ehrenwort

Mein Weg mündete auf den »Lang Dykes«, einer ländlichen Straße, die sich längs der Höhen an der Nordseite der Stadt hinzieht. Von dort konnte ich die ganze düstere Häusermasse überblicken: die Burg auf dem steilen Felsen mit dem See zu ihren Füßen, und die weit auslaufende, sanft abfallende Linie der Türme, Giebel und rauchenden Schornsteine. Bei diesem Anblick schwoll mir das Herz in der Brust. Wie gesagt, trotz meiner Jugend war ich an Gefahr gewöhnt, jedoch Gefahren, wie sie mir heute morgen in der angeblich so sicheren Stadt gedroht hatten, erschütterten mich in ungeahnter Weise. Gefahren der Sklaverei, Gefahren des Schiffbruchs, Gefahren durch Pulver und Schwert: allen hatte ich in Ehren getrotzt; aber die Gefahr, die in der scharfen Stimme und dem feisten Gesicht Simons, des eigentlichen Herrn von Lovat, lag, brachte mich völlig außer Fassung. Ich ließ mich am Ufer des Sees an einer Stelle nieder, an der das Schilf weit in das Wasser ragte, tauchte meine Hände in das Naß und badete meine Schläfen. Hätte ich fliehen können, ohne auch den letzten Rest meiner Selbstachtung zu verlieren, ich wäre vor meinem tollkühnen Unternehmen davongelaufen. Aber (war es nun Mut oder Feigheit oder vielleicht etwas von beiden) ich entschied: die Sache ist zu weit gediehen, um einen Rückzug zu gestatten. Bisher hatte ich mich beiden Männern gegenüber behauptet; ich würde mich auch weiter behaupten, und, komme was da wolle, an meinem Wort festhalten.

Das Bewußtsein meiner eigenen Standhaftigkeit tröstete mich ein wenig, aber nicht viel. Trotz allem und allem konnte ich ein eisiges Gefühl im Herzen nicht loswerden, und das ganze Leben schien mir ein finsteres, gefährliches Geschäft. Für zwei Seelen insbesondere floß ich vor Mitleid über. Die eine war ich selbst in meiner freundlosen, bedrohlichen Lage. Die andere war das Mädchen, die Tochter James Mores. Ich kannte sie kaum, aber ich hatte sie gesehen, und mein Urteil stand fest. Ich hielt sie für ein Mädchen von reinstem Ehrgefühl, empfindlich in diesen Dingen wie ein Mann; Schande, dachte ich, würde sie töten; und im nämlichen Augenblick glaubte ich von ihrem Vater, daß er am Werke sei, sein eigenes, entehrtes Leben gegen das meinige einzuhandeln. Das schaffte eine Art Gedankenverbindung zwischen dem Mädchen und mir. Bisher war sie nur wie ein Wanderer am Wege neben mir aufgetaucht, eine flüchtige Erscheinung, die mich jedoch seltsam fesselte; jetzt entdeckte ich plötzlich nahe Bande zwischen mir und ihr als Tochter meines Blutsfeindes, ja Mörders, wie ich ihn mit Recht bezeichnen konnte. Ich überlegte, daß es doch ein recht hartes Schicksal sei, mein Lebtag um anderer Leute willen gejagt und verfolgt zu werden, ohne ein bißchen eigene Freude am Leben. Zwar hatte ich satt zu essen und ein Bett zum Schlafen, wenn meine Angelegenheiten es mir gestatteten; allein darüber hinaus wollte mein Reichtum mir nichts nützen. Sollte ich gehenkt werden, so waren meine Tage gezählt; kam es nicht dazu, und entrann ich mit heiler Haut allen diesen Gefahren, so würde ich das Leben vielleicht noch satt bekommen, ehe ich mit ihm fertig war. Plötzlich tauchte Catrionas Gesicht vor mir auf, mit leise geöffneten Lippen, wie ich es das erstemal erblickt hatte; gleichzeitig spürte ich eine Schwäche in meinem Herzen und Kraft in meinen Beinen und machte mich entschlossen auf den Weg nach Dean. Sollte ich morgen gehenkt werden – und die Möglichkeit, daß ich bereits heute nacht im Gefängnis schlafen müßte, lag auf der Hand – so wollte ich vorher wenigstens noch einmal Catriona sehen und sprechen.

Die körperliche Bewegung und der Gedanke an mein Ziel gaben mir frischen Mut, so daß ich fast heiter wurde. Im Dorfe Dean, das im Grunde eines Tales neben dem Flusse lag, erkundigte ich mich bei einem Müllerknecht nach dem Wege, und er wies mich auf einen breiten Pfad, der mich am jenseitigen Ufer bergauf nach einem sauberen Häuschen führte in einem Garten mit Apfelbäumen und weiten Rasenflächen. Mein Herz schlug heftig, als ich die Öffnung in der Gartenhecke durchschritt und fiel mir gleich darauf in die Hosen, denn plötzlich stand ich einer grimmigen, finster blickenden alten Dame gegenüber, die dort spazierenging, und die als Kopfbedeckung eine weiße Haube trug, über die ein Männerhut geschnallt war.

»Was sucht Ihr hier?« herrschte sie mich an.

Ich sagte, ich wünsche Miß Drummond zu sprechen.

»Und was habt Ihr mit Miß Drummond zu schaffen?« forschte sie. Ich erklärte, ich hätte sie vergangenen Samstag getroffen und wäre so glücklich gewesen, ihr einen kleinen Dienst zu erweisen und sei heute auf der jungen Dame persönliche Einladung hier. »Aha, der Musjö Sixpence!« rief sie mit schärfstem Hohn. »Ein schönes Geschenk, ein feiner Gentleman! Habt Ihr noch einen anderen Namen oder Titel, oder wurdet Ihr Sixpence getauft?«

Ich nannte ihr meinen Namen.

»Gott im Himmel!« rief sie. »Hat Ebenezer einen Sohn gezeugt?« »Nein, gnädige Frau«, entgegnete ich. »Ich bin der Sohn von Alexander und der Erbherr von Shaw.« »Wenn Ihr das durchfechten wollt, habt Ihr Euch ein saures Stück Arbeit vorgenommen«, bemerkte sie. »Ich sehe, Ihr kennt meinen Onkel,« entgegnete ich, »Ihr werdet Euch daher vielleicht freuen zu hören, daß die Angelegenheit bereits geregelt ist.« »Und was wollt Ihr von Miß Drummond?« fuhr sie fort. »Ich bin wegen meines halben Shillings gekommen, Madame,« sagte ich. »Ihr dürft Euch nicht wundern, wenn ich als meines Onkels Neffe ein wenig haushälterisch bin.« »So, so, Ihr habt also einen Funken von Witz«, bemerkte die alte Dame mit einigem Wohlwollen. »Ich dachte, Ihr wäret nur so ein windiger Junge – Ihr mit Eurem Sixpence und Eurem ›Glückstag‹ und Eurem ›Balwhidder zuliebe‹« – (Ich erkannte mit Befriedigung, daß Catriona sich wenigstens eines Teiles unseres Gespräches erinnert hatte.) »Aber so kommen wir nicht weiter«, fuhr sie fort. »Habe ich zu verstehen, daß Ihr auf Freiersfüßen geht?« »Die Frage ist bestimmt etwas verfrüht«, sagte ich. »Das Fräulein ist noch sehr jung, und ich leider auch. Ich habe sie erst einmal gesehen. Ich leugne nicht,« fügte ich in der Absicht hinzu, es einmal mit vollkommener Offenheit zu versuchen, »ich leugne nicht, daß sie mir, seit ich sie kennenlernte, ziemlich viel im Kopfe herumgeht. Das ist eine Sache für sich, aber es ist eine ganz andere Sache, sich festzulegen, und ich glaube, ich wäre ein Narr, wenn ich’s täte.« »Na, Ihr nehmt, wie ich sehe, kein Blatt vor den Mund«, entgegnete die alte Dame. »Das tue ich, gottlob, auch nicht! Ich war dumm genug, dieses Gauners Tochter unter meinen Schutz zu nehmen; eine schöne Sache habe ich mir da aufgehalst, aber geschehen ist geschehen, und durchführen werd ich sie, wie’s mir gefällt. Wollt Ihr mir weismachen, Mr. Balfour von Shaw, Ihr wäret bereit, James Mores Tochter zu heiraten, selbst wenn er gehenkt wird? Na also, und wo aus dem Heiraten nichts wird, wird auch nichts aus dem Hofieren und Karessieren, könnt Euch drauf verlassen. Mädchen sind schwache Geschöpfe«, setzte sie mit einem Kopfnicken hinzu, »und wenn Ihr’s mir mit meinen Runzeln auch nicht anseht, war ich selbst doch auch mal ein Mädchen, und ein hübsches obendrein.«

»Lady Allardyce«, entgegnete ich, – »ich nehme an, das ist Euer Name – Ihr scheint mir hier für beide Teile das Reden zu besorgen, und das ist kaum die rechte Art, zu einer Verständigung zu gelangen. Ihr habt da eine ziemlich empfindliche Stelle getroffen, als Ihr mich fragtet, ob ich vom Fuße des Galgens weg eine junge Dame heiraten möchte, die ich ein einziges Mal gesehen habe. Ich sagte Euch bereits, ich würde niemals so unvorsichtig sein, mich zu binden. Und doch will ich Euch gegenüber ziemlich weit gehen. Wenn ich das Mädchen weiterhin so gerne habe, wie ich es eigentlich erwarte, wird es stärkeren Mächten als ihrem Vater und dem Galgen nicht gelingen, uns auseinander zu halten. Und was meine Familie anbetrifft, so habe ich sie quasi auf der Landstraße aufgelesen, wie einen verlorenen Kupfergroschen. Ich schulde meinem Onkel weniger als nichts, und sollte ich jemals heiraten, so geschieht’s einem einzigen Menschen zu Gefallen: mir selbst.« »Dergleichen Reden habe ich gehört, noch ehe Ihr auf der Welt waret«, versetzte Mrs. Ogilvy, »und das ist vielleicht der Grund, weswegen ich so wenig davon halte. Es gibt da viele Bedenken. Dieser James More ist ein Verwandter von mir, zu meiner Schande sei’s gesagt. Aber – je besser die Familie, um so zahlreicher die Gehenkten – so war es ja von jeher in unserem armen Schottland. Und wenn es mit dem Hängen abgetan wäre! Ich für meinen Teil wäre ganz zufrieden, den James am Galgen zu sehen, dann wären wir ihn endlich los. Die Katrin ist ein recht braves Mädchen und gutherzig obendrein, die sich den lieben langen Tag von so einem abgetakelten alten Frauenzimmer wie mir die Ohren vollposaunen läßt. Aber jetzt kommt der wunde Punkt. Sie ist reinweg vernarrt in den langbeinigen, falschen, gleisnerischen Lumpen, ihren Vater, und dreidoppelt vernarrt in alles, was Gregara heißt und geächtet ist und was mit König James und derartigen Windbeuteleien zu tun hat. Und wenn Ihr glaubt, sie würde sich von Euch leiten lassen, so seid Ihr gründlich auf dem Holzwege. Ihr habt sie nur einmal gesehen –« »Einmal gesprochen, wäre richtiger«, unterbrach ich sie. »Ich sah sie heute morgen aus Prestongranges Fenster.« Ich erwähnte das so nebenbei, vermutlich, weil ich glaubte, damit Eindruck zu machen, und wurde sogleich für meine Eitelkeit bestraft. »Was soll das heißen?« rief die alte Dame mit einer plötzlichen Grimasse. »Ich glaube, des Lord Staatsanwalts Tür war der Ort, an dem Ihr einander kennenlerntet?« Ich mußte das bestätigen. »Hm«, sagte sie, und fuhr dann plötzlich scheltend fort, »ich muß Euch ja auf Euer bloßes Wort glauben, wer und was Ihr seid. Ihr behauptet, Ihr wäret Balfour von Shaw; aber was weiß ich, ob Ihr nicht des Teufels Handlanger seid. Vielleicht seid Ihr wirklich aus den angegebenen Gründen hierher gekommen, aber es ist ebenso gut möglich, daß Ihr Gott weiß was bezweckt. Ich bin Whig genug, um mich hübsch still zu verhalten und zu sorgen, daß meinen Mannsleuten nicht der Kopf auf den Schultern wackelt. Aber ich bin kein so guter Whig, daß ich mich an der Nase herumführen lasse. Und ich sage Euch deshalb rund heraus, mir ist zuviel von des Staatsanwalts Tür und von des Staatsanwalts Fenster die Rede, als daß es mir an einem Manne, der einer MacGregor nachrennt, gefallen möchte. Das könnt Ihr dem Herrn Staatsanwalt, der Euch hierherschickt, ausrichten, und meine zärtlichsten Grüße obendrein. Und ein Kußhändchen für Euch selbst, Mr. Balfour«, schloß sie und paßte die Handlung ihren Worten an; »recht gute Reise dorthin, woher Ihr kommt.« »Wenn Ihr mich für einen Spion haltet – «, begehrte ich auf, aber die Worte blieben mir im Hälse stecken. Da stand ich und blickte Mord und Tod auf die alte Dame; dann machte ich ihr eine Verbeugung und wollte mich entfernen. »Heda! Sachte! Das Bürschchen hat den Verstand verloren!« rief sie. »Euch für einen Spion halten? Für was sonst soll ich Euch denn halten – ich kenne Euch ja gar nicht. Aber ich sehe, ich habe mich geirrt, und da ich mich nicht schlagen kann, muß ich mich schon entschuldigen. Eine feine Figur würd ich mit ’nem Pallasch abgeben! Ja, ja,« fuhr sie fort, »Ihr seid in Eurer Art ein recht guter Junge und habt, scheint’s, einige ganz sympathische Laster. Aber mein teurer David Balfour, Ihr seid verdammt tölpelhaft. Das müßt Ihr noch überwinden, mein Junge; Ihr müßt ein wenig Geschmeidigkeit annehmen und lernen, etwas weniger an Euer eigenes liebes Ich zu denken. Und allmählich müßt Ihr auch dahinterkommen, daß wir Weibsleute keine Grenadiere sind. Aber so weit werdet Ihr’s niemals bringen. Ihr werdet noch auf Eurem Sterbebett so wenig von den Frauenzimmern wissen, wie ich vom Sauschneiden.« Derartige Ausdrücke war ich an einer Dame durchaus nicht gewöhnt; die einzigen beiden Damen, die ich gekannt hatte, waren Mrs. Campbell und meine Mutter gewesen, beide höchst fromme und gesittete Frauen; und mein Entsetzen muß sich wohl deutlich in meinem Gesicht gespiegelt haben, denn Mrs. Ogilvy brach plötzlich in Lachen aus. »O Gott, o Gott!« schrie sie und versuchte vergeblich, ihre Heiterkeit zu meistern, »das Schafsgesicht, das Schafsgesicht, das Ihr macht! Und Ihr wollt die Tochter eines Hochlandsräubers heiraten? Davie, mein Herzchen, ich glaube, wir müssen Euch doch verkuppeln – und wär’s nur, um die Bälger zu sehen, die dabei herauskommen. Aber es hat keinen Zweck, daß Ihr noch weiter hier herumlungert,« fuhr sie fort, »denn das junge Frauenzimmer ist nicht zu Hause und das alte Frauenzimmer dürfte für Eures Vaters Sohn nicht die passende Gesellschaft sein; abgesehen davon, daß ich außer mir selbst niemanden habe, um meinen Ruf zu hüten und mich vor den Reizen eines verführerischen Jünglings zu schützen. Kommt also ein andermal wieder, um Euren Sixpence zu holen!« rief sie mir nach, als ich schon im Gehen war. Mein Scharmützel mit dieser überraschenden und etwas erschütternden Dame hatte meinen Gedanken eine bisher fremde und gewagte Richtung gegeben. Zwei Tage lang hatte Catriona sich in all mein Denken eingedrängt; ja, sie war gleichsam dessen Hintergrund gewesen, so daß ich kaum mit mir allein zu sein vermochte, ohne in irgendeinem Winkel meines Gehirns ihr Bild zu erspähen. Jetzt jedoch war sie mir mit einem Schlage ganz nahe gerückt: ich schien sie zu berühren, sie, deren Hand ich nur ein einziges Mal berührt hatte, und mein ganzes Sein strömte ihr in einer Art glückseliger Schwäche entgegen. Wenn ich im Geiste Zukunft und Vergangenheit überblickte, erschien das Leben mir wie eine häßliche Wüste, in die die Menschen hineinmarschieren, wie Soldaten zu ihrer Pflicht; Catriona allein vermochte mir Freude zubieten. Ich wunderte mich über mich selbst, daß es mir möglich wäre, in dieser Zeit der drohenden Gefahr und Schande bei derartigen Gedanken zu verweilen, und als mir meine Jugend einfiel, schämte ich mich geradezu. Ich mußte erst meine Studien vollenden, ich mußte irgendeinen nützlichen Beruf ergreifen, ich mußte in dieser Welt, wo jeder dienen und arbeiten muß, erst meine Arbeit verrichten, ich mußte vor allem ein Mann werden und mich als Mann fühlen und erproben. Zum Glück hatte ich noch so viel Vernunft, über die Versuchung zu erröten, die jene späteren und heiligeren Pflichten für mich bedeuteten. Meine ganze Erziehung fiel hier schwer ins Gewicht; man hatte mich nicht mit Zuckerbrot gefüttert, sondern mit dem harten Brot der Wahrheit. Ich wußte, wer nicht gleichzeitig die Pflichten des Vaters erfüllen kann, taugt auch zum Gatten nicht, und für einen Jungen wie mich den Vater spielen zu wollen, war rein lächerlich.

Als ich, völlig in diese Gedanken vertieft, etwa die Hälfte des Weges zur Stadt zurückgelegt hatte, sah ich eine Gestalt auf mich zukommen, bei deren Anblick sich meine Herzensnöte noch verschärften. Mir war, als hätte ich ihr eine Welt zu sagen, ohne jedoch den Anfang finden zu können, und bei dem Gedanken an meine Verlegenheit heute morgen im Hause des Staatsanwalts, war ich überzeugt, ich würde kein Wort über die Lippen bringen. Aber in dem Moment, da sie mich erreichte, flohen auch alle meine Befürchtungen; selbst das Bewußtsein meiner geheimen Gedanken brachte mich nicht im geringsten außer Fassung, und ich fand, daß ich mich so leicht und vernünftig mit ihr unterhalten konnte wie mit Alan selbst. »O,« rief sie, »Ihr wolltet Euren Sixpence holen, habt Ihr ihn bekommen?« Ich sagte ihr, nein, aber mein Spaziergang wäre nun, da ich sie getroffen hätte, nicht umsonst gewesen. »Obwohl ich Euch heute schon einmal gesehen habe«, fügte ich hinzu und erzählte ihr, wo und wie. »Ich habe Euch nicht bemerkt«, antwortete sie. »Ich habe zwar große Augen, aber was Sehen anbelangt, gibt es deren bessere. Ich hörte nur jemanden im Hause singen.« »Das war Miß Grant,« sagte ich, »die älteste und schönste von den Töchtern.« »Sie sollen alle wunderschön sein«, meinte sie.

»Das gleiche denken sie von Euch, Miß Drummond,« entgegnete ich, »und alle stürzten ans Fenster, Euch zu sehen.«

»Wie schade, daß ich so kurzsichtig bin,« bemerkte sie, »sonst hätte ich sie auch sehen können. Und Ihr wart im Hause selber? Ihr müßt Euch bei der schönen Musik und den hübschen Damen gut unterhalten haben.« »Da irrt Ihr Euch gründlich«, erwiderte ich; »ich war so unbeholfen wie ein Seefisch auf der Berghalde. In Wahrheit tauge ich besser dazu, mit rauhen Männern als mit hübschen Damen umzugehen.« »Ich glaube wirklich, ja!« sagte sie, und wir mußten beide lachen. »Es ist doch eine seltsame Sache«, hub ich von neuem an. »Vor Euch habe ich nicht die geringste Angst, und doch wäre ich vor den Miß Grants am liebsten davongelaufen. Vor Eurer Base habe ich mich auch gefürchtet.« »O, ich glaube, vor der hat jeder Mann Angst«, rief sie. »Selbst mein Vater fürchtet sich vor ihr.« Der Name ihres Vaters ließ mich innehalten. Ich sah sie an, wie sie da an meiner Seite ging; ich stellte mir den Mann vor und das wenige, was ich von ihm wußte, sowie all das, was ich vermutete; dann verglich ich die beiden und kam mir bei meinem Schweigen wie ein Verräter vor. »Übrigens habe ich Euren Vater erst heute morgen getroffen«, sagte ich. »Wirklich?« rief sie mit so freudiger Stimme, daß sie meiner zu spotten schien. »Ihr sahet James More? Ihr habt doch nicht etwa mit ihm gesprochen?« »Auch das«, antwortete ich.

Und nun, glaube ich, nahmen die Dinge den denkbar schlechtesten Verlauf für mich – sie schenkte mir einen Blick voll tiefster Dankbarkeit. »Ich danke Euch«, sagte sie. »Ihr habt mir sehr wenig zu danken«, entgegnete ich und verstummte von neuem. Aber es schien, daß ich mich wenigstens von einem Teil der Last, die mich drückte, befreien müßte. »Ich habe sehr häßlich zu ihm gesprochen,« sagte ich, »ich konnte ihn nicht recht leiden; ich war nicht freundlich zu ihm, und er war böse auf mich.« »Ich meine, dazu hattet Ihr sehr wenig Recht, und noch viel weniger Recht, es seiner Tochter zu erzählen!« rief sie laut. »Aber wer ihn nicht liebt und ehrt, den will auch ich nicht kennen.« »Ich möchte Euch noch ein Wort sagen«, fuhr ich zitternd fort. »Vielleicht sind weder Euer Vater noch ich in der besten Laune, wenn wir uns bei Prestongrange befinden. Ich nehme an, wir haben beide gefährliche Dinge dort zu erledigen, denn es ist ein gefährliches Haus. Er tat mir außerdem leid, und ich war der erste, mich in ein Gespräch einzulassen, und ich hätte Gescheiteres tun können. Im übrigen bin ich der Ansicht, daß seine Aussichten sich bald bessern werden; Ihr sollt sehen!«

»Durch Eure Freundschaft jedenfalls nicht, das sehe ich«, entgegnete sie. »Und für Euer Mitleid läßt er Euch herzlich danken.« »Miß Drummond,« rief ich, »ich stehe ganz allein auf der Welt …« »Das wundert mich nicht«, sagte sie.

»O laßt mich reden«, flehte ich. »Ich will nur dies eine Mal reden und Euch dann, wenn Ihr’s wünscht, auf immer verlassen. Ich bin heute in der Hoffnung auf ein gutes Wort zu Euch gekommen; ich brauche es so nötig. Ich weiß, das, was ich sagte, muß Euch verletzen; ich wußte es, als ich es aussprach. Es wäre so leicht gewesen, zu heucheln und Euch zu belügen; könnt Ihr Euch nicht denken, wie groß die Versuchung war? Könnt Ihr nicht in meinem Herzen die Wahrheit leuchten sehen?« »Ich glaube, Mr. Balfour, hier ist viel Lärm um nichts«, entgegnete sie. »Ich meine, wir wollen es mit dieser Begegnung bewenden lassen und wie gesittete Menschen auseinandergehen.« »O, macht, daß wenigstens ein Mensch an mich glaubt,« bettelte ich, »ich kann es sonst nicht ertragen. Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen. Wie soll ich sonst mein furchtbares Los ertragen? Wenn gar keiner an mich glaubt, kann ich es nicht tun. Dann muß der Mann eben sterben, dann kann ich es nicht.« Sie hatte bisher hocherhobenen Hauptes vor sich hingestarrt; bei meinen Worten und dem Ton meiner Stimme jedoch blieb sie unvermittelt stehen. »Was sagt Ihr da?« fragte sie. »Wovon redet Ihr?« »Mein Zeugnis kann einen Unschuldigen retten,« fuhr ich aufgeregt fort, »und sie wollen nicht dulden, daß ich es ablege. Was würdet Ihr an meiner Stelle tun? Ihr, deren Vater in Gefahr schwebt, könnt Euch in meine Lage versetzen. Würdet Ihr die arme Seele im Stich lassen? Sie haben alle Mittel an mir versucht. Sie haben mich bestechen wollen; sie haben mir Geld und Güter angeboten. Und heute erst hat der Bluthund mir klar gemacht, wo ich in Wahrheit stehe, und was er alles tun würde, um mich zu morden und mit Schande zu überhäufen. Man will mich als des Mordes mitschuldig bezichtigen; ich soll Glenure gegen Geld und alte Kleider in ein Gespräch gelockt haben. Ich soll getötet und entehrt werden. Soll ich auf diese Weise umkommen, ich, der ich kaum noch ein Mann bin – soll es wirklich dazu kommen, daß ganz Schottland dies von mir glaubt – solltet auch Ihr das von mir glauben und mein Name nur als ewiger Fluch weiterleben – Catriona, wie kann ich es dann durchführen! Das ist unmöglich, das geht über Menschenkraft!« – Meine Worte brachen in wilder Erregung aus mir hervor, einander überstürzend; als ich innehielt, sah ich, daß sie mich erschrocken anblickte. »Glenure? Es ist der Appiner Mord!« sagte sie leise, aber auf das höchste erstaunt. Ich war vorhin umgekehrt, um sie zu begleiten, und wir befanden uns jetzt dicht vor der Höhe über dem Dorfe Dean. Bei diesen Worten versperrte ich ihr plötzlich mit der Miene eines Mannes, der den Verstand verloren hat, den Weg. »Um Gottes willen!« schrie ich, »um Gottes willen, was habe ich getan! Ich muß behext sein, so zu reden!« »Gott im Himmel, was fehlt Euch jetzt?« rief sie.

»Ich habe mein Ehrenwort gegeben«, stöhnte ich. »Ich habe mein Ehrenwort gegeben, und jetzt habe ich es gebrochen! O Catriona!« »Ich frage Euch, worum es sich handelt«, sagte sie. »Waren das die Dinge, von denen Ihr nicht sprechen durftet? Und glaubt Ihr etwa, ich hätte kein Ehrgefühl? Oder daß ich ein Mensch sei, der einen Freund verrät? Hier hebe ich meine rechte Hand hoch und schwöre Euch –«

»O, ich wußte, daß ich mich auf Euch verlassen konnte«, rief ich. »Ich dagegen – seht Ihr, das ist’s! Ich, der ich erst heute morgen ihnen trotzte und lieber einen schimpflichen Tod am Galgen erleiden wollte als Unrecht tun – ich werfe wenige Stunden später in einem ganz gewöhnlichen Gespräch auf der Landstraße meine Ehre weg! ›Das eine geht klar aus unserer Unterredung hervor,‹ sagte er, ›ich kann mich auf Euer Wort verlassen.‹ Und wo ist mein Wort jetzt? Wer würde mir jetzt noch glauben? Ihr könnt mir doch nicht mehr trauen. Ich bin ganz tief gesunken; das beste wäre, ich stürbe!« Das alles sagte ich mit weinender Stimme, doch blieben mir Tränen versagt.

»Mir tut das Herz weh um Euretwillen,« entgegnete sie, »aber Ihr seid zu gewissenhaft, glaubt mir. Ihr meint, ich könnte Euch nicht mehr trauen? Es gibt nichts auf der Welt, in welchem ich mich nicht auf Euch verlassen würde. Und diese Männer? Ich würde mir ihretwegen nicht das Herz schwer machen! Männer, die nur auf Mittel und Wege sinnen, um Euch Fallen zu stellen und Euch zu verderben! Pfui, jetzt ist nicht die Zeit, sich selbst zu erniedrigen. Blickt auf! Wißt Ihr denn nicht, daß ich Euch bewundere, wie die großen Helden aus alter Zeit? Und nur weil Ihr ein Wort zuviel einem Freunde gegenüber habt fallen lassen, macht Ihr davon so viel Aufhebens! Wir müssen es beide vergessen!«

»Catriona«, sagte ich, und blickte sie beschämt und zerknirscht an, »ist das wirklich wahr? Habt Ihr immer noch zu mir Vertrauen?«

»Wollt Ihr selbst meinen Tränen nicht glauben?« rief sie. »Ich halte mehr als die ganze Welt von Euch, David Balfour. Mögen sie Euch hängen, ich werde Euch niemals vergessen; ich will alt werden und Eurer gedenken. Ich finde es groß, so zu sterben; ich werde Euch um Euren Galgen beneiden.«

»Dabei bin ich vielleicht nur ein dummes Kind, das sich vor Gespenstern fürchtet!« sagte ich. »Vielleicht führen sie mich doch nur an der Nase herum.«

»Das muß ich jetzt erfahren«, sagte sie. »Ich muß alles hören. Der Schaden ist nun schon geschehen, und ich muß das Ganze hören.«

Ich hatte mich am Wegrand niedergelassen, und sie setzte sich jetzt neben mich. Dann erzählte ich ihr alles, was ich hier geschrieben habe, und ließ lediglich meine Gedanken über ihres Vaters Verhalten aus.

»Nun,« meinte sie, als ich geendet hatte, »Ihr seid ein Held, das ist klar; ich hätte es niemals von Euch gedacht! Und ich glaube auch, daß Ihr Euch in Gefahr befindet. Oh, Simon Fraser! Was für ein Mensch! Sich um seines Lebens willen und für schmutziges Geld in einen derartigen Handel einzulassen.« Dann gebrauchte sie eine merkwürdige Redensart, die sie liebte und die wohl ihrer Muttersprache entstammte: »Du meine Qual! Seht nur die Sonne!«

Tatsächlich ging die Sonne bereits hinter den Bergen unter.

Sie forderte mich auf, bald wiederzukommen, reichte mir die Hand und ließ mich in einem Wirbel froher Gedanken zurück. Ich zögerte noch, mich in meine Wohnung zu begeben, denn ich hatte große Angst, sofort verhaftet zu werden. Daher aß ich in einem Wirtshause zu Abend und wanderte den größeren Teil der Nacht in den Gerstenfeldern umher und fühlte mich Catriona ganz nahe, fast als trüge ich sie auf den Armen.

Achtes Kapitel


Der Bravo

Am folgenden Tage, dem 29. August, begab ich mich, wie verabredet, zum Lord Staatsanwalt, ausstaffiert mit einem neuen Rock, den ich mir nach Maß hatte anfertigen lassen.

»Aha,« sagte Prestongrange, »Ihr seht heute nobel aus; meine jungen Fräulein sollen einen eleganten Kavalier bekommen. Das rechne ich Euch hoch an, Mr. David. Ich rechne es Euch hoch an. O, wir werden uns schon noch trefflich verstehen, und Eure Nöte haben, glaube ich, auch bald ein Ende.«

»Habt Ihr Nachrichten für mich?« rief ich.

»Bessere, als Ihr erwarten dürft«, entgegnete er. »Euer Zeugnis soll nun doch entgegengenommen werden, und Ihr könnt Euch, wenn Ihr wollt, in meiner Gesellschaft nach Inverary zur Verhandlung begeben, die für den 21. proximo anberaumt ist.«

Ich war so erstaunt, daß es mir die Rede verschlug. »Inzwischen«, fuhr er fort, »muß ich Euch noch einmal dringend ans Herz legen, diskret zu sein, wenn ich Euch auch nicht direkt auffordern will, Euer Versprechen zu erneuern. Morgen soll Euer Vorverhör stattfinden; und wißt Ihr, ich meine, je weniger Ihr sonst über die Sache sprecht, desto besser für alle Teile.«

»Ich will versuchen, möglichst vorsichtig zu sein,« sagte ich. »Ich glaube, ich habe Eurer Lordschaft für diese beispiellose Gnade zu danken, und ich danke Euch auch von Herzen. Nach dem, was gestern geschah, ist dies wie der Himmel selbst. Ich kann es in Wahrheit noch nicht glauben.«

»Ah, aber Ihr müßt versuchen, es zu glauben, Ihr müßt es versuchen,« sagte er gleichsam beschwichtigend, »und ich freue mich aufrichtig, daß Ihr eine Verpflichtung Eurerseits anerkennt, denn ich glaube, Ihr werdet Euch sehr bald revanchieren können,« – er hüstelte – »ja, vielleicht sogar sofort. Die Angelegenheit hat eine ganz neue Wendung genommen. Eure Aussagen, um die wir Euch heute nicht bemühen wollen, werden zweifellos den Fall für alle, die daran interessiert sind, ändern, und das macht es für mich leichter und weniger heikel, eine Nebenfrage mit Euch zu erörtern.«

»Mylord,« unterbrach ich ihn, »verzeiht, wenn ich Euch ins Wort falle, aber wie ist das alles zustande gekommen? Die Hindernisse, die Ihr mir am Sonnabend zeigtet, schienen mir ganz unüberwindlich; wie ist dies nur möglich gewesen?«

»Mein lieber Mr. David«, entgegnete er, »es geht durchaus nicht (selbst Euch gegenüber nicht), daß ich über die Vorgänge im Rat der Regierung schwatze. Ihr müßt Euch also wohl oder übel mit der nackten Tatsache abfinden.« Dabei blickte er mich väterlich lächelnd an, während er mit einer neuen Feder spielte. Ich dachte: unmöglich lebt auch nur ein Schatten von Arglist in diesem Manne; als er jedoch ein Stück Papier hervorholte, seine Feder eintauchte und sich von neuem an mich wandte, fühlte ich mich plötzlich nicht mehr ganz so sicher und fiel instinktiv in eine Abwehrstellung.

»Es gibt da einen Punkt, auf den ich zurückkommen möchte«, begann er. »Ich habe ihn bisher absichtlich nicht berührt, aber diese Rücksicht ist jetzt überflüssig geworden. Unser Gespräch hat selbstverständlich nichts mit Eurem Verhör zu tun; das wird durch jemand anders vorgenommen werden. Es handelt sich hier lediglich um eine Sache, die mich privatim interessiert. Ihr sagt, Ihr wäret Alan Breck auf dem Hügel begegnet?«

»Jawohl, Mylord«, antwortete ich.

»Das war unmittelbar nach dem Morde?«

»Jawohl.«

»Habt Ihr mit ihm gesprochen?«

»Jawohl.«

»Ihr kanntet ihn schon früher, glaube ich?« fragte er nachlässig.

»Ich weiß nicht, weshalb Ihr das annehmt, Mylord,« erwiderte ich, »aber es ist der Fall.«

»Und wo trenntet Ihr Euch?« fragte er.

»Ich behalte mir die Antwort darauf vor,« sagte ich. »Diese Frage wird mir auch in der Verhandlung vorgelegt werden.«

»Mr. Balfour,« begann er, »wollt Ihr denn nicht begreifen, daß alles, was hier gesagt wird, ohne Präjudiz für Euch selbst ist? Ich habe Euch Leben und Ehre zugesichert, und glaubt mir, ich bin in der Lage, mein Wort zu halten. Ihr braucht daher nicht die geringste Sorge zu haben. Ihr glaubt, wie es scheint, Alan schützen zu können; dabei sprecht Ihr mir von Dankbarkeit, und Ihr schuldet sie mir (wenn Ihr es denn wissen wollt) auch wirklich. Die verschiedenartigsten Erwägungen führen alle zum gleichen Ziel; nie und nimmer werdet Ihr mir einreden, Ihr könntet uns nicht helfen, Alan Salz auf den Schwanz zu streuen, (falls Ihr das ernstlich wollt).« »Mylord,« entgegnete ich, »ich gebe Euch mein Wort, ich ahne nicht einmal, wo Alan sich befindet.« Er schwieg einen Augenblick. »Auch nicht, wie er aufzufinden ist?« forschte er. Ich saß da, wie ein Holzklotz. »Das ist also Eure Dankbarkeit, Mr. David«, bemerkte er. Wieder entstand eine Pause. »Nun,« sagte er sich erhebend, »ich habe eben kein Glück, und wir zwei spielen gegeneinander. Wir wollen nicht weiter davon reden; Ihr werdet Nachricht erhalten, wo, wann und durch wen Euer Vorverhör stattfindet. Inzwischen warten meine jungen Damen auf Euch. Sie werden es mir niemals verzeihen, wenn ich ihnen ihren Kavalier entziehe.« Den Händen dieser Grazien wurde ich also überantwortet. Ich fand sie prächtiger herausgeputzt, als ich es für möglich gehalten hätte und so schön wie einen Blumenstrauß. Als wir zur Tür hinaustraten, ereignete sich ein unbedeutender Vorfall, der mir später jedoch überaus bedeutsam erschien. Ich hörte einen Pfiff, laut und schrill wie ein Signal, und erblickte, als ich mich umschaute, den roten Schopf Neils vom Tom, des Sohnes von Duncan. Im nächsten Augenblick war er verschwunden, und auch von Catriona, die er, wie ich vermutete, begleitete, vermochte ich nicht einmal einen Schürzenzipfel zu entdecken. Meine drei Gefangenwärterinnen führten mich über Bristo nach den Brunsfield Links, von wo aus ein Pfad uns nach Hope Park brachte, einem wunderschönen Lustgarten mit Kieswegen, Bänken und Sommerhäuschen, der unter Aufsicht eines Parkwärters stand. Der Weg war ziemlich lang, und die beiden jüngeren Fräulein nahmen eine Miene vornehmer Blasiertheit an, die meine Stimmung grausam dämpfte, während die Älteste mich mitunter halb belustigt beobachtete; und obwohl ich mich heute, meiner Ansicht nach, von liebenswürdigerer Seite als gestern zeigte, kostete mich dies doch keine geringe Anstrengung. Als wir den Park erreichten, wurde ich einer Schar Gentlemen (Offizieren in Uniform und Juristen zumeist) überliefert, acht bis zehn an der Zahl, die sich um meine Schönen drängten; und ob man mich ihnen auch mit den schmeichelhaftesten Reden vorstellte, hatten sie mich im nächsten Augenblick doch scheinbar gänzlich vergessen. Junge Leute gleichen in Gesellschaft wilden Tieren: sie fallen über jeden Fremden her und bezeugen ihm ohne alle Rücksicht, ja man kann wohl sagen Menschlichkeit, ihre Verachtung. Ich bin überzeugt, unter den Affen hätte ich beide Tugenden stärker vertreten gefunden. Von den Juristen gaben einige sich die größte Mühe, als Schöngeister zu erscheinen, während etliche Militärs die reinsten Klappern waren; welches von diesen beiden Extremen mich mehr ennuyierte, vermochte ich nicht zu sagen. Alle hatten eine gewisse Art, ihre Degen und Rockschöße zu adjustieren, derentwegen ich sie (aus schierem Neid) am liebsten aus dem Park hinausgeworfen hätte. Wahrscheinlich mißgönnten sie mir dafür gründlichst die reizende Begleitung, in der ich hierhergekommen war; und, alles in allem, zog ich mich sehr bald steifbeinig von all der Lustbarkeit in die Gesellschaft meiner Gedanken zurück. Diesen wurde ich durch einen der Offiziere, Leutnant Hektor Duncansby, einem ungeschlachten, schielenden Hochlandslümmel, entrissen, der mich fragte, ob mein Name nicht »Palfour« sei.

Ich bestätigte das nicht allzu liebenswürdig, denn sein Benehmen war kaum höflich zu nennen. »Ha, Palfour,« sagte er, und wiederholte: »Palfour, Palfour!« »Ich fürchte, Sir, mein Name mißfällt Euch,« sagte ich, und ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich über diesen Bauern ärgern konnte.

»Nein,« sagte er, »Ich tachte nur kerate nach.«

»Ich möchte Euch nicht raten, das zu einer Gewohnheit zu machen«, bemerkte ich. »Ich bin überzeugt, es würde Euch schlecht bekommen.« »Hapt Ihr schon gehört, wo Alan Krigor tie Feuerzange fand?« erkundigte er sich.

Ich fragte ihn, was in aller Welt er meine, und er antwortete mit herausforderndem Lachen, er dächte, ich müßte an der gleichen Stelle den Schürhaken gefunden und verschluckt haben. Die Bedeutung dieser Bemerkung war klar, und meine Wange fing an zu brennen.

»Ehe ich herumginge, um Gentlemen zu beleidigen,« entgegnete ich, »würde ich an Eurer Stelle erst mal Englisch lernen.« Kopfnickend und zwinkernd faßte er mich am Ärmel und führte mich in aller Stille aus Hope Park hinaus. Kaum befanden wir uns außer Sichtweite der Promenaden, als sein Antlitz sich verfinsterte. »Tu vertammter Schurke von Flachländer!« schrie er und versetzte mir mit geballter Faust einen Hieb ins Gesicht.

Ich quittierte ihm mit gleicher, wenn nicht gar größerer Münze, worauf er einen Schritt zurücktrat und zeremoniell den Hut lüftete. »Kenug ter Hiepe, mein‘ ich«, sagte er. »Ich bin ter Peleitigte, tenn wer hätte je tie Unverschämtheit besessen, einen Schentleman im Tienste Seiner Majestät tes Königs zu beschuldigen, taß er nicht Kottes Englisch sprechen könnte. Wir tragen peide Tegen und tort liegt King’s Park. Wollt Ihr vorankehen oter soll ich Euch ten Weg zeigen?« Ich erwiderte seine Verbeugung, hieß ihn mich führen und folgte hinterdrein. Unterwegs hörte ich ihn etwas über des ›Königs Englisch‹ und des ›Königs Rock‹ in seinen Bart murmeln, woraus ich hätte schließen können, daß er ernstlich beleidigt wäre. Doch sein Verhalten zu Beginn unserer Auseinandersetzung strafte ihn Lügen. Es war klar, er war hierhergekommen, um mich mit Recht oder Unrecht in Händel zu verwickeln; es war klar, dies war eine neue Falle meiner Feinde, und nicht minder klar war es mir (der ich mir meiner Mängel bewußt war), daß ich in diesem Waffengange unterliegen mußte. Während wir uns der sandigen Einöde von King’s Park näherten, war ich wohl ein dutzendmal nahe daran, Fersengeld zu zahlen, so stark scheute ich mich, meine völlige Unkenntnis des Fechtens zu bekunden, und so gering war meine Lust, zu sterben oder auch nur verwundet zu werden. Doch ich überlegte mir, daß meine Widersacher, nun sie sich so weit hatten hinreißen lassen, in ihrer Bosheit vor nichts zurückschrecken würden und daß der Tod durch das Schwert, mochte er auch mit einem völligen Mangel an Grazie erfolgen, doch dem Galgen vorzuziehen wäre. Ich erwog außerdem, daß ich mich durch die unbedachte Dreistigkeit meiner Zunge und die Promptheit meiner Hiebe strafbar gemacht hätte, und daß mein Gegner mich, wenn ich ausriß, wahrscheinlich verfolgen und einholen würde, wodurch zu allem Unglück noch Schande über mich kommen mußte. So fuhr ich denn fort, hinter ihm dreinzumarschieren, nicht viel anders, als ein Verurteilter hinter seinem Henker und entschieden mit genau so wenig Hoffnung. Wir umschritten den weitläufigen Felsen und erreichten Hunters Bog. Hier, auf einer leidlich ebenen Heidefläche, zog mein Gegner vom Leder. Zeugen hatten wir keine, ausgenommen ein paar Vögel; mir blieb daher nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen und mit möglichst guter Miene in der Auslage zu stehen. Das schien aber Mr. Duncansby nicht zu genügen; er entdeckte irgendeinen Fehler in meinen Bewegungen, hielt inne, warf mir einen scharfen Blick zu und avancierte und retirierte, immer mit drohend geschwungenem Degen. Da ich derartige Manöver bei Alan nie gesehen hatte und außerdem durch die Nähe des Todes ziemlich erschüttert war, geriet ich jetzt in völlige Verwirrung und stand hilflos da, beseelt von dem Wunsch, davonzulaufen.

»Was zum Teixel fehlt Euch!« schrie der Leutnant. Im nächsten Augenblick ging er zum Angriff über, schlug mir den Degen aus der Hand und ließ ihn im Bogen durch die Luft sausen, so daß er weit drinnen im Ried zur Erde fiel. Zweimal wiederholte sich dieser Vorgang; als ich das drittemal beschämt und gedemütigt meine Waffe auflas, entdeckte ich, daß er die seinige in die Scheide gesteckt hatte und, die Hände in den Rockschößen vergraben, mit zornigem Gesicht dastand. »Ter Teixel hol Euch, wenn ich Euch anrühre!« schrie er und fragte mich erbittert, welches Recht ich eigentlich hätte, mich mit ›Schentlemen‹ zu messen, wenn ich die Schneide eines Schwerts nicht vom Rücken unterscheiden könnte.

Ich antwortete, das sei die Schuld meiner Erziehung, und ob er mir die Gerechtigkeit wolle widerfahren lassen, zu bezeugen, daß ich mich loyal benommen und ihm die geringe Satisfaktion gewährt hätte, deren ich – leider – nur fähig sei. »Tas ist tie nackte Wahrheit«, meinte er. »Ich pin selbst sehr tapfer und traufgängerisch wie ein Löwe. Aber mich so einfach vor tie Klinge zu stellen, ohne fechten zu können – mein Wort, ich prächt’s nicht fertig. Ich möchte mich auch wegen des Hieps entschultigen, obkleich ich, auf mein Wort, pehaupte, ter Eurige war ter ältere Bruter von peiten: mir prummt noch ter Schädel. Mein Wort, hätt ich gewußt, wie’s auskehen würte, ich hätte mich nicht in tie Affäre einkelassen.« »Eine großzügige Erklärung,« entgegnete ich, »auch ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch ein zweites Mal nicht dazu hergeben, für meine persönlichen Feinde die Kastanien aus dem Feuer zu holen.«

»Wahrhaftig nicht, Palfour«, beteuerte er. »Hol mich ter Teixel, wenn ich nicht ter Meinung pin, taß man auch mir vertammt schlecht mitkespielt hat! Mich einem alten Weipe – parton – einem Unmüntigen kegenüber zu stellen! Ich wert’s tem Paron aper eintränken! Pei Kott, ich wert ihn selbst vor die Klinge zwingen!« »Wüßtet Ihr erst die Art von Monsieur Simons Handel mit mir,« bemerkte ich, »Ihr fühltet Euch um so mehr beleidigt, in derartige Affären hineingezogen zu werden.« Er schwor, er glaube es mir gern; alle Lovats wären aus dem nämlichen Teig geknetet und der Teufel müsse das Mehl dazu gemahlen haben. Dann griff er plötzlich meine Hand und beteuerte, ich wäre doch ein recht wackerer Kerl, und es sei ein Jammer, daß man meine Erziehung vernachlässigt hätte; er würde selber dafür sorgen, daß dies nachgeholt würde, falls er Zeit dazu fände. »Ihr könnt mir einen noch größeren Dienst erweisen«, sagte ich, und fügte hinzu, als er mich nach dessen Natur gefragt hatte: »Kommt mit mir nach dem Hause eines meiner Feinde und erzählt, wie ich mich heute benommen habe. Das würde mir sehr nützen. Denn obwohl mir Mr. Simon als ersten einen ritterlichen Feind gesandt hat, plant er doch nichts als Mord und wird mir einen zweiten und einen dritten auf den Hals hetzen. Ihr habt aber selbst gesehen, wie es um meine Geschicklichkeit bestellt ist, wenn es sich um das kalte Eisen handelt, und könnt Euch das wahrscheinliche Resultat schon denken.«

»Mir würte es auch nicht kefallen, war ich so wenig Manns mit ter Klinge wie Ihr!« rief er. »Toch ich will sehen, taß Ihr zu Eurem Rechte kommt, Palfour. Geht voran!« War ich auf dem Hinweg nach dem verdammten Park geschlichen, so flog ich jetzt auf dem Rückwege. Mein Schritt fiel in den Rhythmus einer berühmten alten Weise, ehrwürdig wie die Bibel selbst, deren Worte lauten: »Tod, wo bleibt dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« Ich erinnere mich, sehr durstig gewesen zu sein und unterwegs aus dem Margaretenbrunnen getrunken zu haben, und die Süße des Wassers überstieg alle Begriffe. Wir durchquerten die heilige Stätte, passierten Canongate und betraten durch das Netherbow-Tor die innere Stadt, wo wir uns direkt nach Prestongranges Tür begaben, nachdem wir zuvor besprochen hatten, wie wir uns im einzelnen verhalten wollten. Der Lakai gab zu, daß sein Herr zu Hause sei, erklärte aber, er sei mit anderen Herren in einer streng privaten Angelegenheit beschäftigt und wünsche nicht, gestört zu werden. »Mein Geschäft dauert nur drei Minuten und duldet keinen Aufschub«, erklärte ich. »Meldet, daß es durchaus nicht privat sei; im Gegenteil, ich freue mich, einige Zeugen zu haben.«

Als der Mann sich widerwillig genug entfernte, waren wir so kühn, ihm bis in den Vorraum zu folgen, von wo aus ich einige Minuten lang das Gemurmel mehrerer Stimmen unterscheiden konnte. In Wahrheit befanden sich drei Männer nebenan am Tisch: Prestongrange, Simon Fraser und Mr. Erskine, der Sheriff von Perth, und da sie justament über die Appiner Mordaffäre berieten, waren sie über mein Erscheinen etwas beunruhigt und beschlossen, mich zu empfangen.

»Schau, schau, Mr. Balfour, was verschafft uns von neuem die Ehre, und wen bringt Ihr da mit?« fragte Prestongrange.

Fraser starrte indessen vor sich auf den Tisch.

»Der Herr hier ist gekommen, um etwas zu meinen Gunsten auszusagen, Mylord; und es liegt mir sehr am Herzen, daß Euer Lordschaft ihn persönlich anhört«, antwortete ich, mich an Duncansby wendend. »Ich möchte nur erklären,« sagte der Leutnant, »tas ich mich heute in Hunters Pog mit Palfour keschlaken hape, was ich unkemein betaure, und taß er sich so wacker verhielt, wie man es von einem Schentleman nur erwarten kann. Und ich hape kroße Hochachtung vor Palfour.«

»Ich danke Euch für Eure ehrlichen Worte«, sagte ich.

»Was geht mich das an?« fragte Prestongrange.

»Ich will es Eurer Lordschaft mit zwei Worten sagen,« erklärte ich. »Ich habe diesen Herrn, einen Offizier Seiner Majestät des Königs, mitgebracht, damit mir wenigstens in dieser Hinsicht Gerechtigkeit zuteil werde. Jetzt, glaube ich, ist meine Reputation gesichert; und bis zu einem gewissen Datum – Euer Lordschaft werden schon wissen, welches ich meine – wird es völlig vergeblich sein, weitere Offiziere gegen mich antreten zu lassen. Ich weigere mich, mir meinen Weg durch die gesamte Schloßgarnison zu erkämpfen.« Auf Prestongranges Stirn schwollen die Zornesadern, und er starrte mich wütend an. »Ich glaube, der Teufel hat mir diesen Hund von einem Jungen zwischen die Beine gehetzt!« schrie er und wandte sich dann zornentbrannt an seinen Nachbarn. »Das ist Euer Werk, Simon; ich erkenne Eure Hand in dieser Angelegenheit; und ich sage Euch, ich verdamme sie. Es ist illoyal, nachdem wir uns über einen bestimmten Weg geeinigt haben, hintenherum einen anderen einzuschlagen. Ihr handelt verräterisch an mir. Was? Ihr erlaubt, daß ich diesen Jungen mit meinen eigenen Töchtern dorthin schicke! Und nur, weil ich Euch gegenüber durchblicken lasse – Pfui, Monsieur, macht Eure schmutzigen Geschäfte alleine!« Simon war totenblaß geworden. »Ich habe es satt, zwischen Euch und dem Herzog den Puffer abzugeben«, rief er. »Einigt oder veruneinigt Euch, wie Ihr wollt, aber laßt mich aus dem Spiel. Ich will nicht mehr der Zwischenträger sein und Eure Gegenbefehle empfangen und von beiden Teilen beschimpft werden. Euch würden die Ohren klingen, wüßtet Ihr, was ich von dieser ganzen Hannöverschen Affäre halte!«

Aber Sheriff Erskine hatte seine Ruhe bewahrt und griff jetzt beschwichtigend ein. »Inzwischen, glaube ich, können wir Mr. Balfour versichern, daß er seine Reputation als unerschrockener Kavalier hinreichend begründet hat. Er mag sich in Ruhe schlafen legen. Bis zu dem Tage, den er vorhin freundlichst erwähnte, wird sein Mut auf keine weitere Probe gestellt werden.« Seine kühle Sicherheit brachte die anderen zur Besinnung, und alle beeilten sich, mich höflich aufgeregt aus dem Hause zu entfernen.

Dreißigstes Kapitel


Der Brief von dem Schiffe

Das Tageslicht zeigte uns die einsame Lage des Gasthofes, offenbar hart am Meere, aber von dort aus völlig unsichtbar, allseitig von räudigen Sandhügeln umgeben. Das einzige, was sich an Aussicht bot, waren über dem Rande einer Düne emporragend zwei Flügel einer Windmühle, die den Ohren eines verborgenen Esels glichen. Als ein Wind aufsprang (zuerst war die Luft totenstill gewesen), war es seltsam, die beiden großen Flügel über der Erderhöhung sich drehen und jagen zu sehen. Ein regelrechter Weg lief hier kaum vorbei; dagegen führten nach allen Richtungen zwischen den Dünen Fußpfade zu M. Bazins Tür. In Wahrheit betrieb der Mann zahlreiche Gewerbe, darunter jedoch kein einziges ehrliches, und die Lage seines Wirtshauses war für ihn die denkbar beste. Schmuggler gingen dort aus und ein; politische Agenten und Flüchtlinge vor dem Gesetze, die über das Meer setzen wollten, warteten hier auf die Überfahrt; und wahrscheinlich lauerte noch Düstereres hinter diesen Mauern, wo ganze Familien hätten ermordet werden können, ohne daß jemand Wind davon bekommen haben würde.

Ich schlief wenig und unruhig. Lange vor Morgengrauen hatte ich mich von meinem Bettgenossen fortgestohlen und wärmte mich bereits vor dem Feuer oder durch Aufundabgehen vor der Tür. Der Tag kam mürrisch und grau; bald jedoch sprang aus Westen ein Wind auf, der die Wolken zerteilte, der Sonne einen Weg bahnte und die Mühle antrieb. Etwas Frühlingshaftes lag in dem Sonnenschein, vielleicht lebte es auch in meinem Herzen, und der Anblick der mächtigen Flügel, die einer nach dem anderen hinter der Anhöhe auftauchten, erheiterte mich ungemein. Von Zeit zu Zeit hörte ich das Gehwerk knarren, und etwa um halb neun Uhr morgens begann Catriona im Hause zu singen. Da hätte ich vor Freude meinen Hut in die Luft schleudern mögen, und dieser traurige, öde Ort schien mir ein Paradies.

Trotzdem spürte ich, als der Tag älter wurde und keine Menschenseele dem Hause sich näherte, eine gewisse, mir selbst kaum erklärliche Unruhe. Ich witterte irgend etwas Böses; die Flügel der Windmühle glichen im Aufundniedertauchen Spionen, und abgesehen von aller Phantasie – Nachbarschaft wie Haus waren ein recht merkwürdiger Aufenthalt für eine junge Dame. Beim Frühstück, zu dem wir erst spät kamen, wurde es klar, daß James More sich in irgendeiner Gefahr oder Verlegenheit befand; ebenso klar war es, daß Alan es bemerkte und ihn scharf beobachtete. Zwischen dieser offenbaren Verstellung des einen und der Wachsamkeit des anderen saß ich wie auf glühenden Kohlen. Kaum war die Mahlzeit beendet, da schien James einen Entschluß zu fassen; er brachte allerlei Entschuldigungen vor von privaten Verabredungen in der Stadt (mit dem französischen Edelmann, wie er behauptete), und bat uns, ihn bis Mittag zu beurlauben. Inzwischen zog er seine Tochter in den fernsten Winkel des Zimmers, wo er anscheinend nachdrücklich auf sie einredete, während sie ohne sonderliche Bereitwilligkeit lauschte.

»Dieser Mann James gefällt mir immer weniger«, sagte Alan. »Etwas ist an diesem Manne James nicht ganz geheuer, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn Alan Breck ihn heute ein wenig im Auge behielte. Ich gäbe viel darum, diesen französischen Edelmann kennenzulernen, David; und ich meine, du selbst wirst auch wissen, was du zu tun hast, nämlich, dich bei dem Mädel nach dem Stand deiner Angelegenheit zu erkundigen. Rede mit ihr ganz offen, sag ihr, du wärest von Anfang bis zu Ende ein großer Esel gewesen; und dann, wenn ich du wäre und du brächtest es fertig, recht natürlich zu sein, würde ich ihr ein wenig vorschwindeln, ich befände mich in irgendeiner Gefahr; das wirkt immer auf die Weiber.« »Ich kann nicht lügen, Alan, ich bring’s nicht fertig, so was natürlich zu sagen«, spottete ich.

»Dummkopf«, erklärte er. »Dann kannst du ihr ja sagen, ich hätte es dir geraten; das wird sie zum Lachen bringen und ist wahrscheinlich das Nächstbeste. Aber behalte die beiden im Auge! Wenn ich mich des Mädels nicht so sicher fühlte und wüßte, daß sie von Alan sehr entzückt und mit ihm dick Freund ist – ich würde glauben, jene beiden hätten irgendeinen Hokuspokus vor.« »Ist sie wirklich so sehr von dir entzückt, Alan?« forschte ich.

»Sie schätzt mich ungemein«, sagte er. »Ich bin darin anders als du; ich weiß genau Bescheid. Das tut sie wirklich – schätzt Alan ungemein. Und meiner Treu – ich halte selbst ziemlich viel von mir, und mit deiner Erlaubnis, Shaw, werde ich einmal einen kleinen Spaziergang zwischen den Dünen machen, um zu sehen, in welche Richtung James gegangen ist.« Einer nach dem anderen verabschiedete sich, bis ich allein am Frühstückstische saß; James ging nach Dünkirchen, Alan heftete sich ihm auf die Fersen und Catriona begab sich nach oben auf ihr eigenes Zimmer. Ich verstand sehr gut, daß sie es vermied, mit mir allein zu sein; deswegen war ich aber nicht weniger unzufrieden und beschloß, sie mit List noch vor Rückkehr der beiden Männer zu einer Unterredung zu bewegen. Alles in allem erschien es mir das Gescheiteste, Alans Verhalten nachzuahmen. War ich erst zwischen den Sandhügeln verschwunden, so würde der schöne Morgen sie schon hervorlocken, und im Freien hatte ich meinen Willen.

Gesagt, getan; ich hatte noch gar nicht lange im Schutze einer Düne gewartet, als sie an der Haustür erschien und sich nach allen Richtungen umschaute. Da niemand zu sehen war, schritt sie auf geradestem Wege dem Meere zu, und ich folgte ihr. Ich hatte keine Eile, meine Gegenwart zu verraten; je weiter sie ging, um so länger mußte sie meiner Werbung lauschen, und bei dem sandigen Boden war es leicht, ihr geräuschlos zu folgen. Der Weg wurde steiler und mündete zuletzt auf einem Hügel. Von dort aus entrollte sich zum ersten Male vor mir in vollem Umfange die trostlose Öde, darin das Wirtshaus sich verbarg; nirgends ein Mensch oder Anwesen mit Ausnahme von Bazins Gasthaus und der Windmühle. Dicht hinter dem Hügel dehnte sich das Meer mit einigen Schiffen drauf, das Ganze hübsch wie eine Zeichnung. Eines dieser Fahrzeuge war für ein so großes Schiff ungewöhnlich nahe an Land gekommen, und mit argwöhnischem Schreck erkannte ich in ihm das »Seepferd«. Was hatte ein englisches Kriegsschiff so dicht an der französischen Küste zu suchen? Weshalb hatte man Alan in diese Gegend gelockt, an einen Ort weitab von jeder Hilfe? Und war es Zufall oder Absicht, daß die Tochter James Mores heute am Strande spazierenging?

Bald darauf trat ich, ihr immer noch im Rücken, hinter den Dünen auf den Strand hinaus. Es war ein langer öder Streifen, und etwa in dessen Mitte war eine Kriegsschiffjolle auf den Sand gezogen, während ein Offizier zur Bewachung und wie in Erwartung auf und ab patrouillierte. Sogleich ließ ich mich an einer Stelle, wo es mich fast bedeckte, in dem rauhen Grase nieder und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Catriona schritt gerade auf das Boot zu; der Offizier begrüßte sie höflich; sie sprachen vielleicht zehn Worte miteinander, ich sah, wie ein Brief von Hand zu Hand ging, und Catriona befand sich bereits auf dem Rückwege. Gleichzeitig stach das Boot von neuem in See, den Schnabel auf das »Seepferd« gerichtet, als wäre damit seine Mission auf dem Kontinent erledigt. Ich bemerkte jedoch, daß der Offizier zurückblieb und zwischen den Hügeln verschwand.

Die Angelegenheit wollte mir wenig gefallen, um so weniger, je mehr ich darüber nachdachte. War es Alan oder Catriona, die der Offizier gesucht hatte? Jetzt näherte sie sich mir, den Blick gesenkt und den Sand betrachtend, ein so reizendes Bild, daß ich es nicht ertrug, länger an ihrer Unschuld zu zweifeln. Im nächsten Augenblick blickte sie auf und erkannte mich; sie schien zu zögern, dann schritt sie, wenn auch langsamer, näher, mit veränderter Farbe, wie mich dünkte. Bei diesem Gedanken schmolz alles, was mich bedrückte – Furcht, Argwohn und Sorge um meines Freundes Leben – dahin, und ich sprang auf und erwartete sie, trunken vor Hoffnung.

Im Näherkommen erwiderte ich ihr »Guten Morgen«, das sie mir ziemlich gefaßt bot.

»Könnt Ihr mir verzeihen, daß ich Euch gefolgt bin?« bat ich. »Ich weiß, alles was Ihr tut, geschieht in guter Absicht,« entgegnete sie und fügte ein wenig heftig hinzu: »Aber weshalb schickt Ihr jenem Manne Geld? Das darf nicht sein.« »Es war nicht für ihn bestimmt,« sagte ich, »sondern für Euch, Ihr wißt es ganz genau.«

»Aber Ihr habt auch kein Recht, es mir zu schicken,« antwortete sie. »David, das ist nicht recht.« »Es ist nicht recht, es ist von Anfang bis zu Ende unrecht,« sagte ich, »und ich bitte zu Gott, daß er diesem dummen Kerl (wenn möglich) helfen möge, es besser zu machen. Catriona, das ist kein Leben hier für Euch; verzeiht das Wort, das ich jetzt sage, aber Euer Vater ist nicht würdig, Euch zu hüten.« »Oh, nicht einmal seinen Namen sollt Ihr erwähnen!« war ihr Aufschrei. »Ich brauche auch nicht mehr von ihm zu reden; er ist es ja gar nicht, an den ich denke, oh, glaubt mir das! Ich bin jetzt die ganze lange Zeit in Leyden allein gewesen, und selbst während meiner Studien habe ich stets nur an das eine denken müssen. Dann kam Alan, und ich ging mit Offizieren zu ihren langen Zechereien, und immer noch dachte ich nur an das eine. Und so war es auch vordem, als ich Euch noch an meiner Seite hatte. Catriona, seht Ihr dieses Tuch an meinem Halse? Ihr habt den einen Zipfel abgeschnitten und ihn dann weggeworfen. Es sind jetzt Eure Farben; ich trage sie auf meinem Herzen. Oh, Liebe, ich kann nicht ohne Euch sein. Oh, versucht doch, mich ein wenig gern zu haben!«

Ich trat vor sie hin, ihr den Weg zu versperren.

»Versucht, mich ein wenig gern zu haben,« bat ich von neuem, »versucht es doch und habt mich ein wenig gern.« Noch immer sprach sie kein Wort, und eine Furcht stieg in mir auf wie die Furcht des Todes.

»Catriona,« schrie ich, sie fest anblickend, »habe ich mich wieder geirrt? Bin ich ganz verloren?«

Atemlos sah sie zu mir auf. »Willst du mich wirklich, David?« Kaum vermochte ich die Worte zu verstehen. »Das will ich. Oh, du weißt es ja – das will ich wirklich.« »Ich habe nichts mehr zu geben oder zu versagen«, sagte sie. »Es war alles dein, bereits am ersten Tage, wenn du mich als Geschenk hättest nehmen wollen!« Wir standen auf dem Gipfel des Hügels; die Stätte war windig und weithin sichtbar, selbst von dem englischen Kriegsschiff aus konnte man uns sehen, aber ich kniete vor ihr auf den Sand hin und umschlang ihre Knie und brach in einen solchen Sturm von Tränen aus, daß ich wähnte, er müsse mich zerbrechen. Alles Denken ward von der Wucht dieses Ausbruchs aus meinem Hirn verschlagen. Ich wußte nicht länger, wo ich war, ich hatte vergessen, weshalb ich mich so glücklich fühlte; ich wußte nur, daß sie sich zu mir neigte und mich an ihr Gesicht und ihre Brust zog und hörte ihre Worte wie durch einen Wirbelwind. »Davie,« sagte sie, »o Davie, das ist’s also, was du von mir denkst? So lieb hast du mich armes Mädchen? O Davie, Davie!« Damit begann sie selbst zu weinen, und unsere Tränen vermischten sich in vollkommener Freude. Es mag zehn Uhr morgens gewesen sein, als mir aufdämmernd das Bewußtsein der Gnade kam, die mir zuteil geworden und ich mich ihr gegenüber setzte, ihre beiden Hände in den meinen, und ihr ins Gesicht starrte und vor Freude wie ein Kind laut auflachte, und ihr alle möglichen törichten und lieben Namen gab. Nie hab ich einen Ort gesehen, so schön in meinen Augen wie jene Dünen bei Dünkirchen, und die Windmühlenflügel klangen, als sie über den Gipfel tauchten, wie Musik in meinen Ohren.

Ich weiß nicht, wie lange wir noch alles außer uns selbst hätten vergessen können, hätte ich nicht zufällig ihren Vater erwähnt und uns dadurch mit einem Schlage in die Wirklichkeit zurückversetzt.

»Meine kleine Freundin« nannte ich sie wieder und immer wieder und frohlockte, in diesem Worte die Vergangenheit heraufbeschwören zu können und ihr ins Gesicht zu sehen und mich ein wenig von ihr zu entfernen: »Meine kleine Freundin, jetzt bist du ganz mein; mein für immer, meine kleine Freundin; und jener Mann da existiert überhaupt nicht mehr.« Plötzliche Blässe überflog ihr Gesicht und sie entzog mir ihre Hände. »Davie, bring mich von ihm fort!« rief sie. »Etwas ist da nicht in Ordnung; er ist kein ehrenhafter Mann. Etwas ist nicht in Ordnung; in meinem Herzen lebt eine furchtbare Angst. Was will er nur mit jenem Kriegsschiff? Was steht in diesem Schreiben?« Sie hielt mir den Brief hin. »Ich fürchte, daß es Alan Böses bringt. Öffne es, Davie – öffne es und sieh nach.« Ich nahm es ihr ab, betrachtete es und schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte ich, »mir widerstrebt es; ich kann eines anderen Brief nicht öffnen.«

»Auch nicht, um deinen Freund zu retten?«

»Ich weiß es nicht, ich glaube, nein. Wenn ich nur Gewißheit hätte.« »Du brauchst ja nur das Siegel zu erbrechen!«

»Ich weiß, aber die Sache geht mir wider den Strich.«

»Gib ihn mir,« sagte sie, »ich werde ihn selbst öffnen.«

»Nein, du auch nicht«, erwiderte ich. »Du am allerwenigsten. Der Brief betrifft deinen Vater und seine Ehre, Liebste, die wir beide anzweifeln. Ohne Frage ist der Ort hier nicht geheuer, zumal das englische Kriegsschiff sich hier befindet, und dein Vater davon weiß und jener Offizier hier an Land blieb. Er wird auch nicht allein geblieben sein; andere werden ihn begleiten; wahrscheinlich wird man uns im Augenblick sogar beobachten. Ja, kein Zweifel, der Brief muß geöffnet werden; aber ich meine, weder von dir noch von mir.« So weit war ich gekommen, im Geiste recht niedergedrückt durch das Bewußtsein der Gefahr und verborgener Feinde, als ich Alan von seiner Verfolgung James Mores allein zwischen den Dünen zurückkehren sah. Er trug selbstverständlich Uniform und sah vorzüglich aus; aber ich konnte einen Schauder nicht unterdrücken, als ich mir überlegte, wie wenig jener Rock ihn schützen würde, wenn sie ihn fingen, auf eine Jolle brachten und an Bord des »Seepferds« schleppten, ihn, den Deserteur und Rebellen und erst kürzlich verurteilten Mörder.

»Da,« sagte ich, »da ist der Mann, der das beste Recht hat, ihn zu öffnen oder nicht – wie er es für richtig hält.« Dann begann ich, ihn mit Namen zu rufen, und wir beide erhoben uns, um ihm den Weg zu zeigen.

»Wenn es so ist – wenn neue Schande über mich kommt – kannst du es ertragen?« forschte sie und sah mich mit brennenden Augen an.

»Eine ähnliche Frage ward mir vorgelegt, als ich dich erst einmal gesehen hatte«, entgegnete ich.

»Weißt du, was ich da antwortete? Wenn ich dich wirklich so möchte, wie ich glaubte – und oh! ich mag dich jetzt noch viel, viel mehr! – dann würde ich dich auch vom Fuße des Galgens weg heiraten.« Das Blut schoß ihr ins Gesicht; sie trat dicht zu mir und schmiegte sich an mich, meine Hand fest in der ihren: so erwarteten wir Alan. Er kam mit einem seiner seltsamen Lächeln. »Was hab ich dir gesagt, David?« fragte er.

»Alles zu seiner Zeit, Alan«, antwortete ich, »und die Zeit hier drängt. Wie ist es dir ergangen? Du kannst vor unserer Freundin offen reden.«

»Der Weg war umsonst«, erwiderte er.

»Ich glaube, dann haben wir mehr Glück gehabt, zum mindesten liegt hier allerlei vor, über das du richten magst. Hast du das gesehen?« fuhr ich fort, auf das Schiff deutend. »Das ist das ›Seepferd‹, Kapitän Palliser.« »Ich sollte es auch kennen«, meinte Alan. »Das Schiff hat mir damals, als es im Forth stationiert war, genug zu schaffen gemacht. Aber was fehlt dem Mann, daß er so dicht an die Küste herankommt?«

»Ich will dir’s sagen, weshalb er ursprünglich kam«, entgegnete ich. »Er kam, um James More diesen Brief zu bringen. Weshalb er noch hier weilt, nun da er ihn abgegeben hat, worum es sich handelt, weswegen ein Offizier dort in den Dünen versteckt ist und ob er sich wohl allein oder nicht allein befindet – das überlasse ich dir zu beurteilen.«

»Einen Brief an James More?«

»Jawohl.«

»Nun, ich kann dir noch mehr verraten,« sagte Alan. »Gestern nacht, als du fest eingeschlafen warst, hörte ich den Mann mit jemanden auf französisch verhandeln; dann wurde die Tür des Gasthofes geöffnet und wieder geschlossen.« »Alan,« rief ich, »du hast die ganze Nacht geschlafen. Das kann ich hier bezeugen.« »Ja, aber ich würde Alan selbst im Schlafe nicht trauen!« meinte er. »Doch die Sache sieht bös aus. Laß mich den Brief sehen.«

Ich gab ihn ihm. »Catriona,« sagte er, »Ihr müßt mich entschuldigen, mein Kind; aber hier stehen nicht mehr und nicht weniger als meine edlen Knochen auf dem Spiel; ich werde das Siegel erbrechen müssen.«

»Es ist mein Wunsch«, sagte Catriona.

Er öffnete das Schreiben, durchflog es und fuhr mit der Hand durch die Luft. »Der stinkende Lump«, sagte er und stopfte das Papier in die Tasche. »Kommt, wir wollen unsere Sachen packen. Der Ort hier ist für mich der Tod.« Und er begann nach dem Gasthaus auszuschreiten. Catriona war die erste, zu sprechen. »Er hat Euch verkauft?« fragte sie. »Verkauft, mein Kind. Aber dank Eurer und Davies Hilfe mache ich ihm noch einen Strich durch die Rechnung. Säße ich nur erst auf meinem Gaul!« fügte er hinzu. »Catriona muß uns begleiten«, sagte ich. »Sie darf mit diesem Manne nichts mehr zu schaffen haben. Sie und ich wollen uns heiraten.« Bei diesen Worten preßte sie meine Hand an ihre Seite.

»Seid ihr endlich so weit?« fragte Alan, über die Schulter blickend. »Die beste Tagesarbeit, die Ihr beide im Leben bisher geleistet habt. Und das muß ich sagen, meine Lieben, Ihr macht wirklich ein hübsches Paar.« Der Weg, dem er folgte, führte uns dicht an der Windmühle vorbei, wo ich einen Mann in Matrosenkleidung bemerkte, der dort auf Posten zu stehen schien. Wir näherten uns ihm natürlich von rückwärts. »Sieh nur, Alan«, sagte ich.

»Pst!« machte er, »das hier ist meine Sache.«

Ohne Zweifel war der Kerl ein wenig betäubt durch das Klappern der Mühle; so kamen wir unbemerkt an ihn heran. Da drehte er sich um, und wir gewahrten einen großen, kräftigen Burschen mit mahagonibraunem Gesicht. »Ich glaube, Sir, Ihr sprecht Englisch«, erkundigte sich Alan. »Non, monsieur«, erklärte der andere mit unglaublich schlechtem Akzent. »Non, monsieur!« wiederholte Alan spöttisch. »Lehrt man an Bord des ›Seepferds‹ so Französisch? Du dummer, gefräßiger Esel, hier hast du einen schottischen Stiefel in dein englisches Hinterteil!«

Er stürzte sich auf ihn, noch ehe der Mann entwischen konnte, und versetzte ihm einen Tritt, daß er der Länge nach zu Boden flog. Dann stand er da, ein wildes Lächeln auf den Lippen, und sah zu, wie der andere eilig auf die Füße kletterte und sich zwischen den Dünen aus dem Staube machte.

»Es ist hohe Zeit, daß ich aus diesen öden Hügeln herauskomme!« meinte Alan und setzte seinen Weg im Laufschritt fort, wir immer hinterdrein, bis wir vor der Hintertür zu Bazins Wirtshaus standen.

Zufällig betrat, als wir zu der einen Tür hereinkamen, James More gleichzeitig durch die andere Tür das Haus. »Hier!« sagte ich zu Catriona, »rasch! Mach, daß du nach oben kommst und deine Sachen packst! Das hier ist keine passende Szene für dich!«

Jetzt standen sich James und Alan in der Mitte des langgestreckten Raumes gegenüber. Catriona huschte dicht an ihnen vorbei, um die Treppe zu erreichen; ich sah, wie sie sich auf halber Höhe nach ihnen umblickte, ohne jedoch im Laufen innezuhalten. Der Anblick war auch wahrhaftig sehenswert. Alan trug, als sie zusammentrafen, die denkbar liebenswürdigste, freundschaftlichste Miene zur Schau, darunter aber schwelte eine so aggressive Feindschaft, daß James sofort Gefahr witterte, wie Menschen, die den Brand im Hause riechen und auf jedes Unglück gefaßt sind. Die Zeit drängte. Alans Lage an diesem einsamen, von Feinden umstellten Ort, hätte selbst einen Cäsar entmutigen können. Auf ihn machte sie keinen Eindruck, und er eröffnete das Treffen in dem alten Geist der Spottsucht und des Spiels.

»Schön guten Tag, Mr. Drummond«, sagte er. » Worum handelt es sich eigentlich bei dem Geschäft, das Ihr betreibt?« »Ja, das ist eine private und ziemlich langwierige Sache,« erwiderte James, »ich meine daher, wir sparen sie bis nach dem Essen auf.«

»Da bin ich nicht so ganz Eurer Ansicht«, entgegnete Alan. »Ich meine, es heißt nun, jetzt oder nie; Tatsache ist, Mr. Balfour und ich haben einen Brief erhalten und wollen sogleich wieder weiter.«

Ich sah eine gewisse Überraschung in James Auge aufleuchten; aber er hielt sich tapfer.

»Ich brauche Euch nur ein Wort zu verraten, und Ihr gebt diese Absicht auf: ich nenne Euch den Namen des Geschäfts.« »Also heraus mit der Sprache! Pah, Ihr braucht Euch um Davie nicht zu scheren!« »Es handelt sich um eine Sache, die uns beide reich machen kann.«

»Wahrhaftig?« rief Alan. »In der Tat, Sir. Die nackte Tatsache ist, es handelt sich um Clunys Schatz.« »Nein!« rief Alan. »Wißt Ihr, wo er sich befindet?«

»Ich kenne den Ort, Mr. Stuart, und kann Euch zu ihm hinführen.« »Das setzt doch allem die Krone auf!« rief Alan. »Ich bin aber wirklich froh, daß ich nach Dünkirchen gekommen bin. Das war also Euer Geschäft? Halbpart, natürlich?«

»Das, Sir, war das Geschäft.« »Ja, ja,« meinte Alan, immer noch in dem gleichen Ton kindlichen Interesses, »es hat also nichts mit dem ›Seepferd‹ zu tun?«

»Mit was?« fragte James.

»Oder mit dem Burschen, den ich soeben hinter der Windmühle zum Teufel jagte?« fuhr Alan fort. »Pfui, Mann, jetzt aber Schluß mit Euren Lügen! Ich habe Pallisers Brief hier in der Tasche. Mit Euch ist es aus, James More. Ihr könnt Euch vor anständigen Menschen nie wieder blicken lassen.«

James war wie betäubt. Eine Sekunde lang stand er bleich und regungslos, dann schwollen ihm die Adern vor lebendigem Zorn. »Wagst du so mir mit zu reden, du Bastard?,« brüllte er. »Du verräterisches Schwein!« schrie Alan und schlug ihn heftig auf den Mund; in der nächsten Sekunde klirrten ihre Klingen gegeneinander.

Bei dem ersten Anprall des nackten Stahls war ich instinktiv zurückgefahren; das Nächste, was ich sah, war James, der so haarscharf einen Stoß parierte, daß ich glaubte, er wäre getötet; dann schoß es mir durch den Sinn, daß er ja der Vater des Mädchens und in gewissem Sinne auch mein eigener Vater wäre und ich zog gleichfalls blank und fuhr dazwischen, um sie zu trennen. »Zurück, Davie! Bist du toll? Verdammt noch einmal, zurück!« brüllte Alan. »Dein Blut komme über dein eigenes Haupt!« Zweimal schlug ich ihre Klingen nieder. Taumelnd flog ich gegen die Wand und stand im nächsten Augenblick wieder zwischen ihnen. Sie achteten meiner nicht und hieben gleich zwei Furien aufeinander ein. Ich weiß auch heute nicht, wie ich es vermied, von diesen beiden Rodomonten erstochen zu werden; die ganze Szene wirbelte um mich herum wie eine Szene aus einem Traum. Da erscholl mitten in dem Aufruhr von der Treppe her ein lauter Schrei und Catriona warf sich vor ihren Vater. Gleichzeitig traf mein Degen auf etwas Weiches. Er blieb gerötet in meiner Hand zurück. Ich sah Blut von des Mädchens Halstuch fließen und Übelkeit bemächtigte sich meiner. »Wollt Ihr ihn vor meinen Augen töten, vor mir, die ich trotz allem seine Tochter bin?« schrie sie.

»Kind, ich bin mit ihm fertig«, sagte Alan, ging fort und setzte sich mit gekreuzten Armen, den bloßen Degen in der Hand, auf einen der Tische.

Eine Weile stand sie keuchend mit weit aufgerissenen Augen vor ihm, dann wandte sie sich plötzlich gegen den anderen. »Fort!« redete sie ihn an, »trag deine Schande aus meinem Angesicht; laß mich bei reinen Menschen. Ich bin eine Tochter Alpins! Du Schmach der Söhne Alpins, aus meinen Augen!« Das wurde mit solcher Leidenschaft gesprochen, daß es mich aus dem Grauen vor meinem eigenen blutigen Schwert aufrüttelte. Die beiden standen einander gegenüber, sie mit dem roten Fleck auf ihrem Brusttuch, er weiß wie ein Laken. Ich kannte ihn gut – ich wußte, es mußte ihn bis ans Herz getroffen haben, aber er rettete sich in eine Bravolaune. »Gut,« sagte er, das Rapier einsteckend, aber immer noch scharf zu Alan hinüberäugend, »wenn also dieser kleine Zank vorbei ist, werde ich meinen Mantelsack holen –«

»Hier kommt mir, außer durch meine Person, kein Mantelsack aus dem Haus«, erklärte Alan.

»Sir!« rief James.

»James More,« sagte Alan, »diese Dame, Eure Tochter, wird meinen Freund Davie heiraten, aus welchem Grund ich Euch gestatte, Euren Kadaver unversehrt zu entfernen. Aber ich rate Euch gut, sorgt, daß dieser Kadaver in Sicherheit gebracht wird, ehe es zu spät ist. Ihr werdet es kaum glauben, aber selbst meine Geduld hat ihre Grenzen.«

»Verdammt, Sir, aber mein Geld befindet sich in jenem Mantelsack!«

»Auch das tut mir sehr leid,« sagte Alan mit drolligem Gesichtsausdruck, »aber seht ihr, es gehört jetzt mir.« Dann fügte er mit größerem Ernst hinzu: »Laßt Euch raten, James More, verlaßt dieses Haus.« Einen Augenblick schien James im Stillen zu überlegen, aber es ist anzunehmen, daß er von Alans Fechtkunst eine hinreichende Probe gekostet hatte; denn plötzlich (mit dem Ausdruck eines Verdammten) zog er seinen Hut und verabschiedete sich von uns in corpore. Im nächsten Augenblick war er gegangen. Gleichzeitig schien der Bann von mir zu weichen.

»Catriona!« rief ich, »ich war es – mein Degen! Oh, bist du schwer verletzt?«

»Ich weiß es, Davie, und liebe dich ob des Schmerzes um so mehr, weil es geschah, um jenen schlechten Menschen, meinen Vater, zu verteidigen. Sieh!« sagte sie und zeigte mir eine blutende Schramme, »du hast jetzt einen Mann aus mir gemacht. Ich will die Wunde tragen wie ein alter Soldat.«

Freude über die Geringfügigkeit ihrer Verletzung und Liebe zu ihrem tapferen Wesen rissen mich fort. Ich umarmte sie und küßte die Wunde.

»Ja, soll denn ich, der ich mir keinen Kuß entgehen lasse, ganz leer ausgehen?« fragte Alan, und mich beiseite schiebend, faßte er Catriona an beiden Schultern. »Kind,« sagte er, »du bist eine echte Tochter Alpins. Nach allem, was wir wissen, war er ein Prachtkerl, und er kann stolz auf dich sein. Sollte ich mich je verheiraten, werde ich Bein von deinem Bein zur Mutter meiner Söhne wählen. Und ich trage eines Königs Namen und rede die Wahrheit.« Das sagte er mit heißer und ernster Bewunderung, die für das Mädchen und indirekt auch für mich reinster Honig war. Alle Schmach von James More schien dadurch von uns abgewaschen. Im nächsten Augenblick war er wieder ganz er selbst.

»Mit Verlaub, meine Lieben –das ist ja alles recht schön und gut, aber Alan Breck befindet sich dem Galgen ein klein wenig näher, als ihm gerade lieb ist. Bei Gott, ich meine, dieser Ort ist ein herrlicher Ort – zum Davonlaufen.« Seine Worte brachten uns zur Vernunft. Alan rannte eilig nach oben und kehrte mit unseren Satteltaschen und mit James Mores Mantelsack zurück; ich raffte Catrionas Bündel von der Treppe auf, wo sie es hatte fallen lassen, und wir waren eben im Begriff, von jenem gefährlichen Hause aufzubrechen, als Bazin uns schreiend und gestikulierend zurückhielt. Er hatte sich, als blank gezogen wurde, schleunigst unter den Tisch verkrochen, war jetzt aber kühn wie ein Löwe. Es sei noch eine Zeche zu begleichen, wir hätten einen Stuhl zerschlagen, Alan hätte sich zwischen das Geschirr gesetzt und James More wäre geflohen. »Hier,« rief ich, »macht Euch selbst bezahlt« und warf ihm einen Louisdor zu; es war jetzt nicht an der Zeit, zu rechnen. Er stürzte sich auf das Geld, und wir stürmten an ihm vorbei ins Freie. Von drei Seiten drangen Seeleute eilig und den Kreis unablässig verengend gegen das Haus vor; in geringer Entfernung schwenkte James More den Hut, wie um sie anzufeuern, und unmittelbar hinter ihm bewegten sich, gleich einem Narren, der hilflos gestikuliert, die Flügel der Windmühle.

Alan warf nur einen einzigen Blick um sich und fiel in Laufschritt. Er hatte schwer an James‘ Mantelsack zu schleppen, aber ich glaube, er hätte lieber sein Leben gelassen, als die Beute aufgegeben, die seine Rache war; er lief so schnell, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen und staunte und stolz war, das Mädchen an meiner Seite dahinstürmen zu sehen.

Als sie unser gewahr wurden, ließen sie allen Schein fahren; die Matrosen nahmen unter lauten Rufen und Hurrageschrei die Verfolgung auf. Wir hatten einen Vorsprung von zweihundert Metern, und sie waren alles in allem doch nur krummbeinige Teerjacken, mit nur geringer Hoffnung, uns in diesem Sport zu überholen. Wie ich vermute, waren sie auch bewaffnet, wagten es aber wahrscheinlich nicht, auf französischem Boden ihre Pistolen zu gebrauchen. Sobald ich erkannte, daß wir die Entfernung zwischen ihnen und uns nicht nur einhielten, sondern sogar vergrößerten, war ich über den Ausgang ganz beruhigt. Trotzdem war es harte, heiße Arbeit, so lange sie währte; Dünkirchen lag immer noch eine gehörige Strecke entfernt, und als wir endlich jenseits der Kuppe eines Hügels eine Kompanie Garnisonsoldaten bei irgendeinem Marschmanöver überraschten, vermochte ich Alans Bemerkung recht gut zu verstehen. Er hielt augenblicklich in seinem Lauf inne und wischte sich die Stirn. »Sie sind doch wirklich eine sympathische Nation, die Franzosen«, meinte er.

chapter32.html


Schluß

Kaum befanden wir uns innerhalb der Mauern von Dünkirchen in Sicherheit, da hielten wir den so nötigen Kriegsrat über unsere Lage. Wir hatten mit Waffengewalt einem Vater seine Tochter geraubt; jeder Richter hätte sie ihm ohne weiteres wieder zugeführt und aller Wahrscheinlichkeit nach Alan und mich ins Gefängnis geworfen, und obwohl wir in Gestalt von Kapitän Pallisers Brief ein Argument zu unseren Gunsten besaßen, lag doch weder Catriona noch mir sonderlich daran, es in der Öffentlichkeit zu gebrauchen. Alles in allem schien es uns das Klügste, das Mädchen nach Paris zu bringen in die Obhut ihres eigenen Häuptlings, Macgregor von Bohaldie, der nicht nur bestimmt bereit sein würde, seiner Verwandten zu helfen, sondern auch durchaus abgeneigt, James Mores Schande aufzudecken.

Wir kamen nur recht langsam vorwärts, da Catriona nicht so gewandt im Reiten wie im Rennen war und seit ’45 kaum im Sattel gesessen hatte. Aber endlich, an einem Sonntagsmorgen, waren wir in Paris und begaben uns unter Alans Führung auf dem schnellsten Wege zu Bohaldie. Er wohnte recht prächtig und lebte auf gutem Fuß, da er eine Pension aus dem Schottenfond bezog und auch über Privatmittel verfügte; Catriona begrüßte er wie eine Angehörige seines eigenen Hauses und benahm sich im ganzen sehr höflich und diskret, wenn auch nicht besonders offenherzig. Wir fragten ihn nach Nachrichten über James More. »Der arme James!« sagte er und schüttelte den Kopf und lächelte, und ich gewann die Überzeugung, daß er mehr wußte, als er sagen wollte. Dann zeigten wir ihm Pallisers Brief, und sein Gesicht wurde ellenlang. »Der arme James!« sagte er von neuem. »Nun, es gibt schlechtere Menschen als James More. Aber das hier ist wirklich sehr schlimm. Ja, ja, er muß reinweg den Kopf verloren haben! Ein höchst unerfreulicher Brief. Trotzdem, meine Herren, sehe ich nicht ein, weshalb wir ihn der Öffentlichkeit übergeben sollten. Es ist ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt, und wir sind alle Schotten und Hochländer.« Darin waren wir mit ihm einig, alle, ausgenommen vielleicht Alan, und noch einiger waren wir betreffs unserer Heirat, die Bohaldie selbst in die Hand nahm, als gäbe es überhaupt keinen James More. Auf die reizendste Manier, und mit zierlich gedrechselten französischen Komplimenten gab er Catriona eigenhändig in die Ehe, und erst, als alles vorbei war und man auf unser Wohl getrunken hatte, verriet er uns, daß James sich in der Stadt befände, wo er einige Tage vor uns eingetroffen war und jetzt auf den Tod krank darniederlag. Ich glaubte auf meiner Frau Gesicht zu lesen, wohin ihr Herz sie trieb.

»Wir wollen ihn besuchen«, sagte ich.

»Wenn du es wirklich wünschst«, meinte Catriona. Das war noch in den Flitterwochen.

Er war in dem gleichen Stadtviertel wie sein Häuptling in einem großen Eckhaus untergebracht; und der Klang eines hochländischen Dudelsacks zeigte uns den Weg nach seiner Dachkammer. Es scheint, daß er sich von Bohaldie ein paar Querpfeifen geborgt hatte, um sich während seiner Krankheit die Zeit zu vertreiben, und obgleich er kein solcher Künstler wie sein Bruder Rob war, machte er doch recht gute Musik. Es war ein kurioser Anblick, die französischen Zuhörer lachend sich auf der Treppe drängen zu sehen. Er lag auf einer Strohmatratze, von Kissen gestützt. Bereits auf den ersten Blick erkannte ich, daß es mit ihm zu Ende ging, und zweifellos war der Ort als Sterbezimmer für ihn ein merkwürdiger Ort. Aber selbst jetzt vermag ich kaum mit Nachsicht bei seinem Ende zu verweilen. Sicherlich hatte Bohaldie ihn auf unser Kommen vorbereitet; er wußte anscheinend, daß wir verheiratet waren, beglückwünschte uns zu dem Ereignis und erteilte uns wie ein Patriarch seinen Segen.

»Man hat mich niemals verstanden«, sagte er. »Ich verzeihe Euch beiden ohne Bitterkeit,« und so redete er fort, ganz wie früher; ja, er war so gefällig, uns auf den Querpfeifen ein paar Lieder vorzuspielen und ging mich zum Schluß um ein kleines Darlehen an. Ich vermochte auch nicht die Spur von Scham an ihm zu entdecken, dagegen war er ein Meister im Vergeben; das schien für ihn niemals den Reiz zu verlieren. Ich glaube, er vergab mir jedesmal, wenn wir zusammen waren, und als er rund vier Tage später in einer Art Heiligenschein liebevoller Frömmigkeit verschied, hätte ich mir vor Ekel die Haare ausraufen können. Ich ließ ihn begraben, aber was ich auf seinen Grabstein setzen sollte, ging über meinen Horizont; bis es mich endlich das beste dünkte, es bei dem schlichten Datum zu belassen.

Ich hielt es für ratsamer, jeden Gedanken an Leyden, wo wir als Bruder und Schwester aufgetreten waren, aufzugeben; ohne Frage sah es sehr sonderbar aus, jetzt in einer neuen Rolle dort zu erscheinen. Schottland war für uns das Richtige, und nach Schottland fuhren wir auf einem niederländischen Schiff, nachdem ich mein zurückgelassenes Hab und Gut wieder in meinen Besitz gebracht hatte.

Und jetzt, Fräulein Barbara Balfour (um den Damen den Vortritt zu geben) und Mr. Alan Balfour, Junker von Shaw, habe ich Euch die Geschichte fein säuberlich zu Ende erzählt. Ihr werdet finden (wenn Ihr’s Euch recht überlegt), daß Ihr einen großen Teil der darin handelnden Personen kennt und gesprochen habt. Alison Hastie aus Limekilnes ist das Mädchen, das Eure Wiege schaukelte, als Ihr noch zu klein wart, um etwas davon zu verstehen, und Euch in späteren Jahren auf dem Gute spazierenführte. Die sehr schöne, große Dame, Barbaras Patin, ist niemand anders als Miß Grant, die David Balfour im Hause des Lord Staatsanwalts so arg zum Narren hielt. Und ich frage mich, ob Ihr Euch wohl noch des kleinen, hageren, lebhaften Herrn in Stutzperrücke und schwerem Mantel erinnert, der sehr spät in einer dunklen Nacht nach Shaw kam und den zu begrüßen Ihr aus Euren Betten geholt wurdet, um ihm in dem Speisesaal unter dem Namen Mr. Jamieson vorgestellt zu werden? Oder hat Alan etwa vergessen, was er auf Mr. Jamiesons Verlangen tat – eine äußerst unpatriotische Handlung, deretwegen er, dem Buchstaben des Gesetzes nach, sogar hätte gehenkt werden können – nämlich auf das Wohl des Königs »jenseits des Meeres« zu trinken? Schöne Dinge, merkwürdige Dinge für ein gut whigsches Haus! Aber Mr. Jamieson ist eine privilegierte Persönlichkeit und kann, wenn er will, selbst meinen Kornspeicher in Brand setzen; und der Name, unter dem man ihn heute in Frankreich kennt, lautet ›der Chevalier Stuart‹. Und was Davie und Catriona betrifft, so werde ich sie in diesen Tagen recht scharf im Auge behalten, ob sie auch nicht so naseweis sind, Papa und Mama auszulachen. Wahr, wir benahmen uns nicht immer so gescheit, wie wir uns hätten benehmen können und schafften uns aus dem Nichts ein gut Teil Herzeleid; aber Ihr werdet finden, wenn Ihr erst erwachsen seid, daß selbst die kluge Miß Barbara und der tapfere Mr. Alan nicht so sehr viel gescheiter als ihre Eltern sind. Das Leben des Menschen auf dieser Erde ist eine recht kurzweilige Sache. Es heißt zwar, daß es die Engel zum Weinen bringt, aber ich meine, weit öfter müssen sie sich die Seiten halten vor Lachen, wenn sie auf uns hier unten herniederschauen; und das eine stand nun mal bei mir fest, als ich diese lange Geschichte begann: alles so zu erzählen, wie es sich wirklich ereignet hat.

Drittes Kapitel


Ich gehe nach Pilrig

Kaum war ich am nächsten Morgen in meinem neuen Logis aufgewacht, als ich auch schon munter und in meinen Kleidern war; und kaum hatte ich mein Frühstück heruntergeschluckt, als ich auf weitere Abenteuer auszog. Für Alan, konnte ich hoffen, war jetzt gesorgt; James versprach ein heiklerer Fall zu werden, und ich mußte annehmen, daß dieses Unterfangen mich teuer zu stehen kommen würde, zumal jeder, dem ich meine Auffassung auseinandergesetzt hatte, mich desgleichen versicherte. Es schien, als hätte ich den Gipfel des Berges nur erklommen, um gleich wieder in die Tiefe zu stürzen; als hätte ich mich durch so schwere Mühsale zu Reichtum und Ehren, zu meiner städtischen Kleidung und dem Schwert an meiner Seite emporgearbeitet, lediglich um zum Schluß Selbstmord zu begehen, und zwar die schlimmste Art von Selbstmord: auf des Königs Kosten gehängt zu werden. Weshalb tat ich es eigentlich? fragte ich mich selbst, als ich die High-Street hinunter und nordwärts über Leith Wynd zum Tore hinausschritt. An erster Stelle, sagte ich mir, um James Stuart zu retten; und wirklich spielte die Erinnerung an seine Verzweiflung, an die Wehklagen seiner Frau sowie an ein gelegentliches Wort von mir, das ich ihm gegenüber hatte allen lassen, dabei eine große Rolle. Gleichzeitig aber überlegte ich mir, daß es meines Vaters Sohn doch eigentlich höchst gleichgültig sein könnte (oder müßte), ob James in seinem Bett oder auf dem Schafott stürbe. Zwar war er Alans Vetter; aber was Alan selbst betraf, so konnte ich nichts Besseres tun, als mich mucksmäuschenstill zu verhalten und den König, Seine Liebden, den Herzog von Argyle, und die Krähen sich nach Herzenslust um die Knochen ihres Verwandten raufen lassen. Zudem konnte ich nicht vergessen, daß James, obwohl wir doch alle miteinander in der gleichen Klemme steckten, keine übertriebene Besorgnis um Alan und mich gezeigt hatte.

Dann kam mir der Gedanke, daß es um der Gerechtigkeit willen geschehe; das Wort gefiel mir ungemein, und ich setzte mir selbst des langen und breiten auseinander, daß uns vor allem daran gelegen sein müsse (da wir alle nun mal in die Politik verwickelt wären, einer dem anderen zum Schaden), der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, und daß der Tod eines Unschuldigen dem ganzen Gemeinwesen eine Wunde schlüge. Dann wieder gab der Versucher mir eine Probe seiner Überredungskunst zu kosten; er flüsterte mir zu, ich solle mich schämen, daß ich mich in diese hohe Angelegenheit mische, ich sei ja nur ein eitles, prahlerisches Kind, das sich vor Rankeillor und Stuart gebrüstet hätte und sich nun durch seine Eitelkeit gebunden hielte, für seine großen Worte einzustehen. Ja, und er ließ mich auch das andere Ende des Knüppels spüren: er klagte mich der feigen Berechnung an, und daß ich auf Kosten eines kleinen Risikos mir größere Sicherheit erkaufen wolle. Sicher war, ich konnte jeden Tag Mungo Campbell oder den Beamten des Sheriffs von neuem über den Weg laufen, und dann würde man mich erkennen und mich Hals über Kopf in die Appin-Mordaffäre hineinziehen, wenn ich mich nicht zuvor gestellt und vom Verdacht gereinigt hätte. Und zweifellos würde ich, falls es mir gelang, meine Sache gut zu führen, von da an bis an mein Lebensende freier atmen. Doch wenn ich diesen Gründen voll ins Gesicht schaute, vermochte ich an ihnen nichts Unehrenhaftes zu entdecken. Und was das übrige betraf, so überlegte ich mir: hier steh ich am Kreuzweg; beide Wege führen zum gleichen Ziel. Es ist ungerecht, daß James gehenkt wird, wenn ich ihn retten kann; und ich würde mich lächerlich machen, wenn ich nach all meinem Gerede nicht auch handelte. James von der Schlucht kann von Glück sagen, daß ich mich von Anfang an so gebrüstet habe; und für mich selbst ist es auch kein Unglück, denn nun bin ich gebunden, das Rechte zu tun. Ich habe jetzt den Namen und die Mittel eines Gentleman; es wäre recht erbärmlich, entdecken zu müssen, daß mir das Wesentlichste dazu fehlt. Und dann fiel mir wieder ein, das sei ja eine unchristliche Gesinnung, und ich sprach rasch für mich ein Gebet, in dem ich um den Mut flehte, an dem es mir vielleicht gebrach, und bat, daß ich schnurstracks auf meine Pflicht losmarschieren möchte, wie ein Soldat in die Schlacht, um womöglich auch unbeschadet an Leib und Leben davonzukommen wie so viele andere.

Diese Gedankengänge festigten meinen Entschluß, trotzdem sie meine Augen durchaus nicht gegen die mich umdrohenden Gefahren und gegen die Tatsache verschlossen, daß ich auf meinem Wege (wenn ich ihn wirklich fortsetzte) wahrscheinlich über die Leiter zum Galgen stolpern würde. Es war ein klarer, schöner Morgen, obwohl der Wind von Osten blies. Seine kühle Frische sang sich mir ins Blut und gab mir ein Gefühl wie von Herbst und welken Blättern und von Toten, die in ihren Gräbern ruhen. Wahrhaftig, der Teufel mußte schon seine Hand im Spiele haben, wenn ich tatsächlich in der Hochflut meines Glücks um anderer Leute willen sterben sollte. Auf dem Gipfel von Calton Hill liefen einige Kinder lärmend hin und her und ließen ihre Drachen steigen, obwohl es für dieses Vergnügen noch nicht die richtige Jahreszeit war. Die papierenen Vögel zeichneten sich klar gegen den Himmel ab; ich sah, wie ein besonders schwerer vom Wind in große Höhen getrieben wurde und dann zwischen den Ginsterbüschen schwerfällig zur Erde fiel; und bei diesem Anblick dachte ich zu mir selbst: »Das war Davie.«

Mein Weg führte mich über Mouters Hill und zwischen Wiesen und an Hügeln vorbei durch den Zipfel eines Dorfes. Hier tönte das Gerassel von Webstühlen von Haus zu Haus; Bienen summten in den Gärten; die Nachbarn, die ich vor der Türe miteinander schwatzen sah, redeten eine fremde Sprache, und später hörte ich, daß es das Dorf Picardy gewesen sei, eine Niederlassung französischer Weber, die für die Linen Company arbeiteten. Bei ihnen erkundigte ich mich von neuem nach meinem Ziel, Pilrig und stieß nach einer Weile neben der Landstraße auf einen Galgen, an dem an Ketten zwei Männer hingen. Die Leichen waren, der Sitte gemäß, in Teer getaucht; der Wind wirbelte sie im Kreise herum, die Ketten klirrten, und die Vögel klammerten sich schreiend an die unheimlichen Hampelmänner. Das Schauspiel traf mich urplötzlich gleich einer Versinnbildlichung aller meiner Befürchtungen, und ich wurde nicht müde, es näher zu betrachten und mit allen Poren das Trostlose des Anblicks einzusaugen. Und was führt mir da der Zufall in den Weg, während ich immer wieder den Galgen umkreise? Ein gespenstiges altes Weiblein, das hinter dem einen Pfosten hockte und kopfschüttelnd und mit vielen Verbeugungen und Handbewegungen laut mit sich selbst redete. »Wer sind diese beiden da, Mutter?« fragte ich, auf die zwei Leichname deutend. »Gottes Segen über dein herziges Gesicht«, rief sie. »Zwei alte Schätze von mir; nur zwei meiner alten Schätze, mein Junge.« »Und weswegen hängen sie da?« erkundigte ich mich weiter. »Oh, nur wegen der guten Sache«, erwiderte sie. »Oft hab ich’s ihnen vorausgesagt, wie’s enden würde. Zwei Shilling schottisch, nicht einen Penny mehr; und zwei hübsche Jungen müssen dafür hängen: sie nahmen’s einem Balg aus Brouchton ab.« »So, so«, sagte ich zu mir selbst und nicht zu der tollen alten Vettel, »und wegen einer so erbärmlichen Sache haben sie’s so weit gebracht. Das heiß ich wahrhaftig von Gott verlassen sein.«

»Laß mich deine Hand sehen, Herzensjunge,« fuhr sie fort, »ich will deine Zukunft voraussagen.«

»Nein, Mutter«, entgegnete ich, »ich sehe schon so klar genug, wohin der Weg mich führt. Es tut nicht gut, zuviel vorauszuwissen.«

»Ich lese auf deiner Stirne«, antwortete sie. »Da ist ein hübsches Mädel mit hellen Augen und ein kleiner Mann in einem schönen, gestickten Rock und ein großer Mann in einer gepuderten Perücke, und da ist noch der Schatten der Rabenwippe, hier quer über deinem Weg. Zeig deine Hand her, Herzensjunge, und laß dir von der alten Merren eine feine, gute Zukunft voraussagen.«

Die beiden Zufallstreffer, die auf Alan und die Tochter James Mores abzuzielen schienen, berührten mich tief, und ich floh vor dem grausigen Geschöpf, ihr einen Batzen hinwerfend, mit dem sie unter den tanzenden Schatten der Gehenkten weiter spielte.

Mein Weg auf der Leither Landstraße wäre ohne diese Begegnung um vieles angenehmer gewesen. Der alte Fahrdamm führte zwischen Feldern hindurch, derengleichen ich, was Geschicklichkeit in der Bebauung anbelangt, nie gesehen hatte; allein die Galgenketten rasselten weiter in meinem Kopf, und das Krächzen und Unken der alten Hexe sowie der Gedanke an die beiden Toten verfolgten mich wie ein Gespenst. Am Galgen zu endigen schien mir ein hartes Los, und ob nun ein Bursche wegen zwei Shilling schottisch oder (wie Mr. Stuart es prophezeite) wegen seines Pflichtgefühls dort baumelte, machte, sobald er erst mal geteert und gefesselt und aufgehängt war, im Grunde genommen wenig aus. Dort würde David Balfour vielleicht auch einmal hängen, und die anderen Burschen würden vorbeigehen und Schlechtes von ihm denken und sich von verrückten alten Weibern, die am Fußende kauerten, die Zukunft voraussagen lassen; und saubere, schlanke Mädchen würden vorübergehen und sich dabei die Nase zuhalten. Ich sah sie deutlich vor mir, und alle hatten sie graue Augen, und die Bänder, die sie im Haare trugen, leuchteten in den Drummond-Farben. Ich war daher in gedrücktester Stimmung, wenn auch immer noch ziemlich fest entschlossen, als ich Pilrig vor mir auftauchen sah: ein hübsches Haus mit vielen Giebeln, das neben der Landstraße zwischen einigen prächtigen jungen Bäumen lag. Des Gutsherrn Pferd stand gesattelt vor der Türe, als ich mich dem Hause näherte, aber er selbst befand sich in seinem Studierzimmer, wo er mich, umgeben von gelehrten Büchern und Musikinstrumenten, empfing, denn er war nicht nur ein großer Philosoph, sondern auch ein eifriger Musiker. Anfänglich begrüßte er mich ziemlich freundlich und stellte sich mir dann, nachdem er Rankeillors Brief gelesen hatte, mit großer Zuvorkommenheit ganz zur Verfügung. »Worum handelt es sich, Vetter David?« fragte er – »denn wir sind ja, wie es scheint, Vettern – was kann ich für Euch tun? Ein Wort an Prestongrange? Das ist zweifellos leicht geschrieben. Aber wie soll dieses Wort lauten?« »Mr. Balfour,« entgegnete ich, »wollte ich Euch meine Geschichte erzählen, ich glaube tatsächlich, Ihr wäret wenig davon entzückt. Das ist meine Ansicht, und Mr. Rankeillors ebenfalls.«

»Es tut mir leid, derartiges von Euch zu hören, Vetter,« antwortete er. »Das darf ich nicht auf mir sitzen lassen, Mr. Balfour,« entgegnete ich: »mich drückt nichts, das mich gereut oder das Ihr um meinetwillen zu bedauern braucht, ausgenommen gemeine menschliche Gebrechen, wie wir sie alle tragen: ›die Schuld aus Adams erster Sünde, der Mangel ursprünglicher Gerechtigkeit und die Verderbtheit meiner ganzen Natur‹: für die muß ich einstehen, und ich hoffe, man hat mich gelehrt, wohin ich mich um Hilfe wenden muß«, fügte ich hinzu; denn aus dem Aussehen des Mannes schloß ich, daß er um so besser von mir denken würde, je genauer ich meinen Katechismus kannte. »Doch was meine weltliche Ehre betrifft, so habe ich mir nichts vorzuwerfen, und die Schwierigkeiten, in die ich geraten bin, sind sehr gegen meinen Willen und (soweit ich es beurteilen kann) ohne mein Zutun über mich hereingebrochen. Das Schlimme ist, ich bin in politische Wirren verstrickt, von denen Ihr, wie man mir sagt, nichts wissen mögt.« »Schön, schön, Mr. David,« lautete seine Antwort, »ich freue mich, daß Ihr all das haltet, was Mr. Rankeillor von Euch verspricht. Und was die politischen Wirren anbetrifft, so habt Ihr vollkommen recht. Es ist mein Bemühen, jeden Verdacht zu vermeiden, ja mit alledem nichts zu tun zu haben. Die Frage ist nur,« fuhr er fort, »wie kann ich Euch, ohne von der Sache irgend etwas zu erfahren, helfen?« »Nun, Sir,« entgegnete ich, »ich schlage vor, daß Ihr an Seine Lordschaft schreibt, ich sei ein junger Mann von leidlich guter Familie und ansehnlichem Vermögen; beides trifft, wie ich glaube, zu.«

»Rankeillors Wort bürgt dafür,« sagte Mr. Balfour, »und das genügt mir unter allen Umständen.«

»Dann könntet Ihr noch hinzufügen (falls Ihr mein Wort dafür nehmen wollt), ich sei ein guter Kirchgänger und treuer Untertan König Georgs und in dieser Anschauung erzogen worden.«

»Was Euch unter gar keinen Umständen schaden kann«, sagte Mr. Balfour.

»Und ferner«, schlug ich vor, »könntet Ihr Seiner Lordschaft schreiben, ich käme in einer überaus wichtigen Angelegenheit zu ihm, die Seiner Majestät Dienste und Rechtspflege beträfe.«

»Da ich von der Angelegenheit nichts erfahren soll,« erklärte der Gutsherr, »kann ich auch nicht für ihre Wichtigkeit einstehen. ›Überaus‹ wird daher gestrichen und ›Wichtigkeit‹ ebenfalls. Im übrigen kann ich mich ja so ausdrücken, wie Ihr es wünscht.«

»Und dann, Sir,« schloß ich, ein paarmal mit dem Daumen über mein Genick fahrend, »dann wäre es mir noch sehr lieb, wenn Ihr an irgendeiner Stelle ein Wort zu meinem Schutz einfügen wolltet.«

»Schutz?« echote er, »zu Eurem Schutz? Der Ausdruck wirkt ein wenig wie eine Dusche auf mich. Wenn die Angelegenheit gar so gefährlich ist, dann trage ich, offen gestanden, einige Bedenken, mich so mit einer Binde vor den Augen einzumischen.«

»Ich glaube, ich könnte Euch in zwei Worten sagen, wo der Hund begraben liegt«, erwiderte ich.

»Das wäre vielleicht das Beste.«

»Nun, es handelt sich um die Appin-Mordaffäre.«

Er hielt beide Hände hoch. »Gott im Himmel!« rief er. Nach dem Ausdruck seines Gesichtes und seiner Stimme zu urteilen, glaubte ich zunächst, ich hätte meinen Gönner verloren.

»Ich will Euch erklären – –«, hub ich an.

»Vielen Dank, ich will nichts mehr davon hören«, meinte er kategorisch. »Ich weigere mich in toto, noch etwas davon zu hören. Um Eures Namens und um Rankeillors willen und vielleicht auch ein wenig um Eurer selbst willen werde ich tun, was ich kann, um Euch zu helfen; aber ich will keine Einzelheiten wissen. Und es ist offenbar meine erste Pflicht, Euch zu warnen. Das hier sind kitzlige Angelegenheiten, Mr. David, und Ihr seid noch ein junger Mann. Hütet Euch und überlegt es Euch zweimal.«

»Man sollte meinen, ich hätte es mir öfter überlegt, Mr. Balfour,« erwiderte ich, »und ich möchte Euch auf Mr. Rankeillors Brief aufmerksam machen, darin er (wie ich hoffe und glaube) mein Vorhaben billigt.«

»Gut, gut,« sagte er und wiederholte nach einer Pause, »gut, gut! Ich werde tun, was ich kann.« Mit diesen Worten griff er zu Feder und Papier, dachte eine Weile nach und begann dann mit großer Bedachtsamkeit zu schreiben. »Wenn ich Euch recht verstehe, billigt Mr. Rankeillor Eure Absicht?« fragte er schließlich.

»Nach einigem Hin- und Herreden hieß er mich in Gottes Namen gehen«, antwortete ich.

»Das ist der Name, in dem man eine Sache anfangen soll«, sagte Mr. Balfour und fuhr mit Schreiben fort. Nach einer Weile fügte er die Unterschrift hinzu, überflog noch einmal das Geschriebene und wandte sich dann wieder an mich. »Also hier habt Ihr Euren Empfehlungsbrief, Mr. David. Ich setze mein Siegel darauf, ohne ihn zu verschließen, und übergebe ihn Euch offen, wie es die Sitte verlangt. Da ich aber vollständig im Dunkeln tappe, will ich ihn Euch rasch einmal vorlesen, damit Ihr sehen könnt, ob Euch damit gedient ist:

›Pilrig, den 26. August 1751.

Mylord, – Dieser Brief möchte Eurer Wohlgeneigtheit meinen Namensvetter und Verwandten, David Balfour von Shaw, empfehlen, einen jungen Herrn von untadeliger Herkunft und ansehnlichem Vermögen. Er hat des weiteren die wertvolleren Vorteile einer gottesfürchtigen Erziehung genossen, und seine politischen Grundsätze entsprechen ganz Eurer Lordschaft Wünschen. Ich genieße nicht Mr. Balfours Vertrauen, aber er hat, wenn ich ihn recht verstehe, Eurer Lordschaft eine Angelegenheit zu unterbreiten, die Seiner Majestät Dienste und Rechtspflege betrifft: Dinge, von denen bekannt ist, wie sehr sie Eurer Lordschaft am Herzen liegen. Ich muß noch hinzufügen, daß einige seiner Freunde des jungen Herrn Absichten kennen und billigen, und daß sie mit hoffnungsvoller Besorgnis deren Gelingen und Scheitern verfolgen.‹

Und dann«, fuhr Mr. Balfour fort, »habe ich noch mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln meine Unterschrift daruntergesetzt. Ihr seht, es ist von ›einigen seiner Freunde‹ die Rede; hoffentlich habe ich damit nicht zuviel gesagt?«

»Durchaus nicht, Sir; meine Absichten werden von mehr als einem gebilligt«, entgegnete ich. »Und Euer Brief, für den ich Euch von ganzem Herzen danke, besagt alles, was ich mir nur wünschen kann.«

»Ich habe hineingepreßt, was mir nur irgend möglich war,« erklärte er, »und soweit ich über die Angelegenheit, in die Ihr Euch mischen sollt, unterrichtet bin, kann ich nur Gott bitten, daß es genügen möge.«