Viertes Kapitel


Die Verfolgungen, die Mr. Henry erdulden mußte

Man kann sich vorstellen, bei welchen seiner Abenteuer der Oberst besonders lange verweilte. In der Tat, wenn wir damals alles erfahren hätten, wäre der Lauf des Geschickes wahrscheinlich ein ganz anderer geworden. Das Piratenschiff wurde nur nebenbei erwähnt, und ich hörte den Oberst nicht einmal das zu Ende berichten, was er bereit war mitzuteilen, denn schließlich erhob sich Mr. Henry, der eine Zeitlang in tiefem Nachdenken dagesessen hatte, von seinem Stuhl, entschuldigte sich bei dem Oberst, daß er Geschäfte habe, und bat mich, ihm zur Amtsstube zu folgen.

Als wir dort anlangten, versuchte er nicht länger, seine Bestürzung zu verbergen, ging mit verzerrtem Gesicht in dem Zimmer auf und ab und legte seine Hand wiederholt auf die Stirn.

»Wir müssen handeln«, begann er schließlich, und dann unterbrach er sich und erklärte, wir müßten Wein haben und ließ einen Liter vom besten heraufholen. Das widersprach völlig seiner sonstigen Gewohnheit, um so mehr, als er, sobald der Wein gebracht wurde, ein Glas nach dem anderen hinunterstürzte wie jemand, der keine Erziehung genossen hat. Aber durch das Trinken gewann er seine Haltung zurück.

»Sie werden kaum überrascht sein, Mackellar«, sagte er, »wenn ich Ihnen mitteile, daß mein Bruder, über dessen Wohlbefinden wir uns alle freuen, einiges Geld braucht.«

Ich antwortete, daß ich das bereits geargwöhnt habe, aber die Zeit sei wenig günstig, da Börsenwerte niedrig notierten.

»Die meinen nicht«, sagte er. »Und da ist doch das Geld zur Ablösung der Hypothek.«

Ich erinnerte ihn daran, daß es Mrs. Henry gehöre.

»Ich werde meiner Frau dafür bürgen«, rief er heftig aus.

»Aber dann«, sagte ich, »bleibt die Hypothek bestehen.«

»Ich weiß es«, antwortete er, »darüber wollte ich mit Ihnen zu Rate gehen.«

Ich wies ihm nach, wie ungünstig der Zeitpunkt sei, dies Geld seiner Bestimmung zu entziehen, und daß wir alle Vorteile unserer Sparsamkeit auf diese Weise einbüßen und die Besitzungen ihrem früheren schlechten Zustande wieder ausliefern müßten. Ich nahm mir sogar die Freiheit, mit ihm zu streiten, und als er mir immer noch kopfschüttelnd und mit bitterer, verbissener Miene widersprach, ließ mich der Eifer meine Stellung ganz vergessen. »Das ist eine Hundstagsverrücktheit!« rief ich aus, »ich will jedenfalls nichts damit zu tun haben.«

»Sie reden, als ob es für mich ein Vergnügen sei«, sagte er, »aber ich besitze jetzt ein Kind, und außerdem liebe ich die Ordnung. Um die Wahrheit ehrlich zu gestehen, Mackellar, war ich sehr stolz auf die Güter.« Er sann einen Augenblick nach. »Aber was wollen Sie?« fuhr er fort, »nichts gehört mir, nichts. Die Nachrichten, die uns heute zugingen, haben meiner Existenz den Boden entzogen. Ich besitze wohl den Namen und schattenhafte Dinge – nur Schatten –, aber meine Rechtsansprüche haben keine Geltung.«

»Vor Gericht werden sie genug Geltung haben«, sagte ich.

Er sah mich mit brennenden Augen an und schien die Worte im Munde zurückzuhalten. Ich bereute, was ich gesagt hatte, denn ich sah, daß er, als er von dem Besitz sprach, im Innern auch an seine Ehe dachte; und dann riß er plötzlich den Brief aus seiner Tasche, der ganz zerknittert war, glättete ihn mit heftiger Bewegung auf dem Tisch und las mir mit zitternder Stimme folgende Worte vor:

»Mein teurer Jakob«, so begann er, »mein teurer Jakob, einst nannte ich dich so, wie du dich erinnern wirst, und jetzt hast du das Geschäft gemacht und meine Fersen hoch in den Himmel geschleudert.«

»Was denken Sie davon, Mackellar«, sagte er, »das von dem einzigen Bruder? Ich schwöre bei Gott, daß ich ihn sehr gern hatte, ich war immer ehrlich gegen ihn, und nun schreibt er mir so! Aber ich will mich unter dieser Verleumdung nicht beugen« – er ging auf und ab –, »ich bin so gut wie er, ich bin besser als er, ich bitte zu Gott, es offenbar zu machen! Ich kann ihm die ganze ungeheure Summe nicht geben, die er verlangt, er weiß, daß die Güter das nicht tragen, aber ich werde ihm das geben, was ich habe, und es ist mehr, als er erwartet. Ich habe alles dies zu lange ertragen. Sehen Sie, was er weiter schreibt, lesen Sie es selbst: ›Ich weiß, Du bist ein geiziger Hund.‹ Ein geiziger Hund! Ich geizig? Ist das wahr, Mackellar? Glauben Sie das auch?«

Ich vermutete wirklich, er wollte mich in diesem Augenblick schlagen. »Oh, ihr denkt alle so! Nun, ihr werdet sehen, und er wird sehen, und Gott wird sehen. Wenn ich den Besitz ruiniere und barfuß gehen soll, ich werde diesem Blutsauger den Mund stopfen. Soll er alles verlangen, alles, er soll es bekommen! Er ist in seinem Recht. Ah!« schrie er, »ich sah das alles voraus und schlimmeres, als er mich damals nicht ziehen lassen wollte.«

Er schenkte sich wieder ein Glas Wein ein und wollte es an die Lippen führen, als ich kühn genug war, ihm die Finger auf den Arm zu legen. Er hielt einen Augenblick inne. »Sie haben recht«, sagte er und schleuderte das Glas mit dem Wein in den Kamin. »Kommen Sie, wir wollen das Geld abzählen.«

Ich wagte nicht länger zu widersprechen und war aufs höchste erschüttert angesichts der Fassungslosigkeit eines Mannes, der sich gewöhnlich so in der Gewalt hatte. Wir setzten uns zusammen nieder, zählten das Geld und machten Päckchen, damit Oberst Burke, der es überbringen sollte, bequemer zu tragen hätte. Darauf kehrte Mr. Henry zur Halle zurück, wo er und der alte Lord die ganze Nacht mit ihrem Gast verweilten.

Kurz vor der Morgendämmerung rief man mich, und ich machte mich mit dem Oberst auf den Weg. Er würde sich schwerlich mit einem weniger verantwortungsvollen Begleiter begnügt haben, denn er war ein Mann, der Achtung verlangte. Andererseits konnten wir ihm auch keinen würdigeren Begleiter mitgeben, weil Mr. Henry nicht mit den Schmugglern zusammen gesehen werden durfte. Es war bitter kalt und windig an diesem Morgen, und als wir durch das langgestreckte Gehölz gingen, wickelte sich der Oberst in seinen Mantel.

»Mein Herr«, sagte ich, »Ihr Freund verlangt eine sehr große Summe Geldes. Ich muß annehmen, daß seine Bedürfnisse sehr groß sind.«

»Wir müssen es annehmen«, sagte er trocken, wie mir schien, aber vielleicht hörte es sich nur so an, weil er den Mantel über den Mund geschlagen hatte.

»Ich bin nur ein Diener der Familie«, sagte ich, »Sie können offen zu mir sprechen. Ich fürchte, wir haben wenig Gutes von ihm zu erwarten!«

»Verehrter Herr«, sagte der Oberst, »Ballantrae ist ein Edelmann von höchst bedeutsamen, natürlichen Gaben, ein Mann, den ich bewundere und den ich verehre, ich ehre sogar den Boden, auf dem er steht.« Und dann schwieg er eine Weile, als ob er verlegen sei.

»Aber trotzdem«, sagte ich, »werden wir wahrscheinlich wenig Gutes von ihm erfahren!«

»Gewiß«, antwortete der Oberst, »aber machen Sie Ihren eigenen Vers darauf, verehrter Herr.«

Wir waren inzwischen bei der Bucht angelangt, an deren Ufer das Boot auf ihn wartete. »Nun«, sagte er, »ich bin Ihnen ohne Zweifel sehr verpflichtet für Ihre große Liebenswürdigkeit, Herr Soundso, und zu guter Letzt will ich Ihnen gegenüber, der Sie mir soviel wohlwollendes Interesse entgegengebracht haben, einen kleinen Umstand erwähnen, der Ihrer Familie von Nutzen sein kann. Denn ich glaube, mein Freund vergaß zu erwähnen, daß er die höchste Pension bezieht aus dem schottischen Flüchtlingsfonds in Paris, und das ist um so schändlicher, mein Herr«, rief der Oberst bewegter aus, »weil für mich kein lausiger Pfennig vorhanden ist.«

Er schwang seinen Hut gegen mich, als ob ich schuld sei an dieser Parteilichkeit, aber dann wurde er wieder bezaubernd höflich, schüttelte mir die Hand und ging hinunter zum Boot, das Geld unter dem Arm. Er pfiff dabei das pathetische Lied aus Shule Aron. Ich hörte die Melodie damals zum ersten Male, aber später hörte ich sie wieder mitsamt den Worten, wie man erfahren wird. Ich erinnere mich deutlich, wie die kurze Strophe in meinem Gehirn haften blieb, als die Schmuggler ihm zugerufen hatten: »Rasch, in des Teufels Namen!« und das Klatschen der Ruder das Lied unterbrach. Ich stand da und beobachtete, wie die Morgendämmerung über dem Meere heraufkroch, das Boot sich langsam entfernte und drüben der Kutter mit gerefften Focksegeln dalag, der es erwartete.

Das Loch, das in unsern Geldbeutel gerissen war, war schwer zu stopfen und hatte unter anderem die Folge, daß ich nach Edinburgh reiten und unter sehr ungünstigen Bedingungen eine neue Anleihe aufnehmen mußte, um den Verpflichtungen aus der alten nachkommen zu können, und so war ich nahezu drei Wochen von Durrisdeer abwesend.

Was in der Zwischenzeit geschehen war, erzählte mir niemand. Aber ich stellte bei meiner Rückkehr fest, daß Mrs. Henry ihr Verhalten sehr geändert hatte. Die früheren Unterhaltungen mit dem Lord unterblieben meistens, es machte sich deutlich bemerkbar, daß sie ihrem Gatten etwas abbitten wollte, und nach meiner Beobachtung richtete sie jetzt öfter das Wort an ihn. Auf alle Fälle war sie nun gegen die kleine Katharine sehr zärtlich. Man möchte denken, daß dieser Wechsel Mr. Henry angenehm war, aber das war keineswegs der Fall. Im Gegenteil, jede Änderung in ihrem Verhalten war ein Dolchstoß für ihn, er erblickte in allem ein Zugeständnis trügerischer Launen. Die Treue gegen den Junker, auf die sie stolz war, solange sie ihn tot glaubte, machte sie jetzt erröten, da sie wußte, daß er noch lebte. Und diese Beschämung war der Grund für den Umschwung ihres Benehmens, den er verachtete. Ich will die Wahrheit nicht bemänteln und offen gestehen, daß die Haltung Mr. Henrys in dieser Zeit mir als sehr unwürdig vorkam. Nach außen beherrschte er sich allerdings, aber unter der Oberfläche konnte man eine tiefe Verstimmung wahrnehmen. Mir gegenüber, auf den er weniger Rücksicht nahm, war er oft höchst ungerecht. Und selbst seine Frau wies er manchmal scharf zurecht, wenn sie ihn vielleicht durch Liebenswürdigkeiten reizte, die er nicht wünschte; aber auch ohne sichtbaren Grund kam seine dauernd schlechte Laune unwillkürlich zum Durchbruch. Vergaß er sich auf diese Weise, was durchaus in Widerspruch stand zu ihrem sonstigen gegenseitigen Verhältnis, so ging ein Erschrecken durch die ganze Gesellschaft, und die Augen des Paares begegneten sich in peinvollem Erstaunen.

Während er sich selbst in dieser Zeit unrecht tat durch Mangel an Beherrschung, untergrub er seine wirtschaftlichen Verhältnisse durch hartnäckiges Schweigen, von dem ich nicht weiß, ob ich es als Folge seiner Freigebigkeit oder seines Stolzes bezeichnen soll. Immer wieder kamen die Schmuggler, brachten Briefe vom Junker, und keiner ging mit leeren Händen fort. Ich durfte nie mit Mr. Henry darüber rechten, er gab mit einer Art vornehmen Zorns, was man von ihm verlangte. Vielleicht weil er von Natur dazu neigte, Sparsamkeit zu üben, bereitete ihm die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, mit der er die Verschwendungssucht seines Bruders befriedigte, einen aufpeitschenden Genuß. Die Fragwürdigkeit seiner Lage würde vielleicht auch einen weniger bedeutenden Menschen zu solchen Exzessen getrieben haben, Aber die Güter (wenn ich mich so ausdrücken darf) seufzten darunter, unsere täglichen Ausgaben wurden immer mehr beschnitten, die Ställe leerten sich bis auf vier Gebrauchspferde, Bedienstete wurden entlassen, was entsetzlichen Unwillen im Lande erregte und die alte Mißgunst gegen Mr. Henry wieder aufflammen ließ, und schließlich mußte der Besuch, den man Edinburgh jährlich abstattete, unterbleiben.

Das war im Jahre 1756. Man muß bedenken, daß jener Blutsauger sieben Jahre hindurch das Herzblut von Durrisdeer getrunken hatte, und daß mein Herr die ganze Zeit hindurch seine Ruhe bewahrte. Teuflische Bosheit veranlagte den Junker, sich mit seinen Bitten stets allein an Mr. Henry zu wenden und nie an den Lord heranzutreten. Die Familie hatte verwundert unsere Einschränkungen wahrgenommen. Ich bezweifle nicht, daß sie sich beklagt hatte, mein Brotgeber sei ein großer Geizhals geworden, ein Übel, das immer verächtlich, bei einem so jungen Menschen aber abschreckend wirkt, und Mr. Henry war damals noch nicht dreißig Jahre alt. Jedoch hatte er die geschäftlichen Angelegenheiten von Durrisdeer beinahe von Kindesbeinen an geführt, und alle ertrugen den Wandel der Dinge mit einem Stillschweigen, das ebenso stolz und bitter wie das seine war, bis der Stein des Anstoßes kam, die Reise nach Edinburgh.

Zu jener Zeit war mein Herr mit seiner Gemahlin selten zusammen, außer bei den Mahlzeiten. Gleich nach den Eröffnungen von Oberst Burke machte Mrs. Henry deutlich wahrnehmbare Annäherungsversuche. Man könnte sagen, daß sie ihren Gatten ein wenig hofierte und sich ganz anders benahm als früher in ihrer Gleichgültigkeit und Kälte. Ich fand niemals den Mut, Mr. Henry zu tadeln, weil er diese Annäherungen abwies, noch auch seine Frau, weil sie durch diese Zurückweisung tief verletzt wurde. Der Erfolg war jedoch eine völlige Entfremdung, so daß sie, wie ich schon sagte, selten zusammen sprachen, ausgenommen bei den Mahlzeiten. Selbst die Angelegenheit der Reise nach Edinburgh wurde zuerst bei Tisch beredet, und der Zufall wollte, daß Mrs. Henry an jenem Tage leidend und zänkisch war. Kaum begriff sie die Weigerung ihres Gemahls, als ihr Röte ins Gesicht stieg.

»Das ist zuviel!« rief sie aus, »der Himmel weiß, wie wenig Vergnügen ich in meinem Leben habe, und jetzt soll mir mein einziger Trost verweigert werden. Diese schmachvollen Neigungen müssen unterdrückt werden, schon jetzt weist man in der Nachbarschaft mit Fingern auf uns. Ich werde diese neue Unsinnigkeit nicht hinnehmen.«

»Ich kann die Reise nicht erschwingen«, sagte Mr. Henry.

»Erschwingen?« rief sie aus. »Eine Schande! Aber ich besitze selbst Geld.«

»Alles gehört mir, gnädige Frau, durch den Heiratskontrakt«, knurrte er und verließ sofort den Raum.

Der alte Lord warf die Hände zum Himmel, und er und seine Tochter zogen sich zum Kamin zurück und gaben mir deutlich zu verstehen, daß ich gehen möge. Ich fand Mr. Henry in seinem gewöhnlichen Zufluchtsort, dem Verwalterzimmer, er hockte am Ende des Tisches und stieß sein Taschenmesser in sehr übler Laune in die Platte.

»Mr. Henry«, sagte ich, »Sie tun sich selbst unrecht, und es ist Zeit, daß das aufhört.«

»Ach«, rief er, »niemand kümmert sich hier darum, sie halten das alle für natürlich. Ich habe schändliche Neigungen, ich bin ein geiziger Hund«, und er stieß das Messer bis zum Heft in den Tisch, »aber ich werde diesem Burschen zeigen«, rief er unter Flüchen aus, »ich werde ihm zeigen, wer großherziger ist!«

»Das ist keine Großherzigkeit«, sagte ich, »das ist nur Stolz.«

»Meinen Sie, daß ich moralische Belehrungen wünsche?« fragte er.

Ich glaubte, daß er Hilfe brauche, und die wollte ich ihm verschaffen, auch gegen seinen Willen, und kaum hatte Mrs. Henry ihr Zimmer aufgesucht, als ich zur Tür ging und um Einlaß bat.

Sie war sichtlich erstaunt. »Was wollen Sie von mir, Mr. Mackellar?« fragte sie.

»Gott weiß, gnädige Frau«, sagte ich, »daß ich mir niemals eine Freiheit Ihnen gegenüber herausgenommen habe, aber diese Angelegenheit lastet schwer auf meinem Gewissen und muß heraus. Ist es möglich, daß zwei Menschen so blind sind wie Sie und der alte Lord? Sie haben alle diese Jahre mit einem so edlen Menschen wie Mr. Henry zusammengelebt und verstehen doch seine Natur so wenig?«

»Was soll das heißen?« rief sie aus.

»Wissen Sie nicht, wohin das Geld geht, sein und Ihr Geld und selbst das Geld für den Wein, den er jetzt bei Tisch nicht mehr trinkt?« fuhr ich fort. »Nach Paris, zu jenem Menschen! Achttausend Pfund Sterling hat er in sieben Jahren aus uns herausgeholt, und mein Herr ist töricht genug, es zu verschweigen!«

»Achttausend Pfund Sterling!« wiederholte sie, »das ist unmöglich, der ganze Besitz gibt das nicht her.«

»Gott weiß, wie wir jeden Pfennig zusammengekratzt haben, um die Summe aufzubringen«, sagte ich, »aber sie beträgt achttausendundsechzig Pfund, abgesehen von einigen Schillingen. Und wenn Sie meinen Herrn jetzt noch für geizig halten, so will ich mich zum letzten Male eingemischt haben.«

»Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen, Mr. Mackellar«, antwortete sie. »Was Sie Einmischung nennen in allzu bescheidener Weise, ist durchaus richtig gewesen. Ich verdiene scharfen Tadel, Sie müssen mich für eine sehr unachtsame Frau halten«, und sie lächelte mich sonderbar an, »aber ich werde das sofort in Ordnung bringen. Der Junker war immer unbedachtsam, aber sein Herz ist ausgezeichnet, er ist eine Seele von Edelherzigkeit. Ich werde ihm selbst schreiben. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich Ihre Mitteilung schmerzt.«

»Ich hatte allerdings gehofft, gnädige Frau, Ihnen Freude zu bereiten«, sagte ich, denn ich war zornig darüber, daß sie immer noch an den Junker dachte.

»Auch Freude«, sagte sie, »selbstverständlich auch Freude.«

Am gleichen Tage – ich will nur erzählen, was ich selbst beobachtete – hatte ich die Genugtuung, Mr. Henry ganz verwandelt aus dem Zimmer seiner Frau kommen zu sehen. Sein Gesicht war vom Weinen geschwollen, und doch schien er wie auf Wolken zu wandern. Ich entnahm daraus, daß seine Frau ihm volle Genugtuung gegeben hatte. »Aha«, dachte ich bei mir selbst, »heute habe ich einen guten Streich gemacht.«

Am andern Morgen saß ich über meinen Büchern, als Mr. Henry leise von hinten auf mich zutrat, meine Schultern ergriff und mich in heiterer Laune schüttelte. »Ich stelle fest, daß Sie letzten Endes doch ein treuloser Geselle sind«, sagte er. Es war die einzige Erwähnung meiner Tat mir gegenüber, doch der Ton, in dem er das sagte, war mehr für mich als eine lange Dankesrede. Aber das war nicht alles, was ich vollbracht hatte, denn als der nächste Bote kam, was nicht viel später geschah, nahm er nur einen Brief für den Junker wieder mit. In der letzten Zeit hatte ich die Schreibereien selbst erledigt, Mr. Henry setzte die Feder nicht aufs Papier, und ich schrieb nur trockene und formale Worte. Aber diesen Brief bekam ich nicht einmal zu lesen. Er war kaum sehr erfreulich, denn Mr. Henry fühlte, daß er jetzt seine Frau hinter sich hatte, und ich konnte beobachten, daß er an dem Absendetage sehr heiter dreinblickte.

Alles verlief nun glatter in der Familie, obgleich man kaum behaupten kann, daß es gut ging. Jedenfalls herrschte jetzt kein Mißverständnis mehr, alle waren liebenswürdig gegeneinander, und ich glaube, mein Herr und seine Frau hätten sich wieder ganz finden können, wenn er seinen Stolz überwunden und sie die Gedanken an den anderen Mann aufgegeben hätte, der Hauptgrund alles Übels. Es ist sonderbar, wie geheime Gedanken sich bemerkbar machen, und es erscheint mir jetzt wie ein Wunder, daß wir alle das Spiel ihrer Gefühle verfolgen konnten. Obgleich sie sich sehr ruhig benahm und keine Launen zeigte, konnten wir doch feststellen, wann ihre Gedanken in Paris weilten. Und sollte man nicht annehmen, daß meine Eröffnungen dies Götzenbild zu Fall gebracht hätten? Ich glaube, die Frauen haben den Teufel im Leibe. Viele Jahre waren verflossen, der Mann hatte sich nicht blicken lassen, sie konnte sich an wenig Zärtlichkeiten erinnern aus der Zeit, da sie ihn noch besaß. Dann kam die Nachricht von seinem Tode, und jetzt war ihr seine herzlose Habgier bekannt. Aber alles das änderte nichts, auch jetzt noch mußte sie den ersten Platz in ihrem Herzen für diesen verfluchten Burschen frei halten, eine Tatsache, die einen einfachen Mann in Wut versetzen konnte. Ich besaß nie große natürliche Sympathie für die Leidenschaft der Liebe, aber diese Unvernunft des Weibes meines Herrn verleidete mir die ganze Sache aufs äußerste. Ich erinnere mich, daß ich eine Magd ausschalt, weil sie ein kindisches Liebesgeplärr sang, während mein Geist über diese Dinge nachdachte, und meine Grobheit trug mir die Feindseligkeit aller Unterröcke unseres Hauses ein. Das kränkte mich wenig, aber es belustigte Mr. Henry, der mich mit unserer gemeinsamen Unbeliebtheit aufzog. Es ist sonderbar genug: meine eigene Mutter gehörte sicher zum Salz der Erde, und meine Tante Dickson, die meine Universitätsstudien bezahlte, war eine sehr achtenswerte Dame, aber ich habe für das weibliche Geschlecht nie viel übrig und möglicherweise auch wenig Verständnis gehabt, und da ich alles andere als ein kühner Mann bin, habe ich ihre Gesellschaft immer gemieden. Nicht nur, daß ich keine Ursache sehe, diese Zurückhaltung meinerseits zu bedauern, ich habe auch stets die unglücklichsten Folgen bei denen bemerkt, die weniger weise waren. Soviel glaubte ich sagen zu müssen, um Mrs. Henry gegenüber nicht ungerecht zu erscheinen. Und außerdem ergab sich diese Bemerkung ganz natürlich beim Wiederlesen des Briefes, der die nächste Entwicklung in diesen Angelegenheiten darstellt und der mich zu meinem aufrichtigen Erstaunen etwa einige Wochen nach der Abreise des letzten Boten durch private Vermittlung erreichte.

 

Brief von Oberst Burke (nachmals Chevalier) an Mr. Mackellar.

Troyes in der Champagne, 12. Juli 1756

Sehr geehrter Herr!

Sie werden zweifellos erstaunt sein, von jemand ein Schreiben zu erhalten, den Sie so wenig kennen, aber als ich das Glück hatte, Ihnen auf Durrisdeer zu begegnen, bemerkte ich, daß Sie ein junger Mann von ernsthaftem Charakter sind, eine Eigenschaft, die ich offen gestanden fast ebenso hoch schätze wie angeborenes Genie oder den tapferen oder ritterlichen Geist der Soldaten. Außerdem nahm ich Interesse an der edlen Familie, der zu dienen Sie die Ehre haben oder, um es gelehrter auszudrücken, deren ergebener und hochgeschätzter Freund Sie sind. Noch heute erinnere ich mich lebhaft an ein Gespräch, das ich in der Frühe des Morgens mit Ihnen zu führen das Vergnügen hatte.

Als ich neulich in Paris war, auf Besuch von dieser berühmten Stadt aus, wo ich in Garnison liege, nahm ich Gelegenheit, Ihren Namen, den ich, wie ich bekenne, vergessen hatte, von meinem Freunde, dem Junker von B., in Erfahrung zu bringen, und ich benutze eine günstige Gelegenheit, Ihnen Neuigkeiten mitzuteilen.

Der Junker von B. erhielt, als wir zuletzt über ihn sprachen, eine höchst ansehnliche Rente aus dem Schottenfonds, wie ich Ihnen wohl erzählte. Bald darauf erhielt er eine Kompanie und nicht lange danach ein eigenes Regiment. Verehrter Herr, ich gebe mir nicht die Mühe, diese Tatsachen zu erklären, ebensowenig, warum ich selbst, der ich zur rechten Hand vom Prinzen geritten bin, mit einigen Orden abgespeist und in ein Provinznest verschickt wurde, um dort zu verkommen. Ich kenne die Höfe und fühle deutlich, daß sie keine Atmosphäre sind für einen einfachen Soldaten. Ich konnte nie hoffen, auf ähnlichem Wege emporzukommen und vermochte mich nie zu einem Versuch dieser Art zu entschließen. Aber unser Freund hat eine besondere Begabung, durch Vermittlung von Damen Erfolge zu erzielen, und wenn alles wahr ist, was ich vernommen habe, so erfreute er sich besonderer Protektion. Wahrscheinlich schlug dieser Umstand zu seinen Ungunsten aus, denn als ich die Ehre hatte, ihm die Hand zu drücken, war er soeben aus der Festung befreit worden, wohin man ihn auf Grund eines Geheimbefehls gebracht hatte, und obgleich er jetzt frei ist, hat er doch sein Regiment und seine Rente verloren. Verehrter Herr, die Treue eines ehrlichen Irländers wird schließlich über alle Ränke siegen, wie ohne Zweifel ein Gentleman von Ihrer Unantastbarkeit zugeben muß.

Nun, mein Herr, ist der Junker ein Mann, dessen Genie ich über alle Maßen bewundere, und außerdem ist er mein Freund. Deshalb dachte ich, ein paar Zeilen über den Umsturz seiner Verhältnisse könnten willkommen sein, denn nach meiner Meinung ist der Mann in Verzweiflung. Er sprach, als ich ihn besuchte, von einer Reise nach Indien, wohin auch ich die Hoffnung habe, meinen berühmten Landsmann Mr. Lally begleiten zu dürfen, aber zu diesem Zweck braucht er, soweit ich unterrichtet bin, mehr Geld, als ihm augenblicklich zur Verfügung steht. Sie kennen vielleicht das militärische Sprichwort, daß man dem fliehenden Feinde goldene Brücken bauen soll. Ich nehme an, daß Sie mich verstehen und zeichne mit ergebenen Empfehlungen an Lord Durrisdeer, seinen Sohn und die schöne Mrs. Durie

als Ihr ergebener Diener

Francis Burke.

*

Diesen Brief trug ich sofort zu Mr. Henry, und ich glaube, wir hatten beide denselben Gedanken, daß der Brief eine Woche zu spät gekommen sei. Ich sandte eiligst eine Antwort an Oberst Burke und bat ihn, den Junker zu versichern, wenn er ihn träfe, daß sein nächster Bote gut aufgenommen werden würde. Aber trotz aller Eile konnte ich die Geschehnisse, die herannahten, nicht abwenden. Der Pfeil war abgeschossen, er mußte jetzt fliegen. Fast möchte man die Macht der Vorsehung und den Willen des Höchsten, das Rad des Schicksals aufzuhalten, anzweifeln, und es ist ein sonderbarer Gedanke, daß die meisten von uns die Katastrophe lange Zeit hindurch selbst vorbereitet hatten, in blinder Unkenntnis dessen, was wir taten.

Seit der Brief des Oberst Burke eingetroffen war, hatte ich ein Fernrohr auf meinem Zimmer. Ich begann die Pächter auszuforschen, und da man kein großes Geheimnis daraus machte und der Schmuggel in unserer Gegend nicht nur heimlich, sondern auch mit Waffengewalt betrieben wurde, hatte ich bald eine genaue Kenntnis der Signale und wußte ziemlich sicher, wann ein Bote erwartet wurde. Ich sagte, daß ich die Pächter befragte, denn ich konnte mich nie entschließen, mich mit den Schmugglern selbst, diesen verwegenen Haudegen, die stets bewaffnet gingen, freiwillig einzulassen. Ich war sogar, was sich in der Zukunft als recht ungünstig erwies, ein Gegenstand der Verachtung für manche dieser Messerhelden, die mich nicht nur mit einem Spitznamen versahen, sondern mich eines Nachts auf einem Feldweg erwischten und mich zu ihrer Erheiterung tanzen ließen, da sie, wie sie es ausdrückten, guter Laune waren. Die Methode, die sie dabei anwandten, war grausam genug; sie warfen mit blanken Messern nach meinen Zehen und schrien dabei: »Plattfuß!«, und obgleich sie mir kein Leid antaten, ging mir die Sache doch sehr nahe, und ich war gezwungen, mehrere Tage das Bett zu hüten: ein Skandal auf schottischem Boden, für den jeder Kommentar überflüssig ist.

Am Nachmittag des siebenten November dieses unglücklichen Jahres erspähte ich während eines Spazierganges den Hauch eines Leuchtfeuers auf dem Muckle Roß. Es war eigentlich höchste Zeit für mich zurückzukehren, aber die Unruhe meines Geistes war an jenem Tage so groß, daß ich mich durch das Dickicht hindurchzwängen mußte, bis zur Ecke von Craig Head, wie man ein Riff nennt. Die Sonne war schon untergegangen, aber im Westen war noch ein breiter Lichtstreif, der mir einige Schmuggler zeigte, wie sie das Signalfeuer auf dem Roß austraten. In der Bucht lag der Kutter mit gerefften Segeln. Er war offenbar gerade vor Anker gegangen, und doch war das Boot schon ausgesetzt und strebte dem Landungsplatz am Ende des langen Gehölzes zu. Das konnte nur eins bedeuten: die Ankunft eines Boten für Durrisdeer.

Ich überwand den Rest meiner Furchtsamkeit, kletterte den Felsen hinunter, wohin ich mich nie getraut hatte, und verbarg mich im Gestrüpp am Strande, um das Boot auflaufen zu sehen. Kapitän Crail saß selbst am Steuer, was höchst ungewöhnlich war. Ihm zur Seite saß ein Passagier, und die Mannschaft kam nur langsam vorwärts, weil sie durch nahezu ein halbes Dutzend großer und kleiner Koffer behindert wurde. Aber das Landungsmanöver wurde glatt durchgeführt, und bald war alles Gepäck an Land geworfen, das Boot kehrte zum Kutter zurück, und der Passagier stand allein auf einem Felsblock, die schlanke Gestalt eines Edelmannes, schwarz gekleidet, ein Schwert an der Seite und einen Spazierstock in der Hand. Als er so dastand, winkte er Kapitän Crail mit dem Stock zu, und es war eine Geste von Grazie und Spott zugleich, die sich meinem Gemüt tief einprägte.

Kaum war das Boot mit meinen geschworenen Feinden fort, als ich allen Mut zusammennahm, zum Rande des Dickichts schritt und dort wieder stillstand. Mein Geist schwankte ständig hin und her zwischen verständlichem Mißtrauen und lebhafter Vorahnung der Wahrheit. Ich hätte dort wirklich die ganze Nacht zweifelnd stehen können, hätte sich nicht der Fremde umgedreht, mich im Nebel, der allmählich niedersank, erblickt und mir rufend zugewinkt, näher zu kommen. Ich tat es, mit einem Herzen wie Blei.

»Hier, guter Mann«, sagte er mit englischem Akzent, »hier sind einige Sachen für Durrisdeer.«

Ich war inzwischen nahe genug herangekommen, um ihn sehen zu können: Figur und Haltung sehr ansprechend, schlank, gereckt, das Gesicht braun, das Auge lebhaft, bewegt, dunkel wie das eines Kämpfers und eines Mannes, der gewöhnt ist zu befehlen. Auf einer Backe hatte er eine Narbe, die ihm nicht schlecht stand; ein großer Diamant funkelte an seiner Hand, sein Gewand, obwohl einfarbig, war mit französischer Eleganz zugeschnitten, die Manschetten, länger als gewöhnlich, bestanden aus herrlichen Spitzen, und ich bewunderte seine Erscheinung um so mehr, als er soeben ein schmutziges Schmugglerschiff verlassen hatte. Inzwischen hatte er mich näher betrachtet, musterte mich ein zweites Mal scharf und lächelte dann.

»Ich wette, mein Freund«, sagte er, »daß ich Euren Namen und Euren Spitznamen kenne. Ich schloß sogar auf Eure Kleidung aus Eurer Handschrift, Mr. Mackellar.«

Bei diesen Worten begann ich zu zittern. »Oh«, sagte er, »Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten, ich nehme Ihnen Ihre häßlichen Briefe nicht übel und habe die Absicht, Sie stark für mich zu beschäftigen. Sie können mich Mr. Bally nennen, das ist der Name, den ich angenommen habe, oder vielmehr – da ich mit jemand spreche, der alles sehr genau nimmt –, wie ich meinen eigenen zurechtgestutzt habe. Kommen Sie jetzt, nehmen Sie das und das« – er zeigte auf zwei der Koffer –, »mehr werden Sie nicht tragen können, und das übrige kann warten. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit mehr, wenn ich bitten darf.«

Sein Ton war so herausfordernd, daß ich alles tat, was er verlangte, und zwar wie aus einem Instinkt heraus, da mein Geist die ganze Zeit völlig verwirrt war. Kaum hatte ich die Koffer aufgenommen, als er mir den Rücken zudrehte und durch das lange Gehölz davonschritt, wo es schon dunkel zu werden begann, denn der Busch ist dicht und immergrün. Ich folgte ihm, unter meiner Last bis zum Boden gedrückt, obgleich ich, wie ich bekenne, mir meiner Bürde nicht bewußt war. Das Ungeheuerliche dieser Heimkehr hatte mich vollkommen überrumpelt, und mein Geist flog hin und her wie ein Weberschiffchen.

Plötzlich setzte ich die Koffer auf den Boden und stand still. Er drehte sich um und sah mich an.

»Nun?« fragte er.

»Sind Sie der Junker von Ballantrae?«

»Sie werden gerecht genug sein festzustellen«, sagte er, »daß ich vor dem schlauen Mackellar daraus kein Geheimnis gemacht habe.«

»Aber im Namen Gottes«, rief ich aus, »was bringt Sie hierher? Kehren Sie um, solange es noch Zeit ist.«

»Ich danke Ihnen«, sagte er. »Ihr Herr hat es gewollt, nicht ich, aber da er seine Wahl getroffen hat, müssen er und auch Sie die Folgen tragen. Und nun nehmen Sie meine Sachen auf, die Sie an einem sehr schmutzigen Platz niedergesetzt haben, und tun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.«

Aber ich dachte jetzt nicht an Gehorsam, sondern trat ganz nahe an ihn heran. »Wenn nichts Sie bewegen kann umzukehren«, sagte ich, »obgleich jeder Christ und sogar jeder Edelmann unter den bestehenden Verhältnissen Bedenken tragen würde, weiter zu gehen…«

»Das sind entzückende Bemerkungen!« warf er ein.

»Wenn nichts Sie bewegen kann umzukehren«, fuhr ich fort, »so sind auf alle Fälle doch gewisse Anstandsregeln zu beachten. Warten Sie hier mit Ihrem Gepäck, während ich vorangehe und Ihre Familie vorbereite. Ihr Vater ist ein alter Mann, und …« ich stotterte … »es gibt Anstandsregeln, die man beachten muß.«

»Dieser Mackellar«, sagte er, »gewinnt wahrhaftig bei näherer Bekanntschaft. Aber verstehen Sie mich recht, Mann, und behalten Sie es ein für allemal: Sie verschwenden Ihre Worte an mich, ich gehe meine eigenen Wege unbeirrbar weiter.«

»Aha!« sagte ich. »Ist das der Fall, dann werden wir sehen!«

Und ich drehte mich um und rannte auf Durrisdeer zu. Er griff nach mir und schrie ärgerlich auf, und dann glaubte ich ihn lachen zu hören, und ohne Zweifel folgte er mir ein oder zwei Schritte, um alsdann, wie ich vermute, zurückzubleiben. Eins jedenfalls ist sicher: daß ich wenige Minuten später an der Tür des großen Hauses anlangte, nahezu erstickt vor Atemnot, und daß ich in die Halle stürzte und der Familie gegenüberstand, ohne sprechen zu können. Mein Bericht mußte aber in meinen Augen geschrieben stehen, denn sie standen von ihren Sitzen auf und starrten mich entgeistert an.

»Er ist da!« stieß ich schließlich heraus.

»Er?« sagte Mr. Henry.

»Er selbst«, sagte ich.

»Mein Sohn?« rief der alte Lord. »Törichter, törichter Knabe! Ach, konnte er nicht bleiben, wo er in Sicherheit war?«

Kein Wort sprach Mrs. Henry, und auch ich blickte sie nicht an, ich weiß nicht, warum.

»Nun«, sagte Mr. Henry und holte sehr tief Atem, »wo ist er?«

»Ich ließ ihn in dem langen Gehölz zurück«, sagte ich.

»Führt mich zu ihm«, antwortete er.

So gingen wir beide, er und ich, hinaus, ohne daß sonst jemand noch ein Wort sprach, und in der Mitte eines mit Sand bedeckten Platzes trafen wir den Junker, der heranschlenderte, pfeifend und mit dem Handstock durch die Luft schlagend. Es war noch hell genug, um Mienen zu erkennen, wenn auch nicht, um sie zu lesen. »Aha, Jakob«, sagte der Junker, »hier ist Esau wieder.«

»James«, antwortete Mr. Henry, »um Gottes willen, nenne mich bei meinem Namen. Ich will nicht behaupten, daß ich über deine Rückkehr froh bin, aber soweit ich vermag, will ich dich im Hause unserer Väter willkommen heißen.«

»In meinem Hause oder in deinem?« fragte der Junker. »Was wolltest du sagen? Aber das ist eine alte Wunde, die wir nicht öffnen wollen. Wenn du mit mir auch nicht teilen wolltest, als ich in Paris war, hoffe ich doch, du wirst deinem Bruder nicht ein Plätzchen am Herdfeuer von Durrisdeer verweigern.«

»Das sind überflüssige Redensarten«, erwiderte Mr. Henry, »du kennst die Macht deiner Stellung ausgezeichnet!«

»Nun, ich glaube es«, sagte der andere mit leisem Lächeln.

Und das war, wie man sagen könnte, das Ende dieser Begegnung der beiden Brüder, obgleich sie sich noch nicht die Hand gereicht hatten, denn jetzt wandte sich der Junker an mich und forderte mich auf, sein Gepäck zu holen.

Ich meinerseits blickte Mr. Henry an, um seine Zustimmung zu erfahren, und zwar vielleicht etwas trotzig.

»Solange der Junker hier ist, Mr. Mackellar, würden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie seine Wünsche als die meinigen betrachten wollten«, sagte Mr. Henry. »Wir bemühen Sie fortwährend: wollen Sie so liebenswürdig sein, einen der Dienstboten herauszuschicken?« Er betonte das Wort Dienstboten.

Wenn diese Bemerkung überhaupt etwas zu bedeuten hatte, so war sie sicher eine verdiente Zurechtweisung des Eindringlings, aber seine Unverschämtheit war so teuflisch, daß er den Sinn der Worte verdrehte.

»Sollen wir uns nicht gleich einen Bruderkuß geben?« fragte er mit sanfter Stimme und blickte mich von der Seite an.

Wenn der Besitz eines Königreiches davon abgehangen hätte, wäre ich jetzt meiner Selbstbeherrschung in Worten nicht sicher gewesen. Einen Diener zu rufen, war mir unmöglich, ich wollte diesem Menschen eher selbst dienen, als jetzt sprechen, und ich wandte mich schweigend ab und schritt zum Gehölz, Zorn und Verzweiflung im Herzen. Es war dunkel unter den Bäumen, und ich ging stumpfsinnig dahin und vergaß, weshalb ich gekommen war, bis ich mir beinahe das Schienbein an den Koffern zerbrach. Dann bemerkte ich eine sonderbare Erscheinung, denn während ich vorher beide Koffer getragen hatte, fast ohne es zu spüren, konnte ich jetzt kaum einen heben, und so blieb ich längere Zeit von der Halle fern, da ich gezwungen war, den Weg doppelt zu machen.

Als ich anlangte, war die Begrüßung längst vorbei, die Gesellschaft saß bereits beim Abendessen, und durch ein Versehen, das mich tief verletzte, hatte man mein Gedeck vergessen. Ich hatte den Junker bei seiner Rückkehr von der einen Seite kennengelernt: jetzt sollte ich auch die andere sehen. Er zuerst bemerkte mein Kommen und sah, wie ich etwas mißmutig beiseitetrat. Er sprang von seinem Stuhl auf.

»Ich habe wohl den Platz des guten Mackellar eingenommen!« rief er. »John, ein neues Gedeck für Mr. Bally, ich will durchaus niemand stören, und euer Tisch ist groß genug für uns alle.«

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als er mich bei den Schultern nahm und mich lachend auf meinen Platz drängte, soviel heitere Liebenswürdigkeit war in seiner Stimme. Und während John ein neues Gedeck für ihn auflegte, worauf er bestand, lehnte er an seines Vaters Sessel und blickte auf ihn nieder, und der alte Herr drehte sich um und blickte hinauf zu seinem Sohn, wobei eine so große gegenseitige Zärtlichkeit zum Ausdruck kam, daß ich staunend die Hände zum Kopf hätte erheben können.

Doch so war alles in allem. Kein rauhes Wort kam von seinen Lippen, keine höhnische Bemerkung. Er hatte seinen scharfen englischen Akzent abgelegt und sprach den liebenswürdigen schottischen Dialekt, der Wert legt auf verbindliche Worte, und obgleich seine Geste eine graziöse Eleganz besaß, die uns auf Durrisdeer fremd war, benahm er sich doch mit einer vertraulichen Höflichkeit, die uns nicht beschämte, sondern uns schmeichelte. Das setzte er während der ganzen Mahlzeit fort, trank mir mit betonter Hochachtung zu, wandte sich an John mit einer freundlichen Bemerkung, streichelte die Hand seines Vaters, erzählte heitere kleine Anekdoten von seinen Abenteuern, ließ die Vergangenheit fröhlich auferstehen, kurz, alles was er tat, war so gewinnend und er selbst so liebenswürdig, daß ich mich kaum darüber wundern konnte, daß der alte Lord und Mrs. Henry mit strahlenden Gesichtern am Tisch saßen und John mit tränenden Augen servierte.

Kaum war das Abendessen beendet, als Mrs. Henry sich erhob, um sich zurückzuziehen.

»Das war doch sonst nicht deine Gewohnheit, Alison«, sagte er.

»Sie ist es jetzt«, antwortete sie, was völlig falsch war, »und ich will dir gute Nacht sagen, James, und dich willkommen heißen – von den Toten!« sagte sie, und ihre Stimme wurde leiser und zitterte.

Der arme Mr. Henry, der während der Mahlzeit ziemlich steif dagesessen hatte, war verwirrter als je zuvor. Es gefiel ihm, daß seine Frau sich zurückzog, aber mit Mißfallen dachte er an den Grund, und im nächsten Augenblick schien er von der Warmherzigkeit ihrer Worte ganz niedergeschmettert zu sein.

Ich meinerseits glaubte, daß ich jetzt überflüssig sei und wollte Mrs. Henry folgen, als der Junker es bemerkte.

»Nun, Mr. Mackellar«, sagte er, »ich muß das beinahe als unfreundlich bezeichnen. Ich will nicht, daß Sie gehen, das hieße doch, aus dem verlorenen Sohn einen Fremdling machen, und zwar, daran darf ich Sie erinnern, in seines eigenen Vaters Haus! Kommt, setzt Euch, und trinkt noch ein Gläschen mit Mr. Bally.«

»Ja, ja, Mr. Mackellar«, sagte der Lord, »wir dürfen weder ihn noch Euch als Fremdling betrachten. Ich habe meinem Sohn erzählt«, fügte er hinzu, und seine Stimme wurde wieder warm, als er das Wort aussprach, »wie hoch wir alle Ihre freundlichen Dienste schätzen.«

So saß ich schweigend da bis zu meiner gewöhnlichen Stunde und hätte mich beinahe über die wahre Natur dieses Mannes täuschen lassen, wenn nicht durch einen Ausspruch seine Verruchtheit allzu offen zum Ausdruck gekommen wäre. Ich gebe hier diesen Teil der Unterhaltung wieder, und der Leser, der das Zusammentreffen der Brüder kennt, soll seine eigene Schlußfolgerung ziehen. Mr. Henry saß ziemlich stumm da, obgleich er sich alle Mühe gab, vor dem alten Lord Haltung zu bewahren, als der Junker plötzlich aufsprang, um den Tisch herumging und seinem Bruder die Hände auf die Schultern legte.

»Nun, nun, mein lieber Heinz«, sagte er in dem breiten Dialekt, den sie als Knaben miteinander gesprochen haben müssen, »du mußt nicht niedergeschlagen sein, weil dein Bruder eingekehrt ist. Alles gehört dir, daran ist kein Zweifel, und ich mißgönne es dir nicht. Und nun mußt du mir auch meinen Platz bei meines Vaters Feuer nicht mißgönnen.«

»Das ist nur allzu wahr, Henry«, sagte der alte Lord mit leisem Vorwurf, was selten bei ihm geschah. »Du bist der ältere Bruder der Parabel im guten Sinne gewesen und mußt nun das Gegenteil vermeiden.«

»Es ist nicht schwer, mich ins Unrecht zu setzen«, antwortete Mr. Henry.

»Wer will dich ins Unrecht setzen?« rief der Lord aus, und zwar ziemlich heftig im Vergleich zu seiner sonstigen Milde. »Du hast meinen und deines Bruders Dank tausendmal verdient, du kannst stets auf unsere Dankbarkeit rechnen, und das muß dir genügen.«

»Ja, Heinz, darauf kannst du dich verlassen«, sagte der Junker, und es schien mir, als ob Mr. Henry ihn mit fast zornigen Blicken ansah.

Vier Fragen habe ich mir bei all den elenden Angelegenheiten, die nun folgten, oft vorgelegt und stelle sie mir heute noch: Wurde dieser Mensch getrieben von einer besonderen Mißgunst gegen Mr. Henry? Oder von seinem vermeintlichen eigenen Interesse? Oder von einem bloßen Wohlgefallen an der Grausamkeit, wie Katzen und nach Ansicht der Theologen die Teufel sie zeigen? Oder aber von der Liebe, wie er sie auffaßte? Nach meiner Meinung von den ersten drei Momenten, aber vielleicht lag seinem Benehmen alles zusammen zugrunde. Ich sage mir: seine Abneigung gegen Mr. Henry mag seine haßerfüllten Äußerungen erklären, die er ausstieß, wenn sie allein waren. Die Zwecke, die er verfolgte, können seine völlig anders geartete Haltung in Gegenwart des Lords erklären, und dies sowie die Absicht, die Würze der Galanterie nicht zu vergessen, veranlagte ihn, sich mit Mrs. Henry gut zu stellen. Die Freude an der Bosheit aber trieb ihn dazu, sein Benehmen fortgesetzt zu ändern und völlig gegensätzlich erscheinen zu lassen.

Weil ich ein sehr offenherziger Freund meines Herrn war und in meine Briefe nach Paris oft freimütige Vorwürfe eingefügt hatte, mußte auch ich seinem teuflischen Vergnügen dienen. Wenn ich allein mit ihm war, verfolgte er mich mit höhnischen Bemerkungen, aber in Gegenwart der Familie behandelte er mich äußerst liebenswürdig und herablassend. Das war nicht nur an sich qualvoll und setzte mich nicht nur fortgesetzt ins Unrecht, sondern es lag ein Element unbeschreiblicher Beleidigung darin. Daß er sich vor mir nicht verstellte und so offenbarte, daß selbst meine Zeugenschaft ihm zu verächtlich war, um Rücksicht darauf zu nehmen, erbitterte mich bis ins Blut hinein. Aber was ich dabei empfand, ist nicht wert, niedergeschrieben zu werden. Ich will es hier nur erwähnen, und besonders aus dem Grunde, weil es eine gute Wirkung hatte: es verschaffte mir ein besseres Verständnis für das Martyrium Mr. Henrys.

Auf ihn fiel die ganze Last. Wie sollte er sich den öffentlichen Schmeicheleien seines Bruders gegenüber verhalten, der nie versäumte, ihn unter vier Augen zu verspotten? Wie sollte er das Lächeln des Betrügers und Beleidigers erwidern? Er war dazu verurteilt, unliebenswürdig zu erscheinen, er war verurteilt zum Schweigen. Wäre er weniger stolz gewesen und hätte er gesprochen, wer hätte ihm geglaubt? Die Tatsachen sprachen gegen ihn, der alte Lord und Mrs. Henry waren täglich Zeugen der Vorgänge, sie hätten vor Gericht schwören können, daß der Junker das Vorbild langmütiger Gutherzigkeit und Mr. Henry ein abschreckendes Beispiel von Neid und Undank sei; und so häßlich solche Fehler immer sind, sie erschienen zehnmal häßlicher bei Mr. Henry, denn wer konnte vergessen, daß der Junker in ständiger Lebensgefahr schwebte, und daß er bereits seine Geliebte, seinen Titel und sein Vermögen verloren hatte?

»Henry, willst du mit mir ausreiten?« fragte der Junker eines Tages.

Mr. Henry, der den ganzen Vormittag von diesem Menschen beleidigt worden war, antwortete rauh: »Nein!«

»Ich möchte, du wärst etwas liebenswürdiger«, antwortete der andere schwermütig.

Ich führe das als Beispiel an, und solche Auftritte ereigneten sich ständig. Man kann sich nicht wundern, daß Mr. Henry getadelt wurde, und daß mir beinahe vor Wut die Galle überlief. Noch jetzt spüre ich bei der bloßen Erinnerung Bitterkeit auf der Zunge.

Nie hat die Welt solch teuflisches Doppelspiel gesehen, so gemein und doch so einfach und unmöglich zu bekämpfen. Trotzdem denke ich immer wieder, daß Mrs. Henry zwischen den Zeilen hätte lesen sollen. Sie hätte den Charakter ihres Gemahls besser kennen und nach so viel Jahren der Ehe sein Vertrauen besitzen oder erobern müssen. Und was meinen alten Lord betrifft, diesen äußerst aufmerksamen Edelmann – wo blieb seine ganze Beobachtungsgabe? Allerdings wurde der Betrug von Meisterhand ausgeführt und hätte auch einen Engel täuschen können. Und was Mrs. Henry anbelangt, so habe ich immer festgestellt, daß Menschen nie so weit voneinander entfernt leben wie Eheleute, die sich nicht verstehen, wobei es oft den Anschein hat, als ob sie taub seien oder keine gemeinsame Sprache redeten. Und schließlich, wenn man beide Zuschauer in Betracht zieht, so waren sie beide geblendet durch eingewurzelte Vorliebe. Es kommt aber viertens noch hinzu, daß alle Welt glaubte – ich sage glaubte, und man wird bald hören, warum –, der Junker schwebe ständig in Lebensgefahr, weshalb es um so unedler sei, ihn zu kritisieren. Er hielt alle in ständiger zärtlicher Sorge um sein Leben und machte sie völlig blind gegenüber seinen Mängeln.

In jener Zeit begriff ich deutlich den Wert guter Manieren und beklagte lebhaft meine eigene Unbeholfenheit. Mr. Henry besaß das Wesen eines Edelmanns. Wenn ihn etwas bewegte und die Umstände es erforderten, vermochte er seine Rolle würdig und klug zu spielen, aber im täglichen Leben – es hat keinen Sinn, das abzustreiten – fehlte ihm die Grazie. Der Junker andererseits konnte keine Bewegung machen, ohne angenehm aufzufallen. Erschien also der eine höflich und der andere unhöflich, so schien jede kleinste Bewegung ihrer Körper die Echtheit ihrer Empfindungen zu bestätigen. Aber nicht allein das: je heftiger Mr. Henry im Netz seines Bruders zappelte, desto unbeholfener wurde er, und je mehr der Junker dies widerwärtige Vergnügen genoß, desto liebenswürdiger und verbindlicher erschien er. Auf diese Weise gewann diese Intrige an Wuchs und Ausmaß, je länger sie fortgesetzt und betrieben wurde.

Es gehörte zu den Künsten dieses Menschen, die Gefahr, in der er, wie ich sagte, scheinbar schwebte, sich zunutze zu machen. Er sprach davon zu jenen, die ihn liebten, in heiterem Scherz, wodurch sie um so mehr gerührt wurden. Gegenüber Mr. Henry brauchte er sie als grausam beleidigende Waffe. Ich erinnere mich, daß er eines Tages den Finger auf die durchsichtige Scheibe in dem bemalten Fenster legte, als wir drei allein in der Halle waren. »Hier hindurch flog Euer glückhaftes Geldstück, Jakob«, sagte er. Und als Mr. Henry ihn finster anschaute, fügte er hinzu: »Oh, du brauchst mich nicht in ohnmächtiger Wut anzusehen, arme Mücke. Du kannst die Spinne loswerden, wenn’s dir paßt. Wie lange noch, o Herr? Wann wirst du dich zum Verrat aufraffen, gewissenloser Bruder? Das gehört zu den spannenden Momenten dieser elenden Lüge, solche Experimente habe ich immer geliebt.«

Mr. Henry starrte ihn noch immer finsteren Blickes an, und ich wechselte die Farbe. Schließlich brach der Junker in Gelächter aus, schlug ihm auf die Schulter und hieß ihn einen grämlichen Hund. Da trat mein Herr zurück mit einer drohenden Geste, die ich für sehr gefährlich hielt, und ich muß annehmen, daß der Junker ähnlich dachte, denn er blickte drein, als sei er doch ein ganz klein wenig aus der Fassung gebracht, und ich entsinne mich nicht, daß er jemals wieder Hand anlegte an Mr. Henry.

Obgleich er nun seine Lebensgefahr immer im Munde führte, hielt ich sein Benehmen doch für höchst unvorsichtig und glaubte, die Regierung, die einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, sei ganz und gar eingeschlafen. Ich will nicht leugnen, daß mir manchmal der Wunsch aufstieg, ihn zu verraten, aber zwei Überlegungen hielten mich zurück: erstens würden der Vater und die Frau meines Herrn ihn für ewige Zeiten heiliggesprochen haben, wenn er sein Leben auf dem Schafott ehrbar geendet hätte; und zweitens wäre es kaum zu vermeiden gewesen, daß ein gewisser Verdacht sich gegen Mr. Henry geregt hätte, wenn ich irgendwie mit der Angelegenheit zu tun hatte. In der Zwischenzeit ging unser Feind mehr ein und aus, als ich für möglich gehalten hätte, die Tatsache seiner Heimkehr wurde überall im Lande ausposaunt, und doch wurde er überhaupt nicht gestört. Von all den vielen Leuten, die von seiner Anwesenheit Kenntnis hatten, besaß offenbar niemand die geringste Geldgier, wie ich in meinem Verdruß zu sagen pflegte, noch die geringste Königstreue, und der Mensch ritt überall hin und war viel willkommener als Mr. Henry, wenn man seine frühere Unbeliebtheit bedenkt, und viel sicherer als ich, wenn man sich der Schmuggler entsinnt.

Allerdings hatte auch er seine Sorgen, und davon muß ich nun erzählen, da sich die schwersten Folgen daraus ergaben. Der Leser wird sich sicher an Jessie Broun erinnern. Sie lebte meistens zusammen mit den Schmugglern, auch Kapitän Crail gehörte zu ihren Freunden, und sie erfuhr sehr bald, daß Mr. Bally wieder daheim sei. Nach meiner Meinung hatte sie längst aufgehört, sich für des Junkers Person einen Deut zu interessieren, aber sie hatte sich daran gewöhnt, sich beständig mit des Junkers Namen in Verbindung zu bringen, und das war der Grund für ihr ganzes Getue. Als er nun zurückgekehrt war, hielt sie sich für verpflichtet, in der Nachbarschaft von Durrisdeer herumzuspuken. Der Junker konnte sich kaum draußen zeigen, ohne daß sie ihm auflauerte: ein skandalöses Weib, die nicht oft nüchtern war. Sie schrie ihm laut zu: »Mein lieber Junge!«, sang Zigeunerlieder und versuchte sogar, wie man mir erzählte, sich an seiner Brust auszuweinen. Ich gestehe, daß ich mir die Hände rieb vor Freude über diese Nachstellungen, aber der Junker, der andern so viel zumutete, war selbst der ungeduldigste aller Menschen. Im Laufe der Zeit trugen sich allerlei sonderbare Dinge zu. Manche erzählen, er habe seinen Stock gegen sie erhoben, und Jessie soll ihre früheren Waffen wieder benutzt haben, nämlich die Steine. Auf alle Fälle legte er endlich Kapitän Crail nahe, er solle dem Weib den Schädel einschlagen lassen, aber der Kapitän wies die Zumutung mit ungewöhnlicher Heftigkeit zurück. Und schließlich errang Jessie den Sieg. Geld wurde zusammengebracht, eine Unterredung fand statt, während der mein stolzer Gentleman sich küssen und unter Tränen umarmen lassen mußte, und man richtete der Frau eine eigene Kneipe ein, irgendwo an der Küste am Ufer des Solway, ich weiß nicht genau wo, die von äußerst übelbeleumdeten Personen besucht wurde. Das ist alles, was ich darüber erfuhr.

Aber ich greife der Entwicklung vor. Als Jessie ihm eine Zeitlang nachgestellt hatte, kam der Junker eines Tages zu mir ins Verwalterzimmer und sagte höflicher als sonst: »Mackellar, es treibt sich hier ein verdammtes Frauenzimmer herum. Ich selbst kann in der Sache nichts unternehmen, und deshalb komme ich zu Ihnen. Seien Sie doch so gut und bemühen Sie sich in dieser Angelegenheit, die Leute müssen strengen Befehl erhalten, mir die Hexe vom Leibe zu halten.«

»Mein Herr«, sagte ich und zitterte etwas, »waschen Sie Ihre schmutzige Wäsche bitte selbst!«

Er antwortete kein Wort und verließ das Zimmer.

Bald erschien Mr. Henry. »Was ist denn das?« rief er aus. »Es scheint immer noch nicht genug zu sein, und Sie müssen meine Schlechtigkeit noch übertrumpfen. Scheinbar haben Sie Mr. Bally beleidigt!«

»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis darf ich sagen, Mr. Henry«, antwortete ich, »daß er mich beleidigt hat, und zwar meines Erachtens gröblich. Aber ich habe Ihre Lage nicht bedacht, als ich redete, und wenn Sie anders entscheiden, nachdem Sie alles gehört haben, mein hochverehrter Herr, so brauchen Sie nur ein Wort zu sagen. Ihnen würde ich unter allen Umständen gehorchen, auch wenn ich eine Sünde begehen müßte, Gott verzeih mir!«

Und dann erzählte ich ihm, was sich zugetragen hatte.

Mr. Henry lächelte in sich hinein, ein grimmigeres Lächeln, als ich je an ihm wahrnahm.

»Das haben Sie vorzüglich gemacht«, sagte er, »er soll seine Jessie Broun bis zur Neige genießen.«

Dann sah er den Junker draußen, öffnete das Fenster, rief ihn bei dem Namen Mr. Bally und bat ihn, auf ein Wort heraufzukommen.

»James«, sagte er, als unser Feind hereingekommen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, wobei er mich mit einem Lächeln ansah, als ob er glaubte, ich würde jetzt vor ihm gedemütigt, »du hast dich über Mr. Mackellar beschwert, und ich habe die Angelegenheit untersucht. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß ich sein Wort immer dem deinen vorziehen werde, denn wir sind hier allein, und ich will ebenso frei sprechen, wie du es sonst zu tun pflegst. Mr. Mackellar ist ein Ehrenmann, den ich hochschätze, und du mußt bemüht sein, solange du unter diesem Dach lebst, in Zukunft keine Reibereien mit jemand zu verursachen, den ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen werde. Was den Botendienst anbelangt, den du ihm auftrugst, so mußt du hinfort die Folgen deiner eigenen Grausamkeit selbst auf dich nehmen, keiner meiner Angestellten soll in irgendeiner Weise bemüht werden in dieser Angelegenheit.«

»Die Angestellten meines Vaters, denke ich!« warf der Junker ein.

»Geh zu ihm mit deinem Anliegen«, antwortete Mr. Henry.

Der Junker wurde sehr bleich. Er wies mit seinem Finger auf mich und sagte: »Ich verlange, daß dieser Mann entlassen wird!«

»Das wird nicht geschehen«, sagte Mr. Henry.

»Du wirst mir das teuer bezahlen«, antwortete der Junker.

»Ich habe bereits so viel bezahlt für einen verruchten Bruder«, sagte Mr. Henry, »daß ich selbst die Furcht nicht mehr kenne. Es gibt keine Stelle an mir, die du noch treffen könntest.«

»Ich werde dir das beweisen«, antwortete der Junker und zog sich langsam zurück.

»Was wird er jetzt unternehmen, Mr. Mackellar?« rief Mr. Henry aus.

»Lassen Sie mich fortgehen«, sagte ich, »mein verehrter Gönner, lassen Sie mich fortgehen, ich bin nur die Ursache neuer Leiden.«

»Wollen Sie mich ganz allein lassen?« fragte er.

Wir sollten nicht lange im ungewissen bleiben über die Natur des neuen Angriffs. Bis zu dieser Stunde hatte der Junker ein durchaus geheimnisvolles Spiel getrieben, soweit Mrs. Henry in Betracht kam. Er hatte sorgfältig vermieden, mit ihr allein zu sein, was ich damals für eine Anwandlung von Anstand hielt, aber jetzt glaube ich, daß es eine höchst listige Verschlagenheit war. Er traf sie sozusagen nur bei den Mahlzeiten und benahm sich dabei wie ein liebevoller Bruder. Bis heute hatte er, so kann man behaupten, kaum irgendwie das Verhältnis von Mr. Henry zu seiner Frau angetastet, außer daß er die beiden hinderte, sich einander liebenswürdig zu begegnen. Jetzt sollte das alles anders werden, aber ob er aus Rache handelte, oder weil er sich auf Durrisdeer langweilte und nach Abwechslung Umschau hielt, vermag nur der Teufel zu entscheiden.

Jedenfalls begann von dieser Stunde an eine Belagerung von Mrs. Henry, eine Sache, die so gewandt ausgeführt wurde, daß ich kaum weiß, ob sie selbst es bemerkte, und daß ihr Gemahl nur schweigend zuschauen konnte. Der erste Angriff wurde durch einen Zufall eröffnet, wie es den Anschein erweckte. Das Gespräch kam, wie es öfter der Fall war, auf die Verbannten in Frankreich und glitt hinüber zu ihren Liedern.

»Da gibt es ein Lied«, sagte der Junker, »wenn ihr euch dafür interessiert, das mir stets sehr ergreifend schien. Es ist rauhe Poesie, und trotzdem hat sie, vielleicht wegen meiner Lage, immer den Weg zu meinem Herzen gefunden. Es soll, wie ich hinzufügen will, von der Geliebten eines Verbannten gesungen werden und gibt vielleicht nicht so sehr das wieder, was sie in Wirklichkeit denkt, sondern die Gefühle, die er, der arme Teufel, in jenen fremden Landen von ihr erhofft.«

Hier seufzte der Junker. »Ich muß sagen, es ist ein bewegender Anblick, wenn ein Haufe rauher Irländer, alle gemeine Landsknechte, dies Lied anstimmen, und man kann aus den Tränen, die sie vergießen, vermuten, wie es sie rührt. Es geht so, Vater«, sagte er und wandte sich ganz absichtlich an den alten Lord als Zuhörer, »und wenn ich nicht ganz damit zu Ende komme, so mußt du bedenken, daß das bei uns Verbannten allgemein so ist.«

Und nun begann er dieselbe Melodie anzustimmen, die ich den Oberst pfeifen hörte, aber er sang nun die in der Tat rauhen, aber höchst pathetischen Worte dazu, die die Sehnsucht eines armen Mädchens nach ihrem verbannten Geliebten zum Ausdruck bringen. Ein Vers, oder wenigstens der ungefähre Wortlaut, haftet noch in meinem Gedächtnis:

Ach, will färben mein Röcklein rot,
Mit meinem Liebsten betteln mein Brot,
Und wenn mir alle wünschen den Tod:
Dir gehör‘ ich, mein Willi am fernen Strand. Oh!

Er sang gut, wenn es auch nur ein Volkslied war, aber noch besser schauspielerte er. Ich habe berühmte Schauspieler gesehen, und kein Auge war trocken im Theater von Edinburgh. Gewiß ein großes Wunder, aber nicht wundervoller, als wenn der Junker diese kleine Ballade vortrug und auf denen, die ihm zuhörten, wie auf einem Instrument spielte. Bald schien er vor Rührung abbrechen zu müssen, bald besiegte er seinen Kummer, so daß Worte und Musik aus seinem eigenen Herzen und seinem eigenen Schicksal zu strömen und sich direkt an Mrs. Henry zu wenden schienen. Doch seine Kunst ging noch weiter, denn alles wurde so zart gehandhabt, daß es unmöglich schien, ihm irgendeine Absicht vorzuwerfen. Er machte so wenig Wesens aus seiner Bewegung, daß jeder geschworen hätte, er bemühe sich, ruhig zu erscheinen. Als er geendet hatte, saßen wir alle eine Zeitlang schweigend da; er hatte die Dämmerung des Nachmittags gewählt, so daß keiner das Gesicht seines Nachbarn sehen konnte, aber es schien, als ob wir alle den Atem anhielten; nur der alte Lord räusperte sich. Der Sänger selbst rührte sich zuerst wieder, er stand plötzlich und leise auf und ging langsam im unteren Teil der Halle auf und ab, wo sonst Mr. Henry seinen Platz hatte.

Wir mußten vermuten, daß er dort den Rest seiner Bewegtheit niederkämpfte, denn bald darauf kam er zurück und begann eine Unterredung über die Natur des irischen Volkes, das stets so sehr verkannt werde, und das er verteidigte, und zwar mit seiner natürlichen Stimme, so daß wir, bevor die Lampen hereingebracht wurden, mitten in einem gewöhnlichen Gespräch waren. Aber selbst dann noch schien mir das Gesicht von Mrs. Henry einen Schatten bleicher zu sein, und sie zog sich auffälligerweise fast sofort zurück.

Das nächste Anzeichen des Angriffs war eine Freundschaft, die dieser listige Teufel mit der unschuldigen kleinen Katharine begann. Man sah sie stets zusammen, Hand in Hand, oder sie kletterte auf sein Knie, und sie waren wie ein Paar Kinder. Diese Annäherung wirkte, wie alle seine teuflischen Taten, in doppelter Weise. Für Mr. Henry war es der ärgste Streich, als er sein eigenes Kind gegen sich aufgehetzt sah. Er wurde gegen das arme unschuldige Wesen grob, was ihn in der Achtung seines Weibes noch etwas tiefer sinken ließ, und schließlich war es ein Band der Einigkeit zwischen der Dame des Hauses und dem Junker. Unter diesem Einfluß schmolz die frühere Kälte zwischen den beiden täglich mehr und mehr dahin. Bald machten sie gemeinsame Spaziergänge in dem langen Gehölz, unterhielten sich im Belvedere, und es kam zu ich weiß nicht welcher zarten Vertrautheit. Ich bin sicher, daß Mrs. Henry mancher guten Frau glich: sie hatte ein normales Gewissen, aber es neigte dazu, manchmal ein Auge zuzudrücken. Denn selbst für einen so schwerfälligen Beobachter wie mich war es klar, daß ihre Liebenswürdigkeit über die Natur schwesterlicher Zuneigung hinausging.

Die Bewegung ihrer Stimme schien klangreicher, ihr Auge zeigte Licht und Sanftmut, sie war gegen uns alle, selbst gegen Mr. Henry und sogar gegen mich, freundlicher, und mir schien, als ob sie ein stilles, schwermütiges Glücksgefühl ausströme.

Welch eine Qual für Mr. Henry war es, dem zuzuschauen! Und doch brachte es uns endgültige Erlösung, wie ich in Kürze erzählen werde.

Die Absicht, die der Junker mit seiner Anwesenheit verfolgte, war keine edlere, als Geld herauszupressen, wenn er sie auch versteckte. Er hatte den Plan, in Französisch-Indien sein Glück zu machen, wie der Chevalier mir schrieb, und die Summe, die er dazu gebrauchte, suchte er hier zu erlangen. Für die übrige Familie bedeutete das den Ruin, aber der alte Lord in seiner unglaublichen Parteilichkeit drängte auf Gewährung. Die Familie war jetzt so klein – sie bestand ja nur noch aus dem Vater und den beiden Söhnen –, daß es möglich war, das Erblehen anzutasten und ein Stück Land zu veräußern. Und Mr. Henry wurde zunächst durch Andeutungen und dann durch offenkundigen Druck dazu getrieben, seine Zustimmung zu geben. Ich weiß sehr genau, daß er es nie getan hätte, wenn die Wucht der Leiden, unter denen er seufzte, nicht so schwer gewesen wäre. Hätte er nicht den leidenschaftlichen Wunsch gehabt, seinen Bruder fortziehen zu sehen, würde er niemals gegen sein eigenes Gefühl und die Überlieferungen seines Hauses so verstoßen haben. Und selbst jetzt verkaufte er ihnen seine Zustimmung sehr teuer, und zum ersten Male redete er offen heraus und stellte den Handel in seinen schmachvollen Farben rücksichtslos dar.

»Ihr müßt gestehen«, sagte er, »daß es eine Ungerechtigkeit ist gegen meinen Sohn, wenn ich jemals einen bekomme.«

»Aber es besteht kaum eine Wahrscheinlichkeit, daß du einen bekommst«, sagte der Lord.

»Das weiß Gott!« sagte Mr. Henry. »Und angesichts der grausamen Verfälschung meiner Lage meinem Bruder gegenüber und der Tatsache, daß du, mein Lord, mein Vater bist und das Recht hast mir zu befehlen, setze ich meine Unterschrift unter dies Papier. Aber eins will ich vorher noch sagen: man hat mich unbarmherzig dazu getrieben, und wenn du in Zukunft Vergleiche anstellst zwischen deinen Söhnen, bitte ich dich zu überlegen, was ich getan habe und was er getan hat. Taten sind der gerechte Prüfstein.«

Der alte Lord war so unwillig, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte, in sein altes Gesicht stieg das Blut auf, und er sagte: »Ich glaube, der Augenblick ist nicht sehr gut gewählt, Henry, dich zu beklagen, das nimmt dir das Verdienst deiner Edelmütigkeit.«

»Täusche dich nicht, mein Lord«, sagte Mr. Henry, »dies Unrecht geschieht nicht aus Edelmut gegen meinen Bruder, sondern aus Gehorsam gegen dich.«

»Vor fremden Ohren …« begann der Lord mit noch unglücklicherer Miene.

»Hier ist niemand anwesend außer Mackellar«, antwortete Mr. Henry, »und er ist mein Freund. Da du deine häufigen Tadel nicht vor ihm verheimlichst, wäre es ungerecht, wenn er bei einer so seltenen Sache wie meiner Rechtfertigung nicht anwesend wäre.«

Es schien mir beinah, als ob der Lord seinen Entschluß bedaure, aber der Junker war auf der Hut.

»Ach, Henry, Henry!« sagte er. »Du bist doch der Beste von uns. Rauh, aber wahrhaftig! Ach, Mensch, ich wollte, ich wäre so gut wie du!«

Angesichts dieses Beweises von der Großmut seines Lieblingssohnes gab der alte Lord sein Zögern auf, und der Vertrag wurde unterzeichnet.

Sobald es möglich war, wurde das Land von Ochterhall weit unter Preis verkauft, das Geld wurde dem Blutsauger ausgehändigt und auf geheimem Wege nach Frankreich geschickt. So wenigstens behauptete er, aber ich hatte den Verdacht, daß es nicht sehr weit fortgeschafft wurde. Und obgleich nun der Vorsatz dieses Mannes zu einem erfolgreichen Abschluß gebracht war und seine Taschen wieder einmal strotzten von unserem Golde, erreichten wir doch nicht das Ziel, um dessentwillen wir dies Opfer gebracht hatten, und der Besucher trieb sich immer noch auf Durrisdeer umher. Sei es nun aus Bosheit oder weil die Zeit noch nicht gekommen war für das Abenteuer in Indien, sei es, daß er noch Hoffnungen hatte, bei Mrs. Henry weiterzukommen, oder Befehle der Regierung vorlagen: wer vermag das zu sagen? Jedenfalls trieb er sich immer noch dort herum, und zwar wochenlang.

Man beachte, daß ich sage: Befehle der Regierung, denn um diese Zeit sickerte das schmachvolle Geheimnis des Menschen durch.

Die erste Andeutung erhielt ich von einem Pächter, der sich über den Aufenthalt des Junkers und über seine Sicherheit ausließ. Denn dieser Pächter war ein Anhänger der Jakobiten und hatte einen Sohn bei Culloden verloren, was ihn hellsichtiger machte. »Eine Sache«, sagte er, »kommt mir sonderbar vor, und zwar, wie er nach Cockermouth kam.«

»Nach Cockermouth?« fragte ich und erinnerte mich plötzlich an mein erstes Erstaunen, als ich sah, wie der Mensch nach einer so langen Reise in tadelloser Kleidung ans Land stieg.

»Nun ja«, sagte der Pächter, »dort wurde er von Kapitän Crail an Bord genommen. Sie dachten, er sei direkt zur See von Frankreich gekommen? Das glaubten wir damals alle.«

Ich überlegte mir die Dinge eine Zeitlang und trug sie dann Mr. Henry vor.

»Das ist eine sonderbare Angelegenheit«, sagte ich und erzählte ihm alles.

»Was tut es, wie er herüberkam, Mackellar, solange er hier ist?« grollte Mr. Henry.

»Nein, Herr«, sagte ich, »denken Sie doch darüber nach! Riecht das nicht nach Einverständnis mit der Regierung? Sie wissen, wie sehr wir uns bereits über sein Gefühl der Sicherheit gewundert haben.«

»Halt!« rief Mr. Henry. »Laßt mich darüber nachdenken.« Und als er nachdachte, kam jenes grimmige Lächeln in sein Gesicht, das ein wenig erinnerte an das des Junkers. »Geben Sie mir ein Blatt Papier«, sagte er. Und er setzte sich ohne weitere Erklärungen nieder und schrieb an einen Edelmann seiner Bekanntschaft – ich will keine unnötigen Namen nennen, aber er war in einer sehr gehobenen Stellung. Diesen Brief ließ ich durch den einzigsten Menschen befördern, auf den ich mich in solchen Fällen verlassen konnte, Macconochie, und der alte Mann ritt scharf, denn er war mit der Antwort zurück, bevor selbst mein Übereifer gehofft hatte, ihn erwarten zu dürfen. Wieder hatte Mr. Henry dasselbe grimmige Lächeln auf seinem Gesicht, als er sie las.

»Das ist das beste, was Sie bisher für mich geleistet haben, Mackellar«, sagte er, »mit diesem Brief in meiner Hand werde ich ihm einen Hieb versetzen. Beobachten Sie uns beim Mittagessen.«

Beim Essen schlug Mr. Henry seinem Plane entsprechend vor, der Junker solle sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und, wie er hoffte, widersprach der alte Lord wegen der damit verbundenen Gefahren.

»Ach«, sagte Mr. Henry leichthin, »du brauchst mir das nicht mehr vorzuspielen, ich kenne dein Geheimnis so gut wie du selbst.«

»Ein Geheimnis?« fragte der Lord. »Was willst du damit sagen, Henry? Ich gebe dir mein Wort, daß ich kein Geheimnis kenne, das dir verborgen ist.«

Der Junker hatte die Farbe gewechselt, und ich bemerkte, daß der Hieb gesessen hatte.

»Wie?« sagte Mr. Henry und wandte sich ihm mit anscheinend großem Erstaunen zu. »Ich sehe, daß du deinem Lord ein sehr treuer Diener bist, aber ich hätte geglaubt, du besäßest genug Menschlichkeit, deinen alten Vater zu beruhigen.«

»Wovon sprichst du? Ich will nicht, daß meine Angelegenheiten öffentlich diskutiert werden. Ich befehle, daß du Schluß machst!« rief der Junker mit törichter Leidenschaft aus, mehr wie ein Kind denn als Mann.

»So viel Verschwiegenheit erwartete man nicht von dir, des kann ich dich versichern«, fuhr Mr. Henry fort. »Sieh hier, was man mir schreibt«, und er entfaltete den Brief: »Es liegt selbstverständlich sowohl im Interesse der Regierung, als auch des Herrn, den wir vielleicht am besten auch weiterhin Mr. Bally nennen, diesen Vertrag geheimzuhalten, aber man hat nie verlangt, daß seine eigene Familie andauernd in jener Ungewißheit gehalten werden sollte, die Sie mir so lebendig schildern, und ich wäre erfreut, wenn mein Schreiben die Veranlassung wäre, diese Befürchtungen aus der Welt zu schaffen. Mr. Bally ist in Großbritannien ebenso sicher wie Sie selbst.«

»Ist das möglich?« rief der alte Lord aus, indem er seinen Sohn mit höchst verwunderter Miene und mit noch größerem Mißtrauen anschaute.

»Mein teurer Vater«, sagte der Junker, der bereits seine Fassung wiedergewonnen hatte, »ich bin außerordentlich erfreut, daß alles jetzt offenbar geworden ist. Meine eigenen Instruktionen, die ich direkt von London erhielt, lauteten völlig entgegengesetzt, und ich war verpflichtet, die Vergünstigung, die man mir gewährte, vor jedermann geheimzuhalten, auch vor dir, und sogar ganz besonders vor dir, wie ich schwarz auf weiß beweisen kann, wenn ich das Schreiben nicht vernichtet habe. Sie müssen ihre Ansicht sehr rasch gewechselt haben, denn der Befehl liegt nicht sehr lange zurück, oder der Herr, mit dem Henry sich in Verbindung gesetzt hat, muß diesen Teil der Vereinbarung mißverstanden haben, wie er anscheinend auch alles andere mißverstanden hat. Um dir die Wahrheit zu gestehen, mein Lord«, fuhr er fort und wurde sichtlich ruhiger, »ich lebte in der Vermutung, daß dies unerklärliche Wohlwollen einem Rebellen gegenüber zurückzuführen sei auf ein Gnadengesuch von deiner Seite, und ich erklärte mir den Befehl, auch meiner Familie gegenüber das Geheimnis zu bewahren, damit, daß du selbst den Wunsch ausgesprochen hättest, diese Gnade solle verborgen bleiben. Deshalb war ich um so mehr bemüht, die Weisungen zu befolgen. Nun ist man darauf angewiesen zu erraten, durch welche anderen Kanäle so viel Nachsicht einem so offenkundigen Verbrecher wie mir zugeflossen ist. Ich glaube nicht, daß dein Sohn sich verteidigen muß gegen das, was in Henrys Brief angedeutet zu sein scheint. Noch nie hörte ich von einem Durrisdeer, der ein Überläufer oder ein Spion war!« sagte er stolz.

Und so schien es, als ob er unbehelligt aus der Gefahrenzone herausgeschwommen sei, aber er hatte einen Fehler nicht berechnet, den er gemacht hatte, und die Hartnäckigkeit nicht berücksichtigt, die Mr. Henry bewies, der nun zeigte, daß er etwas von seines Bruders Geist besaß.

»Du sagst, daß die Weisung aus neuerer Zeit stammt«, sagte Mr. Henry. – »Ja, aus neuerer Zeit«, antwortete der Junker, als ob er seiner Sache ganz sicher sei, aber doch nicht ohne leises Zögern.

»Aus so neuer Zeit, wie hier steht?« fragte Mr. Henry wie jemand, der vor einem Rätsel steht, und breitete den Brief noch einmal aus. In dem ganzen Schreiben stand kein Wort über das Datum, aber wie sollte der Junker das wissen?

»Für mich war es spät genug«, sagte er lachend, und beim Klang dieses Lachens, das gebrochen herauskam wie der Ton einer geborstenen Glocke, blickte der alte Lord ihn über den Tisch hinweg wieder an, und ich sah, wie seine alten Lippen sich scharf aufeinanderpreßten.

»Ich entsinne mich doch«, warf Mr. Henry ein, und schaute immer noch auf den Brief, »daß du sagtest, die Weisung stamme aus der allerletzten Zeit.«

Und nun sahen wir, daß wir gesiegt hatten, aber erhielten gleichzeitig auch den stärksten Beweis für die unglaubliche Nachsicht des Lords, denn er sah sich sofort veranlagt, seinen Lieblingssohn vor einer Bloßstellung zu retten!

»Ich denke, Henry«, sagte er mit einer Art mitleidvollen Eifers, »ich denke, wir brauchen nicht mehr darüber zu reden. Wir sind alle erfreut, daß wir deinen Bruder endlich in Sicherheit wissen, wir sind alle einig darüber, und als dankbare Untertanen müssen wir auf die Gesundheit und das Wohlwollen des Königs trinken.«

Auf diese Weise entschlüpfte der Junker aus der Schlinge, aber letzten Endes war er doch in die Verteidigungsstellung getrieben worden. Er hatte sich lahm aus der Affäre gezogen, und der Zauber, der ihn umgeben hatte wegen der Lebensgefahr, in der er zu schweben schien, war ihm nun in aller Öffentlichkeit geraubt worden. Der alte Lord wußte jetzt in seinem Innersten, daß sein Lieblingssohn ein Spion der Regierung war, und Mrs. Henry – wie immer sie sich die Geschichte erklären mochte – war sichtbar kalt in ihrem Benehmen gegen den entlarvten Helden der Romantik. So besitzt jedes Gewebe der Doppelzüngigkeit einen schwachen Punkt, und wenn man ihn erwischt, löst es sich gänzlich auf. Hätten wir durch diesen glücklichen Vorstoß das Idol des alten Lords nicht erschüttert: wer kann sagen, wie es uns bei der kommenden Katastrophe ergangen wäre?

Und doch schienen wir im Augenblick nichts erreicht zu haben. Nach ein oder zwei Tagen hatte der Junker den schlechten Eindruck seiner Lügereien verwischt und stand allem Anschein nach so hoch wie immer. Was den alten Lord Durrisdeer betraf, so war er in väterlicher Parteilichkeit befangen; es war nicht so sehr Liebe, die ja eine aktive Eigenschaft sein sollte, als vielmehr Teilnahmlosigkeit und Unterdrückung seiner anderen Fähigkeiten, und Verzeihung, um das edle Wort hier trotz allem anzuwenden, strömte aus reiner Weichmütigkeit aus ihm heraus wie Tränen der Greisenhaftigkeit. Der Fall lag bei Mrs. Henry anders, und der Himmel allein weiß, was er ihr zu sagen wußte oder wie er sie abbrachte von der Verachtung für ihn. Es ist eine der schlimmsten Eigenarten des Gefühls, daß die Stimme wichtiger werden kann als die Worte und der Sprecher als das, was geredet wird. Aber irgendeine Entschuldigung muß der Junker gefunden haben, ja, vielleicht hatte er sogar einen Kunstgriff angewandt, um diese Bloßstellung zu seinem eigenen Vorteil auszuschlachten, denn nach einiger Zeit der Kälte schien es, als ob die Dinge zwischen ihm und Mrs. Henry schlimmer stünden als zuvor. Sie waren damals ständig zusammen. Man darf mich nicht in Verdacht haben, daß ich einen Schatten des Tadels auf diese unglückselige Frau werfen will, ich rüge nur ihre halb willkürliche Blindheit und glaube, daß sie in diesen letzten Tagen mit dem Feuer spielte. Ob ich nun recht oder unrecht habe, eins ist sicher und völlig genügend: Mr. Henry dachte so. Der arme Edelmann saß tagelang in meinem Zimmer und bot ein so trauriges Bild der Niedergeschlagenheit, daß ich nie wagte ihn anzureden, aber man darf annehmen, daß schon meine Gegenwart und das Bewußtsein meiner Teilnahme ihm einigen Trost bereiteten. Es gab auch Zeiten, wo er sprach, und es war eine sonderbare Art des Sprechens. Niemals wurde eine Person genannt oder auf irgendeinen besonderen Umstand Bezug genommen, aber wir hatten dieselben Dinge in unserem Geiste vor uns und wußten es beide. Es ist eine eigenartige Art der Unterhaltung, die man auf diese Weise ausüben kann: stundenlang über eine Sache zu sprechen, ohne sie zu nennen oder auch nur anzudeuten. Und ich erinnere mich, daß ich darüber nachdachte, ob es vielleicht auf eine natürliche Begabung dieser Art zurückzuführen sei, wenn der Junker den ganzen Tag lang Mrs. Henry seine Liebe offenbarte, wie er es ohne Zweifel tat, ohne sie jemals zur Zurechtweisung zu zwingen.

Um zu zeigen, wie weit die Dinge mit Mr. Henry gekommen waren, will ich einige seiner Worte wiedergeben, die er, wie ich nie vergessen werde, am 26. Februar 1757 äußerte. Es war unverhältnismäßig schlechtes Wetter, eine Art Wiederkehr des Winters: windstill, bitterkalt, die Welt weiß von Reif, die Wolken niedrig und grau, das Meer schwarz und schweigend wie ein toter Steinbruch. Mr. Henry saß dicht beim Kamin und debattierte darüber, wie es damals seine Gewohnheit war, ob »ein Mensch« handeln müsse, ob »Dazwischentreten klug sei« und ähnliche Möglichkeiten, die uns besonders nahelagen. Ich stand am Fenster und schaute hinaus, als unten der Junker, Mrs. Henry und Miß Katharine, dies ständige Trio, vorübergingen. Das Kind lief hin und her, erfreut über die Kälte; der Junker sprach dicht zum Ohr der Lady mit einer teuflischen Liebenswürdigkeit der Überredung, wie es selbst auf diese Entfernung erschien, und sie ihrerseits blickte zu Boden wie jemand, der ganz im Zuhören verloren ist. Ich durchbrach meine Zurückhaltung.

»Wenn ich Sie wäre, Mr. Henry«, sagte ich, »würde ich mit dem alten Lord offen sprechen.«

»Mackellar, Mackellar«, sagte er, »Sie sehen nicht die Unsicherheit des Bodens, auf dem ich stehe. Ich kann solch niedrige Gedanken niemandem vortragen, am wenigsten meinem Vater, das würde mir seine tiefste Verachtung eintragen. Die Schwäche meiner Position«, fuhr er fort, »beruht auf mir selbst, denn ich gehöre nicht zu denen, die Liebe erzwingen können. Ich besitze ihre Dankbarkeit, sie alle sagen mir das, ich habe einen reichen Vorrat davon. Aber ich bin nicht gegenwärtig in ihren Gemütern, sie fühlen sich nicht bewegt, mit mir oder für mich zu denken. Das ist mein Schicksal!«

Er erhob sich und trat das Feuer aus. »Aber irgendein Ausweg muß gefunden werden, Mackellar«, sagte er und blickte mich plötzlich über die Schulter an, »irgendein Mittel muß ausfindig gemacht werden. Ich bin ein Mensch von sehr großer Geduld, von allzu großer, allzu großer Geduld. Ich beginne mich selbst zu verachten. Niemals war ein Mensch so in Netze verstrickt!« Er fiel in sein Brüten zurück.

»Nur Mut!« sagte ich, »das Netz wird von selbst zerreißen.«

»Ich habe den Zorn längst hinter mir«, antwortete er, was so wenig Beziehung zu meiner Bemerkung hatte, daß ich die Unterhaltung abbrach.

Der Junker von Ballantrae

An Sir Percy Florence und Lady Shelley.

Dies ist eine Geschichte, die sich über viele Jahre erstreckt und in vielen Ländern spielt. Durch besondere Gunst der Umstände hat der Verfasser sie begonnen, fortgeführt und abgeschlossen in weit voneinander entfernten und ganz verschiedenen Landschaften. Vor allem war er viel auf der See. Der Charakter und das Schicksal der feindlichen Brüder, die Halle und das Gehölz von Durrisdeer, das Problem der trockenen Vortragsweise Mackellars und wie man seine Sprache auf höhere Gedankengänge zuschneiden könnte: alles das beschäftigte mich auf Deck in vielen sternfunkelnden Häfen, verfolgte meinen Geist auf See beim Lärm schlagender Segel und wurde oft sehr plötzlich beiseitegedrängt, wenn Böen hereinbrachen. Ich hoffe, daß diese Umgebung bei der Abfassung meiner Geschichte ihr in gewissem Grade die Gunst der Seefahrer und meerliebender Leute verschaffen wird.

Und zumindest kommt hier eine Zueignung von weither. Sie wurde geschrieben an den hallenden Küsten einer subtropischen Insel, ungefähr zehntausend Meilen von Boscombe Chine and Manor: Gegenden, die sich vor mir erheben mit den Gesichtern und Stimmen meiner Freunde.

Nun wohl, ich gehöre wieder der See und ohne Zweifel auch Sir Percy. Laßt uns das Signal geben: B.R.D.!

R.L.S.

Waikiki, 17. Mai 1889.

Erstes Kapitel


Die Ereignisse während der Irrfahrten des Junkers

Die volle Wahrheit über diese sonderbaren Ereignisse hat die Welt lange erwartet, und die öffentliche Neugier wird sie sicher willkommen heißen. Es fügte sich, daß ich auf das innigste mit den letzten Jahren und mit der Geschichte des Hauses verknüpft war, und es lebt kein Mensch, der gleich mir imstande wäre, diese Dinge klarzustellen, und gleichzeitig so begierig, sie wahrheitsgemäß zu erzählen. Ich kannte den Junker; über viele Einzelheiten seines Lebenslaufes habe ich authentische Berichte zur Hand; ich segelte mit ihm fast allein auf seiner letzten Reise; ich machte jene Winterfahrt mit, von der so manche Gerüchte ins Ausland gelangten, und ich war anwesend beim Tode des Mannes. Was meinen verstorbenen Lord Durrisdeer anlangt, so diente ich ihm ungefähr zwanzig Jahre und liebte ihn. Ich schätzte ihn um so mehr, je genauer ich ihn kennenlernte. Alles in allem glaube ich, daß es nicht richtig wäre, wenn so viele persönliche Zeugnisse verlorengingen; die Wahrheit ist eine Schuld, die ich dem Andenken meines Lords abzutragen habe, und ich glaube, meine alten Tage werden ruhiger dahinfließen und mein weißes Haar wird leichter auf den Kissen ruhen, wenn diese Dankespflicht erfüllt ist.

Die Duries von Durrisdeer und Ballantrae waren eine angesehene Familie im Südwesten seit den Tagen Davids I. Ein Vers, der noch jetzt in dem Lande bekannt ist:

Die Duries waren ein tapfres Geschlecht,
Sie ritten mit Speeren in manches Gefecht!

trägt das Kennzeichen des Alters. Und der Name erscheint auch in einer anderen Strophe, die man allgemein Thomas von Ercildoune selbst zuschreibt. Ich weiß nicht, wie weit das stimmt und mit welchem Recht manche diese Verse auf die Ereignisse meiner Erzählung beziehen:

Zwei Duries von Durrisdeer –
Der eine ins Feld, der andre getraut:
Ein böser Tag für den Freiersmann,
Ein grausiger für die Braut.

Auch ist die amtliche Geschichtsschreibung voll von ihren Taten, die nach unserer heutigen Denkungsweise nicht sehr lobenswert erscheinen. Die Familie hatte ihren vollen Anteil an den Glücks- und Unglücksfällen, denen die berühmten Häuser Schottlands von jeher unterworfen waren. Aber alles das überschlage ich, um zu jenem bemerkenswerten Jahre 1745 zu gelangen, in dem der Grund zu dieser Tragödie gelegt wurde.

Zu jener Zeit lebte im Hause von Durrisdeer nahe St. Bride am Ufer des Solway eine Familie von vier Personen. Das Haus war der Hauptsitz des Geschlechtes seit der Reformation. Mein alter Lord, der achte seines Namens, war noch nicht hochbetagt, aber er litt frühzeitig unter den Unzuträglichkeiten des Alters. Sein Platz war an der Seite des Kamins, wo er in einem gefütterten Hausrock lesend saß. Er richtete wenige Worte an die Menschen und niemals ein verletzendes an irgend jemand, er war das Vorbild eines alten zurückhaltenden Hausherrn. Und doch war sein Geist wohlgenährt mit Studien, und man schätzte ihn in dem ganzen Gebiet für klüger ein, als er sich den Anschein gab. Der Erbe oder Junker von Ballantrae, in der Taufe James genannt, erbte von seinem Vater die Liebe zu ernsthaften Büchern und daneben auch einiges von seinem Taktgefühl; aber was beim Vater wirkliche Klugheit war, wurde beim Sohn schwarze Heuchelei. Sein Benehmen nach außen kann man nur als gemein und wüst bezeichnen: er saß bis in die späte Nacht bei Wein und Karten und hatte in der ganzen Gegend den Ruf eines Mannes, der jungen Mädchen gefährlich sei. Bei allen Zusammenstößen war er an erster Stelle, aber wenn er auch immer in der vordersten Front war, zog er sich doch immer vorteilhaft aus der Affäre, und seine Genossen bei losen Streichen mußten gewöhnlich die ganze Zeche bezahlen. Dies Glück oder vielmehr diese Verschlagenheit trug ihm manches Übelwollen ein, aber bei dem Rest der Bevölkerung erhöhte es sein Ansehen, so daß man große Dinge von ihm erwartete in der Zukunft, wenn er reifer geworden wäre. Er hatte einen recht schwarzen Fleck auf seinem Namen, aber die Sache wurde damals vertuscht und durch Legendenbildung so entstellt, bevor ich dorthin kam, daß ich mich scheue, sie hier zu erzählen. Es ist wahr, für einen so jungen Menschen war es eine verabscheuungswürdige Tat, und wenn die Gerüchte falsch sind, war es eine niedrige Verleumdung. Ich betrachte es als bemerkenswert, daß er sich stets brüstete, er sei unversöhnlich. Man nahm ihn beim Wort, so daß er zu allem Überfluß unter seinen Nachbarn bekannt war als ein Mann, mit dem schlecht Kirschen essen sei. Ein junger Edelmann also, der im Jahre 1745 noch nicht vierundzwanzig Lenze zählte und doch bereits weit über seine Jahre hinaus im weiten Umkreis berüchtigt war.

Um so weniger war es zu verwundern, daß man von dem zweiten Sohn, Mr. Henry, meinem verstorbenen Lord Durrisdeer, bisher wenig gehört hatte. Er war weder sehr schlecht noch sehr begabt, sondern ein ehrenhafter und anständiger junger Mann wie viele seiner Nachbarn. Ich sagte, man hatte wenig von ihm gehört, aber man kann es besser so ausdrücken: es wurde wenig von ihm gesprochen. Unter den Lachsfischern im Firth war er gut bekannt, denn er liebte den Fischsport außerordentlich. Dann war er auch ein ausgezeichneter Pferdearzt und bekümmerte sich fast von Jugend auf lebhaft um die Bewirtschaftung der Ländereien. Wie schwer das war angesichts der Umstände, in denen sich die Familie befand, weiß niemand besser als ich. Mit allzu wenig Berechtigung kann ein solcher Mann in den Ruf eines Tyrannen und Geizhalses geraten. Die vierte Person im Hause war Miß Alison Graeme, eine nahe Verwandte, eine Waise, die Erbin eines großen Vermögens, das ihr Vater durch Handelsgeschäfte erworben hatte. Dies Geld wurde dringend benötigt zur Aufbesserung der Finanzen meines Lords. Der Besitz war mit Hypotheken hoch belastet, und infolgedessen wurde Miß Alison bestimmt zur Gattin des Junkers, worüber sie sehr froh war. Eine andere Frage ist es, wie er sich dazu stellte. Sie war ein hübsches Mädchen und für jene Zeit sehr beherzt und eigenwillig, denn der alte Lord hatte selbst keine Tochter, und da die Lady schon lange tot war, wurde sie aufgezogen, so gut es eben ging.

Zu diesen vier Menschen gelangte eines Tages die Nachricht von der Landung des Prinzen Charlie, und sie gerieten sofort heftig aneinander. Mein Lord als alter Ofenhocker war durchaus fürs Abwarten. Miß Alison war gegenteiliger Ansicht, weil ihr alles romantisch erschien, und der Junker, der, wie ich hörte, nicht oft mit ihr übereinstimmte, war diesmal ganz ihrer Meinung. Das Abenteuer reizte ihn, soweit ich verstehe, er sah allerlei Möglichkeiten, das Vermögen seines Hauses zu vergrößern, und trug sich mit der Hoffnung, seine persönlichen Schulden auszugleichen, die weit größer waren, als man vermutete. Was Mr. Henry anbelangte, so sagte er anscheinend zunächst sehr wenig, seine Rolle begann erst später. Die drei stritten sich einen ganzen Tag lang, bevor sie sich entschlossen, einen mittleren Kurs zu steuern. Der eine Sohn sollte ausreiten, um König Jakob beizustehen, der alte Lord und der zweite Sohn sollten zu Hause bleiben, um die Partei König Georgs zu ergreifen. Das war ohne Zweifel der Entschluß des alten Lords und, wie man weiß, die Rolle, die viele angesehene Familien damals spielten.

Aber nachdem der erste Streit beigelegt war, erhob sich sofort ein zweiter. Der Lord, Miß Alison und Mr. Henry waren alle der Meinung, daß es Aufgabe des jüngeren Sohnes sei, hinauszuziehen, aber der Junker, ruhelos und eitel, war unter keinen Umständen bereit, zu Hause zu bleiben. Der Lord flehte ihn an, Miß Alison weinte, und Mr. Henry brauchte sehr deutliche Worte: alles vergeblich.

»Der direkte Erbe von Durrisdeer muß mit dem König reiten!« sagte der Junker.

»Wenn wir ein männliches Spiel trieben«, antwortete Mr. Henry, »hätte es Sinn, so zu sprechen. Aber was tun wir? Wir spielen mit falschen Karten!«

»Wir retten das Haus von Durrisdeer, Henry«, sagte der Vater.

»Und siehe«, sagte Mr. Henry, »wenn ich gehe, und der Prinz gewinnt die Oberhand, kannst du leicht mit König Jakob Frieden schließen. Aber wenn du gehst, und die Expedition erleidet einen Fehlschlag, reißen wir Besitz und Titel auseinander. Und was wird dann aus mir?«

»Du wirst Lord Durrisdeer sein«, sagte der Junker, »ich setze alles auf eine Karte.«

»Ich liebe ein solches Spiel nicht!« rief Mr. Henry. »Ich werde in einer Lage sein, die kein Mann von Vernunft und Ehre ertragen kann. Ich werde weder Fisch noch Fleisch sein!« rief er aus. Und etwas später drückte er sich noch deutlicher aus, als er vielleicht beabsichtigte. »Es ist deine Pflicht, hier bei deinem Vater zu bleiben«, sagte er. »Du weißt sehr wohl, daß du der Lieblingssohn bist.«

»Wie?« sagte der Junker. »So spricht der Neid! Willst du in meine Fußtapfen treten, Jakob?« fragte er und legte einen häßlichen Nachdruck auf dies Wort.

Mr. Henry ging ohne Antwort zu geben am unteren Ende der Halle auf und ab, denn er wußte ausgezeichnet zu schweigen. Plötzlich kam er zurück.

»Ich bin der Jüngere, und ich muß gehen«, sagte er. »Mein Lord hier ist der Herr, und er sagt, daß ich gehen muß. Was sagst du dazu, mein Bruder?«

»Ich sage dies, Harry«, antwortete der Junker, »daß es nur zwei Wege gibt, wenn hartnäckige Leute aneinandergeraten: Zweikampf – ich denke, daß keiner von uns Lust hat, so weit zu gehen – oder Entscheidung durch den Zufall. Hier ist ein Goldstück. Wollen wir es entscheiden lassen?«

»Ich will dadurch stehen und fallen«, sagte Mr. Henry. »Kopf: ich gehe; Wappen: ich bleibe.«

Die Münze wurde hochgeworfen. Die Münze fiel und zeigte die Wappenseite.

»Das ist eine Lehre für Jakob«, sagte der Junker.

»Wir alle werden das bereuen«, antwortete Mr. Henry und stürzte aus der Halle.

Miß Alison ergriff das Goldstück, das soeben ihren Geliebten ins Feld gesandt hatte, und schleuderte es durch das Familienwappen in dem großen bemalten Fenster.

»Wenn du mich so liebtest, wie ich dich liebe, wärst du geblieben!« rief sie aus.

»Ich könnte dich, Liebste, nicht lieben so sehr, liebt‘ ich Kampf und Ehre nicht mehr!« sang der Junker.

»Ach!« rief sie. »Du hast kein Herz, ich hoffe, du wirst getötet!«

Sie eilte aus dem Raum und lief weinend auf ihr Zimmer.

Es scheint, daß der Junker sich in heiterster Haltung zum Lord wandte und sagte: »Sie muß ein Teufel von einem Weib sein!«

»Ich glaube, du bist ein Teufel von einem Sohn«, rief der Vater aus. »Du, der du immer mein Lieblingssohn gewesen bist, zu meiner Schande sei es gestanden! Niemals habe ich eine gute Stunde mit dir erlebt, seit du geboren bist, nein, niemals eine gute Stunde«, und er wiederholte es zum dritten Male. Ob es die Leichtsinnigkeit des Junkers oder sein Ungehorsam oder Mr. Henrys Wort vom Lieblingssohn war, was den alten Lord so aufbrachte, weiß ich nicht, aber ich neige zu der Ansicht, daß es das letztere war, denn nach allen Berichten, die mir zur Verfügung stehen, begann er von dieser Stunde an, Mr. Henry mehr zu beachten.

Alles in allem ritt der Junker in ziemlich böser Stimmung gegen seine Familie nordwärts, woran sich die anderen mit großem Kummer erinnerten, als es zu spät schien. Durch Drohungen und Begünstigungen hatte er ungefähr ein Dutzend Leute um sich versammelt, zumeist Söhne von Pächtern. Sie waren alle ziemlich betrunken, als sie aufbrachen und den Hügel bei der alten Abtei lärmend und singend hinaufritten, die weiße Kokarde am Hut. Es war ein verzweifeltes Abenteuer für eine so kleine Schar, fast ganz Schottland ohne Unterstützung zu durchqueren. Man glaubte das um so mehr, als gerade damals, da dies Dutzend Leutchen den Hügel hinaufkletterte, ein großes Schiff aus der Flotte des Königs mit flatterndem Wimpel in der Bucht lag und sie durch die Mannschaft eines einzigen Bootes hätte aufreiben können. Am nächsten Nachmittag mußte Mr. Henry abreisen, nachdem der Junker einen genügenden Vorsprung gewonnen hatte. Ganz allein ritt er von dannen, um der Regierung König Georgs sein Schwert zur Verfügung zu stellen und ein Handschreiben seines Vaters zu überreichen. Miß Alison wurde in ihrem Zimmer eingeschlossen, bis beide fortgezogen waren. Sie weinte fast ununterbrochen, nur nähte sie die Kokarde an des Junkers Hut, die (wie John Paul mir erzählte) von Tränen durchtränkt war, als er sie ihm hinuntertrug.

In der ganzen nächsten Zeit blieben Mr. Henry und der alte Lord ihrem Plan treu. Daß sie jemals etwas unternommen hätten, ist mehr, als ich weiß, und ich glaube auch nicht, daß sie sich sehr energisch um die Sache des Königs bemühten. Sie hielten sich an ihren Treuschwur, wechselten Briefe mit dem Lord-Präsidenten, weilten ruhig zu Hause und hatten wenig oder keine Verbindung mit dem Junker, solange die Zwistigkeiten dauerten. Auch war er seinerseits nicht sehr mitteilsam. Miß Alison sandte ihm zwar stets Stafetten, aber ich weiß nicht, ob sie jemals eine Antwort erhielt. Einst ritt Macconochie für sie hin und fand die Hochländer vor Carlisle, wo der Junker in hoher Gunst stand beim Prinzen. Er nahm den Brief, wie Macconochie erzählte, öffnete ihn, überflog ihn, den Mund gespitzt wie ein Mann der flötet, und steckte ihn in seinen Gürtel. Als das Pferd aufbäumte, fiel er unbeachtet zur Erde. Macconochie hob ihn auf und nahm ihn an sich, und ich selbst habe ihn in seinen Händen gesehen. Selbstverständlich kamen Nachrichten nach Durrisdeer, wie sich eben Gerüchte im Lande verbreiten, eine Sache, die mir immer wunderbar vorkam. Auf diese Weise erfuhr die Familie allerlei von der Gunst, in der der Junker beim Prinzen stand. Man behauptete, das habe seinen Grund in einer höchst sonderbaren Kriecherei eines so stolzen Mannes, der allerdings noch mehr Ehrgeiz besaß. Er soll sich zu seiner hohen Stellung hinaufgearbeitet haben, indem er den Irländern schmeichelte. Sir Thomas Sullivan, Oberst Burke und alle andern waren sein täglicher Umgang, wodurch er seinen eigenen Landsleuten entfremdet wurde. Bei allen kleinen Intrigen hatte er seine Hand im Spiel, stellte Lord Georg tausendmal Fallen, fügte sich immer den Ansichten des Prinzen, ob sie nun gut oder schlecht waren, und scheint wie ein Spieler, der er sein ganzes Leben lang war, weniger bedacht gewesen zu sein auf die Durchführung der Kämpfe, als auf die Gunst, die er bei glücklichem Ausgang erlangen konnte. Im übrigen benahm er sich im Felde sehr tapfer, was niemand anzweifelte, denn er war kein Feigling.

Die nächste Nachricht kam von Culloden und wurde von einem der Pächtersöhne nach Durrisdeer gebracht, dem einzig Überlebenden, wie er erklärte, von allen denen, die damals singend den Hügel erklommen hatten.

Durch einen unglückseligen Zufall hatten gerade an jenem Morgen John Paul und Macconochie das Goldstück gefunden, das die Ursache alles Übels war, und das in einem Gebüsch versteckt lag. Sie waren vor der Tür gewesen, wie die Leute von Durrisdeer es nennen, nämlich in der Schenke, und so war wenig von dem Goldstück übriggeblieben und noch weniger von ihrem Verstand. Was konnte John Paul also anderes tun, als in die Halle zu stürzen, wo die Familie bei Tisch saß, und die Nachricht herauszubrüllen, daß Tam Macmorland soeben an der Pforte erschienen sei, und wehe! niemand mit ihm?

Sie hörten das Wort wie Menschen, die zum Tode verurteilt werden. Nur Mr. Henry führte die Hand zum Gesicht, und Miß Alison legte den Kopf auf die Hände. Der alte Lord war grau wie Asche.

»Ich habe noch einen Sohn«, sagte er. »Und, Henry, ich will dir Gerechtigkeit widerfahren lassen – der bessere ist mir geblieben.«

Eine sonderbare Sache, das in einem solchen Augenblick zu sagen, aber mein Lord hatte Mr. Henrys Rede niemals vergessen, und er trug Jahre der Ungerechtigkeit auf seinem Gewissen. Trotzdem war es eine sonderbare Sache, und mehr, als Miß Alison hingehen lassen konnte. Sie wurde heftig und tadelte den Lord wegen seiner unnatürlichen Worte und Mr. Henry, weil er hier in Sicherheit säße, während sein Bruder erschlagen läge, sich selbst aber, weil sie ihrem Geliebten beim Abschied böse Worte gegeben hatte. Sie nannte ihn den Besten von allen, rang die Hände, bekannte laut ihre Liebe und rief seinen Namen aus, so daß die Dienerschaft erstaunt dreinblickte.

Mr. Henry stand auf und hielt sich am Stuhl fest. Nun war er grau wie Asche.

»Oh«, schrie er plötzlich, »ich weiß, du hast ihn geliebt!«

»Die Welt weiß es, so wahr mir Gott helfe!« rief sie, und dann sagte sie zu Mr. Henry:

»Aber ich allein weiß, daß du ihn in deinem Herzen verraten hast!«

»Gott weiß«, murmelte er, »es war verlorene Liebesmühe auf beiden Seiten.«

Die Zeit floß nun in diesem Hause dahin ohne viel Ereignisse, nur waren jetzt drei statt vier, was immer wieder an den Verlust erinnerte. Das Geld Miß Alisons war, wie man vor Augen halten muß, für das Besitztum dringend erforderlich, und da der eine Bruder tot war, wurde es bald zu einer Herzensangelegenheit des alten Lords, den anderen Sohn mit ihr verheiratet zu sehen. Tagein, tagaus versuchte er auf sie einzuwirken. Er saß zur Seite des Kamins, den Finger in seinem lateinischen Buch, die Augen mit einer Art liebenswürdigen Eindringlichkeit auf ihr Gesicht gerichtet, wie es dem alten Herrn so gut stand. Wenn sie weinte, tröstete er sie wie ein bejahrter Mann, der schlimmere Zeiten erlebt hat, und nun auch über Kümmernisse ruhiger denkt. Geriet sie in Zorn, begann er wieder in seinem lateinischen Buch zu lesen, aber immer mit einer höflichen Ausrede. Bot sie ihm, wie es öfter geschah, ihr Geld zum Geschenk an, bewies er ihr, wie wenig das mit seiner Ehre zu vereinen sei, und gab ihr zu bedenken, wenn sie darauf beharrte, daß Mr. Henry dies ohne Zweifel ablehnen würde. Sein Lieblingswort war: non vi sed saepe cadendo, und seine ruhige Beharrlichkeit verringerte ohne Zweifel allmählich ihren Widerstand. Gewiß hatte er großen Einfluß auf das junge Mädchen, da er beide Eltern bei ihr vertreten hatte, weshalb sie auch mit dem Geist der Duries erfüllt war und große Zugeständnisse an das Wohlergehen von Durrisdeer machen wollte, wenn sie sich auch nicht dazu verstanden hätte, glaube ich, meinen armen Herrn zu heiraten. Aber sonderbarerweise kam ihm der Umstand zu Hilfe, daß er außerordentlich unbeliebt war.

Das war das Werk Tam Macmorlands. Tam war ein harmloser Bursche, aber er hatte eine große Schwäche: eine lose Zunge, und da er der einzige Mensch in der Gegend war, der mit draußen gewesen oder vielmehr wiedergekommen war, fand er leicht Gehör. Wer im Kampf unterlegen ist, will mir scheinen, ist immer geneigt, andern zu erzählen, daß er verraten wurde. Nach Tams Bericht waren die Rebellen bei jeder Gelegenheit und von jedem ihrer Offiziere betrogen worden, sie waren verraten worden bei Derby, sie waren verraten worden bei Falkirk. Der Nachtmarsch war ein Verräterstück von Lord Georg, und die Schlacht von Culloden ging verloren durch den Verrat der Macdonalds. Die Gewohnheit, stets von Verrat zu reden, bemächtigte sich dieses Narren so sehr, daß er schließlich Mr. Henry auch nicht mehr schonte. Nach seiner Ansicht hatte Mr. Henry die Burschen von Durrisdeer verraten, er hatte versprochen, mit mehr Leuten zu folgen, und statt dessen war er zum König Georg geritten.

»Ach, und am nächsten Tage!« pflegte Tam auszurufen. »Der arme gute Junker und die armen feinen Kerle, die mit ihm ritten, waren kaum jenseits der Klippe, als er sie im Stich ließ, der Judas! Nun, er hat seinen Weg gemacht, er ist Lord, trotz allem, aber unter der Hochlandheide liegt mancher kalte Leichnam!«

Bei diesen Worten pflegte Tam, falls er betrunken war, in Tränen auszubrechen.

Wenn einer lange genug redet, findet er Glauben. Die schlechte Meinung vom Benehmen Mr. Henrys verbreitete sich allmählich in der ganzen Gegend. Leute, die das Gegenteil wußten, aber keine genauen Einzelheiten kannten, sprachen darüber, und man hörte und glaubte es. Unwissende und Übelwollende verbreiteten es als Evangelium. Mr. Henry wurde allmählich gemieden. Kurze Zeit darauf begann das gemeine Volk zu murren, wenn er vorüberging, und die Frauen, die immer am kühnsten sind, weil sie sich am sichersten fühlen, begannen ihm Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern.

Der Junker wurde zum Heiligen erklärt. Man entsann sich, daß er die Pächter niemals bedrückt hatte, was er tatsächlich auch nie tat, es sei denn, daß er viel Geld ausgab. Er war vielleicht ein wenig wüst, sagte das Volk, aber wieviel besser war ein natürlicher und wilder Kerl, der bald ruhiger geworden wäre, als ein dürrer Geizhals, der seine Nase in die Abrechnungsbücher steckte, um die armen Pächter zu bedrücken. Eine Dirne, die ein Kind vom Junker hatte und nach allen vorliegenden Berichten sehr schlimm von ihm behandelt worden war, machte sich sogar zur Vorkämpferin seiner Ehre. Eines Tages schleuderte sie einen Stein gegen Mr. Henry.

»Wo ist mein guter Junge, der dir vertraute?« schrie sie.

Mr. Henry hielt sein Pferd an und sah sie mit weißen Lippen an. »Nun, Jeß«, sagte er, »auch du? Du solltest mich besser kennen!« Denn er hatte ihr mit seinem Gelde ausgeholfen.

Das Weib ergriff einen zweiten Stein, als wollte sie ihn werfen, und er riß die Hand, die die Reitpeitsche hielt, nach oben, um sein Gesicht zu schützen.

»Was? Du willst ein Mädel schlagen, du dreckiger …?« schrie sie und lief heulend von dannen, als ob er sie gezüchtigt hätte.

Am nächsten Tage breitete sich das Gerücht wie Lauffeuer in der Gegend aus, Mr. Henry habe Jessie Broun fast zu Tode geprügelt. Ich erzähle das, um klarzumachen, wie die Lawine wuchs, und wie eine Verleumdung die andere hervorbrachte, bis mein armer Herr so verschrien war, daß er das Haus zu hüten begann gleich dem alten Lord. In der ganzen Zeit beklagte er sich selbstverständlich daheim niemals. Der Urgrund des Skandals war eine zu heikle Angelegenheit, und Mr. Henry war sehr stolz und ein außergewöhnlich hartnäckiger Schweiger. Der alte Lord muß schließlich durch John Paul, falls durch niemand sonst, davon gehört oder wenigstens die Änderung in der Lebensweise seines Sohnes beobachtet haben. Wahrscheinlich aber war auch er nicht unterrichtet, wie stark die Feindschaft war, und was Miß Alison betrifft, so kümmerte sie sich überhaupt nicht um Gerüchte und brachte ihnen keinerlei Interesse entgegen, wenn man sie ihr zutrug.

Als die Empörung ihren Höhepunkt erreicht hatte (später verringerte sie sich, und niemand wußte warum), fand eine Wahl statt in der Stadt St. Bride, die ganz nahe bei Durrisdeer liegt, am Swiftsee. Irgendeine Unruhe machte sich unter den Leuten bemerkbar, aber ich vergaß, was es war, wenn ich es jemals gewußt habe. Man erzählte allgemein, es würde vor Anbruch der Nacht blutige Köpfe geben, der Sheriff habe sogar Soldaten angefordert von Dumfries. Der alte Lord war dafür, daß Mr. Henry anwesend sein solle, er stellte ihm vor, es sei notwendig für das Ansehen des Hauses, sich einmal wieder zu zeigen. »Man wird bald behaupten«, sagte er, »daß wir die Führung in unserem Gebiete verlieren.«

»Eine merkwürdige Führung, die ich übernehmen soll«, sagte Mr. Henry, und als sie ihn um eine Erklärung baten, fügte er hinzu: »Ich will euch die volle Wahrheit sagen, ich darf mein Gesicht draußen nicht blicken lassen.«

»Du bist der erste dieses Hauses, der das sagt«, rief Miß Alison.

»Wir wollen alle drei gehen«, sagte der alte Lord, und tatsächlich zog er seine Stiefel an, das erstemal seit vier Jahren, und ein schwieriges Geschäft für John Paul. Miß Alison erschien im Reitkleid, und alle drei machten sich auf den Weg nach St. Bride.

Die Straßen waren voll vom Pöbel aus der ganzen Gegend. Kaum hatten die Leute Mr. Henry erblickt, als sie zu zischen begannen. Dann fingen sie an zu brüllen, und man hörte Schreie wie Judas! und »Wo ist der Junker?« und »Wo sind die armen Kerle, die mit ihm hinausritten?« Selbst ein Stein wurde geschleudert, aber die meisten verurteilten das, zum Glück für den alten Lord und Miß Alison. Nach zehn Minuten wußte der Lord, daß Mr. Henry recht gehabt hatte. Er sagte kein Wort, warf sein Pferd herum und ritt heim, das Kinn auf der Brust. Auch Miß Alison sprach nicht. Ohne Zweifel dachte sie aber um so mehr nach, und ohne Zweifel war ihr Stolz verletzt, denn sie war eine gebürtige Durie, und ebenso gewiß rührte es an ihr Herz, ihren Vetter so unwürdig behandelt zu sehen. In jener Nacht legte sie sich nicht schlafen. Ich habe meine Lady oft getadelt. Aber wenn ich mich jener Nacht erinnere, verzeihe ich ihr gern alles. Am nächsten Morgen kam sie in aller Frühe zum alten Lord, der an seinem gewohnten Platz saß.

»Wenn Henry mich noch will«, sagte sie, »kann er mich jetzt haben.« Zu Henry selbst redete sie anders: »Ich bringe dir keine Liebe entgegen, Henry, aber, Gott weiß es, alles Mitleid der Welt.«

Der erste Juni 1748 war der Tag ihrer Hochzeit. Im Dezember desselben Jahres langte ich an den Toren des großen Hauses zum erstenmal an, und von diesem Zeitpunkt an berichte ich über die Ereignisse, die unter meinen eigenen Augen geschahen, wie ein Zeuge vor Gericht.

Das Flaschenteufelchen


Übersetzt von Heinrich Conrad

Es war ein Mann von der Insel Hawaii, den ich Keawe nennen will; er lebt nämlich noch, und sein Name muß verschwiegen bleiben; aber sein Geburtsort war nicht weit von Honaunau, wo die Gebeine Keawes des Großen in einer Höhle begraben liegen. Dieser Mann war arm, ehrlich und fleißig; er konnte lesen und schreiben wie ein Schulmeister; außerdem war er ein ausgezeichneter Matrose, fuhr eine Zeitlang auf den Inseldampfern und steuerte einen Kutter an der Küste von Hamakua. Schließlich kam es Keawe in den Sinn, sich mal die große Welt und ausländische Städte anzusehen, und er heuerte auf einem Schiff an, das nach San Franzisko fuhr.

Das ist eine schöne Stadt, mit einem schönen Hafen und so vielen reichen Leuten, daß man sie nicht zählen kann; und im besonderen ist da ein Hügel, der ganz mit Palästen bedeckt ist. Nach diesem Hügel machte nun Keawe eines Tages einen Spaziergang, seine ganze Tasche voll von Geld, und besah sich mit Vergnügen die großen Häuser auf beiden Seiten,

»Was für schöne Häuser sind das!« dachte er bei sich selber, »Und wie glücklich müssen die Leute sein, die darin wohnen und sich nicht um den morgigen Tag zu kümmern brauchen!«

Wie er so darüber nachdachte, kam er vor ein Haus, das war kleiner als die anderen, aber wunderschön und sauber wie ein Spielzeug; die Treppen vor dem Hause glänzten wie Silber, die Beete in dem Garten waren voll Blumen wie Girlanden, und die Fensterscheiben funkelten wie Diamanten. Und Keawe blieb stehen und verwunderte sich über die Herrlichkeit all dessen, was er sah.

Wie er nun so dastand, bemerkte er einen Mann, der durch ein Fenster nach ihm sah, und das Fenster war so klar, daß Keawe ihn beobachten konnte, wie man einen Fisch in einer Wasserlache auf dem Riff beobachten kann. Der Mann war schon ältlich, mit einem kahlen Kopf und einem schwarzen Bart; auf seinem Gesichte lag schwere Sorge, und er seufzte bitterlich. Und die Wahrheit ist die: Als Keawe auf den Mann drinnen und der Mann auf Keawe draußen sah, beneidete jeder von ihnen den anderen.

Auf einmal lächelte der Mann und nickte und winkte Keawe zu, er solle hereinkommen, und ging ihm an die Haustür entgegen. Und da sagte der Mann und seufzte dabei bitterlich:

»Das ist ein schönes Haus, mein Haus. Hätten Sie nicht Lust, sich mal die Zimmer anzusehen?«

So führte er denn Keawe durch das ganze Haus, vom Keller bis auf den Dachboden hinauf, und in dem Hause war nichts, das nicht in seiner Art vollendet war, und Keawe war erstaunt.

»Gewiß«, sagte Keawe, »dies ist ein schönes Haus; wenn ich in einem solchen Haus wohnte, würde ich den ganzen Tag lachen. Wie kommt es denn nun, daß Sie immer so seufzen?«

»Es ist kein Grund vorhanden«, sagte der Mann, »warum Sie nicht ein Haus haben sollten, das in allen Dingen diesem hier ähnlich ist, und sogar noch schöner, wenn Sie wünschen. Sie haben doch wohl etwas Geld bei sich, denke ich?«

»Ich habe fünfzig Dollar«, sagte Keawe, »aber ein Haus wie dies wird mehr als fünfzig Dollar kosten.«

Der Mann dachte einen Augenblick nach, wie wenn er rechnete; dann sagte er:

»Es tut mir leid, daß Sie nicht mehr haben, denn das kann Ihnen vielleicht in der Zukunft Sorgen bereiten; aber für fünfzig Dollar sollen Sie es haben.«

»Das Haus?« fragte Keawe.

»Nein, nicht das Haus«, antwortete der Mann, »aber die Flasche; denn ich muß Ihnen sagen: Obwohl ich Ihnen so reich und glücklich erscheine, so kam all mein Glück und dieses Haus mitsamt dem Garten von ihr her, die nicht viel größer ist als eine Faust. Da ist sie.«

Und er öffnete einen Wandschrank und nahm eine rundbauchige Flasche mit einem langen Hals heraus; das Glas der Flasche war weiß wie Milch, mit schillernden Regenbogenfarben. Drinnen in der Flasche bewegte sich etwas Unbestimmtes, wie ein Schatten und ein Feuer.

»Dies ist die Flasche«, sagte der Mann; und als Keawe lachte, fuhr er fort: »Sie glauben mir nicht? Nun, dann versuchen Sie es selber mal. Sehen Sie zu, ob Sie sie zerbrechen können.«

So nahm denn Keawe die Flasche in die Hand und schmiß sie auf den Fußboden und schmiß sie immer wieder, bis er müde war; aber sie prallte von dem Fußboden ab wie ein Kinderball und blieb heil und ganz.

»Das ist ein merkwürdiges Ding«, sagte Keawe, »denn wie sie sich anfühlt und aussieht, sollte sie aus Glas sein.«

»Aus Glas ist sie«, versetzte der Mann und seufzte dabei schwerer denn je, »aber das Glas dieser Flasche wurde in den Flammen der Hölle geblasen. Ein Teufelchen wohnt darin, und das ist der Schatten, den wir da sich bewegen sehen; wenigstens denke ich mir das. Wenn irgendein Mensch diese Flasche kauft, steht ihm das Teufelchen zu Befehl; alles was er begehrt – Liebe, Ruhm, Geld, Häuser wie dieses Haus, ja sogar eine Stadt wie diese Stadt – alles ist sein, sobald er das Wort ausspricht. Napoleon hatte diese Flasche und wurde durch sie der König der Welt; aber schließlich verkaufte er sie und stürzte. Kapitän Cook hatte diese Flasche und fand dank ihr den Weg zu so vielen Inseln; aber auch er verkaufte sie und wurde auf Hawaii erschlagen. Denn sobald sie verkauft ist, entschwindet die Macht des früheren Besitzers und der Beistand des Teufels: und wenn einer nicht mir dem zufrieden ist, was er hat, wird es ihm übel ergehen.«

»Und doch reden Sie selber davon, daß Sie sie verkaufen wollen?« sagte Keawe.

»Ich habe alles, was ich wünsche, und ich werde allmählich alt«, antwortete der Mann. »Ein einziges vermag das Teufelchen nicht – es kann nicht das Leben verlängern; und, es wäre nicht ehrlich, es Ihnen zu verhehlen: Mit der Flasche ist ein Übelstand verbunden; denn wenn ein Mensch stirbt, bevor er sie verkauft, muß er ewiglich in der Hölle brennen.«

»Ganz gewiß ist das ein Übelstand!« rief Keawe. »Mit dem Ding möchte ich nichts zu tun haben. Ich kann, Gott sei dank, auch ohne ein Haus fertig werden; aber eines gibt es, womit ich ganz und gar nicht fertig werden könnte, nämlich, daß ich verdammt wäre!«

»Herrje! Sie müssen nicht gleich so hastig sein!« antwortete der Mann. »Sie haben weiter nichts zu tun, als daß Sie sich der Macht des Teufelchens mit Mäßigung bedienen und die Flasche dann an irgendeinen andern verkaufen, wie ich sie jetzt Ihnen verkaufe, und dann bis an das Ende Ihrer Tage in Behaglichkeit leben.«

»Hm, ich bemerke zweierlei«, sagte Keawe. »Die ganze Zeit seufzen Sie wie eine Jungfer, die verliebt ist – das ist das eine; und das andere ist: Sie verkaufen diese Flasche sehr billig.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, warum ich seufzte: nämlich weil ich befürchte, daß meine Gesundheit schwach wird; und wie Sie selber sagten, zu sterben, um zum Teufel zu gehen, das ist für jeden Menschen was Schreckliches. Was nun das anbetrifft, daß ich die Flasche so billig verkaufe, so muß ich Ihnen erklären, daß mit der Flasche eine besondere Bedingung verknüpft ist. Vor langer Zeit, als der Teufel sie zuerst auf die Erde brachte, da war sie ungeheuer teuer. Zu allererst wurde sie an den Priester Johannes verkauft für viele Millionen Dollar; sie kann aber nur mit Verlust verkauft werden. Wenn Sie sie um denselben Preis verkaufen, den Sie dafür bezahlt haben, so kommt sie zu Ihnen zurück wie eine Taube in den Schlag. Infolgedessen ist der Preis in allen diesen Jahrhunderten fortwährend gesunken, und die Flasche ist jetzt merkwürdig billig. Ich selber kaufte sie von einem meiner großmächtigsten Nachbarn hier auf dem Hügel, der Preis, den ich dafür bezahlte, betrug nur neunzig Dollar. Ich könnte sie für neundundachtzig Dollar und neunundneunzig Cent verkaufen, aber nicht um einen Cent teurer, sonst würde das Ding zu mir zurückkommen. Nun sind zwei Mißstände dabei. Erstens: Wenn man eine so eigenartige Flasche für achtzig und soundsoviele Dollar anbietet, denken die Leute, man mache einen Scherz. Und zweitens – aber damit eilt es nicht, und ich brauche nicht näher darauf einzugehen. Nur müssen Sie dran denken, daß Sie die Flasche für gemünztes Geld verkaufen müssen.«

»Woher soll ich aber wissen, daß dies alles wahr ist?« fragte Keawe.

»Einen kleinen Versuch können Sie sofort machen«, versetzte der Mann. »Geben Sie mir Ihre fünfzig Dollar, nehmen Sie die Flasche und wünschen Sie sich Ihre fünfzig Dollar in Ihre Tasche zurück. Wenn das nicht eintrifft, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenwort, daß ich den Handel rückgängig mache und Ihnen Ihr Geld zurückzahle.«

»Sie belügen mich doch nicht?« fragte Keawe.

Und der Mann band sich mit einem großen Eid.

»Schön, soviel will ich riskieren«, sagte Keawe, »denn das kann ja weiter nichts schaden.«

Und er bezahlte dem Mann sein Geld, und der Mann übergab ihm die Flasche.

»Flaschenteufelchen!« sagte Keawe. »Ich wünsche meine fünfzig Dollar zurück!« Und richtig – kaum hatte er das Wort gesprochen, so war seine Tasche so schwer wie zuvor.

»Wahrhaftig! Das ist eine wundervolle Flasche!« rief Keawe.

»Und nun guten Morgen, mein schöner Junge, und hole Sie der Teufel statt meiner!« sagte der Mann.

»Halt!« rief Keawe. »Ich will von diesem Unsinn nichts mehr wissen. Hier – nehmen Sie Ihre Flasche zurück!«

»Sie haben sie für weniger gekauft, als ich dafür bezahlt hatte«, antwortete der Mann und rieb sich die Hände. »Jetzt gehört sie Ihnen, und ich für meinen Teil wünsche weiter nichts, als Ihren Rücken zu sehen.«

Und damit klingelte er nach seinem chinesischen Diener und ließ Keawe die Haustür zeigen.

Als nun Keawe auf der Straße stand, seine Flasche unter dem Arm, da begann er nachzudenken.

»Wenn dies von der Flasche alles wahr ist, habe ich vielleicht ein böses Geschäft gemacht«, dachte er, »aber vielleicht hat der Mann nur einen Spaß mit mir getrieben.«

Das erste, was er tat, war, daß er sein Geld zählte. Die Summe stimmte genau – neunundvierzig Dollar amerikanisches Geld und ein chilenischer Peso.

»Das sieht nach Wahrheit aus«, sagte Keawe zu sich selber, »nun will ich es mal an einer anderen Stelle versuchen.«

Die Straßen in jenem Stadtteil waren so rein wie ein Schiffsdeck, und obgleich es Mittag war, gingen keine Leute auf der Straße. Keawe setzte die Flasche in den Rinnstein und ging weg. Zweimal sah er sich um, und da stand jedesmal die milchweiße, rundbauchige Flasche auf der Stelle, wo er sie hingestellt hatte. Zum dritten Male sah er sich um, und dann bog er um eine Ecke; aber kaum hatte er das getan, da stieß etwas an seinen Ellbogen – und siehe da! Es war der lange Flaschenhals, der steil empor stand, und der runde Bauch der Flasche, der fest in der Tasche seiner Matrosenjacke stak.

»Und das sieht auch nach Wahrheit aus!« sagte Keawe.

Das nächste, was er nun tat, war folgendes: Er kaufte in einem Laden einen Pfropfenzieher und ging an einen einsamen Ort auf freiem Felde, draußen vor der Stadt. Und dort versuchte er, den Pfropfen herauszuziehen; aber sooft er die Schraube hineindrehte, kam sie wieder heraus, und der Kork war heil und ganz wie zuvor.

»Das ist ein neumodischer Pfropfen«, sagte Keawe; und auf einmal begann er zu zittern und zu schwitzen, denn er hatte Angst vor der Flasche.

Auf seinem Rückweg nach dem Hafen sah er einen Laden, worin ein Mann Muscheln und Keulen von den Südsee-Inseln verkaufte, dazu alte Götzenbilder, alte Münzen, chinesische und japanische Bilder und all solches Zeug, wie Seeleute es in ihren Matrosenkisten mitbringen. Und da hatte er einen Einfall. So ging er denn hinein und bot die Flasche für einhundert Dollar zum Verkauf an. Der Ladenbesitzer lachte ihn zuerst aus und bot ihm fünf. Aber allerdings – hm, es sei eine merkwürdige Flasche, solches Glas sei niemals in einer menschlichen Glashütte geblasen worden, so hübsch spielten die Farben unter dem Milchweiß, und so seltsam tanzte der Schatten in der Mitte. Nachdem er also eine Weile mit ihm gefeilscht hatte, wie diese Leute zu tun pflegen, gab der Trödler dem Keawe sechzig Silberdollar für das Ding und setzte es auf ein Bord mitten in seinem Schaufenster.

»Nu«, sagte Keawe, »ich habe also für sechzig verkauft, was ich für fünfzig kaufte – oder eigentlich noch etwas billiger, weil einer von meinen Dollars ein chilenischer war. Nun werde ich also die Wahrheit auch über einen anderen Punkt erfahren.«

So ging er denn an Bord seines Schiffes zurück, und als er seine Kiste aufmachte, da lag die Flasche – sie war also schneller gekommen als er selber.

Nun hatte Keawe an Bord einen Maat, der hieß Lopaka.

»Was fehlt dir denn«, sagte Lopaka, »daß du so in deine Kiste starrst?« Sie waren allein vorne im Schiffsraum, und Keawe ließ ihn Verschwiegenheit schwören und erzählte ihm alles.

»Das ist eine sehr sonderbare Geschichte«, sagte Lopaka, »und ich fürchte, du wirst wegen dieser Flasche in Sorgen kommen. Aber eines ist dabei sehr klar: Die Sorgen sind dir sicher, und darum solltest du auch den Profit von diesem Geschäft mitnehmen. Überlege dir, was du dir wünschen willst; gib den Befehl, und wenn der ausgeführt wird, wie du es willst, dann will ich selber die Flasche kaufen; denn ich habe den Wunsch, einen Schoner zu besitzen und zwischen den Inseln Handel zu treiben.«

»Danach steht mein Sinn nicht«, sagte Keawe, »sondern ich möchte ein schönes Haus mit Garten an der Küste von Kona haben, wo ich geboren wurde: wo die Sonne zur Tür hineinscheint, mit Blumen im Garten; Glasscheiben in den Fenstern, Bilder an der Wand, Nippsachen und schöne Decken auf den Tischen – ganz und gar so ein Haus, wie das, worin ich heute war – bloß ein Stockwerk höher und mit Balkonen rund herum wie des Königs Palast; und darin möchte ich wohnen ohne Sorge und mit meinen Freunden und Verwandten lustig sein.«

»Schön«, sagte Lopaka, »laß uns die Flasche mit nach Hawaii nehmen; und wenn alles richtig ausfällt, wie du denkst, will ich die Flasche, wie ich dir sagte, kaufen und will für mich einen Schoner verlangen.«

So machten sie es denn miteinander ab, und es dauerte nicht lange, da fuhr das Schiff nach Honolulu zurück, mit Keawe und Lopaka und der Flasche an Bord. Kaum waren sie an Land gekommen, so begegneten sie am Strande einem Freund, der sofort Keawe sein Beileid auszusprechen begann.

»Ich weiß nicht, wozu man mir Beileid aussprechen muß«, sagte Keawe.

»Ist es möglich, daß du es noch nicht gehört hast?« rief der Freund. »Dein Oheim, der gute alte Mann, ist tot, und dein Vetter, der schöne Junge, ertrank in der See.«

Keawe war sehr bekümmert, begann zu weinen und zu klagen und vergaß so ganz und gar seine Flasche. Aber Lopaka war nachdenklich, und als Keawes Schmerz sich ein bißchen gelegt hatte, sagte er auf einmal:

»Ich habe eben darüber nachgedacht – hatte nicht dein Oheim Landbesitz in Hawaii im Bezirk Kau?«

»Nein«, sagte Keawe, »nicht in Kau; die Ländereien liegen an der Bergseite – ein bißchen südlich von Hookena.«

»Diese Ländereien werden ja jetzt dein sein?« fragte Lopaka.

»Ganz gewiß werden sie das!« sagte Keawe und begann wieder um seine Verwandten zu jammern.

»Nein!« rief Lopaka. »Laß jetzt das Jammern sein! Ich habe einen Gedanken in meinem Sinn. Was meinst du, wenn dies die Flasche verursacht hätte? Denn hier ist ja der Platz fertig für dein Haus.«

»Wenn das so ist«, rief Kaewe, »dann ist das eine sehr schlimme Art, mir zu dienen, indem man meine Verwandten tötet. Aber, allerdings, es mag wohl sein; denn gerade in so einer Lage sah ich das Haus mit meines Geistes Augen.«

»Das Haus ist aber noch nicht gebaut«, sagte Lopaka.

»Nein – und wird wohl auch niemals gebaut werden!« sagte Keawe. »Denn mein Onkel hatte zwar ein bißchen Kaffee und Ava und Bananen, aber das wird nicht mehr sein, als daß ich bequem leben kann; und der Rest der Ländereien ist schwarze Lava.«

»Laß uns zum Rechtsanwalt gehen«, sagte Lopaka, »ich habe meinen Gedanken immer noch im Kopf.«

Als sie nun zu dem Rechtsanwalt kamen, da stellte es sich heraus, daß Keawes Oheim in den letzten Tagen ungeheuerlich reich geworden war, und es war ein Vermögen an barem Geld vorhanden. Da rief Lopaka:

»Und hier ist das Geld für das Haus!«

»Wenn Sie an ein neues Haus denken, das Sie bauen wollen«, sagte da der Rechtsanwalt, »hier ist die Karte eines neuen Baumeisters, von dem man große Dinge erzählt.«

»Besser und besser!« rief Lopaka. »Hier ist ja alles klipp und klar. Laß uns fortfahren, den Befehlen zu gehorchen!«

So gingen sie denn zu dem Baumeister, und der hatte Baupläne von Häusern auf seinem Tisch liegen.

»Sie wünschen etwas, das nicht so alltäglich ist«, sagte der Baumeister. »Wie gefällt Ihnen dies hier?« Und er reichte Keawe eine Zeichnung.

Als nun Keawe einen Blick auf diese Zeichnung warf, da schrie er laut auf; denn es war ganz genau das Bild von dem Hause, das er sich gedacht hatte.

»Dies Haus muß ich kriegen«, dachte er bei sich. »So wenig mir die Art und Weise gefällt, wie ich dazu komme, so muß ich es doch jetzt kriegen; es ist wohl auch ebensogut, wenn ich mit dem Bösen auch das Gute nehme.«

So sagte er denn dem Baumeister alle seine Wünsche und wie er das Haus eingerichtet haben wolle, und von den Bildern an der Wand und den Nippsachen auf den Tischen; und er fragte den Mann, für wieviel Geld er es übernehmen wollte, den ganzen Auftrag auszuführen.

Der Baumeister stellte viele Fragen, und dann nahm er eine Feder und machte eine Berechnung; und als er fertig war, nannte er genau die Summe, die Keawe geerbt hatte.

Lopaka und Keawe sahen einander an und nickten.

»Es ist ganz klar«, sagte Keawe, »daß ich dieses Haus kriegen muß, ob ich will oder nicht. Es kommt vom Teufel, und ich fürchte, ich werde wenig Gutes davon haben; und eines ist ganz gewiß: Ich werde keine Wünsche mehr äußern, solange ich noch diese Flasche habe. Aber das Haus habe ich nun einmal auf dem Buckel, und darum kann ich ebensogut mit dem Bösen auch das Gute nehmen.«

So machte er seinen Vertrag mit dem Baumeister, und sie unterzeichneten ein Papier; und Keawe und Lopaka gingen wieder zu Schiff und segelten nach Australien; denn sie hatten untereinander abgemacht, daß sie sich um den Bau gar nicht bekümmern, sondern es dem Baumeister und dem Flaschenteufel überlassen wollten, nach ihrem eigenen Gefallen dieses Haus zu bauen und auszuschmücken.

Sie hatten eine gute Reise; nur wagte die ganze Zeit über Keawe kaum ein Wort zu sagen, denn er hatte geschworen, daß er keine Wünsche mehr aussprechen und keine Dienste mehr von dem Teufelchen annehmen wollte. Als sie zurückkamen, war die Zeit herum. Der Baumeister sagte ihnen, das Haus sei fertig, und Keawe und Lopaka fuhren als Passagiere auf der ›Hall‹ nach Kona hinunter, um das Haus zu besichtigen und nachzusehen, ob alles richtig gemacht sei, wie Keawe es sich in seinem Sinn gedacht hatte.

Nun, das Haus stand am Bergabhang, so daß es vom Schiff aus gesehen werden konnte. Über ihm lief der Wald hinauf bis in die Regenwolken; unter ihm fiel die schwarze Lava in Klippen ab, in denen die Könige der alten Zeiten begraben liegen. Ein Garten blühte rund um das Haus herum mit Blumen von allen Farben; und auf der einen Seite war ein Garten mit Papaiabäumen, und auf der anderen ein Garten mit Brotbäumen, und auf der Vorderseite, nach der See zu, da war ein Schiffsmast aufgetakelt und trug eine Flagge. Das Haus war aber drei Stockwerke hoch mit großen Zimmern und breiten Balkonen vor jedem. Die Fenster waren aus Glas, und das war so ausgezeichnet, daß es so klar wie Wasser und so hell wie der Tag war. Alles mögliche Hausgerät schmückte die Zimmer. Gemälde hingen an den Wänden in goldenen Rahmen: Bilder von Schiffen und von Schlachten, von den allerschönsten Weibern und von merkwürdigen Orten; nirgendwo auf der Welt gibt es Gemälde von so hell leuchtenden Farben wie die, die Keawe in seinem Hause an der Wand hängen fand. Die Nippsachen aber waren außerordentlich schön: Uhren, die die Stunden schlugen, und Spieldosen; kleine Männchen mit nickenden Köpfen; Bücher voll von Bildern; kostbare Waffen aus allen Teilen der Welt; die elegantesten Rätselspiele, mit denen ein Mann, wenn er allein ist, sich die Zeit vertreiben kann. Und da kein Mensch in solchen Zimmern leben möchte, bloß um durch sie hindurchzugehen und sie anzugucken, so waren die Balkone so breit gemacht, daß eine ganze Stadt voller Wonne hätte darauf hausen können; und Keawe wußte nicht, welcher Balkon ihm lieber war: der auf der Rückseite, wo man die Landbrise bekam und auf die Baumgärten und die Blumenbeete sah, oder der Vorderbalkon, auf dem man den Seewind trinken und über den steilen Bergwall hinabblicken und die ›Hall‹ sehen konnte, wie sie alle Wochen einmal zwischen Hookena und den Bergen von Pili hin und her fuhr, oder die Schoner, die die Küste hinaufkreuzten, um Holz und Ava und Bananen zu holen.

Als sie nun alles besichtigt hatten, da setzten Keawe und Lopaka sich auf die Türschwelle, und Lopaka fragte:

»Nun, ist alles so, wie du es dir ausgedacht hattest?«

»Worte können es nicht aussprechen«, sagte Keawe. »Es ist besser, als ich geträumt hatte, und ich bin ganz krank vor Zufriedenheit.«

»Es ist bloß ein Ding dabei zu bedenken«, sagte Lopaka, »dies alles kann auf ganz natürliche Weise hergegangen sein, und das Flaschenteufelchen hat vielleicht gar nichts damit zu tun. Wenn ich nun die Flasche kaufte und schließlich keinen Schoner bekäme, dann hätte ich für nichts und wieder nichts meine Hand ins Feuer gesteckt, Ich gab dir allerdings mein Wort; trotzdem denke ich, du möchtest mir eine weitere Probe nicht abschlagen.«

»Ich habe geschworen, ich würde keine Gunst mehr annehmen«, sagte Keawe. »Ich sitze schon tief genug drin.«

»Es ist keine Gunst, woran ich denke«, versetzte Lopaka. »Ich möchte bloß das Teufelchen selber sehen. Dabei ist nichts zu gewinnen, und so braucht man sich auch eines solchen Wunsches nicht zu schämen; aber wenn ich ihn einmal sähe, so würde ich der ganzen Sache gewiß sein. Also tu mir doch den Gefallen und laß mich das Teufelchen sehen; sobald du es getan hast, will ich die Flasche kaufen.«

»Dabei ist bloß eins, wovor ich Furcht habe«, sagte Keawe. »Das Teufelchen mag vielleicht sehr häßlich anzusehen sein; und wenn du es einmal gesehen hättest, so könnte es dir dann sehr unerwünscht sein, die Flasche zu haben.«

»Ich bin ein Mann von Wort«, sagte Lopaka. »Und hier zwischen uns liegt das Geld.«

»Nun schön«, antwortete Keawe. »Ich bin selber neugierig. Also los: Laßt Euch mal anschauen, Herr Teufel!«

Sobald nun das gesagt war, schaute das Teufelchen aus der Flasche heraus und war gleich wieder drinnen, flink wie eine Eidechse; Keawe und Lopaka aber saßen da zu Stein erstarrt. Es war schon finstere Nacht, bevor einer von den beiden einen Gedanken fassen oder die Stimme finden konnte, ein Wort zu sprechen; und dann schob Lopaka seinem Freunde das Geld zu, nahm die Flasche und sagte:

»Ich bin ein Mann von Wort, und wenn ich das nicht wäre, dann würde ich diese Flasche nicht mit meinem Fuß anrühren. Na, ich werde meinen Schoner kriegen und dazu einen Dollar oder zwei für meine Flasche; und dann will ich diesen Teufel wieder loswerden, so schnell ich kann. Denn um dir die reine Wahrheit zu sagen: Sein Anblick hat mich ganz umgeschmissen.«

»Lopaka«, sagte Keawe, »denke nicht schlechter von mir, als du nötig hast! Ich weiß, es ist Nacht, die Wege sind schlecht und die Stelle bei den Gräbern ist ein schlimmer Ort, um in so später Stunde dran vorbeizugehen – aber ich erkläre dir: Seitdem ich das Gesichtchen gesehen habe, kann ich nicht essen oder schlafen oder beten, bis es aus meiner Nähe ist. Ich will dir eine Laterne geben und einen Korb, in den du die Flasche legen kannst – und jedes Bild oder jedes schöne Ding in meinem Hause, wonach dir der Sinn stehen mag, kannst du haben –, aber geh sofort und schlafe in Hookena bei Nahinu.«

»Keawe«, sagte Lopaka, »mancher Mann würde dies übelnehmen – zumal da ich dir einen so großen Gefallen tue, mein Wort zu halten und die Flasche zu kaufen, und besonders, da die Nacht und die Dunkelheit und der Weg an den Gräbern vorbei zehnmal so gefährlich sein müssen für einen Menschen, der solch eine Sünde auf seinem Gewissen und solch eine Flasche unter seinem Arm hat. Aber ich bin selber so fürchterlich erschrocken, ich habe nicht das Herz, dich zu tadeln. So gehe ich denn also; und ich bitte Gott, du mögest in deinem Hause glücklich sein und ich möge mit meinem Schoner Glück haben und wir mögen beide schließlich in den Himmel kommen, trotz dem Teufel in seiner Flasche.«

So ging Lopaka den Berg hinunter; und Keawe stand auf seinem Vorderbalkon und horchte auf das Klappern der Hufe und spähte nach dem Laternenschein, wie er den Bergpfad beleuchtete und das Höhlenriff, wo die Toten der alten Zeit begraben liegen; und die ganze Zeit über zitterte er und faltete die Hände und betete für seinen Freund und gab Gott Ruhm und Preis dafür, daß er selber aus dieser Not entronnen war.

Aber der nächste Tag kam herrlich leuchtend, und sein neues Haus war so köstlich anzuschauen, daß er seine Schrecken vergaß. Ein Tag folgte dem anderen, und Keawe hauste dort in beständiger Freude. Er hatte seinen Platz auf dem hinteren Balkon; dort aß und wohnte er und las die Geschichten in den Zeitungen von Honolulu; jeder aber, der vorüberging, kam herein und besah die Zimmer und die Bilder. Und der Ruhm des Hauses erscholl weit und breit: In ganz Kona nannte man es Ka-Hale Nui, das große Haus; zuweilen auch das Blanke Haus, denn Keawe hielt sich einen Chinesen, der den ganzen Tag Staub wischte und putzte; und das Glas und die Vergoldungen und die schönen Stoffe und die Gemälde leuchteten so hell wie der Morgen. Keawe selber aber konnte nicht in seine Zimmer gehen, ohne zu singen – so weit war ihm das Herz! Und wenn auf der See Schiffe vorbeisegelten, ließ er seine Flagge vom Mast wehen.

So ging die Zeit dahin, bis eines Tages Keawe auf einen Besuch nach Kailua kam, um nach seinen Freunden zu sehen. Dort wurde er wohl bewirtet; am nächsten Morgen aber verabschiedete er sich, sobald er konnte, und ritt schnell wieder heim, denn er war ungeduldig, sein schönes Haus zu sehen, und außerdem war die nächste Nacht gerade die Nacht, in der bei Kona die Toten der alten Tage umgehen; und da er bereits mit dem Teufel zu tun gehabt hatte, lag ihm um so weniger etwas daran, es mit den Toten zu tun zu kriegen. Ein bißchen über Honaunau hinaus sah er in die Ferne und bemerkte ein Weib, das am Strande badete; und sie schien ein wohlgewachsenes Mädchen zu sein, aber er dachte nicht weiter daran, Dann sah er ihr weißes Hemd flattern, als sie es anzog, und dann ihr rotes Holoku; und als er bei ihr angekommen war, da war sie mit dem Anziehen fertig geworden und war von der See heraufgekommen und stand neben der Straße in ihrem roten Holoku; sie war ganz frisch von dem Bade, und ihre Augen glänzten und waren freundlich. Kaum sah nun Keawe sie, so zog er die Zügel an und sagte zu ihr:

»Ich dachte, ich kenne jedermann in dieser Gegend; wie kommt es denn, daß ich dich nicht kenne?

»Ich bin Kokua, Kians Tochter«, sagte das Mädchen, »und bin gerade von Oahu zurückgekehrt. Wer bist du?«

»Wer ich bin, das werde ich dir in einer kleinen Weile sagen«, sagte Keawe und stieg von seinem Pferd herunter, »aber nicht jetzt. Denn ich habe einen Gedanken in meinem Sinn, und wenn du wüßtest, wer ich bin, so könntest du schon von mir gehört haben und würdest mir keine wahre Antwort geben. Aber sage mir vor allen Dingen eins: Bist du verheiratet?«

Da lachte Kokua laut und sagte:

»Du fragst aber auch! Bist du selber verheiratet?«

»Wahrhaftig, Kokua, ich bin nicht verheiratet«, antwortete Keawe, »und dachte bis zu dieser Stunde niemals daran, mich zu verheiraten. Aber hier ist die reine Wahrheit: Ich habe dich hier am Wegrand getroffen, und ich sah deine Augen, die wie die Sterne sind, und mein Herz flog dir zu, so schnell wie ein Vogel. Nun also, wenn du nichts von mir wissen willst, dann sag es, und ich will weiterreiten nach meinem Hause; aber wenn du mich nicht für schlechter hältst als irgendeinen anderen jungen Mann, dann sag auch das! Und ich will für die Nacht bei deinem Vater einkehren und will morgen mit dem guten Mann reden.« Kokua sprach kein einziges Wort, aber sie sah über das Meer hin und lachte.

»Kokua«, sagte Keawe, »wenn du nichts sagst, will ich das als gute Antwort nehmen; so laß uns zu deines Vaters Tür gehen!«

Sie ging vor ihm her, immer noch ohne zu sprechen; nur zuweilen sah sie sich um und blickte dann wieder weg, und sie hielt die Bänder ihres Hutes zwischen ihren Zähnen.

Als sie nun vor die Tür gekommen waren, da trat Kiano auf seine Veranda hinaus, rief laut und hieß Keawe mit seinem Namen willkommen. Da sah das Mädchen ihn an, denn der Ruf von dem großen Hause war auch ihr zu Ohren gekommen; und sicherlich war es eine große Versuchung. Diesen ganzen Abend waren sie sehr lustig beisammen, und das Mädchen war unter den Augen der Eltern dreist wie ein Spatz und neckte Keawe, denn sie hatte einen flinken Witz. Den nächsten Tag sprach er mit Kiano, und dann suchte er das Mädchen auf, das allein war, und sagte:

»Kokua, den ganzen Abend hast du mich geneckt, und es ist noch Zeit, mir zu sagen, ich könne gehen. Ich wollte dir nicht sagen, wer ich bin, weil ich ein so schönes Haus habe und fürchtete, du würdest zu viel an das Haus denken und zu wenig an den Mann, der dich liebt. Jetzt weißt du alles, und wenn du mich nie wiederzusehen wünschest, dann sag es nur gleich.«

»Nein«, sagte Kokua; aber diesmal lachte sie nicht, Keawe fragte aber auch nicht weiter.

So freite Keawe. Es war schnell gegangen; aber auch ein Pfeil fliegt schnell und eine Büchsenkugel noch schneller, und doch können beide das Ziel treffen. Es war schnell gegangen, aber es war auch tief gegangen, der Gedanke an Keawe erfüllte des Mädchens ganzen Sinn; sie hörte seine Stimme in der Brandung am Lavastrand; um dieses Jünglings willen, den sie nur zweimal gesehen hatte, würde sie Vater und Mutter und ihre heimatlichen Inseln verlassen. Keawe aber flog auf seinem Roß den Bergweg entlang unter der Gräberklippe, und der Klang der Hufe und Keawes Stimme, der vor Freude sang, hallten aus den Höhlen der Toten wider. Er kam zu dem Blanken Hause und sang immer noch. Er saß und aß auf dem breiten Balkon, und der Chinese wunderte sich über seinen Herrn, wie er zwischen zwei Bissen sang. Die Sonne sank in die See und die Nacht kam; und Keawe ging auf seinen Balkon bei Lampenlicht, das hoch auf den Berg hinaufschien, und der Klang seines Singens verwunderte die Menschen auf den Schiffen.

»Hier bin ich nun in meinem Haus auf der Höhe«, sagte er zu sich selber, »Besser wird wohl mein Leben nicht werden; dies ist die Höhe des Berges, und rund um mich herum neigt es sich abwärts zum Schlimmeren. Zum erstenmal will ich die Zimmer benutzen und will in meiner schönen Wanne baden mit dem heißen Wasser und dem kalten und will allein in dem Bett meines Brautgemachs schlafen.«

So bekam denn der Chinese einen Befehl und mußte aus seinem Schlaf aufstehen und den Herd heizen; und als er unten an seinem Kessel arbeitete, hörte er über sich in den erleuchteten Zimmern seinen Herrn singen und frohlocken. Als das Wasser zu kochen begann, rief der Chinese seinen Herrn; und Keawe ging in das Badezimmer; und der Chinese hörte ihn singen, als er die Marmorwanne füllte; und hörte ihn singen und wieder singen, als er sich auszog – bis plötzlich der Gesang aufhörte. Der Chinese lauschte und lauschte; er ging ins Haus hinauf, um Keawe zu fragen, ob alles recht sei, und Keawe antwortete ihm: »Ja« und hieß ihn zu Bett gehen; aber es war kein Gesang mehr in. dem Blanken Hause, und die ganze Nacht hindurch hörte der Chinese seines Herrn Schritte, wie er ruhelos auf den Balkon um das Haus herumging.

Nun, die Sache war die: Als Keawe sich auszog, um sein Bad zu nehmen, da bemerkte er auf seiner Haut einen Flecken, wie einen Moosfleck an einem Felsen, und da hörte er auf zu singen. Denn er kannte solche Flecken und wußte, daß er von der Chinesischen Krankheit befallen war.

Nun ist es sehr traurig für jeden Menschen, diese Krankheit zu haben. Und sehr traurig wäre es für jeden Menschen, ein so schönes und behagliches Haus zu verlassen, von allen seinen Freunden zu scheiden und nach der Nordküste von Molokai gehen zu müssen, zwischen den gewaltigen Felsen und der Brandung des Meeres. Aber was wollte das heißen im Vergleich zu Keawe, der seine Liebste erst gestern gesehen und sie erst an diesem Morgen gewonnen hatte und jetzt alle seine Hoffnungen in einem Augenblick zerbrechen sah wie ein Stück Glas?

Eine Weile saß er auf dem Rande der Badewanne; dann sprang er mit einem Schrei, auf und rannte hinaus, und lief auf und ab, auf und ab, immer den Balkon entlang, wie ein Verzweifelter.

»Herzlich gern könnte ich Hawaii verlassen, die Heimat meiner Vorväter«, dachte Keawe bei sich selber; »leichten Herzens könnte ich mein Haus verlassen, das hochgelegene, das vielfenstrige, hier oben auf den Bergen, mit tapferem Herzen könnte ich nach Molokai gehen, nach Kalaupapa an den Klippen, um mit den Aussätzigen zu leben und dort zu schlafen, fern von meinen Vorvätern. Aber welches Unrecht habe ich getan, welches Unglück liegt auf meiner Seele, daß ich Kokua begegnen mußte, wie sie kühl vom Seewasser in den Abend ging? Kokua, die die Seelen bezaubert! Kokua, das Licht meines Lebens! Sie darf ich niemals freien; sie darf ich nicht länger ansehen; sie darf ich nicht mehr streicheln mit meiner liebenden Hand. Und darum, um deinetwillen, o Kokua, schreie ich meine Klagen!«

Nun war Keawe ein bemerkenswerter Mann; er hätte dort oben in dem Blanken Hause jahrelang wohnen können, und kein Mensch hätte etwas davon gemerkt, daß er von der Lepra befallen war. Aber darauf gab er nichts, wenn er Kokua verlieren mußte. Und ferner – er hätte Kokua heiraten können, krank wie er war, und so manche würden das getan haben, weil sie Schweineseelen haben; aber Keawe liebte das Mädchen mannhaft, und er wollte ihr keinen Schaden tun und sie nicht in Gefahr bringen.

Ein Weilchen später, als Mitternacht vorbei war, kam ihm wieder die Flasche in den Sinn. Er ging nach der Schwelle seiner Hintertür, wo er mit Lopaka gesessen hatte und rief in sein Gedächtnis den Tag zurück, an dem der Teufel herausgeschaut hatte; und bei dem Gedanken erstarrte das Blut in seinen Adern zu Eis.

»Ein furchtbares Ding ist die Flasche«, dachte Keawe, »schrecklich ist das Teufelchen, und schrecklich ist es, Höllenflammen zu riskieren. Aber welche andere Hoffnung hab‘ ich, meine Krankheit zu heilen oder Kokua zu heiraten? Was? Habe ich dem Teufel einmal getrotzt, nur um ein Haus zu bekommen, und ich sollte ihm nicht abermals trotzen, um Kokua zu gewinnen?«

Und da erinnerte er sich, daß am nächsten Tage die ›Hall‹ auf ihrer Rückfahrt nach Honolulu vorbeikäme.

»Dahin muß ich zuerst gehen«, dachte er, »und Lopaka aufsuchen. Denn meine beste Hoffnung ist jetzt, dieselbe Flasche wiederzubekommen, die ich mit solcher Freude loswurde.«

Keinen Augenblick konnte er schlafen; der Bissen blieb ihm in der Kehle stecken beim Essen; aber er schickte einen Brief an Kiano, und um die Zeit, als der Dampfer kommen mußte, ritt er über die Gräberklippen an den Strand, Es regnete; sein Pferd ging mühsam; er blickte nach den schwarzen Öffnungen der Höhlen hinauf und beneidete die Toten, die dort schliefen und keine Sorgen mehr hatten, und er dachte daran, wie er am Tage vorher vorübergaloppiert war, und war erstaunt. So kam er denn nach Hookena hinunter, und da waren wie gewöhnlich die Bewohner der ganzen Gegend versammelt wegen des Dampfers. Unter dem Wellblechdach vor dem Kaufladen saßen sie, scherzten und erzählten die Neuigkeiten; in Keawes Brust aber war keine Lust zum Sprechen, und er saß in ihrer Mitte und sah hinaus auf den Regen, der auf die Häuser niederfiel und auf die Brandung, die gegen die Felsen schlug, und Seufzer stiegen in seiner Kehle hoch.

»Keawe vom Blanken Haus ist trübselig«, sagte einer zum andern. Jawohl, das war er, und das ist kein Wunder.

Dann kam die ›Hall‹, und das Strandboot brachte ihn an Bord. Das Achterdeck des Schiffes war voll von Weißen, die den Vulkan besucht hatten, wie es ihre Gewohnheit ist; und das Mittelschiff war voll bepackt mit Kanaken und das Vorderschiff mit wilden Ochsen von Hilo und Pferden von Kau; aber Keawe saß abgesondert von allen andern in seinem Kummer und spähte nach Kianos Haus aus. Da lag es, tief am Strand in den schwarzen Felsen und überschattet von den Kokospalmen, und dort neben der Tür war ein rotes Holoku, nicht größer als eine Fliege, und bewegte sich, geschäftig wie eine Fliege, hin und her.

»Oh! Königin meines Herzens«, rief er, »ich will meine liebe Seele wagen, dich zu gewinnen!«

Bald nachher sank die Dunkelheit hernieder, die Kajüten wurden beleuchtet, und die Weißen saßen und spielten Karten und tranken Whisky, wie es ihre Gewohnheit ist; Keawe aber ging die ganze Nacht hindurch auf dem Deck auf und ab; und den ganzen nächsten Tag, als sie im Lee von Maui oder von Molokai vorüberdampften, lief er immer noch auf und ab wie ein wildes Tier in einem Käfig.

Gegen Abend fuhren sie an Diamond Head vorüber und kamen an die Kais von Honolulu. Keawe ging vom Schiff unter die Menge und begann, nach Lopaka zu fragen. Er war anscheinend Besitzer eines Schoners geworden – keinen besseren gab es auf den Inseln! – und war auf eine Kreuzfahrt ausgesegelt, weit weg – bis Pola-Pola oder Kahiki; so konnte er also von Lopaka keine Hilfe erwarten. Da fiel Keawe ein, daß ein Freund von ihm Rechtsanwalt in der Stadt war – seinen Namen darf ich nicht nennen –, und er erkundigte sich nach ihm. Sie sagten, er sei plötzlich reich geworden und habe ein schönes neues Haus am Strande bei Waikiki; und da kam Keawe ein Gedanke, er rief einen Wagen an und fuhr nach des Anwalts Haus.

Das Haus war funkelnagelneu, die Bäume im Garten waren nicht größer als Spazierstöcke, und der Rechtsanwalt, als er kam, sah aus wie ein Mensch, der zufrieden ist.

»Womit kann ich dir dienen?« sagte der Rechtsanwalt.

»Du bist ein Freund von Lopaka«, antwortete Keawe. »Lopaka kaufte von mir ein Stück Ware, und ich dachte, du wärest vielleicht imstande, mir auf seine Spur zu helfen.«

Des Anwalts Gesicht wurde sehr finster, und er sagte:

»Ich will nicht behaupten, daß ich dich nicht verstehe, Keawe; aber dies ist eine üble Geschichte, die man lieber nicht aufrühren sollte. Ich versichere dir: Ich weiß nichts Bestimmtes, indessen habe ich eine Ahnung, und wenn du in einer gewissen Gegend anfragen würdest, so denke ich, du könntest was Neues hören.«

Und er nannte den Namen eines Mannes, den auch ich wieder besser verschweige. So ging es tagelang, und Keawe lief von einem zum anderen, fand überall neue Kleider, Pferde und Wagen, schöne neue Häuser und überall sehr zufriedene Leute, obgleich allerdings, sobald er sein Anliegen andeutete, ihre Gesichter sich verfinsterten.

»Ohne Zweifel bin ich auf der Spur«, dachte Keawe. »Diese neuen Kleider und Fuhrwerke sind lauter Gaben des Teufelchens, und diese frohen Gesichter sind die Gesichter von Menschen, die ihren Profit gehabt und sich selber vor dem verfluchten Ding in Sicherheit gebracht haben. Wenn ich bleiche Wangen sehe und Seufzen höre, dann werde ich wissen, daß ich dicht bei der Flasche bin.«

So geschah es zuletzt, daß er mit einer Empfehlung an einen Weißen in die Britanniastraße gewiesen wurde. Als er vor die Tür kam, ungefähr um die Zeit des Abendessens, waren da die üblichen Anzeichen von einem neuen Hause und neuen Garten und elektrischem Licht, das durch die Fenster strahlte; als aber der Besitzer kam, da fuhr Keawe ein Stoß von Hoffnung und Furcht durch den Leib; denn hier war ein junger Mann, weiß wie ein Leichnam und schwarz um die Augen, das Haar wüst um den Kopf, und in seinem Gesicht ein Ausdruck, wie ein Mensch ihn haben mag, der den Galgen erwartet.

»Hier ist es ganz gewiß!« dachte Keawe; und so gab er denn diesem Mann ganz unverhüllt sein Anliegen kund und sagte:

»Ich bin gekommen, um die Flasche zu kaufen.«

Bei diesem Wort taumelte der junge Weiße gegen die Wand.

»Die Flasche!« ächzte er. »Die Flasche zu kaufen!«

Dann war es, wie wenn er erstickte, er ergriff Keawe an einem Arm, zog ihn in ein Zimmer und schenkte zwei Gläser Wein ein.

»Auf Ihr wertes Wohlsein!« sagte Keawe, der zu seiner Zeit viel mit Weißen verkehrt hatte. »Ja«, fuhr er dann fort, »ich will die Flasche kaufen. Wie hoch ist jetzt der Preis?«

Auf dieses Wort hin ließ der junge Mann sein Glas aus der Hand fallen, sah Keawe an wie ein Gespenst und rief:

»Der Preis! Der Preis! Sie wissen den Preis nicht?«

»Deshalb frage ich Sie ja«, antwortete Keawe. »Aber weshalb sind Sie so bestürzt? Ist etwas nicht in Ordnung mit dem Preis?«

»Die Flasche ist seit Ihrer Zeit ein gut Teil im Wert gesunken, Herr Keawe«, sagte der junge Mann stammelnd.

»Nun schön, da werde ich um so weniger dafür zu bezahlen haben«, sagte Keawe. »Wieviel zahlten Sie dafür?«

Der junge Mann war so weiß wie ein Bettuch, als er sagte:

»Zwei Cents.«

»Was?« rief Keawe. »Zwei Cents? Dann können Sie sie ja nur für einen Cent verkaufen. Und wer sie kauft –«

Die Worte erstarben auf Keawes Zunge: Wer sie kaufte, der konnte sie niemals wieder verkaufen; die Flasche und der Flaschenteufel mußten bei ihm verbleiben, bis er starb; und wenn er starb, mußte er in die rote Höllentiefe fahren.

Der junge Mann in der Britanniastraße fiel auf seine Knie und schrie:

»Um Gottes willen, kaufen Sie sie! Sie können mein ganzes Vermögen obendrein bekommen. Ich war wahnsinnig, als ich sie zu dem Preise kaufte. Ich hatte all mein Geld in meinem Geschäft aufs Spiel gesetzt und hatte fremdes Geld unterschlagen; ich wäre sonst verloren gewesen und hätte ins Gefängnis gehen müssen.«

»Armes Geschöpf!« sagte Keawe. »Sie wagten Ihre Seele an ein so verzweifeltes Abenteuer, um der gerechten Strafe für Ihre Missetat zu entgehen; und Sie denken, ich könnte zögern, da ich es aus Liebe tue? Geben Sie mir die Flasche und Kleingeld heraus, das Sie, davon bin ich überzeugt, schon zur Hand haben. Hier ist ein Fünfcentstück.«

Es war so, wie Keawe vermutet hatte: Der junge Mann hatte das Kleingeld in einer Schublade bereitliegen; die Flasche wechselte den Besitzer, und kaum hatten Keawes Finger den Flaschenhals umspannt, so hatte er den Wunsch ausgesprochen, wieder eine reine Haut zu haben. Und richtig – als er in sein Zimmer kam und sich vor einem Spiegel nackt auszog, da war sein Leib blank und rein wie der eines neugeborenen Kindes. Und nun kam das Sonderbare. Kaum hatte er dieses Wunder gesehen, da änderte sich sein Sinn, und er machte sich gar nichts mehr aus dem Chinesenübel und wenig genug aus Kokua und hatte nur den einzigen Gedanken, daß er jetzt für Zeit und Ewigkeit dem Flaschenteufel verfallen sei und keine bessere Hoffnung habe, als ewiglich in den Flammen der Hölle zu brennen.

In weiter Ferne sah er vor seines Geistes Augen die Flammen lodern, und seine Seele schauderte zurück, und Finsternis fiel auf das Licht.

Als Keawe ein wenig zu sich kam, bemerkte er, daß es ein Abend war, an dem die Musikbande im Gasthaus spielte. Dorthin ging er, weil er Angst hatte, allein zu sein; und dort lief er unter glücklichen Gesichtern hin und her und hörte die Melodien auf und ab schweben und sah Berger den Takt schlagen, und die ganze Zeit hörte er die Flammen prasseln und sah das rote Feuer in der bodenlosen Höllentiefe brennen. Plötzlich spielte die Musik: ›Hiki – ao ao‹, das war ein Lied, das er mit Ivokua gesungen hatte, und bei diesen Klängen kam ihm der Mut wieder, und er dachte:

»Es ist nun mal geschehen, und so will ich noch einmal mit dem Bösen auch das Gute hinnehmen.«

Und so geschah es, daß er mit dem ersten Dampfer nach Hawaii zurückfuhr, und sobald es geschehen konnte, wurde er mit Kokua vermählt und brachte sie nach dem Blanken Hause am Berghang.

Nun war es so mit diesen beiden: Wenn sie beisammen waren, dann war Keawes Herz beruhigt; aber sobald er allem war, befiel ihn ein brütendes Grauen, und er hörte die Flammen prasseln und sah das rote Feuer in dem bodenlosen Höllenabgrund brennen. Das Mädchen hatte sich ihm ganz und gar zu eigen gegeben; das Herz hüpfte ihr in der Brust bei seinem Anblick, ihre Hand schlug sich in die seinige; und sie war so schön gestaltet von den Haaren auf ihrem Kopf bis herab zu den Nägeln ihrer Zehen, daß kein Mensch sie ohne Freude ansehen konnte. Sie war liebreich in ihrem Wesen. Stets wußte sie ein gutes Wort zu sagen. Voll von Gesang war sie und ging hin und her in dem Blanken Hause, das Schönste in seinen drei Stockwerken, und schmetterte ihre Lieder wie die Vögel. Keawe sah und hörte sie mit Entzücken, und dann mußte er sich beiseite schleichen und weinen und stöhnen, wenn er an den Preis dachte, den er für sie bezahlt hatte; und dann mußte er seine Augen trocknen und sein Gesicht waschen und zu ihr gehen und mit ihr auf den breiten Balkonen sitzen, in ihre Lieder einstimmen und, mit einem kranken Gemüt, auf ihre lächelnden Blicke antworten.

Es kam ein Tag, da begannen ihre Füße schwer und ihre Lieder seltener zu werden; und nun war es nicht Keawe allein, der abseits weinte, sondern jedes von ihnen beiden sonderte sich von dem anderen ab, und sie saßen auf gegenüberliegenden Balkonen, die die ganze Breite des Blanken Hauses trennte. Keawe war so in seine Verzweiflung versunken, daß er die Veränderung kaum bemerkte und nur froh darüber war, daß er mehr Stunden für sich hatte, um allein zu sitzen und über seinem Schicksal zu brüten, und daß er nicht so oft dazu verdammt war, mit einem kranken Herzen ein lächelndes Gesicht zu zeigen. Aber eines Tages, als er leise durch das Haus ging, da hörte er einen Ton wie von einem schluchzenden Kinde, und da lag Kokua mit dem Gesicht auf den Brettern des Balkons und weinte wie eine verlorene Seele.

»Du hast recht, daß du in diesem Hause weinst, Kokua«, sagte er. »Und doch wollte ich den Kopf von meinem Leibe hergeben, damit du wenigstens hättest glücklich sein können.«

»Glücklich!« rief sie. »Keawe, als du allein in deinem Blanken Hause wohntest, da war dein Name sprichwörtlich auf der Insel für einen glücklichen Mann; Lachen und Singen waren in deinem Munde, und dein Antlitz war glänzend wie der Sonnenaufgang. Dann heiratetest du die arme Kokua; und der liebe Gott weiß, was an ihr nicht recht ist – aber von dem Tage an hast du nicht mehr gelächelt. Oh, was fehlt mir? Ich dachte, ich sei hübsch, und ich wußte, daß ich ihn liebte. Was fehlt mir, daß ich diese Wolke über meinen Gatten bringe?!«

»Arme Kokua«, sagte Keawe, Er setzte sich auf den Boden neben sie und suchte ihre Hand zu fassen; aber sie riß sie weg.

»Arme Kokua!« sagte er wieder. »Mein armes Kind – mein hübsches! Und ich hatte alle diese Zeit gedacht, ich wollte dich schonen! Nun, so sollst du alles wissen; dann wirst du wenigstens Mitleid haben mit dem armen Keawe; dann wirst du begreifen, wie sehr er dich liebte in den vergangenen Tagen – daß er der Hölle trotzte, um dich zu besitzen – und wie sehr er dich immer noch liebt, der arme Verdammte, daß er noch ein Lächeln auf sein Gesicht zwingen kann, wenn er dich erblickt.« Und so erzählte er alles, vom allerersten Anfang an.

»Dies hast du um mich getan?« rief sie. »Oh – dann habe ich auch keinen Kummer mehr!«

Und sie umschlang ihn und weinte an seiner Brust.

»Ach, Kind!« sagte Keawe. »Ich aber, wenn ich an das Höllenfeuer denke, ich habe recht viel Kummer!«

»Sprechen wir nicht davon!« sagte sie. »Kein Mensch kann verloren sein, weil er Kokua liebte und sonst keinen anderen Fehler begangen hat. Ich sage dir, Keawe, ich werde dich retten, mit diesen meinen Händen, oder mit dir vereint untergehen. Was! Du liebtest mich und gabst deine Seele hin, und du denkst, ich will nicht sterben, um dafür dich zu retten?«

»Ach, Geliebte! Du möchtest hundertmal sterben – welchen Unterschied würde das machen?« rief er. »weiter nichts, als daß ich dann einsam wäre, bis die Zeit meiner Verdammnis käme!«

»Du weißt nichts!« sagte sie. »Ich wurde in einer Schule in Honolulu erzogen; ich bin kein gewöhnliches Mädchen. Und ich sage dir: Ich werde meinen Geliebten retten. Was sagtest du da von einem Cent? Die ganze Welt ist doch nicht amerikanisch? In England haben sie ja ein Geldstück, das sie einen Farthing nennen – das ist ungefähr ein halber Cent. Aber o weh!« rief sie. »Damit wird es ja kaum besser – denn der Käufer muß verloren und verdammt sein, und wir werden keinen Menschen finden, der so tapfer ist wie mein Keawe! Aber höre – da ist Frankreich! Da haben sie eine kleine Münze, die sie einen Centime nennen, und von denen gehen fünf auf einen Cent, oder so ungefähr. Besser könnte es uns nicht passen. Komm, Keawe – laß uns nach den französischen Inseln gehen; laß uns nach Tahiti gehen, so schnell uns Schiffe befördern können. Dort haben wir vier Centimes, drei Centimes, einen Centime; viermal also ist ein Verkauf und Kauf möglich; und wir sind zwei, um den Handel zu betreiben. Komm, mein Keawe! Küsse mich und jage die Sorgen weg! Kokua wird dich beschützen.«

»Gottesgabe!« rief er. »Ich kann nicht glauben, daß Gott mich dafür bestrafen will, daß ich etwas so Gutes begehrt habe! Sei es also, wie du willst; bringe mich, wohin es dir beliebt: Ich lege mein Leben und Seelenheil in deine Hände.«

In aller Frühe am nächsten Morgen war Kokua schon beim Packen. Sie nahm Keawes Kiste, die er als Matrose benutzt hatte; und zuerst legte sie die Flasche in eine Ecke; und dann packte sie ihre reichsten Kleider ein und die besten Schmucksachen, die sie im Hause hatten. »Denn«, sagte sie, »wir müssen wie reiche Leute aussehen – wer würde sonst an die Flasche glauben?«

Und während der ganzen Zeit, da sie packte, war sie so lustig wie ein Vogel; nur wenn sie Keawe ansah, dann stürzten ihr die Tränen in die Augen und sie mußte hinlaufen und ihn küssen. Keawe aber war eine Last von seiner Seele los; jetzt, da er sein Geheimnis mit einem anderen Menschen teilte und Hoffnung vor sich sah, da schien er ein neuer Mensch geworden zu sein; seine Füße traten leicht auf die Erde, und das Atmen war ihm wieder eine Wonne. Aber immer noch lauerte Grauen an seinen Ellbogen; immer und immer wieder, wie der Wind eine Kerze ausbläst, starb in ihm die Hoffnung, und er sah die Flammen züngeln und die rote Glut in der Hölle brennen.

Sie verbreiteten in der Gegend das Gerücht, daß sie eine Vergnügungsreise nach den Staaten machten; das kam den Leuten sonderbar vor und war doch nicht so sonderbar wie die Wahrheit, wenn einer hätte die erraten können! So fuhren sie denn nach Honolulu mit der ›Hall‹ und von da auf der ›Umatilla‹ nach San Franzisko mit einem Haufen weißer Leute, und in San Franzisko machten sie die Überfahrt auf der Postbrigantine ›Tropic Bird‹ nach Papeete, dem Hauptort der Franzosen auf den Südsee-Inseln. Dort kamen sie nach einer angenehmen Reise an einem schönen Tage an und sahen das Riff mit der schäumenden Brandung, und Motuiti mit seinen Palmen, und den Schoner, der auf der Reede lag, und die weißen Häuser der Stadt unten am Strande entlang unter grünen Bäumen, und in der Höhe die Berge und die Wolken von Tahiti, der Insel der Weißen.

Und die Leute sagten ihnen, das weiseste sei, ein Haus zu mieten. Das taten sie auch und nahmen eins gegenüber dem britischen Konsulat, gaben auf protzige Weise viel Geld aus und taten sich hervor mit schönen Wagen und Pferden. Dies konnten sie sich leisten, solange sie die Flasche in ihrem Besitz hatten. Denn Kokua war kühner als Keawe und verlangte, sooft sie Lust hatte, von dem Teufelchen zwanzig oder auch hundert Dollar. So wurden sie denn bald in der Stadt viel bemerkt; und die Fremden von Hawaii, ihr Reiten und ihr Fahren, Kokuas schöne Holokus und kostbare Spitzen wurden das Stadtgespräch.

Mit der Sprache von Tahiti wurden sie nach dem allerersten Anfang ganz gut fertig; sie ähnelt in der Tat dem Hawaiischen, nur daß gewisse Buchstaben anders sind; und sobald sie sich einigermaßen gewandt ausdrücken konnten, begannen sie sich um den Verkauf der Flasche zu bemühen. Nun muß man bedenken, daß das nicht so leicht zu machen war; es war nicht so einfach, Leute dahin zu bringen, daß sie es für ernst hielten, wenn man sich erbot, für vier Centimes ihnen die Quelle von Wohlergehen und unerschöpflichem Reichtum zu verkaufen. Außerdem war es notwendig, die Gefahren der Flasche deutlich zu nennen. So kam es denn, daß einige überhaupt nicht an die ganze Geschichte glaubten und sie auslachten, andere aber um so mehr an die dunklere Seite dachten, ernste Gesichter machten und sich von Keawe und Kokua zurückzogen, als von Menschen, die mit dem Teufel zu tun hätten. Anstatt Boden zu gewinnen, begannen die beiden zu bemerken, daß man in der Stadt ihnen auswich; die Kinder liefen schreiend vor ihnen davon – für Kokua etwas Unerträgliches –, Katholiken bekreuzigten sich, wenn sie vorübergingen; und alle Menschen wichen wie auf Verabredung ihren Freundlichkeiten aus.

Da kam Niedergeschlagenheit über sie. Nach der Mühsal eines Tages saßen sie abends in ihrem neuen Hause und sprachen kein Wort miteinander, aber das Schweigen wurde dadurch gebrochen, daß Kokua plötzlich laut aufschluchzte; manchmal beteten sie miteinander; manchmal holten sie ihre Flasche hervor, stellten sie auf den Boden und saßen den ganzen Abend und sahen zu, wie der Schatten in der Mitte tanzte. Dann hatten sie Angst, zu Bett zu gehen. Eis dauerte lange, bis Schlaf zu ihnen kam, und wenn eines von ihnen eingeschlummert war und dann aufwachte, fand es das andere, wie es stumm im Finstern weinte; oder auch, das andere war aus dem Hause geflohen und aus der Nachbarschaft der Flasche, um unter den Bananen im Gärtchen auf und ab zu gehen oder im Mondschein am Strande zu wandern.

So war es eines Nachts, als Kokua erwachte. Keawe war fort. Sie fühlte im Bett nach ihm, und sein Platz war kalt. Da befiel sie Furcht, und sie richtete sich im Bett auf. Ein bißchen Mondschein drang durch die Ritzen der Läden ein, das Zimmer war hell, und sie konnte die Flasche auf dem Fußboden sehen. Draußen wehte ein starker Wind, die großen Bäume in der Allee rauschten und ächzten laut, und die abgefallenen Blätter raschelten auf der Veranda. In all diesen Geräuschen hörte Kokua einen anderen Ton; ob er von einem Tier oder von einem Menschen ausging, konnte sie kaum sagen, aber der Ton war todestraurig und schnitt ihr in die Seele. Leise stand sie auf, öffnete die Tür ein wenig und sah hinaus auf den mondhellen Garten. Da lag Keawe unter den Bananen, den Mund in den Staub gedrückt, und wie er so lag, stöhnte er.

Kokuas erster Gedanke war, hinauszulaufen und ihn zu trösten; aber ihr zweiter Gedanke hielt sie mit Macht zurück. Keawe hatte sich vor seiner Frau wie ein tapferer Mann gehalten; es geziemte ihr nicht, in der Stunde seiner Schwachheit ihn zu beschämen. Mit diesem Gedanken ging sie in das Haus zurück.

«Himmel!« sagte sie bei sich selber. »Wie gedankenlos bin ich gewesen – wie schwach! Nicht ich, sondern er schwebt in dieser ewigen Gefahr; er, nicht ich, nahm den Fluch auf seine Seele. Um meinetwillen, aus Liebe zu einem Geschöpf, das so wenig wert ist und so wenig helfen kann, sieht er jetzt die Flammen der Hölle vor sich – ja, riecht schon ihren Qualm, wie er da draußen liegt in Sturm und Mondschein. Bin ich so stumpfsinnig, daß ich bis jetzt niemals meine Pflicht geahnt habe, oder sah ich sie schon vorher und schob sie beiseite? Aber nun will ich wenigstens meine Seele in beide Hände meiner Liebe nehmen; jetzt nehme ich Abschied von den weißen Stufen zum Himmel und den wartenden Gesichtern meiner Freunde. Liebe um Liebe – und möge meine Liebe Keawes Liebe gleich sein! Seele um Seele – laß es die meinige sein, die zugrunde geht!«

Sie war ein flinkes, behendes Weib und schnell mit ihrem Anzug fertig. Sie nahm in ihre Hand das Wechselgeld – die kostbaren Centimestücke, die sie immer bereithielten; denn diese Münze ist wenig im Gebrauch, und sie hatten sich bei einer amtlichen Stelle damit versehen. Als sie draußen in der Allee war, trieb der Wind Wolken heran, und der Mond verdunkelte sich; die Stadt lag im Schlaf, und sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte, bis sie im Schatten der Bäume einen Menschen husten hörte.

»Alter Mann«, sagte Kokua, »was suchst du hier draußen in der kalten Nacht?«

Der alte Mann konnte vor Husten kaum sprechen, aber sie verstand schließlich so viel, daß er alt und arm war und fremd auf der Insel.

»Willst du mir einen Dienst erweisen?« sagte Kokua. »Als ein Fremdling dem anderen und als ein alter Mann einem jungen Weibe – willst du einer Tochter Hawaiis helfen?«

»Oho!« sagte der alte Mann. »So bist du die Hexe von den acht Inseln und suchst sogar meine arme Seele zu umstricken? Aber ich habe von dir gehört und spotte deiner sündhaften Lockung!«

»Setz dich hierher«, sagte Kokua, »und laß mich dir eine Geschichte erzählen.«

Und sie erzählte ihm die Geschichte von Keawe, vom Anfang bis zum Ende, und so schloß sie:

»Nun, ich bin seine Frau, die er mit dem Heil seiner Seele erkauft hat. Was könnte ich tun? Wenn ich selber zu ihm ginge und ihm anböte, die Flasche zu kaufen, würde er nein sagen. Aber wenn du gehst – dann wird er sie bereitwillig verkaufen. Ich will hier auf dich warten; du kaufst sie für vier Centimes, und ich kaufe sie dir für drei wieder ab. Und der Herrgott gebe einem armen Mädchen Kraft!«

»Wenn du mit falschem Herzen redest«, sagte der alte Mann, »so glaube ich, Gott würde dich auf der Stelle sterben lassen.«

»Das würde er! Verlaß dich drauf, das würde er! Ich könnte nicht verräterisch sein – Gott würde es nicht leiden.«

»Gib mir die vier Centimes und warte hier auf mich«, sagte der alte Mann.

Als nun Kokua allein auf der Straße stand, erstarrte ihre Seele. Der Wind heulte in den Bäumen, und ihr kam es vor, wie wenn es das Rauschen der Höllenflammen wäre; die Schatten schwankten im Licht der Straßenlaterne, und sie kamen ihr vor wie Hände böser Geister, die nach ihr griffen. Hätte sie die Kraft gehabt, so hätte sie weglaufen müssen, und hätte sie den Atem gehabt, so hätte sie laut schreien müssen; aber wirklich, sie konnte weder das eine noch das andere und stand und zitterte da in der Allee wie ein geängstigtes Kind.

Dann sah sie den alten Mann zurückkommen, und er hielt die Flasche in seiner Hand.

»Ich habe nach deinem Wunsch getan«, sagte er. »Als ich deinen Mann verließ, weinte er wie ein Kind; heute nacht wird er ruhig schlafen.«

Er hielt ihr die Flasche hin.

»Bevor du sie mir gibst«, sagte Kokua keuchend, »nimm das Gute mit dem Bösen – verlange von deinem Husten befreit zu werden.«

»Ich bin ein alter Mann«, erwiderte er, »und zu nahe am Tor des Grabes, um vom Teufel eine Gunst anzunehmen. Aber was ist dies? Warum nimmst du nicht die Flasche? Zögerst du?«

»Nichts von Zögern!« rief Kokua. »Ich bin nur schwach. Gönne mir einen Augenblick noch. Es ist nur meine Hand, die widerstrebt; mein Fleisch schreckt zurück vor dem verfluchten Ding. Einen Augenblick nur!«

Der alte Mann sah Kokua freundlich an; dann sagte er: »Armes Kind! Du hast Angst; deine Seele täuscht dich. Wohlan, laß mich die Flasche behalten. Ich bin alt und kann in dieser Welt nicht mehr glücklich sein, und was in der nächsten –«

»Gib sie mir!« keuchte Kokua. »Hier ist dein Geld. Denkst du, ich bin so gemein? Gib mir die Flasche.«

»Gott segne dich, Kind!« sagte der Alte.

Kokua verbarg die Flasche unter dem Holoku, sagte dem alten Mann Lebewohl und ging den Baumgang entlang, es war ihr gleichgültig, wohin. Denn alle Wege waren für sie jetzt gleich – sie führten alle in die Hölle. Manchmal ging sie, manchmal lief sie, manchmal schrie sie laut in die Nacht hinaus, manchmal lag sie im Straßenstaub und weinte. Alles, was sie von der Hölle gehört hatte, fiel ihr ein; sie sah die Flammen lodern und roch den Qualm, und ihr Fleisch verfiel auf den glühenden Kohlen.

Als es fast Morgen war, kam sie wieder zur Besinnung und ging zu ihrem Haus zurück. Es war genau, wie der alte Mann gesagt hatte: Keawe schlummerte wie ein Kind. Kokua stand da, starrte auf sein Antlitz und sagte:

»Jetzt, mein Gatte, kannst du schlafen. Wenn du erwachst, kannst du singen und lachen. Aber die arme Kokua, die nichts Böses dachte – ach! für die arme Kokua gibt es keinen Schlaf mehr, kein Singen mehr, keine Freude mehr – weder auf Erden noch im Himmel.«

Und sie legte sich in das Bett an seine Seite, und ihr Elend war so groß, daß sie augenblicklich in einen tiefen Schlaf verfiel.

Spät am Morgen weckte ihr Gatte sie auf und erzählte ihr die gute Nachricht. Er war anscheinend ganz wahnsinnig vor Entzücken, denn er achtete gar nicht auf ihren Kummer, obgleich sie diesen nur schlecht verhehlen konnte. Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken; Keawe sprach genug für beide. Sie aß keinen Bissen, aber wer hätte das bemerken sollen? Keawe leerte die ganze Schüssel. Kokua sah und hörte ihn wie etwas Sonderbares in einem Traum; zeitweise vergaß sie ihr Unglück oder zweifelte daran und legte ihre Hände auf die Stirne; daß sie selber sich verdammt wußte und dabei ihren Gatten schwatzen hörte, erschien so ungeheuerlich.

Die ganze Weile aß Keawe, plauderte, machte Pläne für ihre Rückfahrt und dankte ihr dafür, daß sie ihn gerettet habe, schmeichelte ihr und nannte sie die treue Helferin, die schließlich doch Rat gewußt habe. Er lachte über den alten Mann, der so dumm gewesen wäre, die Flasche zu kaufen.

»Er sah aus wie ein würdiger alter Mann«, sagte Keawe, »aber kein Mensch kann nach dem äußeren Schein urteilen; denn wozu wollte der alte Schuft die Flasche haben?«

»Lieber Mann«, sagte Kokua bescheiden, »seine Absicht ist vielleicht gut gewesen.«

Keawe lachte ärgerlich und rief:

»Papperlapapp! Ein alter Schuft war er, sage ich dir; und ein alter Esel dazu! Denn es war schwer genug, die Flasche für vier Centimes zu verkaufen; und für drei, das wird ganz unmöglich sein. Es ist nicht mehr Spielraum genug, das Ding beginnt schon sengerig zu riechen – brrr!« sagte er und schauderte. »Allerdings kaufte ich selber sie für einen Cent, als ich nicht wußte, daß es kleinere Münzen gebe. Ich lief wie ein Narr herum und fand keinen Käufer – du hattest mehr Glück; aber niemals wird noch einer gefunden werden – und wer die Flasche jetzt hat, der wird mit ihr zur Hölle fahren!«

»O mein Gatte!« sagte Kokua. »Ist es nicht schrecklich, sich selber durch das ewige Verderben eines anderen zu retten? Mir scheint, ich könnte darüber nicht lachen. Ich würde mich demütig fühlen. Ich würde voll Trauer sein. Ich würde für den armen Menschen beten, der die Flasche hat.«

Da wurde Keawe noch ärgerlicher, weil er die Wahrheit ihrer Worte fühlte, und er rief:

»Firlefanz! Du magst voll Trauer sein, wenn du Lust hast. Aber ein gutes Weib denkt nicht so! Wenn du überhaupt an mich dächtest, würdest du dich jetzt schämen!«

Hierauf ging er aus, und Kokua war allein.

Welche Aussicht hatte sie, die Flasche für drei Centimes zu verkaufen? Keine – das sah sie klar und deutlich. Und wenn sie auch eine Aussicht hätte – ihr Mann nahm sie ja in aller Eile mit nach einem Lande, wo es keine kleinere Münze gab als einen Cent. Und hier – an dem Morgen ihrer Selbstopferung – lief ihr Gatte von ihr weg und schalt sie aus!

Sie wollte nicht einmal versuchen, die Zeit auszunutzen, die sie noch hatte, sondern saß zu Hause. Bald holte sie die Flasche hervor und sah sie in unaussprechlicher Angst an. Bald verbarg sie sie voll Ekel an irgendeinem Ort, wo sie sie nicht sah.

Nach einer Zeit kam Keawe heim und sagte ihr, sie solle mit ihm spazierenfahren.

»Mein Gatte«, antwortete sie, »ich bin krank, mir ist nicht gut zumute. Entschuldige mich – ich kann an keine Vergnügungen denken.«

Da wurde Keawe noch zorniger. Auf sie, weil er glaubte, sie denke nur noch über das Geschick des alten Mannes nach. Auf sich selber, weil er ihr eigentlich recht gab und weil er sich schämte, so glücklich zu sein.

»Das ist deine Treue!« rief er. »Das ist deine Liebe! Dein Gatte ist gerade eben von ewigem Verderben errettet, das er nur deinetwillen auf sich nahm – und du kannst nic ht an Vergnügen denken! Kokua, du hast kein aufrichtiges Herz!«

Wütend lief er wieder weg und zog den ganzen Tag in der Stadt herum. Er traf Freunde und zechte mit ihnen; sie nahmen einen Wagen und fuhren aufs Land und zechten dort auch wieder. Die ganze Zeit über war’s Keawe unbehaglich zumute, weil er sich vergnügte, während seine Frau traurig seinem Herzen wußte, daß sie mehr im Recht war als er; und weil er das wußte, trank er um so mehr.

Nun war unter den Zechern, die mit ihm tranken, auch ein roher Mensch, ein Weißer, der früher Bootsmann auf einem Walfischfänger gewesen war, ein Landstreicher, Goldgräber, Galgenvogel, ein gemein denkender, dreckschnauziger Kerl. Er soff und freute sich, wenn er andere betrunken sah, und er drängte Keawe zum Trinken. Bald hatte die ganze Gesellschaft kein Geld mehr.

Da rief der Bootsmann: »Hör mal, du! Du bist ja reich – hast es wenigstens fortwährend gesagt. Du hast ’ne Flasche oder so ’nen Affenkram.«

»Ja«, sagte Keawe, »ich bin reich; ich will in die Stadt gehen und etwas Geld von meiner Frau holen; sie hat es in Verwahrung.«

»Das ist Unsinn, Maat«, sagte der Bootsmann, »traue niemals einem Unterrock mit den Dollars! Sie sind alle so falsch wie Wasser; halte lieber ein Auge auf sie!«

Nun, dieses Wort machte Eindruck auf Keawe; denn er war von all dem Trinken nicht mehr ganz klar im Kopf; und er dachte:

»Ich sollte mich allerdings nicht wundern, wenn sie falsch wäre! Warum wäre sie sonst so niedergeschlagen, da ich doch erlöst bin? Aber ich will ihr zeigen, daß ich nicht der Mann bin, mit mir spaßen zu lassen! Ich will sie auf frischer Tat ertappen!«

Sie gingen demgemäß nach der Stadt zurück. Keawe sagte dem Bootsmann, er solle an der Ecke, beim alten Gefängnis, auf ihn warten und ging allein die Allee hinauf bis an die Tür seines Hauses. Es war wieder Abend geworden; drinnen war Licht, aber kein Laut war zu hören, und Keawe schlich um die Ecke, öffnete sachte die Hintertür und sah hinein.

Da saß Kokua auf dem Fußboden, die Lampe neben ihr, vor ihr stand eine milchweiße Flasche mit einem runden Bauch und einem langen Hals; und Kokua sah die Flasche an und rang die Hände.

Lange Zeit stand Keawe da in der Tür und schaute. Erst war er so verblüfft, daß er nicht denken konnte; dann kam Angst über ihn, der Handel sei nicht richtig gewesen und die Flasche wieder zu ihm zurückgekommen wie damals in San Franzisko. Und da zitterten ihm die Knie, und die Dünste des Weines verflogen aus seinem Kopf wie Nebel von einem Fluß am Morgen. Und dann hatte er einen anderen Gedanken, und das war ein seltsamer, der die Wangen erglühen machte. Und er sagte zu sich selber:

»Hierüber muß ich Gewißheit haben!«

So schloß er die Tür, ging leise wieder um die Hausecke und trat dann geräuschvoll in den Garten, wie wenn er gerade eben nach Hause gekommen wäre! Und siehe da! Als er die Haustür öffnete, war keine Flasche zu sehen, Kokua saß auf einem Stuhl und fuhr empor wie ein Mensch, der aus dem Schlaf geweckt wird.

»Ich habe den ganzen Tag gezecht und bin lustig gewesen«, sagte Keawe. »Ich war mit guten Gesellen zusammen und bin bloß gekommen, mir Geld zu holen; dann geh‘ ich wieder mit ihnen zechen und jubeln.«

Dabei waren sein Gesicht und seine Stimme so erregt wie das Jüngste Gericht; aber Kokua war zu verstört, um das zu bemerken.

»Du hast recht, lieber Mann; es ist ja dein eigenes Geld«, sagte sie, und dabei zitterte ihre Stimme.

»Oh, ich tue immer recht, in allen Dingen!« sagte Keawe, und er ging stracks auf die Kiste los und nahm Geld heraus. Aber außerdem sah er in die Ecke, wo sie die Flasche aufbewahrt hatten, und da stand die Flasche.

Da schwankte vor ihm die Kiste auf dem Fußboden wie eine Meereswoge, und das Haus drehte sich um ihn wie ein Kranz von Rauch, denn er sah, daß er jetzt verloren war und daß es kein Entrinnen gab. »Es ist, wie ich befürchtete«, dachte er, »sie hat die Flasche gekauft.«

Und dann kam er wieder zu sich selber und stand auf, aber der Schweiß strömte über sein Gesicht, so dick wie Regen und so kalt wie Brunnenwasser. Und er sagte:

»Kokua, was ich dir heute sagte, paßt sich nicht für mich. Jetzt gehe ich wieder zu meinen lustigen Gesellen, um mit ihnen lustig zu sein«, und dabei lachte er gemütlich. »Das Weinglas wird mir mehr Vergnügen machen, wenn du mir verzeihst.«

Im Nu umschlang sie seine Knie, sie küßte seine Knie mit strömenden Tränen und rief:

»Oh! Ich verlangte bloß ein freundliches Wort!«

»Laß uns niemals wieder hart voneinander denken!« sagte Keawe, und schon war er zum Hause hinaus.

Nun war das Geld, das Keawe genommen hatte, nur etwas von dem Vorrat an Centimestücken, die sie gleich nach ihrer Ankunft sich besorgt hatten. Ganz gewiß hatte er keine Lust, noch zu trinken! Sein Weib hatte ihre Seele für ihn hingegeben – jetzt mußte er seine Seele für sie hingeben. Kein anderer Gedanke war auf der ganzen Welt für ihn da.

An der Ecke, beim alten Stockhaus, stand der Bootsmann und wartete auf ihn.

»Meine Frau hat die Flasche«, sagte Keawe, »und wenn du mir nicht hilfst, sie von ihr herauszukriegen, gibt’s heute abend kein Geld mehr und kein Getränk mehr.«

»Du willst doch nicht sagen, daß das mit der Flasche ernst ist?« rief der Bootsmann.

»Da ist die Laterne!« sagte Keawe. »Sehe ich aus, wie wenn ich Spaß machte?«

»Das stimmt. Du siehst so ernsthaft aus wie ein Gespenst.«

»Na also!« sagte Keawe. »Hier sind zwei Centimes; du mußt zu meiner Frau ins Haus gehen und ihr diese für die Flasche anbieten, die sie dir – wenn ich mich nicht sehr irre – augenblicklich geben wird. Bringe sie mir hierher, und ich werde sie für einen Centime wieder von dir zurückkaufen; denn das ist bei der Flasche Gesetz: daß sie stets für eine geringere Summe verkauft werden muß, als sie gekostet hat. Aber was du auch tust – sag ihr auf keinen Fall ein Wort davon, daß du von mir kommst!«

»Maat! Hast du mich auch nicht zum besten?« sagte der Bootsmann.

»Wenn ich’s täte, könnte es dir ja nichts schaden«, antwortete Keawe.

»Da hast du recht, Maat«, sagte der Bootsmann.

»Und wenn du an meinen Worten zweifelst«, fuhr Keawe fort, »so kannst du einen Versuch machen. Sobald du aus dem Haus heraus bist, wünsche dir deine Tasche voll Geld oder eine Flasche vom besten Rum oder was du magst, und du wirst sehen, was das Ding leistet.«

»Schön, Kanake!« sagte der Bootsmann. »Ich will’s versuchen; aber wenn du deinen Spaß mit nur treibst, dann treib‘ ich meinen auf deinem Buckel mit ’nem Tauende!«

So ging denn der Bootsmann die Allee hinauf, und Keawe stand und wartete. Es war beinahe dieselbe Stelle, wo Kokua die Nacht zuvor gewartet hatte; aber Keawe war fester entschlossen und schwankte nicht einen Augenblick in seinem Vorhaben; nur war seine Seele bitter vor Verzweiflung.

Es kam ihm vor, wie wenn er lange Zeit gewartet hätte, als er endlich eine Stimme in der dunklen Allee singen hörte. Er erkannte die Stimme als die des Bootsmanns, aber es war sonderbar, wie betrunken sie plötzlich klang.

Dann kam der Mann selbst in den Lichtkreis der Laterne getaumelt. Er hatte des Teufels Flasche in seinen Rock gesteckt und diesen zugeknöpft. Eine andere Flasche hielt er in der Hand, und in dem Augenblick, als er in Sicht kam, hob er sie an seinen Mund und trank.

»Du hast sie, wie ich sehe«, sagte Keawe.

»Hand vom Sack!« rief der Bootsmann und sprang zurück. »Komm mir bloß einen Schritt zu nahe und ich hau‘ dir in die Fresse! Du dachtest wohl, du könntest mich als deinen Dummen schicken, was?«

»Was meinst du!« rief Keawe.

»Was ich meine?« brüllte der Bootsmann. »Das ist ’ne verdammt gute Flasche, jawoll! Das mein‘ ich! Wie ich sie für zwei Centimes bekam, kann ich nicht begreifen. Aber ganz gewiß sollst du sie nicht für einen kriegen!«

»Du meinst, du willst sie nicht verkaufen?«

»Nä, Herr!« rief der Bootsmann. »Aber ich will dir einen Schluck von dem Rum geben, wenn du Lust hast.«

»Ich sage dir, der Mann, der die Flasche hat, fährt zur Hölle!«

»Ich denke, dahin fahre ich sowieso!« antwortete der Matrose. »Und diese Flasche ist das Beste, was ich bis jetzt auf der Welt traf, um damit zur Hölle zu fahren. Nä, Herr!« rief er noch einmal. »Das ist jetzt meine Flasche, und du kannst sehen, wo du ’ne andere herkriegst!«

»Kann dies wahr sein?« rief Keawe. »Um deinetwillen bitte ich dich dringend: Verkaufe sie mir.«

»Ach, Quatsch!« antwortete der Bootsmann. »Du dachtest, ich wäre ein Schafskopf, jetzt siehst du, daß ich keiner bin und damit basta! Wenn du keinen Schluck von dem Rum haben willst, will ich selber einen nehmen. Hier, prost! Und gute Nacht!«

So ging er denn die Allee hinunter nach der Stadt zu, und damit verschwindet die Flasche aus dieser Geschichte.

Keawe aber rannte zu Kokua, so leicht wie der Wind; und groß war ihre Freude in dieser Nacht; und groß war seitdem der Friede aller ihrer Tage im Blanken Haus.

Sechstes Kapitel


Weiland Herr von Lovat

Ein Mann erwartete uns in Prestongranges Studierzimmer, den ich schon auf den ersten Blick nicht ausstehen konnte, so wie man ein Frettchen oder einen Ohrwurm verabscheut. Er war bitter häßlich, schien jedoch ein vollkommener Gentleman und hatte ein stilles Wesen, das indes plötzlicher Attacken und heftiger Zornausbrüche fällig war, und eine leise Stimme, die, wenn es ihm paßte, schrill und drohend werden konnte. Der Staatsanwalt stellte uns auf zwanglos liebenswürdige Art vor. »Das hier, Fraser,« meinte er, »ist Mr. Balfour, von dem ich Euch erzählt habe. Mr. David, Mr. Simon Fraser, den wir früher unter einem anderen Namen kannten – aber das ist eine alte Geschichte. Mr. Fraser hat etwas mit Euch zu besprechen.« Mit diesen Worten trat er zu seinen Bücherschränken und machte sich am andern Ende des Zimmers mit einem Quartbande zu schaffen. So blieb ich allein mit dem Menschen, den ich von allen auf der Welt am wenigsten erwartet hätte. Die Art der Vorstellung ließ keinen Zweifel zu; dieser Mann konnte niemand anders sein als der verfehmte Herr von Lovat, das Haupt des großen Clans Fraser. Ich wußte, daß er sich während der Rebellion an die Spitze seiner Leute gestellt hatte; ich wußte, seines Vaters Kopf – der Kopf des alten Lords, des »grauen Fuchses vom Berge« – war jenes Verbrechens wegen auf dem Block gefallen, und das Vermögen der Familie war sequestiert und ihr Adel gelöscht. Ich konnte mir nicht denken, was er in Grants Haus zu schaffen hatte; ich kam nicht auf den Gedanken, daß man ihn an das Gericht berufen hätte, daß er seine ganze Überzeugung abgeschworen und jetzt so weit um die Gunst der Regierung buhlte, daß er sich nicht scheute, in der Appiner Mordsache als stellvertretender Staatsanwalt zu erscheinen. »Nun, Mr. Balfour,« hub er an, »was sind das für Dinge, die ich von Euch hören muß.« »Es kommt mir nicht zu, voreilig zu urteilen,« erwiderte ich, »wenn jedoch der Herr Staatsanwalt Euer Gewährsmann ist, betone ich, daß er über alles Bescheid weiß.« »Ich will Euch nur gleich sagen, daß man mich mit der Appiner Mordsache betraut hat,« fuhr er fort, »und daß ich unter Prestongrange auftreten werde; nach meinem Studium der Aussagen bei dem Vorverhör kann ich Euch versichern, Ihr seid gänzlich im Irrtum. Die Schuld Alan Brecks ist offenbar; und Eure Zeugenaussage, in der Ihr zugebt, ihn im entscheidenden Moment auf dem Hügel gesehen zu haben, wird genügen, ihn zu hängen.« »Es dürfte ziemlich schwer sein, ihn zu hängen, so lange man ihn nicht hat,« bemerkte«ich. »Und was die andern Dinge betrifft, so möchte ich Euch durchaus nicht dreinreden.«

»Der Herzog ist von allem unterrichtet«, fuhr er fort. »Ich komme soeben von Seiner Gnaden und er hat sich mir gegenüber mit dem Freimut geäußert, der einem so großen Edelmanne ziemt. Er nannte Euch bei Namen, Mr. Balfour, und erklärte im voraus seine Dankbarkeit, falls Ihr Euch von denen leiten ließet, die Euer eigenes Interesse und die Interessen Eures Vaterlandes so viel besser verstehen als Ihr selbst. Dankbarkeit ist im Munde eines solchen Mannes keine leere Phrase: experto crede. Ich nehme an, Ihr wißt einiges über meinen Namen und meinen Clan und von dem verdammenswerten Beispiel und beklagenswerten Ende meines seligen Vaters, von meinen eigenen Mißgriffen ganz zu schweigen. Nun, ich habe mit dem guten Herzog meinen Frieden gemacht; er hat sich für mich bei unserem Freunde Prestongrange verwendet, und hier sitze ich wieder fest im Sattel und trage sogar einen Teil der Verantwortung in diesem Prozeß gegen die Feinde König Georgs, der die schamlos-dreiste Kränkung seiner Majestät rächen soll.« »Ohne Zweifel eine stolze Stellung für Eures Vaters Sohn«, bemerkte ich. Er runzelte die kahlen Brauen. »Es beliebt Euch, Euch in der Ironie zu versuchen, wie ich sehe«, versetzte er. »Aber ich stehe hier auf dem mir angewiesenen Posten und tue in gutem Glauben meine Pflicht; Ihr werdet mich nicht davon abbringen. Und laßt Euch noch sagen, für einen jungen Burschen von Eurem Feuer und Eurem Ehrgeiz bedeutet ein gutes Sprungbrett mehr als zehn Jahre schwere Arbeit. Das Sprungbrett wird Euch jetzt geboten; wählt, worin Ihr gefördert werden wollt; der Herzog wird über Euch wachen wie ein zärtlicher Vater.« »Ich fürchte, mir mangelt ein wenig die Fügsamkeit eines guten Sohnes«, entgegnete ich.

»Und glaubt Ihr wirklich, junger Mann, man wird die ganze Politik eines Landes an dem Widerstand eines Tölpels von grünen Jungen scheitern lassen?« schrie er. »Man hat diesen Fall zu einem Probefall gemacht; jeder, der vorwärtskommen will, muß seine Schultern gegen das Rad stemmen. Seht mich an! Meint Ihr, ich hätte mich zum Vergnügen in die überaus verhaßte Position begeben, einen Mann gerichtlich verfolgen zu müssen, an dessen Seite ich gekämpft habe? Mir bleibt gar keine Wahl.« »Ich meine, Sir, Ihr hättet Euch der Wahl begeben, als Ihr Euch an jener höchst unnatürlichen Rebellion beteiligtet«, bemerkte ich. »Zum Glück liegt der Fall bei mir ganz anders. Ich bin ein treuer Untertan und kann dem Herzog wie auch König Georg gerade in die Augen schauen.« »Pfeift der Wind aus dem Loch!« versetzte er. »Ich versichere Euch, Ihr befindet Euch in einem verhängnisvollen Irrtum. Prestongrange war, wie er mir sagt, bisher so höflich, Eure Aussagen stillschweigend zu akzeptieren; glaubt aber deswegen nur ja nicht, daß man sie ohne jeden Verdacht hinnimmt. Ihr behauptet, unschuldig zu sein. Mein teurer junger Herr, die Tatsachen erklären Euch für das Gegenteil.« »Auf diesen Hieb war ich gefaßt«, lautete meine Antwort.

»Da ist Mungo Campbells Aussage; Eure Flucht unmittelbar nach der Tat; Euer langes Verborgensein und die nachfolgenden Heimlichkeiten – mein teurer junger Mann,« erklärte Mr. Simon, »das genügt, um einen Ochs zu hängen, geschweige denn David Balfour! Ich werde bei jenen Verhandlungen dabei sein; ich werde meine Stimme erheben, ich werde dann ganz anders reden als heute, und zwar weniger nach Eurem Geschmack, so wenig Ihr auch jetzt Gefallen daran findet! Ah, Ihr erblaßt!« rief er. »Jetzt hab ich den Schlüssel zu Eurem unverschämten Herzen. Ihr seid bleich, Euer Blick schwankt. Mr. David, Ihr seht das Grab und den Galgen aus größerer Nähe, als Ihr es Euch gedacht hattet.« »Ich gestehe, daß ich eine natürliche Schwäche spüre,« entgegnete ich. »Darin erblicke ich keine Unehre. Unehre –« wollte ich fortfahren … » Unehre harrt Euer auf dem Schafott«, unterbrach er.

»Dann würde es mir nicht anders gehen als Mylord, Eurem Vater«, erwiderte ich. »Im Gegenteil!« rief er, »Ihr habt den vollen Umfang dieser Affäre nicht erfaßt. Mein Vater litt für eine große Sache, weil er sich in die Angelegenheiten der Könige mischte, Ihr aber werdet baumeln wegen eines schmutzigen Mords an einem armen Schlucker. Eure persönliche Rolle bei dieser Affäre – die hinterlistige Rolle, den armen Teufel in ein Gespräch zu verwickeln – und Eure Komplicen, eine Rotte bettelhafter Hochländer, gereichen Euch nicht zur Ehre. Und es kann und es wird bewiesen werden, das dürft Ihr mir, der ich mich dieser Sache angenommen habe, schon glauben – es kann bewiesen werden, und es soll bewiesen werden, daß Ihr dafür bezahlt wurdet. Ich sehe schon die Bewegung, die durch den Gerichtssaal gehen wird, wenn ich erst meine Beweise beibringe. Aus diesen wird hervorgehen, daß ein junger Mann von Eurer Erziehung sich zu jener scheußlichen Tat hat verleiten lassen für einen abgetragenen alten Anzug, eine Flasche Hochlandschnaps und dreieinhalb Shilling in Kupfermünzen.« An diesen Worten war etwas Wahres, das mich traf wie ein Keulenschlag. Kleider, eine Flasche ›Usquebaugh‹ und dreieinhalb Shilling Kleingeld waren in Wahrheit alles, was Alan und ich aus Aucharn mitgenommen hatten. Ich schloß daraus, daß ein Teil von James Leuten in ihren Gefängnissen geplaudert hatte. »Ihr seht, ich weiß mehr als Ihr ahnt«, fuhr er triumphierend fort. »Und was diese Wendung der Dinge anbetrifft, mein erhabener Mr. David, so werdet Ihr doch nicht glauben, der Regierung von Großbritannien und Irland könnte es an Beweisen fehlen? Wir haben in unseren Gefängnissen Männer, die sich die Seele aus dem Leib schwören, um das zu bekräftigen, was wir ihnen in den Mund legen, oder was ich ihnen in den Mund lege, falls Euch das besser paßt. Und nun wißt Ihr, welch glorreiches Schicksal Eurer harrt, wenn Ihr den Tod wählt! Auf der einen Seite: Leben, Wein, Weiber und einen Herzog als Gönner; auf der anderen einen Strick um den Hals und einen Galgen als Wippe für Euer Gebein samt der lausigsten, dreckigsten Geschichte, die je von einem gedungenen Meuchelmörder erzählt wurde, als Erbe für Euresgleichen. Seht einmal her!« rief er mit fürchterlicher, schriller Stimme, »seht diese Papiere in meiner Tasche! Seht Euch einmal den Namen an: es ist der Name des tugendhaften David, wenn ich mich nicht irre, und die Tinte ist noch nicht einmal trocken! Erratet Ihr, was das zu bedeuten hat? Es ist Euer Haftbefehl, und es kostet mich nur ein einziges Zeichen auf dieser Glocke, um ihn auf der Stelle vollstrecken zu lassen. Und Gott sei Eurer Seele gnädig, seid Ihr erst einmal an dem Ort, der auf diesem Papiere verzeichnet steht, denn dann ist der Würfel gefallen!« Ich kann nicht leugnen, der Einblick in so viel Gemeinheit entsetzte mich und die Nähe und Schrecklichkeit der Gefahr erschütterten mich schwer. Schon einmal hatte Mr. Simon sich an meiner wechselnden Gesichtsfarbe geweidet; sicherlich war ich im Augenblick nicht röter als mein Hemd, und meine Stimme zitterte, als ich rief: »In diesem Zimmer befindet sich ein Gentleman! Ich appelliere an ihn und lege mein Leben und meinen Ruf in seine Hände!« Prestongrange schloß mit hörbarem Rucke sein Buch. »Ich sagte es Euch ja, Simon«, bemerkte er. »Ihr habt Eure Trümpfe gründlich ausgenutzt und habt das Spiel verloren. Mr. David,« fuhr er fort, »ich bitte Euch, mir zu glauben, daß die Probe, der Ihr soeben unterzogen wurdet, nicht auf meine Initiative zurückzuführen ist. Ich wollte, Ihr wüßtet, wie froh ich bin, daß Ihr sie so mit Ehren bestanden habt. Ihr habt mir ebenfalls einen Dienst damit erwiesen, wenn Ihr das im Augenblick auch nicht einzusehen vermögt. Denn, hätte unser Freund hier einen besseren Erfolg gehabt als ich vorgestern abend, man hätte ihn vielleicht für einen besseren Menschenkenner gehalten als mich; ja, es hätte den Anschein haben können, als stünden Mr. Simon und ich jeder auf dem falschen Posten. Unser Freund Simon, müßt Ihr wissen, ist ehrgeizig«, setzte er hinzu, Fraser auf die Schulter klopfend. »Aber dies Komödiespielen hat jetzt ein Ende. Mein Gefühl steht stark auf Eurer Seite, und was immer auch der Ausgang dieser unglückseligen Angelegenheit sein mag, ich werde dafür sorgen, daß Ihr mit Nachsicht behandelt werdet.« Das waren tröstende Worte, und ich sah überdies, daß zwischen den beiden Männern wenig Zuneigung, wenn nicht gar ein Funken echten Hasses bestand. Trotzdem war ganz klar: diese Szene war mit beider Zustimmung erdacht und vielleicht sogar einstudiert worden. Es war auch klar, daß meine Gegner an ihrem Entschluß, mich mit allen Mitteln auf die Probe zu stellen, festhielten, und nun, da Überredung, Schmeichelei und Drohungen versagt hatten, fragte ich mich, womit sie es wohl als Nächstes versuchen würden. Meine Augen waren noch immer feucht und meine Knie schwach von dieser letzten Quälerei; ich vermochte daher nur stammelnd meine Worte zu wiederholen: »Ich lege mein Leben und meinen Ruf in Eure Hände.« »Schon gut, schon gut,« entgegnete er, »wir müssen versuchen, sie zu retten. Inzwischen aber wollen wir zu sanfteren Methoden zurückkehren. Ihr dürft meinem Freunde hier, Mr. Simon, nichts nachtragen; er hat auch nur seine Amtspflicht erfüllt. Und selbst wenn Ihr mir, der ich sozusagen daneben stand und das Licht hielt, noch böse seid, darf ich doch nicht dulden, daß sich das bis zu den unschuldigen Mitgliedern meiner Familie erstreckt. Diesen liegt viel daran, Euch näher kennenzulernen, und ich kann nicht zugeben, daß meine Weibsen eine Enttäuschung erleben. Morgen vormittag wollen sie nach Hope Park hinaus spazieren, und ich würde es sehr passend finden, wenn Ihr ihnen dort Eure Reverenz machtet. Kommt jedoch vorher noch zu mir, für den Fall, daß ich Euch privatim etwas zu sagen habe; dann sollt Ihr unter der Obhut meiner jungen Fräulein wieder freigelassen werden; und bis dahin wiederholt mir Euer Versprechen, nicht zu schwatzen.« Ich hätte besser getan, sofort abzulehnen, doch die Wahrheit ist, ich war keines logischen Gedankens mehr fähig. Ich tat also, wie mir geheißen wurde und verabschiedete mich, ich weiß nicht wie; und als ich mich wieder auf dem Hofe befand und die Tür hinter mir geschlossen hatte, war ich froh, mich gegen die Mauer lehnen zu können, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Jenes furchtbare Nachtgespenst (wie es mich dünkte), Mr. Simon, wollte mir nicht aus dem Sinn, so wie einem mitunter eine Melodie, die man gehört hat, ständig im Kopfe herum geht. Geschichten von seinem Vater, von dessen Falschheit und wiederholten Verrätereien tauchten aus Büchern und Erzählungen vor mir auf und gesellten sich zu dem, was ich soeben am eigenen Leibe durch den Sohn erfahren hatte. Und sobald ich daran dachte, schrak ich von neuem vor der raffiniert schmutzigen Verleumdung zurück, mit der er meinen Ruf hatte kreuzigen wollen. Der Fall des Mannes am Galgen neben Leiths Walk schien sich jetzt von dem Los, das meiner wartete, kaum noch zu unterscheiden. Ein Kind um eine weniger als geringe Summe zu berauben war entschieden erbärmlich und zweier erwachsener Männer unwürdig; jedoch meine eigene Geschichte, so wie Mr. Simon sie vor Gericht darstellen wollte, schien, was schiere Gemeinheit und Feigheit anbetraf, in jeder Hinsicht eine exakte Parallele bilden zu sollen.

Die Stimmen zweier Lakaien von Prestongrange, die sich auf der Türschwelle unterhielten, brachten mich wieder zu mir selbst.

»Heda«, sagte der eine, »der Zettel hier ist sofort dem Kapitän zu überbringen.«

»Ist der Hochlandsbandit etwa wieder herbefohlen?« fragte der andere.

»Es scheint so«, entgegnete der erste. »Der Alte und Simon wollen ihn sprechen.«

»Ich glaube, Prestongrange ist verrückt geworden«, meinte der andere. »Er wird James More nächstens noch ins Bett nehmen.«

»Na, es ist weder deine noch meine Sache«, erklärte der erste.

Und sie trennten sich, der eine, um seinen Auftrag zu erledigen, der andere, um ins Haus zu gehen.

Das sah so schlimm wie nur möglich aus. Kaum war ich fort, da schickten sie schon nach James More, auf den, wie ich von vorneherein vermutet hatte, Mr. Simons Bemerkung, sie hätten Männer im Gefängnis, die zu jeder Schandtat bereit wären, um ihr Leben zu retten, abzielte. Mich überlief es kalt, und im nächsten Moment schoß mir in Erinnerung an Catriona das Blut zu Kopf. Armes Mädchen! Ihr Vater sollte einer üblen Sache wegen gehenkt werden. Was aber unverzeihlich war: er schien seine Haut durch die schändlichste, feigste und gemeinste Art des Mordes, durch einen Meineid, retten zu wollen, und um das Unglück voll zu machen: ich selbst war zu seinem Opfer ausersehen. Da begann ich rasch und ziellos drauflos zu marschieren, ohne jeden anderen Gedanken als den Wunsch nach Bewegung, Luft und freiem Himmel.

Siebentes Kapitel


Ich verstoße gegen mein Ehrenwort

Mein Weg mündete auf den »Lang Dykes«, einer ländlichen Straße, die sich längs der Höhen an der Nordseite der Stadt hinzieht. Von dort konnte ich die ganze düstere Häusermasse überblicken: die Burg auf dem steilen Felsen mit dem See zu ihren Füßen, und die weit auslaufende, sanft abfallende Linie der Türme, Giebel und rauchenden Schornsteine. Bei diesem Anblick schwoll mir das Herz in der Brust. Wie gesagt, trotz meiner Jugend war ich an Gefahr gewöhnt, jedoch Gefahren, wie sie mir heute morgen in der angeblich so sicheren Stadt gedroht hatten, erschütterten mich in ungeahnter Weise. Gefahren der Sklaverei, Gefahren des Schiffbruchs, Gefahren durch Pulver und Schwert: allen hatte ich in Ehren getrotzt; aber die Gefahr, die in der scharfen Stimme und dem feisten Gesicht Simons, des eigentlichen Herrn von Lovat, lag, brachte mich völlig außer Fassung. Ich ließ mich am Ufer des Sees an einer Stelle nieder, an der das Schilf weit in das Wasser ragte, tauchte meine Hände in das Naß und badete meine Schläfen. Hätte ich fliehen können, ohne auch den letzten Rest meiner Selbstachtung zu verlieren, ich wäre vor meinem tollkühnen Unternehmen davongelaufen. Aber (war es nun Mut oder Feigheit oder vielleicht etwas von beiden) ich entschied: die Sache ist zu weit gediehen, um einen Rückzug zu gestatten. Bisher hatte ich mich beiden Männern gegenüber behauptet; ich würde mich auch weiter behaupten, und, komme was da wolle, an meinem Wort festhalten.

Das Bewußtsein meiner eigenen Standhaftigkeit tröstete mich ein wenig, aber nicht viel. Trotz allem und allem konnte ich ein eisiges Gefühl im Herzen nicht loswerden, und das ganze Leben schien mir ein finsteres, gefährliches Geschäft. Für zwei Seelen insbesondere floß ich vor Mitleid über. Die eine war ich selbst in meiner freundlosen, bedrohlichen Lage. Die andere war das Mädchen, die Tochter James Mores. Ich kannte sie kaum, aber ich hatte sie gesehen, und mein Urteil stand fest. Ich hielt sie für ein Mädchen von reinstem Ehrgefühl, empfindlich in diesen Dingen wie ein Mann; Schande, dachte ich, würde sie töten; und im nämlichen Augenblick glaubte ich von ihrem Vater, daß er am Werke sei, sein eigenes, entehrtes Leben gegen das meinige einzuhandeln. Das schaffte eine Art Gedankenverbindung zwischen dem Mädchen und mir. Bisher war sie nur wie ein Wanderer am Wege neben mir aufgetaucht, eine flüchtige Erscheinung, die mich jedoch seltsam fesselte; jetzt entdeckte ich plötzlich nahe Bande zwischen mir und ihr als Tochter meines Blutsfeindes, ja Mörders, wie ich ihn mit Recht bezeichnen konnte. Ich überlegte, daß es doch ein recht hartes Schicksal sei, mein Lebtag um anderer Leute willen gejagt und verfolgt zu werden, ohne ein bißchen eigene Freude am Leben. Zwar hatte ich satt zu essen und ein Bett zum Schlafen, wenn meine Angelegenheiten es mir gestatteten; allein darüber hinaus wollte mein Reichtum mir nichts nützen. Sollte ich gehenkt werden, so waren meine Tage gezählt; kam es nicht dazu, und entrann ich mit heiler Haut allen diesen Gefahren, so würde ich das Leben vielleicht noch satt bekommen, ehe ich mit ihm fertig war. Plötzlich tauchte Catrionas Gesicht vor mir auf, mit leise geöffneten Lippen, wie ich es das erstemal erblickt hatte; gleichzeitig spürte ich eine Schwäche in meinem Herzen und Kraft in meinen Beinen und machte mich entschlossen auf den Weg nach Dean. Sollte ich morgen gehenkt werden – und die Möglichkeit, daß ich bereits heute nacht im Gefängnis schlafen müßte, lag auf der Hand – so wollte ich vorher wenigstens noch einmal Catriona sehen und sprechen.

Die körperliche Bewegung und der Gedanke an mein Ziel gaben mir frischen Mut, so daß ich fast heiter wurde. Im Dorfe Dean, das im Grunde eines Tales neben dem Flusse lag, erkundigte ich mich bei einem Müllerknecht nach dem Wege, und er wies mich auf einen breiten Pfad, der mich am jenseitigen Ufer bergauf nach einem sauberen Häuschen führte in einem Garten mit Apfelbäumen und weiten Rasenflächen. Mein Herz schlug heftig, als ich die Öffnung in der Gartenhecke durchschritt und fiel mir gleich darauf in die Hosen, denn plötzlich stand ich einer grimmigen, finster blickenden alten Dame gegenüber, die dort spazierenging, und die als Kopfbedeckung eine weiße Haube trug, über die ein Männerhut geschnallt war.

»Was sucht Ihr hier?« herrschte sie mich an.

Ich sagte, ich wünsche Miß Drummond zu sprechen.

»Und was habt Ihr mit Miß Drummond zu schaffen?« forschte sie. Ich erklärte, ich hätte sie vergangenen Samstag getroffen und wäre so glücklich gewesen, ihr einen kleinen Dienst zu erweisen und sei heute auf der jungen Dame persönliche Einladung hier. »Aha, der Musjö Sixpence!« rief sie mit schärfstem Hohn. »Ein schönes Geschenk, ein feiner Gentleman! Habt Ihr noch einen anderen Namen oder Titel, oder wurdet Ihr Sixpence getauft?«

Ich nannte ihr meinen Namen.

»Gott im Himmel!« rief sie. »Hat Ebenezer einen Sohn gezeugt?« »Nein, gnädige Frau«, entgegnete ich. »Ich bin der Sohn von Alexander und der Erbherr von Shaw.« »Wenn Ihr das durchfechten wollt, habt Ihr Euch ein saures Stück Arbeit vorgenommen«, bemerkte sie. »Ich sehe, Ihr kennt meinen Onkel,« entgegnete ich, »Ihr werdet Euch daher vielleicht freuen zu hören, daß die Angelegenheit bereits geregelt ist.« »Und was wollt Ihr von Miß Drummond?« fuhr sie fort. »Ich bin wegen meines halben Shillings gekommen, Madame,« sagte ich. »Ihr dürft Euch nicht wundern, wenn ich als meines Onkels Neffe ein wenig haushälterisch bin.« »So, so, Ihr habt also einen Funken von Witz«, bemerkte die alte Dame mit einigem Wohlwollen. »Ich dachte, Ihr wäret nur so ein windiger Junge – Ihr mit Eurem Sixpence und Eurem ›Glückstag‹ und Eurem ›Balwhidder zuliebe‹« – (Ich erkannte mit Befriedigung, daß Catriona sich wenigstens eines Teiles unseres Gespräches erinnert hatte.) »Aber so kommen wir nicht weiter«, fuhr sie fort. »Habe ich zu verstehen, daß Ihr auf Freiersfüßen geht?« »Die Frage ist bestimmt etwas verfrüht«, sagte ich. »Das Fräulein ist noch sehr jung, und ich leider auch. Ich habe sie erst einmal gesehen. Ich leugne nicht,« fügte ich in der Absicht hinzu, es einmal mit vollkommener Offenheit zu versuchen, »ich leugne nicht, daß sie mir, seit ich sie kennenlernte, ziemlich viel im Kopfe herumgeht. Das ist eine Sache für sich, aber es ist eine ganz andere Sache, sich festzulegen, und ich glaube, ich wäre ein Narr, wenn ich’s täte.« »Na, Ihr nehmt, wie ich sehe, kein Blatt vor den Mund«, entgegnete die alte Dame. »Das tue ich, gottlob, auch nicht! Ich war dumm genug, dieses Gauners Tochter unter meinen Schutz zu nehmen; eine schöne Sache habe ich mir da aufgehalst, aber geschehen ist geschehen, und durchführen werd ich sie, wie’s mir gefällt. Wollt Ihr mir weismachen, Mr. Balfour von Shaw, Ihr wäret bereit, James Mores Tochter zu heiraten, selbst wenn er gehenkt wird? Na also, und wo aus dem Heiraten nichts wird, wird auch nichts aus dem Hofieren und Karessieren, könnt Euch drauf verlassen. Mädchen sind schwache Geschöpfe«, setzte sie mit einem Kopfnicken hinzu, »und wenn Ihr’s mir mit meinen Runzeln auch nicht anseht, war ich selbst doch auch mal ein Mädchen, und ein hübsches obendrein.«

»Lady Allardyce«, entgegnete ich, – »ich nehme an, das ist Euer Name – Ihr scheint mir hier für beide Teile das Reden zu besorgen, und das ist kaum die rechte Art, zu einer Verständigung zu gelangen. Ihr habt da eine ziemlich empfindliche Stelle getroffen, als Ihr mich fragtet, ob ich vom Fuße des Galgens weg eine junge Dame heiraten möchte, die ich ein einziges Mal gesehen habe. Ich sagte Euch bereits, ich würde niemals so unvorsichtig sein, mich zu binden. Und doch will ich Euch gegenüber ziemlich weit gehen. Wenn ich das Mädchen weiterhin so gerne habe, wie ich es eigentlich erwarte, wird es stärkeren Mächten als ihrem Vater und dem Galgen nicht gelingen, uns auseinander zu halten. Und was meine Familie anbetrifft, so habe ich sie quasi auf der Landstraße aufgelesen, wie einen verlorenen Kupfergroschen. Ich schulde meinem Onkel weniger als nichts, und sollte ich jemals heiraten, so geschieht’s einem einzigen Menschen zu Gefallen: mir selbst.« »Dergleichen Reden habe ich gehört, noch ehe Ihr auf der Welt waret«, versetzte Mrs. Ogilvy, »und das ist vielleicht der Grund, weswegen ich so wenig davon halte. Es gibt da viele Bedenken. Dieser James More ist ein Verwandter von mir, zu meiner Schande sei’s gesagt. Aber – je besser die Familie, um so zahlreicher die Gehenkten – so war es ja von jeher in unserem armen Schottland. Und wenn es mit dem Hängen abgetan wäre! Ich für meinen Teil wäre ganz zufrieden, den James am Galgen zu sehen, dann wären wir ihn endlich los. Die Katrin ist ein recht braves Mädchen und gutherzig obendrein, die sich den lieben langen Tag von so einem abgetakelten alten Frauenzimmer wie mir die Ohren vollposaunen läßt. Aber jetzt kommt der wunde Punkt. Sie ist reinweg vernarrt in den langbeinigen, falschen, gleisnerischen Lumpen, ihren Vater, und dreidoppelt vernarrt in alles, was Gregara heißt und geächtet ist und was mit König James und derartigen Windbeuteleien zu tun hat. Und wenn Ihr glaubt, sie würde sich von Euch leiten lassen, so seid Ihr gründlich auf dem Holzwege. Ihr habt sie nur einmal gesehen –« »Einmal gesprochen, wäre richtiger«, unterbrach ich sie. »Ich sah sie heute morgen aus Prestongranges Fenster.« Ich erwähnte das so nebenbei, vermutlich, weil ich glaubte, damit Eindruck zu machen, und wurde sogleich für meine Eitelkeit bestraft. »Was soll das heißen?« rief die alte Dame mit einer plötzlichen Grimasse. »Ich glaube, des Lord Staatsanwalts Tür war der Ort, an dem Ihr einander kennenlerntet?« Ich mußte das bestätigen. »Hm«, sagte sie, und fuhr dann plötzlich scheltend fort, »ich muß Euch ja auf Euer bloßes Wort glauben, wer und was Ihr seid. Ihr behauptet, Ihr wäret Balfour von Shaw; aber was weiß ich, ob Ihr nicht des Teufels Handlanger seid. Vielleicht seid Ihr wirklich aus den angegebenen Gründen hierher gekommen, aber es ist ebenso gut möglich, daß Ihr Gott weiß was bezweckt. Ich bin Whig genug, um mich hübsch still zu verhalten und zu sorgen, daß meinen Mannsleuten nicht der Kopf auf den Schultern wackelt. Aber ich bin kein so guter Whig, daß ich mich an der Nase herumführen lasse. Und ich sage Euch deshalb rund heraus, mir ist zuviel von des Staatsanwalts Tür und von des Staatsanwalts Fenster die Rede, als daß es mir an einem Manne, der einer MacGregor nachrennt, gefallen möchte. Das könnt Ihr dem Herrn Staatsanwalt, der Euch hierherschickt, ausrichten, und meine zärtlichsten Grüße obendrein. Und ein Kußhändchen für Euch selbst, Mr. Balfour«, schloß sie und paßte die Handlung ihren Worten an; »recht gute Reise dorthin, woher Ihr kommt.« »Wenn Ihr mich für einen Spion haltet – «, begehrte ich auf, aber die Worte blieben mir im Hälse stecken. Da stand ich und blickte Mord und Tod auf die alte Dame; dann machte ich ihr eine Verbeugung und wollte mich entfernen. »Heda! Sachte! Das Bürschchen hat den Verstand verloren!« rief sie. »Euch für einen Spion halten? Für was sonst soll ich Euch denn halten – ich kenne Euch ja gar nicht. Aber ich sehe, ich habe mich geirrt, und da ich mich nicht schlagen kann, muß ich mich schon entschuldigen. Eine feine Figur würd ich mit ’nem Pallasch abgeben! Ja, ja,« fuhr sie fort, »Ihr seid in Eurer Art ein recht guter Junge und habt, scheint’s, einige ganz sympathische Laster. Aber mein teurer David Balfour, Ihr seid verdammt tölpelhaft. Das müßt Ihr noch überwinden, mein Junge; Ihr müßt ein wenig Geschmeidigkeit annehmen und lernen, etwas weniger an Euer eigenes liebes Ich zu denken. Und allmählich müßt Ihr auch dahinterkommen, daß wir Weibsleute keine Grenadiere sind. Aber so weit werdet Ihr’s niemals bringen. Ihr werdet noch auf Eurem Sterbebett so wenig von den Frauenzimmern wissen, wie ich vom Sauschneiden.« Derartige Ausdrücke war ich an einer Dame durchaus nicht gewöhnt; die einzigen beiden Damen, die ich gekannt hatte, waren Mrs. Campbell und meine Mutter gewesen, beide höchst fromme und gesittete Frauen; und mein Entsetzen muß sich wohl deutlich in meinem Gesicht gespiegelt haben, denn Mrs. Ogilvy brach plötzlich in Lachen aus. »O Gott, o Gott!« schrie sie und versuchte vergeblich, ihre Heiterkeit zu meistern, »das Schafsgesicht, das Schafsgesicht, das Ihr macht! Und Ihr wollt die Tochter eines Hochlandsräubers heiraten? Davie, mein Herzchen, ich glaube, wir müssen Euch doch verkuppeln – und wär’s nur, um die Bälger zu sehen, die dabei herauskommen. Aber es hat keinen Zweck, daß Ihr noch weiter hier herumlungert,« fuhr sie fort, »denn das junge Frauenzimmer ist nicht zu Hause und das alte Frauenzimmer dürfte für Eures Vaters Sohn nicht die passende Gesellschaft sein; abgesehen davon, daß ich außer mir selbst niemanden habe, um meinen Ruf zu hüten und mich vor den Reizen eines verführerischen Jünglings zu schützen. Kommt also ein andermal wieder, um Euren Sixpence zu holen!« rief sie mir nach, als ich schon im Gehen war. Mein Scharmützel mit dieser überraschenden und etwas erschütternden Dame hatte meinen Gedanken eine bisher fremde und gewagte Richtung gegeben. Zwei Tage lang hatte Catriona sich in all mein Denken eingedrängt; ja, sie war gleichsam dessen Hintergrund gewesen, so daß ich kaum mit mir allein zu sein vermochte, ohne in irgendeinem Winkel meines Gehirns ihr Bild zu erspähen. Jetzt jedoch war sie mir mit einem Schlage ganz nahe gerückt: ich schien sie zu berühren, sie, deren Hand ich nur ein einziges Mal berührt hatte, und mein ganzes Sein strömte ihr in einer Art glückseliger Schwäche entgegen. Wenn ich im Geiste Zukunft und Vergangenheit überblickte, erschien das Leben mir wie eine häßliche Wüste, in die die Menschen hineinmarschieren, wie Soldaten zu ihrer Pflicht; Catriona allein vermochte mir Freude zubieten. Ich wunderte mich über mich selbst, daß es mir möglich wäre, in dieser Zeit der drohenden Gefahr und Schande bei derartigen Gedanken zu verweilen, und als mir meine Jugend einfiel, schämte ich mich geradezu. Ich mußte erst meine Studien vollenden, ich mußte irgendeinen nützlichen Beruf ergreifen, ich mußte in dieser Welt, wo jeder dienen und arbeiten muß, erst meine Arbeit verrichten, ich mußte vor allem ein Mann werden und mich als Mann fühlen und erproben. Zum Glück hatte ich noch so viel Vernunft, über die Versuchung zu erröten, die jene späteren und heiligeren Pflichten für mich bedeuteten. Meine ganze Erziehung fiel hier schwer ins Gewicht; man hatte mich nicht mit Zuckerbrot gefüttert, sondern mit dem harten Brot der Wahrheit. Ich wußte, wer nicht gleichzeitig die Pflichten des Vaters erfüllen kann, taugt auch zum Gatten nicht, und für einen Jungen wie mich den Vater spielen zu wollen, war rein lächerlich.

Als ich, völlig in diese Gedanken vertieft, etwa die Hälfte des Weges zur Stadt zurückgelegt hatte, sah ich eine Gestalt auf mich zukommen, bei deren Anblick sich meine Herzensnöte noch verschärften. Mir war, als hätte ich ihr eine Welt zu sagen, ohne jedoch den Anfang finden zu können, und bei dem Gedanken an meine Verlegenheit heute morgen im Hause des Staatsanwalts, war ich überzeugt, ich würde kein Wort über die Lippen bringen. Aber in dem Moment, da sie mich erreichte, flohen auch alle meine Befürchtungen; selbst das Bewußtsein meiner geheimen Gedanken brachte mich nicht im geringsten außer Fassung, und ich fand, daß ich mich so leicht und vernünftig mit ihr unterhalten konnte wie mit Alan selbst. »O,« rief sie, »Ihr wolltet Euren Sixpence holen, habt Ihr ihn bekommen?« Ich sagte ihr, nein, aber mein Spaziergang wäre nun, da ich sie getroffen hätte, nicht umsonst gewesen. »Obwohl ich Euch heute schon einmal gesehen habe«, fügte ich hinzu und erzählte ihr, wo und wie. »Ich habe Euch nicht bemerkt«, antwortete sie. »Ich habe zwar große Augen, aber was Sehen anbelangt, gibt es deren bessere. Ich hörte nur jemanden im Hause singen.« »Das war Miß Grant,« sagte ich, »die älteste und schönste von den Töchtern.« »Sie sollen alle wunderschön sein«, meinte sie.

»Das gleiche denken sie von Euch, Miß Drummond,« entgegnete ich, »und alle stürzten ans Fenster, Euch zu sehen.«

»Wie schade, daß ich so kurzsichtig bin,« bemerkte sie, »sonst hätte ich sie auch sehen können. Und Ihr wart im Hause selber? Ihr müßt Euch bei der schönen Musik und den hübschen Damen gut unterhalten haben.« »Da irrt Ihr Euch gründlich«, erwiderte ich; »ich war so unbeholfen wie ein Seefisch auf der Berghalde. In Wahrheit tauge ich besser dazu, mit rauhen Männern als mit hübschen Damen umzugehen.« »Ich glaube wirklich, ja!« sagte sie, und wir mußten beide lachen. »Es ist doch eine seltsame Sache«, hub ich von neuem an. »Vor Euch habe ich nicht die geringste Angst, und doch wäre ich vor den Miß Grants am liebsten davongelaufen. Vor Eurer Base habe ich mich auch gefürchtet.« »O, ich glaube, vor der hat jeder Mann Angst«, rief sie. »Selbst mein Vater fürchtet sich vor ihr.« Der Name ihres Vaters ließ mich innehalten. Ich sah sie an, wie sie da an meiner Seite ging; ich stellte mir den Mann vor und das wenige, was ich von ihm wußte, sowie all das, was ich vermutete; dann verglich ich die beiden und kam mir bei meinem Schweigen wie ein Verräter vor. »Übrigens habe ich Euren Vater erst heute morgen getroffen«, sagte ich. »Wirklich?« rief sie mit so freudiger Stimme, daß sie meiner zu spotten schien. »Ihr sahet James More? Ihr habt doch nicht etwa mit ihm gesprochen?« »Auch das«, antwortete ich.

Und nun, glaube ich, nahmen die Dinge den denkbar schlechtesten Verlauf für mich – sie schenkte mir einen Blick voll tiefster Dankbarkeit. »Ich danke Euch«, sagte sie. »Ihr habt mir sehr wenig zu danken«, entgegnete ich und verstummte von neuem. Aber es schien, daß ich mich wenigstens von einem Teil der Last, die mich drückte, befreien müßte. »Ich habe sehr häßlich zu ihm gesprochen,« sagte ich, »ich konnte ihn nicht recht leiden; ich war nicht freundlich zu ihm, und er war böse auf mich.« »Ich meine, dazu hattet Ihr sehr wenig Recht, und noch viel weniger Recht, es seiner Tochter zu erzählen!« rief sie laut. »Aber wer ihn nicht liebt und ehrt, den will auch ich nicht kennen.« »Ich möchte Euch noch ein Wort sagen«, fuhr ich zitternd fort. »Vielleicht sind weder Euer Vater noch ich in der besten Laune, wenn wir uns bei Prestongrange befinden. Ich nehme an, wir haben beide gefährliche Dinge dort zu erledigen, denn es ist ein gefährliches Haus. Er tat mir außerdem leid, und ich war der erste, mich in ein Gespräch einzulassen, und ich hätte Gescheiteres tun können. Im übrigen bin ich der Ansicht, daß seine Aussichten sich bald bessern werden; Ihr sollt sehen!«

»Durch Eure Freundschaft jedenfalls nicht, das sehe ich«, entgegnete sie. »Und für Euer Mitleid läßt er Euch herzlich danken.« »Miß Drummond,« rief ich, »ich stehe ganz allein auf der Welt …« »Das wundert mich nicht«, sagte sie.

»O laßt mich reden«, flehte ich. »Ich will nur dies eine Mal reden und Euch dann, wenn Ihr’s wünscht, auf immer verlassen. Ich bin heute in der Hoffnung auf ein gutes Wort zu Euch gekommen; ich brauche es so nötig. Ich weiß, das, was ich sagte, muß Euch verletzen; ich wußte es, als ich es aussprach. Es wäre so leicht gewesen, zu heucheln und Euch zu belügen; könnt Ihr Euch nicht denken, wie groß die Versuchung war? Könnt Ihr nicht in meinem Herzen die Wahrheit leuchten sehen?« »Ich glaube, Mr. Balfour, hier ist viel Lärm um nichts«, entgegnete sie. »Ich meine, wir wollen es mit dieser Begegnung bewenden lassen und wie gesittete Menschen auseinandergehen.« »O, macht, daß wenigstens ein Mensch an mich glaubt,« bettelte ich, »ich kann es sonst nicht ertragen. Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen. Wie soll ich sonst mein furchtbares Los ertragen? Wenn gar keiner an mich glaubt, kann ich es nicht tun. Dann muß der Mann eben sterben, dann kann ich es nicht.« Sie hatte bisher hocherhobenen Hauptes vor sich hingestarrt; bei meinen Worten und dem Ton meiner Stimme jedoch blieb sie unvermittelt stehen. »Was sagt Ihr da?« fragte sie. »Wovon redet Ihr?« »Mein Zeugnis kann einen Unschuldigen retten,« fuhr ich aufgeregt fort, »und sie wollen nicht dulden, daß ich es ablege. Was würdet Ihr an meiner Stelle tun? Ihr, deren Vater in Gefahr schwebt, könnt Euch in meine Lage versetzen. Würdet Ihr die arme Seele im Stich lassen? Sie haben alle Mittel an mir versucht. Sie haben mich bestechen wollen; sie haben mir Geld und Güter angeboten. Und heute erst hat der Bluthund mir klar gemacht, wo ich in Wahrheit stehe, und was er alles tun würde, um mich zu morden und mit Schande zu überhäufen. Man will mich als des Mordes mitschuldig bezichtigen; ich soll Glenure gegen Geld und alte Kleider in ein Gespräch gelockt haben. Ich soll getötet und entehrt werden. Soll ich auf diese Weise umkommen, ich, der ich kaum noch ein Mann bin – soll es wirklich dazu kommen, daß ganz Schottland dies von mir glaubt – solltet auch Ihr das von mir glauben und mein Name nur als ewiger Fluch weiterleben – Catriona, wie kann ich es dann durchführen! Das ist unmöglich, das geht über Menschenkraft!« – Meine Worte brachen in wilder Erregung aus mir hervor, einander überstürzend; als ich innehielt, sah ich, daß sie mich erschrocken anblickte. »Glenure? Es ist der Appiner Mord!« sagte sie leise, aber auf das höchste erstaunt. Ich war vorhin umgekehrt, um sie zu begleiten, und wir befanden uns jetzt dicht vor der Höhe über dem Dorfe Dean. Bei diesen Worten versperrte ich ihr plötzlich mit der Miene eines Mannes, der den Verstand verloren hat, den Weg. »Um Gottes willen!« schrie ich, »um Gottes willen, was habe ich getan! Ich muß behext sein, so zu reden!« »Gott im Himmel, was fehlt Euch jetzt?« rief sie.

»Ich habe mein Ehrenwort gegeben«, stöhnte ich. »Ich habe mein Ehrenwort gegeben, und jetzt habe ich es gebrochen! O Catriona!« »Ich frage Euch, worum es sich handelt«, sagte sie. »Waren das die Dinge, von denen Ihr nicht sprechen durftet? Und glaubt Ihr etwa, ich hätte kein Ehrgefühl? Oder daß ich ein Mensch sei, der einen Freund verrät? Hier hebe ich meine rechte Hand hoch und schwöre Euch –«

»O, ich wußte, daß ich mich auf Euch verlassen konnte«, rief ich. »Ich dagegen – seht Ihr, das ist’s! Ich, der ich erst heute morgen ihnen trotzte und lieber einen schimpflichen Tod am Galgen erleiden wollte als Unrecht tun – ich werfe wenige Stunden später in einem ganz gewöhnlichen Gespräch auf der Landstraße meine Ehre weg! ›Das eine geht klar aus unserer Unterredung hervor,‹ sagte er, ›ich kann mich auf Euer Wort verlassen.‹ Und wo ist mein Wort jetzt? Wer würde mir jetzt noch glauben? Ihr könnt mir doch nicht mehr trauen. Ich bin ganz tief gesunken; das beste wäre, ich stürbe!« Das alles sagte ich mit weinender Stimme, doch blieben mir Tränen versagt.

»Mir tut das Herz weh um Euretwillen,« entgegnete sie, »aber Ihr seid zu gewissenhaft, glaubt mir. Ihr meint, ich könnte Euch nicht mehr trauen? Es gibt nichts auf der Welt, in welchem ich mich nicht auf Euch verlassen würde. Und diese Männer? Ich würde mir ihretwegen nicht das Herz schwer machen! Männer, die nur auf Mittel und Wege sinnen, um Euch Fallen zu stellen und Euch zu verderben! Pfui, jetzt ist nicht die Zeit, sich selbst zu erniedrigen. Blickt auf! Wißt Ihr denn nicht, daß ich Euch bewundere, wie die großen Helden aus alter Zeit? Und nur weil Ihr ein Wort zuviel einem Freunde gegenüber habt fallen lassen, macht Ihr davon so viel Aufhebens! Wir müssen es beide vergessen!«

»Catriona«, sagte ich, und blickte sie beschämt und zerknirscht an, »ist das wirklich wahr? Habt Ihr immer noch zu mir Vertrauen?«

»Wollt Ihr selbst meinen Tränen nicht glauben?« rief sie. »Ich halte mehr als die ganze Welt von Euch, David Balfour. Mögen sie Euch hängen, ich werde Euch niemals vergessen; ich will alt werden und Eurer gedenken. Ich finde es groß, so zu sterben; ich werde Euch um Euren Galgen beneiden.«

»Dabei bin ich vielleicht nur ein dummes Kind, das sich vor Gespenstern fürchtet!« sagte ich. »Vielleicht führen sie mich doch nur an der Nase herum.«

»Das muß ich jetzt erfahren«, sagte sie. »Ich muß alles hören. Der Schaden ist nun schon geschehen, und ich muß das Ganze hören.«

Ich hatte mich am Wegrand niedergelassen, und sie setzte sich jetzt neben mich. Dann erzählte ich ihr alles, was ich hier geschrieben habe, und ließ lediglich meine Gedanken über ihres Vaters Verhalten aus.

»Nun,« meinte sie, als ich geendet hatte, »Ihr seid ein Held, das ist klar; ich hätte es niemals von Euch gedacht! Und ich glaube auch, daß Ihr Euch in Gefahr befindet. Oh, Simon Fraser! Was für ein Mensch! Sich um seines Lebens willen und für schmutziges Geld in einen derartigen Handel einzulassen.« Dann gebrauchte sie eine merkwürdige Redensart, die sie liebte und die wohl ihrer Muttersprache entstammte: »Du meine Qual! Seht nur die Sonne!«

Tatsächlich ging die Sonne bereits hinter den Bergen unter.

Sie forderte mich auf, bald wiederzukommen, reichte mir die Hand und ließ mich in einem Wirbel froher Gedanken zurück. Ich zögerte noch, mich in meine Wohnung zu begeben, denn ich hatte große Angst, sofort verhaftet zu werden. Daher aß ich in einem Wirtshause zu Abend und wanderte den größeren Teil der Nacht in den Gerstenfeldern umher und fühlte mich Catriona ganz nahe, fast als trüge ich sie auf den Armen.

Achtes Kapitel


Der Bravo

Am folgenden Tage, dem 29. August, begab ich mich, wie verabredet, zum Lord Staatsanwalt, ausstaffiert mit einem neuen Rock, den ich mir nach Maß hatte anfertigen lassen.

»Aha,« sagte Prestongrange, »Ihr seht heute nobel aus; meine jungen Fräulein sollen einen eleganten Kavalier bekommen. Das rechne ich Euch hoch an, Mr. David. Ich rechne es Euch hoch an. O, wir werden uns schon noch trefflich verstehen, und Eure Nöte haben, glaube ich, auch bald ein Ende.«

»Habt Ihr Nachrichten für mich?« rief ich.

»Bessere, als Ihr erwarten dürft«, entgegnete er. »Euer Zeugnis soll nun doch entgegengenommen werden, und Ihr könnt Euch, wenn Ihr wollt, in meiner Gesellschaft nach Inverary zur Verhandlung begeben, die für den 21. proximo anberaumt ist.«

Ich war so erstaunt, daß es mir die Rede verschlug. »Inzwischen«, fuhr er fort, »muß ich Euch noch einmal dringend ans Herz legen, diskret zu sein, wenn ich Euch auch nicht direkt auffordern will, Euer Versprechen zu erneuern. Morgen soll Euer Vorverhör stattfinden; und wißt Ihr, ich meine, je weniger Ihr sonst über die Sache sprecht, desto besser für alle Teile.«

»Ich will versuchen, möglichst vorsichtig zu sein,« sagte ich. »Ich glaube, ich habe Eurer Lordschaft für diese beispiellose Gnade zu danken, und ich danke Euch auch von Herzen. Nach dem, was gestern geschah, ist dies wie der Himmel selbst. Ich kann es in Wahrheit noch nicht glauben.«

»Ah, aber Ihr müßt versuchen, es zu glauben, Ihr müßt es versuchen,« sagte er gleichsam beschwichtigend, »und ich freue mich aufrichtig, daß Ihr eine Verpflichtung Eurerseits anerkennt, denn ich glaube, Ihr werdet Euch sehr bald revanchieren können,« – er hüstelte – »ja, vielleicht sogar sofort. Die Angelegenheit hat eine ganz neue Wendung genommen. Eure Aussagen, um die wir Euch heute nicht bemühen wollen, werden zweifellos den Fall für alle, die daran interessiert sind, ändern, und das macht es für mich leichter und weniger heikel, eine Nebenfrage mit Euch zu erörtern.«

»Mylord,« unterbrach ich ihn, »verzeiht, wenn ich Euch ins Wort falle, aber wie ist das alles zustande gekommen? Die Hindernisse, die Ihr mir am Sonnabend zeigtet, schienen mir ganz unüberwindlich; wie ist dies nur möglich gewesen?«

»Mein lieber Mr. David«, entgegnete er, »es geht durchaus nicht (selbst Euch gegenüber nicht), daß ich über die Vorgänge im Rat der Regierung schwatze. Ihr müßt Euch also wohl oder übel mit der nackten Tatsache abfinden.« Dabei blickte er mich väterlich lächelnd an, während er mit einer neuen Feder spielte. Ich dachte: unmöglich lebt auch nur ein Schatten von Arglist in diesem Manne; als er jedoch ein Stück Papier hervorholte, seine Feder eintauchte und sich von neuem an mich wandte, fühlte ich mich plötzlich nicht mehr ganz so sicher und fiel instinktiv in eine Abwehrstellung.

»Es gibt da einen Punkt, auf den ich zurückkommen möchte«, begann er. »Ich habe ihn bisher absichtlich nicht berührt, aber diese Rücksicht ist jetzt überflüssig geworden. Unser Gespräch hat selbstverständlich nichts mit Eurem Verhör zu tun; das wird durch jemand anders vorgenommen werden. Es handelt sich hier lediglich um eine Sache, die mich privatim interessiert. Ihr sagt, Ihr wäret Alan Breck auf dem Hügel begegnet?«

»Jawohl, Mylord«, antwortete ich.

»Das war unmittelbar nach dem Morde?«

»Jawohl.«

»Habt Ihr mit ihm gesprochen?«

»Jawohl.«

»Ihr kanntet ihn schon früher, glaube ich?« fragte er nachlässig.

»Ich weiß nicht, weshalb Ihr das annehmt, Mylord,« erwiderte ich, »aber es ist der Fall.«

»Und wo trenntet Ihr Euch?« fragte er.

»Ich behalte mir die Antwort darauf vor,« sagte ich. »Diese Frage wird mir auch in der Verhandlung vorgelegt werden.«

»Mr. Balfour,« begann er, »wollt Ihr denn nicht begreifen, daß alles, was hier gesagt wird, ohne Präjudiz für Euch selbst ist? Ich habe Euch Leben und Ehre zugesichert, und glaubt mir, ich bin in der Lage, mein Wort zu halten. Ihr braucht daher nicht die geringste Sorge zu haben. Ihr glaubt, wie es scheint, Alan schützen zu können; dabei sprecht Ihr mir von Dankbarkeit, und Ihr schuldet sie mir (wenn Ihr es denn wissen wollt) auch wirklich. Die verschiedenartigsten Erwägungen führen alle zum gleichen Ziel; nie und nimmer werdet Ihr mir einreden, Ihr könntet uns nicht helfen, Alan Salz auf den Schwanz zu streuen, (falls Ihr das ernstlich wollt).« »Mylord,« entgegnete ich, »ich gebe Euch mein Wort, ich ahne nicht einmal, wo Alan sich befindet.« Er schwieg einen Augenblick. »Auch nicht, wie er aufzufinden ist?« forschte er. Ich saß da, wie ein Holzklotz. »Das ist also Eure Dankbarkeit, Mr. David«, bemerkte er. Wieder entstand eine Pause. »Nun,« sagte er sich erhebend, »ich habe eben kein Glück, und wir zwei spielen gegeneinander. Wir wollen nicht weiter davon reden; Ihr werdet Nachricht erhalten, wo, wann und durch wen Euer Vorverhör stattfindet. Inzwischen warten meine jungen Damen auf Euch. Sie werden es mir niemals verzeihen, wenn ich ihnen ihren Kavalier entziehe.« Den Händen dieser Grazien wurde ich also überantwortet. Ich fand sie prächtiger herausgeputzt, als ich es für möglich gehalten hätte und so schön wie einen Blumenstrauß. Als wir zur Tür hinaustraten, ereignete sich ein unbedeutender Vorfall, der mir später jedoch überaus bedeutsam erschien. Ich hörte einen Pfiff, laut und schrill wie ein Signal, und erblickte, als ich mich umschaute, den roten Schopf Neils vom Tom, des Sohnes von Duncan. Im nächsten Augenblick war er verschwunden, und auch von Catriona, die er, wie ich vermutete, begleitete, vermochte ich nicht einmal einen Schürzenzipfel zu entdecken. Meine drei Gefangenwärterinnen führten mich über Bristo nach den Brunsfield Links, von wo aus ein Pfad uns nach Hope Park brachte, einem wunderschönen Lustgarten mit Kieswegen, Bänken und Sommerhäuschen, der unter Aufsicht eines Parkwärters stand. Der Weg war ziemlich lang, und die beiden jüngeren Fräulein nahmen eine Miene vornehmer Blasiertheit an, die meine Stimmung grausam dämpfte, während die Älteste mich mitunter halb belustigt beobachtete; und obwohl ich mich heute, meiner Ansicht nach, von liebenswürdigerer Seite als gestern zeigte, kostete mich dies doch keine geringe Anstrengung. Als wir den Park erreichten, wurde ich einer Schar Gentlemen (Offizieren in Uniform und Juristen zumeist) überliefert, acht bis zehn an der Zahl, die sich um meine Schönen drängten; und ob man mich ihnen auch mit den schmeichelhaftesten Reden vorstellte, hatten sie mich im nächsten Augenblick doch scheinbar gänzlich vergessen. Junge Leute gleichen in Gesellschaft wilden Tieren: sie fallen über jeden Fremden her und bezeugen ihm ohne alle Rücksicht, ja man kann wohl sagen Menschlichkeit, ihre Verachtung. Ich bin überzeugt, unter den Affen hätte ich beide Tugenden stärker vertreten gefunden. Von den Juristen gaben einige sich die größte Mühe, als Schöngeister zu erscheinen, während etliche Militärs die reinsten Klappern waren; welches von diesen beiden Extremen mich mehr ennuyierte, vermochte ich nicht zu sagen. Alle hatten eine gewisse Art, ihre Degen und Rockschöße zu adjustieren, derentwegen ich sie (aus schierem Neid) am liebsten aus dem Park hinausgeworfen hätte. Wahrscheinlich mißgönnten sie mir dafür gründlichst die reizende Begleitung, in der ich hierhergekommen war; und, alles in allem, zog ich mich sehr bald steifbeinig von all der Lustbarkeit in die Gesellschaft meiner Gedanken zurück. Diesen wurde ich durch einen der Offiziere, Leutnant Hektor Duncansby, einem ungeschlachten, schielenden Hochlandslümmel, entrissen, der mich fragte, ob mein Name nicht »Palfour« sei.

Ich bestätigte das nicht allzu liebenswürdig, denn sein Benehmen war kaum höflich zu nennen. »Ha, Palfour,« sagte er, und wiederholte: »Palfour, Palfour!« »Ich fürchte, Sir, mein Name mißfällt Euch,« sagte ich, und ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich über diesen Bauern ärgern konnte.

»Nein,« sagte er, »Ich tachte nur kerate nach.«

»Ich möchte Euch nicht raten, das zu einer Gewohnheit zu machen«, bemerkte ich. »Ich bin überzeugt, es würde Euch schlecht bekommen.« »Hapt Ihr schon gehört, wo Alan Krigor tie Feuerzange fand?« erkundigte er sich.

Ich fragte ihn, was in aller Welt er meine, und er antwortete mit herausforderndem Lachen, er dächte, ich müßte an der gleichen Stelle den Schürhaken gefunden und verschluckt haben. Die Bedeutung dieser Bemerkung war klar, und meine Wange fing an zu brennen.

»Ehe ich herumginge, um Gentlemen zu beleidigen,« entgegnete ich, »würde ich an Eurer Stelle erst mal Englisch lernen.« Kopfnickend und zwinkernd faßte er mich am Ärmel und führte mich in aller Stille aus Hope Park hinaus. Kaum befanden wir uns außer Sichtweite der Promenaden, als sein Antlitz sich verfinsterte. »Tu vertammter Schurke von Flachländer!« schrie er und versetzte mir mit geballter Faust einen Hieb ins Gesicht.

Ich quittierte ihm mit gleicher, wenn nicht gar größerer Münze, worauf er einen Schritt zurücktrat und zeremoniell den Hut lüftete. »Kenug ter Hiepe, mein‘ ich«, sagte er. »Ich bin ter Peleitigte, tenn wer hätte je tie Unverschämtheit besessen, einen Schentleman im Tienste Seiner Majestät tes Königs zu beschuldigen, taß er nicht Kottes Englisch sprechen könnte. Wir tragen peide Tegen und tort liegt King’s Park. Wollt Ihr vorankehen oter soll ich Euch ten Weg zeigen?« Ich erwiderte seine Verbeugung, hieß ihn mich führen und folgte hinterdrein. Unterwegs hörte ich ihn etwas über des ›Königs Englisch‹ und des ›Königs Rock‹ in seinen Bart murmeln, woraus ich hätte schließen können, daß er ernstlich beleidigt wäre. Doch sein Verhalten zu Beginn unserer Auseinandersetzung strafte ihn Lügen. Es war klar, er war hierhergekommen, um mich mit Recht oder Unrecht in Händel zu verwickeln; es war klar, dies war eine neue Falle meiner Feinde, und nicht minder klar war es mir (der ich mir meiner Mängel bewußt war), daß ich in diesem Waffengange unterliegen mußte. Während wir uns der sandigen Einöde von King’s Park näherten, war ich wohl ein dutzendmal nahe daran, Fersengeld zu zahlen, so stark scheute ich mich, meine völlige Unkenntnis des Fechtens zu bekunden, und so gering war meine Lust, zu sterben oder auch nur verwundet zu werden. Doch ich überlegte mir, daß meine Widersacher, nun sie sich so weit hatten hinreißen lassen, in ihrer Bosheit vor nichts zurückschrecken würden und daß der Tod durch das Schwert, mochte er auch mit einem völligen Mangel an Grazie erfolgen, doch dem Galgen vorzuziehen wäre. Ich erwog außerdem, daß ich mich durch die unbedachte Dreistigkeit meiner Zunge und die Promptheit meiner Hiebe strafbar gemacht hätte, und daß mein Gegner mich, wenn ich ausriß, wahrscheinlich verfolgen und einholen würde, wodurch zu allem Unglück noch Schande über mich kommen mußte. So fuhr ich denn fort, hinter ihm dreinzumarschieren, nicht viel anders, als ein Verurteilter hinter seinem Henker und entschieden mit genau so wenig Hoffnung. Wir umschritten den weitläufigen Felsen und erreichten Hunters Bog. Hier, auf einer leidlich ebenen Heidefläche, zog mein Gegner vom Leder. Zeugen hatten wir keine, ausgenommen ein paar Vögel; mir blieb daher nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen und mit möglichst guter Miene in der Auslage zu stehen. Das schien aber Mr. Duncansby nicht zu genügen; er entdeckte irgendeinen Fehler in meinen Bewegungen, hielt inne, warf mir einen scharfen Blick zu und avancierte und retirierte, immer mit drohend geschwungenem Degen. Da ich derartige Manöver bei Alan nie gesehen hatte und außerdem durch die Nähe des Todes ziemlich erschüttert war, geriet ich jetzt in völlige Verwirrung und stand hilflos da, beseelt von dem Wunsch, davonzulaufen.

»Was zum Teixel fehlt Euch!« schrie der Leutnant. Im nächsten Augenblick ging er zum Angriff über, schlug mir den Degen aus der Hand und ließ ihn im Bogen durch die Luft sausen, so daß er weit drinnen im Ried zur Erde fiel. Zweimal wiederholte sich dieser Vorgang; als ich das drittemal beschämt und gedemütigt meine Waffe auflas, entdeckte ich, daß er die seinige in die Scheide gesteckt hatte und, die Hände in den Rockschößen vergraben, mit zornigem Gesicht dastand. »Ter Teixel hol Euch, wenn ich Euch anrühre!« schrie er und fragte mich erbittert, welches Recht ich eigentlich hätte, mich mit ›Schentlemen‹ zu messen, wenn ich die Schneide eines Schwerts nicht vom Rücken unterscheiden könnte.

Ich antwortete, das sei die Schuld meiner Erziehung, und ob er mir die Gerechtigkeit wolle widerfahren lassen, zu bezeugen, daß ich mich loyal benommen und ihm die geringe Satisfaktion gewährt hätte, deren ich – leider – nur fähig sei. »Tas ist tie nackte Wahrheit«, meinte er. »Ich pin selbst sehr tapfer und traufgängerisch wie ein Löwe. Aber mich so einfach vor tie Klinge zu stellen, ohne fechten zu können – mein Wort, ich prächt’s nicht fertig. Ich möchte mich auch wegen des Hieps entschultigen, obkleich ich, auf mein Wort, pehaupte, ter Eurige war ter ältere Bruter von peiten: mir prummt noch ter Schädel. Mein Wort, hätt ich gewußt, wie’s auskehen würte, ich hätte mich nicht in tie Affäre einkelassen.« »Eine großzügige Erklärung,« entgegnete ich, »auch ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch ein zweites Mal nicht dazu hergeben, für meine persönlichen Feinde die Kastanien aus dem Feuer zu holen.«

»Wahrhaftig nicht, Palfour«, beteuerte er. »Hol mich ter Teixel, wenn ich nicht ter Meinung pin, taß man auch mir vertammt schlecht mitkespielt hat! Mich einem alten Weipe – parton – einem Unmüntigen kegenüber zu stellen! Ich wert’s tem Paron aper eintränken! Pei Kott, ich wert ihn selbst vor die Klinge zwingen!« »Wüßtet Ihr erst die Art von Monsieur Simons Handel mit mir,« bemerkte ich, »Ihr fühltet Euch um so mehr beleidigt, in derartige Affären hineingezogen zu werden.« Er schwor, er glaube es mir gern; alle Lovats wären aus dem nämlichen Teig geknetet und der Teufel müsse das Mehl dazu gemahlen haben. Dann griff er plötzlich meine Hand und beteuerte, ich wäre doch ein recht wackerer Kerl, und es sei ein Jammer, daß man meine Erziehung vernachlässigt hätte; er würde selber dafür sorgen, daß dies nachgeholt würde, falls er Zeit dazu fände. »Ihr könnt mir einen noch größeren Dienst erweisen«, sagte ich, und fügte hinzu, als er mich nach dessen Natur gefragt hatte: »Kommt mit mir nach dem Hause eines meiner Feinde und erzählt, wie ich mich heute benommen habe. Das würde mir sehr nützen. Denn obwohl mir Mr. Simon als ersten einen ritterlichen Feind gesandt hat, plant er doch nichts als Mord und wird mir einen zweiten und einen dritten auf den Hals hetzen. Ihr habt aber selbst gesehen, wie es um meine Geschicklichkeit bestellt ist, wenn es sich um das kalte Eisen handelt, und könnt Euch das wahrscheinliche Resultat schon denken.«

»Mir würte es auch nicht kefallen, war ich so wenig Manns mit ter Klinge wie Ihr!« rief er. »Toch ich will sehen, taß Ihr zu Eurem Rechte kommt, Palfour. Geht voran!« War ich auf dem Hinweg nach dem verdammten Park geschlichen, so flog ich jetzt auf dem Rückwege. Mein Schritt fiel in den Rhythmus einer berühmten alten Weise, ehrwürdig wie die Bibel selbst, deren Worte lauten: »Tod, wo bleibt dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« Ich erinnere mich, sehr durstig gewesen zu sein und unterwegs aus dem Margaretenbrunnen getrunken zu haben, und die Süße des Wassers überstieg alle Begriffe. Wir durchquerten die heilige Stätte, passierten Canongate und betraten durch das Netherbow-Tor die innere Stadt, wo wir uns direkt nach Prestongranges Tür begaben, nachdem wir zuvor besprochen hatten, wie wir uns im einzelnen verhalten wollten. Der Lakai gab zu, daß sein Herr zu Hause sei, erklärte aber, er sei mit anderen Herren in einer streng privaten Angelegenheit beschäftigt und wünsche nicht, gestört zu werden. »Mein Geschäft dauert nur drei Minuten und duldet keinen Aufschub«, erklärte ich. »Meldet, daß es durchaus nicht privat sei; im Gegenteil, ich freue mich, einige Zeugen zu haben.«

Als der Mann sich widerwillig genug entfernte, waren wir so kühn, ihm bis in den Vorraum zu folgen, von wo aus ich einige Minuten lang das Gemurmel mehrerer Stimmen unterscheiden konnte. In Wahrheit befanden sich drei Männer nebenan am Tisch: Prestongrange, Simon Fraser und Mr. Erskine, der Sheriff von Perth, und da sie justament über die Appiner Mordaffäre berieten, waren sie über mein Erscheinen etwas beunruhigt und beschlossen, mich zu empfangen.

»Schau, schau, Mr. Balfour, was verschafft uns von neuem die Ehre, und wen bringt Ihr da mit?« fragte Prestongrange.

Fraser starrte indessen vor sich auf den Tisch.

»Der Herr hier ist gekommen, um etwas zu meinen Gunsten auszusagen, Mylord; und es liegt mir sehr am Herzen, daß Euer Lordschaft ihn persönlich anhört«, antwortete ich, mich an Duncansby wendend. »Ich möchte nur erklären,« sagte der Leutnant, »tas ich mich heute in Hunters Pog mit Palfour keschlaken hape, was ich unkemein betaure, und taß er sich so wacker verhielt, wie man es von einem Schentleman nur erwarten kann. Und ich hape kroße Hochachtung vor Palfour.«

»Ich danke Euch für Eure ehrlichen Worte«, sagte ich.

»Was geht mich das an?« fragte Prestongrange.

»Ich will es Eurer Lordschaft mit zwei Worten sagen,« erklärte ich. »Ich habe diesen Herrn, einen Offizier Seiner Majestät des Königs, mitgebracht, damit mir wenigstens in dieser Hinsicht Gerechtigkeit zuteil werde. Jetzt, glaube ich, ist meine Reputation gesichert; und bis zu einem gewissen Datum – Euer Lordschaft werden schon wissen, welches ich meine – wird es völlig vergeblich sein, weitere Offiziere gegen mich antreten zu lassen. Ich weigere mich, mir meinen Weg durch die gesamte Schloßgarnison zu erkämpfen.« Auf Prestongranges Stirn schwollen die Zornesadern, und er starrte mich wütend an. »Ich glaube, der Teufel hat mir diesen Hund von einem Jungen zwischen die Beine gehetzt!« schrie er und wandte sich dann zornentbrannt an seinen Nachbarn. »Das ist Euer Werk, Simon; ich erkenne Eure Hand in dieser Angelegenheit; und ich sage Euch, ich verdamme sie. Es ist illoyal, nachdem wir uns über einen bestimmten Weg geeinigt haben, hintenherum einen anderen einzuschlagen. Ihr handelt verräterisch an mir. Was? Ihr erlaubt, daß ich diesen Jungen mit meinen eigenen Töchtern dorthin schicke! Und nur, weil ich Euch gegenüber durchblicken lasse – Pfui, Monsieur, macht Eure schmutzigen Geschäfte alleine!« Simon war totenblaß geworden. »Ich habe es satt, zwischen Euch und dem Herzog den Puffer abzugeben«, rief er. »Einigt oder veruneinigt Euch, wie Ihr wollt, aber laßt mich aus dem Spiel. Ich will nicht mehr der Zwischenträger sein und Eure Gegenbefehle empfangen und von beiden Teilen beschimpft werden. Euch würden die Ohren klingen, wüßtet Ihr, was ich von dieser ganzen Hannöverschen Affäre halte!«

Aber Sheriff Erskine hatte seine Ruhe bewahrt und griff jetzt beschwichtigend ein. »Inzwischen, glaube ich, können wir Mr. Balfour versichern, daß er seine Reputation als unerschrockener Kavalier hinreichend begründet hat. Er mag sich in Ruhe schlafen legen. Bis zu dem Tage, den er vorhin freundlichst erwähnte, wird sein Mut auf keine weitere Probe gestellt werden.« Seine kühle Sicherheit brachte die anderen zur Besinnung, und alle beeilten sich, mich höflich aufgeregt aus dem Hause zu entfernen.

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Schluß

Kaum befanden wir uns innerhalb der Mauern von Dünkirchen in Sicherheit, da hielten wir den so nötigen Kriegsrat über unsere Lage. Wir hatten mit Waffengewalt einem Vater seine Tochter geraubt; jeder Richter hätte sie ihm ohne weiteres wieder zugeführt und aller Wahrscheinlichkeit nach Alan und mich ins Gefängnis geworfen, und obwohl wir in Gestalt von Kapitän Pallisers Brief ein Argument zu unseren Gunsten besaßen, lag doch weder Catriona noch mir sonderlich daran, es in der Öffentlichkeit zu gebrauchen. Alles in allem schien es uns das Klügste, das Mädchen nach Paris zu bringen in die Obhut ihres eigenen Häuptlings, Macgregor von Bohaldie, der nicht nur bestimmt bereit sein würde, seiner Verwandten zu helfen, sondern auch durchaus abgeneigt, James Mores Schande aufzudecken.

Wir kamen nur recht langsam vorwärts, da Catriona nicht so gewandt im Reiten wie im Rennen war und seit ’45 kaum im Sattel gesessen hatte. Aber endlich, an einem Sonntagsmorgen, waren wir in Paris und begaben uns unter Alans Führung auf dem schnellsten Wege zu Bohaldie. Er wohnte recht prächtig und lebte auf gutem Fuß, da er eine Pension aus dem Schottenfond bezog und auch über Privatmittel verfügte; Catriona begrüßte er wie eine Angehörige seines eigenen Hauses und benahm sich im ganzen sehr höflich und diskret, wenn auch nicht besonders offenherzig. Wir fragten ihn nach Nachrichten über James More. »Der arme James!« sagte er und schüttelte den Kopf und lächelte, und ich gewann die Überzeugung, daß er mehr wußte, als er sagen wollte. Dann zeigten wir ihm Pallisers Brief, und sein Gesicht wurde ellenlang. »Der arme James!« sagte er von neuem. »Nun, es gibt schlechtere Menschen als James More. Aber das hier ist wirklich sehr schlimm. Ja, ja, er muß reinweg den Kopf verloren haben! Ein höchst unerfreulicher Brief. Trotzdem, meine Herren, sehe ich nicht ein, weshalb wir ihn der Öffentlichkeit übergeben sollten. Es ist ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt, und wir sind alle Schotten und Hochländer.« Darin waren wir mit ihm einig, alle, ausgenommen vielleicht Alan, und noch einiger waren wir betreffs unserer Heirat, die Bohaldie selbst in die Hand nahm, als gäbe es überhaupt keinen James More. Auf die reizendste Manier, und mit zierlich gedrechselten französischen Komplimenten gab er Catriona eigenhändig in die Ehe, und erst, als alles vorbei war und man auf unser Wohl getrunken hatte, verriet er uns, daß James sich in der Stadt befände, wo er einige Tage vor uns eingetroffen war und jetzt auf den Tod krank darniederlag. Ich glaubte auf meiner Frau Gesicht zu lesen, wohin ihr Herz sie trieb.

»Wir wollen ihn besuchen«, sagte ich.

»Wenn du es wirklich wünschst«, meinte Catriona. Das war noch in den Flitterwochen.

Er war in dem gleichen Stadtviertel wie sein Häuptling in einem großen Eckhaus untergebracht; und der Klang eines hochländischen Dudelsacks zeigte uns den Weg nach seiner Dachkammer. Es scheint, daß er sich von Bohaldie ein paar Querpfeifen geborgt hatte, um sich während seiner Krankheit die Zeit zu vertreiben, und obgleich er kein solcher Künstler wie sein Bruder Rob war, machte er doch recht gute Musik. Es war ein kurioser Anblick, die französischen Zuhörer lachend sich auf der Treppe drängen zu sehen. Er lag auf einer Strohmatratze, von Kissen gestützt. Bereits auf den ersten Blick erkannte ich, daß es mit ihm zu Ende ging, und zweifellos war der Ort als Sterbezimmer für ihn ein merkwürdiger Ort. Aber selbst jetzt vermag ich kaum mit Nachsicht bei seinem Ende zu verweilen. Sicherlich hatte Bohaldie ihn auf unser Kommen vorbereitet; er wußte anscheinend, daß wir verheiratet waren, beglückwünschte uns zu dem Ereignis und erteilte uns wie ein Patriarch seinen Segen.

»Man hat mich niemals verstanden«, sagte er. »Ich verzeihe Euch beiden ohne Bitterkeit,« und so redete er fort, ganz wie früher; ja, er war so gefällig, uns auf den Querpfeifen ein paar Lieder vorzuspielen und ging mich zum Schluß um ein kleines Darlehen an. Ich vermochte auch nicht die Spur von Scham an ihm zu entdecken, dagegen war er ein Meister im Vergeben; das schien für ihn niemals den Reiz zu verlieren. Ich glaube, er vergab mir jedesmal, wenn wir zusammen waren, und als er rund vier Tage später in einer Art Heiligenschein liebevoller Frömmigkeit verschied, hätte ich mir vor Ekel die Haare ausraufen können. Ich ließ ihn begraben, aber was ich auf seinen Grabstein setzen sollte, ging über meinen Horizont; bis es mich endlich das beste dünkte, es bei dem schlichten Datum zu belassen.

Ich hielt es für ratsamer, jeden Gedanken an Leyden, wo wir als Bruder und Schwester aufgetreten waren, aufzugeben; ohne Frage sah es sehr sonderbar aus, jetzt in einer neuen Rolle dort zu erscheinen. Schottland war für uns das Richtige, und nach Schottland fuhren wir auf einem niederländischen Schiff, nachdem ich mein zurückgelassenes Hab und Gut wieder in meinen Besitz gebracht hatte.

Und jetzt, Fräulein Barbara Balfour (um den Damen den Vortritt zu geben) und Mr. Alan Balfour, Junker von Shaw, habe ich Euch die Geschichte fein säuberlich zu Ende erzählt. Ihr werdet finden (wenn Ihr’s Euch recht überlegt), daß Ihr einen großen Teil der darin handelnden Personen kennt und gesprochen habt. Alison Hastie aus Limekilnes ist das Mädchen, das Eure Wiege schaukelte, als Ihr noch zu klein wart, um etwas davon zu verstehen, und Euch in späteren Jahren auf dem Gute spazierenführte. Die sehr schöne, große Dame, Barbaras Patin, ist niemand anders als Miß Grant, die David Balfour im Hause des Lord Staatsanwalts so arg zum Narren hielt. Und ich frage mich, ob Ihr Euch wohl noch des kleinen, hageren, lebhaften Herrn in Stutzperrücke und schwerem Mantel erinnert, der sehr spät in einer dunklen Nacht nach Shaw kam und den zu begrüßen Ihr aus Euren Betten geholt wurdet, um ihm in dem Speisesaal unter dem Namen Mr. Jamieson vorgestellt zu werden? Oder hat Alan etwa vergessen, was er auf Mr. Jamiesons Verlangen tat – eine äußerst unpatriotische Handlung, deretwegen er, dem Buchstaben des Gesetzes nach, sogar hätte gehenkt werden können – nämlich auf das Wohl des Königs »jenseits des Meeres« zu trinken? Schöne Dinge, merkwürdige Dinge für ein gut whigsches Haus! Aber Mr. Jamieson ist eine privilegierte Persönlichkeit und kann, wenn er will, selbst meinen Kornspeicher in Brand setzen; und der Name, unter dem man ihn heute in Frankreich kennt, lautet ›der Chevalier Stuart‹. Und was Davie und Catriona betrifft, so werde ich sie in diesen Tagen recht scharf im Auge behalten, ob sie auch nicht so naseweis sind, Papa und Mama auszulachen. Wahr, wir benahmen uns nicht immer so gescheit, wie wir uns hätten benehmen können und schafften uns aus dem Nichts ein gut Teil Herzeleid; aber Ihr werdet finden, wenn Ihr erst erwachsen seid, daß selbst die kluge Miß Barbara und der tapfere Mr. Alan nicht so sehr viel gescheiter als ihre Eltern sind. Das Leben des Menschen auf dieser Erde ist eine recht kurzweilige Sache. Es heißt zwar, daß es die Engel zum Weinen bringt, aber ich meine, weit öfter müssen sie sich die Seiten halten vor Lachen, wenn sie auf uns hier unten herniederschauen; und das eine stand nun mal bei mir fest, als ich diese lange Geschichte begann: alles so zu erzählen, wie es sich wirklich ereignet hat.

Drittes Kapitel


Ich gehe nach Pilrig

Kaum war ich am nächsten Morgen in meinem neuen Logis aufgewacht, als ich auch schon munter und in meinen Kleidern war; und kaum hatte ich mein Frühstück heruntergeschluckt, als ich auf weitere Abenteuer auszog. Für Alan, konnte ich hoffen, war jetzt gesorgt; James versprach ein heiklerer Fall zu werden, und ich mußte annehmen, daß dieses Unterfangen mich teuer zu stehen kommen würde, zumal jeder, dem ich meine Auffassung auseinandergesetzt hatte, mich desgleichen versicherte. Es schien, als hätte ich den Gipfel des Berges nur erklommen, um gleich wieder in die Tiefe zu stürzen; als hätte ich mich durch so schwere Mühsale zu Reichtum und Ehren, zu meiner städtischen Kleidung und dem Schwert an meiner Seite emporgearbeitet, lediglich um zum Schluß Selbstmord zu begehen, und zwar die schlimmste Art von Selbstmord: auf des Königs Kosten gehängt zu werden. Weshalb tat ich es eigentlich? fragte ich mich selbst, als ich die High-Street hinunter und nordwärts über Leith Wynd zum Tore hinausschritt. An erster Stelle, sagte ich mir, um James Stuart zu retten; und wirklich spielte die Erinnerung an seine Verzweiflung, an die Wehklagen seiner Frau sowie an ein gelegentliches Wort von mir, das ich ihm gegenüber hatte allen lassen, dabei eine große Rolle. Gleichzeitig aber überlegte ich mir, daß es meines Vaters Sohn doch eigentlich höchst gleichgültig sein könnte (oder müßte), ob James in seinem Bett oder auf dem Schafott stürbe. Zwar war er Alans Vetter; aber was Alan selbst betraf, so konnte ich nichts Besseres tun, als mich mucksmäuschenstill zu verhalten und den König, Seine Liebden, den Herzog von Argyle, und die Krähen sich nach Herzenslust um die Knochen ihres Verwandten raufen lassen. Zudem konnte ich nicht vergessen, daß James, obwohl wir doch alle miteinander in der gleichen Klemme steckten, keine übertriebene Besorgnis um Alan und mich gezeigt hatte.

Dann kam mir der Gedanke, daß es um der Gerechtigkeit willen geschehe; das Wort gefiel mir ungemein, und ich setzte mir selbst des langen und breiten auseinander, daß uns vor allem daran gelegen sein müsse (da wir alle nun mal in die Politik verwickelt wären, einer dem anderen zum Schaden), der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, und daß der Tod eines Unschuldigen dem ganzen Gemeinwesen eine Wunde schlüge. Dann wieder gab der Versucher mir eine Probe seiner Überredungskunst zu kosten; er flüsterte mir zu, ich solle mich schämen, daß ich mich in diese hohe Angelegenheit mische, ich sei ja nur ein eitles, prahlerisches Kind, das sich vor Rankeillor und Stuart gebrüstet hätte und sich nun durch seine Eitelkeit gebunden hielte, für seine großen Worte einzustehen. Ja, und er ließ mich auch das andere Ende des Knüppels spüren: er klagte mich der feigen Berechnung an, und daß ich auf Kosten eines kleinen Risikos mir größere Sicherheit erkaufen wolle. Sicher war, ich konnte jeden Tag Mungo Campbell oder den Beamten des Sheriffs von neuem über den Weg laufen, und dann würde man mich erkennen und mich Hals über Kopf in die Appin-Mordaffäre hineinziehen, wenn ich mich nicht zuvor gestellt und vom Verdacht gereinigt hätte. Und zweifellos würde ich, falls es mir gelang, meine Sache gut zu führen, von da an bis an mein Lebensende freier atmen. Doch wenn ich diesen Gründen voll ins Gesicht schaute, vermochte ich an ihnen nichts Unehrenhaftes zu entdecken. Und was das übrige betraf, so überlegte ich mir: hier steh ich am Kreuzweg; beide Wege führen zum gleichen Ziel. Es ist ungerecht, daß James gehenkt wird, wenn ich ihn retten kann; und ich würde mich lächerlich machen, wenn ich nach all meinem Gerede nicht auch handelte. James von der Schlucht kann von Glück sagen, daß ich mich von Anfang an so gebrüstet habe; und für mich selbst ist es auch kein Unglück, denn nun bin ich gebunden, das Rechte zu tun. Ich habe jetzt den Namen und die Mittel eines Gentleman; es wäre recht erbärmlich, entdecken zu müssen, daß mir das Wesentlichste dazu fehlt. Und dann fiel mir wieder ein, das sei ja eine unchristliche Gesinnung, und ich sprach rasch für mich ein Gebet, in dem ich um den Mut flehte, an dem es mir vielleicht gebrach, und bat, daß ich schnurstracks auf meine Pflicht losmarschieren möchte, wie ein Soldat in die Schlacht, um womöglich auch unbeschadet an Leib und Leben davonzukommen wie so viele andere.

Diese Gedankengänge festigten meinen Entschluß, trotzdem sie meine Augen durchaus nicht gegen die mich umdrohenden Gefahren und gegen die Tatsache verschlossen, daß ich auf meinem Wege (wenn ich ihn wirklich fortsetzte) wahrscheinlich über die Leiter zum Galgen stolpern würde. Es war ein klarer, schöner Morgen, obwohl der Wind von Osten blies. Seine kühle Frische sang sich mir ins Blut und gab mir ein Gefühl wie von Herbst und welken Blättern und von Toten, die in ihren Gräbern ruhen. Wahrhaftig, der Teufel mußte schon seine Hand im Spiele haben, wenn ich tatsächlich in der Hochflut meines Glücks um anderer Leute willen sterben sollte. Auf dem Gipfel von Calton Hill liefen einige Kinder lärmend hin und her und ließen ihre Drachen steigen, obwohl es für dieses Vergnügen noch nicht die richtige Jahreszeit war. Die papierenen Vögel zeichneten sich klar gegen den Himmel ab; ich sah, wie ein besonders schwerer vom Wind in große Höhen getrieben wurde und dann zwischen den Ginsterbüschen schwerfällig zur Erde fiel; und bei diesem Anblick dachte ich zu mir selbst: »Das war Davie.«

Mein Weg führte mich über Mouters Hill und zwischen Wiesen und an Hügeln vorbei durch den Zipfel eines Dorfes. Hier tönte das Gerassel von Webstühlen von Haus zu Haus; Bienen summten in den Gärten; die Nachbarn, die ich vor der Türe miteinander schwatzen sah, redeten eine fremde Sprache, und später hörte ich, daß es das Dorf Picardy gewesen sei, eine Niederlassung französischer Weber, die für die Linen Company arbeiteten. Bei ihnen erkundigte ich mich von neuem nach meinem Ziel, Pilrig und stieß nach einer Weile neben der Landstraße auf einen Galgen, an dem an Ketten zwei Männer hingen. Die Leichen waren, der Sitte gemäß, in Teer getaucht; der Wind wirbelte sie im Kreise herum, die Ketten klirrten, und die Vögel klammerten sich schreiend an die unheimlichen Hampelmänner. Das Schauspiel traf mich urplötzlich gleich einer Versinnbildlichung aller meiner Befürchtungen, und ich wurde nicht müde, es näher zu betrachten und mit allen Poren das Trostlose des Anblicks einzusaugen. Und was führt mir da der Zufall in den Weg, während ich immer wieder den Galgen umkreise? Ein gespenstiges altes Weiblein, das hinter dem einen Pfosten hockte und kopfschüttelnd und mit vielen Verbeugungen und Handbewegungen laut mit sich selbst redete. »Wer sind diese beiden da, Mutter?« fragte ich, auf die zwei Leichname deutend. »Gottes Segen über dein herziges Gesicht«, rief sie. »Zwei alte Schätze von mir; nur zwei meiner alten Schätze, mein Junge.« »Und weswegen hängen sie da?« erkundigte ich mich weiter. »Oh, nur wegen der guten Sache«, erwiderte sie. »Oft hab ich’s ihnen vorausgesagt, wie’s enden würde. Zwei Shilling schottisch, nicht einen Penny mehr; und zwei hübsche Jungen müssen dafür hängen: sie nahmen’s einem Balg aus Brouchton ab.« »So, so«, sagte ich zu mir selbst und nicht zu der tollen alten Vettel, »und wegen einer so erbärmlichen Sache haben sie’s so weit gebracht. Das heiß ich wahrhaftig von Gott verlassen sein.«

»Laß mich deine Hand sehen, Herzensjunge,« fuhr sie fort, »ich will deine Zukunft voraussagen.«

»Nein, Mutter«, entgegnete ich, »ich sehe schon so klar genug, wohin der Weg mich führt. Es tut nicht gut, zuviel vorauszuwissen.«

»Ich lese auf deiner Stirne«, antwortete sie. »Da ist ein hübsches Mädel mit hellen Augen und ein kleiner Mann in einem schönen, gestickten Rock und ein großer Mann in einer gepuderten Perücke, und da ist noch der Schatten der Rabenwippe, hier quer über deinem Weg. Zeig deine Hand her, Herzensjunge, und laß dir von der alten Merren eine feine, gute Zukunft voraussagen.«

Die beiden Zufallstreffer, die auf Alan und die Tochter James Mores abzuzielen schienen, berührten mich tief, und ich floh vor dem grausigen Geschöpf, ihr einen Batzen hinwerfend, mit dem sie unter den tanzenden Schatten der Gehenkten weiter spielte.

Mein Weg auf der Leither Landstraße wäre ohne diese Begegnung um vieles angenehmer gewesen. Der alte Fahrdamm führte zwischen Feldern hindurch, derengleichen ich, was Geschicklichkeit in der Bebauung anbelangt, nie gesehen hatte; allein die Galgenketten rasselten weiter in meinem Kopf, und das Krächzen und Unken der alten Hexe sowie der Gedanke an die beiden Toten verfolgten mich wie ein Gespenst. Am Galgen zu endigen schien mir ein hartes Los, und ob nun ein Bursche wegen zwei Shilling schottisch oder (wie Mr. Stuart es prophezeite) wegen seines Pflichtgefühls dort baumelte, machte, sobald er erst mal geteert und gefesselt und aufgehängt war, im Grunde genommen wenig aus. Dort würde David Balfour vielleicht auch einmal hängen, und die anderen Burschen würden vorbeigehen und Schlechtes von ihm denken und sich von verrückten alten Weibern, die am Fußende kauerten, die Zukunft voraussagen lassen; und saubere, schlanke Mädchen würden vorübergehen und sich dabei die Nase zuhalten. Ich sah sie deutlich vor mir, und alle hatten sie graue Augen, und die Bänder, die sie im Haare trugen, leuchteten in den Drummond-Farben. Ich war daher in gedrücktester Stimmung, wenn auch immer noch ziemlich fest entschlossen, als ich Pilrig vor mir auftauchen sah: ein hübsches Haus mit vielen Giebeln, das neben der Landstraße zwischen einigen prächtigen jungen Bäumen lag. Des Gutsherrn Pferd stand gesattelt vor der Türe, als ich mich dem Hause näherte, aber er selbst befand sich in seinem Studierzimmer, wo er mich, umgeben von gelehrten Büchern und Musikinstrumenten, empfing, denn er war nicht nur ein großer Philosoph, sondern auch ein eifriger Musiker. Anfänglich begrüßte er mich ziemlich freundlich und stellte sich mir dann, nachdem er Rankeillors Brief gelesen hatte, mit großer Zuvorkommenheit ganz zur Verfügung. »Worum handelt es sich, Vetter David?« fragte er – »denn wir sind ja, wie es scheint, Vettern – was kann ich für Euch tun? Ein Wort an Prestongrange? Das ist zweifellos leicht geschrieben. Aber wie soll dieses Wort lauten?« »Mr. Balfour,« entgegnete ich, »wollte ich Euch meine Geschichte erzählen, ich glaube tatsächlich, Ihr wäret wenig davon entzückt. Das ist meine Ansicht, und Mr. Rankeillors ebenfalls.«

»Es tut mir leid, derartiges von Euch zu hören, Vetter,« antwortete er. »Das darf ich nicht auf mir sitzen lassen, Mr. Balfour,« entgegnete ich: »mich drückt nichts, das mich gereut oder das Ihr um meinetwillen zu bedauern braucht, ausgenommen gemeine menschliche Gebrechen, wie wir sie alle tragen: ›die Schuld aus Adams erster Sünde, der Mangel ursprünglicher Gerechtigkeit und die Verderbtheit meiner ganzen Natur‹: für die muß ich einstehen, und ich hoffe, man hat mich gelehrt, wohin ich mich um Hilfe wenden muß«, fügte ich hinzu; denn aus dem Aussehen des Mannes schloß ich, daß er um so besser von mir denken würde, je genauer ich meinen Katechismus kannte. »Doch was meine weltliche Ehre betrifft, so habe ich mir nichts vorzuwerfen, und die Schwierigkeiten, in die ich geraten bin, sind sehr gegen meinen Willen und (soweit ich es beurteilen kann) ohne mein Zutun über mich hereingebrochen. Das Schlimme ist, ich bin in politische Wirren verstrickt, von denen Ihr, wie man mir sagt, nichts wissen mögt.« »Schön, schön, Mr. David,« lautete seine Antwort, »ich freue mich, daß Ihr all das haltet, was Mr. Rankeillor von Euch verspricht. Und was die politischen Wirren anbetrifft, so habt Ihr vollkommen recht. Es ist mein Bemühen, jeden Verdacht zu vermeiden, ja mit alledem nichts zu tun zu haben. Die Frage ist nur,« fuhr er fort, »wie kann ich Euch, ohne von der Sache irgend etwas zu erfahren, helfen?« »Nun, Sir,« entgegnete ich, »ich schlage vor, daß Ihr an Seine Lordschaft schreibt, ich sei ein junger Mann von leidlich guter Familie und ansehnlichem Vermögen; beides trifft, wie ich glaube, zu.«

»Rankeillors Wort bürgt dafür,« sagte Mr. Balfour, »und das genügt mir unter allen Umständen.«

»Dann könntet Ihr noch hinzufügen (falls Ihr mein Wort dafür nehmen wollt), ich sei ein guter Kirchgänger und treuer Untertan König Georgs und in dieser Anschauung erzogen worden.«

»Was Euch unter gar keinen Umständen schaden kann«, sagte Mr. Balfour.

»Und ferner«, schlug ich vor, »könntet Ihr Seiner Lordschaft schreiben, ich käme in einer überaus wichtigen Angelegenheit zu ihm, die Seiner Majestät Dienste und Rechtspflege beträfe.«

»Da ich von der Angelegenheit nichts erfahren soll,« erklärte der Gutsherr, »kann ich auch nicht für ihre Wichtigkeit einstehen. ›Überaus‹ wird daher gestrichen und ›Wichtigkeit‹ ebenfalls. Im übrigen kann ich mich ja so ausdrücken, wie Ihr es wünscht.«

»Und dann, Sir,« schloß ich, ein paarmal mit dem Daumen über mein Genick fahrend, »dann wäre es mir noch sehr lieb, wenn Ihr an irgendeiner Stelle ein Wort zu meinem Schutz einfügen wolltet.«

»Schutz?« echote er, »zu Eurem Schutz? Der Ausdruck wirkt ein wenig wie eine Dusche auf mich. Wenn die Angelegenheit gar so gefährlich ist, dann trage ich, offen gestanden, einige Bedenken, mich so mit einer Binde vor den Augen einzumischen.«

»Ich glaube, ich könnte Euch in zwei Worten sagen, wo der Hund begraben liegt«, erwiderte ich.

»Das wäre vielleicht das Beste.«

»Nun, es handelt sich um die Appin-Mordaffäre.«

Er hielt beide Hände hoch. »Gott im Himmel!« rief er. Nach dem Ausdruck seines Gesichtes und seiner Stimme zu urteilen, glaubte ich zunächst, ich hätte meinen Gönner verloren.

»Ich will Euch erklären – –«, hub ich an.

»Vielen Dank, ich will nichts mehr davon hören«, meinte er kategorisch. »Ich weigere mich in toto, noch etwas davon zu hören. Um Eures Namens und um Rankeillors willen und vielleicht auch ein wenig um Eurer selbst willen werde ich tun, was ich kann, um Euch zu helfen; aber ich will keine Einzelheiten wissen. Und es ist offenbar meine erste Pflicht, Euch zu warnen. Das hier sind kitzlige Angelegenheiten, Mr. David, und Ihr seid noch ein junger Mann. Hütet Euch und überlegt es Euch zweimal.«

»Man sollte meinen, ich hätte es mir öfter überlegt, Mr. Balfour,« erwiderte ich, »und ich möchte Euch auf Mr. Rankeillors Brief aufmerksam machen, darin er (wie ich hoffe und glaube) mein Vorhaben billigt.«

»Gut, gut,« sagte er und wiederholte nach einer Pause, »gut, gut! Ich werde tun, was ich kann.« Mit diesen Worten griff er zu Feder und Papier, dachte eine Weile nach und begann dann mit großer Bedachtsamkeit zu schreiben. »Wenn ich Euch recht verstehe, billigt Mr. Rankeillor Eure Absicht?« fragte er schließlich.

»Nach einigem Hin- und Herreden hieß er mich in Gottes Namen gehen«, antwortete ich.

»Das ist der Name, in dem man eine Sache anfangen soll«, sagte Mr. Balfour und fuhr mit Schreiben fort. Nach einer Weile fügte er die Unterschrift hinzu, überflog noch einmal das Geschriebene und wandte sich dann wieder an mich. »Also hier habt Ihr Euren Empfehlungsbrief, Mr. David. Ich setze mein Siegel darauf, ohne ihn zu verschließen, und übergebe ihn Euch offen, wie es die Sitte verlangt. Da ich aber vollständig im Dunkeln tappe, will ich ihn Euch rasch einmal vorlesen, damit Ihr sehen könnt, ob Euch damit gedient ist:

›Pilrig, den 26. August 1751.

Mylord, – Dieser Brief möchte Eurer Wohlgeneigtheit meinen Namensvetter und Verwandten, David Balfour von Shaw, empfehlen, einen jungen Herrn von untadeliger Herkunft und ansehnlichem Vermögen. Er hat des weiteren die wertvolleren Vorteile einer gottesfürchtigen Erziehung genossen, und seine politischen Grundsätze entsprechen ganz Eurer Lordschaft Wünschen. Ich genieße nicht Mr. Balfours Vertrauen, aber er hat, wenn ich ihn recht verstehe, Eurer Lordschaft eine Angelegenheit zu unterbreiten, die Seiner Majestät Dienste und Rechtspflege betrifft: Dinge, von denen bekannt ist, wie sehr sie Eurer Lordschaft am Herzen liegen. Ich muß noch hinzufügen, daß einige seiner Freunde des jungen Herrn Absichten kennen und billigen, und daß sie mit hoffnungsvoller Besorgnis deren Gelingen und Scheitern verfolgen.‹

Und dann«, fuhr Mr. Balfour fort, »habe ich noch mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln meine Unterschrift daruntergesetzt. Ihr seht, es ist von ›einigen seiner Freunde‹ die Rede; hoffentlich habe ich damit nicht zuviel gesagt?«

»Durchaus nicht, Sir; meine Absichten werden von mehr als einem gebilligt«, entgegnete ich. »Und Euer Brief, für den ich Euch von ganzem Herzen danke, besagt alles, was ich mir nur wünschen kann.«

»Ich habe hineingepreßt, was mir nur irgend möglich war,« erklärte er, »und soweit ich über die Angelegenheit, in die Ihr Euch mischen sollt, unterrichtet bin, kann ich nur Gott bitten, daß es genügen möge.«

Viertes Kapitel


Der Lord Staatsanwalt Prestongrange

Mein Verwandter hielt mich noch zum Mittagessen fest, »um der Ehre des Hauses willen«, behauptete er; und ich glaube, ich legte den Rückweg um so rascher zurück. Ich hatte nur den einen Gedanken, auch den nächsten Schritt zu vollenden und mir damit jeden Rückzug abzuschneiden. Für einen Menschen in meiner Lage hatte eine derartige Geste, die der Unentschlossenheit und der Versuchung scheinbar einen Riegel vorschob, an sich schon etwas ungemein Verlockendes; um so enttäuschter war ich, als ich Prestongranges Haus erreichte und die Auskunft erhielt, daß er ausgegangen sei. Dies traf, glaube ich, für den Anfang und für die darauffolgenden paar Stunden auch zu; später war ich jedoch überzeugt, daß er nach Hause gekommen war und in einem der benachbarten Zimmer mit seinen Freunden tafelte, während man meine Anwesenheit wahrscheinlich ganz vergessen hatte. Wohl ein dutzendmal war ich nahe daran, wieder wegzugehen, und ich hätte es auch getan, wäre nicht das starke Verlangen gewesen, auf der Stelle meine Erklärung abzugeben, um mich dann mit reinem Gewissen schlafen legen zu können. Anfänglich beschäftigte ich mich mit Lesen, denn das kleine Arbeitszimmer, in dem man mich warten ließ, enthielt eine Menge Bücher. Aber ich fürchte, ich zog nur wenig Nutzen aus meiner Lektüre, und da die Dämmerung infolge des trüben Wetters früher als gewöhnlich einsetzte und mein Zimmer nur von einem einzigen kleinen Fenster erhellt wurde, war ich schließlich gezwungen, auch diesen Zeitvertreib (sofern es wirklich einer war) aufzugeben und den Rest der Zeit in überaus quälendem Nichtstun zu verbringen. Nur das Stimmengewirr im Nebenzimmer und die einschmeichelnden Töne eines Spinetts sowie einmal ein Lied, von einer Dame gesungen, leisteten mir gleichsam Gesellschaft.

Ich weiß nicht, wieviel Uhr es war; aber es war lange schon dunkel geworden, als die Tür zum Arbeitszimmer aufging und ich auf der Schwelle im Licht des Nebenraumes die hohe Gestalt eines Mannes erblickte. Ich erhob mich sogleich.

»Ist jemand hier?« fragte er. »Wer ist dort?«

»Ich bin der Überbringer eines Schreibens von dem Herrn von Pilrig an den Lord Staatsanwalt«, antwortete ich.

»Seid Ihr schon lange hier?« erkundigte er sich.

»Ich möchte nicht erraten, wieviele Stunden«, erwiderte ich.

»Das ist das erste, was ich davon höre«, meinte er mit einem leisen Lachen. »Die Burschen müssen Euch vergessen haben. Aber Ihr seid nun endlich am Ziel, denn ich bin Prestongrange.«

Mit diesen Worten schritt er an mir vorüber in das benachbarte Zimmer, wohin ich ihm auf seinen Wink folgte, und wo er eine Kerze anzündete und auf einen Schreibtisch stellte. Es war ein langgestreckter Raum von ansehnlichem Ausmaß, an den Wänden ganz mit Büchern bedeckt. Der schwache Lichtstrahl in der einen Ecke fiel auf die stattliche Gestalt und auf das energische Gesicht des Mannes. Es war gerötet, seine Augen tränten und funkelten hell, und ich bemerkte, daß er einigemal unsicher hin und her schwankte, ehe er sich setzte. Ohne Zweifel hatte er reichlich getrunken, aber er war vollkommen Herr seines Verstandes und seiner Zunge.

»Nun, Sir, nehmt Platz«, sagte er, »und laßt sehen, was Pilrig schreibt.«

Er durchflog den Brief anfänglich nur ganz oberflächlich, indem er bei meinem Namen aufblickte und mir eine Verbeugung machte; bei den letzten Worten jedoch verdoppelte er seine Aufmerksamkeit, und ich bin sicher, daß er sie zweimal las. Ihr könnt Euch denken, wie mir während dieser Zeit das Herz klopfte, denn jetzt hatte ich endgültig meinen Rubikon überschritten und mich in die Schlacht begeben.

»Ich freue mich, Euch kennenzulernen, Mr. Balfour«, sagte er, als er geendet hatte. »Darf ich Euch ein Glas Wein anbieten?«

»Mit Verlaub, Mylord, ich täte mir selbst unrecht, es anzunehmen«, entgegnete ich. »Wie Ihr aus dem Briefe erseht, bin ich in einer für mich sehr ernsten Sache hierher gekommen; und da ich Wein nicht gewöhnt bin, könnte er mir leicht zu Kopf steigen.« »Wie Ihr wollt,« meinte er, »aber ich glaube, ich werde mit Eurer Erlaubnis für mich eine Flasche kommen lassen.«

Er klingelte, und wie auf ein verabredetes Signal erschien ein Lakai mit Wein und Gläsern.

»Wollt Ihr wirklich nicht mithalten?« erkundigte sich der Staatsanwalt. »Nun denn, auf unsere nähere Bekanntschaft! Womit kann ich Euch dienen?«

»Ich sollte vielleicht mit der Mitteilung beginnen, Mylord, daß ich auf Eure dringende Einladung hier bin«, sagte ich. »Da seid Ihr mir gegenüber irgendwo im Vorteil,« versetzte er, »denn ich muß gestehen, vor heute abend habe ich meines Wissens nach nie von Euch gehört.« »Das stimmt, Mylord, der Name dürfte Euch wirklich fremd sein«, sagte ich. »Und doch ist Euch seit langem sehr viel daran gelegen, meine Bekanntschaft zu machen, und Ihr habt dergleichen öffentlich erklärt.« »Ich wollte, Ihr gäbet mir irgendeinen Anhaltspunkt«, meinte er. »Ich bin kein Hexenmeister.«

»Vielleicht wird die Mitteilung genügen,« sagte ich, »daß ich bei Euer Lordschaft, wäre ich zum Scherzen aufgelegt – was durchaus nicht der Fall ist – Anspruch auf zweihundert Pfund erheben dürfte.« »Inwiefern?« forschte er. »Insofern, als auf Einlieferung meiner Person eine Belohnung ausgesetzt ist«, lautete meine Antwort.

Er schob sein Glas ein für allemal weit von sich und setzte sich in dem Stuhl, in dem er es sich bisher bequem gemacht hatte, kerzengerade aufrecht. »Was soll das heißen?« fragte er.

»Ein großer, kräftiger Bursche von etwa achtzehn Jahren«, zitierte ich, »spricht wie ein Tiefländer und trägt keinen Bart.« »Ich kenne diese Worte,« sagte er, »und sie können Euch, falls Ihr in der unangebrachten Absicht, Euch einen Scherz zu erlauben, hierhergekommen seid, teuer zu stehen kommen.« »Mein Wollen in dieser Angelegenheit«, entgegnete ich, »ist genau so ernst wie das Leben oder der Tod. Ihr habt mich restlos verstanden. Ich bin der Bursche, der mit Glenure sprach, als er erschossen wurde.«

»Ich kann nur annehmen (da Ihr hier steht), daß Ihr unschuldig zu sein behauptet«, sagte er.

»Die Folgerung liegt auf der Hand«, erwiderte ich. »Ich bin ein sehr guter Untertan König Georgs; doch wenn ich mir irgend etwas vorzuwerfen hätte, ich besäße mehr Vernunft, als mich in die Höhle des Löwen zu begeben.« »Das freut mich, Mr. Balfour«, sagte er. »Dies abscheuliche Verbrechen ist von einer Art, die jede Milde ausschließt. Blut ist auf barbarische Weise vergossen worden. Es ist vergossen worden in direkter Auflehnung gegen Seine Majestät und gegen unseren ganzen Gesetzeskodex, und zwar von denen, die als seine offenen Widersacher bekannt sind. Ich nehme diesen Fall sehr ernst. Ich will nicht leugnen, daß ich dies Verbrechen als direkt persönlich gegen Seine Majestät gerichtet ansehe.« »Und zum Unglück auch gegen eine andere hochgestellte Persönlichkeit, die vielleicht ungenannt bleiben möchte«, fügte ich ein wenig trocken hinzu.

»Wenn Ihr mit Euren Worten irgend etwas sagen wollt, so muß ich Euch erklären, daß ich sie im Munde eines getreuen Untertanen höchst unziemlich finde; und wären sie in der Öffentlichkeit gesprochen, ich würde es als meine Pflicht erachten, davon Notiz zu nehmen«, sagte er. »Ihr scheint mir den Ernst Eurer Lage nicht ganz begriffen zu haben, oder Ihr würdet Euch hüten, sie durch Reden zu verschlimmern, die die Reinheit der Justiz anzweifeln. Die Justiz macht in diesem Lande und in meinen geringen Händen vor keiner Person halt.«

»Ihr mißt meiner Rede eine zu persönliche Bedeutung bei, Mylord«, entgegnete ich. »Ich wiederhole nur, was im ganzen Lande Gemeingut ist, und was ich während meiner Reise überall von Leuten jeder politischen Richtung habe sagen hören.«

»Wenn Ihr älter und verständiger geworden seid, werdet Ihr begreifen, daß man derartiges Gerede nicht beachtet, geschweige denn wiederholt«, erklärte der Staatsanwalt. »Doch ich spreche Euch von jeder bösen Absicht frei. Jener Edelmann, den wir alle ehren, und der durch diese letzte Barbarei empfindlich getroffen worden ist, steht allzu hoch, als daß derartige Insinuationen ihn zu beleidigen vermöchten. Der Herzog von Argyle – Ihr seht, daß ich ganz offen mit Euch rede – nimmt sich die Angelegenheit zu Herzen, wie auch ich das tue, und wie wir beide es durch unsere juristischen Funktionen im Dienste Seiner Majestät zu tun verpflichtet sind. Ich wünschte nur, alle Hände wären in dieser argen Zeit so rein von Familienranküne. Jedoch der Zufall, daß wieder einmal ein Campbell das Opfer seiner Pflicht geworden ist – und wer, wenn nicht die Campbells, haben sich von jeher in die vordersten Reihen gestellt, wenn es galt, diesen Pfad zu beschreiten – das darf ich, der ich kein Campbell bin, getrost behaupten – – jener Zufall, wie gesagt, und die Tatsache, daß das Oberhaupt dieses großen Hauses gleichzeitig (zu unser aller Vorteil) auch das gegenwärtige Oberhaupt des Justizkollegiums ist, haben kleine Geister und mißvergnügte Zungen in jedem Wirtshaus des Landes in Aufruhr versetzt; und ich sehe einen jungen Gentleman wie Mr. Balfour so schlecht beraten, sich zu deren Echo zu erniedrigen.« Bisher hatte er mit stark rednerischer Pose wie vor versammeltem Gerichtshof gesprochen, jetzt aber fiel er wieder in die Art eines Gentleman. »Das für Euch privat«, meinte er. »Jetzt muß ich nur noch wissen, was ich mit Euch eigentlich anfangen soll.«

»Ich hatte gedacht, das würde ich von Eurer Lordschaft erfahren«, erwiderte ich. »Schon gut«, erklärte der Lord Staatsanwalt. »Doch seht, Ihr seid mit guten Empfehlungsschreiben zu mir gekommen, und es steht ein guter, ehrlicher Whigname unter diesem Brief«, fuhr er fort, ihn einen Augenblick vom Tische nehmend. »Und – außergerichtlich, Mr. Balfour – es gibt immer die Möglichkeit zu irgendeinem Ausgleich. Ich mache Euch darauf aufmerksam, und zwar gleich von vorneherein, damit Ihr auf Eurer Hut seid: Euer Schicksal ruht einzig und allein in meinen Händen. In dergleichen Dingen bin ich (mit aller Ehrfurcht zu vermelden ) mächtiger als Seine Majestät der König; und wenn Ihr mir im Verlaufe unserer Auseinandersetzung gefallt – – und selbstverständlich auch mein Gewissen beruhigt – – so kann, was jetzt noch zwischen uns vorgeht, unter uns bleiben.«

»Wie meint Ihr das?« erkundigte ich mich.

»Ich meine, Mr. Balfour,« entgegnete er, »keine Seele braucht auch nur von Eurem Besuch in meinem Hause zu erfahren, wenn Ihr mir eine befriedigende Erklärung gebt. Ihr seht, ich rufe nicht einmal meinen Schreiber herein.« Ich merkte, worauf er hinaus wollte. »Ich vermute, es ist wirklich überflüssig, daß irgend jemand von meinem Besuche erfährt,« sagte ich, »obwohl ich nicht sehe, was mir das nützen soll. Ich schäme mich durchaus nicht, hierhergekommen zu sein.«

»Und habt auch gar keine Ursache dazu«, meinte er in aufmunterndem Tone. »Ebenso wie Ihr die Folgen (wenn Ihr besonnen seid) nicht zu befürchten braucht.« »Mylord,« sagte ich, »ich bin, mit Eurer gütigen Erlaubnis, nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen.« »Das ist auch gewiß nicht meine Absicht«, erwiderte er. »Doch nun zu dem Verhör; und ich warne Euch noch einmal, antwortet nur auf das, was ich Euch fragen werde, ohne von Euch aus etwas hinzuzufügen. Das kann für Eure Sicherheit von größter Bedeutung sein; ich bin ganz außerordentlich diskret, aber alles hat seine Grenzen.« »Ich werde versuchen, Eurer Lordschaft Rat zu befolgen«, antwortete ich.

Er breitete ein Stück Papier auf dem Tische aus schrieb die Überschrift. »Es scheint, daß Ihr im Walde von Lettermore zugegen waret und am Wegrande standet, als der tödliche Schuß abgegeben wurde«, begann er. »War das ein Zufall?«

»Ein Zufall«, entgegnete ich. »Wie kam es, daß Ihr mit Colin Campbell spracht?« forschte er. »Ich erkundigte mich bei ihm nach dem Wege nach Aucharn«, antwortete ich. Ich bemerkte, daß er diese Entgegnung nicht niederschrieb. »Hm, wahr,« meinte er, »das hatte ich vergessen. Und soll ich Euch raten, Mr. Balfour? Ich würde an Eurer Stelle so wenig wie möglich bei Euren Beziehungen zu diesen Stuarts verweilen. Das könnte unser Geschäft bedeutend erschweren. Ich bin einstweilen nicht geneigt, diese Dinge als wesentlich zu betrachten.« »Ich dachte, Mylord, in einem solchen Falle wären alle Einzelheiten gleich wesentlich«, bemerkte ich. »Ihr vergeßt, wir haben es mit diesen Stuarts zu tun«, erwiderte er mit vielsagender Betonung. »Sollte es je dazu kommen, daß wir auch Euch vor die Schranken stellen, so ändert das die Lage ganz und gar, und ich werde alsdann die nämlichen Fragen, über die ich jetzt bereit bin, hinwegzugleiten, mit besonderer Schärfe verfolgen. Doch zur Sache: hier in Mr. Mungos Aussage steht, Ihr wäret sofort den Hügel hinaufgelaufen. Wie kam das?«

»Nicht unmittelbar darauf, Mylord, und die Ursache war, daß ich den Mörder erblickte.«

»Ihr saht ihn also?« »So deutlich wie ich Eure Lordschaft hier vor mir sehe, wenn auch nicht ganz so nah.«

»Würdet Ihr ihn wiedererkennen?«

»Das würde ich.« »Ihr waret bei Eurer Verfolgung also nicht so glücklich, ihn einzuholen?«

»Nein.« »War er allein?«

»Er war allein.« »Es war also niemand anders in der Nähe?«

»Alan Breck Stuart befand sich nicht weit davon entfernt im Walde.« Der Staatsanwalt legte sein Feder weg. »Ich glaube, wir reden hier aneinander vorbei,« sagte er, »und der Spaß dürfte Euch teuer zu stehen kommen.« »Ich bin zufrieden, Eurer Lordschaft Rat zu befolgen,« entgegnete ich, »und antworte lediglich auf das, was man mich fragt.« »Dann seid so klug, Euch rechtzeitig zu besinnen,« antwortete er; »ich behandle Euch mit denkbar größter Schonung, die Ihr indes kaum zu würdigen scheint, und die (wenn Ihr nicht vorsichtiger seid) vergeblich sein könnte.« »Im Gegenteil, ich weiß Eure Nachsicht vollauf zu schätzen, halte sie jedoch für falsch«, entgegnete ich, und fast wollte die Stimme mir versagen; denn ich erkannte, daß jetzt endlich der Kampf zwischen uns begonnen hatte. »Ich stehe hier, um gewisse Aussagen zu machen, kraft derer ich Euch überzeugen will, daß Alan an dem Morde Glenures keinen Anteil hatte.« Der Staatsanwalt schien einen Augenblick fassungslos. Da saß er, die Lippen aufgeworfen, und blinzelte mich an wie eine zornige Katze. »Mr. Balfour,« meinte er schließlich, »ich sage es Euch rund heraus: Euer Verhalten läuft Euren Interessen stracks zuwider.« »Mylord«, entgegnete ich, »ich bin von dem Vorwurf, in dieser Sache meine eigenen Interessen berücksichtigen zu wollen, so frei wie Eure Lordschaft selbst. So wahr Gott mich sieht, verfolge ich nur den einen Zweck, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen und Unschuldige von Verdacht zu reinigen. Wenn ich mir dabei Eurer Lordschaft Ungnade zuziehe, muß ich das ertragen, so gut ich kann.«

Nach diesen Worten erhob er sich von seinem Sessel, zündete eine zweite Kerze an und blickte mir eine Weile fest ins Gesicht. Zu meiner Überraschung war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen; er sah sehr ernst und, wenn ich mich nicht irre, fast ein wenig bleich aus. »Ihr seid entweder höchst einfältig oder das gerade Gegenteil, und ich sehe, ich muß vertraulicher mit Euch reden«, sagte er schließlich. »Das hier ist ein politischer Fall, – ja, ja, ein politischer Fall, Mr. Balfour! – ob wir es nun wollen oder nicht – und ich zittere, wenn ich seine möglichen Folgen bedenke. An einen politischen Fall gehen wir – das brauche ich einem jungen Manne von Eurer Bildung wohl kaum erst zu sagen – mit ganz anderen Gedanken heran als an einen rein kriminellen. Salus populi suprema lex, das ist ein Maxim, das wir sonst nur in den Gesetzen der Natur wiederfinden: ich meine, es besitzt die Kraft der Notwendigkeit. Ich will Euch das, mit Verlaub, näher erklären. Ihr wollt mir weismachen – « »Verzeihung, Mylord, ich will Euch nur glauben machen, was ich beweisen kann«, unterbrach ich ihn. »Pah, pah, junger Herr!« lautete seine Antwort, »seid nicht gar so pragmatisch und erlaubt einem Manne, der Euer Vater (wenn nicht Euer Großvater) sein könnte, seine eigene, unvollkommene Redeweise zu gebrauchen und seine eigene bescheidene Meinung zu sagen, selbst wenn sie das Unglück hat, mit Mr. Balfours nicht übereinzustimmen. Ihr wollt mir einreden, daß Alan Breck unschuldig ist. Ich würde das, an sich, für unwichtig halten, zumal wir des Mannes nicht habhaft werden können. Doch die Frage nach Brecks Unschuld ist von weittragenderer Bedeutung. Würden wir seine Unschuld zugestehen, so wäre damit zugleich unsere ganze Anklage gegen einen zweiten und ganz andersartigen Verbrecher hinfällig geworden, gegen einen Mann, der alt und grau geworden ist in Hochverrat, der bereits zweimal die Waffen gegen seinen König ergriffen hat und zweimal begnadigt worden ist, gegen einen Volksaufwiegler und gegen den eigentlichen Anstifter der Tat (ganz gleich, wer den Schuß abfeuerte). Ich brauche Euch nicht erst zu sagen, daß ich James Stuart meine.«

»Und ich kann nur genau so offen erklären, daß Alans und James‘ Unschuld der Grund ist, weswegen ich privatim vor Eurer Lordschaft stehe, und daß ich, wenn nötig, bereit bin, sie in der öffentlichen Verhandlung durch meine Zeugenaussage zu beweisen.« »Worauf ich nur mit der gleichen Offenheit antworten kann, Mr. Balfour,« entgegnete er, »daß ich Euch (in diesem Falle) nicht als Zeuge aufrufen werde und Euch hiermit ersuche, Eure Auslagen in toto für Euch zu behalten.« »Ihr seid ein Oberhaupt der Justiz dieses Landes,« rief ich, »und Ihr schlagt mir ein derartiges Verbrechen vor?« »Ich bin ein Mann, der mit beiden Händen die Interessen dieses Landes pflegt,« erwiderte er, »und überrede Euch lediglich zu einer politischen Notwendigkeit. Vaterlandsliebe ist nicht durchwegs moralisch im formalen Sinne. Ihr solltet Euch eigentlich darüber freuen; die Indizien sprechen stark gegen Euch, und wenn ich mich noch immer bemühe, Euch von einem überaus gefährlichen Schritt zurückzuhalten, so geschieht das teils Eurer Ehrlichkeit wegen, hierherzukommen, für die ich nicht unempfänglich bin, und teils wegen Pilrigs Brief; in der Hauptsache aber, weil ich in dieser Sache an erster Stelle meine politische Pflicht und erst an zweiter Stelle meine Pflicht als Justizbeamter berücksichtige. Aus dem nämlichen Grunde – ich wiederhole es mit denselben ungeschminkten Worten – will ich Eure Aussagen nicht.« »Ich möchte nicht als fürwitzig erscheinen, wenn ich lediglich unsere beiderseitige Position kennzeichne«, entgegnete ich. »Aber ob auch Eure Lordschaft Aussage nicht brauchen können, glaube ich doch, daß die andere Partei sich sehr darüber freuen würde.« Prestongrange erhob sich und begann, im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Ihr seid nicht so jung, daß Ihr Euch nicht genau des Jahres ’45 erinnern könntet und des Schreckens, der damals im ganzen Lande herrschte. Aus Pilrigs Brief ersehe ich, Eure kirchlichen und politischen Anschauungen sind gesund. Wer hat sie in jenem verhängnisvollen Jahr gerettet? Ich denke dabei nicht an Seine Königliche Hoheit und an seine Ladestöcke, obzwar sie seinerzeit sehr nützlich waren. Das Land wurde gerettet und die Schlacht gewonnen, bevor noch Cumberland nach Drummossie kam. Wer hat es gerettet? Ich frage Euch noch einmal. Wer hat die protestantische Religion und den gesamten Bau unserer bürgerlichen Institutionen gerettet? An erster Stelle der verstorbene Lord Präsident Culloden; er handelte wie ein Mann, und der Dank, den er dafür erntete, war gering, so wie ich, den Ihr hier vor Euch seht, jeden Nerv im Dienste der Sache anspanne und keinen anderen Lohn erwarte als das Bewußtsein, meine Pflicht getan zu haben. Und wer an zweiter Stelle? Ihr kennt die Antwort so gut wie ich; teils haben sie einen Skandal daraus gemacht, auf den Ihr vorhin selbst anspieltet und dessentwegen ich Euch tadelte, am Anfange, als Ihr zu mir kamt. Es war der Herzog und der große Clan Campbell. Und jetzt ist ein Campbell heimtückisch ermordet worden, und obendrein noch im Dienste des Königs. Der Herzog und ich sind beide Hochländer. Aber wir sind zivilisierte Hochländer, und auf die große Masse unserer Clans und Familien trifft das nicht zu. Sie haben noch ihre barbarischen Tugenden und Fehler. Sie sind Wilde geblieben, wie diese Stuarts, mit dem einzigen Unterschied, daß die Campbells auf der richtigen Seite, die Stuarts aber auf der falschen stehen. Nun urteilt selbst. Die Campbells rechnen mit ihrer Rache. Bekommen sie sie nicht – geht dieser Mann James frei aus – dann gibt es Unruhen unter den Campbells. Und das bedeutet Aufruhr in den Hochlanden, die immer unruhig und durchaus nicht entwaffnet sind: die Entwaffnung ist eine Posse –« »Darin muß ich Euch recht geben«, bestätigte ich. »Aufruhr in den Hochlanden jedoch verschafft unseren wachsamen, alten Feinden die Gelegenheit, derer sie harren«, fuhr Seine Lordschaft fort, im Auf- und Abgehen jeden Satz mit dem Finger unterstreichend, »und ich gebe Euch mein Wort, daß wir ein zweites ’45 erleben werden, aber mit den Campbells auf der anderen Seite. Um das Leben dieses James Stuart zu retten – ein Leben, das er ein halbes dutzend Mal in anderen Dingen, wenn nicht in diesem verwirkt hat –, wollt Ihr Euer Vaterland in einen Krieg hineinhetzen, den Glauben Eurer Väter in Gefahr bringen und das Leben und Vermögen vieler tausend Unschuldiger aufs Spiel setzen? – Das sind Bedenken, die bei mir und, wie ich hoffe, auch bei Euch, der Ihr Euer Land, eine tüchtige Regierung und die Wahrheiten der Religion liebt, schwer in die Wagschale fallen, Mr. Balfour.« »Ihr sprecht sehr offen mit mir, und ich danke Euch dafür«, sagte ich. »Ich will versuchen, nun meinerseits nicht weniger aufrichtig zu sein. Ich halte Eure Politik für vernünftig. Ich glaube gern, daß diese hohen Pflichten Eurer Lordschaft auferlegt sind; ich glaube, daß Ihr sie mit Eurem Amtseid Eurem Gewissen auferlegt habt. Doch mir, der ich ein einfacher Mann – oder kaum erst ein Mann bin – müssen die einfachen Pflichten genügen. Ich kann nur zwei Dinge bedenken: die arme Seele, die sich in unmittelbarer Gefahr eines schändlichen und ungerechten Todes befindet, und die Tränen und Klagen seiner Frau, die mir noch immer in den Ohren klingen. Weiter vermag ich nicht zu sehen, Mylord. Ich bin wohl nun einmal so beschaffen. Soll das Land untergehen, so muß es untergehen. Und möge Gott mich erleuchten, wenn dies vorsätzliche Blindheit ist.« Er hatte mich regungslos angehört und stand noch eine Weile, ohne sich zu rühren. »Das ist ein unerwartetes Hindernis«, sagte er laut, aber zu sich selber. »Und was wollen Euer Lordschaft mit mir anfangen?« fragte ich. »Ihr wißt doch, ich könnte Euch, wenn ich es wollte, heute nacht im Gefängnis schlafen lassen.« »Mylord,« entgegnete ich, »ich habe schon an schlimmeren Orten genächtigt.« »Nun, mein Junge,« sagte er, »das eine geht klar aus unserer Unterredung hervor: ich kann mich auf Euer Wort verlassen. Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr sowohl über das, was heute nacht hier vorgegangen ist, wie auch über den ganzen Appiner Mord schweigen werdet, und ich lasse Euch die Freiheit.« »Ich will es Euch bis morgen oder bis zu irgendeinem anderen nahen Tag versprechen«, entgegnete ich. »Ich möchte nicht als zu schlau erscheinen, aber würde ich mein Wort ohne jede Einschränkung geben, dann hätten Euer Lordschaft ja den Zweck erreicht.« »Ich hatte nicht die Absicht, Euch eine Falle zu stellen«, versetzte er. »Davon bin ich überzeugt.« »Laßt sehen«, fuhr er fort. »Morgen ist Sonntag. Kommt Montag früh um acht Uhr wieder und gebt mir bis dahin Euer Wort.« »Von Herzen gern, Mylord,« erwiderte ich, »und was Eure Äußerung zu mir betrifft, so will ich versprechen, zu schweigen, solange es Gott gefallen mag, Euch am Leben zu erhalten.« »Ihr werdet bemerkt haben,« meinte er alsdann, »daß ich keinerlei Drohungen gebraucht habe.« »Wie es von Eurer Lordschaft Edelmut zu erwarten war«, sagte ich. »Und doch bin ich nicht ganz so dumm, als daß ich die Natur der Drohungen, die unausgesprochen blieben, nicht erkannt hätte.«

»Nun,« sagte er, »ich wünsche Euch gute Nacht. Schlaft wohl, das ist mehr, als ich wahrscheinlich tun werde.« Dann griff er seufzend nach der Kerze und geleitete mich zur Haustür.