Bozena Kapitel 25

Der Sommer des Jahres 1847 kam heran. Im Hause Heißensteins wurde ein schönes Fest: der sechzehnte Geburtstag Regulas, feierlich begangen. «Die ganze Stadt» nahm daran teil, mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein, der, von heftigen Kopfschmerzen ergriffen, sich im Augenblicke, wo er zur Tafel gerufen wurde, zu Bett legte. So mancher schöne Toast ward ausgebracht, auf das edle Elternpaar der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst. Den schönsten jedoch sprach Advokat Wenzel, der Regula als «die junge Hoffnung des alten Hauses» und ihre Eltern als «den Stolz der Stadt» so hoch und lange, als es auf Erden nur denkbar möglich, leben ließ.

Man ging spät und äußerst erhoben und gerührt, in später Nachtstunde, nämlich um zehn Uhr, auseinander.

Am folgenden Tag trat Heißenstein eine Reise nach Wien an, und kehrte von dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewöhnlich munterer Stimmung und in Begleitung Joseph Frohburgs zurück.

Frau Nannette empfing den jungen Mann, als er nach sorgfältig gemachter Toilette im Gesellschaftszimmer erschien, wo die Familie ihn erwartete, mit jener aus Haß und Liebe, Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung, die überzärtliche Mütter dem zukünftigen Schwiegersohn entgegenbringen.

Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten, für den hat sie das vorzüglichste der Geschöpfe geboren und erzogen!

Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache verlegen, als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte, und Heißenstein gewann Zeit, die Vorstellung und Bewillkommnung auf das schlichteste zu besorgen, indem er sprach: «Das hier ist meine Frau, und das dort ist meine Tochter. Laß dir’s bei uns gefallen, mein Junge.»

Gefallen!

Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt. Der erste Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, war ein ungünstiger, Nannette konnte sich das nicht verhehlen; aber sie tröstete sich mit der Hoffnung, ihr Geist werde ihn bezwingen.

«Zum Abendessen!» rief Heißenstein; «ich habe wahrhaftig Appetit!»

Man begab sich in das Speisezimmer, und Joseph erhielt seinen Platz neben Regula.

Nannette selbst, die ihrer Tochter doch alles mögliche Gute zutraute, war erstaunt über die feine Weise, mit der sie auf den Ideengang des Gastes einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand.

Er sprach von Nestroys letzter Posse. Sie wußte in seinen Bemerkungen darüber Anknüpfungspunkte zu finden, die sachte hinüberführten auf die Orestie des Äschylus, ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck. Er sprach von der Lieblichkeit der Donauauen – sie schwebte von diesen nach den Sozietätsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen. Er sprach von dem Tode seiner Mutter, sie – von der Nadowessischen Totenklage. Er erzählte von dem «Putsch» der Schweizer Radikalen, sie ließ ein Wort über Huitzilopochtli, den Kriegsgott der Azteken, fallen.

Zuletzt wurde das Verständnis zwischen dem jungen Pärchen ein so vollständiges, daß Rede und Gegenrede überflüssig schien. Dem Gaste zum mindesten, der von nun an schwieg.

Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und prüfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht, auf ihrem gelben Gesichte und den gleichfarbigen, an die Schläfe angeklebten Scheiteln, von denen auch nicht ein Haar abstand; jetzt blieb er hartnäckig auf das Tischtuch geheftet. Joseph wurde bleicher und bleicher, und mußte endlich gestehen, daß er sich unwohl fühle.

Heißenstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast, der aufzuatmen schien, als er das Speisezimmer im Rücken hatte, auf die für ihn bereit gehaltene Stube.

Am frühen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause, und Joseph in Reisekleidern vor Heißenstein.

«Verzeihen Sie mir, mein väterlicher Freund», sprach der junge Mann treuherzig, «aber – ich habe mir’s überlegt, ich fühle noch keinen Beruf, mich zu verheiraten. Ich glaube am ehrlichsten zu handeln, wenn ich es Ihnen gleich eingestehe.»

«Wozu die Eile?» fragte Heißenstein betroffen, «lerne meine Regel besser kennen. Sie gehört zu der Sorte von Weibern, denen jeder Mann ohne Sorge sein Lebensglück anvertrauen kann.»

«Ich bin davon überzeugt», erwiderte Joseph, «allein ob das ihre in meinen Händen gesichert wäre, daran zweifle ich.»

Heißenstein sah ihn an und schüttelte den Kopf: «Sei aufrichtig – sie gefällt dir nicht», sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in Stimme und Gebärde, daß Joseph, davon ergriffen, die Hand des alten Mannes faßte und drückte. Dieser klopfte ihm auf die Schulter: «Nun ja, ich habe Besseres für dich im Sinne gehabt. – Es hat aber nicht sein sollen.»

So endete Heißensteins letzter Versuch, den Traum seines Lebens zu verwirklichen. Mansuet suchte vergebens ihn darüber zu trösten, indem er ihn versicherte, er fände zehn für einen Freier für das Fräulein Tochter, und zwanzig für einen, die bereit wären, seinen Namen anzunehmen.

«Keinen mehr, dem ich ihn anbieten möchte!» entgegnete Heißenstein. «Glauben Sie, dazu sei mir leicht einer gut genug? – So mag er denn erlöschen. Ich seh es ein, der Mann, der mir recht wäre, nimmt die Regel nicht!»

Er verfiel in einen dumpfen Trübsinn, aus dem ihn nur noch selten ein Ausbruch des Zornes gegen die Zerstörerin alles dessen weckte, was er noch als Glück zu empfinden vermocht hätte. Mansuet wagte längere Zeit hindurch nicht Rosas zu erwähnen. Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage, wie die junge Frau sich befinde, beruhigende Antwort erhalten, aber Bozena hatte ihm zugleich mitgeteilt, sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben müssen, keine Briefe mehr in das Heißensteinsche Haus zu schicken. Es sei genug gebettelt worden, er selbst wolle nun von einer Versöhnung nichts mehr hören.

«Das habe ich längst gefürchtet», dachte Mansuet. «Er ist k. k. Offizier, er kann sich die fortgesetzten Demütigungen nicht gefallen lassen. Was jetzt beginnen, du guter, lieber Gott? … Wenn von hier aus keine Schritte geschehen, dann ist’s für immer mit der Hoffnung auf eine Aussöhnung vorbei. Wir sind so weit gekommen, daß uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen könnte: – Frau Nannette. Sie müßte sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter. Sie ist jetzt die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten. Er hat aufgehört, ihr Widerstand zu leisten, anfangs aus Gleichgültigkeit, später aus Ohnmacht.»

Die Folge dieser Betrachtungen war, daß sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis zu einer Art demonstrativer Höflichkeit erniedrigte, der verhaßten Gebieterin gegenüber. Er lief nicht mehr davon, wenn er sie von weitem erblickte, er wandte sich nicht ab, wenn er ihr begegnete. Er blieb stehen, machte Front und grüßte sie feierlich. Er brachte es sogar einmal dahin, mit einem Grinsen, das um alles in der Welt freundlich sein sollte, aber einfach – gräßlich war, zu sagen: «Sehr kalt heute? … Belieben zu frieren? …»

Weiter ging es nicht! – Nicht um den Maria-Theresia-Orden! Nicht um die ewige Glückseligkeit!

So versuchte er’s denn doch, sich an Heißenstein zu wenden, und erfuhr keine heftige Abweisung mehr. Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen, mit tiefem Selbstbedauern, daß er nicht verzeihen dürfe – daß seine Pflicht es ihm verbiete.

Mit unerschöpflicher Geduld, mit einem Eifer, der sich nie verleugnete, begann Mansuet immer von neuem Vorstellungen zu machen, um Mitleid zu bitten – es war und blieb vergeblich.

Der alte Mann wurde nur ängstlich, versank nur tiefer in seine Grübeleien und wiederholte melancholisch: «Ich darf nicht, guter Mansuet. Seien Sie mir nicht böse, aber – ich darf nicht.»

In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so kräftigen Heißenstein. Die Ereignisse der Märztage rüttelten ihn auf aus dem Traumleben, das er seit einiger Zeit führte. Ein neues Interesse ergriff ihn. Zwei Monate lang zählte ihn die liberale Partei zu ihren Anhängern, vom 15. Mai an wurde er ihr erbitterter Gegner.

Mansuet hatte natürlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen, als von Dreinschlagen, Einhauen und Niederreiten. Wie man dem «Bäckenrummel» in Wien unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht, so hätte man dieser «Lumperei von einer Revolution» ein Ende machen sollen, die ganz allein durch ein paar Landstände und durch ein halbes Dutzend Studenten «aus purem, verfluchtem Übermut» angerichtet worden war.

Schimmelreiter hingegen erklärte sich für einen konstituierenden Reichstag, mit einer Kammer als Übergangsstadium zur europäischen Republik. Er abonnierte auf die «Konstitution» und schwor, erst seitdem er dieses Blatt halte, wisse er, was es heiße: ein politisches Bewußtsein haben.

Eines Tages las er im Gasthause einigen andächtigen Zuhörern aus seiner Zeitung vor, wie man «auf dem Leichname des Weltkinderspieles ‹Nationalität› zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbürgertums aufpflanzen müsse,» da riß ihm Mansuet, der von ihm unbemerkt eingetreten war, das Blatt aus der Hand, und forderte ihn auf Degen – und auf Pistolen.

Schimmelreiter erklärte, dieser Forderung nicht entsprechen zu können, und durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet für ihn nur das Schweigen der Verachtung. Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden, bis die glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemüter besänftigten. Als Radetzky siegreich in Mailand eingezogen war, zog auch die Versöhnung in das Kontor ein, und die zwei Säulen des Heißensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander.

Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach Weinberg: Graf und Gräfin Rondsperg, die Eltern ihrer ehemaligen Zöglinge. Der Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte, in die er mit seinen Bauern geraten war.

Diese Leute ließen sich’s nicht nehmen, daß eine Änderung eingetreten sei in dem Verhältnisse zwischen «der Herrschaft» und ihnen; nicht nur scheinbar, nicht für kurze Zeit, wie der alte Graf meinte, sondern in Wirklichkeit und für immer. Er aber, dessen Vermögen seit Jahren schon zerrüttet war, wollte nicht an den Bestand einer Neuerung glauben, die seinen völligen Ruin herbeiführen mußte. Doch wurde er es endlich müde, ihnen Vernunft zu predigen, diesen störrischen Dummköpfen, die immer wieder auf die Behauptung zurückkamen: die Patrimonialrechte seien aufgehoben. Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner Töchter – seit vollen vierzehn Jahren – verließ der Greis sein Schloß Rondsperg und das undankbare «Gesindel», seine Bauern.

Fern von ihnen wollte er die Wiederkehr der alten Zeiten und die Wiedereinführung der alten, einzig gesetzlichen Gesetze erwarten. Bis dahin sollten die Leute nur sehen, wie sie fertig würden ohne ihn.

Gleich nach der Ankunft des Grafen und seiner Gemahlin in Weinberg begaben sich Heißenstein und Nannette nach dem «Grünen Baum», in dem die Herrschaften abgestiegen waren, und luden sie dringend ein, das unbehagliche Quartier im Gasthofe mit einer Wohnung zu vertauschen, die ihnen Heißenstein in seinem Hause zur Verfügung stellte.

Der Antrag wurde mit liebenswürdiger Freundlichkeit angenommen. Schon am folgenden Tage zog das gräfliche Ehepaar, begleitet von einem einäugigen Kammerdiener und einer gichtbrüchigen Kammerjungfer, in die zu seinem Empfange auf das beste geschmückten Räume ein. Und gewiß betrat Karl V. das Haus Anton Fuggers auf dem Weinmarkte zu Augsburg mit nicht geringerem Bewußtsein einer von ihm erwiesenen Gnade, als Rondsperg des Haus des Kaufmanns Leopold Heißenstein. In seiner Art auch nicht minder gastfrei als der Nachkomme des Webermeisters zu Graben gegen den Beherrscher der Hälfte der damals bekannten Welt, bezeigte sich der Weinhändler gegen den herabgekommenen Edelmann. Während dessen Anwesenheit wurde das Haus von Besuchern nicht leer, und Heißenstein empfing die Gäste seiner Gäste mit derselben Zuvorkommenheit, die er diesen erwies. Frau Nannette drückte abwechselnd ihre einstigen Zöglinge: die Baronin von Waffenau und die Präsidentin von Horsky an ihr bewegtes Herz. Die erste kam von ihrem Gute Haluschka, die zweite kam aus Wien, die erste brachte vier unglaublich wilde Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren mit, die zweite nur ihren steifen, wortkargen Mann. Alle kamen, um die alten Leute zu sehen und der teuren Ex-Erzieherin und ihrem edlen Gatten Dank- und Lobpreisungen darzubringen. Frau Nannette war manchmal zumute, als ob ihr Flügel wüchsen.

Heißenstein hingegen hatte wahre, wenn auch nicht ungetrübte Herzensfreude nur an einem Gaste, an Ronald, dem Sohn des Grafen, dem die Aufgabe zugefallen war, seinem Vater die Wege zur Rückkehr zu ebnen und die guten Beziehungen zwischen Schloß und Dorf Rondsperg wiederherzustellen. Er fuhr ab und zu, und seine Anwesenheit war für Heißenstein jedesmal ein schmerzliches Fest. Mit einer Mischung von Neid und Wohlgefallen betrachtete er den schönen, ernsten Jüngling und dachte: «Wärst du mein Sohn!»

Während im Reichstage zu Wien und im Parlamente zu Frankfurt die Abschaffung des Adels beantragt wurde, genossen so einige seiner Mitglieder, nur, weil sie diesem Stande angehörten, an den Flammen eines gut bürgerlichen Herdes ein daheim längst entbehrtes Behagen.

Die Gräfin nahm die Gastfreundschaft Heißensteins und die Ergebenheitsbezeigungen Nannettens dankbar und demütig mit der Empfindung hin, mehr zu empfangen, als sie je erwidern könnte. Der Graf ließ sich alle Ehrenbezeigungen huldvoll gefallen, und belohnte sie – wie er überzeugt war, reichlich – durch ein gelegentlich hingeworfenes Wort der Anerkennung.

Im Frühjahr kam Ronald, um seine Eltern wieder nach Rondsperg abzuholen. Der Graf ließ sich überreden, «seine Untertanen» seien durch seine Abwesenheit den ganzen Winter hindurch genug bestraft, und entschloß sich um so leichter in ihre Mitte zurückzukehren, da ihm der Bauernrichter durch Ronald hatte sagen lassen, das leere Schloß käme ihm und der getreuen Gemeinde vor wie eine große Laterne ohne Licht.

Als man Abschied genommen hatte, wandte sich Ronald noch einmal zu Heißenstein, erfaßte seine beiden Hände und sprach: «Ich kann Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben – doch gäbe ich alles darum, es wenigstens versuchen zu dürfen.»

Nannette und Regula vernahmen diese Worte. Ihre Blicke begegneten einander wie zwei Blitze. – Was meinst du? fragte der eine. – Es wäre mein innigster Wunsch, antwortete der andere. Ronald dreiundzwanzig Jahre – du siebzehn. Er vornehm, aber arm – du bürgerlich, aber reich … Sehr reich durch meine Fürsorge, mein Kind …

Ehrgeizige Gedanken stiegen in der Weinhändlerstochter auf. Ihre Mutter jedoch übte sich, in unbelauschten Stunden, in allen möglichen Betonungen der halblaut hingehauchten Worte: «Meine Tochter, die Gräfin von Rondsperg.»

Bozena Kapitel 1

1.

Leopold Heißenstein war der reichste und einer der geachtetsten Bürger des mährischen Landstädtchens Weinberg. Ob auch einer der beliebtesten, das stand dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus. Witzbolde unter den Eingeborenen meinten, ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls, das bringe schon sein Geschäft mit sich – das ansehnliche Weingeschäft nämlich, das sich seit Generationen in seiner Familie forterbte, und das er zu unerhörter Blüte gebracht hatte.

Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war, so wurde auch ihm nur ein männlicher Sprosse, aber ein prächtiger Junge beschert, der den Ruhm des alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach.

Ein Töchterchen, das seine Frau ihm in den späteren Jahren der Ehe gebar, betrachtete Heißenstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke: «Denn», pflegte er zu sagen, «der Sohn trägt Geld in das Haus, die Tochter trägt Geld aus dem Haus.»

Auf eine Mitgift übrigens, wenn auch auf eine sehr anständige, kommt es einem Manne wie Heißenstein nicht an, und damit fertigt er dereinst das Mädchen ab.

Die Existenz dieses Kindes, dem Vater so gleichgültig, wurde für die Mutter eine Quelle unsäglicher Freude; der letzten, welche die kränkliche Frau auf Erden genießen sollte. Der Sohn war ihrer Sorgfalt, sobald dies nur halbwegs anging, entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden. Heißenstein, hatte geglaubt, ihn nicht früh genug aus der Kinderstube und den Händen der «Weibsleute»befreien zu können. Wie recht er daran getan, das wurde ihm täglich durch den unheilvollen Einfluß bestätigt, den die abgöttische Liebe der Mutter auf die kleine Rosa ausübte. Die Unarten des Kindes erfüllten ihn mit einer Art von spöttischer Befriedigung. Ihm selbst war die Unerbittlichkeit, mit welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete, manchmal grausam erschienen – jetzt fand er sie auf das glänzendste gerechtfertigt.

Daß die arme Frau sich eben mit allen Kräften ihres entschwindenden Lebens an das einzige klammerte, das man ihr ließ, daran dachte er nicht. Er war nicht gewohnt, auf die Empfindungen andrer Rücksicht zu nehmen, am wenigsten auf die seiner stillen Lebensgefährtin. Was er tat, war wohlgetan, und der Eindruck, den es hervorbrachte, gleichgültig. In sicherer Ruhe schritt er dahin, seiner selbst gewiß, nichts fürchtend, nichts bereuend. Und so, in der Fülle der Zufriedenheit, traf ihn der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte: er verlor seinen Sohn. Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft, daß seine Eltern, die bei der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen, ihn nicht mehr am Leben trafen.

Es dauerte lange, bis Heißenstein an seinen Verlust glauben lernte. Die Wirkung des ersten großen Unglücks, das der zuversichtliche Mann erfuhr, war vernichtend.

«Für wen habe ich gearbeitet? – Ich habe keinen Erben!» – in dieser Klage gipfelte sein Schmerz. Seine Hoffnungen waren zerstört, seine Erinnerungen vergällt. Wer blickt gern auf ein Leben voll Mühen zurück, wenn ihm die Früchte derselben geraubt worden sind? Heißenstein konnte, was sein Fleiß erworben, nicht einem Namensträger hinterlassen, demnach war der Lohn seines Fleißes dahin.

Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode ihres Erstgeborenen. Keiner hatte es gehörte, wie sie mit dem letzten Kusse auf seine Lippen ihm die Worte zugehaucht: «Ich komme bald zu dir!»

Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter Zärtlichkeit ihrem rosigen, lebensfreudigen Liebling zu. Beständig von der Ahnung naher Trennung erfüllt, geizte sie mit jedem Augenblicke, den sie bei dem Kinde zubringen, frohlockte über jedes Lächeln, das sie ihm abgewinnen konnte, warb um seine Liebkosungen, und zagte und zitterte vor seinen Tränen.

Röschen war schon zu dem vollen Bewußtsein ihrer Wichtigkeit und der Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt, als sich plötzlich die Augen schlossen, die mit verwöhnender Liebe über ihr gewacht hatten. Frau Heißenstein entschwand eines Morgens wie ein Schatten von der Wand; ohne vorhergegangene sichtbare Krankheit, ohne die geringste Pflege in Anspruch, ohne Abschied genommen zu haben von dem gefürchteten Mann und von dem geliebten Kinde. Bevor Herr Leopold ahnte, daß auch dieser Verlust ihn bedrohe, erfuhr er ihn.

Und seltsam! Die demütige Frau, welcher er, solange sie lebte, nur eine sehr oberflächliche Beachtung gegönnt hatte, wurde von ihm jetzt so bitter vermißt, als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wäre. Das Gefühl des Verlassenseins ergriff ihn, das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit überfällt wie den Egoisten, wenn die von ihm scheiden, deren Existenz er zu seinen Gunsten ausbeutete. Nun machte er den Versuch, das einzige Geschöpf, das er auf Erden noch sein nannte, an sich heranzuziehen. Allein zwischen dem an Widerspruch nicht gewöhnten Vater und seinem eigensinnigen Töchterlein wollte kein Band sich knüpfen lassen. Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben. Er bestand sie nicht. Nach einigen stürmischen Auftritten, aus denen Rosa zwar hart mißhandelt, aber als Siegerin hervorging, erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und überließ die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses, einer derben und verläßlichen Person von zweiundzwanzig Jahren, mit Namen Bozena. Für diese äußerte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zärtliche Liebe, welche die arme Verstorbene oft eifersüchtig gemacht hatte. Rosa nannte die Dienerin, wie sie es wohl von andern gehört hatte, «die schöne Bozena» und ertrug die rauhe Behandlung, die sie zeitweise von ihr erfuhr, mit fröhlicher Standhaftigkeit.

Die schöne Bozena hätte sich an Größe und Stärke kühnlich mit einem Flügelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I. messen können. Dabei besaß sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht, in dem ein Paar rabenschwarze Augen funkelten, die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden auf sich gerichtet sah. Das Schönste jedoch an der schönen Bozena war die Röte ihrer Wangen und das blendende Weiß ihrer Zähne. Allerdings konnten die Lippen, hinter denen das prächtige Gebiß zum Vorschein kam, etwas schwellend genannt werden, und was die Nase betraf, so geschah ihr kein Unrecht, wenn man sie – wie ein launiges Mitglied der Paßbehörde «ex officio» getan – «landesüblich» nannte. Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung, aber mit der Reinlichkeit nahm sie es genau; die Arbeit flog unter ihren Händen, und so blitzblankes Hausgerät, einen so nett gedeckten Tisch, so sauber gehaltene Stuben wie im Hause Heißenstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder.

Mit dem Kinde, das ihr nun ausschließlich anvertraut war, ging sie um, wie eine Bärin mit einem jungen Hündchen umgegangen wäre, für das sie eine mütterliche Zuneigung gefaßt hätte. Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine ballte und sie mit einer Stimme anschrie, die aus der Brust eines Ogers zu kommen schien, dann lachte das verwegene Ding, aber es gehorchte.

Bozena war sich wohl bewußt, das Kind und der Haushalt ihres Herrn könnten schwerlich besser betreut werden, als es durch sie geschah, und lebte in tätiger Ruhe dahin; sehr zufrieden mit ihrem Lose, ohne Furcht, daß jemals eine Veränderung eintreten könnte.

Indessen wurde sie, noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau, welche sie so vollständig ersetzen zu können meinte, aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt. Das Gerücht, Herr Heißenstein stehe im Begriffe, sich zum zweitenmal zu verheiraten, verbreitete sich, und Neugierige, die durch Bozena Bestimmteres darüber zu erfahren hofften, trugen es ihr zu. Sie wurden zwar mit ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen, als ein Zündfaden von einer Rakete, aber so fest überzeugt, als Bozena zu sein vorgab, ihr Herr werde «keine solche Dummheit» begehen, war sie doch nicht.

Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten. Trotz der größten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste Veränderung, weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung wahrzunehmen. Höchstens daß sich die letztere in der jüngsten Zeit noch um etwas verschlechtert hatte. Und Bozena, deren Weise es sonst war, wenn sich eine Wolke auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte, auf dem ihren sofort ein ganzes Gewitter aufsteigen zu lassen, lächelte jetzt um so freundlicher, je finsterer der Kaufmann erschien. Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener Miene heimkam und, nachdem er Befehl gegeben, das für ihn bereitstehende Abendessen wieder abzutragen, sich in sein Zimmer begab, hatte Bozena Mühe, ihren Jubel zu unterdrücken.

«Gute Nacht!» rief sie Herrn Leopold mit ihrer süßesten Stimme nach und setzte für sich triumphierend hinzu: «Er hat ihn, den Korb!»

Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem Frohmut am nächsten Morgen an die Arbeit. Es war Sonntag, und da gestern besonders gründlich gescheuert worden war, genügte heute eine leichte Nachhilfe. Bozena beschäftigte sich eben mit Besen und Wischtüchern im Speisezimmer, da trat ihr Herr Heißenstein entgegen, glatt rasiert und stattlich, das Gebetbuch in der Hand.

«Mach fertig» , sprach er, «kleide Rosa an. Ich werde nach der Messe meine Braut hierherbringen, damit sie das Haus und das Kind kennenlerne.»

Nur ein König, dem Krone und Zepter plötzlich entrissen wurden, weiß, was Bozena bei diesen Worten empfand. Ihr Blick zuckte an Heißenstein wie ein Blitz vom Wirbel bis zur Sohle hinab, und unter der Fülle von Geringschätzung, die sich auf ihre Lippen gelagert hatte, erschienen dieselben noch dicker als sonst.

«Braut?» rief sie. «Sie wollen wieder heiraten? … Wozu denn?»

Herr Heißenstein richtete sich, so hoch er konnte, der Riesin gegenüber auf, knöpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock zusammen und erwiderte: «Meine Tochter braucht eine Mutter und ich brauche einen Sohn.»

Damit verließ er wuchtigen Schrittes das Zimmer.

Bozena Kapitel 12

Die Braut, die der angehende Greis sich erkoren hatte, war die Tochter eines Professors am städtischen Gymnasium. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich in die Landeshauptstadt begeben, um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen Karl von Rondsperg anzutreten. Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter mancherlei Kämpfen siegreich von ihr behauptet. Nach dem Verlaufe jener Zeit war – wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklärte – die Erziehung der Zöglinge vollendet. Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzüge der jungen Komtessen in das hellste Lichte.

Fräulein Nannette hielt in Gegenwart der gräflichen Eltern und einiger hochgeborener Angehörigen eine kleine Rede, in der sie den Satz verfocht, daß: sagen zu sollen, was hier noch zu lehren sei, ihr die größte Verlegenheit bereiten würde. Helle Freudentränen, welche über die männlichen Wangen des Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen, belohnten die Spenderin einer so ehrenhaften Anerkennung. Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung berauscht, ließ sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der opferfreudigen Unterstützung, welche ihren pädagogischen Bestrebungen von seiten des edlen Elternhauses stets zuteil geworden sei, hinreißen. Die Erschütterung aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht; und als Fräulein Nannette mit den Worten schloß, es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig, als zu scheiden und die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen, baten der Graf und die Gräfin, sie möge ihnen das Herz nicht zerreißen.

O schöne Stunde! Unvergeßlicher Anblick! Alle Anwesenden umschlangen Fräulein Nannette in einer Umarmung und küßten sie auf ihren Mausmund.

Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und ließ aus der Kanzlei Tinte und Papier holen. Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt, das ein Wunder war an Auffassung, Stil und pompöser Sprache. Es ließ sich kein einziger Schlußpunkt darin erblicken, die Sätze flossen ineinander und auseinander, ein Redestrom so breit, wie die Aufzählung der Tugenden, Verdienste, Vorzüge und Talente Fräulein Nannettens ihn erforderte.

Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste. Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe und Dankbarkeit wurden ausgetauscht, und Vater, Mutter und Töchter einerseits, Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit, nicht nur zu sagen, nein, auch zu glauben, die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine schöne und glückliche gewesen.

Die Erzieherin hatte beschlossen, ehe sie daran ging sich einen neuen Wirkungskreis zu schaffen, einige alte Verwandte zu besuchen, die ihr im heimatlichen Städtchen noch lebten. Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der Spitze ihres großen Ruhmes, ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse. Der Nimbus, den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh, umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze, und imponierte besonders denen unter ihren Mitbürgern, die sich für eingefleischte Demokraten hielten.

Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft – und etwa drei Vierteljahre nach Frau Heißensteins Tode – begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn und die gebildetste Tochter der Stadt.

Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus, die man, so geschmackvoll gewählt, noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der städtischen Anlagen. Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen Beziehungen, in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten gestanden. Ihr größtes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge, die dem «alleinstehenden Witwer» aus dem Dasein einer Tochter erwuchs.

«O Herr Heißenstein, welche Aufgabe für Sie, dieses Dasein! Eine Aufgabe, deshalb so groß für einen Mann, weil sie eigentlich zu klein für ihn ist. Wie soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden, das alles ist, Herr Heißenstein, al-les

Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht, das zusammengeballt schien aus der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen, empfahl sich mit bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmäßigen kleinen Schritten, daß es war, als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin.

Herr Heißenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte: «Das erziehliche Moment, ja ja – das erziehliche Moment!» Er wußte freilich nicht, was sie darunter gemeint hatte, aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein, und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen Frauenzimmer, das solche Ausdrücke mir nichts, dir nichts gebrauchte, wie gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen.

Er sah sie wieder, er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten. Die Ehrfurcht, welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde, und die demütige Liebenswürdigkeit, mit der die Verehrte ihn behandelte, taten seinem stolzen Herzen wohl. Er gewann die Überzeugung, daß er sich im Notfalle an Nannettens spitzes Gesicht würde gewöhnen können. Leicht wurde ihm der Entschluß, sich ein zweites Mal zu verheiraten, nicht, aber er faßte ihn doch, dem Hause, dem anzuhoffenden Erben zu Ehren, dessen Mutter zu werden die über alles Lob erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien.

Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an, und sie legte ihr Pfötchen mit einer Eile hinein, die ihn fast bestürzt machte ob seines raschen Glückes. Sein Wort war kaum verpfändet, als er sich von der Ahnung ergriffen fühlte, er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer gebracht. Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung; es war ein unseliger Ehebund, den Herr Leopold mit Frau Heißenstein II. schloß. Der Mann, starr, unbeugsam, von dem Glauben an sich selbst durchdrungen; die Frau, von dem Teufel der Hofmeisterei besessen, hätte leichter auf das Atemholen als auf das Spenden guter Lehren verzichtet. Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten, seine Art zu gehen, zu grüßen, zu sprechen, zu essen, einer beständigen Kritik, und suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das gründlichste zu reformieren.

Der erstaunte Herr Heißenstein ließ sich dies alles eine Zeitlang ruhig gefallen, er begriff nach und nach, was sie damals gemeint haben mochte, als sie von dem «erziehlichen Momente» sprach, das «alles» sei.

Er schwieg lange, plötzlich jedoch fuhr er empor, und war im Zorne so fürchterlich, daß Frau Nannette sich von dem Schrecken, den er ihr in diesem Augenblicke einflößte, nie mehr ganz erholte. Er erklärte, er sei, ohne jemals «erzogen» worden zu sein, zu Vermögen, Ansehen und hohen Jahren gekommen. Er denke nicht daran, jetzt nachzuholen, was er, ohne den geringsten Schaden davon zu verspüren, in seiner Jugend versäumt habe. Der Mensch lebe nicht, dem zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten, möge sie gut oder übel sein, aufgeben wolle. Er wies sie übrigens an, ihre Erziehungskünste an seiner Tochter zu üben, dazu habe er die Gouvernante geheiratet, dazu sei sie da.

Dieser Befehl gehörte freilich zu der großen Menge derer, die leichter gegeben als befolgt werden. In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie ihr Herr Papa, sich einem fremden Willen zu unterwerfen. Das Kind, heimlich von Bozena unterstützt, leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin, daß Frau Nannette gestand, es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und Nihilisten, die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte, es gäbe Kinder, deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten, von pädagogischen Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmethoden sich ohnmächtig erwiesen.

Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heißensteins Bemühungen, doch wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen. Waren Herr Leopold und seine Tochter naive Gegner, die sich nur kräftig wehrten, wenn sie angegriffen wurden, so galt es bei Bozena auf der Hut zu sein vor einer stets kampfbereiten, hartnäckigen Plänklerin, die auf jede Gelegenheit lauerte, die Feindseligkeiten selbst zu eröffnen. Frau Nannette war in allem, was die Leitung eines Hauswesens betrifft, unerfahren wie ein Säugling, und es gab für Bozena Veranlassungen genug, ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, ob sie nun genau das Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte, oder eine ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam bloßstellte.

So hatte sich die Existenz Frau Heißensteins II. recht bedauerlich gestaltet, und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu, um doch, wie sie es tat, vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an ihre ehemaligen Zöglinge regelmäßig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden, in denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von «Gesang der Sphären in Haus und Gemüt» die Rede war.

Endlich jedoch trat ein Umstand ein, der die Stellung Dame Nannettens in dem alten Heißensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte.

Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung, daß Herr Leopold seine Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann. Dinge, die bisher für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten, ihre Stimmung und ihr Befinden schienen ihm wichtig geworden. «Wie geht’s der Frau?» fragte er beim Kommen: «Gebt acht auf die Frau» , sagte er beim Gehen. Nur an seinem Arme durfte sie das Haus verlassen. Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette, er nannte sie «seine liebwerte Oberhofmeisterin» und «seine alte graue Maus» ; er empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der Gebieterin und Mutter gegenüber, und drohte, jeden Widerstandsversuch auf das unbarmherzigste zu bestrafen.

Bozena rang mit der Verzweiflung; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind. Die Anzahl der Koch- und Speisegeschirre, die damals im Heißensteinschen Hause in Trümmer verwandelt wurden, erreichte eine erstaunliche Höhe. Es versteht sich von selbst, daß ein rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre, seine glühende Lava still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen, als Bozena, den Ausbruch ihres gärenden Grolls zu unterdrücken.

Nicht lange und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine Magd, die erste zornesblaß, die zweite zornesrot, in einem Wortwechsel begriffen, der nur seines Sängers bedurft hätte, um unsterblich zu werden wie jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms, oder wie jener der gekrönten Schwestern im Parke zu Fotheringhay.

Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen ingrimmigen auf die kecke Dienerin.

«Was unterstehst du dich?!» rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener Hand entgegen. Sie aber, hochaufgerichtet, den Kopf zurückgeworfen, die Arme in die Seiten gestemmt, stand wie ein Fels. Herausfordernd blickte sie ihren Herrn an, dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm, und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde, in kurze Sätze zusammengefaßte und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu.

Jeder Versuch, den der Kaufmann machte, Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt zu tun, verlieh derselben nur einen höheren Schwung, der Zorn der Riesin wuchs, indem er tobte wie die flammende Lohe vom selbsterzeugten Sturme angefacht.

Endlich raffte Heißenstein alle seine Kraft zusammen: «Hinaus, Kanaille! Aus dem Zimmer – aus dem Hause – du bist entlassen! » schrie er, bei jedem Satze neu Atem holend.

Ein wildes Gelächter antwortete ihm.

«Entlassen?!» wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne: «Nicht entlassen! … Oh – ich gehe selbst! Und gehe heut und gehe gleich!»

Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten hervor und verkündigte jubelnd, was sie nicht aussprachen: ich gehe, und das Behagen, die Ordnung, die Wohlfahrt des Hauses nehm ich mit!

Von vorahnender Wollust der Rache berauscht, stürmte Bozena dem Ausgange zu. Sie hatte schon die Schwelle betreten, schon die Klinke erfaßt, als sie sich plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte. Ohne sich umzusehen, versuchte sie von sich zu schieben, was sie hinderte in ihrer triumphierenden Flucht. Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken, da lag ihre Hand auf dem Haupt eines Kindes. Schmerzdurchzuckt, als hätte sie ein glühendes Eisen berührt, fuhr sie zusammen. Ein Laut, nicht Schrei, nicht Schluchzen, ein qualerpreßtes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin.

«Fort du Range!» rief sie dann, und die mächtig erwachte, zornig bekämpfte Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren, unheimlichen Klang. Aber der hartgewöhnte Zögling Bozenas ließ sich so leicht nicht einschüchtern. Nur heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne Aufhören und in allen Tonarten: «Bleib! Bleib doch! Bleib bei mir!»

Und Bozena, wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson, biß die Lippen und rang die Hände. Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband, der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte; gegen das undankbare Geschöpf, das sich an ihr Kleid hängte und sagte: «Bleib!» anstatt zu sagen: «Geh, befreie dich!» Oh, sie gibt nicht nach, die Rosa. Aber die Bozena noch weniger, das ist gewiß; sie reißt sich los, sie geht, ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding zu werfen. – Täte sie’s, – wer weiß, was noch geschähe? Sie tut es nicht! Sie will nicht! … Und indem sie sagt: ich will nicht – ist es geschehen.

Du grundgütiger Gott! Da steht das Kind vor ihr im Nachthemdchen mit ganz zerzausten Haaren, in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke liegt, und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich, das Bozena auf dem letzten Jahrmarkte gekauft hat. – Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen, um ihr nachzueilen, und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen nackten Füßen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd: «Wer gibt mir heut mein Frühstück? Wer kleidet mich heut an?»

Nun war’s vorbei mit Bozenas Herrlichkeit.

«Wer heut? Wer morgen? Wer je?» ruft sie mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klage, – ihr Zorn, ihr Trotz, ihre Stärke – alles dahin! Sie hebt den Schützling empor und preßt ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust. Ein letzter Kampf und die Gewaltige beugte sich, das Kind immer in den Armen, vor der Herrin, die sie verabscheute, beinahe bis zur Erde. Zum erstenmal im Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde: «Verzeihen Sie mir, Frau, verzeihen Sie mir, Herr! – Behalten Sie mich!» bettelte demütig, die sich unentbehrlich und unersetzlich wußte.

Und man behielt sie. Aber Bozena mußte das Eingeständnis, daß sie sich vom Hause Heißenstein nicht trennen konnte, teuer bezahlen. «Macht besitzen, und nicht mißbrauchen ist Tugend.» – Frau Nannette besaß diese Tugend nicht. Sie ersparte der überwundenen Löwin keinen Fußtritt und keinen Nadelstich. Ihre kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Größe ertragen. Einmal zum Bewußtsein gekommen, daß sie in unzerreißbaren Fesseln lag, nahm sie die Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin. Nur sehr scharfsichtige Augen merkten, daß sie leide. Ein alter Kommis des Kaufherrn, der Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen genoß, welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete, fragte sie um diese Zeit: «Wie leben Sie?» Und sie antwortete ohne Anmut, aber mit Kraft: «Wie soll ich leben? Ich fresse Galle und saufe Tränen.»

Es kam der Tag, an dem Herr Heißenstein der Magd befahl, die Wiege vom Bodenraum herabzuholen. Bozena gehorchte schweigend, aber nachts stand sie auf, trat an das Bettchen, in dem ihr Liebling schlief und jammerte: «O du armer Wurm! Du armer Wurm du!»

Und ein andrer Tag kam, an dem Herr Heißenstein, steif wie eine Bildsäule, im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen Augen auf den großen Platz hinausstarrte. Trotz der äußeren Bewegungslosigkeit war sein ganzes Wesen im Aufruhr, er murmelte unverständliche Worte vor sich hin, und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der größten Spannung. Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle saß Rosa. Sie hatte mehrmals versucht, sich leise aus dem Zimmer zu schleichen, und war daran ebenso oft durch ein gebieterisches «Du bleibst!», das ihr der Vater zurief, verhindert worden. Sie begann sich zu fürchten vor ihm, vor der Stille, vor der hereinbrechenden Dunkelheit; sie regte sich nicht mehr, sie zählte, um sich die Angst zu vertreiben, die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten, erst stumm, dann halbflüsternd, endlich halblaut singend nach einer selbsterfundenen Melodie.

Da wurde ein Geräusch vernehmbar, die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle stand Bozena, ein Licht in der Hand, das ihre Züge grell beleuchtete. Ein sonderbares Gemisch von Empfindungen, von Freude und Sorge drückte sich in ihnen aus. Heißenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den großen Speisetisch, auf den er seine beiden flachen Hände legte. Die Knie zitterten ihm und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust.

Bozena rief: «Kommen Sie, Herr! kommen Sie!»

Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden, erwartungsvollen Blicken an, und keuchte endlich, ohne seine Stellung zu verändern: «Es ist ein Sohn – rede! – Es ist ein Sohn!»

«Was – Sohn!» erwiderte Bozena – «Sie sollen kommen, der Frau geht es schlecht.»

Heißenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch müden Schritten auf die Magd zu.

«Aber das Kind…» , rief er, «das Kind ist da – lebt?»

«Ist da – – lebt» , wiederholte sie.

«Ist ein Knabe?!» setzte er hinzu, fast schreiend in bangender Qual.

«Ist ein Mädchen», sagte Bozena. Sie sagte es ruhig und beschwichtigend. Er jedoch außer sich, sinnverwirrt, meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme klingen zu hören. Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der unwillkommenen Botschaft los, stieß sie vor die Brust, daß sie taumelte, und ging – nicht zu seiner schwer kranken Frau, nicht zu dem neugeborenen Kinde, sondern zurück in sein Gemach, dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte.

Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie betäubt; der Leuchter entsank ihr. Aber schon in der nächsten Minute hatte sie sich aufgerafft. Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und streckte ihrer kleinen Rosa, die auf sie zuflog, die Arme entgegen. Sie hob ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend: «Er hat keinen Sohn – er wird keine Tochter haben als dich – du bleibst die einzige … Die dort – sterben!» – flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr, – «du lebst, du wirst leben – und schön und reich und glücklich sein!»

Bozena Kapitel 19

Den Befürchtungen der Arzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotz, erholte sich Frau Heißenstein; und ihr Sprößling, dem bei seinem Erscheinen die Möglichkeit abgesprochen wurde, die Nacht zu überdauern, blieb am Leben. Ja, er bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten, die jede Säuglingsexistenz bedrohen, eine Zähigkeit und Kraft, die alle Sachverständigen in Erstaunen setzte. Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula, und während ihre Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig danieder lag, und ihr Vater sich grollend von ihrer Wiege abwendete, fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges, das sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken. Die kleine Rosa begrüßte in dem plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk, das der gute Storch für sie, und ganz allein für sie gebracht hatte. Sie faßte Posto an der Seite des gelben, winzigen Geschöpfes, das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag, und so erbärmliche Gesichter schnitt, und die mageren Händchen so sonderbar ballte und ausstreckte.

«Es stirbt! es stirbt!» rief sie, wenn sich die kleinen alten Züge veränderten und verzerrten. Und wenn es die Augen aufschlug, sang sie ihm vor und bewunderte es, und wollte ihm beständig etwas zu essen geben.

Als Frau Heißenstein wieder auf die Beine kam, war es ihre erste Sorge, ihre Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äußerungsbedürftiger Liebe. «Durch die wird ihr nichts Gutes» , meinte sie, und blieb immer darauf bedacht, die beiden Kinder voneinander fernzuhalten.

Stets hinweggewiesen und fortgedrängt, kam Rosa dennoch wieder. Das wilde, ungestüme Ding saß oft stundenlang an der Tür des Zimmers, in dem Regula zunahm an Häßlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen, still wartend, bis ihr endlich gestattet wurde, einzutreten. «Aber nur für einen Augenblick – du hörst? Und nur, um sie zu sehen – du verstehst? Zum Sehen sind uns die Augen gegeben, nicht die Hände. Keine Umarmung!» – Derlei ganz unnötige Kundgebungen waren Frau Nannetten besonders verhaßt.

Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der Schwester heran: «Mache es nicht wie die! Danke Gott, daß du nicht bist wie die!» Das Entgegengesetzte von allem, was Rosa tat, das war das Rechte.

Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen gezählt werden, seitdem sie aber ein Kind geboren, kam sie sich so merkwürdig und wichtig vor, als ob sie die erste gewesen sei, der eine solche Tat überhaupt gelungen war. Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz: «Kinder in die Welt setzen ist leicht, sie erziehen ist schwer.» Jetzt geriet sie in Zweifel, welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei. Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter, die ihr ein solches Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder: Regula, und die Mutter vor der Gouvernante, die es so glänzend auszunützen verstand. Schon in der Wiege hatte das Kind die ersten dunklen Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen. Mit drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang. Einer Strafe bedurfte es nie, mit Lob und Bewunderung wurde es geführt; diese beständig hervorzurufen war sein unablässiges .Bemühen. Kein Kind war jemals so bestrebt, seinen eigenen Willen durchzusetzen, wie Regula einen mütterlichen Befehl zu erfüllen; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen, wie sie nach guten Lehren, und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren, überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor.

Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib, und sagte mit echtem Pariser Akzente: «Oui monsieur» und «non madame». Mit dem Widerspiel ihrer eigenen Vollkommenheit, der unartigen Rosa, wollte sie natürlich nichts zu tun haben, und diese gab es endlich auf, sich um ihre Liebe zu bewerben; sie kehrte wieder zu ihrer schönen Bozena zurück, die sie mit offenen Armen aufnahm.

So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt, und die beiden Parteien standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber. Einen scheinbaren Mittelpunkt bildete der Hausvater. Nur einen scheinbaren; in der Tat vereinsamte er immer mehr, die ganze «Weiberwirtschaft» war ihm im Grunde gleichgültig. Empfand er überhaupt eine sympathische Regung für eines seiner Kinder, so war es für die stille Regula. Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob, das ihre Mutter ihrer Musterhaftigkeit spendete, gar zu übertrieben schien, so sagte er nur: «Brav – zu brav! Was nicht gegoren hat, ist, solange die Welt steht, noch nicht Wein geworden.» Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte, sich steif aufrichtete und dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes ausweichend, erwiderte, sie sei bisher des Glaubens gewesen, «des Rebensaftes Klärung» vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen, welche der Erziehung einer jungen Dame vorstünden.

Herr Heißenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung, und Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses, den Nannette allmählich auf ihren Gatten zu üben begann. Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem wohlerzogenen Kind nicht zu versagen. Sie verneigte sich so ehrerbietig vor ihm, brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar; ihre Haare waren immer so glatt gekämmt, ihre Kleider immer so nett; sie saß und stand immer so gerade, fiel niemals einem andern ins Wort, widersprach nie. Und dann – ihre Kenntnisse! Ihr Wissen! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft verletzt, die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm. Es war doch hübsch, wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte, als Esther gekleidet; eine Verbeugung machte, so tief, daß man im Zweifel sein konnte, ob sie sich auf den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde, und dann begann.

«Peut-être on t’a conté la fameuse disgrâce
De l’altière Vasthi dont j’occupe la place…»

Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien, und ohne auch nur einen Augenblick zu stocken, die famose Tirade deklamierte:

«Que mon coeur, chère Ismène, écoute avidement
Un discours qui peut-être a peu de fondement…»

– Und so weiter!

Mußte Herr Heißenstein da nicht sagen: «Bravo, meine Regel! Bravo!» Und mußte sein Blick sich nicht fragend und mißbilligend auf die große Tochter richten, die von der Sprache, in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte, nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen, das heißt soviel wie ihr eigener Vater? Mußte da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes: «An der erlebst du keine Freude» Eindruck auf ihn machen?

Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit, aber dies geschah auf Kosten der Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit. Sie war gleichsam außerhalb des Gesetzes erklärt, und man ließ ihr diejenige Nachsicht zuteil werden, welche aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt. Und Rosa, die bisher lachend getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter, die heftigen Rügen des Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte, begann nachdenklich zu werden. Ihre Heiterkeit verschwand, ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des düsteren alten Hauses, man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost, wie der Kommis sie nannte, nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit Hündchen und Kätzlein. Sie saß eingeschlossen in ihrer Stube, pflegte die Blumen und Vögel, die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären, oder las Romane aus der Leihbibliothek des Städtchens, in der sie sich im geheimen abonniert hatte.

Und gerade damals, wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre, wurde ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten.

Die schöne Bozena war um diese Zeit, in der ihr Herzensliebling in die Mädchenjahre, sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat, eine lahmgelegte Kraft. Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich, konnte an andre nichts davon abgeben. Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar ihren Dienst, sie hatte ihn ja im kleinen Finger, aber das Herz war nicht mehr dabei. Ihr Feuereifer brannte hell wie je, aber als eine stille Flamme, nicht mehr Funken sprühend nach allen Richtungen. Man sah sie jetzt nach beendeter Arbeit müßig dasitzen, die Hände im Schoß. Plötzlich angerufen, fuhr sie auf, wie aus einem Traume. Das seltsamste war, daß sie begann ihrer äußeren Erscheinung mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden. Die haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand. Ihr lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen. Etwas Großes ging vor in ihrem Innern, und auf die ganz erfüllte Seele besaßen von außen kommende Eindrücke keine Macht.

Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen war, das ahnte nur ein Mensch: Mansuet Weberlein, der Kommis. Ein stummes Verständnis, das allezeit tiefer ist als eines, das Worte braucht, um sich zu offenbaren, herrschte zwischen den beiden. Bozena wußte dem Alten Dank für sein einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen; die Gesellschaft des einzigen, der sie durchblickte, tat ihr wohl und wurde von ihr aufgesucht. Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber, als sie und er selbst es ahnte.

Die Woche hindurch war Herr Mansuet außerhalb seines Glasverschlages in den ebenerdigen Geschäftslokalitäten nicht zu erblicken, aber «am Namenstage der Faulenzer», wie er den Sonntag nannte, gönnte auch er sich eine kleine Erholung. Da kam er gegen Abend staubig, wie eine Ofenfigur, aus seiner Höhle hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges, die wohl ursprünglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein mochte. Er zündete seine Pfeife an und meinte nun, er schmauche im Freien. Regelmäßig stellte sich Bozena bei ihm ein, er nickte ihr zu und sagte: «Muß mir ein bißchen die Bummler ansehen.» – «Muß Ihnen ein bißchen helfen», erwiderte sie. In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts.

Gewöhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern, die Festgewänder legte sie nach dem Kirchenbesuch ab, und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in Staat zu werfen, war ihr nicht der Mühe wert. Auch in ihrer Einfachheit gefiel sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun, die Zudringlichen in respektvoller Entfernung zu halten.

Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt, als sich Bozena eines Sonntags prächtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand. Sie kam langsam, in Gedanken versunken die Treppe herab. Ihre rechte Hand glitt das Geländer entlang, den Rücken der linken hielt sie fest an den Mund gedrückt. Das runde Häubchen mit den flatternden Bändern saß wundergut auf dem reichen Haar mit seinem schwarzblauen Glanze. Eine Korallenschnur umfaßte den kräftigen und geschmeidigen Hals, über die Brust war ein schneeweißes Tuch gekreuzt. Kurze, bauschige Ärmel ließen die wohlgeformten Arme frei. Ein Rock von broschiertem, dunkelgrünem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Knöcheln nieder, eine seidene Schürze, bunt gestickte Strümpfe und glänzende Schnallenschuhe vervollständigten den halb städtischen, halb ländlichen, nagelneuen Anzug.

Der Tausend! Sie war schön und majestätisch anzusehen in dieser Pracht, die mächtige Gestalt. Weberlein betrachtete sie vergnügt, kauerte sich tiefer in seine Nische und murmelte: «Sauber! Sauber!»

Bozena stand nun vor ihm und grüßte mit einem Anfluge von Verlegenheit. «Sapperlot» , sprach der Alte, «das ist ja schön von Ihnen, daß Sie sich auch einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben.»

«Ihnen zu Ehren doch nicht» , antwortete sie.

Er schlug ein Schnippchen, als wollt er sagen: Sie haben gut leugnen, ich weiß, was ich weiß. Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Röte, und sie sprach leise, aber resolut: «Es ist heut Tanz beim ‹Grünen Baum›, da geh ich hin.»

Der Blick, den Weberlein jetzt auf sie warf, bewies, daß es möglich sei, zugleich Mitleid und Verachtung auszudrücken. Sein unproportioniert großes Kinn bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen, halbmilitärischen Krawatte, in der es endlich zur Hälfte verschwand, und er rief: «Sie sind, scheint mir – närrisch!»

Bozena erwiderte nichts. Sie hatte die Arme gekreuzt, lehnte sich an die Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder.

Auf dem Platze wurde es immer lebendiger. Dem heißen Sommertage war ein erquickender Abend gefolgt; ihn zu genießen strömte die schöne Welt der Stadt der Promenade zu. Unter denen, die am Hause vorüberkamen, dünkten sich nur wenige zu vornehm, um dem Vertrauensmanne Herrn Heißensteins einen Gruß zuzurufen; so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte. Auch Bekannte Bozenas kamen – stille Verehrer, die es nicht auszusprechen wagten, wie begehrenswert ihnen die rüstige Jungfrau mit ihrem Fleiß und Geschick und mit ihren, wie man wußte, ansehnlichen Sparpfennigen erschien; kühne Bewerber, die sie heimzuführen hofften, wenn nicht gleich, so doch sicherlich dann, wenn einmal Fräulein Rosa wegheiraten würde aus dem väterlichen Hause. Auch einige hübsche Mädchen, bestens geschmückt zum heutigen Tanze, fanden sich ein und vergrößerten den Halbkreis, der sich um Bozena gebildet hatte, wie um eine Audienz erteilende Königin.

So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt. Und jetzt trat aus dem gegenüberliegenden, vom Kreishauptmann Grafen Kühnwald bewohnten Hause ein junger Mann, auf den sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit richtete. Die Mädchen stießen einander an und kicherten, die Männer zuckten die Achseln; ein Schreiberlein in einem schäbigen Rock, den nur der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte, daß er einst schwarz gewesen war, sagte mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide: «Da kommt Bernhard der Pfau!»

«Dann wird auch die ‹Gräfin› nicht weit sein», ließ eine Mädchenstimme sich vernehmen.

Und wirklich, die sogenannte Gräfin schritt eben über den Platz. Sie war eine stattliche Bauerntochter, die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe, das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete. Begleitet von ihrer Sippe begab sie sich zum Tanze. Der junge Mann näherte sich ihr und schien eine Frage an sie zu stellen. Die Dorfgräfin nickte gnädig und setzte ihren Weg fort, indessen er auf das Haus Heißenstein zuschritt.

Ein schlanker Bursche war’s, in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen Büchsenspanners, im dunkelgrünen Rock mit Aufschlägen von Samt, silbernen Wappenknöpfen und Achselschnüren, ein schmuckes Mützchen auf den braunen, dichten, kurzgehaltenen Locken. Seine Haltung war vornehm und frei, das Gesicht fein geschnitten; Siegesgewißheit in jeder Miene und Bewegung, kam der Bursche heran und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen. Er grüßte die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines gutsituierten Mannes gegen geringe Leute. Dem Kommis gegenüber äußerte er einigen Respekt, die übrigen neckte er, wußte aber auch jedem etwas Angenehmes zu sagen und jeden in das Gespräch zu ziehen. Nur eine Person in dem Kreise sah er nicht, bemerkte er nicht – die ansehnlichste und auffallendste von allen: Bozena.

Und die war plötzlich verstummt. Sie hatte den Kopf an die Wand zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen. Von ihren Schläfen herab, die Wangen entlang zog sich ein weißer Streifen – das Erbleichen sehr rot gefärbter Menschen. Verstohlen warf der Jäger manchmal einen Blick nach ihr hin, und je gequälter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien, desto lustiger wurde er, desto übermütiger seine Laune. Mansuet Weberlein kämpfte mit einem nervösen Zucken im Arme, verdrehte die Beine so, daß seine einwärts gebogenen Fußspitzen einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten, und schoß gegen Bernhard den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab. Endlich rief er giftig: «Schad‘ um Sie! Indessen Sie uns hier Späße vormachen, tanzt Ihnen ein Tölpelpeter oder ein Lümmelhans Ihre Gräfin weg!»

Der Jäger wollte antworten, aber ein stämmiger Bursche kam ihm zuvor: «Seine Gräfin?» spöttelte er – «dem Büchsenspanner seine? … Warum nicht gar?»

Ein hochmütiges Lächeln kräuselte Bernhards Lippen. «Oho, du Gescheiter, nicht mehr lange Büchsenspanner. Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier», sprach er.

«Die Bäuerin schiert sich was um dein Revier», entgegnete der Bursche; und zu einem der Mädchen gewendet, fügte er rasch hinzu: «Wollen wir sie fragen, Toni?» – Und Toni antwortete eiligst «Ja», und dem sich entfernenden Pärchen folgten andere Tanzlustige nach, und bald war die ganze Versammlung auseinander gestoben. Auch der Jäger empfahl sich jetzt auf das höflichste bei Weberlein, nach einigen Schritten aber blieb er, als besänne er sich plötzlich, stehen, wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand, der innerlich widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfüllt: «Kommen Sie nicht auch?» Dann eilte er den übrigen nach mit großen Schritten und schlecht verhehlter Besorgnis, daß sie sich ihm vielleicht anschließen könnte.

«Prosit!» zischelte der Kommis zwischen den Zähnen, «sonst haben Sie keine Schmerzen?»

Aber wie ward ihm, als Bozena nun vor ihm stand, und mit gepreßtem Tone und niedergeschlagenen Augen sagte: «Alsdann Adje, Herr Weberlein.»

Nein! das kann nicht sein … Das ist ja die bare Unmöglichkeit! – In Scharen waren sie oft gekommen, die allerbesten Tänzer der Stadt und des Dorfes und hatten gesagt: «Erweisen Sie mir die Ehre» und «Machen Sie mir die Freude» … Und sie hatte geantwortet: «Ich geh zu keinem Tanz.» Und jetzt warf ihr ein Laffe, ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin, so leer, so gar nichtssagend als höchstens: Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein; und sie lachte ihm nicht ins Gesicht, sie schwieg – sie folgte ihm, dem Laffen, dem Gecken, demütig wie ein Hund seinem Herrn?! Donner und Wetter! Wenn der liebe Gott vom Himmel gestiegen wäre und es dem Kommis Weberlein erzählt hätte, dieser würde geantwortet haben: «Verzeih mir’s – Gott! Aber das kann ich nicht glauben.» … Und nun sah er’s, nun mußte er es sehen mit seinen eigenen Augen und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden, die dem Stolze Bozenas geschlagen worden. Er blickte völlig verstört zu ihr empor und brachte nur ein Wort heraus, nur das einzige Wort: «Was?»

Sie schien ein Weilchen zu zögern, dann sprach sie mühsam und mit trockenen Lippen: «Ich muß wissen, wie es steht mit ihm und der Eva», und wandte sich, und von weitem, in wohlberechneter Entfernung, folgte sie dem Jäger.

Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an, mit abscheulich menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und dem Treiben da draußen endlich ganz und gar den Rücken. Wie ein Alräunchen hockte er in seiner Nische und zog in kurzen, raschen Zügen den Rauch aus seiner Pfeife. Er schmauchte nicht mehr, er tobakelte und umgab sich mit kleinen dichten Wolken, die ihn dräuend und unheilverkündend, als Zeichen seiner großen inneren Erregtheit, umflogen.

Bozena Kapitel 20

Beim «Grünen Baum» hatte die Unterhaltung schon begonnen, aber noch war wenig Wein getrunken worden, noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit, noch hatte kein Streit stattgefunden. Die Paare drehten sich langsam und mit bewunderungswürdiger Ausdauer. Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf, ein Bursche klatschte in die Hände, hob seine Tänzerin hoch empor, ließ sie dann sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken, umfaßte sie von neuem und ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern, mit denen sie ihre Fronarbeit verrichteten.

Bernhard trat oft in die Mitte der Stube, sah mit Wohlgefallen, wie viele Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten, winkte jedoch keine der Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei. Eva war für diesen Walzer versagt und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen.

Bozena stand, alle Frauen und die meisten Männer, die sie umgaben, überragend, finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen, sich an dem Tanze zu beteiligen, kurz ab. Sie sei nur gekommen, ein wenig zuzusehen, müsse gleich wieder heim. Die Musik schwieg, ein Tanz war zu Ende, nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt, und jetzt hatte Bernhard die «Gräfin» erfaßt und wirbelte mit ihr durch die Stube. Nicht langsam und mattherzig, wie ihr früherer Partner, frisch, mit fröhlicher Anmut und Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte. Wie zwei Vögel schwebten sie, flogen sie, als ob die Lüfte sie trügen, jetzt im engen Kreise wie die Lerchen, jetzt wie die Schwalben – dahingleitend in weitem Bogen. Er flüsterte ihr etwas zu und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an; fester drückte er sie an sich, warf den Kopf zurück und schien zu fragen: wer widerstände mir? Sie, nicht minder selbstbewußt, aber weniger naiv, schlug die Augen nieder und schien zu antworten: Ich – vielleicht!

Bozena verwandte von den beiden keinen Blick, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust. Oh, jung sein und begehrenswert wie jene dort! Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen werden wie sie, nur einmal, nur einen einzigen seligen Augenblick! Tu ein Wunder, Gott, der du alles kannst! Befriedige diese dürstende Sehnsucht, erlöse diese arme, ringende Seele, lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und Scham!…

Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Bozena sich verstiegen, als eine Stimme sie anrief: «Grüß Gott!» Evas Vater, ein alter schöner Mann, war zu ihr getreten, er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr fort: «Das tanzt! Das tanzt!» Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann wieder die Angeredete an, als wollte er sie zur Bewunderung auffordern. Schon drängte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen, aber sie sprach es nicht aus, vielmehr sprach sie, den Greis forschend ins Auge fassend: «Ein schönes Paar!» Der Bauer verzog den Mund: «Paar?» wiederholte er «Paar? die zwei? – Je nun, auf dem Tanzboden – ja.» Und Bozena atmete auf. Derselbe Ausdruck des engherzigen Hochmuts, der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag – das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch. Die wird ihr nicht im Ernste eine Nebenbuhlerin, der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering! – Bozena verließ die Wirtsstube, sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu, von dem aus der Fußsteig, der bis an die Stadtmauer führte, leicht zu erreichen war. Auf eine Bank unter einem Apfelbaum ließ sie sich nieder und versank in ihre düsteren Gedanken. Eine kurze Zeit nur, und lebhafte, eilende Schritte näherten sich. Sie blickte nicht zurück, sie wußte, er ist es, er sucht sie auf. Im nächsten Augenblick war er bei ihr, setzte sich neben sie auf die Bank und sprach schmeichelnd: «Bozena! Läßt sich die Böse endlich finden?»

Sie antwortet ihm nicht. Er suchte, jedoch vergeblich, ihre Hand zu fassen. «Was hast du wieder? So sag doch ein Wort! – Was ist dir?» sagte Bernhard mit dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen.

Nun fuhr sie auf: «Er fragt! Er fragt noch! … Wie? Jetzt kann er kommen, weil ich allein bin! Vor den Leuten kennt er mich nicht! … Weißt du was? Wie du mit mir spielst, so spielt die Eva mit dir!»

Das hatte sie nicht sagen wollen, nicht gleich, nicht so, aber der Ingrimm, der in ihr kochte, sprudelte die Worte heraus. Keuchend lehnte sie sich zurück an den Stamm des Baumes, biß die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über der gequälten Brust.

Bernhard lachte gezwungen.

«Mit mir spielt niemand», entgegnete er. «Die Eva weiß recht gut, daß mir’s nicht im Ernst zu tun ist um sie. – Und du solltest wissen, daß ich dich lieb habe!» rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie umfassen.

Sie stieß ihn zurück und sprach, an allen Gliedern bebend: «Seit einem Jahr vergällt er mir mein Leben. Küßt mich im geheimen und verleugnet mich vor den Leuten … Fort von mir!» herrschte sie, als er statt aller Antwort die Zürnende an sein Herz zu ziehen strebte: «Es muß sein – hörst du? – ich verstelle und verstecke mich nicht mehr. Laß mich in Frieden, wenn du dich meiner schämst!»

Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit ausgestrecktem Arme. Und mit diesem stählernen Arme, das wußte Bernhard wohl, hätte er vergeblich gerungen. So senkte er den Kopf auf ihn nieder, lehnte seine Wange daran und sprach: «Ich mag das Gerede der Klatschmäuler nicht – es könnte meinem Grafen zugetragen werden. Und der, du weißt ja, meint, am besten wär’s für mich, wenn ich die Kammerjungfer der Frau Gräfin nähme. Aber ich mag sie nicht!» rief er, sich aufrichtend. «Sie ist mir zuwider – ich hab nur eine gern … Laß mich nur einmal Förster sein, – und die ganze Welt soll schon sehen – wen?!» Es war ein Klang von warmer, überzeugender Empfindung in seinen Worten. Er hatte sie lieb, die Bozena, gewiß; er war stolz auf den uneingeschränkten Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens. Er freute sich der Gewalt, die ihm über die Gewaltige gegeben war. Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken, sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen. Im Bewußtsein ihrer unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke, er fühlte sich durch ihre Hingebung gehoben und verklärt. Schützend umhüllte sie ihn, ohne ihn je gedemütigt zu haben, denn immer war sie bereit, sich ihm zu unterwerfen, und alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm. Ein Wort, und die Unbezwingliche lag zu seinen Füßen, die größere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit, denn kraft ihrer Liebe war er ihr Herr.

Bozena hatte den Arm sinken lassen, der Jäger schlang den seinen um ihren Hals und preßte seine Lippen auf die ihren. Ihr Zorn zerschmolz unter seinen Küssen. Heiße Tränen traten ihr ins Auge und sie sprach wehmütig: «Ich werde niemals deine Frau! Du wirst dich niemals zu mir bekennen. Schweig!» fiel sie ihm ins Wort, da er widersprechen wollte. «Dazu hast du nie den Mut! … Ich bin nur eine arme Magd, und du willst höher hinaus – wir sind nicht füreinander …»

«Ich will dich», beteuerte Bernhard mit Ungestüm, «keine andere, weil sich keine mit dir vergleichen kann. Meinst du, ich bin blind und seh das nicht? … Hab Geduld! … Wirf mir nichts vor … Wir kommen doch zusammen, aber jetzt will ich nichts wissen, nichts hören, nichts fragen als nur: hast mich lieb?»

Bozena legte die gerungenen Hände in ihren Schoß und seufzte schmerzlich auf: «Fragst nicht auch, ob Gott im Himmel lebt? … O Jesus, ob ich ihn lieb habe? Ich wollt, ich könnte sagen, nein, oder ich wollt, ich könnte sagen, warum?»

Trotzig richtete sie sich auf und sprach, als trachte sie sich selbst zu beruhigen über die Natur ihrer Liebe: «In dein hübsches Gesicht habe ich mich nicht vergafft!»

Der Jäger lachte und küßte sie, und Bozena erduldete seine Liebkosungen, aber sie erwiderte sie nicht.

«So bist du heute», grollte sie, «und morgen ist alles wieder wie früher, und morgen trittst du mir wieder aufs Herz. O könnt ich frei sein! … Könnt ich mich losmachen von dir!»

Er erschrak über die Verzweiflung, die aus ihrer Stimme klang; zum erstenmale tauchte die Möglichkeit, sie zu verlieren, vor ihm auf und erfüllte ihn mit tiefster Besorgnis, mit bitterstem Weh: «Dich losmachen von mir?» fragte er vorwurfsvoll, «das möchtest du?»

«Wohl möcht ich’s!» antwortete sie, «aber was hilft mir das? … Bin ich nicht wie verfangen im Dorngestrüpp, es zerfleischt mich, – und läßt mich nicht los … Bernhard! Bernhard!» Sie beugte sich vor, mit beiden Händen griff sie in sein Haar, zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen, die sich bittend und voll heißer Zärtlichkeit zu ihr erhoben. «Bist mir denn treu?» schrie sie plötzlich auf.

Das rief wieder die alte Bozena! Das war wieder die echte alte Leidenschaft! – Sie zitterte um ihn, er hatte sie wieder! Der funkelnde Blick des Jägers ruhte fest in dem ihren und seine Seele frohlockte. Übermütig strich er mit Daumen und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend, wie ein berechnender, kluger, vollendeter Don Juan:

«Bist du denn mein?»

«Schäm dich!» erwiderte sie, und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte laut.

Er aber flehte, tröstete, beteuerte. Kein Liebesschwur, den er nicht tat, kein Schmeichelwort, das er nicht sagte. Und Bozena lauschte seiner süßen Rede, von neuem überwunden, von neuem überzeugt. Er wolle ein Ende machen! Das gelobte er, und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade! Von der Bozena läßt er nicht, er kennt ihren Wert, ihr gehört er an in Glück und Not, im Leben und im Tode. Nur sie vermag – – da fährt er zusammen, hält inne … hinter den Büschen des Zauns hat sich’s geregt. Der Teufel! haben seine Worte einen Zeugen gehabt? War ein Lauscher da? Bernhard springt empor und auf die Stelle los, von der aus das Geräusch gekommen. Er ruft laut: «Wer da?» – keine Antwort und ringsum niemand zu erblicken. Sie sind allein.

Etwas verlegen über die Bestürzung, die er unwillkürlich hatte erblicken lassen, kehrt der Jäger zurück. In einen andern Menschen verwandelt, gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte: «Es ist spät – ich muß fort.»

Sie biß die Zähne übereinander und maß ihn mit verachtungsvollen Blicken.

«O du!» rief sie «wenn einer dort gestanden hätt, und wär’s der Stallbub gewesen aus eurem Hause … Und hätte der gespaßt: Unser Jäger geht mit der Magd des Weinhändlers – vor dem Stallbuben hättest du mich verleugnet! Jetzt hättest du’s getan! … Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand nach mir fragt, wirst du antworten: Ich kenne sie nicht! Gelt?» schrie Bozena mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm, der mit finsterem Gesichte zur Erde starrte und – schwieg.

«Ich Narr! Ich Narr!» stöhnte sie und wandte sich und rannte davon. Sie schaute nicht – er rief sie nicht zurück, und dennoch hemmte sie bald die Raschheit ihrer Schritte. Sie blieb stehen – sie lauschte – sie wartete und setzte dann immer langsamer ihren Weg fort. Wie oft hatten sie sich schon getrennt, aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser. Hatte sie doch noch nie so harte Worte zu ihm gesprochen, war ihm doch niemals so weh durch sie geschehen. Wird er ihr je verzeihen? – Schon denkt sie nichts andres mehr als: wird er mir je verzeihen?…

Das macht: sie ist gefangen, ein Spielball in eines Knaben Hand – die große Bozena!

Bozena Kapitel 21

5.

Während Bozena in so schweren Herzenskämpfen rang, wurde auch ihr Schützling von seinem Schicksal ereilt. Zugleich glücklicher und unglücklicher als ihre Getreue, hatte Rosa eine Neigung eingeflößt, die sich nicht verbarg, die nur allzu eifrig zur Schau getragen wurde, die aber so gut wie keine Hoffnung bot, zu ihrem Ziele, dem Frieden einer erwünschten Ehe zu gelangen.

Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment einquartiert, dessen hübschester Leutnant den großen, sehr mittelmäßig gepflasterten Platz des Städtchens für den geeignetsten Ort zu halten schien, wo seinen Pferden die letzte, höchste Dressur beizubringen wäre. Er kam heut auf dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun; er umkreiste den steinernen Marktbrunnen im Jagdgalopp, im spanischen Schritt, im kurzen und im langen Trabe. Er jagte, die Hand am Schirme seines Käppchens, im Fluge wie ein Kosak, oder er ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan, an dem alten Hause vorüber. Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lächelte ihm zu. Seit dem Augenblicke, da sie ihn zum erstenmale gesehen, hatte ein neues Leben für sie begonnen. Seltsam, seltsam war ihr’s damals ergangen. So, meinte sie, so rasch, so plötzlich und unwiederbringlich hätte noch keine ihr Herz verloren, nein, verschenkt – gern, glückselig verschenkt.

Mit klingendem Spiele und flatternden Fähnlein war das Regiment auf einem Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten. Und Rosa, von dem Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt, hatte sich ergötzt an dem bunten Schauspiel zu ihren Füßen; Zug um Zug marschierte vorüber und manches Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mädchen, das so übermütig auf die staubbedeckten Reiter herabsah, als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum Spaße da vorbei.

Endlich kam er herangeritten, nachlässig, mit schlaffen Zügeln, und träumte vor sich hin. Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie ein verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkömmlinge nahm es sich mit seinen etwas abgebröckelten Stukkaturen, seinen schweren Strebepfeilern und tiefen Fensterbogen aus, neben den blanken, charakterlosen Nachbarn. Der Offizier sah an dem grauen Gemäuer empor, wie überrascht von seiner altertümlichen Schönheit. Als wecke es in ihm eine wehmütige Erinnerung, betrachtete er es ernsthaft, ja traurig und doch fast liebevoll. Und jetzt begegnete sein Blick dem der Rose am Fenster, dieser holden, trotzigen Rose, so schön, so frisch in ihrer düsteren Umrahmung. Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem Erstaunen, mit selbstvergessenem Entzücken. Und das alte, ewig neue Wunder vollzog sich; in zwei von Schmerz und Glück noch unberührten Seelen erwachte die Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs, die sie bestimmt waren einander zu bereiten, die Ahnung des großen Lebensgeheimnisses, das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein.

Unwillkürlich hielt der Jüngling sein Pferd an, und stand regungslos mit emporgewandtem Haupte, mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem Gesichte. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, eine Stimme, die ihn anrief: «Schläfst du, Fehse?» weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er errötete über und über und setzte sich wieder in Bewegung. Der Kamerad aber war der Richtung, welche die Augen des Freundes genommen, mit den seinen gefolgt, er lächelte und machte eine Bewegung, als wollte er sagen: «Ja so – jetzt verstehe ich!»

Und Rosa, bestürzt, beschämt, eilte vom Fenster hinweg, mit dem Gefühl einer ertappten Sünderin. Wie peinlich war der Augenblick! Und doch – sie hätte ihn nicht tauschen mögen gegen alle frohe Stunden, die sie bisher erlebt.

Das kindische Pärchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge Vögel in das Feuer. Damals hatte ein österreichischer Offizier alle mögliche Zeit, seine Privatangelegenheiten zu besorgen. Wenn er, wie Fehse es tat, auch täglich drei Meilen weit ritt, um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlämpchens zu erblicken, der Dienst, der ihm oblag, brauchte nicht darunter zu leiden.

Später wurde der Leutnant in ein dem Städtchen näher gelegenes Dorf versetzt, und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze, die sehr bald Rosas Freude ausmachten und Herrn Heißenstein ein Ärgernis gaben.

Frau Nannette nahm von alledem keine Notiz.

Eine Sache, von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte, indem man aus dem Fenster sah, fand sie für angemessen zu ignorieren. Sie predigte nicht etwa mit Worten allein, sie predigte durch ihr Beispiel. Sie pflegte zu unterlassen, was Regula bleiben lassen sollte.

Jawohl, bleiben lassen! Oder hat man jemals gehört, daß ein wohlerzogenes Mädchen Lust und Zeit hätte, aus dem Fenster zu sehen? Wenn dies der Fall, dann muß Frau Nannette sich schämen und ihre Unwissenheit bekennen. Denn wahrlich, ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen.

Einen stillen, aber heißen Bewunderer fanden die equestrischen Übungen des Leutnants an Mansuet Weberlein. Von seinem Kasten aus, in dem er hockte wie der Frosch im Wetterglase, begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen, Fräulein Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken, mit seinen innigsten Sympathien. Er war ein so begeisterter Anhänger des Militärs, daß er jedem Unternehmen, gleichviel ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das Werk gesetzt wurde, das beste Gedeihen wünschte.

Wie es kam, daß sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen entwickelten, ist unerklärt geblieben. Er stammte aus einem friedfertigen Geschlechte. Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschäfte Heißenstein gedient, solange dasselbe überhaupt bestand, und sein Vater hatte ihn auferzogen in der Furcht Gottes und der Militärpflicht. Und trotzdem! Als er achtzehn Jahre alt und noch nicht viel über drei Schuh in der vertikalen, aber schon bedenklich in der schrägen Richtung gewachsen war, da kamen Werber aus Ungarn herüber in die Stadt. Mansuet entlief seinem väterlichen Hause und stellte sich.

Er wurde ausgelacht und heimgeschickt. Aber von diesem Tage an galt er in seiner Familie für einen Haudegen, und fühlte sich in einem gewissen Grade mit dem Soldatenwesen verbunden.

In gemütlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten: «Sehen Sie, jetzt wäre ich Hauptmann, wenn ich nämlich gedient, ich wäre sogar Major, wenn man mich nämlich dazu gemacht hätte.»

Er wußte den Militärschematismus auswendig und avancierte mit seinen eingebildeten Kameraden, in seinem eingebildeten Range. Wenn der hübsche Leutnant Fehse am Hause vorüberritt, da verfehlte Mansuet niemals, dem zweiten Kommis zuzuflüstern: «Sehen Sie, der wäre jetzt mein Subordinierter, wenn ich nämlich gedient hätte, bei den Ulanen nämlich, und zwar im zweiten Regimente.»

Die unschwer zu erratenden Absichten seines «Subordinierten» aus allen Kräften zu fördern, empfand Weberlein den lebhaftesten Drang. Und eines schönen Morgens, als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte, bemerkte sein stiller Gönner, mit einer Hand auf den Schützling deutend und mit der andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend: «Ansprechendes Exterieur, das des Herrn Leutnants. Scheinen hier einen Punkt der Anziehung gefunden zu haben.»

Und als Heißenstein schwieg, fuhr der Kommis mit einem diplomatischen Lächeln fort: «So frei gewesen, über den Herrn Leutnant Erkundigungen einzuziehen. Bei Großhändler Heller. Sind dort täglicher Gast. Gute Referenzen. Sehr estimiert im Regimente, höchst anständig.»

«Kümmert das Sie?» fragte Herr Heißenstein in wegwerfendem Tone und schob dem Kommis den unterzeichneten Brief hin.

Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte: «Sehr viel. Die Anständigkeit des Nebenmenschen kümmert mich immer sehr viel.»

«Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen», bemerkte der Prinzipal spöttisch. Weberlein war einmal entschlossen kühn zu sein; er ließ sich nicht irremachen durch die majestätische Ironie Heißensteins. Er dachte: «Wetter! man muß etwas tun für seine Freunde. Ein gutes Wort kann Wunder wirken; es kann Möglichkeiten ins Auge fassen lassen, die sonst nicht erwogen worden wären.»

Und so sprach er: «In Verbindung – ich? – Nur insofern, als ich vermöchte, eine Verbindung mit anderen Personen zu vermitteln, die ihm wahrscheinlich erwünschter wäre.»

Während dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf das Blatt in seiner Hand gerichtet. Jetzt wandte er sie seinem Chef zu. Der saß kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene, daß Mansuet sich von ihrem Anblick durch und durch erkältet fühlte und hüstelnd, als fröre ihn, seinen Rock zuknöpfte. Heißenstein sah den Kommis von der Seite an, und jede Falte auf seinem Gesichte, jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien zu sagen. «Dieser Mensch wird mich niemals verstehen!»

Der Tag verging. Herr Heißenstein ging auffallend früh und in auffallend schlechter Laune zum Abendessen. Die letztere wurde noch vermehrt, als er Rosas Platz am Tische unbesetzt fand. Ein unerquickliches Gespräch entspann sich zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause.

«Wo ist Rosa?»

«Wie allabendlich bei Heller.»

«Wer gab ihr die Erlaubnis…»

«Die nimmt sie wohl selbst. Wer hätte der etwas zu erlauben?»

«Ich!» schrie Heißenstein.

«Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt», meinte Frau Nannette.

«Von nun an hab ich dagegen einzuwenden», war des Hausvaters kategorische Antwort, und Bozena erhielt den Befehl, Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu bringen. Die Magd gehorchte, und Regel, die inzwischen ihre Suppe ausgelöffelt und ohne das leiseste Geräusch geschluckt hatte, küßte ihren Eltern die Hände, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer.

Das Ehepaar war allein.

Er hatte die «Brünner Zeitung», sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen. Vor ihm stand eine Flasche Weines, vor ihr ein kleiner Arbeitskorb, in dem das Knäuelchen, infolge der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sie strickte, ruhelos umherhüpfte. Die Bewegung dieses Knäuelchens schien Herrn Heißenstein unangenehm zu sein, denn er sah es manchmal über die Zeitung hinweg grimmig an.

Eine Atmosphäre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute, und Frau Nannette bemühte sich vergeblich, sie zu zerstreuen. Sie lächelte, nickte mit dem Kopfe, sagte von Zeit zu Zeit: «Ja, ja» und: «Du lieber Gott, schon ein Viertel nach neun!» Oder: «Wie doch ein Tag so rasch vergeht!» Sie versuchte sogar durch ein kleines, gemütliches Gähnen die gezwungene Stimmung in eine bequeme zu verwandeln. Alles umsonst!

Endlich hielt sie im Stricken inne, und indem sie mit der Nadel einige Brotkrümchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob, teilte sie ihrem Manne mit, als besänne sie sich dessen plötzlich – daß sich ihr heute vormittags auf der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen.

Herr Heißenstein äußerte den Anteil, den er an dieser Nachricht nahm, dadurch, daß er halblaut zu lesen begann: «Versteigerung der kärntnerischen Kammerfondsherrschaft Friesach, samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz…»

Frau Nannette fuhr fort: «Ein sehr gebildeter, sehr wohlerzogener junger Mann…»

«An Gebäuden, an Grundstücken, an Untertanen, an Zehenten», murmelte Heißenstein.

«Du hörst nicht, Lieber», sprach seine Gemahlin, und setzte mit größerem Nachdrucke hinzu: «von altem Adel, aus Hannover.»

In einem Tone, der deutlich sagte: «Ich will auch nicht hören», und mit, wie es schien, gesteigertem Interesse an seiner Zeitung, las Heißenstein: «An Untertansgiebigkeit, an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23¾ Kreuzer…»

«Die Fehse sind so alt wie die Montmorency», rief nun Frau Nannette etwas gereizt dazwischen, und vergaß in der Aufregung, ihrer Rede die logische Gliederung zu geben, die sie ihr sonst so gern verlieh. – «So alt wie die Montmorency, und er spricht das schönste Deutsch, das ich jemals hörte.»

«An Kleinrechten», las Heißenstein weiter: «Ein Paar Filzstiefel, ein Stück Hechten, siebenundzwanzig Hendeln, zwei Faschingshühner – – einhundertundfünf Pfund Harreisten…»

Jetzt riß der Faden von Frau Nannettens Geduld. Mühsam, mit großer Selbstüberwindung knüpfte sie ihn wieder zusammen.

Sie beugte sich vor, tippte mit der Stricknadel auf den Ärmel ihres Mannes und sprach: «Es wäre mir angenehm, wenn meine Regula öfters Gelegenheit hätte, dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hören. Das Kind ist so bildungsfähig! Man sollte es nicht glauben, aber heute vormittags wechselte Herr von Fehse einige Worte mit ihr, und schon nachmittags überraschte sie mich mit der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs, und mit einer weichen Aussprache der Zischlaute, die mich entzückte. Gestatte demnach, lieber Mann…»

Die Stricknadel fuhr schmeichelnd über den Rockärmel, und bittende Augen ruhten auf dem hartnäckigen Leser. Dieser erhob den Kopf und lächelte seine Ehehälfte an, spöttisch, geringschätzig, herausfordernd.

Frau Nannette fühlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren Hals sich zusammenschnüren. Sie dachte, nicht ohne einen kleinen Schauder, daß es möglich sei, einen Menschen inständigst zu hassen durch ein ganzes Leben hindurch, wegen eines einzigen Lächelns, wenn es so viel Verachtung, so viel Hohn ausdrücke wie dieses.

«Du wünschest also», sprach Herr Heißenstein, «wenn ich recht verstehe, einen Montmorency – Gott, wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus! – als Sprachlehrer für unsere Regel. Ich zweifle, ob diese Art in solcher Eigenschaft zu fungieren pflegt, bei Weinhändlerstöchtern.»

Jetzt wurde die Türe des Vorzimmers geöffnet; die Stimme Rosas ließ sich vernehmen. Herr Leopold stand auf: «Genug gescherzt!» rief er, während seine Tochter eintrat. Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone die Worte zu: «Herr Leutnant Fehse wird mein Haus niemals betreten!»

Das Mädchen erbleichte und fragte ganz verwirrt über diesen sonderbaren Empfang: «Warum, Vater? – Warum? – Was hast du gegen ihn?»

«Nichts gegen ihn, nichts für ihn», erwiderte Heißenstein, «und dabei soll’s sein Bewenden haben.»

«Warum?» wiederholte sie, «er ist brav und gut, alle Welt liebt ihn.»

«Du wohl auch?» fuhr er sie mit grausamem Spotte an.

«Ja!» antwortete Rosa hochaufatmend.

Er sah sie an und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde lebendig in seiner Seele. Streng, aber ohne Härte sprach er: «Schlag dir die Löffelei aus dem Kopfe! Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse. Du hast gehört, mein Haus betritt er nie.»

«Doch Vater!» war die kühne Antwort des Mädchens, «er kommt morgen. Er will bei dir um mich werben.»

«Werben?!» schrie Heißenstein in aufloderndem Zorne. «Werben?!» Mit flammendem Gesicht schritt er auf seine Tochter zu…

Frau Nannette lief es kalt über den Rücken und mit einem kleinen Schrei sprang sie auf, floh in die Fensterecke und wünschte zu sein, was ihr Mann sie einst genannt: eine Maus – um sich verkriechen zu können.

Anders empfand die Tochter, die Schuldige, auf deren Haupt das Ungewitter sich zu entladen drohte, das die funkelnden Augen des Vaters, seine zuckenden Lippen, sein röchelnder Atem verkündeten. Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah ihn mit trotziger Entschlossenheit an. Sie war schön, und Bozena hatte doch recht: sie glich ihrer Mutter. Selbst jetzt noch, in ihrem Zorne mahnte sie an die sanfte Frau. – Jene hätte das Haupt gebeugt, sie erhob’s – jene hätte den Kampf vermieden, sie nahm ihn auf – und dennoch! und dennoch!…

Mitten in seiner Wut, in seiner Empörung über den Widerstand, den sie zu leisten wagte, kam es ihm: Ich hab das Mädchen lieb! – Und wie Ekel an all der Kriecherei und Heuchelei um ihn her, erfaßte es ihn und zog ihn mit Macht zu der einzigen, die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte.

Es war totenstill im Zimmer. Frau Nannette zitterte unhörbar, und Vater und Tochter standen einander lautlos gegenüber. Endlich sprach Heißenstein: «Er will kommen? Gut denn.»

«Vater!» rief Rosa, jubelnd über diese unerwartete Antwort. Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen. Er entzog sie ihr mit den Worten: «Mache dir keine Hoffnung, du Törin.»

*

Heißenstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller möglichen Steifheit. Als der Offizier von Bozena geleitet eintrat, erhob sich der Herr des Hauses, ging ihm aber nicht entgegen. Er ließ ihn herankommen, erwiderte seinen militärischen Gruß mit einem Kopfnicken, und als Fehse sich nannte, wies er ihm schweigend einen großen Lehnstuhl an, der neben dem Schreibtische stand. Er selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel. Gerade aufgerichtet vor seinem Gaste, die Hände auf die Knie gelegt, jede einleitende Phrase verschmähend, erklärte er dem jungen Manne, er wisse, welch einen ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei und bedauere lebhaft, daß die obwaltenden Verhältnisse ihn zwängen, denselben abzulehnen.

Fehse wurde abwechselnd blaß und rot, richtete seine sanften blauen Augen voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklärte seinerseits, daß er Fräulein Rosa innigst liebe.

Herr Heißenstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben und der Offizier fühlte seine Hoffnung, daß der Vater seiner Geliebten nicht unerbittlich sein könne, wachsen. Er rief, er sei zwar noch sehr jung, bekleide noch keine hohe Charge, habe kein Vermögen, aber er stamme aus einer geachteten Familie, trage einen ehrenwerten Namen, besitze leidliche Fähigkeiten und hoffe Karriere zu machen. Über seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden möge Heißenstein Erkundigungen einziehen, sein Oberst sei bereit, sie zu erteilen.

Während er sprach, beobachtete der Geschäftsmann ihn scharf. – Eines großen Geistes Kind bist du nicht, dachte er, aber ein hübscher anständiger Bursche. Fehses offenes Wesen machte einen günstigen Eindruck auf den mißtrauischen und zurückhaltenden Kaufherrn, und der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinbarung flog ihm durch den Sinn. Aus Liebe hat schon mancher größere Opfer gebracht, als das wäre, das der junge Edelmann um Rosas willen bringen müßte, sagte sich Heißenstein.

Er begann umständlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzählen, seit wie vielen Generationen das Geschäft, an dessen Spitze er stehe, sich in seiner Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe. Ihm hätte der Himmel seinen Sohn genommen, aber seine ehrenwerte Firma müsse doch fortbestehen, und so sei es denn sein unabänderlicher Entschluß, die Hand seiner älteren Tochter nur demjenigen Manne zu gewähren, der sich herbeiließe, den Namen Heißenstein anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzuführen.

Das Gesicht Fehses verfinsterte sich, und als Heißenstein mit den Worten schloß: «Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen?» antwortete er bebend vor Entrüstung: «Was berechtigt Sie zu glauben, daß ich meinen Namen weniger hochhalte, als Sie den Ihren? … Ich bin übrigens Soldat mit Leib und Seele und will es bleiben mein Leben lang.»

Herr Heißenstein zollte der klaren und männlichen Sprache des Offiziers, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ und ihre Unterredung beendete, seine Anerkennung. Er fügte, sich erhebend, hinzu, daß er von einem Mann von so korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte. Er äußerte seine, aus seiner Hochachtung für Herrn von Fehse entspringende Überzeugung, daß dieser künftighin jede Gelegenheit, Rosa zu begegnen, meiden werde, und unter der soeben ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf ihre Neigung verstehe.

«Keine von beiden!» entgegnete der junge Offizier flammend und glühend. «Ich liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt, ich werde alles daran setzen, sie zu erringen!»

Und gleich darauf, seine Heftigkeit bereuend, flehte er: «Machen Sie uns nicht unglücklich!»

«Verlieren Sie keine Worte», sprach Heißenstein. «Es dürfte Sie später verdrießen, wenn Sie sich erinnern würden, Herr Leutnant von Fehse, daß Sie sich vor einem Weinhändler umsonst gedemütigt haben.» Er machte einige Schritte gegen die Tür.

«Ich werde», rief Fehse außer sich, «nie von Ihrer Tochter lassen! – Und seien Sie überzeugt: sie auch nicht von mir! … Sie sollen bereuen, was Sie heute tun. Merken Sie wohl: Ich habe Ihnen nichts versprochen. Ich habe kein Wort zu halten als das Wort, das ich ihrer Tochter gab!» Heißenstein stand eine Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und verfaßte einen langen Brief, den er noch am selben Tage eigenhändig der Post übergab.

Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten. Zwei traurige Monate hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen, und außer in Gegenwart Frau Nannettens keinen Besuch empfangen. Dennoch gelang es Fehse einmal, ihr Nachricht zu geben, und Bozena, die im Zimmer neben dem ihren schlief, und der es war, als habe sie ihren Liebling schluchzen gehört, fand Rosa, als sie an ihr Bett trat, im Schlafe weinend, wie sie es als Kind oft getan. Und dabei hielt sie ein beschriebenes, von Tränen durchnäßtes Blättchen an ihre hochgerötete Wange gedrückt.

Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl: «Was war das für ein Brief?» Aber sie bekam eine ausweichende Antwort, und begnügte sich damit.

«Wie mögen Sie Rosa quälen?» sagte sie zu ihrem Herrn. «So eine erste Liebelei, das ist wie Märzenschnee…»

So rein, meinte sie, und so vergänglich.

Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe, ist fern von ihrem Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn; wenn sie weint, so freut sie sich ihrer Tränen, und wenn sie leidet, ist sie stolz auf ihren Schmerz … Was bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut im Herzen Bozenas.

Bozena Kapitel 16

19.

Am nächsten Tage, um zehn Uhr morgens, stand der alte Graf vor dem Spiegel und warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild, das ihm daraus wohlgefällig entgegenlächelte. Die Gräfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und betrachtete ihn mit wehmütiger Freude.

Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwänzen, den er trug, stammte aus den dreißiger Jahren und hätte besser in ein Museum als in eine Garderobe gepaßt. Nicht viel größerer Jugend durften sich das schwarze Beinkleid, die weiße Weste und Krawatte rühmen, die der Greis angetan hatte.

«Etwas gelblich meine Atours!» sagte er, indem er die Falten seiner Krawatte zurechtstrich, «aber es schadet nicht. Fräulein Heißenstein wird das als eine zarte Rücksicht ansehen – auf ihren Teint, den ich nicht in Schatten stellen will. Nun mein Amtszeichen!» rief er und trat vor seine Gemahlin hin. Die Gräfin steckte ihm ein Sträußchen mit winziger Masche in das Knopfloch des alten Fracks, aus dem ein farblos gewordenes Band des Leopoldordens hervorragte. Ihre Finger zitterten dabei, und fast wäre er ärgerlich geworden über ihre Ungeschicklichkeit. Doch er nahm sich zusammen, zog die Luft durch seine geschlossenen Zähne und sagte nur: «Kommt der Peter noch nicht?»

Er ging wieder an den Spiegel und glättete sein dichtes, wie Silber schimmerndes Haar.

Trotz der abgetragenen, ja ärmlichen Kleider, die seine abgemagerte Gestalt in scharfen Falten umschlotterten, hatte er ein gar adeliges Aussehen.

Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken, wie er so rasch und aufrecht, Ungeduld in jeder Miene, im Zimmer hin und her schritt. Sie dachte an die Zeiten zurück, da ihr dieser Mann als der höchste aller Menschen erschienen war, an das lange Leben, das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten – vertrauert. Sie dachte, wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen, weil er, wenn auch selbst oft lieblos, doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte. In dieser Stunde aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf; ging er doch hin um die lieblichste Braut für seinen Sohn zu werben! Konnte, wenn er es tat, der Erfolg zweifelhaft sein? Das Glück, nach dem der bescheidene Ronald die Hand nicht auszustrecken wagt, sein Vater wird es ihm erringen. Und dann – dann hilft Gott weiter! denkt die fromme alte Frau.

Peter erschien und meldete: «Die Freile» ließe bitten.

Die Gräfin sagte: «Ich warte hier auf dich» – ihr Gemahl nickte beistimmend, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg an.

Regula war, als der Besuch des Grafen ihr angekündigt worden, mit einem Briefe an Bauer beschäftigt gewesen. Derselbe begann also:

«Sie wissen, lieber Freund, wie tief ich Houwald immer bewundert habe:

«Und Segen floß auf ihre Tritte,
Wie Himmelstau auf Blumen drauf.»

dasso – sollte mein Leben sein … Aber –

«Begrüßt der Mensch nicht weinend seine Welt?»  –

Gibt es etwas, das uns bestimmt, Bester – wenn nicht – die Verhältnisse? … Die lieben mich gewiß, die mich verstehen!! Verstehen Sie die Opfer, die man seinem besseren Selbst bringt? … Achten Sie mich!! … O Freund! – Bleiben Sie es! …»

Da meldete Peter seinen Herrn, und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit den Worten schließen: Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg. Als sie aber: «Ich bin» niedergeschrieben hatte, legte sie die Feder hin. Abergläubische Besorgnisse hielten sie zurück von der Verkündigung einer noch nicht vollzogenen Tatsache.

Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische, nahm Platz auf dem Kanapee, und gab sich der angenehmsten Erwartung hin. Ihr Herz hüpfte wie ein junges Lämmlein.

Als angehende Gräfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg, der getreuen Stadt, zurückkehren. Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden, sie wird keine Neider haben; vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fühlen, und ein Fest wird es geben, als ob die gesamte Bevölkerung in den Grafenstand erhoben worden wäre. Sie nimmt sich vor, huldvoll und herablassend zu sein, und so leutselig, als ob sich nichts verändert hätte in ihrem Verhältnisse zu ihren Bekannten. Diese werden entzückt, und ihre Anbeter verliebter sein als je. Wenn sie in die Stadt gefahren kommt mit vier Pferden, feurig und schnaubend wie Drachen, werden die Hüte der Männer fliegen, und die Frauen werden knixen, und jeder wird fragen: «Haben Sie unsere Gräfin gesehen?» Einmal kommt es noch zu einer öffentlichen Ovation …

Da pocht es an der Tür. Sie ruft: «Herein!» Der Graf steht auf der Schwelle.

«O – Herr Graf», stammelte Regula sich erhebend, «in pontificalibus? … Was bedeutet …?»

Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Sträußchen in seinem Knopfloch.

«Beinahe wie ein Freiwerber», spricht das Fräulein leise, erschrickt aber sofort über diese unpassende Äußerung. Wirklich, sie weiß nicht mehr, was sie sagt, sie muß sich zusammennehmen.

Der alte Herr stellte sich in Positur, drückte die Absätze aneinander, hielt mit beiden an die Brust gepreßten Händen seinen Hut vor sich, neigte das Haupt und sprach mit heiterer Feierlichkeit: «Ich komme, Fräulein Heißenstein, im Namen meines Sohnes, um bei Ihnen, in aller Form und schuldigen Ehrfurcht, anzuhalten um die Hand ihrer Nichte, des Fräuleins Rosa von Fehse.»

Hölle und Tod, was ist das?! – Regula hatte sich lächelnd vorgebeugt, um die lieblichste Botschaft zu vernehmen, und erhielt einen Schlag ins Gesicht. Sie fuhr zusammen und trat keines Wortes mächtig, einen Schritt zurück.

Der Graf war kein Menschenkenner; er hielt ihr stummes Entsetzen für sprachlose Überraschung, und dachte nur: «Diese alte Jungfer sieht sogar in der Freude widerwärtig aus.» Er gönnte ihr einige Augenblicke, um sich zu erholen von dem unerwarteten Glück, das er ihr verkündigt hatte, und hub dann mit herzlicher Selbstzufriedenheit wieder an: «Nun, mein Fräulein? Wird es mir gestattet sein, meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen?»

In einem Tone, der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang befremdete, erwiderte Regula: «Darf ich fragen, ob Sie als Bevollmächtigter Ihres Sohnes, mit seinem Wissen und Willen kommen, Herr Graf?»

Ohne sich zu besinnen, mit der größten Unbefangenheit, rief der Greis: «Jawohl, mein Fräulein! Und ich kann nicht glauben, daß es Sie in Erstaunen setzt. Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen, was mein guter Ronald so wenig zu verbergen vermag. Seine Liebe zu Fräulein Rosa.»

Regula stieß ein: «Oh!» hervor, das dem Greis trotz all seiner Zuversicht bedenklich erschien. Sollte die «Weinhändlerin» Ronalds Bewerbung um ihre Nichte doch nicht mit unbedingtem Entzücken aufnehmen?

Augenblicklich, beim ersten Zweifel empörte sich sein Stolz.

«Ich hätte nicht gedacht, mein Fräulein, so lange als Bittsteller vor Ihnen stehen zu müssen», sprach er.

Das Fräulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee. Sie hatte allmählich die Herrschaft über sich wiedererlangt, und sagte so ruhig sie konnte: «Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, daß mich diese Bewerbung um die Hand eines Kindes befremdet.» Er wollte Einsprache tun, sie ließ ihn nicht zu Worte kommen, «und daß ich bisher noch nicht daran gedacht habe, Rosa zu verheiraten.»

«Um so mehr Grund, jetzt daran zu denken!» rief der Graf. «Die Gelegenheit, die sich bietet, ist nicht zu verschmähen. Einen brillanteren Mann als meinen Ronald können Sie für Ihre Nichte finden, aber keinen braveren. – Übrigens kommt es mir nicht zu, meinen Sohn zu loben.»

«Mir gegenüber», sprach Regula scharf und spöttisch, «hieße das wohl Eulen nach Athen tragen. Ich kenne seinen Wert.»

«Nun, dann zögern Sie nicht länger», sagte der Greis munter. «Legen Sie die Hände der jungen Leute ineinander, die nur gar zu gern sich in die Arme fallen möchten.»

«So?» hauchte Regula.

Nein! – Daß eine solche Schmach ihr widerfahren könne, hätte sie niemals für möglich gehalten. Man hat sie unter falschen Vorspielungen hierher gelockt und überfällt sie nun mit der Zumutung, ihre Ansprüche aufzugeben, zurückzutreten vor einer andern – und vor wem? Vor einem Geschöpf, das von ihrer Gnade lebt, das betteln ginge ohne sie!

Der Graf denkt: «Sie schweigt lange. Sie meint vermutlich, es sei anständig, nicht merken zu lassen, wie geehrt sie sich fühlt. Gönnen wir ihr dieses unschuldige Vergnügen!» Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an: «Fassen Sie einen für uns günstigen Entschluß, verehrtes Fräulein! Tun Sie’s in einer Weise, die Ihrer würdig ist, und würdig des Rufes Ihrer Großmut und Freigebigkeit.»

«Freilich – auf diese war es abgesehen!» sagte Regula zu sich selbst. «Mein Geld wollt ihr, nicht mich.»

Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief, den sie eben geschrieben hat, und wie ein Blitz durchzuckt es sie … Das ist’s – da liegt die Lösung. Geschehe, was wolle, strafe sich’s, wie’s mag – was liegt an der Zukunft? Der große Augenblick fordert sein Recht!

«Verständigen wir uns, Herr Graf», spricht Regula; «handelt es sich nur um meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne, oder erwarten Sie, daß meine ‹Großmut und Freigebigkeit› dieselbe ermögliche?»

«Mein Fräulein!» rief der Greis auffahrend.

Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: «Wenn das letztere der Fall wäre, müßte ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären, daß ich nichts für meine Nichte tun kann. Ich habe nähere Verpflichtungen, ich bin – verlobt.»

Er war unfähig, die unangenehme Überraschung, in die diese Nachricht ihn versetzte, zu verbergen, und hätte jedes Wort, mit dem er an die Freigebigkeit des Fräuleins appelliert hatte, mit einem Tropfen seines Herzblutes zurückerkaufen mögen.

«Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück!» sagte er sarkastisch lächelnd, «wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten, auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen – zu Ihrer Einwilligung …»

Regula unterbrach ihn: «Ich versage sie nicht, Herr Graf. Es kann mir nur lieb sein, meine Nichte in eine Familie treten zu sehen, in welcher auf irdische Güter ein so geringer Wert gelegt wird, denn diese – sind ihr nicht zuteil geworden.»

«Verlieren Sie darüber kein Wort, mein Fräulein!» rief der Graf. «Geldheiraten zu schließen war in unserm Hause niemals Brauch, und heute noch darf, trotz der Ungunst der Zeiten, der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach seinem Herzen wählen.»

Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle. Der Gegner selbst hatte ihr den vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt, den sie nur abzuschnellen brauchte, um tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache, der in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte. Eine Sekunde lang zögerte sie … Ihr Wort war verpfändet, aber ein Narr, der Betrügern Wort hält, Regula ist nicht gewillt, das Unrecht zu beschützen, sondern – es zu entlarven!

«Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg», sagte sie gepreßt und stammelnd: «Er hat es mir verkauft.»

Der alte Mann sprang auf, starrte sie an – stumm, verständnislos.

Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter, mit fester Stimme: «Er hat es mir verkauft. Rondsperg ist mein – seit gestern.»

Er taumelte zurück unter diesem Schlage – er war totenbleich, der Atem stockte in seiner Brust.

Erschrocken, aber nicht gerührt, betrachtete ihn Regula. «Fassung, Herr Graf», sprach sie kalt.

«So bin ich Ihr Gast? … In Rondsperg Ihr Gast?!» schrie der Greis, und schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes, der Entrüstung, der Beschämung, die in ihm rangen, mit dem Bewußtsein seiner Hilflosigkeit. Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen, richtete sich auf und stürzte aus dem Zimmer.

Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden, das ihre Glieder kläglich schüttelte. Es dauerte lange, bis sie vermochte, an den Tisch im Fenster zu treten und den begonnenen Satz: «Ich bin …» zu Ende zu schreiben. Er schloß jetzt anders, als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt, und zwar: «Ich bin die Ihre. Regula Heißenstein.»

Sie rief Bozena und trug ihr auf, den Brief sofort durch einen Boten nach der Bahnhofstation zu befördern. Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers Händen sein.

«Frau Professor also? … Dies das Ende … Frau Professor Bauer!» Regula brach in unaufhaltsames Weinen aus.

Bozena Kapitel 17

Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula. Als der Greis jetzt erschien, verriet ihr ein Blick auf sein gestörtes Gesicht, was geschehen war.

«Oh, die Schlange, sie hat uns verraten!» rief Thilde.

Diese Worte brachten den Grafen noch mehr außer sich.

«Sie euch – Ihr mich!» keuchte er; die Stimme versagte ihm, er stampfte heftig mit dem Fuße und brachte mühsam die Worte hervor: «Ronald – her – hierher.»

«Ich will um ihn schicken», sprach die Baronin in beruhigendem Tone. «Regen Sie sich nicht so auf, Papa. Was geschehen ist, ist geschehen, weil es mußte, weil es anders nicht möglich war.»

Zu ihrer Mutter sagte sie leise: «Verlieren Sie nicht den Mut, Mama, ich komme gleich wieder», und eilte, einen besorgten Blick auf die Eltern werfend, hinweg.

Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen, die Gräfin trat zu ihm.

«Karl», sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter. Er bäumte sich auf, als ob der Verrat ihn berührt hätte, und schleuderte ihre Hand von sich.

«Du hast alles gewußt! Warst einverstanden mit dieser – Brut … Still!» fuhr er sie an, als sie antworten wollte, und die arme Frau wankte eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück.

Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange; der Burggraf erschien.

«Ah!» rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen, «wissen Sie schon? Rondsperg ist – verkauft, verkauft!»

Der Alte schlug schallend die Hände zusammen «Hatt ich mir’s doch gedacht!»

«Ja», fuhr der Graf fort, «jawohl! Meine Kinder verkaufen mir das Dach über dem Kopf, zum Dank dafür, daß ich es ihnen geschenkt habe. Ich lebe hier, in meinem Rondsperg, von einer Krämerin Gnaden – mache vor ihr die lächerliche Figur eines alten Narren, der in fremdem Hause den Herrn spielt. Aber was liegt daran? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern – bezahlt. Für Geld ist ja alles feil, das Vätererbe, das uns den Namen gegeben hat, die Gräber der Ahnen, – alles zu haben für Geld … Auf die Trommel damit! Die Millionärin kauft, und mein Sohn macht ein brillantes Geschäft.»

Die Baronin, die inzwischen zurückgekehrt war, trat unerschrocken auf ihren Vater zu. Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen, das sie vor ihn auf den Schreibtisch hinlegte.

«Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu verhehlen und zu schonen, Papa. Die ganze Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe», sagte sie und schlug das Buch auf. «Öffnen Sie die Augen, seien Sie gerecht gegen den besten Sohn. Hier steht, in Zahlen ausgedrückt, die Geschichte seines langen, furchtlosen Kampfes. Sie können auch leicht sehen, was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte, das er mit Fräulein Heißenstein abgeschlossen hat.»

Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein Raubvogel über das Buch her.

Es war sein größter Verdruß, daß ihm konsequent der Einblick in Ronalds Buchführung verweigert worden war. Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner Neugier vor ihm, jetzt konnte er sich und andere überzeugen, daß die Leitung der Rondspergschen Güter in einer Reihe von Mißgriffen bestanden hatte, seitdem sie ihm und seinem Freunde, dem Direktor, entzogen worden war. Er nahm auf einen Wink des Grafen Platz neben ihm, und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und zu lesen. Der Graf, der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen Einbildungen gelebt hatte, mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige Anstrengung zu. Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden Kräfte seines Urteilsvermögens wach, um mit kaltem Blute beweisen zu können «So viel habe ich gegeben – und so wird’s mir gedankt!»

Blatt um Blatt wurde umgeschlagen. Von Zeit zu Zeit sprach der Graf: «Wie? – Der Acker nicht mit einbezogen?» – «Wie? Der Wald kommt gar nicht vor?» Und jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und raschem Überblick: «An Zahlungsstatt angenommen von dem und dem.» «Versetzt für so und so viel.»

Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber, wohl war sie rot wie eine Mohnblume, doch blieb die innere Ruhe, die trotz aller äußeren Lebhaftigkeit sie niemals verließ, ihr auch jetzt treu.

Fast zwei Stunden vergingen, die Züge des Grafen wurden immer gespannter, ihr Ausdruck immer düsterer und kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen. Er richtete sich unter verschiedenen «Ahs» und «Ohs» aus seiner gebückten Stellung auf, rieb seine lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich. Seine farblosen borstigen Haare, durch die er fortwährend wider den Strich gefahren war, standen jedes einzeln in die Höhe; er wandte sich zu der Baronin und sagte mit einer Mischung von Frechheit, Bosheit und Beschämung: «Das Papier ist geduldig.»

Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über: «Sie wissen recht gut –» begann sie mit zorniger Stimme, aber sie mäßigte sich sogleich, senkte den Blick auf die Häkelei, an der sie unermüdlich arbeitete, und murmelte: «Wer mit Ihnen streiten wollte, Tropf!»

Als sie nach einer Weile wieder emporsah, war der Platz, an dem der Burggraf gestanden hatte, leer. Der ländliche Intrigant hatte sich leise davongeschlichen.

Der Graf aber saß steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt. Seine rechte Hand lag auf dem offenen Buche, die linke hing schlaff herab. Weder seine Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen. Dumpfe Stille herrschte im Gemache.

Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm und das Mittagsglöcklein sandte seine hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein, sie schienen zu sprechen: «Ruh aus, gequältes Menschenvolk! – Ein Augenblick der kühlen Rast am heißen Tage ist dir gegönnt.» Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn, die Gräfin betete leise. Jetzt: «O Himmel sei uns gnädig!» – Sachte war die Tür geöffnet worden, Ronald trat ein. Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an, bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen.

«Sie haben mich rufen lassen, Vater», sprach er.

Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor, schwankte, als hätte Schwindel ihn ergriffen. Seine Augen schlossen, seine Lippen bewegten sich: «Ronald», sagte er mit bebender, gebrochener Stimme. Er breitete die Arme nach seinem Sohne aus: «Ronald – verzeihe mir!»

*

Es war der Wunsch des Grafen, Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach Haluschka zu begeben, wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen sollte. Mit Mühe brachte man ihn dahin, die Abreise auf den morgigen Tag zu verschieben, damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen könne. Ronald schickte sich an, sofort nach Haluschka zu fahren, um seinem Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen. Am folgenden Morgen wollte er wieder zurück sein. Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte ihr mit, daß Ronald am nächsten Tage, um zwölf Uhr mittags, zur förmlichen Übergabe von Rondsperg bereit sein werde.

Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt; dem alten Herrn schien der Boden unter den Füßen zu brennen, die Gräfin beschäftigte sich mit dem Packen ihrer Habseligkeiten. Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche. Ihre Kammerjungfer saß in einem Lehnstuhl, seufzend unter der Last ihrer Gicht und ihres Fettes, und jammerte, daß sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen konnte. Neben dem Koffer kniete Röschen, legte Stück für Stück hinein und benetze die Hand der Gräfin, die es ihr reichte, mit ihren Tränen. Die alte Frau versuchte nicht, sie zu trösten, aber wenn das Kind gar zu bitterlich weinte, strich sie ihr sanft über Haare und Wangen, und sagte mit ihrer ängstlichen und hilflosen Stimme: «Nur Mut, nur Mut! »

Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten nach der Eisenbahnstation expediert. Er war der Träger eines Telegramms, das an Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und Schimmelreiter nach Rondsperg beschied. Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei der Übergabe des Gutes vollkommen genügt, aber Regula empfand in diesem schwierigen Augenblick das Bedürfnis, sich mit ihren Getreuen zu umgeben. Sie wurde etwas ruhiger, als diese Vorkehrung getroffen war, doch nagte eine Empfindung an ihr, die sie bisher nicht gekannt hatte, die ihr immer als das größte aller Schrecknisse erschienen war, die Empfindung: es gibt Menschen, die mich nicht bewundern, die mich anklagen, mich vielleicht geringschätzen!

Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise, rechtfertigte jedes, erschöpfte sich in Beweisen, daß sie das Notwendige, das Richtige getan – und dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt, und dennoch wollte der Druck nicht weichen, der beklemmend und schwer auf ihr lastete.

Eine gedämpfte Stimme, die sie leise ansprach, weckte sie aus ihrem Sinnen. Sie erhob den Kopf.

Neben ihr stand Bozena.

Ihre Lippen bebten, sie war totenblaß, leidenschaftliche, aber unterdrückte Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen. «Die Herrschaften lassen packen», sagte sie. «Es heißt, sie wollen Rondsperg für immer verlassen.»

«Mögen sie», erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit. «Ich habe Rondsperg gekauft, bin hier die Herrin und kann niemanden, der nicht gern mein Gast ist, zwingen, es zu sein. Sie wollen fort, ich werde sie nicht bitten zu bleiben.»

«Tun Sie es doch, Fräulein», sprach Bozena. «Die plötzliche Abreise der alten Herrschaften würde gegen Sie, Fräulein, böses Blut machen.»

Regel stieß ein kleines höhnisches Gekicher hervor, das Bozena nicht irre zu machen vermochte; sie fuhr fort: «Niemand weiß, wie sehr Sie beleidigt worden sind –»

«Wissen Sie’s?»

«Ja, Fräulein, ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen. Die andern – die Menschen, die Sie nicht kennen, werden sagen: ‹Sie hat sich eingebildet, der junge Graf werde sie heiraten, und weil er ihr das Röschen vorzieht, jagt sie aus Rache seine Eltern aus dem Hause.›»

«Wahr – wahr!» denkt Regula; ihre schlimmsten, geheimsten Befürchtungen, eben erst mühsam zum Schweigen gebracht, gewinnen eine Stimme, die aus fremdem Munde doppelt schrecklich klingt. «Bozena», ruft sie zugleich entrüstet und unsicher, «wie dürfen Sie es wagen …»

«’s ist meine Schuldigkeit, daß ich Sie warne», spricht die Magd. «Was wissen Sie von der Bosheit der Menschen? … Die größte Freude der Menschen ist Lästern, die Besten zu lästern, denn bei den Schlechten, da zahlt sich’s nicht aus. Sie, Fräulein, sind – nach Gebühr –» Bozena neigte ihr Haupt bei diesen letzten Worten, «bisher nur geachtet und geehrt worden. Geben Sie acht, was geschieht, wenn es einmal heißt: ‹Sie hat’s nicht verdient – sie hat uns um unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen!›»

«Niemand wird das sagen», rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd aus.

«Das und noch viel Schlimmeres, verlassen Sie sich drauf», fuhr Bozena hart und unerbittlich fort. «Plötzlich wird jeder etwas wissen. Der eine: ‹Die ältere Schwester hat im Elend sterben müssen, damit ihr alles zukomme, der Erbschleicherin …›»

«Still!» kreischte das Fräulein.

Bozena jedoch, ruhiger und ruhiger werdend, je furchtbarer Regels Aufregung wuchs, sprach weiter, langsam und nachdrücklich: «Ein andrer steht auf und sagt: ‹Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen, und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen: ‹Deine heiligste Pflicht!› … Sie hat sie nicht erfüllt, hat dem Kind nicht gegeben, was ihm gebührt.›»

Regula machte einen verzweifelten Versuch, sich aufzuraffen: «Gebührt?» wiederholte sie, «ihm gebührt nichts. Was ich für das Kind getan habe, geschah aus Gnade und gutem Willen. Jeder billig Denkende sieht das ein. An dem Urteil der bösen Zungen, der Verleumder – braucht mir nichts zu liegen.»

In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck, in dem sie gesprochen wurden!

«Fräulein», sagte Bozena warnend und eindringlich. «Sie wissen es nicht, Ihr Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut. Das ist ein Grund so schmal – er trägt Sie nur, solange Sie geradeaus gehen … Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab – um die Breite eines Haares, so stürzt unter Ihnen alles zusammen! … Sie brauchen den Schutz Gottes … geben Sie dem Kind, nicht was ihm vor den Menschen, sondern was ihm vor Gott gebührt. Tun Sie’s, weil Sie großmütig sind und brav! Tun Sie’s von selbst, Fräulein, sonst müßt ich Sie dazu zwingen – – zu Ihrem Besten, gutes Fräulein!»

Ihre Augen funkelten – sie schlägt sie nieder; ihre ganze Gestalt strebt empor – aber Bozena beugt sich. Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen mißtrauischen Blick zu, sie weiß nicht, ob ihre Magd schmeichelt oder droht. Diese fährt fort, Nachdruck legend auf jede Silbe: «Um Ihretwillen ist Ihre Schwester verstoßen worden …»

«Weil sie’s verdient hat, nicht um meinetwillen!» ruft das Fräulein.

«Doch – um Ihretwillen! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen worden. Das weiß ich, Fräulein, denn, gefoltert von Gewissensqualen, hat es mir Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut. Der Brief …»

«Schweigen Sie!» schreit Regula, «ich weiß nichts; ich will nichts wissen von einem Briefe – ich kann’s beschwören: Ich habe keinen Brief gesehen … und – wer hat ihn gesehen?»

«Niemand», antwortete Bozena mit kalter Ruhe, «denn er ist unterschlagen worden und – verbrannt.»

«Ha!» Regula atmete auf, befreit von einer Zentnerlast. «So gibt es auch keinen unterschlagenen Brief! … Wer kann beweisen, daß es einen gab? Wer wird es glauben?»

Die Magd stand da, umflossen von einer wunderbaren, stillen, stolzen Majestät; ihre große Gestalt schien noch zu wachsen, ihr ganzes Wesen atmete Macht, und wie Erz klang ihre Stimme, als sie sprach: «Beweisen kann ich es nicht, aber ich werde es sagen und – mir wird man glauben!»

Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas. «Ja, der wird man glauben!»

Deutlich und lebendig in jedem Zug erhob sich vor ihr ein längst vergessenes Bild. Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und hörte sie sprechen: «Es ist wahr! …» Bozena hätte damals nicht zu lügen, sie hätte nur zu schweigen brauchen und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt gewesen; an ihr – hätte keiner gezweifelt. Aber sie sprach, sie gab der Wahrheit die Ehre. Ja, der wird man glauben! … Und ein zweites Bild tauchte auf vor Regula. Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade, von dem Bozena gesprochen, hoch über allen Menschen und von allen vergöttert. Und nun ein unseliger Schritt, aus Rache getan, im Zorn beleidigter Eitelkeit, und der Glanz, der sie umgab, erlischt, und sie sinkt, sinkt immer tiefer in einen Abgrund – gräßlich, schauderhaft: Die Verachtung der Menschen! … Alles verläßt sie – der zuerst, der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehaßt hat … Schon gehaßt, bevor er wußte, daß sie ihn einem Verbrechen dankte.

«Bozena», stöhnt Regel, ihre Zähne schlagen zusammen, ihre Hände greifen stützesuchend umher, «Bozena, was soll ich tun? Was verlangen Sie?» Sie denkt nur noch an Rettung, an Rettung um jeden Preis.

Mühsam ihre Fassung bewahrend, pochenden Herzens, antwortet Bozena demütig und zögernd: «Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben, aber wäre ich Sie, ich würde zu den alten Leuten sagen: Bleibt, Rondsperg gehört eurem Sohn, dem es Röschen zur Morgengabe bringt.»

Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten.

«Bozena», sprach sie – oh, mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie Espenlaub: «Wenn ich – Sie – bäte – zu schweigen?»

Die Magd erwiderte kein einziges Wort, aber sie bäumte sich mit einer Gebärde auf, so wild, so stolz, so voll grimmigen Hohnes, daß Regula keinen Ausweg vor sich sehend: wimmerte: «Nein, nein, ich bitte Sie nicht – – ich will tun – was Sie verlangen …»

Da stieg ein Schrei maßlosen Jubels aus Bozenas Brust. «Engel», rief sie jauchzend, «Erlöserin! … meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen zeitlichen Frieden!» Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden mit ihrer Stirn; ihr ganzer Körper bebte, mit Anstrengung rang sich der Atem aus ihrer Brust. «Erlöserin! Erlöserin!» wiederholte sie weinend und frohlockend, im Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens.

Regula meinte einen Augenblick, daß ihre immer so ruhige und zurückhaltende Dienerin wahnsinnig geworden sei.

Bozena richtete sich auf die Knie empor, sie erhob den Kopf und die Arme, als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar und rief: «Das Glück des Kindes für das Glück der Mutter … Herr! Herr! Sie hätte getauscht! Nimm du es an, und nimm damit die Sünde von mir!»

Bozena Kapitel 18

20.

Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt, machte er alle Stadien eines mit dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch. Vor allem traute er seinen Augen nicht, dann traute er ihnen und geriet in ein dithyrambisches Entzücken, aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte: «Verdiene ich auch ein solches Glück?» Im heißen Drang seines mitteilungsbedürftigen Herzens eilte er hinüber zu Mansuet, ihm das große Ereignis zu verkünden. Auf halbem Wege jedoch besann er sich eines andern, machte plötzlich kehrt, rannte ebenso schnell nach Hause zurück, als er davongerannt war, stopfte in größter Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte nach dem Bahnhofe, wo er eben noch Zeit hatte, ein Billett zu dem in der Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen. In der ersten halben Stunde der Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe, in der zweiten begann sie zu sinken, und in der dritten schoß – wie eine schwarze Schlange, die die Fähigkeit abzufärben besäße, der Zweifel trübend über das spiegelglatte Meer seiner Wonne.

Enthalten die Worte: «Ich bin die Ihre», auch wirklich ein Eheversprechen? … Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit: «Ich will Sie heiraten», übersetzen? Sind sie nicht etwa nur als bloße Höflichkeitsform zu betrachten – wie sie oft angewendet wurde von unsern größten Dichtern – wie etwa Schiller an Cotta schreibt: «Der Ihrige – Schiller?» … Regulas klassische Bildung, die ihn so oft zur Bewunderung hinriß, erweckt ihm in diesem Augenblicke Grauen.

Der Zug hält in der Station für Rondsperg, der Kondukteur reißt den Schlag des Waggons auf: «Eine Minute Aufenthalt!» … Nein, Bauer steigt nicht aus! – Er fährt weiter – wohin, ist ihm gleichgültig, nur weiter, nur hinweg! … Die Lokomotive läßt einen scharfen Pfiff vernehmen, er gellt: «Feigling!» O Schmach, das gilt ihm … Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen: «Ist kein Passagier für Hullein da?» … Der Professor schnellt bestürzt empor. «Aber zum Teufel, so steigen Sie doch aus! Sind Sie denn taub?» fährt ihn der Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten Wagenklasse an. In größter Verlegenheit, wie ein ertappter Schulknabe, beeilt sich Bauer, schleunigst zu gehorchen. Er steht auf dem Boden; eine mitleidige alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu – der Zug braust davon. Er blickt ihm nach und denkt, er hätte nie geglaubt, daß ein gesetzter Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen könne. Was nun beginnen? Bauer ist ratlos. Da hilft ihm einer der menschenfreundlichen Volontärs, die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas Entrüstung erweckten, indem er die Frage an den Professor stellt, ob er nach dem Städtchen fahren wolle, das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem Weg nach Rondsperg liegt. Bauer bejaht es – jetzt ist sein Plan gemacht; er wird im Städtchen übernachten und sich’s dort überlegen, ob er umkehren oder weiterreisen solle. Unter dem Beistande des Volontärs, gegen den er sich in Danksagungen erschöpft, besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner, der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des «Goldenen Schwan», des ersten Hotels in K., absetzt. Nach einem sehr frugalen Abendessen begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer, wo er die Nacht, zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett, zubringt; seine langen Glieder darin auszustrecken, wäre unmöglich gewesen. An Schlaf denkt Bauer nicht. Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte, über Erdenweh und Erdenlust erhabene Stimmung. Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt, man möchte sagen, fast gegen seinen eigenen Willen, aus seiner kleinen Studierstube bis hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des «Goldenen Schwan» zu K. «Nimm mich auf deine Flügel, Fatum!» denkt der Professor, und das Fatum scheint bestimmt zu haben, ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen, denn trotz aller Aufgeregtheit nickt Bauer fest und fester ein, und als er erwacht, schlägt es eben neun Uhr vom Rathausturme. Bauer kleidet sich an und begibt sich in den Speisesaal zum Frühstück. Auf der Schwelle bleibt er stehen wie angewurzelt, vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt. Er hat im Zimmer, in einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen, die Herren Wenzel, Weberlein und Schimmelreiter erblickt.

«Ah! auch berufen! auch berufen!» spricht der Advokat in seiner freundlichen Weise, «das ist allerliebst. Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt? – Und wenn, sagen Sie ihn wieder ab. Sie fahren mit uns nach Rondsperg …»

Fatum! Fatum! Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden, protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie, natürlich, an. Er kann ja unterwegs noch aussteigen, er kann selbst noch, am ersehnten Ziele angelangt, die Flucht ergreifen, sich bescheiden zurückziehen, wenn seine Anwesenheit unerwünscht sein sollte …

Inzwischen aber trägt ihn der mit kräftigen Pferden bespannte Wagen des Wirtes zum «Goldenen Schwan» im raschen Trabe immer näher zu dem Orte, wo die Geliebte weilt. Seine Reisegefährten beobachten alle ein, wie ihm scheint, ostensibles Schweigen. Nur von Zeit zu Zeit nickt Wenzel und sagt, auf die Felder deutend, zwischen denen der Weg läuft: «Herrliche Frucht!» Und Mansuet bestätigt und fügt hinzu: «Prächtiger Boden!» Der Sekretär enthält sich eines jeden Zeichens der Teilnahme. Stolz und aufrecht sitzt er da, wie das personifizierte Selbstbewußtsein, und scheint zu sagen: «Was liegt mir an alledem?» Er nahm, besonders gegen Bauer und Mansuet, Mienen an von einer Feierlichkeit, von einer mitleidigen Herablassung – nicht zu beschreiben!

Bauer dachte: «Wahrlich, neben diesem Schimmelreiter nähme Cäsar sich aus wie ein Hanswurst!»

Und nun rollen sie bereits über das Pflaster des Schloßhofes. Vor dem Tore steht Bozena und ruft ihnen zu: «Kommen Sie – kommen Sie – es ist die höchste Zeit!» Über die Anwesenheit des Professors scheint sie sich besonders zu freuen; dieser hat ihr nur gleich zu folgen, während die andern drei Herren gebeten werden, einen Augenblick zu verziehen.

«Wie sehen Sie denn aus?» fragt Mansuet die Magd, «Sie leuchten ja wie die liebe Sonne.»

Bozena antwortet ihm nicht, sie eilt mit Bauer, dessen Hand sie erfaßt hat, die Treppe hinauf. Wenzel und Mansuet sehen einander befremdet an. – Ein sonderbarer Empfang! … Was hat das zu bedeuten? – Das Haus ist wie ausgestorben, im Hofe steht die Britschka der Baronin Waffenau und ein bepackter Wagen. Jetzt öffnet sich die Stalltür in der Ecke gegenüber, Kocka und Myska kommen heraus mit gesenkten Köpfen und herabhängenden Ohren, und stellen sich von selbst jede an ihren Platz, an die Deichsel. Florian folgt in Hemdärmeln, seinen Rock auf dem Arme; er wirft, brummend und gestikulierend, das Kleidungsstück auf den Bock, und beginnt die Stränge einzulegen.

Wenzel, gefolgt von seinen Begleitern, tritt den Alten mit der Frage an: «Wer reist denn ab?»

Aber Florian verschmäht zum erstenmal in seinem Leben die Gelegenheit, sich beredsam zu zeigen, und antwortet nur mit einem trotzigen Kopfschütteln, das deutlich sagt: «Von mir erfahrt ihr nichts!»

Da schlägt Wenzel vor, hinaufzugehen und eine mitleidige Seele aufzusuchen, die sie bei dem Fräulein anmelde. Der Wirtskutscher hat ihre Mantelsäcke, Überröcke und Regenschirme auf den nackten Boden deponiert und ist davongefahren. Schimmelreiter, der sonst so anspruchslose, fühlt sich verletzt. «Man hätte Lust umzukehren», spricht er, «ist das eine Art? … Einen kommen lassen, so weit her, und sich dann um einen nicht kümmern – sehr kurios, wirklich!»

Die Herren treten in die Halle und zögern wieder, sie wissen nicht, wohin sich wenden. – Vom Korridor her lassen sich endlich Schritte vernehmen, und die Stiege herabgeschlichen kommt ein kleiner, stiller Zug. Voran Peter, mit Reiseeffekten beladen, in außerdienstlichem Phantasieanzug, den anzulegen er der Gelegenheit entsprechend fand, vermutlich wegen des Inkognitos. Ihm folgte die Gräfin, von Ronald geleitet. Der Widerschein ihrer klaren Seele liegt fast wie ein Schimmer von Heiterkeit auf ihrem ehrwürdigen Angesicht. So geübt, wie von ihr, wird die Demut zur Würde, die Geduld zur Überwindlichkeit. Ein zweites Paar erscheint; der Graf, gestützt auf den kräftigen Arm seiner Tochter. – Er trennt sich schwer von seinem Rondsperg! Ein jeder Schritt, den er vorwärts tut, scheint ihn zu schmerzen. Seine Kraft ist gebrochen, über Nacht hat er sich verwandelt, er scheint nun auch, was er ja längst gewesen: ein armer, alter Mann!

Die Stadtherren entblößen ihre Häupter, als die Herrschaften sich ihnen nähern. Ihr Gruß wird erwidert, aber kein Wort mit ihnen gesprochen: Der Graf drängt zur Eile: «Nur fort! nur fort!» flüstert er kaum hörbar seiner Tochter zu.

In diesem Augenblick ertönt der Klang einer lieben, angstvollen Stimme. Röschen kommt die Treppe herabgeflogen, wirft sich abwechselnd dem Grafen und der Gräfin in die Arme und weint und beschwört sie, die sich ihrer vergeblich zu erwehren suchen: «Bleiben Sie, um Gottes willen, bleiben Sie!»

«Lassen Sie uns, liebes Kind «, sagt die Baronin bewegt und in Gefahr, ihre Fassung zu verlieren.

Aber nun steht Regula vor ihr am Arme eines freudetrunkenen Mannes, des Herrn Professor Bauer, und auch diese beiden sprechen wie aus einem Munde: «Bleiben Sie!»

«Nimmermehr», entgegnet der Graf, «im fremden Hause!»

«In dem Ihres Sohnes, Herr Graf», spricht Regula feierlich, während der glückverklärte Bauer in Bewunderung zerschmilzt – und dort an der Tür des Saales eine hohe Gestalt steht, deren Blick unverwandt auf ihr ruht, als wollte er sie unter seinem Banne halten. Aber Bozena kann zufrieden sein, das Fräulein wiederholt sogar ihre Worte: «Rondsperg gehört Ihrem Sohne, dem es meine Nichte zur Morgengabe bringt.»

«Oh!» riefen Mansuet, Wenzel und Schimmelreiter.

«O liebe Regula!» rief die Baronin.

«O Röschen!» rief Ronald.

Der Graf und die Gräfin schwiegen. In ihren wunden Seelen vollzog sich der Übergang vom Schmerz zur Freude nicht so rasch.

«Die Demütigung bleibt», dachte der Greis, aber er blickte auf seinen Sohn, er blickte auf das holde Röslein, und sprach mit tiefer Verbeugung zu Fräulein Heißenstein: «Ich danke Ihnen!»

Die Gräfin ging auf Regula zu, und diese, von einer ihr fremden Regung ergriffen, drückte ihre Lippen auf die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Dem Grafen aber sagte sie: «Zu dem, was jetzt geschieht, war ich – eigentlich – immer entschlossen, aber Sie begreifen, daß ich diesen Entschluß nicht ankündigen durfte ohne die Einwilligung meines Verlobten …»

«Ihres Verliebten!» platzte Bauer heraus, den manchmal ein satanisches Gelüste ergriff, am unpassendsten Orte den schlechtesten Witz zu machen. «Sie hatten nur einen Fehler in meinen Augen: Ihren Reichtum – ich bin selig, daß er sich ein wenig vermindert hat!»

«Schön! Vortrefflich!» sprach Doktor Wenzel gerührt und wollte einige wohlgesetzte Worte hinzufügen, aber Mansuet vereitelte diesen Vorsatz. Er wurde – wie Bozena sagte, wenn sie später von den Begebenheiten dieses Tages erzählte – «der reine Narr».

Der erste Kuß, den Manneslippen auf den Mund der spröden Regula drückten, sie erhielt ihn nicht von ihrem Bräutigam, sondern von ihrem alten Kommis; er wurde nicht durch heißes Flehen gewonnen, unter dem duftenden Fliederstrauche, beim Gesang der Nachtigallen – er wurde ihr öffentlich geraubt, und zwar unter einem solchen Ausbruch von Wonne, Begeisterung und Entzücken, daß Regula nicht einmal zu zürnen vermochte. Ach, dies alles tat so wohl nach den schweren Träumen dieser Nacht, in denen sie Bauer gesehen hatte, sie verlassend und ihr Rübchen schabend, und Mansuet auf Fledermausflügeln sie umschwirrend in immer engeren Kreisen, und ihr dabei zukrächzend: «An den Pranger! An den Pranger!»

Bauer hatte bei dem Kusse Mansuets ein wenig die Stirn gerunzelt, Regula lächelte ihn auf das süßeste an und hauchte: «Lieben Sie mich, Ludwig, achten Sie mich!»

Nun näherte sich Schimmelreiter und pries seine Herrin in gehaltener und würdevoller Weise. Dann aber schloß er also: «Gnädiges Fräulein haben mir dereinst die Ehre erwiesen, meiner Vermählung beizuwohnen, erlauben Sie nun auch …»

Er beschirmte seinen Mund mit der Hand und sagte ihr einige Worte ins Ohr.

Regula schlug die Augen nieder, errötete und sprach. «So? – Ei, ei! – Ich gratuliere!»

Als auch Ronald und Röschen dem edlen Fräulein gehörig gedankt hatten, eilten sie, einem gemeinsamen Gefühle folgend, zu Bozena, die sich in ihre Stube zurückgezogen hatte. Die jungen Leute fanden sie in die Betrachtung eines kleinen armseligen Bildchens versunken, das einst in Arad von einer kunstbegeisterten Dilettantin gemalt worden war und Rosa vorstellen sollte.

Ronald hielt bei Bozena förmlich um sein Röschen an, in Worten so warm und gut, daß sie ihrer niemals vergaß. Lange verweilte das Brautpaar bei der Getreuen. Den Kopf an ihre Brust gelehnt, von ihrem Arm umschlungen, saß das Kind neben ihr, als wollte es zum letztenmal den Schutz genießen, in dem es durch sein ganzes Leben so sicher geruht hatte. Ronald blickte die beiden an, glücklich, selig – er sagte: «Gott segne Sie, Bozena!» und wußte doch nicht, wie viel er ihr verdankte.

*

Die Stadt Weinberg war in freudiger Aufregung an dem Tage, an dem Regula als Braut Ludwig Bauers in ihr Haus zurückkehrte. Allenthalben hieß es: «Sie hätte einen Grafen haben können, und wählt einen armen Gelehrten. Welcher Edelmut! Welche Bescheidenheit!»

Regula Bauer, geborene Heißenstein, blieb zeitlebens der Gegenstand der Bewunderung ihrer Vaterstadt und ihres Gatten. «Sie fühlt tiefer als wir alle, aber sie will es nicht zeigen», pflegte er mit bedeutsamer Miene zu sagen. Seine Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen Gefühlstiefe wuchs von Jahr zu Jahr, und Regula gewöhnte sich nachgerade, den Mann, der sie so völlig verstand und zu schätzen wußte, als einen Halbgott anzusehen.

Schimmelreiter und seine Kathi bekamen nach sechsjähriger Ehe das allerschönste Kind, das seit Menschengedenken in Weinberg geboren ward. Ein blondes Mägdlein mit einem Madonnenangesicht, mit Augen so blau wie der Himmel und so tief wie das Meer. «Der Engel von Weinberg» wurde sie später genannt.

Mansuet übersiedelte nach Röschens Vermählung ganz und gar nach Rondsperg. Er saß stundenlang auf der Terrasse, ließ sich von der Sonne bescheinen und behauptete, er fühle täglich mehr ihre verjüngende Kraft. Der alte Graf leistete ihm fleißig Gesellschaft, sie bewunderten zusammen die Aussicht und sprachen von dem Jahre achtundvierzig.

Bozena erbat und erhielt ihre Entlassung aus dem Dienste der Frau Professor Bauer und nahm gleichfalls ihren Aufenthalt in Rondsperg. Sie wiegte noch eine dritte Generation auf ihren Armen, und dieses kleine Volk kannte sie, die man einst die schöne, die große genannt, nur als – die gute Bozena.

Bozena Kapitel 3

10.

Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad. Er meldete darin, daß es ihm noch nicht gelungen sei, eine Spur von denen, die er suchte, aufzufinden. Er bat, einen Aufruf an Bozena, der sie dringend zur Rückkehr nach Weinberg auffordere, in allen österreichischen Blättern zu veröffentlichen.

«Das wäre doch ein Skandal!» bemerkte Regel.

Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter, und sooft Heißenstein sagte: «Den Aufruf, gute Frau, hast du dafür gesorgt, daß der Aufruf in die Zeitungen komme – durch Wenzel, nicht wahr? Du brauchst es ihm nur aufzutragen … hast du es getan, Liebe?» – so oft wandte sie verlegen den Kopf und erwiderte: «Morgen soll es geschehen.»

Und jedesmal nickte ihr Heißenstein freundlich dankend zu und sagte: «Wenn der Aufruf gedruckt sein wird, möcht ich ihn lesen.»

Er äußerte auch manchmal den Wunsch, sich mit Wenzel zu beraten – wegen seines Testamentes. Aber der Arzt hatte nachdrücklich verboten, irgend jemand vorzulassen, mit dem der Kranke von Geschäften sprechen könnte, und Nannette mußte dem Advokaten den Eintritt verweigern – so weh es ihrem zartfühlenden Herzen auch tat. Übrigens war es Heißensteins Sache nicht mehr, auf einem Wunsche zu bestehen, derselbe war meist im Augenblicke vergessen, in dem er entstanden war.

Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises. Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten, er unterschied nicht mehr zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit. Täglich erzählte er Schimmelreiter, seine Enkelin werde nun bald kommen. Und gewöhnlich gab er dem Kommis die Versicherung, die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau, die alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr.

«Und Bozena bringt mir das Kind», flüsterte der Kranke geheimnisvoll. «Meine Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen, lesen Sie mir ihn vor, ich ersuche Sie.»

Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehört, denn der Brief Mansuets war ihm vorenthalten worden. Ratlos, was er tun oder sagen sollte, griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte, denen der Greis jedoch, von seinen Träumen befangen, keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.

Er lag ruhig, tage- und nächtelang, die Augen nach der Tür gerichtet, und sagte von Zeit zu Zeit: «War das nicht Bozenas Schritt? – Mir ist, als hörte ich sie kommen.»

Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette: «Es sollte ihr doch jemand entgegengehen. Vielleicht weiß sie nicht mehr den Weg.»

Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen Tochter war Nannetten sehr peinlich, und Regel gab zu verstehen, daß sie sich verletzt fühle und gehofft habe, ihrem Vater mehr zu sein.

Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenburg. Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen, hatte aber trotzdem «keine Minute» den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren. Er hatte geschrieben, viele Erkundigungen eingezogen; viele Boten ausgesendet und schließlich so viel erfahren, daß er meine, dermalen die Vermutung aussprechen zu können, Bozena sei mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen. Freilich dürfte sie «ohne einen Knopf Geldes» sein. «Sie wird wohl», so schloß Mansuets seltsame Epistel, «keine anderen Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden, die jedem Menschen angewachsen sind. Da heißt es ‹hü› sagen zum rechten und ‹hot› zum linken Fuß. Aber finalemang und wenn es schon nicht anders ist: die Bozena hat’s unternommen; die Bozena bringt’s zustande. Was mich bei der Sache bis aufs Blut beißt und wurmt, das ist, daß die alte Schermaus (Hypudaeus arvalis, das schädlichste Nagetier) am Ende doch recht behält und daß ich ebensogut getan hätte, hinter dem Ofen sitzen zu bleiben, als mich hier an der Szamos und an der großen Kükülü herumzutreiben, bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der Tasche hatte, daß die Vögel, auf die ich fahnde, ausgeflogen sind.»

Schimmelreiter hütete sich wohl, Frau Heißenstein von dem Inhalte dieses Briefes auch nur ein Wort zu verraten. Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit dem Arzte gehabt, der äußerst besorgt war und erklärte, die Kräfte des Kranken schwänden in bedenklicher Weise. Mit aller möglichen Schonung machte Nannette ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt. Regula blieb dabei gefaßt und stark. Wie immer bemüht, ihre Mutter aufzurichten, sagte sie: «Sonderbar, eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen.»

Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen. Ruhelos wie ein Perpendikel bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her. Regula ersuchte sie mehrmals, sich nicht aufzuregen, was keinem Menschen nütze, ihr selbst aber schädlich sei. Sie gab ihrer Mutter den Rat, ein wenig auszugehen, frische Luft kalmiere die Nerven. Dieser Aufforderung Folge leistend, trat Frau Heißenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und Sorgfalt ihren Hut auf. Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem Kranken, den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte.

Nannette und ihre Tochter eilten nach Heißensteins Zimmer. Die Wärterin und Schimmelreiter waren damit beschäftigt, ihn zu laben …

Ein Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes, und Nannette rief schaudernd der Magd und dem Diener zu: «Den Arzt! … Den Priester! …» Jene rannten davon und ließen in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen.

Und in diesem Augenblick kam über den großen Platz geschritten eine hohe Frauengestalt in schadhaften, die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern. Sie hielt, sorgfältig in ein Tuch gehüllt, ein schlafendes Kind in ihren Armen. Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die Treppe empor. Ihr Gesicht verklärte sich, als sie an dem dunkeln Getäfel des Eingangs hinaufblickte, ihr Auge grüßte die wohlbekannten Räume. Wie neu belebt durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich hochklopfenden Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters.

Drinnen das Hinundhereilen hastiger Schritte, ein ängstliches Fragen und Flüstern, das schwere Ächzen eines Kranken. Sie stieß die Tür auf und trat ein.

Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das fremde Weib, abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus, und plötzlich kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst: «Bozena!»

«Bozena!» wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe des Zimmers, und von Nannette und Regel unterstützt, richtete eine Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf.

«Herr!» antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn, über den Jammer seines Anblicks, und kniete an der Schwelle nieder.

«Näher – näher», flüsterte er, und Bozena, ihre letzte Kraft aufbietend, erhob sich, trat heran, setzte das Kind auf das Fußende des Bettes und brach zusammen.

Niemand dachte daran, ihr Hilfe zu bringen, wie versteinert standen alle.

Der Kranke aber sah das Kindlein an, lange, lange – liebevoll. Es war klein für seine Jahre und von einem solchen Ebenmaß der Glieder, daß jede seiner Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut. Gesundheit blühte auf seinen zarten, rosig angehauchten Wangen, und Fülle des Lebens sprach aus den leuchtenden Augen, mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen Lachen und Weinen.

Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf seine Frau – unsäglichen Dankes voll. Und Nannette erbebte bis ins Mark, als dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr sprach: «Dieses Glück – ich danke es dir. Sei dafür gesegnet.»

Ein Schatten glitt über sein Gesicht: «Die Verwaiste!…» hauchte er, und eine schwere Träne rollte ihm die Wange entlang. Plötzlich raffte er sich auf; ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm, er erhob das Haupt und wandte es gegen Regula … Seine Hand, die so lange bewegungslos gewesen, deutete auf das Kind. «Deine heiligste Pflicht!» rief er gebieterisch seiner bleichen Tochter zu … «Verstehst du mich?…»

Damit sank er zurück. Einmal noch hob sich seine Brust – und er hatte ausgelitten.