Kapitel 10


Kapitel 10

 

Im Bürgermeisterhause herrschten Verwirrung und Schrecken. Zum zehnten Male erzählte Peter den Neugierigen, die in die Sterbestube hereindrangen, wie er noch vor Mitternacht mit seinem Vater gesprochen und dann in die Kammer nebenan schlafen gegangen sei und wie ein paar Stunden später ein Röcheln ihn geweckt habe… Wie er aufgesprungen, zum Vater gestürzt, ihn schon in den letzten Zügen gefunden und den Knecht nach dem Priester und die Magd nach dem Doktor geschickt… Und wie beide zu spät gekommen… Und wie der Doktor, da er nach der Hand des Toten griff, die zur Faust geballte fast gewaltsam hatte öffnen müssen, um ihr ein halb geleertes Fläschchen entnehmen zu können, welches die Finger, im Todeskampf erstarrt, noch festhielten.

Die Zuhörer drückten ihre Teilnahme durch Seufzen und Klagen aus; Peter fuhr fort: »Der Pfarrer schaut. ›Was ist das?‹ fragt er, und der Doktor schaut auch, und wie er schon ist, sagt nichts – ›Herrgott im Himmel‹, ruft der Pfarrer: ›Ist ihm sein Leiden zuviel geworden? Ist er in Todsünde gestorben?‹ – ›Er ist an einer Verblutung gestorben‹, sagt der Doktor, und das Fläschchen führt er an die Nase. ›Und das ist Kamillengeist!‹ sagt er.«

»Wer’s glaubt«, fiel ein altes Weib dem Peter in die Rede, und er schluchzte auf.

»Wer’s glaubt, das hab ich auch gesagt! Gift hat mein Vater bekommen, ich hab am Abend einen Kerl aus dem Garten schleichen sehen, und ich glaub, ich kenn ihn, sag ich, reiß die Magd her und geb ihr eine und sag: ›Wer war gestern am Abend im Zimmer bei meinem Vater?‹ – ›Der Pavel‹, platscht sie heraus und fällt auf die Knie, ›Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll… Schlagt mich tot, aber so wahr Gott lebt, Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll, ich sag, wie’s ist, und weiter weiß ich nichts.‹«

Bei dieser Stelle seiner Erzählung brach Peter regelmäßig in ein rasendes Weinen aus. Er warf sich über die Leiche seines Vaters, und der rohe, harte Bursche wimmerte wie ein Kind. »Schon lange ist mir meine Mutter gestorben, und jetzt hab ich auch keinen Vater mehr. Eine Waise hin ich und ganz verlassen!«

Im Publikum, das mit Spannung den Ausbrüchen seines aufrichtigen Schmerzes lauschte, erhoben sich anklagende Stimmen gegen Pavel. Der schlechte Bub hat die Hand im Spiel bei dem Unglück mit dem Bürgermeister. Dem schlechten Buben, der vermutlich lieber auf der faulen Haut liegt als arbeitet, ist der Dienst beim Hirten zu schwer gewesen, er hat fort gewollt, aber nicht dürfen ohne Erlaubnis des Bürgermeisters, und weil der unerbittlich geblieben ist und die Erlaubnis nicht gegeben hat, sooft der Bub sie auch von ihm verlangt, so hat der schlechte Bub sich jetzt gerächt und den Bürgermeister aus der Welt geschafft.

Die Legende war bald fertig, verbreitete sich rasch im Dorfe, fand Glauben und stachelte die Leute auf zur Entfaltung einer ungewohnten Energie. Die ihres Oberhauptes beraubte Ortsbehörde entsandte einen Boten nach dem Bezirksamt, um für alle Fälle den Gendarm zu holen, während einige Heißsporne nach der Schule liefen, um – auch für alle Fälle – den Giftmischer durchzuprügeln. Indessen fanden sie das Haus versperrt. Der Lehrer hatte, gleich nachdem das für Pavel so bedrohliche Gerücht zu ihm gedrungen, ein Verhör mit dem Burschen angestellt, ihn dann in die Schulstube eingeschlossen und sich zum Doktor begeben. Bei demselben waren bereits der Herr Pfarrer, der Peter, Anton der Schmied und einige Bauern versammelt.

Der Pfarrer saß in dem großen schwarzen Lehnstuhl in einer Ecke des Fensters; in der andern, die Hände auf dem Rücken, hielt sich der Doktor. Den beiden Honoratioren gegenüber standen, einen regelmäßigen Halbkreis bildend, die Bauern.

»Ach, da kommt ja der Herr Lehrer«, sprach der Pfarrer mit seiner leisen, etwas heiseren Stimme.

»Sie werden wohl bereits wissen, um was es sich handelt«, bemerkte der Doktor, um dessen bläuliche Lippen ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte.

Peter rief: »Der Pavel hat meinen Vater vergiftet!«

»Weiß man noch nicht«, murmelte Anton.

»Und muß ins Kriminal«, fuhr Peter fort, und Anton wiederholte: »Weiß man noch nicht«, worauf Peter den Trumpf setzte: »Ich steh nicht ab, er muß ins Kriminal.«

»Vorläufig«, sagte Habrecht, »habe ich ihn in die Schulstube eingesperrt.«

Der Pfarrer stutzte. »So glauben auch Sie? …« Er hielt fast erschrocken inne, wie jemand, der sich verschnappt hat und dem das sehr unangenehm ist.

Habrecht bemerkte es und hielt sich schadenfroh an das bedeutungsvollste Wort in dem übereilt ausgesprochenen Satze. »Auch?« wiederholte er nachdrücklich, »nämlich wie Euer Hochwürden?«

Eine leichte Röte erschien auf den eingefallenen Wangen des Priesters.

»Ich dachte an die vox populi«, sagte er.

»Ja so! Die entstellte vox Dei

Nun öffnete sich die Tür, ein großer, vom Alter schon gebeugter Mann mit graugelbem Haar und ziegelrotem Gesicht, der Viertelbauer Barosch, trat ein. Er ging auf den Pfarrer zu, küßte ihm die Hand und meldete, der Gendarm komme schon.

»Was soll der Gendarm?« fuhr Habrecht ihn an, und Barosch richtete seine starren, immer erstaunten, immer um Verzeihung bietenden Branntweintrinkeraugen demütig auf den Lehrer und antwortete: »Den Buben aufs Bezirksgericht führen.«

»Was soll der Bub auf dem Bezirksgericht?«

»Gestehen.«

»Was denn?«

»Daß er dem Bürgermeister etwas gebracht hat.«

»Das gesteht er ja ohnehin.«

»So?« sprach der Pfarrer, »das hat er Ihnen gestanden?«

»Er würde es auch Ihnen gestehen.«

»Da wäre ich doch begierig, Herr Lehrer. Da möchte ich Sie doch bitten, lassen Sie ihn rufen, haben Sie die Güte.«

»Ich geh um ihn!« schrie Peter und wollte schon davoneilen; Anton hielt ihn fest: »Nicht du, du bist wie ein Narr. Ich geh, Herr Lehrer.«

Aber Habrecht dankte auch ihm für das Anerbieten, verließ die Stube und kehrte nach einer Weile, von seinem Schützling begleitet, zurück.

Peter konnte nur mit größter Mühe verhindert werden, über den letzteren herzufallen, drohte ihm und rief, so laut die atemraubende Wut, die ihn beim Anblick Pavels ergriffen hatte, es erlaubte: »Schaut ihn an, den Hund! Sieht man ihm nicht an, was für ein Hund der Hund ist?«

Und wirklich konnte der Zustand, in dem der Junge vor die höchsten Instanzen seines Dorfes trat, ein günstiges Vorurteil für ihn nicht erwecken. Der Kopf schien ihm zu brennen, eine scheue und finstere Qual sprach aus dem glühenden Antlitz und entsetzlicher, unstillbarer Haß aus den Blicken, die er hinter halbgeschlossenen Lidern hervor auf seinen Hauptankläger, auf Peter, warf.

Habrecht legte die Hand auf seine Schulter und schob ihn vor sich hin in die Fensterecke, zwischen den Pfarrer und den Doktor hinein.

Der Pfarrer betrachtete den Jungen schweigend, räusperte sich und fragte ruhig und geschäftsmäßig: »Ist es wahr, daß du dich gestern abend in das Haus des Bürgermeisters geschlichen und ihm etwas gebracht hast?«

Pavel nickte, und durch den Kreis der Bauern lief ein Geflüster triumphierender Entrüstung.

»Was war das, was du ihm gebracht hast?«

»Es war eine gute Medizin.«

»Wie bist du zu der guten Medizin gekommen?« fiel nun Habrecht ein.

Pavel schwieg, und der Lehrer fuhr fort: »Hat dich nicht vielleicht jemand zum Bürgermeister geschickt mit dieser guten Medizin?«

Der Junge erschrak und versetzte rasch: »Nein, ich habe sie von mir selbst gebracht.«

»Woher weißt du denn auf einmal etwas von guten Medizinen?« mischte der Doktor sich ins Verhör, und Pavel erwiderte: »Ein Hirt weiß immer was.«

»Er lügt«, erklärte der Lehrer; »er will oder darf die Wahrheit nicht sagen.«

»Und was halten Sie für die Wahrheit?« fragte der Pfarrer, dessen Gelassenheit vorteilhaft abstach von der nervösen Unruhe Habrechts. Dieser sprach: »Für die Wahrheit halte ich, daß der Junge zum kranken Bürgermeister geschickt worden ist, und zwar durch die Kurpfuscherin, die Frau des Hirten.«

Pavel schrie auf: »Sie hat mich nicht geschickt! Ich bin von Selbst gegangen«, und Peter wiederholte zornig: »Von selbst, er gibt’s zu, aber der Herr Lehrer nicht. Der Herr Lehrer will unschuldige Leut hineinbringen… das verzeih Gott dem Herrn Lehrer. Der Bub hat mit den Leuten, die der Herr Lehrer hineinbringen will, schon lang nichts mehr zu tun, der Bub ist schon lang beständig beim Herrn Schullehrer in der Schul.«

»Mich wundert nur«, entgegnete ihm der Doktor, »daß dein Vater das Mittel, das der Bub ihm von sich aus gebracht hat, so ohne weiteres eingenommen haben soll; außer- er hätt’s extra beim Buben bestellt, was mir auch, nicht recht einleuchten will.«

»Sag ganz genau, wie es zugegangen ist«, wandte der Pfarrer sich an Pavel. »Du hast dich also gestern in die Stube des Bürgermeisters geschlichen?«

»Ja.«

»Und was hast du gesagt?«

»Guten Abend, Herr Bürgermeister.«

»Und was hat er gesagt?«

»Nichts.«

»Und was hat er getan?«

»Mir gewinkt, ich soll ihm das Mittel geben.«

»So hat er also gewußt, daß du ein Mittel bringen wirst?«

Pavel antwortete nicht; er hatte den Kopf vorgestreckt und lauschte einem Geräusch von Schritten und Stimmen, die sich der Tür näherten. Abermals wurde sie geöffnet, der Gendarm Kohautek, auch der heiße Gendarm genannt, erschien, gefolgt von den Räten.

Die Schwüle, die bereits im Zimmer herrschte, nahm plötzlich so sehr zu, als hätte man einen geheizten Ofen hereingestellt; und alle diese Hitze schien von dem vor Berufseifer glühenden Kohautek auszugehen. Aber nur aus den Augen loderten die inneren Flammen, und wie warm ihm immer war, verrieten allein die kleinen Schweißtropfen, die auf seiner Nase perlten. Sein Gesicht war von schöner klarer Olivenfarbe und rötete sich nie.

Er begann sogleich seines Amtes zu walten und die Vorerhebungen einzuleiten. Der ganze Mann war nur eine Drohung, wenn er das Wort an den Angeklagten richtete, und doch fühlte sich dieser seit der Anwesenheit des Gendarmen ruhiger und sicherer; er glaubte, einen Stein im Brett bei Kohautek zu haben, seitdem er einmal wegen eines Geflügeldiebstahls von ihm verdächtigt und später unschuldig befunden worden. Der Gendarm stellte an Pavel ungefähr dieselben Fragen, die man schon an ihn gestellt hatte, er erhielt dieselben Antworten und gelangte endlich zu dem dunklen Punkt in der Sache, zu der Provenienz des corpus delicti, des Flascherls. Über die Provenienz dieses corpus, dieses Flascherls, mußte der Bub eine Aussage machen. Er mußte! Kohautek vermaß sich, ihn gleich dazu zu bringen, fragte, ermunterte, warnte vor der Gefahr, in welche sich Pavel durch sein eigensinniges Schweigen versetzte. Alles umsonst. Der Bub blinzelte ihm fast vertraulich zu und blieb taub für seine Ermahnungen wie für die des Geistlichen und für das flehende Beschwören Habrechts, blieb unempfindlich für die Beschimpfungen Peters und seiner Gesinnungsgenossen.

Zuletzt verstummte er völlig, und die Bauern sahen darin den deutlichsten Beweis seines Schuldbewußtseins. Peter spie vor ihm aus: »Er geht ins Kriminal! Er hat meinen Vater vergiftet.«

»Mit Kamillengeist«, sagte der Doktor, nahm das Fläschchen aus seiner Tasche und hielt es dem Besonnensten aus der Gesellschaft, dem Schmied Anton, unter die Nase.

Der roch daran, zog die Achseln in die Höhe und sprach: »Ja, ja – nach Kamillen riecht’s – aber…«

»Nun? – Aber?«

»Aber was es ist, weiß man nicht.«

Der Lehrer, an dem alles bebte und der fortwährend vor sich hinmurmelte: »Vernünftig, vernünftig, haltet Ruhe, meine Nerven«, versetzte nun: »Was meint ihr, ihr Leute, wenn das Gift wäre, würde ich davon trinken? Seht her! Ich trinke!« Er erbat sich das Fläschchen vom Doktor und tat einen Schluck daraus: »Nun seht, ich habe getrunken und befinde mich wohl und werde mich morgen auch noch wohlbefinden.«

Ein wenig stutzten die Bauern, sahen den Schulmeister scheel an, traten näher zusammen und wisperten miteinander.

»Was meint ihr? Was sagt ihr?« fragte Habrecht.

Barosch seufzte, schüttelte den Kopf, verzog den breiten schmunzelnden Mund. »Ja«, brachte er endlich hervor, »ja, das ist keine Kunst – jetzt ist freilich nichts Giftiges mehr drin.«

»Wieso? Es ist dasselbe Fläschchen, und was früher drin war, ist noch drin, das heißt ein bißchen weniger.«

»Ja, das Giftige, das war schon weggetrunken, das hat der Bürgermeister beim ersten Zug bekommen… Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben.«

»Schwimmt oben!« wetterte Peter, und der Schulmeister sprang mehrmals empor vor Zorn und Entrüstung.

»Sie hören, Sie hören!« rief er dem Pfarrer zu. Der Geistliche behielt immer seine leidende Miene und seinen Gleichmut und erwiderte die Anrufung Habrechts nur mit einer bedauernden Gebärde. Der Gendarm stand unbeweglich und strahlte knirschend Hitze aus; der Doktor hingegen verlor die Geduld. Er, dem man nachsagte, daß er mit seinen Worten so sparsam sei, als ob ihn jedes einen Guldenzettel koste, brach in eine Rede aus: »Oh, du nie überwundene, ewig triumphierende Dummheit! … Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben. –

Da haben wir’s, da wissen wir’s, bleiben wir nur gleich dabei, eines Besseren überzeugen kann uns ohnehin keine Macht der Welt. Und wenn der Allweise selbst vom Himmel herunterstiege und sich aufs Beweisen und Widerlegen einlassen wollte, er hätte den Weg umsonst gemacht.«

Die Bauern hörten diese Anklage an, ohne recht zu wissen, was sie daraus machen sollten; aber mit steigendem Entzücken hatte Pavel ihr gelauscht. Der Doktor staunte über das Verständnis, das ihm sieghaft und wonnevoll aus den fest auf ihn gerichteten Augen des Jungen entgegenleuchtete. Dieser hatte zum erstenmal in seinem Leben den Kopf stolz und gerade emporgehoben, sog jedes Wort des Doktors wie eine köstliche Labe förmlich in sich hinein und schlug, als das letzte gesprochen war, ein wildes, herausforderndes Gelächter auf.

Da brach die Empörung über ihn los. Kohautek vermochte im ersten Augenblick nichts zu seinem Schutze; trotz verzweifelter Gegenwehr wurde Pavel niedergeworfen, mißhandelt, mit Füßen getreten. Der Gendarm mußte seine ganze Autorität und Anton, der sich ihm zur Seite stellte, die ganze Kraft seiner Fäuste aufbieten, um den Jungen den Ausbrüchen der sinnlosen Wut seiner unbefugten Richter zu entreißen. Eine rasche, kurze Beratung mit dem Geistlichen, dem Lehrer und dem Doktor, und Kohautek beschloß, Pavel mitzunehmen aufs Gericht.

»Ich tu’s nicht«, rief er, »weil ich ihn für schuldig halte; ich tu’s, weil ihr Bestien seid, vor denen ich ihn in Sicherheit bringen will. Spann einer ein.«

»Ich«, schrie Peter, »ich führ ihn«, und war mit einem Sprung aus dem Zimmer.

Der Geistliche warf einen Blick durch das Fenster. Vor dem Hause hatten sich Gruppen gebildet, welche dem auf die Straße herunterdringenden Lärm horchten und einzelne Worte, die zu unterscheiden ihnen möglich gewesen, in großer Aufregung nachsprachen.

Die Bewegung stieg aufs höchste, als Peter mit seinem Wägelchen gefahren kam und der Gendarm mit Pavel und dem Lehrer, der den Jungen auf seinem schweren Gange nicht verlassen wollte, in der Tür des Doktorhauses sichtbar wurden. Habrecht stieg zu Peter auf den vorderen Sitz, auf dem rückwärtigen nahm der Gendarm neben dem Delinquenten Platz. Flüche, drohende Mienen und Gebärden begleiteten das davonrollende Gefährt. Peter lenkte es so langsam durchs Dorf, daß die sämtliche Straßenjugend Zeit hatte, sich ihm anzuschließen und ihm das Geleite zu geben. Sie tat es unter Jubeln und Jauchzen. »Da fahrt er!« schrie eine Stimme aus der Rotte; »da fahrt er!« schallte es im Chor.

»Wohin fahrst?« rief ein kleiner, verwachsener Fratz, und ein bildhübsches Häuslerkind, ein blauäugiges Mädchen, eines der lustigsten in der verwegenen Bande, an deren Spitze Pavel einst auf Holzdiebstahl in den Wald gezogen war, lachte zu ihm hinauf: »Fahrst zum Vater oder zur Mutter?«

Die ausgegebene Parole pfiff in unzähligen Wiederholungen durch die Luft, immer ärger wurde das Treiben, und endlich hieb Peter auf Befehl des Gendarmen mit der Peitsche in die vor Schadenfreude und Lust am Quälen berauschte Schar. Sie schien sich zu verlaufen, schlug aber nur einen kürzeren Weg ein und faßte Posto hinter einer Johannisstatue, die zwischen Bäumen am Ende des Dorfes stand. Als das Wäglein dort ankam, wurde es mit lautem Hallo und einem Hagel von Erdklumpen und Steinen empfangen. Kohautek fluchte, Peter trieb die Pferde an, Habrecht zog den Rock über die Ohren, Pavel saß regungslos. Erst als das Gefährt auch seinen ausdauerndsten Verfolgern entronnen war, bückte er sich und warf die Steine, die in den Wagen gefallen waren, ruhig hinaus, alle bis auf den letzten, den kleinsten, den betrachtete er aufmerksam und nachdenklich und steckte ihn dann in die Tasche.

»Was willst du mit dem Steine?« fragte der Gendarm.

»Wenn ich mir einmal ein Haus baue – und ich bau mir eins«, lautete die Antwort, »leg ich den Stein unter den Riegel der Tür, damit ich mich erinnern muß bei jedem Ein- und Ausgehen, wie die Leute mit mir gewesen sind.«

Eine Stunde später war man am Bestimmungsorte angelangt. Der Bezirksrichter ließ Pavel vor sich führen und schien eher geneigt, an seine Schuld als an seine Unschuld zu glauben; »denn«, pflegte er zu sagen, »was mich betrifft, ich denke von dem Menschen nicht das Schlechte, sondern das Allerniederträchtigste.«

Die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf, die Obduktion der Leiche des Bürgermeisters wurde angeordnet. In Abwesenheit des Gerichtschemikers nahm sein Stellvertreter, ein sehr zuversichtlicher junger Mann, die Analysen in höchst eleganter Weise vor und konstatierte schlankweg die Anwesenheit von Gift im Magen und in den Eingeweiden des Toten. Da gab es für Pavel eine Reihe böser Tage, doch blieb er standhaft und benahm sich vor dem offiziellen Richter genauso, wie er sich beim Verhör daheim im Dorfe benommen hatte. Seine Leiden nahmen ein Ende bei der Rückkehr des Gerichtschemikers, der die Arbeiten seines grünen Rivalen einer Prüfung unterzog, ihre Mangelhaftigkeit dartat und im Einverständnis mit dem Amtschirurgen dem Kreisphysikus unwiderleglich bewies, der Bürgermeister sei nicht an Gift, sondern an seiner Krankheit gestorben.

Fast unmittelbar darauf erfolgte Pavels Freisprechung und seine Entlassung aus der Haft. Peter, sein Hauptankläger, wurde in die Kosten verurteilt.

Am letzten Sonntag, den Pavel in der Untersuchungshaft zubrachte, hatte Habrecht die Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Der Lehrer war tief bewegt beim Wiedersehen.

»Zwei Monate im Arrest!« rief er aus, »so weit hast du’s gebracht, du Feind deiner selbst. Pavel, Pavel! viel Böses haben die Menschen dir schon getan, aber keiner von ihnen soviel wie du dir selbst.« Er fragte ihn, was er denke in den langen einsamen Tagen und Nächten.

»Nicht viel; in der Nacht schlaf ich, und bei Tag arbeit ich, sie haben mir Werkzeug geliehen«, erwiderte Pavel und holte unter seinem Bett das Modell eines Hauses hervor. Sein zukünftiges Wohnhaus, das er im kleinen äußerst genau hergestellt, mit Fenstern und Tür und strohbedecktem Dache. Ein merkwürdiger Kontrast, der Bursche mit den groben Händen und diese zierliche Arbeit. Er hatte das für seine Schwester Milada gemacht und bat Habrecht, es mitzunehmen und ihr zu schicken, bat den Lehrer auch, ihr zu schreiben, seine Schwester solle wissen, daß er unschuldig sei. Habrecht versprach es zu tun, verschwieg aber, daß bereits zwei umfängliche Briefe von ihm an die Frau Oberin gerichtet worden, in denen die Sachlage gewissenhaft und mit ehrlicher Breite dargelegt war und Pavel so rein erschien wie ein Osterlämmchen aus Zucker. Beide Sendschreiben waren in Form und Inhalt Muster von jener Höflichkeit, die sich nie genugtut, weil sie einem unstillbaren Herzensbedürfnisse entspringt. Leider jedoch hatte sie zur Nachahmung nicht angespornt; Habrechts Briefe waren unbeantwortet geblieben.

Es war gegen Ende Januar, der Tag mild, der Schnee begann zu schmelzen, schmale braune Bäche flossen die Abhänge herab. Trübselig schielte die Sonne durchs weißliche Gewölk, die entlaubten Bäume an der Straße warfen bleiche Schatten auf den sumpfartig schimmernden Feldweg, an dessen Rand Pavel dem Dorfe zuschritt.

In seiner Haft hatte er oft gemeint, wenn er nur wieder ins Freie kommt, an die Luft, wenn er sich nur wieder regen darf, dann wird alles gut. Nun war er frei, wanderte heim, aber gut wollte es nicht werden. So öd, so kahl, so freudlos wie die Landschaft in ihrer winterlichen Armut lag die Zukunft vor ihm.

Sein erster Gang im Orte war der zur Hütte des Hirten. Den Herd im Flur hatte man abgeräumt. Vinska kniete davor und schürte das Feuer, das hell und lustig brannte. Schweigend, ohne sie anzusehen, schritt Pavel an ihr vorbei, geradenweges in die Stube. Virgil und sein Weib schrien auf, als er vor ihnen erschien; die Alte bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze, der Greis hielt dem Eintretenden wie ein Beschwörer dem Satan den Rosenkranz entgegen und zitterte dabei am ganzen Leibe. Pavel aber kreuzte die Arme und sprach: »Spitzbub, Spitzbübin, ich bin wieder da, und eine Schrift darüber, daß mir das Gericht nichts tun darf, hab ich in der Tasche. Daß ihr mich jetzt in Ruh beim Lehrer laßt, das rat ich euch, sonst geht’s euch schlecht. Angewachsen ist mir die Zunge nicht. – Das hab ich euch sagen wollen«, schloß er, wandte sich und ging.

Sie blickten ihm betroffen nach. Der hatte sich verändert in den zwei Monaten! … Als ein Bub war er fortgegangen, als ein Bursche kam er heim; gewachsen war er, und dabei nicht schmäler geworden.

Kapitel 11


Kapitel 11

 

Außerhalb des Dorfes, zu Füßen eines Abhangs, den vor Jahren der längst ausgerodete Bauernwald bedeckt hatte, befand sich eine verlassene Sandgrube. Seitdem sie ihres Inhalts bis auf die letzte Ader entledigt worden, gehörte sie zu den toten Kapitalien des Gemeindevermögens, und keiner dachte daran, das öde Fleckchen Erde nutzbar zu machen; denn keiner, der da begonnen hätte zu pflügen und zu säen, würde die Ernte erlebt haben. Einmal nur bot der Verwalter der Frau Baronin, deren schlechteste Felder an die Sandgrube grenzten, dreißig Gulden für den von Unkraut überwucherten Winkel, trat jedoch, als der Kauf richtiggemacht werden sollte, von demselben wieder zurück. Von der Zeit an hatte kein Käufer sich mehr gemeldet. Das Erstaunen war nicht gering, als ein solcher endlich wieder auftrat, und zwar in der Person – Pavel Holubs.

Ein Jahr war vergangen, seitdem er aus der Untersuchungshaft entlassen worden, und Tag für Tag hatte er sich, im Winter wie im Sommer, am frühen Morgen auf die Beine gemacht und war erst mit der sinkenden Nacht heimgekehrt. Nichts vermochte die Gleichförmigkeit seiner Lebensweise zu unterbrechen, nichts ihm eine Teilnahmsäußerung für die Vorgänge in der Außenwelt zu entlocken. Über die Heirat Peters und Vinskas, die ganz in der Stille begangen worden war und im Dorfe sogar den hartnäckigsten Schweigern soviel zu reden gegeben hatte, verlor er kein Wort. An dem Tag, wie an jedem andern, ging er nach Zbaro, wo er immer Arbeit fand, in der Sägemühle, in der Zuckerfabrik oder im Wald. Er verdiente viel und konnte am Ende der Woche seinen Lohn ungeschmälert in die Sparkasse unter der Diele im Zimmer Habrechts legen, da ihn dieser mit Kostgeld und Kleidung versorgte. Mit Wonne sah er das Wachsen seines Reichtums und hätte sich überhaupt ganz zufrieden gefühlt – unter zwei Bedingungen. Ein Wiedersehen mit seiner Schwester wäre die erste, Ruhe vor den Neckereien der Dorfjugend die zweite gewesen. Aber keine von beiden wurde erfüllt. Sooft er sich an der Klosterpforte einstellte, wurde er unerbittlich fortgewiesen, und so zeitig er auch nach Zbaro ging, immer fanden sich Buben und Mädel, die noch zeitiger aufgestanden waren, um ihm aufzulauern und ihm unter dem Türspalt hervor oder über die Hecke hinweg nachzurufen: »Giftmischer! … Bist doch ein Giftmischer!«

Pavel schwieg lange, klagte aber zuletzt voll Bitterkeit dem Lehrer seinen Verdruß.

»Schau, schau«, erwiderte der, »jetzt ärgerst dich? … Wie lang ist’s her, daß dir um nichts soviel zu tun war als um die schlechte Meinung der Leute?«

Der Bursche wurde rot: »Man kann am Ende genug davon kriegen«, meinte er, und Habrecht versetzte: »Das denk ich. Wenn sich einer Prügel geholt hat und im Anfang auch trotzt und sagt: Nur zu! – endlich wird’s ihm doch genug, und dann sagt er: Hört auf! Aber just da packt diejenigen, die zuschlagen, erst die rechte Passion. Wie geht’s denn mir und wie lange ist’s denn bei mir her, daß ich gelacht habe, wenn die Leut gekommen sind und mich gebeten haben, ich soll machen, daß der Hagel ihr Feld oder der Blitz ihre Scheuer verschont? Es hat mir geschmeichelt.. Oh, lieber Mensch… und heute möchte ich jedem Esel um den Hals fallen, der nichts anderes von mir glaubt, als daß ich so dumm bin wie er selbst.«

Im Wirtshaus berieten derweil die Bauern über den Verkauf der Sandgrube an Pavel. Anton der Schmied, um seine Meinung befragt, befürwortete die Sache.

Auf ihn hatte die Schuldlosigkeitserklärung, die Pavel von Amts wegen ausgestellt worden, Eindruck gemacht und das Gutachten der Sachverständigen ihn in dem Zweifel befestigt, den er von Anfang her an der Leichtigkeit der Gifte gehegt. Sein Rat war: Man verkaufe dem Buben die Grube; er hat Geld, er soll zahlen.

Der Vorschlag ging durch.

Pavel wurde mündig gesprochen und erwarb die Sandgrube zu hohem Preis, nachdem ihm begreiflich gemacht worden, daß die Gemeinde, welcher er ohnehin seit sieben Jahren im Beutel lag, am wenigsten ihm etwas schenken könne.

Was ihn betraf, er fand seinen Besitz nicht zu teuer bezahlt. Ihm erschien eine Summe immer noch gering, die ein Wunder getan und ihm, dem Bettler, dem Gemeindekind, zu einem Eigentum verholfen hatte. Sein Gönner und er beschlossen den Tag, an dem der Kaufkontrakt unterschrieben worden war, auf das feierlichste.

Habrecht zündete außer dem Lämpchen auch eine Kerze an, Pavel breitete seine Schätze vor sich aus, das Zeugnis vom Amte, den Kaufvertrag, den Rest seiner Ersparnisse und Miladas Beutelchen mit seinem noch unangetasteten Inhalt. Das Geld wurde gezählt und ein Überschlag der Kosten des Hausbaues gemacht. Um die Ziegel war keine Sorge, die sollte Pavel mit Erlaubnis des Lehrers auf dem Felde desselben schlagen, nach Ton brauchte man in der Gegend nicht weit zu suchen. Schwer hingegen ist das Holzwerk beizuschaffen, dazu reichen die vorhandenen Mittel nicht aus und können im günstigsten Fall vor dem nächsten Herbste kaum zusammengebracht werden. Zum Glück kommt der Dachstuhl zuletzt; die nächsten Sorgen Pavels galten der Planierung seines Grundes und dem Aufbau seiner vier Mauern. Genug für den Anfang, genug für einen, der zur Bestellung seiner Angelegenheiten nur die Zeit hat, die ihm der Dienst bei fremden Bauten übrigläßt.

Dies alles ausgemacht, und der Bursche holte Schreibmaterial herbei und verfaßte, schwer seufzend und unter größeren Anstrengungen, als das Fällen eines Baumes ihn gekostet hätte, folgenden Brief:

 

»Milada,

meine allerliebste Schwester ich bin dreimal bei dir gewesen aber die Klosterfrauen haben mir es nicht erlaubt der Herr Lehrer hat ihnen schon geschrieben. Milada ich hab die Sandgruben gekauft wo ich für mich und die Mutter das Haus bauen soll, bitte die Frau Baronin daß sie mich zu dir gehen laßt weil ich unschuldig bin und vom Gericht den Schein bekommen habe daß mir das Gericht nichts tun darf ich habe auch neue Kleider und möcht nicht mehr im Kloster Knecht sein weil ich die Sandgruben hab. So sollen mich die Klosterfrauen zu dir erlauben.«

 

Auch an seine Mutter schrieb Pavel noch an demselben Abend und teilte ihr mit, daß sie, wenn ihre Strafzeit verflossen sein werde, eine Unterkunft bei ihm finden könne.

Von der Mutter kam auch bald ein Brief voll Liebe, Dank und Sehnsucht; die Antwort Miladas ließ lange auf sich warten und brachte, als sie eintraf, eine herbe Enttäuschung.

 

»Lieber Pavel, ich habe immer gewußt, daß du unschuldig bist« – hieß es in dem Schreiben –, »und mich gefreut und Gott gedankt, daß er dich würdigt, unschuldig zu leiden nach dem Vorbild unseres süßen Heilands. Und jetzt muß ich dir etwas sagen, lieber Pavel. Ich habe dich lange nicht gesehen, aber das war nur Gehorsam und kein freiwilliges Opfer, das hat mein Erlöser mir nicht angerechnet. Jetzt hat die ehrwürdige Frau Oberin erlaubt, daß du mich besuchst, und jetzt erst kann ich ein freiwilliges Opfer bringen. Ich tu’s, Pavel, und bitte dich, lieber Pavel, komm nicht zu mir, warte noch ein Jahr, warte ohne Murren, denn nur das Opfer, das wir freudig zu Füßen des Kreuzes niederlegen, ist ein Gott wohlgefälliges und wird von Ihm denen angerechnet, für welche wir es darbringen. Laß uns freudig entsagen, du weißt, daß wir es für die Seelen unserer Eltern tun, die keine andern Fürsprecher als uns bei ihrem ewigen Richter haben. Komm also nicht. Wenn du aber dennoch kämst, lieber, lieber Pavel, es wäre umsonst-mich würdest du nicht sehen, ich würde die guten Klosterfrauen bitten, mich vor dir zu verstecken, du würdest wieder fortgehen, hättest mich nicht gesehen und mir das Herz nur unendlich schwer gemacht, denn ich habe dich lieb, mein lieber Pavel, gewiß lieber, als du dich selber hast.«

 

»Was schreibt denn deine Schwester?« fragte Habrecht, der den Burschen mit betroffener Miene auf das Blatt niederstarren sah, dessen schöne regelmäßige Schriftzüge er langsam entziffert hatte Pavel beugte sich plötzlich vor, große Tränen stürzten aus seinen Augen.

»Was schreibt sie?« wiederholte der Lehrer, erhielt keine Antwort und fragte nicht mehr; er wußte ja bereits aus Erfahrung, wenn der Mensch etwas verschweigen will, dann gilbt es keine Macht auf Erden, die ihm sein Geheimnis entreißt.

Als das Frühjahr kam, schlug Pavel in einer Reihe von mondhellen Nächten die Ziegel zu seinem Bau. Mehr als einmal fand er, am Abend aus der Fabrik heimkehrend, seine Arbeit zerstört. Kleine Füße waren über die noch weichen Ziegel gelaufen und hatten sie unbrauchbar gemacht. Pavel lauerte den Übeltätern auf, erwischte sie und führte sie dem Pfarrer vor. Es wurde ihnen eine Ermahnung zuteil, die jedoch ohne Wirkung blieb, der Unfug wiederholte sich. Da beschloß Pavel, selbst Gerechtigkeit zu üben. Mit einem Knüttel bewaffnet, wollte er hinter einem alten breitstämmigen Nußbaum Posten fassen und die vom Dorfe heranrückenden Feinde dort erwarten, zerbleuen und verjagen. Zu seinem größten Erstaunen fand er jedoch das Hüteramt, das er antreten wollte, bereits versehen, und zwar – durch Virgil. Dieser hatte gleichfalls einen Stock in der Hand.

»Bin schon da«, sagte er, »hab ihrer schon einige weggetrieben.«

»Was willst du, Spitzbub?« fuhr Pavel ihn an. »Fort, schlechter Kerl, mit dir bin ich fertig!« Er erhob den Knüttel.

Virgil hatte den seinen auf den Boden gestemmt, beide Hände darauf gelegt und sich zusammengekrümmt. Zitternd und demütig sprach er: »Pavlicek, schlag mich nicht, laß mich hier stehen, ich stehe hier und geb acht auf deine Ziegel.«

»Du, ja just du wirst achtgeben, du! … Dich kenn ich. Geh zum Teufel.«

»Sprich nicht von ihm!« wimmerte der Alte beschwörend, und seine Knie schlotterten, »sprich um Gottes willen von dem nicht. Ich bin alt, Pavlicek, ich werde bald sterben, du sollst zu mir nicht sagen: Geh zum Teufel.«

»Alles eins, ob ich’s sag oder nicht, alles eins, ob du gehst oder nicht, wenn du nicht von selber gehst, holt er dich.«

Virgil fing an zu weinen: »Meine Alte wird auch bald sterben und fürcht’t sich. Sie möcht dich noch sehen, bevor sie stirbt. Sie war’s auch, die mir gesagt hat: Geh hin und gib acht auf seine Ziegel.«

Pavel betrachtete ihn still und aufmerksam. Wie er aussah, wie merkwürdig! ganz eingeschrumpft und mager, vor Kälte zitternd in seinen dünnen Kleidern und dabei das Gesicht feuerfarbig wie ein Lämpchen aus rotem Glas, in dem ein brennender Docht schwimmt. Das Öl, von dem dieses jämmerliche Dasein sich nährte, war der Branntwein; der einzige Trost, der es erquickte, ein gedankenloses Lippengebet.

Armer Spitzbub, dachte Pavel, die Zeiten sind vorbei, in denen du mich mißhandelt hast, jetzt kriechst du vor mir. »So bleib«, sprach er zögernd und immer noch voll Mißtrauen, »ich werd ja sehen, was für einen Wächter ich an dir hab.«

Als er wiederkam, fand er alles in Ordnung; Virgil hielt wirklich treue Wacht, verlangte dafür nicht Lob noch Lohn und fragte nur immer: »Wirst nicht zur Alten kommen?«

Pavel ließ ihr sagen, von ihm aus könne sie in Frieden sterben, aber besuchen wollte er sie nicht mehr. Der Hauptgrund seiner Weigerung war die Furcht, Vinska bei ihrer Mutter zu treffen und ihr dort nicht ausweichen zu können, was er sorgsam tat, seitdem sie die Frau Peters geworden. Und wie er die Augen von ihr wandte, wenn er ihr begegnete, wie er jeder Kunde von ihr soviel als möglich sein Ohr verschloß, so verjagte er sogar jeden Gedanken an sie, der sich ihm unwillkürlich aufdrängen wollte.

Sie hatte das Ziel ihrer Wünsche erreicht, und er hatte ihr geholfen, es zu erreichen; jetzt sollte es aus sein. Was peinigte ihn denn noch, seinem Willen entgegen, stärker als seine eigene Stärke, was quälte ihn bei ihrem Anblick? Er kreuzte die Arme über dem Herzen und murmelte mit einem Fluche: »Klopf nicht!« Aber sein Herz klopfte doch, wenn die schöne Bäuerin vorüberschritt oder vorüberfuhr, in demselben Wägelchen, in dem ihr Mann, vor nun anderthalb Jahren, Pavel zu Gericht geführt hatte. Sie bemühte sich, glücklich auszusehen; es wirklich sein konnte sie kaum. Peter war ein tyrannischer und geiziger Eheherr, der alle Voraussetzungen der Virgilova zunichte gemacht hatte. Seine Schwiegereltern durften ihm nicht ins Haus; das wenige, was Vinska zur Verbesserung ihrer Lage tun konnte, geschah im geheimen unter Furcht und Zagen.

Sie selbst lebte im Wohlstand, hatte mit Gepränge die Taufe ihres zweiten Kindleins gefeiert, aber wie das erste, bald nach der Hochzeit geborene, war auch dieses, wenige Wochen alt, gestorben, und bereits hieß es im Dorfe: »Die bringt kein Kind auf.«

Pavel war gerade dazugekommen, als man den kleinen Sarg ganz still und wie in Beschämung aus dem Tor hinausschaffte. Und ein Schluchzen hatte er aus der Stube dringen gehört, ein Schluchzen, das ihm durch die Seele ging und ihn an die Stunde mahnte, in welcher diejenige, die es ausstieß, an seiner Brust gelegen und ihn bestürmt hatte mit ihren Bitten und berauscht mit ihren Liebkosungen.

Den Tod des zweiten Enkels erlebte die Virgilova noch, kurze Zeit darauf schlug ihr letztes Stündlein nach schwerem, fürchterlichem Kampf.

Der Geistliche hatte von ihrem Pfühl nicht weichen dürfen; noch im Verröcheln verlangte sie nach Segen und Gebet, in ihren brechenden Augen war noch die Frage zu lesen: Ist mir verziehen?

Mit Gleichgültigkeit nahm Pavel die Nachricht ihres Todes auf und blieb ungerührt von den Wehklagen, die Virgil über den Verlust seines Weibes anstimmte. Der Trost, den er dem Witwer angedeihen ließ, lautete: »Kein Schad um die Alte«, und Virgil unterbrach die Ergüsse seines Schmerzes, richtete die Augen zwinkernd auf Pavel und fragte halb überzeugt: »Meinst?«

Dies begab sich zu Ende des Sommers, und am ersten Sonntag, der dem Ereignis folgte, ließ der Pfarrer Pavel zu sich bescheiden.

Es war nach dem Segen; der Geistliche saß in seinem Garten auf der Bank unter dem schönen Birnbaum, dessen Früchte sich bereits goldig zu färben begannen, ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes. Pavel stand schon ein Weilchen da, ohne daß er es wagte, den Pfarrer anzusprechen, bevor dieser das kleine, blasse, von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob und nach einigem Zögern sagte: »Dir ist Unrecht geschehen.« Sein Blick glitt an Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne: »Du hast am Tod des Bürgermeisters keine Schuld.«

»Freilich nicht«, entgegnete Pavel, »die Kinder laufen mir aber doch nach und schreien: Giftmischer! … Ich möchte den Herrn Pfarrer bitten, daß er ihnen verbietet, mir nachzurufen: Giftmischer.«

»Meinst du, daß sie es mit meiner Erlaubnis tun?« fragte der Priester gereizten Tones.

»Und die Alten«, fuhr Pavel fort, »sind auch so. Dreimal hab ich kleine Fichten gepflanzt auf meinem Grunde, etwas anderes wächst ja dort nicht. Dreimal haben sie mir alles ausgerissen. Sie sagen: Dein Haus muß frei stehen, man muß in dein Haus von allen Seiten hineinschauen können, man muß wissen, was du treibst in deinem Haus.«

Der Pfarrer räusperte sich: »Hm, hm… Das kommt daher, daß du einen so schlechten Ruf hast. Du mußt trachten, deinen Ruf zu verbessern.«

Pavel murmelte: »Ich hab mein Zeugnis vom Amt.«

»Nutzt alles nichts, wenn die Leute nicht dran glauben«, sprach der Geistliche. »Auf den Glauben kommt es an, im großen wie im kleinen. Zu deiner ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott, zu deiner Wohlfahrt hier auf Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich.«

»Wär freilich gut.«

»Du willst sagen, es wäre gut, wenn du ihn erwerben könntest. Willst du so sagen?«

»Ja.«

»So bemühe dich. Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und mußt nur trachten, auf ihm vorwärtszukommen. Ohne Stütze jedoch wird das kaum gehen, die wirst du noch lange brauchen. Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Stütze… wird es aber nicht mehr lang sein können.«

»Wie? warum? – warum nicht mehr lang?«

»Weil er versetzt werden wird, an eine andere Schule.«

»Versetzt?« rief Pavel in Bestürzung.

»Wahrscheinlich.«

Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht, dann sprach er: »Mehr als wahrscheinlich – gewiß. Mache dich darauf gefaßt und überlege, an wen du dich wenden kannst, wenn der Lehrer fortgeht, zu wem du in diesem Falle sagen kannst: Ich bitte, nehmen Sie sich jetzt meiner an.«

Nach einer Pause, in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand, fuhr der Pfarrer fort, aufrichtig bemüht, sich für den ungeschlachten Burschen, dem sein ganzer Mensch widerstrebte, wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen: »Überleg’s; ist niemand da, zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen könntest?«

Er mußte die Frage wiederholen, ehe sie beantwortet wurde, und dann geschah es mit einem so entschiedenen: »Niemand« daß der Priester es vorläufig nicht unternahm, diese feste Überzeugung zu erschüttern. Er räusperte sich abermals: »So, so«, sagte er, »niemand? Das ist ja schlimm. Denke aber doch ein wenig nach, vielleicht fällt dir doch noch jemand ein.« Er lehnte sich wieder an den Baum zurück, sah wieder ins Weite und schloß: »Du kannst nach Hause gehen, kannst auch dem Lehrer sagen, daß ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen werde.«

Pavel entfernte sich verwirrt, in halber Betäubung, als ob er einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte.

Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche, mit der von süßem Schmerz verklärten Miene, die er immer annahm, wenn er sich in diese geliebten Blätter versenkte. Pavel nahm Platz ihm gegenüber und betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit. Lange wagte er nicht, ihn zu stören; endlich aber brach er – ohne seinen Willen, gegen seinen Willen – in die Worte aus: »Herr Lehrer, was muß ich von Ihnen hören?«

Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen, als ein Schrecken über die Wirkung, die sie hervorgebracht hatte, ihn erfaßte. Habrecht war aschfahl geworden, seine Augen verschleierten sich, sein Unterkiefer hing herab und zitterte, vergeblich bemühte er sich zu sprechen, er brachte nur ein unzusammenhängendes Gestotter hervor. Nach Atem ringend focht er mit den Händen in der Luft und sank unter Ächzen und Stöhnen auf seinen Sessel zurück. Pavel aber, der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte, das ginge viel leichter, als es in Wahrheit geht, sprang auf, warf sich auf die Knie und beschwor ihn händeringend: »Sterben Sie nicht, Herr Lehrer, sterben Sie nicht!«

Ein mattes Lächeln stahl sich über Habrechts Gesicht: »Unsinn«, sagte er, »nicht von Sterben ist die Rede, sondern von dem, was du von mir gehört hast. Beichte!« befahl er, richtete sich auf und rollte fürchterlich die Augen. »Was war’s, wie lautet der Unsinn? O vermaledeiter Unsinn! … Kein Vernünftiger glaubt ihn, und doch lebt er vom Glauben, kugelt so weiter im Dunkel, in der Tiefe. Sie zählen sich ihn an den Fingern her, diejenigen, die selbst nicht mitzählen… Was hast du gehört? Sprich!« Er zog Pavel in die Höhe und rüttelte ihn; als der verblüffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden, preßte er die Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen.

»Was käme heraus? … Was ich weiß im vorhinein, zum Ekel, was mich nicht schlafen läßt. Schweig«, rief er, »ich will einmal reden, ich elender Lügner, ich will die Wahrheit sagen, ich armer Zöllner will sie dir, dem armen Zöllner, sagen. Setz dich, hör mir zu, beug dein Haupt. Wenn es auch nur eine klägliche Geschichte ist und die Geschichte einer jämmerlichen Torheit, sie ist doch heilig, denn sie ist wahr.«

Er ging zum Wasserkrug, trank in langen Zügen und begann dann leise und hastig von den Tagen zu sprechen, in denen er jung gewesen, ein Lehrerssohn und Gehilfe seines kränklichen Vaters, durch Begabung und Verhältnisse, durch alles, was natürlich und vernünftig ist, bestimmt, einst zu werden, was jener war. In seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz, prickelte die Eitelkeit, diese üblen Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren, spiegelten ihm ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor. Die Zukunft eines großen Professors in der großen Stadt, die träumte er für sich und sein schwacher Vater für ihn, und dieses Schattengebilde der Zukunft, es lebte und nährte sich vom Fleisch und Blut der Wirklichkeit, von der Kraft, der Gesundheit, dem Schlaf der Jugend… Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen? Kein Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich – bei Tag ein Lehrer und bei Nacht ein Student – zu sein. Als der erste noch jung, als der zweite doch schon recht alt; denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit, die er für seine Zwecke nur zur Hälfte ausnutzen durfte. Eines Morgens brach er an der Tür der Schulstube zusammen. Wie aus der Ferne hörte er noch einen zitternden Klageruf, sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu ihm neigen, dann war alles Stille und Dunkelheit, und wohltuend überkam ihn das Gefühl einer tiefen, bleiernen Ruhe.

Lange Zeit verging; Habrecht lag dahin, anfangs in wirren Fieberträumen, später in dumpfer Bewußtlosigkeit. Man hielt ihn für tot, legte ihn in den Sarg und trug ihn in die Leichenkammer. Dort erwachte er. – Seine Rückkehr ins Leben erregte nur Entsetzen, sich ihrer zu freuen war niemand mehr da. Seinen Vater hatten Schrecken und Gram getötet, der schlief schon seit ein paar Tagen unter dem Friedhofrasen, und lieber hätte der Wiedererstandene sich neben ihn gebettet, als daß er, ein gebrochener Mann, den Kampf mit dem Leben von neuem aufnehmen sollte. An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken – Habrecht bewarb sich um die Stelle, die sein Vater bekleidet hatte. Sie wurde ihm zuteil – zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft.

»Daß einer, der drei Tage tot war, wieder lebendig wird, das ist, man mag es nehmen, wie man will, eine unheimliche Sache. Wo hat sich seine Seele aufgehalten während dieser drei Tage? Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie zurück? …« sagten sie. Die seltsamsten Gerüchte begannen sich zu verbreiten, das Märchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhölle entstand. Und er ließ es gelten. Er war ein armer, zugrunde gerichteter Mensch, der gefürchtet hatte, sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu können, und dem es schmeichelte, als er nun bemerkte, daß er sogar den Erwachsenen Scheu einflößte und daß nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte. Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Möglichkeit genommen, ein falscher Ehrgeiz bemächtigte sich seiner, und er ergriff zu dessen Sättigung unlautere Mittel. Er nährte den Wahn, den zu bekämpfen seine Pflicht gewesen wäre, er, ein Lehrer, ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden, ein Streiter wider den Irrtum, er unterstützte die Lüge, die Dummheit – den Feind. Er war ein stiller Verräter an der eigenen Sache, er hielt das Vorurteil aufrecht, weil seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand.

Der Pfarrer, der ihn durchschaute, rügte sein Tun; sein eigenes Gewissen warf ihm das Unrecht vor… Er beschloß, es nicht mehr zu begehen, er faßte den Vorsatz und dachte ihn leicht auszuführen.

Indessen – siehe da! was mußte er erkennen? Der Wahn, den er früher unterstützt hatte und nun austilgen wollte, war nicht mehr auszutilgen. Nicht in kurzer, nicht in langer Zeit, nicht mit kleiner und nicht mit großer Mühe…

»Ich habe dem Unverstand das Hölzchen geworfen«, rief er aus, »und er hat eine Keule daraus gemacht, mit der er mich drischt… Ich habe mit Schlangen gespielt, und wie ich einsehe, daß ich Frevel treibe, und aufhören will, ist’s zu spät, und ich bin unrettbar umringelt.«

Von, peinlicher Unruhe gejagt, begann er seine gewohnten Wanderungen durch das Zimmer.

»Wär ich doch ein aufrichtiger Verbrecher, ein Mörder meinetwegen – ein ehrlicher Mörder und nicht die verlogene Kreatur, die ich bin… bin! denn man wird’s nicht los. Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und regiert ihn gegen seinen Willen. Das ist fürchterlich, wahr sein wollen und nicht mehr können.«

Er blieb vor Pavel stehen, packte ihn an beiden Armen und rüttelte ihn: »Du wirst es auch erfahren, wenn du dich nicht änderst… Ändere dich, du kannst es noch.«

»Was soll ich tun?« fragte Pavel.

»Nicht lügen, nichts von dir aussagen, was du nicht für wahr hältst, im Guten nicht, denn das ist niederträchtig, im Bösen nicht, denn das ist dumm. Du machst dich zum Knecht eines jeden, den du belügst, und wäre er zehnmal schlechter und geringer als du. Ich weiß, was du willst, dich trotzig zeigen, Scheu einflößen… Warte nur, bis der Tag der Umkehr kommt – er kommt bei dir, er bricht schon an – warte nur, wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir selbst.«

»Herr Lehrer«, unterbrach ihn Pavel, »seien Sie ruhig, es klopft jemand.«

Habrecht fuhr zusammen. »Klopft? – was? – wer? … Ah – Hochwürden! …«

Der Geistliche war eingetreten. »Ich habe dreimal geklopft«, sagte er, »aber Sie haben nicht gehört, Sie haben so laut gesprochen.« Seine klugen, scharfen Augen richteten sich prüfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in Bestürzung versetzten Lehrer.

»O Hochwürden, wie schön… ist’s gefällig? – einen Sessel… Pavel, einen Sessel«, stammelte Habrecht und eilte zum Tisch, an den er die zitternden Beine lehnte und über den er wie beschützend die gerundeten Arme erhob. Mit einer selbstverräterischen Ungeschicklichkeit, die ihresgleichen suchte, lenkte er die Aufmerksamkeit des Priesters auf das, was er ihr um jeden Preis hätte entziehen mögen, auf das offen daliegende Buch.

Der Pfarrer trat ihm gegenüber, schlug, bevor Habrecht es hindern konnte, das Titelblatt auf, und von seinem Platze aus, ohne das Buch zu wenden, las er mit Schrecken, mit Abscheu, mit Gram: Titi Lucretii Cari: De rerum natura.

Er zog die Hand zurück, rieb sie heftig am Rocke ab und rief: »Lukrez… O Herr Lehrer- Oh! …«

Und Habrecht, ringend in Seelenqual, sammelte sich mühsam, langsam – zu einer Lüge. »Zufall«, stotterte er, »zufällig übriggeblieben das Büchlein, aus der Zeit der philologischen Studien… zufällig jetzt zum Vorschein gekommen…«

»Wünsche es, hoffe es, müßte Sie sonst bedauern«, entgegnete der Geistliche, der ihn nicht losließ aus dem Bann seines Blickes.

»Und Sie hätten recht, der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verbeißen können, der da kommt, sich bei Ihnen Trost zu holen«, brach Habrecht aus.

Als der Priester ihn verlassen hatte, nahm er den zerlesenen Band, liebkoste ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust, seinen mit stets erneuter Wonne genossenen, stets verleugneten Freund.

Kapitel 12


Kapitel 12

 

Pavel baute rüstig an seinem Hause fort, und es wurde fertig, allen Hemmnissen zum Trotz, welche der Mutwille und die Bosheit ersannen, um seinem Erbauer die Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren. Da stand es nun, mit Moos und Stroh bedeckt, sehr niedrig und sehr schief. Aus den drei kleinen Fenstern guckte die Armut heraus, doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand, der las über der schmalen Tür: Durch mich geht der Fleiß ein, der diese Armut besiegen wird. Vorläufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines jeden, den sein Weg vorbeiführte. Pavel ließ sich aber die Freude an seinem Häuschen nicht verderben, sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung. Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft. Um diesen mit ihm zu durchmustern, fand der Schullehrer sich ein. Sie hielten Beratung, drehten jedes Brett wohl zehnmal um und überlegten, wie es am besten zu verwenden wäre. Plötzlich hob Pavel den Kopf und horchte. Das langsame Rollen eines schweren Wagens, die Anhöhe herauf, ließ sich vernehmen.

»Die Frau Baronin kommt«, rief Pavel, »sie hat mein Haus noch nicht gesehen; was wird die sagen, wenn sie sieht, daß ich ein Haus habe!«

In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht. Die Spazierfahrten der alten Dame lenkten sich regelmäßig nach einer andern Richtung. Den schlechten, steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren, meistens zur Herbstzeit, wenn sie ihren alten pensionierten Förster im Jägerhause droben besuchte. Das war heute und wäre wohl öfters der Fall gewesen, ohne die Gründe, die Matthias, der Bediente, immer anzuführen wußte, um von dem Ausflug nach dem Jägerhaus abzuraten. Der Grund, der ihm alle diese Gründe lieferte, war der, daß er an der Gicht in den Beinen litt, ungern zu Fuße ging und recht gut wußte, daß es am Ende des Dorfes, wo die jähere Steigung begann, heißen würde: »Steig ab, Matthias, du bist zu dick, die armen Pferde können dich nicht schleppen.«

Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte, war Matthias soeben vom Bock herabbefohlen worden, er schritt verdrießlich hinter der großen Kalesche einher, und die Baronin saß in derselben ebenfalls verdrießlich. Sie ärgerte sich über den Buckel, den ihr Kutscher machte, und schloß daraus auf einen Mangel an Respekt, indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war. Die Gebieterin sagte leise vor sich hin: »Daß die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen können! … Was das für eine Manier ist! … Eine rechte Schand, wenn sich einer gar nicht zusammennehmen kann! …« Sie selbst saß aufrecht wie eine Kerze und streckte sich, soviel sie konnte, um mit gutem Beispiel voranzugehen, was freilich unter den gegebenen Umständen wenig nützte. Dabei blickte sie lebhaft und neugierig umher durch die große Brille, die sie bei ihren Ausfahrten aufzusetzen pflegte. Bei der Sandgrube angelangt, wurde sie die neue Hütte gewahr, welche sich dort erhob, und rief: »Matthias, wer hat denn da einen Stall gebaut? Was ist denn das für ein Stall?«

Matthias beschleunigte seine Schritte, nahm den Hut ab und antwortete: »Das ist eine Schaluppen.«

»Was der Tausend! wer hat sich denn die gebaut?«

Matthias lächelte verächtlich: »Die hat sich ja der Pavel gebaut, der Holub.«

»Gott bewahr einen! der baut Häuser?«

»Ja«, fuhr Matthias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag, »für die Mutter, heißt’s, daß die wo unterschlupfen kann, wenn sie herauskommt aus dem Zuchthaus. Wird ein Raubnest werden; ist noch gut, daß es so frei steht und so weit draußen aus dem Dorf.«

Während dieses Gesprächs war die Equipage vor dem Hüttchen angelangt, von dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte, auf dem Pavel seine Bretter ausgelegt hatte.

Die Baronin befahl dem Kutscher, ordentlich zu hemmen und anzuhalten. Sie beugte sich aus dem Wagen und fragte: »Was sind denn das für Bretter?«

Habrecht trat heran und begrüßte die gnädige Frau.

»Sieh da«, sprach diese, »der Lehrer, das ist schön, da können Sie mir gleich sagen, was das für Bretter sind?«

»Aus der herrschaftlichen Brettmühle, Euer Gnaden.«

»Und wie kommen sie denn hierher?«

»Als Eigentum des Pavel Holub, der sie gekauft hat.«

»Gekauft?« entgegnete die Baronin; »das ist schwer zu glauben, daß der etwas gekauft haben soll.«

Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten; bei den letzten Worten der gnädigen Frau fuhr er auf, wandte sich, sprang in die Hütte und kam gleich darauf wieder zurück, einen Bogen Papier in der Hand haltend, den er, ohne ein Wort zu sprechen, der Baronin überreichte.

»Was ist das?« fragte sie, »was bringt er mir da?«

»Die saldierte Rechnung über die gekauften Bretter«, antwortete Habrecht, an den die Frage gerichtet war.

»So – der kauft ein und bezahlt Rechnungen? Woher nimmt er das Geld dazu? Ich habe gehört, daß er einen Beutel voll Geld gestohlen hat.«

»Eine alte Geschichte, Euer Gnaden, die nicht einmal wahr gewesen ist, als sie noch neu war.«

»Ich weiß schon, Sie nehmen immer seine Partei. Ihrer Meinung nach habe ich immer unrecht gegen den schlechten Menschen.«

»Er ist nicht mehr schlecht; die Zeiten sind vorbei, Euer Gnaden können mir glauben.«

»Warum spricht er denn nicht selbst? Warum steht er denn da wie das leibhaftige böse Gewissen? … Entschuldige dich«, sprach die alte Dame, sich an Pavel richtend, »sag etwas, bitte um etwas. Wenn ich gewußt hätte, daß du ein Haus baust und Bretter brauchst, hätte ich sie dir geschenkt… Kannst du nicht bitten? … Weißt du nichts, um was du mich bitten möchtest?«

Jetzt erhob Pavel seine Augen zu der alten Frau. Zagend, zweifelnd blickte er sie an. Ob er etwas zu bitten habe, fragte sie nicht mehr, nachdem diese düsteren Augen sie angeblickt und sie in ihnen eine so kummervolle, so unaussprechlich tiefe Sehnsucht gelesen hatte.

»Was möchtest du also?« sagte sie, »so rede!«

Pavel zögerte einen Augenblick, nahm sich zusammen und antwortete ziemlich deutlich und fest: »Ich möchte die Frau Baronin bitten, daß Sie meiner Schwester Milada schreibt, sie möchte mir erlauben, sie zu besuchen.«

Ungeduldig wackelte die Baronin mit dem Kopfe: »Das kann ich nicht tun, da mische ich mich nicht hinein, das ist die Sache der Klosterfrauen. Zur Milada darf man nicht ohne weiteres hinlaufen, sooft es einem einfällt, ich darf’s auch nicht. Milada gehört nicht mehr uns, sondern dem Himmel… Der Mensch«, richtete sie sich wieder an Habrecht, »spricht auch immer dasselbe; ich begreife nicht, wie man sagen kann, daß er sich geändert hat… Und jetzt fahren wir. – Adieu! Vorwärts, Jakob.«

Der Wagen setzte sich in Bewegung, war jedoch kaum ein Stückchen weitergekollert, als die Baronin abermals haltzumachen befahl, Habrecht herbeiwinkte und fragte: »Was ist’s denn mit dem neuen Schullehrer? Warum kommt er nicht? Er hat sich ja heute vorstellen sollen.«

»Morgen, Euer Gnaden, wenn ich bitten darf.«

»Wieso, morgen? … Ist denn heute nicht Mittwoch?«

»Ich bitte um Verzeihung, heute ist Dienstag.«

»Dienstag? Das ist etwas anderes. Ich habe schon geglaubt, der Jüngling, der vermutlich ein gelehrter Flegel sein wird, findet es überflüssig, der Gutsbesitzerin seinen Kratzfuß zu machen. Und wann reisen denn Sie, Schullehrer?«

»Nächste Woche, Euer Gnaden.«

»Recht schade, recht schad um Sie, es kommt nichts Besseres nach«, sprach die Baronin und fuhr, Habrecht huldvoll grüßend, davon.

Als der Lehrer sich nach Pavel umsah, stand dieser unbeweglich und feuerrot im Gesicht. »So ist es doch wahr?« fragte er, so mühsam schluckend, als ob ihm die Kehle zugeschnürt würde. »Sie gehen fort?«

»Das heißt, ich komme fort«, erwiderte Habrecht zögernd; »ich bin versetzt werden.«

»Weit weg?«

»Ziemlich.«

»Wissen Sie das schon lang, Herr Lehrer, daß Sie versetzt worden sind?«

»Lang – nicht lang – wie man’s nimmt…«

»Warum haben Sie mir’s nicht gesagt?«

»Wozu? Hast du’s nicht ohnehin erfahren?«

»Aber nicht glauben wollen, dem Herrn Pfarrer nicht und den andern schon gar nicht. Wenn es ist, habe ich mir gedacht, werden Sie es mir schon selbst sagen…« Er vermochte nicht, weiterzusprechen.

Der Anblick von Pavels schmerzvoller Bestürzung schnitt seinem alten Freunde in die Seele; aber er wollte sich nichts davon merken lassen. »Gönn mir mein Glück«, rief er nach einigen Augenblicken des Schweigens plötzlich aus; »denk nur, ich komme unter lauter fremde Menschen… Schaut mich einer an, schau ich ihn wieder an, ganz ruhig – fällt mir nicht ein zu fragen: Was hast du von mir gehört, was mutest du mir Unheimliches zu? … Die Achtung, die ich zu verdienen verstehe, werde ich haben und genießen – die höchste Achtung, denn wie ein Engel will ich sein, wie ein Heiliger, und sogar die schlechten Kerle werden zugeben müssen: Das ist einmal ein braver Lehrer! … So wird es dort sein, während hier…« er preßte die Hände an beide Schläfen und stöhnte herzzerreißend. »Ein Beispiel«, fuhr er fort, »ich werde dir ein Beispiel gehen, wie es hier ist und wie es dort sein wird. Denk dir eine große Tafel, schneeweiß, die hätte ich mit edlen Zeichen beschreiben sollen, aber statt dessen habe ich dereinst die reine Tafel bekritzelt und beschmiert, und wenn ich jetzt tun will, wie ich soll, und schöne Buchstaben zeichnen, kann ich’s nicht so ohne weiteres, das tolle Zeug, das schon dasteht, muß erst weggeputzt werden. Oh, wie schwer, nein – unmöglich! … Und wenn ich auch meine, es ist ausgetilgt und keine Spur mehr vorhanden – hinter meinen sorgfältig gemalten Lettern kommt es doch wieder zum Vorschein. Blasser von Jahr zu Jahr, ja vielleicht – was hilft’s? – Dafür ist mein Aug empfindlicher geworden, und der Eindruck bleibt sich gleich… Verstehst du mich? Das wird nun alles anders. Drüben in der neuen Heimat ist die Tafel blank, wie sie es von Anfang an gewesen, als sie mir anvertraut wurde. Die Tafel ist der Ruf. Verstehst du oder nicht? … Unglücksmensch, mir scheint, du verstehst kein Wort!«

Pavel wehrte sich nicht gegen diesen Verdacht; ihn beschäftigten andere Gedanken, und plötzlich rief er: »Ich weiß, was ich tu – ich geh mit Ihnen.«

»Das lasse dir nicht einfallen«, fuhr Habrecht heraus, setzte aber, um die Schonungslosigkeit seiner Abwehr zu vermindern, erklärend hinzu: »Was würde aus deiner Mutter, wenn sie dich nicht fände bei ihrer Rückkehr?«

»Sie kann uns ja nachziehen, wenn sie will«, entgegnete Pavel und zupfte an seinen Lippen, wie Kinder in der Verlegenheit tun. Und wie einem Kinde sprach Habrecht ihm zu, sich zu fügen, zu bleiben, wo er war, gab ihm Gründe dafür an und schloß ungeduldig, als Pavel zu allem den Kopf schüttelte: »Endlich! … Woher deine Mutter kommt – von der ich übrigens nichts Schlechtes glaube –, hätten die Leute bald weg und würden fragen: Was für einen Anhang bringt uns der Lehrer ins Dorf? … Das kann nicht sein – du mußt es selbst einsehen… bescheide dich…« Damit wandte er sich, und indem er den Schweiß abtrocknete, der ihm trotz der herbstlichen Kühle auf der Stirn perlte, trat er eilends die Flucht an, um etwaigen neuen Vorschlägen Pavels zu entrinnen.

Er hätte solche nicht zu fürchten gebraucht. Der Bursche brachte das Gespräch nicht mehr auf die immer näher heranrückende Trennung, wurde nur stiller, trauriger, führte aber sein arbeitsvolles Leben fort und suchte die Gesellschaft seines Gönners nicht öfter auf als zu jeder andern Zeit.

Und Habrecht, mit dem Egoismus des Kranken, der keine Sorge aufkommen läßt als die um seine Genesung, wollte nichts wissen von dem Kampf, der sich hinter Pavels anscheinender Ruhe verbarg; wollte nichts wissen von einem Leid, dem abzuhelfen ihm unmöglich gewesen wäre. Geschieden mußte einmal sein, es geschah am besten klaglos.

Übrigens vergaß Habrecht seinen Schützling beinahe über dem Verdruß, den sein Nachfolger ihm bereitete.

Dieser junge Mann, Herr Georg Mladek, war einige Tage später eingetroffen, als er erwartet worden, hatte sich an der Verwunderung ergötzt, die Habrecht darüber äußerte, und auf die Zumutung, ins Schloß zu gehen, um der Frau Baronin seine Aufwartung zu machen, geantwortet: »Recht gern, wenn sie jung und schön ist. Sonst habe ich mit Baroninnen nichts zu tun und auf ihren Schlössern nichts zu suchen.«

»Aber«, meinte Habrecht, »die Höflichkeit gebietet…«

»Nicht jedem – ich, zum Beispiel, bin ohne Vorurteile.«

Er tat sich darauf etwas zugute, fast so arm zu sein wie Hiob und ganz so stolz wie Diogenes, bezog die Schule an der Spitze eines Koffers, eines Feldbettes, eines Tisches, eines Sessels, fand sich für den Anfang genügend versorgt und dankte ablehnend für die Bereitwilligkeit, mit welcher sein Vorfahr im Amte ihm einiges Hausgerät zur Verfügung stellen wollte.

So wanderte denn Habrechts Mobiliar in die Hütte an der Sandgrube, vom Volksmund schlechtweg »die Grubenhütte« getauft, und nahm sich dort ordentlich stattlich aus, erregte auch vielfachen Neid. Die Leute fanden Habrechts Großmut gegen Pavel unbegreiflich und kaum zu verzeihen. Mladek aber machte sich über das Verhältnis zwischen den beiden seine eigenen Gedanken und hatte keinen Grund, dieselben dem »Kollega« zu verheimlichen.

Am Vorabend des für Habrechts Abreise bestimmten Tages suchte er ihn auf und fand ihn in der Schulstube, wo er, am Fenster stehend, in ungeduldiger Erwartung auf die Straße blickte. Als der Eintretende ihn anrief, sah Habrecht sich um und sprach: »Sie sind’s – gut, gut, daß Sie’s sind; es ist mir lieb, daß es kein anderer ist.«

»Welcher andere denn?«

»Nun, der Pavel, wissen Sie. Aufrichtig gestanden, ich beabsichtige, mich heute schon, und zwar ohne Abschied, davonzumachen… des Burschen wegen. Ich gehe freudig von hier fort, kann’s nicht verbergen, und das tut ihm weh. So habe ich mich bei der Frau Baronin und beim Herrn Pfarrer empfohlen und fahre ab, bevor Pavel nach Hause kommt… Habe mir ein Wägelchen bestellt – drüben an die Gittertür… es sollte schon dasein.«

Er eilte wieder an das Fenster und bog sich weit über die Brüstung. Der Wind zerzauste ihm die spärlichen Haare, in dünnen Strähnen umflogen sie seinen Scheitel und sein Gesicht, das so alt aussah und so wenig harmonierte mit der noch jugendlich schlanken und beweglichen Gestalt. Er trug den schwarzen Anzug, den ihm sein Vater zur letzten Prüfung hatte machen lassen und der, auf eine körperliche Zunahme des Besitzers berechnet, die nie eintrat, die hageren Glieder in dem Maße schlotternd umhing, als das Tuch fadenscheiniger und dessen Falten weicher geworden waren.

Mladek musterte ihn durch die scharfen Gläser des Zwickers und sprach: »Wie lang sind Sie denn hier Schulmeister gewesen?«

»Einundzwanzig Jahre.«

»Und nach einundzwanzig Jahren machen Sie sich aus dem Staub, als ob Sie etwas gestohlen hätten? Verderben den Kindern die Freude einer Abschiedshuldigung und den Erwachsenen die eines Festessens… und das alles, um Ihren Pavlicek nicht weinen zu sehen? Sonderbar! … Es muß ein eigenes Bewandtnis mit Ihnen haben, Kollega… wie?«

Habrecht erbleichte unter dem inquisitorischen Blick, der sich auf ihn richtete. »Was für eine Bewandtnis?« fragte er, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.

»Erschrecken Sie doch nicht vor mir – mir ist nichts Menschliches fremd«, entgegnete Mladek voll Überlegenheit. »Aufrichtig, Kollega, bekennen Sie! War die Mutter Ihres Pavlicek, die übrigens jetzt im Zuchthaus sitzen soll, ein schönes Weib?«

Habrecht begriff die Bedeutung dieser Frage nicht gleich; als sie ihm jedoch klar wurde, lachte er laut auf, lachte immer munterer, immer heller und rief in fröhlichster Erregung: »Nein – so etwas! Oh, Sie Kreuzköpferl, Sie! Nein, daß ich heute noch einen solchen Spaß erlebe! … Herr Jesus, was Sie doch gescheit sind!« Er brach in ein neues Gelächter aus. Der krankhaft empfindliche Mann, den die leiseste Anspielung auf einen durch ihn selbst erregten Argwohn in allen Seelentiefen verwundete, fühlte sich durch den jeder Veranlassung entbehrenden wie gereinigt. Kein Lob, keine Schmeichelei hätte ihn so herzlich beglücken können, wie seines Nachfolgers falsche und nichtsnutzige Vermutung es tat. Er bemerkte nicht, daß er beleidigte mit seiner Lustigkeit; er wurde förmlich übermütig und rief: »Ich wollte, Sie hätten recht: es wäre besser für den Burschen. Aber Sie haben nicht recht, und sein Vater ist wahrhaftig am Galgen gestorben. Ein Unglück für den Sohn, das diesem als Schuld angerechnet wird. Man muß ihn in Schutz nehmen gegen die Dummheit und Bosheit. Ich hab’s getan, tun Sie es auch; versprechen Sie mir das.«

Mladek nickte mit sauersüßer Miene, im Innern aber blähte er sich giftig auf und dachte: Zum Lohn dafür, daß du mich seinetwegen verspottet hast? Das wird mir einfallen!

Inzwischen vernahm man durch die Nachmittagsstille das langsame Heranrumpeln eines Leiterwagens. »Meine Gelegenheit!« sprach Habrecht, hob das Felleisen vom Boden und lud es mit Mladeks Hilfe auf seine Schulter. Jede andere Dienstleistung, besonders das Geleite zum Wagen, verbat er sich und eilte davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen nach der Stätte seiner langjährigen Tätigkeit. Keine Regung der Wehmut beschlich beim Scheiden seine Brust. »Fahre!« rief er dem ihn begrüßenden Bäuerlein zu, »und wenn dich jemand fragt, wen du führst, so sag – einen Bräutigam, sag’s getrost; es ist schon mancher zur Hochzeit gefahren, der nicht so guter Dinge war wie ich.« Damit kletterte er in den Wagen, streckte sich der Länge nach in das dicht aufgestreute Stroh und kommandierte jauchzend: »Hüe!«

 

Die Dorfleute kamen an dem Tag etwas früher als sonst vom Felde zurück; sie hatten Eile, ihre Anstalten zum Abschiedsfest für den Lehrer zu treffen. Der Schlot des Wirtshauses qualmte bereits seit einigen Stunden. Die ein Wort mitzureden hatten, gingen dem Stand der Dinge in der Küche nachsehen; andere hielten sich in der Nähe, um wenigstens den guten Bratengeruch zu schnuppern, der die Luft ringsum zu erfüllen begann. Die Buben sammelten sich schwarmweise, und weil es ihnen bevorstand, beim morgigen Festzug eine gute Weile friedlich in Reih und Glied zu wandeln, entschädigten sie sich dafür und prügelten einander heute noch in aufgelöster Ordnung gehörig durch. In den Häusern und vor den Häusern flochten die Mütter den Mädchen die Haare mit roten Bändchen ein, und in den Ställen taten die Bauernburschen dasselbe an den Mähnen ihrer Rosse. Da entstanden eine Unzahl dünner Zöpflein, so steif wie Draht, die den Köpfen der Mädchen und den Hälsen der Pferde etwas sehr Nettes und Gutgehaltenes gaben. Mit einem Worte, die Vorbereitungen zur Feierlichkeit waren im besten Gange, als sich die Kunde von der stattgefundenen Abreise Habrechts verbreitete. Anfangs wollte niemand an dieselbe glauben; erst als der Bauer, der den Lehrer nach der Eisenbahnstation gebracht, von dort zurückkehrte und dessen herzliche Abschiedsgrüße an die Dorfbewohner bestellte, mußte man wohl oder übel zu zweifeln aufhören.

Nur Pavel ließ sich, als er nach vollbrachtem Tagewerk heimkehrte, in seiner Überzeugung, Habrecht sei da, müsse noch da sein, nicht irremachen. Er würdigte diejenigen, die ihn deshalb verhöhnten, keiner Antwort, lief zur Schule und trat ohne weiteres in die Wohnstube, in welcher er Mladek fand. Diesen fragte er kurz und barsch: »Wo ist der Herr Lehrer?«

Mladek, der an einem Briefe schrieb, wandte den Kopf: »Da ist der Herr Lehrer«, sprach er, auf sich selbst deutend, »und ohne anzuklopfen, tritt man bei ihm nicht ein, das merk dir, du Lümmel.«

Pavel stotterte eine Entschuldigung und bat nun, ihm zu sagen, wo der frühere Herr Lehrer sei.

»Abgepatscht, und auch du patsch ab!« lautete die Antwort.

Pavel schritt langsam die Treppe hinab, trat in das Schulzimmer, blieb dort eine Weile stehen und wartete; und als derjenige, den er erwartete, nicht kam, ging er ins Gärtchen, in dem er auf und ab wandelte, auslugend, horchend. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn… Dummkopf, der er war, daß ihm das nicht früher eingefallen! … Bei ihm, in seinem Hause befand sich der Lehrer, um ihm – ihm ganz allein Lebewohl zu sagen. Auflebend mit der rasch erblühten Hoffnung, rannte er durchs Dorf nach seiner Hütte und rief, bei derselben angelangt: »Herr Lehrer!«

Keine Antwort. Auch hier alles still, und nun begriff Pavel, daß er seinen alten Gönner vergeblich suchte.

In der Mitte der Stube stand der Tisch, an dem er so oft ihm gegenübergesessen hatte, sein dünnbeiniger Lehnsessel davor und an der Wand sein altersbrauner Schrank… Der Anblick dieser Habseligkeiten schnitt Pavel in die Seele und reizte seinen Zorn. Er schleuderte den Sessel in die Ecke und führte einen Fußtritt gegen den Tisch, daß er krachend umstürzte… Was brauchte Pavel das Zeug? Was brauchte er Erinnerungen an den, der ihn so treulos verlassen hatte? …

Fort, fort sein einziger Freund! … Fort – ohne nur gesagt zu haben: Behüt dich Gott! … Was für ein Mensch war er denn, daß er das vermochte? … Besser tausendmal, er wäre gestorben, daß man an seinem Sarge weinen könnte und denken: Bis zum letzten Augenblicke hat er dich geliebt. Aber so entgleiten wie ein Schatten – das macht all seine Güte und Freundschaft schattenhaft.

Kapitel 1

»Tout est l’historie.«

George Sand

Histoire de ma vie I p. 268

 

Kapitel 1

Im Oktober 1860 begann in der Landeshauptstadt B. die Schlußverhandlung im Prozeß des Ziegelschlägers Martin Holub und seines Weibes Barbara Holub.

Die Leute waren gegen Ende Juni desselben Jahres mit zwei Kindern, einem dreizehnjährigen Knaben und einem zehnjährigen Mädchen, aus ihrer Ortschaft Soleschau am Fuße des Hrad, einer der Höhen des Marsgebirges, im Pfarrdorfe Kunovic eingetroffen. Gleich am ersten Tage hatte der Mann seinen Akkord mit der Gutsverwaltung abgeschlossen, seinem Weib, seinem Jungen und einigen gedungenen Taglöhnern ihre Aufgabe zugewiesen und sich dann zum Schnaps ins Wirtshaus begeben. Bei der Einrichtung blieb es während der drei Monate, welche die Familie in Kunovic zubrachte. Das Weib und Pavel, der Junge, arbeiteten; der Mann hatte entweder einen Branntweinrausch oder war im Begriff, sich einen anzutrinken. Manchmal kam er zur gemeinschaftlichen Schlafstelle unter dem Dach des Schuppens getaumelt, und am nächsten Tag erschien dann die Familie zerbleut und hinkend an der Lehmgrube. Die Taglöhner, die nichts hören wollten von der auch ihnen zugemuteten Fügsamkeit unter die Hausordnung des Ziegelschlägers, wurden durch andere ersetzt, die gleichfalls »kehr-um-die-Hand« verschwunden waren. Zuletzt traf man auf der Arbeitsstätte nur noch die Frau und ihre Kinder. Sie groß, kräftig, deutliche Spuren ehemaliger Schönheit auf dem sonnverbrannten Gesicht der Bub plump und kurzhalsig, ein ungeleckter Bär, wie man ihn malt oder besser nicht malt. Das Mädchen nannte sich Milada und war ein feingliedriges, zierliches Geschöpf, aus dessen hellblauen Augen mehr Leben und Klugheit blitzte als aus den dunklen Barbaras und Pavels zusammen. Die Kleine führte eine Art Kontrolle über die beiden und machte sich ihnen zugleich durch allerlei Handreichungen nützlich. Ohne das Kind würde auf der Ziegelstätte nie ein Wort gewechselt worden sein. Mutter und Sohn plagten sich vom grauenden Tag bis in die sinkende Nacht rastlos, finster und stumm. Lang ging es so fort, und zum Ärgernis der Frommen im Dorfe wurde nicht einmal an Sonn- und Feiertagen gerastet. Der Unfug kam dem Pfarrer zu Ohren und bewog ihn, Einsprache dagegen zu tun. Sie blieb unbeachtet. Infolgedessen begab sich der geistliche Herr am Nachmittag des Festes Mariä Himmelfahrt selbst an Ort und Stelle und befahl dem Weibe Holub, sofort von seiner den Feiertag entweihenden Beschäftigung abzulassen. Nun wollte das Unglück, daß Martin, der eben im Schuppen seinen jüngsten Rausch ausschlief, sehr zur Unzeit erwachte, sich erhob und hinzutrat. Gewahr werden, wie Pavel offenbar voll Zustimmung mit aufgesperrtem Mund und hangenden Armen der priesterlichen Vermahnung lauschte, und hinterrücks über ihn herfallen war eins. Der Geistliche zögerte nicht, dem Knaben zu Hilfe zu eilen, entzog ihn auch der Mißhandlung des Vaters, lenkte aber dadurch den Zorn desselben auf sich. Vor allen Zeugen, die das Geschrei Holubs herbeigelockt hatte und deren Anzahl von Minute zu Minute wuchs, überschüttete ihn der Rasende mit Schimpfreden, sprang plötzlich auf ihn zu und hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht. Der Pfarrer, keinen Augenblick außer Fassung gebracht, wandte angeekelt den Kopf und gab mit seinem abwehrend in der Rechten erhobenen Stock dem Trunkenbold einen leichten Hieb auf den Scheitel. Martin stieß ein Geheul aus, warf sich nieder, krümmte sich wie ein Wurm und brüllte, er sei tot, mausetot geschlagen durch den geistlichen Herrn. Im Anfang antwortete ihm ein allgemeines Hohngelächter, doch war seine Sache zu schlecht, um nicht wenigstens einige Verteidiger zu finden.

In der Schar der Neugierigen, welche den am Boden Liegenden umdrängte, erhoben sich Stimmen zu seinen Gunsten, erfuhren Widerspruch und gaben ihn in einer Weise zurück, die gar bald Tätlichkeiten wachrief. Die Autorität des Pfarrers genügte gerade noch, um die Krakeeler zu zwingen, den Platz zu räumen. Sie zogen ins Wirtshaus und ließen dort den vom geistlichen Herrn Erschlagenen so lange hochleben, bis ein Trupp Bauernbursche dem wüsten Treiben des Gesindels ein Ende zu machen suchte. Da kam es zu einer Prügelei, wie sie in Kunovic seit der letzten großen Hochzeit nicht mehr stattgefunden hatte. Die Ortspolizei gönnte dem Sturm volle Freiheit, sich auszutoben, und hatte zum Lohn für diese mit Vorsicht gemischte Klugheit am nächsten Morgen das ganze Dorf auf ihrer Seite. Die allgemeine Meinung war, in der Sache gebe es nur einen Schuldigen – den Ziegelschläger –, und man solle keine Umstände mit ihm machen. Zur Lösung des Akkords verstand die Gutsverwaltung sich gern, Martin hätte ihn ohnedies unter keiner Bedingung einhalten können; so fleißig Weib und Kind auch waren, zu hexen vermochten sie doch nicht. Holub wurde abgefertigt und entlassen. Von dem Gelde, das ihm außer den bereits erhobenen Vorschüssen noch zukam, sah er keinen Kreuzer; darauf hatte der Wirt Beschlag gelegt.

Nach einem vergeblichen Versuch, sich sein vermeintliches Recht zu verschaffen, blieb dem Gesellen nichts übrig, als seiner Wege zu gehen. Der Auszug der Ziegelschläger fand statt. An der Spitze schritt das Oberhaupt der Familie in knapp anliegender ausgefranster Leinwandhose, in zerrissener blauer Barchentjacke. Er hatte den durchlöcherten Hut schief aufgesetzt; sein rotes betrunkenes Gesicht war gedunsen; seine Lippen stießen Flüche hervor gegen den Pfaffen und die Pfaffenknechte, die ihn um seinen redlichen Broterwerb gebracht.

Ein paar Schritte hinter ihm kam die Frau. Sie hatte die Stirn verbunden und schien sich selbst kaum schleppen zu können, schleppte aber doch ein Wägelchen, in dem sich Werkzeug und einiger Hausrat befand und Milada in eine Decke eingehüllt lag. Krank? Zerbleut? Man konnte das letztere wohl vermuten, denn vor der Abreise hatte Martin noch entsetzlich gegen die Seinen gewütet. Pavel schloß den Zug. Mit beiden Armen gegen die Rückseite des Wagens gestemmt, schob er ihn kräftig vorwärts und half auch mit dem tief gesenkten Kopfe nach, sooft Leute des Weges kamen, die den Auswandernden entweder mit einem Blick des Mitleids folgten oder einen Trumpf auf Holubs wilde Schimpfreden setzten.

Einige Tage später, an einem stürmischen grauen Septembermorgen, fand der Kirchendiener, als er, sich ins Pfarrhaus begebend, um dort die Kirchenschlüssel zu holen, an der Sakristei vorüberkam, die Tür derselben nur angelehnt. Ganz erstaunt und erst nicht wissend, was er davon denken sollte, trat er ein, sah die Schränke offen, die Meßgewänder auf den Boden zerstreut und der goldenen Borten beraubt. Er griff sich an den Kopf, schritt weiter in die Kirche, fand dort das Tabernakel erbrochen und leer.

Ein Zittern befiel ihn. »Diebe!« stieß er hervor, »Diebe!« und er meinte, es fasse ihn einer am Genick, und wußte nicht, wie er aus der Kirche und über den Weg zur Pfarrei gekommen…

Der Pfarrer pflegte seine Tür nicht zu versperren. »Was sollen die Leute bei mir suchen?« meinte er; so brauchte der Sakristan nur aufzuklinken. Er tat es… Schreck und Grauen! Im Flur lag die greise Magd des Pfarrers ausgestreckt, besinnungslos, voll Blut. Wie der scharfe Luftzug durch die offene Tür über sie hinbläst, regt sie sich, starrt den Kirchendiener an und deutet mit einer schwachen, aber furchtbar ausdrucksvollen Gebärde nach der Stube des geistlichen Herrn.

Der Sakristan, der dem Wahnsinn nahe ist, macht noch ein paar Schritte, schaut, stöhnt – und fällt auf die Knie, aus Entsetzen über das, was er sieht.

Eine Viertelstunde später weiß das ganze Dorf: der geistliche Herr ist heute nacht überfallen und, offenbar im Kampf um die Kirchenschlüssel, ermordet worden, im schweren Kampf, das sieht man, darauf deutet alles hin.

Über den Urheber der gräßlichen Tat ist niemand im Zweifel. Auch wenn die Aussagen der Magd nicht wären, wüßte jeder: der Martin Holub hat’s getan. In Soleschau wird zuerst auf ihn gefahndet. Er war vor kurzem da, hat seine Kinder beim Gemeindehirten in Kost gegeben und ist mit seinem Weibe wieder abgezogen.

Nach kaum einer Woche wurde das Paar in einer Diebsherberge an der Grenze entdeckt, in demselben Moment, in welchem Holub einen Teil der in Stücke gebrochenen Monstranz aus der Kirche von Kunovic an einen Hausierer verhandeln wollte. Der Strolch konnte erst nach heftigem Widerstand festgenommen werden. Die Frau hatte sich mit stumpfer Gleichgültigkeit in ihr Schicksal gefügt. Bald darauf traten beide in B. vor ihre Richter.

Die Amtshandlung, durch keinen Zwischenfall gestört, ging rasch vorwärts. Von Anfang an behauptete Martin Holub, nicht er, sondern sein Weib habe das Verbrechen ausgeheckt und ausgeführt, und sooft die Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung ihm dargetan wurde, sooft kam er auf sie zurück. Dabei verrannte er sich in sein eigenes grob gesponnenes Lügennetz und gab das widrige, hundertmal dagewesene Schauspiel des ruchlosen Wichtes, der zum Selbstankläger wird, indem er sich zu verteidigen sucht.

Merkwürdig hingegen war das Verhalten der Frau.

Die Gleichförmigkeit ihrer Aussagen erinnerte an das bekannte: Non mi ricordo; sie lauteten unveränderlich: »Wie der Mann sagt. Was der Mann sagt.«

In seiner Anwesenheit stand sie regungslos, kaum atmend, den Angstschweiß auf der Stirn, die Augen mit todesbanger Frage auf ihn gerichtet. War er nicht im Saale, konnte sie ihn nicht sehen, so vermutete sie ihn doch in der Nähe; ihr scheuer Blick irrte suchend umher und heftete sich plötzlich mit grauenhafter Starrheit ins Leere. Das Aufklinken einer Türe, das leiseste Geräusch machte sie zittern und beben, und erschaudernd wiederholte sie ihr Sprüchlein: »Wie der Mann sagt. Was der Mann sagt.«

Vergeblich wurde ihr zugerufen: »Du unterschreibst dein Todesurteil!« – es machte keinen Eindruck auf sie, schreckte sie nicht. Sie fürchtete nicht die Richter, nicht den Tod, sie fürchtete »den Mann«.

Und auf diese an Wahnsinn grenzende Angst vor ihrem Herrn und Peiniger berief sich ihr Anwalt und forderte in einer glänzenden Verteidigungsrede, in Anbetracht der zutage liegenden Unzurechnungsfähigkeit seiner Klientin, deren Lossprechung. Die Lossprechung nun konnte ihr nicht erteilt werden, aber verhältnismäßig mild war die Buße, welche der Mitschuldigen an einem schweren Verbrechen auferlegt wurde. Das Verdikt lautete: »Tod durch den Strang für den Mann, zehnjähriger schwerer Kerker für die Frau.«

Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an. An Martin Holub wurde nach der gesetzlich bestimmten Frist das Urteil vollzogen.

Kapitel 2


Kapitel 2

 

An den Vorstand der Gemeinde Soleschau trat nun die Frage heran: Was geschieht mit den Kindern der Verurteilten? Verwandte, die verpflichtet werden könnten, für sie zu sorgen, haben sie nicht, und aus Liebhaberei wird sich niemand dazu verstehen.

In seiner Ratlosigkeit verfügte sich der Bürgermeister mit Pavel und Milada nach dem Schlosse und ließ die Gutsfrau bitten, ihm eine Audienz zu gewähren.

Sobald die alte Dame erfuhr, um was es sich handelte, kam sie in den Hof geeilt, so rasch ihre Beine, von denen eines merklich kürzer als das andere war, es ihr erlaubten. Das scharf geschnittene Gesicht vorgestreckt, die Brille auf der Adlernase, die Ellbogen weit zurückgeschoben, humpelte sie auf die Gruppe zu, die ihrer am Tore wartete. Der Bürgermeister, ein stattlicher Mann in den besten Jahren, zog den Hut und machte einen umfänglichen Kratzfuß.

»Was will Er?« sprach die Schloßfrau, indem sie ihn mit trüben Augen anblinzelte. »Ich weiß, was Er will; aber da wird nichts daraus! Um die Kinder der Strolche, die einen braven Pfarrer erschlagen haben, kümm’r ich mich nicht… Da ist ja der Bub. Wie er ausschaut! Ich kenn ihn: er hat mir Kirschen gestohlen. Hat Er nicht?« wandte sie sich an Pavel, der braunrot wurde und vor Unbehagen zu schielen begann.

»Warum antwortet Er nicht? Warum nimmt Er die Mütze nicht ab?«

»Weil er keine hat«, entschuldigte der Bürgermeister.

»So? Was sitzt ihm denn da auf dem Kopf?«

»Struppiges Haar, freiherrliche Gnaden.«

Ein helles Lachen erscholl, verstummte aber sofort, als die Greisin den dürren Zeigefinger drohend gegen diejenige erhob, die es ausgestoßen hatte.

»Und da ist das Mädel. Komm her.«

Milada näherte sich vertrauensvoll, und der Blick, den die Gutsfrau auf dem freundlichen Gesicht des Kindes ruhen ließ, verlor immer mehr von seiner Strenge. Er glitt über die kleine Gestalt und über die Lumpen, von denen sie umhangen war, und heftete sich auf die schlanken Füßchen, die der Staub grau gefärbt hatte.

Einer der plötzlichen Stimmungswechsel, denen die alte Dame unterworfen war, trat ein.

»Allenfalls das Mädel«, begann sie von neuem, »will ich der Gemeinde abnehmen. Obwohl ich wirklich nicht weiß, wie ich dazu komme, etwas zu tun für die Gemeinde. Aber das weiß ich, das Kind geht zugrunde bei euch, und wie kommt das Kind dazu, bei euch zugrunde zu gehen?«

Der Bürgermeister wollte sich eine bescheidene Erwiderung erlauben.

»Red Er lieber nicht«, fiel die Gutsfrau ihm ins Wort, »ich weiß alles. Die Kinder, für welche die Gemeinde das Schulgeld bezahlen soll, können mit zwölf Jahren das A vom Z nicht unterscheiden.«

Sie schüttelte unwillig den Kopf, sah wieder auf Miladas Füße nieder und setzte hinzu: »Und die Kinder, für welche die Gemeinde das Schuhwerk zu bestreiten hat, laufen alle barfuß. Ich kenn euch«, wies sie die abermalige Einsprache zurück, die der Bürgermeister erheben wollte, »ich hab es lang aufgegeben, an euren Einrichtungen etwas ändern zu wollen. Nehmt den Buben nur mit und sorgt für ihn nach eurer Weise; der verdient’s wohl, ein Gemeindekind zu sein. Das Mädel kann gleich dableiben.«

Der Bürgermeister gehorchte ihrem entlassenden Wink, hocherfreut, die Hälfte der neuen, seinem Dorfe zugefallenen Last losgeworden zu sein. Pavel folgte ihm bis ans Ende des Hofes. Dort blieb er stehen und sah sich nach der Schwester um. Es war schon eine Dienerin herbeigeeilt, welcher die gnädige Frau Anordnungen in bezug auf Milada erteilte.

»Baden«, hieß es, »die Lumpen verbrennen, Kleider aussuchen aus dem Vorrat für Weihnachten.«

Bekommt sie auch etwas zu essen? fuhr es Pavel durch den Sinn. Sie ist gewiß hungrig. Seitdem er dachte, war es seine wichtigste Obliegenheit gewesen, das Kind vor Hunger zu schützen. Kleider haben ist schon gut, baden auch nicht übel, besonders in großer Gesellschaft in der Pferdeschwemme. Wie oft hatte Pavel die Kleine hingetragen und sie im Wasser plätschern lassen mit Händen und Füßen! – Aber die Hauptsache bleibt doch – nicht hungern.

»Sag, daß du hungrig bist!« rief der Junge seiner Schwester ermahnend zu.

»Jetzt ist der Kerl noch da! Wirst dich trollen?« hallte das Echo, das seine Worte weckten, vom Schlosse herüber.

Der Bürgermeister, der schon um die Ecke des Gartenzauns biegen wollte, kehrte um, faßte Pavel am Kragen und zog ihn mit sich fort.

Drei Tage dauerten die Beratungen der Gemeindevorstände über Pavels Schicksal. Endlich kam ihnen ein guter Gedanke, den sie sich beeilten auszuführen. Eine Deputation begab sich ins Schloß und stellte an die Frau Baronin das untertänigste Ansuchen: weil sie schon so dobrotiva (allergütigst) gewesen, sich der Tochter des unglücklichen Holub anzunehmen, möge Sie sich nun auch des Sohnes desselben annehmen.

Der Bescheid, den die Väter des Dorfes erhielten, lautete hoffnungslos verneinend, und die Beratungen wurden wiederaufgenommen.

Was tun?

»Das in solchen Fällen Gewöhnliche«, meinte der Bürgermeister; »der Bub geht von Haus zu Haus und findet jeden Tag bei einem andern Bauern Verköstigung und Unterstand.«

Alle Bauern lehnten ab. Keiner wünschte, den Sprößling der Raubmörder zum Hausgenossen der eigenen Sprößlinge zu machen, wenn auch nur einen Tag lang in vier oder fünf Wochen.

Zuletzt wurde man darüber einig: Der Junge bleibt, wo er ist – wo ja sein eigener Vater ihn hingegeben hat: bei dem Spitzbuben, dem Gemeindehirten.

Freilich, wenn die Gemeinde sich den Luxus eines Gewissens gestatten dürfte, würde es gegen dieses Auskunftsmittel protestieren. Der Hirt (er führte den klassischen Namen Virgil) und sein Weib gehörten samt den Häuslern, bei denen sie wohnten, zu den Verrufensten des Ortes. Er war ein Trunkenbold, sie, katzenfalsch und bösartig, hatte wiederholt wegen Kurpfuscherei vor Gericht gestanden, ohne sich dadurch in der Ausübung ihres dunkeln Gewerbes beirren zu lassen.

Ein anderes Kind diesen Leuten zu überliefern wäre auch niemandem eingefallen; aber der Pavel, der sieht bei ihnen nichts Schlechtes, das er nicht schon zu Hause hundertmal gesehen hat.

So biß man denn in den sauren Apfel und bewilligte jährlich vier Metzen Korn zur Erhaltung Pavels. Der Hirt erhielt das Recht, ihn beim Austreiben und Hüten des Viehes zu verwenden, und versprach, darauf zu sehen, daß der Junge am Sonntag in die Kirche und im Winter sooft als möglich in die Schule komme.

Virgil bewohnte mit den Seinen ein Stübchen in der vorletzten Schaluppe am Ende des Dorfes. Es war eine Klafter lang und breit und hatte ein Fenster mit vier Scheiben, jede so groß wie ein halber Ziegelstein, das nie aufgemacht wurde, weil der morsche Rahmen dabei in Stücke gegangen wäre. Unter dem Fenster stand eine Bank, auf welcher der Hirt schlief, der Bank gegenüber eine mit Stroh gefüllte Bettlade, in der Frau und Tochter schliefen. Den Zugang zur Stube bildete ein schmaler Flur, in dessen Tiefe sich der Herd befand. Er hätte zugleich als Ofen dienen sollen, erfüllte aber nur selten eine von beiden Bestimmungen, weil die Gelegenheiten, Holz zu stehlen, sich immer mehr verminderten. So diente er denn als Aufbewahrungsort für die mageren Vorräte an Getreide und Brot, für Virgils nie gereinigte Stiefel, seine Peitsche, seinen Knüttel, für ein schmutzfarbenes Durcheinander von alten Flaschen, henkellosen Körben, Töpfen und Scherben, würdig des Pinsels eines Realisten.

Zwischen dem Gerümpel hatte Pavel eine Lagerstätte für Milada zurechtgemacht, auf der sie ruhte, zusammengerollt wie ein Kätzlein. Er streckte sich auf dem Boden dicht neben dem Herde aus, und wenn die Kleine im Laufe der Nacht erwachte, griff sie gleich mit den Händen nach ihm, zupfte ihn an den Haaren und fragte: »Bist da, Pavlicek?«

Er brummte sie an: »Bin da, schlaf du nur«, biß sie wohl auch zum Spaß in den Finger, und sie stieß zum Spaß einen Schrei aus, und Virgil wetterte aus der Stube herüber: »Still, ihr Raubgesindel, ihr Galgenvögel!«

Bebend schwieg Milada, und Pavel erhob sich unhörbar auf seine Knie, streichelte das Kind und flüsterte ihm leise zu, bis es wieder einschlief.

Als er zum ersten Male ohne die Schwester zur Ruhe gegangen war, hatte er gedacht: Heut wird’s gut, heut weckt er mich wenigstens nicht auf, der Balg. Am frühesten Morgen aber befand er sich schon auf der Dorfstraße und lief geraden Weges zum Schlosse. Das stand mitten im Garten, der von einem Drahtgitter umgeben war; ein dichtes, immergrünes Fichtengebüsch verwehrte ringsum den Einblick in dieses Heiligtum. Pavel pflanzte sich am Tore auf, das dem des Hauses gegenüberlag, preßte das Gesicht an die eisernen Stäbe und wartete. Sehr lange blieb alles still; plötzlich jedoch meinte Pavel, das Zuschlagen von Fenstern und Türen und verworrenes Geschrei zu hören, meinte auch die Stimme Miladas erkannt zu haben. Zugleich erbrauste ein heftiger Windstoß, schüttelte die toten Zweige von den Bäumen und trieb die dürren Blätter im rauschenden Tanze durch die Luft. Zwei Mägde kamen aus dem Dienertrakte zum Hause gelaufen; eine von ihnen wäre beinah über den alten Pfau gestolpert, der im Hofe auf und ab stelzte. Er sprang mit einem so komischen Satz zur Seite, daß Pavel laut auflachen mußte. Im Schlosse und in seiner Umgebung wurde es nun lebendig; es kamen auch Leute zum Gartentor; wer aber durch dasselbe ein-und ausging, sperrte es langsam hinter sich ab. Es war das eine Einführung, die ihrer Neuheit wegen manchem Vorübergehenden auffiel. Das Gartentor absperren bei hellichtem Tage; was soll denn das heißen? Wird sich schwerlich lange halten, die unbequeme Einrichtung.

Aber sie hielt sich doch zum allgemeinen und mißbilligenden Erstaunen der Dorfbewohner, und nach und nach erfuhr man auch ihren Grund.

Dem Pavel wurde er durch Vinska, des häßlichen Hirten hübsche Tochter, in folgender Weise mitgeteilt: »Du Lump du, deine Schwester ist just so ein Lump wie du! Die Petruschka aus der herrschaftlichen Küche sagt, daß die gnädige Frau es mit deiner Schwester treibt wie mit einem eigenen Kind, und deine Schwester will immer nur auf und davon. Darum wird das Schloß jetzt abgesperrt wie eine Geldtruhe. Wenn ich die gnädige Frau wäre, ich möcht solche Geschichten nicht machen; was ich tät, weiß ich… Deinen Vater hat man am Hals aufgehängt, deine Schwester würde ich an Händen und Füßen binden und an die Wand hängen.«

Dieses Bild schwebte dem Pavel den ganzen Tag vor Augen, und nachts verschwamm es ihm mit einem andern, dessen er sich aus der Kindheit besann.

Da hatte er gesehen, wie der Heger ein gefangenes blutjunges Reh aus dem Walde getragen hatte. Die Läufe waren ihm mit einem Strick zusammengeschnürt, und an denen hing es am Stock über des Hegers Rücken. Pavel erinnerte sich, wie es den schlanken Hals gebogen, die Ohren gespitzt und das Haupt emporzuheben gesucht; er erinnerte sich der Verzweiflung, die dem feinen Geschöpf aus den Augen geschaut hatte.

Im Traume kamen ihm diese Augen nun vor – aber wie Miladas Augen.

Einmal rief er laut: »Bist da?« richtete sich im Halbschlafe auf, wiederholte: »Bist da?« tastete suchend umher und erwachte darüber völlig. Mit der Schnelligkeit des Blitzes, mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende Gefühl der Trennung über ihn und warf ihn nieder. Der harte Junge brach in Tränen, in ein leidenschaftliches Schluchzen aus, weckte die Leute in der Stube, weckte die Häusler, seine Wandnachbarn, mit seinem Geheul. Die ganze Gesellschaft kam herbei, bedrohte ihn, und da er taub blieb für jede, auch die nachdrücklichste Ermahnung, wurde er mit vereinten Kräften zur Tür hinausgeschleudert.

Das war eine tüchtige Abkühlung, selbst für den heißesten Schmerz. Pavel blieb eine Weile ganz ruhig und still auf der fest gefrornen Erde liegen. Die ihm völlig neue und gräßliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte sich allmählich, und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle: Trotz, kalter, wühlender Groll.

Wartet, dachte er, wartet, ich werde euch! …

Der Entschluß, ein Ende zu machen, war gleich da; der Plan zu dessen Ausführung reifte langsam in Pavels schwerfälligem Kopf. Nachdem aber die große Anstrengung, ihn auszudenken, überstanden war, erschien dem Burschen alles übrige nur noch wie Spielerei. Er wollte ins Schloß eindringen, die Schwester entführen, mit ihr über die Berge in die Fremde gehen, sich als Arbeiter verdingen und nie wieder den Vorwurf hören, daß er der Sohn seiner Eltern sei.

Mit dem Bewußtsein eines Siegers erhob Pavel sich vom Boden und ging in weitem Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schloßgarten zu. Die Pfeife des Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen, die zu vermeiden waren. Auf den Feldern lag harter, hoher Schnee; die Erde schimmerte lichter als der Himmel, an dem die bleiche Mondessichel immer wieder hinter treibendem Gewölk verschwand. Pavel gelangte ans Gartengitter, überkletterte es und ließ sich von oben in die Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen. Da befand er sich nun im Garten, wußte auch, in welcher Gegend desselben, in der dem Dorf entgegengesetzten, der besten, die er hätte wählen können, für jetzt sowohl wie später zur Flucht. Von steigender Zuversicht erfüllt, ging er vorwärts… immer geradeaus, und man muß zum Schlosse kommen. Was dann zu geschehen hätte, malte Pavel sich nicht deutlich aus; er ging, Milada zu befreien, das war ihm herrlich klar, und mochte alles übrige Zweifel und Ratlosigkeit sein, der Gedanke erleuchtete ihm die Seele, den hielt er fest. Daß er jämmerlich zu frieren begann in seinen elenden Kleidern, daß ihm die Glieder steif wurden, grämte ihn nicht; aber schlimm war’s, daß immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel. Wenn er auch das erstemal gleich wieder auf die Beine sprang, beim zweiten Male schon kam die Versuchung: Bleib ein wenig liegen, raste, schlafe! Trotzdem aber erhob er sich mit starker Willenskraft, tappte weiter und gelangte endlich ans Ziel, das er sich vorgesetzt – ans Schloß. Hochauf schlug ihm das Herz, als er an die alte verwitterte Mauer griff. Weiß Gott, wie nahe er der Schwester ist; weiß Gott, ob sie nicht in dem Zimmer schläft, vor dessen Fenster er jetzt steht, das er zu erreichen vermag mit seinen Händen… Es könnte so gut sein – warum sollte es nicht? und leise, leise fängt er an zu pochen… Da vernimmt er dicht am Boden ein knurrendes Geräusch, auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen, und ehe er sich’s versieht, hat es ihn angesprungen und sucht ihn an der Kehle zu packen. Pavel unterdrückt einen Schrei; er würgt den Köter aus allen seinen Kräften. Aber der Köter ist stärker als er und wohlgeübt in der Kunst, einen Feind zu stellen. Das Geheul, das er dabei ausstieß, tat seine Wirkung, es rief Leute herbei. Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken; als sie aber sahen, daß sie es nur mit einem Kind zu tun hatten, wuchs ihnen sogleich der Mut. Pavel wurde umringt und überwältigt, obwohl er raste und sich zur Wehr setzte wie ein wildes Tier.

Kapitel 3


Kapitel 3

 

Was Pavel im Schlosse gewollt, erfuhr niemand; aber die Hartnäckigkeit, mit welcher er jede Auskunft verweigerte, bewies deutlich genug, daß er die schlechtesten Absichten gehabt haben mußte. Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer anlegen, dem Kerl ist alles zuzutrauen. So sprach die öffentliche Meinung, und die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde beschloß Pavels exemplarische Züchtigung durch den Herrn Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen Schuljugend.

Der Lehrer, ein kränklicher, nervöser Mann, verstand sich äußerst ungern zur Ausübung des ihm zugemuteten Strafgerichts. Seine Ansicht war, daß solche vor einem jugendlichen Publikum vorgenommene Exekution demjenigen, an dem sie vollzogen wird, selten nützt, und denen, die ihr zusehen, immer schadet. »Dieses Vieh wird durch den Anblick ein noch ärgeres Vieh«, äußerte er, viel zu derb für einen Pädagogen. Man hatte, wenn auch nicht ganz überzeugt, seine Einwendung oft gelten lassen, dieses Mal fruchtete sie nichts.

An dem Tage, der zur Bestrafung des nächtlichen Einschleichers bestimmt war, übernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Händen der Schergen und führte ihn am Schopfe bis zur Tür der Schulstube. Hier blieb er stehen, hob den gesenkten Kopf des Knaben in die Höbe und sagte: »Schau mich an, was schaust denn immer auf den Boden, schlechter Bub!«

Nicht liebreich waren diese Worte! und doch, woran lag es denn, daß sie dem Pavel ordentlich wohltaten und daß sogar die Art, in welcher der Herr Lehrer ihn dabei an den Haaren zauste, etwas Vertraueneinflößendes hatte und wie eine Herzstärkung wirkte?

»Fürcht dich, du Bosnickel, du Trotznickel! Fürcht dich!« fuhr jener fort, machte schreckliche Augen und schwang mit äußerst bezeichnender Gebärde den dürren Arm in der Luft. Und Pavel, aus dem seit drei Tagen kein Wort herauszubringen gewesen, der seit drei Tagen keinem Menschen ins Gesicht geschaut hatte, richtete mit einem Male seinen scheuen Blick blinzelnd auf den Lehrer und sprach mit einem halben Lächeln: »Ich fürcht mich aber doch nicht.«

Aus der Schulstube hatte es früher herausgesummt wie aus einem Bienenkorbe, dann war das Summen in wüsten Lärm übergegangen, und jetzt wurde da drinnen gerauft um die besten Plätze zum bevorstehenden Schauspiel. Der Lehrer brummte unwillig vor sich hin und schüttelte Pavel von neuem: »Wenn du dich schon nicht fürchtest, so schrei, schrei, was du kannst, rat ich dir!« sagte er, öffnete die Tür und trat ein. Sogleich wurde es still in der Stube, nur einzelne unwillkürliche Ausrufe befriedigter Erwartung ließen sich hören; freundschaftlich rückte man aneinander in den Bänken; die rührendste Eintracht herrschte. Der Lehrer stellte Pavel neben das Katheder und sah sich nach der Rute um. Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu finden schien, rief eine Stimme: »Dort im Fenster steht sie, im Winkel.« Die Stimme kam aus einer der letzten Reihen und gehörte dem Arnost, dem Sohne des Häuslers, bei dem Virgil zur Miete wohnte. Pavel ballte die Faust gegen ihn, was zu einem Gemurmel der Entrüstung Anlaß gab. Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und gehässig auf den braunen zerlumpten Jungen. In ihm kochte die Galle, und so klar er zu denken vermochte, so klar dachte er: Was hab ich euch getan? Warum seid ihr meine Feinde?

Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache, in welcher er die Schuljugend auf eine merkwürdige Enttäuschung vorbereitete. »Ihr seid voll Vergnügen. Warum? wieso? Tun euch die Prügel wohl, die ein anderer kriegt? Paßt auf! Weh tun werden sie euch! Jeder von euch« – seine Stimme senkte sich zu einem geheimnisvollen Geflüster, und er streckte den Zeigefinger langsam gegen das Auditorium aus: »Jeder, der dasitzt und vor Schadenfreude aus der Haut fahren möcht, wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mögen. Jeder, der herglotzt und zuschaut, wie ich meine Schläge austeile, wird sie mitspüren… mitspüren!« wiederholte er seine unheimliche Prophezeiung, bei der ihm selbst zu gruseln schien. »Und jetzt gebt acht, was der Herr Lehrer kann!«

Alle Kinder schauderten vor dem Wunder, das sich an ihnen vollziehen sollte; nur noch von der Seite streiften zage Blicke den gefürchteten Mann, dessen Erscheinung in ihrer Länge und Magerkeit etwas Gespenstisches hatte. Die Buben stierten zu Boden, die Mädchen verdeckten die Augen mit den Schürzen.

Der Lehrer aber ging rasch ans Werk. Mit fabelhafter Geschwindigkeit wirbelte er die Fuchtel um den Kopf des Delinquenten und führte dann eine Anzahl Hiebe, die Pavel für die Einleitung zur eigentlichen Straße hielt. Statt diese jedoch folgen zu lassen, sprach der Lehrer plötzlich: »Herrgott, da fällt mir jetzt die Brille herunter… Heb sie auf… Für die Strafe bedanken kannst du dich nach der Stunde.«

Pavel starrte ihn mit stumpfsinnigem Staunen an; er wartete noch auf die richtige Wichse – da hörte er, daß er sie schon habe, und erhielt Befehl, sich zu setzen; – auf den letzten Platz in die letzte Bank.

Der Lehrer zog das Taschentuch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, nahm umständlich eine Prise und begann den Unterricht.

Arnost, der so rot war wie ein Krebs, flüsterte seinem Nachbar zu: »Hast g’schaut?« – »Ein bissel«, antwortete der. »Spürst was?« – »Ich spür’s im Buckel.« – »Mich brennt’s am Ohr.« – Ein neugieriges kleines Ding von einem Mädchen, das zufällig mit einem Auge an einen Riß in der Schürze geraten war und ihn zum Auslugen benützt hatte, gestand einigen Gefährtinnen, daß es meine, auf lauter Erbsen zu sitzen.

Nach beendigter Lehrstunde wollte Pavel sich mit den anderen davonmachen; aber der Schulmeister hielt ihn zurück, betrachtete ihn lange mit stechenden Blicken und fragte ihn endlich, ob er sich schäme.

Pavel antwortete leise: »Nein.«

»Nein? wieso nein? Hast aller Scham den Kopf abgebissen?«

Der Bursche verfiel wieder in das hartnäckige Schweigen, das der Lehrer an dem armseligsten und seltensten Besucher seiner Schule kannte. Bisher hatte er ihn laufen lassen, heute jedoch, als er ihn strafen sollte für eine unbekannte Schuld, Mitleid mit ihm gefühlt. Um diese Regung tat’s ihm nun leid, und er fuhr giftig fort: »Aufgewachsen in Schande, ja wirklich schon aufgewachsen, bald vierzehn Jahre – an die Schande gewöhnt, weiß nicht einmal mehr, wie sie tut!«

Nun sprach Pavel: »Weiß schon«, und den Mund des Kindes verzerrte ein alternder Zug verbissener Bitterkeit. Er hatte nicht verstanden, was der Herr Lehrer früher gewollt mit seinen Schlägen, die beinahe nicht weh taten; daß er ihm jetzt den Jammer seines Lebens vorwarf, verstand er wohl.

»Weiß schon«, wiederholte er in einem Tone, durch dessen erzwungene Keckheit unbewußt der Schmerz einer tiefen Enttäuschung drang.

Der Lehrer betrachtete ihn aufmerksam – er war das verkörperte Elend, der Bub! – Nicht durch die Schuld der Natur. Sie hatte es gut mit ihm gemeint und ihn kräftig und gesund angelegt; das zeigte die breite Brust, das zeigten die roten Lippen, die starken, gelblich schimmernden Zähne. Aber die wohlwollenden Absichten der Natur waren zuschanden gemacht worden durch harte Arbeit, schlechte Nahrung, durch Verwahrlosung jeder Art. Wie der Junge dastand mit dem wilden braunen Haargestrüpp, das den stets gesenkten Kopf unverhältnismäßig groß erscheinen ließ, mit den eingefallenen Wangen, den vortretenden Backenknochen, die magere derbe Gestalt von einem mit Löchern besäten Rock aus grünem Sommerstoff umhangen, die Füße mit Fetzen umwickelt, bot er einen Anblick, abstoßend und furchtbar traurig zugleich, weil das Bewußtsein seines kläglichen Zustandes ihm nicht ganz verlorengegangen schien. Lange schwieg der Lehrer, und auch Pavel schwieg; aber immer verdrossener ließ er die Unterlippe hängen und begann verstohlen nach der Tür zu sehen, wie einer, der eine Gelegenheit zu entwischen wahrzunehmen sucht.

Da sprach der Lehrer endlich: »Sei nicht so dumm. – Wenn du aus der Schule draußen bist, sollst du denken: wie kann ich hinein, und nicht, wenn du drin bist: wie kann ich hinaus?«

Pavel stutzte; das war nun wieder ganz unerklärlich und stimmte mit der weitverbreiteten Meinung überein, der Schulmeister vermöge die Gedanken der Menschen zu erraten.

»Geh jetzt«, fuhr jener fort, »und komm morgen wieder und übermorgen auch, und wenn du acht Tage nacheinander kommst, kriegst du von mir ein Paar ordentliche Stiefel.«

Stiefel? – wie die Kinder der Bauern haben? ordentliche Stiefel mit hohen Schäften? Unaufhörlich während des Heimwegs sprach Pavel die Worte: »Ordentliche Stiefel« vor sich hin, sie klangen märchenhaft. Er vergaß darüber, daß er sich vorgenommen hatte, den Arnost zu prügeln, er stand am nächsten Morgen vor der Tür der Schule, bevor sie noch geöffnet war, und während der Stunde plagte er sich mit heißem Eifer und verachtete die Mühe, die das Lernen ihm machte. Er verachtete auch die drastischen Ermahnungen Virgils und seines Weibes, die ihn zwingen wollten, statt zum Vergnügen in die Schule zur Arbeit in die Fabrik zu gehen. Freilich mußte dies im geheimen geschehen; zu offenen Gewaltmaßregeln zu greifen, um den Buben im Winter vom Schulbesuch abzuhalten, wagten sie nicht; das hätte gar zu auffällig gegen die seinetwegen mit der Gemeinde getroffene Übereinkunft verstoßen.

Sieben Tage vergingen, und am Nachmittage des letzten kam Pavel nach Hause gerannt, in jeder Hand einen neuen Stiefel.

Vinska war allein, als er anlangte; sie beobachtete ihn, wie er das blanke Paar in den Winkel am Herd, sich selbst aber in einiger Entfernung davon aufstellte und in stille Bewunderung versank. Freude vermochten seine vergrämten lüge nicht auszudrücken, aber belebter als sonst erschienen sie, und es malte sich in ihnen ein plumpes Behagen.

Einmal trat er näher, hob einen der Stiefel in die Höhe, rieb ihn mit dem Ärmel, küßte ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz.

Aus der Stube erscholl ein Gelächter, Vinska trat auf die Schwelle, lehnte sich mit der Schulter an den Türpfosten (eine Tür gab es zwischen der Stube und dem Eingange nicht) und fragte: »Wo hast die Stiefel gestohlen, du Spitzbub?«

Er sah sich nicht einmal nach ihr um, von antworten war gar keine Rede. Vinska jedoch wiederholte ihre Frage so oft, bis er sie anbellte: »Gestohlen! ja just gestohlen!«

»Du Esel«, murmelte sie, »siehst du? Jetzt sagst du’s selbst.«

Der Blick ihrer begehrlichen grauen Augen wanderte abwechselnd von den Stiefeln zu den eigenen nackten, hübsch geformten Füßen. Pavel hatte sich auf die Erde gekauert neben sein neues köstliches Eigentum; es war ihm, als müsse er es beschützen gegen eine nahende Gefahr, und er machte sich gefaßt, ihr zu begegnen. Vinska neigte den Kopf auf die Seite, lächelte den Burschen, der drohend zu ihr emporsah, plötzlich an und sprach mit einschmeichelnder Stimme: »Geh, sag mir, woher hast sie?«

Er wußte nicht, wie ihm geschah. In dem Ton hatte er die Vinska vor kurzem zum Peter sprechen hören, der ihr Liebhaber war. Heiße Wellen wogten auch in seiner Brust, er verschlang seine reizende Hausgenossin mit den Augen und meinte, was ihn da mit ungeheurer Macht angepackt hatte, sei die Lust, auf sie loszustürzen und sie durchzuprügeln.

Dabei rührte er sich nicht, öffnete nur ganz willenlos die Lippen und sprach: »Der Herr Lehrer hat sie mir gegeben.«

Vinska begann leise zu kichern. »O je – der! Wenn du sie von dem hast, dann hast du nichts.«

»Was – nichts?«

»Nun – nichts! Wenn du morgen aufwachst, sind die Stiefel weg.«

»Weg? … Warum nicht gar!«

»Ja, ja! was der Lehrer schenkt, hält sich nicht über Nacht. Du weißt ja, daß er ein Hexenmeister ist.«

Pavel geriet in Eifer: »Ich weiß, daß er kein Hexenmeister ist.«

Das Mädchen warf verächtlich die Lippe auf. »Du Dummrian! Er war drei Tage tot und im Sarge. War er nicht? Und weiß nicht jedes Kind, daß einer, der drei Tage tot gewesen ist, in die Vorhölle hineingeschaut und dem Teufel eine Menge abgelernt hat?«

Pavel starrte sie sprachlos an, ihm begann zu gruseln. Sie gähnte, drückte die Wange an die emporgezogene Schulter und sagte nach einem Weilchen so nachlässig, als ob sie eine ihr langweilig gewordene, hundertmal erzählte Geschichte wiederhole: »Der alten blinden Marska, die im vorigen Jahr bei uns gestorben ist, hat er auch ein Paar Schuhe geschenkt. Sie hat sie am Abend vors Bett gestellt, und wie sie am Morgen hineinfahren will, tritt sie statt in die Schuh auf eine Kröte, so groß wie eine Schüssel.«

Pavel schrie auf: »Das ist nicht wahr!« Heiß und kalt wurde ihm vor Zorn und Angst, und plötzlich schossen Tränen ihm in die Augen.

Vinska streifte ihn mit einem Blick voll Geringschätzung und kehrte in die Stube zurück.

An dem Abend suchte Pavel sich des Schlafes zu erwehren, er wollte seinen Schatz bewachen, er betete auch ein Vaterunser nach dem andern, um die bösen Geister zu bannen. Trotzdem sank er endlich doch in Schlummer, und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte Vinskas Prophezeiung sich erfüllt – die Stiefel waren verschwunden.

Kapitel 4


Kapitel 4

 

Pavel verlor kein Wort über sein Unglück. Als Vinska ihn schelmisch lachend fragte, wo seine Stiefel wären, führte er einen so derben Schlag nach ihr, daß sie schreiend davonlief. Auch die Erkundigungen seiner Schulkameraden fertigte er mit Püffen ab; die ärgsten erhielt Arnost, der ihn dafür beim Lehrer verklagte. Damit war aber nichts getan, denn es gehörte zu den Eigentümlichkeiten des letzteren, daß er gleich stocktaub wurde, wenn einer seiner Zöglinge sich über den andern beschwerte. Eine Woche verfloß, Pavel erschien nicht mehr in der Schule; er ging aus freien Stücken in die Fabrik und arbeitete dort von früh bis abends. Mehrmals schickte der Lehrer nach ihm, und da es vergeblich blieb, begab er sich endlich in eigener Person nach der Wohnung Virgils, um den Buben abzuholen. Das Weib des Hirten empfing ihn und verblüffte ihn, bevor er noch den Mund auftun konnte, durch die lauten Ausbrüche ihres Jammers. Nach fünf Minuten war dem Lehrer, als ob er unter einer Traufe stände, aus der statt Regentropfen Schrotkörner auf ihn niederhagelten. Ihm wurde ganz wirr in seinem müden und schmerzenden Kopf.

Die Frau rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Leiden an. Nein, sie hatte nicht geahnt, was sie sich aufhalste, als sie dareingewilligt, das Kind des Gehenkten und der Zuchthäuslerin bei sich aufzunehmen. Viel war ihr im Leben schon begegnet, aber etwas so Schlechtes wie der Bub noch nie. Jedes Wort aus seinem Munde ist Trug und Verleumdung. Erzählt er nicht, daß seine Pflegeeltern ihn abhalten, in die Schule zu gehen, und daß sie den Wochenlohn einstecken, den er in der Fabrik verdient?

Von Entrüstung hingerissen, setzte sie hinzu, die bösen Augen weit geöffnet und bedeutungsvoll auf den Alten gerichtet: »Redet er nicht noch ganz anderen als uns armen Leuten, mit Respekt zu melden, grausige Dinge nach?«

Der Lehrer hatte sein Taschentuch gezogen und drückte es an den kahlen Scheitel. Er kannte die Gerüchte, die über ihn im Schwange waren, und es bildete den Zwiespalt in ihm, daß sie ihn manchmal verdrossen und daß er sich ein anderes Mal einen Spaß daraus machte, sie zu nähren. Heute war das erstere der Fall; er winkte abwehrend: »Still still! Halte Sie ihr Maul.«

»O Jesus Maria, ich!« rief das Weib, »ich red nicht! ich möcht mir lieber die Zunge abbeißen… Keinen Pfifferling sollten sich der Herr Lehrer mehr kümmern um den schlechten Buben, sag ich nur… Die schönen Stiefel! Nicht zwei Tage hat er sie gehabt.«

»So, wo sind sie?«

Die Virgilova (wie sie im Ort genannt wurde) ergoß sich in einem neuen Redeschwall: Wo die Stiefel geblieben seien, müsse der Herr Lehrer den Juden fragen, dem der Bub sie vermauschelt habe. Der Jud werde freilich nichts davon wissen wollen, zeterte sie, und Habrecht, völlig betäubt, hielt sich die Ohren zu und trat den Rückzug an. Nach einigen Schritten jedoch blieb er stehen, wandte sich und befahl der Frau, Pavel morgen ganz gewiß in die Schule zu schicken. Sie versprach, den Auftrag zu bestellen, und tat es, indem sie Pavel am Abend mitteilte, der Herr Lehrer sei dagewesen und ließe ihm sagen, nicht mehr unter die Augen solle er ihm kommen.

Die Ermahnung war überflüssig; Pavel wich ohnehin dem Schulmeister auf hundert Schritte aus. Der Vinska hingegen lief er nach und gehorchte ihr wie ein knurriger Hund, der, unzufrieden mit seinem Herrn, immer zum Aufruhr bereit ist und sich doch immer wieder unterwirft. Was sie wollte, geschah; er besorgte ihre Botengänge; er stahl für sie Holz aus dem Walde, Eier aus den Scheunen der Bauern; er geriet ganz und gar unter ihre Botmäßigkeit.

Indessen, was ihn auch beschäftigte, wohin er auch wanderte – eines vergaß er nicht; einen Umweg scheute er nie und niemals; Tag für Tag kam er ans Tor des Schloßgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses an. Anfangs mit sehnsüchtiger Hoffnung im Herzen, später, als ihm diese allmählich erloschen war, aus alter Gewohnheit.

Eines schönen Mainachmittags fand er, als er an seinen Beobachtungsposten trat, zu seiner höchsten Überraschung das Gartentor offen. Unter den Säulen der Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin, eine geschlossene Kalesche, mit dicken Fliegenschimmeln bespannt. Die Dienerschaft drängte sich grüßend und knixend um den Wagen, auf dem ein Koffer aufgebunden war. Nun flog der Schlag lärmend zu, der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock, der schwere Kasten schwankte auf den Schneckenfedern, das Gefährt setzte sich in Bewegung. In kurzem Trabe umkreiste es den Hof, bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler und rollte der Straße zu. Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens geworfen und war zurückgefahren wie geblendet. Er preßte das Gesicht an die Mauer; er schloß die Augen und sah dennoch wieder sah mit den geschlossenen klar und deutlich, was er eben mit seinen offenen Augen gesehen; – die Frau Baronin war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen; neben ihr saß ein kleines Fräulein, in schönen Kleidern, mit einem Hütchen auf dem Kopfe, und hatte wohlbekannte, hatte die lüge Miladas, aber so runde und rosige Wangen, wie seine Schwester nie gehabt.

Plötzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Sätzen dem Wagen nach. Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schloßbergs hinab. Pavel lief quer über das grüne Feld, lief der Kalesche voraus und erwartete sie, am Wegrain aufgestellt, pochenden Herzens. Sie kam quietschend und rasselnd heran, und der Junge streckte sich, guckte und erblickte abermals die liebliche Erscheinung von vorhin. Und jetzt war auch er gesehen worden, ein Freudenjauchzen drang an sein Ohr, die Stimme Miladas rief: »Pavel, Pavel!« Mit solchem Ungestüm warf das kleine Mädchen sich ans Fenster, daß die Scheibe klirrte und in Stücke brach. Sogleich hielt die Karosse, und der Bediente schickte sich an, vom Bock zu steigen. Hastig befahl die Baronin: »Sitzenbleiben! Vorwärts, jagt den Buben fort!« Die Peitsche knallte um Pavels Kopf, und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei… Dazwischen ließ ernster, liebevoller Zuspruch sich vernehmen. Pavel sah, daß die alte Dame das Kind an sich gezogen hatte und daß es in ihren Armen weinte. Dieses Weinen ging ihm durch Mark und Bein; dieses Weinen mußte aufhören, dem mußte er ein Ende machen.

Da stieß er auf einmal einen Jauchzer aus, wie er dem Übermütigsten nicht besser gelungen wäre, und begann in gehöriger Entfernung von der Kutscherpeitsche bärenplump und emsig Räder und Purzelbäume zu schlagen. Wenn der Atem ihm auszugehen drohte, stand er still, lachte zu der Kleinen hinüber, machte Zeichen und schnitt Gesichter, bis sie endlich in ein fröhliches Gelächter ausbrach. Ach, wie hüpfte ihm das Herz im Leibe, als er einmal wieder ihr liebes Lachen vernahm!

Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs.

Pavel lief und sprang nicht mehr; er schritt nur noch, und als er am großen Berge angelangt war, erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel. Mühsam keuchte er die Höhe hinan, und oben brach er zusammen, mit hämmernden Schläfen, einen rötlichen Schein vor den glühenden Augen. Zu seinen Füßen breitete die sonnenbeglänzte Ebene sich aus; an der Grenze derselben lag die Stadt; einzelne ihrer Häuser schimmerten schneeweiß herüber; die vergoldeten Spitzen der Kirchtürme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel. In der Richtung gegen die Stadt schlängelte sich die Straße durch die grünen Fluren, und auf der Straße glitt ein schwarzer Punkt dahin, und diesen Punkt verfolgte Pavel so inbrünstig mit den Blicken, als ob das Heil seiner Seele davon abhinge, daß er ihm nicht entschwinde. Als es geschah, als die Schatten der Auen den kleinen Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen ließen, streckte sich Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter… Seine Schwester war ein Fräulein geworden und war fortgefahren in die Stadt. Wenn er jetzt ans Gartentor kam, mochte er nur vorübergehen; mit der Freude, nach der Kleinen auszulugen, war es nun nichts mehr. Herb und trostlos fiel der Gedanke an den Verlust seines einzigen Glückes dem Jungen auf die Seele. Gern hätte er geweint, aber er konnte nicht; er wäre auch gern gestorben, gleich hier auf dem Fleck. Er hatte oft seine Existenz verwünschen gehört, von seinem eigenen Vater wie von fremden Menschen, und nie ohne innerste Entrüstung dabei zu empfinden; jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod: und wenn es einmal so weit gekommen ist mit einem Menschen, kann auch das Ende nicht mehr ferne sein, meinte er. Und steht es einem nicht frei, es zu beschleunigen? Es gibt allerlei Mittel. Man hält zum Beispiel den Atem an, das ist keine Kunst; es handelt sich nur darum, daß es lange genug geschieht. Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter Entschlossenheit, und wie er dabei den Kopf in die Erde wühlt, regt sich etwas in seiner Nähe, und er vernimmt ein leises Geräusch, wie es durch das Aufspreizen kleiner Flügel hervorgebracht wird. Er schaut…

Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf dem Neste und hält die Augen in unaussprechlicher Angst auf einen Feind gerichtet, der sich schräg durch die jungen Halme anschleicht. Unhörbar, bedrohlich, grau – eine Katze ist’s. Pavel sieht sie jetzt ganz nah dem Neste stehen; sie leckt den lippenlosen Mund, krümmt sich wie ein Bogen und schickt sich an zum Sprung auf ihre Beute. Ein Flügelschlag, und der Vogel wäre der Gefahr entrückt; aber er rührt sich nicht. Pavel hatte über der Besorgnis um das Dasein des kleinen Wesens alle seine Selbstmordgedanken vergessen; – So flieg, du dummes Tier! dachte er. Aber statt zu entfliehen, duckte sich das Rebhuhn, suchte sein Nest noch fester zu umschließen und verfolgte mit den dunklen Äuglein jede Bewegung der Angreiferin. Pavel hatte eine Scholle vom Boden gelöst, sprang plötzlich auf und schleuderte sie so wuchtig der Katze an den Kopf, daß sie sich um ihre eigene Achse drehte und geblendet und niesend davonsprang.

Der Bursche sah ihr nach; ihm war weh und wohl zumute. Er hatte einen großen Schmerz erfahren und eine gute Tat getan. Unmittelbar nachdem er sich elend, verlassen und reif zum Sterben gefühlt, dämmerte etwas wie das Bewußtsein einer Macht in ihm auf… einer anderen, einer höheren als derjenigen, die seine starken Arme und sein finsterer Trotz ihm oft verliehen. Was war das für eine Macht? Unklar tauchte diese Frage aus der lichtlosen Welt seiner Vorstellungen, und er verfiel in ein ihm bisher fremdes, mühevolles und doch süßes Nachsinnen.

Ein lauter Ruf: »Pavel, Pavel, komm her, Pavel!« weckte ihn.

Auf der Straße stand der Herr Lehrer, den einer seiner beliebten Nachmittagsspaziergänge bis hieher geführt hatte und der seit einiger Zeit den Jungen beobachtete. Er trug einen Knotenstock in der Hand und versteckte ihn rasch hinter seinem Rücken, als Pavel sich näherte.

»Du Unglücksbub, was treibst du?« fragte er. »Ich glaube, du nimmst Rebhühnernester aus?«

Pavel schwieg, wie er einem falschen Verdacht gegenüber immer pflegte, und der Schulmeister drohte ihm: »Ärgere mich nicht, antworte… Antworte, rat ich dir!«

Und als der Bursche in seiner Stummheit verharrte, hob der Lehrer plötzlich den Stock und führte einen Schlag nach Pavel, dem dieser nicht auswich und den er ohne Zucken hinnahm.

Im Herzen Habrechts regten sich sofort Mitleid und Reue.

»Pavel«, sagte er sanft und traurig, »um Gottes willen, ich hör nur Schlimmes von dir – du bist auf einem schlechten Weg; was soll aus dir werden?«

Diese Anrufung rührte den Buben nicht, im Gegenteil: eine tüchtige Dosis Geringschätzung mischte sich seinem Hasse gegen den alten Hexenmeister bei, der ihn betrogen hatte.

»Was soll aus dir werden?« wiederholte der Lehrer.

Pavel streckte sich, stemmte die Hände in die Seiten und sagte: »Ein Dieb.«

Bozena Kapitel 25

Der Sommer des Jahres 1847 kam heran. Im Hause Heißensteins wurde ein schönes Fest: der sechzehnte Geburtstag Regulas, feierlich begangen. «Die ganze Stadt» nahm daran teil, mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein, der, von heftigen Kopfschmerzen ergriffen, sich im Augenblicke, wo er zur Tafel gerufen wurde, zu Bett legte. So mancher schöne Toast ward ausgebracht, auf das edle Elternpaar der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst. Den schönsten jedoch sprach Advokat Wenzel, der Regula als «die junge Hoffnung des alten Hauses» und ihre Eltern als «den Stolz der Stadt» so hoch und lange, als es auf Erden nur denkbar möglich, leben ließ.

Man ging spät und äußerst erhoben und gerührt, in später Nachtstunde, nämlich um zehn Uhr, auseinander.

Am folgenden Tag trat Heißenstein eine Reise nach Wien an, und kehrte von dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewöhnlich munterer Stimmung und in Begleitung Joseph Frohburgs zurück.

Frau Nannette empfing den jungen Mann, als er nach sorgfältig gemachter Toilette im Gesellschaftszimmer erschien, wo die Familie ihn erwartete, mit jener aus Haß und Liebe, Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung, die überzärtliche Mütter dem zukünftigen Schwiegersohn entgegenbringen.

Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten, für den hat sie das vorzüglichste der Geschöpfe geboren und erzogen!

Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache verlegen, als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte, und Heißenstein gewann Zeit, die Vorstellung und Bewillkommnung auf das schlichteste zu besorgen, indem er sprach: «Das hier ist meine Frau, und das dort ist meine Tochter. Laß dir’s bei uns gefallen, mein Junge.»

Gefallen!

Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt. Der erste Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, war ein ungünstiger, Nannette konnte sich das nicht verhehlen; aber sie tröstete sich mit der Hoffnung, ihr Geist werde ihn bezwingen.

«Zum Abendessen!» rief Heißenstein; «ich habe wahrhaftig Appetit!»

Man begab sich in das Speisezimmer, und Joseph erhielt seinen Platz neben Regula.

Nannette selbst, die ihrer Tochter doch alles mögliche Gute zutraute, war erstaunt über die feine Weise, mit der sie auf den Ideengang des Gastes einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand.

Er sprach von Nestroys letzter Posse. Sie wußte in seinen Bemerkungen darüber Anknüpfungspunkte zu finden, die sachte hinüberführten auf die Orestie des Äschylus, ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck. Er sprach von der Lieblichkeit der Donauauen – sie schwebte von diesen nach den Sozietätsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen. Er sprach von dem Tode seiner Mutter, sie – von der Nadowessischen Totenklage. Er erzählte von dem «Putsch» der Schweizer Radikalen, sie ließ ein Wort über Huitzilopochtli, den Kriegsgott der Azteken, fallen.

Zuletzt wurde das Verständnis zwischen dem jungen Pärchen ein so vollständiges, daß Rede und Gegenrede überflüssig schien. Dem Gaste zum mindesten, der von nun an schwieg.

Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und prüfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht, auf ihrem gelben Gesichte und den gleichfarbigen, an die Schläfe angeklebten Scheiteln, von denen auch nicht ein Haar abstand; jetzt blieb er hartnäckig auf das Tischtuch geheftet. Joseph wurde bleicher und bleicher, und mußte endlich gestehen, daß er sich unwohl fühle.

Heißenstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast, der aufzuatmen schien, als er das Speisezimmer im Rücken hatte, auf die für ihn bereit gehaltene Stube.

Am frühen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause, und Joseph in Reisekleidern vor Heißenstein.

«Verzeihen Sie mir, mein väterlicher Freund», sprach der junge Mann treuherzig, «aber – ich habe mir’s überlegt, ich fühle noch keinen Beruf, mich zu verheiraten. Ich glaube am ehrlichsten zu handeln, wenn ich es Ihnen gleich eingestehe.»

«Wozu die Eile?» fragte Heißenstein betroffen, «lerne meine Regel besser kennen. Sie gehört zu der Sorte von Weibern, denen jeder Mann ohne Sorge sein Lebensglück anvertrauen kann.»

«Ich bin davon überzeugt», erwiderte Joseph, «allein ob das ihre in meinen Händen gesichert wäre, daran zweifle ich.»

Heißenstein sah ihn an und schüttelte den Kopf: «Sei aufrichtig – sie gefällt dir nicht», sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in Stimme und Gebärde, daß Joseph, davon ergriffen, die Hand des alten Mannes faßte und drückte. Dieser klopfte ihm auf die Schulter: «Nun ja, ich habe Besseres für dich im Sinne gehabt. – Es hat aber nicht sein sollen.»

So endete Heißensteins letzter Versuch, den Traum seines Lebens zu verwirklichen. Mansuet suchte vergebens ihn darüber zu trösten, indem er ihn versicherte, er fände zehn für einen Freier für das Fräulein Tochter, und zwanzig für einen, die bereit wären, seinen Namen anzunehmen.

«Keinen mehr, dem ich ihn anbieten möchte!» entgegnete Heißenstein. «Glauben Sie, dazu sei mir leicht einer gut genug? – So mag er denn erlöschen. Ich seh es ein, der Mann, der mir recht wäre, nimmt die Regel nicht!»

Er verfiel in einen dumpfen Trübsinn, aus dem ihn nur noch selten ein Ausbruch des Zornes gegen die Zerstörerin alles dessen weckte, was er noch als Glück zu empfinden vermocht hätte. Mansuet wagte längere Zeit hindurch nicht Rosas zu erwähnen. Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage, wie die junge Frau sich befinde, beruhigende Antwort erhalten, aber Bozena hatte ihm zugleich mitgeteilt, sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben müssen, keine Briefe mehr in das Heißensteinsche Haus zu schicken. Es sei genug gebettelt worden, er selbst wolle nun von einer Versöhnung nichts mehr hören.

«Das habe ich längst gefürchtet», dachte Mansuet. «Er ist k. k. Offizier, er kann sich die fortgesetzten Demütigungen nicht gefallen lassen. Was jetzt beginnen, du guter, lieber Gott? … Wenn von hier aus keine Schritte geschehen, dann ist’s für immer mit der Hoffnung auf eine Aussöhnung vorbei. Wir sind so weit gekommen, daß uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen könnte: – Frau Nannette. Sie müßte sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter. Sie ist jetzt die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten. Er hat aufgehört, ihr Widerstand zu leisten, anfangs aus Gleichgültigkeit, später aus Ohnmacht.»

Die Folge dieser Betrachtungen war, daß sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis zu einer Art demonstrativer Höflichkeit erniedrigte, der verhaßten Gebieterin gegenüber. Er lief nicht mehr davon, wenn er sie von weitem erblickte, er wandte sich nicht ab, wenn er ihr begegnete. Er blieb stehen, machte Front und grüßte sie feierlich. Er brachte es sogar einmal dahin, mit einem Grinsen, das um alles in der Welt freundlich sein sollte, aber einfach – gräßlich war, zu sagen: «Sehr kalt heute? … Belieben zu frieren? …»

Weiter ging es nicht! – Nicht um den Maria-Theresia-Orden! Nicht um die ewige Glückseligkeit!

So versuchte er’s denn doch, sich an Heißenstein zu wenden, und erfuhr keine heftige Abweisung mehr. Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen, mit tiefem Selbstbedauern, daß er nicht verzeihen dürfe – daß seine Pflicht es ihm verbiete.

Mit unerschöpflicher Geduld, mit einem Eifer, der sich nie verleugnete, begann Mansuet immer von neuem Vorstellungen zu machen, um Mitleid zu bitten – es war und blieb vergeblich.

Der alte Mann wurde nur ängstlich, versank nur tiefer in seine Grübeleien und wiederholte melancholisch: «Ich darf nicht, guter Mansuet. Seien Sie mir nicht böse, aber – ich darf nicht.»

In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so kräftigen Heißenstein. Die Ereignisse der Märztage rüttelten ihn auf aus dem Traumleben, das er seit einiger Zeit führte. Ein neues Interesse ergriff ihn. Zwei Monate lang zählte ihn die liberale Partei zu ihren Anhängern, vom 15. Mai an wurde er ihr erbitterter Gegner.

Mansuet hatte natürlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen, als von Dreinschlagen, Einhauen und Niederreiten. Wie man dem «Bäckenrummel» in Wien unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht, so hätte man dieser «Lumperei von einer Revolution» ein Ende machen sollen, die ganz allein durch ein paar Landstände und durch ein halbes Dutzend Studenten «aus purem, verfluchtem Übermut» angerichtet worden war.

Schimmelreiter hingegen erklärte sich für einen konstituierenden Reichstag, mit einer Kammer als Übergangsstadium zur europäischen Republik. Er abonnierte auf die «Konstitution» und schwor, erst seitdem er dieses Blatt halte, wisse er, was es heiße: ein politisches Bewußtsein haben.

Eines Tages las er im Gasthause einigen andächtigen Zuhörern aus seiner Zeitung vor, wie man «auf dem Leichname des Weltkinderspieles ‹Nationalität› zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbürgertums aufpflanzen müsse,» da riß ihm Mansuet, der von ihm unbemerkt eingetreten war, das Blatt aus der Hand, und forderte ihn auf Degen – und auf Pistolen.

Schimmelreiter erklärte, dieser Forderung nicht entsprechen zu können, und durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet für ihn nur das Schweigen der Verachtung. Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden, bis die glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemüter besänftigten. Als Radetzky siegreich in Mailand eingezogen war, zog auch die Versöhnung in das Kontor ein, und die zwei Säulen des Heißensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander.

Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach Weinberg: Graf und Gräfin Rondsperg, die Eltern ihrer ehemaligen Zöglinge. Der Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte, in die er mit seinen Bauern geraten war.

Diese Leute ließen sich’s nicht nehmen, daß eine Änderung eingetreten sei in dem Verhältnisse zwischen «der Herrschaft» und ihnen; nicht nur scheinbar, nicht für kurze Zeit, wie der alte Graf meinte, sondern in Wirklichkeit und für immer. Er aber, dessen Vermögen seit Jahren schon zerrüttet war, wollte nicht an den Bestand einer Neuerung glauben, die seinen völligen Ruin herbeiführen mußte. Doch wurde er es endlich müde, ihnen Vernunft zu predigen, diesen störrischen Dummköpfen, die immer wieder auf die Behauptung zurückkamen: die Patrimonialrechte seien aufgehoben. Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner Töchter – seit vollen vierzehn Jahren – verließ der Greis sein Schloß Rondsperg und das undankbare «Gesindel», seine Bauern.

Fern von ihnen wollte er die Wiederkehr der alten Zeiten und die Wiedereinführung der alten, einzig gesetzlichen Gesetze erwarten. Bis dahin sollten die Leute nur sehen, wie sie fertig würden ohne ihn.

Gleich nach der Ankunft des Grafen und seiner Gemahlin in Weinberg begaben sich Heißenstein und Nannette nach dem «Grünen Baum», in dem die Herrschaften abgestiegen waren, und luden sie dringend ein, das unbehagliche Quartier im Gasthofe mit einer Wohnung zu vertauschen, die ihnen Heißenstein in seinem Hause zur Verfügung stellte.

Der Antrag wurde mit liebenswürdiger Freundlichkeit angenommen. Schon am folgenden Tage zog das gräfliche Ehepaar, begleitet von einem einäugigen Kammerdiener und einer gichtbrüchigen Kammerjungfer, in die zu seinem Empfange auf das beste geschmückten Räume ein. Und gewiß betrat Karl V. das Haus Anton Fuggers auf dem Weinmarkte zu Augsburg mit nicht geringerem Bewußtsein einer von ihm erwiesenen Gnade, als Rondsperg des Haus des Kaufmanns Leopold Heißenstein. In seiner Art auch nicht minder gastfrei als der Nachkomme des Webermeisters zu Graben gegen den Beherrscher der Hälfte der damals bekannten Welt, bezeigte sich der Weinhändler gegen den herabgekommenen Edelmann. Während dessen Anwesenheit wurde das Haus von Besuchern nicht leer, und Heißenstein empfing die Gäste seiner Gäste mit derselben Zuvorkommenheit, die er diesen erwies. Frau Nannette drückte abwechselnd ihre einstigen Zöglinge: die Baronin von Waffenau und die Präsidentin von Horsky an ihr bewegtes Herz. Die erste kam von ihrem Gute Haluschka, die zweite kam aus Wien, die erste brachte vier unglaublich wilde Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren mit, die zweite nur ihren steifen, wortkargen Mann. Alle kamen, um die alten Leute zu sehen und der teuren Ex-Erzieherin und ihrem edlen Gatten Dank- und Lobpreisungen darzubringen. Frau Nannette war manchmal zumute, als ob ihr Flügel wüchsen.

Heißenstein hingegen hatte wahre, wenn auch nicht ungetrübte Herzensfreude nur an einem Gaste, an Ronald, dem Sohn des Grafen, dem die Aufgabe zugefallen war, seinem Vater die Wege zur Rückkehr zu ebnen und die guten Beziehungen zwischen Schloß und Dorf Rondsperg wiederherzustellen. Er fuhr ab und zu, und seine Anwesenheit war für Heißenstein jedesmal ein schmerzliches Fest. Mit einer Mischung von Neid und Wohlgefallen betrachtete er den schönen, ernsten Jüngling und dachte: «Wärst du mein Sohn!»

Während im Reichstage zu Wien und im Parlamente zu Frankfurt die Abschaffung des Adels beantragt wurde, genossen so einige seiner Mitglieder, nur, weil sie diesem Stande angehörten, an den Flammen eines gut bürgerlichen Herdes ein daheim längst entbehrtes Behagen.

Die Gräfin nahm die Gastfreundschaft Heißensteins und die Ergebenheitsbezeigungen Nannettens dankbar und demütig mit der Empfindung hin, mehr zu empfangen, als sie je erwidern könnte. Der Graf ließ sich alle Ehrenbezeigungen huldvoll gefallen, und belohnte sie – wie er überzeugt war, reichlich – durch ein gelegentlich hingeworfenes Wort der Anerkennung.

Im Frühjahr kam Ronald, um seine Eltern wieder nach Rondsperg abzuholen. Der Graf ließ sich überreden, «seine Untertanen» seien durch seine Abwesenheit den ganzen Winter hindurch genug bestraft, und entschloß sich um so leichter in ihre Mitte zurückzukehren, da ihm der Bauernrichter durch Ronald hatte sagen lassen, das leere Schloß käme ihm und der getreuen Gemeinde vor wie eine große Laterne ohne Licht.

Als man Abschied genommen hatte, wandte sich Ronald noch einmal zu Heißenstein, erfaßte seine beiden Hände und sprach: «Ich kann Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben – doch gäbe ich alles darum, es wenigstens versuchen zu dürfen.»

Nannette und Regula vernahmen diese Worte. Ihre Blicke begegneten einander wie zwei Blitze. – Was meinst du? fragte der eine. – Es wäre mein innigster Wunsch, antwortete der andere. Ronald dreiundzwanzig Jahre – du siebzehn. Er vornehm, aber arm – du bürgerlich, aber reich … Sehr reich durch meine Fürsorge, mein Kind …

Ehrgeizige Gedanken stiegen in der Weinhändlerstochter auf. Ihre Mutter jedoch übte sich, in unbelauschten Stunden, in allen möglichen Betonungen der halblaut hingehauchten Worte: «Meine Tochter, die Gräfin von Rondsperg.»

Bozena Kapitel 1

1.

Leopold Heißenstein war der reichste und einer der geachtetsten Bürger des mährischen Landstädtchens Weinberg. Ob auch einer der beliebtesten, das stand dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus. Witzbolde unter den Eingeborenen meinten, ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls, das bringe schon sein Geschäft mit sich – das ansehnliche Weingeschäft nämlich, das sich seit Generationen in seiner Familie forterbte, und das er zu unerhörter Blüte gebracht hatte.

Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war, so wurde auch ihm nur ein männlicher Sprosse, aber ein prächtiger Junge beschert, der den Ruhm des alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach.

Ein Töchterchen, das seine Frau ihm in den späteren Jahren der Ehe gebar, betrachtete Heißenstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke: «Denn», pflegte er zu sagen, «der Sohn trägt Geld in das Haus, die Tochter trägt Geld aus dem Haus.»

Auf eine Mitgift übrigens, wenn auch auf eine sehr anständige, kommt es einem Manne wie Heißenstein nicht an, und damit fertigt er dereinst das Mädchen ab.

Die Existenz dieses Kindes, dem Vater so gleichgültig, wurde für die Mutter eine Quelle unsäglicher Freude; der letzten, welche die kränkliche Frau auf Erden genießen sollte. Der Sohn war ihrer Sorgfalt, sobald dies nur halbwegs anging, entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden. Heißenstein, hatte geglaubt, ihn nicht früh genug aus der Kinderstube und den Händen der «Weibsleute»befreien zu können. Wie recht er daran getan, das wurde ihm täglich durch den unheilvollen Einfluß bestätigt, den die abgöttische Liebe der Mutter auf die kleine Rosa ausübte. Die Unarten des Kindes erfüllten ihn mit einer Art von spöttischer Befriedigung. Ihm selbst war die Unerbittlichkeit, mit welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete, manchmal grausam erschienen – jetzt fand er sie auf das glänzendste gerechtfertigt.

Daß die arme Frau sich eben mit allen Kräften ihres entschwindenden Lebens an das einzige klammerte, das man ihr ließ, daran dachte er nicht. Er war nicht gewohnt, auf die Empfindungen andrer Rücksicht zu nehmen, am wenigsten auf die seiner stillen Lebensgefährtin. Was er tat, war wohlgetan, und der Eindruck, den es hervorbrachte, gleichgültig. In sicherer Ruhe schritt er dahin, seiner selbst gewiß, nichts fürchtend, nichts bereuend. Und so, in der Fülle der Zufriedenheit, traf ihn der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte: er verlor seinen Sohn. Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft, daß seine Eltern, die bei der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen, ihn nicht mehr am Leben trafen.

Es dauerte lange, bis Heißenstein an seinen Verlust glauben lernte. Die Wirkung des ersten großen Unglücks, das der zuversichtliche Mann erfuhr, war vernichtend.

«Für wen habe ich gearbeitet? – Ich habe keinen Erben!» – in dieser Klage gipfelte sein Schmerz. Seine Hoffnungen waren zerstört, seine Erinnerungen vergällt. Wer blickt gern auf ein Leben voll Mühen zurück, wenn ihm die Früchte derselben geraubt worden sind? Heißenstein konnte, was sein Fleiß erworben, nicht einem Namensträger hinterlassen, demnach war der Lohn seines Fleißes dahin.

Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode ihres Erstgeborenen. Keiner hatte es gehörte, wie sie mit dem letzten Kusse auf seine Lippen ihm die Worte zugehaucht: «Ich komme bald zu dir!»

Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter Zärtlichkeit ihrem rosigen, lebensfreudigen Liebling zu. Beständig von der Ahnung naher Trennung erfüllt, geizte sie mit jedem Augenblicke, den sie bei dem Kinde zubringen, frohlockte über jedes Lächeln, das sie ihm abgewinnen konnte, warb um seine Liebkosungen, und zagte und zitterte vor seinen Tränen.

Röschen war schon zu dem vollen Bewußtsein ihrer Wichtigkeit und der Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt, als sich plötzlich die Augen schlossen, die mit verwöhnender Liebe über ihr gewacht hatten. Frau Heißenstein entschwand eines Morgens wie ein Schatten von der Wand; ohne vorhergegangene sichtbare Krankheit, ohne die geringste Pflege in Anspruch, ohne Abschied genommen zu haben von dem gefürchteten Mann und von dem geliebten Kinde. Bevor Herr Leopold ahnte, daß auch dieser Verlust ihn bedrohe, erfuhr er ihn.

Und seltsam! Die demütige Frau, welcher er, solange sie lebte, nur eine sehr oberflächliche Beachtung gegönnt hatte, wurde von ihm jetzt so bitter vermißt, als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wäre. Das Gefühl des Verlassenseins ergriff ihn, das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit überfällt wie den Egoisten, wenn die von ihm scheiden, deren Existenz er zu seinen Gunsten ausbeutete. Nun machte er den Versuch, das einzige Geschöpf, das er auf Erden noch sein nannte, an sich heranzuziehen. Allein zwischen dem an Widerspruch nicht gewöhnten Vater und seinem eigensinnigen Töchterlein wollte kein Band sich knüpfen lassen. Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben. Er bestand sie nicht. Nach einigen stürmischen Auftritten, aus denen Rosa zwar hart mißhandelt, aber als Siegerin hervorging, erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und überließ die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses, einer derben und verläßlichen Person von zweiundzwanzig Jahren, mit Namen Bozena. Für diese äußerte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zärtliche Liebe, welche die arme Verstorbene oft eifersüchtig gemacht hatte. Rosa nannte die Dienerin, wie sie es wohl von andern gehört hatte, «die schöne Bozena» und ertrug die rauhe Behandlung, die sie zeitweise von ihr erfuhr, mit fröhlicher Standhaftigkeit.

Die schöne Bozena hätte sich an Größe und Stärke kühnlich mit einem Flügelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I. messen können. Dabei besaß sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht, in dem ein Paar rabenschwarze Augen funkelten, die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden auf sich gerichtet sah. Das Schönste jedoch an der schönen Bozena war die Röte ihrer Wangen und das blendende Weiß ihrer Zähne. Allerdings konnten die Lippen, hinter denen das prächtige Gebiß zum Vorschein kam, etwas schwellend genannt werden, und was die Nase betraf, so geschah ihr kein Unrecht, wenn man sie – wie ein launiges Mitglied der Paßbehörde «ex officio» getan – «landesüblich» nannte. Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung, aber mit der Reinlichkeit nahm sie es genau; die Arbeit flog unter ihren Händen, und so blitzblankes Hausgerät, einen so nett gedeckten Tisch, so sauber gehaltene Stuben wie im Hause Heißenstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder.

Mit dem Kinde, das ihr nun ausschließlich anvertraut war, ging sie um, wie eine Bärin mit einem jungen Hündchen umgegangen wäre, für das sie eine mütterliche Zuneigung gefaßt hätte. Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine ballte und sie mit einer Stimme anschrie, die aus der Brust eines Ogers zu kommen schien, dann lachte das verwegene Ding, aber es gehorchte.

Bozena war sich wohl bewußt, das Kind und der Haushalt ihres Herrn könnten schwerlich besser betreut werden, als es durch sie geschah, und lebte in tätiger Ruhe dahin; sehr zufrieden mit ihrem Lose, ohne Furcht, daß jemals eine Veränderung eintreten könnte.

Indessen wurde sie, noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau, welche sie so vollständig ersetzen zu können meinte, aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt. Das Gerücht, Herr Heißenstein stehe im Begriffe, sich zum zweitenmal zu verheiraten, verbreitete sich, und Neugierige, die durch Bozena Bestimmteres darüber zu erfahren hofften, trugen es ihr zu. Sie wurden zwar mit ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen, als ein Zündfaden von einer Rakete, aber so fest überzeugt, als Bozena zu sein vorgab, ihr Herr werde «keine solche Dummheit» begehen, war sie doch nicht.

Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten. Trotz der größten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste Veränderung, weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung wahrzunehmen. Höchstens daß sich die letztere in der jüngsten Zeit noch um etwas verschlechtert hatte. Und Bozena, deren Weise es sonst war, wenn sich eine Wolke auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte, auf dem ihren sofort ein ganzes Gewitter aufsteigen zu lassen, lächelte jetzt um so freundlicher, je finsterer der Kaufmann erschien. Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener Miene heimkam und, nachdem er Befehl gegeben, das für ihn bereitstehende Abendessen wieder abzutragen, sich in sein Zimmer begab, hatte Bozena Mühe, ihren Jubel zu unterdrücken.

«Gute Nacht!» rief sie Herrn Leopold mit ihrer süßesten Stimme nach und setzte für sich triumphierend hinzu: «Er hat ihn, den Korb!»

Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem Frohmut am nächsten Morgen an die Arbeit. Es war Sonntag, und da gestern besonders gründlich gescheuert worden war, genügte heute eine leichte Nachhilfe. Bozena beschäftigte sich eben mit Besen und Wischtüchern im Speisezimmer, da trat ihr Herr Heißenstein entgegen, glatt rasiert und stattlich, das Gebetbuch in der Hand.

«Mach fertig» , sprach er, «kleide Rosa an. Ich werde nach der Messe meine Braut hierherbringen, damit sie das Haus und das Kind kennenlerne.»

Nur ein König, dem Krone und Zepter plötzlich entrissen wurden, weiß, was Bozena bei diesen Worten empfand. Ihr Blick zuckte an Heißenstein wie ein Blitz vom Wirbel bis zur Sohle hinab, und unter der Fülle von Geringschätzung, die sich auf ihre Lippen gelagert hatte, erschienen dieselben noch dicker als sonst.

«Braut?» rief sie. «Sie wollen wieder heiraten? … Wozu denn?»

Herr Heißenstein richtete sich, so hoch er konnte, der Riesin gegenüber auf, knöpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock zusammen und erwiderte: «Meine Tochter braucht eine Mutter und ich brauche einen Sohn.»

Damit verließ er wuchtigen Schrittes das Zimmer.

Bozena Kapitel 12

Die Braut, die der angehende Greis sich erkoren hatte, war die Tochter eines Professors am städtischen Gymnasium. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich in die Landeshauptstadt begeben, um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen Karl von Rondsperg anzutreten. Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter mancherlei Kämpfen siegreich von ihr behauptet. Nach dem Verlaufe jener Zeit war – wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklärte – die Erziehung der Zöglinge vollendet. Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzüge der jungen Komtessen in das hellste Lichte.

Fräulein Nannette hielt in Gegenwart der gräflichen Eltern und einiger hochgeborener Angehörigen eine kleine Rede, in der sie den Satz verfocht, daß: sagen zu sollen, was hier noch zu lehren sei, ihr die größte Verlegenheit bereiten würde. Helle Freudentränen, welche über die männlichen Wangen des Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen, belohnten die Spenderin einer so ehrenhaften Anerkennung. Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung berauscht, ließ sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der opferfreudigen Unterstützung, welche ihren pädagogischen Bestrebungen von seiten des edlen Elternhauses stets zuteil geworden sei, hinreißen. Die Erschütterung aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht; und als Fräulein Nannette mit den Worten schloß, es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig, als zu scheiden und die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen, baten der Graf und die Gräfin, sie möge ihnen das Herz nicht zerreißen.

O schöne Stunde! Unvergeßlicher Anblick! Alle Anwesenden umschlangen Fräulein Nannette in einer Umarmung und küßten sie auf ihren Mausmund.

Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und ließ aus der Kanzlei Tinte und Papier holen. Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt, das ein Wunder war an Auffassung, Stil und pompöser Sprache. Es ließ sich kein einziger Schlußpunkt darin erblicken, die Sätze flossen ineinander und auseinander, ein Redestrom so breit, wie die Aufzählung der Tugenden, Verdienste, Vorzüge und Talente Fräulein Nannettens ihn erforderte.

Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste. Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe und Dankbarkeit wurden ausgetauscht, und Vater, Mutter und Töchter einerseits, Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit, nicht nur zu sagen, nein, auch zu glauben, die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine schöne und glückliche gewesen.

Die Erzieherin hatte beschlossen, ehe sie daran ging sich einen neuen Wirkungskreis zu schaffen, einige alte Verwandte zu besuchen, die ihr im heimatlichen Städtchen noch lebten. Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der Spitze ihres großen Ruhmes, ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse. Der Nimbus, den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh, umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze, und imponierte besonders denen unter ihren Mitbürgern, die sich für eingefleischte Demokraten hielten.

Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft – und etwa drei Vierteljahre nach Frau Heißensteins Tode – begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn und die gebildetste Tochter der Stadt.

Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus, die man, so geschmackvoll gewählt, noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der städtischen Anlagen. Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen Beziehungen, in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten gestanden. Ihr größtes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge, die dem «alleinstehenden Witwer» aus dem Dasein einer Tochter erwuchs.

«O Herr Heißenstein, welche Aufgabe für Sie, dieses Dasein! Eine Aufgabe, deshalb so groß für einen Mann, weil sie eigentlich zu klein für ihn ist. Wie soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden, das alles ist, Herr Heißenstein, al-les

Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht, das zusammengeballt schien aus der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen, empfahl sich mit bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmäßigen kleinen Schritten, daß es war, als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin.

Herr Heißenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte: «Das erziehliche Moment, ja ja – das erziehliche Moment!» Er wußte freilich nicht, was sie darunter gemeint hatte, aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein, und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen Frauenzimmer, das solche Ausdrücke mir nichts, dir nichts gebrauchte, wie gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen.

Er sah sie wieder, er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten. Die Ehrfurcht, welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde, und die demütige Liebenswürdigkeit, mit der die Verehrte ihn behandelte, taten seinem stolzen Herzen wohl. Er gewann die Überzeugung, daß er sich im Notfalle an Nannettens spitzes Gesicht würde gewöhnen können. Leicht wurde ihm der Entschluß, sich ein zweites Mal zu verheiraten, nicht, aber er faßte ihn doch, dem Hause, dem anzuhoffenden Erben zu Ehren, dessen Mutter zu werden die über alles Lob erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien.

Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an, und sie legte ihr Pfötchen mit einer Eile hinein, die ihn fast bestürzt machte ob seines raschen Glückes. Sein Wort war kaum verpfändet, als er sich von der Ahnung ergriffen fühlte, er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer gebracht. Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung; es war ein unseliger Ehebund, den Herr Leopold mit Frau Heißenstein II. schloß. Der Mann, starr, unbeugsam, von dem Glauben an sich selbst durchdrungen; die Frau, von dem Teufel der Hofmeisterei besessen, hätte leichter auf das Atemholen als auf das Spenden guter Lehren verzichtet. Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten, seine Art zu gehen, zu grüßen, zu sprechen, zu essen, einer beständigen Kritik, und suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das gründlichste zu reformieren.

Der erstaunte Herr Heißenstein ließ sich dies alles eine Zeitlang ruhig gefallen, er begriff nach und nach, was sie damals gemeint haben mochte, als sie von dem «erziehlichen Momente» sprach, das «alles» sei.

Er schwieg lange, plötzlich jedoch fuhr er empor, und war im Zorne so fürchterlich, daß Frau Nannette sich von dem Schrecken, den er ihr in diesem Augenblicke einflößte, nie mehr ganz erholte. Er erklärte, er sei, ohne jemals «erzogen» worden zu sein, zu Vermögen, Ansehen und hohen Jahren gekommen. Er denke nicht daran, jetzt nachzuholen, was er, ohne den geringsten Schaden davon zu verspüren, in seiner Jugend versäumt habe. Der Mensch lebe nicht, dem zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten, möge sie gut oder übel sein, aufgeben wolle. Er wies sie übrigens an, ihre Erziehungskünste an seiner Tochter zu üben, dazu habe er die Gouvernante geheiratet, dazu sei sie da.

Dieser Befehl gehörte freilich zu der großen Menge derer, die leichter gegeben als befolgt werden. In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie ihr Herr Papa, sich einem fremden Willen zu unterwerfen. Das Kind, heimlich von Bozena unterstützt, leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin, daß Frau Nannette gestand, es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und Nihilisten, die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte, es gäbe Kinder, deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten, von pädagogischen Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmethoden sich ohnmächtig erwiesen.

Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heißensteins Bemühungen, doch wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen. Waren Herr Leopold und seine Tochter naive Gegner, die sich nur kräftig wehrten, wenn sie angegriffen wurden, so galt es bei Bozena auf der Hut zu sein vor einer stets kampfbereiten, hartnäckigen Plänklerin, die auf jede Gelegenheit lauerte, die Feindseligkeiten selbst zu eröffnen. Frau Nannette war in allem, was die Leitung eines Hauswesens betrifft, unerfahren wie ein Säugling, und es gab für Bozena Veranlassungen genug, ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, ob sie nun genau das Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte, oder eine ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam bloßstellte.

So hatte sich die Existenz Frau Heißensteins II. recht bedauerlich gestaltet, und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu, um doch, wie sie es tat, vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an ihre ehemaligen Zöglinge regelmäßig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden, in denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von «Gesang der Sphären in Haus und Gemüt» die Rede war.

Endlich jedoch trat ein Umstand ein, der die Stellung Dame Nannettens in dem alten Heißensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte.

Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung, daß Herr Leopold seine Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann. Dinge, die bisher für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten, ihre Stimmung und ihr Befinden schienen ihm wichtig geworden. «Wie geht’s der Frau?» fragte er beim Kommen: «Gebt acht auf die Frau» , sagte er beim Gehen. Nur an seinem Arme durfte sie das Haus verlassen. Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette, er nannte sie «seine liebwerte Oberhofmeisterin» und «seine alte graue Maus» ; er empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der Gebieterin und Mutter gegenüber, und drohte, jeden Widerstandsversuch auf das unbarmherzigste zu bestrafen.

Bozena rang mit der Verzweiflung; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind. Die Anzahl der Koch- und Speisegeschirre, die damals im Heißensteinschen Hause in Trümmer verwandelt wurden, erreichte eine erstaunliche Höhe. Es versteht sich von selbst, daß ein rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre, seine glühende Lava still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen, als Bozena, den Ausbruch ihres gärenden Grolls zu unterdrücken.

Nicht lange und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine Magd, die erste zornesblaß, die zweite zornesrot, in einem Wortwechsel begriffen, der nur seines Sängers bedurft hätte, um unsterblich zu werden wie jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms, oder wie jener der gekrönten Schwestern im Parke zu Fotheringhay.

Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen ingrimmigen auf die kecke Dienerin.

«Was unterstehst du dich?!» rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener Hand entgegen. Sie aber, hochaufgerichtet, den Kopf zurückgeworfen, die Arme in die Seiten gestemmt, stand wie ein Fels. Herausfordernd blickte sie ihren Herrn an, dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm, und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde, in kurze Sätze zusammengefaßte und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu.

Jeder Versuch, den der Kaufmann machte, Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt zu tun, verlieh derselben nur einen höheren Schwung, der Zorn der Riesin wuchs, indem er tobte wie die flammende Lohe vom selbsterzeugten Sturme angefacht.

Endlich raffte Heißenstein alle seine Kraft zusammen: «Hinaus, Kanaille! Aus dem Zimmer – aus dem Hause – du bist entlassen! » schrie er, bei jedem Satze neu Atem holend.

Ein wildes Gelächter antwortete ihm.

«Entlassen?!» wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne: «Nicht entlassen! … Oh – ich gehe selbst! Und gehe heut und gehe gleich!»

Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten hervor und verkündigte jubelnd, was sie nicht aussprachen: ich gehe, und das Behagen, die Ordnung, die Wohlfahrt des Hauses nehm ich mit!

Von vorahnender Wollust der Rache berauscht, stürmte Bozena dem Ausgange zu. Sie hatte schon die Schwelle betreten, schon die Klinke erfaßt, als sie sich plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte. Ohne sich umzusehen, versuchte sie von sich zu schieben, was sie hinderte in ihrer triumphierenden Flucht. Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken, da lag ihre Hand auf dem Haupt eines Kindes. Schmerzdurchzuckt, als hätte sie ein glühendes Eisen berührt, fuhr sie zusammen. Ein Laut, nicht Schrei, nicht Schluchzen, ein qualerpreßtes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin.

«Fort du Range!» rief sie dann, und die mächtig erwachte, zornig bekämpfte Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren, unheimlichen Klang. Aber der hartgewöhnte Zögling Bozenas ließ sich so leicht nicht einschüchtern. Nur heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne Aufhören und in allen Tonarten: «Bleib! Bleib doch! Bleib bei mir!»

Und Bozena, wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson, biß die Lippen und rang die Hände. Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband, der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte; gegen das undankbare Geschöpf, das sich an ihr Kleid hängte und sagte: «Bleib!» anstatt zu sagen: «Geh, befreie dich!» Oh, sie gibt nicht nach, die Rosa. Aber die Bozena noch weniger, das ist gewiß; sie reißt sich los, sie geht, ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding zu werfen. – Täte sie’s, – wer weiß, was noch geschähe? Sie tut es nicht! Sie will nicht! … Und indem sie sagt: ich will nicht – ist es geschehen.

Du grundgütiger Gott! Da steht das Kind vor ihr im Nachthemdchen mit ganz zerzausten Haaren, in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke liegt, und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich, das Bozena auf dem letzten Jahrmarkte gekauft hat. – Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen, um ihr nachzueilen, und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen nackten Füßen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd: «Wer gibt mir heut mein Frühstück? Wer kleidet mich heut an?»

Nun war’s vorbei mit Bozenas Herrlichkeit.

«Wer heut? Wer morgen? Wer je?» ruft sie mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klage, – ihr Zorn, ihr Trotz, ihre Stärke – alles dahin! Sie hebt den Schützling empor und preßt ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust. Ein letzter Kampf und die Gewaltige beugte sich, das Kind immer in den Armen, vor der Herrin, die sie verabscheute, beinahe bis zur Erde. Zum erstenmal im Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde: «Verzeihen Sie mir, Frau, verzeihen Sie mir, Herr! – Behalten Sie mich!» bettelte demütig, die sich unentbehrlich und unersetzlich wußte.

Und man behielt sie. Aber Bozena mußte das Eingeständnis, daß sie sich vom Hause Heißenstein nicht trennen konnte, teuer bezahlen. «Macht besitzen, und nicht mißbrauchen ist Tugend.» – Frau Nannette besaß diese Tugend nicht. Sie ersparte der überwundenen Löwin keinen Fußtritt und keinen Nadelstich. Ihre kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Größe ertragen. Einmal zum Bewußtsein gekommen, daß sie in unzerreißbaren Fesseln lag, nahm sie die Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin. Nur sehr scharfsichtige Augen merkten, daß sie leide. Ein alter Kommis des Kaufherrn, der Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen genoß, welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete, fragte sie um diese Zeit: «Wie leben Sie?» Und sie antwortete ohne Anmut, aber mit Kraft: «Wie soll ich leben? Ich fresse Galle und saufe Tränen.»

Es kam der Tag, an dem Herr Heißenstein der Magd befahl, die Wiege vom Bodenraum herabzuholen. Bozena gehorchte schweigend, aber nachts stand sie auf, trat an das Bettchen, in dem ihr Liebling schlief und jammerte: «O du armer Wurm! Du armer Wurm du!»

Und ein andrer Tag kam, an dem Herr Heißenstein, steif wie eine Bildsäule, im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen Augen auf den großen Platz hinausstarrte. Trotz der äußeren Bewegungslosigkeit war sein ganzes Wesen im Aufruhr, er murmelte unverständliche Worte vor sich hin, und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der größten Spannung. Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle saß Rosa. Sie hatte mehrmals versucht, sich leise aus dem Zimmer zu schleichen, und war daran ebenso oft durch ein gebieterisches «Du bleibst!», das ihr der Vater zurief, verhindert worden. Sie begann sich zu fürchten vor ihm, vor der Stille, vor der hereinbrechenden Dunkelheit; sie regte sich nicht mehr, sie zählte, um sich die Angst zu vertreiben, die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten, erst stumm, dann halbflüsternd, endlich halblaut singend nach einer selbsterfundenen Melodie.

Da wurde ein Geräusch vernehmbar, die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle stand Bozena, ein Licht in der Hand, das ihre Züge grell beleuchtete. Ein sonderbares Gemisch von Empfindungen, von Freude und Sorge drückte sich in ihnen aus. Heißenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den großen Speisetisch, auf den er seine beiden flachen Hände legte. Die Knie zitterten ihm und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust.

Bozena rief: «Kommen Sie, Herr! kommen Sie!»

Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden, erwartungsvollen Blicken an, und keuchte endlich, ohne seine Stellung zu verändern: «Es ist ein Sohn – rede! – Es ist ein Sohn!»

«Was – Sohn!» erwiderte Bozena – «Sie sollen kommen, der Frau geht es schlecht.»

Heißenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch müden Schritten auf die Magd zu.

«Aber das Kind…» , rief er, «das Kind ist da – lebt?»

«Ist da – – lebt» , wiederholte sie.

«Ist ein Knabe?!» setzte er hinzu, fast schreiend in bangender Qual.

«Ist ein Mädchen», sagte Bozena. Sie sagte es ruhig und beschwichtigend. Er jedoch außer sich, sinnverwirrt, meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme klingen zu hören. Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der unwillkommenen Botschaft los, stieß sie vor die Brust, daß sie taumelte, und ging – nicht zu seiner schwer kranken Frau, nicht zu dem neugeborenen Kinde, sondern zurück in sein Gemach, dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte.

Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie betäubt; der Leuchter entsank ihr. Aber schon in der nächsten Minute hatte sie sich aufgerafft. Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und streckte ihrer kleinen Rosa, die auf sie zuflog, die Arme entgegen. Sie hob ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend: «Er hat keinen Sohn – er wird keine Tochter haben als dich – du bleibst die einzige … Die dort – sterben!» – flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr, – «du lebst, du wirst leben – und schön und reich und glücklich sein!»