Kapitel 15


Kapitel 15

 

Um Mitternacht wanderte Pavel nach Hause. Es war kalt und sternenhell. In der Nähe der Kirche begegnete er dem Nachtwächter Much, der ihn mit einer gewissen scheuen Verbindlichkeit grüßte und zu ihm sagte: »Unsere Hunde haben just einen fremden Hund erbissen. Verfluchtes Vieh; hat sich gerauft wie der Teufel.«

Auch einer gegen eine ganze Menge, dachte Pavel, und als er beim großen Ziehbrunnen anlangte und über ein Ding stolperte, das auf dem Boden lag, freute er sich, als er es unter seinem Fußtritt wimmern hörte. Er zog den Hund aus der Blutlache, in der er lag, schöpfte Wasser und schüttete den vollen Eimer über ihn aus. Soviel er in der Dunkelheit wahrnehmen konnte, war der unvorsichtige Eindringling übel zugerichtet. Grausam hatte sich an ihm der tierische Patriotismus bewährt, dem der blinde Zug zum Einheimischen blinden Haß gegen das Fremde bedeutet.

Der Hund gab kein Zeichen des Lebens mehr. Pavel ließ ihn liegen und setzte seinen Weg fort. Bald jedoch bemerkte er, daß das Tier ihm nachkroch, mühselig den Berg hinauf; er wehrte ihm nicht, ließ sich seine Begleitung gefallen, und daheim angelangt, pflegte er es trotz des Abscheus und Ekels, den seine außergewöhnliche Häßlichkeit und seine klaffenden Wunden ihm einflößten.

Am nächsten Tage ging er wie an jedem andern Wintertag hinüber in die Fabrik. Die Arbeit kam ihn heute schwer an; in seinem Kopfe war es schwül, und der ganze Körper schmerzte. Bei der Heimkehr am Abend erwartete er eine Vorladung zum Bürgermeister zu finden; sie war nicht da und kam auch später nicht.

In der nächsten Zeit, sooft er an einem seiner Feinde vorbeikam, machte er sich auf einen Angriff gefaßt und bereit zur Gegenwehr. Aber jedesmal umsonst. Niemand schien Lust zu haben, mit ihm anzubinden. Fürchteten sie ihn? Sie alle zusammen ihn allein; waren sie so feig? Oder gedachten sie nur, ihn sicher zu machen, und warteten auf eine Gelegenheit, sich zu rächen – waren sie so schlecht und tückisch? Jedenfalls wollte er keinen Augenblick unterlassen, auf seiner Hut zu sein, nie vergessen, daß er unter lauter Gläubigern wandelte, die eine böse Schuld bei ihm einzukassieren hatten. Indessen verging der Winter, ohne daß es zum Ausbruch von Feindseligkeiten gegen ihn gekommen war. Er konnte unangefochten in seiner Hütte hausen – der Anblick derselben, der so lange und soviel Mißgunst erweckt hatte, ließ die Leute jetzt gleichgültig. Im stillen staunte sogar mancher über den Hauch von Wohlhabenheit, der sich allmählich über die kleine Ansiedelung breitete.

Pavel hatte sein Haus ringsum mit einem Zaun aus kreuzweis gesteckten Weidenruten umgeben, hinter dem er Gemüse zog. Alles gedieh, dank seinem unermüdlichen, eigensinnigen, seinem eisernen Fleiße. Das Fichtenbäumchen, das einzige, das den Angriffen der Übelwollenden widerstanden, hatte es glücklich bis zum Soldatenmaße gebracht; es guckte mit dem Wipfel in das Fenster an der Seite der Hütte hinein. Ein stämmiges Ding von einem Bäumchen, mit breiten Pisten, die es trotzig von sich streckte, und das sich, so jung es war, schon einen weißen Moosbart angeschafft hatte. Das ganze Anwesen, die Hütte mit ihrem schiefen Dach, der Fichtenbaum daneben, der Zaun davor, nahm sich aus wie ein Bildchen, das Kinder entwerfen bei ihren ersten Versuchen in der Zeichenkunst. Auf der Schwelle, unter welcher der Stein eingegraben war, der Pavel immer mahnen sollte an Haß und Verachtung gegen seine Mitmenschen, lag sein neuer Hausgenosse, sein bissiger Hund, den er in unbewußtem Humor l’amour genannt. – L’amour, nach Pavels Orthographie: Lamur, hatte die Größe eines Hühner- und den Knochenbau eines Fleischerhundes; seine breite Nase war von Natur aus gespalten, was ihm etwas sehr Unheimliches gab; beim geringsten Anlaß bleckte er die Zähne und sträubte sein kurzes schwarzes Haar. Ein bitterer Groll gegen alles Lebendige schien unablässig in seiner Seele zu gären. Nie ließ er sich in eine Liebesaffäre ein; Hund oder Hündin waren ihm gleich verhaßt, und er wußte sich beiden Geschlechtern gleich fürchterlich zu machen. Nur eine tiefe, stille, an Äußerungen arme Anhänglichkeit kannte er, die an seinen Herrn. Stundenlang saß er vor dem Hause, ohne den Blick von dem Wege zu wenden, auf dem Pavel kommen mußte. Wurde er seiner endlich gewahr, so verrieten höchstens einige Freudenschauer, die ihm über die Haut liefen, und ein kümmerliches Wedeln des kurzen Schwanzes etwas von den Gefühlen seines Innern. So wenig Zärtlichkeiten Lamur spendete, so wenig wurden ihm zuteil; aber sein Futter erhielt er gleich nach der Heimkehr seines Herrn, und bevor dieser noch einen Bissen zu sich genommen hatte.

Aus der ungetrübten Gemütsruhe, in welcher Pavel seit einigen Monaten dahinlebte, wurde er durch die Ankunft eines Briefes seiner Mutter gerissen. Noch hatte er ihr letztes Schreiben nicht beantwortet, und nun kam dieses nach fast einjähriger Pause und enthielt weder eine Klage noch einen Vorwurf; es wiederholte nur die Bitten, von denen schon das frühere erfüllt gewesen, Bitten um Nachrichten von den Kindern, und schloß ebenfalls wie jenes und wie alle seine Vorgänger mit den Worten: »Mir geht es soweit gut.« Dann folgte die Unterschrift und endlich eine Mitteilung, die von der Schreiberin bis zuletzt aufgespart und dann an den äußersten Rand des Papieres verwiesen worden, wo sie wie zagend und verschämt stand. »Heut über vierzehn Monat is meine Strafzeit aus.«

Das war am Abend des 6. März.

Pavel rechnete an seinen Fingern. Im Mai des nächsten Jahres wird sie also kommen, um mit ihm zu hausen, die Mutter. Die Mutter, die Genossin eines Raubmörders, die vor Gericht gegen die furchtbare Anklage, die Teilnehmerin seines Verbrechens gewesen zu sein, keine Silbe, keinen Laut der Einwendung gefunden hat, nicht geleugnet hat – nie! … Plötzlich erwachte in ihm der Gedanke: Wie ich! … Auch er hatte vor Gericht nicht geleugnet, auch er sich nicht entschuldigt. Weil er nicht gekonnt hätte? Nein – weil er nicht gewollt. Vielleicht – unaussprechlich tröstend, sein ganzes Inneres erhellend, überkam es ihn: Vielleicht hätte auch sie gekonnt und hat es nicht gewollt.

Noch am selben Tage schrieb er an seine Mutter; aber er schämte sich, ihr einzugestehen, daß er von Milada nichts wisse, und beschloß, seinen Brief erst abzuschicken, wenn er sich die Möglichkeit verschafft haben würde, darin Kunde von seiner Schwester zu geben, sollte es auch nur die kurze, karge sein: Milada ist gesund; sie läßt Euch grüßen.

Der grauende Morgen fand ihn auf der Wanderung nach der Stadt, und so früh kam er vor der Klosterpforte an, daß er lange nicht wagte zu schellen.

Er lehnte sich an die Mauer des großen Hauses, dessen Dach das Liebste barg, das er auf Erden besaß. Das einzige ihm Nahestehende, ihm Teuere, das rein und unentweiht geblieben war; das einzige, an dem sein ganzes Herz hing – die Schwester, die sich freiwillig von ihm abgewendet hatte.

Die Glocken der Klosterkirche läuteten zur Messe, feierliche Orgeltöne erklangen, und ein Gesang erhob sich so hell, so weich wie die leise bewegte Luft, die ihn auf betenden Schwingen herübertrug aus der Ferne… Aus einem irdischen Himmel, dachte Pavel – aus einem Reich der Seligen und Friedfertigen, zu hoch, zu hehr, um von der Sehnsucht eines makelvollen Erdenkindes auch nur erreicht zu werden, zu hoch, zu hehr, um ihm anderes einzuflößen als Ehrfurcht und Anbetung.

Allmählich hatte sich um Pavel eine kleine Versammlung von alten Leuten und Kindern gebildet, ständigen Kostgängern des Klosters, die auf Einlaß warteten. Als er ihnen gewährt wurde, schloß sich Pavel als der letzte ihrem Zuge an. Die Pförtnerin wies die Armen an einen Tisch, auf dem ein Frühmahl für sie bereitstand, und richtete an Pavel, der am Eingang stehengeblieben war und sich nicht rührte, die Frage: »Was wollen Sie?«

Und er, obwohl ihm war, als würde er an der Gurgel gefaßt und gewürgt, brachte doch die Worte heraus: »Ich heiße Pavel Holub.«

Eine dunkle Röte überflog das strenge Gesicht der Pförtnerin. »Ach ja«, sagte sie; die unangenehme Erinnerung an Pavels ersten Besuch dämmerte in ihr auf.

»Ich bin«, nahm er wieder das Wort, »der Bruder der kleinen Milada.«

»Ach ja, ach ja – und Sie möchten Ihre Schwester sehen?« setzte sie überstürzt hinzu.

Nein, zu einer so kühnen Hoffnung hatte er sich nicht verstiegen; erst bei dieser Frage flammte sie in ihm auf und trieb ihm schwindelnd das Blut zu Kopf. »Ob ich möchte?« stammelte er, »freilich – und wie!«

Die Pförtnerin wurde der begangenen Übereilung inne und sagte verlegen: »Es ist aber kein Einlaß zu dieser Stunde; es ist heute überhaupt kein Einlaß und… Aber da ist Mutter Afra«, unterbrach sie sich »… warten Sie ein wenig.«

Sie ging einer alten Klosterfrau entgegen, welche, gefolgt von zwei Laienschwestern, die in die Halle führende Treppe heruntergeschritten kam. Pavel erkannte sie sogleich; es war das Fräulein Ökonomin, das einst ein so wichtiges Wort gesprochen hatte in der Sache, an der ihm damals sein ganzes Heil zu hängen schien. Die Pförtnerin sprach leise zu ihr, und Pavel konnte nicht zweifeln, daß von ihm die Rede war; denn Fräulein Afra hatte, während sie schweigend zuhörte, den Blick wiederholt und mit großer Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.

Nun winkte sie ihn heran, fragte melancholisch lächelnd, ob er wirklich Pavel Holub sei, und sagte, als er es bejahte: »Schwer zu glauben, so sehr haben Sie sich verändert. Und was bringen Sie uns Gutes?«

Rasch, wie sie entstanden, war Pavels Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Schwester erloschen, und er wagte nicht einmal zu gestehen, daß er sie gehegt hatte. Einer Stube voll roher, halb betrunkener Gesellen hatte er den Meister gezeigt; diese alte Frau in ihrer heiteren Würde, mit der milden Freundlichkeit in den leidverklärten lügen, schüchterte ihn ein. Unterdrückten und bewegten Tones antwortete er: »Ich bring einen Gruß von der Mutter an meine Schwester Milada und möchte auch fragen…« seine Stimme wurde beinahe unhörbar, »wie es meiner Schwester geht?«

»Die Frage können wir beantworten, nicht wahr, Schwester Cornelia?« wandte Fräulein Afra sich an die Pförtnerin. »Ihre Schwester ist gesund an Leib und Seele, dem Himmel sei Dank, der sie geschaffen hat zu unserer Freude und Erbauung. Was den Gruß betrifft, da müssen wir erst Erlaubnis einholen, ihn zu bestellen, nicht wahr, Schwester Cornelia?« Ihr Auge ruhte wohlwollend auf Pavel, während er, immer noch schwer beklommen, sagte: »Ich möchte auch gern der Mutter schreiben, daß die Schwester sie grüßen läßt.«

»Ja so«, versetzte Afra, »nun, auch das kann bestellt werden – nicht wahr, Schwester Cornelia? Nur ein wenig gedulden müssen Sie sich. Haben Sie Zeit, sich zu gedulden?« setzte sie scherzend hinzu, nickte mit dem Kopf und schritt weiter an Pavel vorbei, der sich ungeschickt, aber tief vor ihr verbeugte.

Er wurde von der Pförtnerin in dasselbe Zimmer geführt, in dem er als kleiner Junge so unvergeßliche Stunden der peinlichsten Erwartung durchlebt hatte.

Nichts verändert in dem traurigen Raume, jeder Sessel an der alten Stelle, an der Mauer derselbe feuchte Fleck. Nur die Aussicht aus den vergitterten Fenstern bot heute ein freundliches Bild, denn die damals halb entblätterten Obstbäume prangten jetzt im Frühlingsschmuck weißer und rosiger Blüten. Am Ende des Rasenplatzes, vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflügel des Hauses, trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzöglingen herum. Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannten im Wettlauf auf die Novize zu, der die Aufsicht über sie anvertraut war. Und was hatte diese nur zu tun, um sich der Liebkosungen des anstürmenden Schwarms zu erwehren! Und wie gütig tat sie’s und wie ernst; wie verstand sie, die Wildfänge zu bändigen und die Schüchternen aufzumuntern, Tadel und Lob zu verteilen, Zärtlichkeit zu spenden und Strenge walten zu lassen nach Verdienst und Gebühr! Pavels Augen hingen unverwandt an ihrer holden, gertenschlanken Gestalt. Ihre Züge genau zu unterscheiden, vermochte er nicht; doch bildete er sich ein, das Wesen des jungen Mädchens mahne an das Miladas. So – ungefähr so mochte sie jetzt aussehen, die kleine Milada… Nur nicht so groß konnte sie geworden sein; das schien ihm unmöglich; unmöglich auch, daß sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage.

Ein Glockenzeichen erscholl; die Novize nahm das kleinste Mädchen auf den Arm; die andern liefen vor ihr oder neben ihr her – einen Augenblick, und alle verschwanden im Hause.

Pavel trat vom Fenster zurück. Er war durch die Worte des Fräuleins Afra auf ein langes Warten vorbereitet gewesen und nun sehr überrascht, als sich schon nach wenigen Minuten die Tür in ihren Angeln drehte. Auf der Schwelle erschien, in gewohnter edler Ruhe, unverändert durch die an ihr hingegangenen Jahre, die Oberin. Sie führte ein junges Mädchen an der Hand, ein hohes, schlankes, dasselbe, dessen stilles Walten Pavel gesehen, dasselbe, das ihn an seine Schwester gemahnt hatte – Milada im Novizenkleide.

Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem, grenzenlos wehmütigem Staunen; über ihre Lippen kam bei seinem Anblick ein Ausruf des Entzückens; die Blässe ihres zarten Gesichts wurde noch durchsichtiger, noch farbloser.

»Pavel, lieber, lieber Pavel!« sprach sie; aber sie riß sich nicht los von der führenden Hand; sie stand still und sah ihn mit großen, glückstrahlenden Augen an.

Auch er stand still. Mächtiger als der Wunsch, auf sie zuzustürzen und sie an seine Brust zu ziehen, war die ehrerbietige Scheu, die ihn ergriffen hatte und ihn gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte, die Nahe – unnahbar machte.

Beklommen schwieg er; in seinem Kopf jagten sich die Gedanken: Diese junge Heilige, war das seine Schwester? … Durfte er sie noch so nennen? – War sie’s, die er tausendmal in seinen Armen gehalten, geküßt, geherzt hatte- manchmal auch geschlagen? – War sie’s, deren Geschrei »Hunger, Pavlicek, Hunger!« ihn zum Diebstahl verleitet hatte, wie oft, wie oft! – War sie’s, deren Füßchen er verbunden, wenn sie sich wundgelaufen bei den Wanderungen von Ort zu Ort, hinter dem Vater und der Mutter her? … War sie’s?

Die Oberin weidete sich an der Überraschung der Geschwister. »Nun«, sagte sie, sich freundlich zu Milada wendend, »wer hat denn einst in kindischem Vorwitz gesagt: Ich sehe dich nie mehr; sie werden mir nie mehr erlauben, dich zu sehen? … Und jetzt ist er da, dein Bruder. Begrüßt euch, gebt euch die Hände.«

Die Aufforderung mußte wiederholt werden, bevor Pavel und Milada ihr nachzukommen wagten, und dann, als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen hielt, beängstigte ihn ihr Glühen und das Jagen der Pulse, die an seine Finger klopften. In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale Hand, aber nicht die weiche Hand einer Müßiggängerin, sondern eine mit der Arbeit vertraute. So hatte man die zarte Pilgerin auf dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen Mühsal der Erde…

Ein, als der Lehrer es zu ihm gesprochen, halb verstandenes Wort tauchte im Gedächtnis Pavels auf: »Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen!« – Sein Herz schnürte sich zusammen, er erhob die Augen von der Hand Miladas zu ihrem Angesicht: »Eine Nonne also, eine Nonne –« sagte er.

Die Oberin erwiderte: »Noch nicht; über ein kleines jedoch wird sie zu denen gehören, die mit unserem göttlichen Erlöser sprechen: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?«

Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem Traum: »Die Mutter läßt dich grüßen«, sagte er; »es geht ihr gut. Sie möchte auch gern wissen, wie es dir geht. Was soll ich ihr schreiben?«

»Schreibe ihr«, antwortete Milada, unterbrach sich jedoch und richtete einen um Erlaubnis bittenden Blick auf die Oberin. Erst als diese zustimmend genickt, begann sie wieder: »Schreibe ihr, daß mein ganzes Leben nichts ist als ein einziges Gebet für sie und – noch für einen, unseren armen, unglücklichen Vater…« ihre Stimme hatte sich gesenkt, nun erhob sie sich freudigen Klanges – »und auch für dich, lieber, lieber Pavel.«

Pavel murmelte etwas Unverständliches, seine Augen begannen unerträglich zu brennen; plötzlich ließ er Miladas Hand aus der seinen gleiten und trat einen Schritt zurück.

Sie fuhr fort: »Der Allbarmherzige hat mich erhört, er hat dich gut werden lassen… nicht wahr? Sprich, lieber Pavel, sag ja, du darfst es sagen – es ist ja ein Werk seiner Gnade. Sag, ich bitte dich, daß du gut und brav geworden bist… Pavel, Lieber, bist du gut und brav?«

Er senkte den Kopf, gepeinigt durch ihr Flehen, und sprach: »Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht?« fragte Milada, und als er schwieg, rief sie mit aufsteigender Besorgnis die Oberin an: »Er weiß es nicht – ehrwürdige Mutter, wie kann das sein?«

Die Oberin sah Bangigkeit und Unruhe sich in den Zügen der Novize malen, sah ihre bleichen Wangen sich mit immer dunkler werdender Röte färben und versetzte beschwichtigend: »Es kann wohl sein. Er hat dir eine schöne Antwort gegeben, die des Bescheidenen, der seinen Wert nicht kennt. Wir kennen ihn; wir wissen von den Fortschritten, die dein Bruder auf dem Wege des Heiles macht. Darum auch durfte er seinen Auftrag selbst bestellen und den deinen selbst einholen. Es ist geschehen, und nun, liebe Kinder, sagt euch Lebewohl.«

Pavel seufzte tief auf: »Jetzt schon?« und zugleich und mit derselben Bestürzung drangen aus Miladas Mund dieselben Worte. Aber nur ein kurzer Kampf, und dem unwillkürlichen Schrei des Herzens folgte der Ausdruck der Ergebung in fremden Willen, und sie sprach: »Lebe wohl, Pavel.«

Ihr frommer Gehorsam wurde belohnt, die Oberin lächelte gütig: »Du kannst auch sagen, auf Wiedersehen.«

»Bei meiner Einkleidung«, fiel Milada begeistert ein, »zu meiner Einkleidung wirst du kommen, das darf man… Nicht wahr, ehrwürdige Mutter, man darf – er darf… und ich«, setzte sie nach kurzem Besinnen demütig hinzu, »darf ich noch eine Frage an ihn stellen?«

»Frage!«

Milada, die schon im Begriffe gewesen, der Oberin zu folgen, wandte sich wieder Pavel zu: »Lieber, hast du allen verziehen, die dir Böses getan haben?«

Er sah die gespannte, bebende Erwartung, mit der sie seiner Antwort lauschte, er prüfte sein Herz und sagte: »Einigen schon.«

»Du mußt aber allen verzeihen; sie sind ja Werkzeuge Gottes, die dich zu ihm führen durch Prüfungen. Verzeih ihnen, liebe sie, versprich es mir.«

Sie beschwor ihn mit einem Ungestüm, der an die Milada früherer Tage gemahnte. »Versprich’s, mein Pavel. Wenn du es nicht tust, muß ich leiden«, klagte sie, »es ist ein Zeichen, daß ich noch nicht genug getan, gebetet, gebüßt habe.«

»Ich versprech es!« rief er überwältigt und streckte seine Arme nach ihr aus.

»Dank«, hörte er sie noch sagen. »Dank, lieber, lieber Pavel«, und alles war vorbei, die Lichterscheinung entglitten. Die Oberin hatte Milada mit sich fortgezogen, er war allein.

Bald darauf öffnete die Pförtnerin die Tür und blieb an derselben stehen, die Klinke in der Hand. Pavel leistete ihrer stummen Aufforderung Folge, er trat in die Halle, er trat ins Freie.

Kapitel 16


Kapitel 16

 

Pavel schritt langsam über den Platz, der ihm einst einen so großartigen Eindruck gemacht und für dessen Herrlichkeiten er heute keinen Blick hatte. Das Glücksgefühl über das unerwartete Wiedersehen mit Milada zitterte noch eine Weile in ihm nach, wich aber bald einer jede andere verdrängenden Empfindung qualvoller Besorgnis und füllte seine Seele mit Leid und mit Reue.

Er hätte sich nicht fortweisen lassen dürfen, wie er es in feiger Schüchternheit getan, er hätte bleiben und der Frau Oberin sagen sollen: Mir bangt um meine Schwester; sehen Sie nicht, daß sie sich verzehrt in Arbeit, Gebet und Buße? Das wäre seine Pflicht gewesen, wohl auch sein Recht. – Der Gedanke einmal gefaßt, und sogleich ward er auch zum Entschluß. Pavel kehrte nach dem Kloster zurück und zog an der Glocke.

Die Tür öffnete sich nicht, aber an einem in derselben angebrachten kleinen Gitter wurde ein Auge sichtbar; die Pförtnerin fragte nach dem Begehr des Schellenden, und auf Pavels Antwort kam der Bescheid, die Frau Oberin sei nicht zu sprechen. Die Klappe hinter dem Gitter schloß sich.

Was tun? Pochen, stürmen, den Einlaß erzwingen, auf die Gefahr hin, den Unwillen der frommen Frau auf sich zu laden? … Und wenn dies geschah – wer würde für Pavels Vergehen büßen, mehr büßen wollen als müssen? – Milada. Er wußte es wohl und trat von neuem seine Wanderung an.

Am Ende der Stadt, in unmittelbarer Nähe der Brücke, stand ein Einkehrhaus und davor eine breitästige Linde, die ein paar mit den dünnen Füßen in die Erde eingelassene Tische und Bänke beschattete. Pavel nahm auf einer der letzteren Platz; er war hungrig und durstig und rief nach Bier und Brot. Aber als das Verlangte ihm gebracht ward, vergaß er zu essen und zu trinken.

Im Hofe des Gasthauses ging es lebhaft zu. Ein Stellwagen war angekommen und hatte einige Reisende abgesetzt, von denen sich zwei in lebhaftem Streit mit dem Kutscher wegen des von ihm geforderten Trinkgeldes befanden. Eine alte Frau vermißte ein Bagagestück und durchstöberte, zum Verdruß der anderen Fahrgäste, den kleinen Berg von Mantelsäcken und Bündeln, der unter dem Türbogen zusammengetragen worden war.

Diesen Vorgängen schenkte Pavel anfangs nur eine flüchtige Aufmerksamkeit; aber sie wurde sehr rege, als ihm plötzlich ein Kofferchen, ein Pelz und ein Knotenstock auffielen, die er neben dem Eckstein auf der Erde liegen sah. Das waren ja drei alte Bekannte! … … besonders der Stock; der hatte ihm einmal recht lustig auf dem Rücken getanzt.

Ohne sich zu besinnen, rief er laut: »Herr Lehrer, Herr Lehrer! sind Sie da?« sprang auf und wollte ins Haus stürzen… da trat ihm Habrecht schon mit ausgebreiteten Armen entgegen.

»Alle guten Geister! Pavel, lieber Mensch…«

»Woher? Wohin?« fragte der Bursche.

»Wohin? Zu dir; dich wollte ich besuchen und treffe dich auf meinem Wege. Ein glücklicher Zufall, ein gutes Omen!«

»Sie haben mich besuchen wollen – das ist schön, Herr Lehrer.«

»Schön? I, warum nicht gar… Aber sag mir nicht: ›Herr Lehrer‹ – ich bin kein Lehrer mehr… das ist alles vorbei. Ich bin ein Jünger geworden, und« – er spitzte die Lippen und sog die Luft mit tiefem Behagen ein, als ob er von etwas Köstlichem spräche, »und ein neues Leben beginnt.«

Pavel war erstaunt; das neue Leben, hatte er gemeint, habe längst begonnen.

»War nichts, ist durchaus mißraten«, erwiderte Habrecht kopfschüttelnd, »sollst hören wie. Komm ins Haus; unter der Linde – ein schöner Baum… werde mich vielleicht sehr bald nach dem Anblick einer solchen Linde sehnen – ist’s mir zu frisch… Komm, lieber Mensch, ich habe viel für dich auf dem Herzen und will auch viel von dir hören, ehe wir uns trennen, voraussichtlich – auf Nimmerwiedersehen.«

Er bestellte ein Mittagessen für sich und Pavel, ließ das beste Zimmer des ersten Stockes aufsperren und erklärte sich ungemein zufrieden, als ihm eine große Stube angewiesen wurde, deren Einrichtung aus zwei schmalen Betten mit hoch aufgetürmten, rosenfarbigen Kissen, aus einem mit Wachsleinwand überzogenen Tisch und aus vier Sesseln bestand. Auch die trübe Suppe und der noch trübere Wein, das ausgewässerte Rindfleisch und die halbrohen Kartoffeln, die der Wirt ihm vorsetzte, begrüßte er mit unbedingten Lobeserhebungen. Sein eigenes Nahrungsbedürfnis war nicht größer als das eines indischen Büßers, aber seinen Gast munterte er fortwährend auf: »Iß und trink, laß dir’s schmecken; das Mahl ist gut, und ich würze es dir mit nützlichen Gesprächen, mit der Quintessenz meiner Erfahrungen.«

Er begann zu erzählen, geriet in immer erhöhtere Stimmung, hielt es nicht lange aus auf einem Platze, sprach jetzt stehend, jetzt sitzend, jetzt im Zimmer hin und her schwirrend und stets mit eigentümlich hastigen Gebärden.

Ja, das war ein Irrtum gewesen, das mit dem Glauben an die neue Lebenssonne, die ihm in dem neuen Wirkungskreise aufgehen würde. Die Gespenster der toten Vergangenheit huschten nach in die lebendige Gegenwart und richteten Verwirrung und Hader an, wo Klarheit und Frieden herrschen sollten. Zu gut hatte Habrecht es machen wollen, zuviel Eifer an den Tag gelegt, sich zu demütig um Gunst beworben – dies alles, verbunden mit seinem Fleiße, seiner strengen Pflichterfüllung und makellosen Lebensführung, erweckte Mißtrauen. »Der Mann muß ein schlechtes Gewissen haben«, sagten die Leute.

»Spürst du was?« fragte Habrecht. »Als ich das hörte, grinste das Gespenst mich an, von dem ich im Anfang gesprochen habe. Wär ich gewesen wie einer, der nichts gutzumachen hat – hätt ich’s nicht zu gut machen wollen, wäre meinen geraden Weg einfach und schlicht gegangen, unbekümmert um fremde Wohlmeinung… Noch eins! Sie sind dort viel rabiater tschechisch als hier, mein deutscher Name verdroß sie. Sie haben bei mir deutsche Gesinnungen gesucht, bei mir, dem die Erde eine Stätte der Drangsale ist und jeder Mensch ein mehr oder minder schwer Geprüfter! Ich werde einen Unterschied machen, ich werde sagen: Am Wohlergehen dessen, der hüben am Bach zur Welt gekommen, liegt mir mehr als am Wohlergehen dessen, der drüben geboren worden ist… Es gibt eine Nation, ja, eine, die leitet, die führt, die voranleuchtet: alle tüchtigen Menschen – der anzugehören wär ich stolz… Was jeden anderen Nationalitätenstolz betrifft –«, er griff sich an den Kopf und lachte, »Narrheit, unwürdig des Jahrhunderts. Das ist mein Gefühl… Gefällt euch mein Name Habrecht nicht – sagte ich, nennt mich Mamprav, mir gilt das gleich… Nun, damit, daß ich bereit war, ihnen auch in der Sache nachzugeben, damit hab ich’s ganz verschüttet. Jetzt war ich ein Spion, der sie kirren wollte, Gott weiß, in welchem Interesse… Und jetzt trat ich auf Schlangen bei Tritt und Schritt. Zuletzt konnte ich beim Bäcker kein Stück Brot mehr bekommen für mein gutes Geld und bei der Hökerin keinen Apfel… Oh, die Menschen, die Menschen! Man muß sie lieben – und will ja –, aber manchmal graut einem; es graut einem sogar sehr oft.«

Die Erinnerung an das jüngst Erlebte drückte ihn nieder; er blieb eine Weile still, bald jedoch gewann seine unverwüstliche Lebhaftigkeit die Oberhand, und neuerdings ließ er den Strom seiner Rede sprudeln und vergaß, von ihm hingerissen, auf die Begriffsfähigkeit seines Zuhörers Rücksicht zu nehmen. Pavels Interesse für die Auseinandersetzungen seines alten Gönners hatte große Mühe, sich dem mangelhaften Verständnis gegenüber, das er ihnen bieten konnte, zu behaupten.

Die letzte Prüfung, die Habrecht bestanden hatte, war bitter, aber kurz gewesen. Ein Freund, ein einstiger Schulkamerad, mit dem er in steter Verbindung geblieben, erschien eines Morgens bei ihm als Erlöser aus aller Pein und Not. Zwischen den Schicksalen beider Männer bestand eine gewisse Ähnlichkeit, und es war die außerordentliche Übereinstimmung ihrer Sinnesart, welche ihren Seelenbund trotz jahrelanger Trennung aufrechterhalten hatte. Sie beschlossen in der ersten Stunde des Wiedersehens, die Fortsetzung des Lebenskampfes Seite an Seite aufzunehmen. Für die Mittel, sich auf das von ihnen gewählte Schlachtfeld zu begeben, sorgte der Freund, sorgten die Freunde des Freundes. Diese lebten in Amerika in Wohlhabenheit und Ansehen und gehörten zu den eifrigsten Aposteln einer »ethischen Gesellschaft«, deren Zweck die Verbreitung moralischer Kultur war und die täglich an Anhang und Einfluß gewann.

»Bekenner einer Religion der Moral nennen sie sich«, rief Habrecht; »ich nenne sie die Entzünder und Hüter des heiligsten Feuers, das je auf Erden brannte und dessen Licht bestimmt ist, auf dem Antlitz der menschlichen Gemeinde den Widerschein einer edlen, bisher fremden Freudigkeit wachzurufen… Ihre Botschaft ist zu mir gedrungen in Gestalt eines Buches, dergleichen noch nie eines geschrieben wurde… O lieber Mensch! ein Wunderbuch und hat bei mir beinahe dasjenige ausgestochen, das du einst, du Tor, ein Hexenbuch nanntest… Ich folge der Botschaft; ich gehe hinüber, etwas zu suchen, das ich verloren und ewig vermißt habe: eine Anknüpfung mit dem Jenseits. Eins von beiden brauchen wir, wir armen Erdenkinder, ein wenn auch noch so geringes – Wohlergehen oder einen Grund für unsere Leiden; sonst werden wir traurig, und das ist eines Wackeren unwürdig.«

Hier unterbrach ihn Pavel zum ersten Male: »Ist Traurigkeit unwürdig?«

»Durchaus. Traurigkeit ist Stille, ist Tod; Heiterkeit ist Regsamkeit, Bewegung, Leben.« Er blieb vor dem Tische stehen, sah Pavel forschend an und sprach: »Sie fehlt dir noch immer, die Heiterkeit; du bist nicht munterer geworden… Und wie geht es dir im Dorfe?«

»Besser«, erwiderte Pavel.

»Das läßt sich hören. Seit wann denn?«

»Seitdem ich es ihnen einmal gesagt und gezeigt habe.«

»Gesagt, oh! – gezeigt, oh, oh! … Wie gezeigt? Hast sie geprügelt?«

»Fürchterlich geprügelt.«

»Ei, ei, ei!« Habrecht machte ein bedenkliches Gesicht und kreuzte die Arme. »Nun, lieber Mensch, Prügel sind nicht schlecht, aber nur für den Anfang, durchaus nur! und überhaupt nie mehr als ein Palliativ… Salbader freilich verstehen von Radikalmitteln nichts, leugnen darum auch, daß es solche gehe. Sei kein Salbader!« schrie er den erstaunten Pavel an, der sich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von dem machen konnte, was damit gemeint war.

Und nun forderte Habrecht ihn auf zu sprechen: »Ich habe dir meine Generalbeichte abgelegt, laß mich die deine hören.« Er begann ihn auszufragen, verlangte von dem Tun und Lassen seines ehemaligen Schützlings genaue Rechenschaft und erhielt sie, so rasch die Ausrufungen, Betrachtungen und guten Ratschläge, mit denen er Pavel fortwährend unterbrach, es erlaubten Dem aber war das ganz recht, störte ihn nicht mehr, als das Geräusch eines murmelnden Baches getan hätte, und gab ihm Zeit, nach jedem Satze seine Gedanken zu sammeln und einen passenden Ausdruck für sie zu suchen. Endlich hatte er ja doch sein fest verschlossenes, übervolles Herz in das seines wunderlichen Freundes ausgeschüttet.

Sie befanden sich beide in feierlicher Stimmung. Der alte Mann legte dem jungen die Hände aufs Haupt und sprach einen warmen Segen über ihn.

»Von Vernunft und Gemeinde wegen«, schloß er, »hätte ein schlechter Kerl aus dir werden müssen; statt dessen bist du ein tüchtiger geworden. Mach so fort, schlag ihnen ein Schnippchen ums andere. Arbeite dich hinauf zum Bauer, werde ihr Bürgermeister.«

Pavel machte größere Augen als je in seinem Leben und sah den Lehrer mit einem zugleich stolzen und ungläubigen Lächeln an. Habrecht nickte hastig: »Ja, ja! und wenn du’s bist, dann zahl ihnen mit Gutem heim, was sie Übles an dir getan haben.«

Der Abend brach an; die Stunde der Abfahrt näherte sich, und Habrecht wurde von fieberhafter Unruhe ergriffen. Er forderte seine Rechnung, bezahlte, schenkte den Versicherungen des Wirtes, daß es zum Aufbruch viel zu früh sei, kein Gehör, verließ das Haus und schlug, von Pavel gefolgt, der das Kofferchen, den Pelz und den Stock trug, im Eilmarsch den Weg zum Bahnhof ein.

Als er dort anlangte und fragte, ob er noch zurechtkomme zum Abendzuge nach Wien, wurde er ausgelacht, was ihn beruhigte.

Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben und schüttelte die vor dem Stationsgebäude gepflanzten Akazienbäume, daß es ein Erbarmen war; aus den grauen, jagenden Wolken fegte kalter Strichregen nieder. Habrecht achtete dessen nicht und setzte seinen ehrwürdigen Frack, den er auch zu dieser Reise angelegt hatte, schonungslos den Unbilden der Witterung aus. Nur seinem grauen, langhaarigen Zylinder gewährte er den Schutz eines über ihn gebreiteten und unter den schnörkelförmigen Krempen befestigten Taschentuchs und pendelte so neben Pavel auf dem Perron hin und her und sprach ohne Unterlaß.

Nachdem die Kasse eröffnet worden und er ein Billett gelost hatte, kannte seine Ungeduld keine Grenzen mehr. Er zog seine Uhr, der des Bahnhofes traute er nicht. Zehn Minuten noch… möglicherweise konnte aber der Zug gerade heute um fünf Minuten früher eintreffen, und da man dann in fünf Minuten scheiden mußte, warum nicht lieber gleich? Er bat Pavel inständigst heimzugehen, sich seinetwegen nicht länger aufzuhalten. Vorher aber zwang er ihn noch, fast mit Gewalt, seine Uhr anzunehmen.

»Ich brauche sie nicht mehr, mein Freund hat eine. Denk nach: Wenn immer auf zwei Menschen eine Uhr käme, was wäre das für ein günstiges statistisches Verhältnis! – Leb wohl, geh jetzt.«

Mit einer Hand schob er ihn fort, mit der anderen hielt er ihn zurück. »Meine letzten Worte, lieber Mensch, merk sie dir! präge sie dir in die Seele, ins Hirn. Gib acht: Wir leben in einer vorzugsweise lehrreichen Zeit. Nie ist den Menschen deutlicher gepredigt worden: Seid selbstlos, wenn aus keinem edleren, so doch aus Selbsterhaltungstrieb… aber ich sehe, das ist dir wieder zu hoch – – anders also! … In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, daß der Teller seines Nachbars leer war Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbars den Appetit verderben – dem Braven aus Rechtsgefühl, dem Feigen aus Angst… Darum sorge dafür, wenn du deinen Teller füllst, daß es in deiner Nachbarschaft so wenig leere als möglich gibt. Begreifst du?«

»Ich glaube, ja.«

»Begreifst du auch, daß du nie eines Menschen Feind sein sollst, auch dann nicht, wenn er der deine ist?«

»So etwas«, erwiderte Pavel, »hat mir schon meine Schwester gesagt.«

Habrecht drückte seine Freude an dieser Übereinstimmung aus und fuhr fort: »Ferner, verlerne das Lesen nicht. Ich habe aus meinem Vorrat von Schulbüchern, ehe ich ihn verschenkte, sechs Stück für dich beiseite gebracht – du wirst sie durch die Post erhalten –, schlichte Büchlein, von unberühmten Männern zusammengestellt; wenn du aber alles weißt, was in ihnen steht, und alles tust, was sie dir anraten, dann weißt du viel und wirst gut fahren. Lies sie, lies sie immer, und wenn du mit dem sechsten fertig bist, fange mit dem ersten wieder an… Was das Allerschwierigste im Leben betrifft, die süßeste, die grausamste, die mächtigste und fürchterlichste aller Leidenschaften – ich mag sie gar nicht nennen –, so meine ich, du wärst abgeschreckt und könntest es bleiben. Sie ist dir am Quell vergiftet worden, bei ihrem ersten Ursprung, das hilft manchmal für immer. Du hast es mit ihr so schlecht getroffen, wie dein aufrichtigster Freund, für den ich mich halte, es dir nicht besser hätte wünschen können.«

Auf dem Bahnhofe waren immer mehr Leute zusammengekommen; ein erstes Glockenzeichen wurde gegeben; aus der Ferne gellte ein Pfiff. Habrecht merkte von alledem nichts; er hatte Pavel am Rock gefaßt und redete hastig und heftig in ihn hinein: »Nicht jeder braucht einen Hausstand zu gründen; das ist der größte Wahn, daß man einige Kinder haben müsse – es gibt Kinder genug auf der Welt… und je besser ein Vater ist, desto weniger hat er von seinen Kindern – wer fühlt edel und selbstlos genug, um sich zutrauen zu dürfen, er werde ein guter Vater sein? … Und deinen Ruf, lieber Mensch, achte auf deinen Ruf, du weißt schon, die gewisse Tafel, die blank sein muß die deine war sehr verkritzelt… putze, fege, strebe vorwärts… glaube: wenn du heute nicht etwas besser bist, als du gestern warst, bist du gewiß etwas schlechter…«

»Herr Lehrer«, wollte Pavel ihn aufmerksam machen, als nun zum zweiten Male geläutet wurde; aber unter dem Zipfel des Taschentuches hervor, das sich aus der Hutkrempe losgemacht hatte und nun, vom Winde bewegt, Habrechts Gesicht umflog, sah dieser ihn liebreich an und fuhr fort: »Wende mir nicht ein: Das sind lauter zu hohe Grundsätze für unsereinen; gehen Sie damit zu denen, die ohnehin schon hoch stehen; wir sind geringe Leute; für uns ist auch eine geringe Moral gut genug… Ich sage dir, gerade die beste ist für euch die rechte; ihr Geringen, ihr seid die Wichtigen, ohne eure Mitwirkung kann nichts Großes sich mehr vollziehen – von euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird…«

»Herr Lehrer, Herr Lehrer! es ist Zeit«, sagte Pavel, und Habrecht versetzte: »Eure Zeit, jawohl – und was ihr aus derselben macht, das wird…«

»Einsteigen!« rief es dicht an seinem Ohr, und er sah sich um, sah den Zug dastehen und erschrak furchtbar. »Dritte Klasse nach Wien!« schrie er, rannte auf den ihm vom Schaffner bezeichneten Waggon zu und erklomm ihn mit nicht gerade anmutiger, aber wunderbarer Behendigkeit.

Pavel eilte ihm nach und reichte ihm seine Effekten in den überfüllten Wagen, in dem er unter vielen Entschuldigungen einen Platz gefunden hatte. Ein neuer Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung, eine kleine Strecke konnte ihn Pavel in scharfem Laufe begleiten.

»Gott behüte Sie, Herr Lehrer!« schrie er, und durch das Brausen der davonrollenden Lokomotive und aus Rauch und Dampfwolken kam die Antwort: »Und dich, lieber Mensch, Amen, Amen, Amen!«

Am späten Abend, nachdem Pavel heimgekommen war, fütterte er seinen Hund, nahm eine Haue und grub dem Steine nach, den er unter die Schwelle seines Hauses versenkt hatte. Lamur saß daneben und warf aus verdrießlich zugekniffenen Augen so scheele Blicke auf die Arbeit seines Herrn, leckte sich die Nase so oft und sah so verächtlich drein, daß jener seine üble Laune bemerken mußte.

»Ist dir’s vielleicht nicht recht?« fragte Pavel.

Ein höhnisches Zähnefletschen war die Antwort.

Pavel aber hatte den Stein ausgehoben, betrachtete ihn, wog ihn in der Hand und fand ihn kleiner und leichter, als er sich ihn vorgestellt.

»Da ist er, schau – nimm!« sagte er und hielt ihn dem Hunde hin, der ihn auf Befehl seines Herrn in die Schnauze nahm und ihm nachtrug.

Am Brunnen angelangt, an dem ihre erste Begegnung stattgehabt hatte, nahm Pavel dem Hunde den Stein aus dem Maul und schleuderte ihn ins Wasser, in dem er mit einem lauten Glucksen versank.

Lamur gab durch Knurren seine Mißbilligung zu erkennen.

Kapitel 17


Kapitel 17

 

Seit einiger Zeit hatte die Frau Baronin ihre Wohnung im ersten Geschoß des großen Schlosses mit einer zu ebener Erde gelegenen vertauscht. Sie fühlte sich sehr alt werden, das Treppensteigen machte ihr Mühe, und sie unterzog sich derselben nur noch bei besonderen Feierlichkeiten, die nirgends anders als im Ahnensaale stattfinden konnten. Am ersten Januar zum Beispiel, wenn die Baronin die Glückwünsche ihrer in corpore mit Gemahlinnen und courfähigen Nachkommen ausgerückten Beamten empfing; oder am Gründonnerstag, wenn sie, einer Familientradition getreu, dasselbe Fest in bescheidener Nachahmung beging, das an diesem Tage in der Hofburg zu Wien mit kaiserlichem Glanze vollzogen wird.

Das gewöhnliche Leben der Greisin verfloß in gleichmäßiger, immer tiefer werdender Stille. Sie beschäftigte sich viel mit dem Gedanken an ihren Tod, dem sie ohne Furcht und – trotz mancher quälenden Leiden und Beschwerden – ohne Ungeduld entgegensah. Sie hatte ihre letzten Anordnungen getroffen und zum Erben ihres Gutes Soleschau das Kloster eingesetzt, an dessen Spitze ihre hochverehrte Freundin stand und in dem Milada erzogen worden war, die, so es Gott und seinen Stellvertretern auf Erden gefiel, bestimmt sein konnte, die oberste Leiterin des Hauses zu werden, in das sie vorzeiten als der ärmste Zögling getreten war. Die Bedürftigen der Gemeinde waren im Testament der alten Dame nicht vergessen und auch keiner ihrer Diener; zuletzt hatte sie an sich gedacht, dann aber recht ausführlich, und das Zeremoniell, das sie bei ihrem Leichenbegängnis beobachtet wissen wollte, genau bestimmt. Die Gruft, die halb verfallen war und für deren Erhaltung sie grundsätzlich nie etwas getan hatte, sollte noch ihre Reste aufnehmen, dann zugemauert und der Eingang mit Erde und Rasen überdeckt werden. Die Leute, die da drinnen liegen, schließen sich mit Vergnügen von der heutigen Welt ab, meinte sie, ordnete jedoch an, daß die Kapelle, die den Grufthügel krönte, in gutem Stand erhalten werde und immer unverschlossen zu bleiben habe, damit jeder, dessen Herz danach verlangen sollte, an der heiligen Stätte ein Vaterunser für die alte Gutsfrau zu sprechen, diesem frommen Bedürfnisse nachkommen könne.

Die Baronin sann jetzt oft darüber nach, wer von den Leuten, denen sie manche Wohltat erwiesen hatte, den Wunsch empfinden würde, für ihre ewige Ruhe zu beten, und gewöhnte sich, jeden, mit dem sie sprach, darauf anzusehen, ob er wohl zu denjenigen gehöre, die ihrer vergessen, oder zu denjenigen, die ihrer gedenken würden. Und wenn die Bejahung oder Verneinung der von ihr darüber angestellten Vermutungen auch nicht ausschlaggebend für ihre Wertmessung der Menschen war, so übte sie auf dieselbe doch großen Einfluß.

Eines Morgens, am Tage nach Pavels letztem Klosterbesuch die Baronin saß bei ihrer Arbeit in der Mitte eines Kanapees, das bequem noch einem halben Dutzend Personen von ihrem Umfang Platz geboten hätte, hinter einem ebenso langen schwerfälligen Tisch –, öffnete sich die Tür des Zimmers, und Matthias trat ein und meldete: »Der Holub ist schon wieder draußen.«

»Schon wieder? – Meines Wissens kommt er ja nie«, sagte die Schloßfrau, und Matthias erwiderte: »Ja – aber doch.«

»Hm, hm, was will er?«

»Sprechen möcht er.«

»Mit wem?«

»Mit freiherrlichen Gnaden.«

»Soll kommen«, befahl die Baronin, und bald darauf knarrten Pavels schwere Stiefel auf den Parketten.

Er wollte auf die Baronin zugehen und ihr die Hand küssen, wie es sich geschickt hätte; aber der Tisch versperrte den Zugang zum Kanapee, und den wegzuschieben hätte sich wieder nicht geschickt. So geriet Pavel in einen peinlichen Konflikt der Pflichten, ließ in seiner Verlegenheit den Hut fallen und wagte nicht ihn aufzuheben.

Die Baronin winkte ihm, näherzutreten, stand auf, beugte sich über den Tisch und suchte sich, so gut ihre zunehmende Blindheit es erlaubte, durch den Augenschein davon zu überzeugen, daß wirklich Pavel Holub vor ihr stand. Dann setzte sie sich wieder und fragte, was ihn herführe.

Er indessen hatte abwechselnd sie und die Strickarbeiten angesehen, die, offenbar zur letzten Ausfertigung bereit, vor ihr lagen und neue und farbenfrische Ebenbilder der Röcklein und Jacken waren, in denen alle armen Dorfkinder herumliefen. Angeheimelt durch den Anblick und gerührt durch den Fleiß der alten, gebrechlichen Frau, faßte er sich auf einmal ein Herz und kam mit seinem Anliegen heraus. Es bestand in der Bitte, die Frau Baronin möge sich gnädigst dafür verwenden, daß man seiner Schwester Milada den Dienst im Kloster erleichtere, sonst könne sie es nicht aushalten und müsse sterben.

»Sterben? Milada sterben?« Die Greisin lachte, war entrüstet, befahl dem impertinenten Dummkopf, der so etwas zu denken wage, dem rohen und grausamen Schlingel, der ein solches Wort über seine Lippen bringe, das Zimmer zu verlassen, rief den Bestürzten, als er gehorchen wollte, wieder zurück und forderte ihn auf, ihr zu erklären, wie er ins Kloster und dazu gekommen sei, Milada zu sprechen. »Aber lüg nicht wie ein Zigeuner, der du bist«, setzte sie heftig erregt hinzu.

Pavel erstattete seinen Bericht in äußerster Kürze, jedoch mit einem Gepräge der Wahrhaftigkeit, das wohl den verhärtetsten Zweifler überzeugt hätte.

Die Baronin senkte den Kopf immer tiefer auf ihre Strickerei; sie bereute schon ihre Ausfälle gegen Pavel, besonders den letzten. Warum hatte sie ihn einen Zigeuner genannt? Warum ihn damit an das elende Wanderleben, das er in seiner Kindheit führen mußte, und zugleich an Vater und Mutter erinnert und ihm sein Unglück zum Vorwurf gemacht? – – Pfui, daß sie sich so weit von ihrem Ärger über den Burschen hatte hinreißen lassen, weil er eine unbegründete Besorgnis um seine Schwester geäußert. Nach allem, was die Baronin in der letzten Zeit von ihm gehört, verdiente er eher Lob als Tadel. Hatte Anton, einer ihrer Vertrauensmänner, nicht gesagt: »War Nichtsnutz Holub, aber jetzt macht sich.« Hatte der Förster ihn nicht ganz außerordentlich gerühmt? Hatte nicht sogar der ihm durchaus nicht wohlgesinnte Pfarrer, auf ihre Erkundigung nach ihm, erwidert: »Es liegt nichts gegen ihn vor.« – Und sie beschimpfte ihn! … Sie, die am Rande des Grabes stand, die bald nicht mehr vermögen würde, einem Menschen wohlzutun, tat noch einem ohnehin Hartgeprüften weh!

»Holub«, sprach sie plötzlich, »deiner Schwester fehlt nichts. Trotzdem will ich zu deiner Beruhigung und auch ein wenig zu der meinen morgen ins Kloster fahren. Denn – einen unangenehmen Eindruck machen mir deine eingebildeten Befürchtungen doch, und ich möchte ihn bald loswerden.«

Pavels Gesicht strahlte vor Freude. – »Wenn die Frau Baronin«, sagte er, »sich selbst vom Aussehen Miladas überzeugen möchte und, falls sie damit unzufrieden ist, bestimmen wollte, daß besser acht auf sie gegeben und man ihr verbieten würde, sich weit über ihre Kräfte anzustrengen, wie sie es tut, weil sie sich vorgenommen hat, gar zu schwere Sünder loszubeten – das wäre eine große Wohltat, und der liebe Herrgott würde es der Frau Baronin tausendfach vergelten.«

Sie lächelte und meinte: »Da hätte der liebe Herrgott viel zu tun, wenn er alle die Wechsel einlösen sollte, die von unbefugten Schatzmeistern auf ihn ausgestellt werden.«

»Freilich, freilich«, erwiderte Pavel gedankenlos, hob seinen Hut vom Boden auf, sah sich im Zimmer um und erkannte es als dasselbe, in welchem er nach dem Federnraube an dem bösen Pfau seine erste Audienz im Schlosse gehabe hatte. Unwillkürlich warf er einen Blick nach der dünnen Schnur an der Decke und sah, daß sie noch immer festhielt und daß der vergoldete Kübel bis zur Stunde nicht herabgefallen war. Jede Einzelheit des damaligen Vorganges tauchte vor ihm auf. Er erinnerte sich besonders deutlich der großen Abneigung, die ihm die Frau Baronin eingeflößt hatte und die in solchem Gegensatz zu der Hochachtung stand, von welcher er sich jetzt für sie durchdrungen fühlte.

Was hatte sich denn verändert? … Sie nicht, sie war dieselbe geblieben, in seinen Augen nicht einmal älter geworden, eine Greisin damals, eine Greisin jetzt. Er war ein anderer, ein reicherer Mensch, nicht mehr der stumpfe, für den es nichts Verehrungswürdiges gibt, weil ihm der Sinn, es zu erkennen, fehlt. Er empfand das mit ziemlicher Klarheit und hätte es gern an den Tag gelegt, hätte sich aber auch gern empfohlen, nachdem sein Geschäft beendet, sein Gesuch angebracht und auf das beste aufgenommen worden war. Ohne Ahnung, daß es ihm zukomme zu warten, bis er entlassen werde, sprach er: »Ich will Euer Gnaden nicht länger belästigen; ich sag der Frau Baronin tausendmal: vergelt’s Gott, und wenn Sie sterben, werde ich für Sie beten.«

»So? so?« sie richtete sich empor. »Wirst du das wirklich tun, und andächtig?«

»Sehr andächtig.«

»Pavel Holub«, sagte die Baronin in freundlichem Tone, »es freut mich, daß du für mich beten willst. – Und jetzt sag mir: Mein Feld, dasjenige, an dessen Rand deine Hütte steht, hast du es dir wohl recht aufmerksam angesehen? – Wie groß schätzest du’s?«

»Es wird so seine fünfzehn Metzen haben, nicht ganz drei Hektare«, sprach Pavel ohne Zögern.

»Ein schlechtes Feld, was?«

»Ja, die Felder dort oben sind alle schlecht. Wenn ich der Verwalter wär, würd ich dort oben nie Weizen aussäen.«

»Sondern?«

»Hafer oder Korn, und Kirschbäume würd ich pflanzen, viele, viele.«

»So pflanze Kirschbäume«, versetzte die Baronin ernst und rasch, »das Feld ist dein.«

»Mein – was ist mein?«

»Nun, das Feld, ich schenk es dir.«

»Um Gottes willen – mir – das Feld…« Ihm war, als ob alles ins Wanken geriete, der Boden unter seinen Füßen, die Wände, das Kanapee und auf dem Kanapee die Frau Baronin. Er streckte die Arme aus und griff nach einem Stützpunkt in die Luft. »Das große, das schöne, das gute Feld…«

»Hast du nicht eben gesagt, daß es ein schlechtes Feld ist?«

»Für Sie, aber nicht für mich; für mich ist es ein gutes, zu gutes… Um Gottes willen«, wiederholte er, »schenken Sie es mir im Ernst, das Feld?«

Die Baronin blinzelte: »Es tut mir leid, Holub«, sagte sie, »daß ich das Gesicht, das du jetzt machst, nicht recht deutlich sehen kann. Das Blindwerden, mein lieber Holub«, setzte sie leicht aufseufzend hinzu, »verdirbt dem Menschen manche Freude. – Geh jetzt und schicke mir den Verwalter. Ich will gleich Anordnungen treffen, daß die Schenkung rechtskräftig gemacht werde.«

»Rechtskräftig… Euer Gnaden… sogar rechtskräftig…« Pavel kannte sich nicht mehr; sein Entzücken überwand seine Schüchternheit, er stürzte auf den Tisch zu, schob ihn zur Seite, ergriff die Hände der Gutsfrau und küßte sie, und als sie ihm mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermochte, die Hände entzog, küßte er den Saum ihres Kleides und ihre Ärmel und ihr Umhängetuch und stöhnte und jauchzte und konnte nicht sprechen.

Ihr wurde, so mutig sie war, ein wenig bang vor diesem entfesselten Sturme; sie zankte Pavel tüchtig aus und erklärte ihm, alles müsse ein Ende haben, auch Dankbarkeitsbezeigungen, und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen gehe, sei es mit der ganzen Schenkung nichts.

Das brachte ihn zu sich. In der nächsten Minute war er draußen im Hofe. – Vor dem Tor stand die blonde Slava, das Häuslerkind schnöden Angedenkens. Sie diente im Schlosse seit ihrer Rückkehr und war jetzt damit beschäftigt, kecke Turteltauben zu füttern, die sich’s nicht einfallen ließen, dem heranstürzenden Pavel auszuweichen; er mußte sich in acht nehmen, nicht eine von ihnen zu zertreten. Slava rief ihm einen guten Morgen zu, und er, ganz vergessend, daß es seine schlimmste Feindin war, die zu ihm gesprochen, erwiderte: »Ich hab ein Feld, die Frau Baronin hat mir ein Feld geschenkt.«

Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln: »Das ist aber schön«, sagte sie, »das freut mich.«

Jetzt erst besann er sich, mit wem er redete, und eilte ohne Gruß hinweg.

So ganz anderes und Wichtigeres ihn auch erfüllte, nebenbei mußte er doch daran denken, wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte, welch ein bildhübsches Mädchen sie war, und daß es nicht recht sei vom lieben Herrgott, einer so schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hülle. Jeder Unbefangene mußte dadurch irregemacht werden. Zum Glück war Pavel kein Unbefangener; ihn vermochte der Schein nicht zu täuschen. Er kannte diese Slava, und ob ihre Lippen sich im Sprechen bewegten, ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt aufeinander ruhten, er konnte sie nicht ansehen, ohne der Stunde zu gedenken, in welcher sie sich geöffnet hatten, um ihn dem Hohn und Spott preiszugeben mit der grausamen Frage: »Fahrst zum Vater oder zur Mutter?«… Verzeih allen – hatten Milada und Habrecht gesagt, und er, wahrlich, er wollte es tun; aber der gemahnt wird zu verzeihen, wird er nicht auch zugleich an das gemahnt, was er zu verzeihen hat?

Die Erinnerung bildete die unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und denjenigen, mit welchen Frieden zu schließen seine liebsten Menschen ihn beschworen.

Die Frau Baronin hielt Wort; die Schenkung wurde rechtskräftig gemacht; Pavel war ein Grundbesitzer geworden. Das unerhörte Glück, das ihm vom Himmel gefallen, trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebtheit. Niemand gönnte es ihm; sogar Arnost hatte, als ihm Pavel die große Nachricht gebracht, den Mund verzogen und gefragt: »Wie kommst du dazu?« Auch der Förster und Anton äußerten im ersten Moment mehr Überraschung als Teilnahme. Was den Verwalter betraf, so sprach er der Frau Baronin gegenüber unverhohlen aus, sie habe sich von ihrer Großmut leider hinreißen lassen. Das Geschenk sei ein viel zu namhaftes und müsse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfänger erregen und Mißmut gegen die edle Spenderin.

Die Frau Baronin begnügte sich damit, diese Äußerungen der Unzufriedenheit ihres ersten Würdenträgers zur Kenntnis zu nehmen, als jedoch der Herr Pfarrer dasselbe Lied anstimmte und von edlen, aber gar zu spontanen Entschlüssen der Frau Baronin sprach, entgegnete sie: Die Schenkung an Pavel Holub sei die Frucht eines von ihr ausnahmsweise langgehegten Entschlusses und durchaus keine zu großmütige, sondern die genau entsprechende Spende für einen braven, vom Schicksal bisher vernachlässigten Burschen, der überdies der Bruder der mutmaßlich zukünftigen Oberin eines Fräuleinstiftes sei.

Hierauf schwieg der geistliche Herr.

Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehrtägigem Aufenthalt ganz vergnügt zurückgekehrt, hatte Pavel rufen lassen, ihm zahllose Grüße von seiner Schwester gebracht, ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher Liebe und mit unendlichem Stolz von ihr erzählt. Die alte Frau wurde förmlich schwärmerisch in ihrer Begeisterung über das »Kind«. Der Allgütige selbst hatte ihr, der alten müden Pilgerin, das Kind gesandt, damit es ihr die letzten Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels öffne.

»Mache dich einer solchen Schwester würdig«, schärfte sie Pavel ein, und er faßte die besten Vorsätze, nach diesem Ziel, das ihm als das denkbar höchste erschien, zu streben, konnte aber den geheimen Zweifel, ob er auch jemals imstande sein werde, es zu erreichen, nicht loswerden. Doch kämpfte er redlich und wünschte heiß, daß die Frau Baronin und daß seine Schwester nur noch Gutes von ihm zu hören bekämen. Eine große Ängstlichkeit um seinen Ruf begann sich seiner zu bemächtigen. Die Sehnsucht, gelobt zu werden, die Freude an der Anerkennung erwachte in ihm, und er ahnte nicht, daß sie ihn so schwach machte, wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde Gleichgültigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten.

»Wer kann mir was nachsagen?« wurde seine stehende Redensart. Ein scheeler Blick, ein rauhes Wort vermochten den sonst gegen die rohesten Äußerungen der Mißgunst Gefeiten zu beleidigen; der Neid, den sein Besitztum erregte und der ihm in früheren Tagen die Freude daran gewürzt hätte, verdarb sie ihm jetzt. Sein Feld wurde zum Räuber seiner Ruhe und seines Schlafes, seine geliebte Qual. Sooft er es nach kurzer Trennung wiedersah, war es in irgendeiner Weise geschädigt worden, und er brachte, um es zu verteidigen, die Energie nicht auf, mit welcher er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte. Er wollte nicht, daß der Frau Baronin zu Ohren komme, er habe sich wieder aufs Prügeln eingelassen, und überhaupt sollte sie nie erfahren, wie sehr das Geschenk, das sie ihm gemacht hatte, ihm bestritten wurde.

Einmal fand er einen Teil des mageren, auf seinem Felde stehenden Weizens noch grün abgemäht. In der nächsten Nacht paßte er den Übeltätern auf, die auch wirklich in Gestalt einiger mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder wiederkamen. Pavel begnügte sich damit, ihnen die Sicheln und die Grastücher abzunehmen, und trug dieselben am nächsten Morgen zum Bürgermeister. Der zeigte sich erfreut über dieses gesetzmäßige und schonende Vorgehen, versprach, den Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten. Drei Wochen später lagen die Sicheln und Grastücher aber noch immer beim Ortsvorsteher, weil die Mittel, sie einzulösen, fehlten. Pavel ersuchte endlich selbst, sie ihren Eigentümern zurückzugeben, unter der Bedingung, daß die Leute zu ihm kämen, um sich bei ihm zu bedanken. Es geschah nur allzugern; das war ein neuer, ein guter Spaß, so wohlfeil durchzuschlüpfen und sich dann zu bedanken bei Pavel, dem Gemeindekind. Alle, welche den Scherz mitgemacht, fanden ihn so lustig, daß sie beschlossen, sich ihn bald wieder zu gönnen.

Die Diebereien hörten nicht auf, und Pavel fuhr fort, sich ihnen gegenüber erstaunlich wehrlos zu zeigen, während er andererseits eine außerordentliche Tatkraft entfaltete.

Er hätte sich vervielfältigen, an zehn Orten zugleich sein und an jedem seinen Mann stellen mögen. Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es vor zur Aufnahme der Kirschbäumchen; er half dem Schmied, wo er konnte; der Förster verließ sich beim Anlegen der Waldkulturen auf niemanden so gern wie auf ihn und meinte, das Forstwesen wäre Pavels eigentliches Fach gewesen, wenn er sich ihm von Jugend auf hätte widmen können. »Und was für ein Schmied wäre er geworden, wenn er etwas gelernt hätte!« sagte Anton. »Aber ein Gemeindekind läßt man nichts lernen; die Grundlagen fehlen, und beim Anfang anzufangen, ist es jetzt zu spät. Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und doch nichts Rechtes herausbringen.«

Diese Prophezeiung betrübte Pavel – ihn im Glauben an sein Feld zu erschüttern vermochte sie nicht. Er bestellte den alten Virgil, der sich seinem Pflegesohn, wie er ihn nannte, mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang neben Lamur auf seiner Schwelle hockte, zum Hüter seines Grundbesitzes, und Virgil übernahm das Amt freudig, vermochte jedoch nicht mehr, es zu versehen. Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum. Die Vorwürfe, die Virgil deshalb hören mußte, nahm er mit einem verschmitzt-schalkhaften Lächeln hin und sprach: »Geh, Pavlicek, was liegt dir an dem Krempel? … Du kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen, wirst bald ganz andere Grundstücke haben.«

Pavel geriet in Zorn, verwies ihm solche Reden und wandte sich rasch ab, um den Eindruck zu verbergen, den sie auf ihn hervorbrachten.

Der Alte wurde immer aufgeräumter; sein schwaches Lebensflämmchen schien neu aufzuflackern, indes der Sommer hinwelkte. Ein Wunder, das ihn beglückte, war im Begriff, sich zu vollziehen. Er, der gebrechliche Greis, sollte den jungen, starken Peter überleben. Ja, das war das einzige, das ihn freute; er sollte den Peter überleben. Der Arzt machte kein Geheimnis daraus, daß er ihn aufgegeben; alle Leute wußten es; nur Vinska wollte es nicht glauben, und der Kranke selbst sagte: »Ich werde gesund, sobald ich mich ausgehustet habe.«

Peter kämpfte mit dem Tode wie ein Riese; je näher der ihm kam, desto mutiger wehrte er sich.

»Nützt alles nichts«, vertraute sein Schwiegervater jedem, der es hören wollte, an; »der erste Frost nimmt ihn doch mit; der Herr Doktor hat es mir gesagt« – und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten.

Eines frühen Morgens, im Oktober, schallte der Klang des Zügenglöckleins durch das Dorf. An ein Fenster der Grubenhütte wurde geklopft, und Lamur schlug an. Pavel fuhr aus dem Schlafe; die Tür seiner Stube war geöffnet worden. Virgil stand da, das Gesicht brennrot, die mit einem Rosenkranz umwundenen Hände auf den Stock gestützt, und sprach: »Was sagst dazu, Pavlicek? die Vinska ist eine Wittib.«

Kapitel 18


Kapitel 18

 

Der Winter in diesem Jahre trat gleich im Anfang mit ungewöhnlicher Kälte und ungewöhnlicher Reinlichkeit auf. Der Schnee, der einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch in kleinen, dichten Flocken aus massigen Wolken niedergewirbelt war, blieb silberweiß liegen; auf den Fahrwegen bildeten sich glatte Schlittenbahnen, und schmale Fußpfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am Rande der Felder hin. An der Hütte Pavels vorbei schlängelte sich der meistbenützte von allen, der Pfad, den die Holzknechte auf ihren jetzt regelmäßigen Gängen in den herrschaftlichen Wald ausgetreten hatten. Wenn sie am Morgen an ihre Arbeit gingen, trafen sie Pavel schon an der seinen; und wenn sie gegen Abend aus der Arbeit kamen, schien der unermüdliche Bursche gerade auf dem Punkt angelangt, auf dem der Fleiß zum Hochgenuß wird, zur seligen Besessenheit. Sie blieben dann meistens vor seinem Gärtlein ein wenig stehen, sahen ihm zu und wechselten ein paar Worte mit ihm. – Einmal tat Hanusch, der Roheste unter den Rohen, als ob er nicht imstande wäre zu erkennen, was für ein Ding das sei, mit dem Pavel sich plage.

»Ein Dachstuhl wird’s«, erklärte dieser.

»So? Baust noch ein Grubenhaus?«

– Nein, kein Haus, einen Stall beabsichtigte er im nächsten Frühjahr zu bauen.

»Und was wirst einstellen?«

»Werdet schon sehen«, lautete Pavels Antwort, und Hanusch brach in ein Hohngelächter über seine Geheimnistuerei aus und rief, indem er den viereckigen Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den übrigen deutete: »Die werden’s sehen, ich weiß’s schon. Wett’st um ein Seidel, daß ich’s weiß?«

Das Gekicher der anderen bewies, daß sie eingeweiht waren in den versteckten Sinn der Behauptung ihres Gefährten. Pavel aber kümmerten diese elenden Neckereien wenig, und er sandte den Urhebern derselben, wenn sie sich endlich trollten, höchstens ein gelassenes: »Hol euch der Teufel!« nach.

Der Holzknechte wegen wäre es ihm nicht eingefallen, den an seinem Wohnort vorbeiführenden Fußsteig zu verwünschen; er verwünschte ihn aus einem viel triftigeren Grunde. – Auf diesem Fußsteig kam jetzt ein-, auch zweimal die Woche Mägdlein Slava dahergewandert, als Botin der Frau Baronin an den Oberförster. Der alte Herr war krank gewesen, erholte sich langsam, und zur Unterstützung der Fortschritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gnädige Frau allerlei gute Sachen: edlen Wein aus ihrem Keller, feine Rehrücken, kräftige Hammelkeulen, und meistens war Slava die Überbringerin dieser Leckerbissen. Pavel bemerkte mit Verdruß, daß sie den Schritt verlangsamte, wenn sie in die Nähe seines Gärtleins kam, und seine Ansiedlung neugierig betrachtete. Was hatte sie zu betrachten, was hatte sie sich um seine Ansiedlung zu kümmern? In guter Absicht geschah es gewiß nicht. Er gefiel sich darin, sein Vorurteil gegen sie zu nähren; er überredete sich unter anderem, daß sie die Anführerin der Kinder gewesen, die ihm dereinst seine Ziegel zertreten hatten. Sie auf der Tat zu ertappen war ihm allerdings nicht gelungen; aber das bewies keineswegs ihre Unschuld, es zeigte nur, daß sie sich darauf verstanden, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, die von ihr Verleiteten im entscheidenden Augenblick treulos verlassend. Wie sie an ihren Spießgesellen, hatten hundert- und hundertmal die Genossen seiner Bubenstreiche an ihm gehandelt: Er wußte, wie es tat, in der Patsche stecken gelassen zu werden. Nachträglich noch hätte er für sein Leben gern den Verratenen eine Genugtuung verschafft, sollte sie auch in nichts anderem bestehen als in einem an die Verräterin gerichteten eindringlichen Vorwurf. Gewöhnlich verbiß sich Pavel, wenn er Slava von weitem erblickte, derart in seine Beschäftigung, daß es nichts zu geben schien, wichtig genug, ihn darin zu unterbrechen.

Einmal machte er aber doch eine Ausnahme.

Da kam sie daher mit ihrem Henkelkorbe, leichten Ganges, vom Sonnenlicht umflossen, die Hexe, trug ein dunkles Wolltuch um das von der Winterkälte rosig angehauchte Gesicht geknüpft, eine gut gefütterte und doch ungemein zierliche Jacke, ein faltenreiches Röcklein, das bis zu den Knöcheln reichte, blau, mit weißen Sternchen besät, und hohe Stiefel an den schlanken Füßen, unter denen der Schnee knisterte. Und munter und frisch war sie, daß es ein Vergnügen hätte sein müssen, sie anzusehen, wenn einem das Herz nicht voll des Grolls gegen sie gewesen wäre.

Bei der Umzäunung der Grubenhütte angelangt, hemmte sie, wie sie pflegte, den Schritt und musterte das Häuschen vom Grunde bis zum Firste.

Plötzlich richtete Pavel sich von seiner Arbeit auf, warf die Hacke hin, und auf das Mägdlein zuschreitend, sprach er: »Was schaust?«

Und sie, überrascht, aber nicht im mindesten erschrocken, wurde sehr rot und erwiderte: »Was soll ich schauen?«

»Nichts«, versetzte Pavel unwirsch, »gar nicht schauen sollst, weitergehen sollst.«

Das schien jedoch keineswegs ihre Absicht, vielmehr hatte sie sich dem Zaun genähert, und da Pavel dies seinerseits auch getan, standen sie ziemlich nahe aneinander. Sie, in der ganzen Zuversicht ihrer Schönheit, ihrer Jugend, ihres Frohsinns; er in seiner befangen machenden Erbitterung gegen sie, gegen ihre lügenhafte Anmut und Holdseligkeit.

Slava hatte ihren Korb neben sich auf den Boden gesetzt und bewachte ihn fortwährend mit ihren Blicken, als ob sie fürchte, daß er davonlaufen werde, sobald sie ihn aus den Augen ließe; und so, mit gesenkten Lidern und leise bebenden Lippen, sagte sie: »Ich schau das Haus an, weil ich mich nicht getrau, dich anzuschauen.«

Pavel zog die Brauen finster zusammen und murmelte etwas von einem »bösen Gewissen«.

Da wurde sie wieder rot: »Wer hat ein böses Gewissen?«

»Der fragt.«

»Ich? … warum hätte denn ich ein böses Gewissen?«

Die geheuchelte Treuherzigkeit, mit welcher diese Frage gestellt war, erweckte Pavels Zorn, und während tausend brennende Ausdrücke für denselben sich ihm auf die Lippen drängten, plumpste er heraus mit dem schwächsten, dem kindischesten: »Hast du mir nicht meine Ziegel zertreten?«

Das Mädchen erhob die Augen, ihr Blick ruhte voll und hell auf ihm: »Wann soll ich das getan haben? … Das hab ich nie getan.«

»Lüg nicht«, herrschte er sie an.

»Ich lüg nicht«, erwiderte sie, »warum sollt ich lügen? Ich hab’s nicht getan, und damit gut.«

– Er glaubte ihr, er konnte nicht anders als ihr glauben, und schon etwas besänftigt, fuhr er fort: »Bist du mir nicht nachgelaufen mit einem Stein in der Hand?«

»Aber Pavel, wer wird sich denn sowas merken, was ein dummes Kind getan hat. Was hast du nicht alles getan?« Sie schlug leicht und zierlich mit der Hand in die Luft: »Sowas vergißt man. Ich bitte dich, Pavel, vergiß das.«

Er schwieg; es überkam ihn wie Scham über sein allzu treues Gedächtnis. Hatte sie nicht recht? – sowas vergißt man. Von Verzeihen, ja von Dankbarkeit gegen die Urheber unserer Prüfungen hatte Milada gesprochen, vom Vergessen der Beleidigung – nicht. Um ihm davon zu sprechen, von diesem gründlichsten Heilmittel, hatte die kleine nichtsnutzige Feindin kommen müssen.

Sie sagte noch ein paar freundliche Worte, beugte sich, hob ihren Korb auf und setzte ihre Wanderung fort.

Pavel blieb allein mit Lamur, mit seiner Arbeit und mit seinen Gedanken. – Vergiß, dann brauchst du nicht zu verzeihen! Vergiß, dann hast du auch keinen Grund, dir etwas darauf einzubilden, daß du verziehen hast. Wenn man’s nur träfe! Er besann sich, daß er es einmal getroffen hatte der hübschen Widersacherin gegenüber, damals, als er aus dem Schloß gestürzt kam, voll des Glücks über das große Geschenk der Frau Baronin. Und was einmal zufällig und unwillkürlich gelang, sollte es nicht wieder gelingen können, freiwillig und mit gutem Bedacht?

Bei ihrem nächsten Gange zum Forsthause hielt Slava abermals ein Ständchen mit Pavel, und seine erste Frage an sie war: »Wenn du kein schlechtes Gewissen gegen mich gehabt hast, warum hast du dich gefürchtet, mich anzuschauen?«

»Weil du immer so verdrießlich gewesen bist und schreckliche Augen auf mich gemacht hast. Das mag ich nicht, ich hab’s gern, daß man fröhlich ist und mich freundlich ansieht.«

Mit diesem »man« meinte sie nicht etwa ihn allein, sie meinte jeden. Pavel täuschte sich nicht lange darüber. Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr, das sie antrieb, den Ernst zu bekämpfen, wo immer sie ihm begegnete; und diese Lustigkeit, die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte, verbunden mit den hohen Ehren, in welchen sie ihr nettes Persönchen hielt, und ihrem jungfräulich züchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen Zauber aus.

Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Arnost; den hatte sie völlig umstrickt, und er machte Pavel gegenüber weder ein Hehl aus seinen Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn. Als ein verständiger, mit praktischem Sinn ausgerüsteter Bursche fand er nichts erklärlicher, als daß Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm, der nur ein Haus und den dazugehörenden kleinen Gemeindeanteil besaß, vorziehen müsse.

Daß Pavel in die Reihen der Bewerber um die Gunst oder die Hand des hübschen Mädchens zu treten beabsichtige, schien ihm so ausgemacht, daß er nicht einmal danach fragte, und sein Freund, dem er das zu verstehen gab und der schon hatte sagen wollen: Bist ein Narr, ich denk nicht an sie, sie ist mir gleich wie was, verschluckte diese Antwort; denn – er wollte nicht lügen.

Gleichgültig war sie ihm nicht, sie hatte es doch auch ihm angetan. Nicht wie dem Arnost; von einem blinden Verliebtsein war bei ihm keine Rede, aber warm machte ihm ihre Nähe, und überaus gut gefiel sie ihm, und überaus lieb wäre es ihm gewesen, wenn er den Zweifel hätte loswerden können, der sich in ihrer Gegenwart immer wieder meldete und eine gewisse bange, unbestimmte Erwartung: Jetzt und jetzt wird sie etwas tun, das mir ans Herz greifen und mir die Freude an ihr verderben wird.

Ein anderes Bedenken, das ihn früher schwer gepeinigt hatte, war er ganz losgeworden, das: Wird mich denn eine Ordentliche nehmen? Wird eine Ordentliche unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen? Nun, die Slava war eine Ordentliche und ließ ihn merken, daß sie ihn nehmen würde, obwohl sie recht gut wußte, daß die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei ihrem Sohn. Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach einmal: »Eine Mutter bleibt halt doch immer eine Mutter; sie soll sein, wie sie will, wenn man nur eine hat. Ich hab keine.«

Pavel begrüßte sie nun stets sehr artig, machte nie mehr schreckliche Augen »auf sie«, verhielt sich aber, was auch in seinem Innern drängte und gärte, äußerst zurückhaltend gegen die Kleine, während Arnost vor ihr in Weichheit zerschmolz oder in Flammen aufloderte. Der verliebte Bursche war immer genau unterrichtet von jedem ihrer Schritte, und immer traf sich’s, daß er an den Tagen, an denen sie einen Botengang ins Forsthaus unternahm, zufällig just nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfügung stellen konnte, um ihm bei seiner Arbeit behilflich zu sein. Kam die Erwartete dann, so fand sie die zwei an den Zaun gelehnt und ihrer harrend. Wer es in größerer Sehnsucht tat, ob der Ernste, Verschlossene, ob der andere, sie selbst wußte es nicht. Sie benahm sich mit beiden gleich herzlich, gleich kameradschaftlich, sprach aber mehr mit Arnost, weil sich der viel besser aufs Scherzen und Spaßen verstand.

Nach Weihnachten brachte Slava einmal eine Kunde aus dem Schlosse, durch welche alle eingeschlummerten Sorgen Pavels über seine Schwester wieder wachgerüttelt wurden. Milada war krank gewesen, die Frau Baronin hatte neuerdings einen Besuch im Kloster gemacht und war von neuem getröstet heimgekehrt. Es ging besser, versicherte sie, es ging gut. Dennoch hatte sie sich von »ihrem Kinde« nicht leicht getrennt, gedachte bald zu ihm zurückzukehren und dann mehrere Wochen, als Gast der Frau Oberin, im Kloster zu verweilen. Vorher aber ließ sie Pavel sagen – wolle sie ihn noch sprechen.

Er beeilte sich, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen, fand die alte Dame gebeugt und unruhig und, je mehr sie das war, desto bemühter, sich selbst Frieden zu erringen und den der anderen nicht zu stören.

Die Frau Baronin gab Pavel das Versprechen, ihm unmittelbar nach ihrem Eintreffen in der Stadt eine Zusammenkunft mit Milada zu erwirken, und nahm dafür sein Wort in Empfang, daß er sich um eine solche nicht auf eigene Hand bemühen werde.

Er schrieb an Milada, erhielt einige schöne, tröstliche Zeilen, wartete auf die Abreise der Frau Baronin, und als diese erfolgte, auf die Berufung zu seiner Schwester. Sein Herz war schwer und wurde nur etwas leichter, wenn es Pavel gegönnt war, sich an dem Anblick des holden Mädchens zu laben, das Arnost und er nicht mehr anders als die »Goldamsel« nannten.

Die Zeit kam, in welcher er es töricht zu finden begann, sich länger gegen die in ihm aufkeimende Neigung zur Wehr zu setzen. Daß Slava eine besondere Liebe für ihn hege, bildete er sich nicht ein; aber er zweifelte auch nicht, daß sie, wenn Arnost und er um sie freiten, ihm den Vorzug geben und, einmal verheiratet, ein braves Weib sein werde, wie sie ein braves Mädchen gewesen war. Aus Rücksicht für den Freund auf sie zu verzichten, der Gedanke war ihm im Anfang allerdings manchmal durch den Sinn geflogen; aber diese Regungen der Großmut hatten sich in dem Maße vermindert, als sein Wohlgefallen an dem munteren Ding wuchs und wuchs.

Gegen Arnost war er so aufrichtig wie dieser gegen ihn.

»Wie lieb du sie hast, ich hab sie lieber«, sagte Arnost.

»Was nützt das, wenn sie mich nimmt«, sagte Pavel. »Und ich werd sie nächstens fragen, ich will auch einmal glücklich sein.«

Arnost erwiderte: »Frag sie.« – Sein Entschluß war gefaßt. Am Tage, an dem Pavel das Jawort Slavas erhielt, wollte er die Hütte, in welcher er seit dem Tode seiner Mutter allein hauste, verkaufen und Soldat werden. Es ist kein schlechtes Leben beim Militär, besonders für einen, der es wie Arnost schon nach zweimonatlicher Dienstzeit zu einer Charge gebracht hat.

Eines nebligen Januarvormittags kam er in höchster Aufregung zu Pavel und teilte ihm mit, heute mache die Kleine ihren letzten Besuch beim Oberförster, er sei gesund, die Sendungen aus dem Schlosse hörten auf.

Arnost stand der Angstschweiß auf der Stirn, in seiner Brust ging es zu wie in einem Pochwerk. »Ich halt’s nicht mehr aus«, sagte er. »Heute mußt du reden, oder ich rede.«

»So red«, sagte Pavel, »ich werd aber auch reden.«

Sie sahen einander mit Augen an, aus denen der Haß funkelte, und gingen hinter dem Zaun hin und her wie zwei Löwen im Käfig. Lamur saß auf der Schwelle, schwarz und häßlich, und beobachtete in stiller Verachtung die beiden von der Leidenschaft gequälten Menschenkinder.

Nun brach ein breiter Sonnenstrahl durch den weißen Dunst, der ringsum auf den Feldern und Wegen lagerte, und verwandelte ihn in licht und farbig glitzernden Duft, von dessen durchsichtigen Schleiern umwoben die kleine Slava herannahte, an diesem Tage, gerade an diesem, an dem die feindlichen Freunde ein Wort im Vertrauen an sie zu richten gedachten, nicht allein.

Sie hatte eine Begleiterin mitgenommen – die Vinska.

Arnost und Pavel entdeckten es zugleich, und der erste rief und der zweite murmelte: »Verwünscht!«

Ein kleines Stück Weges hinter dem jungen Weibe und dem jungen Mädchen kam die Schar der Holzknechte. Sie gingen heute so ungewöhnlich spät in den Wald, weil gestern Sonntag gewesen war und weil ein Holzknecht, der sich achtet, »am Montag früh immer Feierabend macht«, wie Hanusch zu sagen pflegte.

Vinska schien es für nötig zu halten, ihr Kommen dadurch zu erklären, daß sie mit dem Herrn Oberförster wegen des Ankaufs von Bauholz sprechen müsse und sich Slava angeschlossen habe, weil sich’s zu zweien doch immer besser gehe.

Arnost fing das Wort sogleich auf, gab ihr recht, und ihre Gefährtin anstarrend, stammelte er etwas Verworrenes von der Torheit, das nicht einzusehen und lieber allein dahinzuzotteln durchs Leben, statt mit einem, der einen übermenschlich gern hat.

Pavel flüsterte ihm ein zorniges: »Red du nur!« zu, und nachdem sein erster Verdruß über Vinskas Anwesenheit verraucht war, forderte er sie und Slava auf, bei ihm einzutreten und ein wenig zu rasten. Damit öffnete er das Gitterpförtchen und hieß sie, nachdem sie seiner Einladung Folge geleistet hatten, nicht ohne hausherrliche Würde, auf eigenem Grund und Boden willkommen.

Diese Höflichkeit vollzog sich vor den Augen der heranrückenden Holzknechte und gab den wüsten Gesellen Anlaß zu Glossen der empörendsten Art.

Pavel wußte keine Antwort darauf, und von seinem Platze aus rief er mit unterdrückter Wut den Holzknechten zu: »Packt euch!«

Sie erwiderten mit Roheiten, schlimmer als alle vorhergehenden, und Hanusch, bequem an den Zaun gelehnt, die Pfeife zwischen den Zähnen, tat, als ob er den im Gärtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachtete, und sprach: »Der is ja fertig, jetzt kannst anfangen, den Stall zu bauen… Bau ihn! bau ihn! tummel dich, die du einstellen willst, is schon auf’m Weg… die aus’m Zuchthaus!«

»Die, ja – die!« scholl es im Chor, und Hanusch schrie, daß die Adern an seinem Halse schwollen: »Nehmt ihn! Weiblein! Vor der Schwiegermutter aus’m Zuchthaus braucht ihr euch nicht zu fürchten, die kommt in den Stall, die Mutter! …«

Die Worte reuten ihn.

Pavel hatte sich aufgebäumt, aus seiner Brust drang ein gräßliches Stöhnen, über seine Zähne floß das Blut der zerbissenen Lippe. Einen Augenblick schaute er… Da stand die Frau, die er geliebt hatte – da stand das Mädchen, das er liebte, da der ehrliche Bursche, dem er es streitig machen wollte, und dort am Zaun der Schurke, der ihn in ihrer Gegenwart unauslöschlich beschimpft hatte; auf dem Boden aber, zu seinen Füßen, lag sein gutes Zimmermannsbeil. Die Dauer eines Blitzes, und er hatte es ergriffen und geschleudert. – Hanusch kreischte und bog aus. Das nach seinem Kopf gezielte Beil flog haarscharf an seinem Ohr vorbei. Alle schrien. Pavel stieß Vinska weg, die ihm den Weg vertreten wollte, schwang sich über den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein.

So furchtbar war er anzusehen, ein so maßloser Zorn sprühte aus seinen Augen, daß der ganze Trupp vor ihm zurückwich – am weitesten Hanusch, die Hand am Ohr. Aber schon war er ereilt und gestellt von einem, der noch rascher gewesen als Pavel. Lamur hatte ein unheilverkündendes Knurren ausgestoßen, sich seinem Herrn vorangeworfen und Hanusch an der Gurgel gepackt. Der glitt aus, wankte und stürzte dicht vor Pavel nieder, die hervorgequollenen Augen in verzweiflungsvoller Angst auf ihn gerichtet, der schon seinen Fuß erhob, um den Mund zu zermalmen, der ihm solche Schmach angetan.. Plötzlich jedoch, wie von Abscheu und Entsetzen ergriffen, totenbleich geworden, stampfte er den Boden und rief: »Zurück, Lamur!«

Ungern ließ der Hund ab von seiner Beute. Hanusch erhob sich mühsam, seine Genossen machten Miene, alle zusammen auf Pavel loszugehen, besannen sich aber eines anderen. Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost, während Pavel, dumpf vor sich hinbrütend, dastand, und zogen endlich, kleinlaut geworden, weiter. Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus faßten sie den Mut, sich zurückzuwenden und in Drohungen zu ergehen, auf welche niemand hörte und die auch nicht erfüllt wurden.

Die Zurückgebliebenen bildeten eine kleine stumme Gruppe. Pavel schien der letzte sein zu wollen, das Schweigen zu brechen. Er war an die Tür der Hütte getreten und sah zu seinem Hunde nieder, der seinen Blick ernst und verständnisvoll erwiderte.

Eine Weile verging, bevor sich Slava so weit ermunterte, daß sie Pavel an seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte. Halblaut erneuerte er dieselbe und lächelte das Mägdlein, auf dessen Gesicht sich die Spuren des überstandenen Schreckens malten, fremd und traurig an. Man trat ins Haus, in die durch Habrechts Großmut eingerichtete Stube mit der niederen Decke, mit den kleinen Fenstern und dem Fußboden aus gestampftem Lehm. Der Tisch stand in der Mitte der Stube, wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte, der alte Lehnstuhl und drei Sessel um ihn herum. In der Ecke, der Herdnische gegenüber, der schmale Schrank, der das Heiligtum des Hauses trug, des Freundes kostbares Vermächtnis, die Bücher, in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte. Nicht umsonst; man sah es den schlichten Bänden an, daß sie oft, wenn auch in schonender Ehrfurcht, zur Hand genommen wurden.

Vinska nahm Platz im Lehnstuhl, Slava auf einem Sessel neben ihr. Die erste schwieg, die zweite äußerte sich verbindlich über die Reinlichkeit, die im Hause herrschte, brach aber ab, verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen.

Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt, und Pavel hatte den Kopf geschüttelt, sich nicht mehr geregt und stand, wie auf dem Fleck angewurzelt, in finstere Gedanken versunken.

Lange bezwang sich Arnost, zuletzt aber siegte seine Ungeduld; er faßte Pavel bei der Schulter und sprach: »Was simulierst? Hör schon auf… Was liegt dir dran, was ein paar Betrunkene reden?«

»Ja«, fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein, »was liegt dir dran? Laß die Leut reden, und sprechen wir lieber von was Lustigem.«

Pavel horchte auf – eine so liebe Stimme, und konnte doch einen Mißklang erwecken.

»Von was Lustigem? – Gut – ich hab’s nicht anders im Sinn.« Er lachte herb und trocken, kam auf den Tisch zu und wandte sich an die Kleine: »Ich bin ein Freiwerber«, sprach er, »für den da, für den Arnost. Wir haben es schon lang zusammen ausgemacht, daß ich dich fragen soll, ob du ihn nimmst?«

»Mach keinen schlechten Spaß«, fuhr ihn Arnost derb an, »was soll denn das heißen?« Und noch derber gab Pavel zurück: »Willst vielleicht nicht mehr werben? Ist die Lieb schon verraucht? …«

»Oh, was die Lieb betrifft…«

Der Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, erledigte die Frage übergenügend.

Eine Viertelstunde später verließ ein Brautpaar die Hütte Pavels. Der Bräutigam glückselig, die Braut still zufrieden. Arnost war ihr lieber als Pavel; noch lieber jedoch wäre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen.

Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten, die sie ins Forsthaus begleiten wollte. Am Ausgang des Gärtchens jedoch hieß sie die jungen Leute vorangehen, blieb stehen und sprach zu Pavel: »Was war das jetzt? Es hat geheißen, du hast die Slava gern?«

»Ich hab sie auch gern«, rief er, und mit seiner Selbstbeherrschung war es zu Ende; »aber wie soll denn! ich heiraten, wie soll denn ich ein Weib nehmen, ich, dem’s alle Tag geschehen kann, er weiß nicht wie, daß er einen erschlagen muß, weil er sich nicht anders helfen kann? Ich hab Schand fressen sollen, dazu hat die Mutter mich geboren. Jetzt haben sie ›was Bessres‹ aus mir machen wollen, der Herr Lehrer und meine Schwester Milada, und jetzt schmeckt mir die Schand nicht mehr, und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter, das ist mein Unglück.«

Nach einer Pause, in welcher Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet hielt, sagte sie: »Du bist mitgegangen beim Begräbnis von meinem armen Peter. Ich hab dir noch nicht danken können, weil du mir immer ausweichst.«

Er zuckte die Achseln und erwiderte: »Ich werd dir nimmer ausweichen. Leb wohl.«

»Lieber Pavel«, nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort; »eh ich geh, mußt du noch was anhören. Ich hab keine Ruh, die Leut lassen mir keine Ruh. Mein armer Peter ist erst drei Monate tot, und; schon haben sich zwei Freier bei mir gemeldet.«

»So such dir einen aus.«

»Ich glaube«, sagte Vinska, nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt, »daß ich eine Witfrau bleiben werde.«

»So bleib eine Witfrau. Leb wohl.«

Schon im Begriffe zu gehen, wandte sie sich noch einmal zu ihm und begann von neuem mit beklommener Stimme: »Du hast gut sagen: Leb wohl. Wenn man gegen jemanden so schlecht gewesen ist wie ich gegen dich, lebt sich’s nicht wohl!«

»Deswegen brauchst dir keine grauen Haare wachsen zu lassen«, sprach er ruhig; »das hab ich alles vergessen.«

Sie senkte den Kopf auf die Brust, ein Schmerzenszug umspielte ihren Mund: »Und du«, fragte sie, »wirst du wirklich immer ein Junggesell bleiben?«

»Ja«, entgegnete er; »ich bleib der einsame Mensch, zu dem ihr mich gemacht habt.«

Kapitel 19


Kapitel 19

 

Die Nachricht, die Pavel aus der Stadt erhalten sollte, traf ein und lautete sehr unbefriedigend. Die Frau Baronin ließ sagen, noch könne ihm die Erlaubnis, seine Schwester zu besuchen, nicht erteilt werden; aus welchem Grunde, solle er später erfahren und sich vorläufig in Geduld fassen.

Bald darauf kam ein Brief von Milada, in welchem sie Pavel bat, sein Kommen aufzuschieben. Auf das liebreichste dankte sie im vorhinein für die Erfüllung ihrer Bitte, vertröstete ihn auf das Frühjahr, versicherte, daß es ihr von Tag zu Tag besser gehe, und schloß mit der Kunde, daß ihre Einkleidung, auf welche sie sich unaussprechlich freue, im Mai stattfinden werde.

So mußte Pavel sich bescheiden und tat es: doch wurde es ihm nicht leicht. Jede Woche wenigstens einmal ging er ins Schloß und fragte: »Ist die Frau Baronin zurückgekommen?« und erhielt immer zur Antwort: »Nein.« – »Hat sie auch nicht geschrieben?« – »Das wohl – um Anordnungen zu treffen, die auf eine neue Verzögerung ihrer Rückkehr schließen lassen.«

Mit der Heirat Slavas, die ihr pflichtgemäß angezeigt worden, hatte sie sich einverstanden erklärt, dem Mädchen die erbetene Entlassung und ein Geschenk gegeben, das nicht nur hinreichte, um die Kosten der Hochzeit zu bestreiten, sondern auch, um ein rundes Sümmchen für die Wirtschaft zu erübrigen. Dies alles, weil Slava, obwohl von früher Jugend an verwaist und auf eigenen Füßen stehend, sich stets brav geführt und nun unbescholten an den Altar treten konnte.

Am dritten Sonnabend nach Ostern fand die Trauung statt. Pavel fungierte als Brautführer. Er hatte sich schwer dazu entschlossen, tat es aber dann in guter Haltung und mit Stolz auf seinen über sich selbst errungenen Sieg. Anton der Schmied vertrat die Stelle des Brautvaters, Vinska die der Brautmutter. Sie war trotz des großen Witwentuches, das sie sich über den Kopf gezogen hatte, schöner als die Braut selbst. Der Herr Pfarrer sprach die Traurede mit ganz ungewöhnlicher Wärme, beehrte auch die Neuvermählten mit seiner Gegenwart beim Festessen im Wirtshause. Der Doktor, der Verwalter, der Förster, der Bürgermeister und einige große Bauern kamen, ihren Glückwunsch zu bringen und den Dank des jungen Paares für die ihm ins Haus geschickten Geschenke zu empfangen. Alles ging ohne unanständigen Lärm, einfach, aber »urnobel« zu.

Nach dem Essen wurde getanzt, und nun ereignete sich das Erstaunliche. Virgil, der seit Jahren nur noch schleichen konnte, führte mit einer ungefähr im gleichen Alter wie er stehenden Magd eine Redowatschka an. – Als die Musik auf sein Geheiß die Weise des längst aus der Mode gekommenen Tanzes angestimmt, hatten sich die Gesichter aller anwesenden alten Leute erheitert. Die Männer standen auf, jeder winkte der »Seinigen«, sie legten die schwieligen Hände ineinander und schwenkten sich im Tanze hinter dem Hirten und seiner grauen Partnerin. Einmal wieder kamen sie in freundlicher Eintracht zusammen, die alten Paare, die vielleicht längst nichts mehr kannten als Hader oder Gleichgültigkeit. Da spielte ein verschämtes Lächeln um manchen welken Frauenmund, da blitzte es unternehmend aus manchem trüben Männerauge. Bei der lieben Redowa erinnerten sie sich der Tage, in denen sie jung gewesen waren und einander sehr gut, und tanzten sie unter dem Applaus ihrer Kinder und Enkel durch bis ans Ende.

Manches hübsche Mädchen hatte Pavel schon angeblinzelt und gefragt: »Was ist’s mit dir? Kannst nicht tanzen?«

»Weiß nicht«, gab er zur Antwort, »hab’s noch nie probiert.«

»So probier’s jetzt.«

Aber das wollte er nicht, um nichts in der Welt sich da lächerlich machen vor einer so großen Versammlung; er blieb dabei und widerstand sogar den Bitten Slavas, die durchaus wenigstens einmal mit ihm getanzt haben wollte an ihrem Ehrentage.

Dem Beispiel, das er im Entsagen gab, folgte die Vinska. Sie drohte sogar, das Fest zu verlassen, als der stürmischste ihrer Freier sie zwingen wollte, mit ihm in den Reigen zu treten Pavel und sie wechselten hie und da ein Wort; von seiner Seite, wenn nicht in Freundschaft, so doch in Frieden, von der ihren in tiefem Dank dafür, daß er mehr als verziehen daß er vergessen hatte.

So war es auch; mit der Liebe zu ihr war die Erinnerung an das Leid erloschen, das er durch sie erfahren. Und wenn es ihm gelungen, sagte er sich, diese erste Liebe, die im Kern seines Daseins gewurzelt hatte, mit ihm gewachsen und stark geworden war, zu besiegen, sollte es ihm nicht ein Leichtes sein, der zweiten, über Nacht an seinem Lebensbaum erblühten Herr zu werden? – Ein paar schmerzliche Regungen galt es noch zu überwinden, und er war ein freier Mensch – für immer, so Gott will, einsam und frei. Daß er sich in dieser Freiheit wohlfühle, dazu trug heute alles bei. Der Tag war nicht nur für Arnost und Slava, er war auch für ihn ein Ehrentag. Zum ersten Male stand Pavel auf gleich und gleich mit den Besten, die er kannte, unter einem Dach. Angesehene Bauern grüßten ihn, der Förster sprach lange mit ihm in fast väterlicher Güte, der Herr Pfarrer holte seine Meinung in einer landwirtschaftlichen Frage ein, der Schmied wollte durchaus die Geschichte von der Maschine öffentlich erzählen und ließ sich nur aus Rücksicht für Vinska davon abhalten. Arnost beteuerte ihm laut und begeistert seine Dankbarkeit und ewige Freundschaft.

Das Gemeindekind bewegte sich in einer Atmosphäre von Achtung und Wohlwollen, die es einsog durch alle Poren und um so inniger genoß, als eine leise Stimme in seinem Innern mahnte: Freu dich dieser Stunde, sie wiederholt sich dir vielleicht nie… Mit der Achtung, mit dem Wohlwollen wird es aus sein, wenn die Mutter kommt… Und sie kann morgen kommen – wer weiß? sie kann schon da sein. Er kann sie finden, wenn er sein Haus betritt, in seiner Stube, an seinem Herd…

Da faßte es ihn mitten in seinem stillen, schwermütigen Glücke mit übermächtigem Drang: Hinweg! überlaß der Mutter Hütte und Feld, und du wandere fort, weit, weit in die Welt, unter fremde Menschen, die nichts von dir und nichts von deinen Eltern wissen. Lerne und werde – wenn auch später als ein anderer, mehr als die anderen.

Diese Gedanken hafteten, begleiteten ihn heim, waren seine letzten, als er einschlief, und seine ersten, als er erwachte.

Am Morgen jedoch, als er seine im Herbst gepflanzten Kirschbäume besuchen ging und sah, wie die meisten von ihnen schon Blüten über Blüten angesetzt hatten, und als er sein Feld abschritt, auf dem die erste von ihm gesäte Frucht grünte, da fühlte er, daß ihm das Scheiden doch schwer sein würde. Und dann, wenn seine Schwester Milada, wenn Habrecht von den Fluchtgedanken, die er hegte, wüßten, was würden die wohl sagen?

»Kleiner Mensch, bleibe in deinem kleinen Kreise und suche still und verborgen zu wirken auf die Gesundheit des Ganzen.«

Das war auch einer der Aussprüche des Freundes gewesen, der im Augenblick, in dem er getan wurde, von Pavels Verständnis empfangen worden war wie das Samenkörnlein des Evangeliums vom Felsengrunde. Jetzt aber glich seine Seele nicht mehr dem steinigen Boden, sondern einem guten Erdreich, und das Samenkörnlein keimte und ging auf und mit ihm eine Fülle von Erwägungen…

Eine Stimme, die seinen Namen rief, weckte Pavel plötzlich aus seinem Sinnen; auf ihn zugelaufen kam ein herrschaftlicher Stallpage, winkte von weitem und rief: »Die Frau Baronin hat einen Boten geschickt, du sollst gleich zu ihr in die Stadt, du sollst fahren.«

»Ich werd doch gehen können«, erwiderte Pavel, dem es vor Überraschung, Freude, Schrecken heiß und kalt durch die Adern lief; »warum denn fahren?«

»Daß du früher dort bist vermutlich; mach nur, es wird schon eingespannt.«

Hastig wechselte Pavel die Kleider und rannte ins Schloß. Die Fahrgelegenheit wartete bereits; ein paar kräftige Wirtschaftspferde, vor einen leichten Wagen gespannt, brachten ihn in kurzer Zeit nach der Stadt, an die Pforte des Klosters, wo ihn auf sein Schellen die Pförtnerin mit den Worten empfing: »Ich soll Sie zu der Frau Baronin führen.«

»Ist meine Schwester bei ihr? … Wie geht’s meiner Schwester?« fragte Pavel mit versagendem Atem.

Die Nonne antwortete nicht, sie schritt ihm schon voran über eine Treppe, durch einen bildergeschmückten Gang, an dessen Ende, einer dunkeln Doppeltür gegenüber, ein lebensgroßer Heiland am Kreuze hing.

»Wie geht’s meiner Schwester?« wiederholte Pavel.

Die Pförtnerin deutete nach dem dornengekrönten Haupte des Erlösers, sprach: »Denken Sie an Seine Leiden«, öffnete die Tür und hieß ihn eintreten. Pavel gehorchte und befand sich in einem saalähnlichen, feierlichen Gemach, in dem die Frau Baronin und die Frau Oberin standen, die alte Dame auf den Arm der Freundin gestützt.

»Gott zum Gruße«, sagte die ehrwürdige Mutter; die Baronin wollte reden, vermochte es aber nicht und brach in Tränen aus.

Auch Pavel konnte nur stammeln: »Um Gottes willen, um Gottes willen, was ist’s mit meiner Schwester? … Ist sie krank?«

»Sie ist genesen«, sprach die Oberin. »Eingegangen zum ewigen Lichte.«

Pavel starrte sie an, mit einem Blicke der Qual und des Zornes, vor dem ihre schönen ruhigen Augen sich senkten.

»Was heißt das?« schrie er auf in seiner Pein.

Da machte die kleine Greisin sich los von dem Arm ihrer starken Freundin und schwankte auf Pavel zu mit ausgestreckten zitternden Händen: »Armer Bursche«, schluchzte sie, »deine Schwester ist tot, mein liebes Kind ist mir vorangegangen, mir Alten, Müden.«

Die Knie versagten ihr, sie war im Begriff umzusinken; Pavel fing sie auf, und die alte Gutsfrau weinte an seiner Brust.

Er geleitete sie behutsam zu einem Lehnsessel und half ihr, sich darin niederzulassen; dann, am ganzen Leibe bebend, wandte er sich zur Oberin: »Warum hat meine Schwester mir geschrieben, daß es ihr besser geht von Tag zu Tag?«

»Sie hat es geglaubt, und wir durften ihr diesen Glauben lassen, bis die Zeit kam, sie zum Empfang der heiligen Wegzehrung vorzubereiten…« sie hielt inne.

»Vorzubereiten«, wiederholte Pavel und drückte die Hand an seine trocknen, glühenden Augen, »sie hat also gewußt, daß sie sterben muß?«

Die Oberin machte ein bejahendes Zeichen.

»Und hat sie nicht gesagt, daß sie mich sehen will, nicht gesagt: Ich will meinen Bruder noch sehen? – Frau Baronin«, rief er die Greisin mit erhobener Stimme an, »hat sie nicht gesagt, ich will meinen Bruder noch sehen?« –

»Sie hat dich tausend- und tausendmal grüßen und segnen lassen, aber dich zu sehen, hat sie nicht mehr verlangt«, lautete die Antwort, und die ehrwürdige Mutter fiel ein: »Sie war losgelöst von allem Irdischen, sie gehörte schon dem Himmel an… Sie sah ihn offen in ihrer letzten Stunde, sah Gott in seiner Herrlichkeit und hörte den jauchzenden Gesang der Engelchöre, die sie willkommen hießen im Reiche der Glückseligen.«

»Wann ist sie gestorben?« würgte Pavel hervor.

»Gestern abend.«

Gestern abend – während er ein Fest mitfeierte, während seine Gedanken so fern von ihr waren! Mit wildem Zweifel ergriff es ihn: Es kann nicht sein, es ist ja unmöglich – – und er rief: »Wo ist sie? … Führen Sie mich zu ihr…«

»Sie ist noch nicht aufgebahrt«, versetzte die Oberin; aber Pavel ließ keinen Einwand gelten, und die Gebietende, die zu herrschen Gewohnte gab nach.

Sie stiegen die Treppe zum zweiten Geschoß empor, durchschritten einen Gang, in welchen viele Türen mündeten. Vor der einen blieb die Oberin stehen. »Das Zimmer Marias«, sprach sie in tiefer Ergriffenheit.

Pavel stürzte vor und riß die Tür auf… In der weißgetünchten, von Sonnenlicht durchfluteten Zelle mit dem vergitterten Fenster, mit den glatten Wänden stand ein schmales Bett, eine Wachskerze in schwarzem, eisernem Leuchter brannte zu dessen Häupten und eine zu dessen Füßen, vor demselben knieten, im Gebet versunken, zwei Klosterfrauen, und auf dem Bette lag, mit einem Linnen bedeckt, eine starre, hagere Leiche. Die Oberin näherte sich ihr und zog das Tuch vom Gesicht herab.

Pavel prallte zurück, taumelte und schlug an den Türpfosten an, an dem er stehenblieb und sich wand wie ein Gefolterter. Endlich, endlich brachen Tränen aus seinen Augen, und er schrie: »Das ist nicht meine Milada, das ist sie nicht. Wo ist meine Milada?«

Er war nicht zu beruhigen, sein Schmerz spottete des Trostes.

Die Frau Baronin ließ ihn rufen, weinte, sprach von Milada, und er hatte nicht das Herz, ihr zu sagen, was er unaufhörlich dachte: Würde man sie zu rechter Zeit aus dem Kloster genommen haben, sie wäre jetzt am Leben; du hättest dein Kind noch und ich noch mein lichtes Vorbild, mein kostbarstes Gut.

Auf den Wunsch der alten Frau blieb er in der Stadt bis zum Tage des Begräbnisses, irrte in den Gassen umher, durch den ungewohnten Müßiggang seinem Schmerze ohnmächtig preisgegeben.

»Milada, meine liebe Schwester«, sprach er vor sich hin, und manchmal blieb er stehen und meinte, es müsse ihm jemand nachkommen und ihm sagen: Kehr um, sie lebt, sie fragt nach dir. Das kleine, zusammengezogene Totenangesicht, das du gesehen hast, war nicht Miladas Angesicht.

Als sie in der Kapelle aufgebahrt lag im Glanz von hundert Lichtern, weißgekleidet, mit weißen Rosen bedeckt, war er nicht zu bewegen, an den Katafalk heranzutreten. – Erst als der Sarg geschlossen wurde, der die Reste seiner Milada barg, warf er sich über ihn und betete, nicht für sie, sondern zu ihr.

Bei der Beerdigung machte der Anblick des Schmerzes seiner alten Gutsfrau ihn fast unempfindlich für seinen eigenen. Ganz gebrochen stand sie neben ihm am Grabe ihres Lieblings auf dem stillen Klosterfriedhofe und ließ nach beendeter Trauerfeierlichkeit den Zug der Nonnen vorüberschreiten, ohne sich ihm anzuschließen. Nach einer Weile erst sprach sie zu Pavel: »Führe du mich jetzt zurück auf mein Zimmer, und dann geh nach Hause und sage im Schloß, daß sie alles zu meinem Empfang vorbereiten sollen. Ordentlich – es wird ohnehin die letzte Mühe sein, die ich meinen Leuten mache. Ich glaube, daß ich nur heimkommen werde, um mich hinzulegen zum Sterben.«

Pavel widersprach ihr nicht. Er fühlte wohl, auf einen Widerspruch war es hier nicht abgesehen wie so oft bei alten Leuten, wenn sie Anspielungen machen auf ihren nahenden Tod; es war ernst gemeint, und also wurde es aufgenommen.

Spät am Nachmittag langte er im Dorfe an. Sein erster Gang war nach dem Schloß, wo er den Auftrag der Frau Baronin bestellte. Die Dienerschaft lief zusammen, als es hieß, er sei da; alle sahen ihn voll Neugier an, und er machte sich rasch davon, besorgend, daß Fragen über Milada an ihn gestellt werden könnten. Auf der Straße begegnete er derselben Aufmerksamkeit, die er im Schlosse erregt hatte. Einer oder der andere blieb stehen in der Absicht, ihn anzureden; aber Pavel eilte mit kurzem Gruß vorbei.

Vor dem Hause Vinskas auf einer Bank saß Virgil, der sich seit dem Ableben Peters bei seiner Tochter einquartiert hatte. Er winkte Pavel heran: »Bist endlich da?« rief er ihm zu… »Du, dein Hund wär verhungert, wenn ich mich seiner nicht angenommen hätt.«

»Hab mich ohnehin darauf verlassen«, erwiderte Pavel und schritt weiter; Virgil jedoch schrie aus allen Kräften: »Lauf nicht, bleib! Die Vinska hat dir was zu sagen«, und da trat sie auch schon aus der Tür, ging auf Pavel zu und sprach in der demütigen Weise, in welcher sie sich ihm gegenüber jetzt immer verhielt: »Wir haben von deinem Unglück gehört… es tut uns leid…«

»Laß, laß das!« fiel er ihr ins Wort.

»Sag ihm doch das andere«, ermahnte Virgil voll Ungeduld.

Vinska verfärbte sich. »Lieber Pavel«, begann sie, »lieber Pavel, deine Mutter ist angekommen.«

Er zuckte zusammen: »Wo ist sie? … Ist sie in meinem Hause?«

»Nein, sie hat in dein Haus nicht treten wollen, bevor du da bist. – Sie hat auch nicht zu mir kommen wollen«, setzte sie hinzu.

»Hast du sie eingeladen?«

»Ja, ich hab sie eingeladen, zu mir zu kommen und bei mir auf dich zu warten. Sie hat nicht gewollt; sie wohnt beim Wirt, aber von dir erzählt habe ich ihr den ganzen Tag, und sie hat sich gar nicht satt hören können. Dann ist sie hinaufgegangen zu deinem Haus. Sie wird jetzt dort sein.«

Pavel war zumut, als ob ein großes Stück Eis auf seine Brust gefallen wäre. »Gut«, murmelte er, »gut, so geh ich«, aber er rührte sich nicht. Sein unstet irrender Blick begegnete dem der Vinska, der angstvoll gespannt auf seinem finsteren Gesichte ruhte, und plötzlich sprach er: »Ich dank dir, daß du sie eingeladen hast.«

»Nichts zu danken«, versetzte Vinska.

Die Herzen beider pochten hörbar, deutlich las jeder in der Seele des andern. Sie fand in der seinen nicht mehr die alte Liebe, aber auch nicht mehr den alten Groll; die ihre war in allen Tiefen erfüllt von schwerer, von nutzloser Reue, hervorgegangen aus dem Bewußtsein: Was ich an dir gefrevelt habe, vermag ich nie wiedergutzumachen.

Ohne noch ein Wort zu wechseln, schieden sie.

Pavel ging langsam die Dorfstraße hinauf. – Die Sonne versank hinter den waldbekränzten Hügeln, scharf und schwarz ragten die Wipfel des Nadelholzes in die purpurfarbige Luft. Auf das Grubenhaus hatten klare Schatten sich gebreitet, sie glitten über sein ärmliches Dach, trübten den Glanz seiner kleinen Fensterscheiben und umflossen eine hohe Gestalt, die vor dem Gärtchen stand, vertieft in den Anblick des untergehenden Tagesgestirns.

Die Mutter, sagte sich Pavel – die Mutter.

Da war sie, ungebeugt von der Last der letzten zehn Jahre, ungebrochen durch die Schmach ihrer langen Kerkerhaft. Pavel setzte seinen Weg fort – nicht mehr allein! Das unterdrückte Geräusch von flüsternden Stimmen, von Schritten, die ihm nachschlichen, schlug unsäglich widerwärtig an sein Ohr. Eine Schar von Neugierigen gab ihm das Geleite und wollte Zeuge sein der ersten Begegnung zwischen Mutter und Sohn. Er sah sich nicht um, er ging vorwärts, äußerlich ruhig, seinem Verhängnis entgegen.

Die Mutter hatte sich gewandt, erblickte ihn, und Wonne, Stolz, erfüllte Sehnsucht leuchteten in ihren Augen auf; aber sie blieb stehen, wo sie stand, mit herabhängenden Armen, sie sprach ihn nicht an.

»Grüß Euch Gott, Mutter«, sagte er rasch und gepreßt; »warum bleibt Ihr vor der Tür, tretet ein.«

»Ich weiß nicht, ob ich soll«, antwortete sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen, aus denen eine Liebe sprach, ein glückseliges Entzücken, die wie Licht und Wärme über ihn hereinströmten. »Ich habe nicht gedacht, dich so zu finden, Sohn –« ihre Stimme bebte vor tiefinnerlichstem Jubel –, »nicht so, wie ich dich finde. Ich möchte dir nicht Schande bringen, Pavel.«

Nun faßte er ihre Hand: »Kommt, kommt, und noch einmal: Grüß Euch Gott.« Er führte sie ins Haus und sah, daß sie unwillkürlich das Zeichen des Kreuzes machte, als sie es betrat. »Setzt Euch, Mutter«, sagte er; »ich hab Euch viel zu sagen, viel Trauriges…«

Sie war seiner Aufforderung gefolgt, sah sich bewegt und staunend in der Stube um und sprach: »Was du mir sagen willst, weiß ich im vorhinein: daß ich hier nicht bleiben kann. Es ist mir nicht traurig – eine Freude nur, daß ich dich so gefunden habe, wie du bist, wie ich dich sehe… Nie wäre es mir in den Kopf gekommen, Sohn, daß ich dir beschwerlich fallen will, und wie du geschrieben hast: Ich bau ein Haus für Euch, da habe ich gedacht: Baue! und Gott segne jeden Ziegel in deinen Mauern. Baue! baue! aber für dich – nicht für mich.«

»Warum habt Ihr so gedacht?«

»Weil du mich hier nicht brauchen kannst«, antwortete sie ruhig und ohne den Schatten eines Vorwurfs. Er aber murmelte: »Was meint Ihr?«

»Wenn dich in den vielen Jahren dein Herz an die Mutter gemahnt hätte«, fuhr sie in ihrer Gelassenheit fort, »hättest du dich manchmal nach ihr umgeschaut. Du hast es nie getan, und darum bin ich auch nur gekommen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, dich nicht zu sehen, und gehe wieder, heute noch.«

»Wohin? Ihr könnt doch nicht wieder in den Kerker zurück?«

»Das nicht; aber in unser Spital, wo ich Krankenwärterin bin.«

»So, Mutter, so? Seit wann?«

»Seit ein paar Monaten schon.«

»Das muß was Schweres sein, Krankenwärterin bei den schlechten Leuten.«

»Schwer und leicht; die Ärgsten werden oft die Besten, wenn sie einen brauchen… und schwer oder leicht, was liegt daran? Ich hab dort einmal mein Heim; ich bin zufrieden. O lieber Gott, mehr als zufrieden –« und wieder umfaßten ihre strahlenden Blicke den Sohn mit unergründlicher Liebe. »Mehr als zufrieden, weil ich dich jetzt gesehen habe, so stark, so brav, so gesund… Und mein zweites Kind, das sie dem lieben Herrgott geschenkt haben, das ich nicht sehen darf – Milada…« Pavel stöhnte –, »ist sie schon eine kleine Klosterfrau?«

»Nein, Mutter.«

»Nein?« Sie erbebte bei dem gramvollen Ton seiner Worte. »Nein«, murmelte sie mit trockenen Lippen und stockendem Atem, »noch nicht würdig befunden worden dieser höchsten Gnade?«

»O Mutter«, rief Pavel, »wie redet Ihr? – nicht würdig? Sie war eine Heilige… Das ist das Traurige, das ich Euch gleich habe sagen wollen – Milada ist tot.«

»Tot…« Zweifelnd, dumpf und gedehnt sprach sie es ihm nach und schrie plötzlich: »Nein;, nein!«

»Seit drei Tagen, Mutter.«

Sie sank zurück, erdrückt von der Wucht eines Schmerzes, der mächtiger war als sie. – Allmählich erst kam wieder Leben in ihre Züge, und ihre Starrheit wich dem Ausdruck wehmütiger Begeisterung: »Ich glaube dir, Sohn, ich glaube dir. Sie war eine Heilige, und jetzt ist sie im Himmel, und dort werde ich sie finden, wenn es dem Herrn gefallen wird, mich abzurufen.«

»Mutter«, entgegnete Pavel zögernd, »hofft Ihr denn, daß Ihr in den Himmel kommen werdet?«

»Ob ich es hoffe? – Ich weiß es! – Gott ist gerecht.« – »Barmherzig sagt… Sagt Ihr nicht barmherzig?« Seine Mutter richtete sich auf: »Ich sage gerecht«, sprach sie mit einer großartigen Zuversicht, vor der alle seine Zweifel versanken, die einen Glauben an dieses arme, verfemte Weib in ihm entzündete, fester, treuer, seligmachender als je ein Glaube an das Höchste und Herrlichste. Er trat näher, sein Mund öffnete sich; sie erhob bittend die Hände: »Frag mich nicht mehr, ich kann dir nicht antworten… Die Frau hat am Altar geschworen, ihrem Mann untertänig zu sein und treu… Dafür wird er unserem Herrgott dereinst Rechenschaft über sie ablegen müssen. Mög ihm der ewige Richter barmherzig sein. – So bete ich, und so sollst auch du beten und schweigen und nicht fragen.«

»Nein«, beteuerte er, »nein – und ich frage ja nicht. Ich bitte Euch nur, daß Ihr es von selbst aussprecht, daß Ihr keinen Teil habt am Verbrechen des Vaters… Erbarmet Euch meiner und sprecht es aus…«

Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihre Lippen: »Pavel, Pavel, das tut mir sehr weh… Es hat mir ja oft einen Stich ins Herz gegeben; – Wer weiß, was die Kinder denken? – Ich hab mich immer davon losgemacht wie von einer Eingebung des Bösen… Das war gefehlt.« – Sie hob das Haupt, ein ernster und edler Stolz malte sich in ihren Zügen. – »Ich hätte dir nicht über die Schwelle treten sollen, bevor ich zu dir gesagt hätte: Ich bin unschuldig verurteile worden, Sohn.«

Da brach er aus: »Barmherziger Gott, wie schlecht war ich gegen Euch! …«

»Klage dich nicht an«, versetzte sie mit unerschütterlicher Ruhe, »du warst so jung, als ich dich verlassen mußte. Du hast mich nicht gekannt.«

»Mutter«, konnte er nur sagen, »Mutter…« und er stürzte vor ihr nieder, barg sein Haupt in ihrem Schoß, umschlang sie und wußte, daß er jetzt seinen besten Reichtum, sein Kostbarstes und Teuerstes in seinen Armen hielt. »Bleibt bei mir, liebe Mutter«, rief er. »Ich werde meine Hände unter Eure Füße legen, ich werde Euch alles vergelten, was Ihr gelitten habt. Bleibe bei mir.«

Und sie, verklärten Angesichts, einen Himmel in der Brust, beugte sich über ihn, preßte die schmale Wange in seine Haare, küßte seinen Nacken, seine Schläfen, seine Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich darf«, sagte sie.

»Der Leute wegen?«

»Der Leute wegen.«

Da sah er zu ihr empor: »Was habe Ihr eben gesagt? – Die Ärgsten werden oft die Besten, wenn sie einen brauchen. Nun, liebe Mutter, das müßt doch kurios zugehen, wenn man zwei Menschen, wie wir sind, nicht manchmal brauchen sollte. Bleibe bei mir, liebe Mutter!«

Kapitel 9


Kapitel 9

 

Als der Lehrer am folgenden Tage zum Bürgermeister kam, lag dieser von Schmerz gequält auf dem Bette. Er hatte in seinem jämmerlichen Zustand nicht das geringste Interesse für Wohl oder Weh der Mitmenschen. Sooft Habrecht auch begann, von Pavel zu sprechen, der Kranke kam immer auf sich, auf seine Leiden, auf seine Klagen über den Arzt zurück, der alle Fingerlang daherlaufe, ihm das Geld aus der Tasche stehle und nicht helfe. Um wieviel besser dran als er war seine Magd! Ja, die! Vor ein paar Wochen so krank und so matt, daß sie sich kaum hatte auf den Beinen halten können, jetzt frisch und gesund. Und warum? Weil sie von allem Anfang an vom Arzt nichts hatte wissen wollen, weil sie, ohne erst lange zu fragen, zum Weib des Hirten geschickt um ein Mittel. Das hatte geholfen, gleich nach einer Stunde war sie hergestellt.

Der Lehrer sagte: »Hm, hm!« und brachte von neuem die Angelegenheit Pavels vor, worauf ihm der Patient nochmals die Geschichte der wunderbaren Heilung seiner Magd erzählte.

»Und was beschließt Ihr über den Pavel?« fragte der Schulmeister und erhielt endlich den Bescheid, er solle sich an die Räte wenden.

So machte er denn die Runde bei den Räten. Einer nach dem andern hörte ihn ernsthaft und geduldig an, und jeder sagte: »Da müssen Sie zuerst zum Bürgermeister.«

»Der Bürgermeister schickt mich zu Euch.«

»Ja, dann müssen Sie zu den zwei andern Räten.«

Selbständig einen Entschluß zu fassen oder nur eine Meinung auszusprechen, dahin war durch ruhiges Zureden keiner zu bringen; und in Eifer zu geraten hütete sich Habrecht, um nicht bei den mißtrauischen Dorfvätern in den Verdacht irgendeiner eigennützigen Absicht bei der Sache zu kommen.

Zuletzt ging er ins Schloß, um dort für seinen Schützling zu wirken, kam jedoch übel an. Der Brief aus dem Kloster hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Die Frau Baronin machte sich bittere Vorwürfe, die Zusammenkunft der Geschwister befürwortet zu haben, war sehr aufgebracht gegen Pavel, wollte nicht mehr von ihm sprechen hören und riet dem Schulmeister, den Schlingel ein für allemal seinem Schicksal zu überlassen.

Die Woche verfloß; Virgil begab sich täglich nach der Schule, um den Pavel abzuholen, aber der Junge ließ sich entweder nicht finden oder leistete offenen Widerstand. Da wanderten endlich der Hirt und sein Weib zum Bürgermeister und ersuchten ihn, seine Autorität geltend zu machen und den Buben zur Rückkehr zu ihnen zu zwingen. Der kranke Mann versprach alles, was sie verlangten, blickte zwischen jedem mühsam herausgestoßenen Satz die Wunderdoktorin fragend, fast flehend an und ächzte, nach seiner schmerzenden rechten Seite deutend: »Da sitzt’s! Da sitzt der Teufel!«

»Mein Gott, mein Gott!« sprach das Weib. »Rechts, ja rechts, da tut’s weh, das ist die Leber.«

»Die Leber? Nun ja – sie sagt also wenigstens etwas, sie! … sie sagt, die Leber ist’s? Aber der Doktor, der sagt nicht Leber und gar nichts.«

»Sagt nichts und weiß nichts«, sprach das Weib mit überlegener, wegwerfender Miene.

»Weiß nicht einmal eine Linderung, weiß gar nichts.«

Die Virgilova erhob die gefalteten Hände zur Höbe ihrer Lippen und hauchte über die Fingerspitzen: »Ach Gott, ach Gott! und wenn man denkt, wie leicht dem Herrn Bürgermeister zu helfen wäre.«

Der Kranke bäumte sich auf seinem Lager: »Meinst du? … So hilf mir!«

»Wenn ich nur dürft«, entgegnete sie mit einem raschen, lauernden Blick. »Wenn ich nur etwas schicken dürft! … In vierzehn Tagen wären Sie gesund.«

»So schick mir etwas, schick! … Aber – das Maul gehalten… verstehst du? …« Er unterbrach sich, um ängstlich auf Schritte und Stimmen, die sich näherten, zu horchen, und fuhr dann leise fort: »Wenn’s dunkel wird, kommt die Magd und holt’s.«

»Ich schick den Buben, das wird besser sein, da setzen Sie dem auch gleich den Kopf zurecht und sagen ihm: Wo du hing’hörst, da gehst wieder hin. Die Magd soll nur aufpassen bei der Stalltür.«

Der Bürgermeister winkte heftig: »Um neun. Geht fort geht!«

Virgil und sein Weib gehorchten schleunig, trafen aber schon am Ausgang der Stube mit Peter und dem Arzte zusammen. Dieser ließ die unbefugte Kollegin hart an mit der Frage, was sie hier zu suchen habe. Nicht minder mißtrauisch und viel derber wies Peter die beiden Alten hinweg.

Das Ehepaar legte den Heimweg schweigend zurück.

In der Hütte angelangt, begab die Frau sich sogleich zu der Truhe, kramte eine schmutzige, in Lumpen gehüllte Schachtel hervor und entnahm ihr zwei Fläschchen. Das eine trug die Etikette der städtischen Apotheke mit der Aufschrift: »Kamillengeist«. Der Inhalt der zweiten war von gelbgrauer Farbe und hatte einen dicken weißlichen Bodensatz. Aufmerksam prüfend hielt die Frau das Fläschchen gegen das Licht und begann es langsam in ihren Fingern zu drehen.

Virgil hatte sich auf die Bank gesetzt. »Was tust?« fragte er plötzlich. »Was willst ihm helfen? Laß ihn.«

»Dem kann niemand helfen«, antwortete das Weib. »Der muß sterben.«

»Muß sterben? – Was willst also? … Misch dich nicht hinein.«

Sie zuckte die Achseln: »Dreiviertel Jahr oder ein ganzes kann er’s schon noch machen.«

»Oder ein ganzes?« wiederholte Virgil bestürzt, dachte nach und rief auf einmal voll Grimm: »Hast gesehen, wie sein Bursch mit uns war?«

»Aus lauter Angst vorm Vater«, versetzte das Weib. »Er möcht uns prügeln aus lauter Angst… und sie kriegt auch noch Prügel von ihm – dann!« Sie legte ungemeines Gewicht auf dieses Wort und zwinkerte mit ihren blassen Katzenaugen. »Dann – wenn die Verliebtheit verraucht sein wird, und die verraucht bald, wie die Bursche schon sind, die schlechten Kerls. Pack dich, wird’s dann heißen, ich hab nichts mehr mit dir zu tun! Und das Mädel weiß, daß es so kommen kann, und wenn’s so kommt, dann geht das Mädel in den Brunnen.«

Virgil stieß einen heiseren Laut hervor und bekreuzte sich dreimal nacheinander: »Gered! Albernes Mädelgered!«

»Von unserem ist’s kein Gered«, erwiderte das Weib mit innigster Oberzeugung, »die tut’s.«

»Tut’s nicht.«

»Laß nur drauf ankommen.«

»Ich schon. Meinetwegen braucht sich der Racker nicht zu schinieren.«

»So soll sie gehen. ‘s wird halt auf der Welt um ein armes Mädel weniger geben. Mich hätt’s nur g’freut, wenn der Alte früher gestorben wär, jetzt! solang noch der Peter, wenn er dürft, wie er wollt, sie nehmen tät… Und wenn sie ihn nur hätt! wenn nur!« das Weib brach in ein Gelächter aus, »dann wär er’s, der Prügel bekäm.«

Virgil nahm zuerst teil an ihrer lauten Heiterkeit, doch hielt er bald inne, verzog heuchlerisch den Mund und sprach tief aufseufzend: »Gott geb’s, daß der liebe Gott den armen Herrn Bürgermeister bald erlöst.«

»Vielleicht gibt er’s«, versetzte rauheren Tones die Frau; »und jetzt mach fort und hol den Buben.«

»Er geht nicht.«

»Sag, daß der Bürgermeister es befiehlt.«

»Er geht doch nicht.«

»So sag, daß die Vinska um ihn schickt.«

Der Hirt stand auf und schlich dem Ausgang zu. Dort blieb er stehen, wandte sich und sprach: »Du, hörst – helfen sollst ihm just nicht, was Unrechtes geben aber auch nicht.«

Höhnisch blinzelte sie ihn an: »Werden schon sehen.« Um ihre dannen, über das vorstehende, noch gut erhaltene Gebiß fest gespannten Lippen flog ein grünlicher Schatten.

Den Mann überlief’s, er humpelte sachte davon.

Zwei volle Stunden ließ Pavel auf sich warten. Es war beinahe Nacht, als er endlich kam, an die Tür klopfte und nach Vinska fragte. In die Hütte einzutreten, war er nicht zu bewegen.

Der Hirt, der ihn begleitet hatte, lehnte an der Wand und rührte sich nicht. Bei den Nachbarn herrschte Stille, nur unterbrochen durch das kräftige Schnarchen Arnosts, dessen Lagerstätte in der Nähe des Fensters stand.

Virgilova erschien auf der Schwelle: »Die Vinska schlaft schon«, sagte sie, »jetzt kannst sie nicht mehr sehen, warum kommst so spät. Mußt auch gleich zum Bürgermeister.«

»Ich?«

»Sollst ihn selbst bitten, daß er dich beim Lehrer laßt, und –« sie senkte die Stimme zu kaum hörbarem Geflüster, »und mußt ihm auch ein Mittel bringen.«

»Aha!« Pavel begriff sogleich, um was es sich eigentlich handele. Er war oft genug seiner Prinzipalin verschwiegener Bote bei Kranken gewesen und teilte mit dem ganzen Dorfe den Glauben an ihre Kunst und an die Heilkraft ihrer Medikamente. So streckte er die Hand aus und sprach: »Gebt her.«

Sie reichte ihm das Fläschchen mit dem harmlosen Inhalt und schärfte ihm umständlich die Vorsichtsmaßregeln ein, unter denen es »auf dreimal« zu leeren sei. »Geh durch den Garten«, schloß sie, als der Junge ungeduldig zu werden begann und ihr nur noch mit halbem Ohr zuhörte: »Halt dich weit von der Straße, daß dich der Nachtwächter nicht sieht. Die Magd weiß, daß du kommst, und wird dir aufmachen.«

Mit ein paar Sätzen war Pavel auf dem Feldrain, einen Augenblick hob sein dunkler Schatten sich vom bleigrauen Horizont ab, dann war er verschwunden.

Virgilova trat auf ihren Mann zu, faßte ihn am Arm und zog ihn einige Schritte mit sich fort. »Jetzt laufst dem Buben nach und sagst ihm: Bald hätt die Frau vergessen; das da muß er zuerst austrinken und das Flascherl gleich wieder zurückschicken, damit die Frau es im Mörser zerstoßen und das Pulver auf sieben Maulwurfshügel streuen kann, sonst hilft alles nichts. So sagst ihm und das gibst ihm.«

Sie drückte ihm ein kleines kaltes Ding in die Hand, bei dessen Berührung ihn schauderte.

»Um Gottes willen, ist da was Unrechtes drin?«

»’s is was gegen die Schmerzen; die werden gut davon.«

»Wie den Ratzen ihre«, sagte er und fügte, plötzlich in Zorn geratend, hinzu: »Warum hast du’s nicht gleich dem Buben mitgegeben, warum soll ich’s hintragen?«

Sie kicherte: »Daß du nicht sagen kannst, wenn’s aufkommt: Ich weiß nichts davon; daß du mich nicht sitzenlassen kannst, wie du gern möchtest, wenn’s schief geht; darum, du Feigling. Und jetzt lauf.«

Er trat von ihr weg: »Ich geh nicht«, sagte er.

»So laß ihn leiden! … Niemand weiß, was der noch leiden muß. Sein eigener Sohn könnt ihm nichts Besseres tun, als ihn erlösen. Er wird zu seinem Sohn noch sagen: Bring mich um, oder ich fluch dir! … Lauf, lauf! … Willst noch nicht? … So laß ihn leiden wie einen gebissenen Hund, damit er Zeit hat, die Vinska in den Brunnen zu jagen und den Sohn um sein Glück zu fluchen und sich selber ums ewige Leben.«

Sie sprach leise mit heftiger und furchtbarer Beredsamkeit, und Virgil zuckte unter dem Schwall ihrer Worte wie von tausend Nadeln gestochen. »Ein Liebeswerk«, schloß sie, »ein Werk der Barmherzigkeit, den zu erlösen. Was ein rechter Mann wär, tät’s um Gottes willen.«

Er keuchte, es war ihm gräßlich, zu sehen, daß die Augen seines Weibes in der Dunkelheit glimmten von eigenem fahlen, weißlichen Licht.

»Um Gottes willen? … Um Gottes willen also«, wiederholte er, wandte sich und trat seine Wanderung an.

Das Gäßchen, dem er zueilte, wurde von der Rückwand einiger Scheuern und vom Zaun des Bürgermeistergartens gebildet. An der Ecke des letzteren angelangt, blieb Virgil stehen. Hinter dem Zaun regte sich’s… Ein Geflüster drang an des Alten Ohr, ein zärtliches Liebesgeflüster, ein Seufzen, Kosen, Küssen, ein Abschiednehmen für eine Nacht, als wär’s für die Ewigkeit… Es sind die zwei, dachte Virgil, es ist der Racker, der da küßt und herzt – der Racker, für den ich hingehen und töten muß… Muß ich? … War gestern bei der Beicht, und geh aufs Monat wieder… Und das könnt ich nicht beichten, und dafür gibt’s keine Absolution, dafür gibt’s nur die Hölle. – Am vorigen Sonntag hat der Pfarrer von ihr gesprochen und ihre Qualen ausführlich geschildert.

Der Hirt eilt immer noch vorwärts, seine Zähne schlagen zusammen, es pfeift laut in seiner Brust. Heulen und Zähneklappern, das ist schon die Hölle, er trägt sie schon in sich… Außer ihm ist sie aber auch, die Dunkelheit ist Hölle… Und was wandert da vor ihm her, was für ein breiter, schwarzer Strich, noch schwärzer als die Finsternis? – Ei, der Pavel! blitzt es durch das chaotische Durcheinander seiner Vorstellungen. Ruf ihn – so ruf ihn doch, ermahnt er sich selbst… Wozu? Nun, um ihm das Gift… er dachte es nicht mehr aus. Ihm war, als ob sein Kopf wüchse und groß würde wie ein Zehneimerfaß und als ob seine Füße so schwach und dünn würden wie Weidenruten; und diese schwachen Füße sollen den ungeheuren Kopf tragen und die Hölle, die er in der Brust hat? Das geht nicht, das nimmermehr… Was aber geschieht jetzt? Heiliges Erbarmen! … Der schwarze Strich verändert die Form, und es ist nicht Pavel, es ist der leibhaftige Teufel, hinter dem Virgil einhergeht, der Teufel, der sich nicht einmal nach ihm umsieht, so sicher ist er: Der folgt mir gewiß. Dem Hirten schwindelt, und er bricht zusammen. »Nein!« würgt er hervor, »nein, ich tu’s nicht! Herrgott im Himmel, gebenedeite Dreifaltigkeit, verzeih mir meine Sünden!« Und vor dem Namen des Höchsten und Heiligsten verrinnt der Spuk, und es ist Pavel, der sich jetzt über den Alten beugt und fragt: »Was wollt denn Ihr da?«

»Ich, ich?« schluchzt Virgil und klammert sich mit beiden Händen an ihm fest. »Ich – nichts. Gift hab ich bringen sollen, aber ich tu’s nicht…«

Er erhob sich, den Arm Pavels immer festhaltend, zertrat das Fläschchen und stampfte die Scherben in die Erde.

»Schau mir zu«, rief er, »bleib da und schau mir zu.«

»Laßt mich aus, Ihr seid einmal wieder betrunken«, sprach der Junge, machte sich los von Virgils krampfhaftem Umklammern und stieg über den Zaun in den Garten.

Am nächsten Morgen erwachte Pavel aus tiefem Schlafe. Die Tür der kleinen Kammer, die ihm der Lehrer als Wohnstube angewiesen hatte, war aufgerissen worden; im Dämmerschein des grauenden Herbsttages stand der Schulmeister da und rief: »Steh auf! beeil dich – du mußt die Sterbeglocke läuten.«

»Für wen denn?« fragte Pavel und regte die schlummerschweren Glieder.

»Für den Bürgermeister.«

Der Junge sprang empor wie angeschossen.

»Er ist tot, ich gehe hin, besorg du das Läuten«, sprach Habrecht und eilte hinweg.

Pavels erste Empfindung war Schrecken und Staunen. Der Bürgermeister, dem er gestern das Mittel gebracht hat, das ihn gesund machen sollte, nicht genesen? gestorben – nicht genesen? … Das Mittel hat nicht geholfen! Gott hat’s nicht gewollt, darum vielleicht nicht, weil er’s wohlmeint mit Pavel, dieser gute Gott. Er hat vielleicht den Bürgermeister sterben lassen, damit der Pavel nicht zwingen könne, noch länger bei Virgil zu bleiben.

Der Junge flog aus dem Hause und über den Hof, die Treppe zum Glockenturm hinauf und läutete, läutete mit Andacht, mit Inbrunst, mit feierlicher Langsamkeit. Und dabei betete er still und heiß für das Seelenheil des Verstorbenen.

Als er vom Turme herunterkam, traf er den Herrn Pfarrer, der, auf dem Heimweg aus dem Sterbehaus, den verdeckten Kelch in den Händen, eben im Begriff war, in die Kirche zu treten. Pavel sank auf die Knie vor dem heiligen Viatikum, und der Priester ließ im Vorübergehen einen Blick so voll Verdammnis und Verwerfung über ihn hingleiten, daß er erschrocken zusammenfuhr, an die Brust schlug und sich fragte: Ist er bös auf mich, weil er sich vielleicht auch denkt, daß der Bürgermeister meinetwegen hat sterben müssen?

Er ging in die Schule zurück und nach seiner Stube und hatte dieselbe kaum erreicht, als auch schon Vinska hereinstürzte, verstört, ganz außer sich.

Sie hatte die Kleider nur hastig übergeworfen, das Tüchlein fiel ihr vom zerrauften Haar in den Nacken, ihr Gesicht war totenbleich, und mit den Gebärden wilder Verzweiflung warf sie sich vor Pavel hin.

»Erbarm dich!« rief sie, »du bist besser als wir alle. Guter Pavel, weil du so gut bist, erbarm dich unser… Wir waren immer schlecht gegen dich, aber erbarm dich doch, erbarm dich meines alten Vaters, meiner alten Mutter, erbarm dich meiner!«

Sie preßte das Gesicht an seine Knie, die sie umschlungen hatte, und sah flehend zu ihm empor. Er war noch bleicher geworden als sie, eine unheimliche Wonne durchschauerte ihn: »Was willst du?« fragte er.

»Pavel«, antwortete sie und drückte sich fester an ihn, »das Fläschchen, das du gestern gebracht hast, hat der Tote, wie sie ihn gefunden haben, in der Hand gehalten, und die Leute sagen – und der Peter sagt auch, es ist Gift.«

»Gift?« Die nächtliche Szene mit Virgil fiel ihm plötzlich ein; »ja, von Gift hat dein Alter geredet… Otterngezücht! Ihr habt den Bürgermeister vergiften wollen…«

»So wahr Gott lebt«, beteuerte Vinska, »ich hab von nichts gewußt… Und auch, so wahr Gott lebt: Es ist nichts Böses geschehen… Glaub mir – der Bürgermeister ist an seiner Krankheit gestorben, nur früher, als der Doktor gemeint hat, und das Mittel, das du gebracht hast, war ein gutes Mittel… Man wird es schon sehen bei Gericht, denn es kommt vors Gericht, der Peter will’s!«

Keuchend, in namenloser Aufregung, brachte sie diese Worte hervor, und ihr starrer Blick hielt den seinen fest.

»Wenn’s so ist«, entgegnete Pavel, »vor was fürcht’st dich?« »Vor was? Weißt nicht, wie die Leute sind? … Wenn die Mutter vors Gericht kommt und wird zehnmal losgesprochen, deswegen heißt’s doch, losgesprochen ist nicht unschuldig… Die Mutter darf nicht vors Gericht kommen, Pavel – Pavel!«

Sie wiederholte seinen Namen in allen Tonarten des Jammers, ihr zarter Körper schmiegte sich schlangenmäßig an ihm empor, und er, mit widerstrebender Seele, voll Argwohn und Groll, verschlang sie mit den Augen.

»Ich kann nicht helfen«, murmelte er.

»Du kannst! Du brauchst nur zu wollen, du brauchst nur zu sagen… sag es, Pavel, guter, guter Pavel!«

»Was denn? was soll ich sagen?«

»Daß dich niemand geschickt hat«, stammelte sie zagend, »daß du von selbst zu ihm gegangen bist.«

»Von selbst?« brach er aus; »was werd denn ich von selbst zu ihm gehen? was werd denn ich ihm bringen von mir selbst? Ich weiß ja nichts.«

»O Lieber, Allerliebster! ein Hirt weiß immer was. Du hast oft Kräuter gekocht für die kranken Ziegen und Schafe und hast halt gemeint, was für die so gut ist, kann auch für einen kranken Menschen gut sein… Das sag, Pavlicek, wenn sie dich fragen.« Sie küßte ihn, der ihr nicht mehr wehrte, auf seine brennenden Lippen. »Das sag, und dann nur alles, wie es war, wie du dich eingeschlichen hast in seine Stube, und was er gesagt hat, wie er dich gesehen hat.«

»Da hat er ja nichts gesagt.«

»Nichts gesagt?«

»Nichts, aber fürchterlich geglotzt.«

»Und du?«

»Und ich hab ihn gebeten, daß er mich beim Herrn Lehrer lassen soll.«

»Und dann? Weiter, Pavlicek, weiter.«

»Dann hat er mit dem Kopf gemacht: Nein, nein, und noch fürchterlicher nach dem Mittel geglotzt und gewinkt, daß ich ihm davon gehen soll.«

»Und du hast ihm davon gegeben?«

»Ja.«

»Und niemand war dabei?«

»Niemand.«

»Und die Magd? Ist die draußen an der Tür gewesen?«

»Die ist draußen an der Tür gewesen.«

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie hat gesagt: Gott geb’s, daß das Mittel hilft.«

»Und du?«

»Ich hab auch gesagt: Gott geb’s.«

»Und wie du in den Garten hinausgekommen bist, war niemand dort?«

»Der Peter«, sprach Pavel mit Bestimmtheit, »er hat mich gehört und mir nachgeschrien.«

»Das ist gut, alles gut, das mußt du alles aussagen«, flüsterte Vinska und umarmte ihn, als ob sie ihn ersticken wollte; »und es wird dir nichts geschehen, sie sind ja gescheit bei Gericht und wissen gleich, ob ein Mittel giftig ist oder nicht. Dir wird nichts geschehen, und uns wird geholfen sein… ich bitte dich also, erbarm, erbarm dich!«

Sie sah ihn an wie ein in Todesangst Ringender den Retter, von dem er sein ganzes Heil erwartet, und ein wonniges Gefühl der Macht schwellte die Brust des verachteten Jungen.

»Was krieg ich, wenn ich’s tu?« rief er übermütig und packte sie an beiden Armen. »Wirst du dann den Peter stehen lassen und mich nehmen?«

Wilde Verzweiflung flog über ihre Züge; von Zorn übermannt, vergaß sie alle Klugheit. »Dummer Bub – so war’s nicht gemeint!«

Sie schrie es fast und suchte sich von ihm loszumachen.

Er spottete: »Nicht? Warum also gibst mir Küsse und nennst mich Allerliebster? … Soll ich statt euer vor Gericht, damit der Peter dich nehmen kann? Das willst?«

»Das will ich!« sprach sie finster; »das muß ich. Dummer Bub! …« Sie trat einen Schritt zurück und erhob die gerungenen Hände. »Ich muß als Weib ins Bürgermeisterhaus oder in den Brunnen.«

»Du mußt? – mußt? – mußt? …« Er hatte begriffen und stöhnte auf in qualvollem Entsetzen… »Nichtsnutzige!«

Ihre Augen schlossen sich, ein Tränenstrom rann über ihre Wangen. »Ich hab geglaubt, daß du mich liebhast und mir helfen wirst«, sprach sie mit weicher Stimme, »aber du willst nicht.«

Sie schwieg, ihm raubten Grimm und Schmerz den Atem. Eine Weile standen sie wortlos voreinander: er im Begriff, auf sie loszustürzen, um sie zu erwürgen, sie auf das Schlimmste gefaßt und sich darein ergebend.

»Vinska«, begann er endlich, und sie, bei diesem Ton, so trotzig er auch klang, sie faßte wieder Hoffnung.

»Was – guter, guter Pavel?«

»Nichtsnutzige!« wiederholte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Sie wollte sich von neuem vor ihm niederwerfen, da hob er sie in seinen Armen auf, trug sie zur Tür und stieß sie hinaus. Noch einmal wandte sie sich vernichtet, zerknirscht: »Was wirst du sagen vor Gericht?«

»Ich werd schon sehen, was ich sagen werd«, antwortete er. »Geh.«

Sie gehorchte.

Kapitel 10


Kapitel 10

 

Im Bürgermeisterhause herrschten Verwirrung und Schrecken. Zum zehnten Male erzählte Peter den Neugierigen, die in die Sterbestube hereindrangen, wie er noch vor Mitternacht mit seinem Vater gesprochen und dann in die Kammer nebenan schlafen gegangen sei und wie ein paar Stunden später ein Röcheln ihn geweckt habe… Wie er aufgesprungen, zum Vater gestürzt, ihn schon in den letzten Zügen gefunden und den Knecht nach dem Priester und die Magd nach dem Doktor geschickt… Und wie beide zu spät gekommen… Und wie der Doktor, da er nach der Hand des Toten griff, die zur Faust geballte fast gewaltsam hatte öffnen müssen, um ihr ein halb geleertes Fläschchen entnehmen zu können, welches die Finger, im Todeskampf erstarrt, noch festhielten.

Die Zuhörer drückten ihre Teilnahme durch Seufzen und Klagen aus; Peter fuhr fort: »Der Pfarrer schaut. ›Was ist das?‹ fragt er, und der Doktor schaut auch, und wie er schon ist, sagt nichts – ›Herrgott im Himmel‹, ruft der Pfarrer: ›Ist ihm sein Leiden zuviel geworden? Ist er in Todsünde gestorben?‹ – ›Er ist an einer Verblutung gestorben‹, sagt der Doktor, und das Fläschchen führt er an die Nase. ›Und das ist Kamillengeist!‹ sagt er.«

»Wer’s glaubt«, fiel ein altes Weib dem Peter in die Rede, und er schluchzte auf.

»Wer’s glaubt, das hab ich auch gesagt! Gift hat mein Vater bekommen, ich hab am Abend einen Kerl aus dem Garten schleichen sehen, und ich glaub, ich kenn ihn, sag ich, reiß die Magd her und geb ihr eine und sag: ›Wer war gestern am Abend im Zimmer bei meinem Vater?‹ – ›Der Pavel‹, platscht sie heraus und fällt auf die Knie, ›Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll… Schlagt mich tot, aber so wahr Gott lebt, Euer Vater hat befohlen, daß man ihn hereinlassen soll, ich sag, wie’s ist, und weiter weiß ich nichts.‹«

Bei dieser Stelle seiner Erzählung brach Peter regelmäßig in ein rasendes Weinen aus. Er warf sich über die Leiche seines Vaters, und der rohe, harte Bursche wimmerte wie ein Kind. »Schon lange ist mir meine Mutter gestorben, und jetzt hab ich auch keinen Vater mehr. Eine Waise hin ich und ganz verlassen!«

Im Publikum, das mit Spannung den Ausbrüchen seines aufrichtigen Schmerzes lauschte, erhoben sich anklagende Stimmen gegen Pavel. Der schlechte Bub hat die Hand im Spiel bei dem Unglück mit dem Bürgermeister. Dem schlechten Buben, der vermutlich lieber auf der faulen Haut liegt als arbeitet, ist der Dienst beim Hirten zu schwer gewesen, er hat fort gewollt, aber nicht dürfen ohne Erlaubnis des Bürgermeisters, und weil der unerbittlich geblieben ist und die Erlaubnis nicht gegeben hat, sooft der Bub sie auch von ihm verlangt, so hat der schlechte Bub sich jetzt gerächt und den Bürgermeister aus der Welt geschafft.

Die Legende war bald fertig, verbreitete sich rasch im Dorfe, fand Glauben und stachelte die Leute auf zur Entfaltung einer ungewohnten Energie. Die ihres Oberhauptes beraubte Ortsbehörde entsandte einen Boten nach dem Bezirksamt, um für alle Fälle den Gendarm zu holen, während einige Heißsporne nach der Schule liefen, um – auch für alle Fälle – den Giftmischer durchzuprügeln. Indessen fanden sie das Haus versperrt. Der Lehrer hatte, gleich nachdem das für Pavel so bedrohliche Gerücht zu ihm gedrungen, ein Verhör mit dem Burschen angestellt, ihn dann in die Schulstube eingeschlossen und sich zum Doktor begeben. Bei demselben waren bereits der Herr Pfarrer, der Peter, Anton der Schmied und einige Bauern versammelt.

Der Pfarrer saß in dem großen schwarzen Lehnstuhl in einer Ecke des Fensters; in der andern, die Hände auf dem Rücken, hielt sich der Doktor. Den beiden Honoratioren gegenüber standen, einen regelmäßigen Halbkreis bildend, die Bauern.

»Ach, da kommt ja der Herr Lehrer«, sprach der Pfarrer mit seiner leisen, etwas heiseren Stimme.

»Sie werden wohl bereits wissen, um was es sich handelt«, bemerkte der Doktor, um dessen bläuliche Lippen ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte.

Peter rief: »Der Pavel hat meinen Vater vergiftet!«

»Weiß man noch nicht«, murmelte Anton.

»Und muß ins Kriminal«, fuhr Peter fort, und Anton wiederholte: »Weiß man noch nicht«, worauf Peter den Trumpf setzte: »Ich steh nicht ab, er muß ins Kriminal.«

»Vorläufig«, sagte Habrecht, »habe ich ihn in die Schulstube eingesperrt.«

Der Pfarrer stutzte. »So glauben auch Sie? …« Er hielt fast erschrocken inne, wie jemand, der sich verschnappt hat und dem das sehr unangenehm ist.

Habrecht bemerkte es und hielt sich schadenfroh an das bedeutungsvollste Wort in dem übereilt ausgesprochenen Satze. »Auch?« wiederholte er nachdrücklich, »nämlich wie Euer Hochwürden?«

Eine leichte Röte erschien auf den eingefallenen Wangen des Priesters.

»Ich dachte an die vox populi«, sagte er.

»Ja so! Die entstellte vox Dei

Nun öffnete sich die Tür, ein großer, vom Alter schon gebeugter Mann mit graugelbem Haar und ziegelrotem Gesicht, der Viertelbauer Barosch, trat ein. Er ging auf den Pfarrer zu, küßte ihm die Hand und meldete, der Gendarm komme schon.

»Was soll der Gendarm?« fuhr Habrecht ihn an, und Barosch richtete seine starren, immer erstaunten, immer um Verzeihung bietenden Branntweintrinkeraugen demütig auf den Lehrer und antwortete: »Den Buben aufs Bezirksgericht führen.«

»Was soll der Bub auf dem Bezirksgericht?«

»Gestehen.«

»Was denn?«

»Daß er dem Bürgermeister etwas gebracht hat.«

»Das gesteht er ja ohnehin.«

»So?« sprach der Pfarrer, »das hat er Ihnen gestanden?«

»Er würde es auch Ihnen gestehen.«

»Da wäre ich doch begierig, Herr Lehrer. Da möchte ich Sie doch bitten, lassen Sie ihn rufen, haben Sie die Güte.«

»Ich geh um ihn!« schrie Peter und wollte schon davoneilen; Anton hielt ihn fest: »Nicht du, du bist wie ein Narr. Ich geh, Herr Lehrer.«

Aber Habrecht dankte auch ihm für das Anerbieten, verließ die Stube und kehrte nach einer Weile, von seinem Schützling begleitet, zurück.

Peter konnte nur mit größter Mühe verhindert werden, über den letzteren herzufallen, drohte ihm und rief, so laut die atemraubende Wut, die ihn beim Anblick Pavels ergriffen hatte, es erlaubte: »Schaut ihn an, den Hund! Sieht man ihm nicht an, was für ein Hund der Hund ist?«

Und wirklich konnte der Zustand, in dem der Junge vor die höchsten Instanzen seines Dorfes trat, ein günstiges Vorurteil für ihn nicht erwecken. Der Kopf schien ihm zu brennen, eine scheue und finstere Qual sprach aus dem glühenden Antlitz und entsetzlicher, unstillbarer Haß aus den Blicken, die er hinter halbgeschlossenen Lidern hervor auf seinen Hauptankläger, auf Peter, warf.

Habrecht legte die Hand auf seine Schulter und schob ihn vor sich hin in die Fensterecke, zwischen den Pfarrer und den Doktor hinein.

Der Pfarrer betrachtete den Jungen schweigend, räusperte sich und fragte ruhig und geschäftsmäßig: »Ist es wahr, daß du dich gestern abend in das Haus des Bürgermeisters geschlichen und ihm etwas gebracht hast?«

Pavel nickte, und durch den Kreis der Bauern lief ein Geflüster triumphierender Entrüstung.

»Was war das, was du ihm gebracht hast?«

»Es war eine gute Medizin.«

»Wie bist du zu der guten Medizin gekommen?« fiel nun Habrecht ein.

Pavel schwieg, und der Lehrer fuhr fort: »Hat dich nicht vielleicht jemand zum Bürgermeister geschickt mit dieser guten Medizin?«

Der Junge erschrak und versetzte rasch: »Nein, ich habe sie von mir selbst gebracht.«

»Woher weißt du denn auf einmal etwas von guten Medizinen?« mischte der Doktor sich ins Verhör, und Pavel erwiderte: »Ein Hirt weiß immer was.«

»Er lügt«, erklärte der Lehrer; »er will oder darf die Wahrheit nicht sagen.«

»Und was halten Sie für die Wahrheit?« fragte der Pfarrer, dessen Gelassenheit vorteilhaft abstach von der nervösen Unruhe Habrechts. Dieser sprach: »Für die Wahrheit halte ich, daß der Junge zum kranken Bürgermeister geschickt worden ist, und zwar durch die Kurpfuscherin, die Frau des Hirten.«

Pavel schrie auf: »Sie hat mich nicht geschickt! Ich bin von Selbst gegangen«, und Peter wiederholte zornig: »Von selbst, er gibt’s zu, aber der Herr Lehrer nicht. Der Herr Lehrer will unschuldige Leut hineinbringen… das verzeih Gott dem Herrn Lehrer. Der Bub hat mit den Leuten, die der Herr Lehrer hineinbringen will, schon lang nichts mehr zu tun, der Bub ist schon lang beständig beim Herrn Schullehrer in der Schul.«

»Mich wundert nur«, entgegnete ihm der Doktor, »daß dein Vater das Mittel, das der Bub ihm von sich aus gebracht hat, so ohne weiteres eingenommen haben soll; außer- er hätt’s extra beim Buben bestellt, was mir auch, nicht recht einleuchten will.«

»Sag ganz genau, wie es zugegangen ist«, wandte der Pfarrer sich an Pavel. »Du hast dich also gestern in die Stube des Bürgermeisters geschlichen?«

»Ja.«

»Und was hast du gesagt?«

»Guten Abend, Herr Bürgermeister.«

»Und was hat er gesagt?«

»Nichts.«

»Und was hat er getan?«

»Mir gewinkt, ich soll ihm das Mittel geben.«

»So hat er also gewußt, daß du ein Mittel bringen wirst?«

Pavel antwortete nicht; er hatte den Kopf vorgestreckt und lauschte einem Geräusch von Schritten und Stimmen, die sich der Tür näherten. Abermals wurde sie geöffnet, der Gendarm Kohautek, auch der heiße Gendarm genannt, erschien, gefolgt von den Räten.

Die Schwüle, die bereits im Zimmer herrschte, nahm plötzlich so sehr zu, als hätte man einen geheizten Ofen hereingestellt; und alle diese Hitze schien von dem vor Berufseifer glühenden Kohautek auszugehen. Aber nur aus den Augen loderten die inneren Flammen, und wie warm ihm immer war, verrieten allein die kleinen Schweißtropfen, die auf seiner Nase perlten. Sein Gesicht war von schöner klarer Olivenfarbe und rötete sich nie.

Er begann sogleich seines Amtes zu walten und die Vorerhebungen einzuleiten. Der ganze Mann war nur eine Drohung, wenn er das Wort an den Angeklagten richtete, und doch fühlte sich dieser seit der Anwesenheit des Gendarmen ruhiger und sicherer; er glaubte, einen Stein im Brett bei Kohautek zu haben, seitdem er einmal wegen eines Geflügeldiebstahls von ihm verdächtigt und später unschuldig befunden worden. Der Gendarm stellte an Pavel ungefähr dieselben Fragen, die man schon an ihn gestellt hatte, er erhielt dieselben Antworten und gelangte endlich zu dem dunklen Punkt in der Sache, zu der Provenienz des corpus delicti, des Flascherls. Über die Provenienz dieses corpus, dieses Flascherls, mußte der Bub eine Aussage machen. Er mußte! Kohautek vermaß sich, ihn gleich dazu zu bringen, fragte, ermunterte, warnte vor der Gefahr, in welche sich Pavel durch sein eigensinniges Schweigen versetzte. Alles umsonst. Der Bub blinzelte ihm fast vertraulich zu und blieb taub für seine Ermahnungen wie für die des Geistlichen und für das flehende Beschwören Habrechts, blieb unempfindlich für die Beschimpfungen Peters und seiner Gesinnungsgenossen.

Zuletzt verstummte er völlig, und die Bauern sahen darin den deutlichsten Beweis seines Schuldbewußtseins. Peter spie vor ihm aus: »Er geht ins Kriminal! Er hat meinen Vater vergiftet.«

»Mit Kamillengeist«, sagte der Doktor, nahm das Fläschchen aus seiner Tasche und hielt es dem Besonnensten aus der Gesellschaft, dem Schmied Anton, unter die Nase.

Der roch daran, zog die Achseln in die Höhe und sprach: »Ja, ja – nach Kamillen riecht’s – aber…«

»Nun? – Aber?«

»Aber was es ist, weiß man nicht.«

Der Lehrer, an dem alles bebte und der fortwährend vor sich hinmurmelte: »Vernünftig, vernünftig, haltet Ruhe, meine Nerven«, versetzte nun: »Was meint ihr, ihr Leute, wenn das Gift wäre, würde ich davon trinken? Seht her! Ich trinke!« Er erbat sich das Fläschchen vom Doktor und tat einen Schluck daraus: »Nun seht, ich habe getrunken und befinde mich wohl und werde mich morgen auch noch wohlbefinden.«

Ein wenig stutzten die Bauern, sahen den Schulmeister scheel an, traten näher zusammen und wisperten miteinander.

»Was meint ihr? Was sagt ihr?« fragte Habrecht.

Barosch seufzte, schüttelte den Kopf, verzog den breiten schmunzelnden Mund. »Ja«, brachte er endlich hervor, »ja, das ist keine Kunst – jetzt ist freilich nichts Giftiges mehr drin.«

»Wieso? Es ist dasselbe Fläschchen, und was früher drin war, ist noch drin, das heißt ein bißchen weniger.«

»Ja, das Giftige, das war schon weggetrunken, das hat der Bürgermeister beim ersten Zug bekommen… Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben.«

»Schwimmt oben!« wetterte Peter, und der Schulmeister sprang mehrmals empor vor Zorn und Entrüstung.

»Sie hören, Sie hören!« rief er dem Pfarrer zu. Der Geistliche behielt immer seine leidende Miene und seinen Gleichmut und erwiderte die Anrufung Habrechts nur mit einer bedauernden Gebärde. Der Gendarm stand unbeweglich und strahlte knirschend Hitze aus; der Doktor hingegen verlor die Geduld. Er, dem man nachsagte, daß er mit seinen Worten so sparsam sei, als ob ihn jedes einen Guldenzettel koste, brach in eine Rede aus: »Oh, du nie überwundene, ewig triumphierende Dummheit! … Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben. –

Da haben wir’s, da wissen wir’s, bleiben wir nur gleich dabei, eines Besseren überzeugen kann uns ohnehin keine Macht der Welt. Und wenn der Allweise selbst vom Himmel herunterstiege und sich aufs Beweisen und Widerlegen einlassen wollte, er hätte den Weg umsonst gemacht.«

Die Bauern hörten diese Anklage an, ohne recht zu wissen, was sie daraus machen sollten; aber mit steigendem Entzücken hatte Pavel ihr gelauscht. Der Doktor staunte über das Verständnis, das ihm sieghaft und wonnevoll aus den fest auf ihn gerichteten Augen des Jungen entgegenleuchtete. Dieser hatte zum erstenmal in seinem Leben den Kopf stolz und gerade emporgehoben, sog jedes Wort des Doktors wie eine köstliche Labe förmlich in sich hinein und schlug, als das letzte gesprochen war, ein wildes, herausforderndes Gelächter auf.

Da brach die Empörung über ihn los. Kohautek vermochte im ersten Augenblick nichts zu seinem Schutze; trotz verzweifelter Gegenwehr wurde Pavel niedergeworfen, mißhandelt, mit Füßen getreten. Der Gendarm mußte seine ganze Autorität und Anton, der sich ihm zur Seite stellte, die ganze Kraft seiner Fäuste aufbieten, um den Jungen den Ausbrüchen der sinnlosen Wut seiner unbefugten Richter zu entreißen. Eine rasche, kurze Beratung mit dem Geistlichen, dem Lehrer und dem Doktor, und Kohautek beschloß, Pavel mitzunehmen aufs Gericht.

»Ich tu’s nicht«, rief er, »weil ich ihn für schuldig halte; ich tu’s, weil ihr Bestien seid, vor denen ich ihn in Sicherheit bringen will. Spann einer ein.«

»Ich«, schrie Peter, »ich führ ihn«, und war mit einem Sprung aus dem Zimmer.

Der Geistliche warf einen Blick durch das Fenster. Vor dem Hause hatten sich Gruppen gebildet, welche dem auf die Straße herunterdringenden Lärm horchten und einzelne Worte, die zu unterscheiden ihnen möglich gewesen, in großer Aufregung nachsprachen.

Die Bewegung stieg aufs höchste, als Peter mit seinem Wägelchen gefahren kam und der Gendarm mit Pavel und dem Lehrer, der den Jungen auf seinem schweren Gange nicht verlassen wollte, in der Tür des Doktorhauses sichtbar wurden. Habrecht stieg zu Peter auf den vorderen Sitz, auf dem rückwärtigen nahm der Gendarm neben dem Delinquenten Platz. Flüche, drohende Mienen und Gebärden begleiteten das davonrollende Gefährt. Peter lenkte es so langsam durchs Dorf, daß die sämtliche Straßenjugend Zeit hatte, sich ihm anzuschließen und ihm das Geleite zu geben. Sie tat es unter Jubeln und Jauchzen. »Da fahrt er!« schrie eine Stimme aus der Rotte; »da fahrt er!« schallte es im Chor.

»Wohin fahrst?« rief ein kleiner, verwachsener Fratz, und ein bildhübsches Häuslerkind, ein blauäugiges Mädchen, eines der lustigsten in der verwegenen Bande, an deren Spitze Pavel einst auf Holzdiebstahl in den Wald gezogen war, lachte zu ihm hinauf: »Fahrst zum Vater oder zur Mutter?«

Die ausgegebene Parole pfiff in unzähligen Wiederholungen durch die Luft, immer ärger wurde das Treiben, und endlich hieb Peter auf Befehl des Gendarmen mit der Peitsche in die vor Schadenfreude und Lust am Quälen berauschte Schar. Sie schien sich zu verlaufen, schlug aber nur einen kürzeren Weg ein und faßte Posto hinter einer Johannisstatue, die zwischen Bäumen am Ende des Dorfes stand. Als das Wäglein dort ankam, wurde es mit lautem Hallo und einem Hagel von Erdklumpen und Steinen empfangen. Kohautek fluchte, Peter trieb die Pferde an, Habrecht zog den Rock über die Ohren, Pavel saß regungslos. Erst als das Gefährt auch seinen ausdauerndsten Verfolgern entronnen war, bückte er sich und warf die Steine, die in den Wagen gefallen waren, ruhig hinaus, alle bis auf den letzten, den kleinsten, den betrachtete er aufmerksam und nachdenklich und steckte ihn dann in die Tasche.

»Was willst du mit dem Steine?« fragte der Gendarm.

»Wenn ich mir einmal ein Haus baue – und ich bau mir eins«, lautete die Antwort, »leg ich den Stein unter den Riegel der Tür, damit ich mich erinnern muß bei jedem Ein- und Ausgehen, wie die Leute mit mir gewesen sind.«

Eine Stunde später war man am Bestimmungsorte angelangt. Der Bezirksrichter ließ Pavel vor sich führen und schien eher geneigt, an seine Schuld als an seine Unschuld zu glauben; »denn«, pflegte er zu sagen, »was mich betrifft, ich denke von dem Menschen nicht das Schlechte, sondern das Allerniederträchtigste.«

Die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf, die Obduktion der Leiche des Bürgermeisters wurde angeordnet. In Abwesenheit des Gerichtschemikers nahm sein Stellvertreter, ein sehr zuversichtlicher junger Mann, die Analysen in höchst eleganter Weise vor und konstatierte schlankweg die Anwesenheit von Gift im Magen und in den Eingeweiden des Toten. Da gab es für Pavel eine Reihe böser Tage, doch blieb er standhaft und benahm sich vor dem offiziellen Richter genauso, wie er sich beim Verhör daheim im Dorfe benommen hatte. Seine Leiden nahmen ein Ende bei der Rückkehr des Gerichtschemikers, der die Arbeiten seines grünen Rivalen einer Prüfung unterzog, ihre Mangelhaftigkeit dartat und im Einverständnis mit dem Amtschirurgen dem Kreisphysikus unwiderleglich bewies, der Bürgermeister sei nicht an Gift, sondern an seiner Krankheit gestorben.

Fast unmittelbar darauf erfolgte Pavels Freisprechung und seine Entlassung aus der Haft. Peter, sein Hauptankläger, wurde in die Kosten verurteilt.

Am letzten Sonntag, den Pavel in der Untersuchungshaft zubrachte, hatte Habrecht die Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Der Lehrer war tief bewegt beim Wiedersehen.

»Zwei Monate im Arrest!« rief er aus, »so weit hast du’s gebracht, du Feind deiner selbst. Pavel, Pavel! viel Böses haben die Menschen dir schon getan, aber keiner von ihnen soviel wie du dir selbst.« Er fragte ihn, was er denke in den langen einsamen Tagen und Nächten.

»Nicht viel; in der Nacht schlaf ich, und bei Tag arbeit ich, sie haben mir Werkzeug geliehen«, erwiderte Pavel und holte unter seinem Bett das Modell eines Hauses hervor. Sein zukünftiges Wohnhaus, das er im kleinen äußerst genau hergestellt, mit Fenstern und Tür und strohbedecktem Dache. Ein merkwürdiger Kontrast, der Bursche mit den groben Händen und diese zierliche Arbeit. Er hatte das für seine Schwester Milada gemacht und bat Habrecht, es mitzunehmen und ihr zu schicken, bat den Lehrer auch, ihr zu schreiben, seine Schwester solle wissen, daß er unschuldig sei. Habrecht versprach es zu tun, verschwieg aber, daß bereits zwei umfängliche Briefe von ihm an die Frau Oberin gerichtet worden, in denen die Sachlage gewissenhaft und mit ehrlicher Breite dargelegt war und Pavel so rein erschien wie ein Osterlämmchen aus Zucker. Beide Sendschreiben waren in Form und Inhalt Muster von jener Höflichkeit, die sich nie genugtut, weil sie einem unstillbaren Herzensbedürfnisse entspringt. Leider jedoch hatte sie zur Nachahmung nicht angespornt; Habrechts Briefe waren unbeantwortet geblieben.

Es war gegen Ende Januar, der Tag mild, der Schnee begann zu schmelzen, schmale braune Bäche flossen die Abhänge herab. Trübselig schielte die Sonne durchs weißliche Gewölk, die entlaubten Bäume an der Straße warfen bleiche Schatten auf den sumpfartig schimmernden Feldweg, an dessen Rand Pavel dem Dorfe zuschritt.

In seiner Haft hatte er oft gemeint, wenn er nur wieder ins Freie kommt, an die Luft, wenn er sich nur wieder regen darf, dann wird alles gut. Nun war er frei, wanderte heim, aber gut wollte es nicht werden. So öd, so kahl, so freudlos wie die Landschaft in ihrer winterlichen Armut lag die Zukunft vor ihm.

Sein erster Gang im Orte war der zur Hütte des Hirten. Den Herd im Flur hatte man abgeräumt. Vinska kniete davor und schürte das Feuer, das hell und lustig brannte. Schweigend, ohne sie anzusehen, schritt Pavel an ihr vorbei, geradenweges in die Stube. Virgil und sein Weib schrien auf, als er vor ihnen erschien; die Alte bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze, der Greis hielt dem Eintretenden wie ein Beschwörer dem Satan den Rosenkranz entgegen und zitterte dabei am ganzen Leibe. Pavel aber kreuzte die Arme und sprach: »Spitzbub, Spitzbübin, ich bin wieder da, und eine Schrift darüber, daß mir das Gericht nichts tun darf, hab ich in der Tasche. Daß ihr mich jetzt in Ruh beim Lehrer laßt, das rat ich euch, sonst geht’s euch schlecht. Angewachsen ist mir die Zunge nicht. – Das hab ich euch sagen wollen«, schloß er, wandte sich und ging.

Sie blickten ihm betroffen nach. Der hatte sich verändert in den zwei Monaten! … Als ein Bub war er fortgegangen, als ein Bursche kam er heim; gewachsen war er, und dabei nicht schmäler geworden.

Kapitel 11


Kapitel 11

 

Außerhalb des Dorfes, zu Füßen eines Abhangs, den vor Jahren der längst ausgerodete Bauernwald bedeckt hatte, befand sich eine verlassene Sandgrube. Seitdem sie ihres Inhalts bis auf die letzte Ader entledigt worden, gehörte sie zu den toten Kapitalien des Gemeindevermögens, und keiner dachte daran, das öde Fleckchen Erde nutzbar zu machen; denn keiner, der da begonnen hätte zu pflügen und zu säen, würde die Ernte erlebt haben. Einmal nur bot der Verwalter der Frau Baronin, deren schlechteste Felder an die Sandgrube grenzten, dreißig Gulden für den von Unkraut überwucherten Winkel, trat jedoch, als der Kauf richtiggemacht werden sollte, von demselben wieder zurück. Von der Zeit an hatte kein Käufer sich mehr gemeldet. Das Erstaunen war nicht gering, als ein solcher endlich wieder auftrat, und zwar in der Person – Pavel Holubs.

Ein Jahr war vergangen, seitdem er aus der Untersuchungshaft entlassen worden, und Tag für Tag hatte er sich, im Winter wie im Sommer, am frühen Morgen auf die Beine gemacht und war erst mit der sinkenden Nacht heimgekehrt. Nichts vermochte die Gleichförmigkeit seiner Lebensweise zu unterbrechen, nichts ihm eine Teilnahmsäußerung für die Vorgänge in der Außenwelt zu entlocken. Über die Heirat Peters und Vinskas, die ganz in der Stille begangen worden war und im Dorfe sogar den hartnäckigsten Schweigern soviel zu reden gegeben hatte, verlor er kein Wort. An dem Tag, wie an jedem andern, ging er nach Zbaro, wo er immer Arbeit fand, in der Sägemühle, in der Zuckerfabrik oder im Wald. Er verdiente viel und konnte am Ende der Woche seinen Lohn ungeschmälert in die Sparkasse unter der Diele im Zimmer Habrechts legen, da ihn dieser mit Kostgeld und Kleidung versorgte. Mit Wonne sah er das Wachsen seines Reichtums und hätte sich überhaupt ganz zufrieden gefühlt – unter zwei Bedingungen. Ein Wiedersehen mit seiner Schwester wäre die erste, Ruhe vor den Neckereien der Dorfjugend die zweite gewesen. Aber keine von beiden wurde erfüllt. Sooft er sich an der Klosterpforte einstellte, wurde er unerbittlich fortgewiesen, und so zeitig er auch nach Zbaro ging, immer fanden sich Buben und Mädel, die noch zeitiger aufgestanden waren, um ihm aufzulauern und ihm unter dem Türspalt hervor oder über die Hecke hinweg nachzurufen: »Giftmischer! … Bist doch ein Giftmischer!«

Pavel schwieg lange, klagte aber zuletzt voll Bitterkeit dem Lehrer seinen Verdruß.

»Schau, schau«, erwiderte der, »jetzt ärgerst dich? … Wie lang ist’s her, daß dir um nichts soviel zu tun war als um die schlechte Meinung der Leute?«

Der Bursche wurde rot: »Man kann am Ende genug davon kriegen«, meinte er, und Habrecht versetzte: »Das denk ich. Wenn sich einer Prügel geholt hat und im Anfang auch trotzt und sagt: Nur zu! – endlich wird’s ihm doch genug, und dann sagt er: Hört auf! Aber just da packt diejenigen, die zuschlagen, erst die rechte Passion. Wie geht’s denn mir und wie lange ist’s denn bei mir her, daß ich gelacht habe, wenn die Leut gekommen sind und mich gebeten haben, ich soll machen, daß der Hagel ihr Feld oder der Blitz ihre Scheuer verschont? Es hat mir geschmeichelt.. Oh, lieber Mensch… und heute möchte ich jedem Esel um den Hals fallen, der nichts anderes von mir glaubt, als daß ich so dumm bin wie er selbst.«

Im Wirtshaus berieten derweil die Bauern über den Verkauf der Sandgrube an Pavel. Anton der Schmied, um seine Meinung befragt, befürwortete die Sache.

Auf ihn hatte die Schuldlosigkeitserklärung, die Pavel von Amts wegen ausgestellt worden, Eindruck gemacht und das Gutachten der Sachverständigen ihn in dem Zweifel befestigt, den er von Anfang her an der Leichtigkeit der Gifte gehegt. Sein Rat war: Man verkaufe dem Buben die Grube; er hat Geld, er soll zahlen.

Der Vorschlag ging durch.

Pavel wurde mündig gesprochen und erwarb die Sandgrube zu hohem Preis, nachdem ihm begreiflich gemacht worden, daß die Gemeinde, welcher er ohnehin seit sieben Jahren im Beutel lag, am wenigsten ihm etwas schenken könne.

Was ihn betraf, er fand seinen Besitz nicht zu teuer bezahlt. Ihm erschien eine Summe immer noch gering, die ein Wunder getan und ihm, dem Bettler, dem Gemeindekind, zu einem Eigentum verholfen hatte. Sein Gönner und er beschlossen den Tag, an dem der Kaufkontrakt unterschrieben worden war, auf das feierlichste.

Habrecht zündete außer dem Lämpchen auch eine Kerze an, Pavel breitete seine Schätze vor sich aus, das Zeugnis vom Amte, den Kaufvertrag, den Rest seiner Ersparnisse und Miladas Beutelchen mit seinem noch unangetasteten Inhalt. Das Geld wurde gezählt und ein Überschlag der Kosten des Hausbaues gemacht. Um die Ziegel war keine Sorge, die sollte Pavel mit Erlaubnis des Lehrers auf dem Felde desselben schlagen, nach Ton brauchte man in der Gegend nicht weit zu suchen. Schwer hingegen ist das Holzwerk beizuschaffen, dazu reichen die vorhandenen Mittel nicht aus und können im günstigsten Fall vor dem nächsten Herbste kaum zusammengebracht werden. Zum Glück kommt der Dachstuhl zuletzt; die nächsten Sorgen Pavels galten der Planierung seines Grundes und dem Aufbau seiner vier Mauern. Genug für den Anfang, genug für einen, der zur Bestellung seiner Angelegenheiten nur die Zeit hat, die ihm der Dienst bei fremden Bauten übrigläßt.

Dies alles ausgemacht, und der Bursche holte Schreibmaterial herbei und verfaßte, schwer seufzend und unter größeren Anstrengungen, als das Fällen eines Baumes ihn gekostet hätte, folgenden Brief:

 

»Milada,

meine allerliebste Schwester ich bin dreimal bei dir gewesen aber die Klosterfrauen haben mir es nicht erlaubt der Herr Lehrer hat ihnen schon geschrieben. Milada ich hab die Sandgruben gekauft wo ich für mich und die Mutter das Haus bauen soll, bitte die Frau Baronin daß sie mich zu dir gehen laßt weil ich unschuldig bin und vom Gericht den Schein bekommen habe daß mir das Gericht nichts tun darf ich habe auch neue Kleider und möcht nicht mehr im Kloster Knecht sein weil ich die Sandgruben hab. So sollen mich die Klosterfrauen zu dir erlauben.«

 

Auch an seine Mutter schrieb Pavel noch an demselben Abend und teilte ihr mit, daß sie, wenn ihre Strafzeit verflossen sein werde, eine Unterkunft bei ihm finden könne.

Von der Mutter kam auch bald ein Brief voll Liebe, Dank und Sehnsucht; die Antwort Miladas ließ lange auf sich warten und brachte, als sie eintraf, eine herbe Enttäuschung.

 

»Lieber Pavel, ich habe immer gewußt, daß du unschuldig bist« – hieß es in dem Schreiben –, »und mich gefreut und Gott gedankt, daß er dich würdigt, unschuldig zu leiden nach dem Vorbild unseres süßen Heilands. Und jetzt muß ich dir etwas sagen, lieber Pavel. Ich habe dich lange nicht gesehen, aber das war nur Gehorsam und kein freiwilliges Opfer, das hat mein Erlöser mir nicht angerechnet. Jetzt hat die ehrwürdige Frau Oberin erlaubt, daß du mich besuchst, und jetzt erst kann ich ein freiwilliges Opfer bringen. Ich tu’s, Pavel, und bitte dich, lieber Pavel, komm nicht zu mir, warte noch ein Jahr, warte ohne Murren, denn nur das Opfer, das wir freudig zu Füßen des Kreuzes niederlegen, ist ein Gott wohlgefälliges und wird von Ihm denen angerechnet, für welche wir es darbringen. Laß uns freudig entsagen, du weißt, daß wir es für die Seelen unserer Eltern tun, die keine andern Fürsprecher als uns bei ihrem ewigen Richter haben. Komm also nicht. Wenn du aber dennoch kämst, lieber, lieber Pavel, es wäre umsonst-mich würdest du nicht sehen, ich würde die guten Klosterfrauen bitten, mich vor dir zu verstecken, du würdest wieder fortgehen, hättest mich nicht gesehen und mir das Herz nur unendlich schwer gemacht, denn ich habe dich lieb, mein lieber Pavel, gewiß lieber, als du dich selber hast.«

 

»Was schreibt denn deine Schwester?« fragte Habrecht, der den Burschen mit betroffener Miene auf das Blatt niederstarren sah, dessen schöne regelmäßige Schriftzüge er langsam entziffert hatte Pavel beugte sich plötzlich vor, große Tränen stürzten aus seinen Augen.

»Was schreibt sie?« wiederholte der Lehrer, erhielt keine Antwort und fragte nicht mehr; er wußte ja bereits aus Erfahrung, wenn der Mensch etwas verschweigen will, dann gilbt es keine Macht auf Erden, die ihm sein Geheimnis entreißt.

Als das Frühjahr kam, schlug Pavel in einer Reihe von mondhellen Nächten die Ziegel zu seinem Bau. Mehr als einmal fand er, am Abend aus der Fabrik heimkehrend, seine Arbeit zerstört. Kleine Füße waren über die noch weichen Ziegel gelaufen und hatten sie unbrauchbar gemacht. Pavel lauerte den Übeltätern auf, erwischte sie und führte sie dem Pfarrer vor. Es wurde ihnen eine Ermahnung zuteil, die jedoch ohne Wirkung blieb, der Unfug wiederholte sich. Da beschloß Pavel, selbst Gerechtigkeit zu üben. Mit einem Knüttel bewaffnet, wollte er hinter einem alten breitstämmigen Nußbaum Posten fassen und die vom Dorfe heranrückenden Feinde dort erwarten, zerbleuen und verjagen. Zu seinem größten Erstaunen fand er jedoch das Hüteramt, das er antreten wollte, bereits versehen, und zwar – durch Virgil. Dieser hatte gleichfalls einen Stock in der Hand.

»Bin schon da«, sagte er, »hab ihrer schon einige weggetrieben.«

»Was willst du, Spitzbub?« fuhr Pavel ihn an. »Fort, schlechter Kerl, mit dir bin ich fertig!« Er erhob den Knüttel.

Virgil hatte den seinen auf den Boden gestemmt, beide Hände darauf gelegt und sich zusammengekrümmt. Zitternd und demütig sprach er: »Pavlicek, schlag mich nicht, laß mich hier stehen, ich stehe hier und geb acht auf deine Ziegel.«

»Du, ja just du wirst achtgeben, du! … Dich kenn ich. Geh zum Teufel.«

»Sprich nicht von ihm!« wimmerte der Alte beschwörend, und seine Knie schlotterten, »sprich um Gottes willen von dem nicht. Ich bin alt, Pavlicek, ich werde bald sterben, du sollst zu mir nicht sagen: Geh zum Teufel.«

»Alles eins, ob ich’s sag oder nicht, alles eins, ob du gehst oder nicht, wenn du nicht von selber gehst, holt er dich.«

Virgil fing an zu weinen: »Meine Alte wird auch bald sterben und fürcht’t sich. Sie möcht dich noch sehen, bevor sie stirbt. Sie war’s auch, die mir gesagt hat: Geh hin und gib acht auf seine Ziegel.«

Pavel betrachtete ihn still und aufmerksam. Wie er aussah, wie merkwürdig! ganz eingeschrumpft und mager, vor Kälte zitternd in seinen dünnen Kleidern und dabei das Gesicht feuerfarbig wie ein Lämpchen aus rotem Glas, in dem ein brennender Docht schwimmt. Das Öl, von dem dieses jämmerliche Dasein sich nährte, war der Branntwein; der einzige Trost, der es erquickte, ein gedankenloses Lippengebet.

Armer Spitzbub, dachte Pavel, die Zeiten sind vorbei, in denen du mich mißhandelt hast, jetzt kriechst du vor mir. »So bleib«, sprach er zögernd und immer noch voll Mißtrauen, »ich werd ja sehen, was für einen Wächter ich an dir hab.«

Als er wiederkam, fand er alles in Ordnung; Virgil hielt wirklich treue Wacht, verlangte dafür nicht Lob noch Lohn und fragte nur immer: »Wirst nicht zur Alten kommen?«

Pavel ließ ihr sagen, von ihm aus könne sie in Frieden sterben, aber besuchen wollte er sie nicht mehr. Der Hauptgrund seiner Weigerung war die Furcht, Vinska bei ihrer Mutter zu treffen und ihr dort nicht ausweichen zu können, was er sorgsam tat, seitdem sie die Frau Peters geworden. Und wie er die Augen von ihr wandte, wenn er ihr begegnete, wie er jeder Kunde von ihr soviel als möglich sein Ohr verschloß, so verjagte er sogar jeden Gedanken an sie, der sich ihm unwillkürlich aufdrängen wollte.

Sie hatte das Ziel ihrer Wünsche erreicht, und er hatte ihr geholfen, es zu erreichen; jetzt sollte es aus sein. Was peinigte ihn denn noch, seinem Willen entgegen, stärker als seine eigene Stärke, was quälte ihn bei ihrem Anblick? Er kreuzte die Arme über dem Herzen und murmelte mit einem Fluche: »Klopf nicht!« Aber sein Herz klopfte doch, wenn die schöne Bäuerin vorüberschritt oder vorüberfuhr, in demselben Wägelchen, in dem ihr Mann, vor nun anderthalb Jahren, Pavel zu Gericht geführt hatte. Sie bemühte sich, glücklich auszusehen; es wirklich sein konnte sie kaum. Peter war ein tyrannischer und geiziger Eheherr, der alle Voraussetzungen der Virgilova zunichte gemacht hatte. Seine Schwiegereltern durften ihm nicht ins Haus; das wenige, was Vinska zur Verbesserung ihrer Lage tun konnte, geschah im geheimen unter Furcht und Zagen.

Sie selbst lebte im Wohlstand, hatte mit Gepränge die Taufe ihres zweiten Kindleins gefeiert, aber wie das erste, bald nach der Hochzeit geborene, war auch dieses, wenige Wochen alt, gestorben, und bereits hieß es im Dorfe: »Die bringt kein Kind auf.«

Pavel war gerade dazugekommen, als man den kleinen Sarg ganz still und wie in Beschämung aus dem Tor hinausschaffte. Und ein Schluchzen hatte er aus der Stube dringen gehört, ein Schluchzen, das ihm durch die Seele ging und ihn an die Stunde mahnte, in welcher diejenige, die es ausstieß, an seiner Brust gelegen und ihn bestürmt hatte mit ihren Bitten und berauscht mit ihren Liebkosungen.

Den Tod des zweiten Enkels erlebte die Virgilova noch, kurze Zeit darauf schlug ihr letztes Stündlein nach schwerem, fürchterlichem Kampf.

Der Geistliche hatte von ihrem Pfühl nicht weichen dürfen; noch im Verröcheln verlangte sie nach Segen und Gebet, in ihren brechenden Augen war noch die Frage zu lesen: Ist mir verziehen?

Mit Gleichgültigkeit nahm Pavel die Nachricht ihres Todes auf und blieb ungerührt von den Wehklagen, die Virgil über den Verlust seines Weibes anstimmte. Der Trost, den er dem Witwer angedeihen ließ, lautete: »Kein Schad um die Alte«, und Virgil unterbrach die Ergüsse seines Schmerzes, richtete die Augen zwinkernd auf Pavel und fragte halb überzeugt: »Meinst?«

Dies begab sich zu Ende des Sommers, und am ersten Sonntag, der dem Ereignis folgte, ließ der Pfarrer Pavel zu sich bescheiden.

Es war nach dem Segen; der Geistliche saß in seinem Garten auf der Bank unter dem schönen Birnbaum, dessen Früchte sich bereits goldig zu färben begannen, ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes. Pavel stand schon ein Weilchen da, ohne daß er es wagte, den Pfarrer anzusprechen, bevor dieser das kleine, blasse, von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob und nach einigem Zögern sagte: »Dir ist Unrecht geschehen.« Sein Blick glitt an Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne: »Du hast am Tod des Bürgermeisters keine Schuld.«

»Freilich nicht«, entgegnete Pavel, »die Kinder laufen mir aber doch nach und schreien: Giftmischer! … Ich möchte den Herrn Pfarrer bitten, daß er ihnen verbietet, mir nachzurufen: Giftmischer.«

»Meinst du, daß sie es mit meiner Erlaubnis tun?« fragte der Priester gereizten Tones.

»Und die Alten«, fuhr Pavel fort, »sind auch so. Dreimal hab ich kleine Fichten gepflanzt auf meinem Grunde, etwas anderes wächst ja dort nicht. Dreimal haben sie mir alles ausgerissen. Sie sagen: Dein Haus muß frei stehen, man muß in dein Haus von allen Seiten hineinschauen können, man muß wissen, was du treibst in deinem Haus.«

Der Pfarrer räusperte sich: »Hm, hm… Das kommt daher, daß du einen so schlechten Ruf hast. Du mußt trachten, deinen Ruf zu verbessern.«

Pavel murmelte: »Ich hab mein Zeugnis vom Amt.«

»Nutzt alles nichts, wenn die Leute nicht dran glauben«, sprach der Geistliche. »Auf den Glauben kommt es an, im großen wie im kleinen. Zu deiner ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott, zu deiner Wohlfahrt hier auf Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich.«

»Wär freilich gut.«

»Du willst sagen, es wäre gut, wenn du ihn erwerben könntest. Willst du so sagen?«

»Ja.«

»So bemühe dich. Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und mußt nur trachten, auf ihm vorwärtszukommen. Ohne Stütze jedoch wird das kaum gehen, die wirst du noch lange brauchen. Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Stütze… wird es aber nicht mehr lang sein können.«

»Wie? warum? – warum nicht mehr lang?«

»Weil er versetzt werden wird, an eine andere Schule.«

»Versetzt?« rief Pavel in Bestürzung.

»Wahrscheinlich.«

Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht, dann sprach er: »Mehr als wahrscheinlich – gewiß. Mache dich darauf gefaßt und überlege, an wen du dich wenden kannst, wenn der Lehrer fortgeht, zu wem du in diesem Falle sagen kannst: Ich bitte, nehmen Sie sich jetzt meiner an.«

Nach einer Pause, in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand, fuhr der Pfarrer fort, aufrichtig bemüht, sich für den ungeschlachten Burschen, dem sein ganzer Mensch widerstrebte, wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen: »Überleg’s; ist niemand da, zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen könntest?«

Er mußte die Frage wiederholen, ehe sie beantwortet wurde, und dann geschah es mit einem so entschiedenen: »Niemand« daß der Priester es vorläufig nicht unternahm, diese feste Überzeugung zu erschüttern. Er räusperte sich abermals: »So, so«, sagte er, »niemand? Das ist ja schlimm. Denke aber doch ein wenig nach, vielleicht fällt dir doch noch jemand ein.« Er lehnte sich wieder an den Baum zurück, sah wieder ins Weite und schloß: »Du kannst nach Hause gehen, kannst auch dem Lehrer sagen, daß ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen werde.«

Pavel entfernte sich verwirrt, in halber Betäubung, als ob er einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte.

Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche, mit der von süßem Schmerz verklärten Miene, die er immer annahm, wenn er sich in diese geliebten Blätter versenkte. Pavel nahm Platz ihm gegenüber und betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit. Lange wagte er nicht, ihn zu stören; endlich aber brach er – ohne seinen Willen, gegen seinen Willen – in die Worte aus: »Herr Lehrer, was muß ich von Ihnen hören?«

Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen, als ein Schrecken über die Wirkung, die sie hervorgebracht hatte, ihn erfaßte. Habrecht war aschfahl geworden, seine Augen verschleierten sich, sein Unterkiefer hing herab und zitterte, vergeblich bemühte er sich zu sprechen, er brachte nur ein unzusammenhängendes Gestotter hervor. Nach Atem ringend focht er mit den Händen in der Luft und sank unter Ächzen und Stöhnen auf seinen Sessel zurück. Pavel aber, der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte, das ginge viel leichter, als es in Wahrheit geht, sprang auf, warf sich auf die Knie und beschwor ihn händeringend: »Sterben Sie nicht, Herr Lehrer, sterben Sie nicht!«

Ein mattes Lächeln stahl sich über Habrechts Gesicht: »Unsinn«, sagte er, »nicht von Sterben ist die Rede, sondern von dem, was du von mir gehört hast. Beichte!« befahl er, richtete sich auf und rollte fürchterlich die Augen. »Was war’s, wie lautet der Unsinn? O vermaledeiter Unsinn! … Kein Vernünftiger glaubt ihn, und doch lebt er vom Glauben, kugelt so weiter im Dunkel, in der Tiefe. Sie zählen sich ihn an den Fingern her, diejenigen, die selbst nicht mitzählen… Was hast du gehört? Sprich!« Er zog Pavel in die Höhe und rüttelte ihn; als der verblüffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden, preßte er die Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen.

»Was käme heraus? … Was ich weiß im vorhinein, zum Ekel, was mich nicht schlafen läßt. Schweig«, rief er, »ich will einmal reden, ich elender Lügner, ich will die Wahrheit sagen, ich armer Zöllner will sie dir, dem armen Zöllner, sagen. Setz dich, hör mir zu, beug dein Haupt. Wenn es auch nur eine klägliche Geschichte ist und die Geschichte einer jämmerlichen Torheit, sie ist doch heilig, denn sie ist wahr.«

Er ging zum Wasserkrug, trank in langen Zügen und begann dann leise und hastig von den Tagen zu sprechen, in denen er jung gewesen, ein Lehrerssohn und Gehilfe seines kränklichen Vaters, durch Begabung und Verhältnisse, durch alles, was natürlich und vernünftig ist, bestimmt, einst zu werden, was jener war. In seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz, prickelte die Eitelkeit, diese üblen Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren, spiegelten ihm ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor. Die Zukunft eines großen Professors in der großen Stadt, die träumte er für sich und sein schwacher Vater für ihn, und dieses Schattengebilde der Zukunft, es lebte und nährte sich vom Fleisch und Blut der Wirklichkeit, von der Kraft, der Gesundheit, dem Schlaf der Jugend… Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen? Kein Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich – bei Tag ein Lehrer und bei Nacht ein Student – zu sein. Als der erste noch jung, als der zweite doch schon recht alt; denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit, die er für seine Zwecke nur zur Hälfte ausnutzen durfte. Eines Morgens brach er an der Tür der Schulstube zusammen. Wie aus der Ferne hörte er noch einen zitternden Klageruf, sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu ihm neigen, dann war alles Stille und Dunkelheit, und wohltuend überkam ihn das Gefühl einer tiefen, bleiernen Ruhe.

Lange Zeit verging; Habrecht lag dahin, anfangs in wirren Fieberträumen, später in dumpfer Bewußtlosigkeit. Man hielt ihn für tot, legte ihn in den Sarg und trug ihn in die Leichenkammer. Dort erwachte er. – Seine Rückkehr ins Leben erregte nur Entsetzen, sich ihrer zu freuen war niemand mehr da. Seinen Vater hatten Schrecken und Gram getötet, der schlief schon seit ein paar Tagen unter dem Friedhofrasen, und lieber hätte der Wiedererstandene sich neben ihn gebettet, als daß er, ein gebrochener Mann, den Kampf mit dem Leben von neuem aufnehmen sollte. An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken – Habrecht bewarb sich um die Stelle, die sein Vater bekleidet hatte. Sie wurde ihm zuteil – zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft.

»Daß einer, der drei Tage tot war, wieder lebendig wird, das ist, man mag es nehmen, wie man will, eine unheimliche Sache. Wo hat sich seine Seele aufgehalten während dieser drei Tage? Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie zurück? …« sagten sie. Die seltsamsten Gerüchte begannen sich zu verbreiten, das Märchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhölle entstand. Und er ließ es gelten. Er war ein armer, zugrunde gerichteter Mensch, der gefürchtet hatte, sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu können, und dem es schmeichelte, als er nun bemerkte, daß er sogar den Erwachsenen Scheu einflößte und daß nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte. Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Möglichkeit genommen, ein falscher Ehrgeiz bemächtigte sich seiner, und er ergriff zu dessen Sättigung unlautere Mittel. Er nährte den Wahn, den zu bekämpfen seine Pflicht gewesen wäre, er, ein Lehrer, ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden, ein Streiter wider den Irrtum, er unterstützte die Lüge, die Dummheit – den Feind. Er war ein stiller Verräter an der eigenen Sache, er hielt das Vorurteil aufrecht, weil seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand.

Der Pfarrer, der ihn durchschaute, rügte sein Tun; sein eigenes Gewissen warf ihm das Unrecht vor… Er beschloß, es nicht mehr zu begehen, er faßte den Vorsatz und dachte ihn leicht auszuführen.

Indessen – siehe da! was mußte er erkennen? Der Wahn, den er früher unterstützt hatte und nun austilgen wollte, war nicht mehr auszutilgen. Nicht in kurzer, nicht in langer Zeit, nicht mit kleiner und nicht mit großer Mühe…

»Ich habe dem Unverstand das Hölzchen geworfen«, rief er aus, »und er hat eine Keule daraus gemacht, mit der er mich drischt… Ich habe mit Schlangen gespielt, und wie ich einsehe, daß ich Frevel treibe, und aufhören will, ist’s zu spät, und ich bin unrettbar umringelt.«

Von, peinlicher Unruhe gejagt, begann er seine gewohnten Wanderungen durch das Zimmer.

»Wär ich doch ein aufrichtiger Verbrecher, ein Mörder meinetwegen – ein ehrlicher Mörder und nicht die verlogene Kreatur, die ich bin… bin! denn man wird’s nicht los. Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und regiert ihn gegen seinen Willen. Das ist fürchterlich, wahr sein wollen und nicht mehr können.«

Er blieb vor Pavel stehen, packte ihn an beiden Armen und rüttelte ihn: »Du wirst es auch erfahren, wenn du dich nicht änderst… Ändere dich, du kannst es noch.«

»Was soll ich tun?« fragte Pavel.

»Nicht lügen, nichts von dir aussagen, was du nicht für wahr hältst, im Guten nicht, denn das ist niederträchtig, im Bösen nicht, denn das ist dumm. Du machst dich zum Knecht eines jeden, den du belügst, und wäre er zehnmal schlechter und geringer als du. Ich weiß, was du willst, dich trotzig zeigen, Scheu einflößen… Warte nur, bis der Tag der Umkehr kommt – er kommt bei dir, er bricht schon an – warte nur, wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir selbst.«

»Herr Lehrer«, unterbrach ihn Pavel, »seien Sie ruhig, es klopft jemand.«

Habrecht fuhr zusammen. »Klopft? – was? – wer? … Ah – Hochwürden! …«

Der Geistliche war eingetreten. »Ich habe dreimal geklopft«, sagte er, »aber Sie haben nicht gehört, Sie haben so laut gesprochen.« Seine klugen, scharfen Augen richteten sich prüfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in Bestürzung versetzten Lehrer.

»O Hochwürden, wie schön… ist’s gefällig? – einen Sessel… Pavel, einen Sessel«, stammelte Habrecht und eilte zum Tisch, an den er die zitternden Beine lehnte und über den er wie beschützend die gerundeten Arme erhob. Mit einer selbstverräterischen Ungeschicklichkeit, die ihresgleichen suchte, lenkte er die Aufmerksamkeit des Priesters auf das, was er ihr um jeden Preis hätte entziehen mögen, auf das offen daliegende Buch.

Der Pfarrer trat ihm gegenüber, schlug, bevor Habrecht es hindern konnte, das Titelblatt auf, und von seinem Platze aus, ohne das Buch zu wenden, las er mit Schrecken, mit Abscheu, mit Gram: Titi Lucretii Cari: De rerum natura.

Er zog die Hand zurück, rieb sie heftig am Rocke ab und rief: »Lukrez… O Herr Lehrer- Oh! …«

Und Habrecht, ringend in Seelenqual, sammelte sich mühsam, langsam – zu einer Lüge. »Zufall«, stotterte er, »zufällig übriggeblieben das Büchlein, aus der Zeit der philologischen Studien… zufällig jetzt zum Vorschein gekommen…«

»Wünsche es, hoffe es, müßte Sie sonst bedauern«, entgegnete der Geistliche, der ihn nicht losließ aus dem Bann seines Blickes.

»Und Sie hätten recht, der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verbeißen können, der da kommt, sich bei Ihnen Trost zu holen«, brach Habrecht aus.

Als der Priester ihn verlassen hatte, nahm er den zerlesenen Band, liebkoste ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust, seinen mit stets erneuter Wonne genossenen, stets verleugneten Freund.

Kapitel 12


Kapitel 12

 

Pavel baute rüstig an seinem Hause fort, und es wurde fertig, allen Hemmnissen zum Trotz, welche der Mutwille und die Bosheit ersannen, um seinem Erbauer die Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren. Da stand es nun, mit Moos und Stroh bedeckt, sehr niedrig und sehr schief. Aus den drei kleinen Fenstern guckte die Armut heraus, doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand, der las über der schmalen Tür: Durch mich geht der Fleiß ein, der diese Armut besiegen wird. Vorläufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines jeden, den sein Weg vorbeiführte. Pavel ließ sich aber die Freude an seinem Häuschen nicht verderben, sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung. Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft. Um diesen mit ihm zu durchmustern, fand der Schullehrer sich ein. Sie hielten Beratung, drehten jedes Brett wohl zehnmal um und überlegten, wie es am besten zu verwenden wäre. Plötzlich hob Pavel den Kopf und horchte. Das langsame Rollen eines schweren Wagens, die Anhöhe herauf, ließ sich vernehmen.

»Die Frau Baronin kommt«, rief Pavel, »sie hat mein Haus noch nicht gesehen; was wird die sagen, wenn sie sieht, daß ich ein Haus habe!«

In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht. Die Spazierfahrten der alten Dame lenkten sich regelmäßig nach einer andern Richtung. Den schlechten, steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren, meistens zur Herbstzeit, wenn sie ihren alten pensionierten Förster im Jägerhause droben besuchte. Das war heute und wäre wohl öfters der Fall gewesen, ohne die Gründe, die Matthias, der Bediente, immer anzuführen wußte, um von dem Ausflug nach dem Jägerhaus abzuraten. Der Grund, der ihm alle diese Gründe lieferte, war der, daß er an der Gicht in den Beinen litt, ungern zu Fuße ging und recht gut wußte, daß es am Ende des Dorfes, wo die jähere Steigung begann, heißen würde: »Steig ab, Matthias, du bist zu dick, die armen Pferde können dich nicht schleppen.«

Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte, war Matthias soeben vom Bock herabbefohlen worden, er schritt verdrießlich hinter der großen Kalesche einher, und die Baronin saß in derselben ebenfalls verdrießlich. Sie ärgerte sich über den Buckel, den ihr Kutscher machte, und schloß daraus auf einen Mangel an Respekt, indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war. Die Gebieterin sagte leise vor sich hin: »Daß die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen können! … Was das für eine Manier ist! … Eine rechte Schand, wenn sich einer gar nicht zusammennehmen kann! …« Sie selbst saß aufrecht wie eine Kerze und streckte sich, soviel sie konnte, um mit gutem Beispiel voranzugehen, was freilich unter den gegebenen Umständen wenig nützte. Dabei blickte sie lebhaft und neugierig umher durch die große Brille, die sie bei ihren Ausfahrten aufzusetzen pflegte. Bei der Sandgrube angelangt, wurde sie die neue Hütte gewahr, welche sich dort erhob, und rief: »Matthias, wer hat denn da einen Stall gebaut? Was ist denn das für ein Stall?«

Matthias beschleunigte seine Schritte, nahm den Hut ab und antwortete: »Das ist eine Schaluppen.«

»Was der Tausend! wer hat sich denn die gebaut?«

Matthias lächelte verächtlich: »Die hat sich ja der Pavel gebaut, der Holub.«

»Gott bewahr einen! der baut Häuser?«

»Ja«, fuhr Matthias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag, »für die Mutter, heißt’s, daß die wo unterschlupfen kann, wenn sie herauskommt aus dem Zuchthaus. Wird ein Raubnest werden; ist noch gut, daß es so frei steht und so weit draußen aus dem Dorf.«

Während dieses Gesprächs war die Equipage vor dem Hüttchen angelangt, von dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte, auf dem Pavel seine Bretter ausgelegt hatte.

Die Baronin befahl dem Kutscher, ordentlich zu hemmen und anzuhalten. Sie beugte sich aus dem Wagen und fragte: »Was sind denn das für Bretter?«

Habrecht trat heran und begrüßte die gnädige Frau.

»Sieh da«, sprach diese, »der Lehrer, das ist schön, da können Sie mir gleich sagen, was das für Bretter sind?«

»Aus der herrschaftlichen Brettmühle, Euer Gnaden.«

»Und wie kommen sie denn hierher?«

»Als Eigentum des Pavel Holub, der sie gekauft hat.«

»Gekauft?« entgegnete die Baronin; »das ist schwer zu glauben, daß der etwas gekauft haben soll.«

Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten; bei den letzten Worten der gnädigen Frau fuhr er auf, wandte sich, sprang in die Hütte und kam gleich darauf wieder zurück, einen Bogen Papier in der Hand haltend, den er, ohne ein Wort zu sprechen, der Baronin überreichte.

»Was ist das?« fragte sie, »was bringt er mir da?«

»Die saldierte Rechnung über die gekauften Bretter«, antwortete Habrecht, an den die Frage gerichtet war.

»So – der kauft ein und bezahlt Rechnungen? Woher nimmt er das Geld dazu? Ich habe gehört, daß er einen Beutel voll Geld gestohlen hat.«

»Eine alte Geschichte, Euer Gnaden, die nicht einmal wahr gewesen ist, als sie noch neu war.«

»Ich weiß schon, Sie nehmen immer seine Partei. Ihrer Meinung nach habe ich immer unrecht gegen den schlechten Menschen.«

»Er ist nicht mehr schlecht; die Zeiten sind vorbei, Euer Gnaden können mir glauben.«

»Warum spricht er denn nicht selbst? Warum steht er denn da wie das leibhaftige böse Gewissen? … Entschuldige dich«, sprach die alte Dame, sich an Pavel richtend, »sag etwas, bitte um etwas. Wenn ich gewußt hätte, daß du ein Haus baust und Bretter brauchst, hätte ich sie dir geschenkt… Kannst du nicht bitten? … Weißt du nichts, um was du mich bitten möchtest?«

Jetzt erhob Pavel seine Augen zu der alten Frau. Zagend, zweifelnd blickte er sie an. Ob er etwas zu bitten habe, fragte sie nicht mehr, nachdem diese düsteren Augen sie angeblickt und sie in ihnen eine so kummervolle, so unaussprechlich tiefe Sehnsucht gelesen hatte.

»Was möchtest du also?« sagte sie, »so rede!«

Pavel zögerte einen Augenblick, nahm sich zusammen und antwortete ziemlich deutlich und fest: »Ich möchte die Frau Baronin bitten, daß Sie meiner Schwester Milada schreibt, sie möchte mir erlauben, sie zu besuchen.«

Ungeduldig wackelte die Baronin mit dem Kopfe: »Das kann ich nicht tun, da mische ich mich nicht hinein, das ist die Sache der Klosterfrauen. Zur Milada darf man nicht ohne weiteres hinlaufen, sooft es einem einfällt, ich darf’s auch nicht. Milada gehört nicht mehr uns, sondern dem Himmel… Der Mensch«, richtete sie sich wieder an Habrecht, »spricht auch immer dasselbe; ich begreife nicht, wie man sagen kann, daß er sich geändert hat… Und jetzt fahren wir. – Adieu! Vorwärts, Jakob.«

Der Wagen setzte sich in Bewegung, war jedoch kaum ein Stückchen weitergekollert, als die Baronin abermals haltzumachen befahl, Habrecht herbeiwinkte und fragte: »Was ist’s denn mit dem neuen Schullehrer? Warum kommt er nicht? Er hat sich ja heute vorstellen sollen.«

»Morgen, Euer Gnaden, wenn ich bitten darf.«

»Wieso, morgen? … Ist denn heute nicht Mittwoch?«

»Ich bitte um Verzeihung, heute ist Dienstag.«

»Dienstag? Das ist etwas anderes. Ich habe schon geglaubt, der Jüngling, der vermutlich ein gelehrter Flegel sein wird, findet es überflüssig, der Gutsbesitzerin seinen Kratzfuß zu machen. Und wann reisen denn Sie, Schullehrer?«

»Nächste Woche, Euer Gnaden.«

»Recht schade, recht schad um Sie, es kommt nichts Besseres nach«, sprach die Baronin und fuhr, Habrecht huldvoll grüßend, davon.

Als der Lehrer sich nach Pavel umsah, stand dieser unbeweglich und feuerrot im Gesicht. »So ist es doch wahr?« fragte er, so mühsam schluckend, als ob ihm die Kehle zugeschnürt würde. »Sie gehen fort?«

»Das heißt, ich komme fort«, erwiderte Habrecht zögernd; »ich bin versetzt werden.«

»Weit weg?«

»Ziemlich.«

»Wissen Sie das schon lang, Herr Lehrer, daß Sie versetzt worden sind?«

»Lang – nicht lang – wie man’s nimmt…«

»Warum haben Sie mir’s nicht gesagt?«

»Wozu? Hast du’s nicht ohnehin erfahren?«

»Aber nicht glauben wollen, dem Herrn Pfarrer nicht und den andern schon gar nicht. Wenn es ist, habe ich mir gedacht, werden Sie es mir schon selbst sagen…« Er vermochte nicht, weiterzusprechen.

Der Anblick von Pavels schmerzvoller Bestürzung schnitt seinem alten Freunde in die Seele; aber er wollte sich nichts davon merken lassen. »Gönn mir mein Glück«, rief er nach einigen Augenblicken des Schweigens plötzlich aus; »denk nur, ich komme unter lauter fremde Menschen… Schaut mich einer an, schau ich ihn wieder an, ganz ruhig – fällt mir nicht ein zu fragen: Was hast du von mir gehört, was mutest du mir Unheimliches zu? … Die Achtung, die ich zu verdienen verstehe, werde ich haben und genießen – die höchste Achtung, denn wie ein Engel will ich sein, wie ein Heiliger, und sogar die schlechten Kerle werden zugeben müssen: Das ist einmal ein braver Lehrer! … So wird es dort sein, während hier…« er preßte die Hände an beide Schläfen und stöhnte herzzerreißend. »Ein Beispiel«, fuhr er fort, »ich werde dir ein Beispiel gehen, wie es hier ist und wie es dort sein wird. Denk dir eine große Tafel, schneeweiß, die hätte ich mit edlen Zeichen beschreiben sollen, aber statt dessen habe ich dereinst die reine Tafel bekritzelt und beschmiert, und wenn ich jetzt tun will, wie ich soll, und schöne Buchstaben zeichnen, kann ich’s nicht so ohne weiteres, das tolle Zeug, das schon dasteht, muß erst weggeputzt werden. Oh, wie schwer, nein – unmöglich! … Und wenn ich auch meine, es ist ausgetilgt und keine Spur mehr vorhanden – hinter meinen sorgfältig gemalten Lettern kommt es doch wieder zum Vorschein. Blasser von Jahr zu Jahr, ja vielleicht – was hilft’s? – Dafür ist mein Aug empfindlicher geworden, und der Eindruck bleibt sich gleich… Verstehst du mich? Das wird nun alles anders. Drüben in der neuen Heimat ist die Tafel blank, wie sie es von Anfang an gewesen, als sie mir anvertraut wurde. Die Tafel ist der Ruf. Verstehst du oder nicht? … Unglücksmensch, mir scheint, du verstehst kein Wort!«

Pavel wehrte sich nicht gegen diesen Verdacht; ihn beschäftigten andere Gedanken, und plötzlich rief er: »Ich weiß, was ich tu – ich geh mit Ihnen.«

»Das lasse dir nicht einfallen«, fuhr Habrecht heraus, setzte aber, um die Schonungslosigkeit seiner Abwehr zu vermindern, erklärend hinzu: »Was würde aus deiner Mutter, wenn sie dich nicht fände bei ihrer Rückkehr?«

»Sie kann uns ja nachziehen, wenn sie will«, entgegnete Pavel und zupfte an seinen Lippen, wie Kinder in der Verlegenheit tun. Und wie einem Kinde sprach Habrecht ihm zu, sich zu fügen, zu bleiben, wo er war, gab ihm Gründe dafür an und schloß ungeduldig, als Pavel zu allem den Kopf schüttelte: »Endlich! … Woher deine Mutter kommt – von der ich übrigens nichts Schlechtes glaube –, hätten die Leute bald weg und würden fragen: Was für einen Anhang bringt uns der Lehrer ins Dorf? … Das kann nicht sein – du mußt es selbst einsehen… bescheide dich…« Damit wandte er sich, und indem er den Schweiß abtrocknete, der ihm trotz der herbstlichen Kühle auf der Stirn perlte, trat er eilends die Flucht an, um etwaigen neuen Vorschlägen Pavels zu entrinnen.

Er hätte solche nicht zu fürchten gebraucht. Der Bursche brachte das Gespräch nicht mehr auf die immer näher heranrückende Trennung, wurde nur stiller, trauriger, führte aber sein arbeitsvolles Leben fort und suchte die Gesellschaft seines Gönners nicht öfter auf als zu jeder andern Zeit.

Und Habrecht, mit dem Egoismus des Kranken, der keine Sorge aufkommen läßt als die um seine Genesung, wollte nichts wissen von dem Kampf, der sich hinter Pavels anscheinender Ruhe verbarg; wollte nichts wissen von einem Leid, dem abzuhelfen ihm unmöglich gewesen wäre. Geschieden mußte einmal sein, es geschah am besten klaglos.

Übrigens vergaß Habrecht seinen Schützling beinahe über dem Verdruß, den sein Nachfolger ihm bereitete.

Dieser junge Mann, Herr Georg Mladek, war einige Tage später eingetroffen, als er erwartet worden, hatte sich an der Verwunderung ergötzt, die Habrecht darüber äußerte, und auf die Zumutung, ins Schloß zu gehen, um der Frau Baronin seine Aufwartung zu machen, geantwortet: »Recht gern, wenn sie jung und schön ist. Sonst habe ich mit Baroninnen nichts zu tun und auf ihren Schlössern nichts zu suchen.«

»Aber«, meinte Habrecht, »die Höflichkeit gebietet…«

»Nicht jedem – ich, zum Beispiel, bin ohne Vorurteile.«

Er tat sich darauf etwas zugute, fast so arm zu sein wie Hiob und ganz so stolz wie Diogenes, bezog die Schule an der Spitze eines Koffers, eines Feldbettes, eines Tisches, eines Sessels, fand sich für den Anfang genügend versorgt und dankte ablehnend für die Bereitwilligkeit, mit welcher sein Vorfahr im Amte ihm einiges Hausgerät zur Verfügung stellen wollte.

So wanderte denn Habrechts Mobiliar in die Hütte an der Sandgrube, vom Volksmund schlechtweg »die Grubenhütte« getauft, und nahm sich dort ordentlich stattlich aus, erregte auch vielfachen Neid. Die Leute fanden Habrechts Großmut gegen Pavel unbegreiflich und kaum zu verzeihen. Mladek aber machte sich über das Verhältnis zwischen den beiden seine eigenen Gedanken und hatte keinen Grund, dieselben dem »Kollega« zu verheimlichen.

Am Vorabend des für Habrechts Abreise bestimmten Tages suchte er ihn auf und fand ihn in der Schulstube, wo er, am Fenster stehend, in ungeduldiger Erwartung auf die Straße blickte. Als der Eintretende ihn anrief, sah Habrecht sich um und sprach: »Sie sind’s – gut, gut, daß Sie’s sind; es ist mir lieb, daß es kein anderer ist.«

»Welcher andere denn?«

»Nun, der Pavel, wissen Sie. Aufrichtig gestanden, ich beabsichtige, mich heute schon, und zwar ohne Abschied, davonzumachen… des Burschen wegen. Ich gehe freudig von hier fort, kann’s nicht verbergen, und das tut ihm weh. So habe ich mich bei der Frau Baronin und beim Herrn Pfarrer empfohlen und fahre ab, bevor Pavel nach Hause kommt… Habe mir ein Wägelchen bestellt – drüben an die Gittertür… es sollte schon dasein.«

Er eilte wieder an das Fenster und bog sich weit über die Brüstung. Der Wind zerzauste ihm die spärlichen Haare, in dünnen Strähnen umflogen sie seinen Scheitel und sein Gesicht, das so alt aussah und so wenig harmonierte mit der noch jugendlich schlanken und beweglichen Gestalt. Er trug den schwarzen Anzug, den ihm sein Vater zur letzten Prüfung hatte machen lassen und der, auf eine körperliche Zunahme des Besitzers berechnet, die nie eintrat, die hageren Glieder in dem Maße schlotternd umhing, als das Tuch fadenscheiniger und dessen Falten weicher geworden waren.

Mladek musterte ihn durch die scharfen Gläser des Zwickers und sprach: »Wie lang sind Sie denn hier Schulmeister gewesen?«

»Einundzwanzig Jahre.«

»Und nach einundzwanzig Jahren machen Sie sich aus dem Staub, als ob Sie etwas gestohlen hätten? Verderben den Kindern die Freude einer Abschiedshuldigung und den Erwachsenen die eines Festessens… und das alles, um Ihren Pavlicek nicht weinen zu sehen? Sonderbar! … Es muß ein eigenes Bewandtnis mit Ihnen haben, Kollega… wie?«

Habrecht erbleichte unter dem inquisitorischen Blick, der sich auf ihn richtete. »Was für eine Bewandtnis?« fragte er, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.

»Erschrecken Sie doch nicht vor mir – mir ist nichts Menschliches fremd«, entgegnete Mladek voll Überlegenheit. »Aufrichtig, Kollega, bekennen Sie! War die Mutter Ihres Pavlicek, die übrigens jetzt im Zuchthaus sitzen soll, ein schönes Weib?«

Habrecht begriff die Bedeutung dieser Frage nicht gleich; als sie ihm jedoch klar wurde, lachte er laut auf, lachte immer munterer, immer heller und rief in fröhlichster Erregung: »Nein – so etwas! Oh, Sie Kreuzköpferl, Sie! Nein, daß ich heute noch einen solchen Spaß erlebe! … Herr Jesus, was Sie doch gescheit sind!« Er brach in ein neues Gelächter aus. Der krankhaft empfindliche Mann, den die leiseste Anspielung auf einen durch ihn selbst erregten Argwohn in allen Seelentiefen verwundete, fühlte sich durch den jeder Veranlassung entbehrenden wie gereinigt. Kein Lob, keine Schmeichelei hätte ihn so herzlich beglücken können, wie seines Nachfolgers falsche und nichtsnutzige Vermutung es tat. Er bemerkte nicht, daß er beleidigte mit seiner Lustigkeit; er wurde förmlich übermütig und rief: »Ich wollte, Sie hätten recht: es wäre besser für den Burschen. Aber Sie haben nicht recht, und sein Vater ist wahrhaftig am Galgen gestorben. Ein Unglück für den Sohn, das diesem als Schuld angerechnet wird. Man muß ihn in Schutz nehmen gegen die Dummheit und Bosheit. Ich hab’s getan, tun Sie es auch; versprechen Sie mir das.«

Mladek nickte mit sauersüßer Miene, im Innern aber blähte er sich giftig auf und dachte: Zum Lohn dafür, daß du mich seinetwegen verspottet hast? Das wird mir einfallen!

Inzwischen vernahm man durch die Nachmittagsstille das langsame Heranrumpeln eines Leiterwagens. »Meine Gelegenheit!« sprach Habrecht, hob das Felleisen vom Boden und lud es mit Mladeks Hilfe auf seine Schulter. Jede andere Dienstleistung, besonders das Geleite zum Wagen, verbat er sich und eilte davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen nach der Stätte seiner langjährigen Tätigkeit. Keine Regung der Wehmut beschlich beim Scheiden seine Brust. »Fahre!« rief er dem ihn begrüßenden Bäuerlein zu, »und wenn dich jemand fragt, wen du führst, so sag – einen Bräutigam, sag’s getrost; es ist schon mancher zur Hochzeit gefahren, der nicht so guter Dinge war wie ich.« Damit kletterte er in den Wagen, streckte sich der Länge nach in das dicht aufgestreute Stroh und kommandierte jauchzend: »Hüe!«

 

Die Dorfleute kamen an dem Tag etwas früher als sonst vom Felde zurück; sie hatten Eile, ihre Anstalten zum Abschiedsfest für den Lehrer zu treffen. Der Schlot des Wirtshauses qualmte bereits seit einigen Stunden. Die ein Wort mitzureden hatten, gingen dem Stand der Dinge in der Küche nachsehen; andere hielten sich in der Nähe, um wenigstens den guten Bratengeruch zu schnuppern, der die Luft ringsum zu erfüllen begann. Die Buben sammelten sich schwarmweise, und weil es ihnen bevorstand, beim morgigen Festzug eine gute Weile friedlich in Reih und Glied zu wandeln, entschädigten sie sich dafür und prügelten einander heute noch in aufgelöster Ordnung gehörig durch. In den Häusern und vor den Häusern flochten die Mütter den Mädchen die Haare mit roten Bändchen ein, und in den Ställen taten die Bauernburschen dasselbe an den Mähnen ihrer Rosse. Da entstanden eine Unzahl dünner Zöpflein, so steif wie Draht, die den Köpfen der Mädchen und den Hälsen der Pferde etwas sehr Nettes und Gutgehaltenes gaben. Mit einem Worte, die Vorbereitungen zur Feierlichkeit waren im besten Gange, als sich die Kunde von der stattgefundenen Abreise Habrechts verbreitete. Anfangs wollte niemand an dieselbe glauben; erst als der Bauer, der den Lehrer nach der Eisenbahnstation gebracht, von dort zurückkehrte und dessen herzliche Abschiedsgrüße an die Dorfbewohner bestellte, mußte man wohl oder übel zu zweifeln aufhören.

Nur Pavel ließ sich, als er nach vollbrachtem Tagewerk heimkehrte, in seiner Überzeugung, Habrecht sei da, müsse noch da sein, nicht irremachen. Er würdigte diejenigen, die ihn deshalb verhöhnten, keiner Antwort, lief zur Schule und trat ohne weiteres in die Wohnstube, in welcher er Mladek fand. Diesen fragte er kurz und barsch: »Wo ist der Herr Lehrer?«

Mladek, der an einem Briefe schrieb, wandte den Kopf: »Da ist der Herr Lehrer«, sprach er, auf sich selbst deutend, »und ohne anzuklopfen, tritt man bei ihm nicht ein, das merk dir, du Lümmel.«

Pavel stotterte eine Entschuldigung und bat nun, ihm zu sagen, wo der frühere Herr Lehrer sei.

»Abgepatscht, und auch du patsch ab!« lautete die Antwort.

Pavel schritt langsam die Treppe hinab, trat in das Schulzimmer, blieb dort eine Weile stehen und wartete; und als derjenige, den er erwartete, nicht kam, ging er ins Gärtchen, in dem er auf und ab wandelte, auslugend, horchend. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn… Dummkopf, der er war, daß ihm das nicht früher eingefallen! … Bei ihm, in seinem Hause befand sich der Lehrer, um ihm – ihm ganz allein Lebewohl zu sagen. Auflebend mit der rasch erblühten Hoffnung, rannte er durchs Dorf nach seiner Hütte und rief, bei derselben angelangt: »Herr Lehrer!«

Keine Antwort. Auch hier alles still, und nun begriff Pavel, daß er seinen alten Gönner vergeblich suchte.

In der Mitte der Stube stand der Tisch, an dem er so oft ihm gegenübergesessen hatte, sein dünnbeiniger Lehnsessel davor und an der Wand sein altersbrauner Schrank… Der Anblick dieser Habseligkeiten schnitt Pavel in die Seele und reizte seinen Zorn. Er schleuderte den Sessel in die Ecke und führte einen Fußtritt gegen den Tisch, daß er krachend umstürzte… Was brauchte Pavel das Zeug? Was brauchte er Erinnerungen an den, der ihn so treulos verlassen hatte? …

Fort, fort sein einziger Freund! … Fort – ohne nur gesagt zu haben: Behüt dich Gott! … Was für ein Mensch war er denn, daß er das vermochte? … Besser tausendmal, er wäre gestorben, daß man an seinem Sarge weinen könnte und denken: Bis zum letzten Augenblicke hat er dich geliebt. Aber so entgleiten wie ein Schatten – das macht all seine Güte und Freundschaft schattenhaft.

Kapitel 5


Kapitel 5

 

Die Frau Baronin kam noch am Abend desselben Tages nach Hause, aber allein. Ihre Fahrten nach der Stadt wiederholten sich jede Woche den ganzen Sommer hindurch, und man wußte bald im Dorfe, daß ihre Besuche dem Kloster der frommen Schwestern galten, mit deren Oberin sie sehr befreundet war und denen sie die kleine Milada zur Erziehung anvertraut hatte. Das Institut stand in hohen Ehren, und als Pavel hörte, daß seine Schwester dort untergebracht war, durchströmte ihn ein Gefühl von Glück und Stolz und von Dankbarkeit gegen die Frau Baronin. Er widerstand auch einige Zeit lang den Aufforderungen Vinskas und der eigenen Lust, Raubzüge in den herrschaftlichen Wald zu unternehmen. Nur eine Zeitlang. Seitdem der alte Förster pensioniert und sein Sohn an dessen Stelle gekommen, war der Eintritt in den Wald jedem Unbefugten ein für allemal verboten worden. Das neue Gesetz machte böses Blut und reizte gewaltig zu Übertretungen.

Es bildete sich eine Bande von Buben und Mädeln, lauter Häuslerkindern, deren Führerschaft Pavel übernahm wie ein natürliches Recht. In kleinen Gruppen wanderten sie hinaus, lustig, kühn und schlau. Sie kannten die Schlupfwinkel und gedeckten Stege besser als selbst die Heger und gingen mit köstlichem Gruseln ihren Abenteuern entgegen, die nur auf zweierlei Weise enden konnten. Entweder glücklich heimkehren, das gestohlene Holz auf dem Rücken, mit der Aussicht auf Lob und ein warmes Abendessen, oder erwischt werden und Prügel kriegen, an Ort und Stelle wegen Dieberei und daheim, weil man sich hatte erwischen lassen. Das letztere Schicksal traf selten einen anderen als Pavel, dem es oblag, den Rückzug zu decken, und den man immer im Stiche ließ, weil man seiner Verschwiegenheit sicher war. Der Pavel verriet keinen, und hätte er es getan, dem schlechten Buben würde man nicht geglaubt haben.

Sein Ruf verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Fand sich im Walde irgendeine böswillige Beschädigung vor, sie war sein Werk. Entdeckte man eine Schlinge, er hatte sie gelegt; fehlten Hühner, Kartoffeln, Birnen, er hatte sie gestohlen. Trat ihn jemand an und drohte ihm, dann stellte er sich und starrte ihm stumm ins Gesicht. Die alten Leute schimpften ihn nicht einmal mehr; er wäre imstande, meinten sie, einem Steine nachzuwerfen aus dem Busch. So schwarz erschien er mit der Zeit, daß die Familie Virgil förmlich in Unschuld schimmerte im Gegensatz zu ihm.

Daß Pavel hundert Hände und die Kraft eines Riesen hätte haben müssen, um die zahllosen Schelmenstreiche, die ihm zugeschrieben wurden, wirklich auszuführen, überlegten seine Mitbürger nicht; er aber kam langsam dahinter, und ihn erfüllte eine grenzenlose Verachtung der Dummheit, die das Unsinnigste von ihm glaubte, wenn es nur etwas Schlechtes war. Er fand einen Genuß darin, das blöde und ihm übelgesinnte Volk bei jeder Gelegenheit von neuem aufzubringen, und wie ein anderer im Bewußtsein der Würdigung schwelgt, die ihm zuteil wird, so schwelgte er in dem Bewußtsein der Feindseligkeit, die er einflößte. Was er zu tun vermochte, sie zu nähren, das tat er, und kannte Aufrichtigkeit nicht einmal gegen den Geistlichen im Beichtstuhl.

Die Zeit verfloß; der Sommer ging zur Neige; der erste September, der Tag des großen Kirchenfestes, kam heran. Im vorigen Jahre noch hatte sich Pavel durch die Menge gedrängt und während des Hochamtes barfüßig und zerlumpt unter den Bauernkindern gekniet, dicht an den Stufen des Altars. Heute trat er nicht in die Kirche ein; er hielt sich draußen wie die Bettler und Vagabunden, zu denen er seiner Ausstaffierung nach paßte. Sein ehemals langer grüner Rock reichte ihm jetzt gerade bis zum Gürtel und präsentierte, geplatzt an allen Nähten, eine Musterkarte von abgelegten Kleidern der Virgilova in Gestalt von großen und kleinen Flicken. Das grobe Hemd ließ die Brust unbedeckt, die Leinwandhose, altersgrau und verschrumpft, war so hoch über die Knie heraufgezogen, als ob ihr Eigentümer eben im Begriff sei, durch den Bach zu waten.

Pavel stand mit dem Rücken an die Planken des Pfarrhofgartens gelehnt, die Arme über den zur Seite geneigten Kopf erhoben, und sah gleichgültigen Blickes den Zug der Kirchgänger vorüberwallen. In Scharen kamen Bursche und Mädel heran; die letzteren begaben sich sofort in das Gotteshaus, die ersten blieben bei den am Weg aufgerichteten Marktbuden zurück und erwarteten, deren Inhalt musternd, das Zusammenläuten zur Predigt. Einer unter ihnen, ein kleiner junger Mensch mit häßlichem, flachgedrücktem Gesicht, tat sich dabei durch ein auffallend protziges Wesen hervor. Er trug feine, halbstädtische Kleidung; an die schwarze Jacke war aus lauter Wohlhabenheit so viel Stoff verschwendet worden, daß sie sich vorne wie eine Tonne blähte und sich hinten zu einem stolzen Katzenbuckel aufbauschte. Die anderen Bursche begegneten dem Dorfstutzer mit einer Rücksichtnahme, die trotz einer kleinen Beimischung von Spott den Wunsch verriet, auf gutem Fuße mit ihm zu stehen. Natürlich auch! Er war ja der Peter, der einzige Sohn des Bürgermeisters, der Erbe des größten, im besten Stande befindlichen Bauernhofes im ganzen Orte.

Das erste Glockenzeichen klang vom Turme; der Zudrang der Bevölkerung zur Kirche hatte aufgehört; hastend eilten nur noch einzelne Verspätete die Dorfstraße herab. – Ganz zuletzt, ganz allein erschien Vinska und erregte alsbald die Aufmerksamkeit des Hofstaats, der den Peter umgab.

»Sackerment!« hieß es, »die Vinska! Was die heute schön ist! – Wie prächtig ihr das Kopftüchlein steht. – Es ist von Seide, meiner Treu! – Und wenigstens sechs Röcke hat sie an. – Und wie bescheiden sie tut! O du Heilige du!«

Jeder hatte ein boshaftes Wörtlein für sie, oder ein galantes, das viel beschämender war als das boshafte. Nur der Peter schwieg und sah aufmerksam einem Vogel nach, der auf dem Eckpfeiler des Pfarrhofgartens gesessen hatte und sich in die Luft schwang bei Vinskas Nahen. Sie war bald in der die Kirchenpforte umstehenden Menge verschwunden. Die Bursche folgten ihr nach, und Pavel hörte den einen von ihnen zum andern sagen: »Ich möcht nur wissen, wie der Virgil, der alte, krummbeinige Lump, zu der hübschen Tochter gekommen ist.«

Der Angeredete verzog den Mund: »Und ich möcht wissen«, erwiderte er, »wie die Tochter des Lumpen zu den schönen Kleidern gekommen ist!«

Daß sie schöne Kleider trug, hatte Pavel nicht bemerkt, und von der ganzen Vinska nichts gesehen als ihre Füße oder eigentlich ihre Stiefel! – Eine halb verwischte Erinnerung an eine große Freude, an ein bitteres Leid, war beim Anblick derselben in ihm aufgetaucht, und er sann ihr nach in seiner langsamen und hartnäckigen Weise.

Wenn ihn die Vinska schalt, schloß sie meistens mit den Worten: »Und dumm bist du, dumm, der Dümmste im ganzen Dorfe.« Vor kurzem noch hatte diese Versicherung ihn kühl gelassen, seit einiger Zeit begann sie ihn zu verdrießen, ihm schwante, daß etwas Wahres an ihr sei. »Dumm«, murmelte er und griff sich an die Stirn, »aber so dumm doch nicht, wie sie glaubt, die Spitzbübin.« So dumm doch nicht, daß aus seinem Gedächtnis alles verschwunden wäre, was sich vor einem Jahre begeben hatte, und daß er nicht vermöchte, einen Verdacht, der damals schon flüchtig in ihm aufgestiegen war, von neuem, und jetzt kräftiger, zu fassen.

Das Hochamt dauerte lange; die Sonne stand bereits im Scheitel, als Gesang und Musik endlich verstummten und die Beter so eilig aus der Kirche herausdrängten, wie sie hineingedrängt hatten. Pavels Augen suchten nur die eine und vermochten nicht, sie zu entdecken, auch dann nicht, als das Gewühl sich zerstreute und ein Teil der Leute die Marktbuden umringte, der andere in leicht übersehbarem Zug die Dorfstraße hinanschritt. Vinska war wie verschwunden, und der Peter mit ihr.

Nach der Messe wäre es Pavels Sache gewesen, heimzukehren und mit Virgil das Vieh auf die Weide zu treiben; aber das fiel ihm heute nicht ein. Er vagabundierte in der nächsten Umgebung auf den Feldern und im Walde herum und suchte die Vinska. Bis zur Wut gesteigerte Ungeduld kochte in seiner Brust, und quälend nagte der Hunger an ihm.

Gegen Abend kam er zum Wirtshaus, vor dem es lustig zuging. Betrunkene sangen, Buben balgten sich, kleine Mädchen hüpften im Reigen beim Schall des Zimbals und der Fiedeln, der durch die offene Tür herausgellte. Neugierige hielten die Fenster der Tanzstube besetzt, beobachteten, was drinnen vorging, und machten ihre Glossen darüber. Nach langem Kampf eroberte Pavel einen Platz zwischen ihnen und sah die Paare sich drehen im dunstigen, spärlich erleuchteten Gemach. Ganz nahe am Fenster, an dem er stand, schwenkte Peter die Vinska auf einem Fleck herum. Er war schon stark angetrunken, hatte die Jacke und mit ihr seine vornehme Zurückhaltung abgelegt. Der Peter in Hemdärmeln war ein so ordinärer Kumpan wie der erste beste Knecht.

Die Vinska in seinen Armen schlug züchtig die Augen zu Boden und erglühte feuerrot bei den Reden, die er ihr zuflüsterte, und den Küssen, die er ihr raubte.

Über den Anblick vergaß Pavel seinen Hunger – seine Ungeduld wich einem rasenden, ihm unbegreiflichen Schmerz; wie in den Fängen eines Raubtieres wand er sich und brachte ein entsetzliches Röcheln hervor.

Die Umstehenden erschraken; man stieß ihn hinweg, und er wehrte sich nicht; er schlich davon, durch die langsam hereinbrechende Dunkelheit, seinem unheimlichen Daheim zu. Aus der Hütte schimmerte ihm der ungewohnte Glanz einer brennenden Kerze entgegen. Sie war auf dem Fenstersimse aufgepflanzt, und in dem von ihrem Schein erhellten Stübchen saßen Virgil und sein Weib auf der Bank, und zwischen ihnen stand ein Teller mit Braten und eine Flasche Branntwein. Die beiden Alten aßen und tranken und waren guter Dinge. Pavel beobachtete sie eine Weile vom Feldrain aus, stieg dann zum Hohlweg herab, den die Dorfstraße bei den letzten Schaluppen bildete, und streckte sich auf die ausgebrochenen Ziegelstufen des Eingangs, den Kopf an die Tür gelehnt.

So mußte, im Fall, daß er etwa einschlief, die Vinska ihn wecken, wenn sie ins Haus wollte.

Stunden vergingen; der matte Glanz, den das Licht im Fenster auf den Weg geworfen hatte, erlosch. Das treibende Gewölk am Himmel, der umschleierte Mond mahnten Pavel an die Winternacht, in welcher er ausgezogen war, Milada aus der Gefangenschaft zu befreien.

Was für ein Narr war er damals gewesen – was für ein Narr geblieben bis auf den heutigen Tag…

Von dem einzigen, der ihn nie beschimpft, dem einzigen, der ihm je eine Wohltat erwiesen, hatte er sich in blödsinnigem Mißtrauen abgewendet und war der Betrügerin unterwürfig gewesen, die ihn zum besten hatte, ihn bestahl und verlachte… Oh – ganz gewiß verlachte und verspottete! Sie spottete so gern, die Vinska, und so leicht bei viel geringeren Veranlassungen, als seine grenzenlose Dummheit eine war.

Was tu ich ihr? fragte er sich plötzlich und antwortete auch sogleich: Ich schlag sie tot.

Keine Überlegung: was dann? Nicht die geringste Angst, nicht der kleinste Skrupel, nicht einmal ein Zweifel an der Ausführbarkeit seines rasch gefaßten Vorsatzes.

Er stand auf, öffnete leise die Tür, holte den Knüttel Virgils vom Herde und legte ihn neben sich, nachdem er seinen früheren Platz und seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte.

Nun kam eine große Ruhe über ihn; die Augen fielen ihm zu, und er schlief ein. Nicht tief, so halb und halb, wie er zu schlafen pflegte, wenn er die Nacht mit den Pferden draußen auf der Hutweide zubrachte.

Der Morgen dämmerte, als leichte Schritte, die sich näherten, ihn weckten. Sie war’s. Heiter, bequem und friedlich mit ihrer unschuldig-pfiffigen Miene kam sie einher, zögerte ein wenig, als sie Pavel daliegen sah, betrat dann ganz sachte die Stufen und beugte sich, um ihn zur Seite zu schieben. – Da packte er Sie am Fuß und riß sie zu Boden. Sie fiel ohne einen Laut, erhob sich aber sogleich auf die Knie, während er nach dem Knüttel griff… Ein Blick in des Jungen Gesicht, und aus dem ihrigen wich alles Blut.

»Pavel«, stammelte sie, »was fällt dir ein – du wirst mich doch nicht schlagen?«

Sie stemmte beide Arme gegen seine Brust und sah angstvoll und bebend zu ihm empor.

»Schlagen nicht – erschlagen werd ich dich«, antwortete er dumpf und wandte den Kopf, um ihren flehenden Augen auszuweichen. »Aber zieh zuvor meine Stiefel aus.«

»Jesus Maria! wegen der Stiefel willst mich umbringen?«

»Ja, ich will.«

»Schrei nicht so… die Alten wachen auf.« – »Alles eins.«

Sie schmiegte sich an ihn, ein schüchternes Lächeln umzuckte ihre Lippen. »Sie kommen mir zu Hilfe, wie kannst mich dann totschlagen? Geh – sei still, sei gut.«

Er suchte sich von ihrer Umarmung loszumachen, die ihn beseligte und empörte; er fühlte, mit Zorn gegen sich, den Zorn gegen sie unter ihren Liebkosungen schwinden. »Spitzbübin!« rief er.

»Mach keinen Lärm«, mahnte sie; »wenn die Leute zusammenlaufen, was hast du davon? Sei still! Schlag mich tot meinetwegen, aber sei still – schlag mich tot, du dummer Pavel –« und nun kicherte sie schon völlig vergnügt und siegesgewiß.

Zwischen den wirren Haaren, die ihm über die Augen hingen, schoß ein Blitz voll düsterer Glut hervor, der sie von neuem schaudern machte. – Das war kein törichter Junge mehr, es war ein frühreifer Mann, der sie angeblickt hatte, und instinktmäßig rettete sie sich in der Furcht vor ihm – an seine Brust.

»Tu mir nichts! Wie leid wäre dir!«

Sie stand neben ihm und hielt seine Hand, der der Knüttel entsunken war. Sie bat, sie schmeichelte, sie suchte ihn zu rühren und hielt sich selbst eine Totenklage. »O wie leid wäre dir um mich, niemandem so leid wie dir um die arme Vinska.«

»Du bist nicht arm!« fuhr er sie an, »du nicht! … Schlecht bist du – und ich geh aufs Bezirksamt und verklag dich.«

»Wegen der Stiefel?« fragte sie und lachte herzlich und sorglos.

»Ja.«

Flugs ließ Vinska sich auf die Stufen nieder, zog die Stiefel aus und stellte dieselben vor Pavel hin. »Da hast sie, Geizhals! Ich brauch sie nicht! – ich brauch nur dem Peter ein Wort zu sagen, so kauft er mir andere, viel schönere.«

Pavel brüllte förmlich auf: »Nein, nein! nimm die meinen, behalt sie, ich schenk sie dir. Nur geh nicht mehr mit dem Peter… Versprich’s!« Er faßte sie an den Achseln und schüttelte sie, daß ihr Hören und Sehen verging: »Versprich’s, versprich’s!«

»Sei ruhig – ich verspreche es«, antwortete Vinska; doch war der Ton, in dem sie es sagte, so wenig überzeugend, und es flog ein so seltsamer Ausdruck über ihr Gesicht, daß Pavel die Faust ballend drohte: »Nimm dich in acht!«