Siebenunddreißigstes Kapitel.


Siebenunddreißigstes Kapitel.

Mehr als eine Warnung.

Florence, Edith und Mrs. Skewton waren am andern Tage beisammen, und der angespannte Wagen harrte an der Tür. Denn Kleopatra hatte jetzt wieder ihre Galeere, und Withers, nicht länger der Spindeldürre, stand in taubengrauer Jacke und militärischen Beinkleidern zur Zeit der Tafel hinter ihrem räderlosen Stuhl, ohne fortan die Dienste eines Sturmbocks verrichten zu müssen. In jenen Tagen des Flaums glänzte Withers‘ Haar von Pomade; auch trug er Glacéhandschuhe und duftete von weitem nach Kölnischem Wasser.

Sie waren in Kleopatras Zimmer versammelt. Die Schlange des alten Nil (wir wollen sie nicht aus Achtungswidrigkeit so nennen) ruhte auf ihrem Sofa, schlürfte um drei Uhr nachmittags ihre Morgenschokolade, und Flowers, die Zofe, legte ihr die jugendlichen Manschetten und Krausen an. Dann verrichtete Flowers an ihrer Gebieterin noch eine Art Privatkrönung vermittels eines pfirsichblütenfarbenen Samthuts, in dem die künstlichen Rosen ungemein vorteilhaft nickten, je nachdem das Zittern des Kopfs gleich einem Lüftchen damit spielte.

»Ich denke, ich bin heute morgen ein wenig angegriffen, Flowers«, sagte Mrs. Skewton. »In der Tat, meine Hand zittert.«

»Ihr wißt, Ma’am«, versetzte Flowers, »daß Ihr gestern abend das Leben der ganzen Gesellschaft ausmachtet, und nun müßt Ihr es eben büßen.«

Edith, die Florence nach dem Fenster gewinkt hatte und eben hinaussah, den Rücken der Toilette ihrer hochachtbaren Mutter zugekehrt, wich jetzt plötzlich zurück, als ob es geblitzt hätte.

»Mein Herzchen«, rief Kleopatra im Tone der Erschöpfung, »du fühlst dich nicht angegriffen. Sage mir nicht, meine liebe Edith, daß du bei deiner beneidenswerten Ruhe gleichfalls anfängst, eine Märtyrerin zu werden, wie deine Mutter mit ihrer unglücklichen Konstitution. Withers, jemand an der Tür!«

»Karte, Ma’am«, sagte Withers, sie Mrs. Dombey überbringend.

»Ich gehe aus«, versetzte sie, ohne danach hinzusehen.

»Meine Liebe«, sprach Mrs. Skewton gedehnt, »wie gar wunderlich von dir, absagen zu lassen, ohne auch nur nach dem Namen zu sehen! Bring die Karte mir, Withers. Himmel, meine Liebe – noch dazu Mr. Carker! Dieser ungemein verständige Mann!«

»Ich gehe aus«, wiederholte Edith in so gebieterischem Ton, daß Withers zur Tür ging, dem Diener, der draußen wartete, die Worte »Mrs. Dombey geht aus. Also fort mit Euch!« zurief und ihm vor der Nase die Klinke zuschnappen ließ.

Nach langer Abwesenheit kam jedoch der Diener wieder zurück und flüsterte Withers abermals etwas zu, der darauf, obschon nur ungerne, aufs neue sich vor Mrs. Dombey präsentierte.

»Mit Erlaubnis, Ma’am, Mr. Carker läßt seine achtungsvollen Empfehlungen melden und bittet, wenn es Euch möglich sei, nur um eine einzige Minute – Geschäfte halber, Ma’am.«

»Wahrhaftig, meine Liebe«, sagte Mrs. Skewton in ihrer mildesten Weise, da das Gesicht ihrer Tochter einen drohenden Ausdruck angenommen hatte, »wenn du mir ein Wort gestatten willst, so möchte ich dir raten –«

»So führ‘ ihn hierher«, unterbrach sie Edith.

Sobald Withers verschwunden war, um diesen Befehl auszuführen, fügte sie finster gegen ihre Mutter hinzu: »Da es auf Euren Rat geschieht, so soll er auch auf Euer Zimmer kommen.«

»Darf ich – soll ich fortgehen?« fragte Florence hastig.

Edith nickte; aber schon auf dem Weg zur Tür begegnete Florence dem eintretenden Besuch. Mit derselben widerlichen Mischung von Vertraulichkeit und Schonung, mit dem er sie früher angeredet hatte, wandte er sich jetzt in seiner sanftesten Art an sie – hoffte, daß sie sich wohl befinde– brauchte nicht zu fragen, da er schon in dem Aussehen die Antwort las – hatte gestern abend kaum die Ehre gehabt, sie zu kennen, da sie sich so sehr verändert – und hielt ihr die Tür offen, daß sie hinausgehen konnte. Indes vermochte alle Ehrerbietung und Höflichkeit seines Benehmens nicht ganz das geheime Bewußtsein der Gewalt zu verbergen, die er über sie besaß und die sich in ihrem schüchternen Zurückweichen vor ihm ausdrückte.

Dann beugte er sich einen Augenblick über Mrs. Skewtons herablassende Hand und machte endlich Edith seine Verbeugung. Letztere erwiderte seinen Gruß mit Kälte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen oder ihm einen Sitz anzubieten, und erwartete stehend seine Anrede.

Bei all ihrem Stolz und der ganzen Verstockung ihres Geistes fühlte sie doch den lähmenden Eindruck der alten Überzeugung, daß dieser Mann von Anfang an sie und ihre Mutter in ihren schlimmsten Farben erkannt habe – daß jede Herabwürdigung, die sie erduldet, vor ihm so offen daliege, wie vor ihr selbst– daß er in ihrem Leben zu lesen verstand, wie in einem schlechten Buch, und daß er in den geringschätzigen Blicken und Tönen, die keiner anders aufdecken konnte, die Blätter vor ihr umschlug. Zwar trat sie ihm stolz entgegen, ihr gebieterisches Gesicht zwang ihn zur Demut, ihre Verachtung ausdrückende Lippe wies ihn zurück, ihre Brust wogte zornig über seine Aufdringlichkeit, und die dunkeln Wimpern ihrer Augen verschleierten düster das darunter weilende Licht, um ihm ja keinen Strahl davon zukommen zu lassen, während er mit der Miene eines Gekränkten, bittend, aber mit vollkommener Unterwerfung unter ihren Willen, vor ihr stand. Trotzdem aber fühlte sie in ihrer tiefsten Seele, wie ganz anders die Sache sich verhielt, als es den Anschein hatte. Eine innere Stimme sagte ihr, der Triumph und die Überlegenheit seien auf seiner Seite und er wisse das recht wohl.

»Ich habe mich unterfangen«, sagte Mr. Carker, »Euch um Gehör zu bitten, und es zugleich gewagt, den Gegenstand meines Besuches als Geschäftssache zu bezeichnen, weil –«

»Vielleicht seid Ihr von Mr. Dombey mit einem Verweise beauftragt«, unterbrach ihn Edith. »Ihr besitzt Mr. Dombeys Vertrauen in einem so ungewöhnlichen Grade, Sir, daß es mich kaum überraschen würde, wenn dies Euer Geschäft wäre.«

»Ich überbringe keinen Auftrag an eine Dame, die einen Glanz auf seinen Namen wirft«, sagte Mr. Carter. »Aber ich bitte diese Dame, einem unbedeutenden, von Mr. Dombey abhängigen Mann, der schon durch seine Stellung zur Demut angewiesen ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und zu bedenken, daß es gestern abend nicht in seine Macht gegeben war, der Beteiligung auszuweichen, die ihm bei einem sehr peinlichen Anlaß aufgedrungen wurde.«

»Meine teuerste Edith«, bemerkte Kleopatra in gedämpfter Stimme, indem sie ihr Augenglas senkte, »in der Tat ganz bezaubernd von Mr., wie heißt er doch. Und voll Herz!«

»Denn ich erlaube mir«, sagte Mr. Carter, sich mit einem Blick dankbarer Ehrerbietung auf Mrs. Skewton berufend, »ich erlaube mir, ihn einen peinlichen Anlaß zu nennen, obschon er es nur für mich war, da ich das Unglück hatte, bei ihm zugegen sein zu müssen. Eine solche kleine Irrung zwischen Personen, die sich gegenseitig mit uneigennütziger Hingebung lieben und in einer derartigen Sache gern jedes Opfer bringen würden, ist eigentlich für nichtig anzuschlagen, und ich stimme Mrs. Skewton vollkommen bei, die gestern abend mit so viel Wahrheit und Gefühl das alles auch für nichtig erklärte.«

Edith konnte nicht nach ihm hinsehen, sagte aber nach einer kurzen Pause:

»Und Euer Anliegen, Sir? –«

»Edith, mein Herz«, bemerkte Mrs. Skewton, »Mr. Carter steht diese ganze Zeit über! Mein lieber Mr. Carter, ich bitte, nehmt einen Sitz.«

Er gab der Mutter keine Antwort, sondern heftete seine Augen auf die stolze Tochter, als sei er entschlossen, nur ihrem Geheiß Folge zu geben. Wider Willen setzte sich Edith nieder und winkte ihm leicht mit der Hand, daß er gleichfalls Platz nehme. Sie tat das mit dem kalten Stolz anmaßender Überlegenheit. Aber wie sehr sie auch sogar gegen ein solches Zugeständnis angekämpft hatte, war es ihr doch entrungen worden. Genug für Mr. Carter. Er nahm Platz. »Habe ich Eure Erlaubnis, Madame«, sagte Carter, seine weißen Zähne gleich einem Lichte gegen Mrs. Skewton hinwendend – »eine Dame von Eurem trefflichen Verstand und Eurem tiefen Gefühl wird mir zuversichtlich Glauben schenken, daß ich gute Gründe dafür habe – das, was mir mitzuteilen obliegt, an Mrs. Dombey zu richten, damit sie sodann Euch darüber Auskunft gebe, die Ihr, außer Dombey, ihrem Herzen am nächsten steht?«

Mrs. Skewton wollte sich entfernen, aber Edith hielt sie zurück. Sie würde auch dem Sprecher Einhalt getan und ihm entrüstet die Weisung gegeben haben, er solle entweder offen oder gar nicht reden. Da er jedoch mit gedämpfter Stimme die Worte – »Miß Florence – die junge Lady, die eben das Zimmer verlassen hat« – hinwarf, unterbrach sie ihn nicht weiter, und sah jetzt sogar nach ihm hin. Aber als er sich, um ihr näher zu sein, mit der Miene des größten Zartgefühls und der Achtung, die Zähne überredend zu einem abbittenden Lächeln geordnet, vorwärts beugte, war es ihr, als hätte sie ihn mit Einem Streiche totschlagen mögen.

»Miß Florence«, begann er, »hat sich in einer unglücklichen Lage befunden. Es fällt mir schwer, das gegen Euch zu berühren, da Eure Zuneigung zu dem Vater natürlich jedes Wort auf die Wagschale legen wird, das sich auf ihn bezieht.« Stets bestimmt und weich in seiner Sprache – keine Zunge vermöchte die Ausdehnung dieser Bestimmtheit und Weichheit zu schildern, als er obige Worte oder andere ähnlichen Inhalts vorbrachte. »Als ein Mann übrigens, der in seiner untergeordneten Stellung Mr. Dombey anhängt und der fast sein ganzes Leben in Bewunderung von Mr. Dombeys Charakter verbrachte, darf ich wohl sagen, ohne Eure Zärtlichkeit als Gattin zu verletzen, daß Miß Florence unglücklicherweise vernachlässigt wurde – von ihrem Vater. Darf ich sagen, von ihrem Vater?«

»Ich weiß es«, versetzte Edith.

»Ihr wißt es?« entgegnete Mr. Carker, der tat, als fühle er sich ungemein erleichtert. »Dies wälzt mir eine Bergeslast von der Brust. Und hoffentlich ist Euch auch bekannt, worin diese Vernachlässigung ihren Ursprung nahm, in was für einer liebenswürdigen Phase von Dombeys Stolz – Charakter, wollte ich sagen –«

»Ihr könnt das übergehen, Sir«, erwiderte sie, »um desto früher mit dem zu Ende zu kommen, was Ihr mir mitzuteilen habt.«

»Ich fühle in der Tat, Madame«, versetzte Carter – »glaubt mir, ich fühle aus tiefster Seele, daß Mr. Dombey Euch gegenüber in nichts einer Rechtfertigung bedarf. Wofern Ihr übrigens mein Herz freundlich nach dem Euren beurteilen wollt, so werdet Ihr mir meine Teilnahme für ihn verzeihen, wenn sie auch vielleicht in ihrem Übermaß irre geht.«

Welch ein Dolchstoß für ihr stolzes Herz, Angesicht in Angesicht mit diesem Mann dasitzen zu müssen, der ihr den Meineid, den sie an dem Altare geschworen, wieder und wieder vorhielt, ihn ihr aufdrängend gleich dem Bodensatz in einer garstigen Tasse, den sie nicht zurückweisen konnte, wie sehr ihr auch davor ekelte. Beschämung, Leidenschaft und Gewissensbisse tobten in ihrem Innern, denn sie mußte sich gestehen, daß sie trotz der aufrechten und majestätischen Haltung, die sie ihm gegenüber bewahrte, im Geiste zu seinen Füßen saß.

»Miß Florence«, sagte Carter, »blieb der Sorge – wenn man anders hier von Sorge reden kann – der Dienstboten und bezahlten Personen überlassen, die in jeder Weise unter ihr standen, während ihr doch ein Führer und Kompaß für ihre Jugend nötig gewesen wäre. In Ermangelung dessen ist sie natürlich unbesonnen gewesen und hat einigermaßen ihre Stellung vergessen. Es begab sich eine törichte Geschichte mit einem gewissen Walter, einem gemeinen Jungen, der jetzt glücklicherweise tot ist. Außerdem unterhielt sie, wie ich mit Bedauern sagen muß, einen sehr unwünschenswerten Verkehr mit einigen Küstenschiff-Matrosen von nichts weniger als gutem Ruf und einem entlaufenen alten Bankerottmacher.«

»Ich habe von diesen Umständen gehört, Sir«, entgegnete Edith, einen Blick der Verachtung nach ihm hinblitzen lassend, »und weiß, daß Ihr sie verdreht. Möglich, daß Ihr selbst nicht gehörig unterrichtet seid. Ich hoffe das wenigstens.«

»Verzeiht mir«, sagte Mr. Carter. »Ich glaube, niemand kann besser davon unterrichtet sein als ich. Eure hohe, warme Seele, Madame, dieselbe Seele, die so edel, so gebieterisch ist in Verteidigung Eures geliebten und geehrten Gatten und denselben völlig nach Würden behandelt, verdient sicherlich alle Achtung, und ich beuge mich in Ehrerbietung davor. Doch was die Umstände betrifft, auf die ich Euch aufmerksam zu machen für meine Pflicht halte, so kann ich keinem Zweifel Raum geben, daß ich nicht in Erfüllung meiner Aufgabe als Mr. Dombeys vertrauter Freund – ich erdreiste mich, ihn so zu nennen – alles vollkommen erkundet habe. Ich bemühe mich, diesem Vertrauen Ehre zu machen, und sorge für alles, was in Beziehung dazu steht. Jedenfalls habe ich mich jetzt beeilt, von dieser treuen Sorge Euch einen Beweis zu bringen; und so habe ich in Person sowohl als durch zuverlässige Werkzeuge geraume Zeit den Tatsachen nachgeforscht, so daß ich mit zahlreichen und ins einzelne gehenden Belegen versehen bin.«

Sie erhob ihre Augen nicht höher als bis zu seinem Mund, sah aber die Mittel zum Unheilstiften prahlerisch in jedem Zahn, den er enthielt, sich zur Schau stellen.

»Verzeiht mir, Madame«, fuhr er fort, »wenn ich mir in meiner Verwirrung herausnehme, Euch um Euren Rat anzugehen und mir Eure Weisungen zu erbitten. Ich glaube, bemerkt zu haben, daß Ihr für Miß Florence große Teilnahme fühlt.«

Was gab es auch in ihr, das er nicht bemerkt hätte, und das ihm nicht bekannt gewesen wäre? Gedemütigt und zugleich bis zum Wahnsinn gehetzt bei dem Gedanken in jeder neuen, auch noch so unbedeutenden Ahnung davon, preßte sie ihre Zähne auf die bebende Lippe, um sie zur Ruhe zu bringen, und verbeugte als Erwiderung abgemessen den Kopf.

»Diese Teilnahme, Madame – ein so rührender Beweis davon, daß Euch alles teuer ist, was mit Mr. Dombey zusammenhängt – veranlaßt mich, zu zögern, ehe ich ihn mit den gedachten Umständen bekannt mache, von denen er bis jetzt noch nichts weiß. Wenn ich es gestehen darf, so erschüttert sie mich insoweit in meiner Dienstpflicht, daß ich sie unterdrücken würde, wenn Ihr mir auch nur im mindesten andeutet, daß Ihr dies wünschen könntet.«

Edith erhob rasch ihren Kopf, fuhr zurück und heftete ihren dunkeln Blick auf ihn. Er begegnete ihm mit seinem mildesten, ehrerbietigsten Lächeln und fuhr fort:

»Ihr sagt, meine Darstellung sei eine verkehrte. Ich fürchte leider das Gegenteil; doch laßt uns annehmen, daß Ihr recht hättet. Die Unruhe, die ich bisweilen in der Sache fühlte, hat ihren Grund darin, daß die bloß öftere Wiederholung eines solchen Verkehrs der Miß Florence, wie unschuldig und vertrauensvoll er auch gewesen sein mag, für Mr. Dombey, der vornweg gegen sie eingenommen ist, maßgebend sein und ihn – ich weiß, daß er schon öfters daran gedacht hat – bewegen würde, sie ganz aus dem Hause fortzuschaffen. Madame, ich kenne und verehre Mr. Dombey fast von Kindheit auf. Habt daher Nachsicht mit mir, wenn ich sage, daß, falls er einen Fehler hat, dieser in einem gewissen Starrsinn besteht, dem wir alle uns unterwerfen müssen. Ich will ihm damit durchaus keinen Vorwurf machen; denn er ist in seinem edlen Stolz und in dem Gefühl der ihm zuständigen Macht begründet; aber eben deshalb kann man ihm nicht so beikommen, wie andern Charakteren, und die erwähnte Eigenschaft steigert sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.«

Ihr Blick haftete noch immer auf ihm; aber mochte sie ihn so fest ansehen, wie sie wollte, ihre stolze Nase erweiterte sich, ihr Atem wurde etwas tiefer, und ihre Lippe warf sich leicht auf, als er in seinem Dienstherrn das schilderte, wovor sie alle sich beugen mußten. Er sah es, und obschon sich der Ausdruck seines Gesichtes nicht änderte, so wußte sie doch sehr gut, daß er es sah.

»Selbst ein so geringfügiger Vorfall, wie der von gestern abend«, sagte er, »wenn es mir gestattet ist, noch einmal darauf zurückzukommen, kann dazu dienen, meine Meinung besser zu belegen, als ein wichtigerer. Dombey und Sohn nimmt keine Rücksicht auf Zeit oder Ort, sondern wirft alles vor sich nieder. Indes ist es mir lieb, daß es so kam, denn ich wurde dadurch ermutigt, mich um des erwähnten Gegenstandes willen Mrs. Dombey zu nahen, selbst auf die Gefahr hin, mir zur Zeit ihr Mißfallen zuzuziehen. Madame, als ich um eben jener Geschichte willen voll Unruhe und Besorgnisse war, wurde ich von Mr. Dombey nach Leamington beschieden. Ich sah Euch dort und erkannte sogleich, welches Verhältnis bald zwischen ihm und Euch stattfinden werde – zu seinem und Eurem dauernden Glück. Damals faßte ich den Entschluß, die Zeit Eures Einzuges hier im Hause abzuwarten und zu handeln, wie ich jetzt gehandelt habe. Ich fürchte in der Tat nicht, daß ich es in meiner Pflicht gegen Mr. Dombey fehlen lasse, wenn ich das, was ich weiß, in Eurer Brust begrabe; denn wo – wie in einer solchen Ehe – zwischen zwei Personen nur ein Geist und ein Sinn herrscht, ist die eine fast für die andere zu nehmen. Mein Gewissen kann mich daher vollkommen freisprechen, mag ich mich nun in diesem Gegenstande Euch oder ihm vertrauen. Aus den erwähnten Gründen habe ich mich an Euch gewendet. Darf ich der mich so auszeichnenden Hoffnung Raum geben, daß mein Vertrauen nicht zurückgewiesen wird und ich meiner Verantwortlichkeit entbunden bin?«

Er erinnerte sich noch lange des Blickes, den sie ihm jetzt zuwarf – wer hätte ihn sehen und vergessen können? – und des inneren Kampfes, der darauf folgte. Endlich sagte sie:

»Ich nehme es an, Sir. Ihr werdet aber die Gefälligkeit haben, diese Sache damit als beendigt zu betrachten und eingedenk zu sein, daß unsere Beziehung nicht weiter geht.«

Er verbeugte sich tief und erhob sich. Auch sie stand auf, und er verabschiedete sich mit aller Unterwürfigkeit. Withers aber, der ihm auf der Treppe begegnete, blieb stehen, um die Schönheit seiner Zähne und sein strahlendes Lächeln zu bewundern. Als Carker sodann auf seinem weißbeinigen Pferd fortritt, hielten ihn die Leute um des blendenden Schauspiels willen, das er bot, für einen Zahnarzt. S i e dagegen hielten die Leute, als sie unmittelbar nachher in ihrer Equipage ausfuhr, für eine vornehme Dame, die ebenso glücklich wie reich war. Freilich – wer sie einen Augenblick zuvor gesehen hätte, als sie in ihrem Zimmer allein war – wer Zeuge gewesen wäre, als sie nur die drei Worte ausstieß: »O Florence, Florence« würde anders gedacht haben.

Mrs. Skewton, die auf ihrem Sofa ruhte und Schokolade schlürfte, hatte nichts gehört, als das gemeine Wort »Geschäft«, das ihr einen tödlichen Widerwillen einflößte. Das Wort war nämlich längst aus ihrem Wörterbuch verbannt und hätte beinahe in bezaubernder Weise und einem ungemeinen Aufwand von Herz, der Seele gar nicht zu gedenken, unterschiedliche Putzmacherinnen und infolge davon auch andere Personen zugrunde gerichtet. Sie stellte daher keine Fragen und zeigte durchaus keine Neugier. Überhaupt gab ihr im Freien der pfirsichblütenfarbige Samthut hinreichend zu schaffen. Da er nämlich nur auf dem hinteren Teil ihres Kopfes festsaß und der Tag ziemlich windig war, so schien er wie wahnsinnig darauf auszugehen, Mrs. Skewtons Gesellschaft zu entlaufen, und wollte sich durchaus nicht zu einem gütlichen Vergleich heranlassen. Der Wagen wurde zugemacht und der Wind ausgeschlossen. Der zitternde Kopf spielte unter den künstlichen Rosen wie ein ganzes Armenhaus voll altersschwacher Zephire, Mrs. Skewton hatte auch so noch genug zu tun, so daß in dem Wagen ein gleichgültiges Schweigen herrschte.

Gegen Abend ging es noch schlimmer; denn Mrs. Dombey wartete, nachdem sie sich angekleidet hatte, schon eine halbe Stunde auf ihre Mutter, und Mr. Dombey stieg mit einem feierlichen Ärger – alle drei sollten nämlich an einem auswärtigen Diner teilnehmen – in dem Besuchszimmer auf und ab, als Flowers, die Zofe, mit bleichem Gesicht in Mrs. Dombeys Toilettezimmer stürzte.

»Ach, Ma’am«, rief sie; »ich bitte um Verzeihung, aber ich kann nichts mit Missiß anfangen.«

»Was meinst du damit?« fragte Edith.

»Ich weiß es selber kaum, Ma’am«, versetzte das erschreckte Mädchen. »Sie macht solche Gesichter.«

Edith eilte mit ihr nach dem Gemach ihrer Mutter. Kleopatra war in ihrem vollen Putze; aber trotz der Diamanten, der kurzen Ärmel, des Rots, der falschen Locken, der Zähne und anderer jugendlichen Zeichen hatte sich der Schlaganfall nicht täuschen lassen, sondern in ihr den Gegenstand seines Suchens erkannt und sie nach dem Spiegel hingeworfen, wo sie zusammengebrochen gleich einer schrecklichen Puppe lag.

Sie beraubten sie des falschen Prunkes und brachten das wenige, was an ihr echt war, auf ein Bett. Man schickte nach Ärzten, die auch bald erschienen. Kräftige Belebungsmittel wurden in Anwendung gebracht und Ansichten darüber abgegeben, daß sie sich wahrscheinlich von dieser Erschütterung erholen, aber einen zweiten Schlag nicht überleben werde. Und so lag sie tagelang da, sprachlos und die Decke anstarrend, bisweilen, wenn sie wußte, wer da war, auf die gestellten Fragen in unartikulierten Lauten Antwort gebend, zu andern Zeiten aber weder durch Zeichen noch Gebärden oder überhaupt eine Bewegung ihres Auges antwortend. Endlich kehrte allmählich das Bewußtsein und einigermaßen auch die Bewegungsfähigkeit, nicht aber die Sprache zurück. Eines Tages, als sie die rechte Hand wieder benützen konnte, zeigte sie diese ihrem Mädchen, das sie verpflegte. Sie schien sehr unruhig zu sein und deutete durch Gebärden an, daß sie einen Bleistift und etwas Papier wünsche. Die Dienerin schaffte das Geforderte augenblicklich herbei, in der Meinung, Mrs. Skewton wolle ein Testament machen oder einen letzten Wunsch aufzeichnen, und da Mrs. Dombey abwesend war, so sah sie dem Ergebnis mit feierlichen Empfindungen entgegen.

Nach vielem peinlichen Gekritzel und Wiederauslöschen, wobei unrechte Buchstaben willkürlich aus dem Bleistift herauszufallen schienen, kam das alte Weib endlich mit nachstehendem Schriftstück zustande:

»Rosenfarbige Vorhänge.«

Das Mädchen hatte allen Grund, kaum ihren Augen zu trauen, und Kleopatra, die ihr Erstaunen bemerkte, verbesserte das Manuskript, indem sie zwei weitere Worte beifügte, so daß es so lautete:

»Rosenfarbige Vorhänge für die Ärzte.«

Der Dienerin dämmerte jetzt der Gedanke auf, daß sie die Vorhänge wünsche, um vor der Fakultät in einem rosigeren Licht zu erscheinen, und da diejenigen im Hause, die Mrs. Skewton am besten kannten, die Richtigkeit dieser Ansicht nicht in Zweifel zogen, so wurde ihr Bett mit dem gewünschten Stoff, der leicht beizuschaffen war, behängt. Von Stunde an ging es mit der Kranken schnell besser. Sie war bald imstande, im Bett aufzusitzen, weshalb denn auch die Locken, eine Spitzenhaube und ein mit Spitzen besetztes Nachtgewand in Anspruch genommen wurden; auch mußte ein wenig künstliches Rot die tiefen Höhlen ihrer Wangen ausfüllen.

Es war ein erschreckender Anblick, wie dieses alte Weib mit dem Tod noch so jugendlich kokettierte, als habe sie es nur mit dem Major zu tun; aber der Schlaganfall hatte auch eine Veränderung in ihrem Geist zur Folge, die ernsten Stoff zu unheimlichen Betrachtungen abgab. Ob sie durch die Schwächung ihres Verstandes schlauer und falscher geworden war, als zuvor, ob eine Verwirrung zwischen dem erkünstelten und natürlichen Ich stattfand, ob dadurch ein Anflug von Gewissensbissen geweckt wurde, der sich nicht recht ins Licht kämpfen konnte, aber doch auch nicht ganz in die Dunkelheit zu drängen war, oder ob – vielleicht die wahrscheinlichste Annahme – das Zusammenbrechen ihrer intellektuellen Fähigkeiten ein Gemisch aller dieser Wirkungen aufgewühlt hatte, das Ergebnis war folgendes: Edith konnte ihr nicht genug Liebe, Dankbarkeit und Aufmerksamkeit erweisen. Ihrem stetigen Eigenlob nach hätte sie die beste und unschätzbarste aller Mütter sein müssen, und namentlich war sie sehr eifersüchtig darauf, in Ediths Zuneigung keine Nebenbuhlerin zu haben. Statt sich an den Vertrag zu erinnern, der zwischen ihnen geschlossen worden war, diesen Gegenstand zu vermeiden, spielte sie beständig auf die Heirat ihrer Tochter als auf den Beweis an, daß sie eine unvergleichliche Mutter sei; und dieses noch obendrein mit der Schwäche und Reizbarkeit eines solchen Zustandes, der stets einen ironischen Kommentar zu ihrer erkünstelten Jugendlichkeit abgab.

»Wo ist Mrs. Dombey?« konnte sie ihre Zofe fragen.

»Ausgegangen, Ma’am.«

»Ausgegangen? Geht sie aus, um ihrer Mutter aus dem Weg zu gehen, Flowers?«

»Aber, Gott behüte, nein, Ma’am. Mrs. Dombey hat nur mit Miß Florence eine Spazierfahrt gemacht.«

»Mit Miß Florence. Wer ist Miß Florence? Sage mir nichts von Miß Florence. Was kann ihr Miß Florence sein in Vergleich mit mir?«

Das Blitzen der Diamanten, der pfirsichblütenfarbene Samthut – sie empfing schon wochenlang in diesem Hut Besuche, noch ehe sie über die Stubentür hinaus konnte – oder irgendein anderer bunter Putz tat gewöhnlich den Tränen Einhalt, die bei solchen Betrachtungen zu fließen begannen, und sie verblieb dann in einem Zustand von Selbstgefälligkeit, bis Edith erschien, um nach ihr zu sehen. Sobald sie die stolze Gestalt ihrer Tochter gewahr wurde, kam wieder ein Rückfall.

»Endlich doch einmal, Edith!« konnte sie mit schüttelndem Kopfe rufen.

»Was gibt es, Mutter?«

»Was es gibt? Ich weiß es wirklich nicht. Die Welt ist so erkünstelt und undankbar geworden, daß ich entschieden glaube, es ist kein Herz – oder irgend etwas der Art – in ihr zurückgeblieben. Withers ist kindlicher gegen mich, als du. Er pflegt mich mehr, als meine eigene Tochter. Es wäre mir fast lieb, wenn ich nicht so jung aussähe – und all dergleichen – dann würde ich vielleicht mehr berücksichtigt werden.«

»Was wünscht Ihr, Mutter?«

»O, sehr viel, Edith«, entgegnete sie ungeduldig.

»Fehlt es Euch an irgend etwas? Wenn das der Fall, so ist es nur Eure eigene Schuld.«

»Meine eigene Schuld«, begann sie zu wimmern. »Was für eine Mutter bin ich dir gewesen, Edith – eine treue Gefährtin von deiner Wiege an! lind dafür vernachlässigst du mich und hast nicht mehr natürliche Zuneigung zu mir, als ob ich eine Fremde wäre – nicht den zwanzigsten Teil der Liebe, die du an Florence verschwendest. Aber ich bin ja nur deine Mutter und könnte sie in einem Tage verderben! – Du machst mir Vorwürfe, daß es meine eigene Schuld sei.«

»Mutter, Mutter, ich mache Euch mit nichts einen Vorwurf. Warum immer und ewig diese Geschichten?«

»Ist es nicht natürlich, daß ich immer wieder darauf zurückkommen muß, wenn ich lauter Liebe und Empfindung bin, dafür aber in der grausamsten Weise verwundet werde, so oft du mich nur ansiehst.«

»Ich beabsichtige durchaus nicht, Euch zu verletzen, Mutter. Erinnert Ihr Euch denn gar nicht mehr, was zwischen uns abgemacht wurde? Laßt die Vergangenheit ruhen.«

»Ja, laß sie ruhen! Laß auch die Dankbarkeit gegen mich ruhen – laß die Liebe gegen mich ruhen – laß mich in meinem von der ganzen Welt abgelegenen Stübchen, ohne Gesellschaft und Aufmerksamkeit, während du neue Bekanntschaften anknüpfst, die auf Erden nicht den mindesten Anspruch an dich haben! Ach, du mein Himmel, Edith, weißt du auch, wie elegant das Hauswesen ist, an dessen Spitze du stehst?«

»Ja.«

»Und jener ritterliche Mann, Dombey? Weißt du, daß du mit ihm verheiratet bist, Edith – daß du eine Versorgung, eine Stellung, eine Ausstattung, und was weiß ich alles, hast?«

»In der Tat, ich weiß dies recht wohl, Mutter.«

»Wie du es gehabt haben würdest bei jener entzückenden, guten Seele – wie hieß er doch? – Granger – wenn er nicht gestorben wäre. Und wem hast du das alles zu danken, Edith?«

»Euch, Mutter; Euch.«

»Dann schlinge deine Arme um meinen Nacken und küsse mich. Zeige mir, Edith, daß du weißt, es habe nie eine bessere Mutter gegeben, als ich dir gewesen bin. Und laß mich nicht dadurch, daß du mich mit deinem Undank quälst, zu einer wahren Vogelscheuche werden, da mich sonst, wenn ich wieder in Gesellschaft gehe, keine Seele kennen wird, nicht einmal jenes abscheuliche Tier, der Major.«

Bisweilen aber, wenn Edith ihr näher trat, das stattliche Haupt zu ihr niederbeugte und ihre kalten Wangen an die ihrigen legte, konnte die Mutter zurückfahren, als fürchte sie sich vor ihr, und unter einem Anfall von Zittern in den Ruf ausbrechen, daß es in ihrem Kopf irre sei. Zu andern Zeiten flehte sie die Tochter demütig an, auf dem Stuhl neben ihrem Bett Platz zu nehmen, und blickte dabei mit einem Gesicht, das sich selbst unter den rosenfarbigen Vorhängen nur scheu und verwirrt ausnahm, nach der düster sinnenden Gestalt hin. Im Lauf der Zeit erröteten die rosenfarbigen Vorhänge über Kleopatras leibliche Wiedergenesung, über ihren Aufzug, der, jugendlicher als je, die Verheerungen der Krankheit gutmachen sollte, über das Rot, die Zähne, die Locken, die Diamanten, die kurzen Ärmel und die ganze Garderobe der Puppe, die vor dem Spiegel zusammengebrochen war. Sie erröteten auch hin und wieder über eine Unbestimmtheit in ihrer Sprache, über das mädchenhafte Kichern, mit dem sie redete, und über ein gelegentliches Nachlassen ihres Gedächtnisses, das sich an keine Regel band, sondern phantastisch kam und ging, wie im Hohn über ihr eigenes phantastisches Ich.

Nie aber erröteten sie über einen Wechsel in der neuen Denk- und Sprechweise, die sich der Tochter gegenüber bei ihr bekundete. Und obgleich diese Tochter oft in den Bereich ihres Widerscheins kam, so erröteten sie nie ob ihrer durch ein Lächeln beleuchteten Liebenswürdigkeit oder ob der durch das Licht kindlicher Liebe gemilderten Strenge in ihrem schönen Antlitz.

Achtunddreißigstes Kapitel .


Achtunddreißigstes Kapitel .

Miß Tox nimmt eine alte Bekanntschaft wieder auf

Aufgegeben von ihrer Freundin Louisa Chick und des Anblicks von Mr. Dombeys Gesicht beraubt – denn kein seines Paar durch Silberdraht verbundener Verlobungskarten schmückte den Spiegel über dem Kamin auf dem Prinzessinnenplatz, das Klavier oder irgendeinen von jenen kleinen Prunkgegenständen, die Lukretia sich für ihre Festtagsbeschäftigung vorbehielt – wurde Miß Tox sehr niedergeschlagen und schwermütig. Eine Zeitlang hörte man auf dem Prinzessinnenplatz nichts mehr von dem Vogelwalzer. Die Pflanzen wurden vernachlässigt, und auf dem Miniaturbild des Vaters von Miß Tox mit seinem gepuderten Kopf und Haarbeutel sammelte sich der Staub.

Miß Tox war jedoch dank ihres Alters oder ihres Charakters nicht geeignet, sich lange nutzlosen Klagen hinzugeben. Nur zwei Saiten des Klaviers waren infolge des Nichtgebrauchs verstummt, als der Vogelwalzer schon wieder in dem winkligen Besuchszimmer trillerte und wirbelte. Ein einziger Geranium-Ableger wurde ein Opfer der unvollkommenen Pflege, als sie schon wieder ihren Garten in den grünen Töpfen jeden Morgen regelmäßig begoß; und der puderköpfige Vater hatte kaum mehr als sechs Wochen unter der Wolke gehangen, als Miß Tox sein wohlwollendes Gesicht anhauchte und es mit einem Stück Waschleder polierte.

Dennoch fühlte sie sich einsam und verlassen. Wenn sie jemandem ihre Zuneigung geschenkt hatte, war ihr ganzes Herz und ihre Seele dabei, wie lächerlich sie dies auch kundgeben mochte, und die unverdiente Kränkung, die sie von Louisa erfahren, verletzte sie tief. Der Charakter von Miß Tor ließ keinen nachhaltigen Groll aufkommen. Wenn sie während ihres Lebens in ihrer sanften Art jeden nach seiner Fasson hatte selig werden lassen und keine eigenen Ansichten gehabt hatte, so war sie wenigstens ohne heftige Leidenschaften durchgekommen. Eines Tages erblickte sie auf beträchtliche Entfernung hin ihre ehemalige Freundin auf der Straße, und dies überwältigte ihr weiches Herz so sehr, daß sie augenblicklich ihre Zuflucht zu einem Pastetenbäcker nehmen mußte, um daselbst in einem dumpfen kleinen Hinterstübchen, das gewöhnlich zur Verzehrung von Kraftbrühen besucht wurde und von einer Ochsenschwanz-Atmosphäre qualmte, ihre Gefühle durch einen reichlichen Tränenerguß zu beruhigen.

Gegen Mr. Dombey fühlte Miß Tor kaum einen Grund zur Beschwerde; denn die Großartigkeit dieses Gentleman war in ihren Augen so eindrucksvoll, daß es ihr nach seiner Entfremdung vorkam, als sei der Abstand stets unermeßlich und er sehr herablassend gewesen, daß er sie überhaupt nur in seiner Nähe geduldet hatte. Nach ihrer aufrichtigen Ansicht konnte für ihn keine Frau zu schön oder zu vornehm sein, und es lag vollkommen in der Natur der Sache, daß er bei der Wahl einer Gattin nach oben schaute. Unter Tränen stellte sie sich diese Wahrheit wohl zwanzigmal des Tages vor und fand sie vollauf berechtigt. Sie dachte nie an die stolze Weise, mit der Mr. Dombey sie seiner Bequemlichkeit und seinen Launen dienstbar gemacht hatte, indem er gnädigst gestattete, daß sie eine von den Wärterinnen seines kleinen Sohnes wurde. Wie sie selbst sagte, hatte sie in jenem Hause viele glückliche Stunden verbracht, deren sie sich stets mit Dank erinnern mußte. Auch konnte sie nie aufhören, Mr. Dombey als einen der würdevollsten Männer zu betrachten.

Von der unversöhnlichen Louisa aber verstoßen und mit einiger Scheu vor dem Major, den sie jetzt mit Mißtrauen betrachtete, war es gleichwohl für Miß Tor sehr ärgerlich, daß sie nicht erfuhr, was in Mr. Dombeys Hause vorging. Sie hatte sich in der Tat daran gewöhnt, in Dombey und Sohn die Angel zu sehen, um die sich die Welt im allgemeinen drehte. So beschloß sie, ehe sie auf alle Kunde von dem verzichte, was von so großem Interesse für sie war, lieber ihre alte Bekanntschaft mit Mrs. Richards wieder aufzunehmen. Sie wußte seit ihrem letzten denkwürdigen Erscheinen vor Mr. Dombey, daß sie hin und wieder einen Verkehr mit den Dienstboten unterhielt. Vielleicht wurde Miß Tor beim Aufsuchen der Toodle-Familie im geheimen noch durch den zarteren Beweggrund geleitet, daß sie dann jemand habe, mit dem sie über Mr. Dombey sprechen konnte, gleichviel, wie gering dieser Jemand auch war.

Wie dem nun sein mochte, Miß Tor richtete eines Abends ihre Schritte nach Toodles Wohnung – eine Zeit, um die Mr. Toodle schwarz und rußig im Kreise seiner Familie sich mit Tee erfrischte. Mr. Toodle kannte nur drei Stadien seines Daseins: er nahm entweder Erfrischungen in dem eben erwähnten Kreise ein, oder stürmte mit einer Geschwindigkeit von fünf bis zehn Meilen in der Stunde durchs Land, oder gab sich nach des Tages Mühe dem Schlafe hin. Er befand sich immer in einem Sturm oder in einer Windstille – in jedem dieser Zustände ein friedlicher, zufriedener, bequemer Mann, der alles Aufbrausende in seiner Natur an die keuchenden, pustenden und sich in der schonungslosesten Weise aufreibenden Dampfmaschinen abgetreten zu haben schien, während er selbst ein stilles, gleichförmiges Leben führte.

»Polly, mein Mädel«, sagte Mr. Toodle, dem auf jedem Knie ein junger Toodle saß, während zwei andere den Tee für ihn anfertigten und eine hübsche weitere Anzahl sich in der Stube umhertummelte – er war nämlich nie ohne Kinder, sondern hielt stets einen guten Vorrat bereit – »hast du in der letzten Zeit unsern Sieder nicht gesehen?«

»Nein«, versetzte Polly! »aber ich rechne fast mit Sicherheit darauf, daß er heute noch kommen wird. Es ist sein Abend, und er hält ihn sehr regelmäßig ein.«

»Ich meine«, sagte Mr. Toodle, der es sich einmal ungemein gut schmecken ließ, »unser Sieder entwickelt sich jetzt so gut fort, wie dies einem solchen Jungen möglich ist. Bist du nicht auch der Ansicht, Polly?«

»O, es geht ihm recht gut«, antwortete Polly.

»Bemerkst du nichts Heimliches an ihm – tut er nicht duckmäuserisch, Polly?« fragte Mr. Toodle.

»Nein!« erwiderte Mrs. Toodle nachdrücklich.

»Es freut mich, daß er sich nicht duckmäuserisch anläßt, Polly«, bemerkte Mr. Toodle in seiner langsamen, abgemessenen Weise und schaufelte sein Butterbrot mit einem Schnappmesser ein, als müsse er seine eigene Maschine mit Material versehen, »denn das wäre kein gutes Zeichen. Meinst du nicht, Polly?«

»Aber natürlich, Vater. Wie kannst du nur fragen!«

»Seht, meine Jungen und Mädels«, sagte Mr. Toodle, in seiner Familie umherschauend, »wo ihr je ein ehrliches Unterkommen finden mögt, so kommt euch gewiß nichts besser zustatten als die Offenheit. Geratet ihr in Bergdurchschnitte oder Tunnels, so gebt euch nicht mit geheimem Spiel ab. Haltet eure Pfeifen im Gang und laßt wissen, wo ihr seid.«

Die aufstehenden Toodles vereinigten sich zu einem wirren Lärm, um damit ihre Entschlossenheit anzudeuten, daß sie von dem väterlichen Rat Nutzen ziehen wollten.

»Aber wie kannst du nur wegen Rob mit solchen Fragen kommen, Vater?« ergriff jetzt die Mutter ängstlich da« Wort.

»Polly, meine Alte«, versetzte Mr. Toodle, »ich wüßte nicht, daß ich wegen Rob gerade etwas Besonderes gesagt hätte. Es ist mir nur so eingefallen. Ich komme vor ein Stationshaus; man nimmt mit, was sich da vorfindet, und ein ganzer Zug von Ideen wird angekoppelt, ehe ich weiß, wo ich bin, oder woher sie kommen. Was doch Menschengedanken für eine Verkettung sind!« fügte Mr. Toodle bei.

Mr. Toodle spülte diese tiefe Betrachtung mit einem großen Topf Tee hinunter und setzte darauf eine ansehnliche Menge Butterbrot. Dabei erteilte er seinen jungen Töchtern den Auftrag, einen gehörigen Vorrat Wasser im Topf heiß zu erhalten, da er ganz ausgetrocknet und deshalb ein »Anblick von vielen Tassen« erforderlich sei, ehe sein Durst sich zufrieden geben könne.

In der Befriedigung seines Appetits vergaß übrigens Mr. Toodle die jüngeren Zweige um ihn her durchaus nicht, denn obschon letztere bereits ihre Abendmahlzeit erhalten hatten, lugten sie doch nach den ungewöhnlichen Bissen aus, als ob solche von besonderem Wohlgeschmack wären. Diese verteilte er hin und wieder an den erwartungsvollen Kreis, indem er große Keile Butterbrot ausstreckte, von welchen die Familie in gesetzlicher Reihenfolge herunterbiß. Außerdem spendete er in gleicher Weise mit einem Löffel kleine Dosen Tee. Diese Extraportionen mundeten den jungen Toodles so köstlich, daß das junge Volk nach dem Genuß dann in seinem Entzücken kleine Tänze aufführte, auf einem Bein umherhüpfte und sich in andern sprunggerechten Merkzeichen der Freude erging. Nachdem es in solcher Weise seiner Aufregung Luft gemacht hatte, schloß es sich allmählich wieder an Mr. Toodle an und verwandte kein Auge von dem Tee und Butterbrot des Vaters, obschon es tat, als erwarte es für sich selbst nichts von diesen Nährmitteln, sondern wolle sich nur mit dem Familienhaupt in vertraulichem Flüstern über allerlei sonstige Gegenstände unterhalten.

Mr. Toodle, der inmitten seiner Kinder ein schauerliches Beispiel von Appetit gab, führte eben zwei junge Toodles auf seinen Knien, die einen besonderen Eisenbahnzug vorstellten, nach Birmingham und sah nach den andern über eine Barriere von Butterbrot hin, als Rob, der Schleifer, in seinem Südwesterhut und den Trauerkleidern eintrat – eine Erscheinung, die unter Brüdern und Schwestern ein stürmisches Willkommen hervorrief.

»Ah, Mutter!« sagte Rob, indem er ihr einen pflichtmäßigen Kuß aufdrückte. »Wie geht es Euch, Mutter?«

»Bist du da, mein Junge?« rief Polly, ihn umarmend und dann seinen Rücken klopfend. »Er und heimlich tun – aber Vater, wo denkst du hin?«

Dies war auf Mr. Toodles Privaterbauung berechnet; aber Rob, der Schleifer, der sich schon in seinem knappen Anzug unbehaglich fühlte, fing die Worte augenblicklich auf.

»Wie, hat der Vater wieder etwas über mich gesagt?« rief der gekränkte Unschuldige. »O, wie hart ist´s doch, daß es einem der eigene Vater hinterrücks immer ins Gesicht wirft, wenn man einmal ein wenig auf Abwege gekommen ist! Das könnte einen wohl dazu treiben«, rief Rob, in seinem Schmerz zu den Ärmelaufschlägen seine Zuflucht nehmend, »daß man hinginge und wider Willen etwas täte.«

»Mein guter Junge«, rief Polly, »der Vater meinte nichts damit.«

»Wenn der Vater nichts damit meinte«, heulte der beleidigte Schleifer, »warum geht er hin und sagt etwas? Niemand denkt nur halb so schlimm von mir, wie mein eigener Vater. Zu unnatürlich! Ich wollte, es nähme jemand ein Beil und hackte mir den Kopf ab. Ich glaube, der Vater würde sich nicht viel daraus machen, und es wäre mir lieber, er täte es, als ein anderer.«

Bei diesen verzweifelten Worten schrien alle die jungen Toodles laut hinaus – eine pathetische Wirkung, die der Schleifer noch erhöhte, indem er sie ironisch beschwor, nicht um ihn zu weinen, denn sie müßten ihn hassen – müßten es, wenn sie gute Knaben und Mädchen seien. Das ergriff den zweitjüngsten Toodle, der überhaupt leicht zu rühren war, so sehr, daß die Aufregung sich auch in seiner Stimmritze verfing und ihn ganz purpurrot machte. Das veranlaßte den bestürzten Mr. Toodle, ihn nach dem Wasserfaß hinauszunehmen und unter den Zapfen zu bringen, obschon diese medizinische Maßregel unnötig war; denn der Patient genas bei dem bloßen Anblick dieses Werkzeuges wieder.

Nachdem es soweit gekommen war, gab Mr. Toodle seine Erklärung ab. Hierüber beruhigten sich die tugendhaften Gefühle seines Sohnes. Sie gaben sich gegenseitig die Hand, und es herrschte wieder Eintracht.

»Willst du auch mitmachen, Sieder, mein Junge?« fragte der Vater, der mit erneuerter Kraft zu seinem Tee zurückkehrte.

»Nein, ich danke, Vater. Der Herr und ich, wir beide haben schon den Tee getrunken.«

»Und was macht dein Herr, Rob?« fragte Polly.

»Ich weiß selbst nicht, Mutter – es ist da nicht viel zu rühmen. Mit dem Geschäft ist es gar nichts, seht Ihr. Er versteht nichts davon – nicht das mindeste. So kommt erst heute ein Mann in den Laden und sagt: ›Ich möchte gern ein So und So haben‹, sagt er – es ist ein ganz schwerer Name. ›Was?‹ sagt der Kapt’n. ›Ein So und So‹, sagt der Mann. ›Bruder‹, sagt der Kapt’n, ›wollt Ihr Euch nicht im Laden umsehen?‹ ›Gut‹, sagt der Mann; ›ich habe es getan.‹ ›Seht Ihr, was Ihr braucht?‹ sagt der Kapt’n. ›Nein‹, sagt der Mann. ›Kennt Ihr es, wenn Ihr es zu Gesicht bekommt?‹ sagt der Kapt’n. ›Nein‹, sagt der Mann. ›Ei, dann will ich Euch was sagen, mein Junge‹, sagt der Kapt’n: ›geht lieber wieder zurück und fragt, wie es aussieht, denn ich weiß es auch nicht.‹«

»Das ist doch nicht die Art, wie man Geld verdient – oder?« fragte Polly.

»Geld, Mutter? Er wird nie Geld verdienen. Er hat eine Art an sich, wie ich nie etwas Ähnliches gesehen habe. Trotzdem möchte ich ihm nicht nachsagen, daß er ein schlimmer Herr ist. Mir kann es übrigens gleichgültig sein; denn ich glaube nicht, daß ich lange bei ihm bleiben werde.«

»Wie, nicht an deinem Platz bleiben, Rob?« rief die Mutter, während Mr. Toodle die Augen weit aufsperrte.

»Nicht an diesem Platz vielleicht«, entgegnete der Schleifer mit einem Blinzeln. »Es sollte mich nicht wundern – Ihr wißt, Freunde bei Hof – doch kümmert Euch vorderhand nicht darum, Mutter. Es ist schon in der Ordnung – mehr kann ich Euch nicht sagen.«

Der unanfechtbare Beweis, der in diesen Andeutungen und in dem geheimnisvollen Wesen des Schleifers lag, daß er nicht dem Fehler ausgesetzt sei, den Mr. Toodle bei ihm befürchtet hatte, würde vielleicht zu einer Erneuerung der früheren Unbill und zu einer weiteren Aufregung in der Familie geführt haben, wenn nicht im gelegenen Augenblick ein anderer Besuch angelangt wäre, der sich zu Pollys großer Überraschung unter der Tür zeigte und den Anwesenden mit freundschaftlicher Gönnermiene zulächelte.

»Wie geht es Euch, Mrs. Richards?« sagte Miß Tox. »Ich wollte nach Euch sehen. Darf ich eintreten?«

Auf dem heiteren Gesichte der Mrs. Richards leuchtete eine gastfreundliche Antwort, und Miß Tox, die den dargebotenen Stuhl annahm und dabei Mr. Toodle huldreich begrüßte, knüpfte ihr Hutband los und erklärte, sie müsse zuerst die lieben Kinder bitten, daß eines ums andere herkomme und sie küsse.

Der arme zweitjüngste Toodle, der um der oft durch ihn veranlaßten häuslichen Unruhen willen unter einem unglücklichen Planeten geboren zu sein schien, konnte sich an dieser allgemeinen Begrüßung nicht beteiligen, weil er unter dem Südwesterhut steckte. Er hatte vorher mit ihm gespielt und ihn sich jetzt verkehrt so tief auf seinen Kopf gesetzt, daß er unmöglich wieder herauskommen konnte. Dieser Zufall bot seiner erschreckten Phantasie das unheimliche Bild dar, als müsse er den Rest seiner Tage in Finsternis und hoffnungsloser Abgeschiedenheit von seiner Familie verbringen, weshalb er mit Macht zu kämpfen und ein ersticktes Geschrei auszustoßen anhub. Nach Befreiung von dieser Plage zeigte sich sein Gesicht sehr heiß, rot und feucht, weshalb Miß Tox das erschöpfte Büblein auf ihren Schoß nahm.

»Ich kann mir denken, Sir, daß Ihr mich fast vergessen habt«, sagte Miß Tox zu Mr. Toodle.

»Nein, Ma’am, nein«, sagte Toodle. »Aber wir alle sind seitdem ein bißchen älter geworden.«

»Und wie geht es Euch, Sir?« fragte Miß Tox freundlich.

»Ganz gut, Ma’am, danke«, versetzte Toodle. »Aber wie befindet Ihr Euch, Ma’am? Halten sich die Rheumatismen hübsch ferne, Ma’am? Wir müssen alle erwarten, in sie hineinzugeraten, je weiter wir vorrücken.«

»Danke«, sagte Miß Tox. »Ich habe von dieser Seite aus noch keine Unbequemlichkeit zu erfahren gehabt.«

»Da könnt Ihr von Glück sagen, Ma’am«, entgegnete Mr. Toodle. »Viele Personen von Eurem Alter, Ma’am, werden schwer davon heimgesucht. Da ist zum Beispiel meine Mutter – –« Er begegnete jetzt dem Auge seines Weibes und begrub weislich den Schluß seines Satzes in einer weiteren Tasse Tee.

»Ihr werdet mir doch nicht sagen wollen, Mrs. Richards«, rief Miß Tox, nach Rob hinsehend, »daß dies Euer –«

»Ja, mein Ältester, Ma’am«, ergänzte Polly. »Das ist der kleine Bursch, Ma’am, der die unschuldige Ursache von so vielem wurde.«

»Freilich, Ma’am«, pflichtete Toodle bei, »es ist der mit den kurzen Beinen – und sie waren«, fuhr er mit einem Anflug von Poesie in seinem Tone fort, »ungewöhnlich kurz für Lederhosen, als Mr. Dombey einen Schleifer aus ihm machte.«

Die Erinnerung überwältigte Miß Tox beinahe; denn der Gegenstand derselben hatte für sie unmittelbar ein besonderes Interesse. Sie forderte Rob auf, ihr die Hand zu geben, und wünschte seiner Mutter Glück zu seinem offenen feinen Gesicht. Rob, der dies mitanhörte, versuchte nun, eine entsprechende Miene aufzusetzen, um das Lob zu rechtfertigen, obschon es kaum die rechte war.

»Und nun, Mrs. Richards«, sagte Miß Tox – »und auch Ihr, Sir«, sich an Toodle wendend – »will ich euch unverhohlen und der Wahrheit gemäß sagen, weshalb ich hierher gekommen bin. Ohne Zweifel wißt Ihr, Mrs. Richards – und möglicherweise ist es auch Euch bekannt, Sir – daß zwischen mir und einigen meiner Freunde, die ich sonst häufig besuchte, eine kleine Entfremdung stattgefunden hat.«

Polly, die mit weiblichem Takt wohl verstand, was ihr Besuch meinte, drückte dies in einem leichten Blick aus, während Mr. Toodle, der nicht die mindeste Vorstellung von dem hatte, auf was Miß Tox anspielte, seine Unwissenheit mit einem weiten Aufsperren seiner Augen zu erkennen gab.

»Natürlich ist es von keinem Belang«, fuhr Miß Tox fort, »wie diese Kälte herbeigeführt wurde, und die Sache bedarf deshalb keiner Erörterung. Genug, daß ich die größtmögliche Achtung und Teilnahme habe für Mr. Dombey« – ihre Stimme stockte – »und alles, was zu ihm in Beziehung steht.«

Der so belehrte Mr. Toodle schüttelte den Kopf und entgegnete, er habe sagen hören und glaubte es auch für seinen Teil, daß mit Mr. Dombey nicht gut umzugehen sei.

»Ich bitte, habt die Güte, nicht so zu sprechen, Sir«, erwiderte Miß Tox. »Ich muß Euch flehentlich ersuchen, Sir, weder jetzt oder in Zukunft solche Äußerungen fallen zu lassen. Sie sind sehr schmerzlich für mich und können gewiß bei einem Gentleman von so geordnetem Geist, wie es zuverlässig der Eure ist, keine nachhaltige Überzeugung bleiben.«

Mr. Toodle geriet in große Verwirrung; denn er hatte nicht im mindesten daran gezweifelt, daß seine Bemerkung mit Beifall aufgenommen werden würde.

»Alles, was ich Euch zu sagen wünsche, Mrs. Richards«, nahm Miß Tox wieder auf – »ich wende mich dabei auch an Euch, Sir– besteht darin, daß mir jede Euch etwa zugehende Kunde von dem Tun und Treiben der Familie, von der Wohlfahrt der Familie, von der Gesundheit der Familie stets von größtem Interesse sein wird. Wie angenehm ist es mir, mit Mrs. Richards über die Familie und von alten Zeiten plaudern zu können. Denn zwischen Mrs. Richards und mir gab es nie die mindeste Mißhelligkeit; zwar könnte ich wünschen, daß wir besser bekannt geworden wären, ob schon ich dafür nur mir selbst Vorwürfe zu machen habe. Aber ich hoffe doch, sie wird nichts dagegen haben, wenn wir jetzt uns freundschaftlich aneinander anschließen, und mir erlauben, daß ich, wenn ich Lust dazu habe, hier nicht als Fremde vorspreche. In der Tat, Mrs. Richards«, fügte Miß Tox angelegentlich bei, »Ihr werdet als das gutmütige Wesen, das ich stets in Euch kannte, diese Bitte aufnehmen, wie sie gemeint ist.«

Polly war erfreut darüber und bestätigte das auch. Mr. Toodle aber, der nicht wußte, ob er sich freuen sollte oder nicht, beharrte in einer stöckischen Ruhe.

»Ihr seht, Mrs. Richards«, sagte Miß Tox – »und ich hoffe, auch Ihr seht es, Sir, – daß es mancherlei gibt, wodurch ich Euch einigermaßen nützlich werden kann, wenn Ihr mich nicht als Fremde betrachten wollt. Es wird mich stets freuen, wenn ich in der Lage bin, Euch einen Dienst zu erweisen. So kann ich zum Beispiel Eure Kinder etwas lehren. Wenn Ihr es erlaubt, so will ich ein paar Büchlein und einige Arbeit mitbringen; sie können dann hin und wieder etwas lernen – ach, lieber Himmel, und wieviel sie hoffentlich lernen werden, um ihrer Lehrerin Ehre zu machen!«

Mr. Toodle, der großen Respekt vor dem Lernen hatte, duckte den Kopf beifällig nach seiner Frau hin und feuchtete mit aufdämmernder Zufriedenheit seine Hände an.

»Wenn ich nicht als Fremde gelte, werde ich niemandem im Wege stehen«, sagte Miß Tox, »und alles wird fortgehen, gerade so wie wenn ich nicht hier wäre. Mrs. Richards kann bei ihrer Näherei, beim Bügeln oder bei der Wartung ihrer Kinder bleiben, ohne auf mich Rücksicht zu nehmen; und Ihr raucht Eure Pfeife, wenn Ihr Lust dazu habt, Sir – nicht wahr?«

»Danke, Ma’am«, sagte Mr. Toodle. »Ja; ich will mein Röllchen zusammenschneiden.«

»Sehr schön von Euch, Sir«, versetzte Miß Tox, »und ich gebe Euch von ganzer Seele die Versicherung, daß es mir ein großer Trost sein wird und ich für alles, was ich vielleicht für die Kinder zu tun so glücklich bin, eine reiche Belohnung darin sehe, wenn Ihr mit aller Behaglichkeit auf diesen Vertrag eingeht, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.«

Der Vertrag wurde auf der Stelle ratifiziert, und Miß Tox tat ohne Verzug so ganz heimisch, daß sie sofort der Reihe nach ein einleitendes Verhör mit den Kindern vornahm und – zu Mr. Toodles großer Verwunderung – Alter, Namen und Fortschritte derselben auf ein Blatt Papier niederschrieb. Diese Zeremonie, die durch allerlei kleines Geplauder unterbrochen wurde, währte bis nach der gewöhnlichen Schlafenszeit der Familie. Miß Tox hielt sich so lange an Toodles Herd auf, bis es für sie zu spät war, allein nach Hause zu gehen. Der galante Schleifer aber, der gleichfalls dageblieben war, erbot sich höflich, sie bis vor ihre Tür zu begleiten, und da für Miß Tox etwas darin lag, wenn sie sich im Geleit eines jungen Menschen sehen lassen konnte, der Mr. Dombey seine erste Beinbekleidung verdankte, so ging sie sehr bereitwillig auf den Vorschlag ein.

Nachdem sie Mr. Toodle und Polly die Hand gereicht, sodann alle Kinder geküßt hatte, verließ sie das Haus unter unbegrenzter Popularität und mit so leichtem Herzen, daß Mrs. Chick sicherlich großen Anstoß daran genommen haben würde, wenn sie den Grad dieser Leichtigkeit hätte ermessen können.

Rob, der Schleifer, wollte in seiner Bescheidenheit hinter ihr dreingehen. Miß Tox aber forderte ihn auf, an ihrer Seite zu bleiben, damit sie sich mit ihm unterhalten könne, und »fragte ihn unterwegs aus«, wie sie nachher seiner Mutter berichtete.

Rob bestand sein Examen so glanzvoll, daß Miß Tox ganz bezaubert von ihm war. Je mehr sie herausholte, desto feiner machte er sich – gerade wie der Draht auf der Ziehbank. Wie er sich an jenem Abend ausnahm, hätte man glauben sollen, es habe nie einen besseren, klügeren, nüchterneren, ehrlicheren, bescheideneren und aufrichtigeren Menschen gegeben.

»Es freut mich in der Tat, daß ich Euch kenne«, sagte Miß Tox, als sie an ihrer Tür anlangte. »Ich hoffe, Ihr werdet mich als Eure Freundin betrachten und mich so oft besuchen, wie es Euch beliebt. Habt Ihr eine Sparbüchse?«

»Ja, Ma’am«, versetzte Rob. »Ich spare alles auf, bis ich genug habe, um es in die Bank zu legen, Ma’am.«

»In der Tat sehr löblich«, sagte Miß Tox. »Das höre ich gerne. Seid so gut, auch diese halbe Krone hineinzulegen.«

»O, ich danke Euch, Ma’am«, entgegnete Rob; »aber ich darf doch wirklich nicht daran denken, Euch zu berauben.«

»Euer unabhängiger Geist gefällt mir«, sagte Miß Tox; »aber ich versichere Euch, daß hier von keiner Beraubung die Rede ist. Ihr werdet mich kränken, wenn Ihr das Geldstück nicht als einen Beweis meiner guten Meinung annehmt. Gute Nacht, Robin.«

»Gute Nacht, Ma’am«, erwiderte Rob. »Und schönen Dank!«

Der Schleifer lachte sich ins Fäustchen, ließ sich die halbe Krone wechseln und verspielte sie mit Aufwerfen an einen Pastetenmann. Aber freilich hatte man in der Schleiferschule nichts von Ehrgefühl gelernt, denn das daselbst herrschende System war besonders geeignet, die Heuchelei einzuimpfen – in einem Grad sogar, daß viele von den Verwandten und Herren vormaliger Schleifer erklärten, wenn aus der Erziehung einfacher Menschen nichts weiter herauskomme, so unterbleibe sie besser ganz und gar. Einige Verständigere sagten, man solle bei der Leitung besseren Grundsätzen folgen; aber die Vorstände der Schleiferzunft traten stets solchen Einwürfen damit entgegen, daß sie einige Knaben heraussuchten, die trotz des Systems gut ausgefallen wären, und dann rundweg behaupteten, sie hätten dies nur ihrer Erziehung zu danken. Damit war den Tadlern das Handwerk gelegt und der Ruhm der Schleiferschule hergestellt.

Neununddreißigstes Kapitel.

Neununddreißigstes Kapitel.

Weitere Abenteuer des Schiffskapitäns Edward Cuttle.

Sicheren Fußes und kräftigen Willens hatte die Zeit so sehr vorwärts gedrängt, daß das Jahr, das der alte Instrumentenmacher seinem Freund als Termin für Eröffnung des den Brief begleitenden, versiegelten Pakets anberaumt hatte, nahezu abgelaufen war. Demzufolge begann Kapitän Cuttle Abend für Abend mit den Gefühlen unruhiger Neugierde danach zu sehen.

Wir müssen ihm zur Ehre nachrühmen, daß ihm ebensowenig der Gedanke kam, das Päckchen auch nur eine Stunde vor Ablauf der Frist zu erbrechen, wie es ihm eingefallen sein würde, sich selbst zu öffnen, um die Anatomie seines eigenen Leibes zu studieren. Er holte es nur bei einem gewissen Stadium seiner ersten Abendpfeife heraus, legte es auf den Tisch und blickte in stummem Ernst zwei oder drei Stunden durch den Rauch danach hin, als ob es einen Zauber enthielte. Bisweilen rückte der Kapitän, nachdem es ziemlich lange in solcher Weise vor ihm gelegen hatte, seinen Stuhl allmählich weiter und weiter ab, als wolle er sich der unheimlichen Atmosphäre entziehen, obschon ihm dieses, wenn es auch wirklich seine Absicht war, nie gelang. Denn selbst an der Stubenwand übte das Paket noch immer seine bannende Kraft. Ja das Bild davon folgte sogar seinen Augen, wenn sie gedankenvoll an der Decke hinschweiften, legte sich vor ihm in die Kohlen, wenn sein Blick dem Feuer zugekehrt war, oder nahm das auffallendste Plätzchen in dem Schrank mit weißer Wäsche ein.

Was die »Herzensfreude« betraf, so erlitt die väterliche Zuneigung und Bewunderung des Kapitäns keinen Wechsel, wiewohl es bei der letzten Besprechung mit Mr. Carker zweifelhaft geworden war, ob seine frühere Einmengung zugunsten dieser jungen Dame und seines Knaben Wal’r ganz so günstig ausgefallen sei, wie er damals wirklich glaubte. Mit einem Wort: der Kapitän trug sich mit ernsten Bedenken, ob er durch jenen Schritt nicht mehr Schaden als Nutzen gestiftet habe. Deshalb leistete er denn auch in seiner Reue und Bescheidenheit die beste ihm erdenkliche Sühne dadurch, daß er sich in einer Weise beseitigte, die es ihm unmöglich machte, irgend jemandem nachteilig zu werden, und daß er sich sozusagen selbst als eine gefährliche Person über Bord warf.

Er begrub sich unter den Instrumenten, wagte sich nie in die Nähe von Mr. Dombeys Haus und brach jeglichen Verkehr mit Florence oder Miß Nipper ab. Sogar von Mr. Perch hatte er sich bei erster Gelegenheit losgesagt, indem er diesem Gentleman trocken erklärte, er danke ihm für seine Gesellschaft, habe sich aber von allen solchen Bekannten losgelöst, da er nicht wisse, ob nicht durch ihn, ohne daß er es beabsichtige, ein Pulvermagazin in die Luft gesprengt werde. In dieser freiwilligen Einsamkeit verbrachte der Kapitän ganze Tage und Wochen, ohne mit jemandem anders ein Wort zu wechseln, als mit Rob, dem Schleifer, den er als ein Muster uneigennütziger Anhänglichkeit und Treue betrachtete. Die einzige Unterhaltung in seiner Abgeschiedenheit bestand darin, daß er abends mit seiner Pfeife im Mund das Päckchen anschaute und dabei an Florence und den armen Walter dachte, bis beide seiner nicht sehr reichen Phantasie als tot erschienen – hingegangen in ewiger Jugend als die schönen, unschuldigen Kinder seiner ersten Erinnerung.

In seinem Grübeln versäumte übrigens der Kapitän die eigene Ausbildung oder die des Schleifers durchaus nicht. Rob mußte ihm in der Regel jeden Abend eine Stunde lang aus einem Buche vorlesen, und da der Kapitän des unbedingten Glaubens lebte, daß alle Bücher wahr seien, so gelangte er auf diese Weise in den Besitz vieler merkwürdiger Kenntnisse. An Sonntagabenden las er vor Schlafengehen stets selbst eine gewisse göttliche Predigt, die vordem auf einem Berge gehalten wurde, und obgleich er gewohnt war, den Teil ohne Buch nach seiner eigenen Art zu zitieren, so las er sie doch augenscheinlich mit einem so ehrerbietigen Eingehen auf ihren himmlischen Geist, als könne er das griechische Original auswendig und als sei er imstande, über jeden Vers eine beliebige Anzahl scharfer theologischer Abhandlungen zu schreiben.

Rob, der Schleifer, dessen Ehrfurcht für die Heilige Schrift unter dem bewundernswürdigen System der Schleiferschule durch beharrliches Zerbeulen seiner intellektuellen Schienbeine an allen Eigennamen sämtlicher Judastämme, durch das eintönige Hersagen von schweren Versen, das ihm meist zur Strafe auferlegt worden, und durch die Sonntags je dreimal vorkommende Schaustellung seiner sechs Jahre alten Person in Lederhosen auf einer sehr hohen und sehr heißen Emporkirche, wo eine große Orgel gleich einer ungemein geschäftigen Biene gegen seinen schläfrigen Kopf summte, zur Entwicklung gekommen war – Rob, der Schleifer, tat, sobald der Kapitän zu lesen aufgehört hatte, als sei er ungemein erbaut, obschon er während der Vorlesung selbst in der Regel gähnte und döste – eine Tatsache, die der gute Kapitän freilich nie bei ihm argwöhnte.

Als Geschäftsmann hielt Kapitän Cuttle auch darauf, daß regelmäßig Buch geführt wurde. Er trug in dasselbe seine Beobachtungen über das Wetter und über den Zug der Frachtwagen und anderer Fuhrwerke ein, die in diesem Stadtteil morgens, und im Laufe des Tages nach Westen, abends aber nach Osten ihre Richtung zu nehmen pflegten. Als einmal in einer Woche zwei oder drei Personen ihn wegen Brillen »angingen« – so lautete nämlich der Eintrag – und, ohne gerade zu kaufen, wieder herzukommen versprachen, so folgerte der Kapitän daraus mit Zuversicht, daß das Geschäft im Zunehmen begriffen sei, und zeichnete auch diese Bemerkung in seinem Tagebuch auf, nachdem er zuerst notiert hatte, der Wind blase ziemlich frisch West bei Nord und habe im Lauf der Nacht umgeschlagen.

Eine der Hauptnöte des Kapitäns war Mr. Toots, der sehr häufig auf Besuch kam und, ohne viel Worte darüber zu verlieren, sich die Idee in den Kopf gesetzt zu haben schien, das kleine Hinterstübchen sei ein ganz herrliches Zimmer, um darin zu kichern. Er saß nämlich oft halbe Stunden da, ohne etwas anderes zu tun und ohne dem Kapitän auch nur im mindesten etwas mehr Vertrauen abzugewinnen. Der Kapitän, der durch seinen letzten Versuch vorsichtig gemacht worden war, konnte nicht mit sich ins reine kommen, ob Mr. Toots wohl in Wirklichkeit das gutmütige Subjekt, das er zu sein schien, oder nicht vielmehr ein durchtriebener, arglistiger und in der Verstellungskunst ausgelernter Heuchler sei. Seine häufigen Anspielungen auf Miß Dombey waren verdächtig; aber der Kapitän fühlte sich doch im geheimen durch Mr. Toots‘ Zutraulichkeit angezogen und unterließ es daher vorderhand, ein Urteil zu fällen. Dagegen faßte er ihn mit einer Schlauheit, die sich nicht beschreiben läßt, ins Auge, so oft Mr. Toots den Gegenstand, der seinem Herzen so nahe lag, zur Sprache brachte.

»Kapitän Gills«, platzte Mr. Toots seiner Gewohnheit nach eines Tages plötzlich heraus, »glaubt Ihr, daß Euch mein Vorschlag genehm sein könne, und wollt Ihr für mich Eure Beziehungen nutzbar machen?«

»Nun, mein Junge, ich will Euch sagen, wie die Sache liegt«, versetzte der Kapitän, der endlich über sein Handeln zu einem Entschluß gekommen war. »Ich habe mir die Sache überlegt.«

»Kapitän Gills, das ist sehr freundlich von Euch«, entgegnete Mr. Toots. »Ich bin Euch sehr dafür verbunden. Auf mein Ehrenwort, Kapitän Gills, es würde ein Liebesdienst sein, wenn Ihr mich die Ehre Eurer Beziehungen teilhaftig werden ließet. Gewiß und wahrhaftig.«

»Ja, seht, Bruder«, fuhr der Kapitän langsam fort, »ich kenne Euch nicht.«

»Aber Ihr könnt mich nie kennenlernen, Kapitän Gills«, erwiderte Mr. Toots in eifriger Beharrlichkeit, »wenn Ihr mir nicht das Vergnügen einer näheren Aussprache gönnen wollt.«

Der Kapitän schien ob der Originalität und dem Gewicht dieser Worte betroffen zu sein und sah Mr. Toots an, als denke er, es stecke am Ende doch weit mehr in ihm, als er erwartet hatte.

»Gut gesprochen, mein Junge«, erwiderte der Kapitän mit gedankenvollem Kopfnicken, »und vollkommen richtig. Schaut aber einmal her. Ihr habt einige Äußerungen fallen lassen, aus denen ich entnehmen muß, daß Ihr ein gewisses holdes Geschöpf bewundert – ist es nicht so?«

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, ungestüm mit der Hand ausholend, in der er seinen Hut hielt, »Bewunderung ist nicht das rechte Wort. Bei meiner Ehre, Ihr habt gar keine Vorstellung von der Art meiner Gefühle. Wenn ich schwarz gefärbt und zu Miß Dombeys Sklaven gemacht werden könnte, so würde ich es als eine Auszeichnung betrachten. Ja, ich ließe es mich mein ganzes Vermögen kosten, wenn ich damit eine Umwandlung meiner Person in Miß Dombeys Hund zu erkaufen imstande wäre. Ich – ich glaube wahrhaftig, ich würde dann nie aufhören, mit meinem Schwanz zu wedeln. Gewiß, das würde das höchste Glück für mich sein, Kapitän Gills!«

Mr. Toots sprach dies mit feuchten Augen und drückte in tiefer Erregung seinen Hut gegen die Brust.

»Mein Junge«, versetzte der zum Mitleid bewegte Kapitän, »wenn Euch dies Ernst ist –«

»Kapitän Gills«, rief Mr. Toots, »ich bin in einem solchen Gemütszustand, und es ist mir so furchtbar ernst, daß ich es auf einem heißen Stück Eisen, auf einer glühenden Kohle, auf geschmolzenem Blei, auf brennendem Siegelwachs oder auf irgend etwas der Art beschwören wollte. Ja, ich würde mich sogar freuen über die Beschädigung, da sie mir eine Erleichterung brächte für meine Gefühle.«

Und Mr. Toots schaute hastig im Zimmer umher, als suche er irgendein zureichend schmerzliches Peinigungsmittel, um seinen fürchterlichen Vorsatz auszuführen.

Der Kapitän schob seinen Glanzhut auf dem Kopf zurück, strich mit der schweren Hand sein Gesicht, so daß seine Nase noch fleckiger wurde, trat vor Mr. Toots hin, packte ihn mit seinem Haken an dem Aufschlag seines Rocks und redete ihn mit folgenden Worten an, während Mr. Toots in großer Aufmerksamkeit und einiger Verwunderung ihm ins Gesicht schaute.

»Seht Ihr, mein Junge, wenn es Euch ernst ist«, sagte der Kapitän, »so seid Ihr ein Gegenstand der Gnade, und Gnade ist das glänzendste Kleinod in der Krone eines Engländers – lest darüber nach, was im Rule Britannia niedergelegt ist, und habt Ihr’s gefunden, so erkennt darin den Freibrief, von dem schon die Engel im Paradies so oft gesungen haben. Haltet bei! Euer Vorschlag kommt mir ein wenig überraschend. Und warum? Weil ich, Ihr begreift dies, nur allein und ohne Kameradschaft in diesen Wassern segle, außerdem mir auch keine wünsche. Nimmermehr! Ihr habt mich zuerst angegangen wegen einer gewissen jungen Dame, in deren Dienst Ihr handeltet. Wenn nun Ihr und ich, wir beide überhaupt Kameradschaft halten sollen, so darf der Name jenes jungen Geschöpfs nie gesprochen oder auch nur angedeutet werden. Ich weiß nicht, was Schlimmes dabei herausgekommen sein mag, weil ich mich in diesem Punkt früher zu frei benahm, und muß deshalb abbrechen. Habe ich mich Euch gehörig klargemacht, Bruder?«

»Ihr werdet mich entschuldigen, Kapitän Gills«, versetzte Mr. Toots, »wenn ich Euch bisweilen nicht ganz folgen kann. Aber auf mein Wort, ich – es ist eine schwere Aufgabe, Kapitän Gills, nicht von Miß Dombey sprechen zu sollen. Es liegt mir so fürchterlich schwer hier« – Mr. Toots berührte jetzt pathetisch mit beiden Händen seinen Busenstreif – »daß es mir Tag und Nacht gerade so vorkommt, als ob jemand auf mir sitze.«

»Das sind die Bedingungen«, sagte der Kapitän, »auf denen ich bestehen muß. Wenn sie Euch schwer vorkommen, Bruder, wie dies vielleicht der Fall sein mag, so schüttelt sie ab, scheert weiter und laßt sie lustig allein laufen.«

»Kapitän Gills«, erwiderte Mr. Toots, »ich weiß kaum, wie es zuging. Aber nach dem, was Ihr mir bei meinem ersten Besuche sagtet, kommt es mir vor, ich – ich könne in Eurer Gesellschaft weit besser an Miß Dombey denken, als fast mit jedem andern sonst von ihr sprechen. Wenn Ihr mir daher das Vergnügen Eurer Unterhaltung gönnen wollt, Kapitän Gills, so werde ich mich sehr glücklich schätzen, sie auf Eure eigenen Bedingungen hin anzunehmen. Ich wünsche als ein Ehrenmann zu handeln, Kapitän Gills«, fuhr Mr. Toots fort, indem er seine ausgestreckte Hand für einen Augenblick zurückhielt, »und muß Euch daher sagen, daß ich es nicht vermeiden kann, an Miß Dombey zu denken. In dieser Hinsicht nur ist es mir unmöglich, mich auf eine etwaige Bedingung einzulassen.«

»Mein Junge«, sagte der Kapitän, in dessen Meinung Mr. Toots durch sein aufrichtiges Zugeständnis sehr gestiegen war, »die Gedanken eines Menschen sind wie die Winde, und niemand kann auf die Dauer mit Sicherheit für sie einstehen. Unser Vertrag gilt also dem Sprechen?«

»Ja, dem Sprechen, Kapitän Gills«, erwiderte Mr. Toots. »Ich glaube, mir insoweit Zwang auflegen zu können.«

Mr. Toots gab jetzt Kapitän Cuttle seine Hand darauf und letzterer verlieh ihm mit der Miene huldreicher Herablassung förmlich die Ehre seiner näheren Bekanntschaft. Mr. Toots schien durch diese Erwerbung sehr getröstet und erfreut zu werden; denn er kicherte während der übrigen Dauer seines Besuches mit großem Entzücken. Der Kapitän seinerseits war nicht übel zufrieden, so die Stellung eines Gönners einzunehmen, und lobte sich im geheimen selbst ob seiner Klugheit und Vorsicht.

Trotz des großen Vorrats von diesen eben genannten Eigenschaften blühte übrigens dem Kapitän am nämlichen Abend noch eine Überraschung in keiner geringeren Person, als dem ehrlichen, klugen Schleifer Rob. Dieser unschuldige Jüngling beugte sich, als er am nämlichen Tisch mit seinem Gebieter den Tee einnahm, ganz demütig über seine Tasse, schielte von der Seite nach dem Kapitän hin, der mit großer Schwierigkeit, aber viel Würde durch die Brille seine Zeitung las, und unterbrach endlich das Schweigen mit den Worten:

»O, ich bitte um Verzeihung, Kapitän, aber Ihr werdet wahrscheinlich keine Tauben brauchen, Sir?«

»Nein, mein Junge«, versetzte der Kapitän.

»Weil ich die meinigen zu verkaufen wünsche«, sagte Rob.

»So?« entgegnete der Kapitän, die buschigen Augenbrauen ein wenig erhebend.

»Ja; ich will gehen, Kapitän, wenn Ihr nichts dagegen habt«, sagte Rob.

»Gehen? und wohin willst du gehen?« fragte der Kapitän, über die Brillengläser weg nach ihm zurückschauend.

»Wie –wußtet Ihr nicht, daß ich Euch verlassen will, Kapitän?« fragte Rob mit einem besonderen Lächeln.

Der Kapitän legte die Zeitung nieder, nahm seine Brille ab und faßte den Ausreißer fest ins Auge.

»O ja, Kapitän, ich will Euch hiermit aufgesagt haben. Ich glaubte, Ihr hättet dies vielleicht schon zum voraus wissen können«, sagte Rob, die Hände reibend und von seinem Tische aufstehend. »Wenn Ihr so gut sein wolltet, Euch bald anderweitig umzusehen, Kapitän, so würde mir damit ein großer Gefallen geschehen. Ich fürchte freilich, es wird nicht morgen früh schon geschehen können, Kapitän – oder glaubt Ihr?«

»Und du willst also fahnenflüchtig werden, mein Junge?« entgegnete der Kapitän, nachdem er geraume Zeit das Gesicht des Ausreißers gemustert hatte.

»O, es ist sehr hart für einen jungen Menschen, Kapitän«, rief der weichherzige Rob, der in einem Augenblick gekränkt und unwillig werden konnte, »wenn er nicht in rechtmäßiger Weise soll kündigen dürfen, ohne in solcher Weise angeschaut und ein Fahnenflüchtiger genannt zu werden. Ihr habt kein Recht, einem armen Burschen Schimpfnamen zu geben, Kapitän, und weil Ihr der Herr seid und ich nur der Diener bin, so folgt daraus nicht, daß Ihr mich beschimpfen dürft. Was habe ich denn Unrechtes getan? Laßt mich wissen, worin mein Verbrechen besteht, wenn Ihr so gut sein wollt, Kapitän.«

Der beleidigte Schleifer weinte und brachte seinen Ärmelaufschlag vor die Augen.

»Ja, Kapitän, nennt mir mein Verbrechen«, rief der gekränkte Jüngling. »Was bin ich gewesen und was habe ich getan? Habe ich irgend jemandem etwas gestohlen? Habe ich das Haus in Brand gesteckt? Wenn mich ein solcher Vorwurf treffen kann, warum übergebt Ihr mich nicht dem Gericht? Aber wie unrecht ist es nicht und welch schlimmer Lohn für treue Dienstleistung, wenn Ihr einem jungen Menschen, der Euch rechtschaffen gedient hat, seinen guten Ruf antastet, weil er um Euretwillen seinem besseren Fortkommen nicht im Wege stehen mag. Auf diese Weise verdirbt man junge Menschen und treibt sie auf unrechte Wege, In der Tat, ich kann mich nicht genug wundern über Euch, Kapitän.«

Alles das wurde in heulendem, weinerlichem Ton vorgetragen, während der Schleifer zu gleicher Zeit sich rücklings der Tür näherte.

»Du hast also schon eine andere Heuer in Aussicht?« sagte der Kapitän, kein Auge von ihm verwendend.

»Ja, Kapitän – wenn Ihr mich in solcher Weise angeht, so muß ich Euch sagen, daß ich eine andere Heuer in Aussicht habe«, rief Rob, mehr und mehr sich der Türe nähernd; »eine bessere Heuer, als ich hier hatte, und noch dazu eine, wo ich nicht einmal ein gutes Wort von Euch brauche, Kapitän. Dies ist ein Glück für mich, nachdem Ihr mich so in den Staub gezogen habt, weil ich arm und nicht in der Lage bin, um Euretwillen mir selbst im Licht zu stehen, Ja, ich habe eine andere Heuer, und wenn es Euch gleichgültig wäre. Kapitän, so würde ich lieber auf der Stelle gehen, als daß ich mir von Euch Schimpfnamen geben lasse, weil ich arm und nicht in der Lage bin, Euretwegen meinem besseren Fortkommen im Wege zu stehen. Warum macht Ihr mir Vorwürfe wegen meiner Armut und wegen meines Wunsches, mich zu verbessern? Wie könnt Ihr Euch selbst so herabwürdigen?«

»Schau jetzt her, mein Junge«, versetzte der friedliebende Kapitän, »und komm mir nicht mehr mit solchen Worten.«

»Dann müßt Ihr mir auch nicht mehr mit solchen Worten kommen«, erwiderte der gereizte Unschuldige, der immer lauter winselte und sich mehr und mehr rücklings der Ladentür näherte. »Es ist mir lieber, wenn Ihr mich umbringt, als wenn Ihr mir meine Ehre nehmt.«

»Vielleicht«, fuhr der Kapitän fort, »hast du schon etwas von einem Dinge gehört, das man einen Galgenstrick nennt?«

»Ob ich davon gehört habe, Kapitän«, rief der Schleifer höhnisch. »Nein, ich habe es nicht. In meinem Leben hörte ich nie etwas von einem solchen Artikel.«

»Gut«, sagte der Kapitän; »ich bin der Meinung, daß du recht bald mehr davon erfahren wirst, wenn du nicht scharf Auslug hältst. Ich verstehe mich auf deine Signale, mein Junge. Du kannst gehen.«

»O, ich kann sogleich gehen – kann ich, Kapitän?« rief Rob hocherfreut über seinen Erfolg. »Aber wohl gemerkt, ich habe nicht sogleich zu gehen verlangt, Kapitän. Ihr werdet mir doch ein Zeugnis nicht vorenthalten, weil Ihr mich aus freien Stücken fortschickt – und werdet mir nichts von meinem Lohn abrechnen, Kapitän?«

Der Kapitän bereinigte den letzteren Punkt, indem er die Zinnbüchse hervorlangte und dem Schleifer sein Geld voll auf den Tisch hinzählte. Schnüffelnd, schluchzend und schwer verwundet in seinen Gefühlen, nahm Rob die Stücke einzeln auf und band sie abgesondert in verschiedene Knoten seines Taschentuchs. Dann stieg er nach dem Dach hinauf und füllte seinen Hut und seine Tasche mit Tauben. Sobald er wieder heruntergekommen war, machte er unter noch lauterem Schnüffeln und Schluchzen, als werde sein Herz von alten Erinnerungen zerrissen, sein Bündel zusammen, greinte ein »gute Nacht, Kapitän, Kapitän. Ich verlasse Euch ohne Groll!«, gab auf der Türtreppe draußen zum Abschied dem kleinen Midshipman einen Nasenstüber und eilte dann in grinsendem Triumph die Straße hinunter.

Der Kapitän, der jetzt sich selbst überlassen war, nahm seine Zeitung wieder auf, als sei nichts Ungewöhnliches oder Unerwartetes vorgefallen und las mit dem größten Eifer fort. Aber er verstand kein Wort von dem vielen Gelesenen, denn durch das ganze Blatt rannte Rob der Schleifer die eine Spalte hinauf und die andere wieder hinunter.

Es ist zweifelhaft, ob sich der würdige Kapitän früher je so ganz verlassen gefühlt hatte, wie jetzt. Der alte Sol Gills, Walter und die Herzensfreude waren jetzt in der Tat für ihn verloren, und Mr. Carker, der ihn getäuscht hatte, verhöhnte ihn noch außerdem aufs grausamste. Sie alle fanden eine böse Ergänzung in dem falschen Rob, dem er so oft die warmen Empfindungen seines Herzens mitgeteilt, dem er Vertrauen geschenkt und dem er so gerne geglaubt hatte. Rob war für ihn, nachdem er seine alte Schiffsgesellschaft verloren, ein Gefährte gewesen. Ihn zu seiner Rechten hatte er das Kommando des kleinen Midshipman übernommen, und auf die Anhänglichkeit des Jungen bauend, war es ihm in der Güte seines Herzens fast vorgekommen, als seien sie beide schiffbrüchig und nach einem öden Platze verschlagen worden. Jetzt aber hatte derselbe treulose Rob Mißtrauen, Verrat und Gemeinheit in das kleine Stübchen gebracht, das bisher eine Art Heiligtum gewesen, und der Kapitän würde sich nicht gewundert haben, wenn auch dieses versunken wäre oder ihm sonst große Not bereitet hätte.

Deshalb las Kapitän Cuttle die Zeitung mit so tiefer Aufmerksamkeit, ohne etwas zu begreifen. Deshalb sagte er durchaus nichts über Rob zu sich selbst; ja, er gestand sich nicht einmal zu, daß er an ihn dachte, und wollte nicht in der entferntesten Weise anerkennen, daß Rob mit seinen Gefühlen, die mit denen des einsamen Robinson Crusoe zu vergleichen waren, etwas zu schaffen haben.

In der gleichen ruhigen, geschäftsmäßigen Weise ging der Kapitän noch spät nach Leadenhall Market hinüber und traf mit einem daselbst im Dienst aufgestellten Wächter die Übereinkunft, daß er jeden Abend und Morgen komme, um die Läden zu schließen und zu öffnen. Dann begab er sich nach dem Speisehaus, um die eine Hälfte der bisher an den Midshipman gelieferten täglichen Ration, und in das Wirtshaus, um das Bier des Verräters abzubestellen. »Mein junger Mann«, bemerkte der Kapitän gegen die junge Dame in der Schenkstube, »mein junger Mann hat sich verbessert, Miß,« Schließlich nahm er sich vor, von dem Bett unter dem Ladentisch selbst Besitz zu nehmen und, statt droben, als einziger Wächter des Eigentums hier zu schlafen.

Aus diesem Bett erhob sich fortan Kapitän Cuttle täglich und klappte um sechs Uhr morgens mit der trostlosen Miene Crusoes, der seine Toilette mit der Ziegenfellmütze beendigt, seinen Glanzhut auf den Kopf. Zwar hatte sich seine Furcht vor einem Besuch des Wildenstamms Mac Stinger wie bei jenem einsamen Gestrandeten die Besorgnis vor einem Einfall der Kannibalen durch die Zeit, die keine Abzeichen von solcher feindlichen Nähe blicken ließ, abgekühlt. Trotzdem fuhr er aber aus Gewohnheit in seinen Abwehroperationen fort, und es kam nie ein Weiberhut durch die Straße, ohne daß er ihn von seinem sichern Kastell aus gemustert hätte. Inzwischen begann sogar seine eigene Stimme für seine Ohren ein fremder Ton zu werden (Mr. Toots hatte ihm nämlich die briefliche Mitteilung gemacht, daß er sich nicht in London befinde). Auch mußte er bei dem Polieren und Verstauen der Vorräte, bei dem Lesen hinter dem Ladentisch oder beim Hinausschauen zum Fenster so viel denken, daß ihn bisweilen sogar der rote Rand, den der harte Glanzhut auf seiner Stirn zurückließ, im Übermaß seiner Betrachtungen schmerzte.

Das Jahr war nun abgelaufen, und Kapitän Cuttle hielt es für passend, das Päckchen zu öffnen. Aber er hatte stets im Sinne gehabt, dies in der Gegenwart Robs, des Schleifers, der es ihm überbrachte, zu tun, weil er der Ansicht war, die Eröffnung könne nur regelmäßig und seegerecht in der Anwesenheit eines Zeugen geschehen. Daß ihm der letztere abging, versetzte ihn in große Not, und die Kunde über die Rückkehr der vorsichtigen Clara, Kapitän John Bunsby, von einer Küstenfahrt, die er in dem Schiffsanzeiger las, bereitete ihm daher die größte Freude. Der Kapitän zögerte nicht, durch die Post einen Brief an diesen Philosophen abzusenden, in dem er Mr. Bunsby seinen Wohnplatz als ein unverletzliches Geheimnis einschärfte und sich einen baldigen Abendbesuch erbat.

Bunsby, der einer von jenen Weisen war, die nur aus Überzeugung handeln, brauchte einige Tage, bis die Überzeugung in seinem Kopfe haftete, er habe einen derartigen Brief erhalten. Als er sich jedoch endlich mit der Tatsache abgefunden hatte und ihrer Herr geworden war, schickte er seinen Jungen mit der Meldung ab – »Heute abend kommt er.« Der Beauftragte, der die Weisung hatte, diese Worte vorzubringen und dann wieder zu verschwinden, erfüllte seine Sendung wie ein mit Teer besudeltes Gespenst, dem es oblag, der betreffenden Person eine geheimnisvolle Warnung zugehen zu lassen.

Der Kapitän war erfreut über diese Nachricht, sorgte für Pfeifen und Grog und erwartete seinen Gast in dem Hinterstübchen. Um acht Uhr verkündete dem Kapitän ein tiefes Brüllen, als ginge es von einer Schiffsirene aus, und das Klopfen eines Stocks an die Ladentür, daß Bunsby neben Bord lag. Der zottige, verwilderte Ehrenmann mit seinem starren Mahagonigesicht wurde sogleich eingelassen. Wie gewöhnlich schien er für nichts in seiner Nähe ein Auge zu haben, sondern irgend etwas, das in einem ganz andern Weltteil vorging, aufmerksam zu beobachten.

»Bunsby«, sagte der Kapitän, ihn bei der Hand nehmend, »wie geht es, mein Junge – wie geht es?«

»Kamerad«, versetzte die Stimme in Bunsby, ohne daß der Kommandeur dabei selbst beteiligt zu sein schien, »ganz gut – ganz gut!«

»Bunsby!« sagte der Kapitän mit ununterdrückbarer Huldigung vor dem Genius seines Gefährten, »endlich seid Ihr hier, ein Mann, der eine Ansicht abgeben kann, die glänzender ist, als Diamanten – ja, gebt mir den Boten, den Burschen mit den Teerhosen, der für mich in dem Licht der Diamanten blitzt. Seht deswegen in Stanfells Budget nach, und wenn Ihr es gefunden habt, so biegt in die betreffende Buchseite ein Ohr ein. Habt Ihr doch hier an diesem Platz ein Gutachten abgegeben, das auf den Buchstaben eingetroffen ist.« Der Kapitän glaubte dies aus dem Grunde seines Herzens.

»So?« brummte Bunsby.

»Auf den Buchstaben«, bekräftigte der Kapitän.

»Warum?« brummte Bunsby, jetzt zum erstenmal seinen Freund ansehend. »In welcher Weise? Und wenn so, warum nicht? Darum.«

Mit diesen orakelhaften Worten – sie schienen den Kapitän fast schwindlig zu machen, da sie ihn auf ein so weites Meer von Mutmaßungen setzten – ließ sich der Weise den Lotsenrock ausziehen und begleitete seinen Freund nach dem Hinterstübchen, wo er sogleich nach der Rumflasche griff und sich ein Glas Steifen anfertigte. Dann langte er nach der Pfeife, füllte Tabak ein, zündete sie an und begann zu rauchen.

Kapitän Cuttle, der in allen diesen Stücken dem Beispiel seines Gastes folgte, obschon er das in sich gekehrte unverwüstliche Wesen des Kommandeurs nicht nachzuahmen vermochte, setzte sich in die andere Ecke des Kamins und sah seinen Gefährten mit hoher Achtung an, als erwartete er von diesem eine Ermutigung oder einen Ausdruck der Neugierde, um sodann auf seine eigenen Angelegenheiten übergehen zu können. Doch der Mahagoni-Philosoph schien nur für die Wärme und den Tabak empfänglich zu sein. Erst als er seine Pfeife entfernte, um für das Glas Platz zu machen, warf er mit ungemeiner Grämlichkeit die Bemerkung hin, daß sein Name Jack Bunsby sei. Diese Erklärung bot freilich nur einen geringen Anhalt für ein Gespräch, weshalb der Kapitän seine Aufmerksamkeit durch eine kurze, schmeichelhafte Einleitung zu fesseln suchte und dann die ganze Geschichte von Onkel Sols Verschwinden nebst dem Wechsel, der infolgedessen in seinen eigenen Verhältnissen herbeigeführt wurde, zu berichten. Zum Schluß legte er das Päckchen auf den Tisch.

Nach einer langen Pause nickte Mr. Bunsby mit dem Kopf.

»Soll ich öffnen?« fragte der Kapitän.

Bunsby nickte abermals.

Demgemäß erbrach Kapitän Cuttle das Siegel und öffnete den Umschlag, der zwei zusammengelegte Blätter mit den Überschriften: »Letzter Wille und Testament von Solomon Gills« – »Brief an Ned Cuttle« – enthielt.

Bunsby schien, das Auge auf die Küste von Grönland geheftet, bereit zu sein, den Inhalt anzuhören. Der Kapitän räusperte sich daher und begann den Brief laut zu lesen.

»›Mein lieber Ned Cuttle. Als ich London verließ, um nach Amerika zu reisen – –‹«

Der Kapitän hielt inne und blickte nach Bunsby hin, der seinerseits die Küste von Grönland nicht aus dem Auge verlor.

– »›und Kunde über meinen lieben Jungen einzuholen, wußte ich wohl, Ihr würdet meine Absicht, wenn ich Euch dieselbe mitteilte, vereiteln oder mich begleiten wollen. Deshalb hielt ich sie vor Euch geheim. Wenn Ihr je diesen Brief lest, Ned, so bin ich wahrscheinlich tot. Ihr werdet dann gerne einem alten Freund seine Torheit vergeben und der Unruhe, mit der er eine so abenteuerliche Reise antrat, Eure Teilnahme nicht versagen. Also nichts mehr davon. Ich habe geringe Hoffnung, daß mein armer Junge je diese Worte lesen oder Eure Augen mit dem Anblick seines offenen Gesichts erfreuen werde.‹ Nein, nein; er tut es nicht«, fügte Kapitän Cuttle in bekümmertem Nachdenken bei: »er tut es nie mehr. Dort liegt er, schon so lange Zeit –«

Mr. Bunsby, der ein musikalisches Ohr hatte, brüllte plötzlich: »in der Bay von Biscay, o!« und dies griff als ein geeigneter Tribut für den Wert des Hingeschiedenen den guten Kapitän so an, daß er seinem Gefährten dankbar die Hand drückte und die Augen wischen mußte.

»Ach ja«, sagte der Kapitän mit einem Seufzer, nachdem Bunsbys Gebrüll an dem Hochlichtfenster verhallt war. »Er hat lange sein schweres Leid mit sich herumgetragen. Wir wollen übrigens nachsehen, was wir weiter darüber finden.«

»Die Doktores haben da wohl nicht viel geholfen«, bemerkte Bunsby.

»Freilich nicht«, sagte der Kapitän. »Was könnten auch diese nützen in zwei- oder dreihundert Faden Wassertiefe.« Dann nahm er den Brief wieder auf und las weiter: »›Wenn er aber bei Eröffnung dieses Schreibens anwesend sein‹«, der Kapitän blickte unwillkürlich umher und schüttelte den Kopf, »›oder sonst zu irgendeiner Zeit davon erfahren sollte –‹« abermaliges Kopfschütteln von seiten des Kapitäns – »›so erteile ich ihm hiermit meinen Segen! Im Fall das beiliegende Papier nicht gesetzlich abgefaßt ist, so liegt nicht viel daran, denn es ist außer Euch und ihm keine beteiligte Person vorhanden, und mein Wunsch besteht einfach darin, daß die geringe Habe, die noch vorhanden ist, wenn er noch lebt – was ich leider nicht zu hoffen wage – auf ihn, andernfalls aber auf Euch komme, Ned. Ich weiß, Ihr werdet meinen Willen achten. Gott segne Euch dafür, wie auch für die viele Freundschaft, die Ihr erwiesen habt Eurem Solomon Gills‹. Bunsby!« fügte der Kapitän mit einer feierlichen Berufung an seinen Gefährten bei, »was denkt Ihr davon? Ihr seid ein Mann, der sich von Kindheit auf stets den Kopf zerbrochen und bei jedem Schädelbruch eine neue Erfahrung hineingekriegt hat. Was denkt Ihr jetzt davon?«

»Wenn er wirklich tot ist«, entgegnete Bunsby mit erstaunlicher Schnelligkeit, »so bin ich der Meinung, daß er nicht wieder zurückkommen wird; lebt er aber noch, so kriegt Ihr ihn ohne Zweifel wieder zu sehen. Sage ich dies für gewiß? Nein. Warum nicht? Weil die Erfahrung daß erst bestätigen muß.«

»Bunsby!« sagte Kapitän Cuttle, der den Wert der Ansichten seines ausgezeichneten Freundes nach der Schwierigkeit ihres Verständnisses zu ermessen schien, in tiefster Bewunderung, »Ihr tragt mit Leichtigkeit eine Last Geist, die einen Mann von meinem Tonnengehalt versenken würde. Aber was das Testament betrifft, so bin ich nicht willens, wegen der Besitznahme des Eigentums Schritte zu tun. Gott verhüte dies! Ich werde es nur aufbewahren, bis sich rechtmäßigere Ansprüche dartun, und hoffe noch immer, daß der alte Sol Gills am Leben ist und zurückkommen wird. So seltsam es auch erscheinen mag, daß keine Nachrichten von ihm eingelaufen sind. Was haltet Ihr davon, Bunsby, wenn wir diese Papiere da wieder wegstauten und auf der Außenseite bemerkten, daß sie an dem und dem Tag in Gegenwart von John Bunsby und Ed’ard Cuttle geöffnet worden seien?«

Da Bunsby weder an der Küste von Grönland noch sonstwo irgendeinen Grund zu Einwendungen gegen diesen Vorschlag bemerkte, so wurde die Sache ausgeführt. Der große Mann wandte sein Auge für einen Moment der Gegenwart zu und brachte die Unterschrift auf den Umschlag, wobei er sich mit charakteristischer Bescheidenheit jeglichen Gebrauchs von großen Buchstaben enthielt. Nachdem Kapitän Cuttle gleichfalls mit seiner linken Hand unterzeichnet und das Paket in die eiserne Truhe eingeschlossen hatte, bat er seinen Gast, sich noch ein Glas und eine Pfeife zu füllen, ging ihm mit gutem Beispiel voran und versenkte sich dann beim Anblick des Feuers in eine Reihe von Betrachtungen über das mögliche Schicksal des armen alten Instrumentenmachers.

Aber jetzt kam eine Überraschung, die auf Kapitän Cuttle so erschreckend und überwältigend wirkte, daß ohne Bunsbys Anwesenheit notwendig eine Niederlage hätte erfolgen müssen und er von Stund‘ an ein verlorener Mann gewesen wäre.

Wie sich der Kapitän sogar in seiner Freude über einen solchen Gast die Nachlässigkeit zuschulden kommen lassen konnte, die Tür nur zuzudrücken und nicht abzusperren, das ist eine von jenen Fragen, die wir für immer der Vermutung oder den unbestimmten Anschuldigungen des Schicksals überlassen müssen. Genug, daß in jenem ruhigen Augenblick durch die unverschlossene Tür Mrs. Mac Stinger in die Stube hereinwehte. Sie trug in ihren mütterlichen Armen den jugendlichen Alexander Mac Stinger, und in ihrem Gefolge waren Verwirrung und Rache, nicht zu gedenken der Miß Juliana Mac Stinger und ihres Bruders Charles Mac Stinger, der auf den Tummelplätzen seiner jugendlichen Spiele nur unter dem Namen Kuhlen bekannt war. Ihr Eintritt war so schnell und geräuschlos wie das Rauschen des Windes in der Nähe der Ostindiendocks gewesen, und Kapitän Cuttle hatte sie kaum zu Gesicht bekommen als sein ruhiges gedankenvolles Gesicht plötzlich den Ausdruck des Schreckens und Entsetzens annahm.

Sobald er jedoch die volle Ausdehnung seines Mißgeschicks begriff, bewog ihn die Pflicht der Selbsterhaltung zu einem schleunigen Fluchtversuch. Er eilte nach der kleinen Tür hin, die von dem Stübchen aus nach der steilen Kellertreppe führte, und wollte diese kopfüber hinuntereilen, wie ein Mann, der, gleichgültig gegen Beulen und Quetschungen, es nur darauf abgesehen hat, sich in den Eingeweiden der Erde zu verbergen. Diese mutige Anstrengung wäre ihm auch wahrscheinlich gelungen, wenn ihn nicht die liebevollen Wesen Juliana und Kuhlen, von denen jedes ihn an einem Bein hielt, mit kläglichem Geschrei als ihren Freund zurückgerufen hätten. Mittlerweile verrichtete Mrs. Mac Stinger, die sich nie auf eine wichtige Handlung einließ, ohne zuvor Alexander Mac Stinger umzukehren, eine scharfe Batterie von Klopsen gegen ihn spielen zu lassen und ihn dann zur Abkühlung auf den Boden zu setzen, wie ihn der Leser zum ersten Male erblickt hat – diese feierliche Zeremonie, als ob sie ihn bei gegenwärtigem Anlaß den Furien opfern wollte. Dann wandte sie sich mit voller Entschlossenheit auf den Kapitän zu, die den sich ins Mittel legenden Bunsby mit der Schärfe der Nägel zu bedrohen schien.

Das Geschrei der beiden älteren Mac Stinger und das Gewinsel des jungen Alexander, der sozusagen eine schreckliche Kindheit verleben mußte, sintemal er während der Hälfte dieser schönen Daseinsperiode in seinem Gesicht alle Farben des Regenbogens zeigte, trug dazu bei, diese Heimsuchung um so furchtbarer zu machen. Der Schrecken hatte seinen Höhepunkt erreicht, als wieder Stillschweigen herrschte und der Kapitän mit großen Schweißtropfen auf der Stirn mit demütiger Miene Mrs. Mac Stinger gegenüber stand.

»O, Kapt’n Cuttle, Kapt’n Cuttle«, rief Mrs. Mac Stinger, ihr Kinn in eine starre Haltung bringend und im Einklang mit dieser das schüttelnd, was man, wenn die Schwäche ihres Geschlechtes nicht wäre, ihre Faust nennen könnte, »O, Kapt’n Cuttle, Kapt’n Cuttle, wagt Ihr es, mir noch ins Gesicht zu sehen, ohne in die Erde zu versinken?

Der Kapitän, der nichts weniger als waghalsig aussah, murmelte leise vor sich hin:

»Halt bei!«

»O, was war ich für eine schwache vertrauensvolle Törin, als ich Euch unter mein Dach aufnahm, Kapitän Cuttle!« fuhr Mrs. Mac Stinger fort. »Schon der Gedanke an die Wohltaten, mit welchen ich diesen Mann überhäufte, und an die Art, wie ich meine Kinder erzog, daß sie ihn liebten und ehrten, als ob er ihr Vater wäre, während es keinen Hauswirt und keinen Mieter in unserer Straße gibt, der nicht wüßte, daß ich durch diesen Mann und sein Gegurgel und Gewurgel« – das letztere Wort brauchte Mrs. Mac Stinger mehr zur Verstärkung und der Lautmalerei halber, als um irgendeine Idee damit auszudrücken – »mein Geld verlor. Sie rufen jetzt alle samt und sonders pfui über ihn aus, weil er eine fleißige Flau verlassen hat, die früh und spät tätig ist für das Beste ihrer jungen Familie und ihr bescheidenes Haus so reinlich hält, daß jeder sein Mittagessen und, wenn er Lust hätte, auch seinen Tee auf jedem Stubenboden und jeder Treppe einnehmen könnte, trotz all seines Gegurgels und Gewurgels: denn so viel Sorge und Mühe habe ich mir um seinetwillen gemacht!«

Mrs. Mac Stinger hielt inne, um wieder zu Atem zu kommen, und ihr Gesicht glühte triumphierend ob dieser zweiten glücklichen Anführung von Kapitän Cuttles Gewurgel.

»Und er geht fo–o–o–rt!« rief Mrs. Mac Stinger, die letzte Silbe in einer Weise dehnend, daß der unglückliche Kapitän sich als den gemeinsten aller Menschen betrachten mußte, »und bleibt zwölf Monate aus! Ist das ein Gewissen? Er hat nicht den Mut, mir keck entgegenzutreten, sondern schleicht sich weg, wie ein Di–i–eb« – wieder lange Silbe. »Wenn mein Bübchen da«, fügte Mrs. Mac Stinger mit plötzlicher Hast bei, »es versuchen wollte, sich so fortzustehlen, so würde ich meine Mutterpflicht an ihm erfüllen, bis es über und über mit Schwielen bedeckt wäre.«

Der junge Alexander, der diese Worte als eine bestimmte Zusage deutete, die bald in Erfüllung gehen würde, überpurzelte sich vor Furcht und Schrecken, so daß er seine Schuhsohlen in die Höhe streckte, und begleitete diese Bewegung mit einem so betäubenden Geschrei, daß es Mrs. Mac Stinger nötig fand, ihn auf ihre Arme zu nehmen, wo sie ihn, so oft er wieder losbrach, durch ein Schütteln beruhigte, das alle seine Milchzähne zum Wackeln bringen konnte.

»Ja, ein sauberer Mann, dieser Kapt’n Cuttle«, sagte Mrs. Mac Stinger mit einem scharfen Nachdruck auf der ersten Silbe seines Namens, »und es war wohl der Mühe wert, daß man sich um ihn kümmerte, um seinetwillen den Schlaf verlor, für ihn sich abzehrte, ihn sogar für tot hielt und wie toll die ganze Stadt auf- und abrannte, um nach ihm zu fragen! O, ein sauberer Mann! Ha, ha, ha, ha! Er verdient all diesen Schmerz und dieses Herzeleid, ja, noch viel mehr. Gott behüte, dies ist noch nichts! Ha, ha, ha, ha! – Kapt’n Cuttle«, fügte Mrs. Mac Stinger mit großer Strenge in Ton und Wesen bei, »ich wünsche zu wissen, ob Ihr wieder nach Hause kommen wollt.«

Der erschreckte Kapitän schaute in seinen Hut hinein, als sehe er keine andere Möglichkeit, als ihn aufzusetzen und sich gefangen zu geben.

»Kapt’n Cuttle«, wiederholte Mrs. Mac Stinger in der gleichen entschiedenen Weise, »ich wünsche zu wissen, ob Ihr nach Hause kommen wollt, Sir!«

Der Kapitän schien vollkommen bereitwillig zu sein, mitzugehen, murmelte aber einige Worte des Inhalts hin, daß sie keinen solchen Lärm darüber aufschlagen solle.

»Ja, ja«, legte sich Bunsby mit beschwichtigendem Ton ins Mittel. »Halt Frieden, mein Mädel, halt Frieden!«

»Und wer mögt Ihr sein, wenn ich fragen darf«, versetzte Mrs. Mac Stinger mit züchtigem Stolz. »Habt Ihr je in Nummer neun Brig-Place gewohnt, Sir? Mein Gedächtnis ist vielleicht schlecht, aber ich denke, bei mir wohntet Ihr nicht. Vor mir gehörte das Haus Nummer neun einer Mrs. Jollson, und vielleicht seht Ihr mich irrtümlicherweise für diese an. Nur in solcher Weise kann ich mir Eure Vertraulichkeit erklären, Sir.«

»Komm, laß das, mein Mädel – halt Frieden!« sagte Bunsby. Kapitän Cuttle konnte es sogar von diesem großen Mann kaum glauben, obschon er es mit weit offenen Augen geschehen sah; aber Bunsby trat keck auf Mrs. Mac Stinger zu, schlang seinen rauhen blauen Arm um sie und begütigte sie durch die magische Art, wie er dies tat, und durch jene paar Worte – er sagte nichts weiter – so sehr, daß sie, nachdem sie ihn einige Augenblicke angesehen hatte, in Tränen zerschmolz. Ihr Mut war dahin, und ein Kind hätte sie jetzt besiegen können.

Vor Erstaunen sprachlos, sah der Kapitän zu, wie Mr. Bunsby diese unerbittliche Frau allgemach in den Laden hinaus expedierte, dann zurückkehrte, um Grog und ein Licht zu holen, beides ihr brachte und sie in solcher Weise begütigte, ohne daß er hierzu nur ein Wort zu brauchen schien. Dann kam er wieder in seinem Lotsenrocke herein und bemerkte: »Cuttle, ich bin im Begriffe, die alte Fracht heimzulotsen.«

Der Kapitän hätte nicht überraschter sein können, wenn man ihn selbst zum sicheren Transport nach Brig-Place in Fesseln gelegt hätte, als jetzt, da er die Familie mit Mrs. Mac Stinger an der Spitze friedlich abziehen sah. Er hatte kaum Zeit, seine Zinnbüchse herunterzunehmen und verstohlenerweise Juliana Mac Stinger, seinem vormaligen Liebling, und Kuhley, der um seines seemännischen Körperbaus willen natürliche Ansprüche an ihn hatte, einige Geldstücke in die Hand zu drücken, als der Midshipman schon von allen verlassen war und Bunsby als der Nachtrab des Häufleins die Tür hinter sich zudrückte, nachdem er zuvor dem Kapitän zugeflüstert, er wolle es schon recht machen und Ned Cuttle wieder aufsuchen, ehe er an Bord gehe.

Als der Kapitän wieder nach dem kleinen Stübchen zurückkehrte und sich daselbst allein fand, gab er anfangs der unruhigen Vorstellung Raum, er müsse wohl im Schlaf gewandelt oder mit Gespenstern und nicht mit einer Familie von Fleisch und Blut verkehrt haben. Dann folgte ein grenzenloses Vertrauen zu dem Kommandeur der vorsichtigen Clara, und die Bewunderung vor diesem großen Genius versetzte den Kapitän eigentlich in ein verzücktes Träumen. Gleichwohl begannen in dem Kapitän unruhige Bedenken anderer Art aufzutauchen, als die Zeit fortschritt, ohne daß Bunsby wieder erschien. War dieser wohl arglistig nach Brig-Place verlockt und daselbst als Geisel für seinen Freund in sichere Verwahrung genommen worden? In diesem Fall wurde es für den Kapitän Ehrensache, ihn durch Aufopferung seiner eigenen Freiheit zu erlösen. Hatte Mrs. Mac Stinger einen Angriff auf ihn gemacht, ihn geschlagen, und wollte er aus Scham über seine Niederlage sich nicht zeigen? War Mrs. Mac Stinger in der Wandelbarkeit ihrer Gemütsart auf andere Gedanken gekommen und vielleicht umgekehrt, um den Midshipman abermals zu erobern, während Bunsby unter dem Vorwande, sie einen kürzeren Weg zu führen, sich alle Mühe gab, die Familie in den abenteuerlichen wilden Plätzen der City so zu verwirren, daß sie nicht mehr wußte, wohin sie sich wenden sollte? Vor allem aber, was sollte Kapitän Cuttle tun für den Fall, daß er weder von den Mac Stingers, noch von Bunsby wieder etwas hörte? Denn unter einer so wundervollen und unvorhergesehenen Verkettung der Ereignisse ließ sich eine derartige Möglichkeit wohl denken.

Er ging mit sich zu Rate, bis er müde war; aber noch immer erschien kein Bunsby. Er hielt sein Bett unter dem Ladentisch bereit, damit er sich nur hineinzubugsieren brauchte; aber noch immer kein Bunsby. Nachdem ihn endlich der Kapitän für diesen Abend wenigstens schon aufgegeben und seine Kleider abzulegen angefangen hatte, ließ sich das Rasseln eines Wagens, der an der Tür haltmachte, und unmittelbar darauf Bunsbys Ruf vernehmen.

Der Kapitän zitterte bei dem Gedanken, er könnte der Mrs. Mac Stinger nicht losgeworden und sie in der Kutsche wieder mitgebracht haben.

Aber nein. Bunsby hatte keine andere Begleitung, als einen großen Koffer, den er mit eigenen Händen in den Laden hineinschaffte, wo er ihn niedersetzte, um darauf Platz zu nehmen. Kapitän Cuttle erkannte darin sogleich sein in Mrs. Mac Stingers Haus zurückgelassenes Eigentum und betrachtete jetzt, das Licht in der Hand, seinen Freund um so aufmerksamer, da er meinte, der späte Ankömmling müsse wohl schief geladen oder mit andern Worten betrunken sein. Es war jedoch schwer, hierüber ins klare zu kommen, da das Gesicht des Kommandeurs auch im nüchternen Zustand durchaus keinen Ausdruck zeigte.

»Cuttle«, sagte der Kommandeur, von dem Koffer aufstehend und den Deckel öffnend, »ist das Euer Zeug?«

Kapitän Cuttle sah hinein und überzeugte sich, daß es seine Habe war.

»Nicht wahr, Kamerad, das ist hübsch knapp und takelfest abgelaufen?« bemerkte Bunsby.

Der von Dank erfüllte Kapitän reichte ihm in seiner Verwirrung die Hand und wollte eben seiner Bewunderung Ausdruck verleihen, als Bunsby sich durch einen Ruck seines Handgelenks wieder losriß und den Versuch machte, mit seinem beweglichen Auge zu blinzeln, obschon in seinem Zustand diese Anstrengung ihn beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Dann öffnete er plötzlich die Tür und schoß weiter, um mit aller Eile nach der vorsichtigen Clara zurückzukehren – wenigstens war das stets seine Gewohnheit, sooft er etwas Rechtes ausgeführt zu haben meinte. Da Bunsby kein Freund von vielem Zuspruch war, so verzichtete Kapitän Cuttle darauf, am andern Tag zu ihm zu gehen oder nach ihm zu schicken, indem er sich vornahm, eine Weile abzuwarten, ob der Kommandeur nicht selbst etwas von sich hören lassen wolle. Er begann daher am nächsten Morgen wieder seine einsame Lebensweise und machte sich Tag um Tag Gedanken über Sol Gills, über Bunsbys Gutachten und über die Hoffnungen, die er um die Rückkehr des alten Mannes hegte. Letztere steigerten sich, je mehr der Kapitän sich mit ihnen trug, und er ging darin sogar so weit, daß er – wie er jetzt in seiner unerwarteten Freiheit wohl tun durfte – vor der Tür nach dem Instrumentenmacher auslugte, den Stuhl für ihn an seinen Platz stellte und das kleine Stübchen in die alte Ordnung brachte, für den Fall sein Freund unerwarteterweise in der Heimat anlangte. In weiser Vorsorge nahm er auch ein kleines Miniaturbild, das Walter als Schulknaben vorstellte, von seinem Nagel herunter, damit es nicht auf den zurückgekehrten Greis eine allzu erschütternde Wirkung übe. Bisweilen hatte der Kapitän sogar Ahnungen, daß er an diesem und jenem Tag ankommen müsse, und namentlich an einem Sonntag glaubte er seiner Sache so gewiß zu sein, daß er eine doppelte Portion Mittagessen bringen ließ. Aber der alte Solomon erschien nicht, und die Nachbarn bemerkten, daß der Seefahrer in dem Glanzhut den ganzen Nachmittag vor der Ladentür stand, wo er ohne Unterlaß die Straße aufwärts und abwärts schaute.

Neunundfünfzigstes Kapitel.


Neunundfünfzigstes Kapitel.

Vergeltung

Abermalige Wechsel haben das große Haus in der langen öden Straße betroffen, das vordem der Schauplatz von Florences Kindheit und Verwaisung war. Es ist noch immer ein großes Haus, fest gegen Wind und Wetter, ohne Brüche im Dach, ohne zerschlagene Fenster oder eingestürzte Mauern; aber nichtsdestoweniger steht es als eine Ruine da, und die Ratten fliehen daraus.

Mr. Towlinson und Co. sind anfänglich ungläubig in betreff der ungeheuerlichen Gerüchte, die sie vernehmen. Die Köchin sagt, der Kredit unserer Leute sei gottlob nicht so leicht zu erschüttern, als daß es soweit kommen könnte, und Mr. Towlinson erwartete ebensogut mit nächstem zu vernehmen, daß die Bank von England falliert habe oder die Kronjuwelen im Tower verkauft worden seien. Aber zunächst kommt die Zeitung und Mr. Perch; und Mr. Perch bringt Mrs. Perch mit sich, um in der Küche über die Sache zu plaudern und einen angenehmen Abend zu verleben. Sobald kein Zweifel mehr darüber obwaltet, ist es Mr. Towlinsons Hauptfürsorge, den Bankerott zu einem recht guten und runden zu machen – nicht weniger als hunderttausend Pfund. Mr. Perch glaubt nicht einmal, daß hunderttausend Pfund hinreichen werden, ihn zu decken. Die Frauen wiederholten unter Mrs. Perchs und der Köchin Anführung oft die Worte »hunderttausend Pfund« mit schauerlicher Selbstbefriedigung, als ob es mit dem Gelde ebenso leicht abgetan sei, und die Hausmagd, die ein Auge auf Mr. Towlinson hat, wünscht, dem Mann ihrer Wahl nur den hundertsten Teil dieser Summe mitbringen zu können. Mr. Towlinson, der das ihm früher zugefügte Unrecht noch immer nicht vergessen hat, ist der Ansicht, ein Ausländer würde kaum wissen, was er mit so viel Geld anfangen müsse, wenn er es nicht auf seinen Bart verwende – ein bitterer Sarkasmus, der die Hausmagd bewegt, sich in Tränen zurückzuziehen.

Aber nicht um lange abwesend zu bleiben, denn die Köchin, die in dem Ruf ungemeiner Gutherzigkeit steht, macht jetzt den Vorschlag, sie wollen zusammenhalten, denn man könne nicht wissen, wie bald sie getrennt würden. »Sie hätten in diesem Hause«, sagt die Köchin – »ein Leichenbegängnis, eine Hochzeit und Entführung erlebt, und man solle ihnen nicht nachreden, daß sie in einer Zeit, wie die gegenwärtige, unter sich uneinig geworden seien.« Mrs. Perch ist von dieser beweglichen Anrede im hohem Grade gerührt und drückt offen ihre Ansicht aus, daß die Köchin ein Engel sei. Mr. Towlinson antwortet der Köchin, er sei weit entfernt, einer so wünschenswerten guten Gesinnung im Weg zu stehen, und bricht sodann auf, um die Hausmagd zu suchen, die er bald darauf am Arm zurückbringt. Er teilt den in der Küche Anwesenden mit, daß er mit den Ausländern nur gespaßt habe und daß er und Anna jetzt entschlossen seien, sich gegenseitig für gute und schlimme Tage zu nehmen und auf dem Oxford-Markte einen Gemüsehandel anzufangen, für den ihre geneigte Kundschaft erbeten werde. Diese Ankündigung wird mit großem Beifall aufgenommen, und Mrs. Perch, deren Auge in die Zukunft blickt, sagt der Köchin mit feierlichem Flüsterton ins Ohr: »Mädchen!«

Ein Familienunglück konnte in diesen unteren Regionen nicht ohne Festessen abgehen. Die Köchin tischte daher einige warme Gerichte zum Nachtessen auf, und Mr. Towlinson fertigte einen Hummersalat an, der demselben gastlichen Zwecke dienen soll. Sogar Mrs. Pipchin zieht, durch die Kunde aufgeregt, an der Klingel und läßt hinunter sagen, man solle ihr die übrig gebliebenen Pfannkuchen wärmen und ihr ein Quart Glühwein bringen, da sie sich elend fühle.

Es wird von Mr. Dombey gesprochen, aber nicht viel, und man behandelt dabei hauptsächlich die Mutmaßung, wie lange er wohl gewußt habe, daß es so kommen werde. Die Köchin wirft die schlaue Bemerkung hin: »O, Gott behüt euch, schon lange, darauf könnt Ihr schwören,« und da auch Mr. Perch darüber vernommen wird, so bestätigt er ihre Ansicht von dem Fall. Jedermann wundert sich, was er wohl anfangen und ob er sich vielleicht nach einer Stellung umsehen wird. Mr. Towlinson glaubt es nicht und deutet auf einen Zufluchtsort in einem der gentilen Armenhäuser besserer Art hin. »Ah, Ihr wißt«, sagte die Köchin kläglich, »wo er seinen kleinen Garten haben wird und im Frühjahr Zuckererbsen ziehen kann.« »Ganz richtig«, sagt Mr. Towlinson, »er geht dann vielleicht unter die Brüder.« »Wir sind alle Brüder«, sagt Mrs. Perch, während sie beim Trinken eine Pause macht. »Mit Ausnahme der Schwestern«, sagt Mr. Perch. »Wie sind doch die Mächtigen gefallen!« bemerkt die Köchin. »Hochmut kommt vor dem Fall«, meint die Hausmagd; »so war es stets und wird es immer sein!«

Es ist wunderbar, wie wohl sie sich bei Anstellung dieser Betrachtungen fühlen und wie christliche Einmütigkeit unter ihnen herrscht, wo es gilt, den gemeinschaftlichen Schlag mit Ergebung zu tragen. Diese treffliche Stimmung erleidet nur eine einzige Störung durch die junge Küchenmagd untergeordneten Ranges mit blauen Strümpfen, die, nachdem sie lange Zeit mit offenem Munde dagesessen, unerwartet sich der Worte entledigt: »Wenn aber gar der Lohn nicht ausbezahlt würde!« Die Gesellschaft ist einen Augenblick völlig sprachlos; dann aber wendet sich die Köchin, die sich zuerst wieder erholt, an die junge Weibsperson und fragt sie, wie sie sich unterstehen könne, durch einen so unehrenhaften Argwohn die Familie zu beschimpfen, deren Brot sie esse, und ob sie glaube, daß jemand nur mit einem Funken Ehrgefühl arme Dienstboten um ihren Liedlohn betrügen werde. »Wenn dies Eure religiöse Gesinnung ist, Mary Daws«, sagt die Köchin mit großem Eifer, »so weiß ich nicht, wohin es mit Euch kommen wird, nach oben oder unten.«

Mr. Towlinson weiß es auch nicht: niemand weiß es, und die junge Küchenmagd, die selbst nicht mit sich darüber im klaren zu sein scheint und jetzt hören muß, wie die allgemeine Stimmung sich gegen sie erhebt, gerät in die größte Verwirrung.

Nach einigen Tagen beginnen fremde Personen einzusprechen und sich im Salon zu gebärden, als ob sie da zu Hause seien. Namentlich macht sich ein Gentleman von mosaisch-arabischem Gesichtsschnitt mit einer schweren Uhrkette sehr bemerkbar, denn während er auf den andern Gentleman wartet, der immer Feder und Tinte in der Tasche mit sich führt, pfeift er in dem Salon und fragt Mr. Towlinson mit der vertraulichen Bezeichnung »alter Hahn«, ob er nicht wisse, was die Scharlach- und Goldbehänge gekostet haben mögen, als sie neu gekauft wurden. Die Besuche und Bestellungen in dem Speisezimmer werden mit jedem Tage zahlreicher, und die Gentlemen, die Feder und Tinte in der Tasche mitbringen, scheinen einigen Anlaß zu finden, von ihrem Schreibmaterial Gebrauch zu machen. Endlich ist von einem Ausverkauf die Rede. Dann kommen noch mehr Leute mit Feder und Tinte in den Taschen und führen eine Abteilung von Männern mit Strohmützen ein, die augenblicklich die Teppiche aufzunehmen anfangen, das Möbelwerk umherwerfen, und in der Halle und auf der Treppe Abdrücke von ihren Schuhen in Tausenden zurücklassen.

Der Küchenrat hält diese ganze Zeit über Konklave und verrichtet, da er nichts zu tun hat, wahre Heldentaten im Essen, bis endlich eines Tags das ganze Gremium nach Mrs. Pipchins Zimmer beschieden und von der schönen Peruvianerin folgendermaßen angeredet wird:

»Euer Gebieter ist in Bedrängnis«, sagt Mrs. Pipchin scharf. »Ihr wißt es vermutlich.«

Mr. Towlinson als Sprecher räumt die Kenntnis der Tatsache im allgemeinen ein.

»Und ich stehe dafür, ihr seid alle für euch selbst auf dem Lugaus«, sagt Mrs. Pipchin, den Kopf schüttelnd.

Eine schrille Stimme von hinten ruft:

»Nicht mehr als Ihr!«

»Ist dies Eure Meinung, Mrs. Unverschämt –he?« sagt die zornmütige Pipchin, mit wildem Blick über die dazwischen befindlichen Köpfe hinschauend.

»Ja, Mrs. Pipchin, sie ist’s«, versetzte die Köchin vortretend. »Und was weiter, wenn ich fragen darf?«

»Nur so viel, daß Ihr gehen könnt, sobald es Euch beliebt«, sagt Mrs. Pipchin. »Je eher, desto besser; und ich hoffe, ich werde Euer Gesicht nie wieder sehen.«

Mit diesen Worten zieht die mannhafte Pipchin einen leinenen Beutel hervor und zahlt ihr den Lohn auf einen Monat und darüber aus, hält aber das Geld fest, bis die Quittung auf den letzten Strich hin richtig unterzeichnet ist, und läßt es dann brummend los. Dieses Verfahren wiederholt sie bei jedem Mitglied des Haushalts, bis alle bezahlt sind.

»Wer will, kann jetzt an sein Geschäft gehen,« sagt Mrs. Pipchin. »Diejenigen, die Lust haben, mögen gegen Kostgeld noch eine Woche oder so hier bleiben und sich nützlich machen. Ausgenommen«, fügte die reizbare Pipchin bei, »jene Schlumpe von einer Köchin, die augenblicklich fort muß.«

»Sie wird zuverlässig nicht säumen«, sagt die Köchin. »Guten Tag, Mrs. Pipchin, und ich wünsche aus aufrichtigem Herzen, daß ich Euch über die Holdseligkeit Eures Aussehens ein Kompliment machen könnte.«

»Fort mit Euch!« ruft Mrs. Pipchin und stampft mit dem Fuße.

Die Köchin segelt mit der Miene behaglicher Würde ab; sie ist sehr aufgebracht über Mrs. Pipchin, und bald nachher sammelt sich unten der Rest der Verbindung um sie.

Mr. Towlinson sagt sodann, daß er zuvörderst eine kleine Mahlzeit beantragen möchte, bei der er eine Andeutung kundgeben wolle, die seiner Meinung nach gut auf die Lage passe, in der sie sich befänden. Die Erfrischung wird beigeschafft und findet kräftigen Zuspruch. Mr. Towlinson meint nun, die Köchin gehe und wenn sie nicht sich selbst treu blieben, so werde ihnen niemand treu sein. Sie hätten im Hause so lang gelebt und sich alle Mühe gegeben, unter sich gesellschaftlich zu sein. (Die Köchin erwiderte hierauf mit Erregung »hört, hört!«, während Mrs. Perch, die wieder dabei und bis an den Hals vollgepfropft ist, in Tränen ausbricht.) Er glaube deshalb, in einer solchen Zeit müsse das Gefühl vorherrschen: »Geht eines, so gehen alle.« Die Hausmagd ist von dieser edlen Gesinnung sehr ergriffen und spricht ihr mit Wärme das Wort. Die Köchin fühlt, daß er recht habe, und hofft, es geschehe nicht als Kompliment gegen sie, sondern aus Pflichtgefühl. Mr. Towlinson versetzt: aus Pflichtgefühl; und da er sich jetzt gedrungen sehe, seine Ansichten auszusprechen, so wolle er offen sagen, daß er es nicht für achtbar halte, in einem Hause zu bleiben, wo Ausverkäufe und dergleichen Dinge vorkommen. Die Hausmagd ist davon vollkommen überzeugt und berichtet zur Bekräftigung, daß ein fremder Mann in einer Strohmütze erst sie auf der Treppe habe küssen wollen. Mr. Towlinson springt jetzt von seinem Tisch auf, um den Verbrecher zu suchen und ›niederzulegen‹, wird aber von den Damen zurückgehalten, die ihn bitten, er möchte sich doch beruhigen und in Erwägung ziehen, daß es leichter und klüger sei, den Schauplatz solcher Unanständigkeiten unverweilt zu verlassen. Mrs. Perch, die den Fall in einem neuen Licht darstellt, weist sogar nach, das Zartgefühl gegen Mr. Dombey, der sich in seinem Zimmer einschließe, fordere gebieterisch einen schleunigen Rückzug. »Denn welcher Art«, sagte die gute Frau, »müssen seine Gefühle sein, wenn er einem von den armen Dienstboten begegnet und sich den Vorwurf machen muß, er habe sie getäuscht, indem er sie auf den Glauben brachte, daß er unermeßlich reich sei!« Der Köchin leuchtet diese moralische Rücksicht so sehr ein, daß Mrs. Perch sie mit unterschiedlichen frommen Sprüchen, originell sowohl, als gesammelt, zu belegen sucht. Der Fall stellt sich klar heraus, daß sie alle gehen müssen. Die Koffer werden gepackt, Wagen geholt, und um die Zeit der Dämmerung sieht man kein Mitglied des ganzen Häufleins mehr im Hause.

Das Haus steht da, groß und wetterfest, in der langen öden Straße, aber es ist eine Ruine, und die Ratten fliehen daraus.

Die Männer in den Strohkappen werfen die Möbel umher, und die Gentlemen mit Tinte und Feder fertigen Inventarien darüber an, setzen sich auf Gerätschaften, die nie zum Sitzen gemacht worden sind, essen Brot und Käse, die sie aus dem Wirtshaus beschaffen lassen, auf andern Möbelstücken, die ebensowenig ursprünglich zu solchem Zwecke bestimmt waren, und scheinen eine Freude daran zu haben, wertvolle Artikel in der befremdlichsten Art zu gebrauchen. Auch findet unter dem Hausrat eine eigentlich chaotische Verwirrung statt. Matratzen und Betten verlieren sich in das Speisezimmer; das Glas und das Porzellan gelangen in die Speisekammer, das große Dinerservice ist auf dem langen Diwan des Besuchszimmers aufgehäuft, und die Treppendrähte, die in Bündel zusammengebunden sind, zieren die marmornen Kaminsimse. Zuletzt wird ein wollener Teppich mit einem gedruckten Zettel darauf vor dem Balkon ausgehängt, und ähnliche Banner wehen zu beiden Seiten der Hallentür.

Den ganzen Tag über harren verschimmelte Gigs und Wägelchen in der Straße. Herden von schäbigen Vampyren jüdischer und christlicher Abkunft überlaufen das Haus, untersuchen die Dicke der Spiegeltafeln mit ihren Knöcheln, schlagen auf dem großen Piano mißtönige Oktaven an, fahren mit angefeuchtetem Zeigefinger über die Gemälde, hauchen die Klingen der besten Tischmesser an, zerklopfen die Roßhaarpolster der Sessel und Sofas mit ihren schmutzigen Fäusten, lüften die Federbetten, öffnen und schließen alle Schubladen, wägen die silbernen Löffeln und Gabeln in den Händen, sehen sogar durch die Fäden vom Bett- und Tischzeug und verachten alles. Es gibt kein geheimes Plätzchen im ganzen Haus. Schnupftabaknasige Fremde glotzen mit gleicher Neugierde in den Küchenkasten, wie in die Kleiderschränke der Dachkammern hinein. Stämmige Männer mit abgerutschten Hüten auf den Köpfen schauen zu den Schlafzimmern hinauf und rufen ihren Freunden auf der Straße drunten Späße zu. Ruhige, berechnende Geister ziehen sich mit Listen in die Ankleidegemächer zurück und machen mit Bleistiftstümpfchen Randbemerkungen. Zwei Makler dringen sogar in den Schornstein ein und nehmen vom Dachgiebel aus eine panoramische Übersicht über die Nachbarschaft. Das Schwärmen, Summen und Auf- und Niedergehen dauert Tage lang. Der moderne Hausrat usw. ist zur Schau ausgestellt.

In dem besten Salon sieht man eine Palisade von Tischen, und auf der französisch polierten Mahagoni-Auszugstafel, die ihre Füße in die Höhe reckt, steht das Pult des Auktionators. Die Herden schäbiger Vampyre jüdischer und christlicher Abkunft, die schnupftabaknasigen Fremden und die stämmigen Männer mit den abgerutschten Hüten sammeln sich darum her, sitzen auf alles in ihrem Bereich, selbst die Kaminsimse nicht ausgenommen, und fangen an zu bieten. Den ganzen Tag über geht in den heißen, staubigen Zimmern das Gesumme fort, und hoch über der Hitze, dem Staub und dem Gesumme sind Kopf, Schultern, Stimme und Hammer des Auktionators in steter Tätigkeit. Die Männer in den Strohmützen werden von dem Umherwerfen der Gegenstände verwirrt und boshaft, und doch gehen die Nummern fort, zum ersten, zum zweiten und dritten Mal. Mitunter fällt ein Witz, der einen allgemeinen Beifallsdonner hervorruft. So geht es den ganzen Tag und die drei folgenden. Der moderne Hausrat usw. wird versteigert.

Die verschimmelten Gigs und Wägelchen kommen wieder, und mit ihnen Schubkarren und andere Fuhrwerke nebst einer Armee von Lastträgern. Den ganzen Tag über machen sich die Strohmützen-Männer mit Schraubenziehern zu schaffen, stolpern zu Dutzenden unter schweren Lasten auf der Treppe, oder heben wahre Felsmassen von spanischem Mahagoni, bestem Rosenholz oder Tafelglas in die Gigs und Wägelchen. Alle Arten von Lastfuhrwerken stehen auf der Wache, von dem beplanten Frachtwagen an bis zum Schubkarren herunter. Die kleine Bettstatt des armen Paul wird in einem Eselkarren fortgeführt. Fast eine Woche lang dauert die Abführung des modernen Hausrats usw.

Endlich ist alles fort, und im Hause sieht man nichts mehr als umhergestreute Blätter von Listen, Reste von Heu und Stroh, und eine Batterie von Zinnkannen hinter der Hallentür. Die Männer mit den Strohmützen sammeln ihre Schraubenzieher und ähnliche Gerätschaften in Säcke, nehmen sie auf die Schulter und marschieren ab. Einer von den Tinten- und Feder-Gentlemen geht – die letzte Aufmerksamkeit – noch einmal durch das Haus, steckt die Zettel in die Fenster, Vermietung dieses empfehlenswerten Familiensitzes betreffend, und schließt die Läden. Endlich folgt er den Männern mit den Strohmützen. Keiner von den Eindringlingen bleibt zurück. Das Haus ist eine Ruine, und die Ratten sind daraus geflohen.

Die Zimmer der Mrs. Pipchin nebst jenen verschlossenen Gemächern im Erdgeschoß, wo die Fensterladen niedergelassen sind, haben die allgemeine Verwüstung nicht teilen müssen. Hart und streng ist Mrs. Pipchins während dieses Verfahrens in ihrem Zimmer geblieben, oder hat nur hin und wieder einen kurzen Besuch in dem Auktionslokal gemacht, um zu sehen, was für die Gerätschaften erlöst wird, und auf einen besonders gemächlichen Stuhl ein Angebot zu tun. Als höchste Bieterin hat sie den Stuhl erhalten und sitzt eben auf ihrem Eigentum, als Mrs. Chick kommt, um sie zu besuchen.

»Wie geht es meinem Bruder, Mrs. Pipchin?« fragt Mrs. Chick.

»Ich weiß von ihm verteufelt wenig«, versetzt Mrs. Pipchin. »Er erweist mir nie die Ehre, mich anzureden. Sein Essen und Trinken muß in das Vorzimmer gebracht werden, und was ihm davon paßt, holt er, wenn niemand dabei ist. Es führt zu nichts, mich zu fragen. Ich weiß von ihm so wenig als der Mann im Süden, der sich bei kaltem Pflaumenmus den Mund verbrannte.«

Die scharfe Mrs. Pipchin wirft sich in die Brust, während sie dies spricht.

»Aber du mein gütiger Himmel!« ruft Mrs. Chick milde, »wie lang kann es noch fortwähren? Was soll aus meinem Bruder werden, Mrs. Pipchin, wenn er keine Anstrengung machen will? Man sollte wahrhaftig meinen, er hätte Zeit genug gehabt, um die Folgen des Nichtsichanstrengens kennenzulernen und sich gegen diesen verhängnisvollen Irrtum warnen zu lassen.«

»Ei der Tausend«, sagt Mrs. Pipchin, ihre Nase reibend, »ich denke, man macht da allzuviel Wesens. Der Fall ist nicht so verwunderlich. Auch andere Leute haben Unglück gehabt und mußten sich von ihrem Hausgerät trennen. Mir selbst ist es so ergangen.«

»Mein Bruder«, fährt Mrs. Chick gedankenvoll fort, »ist ein so eigener – ein so sonderbarer Mann – der sonderbarste Mann, der mir je vorgekommen. Sollte man’s wohl glauben, daß er, als er die Kunde von der Verheiratung und Auswanderung jenes unnatürlichen Kindes erhielt – es ist mir jetzt ein Trost, wenn ich daran denke, daß ich immer sagte, es sei etwas Außerordentliches an jenem Kind; aber niemand achtete auf mich – ich sage, würde man’s wohl glauben, daß er damals mir Vorwürfe machte und mir entgegenhielt, aus meinem Benehmen sei er auf die Vermutung gekommen, sie befinde sich in meinem Hause. Ach, du mein Himmel! Und würde man’s wohl glauben, daß er, als ich bloß zu ihm sagte, ›Paul, es mag wohl töricht von mir sein, und ich will’s auch nicht in Zweifel ziehen, aber ich kann nicht begreifen, wie deine Angelegenheiten in einen solchen Zustand geraten konnten‹, eigentlich auf mich losfuhr und mir erklärte, ich solle nicht wieder zu ihm kommen, bis er mich bitte! Ach, barmherziger Gott!«

»Ja«, sagte Mrs. Pipchin, »’s ist schade, daß er nicht mehr mit Minen zu schaffen hatte. Sie würden sein Temperament auf die Probe gesetzt haben.«

»Und wie soll es enden?« nimmt Mrs. Chick wieder auf, ohne auf die Bemerkung der Mrs. Pipchin zu achten. »Das möchte ich wissen. Was gedenkt mein Bruder zu tun? Etwas muß geschehen. Es führt zu nichts, wenn er sich in seinen Zimmern absperrt. Das Geschäft kommt nicht zu ihm. Er muß darnach gehen. Aber warum tut er’s nicht? Ich denke, er weiß doch, wie er es anzufangen hat, da er sein ganzes Leben über Geschäftsmann gewesen ist. Gut. Aber warum sieht er sich nicht um?«

Nachdem Mrs. Chick diese gewaltige Kette von Vernunftschlüssen geschmiedet hat, bleibt sie eine Minute stumm, um ihr Machwerk zu bewundern.

»Außerdem«, fährt die verständige Dame in argumentierender Weise fort, »wer hat je von einem solchen Starrsinn gehört, sich während aller dieser Unannehmlichkeiten hier einzuschließen? Man sollte ja meinen, es habe keinen andern Platz gegeben, wohin er gehen können. Natürlich hätte er zu mir kommen können, denn weiß er nicht, daß er bei mir wie zu Hause ist? Mein Mann hat es ihm recht übel genommen, und ich sagte zu ihm: ›Da deine Angelegenheit einmal in einen solchen Zustand geraten sind, Paul, meinst du nicht, du wärest bei so nahen Verwandten, wie wir sind, besser zu Hause? Du wirst doch nicht annehmen, daß wir die übrige Welt sind?‹ Aber nein; da bleibt er die ganze Zeit, und da ist er. Du mein Himmel, wenn nun das Haus vermietet wird, was will er dann tun? Er kann doch nicht hier bleiben. Wollte er es, so liefe es auf eine Ausweisung hinaus, auf ein gerichtliches Verfahren, und dann muß er gehen. Und warum dies nicht lieber anfänglich, da sich’s doch nicht ändern läßt? Dies führt mich wieder auf meine früheren Worte zurück, und ich frage natürlich, wie soll es enden?«

»So weit ich dabei beteiligt bin, weiß ich schon, wie es enden wird«, versetzt Mrs. Pipchin, »und dies ist genug für mich. Ich werde mich selbst abführen, und zwar im Nu.«

»In was, Mrs. Pipchin?« fragt Mrs. Chick.

»Im Nu«, versetzt Mrs. Pipchin mit Schärfe.

»Ah, so! Ich kann Euch freilich nicht darum tadeln, Mrs. Pipchin«, sagt Mrs. Chick mit Offenheit.

»Es wäre mir auch ziemlich gleichgültig, wenn Ihr’s wolltet«, entgegnet die sardonische Pipchin. »Jedenfalls gehe ich. Ich kann nicht hier bleiben, denn in einer Woche hätte ich den Tod davon. Gestern mußte ich meine Schweinsrippchen selber braten, und daran bin ich nicht gewöhnt. Meine Konstitution würde bald erliegen.

Außerdem hatte ich, ehe ich hierher kam, zu Brighton eine recht hübsche Stellung – die kleinen Pankeys trugen mir allein jährlich gute achtzig Pfund ein – und ich kann eine solche Gelegenheit zum Erwerb nicht wegwerfen. Ich habe meiner Nichte geschrieben, und sie erwartet mich bereits.«

»Habt Ihr mit meinem Bruder darüber gesprochen?« fragte Mrs. Chick.

»O ja, es ist gar leicht, mit ihm zu sprechen«, erwidert Mrs. Pipchin. »Und wie ist es geschehen! Ich rief ihm gestern zu, ich sei hier nichts mehr nütze, und es dürfte wohl das geratenste sein, wenn er mich zu Mrs. Richards schicken lasse. Er grunzte irgend etwas, das ein Ja sein sollte, und ich schickte. Jawohl da, grunzen! Wenn er etwa Mr. Pipchin gewesen wäre, so hätte er vielleicht Ursache gehabt zu grunzen. Nein, mit meiner Geduld ist’s zu Ende.«

Die musterhafte Frau, die so viel Standhaftigkeit und Tugend aus den Tiefen der peruvianischen Minen gepumpt hat, erhebt sich jetzt von ihrem gepolsterten Eigentum, um Mrs. Chick an die Tür zu begleiten. Letztere, die bis auf den letzten Augenblick den eigenen Charakter ihres Bruders beklagt, entfernt sich geräuschlos und wünscht sich unterwegs Glück, daß sie selbst so weise und einsichtsvoll ist.

In der Abenddämmerung langt Mr. Toodle, der gerade keinen Dienst hat, mit Polly und einem Koffer an und setzt sie in der Halle des leeren Hauses ab, dessen Verlassenheit auf Mr. Toodles Geist einen mächtigen Eindruck macht.

»Ich will dir was sagen, liebe Polly«, er begleitet diese Worte mit einem schallenden Kuß; »da ich jetzt Maschinenführer bin und mein gutes Auskommen habe, so wäre es mir nicht eingefallen, dich hierher kommen zu lassen, wenn ich nicht der früheren Vergünstigungen gedächte. Freilich kann man hier nur trübsinnig werden; aber was man früher Gutes genossen, Polly, darf man doch nicht vergessen, und außerdem ist schon dein Gesicht für Personen in Bedrängnis eine wahre Herzstärkung. Laß dir noch einmal einen Kuß geben. Ich weiß, du willst nichts als das Rechte, und meine Ansicht ist, daß du hierin recht und pflichtmäßig handelst. Gute Nacht, Polly!«

Inzwischen erscheint, eine düstere Nachtgestalt, Mrs. Pipchin in ihrem schwarzen Bombasinkleid, schwarzem Hut und schwarzem Halstuch. Sie hat ihr persönliches Eigentum aufgepackt, ihren Stuhl (vordem der Lieblingssitz von Mr. Dombey und das letzte Möbelstück in der Versteigerung) in die Nähe der Haustür gebracht und wartet nur noch auf einen Planwagen, der in Privatdiensten am Abend noch nach Brighton gehen und infolge eines gesonderten Vertrags sie aufladen soll.

Das Fuhrwerk bleibt nicht lange aus. Mrs. Pipchins Garderobe wird hinein- und untergebracht; dann kommt ihr Stuhl, der seinen Platz unter gewissen Heubüscheln findet, denn die liebenswürdige Dame beabsichtigt, während der Reise dieses Eigentum sich dienstbar zu machen. Dann wird Mrs. Pipchin selbst hineingeschoben und nimmt grämlich ihren Sitz ein. Es ist ein schlangenartiges Leuchten in ihrem harten Auge, gleichsam ein Vorgefühl von gebutterten Röstschnitten, warmen Rippchen, Plackereien an jungen Kindern, schnippischen Reden gegen die arme Berry und all den übrigen Vergnügungen in ihrem Werwolf-Kastell. Mrs. Pipchin lacht fast, während der Planwagen abfährt, glättet ihre schwarzen Bombasin-Schöße und macht sich’s in den Kissen ihres Armstuhls bequem.

Das Haus ist eine solche Ruine, daß die Ratten geflohen sind, ohne daß auch nur eine einzige zurückblieb.

Aber Polly, obgleich allein in dem verlassenen Hause – denn die verschlossenen Zimmer, in denen ihr früherer Gebieter sein Haupt verbirgt, sind nicht als Gesellschaft zu rechnen – bleibt nicht lange allein. Es ist Nacht. Sie sitzt im Haushälterinzimmer an der Arbeit und versucht die Einsamkeit und die Geschichte des Hauses zu vergessen, als ein Klopfen sich von der Haustür her vernehmen läßt – ein Klopfen, das an dem leeren Platz nur um so lauter zu tönen scheint. Sie öffnet und kehrt mit einer weiblichen Gestalt in einem dicht anschließenden schwarzen Hut nach der dröhnenden Halle zurück. Es ist Miß Tox, die sich mit rotgeweinten Augen einstellt.

»O Polly«, sagt Miß Tox, »als ich vorhin bei Euch vorsprach, um den Kindern eine Stunde zu geben, erfuhr ich die Nachricht, die Ihr mir hinterlassen habt, und sobald ich mich zu fassen vermochte, kam ich zu Euch. Ist denn außer Euch niemand hier?«

»Ach, keine Seele«, versetzt Polly.

»Habt Ihr ihn gesehen?« flüstert Miß Tox.

»Gott behüte, nein«, entgegnet Polly. »Er hat sich schon tagelang nicht blicken lassen. Wie ich höre, kommt er nie aus seinem Zimmer.«

»Man erzählt sich, daß er krank sei?« bemerkt Miß Tox.

»Nein, Ma’am, nicht daß ich wüßte«, erwidert Polly, »es wäre denn geistig. Es muß dem armen Gentleman sehr schwer ums Herz sein!«

Die Teilnahme der Miß Tox ist so groß, daß sie kaum zu sprechen vermag. Sie gehört zwar nicht zu den heurigen Hasen, ist aber doch nicht von Alter und Zölibat zäh geworden. Sie besitzt ein gefühlvolles Herz; ihre Teilnahme ist echt und ihre Huldigung lauter. Unter dem Schloß mit dem Fischauge birgt Miß Tox bessere Eigenschaften, als manche einladendere Außenseite – Eigenschaften, die um viele Sommer länger leben werden, als die glänzendsten Hüllen, die in der Ernte des großen Schnitters fallen.

Es währt lange, bis Miß Tox sich entfernt und Polly mit einem flackernden Licht sie die Treppe hinab bis auf die Straße hinaus begleitet. Nur ungern kehrt letztere in das traurige Haus zurück, denn die schweren Riegel der Tür klirren so trostlos, ehe sie in ihr Bett schlüpft. Am andern Morgen bringt sie in das verödete Zimmer diejenigen Gegenstände, die man ihr anzufertigen aufgetragen hat, zieht sich dann zurück und betritt es nicht mehr bis zum nächsten Morgen um dieselbe Stunde. Es sind Klingeln da, die aber nie geläutet werden, und obschon sie bisweilen auf und ab gehende Fußtritte vernimmt, kommen sie doch nie heraus.

Miß Tor stellt sich am andern Tage früh wieder ein. Sie beginnt nun, kleine Leckerbissen zuzubereiten, die am andern Morgen in das erwähnte Zimmer gebracht werden. Dieses Geschäft macht ihr so viel Freude, daß sie es fortan mit aller Regelmäßigkeit betreibt, denn sie bringt täglich in ihrem Körbchen unterschiedliche Konfitüren mit, die aus den spärlichen Vorräten des abgeschiedenen Eigentümers vom gepuderten Kopf und Haarbeutel stammen. In gleicher Weise trägt sie ihr eigenes Mittagessen mit sich, aus Stückchen kalten Fleisches, Schafszungen, halben Hühnern und dergleichen bestehend, die sie in Fließpapier eingewickelt hat. Diese Erfrischungen teilt sie mit Polly und bringt ihre Zeit meist in der Ruine zu, aus der die Ratten geflohen sind. Sie erschrickt vor jedem Laut und stiehlt sich wie eine Verbrecherin ein und aus, denn sie wünscht nichts, als dem gefallenen Gegenstand ihrer Bewunderung treu zu sein, ohne daß er oder die ganze übrige Welt, ein einziges armes Weib ausgenommen, darum weiß.

Der Major weiß es zwar auch, wird aber nicht klüger daraus, obschon er es sehr belustigend findet. In einem Anfall von Neugierde hat er den Eingeborenen beauftragt, das Haus von Zeit zu Zeit zu beobachten und ausfindig zu machen, wie es mit Dombey stehe. Der Eingeborene hat über die Treue der Miß Tox Bericht erstattet und der Major vor lauter Lachen fast einen Schlaganfall erlitten. Von Stunde an wird er stets blauer und pustet sich unaufhörlich zu, während ihm die Hummeraugen fast aus dem Kopf springen: »Gott verdamm‘ mich, Sir, das Weibsbild ist eine geborene Gans!«

Und der zugrunde gerichtete Mann – wie verbringt er seine einsamen Stunden? Möge er sich des erinnern in jenem Zimmer nach vielen kommenden Jahren. Der Regen, der auf das Dach niederfällt, der Wind, der draußen trauert, drückt wohl in dem wehmütigen Ton eine Ahnung aus. Möge ihn jenes Zimmer daran mahnen nach vielen künftigen Jahren!

Er erinnerte sich daran. In der unglücklichen Nacht, dem traurigen Tag, in der trübseligen Morgendämmerung und in dem gespenstischen, von Erinnerungen umspukten Zwielicht dachte er daran! Er dachte daran mit Schmerz, voll Leid, mit Gewissensbissen und in Verzweiflung! »Papa! Papa! redet mit mir, lieber Papa!« Er hörte die Worte wieder und sah das Gesicht. Er sah, wie es auf die zitternden Hände sank, und hörte, wie sie schluchzend die Treppe hinaufstieg.

Er war gefallen, um nie wieder aufgerichtet zu werden. Für die Nacht seines zeitlichen Untergangs gab es keine Morgensonne, für den Flecken seiner häuslichen Schande keine Reinigung; dem Himmel sei Dank, nichts konnte sein totes Kind wieder ins Leben zurückrufen. Aber dasjenige, was er in der Vergangenheit so ganz anders hätte machen können und was ihm selbst eine so ganz andere Vergangenheit geschaffen haben würde, obgleich er jetzt kaum daran dachte, – das, was sein eigenes Werk war und was ihm seit Jahren zum Fluch geworden, während es so leicht in Segen umzuwandeln gewesen wäre, wurde jetzt zum herben Schmerz seiner Seele.

O, er erinnerte sich. Der Regen, der auf das Dach fiel, der Wind, der draußen trauerte – ihr wehmütiger Ton war ahnungsvoll gewesen. Er wußte, er habe alles selbst auf sein Haupt heruntergerufen, und wurde dadurch tiefer gebeugt, als durch den schwersten Schlag des Schicksals. Er wußte, was es war, verlassen und verstoßen zu sein, jetzt, da jede liebende Blüte, die in dem unschuldigen Herzen seiner Tochter verwelkt war, als Asche auf ihn niederregnete.

Er dachte an sie, wie sie gewesen war in der Nacht, als er mit seiner jungen Frau nach Hause zurückkam. Er dachte an sie, wie sie gewesen während aller der verschiedenen Ereignisse in dem verlassenen Hause. Er dachte jetzt, daß von allem um ihn her sie allein sich nie verändert hatte. Sein Sohn war zum Staub zurückgekehrt, sein stolzes Weib zu einem erbärmlichen Geschöpf geworden; sein Schmeichler und Freund hatte sich in den schlechtesten aller Schurken umgewandelt, sein Reichtum war dahin und sogar die Wände, die ihn schirmten, sahen ihn nur wie einen Fremden an. Sie allein wandte ihm stets den gleichen sanften, milden Blick zu. Ja, bis auf den letzten Augenblick. Sie hatte sich nie gegen ihn – er sich nie gegen sie verändert – und sie war für ihn verloren.

Und der Reihe nach schwanden sie hin vor seinem geistigen Blicke – die Hoffnungen, die er auf seinen Knaben gesetzt, sein Weib, sein Freund, seine Habe – sie schwanden hin wie der Nebel, der ihm das Bild seiner Tochter getrübt hatte, und nachdem derselbe weg war, sah er sie in ihrer wahren Gestalt. O wieviel besser wäre es gewesen, er hätte sie geliebt, wie er seinen Knaben liebte, und sie verloren, wie seinen Knaben – beide zusammen in einem frühen Grabe!

In seinem Stolze – denn er war noch immer stolz – kümmerte er sich nicht darum, daß die Welt sich von ihm zurückzog. Wie sie dies tat, schüttelte auch er sie ab. Mochte er sich dieselbe als mitleidsvoll oder gleichgültig gegen ihn denken, sie war ihm in gleicher Weise zuwider, und er wollte sie so wie so meiden. Er hatte keine Vorstellung von irgendeinem Gefährten in seinem Elend, aber die einzige, die bei ihm ausgehalten haben würde, war von ihm vertrieben worden. Was er zu ihr gesagt oder welchen Trost er von ihr empfangen haben würde, dies vergegenwärtigte er sich nie, obschon er stets in seinem Innern fühlte, daß sie ihm treu geblieben wäre in seinem Leiden. Er wußte, sie würde ihn jetzt mehr geliebt haben, als zu irgendeiner andern Zeit, war so fest davon überzeugt, wie von dem Vorhandensein eines Himmels über ihm, und schleppte sich unter solchen Gedanken durch die Einsamkeit seiner Stunden. Tag um Tag hallte die nämliche Stimme in seinen Ohren, Nacht um Nacht trat ihm dasselbe Bewußtsein vor die Seele.

Es begann ohne Zweifel – wie langsam es auch eine Zeitlang fortschreiten mochte – mit dem Empfang des Briefes von ihrem jungen Gatten und mit der Gewißheit, daß sie fort war. Und doch war er so stolz in seinem Untergang, fühlte er so sehr, es sei etwas, das ihm hätte gehören können, unwiederbringlich verloren, daß er nicht zu ihr hinausgegangen sein würde, selbst wenn er in dem anstoßenden Gemach ihre Stimme gehört hätte. Wäre er ihr auf der Straße begegnet und hätte sie auch nur nach ihm hingeblickt, wie sie sonst zu tun pflegte, so würde er mit dem alten, kalten, unversöhnlichen Gesicht an ihr vorbeigegangen sein, ohne sie anzureden, selbst wenn bald darauf sein Herz gebrochen wäre. Mit welcher Bitterkeit, mit welchem herben Ingrimm er auch anfänglich an ihre Heirat und an ihren Gatten gedacht hatte, war doch jetzt alles vorbei. Er vergegenwärtigte sich hauptsächlich, was hätte geschehen können und was nicht geschehen war. In dem Sein ging alles übrige auf. Sie war ihm verloren, und er beugte sich voll Schmerz und Gewissensbissen.

Er fühlte jetzt, daß ihm zwei Kinder in diesem Haus geboren worden waren und daß zwischen ihm und den kahlen, leeren Wänden ein Band lag, ein schmerzliches zwar, aber doch auch ein schwer zerreißbares, das ihn an eine doppelte Kindheit, an einen doppelten Verlust fesselte. An dem Abend des Tages, an dem dieses Gefühl zum erstenmal in seiner Brust Wurzel gefaßt, hatte er daran gedacht, das Haus zu verlassen, obschon er nicht wußte, wohin; er beschloß jedoch, noch eine Nacht zu bleiben und im Lauf derselben zum letztenmal die Gemächer zu durchwandeln.

Gegen Mitternacht verließ er seine Einsamkeit und ging, ein Licht in der Hand, leise die Treppen hinan. Unter allen den Füßen, die hier ihre Abdrücke zurückgelassen und die Treppe so gemein gemacht hatten, wie die gewöhnliche Straße, war nicht einer, der zu der Zeit, als er in seiner Abgeschlossenheit auf ihren Schall lauschte, nicht den Eindruck auf ihn geübt hätte, als zertrete er ihm das Gehirn. Er sah die zahlreichen Spuren, erkannte daraus die Hast und das Vorwärtsdrängen – ein Fuß hatte das Abzeichen des andern ausgetreten, und so ging’s gegeneinander anprallend aufwärts und abwärts. Mit einer eigentlichen Furcht machte er sich Gedanken, wieviel er während jener Zeit der Prüfung gelitten haben mußte, und welche Gründe für ihn vorhanden waren, ein anderer Mann zu werden. Außerdem vergegenwärtigte er sich, ob es nicht irgendwo in der Welt einen leichten Fußtritt gebe, der in einem Nu die Hälfte dieser Abzeichen auszutilgen vermöchte! Mit gebeugtem Haupte ging er weiter, und Tränen rannen über seine Wangen nieder.

Er sah jenen fast vor sich hergleiten, hielt inne und schaute nach dem Hochlichtfenster hinauf. Eine Gestalt, selbst noch Kind, aber noch ein Kind auf dem Arme tragend und vor sich hinsingend, schien wieder dort zu sein. Ja, es war dieselbe Gestalt, einsam und für einen Moment mit verhaltenem Atem stehen bleibend. Das schöne Haar wallte lose um ein tränenvolles Antlitz her, das nach ihm zurückschaute.

Er wandelte durch die Gemächer, die sonst so üppig gewesen waren, jetzt aber so kahl und unheimlich, ja selbst in Gestalt und Größe so verändert aussahen. Die Fußspuren häuften sich dort, und der Rückblick auf die Leiden, die sie ihm bereitet hatten, verwirrte und schreckte ihn. Er begann zu fürchten, die wilden Vorstellungen seines Gehirns könnten ihn wahnsinnig machen und seine Gedanken hätten bereits ihren Zusammenhang verloren, um wie die Fußstapfen in nicht mehr erkennbarer Verwicklung ineinander zu laufen und Abwechselungen unbestimmter Formen zu bilden.

Er wußte nicht einmal, in welchem von diesen Zimmern sie gewohnt hatte, als sie allein war, und ging deshalb gern weiter, um höher hinauf zu wandern. Hier bot sich ihm eine Menge von Anhaltspunkten dar, die ihn an sein falsches Weib, an seinen treulosen Freund und Diener, an die falschen Grundlagen seines Stolzes erinnerten; aber er schob sie insgesamt beiseite und gedachte in seinem Elend nur seiner beiden Kinder.

Überall die Fußstapfen! Sie hatten keine Achtung gehabt vor dem alten Stübchen hoch oben, wo das kleine Bett gestanden, und der arme Mann konnte dort kaum einen Raum finden, um an der Wand auf den Boden niederzuknien und seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Er hatte vor langer Zeit hier so viele Tränen vergossen, daß er sich an diesem Platze weniger als an irgendeinem andern seiner Schwäche schämte, und vielleicht war es dieses Bewußtsein, das ihm für sein Herkommen als Entschuldigung dienen mußte. Mit gebeugten Schultern und auf die Brust gesenktem Kinne war er eingetreten, und jetzt lag er in Mitte der Nacht da, auf den kahlen Brettern, einsam und bis zu Tränen ergriffen, obschon auch jetzt noch ein stolzer Mann, der, wenn eine freundliche Hand sich nach ihm ausgestreckt oder ein liebevolles Gesicht auf ihn niedergesehen hätte, sich schnell erhoben haben würde, um fort und wieder in seine Zelle hinunterzugehen.

Mit Anbruch des Tages war er wieder in seinen Zimmern eingeschlossen. Er hatte heute ausziehen wollen, hielt aber an diesem Bande im Hause, als an dem letzten und einzigen, das ihm geblieben war, fest. Er wollte morgen gehen. Der Morgen kam. Er verschob es wieder auf den andern Tag. Ohne von irgendeinem menschlichen Wesen beobachtet zu werden, verließ er jeden Abend seine freiwillige Haft und wanderte wie ein Gespenst durch das verheerte Haus. An manchem aufdämmernden Morgen brütete sein verändertes Gesicht hinter den geschlossenen Fensterblenden, niedergebeugt und nur von unvollkommenem Licht erhellt, über den Verlust seiner beiden Kinder. Nicht einmal ein einziges mehr! Er vereinigte sie wieder in seinen Gedanken und sie wollten sich nie trennen lassen. O, hätte auch er sie einigen können in seiner früheren Liebe und im Sterben, denn der eine Verlust war viel schlimmer, als durch den Tod!

Heftige geistige Aufregung und Verstörtheit war ihm auch vor seinem letzten Leiden nichts Neues gewesen. Bei störrischen, finsteren Charakteren ist dies etwas Gewöhnliches, denn es kostet sie Anstrengung, solche Eigenschaften zu behaupten. Doch ein lang untergrabener Boden stürzt oft plötzlich zusammen, wenn auch der Zahn der Zerstörung nur so langsame allmähliche Fortschritte gemacht hat, wie der Weiser auf seiner Uhr.

Endlich begann er zu denken, daß er gar nicht zu gehen brauche. Er konnte auf das verzichten, was ihm seine Gläubiger noch gelassen hatten (daß sie ihn nicht mehr schonten, war seine eigene Schuld gewesen), und um das Band zwischen ihm und dem verfallenen Hause zu trennen, hatte er nur nötig, jenes andere Glied zu lösen – –

Damals hörte man seinen Fußtritt in dem Zimmer der früheren Haushälterin – freilich nicht in seiner wahren Bedeutung, da er sonst einen erschreckenden Ton gehabt haben würde.

Die Welt war wegen seiner sehr geschäftig und unruhig. Dies trat ihm wieder ins Bewußtsein. Sie flüsterte, plauderte und konnte keinen Augenblick aufhören. Dies und die Verwicklung der Fußtritte quälte ihn auf den Tod. Alles zeigte sich ihm jetzt in düsteren, schwarzen Farben. Dombey und Sohn waren nicht mehr – seine Kinder waren nicht mehr – dies mußte er morgen ernstlich in Erwägung ziehen.

Er zog es in Erwägung. In seinem Stuhle sitzend, sah er von Zeit zu Zeit in den Spiegel und erblickte folgendes Bild: eine gespenstische, hagere, abgezehrte Gestalt, der seinen ähnlich, die über dem leeren Feuerplatze brütete. Jetzt erhob sie den Kopf, um die Linien und Furchen in seinem Gesichte zu betrachten, jetzt senkte sie ihn wieder, um aufs neue zu brüten. Dann stand sie auf und ging umher, begab sich in das anstoßende Zimmer hinaus und kam mit etwas zurück, das sie vom Ankleidetische weggenommen und in ihre Brust gesteckt hatte. Dann sah sie nach dem Boden an der Tür hin und dachte.

Stille! Was?

Sie dachte, wenn Blut in diese Richtung rieselte und sich hinauslecken sollte nach der Halle, so brauche es wohl lange Zeit, um so weit zu kommen. Es mußte sich so verstohlen und langsam bewegen, da eine kleine Lache bilden, dort wieder weiter rinnen und dann sich wieder zu einer kleinen Lache sammeln, so daß durch seine Vermittlung ein schwer verwundeter Mensch nur tot oder sterbend aufgefunden werden konnte. Nachdem sie dies eine Weile erwogen hatte, stand sie auf und ging, die Hand in die Brust gesteckt, wieder hin und her. Sie blickte gelegentlich danach hin, um ihre Bewegungen zu beobachten, und bemerkte, wie wild und mordgierig jene Hand aussah.

Sie dachte wieder! Was dachte sie?

Ob die Leute wohl in das Blut, wenn es so weit gekrochen war, treten und es unter den vielen Fußspuren im Hause umher oder vielleicht gar in die Straße hinaustragen würden.

Sie setzte sich wieder, heftete die Augen auf den leeren Kamin, und während sie sich aufs neue in ein Brüten verlor, schoß ein Lichtstrahl ins Zimmer – ein Strahl der Sonne. Sie achtete nicht darauf und blieb gedankenvoll sitzen. Plötzlich erhob sie sich mit einem schrecklichen Gesicht, und die verbrecherische Hand griff nach dem, was in der Brust stak. Dann wurde ihr durch einen Schrei Einhalt getan – durch einen wilden, lauten, durchbohrenden, liebevollen, entzückten Schrei – er sah nur im Spiegel sein eigenes Abbild und die Knie desselben umfaßt von dem seiner Tochter.

Ja, seine Tochter! Sie ist da! Auf dem Boden liegend hat sie seine Knie umschlungen, faltet bittend die Hände und ruft ihm zu:

»Papa – teuerster Papa! Verzeiht mir! Ich bin zurückgekommen, um auf meinen Knien mir Eure Vergebung zu erflehen. Ich kann nicht mehr glücklich sein, wenn Ihr mir nicht verzeiht!«

Noch immer unverändert. Von der ganzen Welt nur sie unverändert. Dasselbe Gesicht zu ihm erhebend, wie in jener unglücklichen Nacht, und um seine Vergebung bittend.

»O teurer Papa, seht mich nicht so schrecklich an! Ich wollte Euch nicht verlassen, dachte nie daran, weder vorher noch nachher. Als ich wegging, war ich so erschrocken, daß ich nicht denken konnte. Lieber Papa, ich bin anders geworden. Reuig kehre ich zurück. Ich weiß, wie schwer ich gefehlt habe, und kenne jetzt meine Pflicht besser. Papa verstoßt mich nicht, oder ich sterbe.«

Er wankte nach seinem Stuhle, fühlte, wie sie seine Arme um ihren Nacken schlang und wie sie die ihrigen um den seinigen legte, empfand auf seinem Gesicht die Glut ihrer Küsse und das Feucht ihrer Wange, die sich an die seinige schmiegte – o, wie tief fühlte er nicht dabei alles, was er getan hatte.

Auf die Brust, die er mit seiner Faust mißhandelte, gegen das Herz, das er fast gebrochen hatte, legte sie sein Gesicht, das er mit den Händen bedeckt hielt, und sagte schluchzend:

»Teurer Papa, ich bin Mutter. Ich habe ein Kind, das Walter bald mit dem Namen nennen wird, den ich Euch jetzt zurufe. Erst nach seiner Geburt und als ich wußte, wie sehr ich es liebte, wurde mir klar, was ich getan hatte, als ich Euch verließ. Verzeiht mir, lieber Papa! O! sprecht Euren Segen über mich und mein kleines Kind!«

Er würde ihn gesprochen haben, wenn er dazu fähig gewesen wäre. Er wollte seine Hände erheben und sie um Verzeihung bitten, aber sie faßte dieselben mit den ihrigen und drückte sie hastig nieder.

»Mein Kind wurde auf dem Meere geboren, Papa. Ich betete zu Gott (und auch Walter betete mit), er möchte mich verschonen und wieder nach der Heimat zurückkommen lassen. Sobald ich ans Land getreten war, eilte ich zu Euch zurück. Wir wollen uns nie wieder trennen, Papa, wir wollen uns nie mehr trennen!«

Sein jetzt graues Haupt war von ihrem Arm umschlungen, und er stöhnte bei dem Gedanken, daß es nie, nie zuvor eine solche Ruhe gefunden hatte.

»Ihr kommt jetzt mit mir, Papa, und seht nach meinem Knaben. Sein Name ist Paul, Papa. Ich glaube – ich hoffe – er gleicht –« Sie konnte vor Tränen nicht weiter reden.

»Lieber Papa, um meines Kindes willen, um des Namens willen, den wir ihm gegeben haben, um meinetwillen bitte ich Euch, daß Ihr Walter verzeihet. Er ist so gut und liebevoll gegen mich. Ich bin so glücklich mit ihm. Er trägt keine Schuld an unserer Verheiratung – sie trifft nur mich, weil ich ihn so sehr liebte.«

Sie klammerte sich fester, inniger und liebevoller an ihn an.

»Er ist das Kleinod meines Herzens, Papa, und ich würde für ihn in den Tod gehen. Er wird Euch lieben und ehren, wie ich es tun will. Er wird unser kleines Kindchen lehren, daß es Euch liebe und ehre, und wir wollen ihm, wenn es so viel verstehen kann, sagen, daß Ihr einmal einen Sohn des gleichen Namens hattet, daß er starb und daß Ihr sehr betrübt waret; aber er sei in den Himmel gegangen, wo wir alle ihn wieder zu sehen hoffen, wenn für uns die Zeit der Ruhe kommt. Gebt mir einen Kuß, Papa, als Zusage, daß Ihr mit Walter versöhnt sein wollet – mit meinem teuren Gatten – mit dem Vater des Kindes, das mich zu Euch zurückkommen lehrte, Papa.«

Mit einem abermaligen Tränenausbruch umschlang sie ihn aufs neue, während er sie auf die Lippen küßte, die Augen gen Himmel erhob und die Worte sprach:

»O mein Gott, vergib mir, denn ich bin dessen sehr bedürftig!«

Dann senkte er das Haupt wieder und streichelte ihr Gesicht im Gefühl schmerzlicher Reue. Lange, lange Zeit ließ sich kein Laut durch das ganze Haus vernehmen. Sie hielten sich gegenseitig mit den Armen umschlungen, und noch immer fiel der glorreiche Sonnenschein auf sie nieder, der mit Florence hereingeschlichen war.

Ihrer Bitte sich bereitwillig unterwerfend, kleidete er sich zum Ausgehen an. Schwankenden Schritts und zitternd nach dem Zimmer zurückschauend, wo er so lang eingeschlossen gewesen, und wo er das Bild im Spiegel gesehen hatte, folgte er ihr in die Halle hinaus. Florence schaute sich kaum um, damit sie ihn nicht aufs neue an ihren letzten Abschied erinnere (denn sie stand auf den Steinen, wo er sie in seinem Wahnsinn niedergeschlagen hatte), hielt sich dicht an ihn, ohne ihre Blicke von seinem Antlitz zu verwenden, und führte ihn, während er sich an ihr festhielt, nach der Kutsche hinaus, die vor der Tür wartete und ihn aufnahm.

Dann kamen Miß Tox und Polly in tränenvollem Jubel aus ihrem Versteck hervor, packten seine Kleider, Bücher usw. mit großer Sorgfalt ein und überantworteten sie im Laufe des Tags an gewisse Personen, die von Florence beauftragt worden waren, diese Gegenstände abzuholen. Abends nahmen sie in dem einsamen Hause die letzte Tasse Tee ein.

»Und so ist Dombey und Sohn, wie ich bei einer gewissen traurigen Gelegenheit bemerkte«, sagte Miß Tox am Schlüsse einer Menge von Erinnerungen, »am Ende doch eine Tochter, Polly.«

»Und dazu eine recht gute!« rief Polly.

»Ihr habt recht«, sagte Miß Tox. »Und es macht Euch Ehre, Polly, daß Ihr stets als Freundin zu ihr hieltet, als sie noch ein kleines Kind war. Ihr seid ein gutes Geschöpf, Polly«, fügte sie bei, »und waret lange vor mir ihre Freundin. Robin!«

Diese letztere Anrede galt einem rundköpfigen jungen Menschen, dem Anscheine nach in sehr bedrängten Verhältnissen, der betrübt in einer Ecke saß. Als derselbe aufstand, ließ sich die Gestalt und das Gesicht des Schleifers erkennen.

»Robin«, sagte Miß Tox, »wie Ihr gehört haben werdet, habe ich soeben Eurer Mutter gesagt, daß sie ein gutes Geschöpf sei.«

»Dies ist sie auch, Miß«, versetzte der Schleifer mit einigem Gefühl.

»Gut, Robin«, sagte Miß Tox. »Es freut mich. Euch so reden zu hören. Da ich auf Euer dringliches Ersuchen eine Probe mit Euch machen und Euch in der Absicht, Eure Achtbarkeit wieder herzustellen, als Dienstboten in mein Haus aufnehmen will, so benutze ich diese eindrucksreiche Gelegenheit, um Euch zu erklären, daß ich hoffe, Ihr werdet nie vergessen, welche gute Mutter Ihr habt und stets gehabt habt. Ich setze von Euch voraus, Ihr werdet Euch Mühe geben, Euch stets so aufzuführen, daß sie Freude an Euch erlebe.«

»Bei meiner Seele, das will ich«, entgegnete der Schleifer. »Ich habe viel durchgemacht, und meine Entschlüsse sind nun so geradaus, wie die eines jungen Bursch –«

»Ich muß mir hier erlauben. Euch zu unterbrechen, Robin«, fiel ihm Miß Tox höflich ins Wort.

»Wenn Ihr lieber so wollt, wie die eines jungen Menschen –«

»Danke, Robin, nein«, erwiderte Miß Tox. »Ich würde Individuum vorziehen.«

»Wie die eines Entenvittum –« sagte der Schleifer.

»Viel besser«, bemerkte Miß Tox wohlgefällig. »Unendlich ausdrucksvoller.«

»– nur sein können«, fuhr Rob fort. »Hätte man nicht einen Schleifer aus mir gemacht, Miß und Mutter, denn dies war ein sehr unglücklicher Umstand für einen jungen Bu – Entenvittum.«

»In der Tat sehr gut«, bemerkte Miß Tox beifällig.

»– und wäre ich nicht durch die Vögel verlockt worden und dann in einen schlimmen Dienst gekommen«, sagte der Schleifer, »so würde es hoffentlich besser mit mir ausgefallen sein. Aber es ist nie zu spät für ein –«

»Indi –« deutete Miß Tox an.

»Vittum«, sagte der Schleifer, »sich zu bessern, und ich hoffe, Miß, ich werde es können, wenn Ihr den freundlichen Versuch mit mir macht. Sagt es auch dem Vater, den Brüdern und den Schwestern, Mutter, und bringt ihnen herzliche Grüße von mir.«

»Es freut mich sehr, Euch so sprechen zu hören«, bemerkte Miß Tox. »Wollt Ihr ein wenig Butterbrot und eine Tasse Tee genießen, Robin, ehe wir gehen?«

»Danke, Miß«, entgegnete der Schleifer, der augenblicklich seine Zähne auf höchst merkwürdige Weise in Tätigkeit zu setzen begann, als sei er beträchtlich lange auf gar kurze Rationen beschränkt gewesen. Nachdem endlich Miß Tox und Polly ihre Hüte und Halstücher angelegt hatten, umarmte Rob seine Mutter und folgte seiner neuen Gebieterin – so sehr zur hoffnungsvollen Bewunderung Pollys, daß, als sie ihm nachsah, etwas in ihren Augen glänzende Ringe um die Gaslampen her erscheinen ließ. Mrs. Richards löschte sodann ihr Licht, schloß die Haustür, übergab den Schlüssel einem in der Nachbarschaft wohnenden Agenten und ging, so schnell sie konnte, im Vorgenusse des Entzückens, das ihre unerwartete Ankunft verbreiten würde, nach Hause. Das große Gebäude, so taub gegen alle Leiden und Wechsel, deren Zeuge es gewesen, stand finster wie ein stummer Leichenbegleiter in der Straße, jede nähere Nachfrage mit der unverantwortlichen Ankündigung täuschend, daß dieser angenehme Familiensitz zu vermieten sei.

Sechzigstes Kapitel.


Sechzigstes Kapitel.

Handelt hauptsächlich von Hochzeiten.

Das große halbjährliche Fest des Doktors und der Mrs. Blimber, bei welcher Gelegenheit jeder junge Gentleman, der in jenem gentilen Institut seinen Studien oblag, um die Ehre seiner Teilnahme an einer auf halb acht Uhr anberaumten Quadrillen-Partie gebeten wurde, hatte getreulich um die besagte Zeit stattgefunden, und die jungen Gentlemen waren mit nicht unanständigen Kundgebungen von Leichtherzigkeit und in einem Zustande scholastischer Erschöpfung in ihre Heimat zurückgekehrt. Mr. Skettles war ins Ausland gegangen und verdankte zur bleibenden Zierde der Familie des Sir Barnet Skettles den populären Manieren seines Vaters eine diplomatische Anstellung, deren Ehren zur großen Verwunderung und Zufriedenheit ihrer Landsleute besagter Vater und Lady Skettles selbst zu vergeben hatten. Mr. Tozer, jetzt ein junger Mann von hoher Statur in Wellington-Stiefeln, war so vollgepfropft von Altertum, daß er sich in Kenntnis des Englischen nahezu mit einem alten echten Römer messen könnte – ein Triumph, der seine guten Eltern mit der innigsten Rührung erfüllte, und dem Vater und der Mutter des Mr. Briggs, dessen Gelehrsamkeit gleich schlecht geordnetem Gepäck so fest eingestallt war, daß er nie daran kommen konnte, wenn er etwas davon brauchte, Anlaß gab, beschämt ihre Häupter zu verbergen. Die Frucht, die der letztere junge Gentleman so mühsam von dem Baume des Wissens eingeheimst hatte, war so künstlich getrieben worden, daß sie mit einer intellektuellen Norfolker Ananas verglichen werden konnte, der nichts von der ursprünglichen Gestalt und Feinheit geblieben war. Master Bitherstone, auf den das Zwangssystem die nicht ungewöhnliche bessere Wirkung geübt hatte, daß nach Aufhören der Tätigkeit des Nötigungsapparats auch alle Eindrücke verschwanden, fühlte sich weit behaglicher und vergaß, da er sich zu einer Fahrt nach Bengalen an Schiffsbord begeben hatte, alles mit so bewunderungswürdiger Schnelligkeit, daß es wohl zweifelhaft erschien, ob die Deklination der Substantive bei ihm bis zum Ende der Reife aushalten würde.

Statt wie gewöhnlich am Morgen der Partie für die jungen Gentlemen zu bemerken: »Gentlemen, wir wollen am fünfundzwanzigsten des nächsten Monats unsere Studien wieder aufnehmen«, ging Doktor Blimber diesmal von der herkömmlichen Weise ab und sagte: »Gentlemen, als unser Freund Cincinnatus sich nach seinem Landgut zurückzog, stellte er dem Senat keinen Römer vor, den er sich zum Nachfolger gewünscht hätte. Aber hier ist ein Römer!« sagte Doktor Blimber, die Hand auf die Schulter des Mr. Feeder B. A. legend, »adolescens inprimis gravis et doctus, Gentlemen, den ich, ein abtretender Cincinnatus, meinem kleinen Senat als seinen künftigen Diktator vorzustellen wünsche. Gentlemen, wir wollen am fünfundzwanzigsten des nächsten Monats unter den Auspizien des Mr. Feeder B.A. unsere Studien wieder aufnehmen!« Hierauf antworteten die jungen Gentlemen (Doktor Blimber hatte sich nämlich zuvor schon mit sämtlichen Eltern beraten und ihnen höfliche Erklärungen gegeben) mit einem lauten Hurra, und Mr. Tozer überreichte dem Doktor sogleich im Namen der übrigen ein silbernes Tintenfaß, indem er dazu eine Rede vortrug, die nur sehr wenig von der Muttersprache, wohl aber fünfzehn Zitate aus dem Lateinischen und sieben aus dem Griechischen enthielt. Die jüngeren Gentlemen waren damit sehr unzufrieden und neidisch, denn sie meinten, o, o, es sei alles recht gut für den alten Tozer, aber sie seien der Ansicht, daß sie nicht deshalb Geld unterzeichnet hätten, um dem alten Tozer Gelegenheit zu geben, sich breitzumachen. Was ging es den alten Tozer mehr an, als jeden andern? Es war ja nicht sein Tintenfaß. Warum mußte er sich überhaupt mit dem Eigentum anderer befassen?

In dieser und ähnlicher Weise äußerten sie ihr Mißvergnügen und schienen in nichts einen größeren Trost zu finden, als darin, daß sie ihn den alten Tozer nannten.

Den jungen Gentlemen gegenüber fiel kein Wort, kein Wink oder irgend etwas, das auf eine beabsichtigte Verehelichung zwischen Mr. Feeder B. A. und der schönen Cornelia Blimber hingedeutet hätte. Namentlich gab sich Doktor Blimber den Anschein, wie wenn ihn nichts mehr als eine solche Kunde überraschen könnte. Gleichwohl war die Tatsache unter den jungen Gentlemen so wohl bekannt, daß sie, als sie zu ihren Verwandten und Freunden zurückkehrten, mit einer heiligen Scheu sich von Mr. Feeder verabschiedeten.

Die romantischsten Träume des Mr. Feeder waren erfüllt. Der Doktor hatte beschlossen, das Haus von außen anstreichen und im Innern vollständig ausbessern zu lassen; auch wollte er das Geschäft und Cornelia abgeben. Der Anstrich und die Ausbesserungen begannen an demselben Tage, an dem die jungen Gentlemen abgereist waren, und siehe jetzt – der Hochzeitmorgen war gekommen, und Cornelia sah in einer neuen Brille dem Augenblick entgegen, der sie an Hymens Altar führen sollte.

Der Doktor mit seinen gelehrten Beinen, Mrs. Blimber in einem Lila-Hut, Mr. Feeder B.A. mit seinen langen Knöcheln und seinem kurzgeschorenen Haarschopf, und Mr. Feeders Bruder, der ehrwürdige Alfred Feeder M.A., der die Trauungsfeierlichkeit vollziehen sollte, hatten sich im Salon versammelt, und Cornelia, die unter ihrem Orangeblütenschmuck und den Brautjungfern wie sonst auch aussah, ein bißchen zerdrückt, aber doch sehr bezaubernd, war eben eingetreten, als die Tür aufging und der blödsichtige junge Mann mit lauter Stimme die Ankündigung ausrief:

»Mr. und Mrs. Toots!«

Mr. Toots, der außerordentlich kräftig geworden war, trat jetzt ein; er hatte eine sehr hübsche und anständig gekleidete Dame mit glänzenden schwarzen Augen am Arm.

»Mrs. Blimber«, sagte Mr. Toots, »erlaubt mir, Euch meine Gattin vorzustellen.«

Mrs. Blimber war entzückt, sie kennenzulernen; sie benahm sich zwar ein wenig herablassend, aber doch sehr freundlich.

»Und da Ihr mich schon seit so langer Zeit kennt«, sagte Mr. Toots, »so muß ich Euch versichern, daß sie eines der herrlichsten Frauenzimmer ist, die je gelebt haben!«

»Mein Lieber!« stellte Mrs. Toots vor.

»Bei meinem Ehrenwort, es ist so«, sagte Mr. Toots. »Ich – ich versichere Euch, Mrs. Blimber, sie ist eine ganz außerordentliche Frau!«

Mrs. Toots lachte heiter, und Mrs. Blimber führte sie zu Cornelia. Nachdem Mr. Toots auch in dieser Richtung sein Kompliment gemacht und seinen alten Lehrer begrüßt hatte, der mit Anspielung auf seinen ehelichen Stand zu ihm sagte: »Schön, Toots, schön! Ihr seid also auch einer von den Unsrigen!« zog er sich mit Mr. Feeder B.A. in ein Fenster zurück. Mr. Feeder B.A., der sehr aufgeräumt war, machte gegen Mr. Toots eine Boxer-Schwenkung und klopfte ihn geschickt mit dem Rücken seiner Hand auf das Brustbein.

»He, alter Knabe!« sagte Mr. Feeder lachend. »Gut! da sind wir jetzt! Ein- und abgetan, he?«

»Feeder«, versetzte Mr. Toots, »ich wünsche Euch Glück. Wenn Ihr so – so – vollkommen glücklich seid im ehelichen Leben, wie ich, so bleibt Euch nichts zu wünschen übrig.«

»Ihr seht, ich vergesse meine alten Freunde nicht«, sagte Feeder. »Ich bitte sie zu meiner Hochzeit.«

»Feeder«, entgegnete Mr. Toots ernst, »die Sache verhält sich so, daß verschiedene Umstände mich hinderten, vor Vollziehung des Ehebundes Euch eine Mitteilung zu machen. Erstlich hatte ich mich vor Euch wegen Miß Dombey wie ein wahrer Esel benommen, und ich fühlte, wenn ich Euch zu meiner Hochzeit bäte, so würdet Ihr natürlich erwarten, daß ich mit Miß Dombey an den Altar träte. Die« hätte Erklärungen nötig gemacht, die mich auf Ehre bei einer solchen Wendung völlig niedergeschlagen haben würden. Zweitens fand unsere Trauung ganz im geheimen statt, und es war niemand dabei anwesend, als ein einziger Freund von mir und Mrs. Toots, der ein Kapitän ist bei – ich weiß nicht mehr genau, bei was«, sagte Mr. Toots, »aber es ist von keinem Belang. Ich hoffe, Feeder, daß ich die Pflichten der Freundschaft vollkommen erfüllt habe, indem ich Euch schriftlich mitteilte, was geschehen ist, ehe Mrs. Toots und ich unsere Hochzeitsreise ins Ausland antraten.«

»Toots, mein Junge«, versetzte Mr. Feeder, ihm die Hand drückend, »es war nur ein Scherz von mir.«

»Und nun möchte ich wohl gern wissen, Feeder«, sagte Mr. Toots, »was Ihr von meiner Verbindung haltet?«

»Sie scheint mir vortrefflich zu sein!« sagte Mr. Feeder.

»Kommt sie Euch so vor, Feeder?« erwiderte Mr. Toots feierlich. »Wie vortrefflich muß sie dann nicht für mich sein! Denn Ihr könnt nie wissen, welch eine außerordentliche Frau sie ist!«

Mr. Feeder war geneigt, dies für eine ausgemachte Sache anzusehen, aber Mr. Toots schüttelte den Kopf und wollte nicht an eine solche Möglichkeit glauben.

»Ihr seht«, sagte Mr. Toots, »was ich bei einem Weibe brauchte, war – mit einem Wort, war Verstand. Geld hatte ich, Feeder. Verstand hatte ich – hatte ich nicht besonders viel.«

»O ja. Ihr hattet´s wohl, Toots«, murmelte Mr. Feeder, aber Mr. Toots entgegnete:

»Nein, Feeder, ich hatte nicht. Warum sollte ich es bemänteln? Ich hatte nicht. Ich wußte, daß Verstand da war«, fügte er hinzu, die Hand nach seiner Gattin ausstreckend, »eigentlich in Haufen. Verwandte sind keine vorhanden, die an der Stellung einen Anstoß hätten nehmen können, denn ich stehe allein. Ich hatte nie einen Angehörigen als meinen Vormund, und diesen, Feeder, habe ich stets für einen Piraten und Korsaren gehalten. Ihr seht daher ein, daß es mir nicht darum zu tun sein konnte, seine Ansicht einzuholen.«

»Nein«, pflichtete Mr. Feeder bei.

»Demgemäß handelte ich ganz für mich«, nahm Mr. Toots wieder auf. »Gesegnet sei der Tag, an dem ich es tat. Feeder, niemand als ich kann sagen, welch einen Geist ich in dieser Frau gewonnen habe. Wenn je die Rechte der Frauen, und was dergleichen mehr ist, gehörig ins Licht gestellt werden sollen, so wird es durch ihren gewaltigen Verstand geschehen. – Susanna, meine Liebe!« sagte Mr. Toots, plötzlich zwischen den Fenstervorhängen hervorsehend, »ich bitte, strenge dich nicht zu sehr an!«

»Ich plaudere bloß«, versetzte Mrs. Toots.

»Laß dir raten, meine Liebe«, entgegnete Mr. Toots. »Du mußt in der Tat vorsichtig sein und dich ja nicht zu sehr anstrengen, meine teure Susanne. Sie ist so leicht aufzuregen«, sagte er beiseite zu Mrs. Blimber, »und dann denkt sie gar nicht mehr an ärztliche Vorschriften.«

Mrs. Blimber legte noch Mrs. Toots die Notwendigkeit der Vorsicht ans Herz, als Mr. Feeder B. A. herankam, um ihr seinen Arm zu bieten und sie nach dem Wagen zu führen, der für den Kirchgang unten wartete. Doktor Blimber geleitete Mrs. Toots, und Mr. Toots führte die schöne Braut, um deren funkelnde Brillen zwei prächtig herausgeputzte kleine Brautjungfern wie Motten herumflatterten. Mr. Feeders Bruder, Mr. Alfred M. A., war bereits vorausgegangen, um sich auf seine amtlichen Verrichtungen vorzubereiten.

Die Feierlichkeit verlief in bewunderungswürdiger Weise. Cornelia mit ihren krausen kleinen Locken »ging ein« – wie der Preishahn sich ausgedrückt haben würde – in großer Fassung, und Doktor Blimber vergab sie wie ein Mann, der eine solche Handlung gehörig erwogen hatte. Die prächtig herausgeputzten kleinen Brautjungfern schienen am meisten zu leiden. Mrs. Blimber gab sich einer sanften Rührung hin und erklärte dem ehrwürdigen Mr. Alfred Feeder M. A. auf dem Heimweg, wenn sie Cicero in seiner Abgeschiedenheit zu Tusculum hätte sehen können, so wären jetzt alle ihre Wünsche erfüllt.

Es gab dann ein Frühstück, das auf dieselbe kleine Gesellschaft beschränkt blieb. Mr. Feeder B. A. entwickelte dabei ungeheure Heiterkeit, die sich auch Mrs. Toots mitteilte, so daß man Mr. Toots mehrere Male über den Tisch hinüber bemerken hörte: »Meine teure Susanna, strenge dich ja nicht zu sehr an!« Das Beste aber war, daß Mr. Toots es für seine Pflicht hielt, eine Rede zu halten – sein erstes Auftreten im Leben, von dem ihn der ganze Kodex telegraphischer Winke, die von Mrs. Toots ausgingen, nicht abzumahnen imstande war.

»Ich muß wahrhaftig erklären«, sagte Mr. Toots, »daß ich in diesem Hause, was auch darin zu – zu geistiger Verwirrung bisweilen geschehen mochte – ’s ist von keinem Belang, und ich mache deshalb niemand einen Vorwurf – stets behandelt wurde wie einer, der zu Doktor Blimbers Familie gehört, und daß ich beträchtliche Zeit ein Pult für mich hatte. Deshalb kann – ich – nicht – zugeben – daß mein Freund Feeder – hem –«

»Verheiratet ist«, ergänzte Mrs. Toots.

»Es wird nicht unpassend oder überhaupt uninteressant sein«, sagte Mr. Toots mit entzücktem Gesicht, »bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß meine Frau eine ganz außerordentliche Frau ist und sich weit besser dazu eignete als ich – mein Freund Feeder verheiratet ist – namentlich mit –«

»Mit Miß Blimber«, half Mrs. Toots nach.

»Mit Mrs. Feeder, meine Liebe!« sagte Mr. Toots im gedämpften Ton des Privatgesprächs, »›welche Gott zusammengefügt hat,‹ Ihr wißt, ›damit kein Mensch‹ – wißt Ihr’s nicht? Ich kann nicht gestatten, daß mein Freund Feeder verheiratet ist, namentlich mit Mrs. Feeder, ohne ihre – ihre Gesundheit – auszubringen; und möge«, fügte er bei, wie in hohem Fluge der Begeisterung die Blicke auf seine eigene Frau heftend, »möge die Fackel Hymens der Leuchtturm der Freude sein, und mögen die Blumen, die heute auf ihren Pfad gestreut wurden, die – Vertreiber sein – von – von allem Düster!«

Doktor Blimber, der ein Freund von Metaphern war, drückte seinen Beifall in den Worten aus: »Sehr gut, Tools! in der Tat, sehr schön gesagt!« und nickte mit dem Kopf, während er zugleich in die Hände klopfte. Mr. Feeder antwortete in einer komischen Rede, in die er sentimentale Brocken mischte. Mr. Alfred Feeder M. A. fühlte sich später sehr glücklich in der Gesellschaft des Doktors und der Miß Blimber, während die stattlich herausgeputzten kleinen Jungfrauen auf Mr. Feeder B. A. einen kaum weniger günstigen Eindruck machten. Doktor Blimber gab dann mit kräftiger Stimme einige Gedanken in idyllischem Stil zum besten, indem er auf das Binsendach hindeutete, unter dem er mit Mrs. Blimber fortan zu wohnen beabsichtigte, und der Bienen erwähnte, die ihre Hütte umsummen würden. Bald nachher zeigte sich in den Augen des Doktors ein merkwürdiges Blinzeln. Sein Schwiegersohn hatte schon zuvor bemerkt, daß die Zeit nur für Sklaven vorhanden sei, und die Frage gestellt, ob Mrs. Toots singe, weshalb die verständige Mrs. Blimber die Sitzung aufhob und mit aller Ruhe und Gemächlichkeit Cornelia samt dem Mann ihres Herzens in eine Postchaise packte.

Mr. und Mrs. Toots kehrten nach Bedford zurück (Mrs. Toots hatte in alten Zeiten unter dem jungfräulichen Namen Nipper dort gewohnt) und fanden daselbst einen Brief, dessen Durchlesen Mr. Toots so ungemein lange in Anspruch nahm, daß Mrs. Toots darüber eigentlich in Schrecken geriet.

»Meine teure Susanna«, sagte Mr. Toots, »Schrecken ist schlimmer als Anstrengung. Ich bitte, beruhige dich!«

»Von wem ist er?« fragte Mrs. Toots.

»Von Kapitän Gills, meine Liebe«, sagte Mr. Toots. »Laß dich’s nicht angreifen. Walter und Miß Dombey werden in der Heimat erwartet.«

»Mein Lieber«, versetzte Mrs. Toots, die bei dieser Ankündigung erblaßte und sich hastig von dem Sofa erhob, »versuche nicht, mich zu täuschen, denn es ist doch unnütz. Sie sind nach Hause gekommen – ich lese es deutlich in deinem Gesicht.«

»Sie ist eine ganz außerordentliche Frau!« rief Mr. Toots in entzückter Bewunderung. »Du hast vollkommen recht, meine Liebe; sie sind nach Hause gekommen. Miß Dombey hat ihren Vater besucht, und sie sind versöhnt!«

»Versöhnt!« rief Mrs. Toots, die Hände zusammenschlagend.

»Ich bitte, laß dich’s nicht angreifen, meine Liebe«, sagte Mr. Toots. »Denk doch an den Arzt! Kapitän Gills sagt – nein, er sagt es nicht gerade, aber so viel ich aus dem Schreiben entnehmen kann, will er sagen, Miß Dombey habe ihren unglücklichen Vater aus dem alten Hause geholt und nach demjenigen gebracht, wo sie mit Walter lebt; er liegt dort sehr krank – vermutlich auf den Tod, und sie komme Tag und Nacht nicht von seiner Seite.«

Mrs. Toots begann bitterlich zu weinen.

»Meine teuerste Susanna«, stellte ihr Mr. Toots vor, »denke doch, wenn du anders kannst, an den Arzt! Bist du aber außerstande, – nun, ’s ist von keinem Belang – aber gib dir doch Mühe.«

Seine Gattin, die nach ihrer alten Weise schnell wieder hergestellt war, bat ihn so flehentlich, er möchte sie unverweilt zu ihrem Herzchen, zu ihrer kleinen Gebieterin, zu ihrem Liebling und dergleichen bringen, daß Mr. Toots, dessen Teilnahme und Bewunderung von der kräftigsten Art waren, bereitwillig zusagte. Sie kamen miteinander überein, unverweilt aufzubrechen und dem Kapitän die Antwort auf seinen Brief in Person zu bringen.

Die geheime Sympathie der Dinge oder der Zufall hatte den Kapitän, zu dem Mr. und Mrs. Toots eben reisten, an jenem Tage in die blumige Schleppe einer Hochzeit gebracht – allerdings nicht als Hauptperson, sondern nur als Anhängsel. Dies war folgendermaßen zugegangen.

Nachdem der Kapitän bei einem kurzen Besuch bei Florence und ihrem Knaben sich Herzstärkung geholt und geraume Zeit mit Walter geplaudert hatte, machte er einen Spaziergang, weil er die Notwendigkeit fühlte, einsam über die Wechsel in menschlichen Angelegenheiten nachzudenken und mit tiefsinniger Miene den Glanzhut über den Fall des Mr. Dombey zu schütteln, an dem er in dem Edelmut und in der Einfachheit seines Herzens lebhaften Anteil nahm. Das Unglück des armen Gentleman würde in der Tat sehr verdüsternd auf ihn gewirkt haben, wenn ihm nicht stets der Knabe vor Augen geschwebt hätte, der einen so erfreulichen Eindruck auf ihn übte, daß er, während er durch die Straße ging, oft laut lachte und in der Tat mehr als einmal in einer plötzlichen Lustanwandlung zum Erstaunen aller Zuschauer den Glanzhut in die Luft warf und ihn wieder auffing. Der schnelle Wechsel von Licht und Schatten, dem diese beiden widerstreitenden Betrachtungsgegenstände den Kapitän aussetzten, setzte seinem Geist in einer Weise zu, daß er weit gehen mußte, um wieder Fassung zu gewinnen, und da in dem Einflusse harmonischer Ideenverknüpfungen so viel liegt, so wählte er für seinen Spaziergang die alte Gegend unter den Masten, Rudern, Zimmerleuten, Zwiebackbäckern, Kohlenträgern, Teerkesseln, Matrosen, Docks, Aufzugbrücken und andern beschwichtigenden Dingen.

Diese friedlichen Schauplätze und namentlich die Gegend um die Lehmgrube her wirkten so beruhigend auf den Kapitän, daß er in stiller Heiterkeit weiterging und in der Tat eben halblaut mit dem Lied von der lieblichen Peg sich unterhielt, als er bei einer Ecke plötzlich durch einen triumphierenden Zug festgebannt und sprachlos gemacht wurde.

Die erschreckende Prozession wurde von jenem entschlossenen Weibe, der Mrs. Mac Stinger, angeführt, die in ihrem Gesicht die Unerbittlichkeit ihres Willens ausdrückte und an ihrem ehernen Busen sehr augenfällig eine ungeheure Uhr samt Anhängseln trug, die der Kapitän sogleich als Bunsbys Eigentum erkannte, unter ihrem Arm keine geringere Person führte als jenen weisen Seemann selbst. Mit der zerstreuten, melancholischen Miene eines Gefangenen, der in ein fremdes Land gebracht werden soll, ließ sich Bunsby demütig fortschleppen und ergab sich ohnmächtig in ihren Willen. Hinter ihnen kam die jubelnde Gesamtzahl der jungen Mac Stingers, und dieser folgten zwei Damen von schrecklich gesetztem Aussehen, die ebenfalls jubelnd einen kleinen Gentleman mit einem hohen Hut zwischen sich führten. Im Kielwasser folgte Bunsbys Schiffsjunge, der Sonnenschirme trug. Der ganze Zug befand sich in guter Marschordnung, und der schreckliche Aufputz, der sich an der ganzen Gesellschaft bemerklich machte, würde, wenn dies auch nicht in den unerschütterlichen Gesichtern der Damen zu lesen gewesen wäre, hinreichend an den Tag gelegt haben, daß es sich hier um eine Opferprozession handelte, und daß Bunsby das Opfer war.

Des Kapitäns erster Gedanke war, Reißaus zu nehmen, und bei Bunsby schien es der gleiche Fall zu sein, so hoffnungslos auch jeder Versuch dazu ausgefallen sein dürfte. Von der Gesellschaft ging jedoch ein Schrei des Erkennens aus, und Alexander Mac Stinger lief mit offenen Armen auf den Kapitän zu, so daß letzterer seine Flagge strich.

»Ah, Kap’tn Cuttle!« sagte Mrs. Mac Stinger. »Dies ist in der Tat eine seltene Begegnung! Ich trage Euch keinen Groll mehr nach, Kap’tn Cuttle – Ihr braucht nicht zu fürchten, daß ich Euch wieder Vorwürfe machen will. Ich hoffe, daß ich mit einem andern Geiste vor den Altar trete.« Mrs. Mac Stinger hielt jetzt inne, warf den Kopf auf, erweiterte sich die Brust mit einem langen Atemzug und fügte mit Hindeutung auf das Opfer hinzu:

»Mein Mann, Kap’tn Cuttle.«

Der unglückliche Bunsby schaute weder nach rechts noch nach links, weder auf seine Braut noch auf seinen Freund, sondern gerade vor sich hin ins Leere. Der Kapitän streckte seine Hand aus und Bunsby tat das gleiche, obschon er auf den Gruß des Kapitäns kein Wort der Erwiderung fand.

»Kap’tn Cuttle«, sagte Mrs. Mac Stinger, »falls Ihr alte Feindschaft zum Heilen bringen und Euren Freund, meinen Gatten, zum letztenmal als ledige Person sehen wollt, so werden wir uns glücklich schätzen, wenn Ihr uns nach der Kapelle begleitet. Hier ist eine Dame«, fügte sie hinzu, sich gegen die Unerschrockenste von den beiden umwendend, »meine Brautführerin, die gern Euren Schutz annehmen wird, Kap’tn Cuttle.«

Der kleine Gentleman in dem hohen Hut, der dem Anschein nach der Gatte der andern Dame war und augenscheinlich über die Versetzung eines Nebenmenschen in eine der seinigen ähnliche Lage jubelte, trat jetzt zurück und überließ die erwähnte Unerschrockene dem Kapitän. Diese faßte sogleich ihren Mann, bemerkte, daß keine Zeit zu verlieren sei, und erteilte in kräftiger Stimme die Weisung, man solle nicht länger säumen.

Die Sorge um den Freund, in die sich anfangs auch einige Sorge um das eigene Ich mischte, – denn ein unbestimmter Schrecken bemächtigte sich des Kapitäns, man könnte ihn mit Gewalt heiraten wollen, bis er sich endlich im Hinblick auf das Ritual erinnerte, daß er persönlich sicher sei, solange er nur auf dem Entschluß bleibe, auf eine jede Frage des Geistlichen mit »Nein« zu antworten – preßte dem guten Mann den Schweiß auf die Stirne und versetzte ihn in eine Stimmung, so daß er geraume Zeit nicht wußte, wie die Prozession, zu der er nun auch selbst gehörte, vorwärts kam oder was seine schöne Begleiterin mit ihm sprach. Nachdem sich seine Aufregung einigermaßen gelegt hatte, erfuhr er von dieser Dame, daß sie die Witwe eines Mr. Bokum, eines vormaligen Zollbeamten, und die wärmste Freundin der Mrs. Mac Stinger sei, die sie für ein Muster ihres Geschlechts halte; sie habe oft von dem Kapitän gehört und hoffe nur, er werde sein vergangenes Leben bereut haben, wie sie der Überzeugung lebe, daß Mr. Bunsby den ihm zugegangenen Segen zu schätzen wisse, obschon sie fürchte, daß die Männer ihr Glück selten früher erkennen, bis sie es verloren haben – und was dergleichen mehr war.

Diese ganze Zeit über entging dem Kapitän nicht, daß Mrs. Bokum kein Auge von dem Bräutigam verwandte, und daß sie, so oft sie in die Nähe eines Hofes oder einer andern schmalen Straßenwendung kamen, die eine Flucht zu begünstigen schien, sorgfältig auf der Hut war, um bei einem versuchten Ausreißen ihn schnell wieder abzufangen. Die andere Dame, wie auch ihr Gatte, der kleine Gentleman mit dem hohen Hut, war infolge eines früher besprochenen Plans gleichfalls auf der Lauer, während Mrs. Mac Stinger den unglücklichen Mann so fest hielt, daß jede Bemühung, sich durch die Flucht zu retten, vergeblich wurde. Sogar der Straßenpöbel schien dies zu bemerken und drückte seine Ansicht durch Geschrei und Spottreden aus, gegen die sich übrigens die furchtbare Mac Stinger mit unwandelbarer Gleichgültigkeit benahm, während Bunsby selbst in einem Zustand von Bewußtlosigkeit sich weiter schleppen ließ.

Der Kapitän versuchte etliche Male, sich mit dem Philosophen, wenn auch nur durch eine einzige Silbe oder durch ein Signal in Rapport zu setzen, verfehlte aber stets seinen Zweck – einesteils infolge der Aufmerksamkeit der Wachen, und dann, weil es Bunsbys eigentümliche Konstitution zu allen Zeiten schwierig machte, seinen Geist durch irgendein äußeres sichtbares Zeichen zu fesseln. So näherten sie sich der Kapelle, einem hübschen, weiß getünchten Gebäude, letzter Zeit unter der Leitung des ehrwürdigen Melchisedek Heuler stehend, der sich auf sehr dringendes Bitten herabgelassen hatte, die Welt noch zwei Jahre bestehen zu lassen – eine Frist, nach der sie übrigens, wie er seine Jünger belehrte, notwendig untergehen mußte.

Während der ehrwürdige Melchisedek aus dem Stegreife einige Gebete sprach, fand der Kapitän Gelegenheit, dem Bräutigam ins Ohr zu brummen:

»Wie geht’s, mein Junge – wie geht’s?« Bunsby antwortete darauf mit einer Rücksichtslosigkeit gegen den ehrwürdigen Melchisedek, die durch nichts, als durch seine verzweifelten Umstände entschuldigt werden konnte:

»Verteufelt schlecht.«

»Jack Bunsby«, flüsterte der Kapitän, »tut Ihr dies hier aus eigenem freien Willen?«

»Nein«, antwortete Mr. Bunsby.

»Warum laßt Ihr’s dann nicht lieber bleiben, mein Junge?« lautete die nicht unnatürliche Frage des Kapitäns.

Bunsby, der noch immer mit unbeweglichem Gesicht in die Welt hinausschaute, gab keine Antwort.

»Warum schert Ihr nicht ab?« fragte der Kapitän.

»He?« flüsterte Bunsby mit einem vorübergehenden Hoffnungsstrahle.

»Schert ab«, sagte der Kapitän.

»Wozu nützt’s«, entgegnete der verkaufte Weise. »Sie würde mich wieder kapern.«

»Probiert’s!« versetzte der Kapitän. »Hellauf! Kommt! Noch ist’s Zeit. Schert ab, Jack Bunsby!«

Statt übrigens von diesem Rat Gebrauch zu machen, erwiderte Jack Bunsby in kläglichem Flüstern:

»Die ganze Geschichte hat mit jener Truhe von Euch angefangen. Warum mußte ich sie auch an jenem Abend in den Hafen geleiten?«

»Mein Junge«, stotterte der Kapitän, »ich meinte, Ihr wäret über sie, nicht sie über Euch gekommen. Ein Mann, der solche Ansichten hat, wie Ihr!«

Mr. Bunsby stieß bloß ein ersticktes Ächzen aus.

»Kommt!« sagte der Kapitän, ihn mit dem Ellbogen anstoßend, »noch ist’s Zeit! Schert ab! Ich will Euren Rückzug decken. Die Stunde drängt. Bunsby, es gilt die Freiheit. Wollt Ihr – zum ersten Mal?«

Bunsby blieb unbeweglich.

»Bunsby«, flüsterte der Kapitän, »wollt Ihr – zum zweiten Mal?« Bunsby wollte auch zum zweiten Mal nicht.

»Bunsby«, drängte der Kapitän, »es gilt die Freiheit! Wollt Ihr – zum dritten Mal? Jetzt oder nie!«

Bunsby wollte nicht und wollte nie, denn er wurde unmittelbar darauf mit Mrs. Mac Stinger zusammengegeben.

Eine der schrecklichsten Beigaben zu dieser Feierlichkeit war für den Kapitän die todbringende Teilnahme, die Juliane Mac Stinger dafür an den Tag legte, und die verhängnisvolle Spannung aller Geisteskräfte, womit dieses vielversprechende Kind – jetzt schon das treue Abbild ihrer Mutter – dem ganzen Verfahren zusah. Der Kapitän bemerkte darin eine endlose Reihenfolge von Männerfallen und halbe Jahrhunderte von Zwang und Bedrückung, die den armen Seefahrern in Aussicht standen. Dies war ein denkwürdigerer Anblick als die wandellose Festigkeit der Mrs. Bokum und der andern Dame, als der Jubel des kleinen Gentlemans in dem hohen Hut, oder sogar als die schnöde Unbeugsamkeit der Mrs. Mac Stinger. Die männlichen jungen Mac Stinger verstanden wenig von dem, was vorging, und kümmerten sich noch weniger darum, da sie während der Zeremonie hauptsächlich damit beschäftigt waren, einander auf die Halbstiefel zu treten, aber der Gegensatz, den diese unglücklichen Kleinen darboten, stach nur um so vorteilhafter gegen das frühreife Weib in Juliane ab. Noch ein Jährchen oder zwei, dachte der Kapitän, und wer mit diesem Kinde in einem Hause wohnt, ist dem Untergang verfallen.

Die Zeremonie schloß mit einem allgemeinen Hinaufspringen der jungen Familie an Mr. Bunsby, den das junge Volk jetzt mit dem zärtlichen Vaternamen begrüßte und um Halbpence anbettelte. Nachdem diese Liebesergüsse vorüber waren, wollte der Zug wieder aufbrechen, wurde aber noch eine Weile länger durch einen unerwarteten Jammererguß von seiten des Alexander Mac Stinger zurückgehalten. Dieses liebe Kind schien sich bei einer Kapelle, die mit Grabsteinen in Verbindung stand, nicht denken zu können, daß sie außer den gewöhnlichen gottesdienstlichen Verrichtungen und den Beerdigungen auch noch andere Zwecke habe, und war der festen Überzeugung, man werde jetzt seine Mutter mit allem Anstand begraben und sie sei für ihn auf immer verloren. In seiner Angst schrie er mit erstaunlicher Gewalt, bis er ganz schwarz im Gesicht wurde. Wie rührend übrigens solche Zeichen zärtlicher Anhänglichkeit für die Mutter sein mochten, lag es doch nicht in dem Charakter dieses merkwürdigen Weibes, ihre Anerkennung derselben in Schwäche ausarten zu lassen. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihn durch Rütteln, Rippenstöße und Anschreien zur Vernunft zu bringen, führte sie ihn ins Freie hinaus und versuchte ein anderes Mittel, das sich der Hochzeitsgesellschaft durch eine rasche Reihenfolge scharfer Töne, wie wenn jemand Beifall klatschte, und unmittelbar darauf durch den Umstand kundgab, daß Alexander sehr erhitzt und laut wehklagend in Berührung mit dem kühlsten Pflasterstein des Hofes dasaß.

Die Prozession, die sich nun wieder bilden und nach Brig-Place begeben konnte, wo ein Hochzeitsmahl bereit stand, kehrte zurück, wie sie gekommen war, bei welcher Gelegenheit der Straßenpöbel Mr. Bunsby manchen humoristischen Glückwunsch zu seinem neu erlangten Segen zurief. Der Kapitän ging bis zur Haustür mit, wo er sich unter dem Vorwand einer Bestellung und mit der Zusage, sogleich wieder zurückzukommen, von dem Zug und von dem Gefangenen verabschiedete, da ihn das zärtlichere Benehmen der Mrs, Bokum, die ihrer früheren Pflicht der Wachsamkeit nach der glücklichen Verheiratung des Bräutigams entbunden war und jetzt Muße hatte, selbst die Angenehme zu spielen, sehr beunruhigt hatte. Es war auch ein anderer Anlaß der Sorge für ihn vorhanden, denn er mußte sich den Vorwurf machen, daß er, freilich ohne es zu beabsichtigen, durch sein unbegrenztes Vertrauen in den hohen Geist des weisen Bunsby das erste Mittel zu dessen Verstrickung gewesen war.

Es lag nicht in der Absicht des Kapitäns, jetzt zu dem alten Sol Gills im hölzernen Midshipman zurückzukehren, ohne zuvor einen Umweg zu machen und zu fragen, wie es Mr. Dombey gehe, obschon das Haus, in dem sich derselbe befand, außerhalb Londons und am Saume einer frischen Heide stand. Er fuhr daher, wenn er müde wurde, eine Strecke weit und kam in solcher Weise wohlgemut an seinem Bestimmungsort an.

Die Laden waren niedergelassen und das Haus so ruhig, daß der Kapitän sich fast fürchtete, zu klopfen; als er aber an der Tür lauschte, vernahm er drinnen ganz in der Nähe gedämpfte Stimmen, weshalb er leise pochte und von Mr. Toots eingelassen wurde. Letzterer war eben mit seiner Frau angelangt und hatte den Kapitän in dem Midshipman aufgesucht, wo man ihm übrigens nur sagen konnte, wo er zu finden sein dürfte.

Sie waren kaum ins Haus getreten, als Mrs. Toots bereits das Bübchen irgend jemand abgejagt, es in ihre Arme genommen und damit auf der Treppe Platz gefunden hatte, wo sie es küßte und streichelte. Florence stand niedergebeugt an ihrer Seite, und man hätte nicht wohl sagen können, wen Mrs. Toots mit mehr Innigkeit herzte und umarmte, die Mutter oder das Kind; oder wer am eifrigsten seine Zärtlichkeit kundgab – Florence für Mrs. Toots, Mrs. Toots für Florence, oder beide für den Knaben. Mit einem Worte, es war eine kleine Gruppe von Liebe und Aufregung.

»Und ist Euer Papa sehr krank, meine liebe, herzige Miß Floy?« fragte Susanna.

»Er ist sehr leidend«, versetzte Florence. »Aber liebe Susanna, du darfst jetzt nicht mehr mit mir sprechen, wie du sonst tatest. Und was ist das?« fügte sie hinzu, erstaunt Susannas Kleider befühlend. »Dein alter Anzug, meine Liebe? Dein altes Häubchen, die Locken und alles ganz so wie früher?«

Susanna brach in Tränen aus und drückte viele Küsse auf die kleine Hand, von der sie so verwundert berührt worden war.

»Meine teure Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, der jetzt vortrat, »ich will alles aufklären. Sie ist ein ganz außerordentliches Frauenzimmer und hat nicht viele ihresgleichen! Sie sagte stets – sagte so vor unserer Verheiratung, bis auf den heutigen Tag – wenn Ihr nach Hause kämet, wolle sie in keinem andern Anzug vor Euch erscheinen, als in dem, in welchem sie Euch zu dienen pflegte, denn sie fürchtete, sie möchte Euch fremd vorkommen und Ihr könntet sie weniger lieben. Diese Kleidung gefällt auch mir vor allen andern«, fügte er hinzu. »Ich bete sie darin an! Meine teure Miß Dombey, sie will wieder Euer Mädchen, Eure Wärterin, kurz alles sein, was sie je war, und noch mehr. In ihr ist keine Veränderung vorgegangen. Aber liebe Susanna«, sagte Mr. Toots, der mit viel Empfindsamkeit und hoher Bewunderung gesprochen hatte, »vergiß mir ja nicht den Doktor und laß dich nicht allzusehr aufregen!«

Einundsechzigstes Kapitel.


Einundsechzigstes Kapitel.

Erlösung

Florence bedurfte des Beistandes, und der leidende Zustand ihres Vaters machte ihr die Unterstützung ihrer alten Freundin sehr wertvoll. Mr. Dombey stand am Rande des Grabes. Schon hatte ein Schatten dessen, was er gewesen, seinen Geist erschüttert, und da er auch körperlich gefährlich erkrankt war, so legte er sein müdes Haupt auf das Bett nieder, das ihm die Hände seiner Tochter bereitet hatten, um es fortan nie wieder stolz aufzurichten.

Sie war stets um ihn. Er kannte sie in der Regel, obschon er in seinen Delirien oft die Umstände verwirrte, unter denen er mit ihr sprach. So konnte er sie bisweilen anreden, als ob sein Knabe erst kürzlich gestorben sei, und dabei bemerken: wenn er gleich nichts gesagt habe, als sie an dem kleinen Bett wartete, habe er es doch gesehen – er habe es gesehen; und dann verbarg er schluchzend sein Gesicht und streckte die abgezehrte Hand aus. Bisweilen fragte er sie nach ihr selbst. »Wo ist Florence?« – »Hier, Papa; ich bin hier.« – »Ich kenne sie nicht!« konnte er entgegnen. »Wir sind so lange getrennt gewesen, daß ich sie nicht kenne!« Und dann bemächtigte sich seiner ein Gefühl des Schreckens, das nur mit Not ihrem beschwichtigenden Zureden wich, und sie freute sich in solchen Augenblicken, wenn die Tränen wiederkehrten, die sie in andern Zeiten so eifrig zu trocknen bemüht war.

Er beschäftigte sich fast ohne Unterlaß mit den Szenen der Vergangenheit, und während solcher Träume verlor er die zuhörende Florence bisweilen stundenlang aus dem Gesicht. So wiederholte er oft die Frage seines kleinen Sohnes: »Was ist Geld?« brütete darüber, machte sich mehr oder weniger zusammenhängende Vorstellungen und forschte nach einer passenden Antwort, als werde ihm die Frage in diesem Augenblick zum ersten Male vorgelegt. Dann sprach er viele tausendmal den Titel seiner alten Firma vor sich hin und drehte bei jeder Wiederholung unruhig den Kopf auf seinem Pfühl. Auch pflegte er seine Kinder zu zählen! Eins – zwei – dann machte er halt, ging wieder zurück und fing von vorne an.

So ging es übrigens nur, als sein Geist in seinem verwirrten Zustande war. In allen andern Phasen seiner Krankheit, namentlich in den Perioden der Klarheit, waren seine Gedanken stets Florence zugekehrt. Am häufigsten rief er sich jene Nacht ins Gedächtnis, deren er sich so kürzlich erinnert hatte – der Nacht, an der sie zu ihm ins Zimmer kam; es war ihm dann, als wolle ihm das Herz brechen, und als gehe er ihr die Treppe hinauf nach, um sie zu suchen. Dann verwechselte er die Zeit mit den späteren Tagen der vielen Fußstapfen; er war erstaunt über ihre Zahl und fing an, sie zu zählen, während er zugleich stets nach der Tochter forschte. Plötzlich sah er eine blutige Fußspur unter den andern durchlaufen, und dann taten sich in Zwischenräumen die Türen auf, durch die er in Spiegeln gewisse schreckliche Bilder von hageren Männern sah, die etwas in der Brust verbargen. Unter den vielen Fußstapfen und den Blutspuren zeigte sich jedoch ohne Unterlaß Florences Tritt. Sie ging immer vor ihm her. Der unruhige Geist folgte ihr unter Zählen immer weiter, höher hinauf bis zu dem Gipfel eines gewaltigen Turms, so daß Jahre nötig waren, ihn zu erklettern.

Eines Tages fragte er, ob er nicht vor einer geraumen Weile Susanna habe sprechen hören.

Florence antwortete mit Ja und fragte ihn, ob er sie zu sehen wünsche.

Auf seine Zustimmung erschien Susanna nicht ohne Zittern an seinem Bett.

Er schien eine große Erleichterung darin zu finden und bat sie, daß sie doch nicht gehen solle, als wolle er damit andeuten, er verzeihe ihr, was sie gesprochen, und wünsche nicht, daß sie ihren Dienst verlasse. Florence und er seien jetzt ganz anders und leben glücklich miteinander, sagte er. Man solle es nur sehen! Er machte dabei eine Gebärde, als ziehe er Florences Kopf zu sich aufs Kissen nieder und legte ihn an seine Seite.

So blieb er Tage und Wochen lang, bis er – bloß noch der Schatten von einem Mann und so leise sprechend, daß man ihn nur verstehen konnte, wenn man das Ohr fast an seine Lippen hielt – endlich ruhiger wurde. Es war ihm jetzt angenehm, bei offenem Fenster dazuliegen und nach dem Sommerhimmel und den Bäumen, abends aber nach der untergehenden Sonne hinauszuschauen. Dabei achtete er auf die Schatten der Wolken und Blätter, und es war natürlich, daß er dafür eine Teilnahme empfand, da Leben und Welt für ihn nichts anderes mehr war als ein Schatten.

Er begann jetzt zu zeigen, daß er einen Sinn für Florences Anstrengungen hatte, denn wenn er ihre Schwäche bemerkte, flüsterte er ihr oft zu: »Mach‘ einen Spaziergang in der frischen Luft, meine Liebe. Geh‘ zu deinem guten Gatten!« Einmal, als Walter im Zimmer war, winkte er ihn heran und zu sich nieder; dann drückte er ihm die Hand und flüsterte ihm die Versicherung zu, er wisse, daß sein Kind bei ihm geborgen sei, wenn er einmal im Grabe ruhe.

Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Florence und Walter beisammen in seinem Zimmer saßen, wie er es so gern hatte, begann Florence, die ihren Knaben in den Armen hatte, dem kleinen Knirps mit gedämpfter Stimme etwas vorzusingen. Es war die alte Weise, die sie oft dem sterbenden Bruder gesungen. Er konnte es nicht ertragen und streckte seine zitternde Hand aus, indem er sie bat, innezuhalten; aber am nächsten Tag forderte er sie auf, das Lied wieder zu singen und es jeden Abend zu wiederholen. Sie tat es, und er hörte mit abgewandtem Gesichte zu.

Einmal saß Florence an seinem Fenster. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen vor sich, und neben ihr befand sich die alte Dienerin, die ihr noch immer treulich Gesellschaft leistete. Er lag im Schlummer da. Der Abend war schön, und man hatte noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang. Die Ruhe und Stille machte Florence gedankenvoll, und sie vertiefte sich in die Vergegenwärtigung des Augenblicks, als die so veränderte Gestalt auf dem Bett ihr zum erstenmal die schöne Mama vorgestellt hatte. Eine Berührung Walters, der über die Lehne des Stuhles sich niederbeugte, weckte sie rasch aus ihren Träumen.

»Meine Liebe«, sagte Walter, »es ist jemand unten, der dich zu sprechen wünscht.«

Walter kam ihr so ernst vor, daß sie ihn fragte, ob etwas vorgefallen sei.

»Nein, nein, meine Liebe!« versetzte Walter. »Ich habe den Gentleman selbst gesehen und mit ihm gesprochen. Es ist nichts vorgefallen. Willst du kommen?«

Florence legte ihren Arm in den seinen, vertraute ihren Vater der schwarzäugigen Mrs. Toots, die so emsig an ihrer Arbeit saß, wie es einem schwarzäugigen Frauenzimmer nur möglich war, und begleitete ihren Gatten die Treppe hinunter. In dem hübschen Wohnstübchen, das in den Garten hinausging, saß ein Gentleman, der bei ihrem Eintritt sich erhob, um ihr entgegenzugehen, aber infolge der Eigentümlichkeit seiner Beine seitab kam, bis ihm der Tisch Halt gebot.

Florence erinnerte sich nun des Vetters Feenix, da sie ihn anfänglich im Schatten der Blätter nicht erkannt hatte. Vetter Feenix reichte ihr die Hand und wünschte ihr Glück zu ihrer ehelichen Verbindung.

»Natürlich wäre es mir lieb gewesen«, sagte Vetter Feenix, der wieder Platz nahm, sobald Florence sich niedergelassen hatte, »wenn ich früher Gelegenheit gefunden hätte, meinen Glückwunsch darzubringen; aber es sind in der Tat so viele schmerzliche Vorfälle eingetreten – Vorfälle, die sich sozusagen auf der Ferse folgten –, daß ich mich selbst in einem ganz verteufelten Zustand befand und somit durchaus in keine Gesellschaft paßte. Die einzige Gesellschaft, mit der ich mich umgab, war meine eigene, und es ist gewiß nichts weniger als schmeichelhaft für die Meinung, die jemand von seinen Hilfsquellen hat, wenn man sich sagen muß, man besitze die Eigenschaft, sich bis in alle Ewigkeit zu langweilen.«

Aus einer gewissen Befangenheit in dem Benehmen des Gentleman – das stets das eines Gentleman war, ungeachtet der harmlosen kleinen Exzentrizitäten, die sich daran hefteten – wie auch aus Walters Haltung zog Florence den Schluß, daß Vetter Feenix nicht bloß um des erwähnten Glückwunsches willen hergekommen war.

»Ich bemerkte bereits meinem Freund Mr. Gay, wenn er mir die Ehre gestattet, ihn so zu nennen«, sagte Vetter Feenix, »wie erfreut ich bin, daß es mit meinem Freund Dombey entschieden der Besserung zugeht. Ich hoffe, mein Freund Dombey wird sich einen bloßen Verlust von zeitlichen Gütern nicht allzusehr zu Herzen nehmen. Ich kann nicht sagen, daß ich je selbst einen besonders großen Vermögensverlust erlitten hätte, da ich in der Tat nie viel zu verlieren hatte. Aber so viel da war, habe ich wirklich verloren, und ich finde nicht, daß ich mich besonders darum kümmerte. Ich kenne meinen Freund Dombey als einen verteufelt ehrenhaften Mann, und es dürfte wohl meinem Freund Dombey sehr tröstlich werden, wenn er erfährt, daß dies die allgemeine Ansicht ist. Sogar Tommy Screw – ein sehr gallsüchtiger Mann, mit dem mein Freund Gay wahrscheinlich bekannt ist – kann diese Tatsache mit keiner Silbe in Abrede stellen.«

Florence fühlte mehr als je, daß noch etwas im Hinterhalt war, und sah demselben ernst entgegen – so ernst, daß Vetter Feenix antwortete, als habe sie offen die Frage gestellt.

»Die Sache verhält sich so,« sagte Feenix, »daß ich mich mit meinem Freund Gay besprach, ob es wohl angehe, Euch um eine Gunst zu bitten. Da ich nun die Zustimmung meines Freundes Gay habe – er kam mir dabei in einer ungemein freundlichen und offenen Weise entgegen, wofür ich ihm sehr zu Danke verpflichtet bin – so erlaube ich mir, mich auszusprechen. Ich fühle, eine so liebenswürdige Dame, wie die liebliche und begabte Tochter meines Freundes Dombey ist, wird nicht viel des Zuredens brauchen; gleichwohl freue ich mich der Überzeugung, daß ich durch den Einfluß und die Zustimmung meines Freundes Gay unterstützt werde. In den Tagen meiner parlamentarischen Wirksamkeit, wenn einer irgendeinen Antrag zu stellen hatte – es kam damals freilich selten vor, denn wir wurden sehr scharf im Zügel gehalten, und die Führer auf beiden Seiten waren eigentliche Tyrannen, ein verteufelt guter Umstand für einen in Reih und Glied stehenden Mann, wie ich, da wir dadurch verhindert wurden, uns jeden Augenblick bloßzustellen, wie so viele unter uns gewaltig Lust hatten –, ich wollte sagen, wenn in der Zeit meiner parlamentarischen Wirksamkeit einer einen kleinen Privat-Sackpuffer loslassen wollte, hielt er stets große Stücke darauf, zu versichern, er habe das Glück, zu glauben, daß seine Gefühle nicht ohne Echo seien in der Brust des Mr. Pitt, dieses Lotsen, der in Wahrheit den Sturm umluvt habe. Es rief ihm dann eine verteufelt große Anzahl von Mitgliedern augenblicklich Beifall zu, so daß sein Mut gekräftigt wurde. Diese Mitglieder hatten die Weisung, stets Bravo zu rufen, so oft Mr. Pitts Name erwähnt wurde, und dieser Name war das Schlagwort, das sie jedesmal weckte. In anderer Art waren sie bei allen Vorgängen so unschuldig, daß der Konversations-Brown – Vier-Flaschenmann bei der Schatzkammer, mit dem der Vater meines Freundes Gay vermutlich bekannt war, da er vor der Zeit meines Freundes Gay lebte – zu sagen pflegte, wenn einer sich von seinem Platze erhebe und sein Bedauern ausdrückte, dem Hause mitteilen zu müssen, daß in der Vorhalle ein ehrenwertes Mitglied im Stadium der letzten Zuckungen liege, und daß der Name dieses ehrenwerten Mitglieds Pitt sei, so würde der Beifallssturm ebenso laut sein.«

Dieses Hinausschieben des eigentlichen Punktes brachte Florence in Verwirrung, und sie blickte mit steigender Aufregung von Vetter Feenix auf Walter. »Meine Liebe«, sagte Walter, »es ist nichts vorgefallen.«

»Nein, auf Ehre, es ist nichts vorgefallen,« fuhr Vetter Feenix fort. »Es tut mir ungemein leid, Veranlassung gewesen zu sein, daß Ihr Euch nur einen Augenblick beunruhigtet. Nehmt die Versicherung, daß nichts vorgefallen ist. Die Gunst, um die ich bitten möchte, besteht einfach darin – doch sie scheint in der Tat so ungewöhnlich zu sein, daß ich meinem Freund Gay im höchsten Grad verbunden wäre, wenn er die Güte haben wollte – mit einem Worte, das Eis zu brechen.«

Der so aufgeforderte Walter, an den jetzt auch Florences Blicke appellierten, ergriff folgendermaßen das Wort:

»Meine Liebe, es handelt sich einfach darum, daß du diesen Gentleman, der dir bekannt ist, nach London begleiten möchtest.«

»Ich bitte um Verzeihung, und auch meinen Freund Gay«, unterbrach ihn Vetter Feenix.

»Er wünscht, daß du mit mir irgendwo einen Besuch machst.«

»Bei wem?« fragte Florence, bald den einen, bald den andern ansehend.

»Wenn ich bitten dürfte«, versetzte Vetter Feenix, »daß Ihr nicht auf einer Beantwortung dieser Frage besteht, so würde ich mir die Freiheit nehmen, dieses Ansinnen zu stellen.«

»Bist du davon unterrichtet, Walter?« fragte Florence.

»Ja.«

»Und hältst du es für recht?«

»Ja. Nur weil ich überzeugt bin, daß du es auch für recht halten würdest. Allerdings dürften, wie ich recht wohl begreife, Gründe vorhanden sein, die es besser erscheinen lassen, wenn vorderhand nicht mehr darüber gesprochen wird.«

»Wenn Papa noch schläft, oder im Falle er wach ist, mich entbehren kann, so will ich sogleich gehen«, sagte Florence.

Sie stand gelassen auf, warf den beiden einen etwas beunruhigten, aber vollkommen vertrauenden Blick zu und verließ das Zimmer.

Als sie wieder zurückkam, um mit ihnen aufzubrechen, besprachen sie sich ernst miteinander im Fenster, und Florence war natürlich neugierig auf einen Gegenstand, der die beiden in kurzer Frist so gut miteinander bekannt gemacht hatte. Weniger verwundert war sie über den Blick voll Stolz und Liebe, mit dem ihr Gatte bei ihrem Eintritt abbrach, denn sie sah denselben nie anders.

»Ich will für meinen Freund Dombey eine Karte zurücklassen«, sagte Vetter Feenix, »und hoffe aufrichtig, daß jede kommende Stunde ihm Kraft und Gesundheit geben wird. Mein Freund Dombey ist vielleicht so gütig, mich für einen Mann anzusehen, der eine verteufelt warme Bewunderung vor seinem Charakter als britischer Kaufmann und als ein verteufelt ehrenhafter Gentleman hegt. Mein Landsitz ist zwar in einem verwünscht baufälligen Zustand; aber wenn mein Freund Dombey einer Luftveränderung benötigt wäre und dort sein Quartier aufschlagen wollte, so würde er einen merkwürdig gesunden Platz finden – natürlich da es dort erstaunlich langweilig ist. Leidet mein Freund Dombey an körperlicher Schwäche und wollte er mir erlauben, ihm zu empfehlen, was mir selbst als einem Mann, dem es zuzeiten außerordentlich schlecht war, da er in den Tagen eines freien Lebens ziemlich frei lebte, treffliche Dienste geleistet hat, so würde ich ihm ein Eigelb anraten, das mit Zucker und Muskatnuß geklopft, mit einem Glas Xeres gemischt und morgens mit einer Röstschnitte genossen wird. Jackson, der die Vorzimmer in Bondstreet hielt – Mann von sehr überlegenen Eigenschaften, dessen Ruf meinem Freund Gay ohne Zweifel bekannt ist, bemerkte zu sagen, daß diejenigen, die sich für den Wahlplatz ausbildeten, statt des Xeres Rum nehmen. Im gegenwärtigen Fall möchte ich aber Xeres empfehlen, weil sich mein Freund Dombey in einem geschwächten Zustand befindet. Der Rum könnte ihm in der Tat zu Kopf steigen und ihn in eine verteufelte Lage versetzen.«

Dieses medizinischen Rats entledigte sich Vetter Feenix augenscheinlich mit sehr verwirrter Miene. Er reichte sodann Florence seinen Arm, tat seinen eigensinnigen Beinen, die mit Gewalt in den Garten hinaus zu wollen schienen, allen möglichen Zwang an, führte sie zur Tür und half ihr in den bereitstehenden Wagen.

Walter stieg nach ihm ein, und sie fuhren ab.

Der Weg mochte wohl ein paar Stunden betragen. Es war bereits dunkel, als sie durch gewisse düstere, vornehme Straßen im westlichen Teile von London fuhren. Florence hatte Walters Hand gefaßt, und ihre Aufregung steigerte sich, so oft sie in irgendeine neue Straße einbogen.

Als der Wagen endlich vor dem Hause in Brook-Street, wo ihr Vater seine unglückliche Hochzeit gefeiert hatte, haltmachte, sagte Florence:

»Walter, was soll das? Wer ist hier?«

Während ihr Walter Mut zusprach, ohne sich auf eine weitere Erwiderung einzulassen, blickte sie an der Vorderseite des Hauses hinauf und bemerkte, daß alle Fenster geschlossen waren, als sei das Gebäude unbewohnt. Vetter Feenix war inzwischen ausgestiegen und reichte ihr seine Hand.

»Kommst du nicht, Walter?« fragte sie.

»Nein, ich will hier bleiben. Du brauchst nicht zu zittern. Es ist nichts zu fürchten, teuerste Florence.«

»Ich weiß das wohl, Walter, da du mir so nahe bist. Wenn ich aber auch davon überzeugt bin, so – –«

Die Tür ging, ohne daß gepocht wurde, leise auf, und Vetter Feenix führte sie aus der Sommerabendluft in das dumpfe, düstere Haus. Brauner als je schien es von dem Hochzeitstage an verschlossen geblieben zu sein; es sah aus, als habe es seitdem Trauer und Düster zusammengespart.

Florence stieg zitternd die dunklen Treppen hinan und machte mit ihrem Führer an der Tür des Besuchszimmers halt. Er öffnete, ohne zu sprechen, und deutete durch ein Zeichen die Bitte an, sie möchte in das innere Zimmer treten, während er hier zurückbleibe. Nach einem kurzen Zögern entsprach Florence der Aufforderung.

Neben dem Fenster an einem Tisch saß eine Dame, die geschrieben oder gezeichnet hatte. Ihr Kopf war dem hinsterbenden Licht zugekehrt und ruhte auf der Hand. Florence trat zweifelnd näher, blieb aber mit einem Male stehen, als habe sie alle Kraft der Bewegung verloren. Die Dame hatte den Kopf umgewandt.

»Gütiger Himmel!« sagte sie. »Was ist dies?«

»Nein, nein!« rief Florence, die, als die Dame sich erhob, einige Schritte zurückwich und ihre Hände ausstreckte, um sie abzuhalten. »Mama!«

Sie blieben stehen und sahen sich an. Stolz und Leidenschaft hatten ihre verheerenden Spuren in Ediths Gesicht zurückgelassen, aber noch immer war es schön und stattlich, während in Florences Antlitz trotz des Schreckens, in dem sie die andere zu vermeiden suchte, Mitleid, Kummer und dankbare Rückerinnerung ausgedrückt waren. Auf jedem Gesicht war Erstaunen und Furcht deutlich zu lesen – jedes so still und stumm, während sie sich gegenseitig über der schwarzen Kluft einer unwiderruflichen Vergangenheit ansahen.

Bei Florence ging zuerst eine Veränderung vor. Sie brach in Tränen aus und rief aus der Fülle ihres Herzens:

»O Mama, Mama, warum müssen wir uns so wiedersehen! Ihr wart sonst so freundlich gegen mich, als ich niemand anders hatte. Warum müssen wir uns so wieder finden!«

Edith stand stumm und regungslos vor ihr. Ihre Augen hafteten auf ihrem Gesicht.

»Ich wage nicht daran zu denken«, sagte Florence. »Ich komme von Papas Krankenbett. Wir sind jetzt stets beisammen und werden uns nie mehr trennen. Wenn Ihr wünscht, daß ich für Euch seine Verzeihung erbitte, so will ich es tun, Mama. Ich bin fest überzeugt, daß er sie erteilen wird, wenn ich ihn darum angehe. Möge auch der Himmel Euch verzeihen und Euch trösten.«

Sie antwortete mit keiner Silbe.

»Walter – ich bin mit ihm verheiratet, und wir haben einen Sohn«, sagte Florence schüchtern, »ist unten an der Tür und hat mich hergebracht. Ich will ihm mitteilen, daß Ihr reuig, daß Ihr verändert seid,« fügte sie mit einem Blick der Wehmut hinzu. »Ich weiß, er wird mit mir dem Papa zusprechen. Kann ich außerdem noch etwas für Euch tun?«

Edith unterbrach ihr Schweigen, ohne ein Auge und ein Glied zu bewegen, und erwiderte langsam:

»Der Flecken auf Eurem Namen, auf dem Eures Gatten und Eures Kindes – kann er je vergeben werden, Florence?«

»Ob er’s kann, Mama? Er ist vergeben! Offen und unverhohlen von Walter und von mir. Wenn Euch dies Trost bereiten kann, so mögt Ihr mit Sicherheit darauf bauen. Ihr sprecht – Ihr sprecht –« stotterte Florence – »nicht von Papa; aber zuverlässig wünscht Ihr, daß ich ihn in Eurem Namen um Verzeihung bitte.«

Sie antwortete mit keiner Silbe.

»Ich will es tun«, fuhr Florence fort. »Ich will Euch seine Vergebung bringen, wenn Ihr mir’s gestattet; und dann können wir uns wieder so Lebewohl sagen, wie in alten Zeiten. Ich bin«, fügte sie in sanftem Tone hinzu, während sie näher herantrat – »ich bin nicht vor Euch zurückgewichen, Mama, weil ich Euch fürchte oder weil ich durch Euch beschimpft zu werden glaube. Ich wünsche nur gegen Papa meine Pflicht zu erfüllen. Ich bin ihm sehr teuer und liebe ihn aus ganzer Seele. Gleichwohl kann ich nie vergessen, wie gütig Ihr gegen mich wart. O, betet zum Himmel«, rief Florence, indem sie an ihre Brust sank, »betet zum Himmel, Mama, er möge Euch die Sünde und Schande vergeben – er möge, falls es unrecht ist, auch mir verzeihen, daß ich so handeln muß, wenn ich denke, was Ihr sonst wart.«

Edith sank, als bräche sie unter Florences Berührung zusammen, auf ihre Knie nieder und umschlang ihren Nacken.

»Florence!« rief sie. – »Mein besserer Engel! Ehe ich wieder wahnsinnig werde – ehe mein Starrsinn zurückkehrt und meine Zunge bindet, glaube mir, – bei meiner Seele, ich bin unschuldig!«

»Mama!«

»Schuldig in vielem, schuldig in dem, was für immer eine Öde zwischen uns wirft. Schuldig in dem, was mich für den ganzen Rest meines Lebens trennen muß von Reinheit und Unschuld – vor allem auf Erden von dir; schuldig einer blinden, leidenschaftlichen Rachsucht, die ich selbst jetzt nicht bereuen kann oder will; aber nicht schuldig mit jenem toten Manne. Gott ist mein Zeuge!«

Sie tat diesen Schwur mit erhobenen beiden Händen und auf ihren Knien liegend.

»Florence!« sagte sie, »reinstes und bestes Wesen – das ich liebe – das mich längst hätte umwandeln können und eine Zeitlang sogar in dem Weibe, das ich bin, einen Wechsel hervorbrachte – glaube mir, hierin bin ich unschuldig. Laß mich noch einmal dein teures Haupt an mein verödetes Herz drücken – zum letztenmal!«

Sie weinte in tiefer Ergriffenheit. Wäre sie in früherer Zeit öfter so gewesen, so hätte sie jetzt glücklicher sein können.

»In der ganzen Welt gibt es nichts anderes«, sagte sie, »was mir diese Verneinung hätte entringen können. Weder Liebe noch Haß, weder Hoffnung noch Drohung. Ich erklärte, daß ich sterben wollte, ohne es durch ein Zeichen anzudeuten. Ich hätte Wort halten können, würde Wort gehalten haben, wenn wir uns nicht wiedergesehen hätten, Florence.«

»Ich hoffe«, sagte Vetter Feenix, der zur Tür hereinkam und halb im Zimmer, halb draußen zu sprechen anfing, »daß meine liebliche und begabte Verwandte mich entschuldigen wird, wenn ich durch eine kleine Kriegslist diese Begegnung herbeiführte. Ich kann nicht sagen, daß ich anfänglich ganz ungläubig war in betreff der Möglichkeit, meine liebliche und begabte Verwandte könnte sich unglücklicherweise in Beziehung auf den verstorbenen Mann mit den weißen Zähnen eine Blöße gegeben haben; denn in der Tat, man sieht in dieser Welt, die sich durch seltsame Verkettungen auszeichnet und Dinge erleben läßt, die man völlig unbegreiflich findet – gar sonderbare Konjunktionen solcher Art. Aber wie ich meinem Freund Dombey erklärte, ich konnte die Schuld meiner lieblichen und begabten Verwandten nicht zugestehen, bis sie vollkommen bewiesen wäre. Als nun der verstorbene Mann in einer so verteufelt schrecklichen Weise zugrunde ging, dachte ich mir, ihre Lage müsse sehr peinlich sein, und da ich außerdem fühlte, unsere Familie habe sich einiges vorzuwerfen, weil wir ihr nicht mehr Aufmerksamkeit schenkten und überhaupt eine unbekümmerte Familie sind – ferner, weil meine Tante, obschon eine verteufelt lebhafte Frau, doch vielleicht nicht unter die besten Mütter gehörte – so nahm ich mir die Freiheit, sie in Frankreich aufzusuchen und ihr den Schutz anzubieten, den ein Mann von ziemlich beschränkten Mitteln gewähren kann. Bei dieser Gelegenheit erwies mir meine liebliche und begabte Verwandte die Ehre, mir zu erklären, daß sie mich in meiner Art für einen verteufelt guten Burschen halte und deshalb von meinem Schutz Gebrauch machen wolle. Es war dies in der Tat sehr freundlich von meiner lieblichen und begabten Verwandten, da ich nachgerade ungemein unbeholfen werde und ihrer häuslichen Sorgfalt viel Bequemlichkeit verdanke.«

Edith, die Florence auf das Sofa zu sich niedergezogen hatte, winkte ihm mit der Hand, als bitte sie ihn, nicht weiterzusprechen.

»Meine liebliche und begabte Verwandte wird mich entschuldigen«, nahm Vetter Feenix wieder auf, während er noch immer an der Tür umherschwankte, »wenn ich zu ihrer und meiner eigenen Befriedigung, wie auch zur Befriedigung meines Freundes Dombey, dessen liebliche und begabte Tochter wir so sehr bewundern, den Faden meiner Bemerkungen vollends abwickle. Sie wird sich erinnern, daß von Anfang an nie eine Hindeutung auf ihre Entführung zwischen uns stattfand. Ich habe allerdings immer unter dem Eindruck gelebt, daß in der Sache ein Geheimnis liege, das sie erklären könne, wenn sie dazu geneigt sei; da aber meine liebliche und begabte Verwandte eine verteufelt entschlossene Frau ist, so wußte ich in der Tat wohl, daß sie nicht mit sich spielen läßt, und ich enthielt mich daher jeder Erörterung. In letzter Zeit nun bemerkte ich, daß ihre zugänglichste Seite eine sehr lebhafte Zärtlichkeit für die Tochter meines Freundes Dombey sei, und da fiel mir ein, wenn ich, beiderseits unerwartet, eine Zusammenkunft zusammenbringen könnte, so dürfte dies wohltätige Folgen nach sich ziehen. Wir sind noch in unserer Abgeschiedenheit in London, ehe wir nach dem südlichen Italien ziehen, um uns dort niederzulassen, bis wir in die lange Heimat eingehen (eine verteufelt unangenehme Betrachtung), und ich schickte mich deshalb an, den Aufenthalt meines Freundes Gay – schöner Mann von ungemein offenem Charakter, der wahrscheinlich meiner lieben und begabten Verwandten bekannt ist – zu entdecken, und hatte das Glück, seine liebenswürdige Gattin hierherzubringen. Und nun«, fügte Vetter Feenix mit einem wahren und echten Ernste hinzu, der durch die Leichtigkeit seines Wesens und seine geschraubte Sprache durchblickte, »beschwöre ich meine Verwandte, nicht auf halbem Wege stehenzubleiben, sondern, soweit es ihr möglich ist, das begangene Unrecht wieder gutzumachen – nicht im Interesse der Ehre ihrer Familie, ihres Rufs oder sonstiger Rücksichten, die sie infolge unglücklicher Verkettungen für hohl und abgeschmackt anzusehen gelernt hat– sondern weil es Unrecht ist und vor dem Rechte nicht bestehen kann.«

Die Beine des Vetters Feenix willigten nun ein, ihn abzuführen. Er ließ die beiden allein und schloß die Tür.

Edith blieb einige Minuten stumm, während Florence dicht an ihrer Seite stand. Dann nahm sie ein versiegeltes Papier aus ihrem Busen.

»Ich ging lange mit mir zu Rat«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, »ob ich für den Fall eines plötzlichen oder zufälligen Todes dies überhaupt schreiben sollte, bis ich mich endlich dazu gedrungen fühlte. Seitdem erwog ich immer, wann und wie ich es wieder vernichten sollte. Nimm es, Florence. Die Wahrheit ist darin aufgezeichnet.«

»Ist es für den Papa?« fragte Florence.

»Für wen du willst«, antwortete sie. »Es ist dir übergeben und muß durch deine Hand gehen. Anders hätte er es nie erhalten können.«

Wieder eine stumme Pause, während die Nacht hereinbrach.

»Mama«, sagte Florence, »er hat sein Vermögen verloren, stand am Rande des Grabes und erholt sich vielleicht nie wieder. Habt Ihr kein Wort, das ich ihm in Eurem Namen sagen soll?«

»Hast du mir nicht gesagt«, fragte Edith, »daß du ihn sehr liebst?«

»Ja«, entgegnete Florence mit bebender Stimme.

»So sage ihm, es tue mir leid, daß wir uns je gesehen hätten.«

»Weiter nichts?« entgegnete Florence nach einer Pause.

»Wenn er fragt, so sage ihm, daß ich nicht bereue, was ich getan habe – auch jetzt noch nicht –, denn falls es morgen wieder geschehen müßte, so würde ich nicht zögern. Aber wenn er ein veränderter Mann ist –«

Sie hielt inne. Es lag etwas in der stummen Berührung von Florences Hand, das ihr Einhalt gebot.

»Er weiß wohl jetzt, wäre er anders gewesen, so würde es nie vorgefallen sein. Sage ihm, ich wünsche, es hätte nie stattgefunden.«

»Darf ich ihm mitteilen«, entgegnete Florence, »daß Ihr mit Bedauern vernommen habt, welches Unglück ihn betroffen?«

»Wenn es ihn gelehrt hat, seine Tochter zu lieben – nein«, erwiderte sie. »Er wird es mit der Zeit selbst nicht beklagen, daß eine solche Lehre über ihn kommen mußte, Florence.«

»Ihr wünscht ihm aber nichts Schlimmes – Ihr wünscht, daß er glücklich sei? O, gewiß wünscht Ihr dies!« sagte Florence. »Setzt mich in die Lage, ihm bei irgendeiner künftigen Gelegenheit dies mitteilen zu können.«

Edith heftete ihre dunkeln Augen fest vor sich auf den Boden und antwortete nicht, bis Florence ihre Bitte wiederholt hatte. Dann zog sie die Hand ihrer Gefährtin durch ihren Arm, richtete denselben gedankenvollen Blick in die Nacht hinaus und sprach:

»Sage ihm, wenn er in seiner gegenwärtigen Gemütsstimmung einen Grund finden könne, meiner Vergangenheit Mitleid zu schenken, so bitte ich ihn, es zu tun. Sage ihm, wenn er in seiner gegenwärtigen Gemütsstimmung einen Grund finden könne, mit weniger Bitterkeit meiner zu gedenken, so bitte ich ihn, es zu tun. Sage ihm, obschon wir tot seien für einander und uns nie mehr auf dieser Seite der Ewigkeit treffen werden, so wisse er, es gebe jetzt ein einziges gemeinsames Gefühl zwischen uns, das früher nie bestanden.«

Ihre Strenge schien sich zu mildern, und Tränen traten in ihre dunkeln Augen.

»Diesem Gefühl vertraue ich«, fuhr sie fort, »daß es in ihm bessere Gedanken von mir und in mir bessere von ihm wecke. Wenn er seine Florence am meisten liebt, wird er mich am wenigsten hassen. Wenn er am stolzesten und glücklichsten ist in ihr und ihren Kindern, wird er am meisten seine Beteiligung an dem düsteren Traum unseres ehelichen Lebens bereuen. Dann will auch ich bereuen – laß ihn dies dann wissen. Ich will dann darüber nachdenken, daß mir, wenn ich alle diese Ursachen erwogen hätte, die mich zu dem machten, was ich war, vielleicht Anlaß gegeben worden wäre, mit den Ursachen, die ihn zu dem machten, was er war, mehr Nachsicht zu haben. Ich will dann versuchen, ihm seine Beteiligung an der Schmach zu verzeihen. Versuche er, mir die meinige zu vergeben!«

»O Mama!« rief Florence. »Wie erleichtert es mir das Herz, auch bei einem solchen Zusammentreffen und Scheiden dies zu hören!«

»Seltsame Worte in meinen Ohren«, sagte Edith, »und befremdlich für den Ton meiner eigenen Stimme! Aber selbst wenn ich das elende Geschöpf gewesen wäre, für das mich zu halten ich ihm Anlaß gab, so glaube ich, daß ich sie hätte sprechen können, nachdem ich hörte, daß du und er, ihr beide euch gegenseitig teuer seid. Möge er, wenn er dich am meisten liebt, stets fühlen, daß er auch mir in seinen Gedanken die meiste Nachsicht zuteil werden lassen muß – daß ich dann in meinen Gedanken die meiste Nachsicht mit ihm trage! Dies sind die letzten Worte, die ich ihm zugehen lasse! Jetzt, Gott mit dir, mein Leben!«

Sie schlang sie in ihre Arme und schien ihre ganze Seele voll Liebe und Innigkeit mit einemmal auszugießen.

»Diesen Kuß deinem Kinde! Diese Küsse, Segenswünsche über dein Haupt! Meine teure Florence, mein süßes Mädchen, lebe wohl!«

»Um uns wiederzusehen!« rief Florence unter Tränen.

»Nie – nie wieder! Wenn du dieses düstere Gemach verläßt, so denke, du habest mich im Grabe gelassen. Erinnere dich meiner als eines Wesens, das war und das dich liebte!«

Und Florence entfernte sich, von ihren Umarmungen und Liebkosungen bis auf den letzten Augenblick begleitet, ohne jedoch ihr Gesicht wiederzusehen.

Vetter Feenix trat ihr an der Tür entgegen und führte sie nach dem trüb aussehenden Speisesaal zu Walter hinunter, auf dessen Schulter sie ihr weinendes Haupt legte.

»Es tut mir verteufelt leid«, sagte Vetter Feenix, in der möglichst einfachen Weise und ohne die mindeste Verhehlung seine Manschetten zu den Augen erhebend, »daß die liebliche und begabte Tochter meines Freundes Dombey, die liebenswürdige Gattin meines Freundes Gay, bei ihrem empfindsamen Wesen durch das Zusammentreffen, das eben zum Schluß gekommen ist, so traurig gestimmt wurde. Aber ich hoffe und vertraue, daß ich aufs beste gehandelt habe und daß mein ehrenwerter Freund Dombey sich durch die stattgefundenen Enthüllungen erleichtert fühlen wird. Ich beklage ungemein, daß mein Freund Dombey sich durch eine Verbindung mit unserer Familie in eine so verteufelte Verwicklung eingelassen hat, obschon ich lebhaft der Ansicht bin, wäre jener höllische Schurke, Carker – Mann mit weißen Zähnen – nicht gewesen, so hätte alles noch ziemlich ordentlich ablaufen können. Was meine Verwandte betrifft, die mir die Ehre erweist, eine ungewöhnlich gute Meinung von mir zu haben, so kann ich der liebenswürdigen Gattin meines Freundes Gay die Versicherung geben, daß ich in der Tat wie ein Vater an ihr handeln werde, und in Anbetracht der Wechsel im menschlichen Leben und der außerordentlichen Weise, in der wir uns stets benehmen, kann ich nur mit meinem Freund Shakespeare – Mann, der nicht für ein Menschenalter, sondern für alle Zeit lebte, und den mein Freund Gay ohne Zweifel kennt – sagen, daß sie dem Schatten eines Traumes zu vergleichen sind.«

Fünfunddreißigstes Kapitel.


Fünfunddreißigstes Kapitel.

Das glückliche Paar.

Der schwarze Klecks in der Straße ist fort. Wenn sich Mr. Dombeys Haus noch immer wie eine Lücke unter den benachbarten ausnimmt, so liegt der Grund nur darin, weil es in der Pracht und in dem Stolz, womit es die anderen zurückweist, nicht zu beneiden ist. Das Sprichwort sagt: Heimat sei Heimat, wie ärmlich sie auch sein möge. Wenn nun auch das Gegenteil wahr ist und sie Heimat bleibt, wie stattlich sie sei, welch ein Altar war dann nicht hier den heimischen Hausgöttern errichtet!

Es ist Abend. Lichter funkeln durch die Fenster, die rötliche Glut der Kaminfeuer übergießt warm und hell die Vorhänge und die weichen Teppiche; das Diner ist bereitet, der Serviertisch mit Silbergeschirr beladen und die Speisetafel großartig gerüstet, obschon nur vier Gedecke aufgelegt sind. Das erstemal seit den jüngsten Veränderungen soll das Haus wirkliche Dienste leisten, und man sieht der Ankunft des glücklichen Paares mit jeder Minute entgegen.

Dieser Abend, der die Rückkehrenden begrüßen soll, steht an Interesse, das es der erwartungsvollen Dienerschaft bietet, nur dem Morgen der Trauung nach. Mrs. Perch, die die Runde durch das Haus gemacht, die Seiden- und Damaststoffe der Elle nach abgeschätzt und für den Ausdruck ihrer Bewunderung und ihres Staunens alle nur erdenklichen Ausrufwörter erschöpft hat, sitzt jetzt in der Küche und trinkt Tee. Der erste Gehilfe des Tapezierers hat seinen stark nach Firniß riechenden Hut mit dem Schnupftuch darin unter einem Stuhl in der Halle gelassen, schleicht im Hause umher, blickt nach den Gesimsen empor, beaugenscheinigt die Teppiche auf dem Boden, zieht gelegentlich in stummem Entzücken ein Metermaß aus der Tasche und mißt hurtig mit unaussprechlichen Gefühlen einzelne kostbare Gegenstände. Die Köchin ist ungemein heiter und erklärt, es gefalle ihr nur an einem Platz, wo es viel Gesellschaft gebe (sie wette sechs Pence, daß dies fortan im Hause der Fall sein werde), denn sie habe von Kindheit auf ein lebhaftes Temperament gehabt und es sei ihr gleich, was die Welt zu diesem Temperament sage. Diese Gesinnung wird von Mrs. Perch mit einem entsprechenden Gemurmel des Beifalls aufgenommen. Die Hausmagd hofft, es werde dem Paare glücklich ergehen – aber das Heiraten sei eine Lotterie, und je mehr sie darüber nachdenkt, desto mehr gewinnt sie die Überzeugung, daß sie im ledigen Stande am sichersten und unabhängigsten lebe. Mr. Towlinson ist ernst und grämlich, sagt, das sei auch seine Meinung, und erklärt nebenbei allen Ausländern den Krieg, indem er ruft: »Nieder mit den Franzosen!« Der junge Mann gibt sich nämlich dem allgemeinen Eindrucke hin, jeder Ausländer sei ein Franzose und könne der Natur der Sache nach unmöglich etwas anderes sein.

Sooft sich draußen Rädergerassel vernehmen läßt, halten alle in ihren Reden inne und horchen. Ja, es kommt sogar mehr als einmal zu einem allgemeinen Aufbruch, als sich der Ruf verbreitet: »Sie sind es!« Aber sie sind es noch nicht, und die Köchin fängt bereits an, über das Essen zu klagen, das schon zweimal hat zurückgestellt werden müssen, während der Tapeziergehilfe, ungestört in seinen glücklichen Träumen, noch immer in den Zimmern umherwandelt.

Florence ist bereit, ihren Vater und ihre neue Mama zu empfangen. Ob die Regungen, die in ihrer Brust pochen, im Schmerz oder Freude ihren Grund haben? – sie weiß es kaum. Aber das klopfende Herz rötet ihre Wangen und erhöht das Feuer ihrer Augen. Unten stecken sie die Köpfe zusammen und flüstern sich zu – denn sie sprechen stets leise, wenn von ihr die Rede ist – wie schön Miß Florence heute abend aussehe und was für eine liebliche Lady sie geworden sei, das liebe Herz! Es folgt eine Pause, und dann erklärt die Köchin in dem Gefühl, daß man von ihr, als der Präsidentin, ihre Ansicht erwarte, sie möchte nur wissen, ob – aber der Vortrag geht nicht weiter. Auch die Hausmagd möchte wissen – desgleichen Mrs. Perch, die die glückliche soziale Eigenschaft hat, stets neugierig zu sein, wenn es andere sind, ohne es gerade mit dem Gegenstand besonders genau zu nehmen. Mr. Towlinson, dem die Gelegenheit günstig scheint, die Stimmung der Damen zu seiner eigenen Skepsis herabzudrücken, meint, sie sollten nur abwarten und sehen; ihm für seine Person wäre es lieb, wenn gewisse Personen gut wegkämen. Die Köchin wirft mit einem Seufzer die Bemerkung hin: »Ach, es ist eine seltsame Welt – jawohl!« geht um den Tisch herum und fügt im Ton der Überzeugung bei, »aber Miß Florence kann es bei keinem Wechsel noch schlimmer ergehen, Tom.« Mr. Towlinson antwortet mit schrecklicher Bedeutsamkeit: »O, es kann noch ganz anders kommen!« und verstummt sodann in dem Gefühl, daß man kaum prophetischer sprechen oder etwas Weiteres hinzufügen könne.

Mrs. Skewton, die ihre liebe Tochter und den teuren Schwiegersohn mit offenen Armen empfangen will, ist für diesen Zweck ungemein passend in ein sehr jugendliches Kostüm mit kurzen Ärmeln gehüllt. Zur Zeit blühen übrigens ihre reifen Reize noch in dem Schatten ihrer eigenen Zimmer, die sie vor einigen Stunden bezogen und nicht verlassen hat. Sie ist sehr ärgerlich wegen der Verspätung des Diners. Ihr Mädchen aber, das die Stelle des Gerippes mit der Sense so gut vertreten könnte, obschon sie im übrigen als eine hübsche Jungfer erscheint, ist überfroh, weil sie meint, daß ihr Vierteljahrlohn jetzt sicherer sei und auch, was Kost und Wohnung angehe, eine Änderung zum Besseren bevorstehe.

Wo ist das glückliche Paar, auf das eine so wackere Heimat wartet? Lassen Dampf, Flut, Wind und Pferde in ihrer Eile nach, um länger Zeugen eines solchen Glückes zu bleiben? Werden sie auf ihrem Weg durch die Scharen von Liebesgöttinnen und Grazien zurückgehalten, die sie umschwärmen? Blühen so viele Blumen auf ihrem glücklichen Pfad, daß sie kaum vorwärts kommen können, ohne sich in dornenlosen Rosen und süßduftendem Gesträuch zu verstricken?

Sie sind endlich da! Rädergerassel wird hörbar und kommt immer näher, bis der Wagen vor der Tür haltmacht. Ein donnerndes Klopfen kommt Mr. Towlinson und dem übrigen Hausgesinde, das zum Öffnen nach der Tür eilt, zuvor. Mr. Dombey steigt aus mit seiner Gattin, bietet ihr den Arm und tritt ein.

»Meine süßeste Edith«, ruft aus dem ersten Stock eine Stimme. »Mein teuerster Dombey!«

Und die kurzen Ärmel sind in voller Tätigkeit, um abwechselnd ihn oder sie zu umarmen.

Florence war auch nach der Halle heruntergekommen, ohne jedoch näher zu treten, da sie ihren schüchternen Willkomm aufsparen wollte, bis sich das mehr berechtigte, wertvollere Entzücken etwas gelegt hätte. Aber Ediths Augen suchten sie schon von der Schwelle aus, und nachdem die neue Mrs. Dombey ihre Mutter mit einem Kusse auf die Wange abgefertigt hatte, eilte sie auf das Mädchen zu, um es zu umarmen.

»Wie geht es dir, Florence?« sagte Dombey, seine Hand ausstreckend.

Als Florence dieselbe zitternd zu ihren Lippen erhob, begegnete sie seinem Blick. Er war kalt und abgemessen genug. Aber ihr Herz glaubte etwas mehr Teilnahme darin zu entdecken, als je zuvor. Er drückte sogar eine Art leichter Überraschung – nicht unangenehmer Überraschung bei ihrem Anblick aus. Sie wagte es nicht, ihr Auge abermals zu dem seinigen zu erheben, fühlte aber, daß er sie wieder anschaute und daß der Eindruck nicht weniger günstig war. O, welch ein freudiges Beben durchschauerte sie sogar bei dieser unhaltbaren und grundlosen Bestätigung ihrer Hoffnung, daß es ihr durch ihre neue, schöne Mama gelingen werde, seine Liebe zu gewinnen!

»Ihr werdet vermutlich nicht lange zum Umkleiden brauchen, Mrs. Dombey?« sagte Mr. Dombey.

»Es ist bald geschehen«, versetzte Edith.

»Das Diner muß in einer Viertelstunde bereitstehen.«

Mit diesen Worten verfügte sich Mr. Dombey stattlichen Schritts nach seinem Ankleidezimmer, während Mrs. Dombey zu gleicher Zeit nach dem ihren hinaufging. Mrs. Skewton begab sich mit Florence in das Besuchszimmer, wo diese trefflichste der Mütter es für ihre Pflicht hielt, über das vermeintliche Glück ihrer Tochter einige ununterdrückbare Tränen zu vergießen. Sie war noch recht sorgfältig im Abtrocknen derselben begriffen – ein Geschäft, das sie mit dem Ende ihres spitzengesäumten Tuches verrichtete, als ihr Schwiegersohn erschien.

»Und wie hat mein teuerster Dombey jene lieblichste von allen Städten – Paris – gefunden?« fragte sie, ihre Erregtheit niederkämpfend.

»Es war kalt«, entgegnete Mr. Dombey.

»Aber natürlich so lebhaft, wie immer«, sagte Mrs. Skewton.

»Nicht besonders. Es kam mir langweilig vor«, versetzte Mr, Dombey.

»Pfui, mein teuerster Dombey«, erwiderte sie schalkhaft. »Langweilig!«

»Es machte diesen Eindruck auf mich, Madame«, sagte Mr. Dombey mit ernster Höflichkeit. »Ich glaube, Mrs. Dombey hat es auch langweilig gefunden. Wenigstens äußerte sie sich ein- oder zweimal gegen mich auf diese Weise.«

»Ach, du garstiges Mädchen!« rief Mrs. Skewton ihrem lieben Kinde zu, das in diesem Augenblick eintrat – »was für schrecklich ketzerische Äußerungen hast du dir über Paris erlaubt!«

Edith erhob matt die Augenbrauen, ging, ohne einen Blick danach zu werfen, an der Flügeltür, die geöffnet war, um die Zimmerreihe mit ihrer neuen schönen Ausstattung zu zeigen, vorbei und setzte sich an Florences Seite nieder.

»Mein teurer Dombey«, sagte Mrs. Skewton, »wie entzückend diese Leute jede von uns angedeutete Idee ausgeführt haben! Das Haus ist unter ihren Händen zu einem wahren Palast geworden.«

»Es ist schön«, sagte Mr. Dombey, umherschauend. »Ich habe die Weisung erteilt, daß man keine Kosten sparen solle, und glaube, es ist alles geschehen, was durch Geld erzielt werden kann.«

»Und was wäre nicht damit zu erzielen, lieber Dombey?« bemerkte Cleopatra.

»Geld ist Macht, Madame«, sagte Mr. Dombey.

Er schaute in der gewohnten feierlichen Weise nach seiner Gattin hin, die übrigens keine Silbe darauf erwiderte.

»Ich hoffe, Mrs. Dombey«, fuhr Mr. Dombey nach einer kurzen Pause mit besonderer Bestimmtheit gegen sie fort, »daß diese Veränderungen Euren Beifall finden?«

»Sie sind so schön, wie sie sein können«, versetzte sie mit stolzer Gleichgültigkeit. »Sie müssen es natürlich sein, und deshalb vermute ich auch, daß es der Fall ist.«

Ein Ausdruck von Verachtung lag gewöhnlich auf dem stolzen Gesicht und schien sich davon nicht trennen zu lassen. Aber die Geringschätzung, mit der sie jedes, auch das unbedeutendste Merkmal von Bewunderung oder Achtung seines Reichtums aufnahm, bildete in ihrem Antlitz einen neuen, ganz eigenartigen Zug von so kräftigem Gepräge, daß er mit keinem früheren einen Vergleich aushielt. Ob Mr. Dombey, in den Mantel seiner Größe gehüllt, dies wußte oder nicht? Jedenfalls hatte es ihm nicht an Gelegenheit zu Belehrung gefehlt, und in jenem Augenblick konnte ihm der einzige Blick des dunkeln Auges, der auf ihn niederfiel, nachdem sie rasch und gleichgültig die Gegenstände des erwähnten Selbstlobes gemustert hatte, allen wünschenswerten Aufschluß geben. Dieser Blick sagte ihm: nichts, was durch seinen Reichtum selbst in zehntausendfacher Steigerung erzielt werden konnte, vermochte dieser trotzigen Frau, die an ihn gefesselt war, obschon ihre ganze Seele sich gegen ihn empörte, eine Äußerung oder Miene der Anerkennung zu entringen. Er hätte in diesem Blick lesen können, daß sie seine Schätze schon wegen des schmutzigen, zur Sinnbegierde führenden Einflusses, den sie auf sie selbst geübt hatten, verachte. Zwar nahm sie diese Schätze kraft des geschlossenen Handels für sich in Anspruch – als schnöden, wertlosen Ersatz dafür, daß sie sein Weib geworden war. Er hätte darin lesen können, daß, wenn sie ohnehin schon stets ihr Haupt dem Blitz ihres Stolzes und ihrer Selbstverachtung preisgab, die geringste Anspielung auf seinen Reichtum sie aufs neue herabwürdigte, das verzehrende Gefühl ihres Innern erhöhte und die vom Fluch getroffene Wüste in ihrem Herzen noch öder machte.

Das Diner wurde angekündigt. Mr. Dombey bot Cleopatra seinen Arm, und Edith folgte mit Florence. An der Schaustellung von Gold und Silber auf dem Seitentisch vorbeirauschend, als ob es aufgehäufter Straßenstaub wäre, und die elegante Umgebung keines Blickes würdigend, nahm sie zum erstenmal an dem Tisch Platz und blieb während des ganzen Mahles wie eine Statue sitzen.

Mr. Dombey, der sich gleichfalls ziemlich wie eine Statue ausnahm, war nicht unzufrieden mit der Kälte, dem Stolz und der Unbeweglichkeit seiner Gattin. Da ihre Haltung stets Eleganz und Anmut zeigte, so stand ihr Benehmen im allgemeinen mit seinen eigenen Empfindungen vollkommen im Einklang. Deshalb führte er jetzt mit seiner gewohnten Würde den Vorsitz. Ohne von sich selbst Wärme und Heiterkeit auf Edith überstrahlen zu lassen, trug er mit kalter Selbstgefälligkeit seinen Anteil zu den Honneurs der Tafel bei. So verlief das erste Mahl in dem neuen Heim von oben her gesehen in höflicher, zeremonieller, frostiger Weise, wenn man gleich in der Küche unten diesen Anfang nicht für sehr verheißungsvoll zu halten geneigt war.

Bald nach dem Tee begab sich Mrs. Skewton zu Bett; denn sie war, wie sie sagte, völlig erschöpft von den Aufwallungen des Entzückens, weil sie nun ihre Tochter mit dem Mann ihres Herzens vereint sah. Zwar mochte ihr dieses Familienleben an sich ziemlich langweilig vorkommen, wenn man aus ihrem hinter dem Fächer verborgenen, fast unablässigen Gähnen einen maßgebenden Schluß ziehen durfte. Auch Edith zog sich schweigend zurück, um nicht wieder zu erscheinen. So fügte es sich, daß Florence, die droben gewesen war, um sich mit Diogenes zu unterhalten, als sie mit ihrem Arbeitskörbchen wieder nach dem Speisezimmer kam, nur noch ihren Vater antraf, der in traurig anzusehender Großartigkeit auf und nieder ging.

»Ich bitte um Verzeihung, soll ich wieder fortgehen, Papa?« fragte Florence schüchtern, während sie unter der Tür stehenblieb.

»Nein«, versetzte Mr. Dombey, über die Schultern nach ihr hinblickend. »Du kannst hier nach Belieben ein- und ausgehen, Florence. Das ist nicht mein Privatzimmer.«

Florence trat ein und setzte sich mit ihrer Arbeit an einen kleinen Seitentisch. Es war – seit sie sich von ihrer frühesten Kindheit auf entsinnen konnte – das erstemal, daß sie sich bei ihrem Vater allein befand. Sie, seine natürliche Gefährtin, sein einziges Kind, das in seinem einsamen Leben den vollen Gram eines brechenden Herzens erlitten – das in seiner zurückgewiesenen Liebe während seiner nächtlichen Gebete den Namen des Vaters nie anders gehaucht als mit einem tränenreichen Segenswunsch, einem Segen, noch schwerer auf ihm lastend als ein Fluch – das zum Himmel gefleht, er möge es doch jung abrufen, damit es nur in seinen Armen sterben könne – das den Schmerz kalter Vernachlässigung und Abneigung stets nur mit anspruchsloser Liebe getragen, ja sogar ihn entschuldigt und für ihn gebetet hatte, wie sein besserer Engel!

Sie zitterte, und ihre Augen wurden trübe. Seine Gestalt schien, während er im Zimmer auf und ab ging, sich nach allen Richtungen auszudehnen; jetzt erschien ihr alles wirr und unbestimmt durcheinander, dann wieder klar und deutlich. Ja, es kam ihr bisweilen vor, als habe sie nicht die Gegenwart vor sich, sondern ihre ganze Umgebung sei ein Bild aus vielen, vielen vergangenen Jahren. Ihr Herz fühlte sich zu ihm hingezogen; und doch wagte sie es nicht, sich ihm zu nähern. Eine unnatürliche Erregung in einem Kind, das sich keiner Schuld bewußt war – eine unnatürliche Hand, die den scharfen Pflug gefühlt und in einem edlen Wesen solche Furchen aufgeworfen hatte, um ihre Saat hineinzustreuen!

Um ihm durch ihren Kummer keinen Anstoß zu geben, tat sich Florence Gewalt an und blieb ruhig bei ihrer Arbeit sitzen. Nachdem er noch einige Male durch das Zimmer gegangen war, zog er sich in eine schattige Ecke zurück, wo ein Lehnstuhl stand, bedeckte den Kopf mit seinem Taschentuch und schickte sich zum Schlafen an.

Es war für Florence genug, dasitzen und ihn ansehen zu können. Von Zeit zu Zeit warf sie ihre Blicke nach dem Stuhl hin und beschäftigte sich unablässig, selbst wenn ihre Augen emsig auf ihrer Arbeit hafteten, mit seinem Bild. Der Gedanke, daß er schlafen konnte, während sie da war, und daß ihm ihre befremdliche, langversagte Nähe nicht die Ruhe raubte, bereitete ihr eine wehmütige Freude.

Was würde sie wohl gedacht haben, wenn sie gewußt hätte, daß er nicht schlief, daß der Schleier über seinem Gesicht – sei es absichtlich oder aus Zufall – die Augen frei ließ und daß er keinen Blick von ihrem Antlitz verwandte – daß, wenn sie in die dunkle Ecke nach ihm hinsah, ihre sprechenden Augen den seinen begegneten, ernster und ergreifender in ihrer stummen Klage, als alle Redner der Welt – daß er leichter aufatmete, sooft sie das Haupt wieder gegen ihre Arbeit senkte, obgleich er dann mit derselben Aufmerksamkeit ihre weiße Stirne, ihr wallendes Haar und ihre geschäftigen Hände betrachtete, als wirke das Bild vor ihm wie ein bannender Zauber?

Sogar in dem Leben der härtesten Männer gibt es weichere Augenblicke, obschon das meist als ein Geheimnis verwahrt bleibt. Der Anblick der Tochter in ihrer Schönheit, der Tochter, die sich ohne sein Vorwissen fast zur Jungfrau entwickelt hatte, mochte auch in seiner stolzen Existenz solch einen Augenblick wachgerufen haben. Vielleicht tauchte der flüchtige Gedanke in ihm auf, daß in seiner Nähe eine glückliche Heimat lag, die er in seiner anmaßenden Starrheit übersah und der er auswich, bis er völlig in der Irre war.

Eine einfache Beredsamkeit, nicht in Worten auszudrücken, lag in ihren Blicken, obschon er selbst nicht wußte, daß er sie schon einmal vernommen hatte: »Bei den Sterbebetten, an denen ich stand, bei meiner kummervollen Kindheit, bei unserm mitternächtlichen Zusammentreffen in diesem traurigen Hause, bei dem Schrei, der sich mir in der Beklommenheit meines Herzens entrang, beschwöre ich dich, o Vater, kehre dich zu mir und suche eine Zuflucht in meiner Liebe, ehe es zu spät ist.« Das ahnte er vielleicht in diesen Augenblicken, die möglicherweise auch aus gemeineren Gedanken stammten, nämlich daß etwa sein toter Knabe jetzt durch neue Bande ersetzt sei und er nunmehr vergeben könne, wenn er durch sie aus dessen Liebe verdrängt wurde. Denkbar, daß auch schon der Gedanke, daß sie unter dem vielen Pomp, der ihn umgab, eine weitere Zierde sein könne, ausschlaggebend war. Kurz, je mehr er sie betrachtete, desto milder wurde er gegen sie gestimmt. Sie verschmolz vor seinen Blicken mit dem Kinde, das er geliebt hatte, und er konnte die beiden kaum mehr trennen. Vorübergehend erschien sie ihm in einem klareren, helleren Lichte, nicht als seine Nebenbuhlerin – o des ungeheuerlichen Gedankens – über den Pfühl jenes Kindes gebeugt, sondern als der Schutzgeist seiner Heimat, der sich nicht weniger zärtlich an ihn anzuschmiegen wünschte, als er ein anderes Mal mit aufgestütztem Haupt zu den Füßen des kleinen Bettes saß. Er fühlte einen Antrieb, mit ihr zu sprechen und sie zu sich zu rufen. Die Worte: »Florence, komm her!« drängten sich – freilich nur langsam und mit Schwierigkeit, da sie ihm so gar fremd waren – schon zu seinen Lippen, als sie durch einen Fußtritt auf der Treppe wieder zurückgehalten und erstickt wurden.

Es war der seiner Gattin. Sie hatte den Anzug für die Tafel gegen ein leichtes Nachtgewand vertauscht, und das aufgelöste Haar wallte frei um ihren Nacken. Doch dies war nicht die Veränderung an ihr, die ihn betroffen machte. »Meine liebe Florence«, sagte sie, »ich habe dich überall gesucht.«

Sie setzte sich neben Florence nieder, neigte das Haupt und küßte ihre kleine Hand. Seine Gattin war so sehr verändert, daß er sie kaum mehr kannte. Nicht bloß, daß ihm ihr Lächeln neu war, obschon er es nie zuvor gesehen, sondern ihr Wesen, der Ton ihrer Stimme, das Licht ihrer Augen, die Teilnahme, das Vertrauen und der Wunsch, der sich in allem ausdrückte, einen gewinnenden Eindruck zu machen – nein, dies war nicht Edith.

»Leise, liebe Mama. Papa schläft.«

Jetzt war es wieder Edith.

Sie schaute nach der Ecke hin, wo er saß – ja dieses Gesicht und diese Haltung kannte er sehr gut.

»Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu finden, Florence.«

Wieder, wie verändert, wie sanft – und das in einem Augenblick.

»Ich bin früh aufgebrochen«, fuhr Edith fort, »um noch eine Weile mit dir zusammenzusitzen und zu sprechen. Aber als ich auf dein Zimmer kam, war mein Vögelchen ausgeflogen, und ich wartete seitdem dort auf seine Rückkehr.«

Wenn Florence wirklich ein Vögelchen gewesen wäre, so hätte sie es nicht zärtlicher und sanfter an ihre Brust drücken können.

»Komm, meine Liebe!«

»Ich denke, Papa wird mich nicht mehr erwarten, wenn er erwacht«, versetzte Florence zögernd.

»Glaubst du, er werde Florence?« sagte Edith, sie voll ansehend.

Florence senkte den Kopf, erhob sich und nahm ihr Arbeitskörbchen auf. Edith legte die kleine Hand in ihren Arm, und sie verließen das Gemach wie zwei Schwestern. Sogar ihr Fußtritt kam Mr. Dombey anders und so ganz neu vor, als seine Augen ihr nach der Tür folgten.

Er blieb in seinem schattigen Winkel so lange sitzen, daß die Kirchturmuhren noch dreimal die Stunde ausriefen, ehe er sich in jener Nacht von der Stelle bewegte. Diese ganze Zeit über blieb sein Gesicht angelegentlich dem Platz zugekehrt, wo Florence gesessen hatte. Die Lichter brannten herab und erloschen; das Zimmer wurde dunkel, aber um sein Gesicht breitete sich ein Düster, das das der Nacht noch übertraf.

In dem abgelegenen Gemache, wo der kleine Paul gestorben war, saßen Florence und Edith vor dem Feuer und sprachen noch lange miteinander. Diogenes, der auch dabei war, erhob anfangs Einwürfe dagegen, daß Edith zugelassen war. Dann fügte er sich aus gewohnter Unterwürfigkeit dem Wunsch seiner Gebieterin, nur mit knurrendem Protestieren. Hin und wieder aus dem Vorzimmer hereinguckend, wohin er zur Strafe verwiesen worden, schien er übrigens bald zu begreifen, daß er in der anerkennenswertesten Absicht einen von jenen Mißgriffen begangen habe, deren sich bisweilen die beste Hundeseele schuldig macht. Deshalb pflanzte er sich in freundlicher Abbitte an einem sehr heißen Platz vor dem Feuer zwischen den beiden auf. Da blieb er denn mit heraushängender Zunge und einem sehr schüchternen Gesichtsausdruck keuchend sitzen, um der Unterhaltung zuzuhören.

Sie drehte sich anfänglich um Florences Bücher, ihre Lieblingsbeschäftigungen und um die Art, wie sie seit dem Hochzeitstag ihre Zeit verbracht hatte. Dies führte auf einen Gegenstand, der dem Mädchen sehr nahe am Herzen lag, und sie sagte unter hervorquellenden Tränen:

»O, Mama, ich bin seit jener Zeit in große Trauer versetzt worden.«

»Du, in große Trauer, Florence?«

»Ja. Der arme Walter ist ertrunken.«

Florence breitete ihre Hände vor das Gesicht und weinte aus tiefstem Herzen. Wie viele Tränen hatte ihr nicht Walters Tod im geheimen bereitet; und sie flossen noch immer, wenn sie an ihn dachte oder von ihm sprach.

»Aber sage mir, meine Liebe«, entgegnete Edith, sie beschwichtigend, »wer war Walter, und was war er dir?«

»Er war mir ein Bruder, Mama. Als der liebe Paul starb, sagten wir uns, wir wollten Bruder und Schwester sein. Ich habe ihn lange vorher gekannt – von Kindheit an. Er kannte Paul, der ihn sehr liebte, und fast mit seinem letzten Atem sagte Paul noch: ›Vergeßt Walter nicht, lieber Papa! er ist mir lieb gewesen!‹ Walter wurde herbeigeholt, damit er ihn noch einmal sehe, und er war damals hier – in diesem Zimmer.«

»Und hat er Walter nicht vergessen?« fragte Edith ernst.

»Papa? Er bestimmte ihn für eine Reise übers Meer. Das Schiff ging unter, und er ertrank«, sagte Florence schluchzend.

»Ist ihm bekannt, daß er tot ist?« fragte Edith.

»Ich weiß es nicht, Mama. Wie sollte ich auch? Liebe Mama«, rief Florence, gleichsam Hilfe suchend, sich an sie anklammernd und ihr Antlitz an ihrem Busen verbergend, »ich weiß, Ihr habt gesehen –«

»Halt – halt, Florence!« Edith wurde so blaß und sprach so angelegentlich, daß sie nicht nötig gehabt hätte, ihre Hand auf Florences Lippen zu legen, »Erzähle mir zuerst alles von Walter, damit ich klar sehe in dieser Geschichte.«

Florence erstattete ihren Bericht bis zu der Freundschaft des Mr. Toots herunter, von dem sie sogar in ihrem Kummer kaum ohne ein tränenvolles Lächeln sprechen konnte, obschon sie sich ihm zu tiefem Dank verpflichtet fühlte. Edith hielt während der ganzen Mitteilung die Hand der Sprecherin in der ihren und hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Als Florence geendet, folgte ein Schweigen, das sie mit den Worten unterbrach:

»Was meinst du, das ich gesehen haben soll, Florence?«

»Daß ich«, entgegnete Florence mit derselben stummen Berufung und dem nämlichen raschen Verbergen ihres Gesichts, wie früher – »daß ich kein begünstigtes Kind bin, Mama. Ich war es nie und wußte es nie recht anzufangen, um es zu werden. Ich habe den Weg verfehlt, und es stand mir niemand zur Seite, der mir ihn wies. O laßt mich von Euch lernen, was ich tun muß, um meinem Papa lieber zu werden. Lehrt mich es – Ihr, die Ihr Euch so gut darauf versteht.«

Florence, die sich nun ihres traurigen Geheimnisses entladen sah, schmiegte sich mit einigen gebrochenen Worten glühenden liebevollen Dankes an ihre neue Mutter und weinte lange, obschon nicht so schmerzlich, wie früher, in deren Armen.

Blaß bis in die Lippen und mit einem Antlitz, das um Fassung rang, bis die stolze Schönheit desselben so starr wurde, wie der Tod, blickte Edith auf das weinende Mädchen nieder und küßte es abermals. Dann machte sie sich allmählich los und drängte Florence zurück. Ihre Haltung gewann die stolze Ruhe eines Marmorbildes, und sie erwiderte mit einer Stimme, die während des Sprechens wohl tiefer wurde, aber kein anderes Zeichen von Erregung kundgab:

»Florence, du kennst mich nicht! Verhüte der Himmel, daß du von mir lernen solltest.«

»Nicht von Euch lernen?« erwiderte Florence überrascht.

»Gott sei vor, daß ich dich lehre, wie man lieben oder geliebt werden muß!« sagte Edith. »Wenn du es mich lehren könntest, so wäre es wohl besser; aber es ist zu spät. Du bist mir so lieb, Florence. Ich hätte nicht geglaubt, daß mir irgend etwas je so lieb werden könnte, wie du mir es schon nach so kurzer Zeit bist.«

Sie bemerkte, daß Florence sprechen wollte, weshalb sie ihr mit der Hand Einhalt tat und fortfuhr:

»Ich will dir stets eine treue Freundin sein – will dich ebenso sehr, wenn auch nicht so gut pflegen, wie nur irgend jemand in dieser Welt es könnte. Du darfst mir vertrauen – ich weiß es, und sage es deshalb, mein liebes Kind – mit der ganzen Zuversicht deines reinen Herzens. Es gibt eine Menge von Frauen, die er hätte heiraten können und die in jeder andern Beziehung besser und zuverlässiger gewesen wären, als ich, Florence. Aber gewiß ist nicht eine vorhanden, deren Herz, wenn sie als seine Gattin hierhergekommen wäre, mit innigerer Treue für dich geschlagen haben würde, als das meine.«

»Ich weiß es, liebe Mama!« rief Floren«. »Von jenem ersten überglücklichen Tage an habe ich es gewußt.«

»Überglücklichen Tag?« Edith schien die Worte unwillkürlich zu wiederholen und fuhr dann fort: »Obschon mir dabei kein Verdienst zukommt, da ich nur wenig an dich dachte, bis ich dich sah, so laß mich doch den unverdienten Lohn in deinem Vertrauen und in deiner Liebe finden. Ich bitte dich darum, Florence, in der ersten Nacht, die ich hier zubringe. Ich habe meine guten Gründe, dir das zum ersten- und zum letztenmal zu sagen.«

Ohne zu wissen, warum, fürchtete sich Florence fast, ihren weiteren Worten zu folgen; sie verwandte jedoch kein Auge von dem schönen Gesicht, das stets dem ihrigen zugekehrt war.

»Suche nicht, in mir zu finden«, sagte Edith, die Hand auf ihre Brust legend, »was nicht hier ist. Wenn du anders kannst, Florence, so falle nicht von mir ab, weil es nicht hier ist. Du wirst mich allmählich besser kennenlernen, und die Zeit ist wohl nicht fern, in der du mich erkennen wirst, wie ich mich selbst erkenne. Sei dann so mild gegen mich, wie es dir möglich ist, und verwandle nicht die einzige süße Erinnerung, die mir bleiben wird, in Bitterkeit.«

Die Tränen, die in den sich nicht von Florence abwendenden Augen sichtbar wurden, zeigten, daß das ruhige Gesicht nur eine schöne Maske war. Sie behielt diese jedoch bei und fuhr fort:

»Ich habe in der Tat gesehen, was du andeutest, und weiß, wie wahr es ist. Aber glaube mir – du wirst es bald lernen, wenn du es nicht jetzt schon weißt –, auf der ganzen Erde ist niemand weniger geeignet, die Rolle einer Vermittlerin zu übernehmen, oder dir zu helfen, Florence, als ich. Frage mich nicht um den Grund – sprich nie mehr mit mir hiervon oder über meinen Mann. Wir können hier nie einen Sinnes werden, und es muß darüber zwischen uns beiden ein Schweigen herrschen, wie das des Grabes.«

Sie blieb eine Weile stumm, und Florence wagte kaum zu atmen, da trübe, unvollkommene Schatten der Wahrheit mit ihren alltäglichen Folgen in ihrer erschreckten, aber noch immer ungläubigen Einbildungskraft Schlag auf Schlag vorbeihuschten. Kaum aber hatte Edith zu sprechen aufgehört, als ihr Gesicht wieder den ruhigeren, sanften Ausdruck gewann, den es gewöhnlich zeigte, wenn sie und Florence allein waren. Sie verhüllte jetzt ihr Antlitz mit den Händen, stand auf, sagte Florence mit einer liebevollen Umarmung gute Nacht und entfernte sich rasch, ohne sich noch einmal umzuschauen. Als jedoch Florence im Bette lag und im Zimmer nur noch die Glut des fast erloschenen Feuers einiges Licht verbreitete, kehrte Edith zurück. Sie könne nicht schlafen, sagte sie, und in ihrem Ankleidezimmer sei es so einsam. Sie rückte deshalb einen Stuhl vor den Kamin und sah den ersterbenden Fünkchen zu. Florence tat das gleiche von ihrem Bett aus, bis der letzte Schimmer davon und die edle Gestalt davor mit ihrem herabfließenden Haar und den gedankenvollen Augen, die das Licht widerstrahlten, wirr und unbestimmt wurden, um sich endlich in ihrem Schlummer ganz zu verlieren.

Aber auch im Schlafe haftete an Florence ein unbestimmter Eindruck dessen, was kürzlich vorgegangen war. Er bildete den Gegenstand ihrer Träume und umspukte sie bald in einer, bald in einer andern Gestalt, aber stets beklemmend und Furcht einflößend. Es träumte ihr, sie suche ihren Vater in Wildnissen; sie folge seiner Spur nach Entsetzen erregenden Höhen hinauf, und in tiefe Gruben und Höhlen hinunter. Es liege ihr etwas Unbestimmtes auf dem Herzen, womit sie ihm ein außerordentliches Leiden abnehmen könne, obschon sie – der Grund davon wurde ihr nicht klar – nie das Ziel zu erreichen und ihn zu befreien vermochte. Dann sah sie ihn tot auf demselben Bett, in demselben Zimmer, mit dem Bewußtsein, daß er sie bis zum letzten Augenblick nie geliebt habe, und unter leidenschaftlichen Tränen sank sie an seine kalte Brust. Eine Aussicht tat sich vor ihr auf mit einem strömenden Fluß, und sie hörte eine ihr bekannte, klägliche Stimme rufen: »Er läuft fort, Floy! Er hat nie haltgemacht! Du schwimmst mit ihm!« Und sie sah ihn in der Ferne, wie er seine Arme nach ihr ausstreckte, während eine Gestalt, der Walters ähnlich, lautlos und in schauerlicher Ruhe an seiner Seite stand. Jedem dieser Gesichte gesellte sich Edith hinzu – das eine Mal ihr zur Freude, das andere Mal ihr zum Schmerz, bis sie allein nebeneinander standen an dem Rand eines schwarzen Grabes. Edith deutete darauf nieder. Sie sah hinab und erblickte – was? – eine andere Edith auf dessen Grund!

In ihrem Schrecken über diesen Traum schrie sie laut hinaus und erwachte – so glaubte sie wenigstens. Eine sanfte Stimme schien ihr ins Ohr zu flüstern: »Florence, liebe Florence, es ist nur ein Traum!« Ihre Arme ausstreckend, erwiderte sie die Liebkosungen ihrer Mama, die sodann zur Tür hinausging in das Licht des grauen Morgens. Florence richtete sich für einen Augenblick auf und machte sich Gedanken, ob das Wirklichkeit gewesen war oder nicht. Sie konnte nur ermitteln, daß der Morgen in der Tat dämmerte, daß in dem Kamin schwarze Asche lag, und daß sie allein war.

So entschwand die Nacht nach der Ankunft des glücklichen Paares in der Heimat.

Zweiundsechzigstes Kapitel.


Zweiundsechzigstes Kapitel.

Schluß.

Eine Flasche, die lang abgeschieden war vom Licht des Tages und eine dichte Hülle von Staub und Spinngeweben auf sich trägt, ist in den Strahl der Sonne gekommen, und der goldene Wein darin verbreitet einen Glanz über den Tisch.

Es ist die letzte Flasche des alten Madeira.

»Ihr habt vollkommen recht, Mr. Gills«, sagt Mr. Dombey. »Dies ist ein seltener, ein köstlicher Wein.«

Der Kapitän, der gleichfalls von der Partie ist, strahlt von Freude. Eine wahre Entzückensglorie breitet sich um seine glühende Stirn.

»Wir haben uns immer versprochen, Sir«, bemerkt Mr. Gills, »Ned und ich, meine ich –«

Mr. Dombey nickt dem Kapitän zu, der in sprachloser Wonne mehr und mehr erglänzt.

»– daß wir sie eines Tages trinken wollen, wenn Walter wohlbehalten nach Haus gekommen sei, obschon wir nie an eine solche Heimat dachten. Wenn Ihr gegen unsere alte Grille nichts einzuwenden habt, so laßt uns dieses erste Glas Walter und seiner Gattin weihen!«

»Walter und seiner Gattin!« sagt Mr. Dombey. »Florence, mein Kind« – und er beugt sich zu ihr hin, sie zu küssen.

»Walter und seiner Gattin!« sagt Mr. Toots.

»Wal’r und seiner Gattin!« ruft der Kapitän. »Hurra!«

Und der Kapitän zeigt große Lust, mit seinem Glas gegen ein anderes anzustoßen, worauf Mr. Dombey bereitwillig das seine hinhält. Die andern folgen. Es klingt so heiter und schön wie Hochzeitglocken.

Anderer begrabener Wein wird älter, wie der alte Madeira seinerzeit tat, und Staub und Spinngewebe häufen sich auf den Flaschen.

Mr. Dombey ist ein weißhaariger Gentleman, dessen Gesicht tiefe Spuren von Sorge und Leiden trägt; aber sie sind die Reste eines Sturms, der für immer vorübergegangen ist und einen klaren Abend zurückließ.

Ehrgeizige Pläne beunruhigen ihn nicht mehr. Seine Tochter und ihr Gatte sind sein einziger Stolz. Er hat ein ruhiges, stilles, gedankenvolles Wesen angenommen und ist stets um seine Tochter. Miß Tox besucht die Familie häufig, ist ihr sehr zugetan und sehr beliebt. Ihre Bewunderung vor dem einst so stattlichen Gönner war von dem Morgen der Erschütterung auf dem Prinzessinnenplatze an platonisch, ohne übrigens auch nur im mindesten nachzulassen.

Aus dem Schiffbruch seines Wohlstandes ist ihm nichts geblieben als eine gewisse jährliche Summe, die ihm, er weiß selbst nicht wie, mit der dringenden Bitte, daß er nicht nachforschen möchte, und mit der Versicherung zukommt, sie sei eine Schuld und ein Akt der Vergütung. Er hat sich mit seinem alten Buchhalter darüber beraten, und dieser ist der Überzeugung, daß sie mit Ehren angenommen werden könne, denn ohne allen Zweifel rühre sie von irgendeinem vergessenen Geschäft aus den Zeiten des alten Hauses her.

Der braunäugige Junggeselle, jetzt nicht mehr ein Junggeselle, ist verheiratet, und zwar mit der Schwester des grauhaarigen Junior. Er besucht bisweilen seinen alten Prinzipal, aber selten. In der früheren Geschichte des grauhaarigen Junior, noch mehr aber in seinem Namen liegt ein Grund, warum er sich von seinem alten Dienstherrn fernhält, und da er bei seiner Schwester und ihrem Gatten wohnt, so teilen sie diese Zurückgezogenheit. Walter kommt bisweilen zu ihnen – auch Florence – und das heitere Haus ertönt dann von tief aufgefaßten, für das Piano und Violoncello eingerichteten Duetten und von den Anstrengungen fröhlicher Hammerschmiede.

Und wie geht es dem hölzernen Midshipman in diesen veränderten Zeiten? Je nun, er hat es noch immer, den rechten Fuß voran, scharf auf die Kutschen abgesehen und benimmt sich dabei eifriger als je, da er von dem Eckenhut an bis zu den Schnallenschuhen hinunter einen frischen Anstrich erhalten hat. Über ihm liest man in goldenen Buchstaben die funkelnden Namen GILLS and CUTTLE.

Außer seinem gewöhnlichen leichten Geschäft tut der Midshipman keinen weiteren Zug. Aber man erzählt sich in einem weiten Kreise um den blauen Regenschirm auf dem Leadenhall-Markt, daß einige von Mr. Gills‘ alten Kapitalien wunderbar gut einliefen und daß der Instrumentenmacher, statt wie er gemeint hatte, in dieser Beziehung hinter der Zeit zurückzubleiben, ihr in Wahrheit ein wenig vorgeeilt sei und die Erfüllung derselben noch zu erwarten habe. Es geht das Geflüster, Mr. Gills‘ Geld habe angefangen zu roulieren, und es rolle immer recht hübsch. So viel ist gewiß, daß es, wenn er in seinem kaffeefarbigen Anzug mit dem Chronometer in der Tasche und der Brille auf der Stirn vor der Ladentür steht, nicht den Anschein hat, als breche ihm bei dem Ausbleiben der Kunden das Herz, denn er sieht recht heiter und zufrieden, wenngleich ganz so neblig aus, wie vor alters.

Was seinen Associé betrifft, so trägt sich der Geist des Kapitäns mit der Fiktion eines Geschäftes, die bei ihm mehr verfängt, als jede Wirklichkeit. Der Kapitän ist von der Bedeutsamkeit des Midshipman für den Handel und die Schiffahrt des Landes so überzeugt, daß er’s nicht in einem höheren Grade hätte sein können, wenn jedes Schiff, das den Hafen von London verließ, zuvor den Beistand des Midshipman hätte annehmen müssen. Sein Entzücken über seinen Namen auf dem Schild der Firma ist unerschöpflich. Er geht wohl zwanzigmal des Tags über den Weg hinüber, um ihn von der andern Seite der Straße aus anzusehen, und sagt bei solchen Gelegenheiten unabänderlich: »Ed’ard Cuttle, mein Junge, wenn deine Mutter gewußt hätte, daß du je ein Mann der Wissenschaft werden würdest, wie wäre da die gute alte Kreatur nicht an den Mast zurückgeworfen worden!«

Doch da kommt mit ungestümer Eile Mr. Toots auf den Midshipman herunter und stürzt mit glutrotem Gesicht in das kleine Wohnstübchen.

»Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots, »und Mr. Sols. Ich bin so glücklich, Euch mitteilen zu können, daß Mrs. Toots einen Zuwachs ihrer Familie erhalten hat.«

»Das macht ihr Ehre!« ruft der Kapitän.

»Ich wünsche Euch Glück, Mr. Toots!« sagt der alte Sol.

»Danke Euch«, kichert Mr. Toots, »ich bin Euch sehr verbunden. Ich wußte, daß Euch diese Kunde freuen würde, und bin deshalb selbst gekommen. Ihr wißt, es geht bei uns vorwärts. Da ist die Florence, die Susanne, und jetzt kommt wieder ein kleiner Fremdling.«

»Ein weiblicher Fremdling?« fragt der Kapitän.

»Ja, Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots, »und ich freue mich darüber. Ich bin der Ansicht, je öfter wir diese außerordentliche Frau wiederholen können, desto besser ist’s.«

»Halt!« ruft der Kapitän, sich nach der alten Korbflasche ohne Hals wendend – denn es ist Abend und der Midshipman hat seinen gewöhnlichen mäßigen Vorrat von Pfeifen und Gläsern an Bord. »Ich bringe ihr dies, und mögen noch ebenso viele nachfolgen!«

»Danke, Kapitän Gills«, sagt der entzückte Mr. Toots. »Ich wiederhole diesen Trinkspruch. Wenn Ihr mir’s erlaubt, so will ich eine Pfeife nehmen, da dies unter den Umständen niemandem unangenehm sein kann.«

Mr. Toots beginnt zu rauchen und wird in der Offenheit seines Herzens sehr redselig.

»Unter all den merkwürdigen Proben, die die herrliche Frau von ihrem vortrefflichen Verstand abgelegt hat, Kapitän Gills und Mr. Sols«, sagt Toots, »ist meiner Ansicht nach keine merkwürdiger, als die Vollkommenheit, womit sie meine Verehrung der Miß Dombey begreift.«

Beide Zuhörer stimmen zu.

»Denn Ihr wißt«, sagt Mr. Toots, »daß ich meine Gesinnungen gegen Miß Dombey nie geändert habe. Sie sind stets die gleichen. Sie erscheint mir noch immer als derselbe schöne Traum, wie zu der Zeit, ehe ich Walters Bekanntschaft machte. Als Mrs. Toots und ich zum erstenmal zu sprechen anfingen von – mit einem Wort, von der zarten Leidenschaft, wißt Ihr, Kapitän Gills.«

»Ja, ja, mein Junge«, bemerkt der Kapitän, »die uns alle treibt – seht darüber nach in dem Buch –«

»Ich werde es sicherlich nicht versäumen, Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots mit großem Ernst. »Als wir zum erstenmal von solchen Dingen zu sprechen begannen, erklärte ich ihr, daß ich das sei, was man eine geknickte Blume nennen kann.«

Der Kapitän zollt dieser Redefigur großen Beifall und murmelt, daß keine Blume, die da blühe, der Rose zu vergleichen sei.

»Aber Gott behüte mich«, fuhr Mr. Toots fort, »sie kannte den Zustand meiner Gefühle gerade so gut, wie ich selbst. Es gab nichts, was ich ihr sagen konnte. Sie war die einzige Person, die zwischen mich und das schweigende Grab zu treten vermochte, und sie tat es in einer Weise, die mir ewige Bewunderung auflegt. Sie weiß, daß es niemand in der Welt gibt, zu dem ich aufblicken könnte, wie zu Miß Dombey. Sie weiß, daß nichts auf Erden ist, was ich nicht für Miß Dombey tun würde. Sie weiß, daß ich sie als die Schönste und Liebenswürdigste, als einen wahren Engel ihres Geschlechts betrachte. Was sagt sie darüber? Ein neuer Beweis von der Vollkommenheit ihres Verstandes. ›Mein Lieber, du hast recht. Ich denke auch so.‹«

»Und ich ebenfalls!« pflichtete der Kapitän bei.

»Ich desgleichen«, sagte Sol Gills.

»Ferner«, nimmt Mr. Toots wieder auf, nachdem er eine Weile nachdenklichst an seiner Pfeife gesogen und in seinem Gesicht das zufriedenste Nachdenken ausgedrückt hatte, »wie aufmerksam meine Frau ist! Welchen Scharfsinn sie besitzt! Welche Bemerkungen sie macht! Erst gestern abend, als wir in der Freude ehelichen Glücks beisammen saßen – auf Ehre, dies ist nur ein schwacher Ausdruck, um meine Gefühle in der Gesellschaft meiner Frau anzudeuten – sagte sie, wie merkwürdig es sei, die gegenwärtige Lage unseres Freundes Walter zu betrachten. ›Er ist hier‹, sagte sie, ›und braucht nach jener ersten langen Reise mit seiner jungen Frau nicht mehr über See zu gehen‹ – Ihr wißt, daß dies der Fall ist, Mr. Sols.«

»Ganz richtig«, sagt der alte Instrumentenmacher, seine Hände reibend.

»›Dessen ist er unmittelbar darauf entbunden worden‹, sagt meine Frau, ›und er hat in demselben Geschäft eine Stelle gefunden, bei welcher ihm viel anvertraut wurde. Er zeigte sich derselben wieder würdig, erstieg mit großer Schnelle die Leiter, ist von jedermann geliebt und wird von seinem Onkel nach Vermögen unterstützt‹ – ich glaube, dies ist der Fall, Mr. Sols? Meine Frau hat immer recht.«

»Nun ja, ja – einige von unseren verlorenen Goldschiffen sind in der Tat wieder angelangt«, entgegnet der alte Sol lachend. »Kleine Fahrzeuge, Mr. Toots, aber doch meinem Jungen nützlich.«

»Ganz richtig!« sagt Mr. Toots. »Ihr werdet meine Frau nie auf einem unrechten Weg erwischen. ›Er befindet sich jetzt in einer solchen Lage‹, sagt dieses höchst merkwürdige Weib, ›und was folgt daraus? Was folgt?‹ bemerkte Mrs. Toots. Jetzt bitte ich acht zu geben, Kapitän Gills und Mr. Sols, wie tief die Auffassung meiner Frau ist. ›Je nun, daß unter Mr. Dombeys Augen ein Grund gelegt wird, auf dem allmählich ein – ein Gebäude‹ – so lautete das Wort, dessen Mrs. Toots sich bediente«, sagt Mr. Toots jubelnd, »›sich erhebt, vielleicht ebenso groß, vielleicht noch größer, als dasjenige, an dessen Spitze er ehemals stand und dessen kleiner Anfang ihm (ein gewöhnlicher, aber sehr schlimmer Fehler, sagt Mrs. Toots) in Vergessenheit geraten war. So‹, sagte meine Frau, ›wird am Ende von seiner Tochter ein anderer Dombey und Sohn entstehen‹ – nein ›ausgehen‹, dies war das Wort, dessen Mrs. Toots sich bediente – ›und im Triumph sich zeigen!‹«

Unter dem Beistand der Pfeife, die Mr. Toots recht gern zu oratorischen Zwecken braucht, weil die gewöhnliche Benutzung derselben in ihm ein sehr unbehagliches Gefühl erregt, läßt er der Prophezeiung seiner Frau so großartige Gerechtigkeit widerfahren, daß der Kapitän im Zustande wildester Aufregung seinen Glanzhut wegwirft und ausruft:

»Sol Gills, Mann der Wissenschaft und mein alter Geschäftsteilhaber, was hieß ich Walter am selbigen Abend überholen, als er zum erstenmal auf das Bureau ging? War es nicht die Zitation: Kehr um, Whittington, Lord-Mayor von London, und wenn du alt bist, wirst du nie mehr daraus weichen. Waren es nicht diese Worte, Sol Gills?«

»Jawohl, Ned«, entgegnet der alte Instrumentenmacher. »Ich erinnere mich ihrer noch gut.«

»Dann will ich Euch was sagen«, erwidert der Kapitän, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und seinen Brustkasten zu einem denkwürdigen Gebrüll ausdehnend. »Ich will die liebliche Peg ganz durchsingen, und ihr beide stimmt ein als Chor!«

Eingegrabener Wein wird älter, wie seinerzeit der alte Madeira tat, und Staub und Spinngewebe häufen sich auf den Flaschen.

Die Herbsttage sind schön, und am Seeufer sieht man oft eine junge Frau und einen weißhaarigen Gentleman. Um sie her tummeln sich zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, und ein alter Hund ist in der Regel ihre Gesellschaft.

Der weißhaarige Gentleman führt den kleinen Knaben, spricht mit ihm, hilft ihm in seinen Spielen und schenkt ihm so viele Aufmerksamkeit, als ob dies die ganze Aufgabe seines Lebens sei. Wenn der Knabe gedankenvoll ist, wird es der weißhaarige Gentleman gleichfalls, und bisweilen, wenn das Kind an seiner Seite sitzt, zu seinem Gesicht aufblickt und Fragen an ihn stellt, ergreift er die kleine Hand, hält sie fest und vergißt zu antworten. Das Kind sagt dann:

»Wie, Großpapa, habe ich wieder so große Ähnlichkeit mit meinem armen kleinen Onkel?«

»Ja, Paul. Aber er war schwächlich, und du bist sehr kräftig.«

»O ja, ich bin sehr kräftig.«

»Und er lag auf einem kleinen Bett am Meeresufer, und du kannst umherspringen.«

Und so gehen wir wieder weiter, denn der weißhaarige Gentleman liebt es, wenn das Kind frei sich umhertummelt, und während sie so zusammengehen, umschwebt sie die Geschichte des Bundes zwischen ihnen und folgt ihnen auf dem Fuße.

Aber niemand als Florence kennt das Übermaß, mit dem der weißhaarige Gentleman das Mädchen liebt. Diese Geschichte wagt sich nie ins Freie. Das Kind selbst wundert sich fast über ein gewisses Heimlichtun, das sich dabei kundgibt. Er bewahrt sie in seinem Herzen und kann es nicht ertragen, wenn eine Wolke auf dem Gesicht des Mädchens liegt. Er kann nicht mit ansehen, wenn sie allein dasitzt, und meint eine Vernachlässigung zu bemerken, wo weit und breit von nichts derart die Rede ist. Er schleicht fort, um sie in ihrem Schlaf zu betrachten, und es tut ihm wohl, wenn sie am Morgen kommt und ihn weckt. Am liebevollsten und zärtlichsten ist er gegen sie, wenn sie allein sind. Die Kleine fragt dann bisweilen:

»Lieber Großpapa, warum weint Ihr, wenn Ihr mich küßt?«

Er antwortet nur: »Kleine Florence!« und streicht die Locken zurück, die ihre ernsten Augen beschatten.

Ende.

Siebenundfünfzigstes Kapitel.


Siebenundfünfzigstes Kapitel.

Wieder ein Hochzeit.

Mr. Sownds, der Kirchendiener, und Mrs. Miff, die Kirchenstuhlöffnerin, sind in der Kirche, wo Mr. Dombey getraut wurde, früh auf ihrem Posten. Ein gelbgesichtiger alter Gentleman aus Indien will sich heute morgen mit einem jungen Weibe verbinden, und es werden sechs Wagen voll Gesellschaft erwartet: auch weiß Mrs. Miff, daß der gelbgesichtige alte Gentleman den Weg nach der Kirche mit Diamanten pflastern lassen könnte, ohne es zu spüren. Die Feierlichkeit soll sehr vornehm gehalten werden, da ein sehr ehrwürdiger Dekan für die Einsegnung bestellt ist und die Dame als ein außerordentliches Geschenk von jemand vergeben wird, der zu diesem Zweck ausdrücklich von den Horse Guards herkommt.

Mrs. Miff ist heute morgen gegen das gemeine Volk noch intoleranter als sonst, obschon sie in dieser Beziehung, da sie mit Freisitzen in Verbindung steht, zu allen Zeiten sehr entschiedene Ansichten hegt. Sie hat sich mit dem Studium der Staatswirtschaft nicht abgegeben – sie meint, diese Wissenschaft beziehe sich auf »Dissenters, Baptisten, Wesleyaner oder dergleichen Volk«, sagt sie – kann aber nicht begreifen, wie gemeine Leute auch heiraten wollen. »Zum Henker mit ihnen«, sagt Mrs. Miff, »man muß das nämliche mit ihnen vornehmen und kriegt statt Goldstücke Sixpence.«

Mr. Sownds, der Kirchendiener, ist liberaler als Mrs. Miff – freilich aber auch kein Stuhlöffner. »Es muß geschehen, Ma’am«, sagt er. »Wir müssen sie zusammengeben. Wir brauchen Nationalschulen, denen wir vorangehen müssen, und brauchen stehende Heere. Wir müssen sie zusammengeben, Ma’am«, fährt Mr. Sownds fort, »und das Land im Gang halten.«

Mr. Sownds sitzt auf der Portaltreppe, und Mrs. Miff fegt eben die Kirche aus, als ein einfach gekleidetes junges Paar eintritt. Mrs. Miffs zerbeulter Hut wendet sich rasch zu ihnen hin, denn sie erkennt in diesem frühen Besuch Anzeichen einer Entführungshochzeit. Das Paar will übrigens nicht heiraten – »nur sich in der Kirche umsehen«, sagt der Gentleman. Und da er ein höfliches Kompliment in Mrs. Miffs Handfläche gleiten läßt, so wird ihr Essiggesicht milder, während der zerbeulte Hut und ihre schmächtige, dürre Gestalt rasselnd sich ducken.

Mrs. Miff nimmt ihr Abstäuben wieder auf und klopft auf die Polster los – denn der gelbgesichtige alte Gentleman soll sehr empfindliche Knie haben – folgt aber mit ihrem stuhlöffnenden Auge ohne Unterlaß dem jungen Paare, das in der Kirche umhergeht. »Ahem«, hustet Mrs. Miff, deren Husten noch trockener ist als die Binsen in den ihrer Obhut vertrauten Matten, »wenn ich mich nicht sehr täusche, meine Lieben, so werdet ihr eines schönen Morgens auch herkommen!«

Sie betrachteten eine Wandtafel, die zum Andenken eines Toten eingefügt wurde. Ihre Entfernung von Mrs. Miff ist groß, aber letztere kann mit einem halben Auge sehen, wie sie sich auf seinen Arm lehnt und wie er den Kopf zu ihr niederbeugt. »Na, na«, sagt Mrs. Miff, »ihr könnt etwas Schlimmeres tun, denn ihr seid ein nettes Pärchen!«

Es liegt nichts Persönliches in Mistreß Miffs Bemerkung, da sie nur von ihrem Gewerbsvorrat spricht. Paare haben für sie ebensoviel Interesse wie Särge. Sie ist eine so schmächtige, stracke, ausgetrocknete alte Dame – ein solcher Kirchenstuhl von einer Weibsperson, daß man ebensoviele individuelle Sympathien in einem Zimmerspan finden könnte. Mr. Sownds dagegen, der fleischig ist und Scharlach an seinem Rocke trägt, besitzt ein ganz anderes Temperament. Während er auf der Kirchentreppe dem sich entfernenden jungen Paare nachsieht, bemerkt er, sie habe eine recht hübsche Figur und, so viel er sehen kann (denn sie trug beim Herauskommen den Kopf gesenkt), ein ungewöhnlich nettes Gesicht. »Sie ist im ganzen Mrs. Miff«, sagt Mr. Sownds mit Wohlbehagen, »was ich eine Rosenknospe nennen möchte.«

Mrs. Miff stimmt mit einem dürren Nicken ihres zerbeulten Huts zu, ist aber von der Bemerkung so wenig erbaut, daß sie in ihrem Innern sich vornimmt, sie möchte um kein Gold, das er ihr geben könne, das Weib des Mr. Sownds werden, Kirchendiener hin, Kirchendiener her.

Und was sagt das junge Paar, als es die Kirche verläßt und zum Gittertor des Hofs hinausgeht?

»Ich danke dir, lieber Walter, ich kann jetzt glücklich von hier scheiden.«

»Und nach unserer Zurückkunft besuchen wir sein Grab wieder, Florence.«

Florence erhebt ihre von Tränen glänzenden Augen zu seinem freundlichen Gesicht und schlingt die freie Hand in die andere, die bescheiden in seinem Arm ruht.

»Es ist noch sehr früh, Walter, und die Straßen sind fast noch leer. Laß uns einen Spaziergang machen.«

»Aber du wirst müde werden, meine Liebe.«

»O nein! das erstemal, als wir zusammen gingen, war ich allerdings müde, aber heute wird es nicht der Fall sein.«

Und so gingen Florence und Walter – nicht viel verändert – sie so unschuldig und warmherzig, er aber so offen und hoffnungsvoll, nur noch stolzer auf sie – an ihrem Brautmorgen miteinander durch die Straßen.

Nicht einmal bei jenem kindlichen Gang vorzeiten waren sie so weit entfernt von der ganzen sie umgebenden Welt wie heute. Die kindlichen Füße betraten damals keinen so bezauberten Boden wie jetzt. Die vertrauensvolle Liebe von Kindern mag oftmals verschenkt werden und an vielen Orten aufsprießen: aber ein so weibliches Herz wie das von Florence mit seinem ungeteilten Schatz kann sich nur einmal geben und unter Geringschätzung oder Wechsel bloß hinwelken und sterben.

Sie wählten nur die ruhigsten Straßen und vermieden die Gegend, wo Florences alte Heimat steht. Es ist ein schöner, warmer Sommermorgen, und die Sonne trifft sie mit ihren Strahlen, während sie in den Dünsten, die sich über der Stadt herbreiten, weiter wandeln. Reichtümer enthüllen sich in den Läden: Gold, Silber und Edelsteine blitzen in den sonnigen Fenstern der Goldarbeiter, und große Häuser werfen einen vornehmen Schatten auf sie, während sie vorübergehen. Aber durch Licht und Schatten wandeln sie liebevoll miteinander, ohne auf ihre Umgebung zu achten: sie denken an keine stolzere Heimat, an keine andern Reichtümer, als die sie sich selbst gegenseitig bieten.

Allmählich kommen sie in die dunkleren, schmaleren Straßen, wo die Sonne, bald gelb, bald rot, nur an den Straßenecken und an kleinen offenen Plätzen durch den Nebel zu sehen ist: sie erhellt daselbst einen verkümmerten Baum, eine von den zahlreichen Kirchen, einen gepflasterten Weg und eine Treppenflucht, ein wunderliches Streiflein Garten oder einen Friedhof, wo die wenigen Gräber und Grabsteine fast schwarz aussehen. Liebend und vertrauensvoll geht Florence, sich an seinem Arme festhaltend, durch alle die engen Höfe, Gäßchen und schattigen Straßen, um seine Gattin zu werden.

Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen, denn Walter sagt ihr, daß sie jetzt in der Nähe ihrer Kirche seien. Sie kommen an einigen großen Magazinen vorbei, wo Wagen vor den Türen stehen und geschäftige Fuhrleute den Weg versperren; aber Florence sieht und hört nichts von ihnen. Die Luft ist ruhig und das Licht des Tages gedämpft, als sie zitternd in eine Kirche tritt, die den dumpfigen Geruch eines Kellers verbreitet.

Das schäbige alte Männchen, das die hoffnungslose Glocke zu läuten pflegt, steht vor dem Portal. Sein Hut liegt in dem Taufstein, denn er ist der Totengräber, folglich hier ganz zu Hause. Er führt das Paar in eine von Alter gebräunte, getäfelte, staubige Sakristei, die wie ein Eckschrank mit herausgenommenen Simsbrettern aussieht. Die von Würmern zerfressenen Register riechen scharf nach altem Schnupftabak, so daß die tränenvolle Nipper niesen muß.

Wie schön und jugendlich sieht an dem staubigen alten Platz die junge Braut aus, der außer ihrem Gatten kein verwandtes Wesen zur Seite steht. Ein staubiger alter Küster ist da, der in einem gegenüberliegenden Bogengang hinter einem eigentlichen Bollwerk von Pfählen einen Laden unterhält und damit hinreichend beschäftigt zu sein glaubt. Ein staubiger alter Kirchendiener ist da (Kirchendiener und Stuhlöffnerin dieselben, denen am letzten Sonntag Mr. Toots zu schaffen machte), ein Mann im Dienste einer frommen Gesellschaft, die im nächsten Hof eine Halle mit einem farbigen Glasfenster hat, das noch nie einem Sterblichen zu Gesicht gekommen ist. Ferner sieht man hier ein- und ausspringende staubige Karniese, Holzleisten und Kränze über dem Altar, über der Schirmwand an der Empore herum, und über der Inschrift von dem, was der Gründer und die Direktoren der frommen Gesellschaft im Jahr tausendsechshundertvierundneunzig getan haben; desgleichen staubige alte Schalbretter über der Kanzel und dem Lesepult, die aussehen, als seien sie Deckel, um auf die funktionierenden Kirchendiener niedergelassen weiden zu können, im Falle sie ihrer Zuhörerschaft Anstoß geben. Kurz, einer bequemen Ablagerung von Staub ist überall die beste Gelegenheit geboten, nur im Kirchhofe nicht, der in dieser Beziehung nur sehr beschränkten Raum darbietet.

Der Kapitän, Onkel Sol und Mr. Toots sind angelangt. Der Geistliche zieht in der Sakristei seinen Kirchenrock an, während der Küster um ihn hergeht und den Staub abbläst; Braut und Bräutigam stehen vor dem Altare. Eine Brautjungfer fehlt, wenn man nicht etwa Susanna Nipper dafür gelten läßt, und in Ermangelung eines Besseren muß Kapitän Cuttle die Stelle des Vaters vertreten. Ein Mann mit einem hölzernen Beine, der an einem faulen Apfel nagt und einen blauen Sack in der Hand trägt, schaut herein, um zu sehen, was es gibt; da er aber nichts Unterhaltliches findet, so stelzt er wieder weiter und weckt draußen das Echo mit seinem Auftretens Man steht keinen freundlichen Lichtstrahl auf Florence fallen, die mit schüchtern gebeugtem Haupte vor dem Altare kniet. Der helle Morgen ist verbaut und scheint nicht herein. Draußen steht ein magerer Baum, auf dem die Sperlinge zirpen, und dem Fenster gegenüber sieht man in einem nadelöhrgroßen Sonnenblick an der Dachwohnung eines Färbers eine Amsel, die während des Gottesdienstes mit Macht ihre Kehle in Tätigkeit setzt; auch hört man das Holzbein weiterstelzen. Die Amen scheinen dem staubigen Küster wie dem Macbeth ein wenig in der Kehle stecken zu bleiben; aber Kapitän Cuttle leistet Aushilfe und tut dies mit so gutem Willen, daß er das Wort an drei ganz neuen Stellen anbringt, an denen man es nie zuvor während einer Trauung gehört hat.

Sie sind sich zur Ehe gegeben und haben ihre Namen in eines der alten Schnupftabak-Register eingezeichnet. Der Kirchenrock des Geistlichen ist wieder dem Staub überantwortet und der Geistliche nach Hause gegangen. In einer dunkeln Ecke der dunkeln Kirche hat Florence Susanna Nipper gefunden, und sie weint in ihren Armen. Die Augen des Mr. Toots sind rot. Der Kapitän poliert seine Nase. Onkel So! hat seine Brille von der Stirne nach den Augen niedergelassen und ist zur Tür hinausgegangen.

»Gott segne dich, Susanna, teuerste Susanna! Wenn du je Zeugnis geben kannst von der Liebe, die ich für Walter im Herzen trage, und von den Gründen, die mich zu dieser Liebe bewegen, so tue es um meinetwillen! Gott sei mit dir! Gott sei mit dir!«

Sie haben es für besser gehalten, nicht nach dem Midshipman zurückzugehen, sondern so zu scheiden. Eine Kutsche wartet auf sie in der Nähe.

Miß Nipper kann nicht sprechen, sondern nur schluchzen und würgen, und umarmt ihre Gebieterin. Mr. Toots tritt heran, bittet sie guten Muts zu sein, und nimmt sie in seine Obhut. Florence reicht ihm ihre Hand – bietet ihm in der Überfülle ihres Herzen die Lippen – küßt Onkel Sol und Kapitän Cuttle, und wird von ihrem jungen Gatten fortgezogen.

Aber Susanna kann es nicht ertragen, daß Florence mit einer traurigen Erinnerung an sie scheiden soll. Sie hat sich so ganz anders verhalten wollen, daß sie sich bittere Vorwürfe macht. In der Absicht, durch eine letzte Anstrengung die Ehre ihrer Standhaftigkeit zu retten, reißt sie sich von Mr. Toots los und eilt fort, um die Kutsche zu suchen und noch ein Abschiedslächeln zur Schau zu stellen. Der Kapitän, der ihren Zweck ahnt, setzt ihr nach, denn er hält es gleichfalls für seine Pflicht, das Brautpaar womöglich mit einem Hurra zu entlassen. Onkel Sol und Mr. Toots bleiben miteinander zurück und warten vor der Kirche, bis sie wiederkehren.

Die Kutsche ist bereits abgefahren; aber die steile, schmale Straße muß irgendwo ein Hindernis bieten. Susanna gewinnt diese Überzeugung aus einem Stillstehen der Menschen in der Ferne. Kapitän Cuttle folgt der Berganfliegenden und schwenkt als allgemeines Signal, das vielleicht von der rechten Kutsche aufgefangen wird, seinen Glanzhut.

Susanna ist dem Kapitän weit voran und erreicht den Wagen. Sie schaut zum Fenster hinein, sieht Walter mit dem sanften Gesicht an seiner Seite, schlägt ihre Hände zusammen und ruft:

»Miß Floy, mein Herz, seht heraus! Wir alle sind jetzt so glücklich, meine Liebe. Nur noch ein Lebewohl, mein Kleinod – nur noch ein einziges!«

Wie es Susanna möglich wird, weiß sie nicht, aber sie erreicht das Fenster, küßt Florence und hat im Nu die Arme um ihren Hals geschlungen.

»Wir sind alle so – so glücklich jetzt, meine liebe Miß Floy!« sagt Susanna mit einem verdächtigen Drücken in ihrer Stimme. »Ihr werdet mir jetzt nicht zürnen – nicht wahr?«

»Zürnen, Susanna?«

»Nein, nein; ich wußte es ja. Ich sagte, Ihr würdet’s nicht, mein Liebling!« ruft Susanna. »Und da ist auch der Kapitän – Ihr wißt, Euer Freund, der Kapitän – um Euch noch einmal Lebewohl zu sagen.«

»Hurra, meine Herzensfreude!« brüllte der Kapitän mit sehr aufgeregtem Gesicht. »Hurra, Wal’r, mein Junge! Hurra! Hurra!«

Der junge Mann ist an dem einen Fenster, die junge Frau an dem andern; der Kapitän hängt rechts und Susanna links an dem Kutschenschlag; aber der Wagen muß vorwärts, mag er wollen oder nicht, da alle andern Karren und Kutschen wegen seines Zögerns aufrührerisch werden. Nie hat es eine solche Verwirrung auf vier Rädern gegeben. Aber Susanna Nipper führt standhaft ihr Vorhaben aus. Sie behauptet das lächelnde Gesicht bis auf den letzten Augenblick, während ihre Gebieterin gleichfalls durch ihre Tränen lächelt. Und sogar als sie schon zurückbleibt, fährt der Kapitän fort, mit dem Rufe: »Hurra, mein Junge! Hurra meine Herzensfreude!« vor dem Schlag aufzutauchen und zu verschwinden; sein Hemdkragen kommt dabei in sehr ungestüme Aufregung, bis er zuletzt die Hoffnungslosigkeit des Versuches, länger mit der Kutsche gleichen Schritt zu halten, einsieht. Zum Schlusse, nachdem der Wagen abgefahren ist, verfällt Susanna Nipper in einen Zustand der Bewußtlosigkeit, und der Kapitän muß sie in einen Bäckerladen führen, damit sie sich daselbst wieder erhole. Onkel Sol und Mr. Toots sitzen auf dem Schlußstein des Geländers und warten geduldig im Kirchhof, bis Kapitän Cuttle und Susanna zurückkommen. Obschon es ihnen durchaus nicht ums Sprechen oder Angeredetwerden zu tun ist, leisten sie sich doch trefflich Gesellschaft und sind vollkommen zufrieden. Wieder im kleinen Midshipman angelangt, setzen sich alle vier zum Frühstück nieder, aber niemand ist imstande, auch nur einen Bissen anzurühren. Kapitän Cuttle tut, als sei er ungeheuer gierig auf einige Röstschnitte, gibt es aber bald als einen Betrug wieder auf. Nachdem der Tisch wieder abgeräumt ist, verspricht Mr. Toots, am Abend wieder zurückzukommen, und wandert den ganzen Tag mit dem unbestimmten Gefühl in der Stadt umher, als sei er vierzehn Tage lang keines Bettes ansichtig geworden.

Es liegt ein eigentümlicher Zauber auf dem Hause und auf dem Stübchen, in dem sie zusammenzusitzen pflegten und das jetzt so viel verloren hat. Er erhöht und beschwichtigt zugleich den Schmerz des Abschieds. Mr. Tools teilt, als er abends zurückkommt, Susanna Nipper mit, er habe sich den ganzen Tag über nicht so elend gefühlt, und doch könne er sich von dem Stübchen nicht trennen. Da er mit ihr allein ist, so schenkt er ihr sein Vertrauen und erzählt ihr von seinen Gefühlen, als sie ihm so offen ihre Ansicht über die Unwahrscheinlichkeit mitteilte, daß Miß Dombey je ihn lieben werde. Das Vertrauen wird durch solche gemeinschaftliche Rückblicke und durch ihre Tränen erhöht, so daß Mr. Toots zuletzt seiner Gefährtin den Vorschlag macht, sie wollen miteinander ausgehen und Nachtessen kaufen. Miß Nipper gibt ihre Zustimmung, und sie schaffen allerlei Kleinigkeiten herbei, so daß unter Mithilfe von Mrs. Richards ein stattliches Souper aufgetragen werden kann, ehe der Kapitän und der alte Sol nach Hause kommen.

Der Kapitän und der alte Sol sind am Bord des Schiffes gewesen, um Diogenes dahin zu verpflanzen und die Ladung des Gepäcks zu überwachen. Sie wissen viel davon zu erzählen, wie beliebt Walter sei; er habe es ganz gemächlich und sei mit aller Ruhe früh und spät tätig, um seine Kajüte zu einem »Bildchen«, wie es der Kapitän nennt, zu machen und seine junge Frau damit zu überraschen. »Wohlverstanden«, sagt der Kapitän, »eine Admiralskajüte könnte nicht schmucker sein.«

Eine von des Kapitäns Hauptfreuden besteht jedoch darin, daß er weiß, die große Uhr, die Zuckerzange und die Teelöffel seien wohlbehalten an Bord. Man hört ihn wieder und wieder vor sich hinmurmeln: »Ed’ard Cuttle, mein Junge, du hast in deinem Leben nie auf einen so guten Kurs angelegt, als wie du das kleine Eigentum gemeinsam überwachtest. Du hast sogleich gemerkt, wo das Land lag, Ed’ard«, sagte der Kapitän, »und es macht dir Ehre, mein Junge.«

Der alte Instrumentenmacher ist zerstreuter und düsterer als sonst; er nimmt sich die Hochzeit und den Abschied sehr zu Herzen. Zum Trost gereicht es ihm übrigens, daß er seinen alten Bundesgenossen Ned Cuttle zur Seite hat, und er setzt sich mit dankbarem und zufriedenem Gesicht zum Nachtessen nieder.

»Mein Junge ist erhalten worden und gedeiht«, sagt der alte Sol Gills, indem er sich die Hände reibt. »Habe ich ein Recht, etwas anderes zu sein als dankbar und glücklich?«

Der Kapitän, der seinen Sitz am Tisch noch nicht eingenommen, aber sich eine Zeitlang sehr unruhig umgetrieben hat, sieht jetzt Mr. Gills zaudernd an und beginnt:

»Sol, wir haben noch die letzte Flasche alten Madeira drunten. Wünscht Ihr, mein Junge, daß sie heute abend Wal’r und seiner Frau zu Ehren angebrochen werde?«

Der Instrumentenmacher sieht den Kapitän nachdenklich an, steckt die Hand in die Brusttasche seines kaffeefarbigen Rocks, holt seine Brieftafel hervor und nimmt ein Schreiben heraus.

»An Mr. Dombey«, sagt der alte Mann. »Von Walter. Es soll ihm nach drei Wochen zugesendet werden. Ich will es lesen.«

»Sir.

Ich bin mit Eurer Tochter vermählt und sie hat mit mir eine weite Reise angetreten. Obschon ihr, Gott weiß es, mein ganzes Dasein gewidmet ist und ich sie über alle Erdendinge liebe, hätte ich doch meine Ansprüche nicht bis zu ihr oder zu Euch erheben sollen; indes sind Gründe vorhanden, die mich bewogen, ohne Gewissensbisse ihr Geschick mit den Unsicherheiten und Gefahren meines Lebens zu verflechten. Ich will nichts weiter sagen. Ihr seid ihr Vater und wißt warum. Macht ihr keine Vorwürfe. Sie hat Euch nie einen Vorwurf gemacht. – Ich denke und hoffe nicht, daß Ihr mir je vergeben werdet. Ich erwarte es am allermindesten. Wenn aber eine Stunde kommen sollte, in der Euch das Bewußtsein tröstlich wird, Florence habe stets jemand in der Nähe, der sich’s zur großen Aufgabe seines Lebens macht, die Erinnerungen an den vergangenen Kummer zu verwischen, so gebe ich Euch die feierliche Versicherung, daß Ihr Euch in einer solchen Stunde dieser Überzeugung hingeben dürft.«

Solomon legt das Schreiben bedächtig wieder in seine Brieftafel und steckt sie in seine Rocktasche.

»Wir wollen die letzte Flasche des alten Madeira noch nicht trinken, Ned«, sagte der alte Mann. »Noch nicht.«

»Nein«, pflichtete der Kapitän bei. »Nein, noch nicht.« Susanna und Mr. Toots sind derselben Ansicht. Nach einer schweigsamen Pause setzen sie sich zum Nachtessen nieder und trinken die Gesundheit des jungen Ehepaars in etwas anderem. Die letzte Flasche alten Madeiras bleibt unter dem Staub und den Spinngeweben noch ungestört.

Einige Tage sind vergangen, und ein stattliches Schiff sticht in die See, seine weißen Schwingen vor dem günstigen Winde ausbreitend. Auf dem Deck – für den rauhesten Mann an Bord ein Bild der Anmut, Schönheit und Unschuld, ein Bild von etwas Gutem und Angenehmem, das die Reise glücklich machen muß – befindet sich Florence. Es ist Abend. Sie und Walter sitzen allein und betrachten den feierlichen Lichtpfad auf dem Meer zwischen ihnen und dem Mond.

Endlich kann sie nicht mehr deutlich sehen, denn Tränen füllen ihre Augen. Sie lehnt ihr Haupt an seine Brust, schlingt die Arme um seinen Nacken und sagt:

»O Walter, mein teures Leben, ich bin so glücklich!« Der junge Gatte drückt sie an seine Brust. Ein stilles Glück erfüllt ihre Herzen, und das stattliche Schiff gleitet ruhig weiter.

»Wenn ich lauschend da sitze und das Rauschen des Meeres höre«, sagte Florence, »so kommen mir viele Tage der Vergangenheit in den Sinn. Es erinnert mich stets – –«

»An Paul, meine Liebe. Ich weiß es.«

»An Paul und Walter.«

Und die Stimmen in den Wellen flüstern in ihrem unablässigen Gemurmel Florence stets zu von Liebe – von Liebe, ewig und grenzenlos, nicht abgeschieden durch die Schranken dieser Welt oder durch das Ende der Zeit, sondern weiter sich breitend über Meer und Himmel, hinaus nach dem fernen unsichtbaren Lande!

Achtundfünfzigstes Kapitel.


Achtundfünfzigstes Kapitel.

Später.

Das Meer hatte während eines ganzen Jahres geebbt und geflutet. Ein ganzes Jahr waren die Winde gekommen und gegangen; die Zeit hatte ihre rastlose Arbeit getan in Sturm und Sonnenschein. Während eines ganzen Jahres waren die Fluten menschlicher Zufälligkeiten in den ihnen angewiesenen Strömungen fortgegangen. Während eines ganzen Jahres hatte das berühmte Haus Dombey und Sohn einen Lebenskampf gekämpft gegen widrige Zufälle, zweifelhafte Gerüchte, verunglückte Wagnisse und ungünstige Zeiten, am meisten aber gegen die Betörung seines Hauptes, das seine Unternehmungen nicht um eine Haaresbreite beschränken und nie dem warnenden Winke Gehör schenken wollte, das so hart gegen den Sturm gedrängte Schiff sei schwach und vermöge ihn nicht auszuhalten. Das Jahr war um, und das große Haus fiel.

An einem Sommernachmittag, nicht völlig ein Jahr nach der Hochzeit in der Citykirche, summte und flüsterte man auf der Börse von einem großen Bankrott. Ein dort wohlbekannter, kalter, stolzer Mann war nicht zugegen und auch durch niemand vertreten. Am nächsten Tage verbreitete sich da« Gerücht, Dombey und Sohn habe seine Zahlungen eingestellt, und am Abend darauf stand dieser Name obenan auf der Liste der Bankrotten.

Die Welt war in der Tat jetzt sehr geschäftig und wußte gar viel zu sagen. Es war eine unschuldige, leichtgläubige, eine viel mißhandelte Welt – eine Welt, in der es nie Bankrotte anderer Art gegeben hatte. Man erblickte darin keine Personen, die weit und breit auf mürben Ufern von Religion, Patriotismus, Tugend und Ehre Geschäfte machen. Es gab keinen auch nur des Zeitungspapiers werten Betrag, von dem dieser und jener sich recht hübsch durchbrachte – wir meinen, einen Betrag von Tugenden, der wohl versprochen, aber nicht bezahlt wird. Es gab nirgends und in nichts eine Verkürzung, als im Gelde. Die Welt war in der Tat sehr aufgebracht, und namentlich zeigten sich diejenigen besonders entrüstet, die in einer schlechteren Welt selbst des moralischen Bankrotts verdächtig gewesen wären.

Für den armen Spielball der Umstände, Mr. Perch, den Ausläufer, gab es jetzt neue Verlockung zu einem ungeregelten Leben. Das Schicksal schien diesen Mann dazu bestimmt zu haben, daß er stets aufwachen und sich berühmt finden mußte. Man möchte sagen, kaum gestern hatte es ihm das Verklingen des Rufs, den er der Entführung und den darauffolgenden Umständen verdankte, möglich gemacht, wieder in seinem ruhigen Gang fortzuwandeln, und nun wurde er durch den Bankrott zu einem bedeutsameren Mann als je. Wenn Mr. Perch von dem Trippel im Außenkontor, von wo aus er jetzt die fremden Gesichter der Rechnungsprüfer und anderer Personen musterte, die rasch fast alle alten Buchhalter verdrängten, herunterglitt, brauchte er sich nur im Hof draußen oder höchstens in der Schenkstube des Königswappens zu zeigen, um augenblicklich mit einer Menge Fragen überschüttet zu werden, unter denen die, was er zu trinken wünsche, obenan stand. Er pflegte dann über die Stunden bitterer Unruhe zu lamentieren, die er und Mrs. Perch in Balls Pond draußen erlitten hätten, seit zum erstenmal der Argwohn in ihnen aufgetaucht sei, »daß es schief gehe«. Dann eröffnete er den gaffenden Zuhörern mit gedämpfter Stimme, als ob die Leiche des gefallenen Hauses unbeerdigt im nächsten Zimmer liege, wie Mrs. Perch zuerst auf die Mutmaßung gekommen sei, daß es wirklich nicht richtig sein müsse, weil sie ihn im Schlaf hatte stöhnen hören: »Zwölf Schilling und neun Pence am Pfund, zwölf Schilling und neun Pence am Pfund.« Diese somnambulische Prophezeiung mußte wohl, wie er meinte, von dem Eindruck herrühren, den der Wechsel von Mr, Dombeys Gesicht auf ihn gemacht habe. Sodann teilte er seinem Auditorium mit, wie er einmal gesagt habe: »Darf ich mir wohl die Freiheit nehmen zu fragen, Sir, ob Ihr Euch im Gemüt bedrückt fühlt?« und wie Mr. Dombey darauf erwiderte: »Mein treuer Perch – aber nein, es kann nicht sein!« Und mit diesen Worten sei er mit der Hand über seine Stirn gefahren und habe gesagt: »Laßt mich allein, Perch!« Mit einem Wort: Mr. Perch, ein Opfer seiner Stellung, pflegte Lügen aller Art vorzubringen, rührte sich dabei selbst bis zu Tränen und glaubte am Ende wirklich, die Erfindungen von gestern seien durch die öftere Wiederholung heute zu einer Art Wahrheit geworden.

Mr. Perch schloß solche Konferenzen stets mit der bescheidenen Bemerkung, daß es natürlich, welchen Argwohn er auch gehabt haben möge (als ob er je einen gehabt hätte!), ihm nicht zustehe, das in ihn gesetzte Vertrauen zu verraten – eine Gesinnung, die, weil nie Gläubiger anwesend waren, unter Anerkennung der Ehrenhaftigkeit seiner Gefühle aufgenommen wurde. So brachte er in der Regel ein beruhigtes Gewissen wieder fort und hinterließ einen angenehmen Eindruck, wenn er wieder nach seinem Trippel zurückkehrte, um die fremden Gesichter der Rechnungssteller und anderer zu beobachten, die so frei mit den großen Geheimnissen der Bücher umgingen. Hin und wieder schlich er dann auf den Zehen in Mr. Dombeys leeres Zimmer, um das Feuer zu schüren, oder schöpfte Luft unter der Tür und plauderte mit irgendeinem vorübergehenden Bekannten über die klägliche Geschichte. Auch ließ er es nicht daran fehlen, dem Hauptrechnungssteller unterschiedliche kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen und sich denselben dadurch günstig zu stimmen: denn er hoffte, der besagte Gentleman werde ihm, wenn die Angelegenheiten des Hauses abgeschlossen seien, zu einem Ausläuferposten bei einer Feuerversicherungs-Gesellschaft verhelfen.

Für Major Bagstock war der Bankrott eine richtige Kalamität. Der Major war kein sympathischer Charakter, da sich seine Aufmerksamkeit ganz auf J. B. konzentrierte, und auch keinen lebhaften Erregungen ausgesetzt, wenn wir von der physischen des Keuchens und Erstickenwollens absehen. Er hatte jedoch im Klub mit seinem Freund Dombey so groß getan, ihn den Mitgliedern desselben im allgemeinen so an den Kopf geworfen und den Reichtum des großen Mannes stets so nachdrücklich behauptet, daß der Klub, der nur ein menschlicher war, ein Entzücken darin fühlte, sich an dem Major zu rächen, indem er ihn mit dem Anschein großer Teilnahme fragte, ob dieser furchtbare Schlag überhaupt erwartet worden sei und wie sein Freund Dombey ihn ertrage. Auf solche Fragen pflegte der Major, der dabei ganz purpurrot wurde, zu antworten, es sei ganz und gar eine schlechte Welt, Sir, und Joe wisse ein und das andere, aber es sei jetzt aus mit ihm, Sir, aus wie mit einem Kinde: wenn man dies J. Bagstock vorausgesagt hätte, Sir, als er mit Dombey auf Reisen ging und jenem Vagabunden durch Frankreich auf und ab nachjagte, so würde J. Bagstock einem jeden, der etwas Derartiges behauptet hätte, ins Gesicht gehustet – ja, ins Gesicht gehustet haben, Sir – so wahr Gott lebt! Joe sei getäuscht, sei angeführt und geblendet worden, Sir, habe aber jetzt seine Augen wieder weit offen, in der Tat so weit, Sir, daß, wenn Joes eigener Vater morgen aus dem Grab aufstünde, er dem alten Kunden keinen Penny anvertrauen, sondern zu ihm sagen würde, sein Sohn Josh sei ein zu alter Soldat, um sich noch einmal über den Löffel barbieren zu lassen. Er sei ein argwöhnischer, schwieriger, vorsichtiger, aufgebrauchter J. B.-Heide, Sir, und wenn es sich mit der Würde eines rauhen und zähen alten Majors von der alten Schule, der die Ehre hatte, von Ihren königlichen Hoheiten, den Herzogen von Kent und Jork, ausgezeichnet zu werden, vertrüge, so würde er sich, bei Gott, in ein Faß zurückziehen und darin leben. Er würde sich morgen in Pall Mall ein Faß anschaffen, Sir, um damit seine Verachtung vor der Menschheit auszudrücken.

Solcher Vorträge mit allerlei Variationen über das gleiche Thema entledigte sich der Major mit so vielen schlagflüssigen Symptomen, einem so einschüchternden Rollen des Kopfes und einem so ungestümen Brummen des Ärgers über seine mißbrauchte Persönlichkeit, daß die jüngeren Mitglieder des Klubs auf die Vermutung kamen, er habe bei dem Hause seines Freundes Dombey Geld angelegt und es verloren, obschon die älteren Soldaten und die schlaueren Männer, die Joe besser kannten, nichts von dergleichen hören wollten. Der unglückliche Eingeborene, der keine Ansicht ausdrückte, litt furchtbar, nicht bloß in seinen moralischen Gefühlen, die von dem Major jede Stunde des Tages mit einem regelmäßigen Feuer bearbeitet wurden, sondern auch körperlich durch Püffe und Stöße, so daß er keinen Augenblick zu einer leiblichen Ruhe kommen konnte. Sechs volle Wochen nach dem Bankrott lebte der unglückliche Ausländer in einer Regenzeit von Stiefelziehern und Bürsten.

Über den schrecklichen Umschwung der Dinge hatte Mrs. Chick drei Vorstellungen. Die erste war, daß sie ihn nicht begreifen könne, die zweite, daß ihr Bruder keine Anstrengung gemacht habe, und die dritte, daß dies, wie sie schon damals gesagt habe, nie hätte vorkommen können, wenn sie an dem bewußten ersten Tag zum Diner eingeladen worden wäre.

Die Ansicht von niemand trat auf die Seite des Unglücks, erleichterte es oder machte es schwerer. Man wußte, die Angelegenheiten des Hauses würden so gut, als es gehen wolle, zum Abschluß kommen, und Mr. Dombey habe freiwillig auf all sein Eigentum verzichtet, ohne sich von irgend jemand eine Gunst zu erbitten. Von einer Wiederaufnahme des Geschäfts könne keine Rede sein, da er von keinem gütlichen Vergleich, dessen Möglichkeit in Aussicht stehe, etwas wissen wolle; auch habe er alle Posten des Vertrauens und der Auszeichnung, die ihm als einem unter den Kaufleuten geachteten Mann übertragen worden, abgegeben. Die einen erklärten, er sei todkrank, die andern wollten wissen, die Schwermut habe ihm den Verstand verwirrt, alle aber vereinigten sich dahin, daß er ein zugrunde gerichteter Mann sei.

Die Angestellten zerstreuten sich nach einem kleinen Beileids-Diner, das durch Possenlieder belebt wurde, und fanden wunderbar guten Abgang. Einige nahmen Plätze im Ausland an, andere erhielten ein Unterkommen in englischen Häusern, wieder einige erinnerten sich plötzlich, daß sie eine besondere Vorliebe für gewisse Bekanntschaften im Land hätten, und andere boten ihre Dienste in den Zeitungen an. Nur Mr. Perch blieb in dem Hause und betrachtete sich von seinem Trippel aus die Rechnungssteller oder stürzte von seinem Posten herunter, um den Hauptrechner, der ihn bei der Feuerversicherungs-Gesellschaft unterbringen sollte, für sich zu gewinnen. Das Kontor sah bald sehr schmutzig und vernachlässigt aus. Der Hauptpantoffel- und Hundehalsband-Verkäufer an der Ecke des Hofs hatte seine Bedenken, ob er nicht eine Ungebühr begehe, wenn er bei Mr. Dombeys Heraustreten auch nur seinen Zeigefinger an den Rand seines Hutes lege, und der Zettelträger mit den Händen unter der weißen Schürze moralisierte in sehr nüchterner Weise über das Sprichwort, daß Hochmut vor dem Fall komme.

Mr. Morfin, der braunäugige Junggeselle mit dem graugesprenkelten Haar und Bart, war vielleicht in der Atmosphäre des Hauses die einzige Person – natürlich den Prinzipal ausgenommen – dem das hereingebrochene Unglück tief und schwer zu Herzen ging. Er hatte Mr. Dombey durch eine Reihe von Jahren mit der gebührenden Achtung behandelt, aber nie seinen natürlichen Charakter verheimlicht oder zu Förderung selbstsüchtiger Zwecke mit der Leidenschaft seines Herrn ein Spiel getrieben, weshalb es denn auch bei ihm keine Mißachtung zu rächen, überhaupt keine lang angespannten Federn gab, die mit einem raschen Rückprall sich losmachten. Er arbeitete früh und spät, um die verwickelten oder schwierigen Verhältnisse des Hauses zu entwirren, war stets bereit, etwa verlangte Auskunft zu erteilen, blieb bisweilen bis tief in die Nacht hinein auf dem alten Kontorstübchen, um sich so weit in die Verhältnisse hineinzuarbeiten, daß er Mr. Dombey den Schmerz einer persönlichen Vernehmung ersparen konnte, und ging dann nach seiner Wohnung in Islington, wo er vor Schlafengehen seinen Geist durch die ungeheuerlichsten Töne, die er seinem Violoncello entlockte, zu beruhigen suchte.

Er unterhielt sich eines Abends mit diesem melodischen Gekratze und holte, da er den Tag über sehr niedergeschlagen gewesen, sich Trost aus den tiefsten Baßtönen seines Instruments, als seine Hauswirtin, die zum Glück nicht gut hörte und von künstlerischen Leistungen ihres Mieters keinen andern Eindruck erhielt, als ob etwas in ihren Knochen knarre, den Besuch einer Dame ankündigte.

»In Trauer«, sagte sie.

Der Violoncellobogen hörte augenblicklich auf zu streichen, und nachdem der Musiker mit großer Sorgfalt sein Instrument auf ein Sofa gelegt hatte, deutete er durch ein Zeichen an, daß die Dame kommen könne. Zugleich ging er zur Tür hinaus, um den Besuch zu empfangen, und traf Harriet Carker auf der Treppe.

»Allein«, sagte er; »und John war heute morgen hier? Ist etwas vorgefallen, meine Liebe? Doch nein«, fügte er hinzu; »Euer Gesicht läßt mich etwas ganz anderes lesen.«

»Dann fürchte ich, Ihr findet darin nur eine selbstsüchtige Enthüllung«, antwortete sie.

»Jedenfalls eine sehr angenehme«, sagte er, »und ist sie selbstsüchtig, so wird sie noch obendrein zu einer Neuigkeit, die man nicht leicht bei Euch zu hören bekommt. Ich glaube es übrigens nicht.«

Er hatte ihr inzwischen einen Stuhl angeboten und nahm ihr gegenüber Platz, während das Violoncello behaglich zwischen ihnen auf dem Sofa lag.

»Ihr werdet Euch nicht wundern, daß ich allein komme oder daß John von meinem beabsichtigten Besuche nichts gegenüber Euch erwähnt hat«, sagte Harriet, »wenn ich Euch mitteile, weshalb ich hier bin? Darf ich?«

»Ihr könnt nichts Besseres tun.«

»Ihr waret nicht beschäftigt?«

Er deutete nach dem auf dem Sofa liegenden Violoncello und sagte:

»Ich war’s den ganzen Tag. Hier ist mein Zeuge. Ihm habe ich alle meine Sorgen vertraut. Wollte Gott, ich hätte ihm keine als meine eigenen mitzuteilen.«

»Ist’s mit dem Haus zu Ende?« fragte Harriet dringlich.

»Völlig zu Ende.«

»Und wird nie wieder aufgenommen werden?«

»Nie.«

Der glänzende Ausdruck ihres Gesichtes wurde nicht überschattet, als ihre Lippen leise das Wort wiederholten. Er schien dies mit einer unwillkürlichen kleinen Überraschung zu bemerken und fuhr fort:

»Nie. Ihr erinnert Euch, was ich Euch sagte. Es ist unmöglich gewesen, ihn zu überzeugen, unmöglich, ihm Vernunft beizubringen, bisweilen sogar unmöglich, ihm nur nahezukommen. Das Schlimmste ist eingetroffen und das Haus gefallen, um nicht wieder aufgerichtet zu werden.«

»Und ist Mr. Dombey persönlich zugrunde gerichtet?«

»Ja.«

»Wird denn kein Privatvermögen übrig bleiben? Nichts?«

Eine gewisse Hast in ihrer Stimme und ein Ausdruck in ihrem Gesicht, der fast freudig zu sein schien, überraschte ihn noch mehr, und zwar nicht in angenehmer Weise, da seine eigenen Gefühle dadurch widerlich berührt wurden. Er trommelte mit den Fingern der einen Hund auf den Tisch, blickte sie fragend an, schüttelte den Kopf und sagte nach einer Pause:

»Ich weiß nicht genau, wie weit sich Dombeys Hilfsquellen erstrecken, aber wenn sie auch ohne Zweifel sehr groß sind, stehen ihnen doch ungeheure Verbindlichkeiten gegenüber. Er ist ein Gentleman von Ehre und hoher Rechtschaffenheit. Mancher in seiner Lage hätte sich retten können und würde sich auch gerettet haben durch Anbieten von Bedingungen, die die Verluste der Geschäftsfreunde nur gering, fast unmerklich vergrößert und ihm doch noch einen Rest gelassen hätten, von dem er leben kann. Aber er ist entschlossen, bis auf den letzten Heller seines Vermögens Zahlung zu leisten. Seine eigenen Worte lauten, sein Haus werde dadurch zwar geleert oder nahezu geleert werden, indes könne im schlimmsten Fall niemand viel verlieren. Ach, Miß Harriet, es würde uns nicht schaden, wenn wir öfters daran dächten, daß Laster bisweilen nur übertriebene Tugenden sind. Wir sehen hierin wieder seinen Stolz.«

Sie hörte ihn mit geringem oder gar keinem Wechsel in dem Ausdruck ihres Gesichts und mit einer geteilten Aufmerksamkeit an, die zeigte, daß ihr Inneres mit etwas anderem beschäftigt war. Als er schwieg, fragte sie ihn abermals:

»Habt Ihr ihn in letzter Zeit gesehen?«

»Er läßt niemand vor. Wenn dieser Wendepunkt seiner Angelegenheiten es nötig macht, sein Haus zu verlassen, so zeigt er sich, geht wieder nach Hause und sperrt sich gegen jedermann ab. Er hat mir ein Schreiben zugehen lassen, in dem er unsere frühere gegenseitige Beziehung höher anschlägt, als sie es verdiente, und von mir Abschied nimmt. Das Zartgefühl verbietet mir, mich ihm jetzt aufzudringen, da ich in besseren Zeiten nie viel Verkehr mit ihm hatte; aber gleichwohl habe ich einen Versuch dazu gemacht. Ich schrieb ihm, ging zu ihm und bat ihn um Gehör, aber völlig vergeblich.«

Er sah sie an, in der Hoffnung, sie dürfte eine größere Teilnahme kundgeben, als sie bisher an den Tag gelegt hatte. Obschon er ernst und gefühlvoll gesprochen, als wolle er den Tatbestand ihr näher ans Herz legen, ließ sich doch kein Wechsel in ihr bemerken.

»Doch lassen wir das, Miß Harriet«, sagte er mit der Miene getäuschter Erwartung: »es führt zu nichts. Ihr seid nicht hierhergekommen, um dies zu hören. Es liegt Euch ein anderer, angenehmerer Gegenstand auf dem Herzen. Laßt mich teilnehmen daran, und wir werden unter gleicheren Verhältnissen uns besprechen können.«

»Nein, es ist derselbe Gegenstand«, entgegnete Harriet mit unverhohlenem Erstaunen. »Warum sollte dies nicht der Fall sein? Ist es nicht natürlich, daß John und ich in letzter Zeit oft und viel an die kürzlichen großen Veränderungen dachten und davon sprachen? Mr. Dombey, dem er so viele Jahre gedient hat – Ihr wißt, unter welchen Verhältnissen – so heruntergekommen, wie Ihr sagt, und wir dagegen eigentlich reich.« So gut und ehrlich auch ihr Gesicht war und so lieblich es Mr. Morfin, dem braunäugigen Junggesellen, seit der Zeit geworden sein mochte, als er es zum erstenmal erblickte, gefiel es ihm in diesem Moment, in dem ein Strahl von Freude darüber hinblitzte, weniger als je zuvor.

»Ich brauche Euch nicht daran zu erinnern«, sagte Harriet, nach ihrem schwarzen Gewand niederbückend, »durch welche Mittel unsere Umstände so verändert wurden. Ihr habt nicht vergessen, daß unser Bruder James an jenem schrecklichen Tage kein Testament und außer uns keine Verwandten hinterließ.«

Das Gesicht kam ihm jetzt wieder lieblicher vor, obschon es blaß und schwermütig aussah. Er schien freier aufzuatmen.

»Ihr kennt unsere Geschichte«, sagte sie, »die Geschichte meiner beiden Brüder in ihrer Beziehung zu dem unglücklichen Gentleman, von dem Ihr eben mit so viel Wärme gesprochen habt. Ihr wißt, wie wenig wir – John und ich – bedürfen und wie wir nach der Lebensweise, die wir so viele Jahre gemeinschaftlich geführt haben, keinen großen Aufwand nötig haben: auch verdankt er Eurer gütigen Verwendung einen Posten, dessen Ertrag für uns vollständig ausreicht. Ihr könnt Euch jetzt wohl denken, um welcher Bitte willen ich zu Euch gekommen bin?«

»Ich weiß es kaum. Vor einer Minute meinte ich, es mir denken zu können, jetzt aber glaube ich, daß ich in einem Irrtum befangen war.«

»Von meinem verstorbenen Bruder will ich nicht sprechen. Wüßte der Tote, was wir tun – aber Ihr versteht mich. Von meinem lebenden Bruder könnte ich viel sagen: doch wozu bedarf es einer weiteren Erklärung, als daß die pflichtmäßige Handlung, bei der wir Eure Mithilfe nicht entbehren können, von ihm ausgeht, und daß er weder rasten noch ruhen kann, bis sie erfüllt ist!«

Sie erhob abermals ihren Blick, und das Licht der Freude auf ihrem Gesicht erschien wunderlieblich in den Augen dessen, der es betrachtete.

»Mein teurer Sir«, fuhr sie fort, »es muß in aller Stille und Heimlichkeit geschehen. Eure Erfahrung und Sachkenntnis wird Euch ein Mittel an die Hand geben, uns dabei behilflich zu sein. Man kann vielleicht Mr. Dombey den Glauben beibringen, von den Trümmern seiner Habe sei unerwarteterweise etwas gerettet worden; es handle sich dabei um einen freiwilligen Zoll, der von einem seiner bedeutenderen früheren Geschäftsfreunde seinem ehrenhaften und aufrichtigen Charakter gebracht werde, oder um eine alte für verloren gegebene Schuld, für welche Zahlung einlief. O, es gibt viele Arten, die Sache einzuleiten, und ich weiß, Ihr werdet die beste wählen. Nur bitte ich Euch um die Gunst, in Eurer eigenen freundlichen, ehrenhaften und rücksichtsvollen Weise für uns zu handeln. Sprecht mit John nicht davon, denn er fühlt sich am glücklichsten, wenn dieser Akt der Rückerstattung im geheimen, unbekannt und ohne Lob geschieht. Nur ein sehr kleiner Teil der Erbschaft soll uns vorbehalten bleiben, Mr. Dombey aber die Nutznießung des übrigen für Lebenszeit bekommen. Aber Ihr müßt treulich unser Geheimnis bewahren – ich bin überzeugt, daß Ihr es werdet, und von Stunde an wollen auch wir beide darüber schweigen, denn ich sehe nur einen neuen Grund darin, dem Himmel zu danken und auf meinen Bruder stolz zu sein.«

Solch ein frohlocken mag sich auf den Gesichtern der Engel ausdrücken, wenn unter neunundneunzig Gerechten der einzige reuige Sünder in den Himmel eingeht. Es wurde nicht getrübt oder gemindert durch die frohen Tränen, die ihre Augen füllten, sondern erschien dadurch nur um so glänzender.

»Meine teure Harriet«, sagte Mr. Morfin nach einer Pause, »hierauf war ich nicht vorbereitet. Wenn ich Euch recht verstehe, so wünscht Ihr Euren eigenen Anteil an der Erbschaft ebensogut Einem schönen Zweck dienstbar zu machen als den Eures Bruders John?«

»Ja«, entgegnete sie. »Nachdem wir so lange Zeit alles miteinander geteilt haben und uns keine weitere Sorge oder Hoffnung vorbehalten bleibt, hatte ich mich wohl von der Beteiligung ausschließen können? Darf ich nicht verlangen, bis auf den letzten Augenblick in allem seine Gesellschafterin und Teilhaberin zu sein?«

»Verhüte der Himmel, daß ich dies bestreite!« erwiderte er.

»Wir dürfen uns also auf Eure freundliche Beihilfe verlassen?« sagte sie. »Ich wußte wohl, daß ich keine Fehlbitte tun werde.«

»Ich wäre ein schlechterer Mensch, als – ich hoffentlich bin oder zu sein glaube, wenn ich Euch nicht aus vollem Herzen und von ganzer Seele diese Versicherung gäbe. Zählt unbedingt auf mich. Bei meiner Ehre, ich will Euer Geheimnis bewahren, und stellt sich wirklich heraus, daß Mr. Dombey so weit herabgekommen ist, als ich besorge, so soll Euch bei Ausführung des Plans, zu dem Ihr Euch mit Eurem Bruder verbunden habt, mein ganzer Einfluß zur Seite stehen.«

Sie gab ihm ihre Hand und dankte ihm mit herzlichem, glücklichem Gesicht.

»Harriet«, fuhr er fort, die ihm dargebotene Rechte festhaltend, »es wäre eitel und anmaßend, mit Euch über den Wert irgendeines Opfers, das Ihr jetzt bringen könnt, namentlich aber eines bloßen Geldopfers sprechen zu wollen, und mein Inneres sagt mir, daß jede Aufforderung, Euer Vorhaben noch einmal zu überlegen oder ihm engere Grenzen zu stecken, die gleiche Bezeichnung verdiente. Ich habe kein Recht, das großartige Ende einer großen Geschichte durch eine Aufdrängung meines eigenen schwachen Ichs zu verderben, sondern muß mein Haupt beugen vor dem, was Ihr mir vertraut, in der festen Überzeugung, daß es aus einer höheren und besseren Begeisterungsquelle stammt, als mein armes weltliches Wissen zu bieten vermag. Laßt mich nur noch hinzufügen, daß ich Euer getreuer Verwalter sein werde. Da ich nicht Ihr selbst sein kann, so ziehe ich es allem in der Welt vor, von Euch zum Freund gewählt worden zu sein.«

Sie dankte ihm abermals herzlich und wünschte ihm gute Nacht.

»Geht Ihr nach Hause?« fragte er. »Erlaubt mir, Euch zu begleiten.«

»Nein, heute nicht. Ich gehe nicht nach Hause, sondern habe noch einen Besuch zu machen. Wollt Ihr morgen kommen?«

»Ja, ja, ich komme morgen«, versetzte er. »Inzwischen will ich mir die Sache überlegen und sehen, wie sie sich am besten einleiten läßt. Vielleicht denkt Ihr gleichfalls darüber nach, teure Harriet, und – und denkt dabei auch ein wenig an mich.«

Er geleitete sie nach der Kutsche hinunter, die vor der Tür wartete, und wenn seine Hauswirtin nicht halb taub gewesen wäre, so hätte sie, als er nach Abfahrt des Wagens wieder die Treppe hinaufstieg, wohl hören müssen, wie er vor sich hin murmelte, wir seien doch schlimme Gewohnheitsgeschöpfe, und am meisten ärgere ihn die Gewohnheit, daß es alte Junggesellen gebe.

Da das Violoncell zwischen den beiden Stühlen auf dem Sofa lag, so nahm er es auf, ohne den leeren Sitz beiseite zu rücken, und begann auf den Saiten zu streichen, während er zugleich lange, lange Zeit mit dem Kopf nach dem verlassenen Stuhle nickte. Der Ausdruck, den er anfänglich in die Töne seines Instrumentes legte, war zwar ungeheuerlich und pathetisch genug, aber doch nichts gegen den, den er dem leeren Sitze gegenüber seinem eigenen Gesichte mitteilte, denn es lag darin eine so große Aufrichtigkeit, daß er mehr als einmal zu Kapitän Cuttles Hilfsmittel seine Zuflucht nehmen mußte. Allmählich glitt jedoch, im Einklang mit seiner eigenen Gemütsstimmung, das Violoncell melodisch in den fröhlichen Hammerschmied über, den er wieder und wieder spielte, bis sein rötliches, heiteres Gesicht ganz wie das Metall auf dem Ambos eines wahrhaftigen Hammerschmiedes glühte. Mit einem Wort, das Violoncell und der leere Stuhl waren bis fast um Mitternacht die Gefährten seines Junggesellenstandes, und als er sein Instrument, geschwellt von der verborgenen Harmonie einer ganzen Gießerei voll lustiger Hammerschmiede, in die Sofaecke legte, um sein Nachtessen einzunehmen, schien ihn der leere Stuhl in ungemein vielsagender Weise aus seinen gekrümmten Augen anzugucken.

Nachdem Harriet das Haus verlassen hatte, schlug der Kutscher eine Richtung ein, die ihm augenscheinlich keine neue war. Es ging auf Nebenwegen durch einen Teil der Vorstädte, bis er einen offenen Grund erreichte, wo einige ruhige alte Häuschen in den Gärten standen. An einem Gartentürchen machte der Kutscher halt, und Harriet stieg aus.

Ihr leichter Zug an der Klingel rief ein kläglich aussehendes Weib mit blasser Gesichtsfarbe, hochgezogenen Augenbrauen und seitwärts gesenktem Kopfe herbei, die bei ihrem Anblick knixte und sie durch den Garten nach dem Hause fühlte.

»Wie geht es heute abend Eurer Kranken, Wärterin?« fragte Harriet.

»Ich fürchte, schlimm, Miß. O wie erinnert sie mich bisweilen cm meines Onkels Betsey Jane!« entgegnete die Frau mit der blassen Gesichtsfarbe in einer Art melancholischen Entzückens.

»In welcher Beziehung?« fragte Harriet.

»In allen Beziehungen, Miß«, versetzte die andere, »den einzigen Umstand ausgenommen, daß sie erwachsen ist, und Betsey Jane, als sie am Tor des Todes stand, nur ein Kind war.«

»Ihr habt mir aber erzählt, das Kind sei mit dem Leben davongekommen«, bemerkte Harriet mild; »es ist daher um so mehr Grund zur Hoffnung vorhanden, Mrs. Wickam.«

»Ach, Miß, die Hoffnung ist wohl etwas Schönes für solche, die heiter genug sind, um sich damit zu tragen«, sagte Mrs. Wickam, den Kopf schüttelnd. »Ich beneide diejenigen, welche so gesegnet sind, denn mein Geist kann sich nicht so weit erheben, obschon ich nicht darüber murre.«

»Ihr solltet es versuchen, ob Ihr Euch nicht aufheitern könnt«, versetzte Harriet.

»Danke schön, Miß«, entgegnete Mrs. Wickam grämlich. »Wenn ich auch Lust dazu hätte, so würde die Einsamkeit dieses Platzes – Ihr entschuldigt mich, daß ich so frei spreche – mir es in vierundzwanzig Stunden verleiden. Dies ist übrigens bei mir nicht der Fall, und ich lasse den Versuch lieber ganz und gar. Das bißchen Heiterkeit, da« ich je besaß, wurde mir vor einigen Jahren zu Brighton genommen, und ich denke, es ist mir um deswillen jetzt nur wohler.«

In der Tat war die Sprecherin dieselbe Mrs. Wickam, die Mrs. Richards in der Pflege des kleinen Paul verdrängt hatte und durch den fraglichen Verlust unter dem Dach der liebenswürdigen Pipchin gewonnen zu haben glaubte. Das ausgezeichnete und verständige, durch lange Vorschrift geheiligte alte System, das gewöhnlich die traurigsten und unleidlichsten Personen, die nur aufzutreiben sind, zu Jugend- Erziehern, Tugend-Weisern, Ermahnern, Krankenwärtern und dergleichen auswählt, hatte Mrs. Wickam auf dem Boden der Krankenpflege zu einem recht guten Geschäft verholfen und dazu Anlaß gegeben, daß ihre ernsten Eigenschaften von vielen Bewunderern ganz besonders löblich gefunden wurden.

Die Augenbrauen aufgezogen und den Kopf auf die eine Seite geneigt, leuchtete Mrs. Wickam die Treppe hinauf nach einem reinlichen Zimmer, das nach einem matt erhellten Zimmer mit einem Bette führte. In dem ersten Zimmer saß ein altes Weib, das vor dem offenen Fenster mechanisch in die Dunkelheit hinausstierte; im zweiten aber lag, auf dem Bette ausgestreckt, der Schatten einer Gestalt, die in einer bekannten Winternacht dem Wind und Regen Trotz geboten hatte, jetzt aber kaum an etwas anderem zu erkennen war, als an dem langen dunkeln Haar, das gegen das farblose Gesicht und das weiße Bettzeug auffallend abstach.

O, die großen Augen und der hinfällige Körper! die Augen, die sich so hastig und funkelnd der Tür zuwandten, als Harriet hereinkam – der schwache Kopf, der sich nicht aufrichten konnte und so langsam auf dem Kissen sich umdrehte!

»Alice«, sagte der Besuch mit milder Stimme, »komme ich heute spät?«

»Ihr scheint immer spät zu kommen, kommt aber stets früh.«

Harriet hatte sich neben dem Bett niedergelassen und die auf der Decke liegende abgezehrte Hand mit der ihrigen erfaßt.

»Geht es besser?«

Mrs. Wickam, die wie ein trostloses Gespenst unten an dem Bett stand, schüttelte entschieden und nachdrücklich den Kopf, um die Frage zu verneinen.

»Es liegt sehr wenig daran«, versetzte Alice mit einem matten Lächeln. »Heute besser oder schlimmer, es macht nur den Unterschied eines Tages aus – vielleicht nicht so viel.«

Mrs. Wickam drückte als ernster Charakter ihre Zustimmung in einem Seufzer aus. Dann befühlte sie die Füße der Patientin, die sie eiskalt zu finden erwartete, und klapperte unter den Arzneiflaschen auf dem Tisch umher, als wollte sie sagen: »Weil’s doch einmal so ist, so wollen wir die Mixtur wie bisher wiederholen.«

»Ein elendes Leben«, fuhr Alice flüsternd zu ihrem Besuch fort, »Gewissensbisse, das Umherziehen, Mangel und Unwetter, Sturm innen und Sturm von außen haben mein Leben aufgezehrt. Es wird nicht lange mehr währen.«

Sie zog bei diesen Worten Harriets Hand an sich und legte ihr Gesicht dagegen.

»Wenn ich so daliege, denke ich bisweilen, ich möchte wohl noch eine Weile am Leben bleiben, um Euch zu zeigen, wie dankbar ich sein könnte! Doch dies ist eine Schwäche, die bald vorüber geht. Für Euch ist’s besser so, wie es ist – und auch besser für mich!«

Wie ganz anders hielt sie jetzt die Hand fest, wenn man dabei an die Art denkt, wie sie dieselbe an dem kalten Winterabend neben dem Kamin ergriffen hatte! Geringschätzung, Wut, Trotz und Sorglosigkeit – schaut her! Dies ist das Ende.

Mrs. Wickam, die nun genug mit den Flaschen geklirrt hatte, brachte die Arznei. Als die Kranke sie nahm, sah sie mit aufgeworfenem Mund und in die Höhe gezogenen Augenbrauen zu, indem sie zugleich den Kopf schüttelte, als wollte sie sagen, nicht einmal die Folter sei imstande, sie zu überzeugen, daß dies ein hoffnungsloser Fall sei. Sie sprengte dann mit der Miene einer weiblichen Totengräberin, die Asche auf Asche, Staub auf Staub streut – denn sie war ein ernster Charakter – eine kühlende Feuchtigkeit im Zimmer umher und entfernte sich, um drunten gewisse leichenhaft gebackene Speisen zu sich zu nehmen.

»Wie lange ist es«, frug Alice, »seit ich zu Euch kam, um Euch zu sagen, was ich getan hatte – ich meine die Zeit, als man Euch versicherte, es sei zu spät, um einem gewissen Menschen zu folgen?«

»Es ist ein Jahr und darüber,« antwortete Harriet.

»Ein Jahr und darüber«, sagte Alice, gedankenvoll zu ihrem Gesicht aufblickend, »Und schon Monate und Monate, seit Ihr mich hierher gebracht habt!«

Harriet antwortete mit einem »Ja«.

»Mich hierher gebracht durch die Gewalt der Güte und Freundlichkeit. Mich!« sagte Alice, ihr Gesicht hinter der Hand verbergend. »Und mich durch die Blicke und Worte eines Weibes und durch die Handlungen eines Engels menschlich gemacht!«

Harriet beugte sich über sie nieder und suchte sie zu beruhigen. Alice hatte, die Hand noch immer an ihr Gesicht drückend, ihre frühere Lage wieder eingenommen und bat, man möchte ihre Mutter herbeirufen.

Harriet tat dies mehr als einmal, aber die Alte war an dem offenen Fenster so in die Nacht vertieft, daß sie nicht hörte. Erst als Harriet hinausging und sie berührte, richtete sie sich auf und kam herein.

»Mutter,« sagte Alice, die Hand wieder ergreifend und ihre glänzenden Augen mit Innigkeit auf Harriet heftend, während sie die Anwesenheit der Alten nur mit einer Bewegung des Fingers anerkannte, »sagt ihr, was Ihr wißt.«

»Heute, mein Herzchen?«

»Ja, Mutter«, antwortete Alice mit matter, aber feierlicher Stimme, »heute!«

Die Alte, deren Verstand durch Schrecken, Gewissensbisse oder Kummer irregeworden zu sein schien, schlich an der andern Seite des Bettes hin, kniete nieder, so daß ihr welkes Gesicht in gleicher Höhe mit der Decke war, streckte ihre Hand aus, um den Arm ihrer Tochter zu berühren, und begann:

»Mein schönes Mädel –«

Himmel, welch ein Schrei war das, mit dem sie innehielt, wahrend sie die klägliche Gestalt auf dem Bette ansah.

»Schon längst verändert, Mutter! schon längst hingewelkt«, sagte Alice, ohne sie anzusehen. »Grämt Euch jetzt nicht darüber.«

»Meine Tochter«, stotterte die Alte – »mein Mädel – sie wird bald besser werden und alle mit ihrem guten Aussehen beschämen.« Alice lächelte wehmütig zu Harriet hin und drückte die Hand inniger an sich, sprach aber nichts.

»Ich sage, sie wird bald besser werden«, wiederholte die Alte, mit der abgezehrten Faust in die leere Luft drohend, »und wird alle durch ihr gutes Aussehen beschämen. Ja, das wird sie – das soll sie!«

Sie rief es, als liege sie in leidenschaftlichem Kampf mit irgendeinem unsichtbaren Feind neben dem Bett, der ihr widersprach.

»Man hat sich von meiner Tochter abgewandt und sie verstoßen, aber sie könnte sich doch der Verwandtschaft mit stolzen Leuten rühmen, wenn sie wollte! Ah! diese stolzen Leute! Es gibt eine Verwandtschaft ohne eure Pfaffen und eure Trauringe – sie können sie machen, aber nicht brechen – und meine Tochter ist von gutem Blute. Zeigt mir Mrs. Dombey, und ich will Euch ein Geschwisterkind meiner Alice zeigen.«

Harriet blickte von der Alten nach den glänzenden Augen, die so angelegentlich auf ihrem Gesichte hafteten, und fand darin die Bestätigung dieser Worte.

»Was meint Ihr?« rief die Alte, den nickenden Kopf in unheimlicher Eitelkeit aufwerfend, »Obschon ich jetzt alt und häßlich bin, – viel älter durch das, was ich durchgemacht habe, als den Jahren nach – so war ich doch einmal so jung als eine. Ja, und obendrein so hübsch wie viele! Ich war meiner Zeit eine frische Landdirne, mein Schätzchen«, sie streckte über das Bett herüber ihren Arm nach Harriet aus, »und mein Aussehen war darnach. In meiner Gegend drunten waren Mrs. Dombeys Vater und sein Bruder die lebenslustigsten Gentlemen, die beliebtesten unter denen, die von London auf Besuch kamen – freilich sind sie jetzt längst tot! O Himmel, wie lange schon! Der Bruder, der der Vater meiner Ally war, am längsten von beiden.«

Sie richtete den Kopf ein wenig auf und blickte in das Gesicht ihrer Tochter, als führe sie die Erinnerung an ihre eigene Jugend auf die von der Jugend ihres Kindes. Dann drückte sie plötzlich ihr Gesicht auf das Bett nieder und verbarg ihren Kopf mit den Händen und Armen.

»Sie waren sich so ähnlich«, fuhr die Alte, ohne aufzublicken, fort, »wie Ihr nur zwei Brüder sehen könnt, auch fast gleichaltrig – soviel ich mich erinnere, nicht mehr als ein Jahr zwischen ihnen – und wenn Ihr mein Mädel hättet sehen können, wie ich sie einmal gesehen habe, Seite an Seite mit der Tochter des andern, so hättet Ihr trotz des Unterschieds in der Kleidung und Lebensweise bemerken müssen, daß sie einander glichen. O, ist diese Ähnlichkeit denn ganz dahin und mußte mein Mädel – nur mein Mädel – sich so verändern!«

»Es kommt an alle die Reihe des Anderswerdens«, sagte Alice.

»Die Reihe?« rief die Alte. »Aber warum kommt sie nicht ebenso bald an sie wie an mein Mädel? Die Mutter muß sich verändert haben – sie sah so alt aus wie ich und war ebenso runzlig, ungeachtet ihrer Schminke – aber sie war schön. Was habe ich getan, ich – was habe ich Schlimmeres getan als sie, daß nur mein Mädel so hinschwindend daliegt!«

Mit demselben Schrei wie früher eilte sie in das äußere Zimmer hinaus, kehrte aber in ihrer verwirrten Stimmung augenblicklich wieder zurück, kroch zu Harriet heran und sagte:

»Dies ist’s, was Alice mir Euch mitzuteilen auftrug, mein Schatz. Dies ist alles. Ich machte die Entdeckung, als ich eines Sommers mich in Warwickshire nach ihr und ihren Verhältnissen erkundigte. Damals waren solche Verwandte nicht gut für mich. Sie würden mich nicht anerkannt haben und hatten nichts zu verschenken. Nachher hätte ich sie vielleicht um ein bißchen Geld angehen können, wenn meine Alice nicht gewesen wäre; aber ich glaube, sie würde mich fast umgebracht haben, wenn ich’s getan hätte. Sie war in ihrer Art so stolz wie die andere«, sagte die Alte, furchtsam das Gesicht ihrer Tochter berührend und ihre Hand wieder zurückziehend, »obschon sie jetzt so ruhig ist. Aber sie wird sie noch mit ihrem guten Aussehen beschämen. Ha, ha. Meine schöne Tochter wird sie noch beschämen.«

Das Lachen, mit dem sie sich zurückzog, war noch schlimmer als ihr Schrei, schlimmer als der Ausbruch kleinmütigen Wehklagens, mit dem es endigte, schlimmer als das faselnde Gesicht, mit dem sie ihren alten Platz wieder einnahm und in die Dunkelheit hinausstierte.

Alice hatte diese ganze Zeit über kein Auge von Harriet verwandt und ihre Hand unablässig festgehalten.

»Wie ich so dalag«, sagte sie jetzt, »kam mir der Gedanke, es dürfte gut sein, wenn Ihr dies erfahrt. Es wird vielleicht einen Umstand erklären, der dazu mithalf, mich zu verhärten. Wenn ich unrecht tat, mußte ich so viel von Pflichtübertretung hören, daß der Glaube in mir Wurzel griff, an mir sei die Pflicht verabsäumt worden, und wie man säe, so müsse auch die Ernte ausfallen. Ich kam irgendwie auf die Ansicht, wenn vornehme Frauen schlimme Mütter und eine schlimme Heimat hätten, so gingen sie wohl auch in ihrer Art auf unrechten Pfaden, aber doch nicht auf so schlimmen, wie der meinige war, und sie hatten Ursache, Gott dafür zu danken. Doch das ist jetzt vorbei. Es kommt mir vor wie ein Traum, dessen ich mich nicht ganz erinnere, den ich nicht recht verstehen kann. Es wurde mir mit jedem Tag mehr und mehr zum Traum, seit Ihr mich zu besuchen und mir vorzulesen anfinget. Ich sage Euch dies nur, wie es eben in meiner Erinnerung ist. Wollt Ihr mir noch ein wenig vorlesen?«

Harriet wollte ihre Hand zurückziehen, um das Buch zu öffnen, aber Alice hielt sie noch einen Augenblick fest.

»Ihr werdet meine Mutter nicht vergessen? Ich vergebe ihr, wenn ich Ursache dazu habe, und weiß, daß sie mir verzeiht – daß ihr Herz traurig ist. Ihr werdet sie nicht vergessen?«

»Nein, Alice!«

»Noch einen Augenblick. Legt meinen Kopf so, daß ich, wenn Ihr lest, in Eurem lieben Gesicht die Worte sehen kann.«

Harriet entsprach ihrem Wunsch und las – las das ewige Buch für alle Müden und Schwerbeladenen, für alle Unglücklichen, Gefallenen und Verwahrlosten auf Erden, las die heilige Geschichte, in der der blinde und lahme Bettler, der Verbrecher, das mit Schande befleckte Weib und der von unserem ekeln Staub Gemiedene seinen Anteil findet, den weder menschlicher Stolz noch die Gleichgültigkeit oder Sophistik aller Jahrhunderte irdischen Bestands hinwegnehmen oder auch nur um das Gewicht eines Sonnenstäubchens verkürzen kann – las von dem Wirken dessen, der durch die ganze Runde des menschlichen Lebens mit seinen Hoffnungen und Schmerzen von der Geburt an bis zum Tode und von der Kindheit bis ins hohe Alter, für jede Szene und Abstufung desselben, für jeden Kummer und jedes Leid die innigste Teilnahme empfand.

»Ich will morgen sehr früh wiederkommen«, sagte Harriet, als sie das Buch zumachte.

Die glänzenden, noch immer auf ihr Antlitz gehefteten Augen schlossen sich für einen Moment und öffneten sich wieder. Alice küßte die Leidende und sprach einen Segenswunsch über sie.

Dieselben Augen folgten ihr bis zur Tür, die sich hinter der Abgehenden schloß; in ihrem Glanze und auf dem ruhigen Gesichte lag ein Lächeln.

Sie wandten sich nicht wieder ab. Die Kranke legte ihre Hand auf die Brust, murmelte den heiligen Namen, von dem ihr vorgelesen worden war, und das Leben wich aus ihrem Antlitz wie ein erlöschendes Licht.

Es lag nichts mehr da als die Trümmer der irdischen Hütte, auf die der Regen niedergefallen war, und das schwarze Haar, das im winterlichen Winde geflattert hatte.