Fünfzigstes Kapitel.


Fünfzigstes Kapitel.

Mr. Toots Herzeleid.

Im oberen Stock des hölzernen Midshipmans befand sich ein leeres Zimmer, das in früherer Zeit Walters Schlafgemach gewesen war. Walter, der am andern Morgen beizeiten den Kapitän weckte, machte den Vorschlag, sie wollten es mit den schönsten Möbeln des Hinterstübchens ausstatten, damit Florence bei ihrem Herunterkommen davon Besitz nehmen könne. Kapitän Cuttle, dem nichts lieber war, als wenn er sich für eine solche Sache in Hitze und außer Atem bringen konnte, legte, wie er selbst sagte, mit gutem Willen Hand an, und nach ein paar Stunden war das erwähnte Stübchen in eine Art Landkajüte umgewandelt, der die auserlesensten Möbel des Hinterzimmers zur Zierde dienten. Sogar die Tartaren-Fregatte war nicht vergessen worden, und der Kapitän hing sie selbst mit einem so ungemeinen Wohlbehagen über dem Kaminsimse auf, daß er eine halbe Stunde lang nichts anderes zu tun wußte, als bewundernd vor dieser zu stehen oder vor ihr hin und zurück zu gehen.

Keine Überredung von Walters Seite konnte den Kapitän dazu bewegen, die große Taschenuhr aufzuziehen, die Zinnbüchse zurückzunehmen oder die Zuckerzange und die Teelöffel anzurühren. »Nein, nein, mein Junge«, lautete unabänderlich die Antwort des Kapitäns auf jeden derartigen Zuspruch, »ich habe das kleine Eigentum Euch beiden gemeinschaftlich vermacht.« Diese Worte wiederholte er mit großer Würde und Salbung, augenscheinlich des Glaubens lebend, sie hätten die Kraft einer Parlamentsakte und in einer solchen Form der Übertragung wäre kein Makel zu finden, wofern er nicht sich selbst durch irgendeine neue Einräumung des Besitzrechtes eine Blöße gab.

Die neue Einrichtung bot außer der größeren Abgeschiedenheit Florences auch den Vorteil, daß der Midshipman an seinem gewöhnlichen Beobachtungsposten wieder aufgestellt und auch die Ladenblende abgenommen werden konnte. Diese Zeremonie, wie wenig Wichtigkeit ihr auch der nichtsahnende Kapitän beilegte, war nicht ganz überflüssig, denn der Umstand, daß tags zuvor der Laden verschlossen geblieben war, hatte in der Nachbarschaft große Aufregung verursacht. Man hatte dem Hause des Instrumentenmachers die Ehre einer ungewöhnlichen öffentlichen Teilnahme zugewiesen, indem vom Morgen bis zum Sonnenuntergang Gruppen hungriger Gaffer stehen blieben und von der andern Seite der Straße herüberglotzten. Die Müßiggänger und Landstreicher interessierten sich ganz besonders für das Schicksal des Kapitäns, indem sie sich in den Staub niederlegten, um durch das Kellergitter unter dem Ladenfenster hineinzuschauen und ihre Einbildungskraft durch die Vorstellung zu ergötzen, sie können einen Rockzipfel des in einer Ecke aufgehängten Mannes sehen. Freilich erhob sich gegen diese Annahme mannhafter Widerspruch von seiten einer andern Partei, die der Meinung war, er liege, mit einem Hammer ermordet, auf der Treppe. Es erregte daher einige Unzufriedenheit, als man am andern Morgen früh den Gegenstand dieser Gerüchte so gesund und wohl unter der Ladentür stehen sah, als ob gar nichts vorgefallen sei. Der Polizist des Stadtteils, ein Mann von ehrgeizigem Charakter, der auf die Auszeichnung gerechnet hatte, beim Erbrechen der Tür anwesend sein und in voller Uniform vor der Leichenschau Zeugnis ablegen zu dürfen, ging sogar so weit, daß er zu einem gegenüber wohnenden Nachbar sagte, der Kerl in dem Glanzhut töte besser, wenn er es nicht wieder probierte – ohne gerade das Was näher zu bezeichnen – und er, der Herr Polizist, wolle ein wachsames Auge auf ihn haben.

»Kapitän Cuttle«, sagte Walter nachsinnend, als sie, von ihrer Arbeit ausruhend, unter der Ladentür standen und die bekannte alte Straße hinabsahen – es war noch früh am Morgen. »Ihr habt also in dieser ganzen Zeit gar nichts von Onkel Sol erfahren?«

»Nicht das mindeste, mein Junge«, versetzte der Kapitän mit Kopfschütteln.

»Der liebe, gute alte Mann ist fortgegangen, um mich zu suchen«, sagte Walter, »und hat Euch nicht ein einziges Mal geschrieben! Aber warum nicht? Er sagt doch ausdrücklich in dem Paket, das Ihr mir gegeben habt«, er nahm aus seiner Tasche das Papier, das in Anwesenheit des erleuchteten Bunsby geöffnet worden war, »wenn Ihr vor Erbrechung desselben nichts von ihm hörtet, so könnt Ihr ihn für tot halten. Gott verhüte dies! Aber Ihr solltet von ihm gehört haben, auch wenn er tot ist, und wenn er nicht mehr schreiben konnte, hätte es sicherlich seinem Wunsche gemäß jemand anders getan, um Euch zu sagen, ›an diesem und jenem Tage starb in meinem Hause‹ oder ›unter meiner Pflege‹ und so weiter, ›Mr. Solomon Gills aus London, der Euch seinen letzten Gruß und diese letzte Botschaft zugehen läßt.‹«

Der Kapitän, der nie zuvor eine so klare Geisteshöhe der Wahrscheinlichkeit erklettert hatte, war sehr betroffen über die weite Aussicht, die sich vor ihm auftat, und entgegnete mit einem gedankenvollen Kopfschütteln:

»Wohl gesprochen, mein Junge; sehr wohl gesprochen!«

»Ich habe mir während einer ganzen schlaflosen Nacht Gedanken darüber gemacht«, sagte Walter und fügte errötend bei, »oder wenigstens an das eine und das andere gedacht und kann nicht anders glauben, Kapitän Cuttle, als daß mein Onkel Sol – Gottes Segen sei mit ihm! – noch am Leben sei und zurückkehren wird. Ich wundere mich nicht so fast über sein Fortgehen, denn abgesehen von der Vorliebe für das Abenteuerliche, die stets in seinem Charakter lag, und seiner großen Zuneigung zu mir, vor der jede andere Rücksicht seines Lebens zunichte wurde, wie niemand besser weiß, als ich, der ich in ihm den besten aller Väter hatte« – Walters Stimme wurde hierbei unbestimmt und heiser, während er zugleich den Blick abwandte und auf die Straße hinunterschaute – »ich sage, abgesehen hiervon, habe ich von Leuten gelesen und gehört, die nach dem vermeintlichen Schiffbruch eines nahen treuen Verwandten ihren Wohnort nach dem Teil der Küste hin verlegten, wo Nachrichten über das vermißte Schiff zuerst, wäre es auch nur eine Stunde oder zwei früher als anderswo, ankommen mußten, oder sogar nach dem Bestimmungsort des Fahrzeugs gereist sind, als ob sie in solcher Weise Auskunft erlangen könnten. Ich glaube, ich würde ebenso gut, wie ein anderer, oder vielleicht vor vielen andern so handeln. Jedenfalls kann ich mir nur noch nicht erklären, warum mein Onkel Euch nicht schrieb, da er das doch so augenscheinlich beabsichtigte, oder wie er auswärts gestorben sein sollte, ohne daß Ihr es durch eine andere Hand erführet.«

Kapitän Cuttle bemerkte kopfschüttelnd, sogar Jack Bunsby habe sich darin nicht zurechtfinden können, und dieser sei doch ein Mann von den gesundesten Ansichten.

»Wäre mein Onkel ein unbesonnener junger Mensch gewesen, der sich von einer lustigen Gesellschaft nach einem schlechten Wirtshaus verlocken lassen konnte, wo man ihn vielleicht wegen des Geldes, das er bei sich hatte, abfertigte«, sagte Walter, »oder wäre er ein leichtsinniger Matrose gewesen, der mit einem Sold von zwei oder drei Monaten in der Tasche ans Land ging, so könnte ich sein Verschwinden, ohne daß eine Spur von ihm zurückblieb, wohl begreifen. Denke ich aber daran, was er war – und was er hoffentlich noch ist – so kann ich es nicht glauben.«

»Wal’r, mein Junge«, fragte der Kapitän, seinen in Gedanken vertieften Gefährten aufmerksam betrachtend, »könnt Ihr nichts ‚rauskriegen?«

»Ich weiß in der Tat nicht, was ich davon halten soll, Kapitän Cuttle«, erwiderte Walter. »Ihr seid der Ansicht, er habe nie geschrieben? Ist das auch über allen Zweifel erhaben?«

»Wenn Sol Gills geschrieben hat, mein Junge«, versetzte der Kapitän im Tone der Beweisführung, »wo ist seine Nachricht?«

»Nehmen wir an, sie sei einer Privatperson anvertraut worden«, bemerkte Walter, »die diese vergessen, sorglos beiseite geworfen oder verloren hat. Sogar das ist mir noch wahrscheinlicher, als der andere Fall. Kurz, ich kann und will nicht das Schlimmste für möglich halten, Kapitän Cuttle.«

»Ihr seht, Wal’r, Hoffnung«, sagte der Kapitän, mit weiser Miene. »Hoffnung. Sie ist es, die Euch belebt. Die Hoffnung ist eine Boje – seht darüber in der sentimentalen Abteilung des kleinen Warbler nach – aber, du mein Himmel, Junge, wie jede andere Boje schwimmt sie nur und kann nirgendwohin gesteuert werden. Auf der sinnbildlichen Darstellung der Hoffnung ist ein Anker«, fügte der Kapitän bei; »aber was nützt einen der Anker, wenn man keinen Grund finden kann, um ihn einbeißen zu lassen?«

Kapitän Cuttle trug das nicht so sehr aus seiner gewöhnlichen Natur heraus, sondern eher in der Eigenschaft des wohlweisen Bürgers und Hausmanns vor, der sich für verpflichtet hält, einen Brocken von seinem Wissensvorrat einem unerfahrenen Jüngling mitzuteilen. In der Tat ertappte ihn auch Walter darauf, daß während dieser Worte sein Gesicht eigentlich strahlend wurde von neuer Hoffnung, und der gute Mann schloß ganz sachgemäß damit, daß er seinen Gefährten auf den Rücken klopfte und mit Begeisterung ausrief:

»Hurra, mein Junge, was mich betrifft, so bin ich Eurer Meinung.«

Walter erwiderte den Gruß mit heiterem Lachen und sagte:

»Jetzt nur noch ein Wort über meinen Onkel, Kapitän Cuttle. Ich nehme an, es sei unmöglich, daß er auf dem gewöhnlichen Wege geschrieben – Ihr versteht mich, durch Segel- oder Dampfschiffe?«

»Ja, ja, mein Junge«, entgegnete der Kapitän beifällig.

»Und daß Euch der Brief irgendwie verfehlte?«

»Nun, Wal’r«, sagte der Kapitän, mit einem leichten Anflug von Strenge seine Augen ihm zuwendend, »bin ich nicht, seit dieser gelehrte Mann, der alte Sol Gills, Euer Onkel, verlorenging, Tag und Nacht auf dem Auslug gewesen, ob nicht Nachrichten von ihm einliefen? Ist seinet- und euretwegen nicht mein Herz immer schwer und unruhig gewesen? War ich nicht, schlafend und wachend, unablässig auf meinem Posten, und würde ich mich nicht vor der Sünde gefürchtet haben, ihn zu verlassen, so lang der Midshipman da zusammenhält?«

»Ich weiß das, Kapitän Cuttle«, entgegnete Walter, seine Hand ergreifend; »ich weiß und fühle vollkommen, wie wahr alles ist, was Ihr sagt. Ihr zweifelt selbst auch nicht daran, ich sei hiervon so vollkommen überzeugt, wie von der Tatsache, daß mein Fuß wieder auf dieser Schwelle steht, und daß ich wieder diese treue Hand in der meinigen halte. Oder?«

»Nein, nein. Wal´r«, erwiderte der Kapitän mit leuchtendem Gesicht.

»Ich will keine weiteren Vermutungen aufstellen«, sagte Walter, indem er mit Wärme die harte Hand drückte und der Kapitän den Druck nicht weniger kräftig erwiderte, »und nur noch beifügen: der Himmel verhüte, daß ich das Eigentum meines Onkels berühre, Kapitän Cuttle. Alles, was er hier zurückließ, soll unter der Obhut des wackersten Mannes und des treuesten Verwalters bleiben – und wenn dieser nicht Cuttle heißt, so hat er gar keinen Namen! Jetzt, mein wackerer Freund, von – von Miß Dombey!«

Bei diesen letzten drei Worten ging in Walters Wesen eine große Veränderung vor; denn alle seine heitere Zuversicht schien ihn mit einem Male verlassen zu haben.

»Ich war der Ansicht, ehe mir Miß Dombey ins Wort fiel, als ich gestern abend von ihrem Vater sprach«, sagte Walter – »Ihr erinnert Euch, wie das geschah?«

Der Kapitän erinnerte sich dessen vollkommen und schüttelte den Kopf.

»Ich war damals der Ansicht«, fuhr Walter fort, »wir hätten nur eine einzige schwere Pflicht zu erfüllen, nämlich die, sie zu veranlassen, daß sie sich mit ihren Freunden in Verbindung setze und nach Haus zurückkehre.«

Der Kapitän murmelte ein schwaches »Heiliges Donnerwetter!« oder ein »Halt bei!«, kurz irgendeine derartige sachgemäße Bemerkung. Man konnte nicht recht darüber ins klare kommen, denn der Schrecken, mit dem er diese Ankündigung aufnahm, hatte die Laute ganz und gar erstickt.

»Aber das ist jetzt unmöglich!« sagte Walter. »Man darf hieran nicht mehr denken. Lieber wollte ich mich wieder auf das Stück Wrack versetzen lassen, auf dem ich seit meiner Bergung so oft im Traume wieder geschwommen bin, um in den Wellen weiter zu treiben und zu sterben.«

»Hurra, mein Junge!« rief der Kapitän in einem Ausbruch unbezwingbarer Freude. »Hurra! Hurra! Hurra!«

»Der Gedanke, daß sie, so jung, so gut und schön«, sagte Walter, »so zart erzogen und zu einem ganz andern Schicksal geboren, mit der rauhen Welt ringen soll! – Aber wir haben die Kluft gesehen, die alles hinter ihr absperrt, obschon niemand außer ihr deren Tiefe zu ermessen vermag. Es gibt für sie keine Rückkehr.«

Ohne gerade zu verstehen, was der junge Mann sagen wollte, gab Kapitän Cuttle seinen großen Beifall zu erkennen und bemerkte im Tone nachdrücklicher Bekräftigung, daß der Wind recht von hinten komme.

»Man sollte sie nicht allein hier lassen; seid Ihr nicht auch der Ansicht, Kapitän Cuttle?« fragte Walter ängstlich.

»Na, mein Junge«, versetzte der Kapitän nach kurzer, weiser Erwägung, »ich weiß nicht. Ihr seht, Ihr seid da und könnt ihr Gesellschaft leisten, und ihr beide zusammen –«

»Mein lieber Kapitän Cuttle, wie könnt Ihr von mir reden?« verwies ihm Walter. »Miß Dombey betrachtet mich in ihrem arglosen, unschuldigen Herzen als ihren angenommenen Bruder. Aber wie schlimm und schuldig müßte mein Herz sein, wenn ich den Glauben heuchelte, daß ich in dieser Eigenschaft ein Recht habe, mich mit ihr vertraulich zu machen, während ich doch weiß, daß mir dies meine Ehre verbietet?«

»Wal’r, mein Junge«, deutete der Kapitän an, und der frühere Kleinmut wollte einigermaßen wieder aufleben, »gibt es denn keine andere Eigenschaft, als die –«

»O!« unterbrach ihn Walter, »wünscht Ihr, daß ich sterbe in ihrer Achtung – in einer Achtung, wie die ihrige – und daß ich für immer einen Schleier lege zwischen mich und ihr engelgleiches Antlitz, indem ich aus ihrer Schutzlosigkeit und dem Vertrauen, das sie hierher geführt hat, Vorteil ziehe und mich erdreiste, bei ihr den Liebhaber zu spielen? Was sage ich! Wenn ich dies könnte, so würde niemand in der ganzen Welt mir entschiedener in den Weg treten, als Ihr.«

»Wal’r, mein Junge«, sagte der Kapitän, der immer kleinlauter wurde, »vorausgesetzt, es sei ein gerechter Grund oder ein Hindernis vorhanden, warum zwei Menschen im Hause des Bundes nicht vereinigt werden sollten – lest es nach und biegt ein Ohr ein – so würde ich sicherlich meine Erklärung abgeben beim Aufgebot. Fällt Euch da nicht eine andere Eigenschaft ein – wie, mein Junge?«

Walter winkte hastig verneinend mit der Hand.

»Gut, mein Junge«, brummte der Kapitän langsam, »ich leugne nicht, daß ich da die Ohren hängen lassen muß und in einer sauberen Klemme stecke. Aber was das kleine Fräulein betrifft, Wal’r, paßt auf, die Achtung und das Pflichtgefühl gegen sie gilt auch als Achtung und Pflichtgefühl in meinen Artikeln, wie ganz anders ich es mir auch gedacht haben mag, und deshalb folge ich auch Eurem Kielwasser, mein Junge, und fühle, daß Ihr da ohne Zweifel nur sachgemäß handelt. Aber gibt es denn keine andere Eigenschaft, gar keine andere?« fügte der Kapitän hinzu, mit sehr zaghaftem Gesicht über den Trümmern seines eingestürzten Luftschlosses brütend.

»Ich bin der Ansicht, Kapitän Cuttle«, sagte Walter, der mit heiterer Miene auf einen neuen Punkt überging, um auch den Kapitän heiterer zu stimmen – allerdings eine vergebliche Bemühung, da dieser viel zu bekümmert war – »daß wir uns Mühe geben sollten, für Miß Dombey eine passende und zuverlässige Gesellschafterin aufzufinden, welche für die Dauer ihres Hierseins um sie bleibt. Aus ihren bisherigen Bekanntschaften ist nichts herauszubringen, denn wir sehen deutlich, daß Miß Dombey fühlt, sie seien insgesamt ihrem Vater dienstbar. Was ist aus Susanna geworden?«

»Aus dem jungen Frauenzimmer?« entgegnete der Kapitän. »Ich glaube, sie wurde gegen den Willen der Herzensfreude fortgeschickt. Ich schickte, als der Diamant zum ersten Male hierherkam, ihretwegen ein Signal aus und erhielt die Meldung, sie sei schon lange fort, obschon ich bemerken konnte, daß sie noch hoch in Gnaden steht.«

»Dann fragt Miß Dombey«, sagte Walter, »wohin sie gegangen ist, und wir wollen dann sehen, ob wir sie nicht auffinden können. Der Morgen rückt weiter, und Miß Dombey wird bald aufstehen. Ihr seid ihr bester Freund. Wartet oben auf sie und laßt mich hier unten das Weitere besorgen.«

Der Kapitän wiederholte kleinlaut den Seufzer, mit dem Walter das sagte, und entsprach der an ihn ergangenen Aufforderung. Florence war entzückt über ihr neues Stübchen, drückte ihr Verlangen aus, Walter zu sehen, und war überfroh bei der Aussicht, ihrer alten Freundin Susanna einen Gruß zugehen lassen zu können. Sie wußte übrigens über ihren Aufenthalt nichts weiter anzugeben, als daß sie in Essex sei, und wenn nicht etwa Mr. Toots nähere Auskunft erteilen könne, so werde man wohl vergeblich Nachfrage halten.

Mit dieser Meldung kehrte der betrübte Kapitän zu Walter zurück und gab ihm zu verstehen, daß Mr. Toots der junge Gentleman sei, mit dem er auf der Türtreppe zusammengetroffen wäre. Der junge Mann gehöre zu seinen Freunden, habe Vermögen und sei ein hoffnungsloser Anbeter der Miß Dombey. Dabei berichtete er noch ferner, wie die Kunde von Walters vermeintlichem Schicksal ihn zuerst mit Mr. Toots bekannt gemacht habe, und wie sie einen feierlichen Vertrag miteinander geschlossen, daß Mr. Toots über den Gegenstand seiner Liebe keine Silbe verlauten lassen dürfe.

Es wurde dann die Frage aufgeworfen, ob Florence Mr. Toots trauen könne, und da sie lächelnd antwortete: »O ja, von ganzem Herzen!« so war ein weiterer wichtiger Punkt, das ausfindig zu machen, wo der junge Gentleman wohnte. Florence wußte das nicht, und der Kapitän hatte es vergessen. Aber kaum hatte er in dem kleinen Hinterstübchen Walter mitgeteilt, daß der betreffende junge Mann ohne Zweifel sich bald einstellen werde, als Mr. Toots selbst eintraf.

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, ohne Umstände ins Zimmer stürmend, »ich bin in einem Zustand, der an Irrsinn grenzt!« Mr. Toots hatte diese Worte wie aus einem Bombenwerfer abgeschossen, noch ehe er Walter bemerkte. Jetzt aber erkannte er ihn und begrüßte ihn mit einem wahrhaften Kichern des Elends.

»Ihr werdet mich entschuldigen, Sir«, sagte Mr. Toots, indem er die Hand an seine Stirne drückte, »aber ich bin gegenwärtig in einem Zustand, daß ich den Kopf verlieren könnte, wenn ich ihn nicht schon verloren habe, und jeder Höflichkeitsversuch in einer so eigentümlichen Lage würde nur eitler Hohn sein. Kapitän Gills, ich bitte Euch um die Freundlichkeit eines Gesprächs unter vier Augen.«

»Ei, Bruder«, versetzte der Kapitän, ihn bei der Hand nehmend, »Ihr seid gerade der Mann, nach dem wir auslugten.«

»O, Kapitän Gills«, erwiderte Mr. Toots«, »was muß dies für ein Auslugen sein, wenn ich der Gegenstand davon bin. Es geht in meinem Gehirn alles so durcheinander, daß ich mich nicht einmal getraut habe, mich zu rasieren. Meine Kleider sind nicht ausgebürstet, meine Haare nicht gekämmt, und ich sagte dem Preishahn, wenn er mir meine Stiefel putzen wolle, so würde ich ihn als Leichnam vor mir niederstrecken.«

Alle diese Anzeichen eines wirren Geistes bestätigten sich in dem Aussehen des jungen Menschen, das in der Tat wild und ungeordnet genug war.

»Schaut her, Bruder«, sagte der Kapitän. »Dies ist Wal’r, der Neffe des alten Sol Gills – derselbe, von dem wir glaubten, er sei auf dem Meer zugrunde gegangen.«

Mr. Toots nahm die Hand von seiner Stirne und sah Walter mit großen Augen an.

»Ach, du mein Himmel!« stammelte Mr. Toots. »Welch ein Zusammentreffen von Elend! Wie geht es Euch? Ich – ich fürchte, Ihr müßt sehr naß geworden sein. Kapitän Gills, wollt Ihr mir im Laden draußen ein Wort gestatten?«

Er nahm den Kapitän am Rock, zog ihn mit sich hinaus und flüsterte:

»Das also, Kapitän Gills, ist der Mensch, den Ihr meintet, als Ihr sagtet, er und Miß Dombey seien füreinander wie geschaffen?«

»Ach ja, mein Junge«, versetzte der trostlose Kapitän. »Ich war einmal dieser Ansicht.«

»Und zu solcher Zeit!« rief Mr. Toots, die Hand abermals an seine Stirne legend. »Auch dieses noch! – ein verhaßter Nebenbuhler. Nein, nein, nicht verhaßt!« fügte Mr. Toots nach kurzem Besinnen bei, indem er seine Hand wieder sinken ließ; »warum sollte ich ihn hassen? Ich kann jetzt den Beweis liefern, Kapitän Gills, daß meine Liebe wahrhaft uneigennützig ist!«

Mr. Toots schoß plötzlich wieder nach dem Stübchen zurück, ergriff Walters Hand und sagte:

»Wie geht es Euch? Ihr habt doch hoffentlich keinen Schnupfen dabei bekommen? Es – es wird mich sehr freuen, wenn Ihr mir das Vergnügen Eurer Bekanntschaft schenkt. Ich wünsche Euch Glück und langes Leben. Auf mein Ehrenwort«, fügte er hinzu, indem er wärmer wurde, je mehr er sich mit Walters Gesicht und Gestalt bekannt machte, »ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen.«

»Herzlichen Dank«, versetzte Walter. »Ihr könnt mir kein edleres und wärmeres Willkomm wünschen.«

»Meint Ihr?« sagte Mr. Toots, ihm noch immer die Hand schüttelnd. »Es ist sehr gütig von Euch. Ich bin Euch sehr verbunden. Ich hoffe, Ihr habt doch alles wohl verlassen über dem – das heißt, auf dem – Ihr wißt, ich meine, wo Ihr Euch zuletzt aufgehalten habt.«

Auf alle diese guten und noch besser gemeinten Wünsche antwortete Walter besonnen.

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, »ich möchte mich wohl streng wie ein Ehrenmann benehmen, hoffe aber, daß es mir gestattet sein wird, auf einen gewissen Gegenstand anzuspielen, der –«

»Jawohl, mein Junge«, versetzte der Kapitän, »ganz unverhohlen.«

»Dann, Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, »und Leutnant Walter – seid Ihr schon unterrichtet von dem schrecklichen Vorfall, der sich in Mr. Dombeys Haus zugetragen hat – ich meine, daß Miß Dombey ihren Vater verließ, der meiner Ansicht nach«, Mr. Toots sprach dies in großer Aufregung, »ein Untier ist, und es wäre Schmeichelei, ihn ein – eine Marmorsäule oder einen Raubvogel zu nennen – und daß man sie nirgends finden kann, und daß niemand weiß, wohin sie gekommen ist?«

»Darf ich fragen, woher Ihr diese Kunde habt?« entgegnete Walter.

»Leutnant Walter«, sagte Mr. Toots, der zu dieser Benennung durch eine nur ihm eigentümliche Gedankenverbindung gekommen war, vielleicht weil er den Taufnamen der angeredeten Person mit ihrem Beruf zur See zusammenwarf und eine Beziehung zwischen ihr und dem Kapitän annahm, die sich natürlich auch auf ihre Titel ausdehnen mußte; »Leutnant Walter, ich nehme keinen Anstand, Euch unverhohlen zu antworten. Die Sache verhält sich nämlich so, daß ich an allem lebhaften Anteil nehme, was sich auf Miß Dombey bezieht – nicht aus selbstsüchtigen Gründen, Leutnant Walter; denn ich weiß wohl, daß ich für alle Beteiligten nichts Besseres tun könnte, als wenn ich meinem Dasein ein Ende machte, da es doch nur als eine Last betrachtet werden kann. Ich pflegte dem Lakaien, einem sehr achtbaren jungen Mann, namens Towlinson, der schon geraume Zeit im Hause gelebt hat, hin und wieder eine Kleinigkeit zu schenken, und dieser teilte mir nun gestern abend mit, wie die Sachen stehen. Seitdem, Kapitän Gills – und Leutnant Walter – bin ich völlig von Sinnen gekommen und habe die ganze Nacht nur auf dem Sofa gelegen, so daß ich jetzt die Ruine bin, die Ihr in mir seht.«

»Mr. Toots«, sagte Walter, »es freut mich, etwas zu Eurer Beruhigung beitragen zu können. Ich bitte, beruhigt Euch. Miß Dombey geht es gut, und sie ist in Sicherheit.«

»Sir!« rief Mr. Toots«, von seinem Stuhl auffahrend und ihm aufs neue die Hand schüttelnd, »die Erleichterung ist so übermäßig, so unaussprechlich, daß ich sogar lächeln könnte, wenn Ihr mir jetzt sagtet, daß Miß Dombey verheiratet sei. Ja, Kapitän Gills«, fügte er bei, sich an den Bezeichneten wendend, »bei meiner Seligkeit, ich glaube wirklich, daß ich lächeln könnte, was auch hinterdrein folgen könnte – so leicht ist es mir jetzt um das Herz.«

»Es wird Euch noch leichter werden, und ein edler Sinn wie der Eure wird in Entzücken geraten«, sagte Walter, der in Erwiderung der ihm zuteil gewordenen Begrüßung nicht flau war, »wenn Ihr erfahrt, daß Ihr Miß Dombey einen Dienst erweisen könnt. Kapitän Cuttle, wollt Ihr die Güte haben, Mr. Toots die Treppe hinaufzuführen?«

Der Kapitän winkte Mr. Toots, der ihm mit verwirrtem Gesicht folgte, führte ihn nach dem Hausgiebel hinauf und stellte ihn ohne ein Wort der Vorbereitung Florence vor.

Von ihrem Anblick wurde der arme Mr. Toots so freudig überrascht, daß er seinen Gefühlen nur in den größten Ungereimtheiten Luft machen konnte. Er lief auf sie zu, ergriff ihre Hand, küßte sie, ließ sie wieder sinken, faßte sie abermals, fiel auf ein Knie nieder, vergoß Tränen, kicherte und achtete nicht im mindesten auf die Gefahr, von Diogenes gepackt zu werden. Dieser war nämlich im Glauben, daß solche Demonstrationen eine feindliche Absicht gegen seine Gebieterin verrieten, und umstrich ihn mit einer Miene, als sei er noch nicht ganz schlüssig, welchen besonderen Körperteil er für seinen Angriff wählen solle, obschon in jedem seiner Blicke zu lesen war, daß er auf fürchterliches Unheil sann.

»O Di, du böser, undankbarer Hund! Lieber Mr. Toots, ich bin ungemein erfreut, Euch zu sehen.«

»Danke«, sagte Mr. Toots, »es ergeht mir ziemlich gut. Danke schönstens, Miß Dombey. Ich hoffe, der ganzen Familie ergeht es ebenso.«

Mr. Toots sprach das, ohne im mindesten zu wissen, was er sagte, und setzte sich auf einen Stuhl nieder, während er zugleich Florence mit einem Gesicht ansah, auf dem sich der Ausdruck von Wonne und Verzweiflung in der eigentümlichsten Weise mengte.

»Kapitän Gills und Leutnant Walter haben erwähnt, Miß Dombey«, keuchte Toots, »daß ich Euch einen Dienst erweisen könne. Wäre es mir durch irgendein Mittel möglich, die Erinnerung an jenen Tag zu Brighton auszulöschen, wo ich mich mehr wie ein Vatermörder, als wie ein Mensch von eigenem Vermögen benommen habe«, fügte er in strenger Selbstanschuldigung bei, »so würde ich mit Lust und Freude in das stille Grab sinken.«

»Ich bitte, Mr. Toots«, versetzte Florence, »wünscht nicht, irgend etwas in unserer Bekanntschaft zu vergessen. Glaubt mir, ich kann es nie. Ihr seid dafür stets zu gütig und freundlich gegen mich gewesen.«

»Miß Dombey«, erwiderte Mr. Toots. »Eure Rücksicht auf meine Gefühle ist ein Teil Eures engelgleichen Charakters. Danke Euch tausendmal. Es ist von durchaus keinem Belang.«

»Was nun unser Anliegen betrifft«, sagte Florence, »so möchten wir Euch fragen, ob Ihr Euch nicht erinnern könnt, wo Susanna, die Ihr nach dem Kutschen-Bureau zu begleiten so gütig wart, als sie mich verließ, aufzufinden ist?«

»Ich erinnere mich nicht genau mehr des Ortes, Miß Dombey«, versetzte Mr. Toots nach einigem Besinnen, »dessen Namen ich auf der Kutsche las, weiß aber noch wohl, daß sie zu mir sagte, sie bleibe nicht dort, sondern reise weiter. Wenn es Euch nun darum zu tun ist, Miß Dombey, sie aufzufinden und hier zu haben, so soll Eurem Wunsch mit all der Eile entsprochen werden, die durch meine Ergebenheit und die große Einsicht des Preishahn erzielt werden kann.«

Mr. Toots war bei der Aussicht, sich nützlich machen zu können, so erfreut und belebt; auch konnte die uneigennützige Aufrichtigkeit seines Erbietens so wenig in Zweifel gezogen werden, daß es Grausamkeit gewesen wäre, ihn zurückzuweisen. Mit instinktartigem Zartgefühl verzichtete also Florence darauf, auch nur die mindeste Einwendung dagegen zu erheben, ja, überhäufte ihn sogar mit Danksagungen, und Mr. Toots unterzog sich voll Stolz dem Auftrag, den er sogleich auszuführen beschloß.

»Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, ihre ihm dargebotene Hand mit dem Schmerz hoffnungsloser Liebe ergreifend, der ihn sichtlich durchschoß und sich in seinem Gesichtsausdruck verriet, »lebt wohl! Gestattet mir die Bemerkung, daß Euer Unglück mich völlig elend macht, und daß Ihr nächst Kapitän Gills Euer volles Vertrauen in mich setzen könnt. Ich kenne meine Mängel wohl, Miß Dombey – sie sind nicht vom geringsten Belang, danke Euch – aber seid versichert, Miß Dombey, daß Ihr Euch völlig auf mich verlassen könnt.«

Mit diesen Worten verließ Mr. Toots das Zimmer, abermals von dem Kapitän begleitet, der den Hut unter dem Arm und sein wirres Haar mit dem Haken ordnend, in einiger Entfernung gestanden hatte und ein nicht teilnahmloser Zeuge der Szene gewesen war. Aber als sich die Tür hinter ihnen schloß, war das Licht von Mr. Toots‘ Leben wieder dunkel umwölkt.

»Kapitän Gills«, sagte der junge Gentleman, auf der unteren Treppe haltmachend und sich umwendend, »offen gestanden, ich bin für den Augenblick nicht in einer Gemütsverfassung, die es mir möglich machte, Leutnant Walter ganz das freundliche Gefühl zu zeigen, das ich in meinem Innern für ihn bergen möchte. Wir können nicht immer über unsere Empfindungen gebieten, Kapitän Gills, und Ihr würdet mir einen ganz besonderen Gefallen erweisen, wenn Ihr mich durch die Hintertür hinausließet.«

»Bruder«, entgegnete der Kapitän, »Ihr könnt da ganz Euren eigenen Kurs wählen. Welchen Ihr auch einschlagen wollt, ich bin überzeugt, daß er ehrlich und seemännisch ist.«

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, »Ihr seid sehr gütig, und Eure gute Meinung gereicht mir zum Trost. Da fällt mir ein«, fügte er hinzu und blieb hinter der halb offenen Tür in dem Flur stehen, »und ich hoffe, Kapitän Gills, Ihr werdet darauf Bedacht nehmen – auch wäre es mir lieb, wenn Leutnant Walter davon unterrichtet würde – Ihr wißt, ich bin jetzt völlig in den Besitz meines Vermögens gekommen und weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Wenn ich mich überhaupt im Punkt des Geldes nützlich machen könnte, so würde ich mit Ruhe und Freude in das stille Grab sinken.«

Mr. Toots sagte nicht mehr, sondern glitt leise hinaus, schloß die Tür selbst ab, und ersparte damit dem Kapitän eine Antwort.

Florence dachte an den guten Menschen noch lange nach seiner Entfernung mit den gemischten Empfindungen von Schmerz und Freude. Er war so ehrlich und warmherzig, daß sein Besuch und die Überzeugung, er sei ihr treu in ihrer Not, sie mit besonderem Trost erfüllte. Aber aus demselben Grunde fühlte sie sich ergriffen, wenn sie dachte, sie habe ihm auch nur einen einzigen unglücklichen Augenblick bereitet oder den harmlosen Strom seines Lebens durch einen Hauch getrübt. Ihr Auge füllte sich mit Tränen, und ihr Herz strömte über von Mitleid. Auch Kapitän Cuttle hielt in seiner Art viel auf Mr. Toots, ebenso Walter, und als sie abends in Florences neuem Stäbchen beisammen waren, konnte dieser des Lobes über ihn gar nicht satt werden. Er teilte Florence mit, mit welchem Anerbieten Mr. Toots das Haus verlassen hatte, und ließ dem wackeren Sinn des jungen Mannes alle jene anerkennende Gerechtigkeit widerfahren, deren ein ehrliches, teilnehmendes Herz fähig war.

Mr. Toots ließ sich in den nächsten Tagen nicht wieder blicken, und Florence lebte inzwischen ohne neue Beunruhigung gleich einem stillen Vögelchen in einem Käfig unter dem Giebel im Hause des alten Instrumentenmachers. Aber im Lauf der Zeit ließ sie mehr und mehr das Köpfchen hängen; und der Ausdruck, der in dem Gesicht des toten Kindes sichtbar geworden war, wandte sich oft von ihrem hohen Fenster aus dem Himmel zu, als suchten ihre Blicke einen Engel auf dem strahlenden Ufer, von dem er gesprochen, während er auf seinem kleinen Bette lag.

Florence war in letzter Zeit sehr zart und schwächlich geworden, und der Einfluß der Aufregung auf ihre Gesundheit ließ sich nicht verkennen, obschon sich vorderhand noch kein körperliches Leiden ausgebildet hatte. Aber ihr Geist litt, und die Ursache davon war Walter.

Es entging ihr nicht, daß er sie mied, und ungeachtet seiner Teilnahme und seiner Besorgnis für sie, ungeachtet seines freudigen Eifers, wenn es sich darum handelte, ihr einen Dienst zu leisten, und bei der ganzen Wärme und Begeisterung seines Charakters kam er doch im Laufe des Tages nur selten in ihr Zimmer. Wenn sie nach ihm fragte, erschien er und war dann für den Augenblick wieder so innig und erfreut, wie sie sich seiner aus der Zeit ihres Verirrens in dem Labyrinth der Londoner Straßen erinnerte. Aber bald wurde er gezwungen – ihrem schnell begreifenden Gefühl konnte dies nicht entgehen – und unruhig, so daß er nicht lange zu weilen vermochte. Unaufgefordert erschien er nie während der ganzen Zeit von Morgen bis zum Abend, und erst wenn dieser eingebrochen war, kam er – die glücklichste Zeit für sie; denn sie glaubte dann halb, der alte Walter ihrer Kindheit sei unverändert geblieben. Freilich konnte sie auch dann schon ein unbedeutendes Wort, ein Blick oder sonst etwas belehren, daß eine nicht bestimmbare Scheidewand zwischen ihnen stand, die nicht übersprungen werden durfte.

Sie mußte dabei bemerken, daß diese Merkmale einer großen Veränderung in Walter sich offenbarten, obschon er sich die größte Mühe gab, sie zu verbergen. Aus Rücksicht für sie, wie sie dachte, und in der Innigkeit seines Wunsches, sie mit jeder Wunde von seiner freundlichen Hand zu verschonen, nahm er zu zahlreichen kleinen Kunstgriffen und Bemäntelungen seine Zuflucht. Das ließ aber Florence den großen Wechsel in ihm nur desto mehr fühlen, und sie weinte desto öfter über das Fremdwerden ihres Bruders.

Der gute Kapitän – ihr unermüdlicher, warmer, stets eifriger Freund – sah es, wie Florence weinte, gleichfalls und grämte sich darüber. Er zeigte sich weniger heiter und hoffnungsvoll, als er anfangs gewesen war, und ließ oft mit traurigem Gesicht verstohlene Blicke zwischen ihr und Walter hin und her gleiten, wenn sie abends alle drei beisammen waren.

Florence beschloß endlich, mit Walter zu sprechen. Sie glaubte jetzt den Grund seiner Entfremdung zu kennen und dachte, ihr volles Herz werde eine Erleichterung darin finden, er selbst aber ruhiger werden, wenn sie ihm erkläre, sie habe die Ursache entdeckt, füge sich völlig darein und mache ihm keine Vorwürfe darüber.

Es war eines Sonntags nachmittags, als Florence diesen Entschluß faßte. Der treue Kapitän saß mit einem erstaunlichen Hemdkragen ihr gegenüber und las mit aufgesetzter Brille in einem Buche. Sie fragte ihn, wo Walter sei.

»Ich denke, er wird unten sein, mein Kindchen«, versetzte der Kapitän.

»Ich möchte ihn sprechen«, sagte Florence und erhob sich hastig, als ob sie die Treppe hinuntergehen wolle.

»Ich will ihn sofort hier oben haben, meine Schönheit«, entgegnete der Kapitän.

Der Kapitän schulterte nun mit großer Behendigkeit sein Buch – denn er hielt es für einen Punkt der Pflicht, an Sonntagen nur sehr große Bücher zu lesen, da das ein viel gesetzteres Aussehen verlieh. Darum hatte er vor Jahren an einem Trödelstand einen ungeheuren Band gekauft, dessen fünf erste Zeilen ihn jedesmal im höchsten Grad verwirrten, so daß er bis jetzt noch immer nicht mit sich ins reine gekommen war, von was das Werk eigentlich handelte – und entfernte sich. Walter erschien bald.

»Kapitän Cuttle sagt mir, Miß Dombey«, begann er hastig beim Hereinkommen, hielt aber inne, als er ihr Gesicht sah.

»Ihr seid heute nicht ganz wohl. Ihr seht leidend aus. Ihr habt geweint.«

Er sagte das so teilnahmsvoll und mit einem so innigen Beben in seiner Stimme, daß bei dem Ton seiner Worte ihr Tränen in den Augen quollen.

»Walter«, versetzte Floren« sanft, »ich bin nicht ganz wohl und habe geweint. Ich möchte mit Euch sprechen.«

Er setzte sich ihr gegenüber und blickte ihr in das schöne, unschuldige Antlitz. Sein eigenes aber wurde blaß und seine Lippen zitterten.

»Ihr sagtet an dem Abend, als ich Kunde erhielt von Eurer Rettung – und o! lieber Walter, was ich an jenem Abend fühlte und was ich hoffte! –«

Er legte seine bebende Hand auf den zwischen ihnen stehenden Tisch und blickte sie an.

»– daß ich verändert sei. Ich war erstaunt, dies von Euch zu hören, begreife aber jetzt, daß Ihr recht hattet. Seid mir nicht böse, Walter. Ich war damals zu erfreut, um daran zu denken.«

Sie schien ihm wieder ein Kind zu sein. Er sah und hörte in ihr das offene, vertrauensvolle, liebende Kind – nicht die Jungfrau, zu deren Füßen er bereitwillig alle Schätze der Erde niedergelegt haben würde.

»Ihr erinnert Euch doch noch unserer letzten Zusammenkunft vor Eurer Abreise, Walter?«

Er steckte seine Hand in die Brust und nahm eine kleine Börse heraus.

»Ich habe sie stets um meinen Hals getragen! Hätte die Tiefe mich verschlungen, so würde sie jetzt mit mir auf dem Grunde des Meeres ruhen!«

»Und Ihr tragt sie noch immer um meines früheren Ichs willen, Walter?«

»Bis ich sterbe!«

Sie legte so einfach und furchtlos ihre Hand auf die seine, als habe sie ihm das kleine Erinnerungszeichen erst heute gegeben.

»Das freut mich. Der Gedanke daran wird mir immer tröstlich sein, Walter. Erinnert Ihr Euch auch, daß an jenem Abend, als wir miteinander sprachen, eine Ahnung dieses Wechsels gleichzeitig uns zu befallen schien?«

»Nein«, antwortete er im Tone der Verwunderung.

»Ja, Walter. Ich bin schon damals die Ursache gewesen, Eure Hoffnungen und Aussichten zu beeinträchtigen, und obschon ich mich vor dem Gedanken fürchtete, so bin ich doch jetzt von der Wahrheit der Tatsache überzeugt. Wenn Ihr in Eurem edeln Sinne damals imstande waret, vor mir zu verbergen, daß Ihr es gleichfalls wußtet, so ist es Euch doch jetzt nicht mehr möglich, selbst wenn Euer Zartgefühl Euch veranlassen sollte, es zu versuchen. Ich sehe, Ihr versucht es wirklich, und ich danke Euch aus tiefster Seele dafür, Walter; aber es kann Euch nicht gelingen. Ihr habt in den Gefahren, die Euch und Eure teuersten Verwandten betroffen haben, zu viel gelitten, um die unschuldige Ursache von all diesem Leid zu übersehen, und weil Ihr diese Eigenschaft an mir nicht ganz zu vergessen vermögt, so können wir nicht länger Bruder und Schwester sein. Mein lieber Walter, glaubt nicht, daß ich mich deshalb über Euch beschwere. Ich hätte es wissen können – hätte es wissen sollen – dachte aber nicht daran in meiner Freude. Ich hoffe übrigens, dieses Gefühl wird Euch weniger drückend sein, wenn es nicht mehr ein geheimes ist, und ich bitte Euch nun, Walter, im Namen des armen Kindes, das einst Eure Schwester war, daß Ihr, nun ich alles weiß, nicht mehr um meinetwillen mit Euch selbst kämpft und Euch grämt.«

Walter hatte sie, während sie so sprach, mit einem Gesicht so voll Verwunderung und Erstaunen angesehen, daß für keinen anderen Ausdruck mehr Raum darin blieb. Er ergriff jetzt die Hand, die die seinige so bittend berührt hatte, und hielt sie fest.

»O, Miß Dombey«, sagte er, »ist es möglich, daß ich Euch das Leid bereitete, das mir Eure Worte enthüllen, während ich selbst in dem Erkennen dessen, was Euch gebührt und was Euch gezollt werden muß, einen so schweren Kampf kämpfte? Der Himmel ist mein Zeuge, ich habe Euch mir nie anders vergegenwärtigt, denn als die schönste, reinste und glücklichste Rückerinnerung meiner Jugend. Wie von Anfang an, werde ich bis auf den letzten Augenblick den Teil meines Lebens, der mich mit Euch verbindet, als etwas Heiliges betrachten, das nur ernsten Gedanken Raum gibt, nie hoch genug zu schätzen ist und nur im Tode vergessen werden kann. Euch wiederzusehen und sprechen zu hören, wie an jenem Abend unseres Abschieds, das ist ein Glück für mich, das ich nicht in Worten auszusprechen vermag, und die Liebe, das Vertrauen, das Ihr mir als einem Bruder bietet, ist die nächst große Gabe, die ich annehmen könnte und zu schätzen wüßte.«

»Walter«, sagte Florence, ihn fest anblickend, obschon der Ausdruck ihres Gesichts sich veränderte, »Ihr spracht von etwas, das mir unter Aufopferung von all diesem gebühre und mir gezollt werden müsse. Was meint Ihr damit?«

»Achtung«, versetzte Walter in gedämpftem Tone. »Ehrerbietung.«

Ihr Antlitz rötete sich wie der Morgenhimmel, und sie zog scheu und gedankenvoll ihre Hand zurück, obschon sie ihn noch immer mit ungeminderter Innigkeit ansah.

»Ich habe weder die Rechte noch die Ansprüche eines Bruders«, sagte Walter. »Ich verließ ein Kind und finde eine Jungfrau.«

Ein tiefes Rot breitete sich über ihr Gesicht. Sie machte eine Bewegung, als bitte sie ihn, nicht weiterzusprechen, und ließ dann das Haupt auf ihre Hände niedersinken.

Es herrschte eine Weile tiefes Schweigen, und Florence weinte.

»Ich bin es einem so reinen, guten und vertrauenden Herzen schuldig«, sagte Walter, »mich sogar von demselben loszureißen, und wenn das meine darüber bräche. Wie kann ich mich unterfangen zu sagen, es sei das meiner Schwester!«

Sie weinte stumm fort.

»Wäret Ihr glücklich und, wie es der Fall sein sollte, von liebenden und bewundernden Freunden, kurz von allem umgeben gewesen, was die Stellung, für die Ihr geboren wurdet, beneidenswert macht«, fuhr Walter fort; »und würdet Ihr dann in warmem Rückblick auf die Vergangenheit mich Bruder genannt haben, so hätte ich von meinem weiten Abstand aus auf diese Bezeichnung antworten können, ohne mir den Vorwurf machen zu müssen, daß ich Eurer reinen Seele zu nahe trete. Aber hier – und jetzt –«

»O, ich danke Euch, ich danke Euch, Walter! Verzeiht mir, daß ich Euch insoweit unrecht getan habe. Ich hatte niemanden, der mir raten konnte, und stehe so ganz allein.«

»Florence!« sagte Walter leidenschaftlich, »ich sehe mich jetzt gedrungen, meine Gedanken auszusprechen, obschon sie vor wenigen Augenblicken noch nichts meinen Lippen hätte entringen können. Wäre ich wohlhabend und im Besitz der Mittel oder auch nur der Hoffnung gewesen, Euch eines Tages eine Stellung, die der Eurigen nahe ist, zu sichern, so würde ich Euch gesagt haben, daß es einen Namen gäbe, den Ihr mir verleihen könnt – zugleich ein ausschließliches Recht, Euch zu schützen und zu pflegen, obschon ich dessen durch nichts würdig bin, als durch die achtungsvolle Liebe, die ich zu Euch im Innern trage, und durch den Umstand, daß mein ganzes Herz Euch gehört. Ich würde Euch gesagt haben, das sei der einzige Anspruch, den Ihr mir geben könnt, Euch zu verteidigen und zu beschützen – der einzige, den ich anzunehmen und zu behaupten wagen dürfe. Indessen, wenn ich im Besitz eines solchen Rechtes wäre, würde ich es als ein so teures und unschätzbares Gut betrachten, daß die ungeteilte Treue und Innigkeit meines ganzen Lebens nur eine dürftige Anerkennung zu bieten vermöchte.«

Das Köpfchen war noch immer gesenkt, die Tränen flossen fort, und ihre Brust schwellte sich unter Schluchzen.

»Liebe Florence! Liebste Florence! So pflegte ich Euch in meinen Gedanken zu nennen, ehe ich mir vorstellen konnte, welche wahnsinnige Anmaßung dies war. Nur dieses letzte Mal gestattet mir, Euch den mir so teuren Namen zuzurufen, und diese zarte Hand zu ergreifen, zum Zeichen, daß Ihr schwesterlich vergessen wollt, was ich gesagt habe.«

Sie erhob ihr Haupt und begann mit einer feierlichen Anmut in ihren Augen, mit einem ruhigen holden Lächeln, das durch ihre Tränen leuchtete und mit einem leisen Beben ihres Körpers und ihrer Stimme, so daß die innerste Saite seines Herzens ergriffen und alles trüb und nebelig vor seinen Blicken wurde.

»Nein, Walter, ich kann es nicht vergessen – möchte es um keine Welt vergessen. Seid Ihr – seid Ihr sehr arm?«

»Ich bin nur ein unsteter Wanderer«, sagte Walter, »der um seines Lebensunterhaltes willen Seereisen machen muß. Das ist fortan mein Beruf.«

»Wollt Ihr bald wieder fort, Walter?«

»Sehr bald.«

Sie sah ihn eine kurze Weile an und legte dann ihre zitternde Hand in die seine.

»Wenn Ihr mich zu Eurem Weibe nehmen wollt, Walter, so werde ich Euch zärtlich lieben. Laßt Ihr mich mit Euch ziehen, so will ich ohne Furcht mit Euch bis an das Ende der Welt gehen. Ich muß um Euretwillen nichts aufgeben, habe auf nichts zu verzichten und niemanden zu vergessen. Aber all mein Lieben und Leben soll Euch geweiht sein, und mit meinem letzten Hauch will ich gegen Gott noch Euren Namen atmen, wenn ich überhaupt noch Kraft und Besinnung dazu habe.«

Er drückte sie an seine Brust und legte seine Wange an die ihrige. Sie weinte jetzt, nicht mehr zurückgestoßen und nicht mehr verlassen, an dem Herzen ihres teuren Geliebten.

Gesegnete Sonntagsglocken, die so ruhig läuten zu ihrem Glück und ihrem Entzücken. Gesegneter Sonntagsfriede, der so im Einklang steht mit der Ruhe in ihren Seelen und ein heiliges Licht um sie her breitet! Gesegnete Dämmerung, die sich heranschleicht und beschwichtigend sie überschattet, während sie wie ein eingelulltes Kind an der Brust, wo sie Frieden sucht, einschlummert!

O welches Übermaß von Liebe und Vertrauen, das so leicht hier liegt! Ja, schau nieder auf die geschlossenen Augen mit einem stolzen Blick der Zärtlichkeit, Walter; denn auf der ganzen weiten Erde suchen sie jetzt nichts mehr außer dich.

Der Kapitän blieb in dem kleinen Hinterstübchen, bis es ganz dunkel war. Er setzte sich in den Stuhl, den Walter eingenommen hatte, und blickte nach dem Hochlichtfenster hinauf, bis der Tag allmählich dahinschwand und die Sterne niederschauten. Dann machte er Licht, zündete seine Pfeife an, rauchte sie aus und erging sich in Gedanken darüber, was in aller Welt doch droben vorgehen möge und warum man ihn nicht zum Tee rufe.

Während er sich noch auf diesem Gipfel seiner Verwunderung befand, trat Florence an seine Seite:

»Ach, so, kleines Fräuleinchen!« rief der Kapitän. »Der Tausend, Ihr und Wal’r habt ja mächtig lang miteinander geplaudert, mein schönes Kind.«

Florence umfaßte mit ihrer kleinen Hand einen von den großen Knöpfen seines Rocks und sagte, zu seinem Gesicht niederblickend:

»Lieber Kapitän, ich möchte Euch etwas mitteilen, wenn Ihr mich anhören wollt.«

Der Kapitän richtete den Kopf rasch auf, um zu hören, was es gebe. Um aber Florence genauer ansehen zu können, rückte er seinen Stuhl und sich so weit zurück, wie es gehen wollte.

»Wie, Herzensfreude!« rief der Kapitän mit strahlendem Gesicht. »Ist es das?«

»Ja!« sagte Florence schnell.

»Wal’r! ein Bräutigam, das?« brüllte der Kapitän seinen Glanzhut nach dem Hochlichtfenster hinaufwerfend.

»Ja!« rief Florence, zugleich lachend und weinend.

Der Kapitän umarmte sie, bückte sich dann nach seinem Glanzhut, setzte ihn auf, legte ihren Arm in den seinen und begleitete sie nach dem Dachstübchen, – im Gefühl, daß er jetzt den besten Witz seines Lebens anbringen könne. »Ei, Wal’r, mein Junge«, sagte er mit einem Gesicht zur Tür hineinschauend, das sich wie eine behagliche Wärmepfanne ausnahm, »so gibt es also keine andere Möglichkeit, he?«

Dieser Scherz mußte ihm wohl eigentlich erstickend auf der Brust liegen, denn er wiederholte ihn während des Tees wenigstens vierzigmal und polierte in den Zwischenräumen sein glänzendes Gesicht mit dem Rockärmel, oder fuhr mit seinem Taschentuch auf dem Kopf herum. Indes hatte er doch auch noch eine ernstere Quelle der Heiterkeit im Hinterhalt; denn man hörte ihn, während er in unaussprechlicher Wonne nach Walter und Florence hinsah, öfters in gedämpftem Ton sagen:

»Ed’ard Cuttle, mein Junge, der beste Kurs, den du in deinem ganzen Leben gehalten hast, war damals, als du das kleine Eigentum vereint als Mitgift sozusagen aussetztest.«

Einundfünfzigstes Kapitel.


Einundfünfzigstes Kapitel.

Mr. Dombey und die Welt.

Was treibt wohl der stolze Mann, während die Tage entschwinden? Denkt er je an seine Tochter, oder wundert er sich, wohin sie gegangen ist? Meint er vielleicht, sie sei nach Haus gekommen und führe ihr altes Leben in dem verödeten Gebäude? Niemand kann das beantworten; denn er hat ihren Namen seitdem nie wieder ausgesprochen. Sein Haushalt fürchtet ihn zu sehr, um eine Sache zur Sprache zu bringen, über die er ein so tiefes Schweigen beobachtet, und die einzige Person, die ihn zu fragen sich erdreistet, bringt er augenblicklich zum Verstummen.

»Mein lieber Paul!« murmelt seine Schwester, die am Tage von Florences Flucht ihn besucht, »deine Gattin – dieses hochfahrende Weib! Ist es möglich, daß in dem verwirrten Gerücht Wahrheit liegt, und dankt sie dir so die beispiellose Aufopferung für sie; denn du hast ja deine eigenen Verwandten ihren Launen und ihrem Stolze opfern müssen! Mein armer Bruder!«

Während dieser Anrede und in der Erinnerung an die Tatsache, daß sie am Tag der Ankunft des Ehepaars von Paris nicht zum Diner gebeten wurde, macht Mrs. Chick reichlichen Gebrauch von ihrem Taschentuch und fällt Mr. Dombey um den Hals. Mr. Dombey aber macht sich frostig von ihr los und bietet ihr einen Stuhl an.

»Ich danke dir für diesen Beweis deiner Liebe, Louisa«, sagte er, »muß dich aber bitten, für dein Gespräch ein anderes Thema zu wählen. Wenn ich einmal mein Schicksal beklage, oder mir Trost bei dir holen will, so wird es immer noch Zeit sein, ihn mir zu spenden. Habe daher die Güte, Louisa, von andern Dingen zu reden.«

»Mein lieber Paul«, versetzt seine Schwester, die das Schnupftuch vor ihr Gesicht hält und den Kopf schüttelt, »ich kenne deinen großen Geist und will daher nicht bei einem Thema beharren, das so peinlich und empörend ist«, Mrs. Chick legt auf die beiden Beiwörter einen besonders entrüsteten Nachdruck; »aber darf ich dich fragen, – freilich fürchte ich etwas Erschütterndes und Betrübendes hören zu müssen – ob jenes unglückliche Kind, Florence –«

»Louisa«, sagt ihr Bruder finster, »stille! kein Wort mehr davon!«

Mrs. Chick kann nur den Kopf schütteln, ihr Taschentuch brauchen und über entartete Dombeys seufzen, die keine Dombeys sind. Indes hat sie nicht die mindeste Vorstellung davon, ob Florence bei Ediths Flucht beteiligt war, oder gar ihr nachgefolgt ist, ob sie zu viel oder zu wenig, ob etwas oder nichts getan hat.

Unwandelbar verschließt er seine Gedanken und Gefühle in seinem Innern, ohne sie jemandem anzuvertrauen. Nachforschungen nach seiner Tochter werden nicht angestellt. Er wähnt vielleicht, sie sei bei seiner Schwester, oder weile unter seinem eigenen Dache. Ob er oft oder nie an sie denkt – aus den Anzeichen, die er davon gibt, läßt sich weder das eine noch das andere erkennen.

So viel aber ist gewiß, er denkt nicht, daß er sie verloren hat. Keine Ahnung der Wahrheit kommt ihm in den Sinn. Er hat zu lange in seiner Höhe abgeschlossen gelebt, um das geduldige sanfte Geschöpf auf dem Pfad unten zu bemerken, oder etwas Derartiges zu befürchten. Die ihm zugegangene Beschimpfung ist erschütternd gewesen, hat ihn aber nicht zur Erde gedemütigt. Die Wurzel greift in die Breite und Tiefe, und im Lauf der Jahre haben ihre Fasern sich ausgedehnt und aus der ganzen Umgebung Nährstoff gezogen. Der Baum ist getroffen, aber nicht gefällt.

Obgleich er die Welt in seinem Innern vor der Außenwelt verbirgt, – er hält es zunächst für seine einzige Aufgabe, sich auf allen seinen Schritten und Tritten sorgfältig zu bewachen – so kann er doch jene rebellischen Spuren davon nicht verdecken, die sich in den hohlen Augen und Wangen, in der hageren Stirn und in seinem düsteren, brütenden Wesen ausdrücken. Zwar noch immer so unnahbar wie ehedem, ist er trotzdem ein veränderter Mensch, und wenn sein Stolz sich auch nicht gebeugt hat, fühlt er sich doch gedemütigt; denn sonst könnten solche Abzeichen nicht vorhanden sein. Die Welt! Was die Welt von ihm denkt, um was sie ihn ansieht und was sie sagt – das ist der Dämon, der seinen Geist umspukt. Das Gespenst folgt ihm überall hin und, was noch schlimmer, befindet sich auch überall, wo er nicht ist. Es tritt hinaus mit ihm unter seine Dienerschaft und bleibt flüsternd daselbst zurück. Er sieht, wie es auf der Straße mit den Fingern ihm nachdeutet; es harrt seiner im Kontor, schielt über die Schultern der reichen Kaufleute, geht winkend und plappernd unter der Menge umher, kommt ihm an jedem Platze zuvor und ist – er weiß das – stets am geschäftigsten, wenn er sich wieder entfernt hat. Schließt er sich nachts in seinem Zimmer ein, so schleicht es durch das Haus, macht sich hörbar in den Fußtritten auf dem Straßenpflaster, starrt ihn in den Zeitungen auf dem Tisch an, dampft auf den Eisenbahnen und in den Schiffen hin und her und macht sich überall mit nichts anderem zu schaffen als mit ihm.

Es ist kein Phantom seiner Einbildungskraft, sondern in den Köpfen anderer Leute ebenso gut tätig, wie in dem seinen. Zeuge davon Vetter Feenix, der von Baden-Baden ausdrücklich in der Absicht herkommt, um mit ihm zu sprechen. Zeuge davon Major Bagstock, der Vetter Feenix bei seinem Besuche freundschaftlich begleitet.

Mr. Dombey empfängt sie mit seiner gewöhnlichen Würde und steht aufrecht in seiner alten Haltung vor dem Feuer. Er fühlt, daß aus ihren Augen die Welt ihn ansieht, daß sie aus den Gemälden herunterglotzt, daß Mr. Pitt auf dem Bücherschranke sie repräsentiert, und daß sogar in seinem eigenen, an der Wand hängenden Porträt die gleichen Augen sind.

»Ein ungewöhnlich kaltes Frühjahr«, sagt Mr. Dombey – um die Welt zu täuschen.

»Gott verdamm mich«, versetzt der Major in der Wärme der Freundschaft, »Joseph Bagstock ist nicht leicht anzuführen. Wenn Ihr Eure Freunde abzuhalten und ihnen kalt den Rücken zu kehren wünscht, Dombey, so ist J. B. nicht der Mann dafür. Joe ist rauh und zäh, Sir; derb, Sir, derb ist Joe. Seine königliche Hoheit, der verstorbene Herzog von York, erwies mir die Ehre, zu sagen – gleichviel, ob verdient oder unverdient – ,wenn es im Dienst einen Mann gibt, auf dessen Offenheit man sich verlassen kann, so ist dieser Mann Joe – Joe Bagstock.«

Mr. Dombey deutete seine Zustimmung an.

»Wohlan, Dombey«, sagt der Major, »ich bin ein Weltmann. Unser Freund Feenix – wenn ich mich erkühnen darf, ihn so –«

»Rechne es mir zu großer Ehre«, versetzt Vetter Feenix.

»– ist gleichfalls ein Weltmann«, fährt der Major mit einem Wackeln des Kopfes fort. »Und Ihr seid ein Weltmann, Dombey. Wenn nun drei Weltmänner zusammentreffen und Freunde sind – wie ich glaube –«, die letztere Bemerkung gilt abermals dem Vetter Feenix.

»Natürlich, die allerbesten«, sagt Vetter Feenix. »– und Freunde sind«, nimmt der Major wieder auf, »so ist der alte Joe der Ansicht (vielleicht hat J. unrecht), daß die Meinung der Welt über irgendeinen besonderen Gegenstand sich leicht erkunden läßt.«

»Ohne Zweifel«, sagt Vetter Feenix. »In der Tat, sie spricht vollkommen für sich selbst. Ich wünsche nichts sehnlicher, Major, als meinem Freund Dombey mein großes Erstaunen und Bedauern darüber auszudrücken, daß meine liebenswürdige und begabte Verwandte, die jede Eigenschaft besaß, um einen Mann glücklich zu machen, ihre Pflichten gegen – mit einem Wort, gegen die Welt so weit vergessen konnte, um sich in einer so außerordentlichen Weise bloßzustellen. Ich bin seitdem in einem verteufelt schwermütigen Zustand gewesen und habe in der Tat erst gestern abend zu dem langen Sarby gesagt, – Mann von sechs Fuß zehn Zoll Höhe, mit dem mein Freund Dombey wahrscheinlich bekannt ist – daß mir die Geschichte verdammt zusetze und mich ganz gallig mache. Eine solche verhängnisvolle Katastrophe bringt einen auf den Gedanken«, sagt Vetter Feenix, »daß die Ereignisse unter der Leitung einer Vorsehung stehen, denn wenn meine Tante noch am Leben wäre, so glaube ich, das hätte auf eine so verteufelt lebhafte Frau, wie sie war, wie ein Todesstreich gewirkt, und sie wäre wahrhaftig ein Opfer derselben geworden.«

»Wohlan, Dombey! –« nimmt der Major seine Rede mit großem Nachdruck wieder auf.

»Ich bitte um Verzeihung«, unterbricht ihn Vetter Feenix. »Erlaubt mir nur noch ein Wort, Mein Freund Dombey wird mir die Bemerkung gestatten, der höllische Zustand von Schmerz, in dem ich mich bei diesem Anlaß befinde, könne durch nichts mehr erhöht werden, als durch das natürliche Erstaunen der Welt über das Gerücht, daß meine liebenswürdige und begabte Verwandte (denn ich wage es noch immer, sie so zu nennen) sich mit einem Menschen – allerdings Mann mit weißen Zähnen – kompromittiert habe, der ihrem Gatten gegenüber eine so untergeordnete Stellung einnimmt. Aber während ich mit Entschiedenheit meinen Freund Dombey ersuchen muß, meine liebliche und begabte Verwandte nicht anzuklagen, bis ihre Schuld vollkommen erwiesen ist, erlaube ich mir zugleich, meinem Freund Dombey die Versicherung zu geben, daß die Familie, die ich repräsentiere und die jetzt fast erloschen ist (verteufelt trauriger Gedanke für einen Mann), ihm kein Hindernis in den Weg zu legen gedenkt und sich glücklich schätzen wird, jedem ehrenhaften Verfahren, das er im Hinblick auf die Zukunft einzuschlagen beabsichtigt, ihre Zustimmung zu geben. Ich hoffe, mein Freund Dombey wird mir zutrauen, daß ich in dieser sehr betrübenden Angelegenheit von der besten Absicht beseelt bin, und – ein – in der Tat, ich wüßte nicht, daß ich nötig hätte, meinen Freund Dombey mit weiteren Bemerkungen zu behelligen.«

Mr. Dombey verbeugt sich, ohne die Augen aufzurichten und bleibt stumm.

»Wohlan, Dombey«, sagt der Major, »nachdem unser Freund Feenix mit einem Aufwand von Beredsamkeit, wie ihn der alte Joe B, nie gehört hat – nein, beim Himmel, Sir, nie!« sagt der Major mit sehr blauem Gesicht, indem er seinen Stock in der Mitte anfaßt – »den Fall, soweit er die Dame betrifft, auseinandergesetzt hat, werde ich mir im Hinblick auf unsere Freundschaft, Dombey, erlauben, ihn von einem andern Gesichtspunkt aus zu beleuchten. Sir«, fügt der Major mit einem Pferdehusten bei, »die Welt hat in solchen Dingen Ansichten, denen Genüge geleistet werden muß.«

»Ich weiß es«, versetzt Mr. Dombey.

»Natürlich wißt Ihr es«, sagt der Major. »Gott verdamm mich, Sir, ich weiß, daß Ihr es wißt. Ein Mann von Eurem Format kann hierin nicht im unklaren sein.«

»Ich hoffe es«, entgegnete Mr. Dombey.

»Dombey!« sagt der Major, »Ihr werdet das übrige erraten. Ich spreche mich aus – voreilig vielleicht –, weil die Bagstock-Zucht immer offen gewesen ist. Sie hat es zwar damit nie weit gebracht, Sir; aber es liegt im Blut der Bagstocks. Dem Mann gehört eine Kugel. Ihr habt J.B. auf Eurer Seite. Er macht Anspruch auf den Namen eines Freundes. Gott stehe Euch bei.«

»Ich bin Euch verbunden, Major«, erwidert Mr. Dombey, »und werde mich in Eure Hände geben, wenn die Zeit reif ist. So weit ist es übrigens noch nicht, und ich habe deshalb unterlassen, mit Euch zu sprechen.«

»Wo ist der Mensch, Dombey?« fragt der Major, nachdem er ihn eine Weile angestarrt und angekeucht hat.

»Ich weiß es nicht.«

»Keine Kunde von ihm?« fragt der Major.

»Dombey, es freut mich, das zu hören«, sagt der Major. »Ich wünsche Euch Glück.«

»Ihr werdet entschuldigen, Major«, versetzt Mr. Dombey, »wenn ich vorderhand nicht einmal gegen Euch in weitere Einzelheiten eingehe. Die Nachricht ist eigentümlicher Art und mir in eigentümlicher Weise zugegangen. Möglich, daß sie wertlos, möglich aber auch, daß sie wahr ist. Ich kann zur Zeit nichts weiter sagen und muß deshalb hier abbrechen.«

Obschon das nur eine dürre Antwort auf den purpurnen Enthusiasmus des Majors ist, so nimmt er sie doch gnädig auf und fühlt sich entzückt in dem Gedanken, daß die Welt eine so schöne Aussicht hat, bald zu erhalten, was ihr gebührt. Vetter Feenix wird sodann von dem Gatten seiner liebenswürdigen und begabten Verwandten mit dankbaren Phrasen belohnt, worauf er und Major Bagstock sich entfernen, während der besagte Gatte wieder der Welt überlassen bleibt und Muße hat, über die Ansichten und die gerechten, vernünftigen Erwartungen derselben, wie sie ihm von den beiden dargestellt wurden, nachzudenken.

Aber wer sitzt Tränen vergießend und mit aufgehobenen Händen in dem Zimmer der Haushälterin und bespricht sich in leisem Ton mit Mrs. Pipchin? Es ist eine Dame, deren Gesicht ein sehr enger schwarzer Hut verhüllt, der nicht ihr zu gehören scheint. Es ist Miß Tox, die diese Verhüllung von ihrem Dienstmädchen geborgt hat und so im geheimen vom Prinzessinnenplatz hierher gekommen ist, um ihre alte Bekanntschaft mit Mrs. Pipchin wieder aufzunehmen und über Mr. Dombeys Zustand sichere Auskunft einzuholen.

»Und wie trägt er es, meine liebe Mistreß?« fragt Miß Tox.

»Er ist so ziemlich wie gewöhnlich«, antwortet Mrs. Pipchin in ihrer schnippischen Weise.

»Äußerlich«, deutet Miß Tox an, »Aber was er in seinem Innern fühlt!«

Mistreß Pipchins hartes graues Auge zeigt den Ausdruck des Zweifels, während sie in drei bestimmten Absätzen entgegnet: »Ach!. . Vielleicht … Ich kann mir’s vorstellen.«

»Um offen mit Euch zu sprechen, Lukretia«, fährt Mrs. Pipchin fort; sie nennt Miß Tox noch immer Lukretia, weil sie an dieser Dame, als diese noch ein unglückliches, schmächtiges, kleines Mädchen von zarten Jahren war, die ersten Versuche im Geschäft des Kinderquälens gemacht hat; »um mit Euch zu reden, Lukretia, so denke ich, daß wir von Glück sagen dürfen. Ich selbst mag keine so frechen Gesichter hier haben.«

»Jawohl, frech! Das ist ein vollkommen bezeichnender Ausdruck, Mrs. Pipchin«, erwidert Miß Tox. »Ihn zu verlassen! Eine so edle Männergestalt!«

Und Miß Tox gerät ganz außer sich.

»Von edel spüre ich gerade nicht viel«, bemerkt Mrs. Pipchin, empfindlich sich die Nase reibend. »So viel aber weiß ich – wenn den Leuten Prüfungen zugeschickt werden, so müssen sie diese tragen. Du lieber Himmel, ich habe meiner Zeit selbst auch genug zu tragen gehabt! Was macht man da viel Wesens! Sie ist fort, und man kann sich Glück wünschen, daß man sie vom Halse hat. Ich denke, niemand verlangt sie zurück.«

Diese Anspielung auf die peruvianischen Minen bewegt Miß Tox, sich zum Abschied anzuschicken, und Mrs. Pipchin läutet Towlinson, damit er ihr das Geleit gebe. Mr. Towlinson, der Miß Tox seit einem Menschenalter nicht gesehen hat, drückt grinsend die Hoffnung aus, daß es ihr gut gehe, und bemerkt, er habe sie anfangs in ihrem Hut nicht gekannt.

»Ziemlich gut, Towlinson, ich danke Euch«, sagt Miß Tox. »Wenn Ihr mich zufällig hier seht, so habt die Güte, nicht davon zu sprechen. Meine Besuche gelten bloß Mrs. Pipchin.«

»Sehr wohl, Miß«, sagt Towlinson.

»Es ereignen sich schreckliche Dinge, Towlinson«, meint Miß Tox.

»Jawohl, Miß«, entgegnet Towlinson.

»Ich hoffe, Towlinson«, sagt Miß Tox, die sich durch das Unterrichten der Toodle-Familie einen ermahnenden Ton angeeignet hat und nicht gern eine dafür passende Gelegenheit verabsäumt, »die Vorgänge hier werden Euch eine Warnung sein, Towlinson.«

»Danke bestens, Miß, jawohl«, versetzt Towlinson.

Er scheint mit sich zu Rate zu gehen, in welcher Weise diese Warnung auf seinen speziellen Fall anwendbar sei. Aber die essigsaure Mrs. Pipchin stört ihn plötzlich mit einem »was treibt Ihr da? warum geleitet Ihr die Dame nicht nach der Tür?« aus seinem Sinnen, und er führt Miß Tox ab. Wie diese an Mr. Dombeys Zimmer vorbeikommt, zieht sie sich in die innersten Tiefen des schwarzen Hutes zurück und geht auf den Zehenspitzen. Es gibt kein anderes Wesen in der Welt, das ihn so umspukt und so viel Leid und Sorge um ihn trägt, als das, welches Miß Tox unter dem schwarzen Hut in die Straße mit sich nimmt und, vor den neu angezündeten Lampen beschattet, nach Haus zu bringen versucht.

Aber Miß Tox ist kein Teil von Mr. Dombeys Welt. Sie kommt jeden Abend in der Dunkelheit, fügt bei Regenwetter dem Hut noch einen Schirm und Überschuhe bei und läßt bereitwillig Towlinsons Grinsen und Mrs. Pipchins mürrisches Wesen über sich ergehen, bloß um fragen zu können, was er treibt und wie er sein Unglück erträgt. Aber sie hat nichts mit Mr. Dombeys Welt zu schaffen. Bedrückend und quälend, wie immer, nimmt diese ohne Miß Tox ihren Gang, und diese selbst, keineswegs ein glänzender oder besonderer Stern, bewegt sich an dem Ende eines andern Systems in ihrem kleinen Kreise; sie weiß das recht wohl – kommt, weint, geht wieder fort und ist zufrieden. Wahrhaftig, Miß Tox ist leichter befriedigt, als die Welt, um die Mr. Dombey sich so viel Sorge macht.

Im Geschäft verhandeln die Gehilfen das große Unglück in allen seinen Licht- und Schattenseiten und sind namentlich neugierig darauf, wer Mr. Carkers Platz erhalten wird. Sie drücken allgemein die Ansicht aus, die Stelle dürfte wohl in ihrem Einkommen beschnitten und durch neue Beschränkungen unbequem gemacht werden. Diejenigen, die die allergeringste Aussicht haben, meinen, sie möchten sie nicht einmal annehmen, und beneiden den Mann nicht, dem sie vorbehalten ist. Seit dem Tod von Mr. Dombeys kleinem Sohn hat nichts im Kontor solches Aufsehen erregt. Aber die ganze Aufregung schlägt eine soziale, um nicht zu sagen joviale Richtung ein und führt zu Unterhaltung guter Kameradschaft. Bei dieser günstigen Gelegenheit findet sogar eine Versöhnung zwischen dem anerkannten Witzling des Kontors und einem aufstrebenden Nebenbuhler statt, die seit Monaten in tödlicher Fehde miteinander gelebt haben. Zur Feier dieser glücklich wiederhergestellten Freundschaft wird in einem benachbarten Wirtshaus ein Diner abgehalten, bei dem der Witzling den Vorsitz führt und der Nebenbuhler die Rolle des Vizepräsidenten übernimmt. Die Reden, die der Entfernung des Tafeltuchs folgen, werden durch den Vorsitzenden eingeleitet, der seinen Kollegen nicht verbergen kann, daß es jetzt keine Zeit zu Privatzwistigkeiten sei. Kürzliche Ereignisse, auf die er nicht näher einzugehen brauche, die aber in einigen Sonntags-Journalen und Tagblättern – er wolle sie nicht nennen – (jedes andere Mitglied der Gesellschaft führt übrigens mit hörbarem Murmeln die Namen auf) nicht unbeachtet geblieben seien, hätten ihn zum Nachdenken gebracht, und er fühle, daß in einem solchen Augenblicke jeder persönliche Zwist zwischen ihm und Robinson für immer die gute Gesinnung in der allgemeinen Sache beeinträchtigen würde, durch die sich, wie er Grund zu glauben habe und wie er hoffe, die Gentlemen in Dombeys Hause stets ausgezeichnet hätten.

Robinson antwortete hierauf wie ein Mann und Bruder, während ein Gentleman, der drei Jahre unter steter Entlassungsbedrohung wegen seiner mangelhaften Arithmetik in dem Bureau beschäftigt gewesen, in einem vollkommen neuen Lichte erscheint und plötzlich mit einer ergreifenden Rede hervorbricht, in der er sagt: Möge der geachtete Chef nie wieder die Verödung kennenlernen, die seinen Herd betroffen hat! Dann fährt er in unterschiedlichen Dingen fort, die stets mit einem »Möge er nie wieder« beginnen und donnernden Beifall ernten. Mit einem Wort, der Abend vergeht in der größten Herrlichkeit und wird nur durch einen Hader zwischen zwei jüngeren Kollegen gestört, die in einem Streit über die wahrscheinliche Höhe von Mr. Carkers letztem Jahreseinkommen sich mit Flaschen drohen und in großer Aufregung fortgeschafft werden. Am andern Tag ist im Bureau das Sodawasser sehr begehrt, und die meisten, die an der gestrigen Gesellschaft teilgenommen, halten die Wirtsrechnung für einen unverschämten Betrug.

Was Perch, den Boten, betrifft, so ist er auf dem schönsten Weg, für Lebenszeit zugrunde gerichtet zu werden. Man findet ihn unablässig in den Schenken, wo er traktiert wird und fürchterlich aufschneidet. Es stellt sich heraus, daß er überall mit den bei dem kürzlichen Vorfall beteiligten Personen zusammentraf und zu ihnen sagte, »Sir«, oder »Madame«, je nachdem der Fall war, »warum seht Ihr so blaß aus«, worauf die betreffende Person vom Kopf bis zu den Füßen schauderte, in die Worte ausbrach »o Perch«, und davonlief.

Entweder der Gedanke an diese Ungeheuerlichkeiten oder die Rückwirkung des genossenen Branntweins machen Mr. Perch gegen Abend um die Zeit, in der er gewöhnlich in der Gesellschaft der Mrs. Perch zu Balls Pond Trost sucht, sehr bedrückt. Dann ist Mrs. Perch ungemein reizbar; denn sie fürchtet, sein Vertrauen zu dem weiblichen Geschlecht sei jetzt erschüttert und er erwarte sozusagen, eines Abends beim Nachhausekommen, daß sie mit einem Grafen davongelaufen sei.

Mr. Dombeys Dienstboten wurden um die gleiche Zeit ganz ausgelassen und für jedes Geschäft untauglich. Sie haben jeden Abend ein warmes Nachtessen und unterhalten sich dabei, während dampfendes Getränk auf dem Tisch steht. Nach halb elf Uhr ist Mr. Towlinson regelmäßig bezecht und fragt, ob er nicht immer gesagt habe, daß bei dem Wohnen in einem Eckhause nie etwas Gutes herauskomme. Man flüstert über Florence und möchte wissen, wo sie sich aufhält. Aber man ist mit ihrem Schritt einverstanden; wenn auch Mr. Dombey nichts darüber wisse, so werde es doch Mrs. Dombey besser wissen. Dies bringt das Gespräch auf Edith, und die Köchin sagt von ihr: »Sie hatte doch eine recht vornehme Art an sich, etwa nicht? Aber sie trug sich zu hoch!« Alle andern stimmen bei, daß sie sich zu hoch trug, und Mr. Towlinsons alte Flamme, die Hausmagd (die sehr tugendhaft ist), bittet, man solle ihr nur nicht mehr mit Personen kommen, die ihre Köpfe so hoch halten, als ob der Erdboden nicht gut genug für sie sei.

Alles, was mit Ausnahme von Mr. Dombey in dieser Angelegenheit gesprochen und verhandelt wird, geschieht im Chor. Mr. Dombey und die Welt sind miteinander allein.

Dreiunddreißigstes Kapitel.


Dreiunddreißigstes Kapitel.

Gegensätze

Wenden wir unsere Blicke auf zwei Wohnungen. Sie liegen nicht Seite an Seite, sondern weit voneinander, obschon beide dem Bann der großen Stadt London angehören.

Die erste müssen wir auf dem grünen, waldigen Strich in der Nähe von Nordwood aufsuchen. Sie ist kein Landhaus und sehr anspruchslos, was ihren Umfang angeht, aber hübsch eingerichtet und in guter Ordnung erhalten. Der Hof, der weiche glatte Rasen, der Blumengarten, die Baumgruppen, unter denen die zierlichen Eschen und Weiden nicht fehlen, die Diele, die ländliche Veranda mit süßduftenden Schlingpflanzen, die sich um die Strebepfeiler winden, die einfache Außenseite, die wohlgeordneten Arbeitsräume, obschon ihr Umfang nur dem eines bloßen Bauernhauses entspricht – alles dies deutet auf eine behagliche Eleganz im Innern, die einem Palast nicht übel anstehen würde. Auch zeigt wirklich die innere Einrichtung seinen Geschmack und Luxus. Reiche Farben in schöner Verbindung treten in jedem Gemach dem Auge entgegen. In dem Möbelwerk, das durch Form sowohl wie Größe bewundernswürdig den kleinen Gemächern angepaßt ist, zeigt sich derselbe Geschmack. An den Wänden und auf den Fußböden wird das Licht, das da und dort durch die hübschen Glastüren und Fenster einfällt, in eigentümlicher Weise gedämpft und gebrochen. Auch einige auserlesene Kupferstiche und Gemälde sind vorhanden. In den Nischen stehen gefüllte Bücherschränke, und auf den Tischen sieht man die Gerätschaften zu allerlei Hazard- und Geschicklichkeitsspielen, zum Beispiel phantastische Schachfiguren, Würfel, Brettspiele, Karten und Billardkugeln.

Dennoch drückt sich in dem Allgemeincharakter dieser gemächlichen Wohlhabenheit ein Zug aus, der etwas erkältend wirkt. Liegt er in der Weichheit der Teppiche und Polster, so daß die, die sich darauf bewegen, nur verstohlen zu handeln scheinen? Rührt es daher, daß die Gemälde und Kupferstiche nicht Kunde geben von großen Gedanken und Taten oder von der Poesie der Natur in schönen Landschaftsbildern, sondern daß sie insgesamt einer wollüstigen Phantasie entstammen, die weiter nichts bietet als Farben und Formen? Hat er seinen Grund in den Bücherreihen, die all ihr Gold nur auf der Außenseite tragen und deren Titel großenteils darauf hindeuten, daß sie passende Gefährten der Gemälde und Kupferstiche sind? Liegt er darin, daß die Pracht des Ganzen mitunter in unwesentlichen bedeutungslosen Dingen durch eine erkünstelte Bescheidenheit ebenso falsch ist, wie das Gesicht des an der Wand hängenden, nur allzu treu aufgefaßten Porträts oder wie das des Originals, das darunter in seinem Lehnstuhl beim Frühstück sitzt – der Lüge geziehen wird? Oder rührt er davon her, daß mit dem täglichen Atem des besagten Originals und Gebieters im Hause ein feiner Teil seines Ichs ausströmt, der der gesamten Umgebung einen unbestimmten Ausdruck der Verwandtschaft mit diesem Ich verleiht?

Der in dem Lehnstuhl Sitzende ist Mr. Carker, der Geschäftsführer. Ein bunter Papagei in einem auf dem Tisch stehenden, blanken Käfig hackt mit seinem Schnabel in die Drähte, spaziert nach der Kuppel hinauf, rüttelt sein Haus und kreischt. Aber Mr. Carker ist gleichgültig gegen den Vogel und blickt mit gedankenvollem Lächeln nach einem Bild an der gegenüberstehenden Wand.

»In der Tat eine höchst merkwürdige Zufallsähnlichkeit«, sagte er.

Vielleicht ists eine Juno, vielleicht Potiphars Weib, vielleicht auch eine stolze Nymphe – je nachdem der Gemäldehändler den Markt fand, auf dem er es kaufte. Das Bild stellt ein ungemein schönes Weib vor, das sich abwendet, aber doch dem Betrachter das Gesicht zukehrt und das stolze Auge nach ihm hinblitzen läßt.

Es gleicht Edith.

Mit einer flüchtigen Gebärde seiner Hand nach dem Gemälde – wie, ist sie eine Drohung? nein; aber doch etwas dergleichen – ein Zeichen des Triumphs? nein; aber etwas Ähnliche« – ein dreist ihr zugeworfenes Kußhändchen? nein; aber doch dem nahekommend – nimmt er sein Frühstück wieder auf und ruft dem ungeduldigen Vogel zu. Dieser kommt nach dem vergoldeten Reif herunter, der wie ein großer Trauring in dem Käfig hängt, und unterhält seinen Gebieter damit, daß er darin Purzelbäume macht.

Die zweite Wohnung liegt auf der andern Seite von London, unfern der vormaligen großen Nordstraße, die jetzt so still und verlassen geworden ist, daß man auf ihr nur noch zu Fuß gehende Wanderer weiterziehen sieht. Es ist ein armes, kleines Häuschen mit spärlichem Möbelwerk, aber sehr reinlich gehalten und sogar mit Schmuckversuchen, wie sich in den einheimischen Blumen, die um die Türe her und in dem kleinen Garten blühen, zu erkennen gibt. Die Umgebung kann sich ebensowenig eines ländlichen wie eines städtischen Aussehens rühmen, da sie weder dem Lande noch der Stadt angehört. Erstere ist wie der Riese mit den Siebenmeilenstiefeln darüber hinausgeschritten und hat ihre Ziegel- und Mörtelferse weit vorgeschoben. Aber der Raum zwischen den Füßen des Recken zeigt sich bis jetzt nur als ein verkümmerter Strich, ohne Stadt zu sein. Hier nun, unter einigen hohen Schornsteinen, die Tag und Nacht ihren Qualm ausfauchen, unter den Ziegelfeldern und Torfstichen, wo die Zäune zusammenbrechen, staubige Nesseln wachsen, ein paar Überreste einer Hecke noch zu sehen sind und nur hin und wieder der Vogelfänger sich blicken läßt, obschon er es jedesmal verschwört, nie wieder nach diesem Platz zu kommen – hier müssen wir die zweite Wohnung aufsuchen.

Die Bewohnerin ist die, die den einen Bruder verließ, um sich dem verstoßenen zu widmen. Mit ihr zog aus jenem Hause der versöhnende Geist und aus der Brust seines Gebieters der einzige Engel. Aber obgleich nach diesem undankbaren Benehmen, wie er es nennt, seine Liebe gegen sie erloschen ist, obschon zur Erwiderung auch er sie vollkommen aufgegeben hat, kann er sich doch des Gedankens an sie nicht völlig entschlagen. Ihr kleiner Blumengarten ist ein sprechendes Zeugnis dafür; denn neben allen den kostspieligen Veränderungen wird er noch ebenso erhalten, als wäre sie erst gestern abgezogen – trotzdem er nie seinen Fuß hineinsetzt.

Harriet Carker hat sich seit damals verändert, und über ihrer Schönheit liegt ein Schatten, schwerer als ihn die sonst doch so allmächtige Zeit ohne Beihilfe zu werfen vermag – der Schatten des Kummers und der Sorge in dem täglichen Kampf um ein dürftiges Dasein. Gleichwohl ist sie noch immer schön – eine sanfte, ruhige, zurückgezogene Schönheit, die man suchen muß, weil sie sich nicht vordrängen kann. Wäre sie hierzu fähig, so würde sie nicht mehr das sein, was sie ist.

Ja, die schmächtige, kleine, geduldige, hübsch in einfache Stoffe gekleidete Gestalt, an der sich nichts bekundet als die Langweiligkeit häuslicher Tugenden, die so wenig gemein haben mit der beliebten Idee von Heldengröße, wenn nicht etwa ein Strahl davon durch das Leben der Großen auf Erden leuchtet und dann zu einer Konstellation wird, die geradeswegs zum Himmel fährt – jene schmächtige, kleine, geduldige Gestalt, angeschmiegt an den Mann, dessen Haare ergraut sind in seiner Jugend, ist die Schwester, die allein in der ganzen Welt zu ihm überging in seiner Schmach, ihre Hand in die seine legte und mit edler Fassung und Entschlossenheit hoffnungsvoll ihn weiterführte auf seinem einsamen Pfade.

»Es ist noch früh, John«, sagte sie. »Warum gehst du heute so zeitig?«

»Nicht viele Minuten früher als gewöhnlich, Harriet. Wenn mir noch Zeit dazu bleibt, so möchte ich, glaub‘ ich, wohl – es ist nur eine Grille – einmal an dem Hause vorbeigehen, wo ich von ihm Abschied nahm.«

»Ich wünschte, ich hätte ihn gesehen oder gekannt, John.«

»Wenn wir an sein Schicksal denken, ist es besser so, wie es ist, Liebe.«

»Dennoch könnte ich ihn nicht mehr bedauern, auch wenn ich ihn gekannt hätte. Ist nicht dein Kummer auch der meine? Und hätte ich ihn gekannt, so würdest du mich vielleicht für geeigneter halten, mit dir von ihm zu sprechen, als das jetzt der Fall ist.«

»Meine teure Schwester, gibt es wohl ein Leid oder eine Freude, worin ich nicht deiner warmen Teilnahme sicher sein kann?«

»Ich hoffe, du bist hiervon überzeugt, John.«

»Wie könntest du mir also dann eine bessere Gefährtin oder mir näher sein, als jetzt oder überhaupt?« entgegnete der Bruder. »Es ist mir, Harriet, als hättest du ihn gekannt und als teiltest du meine Gefühle für ihn.«

Sie schlang den Arm, den sie auf seiner Schulter liegen hatte, um seinen Hals und antwortete mit einigem Zögern:

»Nein, nicht ganz.«

»Ich verstehe«, versetzte er. »Du meinst, es würde ihm keinen Schaden gebracht haben, wenn ich zugelassen hätte, daß er mich näher kennenlernte?«

»Ob ich dies meine? Ich weiß es gewiß!«

»Der Himmel ist mein Zeuge, mit Absicht wäre es nicht geschehen«, erwiderte er mit einem wehmütigen Kopfschütteln: »aber sein Ruf war mir zu kostbar, als daß ich ihn durch einen Verkehr mit mir hätte gefährden dürfen. Ob du nun dieses Bewußtsein teilst oder nicht, meine Liebe –«

»Ich teile es nicht«, versetzte sie mit Ruhe.

»Es bleibt trotzdem eine Wahrheit, Harriet, und ich fühle mich beruhigter, wenn ich mit der Erinnerung an ihn zugleich an das denke, was mir damals das Herz so, schwer machte,« Er bekämpfte jetzt seine wehmütige Stimmung, lächelte ihr zu und sagte: »Gott sei mit dir!«

»Und mit dir, lieber John! Heute abend werde ich um die gewöhnliche Zeit bis an den alten Platz dir entgegenkommen. Gott behüte dich!«

Das herzliche Gesicht, das sie zu ihm erhob, um ihn zu küssen, war seine Heimat, sein Leben, seine Welt, und doch zugleich ein Teil seiner Strafe und seines Kummers. Denn in der Wolke, die er darauf liegen sah – zwar eine heitere, ruhige, lichte Wolke, wie nur irgendeine um Sonnenuntergang – in der treuen Hingebung ihres Lebens und in der Tatsache, daß sie ihm alle Freuden und Hoffnungen zum Opfer gebracht hatte, mußte er stets die bitteren Früchte seines einstigen Vergehens erkennen, die ihm im Geist mit immer gleicher Beständigkeit und Reife vorschwebten.

Sie blieb mit leicht ineinandergeschlungenen Händen unter der Tür stehen und schaute ihm nach, als er über den feuchten, unebenen Grund hinging. Der Platz, auf dem das Häuschen stand, war vor noch nicht langer Zeit eine Wiese gewesen, jetzt aber ein öder Boden, auf dem eine ordnungslose Ernte von schlechten Häusern aus dem Schutt aufzusteigen schien, als seien die Samen dazu von einer ungeschickten Hand hingestreut worden. So oft John zurückschaute – er tat dies einige Male –, leuchtete ihr herzliches Gesicht gleich einem freundlichen Stern in sein Herz: aber wenn er auf seinem Wege weiterwandelte, ohne sie zu sehen, füllten sich seine Augen mit Tränen, während sie ihm nachschaute.

Sie hielt sich nicht lange unter der Tür auf. Es gab tägliche Obliegenheit zu erfüllen und tägliche Arbeiten zu verrichten. So gewöhnliche, nicht heroische Seelen müssen sich oft schwer abmühen, und darum war auch Harriet bald in ihre Haushaltungsgeschäfte vertieft. Nachdem sie diese zu Ende und das arme Häuschen in nette Ordnung gebracht hatte, überzählte sie mit ängstlichem Gesicht ihren geringen Geldvorrat und ging aus, um einige Einkäufe für die Küche zu besorgen, wobei sie unterwegs sich fortwährend überlegte, wie sie wohl am besten sparen könne. So trist ist das Leben derartiger alltäglicher Naturen, die nicht nur nicht heroisch sind gegen ihre Bedienten und Kammermädchen, sondern nicht einmal Bedienten und Kammermädchen haben, gegen die sie überhaupt heroisch sein könnten.

Während ihrer Abwesenheit näherte sich auf einem andern Weg, als es der war, den ihr Bruder eingeschlagen hatte, dem leer dastehenden Hause ein Gentleman von gesunder, blühender Gesichtsfarbe, aufrechter Haltung und offener, heiterer, gutmütiger Miene, obschon er ein wenig über die Blütezeit des Lebens hinaus zu sein schien. Seine Augenbrauen und Haare waren noch schwarz; aber darein mengten sich bereits da und dort graue Sprenkeln, so daß die ersteren um so anmutiger dagegen abstachen und der breiten, freien Stirn, wie auch den biederen Augen einen sehr vorteilhaften Ausdruck verliehen.

Nachdem er an die Tür geklopft hatte, ohne Antwort zu erhalten, setzte er sich in der Laube vor der Pforte auf eine Bank, um zu warten. Eine gewisse geschickte Bewegung der Finger, während er einige Arien vor sich hinsummte und auf dem Sitz an seiner Seite den Takt schlug, schien auf einen Musiker, und zwar auf einen wissenschaftlichen Musiker zu deuten. Aus der Zufriedenheit, mit der er einige Läufe der nicht recht erkennbaren Melodie sehr langsam und gedehnt behandelte, durfte man solches schließen.

Der Gentleman gab sich noch immer mit seinem Thema ab, das sich um und um zu drehen und gleich einem auf dem Tisch in kreisende Bewegung gesetzten Korkzieher zu verwickeln schien, als ob es gar nicht zu Ende gelangen wolle, bis Harriet sich wieder dem Häuschen näherte. Er erhob sich von seinem Sitz und blieb vor ihr, den Hut in der Hand, stehen.

»Ihr seid wieder hier, Sir?« begann sie zögernd.

»Ich habe mir die Freiheit genommen«, lautete seine Antwort. »Darf ich Euch fünf Minuten lästig fallen?«

Nach kurzem Zögern öffnete sie die Tür und hieß ihn in das kleine Wohnstübchen eintreten. Der Gentleman nahm Platz, rückte seinen Stuhl ihr gegenüber an den Tisch und sprach mit gewinnender Einfachheit und einer Stimme, die ganz im Einklang stand mit seinem Aussehen:

»Miß Harriet, Ihr könnt nicht stolz sein. Zwar gabt Ihr mir bei meinem letzten Besuch zu verstehen, daß Ihr es seiet. Aber verzeiht mir, wenn ich sage, daß ich Euch bei jener Gelegenheit ins Gesicht sah, und dieses hat Euren Worten widersprochen. Ich betrachte es wieder«, fügte er bei, indem er seine Hand für einen Augenblick sanft auf ihren Arm legte, »und es widerspricht Eurer Versicherung mehr und mehr.«

Sie war etwas verwirrt und aufgeregt, so daß sie nicht gleich eine Antwort finden konnte.

»Es ist ein Spiegel der Wahrheit und der Sanftmut«, fuhr der Besuch fort. »Entschuldigt mich, daß ich im Vertrauen darauf wiederkehrte.«

Die Art, wie er dieses sagte, nahm seinen Worten ganz den falschen Schimmer einer bloßen Schmeichelei. Die Worte klangen so einfach, ernst, ungekünstelt und ehrlich, daß sie den Kopf senkte, als wolle sie ihm zumal danken und seine Aufrichtigkeit anerkennen.

»Unsere Altersungleichheit«, sagte der Gentleman, »und die Ehrlichkeit meiner Absicht sollten mir, wie ich gern denken möchte, erlauben, vom Herzen weg zu sprechen. Dies ist meine Meinung, und Ihr seht mich deshalb zum zweitenmal.«

»Es gibt eine Art Stolz, Sir«, versetzte sie nach einem kurzen Schweigen, »oder einen vermeintlichen Stolz, der nur Pflicht ist. Ich hoffe, daß ich keinen andern habe.«

»Wegen Eurer selbst?« versetzte er.

»Ja.«

»Oder – verzeiht mir«, entgegnete der Gentleman – »wegen Eures Bruders John?«

»Ich bin stolz auf seine Liebe«, sagte Harriet, ihm voll ins Gesicht sehend und plötzlich ihr ganzes Wesen ändernd – nicht als ob sie weniger gefaßt und ruhig gewesen wäre, aber sie zeigte jetzt eine tiefe, leidenschaftliche Innigkeit, durch die sogar das Beben ihrer Stimme zu einer Art Festigkeit wurde, »und ich bin stolz auf ihn. Sir, Ihr seid auf unerklärliche Weise zur Kunde der Geschichte seines früheren Lebens gekommen und habt mir das bei Eurem letzten Besuche mitgeteilt –«

»Bloß um mir zu Eurem Vertrauen einen Weg zu bahnen«, unterbrach sie der Gentleman. »Um’s Himmels willen, glaubt ja nicht –«

»Ich bin überzeugt«, fuhr sie fort, »daß Ihr mir in guter und wohlwollender Absicht die Vergangenheit wieder vorgeführt habt. Ich zweifle nicht im mindesten daran.«

»Ich danke Euch für diese gute Meinung«, entgegnete der Gentleman, ihr hastig die Hand drückend. »In der Tat, Ihr laßt mir nur Gerechtigkeit widerfahren. Ihr wolltet sagen, daß ich, der ich die Geschichte von John Carkers Leben kenne –«

»Es mir für Stolz auslegen werdet«, fuhr sie fort, »wenn ich sage, daß ich stolz auf ihn sei. Dies ist wirklich der Fall. Ihr wißt, daß es eine Zeit gab, in der ich es nicht war – nicht sein konnte – aber das ist längst vorbei. Die Demut vieler Jahre, sein Dulden ohne Murren, die wahre, tiefgefühlte Reue und der Schmerz, den ihm sogar meine Liebe bereitet – denn er meint, sie komme mich teuer zu stehen, obschon der Himmel weiß, daß ich vollkommen glücklich wäre, wenn ich nicht eine stete Zeugin seines Kummers sein müßte – o Sir, nach dem, was ich gesehen, möchte ich Euch beschwören, falls es in Eurer Macht liegt und Euch Unrecht zugefügt wird, nie eine Strafe zu verhängen, die nicht widerrufen werden kann; denn es ist ein Gott über uns, der die Herzen, die er schuf, auch umzuwandeln imstande ist.«

»Euer Bruder ist ein anderer Mensch«, entgegnete der Gentleman mit Teilnahme. »Ich versichere Euch, daß ich keinen Augenblick hieran zweifle.«

»Er war ein anderer Mensch, als er auf den Wegen des Unrechts ging«, sagte Harriet. »Dies liegt in der Vergangenheit, und glaubt mir, Sir, daß er seinem eigenen Ich wieder treu ist.«

»Aber wir treiben uns von Tag zu Tag in unserem Uhrwerkgange fort«, versetzte der Gentleman, sich zerstreut die Stirne reibend und dann gedankenvoll mit der Hand auf den Tisch trommelnd, »und haben keinen Blick für solche Veränderungen, denen wir nicht folgen können. Sie – sie sind mehr Erscheinungen für den Philosophen, und für – für ihre Beobachtung fehlt es uns an Muße. Ja wir – wir haben nicht einmal den Mut dazu. In Schulen oder Kollegs lernt man nichts davon, und wir wissen nicht, wie wir damit zustande kommen sollen. Mit einem Wort, es geht bei uns alles so verwünscht geschäftsmäßig zu«, fügte der Gentleman bei, indem er unmutig aufstand und nach dem Fenster ging, um bald nachher in derselben ärgerlichen Stimmung wieder nach seinem Sitz zurückzukehren.

»Wahrhaftig«, fuhr der Gentleman fort und rieb sich abermals die Stirne, eine Beschäftigung, die er durch das frühere Trommeln auf den Tisch unterbrach, »ich habe guten Grund zu glauben, daß der gemeine, alltägliche Trab des Lebens uns an alles gewöhnen kann. So viel ist Tatsache, daß man nicht alles sieht, nicht alles hört, nicht alles weiß. Wir nehmen die Dinge für ausgemacht an, und so geht es fort, bis unser ganzes Tun und Treiben, mag es nun gut, schlecht oder gleichgültig sein, eine Sache der Gewohnheit wird. Soll ich mich einmal auf meinem Sterbebett vor meinem Gewissen verantworten, so kann ich ihm nichts entgegenhalten, als die Gewohnheit. ›Gegen Millionen Dinge‹, muß ich sagen, ,war ich taub, stumm, blind und tot – nur Gewohnheit.‹ ›In der Tat eine sehr geschäftsmäßige Abfertigung, Mr. Soundso‹, sagt das Gewissen. ›Aber damit ist es hier nicht abgetan.‹«

Der Gentleman stand abermals auf, um nach dem Fenster zu gehen, und kehrte in ernstlicher Unruhe wieder zurück, obschon diese bei ihm einen eigentümlichen Ausdruck hatte.

»Miß Harriet«, sagte er, als er sich wieder auf seinen Stuhl niederließ, »ich muß mir bittere Vorwürfe machen, daß ich all das schon seit zwölf Jahren hätte sehen und wissen können, wenn ich mir Zeit genommen hätte, Euch kennenzulernen. Ja, ich bin so sehr ein Geschöpf nicht nur meiner eigenen, sondern auch anderer Leute Gewohnheit, daß ich es mir selbst kaum erklären kann, wie ich überhaupt hierher kam. Da es nun aber einmal so ist, so laßt mich etwas tun. Ich bitte darum in Ehren und mit aller Achtung; denn Ihr flößt mir letztere in hohem Grade ein. Laßt mich etwas tun.«

»Wir sind zufrieden, Sir.«

»Nein, nein, nicht ganz«, entgegnete der Gentleman. »Ich glaube, nicht ganz. Es gibt gewisse kleine Bequemlichkeiten, die Euch und ihm das Leben angenehmer machen können – auch ihm«, fügte er in der Meinung bei, daß er einigen Eindruck auf sie gemacht habe. »Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, für ihn brauche nichts zu geschehen; aber das ist jetzt abgetan und vorüber – kurz, ich habe mir über das Ganze gar keine Gedanken gemacht. Jetzt ist es anders. Laßt mich etwas für ihn tun. Auch Ihr habt Ursache«, fügte er mit behutsamer Zartheit bei, »um seinetwillen Eure Gesundheit sehr in acht zu nehmen, da sie, wie ich fürchte, nicht die beste ist.«

»Wie Ihr auch dazu kommt, Sir«, entgegnete Harriet, zu seinem Gesicht aufblickend, »ich bin Euch zu tiefem Dank verpflichtet. Ich fühle die Überzeugung, daß alle Eure Worte die wohlwollendste Absicht haben. Aber seit wir dieses Leben begannen, sind Jahre verstrichen, und meinem Bruder nur einen Teil davon nehmen, was ihn mir so teuer gemacht und seine besseren Entschlüsse erprobt hat – die Beseitigung auch nur eines Bruchstücks von dem Verdienste seiner ununterstützten, unbeachteten und vergessenen Sühne, hieße den Trost mindern, den wir beide darin finden werden, wann die Zeit kommt, von der Ihr eben erst gesprochen habt. Ich kann Euch meinen Dank besser durch diese Tränen, als in Worten ausdrücken. Ich bitte, glaubt mir das.«

Der Gentleman war gerührt; er führte die Hand, die sie ihm darbot, an seine Lippen, etwa so, wie ein zärtlicher Vater die Hand eines liebevollen Kindes küssen würde, aber mit mehr Verehrung.

»Wenn der Tag je kommen sollte«, sagte Harriet, »der ihn teilweise wieder einsetzt in seine verlorne Stellung –«

»Einsetzt?« rief der Gentleman hastig. »Wie sollte hierauf nur zu hoffen sein? In wessen Händen liegt die Macht einer solchen Wiederherstellung? Ich täusche mich in der Tat nicht, wenn ich annehme, der Umstand, daß er mit dem unschätzbaren Segen des Lebens davonkam, sei der einzige Grund des Hasses, den sein Bruder gegen ihn hegt.«

»Ihr berührt hier einen Gegenstand, der nie zwischen uns zur Sprache kam – nicht einmal zwischen uns«, sagte Harriet.

»Ich bitte um Verzeihung«, versetzte der Besuch. »Es hätte mir bekannt sein können, und ich bitte Euch, dies zu vergessen, daß es unabsichtlich durch mich angerührt worden ist. Und jetzt, da ich nicht weiter in Euch zu dringen wage und auch vielleicht kein Recht dazu habe – obschon, weiß der Himmel, am Ende auch dieses Bedenken nur Sache der Gewohnheit ist –«, fügte der Gentleman bei, während er so kleinmütig, wie zuvor, wieder seine Stirne rieb – »möchte ich als ein Mann, der Euch zwar fremd, aber doch nicht fremd ist, um eine doppelte Gunst ersuchen.«

»Die bestünde?« lautete Harriets Frage.

»Erstlich, daß Ihr mir erlauben möchtet, Euch zu dienen, im Falle Ihr Ursache findet, Euern Entschluß zu ändern. Ihr sollt dann auch meinen Namen erfahren, der Euch jetzt nutzlos und jederzeit nur unbedeutend ist.«

»Wir haben unter unsern Freunden keine solche Auswahl«, versetzte sie mit einem matten Lächeln, »daß hierfür eine Bedenkzeit nötig wäre. Ich kann Euch das versprechen.«

»Zweitens, daß Ihr mir gestattet, hin und wieder – ich will sagen, am Montag morgen um neun Uhr – wieder Gewohnheit, die mich alles geschäftsmäßig betreiben läßt –«, sagte der Gentleman, als habe er Lust, deshalb mit sich selbst Händel anzufangen, »Euch im Vorbeigehen unter der Tür oder am Fenster zu sehen. Ich verlange nicht einzutreten, da um diese Stunde Euer Bruder anwesend ist. Auch will ich Euch nicht einmal anreden. Ich wünsche Euch bloß zu sehen und daraus die Beruhigung zu gewinnen, daß Ihr wohlauf seid; dabei möchte ich Euch ohne alle Aufdringlichkeit durch meinen Anblick erinnern, daß Ihr einen Freund habt – einen älteren Freund, der mit jedem Tage grauer wird und Euch immer zur Verfügung steht.«

Ihr herzliches Gesicht blickte vertrauensvoll zu dem seinigen auf und gab die gewünschte Zusage.

»Es versteht sich«, fuhr der Gentleman fort, indem er sich von seinem Sitze erhob, »daß Ihr wie früher meinen Besuch vor Eurem Bruder nicht erwähnt, weil ihn mein Mitwissen um seine frühere Geschichte betrüben könnte. Dies wird mir lieb sein; denn es liegt außer dem gewöhnlichen Lauf der Dinge – da haben wir wieder die leidige Gewohnheit«, unterbrach er sich unmutig –, »als ob es nichts Besseres gebe, als den alltäglichen Gang der Welt.«

Mit diesen Worten schickte er sich zum Gehen an. Er behielt, bis er vor der Haustür draußen war, den Hut in der Hand und verabschiedete sich von ihr mit einer so glücklichen Mischung von zwangloser Achtung und ungekünstelter Teilnahme, wie diese nicht in der Schule der feinen Bildung gewonnen wird und wie sie es nur eine Vertrauen weckende, reine Einfachheit des Herzens einflößen kann.

Dieser Besuch rief in der Seele der Schwester manche halbvergessenen Gefühle wieder hervor. Es war gar so lang her, seit überhaupt eine teilnehmende Person über ihre Schwelle gekommen, seit ihr Ohr die Stimme des Mitgefühls vernommen hatte; und vor dem Auge ihres Geistes stand noch immer, als sie Stunden nachher mit ihrer Näherei am Fenster saß, die Gestalt des Fremden, der wieder und wieder seine wohlgemeinten Bitten vorzubringen schien. Er hatte das Schloß berührt, das ihr ganzes Leben öffnete; und wenn sein Bild auf kurze Zeit verwischt wurde, lag der Grund nur in den vielen Formen der einen großen Erinnerung, aus denen die Kette dieses Lebens gebildet war.

Abwechselnd nachsinnend und arbeitend, indem sie bald für eine geraume Weile die Nadel angestrengt in Tätigkeit setzte, bald diese unbeachtet ruhen ließ, um dem Strom ihrer Gedanken zu folgen, fand Harriet, daß die Stunden an ihr vorüberglitten und der Tag zur Neige ging. Der Morgen war schön und heiter gewesen; jetzt aber überwölkte sich allmählich der Himmel. Ein scharfer Wind begann zu wehen, der Regen fiel mit Macht nieder, und ein dichter Nebel verhüllte die ferne Stadt vor ihren Blicken.

Zu solchen Zeiten blickte sie oft mit Mitleid auf die einzelnen Wanderer, die auf der nahegelegenen Landstraße mit müden, wunden Füßen London zuschritten und furchtsamen Blicks die ungeheure, vor ihnen liegende Stadt betrachteten, als ahnten sie, daß ihr Elend dort nur ein Tropfen im Meer oder ein Sandkorn am Gestade sei, gleichwohl aber zusammenschaudernd weiterzogen, wie sehr auch in dem Ungestüm des Wetters sogar die Elemente sie zurückzuweisen schienen. Tag um Tag schlichen solche Reisende vorbei; aber immer, wie es ihr vorkam, derselben Richtung zu – stets nach der Stadt. Aufgesogen von einem oder dem andern Teil der Unermeßlichkeit, nach der sie durch einen verzweifelten Zauber hingedrängt zu werden schienen, kehlten sie nie wieder zurück. Nahrung für die Hospitäler, die Kirchhöfe, die Gefängnisse, den Fluß, das Fieber, den Wahnsinn, das Laster und den Tod – so eilten sie dem in der Ferne brüllenden Ungeheuer zu und waren verloren.

Der kalte Wind heulte, der Regen klatschte, und der Tag hatte sich in ein tiefes Düster gehüllt, als Harriet von ihrer Arbeit, der sie schon geraume Zeit mit beharrlichem Eifer sich hingegeben hatte, ihre Augen erhob und einen solchen Wanderer herankommen sah.

Eine Frau. Eine einzelne Frau von etlichen dreißig Jahren, groß, gut gebaut und schön, aber in erbärmlicher Kleidung. An ihrem von Nässe triefenden grauen Mantel waren die Spuren verschiedener Bodenarten, Merkmale des auf vielen Landstraßen durchgemachten schlechten Wetters – Staub, Kalk, Lehm und Kies – zu unterscheiden. Kein Hut, keine andere Kopfbedeckung als ein umgebundenes, zerrissenes Taschentuch schützte ihr reiches Haar gegen den Regen, und der Wind blies ihr unaufhörlich dessen Zipfel oder einzelne Haarstränge ins Gesicht, so daß sie oft haltmachen mußte, um die blendenden Hindernisse zurückzustreifen, damit sie den Weg sehen konnte, den sie ging.

Sie war eben in diesem Geschäft begriffen, als Harriet ihrer ansichtig wurde. Als die Fremde, mit der Hand über das sonnverbrannte Gesicht fahrend, ihr Haar beiseite strich, enthüllte sich eine fast verwegene, rücksichtslose Schönheit, eine furchtlose, wilde Gleichgültigkeit auch gegen andere Dinge, als das Wetter, eine Unbekümmertheit gegen alles, was Himmel oder Erde über ihr unbedecktes Haupt senden mochte. Dieser Anblick, in Verbindung mit dem Elend und der Verlassenheit des Weibes, rührte das Herz Harriets. Sie dachte an alles, was nicht nur im Äußern, sondern auch im Innern dieser Unglücklichen verkehrt und verderbt sein mochte – an die anspruchslosen Reize der Seele, die wahrscheinlich ebenso verhärtet und gestählt waren, wie die schönen Linien des Gesichts; an die vielen Gaben des Schöpfers, gleich dem wirren Haar in die Winde gestreut, und an alle die Trümmer von Lieblichkeit, die vom Sturm durchwühlt und von der einbrechenden Nacht umdüstert wurden.

Während sie diesen Gedanken nachsann, wandte sie sich nicht ab mit empfindsamem Unwillen, wie es nur zu viele Angehörige des mitleidigen zarteren Geschlechtes getan haben würden, sondern ließ das Gefühl inniger Teilnahme walten.

Die gefallene Schwester kam näher. Sie blickte weit vor sich hin, als wollten ihre blitzenden Augen durch den Nebel dringen, der die Stadt vor ihr verhüllte, und schaute hin und wieder mit der wirren, unsicheren Miene einer Fremden seitwärts. Obschon ihr Tritt kühn und mutig war, konnte sie ihre Ermüdung doch nicht verbergen, und nach kurzer Unschlüssigkeit setzte sie sich auf einen Steinhaufen, ohne Schutz gegen den Regen zu suchen, den sie unbekümmert auf sich niederströmen ließ.

Sie saß dem Haus gegenüber. Nachdem sie ihren Kopf für einen Augenblick mit beiden Händen gestützt hatte, erhob sie ihn wieder, und ihr Auge begegnete jetzt dem Blicke Harriets. Im Nu war diese an der Tür. Auf ihr Winken stand die Fremde auf und kam mit finsterer Miene langsam heran.

»Warum setzt Ihr Euch im Regen nieder?« fragte Harriet mit sanfter Stimme.

»Weil ich keinen andern Ruheplatz habe«, lautete die Antwort.

»Aber es sind in der Nähe viele Plätze, die Euch ein Obdach geben können. Diese Laube da ist doch weit besser als der Steinhaufen dort, und der Schutz, den Ihr hier findet, ist Euch von Herzen gegönnt.«

Die Fremde sah sie erstaunt und zweifelnd an, ohne aber irgend zu danken. Dann setzte sie sich nieder und nahm einen ihrer schlechten Schuhe ab, um den Staub und die Steinchen, die dort eingedrungen waren, herauszuklopfen. Dabei zeigte sich, daß ihr Fuß verletzt und blutig war.

Harriet stieß einen Ruf des Mitleids aus. Die Fremde aber schaute sie mit einem verächtlichen, ungläubigen Lächeln an.

»Ha, was ist auch ein wunder Fuß für eine Person, wie ich es bin«, sagte sie. »Und was kann Euch ein wunder Fuß an einem armen Frauenzimmer kümmern?«

»Kommt herein und wascht ihn aus«, antwortete Harriet in mildem Ton. »Ich will Euch etwas geben, damit Ihr ihn verbinden könnt.«

Die Fremde ergriff ihren Arm, verbarg die Augen dahinter und weinte – nicht wie ein Weib, sondern wie ein finsterer Mann, der sich von einer solchen Schwäche überraschen läßt – mit einem ungestümen Wogen der Brust und einem inneren Kampf, der zeigte, wie ungewöhnlich eine derartige Erregung bei ihr war.

Sie ließ sich in das Haus führen, wo sie die wunde Stelle wusch und verband, aber augenscheinlich mehr aus Dankbarkeit als aus Sorge für sich selbst. Harriet setzte ihr dann die Überreste ihres eigenen spärlichen Mahls vor und forderte sie, nachdem sie ein wenig davon genossen hatte, auf, sie solle doch ihre Kleider vor dem Feuer trocknen, ehe sie ihre Wanderung, bei der sie es sehr eilig zu haben schien, wieder aufnehme. Abermals mehr aus Dankbarkeit als mit irgendeiner Kundgebung von Sorge für sich selbst, setzte sich die Fremde vor dem Kamin nieder, knüpfte das um den Kopf geschlungene Taschentuch los, so daß das dichte, feuchte Haar bis auf die Hüfte niederfiel, trocknete es mit ihren Handflächen und schaute in die Flamme.

»Ihr werdet wahrscheinlich denken«, sagte sie, plötzlich ihren Kopf aufrichtend, »daß ich einmal schön gewesen sein müsse. Ich glaube, daß es der Fall war – ja, ich weiß es. Schaut her!« sie hielt ihr Haar mit beiden Händen in die Höhe, umfaßte sie dann, als wolle sie sich dieselben ausreißen, und warf sie wieder zurück, als ob sie ein Haufen Schlangen wären.

»Seid Ihr fremd hier?« fragte Harriet.

»Fremd?« entgegnete sie, zwischen jeder kurzen Antwort innehaltend und ins Feuer blickend. »Ja. Fremd seit zehn oder zwölf Jahren. Wo ich war, hatte ich keinen Kalender. Zehn oder zwölf Jahre. Diesen Teil kenne ich nicht. Während meiner Abwesenheit hat sich viel verändert.«

»Seid Ihr weit fortgewesen?«

»Sehr weit. Monate um Monate auf dem Meer, und auch dann noch weit weg. Ich war an dem Platz, wo man die Missetäter hinschickt«, fügte sie bei, ihrer Wirtin voll ins Gesicht sehend. »Ich bin selbst eine Verbrecherin gewesen.«

»Der Himmel stehe Euch bei und verzeihe Euch!« lautete die sanfte Erwiderung.

»Ach, der Himmel mir beistehen und mir verzeihen!« versetzte sie, mit dem Kopf nach dem Feuer nickend. »Wenn die Menschen einigen von uns ein bißchen mehr beistehen wollten, würde Gott vielleicht uns allen desto bälder verzeihen.«

Aber das ernste Benehmen Harriets und das herzliche Gesicht, das mit so viel Milde und nicht mit der Miene der Verwerfung auf ihr ruhte, stimmte sie sanfter, so daß sie mit weniger Härte beifügte:

»Wir werden wohl im gleichen Alter sein, Ihr und ich. Wenn ich älter bin, so kann es kaum um ein Jahr oder um zwei sein. O denkt daran!«

Sie breitete ihre Arme aus, als ob sie durch Enthüllung ihrer äußeren Gestalt zeigen wolle, wie elend sie auch in ihrem Inneren sei; dann ließ sie die Arme wieder fallen und senkte den Kopf.

»Es gibt nichts, was wir nicht wieder gutmachen zu können hoffen dürfen. Zur Besserung ist es nie zu spät«, sagte Harriet. »Ihr seid reuig –«

»Nein«, entgegnete sie. »Ich bin es nicht – kann es nicht sein. Warum sollte auch ich bereuen – und die ganze übrige Welt frei ausgehen? Man schwatzt mir immer von Reue vor – wer bereut das Unrecht, das an mir geübt worden ist?«

Sie stand auf, knüpfte das Tuch wieder um den Kopf und schickte sich an, zu gehen.

»Wohin wollt Ihr?« fragte Harriet.

»Dorthin«, antwortete sie, mit der Hand deutend. »Nach London.«

»Habt Ihr dort eine Heimat?«

»Ich glaube, ich habe eine Mutter. Sie ist ebensowohl eine Mutter, wie ihre Wohnung eine Heimat genannt werden kann«, erwiderte sie mit einem bittern Lachen.

»Nehmt das«, rief Harriet, ihr ein Geldstück in die Hand drückend. »Gebt Euch Mühe, ein ordentliches Auskommen zu finden. Es ist nur sehr wenig, aber für einen Tag kann es Euch vielleicht forthelfen.«

»Seid Ihr verheiratet?« fragte die Fremde in ersticktem Ton, als sie das Almosen annahm.

»Nein. Ich lebe hier mit meinem Bruder. Wir haben nicht viel übrig, sonst würde ich Euch mehr gegeben haben.«

»Wollt Ihr mir erlauben, Euch zu küssen?«

Da sie in Harriets Gesicht kein Zeichen von Widerwillen oder Verachtung bemerkte, so beugte sie sich zu ihr nieder und drückte ihre Lippen gegen die Wangen ihrer Wirtin. Dann ergriff sie abermals Harriets Arm, bedeckte ihre Augen damit und war verschwunden.

Verschwunden in der dunkler werdenden Nacht, in dem heulenden Wind und dem schüttenden Regen. Das schwarze Haar und die Zipfel des Tuches flatterten um ihr wildes Gesicht, als sie weiter ging nach der in Nebel gehüllten Stadt mit ihrem matten Lichtergeflimmer.

Zweiundvierzigstes Kapitel.


Zweiundvierzigstes Kapitel.

Vertraulich und zufällig.

Nicht mehr in Kapitän Cuttles schwarzen Kleidern und in dem Südwesterhut, sondern in eine gute, braune Livree gehüllt, die, während sie gesetzte Nüchternheit heuchelte, in der Tat so stolz und zuversichtlich war, wie nur ein Schneider sie anzufertigen wünschen konnte, stand jetzt der in seinem äußeren Menschen so umgewandelte Rob, der Schleifer, im Dienst seines Gönners, Mr. Carker. In seinem Innern nahm er keine weitere Rücksicht auf den Kapitän und den Midshipman, als daß er einige Minuten seiner Muße der Aufgabe weihte, diese beiden unzertrennlichen Würdenträger zu verhöhnen und unter der Beifall zollenden Musik jenes Blech-Instrumentes, seines Gewissens, sich die triumphierende Manier zu vergegenwärtigen, durch die er von ihnen losgekommen war. Mitbewohner von Mr. Carkers Haus und mit dem persönlichen Dienst um seinen Beschützer betraut, hielt dafür Rob seine runden Augen mit Furcht und Zittern auf die weißen Zähne geheftet und fühlte, daß er nötig habe, sie weiter als je offenzuhalten.

Wäre er in den Dienst eines mächtigen Zauberers gekommen und hätten an besagten Zähnen die kräftigsten Bannsprüche gehaftet, so wären sie doch sicherlich nicht imstande gewesen, seinem ganzen Wesen eine größere Scheu einzuflößen. In den Augen des Knaben besaß sein Gebieter eine Gewalt und eine Autorität, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen und ihn zum unbedingtesten Gehorsam zwangen. Ja, selbst in Carkers Abwesenheit fühlte er sich, wenn er an ihn dachte, kaum sicher, ob er nicht plötzlich wieder am Kragen gepackt werde, wie an jenem Morgen der ersten Zusammenkunft, und ob nicht die Zähne die geheimste Regung seines Innern aufzufinden und zu würdigen wüßten. Angesicht in Angesicht mit ihm, zweifelte Rob ebensowenig daran, daß Mr. Carker seine geheimen Gedanken lese, oder doch, wenn er wolle, sie leicht lesen könne. Das Übergewicht war so vollständig und hielt ihn dermaßen im Bann, daß er kaum wagte, an etwas anderes zu denken, als an den unwiderstehlichen Einfluß seines Gönners und an dessen Macht, alles mit ihm anzufangen. Deshalb harrte er auch stets ängstlich seiner Befehle und versuchte in einer Art geistiger Spannung, denselben vor allen andern Dingen zuvorzukommen.

In seinem damaligen Gemütszustand wußte vielleicht Rob selbst nicht, und es wäre wohl ein Akt nicht gewöhnlicher Vermessenheit gewesen, sich darüber Gedanken zu machen, ob er sich nicht bloß deshalb so vollständig diesem Einflusse unterwarf, weil ihm der Argwohn vorschwebte, sein Gönner sei Meister in gewissen tückischen Künsten, in denen er selbst durch die Schleifer-Schule zu einem ärmlichen Anfänger geworden war. So viel ist gewiß, daß er ihn ebensosehr bewunderte wie fürchtete. Mr. Carker kannte vielleicht die Quellen seiner Macht besser und versäumte nicht, sie zu benützen.

An dem Abend nach dem Austritt aus des Kapitäns Dienst verkaufte Rob sogleich seine Tauben, ohne sich in der Eile viel an den schlechten Erlös zu kehren, und rannte geradewegs nach Mr. Carkers Haus, wo er sich mit glühendem Gesicht, das Rob zu erwarten schien, seinem neuen Gebieter vorstellte.

»Wie, du Galgenstrick!« sagte Mr. Carker, nach seinem Bündel hinsehend, »hast du deinen Platz verlassen, um zu mir zu kommen?«

»Ach, mit Eurer Erlaubnis, Sir«, stotterte Rob, »Ihr wißt ja, als ich zum letztenmal hier war, sagtet Ihr –«

»Ich sagte etwas?« erwiderte Mr. Carker. »Und was sagte ich?«

»Ich bitt‘ um Verzeihung, Sir, Ihr sagtet eigentlich nichts, Sir«, versetzte Rob in großer Verblüffung und durch die Art dieser Frage gewarnt.

Sein Gönner musterte ihn mit einer breiten Schaustellung des Zahnfleisches, schüttelte seinen Zeigefinger und bemerkte:

»Ich sehe voraus, mein vagabundierender Freund, daß es mit dir zu einem schlimmen Ende kommen wird. Es steht dir der Untergang bevor.«

»O, ich bitte, sprecht nicht so, Sir!« rief Rob, und die Knie zitterten unter ihm. »Gewiß, Sir, ich möchte nur für Euch arbeiten, Sir, Euch aufwarten, Sir, und getreulich alles tun, was Ihr mir befehlt, Sir.«

»Du wirst gut tun, alles, was man dir aufträgt, getreulich zu erfüllen, wenn du überhaupt mit mir zu schaffen hast«, erwiderte sein Gönner.

»Ja«, versetzte der unterwürfige Rob. »Ich bin davon überzeugt, Sir. Wenn Ihr nur so gut sein wolltet, es mit mir zu probieren! Und wenn Ihr je an mir findet, daß ich gegen Eure Wünsche handle, so mögt Ihr mich auf der Stelle totschlagen.«

»Du Hund!« sagte Mr. Carker, in seinem Stuhle sich zurücklehnend und ruhig nach ihm hinlächelnd. »Das wäre noch nichts gegen das, was ich dir antun würde, wenn du versuchtest, mich zu täuschen.«

»Ja, Sir«, versetzte der Schleifer geduckt, »ich weiß wohl, Ihr würdet schrecklich mit mir umgehen, Sir. Ich werde mir gewiß keinen solchen Versuch einfallen lassen, Sir, und wenn man mich sogar mit goldenen Guineen bestechen wollte.«

In seinen Erwartungen auf Lob vollkommen getäuscht, stand der verdutzte Schleifer da und sah seinen Gönner an, obschon er mit der Unruhe, die oft in ähnlicher Lage ein bissiger Hund kundgibt, vergeblich bemüht war, nicht nach ihm hinzublicken.

»Du hast also deinen alten Dienst verlassen und bist hierhergekommen, um mich zu bitten, daß ich dich in den meinen nehme?« fragte Mr. Carker.

»Mit Erlaubnis, ja, Sir«, entgegnete Rob, der bei seinem Schritt nur nach den Weisungen seines Gönners gehandelt hatte, obschon er es jetzt nicht wagte, sich durch die mindeste Andeutung darauf zu rechtfertigen.

»Gut!« sagte Mr. Carker. »Du kennst mich, Junge?«

»Ja, Sir«, erwiderte Rob, der seinen Hut rieb und noch immer durch Mr. Carkers Auge gebannt war, während er zugleich vergeblich sich abmühte, den Bann zu lösen.

Mr. Carker nickte mit dem Kopf.

»So sieh dich vor!«

Rob drückte durch eine Anzahl kurzer Verbeugungen aus, wie vollkommen er diese Warnung begriff, und setzte seine Kratzfüße bis nach der Tür fort, in der getrosten Hoffnung, sie bald hinter sich zu haben, als sein Gönner ihm Halt gebot.

»He!« sagte Mr. Carker, ihn rauh zurückrufend, »du hast – schließe die Tür dort.«

Rob gehorchte, als ob sein Leben von seiner Behendigkeit abhinge.

»Du hast dich ans Lauschen gewöhnt. Weißt du, was das besagen will?«

»Horchen, Sir?« – warf Rob aufs Geratewohl hin, nachdem er eine Weile verlegen sich besonnen hatte.

Sein Gönner nickte.

»Aufpassen und dergleichen.«

»Hier würde ich so etwas gewiß nicht tun, Sir«, erwiderte Rob. »Auf Ehre, gewiß nicht, Sir. Lieber wollte ich sterben, Sir, und wenn man mir auch alles Erdenkliche verspräche. Die ganze Welt könnte mich nicht zu so etwas bestechen, Sir, wenn es mir nicht befohlen würde, Sir.«

»Ich möchte es dir auch nicht raten. Du bist außerdem ans Schwatzen und Klatschen gewöhnt«, sagte sein Gönner mit vollkommener Ruhe. »Nimm dich hier in acht davor, Spitzbube, oder es ist um dich geschehen.« Er lächelte wieder und winkte abermals mit dem Zeigefinger.

Der Schleifer konnte vor Bestürzung kaum mehr atmen. Er versuchte die Reinheit seiner Absichten zu beteuern, konnte aber den lächelnden Gentleman nur in einer unterwürfigen Betäubung anglotzen, mit der Mr. Carker sehr wohl zufrieden zu sein schien; denn er befahl ihm nach einem kurzen Schweigen, die Treppe hinunterzugehen, und machte ihm damit bemerklich, daß er in Dienst genommen sei.

So gelangte Rob, der Schleifer, zu einem neuen Herrn, und seine ängstliche Ehrerbietung vor Mr. Carker wurde womöglich mit jeder Minute seines Dienstes noch erhöht und gekräftigt.

Er war einige Monate in seinem neuen Dienst gewesen, als er eines Morgens früh Mr. Dombey, der einer Verabredung gemäß bei seinem Gebieter frühstücken sollte, die Gartentür öffnete. Im gleichen Augenblick kam auch eiligst Mr. Carker herbei, um den angesehenen Gast zu empfangen und mit allen seinen Zähnen zu bewillkommnen.

»Ich hätte wahrhaftig nie gedacht«, sagte Mr. Carker, indem er Mr. Dombey beim Absteigen vom Pferd seine Unterstützung anbot, »Euch hier zu sehen. Das ist ein außerordentlicher Tag in meinem Kalender. Bei einem Mann wie Ihr kann es freilich als nichts Besonderes erscheinen, da Ihr in der Lage seid, alles zu tun; aber bei einem Mann wie ich gestaltet sich der Fall ganz anders.«

»Ihr habt hier eine sehr geschmackvolle Wohnung, Carker«, sagte Mr. Dombey, der sich herabließ, auf dem Rasen haltzumachen und umherzuschauen.

»Es beliebt Euch nur, so zu sagen«, entgegnete Carker. »Ich danke Euch.«

»In der Tat«, fuhr Mr. Dombey mit stolzer Gönnermiene fort, »ich habe auch allen Grund dazu. Soviel ich sehe, ist dies ein sehr bequemes, wohl eingerichtetes Heim – eigentlich elegant.«

»Es verdient wahrhaftig diese Bezeichnung nicht«, erwiderte Carker mit der Miene der Bescheidenheit. »Doch es ist genug davon gesprochen, und ich bin Euch nichtsdestoweniger dankbar, wenn Ihr es mit einem Lobe bedenkt, das ihm nicht gebührt. Wollt Ihr eintreten?«

Im Hause drinnen entgingen Mr. Dombey die vollständige Einrichtung der Zimmer und die zahlreichen Bequemlichkeiten und Zierden, an denen es wimmelte, nicht. Mr. Carker nahm in seiner geheuchelten Demut die Bemerkungen darüber mit einem ehrerbietigen Lächeln hin und sagte, er begreife wohl den zarten Sinn in Mr. Dombeys Worten und wisse ihn zu würdigen; aber in Wahrheit sei das Häuschen gut genug für einen Mann von seiner Stellung, vielleicht sogar besser, als es ihm gebühre, wie gering dasselbe auch sein möge.

»Euch aber, der Ihr so hoch über mir steht, mag es in der Tat vielleicht besser vorkommen, als es ist«, fügte er hinzu, und sein falscher Mund verzog sich von einem Ohre bis zum andern. »Gerade wie auch Monarchen in dem Leben von Bettlern einen Reiz zu finden glauben.«

Während er so sprach, richtete er einen scharfen Blick und ein scharfes Lächeln auf Mr. Dombey – einen noch schärferen Blick und ein noch schärferes Lächeln, als Mr. Dombey in der Haltung, die er so oft als der zweite im Kommando nachzubilden gewöhnt war, sich vor dem Feuer aufstellte und die Gemälde an den Wänden musterte. Das kalte Auge seines Prinzipals wanderte flüchtig darüber hin, und Mr. Carkers schlauer Blick folgte ihm allenthalben, genau sich merkend, wo es anhielt und was es sah.

Als es namentlich auf einem Gemälde ruhen blieb, schien Carker kaum zu atmen, und sein Blick wurde katzenartig lauernd; aber das Auge des großen Mannes ging darüber hin und nahm sichtlich keinen größeren Eindruck mit, als von den übrigen.

Carker sah dann hin – es war das Bild, welches Ähnlichkeit mit Edith hatte – als ob es ein lebendes Wesen wäre; ein boshaftes, stummes Lachen überflog sein Gesicht und schien teilweise dem Bild zu gelten, obschon es hauptsächlich einen Spott für den großen Mann enthielt, der ihm nichtsahnend zur Seite stand. Bald nachher dampfte das Frühstück auf dem Tisch, und während er Mr. Dombey einen Stuhl anbot, dessen Lehne dem Gemälde zugekehrt war, nahm er wie gewöhnlich ihm gegenüber seinen Sitz ein.

Mr. Dombey war sogar noch ernster, als sonst, und verhielt sich sehr schweigsam. Der Papagei, der sich auf dem vergoldeten Reif seines schönen Käfigs wiegte, gab sich vergeblich Mühe, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen; denn Mr. Carker war zu sehr von seinem Gast in Anspruch genommen, um auf den Vogel zu achten, und Mr. Dombey, der sich ganz seinem Nachdenken hingab, schaute starr, um nicht zu sagen verdrießlich, über seine steife Halsbinde weg, ohne die Augen von dem Tischtuch zu erheben. Was den dienstleistenden Rob betraf, so galten alle seine Fähigkeiten zu sehr der Aufmerksamkeit auf seinen Gebieter, als daß er es hätte wagen können, dem Gedanken Raum zu geben, der Gast sei der vornehme Herr, dem er in seiner Kindheit als Zeugnis für die Gesundheit der Familie vorgestellt worden war und dem er seine ersten Lederhosen zu danken hatte.

»Erlaubt mir die Frage«, sagte Carker plötzlich, »wie sich Mrs. Dombey befindet.«

Er beugte sich dabei unterwürfig vorwärts und stützte das Kinn auf seine Hand; zu gleicher Zeit aber richtete er seine Augen auf das Gemälde, als wollte er sagen: »Nun werden wir sehen, wie ich ihn weiterzuführen imstande bin.« »Mrs. Dombey befindet sich vollkommen wohl«, antwortete Dombey errötend. »Ihr erinnert mich hierdurch an einen Punkt, Carker, über den ich mit Euch sprechen möchte.«

»Robin, du kannst gehen«, sagte Mr. Carker in so mildem Ton, daß Robin betroffen darüber wurde, obschon er beim Fortgehen die Augen bis zum letzten Moment auf seinem Gebieter haften ließ. »Ihr erinnert Euch natürlich dieses Knaben?« fügte er hinzu, sobald der verstrickte Schleifer das Zimmer verlassen hatte.

»Nein«, sagte Mr. Dombey mit großartiger Gleichgültigkeit.

»Von einem Mann, wie Ihr, auch nicht wahrscheinlich – ja, kaum möglich«, murmelte Carker. »Er gehört aber zu der Familie, aus der Ihr eine Amme nahmt. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, daß Ihr Euch großmütig mit seiner Erziehung belastetet?«

»Ist dies der Knabe?« versetzte Mr. Dombey mit einem Stirnrunzeln. »Ich glaube, er macht seiner Erziehung wenig Ehre.«

»Ich fürchte, er ist ein junger Galgenvogel«, erwiderte Carker mit einem Achselzucken; »wenigstens steht er in diesem Ruf. Die Sache verhält sich übrigens so, daß ich den Burschen in meinen Dienst nahm, weil er keine andere Beschäftigung finden konnte und – ohne Zweifel wurde er zu Hause so unterrichtet – eine Art Anspruch an Euch zu haben glaubte, weshalb er denn auch Euch überall nachging, um Euch sein Anliegen vorzubringen. Zwar beschränkte sich meine Beziehung zu Euren Angelegenheiten nur auf Geschäftssachen; aber gleichwohl nehme ich aus freien Stücken Anteil an allem, was Euch angeht, so daß ich – –« er hielt inne, als wollte er erst erkunden, ob er Mr. Dombey schon weit genug geführt habe. Und abermals stützte er das Kinn auf seine Hand, um nach dem Gemälde hinzuschielen.

»Carker«, sagte Mr. Dombey, »ich weiß, Ihr beschränkt Eure – –«

»Dienstpflicht«, ergänzte der lächelnde Geschäftsführer.

»Nein; ich sage lieber Eure Anhänglichkeit –« bemerkte Mr. Dombey mit dem Bewußtsein, daß er ihm ein sehr schmeichelhaftes Kompliment mache – »nicht auf bloße Geschäftssachen. Eure Rücksicht auf meine Gefühle, meine Hoffnungen und getäuschten Erwartungen in dem kleinen Beispiel, das Ihr eben erwähntet, ist mir ein Beweis dafür. Ich bin Euch verbunden, Carker.«

Mr. Carker verbeugte sich langsam und rieb sehr sanft seine Hände, als fürchte er, durch jede andere Gebärde den Strom von Mr. Dombeys Vertrauen zu stören.

»Eure Hindeutung darauf kommt ganz gelegen«, fuhr Mr. Dombey nach kurzem Zaudern fort, »denn sie bahnt das an, was ich Euch sagen möchte, und erinnert mich daran, daß nicht unbedingt neue Beziehungen zwischen uns erwachsen, obschon meinerseits mehr persönliches Vertrauen ins Spiel kommen dürfte, als bisher – –«

»Mir in so auszeichnender Weise zuteil wurde«, ergänzte Carker mit einer abermaligen Verbeugung. »Ich will Euch nicht sagen, wie geehrt ich mich fühle, denn ein Mann, wie Ihr, weiß wohl, daß es in seiner Macht steht, beliebig Ehre zu vergeben.«

»Wir beide, Mrs. Dombey und ich«, fuhr Mr. Dombey fort, dieses Kompliment mit majestätischer Selbstverleugnung übergehend, »sind über manche Punkte nicht ganz einig. Es scheint, als ob wir uns gegenseitig noch nicht verstehen. Mrs. Dombey hat noch etwas zu lernen.«

»Mrs. Dombey ist mit vielen, seltenen, schönen Eigenschaften beglückt und ohne Zweifel sehr an Schmeichelei gewöhnt«, sagte der glatte, geschmeidige Geschäftsführer, der jeden Blick, jeden Ton seines Herrn aufs sorgfältigste beobachtete. »Aber wo Liebe, Pflichtgefühl und Achtung herrscht, werden kleine Mißverständnisse, die aus solchen Ursachen hervorgehen, bald ausgeglichen sein.«

Mr. Dombey dachte unwillkürlich an das Gesicht, das in dem Salon seiner Gattin ihn angeblickt, und an die gebieterische Hand, die nach der Tür hingewiesen hatte. Bei der Erinnerung an die Liebe, das Pflichtgefühl und die Achtung, welche sich hierin ausgesprochen, fühlte er, wie ihm das Blut in die Wangen schoß, ebenso deutlich, als es das beobachtende Auge ihm gegenüber sah.

»Ich hatte mit Mrs. Dombey«, fuhr er fort, »vor Mrs. Skewtons Tod einen kleinen Wortwechsel über die Gründe meiner Unzufriedenheit, von denen Ihr Euch eine allgemeine Vorstellung gebildet haben werdet aus der Szene, die in Eurer Gegenwart zwischen Mrs. Dombey und mir in unserm – in meinem Hause stattfand.«

»Ich bedauerte recht sehr, Zeuge sein zu müssen«, sagte der lächelnde Carker. »So sehr ein Mann in meiner Stellung notwendig auf Euer Vertrauen stolz sein muß – zwar darf ich es Euch nicht hoch anrechnen, da Ihr alles tun könnt, ohne Euch etwas zu vergeben – und so geehrt ich mich fühlte, als Ihr mich Mrs. Dombey vorstelltet, ehe sie sich noch der Auszeichnung erfreute, Euren Namen zu tragen, muß ich Euch doch die Versicherung geben, daß ich an jenem Abend fast bedauerte, der Gegenstand einer so ganz besonderen Gunst zu sein.«

Daß jemand unter was immer für Umständen bedauern konnte, durch Herablassung und Gönnerschaft ausgezeichnet zu werden, war für Mr. Dombey ein moralisches Wunder, das er nicht begreifen konnte. Er antwortete daher mit beträchtlicher Steigerung seiner Würde: »Wirklich? Und warum?«

»Ich fürchte«, versetzte der Geschäftsführer, »daß Mrs. Dombey, die mir nie sehr geneigt war – ein Mann in meiner Stellung konnte dies auch nicht erwarten von einer Dame, die von Natur aus so stolz ist und der ihr Stolz so gut steht – mir meine unschuldige Beteiligung an jenem Gespräch nicht leicht vergeben werde. Ihr müßt bedenken, daß Euer Mißfallen nichts Geringes ist, und es vor einer dritten Person fühlen zu müssen – –«

»Carker«, sagte Mr. Dombey in anmaßendem Tone, »ich denke doch, daß mir die erste Rücksicht gebührt.«

»O! Kann hierüber ein Zweifel obwalten?« entgegnete der andere mit der Ungeduld eines Mannes, der eine bekannte unumstößliche Tatsache einräumt.

»Ich meine, wenn wir beide in Frage kommen, so nimmt Mrs. Dombey eine untergeordnete Stellung ein«, fuhr Mr. Dombey fort. »Ist’s nicht so?«

»Ob es so ist?« erwiderte Carker. »Weiß jemand besser, als Ihr, daß hierüber keine Frage nötig ist?«

»Dann hoffe ich, Carker«, sagte Mr. Dombey, »daß Euer Bedauern über das Mißfallen der Mrs. Dombey fast aufgewogen werden dürfte durch das Bewußtsein, mein Vertrauen und meine gute Meinung gewonnen zu haben.«

»Ich habe also das Unglück gehabt«, entgegnete Carker, »dieses Mißfallen auf mich zu laden. Hat sich Mrs. Dombey so gegen Euch geäußert?«

»Mrs. Dombey hat allerlei Ansichten, über die ich nicht mit ihr einverstanden bin«, sagte Mr. Dombey mit majestätischer Kälte und Gleichgültigkeit, »und ich bin nicht geneigt, mich darauf einzulassen, oder sie mir wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wie ich Euch bereits mitteilte, habe ich gegen Mrs. Dombey erklärt, daß ich auf gewissen Punkten häuslicher Ehrerbietung und Unterwürfigkeit notwendig bestehen müsse. Es ist mir nicht gelungen, sie zu überzeugen, es sei ebensowohl für ihren Frieden und ihre Wohlfahrt, als für meine Würde zweckdienlich, daß sie unverweilt in solchen Beziehungen ihr Benehmen ändere, weshalb ich ihr bedeutete, wenn ich es nötig finde, ihr wieder Vorstellungen zu machen, so werde ich ihr meine Ansicht durch Euch, meine vertraute Mittelsperson, zugehen lassen.«

In den Blick, den Mr. Carker auf ihn heftete, mischte sich ein teuflisches Schielen nach dem Gemälde an der Wand, das wie ein Blitz danach hinzuckte.

»Ich nehme keinen Anstand, Carker«, fuhr Mr. Dombey fort, »Euch zu sagen, daß ich meinen Entschluß durchzuführen beabsichtige. Ich lasse nicht mit mir spielen. Mrs. Dombey muß belehrt werden, daß mein Wille Gesetz ist, und daß ich von dieser ganzen Regel meines Lebens keine Ausnahme gestatten kann. Ihr werdet die Güte haben, Euch dieser Aufgabe zu unterziehen; ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen einzuwenden, da sie von mir ausgeht, wie sehr Ihr es auch aus Höflichkeit gegen Mrs. Dombey bedauern mögt – ein Bedauern, für das ich Euch in ihrem Namen danke. Auch bin ich überzeugt, Ihr werdet sie so pünktlich wie jeden andern Auftrag erfüllen.«

»Ihr wißt«, sagte Mr. Carker, »daß Ihr mir nur zu befehlen braucht.«

»Ich weiß«, entgegnete Mr. Dombey mit majestätischer Zustimmung, »daß ich Euch nur zu befehlen brauche. Es ist nötig, daß ich durchgreifend verfahre. Mrs. Dombey ist eine Dame, die ohne Zweifel in vielfacher Beziehung hohe Eigenschaften besitzt, so daß sie – –«

»Sogar Eurer Wahl Ehre macht«, ergänzte Carker mit schmeichelnder Schaustellung seiner Zähne.

»Meinetwegen, wenn Ihr die Worte so gestellt wissen wollt«, sagte Mr. Dombey in seinem vornehmen Tone, »obschon ich für den Augenblick nicht bemerke, daß Mrs. Dombey diese Ehre in der gebührenden Weise zu schätzen weiß. Sie besitzt einen Widerspruchsgeist, der ausgerottet und bewältigt werden muß. Mrs. Dombey scheint nicht zu begreifen«, fügte er mit Nachdruck hinzu, »daß schon der Gedanke eines Widerstandes gegen mich ungeheuerlich und abgeschmackt ist.«

»Wir in der City kennen Euch besser«, versetzte Carker mit einem Lächeln von Ohr zu Ohr.

»Ihr kennt mich besser«, sagte Mr. Dombey. »Ich hoffe es. Gleichwohl muß ich Mrs. Dombey die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß meine Ermahnung, wie wenig dies sich auch mit ihrem späteren, sich stets gleich bleibenden Benehmen zu vertragen scheint, einen sehr mächtigen Eindruck auf sie machte, als ich ihr bei der erwähnten Gelegenheit mit etwas Strenge erklärte, daß ich nicht mit ihr zufrieden sein könne und deshalb entschieden gegen sie auftreten müsse.« Mr. Dombey entledigte sich dieser Worte mit einer ungemein wichtigtuenden Stattlichkeit. »Ich wünsche nunmehr, Carker, Ihr möget die Güte haben, Mrs. Dombey von mir aus mitzuteilen, daß ich ihr das frühere Gespräch ins Gedächtnis rufen wolle, und daß ich erstaunt sei, noch keine Wirkung desselben wahrzunehmen. Ich müsse darauf bestehen, daß sie ihr Benehmen nach den Einschärfungen regle, die sie aus jenem Gespräche kennt. Ich sei nicht zufrieden mit ihrem Betragen – ja sogar sehr unzufrieden, und werde mich in die unangenehme Notwendigkeit versetzt sehen, Euch zum Überbringer noch unwillkommenerer und bestimmterer Erklärungen zu machen, wenn ihr Verstand und ihr richtiges Gefühl sie nicht bewege, sich meinen Wünschen anzubequemen, wie dies bei der ersten Mrs. Dombey der Fall war, und – ich glaube, wohl hinzufügen zu dürfen – auch bei jeder andern Dame an ihrer Stelle der Fall sein würde.«

»Die erste Mrs. Dombey lebte sehr glücklich«, bemerkte Mr. Carker.

»Die erste Mrs. Dombey war verständig«, versetzte Mr. Dombey mit gentlemanischer Toleranz gegen die Tote, »und besaß ein sehr richtiges Gefühl.«

»Glaubt Ihr wohl, daß Miß Dombey ihrer Mutter gleiche?« fragte Carker.

Mr. Dombeys Gesicht veränderte sich schnell und wurde düster. Die vertraute Mittelsperson faßte es scharf ins Auge.

»Ich habe einen schmerzlichen Gegenstand berührt«, sagte er im sanften Tone des Bedauerns, der sich mit dem spähenden Blick schlecht vertrug, »und bitte daher um Verzeihung. In meiner Teilnahme übersah ich das Verbindungsglied zwischen Tochter und Mutter. Verzeiht mir.«

Ungeachtet dieser Worte blieb der Spürblick unverwandt auf Mr. Dombeys gesenktem Antlitz haften und blitzte dann in seltsamem Triumph nach dem Gemälde hin, als fordere er dasselbe auf, Zeuge zu sein, wie er seinen Prinzipal vorwärtsführe und was noch kommen werde.

»Carker«, sagte Mr. Dombey, der zuweilen auf den Tisch niederschaute, während er mit etwas veränderter, hastigerer Stimme und mit blasseren Lippen sprach, »es ist kein Grund zu einer Entschuldigung vorhanden. Ihr seid im Irrtum. Euer vermeintliches Bindeglied hat es mit der Gegenwart, nicht aber mit irgendeiner Erinnerung zu schaffen. Mrs. Dombeys Benehmen gegen meine Tochter gefällt mir nicht.«

»Verzeiht mir«, sagte Mr. Carker; »ich verstehe Euch nicht ganz.«

»Ich meine«, erwiderte Mr. Dombey, »daß Ihr Mrs. Dombey diesen Punkt von mir aus vorhalten möget. Ihr werdet die Güte haben, es zu tun – werdet ihr sagen, daß die Art, wie sie sich gegen meine Tochter anstellt, mir unangenehm ist. Sie fällt auf und könnte den Leuten Anlaß geben, Mrs. Dombey in ihrer Beziehung zu meiner Tochter mit Mrs. Dombey in ihrer Beziehung zu mir gegeneinander zu stellen. Ihr werdet so gefällig sein, Mrs. Dombey einfach wissen zu lassen, daß ich Einspruch dagegen erhebe, und daß ich von ihr erwarte, sie werde meinen Wünschen unverweilt Folge geben. Ob es Mrs. Dombey ernst sei, ob sie nur eine Grille verfolge, oder ob sie es im Widerspruch gegen mich tue, in jedem von diesen Fällen ist mir ihr Benehmen unangenehm. Wenn meine Gattin nach der ihr zustehenden Unterwürfigkeit gegen mich noch überflüssige Zärtlichkeit und Pflichten zu haben meint, so mag sie meinetwegen über dieselben verfügen, wo es ihr gut dünkt; aber zuerst will ich Unterwerfung haben! – Carker«, fügte Mr. Dombey hinzu, indem er der ungewöhnlichen Erregung, mit der er gesprochen, Einhalt tat und in einen Ton überging, der mehr mit der gewohnten Behauptung seiner Größe im Einklang stand, »Ihr werdet so gefällig sein, diesen Punkt nicht zu versäumen oder leicht darüber hinzugehen, denn ich wünsche, daß Ihr ihn als einen sehr wichtigen Teil Eures Auftrags betrachtet.«

Mr. Carker beugte den Kopf, stand von dem Tisch auf, trat, gedankenvoll die Hand an sein glattes Kinn gelegt, vor das Feuer und blickte mit der arglistigen Schlauheit eines antiken Schnitzwerks, in welchem sich halb ein menschlicher, halb ein tierischer Charakter ausdrückt, oder gleich dem lauernden Gesicht an einem alten Springbrunnen auf Mr. Dombey nieder. Letzterer, der allmählich seine Fassung wieder gewann, oder dessen Erregung in dem Bewußtsein seiner hohen Stellung nachließ, warf sich aufs neue in seine steife Haltung und schaute nach dem Papagei hin, der in dem großen Trauring seine Purzelbäume machte.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Carker, der nach einer Pause plötzlich seinen Stuhl wieder einnahm und sich Mr. Dombey gegenüber setzte, »aber ich wünsche weitere Belehrung. Ist Mrs. Dombey davon unterrichtet, daß Ihr mich möglicherweise zum Organ Eures Mißfallens machen könntet?«

»Ja«, versetzte Mr. Dombey. »Sie weiß es.«

»Ja«, erwiderte Carker hastig; »aber wie?«

»Wie?« entgegnete Mr. Dombey nicht ohne Zögern. »Weil ich es ihr gesagt habe.«

»So?« versetzte Carter. »Aber warum habt Ihr es ihr gesagt? Ihr seht«, fuhr er mit einem Lächeln fort, indem er seine Samthand gleich einer Katze, die ihre Klauen eingezogen hat, sanft auf Mr. Dombeys Arm legte, »wenn ich vollkommen Eure Gesinnung weiß, so kann ich Euch nur um so nützlicher sein und desto wirksamer dienen. Ich glaube zwar, daß ich Euch verstehe. Ich habe nicht die Ehre, bei Mrs. Dombey in Gunst zu stehen, und kann es in meiner Stellung auch nicht erwarten. Dies muß ich wohl als Tatsache voraussetzen?«

»Ich glaube es«, sagte Mr. Dombey.

»Wenn Ihr also Mrs. Dombey derartige Mitteilungen durch mich machen laßt«, fuhr Carker fort, »so werden sie dieser Dame besonders unangenehm sein?«

»Es dünkt mich«, sagte Mr. Dombey mit stolzer Zurückhaltung, aber doch mit einiger Verlegenheit, »daß Mrs. Dombeys Ansichten über den Gegenstand keinen Einfluß auf den Gesichtspunkt ausüben, in dem er sich Euch und mir darstellt, Carker. Ihr mögt recht haben.«

»Und – verzeiht mir – verstehe ich Euch recht«, entgegnete Carker, »wenn ich annehme, Ihr glaubet hierin das beste Mittel gefunden zu haben, Mrs. Dombeys Stolz – ich bediene mich dieses Wortes, da es eine Eigenschaft bezeichnet, die, in den gebührenden Schranken gehalten, einer durch Schönheit und Talente so ausgezeichneten Dame nur zum Schmuck und zur Zierde gereichen kann – zu demütigen, ich will nicht sagen, sie zu strafen, sondern sie zur Unterwerfung zu bringen, auf die Ihr natürlich so gerechte Ansprüche habt?«

»Ihr wißt, Carker«, sagte Mr. Dombey, »ich bin gewohnt, für die Schritte, die mir als passend erscheinen, ausführliche Gründe anzugeben; indes will ich Euch hierin nicht widersprechen. Etwas anders ist es, wenn Ihr Einwendungen dagegen zu machen habt, und dann reicht Eure bloße Erklärung vollkommen zu. Ich gestehe übrigens, daß ich nicht geglaubt hatte, mein Vertrauen könne Euch möglicherweise herabwürdigen –«

»O! mich herabwürdigen!« rief Carter. »In Eurem Dienst!«

»Oder in eine falsche Stellung bringen«, fuhr Mr. Dombey fort.

»Ich in einer falschen Stellung!« rief Carker. »Ich werde stolz darauf sein – es macht mir Freude, wenn ich Euer Vertrauen rechtfertigen kann. Zwar hätte ich gewünscht, der Dame, zu deren Füßen ich gern meine bescheidene Huldigung niederlegen würde – denn ist sie nicht Eure Gattin? – keinen neuen Anlaß zur Abneigung geben zu müssen; aber vor Euren Wünschen treten natürlich alle andern weltlichen Rücksichten in den Hintergrund. Außerdem, wenn Mrs. Dombey von solchen kleinen Verirrungen ihres Urteils abgekommen ist, die ohne Zweifel nur die Folge der Neuheit ihrer Stellung sind, so wird sie hoffentlich in meiner geringen Beteiligung nur einen Gran – mein so weit unten stehender Wirkungskreis gibt für wenig mehr Raum – meiner Achtung für Euch erkennen und alle Rücksichten Euch unterordnen, indem es ihr dann eine Lust und ein heiliges Vorrecht sein wird, Euch jeden Tag Opfer zu bringen.«

Mr. Dombey schien in diesem Augenblick wieder die nach der Tür deutende Hand zu sehen und durch die milde Rede seiner vertrauten Mittelsperson ein Echo der Worte zu vernehmen: »Nichts kann uns fremder machen, als wir fortan gegeneinander sein werden!« Er schüttelte jedoch diese Vorstellung, die seinen Entschluß nicht wankend machen konnte, ab und sagte:

»Ja, ohne Zweifel.«

»Habt Ihr nichts weiter zu bemerken?« fragte Carker, der seinen Stuhl wieder an den alten Platz rückte – sie hatten bis jetzt noch wenig von dem Frühstück genossen – und auf Antwort harrend stehenblieb, ehe er sich niedersetzte.

»Nichts, als dies«, sagte Mr. Dombey. »Ihr werdet ihr gefälligst bemerken, Carker, daß keine Weisung, mit der Ihr möglicherweise an Mrs. Dombey betraut seid, eine Erwiderung zuläßt. Habt daher die Güte, mir keine Antwort mitzuteilen. Mrs. Dombey weiß, daß es sich nicht mit meiner Würde verträgt, über obwaltende Meinungsverschiedenheiten zu verhandeln und in Erörterungen einzugehen. Was ich ihr sagen lasse, ist maßgebend.«

Mr. Carter deutete durch ein Zeichen an, daß er mit dieser Vollmacht einverstanden sei, und sie beendigten nun mit gutem Appetit ihr Frühstück. Zuletzt erschien auch der Schleifer wieder, der von seinem Gebieter kein Auge verwandte und in einer steten Verzückung ehrfurchtsvollen Schreckens war. Mr. Dombeys Pferd wurde vorgeführt; auch Mr. Carker bestieg das seine, und sie ritten gemeinschaftlich der City zu.

Mr. Carker war sehr aufgeräumt und sprach viel. Mr. Dombey hörte mit der hohen Miene eines Mannes zu, der ein Recht hat, unterhalten zu werden, und ließ sich gelegentlich herab, einige Worte einzuflechten. So ritten sie charakteristisch genug weiter. Mr. Dombey in seiner Würde hatte sehr lange Steigbügel, sehr lose Zügel und ließ sich selten herab, nach dem Weg hinunterzuschauen, den sein Pferd nahm. Daher fügte es sich, daß letzteres beim Wenden um eine Ecke über einen Steinhaufen strauchelte, seinen Reiter abwarf, über denselben hinstürzte und im Ringen, sich wieder zu erheben, ihn mit seinem Hufe verletzte.

Raschen Blicks und mit sicherer Hand hatte sich Mr. Carker, der ein guter Reiter war, schnell von seinem Pferde geworfen, das gestürzte Tier beim Zügel gefaßt und es im Nu wieder aufgerichtet. Weniger Eile von seiner Seite, und Mr. Dombey würde ihm an diesem Morgen wohl zum letzten Male sein Vertrauen geschenkt haben. Das Rot der Anstrengung lag noch auf seinem Gesicht, als er sich über seinen Prinzipal mit einer Schaustellung aller seiner Zähne niederbeugte und murmelnd zu sich selber sagte: »Jetzt habe ich Mrs. Dombey einen guten Grund zum Unwillen gegeben, wenn sie es erfährt.«

Mr. Dombey lag besinnungslos da, und das Blut strömte ihm über das Gesicht. Einige Arbeiter brachten ihn Carkers Weisung gemäß nach einem nahe gelegenen Wirtshaus, wo sich bald eine Anzahl Wundärzte um ihn sammelte, die rasch von allen Seiten herströmten und von dem geheimnisvollen Instinkte beseelt zu sein schienen, wie der Geier lehrt, sich um ein in der Wüste gefallenes Kamel zu scharen. Nachdem Mr. Dombey mit Mühe wieder zum Bewußtsein gebracht war, untersuchten diese Gentlemen die Beschaffenheit seiner Verletzungen. Der eine Wundarzt, der in der Nachbarschaft wohnte, erklärte sich für einen komplizierten Beinbruch – eine Ansicht, der auch die Wirtin beipflichtete; aber zwei andere Chirurgen aus größerer Entfernung, die nur zufällig in diese Gegend gekommen waren, bestritten diese Meinung so uneigennützig, daß endlich die Entscheidung erfolgte, der Patient habe zwar schwere Quetschungen erlitten, aber mit Ausnahme einer kleineren Rippe oder so keinen Knochenbruch erlitten, könne folglich unter Anwendung großer Vorsicht wohl vor Abend nach Hause geschafft werden. Die Anlegung der Verbände brauchte lange Zeit, und als endlich Mr. Dombey der Ruhe überlassen wurde, stieg Mr. Carker wieder auf sein Pferd, um zu Hause die Kunde von dem Unfall zu melden.

So verschmitzt und grausam sein Gesicht auch zur besten Zeit war, – allerdings ein in Form und Regelmäßigkeit der Züge hinreichend schönes Gesicht – nahm es sich doch ganz besonders schlimm aus, als er diese Botschaft antrat. Angefeuert von der List und Grausamkeit seiner inneren Gedanken, bewogen ihn eher die unbestimmten Hinblicke auf eine ferne Möglichkeit, als klare Absichten und Pläne, zu reiten, als habe er Männer und Weiber zu hetzen. Erst als er in die besuchteren Straßen kam, hielt er die Zügel an und mäßigte seine Eile, indem er sein weißbeiniges Tier wieder die reinlichsten Wege aufsuchen ließ und sich selbst sowohl, als sein Elfenbeinlächeln so gut wie möglich unter seinem glatten, geschmeidigen, lauernden Wesen verbarg.

Er ritt geraden Weges auf Mr. Dombeys Haus zu, stieg vor der Tür ab und bat um die Erlaubnis, Mrs. Dombey wegen einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Der Diener, der ihn nach Mr. Dombeys Zimmer wies, kehrte bald mit der Meldung zurück, Mrs. Dombey nehme um diese Zeit keine Besuche an; er müsse um Verzeihung bitten, daß er dies nicht gleich anfänglich erwähnt habe.

Mr. Carker, der auf einen kalten Empfang vollkommen vorbereitet war, schrieb auf eine Karte, daß er sich die Freiheit nehmen müsse, dringlichst um Gehör zu bitten; er würde sich nicht erdreisten, dies zum zweiten Male zu tun (die mit gesperrter Schrift gedruckten Worte waren unterstrichen), wenn er nicht überzeugt wäre, daß der Anlaß dazu ihn vollkommen rechtfertigen werde. Nach einigem Zögern erschien Mrs. Dombeys Mädchen und führte ihn nach einem Zimmer hinauf, in welchem sich Edith und Florence befanden.

Er hatte sich Edith früher nie halb so schön gedacht. Wie sehr er auch die frisch in seiner sinnlichen Erinnerung lebende Anmut ihres Gesichts und ihrer Gestalt bewunderte, hatte er sich sie dennoch nie halb so schön vorgestellt.

Ihr stolzer Blick fiel schon an der Schwelle auf ihn; aber er richtete den seinen – obschon nur unter Begleitung einer Kopfverbeugung beim Eintritt – mit einem ununterdrückbaren Ausdruck der neuen Gewalt, die ihm gegeben war, auf Florence. Es war ein Triumph für ihn, zu bemerken, daß jener Blick unsicher wurde, und daß Edith sich halb erhob, um ihn zu empfangen.

Er bedauerte sehr – es tat ihm ungemein leid – er konnte gar nicht sagen, welche schmerzliche Aufgabe es für ihn war, sie auf die Kunde von einem kleinen Unfall vorzubereiten. Er bat Mrs. Dombey, sich zu fassen. Auf sein heiliges Ehrenwort, es sei kein Grund zur Unruhe vorhanden. Aber Mr. Dombey – –

Florence stieß einen plötzlichen Schrei aus. Er sah nicht nach ihr hin, sondern nach Edith. Sie stieß keinen Schreckensruf aus. Nein, nein.

Mr. Dombey war beim Reiten ein Unfall zugestoßen. Sein Pferd hatte gestrauchelt und ihn abgeworfen.

»Ach, er ist schwer verwundet – wohl gar tot!« rief Florence außer sich.

Nein. Bei seinem Ehrenwort, obschon anfangs betäubt – war doch Mr. Dombey bald wieder zur Besinnung gekommen, und wenn er auch verletzt worden, so konnte doch von Gefahr durchaus nicht die Rede sein. Verhielte es sich nicht vollkommen so, so würde er, der bestürzte Aufdringling, nun und nimmermehr den Mut gehabt haben, sich Mrs. Dombey vorzustellen. Was er mitgeteilt, war, wie er feierlich versicherte, die vollkommene Wahrheit.

Alles dies sprach er nicht zu Florence, sondern zu Edith, auf der fortwährend sein Lächeln und seine Blicke hafteten.

Dann fuhr er fort, zu berichten, wo Mr. Dombey liege, und bat, ihm einen Wagen zur Verfügung zu stellen, damit er den Leidenden nach Hause bringen könne.

»Mama«, stotterte Florence in Tränen, »darf ich es wohl wagen, mitzugehen?«

Mr. Carker sah, als er diese Worte hörte, Edith an, warf ihr im geheimen einen bedeutungsvollen Blick zu und schüttelte leicht den Kopf. Es entging ihm nicht, welchen Kampf es sie kostete, ehe sie ihm mit ihren schönen Augen Antwort gab; aber er erzwang sie – zeigte ihr, daß er sie haben müsse, wenn er nicht selbst mit Florence sprechen und ihr Herz aufs tiefste verletzen sollte – und sie antwortete. Wie er am Morgen das Gemälde angeblickt hatte, so sah er jetzt nach ihr hin, als sie ihre Augen wieder abwandte. »Ich bin mit dem Ersuchen beauftragt«, sagte er, »daß die neue Haushälterin – Mrs. Pipchin, glaube ich, ist ihr Name –«

Nichts entging ihm. Er sah im Nu, daß dies ein neuer Schimpf war, den Mr. Dombey seiner Gattin zufügen wollte.

»– – Mr. Dombeys Wunsch gemäß die Weisung erhalte, seine Zimmer unten herzurichten, da er dieselben allen übrigen vorzieht. Ich kehre sogleich wieder zu Mr. Dombey zurück. Es bedarf wohl kaum der Versicherung, Madame, daß für seine Bequemlichkeit bestmöglichst Sorge getragen und er aufs angelegentlichste verpflegt wird. Erlaubt mir wiederholt die Bemerkung, daß nicht der mindeste Grund zur Besorgnis vorhanden ist. Glaubt mir, sogar Ihr könnt völlig beruhigt sein.«

Er verließ unter Bücklingen und mit Kundgebung der größten Ehrerbietigkeit das Gemach, kehrte nach Mr. Dombeys Zimmer zurück, erteilte Auftrag, ihm einen Wagen in die City nachzuschicken, und bestieg dann aufs neue sein Pferd, um langsam weiterzureiten. Unterwegs sowohl, als in der City und in dem Wagen, der ihn nach dem Wirtshaus führen sollte, wo Mr. Dombey zurückgeblieben, gab er sich tiefen Gedanken hin, so daß er erst an dem Bett seines Prinzipals wieder der wahre Carker und seiner Zähne bewußt wurde.

Um die Zeit der Dämmerung half man dem von Schmerzen schwer heimgesuchten Mr. Dombey in den Wagen und bereitete ihm mit Mänteln und Kissen ein geeignetes Lager, wahrend die vertraute Mittelsperson auf dem Vordersitz ihrem Gebieter Gesellschaft leistete. Da der Leidende nicht gerüttelt werden durfte, so kamen sie nur langsam weiter, und es war bereits völlig dunkel, als sie Mr. Dombeys Wohnung erreichten. Bitter, grimmig und – das ganze Hauswesen konnte aus Erfahrung davon reden – stets der peruvianischen Mine eingedenk, nahm Mrs. Pipchin den Patienten an der Tür in Empfang und belebte die Dienstboten mit einigem Sprenkeln von dem Essig ihrer Worte, als diese ihr den Herrn nach seinem Zimmer schaffen halfen. Mr. Carker blieb, bis sich der Leidende wohlbehalten im Bett befand, und machte dann, da letzterer sich alle weiblichen Besuche, den der Werwölfin ausgenommen, verbat, Mrs. Dombey noch einmal seine Aufwartung, um ihr über den Zustand ihres Gemahls Bericht zu erstatten.

Edith war wieder mit Florence allein, und er richtete abermals die Flut seiner beschwichtigenden Worte ausschließlich an erstere, als sei sie eine Beute der liebevollsten, peinlichsten Besorgnis. Ja er wurde in seiner achtungsvollen Teilnahme so dringend, daß er – mit einem weiteren Blick nach Florence hin – sich erdreistete, ihre Hand zu ergreifen, sich darüber hinzubeugen und sie mit seinen Lippen zu berühren.

Edith zog weder die Hand zurück, noch schlug sie ihm dieselbe in sein schönes Gesicht, obschon ihre Wange erglühte, ihre Augen blitzten und ihre Brust sich erweiterte. Aber als sie allein in ihrem Zimmer war, schlug sie diese Hand mit einer Gewalt, daß sie beim ersten Streiche blutete, gegen den marmornen Kaminsims und hielt sie in die Nähe des hellen Feuers, wie wenn sie sich dieses Glied abreißen und es verbrennen möchte.

Bis weit in die Nacht hinein saß sie in düsterer, drohender Schönheit allein vor der schwindenden Flamme, die schwarzen Schatten beobachtend, die ihre Gedanken, die Körper zu gewinnen schienen, an die Wand warfen. Was immer für Gestalten von Schimpf und Kränkung – was immer für dunkle Ahnungen der Dinge, die da kommen mußten, unbestimmt und riesenartig, vor ihr aufzuckten, stets stand an ihrer Spitze ein einziger rachsüchtiger Schatten. Es war der Schatten ihres Mannes.

Dreiundvierzigstes Kapitel.


Dreiundvierzigstes Kapitel.

Nachtwachen

Florence, seitdem längst aus ihrem Traume erwacht, bemerkte mit Wehmut die Entfremdung, die zwischen ihrem Vater und Edith stattfand und mit jedem Tage weiter und bitterer wurde. Der Schatten, der auf ihrem Lieben und Hoffen lag, wurde immer tiefer, und der alte Schmerz, der eine kleine Weile geschlummert hatte, lastete schwerer als je auf ihr.

Es war hart – wie hart, konnte niemand besser wissen als Florence –, die natürliche Zuneigung eines treuen, warmen Herzens in Kummer umwandeln und statt zärtlichen Schutzes und liebevoller Sorgfalt nur Hintansetzung und düstere Zurückweisung finden zu müssen. Wie schwer, in tiefster Seele ihre Gefühle zu tragen und nie das Glück auch nur einer leichten Erwiderung zu empfinden! Aber noch viel schlimmer war es, entweder an ihrem Vater oder an Edith, die ihr beide so teuer waren, zweifeln und an ihre Liebe zu dem einen oder der andern abwechselnd nur mit Scheu denken zu müssen.

Und doch kam es bei Florence allmählich so weit; es war eine Aufgabe, die ihr sogar von der Reinheit ihrer Seele auferlegt wurde und der sie nicht ausweichen konnte. Sie sah, daß ihr Vater gegen Edith ebenso kalt und starrsinnig, so hart und unbeugsam war, wie gegen sie selbst. War es möglich, fragte sie sich mit hervorquellenden Tränen, daß ihre eigene teure Mutter durch solche Behandlung unglücklich geworden – daß der Gram ihren frühen Tod herbeigeführt hatte? Dann dachte sie daran, wie vornehm und stolz sich Edith gegen jedermann benahm, nur gegen sie nicht – mit welcher Geringschätzung sie ihren Vater behandelte –, wie sie sich so fern von ihm hielt, und was sie ihr am Abend ihrer Ankunft im Hause gesagt hatte. In solchen Augenblicken kam es Florence fast als ein Verbrechen vor, daß sie jemand lieben konnte, der ihrem Vater so schroff gegenüberstand, und daß dieser, wenn er es wußte, sie in seinem einsamen Gemach für eine unnatürliche Tochter halten mußte, die zu dem alten, so viel beweinten Fehler, von Geburt an nie die väterliche Liebe gewinnen zu können, auch dieses neue Unrecht hinzufügte. Aber das nächste freundliche Wort, der nächste freundliche Blick von Edith erschütterte diese Gedanken wieder und ließ sie ihr im Lichte schwarzen Undanks erscheinen; denn wer, als die neue Mutter, hatte ihr tief verwundetes, vergehendes Herz aufgerichtet und war ihre beste Trösterin gewesen? So in ihrem edlen Wesen gegen beide hingezogen, ihr Elend fühlend und im steten Zweifel, ob sie ihre Pflicht gegen sie erfülle, legten Florence ihre umfassendere Liebe und Ediths Nähe eine weit schwerere Last auf, als sie getragen hatte, während sie noch ihr Geheimnis ungeteilt in dem traurigen Hause bewahrte und ehe ihre schöne Mama ein Dämmerlicht darauf geworfen hatte.

Ein großes Unglück, das dieses bei weitem überwogen haben würde, blieb Florence erspart. Sie hatte nie die mindeste Ahnung davon, daß Edith durch ihre Liebe zu ihr die Kluft zwischen ihrem Vater nur erweiterte und ihm neuen Grund zur Abneigung gab. Wie schmerzhaft hätte ihr der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit fallen müssen, welche Opfer würde nicht das arme, liebevolle Mädchen zu bringen versucht haben, und der Himmel weiß, wie schnell und sicher unter einer solchen Last ihr stiller Hingang zu jenem höheren Vater gewesen wäre, der die Liebe seiner Kinder nicht verschmäht und schwer geprüfte, gebrochene Herzen nicht zurückweist! Es war gut, daß ein solcher Argwohn nie in ihr auftauchte.

Zwischen Florence und Edith wurde nie ein Wort über diese Dinge gesprochen. Letztere hatte erklärt, daß sie sich hierin nie einigen könnten – daß ein Grabesschweigen darüber herrschen müsse, und Florence fühlte, daß sie recht hatte.

So standen die Dinge, als ihr Vater leidend und kaum der Bewegung fähig nach Hause gebracht wurde; er hatte sich düster in seine eigenen Zimmer zurückgezogen, wo Dienstboten seiner warteten, ohne daß ihm Edith nahe kam, und kein Freund oder Gesellschafter ihm zur Seite stand als Mr. Carker, der gegen Mitternacht das Haus verließ.

»Und was er für eine saubere Gesellschaft ist. Miß Floy«, sagte Susanna Nipper. »O, er ist ein köstliches Stück Ware. Wenn er je ein Zeugnis braucht, so soll er nur nicht zu mir kommen, dies möge er sich gesagt sein lassen.«

»Liebe Susanna, sprich nicht so«, entgegnete Florence.

»O, Ihr könnt gut sagen, ›sprich nicht so‹, Miß Floy«, erwiderte die Nipper in großer Gereiztheit; »aber mit Erlaubnis, wir kommen in der Tat in eine solche Enge, daß es einem alles Blut in Steck- und Nähnadeln umwandelt, die überall mit ihren Spitzen stechen. Mißversteht mich nicht, Miß Floy, ich will nichts gegen Eure Stiefmama sagen, die mich immer behandelt hat, wie man es von einer Lady erwarten darf, obschon sie’s etwas hoch nimmt, wenn ich gleich mir nicht anmaßen darf, ihr in dieser Beziehung einen Vorwurf zu machen; aber wenn nun gar solche Mrs. Pipchinsen kommen, die über uns gesetzt sind und an der Tür Eures Papas wie Krokodile auf der Lauer liegen – es ist nur gut, daß sie keine Eier legen –, so hat man allen Grund, außer sich zu geraten!«

»Du weißt, Susanna«, versetzte Florence, »Papa hat eine gute Meinung von Mrs. Pipchin und auch das Recht, seine Haushälterin zu wählen. Laß das also.«

»Gut, Miß Floy«, entgegnete die Nipper, »und wenn Ihr mir dies befehlt, so hoffe ich nichts mehr und nichts weniger, Miß, als daß Mrs. Pipchin wie unreife Stachelbeeren auf mich wirken.«

Susanna war an jenem Abend – es war der, an dem Mr. Dombey nach Haus gebracht worden war – in ihrem Vortrag ungewöhnlich eifrig und nahm gar keine Rücksicht auf die Punktation; denn Florence hatte sie hinuntergeschickt, um nach ihrem Vater zu fragen, und sie war bei dieser Gelegenheit genötigt gewesen, ihren Auftrag an ihre Todfeindin Mrs. Pipchin auszurichten, die, ohne Mr. Dombey davon in Kenntnis zu setzen, eine von Miß Nipper sogenannte schnippische Antwort auf eigene Verantwortlichkeit nahm. Die Jungfer legte dies als eine große Anmaßung von seiten dieser musterhaften Märtyrerin der peruvianischen Minen und für einen Schimpf gegen ihre junge Dame aus, der nicht verziehen werden könne, und insoweit war ihre Aufregung speziell. Aber seit der Hochzeit hatte sie sich in einem Zustande unablässig sich steigernden Argwohns und Mißtrauens befunden, da sie wie die meisten Menschen ihrer Geistesrichtung, die gegen Personen von weit höherer Stellung eine lebhafte und aufrichtige Zuneigung bewahren, sehr eifersüchtig war – eine Eifersucht, die natürlich Edith galt, weil diese ihr altes Reich teilte und zwischen sie und ihre junge Gebieterin getreten war. So sehr es auch Susanna Nipper zu stolzer Freude gereichte, daß Florence aus dem Schauplatz ihrer alten Vernachlässigung an den ihr gebührenden Platz vorrückte und die schöne Gattin ihres Vaters zur Gefährtin und Beschützerin hatte, konnte sie doch nicht ohne Murren und ohne ein unbestimmtes Gefühl von Groll irgendeinen Teil ihres alten Besitzes der schönen Frau überlassen, um so weniger, da sie den Stolz und die Leidenschaftlichkeit in dem Charakter der Dame schnell erfaßt hatte und diese Eigenschaften sehr uneigennützig zu würdigen wußte. Die Heirat hatte sie notwendig etwas in den Hintergrund gedrängt, und sie blickte daher auf die häuslichen Angelegenheiten im allgemeinen mit der unerschütterlichen Überzeugung, daß bei Mrs. Dombey nichts Gutes herauskommen könne, obschon sie bei allen möglichen Gelegenheiten anzukündigen bemüht war, daß sie nichts gegen dieselbe einzuwenden habe.

»Susanna«, bemerkte Florence, die noch in tiefen Gedanken an ihrem Tisch saß, »es ist sehr spät. Ich brauche heute nichts mehr.«

»Ach, Miß Floy«, entgegnete die Nipper, »ich wünsche mir wahrhaftig oft die alten Zeiten zurück, in denen ich mit Euch noch viel länger aufblieb und vor Müdigkeit einschlief, während Ihr noch brillenhell wachtet; aber Ihr habt jetzt eine Stiefmutter, Miß Floy, die Euch Gesellschaft leistet, und ich darf ihr in der Tat dankbar sein für diese Ablösung. Ich habe nicht ein Wort dagegen einzuwenden.«

»Ich werde nie vergessen, wer meine alte Gefährtin war, als ich keine andere hatte, Susanna«, erwiderte Florence sanft.

Dabei schlang sie ihren Arm um den Nacken ihrer dienenden Freundin, zog ihr Gesicht zu sich nieder, küßte sie und wünschte ihr gute Nacht. Dies rührte Miß Nipper dermaßen, daß sie zu schluchzen anfing.

»Ich will jetzt wieder hinuntergehen, meine teure Miß Floy«, sagte Susanna, »und sehen, was Euer Vater macht, denn ich weiß, Ihr grämt Euch um seinetwillen; laßt mich deshalb hinunter, damit ich selbst an seine Tür poche.«

»Nein«, sagte Florence. »Geh zu Bett. Wir werden es ja morgen hören. Ich will morgen selbst nachfragen. Ohne Zweifel ist Mama unten gewesen« – Florence errötete, da sie keiner solchen Hoffnung Raum gab – »oder vielleicht noch dort. Gute Nacht.«

Susanna war in einer zu weichen Stimmung, um über die Wahrscheinlichkeit von Mrs. Dombeys Besuch bei ihrem Gatten ihre eigene Ansicht auszudrücken, und entfernte sich schweigend. Sobald sich Florence allein sah, verbarg sie, wie sie oft in früheren Tagen getan hatte, ihr Antlitz in den Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Das Elend dieser häuslichen Zwietracht, die so lang gehegte, jetzt vernichtete Hoffnung – wenn man es anders eine Hoffnung nennen konnte –, je das Herz ihres Vaters zu gewinnen, ihr Zweifeln und Fürchten zwischen beiden, die Hinneigung ihres unschuldigen Herzens zu der neuen Mutter sowohl, als zu ihrem Erzeuger, der herbe Gram darüber, daß alles, was sie so verheißungsvoll vor sich gesehen, ein derartiges Ende nehmen sollte – dies waren die Betrachtungen, die sich in ihrem Geiste drängten und ihre Tränen reichlicher strömen ließen. Mutter und Bruder tot, der Vater kalt gegen sie, Edith schroff und abstoßend gegen ihn, aber doch voll Liebe gegen sie und von ihr geliebt – es schien, als ob ihre Zuneigung nie gedeihen könne, wem sie dieselbe auch zuwenden mochte. Diese vernichtende Vorstellung wurde zwar bald beseitigt; aber die Gedanken, denen sie entsprungen, waren zu zwingend und wahr, als daß sie auch dieser sich hätte entschlagen können. Sie verbrachte eine trostlose Nacht.

In ihrem Nachdenken trat stets das Bild ihres Vaters vor sie hin, der verwundet, in Schmerzen und allein in seinem Zimmer lag, die trägen Stunden in einsamer Qual verbringend, ohne daß ihn diejenigen pflegten, die ihm am nächsten stehen sollten. Der entsetzliche Gedanke, ob dem sie die Hände zusammenschlug, obschon er ihrem Geiste kein neuer war, drängte sich, ihren ganzen Körper erschütternd, ihr auf, er könnte sterben, ohne sie wiederzusehen oder ihren Namen auszusprechen. Zitternd vor Aufregung faßte sie den Entschluß, wieder die Treppe hinunterzuschleichen und sich an seine Tür zu wagen.

Sie horchte zuerst an ihrer eigenen. Im Hause herrschte die tiefste Ruhe, und alle Lichter waren ausgelöscht. Wie lange, lange her ist es, dachte sie, seit jener nächtlichen Wanderung nach seiner Tür. O wie lange – versuchte sie zu denken –, seit sie um Mitternacht in sein Zimmer getreten und er sie nach dem Fuß der Treppe zurückgeführt hatte!

Mit demselben kindlichen Gefühl wie ehedem, mit denselben schüchternen Augen und wallendem Haar schlich Florence, ihrem Vater in ihrer frühen, jungfräulichen Blüte so fremd wie in ihrer Kindheit, lauschend die Treppe hinunter und näherte sich seinem Zimmer. Niemand im Hause rührte sich. Die Tür war angelehnt, um der Luft Zutritt zu lassen, und drinnen alles so still, daß sie das Knistern des Feuers hören und die Pendelschläge der Uhr zählen konnte, die auf dem Kaminsims stand.

Sie blickte hinein. Die Haushälterin saß, von einer Decke umhüllt, in einem Armstuhl vor dem Feuer und schlief. Die Tür zwischen diesem und dem nächsten Zimmer war nicht ganz geschlossen, und ein Schirm stand davor; aber es brannte ein Licht dort, das den Rand seines Bettes erhellte. Alles war so still, daß man schon aus seinem Atem entnehmen konnte, er schlafe. Dies gab ihr den Mut, um den Schirm herumzugehen und in das Gemach hineinzusehen.

Der Anblick seines schlafenden Gesichtes machte sie so betroffen, als habe sie nicht erwartet, es zu sehen. Sie war wie an die Stelle gebannt und hätte bleiben müssen, selbst wenn er erwacht wäre.

Über seine Stirne lief eine Wunde, und man hatte sein Haar benetzt, das jetzt wirr und zusammengeklebt auf dem Kissen lag. Der eine seiner Arme lag, in einen Verband gehüllt, auf der Decke, und der Schlafende sah ungemein blaß aus. Es war jedoch nicht dies, was Florence nach dem ersten raschen Blick und der gewonnenen Überzeugung seines Schlafens an den Boden fesselte. Der feierliche Eindruck, den der Anblick auf sie machte, hatte einen ganz andern Grund.

Sie hatte in ihrem ganzen Leben sein Gesicht nie gesehen, ohne daß – wenigstens war es ihr so vorgekommen – ihre Nähe einen unangenehmen Einfluß auf dasselbe übte. Sie hatte es nie gesehen, ohne daß die Hoffnung in ihr erstarb und ihr Auge sich senkte vor seiner starren, lieblosen, abstoßenden Härte. Und als sie jetzt hinblickte, zeigte es sich ihr zum erstenmal frei von der Wolke, die es seit ihrer Kindheit umdüstert hatte. Statt ihrer lag jetzt stille, ruhige Nacht darauf. Er sah aus, als sei er schlafen gegangen mit einem Segenswunsche über seine Tochter.

Erwache, liebloser Vater! Erwache jetzt, finsterer Mann! Die Zeit entfleucht; die Stunde naht mit zornigem Tritt. Erwache!

Kein Wechsel auf seinem Gesicht! Sie blickte ängstlich hin, und die regungslose Ruhe rief ihr die Gesichter der Heimgegangenen ins Gedächtnis. So sahen sie aus, so mußte er einst aussehen, so sie, sein weinendes Kind, das sich nur nach dem Wann fragte, so die ganze umgebende Welt mit ihrer Liebe, ihrem Haß und ihrer Gleichgültigkeit! Wenn diese Zeit kam, wurde sie ihm vielleicht nicht schwerer um dessenwillen, was sie jetzt zu tun im Begriffe war, ihr aber sicherlich leichter.

Mit verhaltenem Atem schlich sie an sein Bett, beugte sich über ihn und gab seinem Gesicht einen leichten Kuß; dann legte sie ihr Köpfchen für eine kurze Weile an seine Seite und schlang den Arm, mit dem sie ihn nicht zu berühren wagte, um das Kissen, auf dem er ruhte.

Erwache, unseliger Mann, solange sie nahe ist! Die Zeit entfleucht; die Stunde naht mit zornigem Tritt; ihr Fuß ist schon im Hause. Erwache!

In ihrem Geiste betete sie zu Gott, er möchte ihren Vater segnen und ihn, wenn es möglich sei, milder gegen sie stimmen – wo nicht, ihm vergeben, wenn er unrecht tue, und ihr dieses Gebet verzeihen, das ihr fast eine Sünde zu sein schien. Dann blickte sie wieder mit von Tränen geblendeten Äugen auf ihn nieder, schlich sich schüchtern zurück, verließ sein Zimmer, ging durch das andere und war verschwunden.

Er kann jetzt fortschlafen. Er mag fortschlafen, solange er Lust hat. O daß er beim Erwachen sich umsehe nach jener schmächtigen Gestalt und sie in seiner Nähe finde, wenn die Stunde gekommen ist!

Traurig und mit gramerfülltem Herzen stieg Florence leisen Schrittes die Treppe hinan. Seit ihrem Herunterkommen war das ruhige Haus noch unheimlicher geworden. Der Schlaf, den sie aber in Mitte der stillen Nacht gesehen, hatte ihr zumal das feierliche Bild von Leben und Tod gezeigt. Ihr eigenes verstohlenes Treiben machte die Nacht geheimnisvoll, schweigsam und bedrückend. Sie war nicht imstande, in ihr Schlafzimmer zu gehen, sondern trat in den Salon, wo der umwölkte Mond durch die Blenden hereinschien, und schaute in die leeren Straßen hinaus.

Der Wind ächzte kläglich. Das Licht der Lampen brannte bleich und zitterte, als ob es friere. Fern am Himmel zeigte sich ein Dämmern von etwas, das nicht ganz Dunkelheit, aber auch nicht Licht zu nennen war, und die ahnungsvolle Nacht schauderte rastlos wie ein Sterbender vor seinem angstvollen Ende. Florence erinnerte sich, wie sie während einer ähnlich frostigen Nacht an einem Krankenlager gewacht hatte, und fühlte wie in einem geheimen, natürlichen Widerwillen dagegen ihren Einfluß. Es war jetzt so gar, so gar unheimlich.

Ihre Mama war in dieser Nacht nicht nach ihrem Zimmer gekommen – dies mit ein Grund, warum sie so lang aufgeblieben. In ihrer Unruhe und in ihrem glühenden Wunsche, jemand in ihrer Nähe zu haben, mit dem sie sprechen konnte, richtete Florence, um den schweren Bann des Düsters und Schweigens zu brechen, ihre Schritte nach dem Zimmer, wo Edith schlief.

Die Tür war innen nicht abgesperrt und wich leicht dem zögernden Druck ihrer Hand. Sie erstaunte sehr, ein hellbrennendes Licht zu finden, noch mehr aber, als sie beim Hineinsehen bemerkte, daß ihre Mama, erst halb entkleidet, noch immer vor der knisternden Asche des entschwindenden Feuers saß. Die Augen derselben waren aufwärts gerichtet, und in ihrem Glänze, in Ediths Gesicht, Gestalt und in den Händen, die die Armlehnen des Stuhls umfaßt hielten, als ob sie aufspringen wollte, erkannte Florence den Ausdruck einer so wilden Aufregung, daß sie davor erschrak.

»Mama«, rief sie; »was ist Euch?«

Edith fuhr zusammen, und in ihrem Gesicht drückte sich ein so eigentümlicher Zug von Furcht aus, daß Florence nur noch erschrockener wurde.

»Mama«, sagte sie, hastig näher tretend; »liebe Mama, was gibt es denn?«

»Ich bin nicht wohl gewesen«, versetzte Edith zitternd und mit demselben befremdlichen Ausdruck ihres Antlitzes. »Ich habe schlimme Träume gehabt, meine Liebe.«

»Und noch gar nicht im Bett gewesen, Mama?« entgegnete Florence.

»Nein«, erwiderte Edith. »Halbwache Träume.«

Ihre Züge wurden allmählich sanfter. Sie ließ Florence herankommen, schlang ihre Arme um sie und sagte in mildem Ton:

»Aber was macht mein Vögelchen hier – was macht mein Vögelchen hier?«

»Ich bin unruhig gewesen, Mama, weil ich Euch heute nacht nicht sah und weil ich nicht wußte, wie es dem Papa geht! Deshalb – –«

Florence hielt inne.

»Ist es schon spät?« fragte Edith, sanft die Locken zurückstreichend, die sich mit ihrem eigenen schwarzen Haar gemengt hatten und auf ihr Gesicht niedergefallen waren.

»Sehr spät. Nahezu Tag.«

»Nahezu Tag?« wiederholte sie erstaunt.

»Liebe Mama, was habt Ihr mit Eurer Hand gemacht?« fragte Florence.

Edith zog sie plötzlich zurück und betrachtete sie einen Augenblick mit dem früheren Ausdruck von Furcht – es lag eine Art scheuen Zurückbebens darin; dann aber entgegnete sie hastig.

»Nichts, nichts. Ein Stoß. Meine Florence!« fügte sie hinzu, und ihre Brust wogte schwer, während sie zugleich in ein leidenschaftliches Weinen ausbrach.

»Mama!« sagte Florence. »Was kann, was soll ich tun, um Euch glücklicher zu machen. Gibt es denn gar nichts?«

»Gar nichts«, lautete die Antwort.

»Wißt Ihr es auch gewiß? Wäre es nicht möglich? Ihr werdet mir gewiß keine Vorwürfe machen«, sagte Florence, »wenn ich jetzt, trotz unserer Übereinkunft von dem spreche, was meine Gedanken vorzugsweise beschäftigt.«

»Es ist vergeblich«, versetzte sie, »vergeblich. Ich habe dir gesagt, meine Liebe, daß ich von schlimmen Träumen heimgesucht wurde. Nichts kann sie anders machen, oder ihr Kommen hindern.«

»Ich verstehe Euch nicht«, entgegnete Florence, Edith in das aufgeregte Gesicht blickend, das immer düsterer zu werden schien.

»Ich träumte«, fuhr Edith mit gedämpfter Stimme fort, »von einem Stolz, der völlig machtlos ist fürs Gute, aber allmächtig für das Böse – von einem Stolz, der mich viele schimpfliche Jahre gequält und gehetzt hat, immer nur auf sich selbst zurückprallend –, von einem Stolz, der seine Besitzerin mit dem Bewußtsein der tiefsten Demütigung heimsuchte und sie nie unterstützte, dieselbe zu ahnden, ihr auszuweichen, oder zu sagen: ›dies darf nicht geschehen‹ – von einem Stolz, der unter gehöriger Leitung vielleicht zu besseren Dingen geführt haben würde, in seiner falschen, verkehrten Richtung aber wie alles andere, das der gleichen Besitzerin gehört, Selbstverachtung zur Folge hatte und am Ende nur in zugrunde richtender Unerschrockenheit bestand.«

Sie sah Florence nicht an und richtete auch ihre Worte nicht an das Mädchen, sondern sprach weiter, als ob sie allein wäre.

»Ich habe von Gleichgültigkeit und Härte geträumt, die aus dieser Selbstverachtung hervorgingen. O des elenden, unnützen, kläglichen Stolzes, der mit gedankenlosen Schritten sogar an den Altar trat, dem alten bekannten winkenden Finger nachgebend – o Mutter, Mutter! – während er ihn verachtete und ein für allemal lieber sich selbst gehaßt, als sich täglich seinen stets in neuer Gestalt auftretenden Foltern preisgegeben hätte. Trauriges, armes Geschöpf!«

Die Aufregung wurde übermächtig in ihr, und sie warf Florence wieder denselben Blick zu, wie bei ihrem Eintritt.

»Und ich träumte«, sagte sie, »daß er in einem ersten, späten Versuch, ein besseres Ziel zu erringen, niedergetreten wurde von einem schändlichen Fuß, obschon er Widerstand leistete. Es träumte mir, er sei verwundet, bedrängt und mit Hunden gehetzt worden. Aber er stellt sich zur Wehr und will sich nicht ergeben; nein, dies kann er nicht, selbst wenn er wollte; aber er sieht sich gezwungen, den Menschen zu hassen, gegen ihn aufzutreten und ihm Trotz zu bieten.«

Ihre Hand umfaßte den zitternden Arm, den sie in dem ihrigen hielt, fester, und als sie auf das verwunderte, erschreckte Antlitz niederschaute, wurden ihre Züge ruhiger.

»O Florence!« sagte sie, »ich bin heute nacht fast wahnsinnig geworden!«

Ihr stolzes Haupt sank demütig auf den Nacken des Mädchens nieder, und sie weinte abermals.

»Verlaß mich nicht! Bleibe mir nahe! Ich habe keine Hoffnung, als in dir!« Diese Worte wiederholte sie oft und vielmal.

Sie wurde bald wieder ruhiger. Florences Tränen und ihr Wachen zu so später Stunde erfüllte sie mit Mitleid. Da der Tag jetzt dämmerte, nahm Edith das Mädchen in ihre Arme, brachte es, ohne selbst niederzuliegen, auf ihr Bett, nahm daneben ihren Sitz und forderte es zu dem Versuch auf, zu schlafen.

»Denn du bist müde und unglücklich, mein Herz; du bedarfst der Ruhe.«

»Ach, teure Mama, heute nacht bin ich in der Tat unglücklich«, sagte Florence. »Aber auch Ihr seid müde und unglücklich.«

»Nicht, wenn du mir schlafend so nahe liegst, mein Herz.«

Sie küßten einander, und die erschöpfte Florence versank allmählich in einen sanften Schlummer. Aber als sich ihre Augen vor dem Gesicht neben ihr schlossen, kamen ihr so traurige Gedanken über das Gesicht oben, daß ihre Hand Edith nahete, als suche sie Trost bei ihr, obschon sie auch in dieser Gebärde zögerte, als fürchte sie, damit eine Sünde an ihm zu begehen. So versuchte sie in ihrem Schlaf die beiden zu versöhnen und ihnen zu zeigen, daß sie das eine wie das andere liebe; aber es wollte nicht gehen, und ihr wacher Gram bildete einen Teil ihrer Träume.

Edith, die an dem Bett saß, blickte auf die dunkeln Wimpern nieder, die feucht auf den glühenden Wangen lagen. Inniges Mitleid erfüllte ihre Seele, denn sie kannte die Wahrheit. Aber kein Schlaf senkte sich auf ihre Augen. Als der Tag kam, saß sie noch immer wachend da, die kleine Hand in der ihrigen, und wenn sie auf das geängstigte Gesicht niederschaute, flüsterte sie bisweilen: »Bleibe mir nahe, Florence. Ich habe keine Hoffnung, als in dir!«

Vierundvierzigstes Kapitel.


Vierundvierzigstes Kapitel.

Eine Trennung

Mit dem Tage, obschon nicht gleichzeitig mit der Sonne, stand Miß Susanna Nipper auf. Um die ungemein scharfen, schwarzen Augen dieser jungen Person lag eine Schwere, die das Funkeln derselben etwas minderte und im Widerspruch mit ihrer gewöhnlichen Eigenschaft auf die Möglichkeit hindeutete, daß sie bisweilen geschlossen seien. Auch ihr Gesicht sah geschwollen aus, als ob sie die Nacht über geweint hätte. Gleichwohl war die Nipper durchaus nicht niedergeschlagen, sondern auffallend lebhaft und kühn; sie schien alle ihre Tatkraft zu irgendeiner Heldentat aufgeboten zu haben. Dies gab sich sogar in ihrem Anzug, mit dem sie sich besondere Mühe gegeben, und in den gelegentlichen Rucken ihres Kopfes zu erkennen, die bei ihrem Umherschießen im Haus auf einen gewaltigen Entschluß hindeuteten. Mit einem Wort, sie hatte sich etwas Großes vorgenommen – nichts Geringeres, als bis zu Mr. Dombey zu dringen und diesen Gentleman unter vier Augen zu sprechen.

»Ich habe schon oft gesagt, ich wolle es tun«, bemerkte sie an jenem Morgen in drohender Weise und mit vielen Rucken ihres Kopfs gegen sich selbst; »aber jetzt muß es einmal geschehen.«

Mit einer Schärfe, wie sie nur ihr eigentümlich war, sich zur Ausführung dieses verzweifelten Planes spornend, spukte Susanna Nipper den ganzen Vormittag auf der Treppe und in der Halle umher, ohne für ihren Angriff eine günstige Gelegenheit zu finden. Sie ließ sich jedoch durch die vergeblichen Versuche nicht irre machen, sondern lauerte nur mit erhöhter Wachsamkeit, bis sie endlich gegen Abend bemerkte, ihre geschworene Feindin Mrs. Pipchin mache, weil sie die ganze Nacht über auf gewesen, in ihrem Zimmer ein Schläfchen und Mr. Dombey sei jetzt allein anzutreffen.

Mit einem Ruck – diesmal nicht bloß des Kopfes, sondern ihrer ganzen Person – schlich die Nipper auf den Zehen nach Mr. Dombeys Tür und klopfte.

»Herein!« sagte Mr. Dombey.

Susanna ermutigte sich mit einem Schlußruck und ging hinein.

Der auf einem Sofa liegende Mr. Dombey, der zum Zeitvertreib das Feuer betrachtet hatte, warf jetzt seinem Besuch einen erstaunten Blick zu und stützte sich ein wenig auf seinen Arm. Die Nipper machte einen Knix.

»Was wollt Ihr?« fragte Mr. Dombey.

»Mit Erlaubnis, Sir, ich wünsche mit Euch zu sprechen«, sagte Susanna.

Mr. Dombey bewegte seine Lippen, als wiederhole er die Worte, schien aber ob der Anmaßung des jungen Frauenzimmers so in Erstaunen verloren zu sein, daß er keinen Laut dafür finden konnte.

»Ich bin nun zwölf Jahre in Eurem Dienst, Sir«, sagte Susanna Nipper mit ihrer gewöhnlichen Geschwindigkeit, »und bediene so lang meine junge Lady, Miß Floy, die noch nicht recht sprechen konnte, als ich hierher kam, und ich war schon alt in diesem Hause, als Mrs. Richards neu war, und wenn ich auch kein Methusalem bin, so bin ich doch auch nicht ein Wickelkind.«

Mr. Dombey, der auf seinen Arm gestützt sie ansah, störte sie nicht in dieser einleitenden Aufzählung von Tatsachen.

»Es hat nie eine liebere oder gesegnetere junge Lady gegeben, als meine junge Lady ist, Sir«, fuhr Susanna fort, »und ich muß dies wohl besser wissen als irgend jemand, denn ich habe sie gesehen in ihrem Kummer und habe sie gesehen in ihrer Freude, was freilich nicht oft bei ihr vorkam, und ich habe sie gesehen mit ihrem Bruder und habe sie gesehen in ihrer Verlassenheit, und gewisse Personen haben sie nie gesehen, und ich sage jedem, der es hören will, ja, dies tue ich« – die Schwarzäugige schüttelte den Kopf und stampfte leicht mit dem Fuß – »daß Miß Floy der gesegnetste und liebevollste Engel ist, der je einen Lebensatem hatte, und je mehr man mich in Stücke reißen wollte, desto mehr würde ich es sagen, obschon ich vielleicht keine Märtyrerin bin.«

Der von seinem Sturz schon blasse Mr. Dombey wurde noch blasser vor Unwillen und Erstaunen, während seine Augen auf der Sprecherin hafteten, als glaubte er, daß diese Organe und seine Ohren dazu ihn betrögen.

»Man kann nichts anderes als treu und anhänglich an Miß Floy sein, Sir«, sagte Susanna, »und ich rechne mir meine zwölfjährige Dienstleistung nicht zum Verdienst an, denn ich liebe sie, – ja, und dies sage ich jedem, der es hören will!« – Die Schwarzäugige schüttelte abermals den Kopf, stampfte leicht mit dem Fuß und erstickte einen Seufzer; »aber meine treuen Dienste geben mir hoffentlich das Recht, zu sprechen, und sprechen muß und will ich jetzt, mag es nun recht oder unrecht ausfallen.«

»Was wollt Ihr damit, Weib?« rief Mr. Dombey sie mit großen Augen ansehend. »Wie könnt Ihr Euch unterstehen –«

»Ich will nur mit aller Achtung und ohne Anstoß zu geben mich aussprechen, Sir, und wie ich mich unterstehen kann, weiß ich selbst nicht, aber ich tue es einmal!« sagte Susanna. »O, Ihr kennt meine junge Dame nicht, Sir, Ihr kennt sie wahrhaftig nicht, denn wenn es der Fall wäre, würdet Ihr nicht so wenig von ihr wissen.«

Mr. Dombey streckte wütend seine Hand nach der Klingelschnur aus; aber sie befand sich nicht auf dieser Seite des Kamins, und er war nicht in der Lage, ohne Unterstützung aufzustehen und sich nach der andern hinüber zu begeben. Das rasche Auge der Nipper entdeckte augenblicklich seine Hilflosigkeit und wußte jetzt, wie sie nachher erklärte, daß sie ihn »fest« hatte.

»Miß Floy«, sagte Susanna Nipper, »ist die treuste, die geduldigste, die liebevollste und schönste von allen Töchtern, es gibt keinen Gentleman, nein, Sir, keinen, und wenn er so groß und so reich wie alle die Größten und Reichsten von ganz England zusammengenommen wäre, der nicht stolz sein dürfte auf sie, ja und stolz auf sie wäre und stolz auf sie sein sollte. Wenn er ihren Wert recht kennen würde, so würde er lieber seine Größe und sein Vermögen Stück für Stück aufgeben und sich in Lumpen von Tür zu Tür betteln – ja, dies erkläre ich jedem, der es hören will!« rief Susanna Nipper, in Tränen ausbrechend, »als über ihr zartes Herz das Leid bringen, das ich sie in diesem Hause habe erdulden sehen!«

»Weib«, rief Mr. Dombey, »verlaßt das Zimmer!«

»Mit Erlaubnis, nein, Sir«, entgegnete die beharrliche Nipper, »und wenn ich den Platz verlieren müßte, auf dem ich so viele Jahre gewesen und so viel gesehen habe, obschon ich hoffe, Ihr werdet nicht das Herz haben, mich um einer solchen Ursache von Miß Floy fortzuschicken. Ich gehe nicht, bis ich alles gesagt habe, ich bin vielleicht keine indianische Witwe, Sir, und will auch keine sein oder werden, aber wenn ich mir einmal vorgenommen hätte, mich lebendig zu verbrennen, so würde ich es tun, und jetzt habe ich den Entschluß gefaßt, weiter zu reden.«

Hieran ließ sich nicht zweifeln und Susanna Nippers Gesicht drückte es ebensogut aus, wie ihre Worte.

»Es gibt keine Person in Eurem Dienst, Sir«, fuhr die Schwarzäugige fort, »die vor Euch mehr Ehrfurcht gehabt hätte, als ich, und Ihr könnt Euch denken, wie wahr dies ist, wenn ich zu sagen so frei bin, daß ich hundert und hunderte Male daran gedacht habe, mit Euch zu reden, ohne zu einem Entschluß zu kommen, bis gestern nacht, aber die gestrige Nacht hat entschieden.«

In einer weiteren Zornaufwallung griff Mr. Dombey abermals nach der Klingelschnur, die nicht da war, und riß dann in Ermangelung derselben lieber an seinem Haar, als an gar nichts.

»Ich habe Miß Floy sich mühen und mühen sehen«, sagte Susanna Nipper, »als sie nur noch ein Kind war, so süß und geduldig, daß die besten Frauen sie zum Muster hätten nehmen können, ich habe gesehen, wie sie oft und vielmal die halbe Nacht aufblieb, um ihren zarten Bruder im Lernen zu unterstützen, ich habe gesehen, wie sie zu andern Zeiten ihm half und bei ihm wachte – manche Personen wissen wohl, wann –, ich habe gesehen, wie sie ohne Ermutigung und Beistand zu einer Lady heranwuchs, so daß sie, Gott sei Dank, der Stolz und die Zierde jeder Gesellschaft ist, in die sie geht, und habe immer gesehen, wie sie grausam vernachlässigt und ihr Herz bitter verletzt wurde – ja, dies erkläre ich jedermann, der es hören will – obschon sie nie ein Wörtchen darüber sagte – aber sich bescheiden und ehrerbietig gegen seine Oberen benehmen, ist noch kein Anbeten geschnitzter Bilder, und ich will und muß sprechen.«

»Ist denn niemand da!« rief Mr. Dombey laut hinaus. »Wo sind die Bedienten – wo die Weiber! Ist denn niemand da!«

»Ich verließ gestern nacht meine liebe junge Dame, wie sie noch nicht zu Bett gegangen war«, fuhr Susanna fort, ohne sich einschüchtern zu lassen, »und ich wußte, warum sie aufblieb, denn Ihr wart krank, Sir, und sie wußte nicht, wie krank, und dies reichte hin, um sie so elend zu machen, wie ich sie sah. Ich bin vielleicht kein Pfau, aber ich habe meine Augen, und ich blieb in meinem eigenen Stübchen auf, weil ich dachte, sie könnte in ihrer Einsamkeit mich brauchen, und da sah ich, wie sie die Treppe hinunterschlich und an diese Tür kam, als sei es ein Verbrechen, nach dem eigenen Pa zu sehen, und dann schlich sie wieder zurück in den langweiligen Salon, und weinte dabei so, daß ich es kaum mit anhören konnte. Nein, ich kann’s nicht mit anhören«, sagte Susanna, ihre schwarzen Augen wischend und sie furchtlos auf Mr. Dombeys wütendes Gesicht richtend. »Es ist nicht das erstemal, daß ich es gehört habe, o wie viel und vielmal, und ich wiederhole Euch, Ihr kennt Eure Tochter nicht, Sir, und wißt nicht, was Ihr tut, Sir, und ich erkläre jedem, der es hören will«, rief Susanna Nipper mit einem endlichen Losplatzen, »daß es eine Sünde und eine Schande ist!«

»Ei der Tausend!« rief die Stimme der Mrs. Pipchin, während das schwarze Bombassingewand jener schönen Märtyrerin der peruvianischen Minen in das Zimmer rauschte. »Was soll denn dies heißen?«

Susanna beglückte Mrs. Pipchin mit einem Blick, den sie schon bei der ersten Bekanntschaft ausdrücklich für sie erfunden hatte, und überließ die Antwort Mr. Dombey.

»Was dies heißen soll?« wiederholte Mr. Dombey fast schäumend. »Ich will an Euch diese Frage richten, Ma’am, denn bei Euch, die Ihr an der Spitze dieses Hauswesens steht und verpflichtet seid, es in Ordnung zu halten, ist sie wohl eher am Ort. Kennt Ihr dieses Weib?«

»Ich weiß nicht viel Gutes von ihr, Sir«, krächzte Mrs. Pipchin. »Wie kann ein solcher Racker sich unterstehen, hierher zu kommen! Fort mit Euch!«

Die unbeugsame Nipper beehrte jedoch Mrs. Pipchin nur mit einem weiteren Blick und blieb.

»Nennt Ihr es Ordnung im Hause halten, Madame«, sagte Mr. Dombey, »wenn eine Person, wie diese, hereinlaufen und mich anreden kann? Ein Gentleman – in seinem eigenen Hause – in seinem eigenen Zimmer – und nicht einmal sicher vor der Unverschämtheit weiblicher Dienstboten!«

»Ich beklage es ungemein, Sir«, entgegnete Mrs. Pipchin, und ihr hartes, graues Auge blitzte Rache. »Nichts kann ordnungswidriger, maßloser und toller sein; aber es tut mir leid, sagen zu müssen, Sir, daß diese junge Person aller Disziplin Trotz bietet. Sie ist von Miß Dombey verzogen worden und nimmt von niemand Belehrung an. Ihr wißt dies selbst am besten«, fügte Mrs. Pipchin mit Schärfe hinzu, indem sie gegen Susanna Nipper den Kopf schüttelte. »Pfui über den Racker! fort mit Euch!«

»Wenn Ihr in meinem Dienste Leute findet, die sich nicht fügen wollen, Mrs. Pipchin«, sagte Mr. Dombey, sich wieder dem Feuer zuwendend, »so wißt Ihr vermutlich, was mit ihnen zu geschehen hat. Es ist Euch doch bekannt, um wessen willen Ihr hier seid? Schafft sie fort!«

»Sir, ich weiß, was ich zu tun habe, und werde mich natürlich danach verhalten«, entgegnete Mrs. Pipchin. »Susanna Nipper«, fügte sie in kurz angebundener Abfertigung hinzu, »seht Euch auf heute über vier Wochen nach einem andern Platz um.«

»O, in der Tat?« rief Susanna, sich in die Brust werfend.

»Ja«, versetzte Mrs. Pipchin. »Ihr braucht nicht nach mir herzulächeln, Hexe, oder ich will den Grund wissen! Jetzt augenblicklich fort mit Euch!«

»Ja, Ich gehe augenblicklich, darauf mögt Ihr Euch verlassen«, entgegnete die zungenfertige Nipper. »Ich habe in diesem Haus meine junge Dame ein Dutzend Jahre bedient, will aber keine Stunde mehr bleiben, wenn ich von einer Person, die den Namen Pipchin führt, eine Kündigung annehmen muß, Mrs. P.«

»Gut, daß man dieses schlimme Unkraut los wird!« sagte die aufgebrachte alte Dame. »Fort mit Euch, oder ich lasse Euch in anderer Art den Weg weisen.«

»Es ist mir ein Trost«, entgegnete Susanna, auf Mr. Dombey zurückblickend, »daß ich mir heute doch ein Stückchen Wahrheit vom Herzen geschafft habe, das schon längst hätte heraus sollen und nie zu oft oder zu deutlich gesagt werden kann, gottlob, daß alle Pipchinsen der Welt – ich hoffe, ihre Anzahl ist nicht groß« (Mr. Pipchin stieß ein sehr scharfes »Fort mit Euch!« aus, und Miß Nipper wiederholte ihren Blick) – »nicht ungesprochen machen können, was ich gesagt habe, und wenn sie sich das ganze Jahr mit Kündigungen plagten von morgens zehn Uhr an ohne Unterlaß bis nachts zwölf und dann an Erschöpfung stürben, was eine Freude sein würde im Himmel und auf Erden.«

Mit diesen Worten ging Miß Nipper ihrem Feinde voran aus dem Zimmer und begab sich, zum bitteren Ärger der zornigen Pipchin, mit großer Stattlichkeit nach ihrem Zimmer hinauf, wo sie sich unter ihren Schachteln niedersetzte und zu weinen begann.

Aus dieser weichen Stimmung wurde sie bald durch die heilsame und erfrischende Wirkung geweckt, die Mrs. Pipchins Stimme vor der Tür draußen auf sie übte.

»Gedenkt die keckstirnige Schlumpe«, rief die schnöde Pipchin, »die Kündigung anzunehmen oder nicht?«

Miß Nipper erwiderte von innen, die angezogene Person wohne nicht in diesem Teil des Hauses; ihr Name sei Pipchin und man könne sie in dem Zimmer der Haushälterin finden.

»Naseweiser Balg!« erwiderte Mrs. Pipchin, mit der Hand an der Türklinke rasselnd. »Macht, daß Ihr noch in dieser Minute fortkommt. Packt augenblicklich Eure Sachen zusammen. Wie könnt Ihr Euch erdreisten, in solcher Weise mit einer anständigen Frau zu reden, die bessere Tage gesehen hat?«

Miß Nipper antwortete darauf aus ihrer Festung, sie habe Mitleid mit den besseren Tagen, die Mrs. Pipchin gesehen, und was sie selbst betreffe, so betrachte sie es für die schlimmsten Tage im Jahr, wenn man in Sehweite dieser Dame sein müsse, obschon sie für besagte Dame selbst noch viel zu gut seien.

»Ihr habt übrigens nicht nötig, so viel Lärm an meiner Tür zu machen«, fuhr Susanna Nipper fort, »und braucht auch das Schlüsselloch nicht mit Eurem Auge zu verunreinigen, denn Ihr könnt darauf schwören, daß ich jetzt zusammenpacke und mich zum Fortgehen fertig mache.«

Die Witwe drückte ihre lebhafte Zufriedenheit über diese Kunde aus und entfernte sich unter einigen Bemerkungen über junge Racker im allgemeinen nebst einigen besonderen Hindeutungen auf ihre Wertlosigkeit, wenn sie durch Miß Dombey verzogen seien, um den Lohn der anstößigen Person ins reine zu bringen. Susanna tummelte sich nun mit ihren Koffern, um sogleich einen würdevollen Weggang feiern zu können, schluchzte aber aus tiefstem Herzen, so oft sie an Florence dachte.

Der Gegenstand ihres Leides zögerte nicht lange, zu ihr zu kommen, denn die Kunde, Susanna Nipper habe mit Mrs. Pipchin Streit gehabt, verbreitete sich schnell durch das ganze Haus mit dem Zusatz, die beiden feindseligen Parteien hätten sich auf Mr. Dombey berufen, in dessen Zimmer ein beispielloser Auftritt stattgefunden habe; die Folge davon sei, daß Susanna fort müsse. Den letzteren Teil dieses verwirrten Gerüchtes erkannte Florence als Wahrheit; denn als sie in Susannas Zimmer trat, fand sie, daß ihre treue Dienerin schon den letzten Koffer geschlossen und mit ihrem Hut auf demselben Platz genommen hatte.

»Susanna!« rief Florence. »Du willst mich verlassen? Du?«

»O, um aller Barmherzigkeit willen. Miß Floy«, versetzte Susanna schluchzend, »redet doch kein Wort mit mir, oder ich mache mich gemein vor den Pi–i–ipchinsen, und ich möchte nicht um alle Welt, Miß Floy, daß sie mich weinen sähe!«

»Susanna!« versetzte Florence. »Mein liebes Mädchen – meine alte Freundin! Was soll ich anfangen ohne dich? Kannst du es über dich gewinnen, so zu gehen?«

»Nei–ei–ei–ein, meine liebe herzige Miß Floy, ich kann es in der Tat nicht«, schluchzte Susanna. »Aber es läßt sich nicht ändern, ich habe meine Pflicht getan, Miß, ja, das habe ich, und die Schuld liegt nicht an mir. Ich muß mich darein erge–ben. Ich könnte meinen Monat nicht aushalten oder könnte Euch dann gar nicht verlassen, meine teure Miß, und ich müßte es am Ende doch so gut wie jetzt; sprecht nicht mit mir, Miß Floy, denn wenn ich auch ziemlich fest zu sein glaube, bin ich doch kein marmorner Türpfosten, meine liebe Miß.«

»Was hat es denn gegeben? Warum dies?« fragte Florence. »Du willst es mir nicht sagen?« fügte sie hinzu, da Susanna den Kopf schüttelte.

»Nei–nei–nein, meine liebe Miß«, entgegnete Susanna. »Fragt mich nicht, denn ich kann nicht, und was Ihr auch tun mögt, so legt ja kein gutes Wort für mich ein, denn es geschähe doch nicht, und Ihr würdet nur Euch selbst unrecht tun, so behüt Euch Gott, mein liebes Herz, und vergebt mir, was ich Euch in allen diesen vielen Jahren zuleid getan habe!«

Mit dieser aus tiefstem Herzen kommenden Bitte schlang Susanna die Arme um ihre Gebieterin.

»Meine liebe Miß, es gibt viele, die Euch dienen können und froh darüber sein werden, ja, und wohl auch Euch gute, treue Dienste leisten«, sagte Susanna; »aber das ist mein Trost, daß Euch niemand mit so viel Anhänglichkeit dienen oder Euch nur halb so lieben kann, wie ich. Lebt wo–o–ohl, süße Miß Floy!«

»Und wohin willst du gehen, Susanna?« fragte Florence unter Tränen.

»Ich habe einen Bruder im Lande drunten. Miß – einen Farmer in Esser«, versetzte die Nipper unter herzbrechendem Schluchzen, »der immer so viele Kü–ü–ühe hält und Schweine, und ich will mit der Landkutsche zu ihm fahren und bei ihm bleiben; kümmert Euch nicht um mich, denn ich habe Geld in der Sparkasse, meine Liebe, und brauche nicht sogleich wieder in Dienst zu gehen, was ich jetzt ja doch nicht könnte, meine herzige Miß Floy.«

Susanna schloß mit einem Schmerzensausbruch, dem zu gelegener Zeit Einhalt geschah durch die Stimme der Mrs. Pipchin, die unten sprach. Sobald sie dies hörte, trocknete sie ihre roten, geschwollenen Augen und versuchte die nur schlecht gelingende Ausrede, Mr. Towlinson munter zuzurufen, er solle einen Wagen holen und ihre Koffer hinuntertragen.

Die arme Florence wagte es auch hier nicht, nutzlose Fürsprache einzulegen, weil sie eine neue Spaltung zwischen ihrem Vater und seiner Gattin, deren finsteres, entrüstetes Gesicht ihr schon vor einigen Augenblicken zur Warnung gedient hatte, zu veranlassen fürchtete; ja sie besorgte sogar, daß sie, ohne es zu wissen, Schuld trage an der Verabschiedung ihrer alten Dienerin und Freundin, weshalb sie der letzteren trostlos, blaß und unter Tränen in Ediths Salon nacheilte, wohin sich Susanna begeben hatte, um sich von Mrs. Dombey zu verabschieden.

»So, der Wagen ist da und die Koffer sind draußen. Jetzt fort mit Euch!« sagte Mrs. Pipchin, die fast in dem gleichen Augenblick eintrat. »Ich bitte um Verzeihung, Ma’am, aber Mr. Dombey hat die bestimmtesten Befehle erteilt.«

Edith, der das Kammermädchen sich ankleiden half – sie wollte auswärts speisen – bewahrte ihr stolzes Gesicht und tat, als ob sie nichts hörte.

»Hier ist Euer Geld«, sagte Mrs. Pipchin, die gemäß ihres alten Systems mit den Dienstboten umzugehen gewöhnt war, wie sie ihre jungen Brightoner Kostgänger behandelt hatte – zur unsterblichen Erbitterung des Master Bitherstone, »und je früher dies Haus Euern Rücken sieht, desto besser ist es.«

Susanna war so kleinlaut, daß sie nicht einmal Mrs. Pipchin den Blick zuwerfen konnte, der ihr von Rechts wegen gebührte; sie machte daher ihre Verbeugung gegen Mrs. Dombey, die, ohne ein Wort zu sprechen, den Kopf neigte und nur für Florence einen Blick zu haben schien, umschlang ihre junge Gebieterin noch einmal und nahm deren Abschiedsumarmung entgegen. Bei dieser Krisis zeigte das Gesicht der armen Susanna eine Reihe der außerordentlichsten physiognomischen Erscheinungen, die man je sehen konnte, denn sie war, trotz des Überströmens ihrer Gefühle, entschlossen, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es nicht für Mrs. Pipchin hörbar würde und diese liebenswürdige Dame einen Triumph feiern könnte.

»Ich bitte um Verzeihung, Miß«, sagte Towlinson, der mit den Koffern vor der Tür stand, zu Florence, »aber Mr. Toots ist in dem Speisezimmer und läßt unter Vermeldung seiner Komplimente anfragen, wie es Diogenes und dem Herrn ergehe.«

Mit Gedankenschnelle glitt Florence aus dem Zimmer und eilte die Treppe hinunter, wo sie Mr. Toots in seiner prächtigsten Kleidung, der im Zweifel und in der Aufregung über den Zweck seines Erscheinens kaum atmen konnte, antraf.

»O, wie geht es Euch, Miß Dombey?« sagte Mr. Tools. »Um Gottes willen!«

Dieser letztere Ausruf hatte seinen Grund in seiner tiefen Teilnahme mit dem Kummer, den er in Florences Antlitz bemerkte. Mr. Toots hielt sogar in einem Anfall von Kichern inne und bot ein leibhaftiges Bild der Verzweiflung dar.

»Lieber Mr. Toots«, sagte Florence, »Ihr seid so freundlich gegen mich und so ehrlich, daß ich Euch gewiß um eine Gefälligkeit bitten darf.«

»Miß Dombey«, entgegnete Mr. Toots, »wenn Ihr mir etwas auftragen wollt, so werdet Ihr – werdet Ihr mir meinen Appetit wiedergeben, der mir«, fügte er mit Gefühl hinzu, »seit langer Zeit vergangen ist.«

»Susanna, eine alte Freundin von mir, die älteste, die ich habe«, sagte Florence, »ist im Begriff, plötzlich das Haus zu verlassen, und das arme Mädchen steht so ganz allein. Sie will in ihre Heimat auf dem Lande. Darf ich Euch bitten, daß Ihr Euch ihrer annehmt, bis sie in der Kutsche ist?«

»Miß Dombey«, erwiderte Mr. Toots, »Ihr erweist mir in der Tat eine Ehre und eine Liebe. Dieser Beweis Eures Vertrauens nach der erzdummen Weise, in der ich mich in Brighton benahm –«

»Ja«, versetzte Florence hastig – »nein, denkt nicht daran. Ihr wollt also die Güte haben, zu – zu gehen – und sie zu erwarten, bis sie herauskommt? Tausend, tausend Dank! Ihr erleichtert mir das Herz. Sie sieht dann doch nicht so ganz verlassen aus. Ihr könnt gar nicht glauben, wie verpflichtet ich mich Euch fühle oder welchen Freundschaftsdienst Ihr mir erweist.«

Und Florence dankte ihm in ihrem Eifer wieder und wieder, während Toots in dem seinen forteilte – aber rücklings, damit er ja keinen Blick von ihr verliere.

Florence hatte nicht den Mut, hinauszutreten, als sie die arme Susanna in die Halle kommen sah, Mrs. Pipchin hinter ihr drein und Diogenes um sie herhüpfend, bei welcher Gelegenheit letzterer Mrs. Pipchin im höchsten Grade durch sein wiederholtes Schnappen nach ihren Bombassinschößen und durch sein ohrzerreißendes Heulen bei dem Ton ihrer Stimme erschreckte; denn die gute Duenna war die teuerste Antipathie seiner Hundebrust. Aber sie sah, wie Susanna sämtlichen Dienstboten die Hand drückte und noch einmal sich umwandte, um ihre alte Heimat zu betrachten: und sie sah Diogenes, der mit ihr wollte, nach dem Wagen hinausstürzen, wo er fast nicht überzeugt werden konnte, daß er nicht mit zu der Fracht gehöre. Der Kutschenschlag wurde geschlossen, das Getümmel legte sich, und ihre Tränen flossen um den Verlust einer alten Freundin, die niemand ersetzen konnte. Niemand. Niemand.

Mr. Toots, die treue zuverlässige Seele, hatte im Nu den Wagen angehalten und teilte Susanna Nipper seinen Auftrag mit, über den sie nur um so heftiger weinte.

»Auf Leib und Seele!« sagte Toots, der seinen Sitz an ihrer Seite nahm, »ich fühle für Euch. Bei meinem Ehrenwort, ich glaube, Eure Empfindungen können Euch kaum so klar sein, als ich sie mir vorstelle. Es gibt gewiß nichts Schrecklicheres, als Miß Dombey verlassen zu müssen.«

Susanna gab sich jetzt ganz ihrem Schmerze hin, und es war in der Tat rührend, sie anzusehen.

»O, tut dies jetzt nicht«, sagte Mr. Toots. »Ich meine wenigstens, es wäre jetzt besser, wenn – –«

»Wenn was, Mr. Toots?« entgegnete Susanna.

»Wenn Ihr mit mir nach Hause ginget und ein Diner einnähmet, ehe Ihr aufbrecht«, sagte Mr. Toots. »Meine Köchin ist eine sehr achtbare Person – eine der mütterlichsten Personen, die ich je gesehen habe – und es wird sie freuen, wenn sie’s Euch gemütlich machen kann. Ihr Sohn«, fügte Mr. Toots als zugäbliche Empfehlung bei, »wurde in der Blaurockschule erzogen und flog mit einer Pulvermühle in die Luft.«

Da Susanna dieses freundliche Anerbieten gefiel, so führte Mr. Toots sie nach seiner Wohnung. Sie wurden daselbst von der fraglichen Matrone, die das ihr gespendete Lob vollkommen rechtfertigte, und von dem Preishahn empfangen, der, als er in dem Wagen eine Dame sah, anfänglich glaubte, Mr. Dombey sei in Gemäßheit seines alten Rats eingeknickt und Miß Dombey entführt worden. Dieser Gentleman setzte Miß Nipper in nicht geringeres Erstaunen, denn er hatte in dem Kampf mit einem übermütigen Jungen eine Niederlage erlitten, und infolge davon befand sich sein Gesicht in einem so kläglichen Zustand, daß er sich in Gesellschaft kaum zeigen konnte, ohne bei den Zuschauern Anstoß zu erregen. Der Preishahn selbst schrieb seinen Nachteil dem Umstand zu, daß der Straßenjunge zu unehrenhaften, nicht kampfgerechten Mitteln Zuflucht genommen habe, obschon die veröffentlichten Gerüchte über diesen großen Strauß das Gegenteil behaupteten und dem andern Streiter bezeugten, er habe den Preishahn in aller Ordnung gewalkt und gepfeffert, bis derselbe demütig weich nachgegeben habe.

Nach einem guten Mahl, bei dem es der gastfreundliche Toots an nichts fehlen ließ, brach Susanna wieder von ihrem Wirte begleitet in einem andern Wagen nach dem Beförderungsbureau auf. Bei dieser Gelegenheit bestieg der Preishahn den Bock, obschon dieser Ehrenmann – um seiner zahlreichen Pflaster willen – der kleinen Gesellschaft nicht sehr zur Zierde gereichte, wie hoch auch die Auszeichnung anzuschlagen sein mochte, die er derselben durch das moralische Gewicht und den Heroismus seines Charakters zuteil werden ließ. Der Preishahn hatte übrigens im geheimen ein Gelübde getan, von Mr. Toots, der im Innern seines Herzens sich sehnte, ihn los zu werden, bloß unter der Bedingung abzulassen, daß ihm derselbe durch seine Mittel zur Betreibung einer Wirtschaft behilflich sei – ein Geschäft, das ihm sein ehrgeiziger Wunsch, sich sobald als möglich tot zu trinken, besonders wünschenswert erscheinen ließ, und um diesen Zweck um so eher zu erreichen, war er mit sich einig geworden, seine Gesellschaft so unangenehm als möglich zu machen.

Die Nachtkutsche, deren sich Susanna zu ihrer Reise bedienen wollte, war eben im Begriff, abzufahren. Nachdem Mr. Toots die junge Dame im Innern untergebracht hatte, zögerte er noch unschlüssig an dem Schlage, bis der Kutscher sich anschickte, den Bock zu besteigen. Dann schwang er sich in den Tritt hinauf, zeigte im Licht der Lampe sein ängstliches, verwirrtes Gesicht und sagte abgebrochen:

»He, Susanna! Miß Dombey, Ihr wißt –«

»Ja, Sir.«

»Glaubt Ihr, sie könnte – Ihr wißt – wie?«

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Toots«, versetzte Susanna, »aber ich höre Euch nicht.«

»Glaubt Ihr, sie könnte – Ihr versteht mich – nicht gerade auf einmal, aber mit der Zeit – wie lange es auch anstehen mag, dazu gebracht werden, mich – zu – zu lieben? So!« sagte der arme Mr. Toots.

»O Himmel, nein!« entgegnete Susanna, den Kopf schüttelnd. »Ich darf wohl sagen nie. Ni – ie!«

»Danke Euch«, sagte Mr. Toots. »Es ist von keinem Belang. Gute Nacht. Es ist von keinem Belang, danke Euch.«

Fünfundvierzigstes Kapitel.


Fünfundvierzigstes Kapitel.

Die zuverlässige Mittelsperson.

Edith ging an jenem Tag allein aus und kehrte früh wieder zurück. Es waren nur wenige Minuten nach zehn Uhr, als ihr Wagen in die Straße einfuhr, in der Mr. Dombeys Haus stand.

Auf ihrem Antlitz lag dieselbe erzwungene Ruhe, wie zur Zeit, als sich Susanna von ihr verabschiedete, und der Kranz auf ihrem Kopf umgab die nämliche kalte, feste Stirne. Es wäre aber ein minder bedrückender Anblick gewesen, wenn ihre leidenschaftliche Hand die Blätter und Blumen in Stücke zerrissen, oder das krampfhafte Pochen eines nach Ruhe sich sehnenden wirren Gehirns den Kranz formlos gemacht hätte. So starr, so unnahbar und unbeugsam, daß man glauben mußte, nichts könne das Herz eines solchen Weibes erweichen und alles im Leben habe nur dazu beigetragen, es zu verhärten.

Sie war vor der Haustür angelangt und wollte eben aussteigen, als jemand, der mit entblößtem Haupt in der Halle stand, herankam und ihr den Arm darbot. Da der Diener beiseite gedrängt worden war, so blieb ihr keine andere Wahl, als die Hilfe anzunehmen, und nun sah sie, wessen Arm ihr dieselbe geboten hatte.

»Was macht Euer Patient, Sir?« fragte sie mit aufgeworfener Lippe.

»Es geht besser«, versetzte Carker. »Es geht ihm ganz gut. Ich habe ihm bereits gute Nacht gewünscht.«

Sie beugte den Kopf und wollte eben die Treppe hinaufgehen, als er sie noch mit den Worten zurückhielt:

»Madame, darf ich mir die Gunst eines kurzen Gehörs erbitten?«

Sie blieb stehen und schaute nach ihm zurück.

»Die Zeit ist sehr unpassend, Sir, und ich bin müde. Habt Ihr ein so dringendes Anliegen?«

»Ein sehr dringendes«, versetzte Carker. »Da ich so glücklich war, Euch noch zu treffen, so gestattet mir, meine Bitte zu wiederholen.«

Sie blickte einen Moment auf seine glänzenden Zähne, während er nach ihr, die in ihrem stattlichen Anzug ein paar Treppen höher stand, hinaufsah und abermals dachte, wie schön sie sei.

»Wo ist Miß Dombey?« fragte sie den Diener laut.

»In dem Frühstückszimmer, Ma’am.«

»So geht dahin voran!«

Sie wandte ihre Augen abermals nach dem aufmerksamen Gentleman am Fuß der Treppe, bedeutete ihm mit einem leichten Winke ihres Kopfes, daß er ihr folgen könne, und ging weiter.

»Ich bitte um Verzeihung, Madame – Mrs. Dombey!« rief der glatte hurtige Carker, der im Nu an ihrer Seite war. »Ist mir die Bitte gestattet, mein Anliegen Euch nicht in Miß Dombeys Gegenwart vorbringen zu dürfen?«

Sie sah ihn mit einem raschen Blick, aber mit derselben Fassung und Festigkeit an.

»Ich möchte Miß Dombey die Kunde von dem ersparen, was ich Euch zu sagen habe«, fuhr Carker mit gedämpfter Stimme fort. »Wenigstens solltet Ihr entscheiden können, Madame, ob sie davon wissen soll oder nicht. Es geschieht um Eurer selbst willen, und ich glaube, Euch dies schuldig zu sein. Nach unserer früheren Besprechung wäre es schmählich von mir, wenn ich anders handelte.«

Sie wandte langsam ihre Augen von seinem Gesicht ab und rief dem Diener zu: »Ein anderes Zimmer.« Letzterer ging nach dem Salon voran, wo er Lichter aufstellte und sich sodann entfernte. Während seiner Abwesenheit wurde kein Wort gesprochen. Edith nahm auf einem Sofa neben dem Kamin Platz, während Mr. Carker, den Hut in der Hand und die Augen auf den Teppich gerichtet, in einiger Entfernung vor ihr stehen blieb.

»Ehe Ihr sprecht, Sir«, sagte Edith, sobald die Tür geschlossen war, »wünsche ich, daß Ihr mich anhöret.«

»Von Mrs. Dombey angeredet zu werden«, versetzte er, »selbst wenn es im Tone unverdienten Vorwurfs geschieht, ist eine Ehre, die ich so hoch zu schätzen weiß, daß ich, wäre ich auch nicht in allen Stücken ihr Diener, mich aufs bereitwilligste einem solchen Wunsche unterwerfe.«

»Wenn Ihr von dem Manne, den Ihr eben verlassen« – Mr. Carker erhob seine Augen, als wolle er damit Überraschung ausdrücken, aber der Blick, mit dem ihm die ihren entgegenkamen, taten ihm, wenn anders dies seine Absicht war, Einhalt – »einen Auftrag an mich auszurichten habt, so gebt Euch keine Mühe damit, denn ich werde ihn nicht annehmen. Ich brauche kaum zu fragen, ob Ihr zu einem solchen Zweck hier seid, denn ich habe längst etwas Derartigem entgegengesehen.«

»Leider bin ich ganz gegen meinen Willen in solcher Absicht hier«, versetzte er. »Erlaubt mir, zu bemerken, daß zwei Punkte mich zu Euch führen, den einen habt Ihr erraten.«

»Er ist abgetan, Sir«, erwiderte sie. »Oder wenn Ihr darauf zurückkommt – –«

»Kann Mrs. Dombey glauben«, sagte Carker, näher tretend, »daß ich so ihren Befehlen zuwiderzuhandeln imstande bin. Ist es möglich, daß Mrs. Dombey mit Absicht so ungerecht sein kann, ohne Rücksicht auf meine leidige Stellung mich stets für unzertrennlich von meinem Auftraggeber zu halten?«

»Sir«, entgegnete Edith, ihren dunkeln Blick voll auf ihn heftend und in einer steigenden Leidenschaftlichkeit sprechend, unter der ihre stolzen Nasenlöcher sich ausdehnten, der Busen schwoll und der leicht um ihre Schultern geworfene zarte weiße Schwanenpelz in seiner schneeigen Nachbarschaft unruhig sich bewegte, »warum tretet Ihr, wie Ihr es getan habt, vor mich hin, um mit mir von Liebe und Pflicht gegen meinen Gatten zu reden und Euch anzustellen, als haltet Ihr mich für glücklich verheiratet und als seiet Ihr der Meinung, ich ehre ihn? Wie erdreistet Ihr Euch, mich so zu kränken, während Ihr doch wißt – ich selbst weiß es nicht besser, Sir, denn ich habe dies in jedem Eurer Blicke gesehen, in jedem Eurer Worte gehört – daß zwischen uns statt Liebe Abneigung und Verachtung herrscht, daß ich ihn kaum weniger verabscheue, als ich mich selbst verabscheue, weil ich die Seinige heiße? Ungerechtigkeit! Hätte ich der Qual, die Ihr mich fühlen ließt, und dem Schimpf, den Ihr mir antatet, Genüge leisten wollen, so hätte ich Euch ermorden müssen!«

Sie hatte ihn gefragt, warum er dies getan habe. Wäre sie nicht durch ihren Stolz, ihren Zorn und ihre Selbstdemütigung geblendet gewesen – dies war der Fall, so wild sie auch ihren Blick auf ihn heftete – so hätte sie in seinem Gesicht die Antwort lesen können. Der Grund war, sie zu dieser Erklärung zu bringen.

Sie sah es jedoch nicht und kümmerte sich auch nicht darum, da sie nur ein Auge für die Beschimpfungen und Kämpfe hatte, die sie durchgemacht, die ihr noch bevorstanden und die eben jetzt ihr Innerstes durchwühlten. Während sie so dasaß und ihren Blick eher ihrer Zerrissenheit als ihm zuwandte, riß sie aus der Schwinge eines seltenen schönen Vogels, der an einem goldenen Kettchen von ihrem Armband niederhing, um ihr als Fächer zu dienen, die Federn und streute sie über den Boden.

Er bebte nicht zurück vor ihrem Blick, sondern blieb in der Erwartung, bis die äußeren Zeichen ihres unwillkürlich ausbrechenden Zornes sich gelegt hätten, mit der Miene eines Mannes stehen, der auf eine genügende Antwort gefaßt und sie vorzubringen bereit ist. Dann begann er mit einem festen Blick in ihre funkelnden Augen:

»Madame«, sagte er, »ich weiß und wußte längst, daß ich bei Euch nicht in Gunst stehe. Auch der Grund ist mir bekannt. Ja. Ich weiß, warum. Ihr habt offen gegen mich gesprochen, und ich fühle mich so erleichtert durch den Besitz Eures Vertrauens – –«

»Vertrauen!« wiederholte sie mit Verachtung.

»– Daß ich nicht versuchen will, etwas vor Euch zu verhehlen. Ich sah in der Tat von Anfang an, daß Ihr keine Liebe hegtet zu Mr. Dombey – wie hätte dies auch bei so verschiedenen Charakteren möglich sein können! Auch entging mir nicht, daß seitdem mächtigere Gefühle als bloße Gleichgültigkeit in Eurer Brust um sich griffen – wie ließ sich dies auch unter Verhältnissen, wie die Euren sind, anders erwarten! Aber kam es mir zu, dieses mein Mitwissen in Worten gegen Euch kundzugeben?«

»Kam es Euch zu, Sir«, versetzte sie, »einen andern Glauben zu heucheln und ihn dreist mir Tag für Tag vorzuhalten?«

»Ja, Madame«, entgegnete er hastig. »Hätte ich weniger getan, hätte ich überhaupt anders gehandelt, so könnte ich nicht so mit Euch sprechen, und ich sah voraus – wer könnte dies besser, als ein Mann, der Mr. Dombey so genau kennt, wie ich? – wenn Euer Charakter nicht ebenso nachgiebig und gehorsam wäre, als der seiner ersten unterwürfigen Gattin, was ich von Euch nicht annahm – –«

Ein stolzes Lächeln gab ihm Anlaß, zu glauben, daß er dies wiederholen könne.

»Ich sage, was ich von Euch nicht annahm – so müsse ohne Zweifel eine Zeit kommen, in der ein Einverständnis wie das, zu dem es jetzt zwischen uns gekommen ist, zweckmäßig werden könnte.«

»Für wen zweckmäßig, Sir?« fragte sie verächtlich.

»Für Euch. Ich will nicht hinzufügen, für mich, weil ich mich enthalten soll, Mr. Dombey auch das beschränkte Lob zu spenden, das ich ihm mit aller Ehrlichkeit nachrühmen kann. Ich möchte mir nicht das Unglück zuziehen, einer Dame, deren Widerwillen und Verachtung« – er sprach dies mit großem Nachdruck – »so bitter sind, etwas Unangenehmes zu sagen.«

»Es ist sehr ehrlich von Euch, Sir«, versetzte Edith, »dieses beschränkte Lob einzuräumen und sogar von ihm in solchem Ton der Geringschätzung zu sprechen, während Ihr doch sein Hauptratgeber und Schmeichler seid.«

»Ratgeber – ja«, sagte Carker. »Schmeichler – nein. Ich fürchte, ein wenig Rückhaltung einräumen zu müssen; aber unser Interesse und die Schicklichkeit überhaupt nötigen gemeiniglich viele von uns, sich in einer Weise zu benehmen, bei der das Gefühl sich nicht beteiligen kann. Es gibt jeden Tag Geschäftsverbindungen aus Interesse und Konvenienz, einen Verkehr im allgemeinen aus Interesse und Konvenienz, und Heiraten aus Interesse und Konvenienz.«

Sie biß sich in ihre blutrote Lippe, ohne jedoch den düsteren strengen Blick, mit dem sie ihn ins Auge faßte, von ihm zu wenden.

»Madame«, fuhr Mr. Carker fort, mit der Miene der tiefsten, rücksichtsvollsten Achtung sich auf einen in der Nähe stehenden Sessel niederlassend, »warum sollte ich jetzt, der ich mich ganz und gar Eurem Dienst geweiht habe, Anstand nehmen, offen zu sprechen? Es war natürlich, daß eine Dame von Euren trefflichen Eigenschaften es für möglich hielt, in manchem Betracht den Charakter ihres Gatten umzuwandeln und ihn in eine bessere Form zu gießen.«

»Bei mir war dies nicht natürlich, Sir«, entgegnete sie. »Ich habe nie etwas der Art erwartet oder beabsichtigt.«

Das stolze unerschütterliche Gesicht zeigte ihm, daß es entschlossen war, die ihm angebotene Maske nicht aufzunehmen, und rücksichtslos sich zeigen wollte, in was immer für einem Lichte es dann auch erscheinen mochte.

»Wenigstens war es natürlich«, nahm er wieder auf, »daß Ihr es für möglich hieltet, mit Mr. Dombey als Gattin zu leben, ohne Euch ihm zu unterwerfen oder ohne mit ihm in einen so entschiedenen Widerstreit zu kommen. Wenn Ihr übrigens dies glaubt, so habt Ihr, wie Euch seitdem die Erfahrung gelehrt haben muß, Mr. Dombey nicht gekannt. Ihr wußtet nicht, wie anspruchsvoll und stolz er ist. Wenn ich mich so ausdrücken darf, so möchte ich ihn den Sklaven seiner Größe nennen, denn er zieht im Joche seines eigenen Triumphwagens wie ein Lasttier, ohne einer andern Idee Raum zu geben, als daß er ihn hinter sich habe, und daß er über und durch alles fortgeschleppt werden müsse.«

Seine Zähne glänzten in boshaftem Behagen über diesen Gedanken, während er zu sprechen fortfuhr:

»Mr. Dombey, Madame, ist gegen Euch ebensowenig einer wahren Rücksicht fähig, als gegen mich. Der Vergleich scheint zwar einen ungeheuren Abstand zu bieten; aber sei es darum – er ist richtig. Im Gefühl seiner Machtvollkommenheit stellte mir Mr. Dombey gestern das Ansinnen, ich solle seine Mittelsperson gegen Euch machen – wie er mir selbst mitteilte, aus keinem andern Grund, als weil er weiß, daß ich Euch unangenehm bin, und er in dieser Weise die Strafe zu erhöhen meint: auch ist er in der Tat der Ansicht, daß die Verwendung seines bezahlten Dieners in solchen Aufträgen der Würde – nicht der Dame, mit der ich zu sprechen das Glück habe, denn diese ist für ihn gar nicht vorhanden, sondern seiner Gattin, eines Teils seiner eigenen Person, Abtrag tue. Ihr könnt Euch denken, wie rücksichtslos er gegen mich ist, und wie er sogar nicht die Möglichkeit zu fassen vermag, als könnte ich hierin anderer Meinung sein, wenn er mir so unumwunden mitteilt, daß er sich aus einem solchen Grunde meiner Vermittlung bediene. Auch erseht Ihr vollkommen seine Gleichgültigkeit gegen Eure Gefühle aus dem Umstand, daß er Euch mit einem solchen Boten drohte – denn natürlich ist Euch noch im Gedächtnis, daß er dies getan hat.«

Sie faßte ihn noch immer aufmerksam ins Auge, aber er sie gleichfalls, und es wurde ihm daraus klar, daß ein Mitwissen um einen Auftritt, der zwischen ihr und ihrem Gatten vorgegangen war, in ihrer stolzen Brust wie ein vergifteter Pfeil schmerzte.

»Ich führe dies nicht an, um die Kluft zwischen Euch und Mr. Dombey zu erweitern, Madame – der Himmel verhüte dies, denn was könnte es mir nützen – sondern nur um Euch zu beweisen, wie hoffnungslos es ist, ihn zur Überzeugung zu bringen, daß irgend jemand Rücksicht verdiene, sobald er in Frage kommt. Ich muß allerdings sagen, daß wir, die wir um ihn sind, in unsern verschiedenen Stellungen das Unsrige beigetragen haben, um ihn in dieser Denkweise zu befestigen; aber wäre es von uns nicht geschehen, so würden es andere getan haben – oder sie hätten’s nicht bei ihm aushalten können. So ist es immer gewesen, ich möchte sagen vom Beginn seines Lebens an. Mit einem Wort, Mr. Dombey hat nie mit jemand anders verkehrt, als mit unterwürfigen, abhängigen Personen, die Knie und Nacken vor ihm beugten. Er weiß nicht, was es heißt, beleidigten Stolz und den kräftigen Willen, eine Kränkung zu ahnden, gegen sich zu haben.«

»Jetzt soll er es erfahren«, schien sie zu entgegnen, obschon ihre Lippen sich nicht öffneten und ihr Auge unbeweglich blieb. Er sah den weichen Schwanenpelz abermals auf ihrer Brust zittern, sah, wie sie das Gefieder des schönen Vogels einen Augenblick an ihren Busen drückte, und schlug einen weiteren Ring des Taus, mit dem er sich ausgerüstet hatte.

»Obschon ein im höchsten Grade ehrenhafter Mann«, fuhr er fort, »so ist er doch sehr geneigt, selbst die Tatsachen, die gegen ihn sprechen, nach seinem eigenen Sinn zu verdrehen, und ich kann Euch kein besseres Beispiel davon geben, als wenn ich Euch sage: er glaubt aufrichtig (Ihr werdet die Torheit dessen, was ich nun vorbringe, entschuldigen, da sie nicht von mir ausgeht), seine entschiedene Meinungsäußerung gegen seine dermalige Gattin bei einem gewissen besonderen Anlaß, der, wie sie sich erinnern wird, vor dem viel beklagten Tode der Mrs. Skewton stattfand, habe eine vernichtende Wirkung geübt und sie für den Augenblick ganz zu Paaren getrieben.«

Edith lachte. Wie hart und unmusikalisch, brauchen wir nicht zu schildern. Es ist genug, daß er erfreut war, sie so lachen zu hören.

»Madame«, nahm er wieder auf, »genug davon, Eure eigenen Ansichten sind so energisch und, wie ich überzeugt bin, so unwandelbar« – er wiederholte diese Worte langsam und mit großem Nachdruck – »daß ich fast Euer Mißfallen von neuem auf mich zu ziehen fürchte, wenn ich sage, ich sei trotz dieser Mängel und meiner vollen Kenntnis derselben so an Mr. Dombey gewöhnt, daß ich ihn hochschätze. Glaubt mir übrigens, wenn ich so spreche, geschieht es nicht, um mit einem Gefühle zu prahlen, das so ganz im Widerstreit mit dem Euren ist und für das Ihr keine Sympathie haben könnt« – o wie bestimmt, klar und nachdrücklich war nicht dies! – »sondern um Euch eine Versicherung von dem Eifer zu geben, mit dem ich in dieser unglücklichen Angelegenheit Euch dienen möchte. Ihr könnt daraus entnehmen, mit welchem Unwillen mich die Rolle erfüllen muß, die zu spielen man von mir erwartet hat.«

Sie saß da, als scheue sie sich, ihre Augen von seinem Gesicht zu verwenden.

Und nun zu Abwindung des letzten Tauringes.

»Es wird spät«, sagte Carker nach einer Pause, »und Ihr seid, wie Ihr sagtet, ermüdet. Aber ich darf den zweiten Punkt dieser Unterredung nicht vergessen. Aus zureichenden Gründen muß ich Euch empfehlen – ja, Euch aufs dringlichste bitten, in Kundgebung Eurer Zuneigung für Miß Dombey vorsichtig zu sein.«

»Vorsichtig? Was meint Ihr damit?«

»Ihr müßt Sorge tragen, daß Ihr dieser jungen Dame nicht allzuviel Liebe erzeiget.«

»Allzuviel Liebe, Sir?« versetzte Edith, und ihre breite Stirne furchte sich, während sie von ihrem Sitze aufstand. »Wer urteilt über meine Liebe, oder ermißt sie? Ihr?«

»Nein, ich gewiß nicht.«

Er war verwirrt oder stellte sich wenigstens so.

»Wer denn?«

»Könnt Ihr dies nicht erraten?«

»Ich will nicht raten«, antwortete sie.

»Madame«, sagte er nach kurzem Zögern, während dessen sie sich gegenseitig in der früheren Weise angesehen hatten, »ich befinde mich in einer schwierigen Lage. Ihr habt mir erklärt, daß Ihr keinen Auftrag annehmen wollet, und das Verbot daran geknüpft, diesen Gegenstand überhaupt zu berühren; aber ich finde, die beiden Punkte sind so eng miteinander verflochten, daß ich die mir von Euch auferlegte Einschärfung zu verletzen genötigt bin, wenn Ihr Euch nicht mit dieser unbestimmten Warnung eines Mannes begnügen wollt, der jetzt die Ehre hat, Euer Vertrauen zu besitzen, obschon er dazu durch Euer Mißfallen sich Bahn brechen mußte.«

»Ihr wißt, daß Ihr die Freiheit habt, dies zu tun«, sagte Edith. »Sprecht.«

So blaß, so zitternd, so leidenschaftlich; er hatte sich also in der Wirkung nicht verrechnet.

»Er hat mir aufgetragen«, entgegnete er mit gedämpfter Stimme, »daß ich Euch erklären solle, Euer Benehmen gegen Miß Dombey sei ihm nicht angenehm. Es führe zu Vergleichen mit ihm, die ihm nicht günstig seien, und er verlange deshalb, daß es gänzlich geändert werde. Wenn es Euch ernst damit sei, so hoffe er um so zuversichtlicher, daß dies geschehe, denn die fortgesetzte Kundgebung Eurer Zuneigung dürfte dem Gegenstand derselben übel zustatten kommen.«

»Dies ist eine Drohung!« sagte sie.

»Ja, eine Drohung«, antwortete er in seiner tonlosen Weise und fügte dann laut hinzu, »die aber nicht Euch gilt.«

Sie stand ihm stolz, aufrecht und würdevoll gegenüber und richtete ihr blitzendes Auge voll auf ihn, als ob sie ihn durchbohren wolle; dann überflog ihr Antlitz ein Lächeln voll Verachtung und Bitterkeit, bis sie endlich niedersank, als ob der Grund unter ihr eingesunken wäre. Sie würde zu Boden gesunken sein, wenn er sie nicht mit seinen Armen aufgefangen hätte. Aber in dem Augenblick der Berührung schüttelte sie ihn ab, trat zurück und stand unbeweglich mit ausgestreckter Hand vor ihm.

»Habt die Güte, mich zu verlassen. Sprecht heute nichts mehr.«

»Ich fühle die Dringlichkeit des Umstandes«, sagte Mr. Carker, »weil es unmöglich ist, zu wissen, welche unvorhergesehene Folgen daraus entspringen mögen, oder wie bald sie stattfinden dürften, wenn Ihr nicht von seiner Stimmung unterrichtet seid. Wie ich höre, ist Miß Dombey schuld an der Entlassung ihrer alten Dienerin – vielleicht schon eine der kleineren Folgen. Ihr macht mir doch keinen Vorwurf, daß ich Euch bat, Miß Dombey bei unserer Besprechung nicht anwesend sein zu lassen? Darf ich dies hoffen?«

»Ich mache Euch keinen Vorwurf. Habt die Güte, mich zu verlassen, Sir.«

»Ich weiß und bin vollkommen überzeugt, daß Eure Liebe zu dieser jungen Dame sehr aufrichtig und innig ist; aber eben deshalb müßte es Euch sehr unglücklich machen, wenn in Eurem Innern der Gedanke Raum gewinnen könnte, Ihr selbst hättet ihre Stellung beeinträchtigt und ihre künftigen Hoffnungen zugrunde gerichtet«, sagte Carker hastig und mit großem Eifer.

»Heute nichts mehr. Verlaßt mich, wenn ich bitten darf.«

»Ich werde stets hier im Hause und um ihn sein, da dies schon die Geschäfte erfordern. Ihr erlaubt mir doch, Euch wieder zu besuchen, damit ich mich bei Euch über das, was zu geschehen hat, Rats erholen und Eure Wünsche kennenlernen kann?«

Sie winkte ihm nach der Tür.

»Ich bin noch nicht einmal mit mir im klaren, ob ich ihm sagen soll, daß ich mit Euch gesprochen habe, oder ob es nicht besser ist, ihn in dem Glauben zu lassen, ich sei nicht imstande gewesen, seinen Auftrag zu erfüllen, entweder aus Mangel an Gelegenheit, oder aus irgendeinem andern Grunde. Es dürfte daher nötig sein, daß ich mich hierüber sehr bald mit Euch verständige.«

»Wann Ihr wollt, nur jetzt nicht«, antwortete sie.

»Ihr werdet einsehen, daß auch bei der nächsten Besprechung Miß Dombey nicht anwesend sein kann. Darf ich des Glaubens leben, Ihr sähet bei jener Zusammenkunft in mir nur einen Mann, der das Glück hat, Euer Vertrauen zu besitzen, und bereit ist, Euch jeden ihm zu Gebot stehenden Beistand zu leisten – ja, vielleicht auch sich in der Lage befindet, von ihr Schlimmes abzuwehren?«

Von ihrer Seite noch immer dieselbe Furcht, ihn auch nur einen Moment von dem Einfluß ihres festen Blickes, welch derselbe auch sein mochte, zu entbinden. Sie antwortete mit Ja und hieß ihn abermals sich entfernen.

Er machte eine willfährige Verbeugung, wandte sich aber, als er die Tür nahezu erreicht hatte, noch einmal um und sagte:

»Erfreue ich mich Eurer Verzeihung und habe ich meinen Fehler aufgeklärt? Darf ich – um Miß Dombeys und um meiner selbst willen – Eure Hand ergreifen, ehe ich gehe?«

Sie reichte ihm die mit dem Handschuh bedeckte Hand, die sie abends zuvor verstümmelt hatte. Er nahm sie, drückte einen Kuß darauf und entfernte sich. Sobald er die Tür hinter sich geschlossen, schwenkte er die Hand, in der die ihre gelegen, und legte sie auf seine Brust.

Zweiunddreißigstes Kapitel.


Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der hölzerne Midshipman geht in die Brüche.

Der ehrliche Kapitän Cuttle versäumte, obgleich er schon Wochen in seinem befestigten Zufluchtsorte zugebracht hatte, keineswegs die klugen Vorsichtsmaßregeln gegen Überraschung, und ließ sich durch das Ausbleiben des Feindes nicht beirren. Er war der Ansicht, daß seine gegenwärtige Sicherheit viel zu tief und wunderbar sei, um für die Dauer bestehen zu können. Er wußte, daß der Wetterhahn selten nagelfest blieb, wenn der Wind aus einer ungünstigen Richtung blies, und war zu gut mit dem entschlossenen furchtlosen Charakter der Mrs. Mac Stinger bekannt, um daran zu zweifeln, daß diese heroische Dame nicht alle ihre Kräfte aufbieten werde, um ihn aufzufinden und wieder zu kapern. Zitternd unter dem Gewicht dieser Gründe, führte Kapitän Cuttle ein sehr stilles, zurückgezogenes Leben und ging selten anders als nach Einbruch der Dunkelheit aus. Selbst dann wagte er sich nur in die dunkelsten Straßen. Namentlich hütete er sich, an Sonntagen seine Wohnung zu verlassen, und bei jeder Gelegenheit, sowohl innerhalb wie außerhalb der Mauern seines Zufluchtsorte, mied er Weiberhüte, als würden sie von brüllenden Löwen getragen.

Der Kapitän ließ sich nie den Gedanken kommen, daß es, wofern Mrs. Mac Stinger ihn auf einem seiner Ausgänge ertappte, möglich sein könnte, ihr Widerstand zu bieten. Er fühlte, daß dieses nicht anging, und vergegenwärtigte sich sogar schon, wie er ganz zahm in eine Mietkutsche gepackt und nach seiner alten Wohnung abgeführt wurde. War er einmal dort eingemauert, so mußte er sich als verlorenen Mann betrachten. Sein Hut wurde in Beschlag gelegt, Mrs. Mac Stinger bewachte ihn Tag und Nacht, Vorwürfe fielen auf sein Haupt nieder vor der jungen Familie, und er selbst erschien als der schuldbeladene Gegenstand des Argwohns und Mißtrauens – in den Augen der Kinder als ein Werwolf, in denen der Mutter als ein entdeckter Verräter.

Der Kapitän wurde stets ganz kleinmütig, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren, wenn er sich dieses düstere Bild seiner Einbildungskraft vergegenwärtigte. Das war in der Regel der Fall, ehe er nachts um der frischen Luft und der Bewegung willen sich aus dem Hause schlich. Im Gefühl der Gefahr, die ihn bedrohte, verabschiedete er sich bei solchen Anlässen von Rob mit der Feierlichkeit eines Mannes, der vielleicht nie wieder zurückkehrt. Er ermahnte ihn für den Fall seines plötzlichen zeitweiligen Verschwindens, auf den Pfaden der Tugend fortzuwandeln und die Messing-Instrumente blank zu erhalten.

Um übrigens keine Gelegenheit zu versäumen, sich für den schlimmsten Fall ein Mittel zu sichern, mit der äußern Welt in Verkehr zu treten, kam Kapitän Cuttle bald auf den glücklichen Gedanken, Rob, den Schleifer, über ein geheimes Signal zu belehren, wodurch dieser Anhänger ihm in der Stunde der Not seine Nähe und Treue bekunden konnte. Nach reiflicher Erwägung entschied er sich dafür, ihn die Melodie des Matrosenliedes: »Auf, Matrosen, die Anker gelichtet!« pfeifen zu lehren, und nachdem es Rob, der Schleifer, darin zu einer Vollkommenheit gebracht hatte, wie sie besser von einer Landratte nicht zu erwarten war, legte ihm sein Gebieter noch folgende geheimnisvolle Weisungen ans Herz:

»Jetzt halt bei, mein Junge! Wenn ich gefaßt werde –«

»Gefaßt, Kapitän?« unterbrach ihn Rob, seine runden Augen weit aufsperrend.

»Ah!« entgegnete Kapitän Cuttle geheimnisvoll, »wenn ich je fortgehe, in der Absicht, beim Nachtessen wieder da zu sein, und nicht wieder in Rufweite komme, so suchst du vierundzwanzig Stunden nach meinem Verschwinden Brig-Place auf und pfeifst dort in der Nähe meines alten Ankergrundes diese Melodie. Merke wohl, nicht als ob du etwas damit im Schild führst, sondern unter dem Anschein, als seiest du von ungefähr dahin getriftet. Gebe ich in der gleichen Weise Antwort, mein Junge, so stoppst du ab und kommst nach vierundzwanzig Stunden wieder; pfeife ich aber eine andere Melodie, so steuerst du aus und ein und wartest, bis ich dir weitere Signale zugehen lasse. Begreifst du diese Weisungen?«

»Wie soll ich denn aus- und einsteuern, Kapitän?« fragte Rob. »Auf dem Fahrwege?«

»Du bist mir ein pfiffiger Bursche«, rief der Kapitän, ihn finster ins Auge fassend, »der nicht einmal sein eigenes ABC versteht! Du gehst abwechselnd ein bißchen weg und kommst wieder zurück – begreifst du das?«

»Ja, Kapitän«, versetzte Rob.

»Gut also, mein Junge«, sagte der Kapitän in milderem Ton. »So wirst du es halten.«

Damit hierin ja kein Fehler vorgehe, ließ sich Kapitän Cuttle abends, nachdem der Laden geschlossen war, bisweilen herab, den Schleifer eine Probe des Patrouillenganges vornehmen zu lassen. Zu diesem Ende begab er sich in das Hinterstübchen, das die Wohnung einer vermeintlichen Mac Stinger vorstellen mußte, und faßte von dem Spionierloch aus, das er in die Mauer gebohrt hatte, das Benehmen seines Verbündeten sorgfältig ins Auge. Bei derartigen Gelegenheiten machte Rob, der Schleifer, seine Sache mit solcher Pünktlichkeit und Umsicht, daß ihm der Kapitän zu verschiedenen Zeiten als Zeichen seiner Zufriedenheit sieben Sechspencestücke schenkte. Anbei faßte allmählich in seinem Geiste die Ergebung eines Mannes Wurzel, der für den schlimmsten Fall seine Maßregeln getroffen und nichts versäumt hat, um sich gegen ein unvermeidliches Schicksal bestens zu verwahren.

Trotzdem hütete sich der Kapitän sorgfältig, das Schicksal herauszufordern, und er benahm sich um kein Haar waghalsiger, als zuvor. Zwar hielt er es für einen Anstands- und Ehrenpunkt, als Freund der Familie im allgemeinen Mr. Dombeys Trauung, von der ihm durch Mr. Perch Kunde zugegangen war, beizuwohnen und dem Bräutigam von der Emporkirche aus ein erfreutes, Beifall zollendes Gesicht zu zeigen. Aber er machte die Fahrt nach der Kirche in einer Mietkutsche, deren beide Blenden er niedergelassen hatte. Vielleicht würde er in seiner Furcht vor Mrs. Mac Stinger auch vor diesem Wagnis Anstand genommen haben. Aber da die erwähnte Dame unter die Gemeinde des ehrwürdigen Melchisedek gehörte, so war es sehr unwahrscheinlich, daß man ihrer in einem Gotteshause der bischöflichen Kirche begegnen könnte.

Der Kapitän war glücklich wieder nach Hause gekommen und fühlte seine neue Lebensweise fort, ohne daß von dem Feind eine unmittelbare Behelligung ausging, ausgenommen die tägliche Erscheinung von Weiberhüten auf der Straße. Aber jetzt begannen auch andere Gegenstände den Geist des Kapitäns zu bedrängen. Von Walters Schiff hatte man noch immer nichts gehört, und auch von dem alten Sol Gills lief keine Kunde ein.

Florence war nicht einmal von dem Verschwinden des alten Mannes unterrichtet, und dem Kapitän gebrach es an Mut, ihr die betreffende Mitteilung zu machen. In der Tat begannen seine Hoffnungen für den wackeren, hübschen, treuherzigen Jungen, den er nach seiner rauhen Art von Kindheit auf geliebt hatte, von Tag zu Tag mehr hinzuschwinden, weshalb schon der Gedanke an eine Rücksprache mit Florence ihm schmerzlich wurde. Freilich, wäre er der Überbringer guter Neuigkeiten gewesen, so würde er sich zu ihr Bahn gebrochen haben, trotz des neu herausgeputzten Hauses und der prächtigen Möbel, obschon ihm diese in Verbindung mit der Dame, die er in der Kirche gesehen, einen geheimen Schrecken einflößten. So aber umdüsterte ein schwarzer Horizont ihre gemeinschaftlichen Hoffnungen. Es kam dem Kapitän fast vor, als sei er für sie ein neuer Gegenstand des Unglücks und des Leides, so daß er sich vor einem Besuch bei Florence kaum weniger fürchtete, als vor dem Erscheinen der Mrs. Mac Stinger selbst.

Es war ein frostiger trüber Herbstabend, und Kapitän Cuttle hatte Feuer in dem kleinen Hinterstübchen anzünden lassen, das jetzt mehr als je wie die Kajüte eines Schiffes aussah. Der Regen fiel in Strömen nieder, und es stürmte sehr. Der Kapitän ging in dem windigen Dachstübchen, wo sein alter Freund zu schlafen pflegte, umher und stellte Witterungsbeobachtungen an. Aber das Herz erstarb ihm fast in seinem Innern, als er wahrnahm, wie wild und trostlos es draußen aussah. Zwar fiel es ihm nicht ein, das damalige Wetter mit dem Schicksal des armen Walter in Verbindung zu bringen, oder daran zu zweifeln, daß es längst mit ihm vorbei sein müsse, wenn die Vorsehung beschlossen habe, ihn durch Schiffbruch umkommen zu lassen. Jedoch unter dem äußeren Einflusse, wie verschieden er auch sein mochte von dem Hauptgegenstand seiner Gedanken, entsank dem Kapitän der Mut; und seine Hoffnungen erblichen, was auch weiseren Männern schon oft so ergangen ist und noch oft ergehen wird.

Das Gesicht gegen den scharfen Wind und den schräg einfallenden Regen kehrend, blickte Kapitän Cuttle nach der schweren Wolke hinauf, die schnell über das Labyrinth von Hausgiebeln hinflog, ohne auch nur eine Spur von Ermutigung darin zu finden. Die Aussicht in unmittelbarer Nähe war nicht besser. Zu seinen Füßen girrten in allerlei Teekisten und anderen rauhen Truhen die Tauben Robs, des Schleifers, gleich ebenso vielen aufspringenden unheimlichen Winden. Eine gichtbrüchige Windfahne, einen Midshipman mit dem Teleskop vor Augen darstellend, der vordem von der Straße aus sichtbar gewesen war, jetzt aber unter der Masse von Ziegeln verschwunden zu sein schien, ächzte und jammerte auf ihrem rostigen Stift, wie die pfeifenden Stöße, die den Midshipman umherdrehten und grausames Spiel mit ihm trieben. Auf der groben blauen Weste des Kapitäns standen die kalten Regentropfen gleich Stahlperlen, und er vermochte sich kaum zu halten vor dem steifen Nordwest, der gegen ihn andrängte, als habe er Lust, ihn über die Böschung aufs Pflaster hinunterzuwerfen. »Wenn an einem solchen Abend sich noch ein bißchen Hoffnung regt«, dachte der Kapitän, während er seinen Hut festhielt, »so ist sie sicherlich im Hause und nicht draußen«; er schüttelte daher verzagt den Kopf und ging hinunter, um nach ihr zu sehen.

Er stieg langsam nach dem kleinen Hinterstübchen hinab, setzte sich in seinen gewöhnlichen Stuhl und suchte sie in den Flammen des Feuers; aber da war sie nicht, obschon das Feuer hell aufloderte. Dann nahm er Tabak, Dose und Pfeife heraus, um zu rauchen. Er suchte sie in der roten Glut des Pfeifenkopfs und in den Dampfwolken, die von seinen Lippen aufwirbelten. Aber auch hier wollte sich nicht einmal ein Atom von dem Rost des Hoffnungsankers zeigen. Er versuchte es mit einem Glas Grog; indessen die traurige Wahrheit lag auf dem Boden dieses Brunnens, und er konnte nicht damit fertig werden. Dann machte er einige Gänge durch den Laden und spähte nach der Hoffnung unter den Instrumenten. Doch sie arbeiteten hartnäckig, trotz aller Einreden, die er vorzubringen vermochte, für das fehlende Schiff nur Gissungen aus, die mit dem Grunde des einsamen Meeres endigten.

Der Wind brauste fort, und der Regen klatschte noch immer gegen die geschlossenen Läden. Der Kapitän legte vor dem hölzernen Midshipman auf dem Ladentisch bei und machte sich, während er mit seinem Ärmel die Uniform des kleinen Offiziers trocknete, Gedanken, wie alt dieser wohl sein möge – wie wenige Wechsel (kaum irgendeiner) seine Schiffskameradschaft betroffen habe – wie die Veränderungen sozusagen fast auf einen Tag zusammenfielen – und wie erschütternder Art sie gewesen. Die kleine Gesellschaft des Hinterstübchens war aufgelöst und weit und breit hin zerstreut. Es gab keine Zuhörerschaft mehr für die liebliche Peg, selbst wenn jemand da gewesen wäre, um das Lied zu singen. Der Kapitän fühlte nämlich die moralische Überzeugung, außer ihm sei niemand einer derartigen Aufgabe gewachsen, und unter obwaltenden Umständen befand er sich nicht in der Stimmung, es auch nur zu versuchen. Es gab kein heiteres Wal’r-Gesicht im Hause – hier führte der Kapitän für einen Augenblick seinen Ärmel von der Uniform des Midshipmans nach der eigenen Wange – die bekannte Perücke und die Knöpfe des alten Sol Gills gehörten der Vergangenheit an. Richard Whittington war auf den Kopf geschlagen, und jeder Plan, jeder Entwurf, der Bezug auf den Midshipman hatte, lag ohne Mast und Steuer triftig auf der endlosen Wasserfläche.

Während der Kapitän mit trostlosem Gesicht sich in solchen Gedanken erging und teils in der liebevollen Zärtlichkeit alter Bekanntschaft, teils in der Zerstreutheit seines Geistes an dem Midshipman polierte, jagte ein Klopfen an die Ladentür Rob, dem Schleifer, einen mächtigen Schrecken ein. Dieser saß nämlich auf dem Ladentisch, verwandte keines seiner großen Augen von dem Gesicht des Kapitäns und überlegte schon hundertmal in seinem Innern, ob wohl sein Gebieter einen Mord verübt, daß er ein so böses Gewissen habe und alle Augenblicke Reißaus nehme.

»Was ist das?« fragte Kapitän Cuttle leise.

»Es klopft jemand, Kapitän«, antwortete Rob, der Schleifer.

Mit scheuer, schuldbewußter Miene schlich der Kapitän auf den Zehen in das kleine Hinterstübchen und schloß sich ein. Rob, der die Tür öffnete, hatte im Sinne, auf der Schwelle den Besuch wie ein Kriminalkommissar zu behandeln, falls sich dieser in weiblicher Verkleidung zeigte. Aber der Besuch gehörte seinem Äußern nach dem männlichen Geschlecht an, und da Cuttles Weisungen sich nur auf Weiber bezogen, so riß er die Tür auf und ließ den Gast eintreten, der seinerseits nicht zögerte und überfroh war, aus dem Regen zu kommen.

»Jedenfalls wieder Arbeit für Burgeß und Co.«, sagte der Besuch, der mit kläglicher Miene abwärts auf seine durchnäßten und mit Kot bespritzten Schuhe sah. »O, wie geht es Euch, Mr. Gills?«

Diese Begrüßung galt dem Kapitän, der tat, als komme er ganz zufällig aus dem Hinterstübchen heraus, obschon dieses Anstellen so erkünstelt war, daß man es auf den ersten Blick durchschauen konnte.

»Danke«, fuhr der Gentleman in demselben Atem fort, »ich bin in der Tat ganz wohl. Mein Name ist Toots – Mister Toots.«

Der Kapitän erinnerte sich, den jungen Herrn bei der Hochzeit gesehen zu haben, und machte eine Verbeugung. Mr. Toots antwortete mit einem Kichern, und da er sich, wie gewöhnlich, in großer Verlegenheit befand, so atmete er tief auf und schüttelte dem Kapitän geraume Zeit die Hand, um sodann in Ermangelung eines anderen Auskunftsmittels in der herzlichsten Weise mit Rob, dem Schleifer, dasselbe Manöver vorzunehmen.

»Wenn Ihr nichts dagegen habt, so möchte ich gern ein Wörtchen mit Euch sprechen, Mr. Gills«, sagte endlich Toots mit überraschender Geistesgegenwart. »Ihr wißt, ich meine wegen Miß D.D.M.«

Mit entsprechender geheimnisvoller Würde schwenkte der Kapitän seinen Haken nach dem Hinterstübchen, wohin ihm Mr. Toots folgte.

»O, ich muß Euch um Verzeihung bitten«, fuhr Mr. Toots fort und blickte, sobald er auf dem für ihn neben den Kamin gerückten Stuhl Platz genommen, zu Kapitän Cuttles Gesicht auf. »Ihr werdet wohl den Preishahn nicht kennen, Mr. Gills – oder?«

»Den Preishahn?« versetzte der Kapitän.

»Ja, den Preishahn«, sagte Mr. Toots.

Der Kapitän schüttelte den Kopf, und Mr. Toots setzte nun auseinander, daß er auf die berühmte öffentliche Person anspiele, die sich und sein Vaterland in dem Kampf gegen den Nobby aus Shropshire mit Lorbeeren bedeckt habe. Aber diese Mitteilung schien den Kapitän nicht sonderlich aufzuklären.

»Weil er draußen ist, meine ich«, sagte Mr. Toots. »Doch es ist von keinem Belang, obschon er vielleicht tüchtig durchnäßt wird.«

»Ich kann ihm augenblicklich das Signal zugehen lassen«, versetzte der Kapitän.

»Recht; wenn Ihr so gut sein wollt, so kann er bei Eurem jungen Mann im Laden draußen bleiben«, kicherte Mr. Toots. »Es wäre mir lieb; denn Ihr müßt wissen, daß er sich leicht beleidigt fühlt, und die Nässe könnte seinem Urstoff nachteilig werden. Ich will ihn hereinrufen, Mr. Gills.«

Mit diesen Worten kehrte Mr. Toots nach der Ladentür zurück und entsandte in die Nacht hinaus ein eigentümliches Pfeifen, worauf ein stoischer Gentleman mit zottigem, weißem Überrock, einem flachrandigen Hut, sehr kurzem Haar, zerbeulter Nase und einem beträchtlichen Strich kahlen und unfruchtbaren Bodens hinter jedem Ohr eintrat.

»Setzt Euch, Preishahn«, sagte Mr. Toots.

Der schmiegsame Preishahn spuckte einige Grashalme aus, an denen er sich eben geletzt hatte, und versah sich aus dem Büschelchen, das er in der Hand trug, mit neuem Vorrat.

»Ist da nichts zum Wärmen zur Hand?« fragte der Prelshahn im allgemeinen. »Es ist eine schwere Sudelnacht für einen Mann, der von seiner Stellung leben muß.«

Kapitän Cuttle brachte ein Glas Rum herbei, das der Preishahn mit zurückgeworfenem Kopf wie in ein Faß leerte, nachdem er zuvor den kurzen Trinkspruch hingeworfen hatte: »Eure Gesundheit!« Mr. Toots und der Kapitän kehrten alsdann wieder nach dem Hinterstübchen zurück, wo sie abermals vor dem Feuer Platz nahmen.

»Mr. Gills –«, begann Mr. Toots.

»Halt da!« versetzte der Kapitän. »Mein Name ist Cuttle.«

Mr. Toots zeigte ein sehr verwirrtes Gesicht, während der Kapitän gravitätisch fortfuhr:

»Kapt’n Cuttle ist mein Name, England ist mein Vaterland, dies hier ist mein Aufenthalt und schütz‘ uns Gottes Vaterhand – Hiob«, fügte der Kapitän als Hinweisung auf seine Autorität bei.

»Aber könnte ich denn nicht Mr. Gills sehen?« fragte Mr. Toots; »denn – –«

»Wenn Ihr Sol Gills sehen könntet, junger Mann«, versetzte der Kapitän mit Nachdruck, indem er seine schwere Hand auf das Knie seines Gefährten legte – »wohlgemerkt, den alten Sol – mit leiblichen Augen – und wie Ihr so dasitzt – so würdet Ihr mir willkommener sein, als ein Wind vom Stern her einem von Windstille betroffenen Schiff. Aber Ihr könnt Sol Gills nicht sehen. Und warum könnt Ihr ihn nicht sehen?« fragte der Kapitän, der aus dem Gesicht des jungen Gentleman entnahm, daß er einen tiefen Eindruck auf diesen machte. »Weil er unsichtbar ist.«

Mr. Toots wollte in seiner Aufregung eben erwidern, daß es nicht von Belang sei, besann sich aber eines Besseren und sagte:

»Gott behüte mich!«

»Jener Mann«, fuhr Kapitän Cuttle fort, »hat vermöge eines Schreibens mir die Obhut über alles hier vertraut. Aber obschon er mir fast wie ein geschworener Bruder war, weiß ich doch nicht, wohin oder warum er gegangen ist. Tat er es, um seinen Neffen zu suchen, oder weil es nicht ganz richtig in seinem Kopf stand – das ist für mich ein ebenso großes Rätsel wie für Euch. Eines Morgens um Tagesanbruch machte er sich über Bord – ohne Wellenschlag, ohne Plätschern«, sagte der Kapitän. »Ich habe hoch und nieder nach ihm durchsucht, aber von Stund‘ an weder etwas von ihm sehen noch hören können.«

»Ach du mein Himmel, und Miß Dombey weiß nicht –« begann Mr. Toots.

»Nun, ich frage Euch als einen Menschen von Gefühl«, unterbrach ihn der Kapitän mit gedämpfter Stimme, »warum sollte sie es auch wissen? Warum es ihr früher kundtun, als bis es einmal nicht mehr zu verheimlichen ist? Das süße Geschöpf hing an dem alten Sol Gills mit einer Liebe, einer Freundlichkeit, einer – doch was nützt es, wenn ich alles dies ausführe! Ihr kennt sie?«

»Ich sollte es meinen«, kicherte Mr. Toots mit einem schuldbewußten Erröten, das sich über sein ganzes Gesicht breitete. »Dann brauche ich Euch nur zu bemerken«, sagte der Kapitän, »daß Ihr einen Engel kennt und von einem Engel bevorrechtet seid.«

Mr. Toots ergriff augenblicklich die Hand des Kapitäns und bat ihn um seine Freundschaft.

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort«, sagte Mr. Toots angelegentlich, »daß ich es als eine große Gunst betrachten würde, wenn Ihr näher mit mir bekannt werden wolltet. Es wäre mir sehr lieb, mich Eures Umgangs weiter erfreuen zu dürfen, Kapitän, denn es fehlt mir in der Tat an einem Freund. Der kleine Dombey war bei den alten Blimbers mein Freund und wäre es noch, wenn er nicht im Grabe läge. Der Preishahn«, fuhr Mr. Toots in schüchternem Flüstern fort – »ist wohl ganz recht – bewundernswürdig in seiner Art – vielleicht der schärfste Mann von der Welt. Jeder sagt, es gebe nichts, dem er nicht gewachsen sei – aber ich weiß nicht – er ist doch nicht alles. Ja, Kapitän, sie ist ein Engel. Wenn es irgendwo einen Engel gibt, so ist er in Miß Dombey zu finden. Das habe ich immer gesagt. Und eben deshalb«, fügte Mr. Toots bei, »werde ich es Euch sehr Dank wissen, wenn Ihr meine Bekanntschaft fördern wolltet.«

Kapitän Cuttle nahm diesen Antrag in höflicher Weise entgegen, ohne sich jedoch durch die Annahme desselben eine Blöße zu geben, indem er nur bemerkte:

»Ja, ja, mein Junge. Wir wollen sehen – wir wollen sehen.«

Dann erinnerte er Mr. Toots an den augenblicklichen Zweck seiner Sendung durch die Frage, welchem Umstand er die Ehre seines Besuchs zu danken habe.

»Die Sache verhält sich so«, antwortete Mr. Toots, »daß ich eben von dem jungen Frauenzimmer komme – nicht von Miß Dombey, müßt Ihr wissen, sondern von Susanne.«

Der Kapitän nickte mit ernstem Ausdruck, als wolle er andeuten, daß er vor dieser Person die größte Achtung habe.

»Und ich will Euch sagen, wie das kam«, fuhr Mr. Toots fort. »Ihr wißt, ich mache bisweilen Miß Dombey meinen Besuch. Wohlgemerkt, ich gehe nicht ausdrücklich deshalb hin, sondern nur, weil ich sehr oft in die Gegend komme. Und bin ich einmal in der Nähe – nun, so spreche ich auch vor.«

»Natürlich«, bemerkte der Kapitän.

»Ja«, versetzte Mr. Toots. »So war ich heute nachmittag dort. Auf Ehre, ich glaube nicht, daß man sich eine Vorstellung machen kann, wie so ganz engelgleich Miß Dombey sich heute nachmittag ausnahm.«

Kapitän Cuttle antwortete mit einem Ruck seines Kopfes, der ausdrückte, andern Leuten dürfte dies schwer werden, ihm aber nicht.

»Als ich wieder herauskam«, sagte Mr. Toots, »führte mich das junge Frauenzimmer in der unerwartetsten Weise in die Speisekammer.«

Dem Kapitän schien für den Augenblick ein derartiges Benehmen anstößig zu sein; denn er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Mr. Toots mit mißtrauischem, wo nicht mit drohendem Blick.

»Da zog sie nun diese Zeitung hervor«, sagte Mr. Toots. »Sie teilte mir mit, sie habe diese den ganzen Tag vor Miß Dombey verborgen, weil über eine Person etwas darin stehe, die ihr und Miß Dombey wohl bekannt sei; und dann las sie mir die Stelle vor. Gut also. Dann sagte sie – wartet ein wenig – was war es doch, was sie zu mir sagte?«

Mr. Toots, der sich alle Mühe gab, alle seine Geisteskräfte der gedachten Frage zuzuwenden, begegnete jetzt zufällig den Augen des Kapitäns und wurde durch dessen strengen Ausdruck so verwirrt, daß es ihn nur eine um so peinlichere Anstrengung kostete, den Faden des beabsichtigten Vortrags wieder aufzufinden.

»O!« rief Mr. Toots nach langem Besinnen. »O ja! Sie sagte, sie hoffe, daß doch noch die Möglichkeit einer Unwahrheit dieses Berichtes vorhanden sei. Da sie nun nicht wohl selbst herauskommen könne, ohne daß es Miß Dombey auffalle, so solle ich zu Mr. Solomon Gills, dem Instrumentenmacher, einem Onkel des betreffenden Menschen, der in dieser Straße wohne, gehen und ihn fragen, ob er der Nachricht Glauben schenke oder ob er nichts in der City gehört habe. Sie sagte, wenn er nicht mit mir darüber sprechen könne, sei ohne Zweifel Kapitän Cuttle in der Lage. Beiläufig«, setzte Mr. Toots hinzu, als sei er eben auf diese Entdeckung gekommen, »Ihr – Ihr werdet wissen –«

Der Kapitän schaute nach der Zeitung in der Hand des jungen Gentleman hin und atmete schwer.

»Der Grund nun«, fuhr Mr. Toots fort, »warum ich so spät komme, liegt darin, daß ich zuerst bis Finchley hinauf mußte, um von der ungemein schönen Vogelmiere, die dort wächst, einigen Vorrat für Miß Dombeys Vogel zu holen. Dann bin ich sogleich hiehergeeilt. Ihr habt ohne Zweifel die Zeitung zu Gesicht bekommen?«

Der Kapitän, der sich wohl vor dem Zeitungslesen hütete, aus Furcht, es könnte ihm sein von Mrs. Stingers eingerücktes volles Signalement vor Augen kommen, schüttelte den Kopf.

»Soll ich Euch die Stelle vorlesen?« fragte Mr. Toots.

Der Kapitän machte ein Zeichen der Bejahung, und Mr. Toots las aus den Schiffsnachrichten, wie folgt:

»›Southampton. Die Barke Defiance, Kommandeur Henry James, ist heute mit einer Ladung von Zucker, Kaffee und Rum in unserm Hafen eingelaufen. Sie meldet, daß ste am sechsten Tag nach ihrer Abfahrt von Jamaica unter – dieser und dieser Breite, Ihr kennt das ja« – sagte Mr. Toots, nachdem er mit den Zahlen einen schwachen Anlauf genommen, ohne übrigens mit ihnen fertig zu werden.

»– – Breite«, wiederholte Toots mit einem verlegenen Blick auf den Kapitän, »und Länge so und so von einer Windstille befallen wurde. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Ausluger eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang einige Schifftrümmer, die in der Entfernung von nicht ganz einer halben Seemeile schwammen. Das Wetter war klar, und da die Barke ruhig lag, so wurde ein Boot ausgehißt und Befehl erteilt, von dem Wrack Kenntnis zu nehmen. Es bestand nur noch aus einigen großen Spieren und einem Teil des Haupttakelwerks einer englischen Brigg von ungefähr fünfhundert Tonnen Last nebst einem Teil des Stern, auf dem die Worte und Buchstaben ›Sohn und E–‹ noch deutlich zu lesen waren. Auf den schwimmenden Trümmern zeigte sich keine Spur von toten Menschen. Das Log der Defiance gibt an, daß in der Nacht eine Brise aufsprang und von dem Wrack nichts weiter gesehen wurde. Es kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen, daß alle Mutmaßungen übel das vermißte Schiff ›Sohn und Erbe‹, ausgefahren aus dem Hafen von London und nach Barbados bestimmt, als erledigt anzusehen sind, daß besagtes Schiff bei dem letzten Orkan zugrunde ging und daß die gesamte an Bord befindliche Mannschaft ein Raub der Wellen wurde.«

Wie jeder Mensch, hatte auch Kapitän Cuttle nicht gewußt, wie viel Hoffnung trotz aller ungünstigen Verhältnisse ihm übrig geblieben war, bis ihr dieser Todesstoß versetzt wurde. Während diese Notiz vorgelesen wurde und auch noch einige Minuten nachher saß er da wie verstört, seinen Blick auf den bescheidenen Mr. Toots heftend; dann erhob er sich plötzlich, setzte den Hut, den er zu Ehren seines Besuchs auf den Tisch gelegt hatte, auf den Kopf, wandte sich ab und beugte sein Gesicht auf den Kaminmantel nieder.

»O, auf mein Ehrenwort«, rief Mr. Toots, dessen empfindsames Herz sich von dem Anblick der tiefen Betrübnis, die der Kapitän so unerwartet zeigte, tief ergriffen fühlte, »es ist doch eine gar schlimme Sache um die Welt. Immer stirbt jemand oder bereitet andern Leid. Wahrhaftig, wenn ich das gewußt hätte, würde ich mich nicht so danach gesehnt haben, in mein Eigentum zu kommen. Ich habe nie eine solche Welt gesehen; sie ist bei weitem ärger, als die bei Blimber.«

Kapitän Cuttle gab, ohne seine Stellung zu ändern, Mr. Toots durch ein Zeichen zu verstehen, daß er sich nicht an ihn kehren möchte. Dann wandte er sich, den Glanzhut bis auf die Ohren niedergedrückt, um und fuhr mit der Hand über sein braunes Gesicht.

»Wal’r, mein lieber Junge«, sagte der Kapitän, »lebe wohl! Ich habe dich geliebt, als du ein Kind, ein Knabe und ein Jüngling warst«, fuhr er fort und schaute dabei in das Feuer. »Er gehörte mir nicht an durch die Bande des Fleisches und Blutes – ich habe kein Kind gezeugt – aber bei dem Verlust Wal’rs fühle ich etwas von dem, was ein Vater empfindet, der einen Sohn verliert. Und warum?« fuhr der Kapitän fort. »Weil es sich hier nicht um einen einzigen Verlust handelt, sondern um ein ganzes Dutzend. Wo ist der kleine Schuljunge mit dem frischen Gesicht und den Locken, der in diesem Stübchen hier die ganze Woche über so lustig war, wie eine Spieluhr? Mit Wal’r untergegangen. Wo ist der prächtige Junge, den nichts ermüden und erschöpfen konnte, dessen Auge, wenn man ihn mit der Herzensfreude aufzog, so hell glänzte und dessen Gesicht so glühend errötete, daß es eine Lust war, es mit anzusehen? Mit Wal’r untergegangen. Wo ist der feurige Geist des Jünglings, der es nicht ertragen konnte, wenn der alte Mann nur eine Minute kleinmütig war, und sich nie um sich selbst kümmerte? Mit Wal’r untergegangen. Es ist nicht ein einziger Wal’r, sondern es waren ihrer ein ganzes Dutzend, die ich kannte und liebte, und alle hielten sich an seinem Halse fest, als er in den Wellen versank. Ach, sie leben noch immer in meinem Herzen!«

Mr. Toots blieb schweigend sitzen und faltete die Zeitung auf seinem Knie so klein wie möglich zusammen.

»Und Sol Gills«, sagte der Kapitän, ins Feuer schauend, »armer, deines Neffen beraubter alter Sol – wo bist du hingekommen! Du wurdest meiner Obhut anvertraut; denn seine letzten Worte waren: ›Habt acht auf meinen Onkel‹ Was ist dir wohl zugestoßen, seit du gingst und Ned Cuttle im Stich ließest, und wie soll ich deinetwegen mich verantworten, wenn er jetzt auf mich niederschaut? Sol Gills, Sol Gills«, fügte der Kapitän mit langsamem Kopfschütteln hinzu, »wenn du jetzt fern von der Heimat diese Zeitung zu Gesicht bekommst und niemanden, der Wal’r kannte, in der Nähe hast, daß er dir ein Wort des Trostes spende, so wird die Nachricht wohl wie eine Breitseitensalve auf dich wirken, und es muß mit dir hinuntergehen, den Schnabel voran!«

Mit einem schweren Seufzer wandte sich der Kapitän wieder an Mr. Toots, der Anwesenheit dieses Gentleman jetzt eine bewußte Aufmerksamkeit schenkend.

»Mein Junge«, sagte der Kapitän, »Ihr müßt dem jungen Frauenzimmer mitteilen, daß diese unglückliche Neuigkeit leider nur zu wahr ist. Ihr seht, über solche Dinge schreibt man keine Romane. Es ist im Schiffslog eingetragen, und ein zuverlässigeres Buch gibt es auf der ganzen Welt nicht. Morgen früh will ich einen Ausgang machen und Nachforschungen anstellen«, fuhr er fort, »obschon ich voraussehe, daß sie zu nichts führen werden. Es ist auch nicht möglich. Wenn Ihr morgen vormittag vorsprechen wollt, so sollt Ihr erfahren, was ich gehört habe. Aber sagt nur dem jungen Frauenzimmer von dem Kapt’n Cuttle, daß es vorbei sei. Vorbei!«

Und der Kapitän holte mit seinem Haken den Glanzhut herab, langte aus der Krone sein Schnupftuch heraus, wischte sich verzweifelnd seinen grauen Kopf und warf das Tuch mit der Gleichgültigkeit des höchsten Kleinmuts wieder hinein.

»O, ich versichere Euch«, sagte Mr. Toots, »es tut mir in der Tat schrecklich leid. Ihr dürft mir auf mein Wort glauben, obschon ich mit dem betreffenden Menschen nicht bekannt war. Glaubt Ihr, Miß Dombey werde darüber sehr betrübt sein, Kapitän Gills – Mr. Cuttle, wollte ich sagen?«

»Aber Gott behüte Euch«, entgegnete der Kapitän wie in einem Anflug von Mitleid mit Mr. Toots‘ Unschuld. »Als sie noch nicht größer als so war, hatten sie einander schon so lieb wie ein Paar junge Tauben.«

»Was Ihr da sagt!« versetzte Mr. Toots mit erheblich länger werdendem Gesicht.

»Sie waren ganz füreinander geschaffen«, fuhr der Kapitän traurig fort. »Aber was will das jetzt besagen!«

»Auf Ehre«, rief Mr. Toots, mit einem eigentümlichen Gemisch von linkischem Kichern und Aufregung herausplatzend, »jetzt tut es mir um so mehr leid. Ihr müßt wissen, Kapitän Gills, ich – bete Miß Dombey eigentlich an; – ich – bin wahrhaftig ganz krank vor Liebe zu ihr;« die Art, wie sich dieses Geständnis dem unglücklichen Mr. Toots entrang, bekundete das Ungestüm seiner Gefühle; »aber wozu nützte es, solche Empfindungen gegen sie zu hegen, wenn ich nicht schmerzlichen Anteil nähme an ihrer Betrübnis, was auch die Ursache davon sein mag? Ihr wißt, meine Neigung ist nicht selbstsüchtig«, fuhr Mr. Toots mit dem Vertrauen fort, das Kapitän Cuttle durch die unverhohlene Äußerung seiner Gefühle in ihm geweckt hatte, »sondern von der Art, Kapitän Gills, daß mir auf der ganzen Welt nichts Entzückenderes begegnen könnte, als wenn ich um Miß Dombeys willen überrannt – oder – oder – niedergetreten – oder von einem hohen Platz heruntergeworfen – oder sonst mit etwas Ähnlichem heimgesucht würde.«

Mr. Toots sprach alles das mit gedämpfter Stimme, um zu verhindern, daß seine Worte das eifersüchtige Ohr des Preishahns erreichten, der keinen großen Gefallen fand an den zarteren Regungen der menschlichen Natur. Die Anstrengung wie auch die Innigkeit seiner Gefühle hatte ihm das Rot bis in die Ohren hinausgejagt, und er bot deshalb in den Augen des Kapitän Cuttle ein so ansprechendes Schauspiel von uneigennütziger Liebe dar, daß ihn dieser gute Gentleman tröstend auf den Rücken klopfte und wohlgemut sein hieß.

»Danke Euch, Kapitän Gills«, versetzte Mr. Toots. »Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr in Eurer eigenen Trauer so sprecht, und ich bin Euch sehr verbunden dafür. Wie ich Euch schon früher sagte, ich bedarf in der Tat eines Freundes, und es würde mich freuen, wenn Ihr mich mit Eurer Bekanntschaft beehren wolltet. Obgleich es mir ganz gut geht«, fuhr Mr. Toots mit Nachdruck fort, »so könnt Ihr Euch gar nicht denken, was ich für ein unglückliches Tier bin. Der große Haufen – Ihr wißt es ja – hält mich für glücklich, wenn er mich mit dem Preishahn und ähnlichen ausgezeichneten Persönlichkeiten umgehen sieht. Aber ich bin elend. Ich leide um Miß Dombeys willen, Kapitän Gills. Es schmeckt mir kein Essen, ich habe keine Freude mehr an meinem Schneider, und wenn ich allein bin, muß ich oft weinen. Ich versichere Euch, es wird mir ein Trost sein, wenn ich morgen und noch oft und oft zu Euch kommen kann.«

Mit diesen Worten drückte Mr. Toots dem Kapitän die Hand, um sodann jene Spuren der Aufregung, die sich in der Schnelligkeit verwischen ließen, vor dem durchbohrenden Blicke des Preishahns zu verbergen und sich diesem trefflichen Gentleman in dem Laden wieder anzuschließen. Der Preishahn, der auf die Erhaltung seines Übergewichts eifersüchtig war, faßte den Kapitän Cuttle nicht aufs freundlichste ins Auge, als sich dieser von Mr. Toots verabschiedete, folgte übrigens seinem Gönner, ohne anderweitig seinen Groll zu bekunden. Der Kapitän blieb mit seinem Leid zurück, während Rob, der Schleifer, sich überglücklich fühlte, weil er die Ehre gehabt hatte, den Besieger des Nobby aus Shropshire fast eine halbe Stunde lang zu beaugenscheinigen.

Rob schlief schon lang in seinem Bett unter dem Ladentisch, während der Kapitän noch immer am Feuer saß, bis dieses zuletzt ausging, so daß er unter einer Flut von fruchtlosen Gedanken an Walter und den alten Sol nur noch die rostigen Kaminstangen ansehen konnte. Der Rückzug nach der windigen Kammer unter dem Dache des Hauses brache ihm keine Ruhe, und er stand am andern Morgen bekümmert und unerfrischt wieder auf.

Sobald die Geschäftslokale der City geöffnet wurden, verfügte sich der Kapitän nach dem Kontor von Dombey und Sohn. An jenem Morgen blieben die Fenster des Midshipman geschlossen. Der Weisung des Kapitäns gemäß nahm Rob, der Schleifer, die Läden nicht ab, und das Haus glich einem Hause des Todes.

Zufällig langte mit Kapitän Cuttle auch Mr. Carker an der Tür an. Der erstere erwiderte die Begrüßung des Geschäftsführers mit ernstem Schweigen und erlaubte sich, jenem nach dessen Zimmer zu folgen.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Kapitän Cuttle«, begann Mr. Carker, mit dem Hut auf dem Kopf seine gewöhnliche Stellung vor dem Kamin einnehmend.

»Ihr habt die Nachricht erhalten, die gestern im Druck ausgegeben wurde, Sir?« fragte der Kapitän.

»Ja«, sagte Mr. Carker; »sie ist bei uns eingegangen. Ein ganz genauer Bericht. Die Versicherungsgesellschaft erleidet beträchtlichen Verlust. Wir sind sehr bekümmert wegen dieses Vorfalls. Doch da ist nicht zu helfen. So geht es im Leben.«

Mr. Carker beschnitt sich mit einem Federmesser die Nägel und lächelte dem Kapitän zu, der an der Tür stand und ihn ansah.

»Es tut mir ungemein leid um den armen Gay und um die Mannschaft«, fuhr Carker fort. »Wie ich höre, waren einige von unsern besten Leuten darunter. So geht es leider immer. Noch dazu viele Familienväter. Es liegt ein Trost in dem Gedanken, daß der arme Gay keine Familie hinterließ, Kapitän Cuttle.«

Der Kapitän rieb sich das Kinn und schaute den Geschäftsführer an. Dieser blickte nach den ungeöffneten Briefen, die auf dem Tisch lagen, und nahm eine Zeitung auf.

»Kann ich noch etwas Weiteres für Euch tun, Kapitän Cuttle?« fragte er, von dem Zeitungsblatte aufschauend und einen lächelnden, ausdrucksvollen Blick nach der Tür werfend.

»Ich wünschte, Sir, Ihr könntet mich über etwas beruhigen, das mir schwer auf dem Herzen liegt«, versetzte der Kapitän.

»So?« rief der Geschäftsführer. »Und worin besteht das? Ich muß Euch bitten, Kapitän Cuttle, Euer Anliegen schnell vorzubringen, wenn Ihr so gut sein wollt. Ich habe viel zu tun.«

»Ja, schaut, Sir«, entgegnete der Kapitän, einen Schritt näher kommend. »Ehe mein Freund Walter diese unglückselige Reise antrat – –«

»Ei, ei, Kapitän Cuttle«, fiel ihm der Geschäftsführer lächelnd ins Wort, »sprecht nicht in solcher Weise von unglückseligen Reisen. Wir haben hier nichts mit unglückseligen Reisen zu schaffen, mein guter Freund. Ihr müßt mit Eurer Tagesration schon sehr früh angefangen haben, Kapitän, wenn Ihr Euch nicht erinnert, daß mit allen Reisen Gefahr verbunden ist, sei es zu Wasser oder zu Land. Ihr beunruhigt Euch doch nicht mit der Mutmaßung, der Junge, wie heißt er doch, sei in dem schlechten Wetter umgekommen, das in diesen Geschäftslokalen um ihn zusammengeblasen wurde – oder? Pfui, Kapitän! Schlaf und Sodawasser sind die besten Heilmittel für derartige Beunruhigungen.«

»Mein Junge«, entgegnete der Kapitän langsam – »Ihr seid jedenfalls noch sehr jung gegen mich, und ich bitte daher nicht um Verzeihung, daß mir dieses Wort entschlüpfte – wenn Ihr bei dieser Sache einen Spaß findet, so seid Ihr nicht der Gentleman, für den ich Euch hielt. Und wenn Ihr nicht der Gentleman seid, für den ich Euch hielt, so mag ich wohl Ursache haben, unruhig zu sein. Nun, dies ist schon so, wie es ist, Mr. Carker. – Ehe der arme Bursche seiner Weisung gemäß abfuhr, sagte er mir, er wisse wohl, daß man bei dieser Versendung nicht sein Bestes oder eine Beförderung im Auge habe. Ich glaubte, er habe hierin unrecht, und sagte es ihm auch. Um mich nun persönlich zu überzeugen, bin ich, während gerade Euer Chef abwesend war, hierher gekommen, um Euch in höflicher Art ein paar Fragen vorzulegen. Ihr habt mir darauf unverhohlen geantwortet. Es ist jetzt freilich alles vorüber, und wo nicht mehr zu helfen ist, muß man sich eben zufriedengeben – Ihr seid ein belesener Mann, und wenn Ihr in dem Buch, wo es steht, nachsehen wollt, so knickt ein Ohr hinein; – aber es würde mir das Gemüt doch sehr erleichtern, wenn ich, mit einem Wort, noch einmal erführe, daß ich nicht im Irrtum war, daß ich meine Pflicht nicht verabsäumte, als ich dem alten Mann vorenthielt, was mir Wal’r sagte, und daß der Wind gut in sein Segel blies, als er die Fahrt nach Barbadoes Hafen antrat. Mr. Carker«, fuhr der Kapitän in der Gutmütigkeit seines Wesens fort, »als ich zum letztenmal hier war, hat alles ganz angenehm zwischen uns gestanden. Wenn es meinerseits diesen Morgen wegen des armen Jungen nicht ganz so ist und ich gegen eine Bemerkung von Euch, die mir nicht gefiel, unwillig wurde, so ist mein Name Ed’ard Cuttle, und ich bitte Euch um Verzeihung.«

»Kapitän Cuttle«, erwiderte der Geschäftsführer mit aller möglichen Höflichkeit, »ich muß Euch bitten, mir eine Gunst zu erweisen.«

»Und die bestünde, Sir?« fragte der Kapitän.

»Darin, daß Ihr die Güte habt, Euch zu entfernen«, erwiderte der Geschäftsführer, seinen Arm ausstreckend, »und Euer Kauderwelsch anderswo anzubringen.«

Jeder Knauf im Gesicht des Kapitäns wurde weiß vor Erstaunen und Entrüstung. Sogar der rote Streifen auf seiner Stirne verblich wie ein Regenbogen unter sich auftürmenden Wolken.

»Ich will Euch was sagen, Kapitän Cuttle«, fuhr der Geschäftsführer fort, indem er seinen Zeigefinger nach ihm hinschüttelte und, obschon noch immer in liebenswürdigem Lächeln, alle seine Zähne wies, »ich war zu mild gegen Euch, als Ihr das letztemal hierher kamet. Ihr gehört zu einem hinterlistigen und kühnen Menschenschlag. Ich hatte Nachsicht mit Euch, mein guter Kapitän, weil ich dem Jungen, wie heißt er doch, die Schmach ersparen wollte, daß er Hals über Kopf aus dem Haus geworfen wurde. Das ist einmal, aber nur ein einziges Mal geschehen. Jetzt macht, daß Ihr fortkommt, mein Freund.«

Der Kapitän blieb sprachlos an den Boden gewurzelt stehen.

»Seid ein verständiger Mensch und geht«, sagte der lächelnde Geschäftsführer, indem er seine Frackschöße aufnahm und mit gespreizten Beinen auf dem Teppich vor dem Kamin sich aufpflanzte. »Laßt es nicht darauf ankommen, daß man Euch hinausschafft oder zu sonstigen gewaltsamen Maßregeln seine Zuflucht nimmt. Wäre Mr. Dombey hier, Kapitän, so könntet Ihr vielleicht in schimpflicherer Weise abziehen müssen. Ich sage daher nur – geht!«

Der Kapitän, der seine schwere Hand auf die Brust legte, um sich durch einen tiefen Atemzug zu unterstützen, betrachtete Mr. Carker vom Kopf bis zu den Füßen und sah sich in dem kleinen Zimmer um, als begreife er nicht recht, wo oder in wessen Gesellschaft er sich befinde.

»Ihr seid schlau, Kapitän Cuttle«, fuhr Carker mit der leichten, lebhaften Freimütigkeit eines Mannes fort, der die Welt zu gut kennt, um sich durch die Entdeckung eines Mißverhaltens aufbringen zu lassen, wenn es nicht eben ihn selbst betrifft, »aber doch nicht schlau genug, als daß man Euch nicht einigermaßen auf den Grund sehen könnte – weder Ihr, noch Euer abwesender Freund. Was habt Ihr mit Eurem abwesenden Freunde angefangen, he?«

Der Kapitän legte wieder seine Hand auf die Brust, atmete aufs neue tief und beschwor sich selbst »beizuhalten«. Dies geschah jedoch nur in einem Flüstern.

»Ihr heckt hübsche kleine Anschläge aus, haltet hübsche kleine Beratungen, macht hübsche kleine Bestellungen und empfangt auch hübsche kleine Besuche, Kapitän – he?« sagte Carker, seine Stirne runzelnd, aber nichtsdestoweniger alle seine Zähne zeigend, »Und dann die Kühnheit hintendrein, hierherzukommen! Das verträgt sich schlecht mit Eurer Klugheit! Verschwörer, Gewährer von Unterschlüpfen und Ausreißer sollten dies besser verstehen. Wollt Ihr mir jetzt den Gefallen erweisen, Euch zu entfernen?«

»Mein Junge«, keuchte der Kapitän in erstickter, bebender Stimme und mit einem eigentümlichen Zucken in seiner gewichtigen Faust, »ich hätte Euch noch allerlei zu sagen, weiß aber im Augenblick nicht recht, wo die Worte untergestaut sind. Nach meiner Gissung ist mein junger Freund Wal’r erst gestern abend ertrunken, und seht Ihr, das greift mich an. Aber wir werden schon wieder einmal zusammenkommen, mein Junge«, fügte der Kapitän bei, indem er seinen Haken ausstreckte, »wenn uns Gott das Leben schenkt.«

»Dies wäre in der Tat nichts weniger als klug von Euch, mein guter Freund«, erwiderte der Geschäftsführer mit demselben Freimut; »denn ich sage Euch im voraus, und Ihr mögt Euch darauf verlassen, daß ich dann Eure Schliche aufdecken und Euch bloßstellen werde. Ich maße mir nicht an, ein moralischerer Mann sein zu wollen, als meine Nebenmenschen, mein guter Kapitän. Aber das Vertrauen dieses Hauses oder eines Angehörigen dieses Hauses soll nicht mißbraucht werden, solange ich Augen und Ohren habe. Guten Tag!« fügte Mr. Carker hinzu und nickte mit dem Kopf.

Kapitän Cuttle faßte Mr. Carker fest ins Auge – ein Blick, der ebenso fest von dem Geschäftsführer erwidert wurde – und verließ das Bureau. Mr. Carker dagegen blieb mit gespreizten Beinen vor dem Feuer stehen, so ruhig und selbstgefällig, als ob seine Seele nicht mehr Flecken zeige, als das reine Weiß seiner Wäsche und seine glatte, weiche Haut.

Als der Kapitän durch das äußere Kontor ging, schaute er nach dem Pulte hin, wo sonst der arme Walter zu arbeiten pflegte. Es saß jetzt ein anderer Junge dort mit einem Gesicht, fast so frisch und hoffnungsvoll, wie das seine, als sie in dem kleinen Hinterstübchen die berühmte vorletzte Flasche des alten Madeira anbrachen. Die Gedankenkette, die sich knüpfte, kam dem Kapitän sehr zustatten: denn sie milderte seinen Zorn und trieb ihm Tränen in die Augen.

In dem Bereich des hölzernen Midshipman wieder angelangt, setzte sich der Kapitän in eine Ecke des dunkeln Ladens nieder, und so groß auch seine Entrüstung war, konnte sie doch vor seinem Kummer nicht recht aufkommen. Die Leidenschaftlichkeit schien nicht nur das Andenken an den Toten zu kränken, sondern auch beim Hinblick auf diesen den Todesstoß zu erhalten und in nichts zu zerfallen. Was waren auch alle lebenden Schurken und Lügner der Welt im Vergleich mit der Ehrlichkeit und Treue eines einzigen toten Freundes?

In diesem Gemütszustand wollte dem ehrlichen Kapitän außer dem Unglück, das Walter betroffen, nichts klar werden, als daß mit dem jungen Freund fast seine ganze eigene Welt in den Wellen versunken sei. Wenn er sich mitunter schwere Vorwürfe machte, daß er je auf Walters unschuldige Täuschung eingegangen sei, dachte er wenigstens ebenso oft an den Mr. Carker, den keine Woge zurückbringen konnte, an den Mr. Dombey, der für ihn nun außer dem Bereich aller menschlichen Hilfe zu liegen schien, an die »Herzensfreude«, die ihm fortan für immer fernbleiben sollte, und an die liebliche Peg, dieses gut gebaute und schmuck aufgetakelte Liebchen, das auf ein Riff gelaufen und in bloße Reimbalken und Planken zerschellt war. Der Kapitän saß in dem dunkeln Laden, wo er, ohne an die ihm selbst widerfahrene Kränkung zu denken, solchen Vorstellungen nachging, und schaute dabei mit trauernden Blicken auf den Boden, als sehe er in Wirklichkeit die Trümmer an sich vorbeischwimmen.

Trotzdem vergaß er nicht, dem Andenken Walters diejenigen gebührenden Achtungsbeweise darzubringen, die in seiner Macht lagen. Er raffte sich auf, weckte Rob, den Schleifer, der in dem unnatürlichen Dämmerlicht fest schlief, und machte sich, den Hausschlüssel in der Tasche, mit dem erwähnten Diener auf den Weg nach einer von jenen bequemen und die schönste Auswahl darbietenden Trödelbuden im Ostende Londons, um dort ohne Verzug zwei Traueranzüge zu kaufen – einen für Rob, den Schleifer. Dieser Anzug war übrigens unglücklicherweise viel zu klein; und einen für sich selbst, der bei weitem zu groß war. Ferner versah er Rob mit jener um ihrer Symmetrie und Brauchbarkeit willen so sehr beliebten Hutart, die unter dem Namen »Südwester« ein glückliches Mittelglied bildet zwischen der Kopfbedeckung eines Matrosen und der eines Kohlenträgers, demnach in dem Geschäft des Instrumentenhandels als eine außerordentliche Neuigkeit zu betrachten war. Diese Anzüge paßten der Erklärung des Verkäufers nach so herrlich, wie dies nur durch ein seltenes Zusammentreffen von günstigen Umständen möglich wurde, und mit ihrem Schnitt war seit Menschengedenken nichts zu vergleichen. Darein hüllten sich ohne Zögern der Kapitän und Rob, in ihrem neuen Putz ein Schauspiel darbietend, das die Bewunderung aller Zuschauer auf sich zog.

In solcher Weise war der Kapitän verändert, als Mr. Toots seinen zweiten Besuch machte.

»Ich bin für den Augenblick ganz niedergeschlagen, mein Junge«, sagte der Kapitän, »und kann nur bestätigen, daß die Neuigkeiten sehr schlimm sind. Bedeutet dem Mädchen, sie möge die Nachricht ihrer jungen Lady beizubringen suchen, und sagt ihr, sie beide sollen nicht mehr an mich denken – das heißt, wohlverstanden – nicht, daß ich nicht an sie denken wolle, wenn die Nacht kommt auf den Flügeln des Orkans und die Wellen sich berghoch auftürmen. Schlagt dies im Doktor Watts nach, Bruder, und wenn Ihr gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

Der Kapitän behielt sich vor, die Freundschaftserbietungen des jungen Gentleman in nähere Erwägung zu ziehen, und so wurde Mr. Toots entlassen. Der wackere Mann fühlte sich in der Tat so niedergeschlagen, daß er halb und halb beschloß, von Stund‘ an keine weitere Vorsichtsmaßregel zur Abwehr eines Überfalls der Mrs. Mac Stinger zu beobachten, sondern sich dem Zufall zu überlassen und gelassen hinzunehmen, was da kommen möge. Mit Einbruch der Nacht trat aber auch eine bessere Stimmung ein, und er sprach mit Rob, dem Schleifer, dessen Achtsamkeit und Treue er gelegentlich lobte, viel über Walter. Rob errötete nicht über das ihm von dem Kapitän gespendete Lob, sondern sah seinen Gebieter nur mit großen Augen an, schneuzte sich in geheuchelter Teilnahme und stellte sich ganz fromm an, indem er wie ein echter junger Spion mit vielversprechender Arglist tat, als bewahre er jedes gesprochene Wort wie einen teuren Schatz in seinem Innern.

Rob war in sein Bett gekrochen und lag schon in tiefem Schlaf. Der Kapitän putzte das Licht, setzte seine Brille auf – er meinte, das gehöre zum Instrumentenhandel, obschon seine Augen so gut waren, wie die eines Sperbers – und schlug im Gebetbuch die Begräbnisgebete auf. So las er denn in dem kleinen Hinterstübchen leise vor sich hin, machte hin und wieder halt, um sich die Augen zu wischen, und übergab im Geiste treuer Einfalt Walters Leiche der Tiefe.

Achtes Kapitel.


Achtes Kapitel.

Pauls weitere Fortschritte – sein Gedeihen und sein Charakter.

Unter den wachsamen Augen der Zeit – so ganz anderen, als die des Majors waren – ging mit Pauls Schlummern allmählich eine Veränderung hervor. Es gewann mehr und mehr Licht, immer bestimmtere und bestimmtere Träume störten ihn, und eine Menge von Gegenständen und Eindrücken umschwärmten sein Lager. Er ging aus dem Alter der hilflosen Kindheit in das der regsameren über und wurde ein plaudernder, umhergehender, neugieriger Dombey.

Nach dem Sturz der Verbannung der Richards wurde die Kinderstube nur provisorisch versorgt, wie es zuweilen auch bei Ministerien zu sein pflegt, wenn sich kein individueller Atlas finden läßt, um sie zu tragen. Die provisorisch Betrauten waren natürlich Mrs. Chick und Miß Tor, die sich ihren Obliegenheiten mit so erstaunlichem Eifer hingaben, daß Major Bagstok mit jedem Tage neu an sein Vergessensein erinnert wurde, während Mr. Chick, der häuslichen Oberaufsicht beraubt, sich in die lustige Welt warf, in Klubs und Kaffeehäusern speiste, bei drei verschiedenen Gelegenheiten nach Tabak roch, allein ins Theater ging und – um es kurz zu sagen – sich jeder sozialen Pflicht und jeder moralischen Verbindlichkeit – wie ihm einmal von Mrs. Chick bedeutet wurde – als enthoben erachtete.

Aber trotz der früheren guten Aussichten und trotz aller dieser Wachsamkeit und Sorgfalt wollte der kleine Paul doch nicht recht gedeihen. Von Natur aus zart, nahm er nach der Entfernung seiner Amme sehr ab, und es hatte geraume Zeit den Anschein, als warte er nur auf eine Gelegenheit, seinen neuen Wärterinnen aus den Händen zu gleiten und seine verlorene Mutter zu suchen. Den gefährlichen Boden auf der Rennjagd zu dem reiferen Alter fand er sehr schwer durchzumachen, und er wurde im Laufe derselben von allen erdenklichen Hemmnissen hart bedrängt. Jeder Zahn wurde für ihn zu einer halsbrechenden Verzäunung, jeder Masernflecken zu einer steinernen Mauer. Jeder Anfall von Keuchhusten warf ihn aufs Krankenlager, und er mußte ein ganzes Feld kleiner Krankheiten, die sich auf den Fersen folgten, um ihn ja nicht zum Aufstehen kommen zu lassen, überqueren. Ja sogar die Hühner wurden wütend, wenn sie etwas mit der Kinderkrankheit zu tun hatten, der sie ihren Namen liehen, und quälten den armen Paul wie Tigerkatzen.

Vielleicht hatte auch die Kälte bei Pauls Taufe irgendeinen empfindsamen Teil seines Wesens berührt, so daß er sich in dem kalten Schatten seines Vaters nicht erholen konnte; so viel ist gewiß, daß er von diesem Tage an ein unglückliches Kind war. Mrs. Wickham sagte oft, sie habe nie ein so liebes Geschöpf so schwer heimgesucht gesehen.

Mrs. Wickham war die Frau eines Kellners – was etwa gleichbedeutend sein dürfte mit der Witwe eines jeden andern Mannes – und ihre Bewerbung um ein Unterkommen in Mr. Dombeys sternchenland.com Dienst hatte unter Berücksichtigung des Umstandes, daß sie augenscheinlich keinen Anhang haben konnte, geneigte Aufnahme gefunden. Einige Tage später nach Pauls schneller Entwöhnung war sie zu dessen Wärterin bestellt worden. Mrs. Wickham war eine bescheidene Frau mit weißem Teint, stets emporgezogenen Augenbrauen und unablässig gesenktem Kopfe. Stets bereit, sich selbst zu bemitleiden, bemitleidet zu werden, oder jemand anders zu bemitleiden, hatte sie eine überraschende natürliche Gabe, alle Gegenstände in einem gänzlich verlorenen beklagenswerten Lichte zu betrachten, die schauerlichsten Vorgänge damit in Verbindung zu bringen und aus der Übung ihre« Talents die größten Tröstungen abzuleiten.

Es ist kaum nötig, zu bemerken, daß kein Zug dieser ihrer Eigenschaft je zur Kenntnis des großmächtigen Mr. Dombey kam. Das wäre auch in der Tat merkwürdig gewesen, da es doch niemand im Haus – nicht einmal Mrs. Chick oder Miß Tor – je wagte, ihm bei irgendeiner Gelegenheit zuzuraunen, daß in Beziehung auf den kleinen Paul auch nur der mindeste Grund zur Unruhe vorhanden sei. Er hielt es für etwas Notwendiges, daß das Kind eine gewisse Reihe kleiner Krankheiten durchmachen müsse, und es sei nur um so besser, je früher das geschehe. Allerdings, wenn er imstande gewesen wäre, ihn loszukaufen oder einen Substituten an seine Stelle zu setzen, wie man das im Falle eines unglücklichen Zugs bei der Konskription zu tun pflegt, so würde er keine Geldausgabe gescheut haben; da das aber nicht möglich war, so wunderte er sich nur hin und wieder in seiner hochmütigen Weise, was denn die Natur damit bezwecke, und tröstete sich mit dem Gedanken, es sei wieder ein weiterer Meilenstein zurückgelegt und das große Ziel der Reise näher herangerückt. Das vorherrschendste Gefühl in seiner Seele, das sich immer mehr steigerte, je älter Paul wurde, war die Ungeduld – ein sehnsüchtiges Harren der Zeit, in welcher seine Träume von ihrer vereinten Bedeutsamkeit und Größe zur triumphierenden Wirklichkeit würden. Einige Philosophen sagen uns, daß unseren besten Neigungen immer die Selbstsucht zugrunde liege. Für Mr. Dombey war der kleine Paul von Anfang an als ein Teil seiner eigenen Größe oder – was damit gleichbedeutend ist – der Größe von Dombey und Sohn so entschieden wichtig, daß ohne Frage, wie mancher gute Oberbau eines unbescholtenen Rufs, seine väterliche Liebe sich leicht auf eine sehr niedrige Grundlage zurückführen ließ. Er liebte übrigens seinen Sohn mit aller Liebe, deren er fähig war. Wenn sich je in seinem frostigen Herzen ein warmer Winkel befand, so war dieser von dem Sohn in Anspruch genommen, und wenn die sehr harte Oberfläche desselben den Eindruck eines Bildes aufnehmen konnte, so war es das des Sohnes. Doch war es kaum das Bild des kindlichen oder knabenhaften, sondern vielmehr das des erwachsenen, des »Sohns« der Firma. Deshalb sah er so ungeduldig der Zukunft entgegen, deshalb wäre er so gern über die früheren Abschnitte der Entwicklung hinweggeeilt, und darum machte er sich, trotz seiner Liebe, nur so wenig oder gar keine Sorge darüber. Er schien der Überzeugung zu sein, sternchenland.com der Knabe habe ein gefeites Leben und müsse notgedrungen der Mann werden, mit dem sich schon jetzt unaufhörlich seine Gedanken beschäftigten, und für den er, wie für eine existierende Wirklichkeit, jeden Tag neue Pläne schmiedete.

Paul war jetzt beinahe fünf Jahre alt. Er war ein hübsches Knäblein, hatte aber dabei ein so schmächtiges, tiefsinniges Gesichtchen, daß Mrs. Wickham oft bedeutungsvoll den Kopf schüttelte und tief dabei seufzte. Seine Gemütsart stellte in Aussicht, daß er im späteren Leben sehr gebieterisch werden dürfte; auch wußte er seine eigene Bedeutsamkeit und die Pflicht zur Unterwerfung allen andern Personen und Gegenständen so deutlich klar zu machen, als es das Herz nur wünschen konnte. Zuweilen war er kindlich und scherzhaft genug, da er überhaupt keinen störrischen Charakter besaß; aber zu andern Zeiten hatte er eine gar befremdliche altmodische, gedankenschwere Art an sich, wenn er brütend in seinem kleinen Sesselchen saß und dabei wie eines jener schrecklichen kleinen Wesen in den Feenmärchen aussah oder redete, die bei einem Alter von hundertundfünfzig oder zweihundert Jahren phantastisch die Kinder repräsentieren, mit denen sie vertauscht wurden. Droben in der Kinderstube wandelte ihn gar oft diese frühreife Stimmung an, und er konnte mit dem Ausruf, daß er müde sei, urplötzlich darin verfallen, selbst wenn er gerade mit Florence spielte oder Miß Tor als Pferd am Leitseil gehen ließ. Nie aber befiel ihn diese Laune so sicher, als wenn sein kleiner Stuhl nach dem Zimmer seines Vaters gebracht wurde und er dort nach der Mahlzeit neben seinem Erzeuger am Feuer sitzen mußte. Zu solcher Zeit waren sie das seltsamste Paar, das je vom Feuerlichte beschienen wurde. – Mr. Dombey, so aufrecht und feierlich in die Flamme schauend, sein kleines Ebenbild aber mit einem alten, alten Gesicht, mit der gespannten und verzückten Aufmerksamkeit eines Zauberers in die rote Perspektive blickend. Mr. Dombey unterhielt sich mit verwickelten weltlichen Entwürfen und Plänen, Sohn aber erging sich in weiß der Himmel was für wilden Phantasien, halbgeformten Gedanken und unsteten Spekulationen. Mr. Dombey saß da, steif von Stärke und Anmaßung, Sohn als sein echter Sprößling in unbewußter Nachahmung. Beide waren sich so sehr ähnlich und bildeten doch einen so schreienden Gegensatz.

Bei einer dieser Gelegenheiten waren beide geraume Zeit vollkommen ruhig dagesessen, und Mr. Dombey entnahm das Wachen des Kindes nur dem Umstände, daß ihn hin und wieder ein Blitz seines Auges traf, in dem das helle Feuer wie aus einem Diamant funkelte, als der kleine Paul das Schweigen in folgender Weise unterbrach:

»Papa, was ist Geld?«

Diese plötzliche Frage hatte eine so unmittelbare Beziehung zu Mr. Dombeys Gedanken, daß dieser ganz betroffen wurde.

»Was Geld ist, Paul?« entgegnete er. »Geld?«

»Ja«, sagte das Kind und legte die Hände auf die Lehnen seines sternchenland.com kleinen Stuhls, während er zugleich das alte Gesicht Mr. Dombey zukehrte: »was ist Geld?«

Mr. Dombey sah sich in Verlegenheit. Er hätte ihm gerne eine Erklärung über die verschiedenen Bezeichnungen dieses Zirkulationsmittels, über Kurantmünze, nicht kursfähige Münze, Papier, Barren, Wechsel, den Marktwert der edlen Metalle usw. gegeben; als er aber auf den kleinen Stuhl niederblickte und dabei bemerkte, wie ferne noch ein gehöriges Verständnis des Gegenstandes lag, antwortete er:

»Gold, Silber und Kupfer, Guineen, Shillinge, Halbpence. Du weißt, was das ist?«

»O ja, das weiß ich wohl«, sagte Paul. »Das meine ich auch nicht, Papa. Ich möchte wissen, was Geld überhaupt ist.«

Himmel und Erde, wie alt sein Gesicht war, als er es abermals zu dem seines Vaters erhob!

»Was Geld überhaupt ist?« entgegnete Dombey, indem er seinen Stuhl ein wenig zurückschob, um in heller Verwunderung das anmaßende Atom, das eine solche Frage gestellt hatte, besser betrachten zu können.

»Ich meine Papa, was kann es ausrichten?« versetzte Paul, indem er die Arme kreuzte (sie waren kaum lang genug dazu) und seine Blicke zwischen dem Feuer und seinem Vater hin und her gleiten ließ.

Mr. Dombey rückte seinen Stuhl wieder an den früheren Platz und pätschelte Paul auf den Kopf.

»Du wirst es mit der Zeit erfahren, Bürschlein«, sagte er. »Geld, Paul, kann alles ausrichten.«

Er faßte dabei die kleine Hand des Knaben und klopfte leicht mit seiner darauf.

Aber Paul machte seine Hand los, sobald er konnte, rieb die Fläche derselben sachte auf der Stuhllehne hin und her, als ob sein Verstand darin sitze und er ihn schärfen wolle, schaute abermals ins Feuer, wie wenn ihm von diesem die Frage eingegeben worden sei, und wiederholte nach einer kurzen Pause:

»Alles Papa?«

»Ja, alles – beinahe«, sagte Mr. Dombey.

»Alles will soviel heißen, wie überhaupt alles – ist es nicht so, Papa?« fragte der Sohn, die Beschränkung entweder nicht bemerkend, oder vielleicht auch nicht verstehend.

»Ja«, versetzte Mr. Dombey.

»Warum hat Geld nicht meine Mama gerettet?« entgegnete das Kind – »es ist doch nicht grausam – oder?«

»Grausam!« sagte Mr. Dombey, indem er die Halsbinde zurechtrückte und sich über die Idee zu ärgern schien. »Nein. Etwas Gutes kann nicht grausam sein!«

»Wenn es etwas Gutes ist und alles kann«, sagte der kleine Bursche, nachdenklich wieder in das Feuer zurückschauend, »so wundere ich mich nur, warum es meine Mama nicht rettete.«

Er stellte diesmal seine Frage nicht an seinen Vater. Vielleicht sternchenland.com hatte er mit kindlichem Scharfsinn erfaßt, daß sie seinen Vater bereits unruhig gemacht. Aber er wiederholte den Gedanken laut, als sei es etwas Altes, das ihn längst beunruhigt habe, und legte das Kinn auf die Hand, wie wenn er sinnend in dem Feuer die Erklärung suche.

Mr. Dombey erholte sich schnell von seiner Überraschung, um nicht zu sagen von seiner Unruhe – denn es war das erstemal, daß der Knabe mit ihm über die Mutter sprach, obschon er ihn jeden Abend in derselben Weise an seiner Seite sitzen hatte – und erklärte ihm nun, daß das Geld zwar ein sehr gewaltiger Geist sei, den man unter keinen Umständen je vergeuden dürfe, aber gleichwohl nicht vermöge, Leute, deren Sterbestündlein gekommen sei, am Leben zu erhalten; leider müßten alle Menschen sterben, sogar in der City, und wenn sie auch noch so reich seien. Das Geld bewirke übrigens, daß man geehrt, gefürchtet, geachtet, gesucht und bewundert werde; es mache mächtig und herrlich in den Augen aller Menschen und könne sehr oft für eine geraume Zeit sogar den Tod abhalten. Es habe z.B. seiner Mama die Dienste des Mr. Pilkins gesichert, die Paul selbst ja oft zustatten gekommen seien, ebenso die des großen Doktors Parker Peps, den er noch nicht kennengelernt habe. Es könne alles ausrichten, was überhaupt sich ausrichten lasse. Das und ähnliches flößte Mr. Dombey dem Geiste seines Sohnes ein, der aufmerksam zuhörte und den größten Teil dessen, was ihm gesagt wurde, zu verstehen schien.

»Aber es kann mich nicht kräftig oder ganz gesund machen, Papa – oder kann es?« fragte Paul nach kurzem Schweigen und rieb sich die kleinen Händchen.

»Ei, du bist ja kräftig und gesund«, entgegnete Dombey, »oder bist du es etwa nicht?«

O wie alt war der Ausdruck des Gesichts, das sich nun wieder mit halb melancholischem, halb schlauem Ausdruck erhob.

»Wie, bist du etwa nicht so kräftig und so gesund, wie kleine Leute es gewöhnlich sind?« fragte Mr. Dombey.

»Florence ist zwar älter als ich; aber ich weiß, ich bin nicht so stark und gesund wie Florence«, entgegnete das Kind, »und ich glaube, als Florence so klein war, wie ich, konnte sie viel länger in einem fort spielen, ohne müde zu werden. Ich bin oft so müde«, sagte der kleine Paul, indem er sich die Hände wärmte und durch das Kamingitter sah, als fände dort ein gespenstisches Puppenspiel statt, »und meine Knochen tun mir so weh – Wickham sagt wenigstens, es seien die Knochen – daß ich nicht weiß, was ich tun soll.«

»Nun ja; aber das ist abends«, sagte Mr. Dombey, indem er seinen Stuhl näher zu dem seines Sohnes rückte und seine Hand sanft auf dessen Rücken legte; »kleine Leute müssen abends müde sein, wenn sie gut schlafen wollen.«

»O, es ist nicht nur abends, Papa«, versetzte das Kind; »auch am Tage, wenn ich in Florences Schoß liege und sie mir etwas vorsingt. Nachts träume ich sonderbare, wunderliche Dinge!«

Und er fuhr fort, seine Hände zu wärmen und sich Gedanken darüber zu machen, wie ein alter Mann oder ein junger Kobold.

Mr. Dombey war erstaunt, fühlte sich unbehaglich und wußte ganz und gar nicht, wie er die Unterhaltung fortführen sollte, so daß er sitzenblieb und seinen Sohn beim Schein des Feuers ansah, die Hand noch immer auf dessen Rücken liegen lassend, als würde sie dort durch magnetische Anziehung festgehalten. Einmal brachte er auch die andere Hand näher und drehte für einen Moment das kleine nachdenkliche Gesicht seinem eigenen zu; sobald er es aber wieder losgelassen hatte, suchte es aufs neue das Feuer und schaute auf die sprühenden Funken, bis die Wärterin erschien, um ihren Pflegling zu Bett zu bringen.

»Florence soll mich holen«, sagte Paul.

»Wollt Ihr nicht mit Eurer armen Wärterin Wickham kommen, Master Paul?« fragte die Dienerin mit großem Pathos.

»Nein, ich mag nicht«, versetzte Paul, sich wieder in seinem Armstuhl festpflanzend, als sei er der Herr im Hause.

Mit einem Segenswunsche über die liebe Unschuld entfernte sich Mrs. Wickham, und bald darauf erschien statt ihrer Florence. Das Kind stand augenblicklich mit großer Bereitwilligkeit auf und machte dabei, als es seinem Vater gute Nacht sagte, ein so viel heitereres, jüngeres und kindlicheres Gesicht, daß Mr. Dombey ganz erstaunt darüber war, obschon er über den Wechsel sehr beruhigt war. Nachdem die beiden das Gemach verlassen hatten, war es ihm, als höre er eine sanfte Stimme singen; er wußte von Paul, daß ihm seine Schwester vorzusingen pflegte, weshalb er neugierig die Tür öffnete, um zu hören und ihnen nachzusehen. Sie hatte den Kleinen auf ihren Armen und trug ihn mühevoll die große, weite, leere Treppe hinauf; Pauls Kopf lag auf ihrer Schulter, und seine Arme waren nachlässig um ihren Hals geschlungen. So ging es mit großer Anstrengung vorwärts; das Mädchen sang die ganze Zeit über, und bisweilen mischte Paul eine schwache Begleitung darein. Mr. Dombey sah ihnen nach, bis sie – freilich nicht, ohne unterwegs anzuhalten – die oberste Treppenstufe erreicht hatten und dort seinen Blicken entschwanden; aber auch dann schaute er noch immer aufwärts, bis die matten Strahlen des Mondes, die in melancholischer Weise durch das trübe Oberlichtfenster schienen, ihn nach seinem eigenen Zimmer zurücksandten. Beim Diner des nächsten Tages mußten sich Mrs. Chick und Miß Tor zum Zweck einer Beratung einfinden, und sobald das Tafeltuch entfernt war, eröffnete Mr. Dombey ihnen den Gegenstand, indem er ohne Rückhalt fragte, was denn eigentlich mit Paul sei und was Doktor Pilkins über ihn sage.

»Das Kind ist kaum so kräftig, als ich es wünschen möchte«, fügte Mr. Dombey hinzu.

»Mein lieber Paul«, versetzte Mrs. Chick, »mit deinem gewohnten glücklichen Scharfblick hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Unser Liebling ist nicht so kräftig, als wir wünschen, und der Grund dafür liegt darin, daß der Geist zu übermächtig in ihm wird. Seine sternchenland.com Seele ist viel zu groß für seinen Körper. Wenn man nur bedenkt, wie das liebe Kind spricht!« sagte Mrs. Chick ihren Kopf schüttelnd. »Niemand würde es glauben. Erst gestern seine Ausdrücke, Lukretia, über Leichenbegängnisse! –«

»Ich fürchte«, bemerkte Mr. Dombey, sie ärgerlich unterbrechend, »daß einige von den Personen droben das Kind mit unpassenden Gegenständen unterhalten. Erst gestern abend sprach er zu mir von seinen – von seinen Knochen«, sagte Mr. Dombey, einen gereizten Nachdruck auf das Wort legend. »Was in aller Welt hat man da mit den – mit den – Knochen meines Sohnes zu schaffen? Hoffentlich ist er doch kein lebendes Skelett!«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Mrs. Chick mit einem nicht zu beschreibenden Ausdruck.

»Will’s aber auch meinen«, versetzte ihr Bruder. »Dann wieder Leichenbegängnisse! Wer spricht mit dem Kinde von Leichenbegängnissen? Wir sind doch keine Leichenbestatter, Stumme oder Totengräber, sollt‘ ich meinen.«

»Gewiß nicht«, entgegnete Mrs. Chick mit demselben tiefen Ausdruck, wie früher.

»Wer setzt ihm aber solche Dinge in den Kopf?« fragte Mr. Dombey. »In der Tat, ich war gestern abend in hohem Grade erschüttert. Wer setzt ihm solche Dinge in den Kopf, Louisa?«

»Mein lieber Paul«, entgegnete Mrs. Chick nach einer kurzen Pause, »diese Frage ist unnütz. Wenn ich gegen dich aufrichtig sein soll, so glaube ich nicht, daß Wickham eine sehr aufgeräumte, heitere Person ist – eine, wie soll ich sagen –«

»Eine Tochter des Momus«, ergänzte Miß Tor mit sanfter Stimme.

»Ganz richtig«, sagte Mrs. Chick; »aber sie benimmt sich ungemein achtsam, macht sich nützlich, wo sie kann, und ist durchaus nicht anmaßend. Ich habe in der Tat nie eine dienstwilligere Frauensperson gesehen. Wenn das liebe Kind –« fuhr Mrs. Chick im Tone einer Person fort, die, statt alles zum erstenmal zu sagen, das zusammenfaßt, über was man vorläufig völlig ins reine gekommen ist – »durch den letzten Anfall ein wenig geschwächt wurde und nicht ganz so gesund ist, als wir es wohl wünschen könnten – wenn in seinem System sich eine vorübergehende Entkräftung bemerkbar macht und es hin und wieder den Anschein hat, als könne er augenblicklich nicht gebieten über den Gebrauch seiner –«

Nach Mr. Dombeys kürzlichem Protest gegen die Knochen scheute sich Mrs. Chick, von Beinen zu sprechen, und wartete daher auf eine Einflüsterung von Miß Tor, die, ihrem Amte getreu, aufs Geratewohl das Wort »Glieder« hinwarf.

»Glieder!« wiederholte Mr. Dombey.

»Ich glaube, der Herr Doktor sprach diesen Morgen von Beinen, Louisa, ist es nicht so?« fragte Miß Tor.

»Ei freilich tat er das, meine Liebe«, entgegnete Mrs. Chick mit mildem Vorwurf. »Wie könnt Ihr mich nur fragen, da Ihr es ja sternchenland.com selbst gehört habt? Ich sage, wenn unser lieber Paul vorübergehend den Gebrauch seiner Beine verlieren sollte, so ist das nur eine Zufälligkeit, die bei vielen Kindern in seinem Älter oft vorkommt und sich weder durch Sorgfalt, noch durch Vorsicht verhindern läßt. Je eher du das einsiehst und zugestehst, Paul, desto besser ist es.«

»Zuverlässig weißt du, Louisa«, bemerkte Mr. Dombey, »daß ich deine natürliche Liebe und Achtung für das künftige Haupt meines Hauses nicht in Frage ziehe. Ich glaube, Mr. Pilkins ist heute morgen bei Paul gewesen?«

»Ja«, entgegnete die Schwester. »Miß Tor und ich, wir beide waren anwesend. Miß Tor und ich, wir fehlen nie bei solchen Gelegenheiten. Es ist für uns einfach Ehrensache. Mr. Pilkins kommt schon einige Zeit täglich ins Haus, und ich halte ihn für einen sehr gescheiten Mann. Er sagt, die Sache sei nicht der Rede wert, und ich kann dir diese Versicherung gehen, wenn du einen Trost darin findest; aber er empfahl heute Seeluft. Ich bin überzeugt, Paul, daß das ein sehr weiser Rat ist.«

»Seeluft?« wiederholte Mr. Dombey, seine Schwester ansehend.

»Es liegt durchaus nichts Beunruhigendes darin«, sagte Mrs. Chick. »Sie ist meinem George und meinem Friedrich, als sie ungefähr in gleichem Alter waren, ebenfalls verordnet worden, und auch ich selbst mußte mich ihrer oftmals bedienen. Ich bin ganz mit dir einverstanden, Paul, daß vielleicht droben unvorsichtigerweise Gegenstände vor ihm zur Sprache kommen, mit denen man seinen jungen Geist besser verschonen sollte; aber ich weiß in der Tat nicht, wie dem bei einem Kind von so rascher Auffassungsgabe abzuhelfen ist. Bei einem gewöhnlichen Kinde hätte es gar nichts auf sich. Ich muß daher sagen, daß ich die Ansicht der Miß Tor teile; eine kurze Abwesenheit von diesem Hause, die Luft von Brighton und die leibliche sowohl als die geistige Erziehung einer so verständigen Frau wie z.B. Mrs. Pipchin ist –«

»Wer ist Mrs. Pipchin, Louisa?« fragte Mr. Dombey, ganz entsetzt über die familiäre Erwähnung eines Namens, von dem er nie zuvor etwas gehört hatte.

»Mrs. Pipchin, mein lieber Paul«, entgegnete Mrs. Chick, »ist eine ältliche Dame – Miß Tor kennt ihre ganze Geschichte – die seit einiger Zeit mit bestem Erfolg die ganze Tätigkeit ihres Geistes dem Studium und der Erziehung der Jugend gewidmet hat; auch stammt sie aus guter Familie. Ihrem Gatten brach das Herz durch – wie habt Ihr gesagt, daß ihrem Gatten das Herz brach, meine Liebe? Ich habe die näheren Umstände vergessen.«

»Durch das Pumpen von Wasser aus den peruanischen Minen«, entgegnete Miß Tor.

»Er war natürlich nicht selbst Pompier«, sagte Mrs. Chick nach ihrem Bruder hinsehend; und es schien in der Tat nötig, eine solche Aufklärung zu geben, denn Miß Tor hatte von ihm gesprochen, als sei er an der Handhabung der Pumpe gestorben, »sondern hatte sein Geld bei der Spekulation angelegt, und diese schlug fehl. Ich sternchenland.com glaube, daß Mrs. Pipchin die Kinder ganz erstaunlich zu behandeln versteht. In den Privatzirkeln, die ich besuchte, habe ich sie stets – und, o du meine Güte, wie hoch – preisen hören!«

Mrs. Chicks Auge wanderte am Bücherschrank hinauf bis zur Büste des Mr. Pitt, die ungefähr zehn Fuß vom Boden entfernt war.

»Vielleicht sollte ich, mein teurer Sir«, bemerkte Miß Tor mit einem edlen Erröten, »da eben so bestimmt davon die Rede ist, beifügen, daß die Lobeserhebungen, in welchen sich Eure teure Schwester eben über Mrs. Pipchin ergangen hat, wohl berechtigt sind. Viele Ladies und Gentlemen, die nun zu interessanten Mitgliedern der Gesellschaft herangewachsen sind, haben ihrer Pflege viel zu verdanken. Das bescheidene Individuum, das Euch anzureden sich erdreistet, stand selbst einmal unter ihrer Obhut. Ich glaube sogar, daß der jugendliche Adel ihrer Anstalt nicht fremd ist.«

»Habe ich das so zu verstehen, daß diese achtbare Matrone ein Institut unterhält, Miß Tor?« fragte Mr. Dombey herablassend.

»Ich weiß in der Tat nicht«, erwiderte Miß Tor, »ob ich es mit Recht so nennen kann. Jedenfalls ist es keine Vorbereitungsschule. Drücke ich mich vielleicht treffend aus«, fügte sie mit eigentümlicher Süßigkeit hinzu, »wenn ich es als eine Kinderbewahrungsanstalt von der auserlesensten Beschaffenheit bezeichne?«

»In ungemein beschränktem und ausschließendem Maßstabe«, ergänzte Mrs. Chick mit einem Blick auf ihren Bruder.

»O! die Ausschließlichkeit selbst!« sagte Miß Tor.

Hierin lag etwas. Der Umstand, daß Mrs. Pipchins Gatten ob den peruanischen Minen das Herz brach, war gut – er hatte einen reichen Klang. Außerdem befand sich Mr. Dombey in einem Zustande, der sich fast zur Bestürzung steigerte, wenn er daran dachte, Paul solle auch nur noch eine Stunde im Hause bleiben, nachdem seine Entfernung durch den Arzt empfohlen worden war. Es handelte sich hier um eine neue Verzögerung und ein Hindernis auf dem Wege, den das Kind im besten Falle langsam genug zurücklegen mußte, ehe das Ziel erreicht war. Die Empfehlung der Mrs. Pipchin hatte bei ihm großes Gewicht, denn er wußte, daß die beiden Damen auf jede Einmengung bei ihrem Pflegling eifersüchtig waren, und es fiel ihm dabei keinen Augenblick ein, mit in Betracht zu ziehen, daß sie vielleicht auch auf andere Schultern eine Verantwortlichkeit abzuladen wünschten, in betreff deren er, wie sich eben erst gezeigt hatte, seine festgewurzelten Ansichten hatte. »Das Herz gebrochen wegen den peruanischen Minen«, dachte Mr. Dombey. »Nun, eine sehr achtbare Art, aus der Welt zu kommen.«

»Wir wollen morgen Nachfrage halten«, sagte Mr. Dombey nach einigem Erwägen: »und angenommen, wir entscheiden uns dafür, Paul zu dieser Dame nach Brighton zu schicken, wer soll mit ihm gehen?«

»Ich glaube, wir dürfen vorderhand nicht daran denken, das Kind irgendwohin zu schicken, ohne Florence, mein lieber Paul«, versetzte sternchenland.com seine Schwester stockend. »Er ist ganz vernarrt in sie. Du weißt, er ist noch so jung und hat seine Grillen.«

Mr. Dombey wandte den Kopf ab, ging langsam nach dem Bücherschranke, schloß ihn auf und langte ein Buch zum Lesen heraus.

»Wen sonst noch, Louisa?« fragte er, ohne aufzusehen in dem Buche blätternd.

»Natürlich die Wickham. Ich denke, Wickham genügt vollkommen«, entgegnete seine Schwester. »Wenn Paul in solchen Händen ist, wie bei Mrs. Pipchin, so kannst du kaum jemand mitschicken, der für sie nur ein weiteres Hindernis wäre. Natürlich machst du wenigstens einmal in der Woche einen Besuch dort.«

»Natürlich«, sagte Mr. Dombey und saß noch eine Stunde nachher immer vor derselben Seite seines Buches, ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben.

Die gefeierte Mrs. Pipchin war eine wunderbar häßlich aussehende, mißlaunige alte Dame von gebeugter Haltung, mit einem Gesicht, so fleckig wie schlechter Marmor, einer Hakennase und einem harten grauen Auge, das aussah, als könnte es auf einem Amboß gehämmert werden, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Wenigstens vierzig Jahre waren vergangen, seit die peruanischen Minen Mr. Pipchin den Tod gebracht hatten; aber seine Hinterlassene trug noch immer schwarzen Bombasin von so glanzlosem, tiefem, toten, düsteren Schatten, daß nach Eintritt der Dunkelheit sogar eine Gaslampe sie nicht aufzuhellen vermochte und ihre Gegenwart jede auch noch so große Anzahl von Kerzenlichtern zum Erblinden brachte. Sie galt im allgemeinen als eine Person, die sehr gut mit Kindern umzugehen wußte, und das Geheimnis ihrer Behandlung bestand darin, daß sie jedem gab, was ihm unlieb war, und nichts, was es gerne hatte; dadurch wurden denn ihre Charaktere sehr gezähmt. Sie war eine so bittere alte Dame, daß man sich wohl versucht fühlen konnte, zu glauben, in der Anwendung der peruanischen Maschinerie habe ein Irrtum stattgefunden, und es sei, statt des Wassers aus den Minen, alles Wasser der Heiterkeit und alle Milch der Menschenliebe völlig aus ihr herausgepumpt worden.

Das Kastell dieser Werwölfin und Kinderbändigerin stand an einer abschüssigen Stelle in einer Nebenstraße von Brighton. Der Boden war daselbst mehr als gewöhnlich kalkig, kieselig und unfruchtbar, und die Häuser zeigten ein gar schmächtiges, gebrechliches Aussehen. Die kleinen Gärten vorn besaßen die unerklärliche Eigentümlichkeit, nichts anderes als Ringelblumen hervorzubringen, was man sonst auch säen mochte, und die Schnecken klebten stets an den Haustüren und anderen öffentlichen Plätzen, wo sie wohl nicht als Zierde dienen konnten, mit der Beharrlichkeit von Schröpfköpfen. Winters konnte die Luft nicht aus dem Kastell heraus- und sommers nicht hineingebracht werden. Auch gab es darin einen so unaufhörlichen Widerhall des Windes, daß es überall stets wie eine große Muschel tönte, die die Insassen gleichsam Tag und Nacht an die Ohren halten mußten, ob sie nun wollten oder nicht. Natürlich konnte von sternchenland.com einem frischen Geruch nicht die Rede sein, und vor dem Fenster des Vorderzimmers, das nie geöffnet wurde, unterhielt Mrs, Pipchin eine Sammlung von Topfpflanzen, die der ganzen Anstalt ihren eigenen erdigen Duft mitteilten.

Wie sorgsam gewählt auch in ihrer Art die Exemplare sein mochten, die Pflanzen standen jedenfalls in einem eigentümlichen Einklang mit dem ganzen Hause der Mrs. Pipchin. Da waren ein halb Dutzend Kaktusse, die sich wie haarige Schlangen um runde Stöcke wanden; ein anderes Gewächs derselben Art streckte breite Krallen hinaus, wie ein grüner Hummer, mehrere Kriechpflanzen hatten stechende klebrige Blätter, und ein einziger unfreundlicher Blumentopf, der von der Zimmerdecke herunterhing, schien durch Sieden übergelaufen zu sein und kitzelte jetzt die unter ihm befindlichen Personen mit seinen langen grünen Enden, die an eine Spinne erinnerten – eine Tiergattung, von der es in Mrs. Pipchins Wohnung wimmelte, obschon sie vielleicht zur geeigneten Jahreszeit von den Ohrwürmern noch überboten wurden.

Gleichwohl steigerten sich Mrs. Pipchins Anforderungen an alle, die es erschwingen konnten, sehr hoch, und da die Dame selten die gleichmäßige Schärfe ihres Wesens zugunsten irgendeines Pfleglings milderte, so galt sie als eine Frau von merkwürdiger Festigkeit, die in ihrer Behandlung des kindlichen Charakters ganz wissenschaftlich zu Werke gehe. Auf die Grundlage dieses Rufs und des gebrochenen Herzens ihres Gemahls hin gelang es ihr, nach dem Ableben des Mr. Pipchin Jahr für Jahr sich leidlich durchzuschlagen. Drei Tage, nachdem Mrs. Chick ihrer zum erstenmal Erwähnung getan hatte, erlebte die treffliche alte Dame die Freude, einer respektablen Erhöhung ihrer laufenden Einnahmen aus Mr. Dombeys Tasche entgegensehen zu können und Florence sowohl als deren kleinen Bruder Paul zu den Insassen des Kastells zählen zu dürfen.

Mrs. Chick und Miß Tor waren abends zuvor mit den Kleinen angelangt und hatten die Nacht in einem Gasthaus zugebracht. Nach Ablieferung ihrer Fracht fuhren sie wieder der Heimat zu, und Mrs. Pipchin musterte, ihren Rücken dem Feuer zugekehrt, die neuen Ankömmlinge wie ein alter Feldwebel. Eine ältliche Nichte der Dame, eine gutmütige, dienstbeflissene Sklavin, die aber eine sehr hagere, eisenfeste Außenseite besaß und viel von Schwären an der Nase zu leiden hatte, nahm eben dem Master Bitherstone den reinen Halskragen ab, den er bei der Parade getragen hatte. Miß Pankey, zurzeit die einzige weitere kleine Kostgängerin, war kurz zuvor nach dem Gefängnis des Kastells, einem leeren Hintergemach, das zu Korrektionszwecken dienen mußte, geschickt worden, weil sie in Anwesenheit der Gäste dreimal geschnüffelt hatte.

»Nun, Sir«, sagte Mrs. Pipchin zu Paul, »glaubt Ihr wohl, daß es Euch bei mir gefallen wird?«

»Ich denke nicht, daß es mir hier je gefallen kann«, versetzte Paul »Ich will wieder fort. Das hier ist nicht mein Haus.«

»Nein. Es gehört mir«, entgegnete Mrs. Pipchin.

»Es ist sehr garstig«, sagte Paul.

»Gleichwohl gibt es noch einen schlimmern Platz darin«, erwiderte Mrs. Pipchin, »wo wir unsere bösen Buben einsperren.«

»Ist der auch schon drinnen gewesen?« fragte Paul, auf Master Bitherstone deutend.

Mrs. Pipchin nickte bejahend, und Paul hatte für den Rest des Tags genug damit zu schaffen, indem er Master Bitherstone von Kopf bis zu Fuß musterte und die Bewegungen seines Gesichts mit dem vollen Interesse beobachtete, das ein Knabe mit geheimnisvollen und schrecklichen Erfahrungen einzuflößen imstande ist.

Ein Uhr war die Stunde des Mittagessens, das hauptsächlich aus Mehlspeisen und Gemüse bestand, und um diese Zeit wurde Miß Pankey (ein sanftes, blauäugiges kleines Mädchen) aus ihrem Gefängnis hervorgeholt. Die Werwölfin verrichtete dieses Amt in eigner Person und belehrte ihre kleine Pflegbefohlene, daß niemand, der vor den Gästen schnüffle, je in den Himmel komme. Nachdem ihr diese große Wahrheit gehörig ans Herz gelegt war, wurde sie mit Reis bewirtet und mußte dann die im Kastell herkömmliche Gebetformel vortragen, in der speziell die Klausel des Dankes gegen Mrs. Pipchin für das gute Essen eingeschlossen war. Mrs. Pipchins Nichte, Berinthia, erhielt kaltes Schweinefleisch, und Mrs. Pipchin, deren Konstitution warme Nahrung verlangte, setzte sich zu den Hammelrippchen, die zwischen zwei Platten ganz heiß hereingebracht wurden und sehr gut rochen.

Da sie wegen des Regens nach dem Mahl nicht an die Küste hinuntergehen konnten und Mrs. Pipchins Konstitution nach den Hammelrippchen der Ruhe bedurfte, so begaben sie sich mit Berry (sonst Berinthia) nach dem Gefängnis, einem leeren Zimmer, das nach einer gegipsten Wand und einem Wasserfaß hinaussah, keinen Ofen hatte und mit seinem zerrissenen Kamin einen sehr gespenstischen Eindruck machte. Wenn übrigens Geselligkeit Leben hineinbrachte, war hier am Ende der beste Platz; denn Berry spielte da mit den Kindern und schien an deren Ausgelassenheit eine ebenso große Freude zu haben, wie ihre Pfleglinge. Dies dauerte fort, bis Mrs. Pipchin, wie der wieder auflebende »schwarze Mann«, zornig an die Wand klopfte; dann ließen sie ab, und Berry erzählte ihnen im Flüsterton Märchen bis zur Abenddämmerung.

Statt des Tees war für die Kinder reichlich Milch und Wasser mit Butterbrot vorhanden. Nur für Mrs. Pipchin und Berry wurde ein kleiner schwarzer Teetopf nebst einer unbeschränkten Menge Röstschnitten mit Butter für Mrs. Pipchin aufgetragen, die ebenso heiß wie die Hammelrippchen ankamen. Obschon nun die Werwölfin infolge dieses Gerichts von außen sehr schmierig wurde, schien es sie doch von innen durchaus nicht geschmeidiger zu machen; denn sie blieb so wild wie immer, und das harte graue Auge wollte nichts von Weichheit wissen.

Nach dem Tee brachte Berry ein kleines Arbeits-Etui, auf dessen Deckel der königliche Pavillon zu sehen war, hervor und fing an, sternchenland.com emsig zu arbeiten, während Mrs. Pipchin ihre Brille aufsetzte, ein großes, in grüne Leinwand gebundenes Buch herausnahm und zu nicken begann. Sooft aber Mrs. Pipchin sich darüber ertappte, daß sie gegen das Fenster vorbeugte und daran aufwachte, gab sie Master Bitherstone einen Nasenstüber, weil er gleichfalls genickt hatte.

Endlich war es für die Kinder Schlafenszeit, und nachdem sie ihr Gebet hergesagt hatten, wurden sie zu Bett gebracht. Da die kleine Miß Pankey sich fürchtete, allein im Dunkeln zu schlafen, so übernahm Mrs. Pipchin stets das Amt, sie in Person gleich einem Schaf die Treppe hinaufzutreiben; und es war gar erbaulich, mitanzuhören, wenn Miß Pankey noch lange hernach in der allerschlechtesten Kammer weinte und Mrs. Pipchin hin und wieder hineinging, um sie zu zausen. Um halb zehn Uhr brachte der Geruch von heißen Kalbsbrieslein (der Mrs. Pipchin gestattete ihre Konstitution nicht, ohne Kalbsbrieslein schlafen zu gehen) eine Abwechslung in die vorherrschenden Düfte des Hauses, die Mrs. Wickham als »Häusergeruch« bezeichnete, und bald nachher lag das ganze Kastell im Schlummer.

Am andern Morgen war das Frühstück wie der Tee am Abend vorher, nur mit der Ausnahme, daß Mrs. Pipchin statt der Röstschnitten eine Semmel verspeiste und nachher nur noch gereizter zu sein schien. Master Bitherstone las den übrigen laut einen Stammbaum aus der Genesis (von Mrs. Pipchin absichtlich ausgewählt) vor und kam über die Namen mit der Ruhe und Klarheit einer Person weg, die in einer Tretmühle arbeitete. Nachdem das geschehen war, wurde Miß Pankey fortgetragen, um gewaschen zu werden, und an Master Bitherstone nahm man etwas anderes mit Salzwasser vor, aus dem er stets sehr blau und niedergeschlagen zurückkehrte. Paul und Florence gingen inzwischen mit Wickham, die unaufhörlich in Tränen zerfloß, nach dem Gestade, und um die Mittagsstunde hielt Mrs. Pipchin abermals bei einer Vorlesung die Oberaufsicht. Es gehörte mit zu Mrs. Pipchins System, den kindlichen Geist sich nicht wie eine junge Blume entwickeln und ausbreiten zu lassen, sondern ihn mit Gewalt gleich einer Auster zu öffnen; denn die Moral solcher Vorlesungen trug gewöhnlich einen ungestümen und einschüchternden Charakter: der Held – ein böser Knabe – wurde in Mitte der Katastrophe selten durch etwas Geringeres als durch einen Löwen oder Bären abgetan.

So war das Leben bei Mrs. Pipchin. Am Sonnabend kam Mr. Dombey herunter – eine Gelegenheit, bei der Florence und Paul zu ihm nach seinem Hotel kommen durften und Tee erhielten. Auch den ganzen Sonntag blieben sie bei dem Vater und fuhren gewöhnlich vor dem Mittagessen mit ihm aus. Bei solchen Anlässen schien Mr. Dombey, gleich Falstaffs Feinden, sich sozusagen zu »multiplizieren« und aus einem einzelnen steifleinwandenen Menschen ein ganzes Dutzend zu werden. Sonntagabend war der trübseligste Abend in der Woche; denn zu solchen Zeiten schien Mrs. Pipchin es darauf abgesehen zu haben, besonders widerwärtig zu sein. Miß sternchenland.com Pankey wurde in der Regel von einer Tante zu Rottendean in tiefer Betrübnis zurückgebracht, und Master Bitherstone, dessen Verwandte insgesamt in Indien waren, und der während der Gebete in aufrechter Haltung, den Kopf gegen die Zimmerwand gelehnt und ohne eine Hand oder einen Fuß zu rühren, dasitzen mußte, fühlte sich dabei in seinem jugendlichen Gemüt so niedergeschlagen, daß er eines Sonntags abends Florence fragte, ob sie ihm für den Rückweg nach Bengalen kein Mittel angeben könne.

Aber Mrs. Pipchin stand in dem Rufe, daß sie die Kinder systematisch zu behandeln wisse, und ohne Zweifel war das auch der Fall. Die wilden kamen zuverlässig zahm genug nach Haus, nachdem sie sich einige Monate unter ihrem wirtlichen Dache aufgehalten hatten. Auch sagte man sich allgemein, es machte Mrs. Pipchin große Ehre, daß sie, nachdem ihrem Mann durch die peruanischen Minen das Herz gebrochen war, sich dieser Lebensaufgabe gewidmet, ihre Gefühle zum Opfer gebracht und fortwährend gegen die Mühen ihrer Stellung so entschlossen standgehalten hatte.

Neben dieser exemplarischen alten Dame pflegte nun Paul in der Regel lange Zeit in seinem kleinen Armstuhl zu sitzen und ins Feuer zu schauen. Er schien nie zu wissen, was Müdigkeit war, so oft er einen festen Blick auf Mrs. Pipchin richtete. Zwar liebte er sie nicht und fürchtete sich auch nicht vor ihr. Aber in seinen wunderlichen alten Launen schien sie eine ganz eigentümliche Anziehung für ihn zu besitzen. Die Hände wärmend, schaute er nach ihr hin und schaute fort, daß sogar die Werwölfin bisweilen ganz verwirrt wurde. Als sie einmal allein waren, fragte sie ihn, an was er denke.

»An Euch«, versetzte Paul ohne den mindesten Rückhalt.

»Und was denkt Ihr von mir?« fragte Mrs. Pipchin.

»Ich mache mir Gedanken, wie alt Ihr wohl sein mögt«, sagte Paul.

»Von solchen Dingen müßt Ihr nicht sprechen, junger Gentleman«, versetzte die Dame. »Das schickt sich nicht.«

»Warum nicht?« sagte Paul.

»Weil es unhöflich ist«, versetzte Mrs. Pipchin schnippisch.

»Unhöflich?« fragte Paul.

»Ja.«

»Wickham sagt«, entgegnete Paul unschuldig, »es sei auch nicht höflich, alle Hammelrippchen und Röstschnitten allein zu essen.«

»Wickham«, erwiderte Mrs. Pipchin aufbrausend, »ist eine boshafte, unverschämte, dreiste Person.«

»Was soll das?« fragte Paul.

»Geht Euch nichts an, Sir«, entgegnete Mrs. Pipchin. »Denkt an die Geschichte von dem kleinen Knaben, der von einem tollgewordenen Ochsen totgestoßen wurde, weil er Fragen stellte.«

»Wenn der Ochse toll war«, sagte Paul, »wie konnte er wissen, daß der Knabe Fragen stellte? Niemand kann hingehen und einem tollen Ochsen Geheimnisse hinterbringen. Ich glaube nicht an diese Geschichte.«

»Ihr glaubt nicht daran, Sir?« wiederholte Mrs. Pipchin erstaunt.

»Nein«, sagte Paul.

»Auch nicht, wenn es zufälligerweise ein zahmer Ochse gewesen wäre, Ihr kleiner Ungläubiger?« erwiderte Mrs. Pipchin.

Da Paul den Gegenstand noch nicht in diesem Licht betrachtet und seine Folgerungen bloß auf die angeführte Mondsüchtigkeit der Ochsen gebaut hatte, so mußte er sich für den Augenblick zufrieden geben. Aber er brütete über dem Thema mit einer so augenscheinlichen Absicht, Mrs. Pipchin gleich wieder zu fassen, daß sogar diese zähe Dame es für ratsam hielt, sich zurückzuziehen, bis der Gegenstand vergessen wäre.

Von dieser Zeit an schien Paul für Pipchin ebensoviel Anziehungskraft zu haben wie Pipchin für Paul. Statt ihn auf der andern Seite des Feuers sitzen zu lassen, rückte sie seinen Stuhl auf ihre Seite hinüber, und da blieb denn Paul in einer Ecke zwischen dem Kamin und Mrs. Pipchin, alles Licht seines kleinen Antlitzes in die schwarzen Kleiderfalten vertiefend, jede Linie und Runzel ihres Gesichts studierend und das harte graue Auge in einer Weise durchbohrend, daß es Mrs. Pipchin bisweilen schloß, als ob sie schlummere. Mrs. Pipchin hatte eine alte schwarze Katze, die in der Regel mitten vor dem Kamin lag, wo sie aus reinem Privatvergnügen schnurrte und nach dem Feuer hinblinzelte, bis die zusammengezogenen Pupillen ihrer Augen wie zwei Ausrufungszeichen aussahen. Wie sie so zusammen bei dem Feuer dasaßen, hätte man die gute alte Dame – wir verwahren uns gegen alle respektwidrige Deutung – für eine Hexe und Paul nebst der Katze für ihre zwei vertrauten Geister ansehen können. Auch hätte es völlig zu der Szene gepaßt, wenn die ganze Gesellschaft in einer windigen Nacht einen Ausflug durch den Schornstein gemacht hätte, um nie wieder zurückzukommen.

So weit kam es nun allerdings nicht, sondern nach Einbruch der Dunkelheit sah man die Katze, Paul und Mrs. Pipchin stets an ihren gewöhnlichen Plätzen, und Paul, der die Kameradschaft des Master Bitherstone gerne mied, machte Abend für Abend seine Studien an Mrs. Pipchin, an der Katze und an dem Feuer, als wären sie ein Zauberbuch in drei Bänden.

Mrs. Wickham hatte für Pauls Besonderheiten ihre eigene Deutung und leitete aus alledem die unheimlichsten Betrachtungen ab. In solchen Deutungen wurde sie durch eine wirre Aussicht auf Schornsteine von dem Zimmer aus, wo sie sich gewöhnlich aufhalten mußte, durch das Getöse des Windes und durch die Langeweile ihres gegenwärtigen Lebens (Gespenstigkeit lautet der starke Ausdruck der Mrs. Wickham) bestärkt. Es gehöre mit zu Mrs. Pipchins Politik, zu verhindern, daß ihr eigenes »junges Weibsbild« – dies war ihre stehende Bezeichnung eines jeden weiblichen Dienstboten – in Verkehr mit Mrs. Wickham kam. Darum verwandte sie viel Zeit darauf, sich hinter Türen zu verbergen und auf das arme Mädchen sternchenland.com sternchenland.com zuzuspringen, sooft sich dieses Mrs. Wickhams Zimmer näherte. Indessen stand es doch Berry frei, in diesem Quartier, soweit es sich mit der Besorgung der vielfältigen Obliegenheiten vertrug, an denen sie unablässig von Morgen bis in die Nacht arbeiten mußte, sich wenigstens zu unterhalten, und so erleichterte dann Mrs. Wickham gegen sie ihr Herz.

»Was er für ein hübscher Junge ist, wenn er schläft!« sagte Berry, vor Pauls Bett stehenbleibend, nachdem sie Mrs. Wickham ihr Nachtessen hinaufgetragen hatte.

»Ach«, seufzte Mrs. Wickham, »er hat es wohl nötig.«

»Nun, er ist auch nicht häßlich, wenn er wacht«, bemerkte Berry.

»Nein, Ma’am. O nein. Ebenso wenig wie meines Onkels Betsey Jane«, sagte Mrs. Wickham.

Berry machte eine Miene, als möchte sie gar gerne den Gedankenzusammenhang zwischen Paul Dombey und der Betsey Jane des Onkels von Mrs. Wickham erforschen.

»Meines Onkels Frau«, fuhr Mrs. Wickham fort, »starb genau wie seine Mama. Das Kind meines Onkels fing gerade so an, wie Master Paul, und den Leuten lief oft darob das Blut kalt durch die Adern.«

»Wieso?« fragte Berry.

»Ich hätte nicht eine ganze Nacht allein bei Betsey Jane aufbleiben mögen!« sagte Mrs. Wickham, »nein, und wenn man meinem Mann am andern Morgen ein eigenes Geschäft angetragen hätte. Es wäre mir rein unmöglich gewesen. Miß Berry.«

Miß Berry fragte natürlich nach dem Grund. Aber Mrs. Wickham verfolgte nach dem Brauch mancher Damen von ihrer Stellung die Sache in ihrer eigenen Weise, ohne sich verwirren zu lassen.

»Betsey Jane«, sagte Mrs. Wickham, »war ein so süßes Kind, wie man nur eines zu sehen wünschen kann. Ich möchte mir kein lieberes wünschen. Betsey Jane überwand alles, was einem Kind an Krankheiten nur zustoßen kann. Die Masern waren bei ihr so leicht«, fügte Mrs. Wickham hinzu, »wie bei Euch das Hautjucken, Miß Berry.«

Miß Berry runzelte unwillkürlich die Nase.

»Aber der Betsey Jane«, sagte Mrs. Wickham, ihre Stimme dämpfend, indem sie zugleich im Zimmer umher und nach Pauls Bett hinsah, »ist ihre verstorbene Mutter in der Wiege erschienen. Ich kann nicht gerade sagen, wie oder wann, und ebenso wenig weiß ich, ob das liebe Kind davon wußte oder nicht. Aber Betsey Jane ist von ihrer Mutter bewacht worden, Miß Berry. Ihr sagt vielleicht, das sei Unsinn; ich nehme es nicht übel, Miß, und hoffe, ihr werdet imstande sein, mit gutem Gewissen zu glauben, daß es wirklich Unsinn sei. Euer Gemüt wird nur um so besser dabei fahren, da Ihr Euch an einem Platz befindet, der – Ihr werdet meine Freiheit entschuldigen – wie ein Begräbnisplatz aussieht und es wohl vermöchte, mich unter den Boden zu bringen. Master Paul ist ein wenig unruhig sternchenland.com in seinem Schlaf. Klopft ihn auf den Rücken, wenn Ihr so gut sein wollt.«

»Natürlich glaubt Ihr«, sagte Berry, indem sie tat, was ihr aufgetragen wurde, »auch seine Mutter habe sich seiner angenommen?«

»Betsey Jane«, erwiderte Mrs. Wickham in feierlichstem Ton, »wurde aufgezogen wie dieses Kind da, und veränderte sich so sehr, wie sich Paul verändert hat. Ich habe oft und oft gesehen, wie sie dasaß – in Gedanken, in Gedanken, in Gedanken, ganz wie er. Oft und oft bemerkte ich, wie sie gerade so alt, alt, alt aussah wie er. Vielmal hörte ich sie geradeso reden, wie er redet, und ich bin der Meinung, daß dieses Kind und Betsey Jane ganz in der nämlichen Lage sind, Miß Berry.«

»Ist Eures Onkels Kind noch am Leben?« fragte Berry.

»Ja, Miß, sie lebt«, entgegnete Mrs. Wickham mit triumphierender Miene; denn es war augenscheinlich, daß Miß Berry das Gegenteil erwartete; »und ist an einen Silberarbeiter verheiratet. O ja. Miß, sie lebt«, sagte Mrs. Wickham, einen bedeutsamen Nachdruck auf das »sie« legend.

Es ging also klar daraus hervor, daß jemand tot war, und Mrs. Pipchins Nichte erkundigte sich nach der betreffenden Person.

»Ich möchte Euch nicht unruhig machen«, entgegnete Mrs. Wickham, in ihrem Nachtessen fortfahrend. »Fragt mich nicht danach.«

Das war jedenfalls das sicherste Mittel, eine zweite Frage herbeizuführen. Miß Berry wiederholte sie daher, und nach einigem widerstrebenden Zögern legte Mrs. Wickham das Messer nieder, um nach Pauls Nett hinzublicken.

»Sie faßte Zuneigungen zu Leuten«, antwortete sie, »darunter gar wunderliche Zuneigungen. Und andere gewannen sie lieb, wie man dieses wohl erwarten konnte, aber nur in höherem Grad als gewöhnlich. Sie sind alle gestorben.«

Das war so gar unverhofft und schrecklich für Mrs. Pipchins Nichte, daß sie sich aufrecht auf den harten Rand der Bettstatt niedersetzte, nur kurz aufatmete und die Sprecherin mit Blicken des unzweideutigsten Entsetzens ansah.

Mrs. Wickham schüttelte verstohlen ihren Zeigefinger gegen das Bett, wo Florence lag, senkte ihn dann abwärts und winkte mehrere Male bedeutungsvoll nach dem Boden. Unmittelbar darunter befand sich nämlich das Zimmer, in dem Mrs. Pipchin ihre Röstschnitten zu verzehren pflegte.

»Denkt an meine Worte, Miß Berry«, sagte Mrs. Wickham, »und dankt Gott, daß Master Paul nicht allzu große Stücke auf Euch hält. Ich wenigstens kann Euch versichern, bin froh, daß er mir nicht zuviel zugetan ist, obschon man in diesem Gefängnis von einem Haus – entschuldigt mich, daß ich das so frei sage – sich nicht sonderlich seines Lebens freuen sollte.«

Vielleicht hatte Miß Berry in ihrer Aufregung Paul zu hart geklopft, oder es kam vielleicht daher, daß in dieser einförmigen Beschwichtigung eine Pause stattgefunden hatte – genug, Paul drehte sternchenland.com sich in demselben Augenblick im Bett um, erwachte und nahm eine sitzende Stellung ein. Seine Haare waren feucht von den Wirkungen eines kindischen Traumes. Er fragte nach Florence.

Bei dem ersten Ton seiner Stimme war sie aus ihrem Bettchen, beugte sich über sein Kissen nieder und sang ihn wieder in Schlaf. Mrs. Wickham schüttelte den Kopf, ließ einige Tränen fallen, machte Berry auf die kleine Gruppe aufmerksam und schlug ihre Augen zur Decke empor.

»Gute Nacht, Miß!« sagte Wickham leise. »Gute Nacht! Eure Tante ist eine alte Frau, Miß Berry, und Ihr habt einem solchen Ausgang oft schon entgegensehen müssen.«

Dieses tröstliche Lebewohl begleitete Mrs. Wickham mit einem Blick herzlich gefühlter Beklommenheit, und sobald sie mit den beiden Kindern allein war, erging sie sich, während der Wind draußen schauerlich blies, in dem wohlfeilsten und leicht erreichbaren Hochgenuß der Schwermut, bis sie vom Schlummer überwältigt wurde.

Obgleich Mrs. Pipchins Nichte, als sie die Treppe hinunterging, nicht gerade erwartete, den exemplarischen Hausdrachen auf dem Herdfries ausgestreckt zu finden, fühlte sie sich doch erleichtert, als sie bemerkte, daß die Dame ungewöhnlich zänkisch und herb war – mit einem Wort, in Aussicht stellte, als gedenke sie zur Freude aller, die sie kannten, noch recht lange zu leben. Auch zeigten sich im Lauf der nächsten Woche durchaus keine Merkmale von Hinfälligkeit, denn die ihrer Natur zusagenden Nährmittel verschwanden fortwährend in der regelmäßigen Reihenfolge, obgleich Paul sie so aufmerksam wie nur je studierte und mit unwandelbarer Beharrlichkeit seinen gewöhnlichen Sitz nahe den schwarzen Falten und dem Kaminvorsprung einnahm.

Da aber Paul nach Ablauf dieser Zeit nicht kräftiger geworden war, als er bei seiner Ankunft gewesen, obschon er im Gesicht viel gesünder aussah, so wurde für ihn ein Wägelchen besorgt, in dem er gemächlich mit seinem ABC und andern Elementarübungen liegen konnte, wenn man ihn nach der Küste hinunterführte. Konsequent in seinen wunderlichen Liebhabereien, verwarf der Knabe einen rotwangigen Jungen, der sich zum Wagenpferd erboten hatte, und wählte dafür dessen Großvater, einen schmächtigen, alten, sauertöpfischen Mann in einem schmierigen Anzug, der durch lange Salzwasserlauge zähe geworden war und einen Geruch wie moderiges Seegras zur Ebbezeit verbreitete.

Dieser denkwürdige Führer zog ihn jeden Tag nach dem Gestade des Ozeans hinunter, und Florence ging stets an seiner Seite her, während die schwermütige Wickham den Nachtrab bildete. Dort saß oder lag er nun stundenlang in seinem Wägelchen und fühlte sich nie übler gelaunt, als wenn ihm Kinder Gesellschaft leisten wollten – natürlich Florence stets ausgenommen.

»Sei so gut und geh weg«, konnte er zu einem Kinde sagen, das mit ihm Kameradschaft machen wollte. »Ich danke, aber ich brauche dich nicht.«

Fragte ihn wohl eine kleine Stimme in der Nähe, wie es ihm gehe, so pflegte er zu erwidern:

»Ich befinde mich recht gut, danke schön, aber es ist wohl am besten, wenn du zu deinem Spiel gehst. Tu mir den Gefallen.«

Dann drehte er den Kopf, um dem sich entfernenden Kinde nachzusehen, und sagte zu Florence:

»Nicht wahr, wir brauchen keine andern? Küsse mich, Floy.«

Zu solchen Zeiten konnte er auch die Wickham nicht leiden, und er freute sich, wenn sie wegging, was sie auch gewöhnlich tat, um Muscheln aufzulesen oder Bekanntschaften anzuknüpfen. Ein abgelegener Ort, weit weg von den gewöhnlichen Spaziergängen, war sein Lieblingsplatz, und Florence pflegte dann mit ihrer Arbeit an seiner Seite zu sitzen, ihm vorzulesen oder mit ihm zu plaudern. Der Wind blies ihm ins Gesicht, und das Wasser schlug bis an die Räder seines beweglichen Bettes; mehr verlangte er nicht.

»Floy«, sagte er eines Tages, »wo ist Indien, der Aufenthalt der Verwandten jenes Knaben?«

»O, das ist weit, weit weg«, sagte Florence, die Augen von ihrer Arbeit erhebend.

»Wochen?« fragte Paul.

»Ja, mein Lieber. Man muß viele Wochen Tag und Nacht reisen.«

»Wenn du in Indien wärest, Floy«, sagte Paul, nachdem er eine Minute geschwiegen, »so würde ich – was war es, was die Mama tat? Ich habe es vergessen.«

»Mich lieben!« entgegnete Florence.

»Nein, nein. Liebe ich dich nicht jetzt schon, Floy? Was tat sie doch – ja sie starb. Wenn du in Indien wärest, Floy, so würde ich sterben.«

Sie legte hastig ihre Arbeit beiseite, senkte ihr Köpfchen auf sein Kissen nieder und überhäufte ihn mit Liebkosungen. Auch ihr würde es so ergehen, sagte sie, wenn er dort wäre. Es werde ihm übrigens bald besser ergehen.

»O, ich bin jetzt schon viel besser«, antwortete er. »Ich meine nicht dieses, sondern wollte nur sagen, ich würde sterben vor Betrübnis und Einsamkeit, Floy!«

Ein andermal schlummerte er an derselben Stelle ein und schlief geraume Zeit ruhig fort. Plötzlich erwachend, lauschte er, fuhr auf und setzte sich horchend hin.

Florence fragte ihn, was er zu hören glaube.

»Ich möchte wissen, was es sagt«, antwortete er, ihr fest ins Gesicht blickend. »Das Meer, Floy, was spricht es denn in einem fort?«

Sie entgegnete ihm, daß er nur das Getöse der rollenden Wellen höre.

»Ja, ja«, versetzte er. »Aber ich weiß, daß sie immer etwas sagen. Stets das nämliche. Was ist dort drüben für ein Ort?« Er richtete sich auf und schaute mit großer Spannung nach dem Horizont.

Sie sagte ihm, daß dort drüben ein anderes Land liege; aber er erwiderte, dieses meine er nicht, sondern weiter weg – weiter weg. sternchenland.com Später konnte er sehr oft in Mitte ihres Gesprächs plötzlich abbrechen, um zu lauschen, was doch die Wellen immer sagten: dann erhob er sich von seinem Lager, um nach jener unsichtbaren Gegend hinzusehen – weit weg.

Neuntes Kapitel.


Neuntes Kapitel.

In welchem den hölzernen Midshipman Angelegenheiten treffen.

Der Hang der Romantik und Liebe zum Wunderbaren hatte sich in ziemlich starker Menge in der Natur des jungen Walter angesammelt. Dieser Hang war unter der Obhut des alten Solomon Gills durch die Wasser einer ernsten praktischen Erfahrung nicht sonderlich geschwächt worden und veranlaßte, daß er für Florences Abenteuer mit der guten Mrs. Brown ein ungewöhnliches, begeistertes Interesse hegte. Er bewahrte es treulich in seinem Gedächtnis, namentlich all das, woran er selbst mitgewirkt hatte, und trug es so mit sich herum, bis es das verderbte, eigensinnige Kind seiner Phantasie wurde, das ganz nach eigener Laune handelte.

Die Erinnerung an diese Vorfälle und seine eigene Beteiligung dabei wurde vielleicht noch bezaubernder durch die wöchentlichen Träume des alten Sol und des Kapitän Cuttle, wenn sie an Sonntagen beisammen saßen. Kaum verging einer von diesen Anlässen, ohne daß der eine oder der andere dieser würdigen Kumpane geheimnisvolle Anspielungen auf Richard Whittington machte. Der Kapitän war sogar so weit gegangen, eine Ballade von beträchtlichem Altertum zu kaufen, die lange unter andern poetischen Seemannsergießungen an einer Mauer der Trödlerstraße geflattert hatte. Die dichterische Leistung behandelte die Werbung und die Hochzeit eines hoffnungsvollen jungen Köhlers mit einer gewissen »lieblichen Peg«, einer mit allen Vorzügen ausgestatteten Tochter des Meisters und Miteigentümers eines Newcastler Kohlenschiffes. In dieser aufregenden Geschichte entdeckte Kapitän Cuttle eine tiefe geheime Beziehung zu dem Fall zwischen Walter und Florence. Sie begeisterte ihn dermaßen, daß er bei sehr festlichen Anlässen, z. B. an Geburts- und andern nicht sonntäglichen Feiertagen in dem kleinen Hinterstübchen das ganze Lied herunterplärrte und bei dem Wort »Pe–e–eg«, mit dem jeder Vers zu Ehren der Helden des Stücke« schloß, einen ganz erstaunlichen Triller anbrachte.

Aber ein offener, freimütiger Junge ist nicht gerade in der Lage, die Natur der eigenen Gefühle zu analysieren, wie tief sie auch in ihm verwurzelt sein mögen: und Walter wäre es schwer geworden, über diesen Punkt zu einer Entscheidung zu kommen. Er hatte eine große Zuneigung zu der Stelle, wo er Florence begegnet war, und der Straße, durch die er sie, obschon sie an sich durchaus nicht bezaubernd genannt werden konnte, nach Hause geführt hatte. Die Schuhe, die ihr unterwegs so oft abgeglitten waren, bewahrte er in seinem eigenen sternchenland.com Stübchen auf, und wenn er abends in dem kleinen Hinterzimmer saß, entwarf er sich von der guten Mrs. Brown eine ganze Galerie von eingebildeten Porträts. Möglich, daß er auch nach jenen denkwürdigen Anlässen ein bißchen sorgfältiger in seinem Anzug wurde. Auch ist jedenfalls soviel gewiß, daß er während seiner freien Zeit gerne nach jenem Stadtteil spazierte, wo Mr. Dombeys Haus lag, in der unbestimmten Hoffnung, er könnte vielleicht der kleinen Florence auf der Straße begegnen. Aber bei alledem war sein Sinn so knabenhaft unschuldig, wie er es nur sein konnte. Florence war sehr hübsch, und es ist angenehm, ein hübsches Gesicht zu bewundern. Florence war zart und wehrlos. Was für ein stolzer Gedanke, daß er imstande gewesen, ihr seinen Schutz und seinen Beistand zu verleihen. Florence war das dankbarste kleine Geschöpf in der Welt: und es erfüllte ihn mit Entzücken, zu sehen, wie ihr dieses schöne Gefühl aus dem Antlitz leuchtete. Florence war vernachlässigt und wurde mit Kälte behandelt. Seine Brust quoll über von jugendlicher Teilnahme für das verachtete Kind in seiner öden stattlichen Heimat.

So kam es, daß Walter vielleicht ein halb dutzendmal im Lauf des Jahres auf der Straße vor Florence den Hut ziehen konnte, und sie pflegte dann haltzumachen, um ihm ihre Hand zu reichen. Mrs. Wickham war daran so gewöhnt, daß sie nicht darauf achtete, weil sie von der Geschichte ihrer Bekanntschaft unterrichtet war. Miß Nipper dagegen hatte auf derartige Anlässe ein schärferes Augenmerk. Ihr empfindsames Herz war im geheimen durch Walters gutes Aussehen gewonnen, und sie neigte sich zu dem Glauben, daß ihre Gefühle erwidert würden.

Die Entfernung von Florence diente nicht dazu, daß Walter die Bekanntschaft mit ihr vergaß oder sie aus dem Gesicht verlor. Im Gegenteil, er hütete die Erinnerung daran mehr denn je in seinem Innern. Was den abenteuerlichen Anfang und alle jene kleinen Umstände betraf, die ihr einen bestimmten Charakter und Hochgenuß verliehen, so nahm er die mehr als ein angenehmes Märchen, das seine Phantasie erquickte und nicht aus ihr verloren gehen durfte, weniger als den Teil einer Tatsache, an der er beteiligt war. In seiner Einbildungskraft diente sie wohl dazu, Florence zu heben, nicht aber ihn selbst. Bisweilen dachte er (und er beschleunigte dann seine Schritte), was es nicht Großes gewesen wäre, wenn er sich am Tag nach jener ersten Begrüßung auf ein Schiff begeben hätte, um auf der See Wunder zu tun und nach langer Abwesenheit als ein Admiral strahlend in allen Farben des Delphins oder wenigstens als ein Postkapitän mit Epauletten von blendendem Glanze wieder zurückzukommen. Dann hätte er Florence, die zu einer schönen Jungfrau herangewachsen war, heiraten und sie – Mr. Dombey, seinem Schlips und seiner Uhrkette zum Trotz – triumphierend irgendwohin nach der Riviera entführen können. Aber dieser Phantasieflug war nicht imstande, die Messingplatte von Dombey und Sohns Geschäftslokalen in ein Täfelchen goldener Hoffnung umzuwandeln oder einen helleren Glanz durch dessen erblindete Hochlichtfenster hereinzusenden, sternchenland.com und wenn die beiden Alten im Hinterstübchen von Richard Whittington und Chefstöchtern sprachen, so fühlte Walter wohl, daß er über die wahre Stellung von Dombey und Sohn weit besser unterrichtet war als sie.

So kam es denn, daß er fortfuhr, seine täglichen Pflichten mit heiterem, fröhlichem, unermüdetem Geist zu erfüllen. Zwar durchschaute er wohl den hitzigen Charakter von Onkel Sol und Kapitän Cuttle; aber dennoch unterhielt er tausend unbestimmte und träumerische Vorstellungen von eigener Schöpfung, gegen die die ihrigen nur alltägliche Wahrscheinlichkeiten waren. Dies also war seine Lage in der Pipchin-Periode, in der er zwar etwas – aber nicht um viel – älter aussah, als vordem. Er war noch derselbe leichtfüßige, leichtherzige Junge, wie zur Zeit, als er an der Spitze von Onkel Sol und der eingebildeten Enterer in das Wohnstübchen stürmte und dem Onkel bei dem Heraufbringen des Madeira leuchtete.

»Onkel Sol«, sagte Walter, »ich glaube, Ihr seid nicht ganz wohl. Ihr habt kein Frühstück genommen. Wenn es so bei Euch fortgeht, werde ich einen Arzt holen.«

»Er kann mir doch nicht geben, was ich brauche, mein Junge«, versetzte Onkel Sol. »Jedenfalls müßte er eine gute Praxis haben, wenn er es könnte, und wenn dies der Fall ist, tut er es nicht.«

»Was meint Ihr damit, Onkel? Kunden?«

»Jawohl«, entgegnete Solomon mit einem Seufzer. »Kunden würden gut angelegt sein.«

»Zum Kuckuck, Onkel!« sagte Walter, indem er seine Frühstücktasse klappernd niedersetzte und mit der Hand auf den Tisch schlug, »wenn ich auf der Straße draußen den ganzen Tag lang alle Minuten Scharen von Leuten am Laden hin und her gehen sehe, so fühle ich mich halb versucht, hinauszueilen, den nächsten besten am Kragen zu packen, hereinzubringen und ihn zu zwingen, daß er für fünfzig Pfund in bar – Instrumente kaufe. Was guckt Ihr zur Türe herein?« fuhr Walter gegen einen alten Herrn mit gepudertem Kopf fort, der ihn natürlich nicht hören konnte, wie er so dastand und interessiert ein Schiffsteleskop musterte. »Davon haben wir nichts, und ich könnt‘ das selber besorgen. Kommt herein und kauft es!«

Mittlerweile hatte der alte Herr seine Neugierde befriedigt und ging ruhig weiter.

»Da geht er!« sagte Walter. »So machen es alle. Aber, Onkel – he, Onkel Sol« – denn der alte Mann war in Gedanken verloren und hatte auf die erste Anrede nicht geantwortet. »Ihr müßt nicht kleinmütig werden. Seid nicht niedergeschlagen, Onkel. Wenn einmal Aufträge kommen, so werden sie in solcher Menge eintreffen, daß Ihr nicht imstande sein werdet, sie zu besorgen.«

»Übers Sorgen bin ich hinaus, wann sie auch kommen mögen, mein Junge«, entgegnete Solomon Gills. »Man wird nicht wieder in diesen Laden kommen, bis ich nicht mehr drinnen bin.«

»Onkel, aber! – Das dürft Ihr nicht sagen!« drängte Walter. »Nein, das dürft Ihr nicht!«

Der alte Sol bemühte sich, eine heiterere Miene anzunehmen, und lächelte, so gut es gehen wollte, über den Tisch hinüber dem Knaben zu.

»In der Sache liegt durchaus nichts, als der gewöhnliche Gang – ist es nicht so, Onkel?« entgegnete Walter, indem er seine Ellbogen auf das Teebrett stützte und sich vorbeugte, um mit dem Alten vertraulicher reden zu können. »Seid offen gegen mich, Onkel, und sprecht Euch unverhohlen aus.«

»Nein, nein, nein«, entgegnete der alte Sol. »Ungewöhnliches? Gewiß nicht. Was sollte auch Ungewöhnliches darin liegen?«

Walter antwortete mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

»Das ist es eben, was ich wissen möchte«, sagte er. »Und Ihr fragt mich? Ich will Euch was sagen, Onkel, wenn ich Euch so sehen muß, tut es mir eigentlich leid, daß ich bei Euch bin.«

Der alte Sol machte unwillkürlich große Augen.

»Ja. Obgleich niemand je glücklicher war als ich, wenn ich mich bei Euch befand, so tut es mir doch leid, bei Euch zu leben, wenn ich sehen muß, daß Ihr etwas auf dem Herzen habt.«

»Ich weiß, ich bin in solchen Zeiten ein bißchen langweilig«, bemerkte Solomon, indem er demütig seine Hände rieb.

»Ich meine es so, Onkel Sol«, fuhr Walter fort, und bog sich noch weiter vor, um ihn auf die Schulter zu klopfen, »ich fühle dann, daß Ihr, statt hier zu sitzen und mir Tee einzugießen, ein nettes Frauchen an der Seite haben solltet – Ihr wißt, eine behagliche, treffliche, nette alte Dame, die gerade zu Euch paßte, Euch zu behandeln wüßte und Euch wohlgemut erhielte. Ich bin zwar stets gegen Euch – wie ich es auch verpflichtet war – ein liebevoller Neffe gewesen. Aber ein Neffe bleibt eben nur ein Neffe, und ich kann Euch eine solche Gesellschaft nicht ersetzen, wenn Ihr niedergeschlagen und traurig seid, obschon ich gewiß weiß, daß ich meinen letzten Heller hergeben wollte, wenn ich Euch damit aufheitern könnte. Deshalb sage ich wieder, wenn ich Euch mit so schwerem Herzen sehen muß, es tut mir sehr leid, daß Ihr nichts Besseres um Euch habt, als einen unruhigen, rauhen, jungen Burschen, der Euch zwar gerne trösten möchte, Onkel, aber nicht weiß, wie er es angreifen soll – der nicht die Art dazu hat«, fügte Walter bei, indem er noch weiter herüberlangte, um seinem Onkel die Hand zu drücken.

»Wally, mein lieber Junge«, sagte Solomon, »und wenn die nette kleine alte Dame schon vor fünfundvierzig Jahren in diesem Stübchen ihren Platz gehabt hätte, so wäre ich doch nicht imstande gewesen, sie mehr zu lieben, als dich.«

»Ich weiß das, Onkel Sol«, entgegnete Walter. »Gott segne Euch dafür, ich weiß es. Aber Ihr brauchtet nicht die ganze Last unbequemer Geheimnisse allein zu tragen, wenn Ihr eine Frau hättet: denn sie würde wissen, wie sie Euch Erleichterung verschaffen muß, und das ist durch mich nicht der Fall.«

»O, wohl, wohl«, erwiderte der Instrumentenmacher.

»Nun denn, heraus damit, Onkel Sol!« versetzte Walter schmeichelnd. »Sprecht, was habt Ihr auf dem Herzen?«

Solomon Gills beharrte darauf, daß es nichts sei, und blieb dabei so entschlossen, daß der Neffe keine andere Wahl hatte, als zu tun, daß er ihm glaube.

»Ich kann weiter nichts sagen, Onkel Sol, als daß, wenn etwas da ist« – –

»Aber es ist nichts da«, entgegnete Sol.

»Nun gut«, erwiderte Walter. »Dann habe ich nichts mehr zu sagen, und das ist ein Glück: denn ich muß jetzt ans Geschäft gehen. Wenn ich einen Ausgang zu machen habe, will ich gelegentlich Euch sprechen, um zu sehen, was Ihr treibt, Onkel. Und vergeßt nicht, Onkel, ich werde Euch nie wieder glauben und Euch nie mehr etwas von Mr. Carker dem Jüngeren erzählen, wenn ich finde, daß Ihr mich getäuscht habt.«

Solomon Gills forderte ihn lächelnd heraus, er solle ihn einmal über etwas der Art zu ertappen suchen, und Walter, der in seinen Gedanken alle Arten unmögliche Mittel erwog, wie er Geld erwerben und den hölzernen Midshipman in eine unabhängige Stellung versetzen könne, begab sich mit weit schwermütigerem Gesicht, als man sonst an ihm gewöhnt war, nach dem Geschäftslokal von Dombey und Sohn.

Dort lebte zu jener Zeit um die Ecke – in der äußeren Bischofstorstraße – ein gewisser Brogley, beeidigter Makler und Taxator, der einen Laden hielt, in dem alle Arten alter Möbel in schauerlichstem Gewirr und im seltsamsten Beieinander zur Schau standen. Dutzende von Stühlen hingen an Wäscheständern und hielten sich nur mit Not an den Schultern der Seitenbretter fest, die ihrerseits auf den Kehrseiten von Tischen standen, wobei letztere mit ihren gymnastisch aufwärts gestellten Beinen die Platten anderer Tische unterstützten. Porzellanservice, Weingläser und Flaschen waren in der Regel auf dem Boden einer vierpfostigen Bettstatt ausgebreitet, und der gemütlichen Gesellschaft schloß sich ein halb Dutzend Schürhaken nebst einer Flurlampe an. Eine Garnitur Fenstervorhänge ohne die dazu gehörigen Fenster hüllten anmutig eine Barrikade von Kommoden ein, die mit allerlei Gefäßen beladen waren, während ein heimatloser Herdfries, von seinem natürlichen Gefährten, dem Kamin, getrennt, in seiner Bedrängnis dem verschmitzten Ostwind Trotz bot und in melancholischem Akkord mit den schrillen Klagen eines Pianos zitterte, das alle Tage eine Saite springen ließ und in seinem klimpernden, verrückten Gehirn eine matte Resonanz zu dem Straßenlärm gab. An regungslosen Uhren, die nie einen Zeiger bewegten und ebenso unfähig schienen, erfolgreich aufgezogen zu werden, wie die pekuniären Angelegenheiten ihrer früheren Eigentümer, befand sich stets eine große Auswahl in Mr. Brogleys Laden. Mancherlei Spiegel, die zufälligerweise das gemischte Vergnügen verschiedenartiger Lichtbrechung boten, zeigten dem Auge eine unendliche Perspektive von Bankerott und Verderben.

Mr. Brogley selbst war ein triefäugiger, rotgesichtiger, kraushaariger Mann, sonst von stämmiger Figur und fröhlicher Gemütsart – denn die Leute wie Marius, die auf den Trümmern der Karthagos anderer Leute sitzen, haben gut lachen. Er war schon einigemal in Solomons Laden gewesen, um sich über einige Artikel zu erkundigen, die in das Geschäft des Instrumentenmachers einschlugen, und Walter kannte ihn hinreichend, um ihn, wenn sie sich in den Straßen begegneten, zu grüßen. Da dies jedoch die ganze Ausdehnung der Bekanntschaft zwischen dem Trödler und Solomon Gills war, so fühlte sich Walter nicht wenig überrascht, als er seinem Versprechen gemäß im Laufe des Vormittags zurückkam und Mr. Brogley, der seine Hände in den Taschen stecken und seinen Hut hinter der Tür aufgehangen hatte, in dem hinteren Stübchen sitzend fand.

»Nun, Onkel Sol«, sagte Walter. Der alte Mann saß mit einer Jammermiene an der andern Seite des Tisches und hatte – welch ein Wunder – die Brille vor den Augen, statt auf der Stirn. »Was ist mit Euch los?«

Solomon schüttelte den Kopf und winkte mit der einen Hand gegen den Trödler hin, als wollte er ihn vorstellen.

»Ist etwas vorgefallen?« fragte Walter mit verhaltenem Atem.

»O nein. Nichts«, sagte Mr. Brogley. »Laßt Euch die Sache nicht beunruhigen.«

Walter blickte in stummem Erstaunen von dem Trödler auf seinen Onkel.

»Die Sache ist die«, fuhr Mr. Brogley fort, »es handelt sich um eine kleine Zahlung für eine Bürgschaftsschuld – dreihundert und etliche siebzig Pfund – und ich bin im Besitz.«

»Im Besitz?« rief Walter, sich im Laden umsehend.

»Ja!« sagte Mr. Brogley in vertraulicher Zustimmung und nickte dazu mit dem Kopf, als wolle er beiden bemerklich machen, wie sie sich dabei füglicherweise vollkommen beruhigen könnten. »Es ist eine Beschlagnahme – weiter nichts. Laßt es Euch nicht zu Herzen gehen. Ich komme selbst, weil ich die Sache ruhig und freundschaftlich abmachen möchte. Ihr kennt mich. Es geschieht ganz unter uns.«

»Onkel Sol!« stotterte Walter.

»Wally, mein Junge«, entgegnete sein Onkel. »Es ist das erstemal. Solch ein Unglück ist mir noch nie begegnet. Ich bin ein alter Mann und muß jetzt so anfangen!«

Er schob die Brille wieder zurück; denn sie konnte jetzt doch seine Aufregung nicht länger verbergen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte laut, während ihm Tränen auf die kaffeefarbige Weste niederfielen.

»Onkel Sol – ich bitte, o tut es nicht!« rief Walter, den ein wahrer Schauer durchzuckte, als er den alten Mann weinen sah. »Um Gottes willen, tut es nicht. Mr. Brogley, kann ich in der Sache behilflich sein?«

»Ich würde Euch empfehlen, Euch nach einem Freund oder ähnlichem umzusehen, mit dem Ihr die Angelegenheit besprechen könnt«, sagte Mr. Brogley.

»Natürlich!« rief Walter, der nach jedem Strohhalm haschte. »Ja, ganz recht! Danke schön. Kapitän Cuttle ist der Mann, Onkel. Wartet, bis ich zu Kapitän Cuttle geeilt bin. Habt acht auf meinen Onkel – wollt Ihr so gut sein, Mr. Brogley? – und tröstet ihn, so gut Ihr könnt, bis ich wiederkomme. Ihr dürft nicht gleich verzweifeln, Onkel Sol. Na, seid lieb und heitert Euch auf!«

Er sprach dies mit großem Eifer und stürzte, ohne auf die gebrochenen Gegenvorstellungen des alten Mannes zu achten, zum Laden hinaus. Dann eilte er nach dem Bureau, um sich unter dem Vorwand einer plötzlichen Erkrankung seines Onkels zu entschuldigen, und brach in voller Hast nach Kapitän Cuttles Wohnung auf.

Während er so durch die Straßen lief, kam ihm alles ganz anders vor. Zwar war das gewöhnliche Gewirr und der Lärm von Karren, Wagen, Omnibussen und Fußgängern vorhanden: aber das Unglück, das den hölzernen Midshipman befallen hatte, ließ ihm alles in einem neuen, befremdlichen Lichte erscheinen. Häuser und Läden waren nicht mehr so wie sonst, und überall stand in großen Buchstaben Mr. Brogleys Bürgschaftsschuldschein zu lesen. Der Trödler schien sogar die Kirchen für sich gewonnen zu haben, denn ihre Türme stiegen mit einer ganz ungewohnten Haltung zum Himmel empor. Selbst das Firmament war verändert und sann augenscheinlich gleichfalls auf eine Beschlagnahme.

Kapitän Cuttle wohnte am Rande eines kleinen Kanals in der Nähe der Indiadocks und einer Drehbrücke, die sich hin und wieder auftat, um irgendein wanderndes Schiffsungeheuer, gleich einem gestrandeten Leviathan, die Straße passieren zu lassen. Der allmähliche Übergang von Land zu Wasser in der Umgebung von Kapitän Cuttles Wohnung war interessant. Er begann mit der Errichtung von Flaggenstöcken als Wahrzeichen der Wirtshäuser. Dann kamen die Läden der Matrosenkleiderhändler mit ihren Guernseyhemden, den Südwesterhüten und den mächtigen Hosen, den stärksten und weitesten aller Beinbekleidungen, die vor den Türen aufgehangen waren. Dann kamen Anker- und Kabelkettenschmiede, bei denen die Hämmer den ganzen Tag lang auf dem heißen Eisen klimperten – dann Häuserreihen, vor denen kleine, mit Fahnen versehene Masten zwischen den Scharlachbohnen sich in die Höhe richteten – dann Gräben – dann Bandweiden – dann wieder Gräben – dann unerklärbare Passagen mir schmutzigem Wasser, das kaum zwischen den darauf schwimmenden Schiffen sichtbar ward – dann der Geruch von Hobelspänen in der Luft und ringsum kein anderes Gewerbe als das der Zimmerleute, die Masten, Räder, Scheiben und Boote verfertigten. Weiterhin wurde der Grund sumpfig und unsicher. Dann roch man nichts weiter als Rum und Zucker. Und endlich hatte man Kapitän Cuttles Wohnung vor sich – ein Häuslein in Brig-Place, dessen erster Stock zugleich der Dachstock war.

Der alte Mann saß mit einer Jammermiene an der anderen Seite des Tisches… sternchenland.com Der Kapitän war einer von jenen eisenherzigen Männern, die auch die lebhafteste Einbildungskraft nie selbst von dem unbedeutendsten Teil ihres Anzugs trennen kann. Als daher Walter an die Tür klopfte und der Kapitän augenblicklich zu einem der kleinen Vorderfenster heraussah – den Glanzhut bereits auf dem Kopf und den segelartigen Hemdkragen sowohl, als den weiten blauen Anzug ganz in gewöhnlicher Art –, fühlte sich Walter vollkommen überzeugt, daß der Kapitän stets so sein müsse; als sei dieser Mann selbst ein Vogel, zu dem die Kleidung das Gefieder bildete.

»Wal’r, mein Junge!« sagte Kapitän Cuttle. »Nur standhaft und noch einmal geklopft. Tüchtig, es ist Waschtag.«

Walter ließ in seiner Ungeduld den Klopfer mit Macht niederfallen.

»So, das wäre kräftig genug!« sagte Kapitän Cuttle und zog augenblicklich seinen Kopf zurück, als ob er einen Sturm erwarte.

Und er hatte sich nicht getäuscht, denn eine verwitwete Dame, deren Ärmel bis zur Schulter aufgerollt waren, und deren mit Seifenschaum überzogene Arme von heißem Wasser dampften, entsprach der Aufforderung mit erstaunlicher Raschheit. Ehe sie Walter ins Auge faßte, besichtigte sie den Klopfer. Dann aber maß sie ersteren von Kopf bis zu den Füßen und sagte, sie wundere sich nur, daß noch etwas daran übrig geblieben sei.

»Ich weiß, Kapitän Cuttle ist zu Hause«, ergriff Walter mit einem versöhnenden Lächeln das Wort.

»Ist er?« versetzte die verwitwete Dame. »Wirklich?«

»Er hat eben mit mir gesprochen«, sagte Walter mit verhaltenem Atem.

»Hat er?« entgegnete die verwitwete Dame. »Dann seid Ihr vielleicht so gut, ihm von Mrs. Mac Stinger einen Gruß auszurichten und ihm zu sagen, wenn er das nächste Mal sich und seine Wohnung so weit herabwürdige, zum Fenster hinaus zu sprechen, so werde sie es ihm Dank wissen, wenn er auch selber herunterkomme und die Tür öffne.«

Mrs. Mac Stinger sprach sehr laut und horchte, ob sich nicht etwa aus dem ersten Stock herab eine Bemerkung vernehmen lasse.

»Ich werde es besorgen«, sagte Walter, »wenn Ihr so gut sein wollt, mich einzulassen, Ma’am.«

Er sah sich nämlich durch eine hölzerne Befestigung ausgeschlossen, die sich quer vor der Tür hindehnte und daselbst angebracht war, um die kleinen Mac Stingers zu hindern, daß sie in ihren Erholungsaugenblicken nicht die Treppe herunterpurzelten.

»Ich sollte meinen«, entgegnete Mrs. Mac Stinger verächtlich, »ein junger Mensch, der mir die Tür einschlagen kann, sei auch imstande, darüber wegzukommen.«

Walter nahm dies für eine Erlaubnis einzutreten und stieg darüber hinweg; aber Mrs. Mac Stinger fragte ihn nun, ob das Haus einer Engländerin ihr Schloß sei oder nicht, und ob sie es sich gefallen lassen müsse, daß der erste beste in dieses einbreche. In dieser sternchenland.com Sache war ihr Durst nach Belehrung noch immer sehr aufdringlich, als Walter bereits durch den künstlichen Waschnebel, der das Treppengeländer mit einem klebrigen Schweiß bedeckte, nach Kapitän Cuttles Zimmer hinaufgelangt war, wo dieser Herr hinter der Tür auf der Lauer lag.

»Bin ihr nie einen Penny schuldig geblieben, Wal’r«, sagte Cuttle in gedämpfter Stimme und mit sichtlichen Spuren der Angst auf dem Gesicht, »sondern habe ihr im Gegenteil eine ganze Welt voll guter Dienste geleistet – den Kindern obendrein. Gleichwohl, sie ist immer eine Hexe. Puh!«

»Dann würde ich ausziehen, Kapitän Cuttle«, versetzte Walter.

»Kann’s nicht. Wal´r«, entgegnete der Kapitän. »Sie würde mich ausfindig machen, wohin ich auch ginge. Nehmt Platz, was macht Gills?«

Der Kapitän genoß eben aus seinem Hut ein Stück kalten Hammelbraten, Porter und einige dampfend heiße Kartoffeln, die er selbst gekocht hatte und die er je nach seinem Bedarf aus einer kleinen Pfanne von dem Feuer holte. Zur Essenszeit pflegte er seinen Haken abzuschrauben und an dessen Statt ein Messer einzusetzen, mit dem er bereits eine Kartoffel für Walter zu schälen begonnen hatte. Seine Räume waren sehr klein und rochen stark nach Tabak, sahen aber anständig genug aus, da alles so gut untergebracht war, als habe man regelmäßig jede halbe Stunde ein Erdbeben zu gewärtigen.

»Was macht Gills?« fragte der Kapitän.

Walter war inzwischen wieder zu Atem gekommen, aber mit dem Feuer, das ihm sein rasches Rennen eingeflößt, hatte er auch allen Mut wieder verloren. Er sah den Frager einen Augenblick an und brach mit dem Rufe »o Kapitän Cuttle!« in Tränen aus.

Die Bestürzung des Kapitäns bei einem solchen Anblick läßt sich nicht durch Worte beschreiben. Mrs. Mac Stinger schwand davor in ein Nichts zusammen. Die Kartoffel und die Gabel entfielen seiner Hand – mit dem Messer würde es wohl ebenso gegangen sein, wenn es möglich gewesen wäre – und so saß er da, den Knaben anstarrend, als erwarte er im nächsten Augenblick zu hören, in der City habe sich eine Kluft aufgetan, die seinen alten Freund samt dem kaffeefarbigen Anzug, den Knöpfen, der Uhr, der Brille und allem verschlungen habe.

Nachdem ihm aber Walter mitgeteilt hatte, um was es sich handelte, entwickelte er nach augenblicklichem Nachdenken seine volle Tätigkeit. Er leerte aus einer kleinen Zinnbüchse, die auf dem oberen Sims des Wandschrankes stand, seinen ganzen Vorrat an barem Geld, dreizehn Pfund und eine halbe Krone betragend, und verpflanzte ihn nach einer der Taschen seines weiten blauen Rocks. Ferner bereicherte er dieses Magazin mit dem Inhalt seiner Silbertruhe, bestehend aus zwei abgebrauchten Fragmenten von Teelöffeln und einer abgenutzten zerbeulten Zuckerzange. Dann holte er seine ungeheure doppelgehäusige silberne Taschenuhr aus den Tiefen, in sternchenland.com denen sie ruhte, heraus, um sich zu überzeugen, daß dieses wertvolle Möbel gesund und heil war, befestigte den Haken an seinem rechten Handgelenk, ergriff seinen Knotenstock und forderte Walter auf, mit ihm zu kommen.

Plötzlich während dieser seiner tugendhaften Aufregung fiel ihm übrigens ein, Mrs. Mac Stinger könnte ihm unten auflauern. Er hielt daher plötzlich inne und warf einen Blick nach dem Fenster, als komme ihm der Gedanke, er wolle sich lieber dieses ungewöhnlichen Weges zum Fortkommen bedienen, als seinem schrecklichen Feind in den Weg treten. Zuletzt aber entschied er sich für eine Kriegslist.

»Wal’r«, sagte der Kapitän mit einem scheuen Blinzeln, »geht voraus, mein Junge. Wenn Ihr in den Flur kommt, so ruft mir zu: ›Lebt wohl, Kapitän Cuttle‹ und schließt die Tür. Ihr könnt dann an der Straßenecke warten, bis Ihr mich seht.«

Diese Andeutungen beruhten auf einer genauen Kenntnis von der Taktik des Feindes; denn als Walter die Treppe hinunterkam, stürzte Mrs. Mac Stinger wie ein Rachegeist aus der kleinen Hinterküche heraus. Da sie übrigens nicht, wie sie erwartet hatte, den Kapitän traf, so erlaubte sie sich nur eine weitere Andeutung auf den Klopfer und verschwand sodann wieder.

Es vergingen wohl fünf Minuten, ehe Kapitän Cuttle seinen Mut soweit zusammennehmen konnte, um den Fluchtversuch zu wagen. So wartete Walter an der Straßenecke und sah nach dem Hause zurück, ohne auch nur eine Spur von dem Glanzhut wahrnehmen zu können. Endlich aber brach der Kapitän mit der Plötzlichkeit einer Explosion zur Tür heraus, eilte rasch auf ihn zu und schaute auch nicht ein einziges Mal über die Schulter zurück. Sobald sie weit genug vom Hause weg waren, tat er dergleichen, als pfeife er ein Liedchen.

»Onkel schwer beigelegt, Wal’r?« fragte der Kapitän im Weitergehen.

»Ich fürchte es. Wenn Ihr ihn diesen Morgen gesehen hättet, würdet Ihr den Anblick nie vergessen haben.«

»Geht schnell, Wal’r, mein Junge«, entgegnete der Kapitän, indem er selbst auch seine Schritte beschleunigte, »und haltet es so Euer Leben lang. Laßt Euch das einen guten Rat sein und prägt ihn Euch gut ein!«

Der Kapitän ward fortan zu sehr von seinen Gedanken an Solomon Gills, vielleicht auch von einzelnen Betrachtungen über sein kürzliches Entkommen aus dem Haus der Mrs. Mac Stinger in Anspruch genommen, um zur moralischen Belehrung Walters weitere Zitate anzubringen. Sie gingen deshalb stumm nebeneinander her, bis sie die Tür des alten Sol erreicht hatten, wo der unglückliche hölzerne Midshipman mit seinem Instrument vor den Augen den ganzen Horizont zu mustern schien, ob sich nicht irgendwo ein Freund zeige, der ihm aus seiner Drangsal helfe.

»Gills!« rief der Kapitän in das Hinterstübchen eilend und seinen alten Freund ganz zärtlich bei der Hand fassend. »Legt Euern sternchenland.com Schnabel nur gut an den Wind und wir wollen uns schon durchkämpfen. Ihr habt weiter nichts zu tun«, fügte der Kapitän mit der Feierlichkeit eines Mannes bei, der eine der kostbarsten praktischen Weisheiten von sich gegeben hat, die nur je von menschlicher Weisheit entdeckt wurden; »nur den Schnabel gut an den Wind gelegt, und wir fechten uns durch.«

Der alte Sol erwiderte den Händedruck und dankte dem Sprecher.

Kapitän Cuttle legte sodann mit einer Würde, die ganz im Einklang mit der Natur des Anlasses stand, die beiden Teelöffel, die Zuckerzange, die silberne Uhr und das bare Geld auf den Tisch, worauf er Mr. Brogley, den Trödler, fragte, wie hoch sich der Schaden belaufe.

»Nun, wie hoch schlagt Ihr ihn an?« fragte Kapitän Cuttle.

»Ei, Gott behüt‘ Euch«, entgegnete der Trödler. »Ihr glaubt doch nicht, daß mit diesem Eigentum da abgeholfen ist?«

»Warum nicht?« fragte der Kapitän.

»Warum nicht? Es ist die Rede von dreihundertsiebzig und etlichen Pfunden«, versetzte der Trödler.

»Was tut das!« erwiderte der Kapitän, obschon durch die Zahl augenscheinlich sehr eingeschüchtert. »Schätzt wohl, es ist alles Fisch, was in Euer Netz kommt.«

»Jawohl«, sagte Mr. Brogley: »aber Ihr wißt, Sprotten sind keine Walfische.«

Die Weisheit dieser Bemerkung schien den Kapitän wie ein Blitz zu treffen. Er ging eine Minute mit sich zu Rat, faßte inzwischen den Makler mit der Miene eines tiefen Geistes ins Auge und rief dann den Instrumentenmacher beiseite.

»Gills«, sagte Kapitän Cuttle, »wie steht es mit dieser Sache? Wer ist der Gläubiger?«

»Pst!« entgegnete der alte Mann. »Kommt weiter weg. Sprecht nicht vor Wally. Es betrifft eine Bürgschaft für Wallys Vater – eine alte Bürgschaft. Ich habe schon viel davon abbezahlt, Ned, aber die Zeiten sind für mich so schlecht, daß ich jetzt nicht weiter kann. Ich habe es vorausgesehen, konnte es aber nicht ändern. Doch ja kein Wort vor Wally – nicht um die ganze Welt.«

»Ihr habt doch einiges Geld – oder nicht?« flüsterte der Kapitän.

»Ja, ja – o ja – ich habe einiges«, erwiderte der alte Sol, indem er zuerst seine Hände in die leeren Taschen steckte, dann aber damit seine welsche Perücke zusammendrückte, als glaube er, etwas Gold herausringen zu können: »aber ich – das wenige, das ich habe, ist nicht umsetzbar, Ned; ich kann es nicht flüssig machen. Ich habe versucht, etwas damit für Wally zu tun – aber ich bin aus der Mode gekommen und hinter der Zeit zurück. Es ist da und dort, und – und – kurz, es ist so gut wie nirgends«, fügte der alte Mann bei, indem er verwirrt umherschaute.

Er hatte dabei ganz das Aussehen eines irren Menschen, der sein Geld an verschiedenen Plätzen versteckt, aber das Wo vergessen hatte, so daß ihm der Kapitän mit den Augen folgte, nicht ohne eine kleine sternchenland.com Hoffnung, es könnte ihm einfallen, daß etliche hundert Pfund im Schornstein droben oder im Keller drunten versteckt seien. Aber Solomon Gills wußte es besser.

»Ich bin längst hinter der Zeit zurückgeblieben«, sagte Sol mit verzweifelter Ergebung. »Es nützt nichts, daß ich mich so weit hintendrein nachschleppe. – Es ist besser, der Vorrat wird verkauft – er ist mehr wert, als diese Schuld – und für mich ist’s am ratsamsten, wenn ich gehe und zur Ausgleichung irgendwo sterbe. Ich besitze keine Tatkraft mehr und weiß nichts mehr von diesen Dingen. Es ist am besten, wenn es so endet. Man soll den Vorrat verkaufen und ihn herunternehmen«, fügte der alte Mann bei, indem er matt nach dem hölzernen Midshipman hindeutete; »so ist es mit uns beiden auf einmal aus.«

»Und was gedenkt Ihr mit Wal’r anzufangen?« fragte der Kapitän. »Hier, hier – setzt Euch nieder, Gills, setzt Euch, und laßt mich darüber nachdenken. Wenn ich nicht ein kleines Jahresgehalt besäße, das bis heute für mich ausreichte, so hätte ich nicht nötig, mich darüber zu besinnen. Aber legt nur Euren Schnabel gut an den Wind«, fuhr der Kapitän in abermaliger Wiederholung dieses unwiderstehlichen Trostspruches fort, »und es wird alles gut werden!«

Der alte Sol dankte ihm von Herzen und ging hin, um statt des Schnabels den Kopf gegen den Kamin des Hinterstübchens zu lehnen.

Kapitän Cuttle promenierte eine Weile im Laden auf und ab und zog während seines tiefen Gedankengangs die buschigen schwarzen Augenbrauen so tief zur Nase herab, daß sie wie die umhüllenden Wolken eines Berges aussahen und Walter sich scheute, den Strom seiner Betrachtungen zu unterbrechen. Mr. Brogley, der der Gesellschaft durchaus keinen Zwang antun wollte und einen gar sinnreichen Geist hatte, ging mit leisem Pfeifen unter den Ladenvorräten umher, klopfte an die Wettergläser, schüttelte die Kompasse, als seien sie Pillenschachteln, und hob mit den Magneten Schlüssel auf, schaute durch Teleskope, suchte sich mit dem Gebrauch der Himmelskugeln bekannt zu machen, setzte Parallellineale rittlings auf seine Nase und vergnügte sich mit andern physikalischen Belustigungen.

»Wal’r!« sagte endlich der Kapitän. »Ich hab’s.«

»Wirklich, Kapitän Cuttle?« rief Walter mit großer Lebhaftigkeit.

»Kommt hierher, mein Junge«, fuhr der Kapitän fort; »der Ladenvorrat ist die eine Sicherheit. Ich bin die andere. Euer Chef ist der Mann, der das Geld vorschießen soll.«

»Mr. Dombey?« stotterte Walter.

Der Kapitän nickte gravitätisch.

»Schaut ihn an«, sagte er. »Schaut Gills an. Wenn man jetzt alle diese Dinge verkaufen wollte, so würde er den Tod davon haben. Das wißt Ihr so gut wie ich. Wir dürfen keinen Stein unumgekehrt lassen – und da ist jetzt ein Stein für Euch.«

»Ein Stein! – Mr. Dombey!« – stotterte Walter.

»Vor allem lauft Ihr nach dem Bureau hin und seht, ob er sternchenland.com dort ist«, sagte Kapitän Cuttle und klopfte ihn auf den Rücken, »Rasch!«

Walter fühlte, daß er gegen diesen Befehl keinen Widerspruch erheben durfte, und wenn ihm auch ein solcher Gedanke gekommen wäre, so würde ein Blick auf seinen Onkel ihn bald eines anderen belehrt haben. Er entfernte sich daher sofort, um den Auftrag zu vollziehen, kehrte aber bald nachher atemlos wieder zurück, um zu melden, daß Mr. Dombey nicht da sei. Es war Sonnabend, und der Chef befand sich zu Brighton.

»Ich will Euch was sagen, Wal’r!« bemerkte der Kapitän, der auf den Fall von Mr. Dombeys Abwesenheit Bedacht genommen zu haben schien. »Wir gehen auch nach Brighton. Ich will Euch decken, mein Junge. Ich bin Eure Rückendeckung, Wal’r. Wir gehen mit der Nachmittagskutsche nach Brighton.«

Wenn man sich überhaupt an Mr. Dombey wenden mußte – ein schrecklicher Gedanke –, so würde es Walter vorgezogen haben, das Geschäft allein und ohne Beistand zu übernehmen, als gedeckt von dem persönlichen Einfluß des Kapitäns Cuttle, auf den Mr. Dombey wahrscheinlich keinen sonderlichen Wert legte. Da jedoch der Kapitän ganz anderer Meinung zu sein schien, und sich seine Beteiligung bei der Sache nicht nehmen lassen wollte – da ferner seine Freundschaft zu ernst und eifrig war, als daß ein viel jüngerer Mensch sie geringschätzig hätte behandeln dürfen, so unterließ es Walter, auch nur den mindesten Einwurf zu erheben, Cuttle verabschiedete sich daher hastig von Solomon Gills und steckte – wie Walter mit Entsetzen glaubte – in der Absicht, auf Mr. Dombey einen großartigen Eindruck zu machen, das bare Geld, die Teelöffel, die Zuckerzange und die silberne Uhr wieder in seine Tasche. Dann begab er sich mit seinem jugendlichen Begleiter, ohne weiter zu zögern, nach dem Kutschen-Einschreibebureau und tröstete ihn unterwegs zu wiederholten Malen mit der Versicherung, er werde ihm mannhaft und ritterlich zur Seite stehen.