Fünftes Kapitel


Henriette empfängt Herrn d’Antoine. – Ich verliere diese liebenswürdige Frau, die ich bis Genf begleite. – Ich kehre über den St. Bernhard nach Parma zurück. – Brief Henriettens. – Meine Verzweiflung. – De la Haye schließt sich mir an. – Ärgerliches Abenteuer mit einer Schauspielerin und dessen Folgen. – Ich werde fromm. – Bavois. – Mystifikation eines renommistischen Offiziers.

Das Herz schwer von Sorgen kam ich nach Hause und berichtete sofort Henrietten alles, was mir Herr d’Antoine gesagt hatte; hierauf übergab ich ihr seinen Brief, der vier Seiten lang war. Sie las ihn aufmerkfam in sichtlicher Erregung und sagte mir dann: »Lieber Freund, nimm es nicht übel, aber die Ehre zweier Familien erlaubt mir nicht, dich diesen Brief lesen zu lassen; ich sehe mich gezwungen, Herrn d’Antoine zu empfangen, der mein Verwandter zu sein behauptet.«

»So beginnt also jetzt«, rief ich aus, »der letzte Akt! Furchtbarer Gedanke! Mir naht das Ende eines allzu vollkommenen Glückes! Ich Unglücklicher! Wozu brauchte ich so lange in Parma zu bleiben! Welche Verblendung! Von allen Städten der Welt, Frankreich ausgenommen, war Parma die einzige, die ich fürchten mußte; und hierhin habe ich dich geführt, während ich mit dir nach jedem anderen Ort gehen konnte; denn du kanntest keinen anderen Willen als den meinen. Meine Schuld ist um so größer, da du mir niemals deine Befürchtungen verhehlt hast. Ach, warum habe ich diesen verhängnisvollen Dubois bei uns eingeführt! Mußte ich nicht voraussehen, daß seine Neugier uns früher oder später Unheil bringen würde! Und ich kann diese Neugier nicht einmal verdammen, denn sie ist vollkommen natürlich. Ich kann nur allen Vollkommenheiten schuld geben, mit denen die Natur dich begabt hat! Vollkommenheiten, die mich glücklich gemacht haben und die mich jetzt in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen werden, denn ach, ich sehe die entsetzlichste Zukunft voraus!«

»Ich bitte dich, mein zärtlicher Freund, sieh nichts voraus und mäßige dich. Laß uns unsere ganze Vernunft anwenden, um über den Ereignissen zu stehen. Ich werde auf diesen Brief nicht antworten; aber du mußt ihm schreiben, er möge morgen um drei Uhr in seinem Wagen hierherkommen, und du mußt ihn bitten, sich anmelden zu lassen.«

»Ach, welch qualvolles Opfer legst du mir auf?«

»Du bist mein bester, mein einziger Freund; ich verlange nichts, ich lege dir keinen Zwang auf; aber würdest du dich weigern …«

»Nein, niemals, nichts! Verfüge über mich im Leben und Sterben!«

»Ich wußte deine Antwort voraus, du wirst bei mir sein, wenn er kommt; aber nachdem du dich anstandshalber einige Augenblicke unterhalten hast, wirst du unter irgend einem Vorwand in ein Zimmer gehen und uns allein lassen. Herr d’Antoine kennt meine ganze Geschichte; er kennt meine Verfehlungen, aber auch meine Gründe, und er weiß, daß er als Ehrenmann und als Verwandter mich vor jedem Schimpf bewahren muß. Er wird nur im Einverständnis mit mir handeln, und wenn er daran denken sollte, gegen die Bedingungen zu verstoßen, die ich ihm vorschreiben werde, so werde ich nicht nach Frankreich gehen, sondern dir folgen, wohin du willst, und dir mein ganzes übriges Leben widmen. Bedenke jedoch, lieber Freund, daß verhängnisvolle Umstände es dahin bringen können, daß wir unsere Trennung als den besten Entschluß betrachten müßten. Wir müssen stark sein, um diesen Entschluß zu fassen und hoffen zu können, daß wir nicht unglücklich werden. Vertraue auf mich und sei überzeugt, ich werde meine Maßnahmen zu treffen wissen, um mir den Anteil von Glück zu sichern, dessen ich werde genießen können, nachdem ich des einzigen Menschen beraubt bin, dem jemals meine ganze zärtliche Liebe gegolten hat. Du wirst, das erwarte ich von deiner großen Seele, in derselben Weise für deine Zukunft sorgen, und ich bin gewiß, daß du Erfolg haben wirst. Unterdessen laß uns alle traurigen Vorgefühle von uns fern halten, die die Augenblicke verdüstern könnten, die uns noch beschieden sind.«

»Ach, warum sind wir nicht sofort nach der verhängnisvollen Begegnung mit diesem unseligen Günstling des Fürsten abgereist.«

»Wir hätten vielleicht sehr übel daran getan; denn möglicher Weise würde alsdann Herr d’Antoine sich entschlossen haben, meiner Familie seinen Eifer zu beweisen, indem er Nachforschungen angestellt hätte, um uns zu entdecken. Hierdurch hätte ich Gewalttätigkeiten ausgesetzt werden können, die du nicht geduldet haben würdest und die uns beide ins Unglück gestürzt haben würden.«

Ich tat alles, was sie wollte; aber von diesem Augenblicke an begann unsere Liebe traurig zu werden, und die Traurigkeit ist eine Krankheit, die schließlich die Liebe tötet. Wir saßen oft stundenlang einander gegenüber, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Nur Seufzer brachen aus unserer Brust hervor, trotz allen Anstrengungen, die wir machten, sie zurückzuhalten. Als am andern Morgen Herr d’Antoine kam, befolgte ich genau die Weisung, die sie mir gegeben hatte, und verbrachte allein sechs tödlich lange Stunden, zum Schein mit Schreiben beschäftigt.

Meine Tür stand offen, und in dem Spiegel meines Zimmers konnten wir uns gegenseitig sehen. Sie verbrachten diese sechs Stunden mit Schreiben, indem sie sich von Zeit zu Zeit unterbrachen, um über, ich weiß nicht was, zu sprechen; aber ihre Besprechung mußte sehr wichtig sein. Der Leser kann sich leicht die Qualen dieser Tortur ausdenken: ich konnte nicht erraten, worum es sich handelte, aber ich wußte, daß mein Glück zerstört wäre.

Sobald der furchtbare d’Antoine gegangen war, kam Henriette zu mir, und als ich sah, daß ihr die Tränen hoch in den Augen standen, stieß ich einen Seufzer aus, auf den sie sich bemühte, mit einem Lächeln zu antworten.

»Ist es dir recht, lieber Freund, wenn wir morgen abreisen?«

»Oh, Himmel, gewiß ist es mir recht! Wohin soll ich dich führen?«

»Wohin du willst; aber wir müssen in vierzehn Tagen wieder hier sein.«

»Hier, traurige Illusion!«

»Ja leider! Ich habe mein Wort gegeben, in Parma zu sein und hier die Antwort auf einen von mir geschriebenen Brief zu empfangen. Du kannst dich darauf verlassen, daß wir keinerlei Gewalttat zu befürchten haben; aber ich kann es hier nicht länger aushalten.«

»Ach, und ich verfluche den Augenblick, wo mein Fuß diese Stadt betreten hat; ist es dir recht, daß wir nach Mailand gehen?«

»Nach Mailand? Sehr schön.«

»Da wir unglücklicherweise hierher zurückmüssen, können Caudagna und seine Schwester mit uns gehen.«

»Vortrefflich.«

»Laß mich nur machen; sie bekommen einen Wagen für sich und nehmen dein Violoncello mit; mir scheint, du müßtest Herrn d’Antoine mitteilen, wohin du gehst.«

»Mir scheint im Gegenteil, ich bin ihm darüber keine Rechenschaft schuldig; um so schlimmer für ihn, wenn er einen Augenblick daran zweifeln kann, daß ich mein Wort halten werde.«

Am nächsten Tage packten wir die zu einer vierzehntägigen Abwesenheit notwendigen Sachen ein und reisten ab. Wir kamen in unfroher Stimmung, ohne daß wir unterwegs etwas erlebt hätten, in Mailand an und blieben dort, ganz für uns allein, vierzehn Tage; wir sahen dort kein anderes Gesicht, als den Gastwirt, einen Schneider und eine Schneiderin. Ich machte meiner Henriette ein Geschenk, einen Luchspelz, den sie sehr wert hielt.

Henriette fragte mich aus Zartgefühl niemals nach dem Zustand meiner Börse; ich wußte ihr Dank dafür; aber ich trug auch Sorge, sie niemals ahnen zu lassen, daß diese der Erschöpfung nahe war; bei unserer Rückkehr nach Parma hatte ich noch drei bis vierhundert Zechinen. Am Tage nach unserer Rückkehr lud Herr d’Antoine sich ohne Umstände zum Essen ein. Nach dem Kaffee ließ ich ihn mit seiner Verwandten allein. Ihre Verhandlung dauerte ebensolange wie die erste, und es wurde dabei beschlossen, daß wir uns trennen müßten. Sobald d’Antoine fort war, kam sie zu mir und sagte es mir, und lange ließen wir in düsterem Schweigen unsere Tränen zusammenfließen.

»Wann werde ich mich von dir trennen müssen, heißgeliebtes Weib?«

»Fasse dich, mein zärtlicher Freund: wir trennen uns in Genf, wohin du uns führen wirst. Besorge mir morgen eine passende Kammerjungfer. Mit ihr werde ich mich von Genf aus an meinen Bestimmungsort begeben.«

»Wir werden also noch einige Tage zusammen verbringen! Ich kenne nur Dubois, dem ich mich anvertrauen könnte, um mir eine anständige Person zu besorgen, und es ist mir ärgerlich, daß dieser neugierige Mensch durch sie erfahren könnte, was dir nicht lieb wäre.«

»Er wird nichts erfahren; denn in Frankreich nehme ich eine andere.«

Dubois fühlte sich geehrt durch den Auftrag und kam drei Tage darauf zu Henrietten, um ihr eine Frau in mittleren Jahren vorzustellen; sie war ziemlich gut angezogen und wußte sich anständig zu benehmen. Aber sie war arm und daher glücklich, eine Gelegenheit zu finden, um nach ihrer französischen Heimat zurückzukehren. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war vor einigen Monaten gestorben und hatte sie von allem entblößt zurückgelassen. Henriette nahm sie in ihren Dienst und sagte ihr, sie möchte sich bereit halten, jeden Augenblick abreisen zu können, sobald Dubois ihr Bescheid geben würde. Am Tage vor unserer Abreise kam Herr d’Antoine zu uns zum Essen; beim Abschied gab er Henrietten einen geschlossenen Brief für Genf.

Wir reisten von Parma mit Einbruch der Nacht ab und hielten nur in Turin zwei Stunden an, um einen Bedienten anzunehmen, der uns bis Genf begleiten sollte. Am nächsten Tage überschritten wir den Mont-Cenis in Sänften, zu Tal fuhren wir im Bergschlitten. Am fünften Tage kamen wir in Genf an und stiegen im Gasthof zur Wage ab. Am nächsten Tage gab Henriette mir einen Brief an den Bankier Tronchin, der, sobald er ihn gelesen hatte, mir sagte, er werde mir persönlich tausend Louis überbringen. Ich ging nach Hause, und wir setzten uns zu Tische. Wir saßen noch beim Essen, als der Bankier sich melden ließ. Er gab uns die tausend Louis in Gold und sagte Henrietten, er werde ihr zwei Leute besorgen, für die er bürgen könne. Sie antwortete ihm, sie würde abreisen, sobald sie den Wagen hätte, den er nach dem ihr von mir überbrachten Brief besorgen sollte. Er versicherte ihr, am nächsten Tage würde alles bereit sein, und empfahl sich. Es war ein furchtbarer Augenblick. Wir saßen, wie zu Eis erstarrt, unbeweglich in düsterem Schweigen; tiefste Traurigkeit drückte uns zu Boden.

Endlich brach ich das Schweigen, um ihr zu sagen, der Wagen, den Herr Tronchin ihr liefern würde, könnte unmöglich so bequem und sicher sein, wie der meine. Ich bäte sie daher, diesen zu nehmen; ich würde in dieser Gefälligkeit ein Zeichen der Fortdauer ihrer Liebe sehen.

»Ich werde dafür, liebe Freundin, den Wagen nehmen, den der Bankier dir liefert.«

»Ich willige ein, lieber Freund; es wird für mich eine Herzenserleichterung sein, noch einen Gebrauchsgegenstand zu besitzen, der dir gehört hat.«

Mit diesen Worten steckte sie mir fünf Rollen mit je hundert Louis in die Tasche. Ein schwacher Trost für mein Herz, das durch die grausame Trennung zerrissen war. Während der letzten vierundzwanzig Stunden bestand unsere Beredsamkeit nur in Trauern, Seufzern und jenen banalen, aber energischen Ausrufen, die zwei glücklich Liebende an die allzu strenge Vernunft richten, die sie inmitten ihres Glücks zwingt, sich auf ewig zu trennen. Henriette suchte mir mit keiner Hoffnung zu schmeicheln, um meine Qual zu mildern; im Gegenteil: »Da nun einmal die Notwendigkeit uns zwingt, uns zu trennen,« sagte sie, »so bitte ich dich, mein einziger Freund, erkundige dich niemals nach mir; und solltest du jemals zufällig mir begegnen, so tue, als kenntest du mich nicht.«

Sie gab mir hierauf einen Brief für Herrn d’Antoine, ohne mich zu fragen, ob ich nach Parma zurückkehren würde; aber selbst wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, so würde ich mich doch auf der Stelle dazu entschlossen haben. Sie bat mich auch, von Genf erst abzureisen, nachdem ich einen Brief empfangen hätte, den sie mir von der ersten Haltestelle, wo sie die Pferde wechseln würde, zu schicken gedächte. Mit Tagesanbruch reiste sie ab; sie hatte bei sich ihre Gesellschaftsdame, ein Lakai saß auf dem Bock und ein anderer ritt als Kurier voran. Ich folgte ihr mit den Augen, solange ich den Wagen sehen konnte, und stand noch lange Zeit, nachdem meine Augen schon nichts mehr sahen, unbeweglich immer auf demselben Fleck; denn alle meine Gedanken galten nur dem teueren Wesen, das ich verlor, und die ganze Welt war in meinen Augen nichts mehr.

In mein Zimmer zurückgekehrt, befahl ich dem Kellner, nicht früher bei mir einzutreten, als bis die Pferde, die Henrietten entführt hatten, wieder zurück wären. Ich legte mich zu Bett, in der Hoffnung, der Schlaf werde meiner bedrängten Seele, die meine Tränen nicht beruhigen konnten, zu Hilfe kommen.

Der Postillon kam erst am nächsten Tage zurück; er war bis Châtillon gewesen. Er überbrachte mir einen Brief, worin ich nur das traurige Wort Adieu fand. Der Mann sagte mir, sie seien ohne den geringsten Unfall in Châtillon angekommen, und die gnädige Frau habe sogleich ihren Weg nach Lyon fortgesetzt. Da ich von Genf erst am nächsten Tag abreisen konnte, verbrachte ich allein auf meinem Zimmer einen der traurigsten Tage meines Lebens. Ich entdeckte auf einer der Fensterscheiben folgende Worte, die sie mit der Spitze eines ihr von mir geschenkten Diamanten eingeritzt hatte: Du wirst auch Henrietten vergessen! Diese Prophezeiung war nicht dazu angetan, mich zu trösten; aber welche Ausdehnung gab sie dem Wort: Vergessen! Sie konnte damit nur meinen, daß mit der Zeit die tiefe Wunde vernarben würde, die sie meinem Herzen geschlagen hatte, und sie hätte diese nicht noch zu vertiefen brauchen, indem sie mir diese Art von Vorwurf machte. Nein, ich habe sie nicht vergessen, denn noch jetzt, da mein Kopf mit weißen Haaren bedeckt ist, ist ihr Andenken ein wahrer Balsam für mein Herz. Wenn ich bedenke, daß ich auf meine alten Tage nur in Erinnerung glücklich bin, so finde ich, daß mein langes Leben mehr glücklich als unglücklich gewesen sein muß, und nachdem ich Gott gedankt habe, der die Ursache aller Ursachen ist, wünsche ich mir Glück, mir selber gestehen zu können, daß das Leben ein Gut ist.

Am andern Morgen reiste ich mit einem Bedienten, den Herr Tronchin mir empfahl, nach Italien zurück. Trotz der schlechten Jahreszeit wählte ich den Weg über den St. Bernhard, den ich in drei Tagen mit sieben Mauleseln überstieg. Diese trugen mich, meinen Bedienten, meinen Koffer und den Wagen, der für die reizende Frau, die ich unwiederbringlich verloren hatte, bestimmt war. Ein Mensch, der von einem großen Schmerz niedergedrückt wird, hat den Vorteil, daß ihm sonst nichts lästig erscheint; es ist eine Art von Verzweiflung, die auch ihre Vorteile hat. Ich spürte nichts von Hunger und Durst, nichts von dem Frost, der die Natur in diesem schrecklichen Teil der Alpen zu Eis erstarren ließ, nichts von den Strapazen, die mit diesem mühseligen und gefährlichen Alpenübergang untrennbar verbunden sind.

Ich kam bei ziemlich guter Gesundheit in Parma an und stieg in einer schlechten Herberge ab, weil ich hoffte, daß mich dort niemand kennen würde. In dieser Erwartung wurde ich jedoch getäuscht; denn ich traf hier de la Haye, der in einem Kämmerchen neben dem meinen wohnte. Überrascht über das Wiedersehen mit mir, machte er mir ein langes Kompliment, um mich auszuhorchen, ich enttäuschte jedoch seine Neugier, indem ich ihm sagte, ich wäre müde und wir würden uns wiedersehen.

Am nächsten Tage ging ich aus, um Herrn d’Antoine Henriettens Brief zu überbringen. Er öffnete ihn in meiner Gegenwart und fand darin einen andern Brief mit meiner Adresse eingeschlossen; diesen übergab er mir, ohne ihn zu lesen, obwohl er offen war. Später fiel ihm ein, es könnte vielleicht die Absicht seiner Verwandten gewesen sein, daß er ihn lesen sollte, weil sie ihn nicht versiegelt hätte. Er bat mich daher, von dem Brief Kenntnis nehmen zu dürfen, was ich ihm mit Vergnügen erlaubte, nachdem ich ihn selber gelesen hatte. Er las ihn und sagte mir, als er ihn zurückgab, mit großer Herzlichkeit, ich könnte bei jeder Gelegenheit über ihn und seinen Kredit verfügen.

Henriettens Brief lautete folgendermaßen:

»Mein einziger Freund! Ich habe Dich verlassen müssen; aber vermehre nicht Deinen Schmerz, indem Du an den meinigen denkst. Laß uns so vernünftig sein, uns vorzustellen, daß wir einen angenehmen Traum gehabt haben, und laß uns nicht über unser Schicksal klagen; denn niemals ist ein köstlicher Traum so lang gewesen. Wir können uns rühmen, volle drei Monate uns gegenseitig vollkommen glücklich gemacht zu haben. Es gibt wohl kaum zwei Menschen, die dasselbe von sich sagen können. Laß uns uns niemals vergessen; laß uns recht oft die glücklichen Augenblicke unserer Liebe uns zurückrufen, um sie in unseren Seelen zu erneuern, die trotz der Trennung in dieser Erinnerung ebenso hohen Genuß finden werden, wie wenn unsere Herzen Brust an Brust klopften. Erkundige Dich nicht nach mir; und wenn Du durch Zufall erfahren Solltest, wer ich bin, so beachte es nicht. Ich werde Dir Freude bereiten, indem ich Dir mitteile, daß ich in meine Angelegenheiten gute Ordnung gebracht habe und daß ich nun für den Rest meiner Lebenszeit so glücklich sein werde, wie ich es nur kann, da ich Dich nicht mehr habe. Ich weiß nicht, wer Du bist; aber ich weiß, daß kein Mensch auf der Welt Dich besser kennt als ich. Ich werde in meinem Leben keinen Liebhaber mehr haben, aber ich wünsche, daß Du es Dir nicht einfallen läßt, mir darin nachzuahmen. Ich wünsche, daß Du noch andere liebst, ja sogar, daß Deine gute Fee Dich eine andere Henriette finden lasse. Leb wohl, leb wohl!«

Fünfzehn Jahre später sah ich das anbetungswürdige Weib wieder. Wie das zuging, wird der Leser sehen, wenn wir so weit sind.

Ich ging nach Hause. Die Zukunft war mir gleichgültig, und in eine tiefe Traurigkeit versunken, schloß ich mich ein und legte mich zu Bett. Meine Niedergeschlagenheit bewirkte eine Art von Betäubung. Das Leben war mir nicht zur Last, aber nur, weil ich nicht daran dachte; und ich würde daran gedacht haben, wenn ich mir auch nur im geringsten aus dem Leben etwas gemacht hätte. Ich befand mich in einem Zustande völliger Apathie. Sechs Jahre später befand ich mich in einer ähnlichen Lage; aber da war nicht die Liebe an meinem Leiden schuld, sondern das berüchtigte und schreckliche Gefängnis unter den Bleidächern von Venedig. Nicht viel besser war ich daran im Jahre 1768, als man mich in das Gefängnis Buen Retiro in Madrid warf. Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden war meine Erschöpfung sehr groß; aber sie war mir nicht unangenehm, und in meiner Geistesverfassung hatte der Gedanke, daß ich an einer Steigerung der Erschöpfung vielleicht sterben könnte, seine Reize für mich. Ich sah mit Freuden, daß niemand mich belästigte, um mir Essen anzubieten, und ich wünsche mir Glück, meinen Bedienten entlassen zu haben. Nach weiteren vierundzwanzig Stunden war meine Schwäche so groß, daß ich schon für verhungert gelten konnte.

In diesem Zustand befand ich mich, als de la Haye an meine Tür klopfte. Ich hätte nicht geantwortet, wenn er nicht beim Klopfen gesagt hätte, man müsse unbedingt mit mir sprechen. Ich öffnete, obgleich ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, und legte mich sofort wieder zu Bett.

»Ein Fremder,« sagte er, »der einen Wagen braucht, möchte den Ihrigen kaufen.«

»Ich will ihn nicht verkaufen.«

»Entschuldigen Sie gütigst, wenn ich Sie gestört habe; aber Sie sehen krank aus.« ..

»Ja, ich habe nötig, daß man mich in Ruhe läßt.«

»Was haben Sie denn für eine Krankheit?« Er trat an mein Bett, ergriff meine Hand und fand meinen Puls außerordentlich schwach.

»Was haben Sie gestern gegessen?«

»Seit zwei Tagen nichts, Gott sei Dank!«

Er ahnte sofort die Wahrheit, geriet in Besorgnis und beschwor mich, eine Fleischbrühe zu mir zu nehmen. Er war in seinem Zureden so eindringlich und so teilnahmsvoll, daß ich ebensosehr aus Schwäche, wie aus Langeweile mich überreden ließ. Ohne ein einziges Wort von Henrietten zu sagen, hielt er mir eine Predigt über das zukünftige Leben, über die Eitelkeit dieser Welt, die wir gleichwohl dem Himmel vorzögen, und über unsere Pflicht, niemals unser Leben anzutasten, das uns nicht gehörte. Ich hörte ihn an, ohne zu antworten; aber ich hörte ihn immerhin an; de la Haye machte sich sogleich diesen Vorteil zunutze, erklärte, er würde mich nicht verlassen, und bestellte eine kleine Mahlzeit. Ich hatte weder die Kraft, noch den Willen, Widerstand zu leisten; und sobald das Essen aufgetragen war, nahm ich eine Kleinigkeit zu mir. De la Haye rief Viktoria und beschäftigte sich den ganzen Tag nur damit, mich durch scherzhafte Bemerkungen aufzuheitern.

Den nächsten Tag verbrachte er wieder mit mir, denn diesmal hatte ich ihn gebeten, mir beim Essen Gesellschaft zu leisten. Es kam mir vor, als habe meine Traurigkeit nicht abgenommen, aber das Leben schien mir doch wieder dem Tode vorzuziehen; und in Anbetracht, daß ich ihm vielleicht die Erhaltung meines Lebens verdankte, faßte ich Freundschaft für ihn. Man sehe, wie meine Zuneigung den höchsten Grad erreichte, und der Leser wird jedenfalls höchst erstaunt sein, auf welche Weise dies zuging. Drei oder vier Tage darauf machte Dubois, dem de la Haye alles gesagt hatte, mir einen Besuch und lud mich ein, mit ihm auszugehen. Ich ging in die Komödie, wo ich die Bekanntschaft einiger korsischer Offiziere machte, die in Frankreich im Regiment Royal Italien gedient hatten; auch lernte ich einen jungen Sizilianer namens Paterno kennen, den größten Brausekopf, den man sich denken konnte. Der junge Mensch war in eine Schauspielerin verliebt, die ihn zum besten hielt; er machte mir Spaß durch die Aufzählung aller ihrer anbetungswürdigen Eigenschaften und wegen der schlechten Behandlung, die sie ihm widerfahren ließ; denn obgleich sie ihn zu jeder Stunde in ihrer Wohnung empfing, wies sie ihn schroff zurück, so oft er ihr irgend eine Gunst rauben wollte. Nebenbei richtete sie ihn zugrunde, indem sie fortwährend Diners und Soupers in kleinem Kreise geben ließ, ohne daß er irgend einen Vorteil dabei gehabt hätte.

Er hatte mich schließlich neugierig gemacht, und nachdem ich mir die Schöne auf der Bühne angesehen und sie nicht übel gefunden hatte, beschloß ich, sie kennen zu lernen, und Paterno machte sich ein Vergnügen daraus, mich bei ihr einzuführen.

Ich fand sie entgegenkommend, und da ich wußte, daß sie nichts weniger als reich war, so bezweifelte ich nicht, daß fünfzehn oder zwanzig Zechinen mehr als hinreichend sein würden, um sie zahm zu machen. Ich sprach mich darüber zu Paterno aus, aber er antwortete mir lachend: Wenn ich ihr einen derartigen Vorschlag zu machen wagte, würde sie meine Besuche nicht mehr annehmen. Er nannte mir Offiziere, die sie nicht mehr hätte sehen wollen, um sie für derartige Anträge zu bestrafen. »Immerhin wäre es mir recht lieb,« schloß er, »wenn Sie den Versuch machen und mir nachher wahrheitsgemäß sagen wollten, wie er abgelaufen ist.«

Ich fühlte meine Eitelkeit gestachelt und versprach es ihm.

Ich besuchte sie in ihrem Ankleidezimmer, und als sie gelegentlich die Schönheit meiner Uhr lobte, sagte ich ihr, es läge nur an ihr, um den und den Preis in ihren Besitz zu gelangen. Sie antwortete mir, dem Katechismus ihres Handwerks entsprechend: ein anständiger Mensch könne derartige Anträge einem anständigen Mädchen nicht machen.

»Solchen, die es nicht sind, biete ich nur einen Dukaten«, sagte ich ihr, und damit ging ich.

Als ich Paterno ihre Bemerkung erzählte, war er vor Freude außer sich; aber ich wußte, woran ich war, denn cosi son tutte, und trotz ihren Aufforderungen ging ich nicht mehr zu ihr zum Abendessen; diese Soupers waren sehr langweilig und die ganze Familie der Schauspieler machte sich dabei über den Dummkopf lustig, der die Kosten bestritt.

Sieben oder acht Tage darauf sagte Paterno mir, die Schauspielerin hätte ihm den Vorfall genau so wie ich erzählt und hätte ihm gesagt, ich besuchte sie nicht mehr, weil ich Angst hätte, daß sie mich beim Wort nähme, wenn ich meinen Antrag erneuerte.

Ich beauftragte ihn, ihr zu sagen, ich würde sie wieder besuchen, aber nicht, um ihr Anträge zu machen, sondern um die Anträge zu verachten, die sie mir vielleicht machen würde. Mein Hasenfuß richtete den Auftrag so gut aus, daß die Schauspielerin ganz gereizt ihm sagte, er möchte mich zu einem Besuch bei ihr herausfordern. Fest entschlossen, sie noch am gleichen Abend von meiner Verachtung zu überzeugen, ging ich nach dem zweiten Akt eines Stückes, worin sie nicht mehr auftrat, in ihre Loge. Sie schickte einen Herrn fort, den sie bei sich hatte, und sagte, sie hätte mit mir zu sprechen; dann verschloß sie die Tür, setzte sich graziös auf meinen Schoß und fragte mich, ob ich sie wirklich so sehr verachtete. In einer derartigen Lage hat man nicht den Mut, eine Frau zu beleidigen; statt zu antworten, ging ich grade auf die Sache los, ohne auch nur jenen Widerstand zu finden, der den Appetit schärft. Trotzdem ließ ich auch bei dieser Gelegenheit, wie immer, mich von einem Gefühl betölpeln, das ganz unangebracht ist, wenn ein kluger Mann sich dummerweise mit Frauenzimmern dieser Sorte einläßt; ich gab ihr zwanzig Zechinen, und ich muß gestehen, das war ein teuerer Preis für nagende Reue. Sie war sehr zufrieden, und wir lachten miteinander über Paternos Dummheit, der nicht zu wissen schien, daß Herausforderungen dieser Art stets so enden.

Am anderen Tage traf ich den armen Sizilianer und sagte ihm, ich hätte mich sehr gelangweilt und wollte nicht mehr hingehen. Ich hatte in der Tat diese Absicht; aber ein sehr triftiger Grund, den die Natur mir drei Tage darauf auseinandersetzte, zwang mich, ihm nicht nur aus einfachem Ekel Wort zu halten. Aber obgleich es mir höchst peinlich war, mich in einer solchen entehrenden Lage zu befinden, so glaubte ich doch nicht das Recht zu haben, mich darüber zu beklagen: ich sah im Gegenteil in diesem Unglück nur eine gerechte Strafe dafür, daß ich mich einer neuen Lais hingegeben, nachdem ich das Glück besessen hatte, eine Henriette zu besitzen. Da mein Fall nicht in das Gebiet der Empirie fiel, so glaubte ich mich Herrn de la Haye anvertrauen zu müssen, der alle Tage mit mir speiste, da er mir seine Armut nicht zu verhehlen suchte und mir durch sein Alter und seine Erfahrung ehrwürdig war. Er besorgte mir einen geschickten Chirurgen, der auch Zahnarzt war. Gewisse, ihm bekannte Symptome zwangen ihn, mich dem Gott Merkur zu weihen; und diese Kur nötigte mich, der Jahreszeit wegen sechs Wochen lang das Bett zu hüten. Es war während des Winters 1749. Während ich von einer häßlichen Krankheit genas, impfte de la Haye mir eine andere ein, die kaum besser, oder vielleicht sogar schlimmer war, und von der ich nicht geglaubt hätte, angesteckt werden zu können. Der Vlame, der mich nur frühmorgens eine Stunde verließ, um, wie er sagte, seine Andacht zu verrichten, machte mich zum Frömmler und zwar in solchem Grade, daß ich ihm zugab, ich müßte mich glücklich schätzen, mir eine Krankheit zugezogen zu haben, die der erste Anlaß gewesen wäre zur Rettung meiner Seele. Ich dankte Gott mit Inbrunst und vollkommen aufrichtig, daß er sich Merkurs bedient hätte, um meinen bis dahin von Finsternis umhüllten Geist zum reinen Licht der Wahrheit zu führen. Ohne Zweifel war dieser in meiner Vernunft sich vollziehende Wechsel der Weltanschauung eine Wirkung der durch das Quecksilber hervorgerufenen Schwächung. Dieses unreine und stets bösartige Mittel hatte mir dermaßen den Geist geschwächt, daß ich wie blödsinnig war und mir einbildete, ich wäre bisher in einem großen Irrtum befangen gewesen. Ich faßte daher in meiner neuen Weisheit den Entschluß, in Zukunft einen ganz anderen Lebenswandel zu führen. De la Haye weinte oft zum Troste mit, wenn er mich in meiner Zerknirschung weinen sah, die er mit unbegreiflicher Geschicklichkeit meiner armen, kranken Seele einzuflößen verstanden hatte. Er sprach mit mir vom Paradies und von den Dingen der anderen Welt, wie wenn er persönlich dort gewesen wäre, und ich lachte ihn nicht aus! Er hatte mich daran gewöhnt, auf meine Vernunft zu verzichten. Um aber auf diese göttliche Gabe verzichten zu können, ist es notwendig, daß man ihren Weg nicht mehr erkennt; man muß dumm geworden sein. Ein Beispiel: Eines Tages sagte er mir, man wisse nicht, ob Gott die Welt in der Tagundnachtgleiche des Frühlings oder des Herbstes geschaffen habe. »Angenommen, daß eine solche Schöpfung stattgefunden hat,« antwortete ich ihm trotz dem Quecksilber, »ist diese Frage an sich kindisch; denn die Jahreszeit kann immer nur für einen Teil der Erde gelten.«

De la Haye hielt mir entgegen, meine Ideen seien heidnisch, und ich dürfte solche Vernunftschlüsse nicht mehr ziehen. Ich gab nach.

Der Mann war Jesuit gewesen; aber er wollte dies nicht nur nicht zugeben, sondern er konnte nicht einmal vertragen, wenn man davon sprach. Eines Tages verführte er mich vollends, indem er mir sein Leben erzählte.

»Nachdem ich meine Schulbildung empfangen und mit einigen Erfolgen Wissenschaften und Künsten obgelegen hatte, verbrachte ich zwanzig Jahre als Mitglied der Universität Paris. Hierauf diente ich dem Heere im Geniekorps; seitdem habe ich dem Publikum mehrere Werke geschenkt, die anonym erschienen sind; man bedient sich derselben in allen Schulen zum Unterricht der Jugend. Nachdem ich mich vom Dienst zurückgezogen hatte, habe ich, da ich vermögenslos bin, die Erziehung mehrerer junger Leute geleitet, von denen einige heutzutage in der Welt mehr durch ihre Sitten denn durch ihre Gaben glänzen. Mein letzter Schüler war der Sohn des Marchese Botta. Jetzt habe ich keine Stellung mehr und lebe, wie Sie sehen, im Vertrauen auf Gott. Vor vier Jahren machte ich die Bekanntschaft des Baron Bavois aus Lausanne, eines Sohnes des Generals Bavois, der ein Regiment des Herzogs von Modena kommandierte und der später das Unglück hatte, zu viel von sich reden zu machen. Der junge Baron, wie sein Vater Calvinist, war kein Freund des müßigen Lebens, das er im väterlichen Hause hätte verbringen können; er bat mich, ihm denselben Unterricht wie dem Marchese Botta zu geben, damit er die militärische Laufbahn einschlagen könnte. Ich war hocherfreut, seine schönen Anlagen ausbilden zu können, und gab alles andere auf, um mich ganz und gar dieser Beschäftigung widmen zu können. Bald entdeckte ich, daß er in betreff der Religion wohl wußte, daß er im Irrtum lebte; er hielt nur aus Familienrücksichten an Seinem Glauben fest. Sobald ich sein Geheimnis kannte, war es mir leicht, ihm zu zeigen, daß seine höchsten Interessen auf dem Spiele ständen, indem sein Seelenheil davon abhinge. Diese Wahrheit leuchtete ihm ein, und er überließ sich ganz meiner liebevollen Fürsorge. Ich ging mit ihm nach Rom, wo ich ihn dem Papste Benedikt dem Vierzehnten vorstellte, der ihm nach feinem Glaubenswechsel eine Leutnantsstelle bei den Truppen des Herzogs von Modena verschaffte. Leider hat mein teurer Proselyt, der erst fünfundzwanzig Jahre alt ist, monatlich nur sieben Zechinen, von denen er nicht leben kann; denn seit seinem Religionswechsel empfängt er gar nichts mehr von seinen Verwandten, denen seine sogenannte Abtrünnigkeit ein Greuel ist. Er würde sich gezwungen sehen, nach Lausanne zurückzukehren, wenn ich ihn nicht unterstützte. Da ich aber leider arm und stellungslos bin, kann ich ihn nur mit den Almosen unterstützen, die ich ihm verschaffe, indem ich mich an die Börse der mir bekannten guten Seelen wende.

»Mein Schüler, der ein dankbares Herz hat, möchte gerne seine Wohltäter kennen; aber sie wollen nicht bekannt sein, und sie haben recht; denn um verdienstlich zu sein, muß das Almosen von jedem Gefühl der Eitelkeit frei sein. Ich habe, Gott sei Dank, durchaus keinen Anlaß zur Eitelkeit. Ich bin überglücklich, daß ich an einem jungen, prädestinierten Mann Vaterstelle vertreten kann und daß ich als schwaches Werkzeug in Gottes Hand zur Rettung seiner Seele beigetragen habe. Der gute und schöne Jüngling setzt all sein Vertrauen in mich und schreibt mir regelmäßig jede Woche zweimal. Die Diskretion erlaubt mir nicht, Ihnen seine Briefe mitzuteilen, aber Sie würden vor Rührung weinen, wenn Sie sie läsen. An ihn habe ich gestern die drei Louis geschickt, die ich von Ihnen bekam.«

Mit diesen Worten stand mein Bekehrer auf und trat ans Fenster, um seine Tränen zu trocknen. Ich war gerührt und voll Bewunderung für die Tugend de la Hayes und seines Zöglings, der, um seine Seele zu retten, sich in die harte Notwendigkeit versetzt sah, von Almosen zu leben. Ich weinte ebenfalls und sagte in meiner erwachenden Frömmigkeit, ich wollte nicht nur nicht von ihm genannt sein, sondern wünschte nicht einmal die Summen zu kennen, die er für ihn entnähme; ich bäte ihn demgemäß, über meine Börse zu verfügen, ohne mir Rechenschaft abzugeben. Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so kam de la Haye mit offenen Armen auf mich zu und küßte mich. Indem ich das Wort des Evangeliums buchstäblich befolgte, sagte er mir, bahnte ich mir den Weg zum Himmel.

Der Geist ist vom Körper abhängig; dies ist ein Vorrecht der Materie. Mit leerem Magen wurde ich Fanatiker, und in der Höhlung, die durch das Quecksilber in meinem Hirn entstanden war, fand der Enthusiasmus eine Zufluchtsstätte. Ohne Herrn de la Haye ein Wort davon zu sagen, begann ich, an meine drei Freunde, die Herren Bragadino usw. pathetische Briefe über meinen Tartüff und seinen Zögling zu schreiben, und teilte ihnen dadurch meinen Fanatismus mit. Wie du weißt, mein lieber Leser, verbreitet nichts sich so rasch wie die Pest, und was ist der Fanatismus jeder Art anders, als eine Pestkrankheit des Geistes?

Ich ließ sie ahnen, daß das Wohlergehen unserer Gesellschaft von der Angliederung dieser beiden tugendhaften Persönlichkeiten abhinge. Ich ließ es sie ahnen, aber da ich Jesuit wurde, ohne es zu wissen, so sagte ich es ihnen nicht geradezu: es war besser, wenn der Gedanke von diesen einfachen aber tatsächlich tugendhaften Männern auszugehen schien.

»Gott will,« schrieb ich ihnen – denn die Betrügerei muß sich stets mit dem Schilde dieses heiligen Namens decken – »daß Sie alle Ihre Kräfte aufbieten, um in Venedig eine ehrenvolle Anstellung für Herrn de la Haye und einen Platz in dem von ihm gewählten Beruf für den jungen Bavois zu beschaffen.«

Herr von Bagadino schrieb mir, Herr de la Haye könne mit mir in seinem Palazzo wohnen, und Bavois könne an seinen Protektor, den Papst, schreiben und ihn bitten, ihn an den venetianischen Gesandten zu empfehlen; dieser werde darüber an den Senat schreiben, und dann könne Bavois gewiß sein, daß er eine gute Stelle erhalten werde.

Es war damals die Frage des Patriarchats von Aquileja in der Schwebe, worüber die Republik gemeinsam mit dem Kaiser von Österreich zu entscheiden hatte. Da dieser jedoch das jus elegendi für sich allein in Anspruch genommen hatte, war Papst Benedikt zum Schiedsrichter ernannt worden. Da der Papst seinen Spruch noch nicht gefällt hatte, so war es klar, daß die Republik bei einer Empfehlung von ihm das größte Entgegenkommen gezeigt haben würde. Während diese Angelegenheit schwebte und wir einen Brief aus Venedig erwarteten, der uns über die Wirkung der Empfehlung Seiner Heiligkeit berichtete, hatte ich ein kleines komisches Erlebnis, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten darf:

Zu Beginn des Monats April war ich von meiner letzten Wunde geheilt und hatte meine alte Gesundheit wiedererlangt. Ich ging täglich mit meinem Bekehrer in die Kirchen und versäumte keine einzige Predigt. Ich verbrachte aber auch die Abende mit ihm im Kaffeehaus, wo wir stets recht gute Gesellschaft von Offizieren fanden. Unter ihnen war auch ein Provençale, der die ganze Gesellschaft durch seine Aufschneidereien unterhielt und durch die Erzählung seiner militärischen Laufbahn, durch die er sich im Dienste mehrerer Mächte, besonders in Spanien, ausgezeichnet hätte; da er amüsant war, so taten alle, als glaubten sie ihm jedes Wort, damit seine Erzählungen nicht ins Stocken kämen. Als ich ihn eines Tages aufmerksam ansah, fragte er mich, ob ich ihn kenne. »Ob ich Sie kenne? Das will ich meinen! Haben wir nicht zusammen an der Schlacht bei Arbela teilgenommen?« Bei diesen Worten erhob sich allgemeines Gelächter; der Prahlhans geriet jedoch nicht aus der Fassung und sagte eilig: »Ei, meine Herren, was finden Sie denn daran lächerlich? Ich war da, und der Herr kann mich da wohl gesehen haben; es kommt mir in der Tat so vor, als erkenne ich ihn wieder.« Hierauf nannte er mir das Regiment, wo wir gedient hatten; wir umarmten uns und machten uns schließlich gegenseitig ein Kompliment über das Glück, uns in Parma wiederzutreffen. Nach diesem wirklich komischen Auftritt entfernte ich mich, begleitet von meinem unzertrennlichen Bekehrer. Am nächsten Tage saß ich noch mit meinem Freunde bei Tisch, als der provençalische Prahlhans, den Hut auf dem Kopf, in mein Zimmer trat und sagte: »Mein Herr von Arbela, ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen: beeilen Sie sich und folgen Sie mir. Wenn Sie Angst haben, so nehmen Sie soviel Freunde mit, wie Sie wollen; ich bin für ein halbes Dutzend gut.«

Ich springe auf, ergreife ein Pistol, schlage auf ihn an und sage in festem Ton: »Niemand hat das Recht, in meinem Zimmer meine Ruhe zu stören: Hinaus! oder ich schieße Ihnen eine Kugel durch den Kopf!«

Mein Provençale zieht seinen Degen und fordert mich heraus, ihn zu ermorden; aber im selben Augenblick wirft de la Haye sich zwischen uns, indem er dabei scharf auf den Fußboden aufstampft. Der Wirt kommt herauf und droht dem Offizier, er würde die Wache holen lassen, wenn er nicht augenblicklich ginge.

Er ging, indem er ausrief, ich hätte ihn öffentlich beleidigt, und er würde dafür sorgen, daß die Genugtuung, die ich ihm dafür schulde, ebenso öffentlich wäre wie die Beleidigung. Da ich sah, daß die Sache eine tragische Wendung nehmen konnte, besprach ich mich nach seinem Fortgehen mit de la Haye über die Mittel, eine gütliche Beilegung herbeizuführen; aber wir brauchten uns nicht lange den Kopf zu zerbrechen, denn eine halbe Stunde darauf erschien ein Offizier des Infanten-Herzogs von Parma und befahl mir, mich sofort nach der Hauptwache zu begeben, wo der Platzmajor, Herr de Bertolan, mit mir zu sprechen hätte. Ich bat de la Haye, mich als Zeuge sowohl für die von mir im Kaffeehaus geäußerten Worte wie für die Vorfälle in meiner Wohnung zu begleiten. Ich kam zum Major, bei dem ich mehrere Offiziere fand; unter ihnen auch Herrn Prahlhans.

Herr de Bertolan war ein geistvoller Mann; er lächelte leise, als er mich erblickte. Dann aber sagte er mir mit dem größten Ernst:

»Mein Herr, da Sie sich über diesen Offizier in der Öffentlichkeit lustig gemacht haben, so ist es nur recht und billig, daß Sie ihm die öffentliche Genugtuung geben, die er verlangt; als Platzmajor sehe ich mich genötigt, eine solche von Ihnen zu fordern, damit die Sache freundschaftlich beigelegt werden kann.«

»Herr Major,« antwortete ich, »es kann durchaus keine Rede davon sein, daß ich dem Herrn Genugtuung zu geben habe; denn es ist nicht wahr, daß ich mich über ihn lustig gemacht und ihn dadurch beleidigt habe; ich habe ihm gesagt, es komme mir so vor, als hätte ich ihn in der Schlacht bei Arbela gesehen, und ich habe daran nicht mehr zweifeln dürfen, als er selber mir gesagt hat, daß er nicht nur dort gewesen sei, sondern mich sogar wiedererkenne.«

»Ja,« unterbrach mich der Offizier, »aber ich habe Rodela verstanden und nicht Arbela, und jedermann weiß, daß ich dort gefochten habe; Sie aber haben Arbela gesagt, und Sie können das nur in der Absicht gesagt haben, um sich über mich lustig zu machen; denn es ist mehr als zweitausend Jahre her, daß diese Schlacht geliefert wurde; dagegen fand die bei Rodela in Afrika zu unserer Zeit statt, und ich diente dort unter dem Befehl des Herzogs von Montemar.«

»Zunächst, mein Herr, kann es Ihnen nicht zukommen, über meine Absichten zu urteilen; aber ich bestreite Ihnen gar nicht, daß Sie bei Rodela gewesen sind, da Sie es sagen. Hiermit ändert sich jedoch die Szene, und nunmehr verlange ich eine Genugtuung für mich, wenn Sie zu leugnen wagen, daß ich an der Schlacht bei Arbela teilgenommen habe. Ich diente dort unter dem Herzog von Montemar, denn, soviel ich weiß, war dieser nicht dabei; aber ich war Adjutant Parmenios, unter dessen Augen ich verwundet wurde. Sollten Sie von mir verlangen, Ihnen die Narbe zu zeigen, so werden Sie begreifen, daß ich dies nicht könnte; denn der Leib, den ich damals hatte, ist nicht mehr vorhanden, und in demjenigen, den ich heute trage, bin ich erst dreiundzwanzig Jahre alt.«

»Das scheint mir lauter Unsinn zu sein; aber jedenfalls habe ich Zeugen, daß Sie sich über mich lustig gemacht haben, denn Sie haben mir gesagt, Sie hätten mich in dieser Schlacht gesehen und, Potz Blitz! das ist nicht möglich, denn ich war nicht dabei. Auf alle Fälle verlange ich Genugtuung.«

»Und ich ebenfalls. Unsere Rechte sind zum mindesten gleich, wenn die meinigen nicht gar besser sind; denn Ihre Zeugen sind auch die meinigen; und die Herren werden aussagen, daß Sie behauptet haben, Sie hätten mich bei Rodela gesehen; und Potz Blitz! das ist nicht möglich, denn ich war nicht dabei.«

»Ich kann mich geirrt haben.«

»Ich auch; und folglich haben wir gegenseitig nichts voneinander zu verlangen.«

Der Major biß sich auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen, und sagte: »Mein lieber Herr, ich kann nicht finden, daß Sie das geringste Recht haben, Genugtuung zu verlangen, da der Herr, genau wie Sie, zugibt, daß er sich geirrt haben kann.«

»Aber,« antwortete der Offizier, »ist es glaubhaft, daß er sich bei der Schlacht bei Arbela befunden hat?«

»Der Herr überläßt es Ihnen, dies zu glauben oder nicht zu glauben; gerade, wie er das Recht hat, zu sagen, daß er dort war, bis Sie ihm das Gegenteil bewiesen haben. Wollen Sie von ihm verlangen, daß er darum den Degen zieht?«

»Davor soll mich der liebe Gott bewahren. Lieber will ich die Sache als erledigt erklären.«

»Nun, meine Herren, so bleibt mir nur noch übrig, Sie aufzufordern, sich als zwei Ehrenmänner zu umarmen.«

Dies taten wir sehr herzlich.

Am nächsten Tage kam der Provençale ein bißchen verlegen zu mir und lud sich zum Mittagessen ein; ich nahm ihn freundlich auf. So endete diese komische Geschichte zur großen Befriedigung des Herrn de la Haye.

Siebenundzwanzigstes Kapitel


Die schöne Kranke wird von mir geheilt. – Komplott gegen mich. – Die junge Gräfin Bonafede. – Die Erberia. – Haussuchung. – Gespräch mit Herrn Bragadino. – Ich werde auf Befehl der Staatsinquisitoren verhaftet.

Ich ging zum Herrn von Bragadino zum Abendessen und bereitete dadurch dem würdigen und großmütigen Greise einen angenehmen Abend. So war es immer; ich machte ihn und seine beiden tugendhaften Freunde glücklich, so oft ich meine Mahlzeiten mit ihnen einnahm.

Ich verließ sie frühzeitig und ging nach Hause, wo ich zu meiner großen Überraschung den Balkon meines Schlafzimmers besetzt fand. Eine junge Dame von schönstem Wuchs stand auf, als sie mich sah, und bat mich mit seinem Anstand um Verzeihung für die Freiheit, die sie sich genommen hätte.

»Ich bin«, sagte sie mir, »die Statue von heute früh. Wir zünden abends der Mücken wegen keine Kerzen an; aber wenn Sie zu Bett gehen wollen, werden wir die Fenster schließen und gehen. Hier stelle ich Ihnen meine jüngere Schwester vor; meine Mutter ist bereits zu Bett.«

Ich antwortete ihr, der Balkon stände stets zu ihren Diensten, und da es noch früh am Abend wäre, so bäte ich sie, meinen Schlafrock anziehen und ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Ihre Unterhaltungsgabe war reizend; sie bereitete mir zwei angenehme Stunden und blieb bis Mitternacht bei mir. Ihre junge Schwester zündete mir eine Kerze an; hierauf machten sie mir eine Verbeugung und entfernten sich, indem sie mir gute Nacht wünschten.

Die Phantasie ganz von dem schönen Mädchen erfüllt, ging ich zu Bett; es wollte mir gar nicht in den Sinn, daß sie wirklich krank sein sollte. Sie unterhielt sich lebhaft und fröhlich; sie war gebildet, geistvoll und von angenehmen Manieren. Wenn ihre Krankheit wirklich nur durch das Mittel, das Righellini als das einzige bezeichnet hatte, geheilt werden konnte, so begriff ich nicht, daß sie in einer Stadt wie Venedig nicht längst geheilt worden war; denn trotz ihrer Blässe schien sie mir sehr würdig zu sein, einen Liebhaber zu fesseln, und sie war nach meiner Meinung zu klug, als daß sie sich nicht hätte entschließen sollen, in dieser oder jener Form das angenehmste Mittel zu nehmen, das die medizinische Fakultät überhaupt vorschreiben kann.

Am anderen Morgen klingelte ich, weil ich aufstehen wollte; die jüngere Schwester trat ein und sagte mir, sie hätten im Augenblick kein Dienstmädchen, daher würde sie mir besorgen, was ich brauchte. Ich ließ mir außerhalb des Palazzo Bragadino nicht gerne von meinem Bedienten aufwarten, weil ich so größere Freiheit hatte. Nachdem das junge Mädchen eine kleine Handreichung gemacht hatte, fragte ich sie, wie es ihrer Schwester ginge.

»Sehr gut; ihre Bleichsucht ist keine Krankheit, und sie hat nur dann Beschwerden, wenn der Atem ihr ausgeht. Sie hat sehr guten Appetit und schläft ebenso ausgezeichnet wie ich.«

»Was ist das für ein Violinspiel, das ich da höre?«

»Das ist der Tanzmeister, der meiner Schwester Unterricht gibt.«

Ich zog mich schnell fertig an und ging hin, um sie mir anzusehen. Ihr Gesicht war von einem rosigen Hauch belebt, und ich fand sie reizend, obgleich ihr alter Lehrer sie mit eingebogenen Füßen tanzen ließ. Dem schönen Mädchen fehlte nur der Funke des Prometheus – die Farbe des Lebens. Ihre Blässe erinnerte zu sehr an den Schnee, sie tat dem Auge weh.

Der Tanzlehrer bat mich, mit seiner Schülerin ein Menuett zu tanzen, und ich willigte ein, indem ich ihn bat, larghissimo zu spielen. Er meinte, dies würde die Signora zu sehr anstrengen; aber sie antwortete ihm schnell, sie wäre durchaus nicht so schwach und würde sehr gerne so tanzen. Sie tanzte sehr gut; schließlich aber mußte sie sich in einen Lehnstuhl werfen.

»In Zukunft, mein lieber Ma[:e]stro,« sagte sie zu dem alten Herrn, »will ich nur noch larghissimo tanzen, denn ich glaube, diese schnelle Bewegung wird mir gut tun.«

Als der Lehrer fort war, sagte ich zu ihr, ihre Lektionen seien zu kurz und ihr Lehrer lasse ihre schlechten Angewohnheiten durchgehen. Nun rückte ich ihr Füße, Schultern und Arme zurecht, zeigte ihr, wie sie anmutig die Hand zu reichen und die Knie nach dem Takt zu beugen hätte, mit einem Wort, ich gab ihr eine Stunde lang Unterricht in aller Form. Als ich sie ein wenig ermüdet sah, bat ich sie, sich zu setzen, und ging aus, um M.M. einen Besuch zu machen.

Ich fand diese sehr traurig, denn C.C.s Vater war gestorben, und man hatte meine frühere Geliebte aus dem Kloster genommen, um sie mit einem Advokaten zu verheiraten. Beim Abschied hatte C.C. einen Brief für mich zurückgelassen, worin sie mir schrieb: wenn ich ihr versprechen wollte, sie zu heiraten, sobald ich dazu in der Lage wäre, würde sie auf mich warten und jeden anderen Antrag ablehnen. Ich antwortete ihr ohne Umschweife, ich hätte keine Stellung und auch keine Aussichten; ich ließe ihr daher volle Freiheit und riete ihr sogar, einen Bewerber, von dem sie glaubte, daß er sie glücklich machen könnte, nicht zurückzuweisen.

Trotzdem heiratete C.C. einen gewissen N** erst nach meiner Flucht aus den Bleikammern, als niemand mehr hoffen konnte, mich wieder in Venedig zu sehen; ich sah sie erst neunzehn Jahre später wieder, und ich hatte den Schmerz, sie als unglückliche Witwe zu finden. Wenn ich jetzt in Venedig wäre, würde ich sie nicht heiraten, denn in meinem Alter ist eine Ehe eine Schamlosigkeit; aber ganz gewiß würde ich mit ihr das Bißchen, was ich habe, teilen und würde mit ihr wie mit einer zärtlich geliebten Schwester leben.

Manche Frauen nennen die Männer treulos und beschuldigen sie der Unbeständigkeit. Wenn ich sie bei solchen Gelegenheiten versichern höre, die Männer versprächen ihnen ewige Treue, nur in der Absicht, sie zu täuschen, so gebe ich ihnen recht und stimme gern in ihre Klagen ein. Aber in Wirklichkeit kann keine Frau dies behaupten; denn in dem Augenblick, indem man liebt, verspricht man im allgemeinen nur, was das Herz einem eingibt; infolgedessen kommen diese Klagelieder mir im allgemeinen nur komisch vor. Leider lieben wir nur, ohne die Vernunft zu befragen, und wenn wir aufhören zu lieben, hat die Vernunft ebensowenig damit zu tun.

Um diese Zeit erhielt ich einen Brief vom Abbé de Bernis; gleichzeitig hatte er auch an M. M. in demselben Sinne geschrieben. Er sagte mir, ich müßte mir die größte Mühe geben, unsere Nonne zur Vernunft zu bringen, und schilderte mir im einzelnen alle Gefahren, die damit verbunden wären, wenn ich sie entführte und mit ihr nach Paris ginge; denn all sein Einfluß könnte uns dort nicht die Sicherheit verbürgen, ohne welche man nicht auf Glück hoffen dürfte. Ich ging zu M. M., und wir tauschten unsere Briefe aus; sie weinte bittere Tränen und ihre Traurigkeit schnitt mir ins Herz. Das unglückliche reizende Weib flößte mir wirklich die innigste Teilnahme ein. Ich empfand noch immer eine heiße Liebe zu ihr, obgleich ich ihr tagtäglich untreu war. Wenn ich an jene glänzenden Augenblicke dachte, wo ich sie in den Verzückungen der Wollust gesehen hatte, konnte ich sie nur beklagen und ihr Schicksal bedauern; denn ich mußte an die Tage der Verzweiflung denken, die ihr noch bevorstanden.

Als ich eines Tages sie besuchte, sagte sie zu mir: »Man hat heute eine Nonne begraben, die vorgestern an der Schwindsucht gestorben ist. Sie war erst achtundzwanzig Jahre alt und stand im Geruch der Heiligkeit. Sie hieß Maria Concetta. Sie kannte dich und sagte C. C. deinen Namen, als du damals an den Feiertagen bei uns die Messe hörtest. C. C. glaubte sie um Verschwiegenheit bitten zu müssen, aber die Nonne sagte ihr, du seiest ein sehr gefährlicher Mensch, vor dem ein junges Mädchen sich in acht nehmen müsse. C. C. erzählte mir dies alles, als nach der Pierrot-Maskerade dein Name bekannt wurde.«

»Wie hieß diese Heilige, als sie noch in der Welt lebte?«

»Martha?«

»Jetzt verstehe ich.«

Ich erzählte nun M. M. die ganze Geschichte meiner Liebschaft mit Nannetta und Martina, bis zu dem Brief, den diese mir zuletzt geschrieben und worin sie mir gesagt hatte, sie verdanke unmittelbar mir die ewige Seligkeit, die sie zu erwerben hoffe.

Mit der Tochter meiner Wirtin unterhielt ich mich jeden Abend auf dem Balkon, und unsere Gespräche dauerten fast immer bis nach Mitternacht; ebenso regelmäßig gab ich ihr jeden Morgen eine Stunde Tanzunterricht. In acht oder zehn Tagen traten zwei Wirkungen ein, die allerdings nicht wohl ausbleiben konnten. Erstens hatte sie keine Anfälle von Atemnot mehr; zweitens verliebte ich mich in sie. Das natürliche Heilmittel hatte sich noch nicht eingestellt, aber es war doch nicht mehr nötig, ihr die Ader zu schlagen. Righellini machte nach wie vor seine Besuche; als er sah, wie sie sich immer mehr erholte, prophezeite er ihr, daß sie noch vor dem Herbst jener Wohltat der Natur teilhaftig sein würde, ohne die das Leben nur künstlich aufrecht erhalten werden könnte. Ihre Mutter sah in mir einen Engel vom Himmel, den der liebe Gott ihr gesandt hätte, um ihre Tochter gesund zu machen, und diese empfand eine Dankbarkeit, von der bei einem Weibe zur Liebe nur ein Schritt ist. Ich hatte sie veranlaßt, ihren alten Tanzmeister zu entlassen, und hatte eine sehr geschickte Tänzerin aus ihr gemacht.

Als ich am zehnten oder zwölften Tage ihr gerade ihre Lektion geben wollte, blieb ihr plötzlich der Atem fort, und sie sank wie tot in meine Arme. Ich bekam einen heftigen Schreck; ihre Mutter aber, die daran gewöhnt war, sie in solchem Zustande zu sehen, ließ sofort den Bader holen, und ihre Schwester schnürte ihr das Mieder auf. Die Festigkeit ihres Busens, der keiner Farbe bedurfte, um vollendet schön zu sein, entzückte mich. Ich bedeckte ihr die Brust, indem ich ihr sagte, der Chirurg würde die Ader nicht richtig treffen, wenn er sie so entblößt sehe. Als sie aber fühlte, daß ich voll Entzückens meine Hand auf ihrem Busen liegen ließ, stieß sie mich sanft zurück und sah mich dabei mit einem sterbenden Blick an, der auf mich den tiefsten Eindruck machte.

Der Bader kam und öffnete ihr eine Ader am Arm. Fast augenblicklich kam sie wieder zur Besinnung. Ihr waren höchstens vier Unzen Blut abgezapft worden; als nun ihre Mutter mir sagte, daß man ihr niemals mehr abzöge, sah ich, daß das Wunder nicht so groß war, wie Righellini behauptete: denn indem er ihr auf diese Weise zweimal wöchentlich zur Ader ließ, zapfte er ihr jeden Monat drei Pfund Blut ab: dies war die Blutmenge, die sie auf natürliche Weise verloren haben würde, wenn nicht die Gefäße verstopft gewesen wären. Die Natur, die stets auf ihre Erhaltung bedacht ist, bedrohte sie mit dem Tode, wenn man nicht so schnell wie möglich durch ein künstliches Mittel das Gleichgewicht wieder herstellte.

Kaum war der Wundarzt fort, so sagte sie mir zu meinem großen Erstaunen: wenn ich einen Augenblick im Saal warten wollte, würde sie gleich kommen, um zu tanzen. Sie kam wirklich und tanzte, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre.

Ihr Busen, dessen Schönheit zwei meiner Sinne sicher bezeugen konnten, hatte mich vollends entflammt. Mit Einbruch der Nacht kam ich wieder nach Hause und fand sie mit ihrer Schwester in ihrem Zimmer. Sie sagte mir, sie erwarte ihren Paten, der ein intimer Freund ihres Vaters gewesen sei und seit achtzehn Iahren jeden Abend eine Stunde bei ihnen verbringe.

»Wie alt ist er?«

»Uber die fünfzig hinaus.«

»Ist er verheiratet?«

»Ia; es ist der Graf Securo. Er liebt mich wie ein zärtlicher Vater, mit derselben zärtlichen Liebe, die er mir zeigte, als ich noch ein Kind war. Auch seine Frau kommt zuweilen und lädt mich zum Essen ein. Nächsten Herbst werde ich mit ihr aufs Land gehen, und ich hoffe, die gute Luft, die man dort atmet, soll mir gut tun. Mein Pate weiß, daß Sie bei uns wohnen, und ist damit einverstanden. Er kennt Sie nicht, aber wenn Sie wünschen, werden Sie seine Bekanntschaft machen.«

Ihre Mitteilung machte mir Vergnügen, denn ich wurde dadurch in alles eingeweiht, ohne daß ich indiskrete Fragen zu stellen brauchte. Die Freundschaft des griechischen Grafen war offenbar eine Art Liebe. Er war der Mann der Gräfin S., die mich zwei Iahre vorher in das Kloster Murano eingeführt hatte.

Ich fand den Grafen sehr höflich. Er dankte mir in väterlichem Tone für die Freundschaft, die ich seinem Patenkinde widmete, und bat mich, ihm das Vergnügen zu machen, am nächsten Tage mit ihm in seinem Hause zu speisen; er würde die Ehre haben, mich seiner Frau vorzustellen. Ich nahm die Einladung mit Vergnügen an; denn ich liebte Theateraffekte, und mein Zusammentreffen mit der Gräfin versprach mir einen sehr interessanten. Die Einladung war ein Zeichen von vornehmer Gesinnung, und meine schöne Schülerin war sehr erfreut, als ich nach dem Fortgehen des Grafen ihr sein Lob sang.

»Mein Pate«, sagte sie mir, »hat alle erforderlichen Dokumente in den Händen, um sich von dem Hause Persico das Erbgut meiner Familie, das sich auf 40000 Silberdukaten beläuft, ausbezahlen zu lassen. Der vierte Teil dieser Summe gehört mir, und meine Mutter hat meiner Schwester und mir versprochen, ihren Anteil unter uns zu teilen.«

Ich sah also, daß das Mädchen dem Manne, der sie heiraten würde, 15000 venetianische Silberdukaten mitbrachte.

Ich erriet, daß das junge Mädchen durch ihr Vermögen mein Interesse erregen und daß sie mich verliebt machen wollte, indem sie mit ihren Gunstbezeigungen geizte; denn als ich mir einige Freiheiten erlaubte, verwies sie mir diese mit einem Tadel, worauf ich nicht zu antworten wagte. Aber ich nahm mir vor, sie auf andere Gedanken zu bringen.

Am anderen Tage begleitete ich sie zu ihrem Paten, ohne ihr vorher zu sagen, daß ich die Gräfin bereits kannte. Ich glaubte, die Dame werde tun, wie wenn sie mich nicht kenne; aber ich irrte mich, denn sie empfing mich auf das freundlichste wie einen alten Bekannten. Dies überraschte offenbar den Grafen, aber er war zu sehr Weltmann, um sich seine Überraschung merken zu lassen. Immerhin fragte er sie, wo sie meine Bekanntschaft gemacht habe, und sie antwortete ihm mit weiblicher Schlagfertigkeit ohne die mindeste Verlegenheit, wir hätten uns vor ein paar Jahren auf der Mira gesehen. Damit war dies erledigt, und wir verbrachten den Tag in fröhlicher Geselligkeit.

Gegen Abend nahm ich eine Gondel und fuhr mit dem Fräulein nach Hause. Um die Sache zu beschleunigen, erlaubte ich mir einige Liebkosungen. Es ärgerte mich, daß sie mir mit Vorwürfen darauf antwortete, und ich stieg daher nicht mit ihr aus, sondern fuhr weiter zu Tonina, bei der ich fast die ganze Nacht zubrachte, da der Gesandte erst sehr spät kam. Am anderen Morgen stand ich sehr spät auf, und es gab daher keine Tanzstunde; als ich sie nachher deshalb um Entschuldigung bitten wollte, sagte sie mir, ich möchte mir nur ja keinen Zwang antun. Am Abend saß ich bis tief in die Nacht hinein auf dem Balkon ; aber die Schöne kam nicht. Diese zur Schau getragene Gleichgültigkeit ärgerte mich; ich stand am anderen Morgen in aller Frühe auf, ging aus und kam erst nachts nach Hause. Sie war auf dem Balkon, aber ich hielt mich in respektvoller Entfernung und machte nur gleichgültige Bemerkungen. Am Morgen weckte mich ein lauter Lärm; ich stand auf, zog in aller Eile meinen Schlafrock an und lief in ihr Zimmer, um zu sehen, was es gäbe: ich fand sie sterbend. Ich brauchte nicht zu heucheln, um ihr Teilnahme zu bezeugen, denn ich empfand solche von ganzem Herzen. Wir waren im Anfang des Juli, die Hitze war sehr stark, und meine schöne Kranke war nur von einem dünnen Bettuch bedeckt. Sie konnte nur mit ihren Augen zu mir sprechen; aber in diesen lag, trotz ihrer Erschöpfung, etwas so Zärtliches! Ich fragte sie, ob sie Herzklopfen habe; gleichzeitig legte ich meine Hand auf ihr Herz, und meine Lippen drückten einen heißen Kuß auf ihre Brust. Dies war der zündende Funke: ihr Mund stieß einen Seufzer aus, der ihr wohl tat. Sie hatte nicht die Kraft, meine Hand wegzustoßen, die ich liebend auf ihr Herz preßte. Hierdurch ermutigt, drücke ich meine glühenden Lippen auf ihren sterbenden Mund, erwärme sie mit meinem Atem, und meine kecke Hand gleitet bis an das Heiligtum des Glücks. Sie machte eine Anstrengung, um mich zurückzustoßen. Ihre Stimme konnte nicht sprechen, aber ihr Auge sagte mir, wie tief sie sich beleidigt fühlte.

Ich zog meine Hand zurück, und im selben Augenblick trat der Wundarzt ein. Kaum war die Ader geöffnet, so atmete sie wieder, und als die Operation fertig war, wollte sie aufstehen. Ich bat sie, im Bett liegen zu bleiben, und ihre Mutter schloß sich mir an. Endlich gelang es mir, sie zu überreden, indem ich ihr sagte, ich würde keinen Augenblick von ihr gehen und würde mir mein Essen an ihr Bett bringen lassen. Sie zog nun ein Mieder an und bat ihre Schwester, eine Taffetdecke über sie zu breiten, denn man sah sie wie durch einen Kreppschleier hindurch.

Nachdem ich mein Essen bestellt hatte, setzte ich mich neben ihr Bett, ergriff ihre Hand und bedeckte diese mit Küssen. Ich sagte ihr, ich wüßte bestimmt, daß sie genesen würde, wenn sie lieben könnte.

»Ach!« seufzte sie, »wen könnte ich wohl lieben, da ich doch nicht sicher bin, wiedergeliebt zu werden.«

Ich ließ mir dieses Stichwort nicht entgehen und bestürmte sie mit galanten Worten, auf die mir ein leiser Seufzer und ein verstohlener liebender Blick antworteten. Ich legte meine Hand auf ihr Knie und bat sie, sie möchte mir erlauben, sie dort liegen zu lassen; dafür versprach ich ihr, nicht mehr verlangen zu wollen. Allmählich aber näherte ich mich dem Mittelpunkt und suchte ihr ein angenehmes Gefühl zu bereiten.

»Oh, lassen Sie mich!« sagte sie voll Gefühl, indem sie sich zugleich zurückzog. »Vielleicht ist gerade das die Ursache meiner Krankheit.«

»Nein, meine Freundin, nein!« sagte ich feurig zu ihr; »das kann nicht sein!« Und mein Mund erstickte auf ihren Lippen den Einwand, den sie mir machen wollte.

Ich war innerlich entzückt, denn dieses Geständnis öffnete mir den Weg, und ich sah den Augenblick des Glückes nahe; ich fühlte mich sicher, sie heilen zu können, wenn der Doktor sich nicht über die Natur des Heilmittels täuschte. Ich schonte ihr Schamgefühl, indem ich mich unbescheidener Fragen enthielt; aber ich erklärte ihr meine Liebe, indem ich ihr versprach, nichts von ihr zu verlangen, als was sie selber für angebracht halten würde, um meiner Zärtlichkeit neue Nahrung zu geben.

Man trug mir ein sehr gutes Essen auf, dem auch sie alle Ehre antat; hierauf sagte sie mir, sie fühle sich vollständig wohl; sie stand auf, und ich kleidete mich zum Ausgehen an. Als ich am Abend früh nach Hause kam, fand ich sie auf meinem Balkon. Ich saß ihr ganz dicht gegenüber, und wir beide sprachen nur mit Blicken und Seufzern. Indem ich begehrende Blicke über ihre Reize schweifen ließ, die durch Phoebes Licht noch anziehender wurden, teilte ich ihr die Glut mit, die mich verzehrte. Ich drückte sie liebend gegen meine Brust, und sie machte mich mit so viel Feuer und Hingebung glücklich, daß sie offenbar mehr eine Gunst zu empfangen, als mir eine zu gewähren glaubte. Ich vollzog das Opfer, ohne den Altar mit Blut zu beflecken.

Als ihre Schwester kam und ihr sagte, es sei schon spät, antwortete sie ihr: »Geh zu Bett; die frische Nachtluft tut mir wohl, ich will sie noch ein wenig genießen.« Als wir allein waren, gingen wir zu Bett, wie wenn wir es seit Iahr und Tag so gewohnt wären. Wir verbrachten eine köstliche Nacht: mich belebte die Liebe und der Wunsch, sie gesund zu machen, sie aber die glühendste Wollust und die zärtlichste Dankbarkeit. Mit Tagesanbruch stand sie auf und ging in ihr Schlafzimmer, um sich in ihrem eigenen Bett auszuruhen, nachdem sie mich noch einmal mit tiefem Gefühl und unter Freudentränen umarmt hatte. Ich hatte ebenso wie sie Ruhe nötig, und infolgedessen fiel die Tanzstunde aus. Obgleich das reizende Mädchen im Augenblick des Genusses zu besinnungsloser Verzückung fortgerissen wurde, ließ ich doch nicht einen Augenblick die Vorsicht außer acht. Drei Wochen hintereinander hatten wir die köstlichsten Nächte, und ich hatte das Glück, sie völlig geheilt zu sehen. Ohne Zweifel würde ich sie geheiratet haben, wenn mir nicht gegen Ende desselben Monats ein Unglück zugestoßen wäre.

Du wirst dich, lieber Leser, eines satirischen Roman es vom Abbate Chiari erinnern, den Herr Murray mir gegeben hatte; der Verfasser hatte mich darin ziemlich schlecht behandelt. Dieser Abbate Chiari war nicht besser oder vielleicht noch schlechter als seine meisten Kollegen. Ich hatte keinen Anlaß, mit ihm zufrieden zu fein, und hatte mich in diesem Sinne so offen ausgesprochen, daß der Herr Abbate Angst vor einer Tracht Prügel hatte und sich sehr in acht nahm. Etwa um diese Zeit bekam ich einen anonymen Brief. Man schrieb mir: anstatt an eine Züchtigung des Abbate zu denken, täte ich viel besser, an mich selber zu denken, denn ich würde von einem nahen Unglück bedroht. Man muß anonyme Briefschreiber verachten, aber man muß sich die Ratschläge, die man auf solche Art erhält, zuweilen zunutze zu machen wissen. Ich tat das nicht, und das war sehr unrecht von mir.

Um diese Zeit machte ein gewisser Manuzzi meine Bekanntschaft, indem er sich erbot, mir Diamanten auf Kredit zu verschaffen, was mich veranlaßte, ihn in meiner Wohnung zu empfangen. Er war früher Steinschneider und jetzt Spion und Werkzeug der Staatsinquisitoren, im übrigen mir völlig unbekannt. Bei seinem Besuch sah er mehrere Bücher, die in meinem Zimmer herumlagen, unter anderen auch Handschriften, die von Magie handelten. Dummerweise machte seine Überraschung mir Spaß, und ich zeigte ihm meine Bücher, die den Verkehr mit den elementaren Geistern betrafen. Meine Leser werden wohl so freundlich sein, mir zu glauben, daß ich an die Wissenschaft dieser alten Scharteken nicht im geringsten glaubte; aber ich hatte sie und belustigte mich daran, wie man sich eben an den tausend Dummheiten belustigt, die aus hohlen Köpfen entsprungen sind. Einige Tage darauf kam der Verräter wieder und sagte mir, ein Neugieriger, den er mir nicht nennen könne, sei bereit, mir tausend Zechinen für meine fünf Bücher zu geben, aber er wolle sie vorher sehen, um zu wissen, ob sie echt seien. Da er sich verpflichtete, sie mir binnen vierundzwanzig Stunden zurückzubringen, und ich mir im Grunde gar nichts aus ihnen machte, vertraute ich sie ihm an. Er brachte sie mir wirklich am anderen Tage zurück, sagte mir aber, der Liebhaber halte sie für gefälscht. Einige Jahre später habe ich erfahren, daß er sie zum Sekretär der Staatsinquisitoren gebracht hatte, die auf diese Weise erfuhren, daß ich ein großer Zauberer wäre.

In diesem verhängnisvollen Monat traf alles zusammen, um mich zu vernichten: Frau Memmo, die Mutter der Herren Andrea, Bernardo und Lorenzo Memmo, hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ich ihre Söhne zum Atheismus verführte. Sie wandte sich an den alten Ritter Antonio Mocenigo, den Oheim des Herrn von Bragadino. Dieser konnte mich nicht leiden, weil ich nach seiner Behauptung seinen Neffen mit Hilfe meiner Kabbala verführt hätte. Die Sache war ernst und ein Auto da F[‚e] sehr wohl möglich, denn hier kam das heilige Officium in Betracht, und das ist eine Art von wildem Tier, mit dem man besser nichts zu tun hat. Da es ihm doch schwierig war, mich in die geistigen Gefängnisse der heiligen Inquisition einsperren zu lassen, so entschloß man sich, den Fall vor die Staatsinquisitoren zu bringen, und diese übernahmen es, einstweilen einmal Erkundigungen über meinen Lebenswandel einzuziehen.

Antonio Condulmer, mein Feind in seiner Eigenschaft als Freund des Abbaten Chiari, war damals roter Staatsinquisitor; er benutzte die Gelegenheit, um mich als Störer der öffentlichen Ordnung hinzustellen. Ein Gesandtschaftssekretär, den ich einige Jahre später kennen lernte, hat mir erzählt, ein bezahlter Angeber und zwei Zeugen, die jedenfalls im Solde des gestrengen Tribunals standen, hätten mich angeklagt, nur an den Teufel zu glauben – wie wenn ein solcher alberner Glaube, falls er überhaupt existieren konnte, nicht mit Notwendigkeit den Glauben an Gott zur Voraussetzung hätte! Die drei Ehrenmänner versicherten unter ihrem Eide: wenn ich im Spiel verlöre, hörte man mich niemals Verwünschungen gegen den Teufel ausstoßen, während doch in solchem Augenblick alle gläubigen Christen zu fluchen pflegten. Außerdem wurde ich beschuldigt, ich äße alle Tage Fleisch, ginge nur an den hohen Feiertagen zur Messe und stände in dringendem Verdacht, der Freimaurerei anzugehören. Außerdem verkehre ich mit fremden Gesandten, und da ich mit drei Patriziern znsammenwohne, so sei es sicher, daß ich ihnen alle möglichen Staatsgeheimnisse entlocke und diese für das viele Geld verkaufe, das man mich verlieren sehe.

Diese Beschuldigungen, von denen keine einzige begründet war, dienten dem gestrengen Tribunal als Vorwand, um mich als Feind des Vaterlandes und Verschwörer ersten Ranges zu behandeln. Seit mehreren Wochen wurde mir von Personen, denen ich hätte Vertrauen schenken müssen, der Rat gegeben, eine Reise ins Ausland zu machen, weil das Tribunal sich mit mir beschäftige. Dies besagte schon genug; denn in Venedig können nur die in Frieden leben, deren Existenz dem furchtbaren Gerichtshof unbekannt ist. Ich schlug jedoch starrköpfig alle Warnungen in den Wind. Wenn ich auf die Winke gemerkt hätte, die man mir gab, so wäre ich unruhig gewesen, und ich war ein Feind jeder Unruhe. Ich sagte mir: ich habe keine Gewissensbisse, also bin ich auch nicht schuldig, und wenn ich unschuldig bin, brauche ich keine Furcht zu haben.

Ich war ein Dummkopf: so konnte wohl ein freier Mensch denken, aber in Venedig gab es keine freien Menschen.

Was mich, ich kann es nicht leugnen, außerdem zum großen Teil davon abhielt, an ein mögliches Unglück zu denken, war das wirkliche Unglück, das mich Tag und Nacht verfolgte. Ich verlor Tag für Tag; ich hatte überall Schulden; ich hatte alle meine Kostbarkeiten versetzt, sogar meine Tabaksdosen, aus denen ich allerdings vorsichtigerweise die Porträts herausgenommen hatte. Diese hatte ich meiner Freundin, Frau Manzoni, anvertraut, die mir auch meine wichtigen Papiere und meine Liebesbriefe aufbewahrte. Ich bemerkte, daß man mir auswich. Ein alter Senator sagte mir eines Tages, man wisse, daß die junge Gräfin Bonafede infolge eines ihr von mir eingegebenen Liebestrankes wahnsinnig geworden sei. Sie war noch im Hospital und in ihren Wahnsinnsanfällen rief sie unter Verwünschungen unaufhörlich meinen Namen. Ich muß meinen Lesern diese Geschichte kurz erzählen:

Diese junge Gräfin Bonafede, der ich wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Venedig einige Zechinen geschenkt hatte, wünschte mich zu veranlassen, ihr noch weitere Besuche zu machen, weil sie daraus großen Nutzen gezogen haben würde. Sie belästigte mich mit ihren Briefen, und ich hatte sie noch mehrere Male besucht und jedesmal einige Zechinen dortgelassen; ich hatte mich jedoch, mit Ausnahme des erstenmals, niemals dazu herbeigelassen, zärtlich mit ihr zu sein. Dann waren schon ein Jahr lang alle ihre Versuche an meiner Gleichgültigkeit abgeprallt. Da verfiel sie auf einen verbrecherischen Plan, dessen ich sie allerdings niemals habe überführen können, den ich ihr jedoch mit Fug und Recht zuschreiben darf.

Sie schrieb mir einen Brief und bat mit hübschen Worten, sie wegen einer wichtigen Angelegenheit zu einer bestimmten Stunde zu besuchen. Aus Neugier, sowohl wie im Wunsch, ihr nützlich zu sein, ging ich hin; sobald sie mich eintreten sah, fiel sie mir um den Hals und sagte, die wichtige Angelegenheit sei die Liebe. Ich lachte herzlich darüber, und es gefiel mir, daß sie reinlicher war; denn infolgedessen kam sie mir auch hübscher vor. Sie brachte das Gespräch auf unsere Erlebnisse im Fort Sant André und wußte mich so lebhaft anzuregen, daß ich Lust bekam, ihren Wunsch zu erfüllen. Ich legte meinen Mantel ab und fragte sie, ob ihr Vater zu Hause sei. »Er ist ausgegangen,« antwortete sie. Ich mußte einen Augenblick hinausgehen; als ich zurückkam, irrte ich mich in der Tür und betrat das Nebenzimmer, wo ich zu meiner Überraschung den Grafen und zwei sehr übelaussehende Burschen erblickte.

»Mein lieber Graf,« sagte ich zu ihm, »Ihre Tochter sagte mir soeben, Sie seien nicht zu Hause.«

»Diesen Auftrag habe ich ihr gegeben, weil ich mit den Herren hier ein Geschäft abzumachen habe; ich werde es indessen an einem anderen Tage erledigen.«

Ich wollte gehen, aber er schickte die beiden Menschen fort und behielt mich zurück. Er sagte mir, er sei entzückt, mich zu sehen, und begann dann mir die Geschichte von all seinem Elend zu erzählen – denn dieses war mehr als von einer Art. Die Staatsinquisitoren hatten ihm die bescheidene Pension entzogen, die er bis dahin gehabt hatte; er sah die Aussicht vor sich, mit seiner Familie auf die Straße gesetzt zu werden und um das tägliche Brot betteln zu müssen. Er sagte mir, er habe seit drei Jahren seinem Hauswirt nichts geben können; aber wenn er ihm nur ein Vierteljahr bezahlen könnte, so würde er einen Aufschub erhalten. Sollte jedoch der Hauswirt trotzdem darauf bestehen, so würde er während der Nacht ausrücken und anderswo eine Wohnung nehmen. Da es sich nur um zwanzig Dukaten Kurant handelte, zog ich sechs Zechinen aus der Tasche und gab sie ihm. Er umarmte mich unter Freudentränen, nahm seinen armseligen Mantel, rief seine Tochter, sagte ihr, sie möchte mir Gesellschaft leisten, und ging.

Als ich mit der Gräfin allein war, untersuchte ich die Verbinddungstür zu dem Zimmer, worin ich vorhin mit ihr gewesen war, und entdeckte, daß sie nur angelehnt war.

»Ihr Vater«, sagte ich zu ihr, »würde mich überrascht haben, und es läßt sich ja leicht erraten, was er und die beiden Sbirren, die bei ihm waren, getan haben würden. Das Komplott liegt klar zutage, und ich bin ihm nur durch einen sehr glücklichen Zufall entgangen.«

Sie leugnete, weinte, schwor bei Gott und allen Heiligen, warf sich auf die Knie. Ich wandte den Kopf ab, nahm meinen Mantel und ging, ohne ein Wort zu sagen. Sie schrieb mir fortwährend Briefe, aber diese blieben unbeantwortet, und ich ging nicht mehr zu ihr. Es war im Sommer; die Hitze, die Leidenschaft, der Hunger und das Elend verdrehten ihren Kopf: sie wurde wahnsinnig und lief eines Tages um die Mittagsstunde nackt auf den Petersplatz und bat die Leute, die sie anhielten, sie möchten sie zu mir führen.

Diese elende Geschichte wurde in der ganzen Stadt herumgebracht und bereitete mir viel Verdruß. Man sperrte die arme Unglückliche ein, und sie bekam erst fünf Jahre später ihre Vernunft wieder. Als sie aus dem Spital entlassen wurde, sah sie sich in die traurige Notwendigkeit versetzt, auf den Straßen zu betteln. Dasselbe Los hatten alle ihre Brüder, mit Ausnahme des ältesten, den ich zwölf Jahre später als gewöhnlichen Kadetten in der Garde des Königs von Spanien in Madrid wiederfand. Zu der Zeit, von der ich jetzt erzähle, war die Geschichte mit der jungen Gräfin schon ein Jahr alt; da aber für die bösen Absichten meiner Feinde auch ein bißchen zuviel nicht schaden konnte, so grub man die Geschichte aus der Vergessenheit wieder aus und schmückte sie mit Aufgebot aller Phantasie auf das schönste aus. So zogen sich immer schwerer die Wolken zusammen, aus denen der zerschmetternde Blitz auf mich hernieder fahren sollte.

Im Juli 1755 erteilte das furchtbare Tribunal dem Messer-Grande den Befehl, sich meiner Person lebend oder tot zu versichern. So lautete die wilde Formel aller Verhaftbefehle von dem gestrengen Triumvirat; denn der geringste seiner Befehle enthält die Androhung der Todesstrafe für den Übertreter.

Drei oder vier Tage vor meinem Namenstage, dem Jakobstag, schenkte M. M. mir mehrere Ellen Silberspitzen, um damit einen Taffetrock zu besetzen, den ich zu meinem Namenstage zum erstenmal anziehen wollte. Ich besuchte sie in meinem schönen neuen Anzug und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage wiederkommen und sie bitten, mir Geld zu leihen; denn ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte, um welches aufzutreiben. Sie besaß noch die fünfhundert Zechmen, die sie beiseite gelegt hatte, als ich ihre Diamanten verkaufte.

Da ich sicher war, am nächsten Tage Geld zu bekommen, spielte ich die ganze Nacht hindurch und verlor fünfhundert Zechinen auf Wort. Mit Tagesanbruch fühlte ich das Bedürfnis, mich zu beruhigen, und ging nach der Erberia am Großen Kanal, der die Stadt durchfließt. Es ist der Gemüse-, Obst- und Blumenmarkt.

An jedem einigermaßen schönen Morgen gehen viele Mitglieder der guten Gesellschaft auf der Erberia spazieren. Sie tun dies angeblich, um das Vergnügen zu haben, die Hunderte von Kähnen ankommen zu sehen, die mit Gemüsen, Obst und Blumen von den zahlreichen Inseln in der Nachbarschaft der Stadt kommen; aber jedermann weiß, daß es lauter junge Herren und Damen sind, die die Nacht mit den Freuden der Liebe oder der Tafel verbracht, oder die durch Unglück oder Unvorsichtigkeit und Spiel ihre letzte Hoffnung verloren haben: diese kommen hierher, um eine freiere Luft zu atmen und ihre Erregung zu besänftigen. Daß man an diesem Spaziergang Gefallen findet, beweist, wie sehr der Charakter einer Nation sich ändern kann. Die Venezianer von einst, die ebenso geheimnisvoll in ihrer Galanterie wie in ihrer Politik waren, sind von den Modernen verdrängt worden, die gerade daran Geschmack finden, daß sie alles vor der Öffentlichkeit betreiben. Die Kavaliere, die in Gesellschaft von Damen dorthinkommen, wollen den Neid ihrer Kameraden erregen, indem sie ihre Liebeserfolge zur Schau stellen. Wer allein kommt, fucht etwas zu entdecken oder andere eifersüchtig zu machen. Die Damen kommen eigentlich nur, um sich sehen zu lassen; ihnen ist es ganz recht, wenn alle Welt erfährt, daß sie sich nicht genieren. Übrigens kann an diesem Ort von Koketterie nicht die Rede sein, denn die Kleider sind oft in bösem Zustand. Es sieht fast so aus, als hätten sich die Damen verabredet, recht unordentlich zu erscheinen, um dadurch den Zuschauern Stoff zu allerhand Mutmaßungen zu geben. Die Kavaliere, an deren Armen sie erscheinen, geben durch unordentlichen Anzug und nachlässige Haltung zu erkennen, daß die Galanterie gegen Damen eigentlich veraltet und lästig sei: man soll in der unordentlichen Kleidung ihrer Begleiterinnen ein Zeichen ihres Triumphes erblicken. Kurz, es ist sozusagen guter Ton, bei diesem Morgenspaziergang recht abgespannt auszusehen, wie wenn man es sehr nötig hätte, sich zu Bett zu legen.

Diese wahrheitsgetreue Beschreibung wird dir, mein lieber Leser, keinen sehr hohen Begriff von den Sitten meiner Landsleute geben; aber warum sollte ich in meinem Alter nicht die Wahrheit sagen? Übrigens liegt Venedig ja nicht am anderen Ende der Welt; es ist ein recht bekannter Ort, den die meisten Fremden besuchen, die die Neugier nach Italien lockt, und ein jeder kann sagen, ob meine Schilderungen übertrieben sind.

Nachdem ich eine halbe Stunde auf der Erberia herumspaziert war, ging ich nach Hause. Da ich glaubte, alles liege noch im Bett, zog ich meinen Schlüssel aus der Tasche, um die Haustür zu öffnen; aber zu meiner großen Überraschung erwies sich dies als überflüssig, denn die Tür war offen und noch dazu das Schloß erbrochen. Ich ging nach oben, trat ein und fand die Damen außer Bett. Meine Wirtin erging sich in bitteren Klagen. »Messer-Grande«, sagte sie mir, »ist mit einer Bande von Sbirren gekommen und mit Gewalt in mein Haus eingedrungen. Er hat das unterste zu oberst gekehrt, um, wie er sagte, einen Koffer voll Salz zu suchen.« Das Salzschmuggeln war streng verboten. Er wußte, daß am Tage vorher von einer Gondel ein Koffer gebracht worden war. Dies war auch richtig, aber dieser Koffer gehörte dem Grafen Securo und enthielt nur Wäsche und Kleider. Nachdem Messer-Grande diesen Koffer gesehen, war er gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte auch mein Zimmer durchsucht. Sie sagte mir, sie verlange unbedingt eine Genugtuung. Damit hatte sie meiner Meinung nach recht, und ich versprach ihr, noch an demselben Tage mit Herrn von Bragadino darüber zu sprechen.

Da ich sehr ruhebedürftig war, legte ich mich zu Bett; aber eine innere Unruhe, die ich dem im Spiel erlittenen Verlust zuschrieb, verhinderte mich am Einschlafen. Darum stand ich nach drei oder vier Stunden auf und ging zu Herrn von Bragadino. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und bat ihn, nachdrücklich eine eklatante Genugtuung zu fordern. Ich trug ihm lebhaft die Gründe vor, warum meine ehrenwerte Wirtin eine Genugtuung wünschte, die der Beleidigung angemessen war; denn die Gesetze mußten doch jeder Familie von untadelhafter Aufführung ihre Ruhe verbürgen.

Meine Rede machte die drei Freunde sehr traurig, und der weise Greis sagte mir mit ruhiger aber nachdenklicher Miene, er würde mir nach Tische antworten.

De la Haye speiste mit uns, aber er sprach während der ganzen Mahlzeit, die sehr traurig verlief, nicht ein einziges Wort. Sein Schweigen hätte mir bedeutsam erscheinen müssen, wenn ich nicht unter der Herrschaft eines bösen Geistes gestanden wäre, der mich verhinderte, von meiner gewöhnlichen Vernunft Gebrauch zu machen.

Die Traurigkeit meiner drei Freunde schrieb ich der Freundschaft zu, die sie für mich empfanden.

Meine Verbindung mit diesen drei ehrwürdigen Herren war stets für die ganze Stadt ein Gegenstand der Verwunderung gewesen. Alle waren sich darüber einig, daß die Sache nicht mit richtigen Dingen zugehen konnte, und so mußte denn irgendeine Zauberei im Spiel sein. Die drei Herren waren über alle Maßen tugendhaft und fromm: ich dagegen war nichts weniger als fromm, und es gab in Venedig keinen entschiedeneren Wüstling als mich.

»Die Tugend«, sagte man, »kann wohl nachsichtig gegen das Laster sein, aber sie kann nicht ein Bündnis mit ihm schließen.«

Nach dem Essen nahm Herr von Bragadino mich und seine beiden Freunde, die bei solchen Anlässen nicht fehlen durften, mit sich in sein Arbeitszimmer. Er sagte mir sehr ruhig: statt an Rache für den Schimpf zu denken, den Messer-Grande dem Hause angetan hätte, worin ich wohnte, sollte ich lieber darauf bedacht sein, mich in Sicherheit zu bringen.

»Der Koffer voll Salz oder Gold ist nur ein Vorwand, mein lieber Freund; ohne Zweifel suchte man dich und glaubte dich zu finden. Da dein Schutzgeist es so gefügt hat, daß man dich verfehlte, so rette dich; morgen wird vielleicht keine Zeit mehr dazu sein. Ich bin acht Monate Staatsinquisitor gewesen und kenne den Stil, in welchen das Tribunal bei Verhaftungen verfährt. Man schlägt keine Türen ein, um einen Koffer voll Salz zu suchen. Vielleicht hat man gar gewußt, daß du nicht zu Hause warst, und ist deshalb hingegangen, um dir Zeit zur Flucht zu geben. Glaube meinem Rat, mein lieber Sohn: Fahre augenblicklich nach Fusina und reise von dort so schnell wie möglich nach Florenz. Dort bleibe, bis ich dir schreibe, daß du ohne Gefahr zurückkehren kannst. Solltest du kein Geld haben, so werde ich dir einstweilen hundert Zechinen geben. Sei vernünftig! Die Klugheit verlangt, daß du sofort abfährst.«

In meiner Verblendung antwortete ich ihm, ich sei mir keiner Schuld bewußt und könne daher das Tribunal nicht fürchten; folglich könne ich auch seinen Rat nicht befolgen, obgleich ich diesen als sehr weise anerkenne.

»Das gestrenge Tribunal«, antwortete er mir, »kann dich schuldig finden, ohne dir darüber Rechenschaft abzulegen. Frage dein Orakel, ob du meinen Rat befolgen sollst oder nicht!«

Diese Mühe ersparte ich mir, weil ich die Lächerlichkeit meines Orakels am besten selber erkannte; doch sagte ich meinem Vater, um meine Weigerung zu mildern, ich befrage mein Orakel nur, wenn ich im Zweifel wäre. Endlich führte ich als letzten Grund an, durch meine Abreise würde ich ein Zeichen von Furcht geben und dadurch mich schuldig bekennen; denn ein Unschuldiger könne keine Gewissensbisse und folglich vernünftigerweise auch keine Furcht haben.

Ich sagte zu ihm: »Wenn Schweigen die Seele des gestrengen Tribunals ist, so wird es Ihnen nach meiner Abreise unmöglich sein, zu erfahren, ob ich gut oder schlecht daran getan habe, die Flucht zu ergreifen. Dieselbe Vorsicht, die nach der Meinung Eurer Exzellenz mir abzureisen gebietet, wird mich verhindern, zurückzukehren. Soll ich also meiner Vaterstadt und allem, was mir teuer ist, auf ewig Lebewohl sagen?

Nun machte er noch einen letzten Versuch und bot alles auf, um mich zu überreden, zum mindesten den Tag und die nächste Nacht in seinem Palazzo zu verbringen. Ich schäme mich noch heute, dem würdigen Greis, dem ich so viel Liebe und Dankbarkeit schuldete, diese Bitte abgeschlagen zu haben; denn der Palast eines Patriziers ist für die Häscher geheiligt; sie würden niemals wagen, die Schwelle eines solchen ohne ausdrücklichen Befehl des Tribunals zu überschreiten, und solcher Befehl wird niemals gegeben. Ich wäre also einem großen Unglück entgangen und hätte dem würdigen alten Herrn einen tiefen Kummer erspart.

Ich war gerührt, als ich Herrn von Bragadino weinen sah, und vielleicht hätte ich seinen Tränen doch noch gewährt, was ich seinen Bitten und Vernunftgründen hartnäckig verweigert hatte.

»Ich bitte Sie,« rief ich aus, »ersparen Sie mir den herzzerreißenden Anblick Ihrer Tränen!« Sofort nahm er alle seine Kraft zusammen. Er machte nur noch einige nebensächliche Bemerkungen, dann umarmte er mich mit einem Lächeln der Güte und sagte zu mir: »Vielleicht, mein Freund, ist es mir nicht mehr beschieden, dich zu sehen; aber Fata viam inveniunt – das Schicksal weist den Weg.«

Ich umarmte ihn zärtlich und ging. Seine Voraussage traf ein, denn ich habe ihn nicht wiedergesehen; er starb elf Jahre darauf.

Ich ging durch die Straßen, ohne die geringste Furcht zu empfinden, aber ich machte mir große Sorgen um meine Schulden. Ich hatte nicht den Mut, nach Murano zu gehen und M. M. ihre letzten fünfhundert Zechinen abzunehmen, die ich dann sofort an den Herrn hätte bezahlen müssen, der sie während der letzten Nacht mir abgewonnen hatte. Ich zog es vor, ihn um acht Tage Frist zu bitten, und ich tat wohl daran. Nachdem ich diesen peinlichen Besuch gemacht hatte, ging ich nach Hause. Ich tröstete meine Wirtin mit allen Gründen, die ich ausfindig machen konnte; dann umarmte ich ihre Tochter und ging zu Bett. Dies war am Abend des 25. Juni 1755. Und am Morgen des nächsten Tages betrat der schreckliche Messer-Grande mein Zimmer. Ich erwachte, sah ihn und hört ihn fragen, ob ich Giaccomo Casanova sei.

»Ja, ich bin Casanova.«

Er befahl mir, aufzustehen, mich anzukleiden und alles zu übergeben, was ich an eigenen und fremden Schriften hätte, und ihm zu folgen.

»In wessen Auftrag geben Sie mir diesen Befehl?«

»Im Auftrage des Tribunals.«

Achtundzwanzigstes Kapitel


Unter den Bleidächern. – Erdbeben.

Wie kommt es, daß gewisse Worte eine eigentümliche Herrschaft auf die Seele ausüben? Wer kann diese Erscheinungen erklären? Noch am Tage vorher hatte ich mich so sehr mit meinem Mut gebrüstet und mich auf meine Unschuld berufen, aber das Wort Tribunal versteinerte mich, und ich hatte nur noch so viel Kraft, um mechanisch gehorchen zu können.

Mein Sekretär stand offen; alle meine Papiere lagen auf einem Tisch, den ich zum Schreiben benutzte.

»Nehmen Sie!« sagte ich zum Sendboten des furchtbaren Gerichtshofes, indem ich mit der Hand auf die Papiere zeigte, die den Tisch bedeckten. Er füllte damit einen Sack, den er einem Sbirren gab. Hierauf sagte er mir, ich hätte ihm auch die eingebundenen Manuskripte auszuliefern, die ich besitzen müßte, und ich zeigte ihm den Ort, wo sie lagen. Mir gingen die Augen auf. Ich sah jetzt klar und deutlich, daß der elende Manuzzi mich verraten hatte, der sich, wie ich vorhin erzählte, unter dem Vorwande, den Verkauf dieser Bücher vermitteln zu wollen, bei mir eingeschlichen hatte. Es waren der Schlüssel Salomonis, der Cecor-ben, die peccatrix, eine ausführliche Belehrung über die Planetenstunden, ferner die Beschwörungen, die erforderlich sein sollen, um mit den Dämonen der verschiedenen Rangstufen zu verkehren. Die Leute, welche wußten, daß ich diese Bücher besaß, hielten mich für einen großen Zauberer, und dies war mir nicht unangenehm.

Messer-Grande nahm auch die Bücher, die ich auf meinem Nachttisch hatte, darunter Petrarca, Ariosto, Horaz, den Philosophe militaire, ein Manuskript, das Matilda9 mir gegeben hatte, den Portier des Chartreux und den Aretin. Diesen hatte Manuzzi denunziert, denn Messer-Grande fragte mich ausdrücklich danach. Der Spion sah aus wie ein anständiger Mann, und dies ist eine notwendige Eigenschaft für das Geschäft, das er betrieb. Sein Sohn machte in Polen sein Glück, indem er eine Frau von Opeska heiratete, die er später ermordete. Dies behauptete man wenigstens. Beweise habe ich nicht dafür, und ich gehe sogar in der christlichen Liebe so weit, daß ich es nicht glaube, obgleich er der Tat sehr wohl fähig war.

Während Messer-Grande meine Handschriften, Bücher und Briefe einheimste, zog ich mich mechanisch an, weder schneller noch langsamer als sonst. Ich wusch, rasierte und kämmte mich, zog ein Spitzenhemd und meinen schönen Anzug an. Und dies alles tat ich, ohne mir etwas dabei zu denken und ohne ein Wort zu sagen. Messer-Grande, der mich nicht einen Augenblick aus den Augen ließ, hatte nichts dagegen, daß ich mich anzog, wie wenn ich zu einer Hochzeit ginge.

Als wir mein Zimmer verließen, sah ich zu meiner großen Überraschung etwa vierzig Sbirren im Vorzimmer: man hatte mir die Ehre erwiesen, diese Anzahl für notwendig zu halten, um sich meiner Person zu bemächtigen, während nach dem Satze: ne Hercules quidem contra duos, nur zwei nötig gewesen wären. Es ist eigentümlich, daß man in London, wo ein jeder tapfer ist, nur einen ausschickt, um einen Menschen zu verhaften, während man in meinem lieben Vaterlande, wo man im allgemeinen sehr feige ist, dreißig braucht. Vielleicht kommt es daher, daß ein Feigling als Angreifer mehr Furcht haben muß, als ein angegriffener Feigling; daher kann ein für gewöhnlich furchtsamer Mensch unter Umständen tapfer sein. Soviel ist sicher, daß man in Venedig oft einen einzelnen sich gegen zwanzig Sbirren verteidigen sieht, und daß er ihnen schließlich entrinnt, nachdem er sie tüchtig durchgebleut hat. Ich erinnere mich, daß ich in Paris einmal einem meiner Freunde half vierzig solchen Trabanten zu entkommen, und daß wir das ganze elende Gesindel in die Flucht schlugen.

Messer-Grande ließ mich in eine Gondel steigen und setzte sich neben mich; vier Mann nahm er als Schutzwache mit. In seinem Hause angelangt, bot er mir Kaffee an, den ich ablehnte; dann schloß er mich in ein Zimmer ein. Hier schlief ich vier Stunden, wachte aber jede Viertelstunde auf, um Wasser zu lassen. Dies war eine eigentümliche Erscheinung; denn ich litt durchaus nicht an Harnzwang, es war sehr heiß, und ich hatte am Tage vorher zu Abend gespeist. Ich hatte früher einmal die Erfahrung gemacht, daß eine Überraschung durch eine Gewaltmaßregel auf mich wie ein starkes Betäubungsmittel wirkte; jetzt aber bemerkte ich, daß eine Überraschung noch höheren Grades harntreibend wirkte. Ich schenke diese Entdeckung den Ärzten: vielleicht gelingt es irgend einem Gelehrten, sie zur Erleichterung der Menschheit zu verwerten. In Prag mußte ich vor sechs Jahren herzlich lachen, als ich hörte, daß einige sehr zart besaitete Damen sich darüber entrüstet hätten, daß ich in meiner Flucht aus den Bleikammern, die ich damals bereits veröffentlichte, diese Einzelheit mitgeteilt hätte, die ich nach ihrer Meinung sehr gut hätte auslassen können. Vielleicht hätte ich sie aber auch ausgelassen, wenn ich einer Dame die Geschichte erzählt hätte; aber das Publikum ist keine hübsche Frau, die ich zu schonen wünschen könnte; meine Absicht zielt auf Belehrung. Übrigens sehe ich nichts Unpassendes bei der von mir berichteten Tatsache; denn Männer wie Frauen sind diesem Bedürfnis unterworfen, gerade so wie sie essen und trinken müssen; und wenn dabei etwas für empfindliche Nerven anstößig sein könnte, so wäre es höchstens der für unsere Eitelkeit peinliche Gedanke, daß wir dies Bedürfnis mit Kühen und Säuen gemein haben.

Gegen drei Uhr trat der Sbirrenhäuptling ein und sagte mir, er habe Befehl, mich unter die Bleidächer zu bringen. Ohne ein Wort zu sagen, folgte ich ihm. Wir stiegen in eine Gondel und fuhren auf tausend Umwegen durch die kleinen Kanäle nach dem Großen Kanal. Am Gefängniskai stiegen wir aus. Nachdem wir mehrere Treppen hinaufgestiegen waren, gingen wir über eine geschlossene Brücke, die über den Rio di palazzo hinweg die Verbindung zwischen den Gefängnissen und dem Dogenpalast herstellt. Jenseits dieser Brücke befindet sich eine Galerie, die wir durchschritten. Dann kamen wir in ein Zimmer und von diesem in ein anderes, wo Messer-Grande mich einem Herrn vorstellte, der die Patrizierrobe trug. Dieser musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann zu ihm: è quello, mettetelo in deposito! – Er ists, bringt ihn in Gewahrsam!

Dieser Mann war der Sekretär der Inquisitoren, der wohlweise Domenico Cavalli, der sich augenscheinlich schämte, in meiner Gegenwart venetianisch zu sprechen, denn er gab seinen Befehl in toscanischer Mundart.

Messer-Grande übergab mich nun dem Gefängniswärter der Bleikammern, der mit einem ungeheuren Schlüsselbunde dabeistand. Unter der Bedeckung von zwei Häschern ließ er mich zwei kleine Treppen hinabsteigen, die auf einen Korridor führten; von diesem gelangten wir durch eine verschlossene Tür in einen zweiten Korridor, von diesem in einen dritten, an dessen Ende der Wächter wieder eine Tür aufschloß. Diese führte zu einem schmutzigen Dachboden, der sechs Klafter lang und zwei Klafter breit war und durch eine sehr hoch oben befindliche Dachluke sein Licht empfing. Ich hielt diese Dachkammer für mein Gefängnis, aber ich befand mich im Irrtum, denn der Wächter nahm einen riesenhaften großen Schlüssel und öffnete eine dick mit Eisen beschlagene Tür, die nur dreieinhalb Fuß hoch war und in der Mitte ein rundes Loch von acht Zoll im Durchmesser hatte, und befahl mir einzutreten. Ich war gerade damit beschäftigt, mir eine eiserne Maschine anzusehen, welche fest in die dicke Mauer eingelassen war. Diese Maschine hatte die Form eines Hufeisens, war ungefähr einen Zoll dick und von dem einen Ende zum andern etwa fünf Zoll breit. Ich dachte darüber nach, wozu wohl diese schreckliche Maschine gebraucht werden möchte, da sagte der Schließer lächelnd zu mir: »Ich sehe, mein Herr, Sie möchten gerne wissen, wozu dieser Apparat dient, und ich kann Ihren Wunsch erfüllen. Wenn ihre Exzellenzen befehlen, daß irgend jemand erdrosselt werden soll, läßt man ihn, mit dem Rücken gegen dieses Halseisen, sich auf einen Schemel setzen; der Kopf befindet sich in einer solchen Lage, daß das Eisen die Hälfte seines Halses umspannt. Die andere Seite wird von einer Schnur umspannt, die durch dieses Loch läuft; die beiden Enden sind an der Achse eines Drehrades befestigt, und ein Mann dreht dieses Rad, bis der Patient seine Seele unserm Herrn und Gott übergeben hat, denn der Beichtvater geht Gott sei Dank nicht von seiner Seite, bis er den letzten Atemzug getan hat.«

»Das ist sehr sinnreich, und ich denke mir, daß Sie der Mann sind, der die Ehre hat, das Rad zu drehen.«

Er antwortete mir nicht, sondern winkte mir nur, ich solle eintreten. Dies tat ich, indem ich mich halb bis zur Erde bückte. Er schloß mich ein und fragte mich dann durch das vergitterte Loch in der Tür, was ich essen wolle. »Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete ich ihm. Hierauf entfernte er sich, indem er sorgfältig alle Türen verschloß.

Niedergeschlagen und halb betäubt stützte ich meine Ellenbogen auf die Brüstung des vergitterten Zellenfensters. Diefes war zwei Fuß hoch und ebenso breit; sechs Zoll dicke Eisenstangen kreuzten sich und bildeten sechzehn Öffnungen von etwa fünf Zoll im Geviert. Durch diese Offnung wäre mein Gefängnis ziemlich hell gewesen, aber ein anderthalb Fuß breiter Balken vom Dachgerüst befand sich unterhalb der Dachluke, die ich schräg gegenüber hatte, und fing das Licht ab, das ich von dem abscheulichen Dachboden her hätte erhalten können. Ich untersuchte beinahe tastend dieses traurige Loch, wobei ich den Kopf gesenkt halten mußte, denn es war nur fünfeinhalb Fuß hoch. Ich fand, daß es dreiviertel eines Quadrates von zwei Klaftern bildete. Das fehlende vierte Viertel wurde durch eine Art von Alkoven eingenommen, worin ein Bett stehen konnte; aber ich fand weder Bett noch Tisch noch Stuhl, noch überhaupt ein Möbel irgendwelcher Art, mit Ausnahme eines Kübels, dessen Zweck der Leser erraten kann, und eines an der Wand angebrachten Brettes, das einen Fuß breit war und sich vier Fuß hoch über dem Fußboden befand. Auf dieses Brett legte ich meinen Mantel von matter Seide, meinen so unglücklich eingeweihten Rock und meinen Hut, der mit spanischen Spitzen eingefaßt war und eine schöne weiße Feder trug. Die Hitze war fürchterlich und der Instinkt führte mich mechanisch an das kleine Gitterfenster, das die einzige Stelle war, wo ich meine Ellbogen aufstützen konnte. Die Dachluke konnte ich nicht sehen, aber in dem Licht, das durch diese Luke in den Dachboden fiel, sah ich Ratten von fürchterlicher Größe, die da nach Herzenslust herumspazierten; denn die häßlichen Tiere, deren Anblick mir verhaßt ist, kamen ohne die geringste Angst bis unter mein Gitterfenster. Bei diesem unangenehmen Anblick schloß ich schnell mittels eines inneren Ladens das runde Loch in der Mitte der Tür, denn bei einem Besuch von ihnen wäre mir das Blut erstarrt. Ich versank in die tiefste Träumerei, meine Arme auf die Fensterbrüstung aufgestützt. So verbrachte ich acht Stunden schweigend, ohne eine Bewegung zu machen.

Beim Klang der Uhr, die die einundzwanzigste Stunde anzeigte, erwachte ich; ich wurde etwas unruhig, daß niemand kam, um mir etwas zu essen zu bringen und mir meine Sachen und die Möbel zu besorgen, die ich brauchte, um schlafen zu können. Mir schien, man hätte mir doch mindestens einen Stuhl, Brot und Wasser bringen müssen. Ich hatte keinen Appetit; aber konnte man das wissen? Und niemals in meinem Leben war mir der Mund so trocken und so bitter gewesen. Ich war jedoch überzeugt, daß vor Einbruch der Nacht irgend jemand erscheinen würde; als ich es aber vierundzwanzig schlagen hörte, wurde ich wütend; ich trommelte mit den Fäusten und stieß mit den Füßen gegen die Tür, fluchte und schrie. Nachdem ich dies länger als eine Stunde getrieben hatte, sah ich noch immer keinen Menschen und hatte nicht einmal ein Anzeichen, ob irgend einer mein Geschrei gehört hatte. Dichte Finsternis umgab mich. Aus Furcht, daß die Ratten in mein Gefängnis springen könnten, schloß ich das Gitterfenster und warf mich dann der Länge nach auf den Fußboden. Eine so grausame Vernachlässigung schien mir nicht natürlich zu sein, und ich kam zu dem Schluß, die barbarischen Inquisitoren hätten mir den Tod geschworen. Ich brauchte nicht länger darüber nachzudenken, womit ich eine so elende Behandlung verdient haben könnte; denn so sorgfältig ich auch meine Handlungen prüfte, so fand ich doch nicht den geringsten Anhaltspunkt. Ich war Wüstling, Spieler, kühn in meinen Worten und dachte grundsätzlich nur daran, mein Leben zu genießen; aber in all diesem sah ich kein Staatsverbrechen. Trotzdem sah ich mich wie einen Verbrecher behandelt, und in meiner Wut und Verzweiflung brauchte ich gegen die fürchterliche Tyrannei, die mich verfolgte, Ausdrücke, die zu erraten ich meinen Lesern überlassen muß, da der Anstand mir verbietet, sie hier zu wiederholen. Aber trotz der Aufregung, trotz dem Hunger, der sich fühlbar zu machen begann, trotz dem Durst, der mich verzehrte, trotz der Härte des Fußbodens, auf dem ich ausgestreckt war, forderte die erschöpfte Natur ihre Rechte, und ich schlief ein. Mein kräftiger Körper brauchte Schlaf; bei einem jungen und gesunden Menschen treten vor diesem gebieterischen Bedürfnis alle anderen zurück, und besonders in dieser Hinsicht kann man den Schlaf den Wohltäter der Menschheit nennen.

Ich erwachte, als es Mitternacht schlug. Wie furchtbar ist das Erwachen, wenn es einen aus den Illusionen des Nichts reißt. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß ich drei Stunden verbracht hatte, ohne irgend einen Schmerz zu empfinden. Ich lag auf der linken Seite; ohne mich im übrigen zu rühren, streckte ich die rechte Hand aus, um mein Taschentuch zu erfassen, das ich, wie ich mich erinnerte, links von mir auf den Boden gelegt hatte. Ich taste danach – Gott! welche Überraschung! Meine Hand ergreift eine andere eiskalte Hand! Der Schreck durchfuhr mich vom Kopf bis zu den Füßen und mir standen die Haare zu Berge.

Nie in meinem ganzen Leben ist mir ein solcher Schreck in die Seele gefahren; niemals hätte ich geglaubt, daß ich eine solche Angst haben könnte. Drei oder vier Minuten lag ich in einer Art von Betäubung, ich konnte mich nicht nur nicht bewegen, sondern nicht einmal denken. Als ich wieder etwas zu mir selbst gekommen war, glaubte ich, die Hand, die ich zu berühren gemeint hatte, könnte doch wohl nur in meiner erhitzten Phantasie vorhanden sein. In dieser Hoffnung streckte ich abermals die Hand aus – und fand wieder dieselbe kalte Hand. Entsetzt stieß ich einen gellenden Schrei aus; ich schob die Hand, die ich hielt, zur Seite, und zog schaudernd meinen Arm zurück.

Bald jedoch wurde ich etwas ruhiger und konnte nachdenken. Ich kam zu dem Schluß, man müßte während meines Schlafes einen Leichnam an meiner Seite niedergelegt haben. Daß er nicht dagewesen war, als ich mich hingelegt hatte, wußte ich bestimmt. »Es wird«, sagte ich zu mir selber, »der Leichnam irgend eines Unglücklichen sein, den man erdrosselt hat, und man will mir auf diese Art das Schicksal zeigen, das auch mir bevorsteht. Dieser Gedanke brachte mich außer mir; ich wurde wild; an Stelle der Furcht trat die Wut, und ich streckte zum dritten Male meinen Arm nach der eisigen Hand aus. Ich packte sie fest, um mich von der abscheulichen Tatsache völlig sicher zu überzeugen. Ich wollte aufstehen; ich stützte mich auf meinen linken Ellbogen und fühlte, daß die Hand, die ich hielt, meine eigene war. Sie war von dem Gewicht meines Körpers und von der Härte des Fußbodens, der mir als Bettpfühl diente, völlig abgestorben und hatte Wärme, Beweglichkeit und Empfindung verloren.

Dieses Erlebnis hatte zwar etwas Komisches an sich, aber es erheiterte mich keineswegs; es rief vielmehr die schwärzesten Gedanken in mir wach. Ich bemerkte, daß ich an einem Ort war, wo die Wahrheit falsch erscheinen müßte, da ja das falsche wahr erschien; wo der Verstand die Hälfte seiner Rechte verlor, und wo durch die krankhafte Phantasie die Vernunft entweder einer wesenlosen Hoffnung oder einer entsetzlichen Verzweiflung zum Opfer fallen mußte. Ich beschloß, in dieser Beziehung auf meiner Hut zu fein, und rief zum erstenmal in meinem Leben, im Alter von dreißig Jahren, die Philosophie zu Hilfe. Wohl trug ich alle ihre Keime in meiner Seele, aber ich hatte bis dahin nicht nötig gehabt, von ihr Gebrauch zu machen.

Ich glaube, die meisten Menschen sterben, ohne jemals gedacht zu haben, und daran ist nicht sowohl Mangel an Geist und Vernunft schuld, sondern es ist eben einfach der notwendige Anstoß zur Erweckung der Denkfähigkeit niemals durch ein außerordentliches Ereignis hervorgebracht worden, das sie aus ihren Alltagsgewohnheiten herausreißt.

Nach der gehabten Aufregung war an Schlaf nicht mehr zu denken. Aber warum hätte ich aufstehen sollen? Ich konnte ja wegen der niedrigen Decke nicht gerade stehen. Ich faßte also den Entschluß, der unter den obwaltenden Umständen der einzige vernünftige war, und blieb sitzen. So saß ich bis etwa vier Uhr morgens, als das Dämmerlicht des jungen Tages erschien. Um fünf sollte die Sonne aufgehen, und ich sehnte mich nach dem Tage; ein Vorgefühl, das ich für untrüglich hielt, sagte mir, daß man mich entlassen würde. Ich brannte vor Begier nach Rache; dies verhehlte ich mir nicht. Ich sah mich an der Spitze des Volkes die Regierung stürzen, die mich vergewaltigt; erbarmungslos metzelte ich alle Aristokraten nieder, alles mußte zu Staub zerrieben werden. Ich raste im Fieberwahn. Ich kannte die Urheber meiner Leiden und zerstörte in Gedanken die Quelle, aus der sie entsprang. Ich stellte das Naturrecht wieder her, wonach alle Menschen nur dem Gesetz gehorchen müssen und nur von ihresgleichen auf Grund der von ihnen anerkannten Gesetze gerichtet werden können; mit einem Wort: ich baute Luftschlösser. So geht es dem Menschen, wenn eine große Leidenschaft ihn bewegt. Er merkt es nicht, daß das, was ihn so in Bewegung setzt, nicht die Vernunft, sondern sein größter Feind, der Zorn ist.

Ich brauchte weniger lange zu warten, als ich selber angenommen hatte, und dies beruhigte mich schon ein wenig. Um halb fünf wurde die tiefe Stille des Ortes, einer wahren Hölle für lebende Menschen, durch das Kreischen von Riegeln unterbrochen: man öffnete die Türen der Gänge, die man durchschreiten mußte, um bis zu mir zu gelangen.

»Haben Sie nun Zeit gehabt, sich zu überlegen, was Sie essen wollen?« rief die rauhe Stimme meines Kerkermeisters mir durch das Guckloch zu.

Man ist sehr glücklich, wenn die Unverschämtheit eines gemeinen Menschen sich nur unter der Maske von Spott und Hohn zeigt. Ich antwortete ihm, ich wünschte eine Reissuppe, Kochfleisch, Braten, Brot, Wein und Wasser. Ich bemerkte, daß der Lümmel erstaunt war, nicht die Klagen zu hören, die er erwartet hatte. Er ging und kam eine Viertelstunde darauf wieder, um mir zu sagen: »Ich wundere mich, daß Sie nicht ein Bett und die notwendigen Möbel haben wollen; denn wenn Sie sich einbilden, man habe Sie nur für eine Nacht hierher gebracht, so irren Sie sich.«

»Bringen Sie mir also alles, was Sie für notwendig halten.«

»Wo soll ich es holen? Da haben Sie Bleistift und Papier: schreiben Sie alles auf.«

Ich schrieb ihm auf, wo er mir Hemden, Strümpfe, Kleider aller Art, ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl holen sollte; außerdem verlangte ich die Bücher, die Messer-Grande mir abgenommen hatte, Papier, Federn usw. Als ich ihm dies alles vorgelesen hatte – denn der Kerl konnte nicht lesen – sagte er zu mir: »Streichen Sie aus, Herr, streichen Sie aus! Streichen Sie Bücher, Papier, Federn, Spiegel, Rasiermesser! Dies alles ist hier verbotene Ware. Dann geben Sie mir Geld, um Ihr Mittagessen zu kaufen.«

Ich hatte drei Zechinen bei mir; davon gab ich ihm eine, und er ging. Er war eine Stunde lang, wie ich später erfuhr, in den verschiedenen Gängen beschäftigt, sieben andere Gefangene zu bedienen, die alle voneinander getrennt saßen, um jeden Verkehr zwischen ihnen unmöglich zu machen.

Gegen Mittag kam der Schließer wieder; bei ihm befanden sich fünf Gefängnisknechte, die die Staatsgefangenen zu bedienen hatten. Er öffnete meinen Kerker, damit die von mir verlangten Möbel und mein Mittagessen hineingebracht werden konnten. Das Bett wurde im Alkoven untergebracht, und mein Essen auf einen kleinen Tisch gestellt; mein Besteck bestand aus einem Elfenbeinlöffel, den er für mein Geld gekauft hatte; Gabel, Messer und alle schneidenden Werkzeuge waren verboten. Zum Schluß sagte er mir: »Bestellen Sie, was Sie morgen essen wollen; denn ich kann nur einmal täglich, gleich nach Sonnenaufgang hierher kommen. Der hochedle Sekretär hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, er werde Ihnen passende Bücher schicken; die von Ihnen gewünschten sind verboten.«

»Danken Sie ihm für die Gnade, daß er mich in ein Gefängnis allein gesetzt hat.«

»Ich werde tun, was Sie wünschen; aber Sie haben unrecht, daß Sie sich auf solche Weise über ihn lustig machen.«

»Ich mache mich nicht lustig; ich denke es ist doch wohl besser allein zu sein, als mit den Verbrechern zusammen zu sitzen, die sich hier oben befinden müssen.«

»Wie, Herr, Verbrecher? Dafür würde ich mich bedanken! Hier sind nur ehrenwerte Leute, die man allerdings aus Gründen, die nur Ihren Exzellenzen bekannt sind, von der Gesellschaft getrennt halten muß. Man hat Sie allein gesetzt, um Sie noch härter zu bestrafen. Wollen Sie wirklich, daß ich in Ihrem Namen dafür danken soll?«

»Das wußte ich nicht.«

Der Dummkopf hatte recht; dies merkte ich sehr bald. Ein Mensch der allein eingesperrt ist, hat keine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Wenn man an einem dunklen Ort allein ist, wo man nicht sehen kann, wohin nur einmal am Tage der Mann kommt, der das Essen bringt, wo man nur in gebückter Haltung herumgehen kann, dann ist man der allerunglücklichste Mensch. Man wünscht sich, wenn man daran glaubt, in die Hölle, nur um Gesellschaft zu haben. Dieses Gefühl ist so gebieterisch, daß ich schließlich mir sogar einen Mörder, einen Pestkranken, einen Bären als Kerkergenossen wünschte. Einsamkeit hinter Schloß und Riegel bringt einen Menschen zur Verzweiflung; aber um an die Wahrheit dieses Satzes zu glauben, muß man vielleicht selber die Erfahrung gemacht haben. Und solche Erfahrung zu machen, möchte ich selbst meinen Feinden nicht wünschen. Wenn ein wissenschaftlich gebildeter Mensch in meiner Lage Federn, Tinte und Papier erhält, vermindert sich sein Unglück um neun Zehntel; aber die Henker, die mich verfolgten, dachten nicht daran, mir Erleichterungen zu bewilligen.

Als der Schließer fort war, stellte ich meinen Tisch unter das Loch, um ein wenig Licht zu haben, und setzte mich zum Essen hin, aber es war mir nicht möglich, mehr als ein paar Löffel Suppe hinunterzubringen. Ich war seit fast achtundvierzig Stunden nüchtern, und so war es nicht zu verwundern, daß ich krank war. Ich verbrachte den ganzen Tag in meinem Lehnstuhl sitzend und dachte nur an die Bücher, die man mir gnädigst versprochen hatte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen, denn die Ratten machten einen entsetzlichen Lärm, und die Turmuhr von San Marco schlug so betäubend laut, daß ich glaubte, sie müßte in meinem Zimmer sein. Diese doppelte Qual war aber nicht die einzige, die ich zu ertragen hatte. Ich glaube, wohl wenige Leser können sich einen Begriff von dem machen, was ich jetzt berichten will: Tausende von Flöhen belustigten sich an meinem ganzen Leibe. Die kleinen Insekten saugten mir mit unbeschreiblicher Hartnäckigkeit und Begier das Blut aus. Von ihren unaufhörlichen Stichen bekam ich geradezu Krämpfe; sie vergifteten mein ganzes Blut.

Mit Tagesanbruch kam Lorenzo – so hieß mein Kerkermeister – ließ mein Bett machen und das Zimmer ausfegen und reinigen. Einer seiner Sbirren reichte mir Wasser, um mich zu waschen. Ich wollte in die Dachkammer hinausgehen, aber Lorenzo sagte mir, das sei nicht erlaubt. Er gab mir zwei dicke Bücher. Ich öffnete sie nicht, weil ich nicht sicher war, daß ich eine erste Regung des Unwillens hätte unterdrücken können, zu der sie mich vielleicht gereizt hätten, und die der Spion selbstverständlich seinen Herren hinterbracht hätte. Er ging, nachdem er mir mein Essen und zwei zerschnittene Zitronen hingesetzt hatte.

Sobald ich allein war, aß ich schnell meine Suppe, um sie warm zu bekommen; hierauf trat ich mit einem Buch an meine Luke und sah mit Vergnügen, daß es mir möglich sein konnte, zu lesen. Ich sah mir den Titel an; er lautete: »Die mystische Stadt der Schwester Maria des Jesus, genannt d’Agrada«. Ich hatte keinen Begriff, was dies für ein Buch sein konnte. Das zweite war von einem Jesuiten namens Caravita. Dieser Jesuit, ein Heuchler, wie alle seinesgleichen, empfahl eine neue Anbetung zum heiligen Herzen unseres Herrn Jesu Christi. Von allen menschlichen Teilen unseres göttlichen Befreiers mußte man nach der Meinung des Verfassers gerade diesen besonders anbeten. Eigentümliche Idee eines unwissenden Narren, über die ich mich von der ersten Seite an ärgerte; denn das Herz schien mir kein ehrwürdigeres Eingeweide zu sein als Lunge, Magen oder irgend ein anderer Teil. Die mystische Stadt interessierte mich ein wenig.

Ich las alles, was die aufgeregte Phantasie einer spanischen Jungfrau nur hervorbringen kann – einer spanischen Jungfrau, die über alle Maßen fromm, melancholisch, in der Einsamkeit ihres Klosters nur unwissende, heuchlerische, bigotte Pfaffen zu Ratgebern ihres Gewissens hatte. Alle ihre phantastischen und ungeheuerlichen Visionen waren mit dem schönen Namen Offenbarungen geschmückt. Als Liebhaberin und besonders innige Freundin der heiligen Jungfrau hatte sie von Gott selber den Befehl erhalten, das Leben seiner göttlichen Mutter zu beschreiben. Die erforderlichen Anweisungen, die kein Mensch irgendwo gelesen haben konnte, waren ihr vom Heiligen Geist erteilt worden.

Sie begann das Leben Mariens nicht mit dem Tage ihrer Geburt, sondern mit dem ihrer unbefleckten Empfängnis im Schoße ihrer Mutter Anna. Diese Schwester Maria d’Agrada war Oberin eines Franziskanerinnenklosters, das sie selber in ihrer Vaterstadt gegründet hatte. Nachdem sie ausführlich alles erzählt hat, was ihre göttliche Heldin in den neun Monaten tat, die sie im Mutterleib verbrachte, teilt sie uns mit, daß sie im Alter von drei Jahren das Haus gefegt hätte. Dabei hätten ihr neunhundert Bediente geholfen, lauter Engel, die Gott selber zu diesem Dienst bestimmt hätte. Diese Engel standen unter dem besonderen Befehl ihres Fürsten Michael, der den Verkehr von ihr zu Gott und von Gott zu ihr besorgte.

Das Erstaunliche an diesem Buche ist, daß der urteilsfähige Leser stets die Überzeugung haben muß, daß die mehr als fanatische Verfasserin nichts erfunden hat, denn so weit kann die Erfindung nicht gehen: alles ist in gutem Glauben, aus voller Überzeugung gesagt. Es sind Visionen eines überspannten Gehirns, das ohne einen Schatten von Stolz, trunken von Gott, nichts weiter zu enthüllen glaubt, als was der heilige Geist ihr eingibt.

Dieses Buch war mit Erlaubnis der allerheiligsten und allerschrecklichsten Inquisition gedruckt. Ich konnte mich vor Erstaunen nicht fassen. Das Werk erregte oder vermehrte in meinem Geist durchaus keine fromme Glut oder auch nur einen einfachen Glaubenseifer, sondern veranlaßte mich im Gegenteil, alle, überhaupt alle unsere mystischen und sogar unsere dogmatischen Überlieferungen für Fabeln zu halten.

Bücher wie dieses können nicht ohne Wirkung bleiben, denn z. B. ein Leser, dessen Geist für Eindrücke empfänglicher und mehr als der meinige dem Wunderbaren zugänglich ist, läuft Gefahr, Geisterseher und Graphomane zu werden, wie diese arme Jungfrau.

Da ich mich mit irgend etwas beschäftigen mußte, so verbrachte ich eine volle Woche über diesem Meisterwerk der Unvernunft, das aus einem überspannten Gehirn hervorgegangen war. Ich hütete mich wohl, dem Schließer etwas über das schöne Werk zu sagen, aber ich begann allmählich mich selber davon beeinflußt zu fühlen.

Sobald ich einschlief, spürte ich die Pest, womit Schwester d’Agrada meinen Geist ansteckte, der von Melancholie, schlechter Nahrung, Mangel an Luft und Bewegung und von der entsetzlichen Ungewißheit über das mir Bevorstehende geschwächt war. Über meine tollen Träume mußte ich lachen, wenn ich beim Erwachen mich ihrer erinnerte. Hätte ich das notwendige Schreibzeug gehabt, so würde ich sie aufgezeichnet haben, und vielleicht hätte ich in meinem Kerker ein Werk geschaffen, das noch verrückter gewesen wäre, als das von Herrn Cavalli so sinnreich für mich ausgewählte.

Durch diese Erfahrung habe ich erkannt, wie sehr diejenigen sich täuschen, die dem menschlichen Geist eine gewisse positive Kraft zuschreiben; diese Kraft ist nur verhältnismäßig, und wenn ein Mensch sich selber gründlich beobachtete, würde er nur Schwäche in sich entdecken. Ich sah, daß der Mensch wohl wahnsinnig werden kann, obgleich es selten geschieht; denn unsere Vernunft gleicht dem Pulver, das zwar sehr leicht entzündlich ist, aber dennoch sich niemals entzündet, wenn es nicht mit einem Funken in Berührung kommt; das Buch der Spanierin besitzt alle Eigenschaften, um einen Menschen verrückt zu machen; aber damit das Gift diese Wirkung auf ihn übe, muß man ihn isolieren, – unter die Bleidächer stecken – und ihm jede andere Beschäftigung rauben.

Als ich im November 1767 von Pampeluna nach Madrid reiste, hielt mein Fuhrmann Andrea Capello zum Mittagessen in einer Stadt von Alt-Castilien an. Ich fand sie so traurig und so häßlich, daß ich Lust bekam, ihren Namen zu erfahren. O! wie herzlich mußte ich lachen, als man mir sagte, es sei die Stadt Agrada.

Hier also, sagte ich zu mir, hat das Gehirn der verrückten Heiligen das wunderbare Meisterwerk ausgeheckt, das ich ohne Herrn Cavalli niemals kennen gelernt hätte! Ein alter Priester, dem ich sofort die größte Achtung einflößte, als ich ihn nach der wahrheitsliebenden Geschichtsschreiberin der Muttergottes befragte, zeigte mir sogar den Ort, wo sie geschrieben hatte, und versicherte mir, Vater, Mutter, Schwester und alle Anverwandten der seligen Biographin seien lauter sehr große Heilige gewesen. Er sagte mir – und es war wahr, – daß die spanische Regierung in Rom ihre Heiligsprechung zugleich mit der des ehrwürdigen Palafox betreibe. Vielleicht war es diese mystische Stadt, die den Pater Malagrida das notwendige Talent verlieh, um das Leben der heiligen Anna zu schreiben, das ebenfalls vom heiligen Geist ihm diktiert wurde. Aber der arme Teufel von einem Jesuiten mußte dafür das Martyrium erleiden. Ein Grund mehr, um ihm die Heiligsprechung zu verschaffen, falls jemals die schreckliche Gesellschaft wieder auferstehen und zu der Allmacht gelangen sollte, die das geheime Ziel ist, wonach sie strebt.

Nach neun oder zehn Tagen hatte ich kein Geld mehr. Lorenzo verlangte welches von mir. »Ich habe keins!«

»Wo soll ich welches holen?«

»Nirgendwo.«

Was diesem unwissenden, habsüchtigen, schwatzhaften und neugierigen Menschen an mir auffiel, war mein Schweigen und meine Einsilbigkeit.

Am nächsten Tage sagte er mir, das Tribunal bewillige mir täglich fünfzig Soldi; das Geld bleibe in seinen Händen, aber er würde mir jeden Monat Rechenschaft ablegen und den Überschuß nach meinem Wunsch verwenden.

»Du wirst mir wöchentlich zweimal die Leydener Zeitung bringen.«

»Unmöglich! das ist nicht erlaubt.«

Fünfundsiebzig Lire monatlich waren mehr als ich brauchte, da ich nicht mehr essen konnte: die ungeheure Hitze und die durch schlechte Ernährung verursachte Erschöpfung hatten mich ganz entkräftet.

Wir befanden uns in den Hundstagen: die Sonnenstrahlen fielen mit solcher Gewalt auf meinen Kerker, daß ich mich wie in einer Badestube befand. Der Schweiß rann an meinem armen Leibe rechts und links von dem Lehnstuhl, auf dem ich ganz nackt sitzen mußte, auf den Fußboden hinunter.

Seit vierzehn Tagen schmachtete ich in dieser Hölle und hatte noch nicht eine einzige Darmentleerung gehabt. Nach Verlauf dieser fast unglaublichen Zeit verlangte die Natur nach ihrem Recht, und ich glaubte, mein letztes Stündlein sei gekommen. Die Hämorrhoidaladern waren derart angeschwollen, daß ihre Spannung mir unerträgliche stechende Schmerzen verursachte. Ich verdankte diesem traurigen Aufenthalt die Entwicklung des schmerzhaften Leidens, dessen Heilung mir seitdem niemals gelungen ist. Dieselben Schmerzen stellen sich von Zeit zu Zeit wieder ein, wenngleich weniger heftig; sie erinnern mich an die Ursache und tragen nicht dazu bei, mir die Erinnerung an diese Zeit angenehm zu machen. Wenn die Heilkunde uns nicht die Mittel lehrt, um alle Leiden zu heilen, so gibt sie uns dafür sichere Mittel an die Hand, uns Leiden von mehr als einer Art zuzuziehen. Diese Krankheit trug mir in Rußland Komplimente ein; dort legt man so großen Wert auf sie, daß ich mich nicht darüber zu beklagen wagte, als ich mich zehn Jahre später in jenem Lande aufhielt. Ganz ähnliches war mir in Konstantinopel begegnet; als ich einmal einen Schnupfen hatte und in Gegenwart eines Türken darüber klagte, stellte er die Betrachtung an, daß ein Christenhund eines solchen Glückes nicht würdig sei.

Am fünfzehnten Tage befiel mich ein heftiges Fieber, und ich blieb im Bett liegen. Ich sagte Lorenzo nichts davon; als er aber am übernächsten Tage das ganze Essen, das er mir gebracht hatte, unberührt fand, fragte er mich, wie es mir ginge.

»Sehr gut.«

»Das ist nicht möglich, Herr, denn Sie essen nicht. Sie sind krank, und Sie werden die Großmut des Tribunals erkennen, das Ihnen Arzt, Wundarzt und Medizin umsonst besorgen wird.«

Er ging und kam drei Stunden darauf ohne seine Trabanten wieder. Er trug eine Kerze in der Hand, und ihm folgte eine würdevolle Persönlichkeit: der Arzt. Ich lag in der Glut des Fiebers, das mich seit drei Tagen nicht verlassen hatte. Er trat an mein Bett und befragte mich. Ich sagte ihm, mit meinem Beichtvater und mit meinem Arzt spräche ich nur unter vier Augen. Der Doktor sagte zu Lorenzo, er solle hinausgehen, aber der Argus weigerte sich dessen. Nun ging der Arzt, in dem er mir sagte, ich sei in Lebensgefahr. Dies wünschte ich gerade; denn so wie es war, war das Leben nicht das höchste Gut für mich. Übrigens empfand ich eine gewisse Genugtuung in dem Gedanken, daß dadurch meine unbarmherzigen Verfolger vielleicht gezwungen wären, einzusehen, wie unmenschlich und schauderhaft die Behandlung war, mit der sie mich bedachten.

Vier Stunden darauf hörte ich abermals das Geräusch der Riegel, und der Arzt trat wieder ein. Diesmal trug er selber die Kerze und Lorenzo blieb draußen. Ich war so schwach, daß ich meiner Schwäche eine wirkliche Ruhe verdankte. Die wohltätige Natur hat den wirklich kranken Menschen von den Qualen der Langeweile befreit.

Ich war entzückt, daß mein niederträchtiger Kerkermeister draußen blieb; denn seitdem er mir das Halseisen erklärt hatte, verabscheute ich ihn.

Ich brauchte keine Viertelstunde, um den Doktor von allem zu unterrichten.

»Wenn Sie wieder gesund werden wollen,« sagte er zu mir, »dürfen Sie nicht mehr traurig sein.«

»Schreiben Sie das Rezept und tragen Sie es zu dem einzigen Apotheker, der es anfertigen kann. Herr Cavalli ist der schlechte Arzt, der mir das »Herz Jesu« und die »Mystische Stadt« gegeben hat.«

»Es ist sehr wohl möglich, daß Sie diesen beiden Giften das Fieber und die Hämorrhoiden verdanken. Ich werde Sie nicht verlassen.«

Er ging erst, nachdem er eigenhändig eine sehr schwache Limonade zubereitet hatte, von der er mich aufforderte, recht oft zu trinken. Ich verbrachte die Nacht in halber Betäubung und träumte von tausend mystischen Dummheiten.

Am nächsten Morgen kam er wieder mit Lorenzo und einem Wundarzt, der mir die Ader schlug. Er gab mir eine Flasche Fleischbrühe und eine Arznei, die ich am Abend einnehmen sollte.

»Ich habe die Erlaubnis erhalten,« sagte er mir, »Sie in den Dachraum bringen zu lassen, wo die Hitze weniger stark und die Luft nicht so stickig ist wie hier.«

»Ich verzichte auf diese Gnade, denn ich verabscheue diese Ratten, die Sie nicht kennen und die gewiß in mein Bett kommen würden.«

»Welches Elend! Ich habe Herrn Cavalli gesagt, daß er Sie mit seinen Büchern beinahe getötet hätte; er hat mich beauftragt, sie ihm zurückzubringen und Ihnen dafür den Boëtius zu geben. Hier ist er.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür; er ist besser als Seneca: er wird mir wohltun.«

»Ich lasse Ihnen Gerstenwasser hier und ein sehr notwendiges Instrument; sehen Sie zu, daß Sie wieder gesund werden.«

Er machte mir vier Besuche und brachte mich glücklich durch. Mein Temperament tat das übrige, und bald kehrte der Appetit zurück. Zu Anfang des September befand ich mich vollständig wohl; mich quälten keine anderen leiblichen Leiden als die fürchterliche Hitze, das Ungeziefer und die Langeweile – denn ich konnte nicht fortwährend Boetius lesen.

Eines Tages sagte Lorenzo zu mir, ich hätte die Erlaubnis, meinen Kerker zu verlassen, um mich draußen zu waschen, während man mein Bett machte und ausfegte. Ich benutzte diesen Gnadenbeweis, um während der zehn Minuten, die das Aufräumen dauerte, mir Bewegung zu machen. Da ich sehr schnell hin und her lief, hatten die Ratten Angst und wagten sich nicht zu zeigen. An demselben Tage legte Lorenzo mir Rechenschaft über mein Geld ab; er war mir dreißig Lire schuldig, die ich leider nicht in die Tasche stecken durfte. Ich ließ sie ihm, indem ich ihm sagte, er solle dafür Messen für mich lesen lassen. Ich war überzeugt, daß er einen ganz anderen Gebrauch davon machen würde, und er dankte mir in einem Tone der Befriedigung, dem ich entnahm, daß er selber der Priester sein würde. Ebenso machte ich es jeden Monat, und ich habe niemals eine Quittung von einem Meßprediger gelesen. Lorenzo hatte Recht, daß er das Opfer in der Schenke vornahm; so hatte das Geld doch für einen Nutzen.

Ich lebte so in den Tag hinein. Jeden Abend tröstete ich mich mit der Hoffnung, daß man mir am nächsten Tage meine Freiheit wiedergeben würde. Als ich mich jeden Tag in meiner Erwartung getäuscht sah, kam mein armer Kopf auf den Gedanken, es werde unfehlbar am ersten Oktober geschehen. An diesem Tage begann nämlich die Herrschaft der neuen Inquisitoren. Nach dieser schönen Berechnung mußte meine Haft bis zum Abgang der gegenwärtigen Inquisitoren dauern: aus diesem Grunde hatte ich niemals den Sekretär gesehen, der sonst ohne Zweifel mich besucht hätte, um mich zu verhören, auszuforschen, meiner Verbrechen zu überführen und schließlich mir mein Urteil zu verkünden. Gegen dies alles schien mir kein Einwand möglich, weil alles natürlich war; aber dieser Schluß war falsch unter den Bleidächern, wo nichts nach der natürlichen Beobachtung vor sich geht. Ich bildete mir ein, die Inquisitoren müßten meine Unschuld und ihre Ungerechtigkeit eingesehen haben und behielten mich nur noch der Form wegen im Gefängnis, um nicht ihren Ruf durch den Makel der Ungerechtigkeit zu beflecken. Infolgedessen zog ich den Schluß, sie würden mir die Freiheit wieder geben in dem Augenblick, wo sie das Zepter ihrer unerhörten Gewalt niederlegten. Mein Geist befand sich in einem Zustande so vollkommener Ruhe, daß ich mich imstande fühlte, ihnen zu verzeihen und die Beleidigung zu vergessen, die sie mir angetan hatten. Wie könnten wohl die Herren, so sagte ich zu mir, mich hier der Gnade ihrer Nachfolger überlassen, denen sie doch nichts Genügendes vorlegen könnten, um meine Verurteilung zu rechtfertigen? Ich fand es unmöglich, daß man mich hätte verurteilen und meinen Urteilsspruch hätte ausfertigen können, ohne mir ihn mitzuteilen, ohne mir auch nur den Grund meiner Haft anzugeben. Mein gutes Recht erschien mir unbestreitbar. Dementsprechend zog ich meine Folgerungen; aber ich hätte mich nicht auf die Gründe der Vernunft stützen dürfen, einem Tribunal gegenüber, das sich von allen Tribunalen der Erde durch Willkür und Eigenmächtigkeit unterscheidet. Es genügt, daß die Inquisitoren gegen irgend jemand ein Verfahren einleiten. Damit ist er schon schuldig, und wozu braucht man dann erst mit ihm zu sprechen? Und wenn man ihn verurteilt hat, wozu braucht man ihm sein Urteil verkünden? Seine Einwilligung ist nicht notwendig. Und so denken sie, es sei besser, einem Unglücklichen die Hoffnung zu überlassen; denn selbst wenn man ihm alles sagte, würde er darum nicht eine Stunde früher aus dem Gefängnis herauskommen.

Wer weise ist, läßt sich in seine Angelegenheiten von anderen nicht hineinreden, und die Angelegenheiten des Tribunals von Venedig sind Richten und Verurteilen. Der Schuldige ist eine Maschine, die sich nicht in ihre Angelegenheiten zu mischen braucht, um daran mitzuwirken. Er ist ein Nagel, den man nur auf den Kopf zu schlagen braucht, um ihn in die Mauer zu treiben.

Ich kannte zum Teil die Gebräuche des Kolosses, unter dessen Füßen ich lag; aber es gibt auf der Erde Dinge, die man nicht eher gut kennen kann, als bis man sie in eigener Erfahrung durchgemacht hat. Wenn unter meinen Lesern jemand ist, dem diese Regeln ungerecht erscheinen, so nehme ich ihn. das nicht übel; denn ich weiß, daß es allerdings vollkommen so aussieht. Aber er wolle mir gestatten, ihm zu sagen, daß diese Regeln als Teil der Staatsverfassung notwendig sind, weil ein Tribunal dieser Art nur durch sie bestehen kann. Die Aufrechterhalter sind Senatoren, die unter den geeignetsten ausgewählt werden und im Rufe stehen, tugendhafte Männer zu sein.

Am letzten September verbrachte ich eine schlaflose Nacht; ich war entsetzlich ungeduldig, den neuen Tag erscheinen zu sehen, so sicher fühlte ich mich, daß ich an diesem Tage wieder meine Freiheit erlangen würde. Die Herrschaft der Schurken, die mich ihrer beraubt hatten, ging zu Ende; aber der Tag erschien, Lorenzo kam wie gewöhnlich und meldete mir nichts neues. Fünf oder sechs Tage lang war ich in Wut und Verzweiflung. Dann bildete ich mir ein, man wolle aus Gründen, die ich unmöglich ahnen könnte, mich auf Lebenszeit einsperren. Über diese scheußliche Idee mußte ich lachen, denn ich fühlte, daß ich nur noch sehr kurze Zeit Sklave zu bleiben brauchte, sobald ich beschlossen hätte, meiner Haft, wäre es auch mit Gefahr meines Lebens, ein Ende zu machen. Ich wußte, daß es mir gelingen würde, zu entfliehen oder den Tod zu finden.

Zu Anfang November faßte ich ernstlich den Plan, mich gewaltsam aus einem Orte zu entfernen, wo man mich widerrechtlich festhielt, und dieser Plan wurde mein einziger Gedanke. Zunächst zerbrach ich mir den Kopf, um ein Mittel zu finden, wie ich meinen Plan ausführen könnte. Ich dachte mir wohl hundert aus, von denen eins immer kühner war als das andere; aber immer wieder tauchte ein neuer Plan auf, und ich verwarf wieder den, welchem ich zuletzt den Vorzug gegeben hatte.

Während dieser mühevollen Arbeit meiner Einbildungskraft trat ein eigentümliches Ereignis ein, das mir zum Bewußtsein brachte, in welchem traurigen Zustande mein Geist sich befand.

Ich stand in der Dachkammer und blickte nach oben nach der Dachluke und dem darunter befindlichen dicken Balken. Plötzlich sah ich diesen Balken schwanken oder vielmehr sich nach seiner rechten Seite drehen und dann langsam und gleichmäßig wieder in die alte Stellung zurückkehren. Da ich zugleich mein Gleichgewicht verlor, so erkannte ich, daß es ein Stoß von einem Erdbeben war. Lorenzo und die Sbirren, die in diesem Augenblick aus dem Kerker herauskamen, sagten mir, sie hätten gleichfalls eine schwankende Bewegung verspürt. Meine Stimmung war so, daß dieses Ereignis mich in eine freudige Stimmung versetzte, die ich aber in mir verschloß, ohne ein Wort zu sagen. Vier oder fünf Sekunden darauf wiederholte sich die gleiche Bewegung, und ich rief unwillkürlich: un utra! un altra, gran Dio! ma piu forte! – Noch einen! Noch einen, aber stärker! Die Sbirren entflohen entsetzt über diese vermeintliche Ruchlosigkeit eines verzweifelten Wahnsinnigen.

Als sie fort waren, dachte ich über mich selber nach und fand, daß ich es zu den Möglichkeiten rechnete, ich könnte meine Freiheit wieder erlangen, indem der große Palast einstürzte: Das Riesengebäude mußte zusammenbrechen, und ich mußte heil und gesund und folglich frei auf dem Markusplatze anlangen, wo ich schlimmstenfalls unter ungeheuren Trümmermassen begraben worden wäre. In einer Lage wie die, worin ich mich befand, zählt man die Freiheit für alles und das Leben für nichts oder doch für sehr wenig. Im Grunde war ich bereits auf dem Wege, wahnsinnig zu werden. Dieses Erdbeben hing mit dem großen Erdbeben zusammen, wodurch zu gleicher Zeit Lissabon zerstört wurde.

  1. Dieser Frauenname ist sehr rätselhaft; man möchte meinen, daß die Schenkerin des Manuskripts doch wohl nur M. M. sein könnte. Vielleicht war Matilda der Name, den sie in der Welt getragen hatte. Jedenfalls hieß sie im Kloster Maria Magdalena; dies steht durch das Zeugnis Bartholds, der in der Original-Handschrift die durchstrichenen, aber noch deutlich lesbaren Namen gesehen hat, unzweifelhaft fest.

Neunundzwanzigstes Kapitel


Verschiedene Zwischenfälle. – Haftgenossen. – Vorbereitungen zur Flucht. – Überführung in einen anderen Kerker.

Damit der Leser meine Flucht aus den Bleikammern begreifen kann, muß ich ihn mit der Örtlichkeit bekannt machen. Die Bleikammern, die als Gefängnisse für die Staatsverbrecher dienen, sind weiter nichts als die Dachkammern des großen Palastes, und die Gefängnisse haben ihren Namen von den großen Bleiplatten, mit denen der Palast gedeckt ist. Man kann zu ihnen nur durch die Eingangstüren des Palastes oder durch das Gefangenenhaus oder endlich über die von mir bereits erwähnte Brücke, die sogenannte Seufzerbrücke, gelangen. Der Weg zu ihnen geht nur durch den Saal, worin die Staatsinquisitoren sich versammeln, und nur der Sekretär hat den Schlüssel dazu, den er dem Schließer nur für die kurze Zeit anvertraut, die dieser braucht, um morgens in aller Frühe die Gefangenen zu bedienen. Diese Bedienung findet bei Tagesanbruch statt, weil späterhin die Gefängnisknechte beim Kommen und Gehen zu sehr von den Leuten gesehen werden würden, die mit den Mitgliedern des Rates der Zehn zu tun haben. Dieser Rat versammelt sich nämlich jeden Tag in einem anstoßenden Saal, der sogenannten Bussola, und durch diesen Saal müssen die Wächter jedesmal hindurchgehen, wenn sie nach den Bleikammern wollen.

Die Gefängnisse liegen verteilt in den Dachstühlen von zwei Fassaden des Palastes. Drei liegen nach Westen – dazu gehört auch das meinige – und vier nach Osten. Die Dachrinne der westlichen Seite führt in den Hof des Palastes; die andere führt senkrecht in den Kanal, den man Rio di Palazzo nennt. Die Gefängnisse dieser Seite sind sehr hell, und man kann in ihnen aufrecht stehen; dies ist nicht der Fall in dem Gefängnis, worin ich mich befand und das man la trave nennt, nach dem riesigen Balken, der mich des Lichtes beraubte. Der Fußboden meines Gefängnisses lag unmittelbar über der Decke des Saales der Inquisitoren, die sich dort gewöhnlich nur nachts versammeln, unmittelbar nach der täglichen Sitzung der Zehn, dessen Mitglieder sie alle drei sind.

Ich kannte genau die Örtlichkeit und die stets sich gleichbleibenden Gewohnheiten der Inquisitoren. Das einzige Mittel zur Flucht oder wenigstens das einzige, wovon ich mir Erfolg versprach, war die Durchbohrung des Fußbodens meines Gefängnisses. Aber dazu waren Werkzeuge nötig, und das war eine schwierige Sache an einem Ort, wo jeder Verkehr mit der Außenwelt verboten war, wo man weder Besuche noch Briefwechsel mit irgend einem anderen Menschen erlaubte. Um einen Sbirren zu bestechen, hätte ich viel Geld haben müssen, und ich besaß nichts. Angenommen auch, der Schließer und die beiden Gefängnisknechte hätten sich gutwillig erwürgen lassen – denn ich hatte keine andere Waffe als meine Hände – so stand ein dritter Wächter stets vor der Korridortür Wache. Er hielt diese verschlossen und öffnete sie nur, wenn der Kamerad, der heraus wollte, ihm das Losungswort gab. Trotz allen Hindernissen beschäftigte ich mich doch nur noch mit dem Gedanken an meine Flucht, und da ich im Boëtius kein Mittel dazu fand, so las ich diesen nicht mehr. Ich war überzeugt, daß ich ein solches Mittel nur durch Nachdenken finden könnte, und deshalb erlaubte ich mir nicht den geringsten Gedanken, der sich nicht darauf bezog.

Ich bin stets der Meinung gewesen, daß jemand, der es sich in den Kopf setzt, etwas zu erreichen, und der sich nur mit der Verfolgung dieses Planes beschäftigt, seinen Zweck erreichen muß, trotz allen Schwierigkeiten; dieser Mensch wird Großvezier oder Papst werden, oder er wird eine Monarchie umstürzen, vorausgesetzt, daß er zur rechten Zeit anfängt und daß er die erforderliche Klugheit und Ausdauer besitzt: denn das Glück verachtet das Alter; ohne Hilfe des Glücks kann man nichts hoffen, und darum bringen alte Leute es zu nichts mehr. Man muß, um Erfolg zu haben, auf sein Glück rechnen und über Fehlschläge sich hinwegsetzen; dies ist aber eine der schwierigsten politischen Berechnungen.

Gegen Mitte November sagte Lorenzo zu mir, Messer-Grande habe einen neuen Gefangenen; der neue Sekretär, Herr Businello, habe ihm befohlen, ihn in den schlechtesten Kerker zu bringen, folglich werde er ihn zu mir bringen. Er versicherte mir, er habe ihm vorgestellt, daß ich es für eine Gnade betrachtet hätte, ein Gefängnis für mich allein zu haben. Der Sekretär hätte ihm geantwortet, ich würde doch wohl in den vier Monaten vernünftiger geworden sein. Diese Nachricht war mir nicht zuwider; noch weniger war es mir unangenehm, von dem Wechsel des Sekretärs zu hören. Dieser Pietro Businello war ein braver Mann, den ich in Paris kennen gelernt hatte, als er als Ministerresident der Republik nach London ging.

Am Nachmittag hörte ich die Riegel kreischen. Lorenzo kam mit zwei Sbirren und brachte einen jungen Menschen, der ganz in Tränen aufgelöst war. Er nahm ihm die Handschellen ab, schloß die Tür wieder zu und ging, ohne ihm ein Wort zu sagen. Ich lag auf meinem Bett, wo er mich nicht sehen konnte. Seine Überraschung machte mir Spaß. Da er das Glück hatte, sieben oder acht Zoll kleiner zu sein als ich, konnte er aufrecht stehen. Zunächst betrachtete er meinen Lehnstuhl, den er ohne Zweifel zu seinem eigenen Gebrauch bestimmt glaubte. Dann sah er auf der Fensterbrüstung den Boëtius liegen; er nahm das Buch, öffnete es und warf es in einer Art von Verdruß wieder hin – jedenfalls, weil es lateinisch geschrieben war und ihm daher nichts nützen konnte. Nun setzte er die Untersuchung des Kerkers fort: er wandte sich nach links, tastete sich an der Wand entlang und war sehr überrascht, als er Kleider fand. Er kam an den Alkoven, streckte die Hand aus, berührte mich und bat ehrerbietig um Verzeihung. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen, und damit war unsere Bekanntschaft gemacht.

»Wer sind Sie?“

»Ich heiße Maggiorino und bin aus Vincenza. Mein Vater ist Kutscher im Hause Poggiana; er ließ mich bis zum elften Jahre in die Schule gehen, wo ich lesen und schreiben lernte; hierauf war ich fünf Jahre lang Lehrling bei einem Friseur und habe dieses Handwerk gut gelernt. Dann kam ich als Kammerdiener zum Grafen X. Seit zwei Jahren diente ich bei diesem Herrn, als seine einzige Tochter aus dem Kloster nach Hause kam. Man beauftragte mich, sie zu frisieren. Mit der Zeit verliebte ich mich in sie und flößte auch ihr eine Leidenschaft ein, die ebensogroß war wie die meinige.

Nachdem wir uns hundertmal geschworen hatten, stets nur einander angehören zu wollen, geben wir dem gebieterischen Bedürfnis nach, uns gegenseitig unsere Zärtlichkeit zu beweisen. Die Folge war, daß bald der Zustand der jungen Gräfin unsere Verbindung verriet. Eine Dienerin des Hauses, eine fromme alte Person, entdeckte zuerst unser Einverständnis und den Zustand meiner Geliebten. Sie sagte ihr daher, sie müsse es ihrem Vater melden, aber es gelang meiner jungen Freundin, sie zum Schweigen zu bewegen, indem sie ihr die Versicherung gab, sie selber werde in der nächsten Woche ihm alles durch ihren Beichtvater sagen lassen. Sie teilte mir dies alles mit, und anstatt zur Beichte zu gehen, trafen wir unsere Vorbereitungen zur Flucht. Sie bemächtigte sich einer ansehnlichen Summe Geldes und einiger Diamanten, die ihrer verstorbenen Mutter gehört hatten, und heute Nacht sollten wir nach Mailand fahren. Aber gestern nach dem Essen wurde ich zum Grafen gerufen; er gab mir einen Brief und sagte mir, ich müßte sofort nach Venedig abreisen und diesen Brief an die Person, an die er adressiert sei, zu eigenen Händen abgeben. Er sprach so ruhig und gütig mit mir, daß ich nicht den geringsten Verdacht schöpfen konnte, was für ein Schicksal er mir zugedacht hatte. Ich holte meinen Mantel und nahm nur noch schnell von meiner kleinen Frau Abschied, indem ich ihr versicherte, ich werde bald wieder zurück sein. Sie war scharfsichtiger als ich, oder hatte sie auch nur ein Vorgefühl von meinem Unglück – genug, ihr wurde unwohl. Ich reiste in aller Hast nach Venedig und beeilte mich, den verhängnisvollen Brief zu bestellen. Man ließ mich auf die Antwort warten, und sobald ich sie erhalten hatte, ging ich in eine Schenke, um etwas zu mir zu nehmen. Ich wollte sofort wieder abreisen, um wieder bei meiner lieben Frau zu sein. Aber als ich aus der Kneipe herauskam, verhaftete man mich und brachte mich auf die Wache; dort behielt man mich bis zum Augenblick, wo man mich hierher brachte. Ich glaube, Herr, ich kann doch wohl die junge Gräfin als meine Frau betrachten.«

»Sie irren sich.«

»Aber die Natur . . .«

»Die Natur verleitet den Menschen, der nur auf sie hört, nur dazu, Dummheiten zu machen, bis man ihn unter die Bleidächer steckt.«

»Ich bin also unter den Bleidächern?«

»Wie ich.«

Der arme junge Mensch weinte bitterlich. Er war ein sehr hübscher Bursche, aufrichtig, anständig und über alle Maßen verliebt. Ich verzieh innerlich der Gräfin und verurteilte sehr entschieden ihren Vater, den Grafen, daß er seine Tochter der Versuchung des Verkehrs mit einem hübschen und sinnlichen jungen Menschen ausgesetzt hatte. Ein Schäfer, der den Wolf in seine Hürde einläßt, darf sich nicht beklagen, wenn seiner Herde Schaden geschieht. Seine Tränen und Klagen galten nicht ihm selber. Alle seine Gefühle gehörten nur seiner Freundin. Er glaubte, der Schließer werde wiederkommen, um ihm ein Bett und etwas zu essen zu bringen; ich benahm ihm diesen Irrtum und bot ihm von meinen Vorräten an. Ihm war das Herz so schwer, daß er nichts essen konnte. Am Abend gab ich ihm meinen Strohsack, und auf diesem verbrachte er die Nacht; denn obwohl er augenscheinlich sauber war, wollte ich ihn nicht mit mir zusammen schlafen lassen, weil ich die Wirkungen der Träume eines Verliebten fürchtete. Er sah seine Schuld nicht ein und begriff auch nicht, warum der Graf das Bedürfnis haben konnte, ihn öffentlich bestrafen zu lassen, um die Ehre seiner Tochter und seiner Familie dadurch zu retten. Am nächsten Tage brachte man ihm einen Strohsack und ein Essen für fünfzehn Soldi, die das Tribunal ihm aus Gnade oder Barmherzigkeit zukommen ließ; denn das Wort Gerechtigkeit war offenbar der Wirksamkeit dieser abscheulichen Behörde fremd. Ich sagte dem Schließer, mein Essen würde für uns beide genügen und er könnte das für den jungen Menschen bewilligte Geld darauf verwenden, für ihn auf seine Art Messen lesen zu lassen. Dies übernahm er gern. Nachdem er ihm Glück gewünscht hatte, daß er zu mir gekommen wäre, sagte er uns, wir könnten uns eine halbe Stunde lang in der Dachkammer Bewegung machen. Ich fand diesen Spaziergang ausgezeichnet für meine Gesundheit und für meinen Fluchtplan, den ich erst elf Monate später zur Ausführung bringen konnte. An dem einen Ende dieses Tummelplatzes der Ratten sah ich einen Haufen von alten Möbeln, die rechts und links von zwei großen Kisten auf den Fußboden geworfen waren; hinter ihnen lag ein großer Haufen von Papieren, die zu Heften zusammengenäht waren. Ich nahm ein Dutzend von diesen Heften an mich und sah, daß es Akten von Kriminalprozessen waren.

Ich fand ihre Lektüre sehr unterhaltend ; denn es war mir erlaubt zu lesen, was man sicherlich seinerzeit sehr geheim gehalten hatte. Ich las eigentümliche Antworten auf verfängliche Fragen; die Akten betrafen Verführungen von Jungfrauen, zu weit getriebene Zärtlichkeiten von Vorstehern von Mädchenerziehungsanstalten, Verfehlungen von Beichtvätern gegen ihre Beichtkinder, päderastischen Verkehr von Schullehrern mit ihren Zöglingen, Unterschlagungen und Betrügereien von Vormündern. Einige von diesen Prozessen waren zwei- oder dreihundert Jahre alt; der altväterische Stil und die eigentümlichen Gebräuche jener Vorzeit unterhielten mich stundenlang. Unter den Möbeln, die auf der Erde lagen, sah ich einen Bettwärmer, eine Wärmflasche, eine Feuerschaufel und Feuerzange, alte Leuchter, irdene Töpfe und sogar eine Klistierspritze. Ich dachte mir, es müßte irgendein vornehmer Gefangener durch die Erlaubnis bevorzugt worden sein, alle diese Gegenstände benützen zu dürfen. Am meisten von allem aber interessierte mich ein ganz gerader, daumendicker, anderthalb Fuß langer eiserner Riegel. Ich rührte nichts an; denn meine Pläne waren noch nicht reif genug, um eine bestimmte Richtung anzunehmen.

Eines Morgens gegen Ende des Monats holte man meinen Kameraden ab, und Lorenzo sagte mir, er sei in die Gefängnisse gebracht worden, die man i quattro nennt. Diese Gefängnisse befinden sich innerhalb des gewöhnlichen Gefangenenhauses und gehören den Staatsinquisitoren. Die dort eingesperrten Gefangenen haben das Vorrecht, den Schließer rufen zu dürfen, wenn sie etwas brauchen. Sie sind dunkel, aber es ist eine Öllampe vorhanden, um den Gefangenen Licht zu spenden. Feuersgefahr fürchtet man nicht, denn alles ist aus Marmor. Ich habe lange nachher erfahren, daß der arme Maggiorino in diesem Gefängnis fünf Jahre zubrachte und daß er von dort auf zehn Jahre nach Cerigo geschickt wurde. Ob er von dort jemals wieder freigekommen ist, weiß ich nicht. Er hatte mir gute Gesellschaft geleistet, und ich bemerkte dies, sobald er fort war, denn ich verfiel sogleich wieder in meine Traurigkeit. Ich hatte das Glück, daß man mir den bewilligten halbstündigen Spaziergang in der Dachkammer nicht wieder entzog. Ich machte mich nun daran, mir alle darin befindlichen Gegenstände aufmerksamer zu betrachten. Die eine von den beiden Kisten war ganz voll von schönem Schreib- und Zeichenpapier, von ungeschnittenen Federn und Bindfadenknäueln; die andere war zugenagelt. Ein Stück geglätteten schwarzen Marmors, einen Zoll dick, sechs Zoll lang und drei Zoll breit, lenkte meine Blicke auf sich; ich nahm es an mich, obgleich ich noch nicht wußte, was ich damit machen sollte, und versteckte es sorgfältig in meinem Kerker unter meinen Hemden.

Acht Tage nach Maggiorinos Verschwinden sagte Lorenzo zu mir, ich würde allem Anschein nach bald wieder Gesellschaft haben. Der Mann war im Grunde nur ein Schwätzer, und es machte ihn ungeduldig, als er sah, daß ich niemals eine Frage an ihn richtete. Eigentlich hätte ihn das nicht ungeduldig machen dürfen, aber wo fände man wohl Menschen von ganz vollendeter Niederträchtigkeit? Es gibt allerdings welche, aber glücklicherweise sehr wenige, und diese muß man nicht in den niedrigen Klassen suchen. Da es meinem Kerkermeister durchaus nicht gelingen wollte, durch seine Zurückhaltung zu glänzen, bildete er sich ein, ich fragte ihn nur deshalb niemals, weil ich glaubte, er wüßte nichts. Dies stachelte seine Eitelkeit: um mir zu beweisen, daß ich mich irrte, fing er an zu schwätzen, ohne daß ich ihn fragte. So sagte er denn:

»Ich glaube, Herr, Sie werden oft Besuche haben, denn jedes der anderen sechs Gefängnisse enthält bereits zwei Personen, die man nicht in die Quattro schicken kann.« Da ich ihm nicht antwortete, fuhr er nach einigen Augenblicken fort: »In die Quattro bringt man bunt durcheinander alle möglichen Leute, die zu einer ihnen unbekannten Strafe verurteilt worden sind. Die Gefangenen, die wie Sie in den Bleikammern unter meiner Obhut stehen, sind lauter Leute von der höchsten Auszeichnung und werden nur wegen Sachen bestraft, von denen die Neugierigen nichts erfahren sollen. Wenn Sie wüßten, Herr, welche Schicksalsgenossen Sie haben! Sie würden sich wundern, denn man sagt Ihnen mit Recht nach, daß Sie ein kluger Herr sind… aber Sie werden mir verzeihen… Sie wissen wohl, alle Klugheit nützt einem nichts, wenn man hier oben ist… Sie verstehen mich wohl… fünfzig Soldi täglich, das ist schon was… ein venetianischer Bürger bekommt drei Lire, ein Edelmann vier und ein ausländischer Graf acht. Ich muß das wohl wissen, denke ich, denn alles geht durch meine Hand.«

Nun fing er an und sang sein eigenes Lob, und zwar in lauter Negativen: »Ich bin kein Dieb, kein Verräter, kein Lügner; ich bin nicht habgierig, nicht boshaft, nicht brutal wie alle meine Vorgänger, und wenn ich einen Schoppen zuviel getrunken habe, werde ich nur immer besser. Wenn mein Vater mich in die Schule geschickt hätte, so würde ich lesen und schreiben gelernt haben, und ich wäre vielleicht heute Messer-Grande; aber das ist nicht meine Schuld. Herr Andrea Diedo schätzt mich und meine Frau, die erst vierundzwanzig Jahre alt ist und die jeden Tag das Essen für Sie kocht, besucht ihn, wann sie will, und er läßt sie ohne Umstände eintreten, selbst wenn er im Bett liegt – eine Huld, die er keinem Senator erweist. Ich verspreche Ihnen, Sie sollen alle neuen Ankömmlinge erhalten; aber es ist immer nur für kurze Zeit; denn sobald der Sekretär aus ihrem eigenen Munde alles Wissenswerte vernommen hat, schickt er sie an ihren Bestimmungsort: in die Quattro, in irgend ein Fort oder nach der Levante. Wenn es Ausländer sind, bringt man sie über die Grenze; denn die Regierung glaubt nicht das Recht zu haben, über die Untertanen eines anderen Fürsten zu bestimmen, es wäre denn, daß sie in Diensten der Republik ständen. Die Milde des Tribunals ist ohnegleichen; es gibt auf der Welt kein Gericht, das seinen Gefangenen mehr Annehmlichkeiten gewährt. Man findet es grausam, daß das Tribunal nicht erlauben will, zu schreiben oder Besuche zu empfangen, aber das ist Unsinn, denn mit Schreiben und Besuch empfangen verliert man nur seine Zeit. Sie werden mir sagen, Sie hätten ja nichts zu tun; aber das können wir anderen nicht von uns sagen.“

So lautete ungefähr die erste Ansprache, womit der Halunke mich beehrte, und ich muß gestehen, er amüsierte mich. Ich sah, daß der Mensch, wenn er ein bißchen weniger dumm gewesen wäre, sicherlich viel boshafter gewesen wäre. Ich beschloß, mir seine Dummheit zunutze zu machen.

Am anderen Tage führte man mir einen neuen Genossen zu, den man am ersten Tage genau so behandelte, wie man Maggiorino behandelt hatte. Ich merkte nun, daß ich mir einen zweiten Elfenbeinlöffel kaufen lassen mußte; denn da der neu Angekommene am ersten Tage nichts erhielt, so mußte ich die Honneurs des Hauses machen.

Mein neuer Gefährte machte mir eine tiefe Verbeugung, denn durch meinen Bart, der bereits vier Zoll lang war, wirkte ich noch imponierender als durch meinen Wuchs. Lorenzo lieh mir oft eine Schere, um mir die Nägel zu schneiden, aber es war ihm bei strenger Strafe verboten, mich meinen Bart berühren zu lassen. Den Grund davon weiß ich nicht; aber ich hatte mich schließlich an meinen Bart gewöhnt, wie man sich an alles gewöhnt.

Der Neue war ein Mann von fünfzig Jahren, ungefähr von meinem Wuchs, ein wenig gebeugt und mager. Er hatte einen großen Mund und schlechte Zähne; unter zwei dicken roten Augenbrauen sahen kleine graue Augen hervor, was ihm das Aussehen einer Eule gab. Der Eindruck wurde vervollständigt durch eine kleine Perücke von schwarzem Roßhaar, die einen sehr unangenehmen Ölgeruch verbreitete, und durch einen Rock von dickem grauen Tuch. Mein Essen nahm er an; aber er war zurückhaltend und sagte mir den ganzen Tag kein Wort. Ich machte es wie er und schwieg; denn ich war überzeugt, daß er bald die Sprache wiederfinden würde: dies war denn auch schon am nächsten Tage der Fall.

Man brachte ihm in aller Frühe ein Bett, das ihm gehörte, und eine Handtasche voll Wäsche. Der Schließer fragte ihn, wie er mich gefragt hatte, was er essen wolle, und verlangte Geld, um es zu bezahlen.

„Ich habe kein Geld.“

„Was? ein reicher Knopf wie Sie hat kein Geld?“

»Ich habe keinen Soldo.«

»Schön, da werde ich Ihnen Schwarzbrot und Wasser bringen. So gehört es sich.«

Er ging und brachte gleich darauf anderthalb Pfund Schwarzbrot und einen Krug Wasser, stellte alles neben den Gefangenen, ging und schloß die Tür wieder zu.

Als ich mit dem Gespenst wieder allein war, hörte ich ihn seufzen; ein mitleidiges Gefühl kam über mich, und ich brach das Schweigen: »Seufzen Sie nicht, mein Herr, Sie werden mit mir speisen; aber mir dünkt, Sie haben einen großen Fehler begangen, daß Sie ohne Geld hierhergekommen sind.«

»Ich habe wohl welches, aber so etwas muß man diesen Harpyien nicht sagen.«

»Schöne Klugheit, die Sie zu Wasser und Brot verurteilt! Kennen Sie den Grund ihrer Verhaftung?«

»Jawohl ich kenne ihn und werde Ihnen in kurzen Worten meine Geschichte erzählen:

Ich heiße Squaldo Nobili. Mein Vater war ein Bauer. Er ließ mich lesen und schreiben lernen und vererbte mir bei seinem Tode sein Häuschen und das bißchen Land, das dazu gehörte. Ich stamme aus dem Friaul; mein Dorf ist eine Tagereise von Udine entfernt. Ein Wildbach, der Corno, verwüstete oft meine kleine Besitzung; dies brachte mich zu dem Entschluß, sie zu verkaufen und mich in Venedig niederzulassen. Dies geschah vor zehn Jahren. Ich bekam für meinen Besitz 8000 Lire in schönen Zechinen, und da ich wußte, daß in unserer glücklichen Republik jedermann einer anständigen Freiheit genießt, so war ich überzeugt, ich könnte es zu einem kleinen Wohlstand bringen, indem ich mein Kapital nutzbar machte. Ich fing nun an, auf Pfänder auszuleihen. Da ich wußte, daß ich sparsam, gescheit und geschäftsgewandt bin, so entschloß ich mich gerade zu diesem Gewerbe. Ich mietete ein Häuschen in der Nähe des großen Kanals und richtete es ein. Hier lebte ich allein und sehr ruhig und fand mich nach Verlauf von zwei Jahren im Besitz von zehntausend Lire außer meinem Kapital, obwohl ich gut gelebt und nicht weniger als zweitausend für meine Bedürfnisse ausgegeben hatte. Ich sah mich nun auf gutem Wege, um mit der Zeit ein anständiges Vermögen zu erwerben, wenn ich so fortführe. Eines Tages hatte ich einem Juden zwei Zechinen auf mehrere Bücher geliehen, und unter diesen fand ich eines, das »Die Weisheit des Charon« betitelt war. Ich bemerkte nun, wie glücklich man ist, wenn man lesen kann; denn dieses Buch, das Sie vielleicht nicht kennen, ist ganz allein so viel wert wie alle anderen Bücher, denn es enthält alles, was der Mensch zu wissen braucht. Es benimmt ihm alle Vorurteile, die er in der Kindheit angenommen hat. Kennt man Charon, so gibt es keine Hölle mehr und kein Schreckbild eines künftigen Lebens; man öffnet die Augen, man erkennt den Weg zum Glück, man ist weise. Verschaffen Sie sich dieses Buch zum Lesen, und lachen Sie die Dummköpfe aus, die Ihnen sagen, daß dieser Schatz verboten sei!«

Als ich diese eigentümliche Rede gehört hatte, wußte ich, woran ich mit dem Manne war. Den Charon hatte ich gelesen, aber es war mir unbekannt, daß er ins Italienische übersetzt war. Charon war ein großer Bewunderer von Montaigne; er glaubte sein Vorbild noch zu übertreffen, aber seine Bemühung war vergebens. Er hat mehrere Themata, die bei dem großen Philosophen regellos durcheinander geworfen sind, methodisch behandelt; aber als Priester und Theologe verdiente Charon die Verurteilung, die ihn traf. Er ist übrigens nicht viel gelesen worden, trotz dem Verbot, das für ihn hätte wirken müssen. Charon war so anmaßend, seinem Buch denselben Titel zu geben, wie dem biblischen Buche Salomonis; dies spricht nicht zugunsten seiner Bescheidenheit. Mein Gesellschafter fuhr folgendermaßen fort:

»Charon befreite mich von den Gewissensbedenken, die ich bis dahin noch gehabt hatte, und von den falschen Vorstellungen, die man nur mit großer Mühe abstreift. Ich betrieb nun mein Geschäft so, daß ich mich in sechs Jahren im Besitze von zehntausend Zechinen sah. Sie dürfen sich hierüber nicht wundern, denn in dieser reichen Stadt bringen Spiel, Ausschweifung und Müßiggang alle Welt in unordentliche Vermögensverhältnisse. Es herrscht ein beständiger Geldmangel, und was die Narren verschwenden, benutzen die Klugen zu ihrem Vorteil.

Vor drei Jahren bat ein Graf Serimano mich, fünfhundert Zechinen von ihm anzunehmen, sie in meinem Geschäft zu verwenden und ihm die Hälfte des Gewinnes zu geben, den ich mit dieser Summe erzielen würde. Er verlangte nur eine einfache Quittung, durch die ich mich verpflichtete, ihm auf sein Verlangen die gleiche Summe zurückzugeben. Nach einem Jahre gab ich ihm fünfundsiebzig Zechinen, was einer Verzinsung von fünfzehn aufs Hundert gleichkommt. Er gab mir eine Quittung darüber, zeigte sich aber unzufrieden. Er hatte unrecht; denn da es mir nicht an Geld fehlte, hatte ich mich des seinigen nicht bedient, um damit Geschäfte zu machen. Nach dem zweiten Jahr handelte ich aus reinem Edelmut wieder ebenso; aber es kam zwischen uns zu beleidigenden Worten, und er verlangte von mir die Rückzahlung der fünfhundert Zechinen.

›Gern,‹ sagte ich zu ihm, ›aber ich werde die hundertfünfzig davon abziehen, die Sie schon erhalten haben.‹ Dies machte ihn wütend, und er ließ mich durch einen Gerichtsvollzieher zur Bezahlung der ganzen Summe auffordern. Ein geschickter Anwalt übernahm meine Vertretung und wußte zwei Jahre lang den Prozeß günstig für mich zu erhalten. Vor drei Monaten sprach man mir von einem Vergleich. Ich weigerte mich; da ich jedoch einen Gewaltstreich fürchtete, wandte ich mich an den Abbate Giustiniani, den Sachwalter des spanischen Gesandten, Marques de Mont-Allegre; für eine kleine Extraentschädigung vermietete er mir ein Häuschen, das zum Botschafterpalast gehört, wo man also vor Überraschungen sicher ist. Ich war bereit, dem Grafen Serimano sein Geld wiederzugeben, aber ich beanspruchte, hundert Zechinen davon abziehen zu dürfen, die der Prozeß mich gekostet hatte. Vor acht Tagen kamen mein Anwalt und der des Grafen zu mir; ich zeigte ihnen zweihundertfünfzig Zechinen in meiner Börse und sagte ihnen, ich sei bereit, ihnen dieses Geld zu geben, aber nicht einen Soldo mehr. Sie entfernten sich, ohne ein Wort zu sagen, und sahen beide sehr unzufrieden aus; aber darum kümmerte ich mich nicht. Vor drei Tagen ließ Abbate Giustiniani mir sagen, der Botschafter habe es für gut befunden, den Staatsinquisitoren zu erlauben, bei mir eine Haussuchung vornehmen zu lassen. Ich hielt dies für unmöglich, da ich doch unter dem Schutz eines fremden Gesandten stand. Anstatt die Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die sonst in solchen Fällen üblich sind, brachte ich nur mein Geld in Sicherheit und erwartete entschlossen den angekündigten Besuch. Mit Tagesanbruch kam Messer-Grande zu mir und verlangte dreihundertfünfzig Zechinen. Auf meine Antwort, ich hätte keinen Soldo, verhaftete er mich, und so bin ich hier.«

Ich schauderte, aber weniger noch deswegen, weil ich mich in Gesellschaft eines solchen gemeinen Menschen sah, als weil ich erkannte, daß er mich für seinesgleichen hielt; denn wenn er einen anderen Begriff von mir gehabt hätte, so würde er mich ganz gewiß nicht mit seiner langen Geschichte beglückt haben. Ohne Zweifel nahm er doch an, daß ich ihm meinen Beifall zollen würde. Die törichten Reden, die ich während der drei Tage seines Aufenthaltes von ihm anhören mußte, während welcher er unaufhörlich von Charon sprach, bestätigten mir die Wahrheit des italienischen Sprichwortes: Guardati da colu che non ha letto che un libro solo – hüte dich vor dem, der nur ein einziges Buch gelesen hat. Das Buch des abtrünnigen Priesters hatte ihn zum Atheisten gemacht, und er rühmte sich dessen bei jeder Gelegenheit. Am Nachmittag kam Lorenzo und sagte ihm, er müsse mit ihm kommen, um mit dem Sekretär zu sprechen. Er zog sich in aller Eile an und nahm statt seiner Schuhe die meinigen, ohne daß ich es bemerkte. Eine halbe Stunde später kam er weinend zurück und zog aus seinen Schuhen zwei Börsen hervor, in denen sich dreihundertundfünfzig Zechinen befanden; diese brachte er, vom Schließer begleitet, dem Sekretär. Einige Augenblicke darauf kam er zurück, nahm seinen Mantel und ging. Lorenzo sagte mir, man habe ihn in Freiheit gesetzt. Ich dachte mir, und wohl mit Grund, der Sekretär habe ihn mit der Folter bedroht, um ihn zur Anerkennung und zur Bezahlung seiner Schuld zu bewegen. Wenn die Folter nur dazu angewendet würde, um solches zu bewirken, so wäre ich, der ich sie grundsätzlich verabscheue, der erste, der ihren Nutzen verteidigen würde.

Am ersten Januar l756 erhielt ich meine Neujahrsgeschenke. Lorenzo brachte mir einen mit Fuchspelz gefütterten Schlafrock, eine wattierte seidene Decke und einen Fußsack von Bärenfell. Ich empfing diese Geschenke voller Freude, denn es herrschte eine Kälte, die ebenso schwer zu ertragen war, wie die Hitze, unter der ich im August hatte leiden müssen. Er sagte mir auch, der Sekretär teile mir mit, ich könnte monatlich über sechs Zechinen verfügen, um mir nach meinem Belieben Bücher zu kaufen und die Zeitung zu halten; dies wäre ein Geschenk des Herrn von Bragadino. Ich bat Lorenzo um einen Bleistift und schrieb auf ein Stück Papier: »Ich danke der Großmut des Tribunals und der Güte des Herrn von Bragadino.«

Man muß sich selber in einer ähnlichen Lage befunden haben, um die Gefühle zu begreifen, die dieser Vorfall in meiner Seele erregte. Im ersten Gefühlsüberschwang verzieh ich meinen Verfolgern und hätte beinahe meinen Fluchtplan aufgegeben; so schwankend ist der Mensch, wenn das Unglück ihn zu Boden drückt und erniedrigt. Lorenzo sagte mir, Herr von Bragadino habe die drei Inquisitoren aufgesucht, habe sich mit Tränen in den Augen vor ihnen auf die Kniee geworfen und habe um die Gnade gefleht, mir dieses Zeichen seiner beständigen Liebe zukommen zu lassen, wenn ich noch am Leben sei. Die Inquisitoren seien gerührt gewesen und hätten es ihm nicht abschlagen können.

Ich schrieb sofort die Titel der Werke auf, die ich zu haben wünschte.

Als ich eines schönen Morgens meinen Spaziergang in der Dachkammer machte, fielen meine Blicke auf den Riegel, von dem ich schon gesprochen habe, und ich sah, daß sich eine ausgezeichnete Angriffs- und Verteidigungswaffe daraus machen ließ. Ich nahm den Riegel, verbarg ihn unter meinem Schlafrock und brachte ihn glücklich in meinen Kerker. Sobald ich allein war, nahm ich das Stück schwarzen Marmors, das ich ebenfalls bereits erwähnte, und erkannte bald, daß dies ein ausgezeichneter Schleifstein war; denn nachdem ich den Riegel eine Zeitlang auf diesem Stein gerieben hatte, sah ich, daß er auf der betreffenden Stelle vollkommen glatt abgeschliffen war.

Ich war ein vollkommener Neuling in solcher Arbeit, aber ich war begierig, sie zu beginnen, weil ich dadurch ein Werkzeug erlangen konnte, das jedenfalls unter den Bleidächern gänzlich verboten war. Vielleicht trieb mich auch die Eitelkeit, mir eine Waffe anzufertigen, ohne ein einziges der dazu notwendigen Werkzeuge zu besitzen. Die Schwierigkeiten waren nur ein neuer Ansporn für mich. Diese Schwierigkeiten waren allerdings nicht gering, denn ich mußte den Riegel fast im Dunkeln auf der Fensterbrüstung reiben, ich konnte den Stein nur mit meiner linken Hand festhalten und hatte keinen Tropfen Öl, um den Stein anzufeuchten und das Eisen, das ich zuspitzen wollte, zu erweichen. Trotz alledem entschloß ich mich also zu der schweren Aufgabe. Statt des Öls diente mir mein Speichel, und ich arbeitete acht Tage, um acht pyramidenförmige Fassetten zu schleifen, die so zusammenliefen, daß sie eine vollkommene Spitze bildeten; die Fassetten waren anderthalb Zoll lang. Mit dieser Spitze bildete mein Riegel ein achtkantiges Stilet von so gleichmäßiger Arbeit, wie man sie von einem guten Schwertfeger nicht besser hätte verlangen können. Aber man kann sich kaum die Mühe und Anstrengungen vorstellen, die ich zu erdulden hatte. Ich mußte alle Energie aufbieten, um die unangenehme Arbeit ohne anderes Werkzeug als einen fortwährend wegwischenden Stein zu Ende zu bringen.

Es war eine Arbeit, quam Siculi non invenere tyranni – wie die Tyrannen Siziliens sie nicht erfunden haben.

Mein rechter Arm war so steif geworden, daß ich ihn fast nicht bewegen konnte. Der Ballen der linken Hand war ganz zerfleischt und bildete eine große Wunde – eine Folge der zahlreichen Blasen, die mir die Härte des Steins und die Länge der Arbeit verursacht hatten. Man macht sich kaum einen Begriff, welche Schmerzen es mir kostete, sie fertig zu machen.

Ich war ganz stolz auf mein Werk, obgleich ich noch nicht daran gedacht hatte, auf welche Art ich es verwenden wollte. Meine erste Sorge war nun, das Werkzeug so zu verstecken, daß es selbst bei genauer Nachsuchung nicht zu finden wäre. Nachdem ich mir tausenderlei ausgedacht hatte, was alles nicht das rechte war, warf ich die Augen auf meinen Lehnstuhl, und es gelang mir, den Riegel so zu verbergen, daß es keinen Verdacht erregen konnte. So half mir die Vorsehung, den ersten Schritt zu einer Flucht zu tun, welche bewunderungswürdig, ja sogar wunderbar werden sollte. Ich gestehe, ich bin eitel darauf. Aber ich bin nicht eitel auf das Gelingen, denn das Glück hatte einen guten Anteil daran, sondern darauf bin ich eitel, daß ich das Ding für möglich hielt und daß ich den Mut hatte, trotz allen ungünstigen Aufsichten das Unternehmen zu wagen; denn wenn meine Pläne gescheitert wären, so hätte sich meine Lage unendlich verschlechtert und meine Rückkehr in die Freiheit wäre vielleicht für immer unmöglich geworden.

Aus meinem Riegel war ein Spieß geworden, der die Dicke eines Spazierstockes hatte und etwa zwanzig Zoll lang war. Nachdem ich drei oder vier Tage darüber nachgedacht hatte, wozu ich ihn gebrauchen könnte, schien es mir das einfachste zu sein, unter meinem Bett ein Loch in den Fußboden zu machen.

Ich war sicher, daß das Zimmer unter meinem Kerker kein anderes sein konnte als jenes, in dem ich damals Cavalli gesehen hatte. Ich wußte, daß dieses Zimmer jeden Morgen geöffnet wurde, und ich zweifelte nicht daran, daß ich durch ein Loch in der Decke leicht hinuntersteigen konnte, indem ich meine Bettücher aneinander knüpfte und sie am Bettfuß befestigte. Ich hätte mich unter den großen Tisch des Tribunals versteckt, wäre am Morgen sofort nach dem Öffnen der Tür hinausgelaufen und hätte mich in Sicherheit gebracht, bevor man mir hätte folgen können. Allerdings war es möglich, daß in diesem Saal sich ein Sbirre als Wache aufhielt; aber von diesem mußte mein Spieß mich schnell befreien.

Der Fußboden konnte doppelt oder gar dreifach sein. Dies war eine große Verlegenheit; denn meine Arbeit konnte vielleicht zwei Monate dauern, und wie konnte ich die Gefängniswärter verhindern, den Fußboden zu fegen? Wenn ich es ihnen verbot, so erregte ich Verdacht, um so mehr, als ich der Flöhe wegen von ihnen verlangt hatte, daß sie alle Tage ausfegten. Der Besen hätte ihnen sofort meine Arbeit verraten. Es galt, ein Mittel zu finden, um diese Schwierigkeit zu überwinden.

Ich verbot zunächst das Ausfegen, ohne einen Grund anzugeben. Nach acht Tagen befragte Lorenzo mich darum. Ich schützte vor, daß der Staub mir Beschwerden machte; ich bekäme davon heftige Hustenanfälle und es könnte mir einmal etwas Schlimmes zustoßen.

»Ich werde den Fußboden besprengen lassen.«

»Das wäre noch schlimmer, Lorenzo, denn von der Feuchtigkeit könnte ich einen Blutsturz bekommen.«

Dies verschaffte mir eine Woche lang Ruhe; nach Verlauf dieser Zeit aber befahl der Kerl auszufegen. Er ließ das Bett in die Dachkammer bringen und zündete eine Kerze an, damit sorgfältiger ausgefegt werde, wie er sagte. Ich merkte, daß der Mann irgendwie Verdacht geschöpft hatte, aber es gelang mir, anscheinend völlig gleichgültig zu bleiben. Ich gab meinen Plan durchaus nicht auf, sondern dachte im Gegenteil nur desto stärker daran. Am nächsten Morgen brachte ich mir eine Wunde am Finger bei und machte damit mein ganzes Taschentuch blutig. Ich erwartete Lorenzo in meinem Bett und sagte ihm, sobald er kam, ich hätte einen so heftigen Hustenanfall gehabt, daß mir irgend ein Gefäß gesprungen wäre, und davon wäre all das Blut, das er sehe. Er solle mir einen Arzt kommen lassen.

Der Doktor kam, verordnete einen Aderlaß und schrieb ein Rezept. Ich sagte ihm, an meinem Unglück wäre Lorenzo schuld, weil er durchaus hätte fegen lassen wollen. Er machte ihm Vorwürfe darüber und erzählte uns, wie wenn ich ihn darum gebeten hätte, die Geschichte von einem jungen Mann, der kürzlich aus derselben Ursache gestorben wäre. Er sagte nichts sei so gefährlich, als Staub einzuatmen. Lorenzo schwor bei allen Heiligen, er habe nur ausfegen lassen, um mir einen Gefallen zu tun, und versprach, es solle nicht wieder vorkommen. Ich lachte bei mir selber, denn der Doktor hätte seine Sache nicht besser machen können, selbst wenn ich ihn ins Einvernehmen gezogen hätte. Die dabei anwesenden Gefängnisknechte waren hoch entzückt und nahmen sich fest vor, nur noch bei solchen Gefangenen auszufegen, die sie ärgerten oder schlecht behandelten.

Als der Arzt fort war, bat Lorenzo mich um Entschuldigung und versicherte mir, alle seine anderen Gefangenen befänden sich wohl, obgleich er regelmäßig bei ihnen ausfegen ließe. »Aber die Sache ist wichtig,« schloß er, »und ich werde sie darauf aufmerksam machen, denn ich betrachte sie alle als meine Kinder.«

Der Aderlaß tat mir wohl, denn er gab mir meinen Schlaf wieder und heilte mich von den krampfartigen Zuckungen, die mich zuweilen zu erschrecken begannen. Ich hatte wieder Appetit, und meine Kräfte nahmen täglich zu. Aber der Augenblick, mich ans Werk zu machen, war noch nicht gekommen; der Frost war zu stark, und meine Hände konnten nicht längere Zeit den Spieß halten, ohne steif zu werden. Mein Unternehmen erforderte viel Überlegung. Ich mußte alles vermeiden, was sich leicht voraussehen ließ. Ich mußte kühn und unerschrocken sein, um jeden Vorteil wahrzunehmen, den der Zufall mir darböte. Wer so vorgehen muß wie ich, befindet sich in einer sehr unglücklichen Lage; aber das Unangenehme und Schreckliche derselben vermindert sich um die Hälfte, sobald man alles gegen alles riskiert.

Die langen Winternächte waren fürchterlich für mich; denn ich mußte neunzehn tödlich lange Stunden im Finstern zubringen, und an den Nebeltagen, die in Venedig nicht selten sind, war das durch das Fenster einfallende Licht nicht stark genug, um dabei lesen zu können. Da kein fremder Gedanke meinen Geist beschäftigte, verfiel ich immer wieder auf meine Flucht; ein Gehirn aber, daß stets sich mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt, kann leicht an einer Monomanie erkranken. Der Besitz einer elenden Küchenlampe hätte mich glücklich gemacht; aber wie sollte ich es anfangen, um mir solche Freude zu verschaffen! O edles Vorrecht des Denkens! Wie glücklich fühlte ich mich, als ich das Mittel gefunden zu haben glaubte, diesen Schatz zu erlangen! Um diese Lampe zu machen brauchte ich ihre einzelnen Bestandteile: ein Gefäß, Dochte, Öl, einen Feuerstein, einen Stahl, Zunder und Schwefelfaden. Das Gefäß konnte ein Tiegel sein, und ich besaß den, worin man mir Spiegeleier zubereitete. Unter dem Vorwand, das gewöhnliche Öl mache mir Beschwerden, ließ ich mir Lucca-Öl für meinen Salat kaufen. Meine baumwollene Steppdecke konnte mir Dochte liefern. Unter dem Vorwande, ich hätte heftige Zahnschmerzen, sagte ich zu Lorenzo, er müsse mir Bimstein besorgen; da er nicht wußte, was ich damit meinte, sagte ich ihm, ein Flintstein würde dieselben Dienste tun, wenn man ihn einen Tag in Essig liegen ließe; ich würde ihn dann eine Zeitlang auf den Zahn legen und das würde meine Schmerzen lindern. Lorenzo sagte mir, mein Essig sei ausgezeichnet und ich könne selber einen Stein hineinlegen. Mit diesen Worten zog er drei oder vier aus der Tasche und warf sie mir zu. Eine starke Stahlschnalle, die ich am Gürtel hatte, konnte mir als Feuerstahl dienen. Jetzt blieb mir noch übrig, Schwefel und Zunder zu beschaffen, und um diese beiden Gegenstände mußte ich alle meine Gedanken aufbieten. Endlich kam mir das Glück zu Hilfe. Ich hatte eine Art Röteln gehabt; nach der Heilung waren auf meinen Armen rote Flecken zurückgeblieben, die mir zuweilen ein Jucken verursachten. Ich sagte Lorenzo, er möchte den Arzt um ein Heilmittel bitten, und am nächsten Tage brachte er mir einen Zettel, den der Sekretär gelesen hatte. Der Doktor verordnete: »Einen Tag Diät und vier Unzen Süßmandelöl, und die Haut wird heilen; oder eine Einreibung mit Schwefelblüte; aber dieses örtliche Heilmittel ist gefährlich.«

»Aus der Gefahr mache ich mir nichts,« sagte ich zu Lorenzo. »Kauft mir diese Salbe, oder bringt mir Schwefel; denn Butter habe ich hier, und ich werde mir die Salbe selber machen. Habt ihr Schwefelfäden? So gebt sie mir.«

Zufällig hatte er solche in seinen Taschen. Er gab sie mir.

Wie wenig braucht es doch, um einen Menschen, der im Unglück ist, Freude und Trost zu bereiten! Aber in meiner Lage waren freilich diese Schwefelfäden keine Kleinigkeit; sie waren ein wahrer Schatz für mich.

Nun zerbrach ich mir mehrere Stunden lang den Kopf, um für das einzige, was mir noch fehlte, den Zunder, einen Ersatz zu schaffen, denn ich wußte nicht, unter welchem Vorwand ich ihn verlangen sollte. Da fiel mir ein, daß ich meinem Schneider gesagt hatte, er solle unter den Achseln meines Rockes Schwamm einlegen, damit der Stoff nicht vom Schweiß verdorben würde.

Der ganz neue Rock hing vor mir. Mir klopfte das Herz.

Der Schneider konnte vergessen haben, den Schwamm einzulegen. Ich schwebte zwischen Furcht und Hoffnung. Ich brauchte nur einen Schritt zu machen, um mir Gewißheit zu verschaffen; aber dieser Schritt war entscheidend, und deshalb wagte ich nicht, ihn zu tun. Endlich ging ich auf den Rock zu, aber ich fühlte mich so hoher Gnade beinahe unwürdig, fiel auf die Kniee und betete mit heißer Inbrunst zu Gott, der Schneider möchte meinen Befehl nicht vergessen haben. Nach diesem heißen Gebet nahm ich den Rock, schnitt das Futter auf und fand den Schwamm. Ich war wahnsinnig vor Freude. Es war nicht mehr als natürlich, daß ich Gott dankte: denn voll Vertrauen zu ihm hatte ich den Mut gehabt, meinen Schwamm zu suchen; so dankte ich ihm denn auch von ganzem Herzen.

Als ich ein wenig später über diese Gnadenhandlung nachdachte, wünschte ich mir Glück, dem Antrieb meines dankbaren Herzens gefolgt zu sein, aber ich lachte mitleidig über meine eigene Dummheit, daß ich den Herrn aller Dinge gebeten hatte, mich den Schwamm finden zu lassen. Ich hätte dieses lächerliche Gebet nicht gesprochen, bevor ich unter die Bleidächer kam, und ich würde es auch heute nicht tun.

Die Beraubung der körperlichen Freiheit führt zur Entartung der geistigen Fähigkeiten. Man muß Gott bitten, etwas zu gewähren, was der Natur entspricht, nicht aber, die natürliche Ordnung durch Wunder auf den Kopf zu stellen. Wenn der Schneider den Schwamm nicht unter die Achseln gelegt hatte, so konnte ich sicher sein, daß ich dort keinen finden würde; und wenn er ihn angebracht hatte, so konnte ich darauf rechnen, daß er auf keine Weise verschwunden war. Was wollte ich also vom Herrn der Natur?

Der Sinn meiner ersten Bitte läßt sich durch die Worte wiedergeben: »Lieber Gott! mache, daß ich den Schwamm unter den Achseln finde, einerlei, ob der Schneider ihn eingenäht hat oder nicht!«

Ohne Zweifel könnten manche Theologen und viele gute Leute meine Bitte fromm finden, denn sie würde ihnen auf dem Grunde des Glaubens zu beruhen scheinen und damit würden ste recht haben. Aber ich selber habe ebenfalls recht, wenn ich sie abgeschmackt und sogar strafbar finde; denn wenn wir allen Ernstes Gott um etwas bitten, was außerhalb der Ordnung der natürlichen Dinge liegt, so heißt das, ihn zum Diener unserer Leidenschaften machen zu wollen. Wenn ich aber Gott dafür gedankt hatte, daß mein Schneider nicht vergeßlich gewesen war, so fand ich mich im Einklang mit meiner gesunden Philosophie.

Da ich nunmehr alle Bestandteile besaß, so hatte ich bald eine Lampe. Man stelle sich die Befriedigung vor, die ich darüber empfand, daß ich sozusagen aus Finsternis Licht geschaffen hatte, und die nicht weniger süße Befriedigung, die Befehle meiner niederträchtigen Verfolger zu übertreten. Es gab keine Nächte mehr für mich, aber auch keinen Salat; denn obgleich ich ihn sehr gerne aß, opferte ich ihn doch gerne dem Bedürfnis, das Öl für meine Beleuchtung zu sparen. Ich setzte nun den Beginn der schwierigen Durchbrechung des Fußbodens auf den ersten Montag der Fastenzeit an; denn ich befürchtete zu sehr, daß der Karnevalstrubel mir Besuche verschaffen könnte. Meine Vorsicht war klug.

Am Faschingssonntag hörte ich mittags das Geräusch der Riegel und sah Lorenzo mit einem dicken Mann eintreten, in welchem ich den Juden Gabriele Schalon erkannte. Er war berühmt wegen seiner Geschicklichkeit, jungen Leuten Geld zu besorgen und sie dadurch in schlechte Händel zu bringen. Da wir uns kannten, begrüßten wir uns natürlich.

Seine Gesellschaft konnte mir nicht angenehm sein; aber man hatte mich natürlich nicht vorher gefragt. Er sagte Lorenzo, er solle in seine Wohnung gehen und ihm sein Essen, ein Bett und alles Notwendige holen; der Schließer antwortete ihm aber, das hätte noch Zeit bis zum andern Tage.

Dieser Jude war ein törichter Schwätzer, unwissend und dumm, außer in seinem Geschäft. Zunächst wünschte er mir Glück, daß man mich vor allen anderen bevorzugt habe, mit seiner Gesellschaft erfreut zu werden. Statt ihm zu antworten, bot ich ihm die Hälfte meines Essens an; er lehnte es ab, indem er mir sagte, er esse nur koscher und wolle lieber warten, um dafür zu Hause um so besser zu Abend zu essen.

»Wann denn?«

»Heute abend, haben Sie nicht gehört? Als ich mein Bett verlangte, sagte er mir, davon würden wir morgen sprechen. Dies will offenbar bedeuten, daß ich keins nötig habe. Finden Sie es wahrscheinlich, daß man einen Mann wie mich ohne Essen lassen kann?«

»Mit mir hat man’s so gemacht.«

»Das mag sein; aber zwischen uns ist doch ein gewisser Unterschied. Außerdem haben die Inquisitoren einen Fehler begangen, indem sie mich verhaften ließen. Ich bin überzeugt, sie sind schon in Verlegenheit, wie sie ihren Fehler wieder gut machen sollen.«

»Sie werden ihnen vielleicht eine Pension aussetzen; denn ein Mann von Ihrer Bedeutung muß gut behandelt werden.«

»Da haben Sie ganz recht; es gibt an der Börse keinen Makler, der dem Handel mehr Nutzen brächte, als ich, und die fünf Ältesten haben von den Ratschlägen, die ich Ihnen gab, großen Nutzen gehabt. Meine Verhaftung ist ein ganz außerordentliches Ereignis, und der Zufall hat es so gefügt, daß dadurch auch Sie ihr Glück gemacht haben.«

»Ach wirklich, wieso denn, bitte?«

»Es wird kein Monat vergehen, und ich werde Sie frei machen. Ich weiß, auf welche Art und zu wem ich darüber zu sprechen habe.«

»Ich rechne also auf Sie.«

»Das können Sie.«

Dieser blöde Gauner glaubte wirklich, er sei etwas. Er wollte mir erzählen, was man in der Stadt von mir sagte; da er aber nichts weiter wußte, als albernes Geschwätz von Dummköpfen gleicher Art, so langweilte er mich, und um ihn nicht mehr anhören zu müssen, nahm ich ein Buch. Der Kerl besaß die Frechheit, mich zu bitten, ich möchte doch nicht lesen. Seine Leidenschaft war sprechen; aber er sprach nur immer von sich selber.

Ich wagte in Gegenwart dieses Viehs nicht, meine Lampe anzuzünden. Als es Nacht wurde, entschloß er sich, etwas Brot und Cyperwein anzunehmen; dann mußte er sich’s auf meinem Strohsack bequem machen, der von allen neuen Ankömmlingen als Bett benützt wurde.

Am nächsten Morgen bekam er ein Bett und Nahrungsmittel von zu Hause. Ich mußte diese elende Last zwei Monate lang erdulden; denn bevor er ihn in die Quattro schickte, mußte der Sekretär ihn mehrere Male verhören, um allerlei Gaunereien aufzuklären und ihn eine ganze Anzahl unerlaubter Verträge rückgängig machen zu lassen. Er gestand mir selber, daß er von Herrn Domenico Michele Renten gekauft hatte, die dem Käufer erst nach dem Tode des Vaters des Verkäufers gehören konnten. »Allerdings,« sagte er nur, »hat er sich einverstanden erklärt, fünfzig Prozent zu verlieren, aber man muß in Betracht ziehen, daß der Käufer hätte alles verlieren können, wenn der Verkäufer vor dem Vater gestorben wäre.«

Als ich endlich sah, daß der verdammte Geselle nicht ging, entschloß ich mich, meine Lampe wieder anzuzünden, nachdem ich mir von ihm hatte versprechen lassen, daß er schweigen würde. Er hielt sein Versprechen nur, solange er bei mir war, denn Lorenzo erfuhr es. Glücklicherweise legte er keinen Wert darauf.

Der Tölpel war mir wirklich zur Last, erstens weil ich seinetwegen nicht an meiner Flucht arbeiten konnte, zweitens weil er mich am Lesen hinderte. Er war anspruchsvoll, unwissend, abergläubisch, prahlerisch, ängstlich und zuweilen verzweifelt. Er meinte, ich sollte mit lautem Geschrei in seine Klagen einstimmen, so oft er vor Angst Tränen vergoß, und er wiederholte unaufhörlich, die Haft richte seinen guten Ruf zugrunde. Hierüber beruhigte ich ihn mit einer Ironie, die er nicht verstand, indem ich ihm versicherte, sein Ruf stehe schon so lange fest, daß er von dieser neuen Schlappe nichts zu fürchten habe. Er hielt dies für ein Kompliment. Er wollte nicht zugeben, daß er habsüchtig sei; eines Tages jedoch zwang ich ihn hierzu, indem ich ihm das Geständnis entriß, daß er bereit sein würde, sein ganzes Leben unter den Bleidächern zu verbringen, wenn die Inquisitoren ihm für jeden Tag der Haft hundert Zechinen geben wollten.

Er war Talmudist wie alle heutigen Juden, und er wollte mich glauben machen, er sei sehr gelehrt in seiner Religion und hänge sehr an ihr; aber ich entlockte ihm eines Tages ein Lächeln der Zustimmung, als ich ihm sagte, er würde Moses abschwören, wenn der Papst ihn zum Kardinal machen wollte. Als Sohn eines Rabbiners besaß er große Kenntnisse im Zeremoniell seiner Religion; aber er glaubte, das Wesentliche der Religion bestehe in der Beobachtung der äußeren Form; eine Meinung, die ich bei den meisten Menschen gefunden habe.

Dieser Jude war außerordentlich fett; drei Viertel seines Lebens verbrachte er im Bett, und da er oft bei Tage schlief, lag er nachts und ärgerte sich, daß er nicht schlafen konnte, um so mehr, da er meine ruhigen Atemzüge hörte. Eines Tages weckte er mich auf, als ich im schönsten Schlummer lag.

»Was wollen Sie?« rief ich emporfahrend.

»Mein lieber Freund, ich kann nicht schlafen; haben Sie Mitleid mit mir und lassen Sie uns ein bißchen plaudern.«

»Und Sie nennen mich ihren Freund, abscheulicher Mensch? Ich glaube gern, daß Ihre Schlaflosigkeit eine wahre Qual für Sie ist; aber wenn Sie sich noch einmal einfallen lassen, mir das einzige Gut zu rauben, das ich habe, so stehe ich auf und erdrossele Sie!« rief ich in heller Wut.

»Bitte, verzeihen Sie mir und verlassen Sie sich darauf, es wird nicht wieder vorkommen.«

Vielleicht würde ich ihn nicht erwürgt haben; aber ganz gewiß hatte ich die größte Lust dazu. Ein Gefangener, der das Glück hat, im festen Schlafe zu liegen, ist während dieser Zeit kein Sklave mehr; im Schlafe fühlt er nicht die Last seiner Ketten. Ein Gefangener muß also den Unbescheidenen, der ihn aufweckt, als einen Henkersknecht ansehen, der ihn seiner Freiheit beraubt, um ihn wieder ins Elend zurückzustoßen; denn das Erwachen bringt ihn wieder zum Gefühl seines ganzen Unglücks. Dazu kommt noch, daß der schlafende Gefangene meistens träumt, daß er frei sei, gerade wie ein unglücklicher Hungernder im Traume sich an einer besetzten Tafel sitzen sieht.

Ich wünschte mir Glück, daß ich meine große Arbeit nicht vor seiner Ankunft begonnen hatte, um so mehr, da er verlangte, daß ausgefegt würde. Als er es zum ersten Mal verlangte, mußte ich über die Gefängnisknechte lachen; sie sagten ihm nämlich, ich würde den Tod davon haben. Er bestand auf seiner Forderung, und da blieb mir denn nichts anderes übrig, als mich krank zu stellen; denn ich mußte in meinem eigenen Interesse entgegenkommend sein.

Am Mittwoch der heiligen Woche meldete Lorenzo uns, am Nachmittag werde der Sekretär uns den üblichen Osterbesuch machen, um diejenigen zu beruhigen, die das Sakrament des heiligen Abendmahls zu empfangen wünschten, und um zu erfahren, ob sie nichts gegen den Kerkermeister vorzubringen hätten.

»Also, meine Herren, wenn Sie sich über mich zu beschweren haben, so tun Sie es. Kleiden Sie sich vollständig an; denn dies verlangt die Etikette«

Ich befahl Lorenzo, mir für den nächsten Tag einen Beichtiger kommen zu lassen.

Ich zog mich vollständig an, und der Jude folgte meinem Beispiel; doch nahm er zum Voraus Abschied von mir, so sicher glaubte er zu sein, der Sekretär würde ihm die Freiheit wiedergeben, sobald er mit ihm gesprochen hätte.

»Mein Vorgefühl,« sagte er zu mir, »ist von der Art derer, die mich noch niemals getäuscht haben.«

»Ich wünsche Ihnen dazu Glück, aber machen Sie die Rechnung nicht ohne den Wirt.«

Er verstand mich nicht.

Der Sekretär kam. Sobald unser Kerker ausgestoßen war, lief der Jude hinaus und warf sich auf beide Kniee vor ihm nieder. Vier oder fünf Minuten lang hörte ich nur sein Weinen und Geschrei; denn der Sekretär sagte kein Wort zu ihm. Der Jude kam zurück, und Lorenzo sagte mir, ich solle herauskommen. Mit meinem acht Monate alten Bart und in einem Rock, der für Liebesabenteuer im Monat August gemacht worden war, mußte ich bei der herrschenden Kälte einen recht komischen Anblick darbieten. Ich schlotterte vor Frost, und dies war mir sehr unangenehm, denn ich fürchtete, der Sekretär könnte sich einbilden, daß ich vor Furcht zitterte. Da ich mich tief bücken mußte, um aus meinem Loch hinauszukriechen, so war die Verbeugung bereits gemacht. Ich richtete mich wieder auf, sah ihn mit ruhigem Gesicht an, ohne einen übelangebrachten Stolz zu zeigen, und wartete, daß er das Wort an mich richten würde. Der Sekretär schwieg ebenfalls, und so standen wir wie zwei Bildsäulen einander gegenüber. Als er nach zwei Minuten sah, daß ich nichts zu ihm sagte, grüßte der Herr Sekretär mich mit einer leichten Neigung des Kopfes und ging. Ich kehrte in meinen Kerker zurück, zog mich so schnell wie möglich aus und legte mich in mein Bett, um mich wieder zu erwärmen. Der Jude war erstaunt, daß ich dem Sekretär nichts gesagt hätte, während doch in Wirklichkeit mein Schweigen viel mehr gesagt hatte als sein feiges Geschrei. Ein Gefangener wie ich durfte nur vor seinem Richter den Mund auftun, um auf dessen Fragen zu antworten.

Am grünen Donnerstag nahm ein Jesuit mir die Beichte ab, und zwei Tage darauf reichte ein Priester von San Marco mir das heilige Abendmahl. Meine Beichte schien dem lieben Sohne des heiligen Ignatius zu wortkarg zu sein, und er hielt es für angebracht, Ermahnungen an mich zu richten, bevor er mich ledig sprach.

»Beten Sie zu Gott?« fragte er mich.

»Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen! Denn in der Lage, worin ich mich befinde, kann alles, was in mir vorgeht, mein Denken, meine Ungeduld und sogar jede Verirrung meines Geistes in den Angen der göttlichen Weisheit, die allein mein Herz sieht, nichts anderes als ein Gebet sein.«

Der Jesuit lächelte leise und antwortete mit einer mehr metaphysischen als moralischen Auseinandersetzung, die mit meiner Bemerkung gar nichts zu tun hatte. Ich würde ihn in allen Punkten widerlegt haben, hätte er mich nicht durch eine Prophezeiung erstaunt, welche großen Eindruck auf mich machte. Er sagte: »Da Sie von uns die Relegion gelernt haben, so üben Sie sie wie wir, beten Sie wie wir und erfahren Sie, daß Sie erst am Tage des Heiligen, dessen Namen Sie tragen, von hier loskommen werden!«

Nach diesen Worten erteilte er mir die Absolution und verließ mich. Es ist unglaublich, welchen Eindruck der Mann mir hinterließ; ich wehrte mich dagegen; aber es war mir unmöglich, mich von dem Gedanken frei zu machen. Ich machte mich ans Werk und nahm im Kalender alle Heiligen durch.

Der Jesuit war der Gewissensrat des alten Senators Flaminio Corner, der damals Staatsinquisitor war. Der alte Herr war ein berühmter Schriftsteller, großer. Politiker, sehr fromm und Verfasser von Erbauungsbüchern und asketischen Schriften in lateinischer Sprache. Sein Ruf war ohne Makel.

Da ich also erfahren hatte, daß ich am Tage meines Schutzheiligen mein Gefängnis verlassen sollte, und da ich annehmen durfte, daß der Jesuit, der es mir mitgeteilt hatte, es aus sicherer Quelle wußte, so freute ich mich vor allem, einen Schutzheiligen zu haben. Aber wer ist es? fragte ich mich. Das hätte mir selber der Jesuit nicht sagen können. Sankt Jakob vom Compo-Stella, dessen Namen ich trug, konnte es nicht sein; denn gerade am Tage dieses Heiligen hatte Messer-Grande meine Türe erbrochen. Ich nahm den Kalender her und fand als nächsten Heiligen Sankt Georg, der ja in einigem Rufe steht, an den ich aber niemals gedacht hatte. Ich hielt mich also an den heiligen Markus, dessen Fest auf den fünfundzwanzigsten des Monats fiel und dessen Schutz ich als Venetianer beanspruchen konnte. An ihn richtete ich nun meine Gebete, aber vergebens; denn sein Fest ging vorüber, und ich war immer noch eingesperrt. Nun wählte ich mir den heiligen Jakob, den Bruder Jesu Christi, der vor dem heiligen Philipp kommt, aber wiederum sah ich mich getäuscht. Dann wandte ich mich an den heiligen Antonius, der, wie man in Padua sagt, täglich dreizehn Wunder tut. Für mich tat er kein einziges. So ging ich von einem zum andern und gewöhnte mich unmerklich daran, auf den Schutz der Heiligen nur in der Weise zu hoffen, wie man auf alles hofft, das man wünscht. Ich glaubte nicht mehr daran und setzte zuletzt ein wahres Zutrauen nur in meinen heiligen Spieß und in die Kraft meiner Arme. Indessen hat die Verheißung des Jesuiten sich doch erfüllt, denn ich verließ die Bleikammern am Allerheiligentage, und ganz gewiß mußte, wenn ich einen Heiligen für mich hatte, dieser sich unter denen befinden, zu deren Ehre das Fest gefeiert wird.

Vierzehn Tage nach Ostern befreite man mich von meinem lästigen Israeliten; anstatt nach Hause zu kommen, wurde der arme Teufel auf zwei Jahre in die Quattro geschickt; als er wieder loskam, ließ er sich in Triest nieder, wo er seine Tage beschloß.

Sobald ich mich allein sah, ging ich eifrig ans Werk. Ich mußte mich beeilen, weil ich immer zu befürchten hatte, daß man mir irgend einen neuen Gast schickte, der ebenso lästig war, wie der Jude, und das Ausfegen verlangte. Ich schob mein Bett zur Seite, zündete meine Lampe an und warf mich platt auf den Fußboden; meinen Spieß hatte ich in der Hand und ein Tuch lag neben mir, um die Splitter des Fußbodens aufzunehmen. Ich mußte die Bretter dadurch zerstören, daß ich die Spitze meines Werkzeugs hineinbohrte. Die Stücke, die ich losbrach, waren anfangs nur so groß wie ein Weizenkorn, bald aber wurden sie größer.

Das Brett war von Lärchenholz und sechzehn Zoll breit. Ich begann meine Arbeit an der Stelle, wo das Brett sich an ein anderes anfügte, und da kein Nagel oder eiserner Beschlag vorhanden war, so ging die Arbeit ganz glatt. Nach sechsstündiger Arbeit knotete ich mein Tuch zusammen und legte es auf die Seite, um es am nächsten Morgen hinter den Papierhaufen auszuleeren, der sich in der Dachkammer befand. Die Splitter bildeten einen vier- oder fünfmal größeren Umfang als das Loch, woraus ich sie hervorgeholt hatte. Die Krümmung mochte etwa dreißig Grad betragen und ihr Durchmesser zirka zehn Zoll. Ich rückte mein Bett wieder an seine Stelle, und als ich am nächsten Tage mein Tuch ausleerte, vergewisserte ich mich, daß meine Splitter nicht gesehen werden konnten.

Am nächsten Tage hatte ich das erste Brett, das zwei Zoll dick war, durchbrochen; aber unter demselben fand ich ein zweites, das mir von derselben Beschaffenheit zu sein schien. In meiner Furcht, neue Besuche zu erhalten, verdoppelte ich meine Anstrengungen und war in drei Wochen mit drei Brettern fertig, aus denen der Fußboden bestand. Nun aber glaubte ich mich verloren, denn ich stieß auf eine Schicht von Marmorstücken, die man in Venedig Terrazzo marmorin nennt. Es ist der gewöhnliche Fußboden aller venetianischen Häuser, ausgenommen in den Wohnungen der Armen; denn selbst die vornehmsten Herren ziehen den Terrazzo dem schönsten Parkett vor. Ich war betroffen, als ich sah, daß mein Spieß nicht in diese zusammengekettete Masse eindrang. Dieses Hindernis hätte mich beinahe gänzlich entmutigt. Da fiel mir ein, daß nach Titus Livius Hannibal sich einen Weg durch die Alpen gebahnt, indem er die Felsen durch Hacken oder andere Werkzeuge zerbrechen ließ, nachdem er sie vorher mit Essig erweicht hatte. Ich glaubte, daß Hannibal dies nicht aceto vollbracht hätte, sondern aceta, was in seinem paduanischen Latein recht wohl dasselbe wie Ascia[R1 Zimmeraxt] bedeuten konnte; wer kann übrigens dafür bürgen, daß ein Abschreiber keine Fehler macht? Nichtsdestoweniger goß ich eine Flasche starken Weinessig, den ich besaß, in mein Loch hinein; und sei es nun die Wirkung des Essigs gewesen, sei es, daß ich ausgeruht war und mehr Kraft und Geduld zur Arbeit mitbrachte – genug, ich sah bald, daß ich die neue Schwierigkeit überwinden würde. Ich mußte nicht die Marmorstücke zerbrechen, sondern vielmehr mit der Spitze meines Werkzeugs den Kitt, der sie verband, zerpulvern. Bald bemerkte ich zu meiner großen Freude, daß die Hauptschwierigkeit nur an der Oberfläche lag. In vier Tagen war die ganze Mosaik zerstört, ohne daß die Spitze meines Spießes den geringsten Schaden gelitten hatte.

Unter der Steinschicht fand ich wieder ein Brett, aber dies hatte ich erwartet. Es mußte meiner Meinung nach das letzte sein, das heißt: das erste von unten an gerechnet, in der Decke, die sich über dem Saal befand. Ich nahm es mit einiger Schwierigkeit in Angriff; denn da mein Loch zehn Zoll tief war, war die Handhabung meines Spießes schon recht unbequem. Tausendmal empfahl ich mich der Barmherzigkeit Gottes. Die Freigeister, welche behaupten, das Gebet sei nichts wert, wissen nicht, was sie sagen. Ich aber weiß aus Erfahrung, daß ich immer viel stärker war, nachdem ich zu Gott gebetet hatte. Dies genügt, um die Nützlichkeit des Gebetes zu erweisen, mag nun die Vermehrung der Kraft unmittelbar von Gott herrühren oder nur von dem Vertrauen, das man zu ihm hat.

Am 25. Juni feiert allein auf der ganzen Welt die Republik Venedig die wunderbare Erscheinung des heiligen Markus unter der symbolischen Form eines geflügelten Löwen in der Kirche des Dogen. Man ist überzeugt, diese Erscheinung habe gegen Ende des elften Jahrhunderts stattgefunden; sie zeigte der hohen Weisheit des zu jener erleuchteten Zeit herrschenden Senates an, daß es angebracht sei, den heiligen Theodor, der nicht mehr Einfluß genug hätte, den Venetianern bei ihren Vergrößerungsplänen zu helfen, nunmehr auf die Seite zu schieben und dafür den Schüler des heiligen Petrus und des heiligen Paulus zu erwählen. An diesem Tage lag ich gegen drei Uhr nachmittags völlig nackt und schweißüberströmt glatt auf dem Bauch und arbeitete an der Fertigstellung meines Loches; neben mir stand meine angezündete Lampe, um mir bei der Arbeit zu leuchten. Plötzlich hörte ich zu meinem tödlichen Entsetzen den Riegel des ersten Korridors kreischen und dessen Tür sich öffnen. Entsetzlicher Augenblick! Ich blies die Lampe aus, ließ meinen Spieß im Loch, warf das Tuch mit den Holzsplittern hinein und brachte schnell, so gut ich es konnte, mein Bett in Ordnung, indem ich Strohsack und Matratze darüber hinwarf. Dann sank ich wie tot auf mein übriges Bettzeug hin. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür meines Kerkers. Wäre er zwei Minuten früher gekommen, so hätte Lorenzo mich überrascht. Er wäre beinahe auf mich getreten; als ich aber einen Schmerzensschrei ausstieß, trat er zurück und rief: »Mein Gott, lieber Herr, Sie tun mir wirklich leid; man erstickt ja hier wie in einem Backofen. Stehen Sie auf und danken Sie Gott, der Ihnen ausgezeichnete Gesellschaft schickt! Nur herein, herein, Exzellenz!« sagte er zu dem Unglücklichen, der ihm folgte.

Ohne auf meine Nacktheit Rücksicht zu nehmen, ließ der Kerl den Illustrissimo eintreten, der bei meinem Anblick entsetzt zurückwich, während ich vergeblich nach meinem Hemd suchte. Der Neue glaubte in die Hölle gekommen zu sein und rief: »Wo bin ich? In was für ein Loch steckt man mich, großer Gott! Welche Hitze! Welcher Gestank! Wer ist hier drinnen?« Lorenzo ließ ihn hinausgehen und bat mich, ein Hemd abzuziehen und einen Augenblick in die Dachkammer einzutreten. Dann sagte er dem neuen Gefangenen, er habe Befehl, ihm ein Bett und alles Notwendige zu besorgen, und lasse uns bis zu seiner Rückkehr in der Dachkammer; unterdessen werde der schlechte Geruch, der nur von Öl herrühre, sich aus dem Gefängnis verziehen. Welche Überraschung für mich, ihm diese letzten Worte sagen zu hören! In der Übereilung hatte ich versäumt, den Docht auszudrücken, nachdem ich die Lampe ausgeblasen hatte. Da Lorenzo mich nicht darüber befragte, so nahm ich an, er müsse alles wissen, und nur der unglückselige Jude hatte mich verraten können. Wie freute ich mich, daß er ihm nicht noch mehr hatte sagen können!

In diesem Augenblick fühlte ich den Abscheu schwinden, den ich bisher gegen Lorenzo empfunden hatte.

Nachdem ich ein Hemd angezogen und meinen Schlafrock übergeworfen, ging ich hinaus und fand meinen neuen Gefährten beschäftigt, mit Bleistift aufzuschreiben, was der Schließer ihm bringen sollte. Kaum war sein Blick auf mich gefallen so rief er aus: »Ah, Casanova!« Ich erkannte sofort den Abbate Fenarolo aus Brescia, einen Mann von etwa fünfzig Jahren, liebenswürdig, reich und in der guten Gesellschaft beliebt. Er umarmte mich, und als ich ihm sagte, ich hätte eher ganz Venedig hier oben zu sehen erwartet als ihn, konnte er seine Tränen nicht zurückhalten, und auch ich weinte vor Rührung. Sobald wir allein waren, sagte ich ihm, ich würde ihm, wenn sein Bett gebracht würde, den Alkoven anbieten, aber ich bäte ihn, diesen nicht anzunehmen. Ferner bat ich ihn, er möchte nicht verlangen, daß ausgefegt würde; den Grund würde ich ihm später mitteilen. Er versprach mir, er werde alles aufs strengste geheim halten, und sagte mir, er schätze sich glücklich, daß man ihn zu mir geführt habe. Er erzählte mir ferner: da niemand das Verbrechen kenne, wegen dessen ich unter den Bleidächern sei, so wolle ein jeder es erraten. Die einen behaupteten, ich sei das Oberhaupt einer neuen Sekte; andere, Frau Memmo habe den Inquisitoren eingeredet, ich verführe ihre Söhne zum Atheismus; noch andere behaupteten, Antonio Condulmer habe mich als Staatsinquisitor wegen Störung des öffentlichen Friedens einsperren lassen, weil ich die Theaterstücke des Abbate Chiari ausgepfiffen habe und mit dem Gedanken umgegangen sei, eigens nach Padua zu reisen, um ihn zu töten.

Alle diese Anschuldigungen waren bis zu einem gewissen Grade begründet und erhielten dadurch einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit; im Grunde aber waren sie alle vollständig falsch. Ich machte mir zu wenig aus der Religion, um mir mit der Begründung einer neuen den Kopf zu zerbrechen. Die geistvollen Söhne der guten Frau Memmo waren eher dazu angetan, zu verführen, als verführt zu werden, und der Herr von Condulmer hätte viel zu tun gehabt, wenn er alle Leute hätte einsperren lassen, die den Abbate Chiari auspfiffen. Diesem Abbate aber und Exjesuiten hatte ich verziehen, denn der berühmte Vater Origo, ebenfalls Exjesuit, hatte mich gelehrt, mich dadurch an Chiari zu rächen, daß ich in allen Gesellschaften Gutes von ihm sagte, wodurch die boshaften Zuhörer dazu angeregt wurden, tausend Satiren gegen ihn vorzubringen; so fand ich mich gerächt, ohne mir selber Mühe zu machen.

Gegen Abend brachte man ein gutes Bett, schöne Wäsche, wohlriechende Wasser, ein gutes Abendessen und ausgezeichnete Weine. Der Abbate bezahlte den gewöhnlichen Tribut, d. h. er aß nichts. Dafür speiste ich ausgezeichnet für zwei. Sobald Lorenzo uns guten Abend gewünscht und bis zum nächsten Tage wieder eingeschlossen hatte, holte ich meine Lampe hervor, die ich leer fand, denn das Tuch hatte alles Öl aufgesaugt. Ich mußte darüber herzlich lachen, indem ich mir die Verwirrung vorstellte, die dadurch hätte hervorgerufen werden können, daß durch den Docht das Tuch angezündet worden und dadurch eine Feuersbrunst ausgebrochen wäre. Ich teilte meine Gedanken meinem Genossen mit, der darüber ebenfalls lachte; hierauf zündete ich meinen Lichtspender wieder an, und wir verbrachten die Nacht in sehr angenehmen Gesprächen. Folgendes war die Geschichte meiner Verhaftung:

»Gestern nachmittag um drei Uhr stiegen Frau Alessandri, Graf Martinengo und ich in eine Gondel. Wir fuhren nach Padua, um dort die Oper zu sehen und dann sofort nach Venedig zurückzukehren. Während des zweiten Aktes trieb mich mein böser Geist, einen Augenblick in den Spielsaal zu gehen, wo ich das Unglück hatte, den österreichischen Gesandten Grafen Rosenberg mit abgenommener Maske zu sehen. Zehn Schritte von ihm stand Frau Ruzzini, deren Mann als Gesandter der Republik nach Wien gehen soll. Ich begrüßte beide und wollte mich entfernen, als der Gesandte laut zu mir sagte: ›Sie sind recht glücklich, daß Sie einer so liebenswürdigen Dame den Hof machen können. In solchen Augenblicken macht die Stellung, die ich hier einnehme, das schönste Land für mich zu einer Galere. Bitte sagen Sie ihr, die Gesetze, die mich hier verhindern, mit ihr zu sprechen, seien in Wien nicht in Geltung; dort würde ich sie nächstes Jahr sehen und ihr dann den Krieg erklären!‹ Frau Ruzzini sah, daß von ihr gesprochen wurde, und fragte mich, was der Graf gesagt habe; ich erzählte es ihr Wort für Wort. ›Antworten Sie ihm,‹ sagte sie zu mir, ›ich nehme die Kriegserklärung an, und wir werden sehen, wer von uns beiden am besten fechten kann.‹ Ich glaubte kein Verbrechen zu begehen, indem ich diese Antwort überbrachte, die doch im Grunde nur ein Kompliment war. Nach der Oper nahmen wir ein leichtes Abendessen zu uns; dann fuhren wir zurück und kamen um Mitternacht hier an. Ich wollte gerade zu Bett gehen, als ein Bote mir einen Brief überbrachte. Dieser enthielt den Befehl, mich um ein Uhr mittags in der Bussola einzufinden, da der Sekretär des Rates der Zehn, Herr Businello, mit mir zu sprechen habe. Erstaunt über einen solchen Befehl, der stets von schlimmer Vorbedeutung ist, und ärgerlich, ihm gehorchen zu müssen, begab ich mich zur bestimmten Stunde an den bezeichneten Ort; der Herr Sekretär würdigte mich nicht eines einzigen Wortes und befahl, mich hierher zu bringen.«

Gewiß war der vom Grafen Fenarolo begangene Fehltritt nichts weniger als ein Verbrechen; aber es gibt Gesetze, die man in aller Unschuld übertreten kann, und deren Übertretung trotzdem strafbar ist. Ich wünschte ihm Glück dazu, daß ihm sein Verbrechen bekannt sei, und sagte ihm, man werde ihn nach achttägiger Haft entlassen und ihn zugleich bitten, sechs Monate in Brescia zu verbringen. »Ich glaube nicht,« sagte er zu mir, »daß man mich acht Tage hier läßt.« Ich beließ ihn bei seinem Glauben; aber meine Weissagung erfüllte sich. Ich beschloß, ihm gute Gesellschaft zu leisten, um seine Erbitterung über die Verhaftung zu lindern, und ich versetzte mich so vollständig in seine Lage, daß ich meine eigene völlig vergaß.

Am nächsten Tage gleich nach Sonnenaufgang brachte Lorenzo Kaffee und einen Korb mit allem, was zu einem guten Mittagessen nötig ist. Der Abbate war sehr überrascht, denn er begriff nicht, wie man von ihm annehmen konnte, daß er zu solcher Stunde Lust zum Essen hätte. Man ließ uns eine Stunde in der Dachkammer spazieren gehen; hierauf schloß man uns wieder ein, und damit waren wir für den Tag erledigt. Die Flöhe, die uns peinigten, veranlaßten ihn, mich zu fragen, warum ich nicht ausfegen ließe. Unmöglich konnte ich ihn glauben lassen, daß ich an solcher Unsauberkeit Gefallen fände oder daß meine Haut härter sei als die seinige. Ich sagte ihm alles. Er war betrübt, mich gewissermaßen gezwungen zu haben, ihm ein so wichtiges Geständnis zu machen; aber er ermutigte mich, meine Arbeit eifrig fortzusetzen und sie womöglich noch an demselben Tage zu beendigen. Er wolle mir helfen, mich in den untern Saal herabzulassen und wolle hierauf den Strick wieder hoch ziehen; indessen wolle er seine eigene Angelegenheit nicht durch eine Flucht verschlimmern. Ich zeigte ihm das Modell einer Vorrichtung, mittels derer ich sicher war, das Bettuch, das mir als Strick dienen sollte, nach dem Gebrauch zu mir herunter zu ziehen; das war ein kleines Stäbchen, an dessen einem Ende ein langer Bindfaden befestigt war. Mein Strick sollte an meiner Bettstelle nur mittels dieses Stäbchens befestigt sein; der Bindfaden hing bis zum Fußboden des Inquisitorensaales hinunter; sobald ich unten war, machte ich mit einem Ruck das Stäbchen frei und die Bettücher fielen zu Boden. Er überzeugte sich von der sicheren Wirkung und wünschte mir Glück dazu. Diese Vorsichtsmaßregel war unerläßlich; denn wenn die Bettücher hängen geblieben wären, hätte ich durch sie sofort verraten werden müssen. Lorenzo wäre es augenblicklich gewahr geworden, wenn er durch den Saal der Gefängnisse ging. Dann hätte er mich sofort gesucht, gefunden und angehalten. Mein edler Genosse ließ sich von mir überzeugen, daß ich meine Arbeit aufschieben mußte; denn ich mußte vor einer Überraschung auf der Hut sein, da ich noch mehrere Tage brauchte, um das Loch fertig zu machen, das dem Schließer Lorenzo das Leben kosten sollte. Konnte wohl der Gedanke mich zurückhalten, daß ich meine Freiheit auf Kosten eines solchen Menschen erkaufte? Ich hätte ebenso gehandelt, und wenn auch meine Flucht allen Sbirren der Republik und sogar den Inquisitoren selber hätte das Leben kosten sollen. Sogar das Heiligste von allem, das Vaterland, wird ein Nichts dem Menschen, den es unterdrückt!

Meine gute Laune hielt meinem Gefährten nicht alle Anfälle von Schwermut fern. Er liebte Frau Alessandri, vormals Sängerin und jetzige Geliebte oder Gattin seines Freundes Martinengo, und er wurde ohne Zweifel erhört; aber je glücklicher ein Liebhaber ist, desto unglücklicher wird er, wenn man ihn von der Geliebten fern hält. Er seufzte, er vergoß Tränen, und oft rief er aus, er liebe eine Frau, die ein Muster aller Tugenden sei. Ich beklagte ihn, und es fiel mir nicht ein, ihm zum Troste zu sagen, daß die Liebe nur eine Kleinigkeit sei. Dieser Trost, den oft die Toren Liebenden geben, ist kein Trost; es ist nicht einmal wahr, daß die Liebe nur eine Kleinigkeit ist.

Die acht Tage, die ich ihm prophezeit hatte, vergingen sehr schnell. Ich verlor den lieben Gefährten, aber ich hielt mich nicht damit auf, ihm nachzutrauern: er bekam seine Freiheit wieder, und das war für mich Grund genug, mich zu freuen. Ich dachte nicht daran, ihn zur Verschwiegenheit zu ermahnen; der geringste Zweifel in dieser Hinsicht hätte seine schöne Seele beleidigt. Während der acht Tage, die er bei mir verbrachte, nährte er sich nur von Suppe, Früchten und Canarienwein; sein gutes Essen verzehrte ich, und dies machte ihm viel Freude. Beim Abschied schworen wir uns die innigste Freundschaft.

Am nächsten Tage legte Lorenzo mir Rechnung über mein Geld ab. Es war ein Rest von vier Zechinen zu meinen Gunsten vorhanden, und er wurde gerührt, als ich ihm sagte, daß ich sie seiner Frau schenkte. Ich sagte ihm nicht, daß es Mietgeld für die Lampe sei, aber er konnte sich dies wohl denken.

Ich nahm nun meine Arbeit wieder auf und setzte sie ohne Unterlaß fort; am 23. August sah ich sie fertig. Daß es so lange dauerte, daran war ein sehr natürliches Ereignis schuld: das letzte Brett durchbohrte ich mit der größten Vorsicht, indem ich ganz allmählich einen Splitter nach dem andern abhob, bis das Brett sehr dünn geworden war; als ich bis an die Oberfläche vorgedrungen war, legte ich mein Auge an ein kleines Loch, durch welches ich das Zimmer der Inquisitoren sehen mußte. Ich sah es auch wirklich, bemerkte aber zur gleichen Zeit einen Balken von etwa acht Zoll Dicke. Was ich immer gefürchtet hatte, war geschehen: ich war auf einen der Deckbalken gestoßen. Dies zwang mich, meine Öffnung nach der entgegengesetzten Seite zu erweitern; denn durch den Balken wäre der Durchgang so eng geworden, daß meine ziemlich kräftige Gestalt niemals hindurch gekonnt hätte. Ich vergrößerte also das Loch um ein Viertel, wobei ich zwischen Furcht und Hoffnung schwebte; denn es hätte wohl sein können, daß der Raum zwischen diesem bis zum nächsten Deckbalken nicht ausreichte. Als ich mit der Erweiterung fertig war, erlaubte ein zweites kleines Loch mir, festzustellen, daß Gott mein Werk gesegnet hatte. Die kleinen Löcher stopfte ich sorgfältig wieder zu, damit nichts in den Saal hinunterfalle und kein Strahl meiner Lampe von dort aus gesehen werden könne; denn dadurch wäre ich entdeckt worden und wäre verloren gewesen.

Ich setzte meine Entweichung auf die Nacht vor dem Augustinustage fest, weil ich wußte, daß aus Anlaß dieses Festes der Große Rat sich versammelte und daß infolgedessen niemand sich in der Bussola befinden würde, die unmittelbar an das Zimmer stieß, durch das ich auf meiner Flucht hindurch mußte. Die Ausführung sollte also am 27. stattfinden; aber am Mittag des 25. August stieß mir ein Unglück zu, dessen Erinnerung mich noch jetzt schaudern macht, obgleich seitdem so viele Jahre verflossen sind.

Genau um zwölf Uhr hörte ich das Geräusch der Riegel, und ich glaubte zu sterben; mich befiel ein so heftiges Herzklopfen, daß ich fürchtete, mein letzter Augenblick sei gekommen. Halb bewußtlos warf ich mich in meinen Lehnstuhl und wartete. Lorenzo trat in die Dachkammer ein und rief mir mit fröhlicher Stimme durch mein Gitterfenster zu: »Ich wünsche Ihnen Glück zu der guten Nachricht, die ich bringe.«

Ich glaubte, er wollte mir melden, daß ich frei wäre, denn an etwas anderes dachte ich nicht. Ich erzitterte bei dem Gedanken; denn ich fühlte, daß durch die Entdeckung des Lochs meine Begnadigung rückgängig gemacht worden wäre.

Lorenzo trat ein und sagte mir, ich solle mitkommen.

»Wartet, ich werde mich anziehen.«

»Das ist nicht nötig; denn Sie brauchen nur von diesem schlechten Gefängnis nach einem andern ganz neuen zu gehen, wo Sie durch zwei Fenster eine Aussicht über halb Venedig haben und wo Sie aufrecht stehen können.«

»Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und sagte zu ihm: »Gebt mir Essig und sagt dem Sekretär, ich danke dem Tribunal für diese Gnade, aber ich bitte, mich hier zu lassen.«

»Sie machen mich lachen, mein Herr! Sind sie verrückt geworden? Man will Sie aus der Hölle befreien und Sie ins Paradies bringen, und Sie weigern sich! Vorwärts, vorwärts! Der Befehl muß befolgt werden; stehen Sie auf! Ich werde Ihnen den Arm geben und werde durch die Knechte ihre Sachen und ihre Bücher hinüber bringen lassen.«

Da ich sah, daß jeder Widerstand vergeblich war, stand ich auf. Ich fühlte eine große Erleichterung, als ich hörte, daß einem der Sbirren befohlen wurde, mir meinen Lehnstuhl nachzutragen: also folgte mir mein Spieß und mit ihm die Hoffnung. Gar zu gern hätte ich auch mein schönes Loch mitnehmen mögen, das mir so viele Mühe gekostet, und worauf ich so viele Hoffnungen gesetzt hatte, die nun alle verloren waren. Ich kann wohl sagen: als ich diesen schrecklichen Ort der Schmerzen verließ, blieb meine ganze Seele dort zurück.

Auf Lorenzos Schultern gestützt, der durch seine dummen Späße mich zu erheitern glaubte, durchschritt ich zwei enge Korridore. Dann ging es drei Stufen hinab, und ich betrat einen sehr hellen Saal; in der linken Ecke desselben führte eine kleine Türe in einen anderen, zwei Fuß breiten und ungefähr zwölf Fuß langen Korridor, und in der Ecke war mein neues Gefängnis. Dieses hatte ein vergittertes Fenster nach dem Korridor hinaus, der durch zwei ebenfalls vergitterte Fenster sein Licht erhielt, und durch diese hatte man eine herrliche Aussicht bis zum Lido.

Ich war in diesem traurigen Augenblick nicht in der Stimmung, mich daran zu freuen. Indessen sah ich später mit Vergnügen, daß durch dieses Fenster, wenn es offen war, ein sanfter und frischer Wind eindrang, der die unerträgliche Hitze milderte. Dies war ein wahrer Balsam für den Unglücklichen, der hier oben atmen mußte, besonders während der heißen Jahreszeit.

Wie der Leser sich denken kann, fanden alle diese Beobachtungen erst später statt. Als ich mein neues Gefängnis betreten hatte, ließ Lorenzo meinen Lehnstuhl hineinstellen; dann entfernte er sich mit den Worten, den Rest meiner Sachen werde er mir bringen lassen.

Zenos Stoizismus und die Ataraxie der Pyrrhonianer beschäftigen den Geist mit sonderbaren Vorstellungen. Sie werden gepriesen und belacht, bewundert und verspottet. Nur bedingungsweise halten die Gelehrten sie für möglich. Aber nach meiner Meinung kann jeder Richter über moralisch Mögliches und Unmögliches immer nur von sich selber sprechen; denn wenn man redlich ist, kann man eine innere Kraft nicht anerkennen, deren Keim man nicht in sich selber fühlt. Und so finde ich in mir selbst, daß der Mensch durch eine mühe- und kunstvoll erworbene Kraft vielleicht Wehklagen über den Schmerz unterdrücken und sich gegen seine ersten Anfälle erwehren kann. Aber dies ist auch alles. Das abstine et sustine – Enthaltsamkeit und Geduld kennzeichnet einen guten Philosophen. Aber die körperlichen Schmerzen, die ein Stoiker empfindet, werden denen eines Epikuräers nichts nachgeben. Die Schmerzen brennen heftiger den, der sie verbirgt, als den, der sich durch Klagen eine wirkliche Erleichterung verschafft. Der Mensch, der bei einem für ihn entscheidenden Ereignis gleichgültig erscheinen will, trägt nur den leeren Schein des Gleichmuts zur Schau, falls er nicht etwa blödsinnig oder verrückt ist. Der sich völliger Ruhe rühmt, der lügt – und Sokrates möge mir diese Bemerkung nicht übel nehmen. Ich will dem Zeus alles glauben, sobald er mir zeigt, daß er das Geheimnis gefunden hat, der Natur das Erbleichen und Erröten, das Lachen und Weinen zu verwehren.

Unbeweglich wie eine Bildsäule saß ich in meinem Lehnstuhl und erwartete das Gewitter. Und doch hatte ich keine Furcht. Mich lähmte nur der niederschmetternde Gedanke, daß alle Mühe und Pläne verloren waren. Trotzdem empfand ich keine Reue, sondern nur Bedauern. Nicht an die Zukunft zu denken war der einzige Trost, den ich mir beschaffen konnte.

Indem ich meine Gedanken zu Gott erhob, konnte ich nicht umhin, das neue Unglück, das mich traf, als eine Strafe anzusehen, die Gott selber mir sandte, weil ich nicht geflohen war, sobald die Mittel dazu bereit waren. Indessen, wenn ich auch anerkannte, daß ich drei Tage früher hätte entspringen können, so mußte ich doch die Strafe zu hart finden; denn ich hatte mein Unternehmen nur aus Vorsicht aufgeschoben, und dies schien mir eher eine Belohnung zu verdienen; denn wenn ich meiner eigenen Ungeduld gefolgt wäre, so hätte ich allen Gefahren getrotzt. Aus Gründen der Vernunft hatte ich meine Flucht auf den 27. August verschoben; um gegen diese Vernunft zu handeln, hätte es einer Offenbarung bedurft, und so verrückt hatte mich das Buch der Maria von d’Agrada noch nicht gemacht.

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Ich bin in großer Gefahr, in den Lagunen zu ertrinken. – Briefe von E. E. und R. R. – Versöhnungsbeisammensein im Kasino von Murano. – Ich erfahre den Namen von R. R.s Freund und erkläre mich einverstanden, ihn und unsere gemeinsame Geliebte zum Abendessen in mein Kasino einzuladen.

Es war ein fürchterliches Wetter. Der Wind blies stark, und der Frost drang mir ins Mark der Knochen. Ich ging ans Ufer, spähte nach einer Gondel und rief die Bootführer. Doch vergebens. Den venetianischen Polizeigesetzen gemäß kann ein solcher Fall eigentlich niemals eintreten. Zwei Gondeln wenigstens müssen bei jeder Überfahrt zu allen Stunden dem Publikum bereit stehen; daß auch nicht eine Gondel anzutreffen ist, das ist fast nie der Fall. Aber heute verhielt es sich so. Kein Boot, kein Schiffer war da. Was tun? In einfache Leinwand gekleidet, konnte ich nicht gut bei solchem Wetter eine Stunde lang am Ufer herumspazieren. Hätte ich den Schlüssel gehabt, so wäre ich wahrscheinlich ins Kasino zurückgegangen; aber nun hatte ich die Strafe dafür zu leiden, daß ich ihn im Verdruß fortgegeben hatte. Der Wind riß mich beinahe fort, und ich konnte in kein Haus eintreten, um mich vor seiner Wut zu schützen.

Ich hatte in meinen Taschen Dreihundert Filippen6, die ich am Abend im Spiel gewonnen hatte, und eine Börse voll Gold.

Unter diesen Umständen mußte ich die Diebe von Murano fürchten, sehr gefährliche Halsabschneider und entschlossene Mörder, die eine Art Straflosigkeit genießen und mißbrauchen, denn sie haben mehrere Privilegien, die ihnen die Regierung bewilligt hat, um den zahlreichen Spiegelfabriken und Glasbläsereien der Insel die nötige Anzahl Arbeiter zu erhalten. Damit sie nicht auswandern, gewährt die Regierung ihnen venezianisches Bürgerrecht. Ich mußte befürchten, einigen solchen Kerlen in den Weg zu laufen, die mich zum mindesten splitternackt würden ausgezogen haben; denn zufällig hatte ich nicht einmal den kleinen Dolch bei mir, den in meiner lieben Vaterstadt alle ehrlichen Leute tragen müssen, um ihr Leben zu verteidigen.

In dieser ratlosen Stimmung glaubte ich plötzlich einen Lichtschimmer zu bemerken, der durch die Ritzen der Fensterläden eines Häuschens drang. Ich ging heran und klopfte bescheiden an den Laden. Eine Stimme ruft: »Wer klopft da?« und zugleich höre ich den Laden sich öffnen. »Was wollen Sie?« fragt mich ein Mann, ganz erstaunt über meinen Anblick. Ich sagte ihm mit ein paar Worten, in welcher Lage ich mich befände, drückte ihm zugleich einen Filippo in die Hand und bat ihn, mich eintreten zu lassen, damit ich vor dem schlechten Wetter geschützt wäre. Mein Taler wirkte jedenfalls mehr als meine Worte – genug, er öffnete mir die Tür, ich trat ein und bat ihn, indem ich ihm einen zweiten Filippo versprach, mir eine Gondel zu holen, die mich nach Venedig bringen könnte. Dem lieben Gott dankend, zog er sich in aller Eile an und entfernte sich mit der Versicherung, er würde mir sofort eine Gondel bringen. Ich blieb allein in einem armseligen Zimmer, wo seine ganze Familie in einem breiten elenden Bett lag und mit großen Augen mich und mein sonderbares Kostüm ansah. Eine halbe Stunde darauf kam der gute Mann wieder und meldete mir, die Schiffer wären am Ufer, aber sie verlangten vorherige Bezahlung. Ich erklärte mich einverstanden, gab ihm seinen Filippo, dankte ihm und ging.

Ohne Besorgnis betrat ich die Gondel, als ich zwei kräftige Schiffer sah. Leicht stießen wir vom Ufer ab, ohne daß der Wind uns hinderte. Bis San Michele ging alles gut; sobald wir aber über die Insel hinaus waren, packte uns der Sturm mit solcher Wut, daß ich mich in Lebensgefahr sah, denn obwohl ein guter Schwimmer, traute ich mir doch nicht die Kräfte zu, mich schwimmend zu retten oder der Gewalt der Strömung Widerstand leisten zu können. Ich befahl den Schiffern, unter den Schutz der Insel zurückzukehren, aber sie antworteten mir, sie seien keine Memmen und ich sollte nur ruhig sein. Mit dem Charakter unserer Gondoliere bekannt, schwieg ich. Unterdessen folgte ein starker Windstoß dem anderen; die schaumgekrönten Wellen schlugen in die Gondel hinein, und meine beiden Ruderer konnten trotz ihrer Unerschrockenheit und Stärke das Boot nicht mehr lenken. Wir waren indessen nur noch hundert Schritt von der Mündung des Rio de‘ Gesuiti entfernt, als ein wütender Windstoß den vorderen Ruderer ins Meer schleuderte; doch klammerte er sich an die Gondel an und stieg ohne große Mühe wieder ein. Er hatte das Ruder verloren und nahm ein anderes; inzwischen war aber die Gondel schon weitab zur Seite getrieben. Die Gefahr war dringend, und ich hatte keine Lust, bei Neptun zur Nacht zu speisen. Ich warf eine Handvoll Filippen auf den Boden der Gondel und befahl den Schiffern, den felce, das Verdeck der Gondel, ins Wasser zu werfen. Der Klang des Silbers sowohl wie die dräuende Gefahr bewirkten, daß sie meinem Befehl sofort gehorchten. Der Wind fand nunmehr nur noch eine geringe Angriffsfläche, und meine Schiffer bewiesen dem Gott Aeolus, daß sie stärker waren als er; denn in weniger als fünf Minuten fuhren wir in den Rio de Mendicanti ein; vor dem Palazzo Bragadino ließ ich mich absetzen. Ich ging zu Bett und deckte mich gut zu, um meine natürliche Wärme wiederzugewinnen. Aber vergebens rief ich den süßen Schlaf herbei, der mich bald wieder in meine gewöhnliche Verfassung versetzt hätte.

Fünf oder sechs Stunden später kamen Herr von Bragadino und seine beiden unzertrennlichen Freunde zu mir und fanden mich im Fieberdelirium. Trotzdem mußte mein wackerer Beschützer lachen, als er den Pierrotanzug auf dem Kanapee liegen sah. Sie wünschten mir Glück, daß ich so geschickt mich aus meiner üblen Lage befreit hätte, und ließen mich hierauf in Ruhe. Am Abend stellte sich ein so reichlicher Schweiß ein, daß man mir anderes Bettzeug geben mußte; am nächsten Tage wiederholte sich das Schwitzen, und ich phantasierte; am dritten Tage hörte das Fieber auf; ich war aber an allen Gliedern wie gelähmt und litt fürchterliche Schmerzen an einem Hexenschuß. Doch faßte ich mich in Geduld, denn ich fühlte, daß nur strenge Diät mir Erleichterung verschaffen könnte.

Am Mittwoch kam die treue Botin Laura an mein Bett. Ich sagte ihr, ich könnte weder lesen noch schreiben, und bat sie, am folgenden Tage wiederzukommen. Sie legte die Briefe, die sie für mich hatte, auf ein Tischchen neben meinem Bette und entfernte sich, nachdem ich sie genugsam unterrichtet hatte, um C. C. über meinen Zustand Bescheid sagen zu können.

Da ich mich abends ein wenig besser fühlte, befahl ich meinem Bedienten mich einzuschließen und öffnete C. C.s Brief. Das erste, was ich sah, und zwar mit großem Vergnügen sah, war der Schlüssel zum Kasino, den sie mir zurückschickte; es hatte mir bereits leid getan, daß ich ihn zurückgegeben, und es stieg in mir eine Ahnung auf, daß ich im Unrecht sein möchte. Der Anblick der Schlüssel erfrischte mir das Blut wie ein rechter Balsam. Das zweite, was mir nicht weniger angenehm war als die Rücksendung des kostbaren Schlüssels, war ein Brief von M. M., den ich begierig las, nachdem ich hastig das Siegel erbrochen hatte. Er lautete:

»Die Einzelheiten, die Sie in dem Briefe meiner Freundin gelesen haben oder lesen werden, haben, wie ich hoffe, die Wirkung, daß Sie den Fehltritt, den ich beging, vergeben und vergessen sein lassen. Ich beging ihn wahrhaftig in aller Unschuld, denn ich hoffte im Gegenteil, Ihnen die größte Freude zu bereiten. Ich habe alles gesehen und gehört, und Sie wären gewiß nicht unter Zurücklassung des Schlüssels fortgegangen, wenn ich nicht unglücklicherweise eine Stunde vor Ihrem Gehen eingeschlafen wäre. Nehmen Sie den Schlüssel wieder an sich, und kehren Sie morgen abend ins Kasino zurück, da Sie, dem Himmel sei Dank, aus dem Sturm errettet worden sind. Ihre Liebe berechtigt Sie vielleicht, sich zu beklagen, aber sie gibt Ihnen kein Recht, eine Frau zu mißhandeln, die Ihnen ganz gewiß keine Geringschätzung bezeigt hat.«

Hierauf las ich C. C.s Brief, den ich hier mitteile, weil er mir fehr interessant zu sein scheint:

»Ich bitte Dich, lieber Gatte, mir diesen Schlüssel nicht zurückzuschicken – Du müßtest denn der grausamste aller Menschen geworden sein und ein Vergnügen daran finden, zwei Frauen zu quälen, die Dich mit heißer Glut lieben, und zwar nur um Deiner selbst willen lieben. Ich kenne Dein ausgezeichnetes Herz, und darum wage ich mich der Gewißheit hinzugeben, daß Du morgen Abend ins Kasino kommen und Dich mit M. M. aussöhnen wirst, die heute Abend nicht kommen kann. Du wirst sehen, daß Du unrecht hast, lieber Freund, und daß meine geliebte Freundin, weit entfernt Dich geringzuschätzen, im Gegenteil, auf der ganzen weiten Welt nur Dich sieht. Unterdessen teile ich Dir mit, was Du noch nicht weißt und jedenfalls mit großem Interesse vernehmen wirst:

Unmittelbar nachdem Du bei dem entsetzlichen Unwetter, das mich mit der größten Angst um Dich erfüllte, fortgegangen warst, und in dem Augenblick, wo ich selber ins Kloster zurückkehren wollte, sah ich zu meiner höchsten Uberraschung meine liebe M. M. vor mir stehen. Sie hatte von einem Versteck aus jedes Wort gehört, das Du gesagt hattest. Mehrere Male war sie in Versuchung gewesen, sich zu zeigen, immer aber hatte die Furcht sie zurückgehalten, sie könnte zur unrechten Zeit erscheinen und dadurch eine Versöhnung verhindern, die nach ihrer Meinung zwischen zwei Menschen, die sich wirklich lieben, selbstverständlich ist. Zum Unglück hatte vor Deinem Fortgehen der Schlaf sie überwältigt, und sie erwachte erst vom Rasseln des Weckers, als es zu spät war, Dich zurückzuhalten, denn Du ranntest in der größten Hast davon, wie jemand, der einer großen Gefahr entfliehen will. Sobald ich sie sah, gab ich ihr den Schlüssel, den ich nicht kannte, und meine Freundin stieß einen tiefen Seufzer aus: »Ich werde dir alles erzählen, sobald wir zu Hause sind,« sagte sie. Wir fuhren in entsetzlichem Wetter heim, doch zitterten wir nur um Dich; an uns selber dachten wir kaum. Im Kloster angekommen, zog ich sofort meine gewöhnlichen Kleider wieder an, und M. M. ging zu Bett. Ich setzte mich neben ihr Kopfkissen, und nun erzählte sie mir folgendes:

»Als die Tante dich abrief und du mir den Ring zurückließest, sah ich mir diesen so genau an, bis mir schließlich das kleine Pünktchen auffiel. Ich vermutete, daß dieses die Feder verbergen möchte, und nahm eine Nadel. Der Deckel sprang auf, und ich kann dir nicht beschreiben, wie innig ich mich freute, als ich sah, daß wir denselben Mann liebten, und wie leid es mir zugleich tat, als ich daran dachte, daß ich einen Eingriff in deine Rechte getan hatte. Im ganzen jedoch war ich von meiner Entdeckung entzückt und beschloß sofort, sie dahin auszunützen, daß ich dir das Vergnügen verschaffte, mit ihm zu soupieren. Ich machte den Kasten des Ringes wieder zu und gab ihn dir zurück, indem ich tat, als hätte ich nichts entdeckt. Ich dünkte mich in diesem Augenblick die glücklichste aller Frauen. Ich kannte dein Herz; ich wußte, daß du um die Liebe deines Geliebten zu mir wußtest, denn ich hatte dir in aller Unschuld sein Porträt gezeigt; ich sah mit Entzücken, daß du nicht eifersüchtig auf mich warst. Darum wäre ich mir selber verächtlich erschienen, wenn ich andere Gefühle hätte hegen können als du, um so mehr, da du ja ganz andere Ansprüche auf ihn hattest als ich. Den Grund, warum du stets seinen Namen vor mir geheim hieltest, erriet ich leicht – es konnte nur auf seinen Befehl geschehen sein, und ich bewunderte in deiner Verschwiegenheit die Vornehmheit deiner Gefühle und die Güte deines Herzens. Ich sagte mir, daß dein Geliebter jedenfalls uns beide zu verlieren fürchtete, wenn wir entdeckten, daß keine von uns beiden sein Herz ungeteilt besäße. Ich kann dir nicht beschreiben, welchen Kummer mir der Gedanke bereitete, daß du sein Bild in meinem Besitz gesehen hättest und trotzdem in deinem Benehmen völlig die Gleiche geblieben warst, obwohl es dir nicht zweifelhaft sein konnte, daß seine Liebe nicht mehr dir allein galt. Ich hatte nur noch einen Gedanken: ich wollte euch beiden beweisen, daß M. M. eurer Zärtlichkeit, eurer Freundschaft und eurer Achtung würdig ist. Mit unbeschreiblicher Befriedigung stellte ich mir vor, wie wir alle drei noch hundertmal glücklicher sein würden; denn vor einem geliebten Wesen etwas geheim halten zu müssen, ist unerträgliche Qual. Ich schickte dich an meiner Stelle, und dies erschien mir als ein Meisterstreich. Du erlaubtest mir, dich als Nonne zu kleiden; mit einer Bereitwilligkeit, die nur in deinem schrankenlosen Vertrauen zu mir ihresgleichen hat, gingst du in mein Kasino, ohne zu wissen, wohin du gingst. Kaum warst du ausgestiegen, so kehrte die Gondel zurück, und ich begab mich in ein Versteck, das unser Freund kennt, und von wo aus ich, ohne selber gesehen zu werden, alle eure Bewegungen beobachten und jedes eurer Worte hören konnte. Ich war die Urheberin der Komödie; so war es natürlich, daß ich ihr zuschaute, um so mehr da ich überzeugt war, daß ich nur durchaus Angenehmes würde zu sehen und zu hören bekommen.

Eine Viertelstunde nach dir kam ich im Kasino an. Unmöglich kann ich dir beschreiben, wie überrascht und entzückt ich war, als ich dann den prächtigen Pierrot eintreten sah, über den wir im Besuchszimmer so herzlich gelacht hatten und den wir doch eigentlich instinktmäßig hätten erkennen sollen. Aber auf seinen ersten Anblick beschränkte sich auch alles Vergnügen, das ich gehabt habe. Furcht, Erstaunen, Unruhe begannen in demselben Augenblick, wo ich die Wirkung sah, die die getäuschte Erwartung auf ihn übte, und ich fühlte mich unglücklich. Unser Geliebter nahm die Sache krumm; verzweifelt lief er davon: er liebt mich noch, aber er denkt an mich nur noch, weil er mich zu vergessen sucht. Dies wird ihm nur zu sicher gelingen. Die Rückgabe des Schlüssels ist mir schon ein Zeichen, daß er nicht mehr ins Kasino kommen wird. O böse Nacht! Ich wollte doch nur drei Menschen glücklich machen. Wie ist es möglich, daß ich grade das Gegenteil bewirkt habe. Ich werde daran sterben, wenn es dir nicht gelingt, ihn zur Vernunft zu bringen; denn ich fühle, daß ich ohne ihn nicht leben kann. Ganz gewiß bist du in der Lage, ihm schreiben zu können; du kennst ihn, du weißt seinen Namen; bitte, schick ihm den Schlüssel zurück und schreib ihm einen Brief, der ihn dazu bewegt, morgen oder übermorgen ins Kasino zu kommen, um wenigstens noch einmal mit mir zu sprechen; ich hoffe, ihn von meiner Liebe und von meiner Unschuld zu überzeugen. Ruhe dich heute aus, liebste Freundin; morgen aber schreib ihm die volle Wahrheit. Habe Mitleid mit deiner armen Freundin und verzeih ihr, daß sie deinen Geliebten liebt. Ich werde ihm ebenfalls zwei Seiten schreiben, die du deinem Brief beischließen mußt. Ich bin schuld, daß er dich nicht mehr liebt; du müßtest mich hassen, und trotzdem bist du gütig und liebst mich noch. Ich bete dich an! Ich habe seine Tränen gesehen; ich habe gesehen, wie innig seine Seele liebt: jetzt kenne ich ihn! Ich wußte nicht, daß es Menschen gibt, die so lieben! Ich habe eine entsetzliche Nacht verbracht. Glaube nur nicht, ich zürnte dir, meine holde Freundin, darob, daß du ihm unser beider zärtliches Liebesverhältnis anvertraut hast; es ist mir durchaus nicht unangenehm, und ihm gegenüber war es nicht einmal eine Unvorsichtigkeit, denn er ist von Geist ebenso frei, wie von Herzen gut.

Tränen erstickten ihre Stimme; ich versuchte sie zu trösten und versprach ihr von Herzen gern, an Dich zu schreiben. Sie hat den ganzen Tag kein Auge zugetan, ich aber habe vier Stunden lang fest geschlafen.

Als wir aufgestanden waren, fanden wir das ganze Kloster voll von schlimmen Nachrichten, die uns näher angingen, als man glaubte. Man erzählte, eine Stunde vor Tagesanbruch sei ein Fischerboot in der Lagune untergegangen, zwei Gondeln seien gekentert und ihre Insassen ertrunken. Stelle Dir unsere Angst vor! Wir wagten keine Fragen zu stellen; aber die Stunde stimmte mit der Zeit, wo Du mich verlassen hattest, und wir zogen die allerschlimmsten Schlüsse.

Wir gingen wieder in unsere Zelle, und M. M. fiel in Ohnmacht. Ich hatte mehr Mut als sie und sagte zu ihr, Du seist ein guter Schwimmer. Aber alle meine Worte beruhigten sie nicht, und fieberschauernd mußte sie sich zu Bett legen. In dieser traurigen Verfassung befanden wir uns, als meine Tante, die überhaupt sehr lustig ist, lachend bei uns eintrat und uns erzählte, daß in dem Sturm derselbe Pierrot, über den wir so viel gelacht hatten, beinahe ertrunken wäre. ›Ach, der arme Pierrot!‹ sagte ich zu ihr; ›erzählen Sie’s uns doch, liebe Tante! Ich freue mich wirklich, daß er heil davongekommen ist. Wer ist er? Weiß man das?‹ – ›O ja,‹ antwortete sie, ›man weiß alles, denn unsere eigenen Gondoliere haben ihn nach Hause geschafft. Der eine war eben hier und erzählte uns, Pierrot wäre die Nacht auf dem Ball bei den Briatis gewesen und hätte an der Anlegestelle keine Gondel gefunden, als er nach Venedig zurückfahren wollte; unsere Schiffer fanden sich bereit, für eine Zechine ihn überzusetzen. Der Gondoliere vom Vorderteil wurde durch einen Windstoß ins Meer geschleudert; da warf der brave Pierrot ein paar Hände voll Taler auf die Zenia und schmiß den felce ins Wasser. Der Wind hatte nun wenig Angriffsfläche mehr, und sie sind glücklich durch den Bettlerkanal nach Venedig hineingekommen. Die glücklichen Schiffer haben heute morgen dreißig Filippen unter sich geteilt, die sie in der Gondel fanden, außerdem haben sie noch das Glück gehabt, auch den felce wieder aufzufischen. Pierrot wird an Murano und den Ball bei Briati denken! Der Schiffer sagt, es sei der Sohn vom Herrn von Bragadino, dem Bruder des Prokurators; sie haben ihn halb tot vor Furcht und Frost nach dem Palazzo gefahren; er hatte nämlich nur seinen Leinenanzug angehabt und keinen Mantel bei sich.‹

Als meine Tante wieder gegangen war, sahen wir uns eine Weile an, ohne ein Wort zu sprechen; aber wir fühlten, daß diese Nachricht uns das Leben wiedergab. M. M. fragte mich lächelnd, ob Du wirklich Herrn von Bragadinos Sohn seist? ›Man kann sich das,‹ antwortete ich ihr, ›als nicht unmöglich vorstellen; aber sein Name läßt nicht darauf schließen, daß er ein Bastard des Herrn Senators, und noch weniger, daß er dessen ehelicher Sohn ist; Herr von Bragadino ist nämlich niemals verheiratet gewesen.‹ – ›Es würde mir,‹ sagte M. M., »sehr leid tun, wenn er sein Sohn wäre.« Ich glaubte nun nicht mehr umhin zu können, ihr Deinen wahren Namen zu sagen und ihr zu erzählen, welche Schritte Herr von Bragadino bei meinem Vater getan, um Dir meine Hand zu verschaffen, und daß ich eben infolge dieses Schrittes ins Kloster gesteckt worden wäre. So hat nun also, mein Herzallerliebster, Deine kleine Frau M. M. gegenüber keine Geheimnisse mehr, und ich hoffe, Du machst mir nicht den Vorwurf mangelhafter Verschwiegenheit; denn es ist besser, unsere liebe Freundin weiß die ganze Wahrheit, als daß sie ein Gemisch von Wahrheit und Lügen kennt. Sehr spaßhaft haben wir, wie Du Dir denken kannst, es gefunden, daß man ganz genau weiß, daß Du die Nacht auf dem Ball im Palazzo Briati gewesen bist. Wenn die Leute nicht alles wissen, erfinden sie was, und da tritt denn oft das Wahrscheinliche an Stelle des Wahren, und zuweilen kommt das sogar sehr gelegen. Wahr ist, daß diese Nachricht für unsere Freundin ein Balsam war; sie befindet sich jetzt vollkommen wohl. Sie hat eine sehr gute Nacht verbracht, und die Hoffnung, Dich im Kasino zu sehen, hat ihr ihre ganze Schönheit wiedergegeben. Sie hat diesen Brief drei oder viermal gelesen und mich stürmisch abgeküßt. Ich kann es kaum erwarten, ihr die Antwort zu geben, die Du ihr schreiben wirst. Die Botin wird darauf warten. Vielleicht werde ich Dich noch einmal im Kasino sehen, und ich bin überzeugt, dann wirst Du bei besserer Laune sein.«

Es bedurfte so vieler Worte gar nicht, um mich zur Vernunft zu bringen. Als ich mit dem Lesen des Briefes fertig war, betete ich C. C. an und betete M. M. glühend an. Aber ach, ich war kreuzlahm, obwohl ich kein Fieber mehr hatte. Da ich sicher war, daß Laura am anderen Morgen in aller Frühe wiederkommen würde, so konnte ich es mir nicht versagen, an beide zu schreiben. Ich schrieb zwar nur wenig, aber doch genug, um ihnen die Gewißheit zu geben, daß über mein armes Hirn wieder die Vernunft herrschte. An C. C. schrieb ich, sie hätte ganz recht getan, ihrer Freundin meinen Namen zu sagen, um so mehr, da ich nicht mehr zu ihnen zur Messe käme und daher keinen triftigen Grund hätte, meinen Namen noch länger zu verhehlen. Im übrigen möchte sie überzeugt sein, daß ich mein ganzes Unrecht einsehe und daß ich M. M. vollgültigste Beweise dafür geben würde, sobald ich nur wieder imstande wäre, ihr Kasino aufzusuchen. An meine anbetungswürdige Nonne aber schrieb ich folgenden Brief:

»Ich hatte C. C. den Schlüssel zu Deinem Kasino zurückgelassen, damit sie ihn Dir übergebe, meine reizende Freundin; ich tat es, weil ich glaubte, ich sei gefoppt, sei von dem angebeteten Wesen absichtlich mit Verachtung behandelt worden. In diesem Irrtum befangen, hielt ich mich für unwürdig, Dir wieder vor Augen zu treten, und ich zitterte vor Entsetzen trotz aller meiner Liebe. So wirkte auf mich eine Handlungsweise, die mir bewunderungswürdig erschienen wäre, wenn nicht meine Eitelkeit mir die Augen verblendet oder vielmehr gradezu meine Vernunft über den Haufen geworfen hätte. Mein Geist hätte auf gleicher Höhe mit dem Deinen stehen müssen, angebetete Freundin, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß dies nicht der Fall ist. Ich stehe in allem hinter Dir zurück – nur nicht an Leidenschaft, und davon werde ich Dich bei unserem ersten Wiedersehen überzeugen, indem ich Dich auf den Knien um großmütige Verzeihung bitten werde. Glaube mir, wundervolles Weib: wenn ich mich so heiß nach Genesung sehne, so geschieht es nur, um durch verdoppelte Liebe Dir zu beweisen, wie sehr ich mich meines Unrechts schäme. Nur die Schmerzen des Kreuzwehs haben mich verhindert, schon gestern Dein Briefchen zu beantworten, Dir mein Bedauern auszusprechen und Dir meine Liebe zu schwören, die Deine so schlecht von mir belohnte Hochherzigkeit nun zu verdoppelter Glut angefacht hat. Glaube mir, im Wogenschwall, im Augenblick des dräuenden Todes, galt mein Gedanke nur Dir, bedauerte ich weiter nichts, als daß ich Dich gekränkt hatte. Aber in dem Unglück, das mich bedrohte, angebetetes Weib, sah ich nur eine gerechte Strafe für mein Unrecht. Hätte ich nicht schnöderweise Dir den Schlüssel zum Kasino zurückgeschickt, so wäre ich zweifelsohne umgekehrt, und dann wäre mir die Strafe für meine Verfehlung und der Schmerz, den ich zum Lohn für meine Schuld erleiden muß, erspart geblieben. Ich danke Dir tausendmal, daß Du mich wieder zu mir selber gemacht hast; verlaß Dich drauf, in Zukunft werde ich besser auf meiner Hut sein; nichts wird mich in Zukunft dahin bringen können, je an Deiner Zärtlichkeit zu zweifeln. Aber was, angebetete Freundin, sagst Du zu C. C.s Benehmen? Ist sie nicht ein Engel in Menschengestalt, der nur in Dir seinesgleichen hat? Du liebst uns alle beide, und liebst uns mit gleicher Liebe. Nur ich bin schwach und unvollkommen, und ihr macht mich über mich selber erröten. Und doch fühle ich, daß ich für sie wie für Dich ohne Zögern mein Leben dahin geben würde. Mich plagt eine Neugier, die ich nicht dem Papier anzuvertrauen wage, die Du aber befriedigen mußt, sobald ich das Glück habe, Dich wiederzusehen. Ich werde froh sein können, wenn ich in acht Tagen imstande bin, ins Kasino zu kommen, das diesmal ein Sühnetempel für uns sein wird. Ich werde Dir zwei Tage vorher Bescheid geben. Einstweilen sei so freundlich, ein bißchen an mich zu denken und niemals an meiner zärtlichen Liebe zu zweifeln. Lebe wohl!«

Als am nächsten Morgen Laura zu mir kam, saß ich im Bett aufrecht und war auf dem Wege der Besserung. Ich bat sie, C. C. mündlich zu sagen, daß es mir viel besser gehe; dann gab ich ihr den von mir geschriebenen Brief und erhielt dafür einen von meiner kleinen Frau, der einen anderen von M. M. als Beischluß enthielt. In diesen beiden Briefen stand weiter nichts als zärtliche Schwüre, Äußerungen der Besorgnis wegen meiner Gesundheit und heiße Wünsche baldiger Genesung.

Nach sechs Tagen war ich wieder gesund; ich ging ins Kasino von Murano, und die Hausbesorgerin gab mir einen Brief von M. M. Sie schrieb, sie stürbe vor Ungeduld, mich wieder hergestellt und im Besitze ihres Kasinos zu wissen, das ich stets als mein Eigentum zu betrachten hätte. »Bitte, bitte, teile mir mit, wann Du wohl glaubst, daß wir uns wiedersehen können, einerlei, ob in Murano oder in Venedig; hierüber hast nur Du zu bestimmen. Verlaß Dich drauf, daß wir auch in Murano keinen Zeugen haben werden.«

Ich antwortete ihr, wir würden uns am übernächsten Tage wiedersehen, und zwar im Kasino, von wo aus ich schreibe; denn an demselben Orte, wo ich sie gekränkt hätte, müßte ich ihre liebreiche Absolution empfangen.

Ich brannte vor Verlangen sie wiederzusehen, denn ich schämte mich, daß ich ungerecht gegen sie hatte sein können, und ich wollte mein Unrecht gerne recht bald wieder gut machen. Wenn ich mir den Fall ruhig überlegte, schien es mir nach meiner Kenntnis ihres Charakters offenbar, daß ihre Handlungsweise nicht nur kein Zeichen von Mißachtung war, sondern im Gegenteil ein raffinierter Beweis einer Liebe, der einzig und allein nur mir galt. Seitdem sie entdeckt hatte, daß ich der Liebhaber ihrer jungen Freundin war, konnte sie doch nicht mehr annehmen, daß ich nur sie liebte. Wie ihre Liebe zu mir sie nicht verhinderte, dem Gesandten gefällig zu sein, so nahm sie an, ich konnte es wohl mit C. C. ebenso machen. Sie dachte nicht an die verschiedene Anlage der beiden Geschlechter und die Vorrechte, deren die Frauen genießen.

Heute, da die Jahre meine Haare gebleicht und die Glut meiner Sinne abgetötet haben, läßt meine ruhiger gewordene Phantasie mich anders denken. Ich fühle wohl, daß meine schöne Nonne gegen die Scham und Bescheidenheit sündigte, die der schönste Schmuck der schöneren Hälfte des Menschengeschlechtes sind. Aber wenn diese wahrhaft einzige oder zum mindesten doch seltene Frau mit diesem Makel behaftet war, der mir damals als Tugend galt, so war sie jedenfalls frei von jenem abscheulichen Gift, das man Eifersucht nennt – eine unselige Leidenschaft, die den mit ihr behafteten unglücklichen Menschen verzehrt und den anderen, der sie hervorruft, und über den sie sich ergießt, mit ins Unglück reißt.

Zwei Tage darauf, am 4. Februar 1754, hatte ich das Glück, zum erstenmal wieder mit meinem Engel allein zu sein. Sie trug ihre Nonnenkleider. Da wir uns beide schuldig fühlten, stürzten wir unwillkürlich gleichzeitig voreinander auf die Knie. Wir hatten beide gegen Gott Amor gesündigt – sie, indem sie ihn als ein Bübchen behandelte, ich, indem ich ihn wie ein Jansenist anbetete. Aber in welcher Sprache konnten wir die Entschuldigungen vorbringen, die wir uns aussprechen mußten? Konnten wir Verzeihung erbitten und gewähren? Der Kuß, diese stumme und doch so ausdrucksvolle Sprache, diese zarte und wonnevolle Berührung, die das Gefühl durch alle Adern jagt, die gleichzeitig die Empfindungen des Herzens und die Gedanken des Geistes ausspricht! Diese Sprache war die einzige, deren wir uns bedienten und ach, wie bald waren wir einig! Ungeduldig, uns die Aufrichtigkeit unserer Reue zu beweisen und das uns verzehrende Feuer zu löschen, standen wir auf dem Höhepunkte unserer zärtlichen Rührung endlich auf, ohne unsere Verschlingung zu lösen, und sanken auf das nahe Sofa. Dort lagen wir, bis zwei lange Seufzer sich lösten, die wir nicht hätten zurückhalten mögen, selbst wenn wir gewußt hätten, daß es der letzte sein müßte.

So vollzog sich die glückliche Versöhnung. Die Ruhe, mit der das Bewußtsein der Befriedigung die Seele erfüllt, hatte sozusagen unser Glück verdoppelt, und wir lachten alle beide laut auf, als wir bemerkten, daß ich noch in Mantel und Maske war. Nachdem wir genug gelacht hatten, demaskierte ich mich und fragte sie, ob unsere Versöhnung wahrhaftig keinen Zeugen gehabt hätte.

Sie nahm einen Armleuchter, ergriff meine Hand und sagte: »Komm mit!« Sie führte mich in die Kammer vor den großen Schrank, in dem ich bereits den Bewahrer des großen Geheimnisses vermutet hatte. Sie öffnete ihn und schob ein Brett zur Seite. Ich sah eine Tür vor uns, und durch diese betraten wir ein hübsches Kabinett, das mit allem ausgestattet war, was jemand, der mehrere Stunden darin verbringen wollte, nötig haben konnte. Über dem Sofa befand sich ein bewegliches Brett. M. M. schob es zur Seite, und durch zwanzig Löcher, die in kurzen Entfernungen nebeneinander angebracht waren, überblickte ich alle Teile des Zimmers und überzeugte mich, daß der neugierige Freund meiner Schönen in aller Bequemlichkeit die sechs Akte des Schauspiels hatte ansehen können, welches Natur und Liebe ihm bereitet hatten. Und ich denke, er wird mit den Schauspielern nicht unzufrieden gewesen sein.

»Und nun«, sagte M. M., »will ich auch deine Neugierde befriedigen, die du vorsichtigerweise nicht dem Papier anvertraut hast.«

»Aber du kannst doch gar nicht wissen …«

»Schweig, liebes Herz; die Liebe wäre nicht göttlich, wenn sie nicht zu ahnen wüßte: sie weiß alles! Ist es denn nicht wahr, daß du zu wissen wünschest, ob nicht in der verhängnisvollen Nacht, die mir so viele Tränen gekostet hat, mein Freund bei mir war?«

»Ganz recht.«

»Nun, also ja! Er war da, und du darfst deshalb nicht böse sein, denn er ist jetzt ganz und gar entzückt von dir. Er hat deinen Charakter, deine Liebe, deine Gefühle und deine Rechtschaffenheit bewundert. Er konnte nicht schweigen vor Erstaunen über die Richtigkeit meines instinktiven Gefühls, und er billigt vollkommen die Leidenschaft, die du mir eingeflößt hast. Er selber tröstete mich am Morgen, indem er mir versicherte, es sei unmöglich, daß du nicht zu mir zurückkehrtest, sobald ich dir meine Gefühle, die Lauterkeit meiner Absicht und meinen guten Glauben klargelegt hätte.«

»Aber ihr müßt oft eingeschlafen sein, denn ohne selber ein lebhaftes Interesse zu haben, kann man unmöglich acht Stunden im Dunkeln verbringen, ohne ein Wort zu sprechen.«

»Das lebhafteste Interesse hielt uns wach. Übrigens saßen wir nur dann im Dunkeln, wenn die Gucklöcher offen waren. Während wir zu Nacht speisten, war das Brett wieder vorgeschoben und wir hörten im tiefsten Schweigen alle eure Worte. Die Teilnahme, die meinen Freund wach hielt, übertraf, wenn das möglich ist, noch die, die ihr mir einflößtet. Er sagte mir, er habe nie zuvor eine solche Gelegenheit gehabt, das menschliche Herz zu studieren, du hättest gewiß noch niemals eine so schmerzliche Nacht verbracht. Du tatest ihm leid. Von C. C. waren wir entzückt. Es ist unbegreiflich, wie ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren mich so geschickt nur mit den Hilfsmitteln der Natur und der Wahrheit verteidigen konnte. Sie muß eine Engelsseele haben. Wenn du sie heiratest, wirst du eine göttliche Frau haben. Ihr Verlust wird mich unglücklich machen, aber dein Glück wird mich für alles entschädigen. Weißt du, lieber Freund: ich begreife nicht, wie du dich in mich hast verlieben können, da du sie kanntest, und ich begreife nicht, daß sie mich nicht verabscheut, seitdem sie weiß, daß ich ihr dein Herz geraubt habe! Meine C. C. hat wirklich etwas Erhabenes in ihren Gefühlen. Und weißt du, warum sie dir von unseren harmlosen Liebesscherzen erzählt hat? Es geschah, wie sie mir sagte, um ihr Gewissen von den Vorwürfen zu entlasten, die sie sich machte, weil sie in gewisser Weise dir untreu war.«

»Glaubt sie mir volle Treue zu schulden, da sie doch weiß, daß ich so wenig treu bin?«

»Sie ist außerordentlich zartfühlend und gewissenhaft; sie hält sich vollständig für deine Gattin und glaubte nicht das Recht zu haben, deinen Handlungen nachzuspüren, dagegen ist sie überzeugt, daß sie dir über jeden ihrer Schritte Rechenschaft abzulegen schuldig ist.«

»Edles Mädchen!«

Die umsichtige Hausbesorgerin hatte das Essen aufgetragen, und wir setzten uns zu Tisch. M. M. bemerkte nur, ich sei mager geworden.

»Körperliche Leiden machen nicht fett,« antwortete ich ihr, »und seelische Schmerzen dörren den Menschen aus. Aber wir haben beide jetzt genug gelitten, und wir müssen vernünftig sein und dürfen keine Erinnerungen wachrufen, die uns Kummer machen können.«

»Ja, lieber Freund, ich denke wie du, die Augenblicke, die der Mensch dem Unglück oder Leiden einräumen muß, werden ihm am Leben abgezogen, aber man verdoppelt sein Dasein, wenn man die Gabe besitzt, das Vergnügen jeder Art zu vervielfältigen.«

Wir erheiterten uns mit der Erinnerung an die überstandenen Gefahren, an Pierrots Mummenschanz, an den Ball bei Briati, wo, wie man ihr erzählt halte, ein anderer Pierrot gewesen war. M. M. bewunderte die erstaunliche Wirkung der Verkleidung; »denn«, sagte sie, »der Pierrot vom Sprechzimmer kam mir größer und schlanker vor als du. Hättest du nicht zufällig die Klostergondel genommen und hättest du nicht den seltsamen Einfall gehabt, dich als Pierrot zu verkleiden, so hätte ich niemals erfahren können, wer du bist; denn meine Mitnonnen würden sich nicht für dein Schicksal interessiert haben. Ich war hocherfreut, als ich vernahm, daß du kein Nobile bist, wie ich befürchtet hatte; denn, wenn du es wärest, könnte mir auf die Länge der Zeit doch ein sehr schlimmes Mißgeschick zustoßen.«

Ich wußte sehr gut, was sie zu befürchten hatte, aber ich stellte mich unwissend und sagte zu ihr: »Ich begreife nicht, was du könntest zu befürchten haben, wenn ich zum Adel gehörte.«

»Mein lieber Freund, ich kann darüber mit dir nicht offen reden, wenn du mir nicht dein Wort gibst, daß du das tun wirst, worum ich dich bitten will.«

»Was könnte mich verhindern, Geliebte, dir jeden Wunsch zu erfüllen – vorausgesetzt, daß er nicht meiner Ehre zu nahe tritt? Haben wir jetzt nicht alles gemein? Sprich, mein Herz! Sage mir deine Gründe und rechne auf meine zärtliche Liebe; sie bürgt dir dafür, daß ich alles tun werde, was dir Freude machen kann.«

»Nun gut. Ich lade mich und meinen Freund bei dir in deinem Kasino zum Essen ein. Er stirbt vor Verlangen, dich kennen zu lernen.«

»Und nach dem Essen? Da wirst du wohl mit ihm gehen?«

»Du begreifst gewiß, daß dies aus Schicklichkeitsrücksichten der Fall sein muß.«

»Und dein Freund weiß ohne Zweifel bereits, wer ich bin?«

»Ich glaubte es ihm sagen zu müssen; denn sonst hätte er nicht gewagt, auf das Vergnügen zu hoffen, mit dir und zumal in deinem Kasino zu speisen.«

»Jetzt hab ich’s! Ich errate, daß dein Freund einer von den fremden Gesandten ist!«

»Ganz recht.«

»Aber ich darf doch gewiß hoffen, daß er mir die Ehre erweisen wird, sein Inkognito abzulegen?«

»Das versteht sich von selbst. Ich werde dich in aller Form vorstellen und dir dabei seinen Namen und Rang nennen.«

»Das ist ja herrlich, liebes Herz! Und konntest du unter solchen Umständen wirklich glauben, ich würde dir Schwierigkeiten machen, während du doch in Wirklichkeit mir selber gar kein größeres Vergnügen bereden könntest? Bestimme den Tag und glaube mir, ich werde ihn mit Ungeduld erwarten.«

»Ich wäre deines Einverständnisses sicher gewesen, wenn du mich nicht an Zweifel gewöhnt hättest.«

»Ich verdiene diese Spitze.«

»Über die du aber doch hoffentlich nur lachen wirst. Unser Freund ist der französische Gesandte, Herr de Bernis. Er wird maskiert kommen, und sobald er die Maske abgenommen hat, stelle ich dich vor. Bedenke, daß du natürlich wissen mußt, daß er mein Liebhaber ist, daß du aber scheinbar glauben mußt, er wisse von unserem zärtlichen Einverständnis nichts.«

»So will es der Anstand. Du wirst, hoffe ich, mit meiner Weltgewandtheit zufrieden fein. Dieses Souper bezaubert mich in dem bloßen Gedanken daran, und ich hoffe, in Wirklichkeit wird es mich noch mehr entzücken. Du hattest vollkommen recht, liebe Freundin, wenn der Gedanke, ich könnte Patrizier sein, dir Furcht einflößte, denn in diesem Fall würden die Herren Staatsinquisitoren, die gar zu oft ihren Eifer nur zur Schau tragen, unfehlbar sich eingemischt haben, und ich zittre bei dem Gedanken, was für entsetzliche Folgen dies hätte nach sich ziehen können. Ich wäre unter die Bleidächer gekommen, du wärest entehrt gewesen. Die Abrissin, das Kloster – gerechter Himmel! Ja, wenn du mir deine Befürchtungen mitgeteilt hättest, dann hätte ich dir gesagt, wer ich bin; dies konnte ich um so eher tun, da meine Zurückhaltung nur darin begründet lag, daß ich glaubte, ich könnte erkannt werden und C. C.s Vater würde sie alsdann in ein anderes Kloster bringen lassen. Aber kannst du mir sagen, an welchem Tage das Abendessen stattfinden soll? Ich bin wirklich ungeduldig, dies zu erfahren.«

»Heute haben wir den vierten – nun, dann also in vier Tagen!«

»Am achten also?«

»Ja. Nach dem zweiten Ballett werden wir zu dir kommen. Beschreibe mir alles ganz genau, damit wir dein Kasino finden können, ohne jemanden fragen zu müssen.«

Ich setzte mich an ihren Schreibtisch und schrieb genau auf, wie sie zu Lande und zu Wasser mein Kasino erreichen konnten. Glücklich über die Aussicht auf diese reizende Partie, bat ich meine Geliebte, sich zu Bett zu legen. Aber ich machte sie darauf aufmerksam, daß ich noch in der Genesung wäre und daher möglicherweise meine ersten Huldigungen nicht Amor, sondern Morpheus darbringen würde. Sich in die Umstände schickend, stellte sie den Wecker auf zehn Uhr, und wir legten uns in das Bett, das im Alkoven stand. Als wir erwachten, verlangte Amor seinen Teil, und er hatte sich nicht zu beklagen. Aber gegen Mitternacht schliefen wir mitten im Werk ein, Mund an Mund gepreßt. In dieser selben Stellung fanden wir uns am Morgen, als der Augenblick der Trennung da war. Aber obwohl die Zeit drängte, konnten wir uns doch nicht entschließen, uns Lebewohl zu sagen, ohne noch einmal der Venus ein Opfer darzubringen.

Ich blieb nach dem Fortgehen meiner schönen Nonne im Kasino und schlief bis zum Mittag. Nachdem ich mich angekleidet hatte, fuhr ich sofort nach Venedig, und mein erstes Geschäft war, meinem Koch genaue Weisungen zu geben, damit das Souper am achten meiner und meiner Gäste würdig wäre.

  1. Wahrscheinlich Silbertaler des Herzogs Philipp von Parma. In einer Anmerkung der édition originale wird zwar gesagt es sei eine Münze im Werte von 15 Franks gewesen, aber in der Ausgabe von Schütz findet sich, wahrscheinlich von Casanova selbst, erläuternd bemerkt, ein Filippo gelte 11 Lire. Jedenfalls sind venezianische Lire gemeint, die ungefähr einen halben Frank wert waren. Demnach würde der Filippo genau dem römischen Scudo entsprechen, ungefähr 5,60 Franks.

Dreiundzwanzigstes Kapitel


Ich soupiere selbdritt mit dem französischen Gesandten, Herrn von Bernis – Ein Vorschlag von M. M., den ich annehme. – Folgen davon. – C. C. wird mir untreu, ich kann mich jedoch nicht darüber beklagen.

Die Partie, die ich mit meiner lieben M. M. verabredet hatte, erfüllte mich mit der größten Freude, und dem Anschein nach hätte ich glücklich sein müssen. Aber ich war es nicht. Woher kam denn nun die Unruhe, die mich quälte? Woher sie kam? Von meiner unglückseligen Gewohnheit des Spielens. Diese Leidenschaft war tief in mir eingewurzelt: leben und spielen war für mich gleichbedeutend; da ich nun nicht Bank halten konnte, spielte ich im Ridotto als Ponte und verlor vormittags und abends. Dies machte mich unglücklich. Ohne Zweifel wird man mich fragen: warum spieltest du denn? Du hattest es doch nicht nötig, denn es fehlte bei dir an nichts, und du hattest soviel Geld, um jede Laune befriedigen zu können. Diese Frage würde mich in Verlegenheit bringen, wenn ich es mir nicht zum Gesetz gemacht hätte, die Wahrheit zu sagen. Nun, meine Herren Neugierigen: wenn ich trotz der fast sicheren Gewißheit des Verlierens spielte, obgleich vielleicht kein Mensch je empfindlicher gegen Spielverluste gewesen ist als ich, so geschah das, weil ich den Teufel des Geizes in mir hatte. Ich liebte das Geldausgeben, sogar die Verschwendung, aber das Herz blutete mir, wenn ich anderes Geld ausgeben mußte, als solches, das ich im Spiel gewonnen hatte. Dies war ein häßlicher Charakterfehler, lieber Leser – und ich will ihn nicht verteidigen. Wie dem auch sein möge – genug, in den vier Tagen des Wartens verlor ich alles Geld, das ich durch M. M. gewonnen hatte.

An dem heißersehnten Tage begab ich mich nach meinem Kasino, wo ich zur verabredeten Stunde M. M. und ihren Freund erscheinen sah. Sie stellte ihn mir in aller Form vor, sobald er seine Maske abgenommen hatte.

»Es drängte mich,« sagte der Gesandte, »die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern, denn wie Madame mir sagt, haben wir uns in Paris gekannt.«

Bei diesen Worten sah er mich prüfend an, wie jemand, der sich an einen zu erinnern sucht, den er aus den Augen verloren hatte. Ich sagte ihm zur Aufklärung, wir hätten niemals miteinander gesprochen, er würde daher mein Gesicht wohl nicht genau genug gesehen haben, um sich noch meiner Züge erinnern zu können. »Ich hatte die Ehre, bei Herrn von Mocenigo mit Eurer Erzellenz zu speisen; aber Sie waren beständig vom preußischen Gesandten, Lord Marishal, in Anspruch genommen, und ich hatte nicht den Vorzug, auch nur einen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Da Sie vier Tage darauf nach Venedig abreisen sollten, so hatten Sie es eilig, und verabschiedeten sich fast sofort nach dem Essen. Seither habe ich nicht mehr die Ehre gehabt, Sie zu sehen.«

»Jetzt besinne ich mich!« rief er; »ich erinnere mich, jemanden gefragt zu haben, oh Sie nicht der Gesandtschaftssekretär seien. Von heute an werden wir uns nicht mehr vergessen, denn die Mysterien, die uns verbinden, sind der Art, daß sie ein dauerndes inniges Verhältnis zwischen uns herstellen müssen.«

Das seltene Pärchen machte sich’s schnell bequem, und bald setzten wir uns zu Tisch. Selbstverständlich übernahm ich die Aufwartung. Der Minister war ein Feinschmecker; er fand meine Weine ausgezeichnet und war erfreut, als er hörte, daß ich sie vom Grafen Algarotti bezöge. Dieser stand in dem Ruf, die besten Keller zu haben.

Mein Souper war lecker, reichlich und voller Abwechslung, und ich wartete dem schönen Paare auf wie etwa ein Privatmann, der seinen Fürsten und dessen Geliebte bei sich zu Tisch hätte. Ich sah M. M. entzückt über mein ehrerbietiges Benehmen ihr gegenüber und über meine Bemerkungen, die den Gesandten veranlaßten, mir mit größtem Interesse zuzuhören. Wenn auch der Gesprächston, einem ersten Zusammensein entsprechend, im ganzen ernst war, so schloß er doch seinen Scherz nicht aus, und auf diesem Gebiet war Herr de Bernis Franzose in der vollen Bedeutung des Wortes. Ich bin viel gereist und habe die Menschen als Individuen und als Masse gründlich studiert, aber wahre Geselligkeit habe ich nur bei den Franzosen gefunden; denn sie allein verstehen zu scherzen, und der feine und zarte Scherz, der die Unterhaltung belebt, macht den Reiz der Gesellschaft aus.

Heitere Worte begleiteten das hübsche Souper während seiner ganzen Dauer; die liebenswürdige M. M. brachte geschickt das Gespräch auf den romanhaften Zufall, durch den sie meine Bekanntschaft gemacht hatte. Hierdurch kamen wir ganz natürlich auf meine Leidenschaft für C. C. zu sprechen, und sie entwarf von dem reizenden Mädchen eine äußerst interessante Schilderung, welcher der Gesandte so aufmerksam zuhörte, wie wenn er C. C. niemals gesehen hätte. Dies gehörte zu seiner Rolle, denn er wußte nichts von meiner Kenntnis des Umstandes, daß er meine dumme nächtliche Zusammenkunft mit ihr von seinem Versteck aus belauscht hatte. Er sagte zu M. M., sie würde ihm das allergrößte Vergnügen bereitet haben, wenn sie sie zu unserem Souper mitgebracht hätte. »Ich hätte«, antwortete die schlaue Nonne, »zu vielen Gefahren mich aussetzen müssen, und das Wagnis wäre zu groß gewesen. Aber,« fuhr sie fort, indem sie sich ebenso vornehm wie liebenswürdig an mich wandte, »wenn es Ihnen Freude macht, könnte ich Sie in meinem Kasino zum Souper mit ihr zusammenbringen, denn wir schlafen in demselben Zimmer.«

Über dieses Anerbieten wunderte ich mich sehr; aber es war nicht der rechte Augenblick, mir meine Überraschung anmerken zu lassen.

»Man kann, Gnädigste,« versetzte ich, »das Vergnügen, mit Ihnen zusammen zu sein, durch keinen anderen Umstand erhöhen; doch gestehe ich, daß ich gegen einen solchen Gunstbeweis nicht unempfindlich sein würde.«

»Nun, ich werde daran denken.«

»Aber,« sagte jetzt der Gesandte, »ich glaube, wenn ich an der Partie teilnehmen soll, so würden Sie doch gut tun, es ihr vorher zu sagen.«

»Das ist nicht nötig,« sagte ich, »denn ich werde ihr schreiben, sie solle blindlings alles tun, was Madame ihr sagen werde. Ich werde mich dieser Pflicht schon morgen entledigen.«

Dann bat ich den Gesandten, einem fünfzehnjährigen Mädchen gegenüber, das noch keine Welterfahrung besitze, recht nachsichtig zu sein. Hierauf erzählte ich ihm die Geschichte der O’Morphi, die ihm sehr viel Vergnügen machte. Er bat mich, ihm ihr Bild zu zeigen, und teilte mir mit, sie sei immer noch im Hirschpark, und der König, von dem sie schon ein Kind gehabt habe, sei immer noch entzückt von ihr. Um acht Uhr[R1 Etwa um Mitternacht.] verabschiedeten meine Gäste sich sehr befriedigt, und ich blieb allein in meinem Kasino.

Am nächsten Morgen schrieb ich, um der schönen Nonne mein Versprechen zu halten, einen Brief an C. C. Daß eine vierte Person zugegen sein würde, erwähnte ich nicht. Ich gab Laura diesen Brief und ging sodann nach dem Kasino von Murano, wo die Hausbesorgerin mir folgenden Brief meiner M. M. einhändigte:

»Ich würde, mein lieber Schatz, nicht auf eine ruhige Nacht hoffen können, wenn ich nicht noch vor dem Schlafengehen meine Seele von einem Gewissensbedenken befreie, das auf ihr lastet. Vielleicht hast Du dem Plan, mit unserer Freundin selbviert zu soupieren, nur aus einfacher Höflichkeit beigestimmt. Sei aufrichtig, mein Herz, denn wenn Du die Partie nicht gerne siehst, werde ich sie in Dunst aufgehen lassen, ohne Dich im mindesten bloßzustellen. Verlaß Dich auf mich! Bist Du jedoch von Herzen damit einverstanden, so wird alles der Verabredung gemäß vor sich gehen. Glaube mir, ich liebe Deine Seele noch inniger als Dein Herz, ich wollte sagen Deine Person. Addio.«

Ihre Furcht war natürlich; aber eine falsche Scham hielt mich ab, mein Wort zurückzunehmen. M. M. kannte mich genau und packte mich als geschickte Taktikerin an meiner schwachen Seite.

Ich antwortete ihr folgendes:

»Ich hatte Deinen Brief erwartet, liebe Freundin – daran wirst Du nicht zweifeln; denn da Du mich gründlich kennst, so mußt Du wissen, daß ich auch Dich kenne. Ja, ich kenne Deinen Geist, und ich weiß, welchen Begriff Du Dir von dem meinigen machen mußt; denn durch meine Sophismen habe ich mich in Deinen Augen in meiner ganzen Schwachheit und Reizbarkeit gezeigt. Ich büße dafür, liebe Freundin, durch den Gedanken, daß ich Dir verdächtig geworden bin und daß dadurch Deine Zärtlichkeit sich ein wenig abgeschwächt haben muß. Bitte, vergiß meine Grillen, und glaube mir, daß in Zukunft meine Seele stets im Gleichklang mit der Deinen sein wird. Das verabredete Souper muß stattfinden; es wird mir ein Vergnügen sein, aber gestatte mir Dir zu sagen, daß ich meine Einwilligung mehr noch aus Dankbarkeit als aus Höflichkeit gegeben habe. C. C. ist Neuling, und es ist mir durchaus nicht unlieb, wenn sie anfängt, sich in der Welt bewegen zu lernen. In welcher Schule könnte sie besser aufgehoben sein als unter Deiner Vormundschaft. Ich lege sie Dir also ans Herz, und Du wirst mir eine Freude machen, wenn Du ihr auch fernerhin Deine freundschaftliche Fürsorge widmest und Deine Güte gegen sie noch verdoppelst – falls das überhaupt möglich ist. Ich fürchte nur, Du überredest sie, den Schleier zu nehmen; wenn dieser Fall einträte, würde ich auf ewig untröstlich sein. Dein Freund hat mich ganz und gar für sich eingenommen; er ist ein überlegener Mensch und wirklich reizend.«

Hierdurch machte ich es mir also freiwillig unmöglich, noch zurückzutreten; aber viele Gedanken ließ meine Kenntnis des Menschenherzens mir durch den Kopf gehen. Ich begriff leicht, daß ohne Zweifel der Gesandte in C. C. verliebt war, daß er sich darüber mit M. M. ausgesprochen hatte und daß diese nicht in der Lage war, seiner Liebe Hindernisse in den Weg zu legen; gewiß hatte sie als getreue Schülerin des Herrn Gesandten sich zu allem hergeben müssen, was seiner Leidenschaft förderlich sein konnte. Natürlich konnte sie ohne meine Zustimmung nichts machen, und die Geschichte war ihr zu heikel erschienen, um mir so mirnichtsdirnichts die Partie vorschlagen zu mögen. Sie gingen daher auf Vereinbarung so vor, daß sie scheinbar ohne Absicht das Gespräch darauf brachten, und daß ich aus Höflichkeit; vielleicht sogar aus Uberzeugung, den Plan billigen und ihnen auf diese Weise ins Netz gehen mußte. Der Gesandte, dessen Beruf das Intrigieren war, hatte seine Absicht vollkommen erreicht; ich hatte ganz nach Wunsch auf den Köder angebissen. Mir blieb nichts weiter übrig als gute Miene znm bösen Spiel zu machen, teils um nicht als ganz dummer Tölpel dazustehen, teils um nicht einem Manne gegenüber, der mir unerhörte Vorrechte eingeräumt hatte, als undankbar dazustehen. Die Folge dieses ganzen Ränkespiels konnte jedoch eine Abkühlung meines Gefühls gegen die eine wie gegen die andere meiner beiden Geliebten sein. M. M. hatte dies alles vollkommen richtig empfunden, als sie nach Hause gekommen war, und um sich selber zu decken und jeder Gefahr vorzubeugen, hatte sie mir schleunigst geschrieben, sie würde den Plan, wenn ich diesen nicht billigen sollte, zum Scheitern bringen, ohne mich dabei bloßzustellen; aber sie wußte zum voraus, daß ich ihr Anerbieten nicht annehmen würde. Die Eitelkeit ist eine noch stärkere Leidenschaft als die Eifersucht. Sie verbietet es einem Menschen, der nicht für dumm gelten will, sich eifersüchtig zu zeigen, besonders einem anderen gegenüber, bei dem das Fehlen dieser niedrigen Leidenschaft glänzend hervortritt.

Am nächsten Tage ging ich ziemlich früh ins Kasino und fand dort den Gesandten, der mich aufs freundschaftlichste empfing. Er sagte mir: wenn er mich in Paris gekannt hätte, würde er mich leicht bei Hofe haben einführen können, wo ich nach seiner Meinung mein Glück gemacht haben würde. Wenn ich heute zufällig daran denke, sage ich: das ist wohl möglich; aber was hätte es mir genützt? Ich wäre vielleicht wie so viele andere ein Opfer der Revolution geworden. Dies Los wäre ohne Zweifel auch ihm beschieden gewesen, wenn das Schicksal ihm nicht bestimmt hätte, im Jahre 1794 in Rom zu sterben. Er starb, wenn auch im Reichtum, so doch unglücklich; es sei denn, daß er vor dem Tode seine ganze Denkart geändert hätte; und das glaube ich nicht. Ich fragte ihn, ob es ihm in Venedig gefiele, und er antwortete mir, er müsse sich dort sehr wohl fühlen, da er sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreute und da er sich um teures Geld besser als irgendwo anders alle Annehmlichkeiten des Lebens verschaffen könnte. »Indessen bezweifle ich, daß man mich noch lange Zeit auf dem hiesigen Gesandtenposten lassen wird. Behalten Sie aber, bitte, dieses für sich; ich möchte M. M. nicht gerne betrüben.«

Wir waren noch in dieser gewissermaßen vertraulichen Unterhaltung begriffen, als wir M. M. und ihre junge Freundin eintreten sahen. Diese fuhr überrascht zusammen, als sie mich mit einem anderen Herrn zusammen sah. Aber ich ermutigte sie, indem ich sie auf das zärtlichste empfing, und sie beruhigte sich vollständig, als sie sah, daß der Unbekannte entzückt war, sie sein an sie gerichtetes Kompliment in gutem Französisch beantworten zu hören. Dies gab ihnen beiden Gelegenheit, dem Wissen und der Geschicklichkeit der Lehrerin, von der sie die Sprache so gut gelernt hatte, ein hohes Lob zu zollen.

C. C. war entzückend. Ihr lebhafter und doch bescheidener Blick schien mir zu sagen: du mußt mein sein! Zugleich wünschte ich sie glänzen zu sehen, und dieses doppelte Gefühl half mir eine schnöde Eifersucht überwinden, die sich ohne mein Zutun meiner bemächtigen wollte. Indem ich das Gespräch auf Themata brachte, von denen ich wußte, daß sie ihr vertraut waren, setzte ich sie in Stand, ihren natürlichen Geist zu entwickeln, und ich hatte die Genugtuung, sie glänzen zu sehen.

Mit Beifall und Schmeicheleien überschüttet, angefeuert durch den Ausdruck der Befriedigung, die sie in meinen Blicken las, erschien C. C. Herrn von Bernis als ein wahres Wunder. Und ich – merkwürdige Widersprüche des menschlichen Herzens – ich freute mich dessen und zitterte doch zugleich davor, er könnte sich in sie verlieben!

Welches Rätsel: ich arbeitete selber mit an einem Werk, um dessen willen ich jeden hätte ermorden können, der sich daran zu beteiligen wagte.

Während des Mahles, das eines Königs würdig war, überhäufte der Gesandte C. C. mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten. Geist, Fröhlichkeit, Anstand und guter Ton führten den Vorsitz in unserem reizenden Verein; sie schlossen jene amüsanten Bemerkungen nicht aus, mit denen der französische Geist alle Gespräche zu würzen weiß.

Ein kritischer Beobachter, der ohne uns zu kennen hätte erraten wollen, ob auch Liebe mit im Spiele wäre, hätte vielleicht so etwas vermuten, aber er hätte es niemals bestimmt behaupten können. M. M. verkehrte mit dem Gesandten nur im Ton und mit dem Benehmen einer Freundin; mir zeigte sie nur vollkommene Achtung und ihrer C. C. weiter nichts als schwesterliche Zärtlichkeit. Herr von Bernis war liebenswürdig, höflich und wohlwollend gegen M. M.; dies hinderte ihn aber nicht, fortgesetzt das größte Interesse für jede Bemerkung C. C.s an den Tag zu legen, indem er sie in ihrem günstigsten Licht erscheinen ließ und mit seinem Beifall sich jedesmal an mich wendete. Am besten spielte meine junge Freundin ihre Rolle; diese entsprach ihrer Natur; die Natur war schön, und so mußte C. C. denn wohl entzückend sein.

Wir hatten fünf köstliche Stunden verbracht. Besonders der Gesandte schien sich ausgezeichnet unterhalten zu haben. Auf M. M.s Gesicht lag der Ausdruck der Freude über ihr Werk; ich steckte die Miene des zufriedenen Kritikers auf. C. C. strahlte vor Vergnügen, daß sie uns allen gefallen hatte; vielleicht war sogar ein Fünkchen Eitelkeit dabei, weil der Gesandte sich ganz besonders mit ihr beschäftigt hatte. Sie sah mich lächelnd an, und ich verstand vollkommen die Sprache ihrer Seele: sie wollte mir sagen, daß sie durchaus den Unterschied fühlte, der zwischen dieser Gesellschaft und jener anderen bestände, wobei ihr Bruder sich so ekelhaft roh benommen hatte. Nach Mitternacht war es Zeit zum Aufbruch; Herr de Bernis übernahm es, die Komplimente zu machen. Er dankte M. M. dafür, daß sie ihm das angenehmste Souper gegeben, das er je erlebte, und nötigte sie dadurch, ihm ein gleiches für den übernächsten Tag anzubieten. So ganz obenhin fragte er mich dabei, ob es mir nicht ebensoviel Vergnügen machen würde wie ihm. Konnte er an meiner Zustimmung zweifeln? Ich glaube es nicht, zumal da ich mich für verpflichtet halten mußte, ihm gefällig zu sein. Im herzlichsten Einvernehmen trennten wir uns.

Als ich am anderen Morgen über dieses Mustersouper nachdachte, sah ich leicht ein, worauf das Ganze hinauslaufen mußte. Der Gesandte verdankte sein Glück lediglich dem schönen Geschlecht, da er im höchsten Grade die Kunst besaß, Gefühle der Liebe einzulullen. Da er von Natur sehr sinnlich war, fand er seine Rechnung dabei; denn er erregte Begierden, und dies verschaffte ihm Genüsse, wie sie seiner verfeinerten Art entsprachen. Ich sah ihn rasend verliebt in C. C., und er schien keineswegs der Mann zu sein, sich mit der Bewunderung ihrer schönen Augen zu begnügen. »Ganz gewiß hat er schon einen bestimmten Plan, dessen Ausführung M. M. wird übernehmen müssen, so aufrichtig auch ihre Liebe zu mir sein mag; sie wird sich dabei so geschickt und so fein benehmen, daß es mir wahrscheinlich an greifbaren Beweismitteln fehlen wird.« Obgleich ich keine Neigung fühlte, die Gefälligkeit weiter zu treiben, als man billigerweise von mir verlangen konnte, sah ich doch voraus, daß ich schließlich der Angeführte sein und daß meine arme C. C. einem Taschenspielerstückchen zum Opfer fallen würde. Ich konnte mich weder dazu entschließen, dies gutwillig geschehen zu lassen, noch dazu, dem Plan Hindernisse in den Weg zu legen. Auch hielt ich meine kleine Frau nicht für fähig, sich zu irgend einer Ausschreitung hinreißen zu lassen, die mir hätte mißfallen können, und darum wiegt ich mich in eine gewisse halbe Sicherheit ein, darauf vertrauend, daß es doch einige Schwierigkeiten machen würde, sie zu verführen. Dumme Einbildung! Eitelkeit und falsche Scham hinderten mich, von meinem gesunden Menschenverstand Gebrauch zu machen. Das ganze Ränkespiel versetzte mich in eine Art von Fieber, denn ich fürchtete die Folgen, und doch stachelte die Neugier mich dermaßen, daß ich selber die Entwickelung beschleunigte. Ich wußte, daß die zweite Auflage des Soupers jedenfalls nicht eine Wiederholung derselben Komödie bedeuten würde; ich sah voraus, daß es sehr beträchtliche Abänderungen geben würde.

Um es kurz zu machen – ich glaubte, meine Ehre verlange von mir, mein Verhalten nicht zu ändern. Immerhin stand es bei mir, den Ton anzugeben, und ich nahm mir vor, alle Klugheit aufzubieten, um ihre Absichten zuschanden zu machen.

Alle diese Überlegungen wiegten mich in eine halbe Zuversicht, zittern machte mich nur C. C.s Unerfahrenheit; denn mit allen Kenntnissen, die sie sich neuerdings erworben hatte, war sie doch immerhin noch Anfängerin. Sie konnte sich verpflichtet glauben, höflich zu sein, und diesen Glauben konnte man mißbrauchen. Diese Besorgnis war bald zerstreut durch mein Vertrauen zu M. M.s Zartgefühl. Sie hatte gesehen, in welcher Weise ich sechs Stunden mit dem jungen Mädchen verbrachte; sie wußte bestimmt, daß ich die Absicht hatte, sie zu heiraten: und so dünkte mich, ich dürfte sie eines so niedrigen Verrates nicht für fähig halten. Aber alle diese Überlegungen waren weiter nichts als Gedanken eines schwachen und sich vor sich selber schämenden Eifersüchtigen, und deshalb führten sie zu nichts. Ich mußte die Dinge gehen lassen und dann sehen, was zu tun wäre.

Zur verabredeten Stunde war ich im Kasino und fand meine schönen Freundinnen vor dem Feuer sitzen. »Guten Abend, meine beiden Göttinnen! Wo ist unser liebenswürdiger Franzose?«

»Er ist noch nicht gekommen,« antwortete M. M.; »aber kommen wird er ohne Zweifel.«

Ich nahm die Maske ab, setzte mich zwischen sie und gab ihnen tausend Küsse, wobei ich sorgfältig darauf achtete, keine von ihnen zu bevorzugen; obgleich sie ja beide wußten, daß ich unbestreitbare Rechte auf sie beide hatte, blieb ich doch in den Schranken einer anständigen Zurückhaltung. Ich machte ihnen tausend Komplimente über ihre gegenseitige Zuneigung und bemerkte, daß sie sehr befriedigt waren, darüber nicht erröten zu brauchen.

Länger als eine Stunde verbrachten wir mit galanten und freundschaftlichen Gesprächen, ohne daß ich mir, obwohl vor Liebe glühend, irgend eine Befriedigung meines Verlangens erlaubt hätte; denn M. M. zog mich mehr an als C. C., aber um alles in der Welt hätte ich das reizende Kind nicht kränken mögen. M. M. begann wegen des Ausbleibens des Herrn de Bernis einige Unruhe zu zeigen, da trat die Hausmeisterin ein und gab ihr einen Brief von ihm:

»Ein Kurier,« schrieb er, »der vor zwei Stunden ankam, verhindert mich heute Nacht glücklich zu sein, denn ich bin genötigt, sie mit der Beantwortung der empfangenen Depeschen zu verbringen. Ich hoffe, daß Sie nicht nur mir verzeihen, sondern mich auch beklagen werden. Darf ich hoffen, daß Sie mir für Freitag das Vergnügen bewilligen, dessen das Schicksal mich heute beraubt? Lassen Sie mich dies morgen wissen. Ich wünsche Sie in derselben Gesellschaft zu finden, die ich Sie herzlich von mir zu grüßen bitte.«

»Schade!« sagte M. M.; »aber es ist nicht seine Schuld, so werden wir zu dritt soupieren. Wirst du Freitag kommen?«

»Gewiß, mit Vergnügen. Aber was hast du denn, meine liebe C. C.? Du machst ja ein ganz trauriges Gesicht.«

»Traurig – nein. Das könnte höchstens wegen meiner Freundin sein; denn ich habe niemals einen so höflichen und zuvorkommenden Menschen gesehen.«

»Nun, es freut mich sehr, meine Liebe, daß er Eindruck auf dich gemacht hat.«

»Eindruck auf mich! Kann man denn gegen seine Vorzüge blind sein?«

»Noch besser! Aber ich bin vollkommen mit dir einverstanden. Sage mir nur, ob du ihn liebst.«

»Nun, wenn ich ihn liebte, so wäre damit noch nicht gesagt, daß ich es ihm gestehen würde. Übrigens bin ich gewiß, daß er meine Freundin liebt.«

Mit diesen Worten stand sie auf und setzte sich M. M. auf den Schoß. Sie nannte sie ihre kleine Frau und meine beiden Schönen fingen an, sich auf eine Art zu liebkosen, daß ich mich hätte totlachen mögen. Weit entfernt, sie in ihrem Spiel zu stören, trieb ich sie noch an, um den Genuß eines Schauspiels zu haben, das ich seit langer Zeit kannte.

M. M. nahm eine Mappe mit Kupferstichen, auf denen die wollüstigsten Stellungen abgebildet waren, und fragte mich mit einem bedeutungsvollen Augenzwinkern: »Ist es dir recht, wenn ich im Alkovenzimmer Feuer machen lasse?« Auf ihren Gedanken eingehend, antwortete ich: »Du wirst mir damit ein Vergnügen machen; das Bett ist ja so groß, daß wir alle drei ganz bequem darin liegen können.« Ich erriet, daß sie befürchtete, ich könnte ihren Freund im Verdacht haben, sich den Anblick unseres Trios verschaffen zu wollen ; sie wollte durch ihren Vorschlag diesen Verdacht beseitigen, ohne näher darauf einzugehen.

Der Tisch wurde vor dem Alkoven gedeckt und das Essen aufgetragen. Wir aßen mit erstaunlichem Appetit, und die Damen blieben nicht hinter mir zurück. Während M. M. ihrer Freundin zeigte, wie der Punsch zubereitet wird, betrachtete ich mit Vergnügen die Fortschritte, die C. C.s Schönheit gemacht hatte. »Dein Busen«, sagte ich zu ihr, »muß in den letzten neun Monaten vollendet schön geworden sein.«

»Er ist wie der meinige,« sagte M. M., »willst du selber darüber urteilen?«

Da ich nicht nein sagte, machte sie sich ans Werk und schnürte ihrer Freundin, die sich das ruhig gefallen ließ, und sich selber das Mieder auf. In weniger als zwei Minuten sah ich vier wetteifernde Brüste vor mir, die um den Preis des Apfels streiten konnten, wie einst die drei Göttinnen. Es wäre dem schönen Paris schwer geworden, den Preis ohne Ungerechtigkeit zu vergeben. Brauche ich zu sagen, welches Feuer dieser entzückende Anblick durch meine Adern goß? Sogleich legte ich die Académie des Dames auf den Tisch und zeigte M. M. eine der Gruppen. Sie begriff meinen Wunsch und fragte: »Was meinst du, Liebste? Sollen wir diese Gruppe in Natur darstellen?« Ein zustimmender Blick war C. C.s Antwort; sprechen tat sie nicht – sie war noch nicht so kampfgewöhnt wie ihre Lehrmeisterin. Während ich fröhlich lachte, machten meine beiden Schönen sich bereit, und bald sahen wir uns alle drei im Zustande der einfachen Natur auf dem Bett.

Zunächst blieb ich nur Zuschauer bei dem Scheinkampfe, den meine beiden Bacchantinnen miteinander ausfochten; ich freute mich ihrer Bewegungen und des Farbenkontrastes, denn die eine war blond, die andere schwarz. Bald aber war ich selber von allen Feuern der Wollust durchglüht: ich stürzte mich auf sie und ließ sie abwechselnd in Liebe und Glück ihre Seele verhauchen.

Als wir alle drei bis zur Erschöpfung ermüdet waren, forderte ich sie auf, sich mit mir der Ruhe hinzugeben, und wir schliefen, bis der Wecker rasselte, den ich vorsorglich auf vier Uhr gestellt hatte. Wir waren sicher, die zwei Stunden, die uns bis zum Scheiden noch blieben, wohl anzuwenden.

Beim Morgengrauen trennten wir uns; wir waren erschöpft und mußten zu unserer Demütigung uns dies eingestehen, aber zugleich waren wir miteinander zufrieden und voller Sehnsucht nach einer baldigen Wiederkehr der gleichen Wonnen.

Als ich am anderen Morgen an diese allzu muntere Nacht zurück- dachte, fühlte ich Gewissensbisse. Wie üblich hatte die Liebe die Vernunft über den Haufen geworfen. M. M. wollte mich überzeugen, daß sie mich liebte; darum schmückte sie ihre Liebe mit allen Tugenden, auf die meine Liebe Wert legte: Ehre, Zartgefühl und Aufrichtigkeit. Aber ihr Geist war Sklave ihres Temperaments, und dieses riß sie zu Ausschweifungen fort. Auf solche zielten alle ihre Vorbereitungen ab, und sie wartete nur auf den Augenblick, wo sie mich zu ihrem Helfershelfer machen würde. Sie streichelte den Gegenstand ihrer Liebe, um ihn schmiegsam und fügsam zu machen, weil ihr Herz von ihren Sinnen beherrscht wurde und ihr keinen Vorwurf machte. Sie suchte sich selber zu täuschen, indem sie sich nicht eingestehen wollte, daß ich mich vielleicht darüber beklagen konnte, von ihr überrumpelt worden zu sein. Aber sie wußte, daß ich dies nur tun konnte, wenn ich mich als schwächer oder weniger tapfer bekannte, und sie rechnete auf mein Schamgefühl. Ich bezweifelte nicht im geringsten, daß das Ausbleiben des Gesandten absichtlich und mit ihr verabredet gewesen war. Ja noch mehr: für mich lag es auf der Hand, daß die beiden Verschwörer vorausgesehen hatten, ich würde ihren feinen Plan durchschauen und würde, an meiner empfindlichsten Stelle gepackt, nicht weniger hochherzig erscheinen wollen als sie. Der Gesandte hatte mir zuerst eine köstliche Nacht verschafft – wie konnte es mir beifallen, ihm eine gleiche vorzuenthalten? Meine Freunde hatten ganz richtig gerechnet; so sehr sich auch mein Gefühl dagegen auflehnte, so sah ich doch, daß ich für meine Person mich ihrem Siege nicht entgegenstellen durfte. C. C. machte ihnen keine Verlegenheit; sie waren ihres Sieges über sie gewiß, sobald ich sie nicht mehr durch meine Anwesenheit störte. Dafür hatte M. M. zu sorgen, die sie völlig unter ihre Herrschaft gebracht hatte. Das arme junge Ding! Ich sah sie auf schlechten Wegen – und ich war schuld daran! Ich seufzte vor Schmerz bei dem Gedanken, daß ich bei unserer letzten Orgie die beiden Mädchen nicht geschont hatte, und was wäre geschehen, wenn sie beide gleichzeitig sich in der Lage gesehen hätten, aus dem Kloster fliehen zu müssen! Ich sah bereits, wie ich sie alle beide auf dem Halse hatte, und die Aufsicht auf so reichen Segen war nicht glänzend! Es war ein sehr wenig angenehmes Zuviel des Guten. In diesem unglückseligen Widerstreit zwischen Vernunft und Vorurteil, Natur und Gefühl konnte ich zu keinem Entschluß kommen, ob ich am Souper teilnehmen sollte, oder nicht. »Wenn ich hingehe, wird die Nacht in vollkommenstem Anstand verlaufen; aber ich werde mich lächerlich machen, werde als eifersüchtig, undankbar, ja sogar unhöflich dastehen; bleibe ich fort, so ist C. C. verloren, wenigstens für mich; denn ich fühle, daß ich sie nicht mehr lieben werde, und jedenfalls kann von Heiraten nicht mehr die Rede sein.« Ich fühlte in meiner Ratlosigkeit, daß ich das Bedürfnis hatte, mich auf etwas Gewisseres als auf Wahrscheinlichkeiten zu stützen. Ich maskierte mich und ging stracks nach dem Palast des französischen Gesandten. Ich wandte mich an den Schweizer und sagte ihm, ich hätte einen Brief für Versailles und es wäre mir sehr angenehm, ihn dem Kurier mitgeben zu können, der zurückreisen sollte, sobald er die Depeschen von Seiner Exzellenz erhalten hätte.

»Aber, mein Herr,« sagte der Schweizer, »seit zwei Monaten haben wir keinen außerordentlichen Kurier hier gehabt!«

»Wie? Es muß doch gestern einer angekommen sein!«

»Der müßte durch die Dachlucke oder den Schornstein gekommen sein; durch die Tür, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, ist keiner gekommen.«

»Aber der Herr Gesandte muß die ganze Nacht gearbeitet haben.«

»Das ist wohl möglich, aber nicht hier. Denn Seine Exzellenz hat beim spanischen Gesandten soupiert und ist erst sehr spät nach Hause gekommen.«

Ich hatte richtig geraten; ein Zweifel war nicht mehr möglich. Der Würfel war gefallen, ich konnte in Ehren nicht mehr zurücktreten. C. C. mußte sich selber ihrer Haut wehren, wenn die Sache nicht nach ihrem Geschmack war; Gewalt würde man ihr ja nicht antun.

Gegen Abend begab ich mich eigens nach Murano ins Kasino, um M. M. ein Briefchen zu schreiben. Ich bat sie, zu entschuldigen, daß eine wichtige Angelegenheit, die Herrn von Bragadino beträfe, mich verhinderte, die Nacht mit ihr und unseren beiden Freunden zu verbringen; ich bat sie, diese von mir zu grüßen und mich auch bei ihnen zu entschuldigen. Nachdem ich diese schöne Tat vollbracht hatte, fuhr ich nach Venedig zurück; um mich zu zerstreuen, ging ich in den Spielsaal und verlor die ganze Nacht hindurch.

Am dritten Tage ging ich wieder nach Murano, da ich überzeugt war, dort einen Brief von M. M. vorzufinden. Wirklich gab die Hausmeisterin mir ein Päckchen, worin ich einen Brief von meiner Nonne und einen von C.C. fand, denn zwischen ihnen war jetzt alles gemein geworden.

C. C. schrieb mir:

»Es tat uns wirklich sehr leid, lieber Freund, als wir hörten, daß wir nicht das Glück haben würden, Dich zu sehen. Eine Viertelstunde darauf kam der Freund meiner teuren M. M.; auch ihm tat es sehr leid, als er Dein Briefchen las. Wir glaubten, wir würden ein sehr trübes Souper haben; aber die hübschen Bemerkungen unseres Kavaliers machten uns lustig, und Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ausgelassen wir wurden, als wir Champagnerpunsch getrunken hatten. Unser Freund war ebenso ausgelassen wie wir, und wir verbrachten die ganze Nacht mit Trios, die uns nicht ermüdeten, sondern sehr belustigten. Ich versichere Dir, er ist ein reizender Mensch, den man liebhaben muß; aber er muß sich selber eingestehen, daß er in jeder Beziehung unter Dir steht. Sei überzeugt, daß ich Dich stets lieben werde und daß Du stets der Herr meines Herzens sein wirst.«

Trotz meinem Verdruß mußte ich über diesen Brief lachen. Aber M. M.s Brief war noch viel eigentümlicher. Er lautete: »Ich bin überzeugt, mein Herz, Du hast aus reiner Höflichkeit gelogen; aber Du hattest erraten, daß ich das erwartete. Du wolltest damit unserm Freund ein prachtvolles Gegengeschenk machen für jenes, das Du von ihm erhalten hast, indem er sich nicht widersetzte, als deine M. M. Dir ihr Herz hingab. Du besitzest es ganz und gar, mein Freund, und Du würdest es auch ganz allein besitzen, wenn es nicht so süß wäre, die Freuden der Liebe mit allen Reizen der Freundschaft zu würzen. Es hat mir leid getan, Dich nicht zu sehen; aber ich habe wohl gefühlt, daß es nicht sehr lustig für uns geworden wäre, wenn Du dabei gewesen wärst; denn unser Freund hat trotz all seinem Geist doch noch einige ihm angeborene Vorurteile. C. C.s Geist ist jetzt so frei wie der unsrige, und ich schätze mich glücklich, daß Sie diese Wohltat mir verdankt. Auch Du mußt mir Dank dafür wissen, daß ich ihre Ausbildung vollendet und sie ganz und gar Deiner würdig gemacht habe. Recht gern hätte ich Dich in dem Versteck des Kämmerchens in unserer Nähe gehabt: ich bin überzeugt, Du hättest dort köstliche Stunden verbracht. Mittwoch werde ich in Deinem Kasino in Venedig mit Dir allein und ganz Dein sein: laß mich wissen, ob Du Dich zur gewöhnlichen Stunde beim Denkmal des Helden Colleoni einfinden wirst; willst Du nicht kommen, so bestimme mir irgend einen anderen Tag, der Dir paßt.«

Ich mußte diese beiden Briefe im gleichen Ton beantworten, und trotz der Bitterkeit, die ich durch alle meine Adern strömen fühlte, mußten meine Antworten süß sein wie Honigseim. Dies kostete mir viel Überwindung; aber mir fiel zur rechten Zeit das Wort ein: Du hast’s gewollt, George Dandin. Ich konnte mich nicht sträuben, die Strafe für meine Handlungen auf mich zu nehmen, und es ist mir niemals ganz klar gewesen, ob die Scham, die ich empfand, sogenannte falsche Scham war. Ich will denn auch dieses Problem ungelöst lassen.

In meinem Brief an C. C. besaß ich den Mut oder die Unverschämtheit, ihr Komplimente zu machen und sie sogar zu ermutigen, sie möchte es so machen wie M. M.; ein besseres Vorbild könnte ich ihr nicht empfehlen.

Meiner Nonne schrieb ich, sie würde mich pünktlich beim Denkmal finden; doch sagte ich ihr auch unter einer Menge von falschen Komplimenten, aus denen sie den Zustand meines Herzens hätte entnehmen können: ich bewunderte die vollendete Erziehung, welche C. C. durch sie erhalten hätte, aber ich wünschte mir Glück, nicht zur Folter des Beobachterpostens verdammt gewesen zu sein; denn ich fühlte, daß ich diese nicht hätte aushallen können.

Pünktlich war ich am Mittwoch zur Stelle, und ich brauchte nicht lange auf M. M. zu warten. Sie kam als Mann verkleidet. »Heute Abend kein Theater!« rief sie; wir wollen nach dem Ridotto gehen und unser Geld verlieren oder verdoppeln.« Sie hatte sechshundert Zechinen bei sich, ich etwa hundert. Das Glück wandte uns den Rücken, und wir verloren alles. Ich hoffte, wir würden jetzt die Spielhölle verlassen, aber sie entfernte sich für einen kurzen Augenblick und kam mit einer Börse voll Gold wieder; ihr Freund, den sie zu finden gewußt, hatte ihr dreihundert Zechinen gegeben. Dieses Geld der Liebe oder der Freundschaft brachte ihr einen Augenblick Glück, denn sie gewann alles zurück, was wir verloren hatten ; aber aus Habsucht oder Unverstand spielten wir weiter und hatten bald keinen Heller mehr.

Als wir durchaus nicht mehr weiter spielen konnten, sagte sie sofort: »Komm! Jetzt brauchen wir keine Räuber mehr zu fürchten. Auf zum Souper!«

Sie war Nonne, Freigeist, Weltdame, Spielerin und ein wunderbares Weib in allem, was sie tat. Sie hatte zwölftausend Franken verloren, und ihre Laune war so ungetrübt, wie wenn sie beträchtlich gewonnen hätte. Allerdings hatte es ihr geringe Mühe gekostet, das verlorene Geld zu bekommen.

Als wir allein waren, fand sie mich traurig und zerstreut, obgleich ich mir Mühe gab, es nicht merken zu lassen. Sie aber war genau so wie sonst: schön, glänzend, fröhlich und verliebt.

Sie glaubte mich zu erheitern, indem sie mir die Vorgänge der mit C. C. und ihrem Freunde verbrachten Nacht in allen Einzelheiten erzählte; aber sie hätte ahnen müssen, daß dies ein Mißgriff von ihr war. Aber dies ist ein Irrtum, den alle Welt begeht. Er beruht auf einer falschen Anschauung: man nimmt an, daß die anderen in der gleichen Stimmung sind, in der man sich selber befindet.

Ich war wie auf Kohlen und drehte und wand mich, um dem Thema auszuweichen und die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet zu bringen; denn die wollüstigen Einzelheiten, die sie mir mit besonderem Vergnügen beschrieb, verdrossen mich, und da Verdruß abkühlend wirkt, so fürchtete ich, ich würde vielleicht in dem bevorstehenden Liebeskampf eine traurige Figur spielen. Und wenn ein Liebender an seinen Kräften zweifelt, kann er fast immer annehmen, daß diese ihm versagen werden.

Nach dem Essen legten wir uns im Alkoven zu Bett. Die Schönheit, die körperlichen und geistigen Reize, die Anmut und das Feuer meiner herrlichen Nonne verjagten bald meine schlechte Laune und versetzten mich in die beste Stimmung. Da die Nächte schon kürzer waren, verbrachten wir die ganzen zwei Stunden, die uns zu Gebote standen, in den süßesten Liebesspielen; dann trennten wir uns zufrieden und glücklich. Vorher bat M. M. mich noch, in ihr Kasino zu gehen, dort Geld zu holen und mit ihr auf Halbpart zu spielen. Ich tat es und nahm alles Geld, das ich fand. Damit spielte ich die Martingale, indem ich stets die Sätze verdoppelte; ich gewann bis zum Ende des Karnevals täglich. Ich hatte das Glück, niemals die sechste Karte zu verlieren; und wenn mir das passiert wäre, so hätte ich kein Spielkapital mehr gehabt, denn dieser sechste Satz betrug zweitausend Zechinen7. Ich freute mich, den Schatz meiner teuren Geliebten vermehrt zu haben. Sie schrieb mir, wir müßten anstandshalber am Rosenmontag selbviert soupieren, und ich erklärte mich bereit.

Dieses Souper war zugleich mein letztes Beisammensein mit C. C. Sie war sehr vergnügt; als sie aber sah, daß ich meinen Entschluß gefaßt hatte und mich nur mit M. M. beschäftigte, machte sie es, ohne sich zu genieren, genau so wie ich und widmete sich ausschließlich ihrem neuen Liebhaber.

Ich sah voraus, daß wir ein bißchen später unfehlbar uns gegenseitig im Wege sein würden, und bat daher M. M., es so einzurichten, daß wir getrennt wären; dies machte sie denn auch ganz vortrefflich.

Nach dem Essen schlug der Gesandte vor, eine Pharaobank aufzulegen. Dieses Spiel kannten unsere Schönen nicht, denn im Ridotto wurde nur Bassette gespielt. Er ließ Karten kommen, legte hundert Doppellouisdor auf den Tisch und hielt die Bank, wobei er es so einzurichten wußte, daß C. C. die ganze Summe gewann. Es war das Nadelgeld, das er ihr schuldig zu sein glaubte. Das junge Mädchen war ganz verwirrt, sie wußte nicht, was sie mit all dem Golde anfangen sollte, und bat ihre liebe Freundin, es für sie aufzuheben, bis sie das Kloster verließe, um sich zu verheiraten.

Als das Spiel zu Ende war, sagte M. M., sie habe Kopfweh und wolle sich im Alkoven zu Bett legen; mich bat sie, ich möchte sie einschläfern. Wir ließen also den Neuverliebten freie Hand, sich miteinander zu erlustigen. Als sechs Stunden später der Wecker uns mahnte, daß es Zeit zur Trennung sei, fanden wir sie schlafend einander in den Armen liegen. Ich selber hatte eine ruhige Nacht der Liebe verbracht; ich war mit meiner M. M. zufrieden und hatte nicht einen einzigen Augenblick an C. C. gedacht.

  1. Der erste Satz betrug also etwa sechzig Zechinen und Casanova riskierte in seinen sechs Sätzen ungefähr 50 000 Franken. Ein kühnes »System«.

Vierundzwanzigstes Kapitel


Herr von Bernis reist ab und überträgt mir alle Rechte auf sein Kasino. – Er gibt mir weise Ratschläge, die ich sehr schlecht befolge. – Ich bin in Gefahr, mit M. M. zu ertrinken. – Der englische Gesandte Murray. – Wir haben kein Kasino mehr; unsere Zusammenkünfte hören daher auf. – M. M. wird schwer krank. – Zorzi und Condulmer. – Tonina.

Obwohl ich C. C. infolge ihrer Untreue mit anderen Augen ansah als früher, und obwohl nicht mehr davon die Rede sein konnte, sie zu meiner Lebensgefährtin zu machen, so konnte ich mich doch nicht der Einsicht erwehren, daß es nur an mir gelegen hätte, sie vom Rande des Abgrunds zurückzuhalten; infolgedessen erkannte ich es als meine Pflicht, ihr stets als Freund treu verbunden zu bleiben.

Wenn ich vernünftig gedacht hätte, wäre ich ohne Zweifel zu ganz anderen Entschlüssen in bezug auf sie gekommen. Ich hätte zu mir gesagt: ich habe ihr das Beispiel der Untreue gegeben, nachdem ich sie verführt habe; ich habe ihr befohlen, die Ratschläge ihrer Freundin blindlings zu befolgen, während ich doch wußte, daß M. M.s Rat und Beispiel sie verderben mußten; ich habe ihr ins Gesicht den stärksten Schimpf angetan, den man einer zartfühlenden Geliebten zufügen konnte. Wie könnte ich nach allem diesem so ungerecht sein wie der große Haufen und von einem schwachen Weibe mehr verlangen, als ein Mann, der sich mit seiner Stärke brüstet, leisten kann? Ich hätte mit solchem Urteil mich selber verdammt, und darum wäre ich auch ihr gegenüber derselbe geblieben. Aber ich glaubte über alle Vorurteile hoch erhaben zu sein und war doch dabei Sklave des allerniedrigsten, nämlich jenes Vorurteils, das sich der Stärke nur bedient, um Schwächere zu unterdrücken.

Am Tage nach Fastnacht ging ich nach Murano und fand dort einen Brief von M. M., der zwei schlechte Nachrichten enthielt: C. C. hatte ihre gute Mutter verloren, und das arme Mädchen war darob in Verzweiflung. Außerdem war die Laienschwester von ihrer Erkältung genesen und hatte ihre Stelle wieder angetreten; dies nötigte ihre Freundin, sich in einem Augenblick zu trennen, wo das junge Mädchen des Trostes, den sie ihr spenden konnte, ganz besonders bedürftig war. C. C. war als Zimmergenosse zu ihrer Tante übergesiedelt, wozu die alte Nonne, die sie sehr lieb hatte, Erlaubnis von der Äbtissin erhalten hatte. Dieses Ereignis beraubte den Gesandten des Vergnügens, noch fernerhin mit ihr zu soupieren, und ich wäre hocherfreut gewesen, hätte der Zufall dieses Hindernis einige Tage früher eintreten lassen.

Aber dies alles erschien mir geringfügig im Vergleich mit dem Unglück, das ich befürchtete: daß C. C. für die genossenen Wonnen mit einer neuen Schwangerschaft würde büßen müssen; ich betrachtete mich immerhin als erste Ursache ihres Unglücks und hätte mich daher für verpflichtet gehalten, sie niemals zu verlassen. Dies aber hätte mich in schreckliche Verlegenheiten bringen können.

M. M. lud mich für auf den nächsten Montag mit ihrem Freunde zum Abendessen ein; ich kam und fand sie beide sehr traurig: er war betrübt, weil er seine neue Geliebte verloren hatte; sie weil sie ihre Freundin, die ihr den Zwang der Klostermauern erträglich gemacht hatte, nun nicht mehr bei sich hatte.

Gegen Mitternacht verließ Herr von Bernis uns; beim Abschied sagte er mit sehr trauriger Miene, er fürchte wegen einiger wichtigen Unterhandlungen mehrere Monate in Wien verbringen zu müssen. Zugleich verabredeten wir, daß unsere Soupers jeden Freitag stattfinden sollten.

Als wir allein waren, sagte M. M. zu mir, der Botschafter würde mir dankbar sein, wenn ich immer erst zwei Stunden später ins Kasino käme. Ich begriff: der geistvolle, liebenswürdige Lebemann hatte das sehr natürliche Vorurteil, sich den Ausbrüchen seiner Zärtlichkeit nur hingeben zu können, wenn er die Gewißheit hatte, allein zu sein.

Herr von Bernis kam bis zu seiner Abreise nach Wien regelmäßig zu unseren Soupers und ging stets um Mitternacht fort. Von dem Versteck war keine Rede mehr, denn wir schliefen nur noch im Alkoven; übrigens hatte er vor meiner Ankunft Zeit genug zum Lieben gehabt, und somit waren seine Begierden gesättigt. M. M. fand mich stets verliebt, ja sogar noch feuriger als früher; denn da ich sie nur alle acht Tage sehen konnte und ihr treu war, so war die Ernte immer sehr reichlich. C. C.s Briefe, die sie mitbrachte, rührten mich zu Tränen; denn sie schrieb mir: nachdem sie das Unglück gehabt, ihre Mutter zu verlieren, könne sie auf die Freundschaft keines einzigen Verwandten mehr rechnen. Sie nannte mich ihren einzigen Freund, ihren einzigen Beschützer; sie schilderte ihren Kummer darüber, daß sie gar nicht mehr auf ein Wiedersehen mit mir hoffen dürfte, und beschwor mich, ihrer lieben Freundin stets treu zu bleiben.

Als ich am Karfreitag ins Kasino kam, fand ich das Paar in tiefe Trauer versunken. Das Essen wurde aufgetragen; aber der Gesandte saß niedergeschlagen, mit stierem Blick da, aß nichts und sprach beinahe kein Wort; M. M. sah aus wie eine Bildsäule, die nur von Zeit zu Zeit durch irgend eine Federkraft bewegt wurde. Diskretion und Schicklichkeitsgefühl verboten mir irgend eine Frage an sie zu richten. Als aber M. M. uns allein gelassen hatte, sagte Herr von Bernis mir, sie sei betrübt und sie könne wohl Gründe dazu haben, denn er sei gezwungen, vierzehn Tage nach Ostern nach Wien zu reisen: »Ihnen kann ich’s anvertrauen: ich glaube, es wird mir nicht leicht möglich sein, nach Venedig zurückzukehren; aber das dürfen wir ihr nicht sagen, denn es würde sie in Verzweiflung stürzen.« Bald darauf kam M. M. wieder herein; es war leicht zu sehen, daß sie geweint hatte.

Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen sagte Herr de Bernis, als er M. M. noch immer traurig sah: »Sei nicht traurig, liebe Freundin; meine Abreise ist unvermeidlich, aber ich komme bestimmt zurück, sobald ich das wichtige Geschäft erledigt habe, das mich nach Wien ruft. Das Kasino bleibt dir; aber, meine Liebe, aus Freundschaft und Vorsicht rate ich dir, es während meiner Abwesenheit nicht zu besuchen; denn wenn ich nicht mehr hier bin, kann ich auch nicht mehr auf die Treue der Gondoliere rechnen, die in meinem Dienst stehen, und ich bezweifle, daß es unserem Freund gelingen wird, unbestechliche Gondoliere zu finden. Ich will dir sogar nicht verschweigen, daß ich starke Gründe für die Annahme habe, unser Verkehr sei den Staatsinquisitoren bekannt, und sie übersehen ihn nur aus politischen Rücksichten. Ich will aber nicht dafür bürgen, daß das Geheimnis nicht bald enthüllt wird, wenn ich nicht mehr hier bin und wenn die Nonne, die deine Ausgänge begünstigt, erfährt, daß du nicht mehr um meinetwillen ausgehst. Die einzigen, für die ich dir bürgen kann, sind der Hausmeister und seine Frau. Diesen werde ich vor meiner Abreise befehlen, unseren Freund als mein zweites Selbst zu betrachten, und ihr werdet euch untereinander verständigen. Ich hoffe, bis zu meiner Rückkehr wird alles gut gehen, wenn ihr euch vernünftig benehmt. Ich schreibe dir durch meinen Hausmeister, seine Frau wird dir meine Briefe zustellen, wie sie es bisher getan hat, und du wirst dich desselben Weges bedienen, um mir zu antworten. Ich muß fort, zärtliche Freundin, aber mein Herz bleibt hier, und ich lasse dich bis zu meiner Heimkehr in den Händen eines Freundes, dessen Bekanntschaft gemacht zu haben mir eine große Freude und Beruhigung ist. Er liebt dich, er ist beherzt und erfahren; er wird dich keinen Fehltritt machen lassen!«

Diese Rede erschütterte M. M. so sehr, daß sie uns bat, wir möchten sie gehen lassen; sie hätte das Bedürfnis, allein zu sein und sich zu Bett zu legen. Ehe sie ging, verabredeten wir noch, daß wir am nächsten Donnerstag soupieren wollten.

Als wir allein waren, sagte der Gesandte zu mir: »Es ist unbedingt nötig, vor ihr geheimzuhalten, daß ich fortgehe, um nicht wiederzukehren. Ich werde mit dem österreichischen Kabinett an einem Vertrag arbeiten, von welchem ganz Europa sprechen wird. Ich bitte Sie, mir als Freund und ohne Rückhalt zu schreiben, und wenn Sie unsere gemeinsame Freundin lieben, so tragen Sie Sorge um ihre Ehre. Vor allen Dingen seien Sie, wenn es not tut, stark genug, sich allem zu widersetzen, was mit gewissen, leicht vorauszusehenden Gefahren verbunden ist, die auch für Sie verhängnisvoll sein würden. Sie wissen, wie es der Frau da Riva ging, die im Kloster S. Nonne war.

Man ließ sie verschwinden, als man erfuhr, daß sie schwanger sei, und mein Vorgänger, Herr de Froulay, wurde kurze Zeit nachher darüber wahnsinnig und starb. I. I. Rousseau hat mir erzählt, er sei an Gift gestorben; aber der ist ein Gespensterseher, der alles in den schwärzesten Farben sieht. Ich für meine Person glaube, daß er vor Kummer starb, weil er nichts für die Unglückliche tun konnte; seither hat der Papst sie von ihrem Gelübde entbunden, sie hat sich verheiratet und lebt jetzt in Parma ohne Ehre und Ansehen.

Lassen Sie die Gefühle der Liebe vor den Gefühlen einer aufrichtigen und vorsichtigen Freundschaft schweigen! Besuchen Sie M. M. zuweilen im Sprechzimmer, aber enthalten Sie sich jedes Besuches hier im Kasino, denn die Gondoliere werden Sie verraten. Die Gewißheit, daß sie nicht schwanger ist, vermindert beträchtlich meinen Kummer; aber gehen Sie mir zu, daß Sie recht unvernünftig gewesen sind! Sie haben einem furchtbaren Unglück die Stirn geboten! Bedenken Sie, zu welchen verzweifelten Entschlüssen Sie getrieben worden wären! Denn Sie hätten sie nicht verlassen – davon bin ich überzeugt. Sie glaubte, man könnte mit Abtreibungsmitteln die Gefahr beseitigen; aber ich habe ihr diesen Glauben benommen. Um Gottes willen, seien Sie in Zukunft vernünftig! Schreiben Sie mir alles, denn ich werde mich stets für ihr Geschick interessieren, nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe.«

Wir fuhren zusammen nach Venedig zurück, wo wir uns trennten, und ich verbrachte den übrigen Teil der Nacht in großer Erregung. Am anderen Morgen schrieb ich einen Brief an unsere schöne Trauernde. Ich geizte nicht mit Trostsprüchen, von denen ich glaubte, daß sie sie aufrichten könnten, zugleich aber suchte ich sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß wir uns einer vorsichtigen Haltung befleißigten und jede Ausschreitung vermieden, die uns ganz und gar ins Unglück stürzen könnte.

Den Tag darauf erhielt ich ihre Antwort. Aus jeder Zeile sprach die tiefste Verzweiflung. Die Natur hatte sie mit einem heißen Temperament begabt, und ihr Genußleben hatte dieses auf eine Weise entwickelt, daß das Kloster ihr unerträglich geworden war. Ich sah voraus, daß ich harte Kämpfe zu bestehen haben würde.

Wir sahen uns am Donnerstag nach Ostern, und ich hatte ihr vorher geschrieben, daß ich erst um Mitternacht ins Kasino kommen würde. Sie hatte Zeit gehabt, mit ihrem Freund vier Stunden mit Klagen und wehmütigen Erinnerungen zu verbringen, und sie hatte dabei oft ihr grausames Geschick verflucht und ihren Eigensinn verwünscht, der sie dazu gebracht hatte, den Schleier zu nehmen. Wir speisten selbdritt; aber wir taten dem Essen keine Ehre an, obwohl es prachtvoll und lecker zubereitet war. Gleich nach Tisch ging der Gesandte fort; er bat mich, ich möchte dableiben, und ich tat dies, aber ohne im geringsten an die Freuden der Liebe zu denken. Denn Amor zündet seine Fackel nicht an, wenn zwei Liebende in Sorgen sind und tiefe Schmerzen leiden. M. M. war mager geworden, ihr Zustand erregte mein Mitleid und schloß jedes andere Gefühl aus. Ich hielt sie lange in meinen Armen und bedeckte sie mit zärtlichen und liebevollen Küssen, aber es lag mir fern, sie zu einer Erregung der Sinne zu verleiten, an der ihr Herz keinen Anteil hätte nehmen können. Sie sagte mir beim Abschied, jetzt hätte ich ihr bewiesen, daß ich sie wirklich liebte, und mit einem himmlischen Gesichtsausdruck bat sie mich zu bedenken, daß sie außer mir keinen Beschützer und Freund mehr hätte.

Als wir die Woche darauf in gewohnter Weise beisammen waren, rief Herr von Bernis kurz vor dem Essen den Hausmeister herauf und stellte mir in dessen Gegenwart eine Urkunde aus, die er von ihm unterzeichnen ließ. Durch diese Schrift übertrug er mir seine Rechte auf die ganze Einrichtung des Kasinos und befahl ihm, mich in jeder Hinsicht als seinen Herrn zu betrachten.

Wir verabredeten, uns zwei Tage darauf noch einmal zu einem Abschiedssouper zu vereinigen; aber als ich ankam, stand M. M. allein im Salon – bleich wie der Tod oder besser gesagt, weiß wie eine Statue aus karrarischem Marmor. »Er ist fort,« sagte sie, »und er läßt sich dir empfehlen. Verhängnisvoller Mensch! Vielleicht bin ich dazu verdammt, ihn niemals wiederzusehen. Ich glaubte ihn nur wie einen Freund zu lieben, und jetzt, da ich ihn verliere, sehe ich meinen Irrtum ein. Ehe ich ihn kannte, war ich nicht glücklich; aber ich hielt mich nicht für unglücklich. Jetzt aber bin ich’s, das fühle ich!«

Ich verbrachte die ganze Nacht mit ihr und versuchte durch die zartesten Aufmerksamkeiten ihren Schmerz zu lindern; aber es wollte mir nicht gelingen. Während dieser langen und schmerzlichen Nacht enthüllte sich mir ihr ganzer Charakter: so leidenschaftlich ihre Seele sich dem Genuß hingab, wenn sie sich glücklich glaubte, so haltlos überließ sie sich dem Schmerz, wenn das Glück ihr entwich.

Sie sagte mir, zu welcher Stunde ich am nächsten Tage im Sprechzimmer sein sollte. Ich war entzückt, sie weniger traurig zu finden, als ich kam. Sie zeigte mir ein Briefchen, das ihr Freund von Treviso aus geschrieben hatte. Hierauf bat sie mich, sie wöchentlich zweimal zu besuchen; sie würde bald mit dieser, bald mit jener Nonne kommen; denn sie sähe voraus, daß meine Besuche die große Klosterneuigkeit werden würden, sobald man erführe, daß ich derselbe Kavalier sei, der die Messe in ihrer Kirche besuchte. Deshalb sollte ich mich auch unter einem anderen Namen anmelden lassen, damit C. C.s Tante keinen Verdacht schöpfte. »Indessen«, fügte sie hinzu, »soll mich dies nicht verhindern, allein zu kommen, wenn ich dir irgend etwas Besonderes zu sagen habe. Versprich mir, mein Freund, jede Woche mindestens einmal im Kasino zu essen und zu schlafen, und schreibe mir jedesmal ein Briefchen. Die Hausmeisterin wird es mir zustellen.«

Es wurde mir nicht schwer, ihr dieses zu versprechen.

So verbrachten wir vierzehn Tage ziemlich ruhig, bis ihre heitere Laune wieder erwachte und damit auch ihr Liebesbedürfnis so stark wurde wie früher. Während dieser Zeit erhielt ich von ihr eine Nachricht, die mir sehr wohl tat: C. C. war außer aller Gefahr.

Wir waren immer noch beide sehr verliebt, und da wir keine andere als die uns nur noch mehr erregende Befriedigung hatten, uns durch ein Gitter hindurch zu sehen, so spannten wir unseren Geist auf die Folter, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie wir in Freiheit und ohne Gefahr uns allein sehen könnten. »Auf die Treue der Gärtnersfrau«, sagte sie, »kann ich mich immer noch verlassen; ich kann aus- und eingehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich gesehen werde, denn die zum Kloster gehörende Hinterpforte kann von keinem Fenster aus gesehen werden; übrigens gilt diese Tür für behext. Niemand kann mich sehen, wenn ich durch das Gärtchen nach dem hinteren Ufer gehe; auch glaubt man, daß dort kein Boot landen kann. Wir hätten weiter nichts nötig als eine einrudrige Gondel, und es scheint mir unmöglich, daß du nicht mit Hilfe vielen Geldes einen zuverlässigen Schiffer solltest auftreiben können.«

Ich entnahm aus allen diesen Bemerkungen, daß sie mich im Verdacht hatte, kälter geworden zu sein, und dieser Verdacht schnitt mir ins Herz. »Höre,« sagte ich zu ihr, »ich selber werde der Schiffer sein; ich steige am Ufer aus, komme durch die Hintertür ins Kloster, und du bringst mich in dein Zimmer, wo ich die ganze Nacht mit dir verbringe und sogar den ganzen folgenden Tag, wenn du glaubst, mich verbergen zu können.«

»Dieser Plan macht mir zu viel Angst: ich zittere bei dem bloßen Gedanken an die Gefahr, welcher du dich aussetzen könntest. Nein, ich würde zu traurig sein, wenn ich schuld wäre, daß du unglücklich würdest. Aber da du rudern kannst, so komme doch mit einem Boot; sage mir vorher so genau wie nur möglich die Zeit deiner Ankunft; die getreue Gärtnersfrau wird sich auf die Lauer legen, und ich lasse dich keine vier Minuten warten. Ich steige in dein Boot, wir fahren nach unserm lieben Kasino, und dort werden wir ohne Sorgen glücklich sein!«

»Ich verspreche dir, darüber nachzudenken.«

Um ihren Wunsch zu befriedigen, tat ich folgendes: ich kaufte ein kleines Boot, ohne ihr etwas davon zu sagen, und fuhr bei Nacht ganz allein um die Insel herum, um mir die Mauern des Klosters nach der Wasserseite zu anzusehen. Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Tür, die nach meiner Meinung die einzige war, durch die sie das Kloster verlassen konnte; aber um von dort nach dem Kasino zu gelangen, mußte man um die halbe Insel herumfahren, und das war keine Kleinigkeit, denn man kam dabei ins offene Wasser, und mit einem einzigen Ruder brauchte ich bei der größten Anstrengung mindestens eine Viertelstunde zu der Fahrt. Ich war jedoch sicher, daß mir diese Fahrt gelingen würde, und teilte meinen Plan der schönen Nonne mit. Niemals ist vielleicht eine Nachricht mit größerer Freude aufgenommen worden. Wir stellten unsere Uhren überein und setzten die Zusammenkunft auf den nächsten Freitag fest.

Am bestimmten Tage ging ich eine Stunde vor Sonnenuntergang nach San Francesco della Vigna, wo ich mein Boot in einem von mir gemieteten Bretterschuppen liegen hatte. Nachdem ich mein Boot in Ordnung gebracht und mich als Gondoliere verkleidet hatte, stieg ich auf und ruderte stracks nach dem Hinterpförtchen, das sich im Augenblick meiner Ankunft öffnete. M. M. kam heraus, und die Tür wurde hinter ihr wieder geschlossen. In ihren Mantel gehüllt, bestieg sie meinen zerbrechlichen Nachen, und in einer Viertelstunde waren wir bei unserem Kasino. M. M. schlüpfte schnell hinein, ich aber blieb noch draußen, um mein Boot mit einer Kette und einem Vorhängeschloß zu befestigen und dadurch vor den Dieben zu schützen, die sich bei Nacht ein Vergnügen daraus machen, so viele Gondeln zu stehlen, wie sie nur kriegen können.

Obwohl das Rudern mir keine Beschwerde gemacht hatte, war ich doch durchnäßt vom Schweiß; dies hinderte aber meine angebetete Geliebte nicht, mir um den Hals zu fallen: die Dankbarkeit schien zur Liebe aufzufordern, und ich, ganz stolz auf meine Leistung, freute mich ihrer Verzückungen.

Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich nötig haben könnte, die Wäsche zu wechseln, und hatte deshalb keine mitgenommen; aber sie wußte dem Mangel schnell abzuhelfen. Ich zog mich aus, sie trocknete mich sorgsam mit ihrer zarten Hand ab und zog mir eins von ihren Hemden an, worin ich mich außerordentlich wohl fühlte.

Wir hatten zu lange Zeit nicht einander genossen, als daß wir ans Essen hätten denken mögen, bevor wir der Liebe ein reichliches Opfer gebracht. Wir verbrachten zwei Stunden in der süßesten Trunkenheit der Sinne, und unsere Freuden dünkten uns lebhafter als beim erstenmal. Trotz meinem Feuer, trotz der Glut meiner Geliebten, wußte ich mich doch genügend zu beherrschen, um sie im Augenblick der Gefahr zu täuschen. Das Bild, das unser Freund mir entworfen hatte, stand mir zu deutlich vor den Augen. M. M. fand mich neu als Gondoliere; sie war lustig und ausgelassen und belebte unsere Genüsse durch allerlei verliebte Scherze; aber es war überflüssig, daß sie meine Glut noch anzufeuern suchte, denn ich liebte sie mehr als mich selber.

Die Nacht war kurz, denn sie mußte um drei Uhr früh schon wieder im Kloster sein. Es schlug eins, als wir uns zu Tisch setzten. Zu unserem Entsetzen zog plötzlich ein Gewitter auf, während wir beim Essen waren. Die Haare standen uns zu Berge; wir konnten unsere Hoffnung nur darauf setzen, daß die Gewitter dieser Art selten länger als eine Stunde dauern. Auch hofften wir, es würde dem Gewitter kein allzu starker Wind folgen, was zuweilen vorkommt. Obwohl mutig und kräftig, hatte ich jedoch bei weitem nicht die Geschicklichkeit und Übung eines berufsmäßigen Schiffers. In weniger als einer halben Stunde war das Gewitter auf seinem Höhepunkt; Blitz folgt auf Blitz, der Donner rollt, und der Wind bläst mit furchtbarer Gewalt. Aber es dauerte kaum eine Stunde, und nach einem heftigen Platzregen klärte sich der Himmel auf. Leider aber war kein Mondschein. Es schlug zwei. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster und fühlte einen starken Wind, der leider in der für uns ungünstigen Richtung wehte.

Ma tiranno del mar Libeccio resta,

Dieser Libeccio, den Ariost mit Recht den Tyrannen des Meeres nennt, ist der Südwestwind, in Venedig gewöhnlich Garbin genannt. Ich ließ mir nichts merken, aber ich bekam Angst. Ich sagte meiner Freundin, wir müßten unbedingt eine Stunde des Genusses der Vorsicht opfern. »Laß uns sofort abfahren, denn wenn der Wind stärker werden sollte, wäre es mir unmöglich, um die Spitze der Insel herumzukommen.« Sie sah die Notwendigkeit ein, meinem Rate zu folgen, und schloß nur noch ihren Schrank auf, weil sie Geld brauchte. Zu ihrer größten Freude fand sie ihren Schatz vervierfacht. Sie dankte mir, daß ich ihr nichts davon gesagt hätte, und versicherte mir, sie wollte weiter nichts als mein Herz. Hierauf gingen wir, sie stieg in mein Boot und legte sich lang auf den Boden, um die Bewegung nicht zu hindern. Voller Mut und Furcht trat ich in das Hinterteil und war in fünf Minuten glücklich um die Spitze herum. Aber hier wartete der Tyrann des Meeres auf mich! Bald merkte ich, daß im Kampfe mit dem unablässigen Andrang des Windes meine Kraft erlahmen würde. Ich ruderte aus Leibeskräften, aber ich erreichte weiter nichts, als daß mein Schiffchen wenigstens nicht zurückgetrieben wurde. Schon eine halbe Stunde war ich in dieser schlimmen Lage; ich fühlte meine Kräfte abnehmen und wagte doch nichts zu sagen. Ich war außer Atem und durfte doch nicht ans Ausruhen denken: das geringste Nachlassen hätte mich weit zurückgetrieben, und das Unglück wäre nicht wieder gutzumachen gewesen. M. M. lag unbeweglich im tiefsten Schweigen, denn sie fühlte, daß ich nicht imstande sein würde, ihr zu antworten. Ich begann uns für verloren anzusehen.

Da bemerkte ich in der Ferne eine Barke, die schnell auf uns zukam. Welches Glück! Ich wartete, bis sie bei mir vorbei war, denn sonst hätten sie meine Stimme nicht hören können. Sobald ich sie aber in einer Entfernung von einigen Klaftern zu meiner Linken sah, schrie ich laut: »Zu Hilfe für zwei Zechinen!«

Das Segel wird heruntergelassen, und von vier Rudern getrieben kommt die Barke auf uns zu. Als wir Seite an Seite liegen, bitte ich, man solle mir nur einen Mann ins Boot geben, der uns bis zur entgegengesetzten Spitze der Insel bringe. Man verlangt von mir eine Zechine zum voraus; ich gebe sie und verspreche die andere dem Mann zu bezahlen, sobald er mir geholfen habe, mein Ziel zu erreichen. In weniger als zehn Minuten sah ich mich dem Kloster gegenüber; aber mein Geheimnis war mir zu kostbar, um es auf eine Entdeckung ankommen zu lassen; erst als wir an der Ecke waren, bezahlte ich meinen Retter und entließ ihn. Ich kehrte nun um, und da der Wind jetzt günstig war, so erreichte ich leicht die kleine Pforte. M. M. stieg aus und sagte mir zum Abschied: »Geh ins Kasino und schlafe dort.« Ich fand ihren Rat sehr vernünftig und befolgte ihn. Da ich den Wind im Rücken hatte, kam ich ohne Anstrengung ans Ziel. Ich schlief bis zum Mittag. Gleich nach dem Aufstehen schrieb ich meiner Herzallerliebsten, ich befände mich wohl und wir würden uns am Sprechgitter wiedersehen. Nachdem ich mein Boot nach San Francesco zurückgebracht hatte, maskierte ich mich und ging auf den Ridotto.

Am nächsten Tage kam M. M. allein an das Gitter. Wir stellten alle Betrachtungen an, zu denen das gestrige Ereignis Anlaß geben konnte; aber anstatt den Entschluß zu fassen, den die Klugheit uns eingeben mußte: nämlich uns nicht mehr der Gefahr auszusetzen, glaubten wir außerordentlich vernünftig zu sein, indem wir uns vornahmen, künftighin im selben Augenblick, wo wieder ein Gewitter aufziehen sollte, alles liegen zu lassen und sofort aufzubrechen. Allerdings mußten wir uns selber eingestehen, daß wir, wenn uns nicht der Gott der Liebe oder der Zufall die rettende Barke zugeführt hätte, nach dem Kasino hätten zurückkehren und dort bleiben müssen, denn M. M. konnte auf anderem Wege nicht ins Kloster hineinkommen, und wie würde sie später Einlaß gefunden haben? Ich hätte Venedig mit ihr verlassen müssen, und zwar auf Nimmerwiederkehr. Dann wäre mein Leben unwiderruflich an das ihrige gefesselt gewesen, und ohne Zweifel wären niemals die Ereignisse eingetreten, die schließlich dahin geführt haben, daß ich heute mit zweiundsiebzig Jahren in Dur meine Erinnerungen schreibe.

Drei Monate lang fuhren wir in derselben Weise fort, uns allwöchentlich einmal zu sehen; unsere Verliebtheit war immer die gleiche, und niemals störte uns der geringste Unfall.

M. M. konnte nicht umhin, dem Gesandten alles zu melden, was uns betraf; auch ich hatte versprochen, ihm zu schreiben und in meinen Berichten strenge bei der Wahrheit zu bleiben. In seiner Antwort wünschte er uns Glück zu unserer Errettung, aber er sagte uns voraus, daß wir dem Unglück nicht entrinnen würden, wenn wir nicht so vorsichtig wären, unsere Ausflüge ganz aufzugeben.

Der englische Ministerresident Murray, ein schöner, geistvoller und gelehrter Mann, großer Liebhaber des schönen Geschlechtes, des Weines und der Tafelfreuden, unterhielt die schöne Ancilla, die mich in Padua mit ihm bekannt machte. Dieser wackere Mann wurde bald mein Freund, ungefähr in derselben Art wie Herr de Bernis, nur mit dem Unterschied, daß der Franzose gerne Zuschauer war, der Engländer dagegen selber das Schauspiel zu geben liebte. Ich war ihm stets ein erwünschter Zeuge seiner Liebestaten, bei denen er sich sehr wacker hielt, und die wollüstige Ancilla war entzückt, sich vor mir sehen zu lassen. Doch habe ich ihnen niemals das Vergnügen gemacht, mich in ihre Kämpfe einzumischen. Ich liebte M. M., aber ich muß gestehen, daß die Treue, die ich der schönen Nonne bewahrte, nicht lediglich meiner Liebe zu ihr zuzuschreiben war. Ancilla flößte mir trotz ihrer Schönheit ein gewisses Widerstreben ein: sie war stets heiser und beklagte sich beständig über einen stechenden Schmerz in der Kehle. Obgleich nun ihr Liebhaber sich wohl befand, so hatte ich doch Furcht, und nicht ohne Grund; denn die Krankheit, woran König Franz der Erste von Frankreich starb, brachte im folgenden Herbst auch sie ins Grab. Eine Viertelstunde, bevor sie ihre Seele aushauchte, vollbrachte ihr unerschrockener Brite, den geilen Bitten dieser neuen Messalina nachgebend, in meiner Gegenwart das letzte Opfer mit ihr, obwohl eine große Wunde im Gesicht sie scheußlich entstellte.

Diese Tat eines wahrhaft heroischen Zynismus wurde in der ganzen Stadt bekannt, denn Murray selber erzählte sie überall und rief mich als Zeugen dafür an.

Als die berüchtigte, aber wegen ihrer Schönheit mit Recht berühmte Kurtisane sich von einem inneren Leiden verzehrt fühlte, versprach sie einem Arzt, namens Lucchesi, der sie durch eine Quecksilberkur zu heilen versprach, hundert Louisdor. Aber auf dem Schuldschein, den sie über diesen Betrag ausstellte, bedang Ancilla ausdrücklich sich aus, daß sie das Geld nicht eher bezahlen würde, als bis besagter Lucchesi ein Liebesopfer mit ihr vollzogen hätte. Nachdem der Doktor sie kuriert hatte, so gut er konnte, verlangte er Bezahlung, wollte sich aber nicht der Bedingung des Vertrages unterwerfen. Ancilla bestand jedoch darauf, und der Streitfall kam vor Gericht.

In England, wo jede ausdrückliche Vereinbarung erfüllt werden muß, würde Ancilla ihren Prozeß gewonnen haben; aber in Venedig verlor sie ihn. Der Richter erklärte in seinem Urteil, das Nichteinhalten einer strafbaren Bedingung tue der Gültigkeit des Vertrages keinen Abbruch. Ein weises Urteil – besonders in diesem Fall!

Zwei Monate bevor die Ancilla von ihren Wunden in so abscheuerregender Weise entstellt wurde, bat mich mein Freund Memmo – der spätere Prokurator der Republik San Marcos – ihn bei ihr einzuführen. Als wir grade mitten in der schönsten Unterhaltung waren, kam plötzlich eine Gondel an, aus der wir den österreichischen Gesandten Graf Rosenberg steigen sahen. Memmo erschrak, denn ein venetianischer Nobile darf nirgendwo mit einem fremden Gesandten zusammentreffen, weil er sich schon durch die bloße Tatsache des Hochverrats schuldig macht; er verließ mit größter Hast Ancillas Salon, und ich folgte ihm; aber auf der Treppe begegnete er dem Gesandten, der laut auflachte, als er seine Verlegenheit sah, und dann seinen Weg fortsetzte. Augenblicklich stieg ich mit Memmo in seine Gondel, und wir fuhren stracks zum Sekretär der Staatsinquisitoren, Herrn Cavalli. Dies war das beste, was Memmo tun konnte, um den möglichen ärgerlichen Folgen der unangenehmen Begegnung auszuweichen, und es war ihm sehr angenehm, daß ich dabei war, um ihm bezeugen zu können, daß es sich um einen ganz einfachen Vorfall handelte, an welchem er völlig unschuldig war. Der Sekretär empfing Herrn Memmo mit einem Lächeln und sagte ihm, er habe recht gut daran getan, ohne Verzug ihm alles zu beichten. Sehr erstaunt über diesen Empfang erzählte Memmo ihm die kurze Geschichte des Zusammentreffens, und der Sekretär antwortete mit ernstester Miene, er zweifle nicht an der Wahrheit seiner Aussage, denn die Umstände deckten sich vollkommen mit dem, was ihm bekannt wäre.

Die Antwort des Sekretärs gab uns viel zu denken, und wir sprachen lange über den Fall, als wir wieder draußen waren; wir kamen jedoch zu dem Ergebnis, daß Herr Cavalli vor unserem Eintritt in sein Haus tatsächlich nichts hätte wissen können und daß seine seltsame Ansprache nur daraus zu erklären wäre, daß die Staatsinquisitoren gewohnheitsmäßig den Glauben zu erregen suchten, ihnen könnte gar nichts auch nur einen Augenblick verborgen bleiben.

Nach Ancillas Tode nahm Murray keine offizielle Geliebte mehr; aber wie ein Schmetterling umherflatternd, hatte er abwechselnd die hübschesten Mädchen von Venedig. Zwei Jahre später ging der liebenswürdige Epikuräer nach Konstantinopel, wo er zwanzig Jahre lang als Vertreter des Kabinetts von St. James bei der hohen Pforte wirkte. Jm Jahre 1778 kehrte er nach Venedig zurück in der Absicht, dort fern von den Geschäften seine Tage zu beschließen, aber er starb im Lazarett acht Tage vor Ablauf der vorgeschriebenen Quarantänezeit.

Das Glück begünstigte mich immer noch im Spiel; meine Zusammenkünfte mit M. M. konnten nicht entdeckt werden, da ich selber den Schiffsmann machte und da die Nonnen, die um das Geheimnis wußten, selber ein zu großes Interesse an dessen Wahrung hatten; ich führte also ein sehr fröhliches Leben. Aber ich sah voraus, daß Herr von Bernis über kurz oder lang doch M. M. mitteilen würde, daß er nicht nach Venedig zurückkäme. Dann würde er die Leute, die er in Venedig noch in seinem Lohn hatte, abberufen, und wir hätten kein Kasino mehr. Ich wußte außerdem, daß ich nach Einbruch der schlechten Jahreszeit mein zerbrechliches Boot allein nicht mehr zu unseren Fahrten würde benutzen können.

Als am ersten Montag des Oktobers die Theater geöffnet wurden und die Maskenfreiheit wieder begann, holte ich in meinem Kahn meine Geliebte ab und fuhr mit ihr nach unserem Kasino. Da die Nächte schon so lang waren, daß für die Freuden der Liebe eine reichliche Zeit blieb, nahmen wir zunächst ein ausgezeichnetes Abendessen zu uns. Hierauf überließen wir uns abwechselnd Cupidos Wonnen und Morpheus Armen. Plötzlich, während wir im süßesten Genuß schwebten, erweckte ein Geräusch vom Kanal her meinen Argwohn. Ich eilte ans Fenster und sah voll Überraschung und Wut ein großes Boot, das meinen Kahn im Schlepptau hinter sich herzog. Es gelang mir, meine erste Erregung niederzukämpfen und den Dieben zuzurufen, ich würde ihnen zehn Zechinen schenken, wenn sie mir mein Boot zurückgeben wollten. Offenbar glaubten sie mir nicht, denn sie lachten mich aus und fuhren ruhig weiter. Was konnte ich tun? Gegen die Diebe um Hilfe rufen? Um des Himmels willen nicht! Ihnen nachsetzen? Ich konnte ja nicht trockenen Fußes auf dem Wasser gehen. Ich war untröstlich, und M. M. hatte diesmal wirklich große Angst; denn sie sah keine Möglichkeit, wie ich Abhilfe schaffen könnte.

Ohne noch weiter an unsere Liebesfreuden zu denken, zog ich mich schnell an; mein einziger Trost war, daß ich noch zwei Stunden vor mir hatte, um mir ein Boot zu besorgen. Ich hätte hundert Zechinen dafür bezahlt. Wenn ich eine Gondel hätte nehmen können, so wäre ja unsere Verlegenheit nicht groß gewesen; aber die Gondoliere hätten natürlich am nächsten Morgen in ganz Murano ausposaunt, daß sie eine Nonne in das und das Kloster gebracht hätten, und damit wäre für uns alles verloren gewesen.

Es blieb mir also weiter nichts übrig, als mir für Geld einen Kahn zu beschaffen oder es ebenso zu machen, wie die Kerle, die mir den meinigen gestohlen hatten. Ich steckte meine Pistolen, meinen Dolch und eine Börse voll Gold in die Taschen, nahm ein Ruder und einen Bootshaken auf die Schulter und machte mich auf den Weg.

Die Diebe hatten mit einer Speckfeile die Kette meines Bootes durchgefeilt. Dies Mittel konnte ich nicht anwenden; ich konnte nur darauf hoffen, durch einen glücklichen Zufall auf einen Kahn zu stoßen, der nur mit Stricken befestigt war.

Bei der großen Brücke sah ich eine Menge Kähne; aber es waren Leute am Ufer, und so konnte ich nicht wagen, einen zu stehlen. Wie em Besessener lief ich den Kai entlang; da sah ich am Ende desselben eine Kneipe, die noch offen war. Ich trat ein und fragte, ob keine Schiffer da wären; der Kellner antwortete mir: »Es sind zwei da, aber sie sind beide betrunken.« Ich trat zu ihnen an den Tisch und sagte: »Wer will vier Lire verdienen und mich nach Venedig fahren?«

»Ich!« »Ich!«

»Ich heschwichtigte ihren Streit, indem ich dem betrunkensten vierzig Soldi gab; mit dem anderen ging ich hinaus.«

Unterwegs aber sagte ich zu ihm: »Du bist zu betrunken; leih mir dein Boot, ich bring es dir morgen wieder.«

»Ich kenne dich ja nicht.«

»Ich werde dir zehn Zechinen dalassen, aber dein Boot ist ja nicht so viel wert; wer bürgt mir für dich.«

»Kommen Sie mit, Herr!«

Er ging mit mir nach der Kneipe zurück, und der Kellner leistete Bürgschaft für ihn. Hocherfreut ließ ich mich zu seinem Boot führen, das er mit zwei Haken und einem zweiten Ruder versah. Sehr vergnügt, daß er mich beschwindelt hatte, entfernte er sich, und ich war ebenso vergnügt, von ihm beschwindelt worden zu sein. Ich hatte eine Stunde dazu gebraucht, um das Unglück wieder gut zu machen; schnell fuhr ich nach dem Kasino, wo meine geliebte M. M. in Todesängsten auf mich wartete. Aber als sie mein freudestrahlendes Gesicht sah, erheiterte sich sofort auch ihr Antlitz. Ich brachte sie nach ihrem Kloster zurück und fuhr selber nach San Francesco, wo der Mann, der mir den Schuppen vermietet hatte, mich offenbar für verrückt hielt, als ich ihm sagte, ich hätte meinen Kahn gegen den von mir mitgebrachten vertauscht. Nachdem ich Maske und Domino angelegt hatte, ging ich in aller Eile nach Hause und legte mich zu Bett; denn die Schererei hatte mich ganz kaput gemacht.

Etwa um dieselbe Zeit machte eine Schicksalsfügung mich mit dem Patrizier Marcantonio Zorzi bekannt; er war ein geistvoller Mann und berühmt wegen seiner scherzhaften Gedichte in venetianischer Mundart. Als leidenschaftlicher Theaterfreund strebte Zorzi nach der Ehre, zu Thaliens Priestern zu gehören; er schrieb eine Komödie, die das Publikum sich erlaubte auszupfeifen. Er hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, das Stück sei nur durch die Machenschaften des Abbate Chiari durchgefallen, der für das Theater Sant‘ Angelo schrieb. Infolgedessen verfolgte er alle Stücke des Abbate mit grimmigem Haß.

Es kostete mich keine Uberwindung, mich dem Zorzischen Kreise anzuschließen, denn er hatte einen ausgezeichneten Koch und eine reizende Frau. Er wußte, daß ich Chiari als Dichter nicht liebte, und dies gefiel ihm, denn Herr Zorzi bezahlte sogar Leute, die ohne Barmherzigkeit und übrigens auch ohne Sinn und Verstand alle Stücke des geistlichen Komödiendichters auspfiffen. Ich machte mir den Spaß, sie in einer Art von damals sehr beliebten Knüttelversen, sogenannten Hammerversen, zu kritisieren, und Zorzi sorgte dafür, daß diese Verse in Abschriften verbreitet wurden. Dies schuf mir einen mächtigen Feind in der Person des Herrn Condulmer, der mich außerdem schon deshalb nicht leiden konnte, weil ich allem Anschein nach bei Frau Zorzi in Gunst stand, und dieser hatte er, bevor ich ins Haus kam, sehr eifrig den Hof gemacht.

Übrigens konnte man es Herrn Condulmer nicht übelnehmen, wenn er mich nicht gern hatte, denn das Theater Sant‘ Angelo war zum guten Teil sein Eigentum, und der Durchfall der Stücke des dichtenden Abbate war ein großer Schaden für ihn, weil die Logen nur noch zu sehr billigen Preisen Besucher fanden; das Geldinteresse aber ist fast für jedermann eine conditio sine qua non.

Der gute Herr Condulmer war sechzig Jahre alt, aber noch ein Mann in der Vollkraft, er liebte Weiber, Spiel und Geld. Er war sogar Wucherer, verstand aber die Kunst, für einen kleinen Heiligen zu gelten, denn er hielt darauf, jeden Morgen bei der Messe im Markusdom gesehen zu werden, und verfehlte niemals, vor dem Kruzifix zu weinen. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied des Rates der Zehn und als solcher acht Monate lang Staatsinquisitor. In dieser hohen Stellung, die ihm eine diabolische Macht verlieh, wurde es ihm nicht schwer, seinen beiden Amtsgenossen einzureden, daß ich als Störer der öffentlichen Ruhe unter die Bleidächer müßte.

Warte noch neun Monate, lieber Leser, und du wirst sehen!

Zu Beginn des Winters vernahm man die erstaunliche Nachricht von dem zwischen den Häusern Frankreich und Österreich abgeschlossenen Bündnisvertrag, durch den das politische System Europas von Grund aus geändert wurde. Die Nachricht klang so unmöglich, daß die europäischen Mächte nicht daran glauben wollten. Ganz Italien mußte sich dieses Bündnisses freuen, denn es schützte das schöne Land hinfort vor der Gefahr, beim geringsten Streithandel zwischen den beiden Mächten sofort zum Kriegsschauplatz zu werden. Am meisten brachte alle denkenden Köpfe außer Fassung, daß dieser wundervolle Vertrag von einem jungen Diplomaten geplant und abgeschlossen worden war, der bis dahin nur für einen Schöngeist gegolten hatte. Er war im Jahre 1750 ganz im geheimen angesponnen worden, und die handelnden Personen waren Frau von Pompadour, Graf Kaunitz, der dafür den Fürstentitel erhielt, und der Abbé de Bernis, der erst im nächsten Jahre in weiteren Kreisen bekannt wurde, als der König ihn zum Gesandten in Venedig ernannte. Zweihundertvierzig Jahre hindurch hatten die Häuser Bourbon und Habsburg sich als Feinde bekämpft, als dieses Bündnis zustande kam; aber es war nicht von langer Dauer, denn es währte nur vierzig Jahre; und es ist auch nicht wahrscheinlich, daß jemals ein Vertrag zwischen zwei so wesentlich verschiedenen Höfen länger dauern wird.

Abbé Bernis wurde einige Zeit nach dem Abschluß des Vertrages Minister des Auswärtigen; drei Jahre später stellte er das Parlament wieder her; dann wurde er Kardinal, fiel in Ungnade, kam als Gesandter nach Rom. Dort starb er.

Mors ultima linea rerum est.
Der Tod macht unter alles seinen Strich.

Was ich hatte voraussehen müssen, traf ein; neun Monate nach seiner Abreise von Venedig zeigte er M. M. seine Abberufung an. Er tat es auf die zarteste Weise. Trotzdem traf der Schlag M. M. so hart, daß sie ihm wohl erlegen wäre, wenn ich sie nicht schon lange vorher auf die schonendste Art darauf allmählich vorbereitet hätte. Herr de Bernis sandte alle seine Instruktionen an mich. Alles, was sich im Kasino befand, sollte verkauft werden, und den Erlös sollte M. M. als freies Eigentum erhalten, nur die Bücher und Bilder sollte der Hausmeister ihm nach Paris bringen. Es war ein hübsches Brevier für einen Kardinal; aber wollte Gott, daß es keine für die Gesellschaft gefährlicheren gäbe!

Während M. M. sich ihrem Schmerze überließ, führte ich die Aufträge des Herrn de Bernis aus, und gegen Mitte des Januars des Jahres 1755 hatten wir kein Kasino mehr. M. M. behielt für sich zweitausend Zechinen und ihren Schmuck, den sie später zu verkaufen gedachte, um sich eine Leibrente verschreiben zu lassen. Die Spielkasse ließ sie mir, denn wir spielten immer noch auf gemeinsame Rechnung; ich hatte damals dreitausend Zechinen. Wir konnten uns nur noch am Sprechgitter sehen. Bald darauf wurde sie vor Kummer schwer krank; als ich sie am zweiten Februar sah, trug sie auf ihrem Antlitz alle Anzeichen eines nahen Todes. Sie gab mir ihren Schmuckkasten mit allen Diamanten, all ihr Geld außer einer geringen Summe, alle anstößigen Bücher, die sie besaß, und alle ihre Briefe. Wenn sie nicht stürbe, sollte ich ihr alles zurückgehen, aber es sollte mein Eigentum sein, wenn sie, wie sie glaubte, der Krankheit erläge, die sie in den Gliedern spürte.

Sie sagte mir, C. C. würde mir über ihren Zustand berichten, und bat mich, Mitleid mit ihr zu haben und ihr zu schreiben, denn meine Briefe würden ihr einziger Trost sein, und sie würde bis zu ihrem letzten Atemzuge wenigstens soviel Kraft behalten, um diese lesen zu können.

Mit strömenden Tränen hörte ich ihre Worte, denn ich liebte sie abgöttisch. Ich versprach ihr, auf Murano zu wohnen, bis sie wieder gesund wäre. Ich ließ alle Sachen in eine Gondel legen, und fuhr nach dem Palazzo Bragadino, um alles sicher zu verschließen. Hierauf kehrte ich nach Murano zurück und beauftragte Laura, mir ein möbliertes Zimmer zu suchen, wo ich ungestört wohnen könnte. »Ich kenne«, sagte sie, »eine hübsche Wohnung mit Küche; Sie werden dort um billiges Geld gut wohnen und völlige Ruhe haben, und wenn Sie die Miete vorausbezahlen wollen, brauchen Sie nicht einmal zu sagen, wer Sie sind. Der alte Mann, dem das Haus gehört, wohnt im Erdgeschoß; er wird Ihnen alle Schlüssel geben, und Sie brauchen keinen Menschen zu sehen, wenn Sie nicht wollen.«

Sie gab mir die Adresse; ich ging sofort hin und fand alles nach Wunsch. Ich bezahlte für drei Monate voraus, und alles war in Ordnung. Das Häuschen lag am Ende einer Sackgasse, die nach dem Kanal hinausging. Ich begab mich noch einmal zu Laura, um ihr zu sagen, daß ich ein Mädchen brauchte, um mir mein Essen zu holen und mein Zimmer in Ordnung zu halten ; sie versprach mir, bis zum nächsten Tage eins zu besorgen.

Nachdem ich dies alles in Ordnung gebracht hatte, fuhr ich nach Venedig zurück und packte dort meinen Koffer, wie wenn ich eine lange Reise vorhätte. Nach dem Abendessen verabschiedete ich mich von Herrn de Bragadino und seinen beiden Freunden; ich sagte ihnen, ich würde wegen einer wichtigen Angelegenheit einige Wochen fortbleiben.

Am anderen Morgen ging ich in meine neue Wohnung und fand dort zu meiner großen Überraschung Lauras Tochter Tonina, ein hübsches Kind von fünfzehn Jahren. Sie sagte mir errötend, aber mit einer gewissen Gewandtheit, die ich ihr nicht zugetraut hätte, sie erkühne sich, mich ebenso eifrig zu bedienen, wie ihre Mutter selber es nur könne. Ich war zu niedergeschlagen, um Laura für dieses hübsche Geschenk dankbar zu sein, und ich beschloß sogar, daß es anders sein sollte, als sie ohne Zweifel sich’s gedacht hatte, da ihre Tochter doch nicht in meinem Dienst bleiben konnte. Der Leser wird sehen, wie derartige Entschlüsse standzuhalten pflegen. Vorläufig war ich nur freundlich gegen das junge Mädchen. »Ich bin von deinem guten Willen überzeugt,« sagte ich ihr; »aber ich muß erst mit deiner Mutter sprechen. Ich habe das Bedürfnis allein zu sein, denn ich muß den ganzen Tag schreiben, und ich werde erst heute Abend etwas essen. Besorge mir das Nötige!«

Sie gab mir einen Brief, indem sie zu verzeihen bat, daß sie ihn nicht früher abgeliefert hätte. »Du darfst niemals vergessen, deine Aufträge auszurichten,« sagte ich zu ihr; »denn wenn du mir den Brief noch später gegeben hättest, wäre vielleicht ein großes Unglück entstanden.«

Sie wurde rot, bat mich um Verzeihung und ging hinaus.

Der Brief war von C. C. Sie schrieb mir, ihre Freundin liege zu Bett und der Arzt habe ein Fieber festgestellt. Ich verbrachte den Rest des Tages damit, daß ich in meinem Zimmer alles in Ordnung brachte und an C. C. und ihre leidende Freundin schrieb. Gegen Abend brachte Tonina mir Licht und sagte mir, mein Essen sei fertig. »Bediene mich,« sagte ich. Ich sah, daß sie nur ein Gedeck aufgelegt hatte, und ihre Bescheidenheit freute mich. Doch sagte ich ihr, sie möchte auch ein zweites auflegen, denn ich wünschte, daß sie mir bei Tisch stets Gesellschaft leistete. Ich wußte selber nicht, warum ich eigentlich so handelte; ich wollte mich nur freundlich zeigen und hatte gar keine Nebenabsichten dabei. Wie werden sehen, lieber Leser, ob es nicht eine von den Listen war, die der Teufel anwendet, um sein Ziel zu erreichen.

Ich hatte keinen Appetit und aß deshalb nichts; doch fand ich alles gut, mit Ausnahme des Weines; Tonina versprach mir, für den nächsten Tag besseren zu besorgen. Hierauf legte sie sich im Vorzimmer zu Bett.

Nachdem ich meine Briefe versiegelt hatte, wollte ich nachsehen, ob die Wohnungstür verschlossen wäre. Ich ging hinaus und sah Tonina im Bett liegen und friedlich schlafen oder wenigstens so tun. Ich hätte sie im Verdacht haben können, damit gewisse Absichten zu verfolgen, aber ich hatte mich noch niemals in einer solchen Lage befunden, und ich ermaß die Größe meines Kummers an der Gleichgültigkeit, womit ich das Mädchen ansah: sie war schön, und trotzdem fühlte ich, daß weder ihr noch mir die geringste Gefahr drohte.

Am anderen Morgen erwachte ich sehr früh; ich rief sie, und sie trat vollkommen angezogen, und zwar sehr sauber gekleidet, bei mir ein. Ich gab ihr den Brief für C. C., worin sich der an M. M. als Einschluß befand, und sagte ihr, sie möchte ihn ihrer Mutter bringen und dann gleich zurückkommen, um mir Kaffee zu machen. »Ich werde heute zu Mittag essen, Tonina; besorge mir alles Nötige zur rechten Zeit.«

»Ich selber habe Ihnen gestern das Abendessen zubereitet, und wenn Sie wollen, kann ich überhaupt für Sie kochen.«

»Ich freue mich sehr, daß du das kannst; fahre nur so fort. Da hast du eine Zechine für die Ausgaben.«

»Ich habe von der Zechine, die Sie mir gestern gaben, noch sechzehn Lire8 übrig. Das reicht.«

»Nein, den Rest schenke ich dir, und so werde ich es jeden Tag machen.«

Ihre Freude war so groß, daß sie mir trotz meinem Abwehren die Hand küßte. Ich durfte meine Hand nicht zurückziehen und sie umarmen, denn ich fühlte, daß ich mir dann das Lachen nicht hätte verhalten können, und dies würde meinen Schmerz entehrt haben. Dieser zweite Tag verging wie der erste. Tonina freute sich, daß ich nichts mehr davon sagte, mit ihrer Mutter sprechen zu wollen; sie sah darin einen Beweis, daß ihre Dienste mir angenehm wären. Ich fühlte mich matt und fürchtete am anderen Morgen nicht rechtzeitig zu erwachen, um meinen Brief ins Kloster schicken zu können. Da ich jedoch Tonina nicht wecken wollte, wenn sie schlief, so rief ich sie leise. Sie stand sofort auf und trat, nur mit einem Unterröckchen bekleidet, bei mir ein. Ich tat, als sähe ich nichts, gab ihr meinen Brief und befahl ihr, diesen in der Frühe, ehe sie in mein Zimmer käme, ihrer Mutter zu bringen. Sie sagte, sie würde meinen Befehl ausführen, und ging. Ich mußte mir unwillkürlich sagen, daß sie sehr hübsch sei, und der Gedanke, wie leicht es dem jungen Mädchen sein würde, mich zu trösten, machte mich traurig und verwirrt. Mein Schmerz war mir teuer, und ich faßte den Entschluß, Tonina, die mich von ihm heilen konnte, mir fern zu halten. »Morgen«, sagte ich zu mir selber, »werde ich mit Laura sprechen, damit sie mir eine weniger verführerische Bedienung besorgt.«

Aber guter Rat kommt über Nacht, und am anderen Morgen wappnete ich mich mit Sophismen, indem ich mir sagte, das junge Mädchen sei doch unschuldig an meiner Schwachheit, und ich dürfe sie nicht dafür strafen, indem ich ihr den empfindlichsten Verdruß bereitete.

Wir werden sehen, lieber Leser, wohin dies alles noch führt.

  1. Eine Zechine (Wert etwa zwölf Franken) hatte vierundzwanzig venetianische Lire.

Fünfundzwanzigstes Kapitel


Fortsetzung des vorigen. – M. M. wird wieder gesund. – Ich kehre nach Venedig zurück. – Tonina tröstet mich. – Abschwächung meiner Liebe zu M. M. – Doktor Righelini. – Eigentümliches Gespräch mit ihm. – Folgen dieser auf M. M. bezüglichen Unterhaltung. – Herrn Murrah wird sein Irrtum benommen, und er wird gerächt.

Tonina war taktvoll und verständig; sie begriff, daß mein Zustand Schonung erheischte, und benahm sich mit vielem Zartgefühl. Sie ging stets erst zu Bett, nachdem sie meine Briefe in Empfang genommen und sich vergewissert hatte, daß ich ihrer nicht mehr bedurfte; sie betrat mein Zimmer nur noch in anständigem Anzug, und ich wußte ihr Dank dafür. Zwei Wochen lang ohne Unterbrechung stand es mit M. M. so schlecht, daß ich jeden Augenblick die Todesnachricht zu erhalten erwartete. Am Fastnachttage schrieb C. C. mir, ihre Freundin habe nicht mehr die Kraft gehabt, meinen Brief zu lesen; sie werde die letzte Ölung erhalten. Diese Nachricht traf mich so hart, daß ich nicht imstande war, das Bett zu verlassen. Ich verbrachte den ganzen Tag mit Weinen und Schreiben, und Tonina ging erst um Mitternacht von mir. Ich konnte die Nacht kein Auge schließen. Am Aschermittwoch erhielt ich in der Frühe einen Brief von C. C., daß der Arzt ihre Freundin aufgegeben hätte; diese könne höchstens noch etwa vierzehn Tage leben. Ein langsames Fieber zehre sie aus; sie sei unendlich schwach, da sie kaum ein bißchen Fleischbrühe hinunterbringen könne. Zum Unglück werde sie noch obendrein von ihrem Beichtvater gequält, der sie mit allen Schrecknissen des Todes ängstige. Ich konnte meinen Schmerz nur durch Schreiben erleichtern, und Tonina nahm sich zuweilen die Freiheit, mir zu bemerken, daß ich meinen Kummer künstlich nähre und noch an meinem Tode schuld sein werde. Ich fühlte selber, daß ich meinen Schmerz noch schärfer machte und daß das Bett, die mangelhafte Ernährung und das fortwährende Schreiben mich noch völlig wahnsinnig machen würden. Ich hatte mit meinem Kummer auch das arme Mädchen angesteckt; sie wußte nicht mehr, was sie mir sagen sollte, und ihre Hauptbeschäftigung bestand darin, mir die Tränen abzuwischen. Sie tat mir leid.

Einige Tage später schrieb ich C. C.: wenn unsere Freundin sterben sollte, würde ich sie nicht überleben. Ich bat sie, ihr zu sagen: wenn sie wollte, daß ich mir aus meinem Leben noch irgend etwas machte, müßte sie mir versprechen, sich von mir entführen zu lassen, falls ich das Glück haben sollte, daß sie wieder gesund würde.

»Ich habe«, so schrieb ich an C. C., »viertausend Zechinen und M. M.s Diamanten, die sechstausend wert sind. Dies ist ein genügendes Kapital, um uns überall in ganz Europa eine anständige Existenz zu sichern.«

Am nächsten Morgen antwortete C. C. mir, meine Geliebte sei, nachdem sie ihr meinen Brief vorgelesen habe, in ein krampfartiges Delirium verfallen, sie habe die Besinnung verloren und drei Stunden lang auf französisch ein Selbstgespräch gehalten, vor welchem alle Nonnen davongelaufen sein würden, wenn sie es verstanden hätten.

Ich war über diese Nachricht verzweifelt, und es fehlte gewiß nicht viel, so wäre ich in dieselbe Fieberraserei verfallen wie meine arme Nonne. Ihr Delirium hielt drei Tage an; sobald sie wieder bei Bewußtsein war, beauftragte sie ihre junge Freundin, mir zu schreiben, sie wüßte bestimmt, daß sie genesen würde, wenn ich ihr verspräche, meine Zusage zu halten und sie zu entführen, sobald ihre Gesundheit ihr erlauben würde, die Anstrengungen einer langen Reise zu ertragen. Natürlich antwortete ich ihr, sie könne sich um so mehr darauf verlassen, da auch mein Leben von der Ausführung dieses Planes abhinge.

So täuschten wir beide uns gegenseitig in ehrlicher Überzeugung und wurden beide gesund, denn jeder Brief von C. C., der mir von M. M.s fortschreitender Genesung berichtete, war Balsam für mein Herz. Je ruhiger ich wurde, desto mehr besserte sich auch mein Appetit. Meine Gesundheit erstarkte von Tag zu Tage, und bald fand ich auch, ohne es selber zu wissen, meinen Spaß an Toninas naiven Reden. Sie hatte die Gewohnheit angenommen, erst zu Bett zu gehen, wenn sie mich eingeschlafen sah.

Gegen Ende März schrieb M. M. selber mir, sie glaube jetzt außer Gefahr zu sein und werde bei entsprechender Pflege so weit sein, daß sie nach Ostern ihr Zimmer verlassen könne. Ich antwortete ihr, ich würde Murano nicht früher verlassen, als bis ich das Glück gehabt hätte, sie am Gitter zu sehen; dort könnten wir, ohne uns zu überstürzen, alles für die Ausführung unseres Planes verabreden.

Seit sieben Wochen hatte Herr von Bragadino mich nicht mehr gesehen; er mußte unruhig um mich sein, und ich beschloß, ihn noch an demselben Tage zu besuchen. Nachdem ich zu Tonina gesagt hatte, ich würde nicht vor zehn Uhr abends nach Hause kommen, fuhr ich ohne Mantel nach Venedig; denn da ich mich im Domino nach Murano begeben hatte, hatte ich vergessen, einen Mantel mitzunehmen. Ich hatte achtundvierzig Tage im Zimmer verbracht, ohne ein einziges Mal auszugehen; ich hatte diese Tage fast alle in Kummer und Tränen verlebt und mehrere sogar ohne Essen und ohne Schlaf. Was ich durchgemacht hatte, schmeichelte meinem Selbstgefühl: ich war von einem jungen Mädchen bedient worden, das in allen Ländern Europas mit Recht für eine Schönheit gelten würde; sie war sanft wie ein Lamm, entgegenkommend und zartfühlend, und ich konnte mir, ohne für einen Gecken zu gelten, wohl einbilden, daß sie in mich verliebt wäre, oder zum mindesten, daß ich sie völlig bereit finden würde, mir zu gefallen. Trotzdem hatte ich der Macht ihrer jungen Reize widerstehen können, ja es war mir beinahe gelungen, ihren Einfluß überhaupt nicht mehr zu fürchten. Die Gewohnheit, sie stündlich zu sehen, hatte alle Gefühle von Liebe beseitigt, Freundschaft und Dankbarkeit schienen über jedes andere Gefühl gesiegt zu haben; denn ich mußte anerkennen, daß das reizende Kind mich auf das sorgsamste und eifrigste gepflegt hatte. Sie hatte ganze Nächte auf einem Lehnstuhl neben meinem Bett verbracht, hatte mich wie eine Mutter gepflegt und mir niemals Anlaß zu Klagen gegeben.

Niemals habe ich ihr einen Kuß gegeben, niemals mir erlaubt, mich in ihrer Gegenwart zu entkleiden, und sie hatte, abgesehen von jenem ersten Mal, mein Zimmer stets nur anständig bekleidet betreten. Trotzdem wußte ich wohl, daß ich einen Kampf mit mir selber bestanden hatte, und ich war stolz auf meinen Sieg. Nur eins gefiel mir dabei nicht: ich war ziemlich fest überzeugt, daß weder M. M. noch C. C. jemals die Sache für möglich halten würden, wenn sie davon erführen, und daß selbst Laura, der ihre Tochter gewiß alles gesagt hatte, nicht daran glauben würde, wenn sie auch aus Gutmütigkeit so täte, wie wenn sie es glaubte.

Ich trat bei Herrn von Bragadino gerade in dem Augenblick ein, als die Suppe aufgetragen wurde. Er empfing mich mit einem Ausruf der Freude und lachte darüber, daß seine Ahnung, ich würde sie auf solche Weise überraschen, sich erfüllt hätte. Außer meinen beiden anderen alten Freunden waren noch de la Haye, Bavois und der Arzt Righellini bei Tisch.

»Wie? Ohne Mantel?« fragte Herr Dandolo mich.

»Ja. Ich ging im Domino fort und dachte nicht daran, zur Vorsicht einen Mantel mitzunehmen.« Man lachte; dies störte mich aber nicht weiter, und ich setzte mich. Niemand fragte mich, wo ich gewesen wäre; denn selbstverständlich konnte nur ich selber dieses Thema berühren. Nur de la Haye, der vor Neugier fast aus der Haut gefahren wäre, konnte sich nicht enthalten, einige Anspielungen zu machen.

»Sie sind so mager geworden,« sagte er zu mir, »daß die böse Welt sich Schlimmes dabei denken wird.«

»Man wird doch hoffentlich nicht sagen, ich hätte meine Zeit bei den Jesuiten verbracht.«

»Sie sind bissig. Man könnte vielleicht sagen, sie hätten die ganze Zeit im Krankenzimmer verbracht und dem Gott Merkur gehuldigt.«

»Beruhigen Sie sich, werter Herr; um mich nicht einer so kühnen Beurteilung auszusetzen, werde ich noch heute Abend wieder abreisen.«

»Oh, ich bin fest überzeugt, das werden Sie nicht tun.«

»Glauben Sie mir, Herr de la Haye,« antwortete ich spöttisch, »ich lege auf Ihr Urteil zu hohen Wert, um mich nicht danach zu richten.«

Als meine Freunde merkten, daß ich die Sache ernst nahm, schalten sie ihn aus, und der Aristarch wurde ein bißchen verlegen.

Righellini war mit dem Gesandten Murray eng befreundet; er sagte mir freundlich, er könne es kaum erwarten, diesem mitzuteilen, daß ich wieder von den Toten auferstanden und daß das ganze über mich verbreitete Gerede falsch sei. Ich antwortete ihm: »Wir wollen zu ihm gehen, bei ihm zu Abend essen, und nach dem Essen fahre ich wieder ab.«

Da ich sah, daß Bragadino und seine Freunde in Unruhe gerieten, versprach ich ihnen, am Markustage, den 25. April, wieder mit ihnen zu speisen.

Als Murray mich sah, fiel er mir um den Hals und küßte mich wie ein guter Deutscher. Er stellte mich seiner Frau vor, und diese lud mich sehr höflich zum Abendessen ein. Murray erzählte mir eine Menge Lügengeschichten, die man über mein Verschwinden in Umlauf gesetzt hatte, und fragte mich unter anderem, ob ich einen kleinen Roman vom Abbate Chiari kenne, der gegen Ende des Karnevals erschienen sei. Da ich das Buch nicht kannte, schenkte er es mir; er versicherte mir, es werde mir Spaß machen, und er hatte recht. Es war eine Satire auf den Zorzischen Klüngel; mir hatte der armselige Abbate darin eine armselige Rolle zuerteilt. Ich steckte den Roman in die Tasche und las ihn erst einige Zeit später. Nach dem Abendessen, das sehr angenehm verlief, nahm ich eine Überfahrtsgondel und kehrte nach Murano zurück.

Es war Mitternacht und sehr dunkel. So bemerkte ich nicht, daß die Gondel schlecht gedeckt und überhaupt in sehr üblem Zustand war. Ein kalter Staubregen rieselte herab, als ich die Gondel bestieg, und da der Regen immer stärker wurde, war ich bald durchnäßt. Das Unglück war nicht groß, denn ich war ja nicht weit von meinem Häuschen. Ich tastete mich die Treppe hinauf und klopfte an die Tür des Vorzimmers. Tonina erwartete mich nicht mehr und war schon zu Bett gegangen.

Von meinem Klopfen aus dem Schlaf geschreckt, kam sie im Hemd und ohne Licht an die Tür, um mir aufzumachen. Da ich Licht brauchte, sagte ich ihr, sie möchte das Feuerzeug holen. Dies tat sie sofort, machte mich aber in bescheidenem und sanftem Ton darauf aufmerksam, daß sie nicht angezogen sei.

»Wenn du nur bedeckt bist,« sagte ich, »so macht das nichts.«

Sie antwortete nichts und hatte bald eine Kerze angezündet; als sie mich aber ganz durchnäßt sah, mußte sie lachen.

»Ich brauche dich zu weiter nichts, liebes Kind, als um mir die Haare abzutrocknen,« sagte ich zu ihr. Schnell holte sie den Puder und begann, die Quaste in der Hand, ihre Arbeit. Aber ihr Hemd war zu kurz und oben sehr weit ausgeschnitten. Ein bißchen zu spät bereute ich, daß ich ihr nicht die Zeit gelassen hatte, sich anzukleiden. Ich fühlte, daß ich verloren war, um so mehr, da ihre beiden Hände beschäftigt waren und sie deshalb nicht ihr Hemd zuhalten konnte, um meinen Blicken zwei schwellende Apfel zu verbergen, die verführerischer waren, als die der Hesperiden. Was konnte ich tun, um sie nicht zu sehen? Die Augen schließen? Pfui doch! Ich gab der Natur nach und weidete meine Blicke mit solcher Gier, daß die arme Tonina ganz rot wurde.

»Weißt du was?« sagte ich zu ihr, »nimm den Busenstreif deines Hemdes zwischen die Zähne; dann werde ich nichts mehr sehen.« Aber nun war es noch schlimmer als zuvor; ich hatte nur Öl ins Feuer gegossen. Da der Schleier sehr kurz war, sah ich die beiden Säulen ihrer Beine, ja beinahe den Fries. Ohne es zu wollen, stieß ich vor Überraschung und Wollust einen lauten Schrei aus. Tonina wußte nun nicht mehr, was sie anfangen sollte, um alle ihre Schönheiten meinen Blicken zu entziehen. Sie ließ sich auf das Sofa sinken; ich aber stand, in Liebesglut entflammt, vor ihr. Ich konnte zu keinem Entschluß kommen.

»Nun?« sagte sie endlich, »soll ich hinausgehen, mich ankleiden und Sie dann fertig frisieren?«

»Nein, setze dich auf meinen Schoß und verbinde mir die Augen.«

Gehorsam kam sie meinem Befehl nach; aber der Funke hatte bereits gezündet. Ich konnte nicht mehr. Ich schloß sie in meine Arme, ohne noch an Blindekuhspiel zu denken, warf sie auf mein Bett und bedeckte sie mit Küssen. Als ich ihr schwor, ich würde sie ewig lieben, öffnete sie mir ihre Arme auf eine Art, die mir bewies, daß sie diesen Augenblick schon lange herbeigesehnt hatte.

Ich pflückte die Rose und fand sie natürlich, wie immer, viel schöner als alle anderen, die ich gepflückt hatte, seitdem ich die fruchtbaren Felder der Liebe bestellte.

Am Morgen beim Erwachen war ich in Tonina verliebt, wie ich noch kein Weib geliebt zu haben glaubte. Sie war aufgestanden, ohne mich zu wecken; sobald sie mich hörte, kam sie herein; ich schalt sie zärtlich aus, daß sie nicht auf den Morgengruß von mir gewartet hätte. Ohne mir zu antworten, gab sie mir M. M.s Brief. Ich nahm ihn und dankte ihr, legte aber den Brief beiseite, umschlang sie und zog sie neben mich.

»Wie? Welch ein Wunder!« rief Tonina; »wie? Es drängt Sie nicht, den Brief zu lesen? Unbeständiger Mann! Warum hast du dich nicht schon vor sechs Wochen von mir heilen lassen? Wie bin ich glücklich! O herrlicher Regen! Ich mache dir gar keinen Vorwurf, geliebter Schatz; liebe mich nur, wie du die liebst, die dir jeden Tag schreibt, und ich werde zufrieden sein.«

»Weißt du, wer sie ist?«

»Eine Pensionärin, schön wie ein Engel; aber sie ist da drinnen im Kloster, und ich bin hier. Du bist mein Herr und wirst es so lange sein, wie du willst.«

Ich war sehr froh, sie in ihrem Irrtum belassen zu können, und schwor ihr, ich würde sie ewig lieben. Da sie aber während unseres Gespräches aus dem Bett geschlüpft war, bat ich sie, sich wieder hinzulegen. Sie sagte mir jedoch, ich müßte im Gegenteil aufstehen, um guten Appetit zum Essen zu bekommen, denn sie wollte mir eine köstliche Mahlzeit auf venezianische Art vorsetzen.

»Wer hat sie bereitet?« fragte ich.

»Ich! Und ich habe in den fünf Stunden, seitdem ich aus dem Bett bin, meine ganze Kochkunst aufgeboten.«

»Wie spät ist es denn?«

»Ein Uhr vorbei.«

Das Mädchen interessierte mich, setzte mich in Erstaunen. Das war nicht mehr meine schüchterne Tonina von gestern! Ihr Gesicht trug den triumphierenden Ausdruck, den das Glück verleiht, und jenen Schimmer von Befriedigung, den eine glückliche Liebe über das Antlitz einer jungen Schönheit gießt. Ich begriff nicht, daß ich nicht schon das erstemal, als ich sie bei ihrer Mutter sah, ihre Reize gewürdigt hatte. Aber damals war ich zu sehr in C. C. verliebt, mein Kummer war zu groß und Tonina war noch nicht so entwickelt gewesen.

Ich stand auf, ließ mir von ihr eme Tasse Kaffee geben und bat sie, das Mittagessen um ein paar Stunden hinauszuschieben.

Ich fand M. Ms Brief zärtlich, aber nicht so interessant wie am Tage vorher. Ich setzte mich sofort hin, um ihr zu antworten, und war sehr betroffen, als ich merkte, daß mir diese Aufgabe zum ersten Male peinlich war. Indessen lieferte mein kleiner Ausflug nach Venedig mir den Stoff, vier Seiten mit Worten zu füllen.

Ich hatte mit meiner reizenden Tonina ein köstliches Essen. Ich sah in ihr gleichzeitig meine Frau, meine Geliebte und meine Haushälterin, und es war mir eine Wonne, um so geringen Preis glücklich zu sein. Wir saßen den ganzen Tag bei Tisch, sprachen von unserer Liebe und bezeugten sie uns gegenseitig durch tausend kleine Aufmerksamkeiten. Es gibt keinen reichhaltigeren und angenehmeren Gesprächsstoff, als wenn die Sprechenden beide gleichzeitig Richter und Partei sind. Sie sagte mir mit einer reizenden Aufrichtigkeit: sie habe wohl gewußt, daß sie mich nicht in sie verliebt machen könnte, weil ich bereits eine andere liebte, und deshalb habe sie mich nur durch eine Überraschung zu gewinnen hoffen dürfen; sie habe diesen Augenblick sofort kommen sehen, als ich ihr gesagt, sie brauche sich nicht zu bekleiden, um eine Kerze anzuzünden. »Bis auf diesen Angenblick«, schloß sie, »habe ich meiner Mutter die reine Wahrheit gesagt, aber sie hat mir niemals geglaubt; von nun an werde ich gar nichts mehr sagen.«

Tonina hatte natürlichen Verstand, aber sie konnte weder lesen noch schreiben. Sie freute sich, daß sie reich geworden war – denn dafür hielt sie sich – ohne daß irgend jemand auf Murano etwas gegen ihre Ehre sagen konnte. Ich verbrachte zweiundzwanzig Tage mit dem reizenden Kinde, und ich zähle diese drei Wochen noch heute zu den glücklichsten meines Lebens. Das eben macht mir das Alter so schrecklich, daß ich mit meinem glühenden Herzen nicht mehr die nötige Kraft habe, mir einen einzigen solcher glücklichen Tage zu bereiten, wie ich sie jenem wonnigen Mädchen verdankte.

Gegen Ende April sah ich M. M. am Sprechgitter; sie war abgemagert und sehr verändert, aber außer Gefahr. Bei dieser Zusammenkunfr gelang es mir, dank der Zuneigung und zärtlichen Teilnahme, die ich für sie empfand, mich so zu benehmen, daß sie unmöglich die Veränderung bemerken konnte, die meine neue Liebe in mir bewirkt hatte. Man wird mir hoffentlich ohne weiteres glauben, daß ich nicht so unvorsichtig war, sie merken zu lassen, daß ich den Fluchtplan aufgegeben hatte, auf den sie fester denn je rechnete. Ich hatte große Angst, sie könnte einen Rückfall bekommen, wenn ich ihr diese Hoffnung raubte. Ich behielt mein Kasino, das mir nur wenig kostete. Da ich M. M. jede Woche zweimal besuchte, so schlief ich an diesen beiden Tagen auf Murano und vergnügte mich mit meiner Tonina an den Freuden der Liebe.

Am Markustage speiste ich meinem Versprechen gemäß bei meinen drei Freunden und ging nachher mit dem Doktor Righellini in das Sprechzimmer des Klosters delle Vergini, wo eine Jungfrau den Schleier nahm.

Das Jungfrauenkloster steht unter der persönlichen Gerichtsbarkeit des Dogen, dem die Nonnen den Titel Durchlauchtigster Vater geben; sie gehören sämtlich den ersten venetianischen Familien an.

Als ich dem Doktor Righellini die Mutter M. E. pries, die eine vollendete Schönheit war, flüsterte er mir ins Ohr, er mache sich anheischig, sie mir für Geld zu verschaffen, wenn ich neugierig auf sie sei. Hundert Zechinen für sie und zehn für den Kuppler waren der geforderte Preis. Er versicherte mir, Murray habe sie gehabt und könne sie jederzeit haben. Als er mich überrascht sah, fuhr er fort, es gäbe überhaupt keine Nonne in Venedig, die nicht für Geld zu haben wäre, wenn man es richtig anzufangen wüßte. »Murray hatte den Mut, fünfhundert Zechinen auszugeben, um sich eine auserwählt schöne Nonne von Murano zu verschaffen; sie wurde damals vom französischen Gesandten ausgehalten.«

Obgleich meine Leidenschaft für M. M. im Schwinden war, fühlte ich doch mein Herz wie von einer eisigen Hand zusammengepreßt. Ich mußte die größte Willenskraft aufbieten, um gleichgültig zu erscheinen. Trotzdem war ich keinen Augenblick im Zweifel; ich war überzeugt, daß es sich nur um eine scheußliche Verleumdung handelte. Die Sache ging mich aber doch zu nahe an, als daß ich nicht alles hätte aufbieten sollen, Klarheit hineinzubringen.

Ich antwortete daher Righellini mit dem ruhigsten Gesicht, es möchte wohl sein, daß man sich diese oder jene Nonne um Geld verschaffen könnte; aber es würde doch jedenfalls nur selten vorkommen, weil das Herauskommen aus dem Kloster doch zu schwierig wäre. »Wenn es sich bei der mit Recht wegen ihrer Schönheit berühmten Nonne von Murano um M. M. vom Kloster *** handelt, so glaube ich nicht nur nicht, daß Murray sie jemals gehabt hat, sondern ich bin auch überzeugt, daß sie niemals von Herrn de Bernis ausgehalten worden ist. Wenn der französische Gesandte sie gekannt hat, so kann er sie nur am Sprechgitter getroffen haben; und was man da anfangen kann, das weiß ich allerdings wirklich nicht.«

Righellini war klug, und er war ein anständiger Mann; er antwortete mir in kühlem Ton, der englische Gesandte sei ein Ehrenmann, und er habe es von ihm selber gehört. »Wenn Murray mir die Sache nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hätte, würde ich es Ihnen von ihm selbst bestätigen lassen. Ich werde Ihnen verbunden sein, wenn Sie ihn niemals wissen lassen, daß ich mit Ihnen darüber gesprochen habe.«

»Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen.«

Am selben Abend speiste ich mit Righellini in Murrays Kasino. Die Geschichte lag mir am Herzen, und da ich die zwei Leute vor mir hatte, die mir die gewünschten Aufklärungen verschaffen konnten, so fing ich an, begeisterungsvoll die schöne M. E. zu preisen, die ich im Jungfrauenkloster gesehen hätte.

Der Gesandte ging sofort auf das Thema ein und sagte: »Unter Maurern – Sie können sich den Genuß ihrer Reize verschaffen, wenn Sie eine gewisse Summe opfern wollen, die übrigens nicht allzu hoch ist; aber man muß eingeweiht sein.«

»Man wird Ihnen etwas vorgeredet haben.«

»Nein, man hat mir den Beweis geliefert, und die Geschichte war weniger schwierig, als Sie denken.«

»Wenn man Ihnen den Beweis geliefert hat, so mache ich Ihnen mein Kompliment und zweifle nicht mehr daran. Ich beneide Sie um Ihr Glück, denn ich glaube nicht, daß man in Venedigs Klöstern eine zweite so vollendete Schönheit finden kann.«

»Sie irren sich. Mutter M. M. vom Kloster *** auf Murano ist ganz gewiß schöner.«

»Ich habe von ihr sprechen gehört und habe sie einmal gesehen; aber ich halte es nicht für möglich, sie sich für Geld zu verschaffen.«

»Ich glaube doch!« sagte er lächelnd; »und wenn ich etwas glaube, so geschieht das aus guten Gründen.«

»Sie setzen mich in Erstaunen. Trotzdem möchte ich wetten, daß man Sie getäuscht hat.«

»Sie würden die Wette verlieren. Sie haben sie freilich nur einmal gesehen – aber würden Sie sie nach ihrem Bildnis wiedererkennen?«

»Aber gewiß! Ihr Gesicht hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.«

»Warten Sie!«

Er stand auf, ging hinaus und kam eine Minute darauf mit einer Schachtel zurück, worin sich acht oder zehn Miniaturporträts befanden. Es waren lauter Brustbilder in gleicher Ausführung: aufgelöste Haare und entblößte Busen.

»Da haben Sie seltene Schönheiten,« sagte ich zu ihm, »ohne Zweifel haben Sie sie näher gekannt.«

»Allerdings; sollten Sie einige von ihnen erkennen, so seien Sie verschwiegen.«

»Selbstverständlich. Diese drei kenne ich. Diese eine sieht M. M. ähnlich; aber geben Sie zu, daß man sie getäuscht haben kann; es sei denn, Sie hätten sie im Kloster selbst gehabt oder sie persönlich abgeholt; denn schließlich gibt es doch Frauen, die einander ähnlich sind.«

»Wie sollte man mich denn getäuscht haben? Ich habe sie in ihrem Nonnenkleide hier in meinem Kasino gehabt und habe eine ganze Nacht mit ihr zugebracht. Ihr selber übergab ich eine Börse, die fünfhundert Zechinen enthielt; der ehrenwerte Kuppler bekam fünfzig.«

»Ich denke mir, Sie werden ihr Besuche im Sprechzimmer gemacht haben, nachdem Sie sie hier gesehen haben.«

»Nein, niemals; sie fürchtete nämlich, ihr offizieller Liebhaber möchte es erfahren. Wie Sie wohl wissen, war dies der französische Gesandte.«

»Aber sie empfing ihn nur am Sprechgitter.«

»Sie kam in weltlicher Kleidung zu ihm, so oft er es wünschte. Das weiß ich von demselben Menschen, der sie mir zuführte.«

»Haben Sie sie mehrere Male kommen lassen.«

»Nur ein einziges Mal. Dies genügt mir. Aber für hundert Zechinen kann ich sie haben, sobald ich will.«

»Dies ist alles gewiß richtig, aber ich möchte fünfhundert Zechinen wetten, daß man Sie betrogen hat.«

»In drei Tagen werde ich Ihnen Antwort geben.«

Ich wiederhole nochmals: ich zweifelte keinen Augenblick, daß die ganze Geschichte ein ungeheurer Schwindel war; aber ich mußte Gewißheit darüber haben, denn ich schauderte bei dem bloßen Gedanken, daß es doch wahr sein könnte. Es wäre ein Verbrechen gewesen, daß mich von vielerlei Verpflichtungen freigemacht haben würde; aber ich war doch innerlich von ihrer Unschuld fest überzeugt. Sollte ich sie wirklich schuldig finden – was ja immerhin im Bereich der Möglichkeit lag – so wollte ich gerne fünfhundert Zechinen verlieren ; dieser Preis wäre nicht zu hoch gewesen für die Bereicherung meiner Menschenkenntnis durch eine so schreckliche Entdeckung.

Mich folterte eine entsetzliche Unruhe, die vielleicht die ärgste Qual der Seele ist. Wenn der ehrenwerte Engländer das Opfer einer Mystifikation oder vielmehr einer Gaunerei gewesen war, so erforderte M. M.s Ehre gebieterisch von mir, ihm seine Täuschung zu benehmen, ohne sie bloßzustellen. Hierzu war ich denn auch fest entschlossen, und das Glück war mir günstig.

Drei oder vier Tage darauf sagte Murray dem Doktor, er wünsche mich zu sehen. Wir gingen zu ihm, und er empfing mich mit den Worten: Die Sache ist in Ordnung; für hundert Zechinen bin ich sicher, die schöne Nonne zu bekommen.«

»Gut, also wetten wir fünfhundert Zechinen!«

»Nein, nicht fünfhundert, mein Lieber! Ich würde mich schämen, mit dieser totsicheren Wette Ihnen fünfhundert abzunehmen; aber die hundert, die sie mir kosten soll, will ich gerne gewinnen. Gewinne ich, so bezahlen Sie mir mein Vergnügen; verliere ich, so werde ich ihr nichts geben.«

»Wann soll des Rätsels Lösung stattfinden.«

»Mein Merkur hat mir gesagt, wir müssen einen Tag abwarten, wo Maskenfreiheit ist. Jetzt handelt es sich darum, wie wir es anfangen, um beide die notwendige Uberzeugung zu erlangen; denn sonst kann keiner von uns sich für verpflichtet halten, die Wette zu bezahlen. Diese Uberzeugung beiden zu verschaffen, scheint mir jedoch schwierig; denn wenn ich wirklich M. M. habe, so wäre es gegen meine Ehre, wenn sie Verdacht schöpfen könnte, daß ich ihr Geheimnis verraten hätte.«

»Nein, das wäre allerdings eine unverzeihliche Gemeinheit. Ich habe folgenden Plan, der uns beiden Genugtuung verschaffen kann; denn nach seiner Durchführung wird jeder von uns, mag er gewonnen oder verloren haben, überzeugt sein, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Sobald Sie im Besitz der echten oder falschen Nonne sind, verlassen Sie sie unter irgendeinem Vorwand und treffen sich mit mir an einem vorher vereinbarten Ort.

Wir gehen zusammen nach dem Kloster, ich werde M. M. rufen lassen. Wenn Sie sie gesehen und mit ihr gesprochen haben, werden Sie doch überzeugt sein, daß die, die Sie in Ihrem Hause verlassen haben, eine Betrügerin ist.«

»Gewiß, dann werde ich vollkommen überzeugt sein und werde mit dem allergrößten Vergnügen meine Wette bezahlen.«

»Dasselbe kann auch ich Ihnen versichern. Ich werde also M. M. ins Sprechzimmer rufen lassen; wenn die Laienschwester uns sagt, sie sei krank oder beschäftigt, so gehen wir, und Sie haben gewonnen. Sie gehen zum Souper mit Ihrer Schönen, ich gehe anderswohin.«

»Vortrefflich, da aber die Zusammenkunft nur bei Nacht stattfinden kann, so wäre es doch möglich, daß die Pförtnerin Ihnen antwortet, zu solcher Stunde lasse sie keine von den Schwestern mehr rufen.«

»In diesem Fall würde ich ebenfalls verloren haben.«

»Sie sind also sicher, daß sie kommen wird, wenn sie im Kloster ist?«

»Das ist meine Sache. Ich wiederhole Ihnen: Wenn Sie sie nicht zu sprechen bekommen, erkläre ich mich für besiegt und habe hundert Zechinen verloren, oder auch tausend, wenn Sie wollen.«

»Dies ist klar und deutlich gesprochen, mein lieber Freund, und ich danke Ihnen im voraus!«

»Ich bitte Sie nur um eins: Seien Sie ganz pünktlich, und lassen Sie die Stunde nicht allzu unpassend für ein Kloster sein.«

»Vielleicht eine Stunde nach Sonnenuntergang; genügt das?«

»Ausgezeichnet.«

»Ich werde auch dafür sorgen, daß die Maske an dem Orte bleibt, an welchen ich sie bestellen werde, auch wenn es wirklich die echte M. M. sein sollte.«

»Sie wird nicht lange zu warten haben, wenn Sie sie in ein Kasino kommen lassen, das ich selber in Murano habe, und wo ich ein junges Mädchen besitze, in das ich verliebt bin. Ich werde dafür sorgen, daß sie an dem betreffenden Tage nicht anwesend ist, und werde Ihnen den Schlüssel zum Kasino geben. Ich werde sogar dafür sorgen, daß Sie ein ausgezeichnetes kaltes Abendessen vorfinden.«

»Wundervoll! Aber ich muß dem Merkur den Ort bezeichnen können.«

»Da haben Sie recht. Ich lade Sie für morgen Abend zum Essen ein; aber alles muß im größten Geheimnis vor sich gehen. Wir begeben uns in einer Gondel nach dem Kasino, und nach dem Essen verlassen wir das Haus durch die Straßentür; auf diese Art erfahren Sie, wie Sie zu Wasser und zu Lande hinkommen können. Sie brauchen Ihrem Zuführer nur die Anlegestelle und die Haustüre zu zeigen; an dem Tage, für welchen er Ihnen die Nonne verspricht, bekommen Sie den Schlüssel. Sie finden im Hause nur einen alten Mann, der im Erdgeschoß wohnt; er wird Sie weder beim Kommen noch beim Gehen bemerken. Meine Kleine wird nichts sehen und wird nicht gesehen werden, und alles wird vortrefflich gehen, darauf können Sie sich verlassen.«

Der Engländer war hoch erfreut über alle diese Anordnungen und sagte zu mir:

»Ich fange an, die Wette für verloren zu halten, aber das tut nichts: Ich werde mich über den Verlust ebenso sehr freuen, wie über den Gewinn.«

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Am anderen Vormittag fuhr ich nach Murano, um Tonina Bescheid zu sagen, daß ich bei ihr zu Abend essen und zwei Freunde mitbringen würde.

Da aber unser lieber Engländer ein ebenso großer Freund des Bacchus wie der Liebe war, so übergab ich meiner kleinen Hausfrau etliche Flaschen ausgezeichneten Weines. Tonina war entzückt, daß sie uns bewirten sollte, und fragte mich nur, ob meine beiden Freunde gleich nach dem Essen fortgehen würden?“

»Ja, mein Schatz.«

Bei dieser Antwort strahlte sie vor Vergnügen. Der Nachtisch lag ihr am Herzen.

Von ihr ging ich nach dem Kloster, wo ich mit M. M. eine Stunde im Sprechzimmer verbrachte. Ich sah mit Vergnügen, daß sie jeden Tag gesünder und schöner wurde, und machte ihr mein Kompliment darüber.

Am Abend fanden meine beiden Freunde sich pünktlich am verabredeten Ort ein; zwei Stunden nach Sonnenuntergang begaben wir uns nach meinem kleinen Kasino.

Unser kleines Souper war köstlich, und meine Tonina entfaltete dabei ein anmutiges Benehmen, das mich entzückte. Welche Freude war es für mich, Righellini hingerissen und den Gesandten stumm vor Bewunderung zu sehen!

Wenn ich verliebt war, war mein Ton nicht ermutigend für Freunde, dem Gegenstand meiner Liebe den Hof zu machen, aber ich war sehr nachsichtig und entgegenkommend, wenn die Zeit bereits meine Glut gemildert hatte. Etwa um Mitternacht trennten wir uns; ich begleitete Murray bis zu der Stelle, wo ich am Tage der Entscheidung auf ihn warten sollte; dann ging ich wieder nach Hause, um meiner reizenden Tonina die Ehre anzutun, die sie verdiente. Sie sprach mit hohem Lobe von meinen beiden Freunden und drückte immer wieder ihre Überraschung aus, daß der Engländer frisch und munter das Haus verlassen hatte, obgleich er für sich allein sechs Flaschen meines besten Weines geleert hatte. Murray sah aus wie ein von Rubens gemalter schöner Bacchus.

Am Pfingstsonntag kam Righellini zu mir und sagte mir, der englische Gesandte habe mit M. M.s angeblichem Merkur alles für den übernächsten Tag verabredet.

Ich gab ihm die Schlüssel zu meiner Wohnung in Murano und bat ihn, unserem Freunde zu sagen, daß ich mich pünktlich einfinden würde.

Die Ungeduld verursachte mir ein außerordentlich unbequemes Herzklopfen, und ich verbrachte die beiden Nächte, ohne ein Auge schließen zu können; denn obwohl ich gewiß war, daß M. M. unschuldig sein mußte, war ich doch in der größten Unruhe. Aber woher kam denn diese Unruhe? Offenbar nur von meiner Ungeduld, den Gesandten seines Irrtums überführt zu sehen. M. M. mußte in seinen Augen geradezu eine Protistuierte sein; erst wenn er eingestehen mußte, daß er von Gaunern betrogen worden war, stand die Nonne wieder in allen Ehren da.

Murray war ebenso ungeduldig wie ich, nur mit dem sehr begreiflichen Unterschiede, daß er das Abenteuer sehr komisch fand und herzlich darüber lachte, während es in meinen Augen entsetzlich tragisch war und ich vor Entrüstung darüber bebte.

Am Dienstag Morgen fuhr ich nach Murano und sagte Tonina, sie möchte in mein Zimmer ein kaltes Abendessen bereit stellen, dessen Zusammensetzung ich angab.

Ich befahl ihr zwei Gedecke aufzulegen und Kerzen auf den Tisch zu stellen; auch übergab ich ihr eine Anzahl Flaschen Wein.

Ferner befahl ich ihr, sich am Abend im Zimmer des alten Hausherrn aufzuhalten und dieses erst wieder zu verlassen, wenn die Personen, die meine Wohnung benutzen sollten, wieder fort wären. Sie versprach mir Gehorsam und erlaubte sich keine einzige Frage.

Ich ging nun in das Sprechzimmer des Klosters und ließ M. M. rufen. Sie hatte meinen Besuch nicht erwartet und fragte mich, warum ich nicht die Ausfahrt des Bucentoro mitmache; diese fand nämlich an jenem Tage statt, da das Wetter günstig war. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr antwortete, aber ich erinnere mich noch, daß sie meine Bemerkungen unzusammenhängend fand. Endlich kam ich auf den wichtigen Punkt zu sprechen, und sagte ihr, ich müßte sie um einen Dienst bitten, von welchem die Ruhe meiner Seele abhinge; aber sie müßte mir meine Bitte blindlings und ohne eine Frage zu stellen bewilligen.

»Befiehl mein Herz, sei überzeugt, daß ich, soweit es von mir abhängt, dir nichts verweigern werde.«

»Ich werde heute abend eine Stunde nach Sonnenuntergang kommen und werde dich an dieses Gitter rufen lassen: bitte, komm! Es wird ein anderer Herr bei mir sein; ich bitte dich, an diesen einige höfliche Worte zu richten; hierauf wirst du dich entfernen. Jetzt müssen wir noch einen Vorwand suchen, um die unpassende Stunde zu rechtfertigen.«

»Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, aber du machst dir ja gar keinen Begriff, welche Schwierigkeiten mir das in unserem Kloster bereitet; denn mit Sonnenuntergang werden die Sprechzimmer geschlossen, und die Schlüssel befinden sich bei der Äbtissin. Da es sich jedoch nur um fünf Minuten handelt, so werde ich der Äbtissin sagen, ich erwarte einen Brief von meinem Bruder, den man mir erst heute Abend überbringen könne. Du wirst mir also einen Brief übergeben, damit die Nonne, die mich begleiten wird, bezeugen kann, daß ich nicht gelogen habe.«

»Du wirst nicht allein kommen?«

»Nein, darum wage ich nicht einmal zu bitten.«

»Gut; aber richte es so ein, daß du irgendeine kurzsichtige Alte bei dir hast.«

»Ich werde den Armleuchter in den Hintergrund des Zimmers stellen lassen.«

»Nein, mein Engel, ich bitte dich recht sehr, tu das nicht! Du mußt ihn im Gegenteil so hinstellen lassen, daß du vollkommen deutlich gesehen werden kannst.«

»Das ist sonderbar; aber ich habe dir blinden Gehorsam versprochen, und ich werde deshalb mit zwei Armleuchtern kommen. Darf ich hoffen, daß du bei unserem nächsten Zusammensein das Rätsel lösen wirst?«

»Spätestens morgen wirst du alles mit allen Einzelheiten erfahren.«

»Ich werde vor Neugier nicht schlafen können.«

»Nein, mein Herz, schlafe ruhig und sei überzeugt, daß ich dir dankbar sein werde.«

Der Leser wird glauben, nach diesem Gespräch müsse doch nun mein Herz vollkommen ruhig geworden sein. Aber weit entfernt davon! Als ich nach Venedig zurückfuhr, quälte mich die Furcht, Murray würde mir am Abend an der Tür des Domes, wo ich ihn erwarten sollte, sagen, sein Merkur hätte ihm die Nachricht gebracht, daß die Nonne die Zusammenkunft aufschieben müßte. Wenn dieser Fall eingetreten wäre, so hätte ich wohl nicht gerade M. M. in Verdacht gehabt; aber der Gesandte hätte glauben können, daß die Sache durch meine Veranlassung zum Scheitern gebracht wäre. Ganz gewiß hätte ich ihn dann nicht ins Sprechzimmer geführt, sondern wäre sehr traurig allein hingegangen.

So verbrachte ich qualvoll den ganzen Tag, der mir unendlich lang vorkam. Am Abend steckte ich einen Brief in die Tasche und begab mich zum verabredeten Ort, wo ich auf den Gesandten warten sollte. Glücklicherweise war auch Murray sehr pünktlich.

»Ist die Nonne da?« rief ich, sobald ich ihn erblickte.

»Ja, lieber Freund. Wenn Sie wünschen, wollen wir ins Sprechzimmer gehen, aber Sie sollen sehen, man wird Ihnen sagen, sie sei krank oder beschäftigt. Wenn Sie wollen, können Sie noch von der Wette zurücktreten.«

»Um Gottes willen nicht! Ich halte sehr viel auf diese hundert Dukaten! Vorwärts!«

Wir klingelten an der Pforte; ich ließ M. M. rufen, und die Schließerin schenkte mir das Leben wieder, als sie mir sagte, ich würde erwartet. Ich betrat mit meinem lieben Engländer das Sprechzimmer und fand es von vier Kerzen erleuchtet. Wenn ich an diese Augenblicke zurückdenke, habe ich mein Leben lieb! Ich erkannte an dieser Anordnung nicht nur die Unschuld meiner edlen und hochherzigen Geliebten, sondern sah auch voll Bewunderung ihre scharfsinnige Klugheit. Murray war ernst geworden und lachte nicht mehr.

Strahlend von Anmut und Schönheit trat M. M. ein; eine Laienschwester war bei ihr, beide trugen einen Handleuchter. Sie machte mir in sehr gutem Französisch ein sehr schmeichelhaftes Kompliment. Ich übergab ihr den Brief. Sie sah sich Aufschrift und Siegel an und steckte ihn in die Tasche. Dann dankte sie mir und sagte, sie würde den Brief sofort beantworten. Hierauf wandte sie sich zu meinem Begleiter:

»Vielleicht bin ich schuld, mein Herr, daß Sie den ersten Akt der Oper verloren haben.«

»Die Ehre, Sie einen Augenblick zu sehen, Madame, ist mehr wert, als alle Opern der Welt.«

»Mir scheint, Sie sind Engländer?«

»Ja, Madame.«

»Die englische Nation ist heute die erste der Welt, denn sie ist frei und mächtig. Meine Herren, ich bin Ihre ganz gehorsame Dienerin.« Niemals hatte ich M. M. schöner gesehen, als in diesem Augenblick. Liebeglühend verließ ich das Sprechzimmer; mich erfüllte eine Freude ganz neuer Art, wie ich sie bis dahin noch nicht gekannt hatte. Mit großen Schritten eilte ich nach meinem Kasino, ohne mich um den Ministerresidenten zu bekümmern, der es nicht eben eilig hatte, mir zu folgen. Vor meiner Tür wartete ich auf ihn.

»Nun,« sagte ich zu ihm, »sind Sie jetzt überzeugt, daß Sie betrogen worden sind?«

»Seien Sie nur still! Wir werden noch Zeit genug haben, darüber zu sprechen. Kommen Sie mit hinauf!«

»Ich soll mit hinaufkommen?«

»Ich bitte Sie darum.«

»Was soll ich denn vier Stunden mit dem Geschöpf anfangen, das da oben auf mich wartet?«

»Wir wollen uns über sie lustig machen.«

»Werfen Sie sie doch lieber hinaus!«

»Nein; ihr Zuhälter soll morgen früh um zwei Uhr kommen und sie abholen. Sie würde ihn warnen, und er würde meiner gerechten Rache entgehen. Wir werden sie alle beide zum Fenster hinauswerfen.«

»Mäßigen Sie sich! M. M.s Ehre erfordert, daß diese Geschichte nicht bekannt wird. Gehen wir meinetwegen hinauf; wir werden unseren Spaß haben. Ich bin neugierig, die Vettel zu sehen.«

Murray trat zuerst ein. Sobald das Mädchen mich sah, hielt sie sich ein Tuch vors Gesicht und sagte dem Gesandten, sein Vorgehen sei unwürdig. Murray antwortete ihr nicht. Sie war nicht so groß wie M. M. und hatte sich in schlechtem Französisch ausgedrückt.

Ihr Mantel und ihre Maske lagen auf dem Bette; außerdem aber war sie als Nonne gekleidet. Da mir viel daran lag, ihr Gesicht zu sehen, so bat ich sie freundlich, es mir zu zeigen.

»Ich kenne Sie nicht,« sagte sie zu mir; »wer sind Sie?«

»Sie sind in meinem Hause, und Sie wissen nicht, wer ich bin?«

»Ich bin in Ihrem Hause, weil man mich verraten hat. Ich glaubte nicht, mit einem Schelm zu tun zu haben!«

Auf dieses Wort hin gebot Murray ihr Schweigen, indem er sie mit dem Titel ihres ehrenwerten Gewerbes belegte. Das Frauenzimmer stand auf und wollte ihren Mantel nehmen, indem sie sagte, sie wolle jetzt gehen. Murray aber stieß sie zurück und bedeutete ihr, sie müßte noch warten, bis ihr edler Zuhälter käme; er riet ihr, keinen Lärm zu machen, wenn sie nicht Lust hätte, lieber ins Gefängnis zu wandern.

»Ich ins Gefängnis!«

Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Rockschlitz ; schnell aber packte ich ihre eine Hand und Murray die andere. Wir stießen sie auf einen Stuhl und nahmen ihr die Pistolen ab, die sie in ihren Taschen hatte.

Murray riß ihr heiliges Gewand vorne auseinander und zog einen acht Zoll langen Dolch daraus hervor. Die falsche Nonne weinte bitterlich.

»Willst du«, fragte der Gesandte, »schweigen und dich ruhig verhalten, bis Capucefalo kommt, oder willst du sofort ins Gefängnis gehen?«

»Und wenn er da ist?«

»Dann versprech ich dir, dich laufen zu lassen.«

»Mit ihm?«

»Vielleicht.«

»Gut; ich werde ruhig bleiben.«

»Hast du noch Waffen?«

Auf diese Frage antwortete das Weib damit, daß sie ihr Kleid und ihren Unterrock auszog; hätten wir sie gewähren lassen, so würde sie sich in den Zustand der Natur versetzt haben – ohne Zweifel in der Hoffnung, von unserer tierischen Sinnlichkeit zu erreichen, was sie von unserer Vernunft nicht erwarten durfte.

Ich war aufs Höchste erstaunt, zu bemerken, daß sie nur eine ganz flüchtige Ähnlichkeit mit M. M. hatte. Ich sagte dies dem Gesandten, und er gab es zu; dafür mußte ich aber auch ihm zugeben, daß bei seiner Voreingenommenheit sein Mißgriff erklärlich wäre und daß mehr als einer an seiner Stelle auf denselben Leim gegangen wäre. Die Lust, eine Nonne zu besitzen, die von Berufs wegen und durch ein feierliches Gelübde, mag dies nun freiwillig oder gezwungen sein, den Freuden dieser Welt und besonders dem fleischlichen Verkehr mit dem anderen Geschlecht entsagt hat – diese Lust nach der verbotenen Frucht stachelt uns wie Eva die Begier nach dem Apfel und wächst noch durch die Schwierigkeiten, die die Durchbrechung des fatalen Klosterbannes bereitet. Es wird unter meinen Lesern wenige geben, die es nicht selbst empfunden haben, daß die Freuden, die am schwersten zu erlangen sind, am süßesten schmecken, und daß man oftmals etwas, wofür man sein Leben in die Schanze schlägt, weil es schwer zu erlangen ist, nicht einmal ansehen würde, wenn es sich von selber anböte.

Leser, im nächsten Kapitel wirst du sehen, wie dieses burleske Abenteuer endet; laß uns beide mal einen Augenblick verschnaufen.

Sechundzwanzigstes Kapitel


Das Abenteuer mit der falschen Nonne nimmt einen scherzhaften Ausgang. – M. M. erfährt, daß ich eine Geliebte habe. – Sie wird an dem elenden Capucefalo gerächt. – Ich ruiniere mich im Spiel; auf M. M.s Veranlassung verkaufe ich nach und nach alle ihre Diamanten; aber das Glück bleibt hartnäckig mir feindlich gesinnt. – Ich trete Tonina an Murray ab, der sie auf Lebenszeit versorgt. – An ihre Stelle tritt ihre Schwester Barberina.

»Wie machten Sie diese schöne Bekanntschaft?« fragte ich den Gesandten.

»Vor sechs Monaten«, antwortete er mir, »stand ich mit unserem Konsul, Herrn Smith, den ich begleitet hatte, um uns irgendeine Zeremonie anzusehen, vor der Klosterpforte. Wir sprachen über zehn oder zwölf Nonnen, die bei uns vorübergegangen waren, und bei dieser Gelegenheit sagte ich zu ihm: ›Ich würde gerne fünfhundert Zechinen ausgeben, um einige Stunden mit der Mutter M. M. verbringen zu können.‹ – Der Graf Capucefalo hörte mich, sagte aber nichts. Herr Smith sagte mir, man könne sie nur am Sprechgitter sehen, wie der französische Gesandte, der ihr häufig Besuche mache. Am nächsten Tage kam Capucefalo zu mir und sagte mir, wenn ich im Ernst gesprochen habe, so sei er sicher, daß er mir an irgendeinem von mir zu bestimmenden Orte eine Liebesnacht mit der Nonne verschaffen könne, nur müsse sie sich darauf verlassen können, daß die Sache geheim bleiben werde. ›Ich habe soeben mit ihr gesprochen, und als ich Ihren Namen nannte, antwortete sie mir, sie habe Sie neben Herrn Smith stehen sehen und wolle gerne mit Ihnen soupieren, und zwar mehr aus Neigung als wegen der fünfhundert Zechinen. Ich bin der einzige, dem sie sich anvertraut, und ich bin es, der sie nach Venedig zum Kasino des französischen Botschafters begleitet, so oft sie diesen besuchen will. Sie brauchen nicht zu befürchten, daß Sie angeführt werden, denn Sie übergeben ihr selber die Summe erst dann, wenn Sie sie in ihrem Besitz haben‹.«

Mit diesen Worten zog er ihr Bildnis aus der Tasche und zeigte es mir. Es ist dieses hier. Ich kaufte es ihm selber vierzehn Tage nach unserm Gespräch ab; das war zwei Tage, nachdem ich eine ganze Nacht mit dem reizenden Weibe verbracht zu haben glaubte. Die Schöne da kam maskiert, als Nonne gekleidet, und ich war so dumm und glaubte, einen Schatz zu besitzen. Mich ärgert nur, daß ich die Gaunerei nicht schon daran merkte, daß ich ihr Haar sah; denn ich wußte, daß die Nonnen ihre Haare kurzgeschnitten tragen müssen. Aber als ich das Frauenzimmer darauf aufmerksam machte, sagte sie mir, es stände ihnen frei, sie unter der Haube zu tragen, und ich war so dumm, es ihr zu glauben.«

Ich wußte, daß in diesem Punkt Murray nicht getäuscht worden war, aber ich hielt mich nicht für verpflichtet, in diesem Augenblick meinen Engländer darauf aufmerksam zu machen.

Murray hatte mir das Bild gegeben; ich hielt es in der Hand und verglich es mit dem Gesicht, das ich vor meinen Augen hatte. Die Schöne des Bildes war mit entblößtem Busen dargestellt, und als ich laut die Bemerkung machte, die Maler behandelten diese Partie immer nach Gutdünken, benutzte das schamlose Weib die Gelegenheit, um mir zu zeigen, daß die Kopie getreu sei. Ich wandte ihr den Rücken mit einem Ausdruck der Verachtung, der sie empfindlich hätte kränken müssen, wenn solche Geschöpfe überhaupt eines Gefühls von Scham fähig wären. Ich mußte unwillkürlich lachen, durch meine Beobachtungen während dieser Nacht zu finden, daß der alte Satz: Zwei Gegenstände, die einem dritten gleich sind, sind unter sich gleich, nicht immer richtig ist. Denn das Porträt ähnelte meiner M. M. sowohl wie der unwürdigen Kurtisane, die sich ihren Namen beilegte, und trotzdem hatten die beiden Frauen gar keine Ähnlichkeit miteinander. Ich teilte Murray meine Beobachtung mit, und er gab mir recht. Über dieses Thema philosophierten wir eine volle Stunde lang. Als wir gelegentlich erfuhren, daß M. M.s Stellvertreterin Innocencia hieß, bekamen wir Lust, einmal zu untersuchen, wie dieser Name zu ihrem Gewerbe paßte. Wir fragen sie daher, wie der Schelm es fertig gebracht hätte, sie zum Spielen der von ihr angenommenen Rolle zu veranlassen. Sie erzählte uns folgendes:

»Seit zwei Jahren kenne ich den Grafen Capucefalo, und seine Bekanntschaft ist mir nützlich gewesen, er hat mir zwar selber kein Geld gegeben, aber ich habe viel an Leuten verdient, die er mit mir bekannt gemacht hat. Im Spätherbst vorigen Jahres sagte er mir eines Tages: wenn ich imstande wäre, in Kleidern, die er mir verschaffen würde, eine Nonne vorzustellen und als solche eine ganze Nacht mit einem Engländer zu verbringen, könnte ich hundert Zechinen verdienen. »Du hast nichts zu befürchten,« sagte er mir, »denn ich werde dich selber nach dem Kasino bringen, wo der Freier auf dich wartet, und werde dich gegen Morgen abholen, um dich nach deinem vorgeblichen Kloster zurückzubringen.« Er zeigte mir, wie ich mich zu benehmen hätte, und belehrte mich darüber, was ich zu antworten hätte, wenn mein Liebhaber mich über das Klosterleben ausfragen sollte. Nun, meine Herren, der Streich gefiel mir. Ich mußte im voraus darüber lachen und antwortete ihm, ich sei bereit. Wollen Sie übrigens bedenken, daß keine Frau meines Gewerbes der Versuchung widerstehen kann, hundert Zechinen zu verdienen. Ich fand die Geschichte ebenso spaßhaft wie gewinnbringend und forderte ihn daher auf, die nötigen Schritte zu tun, indem ich ihm zugleich versprach, ich würde meine Rolle ausgezeichnet spielen. Der Handel wurde abgemacht, und der Graf gab mir nun seine Instruktionen für das zu erwartende Gespräch. Er sagte mir, der Engländer würde natürlich nur von meinem Kloster sprechen und würde außerdem wohl Andeutungen über meine anderen Liebhaber machen; hierauf dürfte ich nicht eingehen, sondern müßte ihm lachend antworten, ich wüßte nicht, von wem er spräche; ich könnte ihm sogar sagen, ich wäre nur eine verkleidete Nonne, und ihm mit scherzhaften Bemerkungen auch meine Haare zeigen. »Er wird trotzdem dich für eine Nonne halten, und sogar für die Nonne, die er liebt; denn er wird überzeugt sein, daß du keine andere sein kannst.«

Der Spaß leuchtete mir ein, und ich dachte nicht einen Augenblick daran, mich nach dem Namen der Nonne zu erkundigen, die ich vorstellen sollte, oder nach dem Namen des Klosters, dem ich angeblich angehörte. Das einzige, was mich interessierte, war der Lohn von hundert Zechinen. Darum habe ich, obwohl ich mit Ihnen eine reizende Nacht verbrachte und obwohl Sie nach meiner Meinung mehr verdienen bezahlt zu werden als selber zu bezahlen – darum, sage ich, habe ich mich nicht einmal erkundigt, wie Sie heißen oder wer Sie sind, und ich weiß dies selbst in diesem Augenblick noch nicht. Sie wissen, wie ich die Nacht verbracht habe; ich sagte Ihnen schon, daß ich sie köstlich fand, und ich versichere Ihnen, der Gedanke, mit Ihnen eine gleiche verbringen zu dürfen, machte mich glücklich. Sie haben mir fünfhundert Zechinen gegeben, aber ich mußte mich mit hundert begnügen, wie Capucefalo es mir vorher gesagt hatte; die anderen vierhundert nahm er für sich. Wie er mir sagte, wollten Sie mir für die heutige Nacht nur hundert geben, und damit war ich auch zufrieden. Sie haben alles entdeckt. Das tut mir leid, aber ich fürchte nichts; denn ich kann mich maskieren, wie ich will, und ich kann es nicht verhindern, wenn Leute, welche Lust auf mich haben, mich für eine Heilige halten. Wenn ihnen das Spaß macht – mir ist es einerlei. Sie haben Waffen bei mir gefunden; aber es ist jedem Menschen erlaubt, solche zu seiner eignen Verteidigung bei sich zu tragen. Ich finde mich in keiner Beziehung schuldig.«

»Kennst du mich?« fragte ich sie.

»Nein; ich sehe Sie jedoch oft unter meinen Fenstern vorbeigehen. Ich wohne in San Rocco, an der Brücke.«

Die im Tone der Selbstverständlichkeit vorgetragene Erzählung des Frauenzimmers überzeugte uns, daß sie einfach ihr Gewerbe als durchtriebene Dirne ausgeübt hatte; Capucefalo aber schien uns, trotz seinem Grafentitel, den Schandpfahl verdient zu haben. Das Mädchen mußte zehn Jahre älter sein als M. M. Sie war hübsch; aber sie war blond, und meine schöne Nonne hatte Haare von herrlichem aschfarbigem Hellbraun; außerdem war M. M. mindestens um drei Zoll größer.

Nach Mitternacht setzten wir uns zu Tisch und taten mit dem besten Appetit dem ausgezeichneten Imbiß, den meine Tonina für uns zurechtgestellt hatte, alle Ehre an. Wir waren so grausam, dem unglücklichen Frauenzimmer nicht einmal ein Glas Wein anzubieten; aber wir glaubten nicht anders handeln zu dürfen. Bei unseren Tischgesprächen machte mein fröhlicher Brite allerlei geistreiche Bemerkungen über meinen Eifer, ihn zu überzeugen, daß er nicht M. M.s Gunst genossen hätte. »Es wäre unnatürlich, daß Sie so großes Interesse an der Sache zeigten, wenn Sie nicht selber in die göttliche Nonne verliebt wären.«

Ich antwortete ihm:

»Wenn ich verliebt wäre, so wäre ich sehr zu bedauern, denn ich würde ja auf das schreckliche Sprechzimmer beschränkt sein.«

»Ich würde gerne monatlich hundert Guineen zahlen,« sagte er zu mir, »um den Vorzug zu erlangen, ihr Besuche am Sprechgitter machen zu dürfen.«

Bei diesen Worten gab er mir die hundert Zechinen, um die wir gewettet hatten. Er dankte mir dafür, daß ich sie ihm abgewonnen hätte, und ich steckte sie tapfer in meine Tasche.

Zwei Stunden nach Mitternacht hörten wir leise an die Straßentür pochen. »Da kommt der Freund,« sagte ich; »seien Sie vernünftig; Sie können sich darauf verlassen, er wird alles gestehen.«

Capucefalo tritt ein; er sieht Murray und die Schöne, bemerkt jedoch die Anwesenheit eines dritten erst, als er hört, daß der Schlüssel in der Tür zum Vorzimmer umgedreht wird. Da sieht er sich um und erblickt mich.

Er kannte mich und sagte, ohne aus der Fassung zu geraten: »Ah! Sie sind es; nun meinetwegen. Sie fühlen die Notwendigkeit der Geheimhaltung.«

Murray lachte und sagte ihm ruhig, er möchte sich setzen. Er hielt die Pistolen der Schönen in den Händen und fragte ihn, wohin er sie vor Tagesanbruch noch führen würde.

»Nach ihrer Wohnung.«

»Vielleicht auch nicht; denn es ist sehr wohl möglich, daß Sie alle beide von hier aus ins Gefängnis kommen.«

»Nein, das fürchte ich nicht; die Geschichte würde zuviel Lärm machen, und die Lacher würden nicht auf Ihrer Seite sein. Vorwärts,« sagte er zu seiner Genossin, »zieh dich an und komm mit!«

Der Gesandte blieb ruhig und kalt wie ein Engländer; er schenkte ihm ein Glas Chambertin ein, und der Halunke leerte es auf seine Gesundheit. Murray sah an seinem Finger einen schönen Brillantring; er lobte diesen und sagte, er möchte ihn gerne einmal sehen. Mit diesen Worten zog er den Ring herunter, prüfte ihn, fand ihn vollkommen und fragte den Grafen, wieviel er wert sei. Capucefalo antwortete etwas verlegen, er habe ihm vierhundert Zechinen gekostet. »Für diesen Preis behalte ich ihn,« sagte der Gesandte und steckte den Ring in die Tasche, der andere senkte den Kopf; Murray lachte über seine Bescheidenheit und sagte der Dirne, sie möchte sich anziehen und sich mit ihrem würdigen Spießgesellen entfernen.

In einem Augenblick war sie fertig; beide machten eine tiefe Verbeugung und gingen.

»Adieu, Nonnenkuppler!« rief der Gesandte ihm nach. Der Graf antwortete nicht.

Als sie hinaus waren, umarmte ich Murray. Ich machte ihm ein Kompliment über seine Mäßigung und dankte ihm dafür; denn ein Skandal hätte nur drei Unschuldige in Ungelegenheit bringen können.

»Seien Sie unbesorgt,« sagte er; »die Schuldigen werden ihre Strafe erhalten, ohne daß jemand eine Ahnung von der Ursache hat.« Ich ließ nun Tonina heraufkommen; der Engländer bot ihr ein Glas Wein an; aber sie dankte dafür bescheiden und mit großer Anmut. Murray sah sie mit flammenden Augen an; dann entfernte er sich, indem er mir in den wärmsten Worten seinen Dank aussprach.

Die Geduld und die Selbstbeherrschung meiner armen Tonina waren auf eine harte Probe gestellt worden, und sie hatte Grund zur Annahme, daß ich ihr untreu gewesen sei; ich bewies ihr aber, daß ich mich geschont und für sie frischgehalten hatte. Wir blieben sechs Stunden im Bett, und als wir aufstanden, waren wir beide glücklich.

Gleich nach dem Essen ging ich zu meiner edlen M. M. und erzählte ihr die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten. Sie hörte sie mit einer fast gierigen Aufmerksamkeit an, und auf ihrem Gesicht malten sich die verschiedenen Empfindungen, die sie dabei hatte. Mit großem Vergnügen erfuhr sie, daß die Maske, die mich in das Sprechzimmer begleitet hatte, der englische Gesandte war, aber sie bekundete die edelste Verachtung, als ich ihr sagte, er würde gerne monatlich hundert Guineen geben, um ihr Besuche machen und sich mit ihr im Sprechzimmer am Gitter unterhalten zu dürfen. Sie war ärgerlich auf ihn, daß er sich hatte einbilden können, sie in seinem Besitz gehabt zu haben, und daß er wirklich geglaubt hatte, das Bild, das er besaß, wäre das ihrige; denn nach ihrer Meinung hatte es nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Sie sagte mir mit einem feinen Lächeln, ich hätte ganz gewiß die falsche Nonne nicht meiner Kleinen gezeigt, denn diese hätte sich etwas Falsches dabei denken können.

»Du weißt also, daß ich eine junge Magd habe.«

»Ja, noch dazu eine sehr hübsche, Lauras Tochter. Wenn du sie liebst, ist mir das ganz recht, wie auch deiner C. C. Ich hoffe, du wirst es mir ermöglichen, sie einmal zu sehen; C. C. kennt sie schon.«

Ich sah, daß ich mich nicht ausreden konnte, weil sie zuviel wußte; darum erzählte ich ihr kurz entschlossen ganz genau die Geschichte meiner neuen Liebschaft. Sie sprach mir ganz offen ihre Freude darüber aus, die gewiß nicht erheuchelt war. Als ich fortgehen wollte, sagte sie mir, ihre Ehre verlange, daß sie den Grafen Capucefalo ermorden lasse; der Elende habe sie so tödlich beleidigt, daß sie ihm nicht verzeihen könne. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr, ich würde selber für unsere gemeinsame Rache sorgen, wenn der Gesandte nicht im Laufe einer Woche mit dem Menschen fertig würde.

Etwa um diese Zeit starb der Prokurator Bragadino, der Bruder meines Beschützers. Hierdurch wurde dieser sehr reich. Mit ihm mußte seine Familie erlöschen, und um dies zu verhindern, bekam eine Frau, die seine Geliebte gewesen war und ihm einen natürlichen Sohn geschenkt hatte, Lust, von ihm geheiratet zu werden. Durch diese Heirat wäre der Sohn legimitiert worden und hätte das Geschlecht fortpflanzen können. Der Senat hätte gegen Bezahlung einer kleinen Summe der Frau das Bürgerrecht zuerkannt, und alles wäre in Ordnung gewesen. Sie schrieb mir ein Briefchen, ich möchte doch einmal bei ihr vorkommen. Ich war neugierig, was wohl eine Frau von mir wünschen konnte, die ich weder von Adam noch von Eva her kannte, und wollte gerade hingehen, als Herr von Bragadino mich rufen ließ. Er bat mich, Paralis zu fragen, ob er in einer gewissen Angelegenheit den Rat des Herrn de la Haye befolgen solle; er habe diesem versprochen, mir nichts davon zu sagen, aber dem Orakel müsse sie ja trotzdem bekannt sein. Natürlich fiel das Orakel gegen den Jesuiten aus; es antwortete ihm, er dürfe nur seinem eigenen Gefühl folgen. Nachdem ich das besorgt hatte, begab ich mich zu der Dame.

Sie weihte mich sofort in alles ein und stellte mir ihren Sohn vor. Sie sagte, wenn die Heirat zustande käme, würde man mir eine notarielle Verschreibung machen, wonach ich nach dem Tode des Herrn von Bragadino ein Landgut erhalten würde, das jährlich fünftausend Dukaten Kurant einbrächte.

Natürlich erriet ich, daß es sich um dieselbe Angelegenheit handelte, welche de la Haye Herrn von Bragadino vorgeschlagen hatte; ohne Zögern antwortete ich ihr, ich könnte mich in diese Sache nicht einmischen, weil de la Haye sich vor mir damit beschäftigt hatte. Hiermit empfahl ich mich.

Ich mußte es sonderbar finden, daß der Jesuit unaufhörlich hinter meinem Rücken Ränke spann, um meine alten Freunde zu verheiraten; denn vor zwei Jahren hätte er Herrn Dandolo verheiratet, wenn ich mich nicht dem widersetzt hätte. Mir war es vollkommen gleichgültig, ob die Familie Bragadino erlosch; dagegen lag mir das Leben meines Wohltäters sehr am Herzen, und ich war überzeugt, daß diese Heirat es bedeutend abgekürzt haben würde; denn er war damals dreiundsechzig Jahre alt und hatte einen gefährlichen Schlaganfall überstanden.

Zum Essen hatte Lady Murray mich eingeladen – die Engländerinnen behalten den Titel Lady, wenn sie Töchter von Lords sind.

Nach der Mahlzeit sagte der Gesandte mir, er habe Herrn Cavalli die ganze Geschichte von der falschen Nonne mitgeteilt, und der Sekretär der Staatsinquisition habe ihm gestern gesagt, es sei alles zu seiner Zufriedenheit erledigt worden. Graf Capucefalo sei nach seiner Heimat Kephalonien geschickt worden, und es sei ihm verboten, nach Venedig zurückzukehren; die Kurtisane sei verschwunden.

Das Schöne oder vielmehr das Schreckliche bei diesem einfachen Verfahren ist, daß kein Mensch je den Grund erfährt, so daß die furchtbarste Willkür den Unschuldigen wie den Schuldigen treffen kann. M. M. war entzückt über diesen Ausgang, über den ich mich noch mehr freute als sie; denn es wäre mir unangenehm gewesen, meine Hände an diesem elenden Grafen besudeln zu müssen.

Es gibt im Menschenleben Perioden, die man die fastes und die nefastes des Lebens nennen könnte. Ich habe dies auf meiner langen Laufbahn bestätigt gefunden, und ich war vielleicht besser als irgendein anderer Mensch in der Lage, die Wahrheit dieser Beobachtung zu erkennen. Ich hatte eine ziemlich lange Glücksperiode gehabt: lange hatte mich das Glück im Spiel begünstigt; ich war glücklich in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen, und in bezug auf Liebe blieb mir nichts zu wünschen übrig. Jetzt aber begann sich die Kehrseite der Medaille zu zeigen. Die Liebe begünstigte mich noch, aber das Glück im Spiel hatte sich gänzlich von mir losgesagt, und bald, lieber Leser, wirst du sehen, daß die Menschen mich nicht besser behandelten als die blinde Göttin. Das Schicksal hat seine Phasen wie der Mond, das Gute folgt auf das Böse wie das Unglück auf das Glück.

Ich spielte immer noch meine Martingale, aber so unglücklich, daß ich bald keine Zechine mehr hatte. Da ich auf gemeinsame Rechnung mit M. M. spielte, mußte ich ihr Rechenschaft über den Stand meiner Finanzen ablegen.

Auf ihr Drängen verkaufte ich nach und nach alle ihre Diamanten. Den Erlös verlor ich wieder; sie behielt für sich nur fünfhundert Zechinen für den Fall der Not zurück. Von Entführung war keine Rede mehr; denn wie hätten wir uns mittellos durch die Welt schlagen sollen? Ich spielte immer noch, aber nur in bescheidenem Maße, indem ich kleinen Spielern die Bank hielt. So wartete ich in bescheidenen Verhältnissen auf einen Umschwung des Glücks.

Der englische Gesandte hatte mich in seinem Kasino mit der berühmten Fanny Murray soupieren lassen; dafür lud er eines Tages sich selber zu einem Souper in meinem Kasino auf Murano ein, das ich nur noch Toninas wegen beibehalten hatte. Ich tat ihm den Gefallen, ohne jedoch seine Großmut nachzuahmen. Er fand meine kleine Geliebte lustig und höflich, doch hielt sie sich in den Grenzen des Anstandes, womit sie ihm durchaus keinen Gefallen tat. Am nächsten Tage schrieb er mir folgendes: »Ich bin sterblich verliebt in Ihre Tonina. Wenn Sie mir sie abtreten wollen, bin ich bereit, sie auf folgende Weise zu versorgen: Ich gebe ihr eine Wohnung mit einer vollständigen Einrichtung, unter der Bedingung, daß ich sie dort besuchen kann, so oft es mir gefällt, und daß sie mir alle Rechte eines glücklichen Liebhabers einräumt. Ich halte ihr eine Zofe und eine Köchin und gebe ihr monatlich dreißig Zechinen für einen Tisch von zwei Personen; die Weine werde ich außerdem selber liefern. Ferner setze ich ihr eine Jahresrente von zweihundert Dukaten Kurant auf Lebenszeit aus, worüber sie verfügen kann, wenn sie ein Jahr mit mir gelebt hat. Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit, lieber Freund, um mir Ihre Antwort mitzuteilen.«

Ich antwortete ihm sofort, ich würde ihm in drei Tagen mitteilen, ob sein Vorschlag angenommen werden könnte; denn Tonina hätte eine Mutter, vor der sie große Ehrfurcht hätte und ohne deren Einwilligung sie wohl nichts tun würde ; übrigens wäre allem Anschein nach das junge Mädchen schwanger.

Die Sache war für Tonina wichtig; ich liebte sie, aber schließlich wußte ich sehr gut, daß wir nicht unser ganzes Leben lang zusammen bleiben würden, und ich sah keine Möglichkeit, ihr eine solche Versorgung zu geben, wie sie ihr jetzt angeboten wurde. Ich schwankte daher keinen Augenblick, sondern fuhr noch am selben Tage nach Murano und sagte ihr alles.

»Du willst mich also verlassen!« rief sie weinend.

»Ich liebe dich, meine liebe Freundin, und gerade mein Vorschlag müßte dich davon überzeugen.«

»Nein! ich kann nicht zweien angehören.«

»Du wirst nur deinem neuen Liebhaber angehören, liebes Herz. Bedenke, es trägt dir eine stattliche Mitgift ein, durch die du eine gute Heirat machen kannst. Mir ist es, so lieb ich dich auch habe, ganz unmöglich, dich ebensogut zu versorgen.«

»Laß mich heute weinen und nachdenken, und komm morgen abend zu mir zum Essen.«

Ich erschien pünktlich, und sie sagte zu mir: »Ich finde, dein Engländer ist ein sehr schöner Mann, und wenn er venezianisch spricht, kann ich mir das Lachen nicht verhalten. Wenn meine Mutter einverstanden wäre, könnte ich ihn vielleicht lieben. Sollten wir nicht zueinander passen, so können wir uns ja nach Ablauf eines Jahres trennen, und ich habe dann ein Jahrgeld von zweihundert Dukaten.«

»Ich freue mich, daß du die Sache so richtig beurteilst. Sprich mit deiner Mutter darüber.«

»Das wage ich nicht, lieber Freund; solche Dinge sind zwischen Mutter und Tochter zu heikel zu behandeln; sprich du lieber mit ihr.«

»Gern.«

Ich hatte Laura nicht gesehen, seitdem sie mir ihre Tochter gegeben hatte. Sie brauchte keine Bedenkzeit, sondern sagte mir sofort hocherfreut, dank einem solchen Abkommen könnte ihre Tochter sie im Alter unterstützen; sie würde dann von Murano fortziehen, denn sie hätte keine Lust mehr zu dienen. Sie zeigte mir hundertdreißig Zechinen, die Tonina sich in meinem Dienst gespart und ihr zum Aufbewahren gegeben hatte.

Toninas jüngere Schwester, Barberina, kam herein und küßte mir die Hand. Ich fand sie reizend und gab ihr alles Silbergeld, das ich bei mir hatte. Ich sagte Laura, daß ich sie in meiner Wohnung erwartete; sie kam denn auch sehr bald mir nach und gab ihrer Tochter ihren Segen. Sie empfahl sie der heiligen Katharina und sagte ihr, sie bäte nur um drei Lire täglich, damit sie nach Venedig ziehen und dort mit ihrer Familie leben konnte.

Tonina fiel ihr um den Hals und versprach ihr dies.

Nachdem diese wichtige Sache zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt war, besuchte ich M. M., die mir das Vergnügen machte, mit C. C. ins Sprechzimmer zu kommen. Ich fand sie traurig, aber schöner denn je. Sie war in Trauer, aber dies hinderte sie nicht, zärtlich zu sein. Sie konnte nur eine Viertelstunde im Sprechzimmer bleiben, weil sie fürchtete, beobachtet zu werden, denn es war ihr immer noch verboten, ihr Zimmer zu verlassen. Ich erzählte M. M., daß Tonina nach Venedig ziehen und mit Murray zusammenleben würde.

»Das tut mir leid,« sagte sie; »denn jetzt, wo Tonina dich nicht mehr nach Murano zieht, werde ich dich noch weniger oft sehen als bisher.«

Ich versprach ihr, ich würde sie stets fleißig besuchen. Aber was sind Versprechungen! Es nahte schon die Zeit, da wir für ewig getrennt werden sollten.

Am selben Abend ging ich zu meinem Freund Murray und brachte ihm die gute Nachricht. Er umarmte mich in überströmender Freude und bat mich, am übernächsten Tag in seinem Kasino zu soupieren und Tonina mitzubringen, um sie ihm in aller Form zu übergeben. Natürlich erfüllte ich seinen Wunsch; denn da die Sache einmal entschieden war, wünschte ich sie bald beendigt zu sehen. Er übergab ihr in meiner Gegenwart die lebenslängliche Leibrente von zweihundert venezianischen Dukaten in Form einer Anweisung auf die Bäckerzunft. Kraft einer zweiten Urkunde verschrieb er ihr die ganze Einrichtung der Wohnung, die er ihr besorgt hatte, als ihr Eigentum, unter der Bedingung, daß sie ein Jahr lang mit ihm leben müßte. Die Vorschriften, die er ihr für ihr Verhalten gab, waren sehr liberal; er erlaubte ihr, mich als Freund zu empfangen und ihre Mutter und Schwestern zu besuchen, so oft sie Lust hätte. Tonina fiel ihm um den Hals, versicherte ihn ihrer Dankbarkeit und versprach ihm, alles aufzubieten, um ihm zu gefallen. Auf mich zeigend fügte sie hinzu: »Herrn Casanova werde ich empfangen – aber nur als Freundin; mehr wird er nicht verlangen.« Während dieser in ihrer Art wirklich rührenden Szene hielt sie mit Mühe ihre Tränen zurück; ich aber besaß nicht die Kraft, die meinigen zu verbergen. Sie machte durch Murray ihr Glück, aber ich war nicht lange Zeuge desselben. Warum, das werde ich später erzählen.

Drei Tage darauf kam Laura zu mir; sie erzählte mir, sie sei bereits nach Venedig gezogen, und bat mich, sie zu ihrer Tochter zu begleiten. Ich verdankte der guten Frau zu viel, um ihr diesen Gefallen abschlagen zu können, und ging daher auf der Stelle mit ihr. Tonina dankte dem lieben Gott und dankte auch mir; ihre Mutter stimmte ein; denn sie wußte nicht recht, ob der liebe Gott für sie mehr getan hatte oder ich. Tonina sprach sich sehr lobend über Murray aus und machte mir keine Vorwürfe darüber, daß ich sie nicht besucht hätte; dies gefiel mir sehr. Als ich gehen wollte, bat Laura mich, sie in meiner Gondel mitzunehmen. Da wir bei dem Hause vorbeifahren mußten, wo sie sich eingemietet hatte, so bat sie mich, ihr das Vergnügen zu machen und einen Augenblick bei ihr einzutreten. Ich erfüllte ihren Wunsch, weil ich sie nicht gerne durch einen abschlägigen Bescheid kränken wollte. Zu meiner Ehre muß ich sagen, daß ich es nur aus Gefälligkeit tat und dabei gar nicht daran dachte, ich würde Barberina wiedersehen.

Das junge Mädchen war ebenso hübsch wie ihre Schwester, obgleich in einer anderen Art. Sie fing an, mich neugierig zu machen. Auf dieser Schwäche beruht durchweg die Unbeständigkeit eines Mannes, der an ein lasterhaftes Leben gewöhnt ist. Wenn alle Frauen den gleichen Gesichtsausdruck, den gleichen Charakter und die gleiche Denk- und Ausdrucksweise hätten, so würden die Männer nicht nur niemals unbeständig, sondern überhaupt niemals verliebt sein. Man würde instinktmäßig sich eine Frau nehmen und bis zu ihrem Tode sich nur an sie halten; dann aber würde die ganze Einrichtung unserer Welt anders sein als jetzt. Das Neue ist der Tyrann unserer Seele. Wir wissen wohl, daß das, was wir nicht gesehen haben, ungefähr ebenso ist, wie das, was wir gesehen haben; aber wir sind neugierig, wir wollen uns davon überzeugen, und zu diesem Ende machen wir so viele Umstände, wie wenn wir bestimmt wüßten, daß wir etwas ganz Unvergleichliches finden würden.

Die junge Barberina betrachtete mich als einen alten Bekannten, denn ihre Mutter hatte sie daran gewöhnt, mir die Hand zu küssen, sooft ich sie besuchte. Sie hatte sich mehr als einmal in meiner Gegenwart entkleidet, ohne zu denken, daß mich dies aufregen könnte; sie wußte, daß ihre Schwester und damit auch ihre ganze Familie durch mich ihr Glück gemacht hatte; natürlich hielt sie sich auch für hübscher als Tonina, weil sie eine weißere Haut und schöne schwarze Augen hatte. Sie hatte Lust, ihre Schwester zu ersetzen, und sie begriff, daß sie mich überrumpeln mußte, wenn ihr dies gelingen sollte. Ihr junger Verstand sagte ihr, daß ich mich niemals in sie verlieben könnte, wenn ich niemals zu ihr käme. Sie wußte, daß sie mich mit Sturm nehmen mußte, und da schien ihr das beste Mittel zu sein, bei passender Gelegenheit mir so weit entgegenzukommen, daß ihre Eroberung mir gar keine Mühe kostete. Alle diese Gedanken hatte sie aus sich selber; denn ich bin überzeugt, daß sie nicht von ihrer Mutter abgerichtet worden war. Laura war eine von jenen Müttern, deren es auf der Welt und besonders in Italien mehr als eine gibt: sie zog gerne ihren Nutzen aus der natürlichen Betriebsamkeit ihrer Töchter, aber sie würde niemals daran gedacht haben, sie auf den Pfad des Lasters zu bringen. Weiter ging ihre Tugend nicht.

Nachdem ich ihre beiden Zimmer und die kleine Küche besichtigt und die Sauberkeit bewundert hatte, von der alles glänzte, fragte die kleine Barberina mich, ob ich nicht auch ihr Gärtchen ansehen wollte. Ich erwiderte, dies wollte ich gerne tun; denn in Venedig ist ein Garten eine Seltenheit. Ihre Mutter sagte ihr, sie sollte mir Feigen anbieten, wenn reife da wären.

Das Gärtchen war etwa dreißig Fuß im Geviert groß, und es wuchs darin weiter nichts als Salat und ein sehr schöner Feigenbaum. Dieser trug jedoch wenig Früchte, und ich sagte zu ihr, ich sähe überhaupt keine.

»Ich sehe welche oben in der Spitze,« sagte Barberina zu mir, »und wenn Sie mir die Leiter halten wollen, werde ich sie pflücken.«

»Gut, tu das; die Leiter will ich schon halten.« Leichtfüßig steigt sie hinauf; um aber einige etwas zu weit entfernte Feigen erreichen zu können, streckt sie den Arm aus und biegt sich zur Seite, indem sie sich mit der anderen Hand an der Leiter festhält.

»Meine liebe Barberina, wenn du wüßtest, was ich sehe!«

»Was Sie bei meiner Schwester oft gesehen haben.«

»Das stimmt; aber du bist hübscher als sie.«

Die Kleine antwortete nicht, aber sie tat, wie wenn sie eine Feige nicht erreichen könnte, und setzte den einen Fuß auf einen höheren Zweig, wodurch sie mir den verführerischsten Anblick bot. Ich war hingerissen! Barberina bemerkte es und beeilte sich keineswegs. Endlich half ich ihr beim Heruntersteigen; dabei verirrte sich meine Hand, und ich fragte sie, ob die Frucht, die ich hielte, schon gepflückt wäre. Sie sah mich mit einem sanften Lächeln an und ließ mir soviel Zeit wie ich wollte, um mich zu überzeugen, daß sie vollkommen Jungfrau war. Schon war ich besiegt; ich empfing sie in meinen Armen, preßte sie verliebt an meine Brust und drückte auf ihre Lippen einen feurigen Kuß, den sie herzlich erwiderte.

»Willst du, liebes Kind, mir schenken, was ich eben in der Hand hielt?«

»Meine Mutter geht morgen nach Murano und bleibt den ganzen Tag dort; wenn Sie kommen, werde ich Ihnen nichts versagen.«

Wenn ein noch unschuldiger Mund eine solche natürliche Sprache spricht, dann muß der Mann, an den sie gerichtet ist, glücklich sein; denn Begierden sind nur Qualen, sind tatsächliche Schmerzen, und nur darum ist uns der Genuß so wert, weil er uns von diesen Schmerzen erlöst. Dies beweist, daß diejenigen, denen ein wenig Widerstand lieber ist als ein sofortiges Eingehen auf ihre Wünsche, unrecht haben; allerdings ist allzu große Gefälligkeit oft ein Zeichen von Verderbtheit, und diese lieben die Männer nicht, so verderbt sie auch selber sein mögen.

Wir gingen ins Haus zurück; ich umarmte Barberina in Gegenwart ihrer Mutter und sagte dieser, sie hätte in ihr ein wahres Juwel; über dieses Kompliment lachte sie vor Freuden. Ich gab dem reizenden Mädchen zehn Zechinen und entfernte mich sehr befriedigt; zugleich aber mit dem Schicksal hadernd, daß es mir nicht erlaubte, der reizenden Barberina sofort ein gleiches Los bieten zu können, wie ihrer Schwester.

Tonina hatte mir gesagt, ich müßte anstandshalber doch wenigstens einmal bei ihr soupieren; ich ging an demselben Abend hin und fand dort Rhigellini und Murray. Das Souper war sehr nett, und ich bewunderte das vollkommene Einverständnis, das bereits unter dem neuen Liebespaar herrschte.

»Ich mache Ihnen mein Kompliment,« sagte ich zu dem Gesandten, »daß Sie einen gewissen Geschmack verloren haben.«

»Wenn ich etwas dergleichen verloren hätte, so würde dies mir sehr leid tun ; denn da müßte ich annehmen, daß ich im Niedergang wäre.«

»Aber sie liebten doch früher der Liebe zu opfern, ohne ihre Geheimnisse zu verschleiern.«

»Nicht ich liebte dies, sondern Ancilla, und da mir ihre Lust ebenso teuer war wie die meinige, so fügte ich mich gerne ihrem Geschmack.«

»Ihre Antwort freut mich; denn ich gestehe Ihnen, es würde mir Uberwindung kosten, Ihren Liebeskämpfen mit Tonina zuzusehen.« Ich erwähnte gesprächsweise, daß ich keine Wohnung mehr in Murano hätte, und Righellini sagte mir, wenn ich wollte, könnte er mir eine sehr hübsche und billige an den Fondamenta Nuove beschaffen.

Dieser Stadtteil liegt nach Norden und ist ebenso angenehm im Sommer wie unangenehm im Winter. Da er Murano gegenüberliegt, wohin ich jede Woche ein paarmal fahren mußte, so sagte ich dem Doktor, ich wollte mir die Wohnung gerne einmal ansehen.

Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich von dem reichen und glücklichen Engländer. Da ich den nächsten Tag mit meiner neuen Eroberung verbringen wollte, so ging ich gleich zu Bett, um frisch zu sein und mich leistungsfähig zeigen zu können.

Ziemlich früh ging ich zu Barberina; sie empfing mich mit den Worten: »Meine Mutter kommt erst heute abend wieder, und mein Bruder ißt in der Schule zu Mittag. Wir werden also vollkommen ungestört sein. Hier habe ich ein gebratenes Huhn, Schinken, Käse und zwei Flaschen Scoppolo; wir essen aus dem Stegreif, sobald Sie Lust haben.«

»Ich bin erstaunt, reizende Freundin; wie hast du dir ein so gutes Essen verschaffen können?«

»Wir verdanken es meiner Mutter; ihr gebührt alles Lob.«

»Du hast ihr also gesagt, was wir machen wollen?«

»O nein! Doch nicht ganz! Denn ich weiß es ja selber nicht. Aber ich habe ihr gesagt, Sie würden mich besuchen, und habe ihr zugleich die zehn Zechinen gegeben.«

»Und was hat dir deine Mutter gesagt?«

»Sie hat gesagt, es wäre ihr gar nicht unlieb, wenn Sie mich ebenso lieben würden, wie Sie meine Schwester geliebt haben.«

»Ich will dich noch mehr lieben, obgleich ich jene sehr lieb habe.«

»Sie haben sie lieb? Warum haben Sie sie denn verlassen?«

»Ich habe sie nicht verlassen; ich habe ja erst gestern bei ihr soupiert; nur leben wir nicht mehr als Liebespaar zusammen. Ich habe sie einem reichen Freunde abgetreten, der ihr Glück gemacht hat.«

»Das ist ja sehr schön; ich verstehe es nur nicht ganz recht. Sagen Sie, bitte, Tonina, daß ich jetzt ihre Stelle einnehme. Und dann wäre es mir sehr lieb, wenn Sie ihr noch sagen wollten, Sie seien ganz gewiß, daß Sie der erste Mann seien, den ich geliebt habe.«

»Und wenn sie sich über diese Nachricht ärgert?«

»O, um so besser! Werden Sie mir das Vergnügen machen? Es ist das erste, worum ich Sie bitte.«

»Ich verspreche es dir.«

Nach diesem Gespräch frühstückten wir, dann gingen wir in vollkommener Eintracht zu Bett. Es war mehr, wie wenn wir dem Hymen, als wie wenn wir dem Amor unser Opfer brächten.

Barberina kannte das Spiel noch nicht; ihre Ekstasen, ihre frischen und naiven Gedanken, die sie mir ungeschminkt mitteilte, ihre Unerfahrenheit oder vielmehr Unbeholfenheit entzückten mich. Mir war es, als berührte ich zum erstenmal den kostbaren Baum der Erkenntnis und als hätte ich niemals eine so saftige Frucht genossen. Meine kleine Nymphe würde sich geschämt haben, mich merken zu lassen, daß der erste Dorn ihr Schmerz bereitete; um mich zu überzeugen, daß sie nur die Rose genösse, überbot sie sich in Beteuerungen, daß sie die höchste Lust empfände. Dabei übertrieb sie jedenfalls, denn der erste Versuch ist doch stets mehr oder weniger schmerzhaft. Sie war noch nicht ganz erwachsen: die Rosen ihrer Brüste waren erst kaum sichtbare Knospen, und vollkommen reif war sie nur in ihrem Herzen.

Nachdem mehr als ein Sturm tapfer unternommen und ausgehalten war, standen wir auf, um zu essen. Als wir dadurch neue Kräfte gewonnen hatten, bestiegen wir wieder den Altar der Liebe und weihten uns ihrem süßen Dienst, bis es Abend war. Als Laura nach Hause kam, fand sie uns angezogen und durchaus befriedigt. Ich schenkte noch Barberina zwanzig Zechinen, schwur ihr ewige Liebe und ging. Sicherlich hatte ich damals nicht die Absicht, meinen Schwüren untreu zu werden; aber die Ereignisse, die das Schicksal für mich in seinem Schoße trug, ließen sich nicht mit jenen Versprechungen vereinigen, die in einem Augenblick der Leidenschaft unwillkürlich meinem Munde entflossen waren.

Am nächsten Morgen holte Righellini mich ab, um mir die Wohnung zu zeigen, von der er mir gesprochen hatte. Sie gefiel mir. Ich mietete sie sofort und bezahlte den Zins für das erste Viertejahr voraus. Das Haus gehörte einer Witwe, die zwei Töchter hatte. Der ältesten war gerade zur Ader gelassen worden. Righellini war ihr Arzt; er behandelte sie seit neun Monaten, ohne sie heilen zu können. Da er ihr seinen Besuch machen wollte, trat ich mit ihm ein; ich glaubte mich einer schönen Wachsstatue gegenüber zu befinden und rief in meiner Überraschung: »Sie ist schön – aber der Bildhauer müßte ihr Farben verleihen.« Die Statue antwortete darauf mit einem Lächeln, das göttlich gewesen wäre, wenn es auf Rosenlippen erschienen wäre.

»Ihre Blässe«, sagte Righellini zu mir, braucht Sie nicht zu erstaunen; man hat ihr heute zum hundertundvierten Male die Ader geöffnet.«

Ich machte eine sehr begreifliche Gebärde der Überraschung.

Das schöne Mädchen war achtzehn Jahre alt, und die Natur hatte sie noch nicht mit der Wohltat der monatlichen Reinigung begabt; infolgedessen fühlte sie sich jede Woche drei- oder viermal dem Tode nahe, und das einzige Mittel, ihr Erleichterung zu verschaffen, bestand darin, daß man ihr die Ader öffnete.

»Ich will sie aufs Land schicken,« sagte der Doktor; »dort werden eine reinere und schönere Luft und besonders mehr Bewegung besser wirken, als hier alle Arzneien.«

Ich bat mir mein Bett noch für denselben Abend zurechtzumachen und entfernte mich mit Righellini. Er sagte mir, das einzige wirklich wirksame Heilmittel für das Mädchen wäre ein kräftiger Liebhaber.

»Aber mein lieber Doktor, könnten denn Sie nicht auch ihr Apotheker sein, wie Sie ihr Arzt sind?«

»Dieses Spiel wäre für mich zu riskant; denn ich könnte mich genötigt sehen, sie zu heiraten, und vor dem Heiraten habe ich Angst wie vor dem Feuer.«

Zum Heiraten hatte ich zwar ebensowenig Lust wie mein Freund, der Doktor, aber ich war dem Feuer eben schon zu nahe gekommen. Im nächsten Kapitel wird der Leser sehen, wie ich das Wunder bewirkte, das der schönen Bleichsüchtigen die Farben der Gesundheit wieder schenkte.

Siebzehntes Kapitel


Croce wird aus Venedig ausgewiesen. – Sgombro. – Sein niederträchtiges Verbrechen und sein Tod. – Meiner geliebten C. C. stößt ein Unglück zu. – Ich erhalte einen anonymen Brief von einer Nonne und antworte darauf. – Liebeshandel.

Mein Gevatter, der, wie gesagt, ein geschickter und kühner Verbesserer des Glücks war, machte in Venedig ausgezeichnete Geschäfte, und da er liebenswürdig war und der sogenannten guten Gesellschaft angehörte, so hätte er es noch lange Zeit in gleicher Weise treiben können, wenn er sich auf das Spiel beschränkt hätte; denn die Staatsinquisitoren hätten zuviel zu tun, wollten sie sich damit abgeben, die Toren anzuhalten, daß sie mit ihrem Vermögen haushalten, die Dummköpfe, daß sie verständig werden, und die Gauner, daß sie die Dummköpfe nicht betrügen. Aber Croce wurde aus einem ganz außerordentlichen Anlaß ausgewiesen, der ihm keine Ehre machte, gleichviel ob er in jugendlicher Unbesonnenheit oder aus sittlicher Verderbtheit gehandelt hatte.

Ein edler Venetianer – edel von Geburt, sehr unedel von Sitten – ein gewisser Sgombro aus der Familie Gritti, verliebte sich in ihn, und Croce war nicht grausam gegen ihn, sei es, daß er sich einen Spaß machen wollte, sei es, daß er seinen Geschmack teilte. Unglücklicherweise wurde nicht die Zurückhaltung beobachtet, die der Anstand erfordert, und der Skandal wurde so öffentlich, daß die Regierung sich gezwungen sah, meinem Croce die Aufforderung zu schicken, er möge sofort die Stadt verlassen und sein Glück anderswo versuchen.

Kurz nachher verführte der infame Sgombro seine beiden jungen Söhne. Zu seinem Unglück versetzte er den jüngeren in die Notwendigkeit, bei einem Arzt Hilfe zu suchen. Die niederträchtige Handlung wurde bekannt, und das arme Kind gestand, es habe nicht den Mut gehabt, gegen seinen Erzeuger ungehorsam zu sein. Mit Recht fand man, eine solche Unterwürfigkeit gehöre nicht zu den Pflichten, die ein Sohn seinem Vater gegenüber habe, und die Staatsinquisitoren schickten den scheußlichen Vater in die Zitadelle von Cattaro, wo er nach einjähriger Gefangenschaft starb.

Die tödliche Wirkung der Luft, die man in Cattaro atmet, ist so bekannt, daß das Gericht nur solche Verbrecher dazu verdammt, die man nicht öffentlich zum Tode zu verurteilen wagt, weil man fürchtet, ein öffentlicher Prozeß würde zu großes Entsetzen erregen.

Nach Cattaro schickte der Rat der Zehn vor fünfzehn Jahren den berühmten Advokaten Contarini, einen Nobile, der durch seine Beredsamkeit sich zum Herrn des großen Rates gemacht hatte und die Staatsverfassung ändern wollte. Er starb in Cattaro nach einem Jahr; von seinen Mitschuldigen hielt das Tribunal für genügend, nur vier oder fünf zu bestrafen und die anderen unbeachtet zu lassen. Diese kehrten denn auch aus Furcht stillschweigend zu ihrer Pflicht zurück.

Der Sgombro, von dem ich vorhin sprach, hatte eine reizende Frau, die, wie ich glaube, noch lebt. Sie hieß Cornelia Gritti, war ebenso berühmt durch die Schönheit ihrer Gestalt wie durch die ihres Geistes und hat den Jahren zum Trotz sich ihre Schönheit bewahrt. Als sie durch den Tod ihres unwürdigen Gatten ihre eigene Herrin geworden war, hütete sie sich wohl, eine neue Ehe einzugehen; ihre Unabhängigkeit war ihr zu lieb. Da sie jedoch nicht unempfindlich gegen die Freuden der Liebe war, so erhörte sie die Bewerbungen der Anbeter, die sie nach ihrem Geschmack fand.

Gegen Ende Juli weckte eines Montags bei Tagesanbruch mein Diener mich, indem er mir sagte, Laura wolle mich sprechen. Ich ahnte ein Unglück und ließ sie sofort eintreten. Sie übergab mir einen Brief, der folgendermaßen lautete:

»Mein lieber Freund, ein Unglück, das mir gestern abend zugestoßen ist, macht mich untröstlich, und um so mehr, da ich gezwungen bin, es vor dem ganzen Kloster geheim zu halten. Ich habe eine schreckliche Blutung und weiß nicht, was ich anfangen soll, um das Blut zu stillen, denn ich habe nicht viel Wäsche, und Laura hat mir gesagt, ich würde eine große Menge nötig haben, wenn die Blutung andauern sollte; ich kann mich keinem Menschen anvertrauen außer Dir, und ich bitte Dich, mir soviel Weißzeug zu schicken, wie Du nur kannst. Du siehst, ich habe mich Laura anvertrauen müssen, denn sie allein kann zu jeder Stunde bei mir aus- und eingehen. Wenn ich sterbe, mein teurer Gatte, so wird das ganze Kloster erfahren, woran ich gestorben bin; aber ich denke an Dich und ich zittere. Was wirst Du in Deinem Schmerz anfangen? Ach, mein Herz, wie schade!«

In aller Hast mich ankleidend, fragte ich Laura aus. Sie sagte mir ganz offen, es sei eine Frühgeburt, und wir müßten mit der größten Vorsicht handeln, um den Ruf meiner Freundin zu schonen. Übrigens brauchte sie weiter nichts als eine große Menge Wäsche; es hätte sonst nichts auf sich. Es waren die üblichen Redensarten, und sie besänftigten durchaus nicht die Angst, die ich empfand. Ich ging mit Laura zu einem Juden, dem ich eine Anzahl Bettlaken und zweihundert Handtücher abkaufte; nachdem ich alles in einen großen Sack gesteckt hatte, fuhr ich mit ihr nach Murano. Unterwegs schrieb ich meiner Freundin mit Bleistift, sie solle in Laura volles Vertrauen setzen; ich versicherte ihr, ich würde Murano nicht eher verlassen, als bis sie außer Gefahr wäre. Ehe wir ausstiegen, sagte Laura zu mir: damit ich nicht bemerkt würde, täte ich gut daran, mich bei ihr verborgen zu halten. Zu jeder anderen Zeit wäre das so gut gewesen, wie wenn sie den Wolf in die Hürde eingelassen hätte. Sie ließ mich in einem armseligen Kämmerchen im Erdgeschoß allein, brachte selber an ihrem Leibe soviel Weißzeug unter, wie sie nur verstecken konnte, und eilte dann zu der Kranken, die sie seit dem vorigen Abend nicht gesehen hatte. Ich hoffte, sie würde sie außer Gefahr finden, und sah sehnsüchtig dem Augenblick entgegen, wo sie mir diese Nachricht bringen würde.

Sie war eine volle Stunde fort; endlich kam sie mit sehr traurigem Gesicht zurück und sagte mir, meine arme Freundin hätte während der Nacht viel Blut verloren; sie läge sehr schwach im Bett, und wir müßten sie Gottes Gnade empfehlen; denn wenn die Blutung nicht bald aufhörte, könnte sie unmöglich noch vierundzwanzig Stunden leben.

Als ich die Wäsche sah, die sie unter ihrem Rock hervorzog, wich ich entsetzt zurück und glaubte mich dem Tode nahe. Eine wahre Schlächterei! Laura glaubte mich zu trösten, indem sie mir sagte, ich könnte sicher sein, daß das Geheimnis nicht verraten würde.

»Ei, was macht mir das aus!« rief ich; »wenn sie nur am Leben bleibt, dann mag die ganze Welt wissen, das sie mein Weib ist!« In einem andern Augenblick hätte ich über die dumme Bemerkung der guten Laura lachen müssen ; aber in dieser traurigen Minute besaß ich nicht die Kraft dazu und auch nicht die Lust.

»Die liebe Kranke«, sagte sie, »hat gelächelt, als sie Ihr Briefchen las; sie hat mir versichert, da Sie so dicht in ihrer Nähe seien, so werde sie nicht sterben.«

Diese Worte taten mir wohl. Wie wenig ist doch nötig, um einen Menschen zu trösten oder seine Leiden zu mildern!

»Wenn die Nonnen beim Essen sind,« fuhr Laura fort, »werde ich wieder hingehen und soviel Wäsche mitnehmen, wie ich tragen kann; unterdessen werde ich diese hier waschen.«

»Hat sie Besuche gehabt?«

»O, natürlich das ganze Kloster. Aber kein Mensch hat eine Ahnung.«

»Aber bei dieser Hitze kann sie nur eine leichte Decke haben und man muß doch unbedingt die vielen Handtücher bemerken, die so großen Raum einnehmen.«

»Das ist nicht zu befürchten, denn sie sitzt im Bett aufrecht.«

»Was ißt sie?«

»Nichts; denn sie darf nicht essen.«

Bald darauf ging Laura fort und ich ebenfalls. Ich suchte einen Arzt auf, bei dem ich Zeit und Geld verlor, um mir ein langes Rezept schreiben zu lassen, das ich nicht verwenden konnte, denn dadurch würde die Sache sofort im ganzen Kloster bekannt geworden sein oder vielmehr in der ganzen Welt, denn Nonnengeheimnis dringt gar bald durch die Klostermauern. Übrigens wäre der Klosterarzt vielleicht der erste gewesen, aus Rachsucht das Geheimnis auszuplaudern.

In Lauras Hause ging ich traurig wieder in meine armselige Kammer, und eine halbe Stunde später kam die Bötin mit Tränen in den Augen zurück und übergab mir einen fast unleserlichen Brief: »Ich habe nicht mehr die Kraft, Dir zu schreiben, denn ich werde immer schwächer; ich verliere all mein Blut und fange an zu glauben, daß meine Krankheit unheilbar ist. Ich überlasse mich Gottes Willen und danke ihm, daß meine Ehre nicht in Gefahr ist. Sei nicht zu traurig! Mein einziger Trost ist, daß ich Dich so dicht bei mir weiß. Ach, wenn ich Dich nur einen Augenblick sehen könnte, würde ich zufrieden sterben.«

Der Anblick von einem Dutzend Tüchern, die Laura mir zeigte, machte mich erschaudern. Die gute Frau glaubte mich zu trösten, indem sie mir sagte, mit einer einzigen Flasche Blut könnte man ebenso viele Tücher völlig durchtränken. Meine Seele war nicht in der Stimmung, aus derartigen Versicherungen Trost zu schöpfen. Ich war in Verzweiflung und machte mir die furchtbarsten Vorwürfe, den Tod des unschuldigen Mädchens herbeigeführt zu haben. Ich warf mich auf ein Bett und blieb dort länger als sechs Stunden wie betäubt liegen, bis Laura mit etwa zwanzig blutgetränkten Servietten aus dem Kloster zurückkehrte. Da es inzwischen Nacht geworden war, konnte sie bis zum nächsten Morgen nicht wieder hingehen. Ich verbrachte eine entsetzliche Nacht, ohne etwas zu essen, ohne schlafen zu können; ich war mir selber zum Ekel und wies schroff die Pflege zurück, die Lauras Töchter mir anboten.

Kaum war der Tag angebrochen, da kam Laura und sagte mir mit kläglicher Miene, meine Freundin blute nicht mehr. Ich glaubte sie sei tot, und schrie: »Sie lebt nicht mehr!«

»Sie lebt, Herr! Aber ich fürchte, sie wird den Tag nicht überleben, denn sie ist völlig erschöpft; sie hat fast nicht mehr die Kraft, die Augen zu öffnen, und ihr Puls ist kaum noch zu spüren.«

Ich atmete auf. Ich fühlte, mein Engel war gerettet.

»Laura,« sagte ich, »diese Nachricht ist durchaus nicht schlecht, wenn die Blutung gänzlich aufgehört hat, so ist weiter nichts nötig, als ihr etwas leichte Nahrung zu geben.«

»Man hat einen Arzt rufen lassen; er wird anordnen, was ihr gegeben werden soll; aber wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll – ich habe keine große Hoffnung.«

»Gib mir nur die Versicherung, daß sie lebt!«

»Ja, das versichere ich Ihnen; aber Sie werden begreifen, daß sie dem Doktor nicht die Wahrheit sagen wird, und Gott mag wissen, was er ihr verschreibt. Ich habe ihr ins Ohr geflüstert, sie solle keine Medizin einnehmen, und sie hat mich verstanden.«

»Du bist ein göttliches Weib! Ja, wenn sie nicht von heute auf morgen an Schwäche stirbt, ist sie gerettet: Natur und Liebe werden sie geheilt haben!«

»Das gebe Gott! Heute Mittag sehen Sie mich wieder.«

»Warum nicht vorher?«

»Weil ihr Zimmer voll von Leuten sein wird.«

Ich war ganz schwach vor Erschöpfung; da ich aber stark sein mußte, um meine Hoffnung aufrecht zu erhalten, ließ ich mir etwas Essen zurechtmachen und setzte mich hin, meiner Freundin zu schreiben, damit sie den Brief in dem Augenblick erhielte, wo sie ihn lesen könnte. Die Augenblicke der Reue sind sehr traurig, und ich war wirklich zu beklagen. Ich hatte das größte Bedürfnis, Laura zu sehen, um zu erfahren, was der Arzt gesagt hätte. Ich hatte starke Gründe, über Orakel zu lachen; ich weiß nicht, woher diese Schwachheit kam, aber ich brauchte das Orakel des Arztes, und zwar vor allen Dingen ein günstiges Orakel.

Lauras junge Töchter brachten mir das Essen, aber es war mir unmöglich, einen Bissen hinunterzubringen; doch machte es mir Spaß, die drei Schwestern mein Essen verschlingen zu sehen, sobald ich sie nur dazu eingeladen. Die älteste, ein sehr appetitlicher Bissen, schlug nicht ein einziges Mal ihre großen Augen zu mir auf; die beiden jüngeren kamen mir so vor, als ob sie wohl liebenswürdig sein könnten; aber ich beschäftigte mich mit ihnen nur, um mich noch tiefer in meine bittere Reue zu verbeißen.

Endlich kam Laura, die ich schon mit der größten Ungeduld erwartet hatte; sie sagte mir, meine geliebte Kranke läge immer noch in demselben Zustand völliger Ermattung da; ihre Schwäche hätte den Arzt überrascht und er könnte sie sich nicht erklären. »Er hat ihr Stärkungsmittel und leichte Suppen verordnet, und wenn sie schlafen kann, wird sie nach seiner Behauptung sicher davonkommen. Der Doktor hat ferner angeordnet, daß nachts eine Wärterin bei ihr sein soll, und die Kranke hat ihre Hand nach mir ausgestreckt, wie wenn sie mich bezeichnen wollte. Jetzt verspreche ich Ihnen, sie Tag und Nacht nicht mehr zu verlassen, außer um Ihnen Bescheid zu bringen.«

Ich dankte ihr und versprach ihr, sie reichlich zu belohnen. Mit großer Freude vernahm ich, daß die Mutter zum Besuch dagewesen, nichts bemerkt habe und sehr liebevoll und zärtlich gewesen sei.

Ich fühlte mich viel ruhiger, gab Laura sechs Zechinen und jeder ihrer Töchter eine und aß etwas zu Abend; dann legte ich mich in eines der elenden Betten, die in demselben Zimmer standen. Als die beiden jüngeren mich im Bett sahen, zogen sie sich ohne Umstände aus und legten sich beide in das zweite Bett, das ganz dicht neben dem meinigen stand. Dies unschuldige Vertrauen gefiel mir. Die ältere, die wohl schon Erfahrungen hatte, legte sich im Nebenzimmer zu Bett; sie hatte einen Liebhaber, der sie binnen kurzem heiraten sollte. Ich war nicht vom Teufel des Fleisches besessen und ließ die Unschuld friedlich schlafen, ohne den geringsten Anschlag auf sie zu unternehmen.

Am anderen Morgen in aller Frühe kam Laura und brachte Nachrichten, die ein Balsam für mich waren. Mit fröhlichem Gesicht sagte sie mir, die Kranke habe gut geschlafen, und sie würde gleich wieder hingehen, um ihr ein Süppchen zu geben. Ich war wie berauscht, als ich dies hörte, und Äskulaps Orakel schien mir tausendmal sicherer zu sein als das Orakel Apolls. Doch waren wir noch nicht so weit, Viktoria rufen zu können, denn meine Freundin mußte erst wieder zu Kräften kommen und all das verlorene Blut wieder ersetzen; dies konnten nur die Zeit und fortwährende sorgsame Pflege bewirken. Ich blieb noch acht Tage bei Laura und verließ Murano erst, als meine Freundin in einem vier Seiten langen Brief es mir sozusagen befohlen hatte.

Laura weinte vor Glück, als sie sich von mir mit der ganzen schönen Wäsche beschenkt sah, die ich für meine C. C. gekauft hatte; und ihre Töchter weinten augenscheinlich darüber, daß sie in den zehn Tagen, die ich bei ihnen verbracht, mich nicht hatten verleiten können, ihnen einen einzigen Kuß zu geben.

In Venedig nahm ich meine alten Gewohnheiten wieder auf; aber wie hätte ich bei meinem Naturell ohne ein wirkliches Liebesverhältnis glücklich sein können? Ich hatte kein anderes Vergnügen als das, jeden Mittwoch einen Brief von meiner lieben Gefangenen zu erhalten; sie ermutigte mich, auf sie zu warten, anstatt mich aufzufordern, sie zu entführen. Laura sagte mir, sie sei schöner geworden und ich starb vor Verlangen, sie zu sehen. Bald bot sich die Gelegenheit dazu, und ich ließ mir diese nicht entgehen. Eine Nonne sollte den Schleier nehmen, und diese Feierlichkeit zieht stets eine große Menge von Zuschauern herbei. Da infolgedessen die Nonnen viele Besuche empfangen, so war es wahrscheinlich, daß die Pfleglinge ebenfalls im Sprechzimmer sein würden. Es war keine Gefahr vorhanden, daß ich an diesem Tage mehr auffallen könnte als irgendein anderer, denn ich würde in der Menge völlig verschwinden. Ich begab mich also nach dem Kloster, ohne Laura etwas davon zu sagen und ohne meine kleine Frau vorher zu benachrichtigen, und ich glaubte, vor Aufregung umzusinken, als ich sie plötzlich auf vier Schritte vor mir stehen und mich in einer Art von Ekstase betrachten sah. Ich fand sie größer und mehr entwickelt, und sie schien mir schöner zu sein als früher. Ich hatte nur für sie Augen, sie nur für mich, und ich war der letzte, der den Ort verließ, der an diesem Tage mir als ein Tempel des Glücks erschien.

Drei Tage darauf empfing ich einen Brief von ihr. Sie schilderte mir so glühend die Wonne, die meine Gegenwart ihr bereitet hätte, daß ich auf Mittel und Wege sann, ihr diese Freude so oft wie möglich zu verschaffen. Ich antwortete ihr sofort, sie würde mich an jedem Feiertag zur Messe in ihrer Kirche sehen. Dies machte mir keine Mühe. Ich sah sie nicht, aber ich wußte, daß sie mich sähe, und ihre Freude war auch die meine. Ich brauchte nichts zu befürchten, denn es war fast unmöglich, daß man in dieser Kirche, die nur von Bürgersleuten von Murano besucht wurde, mich hätte erkennen können.

»Nachdem ich zwei oder drei Messen gehört hatte, nahm ich eine Uberfahrtsgondel, deren Bootsmann nicht neugierig sein konnte, mich zu kennen. Indessen war ich vorsichtig, denn ich wußte, daß C. C.s Vater wollte, seine Tochter sollte mich vergessen, und daß er sie Gott weiß wohin gebracht haben würde, wenn er nur den geringsten Argwohn gehabt hätte, daß ich ihren Aufenthalt wüßte.

So dachte ich in der Furcht, daß mir jeder Verkehr mit meiner Freundin abgeschnitten werden könnte; aber ich kannte noch nicht den Charakter und die Schlauheit der frommen Töchter des Herrn. Ebensowenig glaubte ich, daß meine Person irgendetwas Auffallendes an sich haben könnte – wenigstens für ein Kloster nicht; aber ich war noch ein Neuling, der die Neugier der Frauen und besonders die Neugier müßiger Seelen nicht kannte. Bald hatte ich Gelegenheit, mich eines Besseren belehren zu lassen.

Ich hatte erst etwa einen Monat oder fünf Wochen lang meine Feiertagsbesuche gemacht, als meine liebe C. C. mir scherzend schrieb, ich sei das Rätsel des ganzen Klosters geworden, und zwar sowohl für die Pensionärinnen, wie für die Nonnen, selbst die ältesten nicht ausgenommen. Das ganze Chor warte auf die Minute, wo ich erscheinen würde; man stoße sich an, wenn man mich eintreten und das Weihwasser nehmen sehe. Man habe bemerkt, daß ich niemals nach dem Gitter blicke, hinter welchem die Klosterinsassen sitzen müßten, und daß ich niemals eine Frau ansehe, die die Kirche betrete oder verlasse. Die Alten sagten, ich müßte irgendeinen großen Kummer haben, von dem ich nur durch die Gnade ihrer heiligen Jungfrau mich zu befreien hoffte; die Jungen sagten, ich müßte ein Melancholiker oder ein Menschenfeind sein. Meine liebe Frau, die es besser wußte als die anderen und nicht auf Mutmaßungen angewiesen war, amüsierte sich sehr darüber und amüsierte auch mich, indem sie mir das alles erzählte. Ich schrieb ihr: wenn sie befürchtete, daß ich erkannt werden könnte, würde ich nicht mehr hingehen. Sie antwortete mir, ich könnte ihr keine schmerzlichere Entbehrung auferlegen, und sie bäte mich, nach wie vor zu kommen. Immerhin glaubte ich nicht mehr zu Laura gehen zu sollen, denn möglicherweise hätten die klatschhaften Betschwestern dies erfahren, und dadurch konnten sie viel mehr entdecken, als sie wissen durften. Aber diese Lebensweise mergelte mich aus und konnte nicht lange mehr so fortgehen. Ich war dazu geschaffen, eine Geliebte zu haben und mit ihr glücklich zu leben. Da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, spielte ich und gewann fast immer; trotzdem wurde ich infolge meiner unbefriedigten Stimmung zusehends magerer.

Nachdem ich durch meinen Gevatter Croce in Padua fünftausend Zechinen gewonnen hatte, war ich dem Rat des Herrn von Bragadino gefolgt, hatte ein Kasino gemietet und hielt dort eine Pharaobank auf gemeinsame Rechnung mit einem Matador, der mich gegen die hinterlistigen Streiche gewisser gewalttätiger Aristokraten schützte, gegen deren Tyrannei ein einfacher Privatmann in meiner Vaterstadt stets unrecht bekommt.

Als ich am Allerheiligentage des Jahres 1753 nach dem Anhören der Messe in eine Gondel steigen wollte, um nach Venedig zurückzufahren, sah ich eine Frau von der Art Lauras, die, als sie an mir vorüberging, mich ansah und einen Brief fallen ließ. Ich hob diesen auf und bemerkte, daß die Frau, als sie den Brief in meinen Händen sah, ruhig ihren Weg fortsetzte. Der Brief war ohne Aufschrift, das Siegel stellte eine Schlinge dar. Ich sprang schnell in die Gondel und sobald ich auf dem offenen Wasser war, brach ich das Siegel und las folgendes:

»Eine Nonne, die seit dritthalb Monaten Sie jeden Feiertag in ihrer Kirche sieht, wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen. Eine Broschüre, die Sie verloren haben und die durch Zufall in ihre Hände geraten ist, läßt vermuten, daß Sie französisch sprechen; wenn Sie jedoch vorziehen, ihr auf italienisch zu antworten, so können Sie dies tun, denn ihr kommt es vor allem auf Klarheit und Genauigkeit an. Sie ladet Sie nicht ein, sie ins Sprechzimmer rufen zu lassen, denn Sie wünscht, daß Sie Sie erst sehen, hevor Sie mit ihr sprechen; deshalb wird Sie Ihnen eine Dame bezeichnen, die Sie ins Sprechzimmer begleiten können. Diese Dame wird Sie nicht kennen und wird folglich nicht nötig haben, Sie vorzustellen, wenn Sie etwa zufällig wünschen sollten, nicht bekannt zu werden.

Sollten Sie glauben, daß diese Art, eine Bekanntschaft zu schließen, nicht passend sei, So wird die Nonne Ihnen ein Kasino in Murano nennen, wo Sie sie an einem beliebigen von Ihnen zu bestimmenden Tage um sieben Uhr Abend allein finden werden. Sie können bei ihr zum Abendessen bleiben oder auch nach einer Viertelstunde sich entfernen, wenn Sie anderweitig zu tun haben.

Würden Sie vielleicht lieber ihr in Venedig ein Abendessen geben? Bestimmen Sie Tag, Stunde und Ort, wohin sie kommen soll, und Sie werden Sie maskiert aus einer Gondel steigen sehen; nur müssen Sie maskiert und mit einer Laterne in der Hand allein am Ufer sein.

Ich bin überzeugt, daß Sie mir antworten werden und daß Sie erraten, mit welcher Ungeduld ich Ihre Antwort erwarte; ich bitte Sie daher, diese morgen derselben Frau zu übergeben, von der Sie diesen Brief bekommen werden; Sie finden sie eine Stunde vor Mittag in der Kirche San Canciano am ersten Altar rechter Hand.

Bedenken Sie, daß ich mich niemals zu einem Schritt entschlossen haben würde, der Ihnen einen ungünstigen Begriff von mir beibringen könnte, wenn ich Ihnen nicht ein edles Herz und einen hohen Geist zutraute.«

Der Ton dieses Briefes, den ich wörtlich abschreibe, überraschte mich noch mehr als die Sache selbst. Ich hatte zu tun, aber ich ließ alles liegen, um mich in meinem Zimmer einzuschließen und zu antworten. Dem Anschein nach kam der Brief von einer überspannten Person, aber ich fand darin zugleich eine Art Würde und eine Originalität, die mich anzogen. Mir kam der Gedanke, es könnte wohl die Nonne sein, die meiner Freundin Unterricht gäbe. Sie hatte sie mir als schön, reich, galant und freigebig geschildert. Meine liebe Frau konnte irgendeine Unvorsichtigkeit begangen haben; tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf; aber ich wies jeden Gedanken zurück, der nicht der mir zulächelnden Aussicht günstig war. Übrigens hatte meine Freundin mir geschrieben, die Nonne, die ihr französische Stunden gebe, sei nicht die einzige, die diese Sprache spreche. Ich konnte durchaus nicht annehmen, daß C. C. es mir nicht gesagt haben sollte, wenn sie ihrer Freundin etwas von unserem Geheimnis anvertraut hätte.

Trotzdem konnte die Nonne, die an mich schrieb, wohl die schöne Freundin meiner kleinen Frau sein; es konnte aber auch eine ganz andere sein. Diese Möglichkeit setzte mich in eine ziemliche Verlegenheit. Schließlich glaubte ich ihr folgendes schreiben zu können, ohne mich bloßzustellen:

»Ich antworte Ihnen französisch, Madame, und hoffe, daß mein Brief die Klarheit und Genauigkeit besitzen wird, von denen Sie mir ein Beispiel geben.

Die Sache ist außerordentlich interessant, und sie scheint mir in Anbetracht der Umstände von der größten Wichtigkeit zu sein. Da ich nun antworten muß, ohne zu wissen, wem ich antworte, so begreifen Sie, meine Gnädigste, daß ich ein eitler Geck sein müßte, wenn ich nicht eine Mystifikation befürchtete, und daß ich daher auf der Hut sein muß.

Wenn es also wahr ist, daß die Feder, die mir schrieb, von einer ehrenwerten Dame geführt wurde, die mir Gerechtigkeit widerfahren läßt, indem sie bei mir dieselben edlen Gesinnungen voraussetzt wie bei sich selber, so wird sie, wie ich hoffe, finden, daß ich ihr nicht anders antworten kann, als wie ich hiermit die Ehre haben werde zu tun.

Wenn Sie, meine Gnädige, mich der Ehre für würdig gehalten haben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, obgleich Sie nur nach dem äußeren Anschein sich ein Urteil über mich haben bilden können, so halte ich mich für verpflichtet, Ihnen zu gehorchen, sei es auch nur, damit Sie Ihren Irrtum einsehen können, falls ich Sie etwa ohne meinen Willen zu einem solchen verleitet haben sollte. Von den drei Wegen, die Sie mir gütigst vorgeschlagen haben, wage ich nur den ersten zu wählen, und zwar mit der Einschränkung, die Ihr durchdringender Geist mir angedeutet hat: ich werde eine Dame, die mich^ nicht kennt und mich daher nicht vorstellen kann, in Ihr Sprechzimmer begleiten.

Urteilen Sie nicht zu strenge, meine Gnädigste, über die heiklen Gründe, die mich nötigen, mich nicht zu nennen, und empfangen Sie mein ehrenwörtliches Versprechen, daß ich Ihren Namen nur erfahren werde, um Ihnen Ehre zu erweisen. Wenn Sie es für angebracht halten, das Wort an mich zu richten, werde ich Ihnen nur mit den Bezeigungen tiefster Ehrfurcht antworten. Erlauben Sie mir die Hoffnung zu hegen, daß Sie allein an das Gitter kommen werden, und gestatten Sie mir, Ihnen nebenbei zu sagen, daß ich Venetianer und in der vollsten Bedeutung des Wortes mein freier Herr bin. Wenn ich nicht einen der beiden Vorschläge wähle, die mir an sich besser gefallen hätten als der erste – denn sie bedeuten für mich eine unendliche Ehre – so geschieht das, gestatten Sie mir, es zu wiederholen, einzig und allein deshalb, weil ich fürchte, zum besten gehalten zu werden. Aber diese beiden anderen Möglichkeiten sind ja nicht verloren, sobald Sie mich kennen und ich Sie gesehen habe. Ich bitte Sie, an meine Aufrichtigkeit zu glauben und meine Ungeduld nach der Ihrigen zu bemessen. Morgen werde ich mir zur selben Stunde und am selben Ort Ihre Antwort holen.«

Ich begab mich nach der bezeichneten Stelle, fand die Liebesbötin, gab ihr meinen Brief und eine Zechine und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage wieder ebendort sein, um die Antwort zu holen. Pünktlich war ich da und fand sie. Sobald sie mich sah, kam sie auf mich zu und gab mir die Zechine, die ich ihr geschenkt hatte, und einen Brief, indem sie mich bat, ich möchte diesen lesen und ihr dann sagen, ob sie auf Antwort zu warten hätte. Ich entfernte mich, um den Brief zu lesen, der folgendermaßen lautete:

»Ich glaube, mein Herr, mich in keiner Hinsicht getäuscht zu haben. Ich verabscheue wie Sie die Lüge, wenn sie wichtige Folgen haben kann; aber ich betrachte sie nur als einen Spaß, wenn sie niemandem schaden kann. Sie haben von meinen drei Vorschlägen denjenigen gewählt, der Ihrem Geist am meisten Ehre macht. Ich achte die Gründe, die sie abhalten, sich zu erkennen zu geben, und schreibe der Gräfin S. beiliegenden Brief, den ich Sie zu lesen bitte. Wollen Sie ihn, bitte, versiegeln, ehe Sie ihn ihr überbringen; sie wird durch einen anderen Brief vorher davon in Kenntnis gesetzt sein. Gehen Sie zu ihr, wann es Ihnen paßt; Sie wird Ihnen die Stunde nennen, und Sie begleiten Sie in ihrer Gondel hierher. Die Gräfin wird keine einzige Frage an Sie richten, und Sie brauchen ihr durchaus keine Erklärung zu geben. Von einer Vorstellung ist nicht die Rede; da Sie aber bei dieser Gelegenheit meinen Namen erfahren werden, können Sie dann später maskiert kommen und nach mir fragen; lassen Sie mich im Namen der Gräfin ins Sprechzimmer rufen. Auf diese Weise wird unsere Bekanntschaft gemacht sein, ohne daß Sie sich einen Zwang anzutun brauchen und ohne daß Sie bei Nacht Zeit verlieren, die Ihnen vielleicht kostbar ist. Ich habe der Magd befohlen, auf Ihre Antwort zu warten, für den Fall, daß die Gräfin Ihnen nicht angenehm sein sollte, weil Sie Ihr vielleicht bekannt sind. Wenn meine Wahl Ihnen gefällt, sagen Sie dem Mädchen, Sie haben mir keine Antwort zu geben.«

Da ich sicher war, daß Gräfin S. mich nicht kannte, sagte ich dem Mädchen, ich habe ihrer Herrin keine Antwort zu geben, und sie ging.

Das Briefchen, das meine Nonne der Gräfin schrieb, und das ich dieser überbringen sollte, lautete: »Ich bitte Dich, liebe Freundim, zu einer Besprechung zu mir zu kommen, sobald Du Zeit hast und der Maske, die Dir diese Zeilen überbringt, eine Dir passende Stunde zu nennen, damit sie Dich begleiten kann. Sie wird pünktlich sein. Lebwohl; mit bestem Dank Deine Freundin.«

Dieses Briefchen schien mir großartig zu sein durch den Geist der Intrigue, der daraus sprach, und mich dünkte, er habe etwas Erhabenes an sich, das mich sehr anzog, obgleich ich wohl fühlte, daß man mich eine Rolle spielen ließ, als ob man mir eine Gnade erwiese.

In ihrem letzten Brief tat meine Nonne, als sei es ihr einerlei, wer ich wäre; sie billigte meine Wahl und heuchelte Gleichgültigkeit in bezug auf nächtliche Zusammenkünfte; aber sie schien gewiß zu sein, daß ich sie würde ins Sprechzimmer rufen lassen, nachdem ich sie gesehen hätte. Ich wußte schon, woran ich war, denn worauf sollte die Intrigue hinauslaufen, wenn nicht auf eine Liebschaft und ein Stelldichein? Indessen vermehrte ihre Sicherheit oder vielmehr ihre Zuversicht meine Neugier, und ich fühlte, daß sie ein Recht hatte, darauf zu hoffen, wenn sie jung und hübsch war. Es hätte nur an mir gelegen, die Sache um ein paar Tage hinauszuschieben und von C. C. zu erfahren, wer wohl die Nonne sein mochte; aber erstens wäre das unredlich gewesen, zweitens fürchtete ich mir damit das Abenteuer zu verderben, was mir vielleicht hinterher leid getan hätte. Sie sagte mir, ich möchte die Gräfin aufsuchen, wann es mir paßte; aber dies war nur geschehen, weil ihre Würde von ihr verlangte, sich nicht zu eifrig zu zeigen; außerdem konnte sie sich denken, daß ich selber ungeduldig sein würde. Sie schien mir in Dingen der Galanterie zu wohl bewandert zu sein, als daß ich sie für eine unerfahrene Anfängerin hätte halten können; ich fürchtete daher meine Zeit zu verlieren; aber mit dieser Möglichkeit fand ich mich ab und beschloß mich selber tüchtig auszulachen, wenn ich mich irgendeiner bejahrten Schönen gegenüber finden sollte. Ganz gewiß hätte ich nicht den geringsten Schritt getan, wäre ich nicht neugierig gewesen; ich wollte durchaus wissen, wie eine Nonne aussah, die sich erboten hatte, nach Venedig zu kommen und mit mir zu soupieren. Übrigens war ich sehr erstaunt über die Freiheit, deren die frommen Nonnen genossen, und über die Leichtigkeit, womit sie den Klosterbann zu brechen wußten.

Um drei Uhr begab ich mich zur Gräfin und ließ ihr mein Briefchen zustellen; sie erschien und sagte mir, ich würde ihr ein Vergnügen bereiten, wenn ich am nächsten Tage zur selben Stunde wiederkäme. Wir machten uns gegenseitig eine schöne Verbeugung und trennten uns. Diese Gräfin war ein famoses Weib, zwar schon etwas über die Blüte hinaus, aber immer noch schön.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und ich versäumte nicht, zur Messe zu gehen. Ich war elegant gekleidet und frisiert und in der Phantasie bereits meiner lieben C. C. untreu; denn ich dachte mehr daran, mich der Nonne zu zeigen, mochte sie nun jung oder alt sein, als mich den Blicken meiner reizenden kleinen Frau darzubieten.

Am Nachmittag legte ich wieder meine Maske an und ging um die verabredete Stunde zur Gräfin, die mich bereits erwartete. Wir stiegen in eine Gondel mit zwei Ruderern und kamen beim Kloster an, ohne von etwas anderem gesprochen zu haben als vom schönen Wetter. Am Gitter angekommen, ließ sie M. M. rufen. Dieser Name setzte mich in Erstaunen, denn seine Trägerin war berühmt. Man ließ uns in ein kleines Besuchszimmer eintreten, und einige Minuten später sah ich eine Nonne erscheinen, die geraden Weges auf das Gitter losging und auf einen Knopf drückte. Vier Fensterscheiben sprangen zur Seite und ließen eine geräumige Öffnung frei, durch die die beiden Freundinnen sich in aller Bequemlichkeit umarmen konnten. Unmittelbar darauf wurde das sinnreiche Fenster sorgfältig wieder verschlossen. Die Offnung war mindestens achtzehn Zoll im Geviert groß, und ein Mann von meinem Wuchs hätte bequem hindurchschlüpfen können. Die Gräfin setzte sich der Nonne gegenüber, und ich nahm ein wenig zur Seite Platz, jedoch so, daß ich ganz bequem eine der schönsten Frauen betrachten konnte, die man überhaupt zu sehen vermag. Ich bezweifelte nicht, daß es die Nonne war, die meiner lieben C. C. französische Stunden gab und von der diese mir gesprochen hatte. Vor Bewunderung war ich in einer Art von Bezauberung befangen, so daß ich kein Wort von ihrem ganzen Gespräch vernahm. Meine schöne Nonne richtete kein Wort an mich, sondern gönnte mir nicht einmal die Ehre eines einzigen Blickes. Sie konnte zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt sein, und der Schnitt ihres Gesichtes war von der schönsten Form. Ihr Wuchs ging weit über Mittelmaß hinaus, ihre sehr weiße Gesichtsfarbe war ein wenig blaß, ihr Ausdruck edel und kühn, aber zugleich zurückhaltend und bescheiden; ihre wohlgeschnittenen Augen waren von schöner himmelblauer Farbe, ihre Miene war sanft und lachend, ihre Lippen waren schön und feucht von der süßesten Sinnlichkeit, ihre Zähne zwei Reihen Perlen vom glänzendsten Schmelz. Die Haare konnte ich ihrer Haube wegen nicht sehen; aber wenn sie welche hatte, mußten sie schön hellbraun sein; das konnte ich an den Augenbrauen sehen. Was mich am meisten entzückte, war ihre Hand und ihr Vorderarm, den ich bis zum Ellbogen sah. Der Meißel des Praxiteles hat niemals etwas schöner gerundetes, volleres und anmutigeres geformt. Trotz allem, was ich sah und erriet, bereute ich es nicht, die beiden Stelldichein ausgeschlagen zu haben, die die Schöne mir angeboten hatte, denn ich fühlte mich sicher, daß ich binnen wenigen Tagen sie besitzen würde, und es war mir ein Genuß, ihr meine Begierden zum Opfer weihen zu können. Ich sehnte mich nach dem Augenblick, wo ich mit ihr allein am Sprechgitter sein würde, und ich hätte ihr einen Schimpf angetan geglaubt, wenn ich nicht gleich am nächsten Tage hingegangen wäre, um ihr zu versichern, daß ich ihr alle Ge- rechtigkeit wiederfahren ließe, die sie verdiente. Sie sah mich während der ganzen Zeit nicht einen einzigen Augenblick an, aber diese Art von Zurückhaltung gefiel mir im Grunde. Plötzlich senkten die bei- den Freundinnen die Stimme, und Zartgefühl machte mir zur Pflicht, mich zu entfernen. Ihre geheime Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde, die ich damit verbrachte, mir zum Schein ein Gemälde anzusehen. Nach Ablauf dieser Zeit umarmten sie sich wieder wie zu Anfang; die Nonne schloß das bewegliche Gitter wieder zu, drehte uns den Rücken und ging, ohne mir auch nur einen einzigen Blick zuzuwerfen.

Auf der Rückfahrt nach Venedig wurde die Gräfin vielleicht meines Schweigens überdrüssig und sagte lächelnd zu mir: »M. M. ist schön und sehr geistvoll.«

»Das eine habe ich gesehen, und das andere glaube ich.«

»Sie hat kein Wort zu Ihnen gesagt.«

»Da ich ihr nicht vorgestellt werden wollte, hat sie mich bestraft, indem sie so tat, als ob sie meine Anwesenheit gar nicht bemerkte.«

Die Gräfin antwortete nicht, und wir kamen bei ihrem Hause an, ohne noch ein weiteres Wort auszutauschen. Ich verließ sie an der Tür, da eine schöne Verbeugung und die Worte: Leben Sie wohl, mein Herr! mir bedeuteten, daß ich nicht weiter mitzugehen hätte. Übrigens hatte ich dazu auch gar keine Lust; ich ging an einen anderen Ort, um meinen Gedanken über dieses eigenartige Abenteuer nachzuhängen, auf dessen Weiterentwicklung ich sehr gespannt war.