Märchen

723. Zwölf schlagen hören

723. Zwölf schlagen hören

Zwischen den drei Orten Themar, Marisfeld und Oberstadt, nahe bei Dachbach, liegt ein weites Feld, das Gertles (Gertlitz) oder Gätles genannt, dort hat vor alters ein Dorf gestanden, und es ist darauf gar nicht geheuer. Ein Reisender wanderte über jenes Feld, da sah er plötzlich, wie jener Feldscher das wüste Germelshausen, ein schönes Dorf vor sich liegen. Es war gerade Sonntag, und in dem Dorfe läutete es in die Kirche. Als er hineinkam, schritten die Leute auch ganz ernst nach derselben hin; ihre Tracht war aber auffällig alt und sonderbar, gar nicht wie heutzutage die Mode. Der Reisende fragte einige der Vorübergehenden nach dem Namen des Ortes, aber wen er auch fragte, der gab ihm keine Antwort, und alle wandelten so ruhig und still, ja lautlos, unhörbaren Trittes an ihm vorüber, als ob sie ihn gar nicht sähen. Dabei starrten ihre Augen ganz gläsern, und es kam dem Reisenden ein übermächtiges Grauen an. Eilends verließ er den unheimlichen Ort, kam nach Themar und fragte gleich am Tor, was das für ein Dorf sei, und beschrieb es. Aber niemand wollte es kennen. Seitdem hat es auch keiner wiedergesehen. Die Sage geht, wer es im Gertles zwölf schlagen hört, der kommt zu großem Glück; ein solcher muß aber den Mut haben, jede der zwölf heiligen Nächte (vom Weihnachtsheiligabend bis zum heiligen Dreikönigtag) auf dem berufenen Felde zuzubringen. Ein Bauer aus Marisfeld war kühn genug zu diesem Wagnis, er ging jene Nacht in den Zwölften auf die öde Wüstung hinaus, und in einer derselben geschah, was er gewünscht, er hörte es plötzlich dicht neben sich zwölf schlagen, aber es schlug mit einem so über alle Maßen entsetzlichen Ton, daß er bei den ersten Schlägen vor Schreck und Grauen zu Boden geschmettert wurde. Wie ein Toter blieb er in dumpfer Betäubung auf dem Felde liegen bis zum Morgen, wo er erwachte, sich mühsam aufraffte und bis in sein Dorf schleppte. Dort packte ihn ein heftiges Fieber und fesselte ihn ein Vierteljahr lang an das Krankenbett. Endlich besserte sich’s mit ihm, und er fing wieder an zu arbeiten. Was er aber nun anfing, das glückte ihm und schlug ihm zum Nutzen aus, seine Scheuern füllten sich wie von selbst, seine Saaten blieben unverhagelt, seine Taschen wurden vom Geld nimmer leer, ja er durfte Steine säen, und es ging der schönste Weizen auf. Er wurde der reichste Mann des Ortes, das war seines Mutes Lohn. Darum ist in dieser Gegend das Sprüchwort entstanden, wenn einer schnell reich wird ohne sichtbare Ursache: Der hat es im Gertles zwölf schlagen hören.

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724. Die Jungfrau mit dem Zopf

724. Die Jungfrau mit dem Zopf

Über dem Wappen der Grafen von Henneberg-Schleusingen, der schwarzen Henne mit rotem Kamm auf drei grünen Bergen im goldnen Felde, steht der Helm mit seiner Zier, letztere darstellend die Büste einer gekrönten Jungfrau ohne Arme mit einem langen Zopf. Da unzählige Male dieses Wappen im Bereich der alten Grafschaft Henneberg an Mauern, Toren, Kapellen, Brücken usw. angebracht ist und diese Helmzier dem Volke mehr deutsam erschien als jede andere, so hat sich über dieselbe mehr als eine Sage gebildet und verbreitet, die sich mehr oder minder einander ähneln und ergänzen.

Ein Graf von Henneberg zog nach Italien und in das Heilige Land. Dort lernte er die Tochter eines Königs von Arabien kennen und gewann ihre Liebe, jedoch mußre er sie verlassen, schied sich mit Schmerz von ihr und reiste nach seiner Heimat zurück. Die arabische Prinzessin wurde darauf von der heftigsten Sehnsucht ergriffen, die sie eine Zeitlang zu überwältigen suchte, allein ihre Liebe war allzu mächtig, und vermochte nicht länger zu widerstehen, zog deshalb mit vielen Schätzen aus ihrem Vaterlande und dem Geliebten nach. Als sie in die Gegend des Klosters Veßra kam, hörte sie von den beiden Türmen der Kirche sowohl als auch von den umliegenden Ortschaften lange anhaltendes feierliches Geläute. Nun forschte sie, was das zu bedeuten habe. Da wurde ihr zur Antwort, sie müsse wohl sehr weit herkommen, daß sie nicht wisse, daß heute der Landesherr seine Hochzeit feiere, und man nannte ihr dessen Namen. Das war nun aber leider ihr Geliebter, die arme Prinzessin wurde fast unsinnig vor Schmerz. In ihrer Verzweiflung riß sie sich ihren starken Zopf ganz aus, dann nahm sie den Schleier und verwandte all ihr Geld und Gut und reichen Schatz zu frommen Werken, von diesen nennt man noch die Klostermauer um Veßra und die Brücken von Ober- und Untermaßfeld, in welchen Orten man auch diese Sage ganz so wie um Veßra erzählt, nur daß die Sarazenin über Henneberg gekommen sei. Den Grafen aber rührte tief die Liebe und der Schmerz der fremdländischen Jungfrau, er ließ ihr Bildnis als Helmzier auf sein Wappen setzen und allenthalben anbringen, daher kommt auf dem Hennebergischen Wappen die Jungfrau mit dem Zopf, wie es in Veßra, an der Kapelle neben der Obermaßfelder Brücke und anderwärts häufig noch heute zu ersehen ist. In Veßra wurde die Araberin begraben, dort war ein Monument im obern Chor der Kirche, eine Jungfrau mil schwebenden oder zu Feld geschlagenen Haaren, in Stein gehauen, auf sechs Säulchen, welche Jungfrau, wie eine alte Nachricht aussagt, soll eine Königstochter gewesen sein und durch Heereszüge mit in dieses Land gekommen. Sie hat ihr Leben allda beschlossen und etliche Kleinod, so sie bei sich gehabt, ins Kloster gegeben. Sie hatte einen langen Mantel über dem untern innern Kleide oder Rocke, einen schmalen Gürtel, ein edel Gespang vorn unter dem Halse auf der Brust hangen und einen Leidschleier oder Binde von dem Haupt bis auf die Füße hangen. An dem Kissen unter dem Haupt zu beiden Seiten zwei Engel, so dies Kissen hielten. Also war der Sarazenin Denkmal beschaffen.

Nach andern spielten zwei Grafen von Henneberg Kegel miteinander, entzweiten sich, und einer dieser Brüder schlug den andern tot und entfloh. Sein Geschick führte ihn in das Reußenland bis nach Moskau, da war denn die getäuschte, dem Liebsten nachgezogene Geliebte eines moskowitischen Kaufmanns Tochter, womit diese ohnfehlbar jüngere Sage immer noch nach dem Orient hinweist. Eine noch jüngere Abwandlung derselben läßt den Grafen nur bis Würzburg gelangen, dort der Kaufmannstochter Liebe und Treue geloben und die letztere brechen, weil seine Verwandten ihn allzusehr bestürmten, sich ebenbürtig zu vermählen. Da nun die Verlobte mit reichem Gut ihm nachzog und ihr Unglück erfuhr, riß sie den Zopf sich aus vor Schmerz und Gram, machte von ihrem Gute mehrere fromme Stiftungen, erbaute Brücken, und da sie in ein Dorf kam, allwo sie getröstet wurde, gründete sie daselbst ein Kloster und nannte ihres Trostes Stätte Troststatt.

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725. Schleusingens Ursprung und Name

725. Schleusingens Ursprung und Name

Schleusingens Ursprung und Name

Von dem Ursprung der Stadt Schleusingen wird eine Sage erzählt, die sich an das Wahrzeichen dieser Stadt, eine Sirene oder Wassernixe, knüpft, welches Wahrzeichen auf einem Schild am Rathaus noch zu sehen ist. Ein reicher Graf jagte in den Waldungen dieser Gegend, lange vorher, ehe die Stadt vorhanden war, und verfolgte unablässig ein weißes Reh, ohne dieses doch erjagen zu können. Darüber brach die Nacht herein, und der Graf, welcher von seinen Begleitern ganz abgekommen war, mußte die Ruhe auf bloßer Erde des Waldbodens suchen. Schon hatte er sich am Fuß eines felsigen Berges niedergelegt, als er einen ungewöhnlichen Glanz gewahrte und eine funkelnde Grotte erblickte, in welcher sich ein kristallenes Becken befand; drei silberne Quellen ergossen sich hinein, und auf den lichten Wellen wiegte sich eine reizende Wasserfei, die um ihre Stirne ein blitzendes Band trug, darauf die Zeichen SLVS zu lesen waren. Diese Fei erhob einen süßen und bezaubernden Gesang, und als sie geendet, winkte sie den Grafen zu sich hin und vertraute ihm, daß jenes weiße Reh, welches er verfolgte, ihre Tochter sei, die ein böser Zauberer verwandelt, der oben auf dem Berge über dem Quellbrunnen in einem gewaltigen und festen Turme wohne. Diesen Zauberer wolle sie in Schlaf singen, und der Graf solle ihn überwältigen und töten. Das werde ihm durch die Kraft der Worte gelingen, die ihr Stirnband zierten, welche bedeuteten: Sie (nämlich die Tochter der Wasserfei) Liebe Vnd Siege! Das alles geschah nun auch wirklich, und als der böse Zauberer getötet war, mußte der Graf das weiße Reh dreimal mit der Flut des Kristallborns benetzen, dessen drei Quellen die drei vereinten Bergwasser, die Schleuse, die Erle und die Nahe, bedeuteten, worauf das Reh sich in ein wunderschönes Fräulein verwandelte. Mit diesem vermählte sich der Graf und nannte sich und sein Geschlecht von der Brunstätt, gründete das Schloß und die Stadt Schleusingen, deren Name aus den drei geheimnisvollen Buchstaben SLVS sich bildete, und welche zum Wahrzeichen die Sirene in ihrem Stadtwappen beibehielt. Die Wasserfei soll noch im Schloßbrunnen, dem klarsten und besten der Stadt, wohnen, das Geschlecht derer von Brunstätt aber artete aus und soll von den Grafen von Henneberg aus dortiger Gegend vertrieben worden sein.

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726. Die Totenmette

726. Die Totenmette

Oberhalb Schleusingen liegt die Totenkirche, vor ihr stehen uralte schöne Linden. Einstmals blieb eine Frau aus Schleusingen, welche bei einem Leichenbegängnis die Predigt mit angehört hatte und eingeschlafen war, in der Kirche sitzen und mochte ziemlich lange geschlafen haben. Als sie erwacht, ist es Nacht, und die Kirche ist voll Menschen; es wird Mette gehalten, und es summt ein leiser Gesang. Die Frau will mitsingen, kann aber wegen der Düsternis die Nummer nicht erkennen und rührt an ihre Nachbarin, sich die Nummer des Liedes zeigen zu lassen. Wie sie diese Nachbarin anblickt, hat dieselbe ein Gesicht wie eitel Spinnweben und ist eine ihr wohlbekannte längst verstorbene Frau. Diese erhebt ihre welke Totenhand, nur noch Gerippe, und zeigt mit dem gelben Fingerknochen auf das Lied – da erkennt die Frau Nummer und Buchstaben, es ist das Lied: O Ewigkeit, du Donnerwort. Die zum Tod erschrockene Frau kreischt vor Schreck laut auf, da schwinden mit einem Male die bleichen Schatten alle hinweg, und die Frau wankt zitternd nach der Türe und nach Hause, hat aber nicht gar lange mehr gelebt.

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712. Die versunkene Kirche

712. Die versunkene Kirche

Nahe bei Koburg fließt die Lauter in einem friedlichen Talgrunde, in welchem vorzeiten eine Stadt lag, darinnen wohnten lauter glückliche Menschen, die kein Leid kannten. Da nun der Tag Allerseelen kam, an dem man Leid trägt um die Verstorbenen, so sprachen die Leute in jener Stadt: Wozu sollen wir ein Fest der Wehklage feiern, da wir nichts zu wehklagen haben? Wir wollen diesen Tag nicht feiern. Da hat Gott der Herr ein Kindersterben gesandt, daß jene Leute einen großen und tiefen Schmerz haben sollten und sollten den Allerseelentag in Demut begehen und für die Gestorbenen beten – und es starben die Kinder alle und alle, und wurde der ganze Kirchhof voll neue Gräber an einem Tag, und war fast Mangel an Särgen. Da ging ein großer Trauerzug zur Kirche hin am Allerseelentag, und war in ihr nichts als Seufzen und Weinen und Wehklagen und ein unnennbares Gefühl des Schmerzes. Und wie der Herr den Schmerz dieser Väter und Mütter ansah, denen in den Kindern all ihr Glück genommen war, so jammerten sie sein, und erbarmte sich ihrer und ließ die Kirche und den Friedhof mit seinen Kindergräbern in die Tiefe versinken. Darauf ist die Stätte im Lautertale, wo die Stadt der Glücklichen stand, verödet. An manchen Feiertagen, und zumeist am Allerseelentag, hört man aus der Tiefe die Glocken der versunkenen Kirche läuten, und die Kinder der Dörfer im Lautergrunde wissen die Stelle, und erzählen einander die Sage, und lauschen still hinunter, und schauern und beten.

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713. Die vierzig Ritter

713. Die vierzig Ritter

Zu Eisfeld zwischen dem Schwan und dem Adler floß vor alten Zeiten die Werra vorüber und bildete einen sumpfigen Weiher. In diesen gerieten vierzig geharnischte Ritter, welche von Feinden verfolgt wurden; sie blieben, gehemmt durch ihre schweren Rüstungen, samt ihren Pferden im Sumpf und Morast stecken und starben eines jämmerlichen Todes.

Diese Sage, die so einfach und seltsam aus ferner Zeit herüberklingt, scheint eigentümlich nach jenen vierzig römischen Rittern hinzudeuten, deren Martyrertag der neunte März, welche Kaiser Licinius im Jahr 320 nach Christo im kalten Winter, aber nackend, auf einen gefrornen Weiher setzen und elend umkommen ließ.

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714. Frau Holle verbrannt

714. Frau Holle verbrannt

Zu Eisfeld ist ein alter Brauch, daß am Sonntage Epiphanias nach der Nachmittagskirche unter Musikbegleitung ein kirchliches Lied abgesungen wird; dabei ist die ganze Bevölkerung zugegen, und Kinder und Alte rufen einander zu: Frau Holle wird verbrannt! Über diesen Brauch wissen die Leute nichts Bestimmtes zu sagen, und eine Mär, die sie berichten, läßt über den Namen Frau Holle und deren Verbrennung im unklaren. Vor uralten Zeiten, sagen sie, war zu Eisfeld ein Mönchskloster und ein Nonnenkloster, die lagen einander gegenüber und waren miteinander durch einen unterirdischen Gang verbunden. Dieser Gang soll bis zum vorletzten großen Brande noch offen, dann aber verschüttet worden sein. Durch diesen Gang nun besuchten die Münchlein die Nünnelein, und da trug sich’s zu, daß auch die Frau Äbtissin selbst in andere Umstände kam, die ihr mitnichten lieb waren, und sogar zweier Knäblein aus einmal genas, und konnte die Schmach nicht verhehlt werden. Da nun der Täter unenthüllt blieb, so mußte der Allerweltsbuhlgeist, der arme Teufel, ihr Buhle gewesen sein, der eigentliche Sündenbock, auf dessen Rücken Last und Laster in Fülle geschoben wurden. Er trug auch diese neue Last geduldig, aber die Frau Äbtissin wurde nachmittags am Sonntag nach dem Neujahr auf öffentlichem Markt verbrannt. Möglich, daß sie Hulda hieß, so wäre das Rätsel der Hollenverbrennung gelöst.

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715. Der Erbsenacker

715. Der Erbsenacker

Hoch über dem Dorfe Krock, eine Stunde von Eisfeld, steht auf einem steilen Hügel die alte Kirche des Ortes, die man vorzeiten Irmenkirche nannte. In ihrer Nähe ist auch ein tiefer Brunnen befindlich, der wird der Irmenbrunnen genannt. Dort soll, so geht die Sage, eine Königstochter gewohnt haben, die an diesen Ort geflüchtet war aus heimlicher Liebe. Endlich aber war ihre ganze Habe verzehrt, der Liebste von hinnen, und sie besaß nichts weiter als ein Mäßchen Erbsen, das nahm sie und ging traurig von dannen nach Eisfeld. Aber das Säcklein, darin die Erbsen waren, hatte ein Loch, und am Krocker Berge verlor sie fast alle. Wo die Prinzessin, die am Irminborn gewohnt, hingekommen ist, das weiß man nicht, aber die Erbsen wurden alle zu Steinen und zeugen noch von ihr, denn tagtäglich findet man deren noch an jener Stelle, kleine runde Kieselsteine, erbsengroß und erbsenfarben, wohl auch bisweilen etwas größer. Diese Sage der Erbsenverwandlung in Steine deutet, wenn man sie deuten will und darf, darauf hin, daß der Arme auch sein Letztes verliert, und an die versteinernde Kraft des Schmerzes. In der Sage von den Erbsensteinen ist die Versteinerung Strafe des Geizes, und in einer Sage aus Palästina wird sie zur Strafe der Lüge. Dort liegt, am Wege von Jerusalem nach Bethlehem, auch ein Erbsenacker, öde und unfruchtbar. Darauf säete ein Bauer Erbsen.

Maria mit dem Christuskinde ging vorüber und fragte den Bauer: Was säest du? – Die Lümmelhaftigkeit des arabischen Bauers wollte ohne Zweifel der seiner deutschen Vettern nicht nachstehen, und er antwortete grob und kurz: Steine! – So trage fortan dein Acker solche Frucht! rief Maria – und seitdem trägt jener Acker nur Erbsen von Stein, die kein Mensch genießen kann. Die alten Naturforscher nannten diese erbsengroßen Steingebilde Pisa bethlehemitica.

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716. Von Ummerstadt

716. Von Ummerstadt

Ummerstadt soll eigentlich den Namen Immerstadt haben, wie früher manche haben behaupten wollen, zum Zeichen, daß es stets und immer eine Stadt gewesen. Zu dessen Zeugnis habe vormals an einem Schwibbogen (man weiß nicht, an welchem Gebäude) das griechische Wort ἀεῑ gestanden, welches nichts anders als immer heißt. Doch ist die Stadtgerechtigkeit dieses Ortes erst vom Jahre 1394 an nachzuweisen, in welchem Jahre aber die Bürger beim Landgrafen Balthasar von Thüringen eingekommen waren, ihnen die verlornen und verwahrlosten Urkunden und Briefe über die Stadtfreiheit, Jahr- und Wochenmärkte zu erneuen, was auch geschah. Sonst ist Ummerstadt in der Gegend bekannt wegen der Schildbürgerstreiche, die seinen Bewohnern von den Nachbarorten aufgebürdet werden, und die ziemlich gleichlautend mit denen sind, mit welchen man sich von der Stadt Wasungen trägt, sowie mit manchen derer des Dorfes Dittis an der Rhön und andern, wie solche des weitern nachzulesen sind.

Wie die Ummerstädter den Hasen gejagt, hören sie nicht gern erzählen; ihrer lustigsten Stücklein eines ist das mit dem Salzsack, und doch ist’s nicht eigentlich ein Ummerstädter Streich. Ein Bauernknecht von Kolberg fuhr durch Ummerstadt und wollte nach Koburg; da rief eine Ummerstädtsche ihn an, fragte ihn, wohin er fahre, und bat ihn, ihr einen Sack Salz von dort mitzubringen. Der Sack, den sie ihm gab, hatte am untern Zipfel ein Loch von ziemlicher Größe, welches die Frau mit einem Bindfaden zuband. Der Salzhändler in Koburg hielt diese zugebundene Öffnung für die richtige, knüpfte sie auf und füllte das Salz nicht ohne Mühe hinein. Jetzt zog er am Sack, damit das eingefüllte Salz sich recht setze und mehr hineingehe, da fiel alles Salz zur großen Öffnung unten heraus, und er hatte den leeren Sack in der Hand. – Na so was, so was! schrie der Koburger Mann, sollt‘ m’r denn meinen! Ihr seid gewiß aus Ummerstadt? – Auf diese Frage wurde das Knechtlein rot bis über die Ohren und stammelte verschämt: Nä, lieber Herr, iche nich, aberst der Sack. – Ein Bäcker ließ 1851 einen Backofen bauen, bei welchem ein Maurer während des Bauens in das Gewölbe sich legen und dasselbe von innen mit Lehm oder Kalk verstreichen mußte, während die andern Gesellen von außen mauerten. Endlich war der Ofen fertig, aber o weh!, das Ofenloch, aus welchem der inwendige Maurer nun herauskriechen sollte, war zu klein! Der arme Schelm konnte nicht heraus; sie hatten ihn eingemauert, und der Ofen mußte zum Teil wieder eingerissen werden, um den schlimmbesudelten Architekten ans Tageslicht bringen zu können.

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717. Stelzen und die Riesen

717. Stelzen und die Riesen

Über Eisfeld zum Walde hinauf am Fuß des Bleß liegt ein Dorf, heißt Stelzen; dort war ein Heilbrunn, der heilte Blinde und Lahme; letztere hingen um den Brunnen, dessen Lage, in einer erdfallähnlichen Grotte, von uralten Bäumen umstanden, lebhaft an einen heiligen Hain erinnert, ihre Krücken und Stelzbeine auf, daher kommt des Dorfes Name. Der Brunnen war weit und breit berühmt, aber da sich nun allmählich eine Ortschaft in seiner Nähe angesiedelt hatte, so verblendete der Teufel der Habsucht die Einwohnerschaft, daß sie gedachten, von dem Heilbrunnen Gewinn zu ziehen, und wollten jetzt von den armen Kranken und Heilungbedürftigen, die oft weither gepilgert waren, Geld für das Wasser haben. Da versiegte zwar nicht die Quelle, aber es erlosch ihre Heilkraft, und das Wasser löschte bloß den Durst. Dieser Stelzenbaum ist die Quelle der Itz. In derselben Gegend um Eisfeld, Stelzen, Bachfeld und Burggrub haben vorzeiten gewaltige Riesen gewohnt. Die Sage vom Riesenspielzeug, wie sie so oft begegnet, im Elsaß, bei Blankenburg im Thüringerwald u. a., wiederholt sich getreu auch hier. Die Riesen über Stelzen spielten im Tossental, das eine halbe Stunde entfernt liegt, und kaulten (kegelten) miteinander; die Bahn hatte die Länge von Tossenthal bis Eisfeld. Riesen und Ritter – die Sage vermengt hier beide – warfen vom Schaumberg, darauf die Schaumburg stand, nach Burggrub einander ihre schweren Hämmer und Holzschlägel zu, oder sie bespritzten sich von einer Burg zur andern spaßeshalber mit Wasser, schleuderten einander auch goldne Kugeln zu.

Es ging auch die Sage, im Altar der Kirche zu Stelzen sei ein goldenes Hirschgeweih verborgen. Endlich öffnete man ihn, fand aber bloß ein kleines Trühlein von Kupfer, darin einige Heiligenknöchlein und ein altes vermodertes Blättchen Pergament. In Bachfeld ziehen, besonders zur Weihnachtszeit, Lichter in Prozession durch die ganze Kirche, ja sogar aus ihr heraus, aber niemand kann diejenigen erblicken, welche die Lichter tragen. Die Kirche zu Stelzen war sehr reich, das ganze Holz des mächtigen Bergstockes des Bleß gehört ihr, der Kirche, nicht der Gemeinde; daraus ist viel Prozessierens entstanden. Rechts am Bleß zieht sich eine schöne weite Waldwiese bis in die Ebene herab, die gehörte den Herren von Hanstein und war ein Asyl. Wer sie erreichte, den durften auf ihr weder Büttel noch Werber fassen, noch sonst jemand. In diesem Walde und auch sonst in den forstreichen Gegenden des Meininger Oberlandes geht die Sage von einer nächtlichen Säge, welche ganz allein arbeitet und schon manchen armen Holzarbeiter reich machte. Manche meinen, es seien Zwerge, die sie unsichtbar in Bewegung setzen, doch ist und bleibt solche Säge und ihr Segen ein unergründliches Waldesgeheimnis.

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