Märchen

731. Die Haßfurtjungfrau mit der Glücksblume

731. Die Haßfurtjungfrau mit der Glücksblume

Bei Meiningen ist ein Bergwald gelegen, darinnen liegt eine alte wüste Burgstätte mit einem gar tiefen Felsenbrunnen. Das soll ein Raubschloß gewesen sein; dicht unter ihm zog die alte Frankenstraße hin, und das stand in Verbindung mit der alten Burg Landswehr, die nahe dabeiliegt. Im Schöße beider Burgen sollen noch große Schätze liegen. Dort läßt sich nun alle hundert Jahr die sogenannte Haßfurtjungfer sehen, in weißer Kleidung mit einem Schlüsselbund; ein schwarzer Hund folgt ihr bisweilen. Wenn die Zeit da ist, wo sie erscheinen darf, ist ihr vergönnt, ein ganzes Jahr lang zu wandeln, dann wird sie häufig erblickt auf der alten Burgstätte, wie in der Waldung und unten im Tale und bemüht sich, Menschen zu finden, welche den Schatz heben, denn an die Hebung des Schatzes ist ihre Erlösung geknüpft. Vor mehr als hundert Jahren hatten einige Prinzen ein Jagen angestellt, und der Hofjäger war mit mehrern Burschen voraus, das Nötige anzuordnen. Als das geschehen, harrten die Jäger der Herrschaft an einer geeigneten Stelle, und zwar unter dem Berg, darauf damals noch die Trümmer der Haßburg standen, da wurden die Weidgesellen geworfen, erst mit Erde, dann mit Mörtel und kleinen Steinen. Sie glaubten, es seien Kameraden von ihnen da oben versteckt und neckten sie; aber das Werfen hörte nicht auf, und es kamen immer größere Steine geflogen. Da schalt der Hofjäger und eilte den Berg hinauf, mitten durch den Steinregen. Oben aber war niemand, und es warf nicht mehr und war alles totenstill. Und wie er sich umwandte, siehe, so stand schleierweiß die Haßfurtjungfrau vor ihm, nur einen Augenblick, und von ihrem Schlüsselbund fiel ein Schlüssel; schnell verschwand sie. Der Jäger sah zur Erde, da lag der Schlüssel wirklich, und zwei schöne goldgelbe Blumen standen da. Er hob den Schlüssel auf, achtete aber der Blumen nicht. Unterdes war die Herrschaft unten im Tale angekommen, und er eilte zurück und zeigte seinen Fund. Stand weiter nichts dabei? fragte gleich einer aus dem Zuge. – Ja, zwei gelbe Blumen, antwortete der Finder. – Hättet Ihr diese gepflückt, wäret Ihr glücklich gewesen! – Flugs eilte der Hofjäger wieder den Berg hinauf, die Blumen zu pflücken, sie standen aber nicht mehr da. Oft soll die Haßfurtjungfrau erschienen sein; der Schatz ist noch ungehoben, vergebens sucht man den Zugang zum Burgkeller. Einem fremden Schlossergesellen, der nie in diese Gegend gekommen war, träumte einst, daß unter den Ruinen der Haßburg ein großes Gewölbe sei voll Rüstzeug, Waffen und Gold; er solle hingehen und den Schatz heben. Zum Wahrzeichen werde er ein Messer mit hirschhornenem Griff finden. Er ging in den Wald, fand die Burg und dasMesser, aber es lag auf einem Felsen, und er wußte weiter nichts damit anzufangen.

Ganz ähnlich wird dieselbe Sage vom Landsberg erzählt. Dort stand dem beglückten Hofjäger schon der Berg offen, er wollte eben hinein, da hörte er unten im Tale die Jagdhörner, die Herrschaft war da, und er glaubte vom Landesherrn seinen Namen laut rufen zu hören, steckte den Schlüssel ein, die Blume auf den Hut und eilte zurück. Als die Jagd vorbei und der Kammerherr des Dienstes ledig war, ritt er eilig wieder auf den Landsberg und suchte die Türe, die hinter ihm zugefallen war. Aber er fand sie nicht wieder und fand, daß er auch die Blume verloren habe. Keine zweite Glücksblume wuchs für ihn, und er zog traurig heim. Der alte Schlüssel, sagen einige, soll noch vorhanden sein und in einem Archiv liegen.

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732. Vom Frickenhäuser See

732. Vom Frickenhäuser See

Unter der alten Stammburg Henneberg führt die Land- und Heerstraße von Meiningen aus in das gesegnete Frankenland. Da kommt man bald in den Grund der Streu, die von Ostheim herrinnt und der fränkischen Saale ihr stillfließendes Gewässer zuführt. Dort liegt, nicht gar weit von Mellrichstadt, dasDorf Frickenhausen und sein weitberufener See, ein stilles und tiefes Wasser, fast rundum von hohen Bäumen umschattet und von unergründlicher Tiefe, von steilen Bergen umgeben, der Frickenhäuser See. Sein Wasser ist hell, hat einen natürlichen Geschmack und wird ungeachtet des geringen Abflusses doch nicht faul. Wunderbar sind die Sagen und Mären, welche die Bewohner jener Gegenden über diesen See zu erzählen wissen oder doch wußten. So behaupteten einige, der See trage auf seiner Oberfläche durchaus keinen Körper, sondern verschlinge ihn urplötzlich, wie dort in Westfalen das Heilige Meer. Neue Versuche haben freilich gerade das Gegenteil dargetan. Andere wollen riesenartige Fische in ihm gesehen und von den Ahnen gehört haben, der See werde dereinst mit Gewalt ausbrechen und ganz Franken überschwemmen; denn er sei eine Ader des Meeres. Deshalb beten auch viele Bewohner der Gegend zu Gott, daß er sie diesen Ausbruch des Sees nicht möge erleben lassen, und in der Domkirche zu Würzburg würde, so sagen sie, alljährlich eine Messe gelesen, daß Gott die Überschwemmung Frankens durch den Frickenhäuser See verhüte. Darum getraue man sich auch nicht, mit einem Kahn das rätselhafte und verrufene Wasser zu befahren. Fische sollen darin sich aufhalten, aber nur selten zu Gesicht zu bekommen sein. Im Jahre 1793 erblickte ein Jäger aus der Nachbarschaft einen Fisch, der an Größe einem ausgewachsenen Schweine nicht viel nachgab. Die Kunde von diesem Fisch verbreitete sich weit umher und rief Leute in Menge herbei, um diesen großen Wunderfisch zu sehen und anzustaunen. Allein niemand sah ihn mehr. Ein anderer Jäger schlief einst an dem Ufer ein und hatte die mit einer Kugel geladene Büchse neben sich liegen. Ein heftiges Geräusch im See erweckte ihn, und hinblickend gewahrte er zwei riesige Fischungeheuer, die sich oben an der Seefläche zeigten. Sogleich ergriff er sein Gewehr, zielte und schoß nach einem der Riesenfische, worauf beide sogleich untertauchten. Aber einige Schuppen schwammen von dem getroffenen auf dem Wasser, die der Jäger auffischte und den Leuten zeigte; sie waren so groß wie ein zinnerner Teller. – Oft trübt sich das Wasser dieses Sees, wenn auch in der ganzen Gegend kein Regen ist, und bei der anhaltendsten Dürre nimmt er nicht ab, obwohl man glaubt, daß die bei Sturmwetter sich trübende starke Quelle, die im Streugrunde bei Mittelstreu mit starkem Brausen hervorbricht und gleich bei ihrem Ursprünge einige Mühlen treibt, dem unterirdischen Ausfluß des Sees ihr Wasser danke.

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733. Nix Schlitzöhrchen

733. Nix Schlitzöhrchen

So klein und schmal das Wiesenflüßchen, die Streu, auch ist, so wohnt doch in ihm ein neckischer Nix und treibt sein Wesen im Streugrunde unter und über Mellrichstadt von Stockheim bis Heustreu, wo das Flüßchen in die Saale fällt. Dieser Nix heißt Schlitzöhrchen, weil er geschlitzte Ohren hat; er hat seine Lust daran, Leute, die über die Streu gehen, in das Wasser zu ziehen und sie tüchtig unterzutauchen. Es kommt ihm auch nicht darauf an, sie ganz zu ersäufen. Das ist nach der alten Leute Aussage schon gar manchem widerfahren. Woher nur die Kobolde und Nixen ihre neckischen Namen haben, deren Zahl legionenmal verschieden ist? Dort im alten Preußenlande, zu Prassen bei Lauenburg, hießen ein paar Fingerlinge Rotöhrchen und Gelböhrchen. Es ist, als ob der Name Öhrchen auf etwas Geheimnisvolles hindeute, auf das Horchende. Am Kraute Mausöhrchen (alter Name Auricula muris, neuer: Hiracium murorum, nebst vielen andern Arten, darunter auch eine Hieracium auricula und eine geschlitzte Abart, Hieracium sylvaticum, das Schlitzöhrchen der Pflanzenwelt) finden sich, sonderlich an denen, so nach Johannis blühen, unten am dicksten Teile der Wurzel zwischen den Fäserchen der alten Blätter rote Tropfen gleichsam eingewickelt. Etliche nennen das Johannisblut und halten dafür, wenn jemand am Johannistage oder um diese Zeit mittags zwölf Uhr ein solches Kraut aushebt und den roten Tropfen auf seine Hand fallen läßt, so könne er daraus ein Prognostikon seines Lebens nehmen, je nach der Dauer der Farbe; läßt sie sich gleich auswaschen, so stirbt er noch im selben Jahre. Aber auch die Tierwelt hat ihr Schlitzöhrchen, das ist die Ohrlitze, der Ohrwurm, Forsicula auricularia L., und den Namen Schlitzöhrchen führt er im Werragrunde bis zum Streugrunde hinüber. Der inniggeistige Zusammenhang der Sagenwelt mit dem Naturleben ist ein zwar nicht mehr unentdecktes, aber doch noch fast ganz unerschlossenes Land, ein Kalifornien voll des Zaubergoldes der Poesie.

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734. Die Alpnonne

734. Die Alpnonne

Nicht weit vom Streugrunde lag ein Nonnenkloster, Wechterswinkel geheißen; im selben Kloster diente ein junger, bildhübscher Knecht, den drückte oft das Alp, und wußte sich gar keinen Rat, dem Übel abzuhelfen. So klagte er einem weisen Manne seine Not, und der sagte ihm, es sei nichts leichter, als das Alp zu bannen, der Knecht solle nur, wenn es wieder drücke, herzhaft dahin greifen, wo er es fühle, und das festhalten, was er fasse, und einsperren. Diesem Rat folgte der Knecht, und als das Alp ihm wieder heftig drückend auf der Brust lag, so griff er zu und faßte – eine Flaumfeder. Obschon er nun nicht glauben konnte, daß diese leichte Feder ihn gedrückt, so war es ihm plötzlich federleicht zumute, aller Druck war hinweg, er sprang aus dem Bette und schloß die Feder in ein kleines Kästchen. Am andern Morgen ging ein Geschrei durch das ganze Kloster, es sei eine Nonne in ihrem Bett erstickt und also tot gefunden worden. Zufällig begegnete der Knecht dem weisen Mann und erzählte ihm das mit der Flaumfeder und auch als etwas Neues, daß eine Nonne erstickt sei. Da sprach jener Mann: Um Gottes willen schließe deinen Kasten auf und lasse die Feder fliegen! Der Knecht tat’s, und da flog die Feder gerade in die Zelle der gestorbenen Nonne, wo das Fenster offenstand, und zur Stunde wurde jene wieder lebendig. Der Knecht hatte nie wieder Alpdrücken. Die Nonne war das Alp gewesen, gleich jenem Frauenbild in der Ruhl, nur daß der Ruhlaer mehr mit seinem Alp erlebte.

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725. Schleusingens Ursprung und Name

725. Schleusingens Ursprung und Name

Schleusingens Ursprung und Name

Von dem Ursprung der Stadt Schleusingen wird eine Sage erzählt, die sich an das Wahrzeichen dieser Stadt, eine Sirene oder Wassernixe, knüpft, welches Wahrzeichen auf einem Schild am Rathaus noch zu sehen ist. Ein reicher Graf jagte in den Waldungen dieser Gegend, lange vorher, ehe die Stadt vorhanden war, und verfolgte unablässig ein weißes Reh, ohne dieses doch erjagen zu können. Darüber brach die Nacht herein, und der Graf, welcher von seinen Begleitern ganz abgekommen war, mußte die Ruhe auf bloßer Erde des Waldbodens suchen. Schon hatte er sich am Fuß eines felsigen Berges niedergelegt, als er einen ungewöhnlichen Glanz gewahrte und eine funkelnde Grotte erblickte, in welcher sich ein kristallenes Becken befand; drei silberne Quellen ergossen sich hinein, und auf den lichten Wellen wiegte sich eine reizende Wasserfei, die um ihre Stirne ein blitzendes Band trug, darauf die Zeichen SLVS zu lesen waren. Diese Fei erhob einen süßen und bezaubernden Gesang, und als sie geendet, winkte sie den Grafen zu sich hin und vertraute ihm, daß jenes weiße Reh, welches er verfolgte, ihre Tochter sei, die ein böser Zauberer verwandelt, der oben auf dem Berge über dem Quellbrunnen in einem gewaltigen und festen Turme wohne. Diesen Zauberer wolle sie in Schlaf singen, und der Graf solle ihn überwältigen und töten. Das werde ihm durch die Kraft der Worte gelingen, die ihr Stirnband zierten, welche bedeuteten: Sie (nämlich die Tochter der Wasserfei) Liebe Vnd Siege! Das alles geschah nun auch wirklich, und als der böse Zauberer getötet war, mußte der Graf das weiße Reh dreimal mit der Flut des Kristallborns benetzen, dessen drei Quellen die drei vereinten Bergwasser, die Schleuse, die Erle und die Nahe, bedeuteten, worauf das Reh sich in ein wunderschönes Fräulein verwandelte. Mit diesem vermählte sich der Graf und nannte sich und sein Geschlecht von der Brunstätt, gründete das Schloß und die Stadt Schleusingen, deren Name aus den drei geheimnisvollen Buchstaben SLVS sich bildete, und welche zum Wahrzeichen die Sirene in ihrem Stadtwappen beibehielt. Die Wasserfei soll noch im Schloßbrunnen, dem klarsten und besten der Stadt, wohnen, das Geschlecht derer von Brunstätt aber artete aus und soll von den Grafen von Henneberg aus dortiger Gegend vertrieben worden sein.

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726. Die Totenmette

726. Die Totenmette

Oberhalb Schleusingen liegt die Totenkirche, vor ihr stehen uralte schöne Linden. Einstmals blieb eine Frau aus Schleusingen, welche bei einem Leichenbegängnis die Predigt mit angehört hatte und eingeschlafen war, in der Kirche sitzen und mochte ziemlich lange geschlafen haben. Als sie erwacht, ist es Nacht, und die Kirche ist voll Menschen; es wird Mette gehalten, und es summt ein leiser Gesang. Die Frau will mitsingen, kann aber wegen der Düsternis die Nummer nicht erkennen und rührt an ihre Nachbarin, sich die Nummer des Liedes zeigen zu lassen. Wie sie diese Nachbarin anblickt, hat dieselbe ein Gesicht wie eitel Spinnweben und ist eine ihr wohlbekannte längst verstorbene Frau. Diese erhebt ihre welke Totenhand, nur noch Gerippe, und zeigt mit dem gelben Fingerknochen auf das Lied – da erkennt die Frau Nummer und Buchstaben, es ist das Lied: O Ewigkeit, du Donnerwort. Die zum Tod erschrockene Frau kreischt vor Schreck laut auf, da schwinden mit einem Male die bleichen Schatten alle hinweg, und die Frau wankt zitternd nach der Türe und nach Hause, hat aber nicht gar lange mehr gelebt.

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727. Die Nixe aus der Totenlache

727. Die Nixe aus der Totenlache

Nahe bei Rappelsdorf zwischen Schleusingen und Kloster Veßra liegt ein der Sage nach unergründlich tiefes, mit Wasser gefülltes Loch, über vierhundert Schuh lang und gegen hundert Schuh breit, merkwürdig und verrufen beim Volk der ganzen Umgegend und die Totenlache genannt. Dieser Name rührt ursprünglich daher, daß die in Rappelsdorf Verstorbenen, welche in Schleusingen beerdigt werden, gewöhnlich bis an diese Lache mit Leichenbegleitung getragen, dann aber ohne ferneren Kondukt nach der Stadt gefahren werden. Das Wasser ist außerordentlich hell und klar, friert niemals ganz zu, steht in unterirdischer Verbindung mit Höhlen und Klüften des nahen Berges, die Haard genannt, besonders mit einem Brunnen im Bärengraben, wie durch dort hineingeworfene leichte Körper, welche in der Lache zum Vorschein gekommen, erforscht sein soll, und wird auch von Jahr zu Jahr größer. Alte Leute haben erzählt, daß kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg und besonders vor dem kroatischen Einfall in Schleusingen Wassermenschen aus der Lache hervorgegangen und unterschiedlich gesehen worden sind.

Einstmals geschah es, daß aus der Totenlache eine Nixe herauskam, anzusehen wie ein junges schlankes Mägdlein; um den Hals trug sie ein schwarzes Rüsterband, um den Leib ein schuppiges Mieder, so seegrün wie das Wasser der Lache, mit einem roten Busentuch und vorgestecktes Perlenstrauß. Um die Lenden schlang sich ein scharlachroter Schurz, Hintennach schleifte sie aber einen häßlichen Fischschwanz. Auf der Hudelburg oder Ruderburg, einem Wirtshaus ohnweit Rappelsdorf, wurde soeben ein Hochzeittanz gehalten, dorthin eilte flugs das Nixlein, setzte sich hinter den Tisch zu einem frischen Junggesellen, der lange Frieder geheißen, und trieb mancherlei Kurzweil mit ihm, der sie bald liebgewann, tanzte auch fröhlich mit ihm um die Linde. Dabei vertraute sie ihm manches, unter andern auch, daß sie gar zu gerne seine Braut wäre, und herzte und küßte ihn. Darüber kam der Abend herbei und die Nacht, und nun sprach das Nixchen weinend zu ihrem Friedel: Nun muß ich mich von dir scheiden und wieder in jenes Wasser hineingehen, wo ich wohne. Zu lange bin ich schon hier geblieben bei dir, mein Geliebter, und da ich gegen meines Vaters Gebot hierhergekommen bin, werde ich wohl die hier und mit dir genossene Lust mit dem Leben büßen müssen. Wie weh tut mir der Abschied. Lebe wohl und gehe morgen hin zur Lache, findest du sie hell und grün, so lebe ich, findest du sie bleich und totenfarb, so ist’s vorbei mit mir. Und gab ihm einen Kuß und entwich. Am andern Morgen ging der Frieder eilend hin zu dem kleinen See, fand ihn bleich und blutig, und voll Sehnsucht und Liebesgram sprang er hinein in die Totenlache, um sich durch den Tod mit der lieben Nixe zu vereinen.

Nicht weit unter Rappelsdorf, links am Wege, liegt auch noch ein kleiner See, im Sommer von Mümmelchen überblüht, dabei es nicht geheuer.

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728. Wassermann Hackelmärz

728. Wassermann Hackelmärz

In Themar, einem uralten hennebergischen Städtlein, vor alters Dagamari geheißen, rufen die Kinder einander zu, wenn sie in der Werra baden und sich schrecken wollen: Hu! reiß aus! Der Hackelmärz kömmt! – und denken sich unter dem Hackelmärz einen abscheulich langen dürren graugrünbärtigen Wassermann, der aus der Tiefe heraufsteigt und nach ihnen fängt. Solcher Hackelmärze lassen sich im Werratale unterschiedliche sehen, sie heißen nur anders. Ihr Name erinnert an den Hackelbernd, der aber wilder Jäger ist, Luft-, nicht Wassergespenst. Zwischen der Rappelsdorfer Mühle und der Schwarzbacher Papiermühle muß die Schleuse, die ohnweit Themar in die Werra fällt, alle sieben Jahre einen Toten haben. – Auch in Themar sagen die Kinder, wenn im Winter so recht große dicke Schneeflocken fallen: Die Fra Holl schüttelt ihr Bett aus.

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719. Poltergeist zu Schwickershausen

719. Poltergeist zu Schwickershausen

Im Amte Heldburg liegt ein Dorf des Namens Schwickers-, vulgo Schweickershausen, darinnen wohnte ein Bauer, Hans oder Heinrich Kegel genannt, der hörte in der Woche vor Ostern des Jahres 1666 unter einem in der Kammer stehenden Bette etwas klopfen und ward eines Geistes ansichtig, der war geartet gleich dem Hinzelmann, hatte Kindesgestalt, trug aber eine güldne Krone auf dem Haupt, sagte erst, er sei ein Engel, und nachher, er sei der Geist einer kurz zuvor verstorbenen Frau. Einige Beherzte reichten ihm die Hand, da fühlten sie, daß sein Händchen eisigkalt war, und schauderten. Es verhieß aber einem jeglichen, der ihm die Hand reiche, einen Schatz von neunzigtausend Dukaten, das machte die Leute so beherzt, denn um solche erkleckliche Summe hätten sie dem Teufel und seiner Großmutter die Hand gereicht mit Freuden. Darauf ging das Rumoren und Poltern im Hause los, daß es niemand mehr darin aushalten konnte, und vom Hause verbreitete sich der Rumor und das greuliche Spuken im ganzen Dorfe, daß die Bäuerlein ihres Leibes und ihrer Seele keinen Rat wußten, liefen zu den Pfarrern von Hellingen und nach Heldburg, die gingen mitsammen, der Heldburger hieß Magister Buchenröder und der Hellinger Johann Hase. Die sagten den Schwickershäuser Bäuerlein, daß sie sich mit ihrem Handreichen um schnöden Geldes willen dem lebendigen Teufel zu eigen gegeben, des erschraken sich die Bäuerlein schier zum Tode. Nun hielten die Pastoren redlich an mit Beten und Predigen, was dem Geist nicht im mindesten zusagte; er rief: Gebt mir ein Kind, so will ich weichen! – Einen Dreck sollst du haben, aber kein Kind! rief der Pfarrer von Hellingen, und da sagte ihm hinwiederum der Geist auch keine Süßigkeit, katzbalgeten sich mit Worten ein langes und breites. Da der Geist nicht wich, so blieb auch der Hellinger Pfarrer, bis dessen äußerste Beharrlichkeit nach der Montagsnacht auf den Trinitatissonntag den Geist zum Weichen brachte. Hat also geklopft und gepocht, gepoltert und gelästert dreimal drei Wochen lang, dennoch überwand ihn endlich das Beten, dieweil die Prediger dem Schriftwort gehorchten: Wir aber wollen anhalten am Gebet und Amte des Wortes, und so mußte der Spukgeist aus Schwickershausen weichen; der Geist des Aberglaubens aber, dieser wahrhaft vielgestaltige Hinzelmann, wich nicht zugleich, denn noch in der allerjüngsten Zeit war und ist nach selbem Ort viel Zulauf zu einem Wunderdoktor und weisen Mann, der mehr kann als Brotessen.

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720. Das Ackersteinkreuz bei Strauf

720. Das Ackersteinkreuz bei Strauf

Zwischen Heldburg und Hildburghausen erhebt sich ein hoher Waldberg mit der mächtigen Trümmer des Bergschlosses Strauf, insgemein Straufhain, auch Strauchhahn genannt. Es war dies ein althennebergisches Grafenschloß, das der Bauernkrieg brach. Ein alter hennebergischer Geschichtschreiber hat Folgendes vom Straufhain aufgezeichnet: Im Jahr 1698 im April hörten die Leute, so im Felde waren, ein gräßliches Geschrei und Schießen auf diesem Schlosse und dasigem Gehölze, so zweifelsohne ein Teufelsgespenste oder das wütende Heer gewesen sein mag.

Nicht gar weit von den Ruinen der Burg Strauf und von Streufdorf ist eine Stelle im Waldgeheg, an welcher einst ein Jüngling seinen Tod fand und begraben wurde. Seine trauernde Geliebte wollte sein Andenken ehren durch ein bleibendes Gedächtnismal; doch fehlten ihr dazu die Mittel. Da gab ihr die Liebe einen Gedanken ein, den sie auszuführen nicht säumte. Sie legte mit sorgsamer Hand ein Kreuz von Ackersteinen auf die Trift. Und wie oft es geschah, daß Bosheit oder Mutwille das Kreuz auseinanderriß und zerstörte, die Hand der Liebe war restlos tätig, das Kreuz fort und fort zu erneuern, bis das Mägdlein starb. Darauf hat das Volk jenes Kreuzes Erhaltung wie ein stilles Vermächtnis übernommen und immerdar die Lücken wieder ausgefüllt, die durch Menschenhand oder sonstigen Zufall in dem Steinkreuze entstanden. So hat das Kreuz lange am Wege gelegen und ist zum frisch im Volksgedächtnis fortlebenden Sagenzeugen geworden. Auch von andern Orten her klingt Ähnliches. Bei Meiningen erneuen Schäfer und Hirten ein Rasenkreuz, das an der Stelle ein Hirt in den Rasen grub, an welcher ein Mann im Felde vom jähen Tod überfallen ward.

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