Märchen

718. Zinselhöhle und Zinselmännchen

718. Zinselhöhle und Zinselmännchen

Im Meininger Oberlande zwischen den Dörfern Meschenbach und Rabenäußig liegt eine ziemlich enge, aber sehr lange Tropfsteinhöhle, das Zinsel- oder Zinsenloch genannt, die hat ihren Namen von den Zinseln, Zinselmännchen oder Drigelein, das sind Bergzwerge, welche ehedem darinnen gewohnt haben. Nicht weit davon liegt eine andere unterirdische Grotte, welche die Zinselkirche heißt. Aber diese wurde, wie das Zinselloch, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts von ihren Kirchkindern verlassen. Wie sich das zugetragen, wird unterschiedlich erzählt. Ein Bauer aus Meschenbach traf auf seinem Erbsenacker eine Menge Zinselmännchen; sie sprangen neckisch über die Furchen hin und her, verspeisten der grünen Erbsen aus den Schoten viele und ärgerten den Bauer sehr. Endlich glückte es ihm beim Haschen nach ihnen, einem sein Mützchen zu nehmen; da barmte das Zinselmännchen schrecklich, denn ohne das Mützchen konnte es nicht wieder nach Hause, und verhieß dem Bauer, wenn er ihm sein Mützchen wiedergebe, so wolle es ihm eine Wünschelrute auf seinen Acker stecken, mit deren Hülfe er einen großen Schatz finden solle. Darauf hat der Bauer dem Männchen sein Mützchen wiedergegeben, aber das falsche Drigelein hat sich als ein Trügerlein erwiesen und hat den ganzen Acker voll Ruten gesteckt, so daß der Bauer die Wünschelrute aus ihnen nicht heraus- und folglich auch keinen Schatz finden konnte. Andere sagen, der Bauer habe gleich anfangs, als er auf seinem Acker die Zinselchen gesehen, geschimpft und mit der Rute gedroht, wie man kleinen Kindern droht, und da habe das ganze Zwergenvolk ihm Ruten auf den Acker gepflanzt, daß er daran bei sotaner Prügellust keinen Mangel habe. Hierüber ergrimmt, paßte der Bauer, weil ihm sein Acker verdorben war, heimlich auf, und als er wieder einem Zinselmännchen das Mützchen genommen, wodurch dieses in seine Gewalt kam, schlug er das arme Männchen tot. Das betrübte die Zinselmännchen gar sehr. Über Nacht wuchsen die Ruten zu Bäumen auf, und zwar zu den alten götterheiligen Eschen, und in derselben Nacht sind die Zinselmännchen fortgezogen, und hat sich niemals auch nur ein allereinziges wieder in dieser Gegend blicken lassen.

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71. Die Eppsteiner

71. Die Eppsteiner

Es hauste vordessen in den wirren Felsenschluchten und dunkeln Gebirgstälern um das heutige Eppstein ein wilder Riese, der lauerte den Jungfrauen auf, und wenn er eine fing, geschah ihr mehr nach seinem Willen als nach dem ihren. Einstmals gelang es ihm, ein Fräulein von Falkenstein, welches ein edler Ritter minnte, hinwegzuführen. Der Ritter, welcher Eppo hieß, folgte eilend dem Riesen nach, mit ihm zu kämpfen oder ihn durch List zu besiegen, und hatte ein eisernes Netz, das er an einem gewissen Ort aufstellte. Damit der Riese, wenn er ihn wahrnehme, ihn nicht sogleich erkenne, mußte der Knappe Eppos Gewand und Rüstung anlegen, und Eppo trug die des Knappen. Der Riese achtete sich keinen Deut um den Ritter, der ihm nachfolgen wollte, er war mit all seinen Gedanken nur bei seiner Gefangenen und trachtete danach, ihr zu tun wie den andern, aber ein Schutzgeist war mit und bei ihr, gegen den weder des Riesen Stärke noch seine Zaubermacht, denn er war auch ein Zauberer, etwas vermochte. Voll Grimm darüber wandte sich nun der Riese Eppo entgegen, und da er diesen daherkommen sah, so gebrauchte er sich seiner Zauberkunst und Macht und verwandelte Eppos Dienstmann in einen Felsen, meinte so, seinen Feind für genugsam lange Zeit an eine Stelle gebannt zu haben, und eilte vorwärts, um auch alles Gefolge des Ritters unschädlich zu machen. Darüber aber stürzte der Riese in das eiserne Netz, zappelte darin gar gewaltig, konnt‘ es aber nicht zerreißen, und nun kam der Ritter in Knappentracht, der sich verborgen gehalten, hervor, schleppte den Riesen auf einen hohen Felsen und stürzte ihn von da herunter, worauf er die Gefangene des Riesen aus ihrem Bann befreite und sie zum Ehgenoß gewann. Den verzauberten Dienstmann konnte Eppo leider nicht lösen, der steht heute noch starr und steif wie ein Felsen und ist ein Felsen und heißt der Mannstein. Darauf erbaute Ritter Eppo eine neue Burg auf den Fels, von welchem herab er den Riesen gestürzt, und das wurde der Eppstein, und zu den Gewölbrippen im Tor wurden statt der gebogenen Steine die Rippen des Riesen eingemauert und angeschmiedet. Dem Ritter aber und seiner Gemahlin entsproßte ein gewaltig Geschlecht mannlicher Helden und großer Kirchenfürsten; die Ritter empfingen aus des Kaisers Hand das Waldbotenamt am obern Taunus zu Lehen, und fünf Eppsteiner behaupteten nach und nach den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, drei davon hießen Siegfried, einer Werner und einer Gerhard. Dieser Gerhard, der zweite des Namens in der Mainzer Bischofreihe, war gar ein fester trutziglicher Herr, und wenn ein deutscher Kaiser anders wollte wie er, so schlug er an seine Tasche und rief: Potz Velten! Wenn ein Kaiser nicht will, wie ich will, so hab‘ ich schon einen andern Kaiser in der Tasche. – Einstmals, als auch ein Kaiser ihm nicht zu Willen war, ergriff er zornig sein Jagdhorn und schrie: Daß den Kaiser Gottes Marter schände! So mir’s beliebt, so blase ich aus diesem Horne einen andern Kaiser heraus! – Er sprach auch solche Worte keineswegs in den Wind, er war es, der dem Grafen Adolf zur Kaiserkrone verhalf und ihm auch wieder davon half, doch hat es ihm später nicht geglückt, und fand Ursache genug, seine Keckheit zu bereuen.

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711. Neunerlei Dinge

711. Neunerlei Dinge

Neunerlei Dinge

Zu Koburg ist mit neunerlei Dingen manch abergläubischer Brauch geübt worden. Einige Edeljungfräulein stellten neunerlei Essen auf, und zwar in der Christnacht, damit wollten sie zuwege bringen, ihre Liebhaber zu erschauen, und diese erschienen auch, aber jeder brachte ein Messer mit, und die Jungfrauen liefen erschrocken und schreiend davon. Einer warf den Entfliehenden sein Messer nach, eine der Jungfrauen sah sich um, blickte den Werfenden an und hob das Messer auf. Diese bekam dann auch denselben Mann, dessen Gestalt ihr erschienen war; aber nicht immer glückte es so. Mancher Jungfrau, die sich solchen Zauberdinges unterfing, erschien ein unwillkommener Liebster, der blasse Tod, setzte sein Stundenglas vor sie hin, und sie mußte prophetisch schauen, wie ihr Leben rasch und noch im Jahreslaufe verrann.

Andere Jungfern daselbst nahmen, auch am Christabend, neunerlei Holz, das zündeten sie an, dann entkleidete sich die eine, zog zuletzt auch noch ihr Hemde aus, warf es vor die Stubentüre, setzte sich an das Feuerlein aus neunerlei Holz und sprach:

Hier sitz‘ ich splitterfasernackt und bloß;
Wenn doch mein Liebster käme
Und würfe mir mein Hemde in den Schoß. –

Und da schaute ein Mannsbild zur Türe herein und warf das Hemde. Das war der nachherige Freund der Magd. Jetzt hatten die andern nichts eiliger, als ihrer Freundin es nachzutun, jede wollte die erste sein, warfen ihre Hemden auch vor die Türe der Stube und setzten sich um das Feuerlein; nun aber kamen die entrückten Geister der Liebhaber alle auf einmal und begannen draußen gräßlichen Lärm und Hader, daß den Mägden himmelangst wurde. Schnell löschten sie das Feuer aus neunerlei Holz, und keine wagte die Türe zu öffnen. Sie krochen ohne Hemden in die Betten. Am andern Morgen fanden sie vor der Türe ihre Hemden all durcheinandergewirrt, und jedes in Fetzen. Keine bekam einen Mann.

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701. Der Feilenhauer von Weißdorf

701. Der Feilenhauer von Weißdorf

Zu Weißdorf hat ein Mann gelebt, der war ein gelernter Feilenhauer, gab aber das Geschäft auf und legte sich auf ein anderes, das er für einträglicher hielt, nämlich auf das Geisterbannen. Damals gab es noch Geister, die sich zitieren und bannen ließen, heutzutage wollen sie sich nicht mehr bannen lassen, und es ging dem Feilenhauer nicht wie jenem Schulmeisterlein, das, gleicher Kunst obliegend, gefragt wurde: Können Sie wirklich Geister zitieren? – mit einem stolzen O ja antwortete, aber als nun weiter gefragt ward: Kommen denn auch Geister auf Ihr Zitieren? – ein trübseliges Nein vernehmen ließ – des Feilenhauers Zitierte kamen wirklich. Der Feilenhauer war ein langer hagerer Mann, gruslich anzusehen; er trug einen abgeschabten Schinderranzen von Fischotterfell und sah einem Rattenfänger ähnlicher als einem Staatsrat, vermochte auch mehr, und gefürchtet wurde er von Alt und Jung, weil er so verrufenen Umgang hatte. Wo nun ein Poltergeist sich zeigte, da wurde der Feilenhauer hingerufen, und wo er in einen Ort kam, war auch gleich ein Poltergeist da, den jener beschwur, und da kroch der Geist so demütig in den Fischotterranzen wie im Kindermärchen vom Meisterdieb Pfarrer und Schulmeisterlein in den großen Sack. Alle die eingefangenen Poltergeister trug nun der Geisterjäger gleich gefangenen Katzen hinauf auf Burg Waldstein; dort bannte er sie alle hinein und hielt gute Zucht und Ordnung; da sitzen sie manchmal noch immer um einen großen Steintisch im Burghofe und spielen mit eisernen Karten, die der Feilenhauer selbst verfertigt hat. Die Karten müssen etwas heiß sein, denn man findet ihre Spuren dem Steine eingebrannt.

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702. Das Bimmelglöckchen

702. Das Bimmelglöckchen

Im Kapellenturme der Burg Waldstein, andere sagen auf Epprechtstein, hat ein Betglöcklein gehangen, dessen Schall hat man an bestimmten Tagen im Jahre gar deutlich gehört, daß man in Zell, am Bergesfuße, öfters geglaubt hat, es hänge im dasigen Kirchturme. Das hat zur Geisterkirche geläutet. Mancher hörte es erklingen, stieg zum Berge hinan und sah und hörte droben nichts. Eine Frau, die ihrem im Walde arbeitenden Mann das Mittagsbrot brachte, hörte den Schall und ging ihm nach. Und wie sie droben um eine Mauerecke der Burg biegt, da erblickt sie die Geisterkirche offen und in hehrer Pracht, und auf dem Turme darüber schwingt sich hin und her das bimmelnde Glöcklein. Orgelton und Chorgesang dringt aus der Kirche; dem Altare zugekehrt steht der Priester, und am Boden knieen die Geharnischten und die Frauen in weißen Schleiern. Da ergreift es die arme Frau gar mächtig, auch niederzuknieen und im Staube mit anzubeten den, welchen alle guten Geister loben, doch zugleich grauset ihr, denn sie fühlt, daß sie nicht zu dieser Gemeinde gehöre. Aber der Andacht frommer Drang zieht sie dennoch hinein in das Heiligtum, und mit Händefalten knieet sie nieder. Da wendet der Priester am Altare sich um, da fällt sein Blick eisigkalt und streng auf sie, er hebt den Arm empor und ruft mit dumpfer Stimme: Wehe! wehe! – und im Nu verschwinden Altar und Priester, Orgel und Chor, Männer und Frauen, der Kirche Schmuck; das Glöcklein sinkt vom Turme und dicht vor der Frau in den Boden – ein Wetter grollt und donnert um die Trümmer, und auf ihren Mauern stehen wieder hoch und stark die seit Jahrhunderten darauf emporgeschoßten Bäume. Ganz bestürzt, mehr tot als lebend, kommt die Frau zu ihrem Manne zurück, lange versagte ihr die Sprache. Der Mann hat nichts von Sturm und Unwetter gehört, der Himmel ist hell und klar. Bebend wankte die Frau nach Hause – nach drei Tagen lag sie auf der Bahre.

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703. Das verlorene Kind

703. Das verlorene Kind

Eine andere arme Frau trug auf ihrem Arme ein kleines Kind zum Walde und kam in die Ruine Epprechtstein. Dort setzte sie ihr Kind ins Gras und suchte Waldbeeren. Mit einem Male stand vor ihrem Blick eine prächtige Kirche mit offenen Türen, und darinne stand ein Opferbecken, das war voll Goldstücke. Eilend sprang die Frau hinzu und raffelte von dem Golde in ihre Schürze, so viel als hineinging. Pfeilschnell eilte sie nach Hause, das Gold besaß sie, das Kind vergaß sie. Erst daheim gedachte sie wieder des hilflosen Kleinen; im Fluge eilte sie wieder berghinan – aber da war weder Kind noch Kirche mehr zu erblicken, und vergebens die Trümmer durchirrend und mit Klagegeschrei die Lüfte erfüllend, rief sie nach ihrem Kinde. Es war und blieb verschwunden und verloren. Täglich kam das arme Weib auf den Berg, um das Kind weinend, nach dem Kinde suchend, ihr Gold lag ruhig daheim in der Truhe, sie rührte es nicht an, sie mochte an dasselbe nicht denken – denn es kostete ihr zu viel, es kostete – ihr Kind. – So ging ein ganzes Jahr dahin, die Waldbeeren waren wieder reif; die Beerensammlerin nahete wieder der Burgtrümmer, mit doppeltem Schmerzgefühl, denn es war gerade der Jahrestag ihres Unglücks und Verlustes – da mit einem Male – kaum traut sie ihren Augen – da steht die Kirche wieder vor ihrem Blick, und neben dem Opferstock, der wieder voll vom Golde blinkt, sitzt blühend ihr Kind und reibt sich die Augen – es ist eben aufgewacht und hat sich rote Wänglein geschlafen. Mit freudigem Schreck stürzt die Mutter hinzu, ergreift’s, herzt’s, trägt’s fort – schenkt der Goldfülle keinen Blick. – Endlich einmal wendet sie scheu sich um, ob nichts ihr folge, ob niemand ihr das Kind wieder entreißen wollte, aber da verschwand eben vor ihren Augen die Kirche wieder wie ein Nebelbild und wurde wieder die wüste Trümmer. Nun war die Mutter selig, und da das Wundergold, der Segen der Geisterwelt, ihr blieb, so lebte sie fortan ein beglücktes Leben und erzog ihr Kind zu Gottes Ehre.

Es geht auch noch die Sage vom alten Bergschloß Epprechtstein, daß alle Jahre einmal, aber an keinem bestimmten Tage, wann und solange der Pfarrer auf der Kanzel drunten in Kirchenlamitz das Vaterunser betet, sich ein Fels hebt und auseinanderklafft und große Haufen Goldes blicken läßt, aber sowie das Amen schallt, schließt er sich wieder auf ein Jahr lang zu. Wer ihn offen sieht, muß schnell etwas auf das Gold werfen, dann darf er ein Vaterunser lang zulangen, muß sich aber wohl sputen, denn versäumt er sich zu lange, so schnappt der Fels zu und klemmt ihm beide Hände ab oder gar das Köpfchen.

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704. Die stille Wiese

704. Die stille Wiese

Vom Fichtelgebirge abwärts dem Maingefilde zu leiten mannigfache Pfade und Wege in ein ihm naheliegendes Bergland, das viele noch zu jenem rechnen und ob seiner Naturschönheiten die fränkische Schweiz benennen. Diese Gegend ist reich an Höhlen und reich an Sagen. Durchflossen wird es von der Wisent, einem forellen- und krebsreichen Wasser. Burgtrümmer gibt es allda in Fülle, Streitberg, Neideck, Dramaus oder Drameisel, Rabenstein und noch viele andere; da führt der Weg auch über eine schöne, sanft von umbuschten Berggeländen umfriedete Wiese ganz nahe bei Muggendorf, welche vorzugsweise vom Volk die stille Wiese genannt wird. Die Sage meldet über den Ursprung dieser Benennung: Da Doktor Luther in Koburg weilte und seinen Freund Melanchthon zurückerwartete, der auf dem Reichstag in Augsburg war (1530), so machte er einen Ausflug in diese Gegend und kam auch nach Muggendorf. Der Ruf des großen Mannes ging vor ihm her, und alles Volk eilte herbei, ihn zu sehen, womöglich auch zu hören. Endlich kam er; viele drängten sich um ihn, viele sprachen zugleich ihn an, viele trieb Ehrfurcht, andere die Neugier. Da blieb Luther auf dieser Wiese stehen, erhob die Hand und rief: Stille! – und stille ward es ringsumher wie das Grab; kein Laut, keine Lippe regte sich mehr. Und Luther sprach, der gewaltige Mann Gottes und Mann des Volkes, und in einer feurigen Rede erbaute er die Hörer, die ihn im tiefen Schweigen umstanden, und als er endete, da johlte nicht der betrunkene Beifall, der manch andern Volks- und Wiesenredner zum dritten Himmel erhob, da lärmte kein Händeklatschen und Bravoschreien – da blieb es still – tiefstill, nach wie vor, und sie fürchteten den Herrn mit Ernst und fühlten wohl unbewußt Nehemias Prophetenwort: Seid stille, denn der Tag ist heilig. – Und da nannten sie die geweihte Stelle die stille Wiese.

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705. Heidenstadt und Wihtehöhle

705. Heidenstadt und Wihtehöhle

Nahe beim Örtchen Alberndorf, das nach Muggendorf eingepfarrt ist, liegt ein Platz von einigen tausend Schritten Umfang, den nennen die Umwohner die Heidenstadt, aber auch die Hundsbrücke. Gespenster und das wütende Heer haben alldort sich häufig sehen und vernehmen lassen; altheidnisch Geld ward dort gefunden von Kupfer wie vom besten Silber; auf der Ebene sind eine große Anzahl trichterförmige Gruben, Mauerreste finden sich noch, und nur eine oder zwei Viertelstunden davon entfernt ist der hohle Berg, sonst das hohle Loch genannt, jetzt aber nach einem Romane bisweilen auch Oswaldshöhle geheißen, darinnen gar mancherlei ober- und unterirdisches Geklüft, absonderlich die Witzenhöhle, mit einem natürlichen Wasserbecken, dabei die Heiden, die hier einen Götzen verehrt, ihre Reinigungen vorgenommen haben sollen. Dieser Götze hieß Witte oder besser Wihte und war ein riesiggedachter Haingott, denn wîhe war in der uralt-deutschen Sprache das gleiche Wort für Hain wie für Tempel, weil andere Tempel nicht vorhanden waren, darin schon an sich der Begriff des Geweihten lag, daher Wicht als Elementargeist, nicht gerade Zwerg, daher die alten Namen Witicho und Wittechind, daher unser Wort weihen, daher der Weihkessel in des Naturgottes Wihte Höhle, welche Benennung der Sprache spätere Abwandlung in Witzenhöhle verdarb; dahin deuten auch die vielen Witchensteine, meist sagenhafte Felsen in waldreicher Umgebung. Will jemand dabei noch an die uralte Benennung der Unholden und runischen Hexenweiber: Pilwizen oder Bilbitzen, denken, so wäre auch solche Deutung nicht uneben, aber der Wihte steht höher. Diese Höhle ist fünfhundert Schritte lang, so lang, als man vom obern Tor zu Bayreuth bis zum untern zu gehen hat; in drangvoller Kriegszeit diente sie den Umwohnern als bergender Zufluchtsort. Manche haben von einem ehemals vorhandenen Bilde des Wihte erzählt, es ist aber, daß es ein solches gegeben, nicht wahrscheinlich, oder es war ein Machwerk späterer Zeiten.

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706. Eppella Geila

706. Eppella Geila

Zu Drameisel bei Muggendorf saß ein Ritter, des Name war Eppelin von Gailingen, der war zugleich ein mächtiger Zauberer und hatte ein Flugroß, damit sprengte er steile Felswände hinan und hinab, setzte über Heuwagen und berührte kein Hälmlein, setzte über die Wisent und ward nicht naß am Fuß, wie der Wittich über die Wisar setzte. Zu Gailenreuth war sein Stammhaus, doch hatte er noch viele Burgen im Lande umher, und von einer zur andern flog er auf seinem Wunderroß wie der Wind. Von Drameisel ritt er nach Muggendorf über einen hohen Felsen und Riß, das konnte ihm keiner nachtun. Auf die Nürnberger hatte der Eppelin einen scharfen Zahn; er umgab sich mit beutesüchtigen Genossen und ritt an ihrer Spitze gar oft in das Nürnberger Stadtgebiet. Da sangen die Kinder von ihm:

Da reit’t der Nürnberger Feind aus,
Eppela Gaila von Dramaus.

Oder:

Eppela Geila von Dramaus
Reit’t allzeit zu vierzehnt aus.

Die Vierzehnzahl mochte wohl von alters her im Ostfrankenlande eine geheimnisvolle Bedeutung haben, daher auch seine Vierzehnheiligen. Als der Eppelin, auf dessen Kopf ein Preis gesetzt war, den die Nürnberger gern selbst verdient hätten, einstmals in Nürnberg auf die Burg gestürmt war und sich dort eingeschlossen und hart bedrängt sah, denn sie hatten das Burgtor zugeschlagen und schrieen ihm zu, daß sie ihn nun gleich henken würden, da tummelte er sein Roß mit Fechterhieben und rief:

Die Nürnberger henken keinen,
Sie hätten ihn denn vor! –

spornte sein Roß zur Mauer nahe beim Luginsland und sprengte die furchtbare Tiefe über Wall und Graben hinab und hinüber und entkam glücklich. Da haben sie hernach mit Staunen die Spuren der Hufeisen angeschaut, die der Rossessprung in der Mauerzinne zurückgelassen. Als nach manchen gelungenen Handstreichen und kühnen Griffen der Eppelin einmal gen Farnbach kam und zechend in der Herberge lag, bauten die Feinde, denen das verraten war, eine Wagenburg um das Haus, er aber saß zu Roß und sprengte über acht Wagen, aber »überm neunten«, so singt ein altes Lied von ihm, »gab er den Giebel auf«. Da er nicht weiterkonnte, so opferte er, wie ein Reinhold von Dordone seinen treuen Bayard, sein Wunderroß, indem er es erstach, und gab sich gefangen. Das geschahe zu Postbauer, und im Städtlein Neumarkt, zwischen Nürnberg und Regensburg, ward er mit dem Schwert gerichtet. Sein Andenken lebt unvergessen.

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707. Der Seher im Frankental

707. Der Seher im Frankental

Bei Frankental, einem Klosterhof des berühmten Stifts Langheim zwischen Lichtenfels und Bamberg, hütete im Jahr 1445 ein junger Schäfer des Namens Hermann seine Herde und wollte sie von der Berghöhe heimwärts treiben, als die Abendglocke vom Kloster Banz auf dem gegenüberliegenden Berge in das schöne Maintal niederklang. Da hörte er seitwärts ein Rufen, die Stimme eines weinenden Kindes, und sah ein Knäblein einsam auf dem Acker sitzen, er ging auf dasselbe zu, da fand er ein Kind von strahlender Schönheit, das ihn wunderlieblich anlächelte und gleich darauf vor seinen Augen verschwand. Er ging von der Stelle hinweg, sahe sich aber noch einmal um, und siehe – da saß wieder das Kind, noch viel herrlicher anzuschauen, und zwei Kerzen brannten neben ihm. Noch einmal eilte Hermann auf die liebliche Erscheinung zu, und abermals verschwand sie. Beunruhigt in seinem Gemüte trieb der Schäferknabe die Herde heim und sprach zu seinen Eltern von dem Gesicht, allein diese glaubten ihm nicht und geboten ihm, zu schweigen; er vertraute aber, was er gesehen, einem frommen Priester, und der sagte ihm, was er tun solle, falls er noch einmal einer solchen Erscheinung gewürdigt werde. Solches geschah auch, doch erst im folgenden Jahre auf demselben Platze, nur noch viel überirdischer. Das Kindlein, von himmlischer Glorie umstrahlt, hatte ein rotes Kreuz auf der Brust und war umgeben von noch vierzehn andern himmlischen Kindlein, alle rot und weiß (das sind des alten Frankenlandes Farben) gekleidet. Jetzt fragte Hermann: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes: wer seid ihr, und was wünschet ihr? – Da antwortete das himmlische Kind: Ich bin Jesus Christus, und diese sind die vierzehn heiligen Nothelfer. Wir wollen hier wohnen und ruhen und euch dienen, so ihr uns dienet! – Darauf schwebte das Jesuskind und die Vierzehn mit ihm zum Himmel empor. Und am nächsten Sonntage sah der Seher vom Frankental um dieselbe Stunde zwei brennende Kerzen vom Himmel sich auf jene Stelle niedersenken, und eine des Weges daherkommende Frau sah dies Wunder ebenfalls und sah auch, wie die Kerzen wieder himmelan schwebten. Da ging nun Hermann der Schäfer zum Abte von Langheim und verkündete ihm und den Vätern des Klosters die wiederholten Erscheinungen, und es wurde eine Kapelle auf jener Berghöhe begründet, die bald als ein sonderer Gnadenort weit und breit in Ruf kam; Wunder geschahen dort, Wallfahrer strömten aus Nähe und Ferne herbei und beteten zu den vierzehn heiligen Nothelfern, auch wurde die Kapelle mit reichem Ablaß begnadigt; eine Brüderschaft nannte sich nach den Nothelfern, ein Graf von Henneberg gründete ihnen einen Ritterorden; Kaiser Friedrich III. selbst wallfahrtete dorthin, ein Gelübde zu erfüllen, auch Albrecht Dürer war im Jahre 1519 alldort. Und durch gute und schlimme Zeiten hindurch behielt die Wallfahrtkirche Vierzehnheiligen ihren großen, dauernden Ruf und Ruhm, immer schöner und herrlicher wurde sie gebaut, eine Propstei ward neben ihr errichtet. Mitten im Kreuz, das Langhaus und Querschiff bilden, erhebt sich ein dreifacher Altar mit unten offenem Raume über der Stelle, wo der Seher vom Frankental die Erscheinung sahe. An dieser Stelle zu beten, zu büßen, zu geloben wallen alljährlich viele Tausende dem hoch und schön gelegenen Tempel zu. Die Namen der vierzehn heiligen Nothelfer sind Georgius, Blasius, Erasmus, Pantaleon, Vitus, Christopherus, Dionysius, Cyriakus, Achatius, Eustachius, Aegidius, Margaretha, Barbara und Katharina. Unvergänglich lebt das Andenken an den frommen Schäfer Hermann, den Seher im Frankental.

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