Märchen

70. Der Teufelsweg auf Falkenstein

70. Der Teufelsweg auf Falkenstein

Auf der Höhe, vier Stunden von Frankfurt a. M., erhebt sich auf fast unzugänglichem Fels die Burgtrümmer Falkenstein, die Wiege eines im Taunus und der Wetterau gar mächtigen Geschlechts, von dessen Sprossen einige sogar Erzbischöfe von Trier wurden.

Ein Ritter von Sayn minnte die Tochter eines Falkensteiners, aber der Vater war ihm abhold und wies des Ritters Werbung mit den höhnenden Worten ab: Meine Tochter will ich Euch gern zum Ehegespons geben, ich verlange nur einen geringen Gegendienst. Schafft diese Felsenzacken in einer Nacht zum gang- und reitbaren Wege um – das ist mein Beding und mein Bescheid! … Unmögliches war begehrt, und hätten tausend und aber tausend Hände sich zugleich zerarbeitet an dem harten Felsgestein, es wäre nicht möglich gewesen, in solch kurzer Frist das Werk zu vollenden. Traurig zog der Ritter von Sayn, Kuno geheißen, von dannen, zog nach dem Heiligen Lande, focht tapfer in vielen Sarazenenschlachten, suchte den Tod, fand ihn nicht, blieb stets eingedenk seiner Minne und kehrte endlich in die Heimat zurück. Mit schmerzlichen Gedanken umirrte er den felsumtürmten Falkenstein, hätte gerne Kunde gehabt von seiner Geliebten – und starrte trübe die Felsen an, die mit ihrer Härte sein Geschick versinnbildeten. Hier hilft keine menschliche Macht, nur Zauber könnte diese Felsen zum Wege bahnen! seufzte der Ritter. Horch – da war es ihm, als höre er seinen Namen rufen – und wie er umschaut, hebt sich ein Erdmännchen in brauner Kutte, eisgrau und mit verschrumpfeltem Gesicht, aus einer Felskluft herauf und redet ihn mit sondrer Stimme an: Kuno von Sayn, was lässest du nach Silber wühlen drunten auf deinem Gebiet und störst unsre Ruhe? Willst du diese Felsen zum Wege gebahnt sehn? Willst du die Erbtochter vom Falkenstein, die droben noch einsam um dich trauert, nach dir sich sehnt, dein nennen? Dann gelobe nur eins und schwöre, es zu halten. –

Dem Ritter war es seltsam zumute bei dieser Erscheinung und Rede, und dachte, es möcht‘ etwa eine Versuchung des bösen Feindes, und was er geloben solle, möchte etwa seine Seele sein. Er fragte daher nicht ohne Zagen: Was ist dein Begehr? – Da sprach das Erdmännchen: Versprich mir auf dein ritterlich Wort, daß du morgendes Tages alle deine Gruben, Schachte und Stollen willst zuschütten lassen, die wir ohnedies, so wir wollten, ersäufen könnten, so wollen wir in heutiger Nacht noch die Felsen ebenen, daß du, wenn du getan, was ich heische, am lichten Tag hinaufreiten und den Falkensteiner an seine Zusage mahnen kannst. – Des war der Ritter hocherfreut, er sagte gern zu, was der kleine Erdzwerg verlangte, und begab sich zur Ruhe. Als es Nacht geworden, regte sich’s wunderbarlich um die Burg, es krachte, es polterte, es hackte, es schaufelte – tausend kleine Berggeister allzumal, obschon sie zwerghaft gestaltet waren, mit Riesenkraft begabt, förderten das verheißne Werk, und als der Hahn den Morgen ankrähte, war’s vollbracht, und als die Sonne hinterm fernen Spessart heraufstieg, da ritt schon Kuno von Sayn den neuen Weg und ließ sein Horn erschallen, daß sich der Wächter auf dem Turme des Falkenstein nicht wenig verwunderte, und noch mehr der Falkensteiner, doch freute er sich auch ob des so lang ersehnten Weges und hat sein Wort gehalten und die Liebenden vereinigt. Der Ritter Kuno von Sayn hielt gleichermaßen auch sein Wort, das er dem Zwerg gegeben, und ließ die Schachte, darin er nach Silber gegraben, zuwerfen und eingehen. Der Felsenpfad, den die Erdgeister bahnten, heißt heute noch der Teufelsweg; er zieht unten an der westlichen Seite des Altking, wo die Berggeister hausen, durch die Schärdter Höhle vorüber zur Bergeshöhe.

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709. Das Seil des Schäfers

709. Das Seil des Schäfers

Zu Ahorn, sonst am Ahorn, daher auch vom Landvolk Mahren genannt, in der Gegend von Koburg, war früher auch eine berühmte Wallfahrt. Dort lebte eine alte Hexe, die hatte einen Grimm auf die Ahorner und brachte ihnen ein Wetter zuwege, daß sich vom Brausen des Sturmwindes, den sie erregte, die Turmspitze bog, und nun spöttelten die Nachbarn und sagten: Zu Ahorn steht es schief; der Ahorner Turm hat schräg geladen – und was dergleichen anzügliche Spottredereien mehr waren. Das tat ihnen mächtig leid, und schauten nach Hülfe umher, und da fand sich auch ein frommer Schäfer, der sah zwar keine Heiligen und Himmelskerzen, aber er sah, wo es fehlte, und versprach Abhülfe. Er nahm ein sehr langes und dickes Seil, das band er an die Spitze des Turmes und das andere Ende an eine Fichte, die noch am Bergesrande steht, und zog nun unter dem Murmeln von Zauberformeln die Turmspitze wieder gerade, so daß die Ahorner nun wieder Ruhe vor ihren spottlustigen Nachbarn hatten. Die Wetterhexe, deren Tücke aus der Ahorner Turmspitze eine schiefe Ebene gemacht hatte, wurde gebührendermaßen verbrannt, der Strick aber aufgehoben, und ist derselbe noch zu sehen, die Mär aber in das Kirchenbuch geschrieben.

Der Ahorn, der diesem Dorfe den Namen gab, und andern nicht minder, denn es gibt noch in derselben Gegend ein Frei-Ahorn, ein Kirch-Ahorn, ein Wüsten-Ahorn, war gewiß den heidnischen Vorfahren ein verehrter Baum, gleich Eiche, Buche und Linde. Sein schneller Wuchs, sein kräftiger hochaufschossender Stamm, sein schattengebendes Laub machten ihn den alten Deutschen nicht minder wert wie den Alt- und Neugriechen, und sicher nicht ohne Beziehung gaben sie ihm den Namen Ehre und sahen in seinen Blättern ein Sinnbild ausdauernder Festigkeit.

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710. Der wandelnde Mönch

710. Der wandelnde Mönch

Ein Herzog zu Koburg hat Krieg geführt mit einem Bischof zu Bamberg und in demselben zwölf Junker gefangengenommen, die auf die Feste über der Stadt gebracht und dort in leidlicher Verwahrung gehalten wurden. Sie durften sich im Hofe ergehen und Kurzweil treiben und ließen es daran nicht fehlen. Da kam einstmals der Schloßkaplan, der ein alter finsterer Mönch war, die Schloßtreppe herunter, auf welcher etwa die Junker, die ihn nicht gern sahen, Erbsen gestreut haben mochten. Wie nun der alte fette Pfaff ausglitt und die Treppe herabkugelte, schlugen sie allzumal ein lautes Gelächter auf, der Mönch aber schlich davon mit grimmem giftigen Blick und verklagte die Junker beim Herzog und reizte ihn zu heftigem Zorne. Dieser befahl, daß die Junker in der Mitternachtstunde hingerichtet werden sollten, und sollten so viele Häupter fallen, als der Turmwart Hornstöße tun würde. Dies strenge Gebot wurde lautbar und kam auch zu der Herzogin, die war sanft und gut und bat bei ihrem Gemahl für der Junker Leben und besänftigte seinen Zorn, daß er sagte, es solle nur einer sterben. Aber auch den Tod des einen wollte die edle Herrin verhindern, und damit der Turmwächter in dieser Nacht gar nicht in das Horn stoße, so ließ sie diesen rufen und in einem sichern Gemach verwahren, doch mit Trank und Speise wohl versehen. Aber die Junker wurden zur Mitternacht in den Schloßhof bei Fackelschein zum Schafott geführt, damit sie mindestens die Angst bekämen für ihre Gottlosigkeit, und der Scharfrichter machte sich bereit und hieß sie alle niederknieen und hob sein Schwert. Der Scharfrichter wußte aber nicht, daß der Herzog seinen Befehl zurückgenommen. Indem so schallte der Ruf der Mitternachtstunde grausig von dem Turme her, und Meister Hämmerling übte beim blutigen Scheine der Fackeln sein blutiges Amt; es fiel ein Haupt – und wieder ein Hornstoß – und wieder ein Haupt, und noch eins, und noch eins. Die Herzogin hörte es, stieß einen Schrei des Schreckens aus und fiel in Ohnmacht, der Turmwächter hörte es und entsetzte sich; der Herzog vernahm den Schall und eilte zornig zum Turme. Wie der tückische Pfaffe, welcher wußte, daß der Turmwart fehlte, an seiner Statt den zwölften Hornstoß tat, fiel des letzten Junkers Haupt, und fuhr ihm des Herzogs Schwert in das rachsüchtige Herz, und dann packte ihn der ergrimmte Herr und warf ihn vom Turme hinunter. Nun wandelt der Mönch als ein Geist umher in und um die St. Moritzkirche, und bisweilen tutet er, wie die Tut-Osel, daß alles erschrickt.

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701. Der Feilenhauer von Weißdorf

701. Der Feilenhauer von Weißdorf

Zu Weißdorf hat ein Mann gelebt, der war ein gelernter Feilenhauer, gab aber das Geschäft auf und legte sich auf ein anderes, das er für einträglicher hielt, nämlich auf das Geisterbannen. Damals gab es noch Geister, die sich zitieren und bannen ließen, heutzutage wollen sie sich nicht mehr bannen lassen, und es ging dem Feilenhauer nicht wie jenem Schulmeisterlein, das, gleicher Kunst obliegend, gefragt wurde: Können Sie wirklich Geister zitieren? – mit einem stolzen O ja antwortete, aber als nun weiter gefragt ward: Kommen denn auch Geister auf Ihr Zitieren? – ein trübseliges Nein vernehmen ließ – des Feilenhauers Zitierte kamen wirklich. Der Feilenhauer war ein langer hagerer Mann, gruslich anzusehen; er trug einen abgeschabten Schinderranzen von Fischotterfell und sah einem Rattenfänger ähnlicher als einem Staatsrat, vermochte auch mehr, und gefürchtet wurde er von Alt und Jung, weil er so verrufenen Umgang hatte. Wo nun ein Poltergeist sich zeigte, da wurde der Feilenhauer hingerufen, und wo er in einen Ort kam, war auch gleich ein Poltergeist da, den jener beschwur, und da kroch der Geist so demütig in den Fischotterranzen wie im Kindermärchen vom Meisterdieb Pfarrer und Schulmeisterlein in den großen Sack. Alle die eingefangenen Poltergeister trug nun der Geisterjäger gleich gefangenen Katzen hinauf auf Burg Waldstein; dort bannte er sie alle hinein und hielt gute Zucht und Ordnung; da sitzen sie manchmal noch immer um einen großen Steintisch im Burghofe und spielen mit eisernen Karten, die der Feilenhauer selbst verfertigt hat. Die Karten müssen etwas heiß sein, denn man findet ihre Spuren dem Steine eingebrannt.

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694. Zwergenhöhle bei Naila

694. Zwergenhöhle bei Naila

Zwischen Selbitz und Marsreuth liegt das Dorf Naila, dort wohnten in einer noch vorhandenen Höhle vor ein paar hundert Jahren Zwerge; das Loch ist noch da, aber die Zwerge sind fort. Ein Bauer des Namens Kohmann ackerte mit zwei Pferden auf seinem Felde, und sein Weib brachte ihm ein neugebackenes Brot zum Frühstück, das sie, in ein Tüchlein gebunden, am Rain niederlegte und dann in das Gras ging. Da trat zu dem Ackersmann ein Zwergweiblein dar und sagte: Du bist noch nicht hungrig, aber meine Kinder sind hungrig; mein Brot ist noch im Backofen, leihe mir das deine für meine Kinder, bis Mittag will ich es dir erstatten. – Der Bauer überließ dem Weiblein gern das Brot und geduldete sich bis Mittag, war aber doch neugierig, ob sie Wort halten werde. Und siehe, sie kam auf den Punkt, als das Mittagöglöcklein im Dorfe ausgebimmelt hatte, brachte in einem schneeweißen Tüchlein einen noch warmen Brotkuchen und sagte: Nimm und iß es ohne Scheu, das Tuch lasse liegen, ich hole es schon ab. Wir sehen uns dann nicht wieder – die Welt wird ungut. Ihr flucht und schwört je mehr und mehr, ihr lauft in aller Sonntagsfrühe heraus auf eure Felder, die Früchte zu beschauen, ihr errichtet ein Hammerwerk nach dem andern, es ist des Schlagens und Pochens kein Ende – so müssen wir den Ort verlassen, wo wir so lange bequem gesessen. – Damit ist sie hinweg und nicht wiedergekommen; ob der Bauer im Brote oder dem Tüchlein etwas gefunden habe, wird nicht gemeldet.

In das Zwergloch bei Naila sind einmal an einem Sonntagnachmittag unterschiedliche junge Bauernbursche gekrochen mit brennenden Schleißenspänen; da kamen sie durch einen Gang, der maß ein paar Ackerlängen, dann in eine mannshohe Grotte mit vielen kleinen Türlein an den Seiten, wie Kämmerchen, und da grausete es sie alle mit einem Male mächtiglich, und eilten heraus, und sind ein paar Tage übel aufgewesen.

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695. Der Herrgottstein

695. Der Herrgottstein

Zwischen Selb und Thierstein, nahe der Eger und nahe der Straße, ragt ein großer Stein aus dem Boden, der ist also gestaltet, daß sich ein Mann in denselben, gleichwie in eine Form, legen kann; denn alle Gliederformen sind in den schönsten Verhältnissen, wie von eines Künstler Hand wie in Wachs eingetieft, zu erschauen. Die Sage geht, daß Christus unser Herr darauf geruht und dem Stein die Gestalt seines heiligen Leibes eingedrückt habe, und wäre so dieser Stein ein wahres Gegenstück zu jenem schwarzen Teufelsabdruck am Lurleifels.

Ahnliche Felseindrücke werden erschaut in der Höhle des heiligen Prokopius auf der halben Wegstrecke von Prag nach Königssaal, die tief in den Felsen hineingeht. Darinnen hauste aber freilich kein Herrgott, sondern ein ganzes Heer von Teufeln, die der heilige Prokopius alle austrieb, und da sie ausfuhren, ließen sie ihre Wahrzeichen, Hörner, Drachenkrallen, Ochsen- und Pferdeklauen und Lindwurmschweife, als ein Andenken zurück.

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696. Fichtelberg und Fichtelsee

696. Fichtelberg und Fichtelsee

Auf dem Fichtelberge, dem Haupt und König des Fichtelgebirges, liegt – gleichwie auf dem Schneekopf im Thüringerwalde der Teufelskreis, auf dem Rhöngebirge in Franken das schwarze Moor, dem Pilatussee auf dem Frakmont der Schweiz, dem Frau-Hollenbad auf dem Meißner in Hessen u. a. – ein berufener unergründlicher See, der Fichtelsee genannt. Früher war er offen wie der Pilatussee, hernachmals aber hat er sich mit einer schwankenden Moordecke, gleich dem vorgenannten, überzogen und heißt nun die Seelohe, weil in dieser Gegend jeder Sumpf unter einer Moordecke Lohe genannt wird. Vier Flüsse rinnen vom Fichtelberge nach den vier Himmelsgegenden nieder, Main und Saale, Nab und Eger, deren Namensanfangsbuchstaben das Wort MENS bilden; davon entspringen Main und Nab unmittelbar dem Fichtelsee. Der Main fließt gen Westen, die Nab gen Süden, die Eger gen Osten und die Saale gen Norden. Der Main fällt in den Rhein, die Nab in die Donau, Eger und Saale strömen der Elbe zu. Bei Weißenstadt fließt die Eger durch einen See, in welchem ein Pfarrer vordessen, wie die Sage geht, die Frösche stumm gemacht, wie jener Arme die zu Schwante, andere aber sagen, ein kunstbegabter Vagabund habe solch Wunderwerk für den Pfarrer verrichtet, den die Frösche unter der Predigt gestört. Und ist noch dieses wundersam, daß jeder in den Weißenstädter See geworfene Frosch alsbald wieder herauseilt, und daß ein paar Eimer dieses Wassers, in andere Teiche geschüttet, die Frösche ebenfalls verstummen machen. – Die Eger hat in ihrem Sande Diamanten, der Main Perlen, die Saale Gold und die Nab silberflammige Steinlein geführt. Auch vom Fichtelberg geht das weitbekannte Sprüchwort: Oft wirft ein Hirte nach einer Kuh mit einem Steine, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Das alles aber war und geschähe noch in der goldnen Zeit; ob und wann sie wiederkehre, bleibt in Dunkel gehüllt. In dem Fichtelsee badet sich der Nachtjäger, wie seine Sippe, Frau Holle, ihr Bad auf dem Hohen Meißner im Hessenlande hat, der Teufel das seine auf dem Schneekopf und Rübezahl seines auf dem Riesengebirge, und es ist nur gut, daß diese vier hohen Herrschaften ihre Badezeit nicht an einem und demselben Orte halten, dieweil sonst in der Welt noch viel mehr Schlimmes und Arges geschehen würde, als ohnehin geschieht, wenn der Teufel und seine Diplomaten in einem Bade beisammen sind.

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697. Schätze der Luchsburg

697. Schätze der Luchsburg

Von keinem der felsgekrönten Hochgipfel des Fichtelgebirgs, die meist alle Ritterburgen trugen, welche nun in Trümmern liegen, gehen mehr Schätze- und Schatzgräbersagen als von der Luchsburg, Lugsburg, Luxburg, Loosburg über dem Alexanderbade. Unter einer großen Stufe im verfallenen Keller liegt ein ungeheurer Schatz in einem kupfernen Kessel, der eine Elle hoch und eine Elle breit ist, der ist voll gemünzter Goldgulden. Auf dem Kessel steht ein kupfernes Gefäß, das umschließt eine goldne Königskrone, die mit den größten Perlen und wertvollsten Edelsteinen geschmückt ist. Die Raubritter, die einst in dieser Burg hausten und das Gebirge beherrschten, trugen diesen Schatz zusammen, bargen und versetzten ihn so, daß er nicht gefunden werden kann. Die Krone nahmen sie einem Könige und machten sie genau so unsichtbar wie Herrn von Kossuths Exzellenz die ungarische Königskrone. Nur durch ein Mönchlein von zwerghaftem Wuchs, in schwarzer Kutte, einäugig und hinkend, kann diese Krone, nämlich die in der Luchsburg, und der Goldkessel dereinst gefunden und der Schatz gehoben werden, und dies kann nur am Feste Epiphanias, dem goldnen oder Trinitatissonntag, an welchem sich das Mönchlein goldnen Sonntagskindern sehen läßt, durch ein golden Sonntagskind geschehen. Unzählige Male haben Schatzgräber und Bergleute die Klüfte unter der Luchsburg durchwühlt, aber ganz vergebens.

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698. Geisterkirche am Ochsenkopf

698. Geisterkirche am Ochsenkopf

Nahe dem Fichtelberge hebt der Ochsenkopf sein fels- und waldgekröntes Haupt, und die Sage nennt es gold- und schätzereich. Häufig haben die Walen des Berges Tiefen durchwühlt. In eine felsige Kluft droben kroch ein Bauer, da kam er an ein Stollenloch und fand vor demselben ein geschriebenes Buch in einer fremden Sprache samt einem Paar Handschuhe und einem Pistol. Er legte sich auf den Bauch und horchte hinein, hörte drinnen hauen und pochen, sah aber kein Licht; da nahm er alles Gefundene zu sich, schoß das Pistol ab und übergab seinen Fund dem Amt.

Ein alter Fichtelberger Aschenbrenner hat erzählt: An einem goldnen Sonntagmorgen regnete es, und da lief ich hinauf auf den Ochsenkopf, die Asche zu retten, und da hörte ich drunten in Bischofsgrün mit den Glocken zusammenschlagen. Da kam ich an eine Felsenwand, die stand auf, und ich trat hinein; da hat ein Altar dringestanden, der war ganz von Gold und glänzte über und über vom Schein der Kerzen, die auf ihm brannten. Da fiel mir bei, daß ich schon gehört hatte, allemal, wenn drunten in Bischofsgrün Kirche gehalten werde, so gehe droben die Geister-, Berg- und Waldkirche zugleich an; ich sah noch einmal hin! Gold und Silber hingen wie Eiszapfen am Gewölbe, Perlen und Edelsteine bambelten da wie die Zwiebelstränge in unserm Schlot, Geister sah ich keine – aber ich entsetzte mich, daß ich so mutterseelenallein war, lief fort und hörte hinter mir ein entsetzliches Krachen und Brechen, als ob der Berg in sich zusammenstürze. Ich holte meine Fraue, daß sie den Pracht auch sehen sollte, der nur am göldnen Sonntag und am Johannistage sich manchmal in der Frühe zeigt, aber wie wir hinkommen, war die Felsenwand zu und nichts mehr zu sehen, und meine Fraue sagte, ich sei selber ein Ochsenkopf, daß ich mir nicht aus der Geisterkirche so einen Goldeiszapfen oder Edelsteinstrang herausgelangt, denn wem der Schatz sich zeige, dem sei er auch beschert. Aber wenn der Bettelmann nichts haben soll, so verliert er das Brot aus der Tasche.

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6. Die Tellensage

6. Die Tellensage

Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Befreier von hartem und lastendem Druck, als den Schöpfer der Schweizerfreiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen, und ist ewig fortlebend und unaustilgbar.

Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von Österreich regierte, der war ein strenger und heftiger Herr und suchte, daß er sein Land mehre; so kaufte er viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerland, setzte auch in dieselben Landvögte ein, die in seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und Landschaften aber wollten nichts von dem Österreicher wissen noch haben; da sandte ihnen der Kaiser zwei edle Boten, den Herrn von Liechtenstein und den Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen, daß sie sich doch sollten in Österreichs Schutz und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen und ihr trutzen, wollten sie das aber nicht, so wolle der Österreicher ihr Feind sein, und sollten sie sich nichts Gutes von ihm zu versehen haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz: Liebe Herren, wir wollen dem Hause Österreich gern in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein, aber wir wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat. – Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf und ritten stracks nach Uri und Unterwalden, dort, dachten sie, würden sie sich gleich der Braut vermählen; es kam aber ganz anders, denn die drei Orte hatten sich schon miteinander verbunden und sich verschworen, treulich zusammenzuhalten, sagten auch, daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolf dem Habsburger, und ritten die Abgesandten unverrichteter Sache von dannen. Bald darauf sendete Albrecht von Österreich zwei Vögte, die hießen Grißler und Landenberger. Von denen sollte Grißler ein Amtmann zu Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden, doch sollten sie sich zu Anfang gut und freundlich erzeigen, ob sie vielleicht in Güte das Volk bewegten, allein dieses ließ sich nicht bewegen, und da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles gebrannte Herzeleid anzutun. Als dieses nun geschah, so sendete das Volk Klageboten an Albrecht, der aber ließ diese gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen die Sendboten zu des Kaisers Räten und baten sie freundlich und ernstlich, sie sollten dem Mutwillen und der Plackerei der Vögte steuern und verhindern, daß sie mit neuer und unerhörter Schätzung das Volk bedrückten; aber die Räte sprachen: Ihr Männer seid selber schuld an allem Übel, warum wollt ihr euch nicht auch in unsers Herrn Gnade, Schutz und Schirm geben? Tätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten Frieden. – Da kehrten die Gesandten traurig heim und ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme Botschaft an.

Damals hauste in Unterwalden ein gar redlicher Mann, der niemals Untreue verübte, der war dem Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name war Heinrich im Melchtal an der Halde. Zu dem sandte der Landenberger, der auf Burg Sarnen saß, einen seiner Knechte mit dem Gebot, dem Melchtaler die Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge wegführen. Heinrich im Melchtal aber sprach: Laß ab, meine Ochsen behalte ich. Hab‘ ich was Sträfliches getan, so soll man mich vorfordern und richten. – Der Knecht sprach: Bauer, ich tue, was meines Herrn Gebot ist, frag ihn selbst um die Ursach! Ihr Bauern seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug selbst ziehen könnt. – Diese lose Rede hörte des Alten junger Sohn, der hieß Arnold, und nahm alsbald einen Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen verging. Der Knecht entwich, die Tat dem Landvogt anzusagen, und der junge Arnold im Melchtal entwich nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich im Melchtal vor sich bringen und begehrte von ihm des Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte entweder nicht sagen wollte oder nicht wußte, wohin sein Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut und trieb ihn ins Elend. Auf der Burg Roßberg hatte der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von Wolffen, das war auch einer von den Pressern, der kam in Konrads von Baumgarten Behausung und traf, wie er schon voraus wußte, nicht den Mann, sondern nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er ein sonderlich Gelüsten hatte, rief sie an, indem er vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm baß heiß vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen, sie aber tat, als wolle sie ihm gehorchen, zuvor aber sich ihrer Röcke außen abtun, ließ ihn sitzen und lief alsbald nach dem nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade Feierabend gemacht, kam ihr mit der Axt entgegen und hörte ihre Not und Klage und sprach: Dem Bader will ich das Bad wohl gesegnen – und lief einen nahen Pfad – traf den Wolffen noch im Zuber, des Weibes harrend, und schlug ihn mit der Axt dermaßen auf den Grind, daß der Kopf in zwei Hälften auseinanderspaltete.

Der Landvogt Grißler, der zu Uri saß, hub an, auf einen Bühel über Altdorf eine neue Burg zu bauen, die sollte genannt werden »Zwing Uri unter die Stegen«, um so recht das Landvolk zu quälen und zu reizen, und weil der Grißler wußte, daß er allem Volke verhaßt war, und mutmaßete, es möge sich schon etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so ließ er mitten auf einem freien Platze, wo jedermann vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit einem Hute darauf, und befehlen, daß jedermann, wer es immer sei, dem Hute Reverenz erzeigen solle mit Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst sei, und ließ heimlich spüren und aufpassen, wer das etwa nicht täte und den Gruß weigerte. Darauf ritt er gen Schwyz und kam über Stein, da wohnte ein gar frommer Mann, der hieß Werner von Stauffacher, der hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüberritt, fragt er: Wem gehört dieses Haus? Der Stauffacher wollte recht höflich sein, sagte nicht, daß es sein gehöre, sondern antwortete: Meines Kaisers und Euer, Herr Landvogt, ich trag’s von Euch zu Lehen! Beliebt Euch einzutreten? – Aber der Landvogt fuhr den Stauffacher scheltend an: Ich bin hier an des Kaisers Statt! Hast du um Erlaubnis gefragt zu diesem Bau? Nein! Und baut ihr Bauern nicht Häuser, als wenn Herren darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl wehren! – Sprach’s und ritt trutziglich weiter. Dem Stauffacher schmerzte die Rede sehr, aber sein kluges Weib tröstete ihn und sagte ihm, er solle sich doch umtun bei andern Freunden, ob es überall im Lande so getan sei, und mit ihnen Rats pflegen, daß es anders werde. Da ging Werner von Stauffacher gen Uri zu einem Freund, der hieß Walther Fürst, und bei dem fand er Arnold im Melchtal, der sich noch flüchtig hielt, und da ratschlagten die drei miteinander und wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen den Druck der Vögte schließen wollten. Das gelang ihnen trefflich, und ward ein großer heimlicher Bund, zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht, denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig, nannten sie Bauernadel und adelige Kuhmelker. Darauf erkieseten die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt im Gryttli, an dem Vierwaldstätter See, wie es nun werden sollte. Da rieten die von Unterwalden, man solle noch verziehen und zuwarten, weil es schwer wäre, in aller Schnelle die festen Plätze wie Sarnen und Roßberg zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser mit List gewinnen, niemand töten, der sich nicht bewaffnet widersetze, allen übrigen freien Abzug gewähren und dann die Festen bis auf den Boden schleifen. Als die Männer so tagten und den großen Bund beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen.

Mittlerweile geschah es, daß ein Mann aus Uri, Wilhelm Tell geheißen, etliche Male achtlos an Grißlers Hut vorübergeht und ihm keine Reverenz macht. Kaum ward das angezeigt, so beschickte ihn der Vogt, Tell aber sprach: Ich bin ein Bursmann und vermeint‘ nit, daß so viel an dem Hut lieg, hab‘ auch nit sonder acht darauf gehabt. – Da ergrimmte der Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und sagte: Du bist ja ein Schütz und trägst Geschoß und Gewaffen mit dir herum, jetzt schieße diesem deinem Kind einen Apfel vom Kopf. – Dem Tell erschrak das Herz, und er sprach: Ich schieße nicht, nehmt mein Leben. – Du schießest, Tell! schrie der Landvogt, oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen und dich hinterdrein niederstoßen. Da betete der Tell innerlich zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und ruhig und zuckte nicht, und Tell schoß und traf den Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte den Tell, den meisterlichen Schützen, das verdroß erst recht den Grißler, und er schrie den Tell an, der noch einen Pfeil im Koller hatte: Du hast noch einen Pfeil, Tell, sag an, was hättst du getan, wenn du dein Kind getroffen? – Tell antwortete: Das ist so Schützenbrauch, Herr. – Nein, das ist eine Ausrede, Tell! antwortete der Landvogt. Sag es frei, ich sichere dich deines Lebens. – Wenn Ihr denn es wissen müßt, sprach Tell, und meines Lebens mich versichert, so höret denn, traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil Euer wahrlich nicht fehlen sollen. – Ha, du Schalk und Erzbösewicht! schrie der Landvogt, das Leben hab‘ ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen soll! – Hieß alsobald seinen Knechten, den Tell zu binden und ihn in sein Schiff bringen, darin er über den Urner- und den Vierwaldstätter See fahren wollte, und von Weggis nach Küßnacht reiten. Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser ins Schiff schlug, da sagten die Schiffsleute dem Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der allein könne sie noch aus der Todesgefahr retten. Darauf ließ der Landvogt den Tell losbinden, der ruderte flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände sich hinabsenkt, da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte, auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem Geschoß und Pfeil, das er rasch ergriff, stieß mit Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und seine Leute mächtig, Tell aber entfloh eilend auf Pfaden, die ihm wohlbekannt waren. Als die im Schiff bei Laupen kamen, legte sich der Sturm, Grißler ließ aber dennoch bei Brunnen anlegen, denn er fürchtete sich nun vor dem Ungestüm der Seen. Tell wandelte auf Bergpfaden hoch über den Seetälern und sah, wohin der Landvogt zog, und da fand sich zwischen dem Arth und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte Tell des Vogts, und wie der durch die hohle Gasse dahergeritten kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher Tat wich der Tell ungesehen von hinnen, kam im Dunkel der Nacht im Lande Schwyz in des Stauffachers Haus zu Steinen, eilte dann durchs Gebirg zu Walther Fürsten in Uri und sagte allen an, was und wie es sich zugetragen, und daß es jetzt an der Zeit sei, loszuschlagen und das fremde Joch abzuschütteln. Nun war es nicht mehr weit hin bis zum neuen Jahr, denn als der Bund im Gryttli tagte, war schon Wintermond, und da ward zuerst Roßberg mit List eingenommen von den Unterwaldnern, und darauf Sarnen ohne Schwertschlag, und mußten alle Leute der Vögte Urfehde geloben und schwören, nimmermehr wieder in das Schweizerland zu kommen, und wurden über die Grenze vergeleitet; das noch nicht fertig ausgebaute Schloß Zwing-Uri wurde wie die genannten Schlösser der Erde gleich gemacht, und Werner Stauffacher brach Schloß Louvers, das in den See hineingebaut stand.

Da nun Kaiser Albrecht von allen diesen Dingen die Kunde vernahm, geriet er in großen Zorn, nahm gleich ein Kriegsheer, die Schweizer zu züchtigen. Aber auf diesem Zuge, da er durch den Aargau ritt und gen Brugg wollte, wurde er von seinem eigenen Neffen, Johann, Herzog von Schwaben, ohnweit Königsfelden meuchlings erschlagen. Darum behielten die Schweizer Frieden und ihre Freiheit bis auf den heutigen Tag. Das ist die Sage von der Schweizer Bündnis und der Tat des Tell, welch letztere nur wie eine einzelne Alpenrose in den Kranz der Geschichte sich einflocht. Es ist bekannt, daß die Sage vom glückhaften Pfeilschuß auch in Dänemark sich findet, und nicht unmöglich ist, daß die frühern Einwanderer aus dem Norden sie schon mitgebracht und sie sich dann verjüngt hat. Ja, die drei ersten Gründer des Bundes der Schwyzer, Unterwaldner und derer von Uri – denen sich dann Zürich, Luzern, Zug, Glarus, Freiburg und Solothurn anschlossen, denen endlich Schaffhausen und Appenzell folgten – galten und gelten dem Landvolke als drei Telle, die in einer Felskluft verzaubert schlafen, wie Kaiser Friedrich im Kyffhäuser und Kaiser Karl im Untersberge. Sollte das Schweizer Vaterland in Not kommen, so werden die drei Telle aus ihrer Gruft hervorgehen und es aufs neue befreien. Den Weg zu ihrer Höhle weiß keiner, nur zufällig kam einst ein Hirte, der einer verlaufenen Ziege suchend nachging, an eine Höhle, da fand er die drei Männer, und der eine Tell richtete sich vom Schlummer auf und fragte: Welch Zeit ist’s auf der Welt? – Hochmittag! antwortete der Hirte. – So ist’s noch nicht an der Zeit! sprach der Tell und legte sich wieder zum Schlummer hin. Keiner hat nachher die Höhle wiedergefunden.

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