Kapitel 5


Kapitel 5 Mehrere Abenteuer, die der Verfasser besteht. Die Hinrichtung eines Verbrechers. Der Verfasser zeigt seine Geschicklichkeit in der Schifffahrt.

Ich würde in diesem Lande sehr glücklich gelebt haben, wenn meine Kleinheit mich nicht mehreren lächerlichen und verdrießlichen Vorfällen ausgesetzt hätte. Einige derselben bin ich hier so frei zu erzählen. Glumdalclitch trug mich oft in meiner kleineren Schachtel zum Hofgarten und pflegte mich herauszunehmen, mich in der Hand zu halten oder mich auf den Boden zu setzen, damit ich umherginge.

Wie ich mich erinnere, folgte uns der Zwerg, ehe er die Königin verließ, eines Tages in den Garten. Meine Wärterin hatte mich auf den Boden gesetzt; ich kam mit ihm neben einem Zwergäpfelbaum zusammen, ein Wort, das sich ebenso in unserer Sprache, wie in der von Brobdingnag befindet. Somit mußte ich nothwendig meinen Witz in einer albernen Anspielung auf ihn und den Baum zeigen. Hierauf nahm der boshafte Schelm den Augenblick wahr, wo ich gerade unter dem Baume herging, und schüttelte ihn über meinem Kopfe so, daß ein Dutzend Aepfel, jeder so groß wie ein Faß, in der Nähe meiner Ohren herabfiel. Als ich mich nun deßhalb bückte, fiel mir ein Apfel auf den Rücken und warf mich mit allen Vieren zu Boden, allein ich wurde nicht beschädigt, und der Zwerg erhielt auf meine Bitte Verzeihung, weil ich die Veranlassung zu jener Handlung gegeben hatte.

An einem andern Tage ließ mich Glumdalclitch auf einem weichen Rasenplatz, damit ich dort umherwandelte, während sie in einiger Entfernung mit ihrer Erzieherin spazieren ging. Inzwischen fiel ein so furchtbarer Hagelschauer, daß ich durch die Gewalt der Schloßen sogleich zu Boden geschlagen wurde. Als ich nun dalag erhielt ich so furchtbare Püffe auf dem ganzen Leibe, als ob ich mit Bällen geworfen würde. Es gelang jedoch meinen Anstrengungen, auf allen Vieren fortzukriechen und mich unter einer Thymianstaude zu verbergen; ich war aber von Kopf bis zu Fuß so mit Beulen bedeckt, daß ich zehn Tage lang nicht ausgehen konnte. Der Leser braucht sich übrigens hierüber nicht zu wundern, denn die Natur beobachtet dort in allen ihren Wirkungen dasselbe Verhältnis und somit ist ein Hagelkorn in Brobdingnag zehnmal größer als ein europäisches. Diese Behauptung kann ich nach eigener Erfahrung aufstellen, denn ich habe aus Neugier die Körner gewogen und gemessen.

Ein gefährliches Abenteuer bestand ich in demselben Garten, als meine kleine Wärterin mich niedergesetzt und zwar, wie sie glaubte, an einen sichern Platz (ich bat sie nämlich öfter, dies zu thun, damit ich mich meinen Gedanken ungestört überlassen könne). Sie hatte die Schachtel, um der Last des Tragens überhoben zu seyn, nicht mitgenommen, und ging mit ihrer Erzieherin und einigen Damen ihrer Bekanntschaft in einem andern Theile des Gartens spazieren. Während ihrer Abwesenheit kam ein Wachtelhund, der einem Gärtner gehörte, durch Zufall in den Garten, strich in der Gegend, wo ich lag, umher, folgte seinem Geruch, kam auf mich zu, nahm mich in sein Maul, lief mit mir des Weges zu seinem Herrn und legte mich, indem er mit dem Schwanze wedelte, sanft auf den Boden nieder.

Glücklicherweise war er so gut abgerichtet, daß er mich zwischen den Zähnen trug, ohne mir den geringsten Schaden zuzufügen, oder auch nur meine Kleider zu zerreißen. Der arme Gärtner, der mich recht gut kannte, und immer sehr artig gegen mich war, gerieth in furchtbaren Schrecken, nahm mich mit beiden Händen auf und fragte, wie ich mich befinde; ich war aber noch so voll Schrecken und außer Athem, daß ich kein Wort sprechen konnte. Als ich nach wenigen Minuten wieder zu mir kam, brachte er mich zu meiner kleinen Wärterin, die unterdessen an den Ort zurückgekehrt war, wo sie mich gelassen hatte, und in furchtbare Angst gerieth, als ich nicht erschien und auf ihren Ruf keine Antwort gab. Sie gab dem Gärtner wegen seines Hundes einen strengen Verweis. Allein die Sache ward unterdrückt und nie bei Hofe erzählt, denn das Mädchen fürchtete den Zorn der Königin, und was mich selbst betraf, so war ich der Meinung, jene Geschichte könne, wenn sie verbreitet würde, meinem Rufe nicht zum Vortheile gereichen.

Dies Abenteuer veranlaßt bei Glumdalclitch den entschiedenen Entschluß, mich für die Zukunft ausserhalb des Hauses nie aus ihren Augen zu lassen. Ich hatte diesen Entschluß schon lange befürchtet und deßhalb mehrere kleine unglückliche Begegnisse verschwiegen, die mir, wenn ich allein war, zustießen. Ein Weiher, der über dem Garten schwebte, schoß einmal auf mich nieder, und hätte ich nicht entschlossen den Degen gezogen und mich unter ein dichtes Spalier geflüchtet, so würde er mich sicherlich in seinen Klauen fortgetragen haben. Ein andermal stieg ich auf den Gipfel eines frischen Maulwurfhügels und fiel bis an den Hals in das Loch, woraus das Thier die Erde herausgeworfen hatte. Damals ersann ich eine Lüge, die des Erwähnens nicht werth ist, um mich wegen des Beschmutzens der Kleider zu entschuldigen. Einmal auch zerbrach ich mein rechtes Schienbein; ich stolperte über ein Schneckenhaus als ich allein spazieren ging und an das arme England dachte.

Ich weiß nicht mehr ob es mir Vergnügen oder Kränkung verursachte, wenn die kleineren Vögel bei diesen einsamen Spaziergängen sich nicht vor mir zu fürchten schienen, sondern bis auf die Länge einer Elle vor mir herumhüpften, und Würmer, so wie andere Nahrung mit so viel Gleichgültigkeit und Sicherheit suchten, als befände sich kein Geschöpf in ihrer Nähe. Eine Drossel hatte sogar, wie ich mich erinnere, die Frechheit, ein Stück Kuchen, das Glumdalclitch mir zum Frühstück gegeben hatte, mit dem Schnabel aus meiner Hand, zu schnappen. Wenn ich solche Vögel fangen wollte, liefen sie keck auf mich zu und suchten auf meine Finger zu picken, die ich klüglicherweise aus ihrem Bereiche entfernt hielt, und dann hüpften sie ganz unbekümmert wieder zurück, um Würmer und Schnecken, wie zuvor, zu suchen. Eines Tages nahm ich aber einen dicken Stock und schleuderte ihn so geschickt nach einem Hänfling, daß ich ihn zu Boden schlug, worauf ich ihn mit beiden Händen anpackte, um ihn meiner kleinen Wärterin zu bringen. Der Vogel war aber nur betäubt gewesen, kam bald wieder zu sich und gab mir auf beiden Seiten des Kopfes und Leibes mit den Flügeln so heftige Schläge, ob ich ihn gleich mit dem Arm so weit wie möglich von mir entfernte, und obgleich er seine Krallen nicht gebrauchen konnte, daß ich zwanzigmal Willens war, ihn wieder stiegen zu lassen. Bald aber befreite mich ein Bedienter, welcher dem Vogel den Hals umdrehte, und am nächsten Tage erhielt ich ihn auf Befehl der Königin zum Mittagessen. Der Hänfling war, so viel ich micherinnere, beinahe noch etwas größer als ein englischer Schwan.

Die Ehrendamen luden Glumdalclitch oft zu sich ein und baten sie, mich mitzubringen, damit sie das Vergnügen haben könnten, mich zu sehen und zu berühren. Sie entkleideten sich oft von Kopf bis zu Fuß und legten mich in voller Länge an ihren Busen, ein Verfahren, das mir den höchsten Widerwillen erregte, weil ein sehr fataler Geruch (um die Wahrheit zu sagen) aus ihrer Haut hervordrang. Ich erwähne dies nicht in der Absicht, diesen ausgezeichneten Damen, für die ich jede Art der Achtung hege, etwas Unangenehmes nachzusagen; allein ich kann mir denken, daß mein Geruchssinn, im Verhältnis zu meiner Kleinheit, um so schärfer war, und daß diese verehrten Personen ihren Liebhabern oder einander selbst nicht unangenehmer waren, wie Leute desselben Standes in England. Auch fand ich ihren natürlichen Geruch bei weitem erträglicher, als den Duft der Parfümerie, die sie mitunter gebrauchten. War dies der Fall, so fiel ich sogleich in Ohnmacht. So erinnere ich mich auch, daß ein genauer Freund von mir in Lilliput sich an einem heißen Tage, wo ich mir viele Körperbewegung gemacht hatte, über einen starken Geruch meines Körpers beklagte, obgleich ich in dieser Hinsicht reinlicher bin, wie die Meisten meines Geschlechts. Ich vermuthe jedoch, das Geruchsorgan meines Freundes war im Vergleich zu mir eben so stark, als das meinige im Verhältniß zu den Einwohnern von Brobdingnag. In diesem Punkte muß ich jedoch der Königin, meiner Gebieterin, und meiner Wärterin Glumdalclitch Gerechtigkeit erweisen; sie dufteten so süß, wie nur irgend eine Dame in England.

Den meisten Ekel erregten mir aber die Ehrendamen (wenn meine Wärterin mich zu ihnen brachte), daß sie alle Umstände hinsichtlich meiner bei Seite setzten, als sey ich ein geschlechtloses Geschöpf, denn sie pflegten sich nackt auszuziehen, ihre Hemden anzulegen, während ich auf ihrem Putztisch gerade vor ihren entblößten Gliedern stand, ein Anblick, der bei mir allein den Eindruck des Schauders und Widerwillens hervorbrachte; ihre Haut erschien nämlich, wenn ich sie in der Nähe sah, rauh und uneben, verschieden gefärbt, mit Flecken so groß wie Teller und mit Haaren versehen, welche so dick wie Bindfaden herabhingen, um die übrige Beschreibung ihres Körpers hier zu übergehen. Auch trugen sie kein Bedenken, in meiner Gegenwart sich dessen, was sie getrunken hatten, in der Quantität von zwei Eimern in ein Gefäß, welches an die drei Tonnen enthält, zu entledigen. Die schönste dieser Ehrendamen, ein hübsches und munteres Mädchen von sechzehn Jahren, setzte mich mitunter mit gespreizten Beinen auf eine ihrer Brüste und spielte mit mir mehrere Streiche, deren Uebergehung der Leser hier entschuldigen wird, da ich nicht langweilig werden will. Ich war darüber aber so ärgerlich, daß ichGlumdalclitch bat, irgend eine Entschuldigung ausfindig zu machen, damit ich diese junge Dame nicht mehr zu besuchen brauchte.

Einst kam ein junger Herr, der Neffe der Gouvernante, zu dieser hin, und bat sie dringend, eine Hinrichtung mit anzusehen. Es war die Hinrichtung eines Menschen, der einen genauen Freund dieses Herrn ermordet hatte. Auch Glumdalclitch wurde überredet an der Gesellschaft Theil zu nehmen, obgleich wider ihre Neigung, denn sie war von Charakter zärtlich und sanftmüthig; was mich selbst betrifft, so fühlte ich Neugier und Versuchung Etwas zu sehen, was nothwendig ein außerordentliches Schauspiel darbieten mußte, ob ich gleich Abscheu vor dergleichen blutigen Scenen hege. Der Verbrecher ward in einem Stuhle festgebunden, der auf einem zur Hinrichtung errichteten Schaffott stand; alsdann ward ihm der Kopf mit einem vierzig Fuß langen Schwert auf einen Schlag abgehauen. Die Venen und Arterien spritzten hierauf eine ungeheure Masse Blut zu solcher Höhe in die Luft, daß der Strahl des großen Springbrunnens zu Versailles diesem Blutstrahl nicht gleichkommt; der Kopf fiel mit solchem Krachen zu Boden, daß ich auffahren mußte, obgleich ich eine halbe englische Meile entfernt war.

Die Königin, welche den Erzählungen meiner Seereisen zuzuhören pflegte, und die jede Gelegenheit mich aufzuheitern benutzte, so bald ich trübsinnig war, fragte mich einst, ob ich Segel und Ruder handhaben könne, und ob diese Körperbewegung meiner Gesundheit nicht zuträglich seyn werde. Ich erwiderte, mit Beiden sey ich sehr wohl vertraut, denn obgleich meine eigentliche Beschäftigung die eines Schiffsarztes sey, so hätte ich doch in der Noth sehr oft wie ein gemeiner Matrose arbeiten müssen. Ich könne aber nicht begreifen, wie ich dasselbe in Brobdingnag würde ausführen können, wo der kleinste Nachen einem unserer Kriegsschiffe ersten Ranges gleichkäme. Auch könne ein Boot, wie ich es brauche, unmöglich auf irgend einem der hiesigen Flüsse fahren. Ihre Majestät erwiderte, wenn ich den Plan eines Bootes angeben wolle, werde ihr eigener Tischler es verfertigen, und sie mir alsdann einen Platz verschaffen, wo ich segeln könne. Der Mann war ein geschickter Handwerker und vollendete unter meiner Anleitung in der Zeit von elf Tagen ein Vergnügungsboot nebst Segel und Takelwerk, welches ungefähr acht Europäer bequem fassen konnte. Als es fertig war, empfand die Königin darüber solches Entzücken, daß sie es in ihren Schooß nahm und zum König lief, welcher es zur Probe in eine mit Wasser gefüllte Cisterne setzen ließ, während ich darin saß; dort konnte ich aber aus Mangel an Tiefe meine beiden kleinen Ruder nicht handhaben. Die Königin hatte jedoch schon zuvor einen andern Plan entworfen. Sie ließ von ihrem Tischler einen hölzernen Trog von dreihundert Fuß Länge, fünfzig Fuß Breite und einundachtzig Fuß Tiefe verfertigen. Dieser ward sorgfältig verpicht, damit er keinen Leck bekomme, und auf den Fußboden an die Wand eines äußern Zimmers im Palast gesetzt. Unten am Troge befand sich ein Hahn, um das Wasser, wenn es faulich geworden war, herauszulassen; zwei Diener konnten ersteren in einer halben Stunde mit Leichtigkeit wieder füllen. Hier pflegte ich zu meinem Vergnügen, wie auch zu dem der Königin und ihrer Hofdamen mitunter, zu rudern. Diese waren der Meinung, ich unterhalte sie recht sehr mit meiner Geschicklichkeit und Behendigkeit. Bisweilen spannte ich auch mein Segel auf, und alsdann war es nur mein Geschäft zu steuern, während die Damen mir mit ihren Fächern die Luft zuwehten; wenn sie müde waren, pflegten einige Dienerinnen mein Segel vorwärts zu blasen, während ich meine Geschicklichkeit, rechtshin und linkshin nach Belieben steuernd, zeigte. Wenn ich fertig war, trug Glumdalclitch immer mein Boot in ihr Zimmer zurück, und hängte es, damit es trockne, an einem Nagel auf.

Bei dieser Uebung bestand ich einst ein Abenteuer, welches mich beinahe das Leben gekostet hätte. Als nämlich ein Page mein Boot in den Trog gesetzt hatte, hob die Erzieherin, welche Glumdalclitch begleitete, mich mit vieler Güte in die Höhe, um mich in das Boot zu stellen, allein ich schlüpfte ihr durch die Finger, und würde unfehlbar in der Höhe von vierzig Fuß auf den Boden gefallen seyn, wäre ich nicht durch den glücklichsten Zufall von einer Stecknadel aufgehalten worden, die im Leibchen der guten Frau steckte; der Knopf der Nadel drang nämlich durch mein Hemd und den Leibgurt meiner Beinkleider, und so blieb ich mitten in der Luft hängen, bis Glumdalclitch zu meiner Rettung herbeieilte.

Ein andermal war einer der Diener, welche alle drei Tage den Trog mit frischem Wasser füllen mußten, so sorglos, einen großen Frosch, den er nicht sah, aus dem Eimer schlüpfen zu lassen. Der Frosch lag verborgen bis ich in mein Boot gesetzt war; da er aber dieses als einen Ruheplatz erkannte, klomm er hinauf, und lehnte es dadurch so sehr auf eine Seite, daß ich mit meinem ganzen Körper das Gleichgewicht auf der andern erhalten mußte, um nicht umzuschlagen. Als der Frosch hinaufgestiegen war, hüpfte er bis auf die Mitte des Bootes der Länge nach, dann mit zwei Sätzen vorwärts und rückwärts über meinen Kopf, indem er mir Gesicht und Hände mit seinem abscheulichen Schlamm beschmutzte. Die Größe seines Kopfes ließ ihn als das häßlichste Thier, das man sich denken kann, erscheinen. Ich bat jedoch Glumdalclitch, mir nicht zu helfen, ich wolle schon allein mit ihm fertig werden. Eine Zeit lang schlug ich das Thier mit einem Ruder und zwang es zuletzt, aus dem Boote hinauszuspringen.

Die größte Gefahr, die ich jedoch in Brobdingnag bestand, wurde durch einen Affen, der einem Beamten der Küche gehörte, veranlaßt. Glumdalclitch hatte mich in ihrem Zimmer verschlossen, als sie zu irgend einem Zweck oder um einen Besuch zu machen, hinausging. Das Wetter war sehr heiß; deßhalb war das Fenster des Zimmers, so wie auch eines in meiner größeren Schachtel, offen gelassen, worin ich wegen der Größe und Bequemlichkeit wohnte. Als ich nun ruhig und sinnend an meinem Tische saß, hörte ich wie irgend Etwas in das Zimmerfenster krachend hereinsprang und von der einen Wand zur andern herumhüpfte. Obgleich ich nun sehr erschrocken war, wagte ich es dennoch, hinauszusehen, rührte mich aber nicht von dem Stuhle und da erblickte ich, wie ein possenhaftes Thier herumsprang und Capriolen schnitt, bis an meine Schachtel kam, die es mit großem Vergnügen neugierig zu betrachten schien, indem es zugleich ängstlich auf Thür und Fenster des Zimmers blickte. Ich zog mich in den entferntesten Winkel der Schachtel zurück; als nun aber der Affe sie von allen Seiten beschnüffelte, gerieth ich in solchen Schrecken, daß mir die Geistesgegenwart fehlte. Ich hätte mich nämlich sehr leicht unter mein Bett verstecken können. Nachdem er einige Zeit mit Schnüffeln, Grinsen und Schnattern verbracht hatte, spähete er mich endlich aus; steckte eine seiner Pfoten in meine Thüre auf dieselbe Weise hinein, wie eine Katze, wenn sie mit der Maus spielt, und packte mich endlich, ob ich ihm gleich immer auszuweichen suchte, bei meinem Rockschooß, der sehr dick und stark aus der Seide des Landes bestand. So zog er mich heraus, dann nahm er mich auf seine rechte Vordertatze und hielt mich wie Ammen, wenn sie Kinder säugen wollen, oder wie die Affen junge Katzen in Europa auf den Arm zu nehmen pflegen. Wollte ich mich widersetzen, so drückte er mich so stark, daß ich es für klüger hielt, mich in seine Liebkosungen zu fügen; da er nun mein Gesicht mit der andern Pfote sehr sanft streichelte, so habe ich guten Grund zu glauben, daß er mich für einen jungen Affen hielt. In dieser Unterhaltung ward er durch ein Geräusch an der Zimmerthüre unterbrochen, als wolle dieselbe Jemand öffnen; hierauf sprang er plötzlich zum Fenster hinaus, durch das er gekommen war, kletterte dann die Dachrinnen und Bleischienen auf drei Tatzen hinauf, indem er mich mit der vierten hielt, bis er auf das dem unsrigen nächste Dach hinaufklomm. Ich hörte, wie Glumdalclitch laut aufkreischte, als sie sah, wie er mich forttrug. Das arme Mädchen verlor beinahe den Verstand; das ganze Quartier des Palastes gerieth in Aufruhr; Diener kamen mit Leitern; der Affe ward von Hunderten vom Hofe betrachtet, wie er auf der Dachspitze eines Gebäudes dasaß, mich wie ein Kind in einer Vordertatze hielt und mich mit der andern fütterte; er nahm nämlich einige Nahrungsmittel aus einer Backentasche seines Maules heraus und stopfte mir dieselben in den Mund, wenn ich nicht essen wollte. Viele aus dem Pöbel konnten es nicht unterlassen, hierüber zu lachen; auch darf man sie, wie ich glaube, deßhalb nicht darüber tadeln, denn der Anblick mußte für Jeden, nur nicht für mich, lächerlich seyn. Einige aus dem Volke warfen Steine auf das Dach, um den Affen herunterzutreiben. Dies ward aber streng verboten, wahrscheinlich, da mir der Kopf dadurch zerschmettert werden konnte.

Endlich wurden Leitern angelegt und Menschen stiegen hinauf. Als der Affe dies bemerkte und zugleich sah, wie er umringt war, ließ er mich auf einen Dachziegel fallen, da er mit drei Tatzen nicht schnell genug laufen konnte, und entwischte. Dort saß ich einige Zeit, fünfhundert Ellen über dem Erdboden erhaben, und erwartete jeden Augenblick vom Winde herabgeweht zu werden, oder durch Schwindel hinunterzustürzen und über die Dachrinnen kopfüber zu purzeln; allein ein braver Junge, ein Diener meiner Wärterin, kletterte hinauf, steckte mich in seine Hosentasche und brachte mich wohlbehalten hinunter.

Ich war von dem ekelhaften Stoffe, den der Affe in meinen Schlund gesteckt hatte, beinahe erstickt; allein meine liebe Wärterin leerte meinen Mund mit einer kleinen Nadel; dann begann ich mich zu erbrechen, und dies gab mir große Erleichterung. Dennoch war ich so schwach und an den Seiten so voll Beulen, durch den Druck des verhaßten Thieres, daß ich vierzehn Tage lang zu Bette bleiben mußte. Der König, die Königin und der ganze Hof ließ sich täglich nach meinem Befinden erkundigen; die Königin selbst besuchte mich mehrere Tage während meiner Krankheit. Der Affe ward getödtet und Befehl erlassen, man dürfe kein Thier der Art in der Nähe des Palastes halten.

Als ich dem Könige nach meiner Wiederherstellung einen Besuch machte, um mich für seine Güte zu bedanken, war er so gnädig, über mein Abenteuer zu spotten. Er fragte mich, von welcher Art meine Gedanken und Betrachtungen gewesen seyen, als ich in der Tatze des Affen lag; wie die Nahrung, die er mir gegeben, geschmeckt; wie er mich gefüttert habe, und ob mein Appetit durch die frische Luft auf dem Dache nicht geschärft worden sey. Er wünsche zu wissen, was ich bei dieser Gelegenheit in meinem Vaterlande gethan hätte. Ich sagte Seiner Majestät: In Europa hätten wir nur Affen, die als Merkwürdigkeit von andern Weltgegenden hergebracht würden; sie seyen so klein, daß ich mit einem Dutzend fertig werden könne, wenn sie die Frechheit besäßen, mich anzugreifen.

Was nun das furchtbare Thier betreffe, mit dem ich kürzlich in Verbindung gestanden (es war so groß wie ein Elephant), so habe meine Furcht mir leider nicht den Gedanken erlaubt, ich könne von meinem Degen Gebrauch machen (während ich dies sprach, nahm ich eine trotzige Stellung an, und schlug mit der Hand auf den Degengriff), sonst

würde ich ihm auf der Tatze eine solche Wunde beigebracht haben, daß er dieselbe mit größerer Eile wieder zurückgezogen hätte, wie er sie hereingesteckt. Dies sprach ich in so festem Ton, wie ein Mann, welcher besorgt ist, sein Muth möge in Zweifel gezogen werden. Meine Rede brachte aber nichts als ein lautes Gelächter hervor, so weit es die Achtung vor der Majestät bei denen, die ihre Munterkeit nicht unterdrücken konnten, erlaubte. Da kam ich auf den Gedanken, daß der Versuch eines Menschen, bei denen auf seiner Ehre zu beharren, die in jedem Grade der Vergleichung hoch über ihm stehen, doch ein vergebliches Unternehmen sey. Und dennoch habe ich diese Moral meiner Erzählung seit meiner Rückkehr nach England häufig anzuwenden Gelegenheit gehabt, wo verächtliche Bediente, ohne den geringsten Anspruch auf Geburt, Gestalt, Witz und Menschenverstand, so frech sind, sich ein wichtiges Ansehen zu geben und sich mit der größten Person des Königreichs auf gleichen Fuß zu setzen.

Täglich war bei Hof irgend eine Posse von mir im Umlauf, und Glumdalclitch, ob sie mich gleich außerordentlich liebte, war so muthwillig, jede Thorheit, die ich beging, der Königin zu hinterbringen, so oft dergleichen ihrer Majestät Vergnügen machen konnte. Das Mädchen war einst unpäßlich und fuhr deßhalb mit ihrer Erzieherin aus bis auf eine Stunde, oder dreißig Meilen, von der Stadt, um frische Luft zu schöpfen. Sie stiegen an einem Fußpfade auf dem Felde aus dem Wagen;Glumdalclitch setzte meine Reiseschachtel auf den Boden und ich ging heraus, um ein wenig umherzuspazieren. Auf dem Fußwege lag ein Haufen Kuhdünger, und ich konnte es nicht lassen meine Behendigkeit, durch einen Versuch darüber wegzuspringen, den Damen zu zeigen. Ich nahm einen Anlauf, sprang aber unglücklicherweise zu kurz und fiel gerade in die Mitte bis über meine Knie hinein. Mit einiger Schwierigkeit watete ich wieder heraus und ein Bedienter mußte mich mit einem Handtuche abwischen, denn ich war furchtbar mit Koth beschmiert. Meine Wärterin schloß mich in meine Schachtel bis wir wieder nach Hause kehrten; die Königin aber erfuhr den Vorgang in Kurzem und der Bediente verbreitete ihn bei dem ganzen Hofe so, daß die heitere Laune desselben mehrere Tage lang ausschließlich auf meine Kosten fortdauerte.

Kapitel 6


Kapitel 6 Mehrere Erfindungen des Verfassers, um dem Könige und der Königin Vergnügen zu machen. Er zeigt seine Geschicklichkeit in der Musik. Der König erkundigt sich nach dem Zustand von England, worüber ihm der Verfasser berichtet. Des Königs Bemerkungen hierüber.

Ich pflegte einmal oder zweimal wöchentlich mich beim Lever des Königs einzufinden, und hatte ihn schon öfter unter den Händen des Barbiers gesehen, ein Anblich der mir zuerst wirklich im höchsten Grade furchtbar war, denn das Rasiermesser war noch zweimal so lang als eine gewöhnliche Sense. Einmal vermochte ich es über den Barbier, daß er mir etwas von dem abrasirten Seifenschaum gab, woraus ich vierzig oder fünfzig der stärksten Haarstumpfe hervorsuchte. Alsdann nahm ich ein Stück seinen Holzes und schnitt dies wie den Rücken eines Kammes zu, und machte, so gut es ging, kleine Löcher mit einer Nadel, die mir Glumdalclitch gegeben, hinein. In diese nun steckte ich die Bartstumpfe mit solcher Kunst, indem ich sie mit meinem Messer an der Spitze abschabte und schräg zuspitzte, daß ich einen ziemlich erträglichen Kamm zu Stande brachte. Dies Werkzeug kam mir sehr zu Nutzen, denn der meinige war an den Spitzen bereits so zerbrochen, daß ich ihn beinahe nicht mehr gebrauchen konnte; auch kannte ich keinen so feinen und geschickten Künstler im ganzen Lande, daß derselbe im Stande gewesen wäre, mir einen neuen zu verfertigen.

Dies erinnert mich an ein Vergnügen, worin ich manche Mußestunde verbracht habe. Ich bat die Kammerfrau der Königin, mir die ausgekämmten Haare Ihrer Majestät aufzubewahren, und erlangte so allmählig eine ziemliche Masse derselben; alsdann hielt ich eine Berathung mit meinem Freunde, dem Schreiner, der eine allgemeine Bestellung für alle meine kleinen Möbeln erhalten hatte, und gab ihm den Auftrag, zwei Armstühle, nicht größer wie diejenigen, die in meiner Schachtel standen, zu verfertigen, und kleine Löcher mit einer seinen Ahle in die Stellen hineinzubohren, die ich ihm als Lehne und Sitz bezeichnete. In diese Löcher befestigte ich die stärksten Haare, die ich heraussuchen konnte, und flocht sie dann nach Art der Armstühle in England. Als sie fertig waren, schenkte ich sie Ihrer Majestät, die sie im Kabinet aufbewahrte und als Merkwürdigkeiten zeigte; sie erregten auch wirklich das Erstaunen Aller, die sie erblickten. Die Königin wünschte, ich solle mich auf einen dieser Stühle setzen, allein ich weigerte mich bestimmt ihr zu gehorchen, und schwur, ich würde lieber tausendmal sterben, als einen nicht ehrenwerthen Theil meines Körpers auf jenen kostbaren Haaren ruhen zu lassen, die einst das Haupt Ihrer Majestät geschmückt hätten. Da ich nun viel Genie zu mechanischen Arbeiten besitze, verfertigte ich gleicherweise aus diesen Haaren eine niedliche kleine Börse von fünf Fuß Länge, mit dem Namen Ihrer Majestät in goldenen Buchstaben und schenkte dieselbe meiner Wärterin mit Einwilligung der Königin. Um die Wahrheit zu gestehen, so diente diese mehr zur Schau, als zum Gebrauch, denn sie war nicht stark genug, das Gewicht der größeren Münzen zu tragen, und deßhalb verwahrte Glumdalclitch hierin Nichts, als kleines Spielwerk, wie es Kinder gern zu haben pflegen.

Der König war ein Freund der Musik und ließ häufige Concerte bei Hofe halten. Man brachte mich bisweilen auch dorthin und setzte meine Schachtel auf einen Tisch des Concertsaals, allein der Lärm war so furchtbar, daß ich kaum die Melodien unterscheiden konnte. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß alle Trommeln und Trompeten einer königlichen Armee, die gerade vor unsern Ohren geschlagen und geblasen werden, keinen Lärm hervorbringen können, der jenem gleichkäme. Ich ließ deßhalb meine Schachtel gewöhnlich so weit als möglich von dem Ort entfernen, wo die Musikanten saßen, schloß Fenster und Thüren und zog die Fenstervorhänge zusammen. Alsdann fand ich, daß die Musik durchaus nicht unangenehm sey.

In meiner Jugend hatte ich ein wenig das Klavierspielen erlernt. Glumdalclitch hatte ein solches Instrument in ihrem Zimmer und zweimal wöchentlich kam ein Musiklehrer zu ihr. Ich nenne das Instrument ein Klavier, weil es einige Aehnlichkeit mit demselben hatte, und weil es in derselben Art gespielt wird. Da hatte ich nun den Einfall, den König und die Königin mit einem englischen Liede auf diesem Instrumente zu unterhalten.

Dies aber war außerordentlich schwierig, denn das Klavier war beinahe sechzig Fuß lang und jede Taste einen Fuß breit, so daß ich mit ausgedehnten Armen nicht über fünf Tasten greifen konnte. Auch das Herunterdrücken derselben erforderte einen starken Schlag meiner Faust, so daß die Arbeit zu groß und erfolglos war. Somit erfand ich eine neue Spielmethode. Ich verfertigte zwei runde Stäbe von der Größe gewöhnlicher Ruthen, die an einem Ende dicker wie am andern waren. Das dickere Ende überzog ich aber mit Mausefell, damit ich durch das Klopfen die Spitzen der Tasten nicht beschädigte und den Schall nicht unterbräche. Vor dem Klavier ward ungefähr vier Fuß unter den Tasten eine Bank hingestellt und ich wurde auf die Bank gesetzt. Ich lief auf derselben mit meinen zwei Stäben den Raum der Tasten entlang so schnell als möglich, schlug die passenden Tasten und spielte so einen englischen Hopser zum großen Vergnügen beider Majestäten. Dies aber war die heftigste Körperbewegung, der ich mich jemals unterzogen habe; dennoch konnte ich nicht über sechs Tasten schlagen, und deßhalb Baß und Diskant nicht zugleich spielen, wie dieses sonst bei Musikern gewöhnlich ist. Dieser Umstand aber gereichte meiner Leistung sehr zum Nachtheil.

Der König, wie ich schon früher bemerkte, ein Fürst von ausgezeichnetem Verstande, ließ mich häufig in meiner Schachtel herbeibringen und auf den Tisch seines Kabinets setzen. Alsdann befahl er mir einen Stuhl aus der Schachtel zu bringen und mich in der Entfernung von drei Ellen auf die Spitze seines Schreibpultes hinzusetzen, so daß ich mich beinahe seinem Gesichte gegenüber befand. So habe ich mehrere Unterhaltungen mit ihm gehabt. Eines Tages nahm ich mir die Freiheit, Seiner Majestät zu sagen, die Verachtung, die er gegen Europa und die übrige Welt hege, entspreche nicht den ausgezeichneten Geisteseigenschaften, die er besitze. Vernunft vermehre sich nicht durch die Größe des Körpers; wir bemerkten im Gegentheil, daß Personen von hohem Wuchse am wenigsten Verstand besitzen; unter andern Thieren ständen Bienen und Ameisen im Rufe eines größern Fleißes und Scharfsinns, als manche der größeren Geschlechter. Seine Majestät scheine mich für unbedeutend zu halten, allein so klein ich sey, hoffe ich Ihr einst noch einen bedeutenden Dienst zu erweisen. Der König hörte mich mit Aufmerksamkeit an, und begann von mir eine bessere Meinung wie zuvor zu hegen. Er bat mich, ich möge ihm einen möglichst genauen Bericht von der Regierung Englands geben; Fürsten seyen zwar für ihre eigene Verfassung immer sehr eingenommen (er müsse dies aus meinen Unterhaltungen schließen); es werde ihm jedoch angenehm seyn, etwas zu vernehmen, welches Nachahmung verdiene. Jetzt denke der gütige Leser, wie oft ich die Zunge des Demosthenes oder Cicero zu besitzen wünschte, um in Stand gesetzt zu seyn, den Ruhm meines theuern Vaterlandes in einem Styl zu feiern, der seinem Glück und Verdienst vollkommen angemessen wäre.

Ich begann meine Rede mit dem Bericht, unser Reich bestehe, die Colonien abgerechnet, aus drei mächtigen Staaten unter einem Fürsten. Ich sprach lange Zeit von der Fruchtbarkeit unseres Landes und der Temperatur unseres Klima’s. Alsdann sprach ich lange von der Verfassung und dem britischen Parlamente, welches theilweise aus einem erlauchten, durch Personen vom edelsten Blute gebildeten Staatskörper bestehe, die sich im Besitz der reichsten und ältesten Landgüter befinden. Ich beschrieb die ausserordentliche Sorgfalt, womit man stets ihre Erziehung in Wissenschaften und Waffenkünsten betreibe, damit sie dereinst Rathgeber des Königs und des Königreichs würden, Antheil an der Gesetzgebung erhielten, einen höchsten Gerichtshof, vor welchem keine Apellation stattfindet, bildeten, und damit sie endlich so durch Tapferkeit, Betragen und Treue stets als Kämpfer zur Vertheidigung des Vaterlandes und der Fürsten bereit ständen. Diese Männer seyen die Zierde und der Schutz des Königreichs, würdige Nachfolger berühmter Ahnen, deren Ehren ihnen nur zur Belohnung ihrer Tugenden ertheilt worden seyen; von Letzteren wären ihre Enkel noch nimmer abgewichen. Mit dieser Versammlung seyen mehrere heilige Personen unter dem Titel »Bischöfe« vereinigt, deren besonderes Amt die Religionspflichten und der Unterricht des Volkes betreffe, diese würden aus der ganzen Nation, vom Fürsten und seinen weisesten Rathgebern, und zwar aus demjenigen Theile der Geistlichkeit erwählt, welcher sich durch heiligen Lebenswandel und durch Tiefe der Gelehrsamkeit am meisten auszeichne; sie seyen die geistlichen Hirten der Kirche und der Nation.

Der ander Theil des Parlaments bestehe aus einer Versammlung mit Namen »Haus der Gemeinen« und werde nur aus Männern von Bildung zusammengesetzt, welche das Volk wegen ihrer Fähigkeiten und ihrer Vaterlandsliebe auf freie Weise aussuche und wähle, damit sie die Weisheit der ganzen Nation repräsentirten. Diese beiden Häuser bildeten nun die erhabenste Versammlung in ganz Europa, der, nebst dem Könige die ganze Gesetzgebung anvertraut sey. Alsdann sprach ich von unsern Gerichtshöfen, bei welchen die zwölf Richter von England, diese ehrwürdigen Weisen als Erklärer des Gesetzes präsidirten, um über die bestrittenen Eigenthums- und Menschenrechte, sowie über die Bestrafung des Lasters und die Beschützung der Unschuld, ihr Gutachten abzugeben. Ich erwähnte die verständige Verwaltung unserer Finanzen, dieTapferkeit und die vortreffliche Disciplin unserer See- und Landmacht.

Ich berechnete den Betrag unserer Bevölkerung, gab an, wie viele Millionen jede Religionssekte und jede politische Partie umfasse. Ich überging nicht einmal unsere Schauspiele, in Betreff körperlicher Gewandtheit, eben so wenig, wie irgend einen Umstand, der meinem Vaterlande zur Ehre gereichen konnte. Ich schloß meinen ganzen Vortrag mit einem kurzen historischen Bericht über alle Angelegenheiten und Ereignisse, die in England seit ungefähr hundert Jahren stattgefunden hatten. Zu dem ganzen Bericht waren fünf Audienzen erforderlich, von denen eine Jede mehrere Stunden wahrte. Der König hörte mir mit großer Aufmerksamkeit zu, schrieb häufig Bemerkungen über meine Angaben nieder und entwarf zugleich die Fragen, die er mir vorzulegen beabsichtigte.

Als ich meine lange Reden beendet hatte, übersah der König bei der sechsten Audienz, die von ihm niedergeschriebenen Bemerkungen und sprach manche Zweifel, Einwürfe Fragen bei jedem Artikel aus. Er erkundigte sich nach der Erziehungsmethode, um Seele und Leib unseres jungen Adels auszubilden, unter welchen Beschäftigungen derselbe den ersten und bildungsfähigsten Theil seines Lebens zubringe? In welcher Art man das Oberhaus wieder vollzählig mache, sobald eine alte Familie ausgestorben sey? Welche Eigenschaften zur Ernennung eines Lords erforderlich wären? Ob die Laune des Fürsten, oder die Bestechung einer Hofdame, oder die Absicht, eine dem Staatsdienste entgegengesetzte Partei zu verstärken, jemals bei diesen Beförderungen mitwirkten? Welche Kenntniß diese Lords von den Gesetzen des Vaterlandes besäßen? Wie sie zu dieser Kenntniß gelangten, so daß sie über das Eigenthum ihrer Mitunterthanen in letzter Instanz entscheiden könnten? Ob sie stets so frei von Habsucht, Parteilichkeit oder Mangel seyen, daß Bestechung oder schlimmere Absicht unter ihnen nicht statt finden könne? Ob jene heiligen Lords, wovon ich gesprochen, stets wegen jener Kenntniß in religiösen Angelegenheiten oder wegen eines heiligen Lebenswandels befördert würden; ob sie sich nie den Zeitumständen gefügt, als sie sich noch im niedern Priesterstande befanden? Ob sie niemals irgend einen Lord sklavisch geschmeichelt, dessen Befehlen sie vielleicht ebenso sklavisch folgten, nachdem sie in jene Versammlung berufen seyen.

Alsdann wünschte er zu wissen, welche Schliche man bei der Wahl derjenigen anwende, die ich »Gemeine« nenne. Ob ein Fremder mit vollem Beutel, die Stimmgeber aus dem niederen Volke nicht dahin leiten könne, daß sie ihn anstatt des Grundbesitzers oder eines angesehenen Herrn in der Nachbarschaft wählen? Wie einzelne Männer solche Begierde hegen könnten, in diese Versammlung zu gelangen, ein Umstand, der viele Mühen und Kosten, sogar oft zum Ruin ihrer Familien, erfordere, da sie keinen Gehalt und keine Pension bekämen? Das erscheine ihm ein solches Uebermaß der Tugend und der Vaterlandsliebe, daß er daran zweifle, beide würden immer aufrichtig seyn: deßhalb wünsche er zu wissen, ob solche für ihr Vaterland begeisterte Herren nicht die Absicht hegten, sich für den Zeitverlust und die Kosten zu entschädigen, die durch den Dienst eines lasterhaften Fürsten bei einem verdorbenen Ministerium nothwendig seyen?« Kurz, der König vervielfältigte seine Fragen und suchte mich durchaus in jedem Punkte auszuforschen, indem er mir zahllose Fragen und Entwürfe vorlegte, deren Wiederholung ich weder für klug noch passend halte.

Seine Majestät wünschte auch nähere Aufklärung in Betreff dessen, was ich ihm über unsere Gerichtshöfe berichtet hatte, diese aber konnte ich um so ausführlicher geben, da ich früher durch einen langen Prozeß im Kanzleihofe beinahe ruinirt wurde, den ich zwar gewann, aber dessen Kosten ich zahlen mußte. Der König erkundigte sich, wie viel Zeit erforderlich sey, um einen genauen Unterschied zwischen Recht und Unrecht festzustellen, und welche Kosten dazu erfordert werden? Ob Redner und Advokaten Fälle vertheidigen dürften, welche offenbar boshaft und ungerecht angelegt seyen, oder Unterdrückung bezwecken? Ob Parteileidenschaft in Religion und Politik auf die Wege der Gerechtigkeit Einstuß äußerten? Ob die redenden Advokaten nach allgemeinen Begriffen des Rechts, oder nach nationalen, provinzialen und örtlichen Gewohnheiten gebildet würden? Ob sie und die Richter an der Abfassung der Gesetze Theil nehmen, die sie so frei wären, nach eigenem Belieben auszulegen? Ob sie zu verschiedenen Zeiten für und gegen die Sache gesprochen, und Vorgänge citirt hätten, um das Gegentheil zu beweisen? Ob sie einen reichen oder armen Stand bildeten? Ob sie Geldbelohnung für ihre Vertheidigung, oder auch nur für das Aussprechen ihrer Meinung annehmen. Besondern Nachdruck aber legte der König auf die Frage, ob sie als Glieder des Unterhauses zugelassen werden.

Alsdann sprach er von der Verwaltung unserer Finanzen. Er sagte: mein Gedächtnis sey wahrscheinlich mangelhaft. Ich habe nämlich unsere Abgaben auf fünf bis sechs Millionen jährlich geschätzt, und aus Berechnung unserer Ausgaben müsse er schließen, daß diese bisweilen mehr als das Doppelte betrügen; die Bemerkungen, die er niedergeschrieben, erwiesen, daß die Ausgaben bisweilen über das Doppelte unserer Einnahmen stiegen; er habe gehofft, wie er mir bereits gesagt, die Kenntniß unseres Verfahrens werde ihm nützlich seyn, er könne sich aber in der Berechnung nicht getäuscht haben. Habe ich ihm jedoch die Wahrheit gesagt, so könne er seinerseits nicht begreifen, daß ein Königreich, wie mancher Privatmann, über sein Vermögen hinaus verschwende. Er fragte mich, aus welchen Personen unsere Gläubiger bestünden und woher wir Geld nehmen, sie zu bezahlen. Er wunderte sich, daß ich von so kostbaren Kriegen spreche. Wir müßten sicherlich ein sehr zänkisches Volk seyn, oder sehr schlechte Nachbarn haben; unsere Generäle aber müßten reicher wie Könige seyn. Er fragte: Was uns die Angelegenheiten des Auslandes angingen, beträfen dieselben nicht unsern Handel, oder einen Vertrag oder die Vertheidigung unserer Inseln. Vorzüglich aber sey er erstaunt, daß ich von einem besoldeten und stehenden Heere spreche, welches mitten im Frieden und in einem freien Lande gehalten werde. Er fügte hinzu: wenn wir nur mit unserer eigenen Beistimmung durch die Personen unserer Repräsentanten regiert würden, so könne er nicht begreifen, vor wem wir uns fürchteten, oder wen wir bekämpfen wollten. Er wolle meine Meinung hören, ob das Haus eines Privatmanns von ihm selbst, seiner Familie und seinen Kindern nicht besser vertheidigt würde, als von einem Halbdutzend Schurken, die man auf gut Glück und für weniges Geld in den Straßen aufgreife und die hundertmal mehr Gold sich erwerben könnten, wenn sie uns die Kehle abschnitten.

Er lachte über meine sonderbare Berechnung, wie er zu sagen beliebte, mit der ich die Einwohnerzahl nach religiösen und politischen Parteien bestimme. Er wisse keinen Grund, weßhalb diejenigen, welche dem Staate schädliche Meinungen hegten, gezwungen würden, dieselben zu ändern, oder nicht gezwungen, sie zu verhehlen. Es sey Tyrannei, verlange eine Regierung das Erstere; zeuge dagegen von Schwäche, wenn das Letztere nicht erzwungen würde. Man dürfe den Menschen wohl erlauben, Gifte in ihren Zimmern zu verschließen, jedoch nie sie öffentlich als Tödtungsmittel zu verkaufen.

Er bemerkte ferner: da ich unter den Vergnügungen der höhern Stände auch das Spiel berührt habe, so wünsche er zu wissen, in welchem Alter man gewöhnlich zu dieser Unterhaltung zugelassen würde, und wenn dieselbe aufgegeben werde; ob so hoch gespielt werde, daß der Vermögenszustand in Gefahr gerathe, ob niedrige und lasterhafte Leute sich durch diese Kunst nicht große Reichthümer erwürben und bisweilen sogar unsere Pairs in Abhängigkeit hielten, sie an niedrige Gesellschaft gewöhnten, die Ausbildung ihrer Geistesanlagen verhinderten und durch erlittene Verluste dieselben zwängen, eine schmähliche Fertigkeit auch gegen andere auszuüben.

Er erstaunte ungemein über den geschichtlichen Bericht, den ich ihm über unsere innere Angelegenheiten während des vergangenen Jahrhunderts gab. Er behauptete, diese Geschichte sey nur eine Anhäufung von Verschwörungen, Rebellionen, Ermordungen, Revolutionen, Verbannungen, den schlimmsten Aeußerungen die Geiz, Parteisucht, Heuchelei, Treulosigkeit, Grausamkeit, Wuth, Tollheit, Haß, Neid, Wollust, Bosheit und Ehrgeiz jemals hervorrufen konnte.

In einer andern Audienz geruhte der Kaiser, die Summe alles dessen, was ich gesagt, kurz zusammenzufassen, und meine Antworten mit seinen Fragen zu vergleichen; alsdann nahm er mich auf die Hand, streichelte mich sanft und sprach dann folgende Worte, die ich aber so wenig vergessen werde, wie den Ton, womit sie gesagt wurden! Mein kleiner Freund Grildrig, Sie haben ihrem Vaterlande eine bewundernswerthe Lobrede gehalten; Sie haben deutlich bewiesen, daß Unwissenheit, Faulheit und Laster die passenden Eigenschaften sind, einen Gesetzgeber zu bilden. Daß Gesetze am Besten von denen erklärt und angewandt werden, deren ganzes Interesse und Bestreben darauf hinausgeht, sie zu verdrehen, zu verwirren und sich ihnen zu entziehen. Ich bemerke unter ihrem Volke einige Grundrisse zu Institutionen, die anfangs erträglich gewesen seyn mögen, aber diese sind schon zur Hälfte vertilgt und Alles, was übrig blieb, ist durch Verderbniß gänzlich befleckt. Aus Allem, was sie mir gesagt haben, geht hervor, daß keine Vollkommenheit erfordert wird, um höhere Stellen den Bewerbern zu verschaffen, noch viel weniger, daß die Menschen wegen ihrer Tugend den Adelsrang erhalten, daß ferner Priester wegen ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, Soldaten wegen ihres Benehmens oder ihrer Tapferkeit, Richter wegen ihrer Rechtschaffenheit, Senatoren wegen ihrer Vaterlandsliebe und Räthe wegen ihrer Weisheit durchaus nicht befördert werden. Was Sie selbst betrifft, fuhr der König fort, so haben sie ihre meiste Lebenszeit auf Reisen verbracht, und ich hoffe deßhalb, daß sie mehrere Laster ihres Vaterlandes nicht kennen. Nach dem, was ich aus Ihrer Erzählung schließen muß, und nach den Antworten, die ich Ihnen mit vieler Mühe erpreßte, kann ich nur den Schluß ziehen, daß die Masse Ihrer Eingeborenen, das verderblichste Geschlecht von kleinem Gewürme bildet, dem die Natur jemals erlaubt hat, auf der Oberfläche der Erde umherzukriechen.

Kapitel 7


Kapitel 7 Des Verfassers Vaterlandsliebe. Er macht dem König einen Vorschlag, der verworfen wird. Des Königs Unwissenheit in Betreff der Politik. Die Gelehrsamkeit von Brobdingnag ist sehr unvollkommen und beschränkt. Gesetze, Militärangelegenheiten und Staatsparteien.

Liebe zur Wahrheit hat mich allein daran verhindert, den eben angegebenen Theil meiner Geschichte zu unterdrücken. Vergeblich zeigte ich mich böse; mein Zorn ward lächerlich gemacht, und ich mußte geduldig anhören, wie mein geliebtes und edles Vaterland so schmählich gemißhandelt wurde. Es thut mir im Herzen leid, und bei meinen Leser wird dies möglicherweise auch der Fall seyn, daß sich dazu Gelegenheit darbot, allein der König war in jedem Punkte so neugierig und legte mir so viele Fragen vor, daß es sowohl der Dankbarkeit wie der guten Sitte widerstrebt hatte, wenn ich ihm nicht alle mir mögliche Aufklärung gab. Jedoch kann ich zu meiner eigenen Rechtfertigung sagen, daß ich mehreren seiner Fragen auswich, jedem Punkte allmählich eine günstigere Wendung gab, welche bei strengster Wahrheitsliebe schwerlich bestehen könnte. Ich habe nämlich stets die lobenswerthe Parteilichkeit für mein Vaterland gehegt, welche Dionysius von Halicarnaß mit so viel Gerechtigkeit den Historikern anempfiehlt. Ich möchte gern die Schwächen und Häßlichkeiten meiner politischen Mutter verhüllen, und ihre Tugenden und Schönheiten im besten Lichte darstellen. Das war mein aufrichtiges Bestreben in den vielen Unterredungen mit dem Könige von Brobdingnag, obgleich der Ausgang derselben unglücklicherweise nicht günstig ausfiel.

Man muß jedoch einem Könige Manches nachsehen, der von der übrigen Welt gänzlich abgeschlossen lebt und der deßhalb mit den Sitten und Gewohnheiten anderer Nationen durchaus unbekannt geblieben ist. Mangel an solcher Kenntniß wird aber stets mancherlei Vorurtheile und engherziges Urtheil zur Folge haben, dessen wir in den civilisirten Theilen Europa’s gänzlich entbehren. Es wäre allerdings ein schlimmer Umstand, sollten die Begriffe eines von der Welt so abgesonderten Fürsten, in Betreff des Lasters und der Tugend, für das ganze Menschengeschlecht als allgemeine Richtschnur gelten.

Um Alles, was ich so eben sagte, zu bestätigen, und um die traurigen Folgen einer beschränkten Erziehung zu zeigen, werde ich hier eine Stelle einschieben, der man schwerlich Glauben schenken wird. In der Hoffnung, Seine Majestät auch ferner günstig für mich zu stimmen, erzählte ich Ihr von einer vor drei- bis vierhundert Jahren gemachten Erfindung. Man verfertige nämlich seitdem ein gewisses Pulver; der kleinste Feuerfunke der in einen Haufen desselben falle, entzünde dasselbe augenblicklich, und bewirke, daß es in die Luft mit einem Geräusch und einer Gewalt auffliege, welche größer als die des Donners seyen, wenn der Haufe auch so groß wie ein Berg wäre. Werde eine passende Masse dieses Pulvers in eine Röhre von Erz oder Eisen, im Verhältnis zur Dicke derselben, eingestopft, so werfe es eine eiserne oder bleierne Kugel mit solcher Gewalt und Schnelligkeit vorwärts, daß Nichts ihrer Kraft widerstehen könne. Die größten so geschossenen Kugeln könnten nicht allein ganze Reihen eines Heeres auf einmal vernichten, sondern sie rissen auch die stärksten Mauern bis auf den Grund nieder und versenkten Schiffe mit tausend Mann Besatzung auf den Boden der See. Würden zwei derselben durch eine Kette verbunden, so zerschnitten sie Masten und Tauwerk, zerrissen die Menschen in der Mitte und würfen Alles vor sich nieder. Wir füllten oft mit diesem Pulver große und hohle eiserne Kugeln, die in eine belagerte Stadt geworfen würden. Alsdann werde das Pflaster von denselben aufgerissen und die Wohnungen zertrümmert; sie platzten, schleuderten Splitter nach allen Seiten hin und schlügen so allen Menschen in der Nähe das Hirn ein. Ich kenne die Bestandtheile, welche gemein und häufig seyen, ganz genau, so wie auch die Art der Bereitung; auch könne ich den Arbeitern Anleitung geben, wie jene Röhren, in dem Verhältnisse zu andern Dingen, im Gebiete Seiner Majestät zu verfertigen wären. Die größten dieser Röhren brauchten nicht über hundert Fuß lang zu seyn; zwanzig oder dreißig derselben, mit einer gehörigen Masse von Pulver und Kugeln geladen, würden die Mauern der stärksten Städte des Königreichs in wenigen Stunden niederschmettern, oder die ganze Hauptstadt zerstören, wenn diese jemals sich erfrechen würde, den unumschränkten Befehlen des Königs sich zu widersetzen. Dies biete ich Seiner Majestät als einen kleinen Tribut der Dankbarkeit für so viele Beweise seiner königlichen Gunst und Beschützung, die ich bereits empfangen.

Der König ward bei der Beschreibung dieser furchtbaren Maschinen und bei dem gemachten Vorschlage von Schauder ergriffen. Er erstaune, waren seine Worte, wie ein so schwaches und kriechendes Insekt, wie ich, so unmenschliche Gedanken hegen könne, mit denen ich so vertraut zu seyn scheine, daß ich bei jenen Scenen des Blutvergießens und der Zerstörung, die ich als die gewöhnlichen Wirkungen der verheerenden Maschinen ausmale, gänzlich unbewegt erscheine. Diese Maschinen könne nur ein böser Geist, ein Feind der Menschheit, erfunden haben. Was ihn selbst betreffe, so müsse er eingestehen, daß er eher sein Königreich verlieren, als jenes Geheimniß wissen möge, obgleich ihn selten etwas so sehr erfreue, wie neue Entdeckungen in Künsten und Wissenschaften; er befahl mir ferner, nie mehr davon zu sprechen, wenn mir mein Leben lieb sey. Welche sonderbare Folge engherziger Grundsätze und Ansichten! Ein Fürst, begabt mit jeder Eigenschaft, welche Verehrung, Liebe und Achtung erweckt; ein Mann von großen Geistesgaben, großer Weisheit, tiefer Gelehrsamkeit, mit bewundernswerthen Talenten, ein Fürst, welcher von seinen Unterthanen beinahe angebetet wird, ließ wegen unnöthiger Gewissenszweifel, von denen man in Europa keinen Begriff hat, eine Gelegenheit entschlüpfen, die ihn zum unumschränkten Herrn über Leben, Freiheit und Vermögen seiner Unterthanen gemacht hätte! Uebrigens sage ich dies nicht in der geringsten Absicht, die vielen Tugenden dieses ausgezeichneten Königs irgend herabzusetzen, über dessen Charakter der europäische Leser, wegen den angeführten Ursachen, eine geringe Meinung fassen wird. Ich glaube jedoch, dieser Mangel entspringt aus der Unwissenheit der Nation von Brobdingnag, da sie die Politik noch nicht zur Wissenschaft ausgebildet hat, wie dies in Europa von den scharfsinnigsten Männern geschehen ist.

Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich einst dem König in einer Unterredung sagte: Mehrere tausend Bücher seyen bei uns über die Regierungskunst geschrieben. Dies bewirkte bei ihm aber einen ganz entgegengesetzten Eindruck, wie ich beabsichtigte, denn er faßte eine sehr geringe Meinung von unserem Verstande. Er gestand, wie er alle Geheimniskrämerei, Pfiffigkeit und Intriguen bei einem Fürsten oder Minister verachte. Er könne nicht begreifen, was ich unter Staatsgeheimnissen verstehe, wenn kein äusserer Feind oder keine feindlich gesinnte Nation dieselben erfordere. Er schloß die Kenntniß des Regierens in sehr enge Glänzen ein, in die des gesunden Menschenverstandes, der Vernunft, Gerechtigkeit, Milde, der schnellen Entledigung aller Civil- und Kriminal-Processe und einiger anderer Gemeinplätze, deren Wiederholung nicht der Mühe werth ist. Alsdann sprach er als seine Meinung aus, derjenige, welcher bewirke daß zwei Kornähren oder zwei Grashalme mehr wie früher auf irgend einem Boden wüchsen, erwerbe sich ein größeres Verdienst um die Menschheit und erweise seinem Vaterlands einen bedeutenderen Dienst, als das ganze Geschlecht der Politiker.

Die Literatur dieses Volkes ist sehr mangelhaft, denn sie besteht allein aus Moral, Geschichte, Poesie und Mathematik, worin man ihren hohen Standpunkt nicht abläugnen kann. Da aber die Letztere dieser Wissenschaften ausschließlich auf dasjenige angewandt wird, welches im Leben nützlich seyn kann, nämlich auf die Verbesserungen des Ackerbaues und der mechanischen Künste, so würde diese ihre Kenntniß bei uns in nur geringem Ansehen stehen. Was aber Primitivideen, Entitäten, Abstraktionen und Transscendentalbegriffe betrifft, so konnte ich nicht das Geringste hierüber ihren Köpfen eintrichtern.

Kein Gesetz des Landes darf in Worten die Zahl der Buchstaben im Alphabet übersteigen, und dieses besteht allein aus zweiundzwanzig. Wenige Gesetze haben jedoch sogar diese Länge. Sie sind in den deutlichsten und einfachsten Worten geschrieben und die Einwohner von Brobdingnag besitzen nicht genug Scharfsinn, um mehr als eine Auslegung ausfindig zu machen; ferner gilt es auch als Hauptvergehen, einen Commentar über Gesetze zu schreiben. Was die Entscheidung der Civil- und Criminal-Processe betrifft, so sind die Präcedentien von so geringer Anzahl, daß die Nation sich ihrer Fertigkeit in Beiden nicht rühmen darf.

Die Einwohner von Brobdingnag befinden sich, so wie die Chinesen, im Besitz der Buchdruckerkunst seit undenklichen Zeiten. Ihre Bibliotheken sind jedoch nicht sehr groß. Die des Königs, welche für die größte gehalten wird, beträgt nicht mehr als tausend Bände, die in einer Gallerie von eintausendzweihundert Fuß Länge aufgestellt sind. Ich hatte die Erlaubniß erhalten, mir dort Bücher nach Belieben zu leihen. Der Tischler der Königin erfand eine hölzerne Maschine von fünfundzwanzig Fuß Höhe, welche wie eine Doppelleiter verfertigt war, und in einem Zimmer der Glumdalclitch aufgestellt wurde; diese Maschine bestand aus einem beweglichen Treppenpaar, deren niedrigster Theil zehn Fuß von der Wand des Zimmers entfernt, aufgestellt wurde. Das Buch, welches ich lesen wollte, wurde an die Wand gelehnt. Ich stieg auf den Gipfel der Treppe, richtete mein Gesicht dem Buche zu und begann dann oben auf der Seite acht bis zehn Schritte, je nach Verhältniß der Zeilen, fortzuschreiten, damit dieselben ungefähr in gleicher Linie mit meinen Augen stünden. Alsdann stieg ich immer niedriger, bis ich an das Ende der Seite gelangte. In derselben Art verfuhr ich auch mit der andern Seite, nachdem ich das Blatt umgeschlagen hatte, was ich leicht mit beiden Händen ausführen konnte, denn die Blätter waren so dick und steif, wie ein Pappendeckel, und in den größten Foliobänden nicht über achtzehn bis zwanzig Fuß lang.

Der Styl der Schriftsteller ist deutlich, kräftig und fließend, aber durchaus nicht blumenreich. Sie vermeiden nämlich nichts so sehr, als die Anhäufung unnöthiger Worte, oder den Gebrauch verschiedener Ausdrücke. Ich habe mehrere Bücher gelesen, besonders über Geschichte und Moral. Unter andern machte mir eine kleine und alte Abhandlung viel Vergnügen, die stets im Schlafzimmer der Glumdalclitch lag, und ihrer Gouvernante gehörte, einer ernsten alten Dame, welche viele Erbauungsschriften las. Das Buch handelte von der Schwäche des Menschengeschlechtes und steht nur bei Frauen und bei dem geringeren Volke in Ansehen. Ich war jedoch neugierig, was ein Schriftsteller in diesem Lande über einen solchen Gegenstand sagen könne. Der Schriftsteller behandelte alle die gewöhnlichen Gemeinplätze europäischer Moralisten und zeigte, welch ein kleines, hülfloses und verächtliches Thier der Mensch, seiner eigenen Natur überlassen, seye, wie er sich nicht in einem rauhen Klima schützen, und gegen die Wuth wilder Thiere vertheidigen könne; wie sehr ihn das eine Geschöpf in Kraft, das andere in Schnelligkeit, das dritte in Vorsicht, das vierte im Fleiße übertreffe. Der Schriftsteller fügte hinzu: die Natur sey in diesem letzteren Zeitalter ganz entartet, und könne jetzt, in Vergleich mit alten Zeiten, nur kleine Mißgeburten hervorbringen. Man müsse vernünftigerweise annehmen, das Menschengeschlecht sey nicht allein ursprünglich weit größer gewesen, sondern es habe in alten Zeiten auch Riesen gegeben; so wie dies durch Geschichte und Tradition behauptet werde, so sey es durch die ungeheueren Knochen und Schädel erwiesen, die man durch Zufall in den verschiedenen Theilen des Königreichs ausgrabe, und deren Größe das gewöhnliche zusammengeschrumpfte Menschengeschlecht unserer Tage bei weitem übersteige. Der Verfasser glaubte: sogar die Naturgesetze erforderten, daß wir im Anfange größer und stärker gebaut gewesen und dem Untergange bei jedem Zufalle nicht so ausgesetzt gewesen wären, z. B. durch einen vom Dach herunterfallenden Ziegel, durch kleine von bösen Buben geworfenen Steine, oder durch das Hineinfallen in ein Loch. Durch diese Beweisführung kam der Verfasser auf die moralische Anwendung, die im gewöhnlichen Leben nützlich seyn könne, deren Wiederholung hier jedoch unnöthig ist. Was mich betrifft, so konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, das Talent, moralische Vorlesungen zu halten, oder vielmehr Unzufriedenheit und Aerger gleichsam im Zanke mit der Natur zu äußern, sey doch allgemein verbreitet. Wie ich glaube, wird man auch bei uns diese Zänkereien eben so unbegründet, wie bei jenem Volke finden.

Was die Militärangelegenheiten von Brobdingnag betrifft, so besteht die königliche Armee aus 176,000 Mann Infanterie und 32,000 Mann Kavallerie, wenn nämlich ein Heer den Namen einer Armee verdient, welches aus Geschäftsleuten verschiedener Städte und aus den Bauern des Landes zusammengesetzt, und von den höhern Ständen ohne Sold oder Belohnung befehligt wird. Die Truppen sind zwar gut exercirt und stehen unter guter Disciplin, allein darin sah ich kein großes Verdienst. Dies ist nämlich eine ganz natürliche Folge, da jeder Pächter von seinem Gutsherrn, und jeder Bürger von den angesehensten Leuten seiner Stadt befehligt wird, die nach Art der Republik Venedig durch geheime Abstimmung gewählt werden.

Ich habe die Miliz von Lorbgrulgrud zum Exerciren häufig ausrücken sehen, und diese Waffenübungen wurden auf einem großen Felde bei der Stadt, von zwanzig Quadratmeilen Umfang, gehalten. Die Miliz betrug nicht mehr als 25,000 Mann Infanterie und 6,000 Mann Kavallerie. Es war mir aber unmöglich ihre Zahl nach dem Boden, den sie einnahm, zu bestimmen. Ein Reiter auf einem großen Pferde mochte ungefähr neunzig Fuß hoch seyn. Ich habe gesehen, wie diese ganze Masse Kavallerie auf Commando ihre Säbel zog und in der Luft emporschwang. Die Einbildungskraft kann nichts so Großartiges, Ueberraschendes und Erstaunendes ersinnen. Es schien als ob zehntausend Blitze auf einmal von jedem Theile des Himmels herabführen.

Ich wurde neugierig, weßhalb dieser Fürst, dessen Gebiet von jedem andern abgeschlossen ist, eine Armee halte, und sein Volk an militärische Disciplin gewöhne; bald aber erfuhr ich den Grund sowohl durch Gespräch, wie durch Lesen der Geschichtschreiber von Brobdingnag. Viele Menschenalter hindurch litt das Volk an derselben Krankheit, der das Menschengeschlecht überall unterworfen ist; der Adel strebte oft nach Gewalt, das Volk nach Freiheit, der König nach unumschränkter Regierung. Alle diese Umstände, welche freilich durch die Gesetze des Königreichs glücklicherweise gemildert wurden, bewirkten mitunter, daß eine der drei Parteien das Recht verletzte, und daß Bürgerkriege entstanden. Der letzte derselben ward von dem Großvater des regierenden Königs glücklicherweise durch einen allgemeinen Vergleich beendet, und die Miliz, welche damals durch Uebereinstimmung Aller errichtet ward, ist seitdem im strengsten Dienste fortwährend erhalten worden.

Kapitel 8


Kapitel 8 Der König und die Königin reisen an die Gränzen. Der Verfasser begleitet sie; ein genauer Bericht von der Weise, wie er das Land verläßt. Er kehrt nach England zurück.

Ich hegte stets die feste Ueberzeugung, daß ich dereinst meine Freiheit wieder erlangen würde, ob es mir gleich unmöglich war, die Mittel zu vermuthen, oder einen Plan der gelingen könnte, zu dem Zwecke zu entwerfen. Das Schiff, worin ich anlangte, war das erste, welches an die Küste verschlagen wurde, und der König hatte strengen Befehl gegeben, ein zweites, welches wieder anlangen möchte, an’s Ufer zu bringen und mit aller Mannschaft in Körben nach Lorbgrulgrud zu transportiren. Er wünschte sehr, mir ein Weib meiner Größe ertheilen zu können, damit ich die Race fortpflanzte; wie ich glaube, wäre ich jedoch lieber gestorben, als daß ich schmählicherweise eine Nachkommenschaft hinterlassen hätte, die man wie zahme Kanarienvögel in Kästchen würde verwahrt und mit der Zeit als Merkwürdigkeiten an Personen von Stande verkauft haben. Ich ward allerdings sehr gütig behandelt; ich war der Günstling eines großen Herrscherpaares und das Entzücken eines ganzen Hofes, allein ich stand mit allen Personen ans einem Fuße, welcher der Würde des Menschengeschlechtes nicht geziemte. Auch konnte ich nie meine theure Familie in England vergessen. Und dann wünschte ich auch unter Leuten zu leben, mit denen ich als mit Meinesgleichen umgehen, und in den Straßen und Feldern ohne Furcht, wie ein Frosch oder junger Hund zertreten zu werden, umherspazieren konnte. Meine Befreiung kam jedoch schneller, als ich erwartete, und in sehr ungewöhnlicher Weise. Die ganze Geschichte mit allen Einzelnheiten will ich hier getreulich berichten.

Ich befand mich jetzt zwei Jahre in Brobdingnag, und im Anfang des dritten begleitete ich mit Glumdalclitch den König und die Königin auf einer Reise nach der Südküste des Königreichs. Wie gewöhnlich wurde ich in meiner Reiseschachtel mitgenommen, die, wie ich bereits berichtet, ein sehr bequemes Zimmer von zwölf Fuß im Umfange war. Ich ließ darin eine Hängematte mit seidenen Fäden an den vier Ecken der Decke befestigen, um dadurch die Heftigkeit der Erschütterung zu vermeiden, wenn mich ein Diener, nach meinem Wunsche, zu Pferde trug. In dieser Hängematte pflegte ich auf der Reise oft zu schlafen. In der Decke meines Zimmers, jedoch nicht gerade über meiner Hängematte, ließ ich von dem Tischler ein Loch von einem Quadratfuß Brette verfertigen, damit ich während des Schlafes bei heißem Wetter frische Luft genieße; dieses Loch konnte ich nach Belieben mit einem vorwärts und rückwärts zu schiebenden Brette in einer Rinne schließen.

Als wir die Reise beendet, war es dem Könige angenehm, einige Tage in einem Palaste bei Flanfiasnic, einer neun Stunden vom Meeresufer liegenden Stadt, zuzubringen. Glumdalclitch und ich waren sehr ermüdet; ich hatte mich leicht erkältet, das arme Mädchen war aber so krank, daß sie das Zimmer hüten mußte. Ich wünschte das Meer zu sehen, durch das ich allein zur Freiheit gelangen konnte, wenn diese jemals mir beschieden war. Deßhalb behauptete ich, mich schlimmer zu befinden, wie es wirklich der Fall war, und bat um die Erlaubniß, mit einem Pagen, den ich sehr liebte, und dem ich schon mehreremale anvertraut wurde, die frische Seeluft genießen zu dürfen. Nie werde ich vergessen, mit welchem WiderstrebenGlumdalclitch ihre Einwilligung gab. Sie schärfte dem Pagen die äußerste Sorgfalt ein und brach in eine Thränenfluth aus,als ob sie die baldigen Ereignisse geahnet hätte; der Knabe trug mich in der Schachtel ungefähr eine halbe Stunde weit von dem Palaste an das Meerufer. Dort befahl ich ihm, mich niederzusetzen, zog ein Schiebfenster auf und warf manchen sehnsuchtsvollen melancholischen Blick auf die Fluthen. Ich befand mich nicht wohl und sagte deßhalb dem Sklaven, ich wünsche in meiner Hängematte ein wenig zu schlafen, was mir, wie ich hoffe, gut bekommen werde. Ich ging hinein und der Knabe ließ das Schiebfenster herunter, um die Kälte abzuwehren. Gleich darauf schlief ich ein. Wie ich vermuthe, dachte der Page ein Unfall könne sich nicht ereignen, und ging fort, um unter den Felsen Vogeleier zu suchen. Ich sah nämlich aus meinem Fenster, wie er unter den Klippen suchte und ein- oder zweimal Etwas aufnahm. Genug, ich ward plötzlich durch ein heftiges Ziehen am Ringe erweckt, welcher an der Spitze meiner Schachtel, um sie desto bequemer transportiren zu können, befestigt war. Ich fühlte wie meine Schachtel sehr hoch in die Luft emporgehoben und dann mit wunderbarer Schnelle in horizontaler Richtung weiter fortgeschleppt wurde. Die erste Erschütterung hätte mich beinahe, aus meiner Hängematte geschleudert, allein die spätere Bewegung war ziemlich sanft. Ich schrie mehreremale so laut wie möglich, allein dies half mir zu Nichts; ich sah durch meine Fenster, aber erblickte nichts als Himmel und Wolken. Ueber mir vernahm ich ein Geräusch, als wenn Flügel geschwungen würden, und somit begann ich meinen furchtbaren Zustand zu erkennen. Ein Adler hatte den Strick im Ringe meiner Schachtel mit dem Schnabel ergriffen, um sie, wie eine Schildkröte in der Schaale auf einen Felsen fallen zu lassen, und alsdann meinen Leichnam herauszunehmen und zu verschlingen.

Die Spürkraft und der Geruch dieses Vogels befähigt ihn nämlich, in großer Entfernung seine Beute zu wittern, wäre dieselbe auch noch besser verborgen, als es bei mir in einem zwei Zoll dicken Brette der Fall war. Bald darauf bemerkte ich, wie das Geräusch und das Flügelschlagen sich vermehrte; zugleich ward meine Schachtel hin und her geschüttelt, wie eine Wetterfahne an einem stürmischen Tage. Auch hörte ich, wie der Adler mehrere Püffe und Stöße erhielt (ich glaube nämlich mit Sicherheit behaupten zu können, daß ein solches Thier meine Schachtel im Schnabel fortschleppte) und dann fühlte ich plötzlich wie ich in senkrechter Richtung eine Minute lang so schnell herabfiel, daß mir der Athem beinahe verging. Mein Fall wurde durch ein furchtbares Rauschen beendet, welches lauter in meinen Ohren schallte, wie der Wasserfall des Niagara; darauf befand ich mich eine andere Minute lang in vollkommener Finsternis), und endlich stieg meine Schachtel so hoch, daß ich das Licht am oberen Theile der Fenster erblicken konnte. Jetzt erkannte ich, daß ich in das Meer gefallen seyn müsse. Meine Schachtel schwamm wegen meines Körpergewichts, wegen der Güter, die sie enthielt, und der breiten eisernen Platten, welche der Starke halber an den vier Ecken des Bodens und der Seite geheftet waren, fünf Fuß tief im Wasser. Ich vermuthete damals, und glaube auch noch jetzt, der Adler, welcher mit meiner Schachtel davon flog, wurde von zwei oder drei andern verfolgt und gezwungen, mich fallen zu lassen, während er sich gegen die andern vertheidigte, welche seine Beute zu theilen hofften. Die am Boden der Schachtel befestigten eisernen Platten, welche von der stärksten Art waren, hielten sie im Gleichgewicht während des Fallens, und verhinderten, daß sie vom Wasser zerschellt wurde. Jede Fuge war sehr fest eingerammt, und die Thüre bewegte sich nicht auf Angeln, sondern wurde wie ein Schiebfenster auf und nieder gezogen. Hiedurch war mein Zimmer so eng verschlossen, daß nur wenig Wasser eindringen konnte. Ich gelangte nur mit Schwierigkeit aus meiner Hängematte, nachdem ich zuvor gewagt hatte, den früher erwähnten Schieber auf der Decke zurückzuziehen, um ein wenig frische Luft einzulassen, durch deren Mangel ich beinahe erstickte. Wie oft wünschte ich damals mit meiner theuern Glumdalclitch wieder zusammen zu seyn, von der ich in einer einzigen Stunde so weit getrennt war! Auch kann ich aufrichtig gestehen, daß ich inmitten meines Unglücks nicht unterlassen konnte, meine arme Wärterin und den Schmerz zu beklagen, den sie wegen meines Verlustes, wegen des Mißfallens der Königin und wegen der Vereitlung günstiger Aussichten erleiden mußte. Vielleicht sind wenig Reisende in solcher Noth wie ich gewesen. Ich erwartete jeden Augenblick, meine Schachtel werde zertrümmert, oder wenigstens von dem ersten heftigen Windstoß oder der ersten Woge umgeworfen werden. Wurde eine einzige Glasscheibe zerbrochen, so wäre augenblicklicher Tod unvermeidlich gewesen. Nur die starken äußeren Metallstäbe, welche, um Unglücksfälle auf Reisen zu verhindern, vor den Fenstern befestigt waren, konnten dieselben schützen. Einigemale bemerkte ich, wie das Wasser durch mehrere Ritzen, die jedoch nicht beträchtlich waren, eindrang, und ich versuchte dieselben so gut wie möglich zu verstopfen. Es war mir nicht möglich die Decke meines Zimmers in die Hohe zu heben; ich versuchte dies, um mich oben darauf zu setzen; denn dort hätte ich noch einige Stunden länger mein Leben erhalten können, als wenn ich unten gleichsam in Haft geblieben wäre. Entging ich auch in zwei oder drei Tagen allen Gefahren, so konnte ich doch Nichts erwarten, als einen elenden Tod durch Kälte und Hunger. Vier Stunden lang befand ich mich in diesen Umständen, und dachte, ein jeder Augenblick werde mein letzter seyn; ich hegte sogar diesen Wunsch.

Ich habe dem Leser schon berichtet, daß zwei starke Krampen an jeder Seite meiner Schachtel, wo sich keine Fenster befanden, befestigt waren, durch welche der Bediente, der mich zu Pferde trug, einen ledernen Riemen zog, den er alsdann um seinen Leib schnallte. Als ich mich nun in diesem trostlosen Zustande befand, hörte ich, oder glaubte zu hören, wie etwas an der Seite meiner Schachtel, wo die Krampen befestigt waren, schabte. Ich kam auf den Gedanken, die Schachtel sey in’s Schlepptau genommen, und werde so durch das Meer gezogen. Bisweilen fühlte ich nämlich einen Ruck, durch den die Wogen bis an die Höhe meiner Fenster schlugen, so daß ich beinahe im Dunklen blieb. Dieser Umstand weckte bei mir einige schwache Hoffnung, ich würde errettet werden, ob ich gleich mir nicht einbilden konnte, wie die Sache geschehe. Ich wagte einen meiner Stühle loszuschrauben, welche immer auf dem Fußboden befestigt waren; dann brachte ich es mit vieler Mühe dahin, daß ich ihn unter dem Schieber wieder festschraubte, den ich täglich selbst geöffnet hatte, stieg auf den Stuhl, brachte meinen Mund so nahe wie möglich an das Loch und rief endlich in allen Sprachen, die ich verstand, laut um Hülfe. Alsdann befestigte ich mein Schnupftuch an den Stock, den ich zu tragen pflegte, steckte ihn durch das Loch und schwenkte ihn mehreremale in der Luft mit der Absicht, im Fall ein Schiff oder Boot in der Nähe wäre, den Matrosen ein Zeichen zu geben, daß ein unglücklicher Mensch in der Schachtel eingeschlossen sey.

Alles, was ich that, blieb erfolglos; ich fühlte jedoch wie meine Schachtel sich weiter bewegte. Nach einer Stunde stieß die Seite, wo die Klammern waren, gegen etwas Hartes. Ich besorgte, dies sey ein Felsen, denn ich ward heftiger wie jemals erschüttert. Alsdann hörte ich auf dem Deckel meines Zimmers ein deutliches, wie von einem Taue hervorgebrachtes, Geräusch, und vernahm das Schleudern desselben, als es durch den Ring gezogen wurde. Darauf wurde ich allmählich um vier Fuß höher emporgehoben. Ich steckte somit noch einmal meinen Stock mit dem Schnupftuche heraus und rief um Hülfe bis ich beinahe heiser war. Als Antwort vernahm ich ein dreimaliges und lautes Hussa-Rufen, welches mich in solches Entzücken versetzte, daß nur diejenigen, die etwas Aehnliches fühlten, dasselbe begreifen können. Jetzt hörte ich auch ein Getrampel über meinem Haupte, und Jemand rief auf Englisch mit lauter Stimme durch das Loch: Wenn Jemand unten ist, so mag er’s sagen. Ich antwortete:

Ich sey ein Engländer, der durch Mißgeschick in das größte Unglück gerieth, welches jemals ein Mensch ertragen habe; ich bitte bei Allem, was heilig sey, mich aus dem Loch, worin ich mich befinde, zu befreien. Die Stimme erwiderte: Ich sey in Sicherheit, denn meine Schachtel sey an einem Schiffe befestigt, der Zimmermann werde sogleich kommen und ein Loch in den Deckel sägen, das groß genug seyn werde, mich herauszuziehen. Da sagte ich, dies sey nutzlos, und werde zu viel Zeit kosten; man brauche nichts weiter zu thun, als daß Einer der Schiffsmannschaft seinen Finger in den Ring stecke, die Schachtel so in das Schiff bringe, und in der Kajütte des Kapitäns niedersetze. – Als nun die Matrosen von mir diese sonderbare Worte hörten, glaubten einige, ich sey verrückt, und andere lachten laut auf. Es war mir auch wirklich nicht eingefallen, daß ich mich unter Leuten meines Wuchses und meiner Stärke befinde. Der Zimmermann kam, sägte in wenigen Minuten ungefähr einen vier Quadratfuß breiten Durchgang in den Deckel und ließ eine kleine Leiter hinunter, die ich bestieg; von dort ward ich äußerst schwach auf das Schiff gebracht.

Die Matrosen erstaunten sämmtlich und legten mir eine Menge Fragen vor, die ich jedoch keine Lust hatte zu beantworten. Ich erstaunte gleichfalls über den Anblick so vieler Zwerge, denn dafür hielt ich sie, weil meine Augen an die ungeheuren Dinge, die ich verlassen, so lange gewohnt gewesen waren. Allein der Kapitän, Herr Thomas Wilcock, ein rechtlicher und braver Mann aus Shropshire, führte mich in die Kajütte. Als er bemerkte, ich sey einer Ohnmacht nahe, gab er mir einen Stärkungstrank und ließ mich auf sein eigenes Bett legen, um der Ruhe zu genießen, deren ich so sehr bedurfte. Bevor ich einschlief erklärte ich ihm, in meiner Schachtel befänden sich mehrere Möbeln von Werth, deren Verlust zu bedauern seyn würde: eine schöne Hängematte, ein treffliches Feldbett, zwei Stühle, ein Tisch und ein Schrank; mein Zimmer sey an allen Seiten mit Cattun und Seide behängt, oder vielmehr gepolstert; wenn er sie von einem Matrosen in die Kajüte bringen lasse, so würde ich sie vor seinen Augen öffnen und ihm meine Seltenheiten zeigen. Der Kapitän, als er von mir diese Albernheiten hörte, glaubte, ich sey toll; er versprach jedoch, wahrscheinlich um mich zu beruhigen, er werde meinen Wünschen gemäß Befehle ertheilen. Alsdann ging er auf’s Verdeck und schickte einige seiner Leute in mein Zimmer, die dann, wie ich nachher fand, alle meine Güter Herausnahmen und die Polster abrissen. Da Stühle, Schrank und Bettstelle an dem Fußboden festgeschraubt waren, erlitten diese viel Schaden durch die Unwissenheit der Matrosen, welche dieselben mit Gewalt herausrissen. Alsdann hieben sie einige Bretter zum Gebrauche ihres Schiffes ab, und als sie alles was sie wollten genommen hatten, versenkten sie den Rumpf in die See, der dann auch wegen der vielen auf dem Boden und den Seiten eingerissenen Breschen sogleich unterging. Es war mir auch wirklich lieb, daß ich kein Zuschauer der von ihnen angerichteten Verwüstung war; ich würde darüber sicherlich sehr betrübt gewesen seyn, weil ich mich an Dinge hätte erinnern müssen, die ich gern vergessen hätte.

Ich schlief einige Stunden und träumte fortwährend von dem Lande, das ich verlassen, und von den Gefahren, die ich kürzlich bestanden hatte. Als ich jedoch erwachte, fühlte ich mich sehr gestärkt. Es war acht Uhr Abends und der Kapitän ließ sogleich das Abendessen auftragen, denn er glaubte ich habe schon zu lange gefastet. Er bewirthete mich mit vieler Artigkeit und sah, daß ich weder wilde Blicke umherwarf, noch daß ich unzusammenhängend redete. Als wir nun allein waren, bat er mich, ihm einen Bericht von meinen Reisen zu geben, und durch welchen Zufall ich in jener ungeheuern Kiste in’s Meer gesetzt worden wäre. Er sagte: Ungefähr um zwölf Uhr Mittags habe er sein Fernrohr zur Hand genommen und etwas in der Ferne bemerkt, das ihm als ein Segel erschienen sey; er habe darauf zusteuern wollen, da die Richtung nicht sehr weit aus seinem Wege lag, um Zwieback zu kaufen, weil der seinige zu mangeln anfange. Als er nun näher gekommen sey, habe er seinen Irrthum erkannt und sein langes Boot ausgesetzt, um zu sehen, was es sey; seine Leute aber wären erschreckt zurückgekehrt und hätten geschworen, es sey ein schwimmendes Haus. Er habe über ihre Dummheit gelacht und selbst das Boot bestiegen, nachdem er seinen Leuten befohlen, ein starkes Tau mitzunehmen. Da das Wetter ruhig war, sey er mehreremale um das Boot herumgerudert und habe so meine Fenster mit den Eisenstäben entdeckt und dann die zwei starken Krampen auf den Seiten ohne Fenster. Er habe alsdann seinen Leuten befohlen, an diese Seite hinzurudern, ein Tau an eine Krampe zu befestigen und so meine Kiste, wie sie die Schachtel nannten, zum Schiffe hinzuziehen. Als sie dort angekommen seyen, habe er ein anderes Tau im Ringe auf dem Deckel befestigen und die Kiste mit Rollen in die Höhe heben lassen, allein seine ganze Mannschaft habe nicht vermocht dieselbe höher als drei Fuß aufzuwinden. Wir sahen, sagte der Kapitän, Ihren Stock mit dem Schnupftuche aus dem Loche hervorragen und schlössen daraus, irgend ein Unglücklicher müsse in der Höhlung eingeschlossen seyn. Ich fragte: ob er oder seine Leute das erstemal, als sie mich entdeckten, wunderbar große Vögel in der Luft gesehen hätten? Er antwortete: während ich schlief habe er die Angelegenheit mit den Matrosen besprochen, und einer derselben habe drei Adler nach Norden stiegen gesehen, zu derselben Zeit, wo man meine Schachtel entdeckte; der Matrose habe jedoch über die außerordentliche Größe dieser Vögel Nichts bemerkt. Der Grund, weßhalb der Matrose sich getäuscht, mußte in der ungeheuern Entfernung liegen, in welcher die Vögel flogen, und der Kapitän konnte natürlich die Bedeutung der Frage nicht verstehen. Alsdann fragte ich ihn, wie weit wir nach seiner Berechnung vom Lande entfernt wären. Er antwortete, nach der genaueren Berechnung wenigstens fünfzig Stunden. Ich gab ihm die Versicherung, er müsse sich wenigstens um die Hälfte irren, denn ich habe das Land, woher ich gekommen sey, höchstens zwei Stunden vor meinem Niederfallen in das Meer verlassen. Hierauf glaubte der Kapitän wiederum daß mein Kopf verwirrt sey; er gab mir hierüber einen Wink und zugleich den Rath, ich möge in die für mich bereitete Kajüte gehen. Allein ich ertheilte ihm die Versicherung, seine gute Bewirthung und Unterhaltung habe mich vollkommen erfrischt, und ich sey so gut bei Verstande, wie jemals in meinem Leben. Alsdann ward er ernst und fragte mich offen: Ob mir der Verstand durch das Bewußtseyn eines ungeheuern Verbrechens, wofür ich auf Befehl eines Fürsten durch Aussetzung in eine Kiste bestraft worden, nicht verwirrt worden sey; man zwinge ja in andern Ländern große Verbrecher mit einem beschädigten Fahrzeuge, ohne Lebensmittel, in die See zu stechen. Es werde in dem Falle ihm zwar leid thun, einen so bösen Mann in sein Schiff aufgenommen zu haben, er gebe mir jedoch sein Wort, im ersten Hafen, wo wir anlangten, mich sicher an dasUfer zu setzen. Er fügte hinzu, sein Verdacht sey durch mehrere alberne Dinge, die ich den Matrosen und dann ihm selbst in Betreff der Kiste gesagt hätte, so wie durch meine sonderbaren Blicke und mein Benehmen während des Abendessens, gestiegen.

Ich bat ihn, er möge meine Geschichte geduldig anhören, die ich ihm auch der Wahrheit getreu von dem Augenblicke an, wo ich England zum letztenmal verließ, bis auf den Zeitpunkt erzählte, wo er mich zuerst bemerkte. Da nun die Wahrheit sich stets dem Verstande vernünftiger Männer aufdrängt, so ward auch dieser würdige Herr, der einen Anstrich von Gelehrsamkeit besaß, von meiner Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit sogleich überzeugt. Um nun Alles, was ich gesagt hatte, ferner zu bestätigen, bat ich ihn, er möge meinen Schrank herbeibringen lassen, dessen Schlüssel ich in der Tasche trug; er hatte mir nämlich schon gesagt, wie die Matrosen mein Zimmer zugerichtet hatten. Ich öffnete den Schrank in seiner Gegenwart und zeigte ihm die kleine Sammlung von Seltenheiten, die ich mir in dem Lande, woraus ich auf so sonderbare Weise befreit worden war, gebildet hatte, darunter befand sich der Kamm, den ich aus des Königs Bartstumpfen verfertigte und ein zweiter von demselben Material, der jedoch in einem Abschnitzel von Seiner Majestät Daumennagel befestigt war, der als Rücken diente. Ferner befand sich darunter eine Anzahl Nadeln, von der Länge eines Fußes bis zu der einer Elle, vier Wespenstacheln, groß wie Tischlerstifte, ein goldener Ring, den mir die Königin auf höchst artige Weise zum Geschenk machte, indem sie ihn von ihrem kleinen Finger zog und ihn mir wie ein Hundehalsband über den Kopf warf. Ich bat den Kapitän, er möge diesen Ring als Dankbezeugung für seine Artigkeit annehmen, allein er gab mir eine entschieden abschlägige Antwort. Alsdann zeigte ich ihm ein Hühnerauge, das ich mit eigener Hand von der Zehe einer Hofdame abgeschnitten hatte. Es war von der Dicke eines ziemlich großen Apfels und so hart geworden, daß ich es nach meiner Ankunft in England als Becher aushölen und mit Silber einfassen ließ. Zuletzt bat ich ihn, die Beinkleider, die ich trug, sich anzusehen; diese waren von Mäusefellen verfertigt.

Ich konnte ihm durch meine Bitten allein den Zahn eines Bedienten aufdringen, den er, wie ich bemerkte, mit großer Neugier untersuchte, und der ihm außerordentlich gefiel. Er empfing ihn mit solchem Dank, welchen diese Kleinigkeit nicht verdiente. Der Zahn war aus Versehen von einem ungeschickten Wundarzte einem Diener der Glumdalclitch ausgezogen worden, der an Zahnweh litt; der Zahn war aber so gesund wie die andern in seinem Mund. Ich ließ ihn abputzen und verwahrte ihn dann in meinem Schrank. Seine Länge betrug ungefähr einen Fuß, und sein Durchmesser vier Zoll.

Der Kapitän war mit meinem einfachen Berichte sehr zufrieden und sprach seine Meinung dahin aus, ich würde mir die Welt verpflichten, wenn ich denselben, nach meiner Rückkehr, in England niederschriebe und drucken ließe. Ich erwiderte: Nach meiner Meinung sey der Büchermarkt bereits mit Reisebeschreibungen überhäuft; gegenwärtig finde dasjenige allein Beifall, was außerordentlich sey; wie es scheine, so hätten viele Schriftsteller weniger die Wahrheit als ihre Eitelkeit und ihr Interesse, oder die Unterhaltung unwissender Leser im Auge. Meine Geschichte könne nur wenig gewöhnliche Ereignisse aber keine zur Ausschmückung dienende Beschreibungen von sonderbaren Pflanzen, Bäumen, Vögeln und andern Thieren enthalten; sie könne auch von barbarischer Sitte und von dem Götzendienst wilder Völker, durchaus nicht jene Schilderung geben, deren Masse man sonst in Reisebeschreibungen finde. Ich sey ihm jedoch für seine gute Meinung sehr dankbar, und werde die Sache überlegen.

Der Kapitän sagte mir ferner, er wundere sich sehr, daß ich so laut schrie. Alsdann fragte er mich, ob der König und die Königin von Brobdingnag harthörig seyen. Ich erwiderte, hieran sey ich schon seit länger als zwei Jahren gewöhnt gewesen, und ich müsse mich sehr über seine und seiner Matrosen Stimme wundern, die mir nur zu flüstern scheinen, ob ich sie gleich sehr wohl verstehe. Als ich aber in Brobdingnag gesprochen habe, sey ich in der Lage eines Mannes gewesen, der auf der Straße mit einem Andern auf einem Kirchthurme sich unterredete, ausgenommen, wenn man mich auf den Tisch gestellt oder in der Hand gehalten habe. Ferner sagte ich ihm, noch etwas Anderes sey von mir beobachtet worden; als ich das Schiff zuerst betrat, und als die Matrosen mich umringten, seyen sie mir als die kleinsten und winzigsten Geschöpfe, die ich jemals gesehen, erschienen. Auch konnte ich in Brobdingnag, als meine Augen sich an das Anschauen jener ungeheuern Gegenstände gewöhnt hatten, es niemals ertragen, mich in einem Spiegel zu beschauen, weil der Vergleich mir eine höchst verächtliche Meinung von mir selbst verschaffte. Der Kapitän sagte ferner, er habe beim Essen bemerkt, wie ich Alles voll Erstaunen betrachtete; oft habe ich kaum das Lachen unterdrücken können, ein Umstand, den er sich nicht erklären konnte, und den er einer Krankheit meines Gehirns zuschrieb. Ich erwiderte: dies sey wahr, ich wundere mich noch, wie ich das Lachen hatte unterlassen können, als ich Schüsseln von der Größe eines Silberdreiers, eine Schweinskeule, die kaum den Mund zu füllen vermöchte, einen Becher, nicht größer als eine Nußschale, erblickte, und so fuhr ich fort die übrigen Geräthschaften und Nahrungsmittel zu beschreiben. Obgleich mir nämlich die Königin, als ich in ihren Diensten stand, einen vollständigen Hausrath hatte verfertigen lassen, so hatten sich meine Ideen nach dem Verhältniß meiner Umgebung gebildet, und ich betrachtete meine eigene Kleinheit in derselben Weise, wie andere Leute ihre Fehler zu erkennen pflegen. Der Kapitän ging auf meinen Spaß ein, und erwiderte scherzhaft mit der alten englischen Redeweise: Er glaube meine Augen seyen größer, wie mein Magen; denn er bemerke, daß mein Magen nicht besonders gut sey, ob ich gleich den ganzen Tag gefastet habe. Dann fuhr er fort mich zu necken und behauptete: Er würde sehr gern hundert Pfund gegeben haben, hätte er meine Kiste in dem Schnabel des Adlers oder von solcher Höhe in das Meer herabstürzen gesehen. Dies müsse wirklich ein höchst erstaunenswerthes Ereigniß gewesen seyn, dessen Beschreibung der Nachwelt überliefert zu werden verdiene. Der Vergleich mit Phaeton lag so nah, daß der Kapitän es nicht unterlassen konnte, ihn anzubringen, ob ich gleich diesen Einfall nicht sehr bewunderte.

Der Kapitän kam von Tunkin und war auf seiner Rückkehr nach England in den vierundvierzigsten Grad nördlicher Breite und den hundertdreiundvierzigsten Grad der Länge nordöstlich verschlagen worden. Zwei Tage nach meiner Ankunft an Bord begann ein Passatwind; wir segelten zuerst südlich, dann der Küste von Neuholland entlang, hierauf Südsüdwest bis wir das Kap der guten Hoffnung umfuhren. Unsere Reise war günstig; ich will den Leser mit einer Beschreibung derselben nicht langweilen. Der Kapitän lief in ein paar Häfen ein und setzte das lange Boot aus, um frisches Wasser und Lebensmittel einzunehmen. Allein ich verließ nie mehr das Schiff, als bis wir am dritten Juli 1706, ungefähr neun Monate nach meiner Befreiung, in den Dünen anlangten. Ich trug dem Kapitän meine Güter als Bürgschaft für die Bezahlung der Ueberfahrt an, allein er schwur, von mir nicht einen Heller annehmen zu wollen. Wir nahmen sehr freundschaftlich von einander Abschied, und ich entlockte ihm das Versprechen, mich zu Hause in Redriff zu besuchen. Alsdann miethete ich ein Pferd und einen Führer um fünf Schillinge, die mir der Kapitän borgte.

Als ich nun unterwegs die Kleinheit der Häuser und Bäume, des Rindviehs und der Menschen bemerkte, begann ich zu glauben, ich sey in Lilliput. Ich befürchtete, jeden mir begegnenden Reisenden zu zertreten, und schrie ihnen oft mit lauter Stimme zu, sie sollten mir aus dem Wege gehen, so daß jene mehreremale nahe daran waren, mir den Hals zu brechen.

Als ich nun mein Haus betrat, das ich hatte erfragen müssen, und als ein Bedienter die Hausthüre öffnete, bückte ich mich beim Hineingehen wie eine Gans, die ein Thor passirt, denn ich befürchtete mir den Kopf einzustoßen. Meine Frau lief mir entgegen um mich zu umarmen, ich bückte mich aber tiefer wie ihre Kniee, denn ich glaubte, sonst würde sie meinen Mund nicht erreichen können. Meine Tochter kniete vor mir nieder und bat mich um meinen Segen; ich sah sie aber nicht eher, als bis sie aufstand, da ich so lange gewohnt gewesen war Kopf und Augen in die Höhe zu heben, um über sechzig Fuß hoch empor zu sehen; alsdann umschlang ich ihren Leib mit meinem Arm, um sie in die Höhe zu heben. Einige meiner Freunde, die gerade im Hause waren, und mein Gesinde behandelte ich in solcher Weise, als sey ich ein Riese und sie nur Zwerge. Ich sagte meiner Frau, sie sey zu knickerig gewesen, denn ich fände sie halb verhungert und meine Tochter fast gänzlich ausgedörrt wieder. Kurz ich benahm mich so sonderbar, daß Alle bei der ersten Unterredung der Meinung des Kapitäns waren, Witz und Verstand seyen bei mir gänzlich verschwunden. Dies erweise ich als Beispiel der großen Gewalt des Vorurtheils und der Gewohnheit.

In Kurzem ward das gute Einverständniß zwischen mir und meiner Familie wieder hergestellt. Meine Frau befahl mir, nie wieder in die See zu gehen, allein mein Schicksal hat es leider gefügt, daß sie keine Gewalt besaß, mich daran zu verhindern, wie der Leser bald erfahren wird. Mittlerweile gebe ich hier den Schluß des zweiten Theiles meiner unglücklichen Reise.

Anhang zu der Reise nach Lilliput


Anhang zu der Reise nach Lilliput

Lilliputaner sind anders als wir Europäer davon überzeugt, daß nichts mehr Sorge und Fleiß erfordert, als die Erziehung der Kinder. Es ist leicht, sagen sie, Kinder zu erzeugen, wie es leicht ist, zu säen und zu pflanzen; aber gewisse Pflanzen zu erhalten, ihnen ein glückliches Gedeihen zu geben, sie gegen die Härte des Winters, gegen die Glut und die Stürme des Sommers, gegen die Angriffe der Insekten zu schützen, endlich ihnen reichliche Früchte abzugewinnen, dies ist die Wirkung der Aufmerksamkeit und der Bemühungen eines geschickten Gärtners.

Sie sehen darauf, daß der Lehrer mehr einen wohl gebildeten als einen erhabenen Geist, mehr Sitte als Wissenschaft habe; sie können die Lehrer nicht leiden, welche die Ohren ihrer Schüler unaufhörlich mit grammatikalischen Zusammensetzungen, kleinlichen Erörterungen und kindischen Bemerkungen betäuben, und welche, um sie die alte Sprache ihres Landes zu lehren, die nur wenig Aehnlichkeit mit der hat, welche man heut zu Tage dort spricht, ihren Geist mit Regeln und Ausnahmen überladen, und ihr Gedächtniß mit überflüßigen Principien und kleinlichen Vorschriften anfüllen: sie wollen, der Lehrer solle sich in ein vertrautes Verhältniß setzen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben, denn nichts sey einer guten Erziehung so zuwider, als Pedanterie und affektirter Ernst; ihrer Meinung nach, muß er sich vor seinem Schüler eher herablassen, als sich hinaufspannen, und sie halten das Eine für schwerer als das Andere, weil oft mehr Kraft und Anstrengung und immer mehr Aufmerksamkeit dazu gehört, sicher hinab- als hinaufzusteigen.

Sie behaupten, die Lehrer müssen vielmehr darauf ausgehen, den Geist der jungen Leute für das Benehmen im Leben zu bilden, als ihn mit seltenen Kenntnissen zu bereichern, die beinahe immer unnütz sind. Man lehrt sie also frühzeitig Weisheit und Philosophie, damit sie auch in der Zeit der Vergnügungen dieselben philosophisch zu kosten verstehen. Ist es nicht lächerlich, sagen sie, das Wesen und den wahren Genuß derselben erst dann kennen zu lernen, wenn man untauglich dazu geworden, leben zu lernen, wenn das Leben beinahe vorüber ist, und anzufangen ein Mensch zu seyn, wenn man bald aufhören wird, es zu seyn?

Man gibt ihnen eine Belohnung für das offene und aufrichtige Bekenntniß ihrer Fehler, und diejenigen, welche über ihre eigenen Mängel besser als Andere zu sprechen wissen, erlangen Gewogenheit und Ehren. Man will, sie sollen wißbegierig seyn, und Fragen stellen über Alles, was sie sehen und hören, und man gibt denen eine strenge Strafe, die beim Anblick einer außerordentlichen und merkwürdigen Sache wenig Verwunderung und Wißbegierde blicken lassen.

Man empfiehlt ihnen, sehr treu, sehr unterthänig, sehr anhängig an den Fürsten zu seyn, aber nur mit einer allgemeinen pflichtschuldigen Anhänglichkeit, nicht mit einer besondern, die oft das Gewissen und stets die Freiheit verletzt, und großes Unglück verschulden kann.

Die Lehrer der Geschichte bemühen sich weniger, ihre Zöglinge das Datum dieser oder jener Begebenheit zu lehren, als ihnen den Charakter, die guten und schlimmen Eigenschaften der Könige, Feldherrn und Minister zu schildern. Sie halten es für unwichtig, daß in dem und dem Jahre, in dem und dem Monat die und die Schlacht geschlagen wurde; aber die Erwägung scheint ihnen wichtig, wie die Menschen in allen Jahrhunderten barbarisch, roh, ungerecht, blutdürstig, stets bereit sind, ihr Leben ohne Noth zu verschwenden und ohne Grund das Leben Anderer zu bedrohen; wie die Kriege die Menschheit entehren und wie mächtig die Beweggründe seyn müssen, um zu diesem traurigen Aeußersten getrieben zu werden; sie betrachten die Geschichte des menschlichen Geistes, als die beste Geschichte überhaupt und lehren die jungen Leute weniger, die Thatsachen zu behalten als zu beurtheilen.

Die Liebe zu den Wissenschaften soll bei ihnen Gränzen haben, und jeder soll das Studium wählen, das seiner Neigung und seinem Talent am meisten zusagt; aus einem Menschen, der zu viel studirt, machen sie aber so wenig, als aus einem Menschen, der zu viel ißt, überzeugt, daß der Geist eben so gut seine Unverdaulichkeiten hat, als der Körper. Nur der Kaiser allein hat eine große zahlreiche Bibliothek. Was einige Privatleute betrifft, die allzugroße Bibliotheken haben, so betrachtet man sie als mit Büchern beladene Lastesel.

Die Philosophie bei diesen Völkern ist sehr heiter und besteht nicht in Ergotismen, wie in unsern Schulen; sie wissen nicht, was Baroco und Baralipton ist, was Cathegorien, was Worte der ersten und zweiten Klasse sind, und andere kitzliche Thorheiten der Dialektik, die Einen ebensowenig Vernunft als Tanzen lehren können.

Ihre Philosophie besteht darin, unfehlbare Grundsätze aufzustellen, die den Geist dahin führen, den Mittelstand eines ehrlichen Mannes den Reichthümern und der Pracht eines Rentiers, und den Sieg über die Leidenschaften dem eines Eroberers vorzuziehen. Ihre Philosophie lehrt sie, hart gegen sich seyn, und Alles fliehen, was die Sinne an die Wollust gewöhnt, Alles, was die Seele in eine Abhängigkeit vom Körper versetzt und ihrer Freiheit Eintrag thut. Im Uebrigen stellt man ihnen die Tugend stets als etwas Leichtes und Angenehmes vor.

Man ermahnt sie, ihren Beruf mit Umsicht zu wählen, und sucht sie auf den hinzuleiten, der sich am besten für sie schickt, mit weniger Rücksicht auf das Vermögen ihrer Eltern, als auf das Vermögen ihrer Seele, so daß der Sohn eines Bauern zuweilen Staatsminister und der Sohn eines Edelmanns Kaufmann ist.

Diese Völker achten die Physik und die Mathematik nur so weit, als diese Wissenschaften für das Leben und den nützlichen Fortschritt der Künste vortheilhaft sind. Im Allgemeinen gaben sie sich wenig Mühe, alle Theile des Universums kennen zu lernen, und wollen weniger über die Ordnung und Bewegung der physischen Körper Untersuchungen anstellen, als vielmehr die Natur ohne Untersuchung genießen. Was die Metaphysik betrifft, so betrachtet man sie als eine Quelle der Hirngespinnste und Chimären.

Sie hassen die Affektation in der Sprache und den geschraubten Styl, sowohl in der Prosa als in Versen; und sie halten es für eben so unverschämt, sich durch seine Art zu reden auszuzeichnen, als durch die Art sich zu kleiden. Einem Schriftsteller, der den reinen, klaren und ernsten Styl aufgibt, um einen bizarren, schwülstigen Jargon zu schreiben, und gesuchte, unwahre Bilder anzuwenden, lauft man wie einer Karnevalsmaske auf den Straßen nach und pfeift ihn aus.

Man bildet in diesem Lande den Körper und den Geist zugleich, weil es gilt, einen Menschen zuzustutzen und man nicht das Eine ohne das Andere pflegen kann. Körper und Geist sind ihrer Meinung nach ein Paar zusammengespannte Pferde, die man mit gleichen Schritten neben einander herführen muß. Wenn Ihr nur den Geist eines Kindes bildet, sagen sie, so wird sein Aeußeres rauh und ungeglättet; wenn Ihr nur seinen Körper bildet, bemächtigen sich die Thorheit und Unwissenheit seines Geistes.

Es ist den Lehrern verboten, die Kinder durch Schmerzen zu strafen; sie thun es durch die Entziehung eines Vergnügens, durch die Schande und namentlich durch die Ausschließung von zwei oder drei Unterrichtsstunden, worüber sie sich außerordentlich kränken, denn man überläßt sie alsdann sich selbst und scheint sie des Unterrichts nicht für würdig zu halten. Der Schmerz dient, ihrer Meinung nach, nur dazu, sie schüchtern zu machen; was ein sehr nachtheiliger Fehler ist, von dem man sie nie wieder heilen kann.

Teil 3

Teil 3
Reise nach Laputa

Kapitel 1


Kapitel 1 Der Verfasser beginnt seine dritte Reise. Wird von Piraten gefangen genommen. Die Bosheit eines Holländers. Die Ankunft auf einer Insel. Er wird in Laputa aufgenommen.

Ich war kaum zehn Tage zu Hause gewesen, als Kapitän William Robinson aus Cornwallis, Befehlshaber der Hoffnung, eines stark gebauten Schiffes von hundert Tonnen, mich besuchte. Ich war früher Wundarzt auf einem andern Schiffe gewesen, das er als Eigenthümer, nebst dem vierten Theile der Ladung, besaß, und hatte mit ihm eine Reise nach der Levante gemacht. Er hatte mich eher wie ein Bruder, als wie mein vorgesetzter Offizier behandelt. Als er nun meine Ankunft erfuhr, machte er mir einen Besuch, wie ich vermuthete, ausschließlich mir seine Freundschaft zu beweisen, denn zwischen uns ereignete sich Nichts, als wie’s nach längerer Trennung stattzufinden pflegt. Alsdann wiederholte er häufig seine Besuche, äußerte seine Freude über meine Gesundheit, fragte mich, ob ich jetzt eine feste Stellung im Leben erlangt hätte, fügte hinzu, in zwei Monaten wolle er nach Ostindien reisen, und machte mir zuletzt, nach einigen Entschuldigungen, den offenen Antrag, Wundarzt auf seinem Schiffe zu werden. Ein anderer Wundarzt, nebst zwei Gehülfen, würde unter meinem Befehle stehen. Mein Gehalt solle das Doppelte der gewöhnlichen Besoldung betragen; er habe schon lange die Erfahrung gemacht, meine nautischen Kenntnisse kämen den seinigen wenigstens gleich; er gäbe mir deßhalb das Versprechen, meinen Rath zu befolgen, als theilte ich mit ihm den Befehl.

Er sagte mir außerdem noch viele Verbindlichkeiten, und da ich ihn als ehrlichen Mann kannte, mochte ich seinen Vorschlag nicht zurückweisen. Begierde, die Welt zu sehen, war, ungeachtet meines frühern Unglücks, so heftig wie jemals. Die einzige Schwierigkeit, welche sich mir noch darbot, war die Zustimmung meiner Frau; diese erhielt ich jedoch zuletzt durch die Aussicht, Vortheile für unsere Kinder zu erlangen.

Wir gingen am 5. August 1706 unter Segel und landeten am 11. April 1707 im Fort St. George. Dort blieben wir drei Wochen, um unsere Mannschaft zu erfrischen, von welcher mehrere Leute krank geworden waren.

Alsdann segelten wir nach Tunkin, wo der Kapitän einige Zeit zu bleiben beschloß, weil einige Waaren, die er einkaufen wollte, noch nicht bereit lagen, und die Anschaffung derselben mehrere Monate dauern mußten. Um nun die dadurch veranlaßten Kosten einigermaßen wieder auszugleichen, kaufte er eine Schaluppe, belud sie mit den verschiedenen Waarenarten, welche die Tunkinesen auf den benachbarten Inseln zu verkaufen pflegen, bemannte das Fahrzeug mit vierzehn Matrosen, worunter zwei Eingeborene sich befanden, ernannte mich zum Befehlshaber und ertheilte mir Vollmacht Handel zu treiben, während er selbst seine Geschäfte in Tunkin besorgte.

Wir waren drei Tage unter Segel gewesen, als uns ein heftiger Sturm zuerst nach Nord-Nord-Ost und dann nach Ost verschlug. Hierauf hatten wir schön Wetter, jedoch einen starken Westwind. Am zehnten Tage machten zwei Piratenschiffe auf uns Jagd und holten uns ein. Meine Schaluppe war nämlich so schwer beladen, daß sie nur langsam segeln konnte. Auch war Vertheidigung nicht möglich.

Beide Piratenschiffe ankerten zugleich und die Seeräuber, von ihren Befehlshabern geführt, drangen wüthend auf uns ein. Da wir uns aber sämmtlich auf’s Gesicht zu Boden geworfen hatten (diesen Befehl hatte ich zuvor gegeben), knebelten sie uns nur mit starken Tauen, stellten eine Wache auf und durchsuchten die Schaluppe. Ich bemerkte unter den Seeräubern einen Holländer, der in einigem Ansehen zu stehen schien, ob er gleich keines der beiden Schiffe unter seinem Befehl hatte. Er erkannte uns an unsern Gesichtszügen als Engländer, schwatzte dann in seiner eigenen Sprache und schwur, wir sollten Rücken an Rücken gebunden in’s Meer geworfen werden. Das Holländische sprach ich so ziemlich; ich sagte ihm, wer wir wären, und bat ihn, er möchte für uns als Christen, Protestanten und Einwohner eines benachbarten und verbündeten Staates bei dem Kapitän Fürsprache einlegen, damit uns dieser mit einiger Milde behandle. Dies aber entflammte seine Wuth. Er wiederholte seine Drohung, wandte sich zu seinen Gefährten, sprach mit großer Heftigkeit im Japanesischen (wie ich glaube), und wiederholte häufig das Wort Christianos.

Das größte der beiden Piratenschiffe würde von einem japanesischen Kapitän kommandirt, der ein wenig holländisch, obgleich unvollkommen, sprach. Er kam auf mich zu, legte mir mehrere Fragen vor, die ich demüthig beantwortete, und sagte: »Wir sollten nicht sterben.« Ich machte dem Kapitän eine tiefe Verbeugung, wandte mich zu dem Holländer und sagte: »Es sey mir leid, mehr Erbarmen bei einem Heiden, wie bei einem Christen zu finden.« Bald hatte ich jedoch Ursache, diese thörichten Worte zu bereuen. Der schändliche Bösewicht versuchte vergeblich die beiden Kapitäne zu überreden, mich in’s Meer werfen zu lassen (eine Handlung, wozu sich Jene wegen des gegebenen Versprechens nicht verstehen wollten), bewirkte jedoch zuletzt, daß mir eine Strafe zuerkannt wurde, die allem Anschein nach, noch schlimmer wie der Tod war. Meine Leute wurden in gleicher Zahl auf den beiden Piratenschiffen vertheilt und meine Schaluppe neu bemannt. Man beschloß sodann, mich in einem kleinen Fahrzeuge mit Segel und Rudern und Lebensmitteln auf vier Tage auszusetzen. Der japanesische Kapitän war aber so gütig, die Lebensmittel aus seinen eigenen Vorräthen zu verdoppeln, und erlaubte keinem seiner Leute mich zu durchsuchen. Ich mußte in den Kahn steigen, während der Holländer, auf dem Verdeck stehend, mich mit allen Flüchen und Schimpfworten, die ihm seine Sprache bot, überlud.

Eine Stunde bevor wir die Piraten sahen, hatte ich Beobachtungen angestellt, und ausfindig gemacht, daß wir uns im sechsundvierzigsten Grade nördlicher Breite und im hundertdreiundachtzigsten der Länge befanden. Als ich von den Piraten schon etwas entfernt war, bemerkte ich mit meinem Fernrohr mehrere Inseln im Südosten. Da der Wind günstig war, spannte ich mein Segel in der Absicht aus, die nächste dieser Inseln zu erreichen, und dies gelang mir nach ungefähr drei Stunden. Die Insel war felsig. Ich fand jedoch mehrere Vogeleier, schlug Feuer und entzündete einiges Heidekraut und trockenes Seegras, woran ich meine Eier röstete. Ich nahm kein anderes Mahl, denn ich war entschlossen, meine Lebensmittel so lange wie möglich aufzusparen. Die Nacht brachte ich unter einem Felsen zu, nachdem ich einiges Heidekraut als Lager ausgestreut hatte und schlief ziemlich ruhig.

Am nächsten Tage fuhr ich nach einer andern Insel und von dort nach einer dritten und vierten, indem ich abwechselnd mein Segel und meine Ruder brauchte. Den Leser will ich jedoch mit einer genauen Beschreibung meiner Noth nicht langweilen; ich begnüge mich mit der Bemerkung, daß ich am fünften Tage die letzte Insel, die ich sehen konnte, erreicht hatte. Sie lag süd-süd-östlich von den andern und in größerer Entfernung als ich glaubte, denn ich erreichte sie erst nach fünf Stunden. Ich mußte sie beinahe in der Runde umschiffen, bevor ich einen passenden Landungsplatz finden konnte; dieser bestand aus einer kleinen Bucht, welche nur dreimal so weit wie mein Boot war. Die Insel war überall felsig und hatte nur hin und wieder Rasenplätze, worauf wohlriechende Kräuter wuchsen. Ich nahm meine Lebensmittel aus dem Boot, erfrischte mich, brachte das Uebriggebliebene in eine Höhle, deren es mehrere auf der Insel gab, sammelte eine ziemliche Anzahl Eier auf den Felsen, so wie auch trockenes Seegras und verdorrte Kräuter, die ich am nächsten Tage anzünden wollte, um meine Eier so gut wie möglich zu rösten, denn ich hatte Feuerstein, Stahl, Zunder und Brennglas in der Tasche. Die ganze Nacht lag ich in der Höhle, in welcher ich meine Vorräthe verborgen hatte. Mein Bett bestand aus demselben Gras, das ich zur Feuerung bestimmt hatte. Ich schlief nur wenig, denn meine Seelenunruhe überwältigte meine Müdigkeit und verscheuchte den Schlaf. Ich überlegte, wie unmöglich es sey, mein Leben in einem so öden Orte zu erhalten, und welch elender Tod meiner wartete. Ich war so verdrossen und niedergeschlagen, daß ich kaum Muth genug besaß, mich vom Lager zu erheben; als ich nun mir ein Herz faßte, aus der Höhle zu kriechen, war es bereits schon lange heller Tag. Eine zeitlang ging ich auf den Felsen spazieren; der Himmel war gänzlich heiter, und die Sonne brannte so heiß, daß ich mein Gesicht abwenden mußte; plötzlich aber wurde sie auf solche Weise verdunkelt, daß ich sogleich dachte, dies könne durch Wolken nicht bewirkt seyn. Ich drehte mich um und erblickte einen großen schattigen Körper zwischen mir und der Sonne, der mir aus einer festen Substanz zu bestehen schien und sich auf die Insel zu bewegte; er schien ungefähr zwei Meilen in der Höhe zu betragen, und verbarg die Sonne sechs bis sieben Minuten. Ich bemerkte jedoch nicht, daß die Luft kälter, oder der Himmel dunkler wurde, als hätte ich unter dem Schatten eines Berges gestanden. Nachdem der Gegenstand dem Orte, wo ich stand, näher gekommen war,erkannte ich ihn als eine feste Substanz mit flachem und glattem Boden, der durch den Reflex der See einen sehr hellen Schein warf. Ich stand auf einer Höhe, ungefähr zweihundert Ellen vom Ufer entfernt, und sah, wie dieser ungeheure Körper beinahe in paralleler Richtung mit meinem Standpunkte dahin fuhr, und kaum eine halbe Stunde hoch über mir schwebte. Deßhalb nahm ich mein Taschenperspektiv zur Hand, und konnte deutlich sehen, wie eine Menge Leute an den Seilen, welche abhängig zu seyn schienen, sich auf und ab bewegten; was diese Leute jedoch beabsichtigten, konnte ich nicht bemerken.

Die natürliche Liebe zum Leben erweckte mir innerliche Freude, und ich faßte schon Hoffnung, dieses Abenteuer werde auf die eine oder andere Weise mich aus meiner verzweifelten Lage retten. Der Leser wird jedoch schwerlich mein Erstaunen sich denken können, als ich eine von Menschen bewohnte Insel erblickte, die, wie es schien, im Stande waren, dieselbe senken oder steigen, oder in gerader Richtung fortbewegen zu lassen. Da ich aber damals in keiner Stimmung war, über dieses Phänomen zu philosophiren, zog ich es vor, die Richtung zu beobachten, welche die Insel einschlagen würde. Einige Zeit schien sie nämlich stille zu stehen. Gleich darauf kam sie näher, und ich konnte beobachten, wie an der Seite mehrere Terassen und Stufen erbaut waren, auf denen man hinauf und herabsteigen konnte. Auf der untersten Terasse sah ich, wie Leute mit großen Angelruthen fischten, und die Andern zusahen. Ich schwenkte meine Mütze (mein Hut war schon lange abgenutzt), und mein Schnupftuch der Insel zu; rief und kreischte so laut wie möglich, und als ich dann sehr aufmerksam hinsah, bemerkte ich, wie ein Volkshaufen sich an der mir gegenüberliegenden Seite versammelte. Da sie auf mich zeigten und auch noch andre Zeichen gaben, bemerkte ich deutlich, daß sie mich entdeckt hatten, obgleich sie auf meinen Ruf kein besonderes Geschrei ertönen ließen. Hierauf sah ich, wie vier oder fünf Menschen, in größter Eile auf den Gipfel der Insel hinliefen und dann verschwanden. Ich hegte sogleich die richtige Vermuthung, sie seyen von irgend einem angesehenen Manne bei dieser Gelegenheit abgesendet, um die Befehle desselben auszuführen.

Die Volksmasse vermehrte sich, und nach einer halben Stunde erhielt die Insel eine solche Richtung, daß die niedrigste Terrasse ungefähr nur hundert Ellen von dem Orte, wo ich stand, entfernt war. Alsdann nahm ich die Stellung eines Flehenden an und sprach im demüthigen Tone, erhielt jedoch keine Antwort. Diejenigen, welche mir am nächsten gegenüber standen, schienen Leute vom Stande zu seyn. Ich konnte dies aus ihrer Kleidung schließen. Sie hielten miteinander eine ernstliche Berathung, und sahen oft auf mich nieder. Zuletzt rief mir Einer in deutlicher, höflicher und sanfter Sprache Etwas zu, welche im Accent dem Italienischen nicht unähnlich war; ich antwortete deßhalb italienisch, in der Hoffnung, der Fall der Sätze werde den Ohren des Sprechenden nicht unangenehm seyn. Keiner verstand den Andern, doch was ich sagen wollte, wurde leicht erkannt; die Leute oben bemerkten meine Noth.

Sie gaben mir durch Zeichen zu verstehen, ich möge den Fels hinabkommen und dem Ufer zugehen, was ich natürlich that. Alsdann ward die fliegende Insel in eine passende Höhe erhoben, so daß ihr Rand gerade über meinem Haupte stand. Eine Kette, woran ein Stuhl befestigt war, wurde von der untersten Gallerie herabgelassen; ich setzte mich darauf und ward durch Winden emporgehoben.

Kapitel 2


Kapitel 2 Beschreibung der Launen und des Charakters der Laputier. Bericht von ihrer Gelehrsamkeit. Der König und sein Hof. Des Verfassers Empfang. Die Einwohner sind furchtsam und unruhig. Ein Bericht über die Frauen.

Als ich angelangt, ward ich sogleich von einem Menschenhaufen umringt, und die näher Stehenden schienen von höherem Stande zu seyn. Alle besahen mich mit den Zeichen des Staunens und hierin blieb ich ihnen Nichts schuldig, denn nie sah ich Leute mit so sonderbaren Kleidern und Gewohnheiten. Ihre Köpfe waren sämmtlich entweder zur Rechten oder Linken gesenkt; das eine Auge war nach innen, das andere gerade auf den Zenith gerichtet. Die äußeren Kleider waren mit den Gestalten von Sonnen, Monden und Sternen geschmückt; diese Figuren waren mit denen von Flöten, Harfen, Fiedeln, Trompeten, Guitarren und anderen Instrumenten vermischt, welche in Europa gänzlich unbekannt sind.

Hin und wieder bemerkte ich andere Leute in der Kleidung von Dienern, welche aufgetriebene Urinblasen, wie Dreschflegel, an einem Stocke in der Hand trugen. In jeder Blase befand sich eine Quantität getrockneter Erbsen, oder kleiner Kiesel, wie ich nachher erfuhr. Mit diesen Blasen klatschten sie mitunter vor den Ohren der Nahestehenden, ein Verfahren, dessen Sinn ich damals noch nicht verstehen konnte. Wie es scheint, sind diese Leute so sehr zu Spekulationen geneigt, daß sie weder sprechen noch auf die Rede Anderer hören können, wenn ihre Sprech- und Hör-Organe nicht durch irgend eine äusserliche Berührung aufgeweckt werden; deßhalb halten Alle, welche nur einiges Vermögen besitzen, Klapperer (das Originalwort ist Climenole) in ihrem Haushalt, so wie auch einen Bedienten; sie verlassen ohne Beide niemals ihre Wohnungen.

Das Geschäft dieses Beamten besteht darin, daß er, wenn zwei, drei oder mehrere Personen sich in Gesellschaft befinden, mit der Blase den Mund desjenigen, welcher sprechen, und das rechte Ohr des Andern, welcher hören soll, berührt. Dieser Klapperer begleitet ferner seinen Herrn auf Spaziergängen, um ihm bei Gelegenheit einen sanften Klapp auf die Augen zu geben. Der Herr ist nämlich stets in so tiefes Nachdenken versunken, daß er in fortwährender Gefahr schwebt, in einen Abgrund zu stürzen, oder an jeden Balken mit dem Kopf zu rennen; oder in den Straßen die Umhergehenden zu stoßen, oder selbst in den Rinnstein gestoßen zu werden.

Ich mußte dem Leser vorläufig diese Bemerkungen mittheilen, damit es ihm nicht eben so geht, wie mir, der ich das Verfahren dieses Volkes nicht begreifen konnte, als man mich über die Treppen zum Gipfel der Insel und zum königlichen Palaste gefühlt hatte. Als wir hinaufstiegen, vergaßen meine Führer mehreremale, was sie vorhatten, und überließen mich meinen eigenen Gedanken. Als ihr Gedächtnis von den Klapperern wieder aufgefrischt wurde, wie es schien, blieben sie bei dem Anblick meines fremden Kleides und Gesichtes durchaus gleichgültig, ebenso wie bei dem Aufschreien des Pöbels, dessen Gedanken freier und ungebundener zu seyn schienen.

Endlich traten wir in den Palast und begaben uns in den Audienzsaal, wo ich den König auf dem Throne sitzen und an beiden Seiten von Personen des höchsten Standes umgeben sah. Vor dem Throne stand ein großer mit Erdkugeln, Himmelssphären und mathematischen Instrumenten jeder Art bedeckter Tisch. Seine Majestät bekümmerte sich nicht im Geringsten um uns, obgleich ein bedeutendes Geräusch durch den Umstand bewirkt wurde, daß eine Menge der zum Hofe gehörigen Personen zugleich mit eintrat. Der König sann damals über ein tiefes Problem, und wir warteten wenigstens eineStunde, bis er es auflösen konnte. An jeder seiner Seiten stand ein Page mit einer Klapper; sobald diese sahen, daß er Zeit hatte, schlug ihn der Eine sanft auf den Mund, und der Andere auf das rechte Ohr; alsdann fuhr er auf, als sey er plötzlich aus dem Schlafe erwacht, betrachtete mich und die Gesellschaft, mit welcher ich gekommen war, und erinnerte sich an die Veranlassung meiner Ankunft, von der er schon vorher gehört hatte. Er sprach einige Worte, worauf ein junger Mann sogleich zu mir hintrat, und mich sanft auf das rechte Ohr klopfte; ich aber gab ihm so gut wie möglich durch Zeichen zu verstehen, daß ich dieses Instrumentes nicht bedürfe, eine Bemerkung, wegen welcher der König und seine ganze Umgebung eine nur sehr geringe Meinung von meinem Verstande faßte. So weit ich vermuthen konnte, legte mir der König mehrere Fragen vor, und ich redete ihn in allen Sprachen an, deren ich mächtig war. Als man nun sah, daß ich nichts verstehen konnte, und daß man mich ebenfalls nicht verstand, ward ich auf Befehl des Königs in ein Zimmer des Palastes geführt, wo zwei Bediente mir aufwarten sollten (der König hat sich nämlich vor allen seinen Vorgängern durch Gastlichkeit gegen Fremde ausgezeichnet). Mein Mittagessen wurde aufgetragen, und vier Personen vom Stande, die ich dicht bei der Person des Königs erblickt zu haben mich erinnerte, erwiesen mir die Ehre, mit mir zu speisen. Wir hatten zwei Gänge, jeden von drei Gerichten. Im ersten befand sich eine Hammelskeule, die in ein gleichseitiges Dreieck zugeschnitten war, ein Rinderbraten in der Form eines Rhomboiden, ein Pudding in der Gestalt eines Cycloiden. Der zweite Gang bestand aus zwei Enten, die man als Violinen zusammengeschnürt hatte, Würsten und Puddings, welche Flöten und Hautboen glichen, und eine Kalbsbrust in Gestalt einer Harfe; die Diener zerschnitten das Brod in der Form von Kegeln, Cylindern, Parallelogrammen und andern mathematischen Figuren.

Als wir bei Tisch saßen, nahm ich mir die Freiheit, mich nach dem Namen der verschiedenen Gerichte in der Landessprache zu erkundigen, und die Edelleute hatten mit Hülfe ihrer Klatscher die Güte, mir Antworten zu ertheilen. Sie hofften nämlich, ich würde ihre großen Fähigkeiten bewundern müssen, im Fall ich mich mit ihnen unterhalten könnte. Bald war es mir möglich, Brod und Getränk, oder was ich sonst noch wünschte, zu fordern.

Nach Tische entfernte sich die Gesellschaft, und ein Mann mit einem Klatscher wurde mir auf Befehl des Königs zugesandt. Er hatte Feder, Tinte, Papier und drei oder vier Bücher bei sich, und erklärte mir durch Zeichen, er sey abgesendet, mich in der Sprache zu unterrichten. Wir saßen vier Stunden zusammen, und in dieser Zeit schrieb ich eine Menge Worte in Colonnen nebst der Uebersetzung nieder. Ferner bemühte ich mich, kurze Sätze auswendig zu lernen. Mein Lehrer gab nämlich einem Diener den Befehl, etwas zu holen, sich umzuwenden, sich zu drehen, zu laufen, zu setzen, oder zu stehen, zu gehen u. s. w. Alsdann schrieb ich jeden Satz mir auf. Er zeigte mir auch in einem Buche die Gestalten der Sonne, des Mondes und der Sterne, des Zodiacus, der Wende- und Polarkreise, nebst den Benennungen vieler Pflanzen und festen Körper. Er nannte und beschrieb mir die verschiedenen musikalischen Instrumente, und zeigte mir die Spielart auf jedem einzelnen. Nachdem er mich verlassen, brachte ich alle Worte mit den Auslegungen in alphabetische Ordnung. So erlangte ich in wenigen Tagen bei meinem nicht unbedeutenden Gedächtnisse eine ziemliche Kenntniß der Landessprache.

Das Wort, welches ich durch »fliegende« oder »schwebende Insel« übersetze, heißt im Original Laputa. Die richtige Ableitung habe ich aber nie ersehen können. Lap bedeutet in der veralteten Sprache hoch und untuh Gouverneur. So ist durch verdorbene Aussprache Laputa aus Lapuntuh entstanden. Mir aber gefällt diese Ableitung nicht, denn sie scheint mir gezwungen. Ich war so kühn, den Gelehrten des Landes eine von mir gemachte Conjektur anzubieten, Laputa sey quasi lap utetlap bedeutet nämlich das Flimmern der Sonnenstrahlen im Meer, und utet ein Hügel; mit dieser Auslegung will ich mich jedoch nicht aufdringen, sondern dieselbe dem Urtheile des verständigen Lesers überlassen.

Die Herren, denen mich der König anvertraut hatte, bemerkten, wie schlecht ich gekleidet sey, und ließen deßhalb am nächsten Morgen einen Schneider kommen, damit mir dieser das Maß zu einem neuen Anzuge nehme. Dieser Handwerker verfuhr nach einer von der europäischen durchaus verschiedenen Weise. Er nahm zuerst meine Höhe mit einem Quadranten auf, und alsdann mit Maßstab und Compas die Dimensionen und Umrisse meines ganzen Körpers. Die Bemerkungen warf er auf’s Papier. Nach sechs Tagen brachte er meine Kleider, die durchaus nicht paßten, da sich ein Fehler in die algebraische Form eingeschlichen hatte. Ich hatte jedoch Ursache mich zu trösten, denn dergleichen Vorfälle waren sehr häufig, und wurden durchaus nicht beachtet.

Als ich nun aus Mangel an Kleidern, und dann durch eine Unpäßlichkeit noch einige Tage das Zimmer hüten mußte, vermehrte ich mein Wörterbuch um ein Bedeutendes. Als ich darauf das nächstemal wieder an Hof ging, verstand ich Vieles, was der König sagte, und konnte ihm in gewisser Art auch Antworten geben. Seine Majestät hatte Befehl gegeben, die Insel solle sich nach Nord-Ost-Ost, dem Nadir Lagado, der Hauptstadt des ganzen Königreichs, unten auf dem Festlande, hinbewegen. Diese Stadt war ungefähr neun Stunden weit entfernt, und wir gelangten dorthin, ungefähr nach fünfthalb Tagen. Ich bemerkte durchaus nichts von der fortschreitenden Bewegung, worin sich doch die Insel befand. Am zweiten Morgen gegen eilf Uhr begann der König mit dem Adel, dem Hof und den Offizieren, nachdem alle musikalischen Instrumente bereit gelegt waren, ein Concert, welches ohne Unterbrechung drei Stunden lang dauerte, so daß mich der Lärm beinahe betäubte; auch konnte ich den Zweck des Concerts nicht eher errathen, als bis mich mein Lehrer davon in Kenntniß setzte. Er sagte: die Einwohner dieser Inseln seyen an die Sphärenmusik gewohnt, die immer in bestimmten Perioden spiele; der Hof unternehme jetzt die Rolle derselben, und zwar Jeder mit dem Instrumente, worin er Virtuosität erlangt habe.

Auf unserer Reise nach Lagado, der Hauptstadt, befahl der König, die Insel solle über mehreren Städten und Dörfern angehalten werden, damit er von dort die Bittschriften seiner Unterthanen empfangen könne. Zu dem Zweck wurden Bindfäden mit kleinem Gewicht an den Enden herabgelassen. An diese Bindfäden hing das Volk die Bittschriften, welche sogleich wie Papierschnitzel eines Drachenschwanzes von Schulknaben in die Höhe stiegen. Bisweilen auch erhielten wir von unten her Wein und Lebensmittel, welche durch Winden emporgezogen wurden.

Meine Kenntniß der Mathematik half mir viel im Erlernen der Phrasen, welche aus dieser Wissenschaft hergeholt werden, sowie auch aus der Musik, worin ich nicht ganz unerfahren war. Die Ideen jener Leute bilden sich stets nach philosophischen Begriffen, mathematischen Linien und Figuren. Wollen sie z. B. die Schönheit einer Frau oder eines andern Thieres rühmen, so beginnen sie mit der Idee des Absolut-Schönen, und bestimmen jene alsdann näher durch Rhomboiden, Cirkel, Parallelogramme, Ellipsen und andere geometrische Begriffe, und endlich durch die Terminologie der bildenden Künste und der Musik, die ich hier wohl nicht zu wiederholen brauche. In der Küche des Königs bemerkte ich alle Arten mathematischer und musikalischer Instrumente, und nach den Figuren derselben wurde alles Fleisch zugeschnitten, das man auf die Tafel brachte.

Die Häuser sind schlecht gebaut, die Mauern schräg, und in den Zimmern bemerkt man kaum einen rechten Winkel. Dieser Mangel ergibt sich aus der Verachtung, welche die Laputier gegen angewandte Geometrie hegen, die sie als gemein und handwerksmäßig verachten. Ihr Volksunterricht ist nämlich zu sehr verfeinert für den Verstand gewöhnlicher Arbeitsleute. Somit sind Versehen an der Tagesordnung. Obgleich nun alle auf dem Papiere in der Anwendung des Maßstabs, des Bleistifts und Divisors sehr gewandt sind, habe ich dennoch nie ein tölpelischeres, unbeholfeneres und plumperes Volk in allen Gelegenheiten, mit Ausnahme der Musik und Mathematik, gesehen. Sie sind schlechte Logiker und sehr zum Widerspruch geneigt; auch hegen sie nur selten die richtige Meinung. Einbildungskraft, Phantasie, Erfindungsgabe sind ihnen durchaus unbekannte Eigenschaften; auch gibt es in der Landessprache keine Worte, dieselben auszudrücken. Alle ihre Gedanken sind auf die vorhergenannten Wissenschaften beschränkt.

Die Meisten, und besonders diejenigen, welche sich mit der astronomischen Mathematik beschäftigen, glauben auch an Astrologie, obgleich sie sich schämen, es öffentlich einzugestehen. Am meisten habe ich mich aber über den mir unerklärlichen Umstand gewundert, daß sie eine leidenschaftliche Neigung zur Politik uud zu Neuigkeiten hegen, Staatsangelegenheiten fortwährend untersuchen, und jeden Punkt einer Parteimeinung streitig machen. Dieselbe Neigung habe ich auch bei Mathematikern in Europa bemerkt, obgleich ich keine Aehnlichkeit der Mathematik und Politik entdecken konnte. Vielleicht sind diese Leute der Meinung, ebenso wie der kleinste Cirkel dieselben Grade habe, als der größte, so verlange auch das Ordnen der Welt keine größere Fähigkeit, als die Gewandtheit, mit einem Globus umzugehen. Jedoch möchte ich den Grund dieser Eigenschaft vielmehr in einer allgemeinen menschlichen Schwäche suchen, nach welcher wir am meisten neugierig in Dingen sind, die uns nichts angehen, und für welche wir uns durch Studien und Geistesfähigkeiten durchaus nicht eignen.

Die Laputier befinden sich in fortwährender Unruhe, so daß sich ihr Geist kaum eine Minute lang in Behaglichkeit befindet, und diese Störungen entstehen aus Ursachen, welche auf die übrigen Menschen keinen Einfluß ausüben. Ihre Furcht beruht auf Veränderungen, die sie in Betreff auf Himmelskörper besorgen; z. B. die Erde müsse zuletzt von der Sonne absorbirt und verschlungen werden, da letztere ihr fortwährend immer näher rücke; die Oberfläche der Sonne werde zuletzt durch ihreEffluvien incrustirt, und könne alsdann die Welt nicht mehr erleuchten; kürzlich sey die Erde kaum dem Untergang durch den Schwanz eines Kometen entgangen, der sie unfehlbar in Asche verwandelt haben würde; der nächste, welcher nach einunddreißig Jahren, wie sie berechnet, erscheinen müsse, werde wahrscheinlich uns sämmtlich vernichten. Wenn er nämlich in seinem Perihelion sich der Sonne bis auf einen gewissen Grad nähere (und die Berechnung gebe Ursache zu dieser Besorgniß), so müsse er eine Hitze erhalten, deren Intensität um zehntausend Grade die Hitze des glühenden Eisens übertreffe; nach der Entfernung von der Sonne werde er zehnmalhunderttausend vierzehn Meilen weit seinen Schwanz ausstrecken; wenn nun die Erde in der Entfernung von einhunderttausend Meilen vor dem Kern oder Hauptbestandtheil des Kometen passire, müsse sie en passant entzündet und in Asche verwandelt werden; die Sonne, welche uns täglich ihre Strahlen sende, müsse sich zuletzt erschöpfen, und somit untergehen; alsdann sey auch der Untergang unseres Planeten die nothwendige Folge, so wie auch der Tod der Andern, welche ihr Licht von unserem Fixstern erhalten.

Die Laputier werden so sehr durch die Besorgniß dieser Gefahren und ihrer Folgen geängstigt, daß sie nicht ruhig schlafen, und sich auch an den gewöhnlichen Vergnügungen des Lebens nicht erholen können. Begegnen sie ihren Freunden des Morgens früh, so betrifft die erste Frage die Gesundheit der Sonne, wie sie beim Abend- und Morgenroth sich befand; ferner auch, ob Hoffnungen vorhanden sind, den Stoß des nahenden Kometen zu vermeiden. So geht es in dem Gespräche mit demselben Vergnügen fort, welches Kinder bei schrecklichen Geschichten von Geistern und Gespenstern empfinden, die sie begierig anhören, um aus Furcht nicht zu Bett gehen zu können.

Die Weiber dieser Insel sind außerordentlich lebhaft. Sie verachten ihre Gatten, und lieben die Fremden außerordentlich. Fremde kommen in bedeutender Anzahl vom Festlande herüber, und begeben sich an den Hof entweder wegen der Geschäfte ihrer Städte und Corporationen, oder wegen anderer Gelegenheiten, welche ihre eigenen Personen betreffen. Sie werden jedoch verachtet, weil sie keine hohen Geistesgaben besitzen. Unter diesen wählen die Damen ihre Liebhaber. Hiebei ereignet sich jedoch leicht ein Unglück. Die Ehemänner sind so sehr in ihre Spekulationen vertieft, daß ihre Frauen vor ihren Augen sich mit den Liebhabern die größten Vertraulichkeiten erlauben dürfen, wenn die Ehemänner Papier und Instrumente zur Hand, oder keinen Klatscher an ihrer Seite haben.

Die Gattinnen und Töchter beklagen, daß sie auf die Insel beschränkt sind, obgleich ich dieselbe für den angenehmsten Ort der ganzen Welt halte. Wie sehr sie auch im Ueberfluß leben, wollen sie die Welt sehen und die Vergnügungen der Hauptstadt genießen, was ihnen ohne besondere Erlaubniß des Königs nicht gestattet wird. Diese Erlaubniß wird aber nur nach vielen Schwierigkeiten erlangt, da die Personen von Stande häufig erfahren haben, wie schwer es ist, ihre Frauen zur Rückkehr zu überreden. Mir wurde erzählt, eine vornehme Hofdame, die bereits mehrere Kinder hatte, an den Premierminister, den reichsten Unterthan des Königreiches vermählt war, welcher schön und in sie verliebt auf dem schönsten Punkte der Insel wohnt, sey unter dem Vorwande, ihre Gesundheit zu verbessern, nach Lagado gereist, und habe sich dort mehrere Monate lang verborgen, bis der König einen Befehl, sie aufzusuchen, absandte. Hierauf fand man sie in einer niedrigen Kneipe und zwar ganz zerlumpt, da sie ihre Kleider verpfändet hatte, um einen alten und häßlichen Bedienten zu ernähren, der sie täglich prügelte, und aus dessen Gesellschaft sie widerstrebend fortgeführt wurde. Obgleich ihr Gemahl sie mit aller nur möglichen Güte und ohne den geringsten Vorwurf empfang, gelang es ihr dennoch wieder, sich hinabzustehlen. Sie begab sich mit allen ihren Juwelen zu demselben Galan, und man hat seitdem nichts mehr von ihr gehört.

Der Leser glaubt vielleicht, diese Geschichte habe sich in Europa oder in England, aber nicht in einem so entfernten Lande ereignet. Er muß jedoch bedenken, daß die Launen der Weiber nicht auf ein besonderes Klima oder Volk beschränkt und bei Weibern überhaupt allgemeiner sind, wie man sich wohl einbilden kann.

Nach ohngefähr einem Monat hatte ich bedeutende Fortschritte im Erlernen der Landessprache gemacht, und war im Stande, die Fragen des Königs zu beantworten, wenn ich die Ehre einer Audienz erhielt. Seine Majestät zeigte aber nicht die geringste Neugier in Betreff der Gesetze, Regierungsform, Geschichte, Religion oder der Sitten jener Länder, die ich bereits gesehen hatte, sondern beschränkte ihre Fragen auf den Zustand der mathematischen Wissenschaften. Der Bericht, welchen ich gab, wurde mit größter Gleichgültigkeit und Verachtung von dem König angehört, obgleich die Klatscher an beiden Seiten ihre Maschinen häufig in Wirksamkeit setzten.

Kapitel 7


Kapitel 7 Der Verfasser erfährt den Plan, ihn wegen Hochverraths in Anklagezustand zu versetzen und flieht nach Blefuscu. Seine dortige Aufnahme.

Auch halte ich es nicht für unpassend, bevor ich dem Leser meine Abreise berichte, einer besondern Cabale zu erwähnen, womit man schon seit zwei Monaten umging. Dieselbe war gegen mein Leben gerichtet. Bis dahin war ich wegen der Niedrigkeit meines Standes dem Hofleben gänzlich fremd geblieben. Zwar hatte ich von den Charakteren großer Fürsten und Minister genug gelesen und gehört, erwartete jedoch nie so furchtbare Erfahrungen von den Wirkungen derselben in einem so fernen Lande zu machen, welches nach Grundsätzen regiert wird, die von denen der europäischen Staaten gänzlich abweichen.

Als ich gerade Vorbereitungen traf, dem Kaiser von Blefuscu meine Aufwartung zu machen, kam ein bei Hofe einflußreicher Herr (dem ich früher in einem Zeitpunkte Dienste erwiesen hatte, wo derselbe sich in höchster Ungnade des Kaisers befand) auf verstecktem Wege, zur Nachtzeit und in einer Sänfte in meine Wohnung, und bat um eine augenblickliche Unterredung, ohne mir seinen Namen ankündigen zu lassen. Die Sänfteträger wurden entlassen; ich steckte die Sänfte, worin sich Seine Lordschaft befand, in meine Rocktasche, befahl einem vertrauten Diener, den übrigen zu sagen, ich sey krank und habe mich schlafen gelegt, verschloß meine Hausthüre, stellte die Sänfte nach meiner Gewohnheit auf den Tisch und setzte mich vor dieselbe hin. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen bemerkte ich in dem Antlitz Seiner Lordschaft eine heftige Unruhe. Als ich nach der Ursache fragte, sprach der Lord den Wunsch aus, ich möchte ihn in einer Angelegenheit, die mein Leben und meine Ehre im höchsten Grade bedrohe, geduldig anhören. Seine Rede kann ich ziemlich genau wiederholen, denn sobald er fort war, schrieb ich die Hauptpunkte derselben nieder. Er begann:

Erfahren Sie von mir, daß seit Kurzem der Ausschuß des Geheimenraths zu besondern Versammlungen ihrethalben berufen wurde; schon seit zwei Tagen hat Seine Majestät einen bestimmten Entschluß gefaßt.

Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß Skyresh Bolgolam (Galbet oder Großadmiral) seit Ihrer Ankunft Ihr tödtlichster Feind gewesen ist. Die ursprünglichen Gründe kann ich Ihnen nicht berichten, sein Haß hat sich aber durch Ihr Glück im Kriege gegen Blefuscu vermehrt, wodurch sein eigener Ruhm, als Admiral, sehr geschmälert wurde. Dieser Würdenträger des Reichs, so wie auch Flimnap, der Finanzminister und Großschatzmeister, dessen Feindschaft gegen Sie, wegen seiner Gemahlin, bekannt ist, der General Limtock, der Kammerherr Lalcon und Balmaff, der Großkanzler und Justizminister, haben die Artikel einer Anklage auf Hochverrath und andere Kapitalverbrechen gegen Sie aufgesetzt. Diese Vorrede machte mich so heftig, daß ich den Redner unterbrechen wollte, denn ich war mir meiner Verdienste und meiner Unschuld zu sehr bewußt. Er bat mich jedoch zu schweigen und setzte seine Rede in folgender Weise fort:

Aus Dankbarkeit für die Gefälligkeiten, die Sie mir erwiesen, habe ich mir genaue Nachricht vom ganzen Verfahren und eine Abschrift der Artikel verschafft; um Ihnen zu dienen, wage ich jetzt meinen Kopf.

Artikel der Anklage gegen Quinbus Flestrin den Bergmenschen.

Obgleich es durch ein Reichsgesetz aus der Regierung Seiner kaiserlichen Majestät Calin Deffar Plunebestimmt und beschlossen ist, daß jeglicher, welcher seine Blase innerhalb der Ringmauern des kaiserlichen Palastes erleichtert, den Strafen und Folgen des Hochverraths anheimfällt, so hat besagter Quinbus Flestrinnichts destoweniger besagtes Gesetz öfter gebrochen, und unter dem Vorwand, eine Feuersbrunst in den Gemächern der theuersten, geliebtesten Gemahlin Seiner Majestät zu löschen, höchst boshaft, teuflisch und verrätherisch durch das Entladen seines Urins besagte Feuersbrunst in besagten Gemächern wirklich gelöscht, welche in den Ringmauern des kaiserlichen Palastes liegen und sich befinden, gegen das in besagtem Statut erlassene Verbot u. s. w., gegen die Pflichten u. s. w.« [Fußnote]

Als besagter Quinbus Flestrin die kaiserliche Flotte von Blefuscu in den kaiserlichen Hafen von Lilliput gebracht hatte, und ihm von Seiner kaiserlichen Majestät geboten ward, alle übrigen Schiffe des besagten Kaisers von Blefuscu, mit Segeln, Mastbäumen u. s. w. zu erobern, genanntes Reich in eine unterworfene Provinz zu verwandeln, welche in Zukunft durch einen Vicekönig unserer Nation regiert werden solle, ferner, nicht allein diebreitendigen Verbannten, sondern gleicherweise alle Einwohner jenes Reiches, welche die breitendige Ketzerei nicht sogleich aufgeben, zu vernichten, zu zerstören und zu tödten; hat Er, besagter Quinbus Flestrin, wie ein falscher Verräther gegen seine Allergnädigste, Durchlauchtigste, Kaiserliche Majestät eine Bittschrift eingereicht, jenes Dienstes entbunden zu werden, unter Vorwand, den Gewissenszwang zu vermeiden, sowie die Freiheit und das Leben eines unthätigen Volkes nicht zu vernichten.

Als ferner gewisse Gesandte des Hofes von Blefuscu am Hofe seiner Majestät, um Frieden bittend, anlangten, hat Er, besagter Quinbus Flestrin, als Falscher und Verräther, denselben Hülfe angeboten, sie aufgereizt und Mittel und Wege verschafft, obgleich er wußte, der Fürst, ihr Herr, sey kürzlich offener Feind Seiner Majestät gewesen und habe offenen Krieg gegen Seine Majestät geführt.

Besagter Quinbus Flestrin trifft ferner gegenwärtig Vorbereitungen, zu einer Reise nach Blefuscu und dem Hofe dieses Reichs, und verletzt dadurch die Pflichten eines treuen Unterthanen, da er nur eine mündliche Erlaubniß von Seiner Majestät dazu erhalten hat. Unter Vorwand besagter Erlaubniß will er auf falsche und verräterische Weise jene Reise unternehmen, und dadurch den Kaiser von Blefuscu, mit dem sich Seine kaiserliche Majestät noch vor Kurzem als Feind in offenem Kriege befand, unterstützen, ermuthigen und aufreizen.

Es folgen noch einige andere Artikel, allein diejenigen welche ich Ihnen im Auszuge vorlas, sind die wichtigsten.

Jedoch muß ich eingestehen, daß Seine kaiserliche Majestät bei den Debatten über diese Anklage viele Beweise großer Milde gab, sich auf die bedeutenden Dienste berief, die Sie dem Staate erwiesen haben, und zugleich auch Ihre Schuld zu mildern suchte. Der Finanzminister und der Admiral bestanden darauf, man solle Sie eines schmerzhaften und schmachvollen Todes sterben lassen, indem man ihr Haus anzünde; der General solle mit zwanzigtausend Mann, welche mit vergifteten Pfeilen bewaffnet seyn würden, in der Nähe bereit stehen, um Ihre Hände und Ihr Gesicht zu beschießen. Ihre Diener sollten besondern Befehl erhalten, ihre Betttücher und Hemden mit Gift zu bestreuen, welches Ihr Fleisch zerrissen und Sie selbst unter den schmerzvollsten Martern würde getödtet haben. Der General trat zu derselben Meinung über; da aber Seine Majestät beschloß, wo möglich Ihr Leben zu retten, gab der Kammerherr seine Stimme in diesem Sinne.

Hierauf befahl der Kaiser dem ersten Sekretär für seine Privatangelegenheiten, Ihrem Freunde Redresal, seine Meinung ebenfalls auszusprechen. Dieser gehorchte und zeigte dabei den trefflichen Charakter, den ich immer an ihm vermuthete. Er gestand, Ihre Verbrechen seyen zwar groß, Gnade könne jedoch stattfinden, jene bei einem Fürsten so erhabene Tugend, welche bei Seiner Majestät mit so großem Rechte gepriesen werde. Die Freundschaft zwischen ihm und Ihnen sey der Welt bekannt, so daß vielleicht der höchst ehrenwerthe Rath ihn für parteiisch halte; jedoch in Folge des Befehls, den er erhalten, wolle er frei seine Gedanken aussprechen. Wenn der Kaiser in Betracht Ihrer Dienste und in Folge seiner eigenen Neigung zur Gnade, Ihr Leben verschonen und Sie bloß wolle blenden lassen, so hege er die demüthige Meinung, daß der Gerechtigkeit hiedurch genügt werde, daß ferner die ganze Welt sowohl die Milde des Kaisers, als auch das treffliche und edelmüthige Verfahren der Männer, welche die Ehre hätten, seine Rathgeber zu seyn, loben und billigen müsse. Der Verlust Ihrer Augen werde Ihre körperliche Stärke nicht vermindern, so daß Sie dem Throne dadurch noch bedeutende Dienste würden erweisen können; Blindheit sey ein Haupterforderniß des Muthes, denn es verhehle uns die Gefahren; die Furcht, Ihre Augen zu verlieren, habe Ihnen die größte Schwierigkeit bei der Wegnahme der feindlichen Flotte geboten; für Sie sey es genügend, mit den Augen der Minister zu sehen, da doch die größten Fürsten in keiner andern Weise zu sehen pflegen.

Dieser Vorschlag ward mit der größten Mißbilligung von dem ganzen Rathe vernommen. Bolgolam, der Großadmiral, konnte seinen Zorn nicht unterdrücken; er erhob sich voll Wuth und äußerte: Er könne nicht begreifen, wie der Sekretär es wage, seine Stimme dahin abzugeben, daß eines Verräthers Leben erhalten würde. Eben die von Ihnen erwiesenen Dienste, seyen aus Staatsgründen eine Erschwerung Ihrer Verbrechen; ein Mann, der, wie Sie, im Stande gewesen sey, das Feuer in den Gemächern der Kaiserin durch Urin zu löschen (eine Missethat, die er nur mit Schauder erwähne), könne zu einer andern Zeit, auf dieselbe Weise, eine Überschwemmung bewirken, und den ganzen Palast durch eine Fluth zerstören; dieselbe Körperkraft, die Sie in Stand gesetzt habe, des Feindes Flotte zu nehmen, könne Sie befähigen, im Fall der Unzufriedenheit, dieselbe wieder zurückzubringen; er habe guten Grund zu glauben, Sie seyen in ganzen ein Breitendiger, und der Verrath beginne im Herzen stets, bevor er sich in offenen Thaten äußere, und somit klage er Sie deßhalb als Verräther an, und bestehe auf Ihrer Hinrichtung.

Der Finanzminister war derselben Meinung; er erwies, in welche Verlegenheit die Verwaltung des Staatsschatzes durch die Kosten Ihrer Ernährung gekommen sey, welche in Kurzem unerträglich werden müßte; der Vorschlag des Sekretärs, Sie zu blenden, könne unmöglich diesem Uebel abhelfen. Dieses werde im Gegentheil sich noch vermehren, einen Schluß, den man aus dem Umstände ziehen könne, daß gewisse Arten von Geflügel nach der Operation des Blendens desto schneller gemästet und fett würden. Seine Majestät und der Rath, gegenwärtig Ihre Richter, seyen im Gewissen vollkommen von Ihrer Schuld überzeugt; dies sey ein genügender Grund, Sie zum Tode zu verurtheilen, obgleich es an Beweisen fehle, welche der strenge Buchstabe des Gesetzes erfordere.

Der Kaiser jedoch war bereits entschlossen, die Todesstrafe nicht stattfinden zu lassen, und hatte die Gnade, zu bemerken: da der Rath den Verlust der Augen für eine zu leichte Strafe halte, so könne man ja später auf andere Weise verfahren. Darauf bat der Sekretär, Ihr Freund, noch einmal demüthig um Gehör, um auf die Behauptung des Finanzministers, hinsichtlich der unerträglichen Kosten Ihrer Ernährung, zu antworten. Er bemerkte: Seine Excellenz, welche über das Einkommen Seiner Majestät ausschließlich zu verfügen habe, könne ja allmählig Ihre Nahrung vermindern; aus Mangel an genügenden Speisen würden Sie dadurch allmählig schwach und hinfällig werden, Ihren Appetit verlieren und in wenigen Monaten sterben können; alsdann werde auch der Gestank Ihres Leichnams nicht mehr so gefährlich seyn, denn derselbe müsse sich in dem Falle um die Hälfte vermindert haben. Sogleich nach Ihrem Tode könnten dann fünf bis sechstausend Unterthanen Ihrer Majestät das Fleisch von den Knochen schneiden, dasselbe auf Karren wegführen und in entfernteren Gegenden begraben, um ansteckende Krankheiten zu verhüten. Das Skelett würde aber der Nachwelt ein Denkmal der Bewunderung bleiben.

So wurde die ganze Sache durch die Freundschaft des Sekretärs ausgeglichen. Es ward beschlossen, der Plan, Sie zu verhungern, solle geheim bleiben, indeß das Urtheil, Sie zu blenden, wurde in das Gesetzbuch eingetragen, wobei Niemand widersprach, als Bolgolam, der Admiral; dieser ist nämlich eine Kreatur der Kaiserin, und wurde fortwährend von derselben aufgereizt, Ihren Tod zu bewirken, weil sie einen immerwährenden Groll gegen Sie, wegen des ungesetzlichen und schmählichen Verfahrens, womit Sie das Feuer in den Gemächern löschten, zu hegen beschlossen hat.

Nach drei Tagen wird Ihr Freund, der Sekretär, in Ihre Wohnung kommen und Ihnen die Artikel der Anklage vorlesen. Hierauf wird er Ihnen die große Milde und Gnade Seiner Majestät und des Rathes auseinandersetzen, wodurch Sie allein zum Verlust Ihrer Augen verurtheilt werden. Auch hegt Seine Majestät keinen Zweifel, daß Sie sich demüthig und dankbar dieser Strafe unterziehen werden; zwanzig Wundärzte Seiner Majestät werden gegenwärtig seyn, um darauf zu achten, daß die Operation nach den Regeln der Kunst geschieht. Man wird nämlich sehr scharfe Pfeile in Ihre Augäpfel abschießen, während Sie selbst auf dem Boden liegen müssen.

Ich überlasse es Ihrer Klugheit, welche Maßregeln Sie treffen werden. Um Verdacht zu vermeiden, muß ich sogleich eben so heimlich zurückkehren, wie ich gekommen bin.

Seine Lordschaft entfernte sich und ich blieb in höchst unruhiger Stimmung allein.

Der jetzt regierende Kaiser und sein Minister hatte eine Sitte eingeführt, welche von den Gewohnheiten früherer Zeiten, wie ich gehört habe, sehr verschieden war. Sobald der Hof eine grausame Hinrichtung beschlossen hatte, entweder um der Rache des Kaisers, oder der Bosheit einiger Günstlinge zu fröhnen, hielt der Kaiser jedesmal eine Rede im versammelten Rathe, worin er von seiner großen Sanftmuth und Zärtlichkeit, als von Eigenschaften sprach, die bereits aller Welt bekannt seyen. Diese Rede ward sogleich im ganzen Königreiche bekannt gemacht, das Volk war aber durch dieses Lobpreisen der Gnade des Kaisers immer sehr erschreckt, denn man hatte jedesmal bemerkt, je nachdrücklicher die Lobsprüche gegeben wurden, desto unmenschlicher sey die Strafe und desto unschuldiger der Verurtheilte.

Was mich betrifft, so muß ich eingestehen, daß ich in diesem Punkte ein schlechter Richter bin, denn weder durch Geburt noch durch Erziehung bin ich zum Höflinge bestimmt. Somit konnte ich die Milde und Gnade dieses Urtheils nicht recht begreifen, sondern ich hielt dasselbe (vielleicht aus Irrthum) für streng und nicht für gnädig. Einigemal faßte ich den Entschluß, mich vor Gericht zu stellen; da ich aber während meines früheren Lebens mehrere Hochverrathsprocesse gelesen, und immer bemerkt hatte, das Urtheil falle nur nach Gutdünken der Richter aus, wagte ich nicht, mich unter so kritischen Umständen und bei so mächtigen Feinden einer so gefährlichen Entscheidung zu unterziehen. Einmal war ich auch entschlossen, Widerstand zu leisten; so lange ich nämlich in Freiheit war, konnte mich die ganze Kriegsmacht jenes Reiches nicht unterwerfen, und ich hätte mit geschleuderten Steinen die ganze Hauptstadt in einen Trümmerhaufen verwandeln können; allein diesen Entwurf ließ ich mit Abscheu fallen, denn ich dachte an meinen Eid, den ich dem Kaiser geleistet, an die Gunstbezeugungen, die ich von ihm empfangen, und an den hohen Titel, Nardac, den er mir ertheilt hatte. Auch war ich noch nicht genug mit Höfen bekannt, um meinem Gewissen einreden zu können, die jetzige Strenge des Kaisers entbinde mich aller frühern Verpflichtungen.

Zuletzt faßte ich einen Entschluß, durch den ich mir mancherlei Tadel, und auch nicht ganz mit Unrecht, zuziehen werde; denn ich gestehe, daß ich die Erhaltung meiner Augen und also auch meiner Freiheit, meiner Raschheit im Handeln und meinem Mangel an Erfahrung verdanke; hätte ich nämlich den Charakter der Fürsten und Minister, den ich nachher an vielen andern Höfen beobachtete, und ihre Behandlungsweise von Verbrechern, die noch geringere Missethaten, wie ich, begangen hatten, zur Genüge bekannt, so würde ich mich bereitwillig einer so leichten Strafe unterzogen haben. Allein voll Jugendfeuer, und ohnedies im Besitz einer Erlaubniß Seiner Majestät, dem Kaiser von Blefuscu meine Aufwartung zu machen, benutzte ich diese Gelegenheit, bevor drei Tage vergingen, um meinem Freunde, dem Sekretär, einen Brief zu übersenden, worin ich ihm den Entschluß erklärte, noch heute Morgen nach Blefuscu, zufolge der erhaltenen Erlaubniß, abzureisen. Ich erwartete keine Antwort und ging auf den Punkt des Ufers zu, wo unsere Flotte lag.

Ich ergriff ein großes Kriegsschiff, band ein Tau an das Vordertheil, lichtete die Anker, zog meine Kleider aus und legte dieselben zugleich mit meiner Bettdecke, die ich unter dem Arme getragen hatte, auf das Schiff, zog es hinter mir her und kam watend und schwimmend an den königlichen Hafen von Blefuscu, wo das Volk mich schon lange erwartet hatte. Man gab mir zwei Führer, die mich zur gleichnamigen Hauptstadt brachten. Ich hielt sie in meiner Hand bis ich 200 Ellen vom Thore entfernt war, und bat sie dann, meine Ankunft einem der Minister anzuzeigen und zugleich zu bemerken, ich würde dort die Befehle Seiner Majestät erwarten. Nach ungefähr einer Stunde erhielt ich die Nachricht: Seine Majestät, von der königlichen Familie und den Großbeamten des Reiches begleitet, habe die Stadt verlassen, um mich zu empfangen. Hierauf ging ich hundert Ellen vorwärts; der Kaiser mit seinem Gefolge stieg vom Pferde, die Kaiserin verließ mit ihren Damen die Kutschen, und ich bemerkte nirgends Besorgniß oder Schrecken, dann legte ich mich auf den Boden nieder, um die Hände des kaiserlichen Paares zu küssen. Ich sagte Seiner Majestät, ich sey meinem Versprechen gemäß und mit Erlaubniß meines Herrn, des Kaisers gekommen, um einen so mächtigen Monarchen zu sehen, und ihm alle mir mögliche Dienste für den Fall anzubieten, daß sie der Pflicht gegen meinen eigenen Fürsten nicht widerstrebten. Von meiner Ungnade erwähnte ich kein Wort, weil ich bis dahin noch nicht auf regelmäßigem Wege davon in Kenntniß gesetzt worden war, und mich deßhalb stellen konnte, als wisse ich durchaus nichts von dem ganzen Vorfall. Auch konnte ich vernünftigerweise nicht vermuthen, der Kaiser werde das Geheimniß entdecken, so lange ich aus dem Bereiche seiner Macht war. Es ergab sich jedoch bald, daß ich mich in diesem Punkte getäuscht hatte.

Ich will den Leser mit einer besondern Beschreibung meiner Aufnahme an diesem Hofe nicht belästigen, welche dem Edelmuth eines so großen Fürsten vollkommen angemessen war, auch nicht die Unbequemlichkeiten schildern, welche sich mir dadurch boten, daß ich weder Haus noch Bett besaß, so daß ich, in meine Decke gehüllt, auf dem Erdboden schlafen mußte.

Kapitel 8


Kapitel 8 Der Verfasser findet durch glücklichen Zufall ein Mittel, Blefuscu zu verlassen und kehrt nach einigen Schwierigkeiten gesund in sein Vaterland zurück.

Teils aus Neugier, theils aus Langweile, ging ich drei Tage nachher auf der Ostküste der Insel spazieren, und erblickte, wie in der Entfernung von ungefähr einer Viertelstunde, Etwas auf dem Meere schwimmen, welches das Ansehen eines umgeschlagenen Bootes hatte. Ich zog Schuhe und Strümpfe aus, watete zwei- bis dreihundert Ellen, und fand, daß jener Gegenstand durch die Gewalt der Fluth näher getrieben ward. Da sah ich deutlich, es sey ein wirkliches Boot, welches irgend ein Sturm, wie ich vermuthe, vom Schiffe mußte losgerissen haben. Alsdann kehrte ich sogleich zur Stadt zurück und bat den Kaiser, mir zwanzig seiner größten Schiffe zu leihen, die ihm noch nach dem Verluste seiner Flotte übrig waren, sowie auch dreihundert Seeleute, unter dem Befehle seines Viceadmirals. Diese Flotte segelte über die Höhe des Hafens, während ich auf dem kürzesten Wege zu dem Orte zurückkehrte, wo ich das Boot zuerst entdeckt hatte. Wie ich fand, hatte die Fluth dasselbe noch näher an die Küste getrieben. Die Matrosen waren sämmtlich mit Tauwerk versehen, das ich zuvor bis zur genügenden Stärke zusammengedreht hatte. Als die Schiffe herankamen zog ich mich aus und watete, bis ich auf hundert Ellen in die Nähe des Bootes kam. Alsdann war ich genöthigt zu schwimmen, bis ich es erreichte; die Matrosen warfen mir das Ende eines Stricks zu, das ich in dem Loche am Vordertheile des Bootes befestigte, worauf ich das andere Ende an ein Kriegsschiff heftete. Allein alle meine Arbeit war umsonst, denn da ich keinen Grund fühlte, konnte ich auch nicht arbeiten. In dieser Noth war ich gezwungen hinter das Boot zu schwimmen, und es mit einer Hand, so oft ich konnte, vorwärts zu stoßen; da mir die Fluth hiebei behülflich war, vermochte ich dasselbe so weit vorwärts zu bringen, daß ich Grund fühlte, wobei mir das Wasser aber noch bis an das Kinn reichte. Ich verschnaufte zwei bis drei Minuten und fing dann wieder an zu schieben, bis die See mir nur an die Schultern reichte, und damit war der schwierigste Theil der Arbeit vollendet. Hierauf nahm ich die andern Taue, die in einem Kriegsschiffe aufgehäuft waren, befestigte sie zuerst an das Boot und dann an neun Schiffe, die zu meiner Verfügung standen. Der Wind war günstig, das Boot wurde ins Schlepptau genommen und ich schob, bis wir vierzig Ellen vom Ufer entfernt waren. Alsdann wartete ich, bis die Fluth vorüber war. Als nun das Boot auf dem Trockenen lag, bemühte ich mich, es umzukehren, wobei mir zweitausend Menschen mit Tauen und Maschinen halfen, und fand, daß es nur wenig Schaden gelitten hatte.

Den Leser will ich nicht mit den Schwierigkeiten langweilen, die sich mir durch den Umstand boten, daß ich durch Schaufeln, woran ich zehn Tage lang gearbeitet hatte, mein Boot in den königlichen Hafen von Blefuscu bringen mußte. Dort fand ein ungeheurer Zusammenlauf des Volkes bei meiner Ankunft statt, das ein so wunderbares Schiff im höchsten Grade anstaunte. Ich sagte dem Kaiser, mein gutes Glück habe mir dies Boot verschafft, um mich an irgend einen Ort zu bringen, von wo ich mit Sicherheit in mein Vaterland zurückkehren könne. Alsdann bat ich den Kaiser um einen Befehl, die zur Einrichtung nothwendigen Materialien herbeischaffen und abreisen zu dürfen; eine Gnade, die er mir nach einigen höflichen Hin- und Herreden gewährte.

Während dieser Zeit wunderte ich mich sehr, von einer Botschaft nichts zu vernehmen, welche unser Kaiser an den Hof von Blefuscu, hinsichtlich meiner, hätte senden können. Nachher hat man mich aber im Geheimen benachrichtigt, Seine kaiserliche Majestät habe geglaubt, mir sey durchaus keine Kunde von ihren Absichten zugekommen; ich sey nur nach Blefuscu in Folge des von mir gegeben Versprechens und der ertheilten Erlaubnis abgereist, die bei Hof allgemein bekannt war; auch würde ich in wenigen Tagen nach Beendigung der Hofceremonien wieder zurückkehren. Zuletzt aber gerieth der Kaiser wegen meiner längeren Abwesenheit doch in Unruhe; er hielt eine Berathung mit seinem Schatzmeister und den übrigen gegen mich cabalirenden Ministern; endlich ward ein Mann von hohem Stande mit einer Abschrift meiner Anklage nach Blefuscu gesandt. Dieser Gesandte hatte Instruktionen, dem Monarchen von Blefuscu Vorstellungen über die große Milde seines Herrn zu machen, welcher sich begnüge, mich nur mit dem Verlust meiner Augen zu bestrafen; ich habe mich seiner Gerechtigkeit entzogen; wenn ich nicht innerhalb zweier Stunden zurückkehre, würde ich meinen Titel als Nardac verlieren, und für einen Verräther erklärt werden. Der Gesandte fügte ferner hinzu: Sein Herr erwarte, daß sein kaiserlicher Bruder in Blefuscu, um den Frieden und die Freundschaft beider Reiche zu erhalten, Befehl ertheilen würde, mich an Händen und Füßen gefesselt nach Lilliput zurückzusenden, damit ich dort die Strafe der Verräther erleide.

Der Kaiser von Blefuscu berieth drei Tage lang diesen Antrag, und gab alsdann eine aus vielen Höflichkeiten und Entschuldigungen bestehende Antwort. Er erwiderte: In Betreff des Verlangens, mich gefesselt nach Lilliput hinüberzusenden, so wisse sein kaiserlicher Bruder sehr wohl, dies Verfahren sey unmöglich; ferner sey er mir in mannigfacher Hinsicht wegen der Dienste verpflichtet, die ich ihm beim Friedensschluß erwiesen, obgleich ich ihn seiner Flotte beraubt habe. Beide Majestäten würden indeß bald zufrieden gestellt werden. Ich habe am Ufer ein wunderbares Schiff gefunden, welches mich auf dem Meere tragen könne; er habe Befehl gegeben, es mit meiner Hülfe und unter meiner Leitung auszubessern, und hoffe, in wenigen Wochen würden beide Reiche von einer so unerträglichen Last befreit seyn.

Mit dieser Antwort kehrte der Gesandte nach Lilliput zurück; der Kaiser von Blefuscu aber erzählte mir den ganzen Vorgang und bot mir, unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, seinen gnädigsten Schutz an, im Falle ich in seinen Diensten bleiben wolle. Ich hielt seine Anerbietungen für aufrichtig, beschloß aber dennoch, gegen Fürsten und Minister kein Vertrauen mehr zu hegen, so lange ich das möglicherweise vermeiden könne. Deßhalb bat ich ihn demüthig, mit aller schuldigen Anerkennung seiner günstigen Absicht, mich gnädigst zu entschuldigen. Ich fügte hinzu: da ein gutes oder böses Schicksal mir einmal ein Schiff verschafft habe, wolle ich mich lieber dem Ocean anvertrauen, als Veranlassung zu einem Streite von zwei so mächtigen Monarchen geben. Auch bemerkte ich wohl, daß der Kaiser über meine Antwort gar nicht unzufrieden war; bald darauf habe ich sogar zufällig entdeckt, daß er und seine Minister viele Freude über meinen Entschluß empfanden.

Diese Umstände bewogen mich, meine Abreise noch mehr zu beschleunigen, wie ich anfangs beabsichtigte. Der Hof trug auch dazu bei, denn er wünschte, ich möchte mich so schnell wie möglich entfernen. Fünfhundert Arbeiter wurden angewiesen, zwei Segel für mein Boot nach meiner Anleitung zu verfertigen, indem sie dreizehn Falten ihrer stärksten Leinwand übereinander steppten. Ich verfertigte Segel- und Ankertaue, indem ich zehn, zwanzig, dreißig der Taue von Blefuscu zusammendrehte. Ein großer Stein, den ich nach langem Suchen am Strande fand, diente mir als Anker. Das Fett von dreihundert Kühen wurde mir geboten, um mein Boot einzuschmieren, oder um es zu andern Zwecken zu benutzen. Es kostete mich unendlich Mühe, einige der größten, zu Bauholz geeigneten Bäume abzuschneiden, wobei mir jedoch die Zimmermeister von der kaiserlichen Flotte halfen, welche dieselben glätteten, nachdem ich die gröbere Arbeit selbst vollendet hatte.

Nach ungefähr einem Monat, als Alles vollendet war, ließ ich dem Kaiser sagen, ich erwarte seine Befehle und sey zur Abreise bereit. Der Kaiser und die kaiserliche Familie verließ hierauf den Palast, ich legte mich nieder um seine Hand zu küssen, die er mir sehr gnädig reichte; die Kaiserin und die jungen Prinzen von Geblüt erwiesen mir dieselbe Ehre. Seine Majestät schenkte mir fünfzig Börsen, jede mit zweihundert Sprugs, so wie auch sein Gemälde in Lebensgröße, das ich sogleich in meinen Handschuh steckte, um es vor Schaden zu bewahren. Die Ceremonien bei meiner Abreise waren zu zahlreich, um den Leser hier damit zu langweilen.

Ich versah das Boot mit dem Fleische von hundert Ochsen, dreihundert Schaafen, mit einer verhältnißmäßigen Menge Brod und Wasser und mit so viel zubereiteten Speisen, wie vierhundert Köche zurichten konnten; ferner mit sechs Kühen und zwei Stieren, eben so vielen Mutterschaafen und Böcken, die ich in mein Vaterland zu verpflanzen beabsichtigte, um diese Race auch dort einheimisch zu machen. Um diese Thiere an Bord zu füttern, hatte ich eine ziemliche Masse Heu und einen Sack voll Korn ebenfalls mitgenommen. Ich hätte auch sehr gern ein Dutzend Eingeborner mit hinüber gebracht, allein der Kaiser wollte dies in keiner Weise zulassen; meine Taschen wurden zu dem Zwecke genau durchsucht, und der Kaiser nahm mir außerdem mein Ehrenwort ab, keinen seiner Unterthanen, ohne dessen ausdrückliche Zustimmung und besondern Wunsch, mit mir fortzuführen.

Nachdem ich alle Vorbereitungen, so gut es ging, getroffen hatte, ging ich am 24. September 1701, 6 Uhr Morgens, unter Segel. Als ich ungefähr vier Meilen nordwärts gesteuert war, bemerkte ich, indem der Wind um 6 Uhr Abends aus Südost blies, in der Entfernung einer halben Meile, nordwestlich eine kleine Insel. Ich steuerte darauf zu und warf an der Seite unter dem Winde Anker. Die Insel schien unbewohnt. Hierauf nahm ich einige Erfrischung, legte mich zur Ruhe und schlief, wie ich glaube, sechs Stunden, denn ich erwachte noch zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Die Nacht war hell; ich frühstückte bevor die Sonne am Himmel erschien, lichtete den Anker und steuerte in derselben Richtung wie am gestrigen Tage, welche mir mein Taschen-Compaß angab. Es war meine Absicht, eine jener Inseln zu erreichen, die, wie ich Grund hatte zu glauben, nordöstlich von Van Diemens Land liegen. An diesem Tage entdeckte ich Nichts, jedoch am nächsten bemerkte ich gegen 3 Uhr Nachmittags, als ich nach meiner Berechnung vierundzwanzig Meilen von Blefuscu entfernt war, ein südöstlich fahrendes Segel, indem meine Richtung östlich war. Ich gab Zeichen, ward aber nicht bemerkt; da jedoch der Wind nachließ, gewann ich ihm Raum ab. Ich segelte so schnell als möglich und ward nach einer halben Stunde auf dem Schiffe bemerkt, welches die große Flagge aufhißte und eine Kanone abfeuerte. Ich kann meine Freude nicht ausdrücken, die ich bei dem Gedanken empfing, mein theures Vaterland und die dort zurückgelassenen Lieben noch einmal wiedersehen zu können. Das Schiff zog die Segel ein, und ich erreichte dasselbe am 26. September. Mein Herz schlug vor Freude, als ich die englische Flagge erblickte. Ich steckte mein Rindvieh und meine Schaafe in die Rocktasche und stieg mit meiner ganzen kleinen Ladung von Vorräthen an Bord. Das Schiff war ein englischer Kauffahrer, der von Japan durch den nördlichen Theil der Südsee nach England zurückkehrte. Der Kapitän, Herr Biddel von Deptforth, war ein höflicher Herr und ein ausgezeichneter Seemann. Wir befanden uns im dreißigsten Grad südlicher Breite; im Schiff waren ungefähr fünfzig Mann, und unter diesen fand ich einen alten Freund, Peter Williams, der den Kapitän durch günstige Berichte vollkommen für mich einnahm. Dieser Herr erwies mir viele Gnade und bat mich, ihm zu sagen, woher ich gekommen und wohin ich wollte. Als ich ihm nun in wenig Worten dies berichtete, hielt er mich für verrückt und glaubte, die von mir bestandenen Gefahren hätten mir das Gehirn verwirrt. Ich aber zog mein schwarzes Rindvieh und meine Schaafe aus der Tasche und gab ihm so die vollkommenste Ueberzeugung von meiner Wahrhaftigkeit. Alsdann zeigte ich ihm das Gold, das mir der Kaiser von Blefuscu gegeben, sowie das Bildniß Seiner Majestät in Lebensgröße und einige andere Seltenheiten des Landes. Auch gab ich ihm zwei Börsen, jede mit zweihundert Sprugs, und versprach, nach unserer Ankunft in England ihm eine trächtige Kuh und ein trächtiges Mutterschaaf zu schenken.

Ich will den Leser mit einer besondern Beschreibung dieser Reise nicht langweilen, welche im Ganzen sehr glücklich war. Wir langten am 2. April 1702 in den Dünen an. Ich erlitt nur ein einziges Unglück. Die Ratten des Schiffs fraßen mir nämlich einen meiner Schaafböcke.

Die Knochen desselben fand ich in einem Rattenloch und zwar gänzlich von allem Fleische entblößt. Das übrige Vieh brachte ich wohlbehalten an’s Land, und setzte es in einem Rasenplatz bei Greenwich auf die Weide, wo die Trefflichkeit des Grases dasselbe sehr gut mästete, ob ich gleich stets das Gegentheil befürchtet hatte. Auf einer so langen Reise würde ich meine Thiere nicht am Leben erhalten haben, wenn der Kapitän nicht einen Theil seines besten Zwiebacks zu meiner Verfügung gestellt hätte, der zu Staub gerieben und mit Wasser vermischt als Futter benutzt wurde. So lange ich in England blieb, erwarb ich mir viel Geld, indem ich das Vieh vielen Personen von Stande und Anderen zeigte, und bevor ich meine zweite Reise begann, verkaufte ich dasselbe zu sechshundert Pfund. Wie ich bemerkte, hat sich die Race seit meiner letzten Rückkehr nach England beträchtlich vermehrt, vorzüglich aber die Schaafe, die, wie ich hoffe, zur Beförderung unserer Wollenfabriken, wegen der Feinheit ihrer Vließe, sich auch in Zukunft immer mehr vervielfachen werden.

Ich blieb nur zwei Monate bei meiner Frau und meiner Familie, denn mein unersättliches Verlangen, fremde Länder zu sehen, trieb mich wieder in die Ferne. Ich ließ meiner Frau fünfzehnhundert Pfund zurück, und verschaffte ihr eine schöne Wohnung in Redriff. Meine übrigen Kapitalien nahm ich mit mir, theils in Gütern, theils in baarem Gelde, denn ich hoffte, mein Vermögen zu vermehren. Mein ältester Onkel John hatte mir ein Landgut bei Epping, von ungefähr dreißig Pfund jährlichem Ertrag, hinterlassen; ferner hatte ich den »schwarzen Ochsen« in Fetterlane gepachtet, der mir eben so viel eintrug, so daß mich durchaus keine Gefahr bedrohte, das Kirchspiel werde meine Familie als Arme unterhalten müssen. Mein Sohn John, ein gelehriger Knabe, besuchte eine Elementarschule. Meine Tochter Betty, die gegenwärtig vortheilhaft verheirathet ist und Kinder hat, lernte Nähen und Stricken. Ich nahm Abschied von Frau und Kindern, wobei Thränen auf beiden Seiten vergossen wurden, und ging an Bord des »Abenteurers,« eines Kauffahrers von dreihundert Tonnen, der nach Surate bestimmt war, unter dem Befehl des Commanders John Nicholas aus Liverpool. Den Bericht dieser Fahrt muß ich jedoch auf den zweiten Theil meiner Reisebeschreibung verschieben.