Zweites Buch. Die Dankbarkeit in voller Eigenmacht.


Erstes Capitel. Freude unter Todesqualen.

Mess Letthierry zog die Glocke gewaltig. Plötzlich hielt er an. Ein Mann kam um die Ecke des Quai. Es war Gilliatt.

Mess Letthierry lief ihm entgegen oder warf sich vielmehr auf ihn, faßte seine Hand mit seinen beiden Händen und blickte ihm einen Augenblick schweigend in das Gesicht. Ein Schweigen, welches dem Ausbruche gleicht, der keinen Weg zu finden weiß.

Dann schüttelte und zog er ihn heftig, preßte ihn in seine Arme, ließ ihn In den niedrigen Saal der Bravées eintreten, stieß mit den Hacken die Thür zurück, welche halb offen blieb, setzte sich oder fiel auf einen Stuhl neben einem vom Monde beschienenen Tische, dessen Reflex Gilliatt’s Gesicht unbestimmt erleuchtete und schrie mit einer Stimme, in welche sich Weinen mit Lachen vermischte:

O mein Sohn! Mensch mit der Bug-Pipe! Gilliatt! Ich wußte wohl, daß Du es warst! Die Barke, alle Wetter! Erzähle mir das. Du bist also hingegangen! Vor hundert Jahren hätte man Dich als Zauberer verbrannt! Es fehlt nicht ein Nagel daran. Ich habe Alles gesehen, Alles betrachtet. Alles untersucht. Ich ahne, daß die Räder in den beiden Kästen sind. Da bist Du also doch endlich! Ich suchte Dich so eben in Deiner Kabine. Ich habe geläutet. Ja, ich suchte Dich. Ich sagte zu mir: Wo ist er, daß ich ihn aufesse! Man muß zugestehen, daß eigenthümliche Dinge vorkommen. Dieses Menschenkind da kommt von den Douvres-Klippen zurück. Er giebt mir das Leben wieder. Donner! Du bist ein Engel. Ja, ja, ja, es ist meine Maschine. Niemand wird es glauben. Man wird es sehen und sagen: Es ist nicht wahr. Alles ist da, was! Alles ist da! Es fehlt nicht eine Schraube, nicht ein Nagel. Der Wasserbehälter ist nicht im Mindesten verletzt. Es ist unglaublich, daß er keinen Schaden genommen hat. Aber wie hast Du das gemacht? Die Durande wird wieder fahren! Der Radbaum ist ja auseinandergenommen, wie von einem Goldschmiede. Gieb mir Dein Ehrenwort, daß ich nicht wahnsinnig bin.

Er richtete sich auf, holte Athem und fuhr fort:

– Schwöre es mir. Welche Umwälzung! Ich kneife mich, ich fühle wohl, daß ich nicht träume. Du bist mein Kind, mein Junge, der liebe Gott! O mein Sohn! Du hast mir meine Maschine geholt! Von offener See! Von dieser hinterlistigen Klippe! Ich habe viele Kunststücke in meinem Leben gesehen. Aber nichts dergleiches. Ich habe die Pariser gesehen, welche wahre Teufel sind. Das würden sie aber wohl bleiben lassen. Das ist schlimmer als die Bastille. Ich habe die Gauchos in den Pampas den Acker bestellen sehen; ihr Pflug ist ein Baumzweig mit einem Knie und ihre Egge ein Haufen Dornen, welche ein Lederriemen zusammenhält; damit säen sie Getreidekörner, groß wie Nüsse. Das ist aber Alles Spielerei gegen Dich. Du hast da ein Wunder vollbracht, und zwar ein ächtes. O Du Bösewicht! Komm‘ an meinen Hals! Man wird Dir das Glück des ganzen Landes verdanken. Wie werden sie in St. Sampson brummen! Ich werde mich sofort an die Wiederherstellung des Schiffes machen. Es ist staunenswerth, daß die Brandung nichts zerbrochen hat. Meine Herren, er ist nach den Douvres gewesen. Nach den Douvres, sage ich. Ganz allein. Die Douvres! Diese Kieselsteine, wie es keine schlimmeren giebt. Weißt Du’s schon; hat man Dir’s schon gesagt? Es ist bewiesen, es war ausdrücklich beabsichtigt; Clubin hat die Durande gestrandet, um mir das Geld zu stehlen, welches er mir bringen sollte. Er hat Tangrouille betrunken gemacht. Es ist eine lange Geschichte, ich werde Dir ein anderes Mal diesen Raub erzählen. Ich, furchtbare Dummheit, hatte zu Clubin Vertrauen. Er ist daran zu Grunde gegangen, der Verbrecher: denn er hat gewiß umkommen müssen. Es giebt einen Gott, der Elende! Siehst Du, Gilliatt, wir werden sofort, so lange das Eisen noch warm ist, die Durande wiederbauen. Wir werden ihr zwanzig Fuß mehr geben. Man baut jetzt größere Schiffe. Ich werde in Danzig und Bremen Holz kaufen. Jetzt, wo ich die Maschine habe, wird man mir borgen. Das Vertrauen wird zurückkehren.

Mess Lethierry hielt inne, schlug die Augen mit einem Blicke auf, welcher den Himmel bis in seine Tiefen durchschaut und murmelte zwischen den Zähnen: Es giebt dort oben Einen!

Dann legte er den Mittelfinger seiner rechten Hand zwischen die beiden Augenbrauen, stützte seine Spitze auf die Nasenwurzel, was einen das Gehirn durchkreuzenden Gedanken verräth, und fuhr fort:

– Einerlei, um Alles im großen Maßstabe anfangen zu können, wäre doch etwas baar Geld sehr erwünscht. O! wenn ich meine drei Banknoten hätte, die 75,000 Francs, welche dieser Räuber Rantaine mir wiedergegeben und dieser Dieb Clubin mir wiederabgestohlen hat!

Gilliatt suchte schweigend etwas in seiner Tasche und legte es dann vor ihn. Es war der Ledergürtel, den er mitgebracht hatte. Er öffnete und breitete ihn auf dem Tische aus; bei dem Mondschein konnte man auf seiner Innenseite das Wort Clubin entziffern; er zog aus der in ihm befindlichen Tasche eine Dose und aus dieser drei zusammengefaltete Stück Papier, welche er aufmachte und Mess Lethierry hinreichte.

Dieser untersuchte sie. Es war hell genug, um die Zahl 1000 und das Wort thousand deutlich erkennen zu können. Mess Lethierry nahm die drei Banknoten, legte sie auf den Tisch, eine neben die andere, sah sie an, sah Gilliatt an, blieb einen Augenblick stumm und donnerte dann los, wie die Zerstörung nach der Explosion:

– Das auch! Du bist unbegreiflich. Meine Banknoten! Alle drei! Jede von tausend! Meine 75,000 Francs! Du bist also bis in die Hölle gegangen. Es ist Clubin’s Gürtel. Beim Himmel! Ich lese innen seinen Namenszug. Gilliatt bringt die Maschine zurück und auch noch das Geld! Das wird man in die Zeitung setzen lassen. Ich werde Holz von der besten Qualität kaufen. Ich ahne, Du wirst das Gerippe von Clubin in irgend einem Winkel aufgefunden haben. Wir werden Tannen in Danzig und Eichen in Bremen kaufen und einen schönen Rumpf bauen, indem wir die Eiche nach innen und die Tannen nach außen nehmen. Früher machte man die Schiffe weniger gut, und sie hielten länger; das Holz war aber tauglicher, weil man weniger baute. Wir machen den Kiel vielleicht aus Ulmenholz. Die Ulme ist gut für Theile, die stets im Wasser bleiben, aber wenn sie bald naß, bald trocken wird, so fault sie; sie muß immer feucht sein, sie nährt sich vom Wasser. Was für eine schöne Durande werden wir machen! Man soll mir nichts vorschreiben. Ich habe keinen Credit nöthig. Ich habe Geld. Hat man je einen solchen Gilliatt gesehen! Ich lag da, fast todt! Er stellt mich wieder aufrecht auf meinen vier Eisen. Und ich, ich denke gar nicht an ihn! Das ist mir ganz aus dem Kopfe geschwunden. Alles kommt mir jetzt wieder. Armer Junge! O! Alle Wetter, Du weißt, Du heirathest Deruchette!

Gilliatt lehnte sich wie ein Schwankender an die Mauer und antwortete sehr leise, aber sehr deutlich:

– Nein.

Mess Lethierry sprang in die Höhe.

– Wie, nein??!

Gilliatt erwiderte:

– Ich liebe sie nicht.

Mess Lethierry ging an das Fenster, öffnete und schloß es, kam zu dem Tische zurück, nahm die drei Banknoten, faltete sie, legte die Dose auf sie, kratzte sich den Kopf, ergriff Clubin’s Gürtel, warf ihn zornig gegen die Wand und rief:

Da steckt etwas hinter.

Er steckte seine beiden Fäuste in seine Taschen und fuhr fort:

– Du liebst Deruchette nicht!? Du hast also für mich auf der gespielt?

Gilliatt, immer noch an der Wand gelehnt, erblaßte wie ein Mensch, der zu athmen aufhört. Je bleicher er wurde, um so röther wurde Mess Lethierry.

– Ist der unverschämt! Er liebt Deruchette nicht! Nun gut, bereite Dich darauf vor, sie zu lieben, denn sie wird nur Dich heirathen. Welche tolle Geschichte willst Du mir da erzählen, damit ich Dir das glauben soll! Bist Du krank, gut, so lasse einen Arzt rufen, aber sprich keinen Unsinn. Es ist nicht möglich, daß Du schon die Zeit gehabt hast, Dich mit ihr zu streiten und Dich über sie zu ärgern. Freilich die Liebenden, es ist so dumm! Laß sehen, hast Du Gründe? Dann sage sie. Man thut so etwas nicht ohne Gründe. Außerdem habe ich auch Baumwolle in den Ohren und deshalb vielleicht falsch gehört. Wiederhole, was Du gesagt hast.

Gilliatt erwiederte:

– Ich habe Nein gesagt.

– Du hast Nein gesagt. Er bleibt dabei, der Kerl! Da hast Du etwas, das ist sicher! Du hast Nein gesagt. Das ist eine Dummheit, die die Grenzen übersteigt. Man verordnet Andern für viel geringere Dinge kalte Umschläge. Also rein aus Liebe zu dem guten Alten hast Du das Alles gethan, was Du gethan hast! Für die schönen Augen des Vaters bist Du nach den Douvres gewesen, hast Kälte und Hitze, Hunger und Durst ertragen, das Gewürm von dem Felsen gegessen, Nebel Wind und Regen als Schlafgemach gehabt und mir meine Maschine zurückgebracht, wie man einer hübschen Frau ihren Zeisig, der ihr fortgeflogen ist, wiederbringt! Und der Sturm vor drei Tagen! Rede Dir nur nicht ein, daß ich mir keine Rechenschaft davon gebe. Dich hat er sicher gehörig durchrüttelt! Dadurch, daß Du mitten in den Bauch meines alten Kahns eine Oeffnung machtest, hast Du geschlagen, geschnitten, gedreht, gedrechselt, gezogen, gefeilt, gehämmert, gesägt, erfunden, ausgedacht und vollbracht; Du ganz allein tausendmal mehr Wunder, als alle Heiligen des Paradieses zusammen. Und doch bist Du ein Thor: Du langweilst mich mit Deinem Bug-pipe. Immer noch bei Dir dieselbe Melodie, dieselben Dummheiten. Du liebst nicht Deruchette! Ich weiß nicht, was Du hast. Ich erinnere mich jetzt sehr gut an Alles; ich war da in der Ecke, Deruchette sagte: Ich werde ihn heirathen. Und sie wird Dich heirathen! O, Du liebst sie nicht! Trotz aller Ueberlegung verstehe ich das nicht. Und er spricht nicht ein Wort. Es ist gar nicht erlaubt, das Alles zu thun, was Du gethan hast, und dann schließlich zu sagen: Ich liebe nicht Deruchette. Man erweist den Leuten keine Dienste, um sie zornig zu machen. Nun gut, wenn Du sie nicht heirathest, wird sie die heilige Katharina frisiren. Zuerst bedarf ich Deiner. Du wirst der Steuermann der Durande. Bilde Dir nur nicht ein, daß ich Dich so wieder fort lasse! Ha, ha, ha, mein Herzensfisch, ich lasse Dich nicht los. Ich halte Dich fest und höre Dich nicht einmal an. Wo giebt es noch einen Matrosen, der Dir gliche! Du bist mein Mann. Aber sprich doch!

Indessen hatte die Glocke das Haus und die Umgegend geweckt. Douce und Grace waren aufgestanden und so eben mit erstauntem Gesicht und ohne ein Wort zu sagen in den niedrigen Saal getreten. Grace hielt ein Licht in der Hand. Eine Gruppe von Nachbarn, Bürgern, Seeleuten und Bauern, in aller Eile zusammengekommen, stand draußen auf dem Quai und betrachtete mit Staunen und Bewunderung den Schlot der Durande in der Barke. Einige hörten Mess Lethierry’s Stimme in dem niedrigen Saale und begannen, sich schweigend durch die halbgeöffnete Thür einzuschleichen. Zwischen den Gesichtern zweier Gevatterinnen steckte Meister Landoys seinen Kopf durch, welcher zufällig immer da war, wo nicht zu sein er bedauert hätte.

Große freudige Ereignisse müssen an die große Glocke. Mess Lethierry bemerkte plötzlich, daß Leute um ihn seien und nahm sie sofort zu Zuhörern:

– O! Da seid Ihr ja. Das ist sehr schön. Wißt Ihr die Neuigkeit. Dieser Mensch ist da gewesen und hat das zurückgebracht. Guten Tag, Meister Landoys. Gerade als ich erwachte, sah ich den Schornstein. Er lag unter meinem Fenster. Nicht ein Nagel fehlt an dem ganzen Dinge. Man macht Bilder von Napoleon; ich meinestheils ziehe das der Schlacht bei Austerlitz vor. Ihr steht auf, Ihr guten Leute. Die Durande kommt Euch im Schlafe. Während Ihr Eure baumwollenen Nachtmützen aufsetzt und Eure Lichter ausblast, wachen Menschen, welche Helden sind. Man ist ein Haufen von Feiglingen und Faullenzern und wärmt seine Glieder. Zum Glück hindert das nicht, daß es auch Tollköpfe giebt, die dahin gehen, wohin man gehen muß, und das thun, was man thun soll. Der Mann vom Bû de la Rue kommt von der Douvre-Klippe an. Er hat die Durande aus dem Grunde des Meeres wieder aufgefischt und das Geld aus Clubin’s Tasche, einem noch tiefern Loche. Aber wie hast Du’s gemacht? Die ganze Welt war gegen Dich, Wind und Meer, Meer und Wind! Du bist wirklich ein Hexenmeister. Die Stürme sind vergebens nichtswürdig, der da macht ihnen den Garaus. Meine Freunde, ich theile Euch mit, daß es keinen Schiffbruch mehr giebt. Ich habe die Maschine untersucht. Sie ist wie neu, ganz, nun was sagt Ihr? Die Ventile spielen wie auf Rollen; man möchte sagen, sie sei erst gestern Morgen fertig geworden. Ihr wißt, daß das ausfließende Wasser durch ein Rohr fortgeschafft wird, in welchem sich das Einflußrohr befindet, damit man gleich die Wärme benutzen kann; nun wohl, alle beiden Röhren sind in gutem Zustande. Die ganze Maschine! Auch die Räder! Ah! Du wirst sie heirathen!

– Wen? Die Maschine? fragte Meister Landoys.

– Nein, die Tochter. Ja, die Maschine. Alle Beide. Er wird doppelt mir angehören: er wird mein Schwiegersohn und mein Capitän. Good bye, Capitän Gilliatt. Es wird bald wieder eine geben, eine Durande! Man wird damit Geschäfte und Fahrten und Handel und Ochsen- und Schaffrachten machen. Ich werde nicht St. Sampson für London aufgeben. Und hier steht der Urheber. Ich sage Euch, es ist ein Abenteuer. Man wird das Sonnabend beim Vater Mauger in der Zeitung lesen. Gilliatt der Böse ist ein Böser. Was sind das da für Louisd’or?

Mess Lethierry bemerkte so eben durch die Ritze im Deckel, daß in der Dose, in welcher sich die Banknoten befanden, auch Gold sei. Er nahm die Dose, öffnete sie, entleerte sie in seine flache Hand und legte die Guineen auf den Tisch.

– Für die Armen. Meister Landoys, gebt diese Guineen in meinem Namen, dem Bürgermeister von St. Sampson. Ihr kennt doch Rantaine’s Brief? Ich habe ihn Euch gezeigt; nun gut, ich habe die Banknoten. Der Mann da ist geprägtes Gold, gehärteter Stahl, ein Demant, ein Seemann mit Leib und Seele, ein Schmied, ein außerordentlicher, lustiger Bruder, staunenswerther, als der Prinz von Hohenlohe. Das nenne ich einen Menschen, der Verstand hat. Wir sind Alle nichts Großes. Die Meerwölfe seid Ihr und ich, sind wir; aber der Meerlöwe ist der da. Hurrah, Gilliatt! Ich weiß nicht, was er gemacht hat, aber sicherlich ist er ein Teufel und darum will er nicht, daß ich ihm Deruchette gebe!

Seit einigen Augenblicken befand sich diese in dem Saale. Sie hatte kein Wort gesprochen, kein Geräusch gemacht, war wie ein Schatten eingetreten und hatte sich fast unbemerkt auf einen Stuhl hinter Mess Lethierry gesetzt, welcher aufrecht stand, gesprächig, freudig erregt und laut sprechend. Kurz nach ihr war eine zweite stumme Erscheinung eingetreten. Ein schwarzgekleideter Mann mit weißem Halstuche und den Hut in der Hand, stand in der halbgeöffneten Thür. Mehrere Lichter brannten jetzt in der langsam angewachsenen Gruppe und erleuchteten den schwarzgekleideten Mann von der Seite, so daß sich sein Profil von jugendlicher und anmuthiger Weiße scharf, wie ein Gepräge, auf dem dunkeln Grunde abzeichnete; er stützte seinen Ellbogen gegen die Ecke eines Feldes in der Thür und hielt seinen Kopf mit der linken Hand; eine Stellung, deren Anmuth ihm unbewußt war und welche durch die Kleinheit der Hand die Höhe der Stirn noch bemerkbarer machte. Ein schmerzlicher Zug umspielte die Winkel des fest zusammengepreßten Mundes. Er prüfte und horchte mit tiefer Aufmerksamkeit. Sobald die Umstehenden den ehrwürdigen Ebenezer Caudray, den Pfarrer der Gemeinde, erkannt hatten, wichen sie zurück, um ihn durchzulassen; er blieb jedoch auf der Schwelle stehen. Zögern drückte seine Stellung und Bestimmtheit sein Blick aus. Von Zeit zu Zeit begegnete dieser Blick dem von Deruchette. Gilliatt stand, sei es Zufall, sei es Willen, im Schatten und man sah ihn nur sehr undeutlich.

Zuerst bemerkte Mess Lethierry Herrn Ebenezer nicht, aber Deruchette. Er ging auf sie zu und küßte sie mit der ganzen Wärme, welchen ein Stirnkuß besitzen kann und streckte zugleich den Arm gegen die dunkle Ecke aus, wo Gilliatt stand.

– Deruchette, sagte er, Du bist jetzt wieder reich und das ist Dein Mann.

Deruchette hob den Kopf wirr in die Höhe und blickte in das Dunkel.

Mess Lethierry fuhr fort:

– Man wird sofort Hochzeit machen, morgen womöglich, man wird den Dispens bekommen, außerdem kommt’s hier nicht viel auf Förmlichkeiten an, der Dekan macht das, wie er will; es ist nicht wie in Frankreich, wo Aufgebote, öffentliche Aufrufe und sonstige Verzögerungen der Heirath vorhergehen müssen. Du wirst Dich rühmen können, die Frau eines ehrenhaften Mannes zu sein; es ist unnöthig zu sagen, daß er ein Seemann ist, ich habe es von dem ersten Tage an gedacht, als ich diesen Herrn mit der kleinen Kanone zurückkommen sah. Jetzt kommt er von den Klippen zurück mit seinem Glücke und dem meinigen und dem des Landes; es ist ein Mann, von dem man eines Tages als von etwas Unmöglichem sprechen wird. Du hast gesagt: Ich werde ihn heirathen und Du wirst ihn heirathen; und Du wirst Kinder bekommen und ich Großvater werden und Du wirst die Aussicht haben, die Frau eines ernsten Mannes zu sein, welcher arbeitet, nützlich, bewundernswerth ist und mehr werth als hundert andere; eines Mannes, der die Erfindungen Anderer rettet, der etwas Außergewöhnliches ist; und Du wirst nicht, wie alle andern reichen Mädchen dieser Insel, einen Soldaten oder Pfaffen heirathen, das heißt einen Mörder oder einen Lügner. Aber was machst Du denn in Deinem Winkel, Gilliatt? Man sieht Dich ja nicht. Douce! Grâce! Die ganze Welt, Licht. Beleuchtet mir meinen Schwiegersohn taghell. Ich verlobe Euch, meine Kinder. Das ist Dein Mann und mein Schwiegersohn, Gilliatt vom Bû de la Rue, der gute Junge, der große Matrose und ich werde keinen andern Schwiegersohn und Du wirst keinen andern Mann haben, ich gebe darauf dem lieben Gott mein Ehrenwort. Ah! da sind Sie ja auch, Herr Pfarrer, Sie werden mir die jungen Leute da trauen.

Mess Lethierry’s Auge war soeben auf den ehrwürdigen Ebenezer gefallen.

Douce und Grâce hatten gehorcht und zwei Lichter auf den Tisch gesetzt, welche Gilliatt vom Wirbel bis zur Zehe erleuchteten.

– Wie schön ist er! rief Lethierry aus.

Gilliatt sah abscheulich häßlich aus.

Er war noch gerade so, wie er am Morgen die Klippen verlassen hatte, in zerrissenen Kleidern, die Ellbogen durchbohrt, den Bart lang, die Haare zerzaust, die Augen entzündet und geröthet, das Gesicht aufgesprungen, die Hände blutend, die Füße nackt. Einige Pusteln des Krakens waren noch auf seinen behaarten Armen sichtbar.

Lethierry betrachtete ihn.

– Das ist mein wahrer Schwiegersohn. Wie er sich mit dem Meere herumgeschlagen hat! Er ist ganz zerfetzt! Welche Schultern! Welche Hände! Wie schön bist Du!

Grâce lief zu Deruchette und hielt ihr den Kopf. Sie war in Ohnmacht gefallen.

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Zweites Capitel. Der Lederkoffer.

Seit Tagesanbruch befand sich ganz St. Sampson auf den Beinen und ganz St. Pierre Port kam soeben an. Die Wiederauferstehung der Durande erregte auf der Insel ein Aussehen, ähnlich dem, welches in Südfrankreich die Salette verursachte. Der Quai wimmelte von Menschen, welche den aus der Barke ragenden Schlot betrachten wollten. Man hätte ihn auch gern in der Nähe besehen und die Maschine angefaßt; aber Lethierry hatte nach einer neuen triumphirenden Untersuchung der Maschine am Tage zwei Matrosen als Wache in der Barke aufgestellt, welche jede Annäherung untersagen mußten. Außerdem genügte ja der Rauchfang den Zuschauern, welche ganz außer sich vor Staunen waren. Man sprach nur von Gilliatt, erklärte und billigte seinen Beinamen der »Böse;« und die Bewunderung gipfelte sich in folgendem Satze: »Es ist nicht immer angenehm, auf der Insel Leute zu haben, welche solche Dinge zu Stande bringen können.«

Von außen sah man Mess Lethierry an seinem Tische neben dem Fenster schreibend sitzen, ein Auge auf das Papier, das andere auf die Maschine gerichtet. Er war so versunken, daß er sich nur einmal unterbrach, um Douce zu rufen und sich bei ihr nach Deruchette zu erkundigen. Sie hatte geantwortet: »Das Fräulein ist aufgestanden und ausgegangen.«

Mess Lethierry sagte darauf:

Sie thut Recht, frische Luft zu schöpfen. Sie befand sich heute Nacht in Folge der Hitze etwas unwohl. Es waren viele Leute in dem Saale. Und diese Ueberraschung, diese Freude, außerdem waren die Fenster geschlossen. Sie wird einen stolzen Mann bekommen!« Und er begann wieder zu schreiben. Er hatte schon zwei Briefe an die bedeutendsten Schiffsbaumeister in Bremen vollendet und zugesiegelt.

Jetzt schloß er den dritten.

In Folge des Geräusches eines Rades auf dem Quai drehte er den Kopf um, lehnte sich zum Fenster hinaus und sah den Weg, welcher vom Bû de la Rue herführt, einen Jungen, der sich nach St. Pierre Port wandte, mit einer Karre heraufkommen. Auf der Karre lag ein mit Kupfer- und Zinnnägeln beschlagener Koffer aus gelbem Leder.

Er redete den Jungen an:

– Wo willst Du hin?

Der Junge blieb stehen und antwortete:

– Zum Cashmere.

– Wozu?

– Den Koffer hinbringen.

– Nun gut; Du wirst diese drei Briefe mitnehmen.

Mess Lethierry öffnete seinen Tischkasten, nahm ein Zwirnknäuel heraus, knüpfte die drei Briefe, welche er soeben geschrieben hatte, mit einem Kreuzknoten zusammen und warf sie dem Jungen zu, der sie mit beiden Händen auffing.

– Du wirst dem Capitän des Cashmere sagen, daß sie von mir sind und daß er sie besorgen möge. Sie sind nach Deutschland. Nach Bremen über London.

– Ich werde den Capitän nicht sprechen, Mess Lethierry.

– Wieso?

– Der Cashmere ist nicht auf dem Quai.

– Ah!

– Er ist auf der Rhede.

– Aha, wegen der Fluth.

– Ich kann nur den Hafenpatron sprechen.

– Du wirst ihm meine Briefe anempfehlen.

– Ja, Mess Lethierry.

– Wann fährt der Cashmere ab?

– Um zwölf Uhr.

– Um Mittag steigt heute die Fluth; er hat sie gegen sich.

– Aber den Wind hat er für sich.

– Mein Sohn, sagte Mess Lethierry, mit seinem Zeigefinger auf den Rauchfang der Maschine weisend, siehst Du das? Das spottet wider Wind und Wellen.

Der Junge steckte die Briefe ein, faßte seine Karre wieder und setzte seinen Weg nach der Stadt fort. Mess Lethierry rief: Douce! Grâce!

Grâce öffnete die Thür halb.

– Mess, was giebt es?

– Komm herein und warte.

Mess Lethierry nahm ein Blatt Papier und begann zu schreiben. Wenn Grâce, welcher hinter ihm stand, neugierig gewesen wäre und den Kopf vorgebogen hätte, so würde sie über seine Schulter hinweg Folgendes haben lesen können:

»Ich schreibe nach Bremen um Holz. Ich habe während des ganzen Tages wegen des Kostenanschlages mit den Zimmerleuten Zusammenkünfte. Die Wiederherstellung wird schnell gehen. Gehe Du Deinerseits zu dem Dekan wegen des Dispenses. Ich wünsche, daß die Hochzeit so bald als möglich sei, sofort wäre das Beste. Ich beschäftige mich mit der Durande, beschäftige Du Dich mit Deruchette.«

Er datirte und unterzeichnete: »Lethierry.«

Er gab sich nicht die Mühe, den Brief zuzusiegeln, sondern kniff ihn einfach viermal durch und gab ihn Grâce.

– Bringe das dem Gilliatt.

– Am Bû de la Rue?

– Ja.

Drittes Buch. Die Abfahrt des Cashmere.


Erstes Capitel. Der Havelet dicht bei der Kirche.

Die Neuigkeiten verbreiten sich schnell an kleinen Orten. Den Rauchfang der Durande unter Mess Lethierry’s Fenstern zu sehn, beschäftigte seit Sonnenaufgang ganz Guernesey. Jedes andere Ereigniß war gegen dieses zurückgewichen. Man sprach nicht vom Tod des Dekans von St. Asaph, es war nicht mehr die Rede von dem ehrenwerthen Ebenezer Caudray, noch von seinem plötzlichen Reichthum oder seiner Abfahrt mit dem Cashmere. Die von den Klippen zurückgebrachte Maschine der Durande, das war das Tagesgespräch. Man glaubte nicht daran. Der Schiffbruch war außerordentlich erschienen, die Rettung hielt man geradezu für unmöglich. Man mußte sich davon mit seinen eigenen Augen überzeugen. Jede andere Beschäftigung wurde verschoben. Lange Reihen von Bürgerfamilien, vom Niedrigsten bis zum Höchsten, Männer, Frauen, Stutzer, Mütter mit Kindern und Kinder mit Puppen, drängten sich von allen Seiten auf das »sehenswerthe Ding« bei den Bravées zu und drehten St. Pierre-Port den Rücken. Viele Läden blieben daselbst geschlossen; in der Kaufmannshalle stockte der Verkauf und der Handel völlig, die ganze Aufmerksamkeit galt der Durande; nicht ein Kaufmann hatte Geschäfte gemacht, mit Ausnahme eines Goldschmiedes, der zu seinem großen Erstaunen einen goldenen Trauring an einen Menschen verkauft hatte, der sehr eilig schien und ihn nach der Wohnung des Herrn Dekan fragte. Die offenen Läden dienten als Klatschstätten, in welchen man laut die wunderbare Rettung besprach. Nicht ein Spaziergänger ließ sich blicken.

Die Kirche zu St. Pierre-Port, ein dreifaches Giebelgebäude mit angesetztem Bogengänge und Thurmspitze, befindet sich am Rande des Wassers im Hintergrunde des Hafens fast auf der Landungsstelle selbst. Sie begrüßt die Ankommenden und verabschiedet die Fortgehenden. Diese Kirche ist der hervorragendste Punkt der langen Linie, welche die Stadt dem Meere zukehrt.

Sie ist zugleich Pfarrkirche von St.-Pierre-Port und Dechanei der ganzen Insel und hat als Verweser den Vicebischof, einen Geistlichen mit unbeschränkter Vollmacht.

Der Hafen von St. Pierre-Port, welcher jetzt sehr schön und groß ist, war zu jener Zeit und noch vor zehn Jahren geringer, als der von St. Sampson. Es bildeten ihn zwei große, gebogene Cyklopenmauern, Tribord und Backbord, vom Ufer fortlaufend und an ihrem äußersten Ende, wo sich ein kleiner Leuchtthurm befand, fast zusammenstoßend. Unter diesem Leuchtthurme gestattete eine schmale Einfahrt, noch mit dem doppelten Kettenringe versehen, welcher sie im Mittelalter schloß, den Schiffen einen Durchgang. Man stelle sich eine halbgeöffnete Hummerscheere vor, so sah der Hafen von St. Pierre-Port aus. Diese Zange trug auf ihrem Boden etwas Wasser, was sie zum Stillstehen zwang. Aber bei Ostwind drang die Fluth durch die halbe Oeffnung ein und es wogte im Hafen, so daß es alsdann sicherer war, ihn nicht zu betreten. Der Cashmere hatte dies an jenem Tage gethan und war auf der Rhede vor Anker gegangen.

Bei Ostwind griffen die Schiffe gern zu diesem Hülfsmittel, wodurch sie außerdem noch die Hafenkosten sparten. Dann nahmen die von der Stadt eingesetzten Schiffer, ein braver Schlag von Seeleuten, welche der neue Hafen abschaffte, entweder an dem Orte der Einschiffung oder an verschiedenen Stellen des Strandes die Reisenden auf und brachten sie mit ihrem Gepäck, oft bei hoher See, aber stets ohne Unfall, zu den abfahrenden Schiffen Der Ostwind ist ein für die Ueberfahrt nach England sehr günstiger Küstenwind; er schleudert nicht, sondern rollt die Schiffe hinüber.

Befand sich das abfahrende Schiff im Hafen, so ging Jeder hier an Bord; lag es auf der Rhede, so hatte man die Wahl zwischen einem der Küstenpunkte, welche in der Nähe des Ankerplatzes lagen. In allen Schlupfwinkeln fand man Schiffer, wie man sie brauchte.

Der Havelet war ein solcher Schlupfhafen; er lag ganz dicht neben der Stadt, war aber so öde, daß er von ihr sehr entfernt zu sein schien. Diese Einsamkeit verdankte er dem Engpasse der hohen Brandungen des Forts George, welches diese geheimnißvolle Zufluchtsstätte beherrschte. Auf mehreren Wegen gelangte man zu ihm. Der nächste zog sich am Ufer entlang; er hatte den Vortheil, daß man aus der Stadt und der Kirche in fünf Minuten dorthin gelangte; den Nachtheil aber, daß ihn die Fluth täglich zweimal bedeckte. Die andern, mehr oder weniger abgebrochenen Wege verloren sich in den scharfen Ausbiegungen des Ufers. Der Havelet lag selbst am hellen Tage im Halbschatten; schräge Felsen hingen an allen Orten über. Dicht verwachsenes Gesträuch und Buschwerk verdunkelte und bedeckte mit einer Art sanfter Nacht dieses Gewirr von Felsen und Wellen; es gab nichts Stilleres als dieser Schlupfwinkel bei ruhigem Wetter, nichts Aufgeregteres bei hoher See. Dort wurden die Spitzen einzelner Zweige beständig von Schaum bespritzt. Im Frühling war er voll Blumen, Nester, Duft, Vögeln, Schmetterlingen und Bienen. Dank den neuesten Arbeiten existirt diese Wildniß heute nicht mehr; an ihrer Stelle befinden sich schöne gerade Linien, Mauerwerke, Quais und Gärtchen; die fehlerhaften Stellen sind ausgebessert; der neuere Geschmack hat den sonderbaren Formen der Berge und der Ungleichheit der Felsen Gerechtigkeit widerfahren lassen.

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Zweites Capitel. Verzweiflung herrscht.

Es war noch nicht ganz zehn Uhr Morgens, ein Viertel vor, wie man auf Guernesey sagt.

Die nach St. Sampson strömende Menge wuchs allem Anschein nach.

Da die ganze Bevölkerung von fieberhafter Neugierde ergriffen, dem Norden der Insel zuströmte, so war das ganze Havelet, welches im Süden liegt, verlassener als je.

Trotzdem sah man ein Boot und einen Schiffer dort. In dem Schiffe lag ein Nachtsack, der Schiffer schien zu warten.

Auf der Rhede sah man den Cashmere vor Anker, ohne irgend eine Vorbereitung zur Austakelung, da er erst um Mittag abfahren sollte.

Ein Vorübergehender, welcher in der Nähe einer der Ufertreppen am Strande gehorcht hätte, würde ein Murmeln von Sprechenden in dem »kleinen Hafen« gehört und, wenn er sich über die Klippen gelehnt hätte, in einiger Entfernung von dem Boote in einem von Zweigen überdeckten Felsenwinkel, wohin der Blick des Schiffers nicht dringen konnte, zwei Personen bemerkt haben, einen Mann und ein Weib, Ebenezer und Deruchette.

Diese dunklen Stellen am Meeresufer, welche die Badenden anlocken, sind nicht immer so einsam, als man glaubt. Man wird dort zuweilen beobachtet und gehört. Wer dorthin flieht und sich dort verbirgt, kann leicht durch das dichte Gebüsch, in Folge der vielfachen und oft verschlungenen Wege, verfolgt werden. Die Felsen und die Bäume, welche den Flüchtling verbergen, können auch einen Zeugen verdecken.

Deruchette und Ebenezer standen gerade gegenüber, die Gesichter einander zugewendet, Hand in Hand. Deruchette sprach. Ebenezer schwieg. Eine gewisse Wehmuth lag auf Deruchette’s Zügen und ihre Wimpern bedeckten Thränen.

Trostlosigkeit und Leidenschaft prägten sich auf Ebenezer’s religiöser Stirn aus. Auf diesem, bis dahin rein engelhaften Gesichte drückte sich bereits der Stempel des Unglücks aus. Der, welcher bis jetzt nur über das Dogma nachgedacht hatte, begann über das Schicksal nachzudenken, ein für einen Priester unheilvolles Nachsinnen. Der Glauben scheitert daran.

Die Religionen, welche die Ehelosigkeit vorschreiben, wissen, was sie thun. Nichts macht den Priester so unfähig, wie die Liebe zu einem Weibe. Alle Arten von Nebel verfinsterten den sonst so klaren Blick von Ebenezer.

Er betrachtete Deruchette immer wieder.

Die beiden Wesen beteten sich an.

In Ebenezer’s Augapfel schimmerte die stumme Verehrung der Verzweiflung.

Deruchette sprach:

– Sie werden nicht abreisen. Ich habe nicht die Kraft dies zuzulassen. Sehen Sie, ich glaubte von Ihnen Abschied nehmen zu können, ich kann es nicht. Warum sind Sie gestern gekommen? Sie mußten nicht kommen, wenn Sie fortgehen wollten. Ich habe nie mit Ihnen gesprochen. Ich liebte Sie, aber ich wußte es nicht. Nur am ersten Tage, als der ehrwürdige Herode die Geschichte von der Rebecca las und Ihre Augen meinen begegneten, fühlte ich meine Wangen brennen und dachte: O! Wie hat Rebecca erröthen müssen! Es ist gleichgültig. Hätte man mir vorgestern gesagt: »Sie lieben den Pfarrer«, so würde ich darüber gelacht haben. Ich achtete nicht auf mich. Ich ging in die Kirche und sah Sie; ich glaubte, daß Jeder dasselbe thäte, wie ich. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Sie haben nichts dazu gethan, daß ich Sie liebe, Sie haben Sich keine Mühe gegeben, Sie sahen mich an; es ist nicht Ihr Fehler, wenn Sie die Leute ansehen, aber in Folge dessen betete ich Sie an. Ich ahnte es nicht. Wenn Sie das Buch nahmen, ward es bei mir Licht; wenn es Andere nahmen, war es nur ein gewöhnliches Buch. Sie lenkten bisweilen Ihre Augen auf mich. Sie sprachen von Erzengeln und waren der Erzengel selbst. Was Sie sagten, dachte ich sofort. Ich weiß nicht, ob, bevor Sie kamen, ich an Gott glaubte. Seit Ihrem Dasein wurde ich ein betendes Weib. Ich sagte zu Douce: Kleide mich recht schnell an, daß ich nicht beim Gottesdienst fehle. Und ich lief in die Kirche. Das also heißt: in einen Mann verliebt sein. Ich sagte zu mir: Wie andächtig werde ich! Sie haben mir gezeigt, daß ich nicht des lieben Gottes wegen in die Kirche ging. Ich ging Ihretwegen hin, das ist wahr. Sie sind schön, Sie sprechen schön; wenn Sie die Arme gen Himmel hoben, schien es mir, als ob Sie mein Herz in Ihren beiden weißen Händen hielten. Ich war närrisch, ich wußte es nicht. Wollen Sie, daß ich Ihnen Ihren Fehler sage; es ist der, daß Sie gestern in den Garten kamen und mit mir sprachen. Hätten Sie mir nichts gesagt, so hätte ich nichts gewußt. Sie wären abgefahren, ich wäre vielleicht traurig geworden, aber jetzt würde ich sterben. – Jetzt, wo ich weiß, daß ich Sie liebe, ist es nicht mehr möglich, daß Sie fortgehen. Woran denken Sie? Sie scheinen mich nicht zu hören.

Ebenezer antwortete:

– Sie haben gehört, was gestern gesagt worden ist.

– Ach!

– Was kann ich dagegen?

Sie schwiegen einen Augenblick. Ebenezer fuhr fort:

– Ich kann nur noch eins thun. Abfahren.

– Und ich, sterben. Ach! Ich wünschte, daß es kein Meer und nur einen Himmel gäbe. Es scheint mir, als wenn sich dann Alles ordnen ließe; wir würden dann zusammen abreisen. Sie hätten nicht mit mir sprechen sollen. Warum haben Sie mit mir gesprochen? Jetzt gehen Sie nicht. Was soll aus mir werden? Ich sage Ihnen, daß ich sterben muß. Sie werden weit sein, wenn ich auf dem Kirchhofe bin. Ach! Mir ist das Herz gebrochen. Ich bin sehr unglücklich. Mein Onkel ist aber doch nicht schlecht.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß Deruchette beim Sprechen Mess Lethierry ihren Onkel nannte, sonst hatte sie ihn nur ihren Vater genannt.

Ebenezer wich einen Schritt zurück und gab dem Schiffer ein Zeichen. Man hörte das Ruder in den Dollen knarren und den Schritt des Mannes an Bord seines Nachens.

– Nein, nein! schrie Deruchette.

Ebenezer näherte sich ihr.

– Ich muß es, Deruchette.

– Nein, nie! – Wegen einer Maschine! – Ist das möglich? Haben Sie gestern den schrecklichen Menschen gesehen? Sie können mich nicht verlassen. Sie haben Verstand, Sie werden einen Ausweg finden. Sie können mir unmöglich gesagt haben, daß ich Sie heute hier finden soll, in der Absicht, abzureisen. Ich habe Ihnen nichts gethan. Sie haben Sich nicht über mich zu beklagen. Mit jenem Boote wollen Sie fort? Ich will es nicht. Sie werden mich nicht verlassen. Man öffnet nicht den Himmel, um ihn wieder zu schließen. Ich sage Ihnen, Sie werden bleiben. Außerdem ist es noch nicht Zeit. Ach! – Ich liebe Dich.

Und sich an ihn drückend, schlang sie ihre Arme um seinen Hals, als wenn sie damit ein Band um Ebenezer schließen und mit ihren gefalteten Händen zu Gott beten wollte.

Er löste diese zarten Fesseln, die so viel Widerstand leisteten, als sie konnten.

Deruchette fiel auf einen mit Epheu bedeckten Stein nieder, mit einer mechanischen Bewegung den Aermel ihres Kleides bis zum Ellbogen aufschürzend und einen reizenden nackten Arm zeigend, während ihre starren Augen in feuchter und todtenähnlicher Klarheit schimmerten. Die Barke näherte sich.

Ebenezer faßte ihren Kopf mit seinen beiden Händen. Die Jungfrau hatte das Aussehen einer Wittwe und der Jüngling das eines Vaters. Er berührte ihr Haar mit einer Art heiliger Vorsicht, blickte sie einige Augenblicke an, drückte dann auf ihre Stirn einen jener Küsse, unter denen sich der Himmel zu öffnen scheint, und sagte mit einer Stimme, in welcher der höchste Schmerz zitterte und in der man die Zerrissenheit der Seele fühlte, zu ihr jenes Wort, das Wort der Tiefen: Leb‘ wohl!

Deruchette brach in Schluchzen aus.

In demselben Augenblicke hörten sie eine leise und ernste Stimme fragen:

– Warum heirathet Ihr Euch nicht?

Ebenezer wendete den Kopf um; Deruchette schlug die Augen auf.

Gilliatt stand vor ihnen.

Er war soeben durch einen Seitenweg eingetreten.

Gilliatt war nicht mehr derselbe Mensch, wie Tags zuvor. Er hatte seine Haare gekämmt, seinen Bart geordnet, Schuhe an den Füßen, ein weißes Schifferhemde mit großem Umschlagekragen und seine neuesten Matrosensachen angezogen. Man sah einen Goldreifen an seinem kleinen Finger. Er schien vollkommen ruhig. Seine Farbe war todtenbleich.

Sie blickten ihn verwundert an. Obgleich unkenntlich, erkannte ihn Deruchette doch. Was die Worte anbetraf, welche er gesprochen hatte, so waren sie so entfernt von dem, was die Beiden in jenem Augenblicke dachten, daß sie an ihrem Geiste vorübergeglitten waren.

Gilliatt fuhr fort:

– Wozu braucht Ihr Abschied zu nehmen. Heirathet Euch und fahrt miteinander ab.

Deruchette bebte. Ein Zittern durchlief sie vom Kopf bis zu den Füßen.

Gilliatt sprach weiter:

– Miß Deruchette ist 21 Jahr alt. Sie hängt also nur von sich ab. Ihr Onkel ist nur Ihr Onkel. Ihr liebt Euch.

Deruchette unterbrach ihn sanft:

– Wie kommt es, daß Sie hier sind?

– Heirathet Euch, drängte Gilliatt.

Deruchette fing an zu verstehen, was dieser Mann zu ihr sagte. Sie murmelte:

– Mein armer Onkel …

– Er würde sich vor der Hochzeit weigern, nach der Hochzeit wird er seine Zustimmung geben. Außerdem gehen Sie ja fort. Wenn Sie wiederkommen, wird er Ihnen verzeihen.

Gilliatt fügte mit einem Anfluge von Bitterkeit hinzu: – Und dann denkt er nur noch daran, sein Schiff wiederzubauen. Das wird ihn während Ihrer Abwesenheit beschäftigen. Die Durande wird ihn trösten.

Er gehorchte der Bestechung dieses glücklichen und plötzlichen Umschwunges. Die bei einem Priester wahrscheinlichen Gewissensbisse schmolzen und lösten sich in diesem warmen liebenden Herzen auf.

Gilliatt’s Stimme wurde kurz und hart und hörte sich wie fieberhafte Pulsschläge an:

– Sofort. Der Cashmere segelt in zwei Stunden ab. Ihr habt gerade diese Zeit, aber nur diese Zeit. Kommt.

Ebenezer betrachtete ihn aufmerksam; plötzlich rief er:

– Ich erkenne Euch. Ihr habt mir das Leben gerettet.

Gilliatt antwortete:

– Ich glaube nicht.

– Da unten, an der Bankspitze.

– Ich kenne den Ort nicht.

– An dem Tage meiner Ankunft.

– Verlieren wir keine Zeit.

– Und ich täusche mich nicht, Ihr seid der Mann von gestern Abend.

– Vielleicht.

– Wie heißt Ihr?

Gilliatt sprach mit lauter Stimme:

– Schiffer, erwartet uns. Wir kommen gleich wieder. Fräulein, Sie fragten mich, wie ich hierhin komme; das geschah ganz einfach; ich ging hinter Ihnen. Sie sind 21 Jahre alt. Hier zu Lande sind die Leute dann mündig und hängen von sich selbst ab; man verheirathet sich in einer halben Stunde. Schlagen wir den Weg am Meeresufer ein. Er ist gangbar, da die See erst um Mittag steigt. Aber schnell. Kommt mit mir.

Deruchette und Ebenezer schienen sich durch einen Blick zu fragen. Sie standen nebeneinander, ohne sich zu rühren, sie waren wie trunken. Sie verstanden ohne zu verstehen.

– Er nennt sich Gilliatt, sagte Deruchette zu Ebenezer.

Gilliatt begann mit einem gewissen Nachdruck wieder:

– Worauf wartet Ihr? Ihr sollt mir doch folgen.

– Wohin? fragte Ebenezer.

– Dorthin.

Und Gilliatt zeigte mit dem Finger auf den Glockenthurm der Kirche.

Sie folgten ihm.

Gilliatt ging voran mit festem Schritte. Die beiden schwankten.

Je näher sie dem Thurme kamen, um so mehr drückte sich auf Ebenezer’s und Deruchette’s reinen und schönen Gesichtern die Heiterkeit der Seele aus. So nahe der Kirche zu sein, stimmte sie fröhlich. In Gilliatt’s starrem Auge lag die Nacht.

– Ich möchte nicht, äußerte Deruchette mit einer Stumpfheit, in die sich Freude mischte, Kummer zurücklassen.

– Er wird nicht lange anhalten, antwortete Gilliatt.

Ebenezer und Deruchette waren noch wie versteinert. Sie erholten sich jetzt. Je mehr ihre Verwirrung abnahm, um so besser verstanden sie den Sinn von Gilliatt’s Worten. Eine Wolke blieb noch, aber es war nicht ihre Sache, Widerstand zu leisten. In der Stellung Deruchette’s, die sich unwillkürlich auf Ebenezer stützte, lag etwas, was mit Gilliatt’s Worten gemeinschaftliche Sache machte. Das Räthsel der Gegenwart dieses Mannes und seiner Worte, welche besonders in Deruchette’s Geist mehrfaches Staunen hervorriefen, waren besondere Fragen. Dieser Mann sagte zu ihnen: Heirathet Euch. Das war klar. Gab es dabei eine Verantwortlichkeit, so übernahm er sie. Deruchette fühlte undeutlich, daß er aus verschiedenen Gründen das Recht dazu habe. Was er von Mess Lethierry sagte, war richtig. Ebenezer murmelte nachdenklich: Ein Onkel ist kein Vater.

Er glich fast einem Gespenst, welches zwei Seelen in das Paradies führt.

Der Pfad war ungleich, bisweilen naß und schwer zu gehen. Ebenezer, in Gedanken versunken, achtete nicht auf die Wasserpfützen und hervorragenden Steine. Von Zeit zu Zeit drehte sich Gilliatt um und rief Ebenezer zu: – Nehmen Sie sich vor diesen Steinen in Acht; reichen Sie ihr die Hand.

————

Drittes Capitel. Die Vorsehung der Verleugnung.

Es schlug halb elf Uhr, als sie die Kirche betraten.

Zu dieser Zeit und wegen der Oede in der Stadt an diesem Tage war sie leer.

Im Hintergrunde jedoch befanden sich neben dem Tische, welcher in reformirten Kirchen die Stelle des Altars einnimmt, drei Personen: Der Dekan, sein Vertreter und der Registrator. Der Dekan, der ehrwürdige Jaquemin Herode saß; die beiden andern standen.

Die Schrift lag offen auf dem Tische.

Auf einem Seitentische lag noch ein anderes Buch, das Kirchenregister, ebenfalls offen und in ihm hätte ein aufmerksames Auge eine frischgeschriebene Seite, auf der die Dinte noch nicht ganz getrocknet war, bemerken können. Eine Feder und ein Schreibzeug befanden sich neben dem Register.

Als Se. Ehrwürden Jaquemin Herode Se. Ehrwürden Ebenezer Caudry eintreten sah, erhob er sich.

– Ich erwartete Sie, sagte er. Alles ist bereit.

Der Dekan hatte in der That seine Amtskleidung an.

Ebenezer sah Gilliatt an.

Se. Ehrwürden der Dekan fügte hinzu:

– Ich stehe Ihnen zu Diensten, lieber College.

Und er begrüßte ihn.

Nach der Richtung der Augen des Dekans zu schließen, war der Gruß offenbar nur für Ebenezer bestimmt. Dieser war Geistlicher und ein feiner Weltmann. Der Dekan begriff in seinem Gruße weder Deruchette, die zur Seite, noch Gilliatt, der hinten stand, ein. Es lag in seinem Blicke eine Begrenzung, die nur auf Ebenezer gerichtet war. Das Beobachten dieser Einzelheiten gehört zur guten Sitte und läßt die gesellschaftlichen Beziehungen erkennen.

Der Dekan fuhr mit anmuthig würdevollem Stolz fort:

– Lieber College, ich mache Ihnen ein doppeltes Compliment. Ihr Onkel ist todt und Sie nehmen sich eine Frau; Sie sind reich durch den einen und werden glücklich durch die andere. Uebrigens ist in Folge des Dampfschiffes, welches man wieder herstellen wird, Miß Lethierry jetzt auch reich, was mich freut. Miß Lethierry ist in dieser Pfarre geboren, ich habe den Tag ihrer Geburt nach dem Register eingetragen, sie ist mündig und gehört sich selbst an. Außerdem giebt ihr Onkel, welcher ihre ganze Familie bildet, seine Einwilligung. Sie wollen sich wegen Ihrer Abreise sofort verheirathen, ich verstehe das, obgleich ich der Trauung eines Pfarrers mehr Feierlichkeit gewünscht hätte. Ich stehe aber davon ab, um Ihnen dienen zu können. Wie Sie sehen, ist der ganze Act schon in das Register eingezeichnet, nur die Namen sind noch auszufüllen. Nach dem Gesetze und der Sitte kann die Hochzeit sofort nach dem Einschreiben gefeiert werden. Mein Vertreter wird der Zeuge des Gatten sein; was den der Gattin anbetrifft …

Der Dekan wandte sich Gilliatt zu, welcher ein Zeichen mit dem Kopfe machte.

– Das genügt, fuhr er fort.

Ebenezer blieb unbeweglich. Deruchette war außer sich, wie versteinert.

Der Dekan sprach weiter:

– Ein Hinderniß besteht indeß noch.

Deruchette machte eine Bewegung.

Der Dekan fuhr fort:

Der hier gegenwärtige Abgeordnete Mess Lethierry’s, welcher für Euch die Erlaubniß nachgesucht und die Erklärung im Register unterzeichnet hat – und mit dem Daumen seiner linken Hand deutete der Dekan auf Gilliatt, wodurch er des Nennens eines Namens überhoben wurde – Meß Lethierry’s Abgeordneter sagte mir heute früh, daß Mess Lethierry, zu beschäftigt, um selbst kommen zu können, wünsche, daß die Heirath sofort stattfinde. Dieser Wunsch genügt mündlich nicht. Ich könnte nicht, in Folge der zu bewilligenden Dispense und der Unregelmäßigkeit, welche ich auf mich nehme, so schnell darüber fortgehen, ohne mich bei Mess Lethierry zu unterrichten, wenn man mir nicht seine Unterschrift zeigen kann. So gut auch immer mein Wille ist, so darf ich mich doch nicht mit einem Wort, welches man mir wiedersagt, begnügen. Ich muß etwas Geschriebenes haben.

– Wenn es weiter nichts ist, antwortete Gilliatt.

Und er hielt Sr. Ehrwürden ein Papier hin. Der Dekan nahm dasselbe, durchflog es in einem Augenblick, schien einige, ohne Zweifel überflüssige Zeilen zu übergehen und las dann laut:

– »… Du gehe Deinerseits zu dem Dekan wegen des Dispenses. Ich wünsche, daß die Hochzeit so bald als möglich sei; sofort wäre das Beste.«

Er legte das Papier auf den Tisch und fuhr fort:

– Unterzeichnet Lethierry. Es wäre ehrfurchtsvoller gewesen, die Sache an mich zu adressiren. Da es sich aber um einen Kollegen handelt, so verlange ich weiter nichts.

Ebenezer sah von Neuem Gilliatt an. Es giebt ein Verständniß der Seelen. Ebenezer fühlte, daß Gilliatt betrog; er hatte aber nicht die Kraft, nicht einmal den Gedanken, dies auszusprechen. Sei es aus Gehorsam vor einem dunkeln Heldenmuthe, den er halb ahnte, sei es, daß das Gewissen durch die Fülle des Glückes betäubt wurde; er blieb sprachlos.

Der Dekan nahm die Feder und füllte unter dem Beistande des Registrators die weißen Stellen auf der beschriebenen Seite in dem Register aus, dann drehte er sich um und lud mit einer Handbewegung Ebenezer und Deruchette ein, an den Tisch heranzutreten.

Die Ceremonie begann.

Es war ein heiliger Augenblick.

Ebenezer und Deruchette standen neben einander vor dem Geistlichen. Wer jemals träumte, daß er sich verheirathete, empfand das, was jetzt beide fühlten.

Gilliatt stand in einiger Entfernung im Dunkel der Säulen.

Deruchette hatte sich am Morgen, als sie aufstand, in ihrer Verzweiflung an das Grab und Schweißtuch denkend, weiß angekleidet. Dieser Gedanke an den Tod war zu dem an die Hochzeit geworden. Das weiße Kleid macht sofort die Braut. Das Grab ist auch eine Trauung.

Ein Heiligenschein umgab Deruchette. Nie war sie so reizend, wie in jenem Augenblicke gewesen. Sie hatte den Fehler, vielleicht zu hübsch, und nicht schön genug zu sein. Ruhig, das heißt ohne Leidenschaft und Kummer, war Deruchette, wie wir schon gesagt haben, überaus lieblich. Deruchette war durch Liebe und Leiden groß geworden. Sie hatte dieselbe Zartheit mit mehr Würde, dieselbe Frische mit mehr Würze erhalten, gleichsam als wenn sich ein Maßliebchen in eine Lilie verwandelt hätte.

Die Feuchtigkeit versiegter Thränen war auf ihren Wangen zu sehen, vielleicht lag noch eine Zähre in dem Winkel ihres Lächelns. Getrocknete kaum sichtbare Thränen sind dem Glücke ein düsterer und schöner Schmuck.

Der Decan, neben dem Tische stehend, legte einen Finger auf die offene Bibel und fragte laut:

– Erhebt Jemand Einspruch?

Niemand antwortete.

– Amen, sagte der Dekan.

Ebenezer und Deruchette traten Seiner Ehrwürden einen Schritt näher.

Der Dekan sagte:

– Joë Ebenezer Caudray, willst Du dieses Weib zur Gattin haben?

Ebenezer antwortete:

– Ich will es.

Der Dekan fuhr fort:

– Durande Deruchette Letthierry, willst Du diesen Mann zum Gatten haben?

Deruchette, in ihrer Seelenangst und in übermäßiger Freude, murmelte mehr als sie sprach: – Ich will es.

Dann blickte nach dem schönen Ritus der anglikanischen Kirche der Dekan um sich und that in den Schatten der Kirche folgende feierliche Frage:

– Wer giebt dieses Weib diesem Manne?

– Ich, antwortete Gilliatt.

Es entstand ein Schweigen. Ebenezer und Deruchette fühlten einen gewissen unbestimmten Druck durch ihr Entzücken hindurch.

Der Dekan legte Deruchette’s rechte Hand in Ebenezer’s rechte Hand und dieser sagte zu jener:

– Deruchette, ich nehme Dich zu meinem Weibe, sei es, daß Du schlechter oder besser, reicher oder ärmer, krank oder gesund bist, um Dich bis zu Deinem Tode zu lieben, hierauf gebe ich Dir mein Wort.

Der Dekan legte Ebenezer’s Rechte in Deruchette’s Rechte und diese sagte zu jenem:

– Ebenezer, ich nehme Dich zu meinem Mann, sei es, daß Du besser oder schlechter, reicher oder ärmer, gesund oder krank bist, um Dich zu lieben und Dir zu gehorchen bis in den Tod, hierauf gebe ich Dir mein Wort.

Der Dekan fuhr fort:

– Wo ist der Ring?

Daran war nicht gedacht worden. Ebenezer hatte keinen Ring.

Gilliatt zog den Goldreifen ab, welchen er an seinem kleinen Finger trug und reichte ihn dem Dekan. Das war wahrscheinlich der »Trauring«, welcher an demselben Morgen bei dem Goldschmiede auf der Kaufhalle erstanden ward.

Der Dekan legte ihn auf die Schrift und gab ihn dann Ebenezer.

Dieser nahm Deruchette’s kleine, linke, ganz zitternde Hand, steckte den Ring an den vierten Finger und sprach:

– Ich eheliche Dich mit diesem Ringe.

– Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, hob der Dekan an.

– So sei es, fuhr sein Stellvertreter fort.

Der Dekan sprach mit lauter Stimme:

– Ihr seid Gatten.

– So sei es, sprach der Stellvertreter.

Der Dekan fuhr fort:

– Laßt uns beten.

Ebenezer und Deruchette wendeten sich gegen den Tisch und knieten nieder.

Gilliatt blieb stehen und beugte den Kopf.

Jene beugten sich vor Gott, dieser vor seinem Geschicke.

————

Viertes Capitel. Für Deine Frau, wenn Du Dich verheirathen wirst.

Bei ihrem Austritte aus der Kirche sahen sie den Cashmere, welcher sich näherte.

– Ihr kommt zur Zeit, sagte Gilliatt.

Sie schlugen den Weg nach dem kleinen Hafen wieder ein.

Jetzt gingen sie vorn und Gilliatt hinter ihnen.

Es waren zwei Sonnambulen, welche so zu sagen, nur ihr Verzückung gewechselt hatten. Sie wußten nicht, wo sie waren, noch was sie thaten. Sie sprachen nicht, da sie sich zu viele Dinge mit der Seele sagten. Deruchette drückte Ebenezer’s Arm gegen sich.

Gilliatt’s Schritte hinter ihnen ließ sie auf Augenblicke daran denken, daß er hinter ihnen war. Aus dem Grunde ihres Herzens dankten sie ihm glühend und überschwenglich. Deruchette sagte sich, daß später ein gegenseitiges Aussprechen erfolgen müsse. Unterdessen nahmen sie sein Opfer dankbar an. Sie fühlten sich in der Gewalt dieses entschiedenen und schnellen Menschen, der durch sein Auftreten ihr Glück begründet hatte. Fragen an ihn zu richten, mit ihm plaudern, war jetzt unmöglich. Zu viele Eindrücke drängten mit einem Male auf ihn ein.

Deruchette besonders hatte seit einigen Stunden jede Art von Aufregung durchgemacht; zuerst die Ueberraschung, – Ebenezer in dem Garten; dann das Alpdrücken, als Gilliatt zu ihrem Gatten erklärt wurde; hierauf die Trostlosigkeit, als Ebenezer ohne sie zur Abfahrt bereit war; jetzt die Freude, eine unerhörte Freude, mit einem unentzifferbaren Hintergrunde. Das Ungeheuer gab ihr den Engel, die Trauung nach der Todesangst; Gilliatt, gestern das Unheil, war heute das Heil. Sichtlich hatte er seit gestern keine andere Beschäftigung gehabt, als die Vorbereitungen zu ihrer Verbindung zu treffen; er hatte ja an Alles gedacht und Alles gethan: für Mess Lethierry geantwortet, mit dem Dekan gesprochen, die Einwilligung nachgesucht, die verlangte Erklärung unterzeichnet; nur so konnte die Trauung vor sich gehen. Aber Deruchette verstand ihn nicht; und selbst wenn sie das Wie begriffen hätte, würde sie nicht das Warum verstanden haben.

Eine Erklärung war zu lang, ein Dank zu kurz. Sie schwieg in dieser süßen Betäubung des Glücks.

In einigen Minuten waren sie am Havelet.

Ebenezer trat zuerst in das Boot. In dem Augenblicke, wo Deruchette ihm folgen wollte, fühlte sie sich an ihrer Hand sanft zurückgehalten. Es war Gilliatt, er hatte einen Finger auf eine Falte ihres Kleides gelegt.

– Madame, sprach er, Sie waren nicht darauf vorbereitet, abzureisen. Ich habe geglaubt, daß Sie vielleicht Kleider und Wäsche nöthig haben würden. Sie werden an Bord des Cashmere einen Koffer mit Frauensachen finden. Dieser Koffer stammt von meiner Mutter her und war für meine zukünftige Frau bestimmt. Erlauben Sie, daß ich ihn Ihnen anbiete.

Deruchette erwachte halb aus ihrem Traum und wandte sich zu Gilliatt, der mit leiser und kaum verständlicher Stimme fortfuhr:

– Jetzt ist es keine Zeit, Sie aufzuhalten, aber, Madame, ich glaube, Ihnen eine Erklärung schuldig zu sein. An dem Tage, an welchem sich das Unglück ereignete, befanden Sie sich in dem niedrigen Saale und sagten ein Wort. Sie erinnern sich dessen nicht; das ist ganz einfach. Man braucht sich nicht jedes Wortes zu erinnern, das man geredet hat. Mess Lethierry war sehr bekümmert. Gewiß war es ein gutes Schiff und leistete gute Dienste. Das Unglück auf dem Meere geschah; das ganze Land gerieth in Aufregung. Das sind natürliche Dinge, welche man vergessen hat. Das Schiff schien zwischen den Klippen verloren. Ich wollte nur sagen, daß man meinte, Niemand würde hingehen. Ich ging hin. Man sagte, es sei unmöglich; ich habe gezeigt, daß es nicht unmöglich war. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir einen kleinen Augenblick zuhören. Sie begreifen, Madame, wenn ich dahin ging, so war es gewiß nicht, um Sie zu beleidigen. Außerdem schreibt sich die Geschichte schon von langer Zeit her. Ich weiß, daß Sie jetzt eilig sind. Wenn Sie Zeit hätten, wenn Sie sprächen, würden Sie sich erinnern; aber das dient zu nichts. Die Geschichte datirt bis zu einem Tage zurück, an welchem Schnee fiel. Und dann einmal, als ich an Ihnen vorüberging, glaubte ich, daß Sie lächelten. So erklärt sich das. Gestern nun hatte ich keine Zeit, in meine Wohnung zu gehen; ich kam von der Arbeit, war ganz zerrissen, jagte Ihnen Furcht ein; Sie befanden sich unwohl, man geht freilich nicht so zu Leuten; ich bitte Sie, mir deshalb nicht zu zürnen. Das ist Alles, was ich Ihnen sagen wollte. Sie werden abreisen. Es wird schönes Wetter sein. Es weht Ost. Leben Sie wohl, Madame. Sie werden es natürlich finden, daß ich ein wenig mit Ihnen sprach. Nicht wahr? Es ist die letzte Minute.

– Ich denke an den Koffer, erwiederte Deruchette. Aber warum heben Sie ihn nicht für Ihre Frau auf, wenn Sie sich verheirathen?

– Madame, ich werde mich wol nicht verheirathen.

– Das wäre schade, denn Sie sind gut. Ich danke Ihnen.

Und Deruchette lächelte. Gilliatt erwiederte das Lächeln.

Dann half er Deruchette beim Besteigen des Bootes.

In weniger als einer Viertelstunde landete er mit Deruchette und Ebenezer auf der Rhede am Cashmere.

————

Fünftes Capitel. Das große Grab.

Gilliatt folgte dem Strande, ging schnell nach St. Pierre Port und dann nach St. Sampson am Meere entlang, sich wissentlich jeder Begegnung entziehend und alle belebten Wege vermeidend.

Seit langer Zeit war es, wie man weiß, seine Manier, das Land nach allen Richtungen hin zu durchstreifen, ohne von Jemand gesehen zu werden. Er kannte jeden Steg, alle einsamen und krummen Wege; er hatte die wilde Gewohnheit eines Wesens, welches sich nicht geliebt weiß; er blieb allein. Da er schon als kleines Kind in den Augen der Menschen kein Entgegenkommen sah, so hatte er früh die Neigung gehabt, allein zu sein und diese Neigung hatte sich später zum Instincte ausgebildet.

Er durchschritt die Esplanade, dann die Galerie. Von Zeit zu Zeit blickte er sich um und betrachtete hinter sich auf der Rhede den Cashmere, der so eben unter Segel ging. Es war geringer Wind; er ging schneller als das Schiff, immer auf dem äußersten Felsen am Ufer entlang mit gesenktem Kopfe. Die Fluth begann zu steigen.

Nach einer gewissen Zeit blieb er stehen und betrachtete, den Rücken dem Meere zukehrend, über die Felsen hinaus, welche den Weg nach Valle verdeckten, einen Eichenhain. Es waren die Eichen des Ortes, welcher die »Niedrigen Häuser« heißt. Dort unter diesen Bäumen hatte einst Deruchette’s Finger seinen Namen Gilliatt in den Schnee geschrieben. Schon lange war dieser Schnee geschmolzen.

Er setzte seinen Weg fort.

Im ganzen Jahre war noch kein so schöner Tag gewesen. Der Morgen hatte etwas Bräutliches. Es war einer jener Frühlingstage, an denen sich der Mai ganz in seiner Pracht entfaltet; die Schöpfung schien keine andere Absicht zu haben, als sich ein Fest zu geben und glücklich zu machen. Unter jedem Geräusche, im Walde wie im Dorfe, im Meere wie in der Luft, hörte man ein Girren. Die ersten Schmetterlinge wiegten sich auf den ersten Rosen. Alles war neu in der Natur, die Gräser, Moose, Blätter, Düfte und Strahlen. Durch alle Oeffnungen im Grünen schimmerte das Blau des Himmels. Einige schmachtende Wolken jagten sich auf dem Azur mit schwebenden Nymphen. Man glaubte Küsse, welche von unsichtbaren Lippen gewechselt wurden, vorüberfliegen zu hören. Es gab nicht eine Mauer, welche nicht, wie ein Brautführer, ihren Levkoyen-Strauß gehabt hätte. Der Frühling warf all sein Gold und Silber in den ungeheuren, von Gehölzen durchflochtenen Korb. Die neuen Schößlinge erschienen in ganz frischem Grün. Man hörte in der Luft lautes Willkomm-Rufen. Ueberall ließen eine göttliche Fülle und ein geheimnißvolles Wehen die panhafte und heilige Anstrengung der sich hervorarbeitenden Triebe ahnen. Was glänzte, glänzte heller; was liebte, liebte inniger. Lobgesänge lagen auf den Blumen und Entzücken auf dem Geräusch. Die große, überall verbreitete Harmonie entfaltete sich. Die Blume versprach dunkel die Frucht, alles Jungfräuliche träumte, die von der unendlichen Seele des Schattens vorgedachte Wiederauferstehung der Wesen spiegelte sich in allen Dingen wieder. Man verlobte sich überall und heirathete sich ohne Ende. Das Leben, das Weib, verband sich mit dem Unendlichen, dem Manne. Es war schön, hell und warm; durch die Hecken, in den Gebüschen sah man Kinder lachen. Einige spielten Verstecken. Die Aepfel-, Pfirsich-, Kirsch- und Birnbäume bedeckten die Pfade mit ihren großen, blassen oder rothen Blüthen. In dem Grase sproßten die Schneeglöckchen, Wintergrün, Primeln, Maßliebchen, Narzissen, Tausendschön, Veilchen und Veroniken. Die Arbeiterinnen der Bienen schwärmten und gingen ihren Geschäften nach. Die Ebene war voll des Murmelns der Gewässer und des Schwirrens der Fliegen. Die Natur, dem Frühling überall zugänglich, schwelgte in Ueppigkeit.

Als Gilliatt in St. Sampson ankam, bedeckte noch kein Wasser den Grund des Hafens, er konnte ihn trockenen Fußes durchschreiten und unbemerkt hinter den zum Ausbessern liegenden Schiffskielen hergehen. Eine Reihe großer und flacher Stämme, welche daselbst lag, erleichterte ihm das Gehen.

Gilliatt wurde nicht bemerkt. Die Menge drängte sich nach der andern Seite des Hafens hin, in die Nähe der kleinen Bucht bei den Bravées. Dort war sein Namen im Munde Aller. Man sprach von ihm so viel, daß man auf ihn selbst nicht achtete. Gilliatt ging vorüber, gewissermaßen unter dem Aufsehen, welches er erregt, verborgen.

Von Weitem sah er die Barke an der Stelle, wo er sie festgemacht hatte, den Rauchfang der Maschine zwischen seinen vier Ketten, die Bewegungen der arbeitenden Zimmerleute, die verwirrten Umrisse Kommender und Gehender und hörte die donnernde und frohe Stimme des Befehle austheilenden Mess Lethierry.

Er verschwand in den Gassen.

Niemand war hinter den Bravées, die ganze neugierige Menge vor ihnen. Gilliatt schlug den Weg ein, welcher an der niedrigen Gartenmauer entlang ging, blieb in der Ecke stehen, wo die wilde Malve wuchs, sah den Stein wieder, auf welchem er, und die Holzbank, auf welcher Deruchette gesessen hatte. Er betrachtete den Fleck, auf welchem die beiden, jetzt verschwundenen Schatten sich umarmt hatten.

Er ging weiter, er erstieg den Hügel des Schlosses Balle, stieg wieder hinab und lenkte seine Schritte nach Bû de la Rue.

Das Houmet-Paradis war einsam und leer.

Sein Haus war so, wie er es am Morgen verlassen hatte, als er sich nach dem Ankleiden nach Saint-Pierre Port begab.

Ein Fenster stand offen, durch dasselbe sah er die Bug-pipe an einem Nagel in der Wand hängen.

Man bemerkte auf dem Tische die kleine Bibel, welche er zum Danke von einem Unbekannten erhalten hatte. Dieser Unbekannte war Ebenezer.

Der Schlüssel befand sich in der Thür. Gilliatt näherte sich derselben, schloß die Thür doppelt ab, steckte den Schlüssel in seine Tasche und entfernte sich.

Er entfernte sich, nicht nach dem Lande, sondern nach dem Meere zu.

Er durchschritt schräg seinen Garten, auf dem kürzesten Wege und ohne die schmalen Einfassungen zu beachten, aber vorsichtig die Seakalen vermeidend, für welche Deruchette eine Vorliebe besaß.

Er übersprang den Zaun, stieg zur Brandung hinab und begann der schmalen und langen, immer vor ihm hinlaufenden Klippenreihe zu folgen, welche Bû de la Rue mit dem großen Granitobelisken verband, welcher mitten im Meer steht und das Ochsenhorn heißt. Dort befand sich die Chaise Gild-Holm-Ur.

Er ging von einer Klippe zur andern, wie ein Riese aus Berggipfeln. Ueber eine solche Klippenreihe forteilen ist dasselbe, als wenn Jemand auf einem Dachfirst geht.

Eine Hamenfischerin, welche mit nackten Füßen in den wenig entfernten Wasserlachen umherstrolchte und dem Ufer zueilte, rief ihm nach: Nehmt Euch in Acht. Das Meer kommt.

Er ging weiter.

Als er bei dem großen, vorspringenden Felsen, dem Horne, welcher aus dem Meere heraus eine hohe Zinne bildet, angekommen war, blieb er stehen. Das Land hörte dort auf. Es war der äußerste Vorsprung des kleinen Vorgebirges.

Er blickte um sich.

Auf hoher See lagen einige Barken fischend vor Anker. Von Zeit zu Zeit, wenn das Wasser aus den Netzen herausfloß, sah man auf diesen Barken im Sonnenschein einen Silberregen. Der Cashmere war noch nicht auf der Höhe von St. Sampson; er hatte sein großes Marssegel entfaltet und befand sich zwischen Herm und Jethou.

Gilliatt ging um den Felsen und gelangte unter die Chaise Gild-Holm-'Ur, am Fuße jener zerrissenen Treppe, welche herabzusteigen er vor weniger als drei Monaten Ebenezer geholfen hatte. Er erklomm sie.

Die meisten Stufen waren schon unter Wasser, nur noch zwei oder drei, welche er hinaufkletterte, trocken.

Diese Stufen führten zur Chaise Gild-Holm-'Ur. Er kam vor dieser an, betrachtete sie einen Augenblick, legte seine Hand auf seine Augen, fuhr mit ihr langsam erst über das eine und dann über das andere Auge, als wenn er die Vergangenheit durch diese Bewegung auslöschen wollte, und ließ sich dann in jener Felsenhöhle, die Böschung hinter seinem Rücken und den Ocean zu seinen Füßen, nieder.

In diesem Augenblicke fuhr der Cashmere um den großen, runden, im Wasser stehenden Thurm, welchen ein Sergeant und eine Kanone bewachen und welcher auf der Rede zwischen Herm und Saint-Pierre Port steht.

In den Spalten über Gilliatt’s Kopfe schwankten einige Felsblumen. Das Wasser war blau, so weit das Auge reichte und Ostwind. Um Serk herum giebt es wenig Stellen, von denen man nur Guernesey’s Westküste erblickt. In der Ferne steht man das nebelgleiche Frankreich und Carteret’s lange und gelbe Sandufer. Hin und wieder schwebte ein weißer Schmetterling vorüber. Die Schmetterlinge wiegen sich nämlich gern über dem Meere.

Der Wind war sehr schwach, das ganze Blau, in der Höhe, wie in der Tiefe, unbeweglich.

Der Cashmere, nur wenig vom Winde getrieben, hatte, um diesen besser aufzufangen, seine Marshauben aufgehißt und mit Segeln bedeckt. Da der Wind von der Seite kam, so zwang er ihn mittelst seiner Hauben, sich dicht an der Küste von Guernesey zu halten. Er hatte die Bake zu Saint-Sampson hinter sich und erreichte jetzt den Schloßhügel von Balle. Der Augenblick nahte, in dem er die Spitze von Bû de la Rue umfahren mußte.

Gilliatt sah ihn kommen.

Luft und Meer schienen zu schlummern. Die Fluth stieg nicht sprungweise, sondern ganz allmählig. Der Spiegel der Meeres bewegte sich ohne Zuckungen. Das sanfte Rauschen der hohen See glich dem Athmen eines Kindes.

Man hörte von dem Hafen St. Sampson her kleine, dumpfe Schläge, den Ton der Hämmer. Sie rührten wahrscheinlich von den Zimmerleuten her, welche Krahnen und Winden herrichteten, um die Maschine aus der Barke zu heben. Dieser Lärm drang in Folge der Granitmasse, an welche sich Gilliatt angelehnt hatte, kaum bis zu dessen Ohr.

Der Cashmere näherte sich mit gespensterhafter Langsamkeit.

Gilliatt wartete.

Plötzlich zogen ein Klatschen und das Gefühl von Kälte seine Augen nach unten. Die Fluth berührte seine Augen.

Er blickte erst hinunter, dann nach oben.

Der Cashmere war ganz nahe.

Die Böschung, an der die Regen die Chaise Gild-Holm-'Ur ausgegraben hatten, war so steil und so viel Wasser war da, daß die Schiffer bei ruhigem Wetter gefahrlos bis auf einige Kabellängen vom Felsen Strich halten konnten.

Der Cashmere kam immer näher, hob sich, senkte sich und schien auf dem Meere zu wachsen. Es war wie das Umsichgreifen eines Schattens. Das Takelwerk schnitt unter dem prächtigen Wogen des Meeres schwarz vom Himmel ab. Die langen Segel, einen Augenblick vor der Sonne schwebend, wurden fast rosenroth und von unbeschreibbarer Durchsichtigkeit; die Wellen murmelten eine unverständliche Sprache. Kein Laut störte das majestätische Dahingleiten dieses Schattenbildes. Man unterschied Alles auf dem Deck, als wenn man sich selbst dort befände.

Der Cashmere strich neben dem Felsen hin.

Der Steuermann stand am Ruder, ein Schiffsjunge erkletterte die Rüstseile, einige Passagiere an das Geländer gelehnt, betrachteten das wunderbar schöne Wetter, der Capitän rauchte. Aber das Alles sah Gilliatt nicht.

Auf dem Decke war ein von der Sonne beschienener Fleck. Dorthin blickte er. In diesem Sonnenlichte saßen Ebenezer und Deruchette; er neben ihr. Anmuthig schmiegten sie sich aneinander, wie zwei Vögel, welche sich an den Mittagsstrahlen wärmen, auf einer jener, mit einem getheerten Plan bedeckten Bänke, welche gut eingerichtete Schiffe für ihre Passagiere bereit halten und über denen man auf englischen Schiffen: » Nur für Damen«, liest. Deruchette’s Kopf lag auf Ebenezer’s Schulter, der seinen Arm um ihre Hüfte hielt; ihre Hände lagen mit verschlungenen Fingern in einander. Diese beiden von der Natur bevorzugten, von der Unschuld geschaffenen Gestalten sahen sich so gleich, wie ein Engel dem andern. Die eine Gestalt war jungfräulicher, die andere himmlischer. Ihr keusches Umfangen war so zart und rein. Es schwebte ein himmlischer Glanz über dieser Bank. Der sanfte Glanz der in einer Wolke dahingleitenden Liebe. Das größte Schweigen herrschte.

Ebenezer’s Auge sprach Dank aus und betrachtete; Deruchette’s Lippen bewegten sich und in diesem köstlichen Schweigen, als der Wind nach dem Lande hin ging, in dem Augenblicke, in dem die Schaluppe einige Klafter von der Chaise entfernt vorüberglitt, hörte Gilliatt die zarte und zärtliche Stimme Deruchette’s sagen:

– Sieh da. Es scheint ein Mensch auf dem Felsen zu sein.

Die Erscheinung ging vorüber.

Der Cashmere ließ die Spitze vom Bû de la Rue hinter sich und furchte in die tiefen Wellenthäler hinein. In weniger, als einer Viertelstunde waren ihre Masten und Segel nur noch eine Art weißen Obeliskes auf dem Meere, der nach dem Horizonte hin verschwand. Das Wasser reichte Gilliatt bis zum Knie.

Er sah die Schaluppe sich entfernen.

Die Brise frischte auf. Er sah, wie der Cashmere seine untere Hauben und Foksegel aufhißte, um den verstärkten Wind zu benutzen. Jetzt war er schon aus dem Wasser von Guernesey. Gilliatt verließ ihn nicht mit den Augen.

Das Wasser reichte ihm bis zum Gürtel. – Die Fluth stieg. – Die Zeit verging.

Die Möven und Kormoranen umflogen ihn unruhig. Sie schienen ihn warnen zu wollen. Vielleicht befand sich unter diesen Vogelschaaren eine von den Douvres-Klippen, welche ihn erkannte.

Eine Stunde verflog.

Der Wind auf hoher See war auf der Rhede nicht fühlbar, aber der Cashmere entfernte sich schnell. Die Schaluppe fuhr allem Anscheine nach mit vollen Segeln und war fast auf der Höhe der »Helme.«

Kein Schaum zeigte sich um den Felsen Gild-Holm-‚Ur, keine Welle schlug den Granit. Das Wasser schwoll ruhig an und reichte Gilliatt fast bis zu den Achseln.

Eine zweite Stunde verfloß.

Der Cashmere war jenseits der Wasser von Aurigny. Der Ortach-Felsen verbarg ihn auf einen Augenblick. Er trat in seinen Schatten ein und kam dann wieder aus ihm hervor, wie ans einer Verfinsterung. Die Schaluppe floh gen Norden, gewann das hohe Meer und glich jetzt nur noch einem unter den Sonnenstrahlen aufblitzenden Punkte.

Die Vögel stießen ein leises Geschrei nach Gilliatt gewendet aus.

Man sah nur noch seinen Kopf.

Das Meer stieg mit düstrer Langsamkeit.

Gilliatt, unbeweglich, sah, wie der Cashmere verschwand.

Die Fluth war fast auf ihrer Höhe. Der Abend näherte sich. Hinter Gilliatt kehrten einige Fischerboote auf die Rhede zurück.

Gilliatt’s Auge, in der Ferne aus die Schaluppe geheftet, blieb unbeweglich.

Diesem starren Auge glich nichts auf Erden. In diesem traurigen und ruhigen Sterne lag etwas Unbeschreibbares. Dieser Blick enthielt die ganze Ruhe, welche ein nicht erfüllter Traum zurückläßt. Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Finsterniß unter diesen Lidern, deren Blick auf einen Punkt im Raume geheftet blieb. Zugleich mit dem unendlichen Wasser um den Felsen Gild-Holm-‚Ur stieg die unendliche Ruhe des Schattens in Gilliatt’s tiefem Auge.

Der Cashmere, unerkennbar geworden, war jetzt mit dem Nebel ein verschmolzener Punkt. Um ihn noch unterscheiden zu können, mußte man wissen, wo er war.

Nach und nach verblaßte dieser Fleck, welcher keine Form mehr hatte.

Dann verkleinerte er sich.

Dann verschwand er.

In dem Augenblicke, wo das Schiff hinter dem Gesichtskreise versank, verschwand der Kopf Gilliatts unter dem Wasser. Nichts war mehr, als das Meer.

 

Ende.

 

Druck von Otto Janke in Berlin.

Zweites Buch. Mess Lethierry.


Erstes Capitel. Unruhiges Leben, ruhiges Gewissen.

Mess Lethierry, ein angesehener Mann in St. Sampson, war ein tüchtiger Seemann. Er hatte sich in seinem Leben fleißig auf dem Wasser herumgetummelt und, so zu sagen, von der Pike aus gedient. Er hatte alle Grade der Seemannslaufbahn durchgemacht. Vom Schiffsjungen war er zum Segelaufhisser, vom Segelaufhisser zum Steuerbootsmann, vom Steuerbootsmann zum Hochbootsmann, vom Hochbootsmann zum Zeugmeister, vom Zeugmeister zum Obersteuermann, vom Obersteuermann zum Capitain avancirt. Jetzt war er ein Rheder. Das war ein Mann, der seinen See-Katechismus im Kopfe hatte. Bei Strandungen war er auf dem Platze. In Sturm und Wetter sah man ihn am Meeresufer. Er beobachtete die Wolken, den Wind, das Meer, die Schiffe; er hatte das Auge überall. Was ist das Schwarze da hinten? Es ist ein strandendes Schiff. Es ist ein Sardellenboot aus Weymouth – ein Kutter aus Aurigny – die Yacht eines Lord – es ist ein Franzose – ein Engländer – ein Armer – ein Reicher – es ist der Teufel – einerlei! Er sprang in’s Boot, rief ein paar tüchtige Leute zusammen; waren sie nicht rasch genug zur Hand, so ging er allein und that alles Notwendige selber. Er löste das Bindseil, ergriff das Ruder, und hinaus ging es in die offene See. Bergauf, bergab tanzte das Schifflein zu der Musik des Sturmes und der Begleitung der zischenden brausenden Wogen, trotzend der Gefahr. Man sah ihn aufrecht stehen in seinem Boot, den tapferen Helden des Meeres, vom Sturm gepeitscht, von Blitzen umzuckt, triefend von Himmels- und Meerwasser, das Gesicht eines Löwen mit einer Mähne von Schaum. Er wagte für Menschen, Schiffe und Güter tausend und aber tausend Mal sein Leben, denn das war seine Lust. Es war seine Lust, dem Sturm seinen Raub abzujagen. War er aber Abends nach Hause zurückgekehrt so – strickte er Strümpfe.

Dieses Leben führte er fünfzig Jahre, vom zehnten bis zum sechzigsten, so lange er jung war. Als er sechszig Jahre zählte, war er nicht mehr, wie ehemals im Stande, den Ambos der Schmiede zu Varclin, welcher dreihundert Pfund wog, mit einem Arme zu heben. Der Rheumatismus hatte ihn gefangen genommen; er mußte dem Meere entsagen. Nun war für ihn der Uebergang aus dem Zeitalter der Herren in das der Patriarchen gekommen; er war nun nichts weiter als ein guter alter Herr.

Mit dem Rheumatismus war auch der Wohlstand bei ihm eingekehrt. Diese beiden Früchte der Arbeit halten gute Kameradschaft miteinander, sie kommen meistens zusammen. Wenn man reich wird, wird man gelähmt. Das ist der Lohn eines Lebens.

Man sagt sich: jetzt wollen wir uns des Lebens freuen.

Auf Inseln wie Guernesey giebt es zweierlei Menschen, solche, welche ihren Acker bauen, und solche, die die Erde umreisen. Das sind die beiden Arbeiter-Arten, welche diese Inseln hervorbringen: Land- und Meer-Arbeiter. Mess Lethierry war Einer von den Letzteren. Doch war ihm auch das Land nicht fremd: er kannte Land und Meer, mit Beiden war er vertraut. Ein Leben voll harter Arbeit lag hinter ihm. Er war auf dem Continent gewesen und hatte lange Zeit in Rochefort und auch später in Cette als Schiffszimmermann gearbeitet. Wir sprachen eben von der Reise um die Welt. Dazu gehört auch Frankreich, welches er als Schiffszimmermanns-Geselle in allen Richtungen durchwanderte. Dann hatte er in der Franche-Comté in den Salinen gearbeitet und überhaupt das Leben eines Abenteurers geführt. In Frankreich lernte er lesen, denken und wollen. »Prüfet Alles und behaltet das Beste,« war sein Wahlspruch, und er hatte Alles geprüft, Alles gesehen, Alles versucht, Alles gethan, und überall die Probe der Redlichkeit bestanden. Er war ein geborener Seemann; das Wasser gehörte ihm. Die Fische sind meine Gäste, sagte er. Sein ganzes Leben, zwei, höchstens drei Jahre abgerechnet, hatte er dem Ocean geweiht: in’s Wasser geworfen, wie er sich ausdrückte. Er hatte alle großen Meere befahren, das Atlantische, wie das Stille Meer; doch gab er dem Canal den Vorzug. Von ihm sagte er mit begeisterter Liebe: » Das nenn‘ ich ungestüm!« An seinen Ufern war er geboren, dort wollte er auch sterben.

Nachdem er zwei Mal die Erde umkreist hatte, wußte er, was er von ihm zu halten hatte. Er zog sich nach Guernesey zurück, und blieb dort sitzen. Seine Reisen beschränkten sich auf Granville und St. Malo.

Mess Lethierry war ein Guerneseyer, also ein Normanne; das heißt ebensowohl Engländer als Franzose. In ihm und für ihn aber war diese, seine vierfache Heimath unter- und aufgegangen in dem, seiner einen großen Heimath, dem Ocean. Immer und überall in seinem Leben hatte er die Sitten des Fischers der Normandie bewahrt. Das verhinderte ihn indessen nicht, gelegentlich eine alte Scharteke aufzuschlagen, gern ein Buch zu lesen, die Namen aller Dichter und Philosophen zu kennen und alle möglichen Sprachen ein wenig zu radebrechen.

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Zweites Capitel. Mess Lethierry’s Liebhaberei.

War Gilliatt menschenscheu, so war es Mess Lethierry nicht weniger, doch hatte seine Menschenscheu eine gewisse Eleganz.

In Bezug auf Frauen war er anspruchsvoll. In seiner Jugend, man kann sagen seiner Kindheit, zwischen Matrosen und Schiffsjungen, hatte er einmal den Amtmann von Suffren ausrufen hören: Siehe da! Ein hübsches Mädchen. Schade, daß sie so verteufelt große rothe Hände hat! Das Wort eines Admirals ist in allen Dingen Befehl, und deßhalb hatte auch dieser Ausruf einen großen Eindruck auf das Gemüth des kleinen Schiffsjungen gemacht. Von diesem Augenblicke an wurde Lethierry sehr anspruchsvoll im Punkt der kleinen, weißen Händchen, obgleich die seinen breite, mahagonifarbige Spaten waren. Es waren Keulen an Leichtigkeit, Schmiedezangen an Zartheit, und sie konnten Pflastersteine zermalmen, wenn sie sich zur Faust schlossen.

Mess Lethierry hatte sich nicht verheirathet. Vielleicht fand er nicht, was er suchte, vielleicht hatte er aber gar nicht gesucht. Oder sollte seine Ehelosigkeit das Resultat einer vergeblichen Jagd nach kleinen Händen sein? Die feinen Hände einer Herzogin sucht man vergeblich bei den Fischerinnen von Portbail.

Er soll indessen noch einmal in seinem Leben die Bekanntschaft solcher Hände gemacht haben, und zwar in Rochefort – so erzählen wenigstens die Leute. Dort fand er nämlich sein Ideal in Gestalt einer Grisette, welche nicht allein schön war, sondern auch die allerzierlichsten Hände hatte, die man sehen konnte. Dieses reizende Wesen verleumdete aber und kratzte, so daß es gefährlich war, mit ihr etwas zu thun zu haben.

Obgleich mit Hülfe der Scheere für den Nothgebrauch zu Krallen zugespitzt, waren die Nägel dieser niedlichen Händchen von untadelhafter Sauberkeit; es waren Nägel ohne Furcht und Tadel. Diese reizenden Nägel hatten Lethierry bezaubert; später zwar fürchtete er sich ein wenig davor, und um sein eigener Herr zu bleiben, führte er dies Liebchen nicht zum Traualtar.

In Aurigny lernte er ein anderes Mädchen kennen, welches ihm gefiel. Dies Mal dachte er an’s Heirathen; er wollte schon Vorbereitungen treffen, als Jemand zu ihm sagte: Ich mache Euch mein Compliment, Ihr werdet eine gute Frau bekommen: sie ist erprobt.

– Wieso?

– Sie blieben hängen.

– Was?

– Die Kuhfladen.

Der gute Bürger von Aurigny erklärte nun dem erstaunten Lethierry das Räthsel folgendermaßen. Jedes Mädchen, sagte er, das bei uns zu Lande ein Freier als Hausfrau heimführen will, muß sich erst durch den Kuhfladenwurf als künftige gute Wirthschafterin legitimiren. Der Akt der Legitimation aber wird so vollzogen. Das Mädchen muß auf eigentümliche Art einen Kuhfladen an die Wand werfen. Bleibt dieser hängen, so ist es ein gutes Zeichen; er trocknet dann an der Wand, fällt ab, und wird als Brennmaterial benutzt. Man nennt dies Torfmachen. Bei uns heirathen die Männer nur gute Torfmacherinnen. Dieses Talent mußte Lethierry etwas anrüchig erschienen sein, denn von Stunde an kehrte er der-Kuhfladen-Torf-Fabrikantin den Rücken. Er war, wie gesagt, sehr anspruchsvoll im Punkte der Zartheit bei dem schönen Geschlecht.

Uebrigens hatte Lethierry im Punkte der Liebe, oder vielmehr der Liebesaffairen, seine eigenen Ansichten.

Er war ein Anhänger jener gesunden Philosophie, welche stets den breiten Weg zu ihrem Ziele wählt und liebte deßhalb in einer Frau nicht das Geschlecht, sondern er liebte die Frau in ihrem ganzen Geschlecht. Er machte auch kein Hehl daraus, sondern gestand ganz offen, daß ihm der »Unterrock« in seiner Jugend oft gefährlich gewesen sei. Was man damals Unterrock nannte, heißt jetzt Crinoline. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man etwas mehr, und etwas weniger als eine Frau.

Die Seeleute des normannischen Inselmeers sind nicht ohne Geist und Kenntnisse. Fast Alle können lesen, und man sieht des Sonntags winzige Schiffsjungen von acht Jahren, ein Buch in der Hand, auf einer Segeltuchrolle sitzen und emsig lesen. Zu allen Zeiten aber waren die normannischen Schiffer aufgeräumte, muntere, witzige Leute. Sie machten gern bei Gelegenheit ihr Späßchen und waren in Wortspielen ganz besonders erfinderisch. Einer von ihnen, ein verwegener Lootse mit Namen Quéripel, sagte zu dem nach Jersey geflüchteten Montgomery, in Beziehung auf dessen unglücklichen Lanzenwurf, der Heinrich II. das Leben kostete: » Ein Tollkopf hat einen Hohlkopf zerbrochen!« Ein Anderer, ein Schiffscapitain zu St. Brelade, Namens Toupeau, machte jenes philosophische Wortspiel, das mit Unrecht dem Bischof Camus zugeschrieben wurde: Nach dem Tode werden die Päpste, des Bannstrahls Schmetterer, zu Schmetterlingen und die Majestäten zu Madenstätten.

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Drittes Capitel. Man ist verwundbar in dem was man liebt.

Mess Lethierry hatte das Herz auf der Hand; eine breite Hand, ein großes Herz. Sein größter Fehler war jene bewunderungswürdige Eigenschaft: das Vertrauen. Er hatte eine besondere Weise sein Wort zu geben. Wenn er sagte: Ich gebe dem lieben Gott mein Ehrenwort darauf, so konnte ihn selbst der Teufel nicht abhalten, sein heiliges Versprechen zu erfüllen. Er glaubte an den lieben Gott, sonst an nichts. In die Kirche ging er nur, wenn die Höflichkeit ihn gelegentlich dazu veranlaßte. Auf dem offenen Meere war er abergläubisch.

Dennoch machte ihn selbst der heftigste Sturm nicht muthlos. Das kam daher, weil Mess Lethierry den Widerspruch nicht ertragen konnte. Er duldete ihn vom Ocean eben so wenig, wie von einem Anderen. Alles sollte ihm gehorchen. Mochte immerhin das Meer zuweilen sich bäumen, er wußte es stets auf seine Seite zu bringen, denn es war einmal sein Grundsatz, niemals zu weichen. Weder eine aufsteigende Woge, noch ein streitsüchtiger Nachbar konnten ihn von diesem Grundsatz abbringen. Was er einmal gesagt hatte, das war gesagt, und was er sich einmal vorgenommen hatte, das stand fest. Er ließ sich eben so wenig von einer Gegenrede als von einem Sturm beirren. Das Wort: »Nein« existirte für ihn weder auf den Lippen eines Menschen, noch in dem Grollen des Donners. Ja er ging noch weiter: er duldete keinen Widerspruch. Sein Eigensinn im gewöhnlichen Leben und seine Kühnheit auf dem Ocean gaben davon Zeugniß.

Er bereitete sich gern seinen Teller Fleischsuppe selber, wobei er die richtige Dosis Pfeffer und Kräuter auf ein Haar zu treffen wußte, und was er selbst gekocht hatte, schmeckte ihm am besten. Mess Lethierry war linkisch auf dem Lande, doch eigener Art und furchtbar auf dem Meere; er hatte einen Lastträgerrücken, fluchte niemals, und der Zorn war bei ihm eine äußerst seltene Erscheinung; seine Stimme war gewöhnlich schwach und sanft, verstärkte sich aber im Sprachrohr zum Donnerton. Er war ein Bauer, der die Encyklopädie gelesen, ein Guerneseyer, welcher die Revolution gesehen, ein gelehrter Unwissender; er war nicht bigott, aber ein Phantast; er hatte mehr Glauben an die weiße Frau, als an die heilige Jungfrau; seine Kraft war die eines Polyphem, seine Logik die einer Wetterfahne, sein Wille der eines Columbus. Er hatte Etwas von einem Stier und Etwas von einem Kinde. Uebrigens hatte er eine Stumpfnase, kräftige Backen, einen Mund mit kerngesunden und vollständigen Zähnen; ein faltiges, sonnenverbranntes, schon fünfzig Jahre von dem Meerwasser bespültes und von der Windrose wieder getrocknetes Gesicht; eine Stirn, auf der beständig Wetterwolken drohten. Denke Dir zu diesem rauhen harten Seemanns-Gesicht noch ein gutmüthig blickendes Auge hinzu, so hast Du Mess Lethierry wie er leibt und lebt.

Mess Lethierry hatte zwei Neigungen: Durande und Deruchette.

Erstes Buch. Worauf ein schlechter Ruf sich gründet.

 

Erstes Capitel. Ein Wort, geschrieben auf ein weißes Blatt.

Der Weihnachtstag des Jahres 182* zeichnete sich zu Guernesey durch ein ganz unerhörtes Factum aus: Es schneite an diesem Tage. Auf den Inseln des Canals ist Eis eine Merkwürdigkeit und Schnee ein Ereigniß.

An diesem Christmorgen war der Weg am Ufer des St. Patrikhafens ganz weiß. Es hatte von Mitternacht bis gegen Morgen geschneit. Bald nach Sonnenaufgang, etwa um die neunte Stunde, um welche Zeit die Anglikaner noch nicht in die Kirche von St. Sampson und die Wesleyaner noch nicht nach der Kapelle Eldad zu wandern pflegen, war der Weg am Ufer noch fast menschenleer. Auf der ganzen Strecke, welche die Thürme beider Kirchen von einander scheidet, befanden sich nur drei Wanderer, ein Kind, ein Mann und ein Weib. Jeder Einzelne dieser Fußgänger schritt, getrennt von den Uebrigen, einsam seines Weges dahin; kein sichtbares Band vereinigte sie. Das Kind, welches ungefähr acht Jahre zählen mochte, war stehen geblieben und beobachtete mit Neugier den Schnee. Der Mann ging in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten hinter der Frau her und verfolgte gleich ihr, den Weg nach Saint-Sampson. Er war noch jung; sein Aeußeres verrieth einen Arbeiter oder Matrosen. Er trug seinen Werktagsanzug, einen Kittel von grobem Tuch und ein nach unten betheertes Beinkleid, was anzudeuten schien, daß er ungeachtet des Festtages in keine Kirche zu gehen beabsichtigte. Seine schweren Schuhe waren von rohem Leder, mit dicken eisernen Nägeln beschlagen; sie hinterließen im Schnee Spuren, welche eher einem Gefängnißschlosse, als den Fußtapfen eines Menschen glichen. Die weibliche Fußgängerin hatte eine sorgfältigere Toilette gemacht; sie trug ersichtlich ihren Sonntagsstaat, welcher aus einem weiten wattirten schwarz seidenen Mantel bestand, der ein sehr kokettes Kleid von irischem Popelin mit rosa und weißen Falbelas in seine reichen Falten hüllte. Hätte sie nicht rothe Strümpfe getragen, so hätte man sie für eine Pariserin halten können. Sie schritt mit jenem leichten und elastischen Gang eines jungen Mädchens dahin, dem das Leben noch keine Bürde ist. Ihre Haltung besaß jene flüchtige Grazie, die der zartesten Uebergangsperiode eigen ist, welche zwei Dämmerungen, die der endenden Kindheit und der beginnenden Jungfräulichkeit mit einander verbindet. Der männliche Wanderer hatte für alles Dieses keine Augen.

Als sie jedoch, in der Nähe eines Eichengebüsches, den ein Hanffeld begrenzte, an einem Orte angekommen war, welchen man »die niedrigen Häuser« nannte, wandte sie sich um, und nun sah ihr der Mann in’s Angesicht. Sie blieb stehen, schien ihn einen Augenblick zu beobachten, und er glaubte zu bemerken, daß sie mit dem Finger etwas in den Schnee schrieb. Dann erhob sie sich schnell, verdoppelte ihre Schritte, sah sich nochmals um, lächelte, und verschwand dann links hinter den Hecken, welche den Weg begrenzen, der nach dem Schlosse von Lierre führt. Als sie sich zum zweiten Male umgewendet hatte, erkannte sie der Mann: es war Deruchette, ein reizendes Landmädchen.

Er fühlte nicht das geringste Bedürfniß, seinen Schritt zu beschleunigen; einige Augenblicke später erreichte er den Eichenbusch am Winkel des Hanffeldes. Er dachte schon nicht mehr an Diejenige, welche soeben diese Stelle verlassen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß, wenn in diesem Moment ein Delphin aus dem Meer hervorgetaucht, oder ein Rothkehlchen im Busch gesungen hätte, er das Auge auf den kleinen Vogel oder den Fisch gerichtet haben würde. Zufällig hatte er in diesem Augenblick die Wimper gesenkt, und so kam es, daß unwillkürlich sein Blick an jener Stelle haftete, auf welcher das junge Mädchen stehen geblieben war. Zwei kleine Fußspuren bezeichneten dieselbe, und daneben las der Wanderer das in den Schnee geschriebene Wort »Gilliatt.«

Es war sein Name.

Er hieß Gilliatt.

Lange blieb er regungslos auf dieser Stelle stehen, betrachtete die Schrift, sowie die in den Schnee eingedrückten kleinen Fußspuren, und ging dann gedankenvoll weiter.

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Zweites Capitel. Das Gespensterhaus.

Gilliatt wohnte in der Pfarrei von Saint-Sampson. Er war dort nicht beliebt. Das hatte seine Gründe.

Erstens bewohnte er ein Haus, in dem es nicht geheuer war. Dem, welcher die Gegend von Jersey und Guernesey besucht, begegnet es wohl leicht, daß ihm auf dem Lande, in der Stadt, in irgend einem einsamen Winkel, oder auch in einer belebten Straße, ein Haus auffällt, dessen Eingang verbarrikadirt ist. Stechpalmen und Dorngestrüpp versperren die Thür; mit Nägeln beschlagene Bretter bedecken wie häßliche Pflaster die Fenster des Erdgeschosses. Die des oberen Stockwerks sind zugleich geschlossen und geöffnet; die Rahmen der Fenster nämlich sind alle sorgfältig verriegelt, die Scheiben jedoch sämmtlich zerbrochen. Wenn solch ein Haus einen Hof hat, wächst fußhohes Gras darin; hat es zufällig auch einen Garten, so kann man sich darauf verlassen, daß in demselben eine Fülle von Unkraut, Brennnesseln, Dornen und Schierling wuchert, und man kann darin die Bekanntschaft vieler seltener Insecten machen. Im Innern aber ist das Haus zerfallen; die Schornsteine sind geborsten, die Dächer schadhaft, die Balken verfaulen, die Steine verschimmeln, die Tapeten der Zimmer hängen in Fetzen von den entblößten Mauern herab. Man kann auf diesen Fetzen die wechselnden Moden der verschiedenen Epochen studiren. Man findet auf ihnen die Greife des Kaiserreichs, die bogenartigen Draperien des Directoriums, wie die Geländer und Halbsäulen, welche den Geschmack des Zeitalters Ludwig XVI. kennzeichneten. Die dichten Spinnengewebe mit ihrer Menge von Fliegenleichen lassen auf den tiefsten Frieden, die ungestörteste Ruhe dieser fleißigen Arbeiterinnen schließen. Hie und da bemerkt man einen zerbrochenen Topf auf einem Brett. Von solchen Häusern sagt man, es spuke darin, und der Teufel treibe dort allnächtlich sein Wesen.

Ein Haus kann, wie der Mensch, eine Leiche werden. Der Aberglaube vermag es zu tödten. Dann ist es ein Gegenstand des Grauens. Diese todten Häuser sind nicht selten auf den Inseln des Canals.

Die Land- und Seeleute verstehen, was den Teufel betrifft, keinen Spaß. Die vom Canal, dem englischen Archipelagus und der französischen Küste haben ihre ganz bestimmten Vorstellungen von ihm. Der Teufel hat nach ihrer Meinung seine Abgesandten in allen Weltgegenden. Belphegor ist sein Gesandter in Frankreich, Hutgin in Italien, Belial in der Türkei, Thamutz in Spanien, Martinet in der Schweiz und Mammon in England. Satan ist so gut Kaiser wie ein Anderer. Satan-Cäsar! Er macht ein großes Haus. Dagon ist Groß-Bannerträger, Succor Benoth das Haupt der Eunuchen, Asmodeus der Chef der Spielbanken, Kobal Theater-Director und Verdelet Groß-Ceremonienmeister; Nybbas ist der Hofnarr; Wiérus, den ausgezeichneten Gelehrten, guten Vampyrkenner und wohlunterrichteten Dämonograph, nennt Nybbas »den großen Parodisten.«

Die Fischer der Normandie sind auf offner See sehr auf ihrer Hut vor den Blendwerken des Teufels. Man war lange Zeit der Meinung, daß der heilige Maclou den großen viereckigen Felsen Ortach bewohne, welcher sich zwischen Aurigny und den Klippen von Gers befindet, und viele alte Matrosen versichern, ihn oft auf diesem Felsen sitzend und in einem Buche lesend gesehen zu haben. Vorüberfahrende Schiffer versäumten es daher auch niemals, vor dieser Steinmasse andächtig ihr Kniee zu beugen, bis die Alles besiegende Wahrheit auch diese Sage verdrängte. Man hat seitdem die Entdeckung gemacht, daß der Bewohner des Felsens Ortach kein Heiliger, sondern ein Teufel sei. Dieser Teufel, mit Namen Jochmus, hatte sich arglistiger Weise mehrere Jahrhunderte hindurch für den heiligen Maclou ausgegeben. Solche Irrthümer kommen vor; ist doch die Kirche selber zuweilen darin befangen. Die Teufel Raguhel, Oribel, Tobiel waren Heilige bis zu dem Jahre 745, wo der Papst Zacharias ihre Teufelei gewittert und sie ausgetrieben. Um solche Austreibungen vornehmen zu können, welche sicherlich sehr nützlich sind, muß man in der Teufelei sehr bewandert sein.

Die alten Landleute erzählen – jedoch gehören diese Thatsachen der Vergangenheit an – daß die katholische Bevölkerung des normännischen Archipelagus, obgleich gegen ihren Willen, mit dem Bösen in engerer Verbindung stand als die Hugenotten. Warum? wissen wir nicht. Sicher ist, daß diese Minorität ehemals vom Bösen sehr geplagt wurde. Der Teufel hatte die Katholiken in ganz besondere Affection genommen, und zog ihren Umgang dem der Hugenotten vor, was für die Wahrscheinlichkeit spricht, daß der Teufel eher Katholik als Protestant ist. Zu den unerträglichsten Vertraulichkeiten, welche er sich herausnahm, gehörten die nächtlichen Besuche, die er katholischen Eheleuten in dem Augenblick, wo der Mann schon ganz, die Frau jedoch erst halb eingeschlafen war, abstattete. Daher die vielfachen Mißgeburten. Patrouillet erklärte Voltaire’s Entstehung auf diese Weise. Diese Meinung ist nicht ganz unwahrscheinlich. Ein solcher Fall ist übrigens ganz bekannt und in den Beschwörungsformeln unter der Rubrik: de erroribus nocturnis et de semine diabolorum beschrieben. Er wurde zu St. Helier mit ganz besonderer Strenge behandelt; wahrscheinlich zur Strafe für die Sünden der Revolution. Die Folgen der revolutionären Frevel sind unberechenbar. Wie dem aber auch sein mag, die Möglichkeit eines nächtlichen Besuchs vom Teufel machte vielen rechtgläubigen Frauen großen Kummer. Es ist freilich nicht angenehm, einen Voltaire zur Welt zu bringen. Eine dieser Frauen erkundigte sich in ihrer Herzensangst bei ihrem Beichtiger nach einem Mittel, noch bei Zeiten dem Unfug dieser Verwechselung zu steuern. Der Beichtvater antwortete: Wenn Ihr wissen wollt, ob Ihr es mit Eurem Manne oder mit dem Teufel zu thun habt, so dürft Ihr ihn nur an die Stirn fassen; fühlt Ihr dort Hörner, so könnt Ihr sicher sein, daß … Was denn? fragte die Frau.

Das Haus, welches Gilliatt bewohnte, gehörte ehemals zu denen, in welchen es spukte. Jetzt zwar stand es nicht mehr in dem Ruf, allein gerade deshalb war es um so verdächtiger. Es herrschte kein Zweifel, daß. wenn in einem Haus, in welchem es spukte, ein Hexenmeister wohne, der Teufel dasselbe gut verwahrt glaube und dann so höflich sei, wie der Arzt zum Kranken, der nur, wenn er gerufen wird, kommt.

Dieses verrufene Haus also hieß das Gespensterhaus. Es befand sich an der Spitze einer Land- oder vielmehr Felsenzunge, welche einen eigenen kleinen Ankerplatz in der Bucht von Houmet-Paradis bildete. Das Wasser ist dort tief. Fast abgeschnitten von der übrigen Insel, stand das Haus ganz allein auf der Landzunge; das geringe Erdreich seiner Umgebung lieferte nur nothdürftig den Raum zu einem kleinen Gemüsegarten. Zur Zeit der Fluth stand derselbe völlig unter Wasser. Zwischen dem Hafen von St. Sampson und der Bucht von Houmet-Paradis befindet sich der große Hügel, welchen die mit Epheu umrankten Thürme des Schlosses du Valle krönen. Man konnte daher von St. Sampson aus das Gespensterhaus nicht sehen.

In Guernesey sind Hexenmeister noch etwas ganz Gewöhnliches. Diese Art Leute üben in gewissen Kirchspielen ihr Geschäft aus, ohne daß das neunzehnte Jahrhundert etwas dagegen einzuwenden hätte. Die Ausübung dieser Künste ist wahrhaft sträflich. Sie machen Gold, pflücken um Mitternacht Kräuter, und behexen das Vieh durch den bösen Blick. Man holt sich Rath bei ihnen, bringt ihnen das Wasser der Kranken und schüttelt kummervoll den Kopf, wenn sie sagen: »Das Wasser scheint höchst bedenklich.« Einer von ihnen hatte im März des Jahres 1857 in dem Wasser eines Kranken nicht weniger als sieben Teufel entdeckt. Solche Leute sind eben so gefürchtet als furchtbar. Ein Anderer von Ihnen hatte einmal einen Bäcker sammt seinem Backofen verhext. Wieder ein Anderer hatte die Bosheit, mit der größesten Sorgfalt Briefcouverts zu versiegeln, welche nichts enthielten. Noch ein Anderer hatte in seinem Hause drei Flaschen auf einem Brette stehen, welche mit einem Etiquette versehen waren, auf welchem der Buchstabe B zu lesen war. Diese Thatsachen sind erwiesen. Einige dieser Zauberer sind sehr mitleidiger Natur; sie übernehmen für drei Goldgulden die Krankheiten ihrer Nebenmenschen, wälzen sich auf ihren Betten umher und schreien. Währenddessen sind die Kranken gesund und von ihren Qualen erlöst. Anderen helfen sie durch ein Taschentuch, welches sie ihnen um den Leib binden. Es ist dabei nur zu verwundern, daß man nicht schon früher an dieses höchst einfache Heilmittel gedacht. Im vorigen Jahrhundert wurden diese Leute durch den Gerichtshof zu Guernesey zum Scheiterhaufen verurtheilt und verbrannt; in unserer Zeit sperrt man sie acht Wochen ein: vier Wochen bei Wasser und Brod, und vier Wochen in Einzelhaft. Beide Strafarten wechseln mit einander ab. Amant alterna catenae.

Der letzte Scheiterhaufen, auf welchem man einen Hexenmeister verbrannte, wurde zu Guernesey im Jahre 1747 errichtet. Die Stadt hatte zu dieser außerordentlichen Gelegenheit einen ihrer Plätze, den Kreuzweg der Doggs, hergegeben. Von 1565 bis 1700 wurden auf diesem Platze elf Zauberer verbrannt. In den meisten Fällen legten die Schuldigen ein Geständniß ab. Man erleichterte es ihnen durch die Folter. Dieser Kreuzweg leistete der Gesellschaft und der Religion auch noch andere Dienste. Man verbrannte dort die Ketzer unter Maria Tudor, unter anderen Hugenotten auch eine Mutter, Perrotine Massy mit ihren zwei Töchtern. Eine dieser Töchter war in gesegneten Umständen und genas auf dem Scheiterhaufen eines Knäbleins. Die Chronik bewahrt dieses merkwürdige Ereigniß der Nachwelt durch folgende Notiz auf: Ihr Leib spaltete sich, und es entglitt ihm ein Kindlein, welches vom Scheiterhaufen herab auf die Erde rollte. Ein Mann, Namens House, hob das Kindlein auf, aber der Herr Landvogt Hélier Gosselin, ein guter Katholik, ließ dasselbe wieder in die Flammen werfen.

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Drittes Capitel. Für Deine Frau, wenn Du Dich vermählst.

Kehren wir zu Gilliatt zurück.

Man erzählte sich dort zu Lande, daß gegen das Ende der Revolution eine Frau mit einem kleinen Kinde nach Guernesey gekommen wäre, vermuthlich eine Engländerin; war sie dies nicht, so war sie wahrscheinlich eine Französin. Sie hatte einen Namen, aus welchem die Sprache und die Orthographie der Einwohner von Guernesey den Namen Gilliatt machte. Diese Frau lebte allein mit ihrem Kinde, das Einige für ihren Neffen, Andere für ihren Sohn, und wieder Andere für keins von Beiden hielten. Sie hatte nur gerade so viel Geld, um knapp davon leben zu können. Sie kaufte eine Wiese nahe bei dem Polizeigericht und ein Grundstück in Crespel bei Roquaine. In dem Gespensterhause spukte es zu dieser Zeit. Es war seit dreißig Jahren nicht bewohnt worden, und fiel in Trümmer. Der Garten, durch gar zu häufige Ueberschwemmungen verwüstet, brachte Nichts hervor.

Außer dem allnächtlichen Lärmen und den Lichtern, welche man in diesem Hause flackern sah, erzählten sich die Leute auch noch eine höchst merkwürdige und in der That sehr grauenhafte Geschichte, welche dort passirte. Man sagte, daß wenn man am Abend vor dem Schlafengehen einen Knäuel Strickwolle nebst Stricknadeln auf das Kamin lege und einen Teller voll Suppe daneben stelle, so fände man am nächsten Morgen den Teller leer und daneben ein Paar gestrickte Fausthandschuhe. Man bot das Haus sammt dem darin sein Wesen treibenden Kobold für einige Pfund Sterling zum Kaufe an. Diese Frau, entweder vom Teufel oder von der Billigkeit verführt, wagte den Kauf. Ja, sie that mehr als das: sie bewohnte auch das Gespensterhaus mit ihrem Knaben, und von diesem Augenblick an wurde es dort ganz ruhig. Die Leute meinten, das Haus hätte nun, was es wollte. Die Gespenster hörten auf, ihr Wesen zu treiben. Man hörte des Morgens nicht mehr schreien und toben, und sah kein anderes Licht darin, als das Talglicht, welches die gute Frau jeden Abend anzündete. Das Licht eines Zauberers, sagten die Leute, ist so gut wie die Fackel des Teufels. Diese Erklärung genügte dem Publicum.

Die Frau lebte von dem Ertrag ihrer wenigen Morgen Landes und von einer guten Kuh, die vortreffliche Milch und gelbe Butter lieferte. Sie verkaufte, wie jede andere Frau vom Lande, ihre Pastinakwurzeln in kleinen Tonnen, ihre Zwiebeln in Bündeln, sowie Bohnen und Kartoffeln metzenweise. Doch brachte sie ihre Waaren nicht selber zu Markte, sondern ließ sie durch einen Bekannten, einen Landmann aus der Umgegend, Namens Guilbert Falliot, feil bieten.

Die Schäden des baufälligen Hauses wurden mühsam ausgebessert, und es wurde wieder in einen etwas wohnlichen Zustand gesetzt. Es mußte schon arges Unwetter sein, wenn das Wasser durch die Dachritzen und Oeffnungen in die Stuben lief. Die Wohnung bestand aus einem Erdgeschoß und einem Speicher. Das Erdgeschoß hatte drei Säle, welche durch eine Leiter mit dem Speicher in Verbindung standen. Die Frau besorgte nicht nur Haus und Küche, sondern lehrte auch ihr Kind lesen. In die Kirche ging sie nicht. Aus diesem Umstande schloß man, daß sie eine Französin sei. Das »Nirgend-Hingehen« erregte große Bedenklichkeiten.

Im Ganzen genommen wußte man nicht recht, was man aus diesen Leuten machen sollte.

Eine Französin konnte diese Frau wohl sein. Vulkane werfen Steine, Revolutionen Menschen aus. Ganze Familien werden aus ihrem natürlichen Boden gerissen und in fremdes Erdreich verpflanzt; die verschiedenen Glieder zerstreuen und verlieren sich. Menschen fallen aus den Wolken: Diese weht der Wind nach Deutschland, Jene nach England, Andere nach Amerika. Die Eingeborenen dieser Länder wundern sich: »Wo kommen diese Fremden her?« Der Vesuv hat sie ausgespieen. Man giebt diesen ausgestoßenen, verlorenen, aus der Luft gefallenen, diesen vom Schicksal bei Seite geschafften Wesen Namen. Man nennt sie Emigrirte, Flüchtlinge, man nennt sie Abenteurer. Wenn sie bleiben, werden sie geduldet; wenn sie gehen, hat man nichts dagegen. Es sind dies oft – und besonders die Frauen unter ihnen – harmlose Geschöpfe, den Ereignissen, die sie aus ihrer Heimath vertrieben, völlig fremd, und verwundert, ohne ihr Verschulden, ohne Haß noch Zorn zu hegen; sich als von vulkanischen Auswürfen in die Luft geschleuderte Körper betrachten zu müssen. Arme, aus ihrem heimathlichen Boden gerissene Pflanzen, suchen sie im fremden Land, so gut sie können, Wurzel zu fassen. Sie, die Niemandem etwas zu Leid gethan. verstehen das ihnen auferlegte Schicksal nicht. Ich sah, wie einst ein armseliges Büschel Gras von einer Pulvermine in die Luft gesprengt wurde, wie sich die Halme von einander trennten, wie sie sich in der Luft zerstreuten und verloren gingen. Die französische Revolution hatte mehr solcher Ausgeworfener als irgend ein anderer Ausbruch. – Die Frau, welche man in Guernesey Gilliatt nannte, war vielleicht der Halm eines solchen Grasbüschels.

Sie wurde alt, ihr Knabe wuchs heran. Sie lebten allein; von Jedermann gemieden, genügten Mutter und Sohn einander. »Wölfin und Wölflein liebkosen sich,« sagten die wohlwollenden Nachbarn. Der Knabe wurde ein Jüngling, der Jüngling ein Mann. Der Baum des Lebens schält sich, die alten Rinden fallen ab und machen den jungen Platz. Die Mutter starb. Sie hinterließ ihrem Sohne ihre Wiese, ihr Grundstück und das alte, baufällige Haus. Im Inventarium waren ferner hundert Goldgulden aufgeführt, welche sich in einem Strumpfe befinden sollten. Das Haus war anständig ausgestattet; es befanden sich in demselben zwei eichene Koffer, zwei Betten, sechs Stühle und andere Utensilien. Auf einem Brett waren einige Bücher aufgestellt, und in der Ecke eines Zimmers stand ein Koffer von durchaus gewöhnlichem Aussehen, welcher wegen des aufzunehmenden Inventariums geöffnet werden mußte. Dieser Koffer war von falbem Leder; es waren Arabesken darin eingepreßt, und der Deckel war mit kupfernen Nägelköpfen und zinnernen Sternchen geziert. Derselbe enthielt eine vollständige weibliche Aussteuer, Hemden und Unterröcke von holländischer Leinwand, und seidene Kleider im Stück. Es lag ein Zettel dabei, worauf die Worte zu lesen waren: » Für deine Frau, wenn du dich vermählst

Dieser Tod verursachte dem Ueberlebenden großen Kummer. War er bisher ungesellig, so wurde er nun förmlich menschenscheu. Die Welt ward ihm zur Einöde. Es war nicht mehr Einsamkeit; es war völlig Leere um ihn. Zweien ist stets das Leben leicht; dem Einsamen, Verlassenen wird es zur Last, zur Bürde, die er kaum zu tragen vermag. Er versucht es auch gar nicht. Das ist der Anfang der Verzweiflung. Später lernt man es begreifen, daß uns das Leben die Pflicht auferlegt, es zu ertragen. Man betrachtet den Tod, man betrachtet das Leben und willigt darein, diese Pflicht auf sich zu nehmen; doch wird der Entschluß mit blutendem Herzen gefaßt.

Gilliatt war noch jung, seine Wunde vernarbte. In seinem Alter heilen noch die Herzenswunden. Seine persönliche Schwermuth milderte sich in dem Anblick der Natur. Dieses Gefühl, das eine Art von Reiz hat, zog ihn von den Menschen ab zu den Dingen, und söhnte seine Seele mehr und mehr mit der Einsamkeit aus.

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Viertes Capitel. Unbeliebtheit.

Gilliatt war, wie schon gesagt, in seinem Kirchspiel nicht beliebt. Dieser Unbeliebtheit fehlte es nicht an Ursachen. In erster Reihe stand das Haus, welches er bewohnte. Sodann wußte man so gut wie gar nichts über seinen Ursprung. Wer war jene Frau? Und was hatte es mit dem Kinde für eine Bewandtniß? Die Leute in dortiger Gegend zerbrechen sich nicht gern den Kopf über die Fremden, welche sich in ihrer Gegend ansiedeln. Ferner gab ihnen der Arbeiter-Anzug des Sohnes zu denken. Warum kleidet er sich wie ein Arbeiter, wenn er zu leben hat und nicht zu arbeiten braucht? Alsdann war es höchst auffallend, daß der Garten dieser Leute trotz der Aequinoctialstürme und der häufigen Ueberschwemmungen so gedieh, daß er prächtige Kartoffeln und ausgezeichnetes Gemüse lieferte. Und was mochte es wohl mit den großen dicken Büchern sein, die auf dem Brette standen, und in welchen Gilliatt so häufig las?

Aber das war noch nicht Alles!

Woher kam es, daß Gilliatt so allein das düstere Gespensterhaus bewohnte? Es war eine Art Lazareth; man hielt ihn in Quarantaine; so war es ganz natürlich, daß man sich über seine Einsamkeit wunderte und ihn dafür verantwortlich machte.

Er ging niemals in die Kirche. Oft ging er in der Nacht aus seinem Hause; er mußte mit Zauberern verkehren. Ein Mal überraschte man ihn in einem höchst auffälligen Zustande von Geistesabwesenheit im Grase sitzend, wo er mit Kräutern, Blumen und Steinen Zwiegespräche hielt. Man schwor darauf, es gesehen zu haben, wie er vor dem singenden Felsen eine Verbeugung machte. Es war ferner ebenso auffallend als unbegreiflich, daß er alle Vögel, welche ihm zum Kaufe angeboten wurden, fliegen ließ. Er war zwar artig und zuvorkommend gegen die Bürger von St. Sampson; man bemerkte indessen, daß er Umwege machte, um ihnen auszuweichen. Er fischte häufig und kam nie ohne Beute nach Hause. Man sah ihn Sonntags in seinem Garten arbeiten. Er hatte bei Gelegenheit eines Durchmarsches von einem schottischen Soldaten eine Flöte gekauft, auf welcher er bei einbrechender Nacht am Meeresstrand und in den Felsenriffen blies. Seine Bewegungen waren wie die eines Säemannes. War es ein Wunder, wenn er unter solchen Umständen nicht beliebt war? Was sollte wohl ein Land mit einem solchen Menschen anfangen?

Die Bücher, welche ihm die Verstorbene hinterlassen, und in denen er zuweilen las, waren nicht minder beunruhigend. Der hochwürdige Herr Pastor Jaquemin Hérode bemerkte bei Gelegenheit des Begräbnisses der verstorbenen Frau auf dem Rücken der Bücher folgende äußerst verdächtige Titel: Dictionnaire von Rosier, Candide, von Voltaire, Gesundheitslehre für das Volk, von Tissot. Ein französischer Emigrant, welcher sich nach St. Sampson zurückgezogen hatte, hielt es für sehr möglich, daß dieser Tissot derselbe sei, welcher den Kopf der Prinzessin von Lamballe auf einem Spieß getragen habe.

Der hochwürdige Herr Pastor hatte übrigens auch noch auf einem anderen Buche den ebenso sonderbaren als bedrohlichen Titel: » De Rhabarbero « gelesen.

Es muß jedoch hinzugefügt werden, daß das Buch, wie schon der Titel besagt, in lateinischer Sprache abgefaßt war; es war daher anzunehmen, daß Gilliatt, welcher diese Sprache nicht verstand, besagtes Buch auch nicht gelesen hatte.

Aber gerade die Bücher, welche ein Mensch nicht lies’t, zeugen gegen ihn. Die spanische Inquisition hat dieses außer allen Zweifel gestellt.

Das Buch war übrigens nur eine Abhandlung des Doctor Tilingius über den Rhabarber, welche im Jahre 1679 in Deutschland erschienen war.

Man wußte es nicht ganz genau, aber man hatte Gilliatt sehr stark im Verdacht, daß er allerhand Zaubertränke bereitete, denn er war im Besitz von Phiolen.

Und warum ging er des Abends aus dem Hause und trieb sich bis Mitternacht auf den steilen Küstenabhängen umher? Ohne allen Zweifel, um mit den bösen Geistern Umgang zu pflegen, welche des Nachts an den Ufern des Meeres, auf den Felsenriffen und im Nebel hausen.

Man wußte, daß er einmal einer alten Hexe, mit Namen Montonne Gahy, einen Karren aus dem Schlamme ziehen half.

Bei Gelegenheit einer Einwohner-Zählung, welche auf den Inseln vorgenommen wurde, gab er auf die Frage nach seinem Stand und seiner Beschäftigung den Beamten folgende, ebenso merkwürdige als verdachterregende Antwort: » Ich fische, wenn es etwas zu fischen giebt

Stellen wir uns auf den Standpunkt der Leute, so werden wir leicht begreifen, welchen Anstoß derartige Antworten geben mußten.

Armuth und Reichthum sind relative Begriffe. Gilliatt hatte eine Wiese, Felder und Haus. Im Vergleich zu Denen, welche gar Nichts hatten, war er nicht arm zu nennen. Eines Tages fragte ihn ein Mädchen, entweder um seine Meinung zu prüfen, oder einer Werbung entgegen zu kommen – denn Weiber heirathen ja den Teufel, wenn er reich ist – ob, und wann er sich zu verheirathen gedächte. Gilliatt antwortete ihr: » An dem Tag, an welchem sich der singende Berg verheirathet

Dieser singende Berg ist ein großer Felsblock, welcher das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry durchschneidet. Dieser Steinmasse ist nicht zu trauen, sie muß sorgfältig überwacht werden. Es ist eine unerklärliche, aber deshalb nicht minder auffällige Thatsache, daß auf besagtem Felsen ein Hahn kräht, den man wohl hören, allein nicht sehen kann. Dieses eben so unwiderlegte als unwiderlegliche Factum ist höchst unheimlicher Art. Man ist ferner darüber einig, daß der singende Berg von Kobolden in das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry geschoben wurde.

Wenn in der Nacht unter Blitz und Donner schwarze Gestalten in den rothen Wolken des Himmels und in der zitternden Luft erscheinen, so kann man sich darauf verlassen, daß es Kobolde sind. Eine Frau in Grand Mellier kennt sie ganz genau. Als eines Abends ein Fuhrmann unschlüssig an einem Kreuzweg stand und nicht recht wußte, welche Richtung er einschlagen sollte, rief sie ihm zu: Fragt nur die Kobolde; es sind gute, sehr umgängliche Geister, höflich und leutselig gegen Jedermann, die gern den Leuten Rath ertheilen. Es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß diese Frau eine Hexe war.

Der eben so scharfsinnige als gelehrte König Jacob I. ließ alle Weiber dieser Art lebendig brühen, kostete die Brühe und entschied nach dem Geschmack der Brühe, ob es eine Hexe war oder nicht. Schade, daß die Könige der Jetztzeit nicht auch solche Talente besitzen, welche die Nützlichkeit von dergleichen Einrichtungen begreiflich machen.

Gilliatt stand nicht ohne triftige Gründe in dem Geruch der Hexerei. Man sah ihn einmal in der Nacht während eines Sturmes ganz allein in einem Kahn der Gegend der Sommeilleuse zuschiffen. Man hörte ihn fragen: Ist hier wohl durchzukommen?

Eine Stimme antwortete vom Felsen herab: Sieh zu, Verwegner! Mit wem sprach er, wenn nicht mit Einem, der ihm Antwort gab? Die Sache scheint uns ein neuer Beweis für unsere Behauptung.

In einer anderen Sturmnacht, so schwarz, daß man nichts sah, hörte man ganz in der Nähe des Catiau-Roque, der eine Doppelreihe von Felsen bildet, auf welchen Hexen, Ziegenböcke und Gestalten aller Art in der Freitag-Nacht tanzen, die Stimme Gilliatts ganz deutlich. Man belauschte folgendes Gespräch, das er mit den Gespenstern führte.

– Wie befindet sich Meister Brovat? (Das war ein Maurer, welcher vom Dach herab gefallen.)

– ’s geht besser.

–Was Ihr sagt! Er ist höher als von diesem Pfosten heruntergefallen. Es ist wunderbar, daß er sich nichts gebrochen hat! –

– Die Leute hatten vorige Woche gutes Wetter am Strand.

– Besseres als heute.

– Laßt’s gut sein, sie werden ihren Fang schon machen.

– Es ist zu windig.

– Man wird die Netze nicht tief genug legen können.

– Und was macht die Cathrin?

– Ach, die ist wie behext.

Die »Cathrin« war offenbar eine Hexe, und Gilliatt ohne Frage ein Hexenmeister; wenigstens zweifelte Niemand daran.

Er goß auch zuweilen Wasser aus einem Krug auf die Erde. Aber Wasser, welches man auf die Erde gießt, zeichnet die Gestalt von Teufeln.

Es giebt auch auf dem Wege von St. Sampson, nicht weit von dem ersten Felsen drei Steine, welche treppenförmig übereinander liegen. Ehemals stand ein Kreuz, wenn nicht gar ein Galgen darauf; jetzt sind sie leer. Diese Steine sind sehr verrufen.

Ganz erstaunlich kluge und glaubwürdige Leute versichern gesehen zu haben, wie Gilliatt ganz in der Nähe dieser Steine mit einer Kröte sprach. Nun weiß Jeder, der die Gegend von Guernesey kennt, daß es dort keine Kröten giebt; es sind nur Nattern in Guernesey, in Jersey aber giebt es Kröten. Die Kröte, mit welcher Gilliatt sprach, mußte daher von Jersey aus zu ihm geschwommen sein, das lag auf der Hand. Sie plauderten übrigens sehr freundschaftlich mit einander.

Daß dies Alles erwiesene Thatsachen sind, bezeugen die drei Steine, welche noch immer auf derselben Stelle liegen. Wer daran zweifelt, kann sich selber davon überzeugen. Die Steine liegen nahe bei einem Hause, welches an folgendem Schild zu erkennen ist: Hier kauft man todtes und lebendes Vieh, alte Stricke, Eisen, Knochen und Lumpen. Für höfliche Behandlung und prompte Bezahlung wird garantirt.

Es gehört schon böser Wille dazu, die Existenz dieser Steine und dieses Hauses zu leugnen. Alles das schadete Gilliatt.

Nur Unwissende wissen nicht, daß der König von Auxcriniérs das Gefährlichste in den Gewässern des Canals ist. Es giebt kein furchtbareres Seegespenst als ihn. Wer ihn gesehen hat, leidet binnen Jahresfrist Schiffbruch. Er ist klein, denn er ist ein Zwerg, und taub, denn er ist ein König. Er weiß die Opfer, welche das Meer verschlungen, alle mit Namen zu nennen; er kennt die Stellen, wo sie begraben sind; er kennt den Kirchhof Ocean gründlich. Ein oben schmaler, unten breiter Kopf, eine untersetzte Gestalt, ein unförmiger Leib, knotige Auswüchse auf dem Schädel, kurze Beine und lange Arme, Flossen statt der Füße, Krallen statt Hände, ein breites, grünes Gesicht – das ist das Bild des Königs von Auxcriniérs. Seine Krallen sind mit Schwimmhäuten versehen, seine Flossen mit Nägeln. Man denke sich ein Fisch-Gespenst mit einem Menschenantlitz. Um es unschädlich zu machen, müßte man es beschwören oder – angeln. Jedenfalls ist es unheimlich. Nichts ist beunruhigender, als es zu sehen. Eine niedrige Stirne, Stumpfnase, platte Ohren, ein ungeheurer Mund, in welchem die Zähne fehlen, eine gräuliche Mundöffnung, ziegenartig gezeichnete Augenbrauen, große lustige Augen. Wenn falbe Blitze es beleuchten, ist sein Gesicht flammenroth, bei flammenrothen fahl. Er trägt einen starren triefenden Bart, der sich, viereckig gestutzt, auf einer pelzartigen Haut ausbreitet, welche vorn und hinten mit je sieben, also mit vierzehn Muscheln geziert ist. Diese Muscheln sind äußerst merkwürdig für den Kenner. Der König von Auxcriniérs ist nur bei hochgehender See sichtbar; er ist der finstere Possenreißer des Sturmes. Im Regen, Nebel, Wind erkennt man nur undeutlich, wie eine blasse Skizze, seine Formen. Sein Nabel ist häßlich. Ein Schuppenharnisch bedeckt seine Seiten und die Brust. Er erhebt sich über die zischenden Wogen des Meeres, welche sich unter den mächtigen Athemzügen des Sturmes bäumen und sich kräuseln wie Holzspähne unter dem Hobel des Tischlers. Seine Gestalt bleibt unberührt von dem Schaumspritzen, und wenn am Horizont Fahrzeuge erscheinen, welche ihren letzten Kampf mit den Wogen kämpfen, dann strahlt sein im Schatten fahles Antlitz im Glanz eines wüsten Lächelns und, das Antlitz in wahnwitzigem Schrecken verzerrt, beginnt er zu tanzen. Das ist ein böses Begegnen. Zu der Zeit aber, als Gilliatt den Leuten in St. Sampson zu reden gab, hatte der König von Auxcriniérs nur noch dreizehn Muscheln an seinem Barte. Wo war die vierzehnte geblieben? Hatte er sie verschenkt? Und wem hatte er sie geschenkt? Das wußte Niemand zu sagen. Man weiß nur, daß Herr Lupin-Mabier, ein höchst ansehnlicher Mann, dessen Besitzungen sehr hoch abgeschätzt waren, bereit war, eidlich zu erhärten, daß er in den Händen Gilliatt’s eine höchst merkwürdige Muschel gesehen habe.

Es war nichts Seltenes, zwei Bauern aus der dortigen Gegend Gespräche wie folgendes führen zu hören:

– Findet Ihr nicht, Nachbar, daß mein Ochse ein ganz prächtiges Thier ist?

– Zu aufgeschwemmt, Nachbar.

– Hm – könnt Recht haben.

– Nichts Solides – mehr Talg als Fleisch.

– Daß Dich das Wetter!

– Seid Ihr ganz sicher darüber, daß Gilliatt ihn nicht behext hat?

Gilliatt blieb zuweilen auf einem Feldweg bei den Ackersleuten und an den Gärten bei den Gärtnern stehen und sprach dann wohl mitunter geheimnißvolle Worte zu ihnen, z. B.:

– Wenn der Teufelsbiß blüht, schneidet den Winterroggen. (Der Teufelsbiß ist die sogenannte Scabiose.)

– Sobald die Esche Knospen treibt, giebt es keinen Frost mehr. Um die Sommersonnenwende blüht die Distel.

– Wenn es im Juni nicht regnet, bekommt das Getreide den weißen Rost.

– Wenn die Vogelkirsche grün wird, traut dem Vollmond nicht.

– Habt Acht auf das Thun und Treiben der Nachbarn, mit denen Ihr im Rechtsstreit lebt. Wenn ein Schwein heiße Milch trinkt, geht’s caput; und reibt man der Kuh die Zähne mit Lauch ein, so frißt sie nicht mehr und fällt.

– Frischer Schierling bewahrt vor den Fiebern.

– Wenn sich der Frosch zeigt, säet die Melonen.

– Säet die Gerste, wenn’s Leberkraut blüht.

– Wenn die Linde blüht, mähet die Wiesen.

– Wenn die Ulme blüht, werfet die Laichnetze aus.

– Blüht der Tabak, so schließt Eure Gewächshäuser.

Und schrecklich! Wer seinen Rath befolgte, befand sich wohl dabei.

Als er eines Abends in der Gegend von Demie de Fontenelle auf der Düne die Flöte blies, ging der Makrelen-Fang fehl.

Zur Zeit der Ebbe fiel in der Nähe seiner Wohnung ein Frachtwagen um. Wahrscheinlich aus Furcht vor polizeilicher Untersuchung, half er mit der ungeheuersten Anstrengung den Wagen wieder aufrichten, und belud ihn auch selber wieder mit dem herausgefallenen Seegras. Ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft hatte Läuse; da ging Gilliatt nach Saint-Pierre-Port, holte dort eine gewisse Salbe und rieb das Kind damit ein. Er befreite es von seinen Läusen; es ist also klar, daß Gilliatt sie ihr angehext hatte.

Alle Welt ist darüber einig, daß man einem Menschen Läuse anhexen kann.

Er hatte auch die Gewohnheit, die Brunnen in der Umgegend zu besichtigen; ein sehr gefährliches Unternehmen, wenn man » den bösen Blick« hat. Eines Tages wurde das Wasser eines Brunnens so trübe, daß die gute Frau, welcher derselbe gehörte, Gilliatt zu Rathe zog. Dieser besah das Wasser, welches die Frau ihm in einem Glase zeigte, und sagte: Es ist wahr, das Wasser ist trübe. Die gute Frau aber, welche ihm nicht traute, sagte zu Gilliatt: Macht, daß das Wasser wieder gut wird. Er richtete darauf folgende, höchst bedenkliche Fragen an die Frau: – Ob sie einen Stall habe? – Ob dieser Stall einen Abflußkanal habe? – Ob vielleicht dieser Abflußkanal sehr nahe bei dem Brunnen vorbeiflösse? – Die gute Frau sagte zu Allem: Ja.

Da ging Gilliatt in den Stall, machte sich an dem Kanal zu schaffen, leitete die Gosse ab, und das Wasser des Brunnens wurde wieder klar. Man dachte sich am Ort so Mancherlei. Ein Brunnen wird nicht, so mir nichts dir nichts, schlecht und dann wieder gut. Man fand die Verwandlung des Wassers sehr unnatürlich, und der Verdacht lag nahe, Gilliatt habe diesen Brunnen verhext.

Einmal, als er nach Jersey gegangen war, hatte man bemerkt, daß er in einem Hause Quartier genommen, welches in der Schatten-Straße stand. Schatten aber sind bekanntlich Gespenster.

In den Dörfern merken die Leute auf dergleichen Dinge. Sie erkundigen sich nach Allem. Die Erkundigungen werden zu einem Resultat zusammengeschmolzen: dieses bildet den Ruf eines Menschen.

Es kam vor, daß man Gilliatt überraschte, als ihm die Nase blutete. Das war eine wichtige Entdeckung. Ein Bootsmann, welcher fast die ganze Welt gesehen hatte, behauptete, daß bei den Tungusen alle Hexenmeister Nasenbluten hätten. Blutet also einem Menschen die Nase, so weiß man, was man von ihm zu halten hat.

Freilich machten einige vernünftige Leute die Bemerkung, daß, wenn bei den Tungusen die Zauberer auf diese Weise kenntlich wären, dieses in Guernesey nicht in demselben Grade der Fall zu sein brauchte.

Es war zu Michaelis, als man Gilliatt einmal auf einem mit der Heerstraße von Videclins in Verbindung stehenden Feldweg gewahrte. Man sah ihn auf einer Wiese Halt machen und hörte ihn pfeifen. Bald darauf ließ sich in seiner Nähe ein Rabe nieder und es dauerte gar nicht lange, so kam auch eine Elster. Diese Thatsache ist durch einen der glaubwürdigsten Zeugen verbürgt.

Auch waren in der Gegend von Guernesey alte Frauen, welche ganz deutlich gehört haben wollten, wie eines Morgens ganz früh einige Schwalben den Namen Gilliatt gezwitschert hätten. Dazu kam noch, daß Gilliatt ein schlechtes Herz haben mußte.

Ein armer Mann schlug einst einen störrischen Esel, der nicht vorwärts wollte. Als alle Püffe nichts fruchten wollten, gab er ihm mit seinen schweren Holzschuhen einige derbe Fußtritte in die Seiten, so daß der Esel fiel. Gilliatt eilte hinzu, um ihm wieder aufzuhelfen. Der Esel war todt. Gilliatt ohrfeigte den armen Mann.

Ein anderes Mal sah er einen kleinen Knaben von einem Baum herabsteigen, mit einem Nest voll neugeborener fast noch nackter Vögelchen. Gilliatt nahm dem Knaben das Nest aus der Hand und trieb die die Ruchlosigkeit so weit, es wieder dahin zu bringen, wo es der Bube gefunden hatte.

Als einige Vorübergehende ihm Vorwürfe machten, zeigte er statt aller Antwort auf den Baum, wo die Alten ängstlich schreiend das Nest ihrer Jungen umflatterten. Er hatte eine Liebhaberei für Vögel. Das ist ein Zeichen, woran man in der Regel die Zauberer erkennt.

Den Kindern macht es Spaß, die Nester der Seemöven an den steilen Küsten-Abhängen auszunehmen. Sie bringen ganze Massen blauer, gelber und grüner Eier mit nach Hause, welche sie als Zierde des Kamingesimses reihenweise aufpflanzen. Da die Abhänge steil und glatt sind, geschieht es leicht, daß Jemand ausgleitet, fällt und um’s Leben kommt. Nichts ist verlockender für ein Kind, als diese hübschen bunten Vogeleier auf dem Kamin. Was that Gilliatt, um den Kindern das unschuldige Vergnügen zu stören?

Er erkletterte mit eigener Lebensgefahr die höchsten Felsen und brachte Vogelscheuchen an den gefährlichsten Stellen an. So verhinderte er die Vögel, hier zu bauen, und die Kinder hinzugehen.

Darum war Gilliatt beinahe in der ganzen Gegend verhaßt. Wer wäre es nicht, wenn solche Gründe vorliegen?

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Fünftes Capitel. Andere zweideutige Seiten Gilliatts.

Man hatte zwar seine Meinung über Gilliatt, allein man war doch noch nicht ganz einig.

Die Meisten hielten ihn für einen »Marcou,« Einige aber gingen so weit, ihn für einen »Cambion« auszugeben. Ein Cambion ist der Sohn des Teufels und eines menschlichen Weibes.

Wenn eine Frau von einem Manne sieben männliche Kinder hinter einander zur Welt bringt, so ist das siebente ein Marcou. Die Reihe darf aber nicht durch die Geburt eines Mädchens unterbrochen sein.

Der Marcou hat an irgend einer Stelle seines Körpers das Zeichen der Lilie, welches ihm die Fähigkeit verleiht, die Scropheln eben so gut zu kuriren wie die Könige von Frankreich. Es giebt in Frankreich fast aller Orten Marcous, besonders um Orleans. Jedes Dorf in der Gegend von Gätin hat seinen Marcou. Er darf die Verwundeten nur anhauchen, oder von ihnen seine Lilie berühren lassen, so sind sie geheilt. In der Nacht des Charfreitag gelingen solche Operationen am besten. Ungefähr vor zehn Jahren lebte in Ormes ein Küfer – ein angesehener Mann, der Wagen und Pferde hielt – man nannte ihn nur den schönen Marcou, der einen ganz außerordentlichen Zuspruch hatte. Von Nah und Fern strömten aus der Umgegend die Leute in sein Haus. Man mußte, um seinen Wundern Einhalt zu tun, mit militärischer Gewalt einschreiten. Er hatte die Lilie unter der linken Brust. Andere haben sie anderswo.

Es giebt Marcous in Jersey, in Aurigny, in Guernesey. Dies kommt wohl daher, weil Frankreich Rechte auf die Normandie hat. Wozu wären sonst die Lilien?

Es giebt auch Scrophelnbehaftete auf den Inseln des Canals, was wiederum die Marcous nothwendig macht.

Als Gilliatt eines Tages in offener See badete, glaubten einige Anwesende die Lilie an seinem Körper zu bemerken. Als man ihn darüber befragte, lachte er, anstatt zu antworten. Ja, ja, Gilliatt lachte zuweilen, ganz wie ein anderer Mensch. Seit dieser Zeit jedoch badete er nicht mehr in offener See, sondern an versteckten einsamen Orten. Man vermuthete, daß er es des Nachts bei Mondenschein that. Wie dem aber auch sei: die Sache war sonderbar.

Diejenigen, welche darauf versessen waren, Gilliatt für einen Cambion, das heißt für einen Sohn des Teufels auszugeben, befanden sich offenbar im Irrtum. Sie hätten wissen müssen, daß es fast nur in Deutschland Cambions giebt. Allein in le Valls und St. Sampson waren vor fünfzig Jahren die Leute in der Wissenschaft noch sehr zurück.

Daß man aber in Guernesey einen Sohn des Teufels suchen wollte, war offenbar eine Phantasie.

Obgleich man Gilliatt fürchtete, suchte man doch seinen Rath. Mit einer gewissen inneren Unruhe, welche die Furcht erzeugte, befragten ihn die Bauern über ihre verschiedenen Krankheitsfälle. Diese Furcht schließt das Vertrauen nicht aus, im Gegentheil: je verrufener auf dem Lande ein Arzt ist, desto wirksamer sind seine Mittel. Gilliatt hatte seine eigenen Arzneien; sie waren ihm von der verstorbenen alten Frau übermacht worden; er half damit Allen, welche seine Hülfe begehrten, ohne sich dafür bezahlen zu lassen. Er heilte Nagelgeschwüre durch kühlende Kräuter; eine seiner Phiolen enthielt einen Saft, welcher das Fieber heilte; der Chemiker in St. Sampson, den man sonst Apotheker zu nennen pflegt, hielt diesen Saft für ein Decoct von Chinarinden. Selbst die böswilligsten Lästerer konnten nicht leugnen, daß Gilliatt, wenigstens was die Heilung der gewöhnlichen Krankheiten anbelangte, ein ziemlich guter Teufel war; wer aber seine Heilkünste als Marcou in Anspruch nehmen wollte, hatte einen weit schwierigeren Stand. Wenn sich ein Aussätziger meldete, welcher durch Berührung seiner Lilie Heilung suchte, so schlug er ihm ohne Umstände die Thür vor der Nase zu; Wunder durfte Keiner von ihm verlangen, zu solchen Sachen mochte er sich durchaus nicht verstehen – für einen Zauberer eine lächerliche Weigerung! Wenn Ihr kein Hexenmeister sein wollt, gut! Seid Ihr es aber einmal, so thut, was Eures Amtes ist!

Der allgemeine Widerwille hatte jedoch eine oder zwei Ausnahmen. Die eine dieser Ausnahmen bildete der Sieur Landoys, welcher die Stelle eines Schreibers in der Pfarrei des Hafens von Saint-Pierre bekleidete; ihm war das Register der Geburten, Heirathen und Todesfälle anvertraut. Besagter Herr Landoys war nicht wenig stolz darauf, sich für einen Abkömmling des Schatzmeisters Pierre Landoys halten zu dürfen, welcher im Jahre 1485 in der Bretagne gehängt worden war. Dieser Sieur Landoys hatte sich einmal beim Baden zu weit in die offene See gewagt, und schwebte in großer Gefahr zu ertrinken. Gilliatt rettete ihn mit Gefahr seines eigenen Lebens. Von diesem Tage an redete Landoys nichts Böses mehr über Gilliatt. Wenn man sich darüber verwunderte, antwortete er: Wie kann ich einen Mann verachten, der mir nichts zu Leide gethan und der mir einen so wichtigen Dienst geleistet? Der frühere Widerwille des Herrn Amtschreibers war nicht allein völlig gewichen, sondern hatte sogar einem gewissen Gefühl von Freundschaft Platz gemacht. Er war ein Mann ohne Vorurtheile. Er glaubte nicht an Zauberei. Er lachte über die Gespensterfurcht. Obgleich er, der den Fischfang als Liebhaberei trieb, oft Stunden lang in seinem Kahn auf dem Meere segelte, so war ihm doch noch niemals etwas begegnet, den einzigen Fall ausgenommen, daß er einmal eine weiße Frau im Mondenschein in das Meer springen sah; und auch das konnte er nicht als Wahrheit verbürgen, es mochte wohl eine Täuschung gewesen sein. Montonne Gahy, die Hexe von Torteval, hatte ihm ein kleines Säckchen gegeben, welches, auf der Brust getragen, vor den bösen Geistern schützen sollte; er lachte Ueber diesen Aberglauben, er hatte das Säckchen nicht einmal untersucht, wußte also gar nicht, was es enthielt; nichts desto weniger trug er es, weil er sich mit diesem Säckchen sicherer fühlte, auf der Brust.

Noch einige andere Leute von Muth hatten die Kühnheit, dem Vertheidigungs-Eifer des Sieur Landoys beizustimmen, indem sie durch Anführung gewisser mildernder Umstände den Stachel von Gilliatts bösem Leumund zu entkräften suchten. Wenn man auch Alles über ihn ergehen ließ, so mußten doch selbst seine erbittertsten Widersacher gelten lassen, daß es keinen mäßigeren und nüchterneren Menschen gab als Gilliatt. Man vermaß sich sogar zu der ungeheuer schmeichelhaften Frage: Wer ist so mäßig als Gilliatt? Er raucht nicht, er schnupft nicht, er trinkt nicht, er spielt nicht.

Nach der Meinung der Leute aber ist die Nüchternheit nur dann eine lobenswerthe Eigenschaft, wenn andere dazu kommen.

Die öffentliche Meinung war nun einmal gegen Gilliatt.

Wie dem aber auch sei, als Marcou konnte Gilliatt wesentliche Dienste leisten. Es erschien daher an einem gewissen Charfreitag um Mitternacht, an welchem Tag und zu welcher Stunde gewisse Wunderkuren unfehlbar waren, ein ganzes Heer Aussätziger im Gespensterhaus. Sie streckten flehend die Hände aus, entblößten ihre Wunden, und baten Gilliatt inständig, er möchte ihnen helfen. Er schlug es ab. Jetzt war man über seine Schändlichkeit im Klaren.

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Sechstes Capitel. Ein altmodisches Schiff.

So war Gilliatt.

Die Mädchen fanden ihn häßlich. Er war es nicht; er war vielleicht das Gegentheil. Er hatte in seinem Profil etwas von einem antiken Barbaren. In Momenten der Ruhe glich er einem der Dacier auf der Säule des Trajan. Seine Ohren waren klein, von zierlicher Form und durch die Abwesenheit sogenannter Ohrlappen, wie durch einen bewunderungswürdig akustischen Bau ausgezeichnet. Zwischen den Augenbrauen hatte er jene stolze Linie, welche den kühnen und beharrlichen Mann verräth. Seine Mundwinkel waren herabgezogen, ein Kennzeichen der Schwermuth und Melancholie. Die Wölbung seiner Stirn war edel und klar, sein Auge offen und frei, obgleich die Ruhe seines Blickes öfter durch jenes Zucken der Lider unterbrochen wurde, welches den Fischern eigen ist; eine Erscheinung, die das wechselnde Licht der Wogen erzeugt. Sein Lachen war kindlich und reizend. Man konnte nichts Schöneres sehen als seine blendend weißen Zähne. Aber die Sonne hatte einen Neger aus ihm gemacht. Nicht ungestraft setzt man sich Tag und Nacht den Stürmen und Wettern des Oceans aus; obgleich erst dreißig, glich er einem Mann von fünfundvierzig Jahren. Er trug die dunkle Maske des Sturmes und der See.

Man nannte ihn Gilliatt, den Schelm.

Eine indische Fabel erzählt: Eines Tages frug Brâhma die Stärke: »Wer ist noch stärker als Du?« Sie antwortete: »Die Gewandtheit.« Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Was vermöchte nicht der Löwe, wenn er ein Affe wäre?« Gilliatt war weder Löwe noch Affe; allein die indische Fabel und das chinesische Sprichwort paßten auf das, was er that, und wie er es that. Nur mittelmäßig groß und mit nur gewöhnlichen Körperkräften begabt, war er dennoch im Stande, Riesenlasten zu heben und Athletenwerke zu leisten. Keiner wußte wie er, durch Erfindungsgabe, durch Klugheit und Geschicklichkeit die Wirkungen der Kraft zu erzielen.

Ihm war die Gymnastik angeboren; er bediente sich mit gleicher Leichtigkeit der linken wie der rechten Hand.

Er war kein Jäger, aber ein Fischer. Die Vögel schonte er, doch nicht die Fische. Wehe den Stummen! Auch war er ein trefflicher Schwimmer.

Die Einsamkeit bildet Talente und Blödsinnige. Gilliatt konnte für Beides gelten. Er hatte zuweilen ein »erzdummes« Aussehen, dann aber hatte er wieder einen bezaubernd tiefen Blick. Im alten Chaldäa gab es solche Menschen; in gewissen Stunden leuchteten Magier durch die undurchsichtige Hülle des Hirten.

In Wahrheit war Gilliatt nichts weiter als ein armer Mensch, der lesen und schreiben konnte. Er stand auf der Grenze, welche den Träumer vom Denker scheidet. Der Denker will, der Träumer läßt sich leiten. Gesellt die Einsamkeit sich zur Einfalt, so vervollkommnet sie dieselbe. Sie erfüllt sie ohne ihr Wissen mit einem heiligen Grauen. Der Schatten, welcher Gilliatts Geist umhüllte, war aus zwei verschiedenen, doch in ihrer Stärke fast gleichen Elementen zusammengesetzt; in ihm war Unwissenheit, Schwäche, außer ihm das Geheimniß, die Unendlichkeit.

Das Inselmeer hatte ihn mit seinen tausendfältigen Gefahren, denen er muthig die Stirn bot, wenn er die steilen Felsen erkletterte und sich im Sturme bei Tag und Nacht dem Untergang Preis gab, indem er das erste beste Fahrzeug regierte, ohne sein Wissen und Wollen zu einem bewunderungswürdigen Seemann gemacht.

Er war ein geborener Lootse. Der Lootse ist ein Seemann, der mehr nach dem Grund, als nach der Oberfläche fragt. Die Woge ist eine räthselhafte Fläche, deren Gestalt fortwährend wechselt nach den Formen des Meergrundes, über welchen das Fahrzeug dahingleitet. Wenn man Gilliatt durch die Wasserberge und Felsenriffe des normännischen Archipelagus sich wie eine Wasserschlange winden sah, schien es, als ob unter der Wölbung seiner Stirn die Karte des Meeresgrundes verborgen wäre. Er kannte Alles und überwand Alles. Er kannte die Baken besser als die Seeraben, welche sich darauf setzen. Die unmerklichen Unterschiede, durch welche jeder einzelne der vier mit Pfählen gespickten Leinpfade der Creux, der Alligande, der Tremies und der Sardrette sich auszeichnet, waren für ihn im Nebel und selbst in der Dunkelheit der Nacht vollkommen klar und erkennbar.

Seine Seemannskunst bewährte sich glänzend bei Gelegenheit eines Schifferstechens, welches in Guernesey eines Tages stattfand. Man hatte nämlich die Aufgabe gestellt, ganz allein ein Schiff mit vier Segeln von St. Sampson bis zu der Insel Herm, – zwei Orte, welche zur See eine Meile weit von einander entfernt liegen – und wieder zurück zu führen. Das Lenken eines Schiffes mit vier Segeln ist für einen geübten Seemann nun gerade keine Hexerei. Die Schwierigkeit bestand aber erstens in dem zu regierenden Schiffe selber, welches eine jener breiten, schweren, kolossalen Schaluppen war, die aus Holland stammen und welche die Seeleute des vorigen Jahrhunderts » Holländische Bäuche« nannten. Man begegnet noch heute auf offener See solchen altmodischen Schiffsmodellen. Sie sind bausbäckig, flach, sie haben am Backbord und Steuerbord zwei Flügel, die den Schiffskiel vertreten. Die zweite Schwierigkeit war der Rückweg von Herm, wo das Schiff mit einer schweren Ladung Steine versehen wurde. Leer stach es in See, schwer beladen kam es zurück. Der Preis des Schifferstechens war eben diese Schaluppe. Der Sieger behielt sie. Dieser dickbäuchige Holländer wurde früher zum Lootsendienste benutzt. Der Lootse, welcher ihn zwanzig Jahre lang führte, war der kräftigste Seemann im Canal; als er starb, blieb das Schiff herrenlos, weil kein Anderer es zu regieren im Stande war, daher man denn auf den Gedanken kam, es zum Preis eines Schifferstechens zu machen. Das Schiff, obgleich mit keinem Verdeck versehen, hatte nichts desto weniger seine dem Kundigen erkennbaren Vorzüge. Es war nach vorn mit einem Maste versehen, was die Triebkraft des Segelwerkes vermehrte. Es hatte ein festes Gerippe, schwer, aber breit und hielt gut die weite See; es war so ein rechtes Sonntagsschiff. Es schien den Appetit der Seeleute sehr zu reizen; denn es entspann sich ein reger Wettkampf um den Besitz desselben. Sieben oder acht Fischer, die kräftigsten auf der Insel, waren als Kämpfer um den Preis in die Schranken getreten. Sie versuchten Alle nach einander ihr Heil, aber kein Einziger von ihnen erreichte Herm. Der Letzte, welcher es versuchte, war als kühner Wagehals bekannt, der einmal bei Sturm und Wetter den gefährlichen Engpaß zwischen Serk und Brecq-Hon in einem Kahne, und nur von dem Ruder Gebrauch machend, durchschifft hatte. Wie gebadet im Schweiße fruchtloser Anstrengung brachte er den dickbäuchigen Holländer zurück und sagte: Es ist unmöglich! Nun war die Reihe an Gilliatt, sein Glück zu versuchen. Er bestieg das Fahrzeug, stach in See und erreichte Herm nach einem Zeitraum von drei viertel Stunden. Nach drei Stunden brachte er das Schiff mit seiner schweren Ladung nach Sampson zurück. Das Fahrzeug war zum Ueberfluß noch mit der kleinen Kanone von Bronze beladen, welche die Bewohner von Herm alljährlich am fünften November, dem Todestag von Guy Fawkes abzufeuern pflegten.

Guy Fawkes war, beiläufig gesagt, vor zweihundert sechszig Jahren gestorben; die Freude über seinen Tod war also von sehr altem Datum.

Gilliatt erreichte St. Sampson ungeachtet der Kanone des Guy Fawkes, und ungeachtet eines conträren Südwindes, welcher sich bei der Rückfahrt erhoben hatte.

Als ein gewisser Mess Lethierry, von welchem später die Rede sein wird, das beladene Fahrzeug ankommen sah, rief er begeistert aus: Das nenne ich mir einen Seemann!

Er reichte Gilliatt die Hand. Die Schaluppe wurde demselben feierlichst zugesprochen.

Trotz dieser Heldenthat behielt er seinen Beinamen: der Schelm.

Einige Leute suchten das Wunder durch die Vermuthung zu erklären, daß Gilliatt irgendwo in diesem Schiffe einen wilden Mispelzweig verborgen habe; denn wie sollte gerade er, der doch kein Seemann war, etwas vollbringen können, was erfahrene Schiffskundige nicht vermochten? Nein, es war nicht möglich, es mußte Zauberei im Spiel sein.

Seit jenem Tage hatte Gilliatt kein anderes Fahrzeug mehr in Gebrauch, als diese altmodische holländische Schaluppe. Sie diente ihm sogar zum Fischfang. Er brachte sie in jenem, ihm allein gehörenden kleinen Hafen neben seinem Hause unter. Wenn es donnerte, warf er seine Netze über den Rücken, schritt durch den Garten, setzte dann über eine Brustwehr trockener Steine, und von einem Felsen zu dem andern springend, erreichte er sein Fahrzeug und stach in See.

Er brachte stets reiche Beute mit nach Hause. Die Leute meinten, dies auffallende Glück im Fischfange schreibe sich daher, daß er noch immer den Mispelzweig in der Schaluppe verberge; es hatte ihn indessen Keiner dort entdeckt.

Seinen Ueberfluß an Fischen verkaufte Gilliatt nicht, sondern er verschenkte ihn.

Die Bedürftigen nahmen seine Fische an, waren aber nichts desto weniger empört über die Hexerei mit dem wilden Mispelzweig. Das ist sündlich, sagten sie; man darf das Meer nicht um sein Eigenthum betrügen.

Gilliatt war Fischer; aber er trieb nicht allein den Fischfang, sondern auch noch manche andere Dinge zum Zeitvertreib. Er war auch Tischler, Schmied, Wagner, Schiffs-Zimmermann und sogar auch ein wenig Mechanikus. Er hatte eine angeborene Geschicklichkeit zu allen Dingen und trieb diese verschiedenen Handwerke, ohne sie gelernt zu haben, zum Vergnügen. Keiner konnte ein so gut gearbeitetes Rad liefern als er. Alle seine Fischerwerkzeuge verfertigte er sich selbst. Er hatte in einem Winkel seines Hauses eine vollständige kleine Schmiedewerkstätte eingerichtet. Seine Schaluppe hatte nur einen Anker; er fertigte ohne die Hülfe eines Arbeiters und ohne jede Anweisung einen zweiten, der ganz vortrefflich war, und er verstand die Größe und Stärke des Ankerstocks so zu berechnen, daß ein Umschlagen des Schiffes nicht möglich war.

Er hatte mit großer Geduld alle eisernen Nägel aus den Schiffsplanken gezogen und sie durch hölzerne ersetzt, wodurch er die gefährlichen Rostlöcher unmöglich machte.

Auf diese Weise hatte er seinen »Holländer« noch weit seetüchtiger gemacht. Er machte auf demselben von Zeit zu Zeit kleine Streifzüge und brachte oft monatelang auf irgend einer einsamen Insel zu. Dann sagten die Leute, Gilliatt ist fort; Keiner aber nahm sich seine Abwesenheit besonders zu Herzen.

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Siebentes Capitel. Ein sonderbarer Mensch in einem sonderbaren Haus.

Gilliatt war ein Träumer. Aus seiner Träumerei entsprang sowohl seine Kühnheit wie seine Schüchternheit. Er hatte seine Gedanken für sich.

Er hatte etwas von einem Geisterseher, etwas von einem Illuminaten. Jeder Bauer kann eben so gut Geisterseher sein, wie König Heinrich IV. Der geheimnißvolle Schleier, welcher die Welt des Unbekannten vor den Blicken der Erdbewohner verhüllt, öffnet sich zuweilen, wenn auch nur für Augenblicke. Der dichte Schatten, welcher das Unsichtbare birgt, lüftet sich plötzlich, um sich dann wieder zu schließen. Solche Visionen verklären zuweilen die Menschen, welchen sie verliehen sind. Sie machen aus einem Kameeltreiber einen Mahomed und aus einer Hirtin eine Johanna d’Arc. Es giebt gewisse erhabene Geistesverirrungen, welche die Einsamkeit erzeugt. Sie sind der Rauch des flammenden Dornbusches. Aus ihnen entsteht ein geheimnißvolles Zittern der Gedanken, welches den Arzt zum Hellseher, den Dichter zum Propheten erhebt. Es hat Horeb, Cedron, Ombos, Peleïa in Dodonaien, Phemonoë in Delphis, Trophonius in Lebadea, Ezechiel auf dem Kebar, Hieronimus in der thebischen Wüste hervorgebracht.

Gewöhnlich wirkt der Zustand des Hellsehens betäubend auf den Menschen. Es giebt einen heiligen Stumpfsinn. Der Fakir ist mit seiner Vision behaftet, wie der Cretin mit seinem Kropf. Luther, der auf der Wartburg dem Teufel sein Dintenfaß an den Kopf warf, Pascal, der sich mit seinem Bettschirm vor dem Fegefeuer geschützt, der Negerpriester, der mit dem weißen Gotte Bossum spricht – alles dieselbe Erscheinung, die sich nach der Verschiedenheit der Intelligenz verschiedenartig gestaltet. Luther und Pascal sind und bleiben große Männer; der Negerpriester ist ein Wahnwitziger.

Gilliatt war weder das Eine noch das Andere. Er war ein Träumer; weiter nichts.

Es waren ihm im Meerwasser zuweilen sonderbare medusenartige Thierformen verschiedenster Gestaltungen und Größe aufgefallen, die außerhalb des Wassers wie weicher Krystall aussahen und welche, wieder in das Wasser geworfen, demselben an Farbe und Durchsichtigkeit so vollkommen ähnlich waren, daß ihre eigenthümlichen Formen ganz verschwanden und sie wie aufgelöst in der Allgemeinheit des Elementes erschienen. Gilliatt schloß daraus, daß, wie im Wasser, so auch wohl in der Luft lebendige Wesen existiren könnten, deren Gestaltungen mit dem Element so verschmolzen seien, daß man ihre besondere Erscheinung nicht unterscheiden könne. Die Vögel sind nicht die Bewohner der Luft, sie sind ihre Amphibien. Gilliatt glaubte nicht an die Leere der Luft. Er sagte: Wie sollte die Luft leer sein, wenn das Meer voll von unsichtbaren Wesen ist? Sollten nicht auch in der Luft Wesen existiren, deren Gestaltung wir nicht wahrnehmen können, weil sie aus demselben Element gebildet, welches sie bewohnen? Die Analogie deutet darauf hin, daß die Luft ebenso gut ihre Fische habe wie das Meer die seinigen, nur sind diese Fische Luftfische, durchsichtig und anscheinend körperlos wie das Element, das sie bewohnen; das hat zu ihrem und zu unserem Wohl die göttliche Vorsehung so eingerichtet; das Licht des Tages durchdringt ihre ätherischen Körper ohne einen Schatten zu bilden; das ist der Grund, warum wir sie nicht sehen. Gilliatt bildete sich ein, daß, wenn man die Atmospäre, das Luftmeer wie das Wassermeer behandeln, wenn man dieses Meer wie ein anderes befahren, und Netze darin auswerfen könnte, man eine Fülle der wunderbarsten Wesen finden würde. Und, setzte Gilliatt träumerisch hinzu, es würden viele Dinge offenbar werden, die unserem begrenzten Menschenauge sich entziehen.

Die Träumerei ist der Gedanke im nebelhaften Schlummerzustand. Die Luft, mit durchsichtigen lebenden Wesen gefüllt, das wäre der erste Blick in jene unbekannte Welt der Wunder. Aber die Voraussetzung dieser einen Möglichkeit, wie vielen anderen Möglichkeiten und Voraussetzungen öffnet sie nicht die Thore! Wo andere Wesen sind, als die uns bekannten, da ist auch eine andere Welt. Keine übernatürliche Welt, nein, nur die verborgene geheimnißvolle Fortsetzung der unendlichen Natur. Gilliatt, der seine Zeit mit diesem geschäftigen Müßiggang träumerischen Denkens ausfüllte, welches das Wesen seiner Existenz geworden war, Gilliatt war ein wunderlicher Forscher. Er ging so weit, sogar den Schlaf zu beobachten und den geheimnißvollen Organismus seiner Erscheinungen zu sondiren. Der Traum berührt das Mögliche, welches wir auch das Unwahrscheinliche nennen. Die Welt der Nacht ist eine solche, die mit der des Tages nichts gemein hat. Die Nacht ist ein Universum für sich. Der materielle Organismus des Menschen, auf welchem der Druck einer fünfzehnhundert Meilen hohen Luftsäule lastet, ermüdet, wenn der Abend kommt. Der Mensch wird matt, er legt sich nieder und ruht aus. Die Augen des Körpers schließen sich. In diesem Zustand der Betäubung und scheinbarer Trägheit oder gänzlicher Abwesenheit des Geistes öffnen sich innere Augen, die Blicke des Schläfers richten sich auf eine andere, unbekannte Welt. Die dunkeln Dinge dieser ungekannten Welt nähern sich dann dem Menschen. Diese Annäherung ist eine wirkliche oder visionaire. Es scheint, daß die unsichtbar im Weltraum Lebenden dann zu uns kommen, um uns, die Erdbewohner, neugierig zu betrachten; es steigen Phantome im Halbdunkel des Traumes zu uns heraus und hinab. Vor unserem geistigen Auge verwickeln und entwickeln sich die Bilder eines neuen unbekannten Lebens, welche uns unser eigenes Ich selbst in Verbindung mit andern unbekannten Wesen zeigen. Der Schläfer aber sieht mit dem halb umflorten Blick seines Bewußtseins jene seltsamen Thiergestalten, jene wunderbaren Pflanzen, Gespenster, Larven, jene schrecklichen oder lieblichen Gestalten, jenes verworrene Kaleidoskop der sonderbarsten Erscheinungen, jenes Mondlicht ohne Mond, jene dunkeln sich in Räthsel auflösenden Räthsel, jenen plötzlichen Wechsel der Gestaltungen, das ganze unergründliche Geheimniß, welches wir Traum nennen und welches doch nichts Anderes ist, als das Nahen einer unsichtbaren Wirklichkeit. Der Schlaf ist das Aquarium der Nacht.

So grübelte Gilliatt.

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Achtes Capitel. Der Felsen-Stuhl.

Man würde sich heute umsonst bemühen, in der Bucht von Houmet das Haus Gilliatts, seinen Garten und den Hafen zu finden, in welchem er seine Schaluppe bewahrte. Das Gespensterhaus existirt nicht mehr. Das Haus auf der Landzunge fiel durch die Spitzhacken der Felsensprenger. Die Schiffe der Granithändler wurden mit seinen Trümmern beladen. Aus diesen Steinen wurden Quais, Kirchen, Paläste in der Hauptstadt gebaut. Der ganze Klippenkamm ist schon seit langer Zeit nach London gewandert.

Diese in das Meer ragenden Felsen mit ihren Sprüngen, Rissen und Einschnitten sind wahrhafte kleine Bergketten. Man hat, wenn man sie sieht, etwa den Eindruck, den ein Riese beim Anblick der Cordilleren haben würde. In der Landessprache werden sie Bänke genannt. Diese Bänke bieten verschiedene Gestaltungen und Formen. Einige sehen aus wie ein Rückgrat, andere wie Wirbelbeine; diese wie Fischgräten, jene wie trinkende Krokodile.

An der äußersten Spitze der Felsenbank am Gespensterhaus, befand sich das sogenannte Kuhhorn, ein Name, welchen die Fischer von Houmet einem großen pyramidenförmigen Felsen gegeben hatten, der, wenn auch von weniger beträchtlicher Höhe, viele Aehnlichkeit mit der sogenannten Zinne von Jersey hatte. In der Zeit der Flut wurde er von der mit ihm zusammenhängenden Felsenkette der Bank abgeschnitten und stand vereinzelt im Meer. Während der Ebbe war es möglich ihn zu ersteigen. Die Meerseite dieses Granitkolosses bot dem Auge des Beschauers eine ganz besondere Merkwürdigkeit dar. Die Arbeit der Wogen hatte nämlich auf diesem Felsen eine Art Stuhl gezimmert, den der Regen sehr glatt polirt hatte. Dieser Stuhl war ein tückischer Verräther. Es schien, als habe ihn die Natur eigens zu dem Zweck gemacht, um dem Bewunderer eine Stelle zu gewähren, von wo aus er die herrliche Gegend überschauen könne; er war um so verführerischer, als er den Naturschwärmer mit einer unwiderstehlich verlockenden Gewalt zu sich empor zog. Es liegt ein großer Reiz in weiten Fernsichten. Der Stuhl bildete eine Art Nische in der zackigen Felsenwand, und es war nicht allzuschwer, diese Nische zu erklettern. Das Meer, welches für den Bewunderer seiner Schönheit einen Stuhl in diese Nische gestellt, hatte auch durch treppenartig angeschwemmte Granitblöcke dafür gesorgt, daß der Naturfreund dieselbe ohne allzugroße Anstrengung, ja mit einer gewissen Bequemlichkeit erreichen konnte. Der Abgrund ist wohl höflich und zuvorkommend; man darf aber seiner Höflichkeit nicht trauen. So ein Plätzchen, welches die Natur an mancher Stelle wie ein Schild ausstellt, auf dem geschrieben steht: »Zur schönen Aussicht,« ist sehr verführerisch. Und dieser Felsenstuhl war ganz besonders einladend. Er lockte unwiderstehlich, man mußte ihn erklettern! Man erkletterte ihn, setzte sich darauf und genoß der entzückendsten Aussicht. Den Sitz dieses merkwürdigen Stuhles hatte der Meeresschaum geglättet und gerundet; seine Lehne bildeten zwei Krümmungen, welche sich an der Felsenwand bis an den Gipfel des sogenannten Kuhhorns hinaufzogen. Man bewundert die kolossale Stuhllehne über seinem Haupt, ohne daran zu denken, daß das Ersteigen dieser äußersten Felsenspitze unmöglich ist. Der Stuhl hat das Eigentümliche, daß man alle diese Dinge und sich selber auf ihm vergißt. Man hat an andere Dinge zu denken; die Aufmerksamkeit ist durch die herrliche Fernsicht gefesselt. Der Blick über den weiten Wasserspiegel ist unbegrenzt. Das weite Meer, auf welchem so viele Schiffe kreuzen, die das Auge verfolgen kann, bis sie wie kleine Punkte sich hinter den Casquets in der Rundung des Oceans verlieren, bezaubert und berückt uns. Die erquickende Meerluft umschmeichelt die Wangen des Wanderers und spielt mit seinen Haaren – o, es ist ein Genuß, eine wahre Herzensfreude! – In der Gegend von Cayenne giebt es eine Fledermaus, die sehr wohl weiß, warum sie Dich mit dem sanften Wesen ihres Flügelschlages einschläfert. Der Wind ist eine solche unsichtbare Fledermaus: wenn er nicht fortreißt, so schläfert er ein. Der Wanderer betrachtet das Meer, belauscht den Wogenschlag, vernimmt das Rauschen des Windes. Unmerklich wird er vom Entzücken eingeschläfert. Ist das Auge von einem Uebermaß von Glanz und Schönheit erfüllt, dann ist es eine Wollust, es zu schließen. Plötzlich erwacht man. Es ist zu spät! Die Flut ist allmälig gewachsen. Das Wasser hat den Felsen bedeckt. Man ist verloren.

Entsetzliche Belagerung durch die steigende Flut!

Anfangs bilden die Wogen nur kleine Hügel; unmerklich steigen sie höher; und wenn sie die Höhe der Felsen erreicht haben, rasen sie und schäumen vor Wuth. Nur in seltenen Fällen gelingt die Rettung; die gewandtesten Schwimmer wurden am Kuhhorn in der Nähe des Gespensterhauses von den Wogen verschlungen.

Zu gewissen Zeiten und an gewissen Stellen in das Meer zu schauen, ist tödtlich. Fast so tödtlich wie mitunter, in das Auge eines Weibes zu schauen!

Die ältesten Bewohner von Guernesey nannten diesen von den Wogen des Meeres gemeißelten Felsenstuhl: Gild-Holm-‚Ur, oder Kidormur. Es ist dieses ein celtischer Ausdruck, dessen Sinn dem der celtischen Sprache Unkundigen entgeht, jedoch dem Franzosen verständlich ist. » Qui-dort-meurt.« Das Idiom des Landes hat diesen Namen in Kidormur verwandelt.

Es steht Jedem frei zwischen der Uebersetzung: Qui-dort-meurt und jener zu wählen, welche im Jahre 1819 ein Gelehrter aus der Bretagne, ein gewisser Herr Athenas, lieferte. Dieser ehrenwerthe Sprachkundige übersetzte die celtische Benennung: Gild-Holm-‚Ur: Halte-Platz der Vögelschwärmer.

Es existirt auch in Aurigny ein solcher Stuhl, den man den Mönchs-Stuhl nennt. Die Wogen haben ihn so sauber gemeißelt und mit einem so künstlichen Granit-Betpult versehen, als wollten sie dem Anbeter der Naturschönheiten einen Schemel unter die Kniee schieben.

Zur Zeit der Fluth verschwand der Stuhl von Gild-Holm-‚Ur ganz in den Wogen. Das Wasser machte ihn unsichtbar.

Dieser Felsenstuhl war ein Nachbar des Gespensterhauses. Gilliatt kannte ihn genau. Er besuchte ihn oft, und setzte sich auf denselben. Dachte er nach? Nein, Gilliatt dachte nicht, er träumte; doch ließ er sich niemals von der Fluth überraschen.

Drittes Buch.


I.

Die Bartholomäusmetzelei.

Die Kinder wachten auf.

Zuerst die Kleine.

Das Erwachen eines Kindes ist das Aufgehen einer Blume; so ein frisches Seelchen atmet Duft.

Georgette, das Jüngste von den Dreien, das erst anderthalb Jahre alt, noch im Mai von der Mutter gestillt wurde, erhob das Köpfchen, setzte sich in der Wiege aufrecht, betrachtete seine kleinen Füße und fing zu plaudern an.

Beim Sonnenstrahl, der gerade auf die Wiege fiel, hätte es schwer gehalten, zu entscheiden, wer von beiden rosiger sei, Georgettes Füßchen oder der junge Morgen.

Die zwei anderen schliefen noch; freilich, kleine Mannsleute sind schwerfälliger; Georgette aber plauderte stillvergnügt vor sich hin.

René-Jean war braun, Gros-Alain etwas lichter und Georgette blond; bei Kindern hat oft jedes Alter seine Haarfarbe, die sich mit den Jahren ändert. Beide Fäuste gegen die Augenhöhlen gestemmt, lag René-Jean auf dem Bauch wie ein kleiner Herkules und Gros-Alain ließ im Schlaf seine Beinchen auf den Fußboden hinaushängen.

Alle Drei waren in Fetzen, denn die Kleider, die ihnen das Bataillon Bonnet-Rouge gegeben hatte, waren in die Brüche gegangen. Sie hatten kaum mehr Hemdchen an; die zwei Knaben waren halbnackt und Georgette steckte in einem zerlumpten Etwas, das einmal ein Röckchen gewesen und jetzt fast nur ein Leibchen war. Wer nahm sich dieser Kleinen an? Niemand. Eine Mutter war nicht da und die wilden Bauernsoldaten, die sie aus einem Wald in den andern mitschleppten, gaben ihnen von ihrer Suppe zu essen; im Uebrigen mochten die Kinder eben schauen, wie sie zurecht kamen. In Jedem hatten sie einen Herrn gefunden, in Keinem einen Vater. Aber Kindern stehen selbst die Fetzen hübsch und die Kleinen waren reizend.

Georgette plauderte immer darauf los. Kinderplaudern oder Vogelsang, es ist dasselbe undeutlich gestammelte, tiefsinnige Lied; nur hat das Kind außerdem noch das düstere Menschenloos vor sich, und darum schauert auch schon in der Freude des zwitschernden Kleinen ein wehmüthiges Ahnungslauschen auf. Die Erde hat keinen Hymnus, der erhabener wäre als so ein Lallen der menschlichen Seele von Kinderlippen. In einem verworrenen Hinsäuseln eines Gedankens, der sich noch nicht zum Bewußtsein verdichtet hat, liegt gewissermaßen ein unwillkürlicher Aufschrei zur ewigen Gerechtigkeit, vielleicht wohl ein Erbangen vor dem Uebertreten der Lebensschwelle, ein demüthig herzrührender Hilferuf. Diese Unschuld, die dem Unendlichen entgegenlächelt, macht die ganze Schöpfung verantwortlich für das spätere Schicksal, das sie dem schwachen, wehrlosen Wesen bereiten wird, ja, beschuldigt sie sozusagen eines Mißbrauchs des Vertrauens, wenn sie ihm eine unglückliche Zukunft in die Wiege legt.

Das Gelispel des Kindes steht unter und über dem Wort; es besteht nicht aus Silben und doch ist es ein Gesang; es besteht nicht aus Silben und doch ist es eine Sprache; dieses Lispeln stammt noch vom Himmel her und wird auch auf Erden nicht aufhören; vor der Geburt hat es begonnen und klingt jetzt weiter; es ist eine Fortsetzung. Dieses Stammeln enthält, was das Kind als Engel sagte und was es sagen wird als Mensch; die Wiege hat ihr Gestern, wie das Grab seinen Morgen, und dieses doppelt unergründliche Gestern und sein Morgen verschmilzt in dem räthselhaften Gezwitscher. Für Gott, für das Ewige, für unsere Verantwortlichkeit, für unser Doppelwesen, spricht nichts so laut wie jene schauervollen Schatten in einer rosigen kleinen Seele.

Was Georgette jetzt vor sich hinlallte, stimmte sie indessen nicht traurig, denn ihr ganzes niedliches Gesichtchen war ein Lächeln, ein Lächeln ihres Mundes, ein Lächeln ihrer Augen, ein Lächeln der Grübchen in ihren Wangen, und aus diesem Lächeln nickte es wie ein geheimnißvolles Inempfangnehmen des Lebensmorgens, wie ein vertrauensseliges Aufgehen der Seele im Strahlenden: unter dem blauen Himmel, in der lauen Luft, war es ja so schön. Ohne von etwas zu wissen, ohne etwas zu erkennen oder zu begreifen, wohlig gewiegt in gedankenlosem Hinträumen, fühlte sich das zerbrechliche Geschöpf geborgen in dieser Natur, zwischen den ehrlichen Bäumen, dem treuherzigen grünen Laub, in dieser klaren, friedlichen Gegend, mitten in dem bunten Treiben der Vögel, der Quellen, der Fliegen und windbewegten Blätter, über dem die strahlenmilde Unschuld der Sonne leuchtete.

Zunächst erwachte René-Jean, der Aeltere, der Große, der schon ins fünfte Jahr ging. Er setzte sich aufrecht, schwang sich mannhaft aus seiner Wiege, erblickte, was er für ganz selbstverständlich hielt, seine Schüssel und machte sich, am Boden kauernd, über die Suppe her.

Durch Georgette’s Plaudereien war Gros-Alain nicht geweckt worden; aber beim Klappern des Löffels fuhr er aus dem Schlaf und riß beide Augen auf. Gros-Alain, »der dicke Alain«, war der Dreijährige. Auch er sah seine Suppe, streckte die Hand danach aus, nahm sie zu sich ins Bettchen und begann wie sein Bruder die Schüssel, die er mit der einen Faust auf seinem Schooß festhielt, tapfer zu bearbeiten.

Georgette hörte die Beiden nicht und schien sich durch das eigene Hin- und Herwogen ihrer Stimme in Traum zu lullen. Mit weitgeöffneten Augen schaute sie in die Höhe und sah himmlisch dabei aus; einerlei zu welcher Decke oder zu welchem Gewölbe ein Kind emporblickt, was sich in seinen Augen spiegelt, ist immer der Himmel.

Als René-Jean zu Ende war, scharrte er mit dem Löffel noch in der Schüssel herum, seufzte und äußerte dann würdevoll: Ich bin fertig mit meiner Suppe.

Das riß auch Georgette aus all ihren Träumen: Tuttuppe, sagte sie, und nachdem sie den mit Essen fertigen René-Jean und den noch essenden Gros-Alain betrachtet, langte sie nach ihrer Schüssel und machte sich ans Werk, allerdings mit weniger Virtuosität als die Knaben, denn sie führte viel öfter den Löffel zum Mund als diese; von Zeit zu Zeit gab sie sogar aller höheren Kultur den Laufpaß und aß mit den Fingern.

Nachdem Gros-Alain am Boden seiner Schüssel gescharrt hatte wie René-Jean, lief er auf seinen Bruder zu und sprang hinter ihm her.

II.

Plötzlich ertönte draußen, unten vom Wald her, eine strenge, gebieterische Fanfare, welcher oben vom Thurm herab das Horn antwortete.

Dies Mal begann die Trompete das Gespräch, und das Horn ging darauf ein. Nachdem das Signal von beiden Seiten wiederholt worden, erhob sich im Wald eine Stimme, die laut vernehmlich aus der Ferne herüberrief:

– Ihr Räuber, entscheidet! Vor Abend Uebergabe auf Gnade und Ungnade oder wir stürmen.

– Stürmt, dröhnte es vom Thurm zurück.

– Ein Kanonenschuß, fuhr die Stimme von unten fort, wird Euch zum letzten Mal ermahnen, eine halbe Stunde bevor wir stürmen.

– Stürmt, erwiderte die Stimme von oben.

Die Stimmen tönten nicht bis zu den Kindern herüber, wohl aber der Schall der Trompete und des Horns. Bei den ersten Trompetenklängen schaute Georgette von ihrer Schüssel auf und stellte das Essen ein; bei der Antwort des Horns ließ sie den Löffel in die Suppe fallen, folgte, das Zeigefingerchen ihrer rechten Hand abwechselnd erhebend und wieder senkend, dem Takt der Trompetenfanfare, die durch das einfallende Horn fortgesetzt ward, und als Horn und Trompete verstummten, blieb sie regungslos mit aufrechtem Finger sitzen und murmelte nachdenklich vor sich hin: Midik; so hieß nämlich in ihrer Sprache die Musik.

Die Knaben hatten Horn und Trompete nicht beachtet; sie waren von einer Assel, die eben querüber durch die Bibliothek lief, viel zu sehr in Anspruch genommen. Gros-Alain erblickte sie zuerst und rief: Ein Thier!

René-Jean kam herbeigelaufen.

– Es sticht, sagte Gros-Alain.

– Thu‘ ihm nichts, meinte René-Jean.

Und beide vertieften sich in die Betrachtung dieses Ereignisses.

Georgette, die mittlerweile ihre Suppe aufgegessen hatte, suchte ihre Brüder mit den Augen. René-Jean und Gros-Alain kauerten in einer Fensternische, mit ernsthaften Gesichtern über die Assel gebeugt, Stirn gegen Stirn, so daß ihre Haare ineinanderflossen; in atemlosem Staunen beobachteten sie das Thierchen, das von all der Bewunderung wenig erbaut, stillstand und sich todt stellte.

Die Aufmerksamkeit der Brüder machte Georgette neugierig; obgleich es für sie nichts weniger als leicht war, zu ihnen zu gelangen, versuchte sie es dennoch; die Reise war mit unzähligen Hindernissen verknüpft, denn auf dem Fußboden lagen eine Masse von Sachen herum, hier ein umgeworfenes Tabouret, dort ein paar Bündel Papiere, dort wieder offene, ausgepackte Kisten, Truhen und andere imponirende Gegenstände, die umschifft werden mußten, kurz ein ganzes Inselmeer von Klippen. Georgette wagte sich hinein; erst arbeitete sie sich aus der Wiege heraus, dann steuerte sie auf die Riffe los, schlängelte sich durch die Kanäle, rückte ein Tabouret bei Seite, kroch zwischen zwei Truhen und über ein Aktenbündel weiter, bis sie, bald kletternd, bald kollernd, in harmloser Unbekümmertheit um ihre armen kleinen Blößen, die hohe See, das heißt eine ziemlich ausgedehnte Stelle des Fußbodens, erreichte, die der ganzen Breite des Saales nach freistand und wo keine Gefahr mehr drohte. Nun eilte sie auf allen Vieren, mit der Behendigkeit einer Katze, der Wand zu; dort stieß sie auf eine gewaltige Schwierigkeit, nämlich auf die gegen die Mauer gelehnte Leiter, deren Ende noch die halbe Fensternische versperrte und so zwischen Georgette und den Knaben eine Art Vorgebirge bildete. Sie hielt inne und besann sich; als sie mit ihrem stummen Selbstgespräch fertig war, schritt sie sofort zur Ausführung ihres Plans; entschlossen faßte sie mit ihren rosigen Händchen eine der Sprossen an, welche senkrecht und nicht wagerecht liefen, da ja die Leiter auf dem einen ihrer Seitenpfosten ruhte, und machte den Versuch, sich vom Boden aufzuraffen; er mißlang; zwei Mal wiederholte sie ihn vergeblich, ein drittes Mal endlich mit Erfolg, und jetzt marschirte sie gerade und aufrecht, sich immer an der nächstfolgenden Sprosse festhaltend längs der Leiter hin; als sie die letzte Sprosse losließ und der gewohnte Stützpunkt ihr fehlte, strauchelte sie, packte jedoch mit ihren beiden Händchen das Ende des gewaltigen Pfostens, schwang sich glücklich um das Vorgebirge hinüber und lachte René-Jean und Gros-Alain an.

III.

In demselben Augenblick hatte René-Jean den Kopf erhoben und mit großer Befriedigung als Ergebniß seiner Asselstudien verkündigt: Es ist ein Weibchen.

Beim Auflachen von Georgette mußte er gleichfalls lachen, und Gros-Alain lachte seinerseits wieder mit, weil er René-Jean lachen sah. Georgette bewerkstelligte nun den Anschluß an ihre Brüder, und so saßen sie jetzt in einem kleinen Konventikel beisammen. Die Assel aber war verschwunden; sie hatte Georgettes Dazwischenkunft benutzt und sich in die nächstgelegene Ritze verkrochen. Doch diesem Abenteuer folgten andere. Zuerst Schwalben, die wahrscheinlich unter dem Vorsprung des Daches nisteten. Sie kamen bis ganz nahe an das Fenster, flatterten dann, durch die Anwesenheit der Kinder etwas beunruhigt, in weiten Kreisen durch die Luft und ließen ihr sanftes Frühlingsgezwitscher ertönen. Diesem Treiben schauten die Kinder zu, und die Assel war vergessen. Georgette deutete mit dem Finger hinaus und rief: Walbe.

Aber René-Jean wies sie zurecht: – Kleine, man sagt nicht Walbe; man sagt Schwalbe.

– Wawalbe, buchstabirte Georgette.

Und alle Drei starrten durch das Fenster.

Dann flog eine Biene in das Fenster.

Eine Biene ist das Sinnbild der Seele. Sie eilt von Blume zu Blume, wie eine Seele von Stern zu Stern und wie die Seele Licht einsammelt, so sammelt die Biene ihren Honig.

Geräuschvoll summte sie herein; sie schien zu sagen: »Da bin ich; gerade komme ich von einem Besuch bei den Rosen; jetzt will ich auch die Kinder besuchen. Womit beschäftigt man sich hier?« So eine Biene ist eine Wirthschafterin, und das brummt, auch wenn es singt. So lange sie dablieb, verwendeten die drei Kleinen kein Auge von ihr. Sie besichtigte die ganze Bibliothek, durchstöberte jeden Winkel, flog einher, als befände sie sich hier zu Hause in einem Bienenkorb, schwebte mit melodischen Flügeln von einem Schrank zum anderen und schaute durch die Scheiben nach den Büchertiteln wie ein gebannter Geist. Nachdem sie Alles untersucht hatte, empfahl sie sich. – Sie geht heim, sagte René-Jean.

– Es ist ein Thier, meinte Gros-Alain.

– Nein, entgegnete René-Jean, es ist eine Fliege.

– Liege, plapperte Georgette nach.

Gros-Alain, der soeben in einer Ecke eine Schnur mit einem Knoten an dem einem Ende entdeckt hatte, hielt sie nun am entgegengesetzten Ende zwischen Daumen und Zeigefinger fest und drehte sie mit gespanntester Aufmerksamkeit im Kreise herum. Georgette war wieder unter die Vierfüßler gegangen und hatte ihre Irrfahrten über den Fußboden abermals unternommen; auf der Irrfahrt war ihr ein ehrwürdiger, wurmstichiger gepolsterter Armstuhl aufgefallen, an dem aus mehreren Wunden die Roßhaarfüllung hervorquoll. Diesem Fauteuil hatte sie sich nun gewidmet; sie erweiterte die Risse und zupfte voller Andacht die Polsterung heraus.

Plötzlich hob sie den Finger wieder in die Höhe, wie um zu sagen: Da hört! Auch die Brüder kehrten sich um. Von außen her hörten sie ein fernes, dumpfes Getöse, das wohl von einer strategischen Bewegung der Belagerungstruppen im Wald herrührte; Rossegewieher, Trommelwirbel, Wagenrollen, Kettengeklirr und Trompetensignale, die sich gegenseitig verständigten, das Alles lärmte durcheinander und verschmolz zu einer gewissen wilden Harmonie, welcher die Kinder mit Entzücken lauschten.

– Der Liebergott, der macht das, sagte René-Jean.

IV.

Es wurde wieder still. René-Jean war ins Träumen gerathen.

Wie mögen sich wohl in so einem kleinen Hirn die Gedanken zersetzen und wieder verketten? Und was mag wohl die geheimnißvollen Schwankungen eines dermalen noch so trüben und kurzatmigen Gedächtnisses bedingen? In diesem sanften, sinnenden Köpfchen entstand eine Mischung von »Liebergott«, von Abendgebet, von gefaltenen Händen, von einem behütenden Liebeslächeln, das verloren gegangen war, und René-Jean murmelte ganz leise: Mama.

– Mama, wiederholte Gros-Alain.

– Mam, wiederholte Georgette.

Dann fing René-Jean zu springen an, worauf Gros-Alain gleichfalls herumsprang. Gros-Alain machte überhaupt jede Miene und jede Geberde seines Bruders nach, weit mehr als Georgette; drei Jahre, die erblicken bereits in vier Jahren ein Vorbild, aber zwanzig Monate, die halten noch etwas auf ihre Unabhängigkeit. Georgette blieb sitzen und zwitscherte zuweilen ein Wort; sie bildete noch keine Sätze und sprach in kurzen Sinnsprüchen wie ein Denker; ihr gaben die Silben noch zu schaffen. Nach einiger Zeit wirkte jedoch das Beispiel ansteckend auf sie und sie versuchte, es wie die Brüder zu halten, so daß die sechs nackten Füßchen nun mit einander tanzten, liefen und stolperten auf den alten, staubigen, polirten Eichendielen, unter den feierlichen Blicken der Marmorbüsten, denen Georgette hier und da einen bangverstohlenen Seitenblick zuwarf, bei dem sie »Mannemann« vor sich hinmurmelte, ein Wort, das in ihrer Sprache Alles bezeichnete, was einem Mann irgendwie ähnlich sah und doch keiner war; in einem Kinderköpfchen sind Wesen und Schein noch eins.

Georgette wackelte mehr, als sie ging, und folgte zwar den Bewegungen ihrer Brüder, aber am liebsten auf allen Vieren.

Plötzlich streckte René-Jean, bei einem Fenster angekommen, den Kopf in die Höhe, zog ihn aber zurück und flüchtete hinter die Mauer, welche die Fensternische bildete. Er hatte Jemand erblickt, der ihn betrachtete. Es war ein blauer Soldat aus dem Lager des Plateaus, der, den Waffenstillstand benutzend, oder auch wohl etwas übertretend, sich bis zur Böschung der Schlucht vorgewagt hatte, von wo aus man in die Bibliothek hineinschauen konnte. Als Gros-Alain René-Jean flüchten sah, flüchtete auch er; er kauerte sich neben ihn hin, und Georgette versteckte sich hinter die Beiden. So blieben sie eine Weile ganz still und unbeweglich; Georgette mit dem Finger auf dem Mund. Dann ermannte sich René-Jean und streckte den Kopf abermals vor, fuhr aber, da der Soldat immer noch dastand, rasch wieder zurück, und eine geraume Zeit wagten die drei Kleinen kaum mehr, zu atmen. Endlich ward Georgette des Fürchtens überdrüssig, raffte ihre Kühnheit zusammen und guckte hinaus: der Soldat war fort, und nun begann das Rennen und Spielen von Neuem.

Obwohl ein Bewunderer und Nachbeter von René-Jean, hatte sich Gros-Alain eine Spezialität vorbehalten, nämlich die der Entdeckungen. Auf ein Mal sahen ihn Bruder und Schwester wie toll vor einem kleinen vierräderigen Fuhrwerk einhergalloppiren, das er, Gott weiß wo, aufgestöbert hatte. Dieses Puppenwägelchen, das, bestaubt und vergessen, schon seit langen Jahren in guter Nachbarschaft mit den Büchern der Denker und den Büsten der Weisen dahinlebte, mochte wohl ein Ueberbleibsel aus Gauvain’s Kinderzeit sein. Gros-Alain machte aus seiner Schnur eine Peitsche, die er stolzgebieterisch schwang. So sind die findigen Köpfe einmal: Wenn sie Amerika nicht entdecken, so entdecken sie einen Miniaturkarren, immerhin etwas. Jetzt mußten Rollen vertheilt werden. René-Jean wollte sich vor den Wagen spannen und Georgette wollte drinsitzen. Es gelang ihr auch, und René-Jean machte das Pferd, Gros-Alain den Kutscher. Doch der Kutscher konnte nichts und mußte sich durch das Pferd belehren lassen.

Sage doch: Hüst! rief René-Jean dem Bruder zu.

– Hüst! wiederholte Gros-Alain.

0259

Aber der Kutscher warf um.

Aber der Kutscher warf um; Georgette rollte auf den Fußbogen hin. Schreien, das thut selbst ein kleiner Engel, und so schrie denn Georgette. Sie war sogar schon im Begriff, zu weinen. – Kleine, sagte René-Jean, Du bist zu groß, um zu weinen.

– Droß, ja, meinte Georgette und fand in ihrer Größe einen Trost für ihren Fall.

Auf den sehr breiten Mauerkranz, der draußen unter den Fenstern hinlief, hatte der Wind eine ganze Schicht zerstäubten Haidegrunds vom Plateau hergeweht, den der Regen dann wieder zu Erde verdichtet hatte; so hatte sich denn ein gleichfalls vom Wind hergewehtes Samenkorn das bischen Haidegrund zu Nutze gemacht und daraus war eine jener unausrottbaren Brombeerstauden entstanden, die im August reife Früchte tragen; eine Ranke hing zu einem der Fenster herein bis herab auf den Fußboden, und Gros-Alain, der Entdecker der Schnur, der Entdecker des Wägelchens, sollte nun auch der Entdecker der Ranke werden. Er ging darauf los, pflückte eine Brombeere und aß sie.

– Mich hungert, sagte René-Jean, und Georgette rannte auf Händen und Knieen herbei. Die Plünderung begann, und die Ranke wurde bis auf das letzte Beerchen abgegrast. Schwelgend, verschmiert, über und über voll dunkelrothen Saftflecken, wurden jetzt aus den drei kleinen Engeln drei kleine Faune, einem Dante zum Aergerniß und einem Virgil zum Ergötzen. Das Lachen wollte nicht aufhören; nur stachen sie sich, da doch Alles erkauft werden will, hier und da in die Finger; Georgette hielt René-Jean den Daumen hin, aus dem ein Blutströpfchen hervorperlte, und sagte, mit der anderen Hand nach der Ranke deutend: Ticht.

Gros-Alain, der auch nicht verschont geblieben, schaute mißtrauisch hin und folgerte:

– Es ist ein Thier.

– Nein, berichtigte René-Jean, es ist ein Stecken.

– Ein Stecken ist etwas Böses, erwiderte Gros-Alain.

Auch dies Mal war Georgette dem Weinen sehr nahe, aber sie brach dennoch in ein Lachen aus.

V.

Unterdessen war in René-Jean, den die Entdeckungen seines jüngeren Bruders Grois-Alain vielleicht mit einem gewissen Neid erfüllten, ein großer Plan gereift. Während er seine Brombeeren pflückte und sich in die Finger stach, schweiften seine Blicke seit einiger Zeit beharrlich zu dem Pult hinüber, das auf seiner Drehschraube wie ein Monument mitten in der Bibliothek stand, und auf dem das berühmte Evangelium Bartholomäi auflag, ein wirklich prachtvoller und merkwürdiger Quartband aus der Offizin des berühmten Kölner Verlegers der Bibel von Anno 1682, Bloeuw oder auf lateinisch Coesius; das Buch war noch mit der alten Presse und nicht auf holländischem Papier gedruckt, sondern auf jenem schönen, von Edrisi so bewunderten arabischen Papier, das aus Seide und Baumwolle bereitet wird und nie vergilbt. Es hatte einen Einband von vergoldetem Leder und silberne Schlösser. Die innere Garnitur war von jenem Pergament, das die Pariser Pergamenthändler nur im Saal Saint-Mathurin »und sonst nirgends« anzukaufen sich eidlich verpflichten mußten. Das Werk enthielt eine Menge Holzschnitte, Kupferstiche und geographische Abbildungen verschiedener Länder. Es ging ihm ein Protest der Drucker, Papier- und Buchhändler gegen das Edikt von 1635 voraus, welches »die Lederwaaren, die Biere, das Vieh mit gespaltenen Klauen, die Seefische und das Papier« mit einer Abgabe belegte, und auf der Rückseite des Titelblatts stand eine Widmung an die Gryphus, welche in Lyon dieselbe Rolle spielten, wie die berühmte Firma der Elzevir zu Amsterdam. Dem Allen zufolge hatte man es mit einem Exemplar zu thun, welches beinahe ebenso werthvoll und selten war wie der Moskauer »Apostol«.

Der Prachtband, der René-Jean, vielleicht nur zu sehr, in die Augen stach, war gerade auf der Seite eines großen Kupfers aufgeschlagen, das den heiligen Bartholomäus darstellte, wie er seine Haut unter dem Arm trägt, und dieses Kupfer konnte René-Jean von unten wahrnehmen. Nachdem alle Brombeeren vertilgt waren, starrte er es mit verhängnißvoll zärtlicher Begehrlichkeit an, und Georgette, die unverwandt den Blicken ihres Bruders folgte, sah es nun auch und sagte: Bibild.

Diese Aeußerung schien René-Jean endgiltig zu bestimmen, und er verstieg sich zu einem Beginnen, das Gros-Alain mit sprachlosem Staunen erfüllte. In einem Winkel der Bibliothek stand ein großer eichener Stuhl; zu dem ging René-Jean hin, faßte ihn an und schleifte ihn ganz allein an das Pult hin; dann kletterte er hinauf und stemmte beide Fäuste auf das Buch. Zu solcher Höhe angelangt, glaubte er sich selber eine großmüthige Handlung schuldig zu sein; er packte das »Bibild« an der oberen Ecke und riß es herab, sorgfältig, aber, trotz allem guten Willen, schief; die linke Hälfte mit einem Auge und einem Stück vom Heiligenschein des alten zweifelhaften Evangelisten ließ er im Buch zurück und reichte den halben Bartholomäus mit seiner ganzen Haut dem Schwesterchen; dieses nahm das Geschenk in Empfang und sagte: Mannemann.

– Ich auch! rief Gros-Alain.

Mit der ersten Seite hat es dieselbe Bewandtniß wie mit dem ersten vergossenen Blut. Ist der erste Schritt einmal gethan, so kommt das Gemetzel rasch in Gang. René-Jean wendete das zerfetzte Blatt um; hinter dem Heiligen befand sich der Kommentator, Pantönus. Gros-Alain wurde der Pantönus zuerkannt.

0255

Mittlerweile machte Georgette aus ihrem großen Stück zwei kleine.

Mittlerweile machte Georgette aus ihrem großen Stück zwei kleine und aus den zweien vier noch kleinere, so daß behauptet werden könnte, daß der heilige Bartholomäus, nachdem man ihn in Armenien geschunden, in der Bretagne geviertheilt wurde.

VI.

Nach vollzogener Viertheilung hielt Georgette die Hand hin und sagte zu René-Jean: Mehr.

Hinter dem Heiligen und dem Kommentator kamen die sauer dreinschauenden Erklärer, Gavantus an der Spitze; ein Ruck und René-Jean händigte Georgette den Gavantus ein, und so erging es der Reihe nach den Erklärern allen. Der Gebende ist der Ueberlegene. René-Jean beanspruchte nichts für seine eigene Person; Gros-Alain und Georgette starrten ihn an, und das war ihm Lohns genug; er begnügte sich mit dem Bewußtsein, von seinem Publikum bewundert zu werden. Unerschöpflich in seiner Selbstverläugnung beschenkte er den Bruder mit Fabricio Pignatelli und das Schwesterchen mit dem Pater Stilling; ferner wurde Gros-Alain noch mit Alphonse Postat, Henri Hammond und dem Protest der Papierhändler beglückt, Georgette aber mit Cornelius a Lapide, mit dem Pater Roberti nebst Ansicht der Stadt Douai, wo derselbe 1619 geboren ward, und endlich mit der Widmung an die Gryphus. Auch die paar Landkarten wurden vertheilt: Gros-Alain erhielt Aethiopien und Georgette Lykaonien. Und zu guterletzt stieß René-Jean das Buch vom Pult herunter.

Es war dies ein furchtbarer Moment. Mit schauderndem Entzücken sahen die beiden Geschwister, wie René-Jean die Stirn runzelte, wie er alle seine Sehnen anspannte und mit krampfhaft zitternden Fäusten den schweren Quartband über das Pult wegschob. Eine majestätische Scharteke, die das Gleichgewicht verliert, hat etwas Tragisches. Eine Sekunde lang schwebte die herunterhängende Hälfte des dicken Bandes wie zögernd in der Luft; dann polterte er, geborsten, zerknittert, zerrissen, in allen Fugen ächzend und mit beschädigten Schlössern, elendiglich platt auf den Fußboden herunter; ein Glück, daß er auf keines der Kinder gefallen war, die jetzt geblendet und unversehrt hinschauten. Nicht alle Heldenthaten laufen so glatt ab; diese hatte blos den allen Heldenthaten eigenen großen Lärm gemacht und sehr viel Staub aufgewirbelt.

Nach glorreich überstandenem Kampf stieg René-Jean vom Stuhl. Es folgte ein Augenblick des stummen Entsetzens, denn auch der Sieg hat seine Schrecken. Die drei Kinder hielten einander bei den Händen und starrten aus einer gewissen Entfernung nach dem gewaltigen, niedergeschmetterten Buch. Kaum war jedoch das erste Staunen vorüber, so ging auch Gros-Alain entschlossen hin und versetzte dem Besiegten einen Fußtritt. Damit war Alles entschieden. Die Zerstörungslust brach hervor. René-Jean gab seinen Fußtritt Georgette gab ihren Fußtritt und fiel dabei auf die Erde, aber sitzend, ein Umstand, den sie benutzte, um sich mit den Händen über den heiligen; Bartholomäus herzumachen. Die letzte Spur von Scheu war verschwunden: René-Jean griff an, Gros-Alain stürmte, und jubelnd, lachend, unbändig, außer sich, triumphirend, unbarmherzig, schossen die drei kleinen Raubengel auf den wehrlosen Evangelisten herab, zerzausten die Bilder, zerfetzten die Blätter, rupften die Merkbändchen aus, zerkratzten die Deckel, zerrten das vergoldete Leder los, zwickten die Nägel der silbernen Eckenbeschläge ab, rissen die Pergamentstreifen aus dem Rücken, und wütheten, mit Händen, Füßen, Nägeln und Zähnen arbeitend, gegen den ehrwürdigen Text. Sie vernichteten Armenien, Judäa, das Herzogthum von Benevent, wo die Reliquien des Heiligen aufbewahrt werden, Nathanael, so vielleicht identisch ist mit Bartholomäo, den Papst Gelasius, so das Evangelium Bartholomäi-Nathanaels für unecht erklärte, Alles bis aufs letzte Bild und auf die letzte Karte, und die unerbittliche Hinrichtung des alten Buchs beschäftigte sie so ganz ausschließlich, daß eine Maus hätte vorbeilaufen können, ohne von ihnen berücksichtigt zu werden. Kurz, es war eine gründliche Verheerung. Einem Stück Geschichte, der Legende, der Theologie, den wahren und falschen Wundern, dem Kirchenlatein, dem Aberglauben, dem Fanatismus, den Mysterien den Garaus machen und eine ganze Religion von oben bis unten entzwei zu reißen, ist für drei Riesen ein schwer Stück Arbeit und sogar auch für drei Kinder; Stunden gingen darüber hin, aber der Zweck ward auch vollständig erreicht: der heilige Bartholomäus war nicht mehr.

Nach gethaner Arbeit, als die letzte Seite ausgemerzt worden, das letzte Kupfer am Boden lag und vom ganzen Werk nur noch ein paar Text- und Bildertrümmer in dem Skelett eines Einbandes übrig blieben, reckte sich René-Jean in die Höhe, betrachtete den mit Papierblättern übersäten Fußboden und klatschte in die Hände. Gros-Alain klatschte mit. Georgette nahm eins der Blatter, stand auf, lehnte sich an den Fenstersims, der ihr bis ans Kinn reichte und ließ ein abgerissenes Stückchen Papier nach dem andern hinausfliegen. René-Jean und Gros-Alain folgten dem Beispiel; sie hoben auf und ließen fliegen, ließen stiegen und hoben auf, bis der weitaus größte Theil des altehrwürdigen Buches, von den rastlosen Fingerchen zerbröckelt, Blatt für Blatt durchs Fenster gewandert war. Georgette sah diesen Schwärmen, die der Wind auseinandertrieb, sinnend nach und sagte: Metterling. Und so zerstob denn das Gemetzel wie ein Blüthenregen im blauen Himmel.

VII.

Das war die zweite Passion Bartholomai, der bereits sein erstes Martyrium im Jahr 49 nach Christi Geburt erduldet hatte.

Nun rückte die Abendstunde heran; die Hitze nahm zu; die Mittagsruhe schwamm in der Luft, und Georgette zwinkerte schon mit den Augen. René-Jean ging zu seiner Wiege hin, zog den Sack voll geschnittenem Stroh heraus, der ihm als Matratze diente, schleifte ihn bis ans Fenster, streckte sich der Länge nach darauf aus und sagte: Wir wollen schlafen. Gros-Alain legte seinen Kopf auf René-Jean, Georgette stützte den ihren auf Gros-Alain und die drei Missethäter schlummerten ein. Lau wehte es herein durch die offenen Fenster, Wildblumenduft von Hügel und von Schlucht, einherspielend im Atemzug des Abends; eine begnadende Ruhe dehnte sich über den Gefilden; Alles leuchtete; Alles war befriedet; Alles ging in Liebe auf zu Allem; die Sonne liebkoste die Erde mit ihrem Strahl; durch alle Poren sog man jene harmonische Stimmung ein, die der unermeßlichen Milde der Natur entsteigt und mutterzärtlich hinschauert durch das All. Die Welt ist ein ewig werdendes Wunder; sie ergänzt ihre ungeheure Erhabenheit durch ihre Güte. Es war, als ob man das geheimnißvoll vorsorgende Walten einer unsichtbaren Macht fühlte, die im fürchterlichen Widerstreit der Geschöpfe die Schwächlichen in Schutz nimmt gegen die Starken; schön, schön war Alles in diesen Wechselwogen von Sanftmuth und von Herrlichkeit. Ueber der schlummerseligen Landschaft fluthete jener prunkende Flimmer, den das Hin- und Herweben von Licht und Schatten über Bach und Wiesen hinhaucht; Rauchflocken schwebten zu den Wolken empor wie Träume zu den Regionen übermenschlichen Schauens; um La Tourgue kreisten gefiederte Schwärme und die Schwalben blickten durch die Fenster herein, als wollten sie sehen, ob die Kinder auch gut schliefen. Wie eine Gruppe von Amoretten lagen sie da, neben einander hingegossen, halbnackt und unbeweglich, anbetungswerth im Reiz ihrer Unschuld; alle drei zusammen zählten sie noch keine neun Lebensjahre; an ihren traumlächelnden Gesichtchen zogen paradiesische Erscheinungen vorüber; vielleicht flüsterte ihnen Gott gerade ein Vaterwort ins Ohr; gehörten sie ja doch zu Denjenigen, die in jeder menschlichen Sprache die Schwachen und die Gesegneten heißen; sie waren die heilige Unschuld; um sie her schwieg Alles still, als wäre der Hauch, unter dem ihre zarte Brust auf- und niederging, der Inbegriff des Weltalls und als müßte diesem Hauch die ganze Schöpfung lauschen; kein Blatt bewegte sich; kein Grashalm schauerte zusammen; die unendliche Natur mit ihren Sternen allen schien den Atem anzuhalten, um die himmlisch arglosen kleinen Schläfer nicht zu wecken, und nichts auf Erden war erhabener als dieses ehrerbietige Verstummen von Allem um dies holde Bild der unbewußten Demuth.

Schon berührte die untergehende Sonne den Horizont… Da, plötzlich, flammte vom Wald her durch den tiefen Frieden ein Blitzstrahl, dem ein Donnerschlag folgte; das Echo machte sich den Kanonenschuß zu eigen und ließ ihn von Hügel zu Hügel in zehnfach tobendem, gräßlichem Gebrüll fortrollen. Georgette erwachte davon; sie erhob ein klein wenig ihr Köpfchen, streckte lauschend ihr Fingerchen in die Höhe und sagte: Bumm!

Dann verhallte der Lärm; Alles wurde still wie zuvor; Georgette legte den Kopf wieder auf Gros-Alain und schlief weiter.

Zweites Buch.

Die Schenke der Rue du Paon.

I.

Minus, Rekus und Rhadamantus.

In der Rue du Paon war eine Schenke, die man ein Kaffeehaus nannte. Dieses nunmehr historisch gewordene Kaffeehaus hatte ein Hinterstübchen, wo zuweilen heimlich Männer zusammentraten, welche so mächtig und doch wieder so überwacht waren, daß sie sich scheuten, öffentlich mit einander zu sprechen. Hier war am 23. Oktober 1792 zwischen der Montagne und der Gironde ein berühmter Versöhnungskuß gewechselt worden. Hierher war Garat, wenn er es gleich in seinen Memoiren nicht Wort haben will, auf Kundschaft ausgegangen in jener Schreckensnacht, wo er seinen Wagen am Pont-Neuf halten ließ, um auf das Sturmgeläut zu horchen, nachdem er Clavière in Sicherheit gebracht hatte nach der Rue de Beaune.

Am 28. Juni 1793 saßen in diesem Hinterstübchen drei Männer um einen viereckigen Tisch. Ihre Stühle berührten einander nicht; jeder nahm eine Seite des Tisches ein, so daß die vierte leer stand. Es war ungefähr Abends acht Uhr. Draußen auf der Straße sah man noch hell, im Hinterstübchen aber hatte die Zuglampe bereits angezündet werden müssen, welche – damals ein Luxusgegenstand – über dem Tisch von der Decke herabhing.

Der eine dieser drei Männer war bleich, jung, ernsthaft, hatte dünne Lippen, einen kalten Blick und in der Wange ein nervöses Jucken, das ihm das Lächeln jedenfalls erschwerte. Er war gepudert, gebürstet, zugeknöpft und hatte Handschuhe an; sein hellblauer Rock warf auch nicht ein Fältchen. Er trug ein Nankinbeinkleid, weiße Strümpfe, eine hohe Halsbinde, einen gekräuselten Jabot, silberne Schnallen an den Schuhen. Von den beiden anderen war einer fast ein Riese und der andere fast ein Zwerg. Der große, ganz verwahrlost in seinem weiten scharlachrothen Rock, hatte einen bloßen Hals, denn die Binde war so lose, daß sie über den Jabot herunterhing, eine aufgeknöpfte Weste, an der ein paar Knöpfe fehlten, Stulpstiefel, borstig gesträubtes Haar, dem man noch ansehen konnte, daß es geglättet und frisirt gewesen war, ein Haar, das viel von einer Mähne hatte. Das Gesicht war voller Blatternarben; zwischen den Augenbrauen stand eine Zornfalte, aber um die Mundwinkel lag ein Zug von Gutmütigkeit; dicke Lippen, große Zähne, die Faust eines Hausknechts und im Blick ein Leuchten. Der kleine mit dem gelben Teint schien, wie er jetzt da saß, verwachsen; sein Kopf war zurückgeworfen, sein Auge mit Blut unterlaufen, seine Haut voll von grünlichen Flecken; über dem fetten, steifhängenden Haar trug er ein ungebundenes Tuch; er hatte keine Stirn und einen ungeheuren, schrecklichen Mund. Strumpfhosen und Pantoffeln hatte er an, eine Weste von Atlas, der einmal weiß gewesen zu sein schien, und über der Weste einen Kittel, in dessen Falten eine harte gerade Linie einen Dolch vermuthen ließ. Der erste dieser Männer hieß Robespierre, der zweite Danton, der dritte Marat.

Sonst war Niemand zugegen. Vor Danton stand ein Weinglas neben einer staubigen Flasche, die an Doktor Luthers Humpen erinnern mochte, vor Marat eine Tasse Kaffee, vor Robespierre lagen Papiere. Ferner befand sich noch auf dem Tisch, außer der großen Karte von Frankreich, die in der Mitte ausgebreitet lag, eines jener runden, gerippten, schwerfälligen Tintenfässer aus Blei, die wohl noch Jeder kennt, welcher zu Anfang unseres Jahrhunderts in die Schule ging; daneben eine hingeworfene Feder, und auf den Papieren ein großes kupfernes Petschaft, das ein genaues kleines Modell der Bastille vorstellte und die Inschrift »Palloy fecit« trug.

Draußen vor der Thür wachte der Haushund Marat’s, Laurent Basse, jener Laufbursche des Hauses Nummer 18 in der Cordeliers-Straße, derselbe, welcher ungefähr vierzehn Tage später, den 13. Juli, einen Stuhl einem Weib an den Kopf schlug, das Charlotte Corday hieß und zur Stunde in Caen vor sich hinbrütete. Laurent Basse trug die Korrekturbogen des »Volksfreunds« aus und hatte von seinem Herrn, der ihn in die Rue du Paon mitgenommen, die Weisung erhalten, das Zimmer, in dem sich Marat mit Danton und Robespierre befand, zu hüten und Jedem den Eintritt zu wehren, welcher nicht zum Wohlfahrtsausschuß, zum Stadtrath oder zum Evêché gehörte. Robespierre wollte Saint-Just nicht, Danton nicht Pache und Marat Gusman nicht ausschließen.

Die Unterredung dauerte schon lange; sie hatte die Papiere zum Gegenstand, welche vor Robespierre lagen und von ihm vorgelesen worden waren. Es war zu einem Wortwechsel gekommen; zwischen den drei Männern grollte etwas hin und her wie Zorn, und nach außen tönte zuweilen ein lauterer Ausbruch der Stimmen herüber. Damals pflegte man so häufig allen möglichen Sitzungen beizuwohnen, daß man jedes Zuhören als ein Recht zu betrachten schien. Es war die Zeit, wo der Abschreiber Fabricius Pâris die Debatten des Wohlfahrtsausschusses durch das Schlüsselloch belauschte, was, nebenbei gesagt, insofern nicht unnütz war, als jener Pâris in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1794 Danton noch verwarnen konnte. So hatte denn auch Laurent Basse sein Ohr an die Thür gedrückt, hinter welcher Danton, Marat und Robespierre verhandelten. Laurent Basse war in Marat’s Diensten, gehörte aber zum Evêché.

II.

Magna testantur voce per umbras.

0111

Danton war aufgestanden und hatte lebhaft den Stuhl gerückt.

– Ich aber, rief er, sage, daß gegenwärtig nur dies Eine drängt, die Gefahr der Republik. Für mich giebt’s nur dies Eine, Frankreich vom Feind befreien, und dafür sind alle Mittel gut, alle, alle, alle! Wenn ich’s mit jeder Gefahr aufnehmen muß, schöpfe ich aus jeder Hilfsquelle, und wenn ich Alles befürchte, schlage ich Allem in’s Gesicht. Man muß Löwengedanken haben. Nur keine Halbheiten, kein prüdes um den Brei Gehen. Die Nemesis thut nicht zimperlich. Seien wir entsetzlich und nutzbringend. Schaut der Elephant erst, wo er den Fuß hinsetzt? Zermalmen wir den Feind!

– Von Herzen gern, erwiderte Robespierre mit Gelassenheit, und setzte dann hinzu: Nur handelt sich’s darum, zu wissen, wo der Feind ist?

– Draußen ist er, sagte Danton, und ich habe ihn hinausgeworfen.

– Drinnen ist er, entgegnete Robespierre, und ich überwache ihn.

– Und ich werde ihn abermals hinauswerfen, fuhr Danton fort.

– Den innern Feind wirft man nicht hinaus.

– Was dann?

– Man vernichtet ihn.

– Mir schon recht, sagte Danton, und begann dann von Neuem: Aber ich sage Ihnen, Robespierre, draußen ist er.

– Und Ihnen sage ich, Danton, daß er drinnen ist.

– An der Grenze, Robespierre.

– Nein, in der Vendée

– Ruhe! fiel eine dritte Stimme ein, er ist überall, und Ihr seid verloren, sprach Marat. Robespierre schaute ihn an und erwiderte kühl:

– Sehen wir vom Allgemeinen ab. Ich fasse mich also bestimmt. Die Thatsachen sind folgende:

– Pedant! murrte Marat. Robespierre legte die Hand auf seine Papiere und fuhr fort: Die Depeschen von Prieur Marne habe ich Euch vorgelesen. Ich habe Ihnen die Mittheilungen jenes Gélambre soeben zur Kenntniß gebracht. Danton, glauben Sie mir: der Krieg mit dem Ausland ist nichts; der Bürgerkrieg Alles. Der Krieg mit dem Ausland ritzt uns blos am Ellenbogen; der Bürgerkrieg frißt uns wie ein Geschwür an der Leber. Aus Allem, was ich Euch vorlas, erhellt aber Folgendes: Die Streitkräfte der Vendée, bis jetzt unter verschiedene Führer zersplittert, stehen im Begriff, sich zu verschmelzen; sie werden fortan einem einzigen Befehlshaber gehorchen.

– Einem Zentralmordbrenner, murmelte Danton.

Robespierre fuhr fort: Es ist dies jener Mann, der am 2. Juni bei Pontorson landete. Wer er ist, wissen Sie. Bemerken Sie ferner wohl, daß damit die Verhaftung unserer beiden Kommissäre Prieur Côte-d’Or und Romme zusammenfällt, die an eben demselben 2. Juni seitens jenes verrätherischen Bezirks des Calvados zu Bayeux stattfand.

– Sie sind in’s Schloß von Caen abgeführt, sagte Danton.

Robespierre begann wieder: Ich fasse die Depeschen nun weiter zusammen: Der Krieg im Busch wird in großem Maßstab organisirt und gleichzeitig eine englische Expedition vorbereitet; Vendéer und Engländer heißt Bretagne mit Bretagne, denn die Kaffern im Finistère reden die Sprache der Hottentotten von Wales. Ich habe Ihnen einen aufgefangenen Brief von Puisaye vorgelegt, worin geäußert wird, »daß zwanzigtausend rothe Röcke, unter den Aufständischen vertheilt, hunderttausend Bauern auf die Beine bringen werden.« Ist die Bauernempörung einmal so weit gediehen, dann geht die Landung der Engländer vor sich. Ihr Plan – folgen Sie mir nur auf der Karte – ist der:

Und Robespierre begleitete seine Auseinandersetzung mit dem Finger:

– Den Engländern steht die Wahl des Landungsplatzes frei von Cancale bis Paimpol. Craig stimmt für die Bucht von Saint-Brieuc, Cornwallis für die von Saint Cast. Doch das ist Nebensache. Das linke Loire-Ufer ist durch die Vendéer Rebellen gedeckt, und was die freien achtundzwanzig Meilen zwischen Ancenis und Pontorson betrifft, so haben vierzig Gemeinden der Normandie ihre Hülfe in Aussicht gestellt. Der Einfall wird von drei Punkten ausgehen, von Plérin, Iffinac und Pléneuf; von Plérin gegen Saint-Brieuc und von Pléneuf gegen Lamballe; Tags darauf wird auf Dinan marschirt, wo sich neunhundert gefangene Engländer befinden, und gleichzeitig Saint-Jouan und Saint-Méen besetzt, wo eine Abtheilung Kavallerie zurückgelassen wird; am dritten Tage rückt eine Kolonne von Jouan nach Bédée und eine andere von Dinan nach Becherel, einer natürlichen Festung, wo zwei Batterien aufgestellt werden sollen; am vierten Tag Einzug in Rennes. Rennes ist der Schlüssel der Bretagne. Wer in Rennes ist, ist überall; mit Rennes fallen Châteauneuf und Saint-Malo. In Rennes haben wir eine Million Patronen und fünfzig Feldgeschütze….

– Die flöten gehen würden, murmelte Danton dazwischen.

– Ich schließe, sagte Robespierre. Von Rennes aus werfen sich drei Kolonnen auf Fougères, auf Vitré und auf Redon. Da die Brücken zerstört sind, wird sich der Feind, wie wir bereits in Erfahrung gebracht, mit Pontons und Bohlen versehen und außerdem noch die Furten für die Kavallerie durch Führer ausmitteln. Von Fougères aus wird dann Avranche, von Redon Ancenis, von Vitré Laval bedroht. Nantes wird sich, Brest wird sich ergeben. Redon beherrscht den Lauf der Vilaine, Fougères die Straße nach der Normandie, Vitré die Straße nach Paris. In vierzehn Tagen wird eine Armee von dreimalhunderttausend Briganten dastehen, und die ganze Bretagne wird dem König von Frankreich gehören.

– Dem König von England, meinte Danton.

– Nein, von Frankreich, erwiderte Robespierre. Der König von Frankreich ist schlimmer. Um die Fremden zu verjagen, genügen vierzehn Tage, aber kaum achtzehnhundert Jahre, um die Monarchie auszustoßen.

Danton, der sich wieder gesetzt hatte, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf nachdenklich auf beide Hände.

– Die Gefahr springt in die Augen, sagte Robespierre. Vitré öffnet den Engländern den Weg nach Paris.

Danton erhob die Stirn und ließ seine zwei großen geballten Fäuste auf die Landkarte fallen wie auf einen Amboß: Robespierre, öffnete Verdun den Preußen nicht auch den Weg nach Paris?

– Je nun?

– Je nun, man wird die Engländer hinauswerfen, wie man die Preußen hinausgeworfen hat.

Und Danton stand wieder auf.

Robespierre legte seine kalte Hand auf Danton’s fiebernde Faust: Danton, die Champagne hielt nicht zu den Preußen, aber die Bretagne hält zu den Engländern. Verdun zurücknehmen, ist nur Krieg mit dem Ausland; Vitré zurücknehmen, ist Bürgerkrieg. Und nachdem er mit kalter, tiefer Stimme noch dazu gemurmelt hatte: Ein gründlicher Unterschied, sagte er: Setzen Sie sich wieder hin, Danton, und schauen Sie die Karte an, statt mit Fäusten daraufzuschlagen.

Danton aber war ganz in seine Auffassung vertieft.

– Das ist denn doch stark, rief er, die Katastrophe im Westen zu sehen, wenn sie von Osten herkommt! Ich will Ihnen zugeben, Robespierre, daß im Westen England zum Hieb ausholt, aber Italien holt aus hinter den Alpen, aber Deutschland holt aus hinter dem Rhein, und hinterdrein kommt der große russische Bär. Die Gefahr, Robespierre, ist ein Kreis, und wir stehen mitten drin. Außen die Koalition, innen der Verrath. Im Süden läßt Servant den König von Spanien zur halbgeöffneten Thür herein. Im Norden geht Dumouriez zum Feind über; er hatte übrigens von jeher weniger Holland bedroht als Paris; vor Meerwinden verblaßt Valmy und Jemappes. Der Philosoph Rabaut Saint-Etienne, falsch wie alles Protestantische, korrespondirt mit Montesquiou, dem Hofschranzen. Die Armee ist zusammengeschmolzen; wir haben kein Bataillon von über vierhundert Mann mehr, das tapfere Regiment Zweibrücken ist nur noch hundertundfünfzig Mann stark; in Givet bleiben uns kaum fünfhundert Säcke Mehl; wir ziehen uns auf Landau zurück; Wurmser ist Kleber auf den Fersen; Mainz fällt mit Ruhm, Condé mit Schmach und Valenciennes desgleichen, was übrigens nicht hindert, daß in Valenciennes Chancel und der alte Féraud in Condé zwei Helden sind so gut wie Meunier, der Mainz vertheidigt hat; aber die anderen sammt und sonders verrathen uns; uns verräth Dharville in Aachen, verräth Mouton in Brüssel, verräth Valence in Breda, verräth Neuilly in Limburg, verräth Miranda in Mastricht; Stengel ein Verräther, Lanone Verräther, Ligonnier Verräther, Menou Verräther, Dillon Verräther, sie Alle der eine Dumouriez in abscheulicher Scheidemünze. Es muß durch Beispiele gewirkt werden. Die Rückmärsche von Custine sind mir verdächtig; ich habe den Argwohn, daß Custine die einträgliche Wegnahme von Frankfurt der zweckdienlichen Einnahme von Coblenz vorzieht. Frankfurt kann vier Millionen Kriegskontribution zahlen – zugegeben; aber was wiegt das im Vergleich zur Zerstörung der Emigrantenhöhle? Verrath, auf dem Wort bestehe ich. Meunier ist am 13. Juni gestorben. Kleber bleibt nunmehr allein. Unterdessen wächst der Braunschweiger an und dringt vor. Er pflanzt in allen französischen Plätzen, die er einnimmt, deutsche Fahnen auf. Der Markgraf von Brandenburg ist zur Stunde der Schiedsrichter in Europa; er steckt unsere Provinzen in die Tasche; er wird sich Belgien zuschlagen, denken Sie nur an mich; man könnte wirklich glauben, daß wir Berlin in die Hände arbeiten; wenn das so fortgeht und wir nicht rechtzeitig Ordnung schaffen, wird die französische Revolution für Potsdam gemacht worden sein; sie wird keinen anderen Nutzen gehabt haben, als den kleinen Staat Friedrich’s II. zu vergrößern, und wir haben dann den König von Frankreich umgebracht, ganz wie wir Franzosen sagen, »pour le roi de Prusse«.

Bei diesen Worten brach Danton in ein erschreckendes Lachen aus. Danton’s Lachen entlockte Marat ein Lächeln:

– Jeder von Euch reitet sein Steckenpferdchen; das Ihrige, Danton, heißt Preußen und das Ihre, Robespierre, heißt Vendée. Auch ich will mich bestimmt fassen. Die wirkliche Gefahr seht ihr nicht; nun denn, sie liegt in den Cafés und Kneipen. Das Café Choiseul steckt voller Jakobiner, das Café Patin voller Royalisten; das Café du Rendez-Vous greift die Nationalgarde an; das Café Porte-Saint-Martin nimmt sie in Schutz; das Café de la Régence ist gegen Brissot, das Café Corazza für; das Café Procope schwört nicht höher als Diderot, das Café du Theátre-François nicht höher als Voltaire; in der Rotunde werden die Assignate zerrissen; die Cafés Saint-Marceau kennen sich nicht vor Zorn; im Café Manouré streitet man sich um die Mehlfrage; im Cafe von Foy wird randalirt, am Perron surren die Schacherwespen. Darin liegt eine ernste Gefahr.

Danton lächelte nicht mehr, aber Marat lächelte noch immer. Der Zwerg überlächelte das Lachen des Riesen.

– Haben Sie uns zum Besten, Marat? grollte Danton.

Marat bekam sein allbekanntes konvulsivisches Zucken der Hüfte. Sein Lächeln war geschwunden:

– So, da wären Sie glücklich wieder der Alte, Bürger Danton. Sie waren es ja doch, der mich vor dem ganzen Konvent »das Individuum Marat« genannt hat. Wissen Sie was? Ich will es Ihnen verzeihen. Wir beißen uns durch eine alberne Uebergangszeit. Also hätte ich Sie zum Besten? Ach ja, was bin ich denn auch? Ich habe Chazot entlarvt, habe Pétion entlarvt, Kersaint entlarvt, Dufriche-Balazé entlarvt, Ligonnier entlarvt, Menou entlarvt, Bonneville entlarvt, Gensonné entlarvt, Biron entlarvt, Lidon und Chambon entlarvt; that ich etwa nicht recht? Ich wittere den Verrath aus dem Verräther heraus und halte es für zweckmäßig, den Verbrecher vor der Ausführung anzuklagen. Ich pflege Tags zuvor das zu sagen, was Tags darauf Ihr sagt. Ich bin’s, welcher der Nationalversammlung den vollständigen Plan zu einer Kriminalgesetzgebung vorschlug. Und was that ich bis jetzt? Ich habe Lehrmittel verlangt für die Wahlbezirke, damit sie für die Revolution geschult werden mögen. Ich habe die Siegel abnehmen lassen von den zweiunddreißig Schachteln; ich habe die bei Roland deponirten Diamanten zurückbegehrt; ich habe nachgewiesen, daß die Brissotins dem Sicherheitsausschuß unausgefüllte Haftbefehle gegeben hatten; ich habe die Lücken bezeichnet im Bericht von Linden über Capet’s Unthaten; ich habe dafür gestimmt, daß der Tyrann binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet werde; ich habe die Bataillone le Mauconseil und le Republicain vertheidigt; ich habe die Verlesung des Briefes von Narbonne und von Malouet verhindert; ich habe einen Antrag zu Gunsten der verwundeten Soldaten gestellt; ich habe die Kommission der Sechs abschaffen lassen; ich habe in der Affaire von Mons Dumouriez‘ Verrath kommen sehen; ich habe verlangt, man solle hunderttausend Emigrantenangehörige als Geiseln festnehmen für unsere an den Feind ausgelieferten Kommissare; ich habe vorgeschlagen, jeden Abgeordneten, der die Stadt verlassen würde, für vogelfrei zu erklären; ich habe bei Anlaß der Marseiller Wirren der Coterie Roland die Maske vom Gericht gerissen; ich habe darauf bestanden, daß man einen Preis setze auf den Kopf des jüngern Egalité; ich habe Bouchotte das Wort geredet; ich habe die Abstimmung mit Namensaufruf gefordert, um Isnard vom Präsidentenstuhl zu vertreiben; ich habe die Erklärung veranlaßt, daß sich die Priester um’s Vaterland verdient gemacht haben; und deshalb schimpft mich Louvet einen Hanswurst, deshalb verlangt das Finistère meine Ausschließung, wünscht die Stadt Loudun, daß man mich verbanne, und die Stadt Amiens, daß mir ein Maulkorb angelegt werde, deshalb will der Prinz von Koburg mich verhaftet wissen und schlägt Lecointe-Puiraveau dem Konvent vor, mich für verrückt zu erklären. Ja, sagt mir doch einmal, Bürger Danton, warum ihr mich zu Eurer Besprechung geladen habt, wenn nicht um meine Meinung zu haben? Habe ich etwa darum gebeten? Keineswegs; ich finde nicht den geringsten Geschmack an tête-á-tête’s mit Gegenrevolutionären wie Robespierre und Sie. Uebrigens habt Ihr mich, wie es zu erwarten war, nicht einmal verstanden, Sie gerade so wenig wie Robespierre und Robespierre so wenig wie Sie. Ist denn hier kein Staatsmann bei der Hand? Man muß Euch also politisch buchstabiren helfen und ja nicht vergessen, auch den Punkt über jedes i zu setzen. Was ich vorhin sagte, hieß in dürren Worten: Ihr irrt Euch alle Beide. Die Gefahr liegt weder in London, wie Robespierre, noch in Berlin, wie Danton glaubt; sie liegt hier in Paris, liegt in dieser Zerfahrenheit, in dem Recht, das jeder hat, an seinem eigenen Strang zu ziehen, – und ich habe dabei zu allernächst Euch Zwei im Auge – liegt in dem staubartigen Auseinanderstieben der Geister, in der Anarchie der Willenskräfte…..

– Anarchie, fuhr Danton dazwischen, durch wen ist sie eingerissen, wenn nicht durch Sie?

Marat ließ sich nicht stören:

– Ja, Robespierre, ja, Danton, die Gefahr liegt in dieser Unmasse von Kaffeeschenken, in dieser Unmasse von Spielhäusern, in dieser Unmasse von Klubs, im Klub der »Schwarzen«, im Klub der »Föderirten«, im Klub der »Damen«, im Klub der »Unparteiischen«, der noch aus der Zeit von Clermont-Tonnerre stammt und der erste monarchische Klub vom Jahre neunzig gewesen ist, im »Sozialen Verein«, der durch den Claude Fauchet, den Priester, ausgeheckt worden, im Klub der »Wollmützen«, den Prudhomme, der Zeitungsschreiber, gegründet hat, und so fort, ganz abgesehen von Robespierre’s Jakobinerklub und Ihrem Klub der Cordeliers, Bürger Danton. Die Gefahr liegt in der Hungersnoth, die den Sackträger Blin veranlaßt hat, François Denis, den Bäcker vom Marché-Palu, an der Laterne des Rathhauses aufzuknüpfen, und in der Justiz, die den Sackträger Blin hängen ließ, wie er dem Bäcker Denis gethan. Die Gefahr liegt im Papiergeld, das entwerthet wird. In der Temple-Straße fiel ein Assignat von hundert Franks auf die Erde, und ein Vorübergehender, ein Mann aus dem Volke, meinte, »es verlohne sich der Mühe nicht, sich danach zu bücken«. In den Wuchermäklern und Spekulanten, da liegt die Gefahr. Die schwarze Fahne am Rathhaus, soll die etwa noch ziehen? Ihr habt den Baron Trenck eingesteckt, aber das langt nicht; den Hals müßt Ihr ihm umdrehen, dem alten Gefängniß-Intriguanten. Oder meint Ihr, Alles sei jetzt in Ordnung, weil der Präsident des Konvents Labertêche für die einundvierzig Säbelhiebe, die er bei Jemmappes erhalten, eine Bürgerkrone aufsetzt, und weil Chénier den Elephantenführer dabei abgiebt? Komödien das und Faxen! Ihr schaut nicht um Euch in Paris? Schön! Ihr sucht die Gefahr in der Ferne, während Ihr sie in nächster Nähe habt? Schön! Aber was nützt Ihnen dann Ihre Polizei, Robespierre? Denn Spione halten Sie sich ja doch, im Stadtrath Payan, beim revolutionären Schwurgericht Coffinhal, im Sicherheitsausschuß David, im Wohlfahrtsausschuß Couthon. Ich bin, wie Sie sehen, wohl unterrichtet. So wißt denn dies Eine: die Gefahr schwebt über Euren Köpfen; die Gefahr steckt unter Euren Füßen. Konspirirt wird, konspirirt, konspirirt. Auf den Straßen lesen die Leute sich aus Zeitungen vor und nicken einander zu. Sechstausend Menschen ohne patriotische Legitimationskarten, zurückgekehrte Emigranten, »Muscadins« und »Mathevons« sind in Kellern und auf Dachböden und in den hölzernen Galerieen des Palais-Royal verborgen, vor den Bäckerläden wird Queue gemacht; die alten Weiber unter den Thüren schlagen die Hände über’m Kopf zusammen und sagen: »Wann wird denn wieder Friede?« Ihr mögt Euch, um ganz unter Euch zu bleiben, noch zehn Mal sorgfältiger in den Sitzungssaal des Exekutivraths einschließen, was drin gesprochen wird, erfährt man doch. Sie werden mir’s schon glauben, wenn ich Ihnen wortwörtlich wiederhole, was Sie gestern Abend zu Saint-Just gesagt haben: »Bei Barbaroux setzt sich ein Bauch an; das wird ihm auf der Flucht unbequem werden.« Jawohl ist die Gefahr überall und im Mittelpunkt zumeist. Hier in Paris zetteln die Aristokraten Verschwörungen an, indessen die Patrioten barfuß gehen; die Gefangenen vom 9. März sind schon wieder in Freiheit gesetzt; die Luxuspferde, die an der Grenze vor unseren Kanonen eingespannt sein sollten, spritzen uns den Pflasterkoth an die Beine; ein vierpfündiger Laib Brod kostet drei Francs zwölf Sous; in den Theatern spielt man Schandstücke, und Robespierre wird Danton noch auf die Guillotine bringen.

0119

– Ja Schnecken! unterbrach Danton.

Robespierre suchte emsig auf der Landkarte nach etwas.

– Was noththut, schrie Marat heraus, ist ein Diktator. Sie wissen, Robespierre, daß ich einen Diktator verlange.

Robespierre erhob den Kopf: Ja, Marat, ich weiß: Sie oder ich.

– Ich oder Sie, sagte Marat.

– Ein Diktator? Versuchs einmal Einer! brummte Danton zwischen den Zähnen.

Marat hatte Danton’s Stirnrunzeln bemerkt: Wohlan! begann er wieder, ich will einen letzten Versuch machen, einen Vorschlag zur Güte. Die Situation ist es werth. Haben wir doch früher schon einmal ein Einverständniß erzielt für den 31. Mai. An der Einigkeit ist mehr gelegen als an den Girondins, die nur nebenbei in Frage kommen. Euren Behauptungen liegt ein Stück Wahrheit zu Grunde; aber die ganze Wahrheit, die wahre Wahrheit sitzt in dem, was ich behaupte. Der Föderalismus des Südens, der Royalismus des Westens, der Zweikampf des Konvents und des Stadtraths in Paris und an der Grenze das Zurückweichen Custine’s und Dumouriez‘ Verrath – was bedeutet das Alles? Das Auseinandergehen; und was thut noth? Die Eintracht. Die rettet uns; aber es hat Eile. Paris muß sich eine revolutionäre Regierung geben. Wenn wir noch eine Stunde verlieren, können allerdings die Vendéer in Orléans einrücken und die Preußen in Paris; das Eine, Robespierre, gebe ich Ihnen zu, das Andere Ihnen, Danton; sei’s drum. Doch worauf läuft auch das hinaus? Auf die Nothwendigkeit einer Diktatur. Theilen wir uns drein! Wir drei sind die Träger der Revolution; wir sind die drei Köpfe des Cerberus; der Eine spricht, Sie, Robespierre; der Andere brüllt, Sie, Danton. …

– Und der Dritte beißt, vollendete Danton, Sie Marat.

– Sie beißen alle drei, entgegnete Robespierre.

Es entstand eine Pause. Dann bewegte sich die Auseinandersetzung unter unheimlichen Erschütterungen weiter.

– Hören Sie, Marat, bevor man sich heirathet, muß man sich kennen. Woher wissen Sie, was ich gestern zu Saint-Just gesagt habe?

– Lassen Sie das meine Sorge sein, Robespierre.

– Marat!

– Es ist meine Pflicht, mich aufzuklären, und mein Geschäft, Erkundigungen einzuziehen.

– Marat!

– Ich liebe einmal die Klarheit.

– Marat!

– Robespierre, ich weiß, was Sie zu Saint-Just sagen, gerade so, wie ich weiß, was Danton mit Lacroix spricht, wie ich weiß, was am Theatinerquai im Hotel von Labriffe vorgeht, in jener Höhle, wo die Nymphen der Emigration einkehren, wie ich weiß, was bei Gonesse in jenem Haus von Les Thilles vorgeht, das dem früheren Postadministrator Valmerange gehört und das seiner Zeit von Maury und Cazales, nachher von Sieyès und Vergniaud besucht wurde, und wohin man sich jetzt einmal in der Woche verfügt.

Dieses »man« begleitete Marat mit einem Blick auf Danton.

– Hätte ich für einen Heller Macht in Händen, rief dieser, es wäre furchtbar.

Marat fuhr fort: Ich weiß was Sie sagen, Robespierre, wie ich wußte, was im Temple vorging, als Ludwig XVI. noch drin gemästet wurde, so wohl gemästet, daß im Monat September allein der Wolf, die Wölfin und die Jungen sechsundachtzig Körbe Pfirsiche verzehrt haben. Unterdessen hungerte das Volk. Ich weiß das, wie ich auch weiß, daß Roland in einer Hofwohnung der Straße La Harpe versteckt worden ist, wie ich weiß, daß sechshundert Piken vom 14. Juli bei Faure, dem Schlosser des Herzogs von Orléans, angefertigt wurden, wie ich weiß, was bei der Maitresse von Sillery, der Saint Hilaire, getrieben wird; wenn getanzt werden soll in der Rue Neuve-des-Mathurins, bestreicht der alte Sillery höchsteigenhändig den Fußboden des gelben Salons mit Kreide; Buzot und Kersaint haben dort dinirt; am 27. war auch Saladin geladen, und mit wem, Robespierre? Mit Ihrem Freund Lasource. – Geschwätz, murmelte Robespierre. Lasource ist mein Freund nicht; dann setzte er nachdenklich hinzu: Mittlerweile überschwemmen uns zu London achtzehn Fabriken mit falschen Assignaten.

Marat fuhr mit ruhiger Stimme, aber mit einem schauerlichen leisen Zittern fort: Ihr seid die Partei der Wichtigthuer. Ja, Alles weiß ich, trotz Eurer »Staatsverschwiegenheit,« wie Saint Just das Ding nennt. – Und Marat, der das Wort betont hatte, schaute Robespierre an und sprach dann weiter: Ich weiß, was an Eurem Tisch geredet wird, wenn Lebas David als Gast mitbringt zu den Schüsseln der ihm versprochenen Elisabeth Duplay, Ihrer zukünftigen Schwägerin, Robespierre. Ich bin das ungeheuere Auge des Volkes und schaue heraus aus meinem Keller. Ja, ich sehe, ja, ich höre, ja, ich weiß. Euch genügt Kleines. Ihr staunt Euch an. Robespierre läßt sich durch seine Frau von Chalabre bewundern, die Tochter jenes Marquis von Chalabre, der mit Ludwig XV. nach der Hinrichtung von Damiens Abends die Whistpartie spielte. Ja, man trägt den Kopf hoch aufrecht. Saint-Just bewohnt eine Halsbinde. Legendre kleidet sich tadellos: neuer Rock, weiße Weste und Jabot, damit man seinen Metzgerschurz vergesse. Robespierre denkt sich, die Nachwelt werde einst froh sein, zu wissen, daß er in der konstituirenden Versammlung einen olivenbraunen und im Konvent einen himmelblauen Rock trug. Sein Portrait ziert alle Wände seine Zimmers. …

Robespierre warf in noch ruhigerem Ton als Marat die Erwiderung dazwischen: Und das Ihre, Marat, ziert alle Kloaken.

In demselben Gesprächston fuhren sie auch fort; das langsame Tempo hob die Bitterkeit der Stöße und Gegenstöße nur um so mehr hervor und fügte der Drohung noch eine gewisse Ironie bei.

– Robespierre, Sie haben die Männer, die den Umsturz aller Throne anstreben, »die Don Quichotte’s aller Welt« genannt.

– Und Sie, Marat, haben nach dem 4. August in Ihrem »Volksfreund«, 559. Nummer – ja, die Zahl habe ich mir gemerkt, dergleichen schadet nie – Sie haben verlangt, man möge dem Adel seine Standesbenennungen wiedergeben, und erklärt, »ein Herzog bleibe einmal ein Herzog.«

– Robespierre, in der Sitzung des 7. Dezember haben Sie die Roland gegen Viard in Schutz genommen.

– Wie auch mein Bruder Sie, Marat, in Schutz nahm, als Sie bei den Jakobinern angefeindet wurden. Was will das heißen? Nichts.

– Robespierre, man kennt noch das Kabinet in den Tuilerien, wo Sie zu Garat gesagt haben: »Ich bin der Revolution satt.«

– Hier, Marat, in diesem Zimmer, am 29. Oktober, haben Sie Barbaroux umarmt.

– Robespierre, Sie haben sich gegen Buzot geäußert: »Die Republik, was steckt da auch weiter dahinter?«

– Marat, hier in diesem Zimmer haben Sie die Marseiller bewirthet, von jeder Kompagnie drei Mann.

– Robespierre, Sie lassen sich durch einen Lastträger aus der Fruchthalle mit einem Knüppel eskortiren.

– Und Sie, Marat, haben sich am Vorabend des 10. August, als Reitknecht verkleidet, nach Marseille flüchten wollen und Buzot um seinen Beistand ersucht.

– Als die Volksgerechtigkeit zu den Septemberexekutionen schritt, haben Sie sich versteckt, Robespierre.

– Und Sie, Marat, haben sich gezeigt.

– Robespierre, Sie haben die rothe Mütze von sich geworfen.

– Als ein Verräther sie entweihte, gewiß. Einen Robespierre befleckt, was einen Dumouriez ziert.

– Robespierre, beim Durchmarsch der Soldaten von Chateauvieux haben Sie sich geweigert, über Ludwigs XVI. Kopf einen Trauerflor zu werfen.

– Ich habe sein Haupt nicht verhüllt, aber ich that mehr: ich hieb es ihm herunter.

Nun mischte sich Danton ein, doch wie das Oel ins Feuer: Robespierre, Marat, sagte er, Mäßigung!

Marat hörte sich nicht gern in zweiter Linie nennen; er wendete sich um: Was nimmt Danton sich da heraus? fragte er.

Danton fuhr in die Höhe: Was ich mir herausnehme? Ich nehme mir heraus, Euch zu sagen, daß der Brudermord ein Verbrechen ist, daß ich kein Zerwürfniß dulde zwischen zwei Männern, die dem Volk dienen, daß wir neben dem Krieg mit dem Ausland und dem Bürgerkrieg nicht noch den häuslichen Krieg brauchen können, daß ich, der ich die Revolution gemacht habe, nicht gestatten werde, daß Ihr sie zunichte macht. Das nehme ich mir heraus.

– Nehmen Sie sich erst heraus, Rechenschaft abzulegen, versetzte Marat, ohne die Stimme lauter zu erheben.

– Rechenschaft? schrie Danton. Zieht sie nur zur Rechenschaft, die Pässe der Argonne und die befreite Champagne und das eroberte Belgien und die Armeen, die mich bereits zum vierten Mal dem Kartätschenfeuer die Brust entgegenwerfen sahen! Zur Rechenschaft zieht den Revolutionsplatz, das Schaffot des 21. Januar, den niedergeschmetterten Thron, die Guillotine, jene Wittwe …

– Eine Jungfrau ist die Guillotine, unterbrach Marat; man legt sich darauf, aber man befruchtet sie nicht,

– Sie wollen das wissen? entgegnete Danton; ich würde sie befruchten, ich!

– Das wird sich zeigen, erwiderte Marat. Und er lächelte.

Danton sah dieses Lächeln: Marat, schrie er. Sie sind der Mann der Heimlichkeit; ich bin der Mann des freien Himmels und des hellen Tages. Ein Leben wie’s Reptilien führen, hasse ich; ich mag mich nicht verkriechen wie eine Kellerassel. Sie leben unter der Erde und ich oben drauf. Sie verkehren mit Niemand; mich kann Jeder, der vorbeigeht, sehen und sprechen.

– Schöner Junge, kommt doch mit hinauf, brummte Marat und sein Lächeln verschwand: Danton, begann er in gebieterischem Ton, legen Sie Rechenschaft über die dreiunddreißig Tausend Thaler in klingender Münze, die Montmorin im Auftrag des Königs an Sie ausgezahlt hat, unter dem Vorwand, Sie für Ihre eingegangene Anwaltschaft beim Châtelet zu entschädigen.

– Ich habe den 14. Juli mitgemacht, fuhr Danton hochfahrend drein.

– Aber das Garde-meuble? aber die Krondiamanten?

– Ich habe den 6. Oktober mitgemacht.

– Aber die Diebstähle Ihres alter ego Lacroix in Belgien?

– Ich habe den 20. Juni mitgemacht.

– Aber die Summen, die der Montansier geliehen wurden?

– Ich führte das Volk bei der Rückkehr von Varennes.

– Und der Opernsaal, den man mit Ihren Geldern baut?

– Ich rief die Pariser Bezirke zu den Waffen.

– Und die hunderttausend Livres Geheimfonds für das Justizministerium?

– Ich habe den 10. August gemacht.

– Und die zwei Millionen für unverbuchte Ausgaben der Assemblée, wovon Sie ein Viertel übernommen?

– Ich brachte den anmarschirenden Feind zum Stehen und sperrte den verbündeten Königen den Weg.

– Prostituirter Sie! sagte Marat.

– Ja, schrie Danton hoch aufgerichtet, furchtbar, ja ich bin eine Metze; meinen Bauch habe ich verkauft, aber ich habe die Welt gerettet.

Robespierre kaute an den Nägeln weiter. Er für sein Theil konnte weder lachen noch lächeln; ihm mangelte sowohl das, was aus Danton blitzte, das Lachen, als das, was aus Marat stach, das Lächeln.

– Ich bin wie der Ozean, fuhr Danton fort; ich habe meine Ebbe und meine Fluth, bei niederer See sieht man meine Untiefen, bei hoher See meine Wogen.

– Ihren Gischt, verbesserte Marat.

– Meinen Sturm, sagte Danton.

Marat, der gleichzeitig mit ihm aufgesprungen war, platzte nun heraus; die Schlange war plötzlich zum Lindwurm angewachsen: So, schrie er, Robespierre, so, Danton, hören wollt Ihr mich also nicht? Nun denn, ich sage es Euch: Ihr seid verloren. Eure Politik verläuft sich in Sackgassen; Ihr wißt nicht mehr, wo hinaus, und greift zu Mitteln, die Euch jede Thür verschließen, nur die zum Grabe nicht.

– Unsere Größe, sagte Danton und zuckte mit den Achseln.

– Nimm Dich in Acht, Danton, fuhr Marat fort; auch Vergniaud hat ein breites Maul und geschwollene Lippen und zornige Brauen; auch Vergniaud hat ein Gesicht voller Blatternarben wie Mirabeau und wie Du, und dennoch hat ihn der 31. Mai weggefegt. Ah, Du zuckst mit den Achseln? Mit so einem Achselzucken schüttelt man sich zuweilen den Kopf vom Hals. Danton, ich sage Dir, daß Du mit Deiner polternden Stimme, Deiner lockern Halsbinde, Deinen weichen Stiefeln, Deinen kleinen Soupers und Deinen großen Taschen zu guterletzt doch an Louisette gerathen wirst.

Unter dem Schmeichelnamen Louisette verstand Marat die Guillotine.

– Du aber, wendete er sich nun zu Robespierre, Du gehörst zwar zu den Gemäßigten, wird Dir jedoch Alles nichts helfen. Gehe nur hin und kräusle Dein Haar und frisir Dich und zier Dich und pudere Dich ein, und bürste an Dir herum, und putze Dich heraus, und sei geschniegelt, und halte was auf reine Wäsche; Du wirst nichts destoweniger auf dem Grèveplatz daran glauben müssen; lies nur die Erklärung des Braunschweigers; Du wirst um kein Haar breit glimpflicher behandelt werden als der Königsmörder Damiens und Du wirst Dich nicht länger herrichten und anziehen, als bis an des Henkers vier Pferde die Reihe kommt, anzuziehen, um Dich hinzurichten.

– Koblenzer Echo, knirschte Robespierre.

– Robespierre, ich bin das Echo von nichts; ich bin der Aufschrei von Allem. O Ihr seid noch jung, Ihr Andern. Wie alt bist Du, Danton? Vierundreißig Jahre, und wie alt bist Du, Robespierre? Dreiunddreißig. Aber ich, ich habe von jeher gelebt; ich bin das fortvererbte menschliche Leiden; sechstausend Jahre bin ich alt.

– Wohl wahr, versetzte Danton; sechstausend Jahre hindurch lebte Kain in Haß eingeschlossen wie die Kröte im Stein; der Stein zerbricht, Kain springt unter die Menschen und heißt Marat.

– Danton! schrie Marat, und sein Auge leuchtete auf in fahlem Glanz.

– Soll ich etwa heucheln? sagte Danton. So redeten die drei Gewaltigen zu einander, streitende Donnerwolken.

III.

Aufzucken des innersten Nervenlebens

Das Gespräch stockte; diese Titanen waren momentan in sich selbst zurückgetreten.

Dem Löwen sind die Schlangen unheimlich; Robespierre war sehr bleich und Danton sehr roth geworden. Beide bebten vor Aufregung. Marat’s wildes Auge war erloschen; Ruhe, gebieterische Ruhe herrschte wieder in den Zügen dieses Mannes, der die Schreckenden abschreckte.

Danton fühlte sich besiegt, aber wollte sich nicht ergeben: Marat, hob er an, redet sehr laut von Diktatur und Einigkeit, und dennoch kann er nur Eins, zersetzen.

Robespierre that seinen zugekniffenen Mund auf und fügte hinzu: Wie Anacharsis Cloots, so sage auch ich: Weder Roland noch Marat.

– Und ich, entgegnete Marat, ich sage: Weder Danton noch Robespierre.

Er blickte den Beiden starr in’s Gesicht: Danton, sprach er, ich will Ihnen einen guten Rath geben: Sie sind verliebt und gehen mit dem Gedanken um, wieder zu heirathen; lassen Sie die Hand aus der Politik; seien Sie weise. Und um einen Schritt zurücktretend, im Begriff sich nach der Thür zu wenden, verabschiedete er sich mit den ominösen Worten: Adieu, meine Herren.

Danton und Robespierre überlief ein Schauer. In diesem Augenblick erhob sich im Hintergrund eine Stimme:

– Marat, Du hast Unrecht.

Alle drehten sich um. Während Marat seine Standrede hielt, war Jemand unbemerkt zur Thür hereingetreten.

– Du bist’s, Bürger Cimourdain! sagte Marat. Guten Tag.

Es war in der That Cimourdain: Ich behaupte, daß Du Unrecht hast, Marat, wiederholte er.

Marat wurde grün im Gesicht; es war das sein Erbleichen, und Cimourdain setzte hinzu: Du bist nützlich, aber Robespierre und Danton sind nothwendig. Was drohst Du ihnen? Eintracht, Bürger, Eintracht! Das verlangt das Volk von Allen.

Dieses Auftreten wirkte gleich kaltem Wasser und brachte, wie in einem häuslichen Zwist die Dazwischenkunft eines Fremden, wenn auch keine innerliche, so doch eine äußere Besänftigung hervor. Cimourdain ging auf den Tisch zu. Danton und Robespierre kannten ihn, sie hatten schon oft auf den öffentlichen Tribünen des Konventsaales diesen mächtigen anspruchslosen Mann bemerkt, den das Volk grüßte.

Robespierre, der von der Form nicht lassen konnte, fragte dennoch: Bürger, wie sind Sie hereingekommen?

– Er gehört zum Evêché, antwortete Marat, und beinahe klang im Ton seiner Stimme etwas wie Unterordnung durch. Marat forderte den Konvent heraus, lenkte den Stadtrath und fürchtete das Evêché. Das liegt in der Natur der Sache: Mirabeau fühlt, wie in unbekannten Tiefen Robespierre, Robespierre, wie Marat, Marat, wie Hébert, Hébert, wie Babeuf sich schon regt. So lange die unterirdischen Schichten ruhig bleiben, kann der Politiker vorangehen; aber selbst unter dem radikalsten liegt noch Roherde, und auch die kühnsten stutzen und bangen, wenn sie die Bewegung, die sie auf der Oberwelt hervorgerufen, nun unter ihren Füßen wahrnehmen.

Die Wirksamkeit der lüsternen Eigenliebe von derjenigen der selbstlosen Ueberzeugung unterscheiden, die erste eindämmen und die andere unterstützen, – das allein kennzeichnet den genialen, redlichen, großen Revolutionsmann.

Danton bemerkte dieses Nachlassen Marat’s: O, der Bürger Cimourdain ist hier ganz an seinem Platz, sagte er, und streckte die Hand aus: Setzen wir nur gleich die Sachlage dem Bürger Cimourdain auseinander; er kommt ja wie gerufen: ich vertrete die Bergpartei, Robespierre vertritt den Wohlfahrtsausschuß, Marat den Stadtrat, Cimourdain das Evêché. Er mag einen Ausgleich anbahnen.

– Gut, sagte Cimourdain mit bescheidenem Ernst. Wovon war die Rede?

– Von der Vendée, antwortete Robespierre.

– Von der Vendée! wiederholte Cimourdain, und setzte dann hinzu: Haß ist die große Gefahr; wenn die Revolution sterben muß, so wird sie an der Vendée sterben. Die eine Vendée ist bedrohlicher als ein verzehnfachtes Deutschland, und wenn Frankreich am Leben bleiben soll, muß die Vendée ertödtet werden. Diese wenigen Worte hatten Robespierre gewonnen, aber er fragte doch noch: Sind Sie früher nicht Geistlicher gewesen?

Der priesterliche Habitus konnte Robespierre nicht entgehen; was er selber in sich trug, merkte er auch bei Andern gleich heraus. Cimourdain erwiderte: Ja, Bürger.

– Liegt denn daran etwas? rief Danton. Wenn die Geistlichen gut sind, sind sie die Besten. Eine Revolution schmelzt Geistliche in Bürger um, wie Glocken in Sousstücke und Kanonen. Danjou ist Priester; Daunou ist Priester; Thomas Lindet ist Bischof von Evreux. Im Konvent, Robespierre, sitzen Sie ja hart neben Massieu, dem Bischof von Beauvais. Der Großvikar Baugeois war mit im Insurrektionsausschuß vom 10. August. Chabot ist Kapuziner und Dom Gerle hat zum Eid im Ballhaus den ersten Anstoß gegeben. Die Erklärung, daß die Nationalversammlung über dem König stehe, hat der Abbé Audran veranlaßt; der Abbé Goutte hat in der Legislative den Antrag gestellt auf Entfernung des Thronhimmels über dem Fauteuil Ludwig’s XVI. und der Antrag auf Abschaffung der Königswürde ging vom Abbé Gregoire aus.

– Und wurde durch den Schauspieler Collot d’Herbois unterstützt, grinste Marat; sie Beide haben die Sache in’s Reine gebracht: der Priester hat den Thron umgeworfen und der Komödiant den König gestürzt.

– Kommen wir auf die Vendée zurück, sagte Robespierre.

– Nun, wie steht’s? Was beginnt sie, die Vendée?

– Dies Eine, antwortete Robespierre; sie hat einen Führer; sie wird uns furchtbar werden.

– Wer ist der Führer, Bürger Robespierre?

– Es ist ein vormaliger Marquis von Lantenac, der sich überdies für einen bretonischen Fürsten ausgiebt.

Cimourdain fuhr auf: Den kenne ich, sprach er. Ich bin Priester bei ihm gewesen.

Er sann einen Augenblick nach, und setzte hinzu: Er war ein Lebemann, bevor er ein Kriegsmann wurde.

– Wie Biron zuerst Lauzun gewesen ist, bemerkte Danton.

– Ja, er war früher ein Weiberheld, meinte Cimourdain, noch immer nachdenklich. Er muß schrecklich sein.

– Abscheulich, sagte Robespierre, er steckt die Dörfer in Brand, macht die Verwundeten nieder, würgt die Gefangenen hin, füsilirt die Weiber.

– Die Weiber?

– Ja, unter Andern hat er eine Mutter dreier Kinder erschießen lassen. Was aus den Kindern geworden, ist unbekannt. Nebenbei ist er Soldat; er weiß, wie man Krieg führt.

– Allerdings, versetzte Cimourdain, er hat den Feldzug von Hannover mitgemacht, und die Truppe sagte von ihm: »hinter Richelieu steckt Lantenac.« Eigentlich ist Lantenac der Führer gewesen. Fragen Sie nur Ihren Kollegen Dussaulx.

Robespierre schwieg einen Moment in Gedanken; dann begann er wieder:

– Nun denn, Bürger Cimourdain, dieser Mann kommandirt in der Vendée. – Seit wann? – Seit drei Wochen. – Er muß in Bann und Acht erklärt werden. – Schon geschehen. – Man muß einen Preis auf seinen Kopf setzen. – Auch geschehen. – Einen sehr hohen Preis. – Geschehen. – Nicht in Assignaten. – Geschehen. – In Gold. – Geschehen. – Und guillotinirt muß er werden. – Soll geschehen. – Durch wen denn? – Durch Sie. – Durch mich? – Ja, Sie soll der Wohlfahrtsausschuß zu diesem Zweck abordnen, mit unumschränkter Vollmacht. – Einverstanden, sagte Cimourdain.

Robespierre war als gewiegter Staatsmann rasch in der Wahl; er zog unter den Akten, die vor ihm lagen, ein weißes Blatt hervor mit der gedruckten Aufschrift: Französische eine und untheilbare Republik. Wohlfahrtsausschuß.

Cimourdain wiederholte: Einverstanden, ja. Schrecken für Schrecken. Lantenac ist unmenschlich; ich werde es nicht minder sein. Krieg bis aufs Messer mit dem Mann! Ich werde, so Gott will, die Republik von ihm befreien.

Nach kurzer Pause fügte er hinzu: Ich bin Priester; gleichviel, ich glaube an Gott.

– Gott ist alt geworden, meinte Danton.

– Ich glaube an einen Gott, sagte Cimourdam unbeirrt, und Robespierre stimmte mit einem düstern Kopfnicken bei.

– Wohin soll ich abgeordnet werden? fragte Cimourdain.

– Zum Kommandirenden der Streifkolonne, die gegen Lantenac ausgerückt ist, erwiderte Robespierre. Nur will ich Sie gleich jetzt darauf aufmerksam machen, daß er ein Adeliger ist.

– Das sind auch Dinge, um die ich mich einen Kuckuck scheere, warf Danton dazwischen. Ein Adeliger, was weiter? Mit dem Adeligen geht’s just wie mit dem Geistlichen: wenn er gut ist, ist er vortrefflich. Der Adel ist ein Vorurtheil, das man ebensowenig theilen wie umkehren soll. Ist Saint-Just nicht auch von Adel, Robespierre? Florelle von Saint-Just, versteht sich! Anacharsis Cloots ist Baron; unser Freund Karl Hessen, der keine Sitzung bei den Cordeliers versäumt, ist Prinz und leiblicher Bruder des regierenden Landgrafen von Hessen-Rothenburg; Montaut, Marat’s Intimus, ist Marquis von Montaut. Unter den Geschworenen des Revolutionstribunals sitzen der Priester Bilate und der Adelige Leroy, ein Marquis von Montflabert, und doch sind Beide kapitelfest.

– Sie vergessen übrigens, berichtete Robespierre, den Präsidenten der Jury.

– Antonelle?

– Den Marquis von Antonelle, sagte Robespierre.

– Von Adel, beschloß Danton, sind auch Dampierre, der sich vor Condé für die Republik todtschießen ließ, und Beaurepaire, der sich eine Kugel durch den Kopf jagte, nur um die Preußen nicht in Verdun einziehen zu sehen.

– Was nicht hindert, hörte man Marat dreinbrummen, daß am Tage, wo Condorcet die Aeußerung that, »die Gracchen seien Adelige gewesen«, Danton demselben Condorcet zurief: »Verräther sind die Adeligen alle, von Mirabeau an bis herunter zu Dir.«

Cimourdain’s ernste Stimme hob jetzt an: Bürger Danton, Bürger Robespierre, Euer Vertrauen in mich mag wohl gerechtfertigt sein, aber das Volk ist mißtrauisch, und daran thut es wohl. Wenn zur Ueberwachung eines Adeligen ein Priester bestellt wird, ist die Verantwortung eine zwiefache und der Priester muß unbeugsam sein.

– Gewiß, sagte Robespierre.

– Und unerbittlich.

– Wohlgesprochen, Bürger Cimourdain, bemerkte Robespierre. Es handelt sich hier um einen jungen Mann, dem Sie schon durch die doppelte Zahl der Jahre imponiren werden. Er soll gelenkt werden, aber mit Schonung. Es scheint, daß er wirklich militärisch begabt ist, sonst würden nicht alle Berichte in diesem Punkt übereinstimmen. Er gehört einem Korps an, das von der Rheinarmee nach der Vendée detachirt wurde. Er kommt von der Grenze, wo er von seinem Scharfblick und Muth glänzend Zeugniß abgelegt hat, und führt die Streifkolonne ausgezeichnet; seit vierzehn Tagen hält er bereits den erfahrenen Lantenac in Schach, fügt ihm Schlappen zu und treibt ihn vor sich her; schließlich wird er ihn noch bis an’s Meer drängen und hineinwerfen. Lantenac hat die Schlauheit des alten, er die Kühnheit des jungen Soldaten für sich. Der junge Mann hat auch seine Widersacher und Neider schon. Der Generaladjudant Léchelle ist ihm mißgünstig….

– Dieser Léchelle, unterbrach Danton, das will ein Korpsführer sein! Für ihn spricht gar nichts als ein Kalauer und dazu noch ein schlechter: »Nur wenn General Charrette eine unzählige Schaar hätte, könnte er General Léchelte alle Schellen zurückgeben.« In Wahrheit aber ist es leider Léchelle, der die Schellen bekommt. Er hat sich’s einmal in den Kopf gesetzt, er und kein Anderer müsse mit Lantenac fertig werden. Allem Unglück im Krieg mit der Vendée liegen diese Eifersüchteleien zu Grund. Unsere Soldaten sind Helden, aber Helden ohne Führung. Ein einfacher Husarenrittmeister Namens Chérin mit einem Trompeter, der »Ça ira« bläst, zieht zum Beispiel in Saumur ein und ergreift Besitz von der Stadt; er konnte so fortmachen und von Cholet Besitz ergreifen; aber er muß es aufgeben, weil er ohne Instruktionen ist. In der Vendée sollten alle Kommandos neu besetzt werden. Die Wachtposten werden verzettelt, die Kräfte zersplittert; eine zerfahrene Armee ist eine gelähmte Armee, ein Block der zu Staub zerrieben wird. Im Lager von Paramé fehlt es an Zelten. Zwischen Tréguier und Dinan liegen hundert unnütze kleine Abtheilungen, die, zu einer Division verschmolzen, den ganzen Küstenstrich decken könnten. Von Parrein unterstützt, entblößt Léchelle das nördliche Meeresufer unter dem Vorwand, das südliche sicherzustellen, und öffnet dadurch den Engländern die Thür von Frankreich. Eine halbe Million Bauern in Aufruhr und eine Landung von der britischen Insel aus, das ist Lantenac’s Plan. Nun aber heftet sich diesem Lantenac der junge Kommandant der Streifkolonne an die Fersen und bedrängt und schlägt ihn, ohne Léchelle’s Geheiß; dieser jedoch ist sein Vorgesetzter und verklagt ihn deshalb. Ueber den jungen Mann gehen die Meinungen sehr auseinander: Léchelle will ihn erschießen, Prieur Marne zum Generaladjutanten ernennen lassen.

– Mir scheint der junge Mann hervorragende Eigenschaften zu besitzen, sagte Cimourdain.

– Nur hat er einen Fehler.

Die Worte waren durch Marat dazwischengeworfen worden.

– Welchen? fragte Cimourdain.

– Die Milde. Und Marat fuhr fort: Das ist Euch während des Kampfes bombenfest und hinterher schlaff; das macht in Nachsicht und Barmherzigkeit, giebt Pardon, nimmt Euch die Nonnen und Klosterfrauen in Schutz, rettet die Weiber und Töchter der Aristokraten und giebt die Gefangenen frei und läßt die Priester laufen.

– Ein großer Fehler, murmelte Cimourdain.

– Ein Verbrechen, sagte Marat.

– Zuweilen, meinte Danton.

– Oft, sagte Robespierre.

– Fast immer, entgegnete Marat.

– Den Feinden des Vaterlandes gegenüber stets, sagte Cimourdain.

Marat wendete sich nach ihm um: Was würdest Du wohl mit einem republikanischen Befehlshaber anfangen, der einen royalistischen Befehlshaber freilassen würde?

– Ich würde Léchelle beistimmen und ihn füsiliren lassen.

– Oder guillotiniren, sagte Marat.

– Gleichviel, erwiderte Cimourdain.

Danton mußte lachen: Mir wäre das Eine gerade so lieb wie das Andere.

– Eins von Beiden ist Dir gewiß, brummte Marat. Und sein Blick fiel von Danton wieder auf Cimourdain: Wenn also ein republikanischer Befehlshaber strauchelte, so würdest Du, Bürger Cimourdain, ihn um einen Kopf kürzer machen lassen?

– Binnen vierundzwanzig Stunden.

– Nun denn, sprach Marat, so bin ich mit Robespierre der Ansicht, daß Bürger Cimourdain dem Kommandirenden der Streifkolonne unserer Küstenarmee als Kommissär des Wohlfahrtsausschusses beigegeben werden soll. Wie heißt er doch nur, jener Kommandant?

– Es ist ein vormaliger Adeliger, antwortete Robespierre, indem er seine Akten durchblätterte.

– Den mag uns der Priester also in’s Gebet nehmen, sagte Danton. Einem einzelnen Priester traue ich nicht, so wenig wie ich einem einzelnen Edelmann traue; doch wenn Beide beisammen sind, fürchte ich keinen; der Eine überwacht den Andern und Jeder thut gut.

Der entrüstete Ausdruck über Cimourdain’s Brauen steigerte sich; da er jedoch der Bemerkung eine gewisse Berechtigung nicht absprechen konnte, sah er von einem persönlichen Protest ab und erklärte bloß in strengem Ton: Wenn sich der mir anvertraute republikanische General eines Fehltritts schuldig macht, stirbt er.

– Hier steht der Name, sagte Robespierre, über die Akten gelehnt: Bürger Cimourdain, der Kommandant, über den Sie unumschränkte Gewalt haben werden, ist ein vormaliger Vikomte und heißt Gauvain.

– Gauvain! rief Cimourdain und erbleichte, Vikomte Gauvain!

– Ja, sagte Robespierre.

Marat hatte dieses Erblassen Cimourdain’s bemerkt. Was ist? fragte er, ihm scharf in’s Auge schauend.

Es entstand eine Pause; dann begann Marat: Bürger Cimourdain, nehmen Sie unter den von Ihnen selbst angegebenen Bedingungen die Sendung als abgeordneter Kommissär beim Kommandanten Gauvain an? Abgemacht?

– Abgemacht, antwortete Cimourdain, der bleich und bleicher wurde.

Robespierre nahm die Feder vom Tisch, schrieb langsam in den gewohnten saubern Zügen ein paar Zeilen auf das weiße Blatt, das die Aufschrift »Wohlfahrtsausschuß« trug, unterzeichnete und reichte dann Danton Blatt und Feder; Danton unterzeichnete gleichfalls, und nach ihm Marat, der von Cimourdain’s fahlem Antlitz kein Auge wendete. Robespierre griff nochmals nach dem Blatt, setzte das Datum darauf und übergab es Cimourdain, welcher Folgendes las:

»Jahr Zwei der Republik.

Hiermit wird dem Bürger Cimourdain als abgeordnetem Kommissär des Wohlfahrtsausschusses bei dem Bürger Gauvain, Kommandanten der Streifkolonne der Küstenarmee, unumschränkte Vollmacht ertheilt.

Robespierre. Danton. Marat.« Und unter den Unterschriften: »Den 28. Juni 1793.«

Der republikanische oder Civilkalender war damals noch nicht gesetzlich eingeführt und wurde erst am 5. Oktober 1793 auf Romme’s Antrag vom Konvent genehmigt. Während Cimourdain las, betrachtete ihn Marat noch immer, und sagte halblaut wie zu sich selber:

0141

Das Alles muß durch Verordnung des Konvents oder durch Spezialbeschluß des Wohlfahrtsausschusses genau bestimmt werden. Es fehlt noch etwas.

– Bürger Cimourdain, fragte Robespierre, wo wohnen Sie?

– Cour de Commerce.

– Sieh da, ich auch! sagte Danton; wir sind ja Nachbarn.

– Jeder Augenblick ist kostbar, hob Robespierre wieder an. Morgen erhalten Sie Ihre regelrechte Vollmacht mit der Unterschrift sämmtlicher Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses. Dies mag Ihnen blos zur Beglaubigung der Vollmacht dienen, namentlich in Ihren speziellen Beziehungen zu den kommissarisch abgeordneten Konventsmitgliedern Philippeaux, Prieur Marne, Lecointre, Alquier und den Uebrigen. Wir wissen, wer Sie sind; Sie haben vollkommen freie Hand und können Gauvain zum General avanciren oder enthaupten lassen. Morgen um drei wird Ihnen Ihre Vollmacht zugestellt. Wann reisen Sie?

– Um vier, antwortete Cimourdain.

Und sie gingen auseinander. Als Marat heimkam, sagte er zu Simonne Evrard, daß er sich morgen zur Konventsitzung begeben wolle.

Drittes Buch.

0127

Der Konvent

I.

Wir nähern uns nun der großen Bergspitze, dem Konvent, und starren hinauf: etwas Höheres hat sich an unserem Horizont nicht aufgethürmt; der Konvent ist auch ein Himalaya; in ihm gipfelt vielleicht die Weltgeschichte.

Bei Lebzeiten des Konvents, denn eine solche Versammlung lebt ein Eigenleben, waren sich die Menschen seines wahren Wesens kaum bewußt, denn gerade seine Größe entging dem Blick der Zeitgenossen: man war zu bestürzt, um geblendet zu werden. Alles Große strahlt eine heilige Scheu aus. Dutzend Menschen und Hügel lassen sich leicht bewundern; aber vor dem überhoch Ragenden, sei es nun ein Genius oder ein Berg, ein Moment in der Geschichte oder ein Meisterwerk der Kunst, überläuft uns ein Schauer, wenn wir ihm zu nahe stehen; wir empfangen den Eindruck des Uebertriebenen. Das Steigen erschöpft. Man wird athemlos auf den steilen Pfaden; man gleitet auf den Abhängen aus; man stößt sich wund an Härten, die für das Auge Schönheiten sind; die schäumenden Sturzbäche erzählen von den Abgründen und die Spitzen sind in Wolken gehüllt; das Steigen ist vom Schrecken des Sturzes begleitet, und deshalb überwiegt das Entsetzen statt der Bewunderung. Es überkommt Einen ein ganz absonderliches Gefühl, ein Widerwillen gegen das Große. Man bemerkt die Untiefen, aber nicht die Erhabenheiten, das Wunderbare nicht, nur das Ungeheuerliche. So wurde anfänglich der Konvent beurtheilt; er wurde durch Kurzsichtige angeblinzelt, er, der eine Augenweide sein sollte für die Adler. Heutigen Tages erscheint er uns perspektivisch und zeigt uns, vom tiefen Himmel sich abhebend, aus tragisch verklärter Ferne das kolossale Profil der französischen Revolution.

II.

Der 14. Juli war ein Tag der Befreiung gewesen, der 10. August ein Tag der Zerschmetterung, der 21. September ein Tag der Begründung. Der 21. September war die Tag- und Nachtgleiche, das Gleichgewicht. Unter dem Zeichen der Wage, wie Romme damals auch bemerkte, dem Sinnbild der Gleichheit und Gerechtigkeit, wurde die Republik geboren und ein Sternbild leuchtete die Nachricht durch die Nacht. Der Konvent ist die erste in Verkörperung des Volkes; er ist die erste Zeile auf dem großen neuen Blatt und mit ihm begann die heutige Zukunft.

Jeder Gedanke bedarf der sichtbaren Hülle, ein Prinzip muß eine Wohnstätte haben; eine Kirche ist nichts anderes als Gott zwischen vier Wänden; jedes Dogma braucht seinen Tempel. Die erste Frage, als der Konvent in’s Leben trat, war die, wo er untergebracht werden sollte.

Zuerst wählte man die Reitschule, dann die Tuilerieen. In der Reitschule stellte man einen großen Rahmen mit einem von David Grau in Grau gemalten Prospekt auf, symmetrische Bänke, eine viereckige Rednerbühne, gleichlaufende Pilasterreihen mit Untersätzen wie Blöcke, geradlinige Bindebalken, rechtwinklige, erhöhte Schachteln, in denen sich die Menge kaum rühren konnte und die man die öffentlichen Tribünen nannte, ein römisches Belarium und griechische Draperieen; und in diese rechten Winkel und geraden Linien hinein setzte man den Konvent, mitten zwischen die Geometrie den Sturm. An die Rednerbühne war, in Grau, eine Freiheitsmütze gemalt worden. Erst entstand unter den Royalisten großes Gelächter ob der rothen Mütze, welche grau war, dem zusammengeleimten Saal, dem Pappdeckelbau, dem Heiligthum aus Papiermachee, dem Provinz-Theater-Pantheon. Wie so bald sollte der Spott verstummen! Die Säulen bestanden aus Faßdauben, die Gewölbe aus Schindeln; die bas-reliefs waren von Mastix, die Gesimse von Tannenholz, die Statuen von Gyps, die Wände von Leinwand, der Marmor gemalt; doch Frankreich schuf in diesem Provisorium Ewiges.

Als der Konvent den Saal in der Reitschule bezog, klebten die Wände noch voll Plakate, wie sie zur Zeit der Rückkehr von Varennes ganz Paris überfluthet hatten. Auf dem einem war zu lesen: »Der König kommt! wer ihm Beifall zuruft, bekommt Stockprügel; wer ihn beschimpft, kommt an den Laternenpfahl.« – Auf einem andern: »Ruhe! Hut auf behalten! Er fährt an seinen Richtern vorbei.« – Auf einem dritten: »Der König hat auf die Nation angelegt; das Gewehr ist nicht losgegangen; Volk, jetzt schieße Du!« – Und auf noch einem: »Das Gesetz vollstrecken, das Gesetz!« Zwischen diesen Mauern saß der Konvent über Ludwig XVI. zu Gericht.

0143

Zwischen diesen Mauern saß der Konvent über Ludwig XVI. zu Gericht.

In den Tuilerieen, in die er am 10. Mai 1793 übersiedelte und die den Namen Nationalpalast erhielten, nahm der Sitzungssaal den ganzen Raum zwischen dem Pavillon de I’Horloge, damals Einheitspavillon, und dem Pavillon Marsan, damals Freiheitspavillon geheißen, ein. Der Florapavillon war nach der Gleichheit umgetauft. Zu diesem Saal führte die große Treppe von Jean Bullant. Unter dem ersten Stock, wo die Versammlung tagte, war der ganze Parterreraum eine einzige lange Wachtstube voll Gewehrpyramiden und Pritschen für die Truppen aller Waffengattungen, die den Konvent zu schützen hatten. Die Volksvertretung verfügte überdies noch über eine Ehrenwache von »Grenadieren des Konvents«. Ein dreifarbiges Band trennte das Schloß und die Versammlung vom Garten, in welchem das Volk ab- und zuging.

III

Beschreiben wir auch diesen Sitzungssaal genau: eine so furchtbare Stätte ist in jeder Einzelheit interessant. Was beim Eintreten zunächst auffiel, war, zwischen zwei großen Fenstern eine Riesenstatue der Freiheit. Zweiundvierzig Meter in der Länge, zehn in der Breite, und elf in der Höhe, in diesen Verhältnissen war der Raum gehalten, der aus einem Theater des Königs in das Theater der Revolution umgewandelt worden. Der elegante, von Vigarani für die Hofleute erbaute Prachtsaal verschwand unter dem plumpen Gerüst, welches Anno 93 die Last der Volkes über sich ergehen lassen mußte. Dieses zur Aufnahme des Publikums bestimmte Gerüst war insofern ein Unikum, als es sich auf nur einen Balken von zehn Metern stützte. Es haben wenig Kariatiden so Schweres geleistet wie dieser Balken, der Jahre lang den wuchtigen Anprall der Revolution ertrug. Er hielt treulich aus unter all der Begeisterung, all den Jubel- und Schmährufen, dem Gebrüll, dem Fußgestampf, den chaotischen Zornausbrüchen des Aufruhrs; nach dem Konvent sah er den Rath der Aeltesten noch und wurde erst abgelöst durch den 18. Brumaire, wo ihn Percier durch Marmorsäulen ersetzte, die von kürzerer Dauer sein sollten.

Die Architekten schwärmen oft in sonderbaren Gebilden; dem Erbauer der Rivolistraße hat die durchschneidende Linie einer Kanonenkugel als Ideal vorgeschwebt, dem Erbauer von Karlsruhe ein Fächer; der Erbauer des Saals, den am 10. Mai 93 der Konvent bezog, schien es auf eine kolossale Kommodeschublade abgesehen zu haben, etwas Gestrecktes, Hohes und Flaches. An der einen Langseite des gleichlaufenden Vierecks war ein großes Amphitheater angebracht, wo sich, gleichfalls in Halbkreisen, die Bänke der Abgeordneten befanden, ohne Tische oder Pulte; Garan-Coulon, der häufig Notizen nahm, mußte auf seinen Knien schreiben. Den Bänken gegenüber stand die Rednerbühne, davor eine Büste von Lepelletier-Saint-Fargeau, dahinter der Präsidentenstuhl. Der Kopf der Büste erhob sich etwas über den Rand der Tribüne und wurde deshalb in der Folge entfernt. Die Bänke waren in neunzehn stufenweise hintereinander aufsteigenden Halbkreisen aufgestellt, die sich an beiden Enden verlängern ließen. Im Hufeisen unter der Rednerbühne hielten sich die Huissiers auf. Auf der einen Seite der Tribüne hing an der Wand in einem schwarzen Holzrahmen eine neun Fuß hohe, in der Mitte durch einen scepterförmigen Strich in zwei Spalten getheilte Tafel mit dem Verzeichniß der Menschenrechte; auf der einen Seite, die jetzt noch leer stand, wurde später in ähnlicher Weise, nur durch einen schwertförmigen Strich getheilt, die Verfassung des Jahres Zwei angebracht. Ueber der Tribüne und der Kopfhöhe des Redners rauschten aus einer tiefen, zweigetheilten, von Zuschauern wimmelnden Galerie drei ungeheuere Trikolorfahnen um einen geschnitzten Altar, der die Inschrift »Dem Gesetz« trug und hinter dem, als Schildwache der freien Worte, hoch wie eine Säule, ein römisches Ruthenbündel ragte. Den Abgeordneten zugekehrt, dicht an der Wand, standen Kolossalstatuen, zur Rechten des Präsidenten Lykurg, zur Linken Solon und gegenüber, über den Sitzen der Bergpartei, ein Plato. Die Statuen standen auf einfachen Würfeln, die auf dem langen, vorstehenden Kranz ruhten, welcher um den ganzen Saal lief, und das Volk von der Versammlung trennte; dieser Kranz diente den Galerien als Brüstung. Der schwarze Rahmen der Tafel mit den Menschenrechten reichte bis hinauf, sogar etwas über die Zeichnung des Gesimses hinaus, eine Unterbrechung der geraden Linie, über die sich Chabot Vadier gegenüber mit den Worten beschwert hatte: »Das ist unschön.« Auf den Köpfen der Statuen wechselten Kränze von Eichenlaub mit Lorbeerkränzen ab. Von dem fortlaufenden Mauerkranz hingen grüne Draperieen, auf denen in dunklerem Grün die gleichen Kränze gemalt waren, in großen steifen Falten herab und bedeckten den ganzen untern Theil der Wände, an denen oberhalb aus der weißen kalten Uebertünchung zwei ausgehöhlte, wie mit dem Ausschneideeisen hineingerissene Etagen ohne Laubwerk noch sonstige Verzierung klafften, die viereckigen Zuschauergalerien unten, die runden darüber, ganz nach den damaligen Regeln der Baukunst, denn so stand es im Vitruv, der damals noch nicht entthront war. An jeder Langseite des Saals befanden sich zehn öffentliche Tribünen und an den Breitseiten je zwei ungeheuere Logen, im Ganzen also vierundzwanzig Räumlichkeiten, in denen sich die Volksmenge anhäufte. Die Zuschauer der untern Tribünen strömten über und gruppirten sich auf der Brüstung und auf jeden Vorsprung der Architektur. Eine lange auf Brusthöhe fest eingeklammerte Eisenstange diente den obern Tribünen als Geländer und schützte das dortige Publikum gegen die Folgen des stürmenden Andranges von den Treppen her; dennoch wurde einmal ein Mann in die Versammlung hinuntergestoßen, wo er zum Theil auf Massieu, den Bischof von Beauvais, zu fallen kam; das rettete ihn und gab ihm die Bemerkung ein: »Sieh da, zu etwas ist’s doch gut, so ein Bischof!« – Der Saal des Konvents konnte zweitausend Menschen fassen, in bewegten Tagen sogar dreitausend. Sitzungen fanden jeden Morgen und jeden Abend statt. Der Fauteuil des Präsidenten hatte eine runde, mit vergoldeten Nägeln beschlagene Lehne; die Tischplatte davor ruhte auf vier phantastischen geflügelten und einfüßigen Thiergestalten, von denen man hätte glauben können, sie seien der Apokalypse entstiegen, um die Revolution mitzuerleben; sie schienen vom Wagen des Ezechiel ausgespannt worden zu sein, um am Henkerkarren von Samson zu ziehen. Auf dem Tisch stand eine große Schelle, fast eine mittelgroße Glocke, ein breites Messingtintenfaß und ein Foliant in Pergamenteinband, der die Sitzungsprotokolle enthielt; auf diesen Tisch war schon Blut herabgetropft von abgeschnittenen, auf Piken getragenen Köpfen. Zu der Rednerbühne führten neun Stufen; sie waren hoch, steil, unbequem; Gensonné war eines Tages darauf gestolpert: »Das ist ja die reine Guillotinentreppe!« hatte er gesagt, und Carrier hatte ihm zugerufen: »Studir’s nur ein!« Die Ecken des Saales, wo die kahle Wand am meisten aufgefallen wäre, hatte der Architekt mit Fasces ausgeschmückt, deren Beile nach außen gekehrt waren. Zur Rechten und Linken der Rednerbühne stand auf einem Postament je ein Kandelaber in der Höhe von zwölf Fuß und mit vier Paar Ziehlampen. Ein gleicher Kandelaber war auch in jeder Tribüne angebracht. Die Postamente waren mit ausgehauenen Ringen verziert, welche im Volksmund »Guillotinenhalsbänder« hießen. Die höchsten Bänke der Versammlung reichten beinahe bis zum Kranz vor den Tribünen hinauf, so daß die dort sitzenden Abgeordneten und das Volk mit einander reden konnten. Die Thüren der Tribünen mündeten in ein Labyrinth von Gängen, die oft von einem wilden Getöse widerhallten! Der Konvent staute sich im Palast und fluthete bis in die umliegenden Hotels zurück, in’s Hotel Coigny und in’s Hotel Longueville; in letzteres wurde, wenn einem Brief von Lord Bradford Glauben zu schenken ist, nach dem 10. August das königliche Mobiliar hinüber geschafft. Zwei Monate lang wurde damals an den Tuilerieen ausgeräumt.

Die Ausschüsse waren in der Nähe des Saals untergebracht, im Gleichheitspavillon Gesetzgebung, Ackerbau und Handel, im Freiheitspavillon Marine, Kolonien, Finanzen, Assignate, öffentliche Wohlfahrt, im Einheitspavillon der Krieg. Der Sicherheitsausschuß stand mit dem Wohlfahrtsausschuß vermittelst eines dunklen Ganges in Verbindung, in dem Tag und Nacht eine Laterne brannte und wo die Kundschafter aller Parteien ab- und zugingen; es wurde dort leise gesprochen.

Die Schranken des Konvents sind mehrmals anders gestellt worden; für gewöhnlich befanden sie sich zur Rechten des Präsidenten. An beiden Enden des Saales lagen zwischen den senkrechten Wänden, die links und rechts die konzentrischen Halbkreise des Amphitheaters abschlossen, und zwischen der Saalmauer zwei enge lange Durchgänge, in die zwei dunkle viereckige Thüren mündeten; durch diese Thüren trat man aus und ein. Die Abgeordneten gelangten unmittelbar von der Terrasse des Feuillants in den Saal. Dieser hatte sowohl bei Tag, wo er durch die ungenügenden Fenster, wie bei hereinbrechender Dämmerung, wo er durch fahle Lichter spärlich erhellt war, etwas düster Nachtendes an sich. Die halbe Beleuchtung ergänzte nur das abendliche Dunkel und die Sitzungen bei Lampenschein waren unheimlich. Sehen konnte man sich nicht; von einem Ende des Saals zum andern, von rechts, von links warfen Gruppen von vernebelten Gesichtern einander Schmähungen zu. Man traf zusammen, ohne sich zu erkennen; nach der Tribüne eilend, war eines Abends Laignelot im Gang, der von den Bänken hinabführte, gegen Jemand angerannt: »Robespierre, Pardon,« sagte er. – »Für wen hältst Du mich?« antwortet ihm eine rauhe Stimme. – »Pardon, Marat,« sagte nun Laignelot.

Unten, rechts und links am Präsidenten, befanden sich zwei reservirte Tribünen, denn merkwürdigerweise gab es im Konvent bevorzugte Zuschauer; diese Tribünen waren die einzigen, vor denen, in der Mitte des Architravs hinter zwei Quasten aufgebauscht, eine Draperie hing. Die öffentlichen Tribünen waren kahl.

Das Ganze bot einen gewaltsamen, wilden und dennoch regelmäßigen Anblick; Korrektheit im Ingrimm kennzeichnet überhaupt mehr oder minder die Revolution. Der Konventsaal lieferte das vollständige Muster dessen, was die Künstler seither den »Messidorbaustil« genannt haben, etwas Plumpes und Ärmliches; die damaligen Architekten verwechselten das Symmetrische mit dem Schönen. Die Renaissance hatte unter Ludwig XV. ihr letztes Wort gesprochen und nun war der Rückschlag gekommen; das Edle war in’s Läppische und das stilistisch Reine in’s Langweilige ausgeartet. Es giebt auch eine architektonische Prüderie. Nachdem die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts sich in blendenden Formen und Farben sattgeschwelgt, schränkte sie sich jetzt auf Brod und Wasser ein und gestattete sich nur mehr die gerade Linie; eine derartige Äußerung des Ebenmaßes führt jedoch zum Häßlichen, denn solche nüchterne Enthaltsamkeit hat das Mißliche an sich, daß sie den Stil mager werden läßt, und daß so die Kunst sich zum Skelett verknöchert.

Auch abgesehen von aller politischen Spannung und einzig und allein im Hinblick auf das Architektonische, starrte aus diesen Wänden ein beklemmendes Etwas; es stieg ein dunkles Erinnern in einem auf an das frühere Theater, an die guirlandenumrankten Logen, an die azurne und purpurne Decke, an den Kronleuchter mit seinen geschliffenen Glasrauten, an die Girandolen mit ihrem Diamantengefunkel, an die hellgrauseidenen Tapeten, an die Unzahl von Nymphen und Amoretten auf Vorhang und Draperieen, an das ganze gemalte, geschnitzte, vergoldete, kosende Königsidyll, das hier gelächelt hatte über dieser strengen Stätte, wo jetzt dem Blick lauter harte, kalte, messerscharfe rechte Winkel begegneten und wo man eine dunkle Empfindung hatte, als sei hier die Phantasie eines Voucher durch David guillotinirt worden.

IV.

0150

Brissot. Barbaroux.

Vergniaud. St. Just.

0151

Joseph Chenier. David.

Sieyès. Camille Desmoulins.

Aber über der Versammlung vergaß man den Saal, über der Tragödie die Dekorationen. Nichts Ungestalteres und wieder nichts Verklärteres als die handelnden Personen: eine Heldenschaar und eine Heerde von Feiglingen, Löwen auf einem Berg und Kröten in einem Sumpf, das wimmelnde, drängende, herausfordernde, drohende, ringende Dasein aller jener Kämpfer, die jetzt nur noch Phantome sind – ein titanisches Getümmel. Rechts eine Legion von Denkern, die Gironde, links eine Schaar von Athleten, die Bergpartei. Auf der einen Seite Brissot, der die Schlüssel der Bastille in Empfang genommen hatte, Barbaroux, der Führer der Marseiller Freiwilligen, Kervélégan, der Liebling der in der Vorstadt Saint-Marceau einquartirten Bataillons von Brest, Gensonné, der die Obergewalt der Abgeordneten über die Generale zur Geltung gebracht hatte, der verhängnißvolle Guadet, dem in einer Nacht die Königin in den Tuilerieen den schlafenden Dauphin gezeigt und der das Kind auf die Stirn geküßt, den Vater aber mit um den Kopf gebracht hatte, Salles, der märchenhafte Erfinder des Einverständnisses zwischen der Bergpartei und Österreich, der hinkende Sillery, der Krüppel der Rechten (auch die Linke hatte ihren Krüppel, Couthon), Lause-Duperet, welcher einen Journalisten, der ihn einen Wicht geschimpft hatte, mit der Bemerkung zu Tisch lud: »Ich weiß wohl, daß Wicht nichts anderes bedeutet als Andersdenkender«; Rabaut Saint-Etienne, der seinen Almanach für 1790 mit den Worten eingeleitet hatte: »Die Revolution hat ihr Ziel erreicht«; Quinette, einer Derjenigen, die Ludwig XVI. stürzten, der Jansenist Camus, der die Zivilverwaltung der Geistlichkeit in Paragraphen brachte, an die Wunder des Diakonus Paris glaubte und sich allnächtlich vor einem in seinem Zimmer angenagelten sieben Fuß hohen Christusbild niederwarf, Fauchet, ein Priester, der Camille Desmoulins den 14. Juli hatte machen helfen, Isnard, der das Verbrechen beging, zu sagen: »Paris wird zerstört werden«, in demselben Augenblick, wo der Herzog von Braunschweig drohte: »Ich werde Paris einäschern«; Jakob Dupont, der Erste, der laut bekannte: »Ich bin Atheist«, worauf Robespierre ihm zurief: »Der Atheismus ist eine aristokratische Anschauung«; Lanjuinais, ein harter, scharfsinniger, heißer bretonischer Kopf, Ducos, der Euryalus von Boyer-Fonfrède, Rebecqui, der Pylades von Barbaroux, der seine Entlassung einreichte, weil Robespierre noch nicht guillotinirt worden war, Richaud, der die Permanenz der Bezirksräthe bekämpfte, Lasource, der den mörderischen Ausspruch gethan hatte: »Wehe den erkenntlichen Nationen!« und der sich später, als er das Schaffot bestieg, widersprach, indem er den Montagnards die stolzen Worte hinwarf: »Wir sterben, weil das Volk schläft, und ihr sterbt einmal, wenn es erwacht sein wird«; Biroteau, der durch seinen Antrag auf Abschaffung der parlamentarischen Unverletzlichkeit ahnungslos das Fallbeil schliff und sich selber das Blutgerüst zimmerte, Charles Villatte, der seinem Gewissen in dem Protest Luft machte: »Ich will nicht unter dem Messer abstimmen«; Louvet, der Verfasser des »Faublas«, der später mit seiner Lodoiska eine Buchhandlung im Palais-Royal eröffnete, Mercier, der Verfasser des »Tableau de Paris«, der einmal äußerte: »Der 21. Januar ist allen Königen in den Nacken gefahren«; Marec, dem »die Partei der früheren Einschränkungen« zu Herzen ging, der Journalist Carra, der auf der Guillotine zum Henker sagte: »Es verdrießt mich, zu sterben; ich hätte die Fortsetzung mit ansehen mögen«; Vigée, der sich selber »Grenadier im zweiten Bataillon von Mayenne-et-Loire« titulirte und, von den Tribünen herab bedroht, ausrief: »Ich verlange, daß beim ersten Murren auf den Tribünen wir uns Alle zurückziehen und mit dem Säbel in der Faust, nach Versailles marschiren«; Buzot, der einst dem Hungertod verfallen, Valazé, der dem eigenen Dolch erliegen, Condorcet, der im Bourg-la-Reine oder vielmehr Bourg-Egalité umkommen sollte, verrathen durch den Horaz, den er bei sich trug; Pétion, dem das Geschick zu Theil ward, im Jahre 1792 von der Menge vergöttert und im Jahre 1793 von den Wölfen verschlungen zu werden, und zwanzig Andere noch, Pontécoulant, Marboz, Lidon, Saint-Martin, Dussaulx, der Übersetzer des Juvenal, der den Feldzug von Hannover mitgemacht hatte, Boilleau, Bertrand, Lesterp-Beauvais, Lesage, Gomaire, Gardien, Mainvieille, Duplantier, Lacaze, Antiboul und über diesen Allen, ein zweiter Barnave, Vergniaud.

Auf der andern Seite der bleiche dreiundzwanzigjährige Antoine-Louis-Léon Florelle von Saint-Just mit der niedrigen Stirn, dem reinen Profil und der tiefen Trauer im geheimnißvollen Blick, Merlin aus Thionville, den die Deutschen den Feuerteufel nannten, Merlin aus Douai, der frevelhafte Urheber des Gesetzes gegen die Verdächtigen, Soubrany, den das Volk am ersten Prairial zu seinem Anführer wählte, der vormalige Pfarrer Lebon, der in der Hand, mit der er Weihwasser gereicht hatte, jetzt einen Säbel schwang, Billaud-Varennes, der die Rechtsprechung der Zukunft erdachte: Schiedsrichter statt der Richter von Fach; Fabre-d’Eglantine, der auf einen reizenden Einfall gerieth, den republikanischen Kalender, aber nur auf den einen Einfall, wie Rouget de Lisle eine einzige geniale Eingebung gehabt hatte, die Marseillaise; Manuel, der Prokurator des Stadtraths, der gesagt hatte: »Der Tod eines Königs macht die Welt um keinen Menschen ärmer«; Goujon, der in Tripstadt, in Neustadt und in Speier eingezogen war und das preußische Heer hatte fliehen sehen, Lacroix, ein General gewordener Advokat, der sechs Tage vor dem 10. August das Ludwigskreuz erhalten hatte, Fréron der Thersites, Fréron’s des Zoïlus Sohn, Ruth, der unerbittliche Durchstöberer des eisernen Schranks Ludwigs XVI., der in der Folge zum großen Selbstmord des Brutus griff, weil er die Republik nicht überleben wollte; Fouché mit der Teufelsseele und dem Leichengesicht, Camboulas, der Freund des Père Duchesne, der zu Guillotin sagte: »Wenn Du auch zu den Feuillants gehörst, Deine Tochter gehört zu den Jakobinern«; Jagot, der Denjenigen, welche die Gefangenen wegen ihrer mangelhaften Kleidung bedauerten, die herzlose Antwort gab: »Ein Gefängniß ist ein steinerner Anzug«; Javogues, der unheimliche Aufbrecher der Gräber von Saint-Denis, Osselin, ein eifernder Verfolger, der eine Verfolgte, Frau Charry, bei sich versteckte, Bentabole, der, wenn er den Präsidentenstuhl innehatte, den Tribünen das Zeichen zum Applaus oder zum Zischen gab, der Journalist Robert, dessen Gattin, Fräulein Kéralio, die Worte schrieb: »Mich besucht weder Robespierre noch Marat; Robespierre empfange ich, wann es ihm genehm sein sollte, Marat aber nie«; Garan-Coulon, der, als sich der spanische Hof für Ludwig XVI. verwenden wollte, mit stolzem Trotz verlangt hatte, daß sich die Versammlung nicht herablasse, die Fürbitte eines Königs für einen König zu lesen; der Bischof Grégoire, der, nachdem er sich der apostolischen Zeiten würdig erwiesen hatte, später, unter dem Kaiserreich, den Republikaner Grégoire für Grégoire den Grafen hinwarf, Amar, welcher behauptete: »Ludwig XVI. ist in den Augen der ganzen Menschheit verurtheilt; wer könnte da noch den Richterspruch revidiren? Nur die Sterne«; Rouyer, der sich am 21. Januar dem Abfeuern der Kanone vom Pont-Neuf aus dem Grunde widersetzt hatte, daß der Kopf eines Königs im Fallen nicht mehr Lärm machen solle als der Kopf eines andern Menschen«; Chénier, der Bruder von André Chénier, Vadier, einer von Denen, die ein Pistol vor sich auf die Tribüne legten, Panis, der zu Momoro sagte: »Marat und Robespierre sollen sich bei mir, an meinem Tisch, umarmen.« – »Wo wohnst Du denn?« – »In Charenton.« – »Dacht‘ ich mir’s doch,« erwiderte Momoro; Legendre, der, wie Pride der Fleischer der englischen Revolution gewesen, der Fleischer der französischen war. »Komm her, daß ich Dich niederschlage!« rief er eines Tages Lanjuinais zu und Lanjuinais entgegnete: »Erst laß die Verordnung ergehen, daß ich ein Ochse bin;« und Collot d’Herbois, der finstere Komödiant mit dem Januskopf, der zugleich Ja und Nein sagte, mit dem einen Mund billigte, was er mit dem andern verwarf, Carrier’s Verhalten in Nantes brandmarkte und Chalier’s Verhalten in Lyon in den Himmel hob, der Robespierre in den Tod und Marat in’s Pantheon schickte; Génissieux, der gegen Jeden die Todesstrafe beantragte, bei dem die Medaille mit der Inschrift »Ludwig XVI. der Märtyrer«, gefunden wurde, Leonard Bourdon, der Schulmeister, der dem Greis vom Mont-Jura sein Haus angeboten hatte, Dobsent, ein Seemann, Gouvilleau, ein Advokat, der Kaufmann Laurent Lecointre, der Arzt Duhem, der Bildhauer Sergent, David der Maler, Joseph-Philipp Egalité der Prinz; außerdem noch Lecointe-Puiraveau, der begehrte, daß Marat durch Dekret für unzurechnungsfähig erklärt werde, Robert Lindet, der beängstigende Schöpfer jenes Ungeheuers, dessen Kopf der Sicherheitsausschuß war und das Frankreich mit einundzwanzigtausend Armen festhielt, die man die revolutionären Ausschüsse nannte, Leboeuf, auf den Girey-Dupré in seinen »Weihnachten der falschen Patrioten« den Vers gedichtet hatte: »Le boeuf vit Legendre et beugla«;7 der milde Thomas Payne, ein Amerikaner; Anacharsis Cloots, ein deutscher Baron und Millionär, Atheist, Anhänger Hebert’s, treuherzig; der gewissenhafte Lebas, der Freund der Familie Duplay; Nevère, einer jener seltenen Menschen, die boshaft sind um der Boshaft willen, denn der Grundsatz, daß die Kunst sich selber Zweck ist, macht sich zuweilen auch bei Charaktereigenschaften geltend; Chalier, der die Aristokraten mit »Sie« angeredet wissen wollte; der elegische und grausame Tallien, der in der Folge aus Verliebtheit den 9. Thermidor machte; Cambacérès, erst Anwalt, dann Fürst; Carrier, erst Anwalt, dann Tiger; Laplanche, der einmal ausrief: »Ich verlange die Vorhand für die Lärmkanone«; Thuriot, der die laute Abstimmung der Geschworenen des Revolutionstribunals begehrte; Bourdon aus dem Departement Oise, der Chambon zum Zweikampf forderte, Payne verklagte und selber durch Hébert verklagt wurde; Payon, der für die Vendée »eine mordbrennerische Armee« begehrte; Tavaux, der am 13. April die Gironde und die Bergpartei beinahe versöhnte; Vernier, der beantragte, die beiderseitigen Parteiführer möchten sich als gemeine Soldaten anwerben lassen; Rewbell, der Mainz mitvertheidigte; Bourbotte, dem bei der Einnahme von Saumur das Pferd unter dem Leib erschossen ward; Guimberteau, der die Küstenarmee von Cherbourg, Jard-Painvilliers, der die Küstenarmee von La Rochelle, Lecarpentier, der das Geschwader von Cancale leitete; Roberjot, der bei Rastatt ermordet werden sollte; Prieur aus der Marne, der im Lager seine alten Schwadronschef-Epauletten trug; Levasseur aus dem Departement Sarthe, der mit einem Wort den Kommandanten des Bataillons Saint-Amand, Serrant, in den Tod zu gehen bestimmte; dazu noch Reverchon, Maure, Bernard aus Saintes, Charles Richard, Lequinio und an der Spitze der ganzen Gruppe ein Mirabeau Namens Danton.

Außerhalb dieser beiden Lager, beide in Schach haltend, ein einzeln Ragender, Robespierre.

V.

Unten drunten neigte sich das Entsetzen, das auch edel sein kann, und krümmte sich die niedrige Furcht. Unter all den Leidenschaften, all dem Heldenmuth, all der Aufopferung, all der Wuth, wogte die trübe Schaar der Namenlosen in den Tiefen, die man »die Ebene« nannte. Hier fand sich jedes schwankende Element zum andern, Männer des Zweifels und Zauderns und Zurückrufens und Aufschiebens und Zuwartens, oder in Angst vor Jemand oder Etwas. Die Montagnards waren eine Elite, die Girondins eine Elite; die Plaine war die Menge; sie verdichtete und verkörperte sich in der Person von Sieyès.

Sieyès war tief angelegt, aber hohl geworden; er war beim »dritten Stand« stehen geblieben und hatte sich nicht bis zum Begriff Volk emporschwingen können. Gewisse Geister sind wie eigens geschaffen, auf halben Höhen zu wandeln. Sieyés nannte Robespierre den Tiger und wurde von diesem der Maulwurf genannt. Dieser Metaphysiker hatte sich die Weisheit nicht, aber die Klugheit ergrübelt. Er war der Höfling, nicht der Diener der Revolution. Mit der Schaufel auf der Schulter spannte er sich neben Alexander Beauharnais vor einen Karren und zog mit dem Volk zur Arbeit auf das Marsfeld aus. Er rieth Andern zum Durchgreifen und machte selber von dem Rath keinen Gebrauch; so sagte er zu den Girondins: »Gewinnt die Kanonen für Eure Partei.« Es giebt Denker, die kämpfen wollen; in der Weise stand Condorcet zu Vergniaud oder Camille Desmoulins zu Danton; und es giebt hinwider Denker, die leben wollen, und diese standen zu Sieyès. Auch in den reinsten Kufen bildet sich ein Bodensatz. Unter »der Ebene« lag noch »der Sumpf«, eine scheußlich stagnirende Masse, durchsichtig vor lauter Selbstsucht. Da fröstelte die stumme Gespanntheit der Zitterer; da kauerte der Inbegriff der Erbärmlichkeit, jede Schändlichkeit und keine einzige aufrichtige Schande, ein verkrochener Grimm, der Aufstand hinter der Unterwürfigkeit. In hündischem Erbangen entwickelten jene Memmen den ganzen Muth der Feigheit; sie waren für die Gironde und stimmten mit der Montagne; den Ausschlag mußten immer sie geben, und immer warfen sie nach der Seite des Erfolgs um; sie lieferten Ludwig XVI. an Vergniaud aus, Vergniaud an Danton, Danton an Robespierre, Robespierre an Tallien; sie brandmarkten den lebenden Marat und vergötterten ihn im Tod; sie unterstützten Alles bis zum Tag, wo sie es stürzen halfen; sie hatten den Instinkt des letzten Stoßes für alles Wankende. Da sie ihre Knechtsdienste von der Widerstandskraft ihrer Herren abhängig machten, galt deren Wanken in ihren Augen für Verrath. Sie waren Zahlen, waren die Kraft, waren die Angst; daher ihre Frechheit im Schmählichen, daher der 31. Mai, der 11. Germinal, der 9. Thermidor, Tragödienverwickelungen durch Riesen geknüpft und gelöst durch Zwerge.

VI.

Mitten unter den Berserkern hatte der Konvent auch seine Träumer; das Utopische war in allen seinen Äußerungsformen vertreten, von der kriegerischen, die das Schaffot billigte, bis zur friedlichsten, welche die Todesstrafe abschaffte – den Königen gegenüber den Dämon, den Völkern gegenüber den Engel herauskehrend. Zwischen den streitbaren saßen die brütenden Geister; jene sannen auf Kampf, diese auf Ruhe; einer jener Köpfe, der von Carnot, gebar vierzehn Armeen, indessen ein anderer, der von Jean Debry, dem Plan zu einer demokratischen Weltverbrüderung nachhing. Unter diesen tobenden Rednern mit den brüllenden Donnerstimmen saßen fruchtbringende Schweiger: Lakanal schwieg und entwarf die Grundzüge des öffentlichen Nationalunterrichts; Lanthenas schwieg und schuf dann die Volksschulen; Revellière-Lépaux schwieg und träumte von der Erhebung der Philosophie auf die Altäre der Religion. Andere beschäftigten bescheidenere, praktischere Detailfragen: Guyton-Morveaux trug sich mit einer gesünderen Einrichtung der Spitäler, Maire mit Aufhebung der Realservituten, Jean-Bon-Saint-André mit Abschaffung der Schuldhaft, Romme mit dem Vorschlag von Chappe, Duboë mit der Organisation der Archive, Coren-Fustier mit der Gründung der anatomischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen, Guyomard mit der Regelung der Flußschifffahrt und dem Querdamm der Schelde. Auch für Kunst wurde geschwärmt, von Einzelnen sogar bis zur Manie; am 21. Januar, während auf dem Revolutionsplatz das Haupt der Monarchie niederrollte, besichtigte Bézard, ein Abgeordneter des Departements Oise, einen Rubens, der in einer Dachkammer der Straße Saint-Lazare entdeckt worden war. Künstler, Redner, Propheten, Kolossalnaturen wie Danton und kindliche Naturen wie Cloots, Gladiatoren wie Philosophen, Alle hatten sie ein gemeinsames Ziel vor Augen, den Fortschritt. Durch nichts ließen sie sich beirren.

Die Größe des Konvents besteht darin, daß er idealen Dingen, welche von den Menschen als Unmöglichkeiten verschrieen werden, das innewohnende Maß Wirklichkeit abzuringen trachtete. Auf der einen Seite hielt Robespierre den Blick auf das Recht, auf der andern hielt Condorcet den Blick auf die Pflicht gerichtet. Condorcet war der Mann des Traums und des Lichts, Robespierre der Mann der Ausführung, und in Perioden, die über Tod oder Leben einer altgewordenen Kultur entscheiden, ist Ausführung zuweilen gleichbedeutend mit Austilgung. Die Revolutionen haben zwei Abhänge, bergauf und bergab, und auf beiden sind die Jahreszeiten ihrer Entwicklung vertreten, vom Winterschnee bis zu den Herbstblüthen, und jede Zone jener Abhänge bringt die ihr entsprechenden Männer hervor, von denen, die im Sonnenschein, bis zu denen, die im Wetterstrahl leben.

VII.

Man zeigte sich den Winkel des linken Durchgangs, in dem Robespierre Garat, dem Freund Clavière’s, die drohenden Worte zugeflüstert hatte: »Clavière hat sich, wo er ging und stand, vergangen und zu komplottiren unterstanden.« In eben demselben Winkel, der sich zu heimlichen Gesprächen und halblauten Zornausbrüchen eignet, hatte Fabre d’Eglantine Romme einen Verweis gegeben, weil dieser den republikanischen Kalender durch Umänderung von »Fervidor« in »Thermidor«, wie ihm vorgeworfen wurde, entstellt hatte. Man zeigte sich auch die Ecke, wo, dicht neben einander, die sieben Vertreter der Haute-Garonne saßen, die bei der Urtheilfällung über Ludwig XVI. zuerst aufgerufen, der Reihe nach geantwortet hatten, Mailhe: »Todesstrafe,« Delmas: »Todesstrafe«, Projean: »Todesstrafe«, Calès: »Todesstrafe«, Ayral: »Todesstrafe«, Julien: »Todesstrafe«, Desaby: »Todesstrafe« – ein Beweis dafür, daß die Weltgeschichte eine endlose Reihenfolge von Rückschlägen ist, welche von den Mauern jedes Tribunals das Echo der Gruft widerhallen lassen. Man wies in diesem wilden Getümmel von Gesichtern mit dem Finger auf alle die einzelnen, deren tragische Richtersprüche sich zu dem einen großen Racheschrei verschmolzen hatten; Paganel, der gesagt hatte: »Todesstrafe; ein König ist nur im Sterben nützlich«; Millaud, der gesagt hatte: »Wenn es heute noch keinen Tod gäbe, müßte man einen erfinden«; den alten Raffron du Trouillet, der gesagt hatte: »Schleunige Todesstrafe«; »Goupilleau, der gerufen hatte: »Gleich auf’s Schaffot mit ihm! die Zögerung verschärft den Tod«; Sieyès hatte sein Votum in das eine düstere Wort zusammengefaßt: »Tod«; Thuriot hatte gegen die von Buzot vorgeschlagene Berufung an das Volk geeifert: »Wie? man will die Wähler befragen? vierundvierzigtausend Gerichtshöfe einsetzen? Es würde ein Prozeß ohne Ende, und Ludwig’s XVI. Haupt hätte Zeit genug, noch weiß zu werden vor dem Fallen«; Augustin-Bon Robespierre rief, nachdem sein Bruder gesprochen: »Ich kenne das Erbarmen nicht, das die Völker hinwürgt und den Despoten verzeiht. Todesstrafe! Aufschub verlangen, heißt, der Berufung an’s Volk die Berufung an die Tyrannen unterschieben«; Foussedoire, der Stellvertreter von Benardin de Saint-Pierre, hatte gesagt: »Das Blutvergießen ist mir ein Greuel, aber Königsblut ist kein Menschenblut; Todesstrafe«; Jean-Bon-Sant-André sagte: »Ohne todten Tyrannen kein freies Volk«; Lavicomterie that einen ähnlichen Ausspruch: »So lang der Tyrann athmet, erstickt die Freiheit; Todesstrafe«; Chateauneuf-Randon rief: »Tod Ludwig dem Letzten«; Guyardin: »Hinrichtung bei umgestürzter Barrière«; er meinte damit die »Barrière du Thrône«; Tellier sprach: »Man gieße, um ihn auf den Feind zu feuern, eine Kanone für den Kopf Ludwigs XVI.« Man zeigte sich auch die Nachsichtsvollen: Gentil, der gesagt hatte: »Ich stimme für Gefängniß; ein zweiter Karl Stuart bringt uns einen zweiten Cromwell«; Bancal, der gesagt hatte: »Verbannung; ich will den ersten König der Welt verurtheilt sehen, zu einem Handwerk zu greifen, um sein Brod zu verdienen«; Albouys, der gesagt hatte: »In’s Exil mit ihm! laßt ihn als lebendiges Gespenst zwischen den Thronsesseln umgehen«; Zangiaconi sagte: »Gefängniß; der lebende Capet sei ein Schreckbild in unsern Händen«: »Er lebe«, meinte Chaillon; »ich will den Todten nicht durch Rom heilig sprechen lassen.« Während diese Worte von strengen Lippen der Reihe nach der Weltgeschichte anheim fielen, zählten auf den Tribünen geputzte Frauen in ausgeschnittenen Kleidern die Stimmen nach und merkten sie mit Nadelstichen auf Verzeichnissen der Abgeordneten an.

Wo die Tragödie sich einmal gezeigt hat, da lassen sich Grauen und Mitleid dauernd nieder. Zu welcher Zeit man den Konvent auch betrachten mochte, immer wieder bot er einen ähnlichen Anblick wie bei der Abstimmung über den letzten Capet; die Legende vom 21. Januar schien in jeder ferneren Entschließung fortzuklingen; die gewaltige Versammlung war durchweht von jenem verhängnißvollen Sturmhauch, der über die alte, achtzehn Jahrhunderte lang brennende Fackel der Monarchie hingestrichen war und sie gelöscht hatte. Die entscheidende Verurtheilung aller Könige in dem einen war gleichsam der Ausgangspunkt des großen Krieges, den der Konvent gegen die Vergangenheit führte. Ganz einerlei welcher Sitzung man beiwohnte, stets warf das Schaffot Ludwigs XVI. seinen Schatten herein; die Zuschauer erzählten einander, wie Kersaint, wie Roland damals gesprochen, wie Duchâtel, ein Abgeordneter des Departements Deux-Sèvres, sich auf seinem Krankenbett hereintragen ließ, und, selber sterbend, für Leben stimmte, worüber Marat lachen mußte; und man suchte jenes seither verschollene Mitglied mit den Blicken, das nach der siebenunddreißigstündigen Gerichtsverhandlung vor Erschöpfung auf seiner Bank eingeschlafen war, und, vom Huissier zur Abgabe seiner Stimme geweckt, mit halbgeöffneten Augen »Todesstrafe« sagte und wieder einschlummerte.

Als Ludwig XVI. zur Guillotine verurtheilt wurde, hatten Robespierre noch achtzehn Monate, Danton fünfzehn, Vergniaud neun, Marat fünf Monate und drei Wochen, Lepelletier-Saint-Fargeau einen Tag Leben vor sich. Furchtbar war das Athmen jener Männer und kurz.

VIII.

Für das Volk ging ein stets offenes Fenster auf den Konvent hinaus, die öffentlichen Tribünen, und genügte das Fenster nicht, so wurde die Thür aufgemacht und die Straße entleerte sich in den Saal. Jenes Einbrechen der Menge in diese Versammlung gehört zu den überraschendsten Erscheinungen der Geschichte. Meistentheils war die Invasion gut gemeint; die Vorstädte schmollirten mit dem kurulischen Stuhl; aber es lag etwas Unheimliches in dieser herzlichen Zudringlichkeit eines Volkes, das eines Tages, ehe drei Stunden vergangen waren, die Kanonen des Invalidenhauses und Vierzigtausend Flinten ausgeführt hatte. Sehr häufig wurden die Sitzungen durch den Aufmarsch von Deputationen unterbrochen, die man mit Gesuchen, Huldigungen oder Liebesgaben an die Schranken vorließ. Es wurde durch Weiber die Ehrenpike der Vorstadt Saint-Antoine hereingetragen. Einmal widmeten Engländer den barfuß kämpfenden Soldaten zwanzigtausend Schuhe. »Der Bürger Arnoux«, las man ein andermal im Bericht des Moniteur, »Pfarrer von Aubignan und Kommandant des Bataillons vom Departement Drôme, verlangt, unter Vorbehalt seiner Pfarrei, an die Grenze zu marschiren.« Die Bezirksvertreter brachten auf Tragbahren Platten, Kelche, Monstranzen, ganze Haufen von Silber und Gold herbei, dem Vaterland von jenem Volk in Fetzen geweiht, das dafür als einzige Belohnung die Erlaubniß begehrte, dem Konvent die Carmagnole vorzutanzen. Chenard, Narbonne und Vallière kamen, um patriotische Lieder auf die Bergpartei abzusingen. Der Bezirk Mont-Blanc verehrte der Versammlung eine Büste von Lepelletier und ein Weib setzte dem Präsidenten eine rothe Mütze auf, worauf sie von diesem umarmt wurde. »Die Bürgerinnen des Bezirks le Mail« streuten »den Gesetzgebern« Blumen. »Die Schüler des Vaterlandes«, voran eine Musikbande, statteten dem Konvent ihren Dank ab »für Begründung der Wohlfahrt des Jahrhunderts.« Die Frauen des Bezirks Gardes-Françaises brachten Rosen, die vom Bezirk Champs-Elysées einen Kranz von Eichenlaub; die Mädchen vom Bezirk Temple leisteten vor den Schranken einen Eid darauf, »sich nur mit echten Republikanern zu verbinden.« Der Bezirk Molière widmete eine Medaille von Franklin, die laut Verordnung an die Krone der Freiheitsstatue gehängt wurde. Die Findelkinder, nunmehr die Kinder der Republik, zogen in der nationalen Uniform vorbei. Die Jungfrauen des Bezirks Zweiundneunzig kamen in langen weißen Gewändern, und am folgenden Tage las man im Moniteur: »Der Präsident empfängt einen Strauß aus den unschuldigen Händen einer unschuldigen Schönheit.« Die Redner grüßten die Menge, riefen ihr zuweilen sogar Schmeicheleien zu, wie: »Du bist unfehlbar; Du bist untadelhaft; Du bist erhaben.« Das Volk hat etwas vom Kind: es nascht gern Süßigkeiten. Oft auch brauste der Aufruhr durch die Versammlung; brach tobend herein und strömte beschwichtigt von dannen wie die Rhone, die beim Einmünden in den Genfer See trübe und beim Ausfluß himmelblau gefärbt ist. Mehrmals lief es jedoch so friedlich nicht ab, und Henriot ließ vor den Tuilerieen Roste herbeischaffen für die Brandkugeln.

IX.

Neben dem Zündstoff für die Revolution entwickelte die Versammlung auch eine befruchtende Kulturpotenz. Der Weltbrand nährte eine schöpferische Schmiede, und in dieser Esse, wo der Schrecken brodelte, klärte sich das Gold des Fortschritts ab. Aus dem Chaos von Schatten und der jagenden Wolkenflucht flammten Lichtstrahlen der ewigen Wahrheit nieder, unvergängliche Lichtstrahlen, die den Völkerhimmel für alle Zeiten erhellen und die sich Gerechtigkeit nennen und Duldsamkeit und Wohlwollen und Vernunft und Wahrhaftigkeit und Menschenliebe. Der Konvent stellte den großen Grundsatz auf: »Die Freiheit des Bürgers hört da auf, wo die Freiheit eines anderen Bürgers anfängt,« ein Axiom, das in zwei Worten die Bedingungen alles gesellschaftlichen Lebens zusammenfaßt. Er sprach das Elend heilig, heilig die Gerechtigkeit im Blinden und Taubstummen, die er der Fürsorge des Staates übergab, heilig die Mutterschaft in der Gefallenen, die er tröstete und aufrichtete, heilig die Kindheit in der Waise, die er dem Vaterland in den Arm legte, heilig die Unschuld im freigesprochenen Angeklagten, den er entschädigte. Er brandmarkte den Negerhandel und schaffte die Sklaverei ab. Er machte sich zum Herold der gegenseitigen Verbindlichkeit Aller gegen Alle. Er führte den unentgeltlichen Unterricht ein, regelte die nationale Erziehung durch Gründung der Normalschule zu Paris, der Centralschulen in den Departements-Hauptstädten und der Primärschulen in den Gemeinden, schuf Musik-Akademien und Kunstsammlungen, brachte die Einheit in der Gesetzgebung und durch das Dezimalsystem die Einheit in Maß, Gewicht und Münzwesen zu Stande, stellte die Ordnung in den Finanzen wieder her und rettete aus dem monarchischen Bankrott den öffentlichen Kredit. Dem Verkehr schenkte er den Signaltelegraphen, dem Alter die dotirten Versorgungshäuser, der Krankheit die verbesserten Spitäler, der höheren Ausbildung die polytechnische Schule, der Wissenschaft die geographische Vermessungsanstalt, dem menschlichen Geist die vereinigten gelehrten Körperschaften. Neben den patriotischen Zwecken verfolgte er auch kosmopolitische. Von den elftausendzweihundertundzehn Verordnungen, die der Konvent erließ, trägt ein Drittel nur einen speziell politischen, der Rest einen allgemein humanen Charakter. Der Gesellschaft wurde die Weltmoral, dem Gesetz das Gewissen der Welt zu Grund gelegt. Und Abschaffung der Dienstbarkeit, Verbrüderung Aller, Schutz für die ganze Menschheit, Läuterung des öffentlichen Gewissens, Verwandlung der ausgebeuteten Arbeit in ein gesetzlich gesichertes Recht, Befestigung des Staatsvermögens, Aufklärung und Leitung der Jugend, Förderung der Künste und Wissenschaften, Verbreitung des Lichts nach jeder Seite hin, Beistand für jedes Elend und Geltendmachung jedes höheren Grundsatzes – Alles das schuf der Konvent mit der Hydra der Vendée am Herzen und von Außen zerfleischt durch die Tigerheerde der europäischen Fürstenkoalition.

X.

Auf dem unermeßlichen Kampfplatz vereinigten sich in episch gewaltigem Widerstreit alle menschlichen und unmenschlichen und übermenschlichen Typen. Während Guillotin David aus dem Weg ging, beschimpfte Bazire Chabot; Guadet verspottete Saint-Just; Vergniaud verschmähte Danton; Louvet klagte Robespierre, Buzot Egalité an; Chambon stellte Pache an den Pranger; Alle verabscheuten Marat. Und wie viel andere Namen wären an dieser Stelle noch zu verzeichnen! Armonville, genannt Bonnet-Rouge, weil er nur in der phrygischen Mütze an den Sitzungen theilnahm, ein Freund Robespierre’s, der »nach Ludwig XVI. auch diesen guillotiniren lassen wollte, dem Gleichgewicht zulieb.« Massieu, der unzertrennliche Kollege des guten Bischofs Lamourette, der so ganz geschaffen war, einem berühmt gebliebenen Versöhnungskuß seinem Namen zu geben; Lehardy aus dem Morbihan, der die bretonischen Priester brandmarkte; Barère, der Mann der Majoritäten, der das Präsidium führte, als Ludwig XVI. vor den Schranken des Konvents erschien, und der zu der Pamela der Frau von Genlis in denselben Herzensbeziehungen stand wie Louvet zu Lodoïska; Daunon, welcher der Kongregation des Oratoriums angehörte und zu sagen pflegte: »Gewinnen wir nur erst Zeit«; Dubois-Crancé, mit dem Marat oft flüsterte; der Marquis von Chateauneuf, Laclos, Hérault-Séchelles, der vor Henriot mit dem Ruf zurückwich: »An die Geschütze!« Julien, der die Montagne mit den Thermopylen verglich; Gamon, der eine besondere öffentliche Tribüne für die Weiber beanspruchte; Laloy, der dem Bischof Gobel die Ehren der Sitzung zuerkannte, als dieser in den Konvent kam, um die Mitra gegen die Freiheitsmütze umzutauschen; Lecomte, der damals äußerte: »Man reißt sich ja darum, sich zu entpfaffen!« Féraud, vor dessen Kopf Boissy-d’Anglas später den Hut abzog, wodurch die offene Frage entstand: »Hat Boissy-d’Anglas den Kopf, und somit das Opfer, oder die Pike, also die Mörder, gegrüßt?« Die zwei Brüder Duprat, von denen der eine Montagnard, der andere Girondin war, und die einander haßten wie die beiden Chénier.

Von der Rednertribüne fielen zuweilen Worte von jener unabsehbaren Wirkung, von welcher der Sprechende selbst keine Ahnung hat, Worte, denen das Verhängnißvolle der Revolution innewohnt und auf die hin die materiellen Ereignisse plötzlich in’s ungehalten Leidenschaftliche umgeschlagen zu sein scheinen, als hätten sie das eben Gesagte übelgenommen; was geschieht, scheint dann aus Zorn zu geschehen über das, was gesprochen worden, und schmetternde Katastrophen brechen dann herein, wie zur Tollwuth angestachelt durch die Worte der Menschen. So genügt auf den Schneebergen oft ein Schrei, um eine Lawine in’s Rollen zu bringen, und so kann auch eine allzuscharf klingende Redensart einen Zusammensturz im Gefolge haben, der sonst ausgeblieben wäre. Oft liegt selbst in den Begebenheiten etwas persönlich Jähzorniges. Aus einem solchen Grund, weil zufällig die Aeußerung eines Redners mißverstanden wurde, fiel zum Beispiel das Haupt von Madame Elisabeth.

Im Konvent genoß die Maßlosigkeit im Ausdruck Bürgerrechte. Durch die Debatte schwirrten und kreuzten sich die Drohungen wie Funken in einer Feuersbrunst. – Robespierre, kommen Sie zur Sache! rief eines Tages Pétion. – Die Sache sind Sie, Pétion, entgegnet Robespierre; Ihnen werde ich nur zu früh zur Sache kommen. – Zur Guillotine mit Marat, schrie eine Stimme. – Am Tag, wo Marat sterben wird, antwortet dieser, wird kein Paris mehr sein, und am Tag, wo Paris sterben wird, stirbt die Republik mit. – Billaud-Varennes steht auf und sagt: Wir wollen … – Du sprichst wie ein König, unterbricht ihn Barére. – Und eines andern Tages, da Philippeaux darüber klagt, daß ein Mitglied den Degen gegen ihn gezogen, ruft Audouin: Präsident, rufen Sie den Mörder zur Ordnung! – Nur Geduld, sagt der Präsident; und Panis ruft ihm zu: Ich, Präsident, rufe jetzt Sie zur Ordnung. – Im Konvent wurde auch gelacht, derbe gelacht. – Der Pfarrer von Chant-de-Bout, berichtete einmal Lecointre, beschwert sich über Fauchet, seinen Bischof, der ihn nicht heirathen lassen will. – Ich sehe nicht ein, fährt eine Stimme dazwischen, warum Fauchet Maitressen halten darf, wenn er bei Andern keine Ehefrauen duldet. – Drauf los heirathen, ihr Priester, fällt eine zweite Stimme ein. – Die Tribünen mischen sich in die Debatte; sie dutzten die Abgeordneten. Eines Tages bestieg Nuamps die Rednerbühne, und weil die einer seiner »Hüften« viel entwickelter war als die andere, wurde ihm von oben zugerufen: – Dreh Dich doch nach rechts mit Deiner Backe à la David. – Dergleichen Freiheiten erlaubte sich das Volk im Konvent. Einmal jedoch, beim Tumult des 11. April 1793, ließ der Präsident einen Schreier auf den Tribünen verhaften.

In einer Sitzung, die der alte Buonarotti beschreibt, ergreift Robespierre das Wort und spricht volle zwei Stunden, den Blick immer auf Danton gerichtet, bald geradeaus (schon schlimm genug), bald von der Seite, was noch weit schlimmer war. Aus unmittelbarster Nähe schmettert er seine Blitze herab und schließt mit einem Ausbruch von Entrüstung voll verderbenschwangerer Anzüglichkeiten: Man kennt die Heuchler; man kennt die Verführer und die Bestochenen; man kennt die Verräther: sie sind hier in dieser Versammlung. Sie hören uns zu; wir sehen sie und wenden kein Auge von ihnen ab. Ueber ihren Häuptern erblicken sie – ja schaut hinauf, das Schwert des Gesetzes; in ihrem Gewissen – schaut nur hinein! – erblicken sie die eigene Verworfenheit. Verräther, nehmt Euch in Acht! – Robespierre bricht ab, und Danton, den Kopf zur Decke gewendet, mit halbgeschlossenen Augen und einen Arm über die Lehne der Bank hin- und herwiegend trällert zurückgeworfen zwei Verse von »Kadet Rousssel« halblaut vor sich hin:

– Verschwörer! – Mörder! – Schurke! – Rebell! – Reaktionär! Alle Verwünschungen platzten oft auf einander los; man schrie seine Anklagen wechselseitig zu der Büste des Brutus hinauf; man fuhr sich an, verfluchte, forderte sich heraus: von allen Seiten wüthende Blicke, geballte Fäuste, hervorschimmernde Pistolen, halbgezückte Dolche; weit und breit ein hundertfaches Emporflammen um die Tribüne. Einige sprachen, als lehnten sie an der Guillotine. Entsetzt und entsetzlich wogten die Köpfe hin und her, Montagnards, Girondins, Feuillants, Gemäßigte, Terroristen, Jakobiner, Cordeliers, darunter achtzehn Priester, die für den Tod des Königs gestimmt hatten, Alle in einander verschwimmend wie vorangetriebene Rauchwolken.

XI.

Es waren sturmgepeitschte Geister; der Sturm aber fuhr auf Fittigen des Wunders einher. Ein Mitglied des Konvents war eine Welle im Ozean, und das galt auch von den Größten. Die Triebkraft kam von oben her. Es herrschte im Konvent ein Gesammtwollen, das vom Wollen des Einzelnen ganz verschieden war, eine Idee, unbezwingbar und unermeßlich, die von den Höhen niedersauste durch das Dunkel, und die wir eben die Revolution nennen. Wenn diese Idee dahinstrich, warf sie den Einen zu Boden und raffte den Andern empor, ließ Diesen zu Schaum zerstieben und zerschmetterte Jenen an Felsenriffen. Sie wußte, wohin sie steuerte, diese Idee, und trieb den Abgrund vor sich her. Wenn man die Revolution für das Werk der Menschen ausgeben wollte, so müßte man auch Ebbe und Fluth für das Werk ausgeben der Wellen. Die Revolution ist eine Kraftäußerung des großen Unbekannten. Man nenne sie gut oder böse, je nachdem man die Zukunft oder die Vergangenheit herbeisehnt, aber man mache ihr den Ursprung nicht streitig. Sie scheint allerdings aus dem gemeinschaftlichen Zusammenwirken von großen Ereignissen und großen Menschen hervorgegangen, ist aber in der That lediglich die Kraftsumme der Ereignisse. Die Ereignisse geben aus; die Menschen zahlen. Die Ereignisse diktiren; die Menschen unterschreiben. So ist der 14. Juli Camille Desmoulins, der 10. August Danton, der 2. Dezember Marat, der 21. September Grégoire, der 21. Januar Robespierre gezeichnet; aber Desmoulins, Danton, Marat, Grégoire und Robespierre haben weiter nichts dabei gethan, als die Urkunden auszuschreiben. Der eigentliche gigantisch strenge Verfasser jener Geschichtsblätter heißt Gott und führt das Pseudonym Schicksal. Robespierre glaubte an einen Gott; er mußte ja wohl!

Die Revolution ist eine Erscheinungsform des immanenten Wollens in und um uns; wir nennen es die Nothwendigkeit. Vor dieser geheimnißvollen Verwickelung von Wohlthaten und Bitternissen wirft sich das Warum des Denkers auf. »Weil eben einmal«: diese Antwort des Nichtwissens ist zugleich die der Erkenntniß. Im Angesicht jener klimatischen Umwälzungen, welche die Kultur verheeren und beleben, scheut man vor einem Urtheil über das Einzelne zurück. Ob das Ergebniß die Menschen tadeln oder loben, heißt ungefähr so viel, als man würde die Zahlen ihrer Summe wegen loben oder tadeln. Was vorbeistürmen muß, stürmt eben vorbei. Die hehre Ewigkeit wird durch diese Windstöße nicht berührt, und Wahrheit und Gleichgewicht bleiben über den Revolutionen stehen wie der Sternenhimmel über dem Orkan.

XII.

Das war jener unermeßliche Konvent; eine von allen Finsternissen auf ein Mal berannte Schanze der Menschheit, das nächtliche Lagerfeuer eines belagerten Heers von Gedanken, eine ungeheuere Feldwache der Geister am Rand eines Abgrunds. Nichts läßt sich in der Geschichte zusammenhalten mit jener Versammlung von Männern, die zu gleicher Zeit Senat war und Pöbel, ein Konklave und ein Auflauf, ein Areopag und eine Agora, Richter und Angeklagter. Der Konvent hat sich stets beugen müssen unter dem Sturmhauch, aber es war auch ein Sturm ausgehaucht vom Mund des Volks, der Athemzug Gottes. Und heute, nach achtzig Jahren, wenn der Konvent vor dem Seelenspiegel eines Menschen auftaucht, gleichviel vor welchem, gleichviel ob Historiker oder Philosoph – der Mensch bleibt stehen und verliert sich im Betrachten. Die große Geisterkarawane unbeachtet vorüberziehen zu lassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

II.

Marat hinter den Coulissen

Am Tage nach der Zusammenkunft in der Rue du Paon, verfügte sich Marat, wie er es Simonne Evrard schon zu wissen gethan hatte, in den Konvent. Bekanntlich gab es dort einen maratistischen Marquis, Louis von Montaut, derselbe, der später dem Konvent eine Dezimaluhr schenkte mit der Büste von Marat. Im Augenblick, wo dieser eintrat, war Chabot auf Montaut zugegangen: Ex-Marquis, sagte er… Montaut schaute auf: Weshalb nennst Du mich Ex-Marquis ?

– Weil dem so ist.

– Was?

– Du warst doch Marquis.

– Niemals.

– Unsinn!

– Mein Vater war ein Soldat, mein Großvater ein Weber.

– Was faselst Du da, Montaut?

– Ich heiße nicht Montaut.

– Wie denn sonst?

– Maribon heiße ich.

– Mir, sagte Chabot, kann’s eigentlich gleich sein. Und er brummte noch zwischen den Zähnen: Man reißt sich förmlich drum, kein Marquis zu sein.

Marat war in dem Durchgang links stehen geblieben und betrachtete Montaut und Chabot.

Jedes Eintreten von Marat rief ein Gemurmel hervor, doch nur in der Entfernung: in seiner Nähe wurde geschwiegen. Dergleichen bemerkte Marat gar nicht; er verachtete »das Quaken des Sumpfes.«

Im Halbschatten der untern obskuren Bänke wurde mit dem Finger auf ihn gedeutet: Bei Coupé vom Departement Oise, Prunelle, Villars, einem Bischof, der später Akademiker wurde, Boutroue, Petit, Plaichard, Bonet, Thibeaudeau, Valdruche, hieß es:

– Sieh da! Marat. – Er ist also nicht krank? – Doch, weil er einen Schlafrock an hat. – Ja, einen Schlafrock! – Wahrhaftig! – Alles nimmt er sich heraus! – Die Frechheit, so im Konvent zu erscheinen! – Kam er schon einmal im Lorbeerkranz, so mag er auch im Schlafrock kommen! – Kupfergesicht mit Grünspanzähnen. – Ein neuer Schlafrock, will mir scheinen. – Was für ein Stoff? – Reps. – Gestreift. – Sehen Sie nur die Aufschläge. – Pelz. – Tigerpelz. – Nein, Hermelin. – Aber falsch. – Und Strümpfe hat er an! – Sonderbar. – Und Schnallen an den Schuhen. – Von Silber! – Das werden ihm die Holzschuhe von Camboulas nie verzeihen.

Auf andern Banken befliß man sich eines gesuchten Uebersehens und sprach von andern Dingen: Wissen Sie schon, Dusfaulx? begann Santhonac.

– Was? – Vom Ex-Grafen von Brienne? – Der mit dem Ex-Herzog von Villeroy in la Force gesessen hat? – Ja, der. – Ich habe sie Beide gekannt. Nun? – Sie waren so voller Angst, daß sie die rothe Mütze jedes Gefangenwärters grüßten und sich eines Tags vor einer Partie Piquet sträubten, weil man ihnen ein Spiel Karten mit Königen und Damen gegeben hatte. – Nun und? – Gestern sind sie guillotinirt worden. – Beide? – Beide. – Wie haben Sie sich im Kerker durchweg benommen? – Feig. – Und auf der Guillotine? – Mehr als tapfer. – Sterben ist eben leichter als leben, warf Dussaulx vor sich hin.

Barère verlas gerade einen Bericht über die Vendée. Neunhundert Mann aus dem Morbihan seien mit Artillerie ausgerückt, um Nantes zu decken. Redon sei von den Bauern bedroht, Paimboeuf bereits angegriffen. Von Maindrain aus kreuzten Kriegsschiffe, um eine Landung zu verhüten. Von Ingrande bis Maure strotzte das ganze linke Loire-Ufer von royalistischen Batterien. Dreitausend Bauern hielten Pornic besetzt und riefen »Vivat England!« Ein Brief von Santerre an den Konvent, den Barère mittheilte, schloß mit den Worten: »Siebentausend Bauern haben Vannes überfallen; wir haben sie zurückgeschlagen und ihnen vier Geschütze abgenommen…«

– Und wie viel Gefangene, unterbrach eine Stimme.

– Barère fuhr fort:

– Nachschrift des Briefes: »Gefangene haben wir nicht, denn wir machen keine Gefangenen mehr.«

Marat stand immer noch unbeweglich und hörte nicht zu: er schien einem düstern Gedanken nachzuhängen; er zerknitterte ein Papier, das er zwischen den Fingern hielt und auf dem, wenn man es hätte entfalten können, folgende Zeilen von Momoro’s Hand zu lesen waren, wahrscheinlich als Antwort auf eine Anfrage von Marat: »Gegen die Omnipotenz der abgeordneten Kommissäre ist nicht aufzukommen, namentlich gegen die der Kommissäre des Wohlfahrtsausschusses. Wenn Génissieur in der Sitzung vom 6. Mai auch betont hat, daß jeder Kommissär unumschränkter herrscht als ein König, geändert ward an der Sache nichts. Sie entscheiden über Leben und Tod. Massade in Angers, Frullard in Saint-Amand, Nyon bei General Marcé, Parrein bei der Armee von les Sables, Millier bei der Armee von Niort sind geradezu allmächtig. Der Jakobinerklub ist so weit gegangen, Parrein zum Brigadechef zu ernennen. Alles wird auf die Umstände geschoben und ein Kommissär des Wohlfahrtsausschusses hält einen kommandirenden General in Schach.«

Nun steckte Marat das zerknitterte Papier in die Tasche und ging langsam auf Montaut und Chabot zu, welche ihn nicht bemerkt hatten und weitersprachen.

Chabot sagte: Maribon oder Montaut, paß auf: just komme ich aus dem Wohlfahrtsausschuß. – Und was treiben sie dort? – Sie lassen einen Adeligen überwachen durch einen Priester. – So? – Einen Adeligen wie Du … – Ich bin kein Adeliger, wiederholte Montaut. – Durch einen Priester. – Wie Du. – Ich bin kein Priester, entgegnete Chabot.

Und Beide mußten lachen.

– Laß hören wo und wer, sagte Montaut.

– Es verhält sich so: Ein Priester Namens Cimourdain ist mit unumschränkter Vollmacht zu einem gewissen Vikomte Gauvain abgeordnet. welcher Vikomte die Streifkolonne der Küstenarmee befehligt. Es soll verhütet werden, daß der Adelige falsch spielt und daß der Priester verräth.

– Nichts ist leichter, erwiderte Montaut, man braucht nur den Tod mitreden zu lassen.

– Gerade deshalb bin ich hier, fiel Marat ein.

Die Beiden schauten auf:

– Guten Tag, Marat, sagte Chabot; Du kommst selten in unsere Sitzungen.

– Mein Arzt verordnet mir Bäder, antwortete Marat.

– Den Bädern ist nicht zu trauen, meinte Chabot; Seneca ist in einem Bad gestorben.

Marat lächelte: – Hier, Chabot, haben wir keinen Nero.

– Dich haben wir, sagte eine derbe Stimme. Es war Danton, der vorbeiging, um zu seinem Platz zu steigen.

Marat wendete sich nicht um. Er streckte den Kopf vor und raunte den Beiden zu: Hört einmal, ich bin in einer ernsten Angelegenheit da; es muß Einer von uns heut einen Antrag stellen im Konvent.

– Nicht ich, sagte Montaut; auf mich hört man nicht; ich bin ein Marquis.

– Auf mich, sagte Chabot, hört man nicht; ich bin ein Kapuziner.

– Und auf mich, sagte Marat, hört man auch nicht; ich bin Marat.

Alle Drei schwiegen. Marat anzureden, wenn er über etwas nachsann, war kaum gerathen. Nichtsdestoweniger erlaubte sich Montaut die Frage:

– Was denn soll beantragt werden, Marat?

– Todesstrafe für jeden Befehlshaber, der einem gefangenen Rebellen zur Freiheit verhilft.

– Giebt’s schon, bemerkte Chabot, die Verordnung besteht seit Ende April.

– Dann besteht sie so gut wie nicht, sagte Marat. Ueberall, in der ganzen Vendée, hat man’s darauf abgesehen, die Gefangenen laufen zu lassen, und die Hehlerei geht straflos aus.

– Die Verordnung ist eben in Vergessenheit gerathen, Marat.

– Chabot, man muß sie wieder in Wirksamkeit setzen.

– Allerdings.

– Und demgemäß im Konvent sprechen.

– Den Konvent, Marat, brauchen wir nicht; der Wohlfahrtsausschuß thut’s auch.

– Der Zweck ist schon erreicht, fügte Montaut hinzu, wenn der Wohlfahrtsausschuß die Verordnung in allen Gemeinden der Vendée anschlagen läßt und zwei oder drei Mal Ernst macht.

– Mit vornehmen Köpfen, stimmte Chabot ein, mit Generalen.

– In der That, brummte Marat, das wird hinreichen.

– Gehe Du selber hin, Marat, meinte Chabot, und sage das dem Wohlfahrtsausschuß.

Marat sah ihm in beide Augen, was keineswegs angenehm war, sogar für Chabot:

– Chabot, sprach er, der Wohlfahrtsausschuß, das heißt so viel wie Robespierre; zu Robespierre gehe ich nicht.

– So will ich denn gehen, sagte Montaut.

– Gut, antwortete Marat.

Tags darauf wurde vom Wohlfahrtsausschuß an alle Munizipalbehörden der Vendée der Befehl erlassen, für allgemeine Verbreitung und strenge Ausführung des Dekrets Sorge zu tragen, welches die Mitschuld am Entweichen gefangener Räuber und Rebellen mit dem Tod bestrafte.

Jenes Dekret war übrigens nur der erste Schritt zu weiteren Maßregeln. Einige Monate später, am 11. Brumaire des Jahres Zwei (November 93), in Anbetracht, daß Laval die fliehenden Vendéer aufgenommen, verhängte der Konvent über jede Stadt, welche den Rebellen ein Obdach gewähren würde, gänzliche Zerstörung.

Ihrerseits hatten die Fürsten Europa’s im Manifest des Herzogs von Braunschweig, der vom Haushofmeister des Herzogs von Orleans, Marquis von Linnon, zu Papier gebrachten Gesinnungsäußerung der Emigranten, erklärt, jeder unter den Waffen ergriffene Franzose werde standrechtlich erschossen und Paris, falls man dem König auch nur ein Haar krümmen sollte, der Erde gleichgemacht werden.

Wildheit gegen Barbarei.

  1. Ein Wortspiel: »Leboeuf sah Legendre und brüllte.« Le boeuf heißt aber wörtlich der Ochs; Legendre war Schlächter; folglich hatte der Vers auch den Sinn: »Der Ochs sah den Schlächter und brüllte.«

Erstes Buch.

In der Vendée.

Die Vendée.

I.

Die Wälder.

Es gab damals in der Bretagne sieben grauenvolle Wälder. Der Vendéerkrieg ist der Priesteraufruhr gewesen, und der Wald hat ihm Vorschub geleistet, Finsterniß im Bund mit Finsterniß.

Die sieben »schwarzen Wälder« der Bretagne waren: Der Wald von Fougères, der den Weg zwischen Dol und Avranches versperrt; der Wald von Princé mit einem Umfang von acht Meilen; der Wald von Paimpont, der, von Schluchten und Bächen durchfurcht, für einen Angriff von Baignon her fast unzugänglich war und den Rückzug auf den royalistischen Marktflecken von Concornet deckte; der Wald von Rennes, wo Puysaye Focard verlor und wo man aus der Ferne das Sturmgeläut der republikanischen Gemeinden hören konnte, deren es um die größeren Städte herum allenthalben eine beträchtliche Anzahl gab; der Wald von Machecoul, mit seinem Ungeheuer: Charette; der Wald von La Garnache, der den Familien La Trémoille, Gauvain und Rohan, und der Wald von Brocéliande, welcher dem Feenreich gehörte.

»Herr der sieben Wälder« war ein Adelstitel, der sich unter den Vikomtes von Fontenay vererbte, welche auch den bretonischen Fürstentitel führten, bretonisch im Gegensatz zu den französischen Fürsten. Solche bretonische Fürsten waren auch die Rohan. Der Fürst von Talmont wurde am 15. Nivôse des Jahres Zwei, in einem Bericht von Garnier Saintes an den Konvent, als »jener Capet der Räuber und souveräne Herr in Maine und Normandie« bezeichnet. Ueber die bretonischen Wälder von 1792 bis 1800 ließe sich eine Monographie abfassen, die sich der Geschichtschreibung der Vendéerkriege gewissermaßen als Legende anschließen würde. Wie die Geschichte, so hat auch die Legende ihre innere Wahrheit, und diese unterscheidet sich von der historischen blos der Form nach; von einer Fiktion ausgehend, gelangt sie schließlich bei der Wirklichkeit an. Geschichte und Sage verfolgen ein gemeinsames Ziel, die Schilderung der menschlichen Wesenheit in vergänglichen Typen. Es wird nur dann ein vollständiges Verständniß der Vendée erzielt, wenn die Legende die Geschichte, das Besondere das Allgemeine ergänzt. Und sagen wir es gleich heraus, die Vendée ist es auch werth. Die Vendée ist wunderbar. Jener Ignorantenkrieg, so stupid und doch so glänzend, scheußlich und herrlich, hat Frankreich mit Jammer und doch wieder mit einem Gefühl der Genugtuung erfüllt; die Vendée ist eine ruhmvolle Wunde. Zu gewissen Zeiten giebt die menschliche Gesellschaft Räthsel auf, Räthsel, die sich für den Wissenden in Klarheit, für den Unwissenden in Verdüsterung, Gewaltthätigkeit und Barbarei lösen. Der Philosoph zögert mit der Anklage. Er zieht die Verwirrung in Betracht, welche Probleme mit sich bringen, denn wie die vorüberziehenden Wolken, so werfen auch Probleme ihre Schatten unter sich.

Das Verständniß der Vendée hängt von der Beachtung des großen Gegensatzes ab zwischen der französischen Revolution einerseits und andererseits dem bretonischen Bauern. Neben jene unvergleichlichen Ereignisse, jene ungeheuere unmittelbare Bedrohung mit allen Wohlthaten zugleich, jenen Zornanfall der Kultur, jenen tobenden über’s Ziel schießenden Fortschritt, jene maßlos unbegreifliche Besserungswuth stelle man den sonderbar feierlichen Eingeborenen, den Mann mit dem blauen Auge und dem langen Haar, der von Milch und Kastanien lebt, dem sein Strohdach, sein Zaun und der Graben dahinter die Welt bedeuten, der jedes Nachbardorf am Klang seiner Glocke erkennt, der das Wasser lediglich zum Stillen des Durstes verwendet, der ein Lederwamms mit seidenen Arabesken trägt, die Stickerei auf der Rohheit, der, wie seine keltischen Vorfahren ihr Gesicht, nunmehr seine Kleider tätowirt, der in seinem Henker noch seinen Herrn hochhält, der eine ausgestorbene Sprache spricht, seine Gedanken also unter einen Grabhügel sperrt, der seine Ochsen antreibt, seine Sense wetzt, sein Feld ausjätet, seinen Buchweizenfladen knetet, der seinen Pflug zuerst und dann seine Großmutter verehrt, der an die heilige Jungfrau und an die weiße Dame glaubt, der in Andacht schauert vor dem Altar und auch wieder vor dem geheimnißvollen hohen Stein, welcher über der Haide ragt, der in der Ebene auf den Ackerbau, an der Küste auf den Fischfang und im Dickicht auf’s Wildern ausgeht, der seine Könige, seine Schloßherren, seine Priester, ja seine Läuse lieb hat und oft stundenlang stehen bleiben kann am weiten einsamen Strand in düsterem Belauschen des Meeres – man denke sich in den Gegensatz hinein und frage sich dann, ob dieser Blinde jenes Licht zu begrüßen fähig war.

II.

Die Menschen.

Der Landmann hat an zwei Dingen einen Halt, am Feld, das ihn ernährt, am Walde, der ihn birgt. Von den bretonischen Wäldern machen wir uns kaum noch einen Begriff. Es waren Städte. Nichts Verschlosseneres, Stummeres, Wilderes, als jene ineinandergewachsenen Verstrickungen von Dornhecken und Astwerk; die dichten Gebüsche schienen Lagerstätten regungslosen Schweigens; keine Einöde konnte einen vollständigeren Eindruck des Ausgestorbenen, Grabähnlichen hervorbringen. Wären jedoch plötzlich, mit einem Zauberschlag, die Bäume vom Erdboden verschwunden, so hätte man ein ganzes Menschengewimmel erblickt.

Enge runde Gruben, durch einen unter Zweigen versteckten steinernen Deckel verschlossen, welche sich trichterförmig nach unten zu erweiterten und, erst senkrecht, dann horizontal laufend, in dunkle Kammern mündeten, das hatte Cambyses in Egypten vorgefunden, und das fand Westermann in der Bretagne; die egyptischen Keller dehnten sich unter der Wüste, die bretonischen unter den Wäldern aus; in jenen lagen Todte, in diesen hausten Lebendige. Eine der entrücktesten Lichtungen im Gehölz von Misdon, welche ihrem ganzen Umfang nach unterhöhlt war und in deren Stollen und Zellen eine geheimnißvolle Einwohnerschaft ab- und zuging, hieß »die große Stadt«; eine andere, oberhalb nicht minder öde und unterhalb nicht minder bevölkerte hieß »der Königsplatz«. Dies unterirdische Treiben in der Bretagne ließ sich auf undenkliche Zeiten zurückführen; von jeher hatte dort der Mensch vor Menschen flüchten müssen; daher die Schlupfwinkel zwischen den Baumwurzeln. Dies Unterkriechen schrieb sich noch von den Druiden her, und einige dieser Krypten sind so alt wie die Dolmens. Die Gespenster der Sage und die Ungeheuer der Geschichte, Alles war über dieses finstere Land dahingefluthet: Teut, Cäsar, Hoël, Neomen, Gottfried von England, Alain mit dem eisernen Handschuh, Pierre Mauclerc, das französische Haus von Blois, das englische Haus der Montfort, die Könige und die Herzoge, die neun bretonischen Barone, die fahrenden Richter, die Grafen von Nantes in Fehde mit den Grafen von Rennes, die entlassenen Kriegsvölker und plündernden Vagabundenrotten, René II., Vikomte von Rohan, die königlichen Statthalter, der »gute Herzog von Chaulnes«, der unter den Fenstern der Frau von Sévigné die Bauern baumeln ließ, im fünfzehnten Jahrhundert die Feudalmetzeleien, im sechzehnten und siebzehnten die Religionskriege, im achtzehnten die dreißigtausend auf den Mann dressirten Bluthunde. Das ohne Unterlaß dermaßen zusammengestampfte Volk hatte zum Verschwinden seine Zuflucht genommen: so verkrochen sich denn der Reihe nach die Ureinwohner vor den Kelten, die Kelten vor den Römern, die Bretonen vor den Normannen, die Hugenotten vor den Katholiken, die Schmuggler vor den Zollwächtern, erst in die Wälder und dann unter die Wälder, wie die Thiere, denn so weit bringt die Tyrannei den Menschen. Seit zweitausend Jahren in allen möglichen Gestalten: Eroberung, Feudalwesen, Priesterfanatismus, Steuererpressung, hetzte sie diese jammervolle, athemlose Bretagne ab und gab das unerbittliche Treibjagen in der einen Form nur auf, um es in einer neuen fortzusetzen. Die Menschen gruben sich ein. Die zornverwandte Verzweiflungsangst dehnte sich schlagfertig in den Seelen, und die Höhlen dehnten sich schlagfertig unter den Wäldern, als die französische Revolution ausbrach. Die Bretagne hielt die aufgedrungene Freiheit für Unterdrückung und empörte sich. Aber so sind die Sklaven.

III.

Einvernehmen der Menschen und Wälder.

Die tragischen Wälder der Bretagne fielen in ihre gewohnte Rolle und spielten, wie in allen vorausgegangenen Aufständen, so auch im gegenwärtigen die Helfershelfer und Mitschuldigen. Der Boden unter jenen Wäldern war meistens sternkorallenförmig ausgehöhlt, also nach allen Richtungen von einem unsichtbaren Netz von Schatten, Zellen und Galerien durchzogen: in jeder dieser schwarzen Zellen lebten fünf bis sechs Männer; fast ohne Luft: darin bestand die Hauptschwierigkeit. Wie gewaltig der große Bauernaufstand organisirt war, läßt sich aus gewissen überraschenden Zahlen ersehen: Im Wald von Le Petre, Departement Ille-et-Vilaine, dem Asyl des Fürsten von Talmont, war kein Hauch zu vernehmen, keine menschliche Spur zu entdecken, und doch hatte Focard seine sechstausend Mann dort. Im Wald von Meulac, Departement Morbihan, wo sich keine Seele blicken ließ, lagen achttausend Mann, und jene zwei Wälder, Le Petre wie Meulac, gehören nicht einmal zu den größern. Wehe dem, der sie betrat! Jene trügerischen Gebüsche mit dem unterirdischen Labyrinth voll Kämpfern glichen ungeheuern dunkeln Schwämmen, die unter dem ersten Schritt der Gigantin Revolution den Bürgerkrieg in Strömen ausspritzten. Unsichtbar lauernde Bataillone, ja, ungeahnte Armeen wanden sich unter den Füßen den republikanischen Kolonnen hin und her, quollen plötzlich aus der Erde und quollen ebenso wieder hinein, stürmten massenhaft vor und zerstoben, allgegenwärtig, allverschwindend, erst Lawine, dann Staub, Ungeheuer, welche wie durch Zauber zusammenschrumpften, im Angriff Riesen und Zwerge auf der Flucht, Leoparden mit allen Eigenschaften des Maulwurfs.

Nicht genug, daß es Wälder gab; es gab auch noch Gehölze; wie die Städte durch Dörfer, so waren die Waldungen durch eine Anzahl allenthalben zerstreuter Forste unter einander verbunden. Die alten Schlösser, aus denen nun wieder Festungen, und die Dörfer, aus denen Feldlager geworden waren, die Pachtgüter, hinter deren Umzäunungen die Hinterlist ihre Fallen legte, und die Wirtschaftsgebäude mit ihren Schanzgräben und Baumpallisaden bildeten die einzelnen Maschen des Netzes, in das die republikanischen Armeen sich verrannten. Einer jener Komplexe von Forsten hieß le Bocage. Von Bedeutung waren darin das Gehölz von Misdon, in dem ein Teich verborgen lag, wo Jean Chouan hauste; ferner das Gehölz von Gennes mit dem Bandenführer Taillefer, das Gehölz von La Huisserie mit Gouge-le-Bruant; la Charnie mit Courtillé-le-Bâtard, den man den Apostel Paulus nannte, und der im Lager von La Vache-Noire kommandirte; Burgault mit jenem räthselhaften Monsieur Jacques, der im Gewölbe von Juvardeil ein unerklärtes Ende finden sollte; das Gehölz von Charreau, wo Pimousse und Petit-Prince, von der Garnison von Châteauneuf angegriffen, sich in die republikanischen Reihen stürzten und Grenadiere zwischen ihren Armen in die Gefangenschaft forttrugen; das Gehölz von La Heureuserie, wo die Abtheilung von Longue-Faye eine Niederlage erlitt; das Gehölz von l’Aulne, das einen Ausblick hatte auf die Straße zwischen Rennes und Laval; La Gravelle, das durch einen Fürsten von La Trémoille beim Kugelspiel gewonnen worden; im Departement Côtes-du-Nord, Lorges, wo nach Bernard von Villeneuve Charles von Boishardy befahl; Bagnard bei Fontenay, wo Lescure Chalbos den Kampf bot und Chalbos ihn eins gegen fünf annahm; La Durondais, einst ein Streitgegenstand zwischen den Söhnen Karls des Kahlen, Alain Le Redru und Héripoux; das Gehölz von Croqueloup am Rand jener Haide, wo Coquereau seine Gefangenen schor; La Croix-Bataille, wo Jambe-d’Argent und Morière ihre homerischen Beschimpfungen ausgetauscht; La Saudraie, wo wir ein Pariser Bataillon auf einer Rekognoszirung begleitet haben, und noch manches andere Gehölz.

In mehreren jener Wälder und Forste gab es außer den um die Höhle des Anführers gruppirten unterirdischen Dörfern noch ganze Weiler von niedrigen Hütten, die unter Bäumen versteckt und oft so zahlreich waren, daß der ganze Wald davon wimmelte. Zuweilen wurden sie durch ihren Rauch verrathen. Zwei jener Weiler im Gehölz von Misdon sind berühmt geblieben: Lorrière beim Teich und gegen Saint-Ouen-les-Toits zu der Hüttenkomplex La Rue de Bau.

Die Weiber lebten in den Hütten und in den Gruben die Männer, welche zum Kriegführen die Feengalerien und die alten keltischen Schächte verwertheten; die Nahrung wurde ihnen zugetragen, und wurde dies vergessen, so verhungerten diejenigen, welche ihre Gruben nicht zu öffnen verstanden; es waren dies, fast in allen Fällen, ungeschickte Leute, denn die bemoosten und belaubten Deckel waren nicht nur so künstlich geformt, daß man sie von außen zwischen dem Gras unmöglich unterscheiden konnte, sondern sie ließen sich auch ganz leicht von innen heben und zumachen. Die Höhlen wurden mit Sorgfalt gegraben; die abgetragene Erde warf man in den nächsten Weiher; Boden und Wände waren mit Farrenkraut und Moos austapezirt. Solch ein Loch hieß »loge« und war soweit bequem, wenn der Bewohner von Licht, Feuer, Brod und Luft absehen wollte.

Ohne Vorsicht unter die Lebenden zurückzusteigen, war mit Gefahr verbunden, denn man konnte zur Unzeit auferstehen und zwischen die Beine einer Armee gerathen. Schrecklich waren jene Gehölze mit ihren Doppelfallen unter und über der Erde: die Blauen wagten sich nicht recht hinein und die Weißen nicht recht hinaus.

IV.

Das Leben unter der Erde.

Man langweilte sich unter der Erde; zuweilen, des Nachts, stieg man auf alle Gefahr hin ins Freie, um auf der Haide zu tanzen; oder man schlug die Zeit mit Beten todt. »Den ganzen Tag über,« sagt Bourdoiseau, »ließ uns Jean Chouan rosenkränzeln.« Fast unmöglich war es, die Leute von Unter-Maine davon abzuhalten, zur Zeit des Garbenfestes auszubrechen und an der Feier theilzunehmen. Einzelne geriethen auf die absonderlichsten Einfälle; so zum Beispiel ging Denys, genannt Franche-Montagne, in Weiberkleidern nach Laval ins Theater und verkroch sich dann wieder in seinem Keller. Kam es zum Kampf, so vertauschten viele dieser Männer unmittelbar den Kerker mit dem Grab. Oft hoben sie den Grubendeckel in die Höhe und lauschten, ob man sich in der Ferne nicht schlage, und folgten dem Verlauf des Gefechts mit dem Gehör; das Feuer der Republikaner war regelmäßig, das der Royalisten ungleich; darnach wurden die Chancen berechnet; wenn das Peletonfeuer plötzlich schwieg, hatten die Royalisten den Kürzeren gezogen; wenn aber das ruckweise Schießen andauerte und sich in der Entfernung verlor, waren sie im Vortheil. Die Weißen verfolgten den Feind immer, die Blauen, die das ganze Land gegen sich hatten, nie. Die unterirdischen Streitkräfte waren ganz ausgezeichnet berichtet und standen unter einander in überraschend unmittelbarer, geheimnißvoller Verbindung. Alle Brücken hatten sie zerstört, alle Fuhrwerke unbrauchbar gemacht und fanden Mittel und Wege, einander jede Ordre und jede Warnung zukommen zu lassen.

Von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, von Hütte zu Hütte, von Busch zu Busch lösten die Kundschafter einander systematisch ab. Tölpelhaft aussehende Bauern trugen in hohlen Stöcken Depeschen hin und her. Nostidoux, welcher der konstituirenden Versammlung angehört hatte, versorgte die Aufständischen mit unausgefüllten, für die ganze Bretagne giltigen republikanischen Pässen nach neuem Muster, die jener Verräther sich bündelweise zu verschaffen wußte. Hinter alle die Schliche zu kommen, war unmöglich. »Geheimnisse,« berichtet Puysaye, »die mehr als viermalhunderttausend Individuen bekannt waren, sind ohne jegliche Ausnahme gewahrt worden.« Das ganze Viereck, das südlich durch die Strecke von Les Sables bis Thouars, östlich durch die Strecke von Thouars nach Saumur und den Bach von Thoué, im Norden durch die Loire und im Westen durch das Meer begrenzt war, schien förmlich ein Nervensystem zu besitzen, das bei jeder Berührung eines einzelnen Punktes die Erschütterung der ganzen Fläche mittheilte. Im Handumdrehen gelangte eine Nachricht von Noirmoutier bis nach Luçon und vom Lager von La Loué ins Lager von La Croix-Morineau. Fast hätte man glauben können, die Vögel verrichteten Botendienste. »Es ist gerade, als ob sie Telegraphen auf ihren Kirchthürmen hätten,« meinte Hoche in einem Schreiben vom 7. Messidor Jahr Drei. Es war eine ähnliche Einrichtung wie die der schottischen Clans; jede Gemeinde hatte ihren Anführer. Mein Vater hat diese Kämpfe mitgemacht: ich weiß davon zu erzählen.

V.

Das Leben im Krieg

Viele waren blos mit Piken, aber auch Viele mit guten Jagdflinten bewaffnet. Die Wilderer von Bocage und die Schmuggler aus Loroux waren unübertreffliche Scharfschützen, lauter absonderliche, gräßliche, tollkühne Streiter. Die Nachricht von der Aushebung der dreimalhunderttausend Mann hatte in sechshundert Dörfern die Sturmglocken in Bewegung gesetzt. An allen Enden flackerte die Feuersbrunst in einem Athem auf; an einem und demselben Tag explodirten Poitou und Anjou. Bemerken wir übrigens, daß man im Jahr 92, am 8. Juli, also schon einen Monat vor dem Tuileriensturm, ein erstes Grollen auf der Halde von Kerbader vernommen hatte, und daß der heute kaum mehr genannte Alain Redeler der Vorgänger La Rochejacquelein’s und Jean Chouan’s gewesen war. Bei Todesstrafe zwangen die Royalisten alle wehrfähigen Männer zum Ausmarsch. Sie requirirten Pferde, Fuhrwerke, Lebensmittel. Gleich bei Anbeginn verfügte Sapinad über dreitausend, Chatelineau über zehntausend, Stofflet über zwanzigtausend Streiter und zog Charette in Noirmoutier ein. Der Vikomte von Scepeaux wiegelte Ober-Anjou auf, der Chevalier von Dieuzie die Gegend zwischen der Vilaine und der Loire, Tristan l’Hermite Unter-Maine, der Barbier Gaston die Stadt Guemenée und der Abbé Bernier alles Uebrige. Man setzte in das Tabernakel eines vereidigten Pfarrers, eines »schwörenden Pfarrers«, wie sie bei den Bauern hießen, eine große schwarze Katze, die dann während der Messe plötzlich heraussprang. – »Der Teufel war’s!« schrieen Alle, und der ganze Bezirk empörte sich. Die Beichtstühle sprühten Flammen. Um die Blauen anzupacken und über die Gräben zu setzen, führten die Landleute ihren fünfzehn Fuß langen Springstock bei sich, eine Waffe gleich geeignet für den Kampf wie für die Flucht. Mitten im Ringen, beim Angriff auf die republikanischen Karrés, wenn man auf dem Schlachtfeld auf ein Kreuz oder eine Kapelle stieß, fiel Alles auf die Knie und betete unter dem Kartätschenfeuer seinen Rosenkranz ab; dann sprangen die Ueberlebenden auf und stürzten sich auf den Feind, wahre Riesen – ja leider! Sie hatten die besondere Fertigkeit, im Laufen ihr Gewehr zu laden. Weißmachen ließen sie sich Alles; ihre Pfarrer zeigten ihnen andere Geistliche, denen sie eine rothe Schnur fest um den Hals gebunden hatten, und sagten ihnen, das seien auferstandene Opfer der Guillotine. Sie hatten auch ihre Anwandlungen von Ritterlichkeit und präsentirten vor Fesque, einem republikanischen Fähndrich, der sich lieber niedersäbeln ließ, als daß er die Fahne preisgab. Auch spotten konnten sie; sie nannten die verheiratheten republikanischen Priester, Leute, die ihr Priesterkäppchen weggeworfen, »Sanscalotten, aus denen Sanscülotten geworden.« Anfangs fürchteten sie sich vor der Artillerie, später warfen sie sich mit ihren Stöcken drüber her und eroberten sogar einzelne Kanonen, zuerst ein stattliches Bronzegeschütz, daß sie »den Missionsprediger« tauften, dann ein anderes, das noch aus den Religionskriegen stammte und unter einer Mutter Gottes das Wappen von Richelieu führte.

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Sie eroberten sogar einzelne Kanonen.

Als diese Kanone, die sie ihre »Marie-Jeanne« hießen, bei der Einnahme von Fontenay wieder verloren ging, ließen sechshundert Bauern kaltblütig für sie das Leben, und als Fontenay um der »Marie-Jeanne« willen abermals genommen war, wurde diese mit Blumen bekränzt unter die Lilienfahne zurückgeführt, und die Weiber, die des Weges kamen, mußten sie küssen. Aber zwei Geschütze, das war doch gar zu wenig; Chatelineau, der Stofflet ob dessen Marie-Jeanne neidisch war, rückte von Pin-en-Mange aus, und eroberte beim Sturm auf Jallais eine dritte Kanone; hierauf wurde von Forest auch Saint-Florent überfallen und die vierte weggenommen. Ein noch schöneres Stückchen lieferten zwei andere Bandenführer, Chouppes und Saint-Pol, welche aus Baumstämmen und Puppen eine falsche Batterie herstellten und unter weidlichem Lachen vermittelst dieser Artillerie die Blauen nach Mareuil zurücktrieben. Das war noch die großartige Zeit. Später, als La Marsonnière durch Chalbos in die Flucht geschlagen wurde, ließen die Bauern auf dem Feld der Schande zweiunddreißig englische Kanonen zurück. England besoldete damals die französischen Prinzen und versendete, wie Nantiat unterm 10. Mai 1794 schrieb, Gelder an Monseigneur, »weil Herrn Pitt bemerkt worden war, daß dies passend sein dürfte.« »Das Kriegsgeschrei der Rebellen«, sagte Mellinet in einem Bericht, lautet: »Vivat England!« Die Bauern verwendeten oft eine kostbare Zeit aufs Plündern. Zur Frömmigkeit gesellte sich die Raubgier. Auch Wilde haben ihre Laster, und bei diesen packt sie später die Kultur. Puysaye erzählt in seinem zweiten Band auf Seite 187: »Ich habe mehrmals den Marktflecken Plélan vor Plünderung bewahrt.« Und weiter unten, Seite 434, versagt er sich den Einzug in Montfort: »Ich machte einen Umweg, um die Plünderung der Jakobinerhäuser zu vermeiden.« Die Aufständischen stahlen in Cholet, raubten Challans aus und plünderten, nachdem ein Handstreich gegen Granville ihnen mißlungen, Ville-Dieu. Sie nannten diejenigen Landbewohner, die sich den Blauen angeschlossen hatten, »Jakobinerpack« und machten sie mit besonderer Vorliebe nieder. Wie Soldaten zog es sie zum Blutbad und wie Räuber zum Gemetzel hin. Sie fanden ein Wohlgefallen daran, die »Patschfüße«, wie sie die Städter hießen, zu füsiliren und hatten dafür einen eigenen Ausdruck: »Fastenfleischspeisen genießen.« In Fontenay streckte einer ihrer Geistlichen, der Pfarrer Barbotin, einen Greis mit einem Säbelhieb zu Boden. In Saint-Germain-sur-Ille erschoß einer ihrer Führer, ein Edelmann, den Gemeindeprokurator und nahm dessen Uhr zu sich. In Machecoul verfuhren sie mit den Republikanern wie beim Abholzen eines Berges; fünf Wochen hindurch wurden tagtäglich dreißig Mann hingerichtet; jede solche Abtheilung von dreißig Verurtheilten – »ein Rosenkranz«, wurde vor einer offenen Grube aufgestellt und hineinfüsilirt; oft lebten einige Opfer noch und wurden nichtsdestoweniger mit den andern begraben. Dergleichen hat sich in der Folge wiederholt. Joubert, dem Bezirkspräsidenten, sägte man die Fäuste ab; den gefangenen Blauen legte man eigens geschmiedete schneidige Handschellen an; man hieb sie auf dem Marktplatz nieder und blies das Hallali dazu. Charette, der nie anders unterschrieb, als »in Brüderlichkeit der Chevalier Charette« und der, wie Marat, ein umgebundenes Tuch über den Brauen trug, verbrannte die Bevölkerung von Pornic in ihren Häusern. Es war gerade zur Zeit der Unthaten von Carrier. Greuel wetteiferten mit Greueln. Der bretonische Insurgent sah dem neugriechischen äußerlich ziemlich ähnlich: kurze Jacke, umgehängte Flinte, hohe Gamaschen, weite Hosen, die an die Fustanelle erinnerten; so ein Bauernbursche hatte wirklich Manches mit dem Klephten gemein. Henri von La Rochejacquelein war im einundzwanzigsten Jahr mit einem Stock und einem paar Pistolen zu Feld gezogen. Jetzt war die Vendéer Armee hundertvierundfünfzig Divisionen stark. Man ließ sich bereits auf regelrechte Belagerungen ein; drei Tage hindurch hielt man Bressuire eingeschlossen. An einem Charfreitag beschossen zehntausend Bauern die Stadt Les Sables mit Brandkugeln, und es gelang ihnen, innerhalb vierundzwanzig Stunden, von Montigné bis Courbeveilles vierzehn republikanische Kantonnements zu zerstören. Auf der großen Mauer zu Thouars hörte man folgendes prächtiges Zwiegespräch zwischen La Rochejacquelein und einem Bauernburschen: – Karl! – Da bin ich. – Auf Deine Schultern laß mich steigen! – Hier. – Deine Flinte! – Hier. – Und La Rochejacquelein sprang von der Mauer in die Stadt und eroberte ohne Sturmleiter jene Thürme, die ein Duguesclin belagern mußte. Diesen Leuten war eine Patrone mehr werth als ein Louisd’or. Sie weinten, wenn sie ihren Kirchthurm aus den Augen verloren. Wenn sie die Flucht ergriffen, was ihnen ganz einfach vorkam, riefen die Führer ihnen zu: »Fort mit den Holzschuhen; nur die Flinten behalten!« Fehlte es an Munition, so beteten sie einen Rosenkranz und holten sich Pulver aus den Protzkästen der republikanischen Artillerie; später ließ sich d’Elbée durch die Engländer damit versorgen. Wenn der Feind anrückte und sie Verwundete bei sich hatten, versteckten sie sie im hohen Korn oder zwischen den größeren Farrensträuchern und suchten sie nach beendigtem Kampf dort wieder auf. Uniform hatten sie nicht. Ihre Kleider gingen in die Brüche und Edelleute wie Bauern hüllten sich in das Nächstbeste. Roger Mouliniers trug einen Turban und einen Dolman aus der Theatergarderobe von La Flèche, der Chevalier von Beauvilliers einen Richtertalar und über einer wollenen Haube einen Damenhut. Als allgemeines Abzeichen war die weiße Schärpe oder Feldbinde eingeführt; die Chargen unterschieden sich durch Schleifen. Stofflet führte eine rothe Schleife, La Rochejacquelein eine schwarze. Wimpsen, der übrigens halb und halb zur Gironde gehörte und die Normandie niemals verließ, trug die Armbinde der »Carabots« von Caen. In den Reihen der Insurgenten fochten auch Weiber: Frau von Lescure, die spätere Frau von La Rochejacquelein; Therese von Mollien, die Geliebte von La Ronarie, welche das Verzeichniß der Gemeindeanführer verbrannte; die schöne junge Frau von La Rochefoucauld, welche ihre Bauern mit dem Degen in der Hand beim großen Schloßthurm von Le Puy-Rousseau wieder sammelte, und jene Antoinette Adams, die unter dem Beinamen Ritter Adams eine solche Tapferkeit entwickelte, daß sie, als sie in die Hände der Blauen fiel, zwar erschossen wurde, aber aus Hochachtung aufrecht. Ein Hauch von Grausamkeit weht uns aus jenen epischen Zeiten entfesselter Leidenschaften entgegen. Frau von Lescure ritt geflissentlich über die am Boden liegenden Republikaner, über die Todten, wie sie behauptet, vielleicht wohl auch über Verwundete. Zum Verrath ließen sich Männer hin und wieder herbei, die Weiber jedoch nie; Fräulein Fleury vom Théâtre Français trat zwar von La Rouarie zu Marat über, aber aus Liebe. Die Befehlshaber waren oft ebenso unwissend, wie die Soldaten; Herr von Sapinaud hatte von einer Orthographie keine Ahnung. Die einzelnen Truppenführer haßten einander; die aus dem Marais riefen: »Nieder mit den Oberländern!« Die Kavallerie war schwach vertreten und schwer aufzutreiben. »Mancher«, schreibt Puysaye, »der mir frischweg seine beiden Söhne giebt, wird starr, wenn ich eins von seinen Pferden begehre.« Stöcke, Heugabeln, Sensen, alte und neue Flinten, Jagdmesser, Spieße eisen- und nägelbeschlagene Knüppel, jede Waffe war willkommen. Einige trugen zwei gekreuzte Menschenknochen vor der Brust. Beim Angriff stürzten sie plötzlich unter wildem Gebrüll von allen Seiten herbei, aus dem Gehölz, von den Hügeln, aus Büschen und Hohlwegen, formirten sich in einen Halbkreis, tödteten, zerstörten, vernichteten wie der Donnerschlag und stoben wieder auseinander. Beim Durchmarsch durch eine republikanisch gesinnte Ortschaft hieben sie den Freiheitsbaum um, verbrannten ihn und tanzten den Reigen um das Feuer. Ihr ganzes Treiben hüllte sich in nächtliches Dunkel und ging vom Grundsatz aus: nur immer überrumpeln. Oft marschierten sie fünfzehn Stunden in aller Stille, ohne sozusagen einen Grashalm zu zertreten; am Abend, nachdem durch die Führer in einem Kriegsrath beschlossen worden war, wo man beim nächsten Morgengrauen über die republikanischen Posten herfallen sollte, luden sie die Gewehre, murmelten ihr Gebet, zogen ihre Holzschuhe aus und huschten in gestreckten Kolonnen barfuß über das Moos und Haidekraut durch die Wälder hin, ohne ein Wort, ein Geräusch, einen Hauch, wie Wildkatzen, unterm Schleier der Nacht.

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»Barfuß, unterm Schleier der Nacht, huschten sie durch die Wälder.«

VI.

Der Erdgeist strömt in den Menschen über.

Der Aufstand in der Vendée muß allermindestens auf fünfmalhunderttausend Köpfe angeschlagen werden, Weiber und Kinder mit eingerechnet. Tussin von La Rouarie giebt sogar eine Kombattantenzahl von einer halben Million an. Dabei thaten die Föderalisten noch das Ihrige; die Gironde machte sich zur Mitschuldigen der Vendée. Das Departements Lozère entsendete dreißigtausend Mann in das Bocage. Acht andere Departements, die fünf bretonischen und drei von der Normandie, schlossen einen Sonderbund. Evreux verbrüderte sich mit Caen und ließ sich bei der Insurgentenregierung durch seinen Bürgermeister Chaumont und einen Notabeln Namens Gardembas vertreten. Buzot, Gorsas und Carbaroux zu Caen, Brissot zu Moulins, Chassan zu Lyon, Rabaut-Saint-Etienne zu Nismes, Meillan und Duchâtel in der Bretagne, Jeder schürte an dem großen Schmelzofen mit Hauch und Hand. Es hat zweierlei Vendéen gegeben, die große, die den Krieg im Wald, die kleine, die den Krieg im Busch führte; daher zwei verschiedene Nüancen: Charette und Jean Chouan. Die kleine Vendée war urwüchsig, die große, schlimmere, verrottet. Charette wurde Marquis, Generallieutenant der königlichen Streitkräfte und Großkreuzträger des Ludwigordens; Jean Chouan blieb Jean Chouan; er grenzte an den fahrenden Ritter, Charette hingegen an den Banditen. Was die Hochherzigen unter den Führern anbelangt, einen Bonchamps, Lescure, La Rochejacquelein, so waren sie eben in einem hochherzigen Irrthum befangen. Die große katholische Armee war eine sinnlose Gewaltanstrengung, welche die Nothwendigkeit ihrer Niederlage schon mit auf die Welt brachte; man denke sich nur einen Bauernsturm, der Paris umblasen will, eine Koalition von Dörfern, die das Pantheon belagert, eine Meute von Gebeten und Kirchenliedern, die den Marseiller Hymnus anbellt, ein Getrampel von Holzschuhen, das sich gegen eine Legion von Geistern voranwälzt. Diese Tollheit wurde bei Le Mans und Savenay Lügen gestraft. Die Loire überschreiten, war der Vendée unmöglich. Alles Andere war denkbar, nur dieser Riesenschritt nicht. Der Bürgerkrieg kann nicht erobern. Der Uebergang über den Rhein ist die natürliche Kraftäußerung eines Cäsar oder Napoleon; für La Rochejacquelein aber ist der Uebergang über die Loire der Untergang. Nur auf eigenem Grund und Boden kann die Vendée Vendée bleiben; dort ist sie mehr als unverwundbar, ist ungreifbar. Der Vendéer in der Heimath ist eben Alles, Schmuggler, Ackersmann, Soldat, Schäfer, Wilddieb, Freischütz, Ziegenhirt, Glöckner, Bauer, Spion, Mörder, Meßner, Schwarzwild. La Rochejacquelein ist nur ein Achilles, Jean Chouan jedoch ein Proteus. Die Vendée war eine Fehlgeburt. Andere Volksbewegungen, die schweizerische zum Beispiel, haben allerdings ihr Ziel erreicht, aber zwischen einem Bergbewohner, wie dem Schweizer, und einem Buschklepper, wie dem Vendéer, macht sich der Unterschied geltend, daß fast immer unter dem unabänderlichen Einfluß der Lebensweise jener sich für ein Ideal- und dieser für Vorurtheile schlägt. Der eine schwebt und der andere kriecht. Der eine kämpft für die Menschheit, der andere um seine Abschließung; der eine will frei werden, der andere vereinzelt bleiben; der eine wehrt sich für die Bürgergemeinde, der andere für das Kirchspiel. Gemeindefreiheit! Gemeindefreiheit! riefen die Helden von Murten. Hier der Verkehr mit dem Abgrund; dort der Verkehr mit dem Sumpf; hier Männer der schäumenden Gießbäche; dort Männer der stagnirenden Fieberpfützen; dem einen zu Häupten der blaue Himmel; dem andern zu Häupten ein Gestrüpp; ein Wandeln auf Gipfeln gegenüber einem Wandeln in Finsternissen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob einer auf Bergen oder in Niederungen groß wird. Der Berg ist eine Hochveste, der Wald ein Hinterhalt; der Berg erzieht den Menschen zur Kühnheit, der Wald zur List. Schon das Alterthum verlegte die Götter auf den Olymp und die Satyre ins Dickicht. Der Satyr ist der Mann im wilden Zustand, halb Mensch, halb Thier. Freie Länder haben ihre Apenninen, ihre Alpen, ihre Pyrenäen, ihren Parnaß. Der Mont-Blanc war ein kolossaler Bundesgenosse Wilhelm Tell’s, und zwischen und über dem unermeßlichen Widerstreit der Licht- und Nachtgeister, von dem die indischen Dichtungen singen, ragt ein Himalaja. Griechenland, Spanien, Italien, die Schweiz, führen einen Berg, die kimmerischen Länder einen Baum im Wappen; der Wald verwildert. Die Beschaffenheit des Bodens giebt dem Menschen mancherlei Entschlüsse ein; sie wirkt mehr nach, als man glaubt. Im Angesicht gewisser unheimlicher Landschaften möchte man den Menschen entschuldigen und die Schöpfung verklagen; man fühlt eine dumpfe Schuld der Natur heraus; die Einöde ist manchmal ungesund für das Gewissen, namentlich für das seiner nur halbbewußte; das Gewissen kann ein Riese sein, und dann heißt es Sokrates oder Jesus; es kann ein Zwerg sein, und dann heißt es Atreus oder Judas, denn wie leicht kommt ein schwaches Gewissen ins Kriechen! Der Umgang mit den dämmernden Waldgründen, den stechenden Dornhecken, den überwachsenen Teichen wird ihm verhängnißvoll und bedrängt es mit tiefgeheimen, unholden Einflüsterungen. Die optischen Täuschungen, die unerklärlichen Luftspiegelungen, das unheimliche Verschwimmen von Zeit und Raum lassen im Menschen jenes halb mystische, halb thierische Grauen aufschauern, das in gewöhnlichen Zeiten den Aberglauben und in Zeiten der Umwälzung die Brutalität erzeugt. Die Truggesichte leuchten voran zum Greuel. Im Raubmörder steckt etwas vom Nachtwandler. Die wunderbare Natur birgt einen Doppelsinn, der die großen Geister ins Licht badet und die rohen Geister mit Blindheit schlägt. Wenn der unwissende Mensch in einer Einöde voller Visionen lebt, wird das Dunkel seiner Seele durch das Dunkel seiner Abgeschiedenheit ergänzt, und es thun sich Abgründe in ihm auf. Gewisse Felsen, gewisse Schluchten, gewisse Dickichte, gewisse wilde Risse im Laubwerk, durch die der Abend hereinscheint, treiben den Menschen zu rasenden Unthaten. Es ließe sich beinahe behaupten, daß es verruchte Landschaften giebt. Wie viel des Tragischen hat nicht der düstere Hügel zwischen Baignon und Plélan gesehen! Weite Gesichtskreise lenken die Seele zu allgemeinen, engere Gesichtskreise hingegen zu beschränkten Anschauungen hin, und so müssen zuweilen große Herzen zu kleinen Geistern zusammenschrumpfen; man denke nur an Jean Chouan. Allgemeine Anschauungen von beschränkten Anschauungen angefeindet, das eigentlich ist der Kampf des Fortschritts; zwei Worte, Heimath und Vaterland, fassen den ganzen Vendéerkrieg in sich, den Streit des Lokalen mit der Gesammtheit, der Bauern mit den Patrioten.

VII

Die Vendée hat der Bretagne ein Ende gemacht

Die Bretagne ist eine alte Widerspänstige. Jedes Mal, seit zweitausend Jahren, hatte sie, wenn sie sich auflehnte. Recht gehabt, nur das letzte Mal nicht. Und doch, ob gegen die Revolution gerichtet oder gegen die Monarchie, gegen die Kommissäre des Konvents oder gegen die hochadeligen Statthalter, gegen das Papiergeld oder gegen die Salzsteuer, und wer die Kämpfer auch sein mochten, ob Nikolas Rapin, François von La Noue, der Kapitän Pluviau und die Dame von La Garnache oder Stofflet, Coquereau und Lechandelier von Pierreville, unter Herrn von Rohan gegen und unter Herrn von La Rochejacquelein für den König – immer wieder führte die Bretagne denselben Krieg des Lokalgeistes gegen den Gemeinsinn. Jene alten Provinzen waren ein Teich, dessen stehenden Gewässern jede Bewegung widerstrebte; der Wind, der sie aufwühlte, reizte sie auf, anstatt sie zu beleben. An der Landspitze Finisterre – finis terrae (Ende der Welt) – hörte Frankreich, hörte der Kontinent auf und blieb der Vormarsch der Generationen stehen. Halt! rief dort der Ozean dem Land, und halt! die Barbarei der Kultur entgegen. Jedes Mal wenn vom Mittelpunkt, von Paris, ein Impuls ausgeht, ob im royalistischen Sinn oder im republikanischen, ob in der Richtung der Willkür oder in der Richtung der Freiheit, für die Bretagne bedeutet er eine Neuerung, und dagegen sträubt sie sich: Laßt mir meine Ruhe; was wollt ihr von mir? Und in Marais wird zur Heugabel, im Bocage zum Stutzen gegriffen. Jede Bestrebung, jede Verbesserung der Gesetzgebung oder des Unterrichtswesens, Encyclopädien, philosophische Systeme, Nationalgeist und Nationalruhm, an Le Houroux scheitert alles; die Sturmglocke von Bazouges bedroht die französische Revolution; die Haide von Le Faou steht auf gegen das wogende Forum von Paris und der Kirchthurm von Le Haut-des-Prés erklärt an den Thurm vom Louvre den Krieg. Entsetzliche Taubheit! Schauerliches Mißverständniß, dieser Aufruhr der Vendée! Ein Scharmützel in kolossalen Verhältnissen, ein Nörgeln von Titanen, eine ungeheuere Rebellion, die nichts als ihren glänzenden und schwarzen Namen zurückläßt in der Weltgeschichte, ein Selbstmord für Abwesende, eine Opferthat zu Gunsten der Selbstsucht, ein hartnäckiges Beschenken der Feigheit mit einer Tapferkeit ohne Grenzen, ohne Berechnung, ohne Strategie, ohne Taktik, ohne Plan, ohne Zweck, ohne Oberhaupt, ohne Verantwortung, ein Beispiel, bis zu welchem Grade der Ohnmacht es die Willenskraft bringen kann, etwas Wildes und etwas Ritterliches, ein brünstiger Wahnwitz, der das Licht in Finsternis eindämmen will, ein unermüdlich dummer und heldenkühner Widerstand der Unwissenheit gegen Wahrheit, Billigkeit, Recht, Vernunft und Befreiung, ein achtjähriges Entsetzen, die Verheerung von vierzehn Departements, verwüstete Felder, zerstampfte Saaten, brennende Dörfer, zerstörte Städte, ausgeplünderte Häuser, hingewürgte Weiber und Kinder, eine Brandfackel für jedes Strohdach, ein Schwert in jedem Herzen, der Schrecken aller Kultur und die Hoffnung des jüngeren Pitt: das war jener Krieg, jener unbewußte Versuch eines Muttermordes.

Im großen Ganzen aber ist die Vendée dem Fortschritt insofern zugut gekommen, daß sie die Nothwendigkeit endgiltig dargethan hat, die alte bretonische Finsterniß allenthalben zu zerreißen und jenes Gestrüpp durch alle verfügbaren Sonnenpfeile zu lichten. Die Katastrophen bringen in einer unheimlichen Art und Weise gewisse Dinge ins Reine.

Zweites Buch

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I.

Plus quam civilia bella8

Der Sommer des Jahres 1792 war sehr regnerisch gewesen; der Sommer des Jahres 93 war sehr heiß. Dank dem Bürgerkrieg gab es sozusagen keine Wege mehr in der Bretagne, aber gereist wurde doch; der schöne Sommer ließ es zu; kein besseres Reisen als auf trockenem Boden.

Am Abend eines klaren Julitages, etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, hielt ein Mann, der von Avranches hergeritten kam, am Eingang von Pontorson vor dem kleinen Wirthshaus von La Croix-Branchard, auf dessen Schild vor einigen Jahren noch zu lesen war: »Bon cidre à dépoteyer« (Hier wird guter Apfelwein verzapft). Es war ein heißer Tag gewesen, aber jetzt erhob sich der Wind. Der Reiter war in einen weiten Mantel gehüllt, der das Kreuz seines Pferdes bedeckte, und trug einen breitkrämpigen Hut mit der dreifarbigen Kokarde, was eine gewisse Kühnheit verrieth, denn in jenem Lande der Hecken und Büchsenschüsse war eine Kokarde eine Zielscheibe. Unterhalb des festgebundenen Kragens ging der Mantel auseinander, um den Armen des Reisenden freien Spielraum zu geben, und ließ eine dreifarbige Schärpe und darüber zwei Pistolenkolben durchblicken; unterhalb des Saums hing eine Säbelscheide herab. Als das Pferd stillstand, ging das Hausthor auf und der Wirth erschien mit einer Laterne auf der Schwelle. Es war gerade die Dämmerstunde: auf der Straße noch Tag und im Zimmer schon Nacht.

– Bürger, sagte der Wirth, nachdem er sich die Kokarde angesehen, steigen Sie hier ab? – Nein. – Wohin wollen Sie denn? – Nach Dol. – Dann rathe ich Ihnen, nach Avranches zurückzureiten oder hier in Pontorson zu bleiben. – Warum? – Weil man sich schlagt in Dol. – So! sagte der Fremde, und setzte dann hinzu: geben Sie dem Pferde Hafer.

Der Wirth trug die Krippe herbei, schüttete einen Sack voll Hafer hinein und zäumte den Gaul ab, der sich schnaubend über sein Futter hermachte. Das Gespräch spann sich weiter fort:

– Bürger, haben Sie da ein requirirtes Pferd? – Nein. – Es gehört Ihnen? – Ja. Ich habe es gekauft und bezahlt. – Woher kommen Sie, Bürger? – Von Paris. – Doch nicht geraden Weges? – Nein. – Kann mir’s denken; die Straßen sind versperrt. Aber die Post, die fährt noch. – Bis Alençon; dort bin ich ausgestiegen. – Ach! Eine Post wird es in Frankreich bald nicht mehr geben. Wo soll man die Pferde hernehmen? Für einen Gaul von dreihundert Franks werden heutigen Tages sechshundert gezahlt und das Futter ist sündentheuer. Ich bin Postmeister gewesen und muß mich jetzt auf den Ausschank verlegen. Von den dreizehnhundertunddreizehn Postmeistern, die es gegeben hat, sind wir bereits unser zweihundert, die nicht mehr mitthun. Sind Sie nach dem neuen Tarif gereist, Bürger? – Nach dem vom ersten Mai, ja. – Erster Platz zwanzig Sous, zweiter zwölf und dritter fünf Sous. In Alençon also haben Sie das Pferd da gekauft? – Ja. – Und sind heute den ganzen Tag über geritten? – Seit Sonnenaufgang. – Und gestern auch? – Auch vorgestern. – Weiß jetzt; Sie kommen über Domfront und Mortaint. – Und Avranches. – Hören Sie auf mich, Bürger, und rasten Sie aus. Sie werden doch wohl müde sein? Der Gaul hat auch genug. – Pferde dürfen müde werden, der Mensch nicht.

Der Wirth schaute abermals zu dem ernsten, ruhigen, strengen, von grauem Haar umrahmten Gesicht des Fremden forschend empor; dann, nachdem er einen Blick auf die unabsehbar öde Landstraße geworfen, fragte er wieder:

– Und reisen so mutterseelenallein? – Nicht doch. – Wieso? – Ich habe meinen Säbel und meine Pistolen bei mir.

Nun holte der Wirth einen Eimer, gab dem Pferd zu trinken und sagte zu sich selber, indem er, während das Thier seinen Durst löschte, den Fremden unausgesetzt betrachtete: Gleichviel, wie ein Geistlicher sieht er doch aus.

– Sie sagen, daß man sich zu Dol schlägt? fragte der Reisende. – Ja; gerade jetzt soll’s losgehen. – Wer schlägt sich denn dort? – Zwei vom Adel. – Sie meinen? … – Ich meine, daß ein Adeliger, der zur Republik hält, sich gegen einen Adeligen schlägt, der zum König hält. – Den giebt’s ja nicht mehr. – Den Kleinen meine ich. Und das Sonderbare bei der Geschichte ist, daß die zwei Adeligen noch obendrein nahe Verwandte sind.

Da der Fremde aufmerksam zuhörte, erzählte der Wirth weiter: Der eine ist jung, der andere alt, Großneffe und Großonkel; der Alte ist Royalist und der Junge Patriot; der Onkel kommandirt die Weißen und der Neffe die Blauen. Die geben einander keinen Pardon; das steht fest. Sie bekämpfen einander bis auf den Tod. – Bis auf den Tod? – Jawohl, Bürger. Da schauen Sie nur einmal her, was die sich für Artigkeiten an den Kopf werfen. Das hier ist ein Zettel, den der Alte, Gott weiß wie, überall anzubringen versteht; an jeden Hof und jeden Baum, ja sogar an mein eigenes Hausthor ist er angeschlagen worden.

Der Wirth leuchtete mit seiner Laterne auf ein Plakat, das an einem der Thürflügel klebte, und so groß gedruckt war, daß es der Reisende vom Pferde herab lesen konnte.

»Der Marquis von Lantenac giebt sich die Ehre, seinem Großneffen, dem Herrn Vikomte Gauvain, zur Kenntniß zu bringen, daß, wenn dem Herrn Marquis das Glück zu Theil werden sollte, sich seiner Person zu bemächtigen, er so frei sein wird, den Herrn Vikomte nach aller Form Rechtens über die Klinge springen zu lassen.«

– Und hier, fuhr der Wirth fort, ist die Antwort. Er wendete sich seitwärts und leuchtete mit der Laterne auf ein anderes Plakat, das in gleicher Höhe wie das erste am andern Thürflügel klebte. Der Fremde las die bündigen Worte:

»Gauvain thut Lantenac zu wissen, daß er, falls er ihn fängt, ihn standrechtlich erschießen lassen wird.«

– Gestern, bemerkte der Wirth, ist der eine Zettel hier angeschlagen worden und heute früh der zweite. Die Antwort hat nicht auf sich warten lassen.

Der Reisende sprach halblaut und wie zu sich selber ein paar Worte, die der Wirth hörte, ohne sie sonderlich zu verstehen: Ja, das ist noch mehr als der Bürgerkrieg; es ist der Krieg in der Familie. So muß es sein, und so ist es auch recht. Eine große Verjüngung ist nicht billiger zu haben. Und der Fremde, dessen Blick noch immer am zweiten Plakat haftete, erhob die Hand zum Hut und machte ihm die Honneurs.

– Wissen Sie, Bürger, fuhr der Wirth fort, die Dinge liegen so: In den größeren Städten und Marktflecken sind wir für die Revolution; auf dem Land sind sie dagegen; mit anderen Worten, die Städte sind französisch und in den Dörfern ist man bretonisch. Es ist eben ein Krieg zwischen Bürgers- und Bauersleuten. Sie schimpfen uns Patschfüße und wir schimpfen sie Dickschädel, und hinter ihnen stecken die Adeligen und die Geistlichkeit.

– Nicht Alle, unterbrach der Fremde.

– Freilich nicht; sehen wir doch selber, wie ein Vikomte einem Marquis zusetzt, sagte der Wirth und dachte bei sich: Und entweder bin ich blind, oder ich habe es mit einem Priester zu thun.

– Wer von beiden behält die Oberhand? fragte der Reisende.

– Bis jetzt der Vikomte. Aber es kostet Hitze. Der Alte hat Haare auf den Zähnen. Sind aus einem alten Geschlecht aus der hiesigen Gegend, die Leute; die Familie zerfällt in zwei Linien, in die Hauptlinie mit dem Marquis von Lantenac als Oberhaupt und in die Seitenlinie mit dem Vikomte Gauvain. Jetzt raufen die beiden Linien mit einander. Ja, bei den Bäumen kommt so was nicht vor, aber bei den Stammbäumen schon. Dieser Marquis von Lantenac ist in der Bretagne allmächtig; den Bauern gilt er für einen Fürsten. Am Tage, wo er gelandet ist, hat er im Handumdrehen achttausend Mann um sich gehabt und innerhalb einer Woche waren dreihundert Gemeinden in Aufruhr; und wenn er von der Küste nur so viel hätte besetzen können, hatten wir die Engländer am Hals. Glücklicherweise war aber jener Gauvain bei der Hand, sein Großneffe – schnurrige Geschichte das. Er ist der Kommandant der Republikaner und hat seinem Herrn Onkel heimgeleuchtet. Und dann hat auch das Glück gewollt, daß dieser Lantenac, der gleich bei seiner Ankunft eine Menge Gefangener umgebracht hat, zwei Weiber miterschießen ließ, wovon die eine drei Kinder hatte, die von einem Pariser Bataillon angenommen worden waren. Daraufhin wurde das Bataillon teufelswild; Bonnet-Rouge heißt es. Sind ihrer zwar nicht mehr viel, aber das Donnerwetter haben sie in ihren Bajonetten, diese Pariser. Man hat sie der Kolonne von Gauvain zugetheilt. Nichts hält vor ihnen Stand. Sie wollen die Weiber rächen und die Kinder wieder haben. Was der Alte angefangen hat mit den Kleinen, darüber ist man im Unklaren. Das macht die Pariser Grenadiere ganz rabiat. Ja, wären die Kinder nicht, so würde Manches in diesem Kriege unterbleiben. Der Vikomte ist ein guter, wackerer junger Mann; aber der Alte ist ein scheußlicher Marquis. Die Bauern heißen das den Kampf des heiligen Michael mit Belzebub. Sie wissen vielleicht, daß der Erzengel Michael ein Landespatron ist; er hat einen eigenen Berg mitten im Meer, in der Bucht. Es wird von ihm erzählt, er habe den Teufel niedergestochen und hier in der Nähe unter einem anderen Berg begraben, unter dem Tombelaine.

– Ja, murmelte der Fremde, Tumba Beleni, das Grab des Belenus oder Belus, Baal, Belial, Belzebub.

– Sie wissen davon, wie ich höre. Und der Wirth setzte wieder im Geist hinzu: Wahrhaftig, er redet lateinisch; jetzt ist kein Zweifel mehr. Dann fuhr er fort: Nun denn, Bürger, in den Augen der Bürger ist es jener Kampf, der aufs Neue losgeht. Der heilige Michael ist selbstverständlich kein Anderer, als der royalistische General und der republikanische muß für Belzebub herhalten; wenn aber hier einer der Satan ist, so ist es Lantenac, und der Engel ist Gauvain. Bürger, wollen Sie nicht eine Stärkung zu sich nehmen?

– Ich habe meine Feldflasche und ein Stück Brod bei mir. Aber Sie sagen mir nicht, was in Dol vor sich geht?

– Folgendes: Gauvain kommandirte also die Küstenkolonne. Lantenac hatte die Absicht, weit und breit alles auf die Beine zu bringen, die untere Bretagne mit der untern Normandie zu verbinden, Herrn Pitt die Thür aufzuschließen und dann mit zwanzigtausend Engländern und zweimalhunderttausend Bauern der großen Vendéer Armee auf die Strümpfe zu helfen. Nun hat Gauvain einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er hält die Küste besetzt und treibt Lantenac ins Innere, die Engländer auf die hohe See zurück. Lantenac stand hier auch und hat weichen müssen; Gauvain hat ihm Pont-au-Beau wieder abgenommen, hat ihn aus Avranches verjagt, aus Villedieu verjagt und hat ihm den Weg nach Granville versperrt; er zielt jetzt darauf hin, ihn in den Wald von Fougères zurückzuwerfen und dort zu umzingeln. Gestern war noch alles im besten Gang; Gauvain war hier, mit seiner Kolonne. Da, plötzlich, wird er alarmirt. Der Alte, ein Fuchs, hat einen Vorstoß gegen Dol gemacht. Fällt die Stadt in seine Gewalt und pflanzt er auf dem Mont-Dol eine Batterie auf, denn Geschütz hat er ja, so beherrscht er einen Theil der Küste, wo dann die Engländer landen können, und alles ist hin. Und deshalb, weil keine Minute zu verlieren war und weil er ein heller Kopf ist, hat Gauvain blos bei sich selber Rath geholt, und ohne eine Ordre zu verlangen noch abzuwarten, zum Aufbruch blasen lassen, seine Artilleriepferde vorgespannt, seine Infanterie zusammengetrommelt, seinen Säbel gezogen, und so fällt nun, während Lantenac über Dol hinfällt, Gauvain über Lantenac her. Dort werden sie ihre zwei bretonischen Schädel gegeneinanderrennen; sie müssen bereits an Ort und Stelle sein.

– Wieviel Zeit braucht man bis Dol?

– Eine Kolonne mit Train mindestens drei Stunden; aber sie sind jedenfalls schon dort.

Der Fremde horchte auf und sagte: In der That, mich dünkt, ich höre die Kanonade.

Der Wirth lauschte gleichfalls: Jawohl, Bürger, auch Gewehrfeuer. Es wird zum Tanz aufgespielt. Sie sollten hier übernachten. Dort drüben läßt sich nichts Gescheutes einkaufen.

– Ich darf keine Zeit verlieren und muß weiter.

– Sie haben Unrecht. Zwar weiß ich nicht, was Sie für Geschäfte haben, aber Sie setzen alles aufs Spiel, und wenn es sich nicht um Ihr Liebstes handelt in dieser Welt …

– Darum handelt sichs freilich, unterbrach der Fremde.

– Etwa um einen Sohn …

– Ja, etwas dergleichen, sagte der Fremde.

Der Wirth schaute ihn an und sprach mit sich selber: Aber wie ein Priester sieht er doch aus. Dann besann er sich noch einen Augenblick: Ei was, das hat auch Kinder, so ein Priester.

– Zäumen Sie mein Pferd, sagte der Reiter. Was bin ich Ihnen schuldig?

Er zahlte. Der Wirth stellte Krippe und Eimer an die Mauer und trat dann wieder vor den Fremden hin: Wenn Sie durchaus fort wollen, nehmen Sie wenigstens einen guten Rath mit. Daß Sie nach Saint-Malo reisen, liegt auf der Hand. Nun denn, reiten Sie nicht durch Dol. Es giebt außer dem Weg über Dol noch einen Weg längs dem Meer, der kaum weiter ist als der andere: er geht über Saint-Georges de Brehaigne, Cherrueix und Hirel-le-Vivier, nördlich von Dol und südlich von Cancale. Am Ende dieser Straße, Bürger, zweigen sich die beiden Wege ab, der über Dol nach links, der über Saint-Georges de Brehaigne nach rechts. Merken Sie wohl auf: wenn Sie durch Dol reiten, gerathen Sie mitten ins Blutbad hinein; darum nicht links einbiegen, sondern rechts.

– Danke, sagte der Fremde und trieb sein Pferd an; bald war er, dem nachschauenden Rathgeber nicht mehr sichtbar, in der mittlerweile hereingebrochenen Nacht verschwunden. Am Straßenende, wo sich die Wege abzweigten, hörte er den Wirth von Weitem rufen: Rechts abschwenken, rechts!

Er schwenkte nach links.

II.

Dol

Dol, wie in den alten Urkunden geschrieben steht, eine spanische Stadt Frankreichs in der Bretagne, ist keine Stadt, nur eine Straße, eine lange, alte, gothische Straße, sehr breit, mit zwei unregelmäßigen Reihen von säulengetragenen vorspringenden oder zurücktretenden Häusern. Die übrige Stadt ist weiter nichts als ein Netz von Gäßchen, die mit der großen durchlaufenden Straße in Verbindung stehen und hineinmünden wie Bäche in einen Fluß. Ohne Thor noch Mauern, vom Mont-Dol überragt, konnte die offene Stadt keine Belagerung aushalten, wohl aber die Straße, denn die vorspringenden Häuser, die vor fünfzig Jahren noch zu sehen waren, und die zwei auf Säulen ruhenden Galerien zu beiden Seiten boten sehr günstige, widerstandsfähige Vertheidigungslinien. Jedes Haus war eine Festung, die gestürmt werden mußte, zumal die alte Markthalle, die ungefähr in der Mitte der Straße stand.

Der Wirth von La Croix-Branchard hatte Recht gehabt: im Augenblick, wo er sprach, wälzte sich durch Dol ein wüthendes Handgemenge, ein plötzlich über die Stadt hereingebrochener Zweikampf zwischen den Morgens angekommenen Weißen und den Abends eingetroffenen Blauen. Die Kräfte waren ungleich, denn die Weißen zählten sechstausend, die Blauen blos fünfzehnhundert Mann; gleich war jedoch die Erbitterung der Gegner. Merkwürdigerweise waren es die Fünfzehnhundert, welche die Sechstausend angegriffen hatten.

Auf der einen Seite ein Gewühl, auf der anderen eine Phalanx. Hier sechstausend Bauern mit Herzen Jesu auf den Lederjacken, weißen Bändern an den runden Hüten, christlichen Denksprüchen auf den Armbinden, Rosenkränzen am Gürtel, mit mehr Heugabeln als Säbeln und mit Stutzen ohne Bajonett, mit Kanonen, die sie selber an Seilen mit sich zogen, mit schlechter Montur, schlechter Disziplin, schlechten Waffen, aber voller Tollwuth. Dort fünfzehnhundert Soldaten mit Trikolorekokarden an den dreieckigen Hüten, in langen Röcken mit hohen Aufschlägen am gekreuzten Wehrgehänge, den kurzen Säbel mit Messinggriff und am Gewehr das lange Bajonett führend, eingeschult, in Reih und Glied, lenksam und unbändig, Leute, die zu gehorchen wissen, wie sie auch befehlen könnten, Freiwillige wie die Gegner, aber Freiwillige für das Vaterland, im Uebrigen zerfetzt und ohne Schuhe. Auf Seite der Monarchie mittelalterlich ritterliche Bauern, auf Seite der Revolution barfuß kämpfende Helden; beide Schaaren beseelt von ihrem Führer, die Royalisten von einem Greis, die Republikaner von einem Jüngling. Hie Lantenac, hie Gauvain.

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Die Revolution hat neben ihren gigantischen auch ihre idealen männlich jugendlichen Gestalten, neben Danton, Saint-Just und Robespierre einen Hoche und Marceau. Eine solche Gestalt war auch Gauvain. Er war dreißig Jahre alt, hatte die Figur eines Herkules, den schwärmerisch feierlichen Blick eines Propheten und konnte lachen wie ein Kind. Er rauchte nicht, trank nicht, fluchte nicht, führte mitten im Krieg ein Toilettenkästchen mit sich, pflegte sorgfältig seine Nägel, seine Zähne und sein prachtvolles braunes Haar und schüttelte, wenn er Halt kommandirt hatte, seinen bestaubten, von Kugeln durchlöcherten Hauptmannsrock selber aus. Trotzdem er sich immer tollkühn ins Handgemenge stürzte, war er nie verwundet worden. Seine sehr sanfte Stimme brach, wenn es Noth that, in ein ungestüm gebieterisches Schmettern aus. Wo es auf bloßer Erde zu übernachten galt, unter Sturmwind, Regen oder Schneegestöber, ging immer er mit dem guten Beispiel voran und legte sich in den Mantel gewickelt nieder, mit einem Stein als Kissen für sein anmuthiges Haupt. Er war eine unschuldvolle Heldenseele. Ihn verklärte der gezogene Degen. Er hatte jenes Weibliche an sich, das furchtbar wird in der Schlacht. Dabei war er ein Denker und Philosoph, ein junger Weiser; einen Alkibiades sah, wer ihn anschaute, und wer ihm lauschte, hörte einen Sokrates aus ihm sprechen.

In jener unermeßlichen Schöpfung aus dem Stegreif, die man die französische Revolution nennt, war dieser junge Mann sofort ein Kriegsmann geworden. Seine Kolonne, sein eigenes Werk, war, wie die römische Legion, eine vollständige Armee im Kleinen mit Fußvolk und Reiterei, Scharfschützen, Pionieren, Sappeurs und Pontoniers, und wie die römische Legion ihre Wurfmaschinen, so hatte die Kolonne ihre Artillerie, drei wohl bespannte Feldgeschütze, die ihr einen Halt gaben, ohne die Beweglichkeit zu beeinträchtigen.

Lantenac seinerseits war auch ein Kriegsmann und hatte neben der Bedachtsamkeit seiner Jahre zugleich noch die größere Kühnheit vor Gauvain voraus. Ein wirklicher alter Degen ist kühler als der junge, weil er den Morgen längst hinter sich hat, und kecker, weil er dem Ende näher steht. Er hat ja so gut wie nichts mehr zu verlieren. Daher die gleichzeitig tollkühne und durchdachte Kriegführung Lantenac’s. Und dennoch, in diesem hartnäckigen Ringkampf des Jünglings und des Greises blieb fast immer im Großen und Ganzen Gauvain im Vortheil, allerdings wohl nur, weil er Glück hatte; der Erfolg, selbst der Erfolg im Furchtbaren, gehört eben der Jugend: die Siegesgöttin ist zum Theil noch Weib.

Lantenac war auf Gauvain rein wüthend, erstens weil Gauvain ihn schlug, und zweitens weil Gauvain mit ihm verwandt war. Was hatte er sich auch unterstanden, unter die Jakobiner zu gehen, dieser Gauvain! Der Schlingel! Der einzige Erbe des Marquis, denn Kinder hatte dieser nicht; sein leiblicher Großneffe, fast ein Enkel! »O, sagte der Pseudo-Großvater, wenn er mir in den Wurf kommt, schieß ich ihn nieder wie einen Hund!«

Die Republik hatte übrigens allen Grund, über diesen Marquis von Lantenac in Aufregung zu gerathen. Kaum gelandet, verbreitete er schon das Entsetzen. Wie ein Lauffeuer hatte sein Name in der ganzen Vendée und Bretagne die Runde gemacht, und sofort war er der Mittelpunkt des Aufruhrs geworden. In einem solchen Aufruhr aber, wo Jeder dem Anderen neidisch ist und Jeder seinen eigenen Busch oder Hohlweg beherrscht, schaart der hinzugekommene Höhere die vereinzelten gleichberechtigten Befehlshaber um seine Person. So hatten sich fast alle Bandenführer an Lantenac angeschlossen und gehorchten ihm nah und fern. Nur Einer hatte ihn verlassen, der Erste, der zu ihm gestoßen, jener Gavard. Weshalb? Weil er ein Mann des blinden Vertrauens war; Gavard hatte alle Geheimnisse und Absichten jener früheren Kriegführung getheilt, die Lantenac nun beseitigte und durch ein anderes System ersetzte. Das Zutrauen des Untergebenen vererbt sich nicht auf jeden neuen Vorgesetzten, und da Lantenac sich der Taktik von La Rouarie nicht anbequemen konnte, hatte sich Gavard mit Bonchamp vereinigt.

Lantenac war ein Soldat aus der Schule Friedrichs II. und strebte eine Verschmelzung des großen und des kleinen Krieges an. Er wollte weder von einer »ungegliederten Masse« im Stil der großen königlich katholischen Armee etwas wissen, die blos für das Zermalmen taugte, noch von einer Verzettelung durch Wälder und Gebüsch, womit der Feind wohl beunruhigt, nicht aber niedergeworfen werden konnte. Der Guerillakrieg bringt es zu keinem oder zu einem elenden Abschluß; man beginnt mit dem Angriff aus eine Republik und endigt mit der Plünderung eines Eilwagens. Lantenac wollte den Kampf weder auf das offene Feld beschränken wie La Rochejacquelein, noch auf den Busch wie Jean Chouan, also weder Vendée noch Chouannerie; er wollte den vollständigen Krieg, wollte das bäuerische Element strategisch verwerthen, aber im Zusammenhang mit dem soldatischen, auf Grundlage taktisch ausgebildeter Regimenter. Die Vortrefflichkeit der plötzlich zusammengeläuteten und ebenso plötzlich wieder zerstiebenen Dorfarmeen für Angriff, Hinterhalt und Ueberfall sah er vollkommen ein, aber sie waren ihm zu flüssig; sie zerrannen ihm zwischen den Händen wie Wasser; er wollte den in alle Richtungen auseinander fluthenden Kampf um einen festen Kern zusammenziehen, wollte den wilden Banden in den Wäldern eine geschulte reguläre Truppe als Angelpunkt zu Grunde legen, und darauf gestützt, mit ihnen manöveriren, ein furchtbar fruchtbarer Gedanke, dessen Ausführung die Vendée unüberwindlich gemacht hätte. Wo aber jenes Element, wo die Soldaten, die Regimenter, wo eine schlagfertige Armee hernehmen? Aus England. Daher Lantenac’s fixe Idee: die Landung der Engländer. So kapitulirt das Gewissen der Parteien; die weiße Kokarde deckt den rothen Rock. Lantenac hatte nur noch das eine Trachten, sich irgend eines Küstenstrichs zu bemächtigen, um ihn Pitt zu überantworten. Deshalb hatte er sich auf das zur Zeit wehrlose Dol geworfen, um dadurch in den Besitz des Mont-Dol und durch den Mont-Dol in den Besitz des Strandes zu gelangen. Die Stellung war vortrefflich gewählt. Eine Batterie auf dem Mont-Dol konnte nach der einen Seite Le Fresnois, nach der andern Saint-Brelade bestreichen, konnte das Geschwader von Cancale in Schach halten und den Landungstruppen die ganze Uferstrecke zwischen Le Raz-sur-Couesnon und Saint-Meloir-des-Ondes zur Verfügung stellen. Um diesen entscheidenden Schlag zu führen, hatte Lantenac etwas über sechstausend Mann an sich gezogen, die Auslese der unter seinem Befehl stehenden Banden, und zur Errichtung einer starken Batterie auf dem Mont-Dol zehn sechszehnpfündige Feldschlangen, eine achtpfündige Schiffskanone und einen Vierpfünder mitgenommen, seine sämmtliche Artillerie, denn er ging von dem Grundsatz aus, daß zehn Geschütze mit tausend Schüssen mehr ausrichten als fünf mit fünfzehnhundert. Der Erfolg schien gesichert. Den sechstausend Mann stand, gegen Avranches zu, blos Gauvain mit seinen fünfzehnhundert gegenüber und gegen Dinan zu Léchelle, der allerdings fünfundzwanzigtausend Mann stark, dafür aber auch zwanzig Stunden weit abseits war. So hatte denn Lantenac, was Léchelle betraf, von der großen Zahl in Folge der großen Entfernung und, was Gauvain anbelangte, von der geringen Entfernung in Folge der geringen Zahl nichts zu besorgen. Dazu kam noch, daß Léchelle unfähig war, was er später mit Selbstmord büßte, nachdem er mit seinen fünfundzwanzigtausend Mann auf der Haide von La Croix-Bataille eine Niederlage erlitten. Lantenac fühlte sich demnach vollständig sicher. Rasch und rücksichtslos war er in Dol einmarschirt, und da seine unerbittliche Härte bereits sprichwörtlich war, war nicht der geringste Versuch eines Widerstandes gemacht worden. Die entsetzten Einwohner schlossen sich in ihre Häuser ein. In bäuerischer Unordnung, fast wie bei einem Jahrmarkt, ließen sich die Vendéer in der Stadt nieder; ohne Fouriere, ohne Quartieranweisung, bivouakirten sie, wo es ihnen just gefiel, kochten ihre Menage unter freiem Himmel, verliefen sich in die Kirchen, legten die Flinten ab und griffen zum Rosenkranz. Lantenac nahm mit einigen Artillerieoffizieren sofort die Rekognoszirung des Mont-Dol vor und übergab das Kommando an Gouge-le-Bruant, den er zu seinem Stellvertreter ernannt hatte.

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Gauvain schrie, den Degen schwingend

Dieser Gouge-le-Bruant hat in der Geschichte eine dunkle Spur hinter sich zurückgelassen; er hatte zwei Beinamen: »Brisebleu«, wegen seines Wüthens gegen die Blauen, und »der Imânus«, wegen des unaussprechlichen Grausens, das von ihm ausging. Imânus, vom Lateinischen »immanis« abgeleitet, bezeichnet im Dialekt der unteren Normandie, das übermenschlich Häßliche, dämonisch Entsetzliche, den Teufel, den Unhold, den Kinderfresser. Schon in einer alten Handschrift lesen wir: »d’mes daeux iers j’vis l’imânus« (mit meinen beiden Augen sah ich den Bösen). Die alten Leute vom Bocage wissen heutigen Tages nicht mehr, wer Gouge-le-Bruant war, und was Brisebleu bedeuten soll, aber sie entsinnen sich ganz dunkel des Imânus. Der Imânus hat sich in den Lokalaberglauben eingeflochten. Von ihm wird noch in Trémorel und Plumeaugat erzählt, zwei Dörfer, wo Gouge-le-Bruant schauerliche Spuren hinterließ. Die Andern in der Vendée waren die Wilden; Gouge-le-Bruant war der Barbarische. Er war tätowirt wie ein Indianerhäuptling, nur mit Kinderfibelkreuzen und Lilien; aus seinem Gesicht brach das scheußliche, fast übernatürliche Schimmern einer Seele, der keine andere menschliche Seele ähnlich sah. Im Kampf war er teuflisch tapfer und teuflisch grausam nachher. Er hatte ein Herz voll verschlungener Irrgänge, das jeder Aufopferung fähig war und zu jedem Greuel hinneigte. Konnte er nachdenken? Ja, doch wie die Schlangen kriechen, in Windungen. Beim Heldenthum fing er an, um mit dem Mord aufzuhören. Unmöglich war es, zu errathen, wie er zu seinen Entschlüssen kam, die oft vor lauter Ungeheuerlichkeit etwas Großartiges an sich trugen. Ihm war alles gräßlich Ueberraschende zuzutrauen. Seine Entsetzlichkeit war episch wie die der Cyklopen. Daher der ungestalte Beiname Imânus. Der Marquis von Lantenac baute auf seine Grausamkeit, und mit vollem Recht; darin war der Imânus Meister, weit mehr als in den Künsten des Krieges, weshalb denn auch der Marquis vielleicht nicht wohl daran that, ihn zu seinem Stellvertreter zu erwählen. Gleichviel, er ließ ihn als solchen mit dem Auftrag zurück, für Alles Sorge zu tragen. Gouge-le-Bruant mit seinem mehr streitbaren als militärischen Wesen eignete sich weit eher zur Niedermetzelung eines Clans als zur Bewachung einer Stadt. Nichtsdestoweniger stellte er Posten auf.

Als Lantenac nach gepflogener Untersuchung des Terrains Abends nach Dol zurückritt, hörte er plötzlich Kanonenschüsse und sah aus der Hauptstraße einen röthlichen Rauch emporsteigen; das bedeutete Ueberfall, Einbruch, Sturm: In der Stadt schlug man sich. Obgleich den Marquis fast nichts in Erstaunen zu setzen vermochte, jetzt war er verblüfft. Dieser Zwischenfall kam ihm ganz unerwartet. Wer konnte das sein? Gauvain offenbar nicht; in einer Minderzahl von eins gegen vier greift man nicht an. War es etwa Léchelle? Aber was hätte das für ein Eilmarsch sein müssen! Von beiden Vermuthungen war also die eine unwahrscheinlich, die andere unmöglich. Lantenac spornte sein Pferd an; bald darauf stieß er auf fliehende Stadtleute, die er anhielt; sie waren ganz außer sich vor Schrecken und riefen nur immer: Die Blauen! die Blauen!

Als der Marquis endlich eintraf, stand es um die Seinen schlimm. Zugetragen hatte sich Folgendes:

III.

Kleine Heere, große Schlachten.

Nach dem Einmarsch in Dol hatten sich, wie gesagt, die Bauern nach Gutdünken in der Stadt herumgetrieben als Leute, die, wie ihr eigenes Schlagwort lautete, »aus Freundschaft gehorchen«, ein Gehorchen, welches zwar Helden, aber nimmermehr Soldaten heranbilden kann. Artillerie und Gepäck hatten sie unter den Bögen der alten Markthalle untergebracht und lagerten nun ausruhend, essend und trinkend, oder »rosenkränzelnd«, in buntem Durcheinander auf der Hauptstraße, mehr als Hindernisse des Verkehrs denn als Hüter des Platzes. Bei sinkender Nacht schoben die Meisten den Schnappsack unter den Kopf und schliefen ein, Der und Jener an der Seite seines Weibes, denn oft geschah es, daß Bäuerinnen mitausrückten und dann, besonders die in gesegneten Umständen waren, Kundschafterdienste versahen. Es war eine milde Julinacht, und am tiefen schwarzblauen Himmel funkelten die Sternbilder. Während diese Menge, die man eher für eine rastende Karawane als für ein Bivouak gehalten hätte, friedlich schlummerte, fiel den Wenigen, welche die Augen noch nicht geschlossen, plötzlich auf, daß an der einen Straßenmündung, vom Zwielicht beschienen, drei Kanonen gegen sie gerichtet waren – Gauvains Kanonen; er hatte die Wachtposten überrumpelt, war in die Stadt eingedrungen und hielt den Eingang der Straße besetzt. Ein Bauer richtete sich aus, schrie Werda? und feuerte seine Flinte ab. Ein Kanonenschuß war die Antwort. Gleich darauf schlug ein Platzregen von Gewehrkugeln ein. Alles fuhr aus dem Schlaf empor, ein schreckenvolles Erwachen für Leute, die eben noch unter dem Sternenschimmer einschlummerten.

Der erste Augenblick war schauderhaft, denn es giebt nichts Entsetzlicheres als das Hin- und Herwimmeln einer Masse, auf welche Blitzstrahlen hereinhageln. Man warf sich auf die Waffen, schrie, rannte, stürzte getroffen nieder. Die angefallenen Bauernburschen schossen in fassungsloser Verwirrung auf die eigenen Leute. Aufgeschreckte Gestalten huschten aus den Häusern und huschten wieder herein oder liefen wie wahnsinnig im Getümmel umher. Die zu einander gehörten, riefen einander an. Mitten in dem furchtbaren Gefecht heulten Weiber und Kinder. Die Finsterniß war allenthalben von pfeifenden Kugeln durchstrichen; aus jedem dunkelen Winkel Flintenschüsse; das Ganze ein riesiger in Rauch verschwimmender Wirrwarr zwischen durcheinanderstehenden Karren und Munitionswagen. Die Pferde schlugen aus; aufbrüllende Verwundete wurden auf dem Boden zerstampft; neben der Verzweiflungswuth starres Entsetzen, Soldaten, die ihre Führer, und Führer, die ihre Soldaten suchten; stellenweise auch düstere Gleichgiltigkeit, an einer Mauer ein Weib, daß ihren Säugling stillte, während ihr Mann, der blutend, mit zerschmettertem Bein neben ihr lehnte, kaltblütig den Stutzen lud und auf gut Glück hin den Tod in die Finsterniß hinaussendete. Zwischen den Rädern der Fuhrwerke lagen Bauern der Länge nach ausgestreckt und feuerten durch die Speichen. Zuweilen gellte ein tausendstimmiger Aufschrei durch die Nacht; dann behielt der Donner der Kanonen wieder die Oberhand. Es war grauenvoll. Wie Bäume unter einem Bergsturz fielen die Leichen auf die Leichen. Aus seinem Hinterhalt schmetterte Gauvain mit Sicherheit und beinahe ohne einen Mann zu verlieren Alles nieder.

Nach einiger Zeit jedoch kam eine gewisse Ordnung in das Gedränge der unverzagten Bauern; sie zogen sich unter den großen dunkelen Säulenwald der Markthalle wie hinter ein Vorwerk zurück und faßten dort festen Fuß; was nur irgend welche Aehnlichkeit mit einem Walde hatte, flößte ihnen Selbstvertrauen ein. Der Imânus suchte nach besten Kräften den Marquis zu ersetzen. Seine Geschütze ließ er zwar, zu Gauvains größtem Erstaunen, unbenutzt, denn nur die mit Lantenac ausgerittenen Artillerieoffiziere wußten damit umzugehen; die Bauernburschen waren zur Bedienung der Feldschlangen und des Achtpfünders nicht einexerzirt, entsendeten aber dafür einen Hagel von Kugeln auf die Kanoniere der Blauen und erwiderten die Kartätschensalven mit Gewehrfeuer. Die besser Gedeckten waren jetzt sie; denn sie hatten alle, in der Markthalle befindlichen Karren, Fuhrwerke, Proviantsäcke und Fässer im Nu zu einer hohen Barrikade mit Schießscharten aufgestapelt, aus denen sie ein mörderisches Feuer unterhielten, im Nu, denn bevor eine Viertelstunde verstrichen war, erhob sich vor dem Gebäude eine unübersteigbare Mauer.

Gauvain gerieth dadurch in eine kritische Lage. Diese plötzlich in eine Zitadelle umgewandelte Markthalle, in welcher die Bauern eine feste, konzentrirte Stellung einnahmen, kam ihm unerwartet. Den Feind zu überfallen war ihm zwar gelungen, nicht aber, ihn in die Flucht zu schlagen. Er war abgesessen und spähte aufgerichtet, den Degen in der Faust, mit verschränkten Armen beim Schein einer Fackel, die seine Batterie beleuchtete, in die Dunkelheit hinaus. Sein hoher Wuchs und der Fackelschein machten ihn zur Zielscheibe der Barrikade, doch daran dachte er nicht und ließ, in Sinnen versunken, den Kugelregen um sich her einschlagen. Zum Glück konnte er den Flinten allen mit seinen Geschützen Trotz bieten; die Kanonen behalten immer das letzte Wort und auf Seite der Artillerie bleibt der Sieg; mit seiner wohlbedienten Batterie war er noch immer im Vortheil.

Da, plötzlich sprühte aus der finsteren Markthalle ein Blitz, und donnernd schmetterte eine Kanonenkugel über Gauvain in ein Haus. Die Barrikade setzte der Artillerie Artillerie entgegen. Was hatte das zu bedeuten? Offenbar hatte sich drüben etwas ereignet und das Gefecht trat in ein neues Stadium.

Eine zweite Kugel folgte der ersten auf dem Fuß und schlug dicht neben Gauvain in die Mauer ein; eine dritte riß ihm den Hut vom Kopf. Die Kugeln waren von schwerem Kaliber, sechszehnpfündig.

– Auf Sie ist es abgesehen, Kommandant, riefen die Kanoniere und löschten die Fackel. Nachdenklich bückte sich Gauvain nach seinem Hut.

In der That hatte es Jemand auf ihn abgesehen, und zwar Lantenac.

Der Marquis hatte die Barrikade von der entgegengesetzten Seite her erreicht, und der Imânus war auf ihn zugestürzt: Gnädiger Herr, man hat uns überfallen!

– Wer?

– Ich weiß nicht.

– Steht der Weg nach Dinan offen?

– Ich glaube.

– So muß der Rückzug angetreten werden.

– Geschieht schon; es sind bereits Viele entwischt.

– Es handelt sich nicht um das Entwischen; es handelt sich darum, sich zurückzuziehen. Warum ist die Artillerie nicht zugezogen worden?

– Man hat den Kopf verloren, und dann waren die Offiziere nicht bei der Hand.

– Ich will dafür sorgen.

– Gnädiger Herr, ich habe möglichst viel Gepäck, die Weiber und alles Ueberflüssige nach Fougères abgehen lassen. Was soll aus den drei kleinen Gefangenen werden?

– Ach so, aus den Kindern?

– Ja.

– Wir behalten sie als Geisel. Sorge dafür, daß sie nach La Tourgue gebracht werden.

Hierauf trat der Marquis hinter die Barrikade. Das Eintreffen des Führers änderte die ganze Sachlage. Beim Bau der Barrikade war auf die Artillerie keine Rücksicht genommen worden; es war blos für zwei Geschütze Raum vorhanden; der Marquis ließ zwei größere Oeffnungen durchbrechen und zwei Sechszehnpfünder dahinter aufpflanzen. Als er sich über die eine der Feldschlangen beugte um die feindliche Batterie durch die Schießscharte zu beobachten, erblickte er Gauvain. – Er ist es! rief er und griff nach Wischer und Setzkolben, lud das Geschütz, richtete das Visier und zielte. Zu dreien Malen feuerte auf Gauvain und fehlte. Mit dem dritten Schuß riß er ihm den Hut vom Kopf. – Gestümpert! murmelte er vor sich hin. Ein paar Zoll tiefer und ich traf den Kopf.

Da erlosch plötzlich die Fackel, und er hatte nur noch Finsterniß vor sich. – Sei es drum, sagte er und rief seinen Artilleristen zu: Mit Kartätschen!

Gauvain war seinerseits nicht ruhiger. Seine Lage verschlimmerte sich. Der Kampf nahm einen anderen Charakter an. Jetzt setzte die Barrikade ihm mit Kanonen zu. Wer konnte wissen, ob sie nicht von der Defensive zur Offensive übergehen würde? Er hatte es, die Todten und Flüchtigen auch abgerechnet, mit mindestens fünftausend Mann zu thun und verfügte selber über nur mehr zwölfhundert kampffähige Leute. Was sollte aus den Republikanern werden, wenn der Feind sich von ihrer geringen Zahl überzeugte. Die Rollen würden unfehlbar vertauscht und die bisherigen Angreifer die Angegriffenen werden. Ein Ausfall aus der Barrikade konnte die Vernichtung herbeiführen. Was thun? Die Barrikade in der Front anzupacken, daran war nicht zu denken; ein Gewaltstreich wäre eine Chimäre gewesen; zwölfhundert Mann können fünftausend aus einer solchen Stellung unmöglich verjagen. Mit Ueberstürzung ließ sich nichts ausrichten, und jedes Abwarten war vom Uebel. Ein Ende mußte gemacht werden, aber wie?

Gauvain, der ja aus der Gegend gebürtig war, kannte die Stadt; er wußte, daß die alte Markthalle, in der sich die Vendéer verschanzt hatten, mit der Rückseite an ein Labyrinth von engen, winkeligen Gäßchen stieß, und wendete sich nun an seinen Unterkommandanten, den tapferen Hauptmann Guéchamp, der sich später dadurch so rühmlich auszeichnete, daß er Jean Chouan’s Heimath, den Wald von Concise, säuberte und durch die Verteidigung des Dammweges am Teich La Chaîne die Wegnahme von Bourgneuf vereitelte. – Guéchamp, sagte er, ich übertrage Ihnen das Kommando. Setzen Sie das Feuer nach besten Kräften fort; schießen Sie Bresche in die Barrikade und halten Sie mir die Leute in Atem.

– Verstanden, erwiderte Guéchamp.

– Formiren Sie alle verfügbaren Kräfte in eine Angriffskolonne, und warten Sie mit geladenen Gewehren das Zeichen zum Stürmen ab.

Und er flüsterte Guéchamp ein paar Worte ins Ohr. – Abgemacht, sagte dieser. – Sind alle Tambours noch auf den Beinen? fragte Gauvain. – Ja wohl. – Es sind ihrer neun. Ich lasse Ihnen zwei davon zurück; die andern sieben gehen mit mir.

Die sieben Tambours stellten sich schweigend vor Gauvain in Reih und Glied.

– Heran das Bataillon Bonnet-Rouge! rief Gauvain.

Es trat ein Sergeant an mit elf Mann.

– Ich meine das ganze Bataillon, sagte Gauvain.

– Hier, antwortete der Sergeant.

– Euer zwölf!

– Nur noch unser zwölf.

– Schön, sagte Gauvain.

Der Sergeant war jener wackere soldatischderbe Radoub, der im Namen des Bataillons die drei Kinder aus dem Wald von La Saudraie angenommen hatte. Man wird sich wohl noch erinnern, daß blos die eine Hälfte des Bataillons in Herbe-en-Pail niedergemetzelt worden; Radoub war so glücklich gewesen, der andern Hälfte anzugehören.

– Sergeant, sagte Gauvain, indem er mit dem Finger auf einen in der Nähe stehenden Fouragenwagen deutete, lassen Sie Ihre Leute Strohwische binden und um die Gewehrläufe legen, damit es beim Aneinanderstoßen kein Geräusch giebt.

Einige Minuten darauf war der Befehl in der Dunkelheit still vollzogen worden. – Ist geschehen, meldete der Sergeant.

– Soldaten, zieht die Schuhe aus, befahl Gauvain weiter.

– Haben keine, bemerkte der Sergeant.

Die Tambours mitgerechnet, waren es neunzehn Mann, und Gauvain war der zwanzigste. – In einer einzigen Reihe, rief er, mir nach! Hinter mir die Tambours, dann das Bataillon; Sie führen es, Sergeant.

Er stellte sich an die Spitze der neunzehn Mann, und während auf beiden Seiten die Kanonade fortgesetzt wurde, bogen sie, wie Schatten dahingleitend, in die öden Gäßchen ein. So schlichen sie eine Zeitlang längs den Häusern hin. Die Stadt schien ausgestorben zu sein; die Einwohner hatten sich in den Kellern versteckt; jede Thür war verrammelt, jeder Fensterladen geschlossen, von einem Licht keine Spur. Wüthend dröhnte es von der Hauptstraße her in diese Stille herüber; der Artilleriekampf dauerte fort und die beiden Batterien spien mit Erbitterung ihre Kartätschen auf einander. Nachdem man sich zwanzig Minuten hindurch im Zickzack vorwärts bewegt hatte, erreichte Gauvain, der sich in der Finsterniß vortrefflich zurechtfand, ein Gäßchen, welches wieder in die Hauptstraße mündete, aber auf der andern Seite der Markthalle. Die Stellung war somit umgangen. Diese Seite – die Unvorsichtigkeit der Barrikadenkämpfer bleibt ewig dieselbe – war nicht verschanzt, sondern stand offen und gewährte freien Eintritt in das säulengetragene Gewölbe, wo ein paar reisefertige Gepäckwagen hielten. Die zwanzig Mann hatten die fünftausend Vendéer vor sich, aber jetzt mit dem Rücken statt mit der Front. Nachdem Gauvain dem Sergeanten ein paar Worte zugeflüstert, wurden die Strohwische von den Gewehren entfernt; die zwölf Grenadiere nahmen im Winkel des Gäßchens Stellung und die sieben Tambours warteten mit den Trommelstöcken in den Fäusten auf das Signal.

Die Artilleriesalven erfolgten immer noch in regelmäßigen Zwischenräumen. Einen solchen benutzte Gauvain und schrie, den Degen schwingend, mit einer Stimme, die wie ein Trompetentusch durch die momentane Stille schmetterte: Zweihundert Mann rechts vor! Zweihundert Mann links! Alles andere in der Front!

Sofort fielen die zwölf Gewehrschüsse, die sieben Tambours trommelten zur Attacke und Gauvain brach in den gewaltigen Kampfruf der Blauen aus: Bajonett vor! Drauf los!

Die Wirkung war eine unerhörte; die ganze Bauernmasse fühlte sich im Rücken angegriffen und glaubte sich von einer zweiten Armee überrumpelt. Zu gleicher Zeit setzte sich vom obern Ende der Straße her auf das verabredete Signal hin die Kolonne von Guéchamp, ebenfalls unter Trommelwirbel, in Bewegung und stürmte im Laufschritt gegen die Barrikade vor. Die Bauern sahen sich einem doppelten Feuer ausgesetzt. Der panische Schrecken vergrößert Alles; für ihn wird der Pistolenschuß zum Kanonendonner, das Bellen eines Hundes zum Gebrüll des Löwen, jeder Lärm zum gespenstigen Schreckniß. Fügen wir noch hinzu, daß der Bauer ins Fürchten geräth wie ein Strohdach ins Brennen und daß gerade wie die Flamme im Strohdach in eine Feuersbrunst, die Furcht des Bauern in unaufhaltsame Flucht ausartet. Es entstand ein ganz unbeschreibliches Drängen und Jagen. In einigen Minuten war die Halle leer; die entsetzten Burschen rannten auseinander, unbekümmert um ihre Offiziere, unbekümmert um den Imânus, der vergebens ihrer zwei oder drei niederschoß, und unter Angst- und Verzweiflungsgeschrei verlief sich die royalistische Armee durch die Gäßchen der Stadt wie durch die Löcher eines Siebs und zerstob im freien Feld mit der Schnelligkeit einer sturmgepeitschten Wolke. Die Einen flohen in der Richtung von Chateauneuf, Andere gegen Plerguer, Andere wieder gegen Antrain zu.

Der Marquis von Lantenac mußte diese tolle Flucht mitansehen. Mit eigener Hand vernagelte er die Geschütze und zog sich dann, von Allen der Letzte, langsam und kaltblütig mit den Worten zurück: Auf die Bauern ist entschieden kein Verlaß. Ohne die Engländer geht es nicht.

IV.

Zum zweiten Mal.

Es war ein vollständiger Sieg. Gauvain wendete sich zu den Grenadieren des Bataillons Bonnet-Rouge um und sagte: Ihr zwölf wiegt ein Tausend auf. So ein Wort aus dem Mund des Chefs war das Ehrenkreuz jener Zeiten. Guéchamp jagte, auf Gauvains Befehl, den Fliehenden nach und brachte viele Gefangene ein. Dann wurde die Stadt bei Fackelschein durchsucht. Alle, die nicht mehr entkommen konnten, ergaben sich. Die Hauptstraße, die man mit Pechkränzen beleuchtete, war mit Todten und Verwundeten übersät. Hin und wieder setzten sich noch, denn jeder Kampf hat sein gewaltsames Nachspiel, verzweifelte Gruppen zur Wehr, streckten jedoch, sowie sie umringt waren, die Waffen.

Im rasenden Gewirr des Ausreißens war Gauvain ein tollkühner Mensch aufgefallen, eine stämmige, flinke Faunengestalt, welche die Flucht der Anderen gedeckt hatte, ohne dann selber zu fliehen. Meisterhaft hatte dieser Bauer seine Flinte gehandhabt und so lange mit Schüssen und Kolbenschlägen um sich geworfen, bis sie zerbrochen war; nun stand er da mit einem Pistol in der einen Faust und einem Säbel in der anderen. Keiner wagte sich an ihn heran. Da sah ihn Gauvain plötzlich taumeln und sich gegen den Pfeiler eines Hauses lehnen. Der Mann war verwundet, hielt aber noch immer sein Pistol und seinen Säbel fest. Gauvain nahm den Degen unter den Arm und trat auf ihn zu. – Ergieb dich, sagte er.

Der Bauer stierte ihn an. Das Blut troff ihm unter den Kleidern aus der Wunde und rann zu seinen Füßen in eine Lache zusammen.

– Du bist mein Gefangener, wiederholte Gauvain.

Der Mann blieb stumm.

– Dein Name?

– Ich heiße Danse-à-l’Ombre, antwortete der Bauer.

– Du bist ein Tapferer, sagte Gauvain und streckte ihm die Hand entgegen.

– Vivat der König! rief der Mann, und mit dem letzten Aufwand seiner Kräfte beide Arme zugleich erhebend, führte er einen Säbelhieb nach Gauvains Kopf und schoß ihm nach dem Herzen.

Es war dies mit der Behendigkeit des Tigers vor sich gegangen; noch behender war aber ein Anderer gewesen, ein Reiter, der eben angekommen, unbeachtet in nächster Nähe hielt und der, im Augenblick, wo er den Vendéer Säbel und Pistol erheben sah, zwischen diesen und Gauvain vorgestürzt war. Ohne den Reiter war Gauvain verloren. So aber fing das Pferd den Schuß, der Mann den Hieb auf, und beide sanken zu Boden. Das Alles war so rasch geschehen, wie man einen Schrei ausstößt. Auch der Insurgent war jetzt am Pfeiler zusammengebrochen.

Der Reiter, dem der Hieb mitten im Gesicht saß, lag bewußtlos am Boden. Sein Pferd war todt.

– Wer ist der Mann, fragte Gauvain, indem er vor ihn hintrat. Er betrachtete ihn. Das Gesicht des Verwundeten war von Blut derart übergossen, daß es wie unter einer rothen Maske verschwand. Erkennen ließ sich nur soviel, daß das Haar grau war.

– Der Mann hat mir das Leben gerettet, hob Gauvain wieder an; weiß Keiner, wer er ist?

– Dieser Mann, Kommandant, sagte ein Soldat, ist eben erst in die Stadt hereingeritten, von Pontorson her; ich habe ihn kommen sehen.

Der Regimentsarzt war mit seinem Verbandzeug herbeigeeilt, untersuchte den noch immer Bewußtlosen und erklärte: Nur eine Schramme, hat nichts zu bedeuten, wird einfach wieder zusammengenäht. In acht Tagen geheilt; aber ein schöner Schmiß.

Der Verwundete trug einen Mantel, eine dreifarbige Schärpe, Pistolen und einen Säbel. Er wurde auf eine Tragbahre gelegt und halb entkleidet. Der Arzt, dem man einen Eimer Wasser gebracht hatte, wusch ihm das Blut vom Gesicht, dessen Züge allmälig sichtbar wurden.

– Hat er Papiere bei sich? fragte Gauvain, der den Fremden mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtete

Der Arzt betastete den Rock des Mannes und zog aus der Brusttasche ein Portefeuille hervor, das er Gauvain überreichte. Mittlerweile brachte die Berührung mit dem kalten Wasser den Verwundeten nach und nach zur Besinnung, und seine Augenlider geriethen in ein leises Zucken. Beim Durchsuchen der Brieftasche fand Gauvain ein zusammengelegtes Blatt Papier, das er entfaltete: »Wohlfahrtsausschuß. Der Bürger Cimourdain ….« Als er die Worte gelesen, that er einen Schrei: – Cimourdain! Bei diesem Schrei schlug der Verwundete die Augen auf. Gauvain war außer sich: – Sie sind es, Cimourdain! Zum zweiten Male verdanke ich Ihnen mein Leben.

Cimourdain sah ihn an und ein unbeschreibliches Freudenblitzen verklärte sein blutendes Gesicht. Gauvain fiel auf die Knie nieder und rief:

– Mein Lehrer!

– Dein Vater, sprach Cimourdain.

V.

Der Tropfen kalten Wassers.

Lange Jahre waren es her, daß sie einander nicht mehr gesehen, aber ihre Herzen hatten einander nie verloren und sie fanden sich wieder zusammen, als hätten sie sich erst am Abend zuvor getrennt. Im Rathhaus von Dol hatte man in aller Eile ein Lazareth eingerichtet und Cimourdam wurde auf einem Bett in ein Zimmerchen gebracht, das an den großen allgemeinen Krankensaal stieß. Der Arzt, der die Schramme zugenäht hatte, setzte den Herzensergüssen der Beiden ein Ziel, indem er es für nothwendig erklärte, Cimourdain ausschlafen zu lassen. Uebrigens mußte auch Gauvain tausenderlei Dingen nachgehen, welche die Vorsicht dem Sieger zur Pflicht macht. Cimourdain blieb allein, aber er schlummerte nicht; ihn schüttelte ein zwiefaches Fieber, das Wundfieber und das Fieber der Freude. Er schlummerte nicht, und doch konnte er sich kaum einreden, daß er ja wache. War’s denn auch möglich, daß sein Traum zur Wirklichkeit geworden? Cimourdain gehörte zu den Leuten, die sich keinen Treffer zutrauen und nun hatte er ihn doch gezogen. Gauvain, das Kind, das er hatte verlassen müssen, fand er jetzt wieder, fand ihn herangereift zum Mann, groß dastehend, gefürchtet und tapfer; siegreich hatte er ihn wiedergefunden, und siegreich in der Sache des Volkes. Gauvain war die Stütze der Revolution in der Vendée und er, Cimourdain, hatte der Republik diesen Strebepfeiler errichtet. Der Triumphator war sein Schüler und was er aus diesem jugendlichen Antlitz strahlen sah, dem vielleicht dereinst die Ehren des Pantheon zutheil werden sollten, war ja sein, Cimourdains, Gedanke; sein Jünger, der Sohn seines Geistes, bereits ein Held, konnte demnächst eine Ruhmessäule der Republik werden. Es war Cimourdain, als grüße ihn, zum Genius verklärt, seine eigene Seele; hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie Gauvain Krieg führte. Ihm war zu Muthe wie dem alten Chiron, als er Achilleus kämpfen sah; – eine geheimnißvolle Uebereinstimmung zwischen dem Priester und dem Kentauren, denn auch der Priester ist nur zur Hälfte Mensch. Alle Wechselfälle dieses Abenteuers wirkten mit dem fiebernden Brennen seiner Wunde zusammen, um Cimourdain in eine gewisse mystische Verzückung zu versetzen. Ein junges Geschick ging in Sonnenherrlichkeit auf und er, der Glückselige, durfte es lenken; nur noch ein einziger Erfolg wie der heutige, und ein bloßes Wort von Cimourdain bewog die Republik, eine ihrer Armeen Gauvain anzuvertrauen. Nichts blendet mehr als das Staunen darüber, daß Alles gelungen ist. In jener Zeit trug sich Jeder mit seinem militärischen Traum; Jeder wollte einen General emporbringen, Danton Westermann, Marat Rossignol, Hébert Ronsin; nur Robespierre wollte keinen aufkommen lassen. Warum also nicht auch Gauvain? dachte Cimourdain, in Zukunftspläne vertieft; vor ihm eröffnete sich ein unermeßliches Feld; er baute Hypothese auf Hypothese; alle Hindernisse schwanden. Wer einmal auf diese Leiter den Fuß gesetzt hat, der hält nicht mehr inne, der steigt ins Unendliche und versteigt sich nach und nach vom Menschen bis hinauf zum Stern. Ein großer General bricht blos seinen Heeren, ein großer Kriegsheld bricht zugleich auch seinen Ideen Bahn. Cimourdain träumte sich Gauvain als Kriegshelden; schon sah er ihn, denn Träume haben Siebenmeilenflügel, auf dem Ozean die Engländer verjagen, am Rhein die Könige des Ostens züchtigen, auf den Pyrenäen die Spanier zurückwerfen, von den Alpen herab Rom zur Freiheit wachrufen. Die zwei Menschen, die in Cimourdain wohnten, der zärtliche wie der düstere, waren beide zufrieden, denn das Ideal, die Unerbittlichkeit, blieb ja gewahrt: Gauvain verbreitete nicht allein Strahlen; er verbreitete auch Schrecken. Cimourdain faßte zunächst immer das ins Auge, was vor dem Aufbau niedergerissen werden mußte, und glaubte nicht, daß die Stunde der hinschmelzenden Rührung schon gekommen sei. Er dachte sich Gauvain, wie das damalige Schlagwort hieß, »auf der Höhe der Situation«, den Dämon der Nacht zertretend, im Panzer des Lichts, mit einem Leuchten der Herrlichkeit auf der Stirn, die idealen Schwingen der Gerechtigkeit und der voranstrebenden Vernunft ausbreitend und ein feuriges Schwert schwingend – Engel, aber Engel des Gerichts.

Mitten in dieser Träumerei, die an die Extase grenzte, hörte er durch die zugelehnte Thür im nebenanliegenden großen Lazarethsaal sprechen und erkannte die Stimme Gauvain’s; sie hatte ihm, der langen Trennung zum Trotz, fortwährend im Herzen fortgeklungen und in der Stimme des Mannes läßt sich etwas wiederfinden von der Stimme des Kindes. Er lauschte. Man hörte auch Schritte.

– Kommandant, sagte ein Soldat, das hier ist der Mann, der auf Sie geschossen hat; während Alles um den Reiter beschäftigt war, verkroch er sich in einen Keller. Dort haben wir ihn entdeckt, und hier ist er. Und nun vernahm Cimourdain folgendes Zwiegespräch zwischen Gauvain und dem Bauern:

– Du bist verwundet.

– Bin aber noch kräftig genug, um füsilirt zu werden.

– Bringt den Mann in ein Bett; er soll verbunden und geheilt werden.

– Sterben will ich.

– Du wirst leben: im Namen des Königs hast Du mich umbringen wollen; im Namen der Republik sei begnadigt.

Ueber Cimourdain’s Stirn fuhr ein Schatten. Ihm war, als sei er plötzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt worden und mit einer gewissen düstern Niedergeschlagenheit murmelte er vor sich hin:

– Kein Zweifel; er hat ein mürbes Gemüth.

VI.

In geheilter Brust ein blutend Herz.

Eine Schramme heilt rasch wieder zu; weit schwerer als Cimourdain war sonst Jemand verwundet worden, nämlich das angeschossene Weib, das Tellmarch der Bettler bei der großen Blutlache von Herbe-en-Pail aufgelesen hatte. Michelle Fléchard war damals noch schlimmer dran, als Tellmarch zuerst geglaubt: außer dem Schuß über der Brust saß noch ein Schuß im Schulterblatt; während ihr die eine Kugel das Schlüsselbein gebrochen hatte, war ihr eine zweite von hinten in die Achsel gefahren. Da die Lunge jedoch unversehrt geblieben, konnte die Genesung zu Stande kommen. Tellmarch war, wie die Bauern sagen, »ein Philosoph«, das heißt zum Drittel Arzt, zum Drittel Chirurg und zum Drittel Zauberer. Er behandelte die Kranke in seiner Höhle, auf dem Lager von Seegras, mit jenen geheimnißvollen Kräutersäften, aus denen die Leute auf dem Land ihre sogenannten Hausmittel bereiten, und unter seiner Pflege blieb sie am Leben. Das Schlüsselbein wuchs wieder zusammen; die Löcher über der Brust und in der Schulter heilten zu und nach einigen Wochen war die Verwundete auf dem Wege vollständiger Besserung, so daß sie eines Morgens, auf Tellmarch gestützt, die Höhle verlassen und sich unter den Bäumen in die Sonne hinsetzen konnte. Tellmarch war über ihre näheren Verhältnisse so ziemlich im Unklaren; Brustwunden erheischen anhaltendes Schweigen und während des halben Deliriums, das der Wiederherstellung vorangegangen war, hatte die Frau nur wenige Worte gesprochen, denn sowie sie reden wollte, wehrte Tellmarch es ihr; aber sie hing einer hartnäckigen Träumerei nach und ihr Blick verrieth ein inneres Hin- und Herwälzen von herzbeklemmenden Gedanken.

Jetzt fühlte sie sich bei Kraft und konnte beinahe ohne Stütze gehen. Eine gelungene Kur gewährt dem Arzt eine väterliche Befriedigung: stillglücklich betrachtete Tellmarch seine Patientin; der gute alte Mann lächelte sie an: – Nun, nun, jetzt wären wir ja wieder munter und Alles ist vernarbt.

– Bis auf das Herz, antwortete das Weib und setzte dann hinzu: Ihr wißt also gar nicht, wo sie sind?

– Wer? fragte Tellmarch.

– Meine Kinder.

In diesem Wörtchen »also« lag eine ganze Welt von Gedanken; dieses Wörtchen sagte: »Weil Ihr mir nicht von ihnen sprecht, weil Ihr nun schon so manchen Tag um mich seid, ohne ihrer auch nur zu erwähnen, weil Ihr mir Schweigen gebietet, so oft ich den Mund aufthue, weil Ihr zu befürchten scheint, daß ich die Frage an Euch richte, so könnt Ihr mir eben keinen Aufschluß geben.«

Im Fieber, in der Aufwallung, im Delirium, hatte sie häufig nach ihren Kindern gerufen und wohl bemerkt, denn auch das Delirium hat sein Fassungsvermögen, daß der alte Mann ihr darauf keine Antwort gab. Und was hätte Tellmarch ihr auch mittheilen sollen? Es ist kein Leichtes, einer Mutter von ihren verschwundenen Kindern zu sprechen, und was wußte er denn eigentlich? Nichts, als daß ein Weib niedergeschossen worden war, daß er dieses Weib am Boden liegend gefunden, daß es, als er es zu sich nahm, sozusagen eine Leiche war, daß diese Leiche drei Kinder hatte und daß der Marquis von Lantenac, nachdem er die Mutter niederschießen ließ, die Kleinen mit fortgenommen. Mehr hatte er ja nicht erfahren. Was war aus den Kindern geworden? Waren sie überhaupt am Leben? Nur soviel hatte er ermitteln können, daß es zwei Knaben waren und ein kaum entwöhntes kleines Mädchen; sonst nichts. Er richtete betreffs der bejammernswerthen Kleinen an sich selber eine Menge Fragen, die er nicht beantworten konnte. Aus den Leuten, die er um Auskunft gebeten hatte, war nichts herauszubringen gewesen als ein Kopfschütteln. Herr von Lantenac war ein Mann, von dem Niemand gerne sprach. Und nicht nur sprach man nicht gern von Lantenac, sondern man sprach auch nicht gern mit Tellmarch. Die Bauern haben ihr absonderliches Mißtrauen. Sie fühlten sich von ihm abgestoßen; Tellmarch der Caimand war für sie eine unheimliche Erscheinung; warum starrte er immer in den Himmel hinauf? Was that er und was machte er sich für Gedanken, wenn er stundenlang so unbeweglich dastand? Dahinter mußte etwas stecken. In dieser Gegend voller Krieg, die sich in flammendem Aufruhr verzehrte, wo Jedermann nur einem Geschäft, der Zerstörung, einer Arbeit, dem Gemetzel, nachging, wo man in gegenseitigem Wettstreit Häuser in Brand steckte, Familien hinschlachtete, Wachtposten niederhieb und Dörfer plünderte, wo alles Sinnen und Trachten darauf hinauslief, sich in einen Hinterhalt zu legen, den Feind in eine Falle zu locken und sich beiderseits umzubringen, hatte er entschieden etwas Beunruhigendes an sich, jener in den Anblick der Natur versenkte, gewissermaßen im unendlichen Frieden der außermenschlichen Dinge untergegangene Einsiedler, der seine Gräser und Kräuter pflückte und sich lediglich mit Blumen, Waldvögelchen und Sternen abgab; er war offenbar nicht bei Verstand; er kroch ja mit keiner Flinte hinter den Hecken und schoß auf Niemand; deshalb betrachtete man ihn mit einem dumpfängstlichen Gefühl. »Der Mann ist verrückt«, sagten die, die an ihm vorbeigingen; Tellmarch war mehr als einsam: er war gemieden. Man redete ihn nicht an, antwortete ihm nur selten, und so war es ihm denn nicht möglich geworden, alle gewünschten Erkundigungen einzuziehen. Der Kampf hatte sich weitergewälzt; man hatte den Kriegsschauplatz gewechselt; der Marquis von Lantenac war hinter dem Horizont verschwunden und das Wüthen des Hasses mußte ein Mensch wie Tellmarch, wenn er es beachten sollte, auf seinem Nacken fühlen.

Bei der Aeußerung »meine Kinder« hatte Tellmarch zu lächeln aufgehört und die Mutter nachzugrübeln begonnen. Was ging in ihrer Seele vor? Sie war wie gefangen in einem Abgrund. Plötzlich schaute das Weib zu Tellmarch auf und rief abermals, fast im Ton des Zornes: – Meine Kinder!

Tellmarch senkte das Haupt wie Einer, der sich schuldig weiß; er dachte an jenen Marquis von Lantenac, welcher seiner gewiß nicht dachte, ja längst wohl vergessen hatte, daß ein Tellmarch existirte. Das sah er auch ein und sagte zu sich selber: Ein vornehmer Herr, der kennt Einen, so lange die Gefahr währt; nachher ist’s aus mit der Bekanntschaft. Aber, warum, fragte er sich, warum hast Du den vornehmen Herrn gerettet? Weil es ein Mensch ist, gab er sich zur Antwort und verweilte eine Zeitlang bei dem Gedanken; dann fragte er weiter: Ist das auch so gewiß? und schloß mit seinem bittern Ausspruch von damals: Hätte ich ahnen können! …

Das ganze Abenteuer mit dem Marquis drückte ihn nieder, denn aus seiner That blickte ihn etwas Räthselhaftes an, das wehmüthige Betrachtungen in ihm wachrief: eine gute Handlung konnte also auch eine böse Handlung sein; wer den Wolf rettet, tödtet die Lämmer; wer die Schwinge des Geiers heilt, wird verantwortlich für die Klauen.

Er warf sich wirklich eine Schuld vor und gab dem unbewußten Zorn der Mutter Recht. Daß er diese gerettet hatte, ließ ihn zwar die Rettung des Marquis wieder verschmerzen; aber die Kinder?

Auch die Frau brütete noch immer vor sich hin. Beider Gedanken hielten Schritt mit einander und mochten sich wohl, wenn auch ohne Worte, im Halbdunkel der Träumerei verschmelzen. Jetzt richtete die Mutter den umnachteten Blick wieder auf Tellmarch: – So kann es doch nicht ausgehen, sagte sie. – Still, flüsterte Tellmarch und legte den Finger auf den Mund. Sie jedoch fuhr fort: – Es war nicht recht von Euch, mich ins Leben zurückzurufen und ich verarg es Euch. Lieber wäre ich todt; dann könnte ich sie wenigstens sehen und wüßte, wo sie sind, und wenn auch sie mich nicht sehen würden, so wäre ich doch um sie; so etwas wie eine Todte, das darf gewiß über die Seinen wachen.

Tellmarch streckte die Hand aus und griff ihr nach dem Puls: – Beruhigt Euch; Ihr redet Euch ja ins Fieber.

– Wann werde ich fort können? fragte sie; fast mit barscher Stimme.

– Fort? – Ja, in die Welt hinaus.

– Nie, wenn Ihr nicht vernünftig seid; wollt Ihr aber brav sein, schon morgen.

– Was heißt Ihr brav sein? – Dem lieben Gott vertrauen. – Gott! was hat er mit meinen Kindern angefangen?

Sie war wie von Sinnen: – Ihr begreift doch, setzte sie hinzu, und ihre Stimme klang plötzlich sehr weich, daß ich so nicht weiterleben kann. Ihr habt keine Kinder gehabt, aber ich. Das ist doch ein Unterschied. Man kann sich keinen Begriff von einer Sache machen, wenn man nicht weiß, was es ist. Ihr habt nie Kinder gehabt, nicht wahr?

– Nein, antwortete Tellmarch.

– Und ich habe sonst nichts gehabt als Kinder. Was wäre ich denn ohne meine Kinder? Es soll mir Einer nur erklären, warum ich meine Kinder nicht bei mir habe. Eben weil ich’s nicht verstehe, merke ich, daß etwas vorgeht. Sie haben mir meinen Mann umgebracht, haben auf mich geschossen; aber ich versteh’s einmal nicht.

– Da packt Euch schon Euer Fieber wieder. Seid doch nur still. Sie sah ihn an und verstummte. Von diesem Augenblick sprach sie nicht mehr. Sie wurde gehorsamer, als es Tellmarch lieb war. Stundenlang konnte sie beim alten Baum kauern, und vor sich hinstarren, brütend und schweigend. Im Schweigen finden die einfachen Gemüther, wenn sie sich in einen Schmerz vertieft haben, eine Art Zuflucht. Sie schien es aufzugeben, ihre Lage zu begreifen. Ueber ein gewisses Maß hinaus ist dem Verzweifelnden die Verzweiflung nicht mehr faßbar. Tellmarch betrachtete sie voller Rührung. Beim Anblick dieses Jammers verfiel der alte Mann in die Denkweise eines Weibes: Ach ja, sagte er zu sich selber, mit den Lippen spricht sie nicht; sie spricht aber mit den Augen; ich sehe schon, was ihr fehlt; sie hat blos ein einziges Gefühl: Mutter gewesen zu sein und es nicht mehr zu sein, einen Säugling gestillt zu haben und ihn nicht mehr stillen zu können. Sie kann’s nicht verwinden. Sie denkt an das ganz Kleine, dem sie noch vor Kurzem die Brust reichte. Daran denkt und denkt sie immer und immer. Und es muß ja auch so überaus lieblich sein, zu fühlen, wie ein kleiner rother Mund Einem die Seele aus dem Leib trinkt und sich ein eigenes Leben saugt aus dem Leben der Mutter.

Auch er schwieg jetzt, denn dieser Zerknirschung gegenüber leuchtete ihm die Ohnmacht der menschlichen Sprache ein. Eine stumme fixe Idee ist etwas Schreckliches. Und wie wäre der fixen Idee einer Mutter beizukommen? Aus der Mutterempfindung giebt es keinen Ausweg; mit ihr läßt sich nicht rechten. In dieser vernunftlosen Verbortheit liegt gerade das Erhabene an einer Mutter. Die Mutterliebe ist das Göttliche im Thierischen. Eine Mutter ist nicht mehr das Weib; sie ist das Weibchen und die Kinder sind ihre Jungen. Daher ein Etwas, welches zugleich unter und über dem logischen Denken steht, ein sechster Sinn. In der Mutter webt das unendliche, geheimnißvolle Wollen der Schöpfung, eine Blindheit voll Erkenntnißahnen. Jetzt bemühte sich Tellmarch, die Unglückliche wieder zum Reden zu bringen, leider umsonst.

– Es ist ein Elend, sagte er eines Tags zu ihr, daß ich alt bin und nicht mehr gehen kann. Ich bin beim Ende meiner Kraft früher angelangt als beim Ende meines Wegs. Schon nach einer Viertelstunde versagen die Beine mir den Dienst und ich muß ausruhen. Sonst könnte ich Euch begleiten. Doch wer weiß? vielleicht ist es doch gut so; ich würde Euch eher Gefahr als Nutzen bringen. Hier duldet man mich, aber den Blauen bin ich als Bauer verdächtig und den Bauern als Hexenmeister.

Er wartete auf eine Antwort. Sie schaute nicht einmal auf. Eine fixe Idee führt zum Wahnsinn oder zum Heldenthum. Doch zu welchem Heldenthum kann ein armes Bauernweib sich versteigen? Zu keinem; es kann Mutter sein, weiter nichts. So versank sie denn, unter Tellmarchs Augen, täglich tiefer in ihre Träumerei. Er versuchte nun, sie zu beschäftigen, brachte ihr Faden, Nadel- und Fingerhut und, zur Freude des armen Bettlers, fing sie wirklich zu nähen an; sie war zwar stets noch verträumt, aber doch fleißig, immerhin ein Zeichen von Gesundheit. Ihre Kräfte nahmen sichtlich zu. Sie stickte ihre Wäsche, ihre Kleider, ihre Schuhe, doch ihr Auge blieb verglast. Mitten unter der Arbeit sang sie mit halber Stimme verworrene Liederweisen vor sich hin und murmelte Namen, wahrscheinlich Kindernamen, aber so undeutlich, daß Tellmarch sie nicht verstand. Zuweilen hielt sie inne, um die Vögel zu belauschen, als ob sie von ihnen etwas erfahren könnte. Auch nach dem Wetter schaute sie. Ihre Lippen bewegten sich und leise sprach sie mit sich selber. Sie nähte sich einen Sack und füllte ihn mit Kastanien. Eines Morgens machte sie sich auf, den Blick aufs Geradewohl vor sich hingerichtet in den tiefen Wald.

– Wo wollt Ihr hin, fragte Tellmarch?

– Sie suchen, erwiderte sie.

Tellmarch ließ sie ohne jegliche Vorstellung ziehen.

VII.

Die beiden Pole des Wahren.

Nach einigen Wochen, reich an allen Abwechselungen des Bürgerkriegs, wurde in der Gegend von Fougères nur noch von zwei Männern gesprochen, die, trotz ihrer gründlichen Charakterverschiedenheit, ein gemeinsames Ziel verfolgten, das heißt neben einander die große revolutionäre Schlacht ausfochten. Der Zweikampf in der Vendée dauerte fort; nur verlor die Vendée von ihrem Terrain. Im Departement Ille-et-Vilaine namentlich war es dem jungen Kommandanten, der in Dol zu so gerathener Zeit die Kühnheit der sechstausend Royalisten mit der Kühnheit der fünfzehnhundert Patrioten übertrumpft hatte, gelungen, den Aufstand wenn nicht zu ersticken, so doch bedeutend zu schwächen und einzudämmen. Auf diesen Handstreich waren seitdem noch ein paar ähnliche gefolgt und durch dies Kriegsglück wurde eine neue Situation geschaffen.

Die Lage hatte eine andere Gestalt angenommen, aber zu gleicher Zeit war eine eigenthümliche Verwickelung eingetreten. Daß in diesem Theil der Vendée die Republik die Oberhand hatte, darüber war kein Zweifel möglich, doch was für eine Republik? Mitten im aufkeimenden Triumph standen einander zwei Verkörperungen der Republik gegenüber, die Republik des Schreckens und die Republik der Milde; die eine wollte durch Einschüchterung, die andere durch Großmuth siegen. Welche sollte Recht behalten? Beide Systeme waren durch zwei Männer von besonderem Einfluß und Ansehen vertreten, durch einen Militärchef und einen Civilbevollmächtigten. Welchem von den Zweien gehörte die Zukunft? Der Eine, der Civilbevollmächtigte, stützte sich, um seine Anschauung durchzusetzen, auf manchen gebieterischen Rückhalt: auf die drohende Parole des Pariser Stadtraths, die er den Bataillonen von Santerre zu überbringen hatte: »Keine Gnade, keinen Pardon!« ferner auf die Verordnung des Konvents, die über Jeden Todesstrafe verhängte, »der einem gefangenen Rebellenführer die Freiheit schenken oder zur Flucht verhelfen würde«, ferner auf die ihm vom Wohlfahrtsausschuß übertragene unumschränkte Gewalt und endlich auf eine Bekräftigung seiner Vollmacht durch Robespierre, Danton und Marat. Der Andere, der Soldat, konnte sich nur auf die Kraft berufen auf das Mitleid. Er hatte nichts als seinen Arm, der die Feinde schlug, und sein Herz, das sich ihrer erbarmte. Als Sieger beanspruchte er das Recht, die Besiegten zu schonen. Daher eine Verborgene aber tiefgehende Spaltung zwischen diesen Männern, die von zwei verschiedenen Wolken herab im Kampf mit der Rebellion ihren besonderen Donnerkeil schleuderten, der Eine den Sieg, der Andere den Schrecken.

Im ganzen Bocage war nur von ihnen die Rede und allenthalben richtete man den Blick mit um so größerer Spannung auf sie, als die zwei so schroff einander Gegenüberstehenden, hiervon abgesehen, auf’s Innigste verbunden waren. Nie hatten sich zwei Seelen in edlerer und wärmerer Zuneigung zu einander hingezogen gefühlt; trug doch der Hartherzige eine Narbe auf der Stirn, die davon erzählte, daß er dem Weichmüthigen das Leben gerettet hatte. Aus dem Einen starrte der Tod; aus dem Andern strömte das Leben; aus dem Einen sprach der Grimm, aus dem Andern die Versöhnung, und – seltenes Räthsel! – sie liebten einander dennoch. Man denke sich einen barmherzigen Orest und einen unerbittlichen Pylades, oder denke sich Ahriman als den Bruder von Ormuzd. Bemerken wir übrigens noch, daß derjenige, den wir den Hartherzigen genannt haben, zugleich der aufopferndste Mensch der Welt war, daß er die Verwundeten verband, die Kranken pflegte, Tag und Nacht in Lazarethen und Spitälern wachte, daß ihn ein barfüßiges Bettelkind im Tiefsten rühren konnte, daß er nichts besaß, weil er den Armen Alles gab. Wo man sich schlug, war er dabei; an der Spitze der Kolonnen drang er ins dichteste Schlachtgewühl vor, bewaffnet, denn er trug ja einen Säbel und im Gürtel zwei Pistolen, und wehrlos, denn noch nie hatte man ihn den Säbel ziehen oder die Pistolen abfeuern sehen. Er trotzte jedem Hieb, ohne ihn zu erwidern. Er sei eben Priester gewesen, sagte man. Zwischen den Menschen Gauvain und Cimourdain waltete Freundschaft, aber ihre Anschauungsweisen stießen einander feindlich ab. Sie glichen den beiden Hälften einer entzwei geschnittenen Seele; es war, als habe Cimourdain seinen zarten Theil, den hellen Strahl, dem Schüler abgetreten und für sich behalten, was man den dunkeln Strahl nennen möchte. Darin lag eine schlummernde Dissonanz, ein dumpfer Widerstreit, der früher oder später einen Anprall herbeiführen mußte. So brach denn auch eines Morgens der offene Kampf aus. Cimourdain sagte zu Gauvain:

– Wie weit wären wir jetzt eigentlich?

– Das wissen Sie so gut wie ich, antwortete Gauvain. Ich habe Lantenac’s Banden zerstreut.

Mit den paar Mann, die er noch bei sich hat, kommt er aus dem Wald von Fougères nicht mehr heraus. In acht Tagen ist er umzingelt.

– Und in vierzehn Tagen?

– Gefangen.

– Und dann?

– Sie haben mein Plakat ja gelesen?

– Ja, also dann?

– Dann wird er erschossen.

– Immer wieder diese Milde. Guillotinirt muß er werden.

– Ich, sagte Gauvain, bin für den Soldatentod.

– Und ich, entgegnete Cimourdain, bin für die revolutionäre Hinrichtung.

Er schaute Gauvain scharf zwischen die Augen und fragte:

– Warum hast Du jene Klosterfrauen von Saint-Marc-le-Blanc auf freien Fuß setzen lassen?

– Ich führe nicht Krieg gegen Frauen, erwiderte Gauvain.

– Jene Frauen hassen das Volk und im Hassen wiegt ein Weib zehn Männer auf. Warum hast Du Dich geweigert, jenes ganze Rudel von fanatischen alten Priestern, das in Louvigné gefangen ward, vors revolutionäre Schwurgericht zu verweisen?

– Ich führe nicht Krieg gegen Greise.

– Ein alter Priester ist schlimmer als ein junger und um so gefährlicher die Rebellion, wenn man sie predigt mit weißem Haar, denn so eine runzelige Stirn imponirt den Menschen. Nur kein falsches Mitleid, Gauvain. Von den Königsmördern geht die Befreiung aus. Laß mir den Thurm le Temple nicht aus dem Auge.

– Den Thurm le Temple! Aufschließen würde ich ihn dem gefangenen Dauphin: ich führe nicht Krieg gegen Kinder.

– Wisse, Gauvain, sagte Cimourdain mit strafendem Blick, daß Krieg geführt werden soll auch gegen das Weib, wenn es Marie-Antoinette, auch gegen den Greis, wenn er Pius VI., auch gegen das Kind, wenn es Louis Capet heißt.

– Lieber Lehrer, ich bin kein politischer Kopf.

– Ein gefährlicher Kopf zu sein, davor hüte Dich. Beim Angriff auf den Wachtposten von Cossé, als der Rebell Jean Treton, in die Enge getrieben, mit dem gewissen Tod vor Augen, sich, den Säbel in der Faust, allein, auf Deine ganze Kolonne warf, warum hast Du gerufen: »Oeffnet die Reihen, laßt ihn durch?«

– Weil man nicht zu Fünfzehnhundert zusammensteht, um einen Einzelnen umzubringen.

– Und in la Cailleterie d’Astillé, als Deine Soldaten sich anschickten, den verwundet am Boden hinkriechenden Joseph Bézier niederzumachen, warum hast Du da gerufen: »Vorwärts Marsch! Laßt das meine Sache sein«, und hast Dein Pistol dann in die Luft abgefeuert?

– Weil man Keinen umbringt, der am Boden liegt.

– Und hast doch wieder Unrecht gehabt, denn zur Stunde führt Jeder von Beiden eine Bande an; aus Joseph Bézier ist Moustache geworden und aus Jean Treton Jambe-d’Argent. Durch die Rettung jener zwei Männer hast Du die Feinde der Republik um zwei vermehrt.

– Mein Streben aber war und ist, ihr Freunde zu werben, anstatt ihre Feinde zu verbittern.

– Warum hast Du nach dem Sieg von Landéau Deine dreihundert Gefangenen nicht erschießen lassen?

– Weil Bonchamp zuvor die gefangenen Republikaner geschont hatte und nicht gesagt werden sollte, die Republik sei minder hochherzig als ein Royalist.

– So würdest Du also auch Lantenac, wenn er in Deine Hände fiele, am Leben lassen?

– Nein.

– Warum denn nicht, da Du die dreihundert Bauern am Leben gelassen hast?

– Die Bauern sind blinde Werkzeuge; Lantenac hingegen weiß, was er thut.

– Aber mit Lantenac bist Du verwandt.

– Ich bin verwandt mit Frankreich.

– Lantenac ist ein Greis.

– Lantenac ist ein Fremder. Lantenac hat kein Alter. Lantenac ruft die Engländer herein. Lantenac ist die Invasion. Lantenac ist der Feind des Vaterlands und der Zweikampf zwischen ihm und mir kann nur mit seinem Tod enden oder mit dem meinen.

– Gauvain, diese Worte grabe in Dein Gedächtniß.

– Das sind sie schon.

Es entstand eine Pause; Beide schauten einander an.

– Blutroth wird sie in der Geschichte stehen, diese Jahreszahl 93, bemerkte Gauvain.

– Sei auf der Hut vor Dir selber, rief Cimourdain. Die furchtbaren Pflichten sind Wirklichkeiten. Klage nicht an, was nicht angeklagt werden kann. Seit wann trägt der Arzt die Schuld an der Erkrankung? Freilich ist es die Unerbittlichkeit, welche diesem Ungeheuern Jahr den Stempel aufdrückt. Und warum? Weil es das große Revolutionsjahr ist. Dies Jahr, in dem wir leben, ist die Verkörperung der Revolution. Die Revolution hat einen Feind, die alte Welt, und für den kennt sie kein Erbarmen, gerade wie der Wundarzt einen Feind hat, den Krebs, und für den auch kein Erbarmen kennt. Die Revolution schneidet das Königthum aus in der Person des Königs, den Adel in der Person des Adeligen, die Willkürherrschaft in der Person des Söldlings, den Aberglauben in der Person des Priesters, die Barbarei in der Person des Richters, mit einem Wort alle Tyrannei in der Person derer Aller, welche der Tyrann sind. Die Operation ist gräßlich; mit sicherer Hand führt die Revolution sie zu Ende, und was das gesunde Fleisch betrifft, das mit ausgeschnitten wird, frage nur einmal bei einem Boerhave an, wie er darüber denkt. Welches Geschwür läßt sich entfernen ohne Blutverlust? Welcher Stadtbrand läßt sich löschen, ohne daß man ihm ein paar Häuser erst aufopfert? Gerade diese schrecklichen Nothwendigkeiten sind die Grundbedingungen des Erfolgs. Ein Wundarzt hat immer eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Fleischer, und wer da heilt, läuft immer Gefahr, für Einen gehalten zu werden, welcher hinrichtet. So giebt sich die Revolution opfermuthig zu dem Schicksalswerk her und verstümmelt, um zu retten. Und Ihr, Ihr ruft sie um Gnade an für die Fäulniß? verlangt Nachsicht von ihr für den Giftstoff? Aber sie hört nicht auf Euch. Sie hält die Vergangenheit unter dem Messer und wird ihr den Rest geben. Sie schneidet unserer Kultur eine klaffende Wunde, aus welcher die Gesundheit des ganzen Menschengeschlechts hervorblühen wird. Ihr leidet darunter? Freilich; doch auf wie lang? Nur bis die Operation überstanden sein wird, und dann sollt Ihr leben. Die Revolution amputirt der Welt ein paar Glieder, und den Blutabfluß nennen wir das Jahr 93.

– Der Chirurg bleibt kalt, sagte Gauvain, und die Männer von heute sind voller Leidenschaft.

– Die Revolution, entgegnete Cimourdain, braucht wilde Gehilfen. Sie weist jede Hand zurück, die ins Zittern geräth, und vertraut sich nur den Unerbittlichen an. Danton ist der Furchtbare; Robespierre ist der Unbeugsame; Saint-Just ist der Unabwetzbare; Marat ist der Unversöhnliche. Nimm Dich in Acht, Gauvain. Diese Namen sind Notwendigkeiten, sind ebensoviel Armeen und vor ihnen wird die europäische Koalition zurückbeben.

– Die Nachwelt vielleicht auch, sagte Gauvain und fuhr dann nach kurzem Schweigen fort: Sie irren sich übrigens, mein lieber Lehrer, wenn Sie glauben, daß ich Jemand anklage. Für mich läßt sich die Revolution nur von einem Standpunkt aus beurtheilen, von dem der Unverantwortlichkeit und ohne allen Schuldbegriff. Ludwig XVI. ist ein Lamm unter Löwen. Er will fliehen, sucht Rettung, möchte sich vertheidigen, würde beißen, wenn er nur könnte, aber Löwe kann nicht Jeder sein; es blos sein zu wollen, gilt für ein Verbrechen. Das zornentbrannte Lamm zeigt die Zähne. Seht den Verräther! sagen die Löwen und sie zerreißen es. Und dann, dann bekriegen sie einander selbst. – Ein Lamm ist ein Thier. – Und ein Löwe, was ist der?

Dieser Einwurf gab Cimourdain zu denken.

– Jene Löwen, sagte er, das Haupt wieder erhebend, jene Löwen sind ebensoviele Gewissen, ebensoviele Ideen, ebensoviele Prinzipien.

– Sie führen die Schreckenszeit herauf.

– Die vollbrachte Revolution wird die Rechtfertigung der Schreckenszeit sein. Sorgen Sie dafür, daß die Schreckenszeit nicht die Verleumdung der Revolution werden möge. Und Gauvain fuhr fort: Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung, das sind doch Grundsätze des Friedens und Herzenseinklangs; warum also ihnen eine abschreckende Gestalt geben? Was wollen wir denn? Die Völker für die Weltrepublik gewinnen. Flößen wir ihnen also vor Allem keine Furcht ein. Wozu die Einschüchterung? Gerade so wenig wie die Vögel fühlen sich die Menschen zu einem vor ihnen aufgerichteten Schreckbild hingezogen. Man soll nicht um des Guten willen Böses thun. Man stürzt einen Thron nicht, um ein Schaffot stehen zu lassen. Den Königen Tod, aber für die Völker Leben! Reißen wir die Kronen herab, nicht die Köpfe! Die Revolution ist die Eintracht, nicht das Entsetzen, und zur Verbreitung milder Anschauungen taugen keine nachsichtlosen Männer. In der ganzen menschlichen Sprache ist das Wort Aussöhnung für mich das Schönste. Blut will ich nur da vergießen, wo ich mein eigenes in die Schanze schlage. Indem kann ich nichts Anderes und bin weiter nichts als ein Soldat. Wenn jedoch nicht verziehen werden darf, verlohnt sich’s kaum mehr, zu siegen. Seien wir darum nur während der Schlacht die Feinde unserer Feinde, dann aber ihre Brüder!

– Zum dritten Mal warne ich Dich, sagte Cimourdain. Du, Gauvain, bist mir mehr als ein Sohn; darum laß Dich warnen! Und in Gedanken versunken, fügte er noch hinzu: In unsern Zeiten ähnelt das Mitleid möglicherweise dem Verrath.

Der Meinungsaustausch dieser zwei Männer aber ähnelte einem Zwiegespräch zwischen dem Degen und der Axt.

VIII.

Dolorosa.

0207

Unterdessen suchte die Mutter ihre Kleinen.

Sie wanderte, wanderte. Wie sie lebte? Es läßt sich schwer sagen; sie selber wußte es kaum. Tage und Nächte lang war sie unterwegs; sie bettelte; sie stillte ihren Hunger mit dem Gras des Feldes, schlief auf der harten Erde oder im Gestrüpp, unter freiem Himmel, oft unter den Sternen, oft auch unter Regen und Sturm. Sie erkundigte sich von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, auf den Thürschwellen, in Fetzen, hier aufgenommen, dort weitergejagt. Wenn sie in den Häusern nicht geduldet wurde, ging sie ins Gehölz. Die Gegend war ihr unbekannt; unbekannt war ihr überhaupt Alles außer Siscoignard und der Gemeinde von Azé. Planlos streifte sie umher, fand sich oft an der Stelle wieder, die sie kurz zuvor verlassen hatte, und legte den unnütz gemachten Weg zwei Mal zurück, bald auf Steinen, bald in den Geleisen der Karren, bald auf Waldpfaden. Ihre elenden Kleider fielen ihr auf der Irrfahrt vom Leib. Erst ging sie in ihren Schuhen, dann barfuß, zuletzt auf blutenden Sohlen. Sie lief mitten durch den Krieg, zwischen den Flintenschüssen einher, ohne zu hören, ohne zu sehen, ohne auszuweichen, immer nach ihren Kindern. Alles war in Aufruhr; es gab weder Gensdarmen mehr, noch Bürgermeister, noch Gemeindebehörden, sie war lediglich auf die zufällig Vorübergehenden angewiesen; die redete sie denn an: Habt Ihr irgendwo drei kleine Kinder gesehen? fragte sie. Die Vorübergehenden schauten. Zwei Knaben und ein Mädchen, fuhr sie fort; René Jean, Gros-Alain, Georgette? Ist Euch so was nicht vorgekommen? Der Aelteste, setzte sie hinzu, ist vier und ein halbes Jahr alt, die Kleine zwanzig Monate. Wißt Ihr vielleicht, wo sie sind? fragte sie weiter; weggenommen hat man sie mir.

0239

Die Kinder wachten auf.

Aber man schaute sie an, und dabei blieb es. Da sie merkte, daß man sie nicht verstand, erklärte sie: Die Kinder gehören eben mir; so verhält es sich.

Und wenn die Leute weitergingen, blickte sie ihnen schweigend nach und riß sich den Busen mit den Nägeln wund. Ein Tages jedoch hörte ihr ein Bauer zu und schien sich auf etwas zu besinnen. Ja, was wäre denn das? meinte der gute Mann. Drei Kinder, sagt Ihr?

– Drei Kinder.

– Zwei Knaben?

– Und ein Mädchen.

– Das also sucht Ihr?

– Ja.

– Ich habe von einem großen Herrn gehört, der drei Kinder mit fortgenommen und bei sich hatte.

– Wo ist der Herr? rief sie. Wo sind sie. – Geht einmal nach La Tourgue. – Und dort werde ich meine Kinder wiederfinden?

– Allem Anschein nach, ja.

– Wohin sagtet Ihr?

– Nach La Tourgue.

– Was ist das, La Tourgue?

– Eine Gegend halt.

– Ein Dorf oder ein Schloß oder ein Gehöft?

– Dortgewesen bin ich nie.

– Habe ich weit dorthin?

– Nahe ist’s nicht.

– Wozugegen?

– Gegen Fougères zu.

– Wie kann ich hinkommen?

– Ihr seid zu Vantortes, sagte der Bauer, müßt also Ernée links und Coxelles rechts liegen lassen und geradeaus dorthin, wo die Sonne untergeht, fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach Westen; erst über Lorchamp und nachher über Leroux.

Während der Bauer noch hindeutete, hatte sie sich schon auf den Weg gemacht. – Aber paßt auf, rief er ihr nach; dort drüben schlägt man sich.

Sie gab keine Antwort und eilte, ohne auch nur umzuschauen, in der gegebenen Richtung voran.

IX.

1.

La Tourgue.

0223

Der Wanderer, der von Laignelet nach Parigne durch den Wald von Fougères ging, wurde, noch vor vierzig Jahren, am Saume des wilden Dickichts angelangt, durch eine düstere Begegnung überrascht. Beim Heraustreten aus dem Wald stand er plötzlich La Tourgue gegenüber, oder vielmehr der geborstenen, zerschossenen, durchlöcherten, verstümmelten Leiche von La Tourgue. Die Ruine verhält sich zum Gebäude wie das Gespenst zum Menschen. Man konnte nichts Unheimlicheres sehen als den hohen, runden, wie einen Verbrecher einsam am Waldrand lauernden Thurm La Tourgue. Diesen Thurm, der auf einem senkrechten Felsen emporragte, hätte man für einen Römerbau halten können, denn in ihren regelmäßigen, mächtigen Dimensionen legte Einem die gewaltige Steinmasse zugleich mit dem Begriff des Verfalls den Begriff der Dauerhaftigkeit nahe. Einigermaßen römisch war sogar der Thurm auch, denn er war romanisch; im neunten Jahrhundert entstanden, war er im zwölften Jahrhundert, nach dem dritten Kreuzzug, vollendet worden; für dies Alter zeugten die rechtwinkeligen Vorsprünge an den Kämpfern der Thür- und Fensteröffnungen. Wenn man näher trat, die Höhe erklomm und sich durch eine Bresche wagte, die man jetzt gewahrte, war man drinnen, und drinnen war Alles leer. Man denke sich in etwas wie eine kolossale, aufrechtstehende, steinerne Trompete hinein; von unten bis hinauf kein Hemmniß für den Blick, weder Decken noch Fußböden mehr, nur hin und wieder Gewölbe- und Kaminunterlagen, und in verschiedener Höhe Lücken für das Querholz, granitene Mauerkränze mit Balkenträgern und noch einige, die Lage der Stockwerke andeutende, von den dort hausenden Nachtvögeln verunreinigte Balken; sonst nichts als die riesige, am Boden fünfzehn und an der Spitze zwölf Fuß dicke Mauer mit Löchern, die einst Thüren gewesen und durch welche man die im Innern dieser Mauer aufsteigenden dunkeln Treppen halb errathen, halb wahrnehmen konnte. Der Wanderer, der am Abend bis hierher vordrang, hörte das Geschrei der Eulen, der Windfänger, der Ziegenmelker und Schildreiher, und sah Dornsträucher, Steine, Reptilien zu seinen Füßen, zu Häupten aber, durch eine schwarze Rundung, welche die Thurmspitze war und der Oeffnung eines ungeheuern Brunnens glich, die Sterne. In der Gegend war von Alters her das Gerücht verbreitet, daß in den oberen Stockwerken des Thurms geheime Thüren seien, große Steine, die, wie die Pforten an den jüdischen Königsgräbern, auf einem Zapfen ruhend, durch Drehen geöffnet wurden, und die, wieder zugemacht, in der Mauerfläche verschwanden, – eine architektonische Mode, welche, wie auch der Spitzbogen, in Folge der Kreuzzüge dem Orient entlehnt worden. Geschlossen, waren diese Thüren für den nicht Eingeweihten unmöglich zu finden, so täuschend sahen sie allen übrigen Steinen der Mauer ähnlich. Solche Pforten kommen heutigen Tages noch in den geheimnißvollen Ortschaften des Libanon vor, welche vom Erdbeben der zwölf Städte unter Tiberius verschont geblieben sind.

2.

0228

Die Bresche.

Die Bresche, durch die man in die Ruine trat, rührte von einer Mine her, welche den vollen Beifall eines mit Errard, Sadi und Pagan vertrauten Kenners verdient hätte. Die pfaffenmützenförmige Pulverkammer stand zum Objekt, das sie sprengen sollte, in richtigem Verhältniß und mußte mindestens ihre zwei Centner Pulver enthalten haben. Sie befand sich am Ende eines geschlängelten Ganges, der ja dem geraden immer vorzuziehen ist. Das Springen der Mine hatte im zerrissenen Gemäuer die Bahn der Pulverwurst blosgelegt, welche den erforderten Durchmesser eines Hühnereis aufwies, und dem Thurm eine tiefe Wunde beigebracht, durch welche die Belagerer jedenfalls eindringen konnten. Daß dieser Thurm zu allen möglichen Zeiten solche regelmäßige Belagerungen hatte aushalten müssen, zeigten die je nach ihrem Alter verschiedenartigen Verletzungen, mit denen er über und über bedeckt war; jedes Geschoß hinterläßt seine charakteristische Spur, und dem Thurm hatte auch Jegliches seine Siegel aufgedrückt, von den steinernen Kugeln des vierzehnten bis zu den eisernen des achtzehnten Jahrhunderts.

Gegenüber der Bresche, durch die man in den Raum trat, der früher das Parterre gewesen, öffnete sich in der Thurmmauer das Pförtchen, durch welches man zu einer in den Felsen gehauenen Krypte hinunterstieg, welche sich zwischen dem Fundament des Gebäudes bis unter das Erdgeschoß ausdehnte. Diese zu drei Vierteln bereits verschüttete Krypte hat der Alterthumsforscher von Bernau, Herr August Le Prevost, im Jahr 1855 säubern lassen.

3.

Das Burgverließ

0229

Das eigentliche Burgverließ des Schlosses La Tourgue.

Die Krypte war das Burgverließ, das unter dem Hauptthurm keines Schlosses fehlen durfte; sie war, wie viele unterirdischen Kerker aus derselben Zeit, zweistöckig. Den ersten Stock, in den man durch das Pförtchen gelangte, bildete ein ziemlich geräumiges Gewölbe, das an den ebenerdigen Saal grenzte. An den Seitenwänden dieser Kammer bemerkte man gegenüberliegend je eine senkrechte Furche; beide Furchen liefen längs der Decke mit tiefem Einschnitt geleiseförmig in einander. Geleise waren es auch, denn sie waren durch zwei Räder gegraben worden. Früher, zur Zeit der Feudalherrschaft, wurde in dieser Kammer die Viertheilung vollzogen, und zwar in einfacherer Weise als vermittelst der vier Pferde. Auf jeder Seite stand nämlich, die Speichen der Wand zukehrend, ein Rad, welches so stark und groß war, daß es sowohl Wand wie Decke berührte. An jedes Rad wurde ein Arm und ein Bein des armen Sünders befestigt; dann wurden die Räder in entgegengesetzter Richtung gedreht und der Mann in Folge dessen mitten entzweigerissen. Da dies nur mit bedeutendem Kraftaufwand geschehen konnte, hatten die Räder die Wände durchfurcht. Ein ähnliches Gewölbe findet man in Vianden heute noch.

Unter dieser Kammer lag eine zweite, das eigentliche Burgverließ. Es führte in dieselbe keine Thür, sondern ein Loch; der arme Sünder wurde, nachdem man ihn entkleidet hatte, an einem unter seinen Achselhöhlen festgebundenen Seil durch eine in der Mitte des steinernen Fußbodens der oberen Kammer angebrachte Oeffnung hinuntergelassen. Wenn er beharrlich weiterlebte, warf man ihm auf gleichem Weg seine Nahrung herab. Solch ein Loch ist jetzt noch in Bouillon zu sehen. Durch dies Loch zog ein Luftstrom aufwärts. Die tiefere Kammer, welche unter dem ebenerdigen Saale lag, war mehr ein Brunnen als eine Kammer; sie stand stellenweise voller Wasser und war von einem eisigen Windhauch durchweht. Dieser Windhauch, unter dem der untere Gefangene erstarrte, war eine Lebensbedingung für den Darüberwohnenden; er ermöglichte dem unter seinem Gewölbe im Finstern Herumtastenden das Atmen, denn nur durch dieses Zugloch wurde ihm Luft zugeführt. Wer übrigens in das Verließ hinab gelassen ward oder hinunterfiel, kam nie wieder heraus. Vor einem solchen Hinabfallen musste sich der Bewohner des ersten Kerkers wohl in Acht nehmen, denn es bedurfte nur eines Fehltritts, und der arme Sünder von oben musste unten zu Grunde gehen; dass ihm dies nicht widerfuhr, dafür hatte er eben zu sorgen. War ihm sein Leben lieb, so war das Loch für ihn eine Gefahr; war er hingegen des Lebens überdrüssig, so war es ihm ein Befreier. Das obere Stockwerk war das Gefängnis, das untere das Grab, eine Abstufung, die ein Abbild darbietet der damaligen Kulturzustände.

Von außen gewahrte man über der Bresche, durch die allein man vor vierzig Jahren in das Innere des Turms gelangte, eine Öffnung, welche breiter war als die anderen Schießscharten und an der ein zum Teil losgekittetes eingeschlagenes Gitterwerk aus Eisen herunter hing.

4.

Das Brückenschlösschen.

0231

Die Hinrichtung der Charlotte Corday

Der Tod Marat´s.

An der der Bresche entgegengesetzten Turmseite schloss sich, auf drei fast noch unversehrten Pfeilern ruhend, eine steinerne Brücke an, auf welcher ein Gebäude gestanden hatte, von dem nur noch die Trümmer vorhanden waren, das offenbar durch eine Feuersbrunst geschwärzte und angefressene Gebälk, eine Art Knochengerüst, durch welches die Sonne schien, und das sich neben dem Thurm erhob wie ein Skelett neben einem Phantom.

Nunmehr ist die Ruine ganz niedergerissen worden und keine Spur mehr davon übrig geblieben. Oft kann ein Bäuerlein in einem Tag abtragen, was manche Könige durch Jahrhunderte hindurch aufgebaut.

Der Name La Tourgue ist die volkstümliche Abkürzung von La Tour-Gauvain, ebenso wie »La Jupelle« eine Abkürzung von La Jupellière ist und der Name des Bandenführers »Pinson-le-Tort« das abgekürzte Pinson-le-Tortu.

La Tourgue, welches vor vierzig Jahren eine Ruine war und jetzt nur eine Erinnerung ist, war im Jahr 1793 noch eine Festung. Es war die alte Burg Derer von Gauvain, die Hochmacht am westlichen Eingang des Waldes von Fougères, der heutigen Tages ebenfalls kaum mehr ein Gehölz ist. Die Zitadelle war auf einen jener unzähligen großen Schieferblöcke gebaut, die zwischen Mayenne und Dinan auf den Haiden und im Dickicht zerstreut liegen, als hätten kämpfende Titanen damit herumgeworfen. Der Thurm war die ganze Festung; darunter der Fels, und unten am Felsen einer jener Bäche, die im Januar schäumend vorbeiströmen und im Juni versiegen. Diese überaus einfach angelegte Veste war im Mittelalter so gut wie unbezwingbar gewesen. Jetzt war ihre Widerstandsfähigkeit durch die Brücke beeinträchtigt. Diese Brücke war neueren Datums. So lange die von Gauvain Vikomte’s waren, hatte ihnen einer jener schwanken Stege genügt, die sich mit ein paar Beilhieben beseitigen lassen, als sie aber Marquis geworden und ihren Horst mit dem Hof vertauschten, bauten sie drei Pfeiler in das Bett des Baches und machten ihre Burg von der Ebene her zugänglich, wie sie selber zugänglich geworden waren für die Gunstbezeugungen des Königs. Die Marquis des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gaben wenig mehr auf uneinnehmbare Schlösser; anstatt wie früher in die Fußtapfen ihrer Ahnen zu treten, kopierten sie jetzt Versailles.

Dem Thurm gegenüber, nach Westen zu, lag ein ziemlich hohes Plateau, das sich verlorenerweise an das Flachland anschloß; dieses Plateau stieß beinahe an den Felsen des Thurmes und war von ihm nur durch die tiefe Schlucht getrennt, in welcher der Bach dahinfloß, um in den Couesnon zu münden. Die Brücke, welche die Festung mit dem Plateau verband, ruhte, wie gesagt, auf Pfeilern, und auf diesen Pfeilern wurde, wie zu Chenouceaux, im Stile Mansards ein Gebäude aufgeführt, welches wohnlicher war als der Thurm; da sich jedoch die Sitten damals nur unmerklich gemildert hatten, hausten die Burgherren nach altem Brauch vorzugsweise noch in den kerkerähnlichen Räumen ihres Thurmes. Was das Schlößchen auf der Brücke betrifft, so enthielt es ein langes Hochparterre, das man den Saal der Garden nannte, und durch welches man aus- und einging, darüber eine Bibliothek und über dieser den Dachboden. Lange Fenster mit kleinen Rundscheiben von böhmischem Glas; zwischen den Fenstern Pilaster; steinerne Médallíons in den Mauern; drei Stockwerke; im unteren Partisanen und Musketen, im mittleren Bücher und im oberen Säcke voll Hafer: das Ganze war etwas romantisch und sehr vornehm.

Der Thurm nebenan war bedrohlich. Seiner ganzen unheimlichen Höhe nach beherrschte er den koketten Anbau, und von seiner Plattform aus konnte man die Brücke zerschmettern. Die beiden Wohnstätten, die steilragende und die niedlich schwebende, stießen eher wider als an einander; der Stil der einen widersprach dem Stil der anderen. Wenn es auch den Anschein hat, als müßten zwei Halbkreise identisch sein, so steht doch dem romanischen Rundbogen nichts schroffer gegenüber als eine klassische Bogenverzierung. Jener Thurm, der nur in den Wald paßte, war für diese Brücke, die nach Versailles gepaßt hätte, eine sonderbare Nachbarschaft. Man denke sich einmal Alain den Krummbart Arm in Arm mit Ludwig XIV. Die Zusammenstellung war abschreckend und es lag ein gewisses peinlich gewaltsames Etwas in der Aneinanderkoppelung so unverträglicher Vorzüge.

Vom militärischen Standpunkt aus war, wir wiederholen es, die Brücke dem Thurm äußerst gefährlich; durch sie verziert und entwaffnet, gewann er einen Schmuck und verlor dafür von seiner Stärke, denn durch die Brücke war er jetzt an das Plateau festgeschmiedet; von der Waldseite her noch immer unüberwindlich, war er nach der Ebene zu nunmehr verwundbar und wurde von dem Plateau, das früher er beherrschte, selber beherrscht. Wie leicht konnte sich von dort aus ein Feind der Brücke bemächtigen! Bibliothek und Dachboden kamen dem Belagerer als Bundesgenossen gegen den Vertheidiger zustatten. Eine Bibliothek hat mit einem Dachboden das gemein, daß sowohl Bücher wie Stroh Zündstoff sind. Dem Belagerer, dem die Feuersbrunst zugut kommt, gilt es gleich, ob ein Homer oder ein Bündel Stroh brennt, wenn überhaupt nur etwas brennt; dafür liefern französischerseits Heidelberg und deutscherseits Straßburg den Beweis. Demnach war der Anbau der Brücke ein strategischer Fehler; aber im siebzehnten Jahrhundert, unter Colbert und Louvois, ließen sich die Fürsten Gauvain, ebensowenig wie die Fürsten von Rohan oder von La Trémoille, träumen, daß sie jemals noch belagert werden dürften. Dennoch hatte der Architekt einige Vorsichtsmaßregeln getroffen. Erstens war für den Fall einer Feuersbrunst vorgesorgt worden: unter den drei Fenstern des Schlößchens bachabwärts hing querüber an Haken, welche vor einem halben Jahrhundert noch zu sehen waren, eine starke Rettungsleiter, deren Länge der Höhe des unteren und mittleren Stockwerks, also der Höhe von drei gewöhnlichen Stockwerken, entsprach. Zweitens war auch gesorgt für den Fall eines Angriffs: die Brücke war vom Thurm durch eine schwere, niedrige, gewölbte Thür von Eisen getrennt, deren großer Schlüssel sich in einem dem Schloßherrn allein bekannten Versteck befand und die, einmal zugesperrt, des Sturmbocks spotten, ja vielleicht wohl auch den Kanonen Trotz bieten konnte. Zu dieser Thür führte nur die Brücke und in den Thurm nur diese Thür. Einen anderen Eingang gab es nicht.

5. Nummer

Die eiserne Thür.

Die mittlere Etage des auf den ragenden Pfeilern ruhenden Brückenschlößchens entsprach dem zweiten Stock des Thurmes, und in dieser Höhe war, der größeren Sicherheit halber, die eiserne Thür angebracht worden. Gegen die Brücke zu führte sie in die Bibliothek und gegen den Thurm zu in einen großen gewölbten Saal mit einer Säule in der Mitte; dieser Saal bildete, wie wir bereits wissen, das zweite Stockwerk des Thurmes und war deshalb rund; seine Beleuchtung erhielt er durch lange Schießscharten, die auf die Ebene hinausgingen. Die rohe Mauer trug keinerlei Verzierung und zeigte, übrigens symmetrisch sauber aneinandergereiht, ihre nackten Steine. Zu dem Saal führte eine in der Mauer aufsteigende Wendeltreppe, was bei einer Mauer von fünfzehn Fuß Tiefe nichts Absonderliches war. Im Mittelalter eroberte man eine Stadt Straße für Straße, eine Straße Haus für Haus, ein Haus Zimmer für Zimmer. Bei einer Festung mußte ein Stockwerk nach dem anderen belagert werden, und in dieser Hinsicht war La Tourgue vortrefflich eingerichtet; es setzte einem im Innern weiter dringenden Feind große Schwierigkeiten und Hindernisse entgegen. Die Treppen, durch welche die verschiedenen Stockwerke mit einander in Verbindung standen, waren, abgesehen von ihren Windungen, auch noch sehr steil und die schrägen Thüren so niedrig, dass man sich bücken mußte, um durchzukommen; mit vorgebeugtem Kopf eintreten müssen, hieß aber so viel wie mit zerschmettertem Kopf hereinfallen, denn hinter jeder Thür lauerte der Belagerte dem Belagerer auf.

Unter diesem runden Saal mit dem Pfeiler lagen zwei ähnliche Räume, einer im ersten Stock und einer im Erdgeschoß; darüber noch volle drei Etagen, und über den sechs aufeinander stehenden Gemächern war der Thurm durch einen steinernen Deckel geschlossen, welcher die Plattform bildete und auf den man durch ein enges Schauthürmchen emporstieg.

Die fünfzehn Fuß dicke Mauer, durch die man die Öffnung hatte brechen müssen, in welche man die eiserne Thür angebracht, schloss diese in eine lange Wölbung ein, so dass sich, wenn sie zu war, vor und hinter ihr, sowohl nach dem Saal wie nach der Brücke zu je eine Vorhalle von sieben bis acht Schuh Tiefe befand; stand hingegen die Pforte offen, so bildeten die beiden Vorhallen ein einziges doppelt so langes Thorgewölbe.

Unter der Vorhalle an der Brückenseite öffnete sich im Innern der Mauer das niedrige Pförtchen einer fliegenden Treppe, die in den unter der Bibliothek gelegenen Durchgang hinabführte; daraus erwuchs dem Belagerer wieder eine Schwierigkeit. Das Schlößchen auf der Brücke kehrte da, wo diese in geringer Entfernung vom Plateau mit dem dritten Pfeiler abschloß, dem Feind eine senkrechte Mauer zu, die nur durch eine niedere Thür durchbrochen war; von dieser Thür aus wurde vermittelst einer Zugbrücke, die wegen der Höhe des Plateaus nur in schiefer Lage herabgelassen werden konnte, die Verbindung zwischen jenem Plateau und dem langen Durchgang, den man den Saal der Garden nannte, hergestellt. Hatte sich der Angreifende dieses Durchgangs bemächtigt, so mußte er, um zur eisernen Thür zu gelangen, sich erst auf der fliegenden Brücke zum zweiten Stockwerk Bahn brechen.

6.

Die Bibliothek

Die Bibliothek war ein schmales Viereck von gleicher Länge und Breite wie die Brücke und hatte keinen andern Ein- und Ausgang als die eiserne Pforte. Eine grünausgefütterte blinde Thür mit einem Gewicht fiel, wenn man ihr von innen einen Stoß gab, zu und verdeckte die Wölbung, welche in den Thurm führte. An der Wand des Bibliothekzimmers nahmen die ganze Höhe vom Fußboden bis zur Decke Glasschränke ein im geschmackvollen Möbelstil des siebzehnten Jahrhunderts. Sechs große Fenster, drei zu jeder Seite und zwei über jedem Pfeiler der Brücke, erhellten den Raum. Zwischen diesen Fenstern, durch die man vom Plateau aus hereinschauen konnte, standen auf Postamenten von geschnitztem Eichenholz sechs Marmorbüsten: Hermolaus von Byzanz, Athenäus, der Grammatiker aus Naukratis, Suidas, Casaubonus, Klodwig, König von Frankreich und sein Kanzler Anachalus, der, nebenbei bemerkt, gerade so wenig Kanzler wie Klodwig König von Frankreich gewesen. Die Glasschränke enthielten gleichgültige Bücher. Ein einziges nur brachte es zu einer gewissen Berühmtheit: es war dies ein alter Quartband mit Kupfern, auf dessen Titelblatt in großen Lettern »Bartholomäus« gedruckt war und darunter als zweiter Titel: »Das Evangelium Bartholomäi mit einer Vorrede des christlichen Philosophen Pantaeni, worinnen untersucht wird, ob dieses Evangelium für unecht erklärt werden soll und ob der heilige Bartholomäus und Nathanael nicht eine und dieselbe Person sind«. Dieses Buch, welches für ein Unikum galt, lag mitten im Zimmer auf einem Pult auf und wurde im vorigen Jahrhundert als Merkwürdigkeit besichtigt.

7.

Der Dachboden

Der Dachboden hatte, wie die Bibliothek, die länglich viereckigen Dimensionen der Brücke und lag unmittelbar unter dem rohen Sparrenwerk des Dachstuhls; es war eine große von sechs kleinen Fenstern erhellte Mansarde voller Heu und Stroh, ohne jede weitere Verzierung als an der Thür einen ins Holz geschnitzten heiligen Barnabas mit dem lateinischen Vers: »Barnabus sanctus falcem juvat ire per herbam«.

Ein hoher, dicker, sechsstöckiger, hin und wieder mit Schießscharten durchbrochener Thurm, in welchem und aus welchem einzig und allein eine eiserne Thür führte, die auf ein vermittelst einer Zugbrücke abgesperrtes Brückenschlößchen hinausging; hinter dem Thurm, zwischen ihm und dem Plateau, eine tiefe, enge, mit Gesträuch bewachsene Schlucht, im Winter ein Strom, im Frühling ein Bach, im Sommer eine steinige Grube: das also war La Tour-Gauvain, genannt La Tourgue.

X.

Die Geisel.

Die letzten Julitage waren bereits dahin; im August strich über Frankreich ein wildheroischer Sturmhauch einher; zwei blutige Schatten waren am Horizont vorbeigefahren, Marat mit einem Messer im Herzen und die enthauptete Charlotte Corday: immer furchtbarer wurden die Zeiten. Die Vendée, im großen Krieg überwunden, nahm wieder zu dem kleinen und, wie schon bemerkt, entsetzlichem ihre Zuflucht, zu einer ungeheuern durch die Wälder auseinandergewürfelten Schlacht. Die Niederlagen der großen sogenannten katholisch-königlichen Armee hatten bereits begonnen; laut Verordnung des Konvents marschirten die Regimenter von Mainz in die Vendée ein; Ancenis hatte den Ausständigen achttausend Mann gekostet; von Nantes zurückgeschlagen, aus ihrer Stellung von Montaigu vertrieben, verdrängt aus Thouars, aus Noirmoutier verjagt, zurückgeworfen aus Chollet, aus Mortagne und aus Saumur, räumten sie Parthenay, gaben Clisson auf, verließen Chatillon, verloren eine Fahne bei Saint-Hilaire, wurden bei Pornic besiegt, besiegt bei les Sables, bei Fontenay, bei Doué, bei Château-d’Eau, bei Ponts-de-Cé, erlitten bei Luçon eine Schlappe, bei La Chataigneraye einen Rückstoß, bei La Roche-sur-Yon eine Niederlage; einerseits aber bedrohten sie La Rochelle und anderseits wartete eine englische Flotte unter Admiral Craig nur auf ein Zeichen des Marquis von Lantenac, um einige britische Regimenter und die tüchtigsten Offiziere der französischen Marine an die Küste zu setzen. Diese Landung konnte der royalistischen Empörung wieder zum Sieg verhelfen. Pitt war übrigens ein politischer Missethäter. In der Staatskunst ist auch der Verrath vertreten, wie bei den Wandtrophäen der Dolch. Pitt erdolchte das Land des Gegners und verrieth sein eigenes, denn sein Vaterland entehren, heißt es verrathen. Unter und durch Pitt’s Regierung verlegte sich England auf die punische Arglist, spionirte, log und betrog; ihm war, vom Mord bis zur Münzfälschung, kein Mittel zu schlecht, und in seinem Haß stieg es bis zur Kleinlichkeit herab. Es ließ den Talg aufkaufen, der damals fünf Francs das Pfund kostete; einem Engländer wurde zu Lille ein Schreiben von Prigent, dem Agenten Pitt’s in der Vendée, abgenommen, worin wortwörtlich gesagt war: »Ich bitte Sie, den Geldpunkt nicht zu berücksichtigen. Dagegen hoffen wir, daß die Attentate auf Personen mit der nöthigen Klugheit ausgeführt werden mögen; hierfür empfehlen sich vor Allen die verkappten Priester und die Weiber. Schicken Sie sechzigtausend Livres nach Rouen und fünfzigtausend nach Caen«. Dieser Brief wurde am 1. August durch Barrère im Konvent vorgelesen. Auf diese Nichtswürdigkeiten antworteten die Unthaten von Parrein und später die Greuel von Carrier. Die Republikaner von Metz und die aus dem Süden verlangten, gegen die Rebellen ausmarschiren zu dürfen. Der Konvent verordnete die Errichtung von vierundzwanzig Pionierkompagnien, um im Bocage die Zäune und Einfassungen in Brand zu stecken. In dieser unerhörten Krisis erlosch der Krieg an einer Stelle, nur um an einer anderen zu entbrennen. Keine Gnade! Keine Gefangenen! lautete beider Parteien Losung und eine furchtbare Verfinsterung brach herein über das Land.

In diesem Monat August wurde la Torgue belagert. Eines Abends – gerade gingen in der friedlich sommerlichen Dämmerung die Sterne auf; im Wald regte sich kein Blättchen und kein Grashalm erschauerte in der Ebene –, da tönte von den Zinnen des Thurms durch das Schweigen der sinkenden Nacht ein Hornstoß, dem von unten her ein Trompetenstoß antwortete. Auf der Plattform des Thurms befand sich ein bewaffneter Wächter und unten, in der Dunkelheit, ein Feldlager. Man gewahrte um La Tour-Gauvain im Finstern ein undeutliches Gewimmel von schwarzen Gestalten, und dieses Gewimmel war ein Bivouak. Hier und da begannen unter den Bäumen des Waldes und zwischen dem Haidekraut des Plateaus einige Wachfeuer die Schatten der Nacht aufflackernd zu durchbrechen, als wolle die Erde ihre Sterne leuchten lassen wie der Himmel, die düstern Sterne des Kriegs. Das Lager, welches sich vom Plateau aus bis in die Ebene erstreckte und nach dem Walde zu sich im Dickicht verlor, ließ seiner Ausdehnung nach auf eine große Truppenmasse schließen und hielt die Festung so eng blokirt, daß es auf der Thurmseite bis an den Felsen und auf der Brückenseite bis an die Schlucht reichte.

Zum zweiten Male ertönte das Horn und zum zweiten Male die Trompete; Rede und Gegenrede; der Thurm fragte: Kann man Euch sprechen? und das Lager antwortete mit: Ja. Die Vendéer wurden damals vom Konvent nicht als kriegführende Partei angesehen, und da in Folge dessen gesetzlich verboten war, mit den »Banditen« durch Parlamentäre zu verhandeln, suchte man, so gut es sich eben thun ließ, einen Ersatz für den Verkehr, welchen das Völkerrecht im internationalen Kampf erlaubt, im Bürgerkrieg jedoch untersagt. So kam es denn noch gerade zu einem gewissen Einverständniß zwischen dem Horn des Bauern und der Trompete des Soldaten. Das erste Signal war nur eine vorläufige Einleitung gewesen; das zweite enthielt die bestimmte Anfrage: Wollt Ihr mich anhören? Schwieg der Trompeter, so hieß das Nein, blies er aber, so hieß es Ja, und die Feindseligkeiten wurden auf ein paar Minuten eingestellt.

Da das zweite Zeichen erwidert worden war, fing der Mann vom Thurm folgendermaßen zu sprechen an: – Ihr Männer da drunten, ich bin Goug-le-Bruant, genannt Brisebleu, weil ich schon der Euren Viele vertilgt habe, und auch der Imânus geheißen, weil ich noch mehr der Euren umbringen werde, als ich bis jetzt gethan; mir hat ein Säbelhieb beim Sturm auf Granville einen Finger vom Flintenlauf abgehackt, und zu Laval habt Ihr mir meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester Jacqueline, die erst achtzehn Jahre alt war, guillotiniren lassen. Jetzt wißt Ihr, wer ich bin. Und nun rede ich zu Euch im Namen des Herrn Marquis Gauvain von Lantenac, der auch Vikomte von Fontenau, bretonischer Fürst und Herr der sieben Wälder ist, im Namen meines Gebieters. Erfahrt zuerst, daß der Herr Marquis, bevor er sich in diesen Thurm einschloß, in dem Ihr ihn belagert, sechs Anführer zu seinen Stellvertretern gewählt hat, um den Krieg fortzusetzen, Delière für die Gegend zwischen der Straße von Brest und der Straße von Ernée, Treton für die Gegend zwischen La Roë und Laval, Jacquet, auch Taillefer geheißen, für das Grenzland von Ober-Maine, Gaulier, genannt Grand-Pierre, für Château-Gontier, Lekomte für Craon, Herrn Dubois-Gun für Fougères und für die ganze Mayenne Herrn von Rochambeau, so daß mit der Einnahme dieser Festung für Euch noch nichts gewonnen ist und daß, selbst wenn der Herr Marquis sterben sollte, die Vendée, die für den allmächtigen Gott und Seine Majestät den König kämpft, am Leben bleiben wird. Wenn ich Euch dies Alles sage, so wißt, daß dies nur geschieht, um Euch zu warnen. Mein gnädiger Herr steht hier oben, an meiner Seite. Ich bin der Mund, durch den er zu Euch spricht; darum hört schweigend zu. Ihr Männer, die Ihr uns belagert! Von Wichtigkeit ist, daß Ihr vernehmt, was ich Euch jetzt sagen werde: Vergeßt nicht, daß der Krieg, den Ihr gegen uns führt, kein gerechter Krieg ist. Wir wohnen hier in unserer Heimath und kämpfen einen ehrlichen Kampf und leben einfachen und reinen Sinnes unter der Allmacht Gottes wie das Gras unter dem Thau. Die Republik aber hat uns angegriffen; sie ist herübergekommen zu uns und hat uns in unserem Frieden gestört, hat uns die Häuser und die Ernten niedergebrannt, unsere Meierhöfe zusammengeschossen und unsere Weiber und Kinder barfuß waldeinwärts gejagt, während die Grasmücke noch ihre Winterweisen sang. Ihr, die Ihr dort unten steht und mich hört, Ihr habt uns bis in den Busch gehetzt und haltet uns hier in diesem Thurm eingeschlossen; Diejenigen, welche zu uns gestoßen waren, habt Ihr getödtet oder zersprengt; ihr führt Kanonen mit Euch, habt Eure Kolonne durch die Besatzungen und Wachtposten von Mortain, von Barenton, von Teilleul, von Landivy, von Evran, Tinténiac und Vitré verstärkt, so daß Ihr uns selbst fünfhalbtaufend angreift und wir uns selbst neunzehn vertheidigen. Wir haben Proviant und Munition. Euch ist gelungen, eine Mine anzulegen und ein Stück von unserem Felsen, sowie ein Stück von unserer Mauer zu sprengen. Es ist dadurch eine Lücke in den untersten Theil des Thurms gebrochen worden, und durch diese Bresche könnt ihr eindringen, obwohl sie nicht unter freiem Himmel liegt und vom Thurm, der immer noch fest und aufrecht dasteht, überwölbt ist. Ihr bereitet Euch nunmehr zum Sturm vor und wir, zuerst der Herr Marquis, der Fürst ist in der Bretagne und weltlicher Prior der Abtei von Sainte-Marie de Lantenac, in der die Königin Johanna eine tägliche Messe gestiftet hat, ferner wir anderen, die wir den Thurm halten, insbesondere der Herr Abbé Turmeau, im Feld Grand-Francoeur genannt, mein Kamerad Guinoiseau der Oberste, des Lagers Camp-Vert, mein Freund Chante-en-Hiver, der Oberste des Lagers von l’Avoine, mein Kamerad La Musette, der Oberste des Lagers von les Fourmis, und ich, ein Bauer aus dem Flecken Daon, wo der Moriandre-Bach durchfließt, wir Alle haben Euch deshalb zuvor noch etwas zu sagen. Hört, Ihr Männer unten am Thurm! Wir haben hier drei Gefangene bei uns, drei Kinder, die von einem Eurer Bataillone angenommen worden und folglich Eure sind. Wir machen uns anheischig, diese Kinder Euch zurückzugeben, unter der einen Bedingung, daß Ihr uns freien Abzug gewährt. Wollt Ihr das nicht, so merkt wohl auf: Angreifen könnt Ihr uns nur auf zweierlei Arten, durch die Bresche vom Wald her oder vom Plateau her über die Brücke. Das Gebäude auf der Brücke hat drei Stockwerke; in das unterste habe ich, der Imânus, der zu Euch spricht, sechs Tonnen voll Theer und hundert Bündel trockenes Haidekraut bringen lassen; das oberste Stockwerk liegt voll Stroh und das mittlere voll von Büchern und Papieren. Die eiserne Thür, welche von der Brücke ins Schloß führt, ist zugesperrt, und der gnädige Herr hat den Schlüssel dazu in der Tasche; unter der Thür habe ich ein Loch durchgebrochen, und durch dieses Loch läuft eine geschwefelte Lunte, deren eines Ende in einem der Theerfässer steckt und deren anderes Ende sich im Innern des Thurmes befindet; ich brauche mich nur danach zu bücken, um es zu der von mir beliebten Stunde anzuzünden. Weigert Ihr uns den Abzug, so werden die drei Kinder in den mittleren Raum der Brücke gesetzt, zwischen das Stockwerk, in das die geschwefelte Lunte ausläuft und wo die Theerfässer liegen, und zwischen dasjenige, das voll Stroh liegt; hierauf wird die eiserne Thür hinter ihnen abgeschlossen. Stürmt Ihr von der Brücke her, so wird das Gebäude durch Euch, stürmt Ihr gegen die Bresche, so wird es durch uns den Flammen übergeben; stürmt Ihr auf beiden Seiten zugleich, so wird es auch zugleich durch Euch und durch uns in Brand gesteckt, und in jedem der drei Fälle gehen die Kinder zu Grunde. Jetzt sagt Ja oder Nein! Wenn Ihr Ja sagt, ziehen wir ab; sagt Ihr Nein, so sterben die Kinder. Jetzt wißt Ihr’s.

Der Mann oben auf dem Thurm schwieg, und von unten rief ihm eine Stimme zu: wir sagen Nein!

Die Stimme klang scharf und herb. Eine zweite, weniger strenge, wenngleich feste Stimme, fügte hinzu: wir lassen Euch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, Euch auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.

Nach einer Pause fuhr die Stimme fort: Wenn Ihr morgen, zu dieser Stunde, die Waffen nicht gestreckt habt, wird Sturm gelaufen.

– Und dann ohne Pardon, schloß die erste, die rauhe Stimme, und ihr ward eine Antwort. Von der Plattform des Thurmes sah man zwischen zwei Zinnen eine hohe Gestalt herunterschauen und konnte beim Sternenlicht die gewaltigen Gesichtszüge des Marquis von Lantenac erkennen, dessen Blick unten in der Dunkelheit Jemand zu suchen schien und der hinabrief:

– Bist Du’s beichtstuhlentlaufener Gesell?

– Ja, Rebell! rief die herbe Stimme zurück.

XI.

Schauderschaft wie der Mythus.

Die scharfe Stimme war Cimourdain’s Stimme und die jugendliche, weniger gebieterische die Stimme Gauvain’s. Also hatte der Marquis von Lantenac den vormaligen Abbé richtig erkannt.

In dieser unter dem Bürgerkrieg blutenden Gegend hatte, wie wir wissen, Cimourdain in wenigen Wochen eine Berühmtheit erlangt, eine entsetzliche Berühmtheit: neben Marat in Paris und Châlier in Lyon nannte man Cimourdain in der Vendée. Er wurde noch eigens gebrandmarkt für all die Hochachtung, die man ihm einst gezollt, für das Priesterkleid, das er nunmehr ausgezogen hatte; man verabscheute ihn. Unglücklich sind die Gestrengen, denn wer ihr Handeln sieht und sie verdammt, würde sie vielleicht freisprechen, wenn er ihnen ins Gewissen schauen könnte; gar leicht läuft ein unverstandener Lykurg Gefahr, für einen Tiber gehalten zu werden. Wie dem auch sei, zwei Männer brachten die Wagschalen des Hasses ins Gleichgewicht: der Marquis von Lantenac und der Abbé Cimourdain. Die Verwünschungen, womit Diesen die Royalisten, und die Flüche, womit Jenen die Republikaner verfolgten, wogen einander auf. Jeder von Beiden galt im gegnerischen Lager für das Ungeheuer, und daraus ergab sich sogar die erwähnenswerthe Thatsache, daß während in Granville Prieur-Marne auf Lantenacs Kopf einen Preis setzte, Charette in Noirmoutier einen Preis setzte auf den Kopf von Cimourdain. Beide, der Marquis wie der Priester, waren in der That auch bis zu einem gewissen Grad identisch mit einander. Die eiserne Janusmaske des Bürgerkriegs kehrt mit gleich tragischem Blick das eine ihrer Gesichter der Vergangenheit und ihr zweites der Gegenwart zu; das erste dieser Gesichter war Lantenac und das andere Cimourdain; nur starrte um Lantenacs verbitterten Mund nächtlicher Schatten, während auf Cimourdains verhärteter Stirn ein Morgenleuchten aufdämmerte.

Das eingeschlossene La Tourgue hatte vierundzwanzig Stunden Ruhe vor sich; so lang dauerte ja die durch Gauvain anberaumte Frist, die so ziemlich einem Waffenstillstand gleichkam. Von den numerischen Verhältnissen der Belagerer war der Imânus offenbar wohl unterrichtet, denn in Folge der Aufgebote Cimourdains cernirte Gauvain La Tourgue wirklich mit viertausendfünfhundert Mann Linientruppen und Nationalgarden und verfügte über zwölf Geschütze, von denen sechs in niedrig liegender Batterie am Waldsaum gegen den Thurm und auf dem Plateau sechs in Hochbatterie gegen die Brücke der Festung gerichtet waren. Auch hatte er die Mine spielen lassen können und dadurch unten am Thurm die Bresche zu Stand gebracht. Nach Verlauf der vierundzwanzigstündigen Frist sollte zwischen den viertausendfünfhundert Mann auf dem Plateau und im Wald und zwischen den neunzehn Mann im Thurm der Kampf sofort beginnen; was die Namen jener Neunzehn betrifft, so lassen sie sich durch die veröffentlichten Listen der in Bann und Acht Erklärten ermitteln, und wir selber werden vielleicht noch in den Fall kommen, Den und Jenen unter ihnen zu erwähnen. Als Kommandirenden von viertausendfünfhundert Mann, also schon einer kleinen Armee, hatte Cimourdain seinen Zögling zum Generaladjutanten avanciren lassen wollen, doch Gauvain hatte das Anerbieten mit der Bemerkung ausgeschlagen: »Warten wir erst einmal ab, bis Lantenac gefangen ist; ich habe noch kein Anrecht auf Auszeichnung«. Es war überhaupt republikanischer Brauch, mit einer bescheidenen Charge ein wichtiges Kommando zu vereinigen. So war später zum Beispiel Bonaparte gleichzeitig Artilleriemajor und Oberbefehlshaber der Armee von Italien.

Das eigenartige Schicksal, demzufolge La Tour Gauvain von einem Gauvain vertheidigt und von einem Gauvain belagert wurde, mischte dem Angriff eine gewisse Zurückhaltung bei, eine Zurückhaltung, die der Gegner keineswegs theilte, denn Herr von Lantenac war der Mann nicht, irgend welche Rücksicht walten zu lassen; auch hatte er ja die meisten Jahre in Versailles verlebt und konnte schon deshalb nichts Individuelles empfinden für das ihm so wenig vertraut gewordene La Tourgue. Er hatte sich lediglich aus Noth hingeflüchtet, und hätte unter Umständen nicht das geringste Bedenken getragen, das Schloß niederzureißen. Pietätvoller hingegen fühlte Gauvain. Der wunde Fleck an der Festung war entschieden die Brücke; doch die Bibliothek über der Brücke enthielt alle Familienurkunden. Wenn nun von dieser Seite gestürmt wurde, so war die Zerstörung der Bibliothek unvermeidlich, und das Familienarchiv verbrennen, das weckte in Gauvain eine Empfindung, als solle er sich an seinen Vätern vergreifen. La Tourgue war die Stammburg seines Geschlechts; bei diesem Thurm ging alles bretonische Besitzthum Derer von Gauvain zu Lehen, wie alles Besitzthum der französischen Krone bei dem Thurm des Louvre; hier knüpften alle Familienerinnerungen an; hier war Gauvain geboren worden, und nun versetzten ihn die verhängnisvollen Verwickelungen des Lebens in die Nothlage, als Mann die ehrwürdigen Mauern anzugreifen, die des Kindes Schutz gewesen. Sollte er die Pietätlosigkeit gegen das Vaterhaus soweit treiben, es in Asche zu legen, seine eigene Wiege vielleicht in Asche zu legen, die wohl noch in einem Winkel des Dachbodens über der Bibliothek stehen mochte? Gewisse Begriffe sind Schauer der Rührung, und Gauvain fühlte sich gerührt angesichts der alten Wohnstätte der Seinen; darum hatte er bis jetzt das Schlößchen geschont und sich darauf beschränkt, durch Aufstellung einer Batterie jeden Ausfall oder Fluchtversuch von der Brücke her unmöglich zu machen; darum hatte er die entgegengesetzte Seite für den Angriff ausersehen und am Fuß des Thurms die Mine graben lassen. Und Cimourdain hatte nicht dreingeredet; zwar warf er sich’s vor, denn seine Strenge runzelte die Stirn beim Anblick all des mittelalterlichen Gerümpels und er wollte mit Gebäuden nicht nachsichtsvoller verfahren als mit Menschen; Nachsicht mit einem Haus war ja schon ein Ansatz zur Milde; die Milde aber war Gauvains schwache Seite, und, wie wir wissen, lag Cimourdain auf der Lauer, um ihn von jedem Schritt aus dieser schiefen Ebene abzuhalten, die er zu betreten für verderblich hielt. Und doch mußte er mit einem gewissen Ingrimm sich selber eingestehen, daß auch er La Tourgue nicht ohne einen heimlichen Herzensschauer wiedergesehen hatte, daß ihn der Anblick jenes Studirzimmers weich machte, welches die ersten Bücher enthielt, die Gauvain mit ihm gelesen. Von seiner Pfarrei Parigné, dem nächstgelegenen Dorf, war er, Cimourdain, auf den Dachboden des Brückenschlößchens umgezogen; in der Bibliothek hatte der kleine Gauvain buchstabirend auf seinen Knien gesessen; zwischen diesen alten vier Wänden war sein vielgeliebter Schüler, der Sohn seiner Seele, unter seinem Vaterauge körperlich herangewachsen und geistig gediehen; und in diese Bibliothek in dieses Schlößchen, in diese Mauern, zwischen welchen er so oft Segen herabgefleht hatte auf das Kind, sollte er den Feuerbrand und die Vernichtung schleudern? Nein, er ließ Gnade walten, aber ihm schlug dabei sein Gewissen. So hatte er denn Gauvain die Belagerungsarbeiten vom Wald her beginnen lassen und ihm stillschweigend gestattet, von La Tourgue statt der gesitteten Seite, dem Schlößchen, die barbarische anzubrechen, den Thurm. Von einem Gauvain angegriffen und von einem Gauvain vertheidigt, wurde die alte Festung, mitten in der französischen Revolution, wieder in ihre gewohnten Feudalzustände zurückversetzt; weist doch die ganze Geschichte jener Zeiten kaum etwas Anderes auf als häusliche Fehden. Gestalten wie Eteokles und Polynikes gehören nicht blos der antiken, sondern auch der mittelalterlichen Welt an, und Hamlet führt in Helsingör einen ähnlichen Todesstoß wie Orestes in Argos.

XII.

Ein Rettungsgedanke.

Auf beiden Seiten wurde die Nacht unter Vorbereitungen durchwacht. Gleich nach der düstern Unterhandlung, die wir mit angehört, war Gauvains erste Sorge gewesen, seinen Unterkommandanten zu sich zu rufen. Guéchamp, den wir schon ein wenig näher betrachten müssen, war eine Natur zweiten Ranges, ehrenfest, unverzagt, von keiner besonderen Bedeutung, ausgezeichnet als Soldat und mittelmäßig als Führer, eine jener Intelligenzen, die gerade bis dahin reichen, wo es ihnen zur Pflicht wird, inne zu halten, ein schroffer, unzugänglicher Mann, der weder sein Gewissen durch niedrige Mittel noch seinen Gerechtigkeitssinn durch Mitleid bestechen ließ. Geist und Herz waren ihm zwischen der Disziplin und der Ordre eingedämmt wie Wagenpferde, die an beiden Augen ein Scheuleder tragen, und bewegten sich im freigebliebenen Raum schnurgerade, aber beschränkt vorwärts. Er war ein durchaus zuverlässiger Offizier, stramm im Ertheilen und pünktlich im Ausführen eines Befehls.

– Guéchamp, eine Leiter her! redete ihn Gauvain lebhaft an.

– Wir haben keine, Kommandant.

– Es muß eine geschaffen werden.

– Eine Sturmleiter?

– Nein, eine Rettungsleiter.

Guéchamp besann sich und erwiderte: Ich verstehe, aber zu dem Zweck müßte sie sehr lang sein.

– Mindestens drei Stock hoch.

0247

Als die Sonne aufging.

– Jawohl, Kommandant, so schätze es beiläufig auch ich.

– Eher noch länger, damit wir unserer Sache ganz gewiß sind.

– Allerdings.

– Wie kommt es denn, daß wir keine Leiter bei der Hand haben?

– Da Sie nicht für gut fanden, vom Plateau aus La Tourgue anzufassen, sondern es auf besagter Seite blos zu blokiren, um vom Wald her anzugreifen, hat man sich ausschließlich mit der Mine beschäftigt und von einer Ersteigung der Brücke abgesehen; deshalb sind keine Leitern gemacht worden.

– Lassen Sie auf der Stelle eine machen.

– Eine drei Stock hohe Leiter läßt sich nicht aus dem Aermel schütteln.

– So lassen Sie einige kürzere aneinander binden.

– Auch die müßten wir erst haben.

– Requiriren Sie welche.

– Verlorene Mühe. In der ganzen Gegend zerstören die Bauern jede Leiter, wie sie auch ihre Karren ruiniren und die Brücken abschneiden.

– Sie wollen die Republik lahm legen, allerdings.

– Weder ein Fuhrwerk sollen wir benutzen können, noch einen Fluß überschreiten, noch eine Mauer erklimmen.

– Und doch ist die Leiter durchaus nöthig.

– Kommandant, da fällt mir gerade der große Zimmerhof zu Iavené bei Fougères ein; dort ist vielleicht eine zu bekommen.

– Wir haben keine Minute zu verlieren.

– Wann müssen Sie die Leiter haben?

– Morgen, spätestens um diese Zeit.

– Ich lasse einen Reiter mit der Ordre hingaloppiren. Der Kavallerieposten, der in Javené liegt, wird die Eskorte abgeben, und morgen, vor Sonnenuntergang, kann die Leiter hier sein.

– Gut, das ist früh genug, sagte Gauvain. Also rasch!

Zehn Minuten darauf kam Guéchamp mit der Meldung zurück: Kommandant, der Bote ist schon unterwegs.

Gauvain stieg nun auf das Plateau und maß lange Zeit das Brückenschlößchen über der Schlucht mit den Augen. Der Giebel des Schlößchens hatte keine andere Oeffnung als den tiefliegenden durch die aufgerichtete Zugbrücke verschlossenen Eingang und stand der jähen Böschung der Schlucht gegenüber. Um vom Plateau aus unten an die Brückenpfeiler zu gelangen, mußte man, was nicht unmöglich war, längs dieser Böschung von Strauch zu Strauch niederklettern, war aber, wenn dies gelungen, allen Kugeln ausgesetzt, die aus den Fenstern der drei Stockwerke in die Schlucht herabhageln konnten. Gauvain hatte sich schließlich zur Genüge überzeugt, daß, wie die Dinge gegenwärtig standen, der eigentliche Angriff durch die Bresche des Thurmes erfolgen mußte. Er traf alle Vorkehrungen zur Vereitelung jedes Fluchtversuchs, vervollständigte die enge Zernirung von La Tourgue und zog die Maschen seiner Bataillone so dicht zusammen, daß ganz unmöglich etwas durchkonnte. Dann theilte er sich mit Cimourdain in die Belagerung der Veste; Cimourdaain bekam die Brückenseite; die Thurmseite behielt Gauvain für sich, und es wurde ausgemacht, daß, während Gauvain, von Guéchamp unterstützt, den Sturm gegen die Bresche leiten würde, Cimourdain und seine Batterie mit brennenden Lunten das Schlößchen und die Schlucht überwachen sollten.

XIII.

Thätigkeit des Marquis.

Wie draußen Alles für den Angriff, so wurde drinnen Alles für den Widerstand aufgeboten. Nicht ohne Grund heißt in gewissen Gegenden von Frankreich ein Thurm auch eine Daube, denn oft kann man einem Thurm mit einer Mine zusetzen wie der Daube mit dem Stecheisen und gleichsam ein Spundloch durch die Mauer bohren. Das zeigte sich zu La Tourgue, denn das Stecheisen von Gauvain, die Mine mit den zwei oder drei Centnern Pulver, hatte in die ungeheure Mauer durch und durch eine Lücke gebrochen, welche am Fuß des Thurms einen annähernd trichterförmigen Einschnitt bildete und als ungestaltete Wölbung in das Erdgeschoß der Festung mündete. Dieses Loch hatten von außen her die Belagerer überdies noch mit Artillerie erweitert und zurechtgeschmettert, um es für den Sturm zugänglicher zu machen.

Der ebenerdige Raum, auf den sich die Bresche öffnete, war ein großer runder Saal mit ganz rohen Wänden und einem Mittelpfeiler, auf dem der Schlußstein des Gewölbes ruhte. Dieser Saal, der allergrößte des Thurms, hatte einen Durchmesser von vollen vierzig Fuß. Jedes Stockwerk des Thurms bestand in einem ähnlichen Raum; nur waren jene Säle von geringerem Umfang und hatten kleine Verschlage an den Nischen ihrer Schießscharten. Solche Schießscharten fehlten im Erdgeschoß; überhaupt fehlte irgend welche Oeffnung sowohl am Boden wie an der Decke, und Licht und Luft gab es hier nicht mehr und nicht weniger als in einem Grab. Eine Thür, fast ganz von Eisen, führte in die beiden Burgverließe und eine zweite zur Treppe, auf der man in die oberen Stockwerke stieg. Alle Treppen waren in die Mauer hineingebaut. Diesen unteren Saal konnten die Belagerer durch ihre Bresche erstürmen; waren sie erst einmal so weit, dann hatten sie noch den Thurm zu erobern. An ein eigentliches Atmen war in diesem Raum früher nie zu denken gewesen, und binnen vierundzwanzig Stunden hätte Jeder darin ersticken müssen. Jetzt, da die Bresche Luft zuführte, war’s wenigstens zum Aushalten, und deshalb mauerten die Belagerten die Lücke, – was hätte es auch genützt? – nicht zu. Durch die Kanonen draußen wäre doch wieder Alles gleich zerstört worden.

Die Männer stießen einen eisernen Fackelhalter zwischen zwei Steine, stellten eine Fackel hinein, und man konnte sich umsehen.

Wie nun das Erdgeschoß halten? Da ein Vermauern der Bresche zwecklos erschien, entschied man sich für einen Abschnitt. Ein Abschnitt ist eine Verschanzung mit einspringendem Winkel, eine sparrenförmige Barrikade, von der aus die Angreifenden in ein Kreuzfeuer genommen werden, und welche, ohne äußerlich die Bresche zu schließen, sie nach innen zu versperrt. An Baumaterial war kein Mangel; bald war der Abschnitt errichtet und mit Schießscharten für die Gewehrläufe versehen. Der einspringende Winkel ging vom Mittelpfeiler aus, und die beiden Flügel stießen mit ihren Enden an die Mauer. An den passendsten Stellen wurden auch einige Flatterminen angelegt.

Lantenac leitete Alles als Urheber, Anordner, Führer und Gebieter, kurz als die Seele des Ganzen. Er gehörte jenem Geschlecht von Kriegshelden aus dem achtzehnten Jahrhundert an, die noch als Achtziger verlorene Städte zu retten vermochten, wie jener Graf von Alberg, der nahebei in seinem hundertsten Lebensjahr den König von Polen aus Riga vertrieb.

– Muth, Freunde, sagte der Marquis, zu Anfang unseres Jahrhunderts, Anno 1713, hat Karl XII. in seinem Haus zu Bender mit dreihundert Schweden zwanzigtausend Türken die Spitze geboten.

Die zwei unteren Stockwerke wurden ebenfalls befestigt, die Säle verschanzt, die Verschläge mit Zinnen und die Thüren mit eingehämmerten Balken versehen, die diese wie Strebepfeiler stützten. Nur die Wendeltreppe, welche die Stockwerke mit einander verband, mußte dem Verkehr offen bleiben, denn wenn man sie verrammelt hätte, um sie den Stürmenden unzugänglich zu machen, wären zugleich die Belagerten von einander abgeschlossen worden. So hat jede Verteidigung ihre schwache Seite.

Der Marquis, kräftig und unermüdlich wie ein Jüngling, ging rastlos mit dem Beispiel voran, half Balken heben und Steine tragen, überall Hand anlegend, befehlend, beispringend, kameradschaftlich lachend mit seinen milden Spießgesellen, aber dennoch der Herr und Gebieter, hochfahrend und herablassend, unbändig und elegant. Da gab es kein Widersprechen. »Wenn sich eine Hälfte der Mannschaft auflehnen wollte, sagte er, so würde ich sie durch die andere Hälfte erschießen lassen und den Platz mit den Ueberlebenden halten«. Wer eine solche Sprache führt, wird von seinen Leuten vergöttert.

XIV.

Thätigkeit des Imânus.

Während Lantenac um die Bresche und den Thurm beschäftigt war, beschäftigte sich der Imânus mit der Brücke. Schon bei Beginn der Belagerung war auf Befehl des Marquis die außen unter den Fenstern des zweiten Stocks querüberhängende Rettungsleiter entfernt und durch den Imânus in die Bibliothek geschafft worden. Durch sie mochte Gauvain wohl auf den Gedanken gekommen sein, eine Leiter für seine Zwecke zu verwenden. Jedes Einbrechen durch die Fenster des Saales der Garden oder des Hochparterres war durch ein in den Stein gelöthetes dreifaches Gitter von Eisenstäben unmöglich gemacht. Die Fenster der Bibliothek standen frei, lagen dafür aber auch sehr hoch. Der Imânus ließ sich von drei Männern begleiten, die wie er jeder That fähig und, auch zu Allem entschlossen waren: von Hoisnard, genannt Branche d’Or und den beiden Brüdern Pique-en-Bois. Er nahm eine Blendlaterne, öffnete die eiserne Thür und untersuchte bis ins Kleinste die drei Stockwerke des Brückenschlößchens. Hoisnard Branche d’Or war nicht minder erbittert als der Imânus, da ihm die Republikaner einen Bruder getödtet hatten. Der Imânus besichtigte den Dachboden, der von Stroh und Heu strotzte, stieg dann in den Saal der Garden hinab, in den er noch Pechkränze bringen ließ, die er neben den Theerfässern anhäufte, schichtete die Bündel von Haidekraut über den Tonnen auf, nachdem er zuvor geprüft, ob die geschwefelte Lunte, die von der Brücke in den Thurm lief, auch in gutem Stande sei, und goß unten an den Fässern und Bündeln eine Theerlache aus, in die er das Ende der Schwefellunte untertauchte. Dann ließ er in die Bibliothek, zwischen den Parterreraum voll Theer und den Dachboden voll Stroh, die drei Wiegen herübertragen, in denen René-Jean, Gros-Alain und Georgette ganz fest schliefen; man ging vorsichtig dabei zu Werke, denn man wollte die Kleinen nicht wecken. Es waren drei Wiegen, wie sie auf dem Lande gebräuchlich sind, ein sehr niedriges Korbgeflecht, das unmittelbar auf der Erde ruht, so daß das Kind ohne Beihilfe nach Belieben heraussteigen kann. Neben jede Wiege ließ der Imânus eine Schüssel voll Suppe mit einem hölzernen Löffel hinstellen. Die abgehakte Rettungsleiter lag, an die Wand gelehnt, auf dem Fußboden; an der anderen Wand, parallel mit der Leiter, standen in einer Flucht hintereinander die Wiegen. Um einen zweckdienlichen Luftzug zu gewinnen, öffnete der Imânus die sechs Fenster der Bibliothek auf die bläuliche, klare, laue Sommernacht hinaus und schickte die Brüder Pique-en-Bois in die zwei anderen Stockwerke, um dort ein Gleiches zu thun. An der Ostseite des Gebäudes war die Brücke über und über von altem, verdorrtem, braungelbem Epheu überrankt, der die Fenster der drei Stockwerke förmlich einrahmte. Kann auch nicht schaden, dachte der Imânus, prüfte noch Alles mit einem letzten Blick und kehrte dann mit seinen drei Gefährten in den Thurm zurück. Die schwere eiserne Thür sperrte er doppelt ab, untersuchte noch sorgfältig das ungeheure, furchtbare Schloß daran und betrachtete mit zufriedenem Kopfnicken die geschwefelte Lunte, die durch das von ihm durchgebrochene Loch ging und nunmehr das Einzige war, was Thurm und Brücke verband. Diese Lunte lief vom runden Saal aus unter der eisernen Thür durch, unter der Wölbung der Thurmmauer weiter und schlängelte sich über die fliegende Treppe und am Fußboden des Saals der Garden hin bis mitten in die Theerlache an den Reisigbündeln. Nach der Berechnung des Imânus mußte die Lunte, einmal im Innern des Thurms angezündet, ungefähr eine Viertelstunde lang glimmen, bis sie die Theerlache unter der Bibliothek in Brand steckte. Nachdem für Alles genügend gesorgt und das Kleinste untersucht worden, überreichte der Imânus den Schlüssel der eisernen Thür dem Marquis, und dieser steckte ihn zu sich.

Nun galt es, alle Bewegungen der Feinde zu beobachten. Der Imânus stieg auf die Plattform des Thurms hinauf und hielt, mit seinem Hirtenhorn an der Seite, oben im Schauthürmchen Wache. Auf dem Fenstersims des Thürmchens hatte er eine Pulverflasche stehen, daneben einen leinenen Sack mit Kugeln von einem Kaliber, und drehte, während er mit einem Auge nach dem Wald und mit dem anderen nach dem Plateau spähte, aus ein paar alten Zeitungen Patronen.

Als die Sonne wieder aufging, beschien sie am Waldsaum acht Bataillone, kampfbereit, den Säbel an der Seite, mit voller Patrontasche und aufgepflanztem Bajonett; auf dem Plateau eine Batterie mit vollen Protzkasten und angehäuften Kartätschen; in der Festung neunzehn Männer, welche Mauerbüchsen, Musketen, Pistolen und Jagdstutzen luden, und in den drei Wiegen drei schlummernde Kinder.

  1. Noch mehr als Bürgerkriege

Viertes Buch.

Victor Hugo

I.

Auf der Düne.

Als Halmalo gänzlich verschwand, hüllte sich der Greis fester in seinen Fischermantel und trat seinen Gang an, langsam, nachdenklich; indessen Halmalo in der Richtung von Beauvoir fortgeeilt war, wendete er sich gegen Huisnes. Hinter ihm ragte das kolossale domgekrönte, mauernumgürtete Dreieck des Mont Saint-Michel mit seinen zwei festen östlichen Thürmen, dem runden und dem viereckigen, die dem Felsenhügel die Last seiner Kirche und seines Dorfes tragen zu helfen scheinen. Der Mont Saint-Michel ist die Pyramide dieser Meereswüste.

Der Triebsand der Bucht von Saint-Michel baut seine Dünen nicht immer an denselben Stellen auf. Damals erhob sich zwischen Huisnes und Ardevon eine sehr hohe, seitdem durch eine besonders heftige Sturmfluth zerstörte Düne, die ausnahmsweise sehr alt und mit einem Gedenkstein geschmückt war, zur Erinnerung an das Konzil, welches im zwölften Jahrhundert nach der Ermordung des heiligen Thomas von Canterbury zu Avranches zusammenberufen worden. Von dieser Düne aus hatte man weit und breit einen deutlichen Ueberblick über die ganze Umgebung. Der Greis ging darauf los und bestieg sie. Oben angelangt, setzte er sich auf eine Stufe unten am Gedenkstein, lehnte sich mit dem Rücken an denselben an und schaute hinab auf die lebende Landkarte, die vor ihm ausgebreitet lag. In der ihm sonst wohlbekannten Gegend schien er einen besonderen Weg ausklügeln zu wollen. Die Dämmerung hatte übrigens das große Bild schon zu trüben begonnen, und scharf hob sich nur der Horizont ab, schwarz vom weißen Himmel; doch konnte man noch die Dächergruppen von elf Flecken oder Dörfern genau unterscheiden, sowie auch auf mehrere Meilen hinaus die Kirchtürme am Strande, die sehr hoch gebaut sind, um den Seeleuten nöthigenfalls zur Orientirung zu dienen.

Nach einer Weile schien der Greis im Zwielicht das entdeckt zu haben, was er suchte, denn sein Blick ruhte nun mitten in der Ebene auf einem Komplex von Bäumen, Mauern und Dächern, die offenbar zu einer Meierei gehörten, und er nickte befriedigt mit dem Kopfe, wie Einer, der zu sich selber sagt: das ist das Richtige; dann begann er, mit dem Finger durch die Luft hin und herfahrend, sich den Entwurf eines Weges durch Felder und Hecken vorzuzeichnen. Von Zeit zu Zeit richtete er seine besondere Aufmerksamkeit auf einen schwankenden undeutlichen Gegenstand, welcher sich über dem Hauptgebäude der Meierei bewegte, und schien sich zu fragen, was das sei; bei dieser vorgerückten Tageszeit sah dieser Gegenstand farblos und verschwommen aus; ein Wetterhahn konnte es nicht sein, denn er flatterte, und zu der Annahme, es sei eine Fahne, war kein Grund vorhanden.

Der Greis war müde; es that ihm wohl, so dazusitzen und jenem lösenden Vergessen nachzugehen, das mit der ersten Minute des Rastens über den erschöpften Menschen kommt. Es gibt eine Stunde im Tag, die sich durch das Nichtsein jeglichen Geräusches kennzeichnen ließe; es ist die Abendstunde, die Stunde der Weihe. Und die war jetzt da, und der alte Mann ruhte in ihr, und betrachtete ihre Stille und lauschte ihrer Stille. Grausame Naturen empfinden zuweilen eine Regung von Melancholie.

Plötzlich wurde das Schweigen durch menschliche Stimmen eher hervorgehoben als unterbrochen. Frauen- und Kinderstimmen, die, wie die lustige Melodie eines Glockenspiels überraschend, in der ernsten Nacht ertönten. Die Sprechenden, durch Hecken verdeckt, gingen unten an der Düne vorbei, der Ebene und den Wäldern zu, und frisch und klar klang es empor zu dem sinnenden Greis; gerade jetzt war die Gruppe so nah, daß er jedes einzelne Wort vernehmen konnte.

Eine der Frauenstimmen sagte:

– Ist ja die reine Schneckenpost mit der Fléchard. Schneller, Frau! Ist das hier unser Weg?

– Nein, der kleinere dort.

Und nun wurde auf die Fragen der einen, resoluten Stimme von der anderen in schüchternem Tone weiter geantwortet:

– Wie heißt der Meierhof, wo wir kampiren?

– L’Herbe-en-Pail.

– Haben wir noch weit hin?

– Eine starke Viertelstunde.

– Nehmen wir den Weg unter die Füße! Die Suppe wird kalt.

– Wir sind freilich etwas spät dran.

– Laufen wäre eigentlich das Beste. Aber Ihre kleinen Kerle sind müde, und wir zwei können die Würmer doch nicht alle drei auf den Armen fortschleppen. Sie haben an dem Mädel so schon genug zu tragen, Sie Gluckhenne. Ein wahrer Klotz. Entwöhnt haben Sie’s freilich, das gefräßige Ding, aber herumtragen thun Sie’s immer noch. Schlechte Gewohnheiten das. Sollten’s marschiren lassen. Na, jetzt ist doch Alles eins. Kalt ist die Suppe so wie so schon.

Victor Hugo

Sie haben an dem Mädel so schon genug zu tragen.

– Sind das einmal gute Schuhe, die ihr mir geschenkt habt, ganz wie für mich angemessen.

– Ist doch gescheiter, als barfuß hinzutappen.

– René-Jean, mach doch größere Schritte!

– Ja, denn du bist schuld daran, daß wir uns verspätet haben. Muß der Schlingel bei jedem kleinen Bauernmädel stehen bleiben und schwatzen. Das will schon ein Mannsbild sein.

– Mein Gott, er geht eben in’s fünfte Jahr.

– René-Jean, sage einmal, warum hast du die Kleine drüben im Dorf angeredet?

Eine Kinderstimme, der man anhörte, daß sie eines Knaben Stimme war, erwiderte:

– Weil das Eine ist, die ich kenne.

Die resolute Stimme entgegnete: – Was? die kennst du?

– Freilich, heute Morgen hat sie mir ja Herrgottskäferchen geschenkt.

– Das ist mir doch etwas bunt! rief das Weib. Kaum drei Tage hier im Quartier, und die kleine Kröte hat euch schon einen Schatz!

Dann verhallten die Stimmen, und es ward wieder still.

II.

Aures habet, et non audit.5

Der Greis regte sich nicht. Er war mehr in ein Träumen als in ein Sinnen vertieft. Rings um ihn her war Alles Friede, Schlummer, Vertrauen, Abgeschiedenheit. Auf der Düne war es noch ganz hell, aber auf der Ebene schon dunkel und gegen die Wälder zu ganz schwarz. In Osten ging der Mond auf und am Zenith durchstachen schon einige Sterne das mattblaue Himmelszelt. Der Mann war, trotz aller Gedanken und Leidenschaften, die in ihm wühlten, versenkt in das unaussprechlich Milde der Unendlichkeit. Er fühlte ein räthselhaftes Dämmern in sich emporsteigen – die Hoffnung, wenn sich das Siegesahnen eines Bürgerkriegs eine Hoffnung nennen kann. Im gegenwärtigen Augenblick, eben entronnen jenem unerbittlichen Meer, unter den Füßen wieder festen Boden, dünkte er sich befreit von jeglicher Gefahr. Niemand wußte um seinen Namen; er war allein, jede Spur hinter ihm verloren, denn auf der See läßt Keiner eine Fährte zurück; geborgen, unbekannt sogar dem Verdacht, empfand er etwas wie eine triumphirende Besänftigung. Um ein Haar wäre er eingeschlafen. Was für ihn, in dem und um den so vieles tobte, dieser flüchtigen Stunde des Friedens einen so seltenen Reiz verlieh, war jenes tiefe Schweigen im Himmel und auf der Erde. Hören konnte man blos den Wind von der See her landeinwärts sausen; aber der Wind ist nur eine fortdauernde Baßbegleitung, an die sich das Ohr so schnell gewöhnt, daß er fast aufhört, ein Geräusch zu sein.

Plötzlich sprang der Mann empor.

Etwas Ueberraschendes hatte ihn aufgeschreckt, etwas, das seinem Blick eine eigene Starrheit verlieh. Sein Blick aber war auf den Horizont geheftet, auf einen Punkt, den Kirchthurm von Cormeray, der im Hintergrund in gerader Linie vor ihm stand. In diesem Kirchthurm ging in der That etwas Absonderliches vor sich. Seine nach oben zu pyramidenförmige Silhouette ragte in scharfen Umrissen, und da wo der Thurm in die Pyramide überging, konnte man den viereckigen, durchbrochenen Glockenstuhl unterscheiden, der, ohne Wetterdach, bretonischem Brauch gemäß nach allen vier Seiten hin offenstand. Dieser Glockenstuhl nun erschien plötzlich abwechselnd offen und verschlossen und zwar in gleichmäßigen Zwischenräumen; einmal war sein hohes Fenster ganz weiß, dann wieder ganz schwarz, bald sah man den Himmel durchscheinen, bald wieder nicht mehr, und dieses Hell und Dunkel, dies Oeffnen und Schließen erfolgte Sekunde auf Sekunde wie der regelmäßige Schlag des Hammers auf den Amboß. Der Kirchthurm von Cormeray stand etwa zwei Meilen weit von der Düne. Der Greis sah nun weiter rechts nach dem Kirchthurm von Baguer-Pican, der gleichfalls am Horizont emporragte; auch dort schloß und öffnete sich der Glockenstuhl gleich dem von Cormeran. Er schaute links nach dem Kirchthurm von Tanis: der Glockenstuhl von Tanis ging auf und zu wie der von Baguer-Pican. So betrachtete er der Reihe nach alle am Horizont sichtbaren Thürme, links die von Courtils, von Précey, von Crollon und von La Croix-Avranchin, rechts die von Raz-sur-Couesnon, Mordray, les Pas, und geradeaus den Thurm von Pontorson: die Glockenstühle all dieser Thürme erschienen abwechselnd schwarz und weiß.

Was sollte das? Das konnte nur bedeuten, daß man die Glocken in Bewegung setzte, und zwar mußte die Bewegung eine ungeheuer gewaltsame sein, sonst hätten die geschwungenen Glocken die Fenster nicht so vollständig decken und wieder frei lassen können. Und warum läuten die Glocken? Sie läuteten offenbar Sturm. Ja, Sturm und wahnsinnig Sturm, Sturm von allen Seiten, von jedem Thurm, in jeder Gemeinde, in jedem Dorf. Und dennoch hörte man nichts, denn die Thürme standen zu fern, so daß der Wind, der von der See herbrauste, keinen Ton bis zur Düne vordringen ließ und den Lärm in entgegengesetzter Richtung über den Horizont hinaustrug.

Dort überall die wüthenden Glocken, mit ehernen Zungen Groß und Klein herbeibrüllend, und hier die Todtenstille: der Gegensatz war grauenvoll.

Der Greis starrte und lauschte. Er sah das Sturmgeläut anstatt es zu hören. Ein Sturmgeläute sehen: fast ein übernatürliches Schauspiel! Für wen aber flogen diese Glocken? Gegen wen läutete man Sturm?

III.

Ein Vorzug der großen Lettern.

Offenbar wurde Jagd gemacht auf Jemand. Aber auf wen? Durch die Stahlnerven des Greises fuhr ein Schauder. Und doch, ihm konnte das wohl nicht gelten. Seine Ankunft hatte man nicht errathen können; die kommissarisch abgeordneten Konventmitglieder konnten davon unmöglich schon unterrichtet sein; er war ja kaum erst gelandet. Von der Korvette war zweifellos nicht ein Mann am Leben geblieben, und wenn auch, außer Boisberthelot und La Vieuville hatte an Bord keine Seele um seinen Namen gewußt.

Mechanisch betrachtete und zählte er die Kirchtürme, die ihre wilde Thätigkeit ununterbrochen fortsetzten, und seine Gedanken huschten von einer Vermuthung zu der andern mit jener schwanken Hast, welche das Umschlagen gänzlicher Sorglosigkeit in schreckliche Gewißheit mit sich bringt. Da dieses Sturmläuten aber schließlich sich auf die verschiedensten Beweggründe zurückführen ließ, suchte er sich zu guter Letzt durch das Bewußtsein zu beruhigen: »Eigentlich kann weder meine Ankunft noch mein Name irgend wem bekannt sein.«

Seit einigen Augenblicken schon war über und hinter ihm ein leises Geräusch entstanden, ähnlich dem Rascheln des bewegten Blattes eines Baumes. Zuerst beachtete er es nicht; da dieses Geräusch jedoch hartnäckig fortbestand, ja sogar einigermaßen wie auf einer Absicht bestand, drehte er sich endlich um. Und ein Blatt war’s auch in der That, aber ein Blatt Papier. Der Wind war nämlich damit beschäftigt, ein großes an den Gedenkstein angeklebtes Plakat gerade über den Kopf des Greises loszulösen. Das Plakat war dort erst seit Kurzem angeschlagen, denn es war noch feucht und hatte deshalb vom Wind gefaßt werden können, der nun mit ihm spielte und es mit sich fortzureißen drohte. Da der Greis die Düne von der entgegengesetzten Seite bestiegen hatte, war ihm, als er oben ankam, das Plakat nicht aufgefallen. Nun schwang er sich auf die Stufe, wo er eben noch gesessen hatte, und hielt den Zettel an der einen Ecke fest, die im Wind flatterte; der Himmel war noch ziemlich hell, denn im Juni hält die Dämmerung geraume Zeit an; unter der Düne war es stockfinster, aber oben glänzte noch ein Schimmer; übrigens war das Plakat zum Theil mit großen Lettern gedruckt, so daß man es immerhin leidlich lesen konnte. So las der Greis denn Folgendes:

Französische eine und untheilbare Republik.

»Wir, Prieur, Abgeordneter des Departements der Marne, Kommissär des Nationalkonvents bei der Küstenarmee von Cherbourg, verordnen:

Der vormalige Marquis von Lantenac und Vicomte von Fontenay, der sich auch für einen bretonischen Fürsten ausgiebt, ist heimlich an der Küste von Granville gelandet und wird hiermit für außer dem Gesetz stehend erklärt. Auf seinen Kopf ist ein Preis von sechzigtausend Livres gesetzt, welche Summe an denjenigen, der ihn todt oder lebendig einliefern wird, ausgezahlt werden soll, und zwar nicht in Assignaten, sondern in Gold. – Ein Bataillon der Küstenarmee von Cherbourg wird sofort zur Verfolgung und Festnahme des vormaligen Marquis von Lantenac ausrücken. –

Die Gemeindebehörden werden aufgefordert, den Truppen hierzu nach Kräften beizustehen. – Gegeben im Rathhaus zu Granville am 2. Juni 1793. – Gezeichnet: Prieur (Marne)«.

Unter diesem Namen befand sich noch eine zweite Unterschrift, aber in viel kleineren Lettern, so daß sie bei der eintretenden Dunkelheit nicht mehr zu entziffern war.

Der Greis drückte den Hut tiefer in die Stirn, hüllte sich bis an’s Kinn in seinen Fischermantel und stieg mit raschen Schritten in die Ebene hinunter. Für ihn war es offenbar von keinem Nutzen, sich im Zwielicht der Anhöhe länger aufzuhalten.

Vielleicht hatte er sich schon zu lang dort aufgehalten; von der ganzen Landschaft war der obere Theil der Düne der einzige noch beleuchtete Punkt.

Unten in der Dunkelheit angekommen, mäßigte der Greis seinen Schritt. Er schlug den Weg nach dem Meierhof ein, wie er sich’s bereits oben vorgezeichnet hatte; zu dieser seiner Wahl bewogen ihn aller Wahrscheinlichkeit nach triftige Gründe der Sicherheit.

Alles war wie ausgestorben. Um diese Stunde war Niemand mehr außer Hause.

Hinter einer Hecke blieb er stehen, zog seinen Mantel aus, wendete seine Jacke nach der behaarten Seite, band sich den zerrissenen Mantel wieder um und ging weiter. Man hatte jetzt Mondschein. An einer Stelle, wo sich der Weg abzweigte, erhob sich ein altes, steinernes Kreuz, an dessen Sockel ein weißes Viereck schimmerte, vermuthlich ein ähnliches Plakat wie auf der Düne. Der Greis trat darauf zu.

– Wo gehen Sie hin? rief ihn eine Stimme an.

Er wendete sich um und sah einen Mann zwischen den Hecken stehen, hochgewachsen wie er selbst, wie er alt, wie er weiß von Haar und in der Kleidung noch zerlumpter als er, kurz, beinahe einen Doppelgänger. Dieser Mann, der sich auf einen langen Stock stützte, wiederholte:

– Ich frage Sie, wohin Sie gehen?

– Und ich frage, wo ich bin, lautete die ruhige, fast gebieterische Antwort.

– In der Herrschaft von Tanis, erwiderte der Mann, die mir zum Betteln, Ihnen aber zu eigen gehört.

– Mir zu eigen?

– Ja wohl. Ihnen, Herr Marquis von Lantenac.

IV.

Der »Caimand«.

Der Marquis von Lantenac – von nun an nennen wir ihn bei seinem Namen – antwortete tiefernst:

– Gut. Liefern Sie mich aus.

Der Mann aber fuhr fort: – Wir sind Beide hier zu Hause, Sie im Schloß und ich im Busch.

– Machen wir ein Ende. Nur zu! Liefern Sie mich aus, sagte der Marquis.

Der Mann fuhr wieder fort: Sie wollten doch zur Meierei von Herbeen-Pail, nicht? – Ja. – Bleiben Sie weg. – Warum? – Weil dort die Blauen sind. – Seit wann denn? – Seit drei Tagen. – Und haben sich die Leute vom Hof und vom Weiler gewehrt? – Nein. Sie haben alle Thüren aufgemacht. – Ach! sagte der Marquis.

Und der Mann wies mit dem Finger nach dem Dach des Hauptgebäudes, das in einiger Entfernung aus den Bäumen hervorragte:

– Das Dach sehen Sie doch, Herr Marquis? – Ja. – Sehen Sie auch das Ding droben? – Das hin und herweht? – Ja. – Es ist eine Fahne. – Blau weiß roth, sagte der Mann.

Es war das der Gegenstand, der schon auf der Düne die Aufmerksamkeit des Marquis auf sich gelenkt hatte.

– Wird nicht Sturm gelautet? fragte der Marquis. – Ja. – Und weshalb? – Unzweifelhaft Ihretwegen. – Aber man hört ja nichts? – Von wegen dem Wind. Haben Sie Ihren Zettel schon gesehen? – Ja. – Man fahndet auf Sie. Drüben, setzte er mit einem Blick nach dem Meierhof hinzu, liegt ein halbes Bataillon. – Republikaner? – Pariser. – Nun also, sagte der Marquis, gehen wir! Und er that einen Schritt in der Richtung der Meierei. Der Mann faßte ihn beim Arm: Gehen Sie nicht hin! – Wohin denn sonst? – Zu mir.

Der Marquis schaute den Bettler an.

– Wissen Sie, Herr Marquis, sagte dieser, schön ist es bei mir nicht, aber geheuer. Ein Keller ist höher als meine Hütte. Mein Fußboden ist eine Streu von Seegras und meine Zimmerdecke ein Geflecht von Zweigen und Gräsern. Kommen Sie mit. In der Meierei würden Sie erschossen werden. Bei mir werden Sie schlafen, denn Sie sind gewiß müde. Morgen früh marschiren die Blauen wieder ab, und Sie können dann weitergehen nach Belieben.

Immer noch betrachtete der Marquis diesen Mann.

– Auf welcher Seite stehen Sie denn eigentlich? fragte er ihn; sind Sie Republikaner oder sind Sie Royalist? – Ich bin ein Armer. – Weder Royalist noch Republikaner? – Ich glaube kaum. – Sind Sie für den König oder gegen ihn? – Zu derlei Sachen habe ich keine Zeit. – Aber wie denken Sie über Alles, was hier vorgeht? – Ich kann mich nicht satt essen. – Aber Sie wollen mir doch helfen. – Ich weiß, daß Sie außer dem Gesetz stehen. Was ist das eigentlich, das Gesetz? Es kann Einer also außer ihm stehen? Das begreife ich nicht. Und ich für mein Theil, steh‘ ich innerhalb des Gesetzes oder außerhalb? Weiß ich’s? Verhungern, ist das gesetzlich? – Seit wann verhungern Sie? – Seitdem ich lebe. – Und Sie retten mich? – Ja. – Warum? – Weil ich zu mir selber gesagt habe: Der da ist noch ärmer als du; du hast wenigstens das Recht, zu athmen, und er hat nicht einmal das. – Allerdings. Und Sie wollen mich also retten? – Gewiß. Jetzt sind wir Brüder, gnädiger Herr. Ich verlange ein Stück Brod und Sie ein Stück Leben. Wir sind zwei Bettler. – Wissen Sie aber nicht, daß auf meinem Kopf ein Preis steht? – Ja. – Woher wissen Sie’s? – Ich habe den Zettel gelesen. – Lesen können Sie? – Ja, und schreiben auch. Warum sollt‘ ich sein wie das Vieh? – Da Sie also lesen können und den Zettel auch gelesen haben, müssen Sie doch wissen, daß, wer mich ausliefert, sechzigtausend Francs bekommt? – Das weiß ich auch. – Und nicht etwa in Assignaten. – Nein, ich weiß schon, in Gold. – Und Sie wissen doch, daß sechzigtausend Francs ein Vermögen sind? – Ja. – Und daß demnach, wer mich ausliefert, sich ein Vermögen macht? – Ja, und was weiter? – Sein Glück macht? – Gerade daran habe ich ja gedacht. Wie ich Sie sah, habe ich für mich selber so gemeint: Wenn man sich sagen muß, daß Jeder darauf rechnen kann, sechzigtausend Francs zu bekommen und sein Glück zu machen, wenn er den Mann da ausliefert, – mein Gott! da hat es wahrhaftig Eile, daß ihn Unsereiner in Sicherheit bringt.

Der Marquis folgte dem Bettler. Beide betraten ein Dickicht, das den Schlupfwinkel des Bettlers barg; es war dies eine Art Wohnstätte, in welcher eine große Eiche den Mann duldete, eine unter den Wurzeln des Baumes ausgehöhlte Behausung, der die Wurzeln als Dachsparren dienten, finster, niedrig, eingezwängt, allen Blicken entrückt. Raum war genug vorhanden für Zwei.

– Ich bin schon vorgesehen für den Fall, daß ich Jemand bei mir bewirthe, sagte der Bettler.

Solch ein unterirdisches Obdach kommt in der Bretagne weniger selten vor, als man glauben dürfte, und heißt in der Sprache der dortigen Bauern ein »carnichot«. Mit demselben Namen bezeichnet man auch ein kleines in der Tiefe einer Mauer angebrachtes ähnliches Versteck. Das ganze Mobiliar besteht aus einigen Töpfen, einem elenden Lager von Stroh oder von gewaschenem und getrocknetem Seegras, einer groben Wolldecke und einigen Talglichtern nebst Feuerzeug.

Halb duckend, halb kriechend drangen die beiden Männer in dies Gemach, das durch große Baumwurzeln in wunderliche Fächer eingetheilt war, und setzten sich auf die Streu von Seegras, welche das Bett vorstellte. Der Raum zwischen zwei Wurzeln, durch den sie sich eben durchgezwängt hatten, die Zimmerthür also, gab noch etwas Licht. Es war allerdings Nacht geworden, aber das Auge, wenn es sich einmal an die Dunkelheit gewöhnt hat, findet immerhin noch ein bischen Helle in der Finsterniß; zudem warf der Mond hier und dort einen matten weißlichen Flimmer durch die Zweige in das Dickicht. In einem Winkel lagen in einer Schüssel neben einem Wasserkrug Kastanien und ein dünner Buchweizenfladen.

– Essen wir etwas, sagte der Arme.

Und sie theilten sich in die Kastanien; der Marquis zog sein Stück Zwieback aus der Tasche und Beide aßen sie nun aus einer Schüssel und tranken sich zu aus demselben Krug. Der Marquis eröffnete das Gespräch, indem er den Mann weiter ausforschte:

– Ob also alles Mögliche sich ereignet oder gar nichts, das läßt Sie vollkommen kalt?

– So ziemlich. Sie und Ihresgleichen, die großen Herren, haben sich um derlei zu kümmern.

– Aber wenn nun einmal Dinge geschehen …

– Sie geschehen weit über mir. Und dann, setzte der Bettler hinzu, geschehen noch weiter oben auch Dinge; die Sonne geht auf; der Mond nimmt zu oder ab: das sind die Dinge, mit denen ich mich beschäftige.

Er that einen Zug aus seinem Kruge:

– Gutes frisches Wasser, sagte er, und wendete sich dann wieder zu dem Marquis: Wie schmeckt Ihnen dieses Wasser, gnädiger Herr?

– Wie heißen Sie denn? fragte der Marquis.

– Ich heiße Tellmarch, und sie nennen mich den »Caimand«.

– Ja, ich weiß; »Caimand« ist ein altes bretonisches Wort.

– Das so viel bedeutet wie Bettler. Oft werde ich auch der Alte genannt. Schon volle vierzig Jahre, fügte er hinzu, heißen sie mich den Alten.

– Vierzig Jahre! Aber Sie waren doch jung?

– Jung bin ich nie gewesen. Sie, Herr Marquis, sind es immer noch, haben die Beine eines Zwanzigers, können auf die große Düne steigen. Ich fange bereits an, mich des Gehens zu entwöhnen; schon nach der ersten Viertelstunde bin ich erschöpft. Und doch stehen wir in gleichen Jahren. Aber die Reichen haben eben vor Unsereinem das voraus, daß sie jeden Tag essen. Essen erhält bei Kräften.

Nach einer kurzen Pause meinte der Bettler:

– Ja, die Armuth und der Reichthum, das sind heillose Sachen, die sind an jenem großen Unglück Schuld. Mir kommt es wenigstens so vor. Die Armen wollen reich und die Reichen nicht arm werden. Daran scheint mir’s zu liegen. Ich mische mich in nichts ein. Was geschieht, lasse ich eben geschehen. Ich halte weder zum Gläubiger noch zum Schuldner. Ich weiß nur, daß es eine Schuld giebt und daß sie bezahlt wird, mehr nicht. Mir wäre lieber gewesen, sie hätten den König nicht umgebracht, aber warum, das könnte ich schwerlich sagen. Uebrigens entgegnet man mir andererseits: Aber früher, wie hat man euch da die Leute baumeln lassen für nichts und wider nichts! Sehen Sie, ich war selber dabei, wie zur Strafe für einen elenden Büchsenschuß auf ein königliches Stück Wild ein Mann gehängt wurde, welcher eine Frau und sieben Kinder hatte. Ueber beide Theile ließe sich eben Manches sagen.

Und nachdem er abermals einige Augenblicke geschwiegen, fuhr er fort:

– Sie verstehen ja schon; das sind blos so Gedanken; man kommt; man geht; es geschehen allerhand Dinge; aber ich, ich betrachte mir die Sterne.

Wieder träumte er eine Weile vor sich hin:

– Ich bin ein klein wenig Bader und Arzt, kenne mancherlei Kräuter und weiß, wofür sie gut sind; weil ich oft bei Kleinigkeiten stehen bleiben kann, halten mich die Bauern so halb und halb für einen Hexenmeister. Aber nachdenken und den Grund finden, sind zweierlei.

– Sie sind wohl in dieser Gegend geboren? fragte der Marquis.

– Ich bin nie draußen gewesen.

– Sie kennen mich?

– Gewiß. Zum letzten Mal habe ich Sie vor zwei Jahren gesehen, als Sie hier durchkamen, um nach England zu gehen. Und als nun vorhin oben auf der Düne ein so großer Mann stand – hochgewachsene Leute sind ja selten bei uns; einen kleinen Menschenschlag haben wir hier zu Land, in der Bretagne – nun, da habe ich recht hingeschaut; den Zettel hatte ich gelesen, und habe zu mir selber gesagt: ei, sieh einmal! Und als Sie nun herunterstiegen, da schien der Mond, und ich habe Sie erkannt.

– Aber ich kenne doch Sie nicht.

– Sie haben mich gesehen und doch nicht gesehen. Ich aber, setzte Tellmarch der »Caimand« hinzu, ich sah Sie jedes Mal.

– Bin ich Ihnen früher denn öfters begegnet?

– Gewiß; ich bettle ja auf Ihrem Grund und Boden. Ich war der Arme unten am Schloßweg; Sie haben mir manchmal ein Almosen gegeben; aber der, welcher schenkt, schaut nicht hin; der nur, der empfängt, beobachtet und prüft. Ein Bettler ist ein Späher; ich aber, wenn ich auch nicht selten traurig bin, suche ein Späher zu sein, der’s gut meint. Ich hielt die Hand hin, und Sie sahen blos die Hand und warfen das Almosen hinein, das ich des Morgens bekommen mußte, wenn ich am Abend nicht verhungern sollte. Es kann schon leicht passiren, daß man durch vierundzwanzig Stunden keinen Bissen unter die Zähne kriegt; dann ist ein halber Groschen das geschenkte Leben, und so haben Sie mich am Leben erhalten, und das zahle ich Ihnen zurück.

– In der That; Sie sind mein Retter.

– Ja, der bin ich, gnädiger Herr, sagte Tellmarch fast feierlich, aber unter einer Bedingung.

– Und die wäre?

– Daß Sie nicht hergekommen sind, um das Böse zu thun.

– Nur Gutes zu stiften, kam ich her, erwiderte der Marquis.

– So legen wir uns denn schlafen, sagte der Bettler. Und sie streckten sich neben einander auf das Lager von Seegras hin. Der Bettler schlief gleich in der ersten Minute ein. Der Marquis aber, obwohl er sehr müde war, richtete sich wieder auf und träumte eine Weile vor sich hin; warf dann in der Dunkelheit einen Blick auf den Bettler und legte sich nieder. Wer in einem solchen Bett liegt, liegt auf der Erde; diesen Umstand benutzte der Marquis, um sein Ohr gegen den Boden zu drücken und zu horchen. Er vernahm ein unterirdisches dumpfes Summen. Bekanntlich findet jeder Lärm seinen Widerhall in den Tiefen des Erdbodens, und so konnte man denn hören, daß immer noch Sturm geläutet wurde. Jetzt erst schlief der Marquis ein.

V.

Gezeichnet: Gauvain.

Als er aufwachte, war es Tag. Der Bettler stand, auf seinen Stock gestützt, draußen am Eingang der Höhle, denn drinnen aufrecht zu stehen, war unmöglich. Sein Gesicht war von einem Sonnenstrahl beleuchtet.

– Gnädiger Herr, sagte Tellmarch, eben hat es vier Uhr geschlagen auf dem Kirchthurm von Tanis; ich habe jeden Glockenschlag gehört. Also hat sich der Wind gedreht und weht jetzt vom Land her; sonst aber läßt sich nichts vernehmen; also wird nicht mehr Sturm geläutet. Im Hof und im Weiler von Herbe-en-Pail ist Alles ruhig; entweder schlafen die Blauen noch oder sie sind schon auf und davon. Die drohendste Gefahr ist vorüber; es wird gut sein, wenn wir uns trennen. Dies ist die Stunde, wo ich mich auf den Weg mache. Und nach einer Seite des Horizonts hindeutend, setzte er hinzu: Nach der Richtung, da gehe ich. Dann bezeichnete er die entgegengesetzte: Gehen Sie nach jener dort.

Hierauf winkte er dem Marquis einen ernsten Gruß zu und sagte noch, indem er auf die Ueberreste des gestrigen Nachtmahls wies:

– Nehmen Sie sich ein paar Kastanien mit, wenn Sie hungrig sind.

In demselben Augenblick war er hinter den Bäumen verschwunden. Der Marquis stand auf und schlug die von Tellmarch angedeutete Richtung ein. Es war gerade jene liebliche Morgenstunde gekommen, die in der alten Sprache der Bauern aus der Normandie als »das Zwitschern des Tages« bezeichnet wird. Die Distelfinken und Sperlinge unterhielten sich mit einander in den Hecken. Der Marquis verließ das Dickicht und betrat den Fußweg, den er am Abend zuvor mit Tellmarch gegangen war. Ueber ein Kurzes befand er sich wieder bei jener Straßenverbindung, wo sich das steinerne Kreuz erhob. Schneeweiß schimmerte das Plakat unter der jungen Sonne; man hätte fast meinen dürfen, es habe eine stille Freude an ihr. Da erinnerte sich der Marquis, daß unter der Hauptanzeige noch etwas stand, das er gestern wegen der Feinheit der Lettern und der vorgerückten Tageszeit nicht hatte lesen können. Er trat an den Sockel des Kreuzes. Die Bekanntmachung schloß in der That, unter der Unterschrift »Prieur (Marne)«, mit den kleingedruckten Zeilen:

»Gleich nach Feststellung der Identität des vormaligen Marquis von Lantenac wird derselbe standrechtlich erschossen werden. – Gezeichnet: der Bataillonschef und Kommandirende der Streifkolonne, Gauvain.«

0087

Er trat an den Sockel des Kreuzes.

– Gauvain! murmelte der Marquis, und in tiefem Sinnen, mit beharrlichem Blick den Zettel anschauend, wiederholte er: Gauvain!

Nun that er ein paar Schritte, wendete aber um, trat wieder vor das Kreuz hin und las die Anzeige nochmals. Dann erst entfernte er sich langsam, und wenn Jemand zugegen gewesen wäre, hätte er ihn noch zuweilen vor sich hinmurmeln hören: Gauvain!

Von den Hohlwegen aus, durch die er nun weiter wanderte, waren die Dächer des Meierhofs, den er links liegen gelassen, nicht sichtbar: Er schritt eine steile Anhöhe entlang, die übersät war mit blühenden Stechpfriemen von einer besonderen Gattung, die längere Dornen hat. Diese Anhöhe gipfelte in einer jener Spitzen, die man in der dortigen Gegend einen Kopf nennt. Dicht unten am Abhang verlor sich der Blick in den Bäumen, deren Laub wie getränkt war von Sonnenschein. Die ganze Natur athmete Morgenfreudigkeit.

Da, plötzlich, schlug diese Freudigkeit in ihren Gegensatz um. Wie aus einem Hinterhalt platzte, der Sandsäule in der Wüste gleich, ein Gemisch von Wuthgebrüll und Gewehrfeuer auf die in Licht gebadeten Fluren und Wälder herab, und in der Richtung der Meierei erhob sich über züngelnden Flammen eine Rauchwolke, als wären Weiler und Hof eine einzige brennende Garbe. Der unvermittelt plötzliche Uebergang vom Ruhen zum Rasen, dieser Ausbruch einer Hölle mitten in dem Morgenfrieden, diese Schreckenshöhe ohne Zwischenstufen, boten einen grauenhaften Anblick. Um Herbe-en-Pail tobte der Krieg. Der Marquis blieb stehen. In derartigen Fällen – Jeder hat es an sich schon einmal erprobt – behält die Neugier die Oberhand über das Bewußtsein der Gefahr und lieber als im Unklaren zu bleiben, trotzt man dem Tod. Der Marquis bestieg die Anhöhe, unter welcher sich der Hohlweg hinzog. Zwar konnte er dort gesehen werden, dafür aber sah auch er. In wenig Minuten hatte er den Kopf erklommen und schaute.

Und wirklich, die Gewehrsalve und die Feuersbrunst, das Geschrei und die Flammen ließen nicht mehr daran zweifeln, daß der Meierhof von Herbe-en-Pail den Mittelpunkt einer Katastrophe bildete. Doch welcher Katastrophe? Herbe-en-Pail war angegriffen worden, aber durch wen? War das wirklich ein Gefecht, oder war es nicht eher eine militärische Exekution? Die Blauen steckten häufig, einer revolutionären Verordnung gemäß, die widersetzlichen Höfe und Dörfer zur Strafe in Brand; als abschreckendes Beispiel wurde jeder Hof oder Weiler eingeäschert, der es unterlassen hatte, die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl Bäume zu fällen oder der republikanischen Kavallerie durch die Dickichte einen Weg zu brechen und zu bahnen. So war insbesondere die Gemeinde von Bourgon bei Ernée erst vor Kurzem verheert worden. Ob Herbe-en-Pail wohl dieses Schicksal theilte? Daß keine der gesetzlich befohlenen strategischen Arbeiten in den Wäldern und an den Umzäunungen von Tanis und Herbe-en-Pail vorgenommen worden, ließ sich mit Sicherheit behaupten. War das nun die Strafe dafür? Hatte die Avantgarde, welche die Meierei besetzt hielt, einen diesbezüglichen Befehl erhalten? Sie gehörte ja zu einer jener Streifkolonnen, denen der Beiname »infernalisch« zugelegt worden war.

Die Anhöhe, von deren Gipfel aus der Marquis seine Beobachtungen anstellte, war allenthalben von einem äußerst struppigen, wilden Dickicht eingefaßt, das man den Busch von Herbe-en-Pail nannte, trotzdem er die Ausdehnung eines Gehölzes hatte; er erstreckte sich bis an die Meierei und barg wie alle Wälder in der Bretagne ein ganzes Netz von Schluchten, Pfaden und Hohlwegen, in deren Labyrinth die republikanischen Truppen rathlos umherirrten.

Die Exekution, wenn es überhaupt eine solche war, mußte furchtbar gewesen sein, denn sie war von kurzer Dauer; die Brutalität arbeitet rasch, und der Bürgerkrieg bringt die Brutalität mit sich. Während der Marquis sich in hunderterlei Vermuthungen erging und, noch unschlüssig, ob er verschwinden oder bleiben solle, lauschte und spähte, hörte das Vernichtungsgetümmel auf oder stob vielmehr auseinander. Der Marquis vernahm etwas wie das Umherschwärmen wildfröhlicher Schaaren in dem Dickicht, ein schauerliches Hin- und Herwimmeln unter den Bäumen. Von der Meierei hatte sich’s in den Wald gewälzt. Geschossen wurde nicht mehr, aber zum Angriff getrommelt. Das Ganze schien jetzt den Charakter eines Treibjagens anzunehmen; das Durchstöbern, Verfolgen und Hetzen deutete darauf hin, daß man Jemand auf der Spur war. Das Lärmen war ein räumlich zerstreutes und dennoch nachhaltiges, eine Mischung von Zorn- und Siegesrufen, die zu einem Getöse ineinanderschmolzen, so daß der Marquis keinen einzelnen Schrei heraushören konnte, bis plötzlich, wie die Form eines Gegenstandes aus einer abnehmenden Rauchwolke hervorsticht, dieser Lärm einen bestimmten deutlichen Laut von sich gab, einen Namen, der dem Lauschenden tausendstimmig in’s Ohr schallte: Lantenac! Lantenac! Der Marquis von Lantenac!

Gefahndet wurde auf ihn.

VI.

Die Wechselfälle im Bürgerkrieg.

Plötzlich, von allen Seiten, blitzte es im Dickicht ringsum von Gewehrläufen, Bajonetten und Säbeln; hinterher ragte im Halbdunkel eine dreifarbige Fahne; der Ruf »Lantenac!« donnerte dem Marquis entgegen, und ihm zu Füßen erschienen verwilderte Gesichter über den Dornbüschen und zwischen den Zweigen. Der Marquis stand allein, allen Blicken ausgesetzt auf der Anhöhe. Er konnte die, welche ihn beim Namen riefen, kaum sehen; sie aber sahen Alle ihn. Wenn das Dickicht tausend Flinten barg, so gab er die Zielscheibe ab für alle tausend. Deutlich unterschied er im Dickicht blos die vielen glühend nach ihm starrenden Augen.

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Der Marquis stand allein, allen Blicken ausgesetzt auf der Höhe.

Er nahm seinen Hut vom Kopf, stülpte die Krempe auf, riß von einer Pfriemenstaude einen langen dürren Dorn weg, zog eine weiße Kokarde hervor, heftete die Kokarde an die Krempe und diese an die Hutform fest und, indem er denselben so wieder aufsetzte, daß seine Stirn unter dem befestigten Hutrand und der Kokarde freistand, rief er laut, damit es der ganze Wald auf einmal höre: – Der bin ich, den ihr sucht. Ich bin der Marquis von Lantenac, Vikomte von Fontenay, bretonischer Fürst, Oberstkommandirender der Streitkräfte Seiner Majestät des Königs. Machen wir ein Ende! Legt an! Feuer!

Und die Jacke von Ziegenfell mit beiden Händen auseinanderreißend, entblößte er seine Brust. Als er hinabschaute, die auf ihn gerichteten Musketen mit dem Blick zu suchen, sah er sich umringt von einer knieenden Menge, die nun jubelnd aufschrie:

– Hoch Lantenac! Der gnädige Herr, hoch! Vivat unser General! Und Hüte flogen in die Höhe; Säbel wurden unter Jauchzen geschwungen und aus jedem Busch braunwollene Mützen auf langen Stöcken geschwenkt. Die Leute um ihn her, die sich bei seinem Anblick auf die Knie niedergeworfen hatten, waren Vendéer Aufständische. Sagenhaften Berichten aus dem Alterthum zufolge, sollen in den wildesten Waldrevieren von Thüringen seltsame gigantische Wesen gehaust haben, die sowohl als übermenschliche wie als unmenschliche Geschöpfe behandelt wurden, denn bei den Römern galten sie für Bestien und bei den Germanen für Halbgötter und kamen also je nach Umständen in die Lage, vertilgt oder angebetet zu werden. Der Marquis empfand jetzt wohl etwas Aehnliches wie eines jener Wesen, das schon darauf gefaßt, als Unthier niedergemetzelt zu werden, nun auf einmal als himmlische Erscheinung verehrt worden wäre. Diese unheimlichen, blitzsprühenden Augen hingen alle an ihm mit einem wilden Ausdruck von Liebe.

Der lärmende Haufen war mit Flinten, Säbeln, Sensen, Stangen und Stöcken bewaffnet; sämmtlich trugen die Leute den großen Filzhut oder die braune Mütze mit der weißen Kokarde, weite, nach unten zu offen stehende kurze Beinkleider, haarige Jacken und lederne Gamaschen, dabei Rosenkränze und Amulette in Fülle; sie hatten langes Haar und nackte Knie, und schauten, wenn auch Viele darunter grausam, so doch Alle gewissermaßen kindlich drein.

Ein junger, stattlicher Mann, welcher sich durch die knieende Menge Bahn gebrochen hatte, eilte nun zum Marquis hinauf. Wie die Bauern trug auch er einen Filzhut mit aufgestülpter Krempe und weißer Kokarde und eine Jacke aus Ziegenfell, nur waren seine Hände weiß und sein Hemd fein, und überdies unterschied ihn von den Uebrigen eine weißseidene Schärpe nebst Degen mit goldenem Griff. Oben angekommen, warf er den Hut weg, nahm Schärpe und Degen ab, und sagte, indem er sich auf ein Knie niederließ und Beides dem Marquis darbot:

– Wir haben Sie in der That gesucht und nun auch gefunden. Hier haben Sie die Zeichen des Kommandos. Diese Leute gehören fortan Ihnen. Bisher war ich der Befehlshaber; jetzt, Monseigneur, avancire ich zu Ihrem Soldaten. Nehmen Sie unsere Huldigung entgegen, Herr General, und gebieten Sie über uns.

Und auf einen Wink von ihm traten einige Männer mit einer dreifarbigen Fahne zwischen den Bäumen hervor, kamen den Hügel herauf und legten dem Marquis jene Trikolore zu Füßen, die er vorhin im Dickicht hatte ragen sehen.

– Herr General, sagte der junge Mann, der ihm Degen und Schärpe überreicht hatte, es ist dies die Fahne, die wir soeben den Blauen, die in der Meierei von Herbe-en-Pail kampirten, abgenommen haben. Mein Name, Monseigneur, ist Gavard. Ich habe schon unter dem Marquis von la Rouarie gedient.

– Schön, sagte der Marquis, und legte ruhig und ernst die Schärpe an, zog dann den Degen und rief, indem er ihn über seinem Haupt schwenkte: Auf! und ein Hoch Seiner Majestät dem König!

Alles erhob sich, und durch die Tiefen des Dickichts wirbelte es fort in siegestrunkener Begeisterung: Hoch der König! Hoch unser Marquis! Lantenac hoch! Nun wendete sich der Marquis wieder zu Gavard:

– Wie stark sind wir?

– Siebentausend Mann.

Und im Hinabsteigen von der Anhöhe, während die Bauern die Pfriemenstauden vor den Schritten des Marquis von Lantenac bei Seite bogen, fuhr Gavard fort: Die Sache verhält sich nämlich in kurzen Worten ganz einfach so: die Pulvermine bedurfte blos mehr eines Funkens, um zu springen, und deshalb hat die Bekanntmachung Ihrer Anwesenheit durch die republikanische Behörde die ganze Gegend zum Kampf für Seine Majestät aufgerufen. Außerdem war uns die Nachricht auch noch unter der Hand durch den Bürgermeister von Granville zugekommen, der uns sehr ergeben ist, und der schon einmal den Abbé Olivier gerettet hat. In der Nacht ist Sturm geläutet worden.

– Wozu?

– Für Sie.

– Ah so! sagte der Marquis.

– Und hier sind wir, setzte Gavard hinzu.

– Also wirklich siebentausend? – Heute noch; morgen aber sind wir fünfzehntausend; das kann unsere Gegend leisten. Als sich Herr Henri von La Rochejacquelein zur katholischen Armee begeben hat, wurde gleichfalls Sturm geläutet und binnen einer Nacht führten ihm die sechs Gemeinden Isernay, Corqueux, les Echaubroignes, les Aubiers, Saint-Aubin und Nueil allein zehntausend Mann zu. Nur an Munition fehlte es; da fand man noch bei einem Maurer sechszig Pfund Sprengpulver, und damit rückte Herr von La Rochejacquelein in’s Feld. Wir dachten wohl, Sie müßten sich irgendwo in diesem Wald aufhalten, und so kommt’s, daß wir Sie gleich hier suchten.

– Doch wie war denn das mit den Blauen in der Meierei von Herbe-en-Pail?

– Sie hatten in Folge der Windrichtung von dem Sturmläuten nichts gehört und waren auch sonst ohne allen Verdacht, denn das einfältige Volk im Dörfchen hatte sie freundlich aufgenommen. Heute früh, während die Blauen noch schliefen, haben wir den Hof umzingelt, und im Handumdrehen war Alles vorüber. Herr General, ich bin beritten; darf ich die Ehre haben. Ihnen mein Pferd zur Verfügung zu stellen? – Ja.

Ein Schimmel mit militärischer Schabracke wurde von einem der Bauern vorgeführt. Der Marquis bestieg ihn, ohne von Gavard’s angebotener Hilfe Gebrauch zu machen.

– Hurrah! schrieen die Bauern, denn an den Küsten der Bretagne und Normandie, welche in beständiger Geschäftsverbindung mit den Kanalinseln stehen, sind dergleichen Rufe vielfach dem Englischen entlehnt worden.

Gavard fragte salutirend: Monseigneur, wohin verlegen Sie Ihr Hauptquartier?

– Zunächst in den Wald von Fougères. – Eine von Ihren sieben Waldungen, Herr Marquis. – Sorgen Sie mir für einen Geistlichen. – Wir haben einen bereits hier. – Wen? – Den Vikar von La Chapelle-Erbrée. – Den kenne ich. Er hat die Reise nach Jersey gemacht. – Zu dreien Malen, sagte ein Priester, der jetzt vortrat.

Der Marquis wendete sich um:

– Guten Morgen, Herr Vikar. Ich werde Sie sogleich beschäftigen.

– Vortrefflich, Herr Marquis.

– Sie werden Beichte hören, heißt das nur, wenn die Betreffenden einverstanden sind. Gezwungen wird Keiner.

– Herr Marquis, entgegnete der Priester, in Guéménée zwingt Gaston die Republikaner zur Beichte.

– Er ist ein Perrückenmacher. Sterben soll man frei.

Gavard, der sich entfernt hatte, um einiges anzuordnen, kam zurück:

– Herr General, ich erwarte Ihre weiteren Befehle.

– Der Sammelplatz ist der Wald von Fougères. Zunächst haben die Leute also auseinanderzugehen und sich dorthin zu verfügen.

– Die Ordre ist bereits gegeben.

– Sagten Sie mir nicht vorhin, daß in Herbe-en-Pail die Blauen eine freundliche Aufnahme gefunden? – Ja wohl, Herr General. – Und der Meierhof ist niedergebrannt worden. – Ja. – Haben Sie den Weiler mit niedergebrannt? – Nein. – So thun Sie’s! – Erst haben sich die Blauen gewehrt; aber sie waren ihrer hundertundfünfzig und wir volle sieben Tausend. – Welche Sorte von Blauen war’s? – Blaue von Santerre. – Welcher den Trommelwirbel kommandirte, während man den König enthauptete …. Demnach waren es ja Pariser? – Ein halbes Bataillon. – Wie heißt das Bataillon? – Herr General, auf der Fahne steht: »Bonnet-Rouge.« – Bestien also. – Was soll mit den Verwundeten geschehen? – Gebt ihnen den Rest. – Und mit den Gefangenen? – Niederschießen. – Es sind an die achtzig Mann. – Alles nieder. – Dazu noch zwei Weiber. – Mit erschießen. – Mit drei Kindern. – Die gehen einstweilen mit uns, bis ein Weiteres über sie beschlossen ist. Und der Marquis trieb sein Pferd voran.

VII.

Ohne Gnade! – Keinen Pardon!6

Während bei Tanis alle diese Begebenheiten aufeinanderfolgten, war der Bettler in der Richtung von Crollon weitergegangen. Er hatte sich tief in die Schluchten verloren, unter das dichte, schweigsame Laubdach, theilnahmlos, wie er selber gesagt, für alles Einzelne und teilnehmend an nichts, mehr in Träumerei als in Gedanken, denn wer denkt, hat ein Ziel vor sich, der Träumer keines. So schlich und schlenderte er zwecklos einher, blieb zuweilen stehen und aß wilden Ampfer, ein Blatt oder zwei, trank auch aus den Quellen, erhob hin und wieder, wenn von Weitem ein Getöse an sein Ohr schlug, das Haupt und fiel dann in den blendenden Halbschlafzauber der Natur zurück, in Lumpen unter der lieben Sonne, die fernen Anklänge menschlichen Treibens vielleicht wohl hörend, lauschend aber dem Gesang der Vögel.

Langsam und gebrechlich; weit konnte er nicht mehr gehen; er hatte es ja dem Marquis von Lantenac gesagt: nach der ersten Viertelstunde war er schon müde; er machte noch einen kleinen Umweg gegen La Croix-Avranchin zu, und als er heimkehrte, war es bereits Abend.

In geringerer Entfernung von Macey führte ihn der Pfad, dem er folgte, zu einer unbewaldeten Erderhöhung mit einer Fernsicht über den ganzen westlichen Horizont bis an’s Meer. Dort oben wurde er auf einen Rauch aufmerksam. Ein emporschwebender Rauch kann die sanftesten, aber auch die schreckhaftesten Betrachtungen wecken; es giebt einen friedlichen und einen verruchten Rauch. Ein Rauch kann uns je nach seiner Beschaffenheit und Farbe in grellem Gegensatz an den Frieden erinnern oder an den Krieg, an Verbrüderung oder Haß, Gastlichkeit oder Grabesgrauen, Leben oder Tod. Wenn zwischen Bäumen eine Rauchsäule aufsteigt, bedeutet sie vielleicht das Lieblichste, was in der Welt zu finden ist, den häuslichen Herd, oder wieder das Schauerlichste, die Feuersbrunst. Und alles menschliche Glück wie aller menschliche Jammer liegt oft in so einer Dampfwolke, die im Winde zerstiebt.

Der Rauch, den Tellmarch bemerkt hatte, war ein besorgnißerregender, denn er war schwarz und zuweilen röthlich leuchtend; die Flamme, der er entstammte, schien abwechselnd zu steigen und zu fallen, also dem Erlöschen nahe zu sein, und er stand gerade über Herbe-en-Pail. Tellmarch ging in beschleunigtem Schritt darauf zu. Er war freilich recht erschöpft, aber er wollte doch wissen, wie das sei. Als er den Hügel erklommen hatte, an dessen Fuß Hof und Weiler gelegen waren, war weder Hof noch Weiler mehr zu sehen, nur noch ein glühender Schutthaufen.

Es giebt noch einen schmerzlicher beklemmenden Anblick als einen brennenden Palast, das ist eine brennende Hütte. Aus dem Brande einer Hütte steigt ein unendlich jammervolles Etwas: der innere Widerspruch, der darin liegt, wenn die Vernichtungswuth über das Elend hereinbricht und der Geier den Wurm mit seiner Grausamkeit verfolgt, schnürt Einem das Herz zusammen.

Die biblische Legende erzählt, daß ein Zurückschauen auf eine Feuersbrunst ein menschliches Wesen in eine Salzsäule verwandelt hat. In diesem Moment war Tellmarch zu einer solchen Säule erstarrt, gelähmt durch das Schreckniß, das sich ihm darbot. Ueber der ganzen Verwüstung lag Schweigen. Kein Schrei, kein Wimmern stieg mit dem Rauch empor.

Dieser Schmelzofen fuhr fort, die letzten Ueberreste des Dorfes zu verzehren, ohne daß man etwas Anderes hätte vernehmen können, als das Krachen der Balken und das Knistern des verglimmenden Dachstrohs. Hier und da riß der Rauchschleier, und dann wurden durch die eingestürzten Decken die gähnenden Wohnräume sichtbar; die Esse ließ ihre Rubinen alle flimmern und das oder jenes arme, alte Möbel leuchtete wie von Purpur zwischen den gerötheten Mauern, und Tellmarch schaute dann der Verheerung unheimlich blendende Kehrseite.

Im Kastanienwald, der dicht an die Häuser grenzte, waren einige Bäume von dem Feuer ergriffen worden und flackerten zum Himmel.

Vergebens lauschte der Bettler hinaus nach irgend einer Stimme, einem Hilferuf, einem Klagelaut. Nichts sah er sich bewegen als die Flammen, und Alles schwieg, nur der Brand nicht. So waren denn Alle entflohen? Das lebendige, arbeitsame Völkchen von Herbe-en-Pail, wo mochte es jetzt wohl hingekommen sein?

Tellmarch verließ den Hügel. Langsam und mit stierem Blick näherte er sich den Ruinen, diesem düster starrenden Räthsel, das er vor sich hatte, – langsam wie ein Schatten, denn in dieser Grabstätte kam er selber sich vor wie ein Phantom. Nun hatte er die Stelle erreicht, wo sich früher die Einfahrt der Meierei befunden hatte, und sah in den Hof, welcher nun mit seinen eingesunkenen Mauern eins war mit den umliegenden Trümmergruben. Was der Mann bis jetzt gesehen, war aber noch nichts, war nur das Schreckliche; bald sollte er das Grauenhafte erblicken.

Mitten im Hofe lag, von einer Seite durch den Schein des Feuers, von der anderen durch den Mond blos in wenigen Umrissen undeutlich hervorgehoben, eine schwarze Masse. Diese Masse bestand aus einzelnen Menschen und diese Menschen waren todt. Rings um sie herum stagnirte eine Flüssigkeit, in welcher der Brand sich spiegelte; doch sie bedurfte dessen nicht, um roth zu erscheinen, denn es war Blut.

Tellmarch trat näher und untersuchte diese Körper einen nach dem anderen; sie waren alle leblos. Bei der Beleuchtung der Feuersbrunst und des Mondes konnte er erkennen, daß es Soldatenleichen waren, sämmtlich barfuß; die Schuhe waren ihnen ausgezogen worden; auch hatte man die Waffen mit fortgenommen; die Uniform war blau und die Hüte, die unter dieser Anhäufung von ausgestreckten Gliedmaßen und hängenden Köpfen umherlagen, trugen die dreifarbige Kokarde. Die Todten waren Republikaner, jene Pariser, die noch den Abend zuvor, alle frisch und munter, hier in der Meierei von Herbe-en-Pail ihr Quartier hatten. Eine gewisse Symmetrie, die in dieser Unordnung herrschte, deutete darauf hin, daß sie hingerichtet worden waren, ohne langen Todeskampf, sorgfältig; es war kein einziges Röcheln zu vernehmen; nicht Einer hatte die Übrigen überlebt. Tellmarch vergaß bei seiner Leichenschau keinen Einzigen. Jeder hatte ein paar Kugeln in Kopf und Brust. Diejenigen, durch welche die Exekution vollzogen worden, hatten wahrscheinlich eine solche Eile gehabt, wieder weiter zu marschiren, daß sie sich nicht damit befassen mochten, die Opfer zu begraben.

Schon wendete sich der Bettler zum Gehen, als sein Blick auf einen niedrigen Mauerrest fiel, über den er von der andern Seite her vier Füße herunterhängen sah. Diese Füße waren kleiner als die Übrigen und nicht nackt; Tellmarch trat näher. Es waren Weiberfüße. Hinter der Mauer lagen zwei Frauen nebeneinander hingestreckt, gleichfalls erschossen. Tellmarch beugte sich über sie. Die Eine trug eine Art Uniform; ihr zur Seite lag ein durchlöchertes leeres Fäßchen. Die todte Marketenderin hatte vier Kugeln im Kopf. Nun untersuchte Tellmarch die Andere, eine Bäuerin. Sie lag bleich, mit offenem Munde und geschlossenen Augen da. Am Kopf hatte sie keine Wunden. Ihr Kleid, das wohl unter Mühsalen so zerfetzt worden, war durch den Sturz aufgegangen, und ließ den Oberkörper zum Theil entblößt. Tellmarch schob es noch weiter auseinander und entdeckte an der einen Schulter eine runde Schußwunde. Das Schlüsselbein war entzwei. – Mutter und Amme, murmelte der Bettler vor sich hin, indem er den blutbefleckten Busen ansah. Er berührte ihre Schulter; sie war nicht kalt; andere Verletzungen als der Bruch und der Schuß waren nicht vorhanden. Tellmarch legte ihr nun die Hand auf die Herzgrube und fühlte ein mattes Schlagen. Die Frau lebte noch.

– Ist denn Niemand hier? rief der Bettler hoch aufgerichtet, verzweiflungsvoll.

– Bist du’s, Caimand? flüsterte es kaum vernehmbar; ein Kopf tauchte hinter einem Schutthaufen auf, und gleich darauf hinter einem andern ein zweiter. Es waren Bauern, die sich versteckt hatten, die beiden einzig Ueberlebenden. Die wohlbekannte Stimme des Bettlers hatte ihnen Muth gegeben, aus ihren Schlupfwinkeln hervorzukriechen. Sie zitterten noch am ganzen Leib, als sie auf Tellmarch zugingen. Dieser hatte einen Schrei gefunden, aber reden konnte er nicht; so wirken große Erschütterungen auf den Menschen. Er deutete blos auf das Weib zu seinen Füßen hin.

– Lebt sie noch? fragte der eine Bauer.

Tellmarch bejahte mit einem Kopfnicken.

– Und die Andere, lebt die auch? fragte der zweite Bauer.

Tellmarch schüttelte den Kopf, und der Bauer, welcher sich zuerst hatte blicken lassen, sagte wieder:

– Die Andern sind alle todt, nicht wahr? Ich hab’s mit ansehen müssen. Ich war drunten in meinem Keller. O, wie dankt man da seinem Schöpfer, daß man nicht Weib und Kind hat! Mein Haus brannte. Jesus Maria! Alles haben sie umgebracht. Die Frau hier hatte Kinder, drei ganz kleine, und die Kinder schrieen: »Mutter!« und die Mutter schrie: »Meine Kinder!« Die Mutter haben sie zusammengeschossen und die Kleinen mitgenommen. Mein Gott! ich habe das mit ansehen müssen, allmächtiger Gott! Die, welche Alles niedergemetzelt haben, sind dann gegangen. Sie waren zufrieden. Die Kinder haben sie mit fortgenommen und die Mutter umgebracht. Aber sie ist nicht todt, nicht wahr? sie ist nicht todt? Höre einmal, Caimand, glaubst du, daß du sie retten kannst? Wie wär’s, wenn wir sie zu dir heimbrächten? Tellmarch nickte beistimmend mit dem Kopf.

Da der Wald an die Brandstätte stieß, hatten sie aus Zweigen und Farrenkräutern eine Tragbare bald hergerichtet, auf die sie das immer noch bewußtlose Weib hinlegten, und nun traten sie den Rückzug durch das Dickicht an. Die beiden Bauern trugen die Bahre, der eine zu Häupten, der andere zu Füßen, und Tellmarch hielt den Arm der Frau und fühlte ihr von Zeit zu Zeit nach dem Puls.

Den ganzen Weg entlang redeten die zwei Bauern und warfen einander über die Verwundete hinüber, deren bleiches Gesicht der Mond beschien, abgerissene Worte des Schreckens zu. – Alles umzubringen! – Alles niederzubrennen! – Ach du lieber Gott! Soll jetzt so drauf losgehaust werden?

– Der große alte Mann, der hat’s haben wollen. – Ja, der war der Anführer. – Ich habe ihn nicht gesehen, wie man sie umgebracht hat; ist er dabei gewesen?

– Nein. Er war schon fort. Aber thut nichts; wie er’s befohlen hat, so ist’s auch geschehen.

– Dann freilich hat er Alles auf dem Gewissen.

– Zusammenschießen! hatte er gesagt; niederbrennen! ohne Pardon!

– Ist es wirklich ein Marquis? – Wenn ich dir sage, daß er unser Marquis ist! – Wie heißt er fein nur? – Er ist Herr von Lantenac.

Tellmarch blickte gen Himmel und murmelte in seinen weißen Bart: Wenn ich geahnt hätte! …

  1. Er hat Ohren und hört nicht.
  2. Ohne Gnade! – war die Parole des revolutionären Pariser Stadtraths, während der Prinz, der an der Spitze der Emigrirten stand, (Artois, der jüngere Bruder Louis XVI. und spätere König Karl X.) die Parole ausgegeben hatte: Keinen Pardon!