VI. Der absolute Nutzen des Gebetes.

Alle Arten des Gebets sind gut, wenn sie nur aufrichtig sind. Selbst aus einem verkehrt in die Hand genommenen Buche kann man mit Nutzen beten, wenn man hierbei mit seinen Gedanken nur im Unendlichen ist.

Es giebt, wie wir wissen, eine Philosophie, welche das Unendliche leugnet. Es giebt auch eine, welche die Sonne leugnet. Diese Philosophie heißt Blindheit.

Einen Sinn, der uns fehlt, als Quelle der Wahrheit aufzustellen, ist eine Geschicklichkeit des Blinden.

Das Merkwürdige dabei ist die hochmüthige, überlegene und mitleidsvolle Miene, welche diese Tast-Philosophie der Philosophie gegenüber annimmt, welche Gott sieht. Man glaubt einen Maulwurf ausrufen zu hören: »Ihr thut mir recht leid mit Eurer Sonne.«

Es giebt große, berühmte Atheisten. Diese, welche allein durch ihren Geist zur Wahrheit geführt werden, sind im Gründe nicht einmal sicher, ob sie Atheisten sind; bei ihnen handelt es sich eigentlich nur um eine Definition. Wie dem aber auch sei, wenn sie auch nicht an Gott glauben, so beweisen sie dadurch, daß sie große Geister sind, für die Existenz Gottes.

Wunderbar ist es auch, wie leicht sie sich mit Worten bezahlt machen. Eine nordische, ein Wenig von dem Nebel ihrer Heimath durchdrungene philosophische Schule glaubte eine Revolution im menschlichen Verstände dadurch bewirken zu können, daß sie für das Wort Kraft das Wort Wille setzte. Wenn man sagt: die Pflanze will, anstatt die Pflanze wächst, so könnte man auch bald hinzusetzen: die Welt will. Warum? Weil daraus auch hervorginge: die Pflanze will, sie hat also ein Ich; das Universum will, also hat es einen Gott.

Uns scheint ein Wille in der Pflanze schwerer annehmbar zu sein als ein Wille in dem Universum. Und ersteren nimmt sie an, letzteren leugnet sie!

Den Willen des Unendlichen, das heißt Gottes, kann man nur unter der Bedingung leugnen, wenn man das Unendliche leugnet.

Das Leugnen des Unendlichen führt gradeswegs zum Nihilismus. Alles wird »ein Begriff des Geistes.« Mit dem Nihilismus ist eine Discussion nicht möglich, denn der logische Nihilismus zweifelt ja, ob er selbst und sein Gegner sind.

Von seinem Gesichtspunkte aus ist es möglich, daß er selbst für sich nur »ein Begriff seines Geistes« sei.

Er bemerkt nur nicht, daß er alles, was er als Einzel-Existenzen leugnet, im Ganzen wieder zugiebt, indem er das Wort: Geist ausspricht.

Es giebt kein Nichts. Eine Null existirt nicht. Alles ist etwas. Nichts ist nichts.

Der Mensch lebt von der Bejahung noch mehr als vom Brode.

Sehen und Zeigen genügt nicht; energisch muß die Philosophie das Ziel zu erreichen suchen, den Menschen zu bessern. Socrates muß in Adam eindringen und einen Marc-Aurel erzeugen; das heißt so viel, als den Menschen aus dem Glücke, aus der Weisheit entstehen lassen. Die Wissenschaft muß eine Kräftigung des Herzens sein. Genießen! Welch trauriger Zweck und welch ärmlicher Ehrgeiz! Das Thier genießt; Denken, das ist der wahre Triumph der Seele. Allen Menschen den Begriff Gottes beizubringen, das Gewissen mit dem Wissen in Uebereinstimmung zu bringen und die Menschen dadurch gerecht zu machen, das ist die wahre Aufgabe der Philosophie. In der Moral soll die Wahrheit Knospen schlagen. Betrachten soll zum Handeln führen. Das Absolute muß practisch werden, das Ideal muß belebt, es muß eß- und trinkbar werden für den menschlichen Geist. Das Ideal hat das Recht zu sagen: »Nehmet, es ist mein Fleisch und Blut.« Die Weisheit und die Religion haben beide dasselbe heilige Sakrament des Abendmahls.

Ohne Glaube und Liebe, diesen beiden mächtigen Hebeln der Menschheit, begreifen wir wenigstens nieder das Warum? noch das Woher? und Wohin? des menschlichen Daseins.

VII. Beim Tadeln muß man vorsichtig sein.

Die Geschichte und die Philosophie haben Pflichten, welche ebenso unendlich wie einfach sind. Der Tadel gegen gewisse Persönlichkeiten, wie z. B. gegen Kaiphas als Bischof, Drako als Richter, Trimalcion als Gesetzgeber, Tiberius als Kaiser ist klar und deutlich. Das Urtheil über gewisse Dinge bietet keine Schwierigkeiten. Anders mit dem Recht, für sich zu leben, mit der Beurtheilung jenes sich freiwillig auferlegten Lebens voller Unbequemlichkeiten und freier Mißbräuche. Es will constatirt, aber geschont sein.

Wenn man von den Klöstern spricht, diesen Stätten des Irrthums aber der Unschuld, der Verirrung aber des guten Willens, der Unwissenheit aber der Demuth, der Strafe aber des Märtyrerthums, so muß man fast immer ja und nein sagen.

Ein Kloster ist ein Widerspruch. Als Zweck das Heil, als Mittel das Opfer. Das Kloster ist der höchste Egoismus, der den größten Grad der Selbstverleugnung zum Zweck hat.

Abzudanken, um zu herrschen, dies scheint die Devise des Mönchthums zu sein.

Im Kloster leidet man, um zu genießen. Man zieht einen Wechsel auf den Tod. Man discontirt das himmlische Licht in irdischer Finsterniß. Im Kloster nimmt man die Hölle im Voraus von der Erbschaft des Paradieses an.

Das Nehmen des Schleiers oder der Kutte ist ein mit der Ewigkeit bezahlter Selbstmord.

Der Spott scheint bei einem solchen Gegenstände nicht angemessen zu sein. Hier ist Alles ernst, das Gute wie das Böse.

Der Gerechte runzelt die Augenbraunen, das böswillige Lächeln aber liegt ihm fern. Man darf zornig aber nicht boshaft sein.

IX. Ein Jahrhundert unter einem klösterlichen Busentuche.

In dem kleinen Kloster befand sich eine Nonne von hundert Jahren, die aus der Abtei von Fontevrault gekommen war. Vor der Revolution hatte sie sogar in der Welt gelebt. Sie sprach viel vom Herrn Miromesnil, Siegelbewahrer unter Ludwig XVI. und von einer Präsidentin Duplat, welche sie sehr gut gekannt. Es war ihre Freude und ihr Stolz, diese beiden Namen bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Sie erzählte Wunderdinge von der Abtei Fontevrault, daß sie wie eine Stadt sei und daß es Straßen in dem Kloster gebe.

Sie sprach im Dialekt der Picardie, worüber die Pensionärinnen immer sehr lachen mußten. Alle Jahre erneuerte sie feierlich ihr Gelübde.

Geschichten erzählte sie sehr gern. Sie sagte, »in ihrer Jugend hätten die Bernhardiner den Mousquetairen nicht nachgestanden.« Sie erzählte auch von der Sitte mit den vier Weinen, welche vor der Revolution in der Champagne und in Burgund üblich gewesen war. Wenn eine hohe Persönlichkeit, ein Marschall von Frankreich, ein Prinz, ein Herzog oder ein Pair, durch eine Stadt kam, so hielt die städtische Behörde eine Rede an ihn und überreichte ihm vier silberne Becher, in welche man vier verschiedene Weinsorten gegossen hatte. Auf dem ersten las man folgende Inschrift: »Affenwein,« auf dem zweiten: »Löwenwein,« auf dem dritten: »Schafwein,« und auf dem vierten: »Schweinewein.« Diese vier Inschriften bezeichneten die vier Grade der Trunkenheit. Der erste Grad der Trunkenheit macht heiter, der zweite zornig, der dritte stumpf, der vierte zum Vieh.

In ihrem Schranke hatte sie unter Schloß und Riegel einen geheimnißvollen Gegenstand, an dem sie sehr hing. Die Regel von Fontevrault untersagte ihr das nicht. Niemandem wollte sie den Gegenstand zeigen. Sie schloß sich ein, was die Regel ihres Ordens ihr ebenfalls gestattet, und versteckte sich jedesmal, wenn sie ihn betrachten wollte. Wenn sie in dem Corridor gehen hörte, so schloß sie den Schrank so eilig, als sie mit ihren alten Händen nur konnte, zu. Sobald man darüber mit ihr sprach, schwieg sie, sie, welche doch so gern sprach. Die Neugierigsten scheiterten an ihrem Schweigen und die Zähesten an ihrer Hartnäckigkeit.

Nach dem Tode der armen Alten, eilte man schneller vielleicht als es schicklich war an den Schrank und öffnete ihn. Dreifach in Leinwand eingehüllt, fand man den Gegenstand. Es war ein Fayence-Teller mit Malerei. Amoretten, welche, verfolgt von Apothekerjungen mit großen Klystierspritzen, davonfliegen. Es wimmelt von komischen und lächerlichen Stellungen. Ein reizender kleiner Amor ist bereits gespießt. Er wehrt sich, schlägt mit seinen kleinen Flügeln und versucht noch zu fliegen, aber der kleine Spritzenheld lacht satanisch. Die Moral ist: die Liebe besiegt durch Kolik.

Diese gute Alte nahm Besuche von außen nicht an. Das Sprechzimmer war ihr »zu traurig,« wie sie sagte.

II. Glücklicherweise trägt die Austerlitz-Brücke Wagen.

Für Johann Valjean war die Ungewißheit vorbei, glücklicher Weise dauerte sie noch für die vier Männer fort. Er benutzte ihr Zögern, es war für sie verlorene, für ihn gewonnene Zeit. Er ging aus seinem Verstecke hervor und nach dem botanischen Garten zu. Cosette fing an müde zu werden, er nahm sie in seine Arme und trug sie. Er begegnete Niemand und des Mondscheins wegen hatte man die Laternen nicht angezündet.

Er verdoppelte seine Schritte, passirte den botanischen Garten und gelangte endlich auf den Quai. Hier drehte er sich um. Der Quai war leer. Die Straßen waren öde. Niemand hinter ihm Er athmete auf.

Er erreichte die Austerlitz-Brücke.

Damals mußte noch Brückengeld bezahlt werden. Er trat an die Einnahmestelle und zahlte einen Sous.

»Es macht zwei Sous,« sagte der Invalide. »Sie tragen da ein Kind, das gehen kann. Sie müssen für zwei bezahlen.«

Aergerlich darüber, daß er zu einer Bemerkung Veranlassung gegeben, bezahlte er. Jede Flucht muß ein Entschlüpfen sein.

Gleichzeitig mit ihm passirte ein schwer beladener Wagen die Seine. Dieser wollte sich, ebenso wie er, auf das rechte Ufer derselben begeben. Das war ihm nützlich. Er konnte die ganze Brücke im Schatten dieses Wagens überschreiten. Ungefähr in der Mitte der Brücke wünschte Cosette wieder zu gehen, da ihr die Beine eingeschlafen. Er ließ sie herunter und nahm sie wieder bei der Hand.

Hinter der Brücke sah er ein wenig rechts Holzlagerplätze. Er ging darauf zu. Um dorthin zu gelangen, mußte er sich in einen ziemlich großen, freien und hellbeschienenen Raum wagen. Er zögerte nicht. Die, welche ihn verfolgten, hatten offenbar seine Spur verloren. Johann Valjean glaubte sich außer Gefahr. Man suchte ihn noch – ja, man folgte ihm aber nicht mehr.

Zwischen zwei von Mauern eingeschlossenen Lagerplätzen ging ein Gäßchen hin, schmal und dunkel, als sei es ganz besonders für ihn gemacht. Ehe er hineintrat, sah er hinter sich.

Von seinem Standpunkt aus konnte er die ganze Länge der Brücke von Austerlitz übersehen.

Vier Schatten traten eben auf die Brücke. Sie wendeten dem botanischen Garten den Rücken zu und gingen auf das rechte Seineufer. Diese vier Schatten waren die vier Männer.

Johann Valjean empfand das Zittern eines wiedergefangenen Wildes.

Eine Hoffnung blieb ihm: daß die vier Männer in dem Augenblicke, als er mit Cosetten an der Hand über den hellen Platz gegangen, noch nicht auf der Brücke gewesen und ihn noch nicht gesehen hätten.

In diesem Falle konnte er entkommen, wenn er durch das vor ihm liegende Gäßchen die Holzplätze erreichte und die unbebauten äußeren Stellen der Stadt.

Er glaubte sich dem schweigsamen Gäßchen anvertrauen zu können und schritt hinein.

X. Ursprung der Ewigen Anbetung.

Der Orden der Ewigen Anbetung ist nicht sehr alt. Es sind seit seinem Entstehen noch nicht zweihundert Jahre verflossen.

Im Jahre 1649 wurde die Heilige Monstranz zwei Mal in einer Zeit von nur wenigen Tagen in zwei Kirchen zu Paris entweiht. Diese entsetzliche und seltene Kirchenschändung setzte die ganze Stadt in Aufregung. Der Prior Groß-Vicar von St. Germain des Pres ordnete eine feierliche Prozession seiner ganzen Geistlichkeit an, bei welcher der päpstliche Nuntius celebrirte. Diese Sühnung genügte jedoch zweien würdigen Frauen, der Madame Courtin, Marquise v. Boucs und der Gräfin von Chateauvieux nicht. Diese gegen das »allerheiligste Sakrament des Altares« verübte Schmähung konnten die beiden frommen Seelen nicht vergessen und schien ihnen nicht anders gut gemacht werden zu können als durch eine Ewige Anbetung in einigen Nonnenklöstern. Beide, die eine 1652, die andere 1653 übermachten der Mutter Katharina von Bar, genannt vom heiligen Sakrament, einer Benedictinerin, ansehnliche Summen zum Geschenk, um zu diesem frommen Zwecke ein Kloster vom Orden des heiligen Benedict zu gründen. Die erste Erlaubniß zu dieser Stiftung erhielt Katharina von Bar von Herrn v. Metz, Abt von St. Germain, unter der Bedingung, »daß kein Mädchen aufgenommen werde, welche nicht dreihundert Livres Renten, also ein Kapital von sechstausend Livres, mitbringe.«

Die königliche Bestätigung datirt von 1654. Drei Jahre später, also im Jahre 1657 ermächtigte der Papst Alexander XII. durch ein besonderes Breve, auch die Bernhardinerinnen von Klein-Picpus die Ewige Anbetung zu verrichten, ebenso wie die Benedictinerinnen vom Heiligen Sakrament.

Die beiden Orden selbst sind jedoch ganz verschieden von einander.

XI. Ende von Klein-Picpus.

Seit dem Beginn der Restauration verfiel das Kloster von Klein-Picpus; es unterlag dem allgemeinen Hinsterben des Klosterlebens, welches seit Ablauf des achtzehnten Jahrhunderts vergeht, wie alle religiösen Orden. Die beschauliche Selbstbetrachtung ist wie das Gebet ein Bedürfnis des Menschen. Wie alles aber, was die Revolution berührt hat, wird sie sich umgestalten und dem gesellschaftlichen Fortschritte nicht ferner feindlich sein, sondern ihm günstig werden.

Das Haus in Klein-Picpus entvölkerte sich schnell. Im Jahre 1840 war das kleine Kloster verschwunden, ebenso das Pensionat. Es gab weder alte Frauen noch junge Mädchen darin; die einen waren gestorben, die anderen hatten das Haus verlassen.

Wegen der Strenge der Ordensregel ergänzt sich der Orden nicht mehr. Vor vierzig Jahren waren ungefähr noch hundert Nonnen im Kloster, vor fünfzehn Jahren nur noch achtundzwanzig. Im Jahre 1847 war die Priorin eine junge Dame von noch nicht vierzig Jahren, ein Zeichen, daß der Kreis der Wählbaren zusammengeschrumpft war. Und in dem Maaße, in welchem die Anzahl sich verringert, in demselben Maaße wird der Dienst einer Jeden beschwerlicher.

Wegen dieses Verfalles hat das Kloster auch die Erziehung von Mädchen aufgegeben. –

Wir haben vor diesem außerordentlichen, unbekannten, dunklen Hause nicht vorüber gehen können, ohne in dasselbe einzutreten, ohne in dasselbe das Gemüth der Leser, welche uns begleiten und denen wir unsere Erzählung vortragen, einzuführen. Für Manche wird dieser Besuch vielleicht nicht nutzlos gewesen sein. Wir haben von diesem seltsamen Orte mit möglichster Ehrfurcht gesprochen, wenn die Mittheilung einiger Einzelheiten uns auch manchmal betreffs der dem heiligen Orte schuldigen Rücksicht verdächtigt haben mag. Wir begreifen nicht Alles, wir wollen aber Niemand beleidigen. Wir sind ebenso weit entfernt von dem Hosiannah Joseph de Maistres, wie von dem höhnischen Grinsen Voltaires, welcher sogar das Crucifix verspottete.

Im neunzehnten Jahrhundert erleidet die religiöse Idee eine Krisis. Man verlernt gewisse Dinge und man thut wohl daran, wenn man nur statt dessen etwas anderes lernt. Im menschlichen Herzen darf es keinen leeren Raum geben. Wenn dem Einsturz der Neubau folgt, so kann man sich trösten.

Die Nachahmungen der Vergangenheit nehmen falsche Namen an und nennen sich gern Zukunft. Die Vergangenheit ist ein Gespenst, das gar zu häufig seinen Paß fälscht. Wir müssen uns in Acht nehmen, daß wir uns von diesem Passe nicht täuschen lassen und Todtes nicht für das Leben der Zukunft halten. Die Vergangenheit hat ein Gesicht und eine Maske; das Gesicht ist der Aberglaube, die Maske ist die Heuchelei. Zeigen wir das Gesicht und reißen wir die Maske ab.

Die Klosterfrage ist eine sehr verwickelte. Sie ist eine Frage der Civilisation, welche sie verurtheilt; sie ist eine Frage der Freiheit, welche sie in ihren Schutz nimmt.

I. Das Kloster als abstracter Begriff.

Dieses Buch ist ein Drama, in welchem das Unendliche die erste, der Mensch die zweite Rolle spielt.

Da dem so ist und wir auf unserm Wege ein Kloster gefunden haben, so mußten wir in dasselbe eintreten, denn das Kloster, dem Morgenlande wie dem Abendlande, dem Alterthume wie der modernen Zeit, dem Heidenthume, dem Buddhaismus, dem Mohamedanismus, wie dem Christenthume eigen, ist ein optischer Apparat, welchen der Mensch auf das Unendliche richtet.

Es ist hier nicht der Ort, über die Grenzen dieses Werkes hinaus gewisse Ideen zu entwickeln; bei aller Einschränkung jedoch müssen wir aber sagen, daß wir jedesmal uns von Achtung ergriffen fühlen, wenn wir in den Menschen dem Unendlichen begegnen; der Mensch mag es gut oder schlecht verstanden haben. Es giebt in der Synagoge, in der Mosche, in der Pagode, dem Wigwam eine häßliche Seite, die wir verwünschen, aber auch eine erhabene, die wir verehren. Welche endlose Betrachtung für den Geist ist die Widerspiegelung Gottes im Menschen!

II. Das Kloster als historische Thatsache.

Vom Gesichtspunkte der Geschichte, der Vernunft und der Wahrheit aus ist das Mönchthum verurtheilt.

Wenn die Klöster bei einer Nation zu zahlreich sind, so bilden sie Knoten, welche die Cirkulation hindern und Mittelpunkte der Faulheit. Die Klostergemeinden verhalten sich zu der großen gesellschaftlichen Gemeinschaft wie die Mispel zur E:che, wie die Warze zum menschlichen Körper. Ihr Gedeihen ist die Verarmung des Landes. Die Mönchsherrschaft, welche im Anfange der Civilisation gut war und dazu beitrug, durch das Geistige die Roheit zu mäßigen, ist, nachtheilig im Mannesalter der Völker.

Die Klöster haben ihre Zeit gehabt. Nützlich der ersten Erziehung der modernen Civilisation, wurden sie ihrem Wachsthum lästig und ihrer Entwickelung schädlich. Im zehnten Jahrhunderte waren sie gut, im fünfzehnten konnte man über ihren Werth streiten, im neunzehnten Jahrhundert aber sind sie unbedingt verwerflich. Der Mönchsaussatz hat zwei bewundernswürdige Nationen, Italien und Spanien, von denen Jahrhunderte lang die eine die Leuchte, die andere der Glanz Europas gewesen waren, bis fast zum Gerippe zerfressen. Erst jetzt beginnen die beiden erlauchten Völker, Dank der gesunden und kräftigen Gesundheitslehre von 1789, zu genesen.

Das Kloster, namentlich das ehemalige Frauenkloster, wie es an der Schwelle unseres Jahrhunderts noch in Italien, in Oestreich und in Spanien erscheint, ist eine der düstersten Schöpfungen des Mittelalters.

Thatsachen sprechen. Sie lassen sich schwerlich in Abrede stellen, sie stehen fest.

Der Verfasser dieses Buches hat mit eigenen Augen, acht Meilen von Brüssel in der Abtei von Villers das Loch der Verließe gesehen, mitten in der Wiese, wo der Hof des Klosters gewesen war, am Dyle, vier steinerne Kerker, halb unter der Erde, halb unter dem Wasser. Das waren die in pace 5. Jeder dieser Kerker hat einen Ueberrest von einer eisernen Thür, eine Latrine und ein vergittertes Fenster, außen zwei Fuß über dem Flusse, innen sechs Fuß über dem Boden. Außen längs der Mauer hin fließt vier Fuß tief der Fluß. Der Boden ist immer feucht. Diejenigen, welche in pace wohnten, hatten diesen Boden als Bett. In einem dieser Kerker befindet sich ein Stück eines in der Wand geschmiedeten Halseisens; in einem andern sieht man einen viereckigen aus vier Granitplatten gemachten Kasten, zu kurz, um sich hinein zu legen, zu niedrig, um darin aufstehen zu können. Darein steckte man einen Menschen und darüber legte man eine Steindecke! Diese in pace, diese Kerker, diese Eisenangeln, jenes Halseisen, jenes Fenster, jener Fußboden, jener Steinkasten mit dem Steindeckel darauf wie ein Grab – sind das keine Thatsachen, sind das keine Zeugen!?

  1. D. h. in Frieden, bezeichnet in gewisser ironischer Weise Kerker.

III. Unter welcher Bedingung man die Vergangenheit achten kann.

Das Mönchsthum, wie es in Spanien bestand und in Thibet noch besteht, ist eine Art Schwindsucht für die Civilisation. Es hält das Leben auf, schon aus dem einfachen Grunde, weil es entvölkert. Dazu nehme man die so oft dem Gewissen angethane Gewalt, den erzwungenen Beruf für das Kloster, das sich auf das Kloster stützende Feudalwesen, das Erstgeburtsrecht, welches das Zuviel der Familie dem Kloster zuführte, die Grausamkeiten, von denen wir gesprochen haben, und wir werden zittern vor der Kutte und dem Schleier, diesen beiden Grabtüchern menschlicher Erfindung.

Gleichwohl dauert hartnackig an gewissen Orten trotz der Philosophie und des Fortschritts der Klostergeist noch fort mitten im neunzehnten Jahrhundert. Der Eigensinn veralteter Einrichtungen, fortdauern zu wollen, gleicht der Hartnäckigkeit ranzigen Parfüms, das unser Haar ölen, der Anmaßung eines verdorbenen Fisches, der gegessen sein will, der Anmaßung eines Knabenanzuges, den ein Mann noch tragen soll: ist grade so als wenn ein Leichnam noch zärtliche Umarmungen machen wollte.

Ihr Undankbaren! sagt der Knaben-Rock; ich habe Euch bei schlechter Zeit geschützt, warum wollt ihr nichts mehr von mir wissen? Ich war im frischen, klaren Wasser des Sees, sagt der Fisch. Ich war eins Rose, sagt das Parfüm. Ich habe Euch geliebt, sagt der Leichnam.

Ich habe zu Eurer Civilisation beigetragen, sagt das Kloster.

Darauf giebt es nur eine Antwort: Ehemals.

Ist es doch seltsam, zu glauben, Dinge, welche gestorben sind, lebten noch und würden noch ewig leben; es ist doch seltsam, wenn der Gegenwart die Vergangenheit sich aufdringen will. Und doch giebt es Vertreter dieser Theorie. Diese sonst geistreichen Leute haben ein sehr einfaches Verfahren: sie übertünchen die Vergangenheit und diesen Ueberzug nennen sie gesellschaftliche Ordnung, göttliches Recht, Moral, Familie, Achtung vor den Vorfahren, alte Autorität, heilige Tradition, Legitimität, Religion. Es ist dies die bekannte Logik der Alten, welche auch bei den Haruspices in Uebung war. Sie bestrichen eine junge schwarze Kuh mit Kreide und sagten: sie ist weiß. Der sogenannte bos eretatus (bekreidete Ochse).

Was uns betrifft, so achten und schonen wir hier und da die Vergangenheit, wir schonen sie jedoch nur dann, wenn sie nicht aufs Leben Anspruch machen, wenn sie todt sein will. Will sie leben, so greifen wir sie an und suchen sie zu tödten.

Aberglaube, Bigotterie, Muckerthum, Vorurtheile, diese Larven haben, obgleich sie Larven und Schatten sind, ein zähes Leben. Der Schatten ist schwer an der Kehle zu packen und niederzuwerfen.«

Ein Kloster im vollen Mittag des neunzehnten Jahrhunderts, mitten in der Stadt von 1789, 1830 und 1848, Rom in Paris, ist ein Anachronismus.

IV. Heiterkeit.

Nichts desto weniger haben die jungen Mädchen dieses ernste Haus auch mit reizenden Erinnerungen erfüllt.

Zu gewissen Stunden blitzte die Kindheit in diesem Kloster. Wenn die Erholungsstunde schlug, so drehte sich eine Thür in ihren Angeln. Die Vögel dachten: »Gut! Jetzt kommen die Kinder!« Ein Strom der Jugend ergoß sich über den Garten. Strahlende Gesichter, weiße Stirnen, treuherzige Augen voll heiteren Lichts, alle Arten Morgenröthen zerstreuten sich in diesem Dunkel.

Nach den Psalmen, Singen, Beten, dem Glockenläuten, dem Gottesdienst, plötzlich dieses Gesumme kleiner Mädchen, sanfter noch als das Summen von Bienen. Der Bienenkorb der Freude öffnete sich und jedes Bienchen brachte seinen Honig freudig herbei. Man spielte, rief einander, sammelte sich in Gruppen, lief; hübsche kleine, weiße Zähne plauderten in den Ecken und Winkeln. Von fern bewachten die Schleier das Lachen, die Schatten hielten Wache über die Strahlen, aber gleichviel! Man strahlte und lachte. Es war wie ein auf Trauer fallender Rosenregen.

In diesem Hause sind vielleicht mehr als irgend wo anders »Kinderworte« gesprochen worden, welche so viel Reiz haben und alle Mal wenn wir sie hören, uns ein träumerisches Lächeln abgewinnen.

So verzeichnen wir hier folgendes Gespräch, welches einst geführt wurde:

Eine Stimmmutter: »Warum weinst Du, mein Kind?«

Das Kind (sechs Jahre alt, schluchzend): »Ich habe zu Alix gesagt, ich wüßte meine französische Geschichte ganz gut. Sie meint, ich wüßte sie nicht und ich weiß sie doch.

Alix, die ältere (neun Jahre alt): Nein; sie weiß sie nicht.

Die Mutter: Wie so nicht, mein Kind?

Alix: Sie sagte mir, ich solle das Buch auf’s Geradewohl aufschlagen und ihr eine Frage daraus vorlegen. Sie würde sie beantworten.

»Nun?«

»Sie hat sie nicht beantwortet.«

»Sieh doch! Was hast Du sie denn gefragt?«

»Ich schlug das Buch auf Geradewohl auf und fragte die erste Frage, die ich fand.«

»Was war das für eine Frage?«

»Sie lautete: was geschah hierauf?«

Ferner wurde auf einer Steinplatte dieses Klosters eine schriftliche Beichte gefunden, die eine siebenjährige Sünderin sich vorher aufgeschrieben hatte, um sie nicht zu vergessen:

»Mein Vater, ich klage mich an, geizig gewesen zu sein.«

»Mein Vater, ich klage mich an, die Ehe gebrochen zu haben.«

»Mein Vater, ich klage mich an, meine Blicke zu den Männern erhoben zu haben.«

Das dunkele und feuchte Refectorium war, wie die Kinder sagten – voll Thiere. Jede der vier Ecken hatte in der Sprache der Pensionärinnen einen besonderen, ausdrucksvollen Namen erhalten. Da gab es die Ecke der Spinnen, die der Raupen, die der Asseln und die der Heimchen. Die Heimchenecke war mit der Küche benachbart und sehr geschätzt. Da war es weniger kalt als anderswo. Von dem Refectorium waren die Namen in das Pensionat übertragen worden und dienten hier wie im alten College von Mazarin zur Unterscheidung von vier Nationen. Jede Schülerin gehörte zu einer der vier Nationen je nach der Ecke des Refectoriums, in welcher sie in den Eßstunden saß. Eines Tages sah der Erzbischof bei seinem Besuch im Kloster in die Classe ein hübsches, kleines, blühendes Mädchen mit bewunderungswürdigen, blonden Haaren eintreten. Er fragte eine in seiner Nähe stehende, andere Pensionärin, eine reizende Brünette mit frischen Wangen:

»Wer ist die?«

»Eine Spinne, Ew. Gnaden.«

»Ah! und die andere?«

»Ein Heimchen.«

»Und die da?«

»Eine Raupe.«

»Wirklich? Und was bist Du?«

»Ich bin eine Assel, Ew. Gnaden.«