5. Die Einsamkeit, in der Herr Ludwig von Frankreich seine Horen betet.

Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, daß Quasimodo einen Augenblick zuvor, ehe er die nächtliche Bande der Bettler bemerkte, und als er von seinem Thurme herab Paris überblickte, hier nur ein einziges Licht schimmern sah, welches ein Fenster im höchsten Stockwerke eines hohen und düstern Gebäudes neben dem Thore Saint-Antoine erhellte. Dieses Gebäude war die Bastille. Dieser Lichtschimmer war die Kerze Ludwigs des Elften.

Der König Ludwig der Elfte war in der That seit zwei Tagen in Paris. Er war willens, am zweitnächsten Tage wieder nach seiner Feste Montilz-les-Tours zurückzureisen. Er nahm stets nur kurzen und seltenen Aufenthalt in seiner guten Stadt Paris, weil er hier nicht genug Fallgruben, Galgen und schottische Bogenschützen in seiner Nähe wußte.

An jenem Tage war er gekommen, um sein Nachtlager in der Bastille aufzuschlagen. Das große Zimmer von fünf Klaftern im Geviert, welches er im Louvre besaß, mit dem großen Kamine, der mit zwölf großen Thiergestalten und dreizehn großen Propheten bedeckt war, und sein mächtiges Bett von elf Fuß Breite und zwölf Fuß Länge gefielen ihm wenig. Er verlor sich in allen diesen großen Räumlichkeiten. Dieser gut bürgerliche König zog die Bastille mit einem Kämmerchen und einem Bettchen darin vor. Und dann war die Bastille weit fester als der Louvre.

Dieses »Kämmerchen«, welches sich der König in dem berüchtigten Staatsgefängnis vorbehalten hatte, war noch ziemlich groß und nahm das oberste Stockwerk eines Thürmchens ein, das auf einen großen Schloßthurm aufgesetzt war. Es war ein Gemach von runder Form, mit Matten aus weißem Stroh überkleidet, die Decke mit Balken verschalt, an denen Lilien aus vergoldetem Zinn sich erhoben, zwischen den Balken farbige Füllungen; die Wände waren mit reichem Holzwerke ausgetäfelt, das mit Rosetten von weißem Zinn übersäet und mit Hellgrün aus Goldgelb und feinem Indigo gemalt war.

Es befand sich nur ein Fenster in langer Spitzbogenform darin, das mit Eisendraht und Eisenstäben vergittert und übrigens von schönen gemalten Scheiben mit den Wappen des Königs und der Königin, deren Fassung auf zweiundzwanzig Sou zu stehen kam, verdunkelt war.

Es hatte gleichfalls nur einen Eingang: eine Thür im neuern Geschmack mit flachgewölbtem Bogen, innen mit einem Thürteppiche und außen mit einer jener irländischen, hölzernen Vorhallen, diesen zierlichen Holzbauen merkwürdig gearbeiteter Tischlerkunst geziert, welche man noch in zahlreichen alten Häusern vor hundert und fünfzig Jahren sah. »Obgleich sie die Räume verunzieren und versperren,« sagt Sauval voll Verzweiflung, »so wollen sich unsere Alten dennoch durchaus nicht von ihnen trennen und behalten sie jedermann zum Trotze bei.«

In diesem Zimmer fand man nichts von den Möbeln, welche sich in gewöhnlichen Wohnzimmern vorfinden: weder Bänke, noch Tragstühle, weder Polsterbänke, noch gewöhnliche Fußschemel in Kastengestalt, noch schöne Schemel, die von Füßen und Strebesäulchen getragen werden, das Stück zu vier Sou. Man sah hier nur einen sehr prächtigen Klappstuhl mit Armen: das Holz daran war mit Rosen auf rothem Grunde bemalt, der Sitz aus dunkelrothem Corduanleder, mit langen Seidenfransen geschmückt und mit zahlreichen goldenen Nägeln beschlagen. Die Vereinzelung dieses Stuhles zeigte an, daß nur eine einzige Person das Recht hätte, in diesem Zimmer sich zu setzen. Neben dem Stuhle und ganz dicht am Fenster befand sich ein Tisch, der mit einem Teppiche bedeckt war, in den Vogelgestalten eingewirkt waren. Auf diesem Tische stand ein tintenfleckiges Schreibzeug, einige Pergamente, Federn und ein in Silber getriebener Humpen; ein wenig weiter entfernt ein Kohlenbecken, ein Betpult aus dunkelrothem Sammete, gleichfalls mit goldenen Buckeln beschlagen. Endlich sah man im Hintergrunde ein einfaches Bett aus gelbem und rosenfarbigem Damast ohne Flitterstaat und Tressen, mit Franzenbesatz in wirrer Form. Es ist dies das berühmte Bett, in welchem Ludwig der Elfte die Stunden des Schlafes oder der Schlaflosigkeit verbrachte, und welches man noch vor zweihundert Jahren bei einem Staatsrathe in Augenschein nehmen konnte, wo es von der alten Frau Pilou, die im »Cyrus« 75 unter dem Namen »Aricidia« oder »die lebende Moral« gefeiert wird, gesehen worden ist.

So war das Zimmer beschaffen, welches man »die Einsamkeit, in der Herr Ludwig von Frankreich seine Horen betet«, benannte.

In dem Augenblicke, wo wir den Leser hier eingeführt haben, war es sehr dunkel in diesem Zimmer. Die Abendglocke war vor einer Stunde geläutet worden; es war Nacht, und man sah nur eine einzige flackernde Wachskerze auf dem Tische stehen, welche fünf, verschiedenartig im Zimmer gruppirte Personen beleuchtete.

Der Erste, auf welchen das Licht fiel, war ein prächtig in Beinkleider und Rock aus scharlachrothem, silbergestreiftem Stoff gekleideter Herr, der einen Mantel aus schwarzgemustertem Goldstoff mit geschnürten Buffärmeln um die Schultern trug. Dieser funkelnde Anzug, auf welchem das Licht spielte, schien an allen Falten von Flammen zu schillern. Der Mann, welcher ihn trug, hatte auf der Brust sein in hellen Farben gesticktes Wappen: einen Balken mit einem springenden Damhirsche am Ende. Der Wappenschild war rechts von einem Olivenzweige, links von einem Damhirschgeweih umkränzt. Derselbe Mann trug an seinem Gürtel einen reich gearbeiteten Dolch, dessen dunkelrothes Gefäß in Gestalt eines Helmstutzes getrieben und von einer Grafenkrone gekrönt war. Er hatte ein boshaftes Wesen, eine stolze Miene, und trug den Kopf hoch. Beim ersten Blicke ersah man auf seinem Gesichte den anmaßenden Dünkel, beim zweiten die Hinterlist.

Er stand unbedeckten Hauptes, ein langes Aktenstück in der Hand, hinter dem Armstuhle, auf welchem mit nachlässig zusammengesunkenem Körper, die Kniee eins über das andere geschlagen, mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, eine übel gekleidete Person saß. Man denke sich in der That auf dem sehr reichen Sitze von Corduanleder zwei eingebogene Knien, zwei magere Schenkel, welche ärmlich in eine schwarzwollene enganliegende Hose gekleidet waren, einen Rumpf, der in einen Ueberrock aus Barchent mit Pelzfütterung gehüllt war, an der man weniger Haare als Leder sah; endlich, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, einen alten schmutzigen Hut aus dem schlechtesten schwarzen Stoffe, der ringsum mit einer Schnur kleiner bleierner Figuren besetzt war. Das war, nebst einem schmutzigen Käppchen, das kaum ein Haar hervorschauen ließ, alles, was man an der sitzenden Person erkennen konnte. Er hielt sein Haupt dermaßen auf die Brust geneigt, daß man nichts von seinem im Schatten versteckten Gesichte erblicken konnte, außer allein das Ende seiner Nase, auf die ein Lichtstrahl fiel, und die sehr lang sein mußte. Aus der Magerkeit seiner runzeligen Hand schloß man auf einen Greis. Es war Ludwig der Elfte.

In einiger Entfernung hinter ihnen unterhielten sich mit leiser Stimme zwei, nach flamländischem Schnitte gekleidete Männer, welche nicht so sehr im Schatten versteckt waren, daß jemand von denen, welche der Aufführung von Gringoires Schauspiel beigewohnt hatten, in ihnen nicht zwei der vornehmsten flamländischen Gesandten hätte wiederkennen sollen: nämlich Wilhelm Rym, den verschlagenen Pensionair der Stadt Gent, und Jacob Coppenole, den volksthümlichen Strumpfwirker. Man wird sich erinnern, daß diese beiden Männer bei der geheimen Politik Ludwigs des Elften mit im Spiel waren.

Endlich ganz im Hintergrunde des Zimmers, neben der Thüre, stand in der Dunkelheit, bewegungslos wie eine Bildsäule, ein kräftig gebauter Mann mit stämmigen Gliedmaßen im Soldatenharnisch und wappengeschmückten Mantel, dessen vierschrötiges, stirnloses Gesicht mit Augen darin, welche mit den Stirnknochen gleichstanden, mit dem ungeheuern Munde querdurch, und seinen Ohren, die sich unter zwei breiten Wetterdächern von glatten Haaren versteckten, zu gleicher Zeit einem Hunde und einem Tiger ähnelte. Alle waren unbedeckten Hauptes, mit Ausnahme des Königs.

Der Herr, welcher neben dem Könige stand, schien ihm aus einer Art langen Rechnungsberichte vorzulesen, welchen Seine Majestät aufmerksam anzuhören schien. Die beiden Flamländer flüsterten mit einander.

»Kreuz Gottes!« murmelte Coppenole, »ich habe das Stehen satt; giebt es denn keinen Stuhl hier?«

Rym antwortete mit einer verneinenden Geberde, die von einem diskreten Lächeln begleitet war.

»Kreuz Gottes!« begann Coppenole wieder, ganz unglücklich darüber, die Stimme so dämpfen zu müssen, »die Lust wandelt mich an, mich mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde zu setzen, wie ich es als Strumpfwirker in meiner Werkstatt mache.«

»Hütet Euch ja, das zu thun! Meister Jacob.«

»Potz tausend! Meister Wilhelm! hier kann man also nur auf seinen Füßen bleiben!«

»Oder auf den Knien,« antwortete Rym.

In diesem Augenblicke erhob sich die Stimme des Königs. Sie schwiegen.

»Fünfzig Sous für die Kleider unserer Bedienten, und zwölf Livres für die Mäntel der Kanzelisten unserer Krone! Ja! verschwendet das Gold tonnenweise! Seid Ihr toll, Olivier?«

Während er so sprach, hatte der Greis das Haupt erhoben. Man sah an seinem Halse die goldenen Muscheln der Kette des Heiligen Michaelordens glänzen. Die Kerze beleuchtete voll sein fleischloses, grämliches Profil. Er riß das Papier aus den Händen des andern.

»Ihr richtet uns zu Grunde!« schrie er, während er seine tiefliegenden Augen über das Heft schweifen ließ. »Was soll das Alles? Wozu gebrauchen wir einen so verschwenderisch eingerichteten Hofstaat? Zwei Hauskapläne mit einem Gehalte von zehn Livres jeder den Monat, und einen Kapelldiener mit hundert Sous! Einen Kammerdiener mit neunzig Livres jährlich! Vier Küchenmeister mit einhundertzwanzig Livres jeder jährlich! Einen Bratenwender, einen Suppenkoch, einen Saucenbereiter, einen Oberkoch, einen Waffenmeister, zwei Schaffnergehilfen, jeder mit zehn Livres monatlich! Zwei Küchenjungen zu acht Livres! Einen Stallknecht und seine zwei Gehilfen zu vierundzwanzig Livres monatlich! Einen Ausläufer, einen Pastetenbäcker, einen Brotbäcker, zwei Fuhrleute, jeder sechzig Livres jährlich! Und den Hufschmied sechsundzwanzig Livres jährlich! Und den Aufseher unserer Schatzkammer zwölfhundert Livres jährlich! Und den Controleur fünfhundert! … Was weiß ich! Das ist Raserei! Die Gehalte unserer Diener setzen Frankreich der Plünderung aus! Alle Schätze des Louvres werden bei einem solchen Verschwendungsfeuer zusammenschmelzen! Wir werden unser Tafelgeschirr dazu verkaufen müssen! Und, im nächsten Jahre, wenn Gott und Unsere liebe Frau (hier lüftete er seinen Hut) uns Leben verleihen, werden wir unsere Arzneitränke aus einem Zinntopfe trinken müssen!«

Während er so sprach warf er einen Blick auf den silbernen Humpen, welcher auf dem Tische funkelte. Er hustete und fuhr dann fort:

»Meister Olivier, die Fürsten, welche über große Landesherrlichkeiten regieren, wie Könige und Kaiser, sollen die Verschwendung nicht in ihren Haushaltungen Wurzel fassen lassen; denn von da aus verbreitet sich das Feuer durch das Reich … Also, Meister Olivier, laß dir das gesagt sein. Unsere Ausgabe vermehrt sich von Jahr zu Jahr. Die Sache mißfällt uns. Wie, beim allmächtigen Gott! bis zum Jahre 79 hat sie die Summe von sechsunddreißigtausend Livres gar nicht überstiegen; im Jahre 80 hat sie dreiundvierzigtausendsechshundertundneunzehn Livres erreicht … ich habe die Zahl im Kopfe … im Jahre 81 sechsundsechzigtausendsechshundertundachtzig Livres; und in diesem Jahre, auf Ehre meines Leibes! wird sie achtzigtausend Livres erreichen! Verdoppelt in vier Jahren! Ungeheuerlich! …«

Er hielt athemlos inne, dann fuhr er zornig fort:

»Ich sehe nur Leute um mich, die sich an meiner Magerkeit mästen! Ihr saugt mir die Thaler aus allen Poren!«

Alle beobachteten Stillschweigen. Es war einer jener Zornausbrüche, die man vorübergehen läßt. Er fuhr fort:

»So verhält es sich auch mit jener lateinischen Bittschrift der Barone und Lehnsherren von Frankreich, in welcher sie verlangen, daß wir das, was sie die großen Kronwürden nennen, wieder herstellen mögen! Bürden in Wahrheit! Würden welche überbürden! Oh! ihr Herren! ihr behauptet, daß wir kein König wären, weil wir » dapifero nullo, buticulario nullo« 76 regieren! Wir werden es euch zeigen, beim alleinigen Gotte! ob wir kein König sind!«

Hier lächelte er im Gefühle seiner Macht; seine böse Laune besänftigte sich darüber, und er wandte sich an die Flamländer:

»Seht Ihr, Gevatter Wilhelm? Der Oberbrotmeister, der Oberkellermeister, der Oberkämmerer, der Oberseneschall wiegen nicht den geringsten Kammerdiener auf … Behaltet das, Gevatter Coppenole … sie dienen zu nichts.

Wenn sie sich so nutzlos in der Nähe des Königs aufhalten, so kommen sie mir vor, wie die vier Evangelisten, welche das Zifferblatt der großen Uhr des Palastes umgeben, und die Philipp Brille eben wieder aufgefrischt hat. Sie sind vergoldet, aber sie zeigen die Stunde nicht an, und der Zeiger kann sie entbehren.«

Er hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann fuhr er, sein altes Haupt schüttelnd, fort:

»Ho! ho! bei Unserer lieben Frau, ich bin nicht Philipp Brille, und ich will die großen Vasallen nicht wieder vergolden … Fahre fort, Olivier.«

Die Person, welche er mit diesem Namen benannte, nahm das Heft wieder aus seinen Händen und begann wieder mit lauter Stimme zu lesen.

»… An Adam Tenon, Beamten bei der Siegelbewahrung des Obergerichtes von Paris: für Silber, Form und Stechung besagter Siegel, welche neu hergestellt worden sind, deshalb weil die vorher benutzten wegen ihrer Alterthümlichkeit und Abnutzung nicht gehörig mehr dienen konnten – zwölf Livres Pariser Münze.«

»An Wilhelm Frère die Summe von vier Livres vier Sous Pariser Münze für seine Bemühungen und als Löhnung für die Fütterung und Unterhaltung der Tauben in den beiden Taubenschlägen des Parlamentsgerichtsgebäudes während der Monate Januar, Februar und März dieses Jahres; und wofür er sechs Sester Gerste gegeben hat.«

»An einen Franziskanermönch, für die Beichte eines Verbrechers, vier Sous Pariser Münze.«

Der König hörte schweigend zu. Von Zeit zu Zeit hustete er; dann setzte er den Becher an seine Lippen und trank einen Schluck, wobei er das Gesicht verzog.

»In diesem Jahre haben auf Befehl des Gerichtsamtes, an den Straßenecken von Paris, unter Trompetenschall, sechsundfünfzig öffentliche Verkündigungen stattgefunden. Rechnung noch zu berichtigen.«

»Für Aufgraben und Nachsuchen an gewissen Orten sowohl in Paris als anderswo nach Geld, welches, dem Gerücht zufolge, da vergraben sein sollte, wo aber nichts gefunden worden war, fünfundvierzig Livres Pariser Münze.«

»Einen Thaler vergraben, um einen Sou herauszuscharren!« sagte der König.

»Für die Instandsetzung von sechs Fensterfüllungen mit weißem Glas, im Gebäude des Parlamentsgerichtshofes, an der Stelle, wo der eiserne Käfig steht, dreizehn Sous. – Laut Befehl des Königs für Anfertigung und Lieferung des Fensters zu den wilden Thieren, von vier Wappenschilden mit dem Wappen des genannten Herrn, ganz herum mit Rosensimsen eingefaßt, sechs Livres. – Für zwei neue Aermel an das alte Wamms des Königs, zwanzig Sous. – Für eine Büchse Fett, um die Stiefeln des Königs zu schmieren, fünfzehn Heller. – Einen Stall erneuert, um die schwarzen Schweine des Königs unterzubringen, dreißig Livres Pariser Münze. – Mehrere Verschläge, Bretter, Fallthüren angefertigt, um die Löwen bei Saint-Paul einzusperren.«

»Das nenne ich mir Bestien, die sehr kostspielig sind,« sagte Ludwig der Elfte. »Thut nichts; es ist schickliche Prachtliebe eines Königs. Da ist ein großer, rothgelber Löwe, den ich wegen seiner artigen Manieren gern habe … Habt Ihr ihn gesehen, Meister Wilhelm? Fürsten müssen von diesen bewunderungswürdigen Thieren besitzen. Bei uns Königen müssen unsere Hunde Löwen, und unsere Katzen Tiger sein. Das Großartige paßt zu den Kronen. Zur Zeit des Heiden Jupiters, wenn das Volk den Kirchen hundert Ochsen und hundert Schafe darbrachte, gaben die Kaiser hundert Löwen und hundert Adler. Das war wild und sehr schön. Die Könige von Frankreich haben immer solches Gebrüll um ihren Thron gehabt. Nichtsdestoweniger wird man mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich noch weniger Geld darauf verschwendet habe, als sie, und daß ich eine geringer Begierde nach Löwen, Bären, Elephanten und Leoparden besitze … Nur weiter, Olivier. Das wollten wir unsern flamländischen Freunden zu wissen thun.«

Wilhelm Rym verneigte sich tief, während Coppenole mit seiner Miene ganz das Aussehen eines jener Bären hatte, von denen seine Majestät sprach. Der König achtete nicht darauf. Er hatte eben die Lippen aus dem Becher benetzt und spie den Schluck wieder aus, indem er sagte: »Pfui! der unangenehme Trank!« Derjenige, welcher las, fuhr fort:

»Für die Beköstigung eines Landstreichers, welcher seit einem halben Jahre in der Zelle des Schindangers hinter Schloß und Riegel sitzt, bis man weiß, was mit ihm geschehen soll, – sechs Livres vier Sous.«

»Was heißt das?« unterbrach ihn der König; »das ernähren, was man hängen soll! Beim allmächtigen Gott! ich will nicht einen Sou mehr für diese Beköstigung hergeben … Olivier, verständigt Euch über diesen Punkt mit Herrn von Estouteville, und noch heute Abend trefft mir die Zurüstung zur Vermählung des Biedermannes mit einem Galgen … Fahret fort.«

Olivier machte bei dem Posten des »Landstreichers« ein Zeichen mit dem Daumen und ging weiter.

»An Henriet Cousin, den Meister Vollstrecker der peinlichen Urtheile des Criminalgerichtes zu Paris, die Summe von sechzig Sou Pariser Münze, welche ihm vom gestrengen Herrn Oberrichter von Paris ausgesetzt und zugesprochen worden ist, auf Verordnung genannten Herrn Oberrichters für Ankauf eines großen, breiten Richtschwertes, das dazu dient, die Personen, welche nach Urtheil und Recht für ihre Vergehen verurtheilt sind, hinzurichten und zu enthaupten; ingleichen für Beschaffung eines Futterales und alles dessen, was dazu gehört; desgleichen für Instandsetzung und Herrichtung des alten Richtschwertes, welches bei der Urteilsvollstreckung des Herrn Ludwig von Luxemburg zerbrochen und schartig geworden war, wie mehr als sattsam ersehen werden kann …«

Der König unterbrach ihn. »Genug; ich bewillige die Summe von ganzem Herzen. Das sind Ausgaben, wo ich nicht darauf sehe. Dergleichen Geld hat mich niemals gereuet … Fahret fort.«

»Für Herstellung eines neuen, großen Käfigs …«

»Ah!« sagte der König, indem er mit seinen beiden Händen die Armlehnen seines Stuhles angriff, »ich wußte ja doch, daß ich in irgend einer Angelegenheit in diese Bastille gekommen war … Wartet, Meister Olivier. Ich will den Käfig selbst in Augenschein nehmen. Ihr könnt mir die Kosten vorlesen, während ich ihn untersuchen will … Meine Herren Flamländer, kommt und sehet das an; es ist merkwürdig.«

Er erhob sich jetzt, stützte sich auf den Arm seines Vorlesers, gab dem anscheinend Stummen, welcher vor der Thür stand, ein Zeichen voranzugehen, den beiden Flamländern ein solches, ihm zu folgen, und schritt aus dem Zimmer hinaus. Die Begleitung des Königs ergänzte sich an der Thür des Gemaches mit bewaffneten, in Eisen starrenden Männern und kleinen Pagen, welche Wachsfackeln trugen. Sie schritt eine Zeit lang im Innern des düstern Zwingthurmes dahin, der von Treppen und Corridoren bis in die Mauerndicke durchbrochen war. Der Hauptmann der Bastille ging an der Spitze und ließ die Thüren vor dem alten kranken und gebückt hinschreitenden Könige öffnen, der beim Gehen hustete.

Bei jeder Pforte mußten alle Köpfe sich neigen, mit Ausnahme desjenigen des vom Alter gebeugten Greises. »Hm!« murmelte er zwischen seinen Kinnladen, denn er hatte keine Zähne mehr, »wir sind schon völlig bereit für die Pforte des Grabes – nahe an der niedrigen Pforte, die man nur gebückt überschreitet.«

Endlich, nachdem man durch eine letzte Thür geschritten war, die so mit Schlössern verrammelt, daß man eine Viertelstunde gebrauchte, um sie zu öffnen, traten sie in einen hohen und weiten, gothisch gewölbten Saal ein, in dessen Mitte man beim Scheine der Fackeln einen großen massiven Würfel aus Mauerwerk, Eisen und Holz erkannte. Das Innere war hohl. Es war einer dieser berüchtigten Käfige für Staatsgefangene, welche man »die Töchterchen des Königs« nannte. In den Seitenwänden befanden sich zwei oder drei kleine Fenster, die so reich mit dicken Eisenbalken vergittert waren, daß man das Glas derselben nicht sah. Die Thür war eine große flache Steinplatte, wie auf Gräbern, – eine von den Pforten, die allein zum Eintritte dienen. Nur war hier der Todte ein lebendes Wesen. Der König fing an, langsam um das kleine Bauwerk herumzuschreiten, wobei er es sorgfältig untersuchte während daß Meister Olivier, der ihm folgte, ganz laut den Rechnungsbericht herlas:

»Für Herstellung eines neuen großen Käfigs aus Holz von dicken Balken, Blöcken und Schwellen, im Durchmesser von neun Fuß in der Länge zu acht in der Breite, und sieben Fuß in der Höhe zwischen beiden Böden, geglättet und ausgeschlagen mit dicken Eisenplatten, welcher Käfig in einem Gemache aufgestellt worden ist, welches in einem der Basteithürme von Saint-Antoine sich befindet und in welchen Käfig auf Befehl des Königs, unseres gnädigen Herrn, ein Gefangner geworfen ist und festgehalten wird, welcher vor diesem einen alten, baufälligen und morschen Käfig bewohnte. – Sind zu diesem neuen Käfige sechsundneunzig Schichtbalken und zweiundfünfzig aufrecht stehende Balken, zehn Schwellen von drei Klaftern Länge verbraucht worden; und sind neunzehn Zimmerleute zwanzig Tage lang beschäftigt gewesen, um all das genannte Holzwerk im Basteihofe zu behauen, auszuarbeiten und zuzuschneiden …«

»Ziemlich schönes eichenes Kernholz,« sagte der König, während er mit der Faust an das Gebälk klopfte.

»… In diesem Käfig,« fuhr der andere fort, »sind hineingegangen: zweihundertundzwanzig dicke Eisenplatten von neun und von acht Fuß, der Rest von durchschnittlicher Länge, mit den, zu genannten Platten dienenden Reifen, Krispen und Strebebändern; das ganze genannte Eisen im Gewichte von dreitausendsiebenhundertundfünfunddreißig Pfund; außerdem acht große Haspen von Eisen, die dazu dienen, den besagten Käfig festzumachen, nebst Krampen und Nägeln, zusammen zweihundertachtzehn Pfund Eisen schwer, nicht mitgerechnet das Eisen zu den Fenstergittern in dem Gemache, wo der Käfig aufgestellt worden ist, die Eisenstäbe an der Thür des Gemaches und andere Dinge …«

»Das ist ja sehr viel Eisen,« sagte der König, »um die Flüchtigkeit eines Geistes im Zaum zu halten!«

»… Das Ganze kommt auf dreihundertsiebzehn Livres fünf Sous und sieben Heller zu stehen.«

»Beim allmächtigen Gotte!« rief der König aus.

Bei diesem Schwure, der der Lieblingsschwur Ludwigs des Elften war, schien es, als ob jemand im Innern des Käfigs erwachte; man hörte Ketten, welche auf dessen Boden mit Gerassel hinschleiften, und es erhob sich eine schwache Stimme, welche aus dem Grabe herauszudringen schien: »Sire! Sire! Gnade!« Man konnte denjenigen nicht sehen, der so sprach.

»Dreihundertsiebzehn Livres fünf Sous sieben Heller!« wiederholte Ludwig der Elfte.

Die klägliche Stimme, welche aus dem Käfig erklungen war, hatte alle Umstehenden starr gemacht, selbst den Meister Olivier. Der König allein zeigte eine Miene, als ob er sie nicht gehört hätte. Auf seinen Befehl begann Olivier wieder seine Vorlesung, und Seine Majestät setzte kaltblütig die Besichtigung des Käfigs fort.

»… Außer diesem ist an einen Maurer, welcher die Löcher zum Einsetzen des Gitterwerkes der Fenster, und den Fußboden des Gemaches, wo der Käfig sich befindet, gemacht hat, weil der Fußboden diesen Käfig wegen seiner Schwere nicht hätte tragen können, siebenundzwanzig Livres vierzehn Sous Pariser Münze gezahlt worden …«

Die Stimme begann wieder zu ächzen. »Gnade! Sire! Ich schwöre Euch, es ist der Herr Cardinal von Angers, welcher die Verrätherei begangen hat, und nicht ich.«

»Der Maurer ist unverschämt!« sagte der König. »Fahre fort, Olivier.« Und Olivier fuhr fort:

»An einen Tischler für Fenster, Bettstellen, einen durchlöcherten Sessel und andere Dinge, zwanzig Livres zwei Sous Pariser Geld …«

Die Stimme fuhr gleichfalls fort:

»Ach! Sire! Wollt Ihr mich nicht erhören? Ich betheuere Euch, daß ich es nicht war, der die Sache dem Herzoge von Guyenne geschrieben hat, sondern der Herr Cardinal Balue!«

»Der Tischler ist theuer,« bemerkte der König …« »Ist das alles?«

»Nein, Sire … An einen Glaser für die Fenster des genannten Gemaches, sechsundvierzig Sous acht Heller Pariser Münze.«

»Habt Erbarmen, Sire! Ist es denn nicht genug, daß man alle meine Güter meinen Richtern, mein Tafelgeräth dem Herrn von Torcy, meine Bibliothek dem Meister Pierre Doriolle, meine Teppiche dem Gouverneur von Roussillon gegeben hat? Ich bin unschuldig. Es sind nun vierzehn Jahre, daß ich in einem eisernen Käfige zittere. Habt Erbarmen, Sire! Ihr werdet es im Himmel wiederfinden.«

»Meister Olivier,« sagte der König, »die ganze Summe?«

»– Dreihundertsiebenundsechzig Livres acht Sous drei Heller Pariser Münze.«

»Bei Unserer lieben Frau!« rief der König. »Das ist ein schändlicher Käfig!«

Er riß das Heft aus den Händen Meister Oliviers und begann selbst an seinen Fingern nachzurechnen, wobei er abwechselnd das Papier und den Käfig prüfte. Während dem hörte man den Gefangenen schluchzen. Das war entsetzlich in der Kerkernacht und die Gesichter sahen sich erblassend einander an.

»Vierzehn Jahre, Sire! Vierzehn Jahre sind es! seit dem Monat April 1469. Im Namen der heiligen Mutter Gottes, Sire, hört mich an! Ihr habt Euch diese ganze Zeit hindurch an der Wärme der Sonne erfreut. Ich Elender, soll ich denn niemals wieder das Tageslicht erblicken? Gnade, Sire! Seid barmherzig. Die Milde ist eine schöne Tugend des Königs, welche die Ausbrüche des Zornes aufhält. Glaubt Eure Majestät, daß es in der Stunde des Todes eine große Befriedigung für einen König ist, keine Beleidigung ungestraft gelassen zu haben? Uebrigens, Sire, habe ich Eure Majestät gar nicht verrathen; das hat der Herr von Angers gethan. Und ich trage am Fuße eine sehr schwere Kette und eine große eiserne Kugel daran, viel schwerer als es billig ist. Wohlan! Sire! habt Erbarmen mit mir!«

»Olivier,« sagte der König, wobei er den Kopf mißbilligend schüttelte, »ich bemerke, daß man mir das Mudfaß Gyps mit zwanzig Sous anrechnet, während es doch nur zwölfe kostet. Ihr werdet diese Rechnung berichtigen.«

Er kehrte dem Käfig den Rücken zu, und schickte sich an, das Gemach zu verlassen. Der unglückliche Gefangene vermuthete bei der Entfernung der Fackellichter und des Geräusches, daß der König davonginge.

»Sire! Sire!« schrie er voll Verzweiflung. Die Thür schloß sich wieder. Er sah nichts mehr und hörte nur noch die rauhe Stimme des Schließers, welcher ihm das Lied in die Ohren sang:

Meister Jean Balue
Bisthum und Macht
Schwanden Euch dahin!
Herr von Verdun
Habt’s auch nicht gedacht –
Schlagt’s Euch aus dein Sinn!

Der König stieg schweigend wieder nach seinem einsamen Zimmer hinauf, und seine Begleitung folgte ihm, entsetzt von dem letzten Wimmern des Gefangenen. Plötzlich wandte sich Seine Majestät zum Hauptmann der Bastille um.

»Wie ist mir denn,« sagte sie, »war nicht jemand in jenem Käfige?«

»Bei Gott, Sire!« antwortete der Hauptmann, über diese Frage aufs höchste erstaunt.

»Und wer denn?«

»Der Herr Bischof von Verdun.«

Der König wußte das besser, als irgend jemand. Aber es war das eine fixe Idee von ihm.

»Ah!« sagte er mit unbefangener Miene, als ob er zum ersten Male daran dächte, »Wilhelm von Harancourt, der Freund des Herrn Cardinals Balue. Ein munterer Kerl von Bischof!«

Nach Verlauf einiger Augenblicke hatte sich die Thür des Geheimzimmers wieder geöffnet, dann wieder hinter den fünf Personen geschlossen, welche der Leser im Anfange dieses Kapitels dort gesehen hat, und welche hier ihre Plätze und Stellungen wieder eingenommen und ihre Unterhaltungen mit leiser Stimme wieder begonnen hatten.

Während der Abwesenheit des Königs hatte man auf seinem Tische einige Depeschen niedergelegt, deren Siegel er selbst erbrach. Dann fing er an, sie geschwind eine nach der andern durchzulesen, gab dem »Meister Olivier«, welcher bei ihm das Amt eines Ministers zu bekleiden schien, ein Zeichen, eine Feder zu nehmen, und begann, ohne ihm den Inhalt der Depeschen mitzutheilen, ihm mit leiser Stimme die Antworten darauf zu dictiren, die dieser, in ziemlich unbequemer Stellung vor dem Tische kniend, niederschrieb.

Wilhelm Rym spielte den Beobachter.

Der König sprach so leise, daß die Flamländer von seinem Dictate nichts vernahmen, als hier und da einige abgerissene und kaum verständliche Fetzen, z. B.:

»… Die ergiebigen Plätze durch den Handel, die unergiebigen durch Fabriken zu heben … – den Herren aus England unsere vier Bombarden: London, Brabant, Bourg-en-Bresse, Saint-Omer zeigen … Die Artillerie ist die Ursache, daß der Krieg jetzt besonnener geführt wird … – An Herrn von Bressuire, unsern Freund … – Die Heere werden nicht ohne Steuern unterhalten … u. s. w.«

Einmal erhob er seine Stimme:

»Beim allmächtigen Gotte! Der Herr König von Sicilien siegelt seine Briefe mit gelbem Wachse, wie ein König von Frankreich. Wir thun vielleicht Unrecht daran, es ihm zu gestatten. Mein schöner Cousin von Burgund verlieh kein Wappen auf rothem Felde. Die Macht der Häuser wird durch die Unverletzlichkeit der Vorrechte festgestellt. Schreibt das auf, Gevatter Olivier.«

Ein zweites Mal sagte er:

»Oh! oh! eine dicke Botschaft! Was fordert unser Bruder, der Kaiser, von uns?«

Und während er das Sendschreiben mit den Augen durchlief, unterbrach er seine Lecture mit Ausrufungen: »Wahrlich! die Deutschen sind so stark und mächtig, daß es kaum zu glauben ist … Aber wir wollen das alte Sprichwort nicht vergessen: die schönste Grafschaft ist Flandern; das schönste Herzogthum ist Mailand; das schönste Königreich ist Frankreich … Nicht wahr, meine Herrn Flamländer?«

Dieses Mal verneigte sich Coppenole mit Wilhelm Rym. Der Patriotismus des Strumpfwirkers war geschmeichelt. Eine letzte Depesche verursachte Ludwig dem Elften ein Runzeln der Augenbrauen.

»Was ist das?« rief er aus. »Klagen und Beschwerdeschriften über unsere Besatzungstruppen in der Picardie! Olivier, schreibt eilends an den Herrn Marschall von Roualt … daß die Mannszucht nachläßt … daß die abcommandirte Reiterei, die Adligen vom Bann, die Freischützen, die Schweizer den Landleuten zahllose Uebel verursachen … daß der Kriegsmann, nicht zufrieden mit den Vortheilen, die er im Hause der Bauern findet, sie mit schweren Stock- und Hellebardenschlägen zwingt, in der Stadt Wein, Fisch, Spezereiwaaren und andere überflüssige Dinge zu holen … daß der Herr König das in Erfahrung gebracht hat … daß wir unser Volk vor Benachtheiligungen, Räubereien und Plünderungen bewahrt wissen wollen … daß dies unser Wille ist, bei Unserer lieben Frau! … daß es uns außerdem nicht gefällt, daß irgend ein Musikant, Barbier oder Kriegsknecht wie ein Fürst in Sammet, Seidenstoff und mit goldenen Ringen an den Fingern einherstolzirt … daß diese Eitelkeiten Gott verhaßt sind … daß wir, der wir ein Edelmann sind, uns mit einem Tuchwammse, die Pariser Elle zu sechzehn Sous, begnügen … daß auch sie, die Herren Troßbuben, sich recht wohl soweit demüthigen können … Entbietet und verfügt das … An Herrn von Roualt, unsern Freund … Punktum.«

Er dictirte diesen Brief mit lauter Stimme, mit einem festen Tone, und ruckweise. Im Augenblicke, wo er zu Ende war, öffnete sich die Thür und ließ eine neue Person herein, die sich ganz athemlos und mit dem Rufe ins Zimmer stürzte:

»Sire! Sire! es findet ein Volksaufstand in Paris statt!«

Das ernste Gesicht Ludwigs des Elften zog sich zusammen; aber das, was sichtbar in seiner Erregung war, flog wie ein Blitz vorüber. Er mäßigte sich und sagte mit ruhigem Ernste:

»Gevatter Jacob, Ihr tretet sehr ungestüm herein.«

»Sire! Sire! es ist ein Aufruhr!« wiederholte der Gevatter Jacob ganz außer sich.

Der König, welcher sich erhoben hatte, ergriff ihn heftig am Arme und sagte ihm so, daß es nur von ihm allein gehört wurde, mit gesteigertem Zorne und einem Seitenblicke auf die Flamländer: »Schweig! oder sprich leise.«

Der Neuangekommene begriff und fing an, ihm ganz leise einen sehr erregten Bericht abzustatten, den der König mit Ruhe anhörte, während dem Wilhelm Rym seinem Genossen Coppenole auf das Gesicht und Gewand des Neuangekommenen, seine pelzverbrämte Kapuze ( caputia fourrata), seinen kurzen Beamtenmantel ( epitogia curta), sein schwarzes Sammetgewand aufmerksam machte, welches einen Präsidenten des Rechnungshofes ankündete. Kaum hatte diese Person dem Könige einige Auseinandersetzungen gegeben, als Ludwig der Elfte in ein Gelächter ausbrach und rief:

»In Wahrheit! sprecht nur ganz laut, Gevatter Coictier! Was braucht Ihr so leise zu reden? Unsere liebe Frau weiß, daß wir keine Heimlichkeiten vor unsern guten Freunden aus Flandern haben.«

»Aber, Sire …«

»Sprecht ganz laut!«

Der Gevatter Coictier blieb stumm vor Ueberraschung.

»Also,« wiederholte der König … »sprecht, Herr … in unserer guten Stadt Paris findet eine Bürgerbewegung statt?«

»Ja, Sire.«

»Und welche, sagt Ihr, gegen den Herrn Vogt des Justizpalastes gerichtet ist?«

»Es hat den Anschein,« sagte »der Gevatter«, der noch stotterte und über den plötzlichen und unerklärlichen Wechsel, der in den Gedanken des Königs eben vorgegangen war, ganz verdutzt war.

Ludwig der Elfte nahm wieder das Wort:

»Wo ist die Nachtwache dem Haufen begegnet?«

»Auf dem Wege von dem großen Bettlerquartiere bis zur Wechslerbrücke. Ich selbst bin ihnen begegnet, wie ich hierher ging, um den Befehlen Euerer Majestät zu gehorchen. Ich habe einige von ihnen schreien gehört: Nieder mit dem Vogte des Palastes!«

»Und was für Beschwerden haben sie gegen den Vogt?«

»Oh!« sagte der Gevatter Jacob, »weil er ihr Lehnsherr ist.«

»Wahrhaftig!«

»Ja! Sire. Es sind Lumpen vom Wunderhofe. Sehet, sie beklagen sich schon lange über den Vogt, dessen Lehnsleute sie sind. Sie wollen ihn weder als Gerichtspfleger noch als Wegeherrn anerkennen.«

»Jawohl!« versetzte der König mit einem Lächeln der Genugthuung, welches er sich vergebens bemühte zu verbergen.

»In allen ihren Bittschriften beim Parlament,« fuhr der Gevatter Jacob fort, »behaupten sie nur zwei Herren zu haben: Euere Majestät und ihren Gott, welches, glaube ich, der Teufel ist.«

»Ei! ei!« sagte der König.

Er rieb sich die Hände und lachte, mit jenem innerlichen Lachen, welches aus dem Gesichte wiederstrahlt; er konnte seine Freude nicht verhehlen, obgleich er einige Augenblicke versuchte, eine gleichgültige Miene anzunehmen. Niemand wurde daraus klug, selbst Meister Olivier nicht. Er verharrte einen Augenblick in Schweigen, mit einer nachdenklichen, aber zufriedenen Miene.

»Sind sie in großer Zahl?« fragte er plötzlich.

»Ja, gewiß, Sire,« antwortete der Gevatter Jacob.

»Wieviele?«

»Wenigstens sechstausend.«

Der König konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Gut!« Er fuhr fort:

»Sind sie bewaffnet?«

»Mit Sensen, Piken, Hakenbüchsen, Karsten, mit aller Art gewaltigen Waffen.«

Der König schien keineswegs von dieser Herzählung beunruhigt zu sein. Der Gevatter Jacob glaubte hinzufügen zu müssen:

»Wenn Euere Majestät dem Vogte nicht schleunig Hilfe schickt, ist er verloren.«

»Wir werden welche schicken,« sagte der König mit einer erzwungen ernsten Miene. »Es ist gut. Sicherlich werden wir welche schicken. Der Herr Vogt ist unser Freund. Sechstausend! Das sind verwegene Schelme. Die Dreistigkeit ist verwunderlich, und wir sind darüber sehr heftig erzürnt. Aber wir haben wenig Leute um uns in dieser Nacht … Es wird morgen früh noch Zeit sein.«

Der Gevatter Jacob rief:

»Sofort, Sire! Das Amtshaus wird zwanzig Mal in der Zeit geplündert, das Herrenhaus erstürmt, der Vogt gehangen sein. Um Gottes willen, Sire! schickt vor morgen früh Hilfe.«

Der König sah ihm ins Gesicht.

»Ich habe Euch gesagt morgen früh.«

Es war einer von jenen Blicken, auf welche es keine Widerrede giebt.

Nach einer Pause erhob Ludwig der Elfte von neuem die Stimme:

»Mein Gevatter Jacob, Ihr müßt das wissen. Welches war …« Er begann noch einmal: »Welches ist der Lehnsgerichtssprengel des Vogtes?«

»Sire, der Vogt des Palastes hat die Rue de la Calandre bis zur Rue de l’Herberie, den Sankt-Michaelsplatz und die Gegenden der Stadt, welche gemeinhin »An den Mauern« genannt werden, dicht neben der Kirche Notre-Dame-des-Champs (hier lüftete Ludwig der Elfte den Rand seines Hutes), welche Hôtels zur Zahl Dreizehn gehören; ferner den Wunderhof, dann das Siechenhaus, das Weichbild genannt, dann die ganze Dammstraße, welche bei diesem Siechenhause beginnt und an der Pforte Saint-Jacques endigt. Ueber diese verschiednen Oertlichkeiten hat er die Straßenpolizei, hohe, mittlere und niedrige Gerechtigkeitspflege, ist unumschränkter Herr.«

»Potztausend!« sagte der König, indem er sich mit der rechten Hand hinter dem linken Ohre kratzte, »das macht ein gutes Ende von meiner Stadt aus! Oh! der Herr Vogt war König über alles das!«

Dieses Mal verbesserte er sich nicht. Er fuhr in Nachdenken versunken, und als ob er mit sich selbst spräche, fort: »Recht schön, Herr Vogt, Ihr hattet da ein artiges Stück von unserem Paris zwischen den Zähnen.«

Plötzlich brach er los: »Beim allmächtigen Gott! wer in aller Welt sind diese Leute, die sich anmaßen, Wegeherren, Gerichtsherren, Lehnsherren und Herren in unserem Reiche zu sein? Die ihr Zollhaus an jeder Feldecke besitzen; ihr Gericht und ihren Henker an jeder Straßenecke unter meinem Volke haben? so daß, wie der Grieche an so viele Götter glaubte, als er Quellen hatte, und der Perser an so viele, als er Sterne sah, – daß, sage ich, der Franzose sich so viele Könige herzählt, als er, bei Gott! Galgen sieht! Das ist ein übel Ding, und die Verwirrung dabei mißfällt mir. Ich möchte wohl wissen, ob es der Gefallen Gottes ist, daß es in Paris einen andern Wegeherren, als den König, ein anderes Gericht, als das Parlament, einen andern Herrscher, als uns in diesem Reiche giebt! Beim Glauben an meine Seele! Es wird doch der Tag kommen müssen, wo es in Frankreich nur einen König, nur einen Herren, nur einen Richter, nur einen Scharfrichter geben wird, wie es im Paradiese nur einen Gott giebt!«

Er lüftete noch einmal seine Mütze und fuhr, immer noch in Gedanken versunken, mit der Miene und dem Tone eines Jägers fort, der seine Meute hetzt und losläßt: »Gut! mein Volk! Tapfer! zerreiße diese falschen Herren! Thu deine Arbeit! Frisch! munter! Plündere sie, hänge sie, raube sie aus! … Ah! Ihr wollt Könige sein, ihr gnädigen Herren! Drauf! mein Volk! Drauf!«

Hier unterbrach er sich plötzlich, biß sich in die Lippen, als ob er seinen halb entwischten Gedanken wieder fangen wollte, heftete sein durchdringendes Auge abwechselnd auf jede der fünf Personen, welche ihn umgaben, und faßte plötzlich seinen Hut mit beiden Händen, und während er ihn von vorn anblickte, sagte er zu ihm: »Oh! ich würde dich verbrennen, wenn du wüßtest, was sich in meinem Kopfe befindet.«

Dann, während er von neuem den aufmerksamen und unruhigen Blick des Fuchses, der schleichend in seinen Bau zurückkehrt, um sich schweifen ließ, sagte er:

»Es thut nichts! wir wollen dem Herrn Vogt zu Hilfe kommen. Zum Unglück haben wir nur wenige Truppen hier in diesem Augenblicke gegen so viel Volk. Man muß bis morgen warten. Man wird die Ordnung wieder in der Stadt herstellen und frisch jeden hängen, der ergriffen werden wird.«

»Da fällt mir ein, Sire!« sagte der Gevatter Coictier, »ich habe das in der ersten Verwirrung vergessen, – die Wache hat zwei Nachzügler von der Bande ergriffen. Wenn Euere Majestät diese Menschen sehen will, sie sind da.«

»Ob ich sie sehen will!« rief der König. »Wie! beim allmächtigen Gott! Du vergißt so etwas! … Lauf schnell, du, Olivier! hole sie!«

Meister Olivier ging hinaus und kehrte einen Augenblick nachher mit den zwei Gefangenen, welche von Bogenschützen der Leibwache umringt waren, zurück. Der Erste hatte ein dickes, dummes Gesicht, auf welchem Trunkenheit und Staunen sichtbar waren. Er war in Lumpen gehüllt und ging mit gekrümmten Knien und schleppenden Füßen einher. Der Zweite war eine bleiche und lächelnde Erscheinung, welche der Leser bereits kennt.

Der König betrachtete sie einen Augenblick, ohne ein Wort zu sagen; dann wandte er sich plötzlich an den Ersten:

»Wie heißt du?«

»Gieffroy Pincebourde.«

»Dein Gewerbe?«

»Bettler.«

»Was wolltest du bei diesem verdammlichen Aufstande beginnen?«

Der Vagabund betrachtete den König, wobei er mit stumpfsinniger Miene seine Arme hin- und herschlenkerte. Er war einer von jenen übel gebildeten Köpfen, bei denen der Verstand ohngefähr ebenso gut dran ist, wie das Licht unter einem Lichtlöscher.

»Ich weiß nicht,« sagte er. »Man ging, ich ging mit.«

»Wolltet ihr nicht schmählicher Weise Euern Herrn, den Vogt des Palastes angreifen und ausplündern?«

»Ich weiß, daß man bei jemandem etwas nehmen wollte. Das ist alles.«

Ein Soldat zeigte dem Könige eine Hippe, welche man bei dem Bettler gefunden hatte.

»Erkennst du diese Waffe wieder?« fragte der König.

»Ja, es ist meine Hippe; ich bin Winzer.«

»Und erkennst du diesen Menschen als deinen Gefährten an?« fragte Ludwig der Elfte weiter, während er auf den andern Gefangenen hinwies.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Es ist genug,« sagte der König. Darauf gab er der stummen Person, die bewegungslos an der Thür stand und auf welche wir den Leser schon aufmerksam gemacht haben, ein Zeichen mit dem Finger. »Gevatter Tristan, das ist ein Mann für Euch.«

Tristan l’Hermite verneigte sich. Er gab mit leiser Stimme zwei Bogenschützen einen Befehl, welche den armen Landstreicher hinausführten.

Während dem hatte sich der König dem zweiten Gefangenen genähert, welcher vor Angst große Tropfen schwitzte.

»Dein Name?«

»Sire, Peter Gringoire.«

»Dein Gewerbe?«

»Philosoph, Sire!«

»Wie unterstehst du dich, Schurke, unsern Freund, den Herrn Vogt des Palastes anzugreifen, und was hast du über diesen Volksaufstand mitzutheilen?«

»Sire, ich war nicht dabei.«

»Wohlan! liederlicher Schurke, bist du nicht von der Nachtwache in dieser schlechten Gesellschaft ertappt worden?«

»Nein, Sire; es ist ein Mißverständnis. Es ist ein unglücklicher Zufall. Ich mache Trauerspiele. Sire, ich bitte Euere Majestät flehentlich, mich anzuhören. Ich bin Dichter. Es ist die schwermüthige Gewohnheit von Leuten meines Berufes, Nachts durch die Straßen zu wandern. Ich ging heute Abend da durch. Es ist bloßer Zufall. Man hat mich ungerechter Weise festgenommen; ich bin unschuldig an diesem Bürgeraufruhre. Euere Majestät sieht, daß mich der Gauner nicht als seines Gleichen erkannt hat. Ich beschwöre Euere Majestät …«

»Schweige!« sagte der König zwischen zwei Schlucken seines Arzneitrankes. »Du zersprengst uns den Kopf.«

Tristan l’Hermite trat vor, und mit dem Finger auf Gringoire zeigend, sagte er:

»Sire, kann man diesen da auch hängen?«

Es war das erste Wort, welches er vorbrachte.

»Bah!« antwortete der König nachlässig, »ich sehe dabei keine Nachtheile.«

»Ich für meine Person sehe viele dabei!« sagte Gringoire.

Unser Philosoph war in diesem Augenblicke grüner, als eine Olive. Er sah an der kalten und gleichgültigen Miene des Königs, daß Rettung nur noch in etwas sehr Rührendem zu finden war, und er stürzte sich zu den Füßen Ludwigs des Elften, indem er mit verzweifeltem Geberdenspiele ausrief:

»Sire! Euere Majestät wird geruhen, mich anzuhören. Sire! brechet nicht in ein Unwetter über etwas so Weniges, als ich bin, los. Der mächtige Blitzstrahl Gottes schlägt in keine Salatstaude. Sire! Ihr seid ein erhabener, überaus mächtiger Monarch: habt Mitleid mit einem armen, ehrlichen Manne, welcher unfähiger sein würde, einen Aufstand anzuschüren, als ein Eiszapfen vermag, einen Funken von sich zu geben! Allergnädigster, mächtigster Herr, die Milde ist eine Löwen- und eine Königstugend. Ach! die Härte erbittert nur die Gemüther; die heftigen Stöße des Nordwindes können den Wanderer nicht veranlassen, seinen Mantel im Stiche zu lassen; die Sonne, welche nach und nach ihre Strahlen herabsendet, erhitzt ihn dermaßen, daß sie ihn zwingt, sich bis aufs Hemde zu entkleiden. Sire! Ihr seid die Sonne. Ich betheuere es, Euch, mein unumschränkter Herr und König, ich bin kein verwilderter Bettler- und Räubergenosse. Der Aufruhr und die Räubereien gehören nicht zum Zubehöre Apollos. Ich werde mich am wenigsten in diese Schwärme stürzen, die in Aufruhrlärm losbrechen. Ich bin ein treuer Diener Euerer Majestät. Dieselbe Eifersucht, welche der Ehemann für die Ehre seines Weibes besitzt, das Gefühl, welches der Sohn für die Liebe des Vaters hegt, ein guter Diener muß sie für den Ruhm seines Königs besitzen; er muß für den Eifer um sein Haus, für die Ausbreitung seines Dienstes sich aufopfern. Jede andere Leidenschaft, welche ihn hinreißen würde, könnte nur Wahnwitz sein. Das, Sire, sind meine Staatsgrundsätze. Demnach haltet mich nicht für einen Meuterer und Plünderer wegen meines, an den Aermeln abgenutzten Kleides. Wenn Ihr, Sire, mir Gnade erweiset, will ich es durch Gebete bei Nacht und Tag für Euch zu Gott auch an den Knien abnutzen. Leider bin ich nicht übermäßig reich, es ist wahr. Ich bin sogar ein wenig arm; aber deshalb nicht lasterhaft. Meine Schuld ist das nicht. Jedermann weiß, daß die großen Reichthümer nicht von den schönen Wissenschaften herrühren, und daß die, welche sich auf gute Bücher am besten verstehen, nicht immer ein tüchtiges Ofenfeuer im Winter haben. Der Advocatenstand allein nimmt alles Korn für sich und läßt den übrigen gelehrten Gewerben das Stroh übrig. Es giebt vierzig sehr treffliche Sprichwörter über den durchlöcherten Mantel der Philosophen. Ach, Sire! die Milde ist das einzige Licht, welches das Innere einer großen Seele erleuchten kann. Die Milde trägt allen andern Tugenden die Fackel voran. Ohne sie sind sie Blinde, welche Gott im Finstern tappend suchen. Die Barmherzigkeit, welche dasselbe wie die Milde ist, erzeugt die Liebe der Unterthanen, welche für die Person, des Fürsten die mächtigste Wache bildet. Was macht das für Euch aus, für Euere Majestät, deren Antlitz hoch erhaben ist, ob ein armer Mensch mehr auf der Erde ist, ein armer unschuldiger Philosoph, welcher mit leerem Geldbeutel, der an seinem hohlen Bauche klappert, in der Finsternis des Unglückes im Schlamme herumknetet. Uebrigens, Sire, bin ich ein Gelehrter. Die großen Könige setzen sich eine Perle in ihre Krone, wenn sie die Wissenschaften beschützen. Herkules verschmähte nicht den Titel des Musagetes. 77 Mathias Corvinus begünstigte den Johann von Monroyal, die Zierde der Mathematiker. Aber das ist eine schlimme Art die Wissenschaften zu beschützen, wenn man die Gelehrten hängt. Welcher Schandfleck für Alexander, wenn er hätte den Aristoteles hängen lassen! Ein solcher Zug würde kein kleines Fleckchen auf dem Antlitze seines Ruhmes sein, um es zu verschönern, sondern vielmehr ein böses Geschwür, um es zu entstellen. Sire! ich habe ein sehr zweckmäßiges Hochzeitsgedicht auf das Fräulein von Flandern und den erhabensten Herrn Dauphin gemacht. Das ist doch nicht die Sache eines Rädelsführers des Aufruhres. Euere Majestät sieht, daß ich kein verkommenes Genie bin, daß ich vortreffliche Studien gemacht habe, und daß ich viel natürliche Beredsamkeit besitze. Uebet Gnade an mir, Sire. Wenn Ihr das thut, werdet Ihr Unserer lieben Frau eine brave Handlung erweisen, und ich schwöre Euch, daß ich über die Vorstellung, gehangen zu werden, sehr in Schrecken gerathen bin!«

Bei diesen Worten küßte der untröstliche Gringoire die Pantoffeln des Königs, und Wilhelm Rym sagte ganz leise zu Coppenole: »Er thut wohl daran, auf der Erde zu kriechen. Den Königen geht es wie dem Jupiter von Creta; sie haben nur an den Füßen Ohren.« Aber ohne sich mit Jupiter von Creta zu befassen, antwortete der Strumpfwirker mit einem plumpen Lächeln, das Auge auf Gringoire gerichtet: »Oh, wie hübsch das ist! Ich glaube den Kanzler Hugonet zu hören, wie er mich um Gnade bat.« Als Gringoire endlich, ganz außer Athem anhielt, erhob er zitternd sein Haupt nach dem Könige, der mit den Nägeln einen Schmutzfleck wegkratzte, den seine Beinkleider am Knie hatten; dann fing Seine Majestät an, aus dem Becher Arzneitrank zu trinken. Uebrigens sprach sie kein Wort, und dieses Schweigen marterte Gringoire. Der König sah ihn endlich an: »Das ist ein schrecklicher Schreihals!« sagte er. Dann wandte er sich nach Tristan l’Hermite hin. »Bah! laßt ihn laufen!«

Gringoire fiel, vor Freude ganz erschrocken auf den Hintern.

»In Freiheit!« brummte Tristan. »Euere Majestät wünscht nicht, daß man ihn ein wenig im Käfige einsperre?«

»Gevatter,« versetzte Ludwig der Elfte, »glaubst du, daß wir etwa für solche Vögel Käfige bauen lassen, welche dreihundertsiebenundsechzig Livres acht Sou und drei Heller kosten? Laßt mir den liederlichen Schuft sofort los (Ludwig der Elfte liebte dieses Wort, welches mit »beim allmächtigen Gotte« den Hintergrund seiner Fröhlichkeit bildete) und werft ihn mit ein paar Rippenstößen hinaus.«

»Ach!« rief Gringoire, »was ist das für ein großer König!«

Und aus Furcht vor einem Gegenbefehle stürzte er nach der Thüre hin, welche Tristan ihm mit ziemlich schlechtem Danke wieder öffnete. Die Soldaten gingen mit ihm hinaus, während sie ihn mit mächtigen Faustschlägen vor sich her trieben, was Gringoire als wahrer stoischer Philosoph ertrug.

Die gute Laune des Königs blickte überall hervor, seitdem ihm der Aufruhr gegen den Vogt mitgetheilt worden war. Diese ungewohnte Milde war kein geringes Anzeichen dafür. Tristan l’Hermite sah in seiner Ecke wie ein verdrießlicher Bullenbeißer aus, der etwas gesehen, aber nichts erschnappt hat.

Der König indessen trommelte lustig auf den Armlehnen seines Stuhles den Marsch von Pont-Audemer. Er war ein Fürst von versteckter Gemüthsart, der aber viel besser verstand, seine Sorgen als seine Freuden zu verbergen. Diese äußerlichen Freudenbezeigungen bei jeder guten Nachricht gingen bisweilen sehr weit: so gelobte er bei dem Tode Karls des Kühnen dem heiligen Martin zu Tours silberne Geländer; bei seiner Thronbesteigung vergaß er sogar das Leichenbegängnis seines Vaters anzuordnen.

»Ei! Sire!« rief plötzlich Jacob Coictier, »was ist aus dem heftigen Krankheitsanfall geworden, wegen dessen mich Euere Majestät hatte entbieten lassen?«

»Oh!« sagte der König, »ich leide wahrlich sehr, mein Gevatter, ich habe Ohrensausen und in der Brust glühende Rachen, welche mich zerfleischen.«

Coictier ergriff die Hand des Königs und begann ihm mit geeigneter Miene den Puls zu fühlen.

»Sehet einmal an, Coppenole,« sagte Rym mit leiser Stimme. »Da sitzt er zwischen Coictier und Tristan. Das ist sein ganzer Hofstaat. Ein Arzt für ihn, und ein Henker für die andern.«

Coictier nahm, während er den Puls des Königs befühlte, eine immer unruhigere Miene an. Ludwig der Elfte betrachtete ihn mit einer gewissen Aengstlichkeit. Coictier wurde zusehends düsterer. Der brave Mann hatte kein anderes Pachtgut, als den schlechten Gesundheitszustand des Königs. Er beutete ihn nach besten Kräften aus.

»Oh! oh!« murmelte er, »das ist bedenklich, in der That.«

»Nicht wahr?« sagte der König voll Unruhe.

»Pulsus creber, anhelans, crepitans, irregularis,« 78 fuhr der Arzt fort.

»Beim allmächtigen Gotte!«

»Ehe drei Tage um sind, kann dieser Zustand seinen Mann hinwegraffen.«

»Bei Unserer lieben Frau!« rief der König. »Und das Heilmittel, Gevatter?«

»Ich denke darüber nach, Sire.«

Er ließ Ludwig dem Elften die Zunge zeigen, schüttele bedenklich mit dem Kopfe, schnitt eine Grimasse, und mitten unter diesen Zierereien sagte er plötzlich:

»Wahrlich, Sire, ich muß Euch erzählen, daß eine Einnehmerstelle bei den Steuerkassen erledigt ist, und daß ich einen Neffen habe.«

»Ich gebe meine Einnehmerstelle deinem Neffen, Gevatter Jacob,« sagte der König, »aber ziehe mir dies Feuer aus der Brust.«

»Da Euere Majestät so gnädig gesinnt ist,« fuhr der Arzt fort, »wird sie mir die Bitte nicht abschlagen, mich ein wenig beim Bau meines Hauses in der Rue-Saint-André-des-Arcs zu unterstützen.«

»So, so!« sagte der König.

»Ich bin mit meinem Gelde zu Ende,« fuhr der Doctor fort, »und es würde wahrhaftig Schade sein, wenn das Haus kein Dach bekäme; nicht wegen des Hauses, welches einfach und ganz bürgerlich ist, sondern wegen der Malereien Johann Fourbaults, welche das Getäfel verschönern. Da sieht man eine Diana in der Luft schweben, welche fliegt, aber so vortrefflich, so zart, so geschmackvoll, von so edler Haltung, das Haupt so herrlich geschmückt und von einer Mondsichel gekrönt, das Fleisch so zart, daß sie diejenigen in Versuchung führt, welche sie zu begierig betrachten. Es befindet sich auch noch eine Ceres dort. Es ist ebenfalls eine sehr schöne Gottheit. Sie sitzt auf Getreidegarben, und ihr Haupt ist mit einer reizenden Aehrenguirlande geschmückt, in welche Bocksbart und andere Blumen geflochten sind. Man kann nichts Verliebteres sehen, als ihre Augen, nichts Runderes als ihre Beine, nichts Edleres als ihre Miene, nichts schöner im Faltenwurfe, als ihr Untergewand. Es ist eine der unschuldigsten und vollendetsten Schönheiten, welche der Pinsel hervorgebracht hat.«

»Quälgeist!« murmelte Ludwig der Elfte, »wohinaus willst du damit?«

»Ich gebrauche ein Dach über diese Malereien, Sire, und obgleich dieses Dach nur ein unbedeutender Gegenstand ist, so habe ich doch kein Geld mehr.«

»Wieviel kostet es, dein Dach?«

»Aber … ein Dach aus vergoldetem Kupfer mit mythologischen Figuren, zweitausend Livres höchstens.«

»Ach! der Mörder!« rief der König. »Er reißt mir keinen Zahn aus, der für ihn nicht ein Diamant wäre.«

»Bekomme ich mein Dach?« sagte Coictier.

»Ja! und scher dich zum Teufel, aber mach mich gesund.«

Jacob Coictier verneigte sich tief und sagte:

»Sire! nur ein zurücktreibendes Mittel wird Euch retten. Wir wollen Euch das große Verbandmittel auf die Nieren auflegen, das aus Wachssalbe, armenischem Thon, Eiweiß, Oel und Essig besteht. Ihr werdet mit Euerem Arzneitranke fortfahren, und wir bürgen für Euere Majestät.«

Ein brennendes Licht zieht nicht blos eine einzige Mücke an. Meister Olivier, der den König so freigiebig sah und den Augenblick für günstig hielt, trat auch heran:

»Sire …«

»Was soll’s, noch?« sagte Ludwig der Elfte.

»Sire, Euere Majestät weiß, daß Meister Simon Radin gestorben ist?«

»Nun weiter?«

»Daß er königlicher Rath beim Gerichtshofe des Schatzamtes war.«

»Nun?«

»Sire, seine Stelle ist unbesetzt.«

Während er so sprach, hatte das hochmüthige Gesicht Meister Oliviers den hochfahrenden Ausdruck mit einem demüthigen vertauscht. Das ist der einzige Wechsel, welcher im Gesicht eines Hofschranzen vorzugehen pflegt. Der König sah ihm fest ins Gesicht und sagte mit trockenem Tone:

»Ich verstehe.«

Er fuhr fort:

»Meister Olivier, der Marschall von Boucicaut pflegte zu sagen: »Schenkung steht nur beim Könige, und fischen kann man nur im Meere.« Ich sehe, daß Ihr der Meinung des Herrn von Boucicaut seid. Jetzt hört folgendes, wir haben ein gutes Gedächtnis. Im Jahre 68 haben wir Euch zu unserem Kammerdiener gemacht; im Jahre 69 zum Castelan der Brücke von Saint-Cloud mit hundert Livres Gehalt in Toursscher Münze (Ihr wolltet sie in Pariser Gelde). Im November 73 haben wir Euch durch eine, zu Gergeaule ausgefertigte Urkunde zum Vogte des Gehölzes von Vincennes, an Stelle des Stallmeisters Gilbert Acle, eingesetzt; im Jahre 75 zum Forstmeister des Waldes zu Rouvray-lez-Saint-Cloud, an die Stelle Jacob Le-Maire’s; im Jahre 78 haben wir allergnädigst, durch offene Urkunde, die mit grünem Wachse an doppelten Siegelhaltern gesiegelt ist, für Euch und Euere Frau eine Rente von zehn Livres Pariser Münze auf den Standplatz für die Kaufleute gelegt, welcher an der Schule Saint-Germain belegen ist; im Jahre 79 haben wir Euch zum Forstmeister des Waldes von Senart, an Stelle jenes armen Johann Daiz, gemacht; dann zum Hauptmann des Schlosses Loches; dann zum Oberbefehlshaber von Saint-Quentin; dann zum Hauptmann der Brücke von Maulan, nach welcher Ihr Euch Graf nennen laßt. Von den fünf Sous Strafe, welche jeder Barbier bezahlt, der an einem Festtage barbiert, kommen drei Sous auf Euch, und wir erhalten den Rest. Wir haben auch geruht, Euern Namen Le-Mauvais, 79 der Euerer Miene zu sehr entsprach, abzuändern. Im Jahre 74 haben wir Euch, zur großen Unzufriedenheit unseres Adels, mit einem tausendfarbigen Wappen beliehen, das Euch eine wahre Pfauenbrust giebt. Beim allmächtigen Gotte! seid Ihr nicht übersatt. Ist der Fischzug nicht schön und wunderbar genug? Und fürchtet Ihr nicht, daß ein Lachs mehr Euern Kahn zum Sinken bringt? Der Stolz wird Euch zu Grunde richten, Gevatter. Der Stolz ist immer von Untergang und Schmach verfolgt. Erwäget das und schweigt.«

Diese mit Strenge gesprochenen Worte ließen die Unverschämtheit wiederum in Meister Oliviers Gesichtsausdrucke erscheinen.

»Gut,« murmelte er fast ganz laut, »man sieht wohl, daß der König heute krank ist; er giebt dem Arzte alles.«

Ludwig der Elfte, der weit entfernt war, sich über dieses herausfordernde Betragen zu erzürnen, fuhr mit einer gewissen Sanftmuth fort:

»Halt, ich vergaß noch, daß ich Euch zum Gesandten bei der Prinzessin Marie in Gent gemacht habe … Ja, meine Herren,« fügte der König hinzu, indem er sich an die Flamländer wandte, »dieser ist Gesandter gewesen … Dabei, Gevatter,« fuhr er, sich an Meister Olivier wendend, fort, »wollen wir uns nicht erzürnen; wir sind alte Freunde. Doch es ist schon sehr spät. Wir haben unsere Arbeit beendet. Barbiert mich.«

Unsere Leser haben ohne Zweifel schon längst in »Meister Olivier« jenen schrecklichen Figaro erkannt, welchen die Vorsehung, diese große Dramenschöpferin, so kunstgerecht in die lange und blutige Komödie Ludwigs des Elften verflochten hat. Wir wollen es hier nicht unternehmen, diese sonderbare Erscheinung darzustellen. Dieser Barbier des Königs hatte drei Namen. Am Hofe nannte man ihn höflicher Weise Olivier Le-Daim; 80 im Volke Olivier den Teufel. Er hieß mit seinem wahren Namen Olivier Le-Mauvais.

Olivier Le-Mauvais also stand regungslos da, schmollte mit dem Könige, und sah Jacob Coictier von der Seite an.

»Ja, ja! der Arzt!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Nun! ja, der Arzt!« entgegnete Ludwig der Elfte mit seltsamer Gutmüthigkeit; »der Arzt hat mehr Einfluß als du. Das ist ganz einfach: er hat Gewalt über uns an unserem ganzen Körper, und du hältst uns nur am Kinne fest. Geh, mein armer Barbier, das wird sich wiederfinden. Was würdest du denn sagen, und was würde aus deinem Dienste werden, wenn ich ein König wäre, wie König Chilperich, dessen gewöhnliche Gebärde es war, seinen Bart mit einer Hand zu halten? … Wohlan, Gevatter, versieh dein Amt, rasiere mich. Hole, was du dazu nöthig hast.«

Olivier, welcher sah, daß der König den Entschluß zu spotten gefaßt hatte, und daß es nicht einmal ein Mittel gab, ihn aufzubringen, ging murrend hinaus, um seine Befehle zu vollziehen.

Der König erhob sich, trat ans Fenster, und indem er es plötzlich mit ungewöhnlicher Erregung öffnete, rief er die Hände zusammenschlagend aus:

»Ach! ja! sehet da einen Glutschein am Himmel. Es ist der Vogt, welcher brennt. Es kann nicht anders sein. Oh! mein gutes Volk! Nun weiß ich doch, daß du mir endlich hilfst, die Lehnsherrlichkeiten niederzuwerfen!«

Dann wandte er sich an die Flamländer:

»Meine Herren, tretet her und seht das. Ist das nicht ein Brand, der den Himmel röthet?«

Die beiden Genter traten heran.

»Ein gewaltiger Brand,« sagte Wilhelm Rym.

»Ho!« fügte Coppenole hinzu, dessen Augen plötzlich aufleuchteten, »das erinnert mich an den Brand des Hauses des Herrn von Hymbercourt. Da unten muß ein mächtiger Aufruhr stattfinden.«

»Ihr glaubt Meister Coppenole?« Und das Angesicht Ludwigs des Elften nahm einen fast ebenso fröhlichen Ausdruck an, als dasjenige des Strumpfwirkers. »Nicht wahr, es wird schwer halten, dem Widerstand zu leisten?«

»Kreuz Gottes! Sire! Euere Majestät wird darüber sehr viele Compagnien Kriegsvolk aufs Spiel setzen können.«

»Ach! ich! das ist etwas Anderes.« fuhr der König fort. »Wenn ich wollte …« Der Strumpfwirker erwiederte dreist:

»Wenn dieser Aufruhr das ist, was ich vermuthe, so dürftet Ihr vergeblich wollen, Sire.«

»Gevatter,« sagte Ludwig der Elfte, »mit zwei Compagnien meiner Leibtruppe und einer Feldschlangensalve hat man leichten Handel mit einem Pöbelhaufen von Bauern.«

Der Strumpfwirker schien, ungeachtet aller Winke, die ihm Wilhelm Rym gab, verwegen genug, dem Könige die Spitze zu bieten.

»Sire, die Schweizer waren auch Bauern. Der Herr Herzog von Burgund war ein stolzer Edelmann, und er verspottete diese Kanaille. In der Schlacht bei Granson, Sire, schrie er: »Kanoniere, Feuer auf dieses Bauernpack!« Und er schwur beim heiligen Georg. Aber der Stadtschultheiß Scharnachtal stürzte sich mit seiner Keule und seinem Volke auf diesen schönen Herzog, und bei dem Zusammenstoße mit den Bauern in Ochsenhäuten zersplitterte das glänzende Heer der Burgunder wie Glas vor einem Steinwurfe. Da befanden sich sehr viele Ritter unter den von den Schuften Erschlagenen; und man fand den Herrn von Château-Guyon, den stolzesten Edelmann Burgunds, unter seinem großen Grauschimmel todt in einem kleinen Morastloche.«

»Freund,« versetzte der König, »Ihr sprecht von einer Schlacht. Es handelt sich hier um eine Empörung. Und ich will damit zu Ende kommen, wenn es mir belieben wird, die Augenbrauen zu runzeln.«

Der andere versetzte gleichgültig:

»Das ist möglich, Sire. In diesem Falle ist die Stunde des Volkes noch nicht gekommen.«

Wilhelm Rym glaubte vermitteln zu müssen.

»Meister Coppenole, Ihr sprecht zu einem mächtigen Könige.«

»Ich weiß es,« antwortete der Strumpfwirker würdevoll.

»Laßt ihn reden, Herr Rym, mein Freund,« sagte der König; »ich liebe diese freimüthige Sprache. Mein Vater Karl der Siebente sagte oft, die Wahrheit wäre krank. Ich für meine Person glaubte sogar, sie wäre todt und hätte gar keinen Bekenner mehr gefunden. Meister Coppenole belehrt mich eines Besseren.«

Dann legte er vertraulich seine Hand auf die Schulter Coppenoles und fuhr fort:

»Ihr sagtet also, Meister Jacob …«

»Ich sagte, Sire, daß Ihr vielleicht Recht habt, daß die Stunde des Volkes in Euerem Reiche noch nicht gekommen sei.«

Ludwig der Elfte sah ihn mit seinem durchdringenden Blicke an.

»Und wann wird diese Stunde kommen, Meister?«

»Ihr werdet sie schlagen hören.«

»Auf welcher Uhr, wenn es Euch gefällig ist?«

Coppenole veranlagte in seiner ruhigen und bäuerischen Haltung den König, ans Fenster zu treten.

»Höret mich an, Sire! Hier seht Ihr einen Zwingthurm, eine Sturmglocke, Kanonen, Bürger, Soldaten. Wenn die Sturmglocke einst heulen wird, wenn die Kanonen brüllen werden, wenn der Zwingthurm mit lautem Krachen zusammenstürzen wird, wenn Bürger und Soldaten schreien und sich unter einander morden werden, dann wird die Stunde schlagen.«

Ludwig des Elften Gesicht wurde düster und nachdenklich. Er blieb einen Augenblick in Schweigen versunken; dann schlug er sanft, wie man die Hüfte eines Schlachtrosses klopft, mit der Hand an die dicke Mauer des Thurmes.

»Oh! nein!« sagte er. »Nicht wahr, du wirst nicht so leicht zusammenstürzen, meine gute Bastille?«

Dann wandte er sich mit heftiger Wendung an den kühnen Flamländer:

»Habt Ihr jemals einen Aufruhr erlebt, Meister Jacob?«

»Ich habe einen angestiftet,« sagte der Strumpfwirker.

»Wie fingt Ihr das an,« sagte der König, »um eine Empörung zu erregen?«

»Ah!« antwortete Coppenole, »das ist nicht sehr schwierig. Es giebt hundert Wege. Nothwendig ist zunächst, daß Unzufriedenheit in der Stadt herrscht. Der Fall ist nicht selten. Und dann der Charakter der Einwohner. Diejenigen Gents sind zur Empörung geneigt. Die lieben stets den Sohn des Fürsten, niemals diesen selbst. Nun gut! Eines Morgens, will ich annehmen, tritt man in mein Gewölbe; man sagt mir: »Vater Coppenole, da ist dies, da ist das, das Fräulein von Flandern will ihre Minister in Sicherheit bringen, der Oberamtmann verdoppelt den Zoll auf Sämerei, oder etwas Anderes.« Was man will. Ich, ich lasse meine Arbeit liegen, ich trete aus meinem Strumpfwirkerladen heraus, ich gehe in die Straße, und ich rufe: »Auf zum Sturme!« Immer liegt wohl ein eingeschlagenes Faß da. Ich steige hinauf, und ich spreche ganz laut die ersten besten Worte, was ich auf dem Herzen habe; und wenn man zum Volke gehört, Sire, hat man immer etwas auf dem Herzen. Nun rottet man sich zusammen, man schreit, man läutet die Sturmglocke, man bewaffnet die Bürger mit den den Soldaten abgenommenen Waffen, die Leute vom Markte vereinigen sich damit, und man geht darauf los. Und das wird immer so sein, so lange es Herren in den Lehnsherrschaften, Bürger in den Städten und Bauern auf dem Lande geben wird.«

»Und gegen wen empört Ihr Euch so?« fragte der König. »Gegen Eure Vögte? Gegen Euere Lehnsherren?«

»Manchmal, je nachdem. Auch gegen den Herzog mitunter.«

Ludwig der Elfte setzte sich wieder nieder, und sagte lächelnd:

»Ah! hier haben sie es nur mit den Vögten zu thun.«

In diesem Augenblicke trat Olivier Le-Daim wieder ein. Er war von zwei Pagen begleitet, welche des Königs Gewänder trugen; was aber Ludwig den Elften überraschte, war der Umstand, daß er außerdem vom Oberrichter von Paris und vom Befehlshaber der Nachtwache begleitet war, welche beide bestürzt zu sein schienen. Der rachsüchtige Barbier hatte gleichfalls eine bestürzte, aber dabei auch zufriedene Miene. Er nahm das Wort zuerst.

»Sire, ich bitte Euere Majestät um Verzeihung für die unglücksschwere Nachricht, welche ich Ihr bringe.«

Der König, der sich schnell umdrehte, zerfetzte mit den Beinen seines Stuhles die Strohmatte des Fußbodens.

»Was hast du zu sagen?«

»Sire,« versetzte Olivier Le-Daim mit der boshaften Miene eines Menschen, der sich freut, einen niederschmetternden Eindruck hervorbringen zu können, »nicht gegen den Vogt des Palastes ist dieser Volksaufruhr gerichtet.«

»Und gegen wen denn?«

»Gegen Euch, Sire.«

Der alte König hob sich kerzengerade wie ein junger Mann in die Höhe.

»Erkläre dich, Olivier! erkläre dich! Und halte ja deinen Kopf fest, Gevatter; denn ich schwöre dir beim Kreuze von Saint-Lo, daß, wenn du uns in dieser Stunde belügst, das Schwert, das den Hals des Herrn von Luxemburg durchschnitten hat, nicht so schartig ist, daß es nicht auch noch den deinigen durchschneidet!«

Der Schwur war furchtbar; Ludwig der Elfte hatte nur zweimal in seinem Leben beim Kreuze von Saint-Lo geschworen. Olivier öffnete den Mund, um zu antworten:

»Sire …«

»Wirf dich auf die Kniee!« unterbrach ihn der König heftig. »Tristan wachet über diesen Menschen!«

Olivier warf sich auf die Kniee und sagte kalt:

»Sire, eine Hexe ist von Eurem Parlamentsgerichtshofe zum Tode verurtheilt worden. Sie hat sich nach Notre-Dame geflüchtet. Das Volk will sich ihrer dort wieder mit offener Gewalt bemächtigen. Der Herr Oberrichter und der Herr Ritter von der Nachtwache, welche vom Aufruhre herkommen, sind hier, um mich Lügen zu strafen, wenn das nicht die Wahrheit ist. Notre-Dame ist’s, welche das Volk belagert.«

»Wie!« sagte der König mit leiser Stimme, ganz blaß und vor Zorn heftig zitternd. »Notre-Dame! Sie belagern Unsere liebe Frau, meine gnädige Gebieterin, in ihrer Kathedrale! … Steh auf, Olivier. Du hast Recht. Ich gebe dir die Stelle Simon Radins. Du hast Recht … Ich bin es, den man angreift. Die Hexe steht unter dem Schutze der Kirche, die Kirche unter meinem Schutze. Und ich für meine Person glaubte, daß es sich um den Vogt handelte! Gegen mich geht es!«

Nun begann er, von der Wuth verjüngt, große Schritte zu machen. Er lachte nicht mehr, er war furchtbar, ging hin und her; der Fuchs hatte sich in eine Hyäne verwandelt. Er schien erstickt, so daß er nicht sprechen konnte; seine Lippen zitterten, und seine fleischlosen Fäuste ballten sich. Plötzlich richtete er das Haupt in die Höhe, sein hohler Blick erschien voll Feuer, und seine Stimme erklang wie eine Trompete. »Leg Hand an, Tristan! leg Hand an diese Schurken! Geh, Tristan mein Freund! morde! morde!«

Als dieser Ausbruch vorüber war, setzte er sich wieder nieder und sagte mit kalter und vergrößerter Wuth:

»Hierher, Tristan! … Bei uns in dieser Bastille liegen fünfzig Lanzen des Vicomte von Gif, die dreihundert Pferde ausmachen: Ihr werdet sie mitnehmen. Auch liegt hier von unserer Leibwache die Compagnie Bogenschützen des Herrn von Châteaupers: Ihr werdet sie mitnehmen. Ihr seid Profoß der Reiterofficiere, Ihr habt die Leute Eueres Profoßamtes: Ihr werdet sie mitnehmen. Im Palast Saint-Pol werdet Ihr vierzig Bogenschützen von der neuen Wache des Herrn Dauphin finden: nehmt sie mit. Und mit allem dem eilt Ihr schnell nach Notre-Dame … Ah! Ihr Herrn Einwohner von Paris, Ihr werft Euch also quer auf die Krone von Frankreich, auf die Heiligkeit von Notre-Dame und den Frieden dieses Staates! … Vertilge! Tristan, vertilge! Und daß keiner von ihnen davonkomme, außer für Montfaucon.« 81

Tristan verneigte sich.

»Es ist gut, Sire.«

Er fügte nach einer Pause hinzu:

»Und was soll ich mit der Hexe anfangen?«

Diese Frage brachte den König zum Nachdenken.

»Ach!« sagte er, »die Hexe! … Herr von Estouteville, was wollte eigentlich das Volk mit ihr anfangen?«

»Sire,« antwortete der Oberrichter von Paris, »ich denke mir, daß, weil das Volk sie doch aus ihrer Freistatt in Notre-Dame herausreißen will, diese Straflosigkeit es verletzt und sie drum hängen will.«

Der König schien reiflich zu überlegen; dann wandte er sich an Tristan l’Hermite:

»Nun gut! lieber Gevatter, vertilge das Volk und hänge die Hexe.«

»Das heißt,« sagte Rym ganz leise zu Coppenole, »das Volk bestrafen für sein Wollen, und das, was es will, selbst thun.«

»Genug, Sire,« antwortete Tristan. »Wenn die Hexe sich noch in Notre-Dame befindet, soll man sie hier, ungeachtet des Asylrechtes, festnehmen?«

»Beim allmächtigen Gotte, das Asylrecht!« sagte der König, während er sich hinter dem Ohre kratzte. »Dennoch muß das Weibsbild gehangen werden.«

Wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen warf sich der König jetzt von seinem Stuhle auf die Kniee nieder, nahm seinen Hut ab, legte ihn auf den Sitz und betrachtete andächtig eines der bleiernen Amulete, welche den Hut umkränzten: »Ach!« sprach er mit gefalteten Händen, »Unsere liebe Frau von Paris, meine gnädige Beschützerin, vergebt mir. Ich will es nur dies Mal thun. Ich muß diese Verbrecherin strafen. Ich versichere Euch, theuere Jungfrau, meine süße Gebieterin, daß es eine Hexe ist, die Eures freundlichen Schutzes nicht würdig ist. Ihr wisset, Liebe Frau, daß sehr viele sehr fromme Fürsten dies Vorrecht der Kirchen übertreten haben zur Ehre Gottes und aus Notwendigkeit für den Staat. Der heilige Hugo, der Bischof von England, hat dem Könige Eduard erlaubt, sich eines Zauberers in seiner Kirche zu bemächtigen. Der heilige Ludwig von Frankreich, mein Gebieter, hat zu demselben Zwecke die Schwelle der Kirche des Heiligen Paul überschritten, und Herr Alphons, der Sohn des Königs von Jerusalem, sogar diejenige des Heiligen Grabes. Vergebt mir also dieses Mal, Unsere liebe Frau von Paris. Ich will es nicht wieder thun, und ich will Euch eine schöne silberne Bildsäule schenken, gleich wie diejenige, welche ich im vergangenen Jahre Unserer lieben Frau von Ecouys gegeben habe. Amen.«

Er machte ein Zeichen des Kreuzes, erhob sich wieder, setzte den Hut auf und sagte zu Tristan:

»Säumet nicht, lieber Gevatter. Nehmt den Herrn von Châteaupers mit Euch. Laßt die Sturmglocke läuten. Ihr werdet das Volk zerschmettern, werdet die Hexe hängen. Abgemacht. Und ich wünsche, daß die Hetzjagd der Hinrichtung von Euch angestellt werde. Ihr werdet mir Bericht davon abstatten … Wohlan, Olivier, ich will diese Nacht nicht zu Bett gehen. Barbiere mich.«

Tristan l’Hermite verneigte sich und ging hinaus. Darauf verabschiedete der König mit einer Handbewegung Rym und Coppenole:

»Behüte euch Gott, meine Herren Flamländer, liebe Freunde. Pfleget ein wenig der Ruhe. Die Nacht rückt vor, und wir sind dem Morgen näher, als dem Abende.«

Alle Beide zogen sich zurück, und als sie unter der Begleitung des Hauptmanns der Bastille ihre Gemächer gewonnen hatten, sagte Coppenole zu Wilhelm Rym:

»Hm! ich habe genug an diesem hustenden Könige! Ich habe Karl von Burgund betrunken gesehen; er war nicht so boshaft als der kranke Ludwig der Elfte.«

»Meister Jacob,« antwortete Rym, »das kommt davon, weil der Wein die Könige nicht so blutgierig macht, wie der Arzneitrank.«

  1. » Le grand Cyrus« Roman der Frau von Scudery. Anm. d Uebers.
  2. Lateinisch: Ohne Truchseß und ohne Mundschenken. Anm. d. Uebers.
  3. Griechisch: Anführer der Musen. Anm. d. Uebers.
  4. Lateinisch: Pulsschlag häufig, stark springend und unregelmäßig. Anm. d. Uebers.
  5. Le mauvais = der Bösewicht. Anm. d. Uebers.
  6. Olivier Damhirsch. Anm. d. Uebers.
  7. Im Mittelalter Name eines berüchtigten Galgens in der Nähe von Paris. Anm. d. Uebers.

6. »Messer in der Tasche.«

Als Gringoire die Bastille verlassen hatte, eilte er die Straße Saint-Antoine mit der Schnelligkeit eines entsprungenen Pferdes hinab. An der Pforte Baudoyer angelangt, ging er gerade auf das steinerne Kreuz los, welches sich in der Mitte dieses Platzes erhob, als ob er in der Dunkelheit die Gestalt eines schwarz gekleideten und in eine Kapuze gehüllten Mannes hätte erkennen können, der auf den Stufen des Kreuzes saß.

»Seid Ihr es, Meister?« fragte Gringoire.

Die schwarze Gestalt erhob sich.

»Tod und Hölle! Ihr macht mich rasend, Gringoire. Der Wächter auf dem Thurme von Saint-Gervais hat soeben halb zwei Uhr Morgens abgerufen.«

»Oh!« versetzte Gringoire, »das ist nicht meine Schuld, sondern diejenige der Nachtwache und des Königs. Ich bin eben mit heiler Haut davongekommen! Es will mir immer nicht gelingen, gehangen zu werden. Das ist meine Vorherbestimmung.«

»Dir mißglückt alles,« sagte der andere. »Aber laß uns schnell gehen. Hast du das Paßwort?«

»Denkt Euch, Meister, daß ich den König gesehen habe. Ich komme von ihm her. Er trägt eine Hose von Barchent. Das ist ein Abenteuer.«

»Ach! ein Haufen Worte! Was geht mich dein Abenteuer an? Hast du das Paßwort der Bettler?«

»Seid ruhig. Ich habe es: »Messer in der Tasche«.

»Gut. Andernfalls würden wir nicht bis zur Kirche vordringen können. Die Bettler sperren die Straßen. Glücklicherweise scheint es, als ob sie Widerstand gefunden haben. Wir werden vielleicht noch zur rechten Zeit ankommen.«

»Ja, Meister. Aber wie wollen wir in Notre-Dame hineingelangen?«

»Ich habe den Schlüssel zu den Thürmen.«

»Und wie wollen wir wieder herauskommen?«

»Hinter dem Kloster ist eine kleine Thüre, welche nach dem Terrain, und von da nach dem Flusse führt. Ich habe den Schlüssel dazu mitgenommen und heute Morgen einen Kahn dort angebunden.«

»Es ist mir auf hübsche Weise gelungen, dem Galgen zu entgehen!« fuhr Gringoire fort.

»Schnell denn! Wir wollen gehen!« sagte der andere.

Alle Beiden eilten mit schnellen Schritten nach der Altstadt zu.

7. »Châteaupers zu Hülfe!«

Der Leser erinnert sich vielleicht der mißlichen Lage, in welcher wir Quasimodo verlassen haben. Der tapfere Taube hatte, von allen Seiten angegriffen, wenn auch nicht allen Muth, so doch wenigstens alle Hoffnung verloren, zwar nicht sich – denn er dachte nicht an sich –, aber die Zigeunerin retten zu können. Er lief außer sich vor Bestürzung auf der Galerie hin und her. Notre-Dame war der Gefahr ganz nahe, von den Bettlern mit Sturm genommen zu werden. Plötzlich ertönten die benachbarten Straßen von lautem Pferdegalopp, und mit einer langen Fackelreihe brauste eine dichte Reiterkolonne mit verhängtem Zügel und mit gesenkten Lanzen unter den wüthenden Rufen: »Frankreich! Frankreich! Hauet die Kerle zusammen! Châteaupers zu Hülfe! Profoß! Profoß!« wie ein Orkan über den Platz hin. Die bestürzten Bettler kehrten sich rasch um.

Quasimodo, der nichts hörte, sah die entblößten Schwerter, die Fackeln, die Lanzenspitzen, die ganze Reiterschaar, an deren Spitze er den Hauptmann Phöbus erkannte; er sah die Bestürzung der Gauner, den Schrecken bei den einen, die Unruhe bei den besten von ihnen, und er gewann durch diese unerwartete Hülfe wieder so viel Stärke, daß er die Ersten von den Angreifern, die schon die Galerie überstiegen, aus der Kirche zurückwarf. Es waren in der That die Truppen des Königs, welche unvermuthet auf dem Platze erschienen.

Die Bettler benahmen sich tapfer. Sie vertheidigten sich wie Verzweifelte. Von der Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs in der Seite, und von der Straße, die zum Vorhofe der Kathedrale führt, von hinten angegriffen, an Notre-Dame gedrängt, die sie noch stürmten und die Quasimodo vertheidigte, zu gleicher Zeit Belagerer und Belagerte, waren sie in der merkwürdigen Lage, in welcher sich nachher, bei der berühmten Belagerung von Turin im Jahre 1640, zwischen dem Prinzen Thomas von Savoyen, welchen er belagerte und dem Marquis von Leganez, der ihn einschloß, der Graf Heinrich d’Harcourt wieder befand: Taurinum obsessor idem et obsessus, 82 wie seine Grabschrift besagt.

Das Handgemenge war entsetzlich. »In das Fleisch des Wolfes schlug der Zahn des Hundes,« wie P. Mathieu sagt. Die Reiter des Königs, in deren Mitte sich Phöbus von Châteaupers heldenmüthig hervorthat, gaben keinen Pardon, und die Schneide ereilte, was der Spitze des Schwertes entging. Die schlecht bewaffneten Bettler schäumten und wehrten sich mit den Zähnen. Männer, Weiber, Kinder stürzten sich auf die Rücken und Brustseiten der Pferde, und klammerten sich da wie Katzen mit den Zähnen und den Nägeln der vier Gliedmaßen fest. Andere trafen mit Fackelschlägen das Gesicht der Bogenschützen. Andere hieben mit eisernen Haken in den Hals der Reiter und rissen sie zu sich hin. Die, welche herabfielen, rissen sie in Stücke. Man bemerkte einen unter ihnen mit einer breiten, leuchtenden Sense, welcher lange Zeit den Pferden die Beine abmähete. Es war entsetzlich. Er sang dazu ein näselndes Lied, hieb unaufhörlich ein und riß seine Sense zurück. Mit jedem Hiebe zog er rings um sich einen großen Kreis abgehauener Glieder. So rückte er in den dichtesten Haufen der Reiterei mit der ruhigen Langsamkeit, dem Kopfwiegen, dem regelmäßigen Keuchen eines Schnitters vor, welcher ein Getreidefeld abmähet. Es war Clopin Trouillefou. Ein Büchsenschuß streckte ihn zu Boden. – Während dem hatten sich die Fenster wieder geöffnet. Die Nachbarn hatten sich, als sie das Kriegsgeschrei der Leute des Königs vernahmen, in das Gefecht gemengt, und aus allen Stockwerken regnete es Kugeln auf die Bettler herab. Der Vorhofplatz zur Kirche war mit einer dichten Rauchwolke angefüllt, aus welcher das Feuer der Musqueten hervorblitzte. Man erkannte hier kaum die Façade von Notre-Dame und das uralte Hôtel-Dieu mit einigen abgezehrten Kranken, welche von der Höhe seines, mit Fenstern besetzten Daches herabschauten.

Endlich wichen die Bettler. Die Ermattung, der Mangel an guten Waffen, der Schrecken dieses Ueberfalles, das Musquetenfeuer aus den Fenstern, der tapfere Vorstoß der Leute des Königs – alles das schlug sie nieder. Sie durchbrachen die Linie der Anstürmenden und begannen nach allen Richtungen hin zu entfliehen, wobei sie einen Berg von Todten zurückließen.

Was Quasimodo betrifft, der nicht einen Augenblick aufgehört hatte, zu kämpfen, so fiel er, als er diese wilde Flucht sah, auf beide Knien nieder und erhob die Hände zum Himmel; dann stürmte er vor Freude trunken davon, und stieg mit der Schnelligkeit eines Vogels zu jener Zelle empor, deren Zugänge er so unerschrocken vertheidigt hatte. Er hatte jetzt nur noch einen Gedanken: es war derjenige, sich vor der auf die Knien niederzuwerfen, die er eben zum zweiten Male gerettet hatte.

Als er in die Zelle eintrat – fand er sie leer.

  1. Lateinisch: Der Belagerer von Turin und darin zugleich Belagerter. Anm. d. Uebers.

5. Der Schlüssel zur Rothen Pforte.

Inzwischen hatte die öffentliche Meinung dem Archidiaconus hinterbracht, auf welche wunderbare Weise die Aegypterin gerettet worden war. Als er das erfuhr, wußte er kaum, was er dabei empfand. Er hatte sich mit Esmeralda’s Tode zufrieden gegeben. So war er ruhig geworden: er hatte den tiefsten Schmerz, der nur denkbar war, ausgekostet. Das menschliche Herz (Dom Claude hatte über solche Dinge nachgedacht) kann nur ein gewisses Maß von Verzweiflung fassen. Wenn der Schwamm vollgesogen ist, so kann das Meer darüber rollen, ohne daß auch nur ein Tropfen mehr hineindringt.

Nun, die Esmeralda war todt; der Schwamm war vollgesogen; damit war alles für Dom Claude auf dieser Erde gesprochen. Aber sie und auch Phöbus am Leben wissen – das waren die Martern, die Schläge, die Wechselwirkungen, welche das Leben wieder begannen. Und Claude war dessen überdrüssig.

Als er diese Nachricht erhalten hatte, schloß er sich in seine Klosterzelle ein. Er erschien weder bei den Stiftsbesprechungen, noch beim Gottesdienste. Er verschloß allen seine Thür, selbst dem Bischofe. In dieser Weise war er mehrere Wochen eingemauert geblieben. Man hielt ihn für krank. Er war es in der That.

Was that er in dieser Abgeschlossenheit? Mit welchen Gedanken schlug sich der Unglückliche herum? Lieferte er seiner fürchterlichen Leidenschaft einen letzten Kampf? Schmiedete er einen letzten Todes- und Vernichtungsplan für sie und ihn?

Sein Johann, sein geliebter Bruder, sein verhätscheltes Kind kam einmal an seine Thüre, klopfte, beschwör ihn, flehte, nannte zehnmal seinen eigenen Namen: – Claude öffnete nicht.

Er verbrachte ganze Tage, das Gesicht gegen die Scheiben seines Fensters gepreßt. Von diesem im Kloster befindlichen Fenster aus konnte er die Freistatt der Esmeralda sehen; oft erblickte er sie selbst mit ihrer Ziege, manchmal auch mit Quasimodo. Er bemerkte die kleinen Aufmerksamkeiten des häßlichen Tauben, seine aufmerksamen Geberden, seine höfliche und unterwürfige Haltung gegen die Zigeunerin. Er erinnerte sich, denn er hatte ein gutes Gedächtnis – und das Gedächtnis ist die Folter der Eifersüchtigen – er erinnerte sich also des eigenthümlichen Blickes, den der Glöckner eines Abends auf die Tänzerin warf. Er fragte sich, welchen Beweggrund Quasimodo hätte haben können, sie zu retten. Er war Zeuge von tausend kleinen Vorfällen zwischen der Zigeunerin und dem Tauben, dessen Geberdensprache ihm, von weitem gesehen und von seiner Leidenschaft erklärt, sehr zärtlich vorkam. Er mißtraute den seltsamen Neigungen der Frauen. Dann fühlte er dunkel, daß eine Eifersucht in ihm erwache, die er niemals vermuthet hatte, eine Eifersucht, die ihn vor Scham und Unwillen erröthen machte. »Der Hauptmann mag noch hingehen, aber dieser!« Dieser Gedanke marterte ihn.

Seine Nächte waren schrecklich. Seitdem er wußte, daß die Zigeunerin am Leben war, waren die frostigen Gespenster – und Grabesgedanken verschwunden, und das Fleisch begann wieder ihn zu stacheln. Er warf sich in dem Gefühle, das braune junge Mädchen so nahe bei sich zu haben, ruhelos auf dem Lager umher.

Jede Nacht vergegenwärtigte ihm seine rasende Einbildungskraft die Esmeralda in allen den Körperstellungen, welche sein Blut am heftigsten zum Sieden gebracht hatten. Er sah sie unter dem erdolchten Hauptmanne, mit geschlossenen Augen, ihren schönen Busen vom Blute des Phöbus bedeckt in dem wonnevollen Augenblicke hingestreckt, wo der Archidiaconus auf ihre blassen Lippen jenen Kuß gedrückt hatte, dessen Glut die Unglückliche, wiewohl halb todt, gefühlt hatte. Er sah sie wieder, wie sie von den rohen Fäusten der Folterknechte entkleidet wurde; wie sie ihren kleinen Fuß entblößen und in den mit eisernen Schrauben verschränkten Folterstiefel einzwängen ließ: er sah ihr zartes rundes Bein, ihr weißes und biegsames Knie. Er sah dieses Elfenbeinknie noch einmal, wie es aus dem fürchterlichen Marterinstrumente Torterue’s hervorglänzte. Er stellte sich schließlich das junge Mädchen im Hemde vor, mit dem Strick um den Hals, mit nackten Schultern, nackten Füßen, fast ganz nackt, wie er sie am letzten Tage gesehen hatte. Diese wollüstigen Bilder brachten seine Hände zum ballen und ließen einen Schauder über seine Rückgratwirbel rieseln.

In einer Nacht besonders erhitzten diese Bilder sein frisches Priesterblut so heftig, daß er in sein Kopfkissen biß, aus seinem Bett sprangt einen Chorrock über sein Hemd warf, und mit der Lampe in der Hand, halb nackt, verstört und glühenden Blickes seine Zelle verließ.

Er wußte, wo der Schlüssel zur Rothen Pforte, die das Kloster mit der Kirche verband, zu finden war; und er hatte, wie man weiß, immer einen Schlüssel zur Treppe der beiden Thürme bei sich.

2. Priester und Philosoph sind zweierlei.

Der Priester, welchen die jungen Mädchen, hoch oben auf dem nördlichen Thurme, zum Platze unten herabgeneigt und aufmerksam dem Tanze der Zigeunerin zuschauend bemerkt hatten, war in der That der Archidiaconus Claude Frollo.

Unsere Leser haben die geheimnisvolle Zelle nicht vergessen, die sich der Archidiaconus in diesem Thurme vorbehalten hatte. (Aller Wahrscheinlichkeit nach, um es beiläufig zu erwähnen, ist es dieselbe, deren Inneres man noch heute durch eine kleine, viereckige Oeffnung erkennen kann, die sich in Mannshöhe auf der Ostseite über der Plattform öffnet, von wo sich die Thürme in die Luft erheben: gegenwärtig eine nackte, leere und verfallene Höhle, deren schlecht getünchte Mauern zur Stunde hier und da mit einigen häßlichen, gelben Zeichnungen geschmückt sind, welche Kirchenfaçaden vorstellen. Ich vermuthe, daß dieses Loch gemeinschaftlich von Fledermäusen und Spinnen bewohnt, und daß infolge dessen hier gegen die Fliegen ein zwiefacher Vernichtungskrieg geführt wird.)

Alle Tage, eine Stunde vor Sonnenuntergang, stieg der Archidiaconus die Thurmtreppe empor und schloß sich in dieser Zelle, wo er manchmal ganze Nächte verbrachte, ein. An jenem Tage, in dem Augenblicke, wo er vor der niedrigen Thür des Schlupfwinkels angekommen war und den kunstvollen, kleinen Schlüssel, den er immer in einer an seiner Seite hängenden Tasche bei sich trug, ins Schloß steckte, war ein Tamburin– und Castagnettengeräusch zu seinem Ohre gedrungen. Dieses Geräusch kam von dem Platze des Domhofes. Die Zelle hatte, wie wir schon bemerkt haben, nur eine Oeffnung, die aufs Dach der Kirche hinausging. Claude Frollo hatte schnell den Schlüssel wieder herausgezogen und gleich darauf befand er sich auf der Höhe des Thurm es in der finstern und beobachtenden Stellung, in welcher ihn die jungen Mädchen erblickt hatten.

Da stand er, ernst, bewegungslos in einen Blick und einen Gedanken versunken. Ganz Paris lag zu seinen Füßen mit den tausend Spitzdächern seiner Gebäude und dem Gesichtskreise sanft aufsteigender Hügel ringsumher, mit seinem unter Brücken sich hinschlängelnden Flusse, seiner in den Straßen wogenden Bevölkerung, seinen Rauchwolken, der hügelartigen Kette von Dächern, welche mit immer dichter werdenden Ringen Notre-Dame einschließt. Aber in dieser weiten Stadt sah der Archidiaconus nur auf einen Punkt da unten: auf den Domhofsplatz; in dieser wogenden Menge sah er nur eine Gestalt: die der Zigeunerin. Es wäre schwer gewesen, zu sagen, welcher Art dieser Blick war, und woher die Glut kam, die aus ihm hervorloderte. Es war ein starrer Blick, und doch voll Unruhe und Aufruhr; und bei der völligen Unbeweglichkeit seines ganzen Körpers, der nur zeitweilig von einem mechanischen Schauder, wie ein Baum im Winde, geschüttelt wurde; bei der Steifheit seiner Arme, die mehr Stein zu sein schienen, als das Geländer, worauf sie sich stützten; beim Anblick des versteinerten Lächelns, welches sein Gesicht verzerrte, hätte man glauben sollen, es wäre an Claude Frollo nichts weiter lebendig, als die Augen.

Die Zigeunerin tanzte; sie ließ das Tamburin auf der Spitze ihres Fingers kreisen und warf es in die Lust, während sie behende, leicht, fröhlich und ohne das Gewicht des furchtbaren Blickes zu fühlen, der von oben auf ihr Haupt fiel, provençalische Sarabanden 1 tanzte.

Die Menge wogte um sie her; von Zeit zu Zeit ließ ein Mann, der mit einer gelb–rothen Jacke herausgeputzt war, den Kreis ordnen; dann trat er zurück, setzte sich wenige Schritte von der Tänzerin auf einen Stuhl und nahm den Kopf der Ziege auf seine Knien. Dieser Mensch schien der Begleiter der Zigeunerin zu sein. Claude Frollo vermochte von der Höhe, wo er sich befand, seine Züge nicht zu erkennen. Von dem Augenblicke an, wo der Archidiaconus diesen Unbekannten bemerkt hatte, schien sich seine Aufmerksamkeit zwischen ihm und der Tänzerin zu theilen, und sein Blick wurde immer düsterer. Plötzlich wandte er sich weg, ein Zittern durchlief seinen Körper. »Wer ist dieser Mann?« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich hatte sie doch stets allein gesehen!«

Dann verschwand er wieder unter der gewundenen Wölbung der Wendeltreppe und stieg hinab. Als er vor der halbgeöffneten Thür der Glockenstube vorbeiging, sah er etwas, das ihn stutzig machte: er bemerkte Quasimodo, der in eine Oeffnung der schiefergedeckten Schutzdächer, welche ungeheuern Jalousien gleichen, gebückt war, und daß er auf den Platz hinabschaute. Er war in eine so tiefe Betrachtung versunken, daß er auf das Vorübergehen seines Adoptivvaters nicht Acht hatte. Sein wildes Auge hatte einen eigentümlichen Ausdruck: es war ein entzückter und sanfter Blick.

»Das ist doch seltsam!« murmelte Claude. »Ist es die Zigeunerin, nach der er so hinsieht?« Er stieg weiter hinab. Nach Verlauf weniger Minuten trat der sorgenvolle Archidiaconus durch die Pforte unten am Thurme auf den Platz hinaus.

»Was ist denn aus der Zigeunerin geworden?« sagte er, indem er sich unter die Gruppe der Zuschauer mischte, welche das Tamburin herbeigelockt hatte.

»Ich weiß nicht,« antwortete einer seiner Nachbarn, »sie ist eben erst verschwunden. Ich glaube, sie ist in das Haus gegenüber gegangen, wohin man sie gerufen hat, um einen Fandango 2 zu tanzen.«

Anstatt der Zigeunerin sah der Archidiaconus auf dem nämlichen Teppiche, dessen Arabesken eben erst unter der phantastischen Bewegung ihres Tanzes ineinander schwammen, nur noch den rothen und gelben Mann, der, einige Heller für sich zu gewinnen, mit eingestemmten Armen, zurückgebogenem Kopfe, rothem Gesichte und vorgestrecktem Halse, einen Stuhl zwischen den Zähnen, im Kreise herumging. Auf diesem Stuhle hatte er eine Katze festgebunden, welche ihm eine Nachbarin geliehen hatte, und die ganz erbärmlich maute.

»Bei der heiligen Jungfrau!« rief der Archidiaconus in dem Augenblicke, wo der Gaukler, dicke Schweißtropfen vergießend, mit seiner Stuhl– und Katzenpyramide an ihm vorüberging, »was macht Meister Peter Gringoire da?«

Die scharfe Stimme des Archidiaconus verursachte dem armen Teufel einen solchen Schrecken, daß er mit seinem Kunstwerke das Gleichgewicht verlor, und daß Stuhl und Katze durcheinander und unter gewaltigem Lärme der Umstehenden, aus deren Köpfe fielen.

Wahrscheinlich hätte Meister Peter Gringoire (er war es nämlich) eine fatale Rechnung mit der Nachbarin der Katze und allen geschundenen und zerkratzten Gesichtern ringsumher auszugleichen gehabt, wenn er sich nicht schleunigst die Verwirrung zu nutze gemacht hätte, um in die Kirche zu flüchten, wohin ihm zu folgen Claude Frollo ein Zeichen gegeben hatte.

Die Kathedrale war schon finster und öde; die Seitenschiffe lagen in Dunkelheit gehüllt da; die Lampen in den Kapellen begannen wie Sterne zu leuchten, so nächtig wurden die Wölbungen. Nur die große Rosette der Vorderseite, deren tausendfaches Farbenspiel von einem horizontalen Sonnenstrahl durchleuchtet war, glänzte wie ein Diamantenstern in der Dunkelheit, und warf ihr schimmerndes Abbild auf die Gegenseite des Schiffes zurück. Als sie einige Schritte gethan hatten, lehnte sich Pom Claude an einen Pfeiler und sah Gringoire starr an. Doch fürchtete Gringoire diesen Blick nicht; er schämte sich aber, von einem würdigen und gelehrten Manne in diesem Possenreißercostüme überrascht worden zu sein. Der Blick des Priesters hatte nichts Spöttisches und Ironisches; er war ernst, ruhig und durchdringend.

Der Archidiaconus brach das Schweigen zuerst.

»Tretet näher, Meister Peter. Ihr sollt mir über viele Dinge Aufklärung geben. Zuerst sagt mir, wie kommt es, daß man Euch seit nahezu zwei Monaten nicht gesehen hat und jetzt in diesem schönen Costüme, wahrhaftig! halb gelb, halb roth wie einen Apfel von Caudebee auf den Gassen wiederfindet?«

»Gestrenger Herr,« sagte Gringoire mit kläglicher Stimme, »es ist in der That ein wunderbarer Aufputz, und Ihr seht mich darum beschämter, als eine Katze, der ein Flaschenkürbiß auf den Kopf gebunden wurde. Es ist recht übel von mir gethan, ich fühle es, die Herren Scharwächter in die Lage zu bringen, den Rücken eines pythagoreischen Philosophen, der sich unter dieser Jacke verbirgt, mit Stockprügeln regaliren zu müssen. Aber was wollt Ihr, mein verehrungswürdiger Meister? Die Schuld daran liegt an meinem alten Wamms, das mich feige zu Winters Anfang, unter dem Vorwande im Stich gelassen hat, daß es in Lumpen zerfiele und notwendigerweise im Korbe des Lumpensammlers ein Ruheplätzchen finden müsse. Was anfangen? Die Civilisation ist noch nicht auf dem Punkte angekommen, um ganz nackt herumspazieren zu können, wie der alte Diogenes wollte. Nehmt dazu, daß ein sehr kalter Wind wehte, und daß man wahrlich nicht versuchen kann, im Monat Januar diesen neuen Schritt auf dem Wege zur Humanität erfolgreich unternehmen zu lassen. Dieses Kleid bot sich mir dar, ich habe zugegriffen und meinen alten schwarzen Kittel aufgegeben, der für einen Hermesjünger, wie ich bin, viel zu wenig hermetisch verschlossen war. Darum seht Ihr mich im Komödiantengewande, wie den heiligen Genest. Freilich ist’s eine Abschweifung; aber Apollo hat ja beim Admet die Schafe gehütet.«

»Ihr treibt da ein schönes Handwerk!« entgegnete der Archidiaconus.

»Ich gebe zu, mein theurer Meister, daß es besser ist, zu philosophiren und Verse zu machen, das Feuer im Ofen anzublasen oder es vom Himmel zu empfangen, als Katzen auf dem Straßenpflaster herumzutragen. Deshalb war ich, als Ihr mich angeredet habt, auch so dumm, wie ein Esel vor einem Bratenwender. Aber bedenkt, gestrenger Herr, man muß alle Tage zu leben haben, und die schönsten Alexandriner sind zwischen den Zähnen nicht so viel Werth, als ein Stück Käse von Brie. Nun habe ich auf die Frau Prinzessin Margarethe von Flandern das berühmte Hochzeitsgedicht gemacht, das Ihr kennt; aber die Stadt bezahlt’s mir nicht, unter dem Vorwande, es sei nicht viel Werth: als ob man für vier Thaler eine Sophokleische Tragödie liefern könnte! Ich war also nahe daran, Hungers zu sterben. Glücklicherweise fand ich mich ziemlich kräftig hinsichtlich meines Gebisses; ich sagte zu diesem Gebiß: »Mache Kraftstücke und Kunststücke im Balanciren; nähre dich selbst. Ale te ipsam.« 3 Ein Haufe Bettler, die meine Freunde geworden sind, haben mir zwanzigerlei herkulische Kunststücke gelehrt, und jetzt gebe ich alle Abende meinen Zähnen das Brot, das sie am Tage im Schweiße des Angesichts verdient Haben. Bei alledem, concedo: räume ich ein, daß das ein elender Gebrauch meiner geistigen Eigenschaften, und der Mensch nicht geschaffen ist, sein Leben mit Tamburinschlagen und mit Stühleanbeißen hinzubringen. Aber, verehrungswürdiger Meister, es ist nicht genug, daß man sein Leben hinbringt, man muß es auch verdienen.«

Dom Claude hörte schweigend zu. Plötzlich nahm sein tiefliegendes Auge einen solch scharfen und durchdringenden Ausdruck an, daß sich Gringoire gewissermaßen bis in die Tiefe der Seele von diesem Blicke erforscht fühlte.

»Sehr gut, Meister Peter; aber wie kommt es denn, daß Ihr Euch jetzt in der Gesellschaft dieser ägyptischen Tänzerin befindet?«

»Meiner Treu!« sagte Gringoire, »deshalb, weil sie mein Weib ist, und ich ihr Mann bin.«

Das düstre Auge des Priesters erglühte.

»Könntest du das gethan haben, Elender?« schrie er und packte wüthend Gringoire’s Arm; »könntest du so von Gott verlassen gewesen sein, deine Hand an dieses Mädchen zu legen?«

»So wahr ich Theil am Paradiese habe, ehrwürdiger Herr,« antwortete Gringoire an allen Gliedern zitternd, »ich schwöre Euch zu, daß ich sie niemals berührt habe, wenn das der Punkt ist, der Euch beunruhigt.«

»Aber was sprichst du denn von Mann und von Frau?« sagte der Priester.

Gringoire beeilte sich, ihm das in aller Kürze zu erzählen, was der Leser bereits weiß: sein Abenteuer im Wunderhofe und seine Verheirathung vermittelst des zerbrochenen Kruges. Uebrigens schien es, daß diese Heirath noch keine Folgen gehabt hatte, und daß ihn die Zigeunerin jeden Abend um seine Hochzeitsnacht brachte, wie am ersten Tage. »Das ist bitter,« sagte er schließlich, »aber es hängt damit zusammen, daß ich das Unglück gehabt habe, eine Jungfer zu heirathen.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Archidiaconus, welcher sich bei dieser Erzählung allmählich beruhigt hatte.

»Das ist ziemlich schwer auseinander zu setzen,« entgegnete der Dichter. »Es ist ein Aberglaube dabei. Meine Frau ist, wie mir ein alter Spitzbube gesagt hat, den man bei uns den Herzog von Aegypten nennt, ein Findelkind, oder was dasselbe ist, ein uneheliches Kind. Sie trägt am Halse ein Amuletts welches – sagt man – sie eines Tages ihre Eltern wiederfinden lassen wird, das aber seine Kraft einbüßt, wenn sie ihre Tugend verlöre. Daher kommt es, daß wir beide sehr tugendhaft bleiben.«

»Also,« entgegnete Claude, dessen Stirn sich immer mehr entwölkte, »Ihr glaubt, Meister Peter, daß diesem Geschöpfe noch kein Mann zu nahe gekommen ist?«

»Meint Ihr, Dom Claude, daß ein Mann etwas gegen den Aberglauben vermag? Sie hat den im Kopfe. Ich glaube, daß diese Nonnensprödigkeit, die sich unter den so schnell vertraulichen Zigeunermädchen fest behauptet, gewiß eine Seltenheit ist. Aber sie hat dreierlei, um sich zu schirmen: einmal den Herzog von Aegypten, der sie in seinen Schutz genommen hat und vielleicht darauf rechnet, sie an irgend einen feisten Abt zu verschachern; dann ihre ganze Bande, die sie, wie wir die heilige Jungfrau, ganz besonders verehrt, und endlich einen gewissen niedlichen Dolch, den das entschlossene Weib, allen Befehlen des Profosses zum Trotz, immer bei sich trägt, und den man ihr in die Hände treibt, wenn man sie um den Leib fassen will. Sie ist eine muthige Wespe, der Tausend!«

Der Archidiaconus quälte Gringoire mit Fragen.

Die Esmeralda war, nach Gringoire’s Urtheile, ein harmloses, reizendes und bis auf den ihr eigentümlichen Mund hübsches Geschöpf; ein naives und fröhliches Mädchen, das mit allem unbekannt und von allem enthusiasmirt war; das selbst nicht einmal im Traume, den Unterschied der Frau im Verhältnis zum Manne kannte; einem Traumbilde ähnlich; vernarrt hauptsächlich in Tanz, geräuschvolles Leben und vornehmes Wesen; ein bienenartiges Weib mit unsichtbaren Flügeln an den Füßen, das im Strudel dahinlebte. Sie verdankte dieses Naturell dem unruhigen Leben, welches sie immer geführt hatte. Gringoire hatte in Erfahrung gebracht, daß sie als kleines Kind Spanien und Catalonien, sogar Sizilien durchwandert war; er glaubte auch, daß sie mit der Zigeunerkarawane, zu der sie gehörte, in das Königreich Algier weggeführt worden war: eine Landschaft, die in Achaja liegt, welches Achaja einerseits an Klein-Albanien und an Griechenland, anderseits an das sicilianische Meer grenzt, wo die Straße nach Konstantinopel führt. Die Zigeuner, erzählte Gringoire, wären Vasallen des Königs von Algier, in seiner Eigenschaft als Herr der weißen Mauern. Sicher wäre die Esmeralda sehr jung über Ungarn nach Frankreich gekommen. Aus allen diesen Ländern hätte das junge Mädchen Bruchstücke seltsamer Sprachen, Gesänge und merkwürdige Gedanken mitgebracht, die aus ihrer Sprache etwas ebenso Buntscheckiges machten, wie ihr Costüm halb parisisch, halb afrikanisch wäre. Uebrigens liebten sie die Leute der Stadtviertel, welche sie besuche, wegen ihrer Fröhlichkeit, ihrer Anmuth und lebendigen Weise ebenso, wie wegen ihrer Tänze und Gesänge. In der ganzen Stadt glaubte sie sich nur von zwei Personen gehaßt, von denen sie auch oft mit Schrecken spräche: von der Nonne im Rolandsthurme, einer häßlichen Klosterschwester, welche einen gewissen Groll auf die Zigeunerinnen hätte und die arme Tänzerin jedesmal verfluche, wenn sie vor ihrem Fenster vorüberginge; dann von einem Priester, der sie niemals träfe, ohne ihr Blicke und Worte zuzusenden, die ihr Furcht verursachten. Dieser letzte Umstand verwirrte den Archidiaconus sehr, ohne daß Gringoire diese Bestürzung recht bemerkte, dermaßen hatten zwei Monate genügt, den sorglosen Dichter alle die Einzelnheiten jenes Abends vergessen zu lassen, an dem er das Zusammentreffen mit der Zigeunerin gehabt hatte, und der Archidiaconus bei dem allen zugegen gewesen war. – Uebrigens fürchtete die kleine Tänzerin nichts; sie wahrsagte nicht, was sie vor jenen Hexenprocessen schützte, die so häufig gegen die Zigeunerinnen angestellt wurden. Und überdies vertrat Gringoire Bruderstelle, wenn es als Ehemann nicht ging. Ueberhaupt ertrug der Philosoph diese Art platonischer Ehe sehr geduldig. Er hatte doch immer ein Nachtlager und sein Brot. Jeden Morgen verließ er die Gaunerbande, meistens mit der Zigeunerin; er war ihr behilflich, wenn sie an den Straßenecken ihre Heller und Weißpfennige einerntete; jeden Abend kehrte er mit ihr unter dasselbe Dach zurück, ließ sie sich in ihr Kämmerchen einriegeln und verfiel in den Schlaf des Gerechten: alles in allem genommen eine sehr angenehme Existenz, und für Sinnen und Träume wie geschaffen. Und dann war, in seiner Seele und Gewissen, der Philosoph nicht ganz sicher, ob er rasend in die Zigeunerin verliebt sei. Er liebte ihre Ziege fast ebenso sehr. Das sei ein allerliebstes, sanftes, kluges, geistvolles Thier, eine gelehrte Ziege. – Nichts war im Mittelalter gewöhnlicher, als diese dressirten Thiere, die man gewaltig anstaunte, und die oft ihre Lehrmeister auf den Scheiterhaufen führten. Jedoch wären die Hexereien der Ziege mit den vergoldeten Füßen sehr unschuldige Schelmereien. Gringoire erklärte sie dem Archidiaconus, den diese einzelnen Umstände sehr zu interessiren schienen. Es genüge in den meisten Fällen, der Ziege das Tamburin in der oder jener Weise‘ hinzuhalten, um das gewünschte Kunststück bei ihr zu erreichen. Sie wäre dazu von der Zigeunerin abgerichtet worden, die zu diesen Pfiffen ein so seltenes Talent besäße, daß zwei Monate genügt hätten, um der Ziege beizubringen, aus beweglichen Buchstaben das Wort »Phöbus« zusammenzusetzen.

»Phöbus!« sagte der Priester; »warum Phöbus?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Gringoire. »Vielleicht ist es ein Wort, welches sie mit irgend einer geheimen und übernatürlichen Kraft für begabt hält. Sie wiederholt es oft mit leiser Stimme, wenn sie sich allein glaubt.«

»Seid Ihr dessen gewiß,« entgegnete Claude mit seinem forschenden Blicke, »daß es nur ein Wort, daß es kein Name ist?«

»Wessen Name?« sagte der Dichter.

»Was weiß ich?« sagte der Priester.

»Ich denke mir das so, ehrwürdiger Herr. Diese Zigeuner sind ein wenig abergläubisch und beten die Sonne an; daher jenes ›Phöbus‹.«

»Das scheint mir nicht so einleuchtend, als Euch, Meister Peter.«

»Uebrigens thut das nichts. Möge sie ihr Phöbus nach Belieben murmeln. Sicher ist, daß Djali mich beinahe ebenso lieb hat, als sie.«

»Wer ist diese Djali?«

»Es ist die Ziege.«

Der Archidiaconus legte seine Hand ans Kinn und schien einen Augenblick nachzudenken. Plötzlich wandte er sich heftig an Gringoire.

»Und du schwörst mir zu, daß du sie nicht berührt hast?«

»Wen?« fragte Gringoire; »die Ziege?«

»Nein, dieses Weib.«

»Mein Weib? Niemals, ich schwöre es.«

»Und du bist oft allein mit ihr?«

»Alle Abende, eine volle Stunde.«

Dom Claude runzelte die Augenbrauen.

»O! Ach! Solus cum sola non cogitabuntur orare Pater noster4

»Bei meiner Seele, ich könnte das » Pater« und das » Ave Maria« und das » Credo in Deum patrem omniptentem« 5 hersagen, ohne daß sie mir mehr Aufmerksamkeit erweisen würde, als eine Henne einer Kirche.«

»Schwöre mir bei dem Leibe deiner Mutter,« wiederholte der Archidiaconus mit Ungestüm, »daß du dieses Geschöpf nicht mit der Spitze des Fingers berührt hast.«

»Ich könnte ebenso gut bei dem Haupte meines Vaters schwören, denn beides steht in mehr als einem Verhältnis zu einander. Aber, ehrwürdiger Herr, erlaubt mir meinerseits eine Frage.«

»Redet, Herr.«

»Was geht das Euch an?«

Das bleiche Gesicht des Archidiaconus wurde roth, wie die Wange eines jungen Mädchens. Er verharrte einen Augenblick ohne Antwort; dann sprach er mit sichtlicher Verlegenheit:

»Höret, Meister Peter Gringoire. Ihr seid noch nicht in Verdammnis gerathen, so viel ich weiß. Ich interessire mich für Euch und will Euch wohl. Doch die geringste Berührung mit diesem Dämon von Zigeunerin würde Euch zum Vasallen des Satans machen. Ihr wißt, daß es immer der Körper ist, der die Seele ins Verderben stürzt. Wehe Euch, wenn Ihr diesem Weibe zu nahe tretet. Nun wißt Ihr alles.«

»Ich habe es einmal versucht,« sprach Gringoire und kratzte sich hinter dem Ohre; »es war am ersten Tage, aber ich habe mich gestochen.«

»Ihr habt die Frechheit gehabt, Meister Peter?« Und die Stirn des Priesters umwölkte sich.

»Ein andermal,« führ der Dichter schmunzelnd fort, »habe ich, ehe ich mich niederlegte, durch ihr Schlüsselloch gesehen, und habe wohl das holdeste Weib im Hemde erblickt, das jemals den Gurt eines Bettes unter ihrem nackten Fuße hat knacken lassen.«

»Geh zum Teufel!« schrie der Priester mit fürchterlichem Blicke und verschwand, während er den erstaunten Gringoire an den Schultern vorwärts stieß, mit weiten Schritten unter den nächtlichen Säulenhallen der Kathedrale.

  1. Sarabande: ein altspanischer Volkstanz mit Gesangs– und Castagnettenbegleitung. Anm. d. Uebers.
  2. Name eines altspanischen Nationaltanzes mit nach und nach schneller werdendem Tempo. Anm. d. Uebers.
  3. Lateinisch: Nähre dich selbst. Anm. d. Uebers.
  4. Lateinisch: Wenn Mann und Weib allein sind, werden sie nicht daran denken, das Vaterunser zu beten. Anm. d. Uebers.
  5. Lateinisch: Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater. Anm. d. Uebers.

6. Fortsetzung der Geschichte vom Schlüssel zur Rothen Pforte.

In dieser Nacht war die Esmeralda in ihrem Zimmerchen ganz selbstvergessen, voll Hoffnung und süßer Gedanken eingeschlafen. Sie schlief seit einer geraumen Zeit und träumte wie immer von Phöbus, als es ihr schien, als ob sie Geräusch in ihrer Nähe höre. Sie hatte einen leichten und unruhigen Schlaf, einen Vogelschlaf; das geringste Geräusch weckte sie auf. Sie öffnete die Augen. Die Nacht war sehr dunkel. Jedoch bemerkte sie am Dachfenster ein Gesicht, welches sie betrachtete; eine Lampe, welche dabei war, beleuchtete diese Erscheinung. In dem Augenblicke, wo sich dieses Gesicht von der Esmeralda bemerkt sah, löschte es die Lampe aus. Nichts desto weniger hatte das junge Mädchen Zeit gehabt, es zu erkennen: ihre Augenlider schlossen sich vor Schrecken.

»Ach!« sagte sie mit erloschener Stimme, »der Priester!«

Ihr ganzes vergangenes Unglück trat ihr wie mit einem Blitzstrahle vor die Seele. Sie fiel starr auf ihr Lager zurück.

Einen Augenblick darauf fühlte sie der Länge ihres Körpers nach eine Berührung, welche sie dermaßen entsetzte, daß sie, munter geworden, sich wüthend aufrichtete.

Der Priester war eben zu ihr ins Bett geschlüpft. Er umschlang sie mit beiden Armen.

Sie wollte schreien und konnte es nicht.

»Hinweg mit dir, Ungeheuer! Hinweg, Meuchelmörder!« rief sie mit vor Zorn und Entsetzen zitternder und matter Stimme.

»Erbarmen! Erbarmen!« murmelte der Priester und preßte seine Lippen auf ihre Schultern.

Sie faßte mit beiden Händen seinen kahlen Kopf an dem Haarreste und bemühte sich, seine Küsse abzuwenden, als ob es Bisse wären.

»Erbarmen!« wiederholte der Unglückliche. »Wenn du wüßtest, wie groß meine Liebe zu dir ist! Es ist Feuer, geschmolzenes Blei, es sind tausend Dolche in meinem Herzen!«

Und er hielt ihre beiden Arme mit übermenschlicher Gewalt fest. Erschreckt sagte sie zu ihm:

»Laß mich los oder ich speie dir ins Gesicht!«

Er ließ sie los.

»Beschimpfe mich, schlage mich, sei zornig auf mich, mache was du willst! Aber habe Mitleid! Liebe mich!«

Jetzt schlug sie mit kindischer Wuth auf ihn los. Sie streckte ihre schönen Hände aus, um ihm das Gesicht zu zerkratzen.

»Hinweg, Satan!«

»Liebe mich! liebe mich! Erbarmen!« rief der arme Mönch, indem er sich auf sie wälzte und ihre Schläge mit Liebkosungen vergalt.

Plötzlich fühlte sie, daß er stärker wurde als sie.

»Ich will zu Ende kommen!« sagte er und knirschte mit den Zähnen.

Sie war überwältigt, zuckend, gebrochen in seinen Armen, ganz in seiner Willensmacht. Sie fühlte eine unzüchtige Hand an ihr herumtasten. Sie machte eine letzte Anstrengung und begann zu rufen: »Hilfe! her zu mir! Ein Vampir! ein Vampir!«

Niemand kam. Djali allein war aufgeweckt und blökte ängstlich.

»Schweig!« sagte der Priester keuchend.

Während die Zigeunerin sich so sträubte, stieß ihre Hand, welche am Boden herumtappte, plötzlich an etwas Kaltes und Metallisches. Es war die Pfeife Quasimodo’s. Sie ergriff sie mit freudigem Schreck, führte sie an ihre Lippen und pfiff darauf mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war. Die Pfeife gab einen hellen, scharfen und durchdringenden Ton von sich.

»Was ist das?« fragte der Priester.

Fast im selben Augenblicke fühlte er sich von einem starken Arme in die Höhe gehoben. Die Zelle war dunkel; er konnte nicht deutlich erkennen, wer ihn so emporhielt; aber er hörte Zähne vor Wuth klappern, und es war bei aller Dunkelheit gerade noch so viel Licht vorhanden, um über seinem Kopfe eine breite Messerklinge funkeln zu sehen.

Der Priester glaubte Quasimodo’s Gestalt zu erkennen. Er vermuthete, daß nur er es sein könnte. Er erinnerte sich, beim Eintreten in das Gemach über ein Bündel gestolpert zu sein, das draußen quer vor der Thüre hingebreitet lag. Indessen da der neue Ankömmling nicht ein Wort vorbrachte, so wußte er nicht, was er denken sollte. Er stürzte sich auf den Arm, der das Messer hielt und schrie: »Quasimodo!« Er vergaß in diesem gefährlichen Augenblicke, daß Quasimodo taub war.

In einem Augenblicke war der Priester zu Boden geworfen und fühlte, wie ein bleischweres Knie sich auf seine Brust stemmte. Am eckigen Drucke dieses Knies erkannte er Quasimodo; aber was thun? Wie seinerseits von diesem erkannt werden? Die Nacht machte den Tauben auch blind.

Er war verloren. Das junge Mädchen, mitleidslos, wie eine gereizte Tigerin, schlug sich nicht ins Mittel, um ihn zu retten. Das Messer näherte sich seinem Kopfe; der Augenblick war bedenklich. Plötzlich schien sein Gegner von einem Zaudern ergriffen.

»Kein Blut in ihrer Nähe!« sagte er mit dumpfer Stimme.

Es war in der That die Stimme Quasimodo’s.

Nun fühlte der Priester die mächtige Hand, welche ihn am Fuße aus der Zelle herauszog; draußen sollte er also sterben. Zum Glücke für ihn war der Mond eben seit einigen Augenblicken aufgegangen.

Als sie die Thüre des Gemaches überschritten hatten, fiel sein bleicher Strahl auf die Gestalt des Priesters. Quasimodo sah ihm ins Gesicht, ein Zittern ergriff ihn, er ließ den Priester los und fuhr zurück.

Die Zigeunerin, welche auf die Schwelle ihrer Zelle getreten war, sah mit Ueberraschung, wie sich die Rollen plötzlich vertauschten. Jetzt war es der Priester, welcher drohte, und Quasimodo, welcher bat.

Der Priester, welcher den Tauben mit zornigen und tadelnden Geberden niederschmetterte, gab ihm in heftiger Weise ein Zeichen, sich zu entfernen. Der Taube ließ den Kopf sinken; dann warf er sich vor der Thür der Zigeunerin auf die Knien.

»Gnädiger Herr,« sagte er mit ernstem und ergebenem Tone, »nun möget Ihr thun, was Euch gefällt; aber tödtet mich zuvor.«

Bei diesen Worten reichte er dem Priester sein Messer hin. Außer sich stürzte sich der Priester darauf zu. Aber das junge Mädchen war flinker, als er; sie riß das Messer aus Quasimodo’s Händen und brach in ein wüthendes Gelächter aus.

»Komm her!« rief sie dem Priester zu.

Sie hielt die Klinge hoch. Der Priester blieb unschlüssig. Sie hätte sicher zugestoßen.

»Du magst nicht wagen, näher zu kommen, Feigling!« rief sie ihm zu. Dann fuhr sie mit unbarmherzigem Ausdrucke, und wohl wissend, daß sie das Herz des Priesters mit tausend glühenden Eisen zerreißen müßte, fort: »Ach, ich weiß wohl, daß Phöbus nicht todt ist!«

Der Priester warf Quasimodo mit einem Fußtritte zur Erde nieder und verschwand dann, vor Wuth schaudernd, unter der Wölbung der Treppe.

Als er verschwunden war, raffte Quasimodo die Pfeife auf, welche die Zigeunerin eben gerettet hatte.

»Sie rostet,« sagte er und gab sie ihr zurück; dann ließ er sie allein.

Das junge Mädchen, das durch diesen heftigen Auftritt in tiefster Seele erschüttert war, fiel erschöpft auf ihr Lager nieder und fing an, laut schluchzend zu weinen. Ihr Horizont bedeckte sich wieder mit düstrem Gewölk.

Der Priester seinerseits war tappend in seine Zelle zurückgekehrt.

Das Ende vom Ganzen war: Dom Claude war eifersüchtig auf Quasimodo! Er wiederholte mit nachdenklicher Miene sein verhängnisvolles Wort: »Niemand soll sie besitzen!«

1. Gringoire hat mancherlei gute Gedanken im Verfolge der Bernhardinerstraße.

Seitdem Peter Gringoire gesehen hatte, welches Ende dieser ganze Vorfall nehmen würde, und daß Strick, Galgen und andere Unannehmlichkeiten den Hauptpersonen dieser Komödie bevorstehen müßten, hatte er keine Sorge mehr getragen, sich hineinzumischen. Die Landstreicher, unter denen er, in Erwägung, daß es am Ende die beste Gesellschaft von Paris wäre, ausgeharrt hatte, – die Landstreicher also hatten nicht aufgehört, an der Zigeunerin Antheil zu nehmen. Er hatte das ganz natürlich an Leuten gefunden, die, wie sie, keine andere Aussicht, als Charmolue und Torterue hatten, und die, wie er, nicht in den Regionen der Phantasie auf den Flügeln des Pegasus sich tummelten. Er hatte aus ihren Reden erfahren, daß seine, beim zerbrochenen Topfe angetraute, Gattin sich in die Kirche Notre-Dame geflüchtet hätte, und er war sehr froh darüber. Aber er gerieth nicht einmal in die Versuchung, sie dort zu besuchen. Er dachte manchmal an die kleine Ziege, das war aber auch alles. Uebrigens machte er, um leben zu können, am Tage Kraftkunststücke, und des Nachts arbeitete er an einer Denkschrift gegen den Bischof von Paris; denn er hatte noch nicht vergessen, wie er von dessen Mühlrädern durch und durch naß geworden war, und bewahrte ihm deshalb einen alten Groll. Auch beschäftigte er sich damit, das schöne Werk von Baudry-le-Rouge, des Bischofs von Noyon und Tournay: » de Cupa Petrarum« mit Anmerkungen zu versehen, welches ihm eine heftige Neigung für die Baukunst eingeflößt hatte, eine Neigung, welche in seinem Herzen die Leidenschaft für den mystischen Unsinn verdrängt hatte, von der sie übrigens nur eine natürliche Folge war, da ja eine innige Verwandtschaft zwischen der Alchymie und der Freimaurerei stattfindet. Gringoire war von der Liebe zu einer Idee zur Liebe für die Gestaltung dieser Idee übergegangen.

Eines Tages war er in der Nähe von Saint-Germain-l’Auxerrois, an der Ecke eines Gebäudes, welches man das »Bischofsgericht« nannte, stehen geblieben, und welches einem andern, das »Königsgericht« genannt, gegenüber stand. Zu diesem Bischofsgerichte gehörte eine hübsche Kapelle aus dem vierzehnten Jahrhunderte, deren Chorseite nach der Straße zu lag. Gringoire untersuchte andächtig die äußern Bildhauerarbeiten daran. Er befand sich in einem jener Augenblicke selbstsüchtigen, ausschließlichen und höchsten Genusses, wo der Künstler in der Welt nichts als die Kunst und die Kunst in der Welt sieht. Plötzlich fühlte er, daß sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte. Er drehte sich um. Da stand sein alter Freund, sein alter Lehrer, der Herr Archidiaconus vor ihm.

Er stand bestürzt da. Seit langem hatte er den Archidiaconus nicht gesehen, und Dom Claude war einer jener feierlichen und leidenschaftlichen Menschen, deren Begegnung stets das Gleichgewicht eines skeptischen Weltweisen stört.

Der Archidiaconus beobachtete einige Augenblicke lang Stillschweigen, während dessen Gringoire Muße hatte, ihn zu beobachten. Er fand Dom Claude sehr verändert: blaß wie einen Wintermorgen, hohläugig, das Haar fast ganz gebleicht. Endlich brach der Priester das Schweigen, indem er mit ruhigem, aber eisigem Tone sagte:

»Wie geht’s Euch, Meister Peter?«

»Mit meiner Gesundheit?« antwortete Gringoire. »Ei nun! man kann dies und jenes von ihr sagen. Bei alledem ist sie im Ganzen gut. Ich genieße von keiner Sache zu viel. Ihr wißt, Meister, das Geheimnis sich wohl zu befinden, » id est,« nach Hippokrates, » cibi, potus, somni, venus, omnia moderata sint61

»Ihr habt also keinen Kummer, Meister Peter?« fragte der Archidiaconus und sah Gringoire scharf an.

»Meiner Treu, nein!«

»Und was treibt Ihr denn jetzt?«

»Ihr seht es, lieber Meister. Ich untersuche den Schnitt dieser Steine und die Art und Weise, in der dieses Basrelief ausgearbeitet ist.«

Der Priester begann zu lächeln, aber mit jenem bittern Lächeln, welches nur einen Mundwinkel verzieht.

»Und daran habt Ihr Gefallen?«

»Es ist mein Paradies!« rief Gringoire aus. Und indem er sich auf die Bildhauerarbeiten mit der verzückten Miene eines Menschen neigte, der lebende Erscheinungen erklärt, sagte er: »Findet Ihr, zum Beispiel, diese Verwandlung in halb erhabener Arbeit nicht mit vieler Geschicklichkeit, Zartheit und Geduld ausgeführt? Betrachtet dieses Säulchen. Um welchen Säulenkopf herum habt Ihr wohl zartere und vom Meißel mit mehr Liebe gearbeitete Blätter gesehen? Hier sind drei Haut-Reliefs von Jean Maillevin. Es sind nicht die schönsten Arbeiten dieses großen Genies. Nichtsdestoweniger machen die Naivetät und Lieblichkeit der Gesichter, die Heiterkeit der Stellungen und Gewandungen, und diese unaussprechliche Lieblichkeit, welche sich mit allen seinen Fehlern verbindet, diese Figuren höchst anmuthig und sehr zierlich, vielleicht sogar beides zu sehr. Findet Ihr nicht, daß dies unterhaltend ist?«

»Ganz gewiß!« sagte der Priester.

»Und wenn Ihr das Innere der Kapelle sähet!« fuhr der Dichter mit seiner geschwätzigen Begeisterung fort. »Ueberall Sculpturen. Sie ist ganz dick belaubt davon, wie der Herzkern eines Kohlkopfes. Der Chor hat eine sehr erhabene und so eigenartige Form, daß ich nichts derartiges anderswo gesehen habe!«

Dom Claude unterbrach ihn:

»Ihr seid also glücklich?«

Gringoire antwortete mit Feuer:

»Auf Ehre, ja! Ich habe zuerst Weiber, dann Thiere geliebt. Jetzt liebe ich Steine. Das ist alles ebenso ergötzlich, als Thiere und Weiber, und vor allen ist es nicht so treulos.«

Der Priester legte seine Hand auf die Stirn. Es war das eine gewöhnliche Geberde von ihm.

»In Wahrheit?«

»Wisset!« sagte Gringoire, »man hat seltene Genüsse.« Er nahm den Arm des Priesters, welcher sich ihm überließ, und führte ihn in den kleinen Treppenthurm des Bischofsgerichtes. »Das nenne ich mir eine Treppe! Jedesmal, wenn ich sie sehe, bin ich ganz glücklich. Das ist eine Treppe von der einfachsten und in Paris seltensten Art. Alle Stufen sind nach unten abgerundet. Ihre Schönheit und ihre Einfachheit besteht in der Trittbreite aller, die einen Fuß oder nahe daran beträgt; dazu sind sie ineinander geschlungen, eingelocht, gefügt, verkettet und ineinander gearbeitet, und halten auf eine wahrhaft feste und zierliche Weise zusammen.«

»Und Ihr wünscht nichts weiter?«

»Nein.«

»Und bereuet nichts?«

»Weder Reue noch Wunsch. Ich habe mein Leben geordnet.«

»Was die Menschen ordnen,« sagte Claude, »werfen die Umstände über den Haufen.«

»Ich bin ein zweifelsüchtiger Philosoph,« antwortete Gringoire, »und ich halte alles im Gleichgewichte.«

»Und wie erwerbt Ihr Euern Lebensunterhalt?«

»Ich mache hier und da noch Heldengedichte und Trauerspiele; aber was mir am meisten einträgt, das ist der Erwerbszweig, der Euch bekannt ist, mein Lehrer: Pyramiden aus Stühlen auf meinen Zähnen zu tragen.«

»Das Gewerbe ist plump für einen Philosophen.«

»Das gehört auch zum Gleichgewicht,« sagte Gringoire. »Wenn man einen Gedanken hat, so findet man ihn in allem wieder.«

»Ich kenne das,« antwortete der Archidiaconus.

Nach einer Pause fuhr der Priester fort:

»Ihr seid nichtsdestoweniger recht elend.«

»Elend, ja; aber unglücklich nicht.«

In diesem Augenblicke ließ sich ein Pferdegetrappel hören, und unsere zwei sich unterhaltenden Freunde sahen am Ende der Straße eine Compagnie Bogenschützen von der königlichen Leibwache mit aufgerichteten Speeren, den Offizier an der. Spitze, vorüberziehen. Der Aufzug war glänzend, und das Pflaster ertönte unter ihm.

»Wie Ihr jenen Offizier mit Euern Blicken verfolgt!«, sagte Gringoire zum Archidiaconus.

»Weil ich ihn wieder zu erkennen glaube.«

Wie nennt ihr ihn?«

»Ich glaube,« sagte Claude, »daß er Phöbus von Châteaupers heißt.«

»Phöbus! ein merkwürdiger Name! Es giebt noch einen Phöbus, Grafen von Foix. Ich erinnere mich, ein Mädchen gekannt zu haben, die nur bei dem Namen Phöbus schwur.«

»Kommt mit,« sagte der Priester, »ich habe Euch etwas zu sagen.«

Seitdem dieser Soldatentrupp vorübergezogen war, brach eine gewisse Unruhe aus der eisigen Hülle des Archidiaconus hervor. Er begann sich auf den Weg zu machen. Gringoire folgte ihm, gewohnt, ihm zu gehorchen, wie alles, was einmal mit der gewaltigen Natur dieses Mannes in Berührung gekommen war. Schweigend schritten sie so bis zur Bernhardinerstraße, welche ziemlich einsam war. Dom Claude blieb jetzt stehen.

»Was habt Ihr mir mitzutheilen, lieber Meister?« fragte ihn Gringoire.

»Findet Ihr nicht,« antwortete der Archidiaconus mit der Miene tiefen Nachdenkens, »daß das Gewand dieser Reiter, welche wir soeben gesehen haben, schöner ist, als Eures und meins?«

Gringoire schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Meiner Treu! meine gelbe und rothe Joppe ist mir lieber, als jene eisernen und stählernen Schuppenröcke. Ein schönes Vergnügen fürwahr, beim Gehen denselben Lärm zu verursachen, wie die Boutiquen auf dem Trödlerdamme bei einem Erdbeben!«

»Also, Gringoire? Ihr habt niemals diese schönen Burschen in ihren Kriegsröcken beneidet?«

»Neid auf was, Herr Archidiaconus? Etwa auf ihre Stärke, ihre Rüstung, ihre Mannszucht? Besser sind fürwahr die Weltweisheit und die Unabhängigkeit in Lumpen. Ich will lieber ein Fliegenkopf, als ein Löwenschwanz sein.«

»Das ist sonderbar,« sagte der Priester in Gedanken versunken. »Eine schöne Uniform bleibt doch schön.«

Gringoire, der ihn so nachdenklich sah, trat zur Seite, um die Vorhalle eines benachbarten Hauses zu bewundern. Er kam zurück und schlug in die Hände.

»Wenn Ihr weniger für die Waffenröcke der Kriegsleute eingenommen wäret, Herr Archidiaconus, so würde ich Euch bitten, mitzukommen und jenes Thor zu betrachten. Ich habe es immer gesagt, das Haus des Herrn Aubry hat den prachtvollsten Eingang von der Welt.«

»Peter Gringoire,« sagte der Archidiaconus, »was habt Ihr mit der kleinen Zigeunertänzerin angefangen?«

»Der Esmeralda? Ihr ändert sehr plötzlich die Unterhaltung.«

»War sie nicht Eure Frau?«

»Ja, infolge eines zerbrochenen Kruges. Wir hatten uns für vier Jahre … Aber,« fügte Gringoire mit einer halb spaßhaften Miene hinzu, während er den Archidiaconus ansah, »wie? Ihr denkt also noch immer daran?«

»Und Ihr, Ihr denkt nicht mehr daran?«

»Wenig … Ich habe mancherlei andere Dinge! … Mein Gott, wie reizend war die kleine Ziege!«

»Hatte Euch diese Zigeunerin nicht das Leben gerettet?«

»Bei Gott, das ist wahr.«

»Nun denn! was ist aus ihr geworden? Was habt Ihr mit ihr angefangen?«

»Ich kann es Euch nicht sagen. Ich glaube, sie haben sie gehangen.«

»Ihr glaubt?«

»Ich weiß es nicht gewiß. Als ich gesehen habe, daß die Leute sie hängen wollten, habe ich mich vom Spiele zurückgezogen.«

»Ist das alles, was Ihr von ihr wißt?«

»Wartet doch. Man hat mir erzählt, sie hätte sich in die Kirche Notre-Dame geflüchtet und wäre dort in Sicherheit; und ich bin erfreut darüber, und ich habe nicht entdecken können, ob sich die Ziege mit ihr gerettet hat, und das ist alles, was ich davon weiß.«

»Ich will Euch noch mehr wissen lassen,« schrie Dom Claude, und seine bis dahin leise, langsame und fast dumpfe Stimme war donnernd geworden. »Sie hat in der That ihre Zuflucht zur Kirche Notre-Dame genommen. Aber in drei Tagen wird die Gerechtigkeit sie dort wieder ergreifen, und sie wird auf dem Grèveplatze gehangen werden. Es liegt ein Parlamentsbeschluß vor.«

»Das ist traurig,« sagte Gringoire.

Der Priester war im Nu wieder kalt und ruhig geworden.

»Und wer Teufel,« begann der Dichter wieder, »hat sich denn das Vergnügen gemacht, ein Ergänzungsurtheil zu beantragen. Konnte man das Parlament nicht in Frieden lassen? Was macht es, wenn ein armes Mädchen sich hinter den Strebepfeilern von Notre-Dame, neben den Schwalbennestern, in Sicherheit bringt?«

»Es giebt Satane in der Welt,« antwortete der Archidiaconus.

»Das ist verteufelt schlecht eingefädelt,« bemerkte Gringoire.

Der Archidiaconus nahm nach einer Pause wieder das Wort:

»Also sie hat Euch das Leben gerettet?«

»Bei meinen guten Freunden, den Landstreichern. Es fehlte noch ein Haar breit und ich wurde gehangen. Es müßte ihnen heute noch leid thun.«

»Wollt Ihr denn gar nichts für sie thun?«

»Ich wünsche nichts mehr, als das, Dom Claude; aber wenn ich mir eine häßliche Geschichte auf den Hals lade!«

»Was thut’s?«

»Bah! was es thut? Ihr seid sehr gütig, Ihr, lieber Meister! Ich habe zwei große Werke angefangen.«

Der Priester schlug sich vor die Stirne. Ungeachtet der Ruhe, die er erkünstelte, zeigte von Zeit zu Zeit eine heftige Geberde seine innern Zuckungen.

»Wie sie retten?«

Gringoire sagte zu ihm:

»Theurer Meister, ich will Euch antworten: » Il padelt«, was auf türkisch heißt: Gott ist unsere Hoffnung.«

»Wie sie retten?« wiederholte Claude in Nachdenken versunken.

Jetzt schlug sich Gringoire vor die Stirn.

»Höret, lieber Meister, ich besitze Phantasie, ich will Euch Mittel und Wege zu finden suchen. Wie, wenn man den König um Begnadigung bäte?«

»Ludwig den Elften! Um Begnadigung?«

»Warum nicht?«

»Geh und nimm dem Tiger seinen Knochen!«

Gringoire begann nach neuen Lösungen zu suchen.

»Nun gut! Halt! … Wollt Ihr, daß ich an die Matronen eine Bittschrift richte mit der Erklärung, daß das Mädchen schwanger ist?«

Hier sprühte das hohle Auge des Priesters Flammen.

»Schwanger? Bursche! weißt du vielleicht etwas davon?«

Gringoire war entsetzt über sein Aussehen. Er fuhr schnell fort:

»Oh! ich ganz und gar nicht. Unsere Ehe war ein echtes foris maritagium. 62 Ich bin draußen geblieben.

Aber schließlich würde man einen Aufschub damit erlangen.«

»Dummheit! Schande! Schweig‘!«

»Ihr habt unrecht, Euch zu erzürnen,« murmelte Gringoire. »Man erlangt eine Frist: das verursacht niemandem Schaden, und die Matronen, welche arme Frauen sind, gewinnen dabei vierzig Pariser Heller.«

Der Priester hörte nicht auf seine Worte.

»Und doch muß sie von dort fort!« murmelte er. »Das Urtheil wird binnen drei Tagen vollstreckbar! Uebrigens würde gar kein Parlamentsbeschluß gekommen sein … dieser Quasimodo! Die Weiber haben mitunter sehr verdorbene Geschmacksrichtungen!«

Er erhob seine Stimme: »Meister Peter, ich habe reiflich überlegt; es giebt nur ein Rettungsmittel für sie.«

»Welches? Ich, für meine Person, ich sehe keins mehr.«

»Höret zu, Meister Peter, erinnert Euch, daß Ihr dem Mädchen das Leben verdankt. Ich will Euch offen meinen Gedanken sagen. Die Kirche ist Tag und Nacht bewacht; man läßt nur diejenigen wieder heraus, welche man hat hineingehen sehen. Ihr könnt also hineingehen. Ihr werdet hinkommen. Ich werde Euch zu ihr führen. Ihr sollt die Kleider mit ihr vertauschen. Sie wird Euer Wamms, Ihr sollt ihren Rock anziehen.«

»So weit geht die Sache gut,« bemerkte der Philosoph. »Und dann?«

»Und dann? Sie wird in Euern Kleidern herauskommen; Ihr werdet in den ihrigen dortbleiben. Man hängt Euch vielleicht; aber sie wird gerettet werden.«

Gringoire kratzte sich mit sehr ernster Miene hinter dem Ohre.

»Wisset!« sagte er, »das ist fürwahr eine Idee, die mir nicht von allein eingefallen wäre.«

Bei dem unerwarteten Vorschlage Dom Claude’s hatte sich der offene und gutmüthige Gesichtsausdruck des Dichters plötzlich verfinstert, wie eine lachende Landschaft Italiens, wenn auf einmal ein unglücklicher Windstoß einherfährt, der eine Wolke über die Sonne deckt.

»Nun? Gringoire, was sagt Ihr zu diesem Mittel?« »Ich sage, theurer Meister, daß man mich nicht vielleicht hängen, sondern daß es mir ohne Zweifel den Hals kosten wird.«

»Das geht uns nichts an.«

»Den Teufel auch!« sagte Gringoire.

»Sie hat Euch das Leben gerettet. Es ist eine Schuld, die Ihr abtragt.«

»Ich habe deren noch viele andere, die ich nicht bezahle!«

»Meister Peter, Ihr müßt unweigerlich.«

Der Archidiaconus sprach im befehlenden Tone.

»Höret, Dom Claude,« antwortete der Dichter ganz bestürzt. »Ihr haltet an diesem Gedanken fest, und Ihr habt unrecht. Ich sehe nicht ein, warum ich mich an Stelle eines andern soll hängen lassen.«

»Was habt Ihr denn, was Euch so sehr ans Leben fesselt?«

»Oh! tausend Gründe.«

»Welche? wenn ich fragen darf.«

»Welche? Die Luft, den Himmel, den Morgen, den Abend, den Mondschein, meine guten Freunde die Landstreicher, die lustigen Streiche mit den Mädchen, die schönen Baudenkmäler von Paris zu studiren, drei dicke Bücher zu schreiben, davon eins gegen den Bischof und seine Mühlen, und Gott weiß, was noch? Anaxagoras sagte, daß er auf der Welt wäre, um die Sonne zu bewundern. Und dann habe ich das Glück, alle meine Tage, vom Morgen bis zum Abende, mit einem Menschen von Genie zu verleben, nämlich mit mir selbst, und das ist sehr angenehm.«

»Ein Hartkopf, um eine Schelle daraus zu machen!« brummte der Archidiaconus … »Ei! sprich doch, wer hat dir das Leben, das du dir so angenehm machst, erhalten? Wem verdankst du es, daß du diese Luft athmest, diesen Himmel erblickst, daß du deinen Lerchenkopf noch mit Albernheiten und Possen ergötzen kannst! Wo wärest du, ohne sie? Du bringst es also über dich, daß sie stirbt, sie, durch die du das Leben hast? Sie soll sterben, dieses schöne, süße, anbetungswürdige, zum Lichte der Welt nothwendige Geschöpf, die göttlicher ist, als Gott selbst; während du, halb gescheit und halb närrisch, ein leeres Erzeugnis von irgend etwas, eine Art Pflanze, die zu wandeln und zu denken meint – während du das Leben weiterleben willst, das du ihr gestohlen hast, und das eben so nutzlos ist, wie eine Kerze am hellen Mittage? Wohlan! habe ein wenig Mitleid, Gringoire; jetzt sei du großmüthig, denn sie hat damit den Anfang gemacht.«

Der Priester war heftig geworden. Gringoire hörte ihn anfangs mit unentschlossener Miene an, dann wurde er weich, und schnitt endlich eine tragische Grimasse, die sein blasses Gesicht demjenigen eines Neugeborenen ähneln ließ, welches Leibschneiden hat.

»Ihr seid voll Pathos!« sagte er und trocknete eine Thräne. »Nun gut! ich werde es mir überlegen … Es ist eine närrische Idee, die Ihr da gehabt habt … Überhaupt,« fuhr er nach einer Pause fort, »wer weiß! Vielleicht werden sie mich nicht hängen. Nicht immer folgt die Hochzeit auf die Verlobung. Wenn sie mich in jenem Kämmerchen finden sollten, so wunderlich in Weiberrock und Haube herausgeputzt, so werden sie vielleicht in Lachen ausbrechen … Und dann, wenn sie mich hängen, ei nun! der Strick ist eine Todesart, wie jede andere, oder besser gesagt, es ist kein Tod, wie ein anderer. Es ist ein des Weisen würdiger Tod, welcher sein ganzes Leben hindurch geschwankt hat: ein Tod, der nicht Fleisch und nicht Fisch ist, wie der Geist des echten Skeptikers, ein Tod, der ganz die Zweifelsucht und Unschlüssigkeit ausdrückt, der die Mitte zwischen Himmel und Erde hält, der einen in der Schwebe hält. Es ist der Tod eines Philosophen, und ich bin vielleicht vom Schicksale dazu auserwählt. Es ist prächtig zu sterben, wie man gelebt hat.«

Der Priester unterbrach ihn: »Sind wir einig?«

»Was ist der Tod, alles in allem genommen?« fuhr Gringoire mit Überspanntheit fort. »Ein schlechter Augenblick, eine Zollstätte, der Uebergang vom Wenig zum Nichts. Als jemand den Kerkidas von Megalopolis gefragt hatte, ob er gern stürbe: ›Warum nicht?‹ antwortete er; ›denn nach meinem Tode werde ich jene großen Männer: einen Pythagoras unter den Philosophen, Hekatäus unter den Geschichtsschreibern, Homer unter den Dichtern, Olympus unter den Musikern sehen.«

Der Archidiaconus reichte ihm die Hand hin: »Es ist also abgemacht? Ihr werdet morgen kommen?«

Diese Bewegung brachte Gringoire zur Wirklichkeit zurück.

»Ach, meiner Treu, nein!« sagte er im Tone eines Menschen, der aus dem Traume erwacht. »Gehangen werden? Das ist zu albern. Ich mag nicht.«

»Gott befohlen denn!« Und der Archidiaconus fügte, zwischen den Zähnen murmelnd, hinzu: »Ich werde dich wiederfinden!«

»Ich mag nicht, daß dieser Teufel von Menschen mich wiederfinde,« dachte Gringoire; und er lief hinter Dom Claude her. »Wartet doch, Herr Archidiaconus, kein Groll unter alten Freunden! Ihr interessirt Euch für dieses Mädchen, für meine Frau, will ich sagen, das ist gut. Ihr habt eine Kriegslist ausgedacht, um sie heil aus Notre-Dame herauszubringen, aber Euer Mittel ist äußerst unangenehm für mich, den Gringoire … Wenn ich nun dafür ein anderes hätte! … Ich will Euch nun mittheilen, daß mir eben plötzlich, in diesem Augenblicke, ein sehr lichtvoller Gedanke gekommen ist … Wenn ich nun einen rathsamen Einfall hätte, um sie aus dem schlimmen Handel herauszuziehen, ohne daß mein Hals mit der kleinsten Strickschleife in Collision geriethe? Was würdet Ihr dazu sagen? Würde Euch das gar nicht zufrieden stellen? Ist es unbedingt nothwendig, daß ich gehangen werde, damit Ihr zufrieden seid?«

Der Priester riß vor Ungeduld die Knöpfe von seinem Oberkleide ab. »Eine Flut von Worten! … Worin besteht dein Mittel?«

»Ja,« versetzte Gringoire, indem er in sich hineinsprach, und zum Zeichen der Ueberlegung den Zeigefinger an seine Nase legte … »das ist’s!« … Die Landstreicher sind tapfere Burschen … Die Zigeunerhorde liebt sie! … Ein Handstreich … Mit Hilfe der Verwirrung wird man sie leicht entführen können!… Schon morgen Abend … Sie können es nicht besser wünschen.«

»Das Mittel! sprich!« sagte der Priester ihn schüttelnd.

Gringoire wandte sich würdevoll nach ihm um: »Laßt mich doch zufrieden! Ihr seht ja wohl, daß ich eben entwerfe.« Er überlegte noch einige Augenblicke, dann fing er an, bei seinem Gedanken in die Hände zu klatschen, indem er rief: »Bewunderungswürdig! sicherer Erfolg!«

»Das Mittel!« wiederholte Claude zornig.

Gringoire strahlte vor Freude.

»Kommt, ich will es Euch ganz leise sagen. Es ist wahrhaftig eine kühne Gegenlist, die uns alle aus der fatalen Lage herauszieht. Bei Gott! Ihr müßt gestehen, daß ich kein Dummkopf bin!«

Er unterbrach seine Rede:

»Ach so! befindet sich die kleine Ziege bei dem Mädchen?«

»Ja. Daß dich der Teufel hole!«

»Diese würden sie auch gehangen haben, nicht wahr?«

»Was geht mich das an?«

»Ja, sie würden sie gehangen haben. Sie haben ja auch im vergangenen Monate ein Schwein gehangen. Der Henker thut das gern; nachher verzehrt er das Thier. Meine reizende Djali hängen! Armes kleines Lamm!«

»Verflucht!« rief Dom Claude aus. »Der Henker bist du. Welches Rettungsmittel hast du denn ausfindig gemacht, Narr? Soll man dir deine Idee mit der Geburtszange entreißen?«

»Gemach, Meister! Eben sollt Ihr sie erfahren.«

Gringoire neigte sich zum Ohre des Archidiaconus und sprach ganz leise mit ihm, wobei er einen unruhigen Blick von einem Ende der Straße zum andern warf; auf der doch niemand hinging. Als er geendigt hatte, ergriff ihn Dom Claude bei der Hand und sagte kalt zu ihm:

»Es ist gut. Auf morgen also!«

»Auf morgen,« wiederholte Gringoire.

Und während sich der Archidiaconus nach einer Seite entfernte, ging er nach der entgegengesetzten davon, währenddem er mit halber Stimme zu sich sprach: »Das ist ein kühnes Unternehmen, Herr Peter Gringoire. Thut nichts; es ist nicht gesagt, daß, weil man ein geringer Mann ist, man vor einem großen Unternehmen erschrecken soll. Biton trug einen großen Stier auf seinen Schultern; die Bachstelzen, die Grasmücken und Schwarzkehlchen fliegen über den Ocean.«

  1. Lateinisch: Das ist, alles: Speise, Trank, Schlaf, Liebe mit Maß genießen. Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Eine Ehe außerhalb des Hauses. Anm. d. Uebers.

2. Werbet ein Landstreicher!

Der Archidiaconus fand, als er nach dem Kloster zurückkehrte, an der Thür seiner Zelle seinen Bruder Johann-du-Moulin, welcher ihn erwartete, und der sich die Langeweile des Wartens damit vertrieben hatte, daß er mit einer Kohle das Profil seines Bruders, mit einer riesigen Nase geschmückt, an die Mauer zeichnete.

Dom Claude beachtete kaum seinen Bruder; er hatte andere Sorgen. Das fröhliche Antlitz des Taugenichts, dessen freudiger Ausdruck so viele Male die düstere Physiognomie des Priesters wieder aufgeheitert hatte, war jetzt ohnmächtig, den Schatten zu zerstreuen, der sich mit jedem Tage dichter über diese verderbte, mephitische und sumpfige Seele senkte.

»Lieber Bruder,« sagte Johann schüchtern, »ich komme, um Euch zu besuchen.«

Der Archidiaeonus wandte kaum die Blicke nach ihm hin. »Weiter!«

»Lieber Bruder,« fuhr der Heuchler fort, »Ihr seid so gütig gegen mich, und Ihr gebt mir so gute Rathschläge, daß ich immer wieder zu Euch zurückkehre.«

»Was weiter?«

»Ach! lieber Bruder, Ihr hattet wohl Recht, als Ihr mir sagtet: ›Johann! Johann! cessat doctorum doctrina, discipulorum disciplina. 63 Johann, werdet vernünftig, Johann, lernt etwas, Johann, bleibt die Nächte nicht aus der Schule weg ohne triftigen Grund und ohne die Erlaubnis des Lehrers. Prügelt Euch nicht mit den Picarden herum ( noli Johannes, verberare Picardos). Verfaulet nicht, wie ein ungelehrter Esel ( quasi asinus illiteratus) auf dem Schulstroh. Johann, laßt Euch nach Belieben des Lehrers bestrafen. Johann, gehet alle Abende zur Kapelle, und singet dort zu Ehren unserer lieben Frau, der ruhmreichen Jungfrau Maria, eine Antiphonie mit Bibelvers und Gebet‹ Wehe! was waren das für ausgezeichnete Rathschläge!«

»Und dann?«

»Lieber Bruder, Ihr sehet einen Schuldigen, einen Verbrecher, einen Elenden, einen ausschweifenden Gesellen, einen abscheulichen Menschen vor Euch! Mein theurer Bruder, Johann hat aus Euern Rathschlägen Stroh und Mist gemacht, um mit den Füßen darauf herumzutreten. Ich bin dafür sehr gestraft, und der liebe Gott ist außerordentlich gerecht. So lange ich Geld hatte, habe ich geschmaust, Thorheiten getrieben und ein lustiges Leben geführt. Ach! wie häßlich und verdrießlich ist ein liederliches Leben, so sehr es einen anfangs anlachte, am Ende! Jetzt besitze ich keinen Weißpfennig mehr; ich habe mein Tischtuch, mein Hemde und mein Handtuch verkauft; aus ist es mit dem lustigen Leben! Die schöne Kerze ist verloschen, und ich habe nur noch den häßlichen Talgdocht, der mir in die Nase stinkt. Die Mädchen machen sich lustig über mich. Ich trinke Wasser. Ich werde von Gewissensbissen und Gläubigern gemartert.«

»Das Ende?« sagte der Archidiaconus.

»Ach! allertheuerster Bruder, ich möchte gern zu einem bessern Lebenswandel zurückkehren. Ich komme voll Zerknirschung zu Euch. Ich empfinde Reue. Ich bekenne es. Ich zerschlage meine Brust mit mächtigen Faustschlägen. Ihr hattet sehr Recht mit Eurem Wunsche, daß ich eines Tages Licenciat und Untermonitor am Collegio Torchi werden sollte. Auf einmal fühle ich jetzt ein glänzendes Talent für diesen Stand in mir. Aber ich habe keine Tinte mehr, ich muß mir wieder welche kaufen; ich habe keine Federn mehr, die muß ich mir wieder besorgen; ich habe kein Papier, keine Bücher mehr, das alles muß ich mir wieder anschaffen. Dafür gebrauche ich nothwendig ein wenig baares Geld, und ich komme zu Euch, lieber Bruder, voller Zerknirschung.«

»Ist das alles?«

»Ja,« sagte der Schüler. Ein wenig Geld.«

»Ich habe keins.«

Da sagte der Student mit ernster und zugleich entschlossener Miene:

»Nun gut! lieber Bruder. Es thut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß man mir andererseits sehr schöne Anerbieten und Vorschläge gemacht hat. Ihr wollt mir also kein Geld geben? … Nein? … In diesem Falle gehe ich und werde ein Landstreicher.«

Während er dieses furchtbare Wort aussprach, nahm er eine Ajaxmiene an, weil er sich darauf gefaßt machte, den Blitz auf sein Haupt fallen zu sehen.

Der Archidiaconus sagte in kaltem Tone zu ihm:

»Werdet Landstreicher!«

Johann grüßte ihn mit tiefer Verbeugung und stieg pfeifend die Klostertreppe wieder hinunter.

In dem Augenblicke, wo er im Hofe des Klosters, unter dem Fenster der Zelle seines Bruders vorbeiging, hörte er, wie dieses Fenster sich öffnete; er hob die Nase in die Höhe und sah das strenge Haupt des Archidiaconus durch die Oeffnung herausfahren.

»Scher‘ dich zum Teufel!« rief Dom Claude, »hier ist das letzte Geld, das du von mir bekommen wirst.«

Zu gleicher Zeit warf der Priester seinem Bruder Johann eine Börse zu, die dem Studenten eine dicke Beule an der Stirn verursachte, und mit welcher Johann, erzürnt und zufrieden zugleich, wie ein Hund, den man mit Markknochen werfen würde, davonging.

  1. Lateinisch: Es schwindet die Gelehrsamkeit der Gelehrten und der Eifer der Schüler. Anm. d. Uebers.

5. Die Mutter.

Ich glaube nicht, daß es in der Welt etwas Lieblicheres giebt, als die Gedanken, welche beim Anblicke eines kleinen Schuhes ihres Kindes im Herzen einer Mutter erwachen: vornehmlich wenn es ein Festtagsschuh, etwa für die Sonntage oder für die Taufe ist; ein Schuh, der bis unter die Sohle mit Stickereien bedeckt ist; ein Schuh, mit dem das Kind noch nicht einen Schritt gemacht hat. Dieser Schuh aber ist so reizend und klein, er kann so unmöglich seinen Marsch machen, daß es der Mutter so vorkommt, als ob sie ihr Kind sähe. Sie lacht ihn an, sie küßt ihn, sie spricht mit ihm; sie fragt sich, ob es in Wahrheit möglich ist, daß ein Fuß so klein sei und, wäre das Kind etwa abwesend, so bedarf es nur des kleinen Schuhes, um ihr das süße, zarte Geschöpf vor die Augen zu zaubern. Sie glaubt es zu sehen, sie sieht es, wie es leibt und lebt: munter, fröhlich, mit seinen zarten Händchen, seinem runden Kopfe, seinen reinen Lippen, seinen heitern Augen, in denen das Weiße blau schimmert. Ist es Winter, so ist es da; es kriecht auf dem Teppiche, es klettert mühsam aus eine Fußbank, und die Mutter zittert, daß es dem Feuer zu nahe kommt. Ist es Sommer, so schleicht es im Hofe, im Garten herum, zupft das Gras zwischen den Pflastersteinen heraus, betrachtet unbefangen die großen Hunde, die großen Pferde, ganz ohne Furcht; spielt mit den Muscheln, mit den Blumen, und bringt den Gärtner zum Schelten, wenn er Sand auf den Rabatten und Erde in den Wegen findet. Alles lacht, alles glänzt, alles spielt um es herum, wie es selbst thut, – sogar der Lufthauch und der Sonnenstrahl, die um die Wette in seinen närrischen Haarlocken spielen. Der Schuh zeigt alles das der Mutter und läßt ihr das Herz, wie Feuer eine Wachskugel, schmelzen.

Aber wenn das Kind abhanden gekommen ist, so werden diese tausend Bilder der Freude, des Entzückens, der Zärtlichkeit, die sich um den kleinen, gestickten Schuh zusammendrängen, zu ebenso viel entsetzlichen Dingen. Der reizende, gestickte Schuh ist dann nichts weiter, als ein Marterwerkzeug, das ewig das Herz der Mutter zermalmt. Es ist ja stets dieselbe Herzensfaser, welche zittert, die stärkste und empfindlichste Fiber; aber an Stelle eines Engels, der sie liebkost, ist es ein Teufel, welcher sie peinigt.

Eines Morgens, während die Maisonne an einem dieser tiefblauen Himmel emporstieg, wie ihn Garofolo liebt, um seine Kreuzabnahmen darauf zu malen, hörte die Büßerin im Rolandsthurme einen Lärm von Wagenrädern, Pferden und eisernen Gerätschaften auf dem Grèveplatze. Sie erwachte darüber kurze Zeit aus ihrer Betäubung, knotete ihre Haare über den Ohren zusammen, um sie gegen das Geräusch zu verschließen, und begann wieder den leblosen Gegenstand zu betrachten, den sie, nun seit fünfzehn Jahren auf den Knien liegend, anbetete. Dieser kleine Schuh war, wie wir schon gesagt haben, für sie die Welt. Ihr Denkvermögen war in ihm eingeschlossen und sollte erst mit dem Tode davon ablassen. Was sie an herben Verwünschungen, rührenden Klagen, Gebeten und Seufzern beim Anblicke dieses niedlichen, rothseidenen Schuhes zum Himmel emporgeschleudert, hatte die dunkle Höhle des Rolandsthurmes allein erfahren. Niemals waren mehr hoffnungslose Thränen um einen niedlichern und reizendern Gegenstand vergossen worden. An diesem Morgen jedoch schien ihr Schmerz noch heftiger, als gewöhnlich, hervorzubrechen, und man hörte von draußen mit lauter, einförmiger und herzzerreißender Stimme jammern.

»O meine Tochter,« sprach sie, »meine Tochter! mein armes, liebes, kleines Kind: ich soll dich also nicht mehr sehen! Es ist also vorbei! Immer scheint es mir, als ob es gestern geschehen sei! Mein Gott! mein Gott! um sie mir so schnell wieder zu entreißen, wäre es besser gewesen, du hättest sie mir gar nicht gegeben. Weißt du denn nicht, daß unsere Kinder mit unserem Leibe zusammenhängen, und daß eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, nicht mehr an Gott glaubt? … Ach! wie elend bin ich nun, daß ich an jenem Tage das Haus verließ! … Herr! Herr! weil du sie mir so entrissen hast, hast du mich niemals mit ihr gesehen, wenn ich sie ganz entzückt an meiner Glut belebte, wenn sie, an meiner Brust liegend, mich anlachte, wenn ich ihre kleinen Füße über meine Brust hin bis zu meinen Lippen hinaufsteigen ließ? Ach! wenn du das gesehen hättest, mein Gott, würdest du Mitleid mit meiner Freude gehabt haben; würdest mir nicht die einzige Liebe genommen haben, die mir im Herzen zurückblieb! War ich denn eine so elende Creatur, Herr, daß du mich nicht ansehen mochtest, ehe du mich verdammtest? … Wehe! wehe! da ist der Schuh; der Fuß dazu – wo ist er? Wo ist das Uebrige? Wo ist das Kind? Meine Tochter, meine Tochter! Was haben sie mit dir gemacht? Herr, gieb sie mir wieder! Meine Knien sind wund durch ein fünfzehnjähriges Gebet zu dir, mein Gott! Ist das noch nicht genug? Gieb sie mir wieder, für einen Tag, eine Stunde, eine Minute; für eine Minute, Herr! und dann wirf mich für die Ewigkeit dem Teufel hin! Ach! wenn ich wüßte, wo ein Saum deines Kleides schleppt, ich wollte mich mit meinen beiden Händen daranklammern, und du solltest mir wohl mein Kind wiedergeben! Hier ist ihr kleiner Schuh, – hast du damit kein Erbarmen, Herr? Kannst du eine arme Mutter zu dieser Marter fünfzehn Jahre lang verdammen? Süße Jungfrau! süße Jungfrau im Himmel droben! mein eigenes Jesuskind hat man mir genommen, hat man mir gestohlen, hat man auf einer Haide gefressen; man hat sein Blut getrunken, seine Gebeine zermalmt! Heilige Jungfrau, habe Erbarmen mit mir! Meine Tochter muß ich haben! Was hilft es mir denn, daß es im Paradiese ist? Ich will nichts von deinem Engel wissen, ich will mein Kind! Ich bin eine Löwin, ich will meine kleine Löwin haben … Ach, ich will mich auf der Erde wälzen, ich will den Stein mit meiner Stirn zerschmettern, will mich verdammen und will dich verfluchen, Herr! wenn du mir mein Kind vorenthältst! Du siehst ja, daß ich ganz zerfleischte Hände habe, Herr! Hat denn der liebe Gott kein Erbarmen? … Ach, gieb mir nur Salz und schwarzes Brot, im Falle ich meine Tochter bekomme, und ich mich an ihr, wie an einer Sonne, erwärmen kann! Ach! Gott mein Herr, ich bin nur eine gemeine Sünderin, aber meine Tochter machte mich fromm und gut. Ich war voll Frömmigkeit aus Liebe zu ihr; und durch ihr Lächeln, mein Gott, blickte ich zu dir, wie durch eine Oeffnung des Himmels … Ach! könnte ich nur einmal, noch einmal, ein einziges Mal diesen Schuh an ihr reizendes, rosiges Füßchen stecken, und ich will sterben, süße Jungfrau und dich segnen! … Ach! fünfzehn Jahre! Sie würde jetzt groß sein! … Unglückliches Kind! wie? es ist also doch wahr: ich soll sie nicht mehr wiedersehen, nicht einmal im Himmel! Denn, ich werde nicht dahin kommen, ich. O welches Elends zu sagen, daß das ihr Schuh ist, und sonst nichts weiter!«

Die Unglückliche hatte sich auf diesen Schuh, ihren Trost und ihre Verzweiflung so viele Jahre hindurch, niedergeworfen, und ihr Herz zerriß vor Jammer, wie am ersten Tage. Denn für eine Mutter, welche ihr Kind verloren hat, bleibt das immer der erste Tag. Dieser Schmerz bleibt ja immer neu. Die Trauergewänder können sich wohl abtragen und verbleichen, das Herz bleibt immer in Trauer.

In diesem Augenblicke zogen frische und fröhliche Kinderstimmen an der Zelle vorüber. Jedesmal, wenn Kinder ihr in die Augen fielen, oder deren Lärm ihr Ohr traf, stürzte die arme Mutter in den finstersten Winkel ihres Grabes, und man hätte behaupten mögen, daß sie ihr Haupt in die Mauer zu verstecken versuchte, um sie nur nicht zu hören. Diesmal richtete sie sich im Gegentheil plötzlich in die Höhe und horchte begierig. Einer der kleinen Knaben hatte eben gesagt:

»Heute wird man eine Zigeunerin hängen.«

Mit dem raschen Sprunge jener Spinne, die wir beim Zittern ihres Netzes sich auf eine Fliege haben stürzen sehen, eilte sie an ihre Luke, die, wie man weiß, auf den Grèveplatz hinausging. In der That war eine Leiter an dem ständigen Galgen aufgerichtet, und der Henker war damit beschäftigt, die vom Regen verrosteten Ketten wieder in Ordnung zu bringen. Ringsherum standen einige Leute als Zuschauer. Der muntere Kinderhaufen war schon in der Ferne. Die Nonne suchte mit den Augen nach einem Vorübergehenden, den sie befragen könnte. Sie wurde dicht neben ihrer Zelle, einen Priester gewahr, der sich anscheinend damit beschäftigte, in dem öffentlichen Gebetbuche zu lesen, der aber viel weniger mit dem »eisenvergitterten Andachtsbuche«, als mit dem Galgen beschäftigt war, auf den er von Zeit zu Zeit einen düstern und wilden Blick warf. Sie erkannte den Herrn Archidiaconus von Josas, einen heiligen Mann.

»Mein Vater,« fragte sie, »wen will man da hängen?«

Der Priester sah sie an und antwortete nicht; sie wiederholte ihre Frage. Da sagte er:

»Ich weiß es nicht.«

»Es waren Kinder hier, die da sagten, daß es eine Zigeunerin wäre,« fuhr die Büßerin fort.

»Ich glaube, es ist dem so,« sagte der Priester.

Da brach Paquette la Chantefleurie in ein Hyänenlachen aus.

»Meine Schwester,« sagte der Archidiaconus, »Ihr haßt also wohl die Zigeunerinnen?«

»Ob ich sie hasse!« rief die Büßerin aus; »es sind Hexen, Kinderräuberinnen! Sie haben meine kleine Tochter gefressen, mein Kind, mein einziges Kind! Ich habe kein Herz mehr, sie haben es mir aufgezehrt!«

Sie war schrecklich anzusehen. Der Priester betrachtete sie kaltblütig.

»Vor allem ist es eine von ihnen, die ich hasse, und die ich verflucht habe,« fuhr sie fort; »es ist eine junge, so alt, wie meine Tochter sein würde, wenn ihre Mutter mein Kind nicht gefressen hätte. Jedesmal, wenn diese junge Viper vor meiner Zelle vorbeigeht, bringt sie mir das Blut zum kochen.«

»Nun gut! meine Schwester, freuet Euch,« sagte der Priester eisig wie eine Grabbildsäule, »sie ist es, die Ihr sterben sehen sollt.«

Sein Kopf sank auf seine Brust nieder, und er entfernte sich langsam.

Die Büßerin rang sich die Arme vor Freude. »Ich habe es ihr prophezeit, daß sie da hinaufsteigen würde! Schönen Dank, Priester!« rief sie ihm nach.

Und nun begann sie in großen Schritten hinter den Gitterstäben ihrer Luke auf- und abzugehen, während ihr Haar flog, ihr Auge flammte und sie mit der Schulter an die Mauer stieß. Ihr fahles Antlitz aber hatte den Ausdruck einer Wölfin im Käfig angenommen, die seit langem hungert und merkt, daß die Stunde der Fütterung herankommt.

6. Drei verschieden gebildete Menschenherzen.

Phöbus indessen war nicht gestorben. Menschen dieses Schlages haben ein zähes Leben. Als Meister Philipp Lheulier, der peinliche Anwalt des Königs, zur armen Esmeralda gesagt hatte: »Er liegt im Sterben«, so war das aus Irrthum oder aus Scherz geschehen. Als der Archidiaconus der Verurtheilten wiederholt gesagt hatte: »Er ist todt«, so wußte er tatsächlich nichts davon, glaubte es aber, rechnete darauf, zweifelte nicht daran, hoffte es ganz gewiß. Es wäre für ihn doch gar zu hart gewesen, dem Weibe, welches er liebte, gute Nachrichten über seinen Nebenbuhler zu hinterbringen. Jeder Mann an seiner Stelle hätte ebenso gehandelt.

Nicht etwa, als ob die Verwundung des Phöbus nicht gefährlich gewesen wäre, aber sie war es nicht in dem Maße gewesen, wie der Archidiaconus sich schmeichelte. Der Heilkünstler, zu welchem die Soldaten der Wache ihn im ersten Augenblicke getragen, hatte acht Tage lang für sein Leben gefürchtet, und er hatte ihm das sogar auf Lateinisch gesagt. Gleichwohl hatte seine Jugend wieder die Oberhand gewonnen; und, was ungeachtet Vermuthungen und Krankheitszeichen häufig vorkommt: die Natur hatte sich gefallen, trotz des Arztes den Kranken zu retten. Während er noch auf dem Krankenbette beim Heilkünstler lag, hatte er sich dem Verhöre Philipp Lheuliers und der Untersuchungsrichter des geistlichen Gerichtes unterzogen, was ihn sehr gelangweilt hatte. Daher hatte er an einem schönen Morgen, als er sich besser fühlte, dem Pillendreher seine goldenen Sporen als Zahlung überlassen, und hatte sich davongemacht. Das hatte übrigens bei der Einleitung des Processes keine Störung verursacht. Die Gerechtigkeitspflege von damals beunruhigte sich sehr wenig über die Deutlichkeit und Reinlichkeit eines Criminalprocesses. Wenn der Angeklagte nur gehangen wurde, so war ihr das vollkommen genügend. Nun, die Richter hatten hinreichende Beweise gegen die Esmeralda. Sie hatten den Phöbus für todt gehalten, und damit war alles gesagt worden.

Phöbus seinerseits hatte keine große Flucht unternommen. Er war ganz einfach bei seiner Compagnie wieder eingetroffen, die zu Queue-en-Brie, in der Provinz Ile-de-France, einige Stationen von Paris, in Garnison lag.

Nach allem behagte es ihm ganz und gar nicht, in diesem Processe zu erscheinen. Er fühlte dunkel, daß er darin eine lächerliche Rolle spielen würde. Im Grunde wußte er nicht hinlänglich, was er über die ganze Angelegenheit denken sollte. Als Weltkind und abergläubischer Mensch, wie jeder Soldat, der nichts als Soldat ist, war er, wenn er sich über dieses Abenteuer befragte, nicht eins mit sich hinsichtlich der Ziege; ferner über die befremdliche Art, mit der er mit Esmeralden zusammengetroffen war; über die nicht minder sonderbare Weise, mit der sie ihm ihre Liebe hatte errathen lassen; über ihren Stand als Zigeunerin; endlich hinsichtlich des gespenstigen Mönches. Er sah in dieser Geschichte viel mehr Zauberei, als Liebe; aller Wahrscheinlichkeit nach eine Hexe; vielleicht den Teufel selbst; zuletzt eine Komödie, oder um die Sprache von damals zu reden, ein höchst unangenehmes Schauspiel, in dem er eine sehr unbeholfene Rolle, nämlich die des Geprügelten und Gefoppten, spielte. Der Hauptmann war darüber ganz beschämt; er fühlte die Art Scham, die der berühmte Fabeldichter La Fontaine so treffend gekennzeichnet hat:

»Beschämt ganz wie ein Fuchs, den ein Huhn hätt‘ überrascht.«

Er hoffte übrigens, daß die Angelegenheit nicht ruchbar werden würde; daß sein Name, bei seiner Abwesenheit, kaum dabei genannt werden, und in jedem Falle nicht über den Verhandlungssaal im Tournelle hinaus erschallen würde. In diesem Punkte täuschte er sich auch wirklich nicht; es gab damals überhaupt noch keine »Gerichtszeitungen«, und weil kaum eine Woche vorüberging, ohne daß in einem der zahllosen Criminalgerichte von Paris nicht ein Falschmünzer zum Lebendiggesottenwerden, oder eine Hexe zum Galgen, oder ein Ketzer zum Scheiterhaufen verurtheilt worden wäre, so war man dermaßen daran gewöhnt, zu sehen, wie die alte, feudale Themis 49 auf allen Kreuzwegen in nackten Armen und aufgestreiften Aermeln ihr Geschäft mit Gabeln, auf Leitern und an Prangern verrichte, daß man kaum noch Acht darauf gab. Die schöne Welt jener Zeit wußte kaum den Namen des armen Sünders, der an der Straßenecke vorüberging; und höchstens ergötzte sich der große Haufe an diesem krassen Schauspiele. Eine Hinrichtung war ein gewöhnlicher Vorfall auf dem öffentlichen Platze, gerade wie die Glutpfanne eines Pastetenbäckers oder das Schlachthaus eines Schinders. Der Henker war nichts weiter als eine Art Schlächter, nur ein bißchen bewanderter, als ein anderer.

Phöbus beruhigte seinen Geist also ziemlich bald über die Zauberin Esmeralda, oder Similar, wie er zu sagen pflegte; über den Dolchstich der Zigeunerin oder des gespenstigen Mönchs (es lag wenig daran), und über den Ausgang des Processes. Aber sobald als sein Herz nach dieser Seite hin frei war, kehrte das Bild von Fleur-de-Lys dahin zurück. Das Herz des Hauptmanns Phöbus hatte, wie die damalige Physik, Schrecken vor der Leere.

Uebrigens gab es keinen abgeschmackteren Aufenthaltsort, als Queue-en-Brie. Es war ein Dorf, von Hufschmieden und Kuhhirtinnen mit rauhen Händen bewohnt; eine lange Reihe kleiner Häuser und Strohhütten, welche die lange Landstraße von beiden Seiten eine halbe Meile hin einfassen, – mit einem Worte: am Weltende.

Fleur-de-Lys war seine vorletzte Liebe: ein hübsches Mädchen mit einer allerliebsten Mitgift; eines schönen Morgens also langte der verliebte Cavalier, nachdem er vollständig genesen war, und wohl vermuthen konnte, daß die Angelegenheit mit der Zigeunerin vorbei und vergessen sein dürfte, hoch zu Rosse vor der Thüre des Hauses Gondelaurier an. Er achtete nicht auf eine ziemlich zahlreich versammelte Menschenmenge, welche sich auf dem Platze des Vorhofes, vor dem Haupteingange von Notre-Dame, drängte; es fiel ihm ein, daß man im Monat Mai war; er vermuthete irgend einen festlichen Aufzug, eine Pfingstfeierlichkeit, ein Fest, band sein Pferd an den Pfortenring der Vorhalle und stieg wohlgemuth in die Wohnung seiner schönen Braut hinauf.

Sie war allein mit ihrer Mutter.

Fleur-de-Lys hatte immer noch die Scene mit der Hexe, ihre Ziege, ihr verwünschtes Alphabet und die lange Abwesenheit des Phöbus auf dem Herzen. Als sie daher ihren Hauptmann eintreten sah, fand sie ein so gutes Aussehen, einen so neuen Waffenrock, ein so glänzendes Wehrgehenk und ein so verliebtes Aussehen an ihm, daß sie vor Lust erröthete. Das edle Fräulein war gleichfalls liebreizender, denn jemals. Ihre prächtigen blonden Haare waren zum Entzücken geflochten, sie war ganz in jenes Himmelblau gekleidet, welches die Blondinen so gut kleidet: eine Koketterie, in die sie Colombe eingeweiht hatte; und ihr Auge schwamm in jener Liebessehnsucht, die ihnen noch besser steht.

Phöbus, welcher, was Schönheit anlangt, außer den plumpen Greten von Queue-en-Brie nichts gesehen hatte, war von Fleur-de-Lys berauscht, und das gab unserem Offiziere ein so dienstfertiges und liebenswürdiges Benehmen, daß sie sofort versöhnt war. Frau von Gondelaurier selbst, die immer, wie eine Mutter pflegt, in ihrem großen Lehnstuhle saß, hatte nicht die Kraft, mit ihm zu schmollen. Was Fleur-de-Lys‘ Vorwürfe betraf, so erstarben sie unter zärtlichen Liebkosungen. Das junge Mädchen saß am Fenster und stickte immer noch an ihrer Grotte des Neptun. Der Hauptmann hatte sich auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, und sie richtete mit halber Stimme ihre zärtlichen Vorwürfe an ihn.

»Was in aller Welt habt Ihr denn seit zwei langen Monaten angefangen, Ihr böser Mann?«

»Ich schwöre Euch,« antwortete Phöbus, der durch diese Frage ein wenig in Verlegenheit gerathen war, »daß Ihr schön seid, um einen Erzbischof in Schwärmerei zu versetzen.«

Sie konnte sich nicht enthalten, zu lächeln.

»Es ist gut, ist gut, mein Herr. Lasset das mit meiner Schönheit und antwortet mir. Das muß eine rechte Schönheit sein, wahrhaftig!«

»Nun gut! theure Base, ich bin nach meiner Garnison abberufen worden.«

»Und wo ist denn das, wenn ich fragen darf? Und warum seid Ihr nicht vorgesprochen, um Abschied zu nehmen?«

»In Queue-en-Brie.«

Phöbus war froh, daß die erste Frage ihm half, sich um die zweite herumzudrücken.

»Aber das ist ja ganz in der Nähe, Herr Hauptmann. Wie kommt das, daß Ihr mich nicht ein einziges Mal besucht habt?«

Jetzt wurde Phöbus ziemlich ernstlich verlegen.

»Weil … der Dienst … und außerdem, liebenswürdige Cousine, bin ich krank gewesen.«

»Krank!?« entgegnete sie erschrocken.

»Ja … verwundet.«

»Verwundet!?«

Das arme Kind war ganz außer Fassung gerathen.

»Oh! erschreckt deshalb nicht,« sagte Phöbus kalt, »es hat nichts auf sich. Ein Streit, ein Degenstich; doch, was kümmert das Euch?«

»Was mich das kümmert?« rief Fleur-de-Lys, während sie ihre schönen Augen thränengefüllt aufschlug. »Ach! Ihr sagt mir nicht, was Ihr damit beabsichtigt, wenn Ihr so sprecht. Was hat das mit diesem Degenstiche für eine Bewandtnis? Ich will alles wissen.«

»Nun gut! theure Schöne, ich habe Streit mit Mahé Fédy gehabt, Ihr wißt ja? dem Lieutenant aus Saint-Germain-en-Laye; wir haben uns jeder ein wenig die Haut zerfetzt. Das ist alles.«

Der verlegene Hauptmann wußte nur zu wohl, daß eine Ehrensache den Mann stets in den Augen einer Frau an Achtung gewinnen läßt. In Wahrheit sah ihm Fleur-de-Lys, vor Scheu, Vergnügen und Bewunderung ganz erregt, ins Gesicht. Sie war indessen noch nicht vollkommen wieder beruhigt.

»Wenn Ihr nur vollkommen wieder hergestellt seid, mein Phöbus!« sagte sie. »Ich kenne Euren Mahé Fédy nicht, aber er ist ein abscheulicher Mensch. Und woher kam denn dieser Streit?«

Hier begann Phöbus, dessen Einbildungskraft nur sehr mittelmäßig im Erfinden war, nicht mehr zu wissen, wie er sich aus seiner Heldenthat herausziehen sollte.

»Ach! was weiß ich? … ein Nichts, ein Pferd, ein übereiltes Wort! … Schöne Base,« rief er, um den Gesprächsstoff zu wechseln, »was bedeutet denn der Lärm da auf dem Vorhofe?«

Er näherte sich dem Fenster.

»Ach! mein Gott, schöne Base, sehet einmal die große Menge Volks auf dem Platze!«

»Ich weiß nicht,« sagte Fleur-de-Lys; »es scheint, daß es sich um eine Hexe handelt, die heute morgen vor der Kirche öffentlich Buße thut und nachher gehangen werden soll.«

Der Hauptmann glaubte die Angelegenheit mit der Esmeralda so völlig abgethan, daß er durch die Worte Fleur-de-Lys‘ nur ganz wenig in Bewegung gerieth. Er that indeß noch eine oder die andere Frage.

»Wie heißt diese Hexe?«

»Ich weiß nicht,« antwortete sie.

»Und was sagt man, daß sie begangen hat?«

Sie zuckte noch einmal ihre weißen Schultern.

»Ich weiß nicht.«

»Oh, mein lieber Herr Jesus!« sagte die Mutter, »es giebt jetzt so viele Hexen, daß man sie verbrennt, glaube ich, ohne ihre Namen zu wissen. Es würde sich ebenso verlohnen, als ob man den Namen jeder Wolke am Himmel wissen wollte. Ueberhaupt kann man ruhig sein. Der liebe Gott führt sein Register.« Hier erhob sich die ehrenwerthe Dame und trat ans Fenster. »Herr des Himmels!« sagte sie, »Ihr habt recht, Phöbus. Das ist ein großer Haufen Volks. Einige von ihnen, Gott sei gepriesen! stehen sogar auf den Dächern … Wißt Ihr, Phöbus? das erinnert mich an meine Jugend; an den Einzug Karls des Siebenten, wo auch so viel Menschen auf den Straßen waren … Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahre. Wenn ich mit Euch davon spreche, nicht wahr? so macht das auf Euch den Eindruck von etwas Altem, auf mich aber den von etwas Jugendlichem … Oh! das war ein weit hübscheres Volk, als das jetzige. Es standen sogar einige von ihnen auf den Vertheidigungserkern des Thores Saint-Antoine. Der König hatte die Königin hinter sich auf dem Pferde, und nach Ihren Hoheiten kamen alle Damen, die gleichfalls hinter ihren Herren auf den Pferden saßen. Ich erinnere mich, daß man gewaltig lachte, als neben Amanyon von Garlande, der ein Mann von sehr kurzer Statur war, der Herr von Matefelon, ein Ritter von riesenhafter Erscheinung, ritt, welcher die Engländer haufenweise getödtet hatte. Das war sehr schön. Ein Zug aller Edelleute von Frankreich mit ihren Oriflammen, 50 welche in die Augen leuchteten, folgte. Es waren einige mit dem Fähnlein und andere mit dem Banner dabei. Was weiß ich? der Herr von Calan mit dem Fähnlein, Johann von Châteaumorant mit dem Banner, der Herr von Coucy mit dem Banner, und dieser reicher gekleidet, als irgend einer der andern, mit Ausnahme des Herzogs von Bourbon … Ach! was ist es doch für ein traurig Ding, denken zu müssen, daß alles das dagewesen und nichts mehr davon vorhanden ist!«

Die beiden Liebesleute hörten nicht auf die ehrwürdige Witwe hin. Phöbus war zurückgetreten und hatte sich wieder auf die Lehne des Stuhles seiner Braut gestützt, und hier einen reizenden Platz gefunden, von wo aus sein frivoles Auge sich in alle Oeffnungen von Fleur-de-Lys‘ Busentuch versenken konnte. Dieses Halstuch öffnete sich gerade so recht und zeigte ihm so köstliche Dinge, ließ ihm auch so viele andere errathen, daß Phöbus von dieser sammetweichen Haut ganz geblendet, zu sich sprach: »Wie kann man etwas anderes, als eine Hellfarbige lieben?« Alle beide verharrten in Schweigen. Das junge Mädchen richtete von Zeit zu Zeit entzückte und sanfte Blicke auf ihn, und in ihre Haare mischte sich ein Strahl der Frühlingssonne.

»Phöbus,« sagte Fleur-de-Lys plötzlich mit leiser Stimme, »wir sollen uns in einem Vierteljahre heirathen; schwört mir, daß Ihr niemals ein anderes Weib geliebt, als mich.«

»Ich schwöre es Euch, schöner Engel!« antwortete Phöbus, und sein leidenschaftlicher Blick verband sich, um Fleur-de-Lys zu überzeugen, mit dem aufrichtigen Tone seiner Stimme. Er glaubte in diesem Augenblicke vielleicht an seine eigenen Worte.

Währenddem hatte die gute Mutter, erfreut, die Verlobten in so vollkommenem Einverständnisse zu sehen, das Zimmer eben verlassen, um einige häusliche Kleinigkeiten zu besorgen. Phöbus merkte das, und diese Einsamkeit machte den unternehmenden Hauptmann so kühn, daß ihm sehr seltsame Gedanken in den Kopf stiegen. Fleur-de-Lys liebte ihn; er war ihr Verlobter; sie war allein mit ihm; seine alte Neigung für sie war nicht nur in ihrer ganzen Frische, sondern auch in all ihrer Glut wieder erwacht; nach alledem war es ja kein großes Verbrechen, sein Getreide ein wenig grün zu verspeisen; ich weiß nicht, ob diese Gedanken ihm durch den Kopf gingen; aber so viel ist gewiß, daß Fleur-de-Lys auf einmal über den Ausdruck seines Blickes erschrocken war. Sie sah um sich und erblickte ihre Mutter nicht mehr.

»Mein Gott!« sagte sie erröthend und unruhig, »mir ist sehr heiß!«

»Ich glaube in der That,« antwortete Phöbus, »daß es nicht weit vom Mittag ist. Die Sonne wird lästig. Es bleibt nichts übrig, als die Vorhänge zu schließen.«

»Nein, nein,« rief die arme Kleine, »im Gegentheil habe ich frische Luft nöthig.«

Und wie eine Hindin, die das Schnauben der Meute merkt, erhob sie sich, lief zum Fenster, öffnete es und eilte auf den Balkon.

Phöbus, dem das ziemlich ärgerlich war, folgte ihr.

Der Platz des Vorhofes von Notre-Dame, nach welchem, wie man weiß, der Balkon hinausging, bot in diesem Augenblicke ein unheimliches und sonderbares Schauspiel dar, welches bei der furchtsamen Fleur-de-Lys rasch die Natur des Schreckens ändern ließ.

Eine ungeheure Menge, die in allen angrenzenden Straßen hin- und herwogte, bedeckte den eigentlich sogenannten Platz. Die kleine Mauer in Brusthöhe, welche den Vorhof umgab, würde nicht genügt haben, ihn frei zu halten, wenn sie nicht verdoppelt worden wäre von einer dichten Reihe von Polizeidienern der Einunddreißiger und der Büchsenschützen mit der Feldbüchse in der Faust. Dank diesem Verhaue von Piken und Arkebusen war der Vorhof leer. Der Zugang dazu wurde durch einen Haufen Hellebardiere in den Farben des Bischofs bewacht. Die großen Thüren der Kirche waren geschlossen, was im Gegensatze zu den zahllosen Fenstern des Platzes stand, welche, bis zu den Giebeln hinauf geöffnet, tausende von Köpfen zeigten, die ohngefähr wie Kugelhaufen in einem Artillerieparke übereinander geschichtet waren.

Das Aeußere dieses Menschenhaufens war grau, schmutzig und abschreckend. Das Schauspiel, welches er erwartete, gehörte offenbar zu denjenigen, die das Vorrecht haben, alles was an unreinen Elementen in der Bevölkerung vorhanden ist, herbeizuziehen und anzulocken. Nichts war abscheulicher, als der Lärm, der aus dem Gewoge dieser gelben Kappen und schmutzigen Kopfhaare sich erhob. In diesem Gedränge vernahm man mehr Gelächter als Geschrei, mehr Weiber als Männer.

Von Zeit zu Zeit drang eine scharfe und zitternde Stimme durch das allgemeine Geräusch.

*

»Heda! Mahiet Baliffre! Will man sie denn da hängen?«

»Einfaltspinsel! hier muß sie Kirchenbuße im Hemde thun! Der liebe Gott will ihr hier Latein ins Gesicht husten. Das geschieht hier immer, am Mittage. Wenn du den Galgen sehen willst, schere dich zum Grèveplatze.«

»Ich will nachher hingehen.«

*

»Sagt mir doch, La-Boucambry, ist es wahr, daß sie einen Beichtvater ausgeschlagen hat?«

»Wahrscheinlich ja, La-Bechaigne.«

»Seht Ihr, die Heidin?!«

*

»Herr, das ist Herkommen so. Der Amtmann des Justizpalastes ist verpflichtet, den völlig abgeurteilten Missethäter zur Hinrichtung an den Oberrichter beim Châtelet auszuliefern, wenn jener ein Laie ist; ist es ein Geistlicher, an den Gerichtsbeamten des Bischofssitzes.«

»Ich danke Euch, Herr.«

*

»Ach, mein Gott!« sagte Fleur-de-Lys, »das arme Geschöpf!«

Dieser Gedanke erfüllte den Blick, den sie über die Volksmasse schweifen ließ, mit Schmerz. Der Hauptmann, der viel zu sehr mit ihr, als mit jenem Volkshaufen beschäftigt war, zerrte von hinten an ihrem Gürtel. Sie wandte sich mit einem bittenden und lächelnden Blicke um.

»Ich bitte Euch, laßt mich, Phöbus! Wenn meine Mutter zurückkäme, würde sie Eure Hand erblicken!«

In diesem Augenblicke schlug es langsam zwölf an der Uhr von Notre-Dame. Ein freudiges Gemurmel lief durch die Menge. Das letzte Zittern des zwölften Schlages war kaum verklungen, als alle Köpfe wie die Wogen von einem Windstoße in Bewegung geriethen, und ein ungeheures Geschrei von der Straße, aus den Fenstern und von den Dächern sich erhob:

»Da ist sie!«

Fleur-de-Lys hielt, um nicht zu sehen, ihre beiden Hände vor die Augen.

»Meine Süße,« sagte Phöbus, »wollt Ihr wieder hereintreten?«

»Nein,« antwortete sie; und dieselben Augen, welche sie eben aus Furcht geschlossen hatte, öffnete sie wieder aus Neugierde.

Ein Karren, der von einem schweren, normannischen Gabelpferde gezogen und ganz von Reiterei in violetten Uniformen mit weißen Kreuzen umringt war, rollte soeben durch die Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs auf den Platz. Die Diener der Wache machten ihm mit mächtigen Ruthenhieben unter dem Volkshaufen Platz. Neben dem Karren ritten einige Gerichts- und Polizeibeamte, die an ihrer schwarzen Tracht und an der linkischen Weise, mit der sie sich im Sattel hielten, kenntlich waren. Meister Jacob Charmolue stolzirte an ihrer Spitze einher. Auf dem verhängnisvollen Wagen saß ein junges Mädchen mit auf den Rücken gebundenen Händen, ohne einen Geistlichen an ihrer Seite. Sie war im Hemde; ihre langen schwarzen Haare (es war damals Gebrauch, sie erst am Fuße des Galgens abzuschneiden) fielen aufgelöst über ihre Brust und die halbentblößten Schultern herab.

Quer durch diesen wallenden Haarschmuck, der mehr als das Gefieder eines Raben glänzte, sah man einen dicken grauen und knotigen Strick sich drehen und winden, der ihre zarten Schulterknochen wund rieb, und sich um den reizenden Hals des armen Mädchens, wie ein Regenwurm um eine Blume, schlang. Unter diesem Stricke glänzte ein kleines, mit grünen Glasperlen verziertes Amulet, das ihr ohne Zweifel deshalb gelassen worden war, weil man denen, die zum Tode gehen, nichts mehr zu verweigern pflegt. Die Zuschauer, welche an den Fenstern standen, konnten auf dem Boden des Karrens ihre nackten Füße sehen, die sie, wie mit einem letzten weiblichen Instinkte, unter sich zu verbergen trachtete. Zu ihren Füßen lag eine kleine Ziege, die geknebelt war. Die Verurtheilte hielt mit ihren Zähnen das schlecht anschließende Hemd fest. Man hätte glauben sollen, daß sie in ihrem Unglücke sich noch darüber am unglücklichsten fühlte, daß sie fast nackt den Blicken aller preisgegeben war. Ach! für solche schaudervolle Lagen ist das Schamgefühl nicht geschaffen.

»Jesus!« sagte Fleur-de-Lys erregt zum Hauptmanne. »Sehet doch her, schöner Vetter, es ist die abscheuliche Zigeunerin mit der Ziege.«

Bei diesen Worten wandte sie sich nach Phöbus um. Dieser hatte die Augen starr auf den Karren gerichtet. Er war sehr blaß.

»Welche Zigeunerin mit der Ziege?« fragte er stotternd.

»Wie?« fuhr Fleur-de-Lys fort; »Ihr solltet Euch nicht mehr erinnern? …«

Phöbus unterbrach sie.

»Ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

Er machte einen Schritt, um ins Zimmer zurückzugehen; aber Fleur-de-Lys, deren unlängst von dieser Zigeunerin so heftig erregte Eifersucht eben wieder erwacht war, – Fleur-de-Lys warf ihm einen durchdringenden Blick voll Mißtrauen zu. Sie erinnerte sich in diesem Augenblicke dunkel, von einem Hauptmanne sprechen gehört zu haben, der in den Proceß dieser Hexe hineingezogen worden.

»Was habt Ihr?« sagte sie zu Phöbus; »man sollte glauben, daß Euch dieses Weib in Verwirrung gebracht habe.«

Phöbus zwang sich zu einem Hohngelächter.

»Mich? Nicht im geringsten! Ah! ganz gewiß!«

»Dann bleibt hier bei mir,« versetzte sie befehlerisch, »wir wollen bis zum Ende zusehen.«

Der Unglücksvogel von Hauptmann mußte wohl bleiben. Was ihn ein wenig beruhigte, war der Umstand, daß die Verurtheilte ihren Blick nicht vom Boden ihres Karrens erhob. Es war die Esmeralda – leider nur zu gewiß! Auf dieser letzten Stufe der Schande und des Unglücks war sie noch immer schön; ihre großen schwarzen Augen erschienen bei der Abmagerung ihrer Wangen noch größer; ihr bleiches Antlitz war rein und erhaben. Sie glich dem, was sie früher gewesen war, wie eine heilige Jungfrau Masaccio’s einer Jungfrau Raphaels gleicht: sie war schwächer, feiner, magerer geworden.

Uebrigens war nichts in ihrem Wesen, das nicht, so zu sagen, gewankt hätte, und das sie, mit Ausnahme ihrer Schamhaftigkeit, nicht dem Zufalle überlassen hätte: so vollständig war sie von Betäubung und durch Verzweiflung geknickt. Ihr Leib schlotterte bei allen Stößen des Karrens wie etwas Todtes oder Zerrissenes; ihr Blick war trüb und irrsinnig. Man sah in ihrem Auge noch eine Thräne, aber sie war unbeweglich und gleichsam wie gefroren.

Unterdessen war der fürchterliche Zug unter Freudenschreien und neugierigem Zusammendrängen der Menge durch dieselbe hindurchgelangt. Als wahrheitliebender Erzähler müssen wir gleichwohl berichten, daß viele, sogar von den Hartherzigsten, als sie sie so schön und niedergeschmettert sahen, vom Mitleide bewegt wurden. Der Karren war in den Vorhof hineingefahren. – Vor dem mittleren Portale hielt er an. Die Bedeckung stellte sich zu beiden Seiten in Schlachtordnung auf. Die Menge wurde todtenstill, und mitten in dieser Stille voll Feierlichkeit und Bangigkeit öffneten sich die beiden Flügel des großen Thores wie von allein in ihren knarrenden Angeln mit einem gellenden Geräusche. Da sah man, ihrer ganzen Länge nach, die tiefe, düstre Kirche, schwarz ausgeschlagen, kaum von einigen Kerzen erleuchtet, die auf dem Hauptaltare in der Ferne flimmerten, weit geöffnet wie einen Grabesschlund inmitten des lichtschimmernden Platzes. Ganz im Hintergrunde, im Dunkel des Chores, erblickte man ein gigantisches silbernes Kreuz, welches auf einem schwarzen Tuche, das von der Wölbung auf den Boden herabfiel, sich in die Höhe streckte. Das ganze Schiff war öde. Nur in den weit hinten gelegenen Chorstühlen sah man undeutlich einige Priesterköpfe sich bewegen, und im Augenblicke, wo das große Thor sich öffnete, entquoll der Kirche ein ernster, lauter und eintöniger Gesang, der gleichsam stoßweise über das Haupt der Verurtheilten Bruchstücke von Trauerpsalmen ausgoß:

» … Non timebo millia populi circumdatis me: exsurge Domine; salvum me fac, Deus!«

» … Salvum me fac,Deus, quoniam intraverunt aquae usque ad animam meam.«

» … Infixus sum in limo profundi; et non est substantia.« 51

Zu gleicher Zeit stimmte eine andere, vom Chore gesonderte Stimme auf der Stufe des Hochaltars das schwermüthige Offertorium an:

»… Qui verbun meum audit, et credit ei, qui misit me,
habet vitam aeternam et in judicium non venit, sed transit a morte in vitam.«
52

Dieser Gesang, den einige in der Dunkelheit verlorene Greise aus der Ferne über dieses schöne, von Jugend und Lebenslust erfüllte, von der warmen Frühlingslust umkoste, und von Sonnenschein überstrahlte Wesen ertönen ließen, war die Todtenmesse.

Das Volk hörte andächtig zu.

Die Unglückselige, die alle Fassung verloren hatte, schien ihren Blick und ihr Bewußtsein in die dunkele Tiefe der Kirche zu versenken. Ihre bleichen Lippen bewegten sich, als ob sie beteten; und als der Henkersknecht sich ihr näherte, um ihr beim Herabsteigen vom Karren behilflich zu sein, hörte er, wie sie mit leiser Stimme das Wort »Phöbus« wiederholte. Man band ihr die Hände los, ließ sie in Begleitung ihrer Ziege, die gleichfalls ihrer Fesseln entledigt war, und die vor Freude, sich frei zu fühlen, blökte, herabsteigen, und ließ sie dann barfuß über das holprige Pflaster bis zur untersten Stufe des Portales hingehen. Der Strick, welchen sie um den Hals trug, schleifte hinter ihr her. Man hätte ihn mit einer Schlange vergleichen können, die sie verfolgte.

Da brach der Gesang in der Kirche ab. Ein großes goldenes Kreuz und eine Reihe Kerzen setzten sich im dunkeln Hintergrunde des Schiffes in Bewegung. Man hörte die Hellebarden der buntgekleideten Domwächter erklirren; und einige Augenblicke darauf schritt ein langer Zug von Priestern in Meßgewändern und Diaconen in ihren Dalmatiken langsam und psalmodirend auf die Verurtheilte los, und stellte sich vor ihrem Gesichte und den Blicken der Volksmenge im Halbkreise auf. Aber ihr Auge hing an demjenigen, der an der Spitze des Zuges, unmittelbar hinter dem Kreuzträger, einherschritt. »Oh!« sagte sie ganz leise und schaudernd, »das ist er wieder! der Priester!«

Es war in der That der Archidiaconus. Zu seiner Linken hatte er den Unterkantor, zu seiner Rechten den Kantor, der mit seinem Amtsstabe ausgerüstet war. Den Kopf nach hinten gerichtet, die Augen starr und weit offen, schritt er vorwärts, während er mit lauter Stimme sang:

» De ventre inferi clamavi, et exaudisti vocem meam.«
»Et projecisti me in profundum in corde maris, et flumen circumdedit me.
« 53

Im Augenblicke, wo er im hellen Tageslichte unter dem gothischen Portale, eingehüllt in einen weiten Chorrock aus Silberstoff, erschien, wurde er so blaß, daß mehr als einer aus der Volksmenge dachte, es wäre einer der marmornen Bischöfe, welche auf den Grabsteinen des Chores auf den Knien liegen, der sich erhoben hätte, um diejenige an der Schwelle des Grabes zu empfangen, die zum Tode gehen sollte. Sie, die ebenso blaß war und ebenso sehr einer Bildsäule glich, sie hatte kaum gemerkt, daß man ihr eine schwere, gelbe, brennende Wachskerze in die Hand gesteckt; hatte die kreischende Stimme des Gerichtsschreibers nicht gehört, der ihr den verhängnisvollen Inhalt der Kirchenbuße vorlas; als ihr geheißen worden war, »Amen« zu sagen, hatte sie »Amen« geantwortet. Um ihr etwas Leben und Kraft wiederzugeben, mußte sie erst sehen, wie der Priester ihren Wächtern ein Zeichen gab, sich zu entfernen, und wie er allein an sie herantrat.

Da fühlte sie, wie das Blut in ihrem Haupte kochte, und wie ein letzter Rest von Empörung in ihrem schon erstarrten und todten Herzen aufflammte.

Der Archidiaconus näherte sich ihr langsamen Schrittes; sie sah, wie selbst im letzten Augenblicke sein von Wollust, Eifersucht und Verlangen funkelndes Auge über ihren nackten Leib hinglitt. Dann sprach er mit lauter Stimme zu ihr: »Junges Mädchen, habt Ihr Gott um Vergebung Eurer Fehler und Vergehen gebeten?« – Er neigte sich zu ihrem Ohre hin und fuhr fort (die Zuschauer glaubten, daß er ihre letzte Beichte empfinge): »Willst du mich? Ich vermag dich noch zu retten!«

Sie sah ihn starr an: »Hebe dich weg, Satan, oder ich zeige dich an.«

Er begann ein fürchterliches Lachen auszustoßen. »Man wird dir keinen Glauben schenken … Du wirst nichts erreichen, als zum Verbrechen eine Beschimpfung hinzuzufügen … Antworte schnell! Willst du mich?«

»Was hast du mit meinem Phöbus gemacht?«

»Er ist todt!« sagte der Priester.

In diesem Augenblicke richtete der nichtswürdige Archidiaconus unwillkürlich seinen Kopf in die Höhe und sah am andern Ende des Platzes, auf dem Balkone des Hauses Gondelaurier, den Hauptmann neben Fleur-de-Lys stehen. Er wankte, fuhr mit der Hand über die Augen, sah noch einmal hin, murmelte einen Fluch, und alle Züge seines Gesichtes zogen sich krampfhaft zusammen.

»Wohlan denn! stirb du!« sprach er durch die Zähne.

»Niemand soll dich besitzen.« Dann hob er die Hand über die Zigeunerin und rief mit einer Grabesstimme: » I nunc, anima anceps et sit tibi Deus misericors54

Das war die furchtbare Formel, mit der man diese düstren Ceremonien zu beschließen pflegte. Es war das Zeichen, mit dem der Priester sich an den Henker wandte.

Das Volk warf sich auf die Knien.

» Kyrie Eleison55 sprachen die Priester, die unter der Wölbung des Portales stehen geblieben waren.

» Kyrie Eleison,« wiederholte die Menge mit einem Gemurmel, das wie das Rauschen eines bewegten Meeres über die Köpfe hinlief.

»Amen!« sagte der Archidiaconus.

Er kehrte der Verurtheilten den Rücken zu, sein Kopf sank wieder auf die Brust herab, seine Hände legten sich kreuzweise ineinander; er vereinigte sich wieder mit dem Zuge der Priester, und einen Augenblick nachher sah man ihn mit dem Kreuze, den Kerzen und den Chorröcken unter den dunkeln Bogenwölbungen der Kathedrale verschwinden; seine klangvolle Stimme aber erstarb allmählich im Chore, welcher die hoffnungslose Liedstrophe anstimmte:

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Zu gleicher Zeit verursachte der zeitweilige Klang der eisenbeschlagenen Hellebardenschäfte der Domwächter, der nach und nach unter den Zwischensäulen des Schiffes erstarb, die Wirkung eines Uhrhammers, welcher die letzte Stunde der zum Tode Verurtheilten schlug.

Unterdessen waren die Thüren von Notre-Dame offen geblieben, so daß man die leere, einsame Kirche im Trauergewande ohne Kerzenglanz und Menschenstimmen erblicken konnte.

Die Verurtheilte verharrte unbeweglich, und in der Erwartung, was man über sie beschließen würde, an ihrem Platze. Einer der stabtragenden Gerichtsdiener mußte Meister Charmolue davon benachrichtigen, der während dieser Scene sich damit beschäftigt hatte, das Basrelief des Hauptportales zu studiren, das, nach dem Urtheile einiger das Opfer Abrahams, nach dem anderer das Verfahren, den Stein der Weisen zu suchen, darstellt, indem die Sonne durch den Engel, das Feuer durch das Reisigbund, der Alchymist durch Abraham repräsentirt werden.

Es kostete ziemliche Mühe, ihn von dieser Betrachtung loszureißen; aber endlich wandte er sich um; und auf ein Zeichen, das er gab, näherten sich zwei in Gelb gekleidete Männer, die Knechte des Henkers, der Zigeunerin, um ihr wieder die Hände zu binden.

Die Unglückliche wurde im Augenblicke, wo sie den verhängnisvollen Wagen wieder besteigen und sich nach ihrem letzten Aufenthaltsorte auf den Weg begeben sollte, vielleicht vom herzzerreißendsten Schmerze ihres Lebens gepackt. Sie richtete ihre gerötheten und trocknen Augen zum Himmel, zur Sonne, zu den Silberwolken empor, die hier und da von tiefblauen Dreiecken und Trapezen zertheilt waren; dann schlug sie sie nieder, blickte um sich, zur Erde, auf die Menge, nach den Häusern hinüber … Plötzlich, während ihr der gelbe Mann die Ellbogen zusammenband, stieß sie einen furchtbaren Schrei, einen Freudenschrei, aus. Auf diesem Balkone, da unten, im Winkel des Platzes, hatte sie ihn, ihn, ihren Freund, ihren Herrn, Phöbus, den zweiten Anfang ihres Lebens, bemerkt! Der Richter hatte gelogen! Der Priester hatte gelogen! Das war er wohl, sie konnte nicht daran zweifeln; da stand er, schön, lebhaft, in seine schimmernde Uniform gekleidet, den Federbusch auf dem Kopfe, den Degen an der Seite.

»Phöbus!« rief sie, »mein Phöbus!« Und sie wollte ihre vor Liebe und Wonne bebenden Arme nach ihm ausstrecken, aber sie waren gefesselt.

Da sah sie, wie der Hauptmann die Augenbrauen runzelte, wie ein schönes junges Mädchen, das sich an ihn lehnte, ihn mit höhnischem Munde und gereizten Blicken anschaute; wie dann Phöbus einige Worte sprach, die nicht bis zu ihr drangen, und wie alle beide plötzlich hinter dem Fenster des Balkones verschwanden, und dasselbe geschlossen wurde.

»Phöbus!« rief sie ganz außer sich, »hältst du es für wahr? …

Ein furchtbarer Gedanke war eben in ihr wach geworden. Sie erinnerte sich, daß sie wegen Meuchelmordes an der Person des Phöbus von Châteaupers war verurtheilt worden.

Bis hierher hatte sie alles erduldet. Aber dieser letzte Schlag war zu furchtbar. Sie fiel leblos auf das Pflaster nieder.

»Wohlan denn!« sagte Charmolue, »traget sie in den Karren, und laßt uns ein Ende machen!« – –

Niemand hatte bis dahin in der Galerie der Königsstatuen, welche unmittelbar über den Wölbungen des Portales ausgehauen ist, einen seltsamen Zuschauer bemerkt, der bisher alles mit einer solchen Gefühllosigkeit, einem so vorgereckten Halse, einem so mißgestalteten Gesicht beobachtet hatte, daß man, ohne seine halb rothe und halb violette Kleidung, ihn für eines jener steinernen Ungeheuer hätte halten können, durch deren Rachen die langen Dachrinnen der Kathedrale seit sechshundert Jahren ihr Wasser ergießen. Dieser Zuschauer hatte nichts von alledem aus dem Auge gelassen, was seit Mittag vor dem Portale von Notre-Dame sich ereignet hatte. Und gleich in den ersten Augenblicken hatte er, ohne daß jemand daran dachte, ihn zu beobachten, an eine der Säulchen der Galerie ein dickes, mit Knoten versehenes Seil festgebunden, dessen Ende unten auf der Vortreppe schleifte. Nachdem das gethan war, hatte er begonnen, ruhig zuzusehen, und manchmal zu pfeifen, wenn eine Amsel vor ihm vorbeiflog. Plötzlich in dem Augenblicke, wo die Knechte des Henkers sich anschickten, den phlegmatischen Befehl Charmolue’s auszuführen, schwang er sich auf das Geländer der Galerie, faßte das Seil mit den Füßen, den Knien und den Händen; dann sah man, wie er, gleich einem Regentropfen, der an einer Fensterscheibe herabrollt, an der Façade hinunterglitt, mit der Schnelligkeit einer Katze, die vom Dache gefallen ist, auf die Henker zulief, sie mit zwei mächtigen Fausthieben zu Boden warf, die Zigeunerin mit einer Hand, wie ein Kind seine Puppe, aufraffte, und mit einem einzigen Satze bis in die Kirche hineinsprang, wobei er das junge Mädchen über seinen Kopf hob und mit fürchterlicher Stimme schrie: »Asyl!«

Das geschah mit einer solchen Schnelligkeit, daß, wenn es Nacht gewesen wäre, man alles bei dem Scheine eines einzigen Blitzes hätte sehen können.

»Asyl! Asyl!« wiederholte der Volkshaufen, und das Klatschen von zehntausend Händen ließ das einzige Auge Quasimodo’s vor Freude und Stolz funkeln.

Diese Erschütterung bewirkte, daß die Verurtheilte wieder zu sich kam. Sie schlug ihre Augenlider auf, sah Quasimodo an, dann schloß sie sie wieder, als ob sie vor ihrem Erretter erschrocken wäre.

Charmolue stand betäubt da, ebenso die Henker und die ganze Bedeckung. In der That war die Verurtheilte im Bereiche von Notre-Dame unverletzlich. Die Kathedrale war ein Zufluchtsort. Jede menschliche Gerichtsbarkeit hörte jenseit ihrer Schwelle auf.

Quasimodo war unter dem großen Portale stehen geblieben. Seine mächtigen Füße erschienen auf dem steinernen Boden der Kirche gerade so dauerhaft, wie die schweren romanischen Pfeiler. Sein dicker, haariger Kopf verschwand zwischen seinen Schultern wie derjenige der Löwen, die auch eine Mähne und keinen Hals haben. Er hielt das junge, über und über zitternde Mädchen schwebend zwischen seinen schwieligen Händen wie ein weißes Gewand; aber er trug sie mit so viel Vorsicht, daß es schien, als ob er sie zu zerbrechen oder ihr zu schaden fürchtete. Man hätte meinen sollen, daß er fühlte, sie wäre ein zartes, kostbares und köstliches Etwas, das für andere Hände, als die seinigen, geschaffen sei. Auf Augenblicke machte er den Eindruck, als ob er sie nicht zu berühren wage, selbst nicht mit dem Athem. Dann plötzlich drückte er sie mit Inbrunst in seine Arme, an seine eckige Brust, wie sein Gut, wie seinen Schatz, wie es die Mutter mit diesem Kinde gethan haben würde. Sein Gnomenauge, das sich auf sie senkte, überströmte sie mit Zärtlichkeit, mit Schmerz und mit Mitleid, und hob sich dann plötzlich voll funkelnden Glanzes. Da lachten und weinten die Frauen, die Menge rannte vor Begeisterung hin und her; denn in diesem Augenblicke besaß Quasimodo in Wahrheit auch seine eigenartige Schönheit. Er war wirklich schön: diese Waise, dieses Findelkind, dieser Ausgestoßene; er fühlte sich erhaben und stark, er sah dieser Gesellschaft, aus der er verbannt worden war, und in der er sich so mächtig ins Mittel schlug, ins Gesicht: dieser menschlichen Gerechtigkeit, der er ihre Beute entrissen hatte, allen diesen Tigern, die mit leeren Backen kauen mußten, diesen Bütteln, diesen Richtern, diesen Henkern, dieser ganzen königlichen Gewalt, die er, der Niedrigste, eben mit der Kraft Gottes gebrochen hatte, bot er Trotz.

Und überdies war es etwas Rührendes, daß dieser Beistand eines so mißgestalteten Wesens auf ein so unglückseliges gefallen, daß eine zum Tode Verurtheilte von einem Quasimodo gerettet worden war. Es waren die beiden höchsten Leiden der Natur und der Gesellschaft, die sich berührten und einander halfen.

Nach einigen Minuten des Triumphes war Quasimodo jedoch plötzlich mit seiner Bürde in der Kirche verschwunden. Das Volk, das in jede Heldenthat verliebt ist, suchte ihn mit den Augen in dem düstern Schiffe und bedauerte, daß er sich so schnell seinen Beifallsäußerungen entzogen hatte. Plötzlich sah man ihn an einem der äußersten Punkte der Galerie der Könige Frankreichs wieder auftauchen; er durchschritt sie, wie ein Unsinniger davonlaufend, und während er seine Eroberung in seinen Armen hochhielt, schrie er: »Asyl!« – Die Menge brach von neuem in Beifallsgeschrei aus. Nachdem er die Galerie durcheilt hatte, verschwand er wieder in das Innere der Kirche. Einen Augenblick darauf zeigte er sich von neuem auf der obern Plattform, immer mit der Zigeunerin in seinen Armen, immer wie ein Toller rennend und immer rufend: »Asyl!« Und die Menge klatschte Beifall. Endlich sah man seine Erscheinung zum dritten Male auf der Spitze des Glockenturmes; von da aus schien er stolzerfüllt der ganzen Stadt diejenige zu zeigen, welche er gerettet hatte, und seine donnernde Stimme, diese Stimme, die man so selten, und die er selbst niemals hörte, wiederholte dreimal mit einem bis in die Wolken dringenden Freudenjubel: »Asyl! Asyl! Asyl!«

»Juchhe! Juchhe!« schrie das Volk seinerseits, und dieses ungeheure Beifallgeschrei versetzte am andern Seineufer die Volksmenge auf dem Grèveplatze und die Büßerin, die das Auge auf den Galgen gerichtet immer noch wartete, in Erstaunen.

  1. Die Göttin der Gerechtigkeit bei den Alten. Anm. d. Uebers.
  2. Name kleiner rothseidener Fahnen der alten französischen Könige. Anm. d. Uebers.
  3. Lateinisch: Nicht werde ich die Schaaren des mich umringenden Volks fürchten: erhebe dich, Herr, rette mich, mein Gott!

    … Rette mich, Herr mein Gott, weil die Wogen meine Seele berührt haben.

    … Ich liege in der Tiefe des Abgrundes, und ist kein Halt unter meinen Füßen.

  4. Lateinisch: Wer mein Wort hört, und glaubt an den, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und geht nicht ins Gericht, sondern kommt vom Tode zum Leben. Anm. d. Uebers.
  5. Lateinisch: Aus der Tiefe der Hölle habe ich gerufen, und du hast meine Stimme erhöret.
    Und du hast mich in den Abgrund des Meeres geworfen, und der Strom hat mich umringt. Anm. d. Uebers.
  6. Lateinisch: Gehe nun hin, rathlose Seele, und Gott sei dir gnädig.
  7. Griechisch: Herr, erbarme dich.
  8. Lateinisch: Alle deine Gewässer und Ströme werden über mich hinfahren. Anm. d. Uebers.