Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

    An zwei Steintafeln, vor ihr hingebreitet,
Lehnt ihre Brust sie, härter selbst als Stein;
Da schlief der Richter, der den Lohn bereitet
Dem Unrecht und dem Recht mit Trost und Pein;
Da hing all unsrer Schulden Buch und Schein,
Drauf Gut, Bös, Leben, Tod war angeschrieben;
So rein ist nie ein sterblich Herz geblieben,
Dem Lesung dieses Buchs nicht Angstschweiß ausgetrieben.
Giles Fletcher.

»Wir haben etwas Unbesonnenes gethan, Schlange – ja, Judith, wir haben Etwas Unbesonnenes gethan, daß wir ohne einen andern Zweck, als Eitelkeit, tödteten,« rief Wildtödter, als der Delaware den gewaltigen Vogel an den Flügeln emporhielt, während dieser die sterbenden Augen auf seine Feinde geheftet hielt mit jenem Blick, welchen die Hülflosen immer auf ihre Verderber werfen. »Es ziemte mehr zwei Knaben, ihr Gelüste in dieser unbesonnenen Weise zu büßen, als zwei Männern auf dem Kriegspfad, wenn es auch ihr erster ist. Ach Gott! nun, zur Strafe will ich Euch sogleich verlassen, und wenn ich mich allein bei den blutgierigen Mingo’s sehe, ist es mehr als wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit finden werde, zu bedenken, daß das Leben süß ist, selbst den Thieren des Waldes und den Vögeln der Luft. Da, Judith, da ist Killdeer; nehmt ihn wieder zurück, und bewahrt ihn auf für eine Hand, die würdiger ist, ein solches Gewehr zu besitzen.«

»Ich weiß keine, die so würdig ist, als die Eurige, Wildtödter,« versetzte hastig das Mädchen; »keine als die Eurige soll die Büchse haben,«

»Wenn es auf die Geschicklichkeit ankäme, möchtet Ihr schon Recht haben, Mädchen, aber wir sollten wissen, wann Feuerwaffen gebrauchen und nicht blos wie. Ich habe das Erste noch nicht gelernt, wie es scheint, so behaltet die Büchse, bis ich es habe. Der Anblick eines sterbenden und gequälten Geschöpfes, wenn es auch nur ein Vogel ist, bringt einen Mann auf heilsame Gedanken, der nicht weiß, wie bald sein eignes Stündlein kommen mag, und der ziemlich sicher voraus sieht, daß es vor Sonnenuntergang kommen wird; ich wollte alle meine eiteln Empfindungen, und meinen Stolz auf Hand und Auge hingeben, wenn nur dieser arme Adler wieder auf seinem Horst bei seinen Jungen wäre, den Herrn preisend, wie wir Allem nach annehmen müssen, für seine Gesundheit und Stärke!«

Die Zuhörenden waren betroffen über diesen Ausbruch plötzlicher Reue bei dem Jäger, und dazu noch über eine so gewöhnliche, wenn schon unbesonnene und gewissermaßen muthwillige That, daß die Menschen sich selten dabei aufhalten, ihre Folgen zu erwägen, oder die physischen Leiden, welche sie dem hülflosen, verfolgten Geschöpf zuzieht. Der Delaware verstand, was Jener sagte, obwohl schwerlich die Gefühle, aus welchen jene Worte hervorgingen, und um die Bedenklichkeit zu beseitigen, zog er sein scharfes Messer und trennte den Kopf des armen Vogels vom Rumpfe.

»Was ist es doch um die Macht!« fuhr der Jäger fort, »und was ist es darum, sie zu haben, und nicht zu wissen, wie sie benützen! Es ist kein Wunder, Judith, daß die Mächtigen so oft ihren Pflichten untreu werden, wenn es selbst den Geringen und Niedrigen so hart ankommt, zu thun was Recht ist, und zu unterlassen, was Unrecht ist. Und dann, wie Eine üble Handlung andre nach sich zieht! Wäre jetzt nicht dieser mein Urlaub, der mich bald zu den Mingo’s zurückführt, so würde ich dieser Creatur Nest finden, wenn ich vierzehn Tage die Wälder durchstreifte – obgleich ein Adlernest bald gefunden ist von Solchen, welche des Vogels Natur verstehen – aber ich würde eher vierzehn Tage herumstreifen, als ablassen es zu suchen, nur um auch den Jungen ihr Leiden abzukürzen.«

»Es freut mich, das von Euch zu hören, Wildtödter,« bemerkte Hetty, »und Gott wird eher Eure Betrübniß über Eure That ansehen, als die Sünde selbst. Ich dachte, wie sündhaft es sey, harmlose Vögel zu tödten, gerade während Ihr schosset, und wollte es Euch sagen; aber ich weiß nicht, wie es kam – ich war so begierig, zu sehen, ob Ihr einen Adler in solcher Höhe treffen könntet, daß ich ganz vergaß zu sprechen, bis das Unheil geschehen war.«

»Das ist es; das ist es gerade, meine gute Hetty. Wir können Alle unsre Fehler und Verirrungen sehen, wenn es zu spät ist, sie ungeschehen zu machen! Indeß, ich bin froh, daß Ihr Nichts gesagt, denn ich glaube, in jenem Augenblick gerade hätten auch ein paar Worte mich nicht abgehalten; und so blieb die Sünde doch nur in ihrer einfachen Nacktheit, und nicht noch erschwert durch Nichtachtung von abmahnenden Warnungen. Nun, nun, bittere Gedanken sind immer eine schwere Last, aber zu gewissen Zeiten eine noch schwerere als sonst.«

Wenig ahnte Wildtödter, während er so Gefühlen sich hingab, die dem Manne so natürlich und so streng im Einklang mit seinen unverfälschten und richtigen Grundsätzen waren, daß nach dem Plane der unerforschlichen Vorsehung, welche so gleichmäßig und doch so geheimnißvoll alle Begebenheiten mit ihrem Mantel bedeckt, eben der Fehler, wegen dessen er sich zu streng zu tadeln geneigt war, das Mittel werden sollte, sein Schicksal auf Erden zu bestimmen. Die Art, wie, und den Augenblick, wo er die Wirkung dieses Vorfalls zu fühlen bekam, anzugeben, wäre hier zu frühe; man wird dieß im Laufe der folgenden Kapitel erfahren. Der junge Mann aber verließ jetzt langsam die Arche, wie Einer, der sich über seine Missethaten bekümmert, und setzte sich schweigend auf der Plattform nieder. Mittlerweile war die Sonne schon ziemlich hoch gestiegen, und ihre Erscheinung, zusammen genommen mit seinen dermaligen Empfindungen, bestimmte ihn, sich zum Weggehen anzuschicken. Der Delaware setzte das Canoe für seinen Freund in Bereitschaft, sobald er seine Absicht erfuhr, und Hist war geschäftig, die wenigen Vorkehrungen zu treffen, die man für seine Behaglichkeit nothwendig erachtete. Alles dieß geschah ohne Schaustellung von Gefühlen, aber in einer solchen Weise, daß Wildtödter die Beweggründe völlig erkannte und ebenso geneigt war, sie zu würdigen. Nachdem Alles fertig war, kehrten Beide zu Judith und Hetty zurück, deren Keine sich von der Stelle gerührt hatte, wo der junge Jäger saß.

»Die besten Freunde müssen sich oft trennen,« begann der Letztere, als er die ganze Gesellschaft um ihn her gruppirt sah. «Ja, Freundschaft kann Nichts ändern an den Wegen der Vorsehung; und mögen unsre Gefühle seyn welche sie wollen, wir müssen scheiden. Ich habe oft gedacht, es gebe Augenblicke, wo unsre Worte länger im Gemüthe haften als gewöhnlich, und wo man eines Rathes eingedenk bleibt, gerade weil der Mund, der ihn gibt, schwerlich ihn wieder geben wird. Niemand weiß, was in der Welt sich zutragen mag! und daher mag es gerathen seyn, wenn Freunde sich trennen in der wahrscheinlichen Aussicht, daß die Trennung lange währen kann – daß sie sich ein paar freundliche Worte sagen als eine Art von Angedenken. Wenn Alle bis auf Eines in die Arche treten wollen, will ich mit Jedem der Reihe nach sprechen, und was Mehr ist, auch anhören, was Ihr zur Erwiederung etwa zu sagen habt; denn das ist ein elender Rathgeber, der nicht ebenso auch nähme, wie gäbe.«

Da man die Absicht des Redenden verstand, entfernten sich sogleich nach seinem Wunsche die beiden Indianer, die beiden Schwestern aber blieben noch bei dem jungen Manne stehen. Ein Blick Wildtödters veranlaßte Judith, sich zu äußern.

»Ihr könnt Hetty Euern Rath ertheilen während Ihr landet,« sagte sie hastig; »ich habe den Plan, daß sie Euch an die Küste begleite.«

»Ist das klug, Judith? Es ist wahr, daß unter gewöhnlichen Umständen ein schwacher Geist ein großer Schirm und Schutz ist unter den Rothhäuten; aber wenn ihre Gefühle aufgeregt und sie auf Rache erpicht sind, ist schwer zu sagen, was geschehen mag. Zudem –«

»Was wollt Ihr sagen, Wildtödter?« fragte Judith, deren Weichheit in Benehmen und Stimme beinahe bis zur Rührung und Zärtlichkeit stieg, obgleich sie kräftig kämpfte, ihre Gemüthsbewegungen und Besorgnisse niederzuhalten.

»Nun, weiter Nichts, als daß es Anblicke und Thaten gibt, von welchen selbst eine so wenig mit Vernunft und Gedächtniß Begabte, wie Hetty hier, besser nicht Zeugin ist. So würdet Ihr wohl thun, Judith, mich allein landen zu lassen und Eure Schwester zurück zu behalten.«

»Seyd ohne Sorge um mich, Wildtödter,« fiel Hetty ein, welche genug von der Besprechung verstand, um ihre Abzweckung im Allgemeinen zu begreifen: »ich bin schwachsinnig, und das, sagen sie, ist ein Vorwand, überall hin zu gehen; und was dadurch nicht entschuldigt, das würde übersehen werden in Betracht der Bibel, die ich immer mit mir führe. Es ist wunderbar, Judith, wie alle Arten von Menschen, die Fallensteller wie die Jäger, Rothe wie Weiße, Mingo’s wie Delawaren, die Bibel fürchten und ihr Ehrfurcht beweisen.«

»Ich denke, Du hast nicht den mindesten Grund, eine Mißhandlung zu befürchten, Hetty,« versetzte die Schwester, »und daher werde ich darauf bestehen, daß Du mit unserm Freund ins Lager der Huronen gehst. Daß Du dorthin gehst, kann Dir selbst keinen Schaden bringen, und könnte für Wildtödter sehr nützlich seyn.«

»Dieß ist kein Augenblick zum Streiten, Judith; und so sollt Ihr in der Sache Euern Willen haben,« versetzte der junge Mann. »Macht Euch fertig, Hetty, und geht in das Canoe, denn ich habe Eurer Schwester ein paar Abschiedsworte zu sagen, die Euch Nichts helfen können.«

Judith und ihr Genosse blieben schweigend, bis Hetty gehorcht und sie allein gelassen hatte, worauf Wildtödter den Gegenstand aufnahm, als ob er durch ein gewöhnliches Begebniß wäre unterbrochen worden, und in sehr bündiger Weise.

»Worte, die man beim Abschied spricht, und die vielleicht die letzten sind, die man von einem Freunde hört, vergißt man nicht sobald,« wiederholte er, »und so, Judith, gedenke ich zu Euch zu sprechen wie ein Bruder, angesehen, daß ich nicht alt genug bin, Euer Vater zu seyn. Erstlich wünsche ich Euch zu warnen vor Euern Feinden, von welchen zwei, kann man sagen, sich an Eure Fersen heften und Euern Weg besetzt halten. Der erste ist: ungewöhnlich gutes Aussehen, was ein so gefährlicher Feind für manches junge Weib ist, als ein ganzer Schwarm Mingo’s, und große Wachsamkeit erheischt, nicht in Bezug auf Bewunderung und Preis, sondern auf Mißtrauen und Täuschung. Ja, gutes Aussehen kann durch Täuschung berückt und auch überlistet werden. Um dieß zu begreifen, dürft Ihr Euch nur erinnern, daß es schmilzt, wie der Schnee, und einmal dahin, kehrt es nie wieder. Die Jahrszeiten kommen und gehen, Judith, und wenn wir Winter haben, mit Sturm und Kälte, und Frühling, mit Frösten und entlaubten Bäumen, haben wir auch Sommer, mit seiner Sonne und prächtigem blauem Himmel, und Herbst mit seinen Früchten, und einem Gewand, über den Wald ausgebreitet, wie es keine Schönheit der Stadt in allen Läden Amerika’s zusammensuchen könnte. Die Erde ist in einem ewigen Kreislauf begriffen, und die Güte Gottes führt wieder das Angenehme zurück, wenn wir des Unangenehmen Genug gehabt haben. Aber nicht ebenso ist es mit dem guten Aussehen. Das ist nur für eine kurze Zeit in der Jugend verliehen, um benutzt und nicht mißbraucht zu werden: und da ich nie ein Mädchen sah, gegen das die Vorsehung so gütig gewesen wäre, wie gegen Euch, Judith, in diesem Punkte, warne ich Euch, gleichsam mit dem letzten Hauche meines Mundes, daß Ihr Euch hütet vor dem Feinde; Freund oder Feind, je nachdem wir mit der Gabe umgehen.«

Es war Judith so angenehm, diese unzweideutige Anerkennung ihrer persönlichen Reize zu vernehmen, daß sie dem Manne, aus dessen Munde sie kam, er hätte seyn mögen wer er wollte, Viel verziehen hätte. Aber in diesem Augenblick, und in Kraft eines weit edleren Gefühls von ihrer Seite, wäre es für Wildtödter sehr schwer gewesen, sie ernstlich zu beleidigen; und sie lieh ihm mit einer Geduld ihr Ohr, von welcher zu hören sie, wenn man ihr nur acht Tage zuvor dieß hätte vorhersagen wollen, mit Entrüstung sich würde gesträubt haben.

»Ich verstehe Eure Meinung, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit einer Milde und Demuth, welche den Andern ein Wenig überraschte, »und hoffe mir, was Ihr sagt, zu Nutze machen zu können. Aber Ihr habt nur Einen der Feinde genannt, die ich zu fürchten habe; Wer, oder Was, ist der andere.«

»Der andere entweicht vor Eurem guten Verstand und Urtheil, wie ich finde, Judith; ja, er ist nicht so gefährlich, wie ich dachte. Indeß, da ich einmal den Gegenstand berührt habe, ist es wohl das Beste, redlich Alles zu Ende zu sagen. Der erste Feind, gegen den Ihr wachsam seyn müßt, wie ich Euch schon gesagt, Judith, ist ein ungewöhnlich gutes Aussehen, und der zweite ist: ein ungewöhnliches Bewußtseyn dieses Umstands. Wenn das erste schlimm ist, so bessert das zweite die Sache in keiner Weise, was Wohlfahrt und Seelenfrieden betrifft.«

Wie lange der junge Mann in seiner einfachen und arglosen, aber wohlgemeinten Weise noch fortgefahren haben würde, ist schwer zu sagen, wäre er nicht dadurch unterbrochen worden, daß seine Zuhörerin in Thränen ausbrach, und sich einer Gefühlsaufwallung hingab, die nur um so gewaltsamer war, mit je größerer Anstrengung sie sie bisher unterdrückt hatte. Zuerst war ihr Schluchzen so heftig und unbändig, daß Wildtödter nicht wenig erschrack, und voll Reue ward von dem Augenblick an, wo er bemerkte, wie viel größer die Wirkung seiner Worte war, als er erwartet hatte. Selbst strenge und in ihren Anmuthungen weitgehende Menschen werden gewöhnlich begütigt und befriedigt durch die Zeichen der Zerknirschung, aber Wildtödters Gemüth bedurfte gar keiner so starken Beweise von Rührung, um zum lebhaften Mitgefühl der Betrübniß des Mädchens gestimmt zu werden. Er stand auf, als hätte ihn eine Natter gestochen, und die Töne der Mutter, die ihr Kind tröstet, sind kaum sanfter und begütigender als seine Stimme und seine Worte waren, wie er jetzt seine Reue darüber aussprach, so weit gegangen zu seyn.

»Es war gut gemeint, Judith,« sagte er, »aber es war nicht die Absicht, Euch so sehr wehe zu thun. Ich habe es mit meinem Rath übertrieben, wie ich sehe; ja, ich habe es übertrieben, und ich bitte Euch deßhalb dringend um Verzeihung. Freundschaft ist ein entsetzliches Ding! Manchmal schilt sie uns, daß wir nicht Genug gethan haben; und dann wieder macht sie uns Vorwürfe, daß wir zu Viel gethan. Wie dem sey, ich gestehe, daß ich zu weit gegangen bin, und da ich eine wirkliche und lebhafte Achtung für Euch habe, erkläre ich dieß mit Freuden, insofern es beweist, wie viel besser Ihr seyd, als Euch meine Eitelkeit und Einbildung dafür hielt.« Jetzt zog Judith die Hände von ihrem Angesicht zurück, ihre Thränen hatten aufgehört, und sie ließ eine so gewinnende Miene blicken mit dem Lächeln, das sie wahrhaft strahlend machte, daß der junge Mann sie einen Augenblick mit sprachlosem Entzücken anstarrte.

»Sagt Nichts weiter, Wildtödter,« entgegnete sie hastig, »es peinigt mich, wenn ich höre, wie Ihr Euch selbst tadelt. Ich erkenne meine Schwäche nur um so besser, nunmehr ich sehe, daß Ihr sie entdeckt habt; die Lehre, so bitter ich sie einen Augenblick empfunden habe, soll nicht vergessen werden. Wir wollen nicht länger von diesen Dingen sprechen, denn ich fühle mich nicht stark genug dazu, und ich möchte nicht, daß der Delaware, oder Hist, oder auch Hetty meine Schwäche bemerkten. Fahrt wohl, Wildtödter! möge Gott Euch segnen und schützen, wie Euer redliches Herz Segen und Schutz verdient, und wie ich es zuversichtlich hoffe!«

Judith hatte so weit wieder die Ueberlegenheit gewonnen, die eigentlich ihrer bessern Bildung, ihrem hochfliegenden Geiste und ihren ausnehmenden persönlichen Vorzügen zukam, daß sie die so zufällig erlangte Gewalt über den Andern behauptete, und wirklich jedes Zurückkommen auf einen Gesprächsgegenstand verhinderte, der eben so seltsam war unterbrochen, als seltsam eingeleitet worden. Der junge Mann ließ ihr ganz ihren Willen, und als sie seine harte Hand mit ihren beiden Händen drückte, widersetzte er sich nicht, sondern ergab sich in diese Huldigung so ruhig und mit einer Alles so in der Ordnung findenden Art, wie ein Fürst einen ähnlichen Tribut von einem Unterthan, oder die Geliebte von ihrem Anbeter würde hingenommen haben. Die Gefühlsaufwallung hatte das Angesicht des Mädchens geröthet und ihr ganzes Wesen erleuchtet, und ihre Schönheit war nie strahlender, als da sie dem Jüngling einen Abschiedsblick zuwarf. Dieser Blick war voll ängstlicher Besorgniß, Interesses, und zarten Mitleids. Im nächsten Augenblick flog sie in die Cajüte und ward nicht mehr gesehen; doch sprach sie von einem Fenster aus zu Hist, um ihr zu sagen, daß ihr Freund sie jetzt erwarte.

»Ihr kennt Rothhaut-Natur und Rothhaut-Bräuche hinlänglich, Wah-ta!-Wah, um die Lage zu verstehen, in der ich bin in Betreff dieses Urlaubs,« begann der Jäger in der Delawarensprache, sobald das geduldige und unterwürfige Mädchen aus diesem Volke still zu ihm herangetreten war; »Ihr werdet daher am besten begreifen, wie unwahrscheinlich es ist, daß ich je wieder mit Euch rede. Ich habe nur Wenig zu sagen; aber dieß Wenige gibt mir ein langer Aufenthalt unter Eurem Volke, und genaue Beobachtung und Erkundigung seiner Gebräuche ein. Das Leben eines Weibes ist hart und mühselig im besten Falle, aber ich muß gestehen, obgleich ich nicht zu Gunsten meiner Farbe eingenommen bin, daß es härter ist unter den rothen Männern, als unter den Bleichgesichtern. Das ist ein Punkt, dessen die Christen sich wohl rühmen dürfen, wenn Rühmen und Prahlen in irgend einer Form und Weise fürs Christenthum sich geziemt, was ich jedoch bezweifle. Wie dem sey, alle Weiber haben ihre Prüfungen. Rothe Weiber haben die ihrigen in der natürlichen Weise, wie ich es nennen möchte, während sie die weißen Weiber so zu sagen inokulirt bekommen. Tragt Eure Last wie sich’s geziemt, Hist, und bedenkt, wenn sie auch etwas beschwerlich seyn sollte, wie viel leichter sie doch ist als die der meisten Indianerinnen. Ich kenne Schlange wohl – was ich nennen darf: von Herzen, und er wird nie ein Tyrann seyn gegen Jemand, den er liebt, obwohl er erwarten wird, selbst als Mohikan’scher Häuptling behandelt zu werden. Es werden wolkige Tage über Eure Hütte kommen, denke ich mir, denn die treten ein bei allen Gebräuchen und unter allen Völkern; aber wenn man die Fenster des Herzens offen hält, wird immer Raum für den Sonnenschein bleiben, hineinzudringen. Ihr selbst seyd der Abkömmling eines großen Stammes, und so Chingachgook auch. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß je Eines diesen Umstand vergessen und Etwas, Eure Voreltern Entehrendes thun sollte. Aber dennoch, die Neigung ist eine zarte Pflanze, und gedeiht nie lange, wenn sie mit Thränen begossen wird. Laßt die Erde um Euer eheliches Glück herum von dem Thau der Freundlichkeit befeuchtet werden!«

»Mein bleicher Bruder ist sehr weise; Wah wird in ihrem Herzen Alles bewahren, was seine Weisheit ihr sagt.«

»Das ist einsichtig und weiblich gesprochen, Hist, Aufmerksamkeit beim Anhören eines guten Raths, und Kraft und Beharrlichkeit in der Befolgung, das ist der große Schutz eines Weibes. Und jetzt bittet Schlange, herzukommen und einen Augenblick mit mir zu sprechen, und nehmt mit Euch alle meine besten Wünsche und Gebete. Ich werde an Euch denken, Hist, und an Euern künftigen Gatten, geschehe was da wolle, und Euch Gutes gönnen hier und Jenseits, sey nun das letztere nach den Ideen der Indianer, oder nach der christlichen Lehre gestaltet.«

Hist vergoß keine Thränen beim Abschied. Sie ward aufrecht erhalten durch die hochsinnige Entschlossenheit eines über seine Handlungsweise entschiedenen Gemüthes; aber ihre dunkeln Augen leuchteten von den Gefühlen, die in ihrem Innern glühten, und ihr hübsches Gesicht strahlte in einem Ausdruck von Entschlossenheit, der in auffallendem und eigenthümlichem Contrast zu seiner gewöhnlichen Sanftheit stand. Es stand nur eine Minute an, bis der Delaware mit dem leichten, geräuschlosen Tritt eines Indianers zu seinem Freund herantrat.

»Kommt hieher, Schlange, hieher, mehr den Weibern aus dem Gesicht,« begann Wildtödter, »denn ich habe Euch Einiges zu sagen, was nicht einmal geargwohnt, viel weniger gehört werden darf. Ihr versteht die Natur der Urlaube und der Mingo’s zu gut, um darüber im Zweifel und in der Ungewißheit zu seyn, was geschehen wird, wenn ich in das Lager zurückkehre. Ueber die zwei Punkte daher werden wenige Worte weit ausreichen. Erstlich, Häuptling, wünsche ich Euch Etwas zu sagen über Hist, und über die Weise, wie Ihr rothen Männer Eure Weiber behandelt. Ich denke, es ist den Gaben Eures Volkes gemäß, daß die Weiber arbeiten und die Männer jagen; aber es gibt in allen Dingen ein Maß und Ziel. Was das Jagen betrifft, so sehe ich keinen Grund, warum dem sollten Grenzen gesteckt werden, aber Hist kommt von einem zu guten Stamme, als daß sie sich wie ein gemeines Weib placken sollte. Einem von Euern Mitteln und Euerm Stand kann es nie an Korn, oder Kartoffeln, oder irgend Etwas fehlen, was das Feld trägt; daher hoffe ich, wird nie Euer Weib die Hacke in die Hand nehmen müssen. Ihr wißt, ich bin nicht ganz ein Bettler, und Alles was ich habe, an Munition, Häuten, Waffen oder Caliko’s schenke ich an Hist, sollte ich nicht zu Ende des Sommers zurückkommen, um es anzusprechen. Das wird dem Mädchen auf lange Zeit zu Statten kommen und die Arbeit für sie abkaufen. Ich denke, ich brauche Euch nicht zu empfehlen, das Mädchen zu lieben, denn das thut Ihr schon, und Wen der Mann wahrhaft liebt, den wird er wohl auch gut halten und pflegen. Dennoch kann es Nichts schaden, wenn ich Euch erinnere, daß freundliche Worte nie im Herzen wurmen, wohl aber bittere. Ich weiß, Ihr seyd ein Mann, Schlange, der weniger dazu gemacht ist, in seiner Hütte zu schwatzen, als am Rathsfeuer zu sprechen; aber achtlose Augenblicke können uns Alle überraschen, und die Uebung in freundlicher Behandlung und freundlichen Worten ist ein wunderbar gutes Mittel, Frieden in einem Hause, wie auf einer Jagd zu erhalten.«

»Meine Ohren sind offen,« erwiederte der Delaware ernst; »die Worte meines Bruders sind so tief eingedrungen, daß sie nie mehr herausfallen können. Sie sind wie Ringe, die kein Ende haben, und nicht herausweichen können. Er spreche weiter; der Gesang des Zaunkönigs und die Stimme eines Freundes werden Einem nie zu Viel.«

»Ich will etwas länger sprechen, Häuptling, aber Ihr werdet es entschuldigen in Betracht alter Kameradschaft, falls ich jetzt von mir selbst rede. Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird von mir schwerlich Viel mehr übrig bleiben, als Asche; somit wäre ein Grab überflüssig und eine Art Eitelkeit. Auf diesen Punkt bin ich nicht sonderlich versessen, obgleich es nicht übel wäre, die Ueberbleibsel von dem Holzstoß anzusehen, und sollten sich noch Knochen oder sonst Stücke finden, so wäre es anständiger, sie zu sammeln und zu begraben, als sie liegen zu lassen, daß die Wölfe daran nagten und darüber heulten. Diese Sachen machen am Ende keinen großen Unterschied, aber Männer von weißem Blut und christlichem Gefühl haben doch eher eine Gabe für Gräber.«

»Es soll geschehen, wie mein Bruder sagt,« versetzte der Indianer ernst. »Wenn sein Gemüth voll ist, leere er es aus in die Brust eines Freundes.«

»Dank Euch, Schlange; mein Gemüth ist leicht genug, ja, es ist ziemlich leicht. Ideen drängen sich Wohl auf, an die ich freilich gewöhnlich nicht denke, es ist wahr; aber wenn ich gegen die einen ankämpfe, und den andern Luft mache, wird am Ende Alles in Ordnung kommen. Ein Ding jedoch ist, Häuptling, das mir unvernünftig scheint, und gegen die Natur, obgleich die Missionäre es als wahr gelten lassen; und bei meiner Religion und Farbe fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu glauben. Sie sagen, ein Indianer möge den Leib martern und peinigen nach Herzensgelüsten, und skalpiren und schneiden, und reißen und brennen, und alle seine Erfindungsgabe und Teufelei aufbieten, bis Nichts übrig bleibt als die Asche, und diese nach den vier Winden des Himmels verstreuen: dennoch, wenn die Posaune Gottes erschalle, werde sich Alles wieder zusammenfinden, und der Mensch werde wieder in seinem Fleisch dastehen, dieselbe Creatur im Aussehen, wenn auch nicht im Gefühl, wie zuvor, eh‘ er mißhandelt worden!«

»Die Missionäre sind gute Männer; sie meinen es gut,« versetzte der Delaware höflich; »sie sind keine großen Aerzte. Sie glauben Alles, was sie sagen, Wildtödter; das ist kein Grund, daß Krieger und Redner ganz Ohr seyn sollten. Wenn Chingachgook den Vater Tamenunds in seinem Skalp und Bemalung und Kriegslocke stehen sehen wird, dann wird er den Missionären glauben.«

»Sehen ist Glauben, gewiß. Ach ja! und Einer von uns sieht vielleicht dieß Alles eher als wir gedacht hätten. Ich verstehe Eure Meinung in Betreff von Tamenunds Vater, und die Idee ist eine bündige Idee. Tamenund ist jetzt ein alter Mann, wir wollen sagen achtzig, wohlgezählt; und sein Vater ward skalpirt und gemartert, als der jetzige Prophet ein junger Bursch war. Ja, wenn man das geschehen sähe, dann wäre es nicht mehr schwer, Allem Glauben zu schenken, was die Missionäre sagen. Indeß ich bin jetzt nicht gegen ihre Ansicht; denn Ihr müßt wissen, Schlange, daß der große Grundsatz des Christenthums ist: zu glauben ohne zu sehen; und ein Mann sollte immer nach seiner Religion und seinen Grundsätzen handeln, seyen sie welche sie wollen.«

»Das ist sonderbar für eine weise Nation.« sagte der Delaware mit Nachdruck. »Der rothe Mann schaut scharf hin, um zu sehen und zu verstehen.«

»Ja, das ist plausibel und dem menschlichen Stolz angenehm, aber es ist nicht so tief als es scheint. Wenn wir Alles verständen, was wir sehen, Schlange, so wäre es nicht nur klug, sondern auch sicher, jedem Ding unsern Glauben zu versagen, das wir unbegreiflich finden; aber wo es so viele Dinge gibt, von denen wir gar Nichts zu verstehen bekennen müssen, so nützt es Wenig und hat keinen vernünftigen Grund, bedenklich zu seyn gerade in Einem Punkt. Was mich betrifft, Delaware, meine Gedanken sind nicht alle bei der Jagd gewesen, wenn wir in unsrer Jugend auf Jagd und Kundschaft auszogen. Manche Stunde habe ich ganz angenehm zugebracht mit dem, was man bei meinem Volke Beschaulichkeit nennt. Bei solchen Gelegenheiten ist der Geist thätig, obschon der Körper träg und gleichgültig scheint. Ein offner Platz auf einem Berg, wo man Erde und Himmel weithin übersieht, ist ein höchst gutgewählter Ort für einen Mann, um eine richtige Idee von der Macht Manitou’s und von seiner eignen Kleinheit zu bekommen. Zu solchen Zeiten hat man keine große Neigung, sich an kleinen Schwierigkeiten im Begreifen zu stoßen, da so große da sind, sie zu verbergen. Zu solchen Zeiten kommt mich das Glauben leicht genug an; und wenn der Herr zuerst den Menschen aus Erde machte, wie sie mir sagen, daß in der Bibel geschrieben stehe, und dann im Tod ihn in Staub verwandelt, sehe ich keine große Schwierigkeit darin, daß er ihm wieder zu seinem Leibe verhilft, obgleich davon Nichts als Asche übrig geblieben. Diese Dinge liegen über unser Verständniß hinaus, wie nahe sie unsern Gefühlen liegen mögen, und wirklich liegen. Aber von allen Lehren, Schlange, ist, die mich am meisten stört und mein Gemüth in Unruhe versetzt, diejenige, welche uns glauben heißt: ein Bleichgesicht komme in einen Himmel, und eine Rothhaut in einen andern; sie möchte im Tod diejenigen trennen, die viel zusammen lebten, und einander im Leben herzlich liebten.«

»Lehren die Missionäre ihre weißen Brüder dieß glauben?« fragte der Indianer mit gemessenem Ernst. »Die Delawaren glauben, daß gute Männer und tapfere Krieger mit einander jagen werden in denselben luftigen Wäldern, welchem Stamme sie auch angehören mögen; daß alle ungerechten Indianer und Feigen mit den Hunden und Wölfen herumkriechen müssen, um Wildpret für ihre Hütten zu bekommen.«

»Es ist wunderbar, wie mancherlei Einbildungen die Menschen haben, Glück und Elend betreffend in einem andern Leben!« rief der Jäger aus, hingerissen von der Macht seiner eignen Gedanken. »Einige glauben an Feuer und Flammen, und Andere halten es für Strafe, mit den Wölfen und Hunden zu essen. Dann wieder bilden sich Einige ein, der Himmel sey nur die Befriedigung ihrer irdischen Wünsche, während Andere ihn sich ganz voll Gold und glänzender Lichter denken! Nun, ich habe meine eigne Idee in dieser Sache, Schlange, und zwar diese. So oft ich Unrecht gethan, habe ich in der Regel gefunden, daß es von einer Blindheit des Geistes herrührte, welche mich hinderte, das Rechte zu sehen und wenn das Gesicht wieder gekehrt war, dann kam Kummer und Reue. Nun bilde ich mir ein, daß nach dem Tod, wenn der Körper abgelegt, oder, wenn überhaupt noch gebraucht, gereinigt und von seinen Bedürfnissen und Wünschen befreit ist, der Geist alle Dinge in ihrem wahren Licht sieht, und nie gegen Wahrheit und Gerechtigkeit blind wird. Wenn dieß der Fall, schaut man Alles, was man im Leben gethan, so klar, wie die Sonne am Mittag; das Gute bringt Freude, und das Böse Kummer. Daran ist nichts Unvernünftiges, sondern es ist der Erfahrung jedes Menschen gemäß.«

»Ich glaubte, die Bleichgesichter hielten alle Menschen für Sünder, Wer soll dann je den Himmel der Weißen finden?«

»Das ist sinnreich, aber es trifft nicht mit den Lehren der Missionäre zusammen. Ihr werdet eines Tags, ich zweifle nicht, ein Christ werden, und dann wird Euch Alles klar einleuchten. Ihr müßt wissen, Schlange, daß eine große That der Rettung und Erlösung vollbracht worden ist, die mit Gottes Hülfe alle Menschen in Stand setzt, Vergebung zu finden für ihre Sündhaftigkeit, und das ist das Wesentliche der Religion der Weißen. Ich kann mich nicht aufhalten, weitläuftiger hierüber mit Euch zu sprechen, denn Hist wartet im Canoe, und der Urlaub ruft mich weg; aber die Zeit wird, hoffe ich, kommen, wo Ihr das fühlen werdet; denn gefühlt muß es am Ende doch werden, mehr als mit dem Verstande ergründet. Ach weh! nun, Delaware, da ist meine Hand. Ihr wißt, es ist die eines Freundes, und werdet sie als solche schütteln, obgleich sie Euch nicht halb so viel Gutes erwiesen, als ich gewünscht hätte!«

Der Indianer ergriff die dargebotene Hand, und erwiederte den Druck mit Wärme. Dann wieder seinen erworbenen Stoicismus annehmend, den man so häufig für angeborne Gleichgültigkeit hielt, stand er mit Fassung und Zurückhaltung auf, und schickte sich an, von seinem Freunde mit aller Würde sich zu trennen. Wildtödter jedoch war natürlicher; und er hätte sich wohl gar Nichts daraus gemacht, seinen Gefühlen ganz freien Lauf zu lassen, hätte ihn nicht das Benehmen und die Sprache Judiths vor einer kleinen Weile mit geheimer, obwohl unbestimmter Besorgniß vor einer Scene erfüllt. Er war zu bescheiden, um die Wahrheit hinsichtlich der wahren Gefühle dieses schönen Mädchens zu ahnen, während er zu gut beobachtete, als daß er nicht ihren innern Kampf hätte bemerken sollen, der sie so oft einer Entdeckung ihres Geheimnisses so nahe gebracht hatte. Daß etwas Außerordentliches in ihrer Brust sich verberge, war ihm augenfällig genug; und vermöge eines männlichen Zartgefühls, das der feinsten und höchsten Bildung Ehre gemacht haben würde, scheute er zurück vor einer Offenbarung dieses Geheimnisses, welche später das Mädchen selbst hätte reuen können. Daher beschloß er jetzt aufzubrechen, und das ohne weitere Kundgebung von Gefühlen von seiner Seite oder von Andern.

»Gott segne Euch! Schlange – Gott segne Euch!« rief der Jäger, als das Canoe von der Plattform abstieß, »Euer Manitou und mein Gott allein weiß, wann und wo wir uns wieder sehen; ich werde es für einen großen Segen und für eine reichliche Belohnung des wenigen Guten ansehen, das ich etwa auf Erden gethan, wenn es uns vergönnt seyn wird, im andern Leben einander zu erkennen und mit einander zu verkehren, wie wir in diesen lustigen Wäldern vor uns so lange gethan haben!«

Chingachgook winkte mit der Hand – das leichte Tuch, das er trug, über den Kopf ziehend, wie ein Römer seinen Schmerz in seinen Gewändern verbarg, entfernte er sich langsam in die Arche, um allein seinem Kummer und seinen Gedanken nachzuhängen. Wildtödter sprach nicht eher wieder, als bis das Canoe halbwegs am Lande war. Dann hörte er plötzlich auf zu rudern, hiezu veranlaßt durch Hetty, welche das Schweigen mit ihrer sanften, musikalischen Stimme unterbrach.

»Warum geht Ihr zu den Huronen zurück, Wildtödter?« fragte das Mädchen. »Sie sagen, ich sei schwachsinnig, und Solchen thun sie nie ein Leid; aber Ihr habt so viel Verstand als Hurry Harry, und noch mehr, meint Judith, obgleich ich nicht einsehe, wie das möglich ist.«

»Ach, Hetty, ehe wir landen, muß ich mich noch ein Wenig mit Euch besprechen, Kind; und das über Sachen, welche vornemlich Eure Wohlfahrt betreffen. Stellt Euer Rudern ein, oder vielmehr, damit nicht die Mingo’s meinen, wir machen Anschläge und Complotte, und uns darnach behandeln, taucht nur so ganz leicht Eure Schaufel ein, und gebt dem Canoe nur ganz wenig Bewegung und nicht mehr. Das ist gerade die Idee und die Bewegung. Ich sehe, Ihr seyd anstellig genug auf den Augenschein, und wäret wohl zu brauchen bei einer List und Täuschung, wenn das jetzt recht wäre, eine zu versuchen – das ist gerade die Idee und die Bewegung! Ach weh! Trug und eine falsche Zunge sind böse Sachen, und geziemen sich gar nicht für unsere Farbe, Hetty; aber es ist eine Lust und eine Genugthuung, die schlauen Ränke einer Rothhaut zu vereiteln in dem Kampf eines rechtmäßigen Kriegers. Meine Bahn ist kurz gewesen und wird wohl bald ein Ende haben; aber ich kann sehen, daß die Wanderungen eines Kriegers doch nicht ganz zwischen Gestrüppe und Schwierigkeiten hin gehen. Der Kriegspfad hat auch eine glänzende Seite, so gut wie die meisten andern Dinge, wenn wir nur die Weisheit haben, sie zu sehen, und die Großmuth, es zu gestehen.«

»Und warum sollte Euer Kriegspfad, wie Ihr es nennt, seinem Ende so nahe seyn, Wildtödter?«

»Weil, mein gutes Mädchen, mein Urlaub seinem Ende so nahe ist. Vermuthlich werden beide so ziemlich miteinander zu Ende gehen, was die Zeit betrifft – eines folgt dem andern ganz natürlich auf der Ferse.«

»Ich verstehe Eure Meinung nicht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, etwas verwirrt darein schauend. »Mutter sagte immer, die Leute sollten mit mir deutlicher sprechen, als mit den meisten Andern, weil ich schwachsinnig sey. Die Schwachsinnigen fassen nicht so leicht, wie die, die Verstand haben.«

»Nun denn, Hetty, die einfache Wahrheit ist diese. Ihr wißt, daß ich dermalen ein Gefangner von den Huronen bin, und Gefangene nicht in Allem nach ihrem Belieben thun können –«

»Aber wie könnt Ihr ein Gefangner seyn,« unterbrach ihn lebhaft das Mädchen, »da Ihr doch hier auf dem See seyd, in Vaters Rinden-Canoe, und die Indianer in den Wäldern, und gar kein Canoe haben? Das kann nicht wahr seyn, Wildtödter!«

»Ich wünschte von ganzem Herzen und ganzer Seele, Hetty, daß Ihr Recht hättet, und ich Unrecht, statt daß Ihr jetzt Unrecht habt, und ich der Wahrheit nur zu nahe bin. So frei ich Euren Augen scheine, Mädchen, bin ich doch in Wirklichkeit an Händen und Füßen gebunden.«

»Ha, es ist wirklich ein großes Unglück, keinen Verstand zu haben! Ich kann nun einmal nicht sehen noch verstehen, daß Ihr irgend wie ein Gefangner oder gebunden seyd. Wenn Ihr gebunden seyd, womit sind denn Eure Hände und Füße gefesselt?«

»Mit einem Urlaub, Mädchen; das ist ein Band, das fester bindet als irgend eine Kette, diese kann man brechen, aber jenen nicht. Bei Seilen und Ketten kann man sich mit Messern und Listen und Schlauheit helfen; aber ein Urlaub kann weder durchschnitten, noch durchfeilt, noch abgestreift werden.«

»Was für eine Art Ding ist denn ein Urlaub, wenn er stärker ist als Hanf oder Eisen? Ich habe noch nie einen Urlaub gesehen.«

»Ich hoffe, Ihr bekommt nie einen zu fühlen, Mädchen; das Bindende bei diesen Sachen liegt ganz in den Gefühlen, und muß daher gefühlt, nicht gesehen werden. Ihr versteht doch wohl, glaube ich, was es heißt, ein Versprechen zu geben, gute kleine Hetty?«

»Gewiß. Ein Versprechen heißt: Ihr wollet etwas thun, und das bindet Euch so gut als Euer Wort. Mutter hielt immer ihre Versprechen gegen mich und dann sagte sie, es wäre eine Sünde, wenn ich nicht meine Versprechen gegen sie und gegen Jedermann sonst hielte.«

»Ihr habt eine gute Mutter gehabt, in manchen Beziehungen, Kind, was sie auch in andern gewesen seyn mag. Ja, das ist ein Versprechen, und wie Ihr sagt, muß es gehalten werden. Nun bin ich vorige Nacht in die Hände der Mingo’s gefallen, und sie ließen mich los, um meine Freunde zu sehen, und Botschaften zu schicken zu den Leuten meiner Farbe, falls von ihnen an meinem Schicksal Theil nehmen, unter der Bedingung, daß ich zurück sey, wenn die Sonne heute mitten am Himmel steht, und erdulde, was ihr Haß und Rachsucht von Qualen ersinnen kann, zur Sühne für das Leben des Kriegers, der von meiner Büchse fiel, wie auch für das des jungen Weibes, das Hurry erschossen hat, und für andere Widerwärtigkeiten, die ihnen auf dem See und um ihn herum zugestoßen sind. Was man ein Versprechen nennt zwischen Mutter und Tochter, oder auch zwischen Fremden in den Ansiedlungen, wird ein Urlaub genannt, wenn ein Soldat gegen einen andern auf dem Kriegspfad sich dadurch bindet. Und jetzt, denke ich, begreift Ihr meine Lage, Hetty!«

Das Mädchen gab einige Zeit keine Antwort, aber sie hörte ganz auf zu rudern, als ob die neue Idee ihren Geist zu sehr angriffe, um ihr noch eine andere Beschäftigung zu gestatten. Dann setzte sie das Zwiegespräch ernstlich und mit Bekümmerniß fort.

»Meint Ihr, die Huronen werden das Herz haben, zu thun was Ihr sagt, Wildtödter?« fragte sie. »Ich habe sie freundlich und unschädlich gefunden.«

»Das ist schon wahr, was ein Wesen wie Euch anbelangt, Hetty; aber eine ganz andere Sache ist es, wenn es einem offenen Feind gilt, der noch dazu der Besitzer einer ziemlich sichern Büchse ist. Ich sage nicht, daß sie einen besondern Haß gegen mich tragen wegen gewisser Thaten, die ich schon verrichtet, denn das wäre gleichsam am Rande des Grabes geprahlt, aber es ist keine Eitelkeit, wenn ich glaube, daß sie wissen, wie einer ihrer tapfersten und schlausten Häuptlinge durch meine Hand fiel. Da dieß der Fall ist, würde sich der Stamm Vorwürfe machen, wenn er ermangelte, den Geist eines Bleichgesichts dem Geist ihres rothen Bruders zur Gesellschaft nachzuschicken; vorausgesetzt natürlich, daß er ihn einholen kann. Ich erwarte keine Gnade und Barmherzigkeit von ihnen, Hetty; und mein vornehmster Kummer ist, daß ein solches Unglück mir auf meinem ersten Kriegspfade zustoßen mußte; daß es früher oder später einmal komme, das erwartet jeder Soldat und ist darauf gefaßt.«

»Die Huronen sollen Euch kein Leid thun, Wildtödter!« rief das Mädchen in großer Aufregung. »Es ist sündhaft ebensowohl als grausam; ich habe hier die Bibel, ihnen das zu sagen. Meint Ihr ich würde dazu hinstehen und Euch martern sehen?« »Ich hoffe nicht, meine gute Hetty, ich hoffe nicht; und daher erwarte ich, Ihr werdet, wenn der Augenblick kommt. Euch entfernen; und nicht Zeugin seyn eines Schauspiels, wo Ihr doch nicht helfen könnt, und das Euch betrüben würde. Aber ich habe nicht darum das Rudern eingestellt, um von meinen Bekümmernissen und Nöthen zu schwatzen, sondern um ein wenig offen mit Euch von Euren Angelegenheiten zu reden, Mädchen.«

»Was könnt Ihr mir zu sagen haben, Wildtödter! Seit Mutter starb, reden Wenige mit mir von solchen Dingen!«

»Um so schlimmer, armes Mädchen: ja, es ist um so schlimmer, denn mit Einer von Eurem Gemüthszustand sollte man häufig sprechen, damit sie den Schlingen und Tücken dieser sündhaften Welt entgehe. Ihr habt den Hurry Harry nicht so bald vergessen, Mädchen, denke ich mir!«

»Ich! – Ich Henry March vergessen!« rief Hetty auffahrend. »Wie sollte ich ihn vergessen, Wildtödter, da er unser Freund ist; und uns erst vorige Nacht verließ. Der große, glänzende Stern, welchen Mutter so gern betrachtete, war gerade über dem Wipfel der großen Fichte dort, auf dem Berg, als Hurry in das Canoe stieg; und als Ihr ihn auf dem Vorsprung bei der östlichen Bucht ans Land setztet, stand er nicht um mehr als die Länge von Judith’s schönstem Band darüber.«

»Und wie könnt Ihr wissen, wie lang ich fort war, oder wie weit ich fuhr, um Hurry zu landen, da Ihr nicht bei uns waret, und die Entfernung so groß ist, der Nacht zu geschweigen?«

»Oh! ich wußte es doch ganz genau,« versetzte Hetty mit Bestimmtheit, »Es gibt mehr als Eine Weise, Zeit und Entfernung zu messen. Wenn das Gemüth recht bei einer Sache betheiligt ist, so ist es besser als jede Uhr. Meines ist schwach, aber es geht sicher genug in Allem, was den armen Hurry Harry betrifft. Judith wird nimmermehr den March heirathen, Wildtödter.«

»Das ist der Punkt, Hetty, das ist eben der Punkt auf den ich kommen möchte. Ihr wißt, denke ich, daß es bei jungen Leuten natürlich ist, daß sie wohlwollende Gefühle für einander haben, zumal wenn das Eine ein Jüngling, das Andere ein Mädchen ist. Nun muß Eine von Euren Jahren und Eurem Gemüth, Mädchen, die weder Vater noch Mutter hat, und in einer Wildniß lebt, wohin nur Jäger und Fallensteller kommen, auf ihrer Hut seyn gegen Uebel, von denen sie kaum träumt!«

»Was kann Arges daran seyn, gut zu denken von einem Mitgeschöpf,« versetzte Hetty einfach, obgleich das verrätherische Blut ihr in die Wangen stieg, trotz einer Reinheit des Geistes, bei der sie kaum wußte, woher dieß Erröthen kam; »die Bibel gebietet uns, die zu lieben, die uns verächtlich behandeln, und warum nicht diejenigen, die das nicht thun?«

»Ach, Hetty! Die Liebe der Missionäre ist nicht die Art von Wohlgefallen, die ich meine. Antwortet mir auf Eines, Kind: glaubt Ihr Geist und Verstand genug zu haben, Weib und Mutter zu werden?«

»Das ist keine Frage, die einem Mädchen vorzulegen geziemt, Wildtödter, und ich werde sie nicht beantworten,« versetzte das Mädchen im Ton des Vorwurfs – etwa wie ein Vater oder eine Mutter ein Kind tadelt wegen einer Unbescheidenheit. »Wenn Ihr Etwas über Hurry zu sagen habt, so will ich das hören; aber Ihr müßt nicht schlimm von ihm sprechen; er ist abwesend, und es ist nicht schön, schlimm von Abwesenden zu sprechen.«

»Eure Mutter hat Euch so viel gute Lehren gegeben, Hetty, daß meine Besorgnisse Eurethalben nicht mehr so groß sind wie früher. Dennoch muß ein Mädchen ohne Eltern, in Eurem Gemüthszustand, und nicht ohne Schönheit, immer in Gefahr seyn in einer so gesetzlosen Gegend wie diese. Ich möchte Nichts zum Nachtheil Hurry’s sagen, der in der Hauptsache kein übler Mann ist für Einen von seinem Beruf, aber Ihr solltet Eines wissen, was zu hören Euch vielleicht gar nicht angenehm ist, aber Euch doch gesagt werden muß. March hat eine desperate Neigung für Eure Schwester Judith.«

»Nun, und was weiter? Jedermann bewundert Judith, sie ist so schön, und Hurry hat mir oft und viel gesagt, wie sehr er wünsche sie zu heirathen. Aber das wird nie geschehen, denn Judith mag den Hurry nicht. Sie hat einen Andern gern, und spricht von dem im Schlafe; aber Ihr dürft mich nicht fragen, Wer es ist, denn alles Gold in König Georg’s Krone und alle Juwelen dazu, würden mich nicht versuchen, Euch seinen Namen zu sagen. Wenn Schwestern nicht Geheimnisse von einander bewahren können, Wer soll es dann?« »Gewiß; ich wünsche gar nicht, daß Ihr mir es sagt, Hetty, auch würde es einen Sterbenden Nichts nützen, es zu wissen. Was die Zunge spricht, wenn der Geist schläft, dafür ist weder Kopf noch Herz verantwortlich.«

»Ich wollte ich wüßte, warum Judith im Schlafe so viel von Officieren und redlichen Herzen und falschen Zungen redet; aber ich denke, sie sagt es mir nicht gern, weil ich schwachsinnig bin. Ist es nicht sonderbar, Wildtödter, daß Judith den Hurry nicht mag – der doch der tüchtigstaussehende Junge ist, der je an den See kommt, und so schön wie sie selbst. Vater sagte immer, sie würden das hübscheste Paar in der Gegend seyn, obgleich Mutter an March so wenig Gefallen hatte als Judith. Man kann nicht wissen, was kommen wird, sagt man, bis die Dinge wirklich geschehen.«

»Ach, weh! Nun, arme Hetty, es hilft nicht Viel, zu Solchen zu sprechen, die Einen nicht verstehen können, und so will ich Nichts weiter von dem sagen, wovon ich mit Euch reden wollte, obwohl es mir schwer auf der Seele liegt. Rührt die Ruder wieder, Mädchen, und wir wollen dem Lande zu steuern, denn die Sonne steht schon hoch und mein Urlaub ist beinahe zu Ende.«

Das Canoe glitt jetzt dahin, und steuerte dem Punkte zu, wo Wildtödter genau wußte, daß seine Feinde ihn erwarteten, und wo er schon zu fürchten anfing nicht mehr zur rechten Zeit einzutreffen, um das Pfand seines Wortes zu lösen. Hetty jedoch, die seine Ungeduld bemerkte, ohne ihren Grund sehr klar zu begreifen, unterstützte ihn so kräftig in seiner Anstrengung, daß ihre rechtzeitige Ankunft bald nicht mehr zweifelhaft war. Dann, und erst dann, ließ der junge Mann in seiner Arbeit am Ruder etwas nach, und Hetty fing wieder an in ihrer einfachen, zutraulichen Weise zu plaudern, obwohl Nichts weiter zur Sprache kam, was zu berichten sich der Mühe verlohnte.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Geschäftig warst du heute, Tod! doch halb
Ist erst dein Werk vollbracht! der Hölle Thore
Sind vollgedrängt, doch Geister rücken an
Zweimal zehntausend noch, die, keiner Scheidung
Von ihren warmen und gesunden Zellen
Gewärtig, ehe noch die Sonne sinkt,
Die Welt des Weh’s betreten müssen!
Southey.

Ein mit den Zeichen des Himmels Bekannter würde gesehen haben, daß die Sonne nur noch zwei oder drei Minuten vom Zenith entfernt war, als Wildtödter auf dem Landvorsprung, wo die Huronen jetzt lagerten, beinahe gegenüber von dem Castell, landete. Dieser Platz war dem schon beschriebenen ähnlich, mit der Ausnahme, daß der Boden weniger unterbrochen und weniger mit Bäumen besetzt war. Vermöge dieser beiden Umstände eignete er sich um so besser für den Zweck, wozu er gewählt worden war, und der Raum unter den Zweigen hatte einige Aehnlichkeit mit einem von dichtem Wald umgebenen Grasplatz. Begünstigt durch seine Lage und seine Quelle ward er häufig von Wilden und Jägern besucht und erkoren, und das natürliche Gras, das auf ihren Feuerplätzen nachgewachsen war, gab manchen Stellen das Ansehen von Rasen, eine sehr ungewöhnliche Zierde des jungfräulichen Urwaldes. Auch war der Rand des Wassers nicht mit Büschen eingefaßt, wie auf einem großen Theil der Küste, sondern das Auge drang unmittelbar, so wie man den Strand erreichte, in die Wälder hinein, und beherrschte beinahe die ganze Fläche des Vorsprungs.

War es ein Ehrenpunkt für den indianischen Krieger, sein Wort zu lösen, wenn er sich verpflichtet hatte, zurückzukehren und seinem Tode entgegenzugehen zu einer gegebenen Stunde, so war es auch ein Ehrenpunkt charakteristischen Stolzes, keine weibische Ungeduld zu zeigen, sondern so genau als möglich auf den festgesetzten Augenblick wieder einzutreffen. Es war gut, die von der Großmuth des Feindes bewilligte Gnadenfrist nicht zu überschreiten, aber es war noch besser, sie auf die Minute einzuhalten. Etwas von dieser dramatischen Effektsucht mischt sich in die meisten der ernsteren Gebräuche der amerikanischen Ureinwohner, und ohne Zweifel kann es, wie die Herrschaft eines ähnlichen Gefühls unter mehr verfeinerten und künstlich gebildeten Menschen auf ein natürliches Prinzip zurückgeführt werden. Wir lieben alle das Wunderbare, und wenn es auftritt, begleitet von ritterlicher Selbstaufopferung und strenger Beachtung der Ehre, so stellt es sich unsrer Bewunderung in doppelt anziehender Gestalt dar. Wildtödter nun, obgleich er seinen Stolz darein setzte, sein weißes Blut dadurch zu zeigen, daß er oft von den Sitten der rothen Männer abwich, verfiel doch auch häufig, sich selbst unbewußt, in ihre Gebräuche, und noch öfter in ihre Gefühle, in Folge davon, daß er sich nur an ihr Urtheil und ihren Geschmack als seine Richter und Autoritäten wenden konnte. Im gegenwärtigen Fall hätte er gern den Schein einer fieberischen Hast, die sich durch eine zu frühe Rückkehr verrathen hätte, vermieden, weil dieß ein stillschweigendes Zugeständniß gewesen wäre, daß die von ihm begehrte Zeit länger war als nöthig gewesen; aber andrerseits würde er, wenn es ihm eingefallen wäre, seine Bewegungen ein wenig beschleunigt haben, um den dramatischen Effekt zu vermeiden, genau in dem Augenblick zurückzukommen, der ihm als äußerste Grenze seines Ausbleibens gesetzt war. Doch hatte der Zufall das Seinige gethan, die letztere Absicht zu vereiteln, denn als der junge Mann den Fuß ans Land setzte, und mit stetem Schritt auf die Gruppe von Häuptlingen zuging, die in ernster Versammlung auf einem gefallnen Baum saßen, warf der Aelteste von ihnen einen Blick hinauf nach einer Oeffnung in den Bäumen, und machte seine Genossen auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam, daß die Sonne gerade in eine Stelle eintrat, die, wie man wußte, das Zenith bezeichnete. Ein allgemeiner, aber leiser Ausruf der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr jedem Mund, und die grimmigen Krieger schauten einander an; Einige mit Neid und Verdruß, andere mit Erstaunen über die pünktliche Genauigkeit ihres Opfers und noch Andere mit einem großmüthigeren und edleren Gefühl. Der amerikanische Indianer hielt immer seine moralischen Siege für die edelsten und schlug das Stöhnen und Erliegen seines Opfers unter Martern höher an, als die Trophäe seines Skalpes, und die Trophäe selbst höher als seinen Tod. Tödten, ohne das Zeichen des Siegs davonzutragen, galt in der That kaum für ehrenhaft; selbst diese rohen und wilden Bewohner des Waldes hatten sich, wie ihre feinen gebildeten Brüder vom Hof und Lager, eingebildete und willkührliche Ehrenpunkte festgesetzt, zur Beeinträchtigung der Ansprüche des Rechts und der Entscheidungen der Vernunft,

Die Huronen waren in ihren Meinungen, die Wahrscheinlichkeit der Zurückkehr ihres Gefangenen betreffend, getheilt gewesen. Die Meisten unter ihnen hatten es in der That nicht für möglich gehalten, daß ein Bleichgesicht freiwillig zurückkommen und sich den bekannten Qualen einer indianischen Marterung unterziehen werde; aber Einige von den Aelteren trauten Besseres einem Manne zu, der sich schon so ausnehmend kaltblütig, tapfer und geradsinnig gezeigt hatte. Die Truppe war jedoch zu ihrer Entscheidung gekommen, weniger in der Erwartung, daß das Pfand des gegebenen Wortes werde gelöst werden, als in der Hoffnung, die Delawaren herabwürdigen zu können, indem man ihnen das Unrecht und die Schmach eines in ihren Dörfern Aufgewachsenen vorrücke und aufbürde. Weit lieber hätten sie gesehen, daß Chingachgook ihr Gefangner gewesen wäre und sich als Verräther gezeigt hätte; aber der Bleichgesichtsprößling von dem verhaßten Stamm war kein übler Ersatzmann für ihre Zwecke, wenn einmal ihre Anschläge gegen den alten, eigentlichen Baum scheiterten. Um den Triumph so auffallend als möglich zu machen, für den Fall, daß die Stunde verstreiche, ohne daß der Jäger wieder erscheine, waren alle Krieger und Kundschafter der Truppe herbeiberufen worden; und die ganze Bande, Männer, Weiber und Kinder waren jetzt auf diesem Punkt versammelt, um Zeugen der erwarteten Scene zu seyn. Da das Castell ganz offen da lag, in gar nicht großer Entfernung, konnte man es bei Tag wohl beobachten; und da man annahm, daß die Insaßen nur aus Hurry, dem Delawaren und den beiden Mädchen beständen, befürchtete man nicht, sie könnten ungesehen entfliehen. Ein großer Floß, mit einer Brustwehr von Stämmen, war angefertigt worden, und wirklich schon ganz bereit gegen Arche oder Castell, wie es die Gelegenheit erfordere, verwendet zu werden, sobald Wildtödters Geschick entschieden wäre; denn die Aelteren unter der Truppe waren auf die Ansicht gekommen, daß es nachgerade gefährlich würde, ihren Aufbruch nach Canada länger als bis zur nächsten Nacht aufzuschieben. Kurz, die Bande wartete nur noch die Abmachung dieser einigen Angelegenheit ab, ehe sie die Sachen zur Entscheidung brachte, und bereitete sich, den Rückzug nach den fernen Gewässern des Ontario anzutreten.

Es war eine imposante Scene, in welche Wildtödter sich jetzt, wie er vorwärts schritt, versetzt sah. Alle ältern Krieger saßen auf dem Stamme des gefallenen Baumes, und erwarteten seine Annäherung mit ernstem Anstand. Rechts standen die jungen Männer, bewaffnet, während die linke Seite von den Weibern und Kindern eingenommen war. In der Mitte war ein freier Platz von ansehnlicher Ausdehnung, von Laub durchaus überwölbt, wo man aber das Unterholz, abgestorbne Bäume und andre Hindernisse sorgfältig weggeräumt hatte. Dieser offenere Platz war vermuthlich von früheren Gesellschaften oft benutzt worden, denn dieß war die Stelle, welche am entschiedensten den Eindruck eines Rasens machte. Die Bogen der Wälder warfen selbst am hohen Mittag ihren düstern Schatten auf den Platz, welchen die glänzenden, durch die Blätter sich durchkämpfenden Sonnenstrahlen mit einer milden, weichen Beleuchtung übergoßen. Vermuthlich von einer solchen Scene empfing der Geist des Menschen zuerst die Idee von den Wirkungen Gothischer Verzierungen und kirchlicher Farben; dieser Tempel der Natur machte ungefähr denselben Eindruck, was Licht und Schatten betrifft, wie das bekannte Produkt menschlichen Kunstsinnes.

Wie nicht selten bei den Stämmen und wandernden Banden der Ureinwohner, theilten zwei Häuptlinge, in beinahe gleichen Graden der Würde, die vornehmste patriarchalische Autorität, welche über diese Kinder des Waldes geübt wurde. Es waren Einige, welche die Auszeichnung von Häuptlingen ansprechen mochten, aber die zwei Erstgenannten gingen allen Uebrigen so sehr an Ansehen und Einfluß vor, daß, wenn sie einig waren, Niemand ihre Gebote bestritt; und wenn sie getheilter Ansicht waren, schwankte die Bande unschlüssig hin und her, wie Männer, die ihr leitendes Prinzip des Handelns verloren. Es war auch ganz der Erfahrung – wir dürften vielleicht hinzusetzen, der Natur gemäß, daß Eines der Häupter seinen Einfluß seinem Geist verdankte, während bei dem Andern seine Auszeichnung ganz auf physischen Eigenschaften und Vorzügen beruhte. Der Eine war ein älterer Mann, wohlbekannt durch seine Beredsamkeit in Erörterungen, seine Weisheit im Rathe, und seine Klugheit in der Wahl der Maßregeln, während sein großer Mitbewerber, wo nicht Nebenbuhler, ein tapfrer Mann war, ausgezeichnet im Krieg, bekannt durch seine Wildheit, und was die Intelligenz betrifft, hervorragend nur durch Schlauheit und Reichthum an Auskunftsmitteln auf dem Kriegspfade. Der Erstere war Rivenoak, der dem Leser schon bekannt ist, und der Letztere war der Panther genannt. Die Benennung des kampflustigen Häuptlings bezeichnete, der Annahme nach, die Eigenschaften des Kriegers nach den bei den rothen Männern üblichen Nomenklatur, denn Wildheit, Schlauheit und Verrätherei waren vielleicht die unterscheidenden Züge seines Charakters. Er hatte den Namen von den Franzosen erhalten und dieser wurde deßhalb um so höher geschätzt, da der Indianer in den meisten Dingen sich von ganzem Herzen der höhern Intelligenz seiner Verbündeten, der Bleichgesichter, unterwarf. Wie gut er dieß Sobriquet Le Panthère verdiente, wird man aus dem Spätern ersehen.

Rivenoak und der Panther saßen neben einander, die Annäherung ihres Gefangnen erwartend, als Wildtödter seinen Fuß mit dem Moccasin auf den Strand setzte; auch rührte sich keiner, oder sprach eine Sylbe, als bis der junge Mann in die Mitte des Platzes getreten war, und seine Anwesenheit durch Worte verkündigte. Er that dieß mit Festigkeit, obwohl in der einfachen Weise, die den Charakter des Mannes überhaupt bezeichnete.

»Hier bin ich, Mingo’s,« sagte er in der Sprache der Delawaren, welche die Meisten der Anwesenden verstanden; »hier bin ich, und dort steht die Sonne. Die Eine ist nicht treuer den Gesetzen der Natur als der Andere sich seinem Worte treu bewährt hat. Ich bin Euer Gefangener; verfahrt mit mir nach Eurem Belieben. Meine Geschäfte mit Menschen und mit der Erde sind in’s Reine gebracht; Nichts bleibt mir jetzt mehr übrig, als vor den Gott der weißen Männer zu treten, nach eines weißen Mannes Pflichten und Gaben.«

Ein beifälliges Murmeln entschlüpfte selbst den Weibern bei dieser Anrede, und einen Augenblick wurde ein lebhaftes und ziemlich allgemeines Verlangen rege, einen Mann von so muthigem Geist in den Stamm aufzunehmen. Doch gab es auch Solche, welche diesem Wunsch nicht beitraten, und unter den Wichtigsten von diesen ist zu nennen der Panther und seine Schwester le Sumach, so genannt von der Zahl ihrer Kinder, die Wittwe des Loup Cervier, von dem man wußte, daß er von der Hand des Gefangenen gefallen war. Natürliche Wildheit hielt den Einen umstrickt und gefesselt, während die nagende Leidenschaft der Rachgier die Andere hinderte, im Augenblick sanftere Gefühle aufkommen zu lassen. Nicht so Rivenoak. Dieser Häuptling stand auf, streckte seinen Arm vor sich aus, mit einer Bewegung der Höflichkeit, und machte dem Gefangnen sein Compliment mit einer Gewandtheit und Würde, um die ihn ein Fürst hätte beneiden dürfen. Da seine Weisheit und Beredsamkeit unter dieser Bande zugestandenermaßen keinen Nebenbuhler hatten, erkannte er, daß ihm schicklich die Pflicht zufiel, die Rede des Bleichgesichts zuerst zu beantworten.

»Bleichgesicht, Ihr seyd redlich,« sagte der Huronische Redner. »Mein Volk ist glücklich, daß es einen Mann gefangen hat, und nicht einen schleichenden Fuchs. Wir kennen Euch jetzt, wir werden Euch als einen Tapfern behandeln. Wenn Ihr Einen unsrer Krieger getödtet, und geholfen habt, Andere zu tödten, so seyd Ihr dafür Euer eignes Leben zum Ersatz zu geben bereit. Einige meiner jungen Männer dachten, das Blut eines Bleichgesichts würde zu dünn seyn, und sich weigern, unter dem Messer der Huronen zu fließen. Ihr wollt ihnen zeigen, daß dem nicht so ist, Euer Herz ist stark wie Euer Körper. Es ist eine Freude, einen solchen Gefangenen zu machen; sollten meine Krieger sagen, der Tod des Loup Cervier dürfe nicht vergessen werden, und er könne nicht allein wandern in’s Land der Geister, sein Feind müsse ihm nachgeschickt werden, um ihn einzuholen; so werden sie doch bedenken, daß er von der Hand eines Tapfern fiel, und Euch ihm nachschicken mit solchen Zeichen unsrer Freundschaft, daß er sich Eurer Gesellschaft nicht schämen wird. Ich habe gesprochen; Ihr wißt, was ich gesagt habe.«

»Wahr genug, Mingo, Alles wahr wie das Evangelium,« versetzte der unbefangene Jäger; »Ihr habt gesprochen, und ich weiß nicht nur, was Ihr gesagt habt, sondern was noch wichtiger ist, was Ihr meint. Ich glaube wohl, Euer Krieger, der Luchs, war ein Tapfrer von mannhaftem Herzen, und würdig Eurer Freundschaft und Achtung, aber ich fühle mich seiner Gesellschaft nicht unwerth, auch ohne einen Paßzettel von Eurer Hand. Dennoch bin ich hier, bereit mein Urtheil zu empfangen von Eurem Rathe, wenn nicht anders die Sache schon unter Euch entschieden war, noch eh‘ ich zurückkam.«

»Meine alten Männer wollten nicht zu Rathe sitzen über ein Bleichgesicht, ehe sie ihn unter sich sahen,« antwortete Rivenoak, etwas ironisch sich umsehend; »sie sagten, es wäre wie wenn man zu Rathe säße über die Winde, sie wehen, wohin sie wollen, und kommen wieder, wenn es ihnen beliebt, und sonst nicht. Eine Stimme war, die zu Euren Gunsten sprach, Wildtödter, aber sie war allein, wie der Gesang des Zaunkönigs, dessen Weibchen vom Falken zerrissen worden ist.«

»Ich danke dieser Stimme, Wessen sie immer gewesen sey, Mingo, und behaupte, sie ist eine so wahre Stimme gewesen, als die andern lügenhafte Stimmen waren. Ein Urlaub ist so bindend für ein Bleichgesicht, wenn es redlich ist, wie für eine Rothhaut, und wäre das auch nicht, so möchte ich doch nie Schmach über die Delawaren bringen, unter denen ich, kann ich wohl sagen, meine Erziehung erhalten habe. Aber Worte sind nutzlos, und führen zu prahlerischen Gefühlen; hier bin ich, verfahrt mit mir wie Ihr wollt.«

Rivenoak machte eine zustimmende Geberde, und dann hielten die Häuptlinge unter sich eine kurze, geheime Besprechung. Sobald diese zu Ende war, schieden drei oder vier junge Männer aus der bewaffneten Gruppe aus, und verschwanden. Dann ward dem Gefangenen bedeutet, daß es ihm freistehe, auf dem Vorsprung herumzugehen, bis über sein Schicksal Berathung gepflogen wäre. In dieser anscheinenden Großmuth war jedoch weniger wirkliches als scheinbares Vertrauen, sofern die obenerwähnten jungen Männer schon eine Linie von Schildwachen über die ganze Breite des Vorsprungs landeinwärts bildeten, und Flucht nach einer andern Seite hin nicht gedenkbar war. Selbst das Canoe ward auf die Seite gebracht, über diese Linie von Schildwachen hinaus, an einen Ort, wo man es als sicher vor jedem plötzlichen Versuch betrachtete. Diese Vorsichtsmaßregeln entsprangen nicht aus einem Mangel an Vertrauen, sondern aus dem Umstand, daß der Gefangene jetzt alle Bedingungen, zu denen er sich durch sein Wort verpflichtet, erfüllt hatte, und es jetzt für eine löbliche und ehrenhafte That gegolten hätte, wenn er seinen Feinden hätte entkommen können. So fein waren in der That die Unterscheidungen, welche die Wilden in Dingen dieser Art machten, daß sie oft ihren Opfern eine Aussicht eröffneten, den Martern zu entrinnen, weil sie es ebenso rühmlich für die Verfolger ansahen, einen Flüchtling einzuholen oder zu überlisten, dessen Anstrengungen, wie man annehmen durfte, durch die dringende Gefahr seiner Lage aufs äußerste gespornt und gestachelt wurden, als es für ihn rühmlich war, einer so außerordentlichen Wachsamkeit sich zu entziehen.

Auch war Wildtödter sich seiner Rechte nicht unbewußt, und gegen sie und etwa sich darbietende günstige Umstände nicht gleichgültig. Hätte er irgend einen Ausweg, wo Flucht möglich war, gesehen, so hätte er wohl nicht eine Minute mit dem Versuche gezögert. Aber der Fall schien verzweifelt. Er wußte von der Linie von Schildwachen, und erkannte die Schwierigkeit, sie mit heiler Haut zu durchbrechen. Der See bot keine Hülfe, da das Canoe seinen Feinden es ganz leicht machte, ihn einzuholen; sonst hätte er es nicht so schwierig gefunden, bis zu dem Castell hinüber zu schwimmen. Wie er auf dem Vorsprung herumwandelte, besichtigte er auch genau den Platz, um sich zu vergewissern, ob er nirgends einen Versteck darbiete: aber die Offenheit und die Gestalt des Punktes, und die hundert wachsamen Augen, die auf ihn sich richteten, während sie sich doch die Miene gaben, ihn gar nicht zu sehen, mußte dieß Rettungsmittel vereiteln. Die Furcht und Schande eines Mißlingens hatte keinen Einfluß auf Wildtödter, der es immer als einen Ehrenpunkt betrachtete, wie ein Weißer, vielmehr denn wie ein Indianer zu denken und zu empfinden, und der es als eine Art von Pflicht ansah, zur Rettung seines Lebens alles Mögliche zu versuchen, was nur keine Untreue gegen einen Grundsatz in sich schloß. Dennoch zögerte er, den Versuch zu machen, denn er fühlte auch, daß er die Möglichkeit des Gelingens vor sich sehen sollte, ehe er sich auf das Wagestück einließ.

Mittlerweile schien das Geschäft im Lager seinen regelmäßigen Gang zu gehen. Die Häuptlinge beriethen sich abgesondert und ließen nur die Sumach an ihrer Berathung Theil nehmen; denn diese, die Wittwe des gefallnen Kriegers, hatte ein ausschließliches Recht, bei einer solchen Gelegenheit gehört zu werden. Die jungen Männer schlenderten in träger Gleichgültigkeit herum, mit indianischer Geduld das Ergebniß abwartend, während die Frauen das Festmahl zubereiteten, welches den Beschluß der Angelegenheit verherrlichen sollte, mochte diese nun gut oder schlimm für unsern Helden endigen. Niemand verrieth irgend eine Empfindung; und ein gleichgültiger Beobachter hätte wohl, außer der ausnehmenden Wachsamkeit der Schildwachen, an keiner außerordentlichen Bewegung oder Aufregung den wahren Stand der Dinge errathen. Zwei oder drei alte Weiber steckten die Köpfe zusammen, und zwar, wie es schien, in einem für Wildtödters Aussichten ungünstigen Sinne, nach ihren scheelen Mienen und zornigen Geberden zu schließen; eine Gruppe indianischer Mädchen dagegen war sichtlich von andern Gesinnungen beseelt, wie man aus verstohlenen Blicken sah, welche Mitleid und Bedauern aussprachen. Unter solchen Verhältnissen und Zuständen im Lager verstrich eine Stunde.

Bange Ungewißheit ist vielleicht unter allen Empfindungen die unerträglichste. Als Wildtödter landete, war er völlig darauf gefaßt, binnen wenigen Minuten die Martern, von indianischer Rachgier ersonnen, zu erdulden, und bereit, seinem Schicksal männlich entgegenzutreten; aber der Aufschub wurde für ihn eine weit härtere Probe als das nahe Bevorstehen der Qualen, und das muthmaßliche Opfer begann alles Ernstes auf einen verzweifelten Fluchtversuch zu denken, gleichsam aus reiner Ungeduld, der Scene ein Ende zu machen, als er plötzlich wieder vor das Angesicht seiner Richter gefordert wurde, die schon die Bande wieder in der frühern Ordnung versammelt hatten, bereit ihn zu empfangen.

»Tödter des Wildes,« begann Rivenoak, sobald sein Gefangner vor ihm stand, »meine älteren Männer haben weisen Worten zugehört; sie sind bereit zu sprechen. Ihr seyd ein Mann, dessen Väter von jenseits der aufgehenden Sonne gekommen sind; wir sind Kinder der untergehenden Sonne; wir wenden unser Angesicht den großen süßen Seen zu, wenn wir nach unsern Dörfern schauen. Es mag ein weises Land seyn, und voll von Reichthümern, das nach Morgen zu liegt; aber das nach Abend zu ist ein sehr lustiges Land. Wir lieben am meisten nach dieser Richtung hin zu schauen. Wenn wir nach Osten schauen, empfinden wir Furcht, weil Canoe um Canoe Mehr und Mehr von Eurem Volk auf der Bahn der Sonne herüber bringt, als wäre ihr Land so voll, daß es überfließt. Die rothen Männer sind schon Wenige; sie bedürfen der Hülfe. Eine unsrer besten Hütten ist neulich leer geworden durch den Tod ihres Herrn; es wird lange Zeit anstehen, bis sein Sohn groß genug wird, an seinem Platze zu sitzen. Hier ist seine Wittwe; es wird ihr an Wildpret fehlen, sich und ihre Kinder zu sättigen, denn ihre Söhne sind noch wie die Jungen des Rothkehlchens, ehe sie aus dem Neste fliegen. Durch Eure Hand hat sie diese große Trübsal betroffen. Sie hat zwei Pflichten; eine gegen den Loup Cervier, und eine gegen ihre Kinder. Skalp um Skalp, Leben um Leben, Blut um Blut – ist Ein Gesetz; ihre Jungen zu füttern ein anderes. Wir kennen Euch, Tödter des Wildes. Ihr seyd ehrlich; wenn Ihr Etwas sagt, ist es so. Ihr habt nur Eine Zunge, und die ist nicht gabelförmig, wie die der Natter. Euer Kopf ist nie versteckt im Gras; Alle können ihn sehen. Was Ihr sagt, das thut Ihr auch. Ihr seyd gerecht. Wenn Ihr Unrecht gethan habt, so ist Euer Wunsch, wieder Recht zu thun, sobald Ihr könnt. Da ist die Sumach; sie ist allein in ihrem Wigwam, mit Kindern um sie her, die nach Brod schreien; dort ist eine Büchse, sie ist geladen und zum Abfeuern fertig. Nehmt das Gewehr! geht hinaus und schießt ein Wild; bringt das Wildpret und legt es vor die Wittwe des Loup Cervier hin; füttert ihre Kinder; nennt Euch ihren Gatten. Darnach wird Euer Herz nicht mehr Delawarisch, sondern Huronisch seyn; die Ohren der Sumach werden nicht mehr das Schreien ihrer Kinder hören; mein Volk wird die gehörige Anzahl von Kriegern zählen.«

»Ich fürchtete das, Rivenoak,« antwortete Wildtödter, als der Andere zu sprechen aufhörte; »ja, ich besorgte, daß es dazu kommen werde. Indeß, die Wahrheit ist bald gesagt, und sie wird allen Erwartungen in diesem Punkt ein Ende machen. Mingo, ich bin weiß und als Christ geboren; es würde mir übel anstehen, ein Weib mit Rothhautgebräuchen unter den Heiden zu nehmen. Was ich nicht in friedlichen Zeiten und unter einer glänzenden Sonne thäte, würde ich noch weniger thun hinter Wolken, um mein Leben zu retten. Ich heirathe wahrscheinlich nie; vermuthlich war es die Absicht der Vorsehung, als sie mich hier in die Wälder hinsetzte, daß ich ledig und ohne eigne Hütte bleiben sollte; aber sollte doch Jenes einmal geschehen, so soll mir nur ein Weib von meiner Farbe und meinen Gaben die Thüre meines Wigwam beschatten. Was das anlangt, die Jungen Eures todten Kriegers zu füttern, so würde ich das mit Freuden thun, könnte es ohne Unehre geschehen; aber das kann nicht seyn, sintemal ich nie in einem Huronischen Dorfe leben kann. Eure eignen jungen Männer müssen die Sumach mit Wildpret versorgen, und wenn sie das nächste Mal heirathet, laßt sie einen Mann nehmen, dessen Beine nicht so lang sind, daß sie in ein Gebiet hinüberspringen, das ihm nicht gehört. Wir haben einen ehrlichen Kampf gekämpft, und er fiel; daran ist Nichts, als was ein Tapfrer erwartet, und bereit ist zu erdulden. Und was das Mingo-Herz betrifft, ebenso gut mögt Ihr erwarten graue Haare auf dem Kopf eines Knaben, oder Brombeeren auf einer Fichte wachsen zu sehen. Nein, nein, Hurone; meine Gaben sind weiß, was Weiber betrifft; sie sind Delawarisch in allen Dingen, die mit Indianern zusammenhängen.«

Diese Worte waren kaum aus Wildtödters Munde, als ein allgemeines Murmeln die Unzufriedenheit verrieth, womit sie vernommen wurden. Die alten Weiber besonders legten in lauten Ausdrücken ihr Mißfallen an den Tag; und die holde Sumach selbst, ein Weib alt genug, um unsers Helden Mutter zu seyn, war nicht die Gelindeste in ihren Verwünschungen und Schmähungen. Aber alle andern Kundgebungen von Mißvergnügen und Verdruß wurden zurückgedrängt und überboten durch die wilde Erbitterung des Panthers. Dieser grimmige Häuptling hatte es als eine Herabwürdigung betrachtet, seine Schwester überhaupt das Weib eines Bleichgesichts von den Yengeese werden zu lassen, und nur mit Widerstreben seine Zustimmung zu der – bei den Indianern übrigens keineswegs ungewöhnlichen – Auskunft und Anordnung gegeben, auf das lebhafte Zureden der des Gatten beraubten Wittwe hin, und es wurmte ihm entsetzlich, seine Herablassung geringgeschätzt, die Ehre, die er zu bewilligen mit so großem Verdruß sich hatte bereden lassen, verachtet zu sehen. Das Thier, von welchem er seinen Namen hatte, stiert nicht mit fürchterlicherer Wildheit seine beabsichtigte Beute an, als seine Augen auf den Gefangenen funkelten; auch blieb sein Arm nicht zurück, die heftige Erbitterung und Wuth, die beinahe seine Brust verzehrte, zu bethätigen.

»Hund von einem Bleichgesicht!« lief er auf Irokesisch, »geh und belle unter den Kötern deiner schlimmen Jagdreviere!«

Die Verwünschung war von einer entsprechenden Thathandlung begleitet. Noch während er sprach, erhob er den Arm und der Tomahawk ward geschleudert. Zum Glück hatte der laute Ton des Redenden Wildtödters Auge auf ihn hingezogen, sonst hätte dieser Augenblick wahrscheinlich seiner Laufbahn ein Ende gemacht. So groß war die Gewandtheit, womit diese gefährliche Waffe geworfen ward, und so tödtlich die Absicht, daß sie den Schädel des Gefangenen gespalten haben würde, hätte er nicht einen Arm vorgestreckt und die Handhabe an einer ihrer Krümmungen gefaßt, mit einer eben so merkwürdigen Behendigkeit, als die Geschicklichkeit war, womit die Waffe war geschleudert worden. Dennoch war die Wurfkraft so groß, daß, als Wildtödters Arm nach der Waffe gegriffen, seine Hand rückwärts hinter seinen Kopf hinauf gerissen ward, gerade in der Stellung, die zur Erwiederung des Angriffs erforderlich. Es ist nicht gewiß, ob der Umstand, daß er sich so unerwartet, bewaffnet, in dieser drohenden Stellung fand, den jungen Mann versuchte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, oder ob plötzliche Erbitterung seine Geduld und Klugheit übermannte. Aber sein Auge funkelte und ein kleiner rother Fleck zeigte sich auf jeder Wange, während er all seine Kraft in der Anstrengung seines Armes aufbot, und die Waffe auf den Angreifer zurückschleuderte. Das Unerwartete dieses Wurfs trug zum Erfolg mit bei, da der Panther weder einen Arm aufhob, noch sich bückte, um ihm auszuweichen. Das scharfe, kleine Beil traf das Opfer in perpendikularer Linie mit der Nase, gerade zwischen den Augen, und schlug ihm im buchstäblichen Sinne das Hirn ein. Vorwärts stürzend, wie die Schlange im Augenblick noch, wo sie die Todeswunde empfängt, auf ihren Feind losschießt, fiel dieser Mann von gewaltiger Körperkraft der Länge nach auf den offenen Platz hin, den der Kreis bildete, im Todeskampf zuckend. Ein allgemeines Beispringen ihm zu Hülfe entledigte den Gefangenen, für einen Augenblick, des ganzen Haufens; und entschlossen, einen verzweifelten Versuch zur Rettung seines Lebens zu wagen, rannte er mit der Flüchtigkeit eines Hirsches davon. Es dauerte nur Einen athemlosen Augenblick, bis die ganze Bande, Alt und Jung, Weiber und Kinder, den entseelten Leichnam des Panthers liegen lassend, wo er lag, das Lärmgeschrei erhoben und ihm verfolgend nacheilten.

So plötzlich das Ereigniß gekommen, welches Wildtödter veranlaßte, diesen verzweiflungsvollen Versuch durch eilige Flucht zu machen, war doch sein Geist nicht gänzlich unvorbereitet für das fürchterliche Spiel um sein Leben. Während der verflossenen Stunde hatte er die Aussichten bei einem solchen Wagestück wohl erwogen, und alle einzelnen Punkte für Gelingen und Fehlschlagen schlau berechnet. Daher folgte gleich beim ersten Sprung sein Körper ganz der Leitung eines Verstandes, der alle Anstrengungen und Kräfte desselben auf’s beste zu nützen verstand, und in dem wichtigen Augenblick des Entspringens nicht das mindeste Besinnen, nicht die mindeste Unentschiedenheit aufkommen ließ; dem allein verdankte er den ersten großen Vortheil, den, daß er unverletzt durch die Linie der Schildwachen durchkam. Die Art und Weise, wie dieß geschah, obwohl einfach genug, verdient eine Beschreibung.

Obgleich die Küsten des Vorsprungs nicht mit Gebüsch besetzt waren, wie die meisten andern am See herum, rührte dieß doch ganz von dem Umstand her, daß der Platz so häufig von Jägern und Fischern benützt worden war. Dieser Saum begann dann mit dem eigentlichen Land, und war so dicht wie sonst überall, in langen Linien nach Norden und Süden sich erstreckend. In der letztern Richtung schlug denn Wildtödter seinen Weg ein; und da die Schildwachen etwas außerhalb des Anfangs dieses Dickichts standen, hatte der Fliehende seinen Versteck gewonnen, ehe sie den Alarm und seine Ursache recht wahrgenommen hatten. In dem Gebüsch jedoch weiter zu laufen, davon konnte nicht die Rede seyn, und Wildtödter setzte seine Flucht etwa vierzig bis fünfzig Schritte weit in dem Wasser fort, das nur knietief war, und der Eile seiner Verfolger ein eben so großes Hinderniß in den Weg legte, wie der seinigen. Sobald ein günstiger Platz sich zeigte, stürzte er sich durch die Linie des Gebüsches und eilte in die offenen Wälder.

Einige Büchsen wurden auf Wildtödter abgefeuert während er im Wasser war, und noch mehrere folgten, als er auf das vergleichungsweise ihn mehr bloßstellende Gebiet des eigentlichen Waldes kam. Aber die Richtung der Linie, in der er floh, welche theilweise die des Feuers kreuzte, die Hast, mit welcher gezielt wurde, und die allgemeine Verwirrung, welche im Lager herrschte, dieß Alles machte, daß er unversehrt blieb. Kugeln pfiffen an ihm vorbei, und manche rissen neben ihm Zweige von den Bäumen, aber keine streifte auch nur seine Kleider. Der durch diese fruchtlosen Versuche verursachte Verzug war von großem Nutzen für den Flüchtling, der selbst den Vordersten der Huronen mehr als hundert Schritte Vorsprung abgewonnen hatte, ehe irgend eine Ordnung und Uebereinstimmung in die Verfolgung kam. Ihn mit der Büchse in der Hand zu verfolgen, davon konnte keine Rede seyn, und die besten Läufer unter den Indianern, nachdem sie ihre Gewehre abgefeuert, in unbestimmter Hoffnung, den entlaufenen Gefangenen zu verwunden, warfen sie weg, und riefen den Weibern und Knaben zu, sie so schnell als möglich aufzunehmen und wieder zu laden.

Wildtödter erkannte das Verzweifelte des Kampfes, in dem er begriffen war, zu gut, um auch nur Einen der kostbaren Augenblicke zu verlieren. Er wußte auch, daß seine einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er geradeaus lief, denn sobald er sich wandte, oder umbog, machte die überlegene Zahl der Verfolger sein Entkommen unmöglich. Er verfolgte daher seinen Weg in schräger Richtung die Anhöhe hinan, die weder sehr lang noch sehr steil war auf dieser Seite des Berges, aber doch mühsam genug für einen um sein Leben sich Wehrenden, um ihn entsetzlich zu erschöpfen. Hier aber ließ er in seiner Eile nach, um aufzuathmen, und legte die schwierigeren Theile des Weges in raschem Schritt oder in langsamerem Trab zurück. Die Huronen hinter ihm hüpften und sprangen, aber dieß beachtete er nicht, wohl wissend, daß sie auch die hinter ihm liegenden Schwierigkeiten überwinden mußten, ehe sie die von ihm schon gewonnene Höhe erreichten. Der Gipfel des ersten Hügels war jetzt ganz nahe, und er sah aus der Formation des Landes, daß eine tiefe Schlucht dazwischenlag, ehe man den Fuß des zweiten Hügels erreichen konnte. Bedächtlich den Gipfel hinansteigend, schaute er sich nach allen Richtungen begierig um, nach einem Versteck suchend. Keiner bot sich dar auf dem Boden; aber ein gefallner Baum lag in seiner Nähe, und verzweifelte Lagen erheischen verzweifelte Auskunftsmittel. Dieser Baum lag in einer Parallellinie mit der Schlucht; auf den Gipfel des Hügels hinaufspringen und dann seinen Körper so dicht als möglich unter dessen niedere Seite schmiegen und drängen, war das Werk eines Augenblicks. Ehe jedoch Wildtödter dem Auge seiner Verfolger entschwand, stellte er sich auf die Höhe hin, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als juble er über den Anblick des vor ihm liegenden Abhangs. Im nächsten Augenblick lag er unter dem Baum hingestreckt.

Sobald der junge Mann diese List ausgeführt, so überzeugte er sich auch, wie verzweifelt seine Anstrengungen gewesen, durch die Heftigkeit, womit Alles in ihm pulsirte. Er hörte sein Herz klopfen, und sein Athem war wie das Arbeiten eines Blasebalgs in heftiger Bewegung. Indeß gewann er den Athem wieder, und das Herz hörte bald auf, so zu klopfen, wie wenn es seine Haft und Schranken durchbrechen wollte. Man hörte jetzt die Fußtritte derer, welche sich auf der andern Seite der Anhöhe herauf arbeiteten und bald kündigten Stimmen und Tritte die Ankunft der Verfolger an. Die Vordersten jauchzten, als sie die Höhe erreichten; dann fürchtend, ihr Feind werde ihnen, begünstigt durch den Abhang, entrinnen, sprang Jeder auf den gefallnen Baum und stürzte sich in die Schlucht, in der Hoffnung, des Verfolgten ansichtig zu werden, ehe er die Tiefe erreiche. So folgte Hurone auf Hurone, bis Natty anfing zu hoffen, es werden Alle an ihm vorbei seyn. Aber Andere folgten, bis wohl Vierzig über den Baum gesprungen waren, und dann zählte er sie, als sicherstes Mittel zu erfahren, wie Viele noch zurück seyn konnten. Bald waren Alle in der Tiefe der Schlucht, volle hundert Fuß unter ihm, und Einige hatten sogar schon einen Theil des gegenüberliegenden Hügels erstiegen, als deutlich ward, daß man eine Nachforschung wegen der von ihm eingeschlagnen Richtung anstellte. Das war der kritische Moment, und Einer von weniger festen Nerven, oder von minder sorgfältiger Schule und Zucht, würde ihn benutzt haben, um aufzustehen und zu fliehen. Nicht so Wildtödter. Er blieb noch immer ruhig liegen, beobachtete mit eifersüchtiger Wachsamkeit jede Bewegung drunten, und gewann schnell seinen Athem wieder.

Die Huronen glichen jetzt einer Meute von Hunden auf falscher Fährte. Wenig ward gesprochen, aber Jeder rannte umher und untersuchte die abgestorbnen Bäume, wie der Hund nach der verlornen Witterung spürt. Die große Menge von Moccasins, welche des Weges gekommen, machte die Untersuchung schwierig, obgleich die Spur eines indianischen Fußes leicht zu unterscheiden war von dem freiern und weitern Schritt eines weißen Mannes. Im Glauben, daß keine Verfolger mehr zurück seyen, und in der Hoffnung, sich ungesehen wegstehlen zu können, schwang sich Wildtödter plötzlich über den Baum hinüber, und fiel auf dessen höherliegende Seite. Dieß Manöuver schien glücklich ausgeführt worden zu seyn, und Hoffnung machte das Herz des Flüchtlings hoch klopfen. Auf Hände und Füße sich erhebend, nachdem er einen Augenblick den Tönen in der Schlucht gelauscht, um sich zu überzeugen, ob man ihn nicht gesehen, kletterte der junge Mann zunächst den höchsten Punkt des Hügels hinan, eine Strecke von nur zehn Schritten, in der Hoffnung, den Gipfel zwischen sich und seine Verfolger zu bekommen, und so gegen ihr Auge gedeckt zu seyn. Auch dieß ward ausgeführt, und er richtete sich jetzt auf, und lief rasch aber stet den höchsten Bergrücken entlang, in einer Richtung, entgegengesetzt der, in welcher er zuerst geflohen. Die Art und Weise der Rufe in der Schlucht jedoch machte ihn bald unruhig, und er sprang wieder auf den Gipfel, um zu rekognoscieren. Sobald er die Höhe erreicht hatte, ward er auch gesehen, und die Jagd begann von neuem. Da es auf dem ebnen Grund besser fortkommen war, vermied Wildtödter jetzt die Seite des Hügels und setzte seine Flucht dem Bergrücken entlang fort, während die Huronen, von der allgemeinen Formation des Landes schließend, erkannten, daß der Bergrücken bald in die Schlucht sich verlieren würde, und der letztern zueilten, als die leichteste Weise, dem Flüchtling vorzukommen. Zugleich wandten sich einige Wenige südlich, um ihm die Flucht nach dieser Richtung abzuschneiden, während andere ihm die Richtung dem Wasser zu abschnitten, um ihn zu hindern, am See hin seinen Rückzug zu nehmen, und auch nach Süden zu liefen.

Die Lage Wildtödters war jetzt kritischer als sie je gewesen. Er war in der That von drei Seiten eingeschlossen, und auf der vierten hatte er den See. Aber er hatte alle Aussichten wohl überlegt, und ergriff, selbst während der eiligsten Flucht, seine Maßregeln mit kaltem Blute. Wie gewöhnlich der Fall bei kräftigen Grenzmännern, konnte er es jedem einzelnen Indianer unter seinen Verfolgern im Laufen zuvorthun, und sie waren ihm hauptsächlich furchtbar wegen ihrer großen Zahl, und der Vortheile, die ihnen ihre Stellung verschaffte; und er würde sich nicht besonnen haben, in gerader Linie, auf jedem gegebenen Punkt, auf und davon zu rennen, hätte er nur erst wieder die ganze Bande ordentlich hinter sich gehabt. Aber eine solche Aussicht zeigte sich nicht und konnte sich nicht zeigen; und als er merkte, daß er durch die Senkung des Bergrückens gegen die Schlucht hinabkam, bog er rasch um, in einem rechten Winkel mit seiner bisherigen Bahn, und rannte mit fürchterlicher Geschwindigkeit den Abhang herunter, der Küste zu. Einige seiner Verfolger kamen in gerader Linie ihm nachjagend, keuchend den Hügel herauf, während die Meisten sich immer noch in der Schlucht hielten, bei deren Ausgang sie ihm vorzukommen gedachten.

Wildtödter hatte jetzt einen andern, obwohl verzweifelten Plan im Auge. Jeden Gedanken aufgebend, durch die Wälder zu entkommen, eilte er, was er konnte dem Canoe zu. Er wußte, wo es lag; konnte er es erreichen, so hatte er nur die Gefahr einiger Schüsse zu bestehen, und dann war der Erfolg sicher. Keiner von den Kriegern hatte die Waffen behalten, was ihre Schnelligkeit gehemmt haben würde, und die Gefahr kam entweder von den unsichern Händen der Weiber oder von denen eines halberwachsenen Knaben, obwohl von den letztern die meisten schon in heißer Verfolgung begriffen waren. Alles schien der Ausführung dieses Plans günstig, und da sein Weg jetzt fortwährend abwärts ging, flog der junge Mann mit einer Geschwindigkeit über den Boden hin, welche ein baldiges Ende seiner Drangsale hoffen ließ.

Als Wildtödter sich dem Vorsprung näherte, kam er an einigen Weibern und Kindern vorbei, aber obgleich Jene ihm dürre Zweige zwischen die Beine zu werfen versuchten, war doch der Schrecken, welchen seine kühne Wiedervergeltung an dem gefürchteten Panther verbreitet hatte, so groß, daß Niemand wagte, ihm so nahe zu kommen, um ihn ernstlich zu gefährden. Er lief an Allen triumphirend vorbei und erreichte den Saum von Gebüschen. Sich durch diese hindurchdrängend, sah sich unser Held wieder im See, und nur fünfzig Fuß vom Canoe entfernt. Hier hörte er auf zu laufen, denn er begriff wohl, daß jetzt sein Athem das Wichtigste für ihn war. Er bückte sich sogar im Weiterschreiten und kühlte seinen ausgetrockneten Mund, indem er in der Hand Wasser schöpfte zum Trinken. Doch drängten die Augenblicke, und bald stand er neben dem Canoe. Der erste Blick zeigte ihm, daß die Ruder waren weggebracht worden. Das war ein harter Schlag für seine Hoffnungen nach allen seinen Anstrengungen, und einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, und seinen Feinden die Stirne zu bieten, indem er mit Würde wieder in die Mitte des Lagers schritte. Aber ein höllischer Schrei, wie allein die amerikanischen Wilden ihn ausstoßen können, verkündigte das rasche Herankommen seiner Verfolger, und der Instinkt des Lebens siegte. Sich gehörig anschickend, und dem Bug des Canoe’s die rechte Richtung gebend, sprang er in das Wasser, trieb das Canoe vor sich her, bot alle seine Kraft und Geschicklichkeit zu einer letzten Anstrengung auf, und ließ sich dann vorwärts auf den Boden des leichten Fahrzeugs fallen, so daß er seinem Lauf keinen wesentlichen Eintrag that. Hier blieb er auf dem Rücken liegen, sowohl um wieder zu Athem zu kommen, als auch um sich gegen die tödtlichen Büchsen zu decken. Die Leichtigkeit, welche beim Rudern der Canoe’s so vortheilhaft war, wirkte jetzt ungünstig. Das Material war so federleicht, daß das Boot keine Wucht hatte, sonst hätte es der Stoß auf diesem ruhigen und glatten Wasser in eine Entfernung von der Küste getrieben, bei der man sicher mit den Händen hätte rudern können. Hätte er es einmal so weit gebracht, so hoffte Wildtödter weit genug zu kommen, um die Aufmerksamkeit Chingachgooks und Judiths auf sich zu ziehen, die ihm unfehlbar mit andern Canoe’s zu Hülfe kommen würden, wo er sich dann alles Gute versprechen konnte. Wie der junge Mann auf dem Boden des Canoe’s lag, beobachtete er dessen Bewegungen, indem er die Wipfel der Bäume am Berg studirte, und aus der Zeit und dem Grad der Bewegung auf seine Entfernung vom Lande schloß. Die Stimmen an der Küste wurden jetzt zahlreich, und er hörte davon sprechen, das Floß zu bemannen, das zum Glück für den Flüchtling in ziemlicher Entfernung auf der andern Seite des Vorsprungs lag.

Vielleicht war Wildtödters Lage heute noch nie kritischer gewesen, als in diesem Augenblick, und gewiß nie halb so voll tantalischer Qual. Er lag zwei bis drei Minuten vollkommen ruhig, einzig auf sein Ohr sich verlassend, da er hoffte, das Geräusch im See zu vernehmen, falls Jemand heranzuschwimmen wagte. Ein paarmal bildete er sich ein, das Wasser werde aufgerührt durch die vorsichtige Bewegung eines Armes, bemerkte aber dann, daß es das Anspühlen des Wassers an den Kieseln des Strandes war; denn es ist selten, daß diese kleinen Seen, dem Ocean nachäffend, so gänzlich ruhig sind, daß sie nicht an ihren Küsten ein leises Sichheben und Senken des Wassers hätten. Plötzlich verstummten alle Stimmen, und eine Todesstille herrschte auf dem Platze; ein so tiefes Schweigen, als ob Alles in der Ruhe unbeseelten Lebens daläge. Mittlerweile war das Canoe so weit hinausgetrieben, daß Wildtödter, auf dem Rücken liegend, Nichts mehr sehen konnte, als den leeren, blauen Raum, und einige wenige jener helleren Strahlen, welche aus dem vollen Sonnenglanz hervorbrechen, bezeichneten ihre Nähe. Diese Ungewißheit lang auszuhalten war nicht möglich. Der junge Mann wußte wohl, daß die tiefe Stille Unheil weissagte, denn die Wilden sind nie so schweigsam, als wenn sie im Begriff stehen, einen Schlag zu führen – dem verstohlenen Schleichen des Panthers ähnlich, ehe er seinen Satz macht. Er zog ein Messer heraus, und war im Begriff ein Loch durch die Rinde zu schneiden, um einen Blick auf die Küste zu gewinnen, als er wieder inne hielt, aus Furcht, bei diesem Vornehmen gesehen zu werden, wodurch die Feinde ein Ziel für ihre Kugeln bekommen würden. In diesem Augenblick aber ward schon eine Büchse abgefeuert, und die Kugel schlug durch beide Seiten des Canoe’s, achtzehn Zoll von der Stelle, wo sein Kopf lag. Das war ein gefährlicher Handel, aber unser Held hatte zu kürzlich erst noch Gefährlicheres durchgemacht, um die Fassung zu verlieren. Er lag noch eine halbe Minute ruhig da, und dann sah er den Wipfel einer Eiche langsam in seinen engen Horizont kommen.

Wildtödter, der sich diese Veränderung nicht zu erklären vermochte, konnte jetzt seine Ungeduld nicht mehr zügeln. Mit der äußersten Vorsicht sich hinaufschiebend, hielt er sein Auge an das durch die Kugel geschlagene Loch, und bekam zum Glück eine leidliche Ansicht des Vorsprungs. Das Canoe hatte sich, in Folge einer jener unbemerklichen, als Zufall erscheinenden Fügungen, die so oft über das Schicksal der Menschen, wie über den Gang der Dinge entscheiden, südlich gewendet, und glitt langsam den See abwärts. Es war ein Glück, daß ihm Wildtödter einen hinlänglich kräftigen Stoß gegeben hatte, um es am Ende des Vorsprungs vorbei treiben zu machen, ehe es in diese Abweichung gerieth, sonst hätte es müssen wieder an die Küste kommen. Auch so noch trieb es so nahe vorüber, daß, wie schon erwähnt, die Gipfel von zwei oder drei Bäumen in den Horizont des jungen Mannes fielen, und kam der äußersten Spitze des Vorsprungs wirklich so nahe, daß es nicht mehr ganz außer Gefahr war. Die Entfernung konnte nicht viel über hundert Fuß betragen; doch begann zum Glück eine leise Luftströmung von Südwest es langsam von der Küste wegzutreiben.

Wildtödter empfand jetzt die dringende Nothwendigkeit, ein Mittel zu ersinnen, um sich von seinen Feinden zu entfernen, und wo möglich seine Freunde von seiner Lage in Kenntniß zu setzen. Die Entfernung machte Letzteres schwierig, während die Nähe des Vorsprungs jenes zur unerläßlichen Nothwendigkeit machte. Wie gewöhnlich in solchen Fahrzeugen, befand sich ein großer, runder, glatter Stein an beiden Enden des Canoe’s, zu dem doppelten Behufe, als Sitze und als Ballast zu dienen; einen von diesen konnte er mit den Füßen erreichen. Diesen Stein wußte er so weit zwischen seinen Beinen heraufzuarbeiten, daß er ihn mit den Händen fassen konnte, und dann gelang es ihm, denselben neben den andern im Bug hinzuwälzen, wo die beiden jetzt dienten, das Gleichgewicht des leichten Bootes zu erhalten, während er sich selbst so weit als möglich nach dem Hintertheil arbeitete. Ehe er die Küste verließ, und sobald er bemerkte, daß die Ruder fort waren, hatte Wildtödter ein Stück von einem abgestorbnen Zweig in das Canoe geworfen, und diesen konnte er mit dem Arm erreichen. Er nahm die Mütze, die er trug, ab, steckte sie auf diesen Stecken, und hob sie über den Rand des Canoe’s empor, so weit als möglich von sich entfernt. Diese List war kaum in Ausführung gebracht, als der junge Mann sich überzeugte, wie sehr er die Einsicht und Schlauheit seiner Feinde unterschätzt hatte. Dem so leicht zu durchschauenden und gewöhnlichen Kunstgriff zum Trotz ward durch einen andern Theil des Canoe’s eine Kugel geschossen, welche ihn wirklich an der Haut streifte. Er ließ die Mütze sinken, und hielt sie sich sofort zum Schutz über den Kopf. Es konnte scheinen, als ob dieser zweite Kunstgriff unbemerkt bleibe; wahrscheinlich aber war, daß die Huronen, überzeugt, ihres Gefangnen wieder habhaft zu werden, ihn lebendig in ihre Hände zu bekommen wünschten.

Wildtödter lag noch einige Minuten regungslos da, sein Auge jedoch an dem Kugelloch, und nicht wenig erfreut war er, zu sehen, daß er allmälig immer weiter und weiter von der Küste weg trieb. Als er emporschaute, waren die Baumwipfel verschwunden, aber er bemerkte bald, daß das Canoe sich langsam wandte, so daß er durch sein Guckloch Nichts mehr als nur die beiden Enden des Sees sehen konnte. Jetzt dachte er an den Stecken, welcher gekrümmt war, und sich nicht übel zum Rudern eignete, ohne daß er nöthig hatte aufzustehen. Das Experiment gelang beim Versuch besser selbst als er gehofft hatte, obwohl die große Verlegenheit jetzt die war, das Canoe in gerader Richtung zu erhalten. Daß dieß neue Manöuver gesehen worden, ward bald klar aus dem Geschrei auf der Küste, und eine am Hintertheil des Canoe’s eindringende Kugel fuhr der Länge nach hindurch, pfiff zwischen den Armen unsers Helden hin, und drang am Vordertheil hinaus. Dieß überzeugte den Flüchtling, daß er sich mit ziemlicher Geschwindigkeit entfernte, und spornte ihn an, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Er ruderte noch kräftiger als zuvor, als ein neuer Bote von dem Vorsprung den Stecken außen zerschmetterte und ihn seines Ruders beraubte. Da aber der Ton der Stimmen immer ferner und ferner zu werden schien, beschloß Wildtödter, Alles dem Treiben des Wassers zu überlassen, bis er sich außer dem Bereich der Kugeln glaubte. Das war eine harte Nervenprobe, aber es war das klügste Auskunftsmittel, das sich darbot; und der junge Mann fühlte sich ermuthigt, dabei zu bleiben, durch den Umstand, daß er im Gesicht das Fächeln der Luft spürte, ein Beweis, daß der Wind etwas stärker wehte.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nicht der Wittwe Thrän‘, nicht der Waisen Weh
Hält die wilden Stürmer auf;
Nicht dräuender Himmel, nicht schwellende See
Hemmt des Piraten Lauf;
Von Selbstsucht gestählt zu vermessenem Muth
Wandeln sie hin durch Raub und Blut;
An Leumund und Schande bange Gedanken
Machen im Frevel sie nimmer wanken;
Macht und Schätze durch Unthat zu häufen nicht laß,
Verlachen der Mitmenschen Furcht sie und Haß.
Congreve.

Wildtödter befand sich jetzt zwanzig Minuten in dem Canoe, und er harrte nachgerade mit einiger Ungeduld auf Zeichen des Beistands von seinen Freunden. Die Stellung des Bootes hinderte ihn noch immer, in einer andern Richtung, als den See auf- oder abwärts zu sehen; und obwohl er wußte, daß seine Gesichtslinie nur hundert Schritte von dem Castell ab lag, überschritt sie doch in der That diese Entfernung, von der westlichen Seite der Gebäude aus gerechnet. Die tiefe Stille beunruhigte ihn auch, denn er wußte nicht, ob er sie auf Rechnung des zunehmenden Abstandes von den Indianern, oder einer neuen List schreiben sollte. Endlich, ermüdet von dem fruchtlosen Harren, kehrte sich der junge Mann auf seinem Rücken um, schloß die Augen und erwartete das Weitere in gefaßter Ergebung und Ruhe. Wenn die Wilden ihren Rachedurst so völlig zu bemeistern vermochten, so war er entschlossen, sich ebenso ruhig zu verhalten wie sie, und sein Schicksal dem Einfluß der Strömungen und der Luft anzuvertrauen.

Etwa zehn weitere Minuten mochten verflossen seyn, während beide Theile sich so ruhig verhielten, als Wildtödter ein leises Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Etwas an dem Boden des Canoe’s riebe. Er öffnete natürlich die Augen, in Erwartung das Gesicht oder den Arm eines Indianers aus dem Wasser sich erheben zu sehen, und fand, daß ein Laubdach gerade über seinem Kopf hing. Er sprang auf, und das Erste, was sein Auge erblickte, war Rivenoak, welcher dem langsamen Vorrücken des Bootes nachgeholfen und es an den Vorsprung herangezogen hatte; und das Anstreifen auf dem Strand war der Ton gewesen, welcher unsern Helden zuerst aufgeschreckt hatte. Der Wechsel in der Richtung des Canoe’s rührte ganz nur von der Unbeständigkeit der Luftströmungen und einigen Strudeln des Wassers her.

»Kommt,« sagte der Hurone mit einer ruhig gebietenden Geberde seinen Gefangenen auffordernd, an’s Land zu steigen; »mein junger Freund ist herumgesegelt, bis er müde geworden ist; er wird vergessen, wieder zu laufen, wenn er nicht seine Beine gebraucht.«

»Ihr habt den Vortheil davon, Hurone,« versetzte Wildtödter, ruhig aus dem Canoe tretend, und seinem Führer geduldig auf den offenen Platz des Vorsprungs folgend; »die Vorsehung hat Euch in unerwarteter Weise geholfen. Ich bin wieder Euer Gefangener, und Ihr werdet, hoff‘ ich, gestehen, daß ich ebenso tüchtig darin bin, aus der Haft zu brechen, als Urlaube zu halten.«

»Mein junger Freund ist ein Elenthier!« rief der Hurone. »Seine Beine sind sehr lang; sie haben meinen jungen Männern Mühe gemacht. Aber er ist kein Fisch; er kann seinen Weg im See nicht finden. Wir schossen ihn nicht; Fische fängt man in Netzen, und tödtet sie nicht mit Kugeln. Wenn er wieder ein Elenthier wird, wird er wie ein Elenthier behandelt werden.«

»Ja, schwatzt nur, Rivenoak; rühmt und benutzt Euren Vortheil. Es ist Euer Recht, denke ich, und ich weiß, es ist Eure Gabe. Ueber den Punkt werden wir nicht weiter Worte wechseln; denn alle Menschen dürfen und müssen ihren Gaben folgen. Indessen, wenn Eure Weiber anfangen, mich zu necken und zu schmähen, was, wie ich glaube, bald geschehen wird, so mögen sie bedenken, daß, wenn ein Bleichgesicht sich um sein Leben wehrt, so lang es recht und mannhaft ist, er auch mit Anstand es fahren zu lassen weiß, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen. Ich bin Euer Gefangner; thut Euren Willen an mir.«

»Mein Bruder hat einen langen Lauf gemacht auf den Bergen und eine angenehme Fahrt auf dem Wasser,« versetzte Rivenoak milder, und lächelte dabei in einer Art, die, wie der Andere wußte, friedliche Absichten verrieth. »Er hat die Wälder gesehen; er hat das Wasser gesehen; wo gefällt es ihm am besten? Vielleicht hat er genug gesehen, um seinen Sinn zu ändern und ihn geneigt zu machen, Vernunft zu hören.«

»Sprecht, Hurone, Ihr habt Etwas in Gedanken, und je eher es gesagt ist, um so eher habt Ihr meine Antwort.«

»Das ist gerade herausgesprochen! In den Reden meines Freundes, des Bleichgesichts, sind keine krummen Windungen, obwohl er ein Fuchs ist im Laufen. Ich will zu ihm sprechen! seine Ohren sind jetzt weiter offen als zuvor, und seine Augen sind nicht verschlossen. Die Sumach ist ärmer als je. Früher hatte sie einen Bruder und einen Gatten. Sie hatte auch Kinder. Die Zeit ging hin, und der Gatte brach auf nach den glücklichen Jagdrevieren, ohne Lebewohl zu sagen; er ließ sie allein mit seinen Kindern. Das konnte er nicht ändern, sonst hätte er es nicht gethan; der Loup Cervier war ein guter Gatte. Es war lustig, das Wildpret, und die wilden Enten und Gänse, und Bärenfleisch zu sehen, das Winters in seiner Hütte hing. Es ist jetzt dahin; es hält sich nicht bei warmem Wetter. Wer soll es wieder bringen? Manche dachten, der Bruder werde seiner Schwester nicht vergessen, und er würde im nächsten Winter sorgen, daß die Hütte nicht leer bleibe. Wir glaubten dieß; aber der Panther brüllte und folgte dem Gatten auf dem Pfade des Todes. Sie wetteifern jetzt Wer zuerst die glücklichen Jagdreviere erreiche. Einige meinen, der Luchs könne am schnellsten laufen, und Einige, der Panther können am weitesten springen. Die Sumach meint, Beide werden so schnell und so weit reisen, daß Keiner je zurückkomme. Wer soll sie und ihre Kinder ernähren? Der Mann, der ihren Gatten und ihren Bruder ihre Hütte verlassen hieß, damit für ihn Raum würde, hineinzugehen. Er ist ein großer Jäger, und wir wissen, daß das Weib nie Mangel leiden wird.«

»Ja, Hurone, das ist bald abgemacht nach Euren Begriffen; aber den Gefühlen eines weißen Mannes geht es leidig gegen den Strich. Ich habe von Männern gehört, welche ihr Leben auf diese Weise retteten, und ich habe Solche gekannt, die den Tod einer solchen Art von Gefangenschaft vorziehen würden. Was mich betrifft, ich suche mein Ende nicht, aber ich suche auch die Ehe nicht.«

»Das Bleichgesicht wird sich dieß bedenken, während meine Leute sich zur Berathung anschicken. Man wird ihm sagen, was geschehen wird. Er bedenke, wie hart es ist, einen Gatten und einen Bruder zu verlieren. Geht; wenn wir Euch vor uns sehen wollen, wird man den Namen Wildtödter rufen.«

Dieß Gespräch war ohne alle Zeugen in der Nähe der beiden Männer geführt worden. Von der ganzen Bande, von welcher vor Kurzem der Platz wimmelte, war nur Rivenoak sichtbar. Die Uebrigen schienen den Ort ganz verlassen zu haben. Selbst die Geräthe, Kleider, Waffen und sonstiges Zugehör des Lagers waren gänzlich verschwunden, und die Stelle wies keine andere Merkmale von dem Schwarm, der sich darauf vor einer Stunde noch umgetrieben, als die Spuren von den Feuern und Ruheplätzen, und die zerstampfte Erde, die noch ihre Fußtapfen zeigte. Eine so plötzliche und unerwartete Veränderung erregte in nicht geringem Grade Wildtödters Erstaunen und Unruhe, denn so Etwas war ihm während seiner ganzen Erfahrung unter den Delawaren nicht vorgekommen. Er vermuthete jedoch, und mit Recht, daß ein Wechsel des Lagers beabsichtigt werde, und daß man das Geheimnißvolle dieser Bewegung zu Hülfe nehme, um auf seine Seele durch Furcht zu wirken.

Rivenoak schritt den Gang zwischen den Bäumen dahin, sobald er gesprochen hatte, und ließ Wildtödter allein. Der Häuptling verschwand hinter dem Dickicht des Waldes, und ein Neuling in solchen Scenen hätte wähnen können, der Gefangene sey nunmehr ganz den Eingebungen seiner Klugheit überlassen gewesen. Aber der junge Mann kannte, während er einigermaßen betroffen war über den dramatischen Anstrich der Dinge, seine Feinde zu gut, um sich frei und in seinen Bewegungen ungehemmt zu glauben. Doch wußte er noch nicht, wie weit die Huronen ihre Täuschungen zu treiben beabsichtigten, und er beschloß, die Frage so bald als thunlich zur Entscheidung zu bringen. Eine Gleichgültigkeit zur Schau tragend, die er keineswegs fühlte, schlenderte er auf dem Platz herum, und kam allmälig immer näher zu der Stelle, wo er gelandet hatte, als er plötzlich seinen Schritt beschleunigte, obwohl er sorgfältig jeden Schein der Flucht vermied, und die Büsche auseinanderreißend, schritt er auf den Kiesplatz. Das Canoe war weg, und er sah auch keine Spuren davon, nachdem er zum nördlichen und südlichen Rand des Vorsprungs geschritten war und in beiden Richtungen die Küste besichtigt hatte. Es war offenbar an einen Ort gebracht worden, der ihm unbekannt und unzugänglich war, und unter Umständen, welche zeigten, daß dieß die Absicht der Wilden gewesen.

Wildtödter verstand jetzt seine wirkliche Lage besser. Er war ein Gefangner auf der schmalen Landzunge, ohne Zweifel sorgfältig bewacht, und ohne andere Mittel zu entkommen, als durch Schwimmen. Er dachte wieder an dieß letzte Auskunftsmittel, aber die Gewißheit, daß man ihm das Canoe zur Verfolgung nachschicken würde, und die geringe Aussicht dieses verzweifelten Versuchs auf Erfolg schreckten ihn davon ab. Am Strand stieß er auf eine Stelle, wo die Büsche waren abgeschnitten und auf einen kleinen Haufen zusammengeworfen worden. Als er einige der obern Zweige wegnahm, fand er darunter den Leichnam des Panthers. Er wußte, daß er aufbewahrt wurde, bis die Wilden einen Begräbnißplatz fänden, wo er außer dem Bereiche des Skalpirmessers wäre. Er blickte gedankenvoll nach dem Castell hinüber; aber dort schien Alles still und öde; und ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit überfiel ihn, das den düstern Ernst des Augenblicks noch erhöhte.

»Gottes Wille geschehe!« murmelte der junge Mann, indem er bekümmert von dem Strand sich entfernte, und wieder unter die Bogen des Waldes trat. »Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Ich hoffte, meine Tage würden nicht so bald gezählt seyn; aber es trägt am Ende Wenig aus. Einige Winter und einige Sommer mehr, so wäre es nach dem Lauf der Natur doch vorüber gewesen. Ach ja wohl! die Jungen und Rüstigen denken selten an die Möglichkeit des Todes, bis er ihnen in’s Angesicht grinst, und ihnen ankündigt, daß ihre Stunde gekommen ist!«

Während dieses Selbstgesprächs trat der Jäger auf den freien Platz, wo er zu seinem Erstaunen Hetty allein stehen sah, allem Anschein nach auf seine Zurückkunft wartend. Das Mädchen trug die Bibel unter dem Arm, und ihr Antlitz, über welchem gewöhnlich ein Schatten sanfter Schwermuth lag, schien jetzt traurig und niedergeschlagen. Wildtödter trat ihr näher und sprach zu ihr.

»Arme Hetty,« sagte er, »in dieser letzten Zeit ist es so unruhig zugegangen, daß ich Euch ganz vergessen hatte; wir treffen uns jetzt gleichsam, um zu trauern über das was kommen wird. Ich bin verlangend zu wissen, was aus Chingachgook und Wah! geworden ist!«

»Warum habt Ihr den Huronen getödtet, Wildtödter?« versetzte das Mädchen in vorwurfsvollem Tone. »Kennt Ihr Eure zehn Gebote nicht, welche sagen: du sollst nicht tödten? Sie sagen mir, Ihr habet jetzt des Weibes Gatten und Bruder erschlagen?«

»Es ist wahr, meine gute Hetty, – es ist wahr wie das Evangelium, und ich will nicht läugnen, was geschehen ist. Aber Ihr müßt bedenken, Mädchen, daß Manches erlaubt ist im Krieg, was unerlaubt wäre im Frieden. Der Gatte ward erschossen in offenem Kampfe; oder offen, so weit es mich betraf, während er einen ungewöhnlich guten Schutz und Versteck hatte; – und der Bruder zog sich selbst seinen Tod zu, indem er seinen Tomahawk nach einem unbewaffneten Gefangenen warf. Seyd Ihr Zeugin der That gewesen, Mädchen?«

»Ich sah sie, und es that mir leid, daß sie vorfiel, Wildtödter; denn ich hoffte, Ihr würdet nicht Schlag mit Schlag, sondern Böses mit Gutem vergelten.«

»Ach, Hetty, das mag angehen unter den Missionären, aber in den Wäldern würde das ein unsicheres Leben machen. Der Panther gelüstete nach meinem Blut, und war thöricht genug, mir Waffen in die Hände zu geben, in dem Augenblick, wo er darnach trachtete. Es wäre gegen die Natur gewesen, bei einer solchen Versuchung nicht eine Hand zu erheben, und es hätte meiner Erziehung und meinen Gaben Unehre gebracht. Nein, nein; ich bin so bereit als Einer, Jedem das Seinige zu lassen und zu geben; und dieß, hoffe ich, werdet Ihr bezeugen gegen diejenigen, die Euch etwa über das befragen, was Ihr heute gesehen habt.«

»Wildtödter, gedenkt Ihr Sumach zu heirathen, nunmehr sie weder Gatten noch Bruder mehr hat, sie zu ernähren?«

»Sind das Eure Ideen vom Ehestand, Hetty? Soll der Junge die Alte zum Weibe nehmen – das Bleichgesicht die Rothhaut – der Christ die Heidin? Es ist gegen Vernunft und Natur, und das werdet Ihr einsehen, wenn Ihr es einen Augenblick bedenkt.«

»Ich habe immer Mutter sagen hören,« erwiederte Hetty, ihr Gesicht wegwendend, mehr aus weiblichem Instinkt, als in irgend einem Bewußtseyn von Unrecht – »daß die Leute nie heirathen sollten, als wenn sie einander mehr liebten als Brüder und Schwestern; und ich denke das ist’s, was Ihr meint. Sumach ist alt, und Ihr seyd jung.«

»Ja, und sie ist roth und ich bin weiß. Zudem, Hetty, setzt den Fall, Ihr wäret jetzt ein Weib und hättet einen jungen Mann von Euren Jahren, Stand und Farbe geheirathet – Hurry Harry zum Beispiel« – Wildtödter wählte dieß Beispiel einfach deßwegen, weil er der einzige Beiden bekannte junge Mann war – »und er wäre gefallen auf einem Kriegspfad: würdet Ihr wünschen an Eure Brust als Gatten den Mann zu nehmen, der ihn erschlagen?«

»Oh! nein, nein, nein;« antwortete das Mädchen schaudernd. »Das wäre sündhaft, ebenso wie herzlos! Kein christliches Mädchen könnte oder wollte das thun. Ich werde nie Hurry’s Weib werden, das weiß ich; aber wäre er mein Gatte, kein Mann sollte es je wieder werden nach seinem Tode!«

»Ich dachte auf das würde es hinauskommen, Hetty, wenn Ihr erst die Umstände recht begriffen. Es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß ich je Sumach heirathe; und obgleich bei indianischen Heirathen keine Priester sind, und wenig Religion, kann doch ein weißer Mann, der seine Gaben und Pflichten kennt, sich das nicht zu Nutze machen, und so im geeigneten Augenblick sich retten. Ich glaube, der Tod wäre natürlicher und willkommener, als Ehe mit diesem Weibe.«

»Sagt das nicht zu laut,« unterbrach ihn Hetty ungeduldig; »ich glaube sie würde das nicht gern hören. Ich bin gewiß, Hurry würde eher sogar mich heirathen, als Martern ausstehen, obwohl ich schwachsinnig bin; und es würde mich gewiß tödten, wenn ich denken müßte, er würde lieber den Tod wählen, als mein Gatte werden!«

»Ja, Mädchen, Ihr seyd nicht Sumach, sondern eine hübsche, junge Christin, mit einem guten Herzen, anmuthigem Lächeln und freundlichem Auge. Hurry dürfte stolz darauf seyn, Euch zu bekommen, und das nicht, wenn er im Elend und Kummer wäre, sondern in seinen besten und glücklichsten Tagen. Indeß nehmt meinen Rath, und sprecht mit Harry nie von diesen Dingen; er ist im besten Falle doch eben ein Grenzer.«

»Ich möchte es ihm um die Welt nicht sagen!« rief das Mädchen, und sah sich ganz entsetzt und erröthend um, sie wußte selbst nicht warum. »Mutter sagte immer, Mädchen sollen nicht keck und vorlaut seyn, und ihre Gesinnungen nicht aussprechen, ehe man sie frage; – oh! ich vergesse nie, was Mutter mir gesagt hat. Es ist Schade, daß Hurry so schön ist, Wildtödter; ich glaube, ohne das würden ihn wenigere Mädchen gern haben, und er würde eher sein eigenes Gemüth kennen lernen.«

»Armes Mädchen, armes Mädchen! es ist klar genug, wie es steht; aber der Herr wird ein Geschöpf von so einfältigem Herzen und so freundlichem Gemüth nicht außer Acht lassen! Wir wollen nicht weiter von diesen Dingen sprechen; wenn Ihr Vernunft hättet, würdet Ihr Euch bekümmern, Andre so Euer Geheimniß haben durchschauen zu lassen. Sagt mir, Hetty, was ist aus all‘ den Huronen geworden, und warum lassen sie Euch auf dem Vorsprung herum wandeln, als ob Ihr auch eine Gefangene wäret?«

«Ich bin keine Gefangene, Wildtödter, sondern ein freies Mädchen, und gehe wohin und wann es mir gefällt. Niemand darf mir ein Leid thun! Wenn sie es thäten, würde Gott zürnen, wie ich ihnen in der Bibel zeigen kann. Nein – nein – Hetty Hutter fürchtet sich nicht; sie ist in guten Händen. Die Huronen sind dort in den Wäldern drüben, und haben ein scharfes Auge auf uns Beide, dafür steh‘ ich, denn alle Weiber und Kinder halten Wache. Einige begraben den Leichnam des armen Mädchens, das in der vorigen Nacht erschossen wurde, damit der Feind und die wilden Thiere ihn nicht finden können. Ich sagte ihnen, Vater und Mutter lägen im See, aber ich ließ sie nicht wissen, in welcher Gegend, denn Judith und ich brauchen Niemand von ihrer heidnischen Gesellschaft auf unserem Begräbnißplatz.«

»Ach weh! Nun, es ist in der That eine grausame Aufgabe, hier zu stehen, lebend und zornig, mit aufgeregten, wüthenden Gefühlen, in der einen Stunde, und dann in der nächsten weggeführt, und in einer Grube in der Erde dem Anblick der Menschenkinder entrückt zu werden! Niemand weiß, was ihm auf einem Kriegspfad widerfahren mag, das ist gewiß!«

Hier unterbrach das Rauschen des Laubs und das Krachen von dürren Zweigen das Gespräch, und setzte Wildtödter in Kenntniß von der Annäherung seiner Feinde. Die Huronen schlossen um den Platz, der für die nun kommende Scene eingerichtet worden war, und in dessen Mitte das beabsichtigte Opfer jetzt stand, einen Kreis – und die bewaffneten Männer waren so unter die schwächern Glieder der Bande vertheilt, daß keine gefahrlose Lücke war, wo der Gefangene durchbrechen konnte. Aber er dachte jetzt nicht mehr an Flucht; der letzte Versuch hatte ihn von der Unmöglichkeit überzeugt, zu entkommen, wenn er von einer großen Menge so scharf verfolgt ward. Im Gegentheil hatte er alle seine Kräfte aufgeboten, um dem Schicksal, das er erwartete, mit einer Ruhe entgegenzugehen, welche seiner Farbe und Mannhaftigkeit Ehre machen sollte, – ebenso entfernt von feiger und schimpflicher Angst, wie von der Prahlerei der Wilden.

Als Rivenoak wieder in dem Kreis erschien, nahm er seinen alten Platz oben auf der Scene ein. Einige der ältern Krieger standen in seiner Nähe; aber jetzt, nachdem Sumach’s Bruder gefallen, war kein anerkannter Häuptling mehr anwesend, dessen Einfluß und Ansehen mit dem seinigen in eine gefährliche Nebenbuhlerschaft hätte treten können. Dennoch ist wohl bekannt, daß wenig Monarchisches oder Despotisches in irgend einem Sinne in der politischen Verfassung der nordamerikanischen Stämme sich fand, obgleich die ersten Colonisten, in diese Hemisphäre die Begriffe und Meinungen ihrer Länder mitbringend, die angesehensten Männer dieser dem Urzustand nahe stehenden Nationen häufig mit den stolzen Titeln von Königen und Fürsten bezeichneten. Erblicher Einfluß existirte allerdings; aber man hat allen Grund zu glauben, daß er eher als eine Folge von erblichem Verdienst und erworbnen Eigenschaften, denn als Geburtsrecht bestand. Rivenoak jedoch hatte nicht einmal diesen Anspruch – denn er war zu Ansehen emporgestiegen einzig durch die Macht von Talenten, Scharfsinn, und wie Bacon es ausspricht, im Hinblick auf alle ausgezeichneten Staatsmänner – »durch eine Vereinigung großer und gemeiner Eigenschaften;« eine Wahrheit, für welche die Laufbahn des tiefdenkenden Engländers selbst einen so einleuchtenden Beleg liefert.

Nächst den Waffen ebnet Beredsamkeit die große Bahn zur Volksgunst, sey es im civilisirten oder im wilden Leben; und Rivenoak hatte es so weit gebracht – wie so Manche vor ihm! – ebensosehr dadurch, daß er seinen Zuhörern falsche Sätze und Trugschlüsse einleuchtend zu machen wußte, als durch tiefe und gelehrte Auseinandersetzung der Wahrheit, oder durch die Schärfe seiner Logik. Dennoch besaß er Einfluß, und war auch gar nicht ohne gerechte Ansprüche darauf. Wie die meisten Menschen, welche mehr überlegen als fühlen, war der Hurone kein Freund davon, die blos wilden und trotzigen Leidenschaften seines Volks zu üben und zu hegen; man fand ihn gewöhnlich auf der Seite der Barmherzigkeit bei all den Scenen erbitterter Peinigung und Rachgier, die in seinem Stamme vorgekommen, seit er zur Macht gelangt war. Im jetzigen Falle sträubte er sich, es aufs Aeußerste kommen zu lassen, obwohl die Reizung und Herausforderung so groß war; aber doch ging es über seinen Scharfsinn, ein Mittel zu entdecken, diese Alternative glücklich zu vermeiden. Sumach empfand ihre Verschmähung bittrer, als den Tod von Gatten und Bruder, und es war wenig Wahrscheinlichkeit, daß das Weib dem Manne verzeihen werde, der so unumwunden den Tod ihren Umarmungen vorgezogen hatte. Ohne ihre Verzeihung war kaum zu hoffen, daß der Stamm sich bewegen lassen würde, seinen Verlust zu übersehen; und selbst dem zur Verzeihung so geneigten Rivenoak schien das Schicksal unsers Helden jetzt hoffnungslos besiegelt.

Als die ganze Bande versammelt war, erfüllte ein ernstes Schweigen, nur um so drohender bei seiner tiefen Ruhe, den Platz. Wildtödter bemerkte, daß die Weiber und Knaben Splitter von den fetten Fichtenwurzeln gefertigt hatten, die, wie er wohl wußte, ihm ins Fleisch gesteckt und angezündet werden sollten, während zwei oder drei der jungen Männer die Stricke von Bast hielten, womit er gebunden werden sollte. Der Rauch von einem fernen Feuer kündigte an, daß die Brände schon in Bereitschaft waren, und einige von den altern Kriegern fuhren mit den Fingern über die Schneide ihrer Tomahawks, um ihre Schärfe und Feinheit zu erproben. Selbst die Messer schienen schon gelockert in ihren Scheiden, ungeduldig der blutigen, unbarmherzigen Arbeit harrend, die beginnen sollte.

»Tödter des Wildes,« begann wieder Rivenoak, allerdings ohne alle Zeichen von Sympathie oder Mitleid in seinem Wesen, obwohl mit Ruhe und Würde; »Tödter des Wildes, es ist Zeit, daß meine Leute ihre Gesinnungen erkannten. Die Sonne steht nicht mehr über unsern Häuptern; müde über den Huronen zu weilen, hat sie angefangen, gegen die Fichten auf dieser Seite des Thales sich zu senken. Sie wandert schnell dem Lande unsrer französischen Väter zu – um zu warnen ihre Kinder, daß ihre Hütten leer stehen, und daß sie zu Hause seyn sollten. Der streifende Wolf hat seine Höhle, und er sucht sie auf, wenn er seine Jungen zu sehen wünscht. Die Irokesen sind nicht ärmer als die Wölfe. Sie haben Dörfer, und Wigwams, und Kornfelder; die guten Geister werden müde seyn, sie allein zu bewachen. Meine Leute müssen zurückgehen und nach ihren Angelegenheiten sehen. Es wird Freude herrschen in den Hütten, wenn sie unsern Ruf von dem Walde her hören! Es wird ein kummervoller Ruf seyn; wenn man ihn verstanden, wird Gram ihm folgen. Es wird Ein Skalpruf erschallen, aber nur Einer. Wir haben den Pelz der Bisamratze; sein Leichnam ist unter den Fischen. Wildtödter muß es sagen, ob noch ein Skalp auf unserm Pfahl seyn soll. Zwei Hütten sind leer; ein Skalp, lebendig oder todt, ist erforderlich für jede Thüre!«

»Dann nehmt ihn todt, Hurone,« erwiederte der Gefangne fest, aber ohne theatralische Prahlerei. »Meine Stunde ist gekommen, glaube ich, und was seyn muß, muß seyn. Wenn Ihr auf die Martern versessen seyd, so will ich mein Möglichstes thun, sie mannhaft zu ertragen, obgleich kein Mensch sagen kann, wie weit seine Natur Schmerzen aushalten kann, bis es zur Probe gekommen ist.«

»Der Bleichgesichthund fängt an den Schwanz zwischen die Beine zu nehmen!« schrie ein junger, geschwätziger Wilder, der den passenden Titel: Corbeau Rouge führte, ein sobriquet, das er von den Franzosen bekommen wegen seiner Fertigkeit, zur Unzeit Geräusch zu machen, und einer ungebührlichen Neigung, seine eigne Stimme zu hören; »er ist kein Krieger; er hat den Loup Cervier getödtet, hinter sich blickend, um nicht den Blitz seiner eignen Büchse zu sehen. Er grunzt schon wie ein Schwein; wenn die Huronen-Weiber anfangen, ihn zu quälen, wird er schreien wie das Junge der Pantherkatze. Er ist ein Delawarisches Weib, gekleidet in die Haut eines Yengeese!«

»Schwatzt wie Ihr wollt, junger Mann; schwatzt wie Ihr wollt,« versetzte Wildtödter unbeweglich; »Ihr versteht es nicht besser und ich kann es übersehen. Schwatzen mag Weiber belustigen, aber kann schwerlich Messer schärfer, Feuer heißer, oder Büchsen sichrer machen.«

Rivenoak legte sich jetzt dazwischen, verwies der Rothen Krähe ihre voreilige Einmischung, und wies dann die geeigneten Personen an, den Gefangnen zu binden. Diese Maßregel ward ergriffen nicht aus Besorgniß, er möchte entfliehen, oder sofern man jetzt schon die Notwendigkeit davon erkannt hatte, weil er nicht im Stande gewesen wäre, die Martern mit freien Gliedern auszuhalten, sondern mit der sinnreichen Absicht, ihm seine Hilflosigkeit recht fühlbar zu machen, und seine Entschlossenheit dadurch allmälig zu lähmen, daß man sie so zu sagen Schritt für Schritt untergrub. Wildtödter widersetzte sich nicht. Er bot seine Arme und Beine willig, wenn auch nicht freudig, den Bastseilen dar, welche auf Befehl des Häuptlings so darum gebunden wurden, daß sie möglichst wenig Schmerzen verursachten. Diese Anweisungen waren geheim und in der Hoffnung gegeben, der Gefangene würde sich am Ende jede ernste körperlich Marter ersparen, durch seine Einwilligung, die Sumach zum Weib zu nehmen. Sobald Wildtödter hinlänglich mit Bast gebunden war, um ein lebhaftes Gefühl von Hülflosigkeit in ihm zu erwecken, ward er an einen jungen Baum im buchstäblichen Sinne geschleppt und daran so angebunden, daß er sich in der That ebensowenig rühren als fallen konnte. Die Hände wurden flach an die Beine gelegt, und überall Seile darüber gezogen, dergestalt, daß der Gefangene mit dem Baume wie verwachsen schien. Dann ward ihm seine Mütze abgenommen, und er blieb dann in einer Lage – halb stehend, halb von seinen Banden gehalten, um der kommenden Scene so gut er konnte die Stirne zu bieten.

Ehe man irgend zum Aeußersten schritt, war es Rivenoaks Wunsch, seines Gefangnen Entschlossenheit auf die Probe zu stellen durch Erneuerung des Versuchs zu einem gütlichen Vergleich. Dieß konnte nur auf Eine Weise geschehen, da die Einwilligung der Sumach unerläßlich war, wenn es zu einem Vergleich über ihr Recht auf Rache kommen sollte. In dieser Absicht ward denn zunächst das Weib aufgefordert vorzutreten, und selbst ihr Interesse zu wahren; da man annehmen konnte, daß Niemand bei dieser Negotiation eine wirksamere Rolle würde spielen können, als die Hauptperson selbst. Die Indianerinnen sind als Mädchen gewöhnlich mild und unterwürfig, mit musikalischem Ton, angenehmen Stimmen und lustigem Lachen; aber Mühseligkeiten und Leiden berauben sie der meisten dieser Vorzüge, bis sie nur ein Alter erreichen, das die Sumach lange schon überschritten hatte. Ihre Stimmen rauh zu machen, erforderte es, so mochte es scheinen, lebhafte, bösartige Leidenschaften, obwohl in der Aufregung ihr Kreischen zu einem hinlänglichen Grade von gellendem Mißton sich erheben kann, um ihre Ansprüche auf den Besitz dieser unterscheidenden Eigenthümlichkeit des schönen Geschlechts sicher zu stellen. Die Sumach war jedoch nicht ganz ohne weibliche Reize, und hatte noch vor so kurzer Zeit unter ihrem Stamme für schön gegolten, daß sie noch nicht in ihrem ganzen Umfang die Wirkungen erkannt hatte, welche Zeit und Mühseligkeit bei Männern so gut wie bei Frauen hervorbringen. Auf Rivenoaks Veranstaltung hatten einige der Weiber um sie her die ganze Zeit über sich Mühe gegeben, die einsam stehende Wittwe zu bereden, es sey noch Hoffnung, den Wildtödter zu vermögen, lieber in ihren Wigwam, als in die Welt der Geister einzuziehen, und dieß mit einem Erfolg, den frühere Symptome kaum hätten erwarten lassen. Alles dieß war die Folge eines Entschlusses von Seiten des Häuptlings, kein geeignetes Mittel unversucht zu lassen, um den größten Jäger, der nach allgemeiner Annahme damals in der ganzen Gegend lebte, für seine Nation, so wie auch einen Gatten für ein Weib zu gewinnen, das, wie er wohl fühlte, sehr lästig und beschwerlich werden konnte, wenn man ihre Ansprüche an die Aufmerksamkeit und Vorsorge des Stammes irgend übersah.

Diesem Plan gemäß war die Sumach insgeheim angewiesen worden, in den Kreis vorzutreten, und den Gerechtigkeitssinn des Gefangenen anzusprechen, ehe die Bande zu dem letzten Versuch schritt. Das Weib willigte nicht faul ein; denn es lag ein ähnlicher Reiz darin, das Weib eines unter den Frauen der Stämme berühmten Jägers zu werden, wie etwa die Schönen in einem mehr verfeinerten Zustand empfinden, wenn sie ihre Hand reichen Männern geben. Da die Pflichten einer Mutter als alle andre Rücksichten aufwiegend galten, empfand die Wittwe nichts von der Verlegenheit bei dem Vortrag ihrer Ansprüche, deren selbst eine Glücksjägerin unter uns sich doch nicht erwehren würde. Wie sie daher vor der ganzen Truppe vortrat, rechtfertigten die Kinder, die sie an der Hand führte, Alles, was sie that, vollkommen.

»Ihr seht mich vor Euch, grausames Bleichgesicht,« begann das Weib; »Euer Geist muß Euch mein Anliegen sagen. Ich habe Euch gefunden: ich kann nicht finden den Loup Cervier noch den Panther. Ich habe sie gesucht im See, in den Wäldern, in den Wolken. Ich weiß nicht zu sagen, wohin sie gegangen sind.«

»Niemand weiß es, gute Sumach, Niemand weiß es,« fiel der Gefangne ein. »Wenn der Geist den Körper verläßt, geht er in eine Welt über, welche jenseits unsrer Erkenntniß liegt, und das Klügste für die Zurückgebliebenen ist: das Beste zu hoffen. Ohne Zweifel sind Eure beiden Krieger nach den glücklichen Jagdrevieren gegangen, und seiner Zeit werdet Ihr sie wieder sehen in ihrem bessern Zustand. Das Weib und die Schwester von Tapfern muß einem solchen oder ähnlichen Schluß ihrer Laufbahnen auf Erden entgegengesehen haben.« »Grausames Bleichgesicht, was hatten meine Krieger gethan, daß Ihr sie erschluget? Sie waren die besten Jäger und die kühnsten jungen Männer ihres Stammes; der Große Geist wollte, daß sie leben sollten bis sie verwitterten gleich den Zweigen der Tanne, und durch ihre eigne Wucht abfielen.«

»Nein, nein, gute Sumach,« unterbrach sie der Wildtödter, dessen Wahrheitsliebe zu unbezwinglich war, um geduldig solchen Hyperbeln zuzuhören, selbst wenn sie aus dem zerrissenen Herzen einer Wittwe kamen, – »Nein, nein, gute Sumach, das heißt die Vorrechte der Rothhäute etwas übertreiben. Ein junger Mann war Keiner, so wenig als Ihr eine junge Frau genannt werden könnt; und was des Großen Geistes Willen anlangt, daß sie hätten auf eine andere Weise fallen sollen, als sie fielen, so ist das ein trauriger Irrthum, sintemal, was der Große Geist will, ganz gewiß in Erfüllung geht. Und dann weiter ist es zwar ganz klar, daß keiner Eurer Freunde mir ein Leid that; ich erhob aber meine Hand gegen sie wegen dessen, was sie mir zu thun trachteten, und nicht, was sie mir thaten. Das ist natürliches Gesetz: seine Hand gebrauchen, damit man nicht der Hand des Andern erliege.«

»Es ist so. Sumach hat nur eine Zunge; sie kann nur eine Geschichte erzählen. Das Bleichgesicht erschlug die Huronen, damit nicht die Huronen ihn erschlügen. Die Huronen sind eine gerechte Nation, sie werden es vergessen, die Häuptlinge werden ihre Augen schließen und sich stellen, als hätten sie es nicht gesehen. Die jungen Männer werden glauben, der Panther und der Luchs seyen auf ferne Jagden gezogen; und die Sumach wird ihre Kinder bei der Hand nehmen, und in die Hütte des Bleichgesichts gehen, und sagen: Seht, das sind Eure Kinder – sie sind auch die meinigen; ernährt uns und wir wollen bei Euch wohnen.«

»Die Bedingungen sind nicht annehmbar, Weib; und so sehr ich Eure Verluste bedaure, welche hart zu tragen seyn müssen, können doch die Anträge nicht angenommen werden. Euch Wildpret zu schaffen, falls wir nahe genug bei einander wohnten, das wäre keine so große Aufgabe, aber Euer Mann zu werden, und der Vater von Euren Kindern, dazu fühle ich, ehrlich mit Euch gesprochen, keinen Beruf in mir.«

»Seht diesen Knaben an, grausames Bleichgesicht; er hat keinen Vater, der ihn lehren könnte, das Wild zu tödten, oder Skalpe zu nehmen. Seht dieß Mädchen; welcher junge Mann wird kommen, um sich ein Weib zu suchen in einer Hütte, die kein Haupt hat? Noch mehrere sind unter meinem Volke in den Canoe’s, und der Tödter des Wildes wird so viele Mäuler zu füttern finden, als sein Herz wünschen mag.«

»Ich sage Euch, Weib,« rief Wildtödter, dessen Phantasie keineswegs die Aufforderung der Wittwe unterstützte, und der bei den lebhaften Gemälden, welche sie entwarf, ungeduldig und städtisch zu werden anfing, »das Alles ist mir Nichts. Das Volk und die Verwandten müssen sich ihrer Vaterlosen annehmen, und die, die keine Kinder haben, ihrer Einsamkeit überlassen. Was mich betrifft, ich habe keine Sprößlinge und begehre kein Weib. Jetzt geht Eures Weges, Sumach laßt mich in den Händen Eurer Häuptlinge; denn meine Farbe und Gaben und meine Natur selbst schreien gegen die Idee, Euch zum Weib zu nehmen.«

Es ist unnöthig, weitläuftig zu seyn über die Wirkungen dieser unumwundnen Ablehnung der Vorschläge des Weibes. Wenn etwas wie Zärtlichkeit in ihrem Busen war – und kein Weib vielleicht entbehrte je ganz dieser weiblichen Eigenschaft – so verschwand dieß ganz bei dieser einfachen Erklärung. Rachsucht, Wuth, gekränkter Stolz und ein Vulkan von Zorn brachen in Einem Erguß los, und verwandelten sie wie mit einer Zauberruthe in eine Art Wahnsinnige. Ohne ihn einer Antwort in Worten zu würdigen, machte sie die Wölbungen des Waldes von ihrem Gekreische erdröhnen, und dann stürzte sie auf ihr Opfer los, und ergriff ihn bei den Haaren, die sie ihm mit den Wurzeln auszureißen entschlossen schien. Es dauerte einige Zeit, bis man ihn von ihr losmachen konnte. Zum Glück für den Gefangnen war ihre Wuth blind, denn seine gänzliche Hülflosigkeit hätte ihn ihr völlig preisgegeben: wäre sie besonnener gewesen, so hätte sie ihm den Tod bringen können, ehe zu Hülfe zu eilen möglich war. So aber gelang es ihr nur, ihm ein paar Hände voll Haare auszuraufen, ehe die jungen Männer sie von ihrem Opfer wegrissen.

Die der Sumach widerfahrene Beschimpfung galt als eine Beleidigung des ganzen Stammes, jedoch nicht sowohl wegen der Achtung, die man für das Weib hegte, als in Betracht der verletzten Ehre der Huronischen Nation. Sumach selbst galt allgemein für so herb und so sauer wie die Beere, von der sie ihren Namen hatte; und jetzt, nachdem ihre großen Beschützer, ihr Gatte und ihr Bruder beide dahin waren, gaben sich Wenige mehr Mühe, ihre Abneigung gegen sie zu verbergen. Doch aber war es ein Ehrenpunkt geworden, das Bleichgesicht zu strafen, das ein Huronisches Weib verschmähte, und zumal Einen, der ganz kaltblütig lieber sterben wollte, als dem Stamme die Last einer Wittwe und ihrer Kinder abnehmen. Die jungen Männer zeigten eine Ungeduld mit der Marter zu beginnen, welche Rivenoak verstand, und da seine ältern Genossen keine Neigung verriethen, einen längern Aufschub zu gestatten, sah er sich genöthigt, das Zeichen zu geben zum Anfang des höllischen Werkes.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Weg mußt vom See, dem grünen, du ziehn,
Und weg von des Jägers Herd;
Den Sommer hindurch, wo die Blumen glühn.
Ist zu bleiben dir, Tochter, verwehrt.«
Erinnerungen des Weibes.

Unsre zwei Abenteurer hatten nicht weit zu gehen. Hurry wußte die Richtung, sobald er den offnen Platz und die Quelle gefunden hatte, und er ging jetzt voran mit dem zuversichtlichen Schritt eines Mannes, der seiner Sache gewiß ist. Der Wald war, wie natürlich, dunkel, aber nicht mehr durch Buschwerk unwegsam, und der Boden war fest und trocken. Nachdem sie etwa eine Meile zurückgelegt, blieb March stehen, und begann forschende Blicke um sich zu werfen; indem er die verschiednen Gegenstände sorgfältig prüfte, und gelegentlich sein Auge auf die Stämme der gefallnen Bäume richtete, mit welchen der Boden ziemlich besäet war, wie dieß gewöhnlich der Fall ist in einem amerikanischen Wald, zumal in den Gegenden des Landes, wo das Bauholz noch keinen Werth hat.

»Das muß der Platz seyn, Wildtödter,« bemerkte endlich March; »hier ist eine Buche neben einer Schierlingstanne und drei Fichten in der Nähe, und dort ist eine weiße Birke mit gebrochenem Wipfel; und doch sehe ich keinen Felsen und keine herabgebognen Zweige, wie ich Euch gesagt, daß wir finden würden.«

»Gebrochene Zweige sind ungeschickte Merkzeichen, da der Unerfahrenste weiß, daß Zweige nicht oft von selbst brechen,« versetzte der Andere; »und sie führen auch leicht zu Argwohn und Entdeckung. Die Delawaren verlassen sich nie auf geknickte Zweige, außer in Friedenszeiten und auf offener Fährte. Was die Buchen und Fichten und Schierlingstannen betrifft, ha, die sind auf allen Seiten um uns her zu sehen, nicht blos zu zweien oder dreien, sondern zu vierzigen, fünfzigen und hunderten.«

»Sehr wahr, Wildtödter, aber Ihr erwägt nicht die Stellung. Hier ist eine Buche und eine Schierlingstanne –«

»Ja, und dort ist wieder eine Buche und eine Schierlingstanne, so liebevoll wie zwei Brüder, oder, was das betrifft, liebevoller als manche Brüder, und dort sind wieder welche, denn beide Bäume sind in diesen Wäldern keine Seltenheit, Ich fürchte, Hurry, Ihr versteht Euch besser darauf, Biber zu fangen und Bären zu schießen, als eine schwierige Fährte aufzuspüren. Ha! dort ist aber nun doch, was Ihr zu finden wünscht!«

»Ei, Wildtödter, das ist eine von Euern delawarischen Anmaßungen, denn ich will mich hängen lassen, wenn ich etwas Andres sehe, als diese Bäume, welche in der unerklärlichsten und verwirrendsten Weise um uns her emporragen.«

»Schaut dorthin, Hurry – so, in einer Linie mit der schwarzen Eiche – seht Ihr nicht das gekrümmte Bäumchen, das heraufgezogen ist zu den Zweigen der Linde daneben? Nun, dieß Bäumchen war einmal von Schnee bedeckt, und wurde von dessen Wucht niedergedrückt; aber es hat sich nicht selbst wieder aufgerichtet, und so wie Ihr es jetzt seht, an die Lindenzweige angelehnt. Die Hand eines Menschen hat ihm diesen Liebesdienst geleistet.«

»Das war meine Hand!« rief Hurry: »ich fand das schwache, junge Ding auf die Erde gedrückt, wie ein unglückliches Geschöpf vom Mißgeschick niedergebeugt, und richtete es so auf, wie Ihr seht. Am Ende, Wildtödter, muß ich doch gestehen, daß Ihr nachgerade ein ungemein gutes Auge für die Wälder bekommt.«

»Es bessert sich, Hurry – es bessert sich, muß ich gestehen; aber es ist erst das Auge eines Kindes, verglichen mit dem von Andern, die ich kenne. Da ist jetzt Tamenund, obwohl ein Mann so alt, daß Wenige sich seiner kräftigen Jahre erinnern. Tamenund läßt Nichts seiner Beobachtung entgehen, die mehr der Witterung eines Hundes als dem Blick eines Auges gleicht. Dann Unkas, der Vater von Chingachgook, und der rechtmäßige Häuptling der Mohikans, ist auch Einer, dessen Blick beinahe unmöglich etwas entgehen kann. Ich komme weiter, ich will es gestehen, ich komme weiter, aber bin bis jetzt noch weit von der Vollkommenheit entfernt.«

»Und wer ist denn dieser Chingachgook, von dem Ihr so Viel schwatzt, Wildtödter?« fragte Hurry, indem er in der Richtung auf das aufgerichtete Bäumchen zu weiter schritt; »eine schleichende Rothhaut, im besten Fall, nach der ich Nichts frage.«

»Nicht so, Hurry, sondern der Beste unter den schleichenden Rothhäuten, wie Ihr sie nennt. Wenn er seine Rechte hätte, so wäre er ein großer Häuptling; aber so ist er nur ein muthiger und redlicher Delaware; geachtet zwar, und dem man auch in manchen Dingen gehorcht, aber von einem gefallenen Geschlecht, und einem gefallenen Volke angehörend. Ach, Hurry March, es würde Euch das Herz im Leibe warm machen, in ihren Hütten zu sitzen in einer Winternacht, und den Erzählungen und Ueberlieferungen von der alten Größe und Macht der Mohikans zuzuhören.«

»Hört, Freund Nathaniel,« sagte Hurry, indem er stehen blieb und seinem Begleiter in’s Gesicht schaute, um seinen Worten desto mehr Nachdruck zu geben, »wenn ein Mann Alles glaubte, was andern Leuten zu ihren Gunsten zu sagen beliebt, so würde er wohl eine zu große Meinung von ihnen, und eine zu kleine Meinung von sich selbst bekommen. Diese Rothhäute sind merkwürdige Prahler, und ich behaupte, mehr als die Hälfte ihrer Überlieferungen sind reine Erdichtungen.«

»Es ist etwas Wahres in dem, was Ihr sagt, Hurry, ich will es nicht läugnen, denn ich habe es gesehen und glaube es. Ja, sie prahlen, aber das ist eben eine Gabe der Natur, und es ist sündhaft, natürliche Gaben zu unterdrücken. Seht, das ist der Platz, den Ihr gesucht.«

Diese Bemerkung schnitt das Gespräch ab, und beide Männer richteten jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit auf das unmittelbar vor ihnen Liegende. Wildtödter deutete seinem Begleiter auf den Stamm einer ungeheuern Linde, welche ihre Zeit erfüllt hatte, und unter ihrer eignen Wucht niedergestürzt war. Dieser Baum lag, wie Millionen seiner Brüder, wo er gefallen, und vermoderte unter dem langsam aber sicher wirkenden Einfluß der Jahreszeiten. Der Verfall hatte jedoch seinen Mittelpunkt angegriffen, als er noch aufrecht, in der Pracht seiner Vegetation dastand, und sein Herz ausgehöhlt, wie oft Krankheit die edelsten Organe des thierischen Lebens zerstört, während den Beobachter eine blühende Außenseite täuscht. Wie der Stamm so in einer Länge von etwa hundert Fuß am Boden lag, entdeckte das rasche Auge des Jägers diese Eigenthümlichkeit, und aus diesem und andern Umständen schloß er, daß es der Baum sey, den March suche.

»Ja, hier haben wir, was wir brauchen,« rief Hurry, an dem dickeren Ende der Linde hineinschauend; »Alles ist so säuberlich, als wäre es in eines alten Weibes Wandschrank aufbewahrt gewesen. Kommt, geht mir an die Hand, Wildtödter, und wir sind in einer halben Stunde auf dem Wasser.«

Auf diese Aufforderung kam der Jäger zu seinem Begleiter heran, und beide machten sich mit gutem Bedacht und nach allen Regeln an’s Werk, als Männer, welche an diese Art von Treiben und Geschäft gewohnt waren. Zuerst entfernte Hurry einige Stücke Rinde, welche vor der großen Oeffnung an dem Baum lagen, und von welchen der Andere behauptete, sie seyen so gelegt, daß sie eher die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als die Höhlung versteckt hätten, wenn ein Wanderer des Weges gekommen wäre. Dann zogen die Beiden ein Canoe heraus mit seinen Sitzen, Rudern und anderm Zugehör, bis auf Angelschnüre und Ruthen hinaus. Dieß Fahrzeug war gar nicht klein; aber so groß war seine verhältnißmäßige Leichtigkeit, und so riesenhaft Hurry’s Stärke, daß dieser es anscheinend ohne alle Mühe auf die Schulter nahm, und allen Beistand ablehnte, selbst während er es in die schwierigere Lage, in welcher er es zu tragen genöthigt war, emporhob.

»Geht voran, Wildtödter,« sagte March, »und öffnet das Gebüsch, das Uebrige kann ich allein thun.« Der Andre gehorchte, und die Männer verließen den Platz, indem Wildtödter den Weg für seinen Begleiter lichtete, und sich je nach dessen Anweisung bald rechts bald links wandte. Nach ungefähr zehn Minuten traten sie beide plötzlich in das glänzende Licht der Sonne, auf einen niedern Kiesplatz, der wohl zur Hälfte seines Saumes vom Wasser bespühlt wurde.

Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr den Lippen Wildtödters – ein Ausruf, der jedoch leise und vorsichtig war, denn seine Weise war viel besonnener und geregelter als die des rücksichtslosen Hurry – als er, den Rand des See’s erreichend, das Schauspiel sah, das sich ganz unerwartet seinen Blicken darbot. Es war in der That so ergreifend, daß es wohl eine kurze Beschreibung verdient. In gleicher Linie mit dem Kiesplatz lag ein breiter Wasserspiegel, so friedlich und durchsichtig, daß er aussah wie ein Bett der reinen Gebirgsatmosphäre, eingefugt zwischen einer Einfassung von Hügeln und Wäldern, Seine Länge betrug etwa drei Stunden, in der Breite war er unregelmäßig, denn er erweiterte sich dem Platze gegenüber bis zu einer halben Meile oder mehr, und zog sich mehr südlich bis zur Hälfte dieser Ausdehnung und noch enger zusammen. Die Küste war natürlich unregelmäßig, unterbrochen durch Buchten, und durch vorspringende, niedere Landausläufer. Am nördlichen, nächsten Ende war er begrenzt durch einen einzelnen Berg, während östlich und westlich das Land minder steil abfiel, in gefällig abwechselndem Schwunge der Linien. Doch war der Charakter der Gegend gebirgig; hohe Hügel, oder niedere Berge stiegen auf neun Zehntheilen des Umkreises steil am Wasser hinan. Die Ausnahmen dienten in der That nur, der Scene einige Abwechslung zu geben; und auch über die vergleichungsweise niedrigen Theile des Ufers hinaus war der Hintergrund hoch, wenn auch entfernter.

Die auffallendsten Eigentümlichkeiten dieser Scene aber waren die feierliche Einsamkeit und die süße Ruhe. Nach allen Seiten, wohin das Auge sich wandte, fiel es auf nichts als die spiegelgleiche Fläche des See’s, die friedvolle Wölbung des Himmels und den dichten Kranz der Wälder. So reich und üppig waren die Umrisse des Waldes, daß man kaum eine Oeffnung gewahrte, und alles sichtbare Land, von dem runden Berggipfel bis an den Saum des Wassers bot Eine, sich gleich bleibende Farbe ununterbrochenen Grüns dar. Als wäre die Vegetation noch nicht zufrieden mit einem so vollständigen Triumph, bedeckten die Bäume auch noch den See selbst, und rangen sich von unten gegen das Licht hinaus; und meilenlange Strecken waren an seinem östlichen Ufer, wo ein Boot unter den Zweigen dunkler, an Rembrandt erinnernder Schierlingstannen, zitternder Espen und schwermüthiger Fichten hätte hingleiten können. Mit einem Wort, die Hand des Menschen hatte noch nie irgend etwas entstellt oder verunstaltet an dieser Urscene, die im Sonnenlicht schwamm, ein prachtvolles Bild überschwänglich großartiger Waldherrlichkeit, gedämpft durch den weichen Hauch des Junius, und gehoben durch die schöne Abwechslung vermöge der Nähe einer so weitgedehnten Wassermasse.

»Das ist groß! – das ist erhebend! – das ist eine Bildung der Seele, wenn man nur hinsieht!« rief Wildtödter, wie er auf seine Büchse gelehnt dastand, und rechts und links, nach Norden und Süden, aufwärts und abwärts schaute, in welcher Richtung nur immer sein Auge zu schweifen vermochte; »kein Baum zerstört auch nur durch eine Rothhauthand, so viel ich entdecken kann, sondern Alles treu geblieben der Ordnung des Herrn, um zu leben und zu sterben nach seinem Willen und Gesetz! Hurry, Eure Judith muß ein sittliches und wohlgeartetes junges Weib seyn, wenn sie nur die Hälfte der von Euch angegebenen Zeit im Mittelpunkt eines so begünstigten Platzes verlebt hat.«

»Das ist eine nackte Wahrheit, und doch hat das Mädchen so unstete Gedanken und Grillen. All ihre Zeit hat sie jedoch nicht hier verlebt, denn der alte Tom hatte, eh‘ ich ihn kannte, die Gewohnheit, die Winter in der Nachbarschaft der Ansiedler oder unter den Kanonen der Forts zuzubringen. Nein, nein, Judith hat mehr als ihr gut ist, von den Ansiedlern angenommen, und besonders von den galanten Officieren.«

»Wenn auch, wenn auch, Hurry, dieß ist eine Schule, ihr den Kopf wieder zurecht zu setzen. Aber was ist denn das, was ich dort, gerade uns gegenüber sehe, was zu klein scheint für eine Insel und zu groß für ein Boot, obgleich es mitten im Wasser steht?«

»Ha, das ist was die tapfern und galanten Herren von den Forts Muskrat Castell nennen; und der alte Tom selbst pflegt zu grinsen bei dem Namen, obgleich er seine Art und seinen Charakter hart antastet. Es ist das feststehende Haus; denn es sind zwei; dieses, das nicht von der Stelle rückt, und das andere, welches schwimmt, und bald in diesem bald in jenem Theile des See’s sich befindet. Das letzte ist bekannt unter dem Namen der Arche, obgleich es über mein Vermögen geht, zu sagen, was die Bedeutung des Wortes ist.«

»Es muß von den Missionären herkommen, Hurry, die ich von einem solchen Ding habe reden und lesen hören. Sie sagen, die Erde sey einmal mit Wasser bedeckt gewesen, und Noah sey mit seinen Kindern vom Ertrinken dadurch gerettet worden, daß er ein Fahrzeug erbaute, das man Arche hieß, worin er sich zu rechter Zeit einschiffte. Manche von den Delawaren glauben diese Überlieferung,, und manche läugnen sie; aber Euch und mir, als gebornen weißen Männern, ziemt es, an ihre Wahrheit zu glauben. Seht Ihr etwas von dieser Arche?«

»Sie ist weiter südlich, ohne Zweifel, oder liegt in einer der Buchten vor Anker. Aber das Canoe ist bereit, und fünfzehn Minuten werden genügen, zwei solche Ruderer wie Euch und mich nach dem Castell zu bringen.«

Auf diese Aufforderung half Wildtödter seinem Genossen die verschiedenen Sachen in das Canoe zu bringen, das schon auf dem Wasser schwamm. Sobald dieß geschehen, schifften sich die beiden Grenzmänner ein und trieben mit einem kraftvollen Stoß die leichte Barke acht oder zehn Ruthen weit von der Küste weg. Jetzt nahm Hurry den Sitz im Hintertheil ein, während Wildtödter sich vorn hinpflanzte, und unter gemächlichen aber stetigen Ruderschlägen glitt das Canoe über den friedlichen Wasserspiegel hin, dem ganz seltsam aussehenden Bau zu, welchen der Erstere Muskrat-Castell genannt hatte. Manchmal hielten die Männer im Rudern inne und beschauten sich die Scene, wenn sich auf den entfernteren Punkten neue Aussichten eröffneten, die sie weiter den See hinab schauen ließen, oder einen umfassenderen Anblick der bewaldeten Berge gewährten. Die einzigen Abwechslungen jedoch bestanden in neuen Formationen der Hügel, mannigfaltigen Krümmungen der Buchten und weiterer Ausdehnung des Thales nach Süden; alles Land war dem Anschein nach in höchste Laubgala gekleidet.

»Das ist ein Anblick, der das Herz erwärmt!« rief Wildtödter, als sie so zum vierten oder fünften Mal hielten; »der See scheint ganz gemacht, um uns recht in das Innere der edlen Waldungen hineinsehen zu lassen, und Land und Wasser stehen gleich herrlich da in der Schönheit der Vorsehung Gottes! Ihr behauptet, Hurry, es gebe keinen Mann, der sich rechtmäßigen Eigenthümer all dieser Herrlichkeit nenne?«

»Keinen, als den König, mein Junge. Er mag einiges Recht auf diese Natur geltend machen, aber er ist so weit entfernt, daß seine Ansprüche den alten Tom Hutter nie anfechten werden, der einmal Besitz genommen hat, und diesen wohl auch behaupten wird, so lange sein Leben dauert. Tom ist kein Squatter, da er nicht auf dem Land lebt, aber ich nenne ihn einen Floater

»Ich beneide diesen Mann! – Ich weiß, es ist Unrecht, und ich kämpfe gegen dieß Gefühl, aber ich beneide diesen Mann! denkt nicht, Hurry, ich brüte über einem Plan, mich in seine Schuhe zu stellen, denn ein solcher Gedanke hat keinen Raum in meiner Seele; aber ein wenig Neid kann ich nicht unterdrücken! Es ist ein natürliches Gefühl, und die Besten unter uns sind eben doch am Ende natürliche Menschen, und geben zu Zeiten solchen Empfindungen Raum.«

»Ihr dürft nur Hetty heirathen, um das halbe Besitzthum zu erben,« rief Hurry lachend; »das Mädchen ist hübsch; ja, wenn nicht ihrer Schwester Schönheit wäre, so wäre sie sogar schön; und dann ist ihr Witz so klein, daß Ihr sie leicht zu Eurer Denkweise in allen Dingen bekehren könnt. Nehmt Ihr Hetty aus des alten Burschen Händen, und ich stehe Euch dafür, er gibt Euch ein Recht auf jedes Thier, das Ihr fällen könnt auf fünf Meilen im Umkreis von seinem See.«

»Ist viel Wild da?« fragte plötzlich der Andere, der nur wenig auf Marchs Scherz achtete.

»Es hat die ganze Gegend für sich. Kaum wird je ein Gewehr darauf abgedrückt, und was die Fallensteller betrifft, so ist das keine Gegend, die sie stark besuchen. Ich selbst sollte nicht so viel hier seyn, aber Judith zieht mich hierhin, während der Biber dorthin zieht. Mehr als hundert spanische Dollars hat mich die Creatur die beiden letzten Jahre gekostet, und doch konnte ich dem Wunsch nicht entsagen, ihr Angesicht wieder zu sehen.«

»Besuchen die rothen Männer oft diesen See, Hurry?« fragte Wildtödter weiter, seine eigne Gedankenreihe verfolgend.

»Ha, sie kommen und gehen; manchmal in Truppen und manchmal einzeln. Der Strich scheint keinem eingebornen Stamm insbesondere zu gehören; und so ist er in die Hände des Hutter-Stammes gefallen. Der alte Mann erzählt mir, einige Schlauköpfe hätten den Mohawks eine indianische Urkunde abzuschwatzen und abzuschmeicheln gesucht, um bei der Kolonie einen Besitztitel auszuwirken; aber es ist nichts erfolgt, weil noch keiner, der einem solchen Handel gewachsen wäre, sich mit der Sache befaßt hat. Die Jäger haben zur Zeit noch ein gutes Freilehen an dieser Wildniß.«

»Um so besser – um so besser, Hurry. Wenn ich König von England wäre, der Mann, der einen von diesen Bäumen fällte, ohne eine gute Gelegenheit zur Benützung des Holzes, müßte mir in ein ödes und unwirthbares Land verbannt werden, das nie ein vierfüßiges Thier betrat. Recht froh bin ich, daß Chingachgook den Ort unsres Zusammentreffens bei diesem See bestimmte, denn bisher hat mein Auge noch kein so herrliches Schauspiel gesehen.«

»Und das deßwegen, weil Ihr Euch so viel unter den Delawaren umgetrieben, in deren Land es keine Seen gibt. Weiter nördlich und weiter westlich gibt es solche kleine Wasser genug; und Ihr seyd jung und erlebt es wohl noch, sie zu sehen. Aber wenn es auch andre Seen gibt, Wildtödter, so gibt es doch keine andre Judith Hutter!«

Auf diese Bemerkung lächelte sein Begleiter, und dann senkte er seine Ruderschaufel ins Wasser, als berücksichtigte er die Hast eines Liebenden. Beide ruderten jetzt kräftig, bis sie sich auf hundert Schritte dem »Castell« näherten, wie Hurry vertraulich das Haus Hutter’s nannte, wo sie wieder mit Rudern inne hielten; und der Anbeter Judith’s zügelte seine Ungeduld um so leichter, als er bemerkte, daß das Gebäude im Augenblick von Bewohnern leer war. Diese neue Pause sollte Wildtödter in Stand setzen, das sonderbare Gebäude zu betrachten, dessen Bauart so neu war, daß sie eine eigene Beschreibung verdient.

Muskrat-Castell, wie das Haus witzig benannt worden war von einem muthwilligen Officier, stand im offnen See, eine volle Viertelmeile vom nächsten Punkt des Ufers entfernt. Auf den beiden andern Seiten erstreckte sich das Wasser viel weiter, denn die Entfernung von dem nördlichen Ende des Sees betrug etwa zwei Meilen, und von dem östlichen Ufer beinahe, wo nicht ganz, eine Meile. Da nicht das Mindeste von einer Insel zu sehen war, sondern das Haus auf Pfeilern stand, das Wasser darunter durchfloß und Wildtödter schon entdeckt hatte, daß die Tiefe des See’s beträchtlich war, fragte er begierig nach einer Erklärung dieses sonderbaren Umstandes. Hurry löste ihm das Räthsel, indem er ihn belehrte, daß auf dieser Stelle allein eine lange schmale Sandbank, die sich nördlich und südlich einige hundert Schritte weit erstreckte, sich bis auf sechs oder acht Fuß unter dem Spiegel des See’s erhebe, und daß Hutter hier Pfähle eingeschlagen und darauf, der Sicherheit wegen, seine Wohnung sich erbaut habe.

»Der alte Bursche wurde dreimal durch Feuersbrünste verjagt im Kampf zwischen den Indianern und den Jägern; und in einem Gefecht mit den Rothhäuten verlor er seinen einzigen Sohn, und seit dieser Zeit hat er seine Sicherheit auf dem Wasser gesucht. Hier kann ihn Niemand angreifen, ohne in einem Boot zu kommen, und der Raub und die Scalpe verlohnten sich kaum der Mühe, Canoe’s auszuhöhlen. Und dann ist es in keiner Weise gewiß, wer bei einem solchen Strauß dem Andern heimleuchten würde, denn der alte Tom ist mit Waffen und Munition wohl versehen, und das Castell ist, wie Ihr wohl seht, eine feste Brustwehr gegen leichte Schüsse.«

Wildtödter hatte einige theoretische Kenntniß vom Kriegführen der Grenzmänner, obgleich er noch nie in den Fall gekommen war, seine Hand im Zorn gegen einen Mitmenschen erheben zu müssen. Er sah, daß Hurry die Stärke dieser Position vom militärischen Gesichtspunkt nicht überschätzte, da es nicht leicht gewesen wäre, sie anzugreifen, ohne daß die Bestürmer dem Feuer der Belagerten wären bloßgestellt gewesen. Nicht wenig Kunst war sichtlich aufgeboten bei der Zusammenfügung des Holzes, woraus das Gebäude bestand, und das weit mehr Schutz versprach, als bei den gewöhnlichen Blockhäusern der Grenzmänner der Fall war. Die Seiten und Ecken waren zusammengefügt aus den Stämmen großer Fichten, etwa neun Fuß lang gehauen und aufrecht gestellt, statt horizontal gelegt, wie der Gebrauch der Gegend war. Diese Klötze waren auf den Seiten nach dem Winkelmaaß behauen und hatten an jedem Ende große Zapfen. Massive Schwellen waren oben an den Grundpfählen angebracht und entsprechende Zangen an ihren obern Flächen eingeschnitten, die zu dem Behuf rechtwinklig behauen waren, und in diese Zangen waren die untern Zapfen der aufrechtstehenden Klötze eingefugt, wodurch sie unten einen sichern Halt hatten. An den obern Enden der aufrecht stehenden Klötze waren Platten angebracht und durch ähnliche Mittel befestigt; die verschiedenen Winkel des Gebäudes waren wohl zusammengehalten durch tüchtige Verbindung und Versplissung der Schwellen und Platten. Die Böden bestanden aus kleinen, ebenso bearbeiteten Stämmen, und das Dach aus leichten, fest verbundenen und mit Rinde wohl bedeckten Pfählen. Der Zweck dieser sinnreichen Einrichtung war, dem Besitzer ein Haus zu verschaffen, dem man nur auf dem Wasser beikommen konnte, dessen Seiten aus Blöcken bestanden, die dicht aneinander gefugt, am dünnsten Theile zwei Fuß dick, nur durch die überlegte Arbeit von Menschenhänden, oder durch den langsamen Einfluß der Zeit getrennt werden konnten. Die Außenseite des Gebäudes war roh und uneben, da die Holzblöcke von ungleicher Größe waren; aber die glattbehauenen Flächen nach innen gaben den Wänden und dem Boden ein so gleichförmiges Ansehen, als man nur zur Bequemlichkeit oder zur Befriedigung des Auges wünschen mochte. Das Kamin war nicht die geringste Eigenthümlichkeit des Castells, wie Hurry seinem Begleiter bemerklich machte, indem er ihm den Prozeß seiner Verfertigung erklärte. Das Material war ein zäher Lehm, gehörig verarbeitet, der in einer Form aus Knütteln aufgesetzt worden war, und den man, je einen oder zwei Fuß auf einmal, hart werden ließ, von unten angefangen. Als so das ganze Kamin aufgesetzt und von Außen gehörig mit Stützen und Halten versehen war, wurde ein gewaltiges Feuer angezündet und so lange unterhalten, bis es zu einer Art von rothem Backstein gebrannt war. Es war dieß keine leichte Operation gewesen und auch nicht vollständig gelungen; aber indem man die Spalten wieder mit frischem Lehm ausfüllte, hatte man am Ende doch einen sichern Feuerplatz und Kamin erhalten. Dieser Theil des Gebäudes stand auf dem Scheiterboden und war unten durch einen besondern Pfeiler gestützt. Noch einige andre Eigenthümlichkeiten hatte dieß Haus, welche im Verlauf der Erzählung sich deutlicher zeigen werden.

»Der alte Tom ist voll von Auskunftsmitteln,« fuhr Hurry fort, »und er hing sein Herz an das Gelingen dieses Kamins, das mehr als einmal drohte, ganz zusammenzubrechen, aber Beharrlichkeit überwindet auch den Rauch; und jetzt hat er ein behagliches Stübchen, obgleich es einmal drohte, ein gar spaltiger Rauchfang zu werden, wenig geeignet, Flammen und Rauch abzuführen.«

»Ihr scheint die ganze Geschichte des Castells zu kennen, Hurry, Kamin und Wände,« sagte Wildtödter lächelnd; »ist die Liebe so gewaltig und zwingend, daß sie einen Mann dahin bringt, die Geschichte von seines Liebchens Haus zu studieren?«

»Theils das, Junge, und theils eigne Anschauung,« versetzte lachend der gutmüthige Riese, »es war eine starke Bande von uns am See, als der alte Kerl baute, und da halfen wir ihm bei der Arbeit. Ich habe keinen kleinen Theil der aufrecht stehenden Blöcke auf meinen Schultern hinaufgeschleppt und gehoben, und die Aexte flogen, das kann ich Euch sagen, Meister Natty, so lange wir da bauten, unter den Bäumen an der Küste. Der alte Teufelskerl ist nicht geizig mit Essen und Trinken, und da wir oft an seinem Heerde gegessen, dachten wir, wir wollten ihm doch ein behagliches Haus herrichten, ehe wir mit unsern Häuten nach Albany gingen. Ja, gar manche Mahlzeit habe ich in Tom Hutter’s Stuben verzehrt; und Hetty, so schwach sie ist an Witz, hatte eine wundersame Geschicklichkeit, mit Pfannen, Kacheln und Rösten umzugehen,«

Während die Beiden sich so besprachen, schwamm das Canoe allmählig dem Castell immer näher, und war jetzt so nahe daran, daß ein Ruderschlag hinreichte, den Landungsplatz zu erreichen. Dieß war eine gedielte Plattform am Eingang, die einige zwanzig Quadratschuhe halten mochte.

»Der alte Tom nennt diese Art Kai seinen Thorhof,« bemerkte Hurry, indem er das Canoe anband, nachdem er es mit seinem Begleiter verlassen, »und die tapfern Herrn von den Forts haben es den Castellhof genannt, wiewohl ich nicht einsehen kann, was ein Hof hier zu schaffen hat, da es kein Gesetz und Recht gibt. Es ist wie ich mir gedacht; keine Seele drinnen, sondern die ganze Familie fort auf einer Entdeckungsreise.«

Während Hurry sich auf dem Thorhof zu schaffen machte, die Fischerspieße, Ruthen, Netze und andere ähnliche Geräthe eines Grenzmannshauses musternd, trat Wildtödter, dessen Art im Ganzen weit gesetzter und ruhiger war, in das Haus hinein, mit einer Neugier, die man bei einem so lang an indianische Sitten gewöhnten Manne nur selten bemerkte. Das Innere des »Castells« war ebenso tadellos sauber, als das Aeußere neu und überraschend. Der ganze Raum, etwa vierzig Fuß lang und zwanzig tief, war in verschiedene kleine Schlafzimmer getheilt; das Gemach, das er zuerst betrat, diente für die gewöhnlichen Beschäftigungen der Bewohner und zugleich als Küche. Die Einrichtung zeigte jene seltsame Mischung, die man nicht selten in den abgelegenen Blockhäusern des innern Landes findet. Das Meiste war roh und im höchsten Grade ländlich; aber in einer Ecke fand sich eine Uhr mit einem schönen Gehäuse von dunklem Holz, und zwei oder drei Sessel, sammt Tisch und Schreibtisch, die offenbar aus einem Hause von höhern Ansprüchen stammten. Die Uhr pickte fleißig und emsig, aber die bleiern aussehenden Zeiger entsprachen insofern ihrem schwerfälligen Aussehen, als sie auf elf Uhr wiesen, obwohl die Sonne deutlich zeigte, daß der Mittag schon lange vorüber war. Auch war da ein dunkler, massiver Schrank. Die Küchengeräthe waren von der einfachsten Art und keineswegs zahlreich, aber jedes Stück war an seinem Platz und zeigte in seiner Beschaffenheit alle mögliche Sauberkeit und Sorgfalt.

Nachdem Wildtödter in dem äußern Zimmer sich umgesehen, drückte er eine hölzerne Klinke auf, und trat in einen schmalen Gang, welcher das Innere des Hauses in zwei gleiche Hälften theilte. Da die Sitten der Grenzmänner keineswegs ängstlich und bedenklich sind und seine Neugier lebhaft erregt war, öffnete der junge Mann jetzt eine Thüre und befand sich in einem Schlafzimmer. Ein Blick genügte ihn zu belehren, daß es ein Gemach für Frauen war. Das Bett bestand aus den Federn von wilden Gänsen und war gefüllt fast zum Platzen; aber es lag auf einem rohen Gestell, nur etwa einen Fuß über dem Boden erhaben. Auf der einen Seite desselben hingen an Pflöcken verschiedene Kleidungsstücke von einer weit bessern Beschaffenheit, als man an einem solchen Ort hätte erwarten sollen, mit Bändern und andern entsprechenden Artikeln. Zierliche Schuhe, mit hübschen silbernen Schnallen, wie sie damals wohlhabende Frauen trugen, fehlten auch nicht; und nicht weniger als sechs Fächer von lebhaften Farben waren halb geöffnet, so daß sie das Auge durch ihre Figuren und Malereien auf sich zogen. Selbst das Kissen auf dieser Seite des Bettes war mit feinerem Linnen überzogen, als das entsprechende auf der andern Seite, und mit schmalen Spitzen besetzt. Eine Haube, mit Bändern kokett verziert, hing darüber, und ein paar langer Handschuhe, wie sie in jenen Zeiten Personen aus den arbeitenden Classen selten trugen, waren prahlerisch daran geheftet, wie in der ausdrücklichen Absicht sie hier zur Schau zu stellen, wenn sie nicht an den Armen der Besitzerin prangen könnten. Alles dieß sah und merkte sich Wildtödter mit einer Genauigkeit, welche der zur andern Natur gewordenen Beobachtungsgabe seiner Freunde, der Delawaren, Ehre gemacht haben würde. Auch entging ihm nicht der Unterschied zwischen den beiden Seiten des Bettes, dessen oberes Ende an der Wand stand. Auf der noch nicht beschriebenen Seite nemlich war Alles gering und uneinladend, abgesehen von der vollkommnen Sauberkeit. Die wenigen, an den Pflöcken hängenden Kleidungsstücke waren von den gröbsten Stoffen und vom gemeinsten Schnitte, während Nichts auf Schaustellung berechnet schien. Kein einziges Band war zu sehen, auch keine Haube und kein Tuch, außer solchen, wie sie Hutter’s Töchter ihrem Stande gemäß zu tragen befugt waren.

Es waren mehrere Jahre verflossen, seit Wildtödter nicht mehr in einem Gemache gewesen war, welches eigens zum Aufenthalt von weiblichen Wesen seines Stammes und seiner Farbe diente. Der Anblick weckte in seiner Seele eine Aufwallung von Erinnerungen aus der Kindheit, und er verweilte in dem Gemach mit einer Art Rührung, die ihm lange fremd geblieben. Er dachte an seine Mutter, deren geringe Kleider er sich erinnerte, an Pflöcken hängen gesehen zu haben, wie die, welche nach seiner unmittelbaren Ueberzeugung der Hetty Hutter gehörten, und dachte an eine Schwester, deren natürlicher und sich entwickelnder Geschmack für Putz sich ungefähr in ähnlicher Weise, wie der Judiths, obwohl natürlich in geringerem Grade, kund gegeben hatte. Diese kleinen Aehnlichkeiten öffneten eine lang verschlossene Quelle von Empfindungen und als er das Gemach verließ, war seine Miene trüb. Er sah sich nicht weiter um, sondern kehrte langsam und nachdenklich nach dem Thorhof zurück.

»Der alte Tom hat einen neuen Beruf ergriffen und seine Hand versucht im Fallen stellen,« rief Hurry, der die Habseligkeiten des Grenzlers kaltblütig untersucht hatte; »wenn das jetzt seine Laune ist, und Ihr geneigt seyd, in diesen Gegenden zu bleiben, können wir uns eine ungemein behagliche Sommerszeit bereiten; denn während der alte Mann und ich die Biber überlisten, könnt Ihr fischen und das Wild zusammenschießen, um Leib und Seele zusammen zu halten. Wir geben immer den armseligsten Jägern einen halben Antheil, aber ein so tüchtiger und sichrer Schütze wie Ihr darf wohl auf einen vollen rechnen.«

»Dank Euch, Hurry, dank Euch von ganzem Herzen; aber ich treibe auch das Biberfangen ein wenig, wenn die Gelegenheit sich darbietet. Es ist wahr, die Delawaren nennen mich Wildtödter, aber nicht sowohl, weil ich dem Wild ziemlich gefährlich bin, als weil ich, der ich so viele Böcke und Thiere tödte, noch keinem Mitmenschen das Leben genommen habe. Sie sagen, ihre Ueberlieferungen wissen von keinem Andern, der so viel Blut von Thieren, und doch noch nicht das Blut eines Menschen vergossen.«

»Ich will hoffen, sie halten Euch doch nicht für taubenherzig, Junge? Ein weichherziger Mann ist wie ein ungeschwänzter Biber.«

»Ich glaube nicht, Hurry, daß sie mich für außerordentlich furchtsam halten, obwohl sie mich wohl auch nicht für außerordentlich muthig halten mögen. Aber ich bin nicht streitsüchtig; und das trägt viel dazu bei, daß man die Hände von Blut rein erhält, unter den Jägern und Rothhäuten; und dann, Harry March, erhält es auch das Gewissen rein von Blut!«

»Gut; ich für meinen Theil achte Wild, eine Rothhaut und einen Franzmann für ungefähr das Gleiche; obgleich auch ich so wenig streitsüchtig bin, als nur irgend ein Mann in den Colonien. Ich verachte einen Zänker, wie einen kläffenden Hund; aber man braucht nicht übergewissenhaft zu seyn, wenn es die rechte Zeit ist, den Feuerstein zu zeigen,«

»Ich sehe den als den ächtesten und besten Mann an, der sich am meisten an das Recht hält, Hurry. Aber das ist ein herrlicher Platz, und mein Auge wird des Sehens nicht satt!«

»Das ist Eure erste Bekanntschaft mit einem See, und solche Ideen kommen über uns Alle in solchem Fall. Die Seen haben einen allgemeinen Charakter, wie ich sage, und sind eben recht viel Wasser und Land und Vorsprünge und Buchten.«

Da diese Definition keineswegs mit den Gefühlen zusammenstimmte, welche die Seele des jungen Jägers bewegten, so erwiederte er zunächst Nichts, sondern starrte in schweigendem Genusse nach den dunkeln Hügeln und dem krystallnen Wasser.

»Haben des Gouverneurs oder des Königs Leute diesem See einen Namen gegeben?« fragte er plötzlich, als ginge ihm auf einmal eine neue Idee auf. »Wenn sie nicht angefangen haben, ihre Stangen aufzustecken, und ihre Compasse aufzupflanzen, und ihre Karten aufzuziehen, so haben sie wohl auch nicht daran gedacht, die Natur mit einem Namen zu belästigen.«

»Sie sind noch nicht so weit gekommen; und das letzte Mal, als ich mit Rothhäuten hineinkam, fragte mich Einer von des Königs Feldmessern über Alles in der Gegend hier herum aus. Er hatte gehört, daß in der Gegend ein See sey, und hatte einige allgemeine Begriffe davon, z. B. daß Wasser und Hügel da seyen; aber wie viel von beidem, davon wußte er nicht Mehr als Ihr von der Mohawk-Sprache. Ich öffnete die Falle nicht weiter als nöthig war und gab ihm gar wenig Aufmunterung und Hoffnung, was Pachthöfe und Lichtungen betrifft. Kurz, ich ließ in seinem Geist eine solche Ansicht von dieser Gegend zurück, wie ein Mann sie bekommt von einer Quelle schmutzigen Wassers, zu der ein so kothiger Pfad führt, daß man voll Koth ist, ehe man recht aufbricht. Er sagte mir, sie hätten den Platz noch nicht auf ihren Karten; aber ich vermuthe, es ist ein Mißverständniß, denn er zeigte mir sein Pergament, und darauf ist ein See, wo in der Natur keiner ist, ungefähr fünfzig Meilen von dem Ort, wo er seyn sollte, wenn sie diesen meinten. Ich glaube nicht, daß ihn mein Bericht ermuthigen wird, einen andern anzumerken zur Verbesserung.«

Hier lachte Hurry herzlich, da solche Streiche ein ganz besonderes Ergötzen waren für eine Classe von Menschen, welche die Annäherung der Civilisation fürchteten, als eine Schmälerung ihrer eignen gesetzlosen Herrschaft. Die prächtigen Verstöße auf den damaligen Landkarten, die alle in Europa gefertigt wurden, war überdieß ein stehender Gegenstand des Spottes unter ihnen; denn wenn sie auch selbst nicht so viel Wissen besaßen, um bessere zu machen, so hatten sie doch Lokalkenntniß genug, um die plumpen Irrthümer auf den vorhandenen zu entdecken. Jeder, der sich die Mühe nehmen will, diese unwiderleglichen Zeugnisse von der topographischen Geschicklichkeit unsrer Väter vor hundert Jahren mit den genauern Zeichnungen unsrer Tage zu vergleichen, wird sogleich bemerken, daß die Männer der Wälder hinreichenden Grund zu allen ihren Kritiken hatten über diesen Zweig der Einsicht und Geschicklichkeit der Colonialregierung, welche sich nicht besann, einen Strom oder einen See um ein paar Grade zu versetzen, wenn sie auch nur einen Tagemarsch von den bewohnten Theilen des Landes entfernt waren.

»Ich bin froh, daß er keinen Namen hat,« begann Wildtödter wieder, »oder wenigstens keinen Bleichgesichtsnamen; denn ihre Taufen weissagen immer Verwüstung und Verderben. Ohne Zweifel jedoch haben die Rothhäute ihre Art ihn zu bezeichnen, und die Jäger und Fallensteller auch; vermuthlich benennen sie den Platz nach etwas Vernünftigem, nach einer Ähnlichkeit.«

»Was die Stämme betrifft, so hat jeder seine eigne Sprache, und seine eigne Weise, die Dinge zu benennen; und sie behandeln diesen Theil der Welt eben wie alles Andre. Unter uns sind wir übereingekommen, den Platz Glimmerglas zu nennen, in Betracht, daß das ganze Becken so reichlich mit Fichten besetzt ist, die aus seinem Spiegel empor streben, gerade als wollte es die Berge zurückwerfen, die darüber her hangen.«

»Es muß ein Abfluß da seyn, ich weiß, denn alle Seen haben Abflüsse, und der Fels, wo ich Chingachgook treffen soll, steht nahe bei einem Abfluß. Hat auch der noch keinen Colonie-Namen?«

»In diesem Punkte stehen sie im Vortheil gegen uns, da sie das eine Ende, und zwar das breiteste, in ihrem Besitz haben; sie haben ihm einen Namen gegeben, der sich Bahn gebrochen hat bis zur Quelle; denn Namen dringen natürlich flußaufwärts. Ihr habt ohne Zweifel schon den Susquehannah gesehen drunten im Land der Delawaren?«

»Das hab‘ ich, und hundertmal gejagt an seinen Ufern.« »Nun, beide sind in der That dieselben, und, glaub‘ ich, auch dieselben im Namen. Es freut mich, daß sie genöthigt gewesen sind, den Namen der rothen Männer beizubehalten, denn es wäre zu hart, sie des Lands und des Namens dazu zu berauben.«

Wildtödter antwortete Nichts; er stand auf seine Büchse gelehnt, in den Anblick versunken, der ihn so sehr entzückte. Der Leser darf jedoch nicht glauben, daß es das Malerische allein gewesen, was seine Aufmerksamkeit so lebhaft auf sich zog. Die Gegend war in Wahrheit höchst lieblich und sie stellte sich eben jetzt in einem der günstigsten Augenblicke dar; die Oberfläche des See’s war glatt wie Glas, und durchsichtig wie reine Luft; er warf auf seinem ganzen östlichen Saume das Bild der mit dunkeln Fichten bekleideten Berge zurück; die vorgeschobnen Punkte reihten ihre Bäume in beinahe horizontalen Linien aneinander, während man die Buchten gelegentlich durch einen Bogen durchschimmern sah, welchen ein Gewölbe von Aesten und Laub bildete. Es war der Stempel tiefer Ruhe – die Einsamkeit, die von Landschaften und Forsten zeugte, welche nie waren berührt worden von der Hand des Menschen – das Walten der herrschenden Natur mit Einem Wort, was einem Manne von seiner Lebensweise und Gemüthsart so viel reines Entzücken gewährte. Doch fühlte er auch, wenn schon unbewußt, als Dichter. Wenn er ein Vergnügen darin fand, diesen umfassenden und ihm ungewohnten Einblick in die Geheimnisse und Gestalten der Berge, der sich hier eröffnete, zu studieren, wie Jeder sich freut, wenn ihm größere Ansichten über einen Gegenstand aufgehen, der die Gedanken oft und viel beschäftigt hat, so war er doch auch nicht unempfindlich gegen die innerliche Lieblichkeit einer solchen Landschaft, sondern fühlte zum Theil jenen Frieden des Geistes, der Einem gewöhnlich bei dem Genuß einer so ganz von der heiligen Ruhe und Stille der Natur durchdrungenen Scene aufgeht.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Den zottigen Bär focht nicht an der Pfahl,
Und nicht daß Zerren der grausamen Meute;
Still lag der Hirsch in dem umbuschten Thal,
Der schäumende Eber nicht den Jagdspieß scheute;
Alles war still in Wildniß, Busch und Hag.
Lord Dorset.

Es war einer der gewöhnlichen Gebräuche der Wilden bei solchen Gelegenheiten, die Nerven ihrer Opfer auf die härtesten Proben zu stellen. Andrerseits war es ein Ehrenpunkt indianischen Stolzes, keine Anwandlung von Furcht und keine Schmerzempfindung zu verrathen: der Gefangene aber mußte seine Feinde zu solchen Mißhandlungen herauszufordern suchen, welche am ehesten den Tod zur Folge hatten. Man wußte von manchem Krieger, dem seine Qualen abzukürzen gelungen war durch höhnische Vorwürfe und eine beschimpfende Sprache, wenn er merkte, daß seine physische Organisation zu erliegen drohte unter dem Schmerz von Martern, ausgesonnen durch eine teuflische Erfindsamkeit, die wohl Alles verdunkeln mochte, was man von den höllischen Grausamkeiten religiösen Verfolgungseifers gesagt hat. Dieß glückliche Auskunftsmittel jedoch, gegen die Wildheit seiner Feinde ihre Leidenschaften selbst zu Hülfe zu rufen, war Wildtödtern versagt durch seine eigenthümlichen Begriffe von der Pflicht eines weißen Mannes; und er hatte den männlich festen Entschluß gefaßt, lieber Alles zu erdulden, als seiner Farbe Schande zu machen.

Sobald die jungen Männer merkten, daß ihnen frei stand, anzufangen, sprangen Einige der kühnsten und dreistesten unter ihnen auf den Platz vor, den Tomahawk in der Hand. Hier schickten sie sich an, diese gefährliche Waffe zu schleudern, wobei die Absicht war, den Baum so nahe als möglich am Kopf des Opfers zu treffen, ohne doch dieses selbst zu verletzen. Dieß war ein so gewagtes Experiment, daß nur die als die Erfahrensten in Handhabung dieser Waffe Anerkannten überhaupt auftreten durften, damit nicht ein früher Tod der erwarteten Unterhaltung ein vereitelndes Ende mache. Selten, selbst unter der sichersten Hand, entging der Gefangene bei diesen Prüfungen aller Verletzung; und oft war der Tod die Folge, wenn dieß gar nicht der Zweck der Schleudernden war. Im jetzigen Fall bei unserem Helden fürchteten Rivenoak und die älteren Krieger, das Beispiel von des Panthers Schicksal möchte für hitzige Geister ein Beweggrund werden, dessen Ueberwinder rasch zu opfern, jetzt, wo die Versuchung locken konnte, es gerade in derselben Weise, und vielleicht gar mit derselben Waffe, durch welche der Krieger gefallen war, zu thun. Dieser Umstand machte an sich schon die Probe mit dem Tomahawk doppelt bedenklich für Wildtödter.

Es schien jedoch, daß Alle, welche jetzt in die Schranken traten, wenn man so sagen kann, mehr darauf dachten, ihre eigne Geschicklichkeit zur Schau zu stellen, als den Tod ihrer Kameraden zu rächen. Alle schickten sich zu dem Versuche mehr mit den Gefühlen des Wetteifers, als mit Durst nach Rache an; und die ersten paar Minuten hatte die Sache für den Gefangenen nur so viel Bedeutung, als aus dem Interesse entsprang, welches eine lebendige Zielscheibe nothwendig erregte. Die jungen Männer waren lebhaft und munter, aber nicht erbittert, und Rivenoak glaubte noch aus einigen Anzeichen schließen und hoffen zu dürfen, er könne vielleicht noch das Leben des Gefangnen retten, wenn erst die Eitelkeit der jungen Männer befriedigt sey; vorausgesetzt natürlich, daß es nicht vorher bei den damit anzustellenden kitzlichen Experimenten geopfert wurde.

Der erste Jüngling, der sich zu dem Versuch stellte, hieß der Rabe, da er bis jetzt noch nicht Gelegenheit gehabt, ein kriegerischer lautendes sobriquet zu erlangen. Er zeichnete sich mehr durch große Anmaßung, als durch Geschicklichkeit oder Thaten aus; und die seinen Charakter kannten, glaubten den Gefangnen in drohender Gefahr, als er seinen Stand einnahm und den Tomahawk schwang. Jedoch war der junge Mann gutmüthig, und in seiner Seele herrschte kein andrer Gedanke, als der Wunsch, einen bessern Wurf zu thun als irgend Einer seiner Genossen. Wildtödter bekam eine Ahnung von dem geringen Ruf dieses Kriegers dadurch, daß die Aelteren ihn dringend ermahnten und warnten; und sie würden sich in der That widersetzt haben, daß er überhaupt auf dem Plan auftrete, wäre nicht der Einfluß seines Vaters ihm zu Statten gekommen, eines bejahrten Kriegers von großem Verdienst, der damals in den Hütten des Stammes sich befand. Dennoch behauptete unser Held die Miene gefaßter Selbstbeherrschung. Er hatte sich darein ergeben, daß seine Stunde gekommen sey, und es wäre eine Wohlthat, nicht ein Unglück gewesen, durch die Unsicherheit der ersten Hand, die sich gegen ihn erhob, zu fallen. Nach einer ansehnlichen Menge von Schwenkungen und Gestikulationen, die weit Mehr versprachen, als er zu leisten vermochte, ließ der Rabe den Tomahawk seiner Hand entgleiten. Die Waffe schwirrte mit den gewöhnlichen Umdrehungen durch die Luft, schnitt einen Splitter von dem jungen Baum, woran der Gefangene gebunden war, einige Zoll von seiner Wange entfernt, und fuhr in eine große, einige Schritte weiter hinten stehende Eiche. Dieß war ein entschieden schlechter Wurf, und ein allgemeines Hohnlächeln erklärte es dafür, zur bittern Kränkung des jungen Mannes. Andrerseits erhob sich ein allgemeines, aber gedämpftes Murmeln der Bewunderung über die Standhaftigkeit, womit der Gefangene die Probe bestand. Der Kopf war das Einzige, was er bewegen konnte, und diesen hatte man absichtlich frei gelassen, damit die Peiniger die Belustigung, und der Gemarterte die Schande der Schwäche zu erdulden hätte, wenn er sich duckte, und sonst der Waffe auszuweichen suchte. Wildtödter vereitelte diese Hoffnungen durch eine Herrschaft über seine Nerven, die seinen ganzen Leib so unbeweglich machte, wie der Baum, an den er gebunden war. Nicht einmal die natürliche und gewöhnliche Erleichterung, die Augen zu schließen, benutzte er, und der älteste und kühnste Krieger unter den rothen Männern hatte niemals mit größerer Selbstverläugnung diese Wohlthat, unter ähnlichen Umständen, verschmäht.

Sobald der Rabe seinen unglücklichen und kindischen Versuch gemacht hatte, folgte ihm Le Daim-Mose, oder das Elenthier: ein Krieger von mittlerem Alter, der besonders geschickt war in der Handhabung des Tomahawk, und von dessen Auftreten die Zuschauer mit Zuversicht eine nicht geringe Befriedigung sich versprachen. Dieser Mann hatte Nichts von der Gutmüthigkeit des Raben, sondern er würde gern den Gefangnen seinem Haß gegen die Bleichgesichter überhaupt geopfert haben, hätte nicht das Interesse bei einem glücklichen Erfolg im Handhaben einer Waffe, in deren Gebrauch er besonders geschickt war, überwogen. Er nahm ruhig, aber mit zuversichtlichem Wesen, seinen Stand, schwang sein kleines Beil nur einen Augenblick, trat rasch einen Schritt vor und schleuderte. Wildtödter sah die scharfe Waffe gegen sich schwirren und glaubte, es sey jetzt aus mit ihm; aber er ward gar nicht verletzt. Der Tomahawk hatte in der That den Kopf des Gefangnen an den Baum gepreßt, indem er einen Busch seines Haars gefaßt hatte, und tief in die weiche Rinde eindrang. Ein allgemeiner gellender Ruf verkündigte die Freude der Zuschauer, und das Elenthier fühlte sein Herz sich etwas erweichen gegen den Gefangenen, dessen Nervenstärke allein ihm möglich gemacht hatte, diese Probe seiner vollendeten Geschicklichkeit abzulegen.

Auf das Elenthier folgte der Hüpfende Junge, oder Le Garcon qui bondit, der hüpfend in den Kreis kam, wie ein Hund oder eine spielende Ziege. Es war dieß Einer jener elastischen Jünglinge, deren Muskeln in immerwährender Bewegung zu seyn scheinen, und der sich, mochte es nun Affektation, oder wirkliche, fixirte Gewohnheit seyn, gar nicht mehr anders bewegte, als in der bezeichneten gauklerischen Weise. Trotzdem war er sowohl tapfer, als geschickt, und hatte sich die Achtung seines Volks sowohl durch Thaten im Krieg, als durch Glück auf der Jagd erworben. Ein weit edlerer Name hätte ihm längst zu Theil werden müssen, hätte ihm nicht ein Franzose von Rang dieses sobriquet unabsichtlich gegeben, das er nun gewissenhaft beibehielt, als von seinem Großen Vater kommend, der jenseits des großen Salzsee’s wohne. Der hüpfende Junge tanzte vor dem Gefangnen herum und drohte ihm jetzt von dieser, jetzt von jener Seite, dann wieder von vorn mit dem Tomahawk, in der eiteln Hoffnung, durch diese Gefahrvorspiegelung ihm ein Zeichen der Furcht abzupressen. Endlich wurde Wildtödters Geduld durch all diese Gaukelei erschöpft, und er sprach zum ersten Mal, seit die Prüfung wirklich angefangen hatte.

»Werft zu, Hurone!« rief er, »oder Euer Tomahawk vergißt seine Aufgabe. Warum tanzt Ihr denn immer so herum, wie ein Hirschkalb, das seiner Mutter zeigen will, wie gut es hüpfen kann, da Ihr doch selbst ein vollgewachsener Krieger seyd, und ein vollgewachsener Krieger Euch und all Euren läppischen Sprüngen Trotz bietet? Schleudert, oder die Huronischen Mädchen werden Euch in’s Gesicht lachen!«

Diese letzten Worte entflammten, so wenig der Redende eine solche Wirkung beabsichtigte, den ›Hüpfenden‹ Krieger zur Wuth. Dieselbe Nervenerregbarkeit, die ihn körperlich so beweglich machte, erschwerte es ihm, seine Empfindungen zurückzuhalten, und kaum waren jene Worte aus Wildtödters Mund, als der Tomahawk der Hand des Indianers entfuhr. Auch war er nicht ohne guten Willen und den grimmigen Vorsatz, zu tödten, geschleudert. Wäre die Absicht weniger tödtlich, so wäre die Gefahr vielleicht größer gewesen. Er zielte unsicher, und die Waffe zuckte an der Wange des Gefangenen vorbei und schnitt ihm bei ihren Umdrehungen leicht in die Schulter. Dieß war das erste Mal, daß eine andre Absicht, als die den Gefangnen zu ängstigen und die eigne Geschicklichkeit zu zeigen, an den Tag gelegt worden war; und der Hüpfende Junge ward sogleich von dem Platz weggeführt und mit Wärme gescholten wegen seiner ungezügelten Hitze, die beinahe alle Hoffnungen der Bande vereitelt hätte.

Auf diesen reizbaren Mann folgten einige andere junge Krieger, die nicht nur den Tomahawk, sondern auch das Messer – ein viel gefährlicheres Experiment – mit rücksichtsloser Gleichgültigkeit schleuderten; doch zeigten sie Alle eine Geschicklichkeit, welche den Gefangenen vor ernstlichen Verletzungen bewahrte. Einige Male zwar wurde Wildtödter geritzt, aber nie erhielt er eine eigentliche Wunde. Die unbeugsame, unerschütterliche Festigkeit, womit er seinen Angreifern die Stirne bot, zumal in der Art von Kurzweil, womit diese Prüfung endete, erregte bei den Zuschauern tiefe Achtung; und als die Häuptlinge erklärten, der Gefangene habe die Probe mit dem Messer und dem Tomahawk gut ausgehalten, da war nicht Eine Seele unter der Truppe, die wirklich eine feindselige Gesinnung gegen ihn gehegt hätte, mit Ausnahme der Sumach und des hüpfenden Jungen. Diese beiden mißvergnügten Geister thaten sich allerdings zusammen, gegenseitig ihren Zorn schürend, aber bis jetzt waren ihre boshaften Gefühle großentheils auf sie selbst beschränkt, obwohl zu befürchten stand, daß binnen Kurzem auch die Andern durch ihre Anstrengungen zu jenem dämonischen Zustand aufgeregt würden, der gewöhnlich alle solche Scenen unter den rothen Männern begleitete.

Rivenoak sagte jetzt seinen Leuten, das Bleichgesicht habe sich als ein Mann bewährt. Er möge unter den Delawaren leben, aber er sey nicht ein Weib geworden, mit diesem Stamme. Er wünschte zu wissen, ob es der Wille der Huronen sey, noch weiter zu gehen. Aber auch die Sanftesten unter den Weibern hatten bei den bisherigen Prüfungen zu viel Befriedigung empfunden, um ihren Aussichten auf ein ergötzliches Schauspiel zu entsagen, und daher wurde mit Einer Stimme verlangt, daß man fortfahre. Der politische Häuptling, der ein ähnliches Verlangen empfand, einen so berühmten Jäger in seinen Stamm aufzunehmen, wie ein europäischer Minister nach einem neuen, einträglichen Mittel der Besteurung, suchte alle irgend scheinbaren Gründe geltend zu machen, um der Sache noch zu rechter Zeit Einhalt zu thun; denn er wußte wohl, wenn man es einmal so weit kommen ließ, daß die wilderen Leidenschaften der Peiniger aufgeregt wurden, daß es dann eben so leicht wäre, die Wasser der großen Seen in seiner Heimath zu dämmen, als ihnen in ihrem blutigen Treiben Einhalt zu thun. Daher berief er vier oder fünf der besten Schützen zu sich, und gebot ihnen, den Gefangenen der Büchsenprobe zu unterwerfen, wobei er sie zugleich an die Notwendigkeit erinnerte, durch die gemessenste Aufmerksamkeit bei der Art, wie sie ihre Geschicklichkeit zeigten, ihren Ruf aufrecht zu erhalten.

Als Wildtödter die erlesenen Krieger, ihre Waffen in schußfertigem Stand, in den Kreis treten sah, empfand er eine Gemüthserleichterung, wie etwa ein Dulder, der lange die Qualen der Krankheit ertragen, bei dem sichern Herannahen des Todes empfinden mag. Beim Zielen mit dieser furchtbaren Waffe wurde leicht jede kleine Abweichung tödtlich; denn da der Kopf die Zielscheibe war, oder vielmehr der Punkt, den man ohne wirkliche Verletzung streifen sollte, mußte ein Zoll oder zwei Unterschied in der Schußlinie auf einmal die Frage über Leben und Tod entscheiden.

Bei der Tortur mit der Büchse war nicht einmal so viel Spielraum freigegeben, wie selbst in dem Fall mit Geßlers Apfel, denn ein Haar breit war in der That die äußerste Grenze, die sich ein erfahrener Schütze bei einer solchen Gelegenheit gestattete. Häufig wurde das Opfer von zu hitzigen oder ungeschickten Händen durch den Kopf geschossen; und oft geschah es auch, daß der Schütze, erbittert durch die Seelenstärke und die Herausforderungen der Gefangenen absichtlich in einem Augenblick unbändiger Aufregung ihm den Tod zusandte. Alles das wußte Wildtödter wohl, denn mit Erzählen von Ueberlieferungen solcher Scenen, wie von Schlachten und Siegen ihres Volkes, vertrieben sich die alten Männer die langen Winterabende in ihren Hütten. Er erwartete jetzt mit Bestimmtheit das Ende seiner Laufbahn, und empfand eine Art schwermüthige Freude bei dem Gedanken, daß er durch eine so geliebte Waffe, wie die Büchse, fallen sollte. Eine kleine Unterbrechung jedoch trat noch ein, ehe die Sache vor sich gehen konnte.

Hetty Hutter war Zeugin von Allem was vorging, und das Schauspiel hatte zuerst auf ihren schwachen Geist völlig lähmend gewirkt; jetzt aber hatte sie sich erholt, und ihr Gemüth empörte sich über die unverdienten Leiden, womit die Indianer ihren Freund quälten. Obwohl schüchtern und scheu wie das Junge der Hirschkuh bei manchen Gelegenheiten, war doch dieß Mädchen von richtigem Gefühl immer unerschrocken, wenn es die Sache der Menschlichkeit galt; die Lehren ihrer Mutter, und die Antriebe ihres eigenen Herzens – vielleicht dürften wir sagen: die Eingebungen jenes unsichtbaren, reinen Geistes, der immer ihre Handlungen zu bewachen und zu leiten schien – vereinigten sich, die weibliche Furchtsamkeit niederzuhalten, und sie zu kühner Entschlossenheit zu kräftigen. Sie erschien jetzt in dem Kreis, sanft, weiblich, sogar verschämt in ihrem Wesen, wie gewöhnlich, aber ernst in ihren Worten und Mienen, und redend wie Eine, die sich durch die Vollmacht Gottes unterstützt weiß.

»Warum martert Ihr den Wildtödter, rothe Männer?« fragte sie. »Was hat er gethan, daß Ihr mit seinem Leben spielt; Wer hat Euch das Recht gegeben, seine Richter zu seyn? Setzt den Fall, eins Eurer Messer oder ein Tomahawk hätte ihn getroffen: welcher Indianer unter Euch Allen könnte die Wunde heilen, die Ihr gemacht? Ueberdieß, wenn Ihr Wildtödter ein Leid thut, verletzt Ihr Euern Freund; als Vater und Hurry auf Eure Skalpe auszogen, weigerte er sich daran Theil zu nehmen, und blieb allein im Canoe. Ihr martert Euren Freund, wenn Ihr diesen jungen Mann martert!«

Die Huronen hörten sie mit ernster Aufmerksamkeit an, und Einer unter ihnen, der Englisch verstand, übersetzte das Gesagte in die Sprache ihrer Heimath. Sobald Rivenoak den Sinn ihrer Anrede vernommen, beantwortete er sie in seiner Sprache, und der Dollmetscher übersetzte es dem Mädchen ins Englische.

»Meiner Tochter steht es frei zu sprechen,« sagte der finstre, alte Redner, und gebrauchte so sanfte Töne und lächelte so freundlich, als spräche er mit einem Kind – »die Huronen hören gern ihre Stimme; sie lauschen Allem, was sie sagt. Der große Geist redet oft zu den Menschen mit solchen Zungen. Dießmal sind ihre Augen nicht weit genug offen gewesen, um Alles zu sehen, was vorgefallen ist. Wildtödter ist nicht gekommen unsere Skalpe zu nehmen, das ist wahr, warum kam er nicht? Hier sind sie, auf unsern Häuptern; die Kriegslocken sind bereit, daß man sie packen kann; ein kühner Feind soll seine Hand ausstrecken, sie zu fassen. Die Irokesen sind eine zu große Nation, um Männer zu strafen, welche Skalpe nehmen. Was sie selbst thun, das sehen sie gern auch an Andern. Meine Tochter möge sich umsehen und meine Krieger zählen. Hätte ich so viele Hände als vier Krieger, ihre Finger wären weniger als mein Volk war, als wir in Eure Jagdgründe kamen. Jetzt fehlt eine ganze Hand. Wo sind die Finger? Zwei sind abgeschnitten worden von diesem Bleichgesicht; meine Huronen wünschen zu sehen, ob er dieß gethan hat, in Kraft eines männlichen Herzens, oder durch Verrath; wie ein schleichender Fuchs, oder wie ein springender Panther.«

«Ihr wißt selbst, Huronen, wie Einer davon fiel. Ich habe es gesehen, und Ihr Alle auch. Es war zu blutig, um hinzuschauen; aber es war nicht Wildtödters Schuld. Euer Krieger trachtete nach seinem Leben, und er vertheidigte sich. Ich weiß nicht, ob das gute Buch sagt, daß dieß recht gewesen, aber alle Menschen werden es sagen. Kommt, wenn Ihr wissen wollt, Wer von Euch am besten schießen kann, gebt Wildtödtern eine Büchse, und dann werdet Ihr sehen, wie viel erfahrener er ist, als irgend Einer Eurer Krieger; ja als Alle zusammen!«

Hätte Jemand eine solche Scene unbefangen und gleichgültig beobachten können, so hätte er müssen belustigt werden durch den Ernst, womit die Wilden die Dollmetschung dieses ungewöhnlichen Verlangens anhörten. Kein Hohn, kein Lächeln mischte sich in ihr Erstaunen; denn Hettys Wesen hatte einen zu geheiligten Charakter, als daß ihre Schwäche der Gegenstand des Spottes der Trotzigen und Rohen hätte werden dürfen. Im Gegentheil, man antwortete ihr mit achtungsvoller Aufmerksamkeit.

»Meine Tochter redet nicht immer wie ein Häuptling am Berathungsfeuer,« erwiederte ihr Rivenoak, »sonst würde sie das nicht gesagt haben. Zwei meiner Krieger sind gefallen von der Hand unsers Gefangenen; ihr Grab ist zu klein, einen Dritten aufzunehmen. Die Huronen häufen nicht gern ihre Todten aufeinander. Wenn noch ein Geist im Begriff steht, nach der fernen Welt aufzubrechen, so darf es nicht der Geist eines Huronen seyn, es muß der Geist eines Bleichgesichts seyn. Geht, Tochter, und setzt Euch zu Sumach, die in Trauer ist; laßt die Huronenkrieger zeigen, wie gut sie schießen können; laßt das Bleichgesicht zeigen, wie wenig er sich um ihre Kugeln kümmert.«

Hettys Geist war der Fortführung einer Erörterung nicht gewachsen und gewohnt, sich den Anweisungen Weiterer zu unterwerfen, that sie wie ihr geboten, setzte sich willenlos auf einen Stamm neben die Sumach, und wandte ihr Antlitz ab von dem peinlichen Schauspiel, das innerhalb des Kreises aufgeführt wurde.

Die Krieger nahmen, sobald diese Unterbrechung beseitigt war, ihre Sitze ein, und schickten sich wieder an, ihre Geschicklichkeit glänzen zu lassen, wobei sie einen gedoppelten Zweck im Auge hatten; den, die Standhaftigkeit des Gefangenen auf die Probe zu stellen, und dann ferner zu zeigen, wie stet und sicher die Hand der Schützen unter aufregenden Umständen sey. Die Entfernung war klein, und in Einem Sinn, Sicherheit versprechend. Aber je kleiner der von den Peinigenden genommene Abstand war, um so mehr wurde die Probe für die Nerven des Gefangenen wesentlich gesteigert. Wildtödters Gesicht war in der That nur eben weit genug von dem Ende der Gewehre entfernt, um von der Explosion des Pulvers nicht gefährdet zu werden, und sein stetes Auge konnte gerade in die Mündungen ihrer Büchsen hineinsehen, gleichsam im Voraus schon den tödlichen Boten erschauend, der aus jeder hervorbrechen sollte. Die schlauen Huronen hatten diesen Umstand wohl berechnet; und kaum Einer erhob sein Gewehr, ohne es zuerst so scharf als möglich auf die Stirne des Gefangnen anzulegen, in der Hoffnung, seine Seelenstärke werde ihn verlassen und die Bande werde den Triumph genießen, ein Opfer unter ihrer sinnreichen Grausamkeit zucken und sich winden zu sehen. Dennoch hüteten sich sämmtliche Schützen wohl, ihn zu treffen, da die Schmach, ihn vor der Zeit zu tödten, nur der nachstand, das Ziel ganz zu verfehlen. Schuß um Schuß fiel; alle Kugeln schlugen ganz nahe bei Wildtödters Kopf ein, ohne ihn zu berühren. Aber noch konnte Niemand auch nur das Zucken eines Muskels von Seiten des Gefangenen, oder das leiseste Blinzeln seines Auges wahrnehmen. Diese unbezwingliche Entschlossenheit, welche so weit alles Aehnliche übertraf, was irgend ein Anwesender je zuvor gesehen, konnte von drei besondern Ursachen abgeleitet werde. Die erste war: Ergebung in sein Schicksal, verbunden mit natürlicher fester Haltung und Fassung; denn unser Held hatte es ruhig mit sich abgemacht, daß er sterben müsse und zog diese Todesart jeder andern vor; die zweite war seine vertraute Bekanntschaft gerade mit dieser Waffe, wodurch sie für ihn alles Schreckliche verlor, was sich gewöhnlich schon an die bloße Form der Gefahr knüpft; und die dritte war eben diese auch praktisch erprobte Bekanntschaft, die so weit und fein ausgebildet war, daß das beabsichtigte Opfer bis auf den Zoll den Fleck anzugeben wußte, wohin jede Kugel treffen müsse, denn er berechnete ihr Ziel, indem er gerade in’s Rohr hineinsah. So genau war Wildtödters Berechnung der Schußlinie, daß am Ende sein Stolz die Oberhand über seine Ergebung gewann, und er, nachdem Fünf oder Sechse ihre Kugeln in den Baum geschossen, sich nicht enthalten konnte, seine Verachtung über ihren Mangel an sichrer Hand und sichrem Auge auszusprechen.

»Ihr mögt dieß Schießen nennen, Mingos!« rief er, »aber wir haben Weiber unter den Delawaren, und ich habe holländische Mädchen gekannt am Mohawk, die Eure größten Kunststücke zu Schanden machen konnten. Macht diese meine Arme los, gebt mir eine Büchse in die Hand, und ich will die dünnste Kriegslocke in Eurer Truppe an jeden Baum nageln, den Ihr mir bezeichnet, und das auf hundert Schritte; ja, oder auf zweihundert, wenn man das Ziel sehen kann, neunzehn Schüsse unter zwanzig, oder meinetwegen zwanzig unter zwanzig, wenn das Gewehr preiswürdig und zuverlässig ist!«

Ein leises, drohendes Gemurmel folgte auf diesen kalten, herausfordernden Hohn; der Zorn der Krieger entzündete sich, als sie einen solchen Vorwurf hörten aus dem Mund eines Mannes, der ihr Beginnen so verächtlich ansah, daß er nicht einmal blinzelte, wenn man eine Büchse so nahe vor seinem Gesicht abschoß, als man konnte, ohne es ihm zu versengen, Rivenoak bemerkte, daß der Augenblick kritisch war, und noch immer die Hoffnung nicht aufgebend, einen so ausgezeichneten Jäger für seinen Stamm zu gewinnen, legte sich der schlaue, alte Häuptling, vermuthlich zur, rechten Zeit, in’s Mittel, um zu verhüten, daß man nicht augenblicklich zu dem Theil der Marter schritt, der nothwendig durch äußerste körperliche Qual, wenn nicht in andrer Weise, den Tod zur Folge haben mußte. Er trat mitten unter die gereizte Gruppe, redete sie mit seiner gewohnten schlauen Logik und seiner gefälligen, gewinnenden Art an, und unterdrückte sogleich die heftige Bewegung, die schon begonnen hatte.

»Ich sehe, wie es ist,« sagte er. »Wir sind gewesen wie die Bleichgesichter, wenn sie bei Nacht ihre Thüren schließen aus Furcht vor den rothen Männern. Sie brauchen so viele Riegel, daß das Feuer auskommt und sie verbrennen, ehe sie hinaus können. Wir haben den Wildtödter zu fest gebunden. Die Bande hindern seine Glieder zu zittern, und seine Augen, sich zu schließen. Lockert sie ihm: laßt uns sehen, aus welchem Stoffe sein eigner Körper wirklich besteht!«

Es ist oft der Fall, wenn wir in einem Lieblingsplan uns getäuscht sehen, daß wir gerne zu jedem Auskunftsmittel, mag es auch noch so wenig Aussicht auf Erfolg verbürgen, greifen, ehe wir unsern Zweck ganz aufgeben. So war es bei den Huronen. Der Vorschlag des Häuptlings fand augenblicklich Beifall; und mehrere Hände waren sofort geschäftig, die Bastseile vom Leib unsers Helden wegzureißen und zu schneiden. Nach einer halben Minute stand Wildtödter so frei von Banden da, wie er eine Stunde zuvor seine Flucht am Berg hin begonnen hatte. Ein wenig Zeit brauchte es, bis er den Gebrauch seiner Glieder wieder erlangte, denn der Umlauf des Blutes war durch die Festigkeit der Bande gehemmt worden; und diese ward ihm von Rivenoaks Politik bewilligt unter dem Vorwand, daß sein Körper für Furcht und Schrecken empfänglicher seyn würde, wenn er seine rechte Stimmung wieder gewonnen habe; eigentlich aber war seine Absicht, den heftigen wilden Leidenschaften, die in der Brust seiner jungen Männer rege geworden waren, Zeit zu lassen, sich wieder zu legen. Diese List gelang; und Wildtödter, indem er sich die Glieder rieb, mit den Füßen stampfte, und sich Bewegung machte, stellte bald den Umlauf des Blutes wieder her, und gewann wieder seine ganze physische Kraft so vollständig, als wenn gar Nichts sie gestört und geschwächt hätte. Selten denken die Menschen an den Tod in dem stolzen Gefühl ihrer Gesundheit und Stärke. So war es bei Wildtödter. Nachdem er hülflos gebunden, und, wie er allen Grund gehabt zu glauben, so ganz kürzlich erst am Rande der andern Welt gewesen war, wirkte jetzt das, daß er sich so unerwartet befreit, im Besitz seiner Kraft, und völlig Herr seiner Glieder sah, auf ihn wie eine plötzliche Wiederbelebung, und fachte in ihm wieder Hoffnungen an, die er zuvor schon ganz aufgegeben hatte. Von diesem Augenblicke an änderten sich alle seine Plane. Hierin gehorchte er einfach einem Gesetz der Natur; denn wenn wir unsern Helden als ergeben in sein Schicksal darzustellen wünschten, war es doch entfernt nicht unsere Absicht, ihn als verlangend nach dem Tode zu schildern. Von dem Augenblick an, wo sein Kraftgefühl frisch wieder auflebte, waren seine Gedanken lebhaft auf die verschiedenen Entwürfe gerichtet, die sich ihm darboten, um mittelst ihrer den Anschlägen seiner Feinde sich zu entziehen; und er wurde wieder der besonnene, sinnreiche und entschlossene Waldmann, der aller seiner Kräfte und Hülfsquellen sich bewußt und sie zu benützen bereit war. Der Wechsel war so groß, daß auch sein Geist wieder seine Spannkraft gewann; und nicht mehr an Unterwerfung denkend, verweilte er nur bei den Listen und Anschlägen der Art von Kriegführung, worin er jetzt verwickelt war.

Sobald Wildtödter losgebunden war, vertheilte sich die Bande in einen Kreis um ihn her, um ihn einzuhegen; und der Wunsch, seinen Muth und Geist zu brechen, wuchs in ihnen, je mehr sie Beweise von der Schwierigkeit sahen, ihn zu beugen. Die Ehre der Truppe stand jetzt bei dem Ausgang auf dem Spiel; und selbst das schöne Geschlecht verlor all‘ sein Mitgefühl mit menschlichem Leiden über dem Wunsch, die Ehre des Stammes gerettet zu sehen. Die Stimmen der Mädchen, sanft und melodisch wie die Natur sie geschaffen, hörte man mit den Drohungen der Männer sich mischen; und die der Sumach widerfahrenen Unbilden nahmen plötzlich den Charakter von kränkenden Leiden an, die jedes huronische Weib betroffen. Diesem sich erhebenden Tumult nachgebend, zogen sich die Männer ein Wenig zurück, den Weibern bedeutend, daß sie den Gefangenen eine Weile in ihren Händen ließen; denn es war bei solcher Gelegenheit ein gewöhnlicher Kunstgriff, daß die Weiber durch ihre Verhöhnungen und Schmähungen das Opfer in einen Zustand von Wuth zu versetzen suchten, und es dann plötzlich den Männern überlieferten, in einem Gemüthszustand, der wenig günstig war, den Qualen körperlicher Peinigung Widerstand zu leisten. Auch war diese Gesellschaft nicht ohne die geeigneten Werkzeuge, einen solchen Zweck zu erreichen. Sumach hatte einen großen Ruf als Keiferin und Schreierin; und ein paar alte Weiber, wie die Bärin, waren mit der Truppe ausgezogen, höchst wahrscheinlich als Wächterinnen des Anstands und der moralischen Disciplin; denn dergleichen kommt im wilden so gut wie im civilisirten Leben vor. Es ist unnöthig Alles zu wiederholen, was Wildheit und Unwissenheit zu diesem Behuf zu ersinnen vermochten; der einzige Unterschied zwischen diesem Ausbruch weiblichen Zorns und einer ähnlichen Scene unter uns bestand mir in den Redefiguren und den Prädikaten; – die huronischen Weiber benannten ihren Gefangenen mit den Namen der niedrigsten und verachtetsten Thiere, die ihnen bekannt waren.

Aber Wildtödters Geist war zu sehr beschäftigt, als daß er hätte durch das Schimpfen erbitterter Hexen sollen gestört werden; und da ihre Wuth nothwendig mit seiner Gleichgültigkeit stieg, so wie seine Gleichgültigkeit mit ihrer Wuth, wurden die Furien bald durch das Uebermaß unfähig, weiter fort zu machen. Die Krieger, als sie bemerkten, daß dieser Versuch gänzlich fehlgeschlagen, traten ins Mittel und machten der Scene ein Ende; und dieß um so mehr, da man jetzt ernstlich Vorbereitungen machte zu dem Anfang der wirklichen Martern, derjenigen, welche die Seelenstärke des Dulders auf die Probe heftiger, körperlicher Schmerzen stellen sollten. Eine plötzliche, unvorhergesehene Meldung jedoch, die Einer der ausgestellten Kundschafter, ein Knabe von zehn oder zwölf Jahren, brachte, hemmte für einen Augenblick das ganze Beginnen. Da diese Unterbrechung in engem Zusammenhang mit dem dénoucment unserer Geschichte steht, wollen wir sie in einem besondern Capitel berichten.

Dreißigstes Kapitel.

Dreißigstes Kapitel.

So meinst Du – wie wohl Jeder meint
Das Gleiche, weil’s dem Aug‘ so scheint;
Doch andre Ernte sank,
Als die des Bauers Sichel fällt,
Vor härtrer Hand auf diesem Feld,
Durch Speer und Klingen blank.
Scott.

Es ging über Wildtödters Vermögen, zu erfahren, was den plötzlichen Stillstand in den Bewegungen seiner Feinde veranlaßt hatte, bis die Sache sich im ordentlichen Verlauf der Ereignisse offenbarte. Er bemerkte, daß große Unruhe besonders unter den Weibern herrschte, während die Krieger in einer Art würdevoller Erwartung auf ihre Waffen gelehnt blieben. Es war klar, daß kein Allarm entstanden, obwohl nicht eben so augenfällig war, daß ein erwünschtes Ereigniß die Verzögerung herbeiführte. Rivenoak war sichtlich von Allem unterrichtet, und durch eine Bewegung seines Arms schien er dem Kreise zu bedeuten, er solle unaufgelöst bleiben, und Jedes solle den Ausgang der Sache in der Stellung abwarten, in der es sich gerade befinde. Es bedurfte nur ein paar Minuten, um die Erklärung dieser sonderbaren und geheimvollen Pause zu bringen, welche bald dadurch ihr Ende erreichte, daß Judith hinter der Linie von Huronen erschien, und sofort in den Kreis eingelassen wurde. Wenn Wildtödter erstaunt war über diese unerwartete Ankunft, da er wohl wußte, daß das gescheute und geistesgegenwärtige Mädchen keineswegs Ansprüche hatte auf die Befreiung von den Leiden und Folgen der Gefangenschaft, die man ihrer schwachsinnigen Schwester so gerne bewilligte, so war er nicht minder betroffen über den Aufzug, worin sie erschien. Ihr ganzer gewöhnlicher Waldanzug, so sauber und passend dieser in der Regel war, war vertauscht worden mit dem schon erwähnten Brokatkleid, das schon einmal an ihrer Person eine so große und zauberhafte Wirkung hervorgebracht hatte. Dieß war noch nicht Alles. Gewohnt die Lady’s der Garnison in der förmlichen Galatracht des Tages zu sehen, und vertraut mit den feinern, genauern Zierlichkeiten in diesen Dingen, hatte das Mädchen ihren Anzug dergestalt zu vervollständigen gewußt, daß kein auffallender Mangel im Detail sichtbar wurde, und nicht einmal ein Mangel an Uebereinstimmung hervortrat, der einer in die Geheimnisse der Toilette Eingeweihten hätte auffallen müssen. Kopf, Füße, Arme, Hände, Büste und Faltenwurf – Alles war in Harmonie, – was man damals am weiblichen Anzug reizend und harmonisch fand; und das Vorhaben, auf das sie ausging, nemlich den ungelehrten, sinnlichen Wilden zu imponiren, indem sie sie glauben machte, ihr Besuch sey eine Frau von hohem Stand und Bedeutung, hätte ihr gar leicht gelingen können bei Solchen, die vermöge ihrer Lebensgewohnheiten zwischen den Personen derlei Unterschiede zu machen gelernt hatten. Neben ihrer seltenen, natürlichen Schönheit besaß Judith eine ausgezeichnete Grazie in ihrem Wesen, und ihre Mutter hatte ihr genug von ihrer Haltung und ihrem Anstand beigebracht, um aus ihrem Benehmen jeden anstößigen oder auffallenden Zug von Gemeinheit zu verbannen; so daß, die Wahrheit zu gestehen, der prächtige Anzug beinahe in jedem andern Falle übler an seinem Platze gewesen wäre. In einer Hauptstadt hätten ihn Tausend tragen können, ehe sich Eine gefunden, die den lebhaften Farben, dem schimmernden Atlaß, und den reichen Spitzen mehr Ehre gebracht hätten, als das schöne Wesen, deren Person er jetzt schmücken half.

Die Wirkung einer solchen Erscheinung war nicht übel berechnet. Im Augenblick, wo Judith sich innerhalb des Kreises befand, ward sie einigermaßen für die furchtbare persönliche Gefahr, der sie sich aussetzte, entschädigt durch den unzweideutigen Eindruck von Ueberraschung und Bewunderung, den ihre Erscheinung hervorbrachte. Die grimmigen alten Krieger ließen ihren Lieblingsruf: ›Hugh!‹ hören. Die jüngern Männer waren noch stärker hingenommen, und selbst die Weiber blieben nicht zurück, ihr Wohlgefallen durch offene Aeußerungen kund zu geben. Nur selten hatten diese rohen Kinder des Waldes andere weiße Frauen, als von der niedrigsten Classe, gesehen, und was Kleider betrifft, so hatte ihr Auge noch nie so viel Glanz und Schimmer erblickt. Die lustigsten Uniformen von Franzosen und Engländern erschienen matt, verglichen mit dem schillernden Brokat; und während die seltne körperliche Schönheit der Trägerin die Wirkungen der Farben noch erhöhte, verfehlte der Anzug nicht, diese Schönheit noch hervorzuheben in einer Art, welche selbst die Hoffnungen des Mädchens übertraf. Wildtödter selbst war ganz verblüfft, und dieß ebenso sehr über das glänzende Bild, welches das Mädchen darbot, als über die Gleichgültigkeit gegen die Folgen, womit sie der Gefahr des gethanen Schrittes trotzte. Unter solchen Umständen warteten Alle ab, bis der Besuch seine Absicht erklären würde, die den Meisten der Zuschauer ebenso unbegreiflich schien, wie dessen Erscheinung.

»Welcher von diesen Kriegern ist der vornehmste Häuptling?« fragte Judith den Wildtödter, sobald sie merkte, daß man von ihr die Eröffnung der Unterredung erwartete; »mein Auftrag ist zu wichtig, um an Einen von niedrigerem Rang bestellt zu werden. Zuerst erklärt den Huronen, was ich sage; dann gebt mir Antwort auf die Frage, die ich gethan.« Wildtödter gehorchte ruhig, und seine Zuhörer horchten begierig auf die Dollmetschung der ersten Worte aus dem Mund einer so außerordentlichen Erscheinung. Das Verlangen schien vollkommen im Charakter einer Person, die selbst allem Anschein nach einem hohen Stand angehörte. Rivenoak ertheilte eine geeignete Antwort, indem er sich seinem schönen Besuch in einer Art vorstellte, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er zu all der Achtung berechtigt sey, die er in Anspruch nahm.

»Ich kann das glauben, Hurone,« begann Judith wieder, und spielte ihre angenommene Rolle mit einer Festigkeit und Würde, die ihrem Nachahmungstalent Ehre machte, denn sie war bemüht, ihrem Benehmen die herablassende Artigkeit zu verleihen, die sie einmal bei der Gattin eines Generals bei einer ähnlichen, obwohl friedlicheren Scene beobachtet hatte; »ich kann glauben, daß Ihr die wichtigste Person dieser Truppe seyd; ich sehe in Eurem Angesicht die Züge des Nachdenkens und der Besonnenheit. An Euch also muß ich meine Mittheilung richten.«

»Möge die Blume der Wälder sprechen,« erwiederte der alte Häuptling höflich, sobald ihre Anrede so gedollmetscht war, daß Alle sie verstehen mochten. »Wenn ihre Worte so lieblich sind wie ihr Aussehen, werden sie nie meine Ohren verlassen; ich werde sie noch hören, lange nachdem der Winter von Canada alle Blumen des Sommers getödtet und alle seine Reden erstarren gemacht hat.«

Diese Bewunderung schmeichelte Judith bei der ihr eignen Gemüthsart, und sie trug ebensoviel bei, ihr ihre Selbstbeherrschung zu erleichtern, als sie ihre Eitelkeit befriedigte. Sie lächelte unwillkürlich, oder trotz ihrem Vorsatz, zurückhaltend zu erscheinen, und fuhr nun weiter in ihrem Gewerbe fort.

»Nun, Hurone,« sprach sie, »hört meine Worte. Eure Augen sagen Euch, daß ich kein gewöhnliches Weib bin. Ich will nicht sagen, daß ich die Königin dieses Landes sey; die ist weit weg von hier, in einem fernen Lande; aber unter unsern großmächtigen Monarchen sind viele Abstufungen des Ranges, und eine davon nehme ich ein. Welches dieser Rang sey, ist unnöthig, so genau anzugeben, denn Ihr würdet es doch nicht verstehen. Euch darüber zu belehren müßt Ihr Euern sehenden Augen überlassen. Ihr schaut, was ich bin; Ihr müßt fühlen, indem Ihr meine Worte höret, daß Ihr Eine höret, die Eure Freundin oder Eure Feindin zu seyn vermag, je nachdem Ihr sie behandelt.«

Dieß ward ganz angemessen vorgetragen, mit gebührender Rücksicht auf ihr Benehmen und mit einer sichern Festigkeit des Tones, die in der That überraschend war, in Betracht aller Umstände des Falles. Auch ward diese Rede gut, obwohl einfach, in die indianische Sprache übersetzt, und mit einem Ernst und einer Achtung aufgenommen, die für den Erfolg des Mädchens nur Gutes weissagten. Aber die Gedanken der Indianer lassen sich nicht so leicht bis auf die innerste Quelle ergründen. Judith wartete mit ängstlicher Spannung auf die Antwort, ebenso sehr von Hoffnung als von Zweifel erfüllt. Rivenoak war ein fertiger Sprecher, und er antwortete so rasch, als sich mit den Begriffen von indianischem Wohlstand vertrug; denn dieß eigenthümliche Volk scheint eine kurze Verzögerung der Antwort für ein Zeichen der Achtung zu halten, sofern dadurch an den Tag gelegt wird, daß man die vernommenen Worte auch gebührend erwogen hat.

»Meine Tochter ist schöner als die wilden Rosen am Ontario; ihre Stimme ist lieblich für das Ohr wie der Gesang des Zaunkönigs,« antwortete der vorsichtige und schlaue Häuptling, der allein unter der ganzen Bande sich nicht ganz hinnehmen ließ von der prächtigen und ungewöhnlichen Erscheinung Judiths, und der bei seiner Verwunderung doch noch Mißtrauen hegte; »der Colibri ist nicht viel größer als die Biene, und doch sind seine Federn so glänzend wie der Schweif des Pfauen. Der Große Geist verleiht manchmal sehr prächtige Kleider sehr kleinen Thieren. Und doch bedeckt er das Elenthier auch mit groben Haaren. Diese Dinge gehen über das Verständniß von armen Indianern, die nur begreifen können, was sie sehen und hören. Ohne Zweifel hat meine Tochter einen sehr großen Wigwam irgendwo in der Nähe des See’s, die Huronen haben ihn nicht gefunden in ihrer Unwissenheit.«

»Ich habe Euch gesagt, Häuptling, es wäre unnütz, meinen Rang und meinen Aufenthaltsort zu nennen, da Ihr doch davon Nichts verstehen würdet. Ihr müßt Euern Augen glauben, was diese Kunde betrifft! welcher rothe Mann ist hier, der nicht sehen könnte? Dieß Tuch, das ich trage, ist nicht das Tuch einer gewöhnlichen Squaw; diese Schmucksachen sind von der Art, wie nur die Frauen und Töchter der Häuptlinge darin erscheinen. Jetzt horcht auf und vernehmt, warum ich allein unter Euer Volk gekommen bin, und achtet auf das Anliegen, das mich hieher geführt hat. Die Vengeese haben junge Männer, so gut wie die Huronen, und zwar haben sie deren genug; das wißt Ihr wohl!«

»Der Vengeese sind so viele, als Blätter auf den Bäumen! das weiß und fühlt jeder Hurone,«

»Ich verstehe Euch, Häuptling. Hätte ich eine Truppe mit mir genommen, so hätte Euch das in Unruhe setzen können. Meine jungen Männer und die Eurigen würden einander zornig angeschaut haben; zumal wenn meine jungen Männer dieß Bleichgesicht gesehen hätten, das Ihr zu Martern bestimmt habt. Er ist ein großer Jäger und sehr geliebt von allen Garnisonen in der Nähe und Ferne. Es hätte einen Kampf um ihn gegeben, und der Weg der Irokesen heim nach den Canada’s wäre mit Blut bezeichnet worden.«

»Es ist schon so viel Blut darauf,« versetzte der Häuptling finster, »daß es unsre Augen blendet. Meine jungen Männer sehen, daß es alles Blut der Huronen ist.«

»Ohne Zweifel; und noch mehr Huronenblut würde vergossen werden, wenn ich umgeben von Bleichgesichtern gekommen wäre. Ich habe von Rivenoak gehört, und habe gedacht, es würde besser seyn, ihn im Frieden in sein Dorf heimzuschicken, daß er seine Weiber und seine Kinder daheim ließe; wenn er dann Lust hätte, unsre Skalpe zu holen, würden wir ihm entgegen treten. Er liebt Thiere aus Elfenbein gemacht und kleine Büchsen. Seht; ich habe einige mitgebracht, sie ihm zu zeigen. Ich bin seine Freundin. Wenn er diese Dinge zu seinen Gütern gepackt hat, wird er nach seinem Dorfe aufbrechen, ehe Einer von meinen jungen Männern, ihn einholen kann; und dann wird er seinem Volke in Canada zeigen, welche Schätze sie hier suchen können, jetzt nachdem unsre großen Väter über dem Salzsee einander die Kriegsaxt zugeschickt haben. Ich will zurück mit dem großen Jäger, dessen ich bedarf, um mein Haus mit Wildpret zu versorgen.«

Judith, mit der indianischen Phraseologie hinlänglich vertraut, bemühte sich, ihre Gedanken in der diesem Volke eignen sententiösen Weise auszudrücken, und es gelang ihr sogar über ihre eigne Erwartung. Wildtödter ließ ihr in seiner Dollmetschung alle Gerechtigkeit widerfahren, und das um so bereitwilliger, als das Mädchen sich sorgfältig hütete, eine eigentliche Unwahrheit vorzubringen,– eine Huldigung, die sie der ihr bekannten Abneigung des jungen Mannes gegen Lügen zollte; denn diese hielt er für eine der Gaben eines weißen Mannes ganz unwürdige Niederträchtigkeit. Das Anbieten der zwei noch übrigen Elephanten und der früher erwähnten Pistolen, deren eine freilich durch den Unfall vor Kurzem ziemlich gelitten hatte, brachte eine lebhafte Aufregung unter den Huronen im Ganzen hervor; Rivenoak aber nahm es kalt auf, trotz des Entzückens, womit er zuerst die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer Creatur mit zwei Schwänzen entdeckt hatte. Mit Einem Wort, dieser kühle und scharfsichtige Wilde ließ sich nicht so leicht imponiren wie seine Genossen; und mit einem Ehrgefühl, das die Hälfte der civilisirten Welt übertrieben gefunden haben würde, lehnte er die Annahme einer Bestechung ab, die er nicht gemeint war durch Erfüllung der Wünsche der Geberin zu verdienen.

»Behalte meine Tochter ihr zweischwänziges Schwein, es zu essen, wenn es an Wildpret fehlt,« antwortete er trocken, »und auch das kleine Gewehr mit zwei Mündungen. Die Huronen werden Wild tödten, wenn sie hungrig sind; und sie haben lange Büchsen, damit zu kämpfen. Dieser Jäger kann jetzt meine jungen Männer nicht verlassen: sie wünschen zu wissen, ob er so tapfern Herzens ist, als er prahlt.«

»Das läugne ich, Hurone,« unterbrach ihn Wildtödter mit Wärme; »ja, das läugne ich schnurstracks, da es gegen Wahrheit und Vernunft ist. Kein Mensch hat gehört, daß ich prahle, und soll es auch Keiner, und wenn Ihr mich auch lebendig schindet, und dann das zuckende Fleisch röstet, mit Euren höllischen Tücken und Grausamkeiten! Ich bin wohl niedrig und unglücklich, und Euer Gefangner; aber ich bin kein Prahler; schon vermöge meiner Gaben.«

»Mein junges Bleichgesicht prahlt, er sey kein Prahler,« versetzte der schlaue Häuptling; »er muß Recht haben. Ich höre einen seltsamen Vogel singen. Er hat sehr prächtige Federn. Kein Hurone hat je solche Federn gesehen! Sie werden sich schämen, zurückzukehren in ihr Dorf, und ihrem Volke zu sagen, sie haben ihren Gefangnen ziehen lassen wegen des Gesangs dieses fremden Vogels, ohne im Stande zu seyn, den Namen dieses Vogels anzugeben. Sie wissen nicht zu sagen, ob es ein Zaunkönig ist oder ein Katzenvogel. Das wäre eine große Schmach; man würde meine jungen Männer nicht in die Wälder ziehen lassen, ohne daß sie ihre Mütter mitnähmen, ihnen die Namen der Vögel zu sagen!«

»Ihr könnt Euren Gefangnen nach meinem Namen fragen,« versetzte das Mädchen. »Er ist Judith; und es steht viel von der Geschichte der Judith in der Bleichgesichter bestem Buch, der Bibel. Wenn ich ein Vogel mit schönen Federn bin, so habe ich auch meinen Namen.«

»Nein,« antwortete der schlaue Hurone, seine lange geübte List und Verstellung verrathend, indem er mit ziemlicher Richtigkeit Englisch sprach, »ich nicht Gefangnen fragen. Er ermüdet; der Ruhe bedürfen. Ich frage meine Tochter mit dem schwachen Geist. Sie die Wahrheit sprechen. Kommt her, Tochter; Ihr antworten. Euer Name Hetty?«

»Ja, so nennt man mich,« antwortete das Mädchen, »obwohl er in der Bibel Esther geschrieben ist.«

»Es ihn auch in die Bibel schreiben! Alles in die Bibel schreiben. Einerlei – was ihr Name?«

»Der ist Judith, und er ist so in der Bibel geschrieben, obgleich der Vater sie manchmal Jude nannte. Das ist meine Schwester Judith, Thomas Hutters Tochter – Thomas Hutter’s, den Ihr Bisamratze nanntet, obgleich er keine Bisamratze war, sondern ein Mensch wie Ihr – er wohnte in einem Haus auf dem Wasser, und das war genug für Euch

Ein triumphirendes Lächeln blitzte über das hartgefurchte Gesicht des Häuptlings, als er sah, wie vollständig ihm der Versuch gelungen, die wahrheitsliebende Hetty zum Sprechen zu bringen. Judith selbst, im Augenblick, wo ihre Schwester befragt wurde, erkannte, daß Alles verloren war, denn kein Winken, kein Bitten selbst, hätte das redlich gesinnte Mädchen vermocht, eine Lüge zu reden. Daß der Versuch, eine Tochter der Bisamratze den Wilden als eine Fürstin oder als eine vornehme Dame auszugeben, mißlingen mußte, wußte sie; und sie sah ihren kecken und sinnreichen Einfall zur Befreiung des Gefangnen durch eine der einfachsten und natürlichsten Ursachen, die man sich denken konnte, scheitern. Sie richtete daher ihr Auge auf Wildtödter, ihn gleichsam anflehend, sich der Sache anzunehmen, um sie Beide zu retten.

»Es wird nicht gehen, Judith,« sagte der junge Mann, auf diese stumme Aufforderung antwortend, die er wohl verstand, aber als fruchtlos erkannte; »es wird nicht gehen. Es war eine kecke Idee, und passend für eine Generalsfrau; aber der Mingo dort –« Rivenoak hatte sich in einige Entfernung zurückgezogen, so daß er ihn nicht verstehen konnte – »aber der Mingo dort ist kein gewöhnlicher Mann, und nicht zu täuschen durch unnatürliche Listen. Die Dinge müssen in ihrer rechten Ordnung vor ihn kommen, um eine Wolke vor seinem Auge zu verbreiten! Es war zu Viel, ihm vorspiegeln zu wollen, daß eine Königin oder vornehme Lady in diesen Bergen lebe, und ohne Zweifel denkt er, die schönen Kleider, die ihr tragt, seyen von dem Raube Eures Vaters – oder wenigstens dessen, der für Euren Vater galt; was auch gern wahrscheinlich ist, wenn Alles wahr ist, was man sagt.«

»In jedem Falle, Wildtödter, wird meine Anwesenheit hier Euch eine Zeit lang fristen. Sie werden schwerlich versuchen, Euch vor meinen Augen zu martern!«

»Warum nicht, Judith? Meint Ihr, sie werden mit einem Weib von den Bleichgesichtern zärtlicher verfahren, als mit ihren eignen? Es ist wahr, Euer Geschlecht wird Euch selbst höchst wahrscheinlich gegen die Martern schützen, aber Euch nicht Eure Freiheit und Euren Skalp sichern. Ich wollte, Ihr wäret nicht gekommen, meine gute Judith; es kann mir keinen Vortheil, aber Euch großes Unheil bringen!«

»Ich kann Euer Schicksal theilen,« antwortete das Mädchen mit großherzigem Enthusiasmus. »Sie sollen Euch kein Leid thun, so lange ich dabei bin, wenn es in meiner Macht steht, es zu verhindern – zudem –«

»Zudem, was, Judith? Welche Mittel habt Ihr, indianischer Grausamkeit Einhalt zu thun, oder indianische Teufeleien abzuwenden?«

»Vielleicht keine, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit Festigkeit, »aber ich kann mit meinen Freunden leiden – mit ihnen sterben, wenn’s nöthig ist.«

»Ach! Judith – leiden werdet Ihr vielleicht; aber sterben werdet Ihr nicht, als bis die vom Herrn bestimmte Stunde kommt. Es ist unwahrscheinlich, daß Eine von Eurem Geschlecht und Eurer Schönheit ein härteres Schicksal trifft, als daß sie das Weib eines Häuptlings wird, wenn anders Eure weißen Neigungen sich zur Ehe mit einem Indianer bequemen. Es wäre besser, Ihr wäret in der Arche oder im Castell geblieben; aber was geschehen ist, ist geschehen. Ihr wolltet Etwas sagen, als Ihr stocktet bei: zudem –?«

»Es möchte nicht gerathen seyn, es hier auszusprechen, Wildtödter!« antwortete das Mädchen hastig, wie nachlässig an ihm vorbeigehend, um leise reden zu können; »eine halbe Stunde gilt uns Alles. Keiner Eurer Freunde ist müssig.«

Der Jäger antwortete nur mit einem dankbaren Blick. Dann wandte er sich zu seinen Feinden, seine Bereitwilligkeit zeigend, den Martern wieder die Stirne zu bieten. Eine kurze Berathung war zwischen den Aeltern der Bande gepflogen worden, und mittlerweile waren sie mit ihrer Entscheidung gefaßt. Die milde Gesinnung Rivenoaks war durch Judiths List sehr geschwächt worden, welche statt ihren wahren Zweck zu erreichen, gerade die entgegengesetzten Ergebnisse von den beabsichtigten zu liefern drohte. Dieß war natürlich: denn zum Uebrigen kam noch die Erbitterung eines Indianers, der sah, wie nahe er daran gewesen, sich von einem unerfahrnen Mädchen überlisten zu lassen. Inzwischen hatte man Judiths wahre Verhältnisse vollkommen erkannt, und der weitverbreitete Ruf ihrer Schönheit trug zu der Entdeckung bei. Was den ungewöhnlichen Anzug betrifft, so wurde er mit dem tiefen Geheimniß der zweischwänzigen Thiere in Verbindung gebracht, und verlor für den Augenblick allen Einfluß.

Als daher Rivenoak den Gefangnen wieder in’s Auge faßte, war der Ausdruck seines Gesichts sehr verändert. Er hatte den Wunsch, ihn zu retten, aufgegeben, und war nicht mehr geneigt, die ernsten Martern noch länger zu verschieben. Diese veränderte Stimmung hatte sich in ihrer Wirkung den jungen Männern mitgetheilt, welche schon rüstig ihre Vorbereitungen für die beabsichtigte Scene trafen. Stücke trocknen Holzes wurden rasch um den jungen Baum her gesammelt – die Splitter, die man dem Opfer in’s Fleisch stoßen und dann anzünden wollte, waren alle gesammelt, und die Bastseile schon in Bereitschaft, um ihn wieder an den Baum zu binden. Dieß Alles geschah in tiefem Schweigen; Judith beobachtete jede Bewegung mit athemloser Erwartung, während Wildtödter selbst anscheinend so unbeweglich dastand, wie eine der Fichten auf den Bergen. Als jedoch die Krieger, um ihn zu binden, vortraten, warf der junge Mann Judith einen Blick zu, wie fragend, ob Widerstand oder Ergebung das Rathsamste sey. Durch eine bedeutungsvolle Geberde rieth sie zur letztern; und in einer Minute war er wieder an den Baum gebunden, eine hülflose Zielscheibe jeder Schmähung oder Mißhandlung, die man ihm bieten mochte. So eifrig waren jetzt Alle, zu handeln, daß kein Wort gesprochen wurde. Sofort ward der Scheiterhaufen angezündet, und mit gespannter Erwartung sah man dem Ende von Allem entgegen.

Es war nicht die Absicht der Huronen, ihrem Opfer mittelst des Feuers geradezu das Leben zu nehmen. Sie beabsichtigten nur, seine physische Kraft und Ausdauer auf die härteste Probe zu stellen, die sie, ohne ganz zu erliegen, ertragen könnte. Am Ende hatten sie den Plan, seinen Skalp mit sich in ihr Dorf zu nehmen, aber sie wünschten vorher seine Entschlossenheit zu brechen und ihn zum klagenden Dulder zu erniedrigen. Zu diesem Behufe war der Haufen von Zweigen und Gestrüppe in einer geeigneten Entfernung aufgethürmt worden, wo, wie man berechnete, die Hitze bald unerträglich werden würde, ohne geradezu auch schon gefährlich und tödtlich zu seyn. Aber wie es bei solchen Gelegenheiten oft geschah, die Entfernung war nicht richtig berechnet und die Flammen begannen schon dem Opfer so nahe in’s Gesicht zu züngeln, daß der nächste Augenblick den Tod hätte bringen können, wenn nicht Hetty durch den Haufen gedrungen wäre, mit einem Stecken bewaffnet, und den lodernden Scheiterhaufen nach allen Richtungen auseinander geschleudert hätte. Mehr als Eine Hand erhob sich, um die anmaßende Störerin zu Boden zu schlagen; aber die Häuptlinge verhinderten eine Mißhandlung und erinnerten ihre aufgebrachten Leute an ihren Geisteszustand. Hetty selbst war der Gefahr, die sie lief, sich nicht bewußt, und sobald sie diese kecke That vollbracht, stand sie da, und sah sich mit finsterm Mißfallen und Unwillen um, als wollte sie dem Schwarm der sie aufmerksam betrachtenden Wilden ihre Grausamkeit vorrücken.

»Gott segne dich; liebste Schwester, für diese muthige und besonnene That!« flüsterte Judith, selbst so abgespannt, daß sie zum Handeln unfähig war; «der Himmel selbst hat dich mit seiner heiligen Vollmacht gesandt!«

»Es war gut gemeint, Judith,« fiel das Opfer ein; »es war trefflich gemeint, und es kam zur rechten Zeit, obwohl es am Ende doch unzeitig gewesen seyn mag. Was eintreten soll, muß bald eintreten, sonst wird es in Kurzem zu spät seyn. Hätte ich beim Athmen einen Mundvoll von dieser Flamme eingesogen, so könnte keine menschliche Macht mein Leben retten; und Ihr seht, sie haben mir dießmal die Stirne so fest gebunden, daß mein Kopf nicht die mindeste Freiheit und Wahl hat. Es war gut gemeint; aber es wäre vielleicht eine größere Barmherzigkeit gewesen, die Flammen ihr Werk vollenden zu lassen.«

»Grausame, herzlose Huronen!« rief die noch immer empörte Hetty; »wolltet Ihr einen Mann, einen Christen verbrennen, wie ein Scheit Holz? Lest Ihr nie in Euern Bibeln, oder meint Ihr, Gott werde solche Dinge vergessen?«

Eine Geberde Rivenoaks gebot, die zerstreuten Brände wieder zu sammeln; frisches Holz ward gebracht, und selbst Weiber und Kinder waren eifrig und geschäftig, trockne Stecken herbeizuschaffen. Die Flamme loderte eben zum zweitenmal auf, als eine Indianerin durch den Kreis sich drängte, auf den Haufen zuschritt und mit dem Fuß noch zu rechter Zeit die brennenden Zweige bei Seite stieß, um das Aufflammen des Ganzen zu verhindern. Ein gellender Schrei folgte auf diese zweite Störung: aber als die Thäterin sich gegen den Kreis wandte, und Hist’s Angesicht erkannt wurde, erfolgte ein allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschung. Eine Minute lang blieb jeder Gedanke, das vorliegende Geschäft fortzusetzen, vergessen, und Alt und Jung drängten sich hastig um das Mädchen, eine Erklärung ihrer plötzlichen, unerwarteten Zurückkunft begehrend. In diesem kritischen Augenblick sprach Hist mit leiser Stimme zu Judith, gab ihr einen kleinen Gegenstand ungesehen in die Hand, und wandte sich dann, um die Begrüßungen der Huronischen Mädchen zu erwiedern, bei denen sie persönlich sehr beliebt war. Judith gewann ihre Fassung wieder und handelte rasch. Das kleine, scharfschneidende Messer, das Hist ihr in die Hand gedrückt hatte, ward von Judith in die Hand Hettys befördert, als die sicherste und am wenigsten verdächtige Vermittlerin an Wildtödter. Aber der schwache Verstand der Letztern vereitelte die wohlbegründeten Hoffnungen von allen Dreien. Statt zuerst die Hände des Opfers loszumachen, und ihm dann heimlich das Messer in die Kleider zu stecken, damit er im günstigsten Augenblick sich desselben bedienen könnte, machte sie sich selbst mit Ernst und Einfalt an’s Wert, die Teile zu zerschneiden, welche seinen Kopf gebunden hielten, damit er nicht wieder in Gefahr komme, Flammen einzuathmen. Natürlich sah man dieß bedächtliche Beginnen, und that Hettys Händen Einhalt, ehe sie Mehr als den obern Theil von des Gefangnen Leib, die Arme unter den Ellbogen nicht miteingeschlossen, befreit hatte. Diese Entdeckung erweckte sofort Mißtrauen gegen Hist; und zu Judiths Erstaunen zeigte dieß kluge Mädchen, als man sie darüber zur Rede setzte, keine Neigung, ihre Theilnahme an dem, was vorgegangen war, zu läugnen.

»Warum sollte ich dem Wildtödter nicht helfen?« fragte das Mädchen im Ton eines Weibes von festem Willen und Gemüth. »Er ist der Bruder eines Delawarenhäuptlings; mein Herz ist ganz Delawarisch. Kommt hervor, erbärmlicher Briarthorn, und wascht die Irokesenbemalung von Euerm Angesicht; steht vor die Huronen hin, als die Krähe, die Ihr seyd; Ihr würdet eher das Aas Eurer eignen Todten essen, als Hunger leiden. Stellt ihn Wildtödter gegenüber, Stirn gegen Stirn, Häuptlinge und Krieger, ich will Euch zeigen, welch einen großen Schurken Ihr in Eurem Stamme geduldet habt.«

Diese kühne Rede, in ihrer eignen Sprache und mit dem zuversichtlichsten Benehmen vorgetragen, machte einen tiefen Eindruck unter den Huronen. Verrätherei zieht immer Mißtrauen nach sich; und obgleich der Ueberläufer Briarthorn dem Feinde gut zu dienen sich bestrebt hatte, hatten seine Bemühungen und sein Eifer ihm doch wenig mehr als Duldung gewonnen. Sein Wunsch, Hist zum Weibe zu bekommen, hatte ihn zuerst veranlaßt, sie und sein eignes Volk zu verrathen; aber ernste Nebenbuhler in Betreff seines ersten Zweckes waren unter seinen neuen Freunden erstanden, deren Sympathie für den Verräther nun noch geringer wurde. Mit einem Wort, man hatte Briarthorn nur noch im Huronenlager sich aufzuhalten gestattet, wo er so genau und eifersüchtig bewacht wurde, wie Hist selbst; er ließ sich selten vor den Häuptlingen blicken, und hielt sich geflissentlich ferne von Wildtödters Auge, der bis auf diesen Augenblick gar Nichts von seiner Anwesenheit gewußt hatte. So aufgefordert aber konnte er sich unmöglich mehr im Hintergrund halten. »Die Irokesenbemalung von seinem Gesicht abwaschen« – das that er nicht; denn als er inmitten des Kreises dastand, war er durch die neuen Farben so entstellt, daß ihn der Jäger anfänglich nicht erkannte. Er nahm aber doch eine trotzige, herausfordernde Miene an, und fragte hochmüthig: Wer irgend etwas gegen Briarthorn sagen könne.

»Das fragt Euch selbst,« fuhr Hist lebhaft fort, obwohl ihr Benehmen etwas minder gesammelt erschien; ein Anflug von Zerstreutheit oder Abwesenheit wurde dem Wildtödter und Judith, wo nicht auch andern, bemerklich. »Fragt das Euer eigenes Herz, kriechendes Wiesel der Delawaren; tretet nicht hier auf mit der Miene eines unschuldigen Mannes. Geht, schaut in die Quelle; seht die Farben Eurer Feinde auf Eurer lügenden Haut; dann kommt zurück und prahlt, wie Ihr Eurem Stamme entflohen seyd, und das Tuch der Franzosen zu Eurer Bekleidung machtet! Malt Euch immerhin so bunt an wie der Colibri, Ihr bleibt doch schwarz wie die Krähe!«

Hist war während ihres Aufenthalts unter den Huronen so gleichmäßig sanft gewesen, daß sie jetzt ihre Sprache mit Erstaunen anhörten. Dem Angeschuldigten selbst kochte das Blut in den Adern; und es war gut für die hübsche Sprecherin, daß es nicht in seiner Macht stand, die Rache auszuüben, die er, trotz seiner vorgeblichen Liebe, ihr anzuthun vor Begierde brannte.

»Wer will Etwas von Briarthorn?« fragte er finster. »Wenn das Bleichgesicht des Lebens überdrüssig ist; wenn es indianische Martern fürchtet, so sprecht, Rivenoak! ich will ihn den Kriegern nachsenden, die wir verloren haben.«

»Nein, Häuptling: nein, Rivenoak,« unterbrach ihn Hist lebhaft. »Wildtödter fürchtet Nichts; am allerwenigsten eine Krähe! Bindet ihn los – zerschneidet die Bastseile – stellt ihn Stirn gegen Stirn diesem krächzenden Vogel gegenüber; dann laßt uns sehen, wer des Lebens überdrüssig ist.«

Hist machte eine rasche Bewegung vorwärts, als wollte sie einem jungen Mann ein Messer aus der Hand nehmen, und in eigner Person dem Gefangnen jenen Dienst leisten; aber ein bejahrter Krieger verhinderte es auf einen Wink Rivenoaks. Dieser Häuptling beobachtete mit Mißtrauen Alles, was das Mädchen that; denn während sie mit der entschlossensten Haltung die prahlerischste Sprache führte, war in ihrem Wesen doch etwas Unsichres und Erwartungsvolles, was einem scharfen Beobachter nicht entgehen konnte. Sie spielte ihre Rolle gut; aber zwei oder drei von den ältern Männern waren gleicherweise überzeugt, daß es nur eine Rolle war. Daher ward ihr Vorschlag, Wildtödter loszubinden, verworfen; und die in ihren Erwartungen getäuschte Hist sah sich in dem Augenblick von dem Baume zurückgewiesen, wo sie schon ihr Vorhaben gelungen wähnte. Zur gleichen Zeit ward der Kreis, der nachgerade wirr und eng geworden, wieder erweitert und in Ordnung gebracht. Rivenoak verkündigte jetzt die Absicht der alten Männer, weiter im Werke zu schreiten, da die Verzögerung jetzt lange genug gedauert habe und zu keinem Ergebnis führe.

»Halt, Hurone! halt, Häuptlinge!« rief Judith, kaum wissend was sie sagte, oder warum sie sich dareinlegte, als etwa um Zeit zu gewinnen; »um Gottes Willen, nur noch eine Minute –«

Die Worte wurden ihr im Munde abgeschnitten durch eine neue und noch außerordentlichere Unterbrechung. Ein junger Indianer kam durch die Reihen der Huronen gesprungen, und hüpfte mitten in den Kreis hinein, in einer Weise, welche die höchste Zuversicht, oder eine an Tollkühnheit grenzende Verwegenheit bezeichnete. Fünf oder sechs Schildwachen standen noch am See an verschiedenen und entfernten Punkten; und es war der erste Gedanke Rivenoaks, Einer von diesen sey mit wichtigen Zeitungen angekommen. Aber die Bewegungen des Ankömmlings waren so hastig, und sein Anzug, der ihm kaum mehr Gewandung ließ als eine antike Statue hat, hatte so wenig Auszeichnendes, daß es auf den ersten Anblick unmöglich war, zu bestimmen, ob er ein Feind oder Freund sey. Drei Sprünge brachten diesen Krieger an Wildtödters Seite, dessen Seile in einem Nu zerschnitten waren, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche den Gefangenen sogleich zum freien Herrn seiner Glieder machte. Ehe dieß vollbracht, warf der Ankömmling keinen Blick auf einen andern Gegenstand; dann wandte er sich, und zeigte den erstaunten Huronen die edle Stirne, die schöne Gestalt und das Adlerauge eines jungen Kriegers in der Bemalung und Waffenrüstung eines Delawaren. Er hielt in jeder Hand eine Büchse, die Kolben beider auf dem Boden aufstehend, während an der einen seine Tasche und sein Horn hing. Diese war Killdeer, den er, während er sich keck und mit herausforderndem Trotz im Kreise umsah, in die Hände seines wahren Herrn fallen ließ. Die Gegenwart zweier Bewaffneten, obwohl in ihrer Mitte, machte die Huronen betroffen. Ihre Büchsen standen ringsumher zerstreut an verschiedene Bäume gelehnt, und ihre einzigen Waffen waren ihre Messer und Tomahawks. Doch hatten sie zu viel Selbstbeherrschung, um Furcht zu verrathen. Es war wenig wahrscheinlich, daß eine so kleine Macht eine starke Bande angreifen würde, und Jeder erwartete, ein außerordentlicher Vorschlag werde auf einen so entschiedenen Schritt folgen. Der Fremde schien geneigt, ihrer Erwartung zu entsprechen. Er schickte sich an zu reden.

»Huronen,« sagte er, »diese Erde ist sehr groß, die großen Seen sind auch geräumig; jenseits derselben ist Platz für die Irokesen, diesseits ist Platz für die Delawaren. Ich bin Chingachgook, der Sohn des Unkas; der Vetter Tamenunds. Diese ist meine Verlobte; das Bleichgesicht ist mein Freund. Mein Herz war schwer, als ich ihn vermißte; ich folgte ihm in Euer Lager, zu sehen, daß ihm kein Leid geschehe. Alle Delawarenmädchen warten auf Wah! sie wundern sich, daß sie so lange ausbleibt. Kommt, laßt uns Lebewohl sagen, und unserer Wege gehen.«

»Huronen, das ist Euer Todfeind, die große Schlange von denen, die Ihr haßt!« schrie Briarthorn. »Wenn er entkommt, werden die Fußtapfen Eurer Moccasins blutig seyn von hier bis nach den Canada’s. Ich bin ganz Hurone!«

Wie er die letzten Worte sprach, schleuderte der Verräther sein Messer nach der nackten Brust des Delawaren. Eine rasche Bewegung Hists, die in der Nähe stand, mit dem Arm, lenkte den Wurf ab, und die gefährliche Waffe fuhr mit der Spitze in eine Fichte. Im nächsten Augenblick zuckte eine gleiche Waffe aus der Hand der Schlange, und zitterte im Herzen des Ueberläufers. Kaum eine Minute war verflossen von dem Augenblick an, wo Chingachgook in den Kreis gesprungen war, bis zu dem, wo Briarthorn todt wie ein Klotz auf dem Platze niederstürzte. Die Schnelligkeit der Ereignisse hatte die Huronen nicht zur That kommen lassen, aber diese Katastrophe erlaubte keinen längern Verzug. Ein allgemeiner Aufschrei folgte, und die ganze Bande war in Bewegung. In diesem Augenblick ward ein in den Wäldern nicht gewöhnlicher Ton vernommen, und alle Huronen, Männer und Weiber, standen horchend stille; mit angestrengtem Ohr und erwartungsvollen Gesichtern. Der Ton war regelmäßig und dumpf, wie wenn mit Klöppeln auf den Boden gestampft würde. Jetzt zeigten sich Gegenstände zwischen den Bäumen im Hintergrund, und man sah eine Schaar Truppen im Taktschritt anrücken. Sie zogen zum Angriff fertig daher, und der Scharlach der königlichen Uniformen glänzte durch das hellgrüne Laub des Waldes.

Die jetzt folgende Scene ist nicht leicht zu schildern. Wilde Verwirrung, Verzweiflung und wahnsinnige Anstrengungen waren dabei so durcheinander gemengt, daß alle Einheit und Klarheit des Handelns vernichtet wurde. Ein allgemeiner, gellender Ruf entfuhr den eingeschlossenen Huronen, darauf folgte das herzhafte freudige Jauchzen der Engländer. Doch ward noch keine Muskete oder Büchse abgefeuert, obgleich der stetige, taktmäßige Schritt fortwährend vernommen wurde, und man die Bajonette glänzen sah vor einer Linie, die etwa sechzig Mann zählte. Die Huronen wurden in entsetzlich ungünstiger Stellung überfallen. Auf drei Seiten war Wasser, während auf der vierten ihre furchtbaren, wohlgeübten Feinde ihnen die Flucht abschnitten. Jeder Krieger rannte nach seinen Waffen, und dann suchten alle auf dem Vorsprung Befindlichen, Männer, Weiber und Kinder hastig einen Versteck. In dieser Scene der Verwirrung und des Entsetzens jedoch ging Nichts über die Kaltblütigkeit und kluge Besonnenheit Wildtödters. Seine erste Sorge war, Judith und Hist hinter Bäume zu bringen, und er sah sich nach Hetty um; aber sie war von einem Schwarm Huronen-Weiber mit fort gerissen worden. Nach diesem warf er sich auf eine Flanke der zurückziehenden Huronen, welche nach dem südlichen Rande des Vorsprungs sich wandten, in der Hoffnung, durch das Wasser zu entkommen. Wildtödter wartete seine Gelegenheit ab, und als er zwei seiner bisherigen Peiniger in Schußweite vor sich fand, brach seine Büchse zuerst die Stille der schrecklichen Scene. Die Kugel streckte Beide auf Einmal nieder. Dieß veranlaßte ein allgemeines Feuern der Huronen, und man hörte die Büchse und das Kriegsgeschrei der Schlange in dem Getümmel. Noch aber erwiederten die disciplinirten Truppen mit keiner Salve, und man vernahm nur das Jauchzen und die Büchse Hurry’s, der neben ihnen herzog, und das kurze, rasche Befehlshaberwort, und die schweren, drohenden Taktschritte. Bald jedoch folgten die Verwünschungen und das Kreischen und Stöhnen, welche gewöhnlich die Anwendung des Bajonetts begleiten. Diese schreckliche, tödtliche Waffe schwelgte jetzt in Rache. Die nun folgende Scene war eine von denjenigen, die so häufig auch in unsern Zeiten vorkommen, wo weder Alter noch Geschlecht ein Ausnahme von dem Schicksal eines barbarischen wilden Kriegsgebrauchs begründet.

Einunddreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

Die Blume, die heute lacht,
Ist morgen verblüht;
Was gern wir ewig gedacht,
Lockt uns und flieht.
Was ist die Lust der Welt?
Ein Blitz der spottend erhellt
Die Nacht, und glänzt, und fällt.
Shelley.

Das Bild, welches zunächst die von den unglücklichen Huronen zu ihrem letzten Lagerplatz gewählte Landspitze darbot, braucht kaum dem Auge des Lesers vorgeführt zu werden. Zum Glück für die Zarterfühlenden und Furchtsameren, hatten die Baumstämme, das Laub und der Pulverdampf Viel von dem, was vorging, verborgen, und bald darauf zog die Nacht ihren Schleier über den See und die ganze, dem Anschein nach grenzenlose Wildniß, die sich, kann man sagen, mit entfernten und unwesentlichen Unterbrechungen von den Ufern des Hudsons bis an die Küsten des stillen Oceans erstreckte. Unsere Aufgabe führt uns zu dem folgenden Tag, wo das Licht auf die Erde wiederkehrte, so sonnig und lächelnd, als wäre nichts Außerordentliches vorgefallen.

Als am nächsten Morgen die Sonne sich erhob, waren alle Anzeichen von Feindseligkeit und Kriegslärm von dem Becken des Glimmerglas verschwunden. Das entsetzliche Ereigniß des vorigen Abends hatte keine Spuren auf dem friedlichen Wasserspiegel zurückgelassen, und die unermüdlichen Stunden verfolgten ihren Lauf in der harmlosen Ordnung, die ihnen von der mächtigen Hand, welche sie in Bewegung setzte, vorgezeichnet war. Die Vögel schwammen wieder auf dem Wasser, oder schwebten von ihren Schwingen getragen hoch über den Wipfeln der höchsten Fichten der Berge, lustig ihre Bahnen auf und nieder beschreibend, gehorsam den unwiderstehlichen Gesetzen ihrer Natur. Mit Einem Wort, Nichts war verändert, als die Art und Weise des Treibens und Lebens, das in dem Castell und darum her herrschte. Hier war in der That ein Wechsel eingetreten, der dem mindest scharfen Auge auffallen mußte. Eine Schildwache, in der Uniform eines königlichen leichten Infanterie-Regiments schritt mit gemessenen Schritten auf der Plattform hin und her, und einige zwanzig Mann von demselben Corps lungerten in dem Gebäude herum, oder saßen in der Arche. Ihre Waffen waren unter dem Auge ihres wachhaltenden Cameraden aufgestellt. Zwei Officiere standen da und untersuchten die Küste mit dem ofterwähnten Schiffsglas. Ihre Blicke waren nach dem verhängnißvollen Landvorsprung gerichtet, wo man noch Scharlachröcke zwischen den Bäumen durchschlüpfen sah, und wo die Vergrößerungskraft des Instruments auch Spaten zeigte, womit gearbeitet und die traurige Pflicht der Beerdigung erfüllt wurde. Einige der Gemeinen trugen Zeichen an ihrem Leibe davon, daß ihre Feinde nicht ganz ohne Widerstand waren überwältigt worden; und der Jüngere von den zwei Officieren auf der Plattform trug einen Arm in der Schlinge. Sein Genosse, der die Truppe kommandirte, war glücklicher gewesen. Er war es, der das Glas handhabte bei den Rekognoscirungen, welche Beide anstellten.

Ein Sergeant näherte sich, um einen Rapport zu machen. Er redete den Aeltern der Officiere als Capitain Warley an, während der Andere als Mr. – gleichbedeutend mit Fähnrich – Thornton angesprochen wurde. Der Erstere war, wie der Leser sich erinnern wird, der Officier, welcher bei dem Abschiedsgespräch zwischen Judith und Hurry mit so großer Lebhaftigkeit und Aufregung genannt worden war. Es war in der That das Individium, mit welchem die lästernde Nachrede der Garnisonen den Namen dieses schönen aber unvorsichtigen Mädchens am freisten und kecksten in Verbindung gebracht hatte. Er war ein Mann von harten Zügen und rothem Gesicht, und etwa von fünfunddreißig Jahren, aber von militärischer Haltung und Benehmen, und mit einem Anstrich von vornehmer Lebensart, welcher der Phantasie eines mit der Welt so unbekannten Mädchens, wie Judith war, wohl imponiren konnte.

»Craig überhäuft uns mit Segenswünschen,« bemerkte dieser Mann gegen seinen jungen Fähnrich, mit einem gleichgültigen Wesen, indem er das Glas zumachte, und es seinem Diener einhändigte; »und die Wahrheit zu sagen, nicht ohne Grund; es ist gewiß angenehmer, hier der Miß Judith Hutter aufzuwarten, als Indianer auf einem Landvorsprung am See zu begraben, wie romantisch auch die Lage, und wie glänzend der Sieg seyn mag. Ei, beiläufig bemerkt, Wright, lebt Davis noch?«

»Er ist vor etwa zehn Minuten gestorben, Ew. Ehren,« versetzte der Sergeant, an den diese Frage gerichtet war, »Ich wußte, daß es so kommen würde, sobald ich fand, daß die Kugel den Magen berührt hatte. Ich habe nie von einem Mann gehört, der es lang ausgehalten, wenn er ein Loch im Magen hatte.«

»Nein; er ist dann gar zu ungeeignet, um etwas sehr Nahrhaftes fortzuschaffen,« bemerkte Warley gähnend. »Das Wachen und Aufseyn zwei Nächte hintereinander, Arthur, spielt den Kräften eines Mannes übel mit. Ich bin so dumm, wie Einer von den holländischen Pfaffen am Mohawk. Ich hoffe, Euer Arm schmerzt Euch nicht, mein guter Junge?«

»Er erpreßt mir einige Grimassen, Sir, wie Ihr wohl bemerken werdet,« antwortete der Jüngling, und lachte in demselben Augenblick, wo sich sein Gesicht vor Schmerz etwas verzog. »Aber, es ist schon zum ertragen. Ich denke, Graham kann bald ein paar Minuten erübrigen, um nach meiner Verletzung zu sehen.«

»Es ist eigentlich doch ein anmuthiges Geschöpf, diese Judith Hutter, Thornton; und es soll nicht mein Fehler seyn, wenn sie nicht in den Parks gesehen und bewundert wird!« begann Warley wieder, der sich wenig um seines Genossen Wunde kümmerte. – »Euer Arm, he? Ganz wahr! Geht in die Arche, Sergeant, und sagt Dr. Graham, ich wünsche, er möchte nach Mr. Thorntons Verletzung sehen, sobald er mit dem armen Kerl mit dem gebrochnen Bein fertig ist. Ein liebliches Geschöpf! und sie sah aus wie eine Königin in dem Brokatkleid, worin wir sie trafen. Ich finde hier Alles verändert; Vater und Mutter Beide todt, die Schwester sterbend, wo nicht todt, und Keines von der Familie übrig, als die Schöne! Das ist ein glücklicher Zug gewesen im Ganzen, und verspricht einen bessern Ausgang, als gewöhnlich Scharmützel mit Indianern.«

»Darf ich vermuthen, Sir, daß Ihr gesonnen seyd, Eure Fahnen in dem großen Corps der Junggesellen zu verlassen, und den Feldzug des Ehestandes anzutreten!«

»Ich, Tom Warley, ein Benedikt werden! Wahrlich, mein lieber Junge, Ihr kennt das Corps wenig, von dem Ihr sprecht, wenn Ihr Euch solche Dinge einbildet! Ich denke, es gibt Frauen in den Colonien, die ein Capitain von der leichten Infanterie nicht zu verschmähen braucht; aber sie sind nicht hier, auf einem Gebirgssee zu finden, oder auch drunten an dem holländischen Fluß, wo wir postirt sind. Es ist wahr, mein Oheim, der General, erwies mir einmal die Gunst, eine Frau für mich zu wählen, in Yorkshire; aber sie war ohne Schönheit – und ich würde nicht eine Fürstin heirathen, wenn sie nicht hübsch wäre.«

»Aber eine Bettlerin, wenn sie hübsch wäre?«

»Ja, das sind die Begriffe eines Fähnrichs! Liebe in einer Hütte – mit Thüren und Fenstern – die alte Geschichte zum hundertsten Mal! Das Zwanzigste heirathet nicht! Wir sind kein heirathendes Corps, mein lieber Junge. Da ist jetzt der Oberst, der alte Sir Edwin – –; obgleich ein kompleter General, hat er doch nie an ein Weib gedacht; und wenn ein Mann es zum Lieutenant-General bringt, ohne Ehestand, so ist er ganz sicher. Dann der Oberstlieutenant ist konfirmirt, wie ich meinem Vetter, dem Bischofe, zu sagen pflege. Der Major ist ein Wittwer, der es in seiner Jugend einmal zwölf Monate mit dem Ehestand versucht hat, und wir betrachten ihn jetzt als einen unsrer zuverlässigsten Männer. Unter den zehn Capitains ist nur Einer in dem bösen Dilemma, und er, der arme Teufel, wird immer beim Hauptquartier des Regiments zurückbehalten, als eine Art von memento mori für die jungen Leute, wenn sie eintreffen. Von den Subalternen hat noch nicht Einer die Keckheit gehabt, davon zu sprechen, ein Weib im Regiment einzuführen. Aber Euer Arm macht Euch Schmerzen, und wir wollen selbst gehen, und sehen, was aus Graham geworden ist.«

Der Wundarzt, der die Truppe begleitet hatte, war ganz anders beschäftigt, als der Capitain vermuthete. Als der Angriff vorüber war, und die Todten und Verwundeten zusammengesucht wurden, fand man unter den Letzteren die arme Hetty. Eine Büchsenkugel war ihr durch den Leib gegangen, und hatte ihr eine Verletzung beigebracht, die man auf den ersten Blick für tödtlich erkannte. Wie sie diese Wunde erhalten, wußte Niemand; wahrscheinlich war es einer jener Zufälle, wie sie immer Scenen von der Art der im letzten Kapitel geschilderten, begleiten. Die Sumach, alle älteren Weiber und Einige von den Huronen-Mädchen waren durch das Bajonett gefallen, entweder in der Verwirrung des Handgemenges oder wegen der Schwierigkeit, bei solcher Einfachheit des Anzugs, die Geschlechter zu unterscheiden. Bei weitem der größere Theil der Krieger war auf dem Platz geblieben; einige Wenige jedoch waren entkommen, und Zwei ober Drei waren unverletzt gefangen. Bei den Verwundeten ersparte das Bajonett dem Wundarzt viele Mühe. Rivenoak war mit dem Leben und ganzen Gliedern davongekommen, war aber verwundet und gefangen.

Als Capitain Warley und sein Fähnrich in die Arche traten, kamen sie an ihm vorbei, der in würdevollem Schweigen am einen Ende der Fähre saß, Kopf und Fuß verbunden, aber durch sein sichtbares Anzeichen Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung verrathend. Daß er über den Verlust seines Stammes trauerte, ist gewiß, aber er that es in der Weise, die einem Krieger und Häuptling am besten geziemte.

Die beiden Soldaten fanden ihren Wundarzt in dem Hauptgemach der Arche. Er verließ eben das Bett Hettys mit einem Ausdruck kummervollen Bedauerns in seinen harten, pockennarbigen, schottischen Zügen, die hier zu sehen etwas Seltnes war. Alle seine Bemühungen waren fruchtlos gewesen, und er sah sich genöthigt, widerstrebend der Hoffnung zu entsagen, das Leben des Mädchens noch über einige Stunden gefristet zu sehen. Dr. Graham war gewohnt an Sterbe-Scenen, und gewöhnlich machten sie keinen großen Eindruck auf ihn. Er war in Allem, was die Religion betrifft, Einer von den Geistern, die in Folge davon, daß sie viel über materielle Dinge mit scharfer und bündiger Logik nachdenken und forschen, und den gänzlichen Mangel an sichern Voraussetzungen und Ausgangspunkten übersehen, der einer solchen Theorie jederzeit anhaften muß, weil es ihr immer an einer bewegenden und beseelenden Urkraft fehlt– skeptisch werden; es blieb ihm nur eine unbestimmte, schwankende Meinung über die Entstehung der Dinge, die bei hohen anmaßenden Ansprüchen, Philosophie zu seyn, im ersten aller philosophischen Prinzipien, in Grund und Ursache, im Dunkeln tappte. Ihm erschien religiöses Abhängigkeitsgefühl als eine Schwäche; aber als er ein so zartes und junges Wesen, wie Hetty, mit einem Geist, der nicht zu dem gewöhnlichen Maß ihrer Gattung sich erhob, in einem solchen Augenblick aufrecht erhalten sah durch diese frommen Gefühle, und zwar in einer Weise, daß mancher tapfere, derbe Krieger und gepriesene Held sie mit Neid hätte betrachten dürfen, da fühlte er sich von diesem Anblick gerührt in einem Grade, daß er es sich selbst zu gestehen, sich halb würde geschämt haben. Edinburgh und Aberdeen lieferten damals wie jetzt, dem Brittischen Dienst einen nicht geringen Theil seiner Aerzte; und Dr. Graham war, wie sein Name und Gesicht gleicherweise anzeigten, von Geburt ein Nordbritte.

»Das ist etwas Außerordentliches für eine in Wäldern Lebende und nur halb mit Vernunft Begabte,« bemerkte er mit entschieden schottischem Accent, als Warley und der Fähnrich eintraten; »Ich hoffe nur, Gentlemen, daß, wenn wir Drei abberufen werden vom Zwanzigsten, wir dann so darein ergeben seyen, zum Halbsold eines andern Daseyns überzugehen, wie dieß arme unkluge Mädchen!«

»Ist keine Hoffnung, daß sie davonkomme?« fragte Warley, sein Auge auf die blasse Judith richtend, auf deren Wangen jedoch, sobald er eingetreten war, zwei große rothe Flecken erschienen waren.

»So wenig als für Charlie Stuart! Tretet selbst näher und urtheilt, Gentlemen; Ihr werdet ein Beispiel von Glauben sehen in einer außerordentlichen und wunderbaren Weise. Es ist eine Art von arbitrium zwischen Leben und Tod in wirklichem Kampf in des armen Mädchens Gemüth, das sie zu einem interessanten Studium für einen Philosophen macht. Mr. Thornton, ich stehe jetzt zu Euern Diensten; wir können den Arm gleich im nächsten Gemach besichtigen, während wir so viel uns beliebt über die Operationen und die verschlungenen Eigenschaften des menschlichen Geistes speculiren.«

Der Wundarzt und der Fähnrich entfernten sich, und Warley hatte Gelegenheit, sich mit mehr Muße und mit besserem Verständniß der Eigenthümlichkeit und der Gefühle der in der Cajüte versammelten Gruppe umzusehen. Die arme Hetty war auf ihr eignes, einfaches Bett gebracht worden, und lag in halbsitzender Stellung da, die Zeichen des herannahenden Todes in ihrem Antlitz, jedoch eigenthümlich gemildert durch den Glanz eines Ausdrucks, in welchen alle Intelligenz ihres Wesens zusammengedrängt schien. Judith und Hist waren in ihrer Nähe; die Erstere saß da, in tiefer Betrübniß. Die Letztere stand, bereit ihr die zarte Aufmerksamkeit weiblicher Sorgfalt und Pflege zu widmen. Wildtödter stand zu Füßen des Lagers, auf Killdeer gelehnt; er war ganz unverletzt geblieben; all das schöne kriegerische Feuer, das vor Kurzem auf seinem Angesicht geglüht, hatte wieder der gewohnten ehrlichen und wohlwollenden Miene Platz gemacht, – ein Ausdruck, der jetzt mit männlicher Wehmuth und Mitgefühl sich sanft mischte. Die Schlange stand im Hintergrund der Scene, aufrecht und regungslos wie eine Statue; aber so aufmerksam und beobachtend, daß nicht ein Zucken des Auges seinem scharfen Blicke entging. Hurry vervollständigte die Gruppe; er saß auf einem Stuhl in der Nähe der Thüre, als fühlte er sich in einer solchen Scene nicht am Platze, und schämte sich doch, sich unaufgefordert zu entfernen.

»Wer ist der im Scharlach?« fragte Hetty, sobald ihr Auge auf die Uniform des Capitains fiel. »Sage mir, Judith, ist es der Freund Hurry’s?«

»Es ist der Officier der Truppen, die uns Alle aus den Händen der Huronen befreit haben,« war die leise Antwort der Schwester.

»Bin ich auch befreit? – Ich meinte, sie sagten, ich sey erschossen und dem Tode nahe. Mutter ist todt, und Vater auch; aber Du lebst, Judith, und so auch Hurry. Ich fürchtete, Hurry werde getödtet werden, als ich ihn unter den Soldaten schreien hörte.«

»Laß es gut seyn – laß es gut seyn – liebe Hetty,« unterbrach sie Judith, ängstlich besorgt um die Bewahrung von ihrer Schwester Geheimniß, und vielleicht in diesem Augenblick mehr als je sonst. »Hurry ist wohl, und Wildtödter ist wohl, und der Delaware auch.«

»Warum schossen sie ein armes Mädchen, wie ich bin, und ließen so viele Männer unverletzt durchkommen? Ich wußte nicht, daß die Hurouen so ruchlos seyen, Judith!«

»Es war ein Zufall, arme Hetty; ein trauriger Zufall war es! Niemand hätte Dir absichtlich ein Leid zugefügt!«

»Das freut mich. – Es kam mir sonderbar vor; ich bin schwachsinnig, und die rothen Männer haben mir nie zuvor ein Leid gethan. Es würde mich bekümmern, wenn ich denken müßte, sie hätten ihren Sinn geändert. Es freut mich auch, Judith, daß sie Hurry nicht verletzt haben. Wildtödtern, glaube ich, wird Gott von Niemand ein Leid widerfahren lassen. Es war ein großes Glück, daß die Soldaten gerade in dem Augenblick kamen, denn das Feuer muß brennen.«

»Es war in der That ein Glück, meine Schwester; Gottes heiliger Name sey immerdar gepriesen für diese Barmherzigkeit!«

»Ich glaube fast, Judith, Du kennst Einen oder den Andern von den Officieren; Du kanntest ja immer so Viele!« Judith antwortete nicht; sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und stöhnte. Hetty schaute sie verwundert an; aber natürlich voraussetzend, ihr eigner Zustand sey der Grund dieser Betrübniß, suchte sie ihre Schwester freundlich zu trösten.

»Sey wegen meiner unbekümmert,« sagte das gefühlvolle und herzensreine Geschöpf. »Mir widerfährt nichts Schlimmes, wenn ich sterbe; sind ja Vater und Mutter Beide todt, und was ihnen geschah, mag mir immerhin auch geschehen. Du weißt, es ist an mir weniger gelegen, als an Einem von der Familie; daher werden Wenige an mich denken, wenn ich einmal im See liege.«

»Nein, nein, nein – arme, liebe, liebe Hetty!« rief Judith in einem unbezähmbaren Ausbruch von Jammer, – »Ich wenigstens werde immer an dich denken; und freudig, oh! wie freudig würde ich mit Dir tauschen, um das reine, herrliche, sündenlose Geschöpf zu seyn, das Du bist!«

Bis jetzt war Capitain Warley an die Thüre der Cajüte gelehnt gestanden; als dieser Ausbruch von Schmerz, und vielleicht von Reue, das schöne Mädchen übermannte, schritt er langsam und nachdenklich weg, und ging selbst an dem Fähnrich, der eben die Behandlung des Wundarzts zu erdulden hatte, vorüber, ohne von ihm Kunde zu nehmen. »Ich habe meine Bibel hier, Judith !« erwiederte ihre Schwester mit triumphirender Stimme. »Es ist wahr, ich kann nicht mehr lesen; es ist Etwas vor meinen Augen; Du erscheinst mir fern und dämmernd – und so auch Hurry, wenn ich ihn jetzt anblicke; – ei, ich hätte nie geglaubt, daß Henry March so matt und grau aussehen könnte! Was mag der Grund seyn, Judith, daß ich heute so schlecht sehe? ich, Von der Mutter immer sagte, ich hätte die besten Augen in der ganzen Familie? Ja, das war es, mein Geist war schwach – was die Leute halbklug nennen – aber meine Augen waren so gut,«

Judith stöhnte wieder; dießmal war es kein auf sie selbst Bezug habendes Gefühl, kein Rückblick in die Vergangenheit, was sie schmerzlich ergriff. Es war der reine, herzinnige Jammer schwesterlicher Liebe, erhöht durch das Gefühl von der sanften Demuth und vollkommnen Wahrhaftigkeit des Wesens, das vor ihr lag. In diesem Augenblick hätte sie gern ihr eignes Leben hingegeben, um das Hettys zu retten. Da aber dieß außer dem Bereich menschlicher Macht lag, fühlte sie, daß ihr Nichts übrig bleibe, als Trauer und Kummer. In diesem Augenblick kam Warley wieder in die Cajüte zurück, gezogen von einem geheimen Antrieb, dem er nicht widerstehen konnte, obgleich es ihm eben jetzt zu Muthe war, als würde er gern den amerikanischen Continent für immer verlassen, wenn es thunlich wäre. Statt an der Thüre stehen zu bleiben, trat er jetzt so nahe an das Lager der Leidenden, daß er ihr deutlicher sichtbar wurde. Hetty konnte noch größere Gegenstände unterscheiden, und ihr Blick heftete sich bald auf ihn.

»Seyd Ihr der Officier, der mit Hurry kam?« fragte sie. »Wenn Ihr es seyd, so sind wir Euch alle Dank schuldig; denn wenn auch ich Verwundet bin, ist doch das Leben der Uebrigen gerettet. Hat Euch Harry March gesagt, wo wir zu finden und wie bedürftig wir Eurer Hülfe seyen?« »Die Nachricht von der Bande Huronen kam uns durch einen gutgesinnten Eilboten zu,« versetzte der Capitän, froh, seinen Gefühlen Luft machen zu können durch diesen Anschein von freundschaftlicher Mitteilung; »und ich ward augenblicklich abgeschickt, um sie abzuschneiden. Gewiß war es ein Glück, daß mir Hurry Harry begegnete, wie Ihr ihn nennt, denn er diente uns zum Führer, und nicht minder war es ein Glück, daß wir ein Feuern hörten, das, wie ich jetzt erfahren, blos ein Schießen nach dem Ziel war, denn es beschleunigte nicht nur unsern Marsch, sondern führte uns auch auf die rechte Seite des See’s. Der Delaware sah uns an der Küste durch das Fernglas, wie es scheint; und er und Hist, wie diese Squaw, so höre ich, heißt, thaten uns treffliche Dienste. Es war in der That ein ganz glückliches Zusammentreffen von Umständen, Judith.«

»Sprecht mir Nichts von Glück und glücklichen Umständen, Sir,« erwiederte das Mädchen mit dumpfer Stimme, und verbarg wieder ihr Antlitz. »Mir ist die Welt voll Elend und Jammer. Ich wünschte, nie wieder von Ziel, noch von Büchsen, noch Soldaten, noch Männern zu hören.«

»Kennt Ihr meine Schwester?« fragte Hetty, ehe der zurückgewiesene Soldat Zeit hatte, sich zu einer Erwiederung zu sammeln. »Woher wißt Ihr denn, daß ihr Name Judith ist? Ihr habt Recht, Judith ist ihr Name; und ich bin Hetty, – Thomas Hutter’s Töchter.«

»Ums Himmels willen, theuerste Schwester, um meinetwillen, geliebte Hetty,« fiel Judith stehend ein, »sprich nicht mehr hievon!«

Hetty schien erstaunt; aber an Gehorsam gewohnt, ließ sie von ihren ungelegenen und peinlichen Fragen an Warley ab, und richtete ihr Auge auf die Bibel, die sie noch in ihren Händen hielt, wie etwa Einer an ein Kästchen mit Edelsteinen bei einem Schiffbruch oder Brand sich anklammern würde. Ihr Geist kehrte jetzt zur Zukunft zurück, und verlor die Scenen der Vergangenheit zum größten Theil aus dem Gesicht. »Wir werden nicht lange getrennt bleiben, Judith,« sagte sie; »wenn Du stirbst, mußt Du auch im See neben der Mutter begraben werden.«

»Wollte Gott, Hetty, daß ich schon jetzt dort läge!«

»Nein, das kann nicht seyn, Judith; die Leute müssen sterben, ehe sie das Recht haben, begraben zu werden. Es wäre eine Sünde, dich zu begraben, oder gar wenn Du Dich selbst begraben wolltest, so lange Du noch lebst. Einmal dachte ich daran, mich selbst zu begraben; Gott bewahrte mich vor dieser Sünde.«

»Du! – Du, Hetty Hutter, an eine solche That denken!« rief Judith, in nicht zu bemeisterndem Erstaunen aufschauend, denn sie wußte wohl, daß kein Wort, das nicht gewissenhaft wahr gewesen wäre, über den Mund ihrer streng redlichen Schwester kam.

»Ja, ich, Judith, aber Gott hat es vergessen – nein, er vergißt Nichts, aber er hat es vergeben,« erwiederte das sterbende Mädchen, mit dem zerknirschten Wesen eines reuigen Kindes. »Es war nach der Mutter Tod; ich fühlte, daß ich die beste Freundin auf der Erde verloren hatte, wo nicht die einzige Freundin. Es ist wahr, du und Vater, Ihr wart freundlich gegen mich, Judith, aber ich war so schwachsinnig; ich wußte, ich würde Euch nur Unlust machen; und dann schämtet Ihr Euch so oft einer solchen Schwester und Tochter; und es ist hart, in einer Welt zu leben, wo Alle Einen ansehen als unter ihnen stehend. Ich dachte damals, wenn ich mich an der Mutter Seite begraben könnte, würde ich glücklicher seyn im See als in der Hütte.«

»Vergieb mir – verzeih mir, liebste Hetty, auf meinen Knieen liegend bitte ich Dich, mir zu verzeihen, süße Schwester, wenn irgend ein Wort oder eine Handlung von mir Dich zu einem so wahnsinnigen und grausamen Gedanken trieb!«

»Steh auf, Judith, kniee vor Gott – kniee nicht vor mir. Gerade so war mir zu Muth, als Mutter starb. Es fiel mir Alles ein, womit ich sie in Worten und Werken betrübt hatte, und ich hätte ihr die Füsse küssen können, ihre Vergebung zu erlangen. Ich glaube, es ist so bei allen Sterbenden; doch, wenn ich mich besinne, so erinnere ich mich nicht, solche Empfindungen bei Vater gehabt zu haben.«

Judith stand auf, verhüllte ihr Gesicht in ihrer Schürze, und weinte. Eine lange Pause – von mehr als zwei Stunden – trat nun ein, während welcher Warley verschiedene Male in der Cajüte aus- und einging; es war ihm sichtlich unbehaglich, wenn er weg war, und doch vermochte er nicht zu bleiben. Er ertheilte verschiedene Befehle, welche seine Leute sofort vollzogen; und es war eine unruhige Bewegung unter der Truppe, zumal da Mr. Craig, der Lieutenant, mit der unangenehmen Pflicht, die Todten zu beerdigen, fertig geworden war, und von der Küste um Instruktionen nachsuchte, und zu wissen verlangte, was er mit seinen Leuten thun solle. Während dieser Zeit schlief Hetty ein wenig; und Wildtödter und Chingachgook verließen die Arche, um sich mit einander zu besprechen. Aber nach Verfluß der genannten Frist trat der Wundarzt auf die Plattform; und mit einer Gemüthsbewegung, die seine Cameraden noch nie an einem Mann von seiner Art und seinem Beruf gesehen hatten, kündigte er an, daß die Leidende ihrer Auflösung rasch entgegen gehe. Auf diese Nachricht hin, versammelte sich die Gruppe wieder; die Neugier, Zeugen eines solchen Todes zu seyn, – dero auch ein edleres Gefühl, – zog Männer, die erst vor so kurzer Zeit handelnd aufgetreten bei einer Scene, welche dem Anschein nach von so unendlich wichtigerem Interesse war – nach jener Stelle. Judith hatte inzwischen vor Betrübniß jede Thätigkeit aufgegeben; und Hist allein besorgte die kleinen Dienste weiblicher Aufmerksamkeit, welche am Krankenbette so sehr am Platz sind. Bei Hetty selbst war keine andere sichtbare Veränderung eingetreten, als jene allgemeine Schwäche, welche das Herrannahen der Auflösung verkündigte. Was sie von Geisteskräften besaß, war so klar als nur je, und in mancher Hinsicht war vielleicht ihr Geist kräftiger als gewöhnlich.

»Betrübe dich nicht so sehr um mich, Judith,« sagte die sanfte Dulderin, nachdem sie eine Zeit lang nicht gesprochen; »ich werde bald Mutter sehen; ich glaube, ich sehe sie jetzt; ihr Angesicht ist gerade so hold und lächelnd, wie es immer war! Vielleicht wenn ich gestorben bin, gibt mir Gott meinen ganzen Verstand, und ich werde dann eine passendere Gesellschaft für Mutter, als ich ehemals war.«

»Du wirst ein Engel im Himmel seyn, Hetty,« schluchzte die Schwester; »kein Geist wird seines heiligen Aufenthalts würdiger seyn!«

»Ich verstehe es nicht ganz; doch weiß ich, es muß Alles wahr seyn; ich habe es in der Bibel gelesen. Wie dunkel es wird! Kann es so bald schon Nacht seyn? Ich kann dich kaum mehr sehen; wo ist Hist?«

»Ich hier, armes Mädchen; warum Ihr mich nicht sehen?«

»Ich sehe Euch; aber ich konnte nicht unterscheiden, ob Ihr es wäret oder Judith. Ich glaube, ich werde Euch nicht lange mehr sehen, Hist!«

»Mir leid thun das, arme Hetty. Bekümmert Euch nicht darüber; Bleichgesichter einen Himmel haben für Mädchen, wie für Krieger.«

»Wo ist Schlange? Laßt mich mit ihm sprechen – gebt mir seine Hand – so; ich fühle sie, Delaware, Ihr werdet diese junge Indianerin lieben und hegen; ich weiß, wie zärtlich sie Euch liebt, und Ihr müßt auch sie lieben. Behandelt sie nicht so, wie Manche von Eurem Volk ihre Weiber behandeln; seyd ihr ein rechter Gatte! Jetzt bringt Wildtödter zu mir her; gebt mir seine Hand!«

Dieß Verlangen ward erfüllt, und der Jäger stand neben dem ärmlichen Lager, mit der Willigkeit eines Kindes den Wünschen des Mädchens sich fügend.

»Ich fühle, Wildtödter,« begann sie wieder, »obgleich ich nicht angeben könnte warum – aber ich fühle, daß Ihr und ich nicht für immer scheiden. Es ist ein sonderbares Gefühl! Ich hatte es nie früher; ich möchte wissen, woher es kommt.«

»Es ist Gott, der Euch in der letzten Noth stärkt, Hetty; als solches muß es gehegt und geachtet werden. Ja, wir werden uns wieder sehen, obgleich noch lange Zeit vorher vergehen mag, und in einem weitentfernten Lande!«

»Denkt Ihr auch in dem See begraben zu werden? Wenn dieß ist, so könnte es dieß Gefühl erklären.«

»Das ist wenig wahrscheinlich, Mädchen, das ist nicht wahrscheinlich; aber es gibt ein Reich für christliche Seelen, wo es weder Seen noch Wälder gibt, wie sie sagen; wiewohl ich mir nicht erklären kann, warum die letztern nicht da seyn sollten; angesehen daß es doch um Friede und Lustsamkeit zu thun ist. Mein Grab wird im Walde seyn, höchst wahrscheinlich, aber ich hoffe, mein Geist wird nicht fern seyn von dem Eurigen!«

»So muß es also seyn. Ich bin zu schwachsinnig, um diese Sachen zu verstehen, aber ich fühle, daß Ihr und ich uns wiedersehen werden. Schwester, wo bist Du? Ich sehe jetzt Nichts mehr als Finsterniß. Es muß gewiß Nacht seyn!«

»Oh! Hetty, ich bin hier, an deiner Seite; das sind meine Arme, die Dich umschlingen,« schluchzte Judith. »Sprich, Theuerste; hast Du Etwas zu sagen, wünschest Du Etwas in diesem ernsten Augenblick?«

Inzwischen war Hettys Gesicht ganz vergangen. Dennoch nahte der Tod nicht mit seinen gewöhnlichen Schauern, als wollte er ein geistig nur halb begabtes Wesen zarter behandeln. Sie war bleich wie eine Leiche, aber ihr Athem war leicht und ununterbrochen, während ihre Stimme, obwohl fast zu einem Flüstern herabsinkend, klar und vernehmlich blieb. Als aber ihre Schwester diese Frage an sie that, ergoß sich eine Röthe über das Angesicht des sterbenden Mädchens, so zart jedoch, daß sie kaum wahrnehmbar war, – mehr jenem Rosenfarb ähnlich, das man für das Symbol der Bescheidenheit nimmt, als der Glut dieser Blume in ihrer üppigeren Blüthe. Niemand außer Judith bemerkte dieß Zeichen eines innern Gefühls – eine der leisen Offenbarungen weiblicher Erregbarkeit noch in der Nähe des Todes. Ihr aber blieb es nicht verborgen, und sie verhehlte sich auch den Grund davon nicht.

»Hurry ist hier, liebste Hetty,« flüsterte die Schwester, und beugte sich so nahe über das Gesicht der Leidenden hin, daß kein andres Ohr die Worte vernahm, »Soll ich ihm sagen, daß er herantrete, und deine Segenswünsche empfange?«

Ein leiser Druck der Hand beantwortete die Frage bejahend, und jetzt ward Hurry an das Lager gefühlt. Vermuthlich hatte sich dieser hübsche aber rohe Waldmann noch nie zuvor in einer so peinlichen Lage befunden, obwohl die Neigung, welche Hetty für ihn fühlte, (eine Art geheime Nachgiebigkeit gegen die Instinkte der Natur mehr als ein ungeziemender Trieb einer ungeordneten Einbildungskraft) zu rein und zurückhaltend war, als daß die geringste Ahnung davon in seiner Seele geweckt worden wäre. Er ließ Judith seine harte, kolossale Hand in Hetty’s Hände legen, und stand in verlegenem Stillschweigen, des Ergebnisses harrend da.

»Das ist Hurry, Theuerste,« flüsterte Judith, sich über ihre Schwester beugend, sich schämend die Worte nur so laut auszusprechen, daß sie selbst es hörte; »sprich zu ihm und entlaß ihn dann.«

»Was soll ich ihm sagen, Judith?«

»Ha, was dir immer dein reiner Geist eingibt, meine Liebe! Vertraue dem, so brauchst du Nichts zu fürchten.«

»Lebt wohl, Hurry,« flüsterte das Mädchen und drückte sanft seine Hand – »Ich wünschte, Ihr versuchtet es und würdet mehr Wildtödtern ähnlich.«

Diese Worte sprach sie mit Mühe; eine schwache Röthe folgte dann, die nur einen Augenblick währte; dann ließ sie die Hand fahren, und Hetty wandte ihr Angesicht ab, als sey sie mit der Welt fertig. Das geheimnißvolle Gefühl, das sie an den jungen Mann gebunden hatte, eine so leise Empfindung, daß sie sich ihrer selbst kaum bewußt geworden war, und die gar nicht hätte bestehen können, wenn ihre Vernunft mehr Herrschaft über ihre Sinne gehabt hätte, verlor sich für immer in Gedanken höherer, obwohl kaum reinerer Art.

»Was denkst du, meine süße Schwester?« flüsterte Judith, – »sag‘ es mir, damit ich dir beistehen kann in diesem Augenblick.«

»Mutter – ich sehe Mutter, jetzt, und glänzende Wesen um sie her im See. Warum ist nicht Vater dort? – Es ist seltsam, daß ich Mutter sehen kann, während ich dich nicht sehen kann! – Fahrewohl, Judith!«

Die letzten Worte wurden nach einer Pause gesprochen, und ihre Schwester hatte sich einige Zeit in angstvoller Beobachtung über sie hingebeugt, ehe sie bemerkte, daß der sanfte Geist entflohen war. So starb Hetty Hutter, – eines der rätselhaften Wesen, die Kettenglieder gleichsam zwischen der materiellen und immateriellen Welt, die – während sie so viel zu entbehren scheinen, was für diesen Zustand des Daseyns werthvoll und nothwendig ist, der Wahrheit, Reinheit und Einfalt eines andern so nahe kommen und ein so schönes Bild, eine so rührende Anschauung davon gewähren!

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

»Du kannst nicht mit! Hör‘ an, ich bitt‘,
Hör‘ an und laß es seyn.
Was ist der Wald für Aufenthalt
Für Dich, du Mädchen fein!
In Frost und Schnee, in Durst und Weh,
In Hunger, Furcht und Schmerz;
Nein, Mädchen, nein! es kann nicht seyn,
Bleib‘ hier und still‘ dein Herz.
Was wird die Stadt, die Zungen hat,
So scharf wie Spieß und Schwert,
Für bittre Schmach dir reden nach
Wenn sie die Flucht erfährt?«
Das nußbraune Mädchen
(nach Herder’s Bearbeitung.)

Der noch übrige Tag ward ein sehr melancholischer, obgleich es nicht an lebhafter Thätigkeit fehlte. Die Soldaten, welche vor Kurzem beschäftigt gewesen, ihre Opfer zu beerdigen, hatten jetzt die Aufgabe, ihre eigenen Todten zu bestatten. Die Scene des Morgens hatte einen trüben Eindruck bei all‘ den Gentlemen der Truppe zurückgelassen; und die Uebrigen empfanden den Einfluß einer ähnlichen Stimmung in verschiedener Weise, und in Folge verschiedener Ursachen. Stunde um Stunde schleppte sich hin bis der Abend anbrach, und dann kamen die letzten traurigen Pflichten zu Ehren der armen Hetty Hutter. Ihr Leichnam ward in den See versenkt, neben dem der Mutter, die sie so geliebt und geehrt hatte; und der Wundarzt, obwohl in der That ein völliger Ungläubiger, bequemte sich so weit dem hergebrachten Anstand und Brauch, daß er über ihrem Grabe das Leichengebet las, wie er früher schon über dem Grabe der andern gefallenen Christen gethan hatte. Es war gleichgültig, – das allsehende Auge, das in den Herzen liest, wußte dennoch wohl zu unterscheiden zwischen den Lebendigen und den Todten, und die sanfte Seele des unglücklichen Mädchens war schon weit erhaben und entrückt über die Irrthümer oder Täuschungen irgend eines menschlichen Rituals. Es fehlte jedoch diesen einfachen Bräuchen nicht ganz an geziemender Begleitung und Zuthat. Die Thränen Judiths und Hists flossen ungehemmt, und Wildtödter starrte in das klare Wasser, das jetzt über Einer wogte, deren Geist noch reiner sogar war, als seine eignen Gebirgsquellen, mit glänzenden Augen. Selbst der Delaware wandte sich ab, seine Rührung zu verbergen, während die gemeinen Soldaten der Ceremonie mit staunenden Augen und ernsteren Empfindungen zusahen.

Mit dieser frommen Pflichterfüllung schloß sich das Geschäft des Tages. Auf Befehl des kommandirenden Officiers begaben sich Alle früh zur Ruhe, denn es war der Plan, mit Tagesanbruch den Rückmarsch wieder anzutreten. Eine Abtheilung, welche die Verwundeten, die Gefangnen und die Trophäen mit sich führte, hatte wirklich schon im Laufe des Tags, unter Hurrys Führung, das Castell verlassen, mit der Absicht, in kürzern Märschen das Fort zu erreichen. Sie war auf dem oft erwähnten Vorsprung, den wir auf den ersten Blättern beschrieben haben, ans Land gesetzt worden; und als die Sonne unterging, lagerte sie schon auf der Höhe der langhingestreckten, unterbrochnen, unebnen Hügel, die gegen das Thal des Mohawk hin abfielen. Der Abmarsch dieser Abtheilung hatte die Pflichten des folgenden Tages sehr vereinfacht, indem er den Marsch um das Gepäck und die Verwundeten erleichterte, und überhaupt dem Befehlshaber größere Freiheit in seinen Bewegungen ließ.

Judith sprach nach dem Tode ihrer Schwester mit Niemand als mit Hist, bis sie sich für diese Nacht zur Ruhe begab. Man hatte ihren Kummer geachtet, und die beiden Mädchen mit dem Leichnam, bis auf den letzten Augenblick, ungestört allein gelassen. Das Rasseln der Trommeln unterbrach die Stille dieses friedlichen Wassers, und man vernahm sobald nach dem Schluß der Ceremonie das Echo des Zapfenstreichs in den Bergen, daß man keine Störung zu besorgen hatte. Der Stern, welcher Hists Führer gewesen war, stieg über einer so stillen Scene auf, als ob die Ruhe der Natur nie durch das Treiben oder die Leidenschaften der Menschen wäre gestört worden. Eine einfache Schildwache, zu Zeiten abgelöst, schritt die Nacht über auf der Plattform hin und her; und der Morgen ward, wie gewöhnlich, durch das kriegerische Schlagen der Reveille eingeleitet.

Militärische Genauigkeit war jetzt an die Stelle des unsteten, fahrigen Treibens der Grenzmänner getreten, und als ein hastiges und frugales Frühstück eingenommen war, begann die Truppe nach der Küste aufzubrechen mit einer Regelmäßigkeit und Ordnung, welche weder Lärm noch Verwirrung aufkommen ließ. Von allen Officieren blieb nur Warley. Craig führte die vorangegangne Abtheilung; Thornton war bei den Verwundeten, und Graham hatte natürlich seine Kranken begleitet. Auch Hutter’s Schrank, nebst allen seinen werthvolleren Habseligkeiten, war weggebracht worden, und Nichts zurückgeblieben, was sich der Mühe des Transports verlohnte. Judith war froh, zu bemerken, daß der Capitän ihre Gefühle achtete, und sich ganz mit den Pflichten seines Commando’s beschäftigte, während er sie ihren Empfindungen und ihrer eignen Einsicht und Klugheit überließ. Es war die allgemeine Voraussetzung, daß der Platz ganz verlassen werden solle; aber außer diesem wurden keine Aufklärungen weder verlangt noch gegeben.

Die Soldaten schifften sich auf der Arche ein, ihren Capitän an ihrer Spitze. Er hatte Judith befragt, in welcher Weise sie zu reisen wünschte, und als er ihren Wunsch vernahm, mit Hist bis zum letzten Augenblick zu bleiben, belästigte er sie weder mit Bitten, noch verletzte er sie durch Ertheilung von Rath. Es war nur Ein sichrer und bekannter Weg an den Mohawk; und dort zweifelte er nicht, daß sie sich zur geeigneten Stunde in guter Freundschaft, wo nicht in erneuertem vertrauterem Verkehr wieder begegnen würden.

Als Alle an Bord waren, wurden die Ruder besetzt, und die Arche bewegte sich in ihrer schwerfälligen Weise dem fernen Landvorsprung zu. Wildtödter und Chingachgook zogen jetzt zwei der Canoe’s aus dem Wasser und brachten sie in das Castell. Thüren und Fenster wurden dann verriegelt, und das Haus wurde mittelst der Fallthüre auf die schon beschriebene Weise verlassen. Beim Verlassen der Palisaden sah man Hist in dem übrigen Canoe, wo der Delaware alsbald sich zu ihr gesellte und fortruderte, so daß Judith allein auf der Plattform stehen blieb. In Folge dieser raschen Bewegungen fand sich Wildtödter allein mit der schönen, und noch immer weinenden Leidtragenden. Zu unbefangen, um irgend einen Verdacht zu hegen, ruderte der junge Mann sein leichtes Boot herum, und nahm darin seine Herrin auf, worauf er dieselbe Richtung wie sein Freund einschlug.

Die Fahrt nach dem Vorsprung führte schräg, und zwar in nicht großer Entfernung an den Gräbern der Todten vorbei. Als das Canoe dort vorüber glitt, redete Judith, zum ersten Mal diesen Morgen, mit ihrem Begleiter. Sie sprach nur Wenig, – sie that nur die einfache Bitte an ihn, ein paar Minuten zu halten, ehe er die Stelle verließe.

»Ich sehe diesen Platz vielleicht nie wieder, Wildtödter,« sagte sie, »und er enthält die Leichen meiner Mutter und meiner Schwester! Ist es nicht möglich, was meint Ihr, daß die Unschuld des Einen dieser beiden Wesen in den Augen Gottes für das Heil Beider gutspreche?«

»Ich verstehe es nicht so, Judith; aber ich bin kein Missionär und nur dürftig unterrichtet. Jeder Geist steht ein für seine eignen Fehltritte; obwohl eine herzliche Reue Gottes Gesetzen genügen kann.«

»Dann muß meine arme, arme Mutter im Himmel seyn! – Bitter – bitter hat sie ihre Sünden bereut; und gewiß, es sollten ihre Leiden in diesem Leben Etwas von ihren Leiden im andern abziehen!«

»Alles das geht über meine Einsicht, Judith, – Ich bestrebe mich, hier recht zu handeln, als das sicherste Mittel, im künftigen Leben Alles recht und tröstlich zu finden. Hetty war ein ungewöhnliches Wesen, wie Alle gestehen müssen, die sie kannten, und ihre Seele war in der Stunde, wo sie ihren Körper verließ, so geeignet mit Engeln zu verkehren, als die irgend eines Heiligen in der Bibel!«

»Ich glaube, Ihr laßt ihr nur Gerechtigkeit widerfahren! – Ach! ach ! daß es so große Unterschiede geben soll zwischen Solchen, die an derselben Brust genährt wurden, in demselben Bett schliefen, unter demselben Dache wohnten! Doch lassen wir das – führt das Canoe etwas weiter östlich, Wildtödter; die Sonne blendet meine Augen so, daß ich die Gräber nicht sehen kann. Das ist Hetty, zur rechten Seite meiner Mutter?«

»Gewiß – Ihr verlangtet das von uns; und Alle freuen sich, Eure Wünsche zu erfüllen, Judith, wenn Ihr wünscht was recht ist.«

Das Mädchen starrte ihn beinahe eine Minute in schweigender Aufmerksamkeit an, dann wandte sie ihre Augen rückwärts nach dem Castell.

»Dieser See wird bald ganz verlassen seyn,« sagte sie – »und das in einem Zeitpunkt, wo er ein sichrerer Aufenthaltsort seyn wird als je. Was ganz kürzlich vorgefallen ist, wird die Irokesen auf lange Zeit hinaus von einem neuen Besuch abschrecken!«

»Das wird es! – ja, das kann man als ausgemachte Sache behaupten. Ich gedenke nicht wieder des Weges zu kommen, so lange der Krieg dauert; denn nach meiner Meinung wird kein Huronen-Moccasin seine Spuren den Blättern dieses Waldes mehr eindrücken, bis ihre Ueberlieferungen vergessen haben, ihren jungen Männern von ihrer Schande und Vernichtung zu erzählen.«

»Und habt Ihr eine solche Freude an Gewaltthat und Blutvergießen? Ich hatte besser von Euch gedacht, Wildtödter – hatte Euch für einen Mann gehalten, der sein Glück finden könnte in einer ruhigen, heimlichen Häuslichkeit, mit einem ergebenen, liebenden Weib, das bereit wäre, auf alle Eure Wünsche zu achten, und gesunden, pflichtmäßigen Kindern, bestrebt in Eure Fußtapfen zu treten, und so redlich und gerecht wie Ihr selbst.«

»Herr Gott, Judith, was für eine Zunge wißt Ihr zu führen! Sprache und Schönheit gehen Hand in Hand, gleichsam; und was die eine nicht kann, das leistet desto gewisser die andere! Ein solches Mädchen könnte in einem Monat den mannhaftesten Krieger in der Colonie verderben!«

»Und irre ich mich denn so sehr? Liebt Ihr wirklich den Krieg mehr, Wildtödter, als den häuslichen Heerd und die zärtlichen Gefühle?«

»Ich verstehe Eure Meinung, Mädchen – ja, ich verstehe, glaube ich, was Ihr meint, obwohl Ihr mich, so denke ich, nicht ganz versteht. Einen Krieger darf ich mich jetzt nennen, denke ich, denn ich habe gekämpft nicht nur, sondern auch gesiegt, und das ist genug, um diesen Namen zu führen; auch will ich nicht läugnen, daß ich eine Neigung für den Beruf habe, der männlich sowohl als ehrenvoll ist, wenn man ihn übt nach natürlichen Gaben; aber ich habe kein Verlangen nach Blut. Indeß, Jugend ist Jugend, und ein Mingo ist ein Mingo. Wenn die jungen Männer dieser Gegend müssig ständen, und die Vagabunden das Land überschwemmen ließen, ha! so könnten wir eben so gut Alle auf einmal Franzmänner werden, und Land und Leute preisgeben. Ich bin kein Feueresser, Judith, oder Einer, der den Kampf um des Kampfs willen liebt; aber ich kann keinen großen Unterschied sehen zwischen dem, daß man das Land abtritt vor einem Krieg, aus Furcht vor einem Krieg, und dem, daß man es abtritt, nach einem Krieg, weil man nicht anders kann – wenn nicht der, daß letzteres das Mannhaftere und Ehrenhaftere ist.«

»Kein Weib würde je wünschen, zu sehen, daß ihr Gatte oder Bruder ruhig hinstände und sich Schimpf und Hohn gefallen ließe, Wildtödter, wie sehr sie auch darüber trauerte, wenn er in die Gefahren der Schlacht sich stürzte. Aber Ihr habt schon genug gethan, diese Gegend von den Huronen zu säubern; denn Euch vornämlich verdankt man den Ruhm unsers letzten Sieges. Jetzt hört mich geduldig an, und antwortet mir mit der angeborenen Redlichkeit, welche bei Einem von Eurem Geschlecht zu sehen eben so erfreulich als selten ist.«

Judith hielt inne; denn jetzt, wo sie gerade auf dem Punkte stand, sich zu erklären, behauptete natürliche Sittsamkeit ihre Macht, trotz der ermuthigenden Zuversicht, welche die große Unbefangenheit und Treuherzigkeit von ihres Gesellschafters Charakter ihr einflößte. Ihre Wangen, die erst noch so bleich gewesen, flammten, und ihre Augen leuchteten fast wieder mit ihrem frühern Glanze. Ihre Gemüthsbewegung gab ihrem Angesicht Ausdruck und ihrer Stimme Weichheit, und machte sie, die immer so schön war, dreifach einnehmend und verführerisch.

»Wildtödter,« begann sie wieder nach einer ansehnlichen Pause, »dieß ist nicht ein Augenblick für Verstellung, Täuschung oder Unoffenherzigkeit irgend einer Art. Hier, über meiner Mutter Grab, und über dem Grabe der wahrheitsliebenden, wahrheitredenden Hetty scheint alles versteckte, unredliche Verfahren nicht am Platze. Ich will daher ohne Zurückhaltung, und ohne alle Furcht, mißverstanden zu werden, zu Euch sprechen. Ihr seyd mir nicht ein Bekannter von einer Woche her, sondern es ist mir, als kennte ich Euch seit Jahren. So Viel, und so viel Wichtiges ist in dieser kurzen Zeit vorgefallen, daß die Bekümmernisse und Gefahren und Rettungen eines ganzen Lebens in wenige Tage sich zusammengedrängt haben; und die miteinander bei solchen Scenen gelitten und gehandelt haben, dürfen sich nicht als einander fremd fühlen. Ich weiß, daß, was ich zu sagen im Begriff bin, von den meisten Männern mißverstanden werden würde; aber von Euch hoffe ich eine großmüthige Auslegung meiner Handlungsweise. Wir befinden uns hier nicht inmitten der Künste und Täuschungen der Ansiedlungen, sondern wir sind junge Leute, welche keine Gelegenheit haben, einander in irgend einer Weise oder Form zu betrügen. Ich hoffe, ich rede verständlich.«

»Gewiß, Judith; Wenige konversiren besser als Ihr, und wohl Keine angenehmer. Eure Worte sind so gefällig wie Euer Aussehen.«

»Die Art und Weise, wie Ihr dieß Aussehen so oft gerühmt habt, ist es, was mir Muth gibt fortzufahren. Dennoch, Wildtödter, ist es nichts Leichtes für Eine von meinem Geschlecht und meinen Jahren, alle Lehren ihrer Kindheit, all‘ ihre Angewöhnungen und ihre natürliche Schüchternheit zu vergessen, und offen herauszusagen, was ihr Herz fühlt!«

»Warum nicht, Judith? Warum sollten nicht Frauen so gut wie ein Mann offen und redlich mit ihren Mitmenschen verkehren? Ich sehe keinen Grund, warum Ihr nicht so geradeheraus sprechen solltet, wie ich, wenn Ihr Etwas wirklich Wichtiges zu sagen habt.«

Die unüberwindliche Bescheidenheit, welche den jungen Mann noch immer die Wahrheit nicht ahnen ließ, würde das Mädchen ganz entmuthigt haben, wäre nicht ihre Seele, wie ihr ganzes Herz entschlossen und begierig gewesen, einen verzweifelten Versuch zu wagen, um sich vor einer Zukunft zu retten, welche sie mit einem Abscheu fürchtete, der nicht minder lebhaft war, als die deutliche Sicherheit, womit sie dieselbe vorherzusehen wähnte. Dieser Beweggrund nun erhob sie über alle gewöhnlichen Rücksichten, und sie blieb bei ihrem Vorhaben, zu ihrem eigenen Erstaunen, wo nicht zu ihrer großen Beschämung.

»Ich will – ich muß so offen mit Euch sprechen, wie ich es mit der armen, lieben Hetty thäte, wäre das süße Kind noch am Leben,« fuhr sie fort, und wurde blaß, statt roth. Denn die kühne Entschlossenheit, von der sie getrieben wurde, hielt die sichtbare Wirkung, welche ein solcher Schritt in der Regel bei Einer ihres Geschlechts hätte hervorbringen müssen, zurück, »ja, ich will alle anderen Gefühle in dem Einen ersticken, das jetzt das mächtigste in mir ist. Ihr liebt die Wälder und das Leben, das wir hier in der Wildniß führen, fern von den Wohnungen und Städten der Weißen?«

»Wie ich meine Eltern liebte, Judith, als sie noch lebten! Dieser Platz wäre mir wie die ganze Schöpfung, wäre nur einmal dieser Krieg ordentlich vorüber, und hielten sich die Ansiedler entfernt!«

»Warum dann ihn verlassen? Er hat keinen Eigentümer – wenigstens keinen, der ein besseres Recht als das meinige geltend machen kann, und das trete ich Euch freiwillig ab. Wäre es ein Königreich, Wildtödter, ich glaube, ich würde mit Freuden dasselbe sagen. Laßt uns dann dahin zurückkehren, nachdem wir erst den Priester im Fort aufgesucht haben, und ihn nie wieder verlassen, bis Gott uns abruft in jene Welt, wo wir die Geister meiner armen Mutter und Schwester finden werden.«

Eine lange nachdenkliche Pause trat nun ein; Judith hatte sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, nachdem sie sich gezwungen, einen so offenen Antrag auszusprechen, und Wildtödter sann eben so bekümmert als erstaunt nach über die Meinung der Sprache, die er so eben gehört. Endlich brach der Jäger das Schweigen, und sprach in einem Tone, der bis zur Zartheit gedämpft war durch seinen Wunsch nicht zu beleidigen.

»Ihr habt das nicht wohl bedacht, Judith,« sagte er – »nein, Eure Gefühle sind aufgeregt durch Alles was sich jüngst zugetragen, und weil Ihr Euch ohne Verwandte und Freunde in der Welt glaubt, seyd Ihr allzu hastig, Jemand zu finden, der die Stellen der Verlorenen ausfülle.«

»Lebte ich in einem ganzen Schwarm von Freunden und Verwandten, Wildtödter, ich würde dennoch denken wie ich jetzt denke – sagen was ich jetzt sage,« erwiederte Judith, die noch immer mit den Händen ihr liebliches Angesicht verhüllte.

»Dank Euch, Mädchen, Dank Euch von Grund meines Herzens. Indessen ich bin nicht der Mann, der den Vortheil eines schwachen Augenblicks benützen sollte, wo Ihr Eure eigenen großen Vorteile vergeht, und meint, die Erde mit Allem, was sie enthält, sey in diesem kleinen Canoe. Nein – nein – Judith, es wäre ungroßmüthig von mir; was Ihr mir angeboten habt, kann nie in Erfüllung gehen!«

»Es kann wohl, und das ohne daß Eines Ursache zur Reue hätte,« versetzte Judith mit einer Heftigkeit des Gefühls und Benehmens, die sie auf einmal die Hände von den Augen wegziehen machte. »Wir können die Soldaten veranlassen, unsere Habseligkeiten auf dem Weg zurückzulassen, bis wir zurückkehren, wo wir sie dann leicht in’s Haus schaffen können; der See wird nicht mehr vom Feind heimgesucht werden, während dieses Krieges wenigstens; alle Eure Häute könnt Ihr leicht bei der Garnison verkaufen. Dort könnt Ihr die wenigen uns nothwendigen Lebensbedürfnisse einkaufen, denn ich wünsche jenen Ort nie wieder zu betreten; und, Wildtödter,« fuhr das Mädchen fort, und lächelte mit einer Holdseligkeit und Natürlichkeit, daß es dem jungen Mann schwer wurde, ihr zu widerstehen, – »zum Beweis, wie gänzlich ich die Eurige bin und zu seyn wünsche, wie gänzlich ich wünsche, Nichts zu seyn als Euer Weib, soll gleich das erste Feuer, das wir nach unsrer Rückkehr aufmachen, angezündet werden mit dem Brokatkleid, und unterhalten werden mit allen Sachen, die ich besitze, und die Ihr für das Weib, mit dem Ihr zu leben wünscht, nicht passend findet!«

»Ach, weh! – Ihr seyd ein einnehmendes und liebliches Geschöpf, Judith; ja, das Alles seyd Ihr, und Niemand kann das läugnen, der Wahrheit unbeschadet. Diese Bilder sind den Gedanken gefällig, aber sie möchten nicht so glücklich ausfallen, als Ihr jetzt meint. Vergeßt daher Alles, und laßt uns Schlange und Hist nachrudern, als ob von der Sache gar nicht die Rede gewesen wäre.«

Judith war tief gekränkt, und was Mehr ist, tief betrübt. Es lag eine Ruhe und Festigkeit in Wildtödters Benehmen, welche ihre Hoffnungen gänzlich erstickte, und ihr zeigte, daß dießmal ihre außerordentliche Schönheit doch verfehlt hatte, die Bewunderung und Huldigung zu erwecken, die ihr sonst immer entgegenkamen. Man sagt, Frauen vergeben denen selten, die ihr Entgegenkommen mißachten; aber dieß hochsinnige und heftige Mädchen hegte nie, weder damals noch später, auch nur einen Schatten von Erbitterung gegen den offenen und freimüthigen Jäger. Im Augenblick war das vorwiegende Gefühl der Wunsch, sich zu vergewissern, ob kein Mißverständniß obwalte. Nach einer weitern, peinlichen Pause brachte sie daher die Sache zu einem Ende durch eine Frage, die zu einfach war, um eine Mißdeutung zuzulassen.

»Gott verhüte, daß wir uns für’s spätere Leben Reue bereiten durch einen Mangel an Offenheit jetzt,« sagte sie. »Ich hoffe, wir verstehen einander wenigstens. Ihr wollt mich nicht zum Weib nehmen, Wildtödter?«

»Es ist besser für Beide, wenn ich Eure unüberlegte Hast mir nicht zu Nutze mache, Judith. Wir können uns nimmermehr heirathen.«

»Ihr liebt mich nicht, – Euer Herz ist vielleicht nicht im Stande mich zu achten, Wildtödter!«

»Alles und Jedes in guter Freundschaft, Judith – Alles, meine Dienste und mein Leben selbst. Ja, ich wollte so Viel für Euch wagen, in diesem Augenblick, als für Hist selbst; und das ist so Viel gesagt, als ich nur zu Gunsten einer Tochter des Weibes sagen kann. Ich glaube, ich fühle mich gegen Keine von Beiden so gesinnt – merkt es, Judith, ich sage Keine! – als möchte ich Vater und Mutter verlassen – wenn Vater und Mutter noch lebten, was jedoch nicht der Fall ist – ober wenn Beide noch lebten, so fühle ich mich gegen kein Weib so gesinnt, daß ich Jene verlassen möchte, um ihr anzuhängen.«

»Das ist genug,« antwortete Judith mit beschämter und erstickter Stimme. »Ich verstehe ganz, was Ihr meint. Heirathen könnt Ihr nicht ohne Liebe; und diese Liebe fühlt Ihr für mich nicht. Antwortet nicht, wenn ich Recht habe, denn ich verstehe Euer Schweigen. Dieß schon für sich wird peinlich genug seyn.«

Wildtödter gehorchte und antwortete nicht. Länger als eine Minute hielt das Mädchen ihre glänzenden Augen auf ihn geheftet, als wollte sie in seiner Seele lesen; wählend er im Wasser spielend da saß, wie ein gestrafter Schulknabe. Dann senkte Judith selbst ihre Ruderschaufel in’s Wasser, und trieb das Canoe von der Stelle weg, mit einer so widerstrebenden Bewegung, als die Gefühle, welche sie dazu veranlaßten. Wildtödter jedoch unterstützte ruhig ihre Anstrengung und bald waren sie auf der spurlosen Bahn, die der Delaware eingeschlagen.

Auf der Fahrt nach dem Vorsprung ward kein Wort mehr zwischen Wildtödter und seiner schönen Begleiterin gewechselt. Da Judith im Vordertheil des Canoe’s saß, wandte sie ihm den Rücken zu, sonst hätte vermuthlich der Ausdruck ihres Gesichts ihn veranlaßt, einige begütigende, tröstende Worte der Freundschaft und Achtung gegen sie zu wagen. Was man kaum hatte erwarten sollen – sie empfand noch immer keine Bitterkeit gegen ihn, obwohl ihre Farbe häufig von der flammenden Röthe der kränkenden Beschämung zur Blässe der getäuschten Erwartung überging. Kummer, tiefer herzinniger Kummer jedoch war das vorwaltende Gefühl, und dieser verrieth sich auch in einer nicht zu mißdeutenden Weise.

Da Keines von Beiden sich sehr anstrengte mit Rudern, war die Arche schon angekommen und die Mannschaft ausgeschifft; ehe das Canoe mit den zwei Nachzüglern den Vorsprung erreichte. Chingachgook war ihr vorgekommen und befand sich schon in einiger Entfernung waldeinwärts auf einer Stelle, wo die beiden Pfade, der nach der Garnison und der zu den Dörfern der Delawaren führende, sich trennten. Auch die Soldaten hatten sich schon in Marschlinie gestellt, nachdem sie zuvor die Arche hatten wegtreiben lassen, gänzlich gleichgültig gegen ihr Schicksal. Alles das sah Judith, aber sie beachtete es nicht. Der Glimmerglas hatte keine Reize mehr für sie; und als sie den Fuß an’s Land gesetzt, schlug sie sogleich den Pfad der Soldaten ein, ohne einen einzigen Blick hinter sich zu werfen. Selbst an Hist ging sie vorbei, ohne von ihr Kunde zu nehmen; und dieß bescheidene junge Geschöpf scheute vor Judiths abgewandtem Gesicht zurück, wie wenn sie selbst eines Unrechts sich schuldig wüßte.

»Wartet Ihr hier, Schlange,« sagte Wildtödter, der dem Schatten der niedergeschlagenen Schönheit folgte, als er an seinem Freund vorbeikam. Ich will nur Judith zu ihrer Gesellschaft geleiten, und dann Euch wieder treffen.«

Hundert Schritte hatten das Paar dem Auge sowohl der Voranziehenden als der Nachkommenden entzogen, als Judith sich umwandte und sprach.

»Das wird genügen, Wildtödter,« sagte sie traurig. »Ich verstehe Eure Güte und Freundlichkeit, werde ihrer aber nicht bedürfen. In wenigen Minuten werde ich die Soldaten erreichen. Da Ihr nicht mit mir die Reise des Lebens antreten wollt, wünsche ich nicht, daß Ihr mich auf dieser weiter begleitet. Doch halt! ehe wir scheiden, möchte ich Euch noch Eine Frage vorlegen. Und ich verlange von Euch, wie Ihr Gott fürchtet und die Wahrheit ehrt, daß Ihr mich mit Eurer Antwort nicht täuschet. Ich weiß, Ihr liebt keine Andere: und ich sehe nur Einen Grund ab, warum Ihr mich nicht lieben könnt, nicht lieben wollt. Sagt mir den, Wildtödter,« das Mädchen stockte, und die Worte, die sie im Begriff war zu sagen, schienen sie ersticken zu wollen. Dann all ihre Entschlossenheit aufbietend, fuhr sie mit einem Angesicht, in welchem stammende Röthe und Blässe mit jedem Athemzuge wechselten, fort: »sagt mir denn, Wildtödter, ob nicht vielleicht etwas Leichtfertiges, was Henry March von mir gesagt, Einfluß aus Eure Gefühle gehabt haben mag?«

Die Wahrheit war Wildtödters Polarstern, den er immer im Auge behielt; und es war ihm beinahe unmöglich, das Aussprechen derselben zu vermeiden, selbst wenn die Klugheit Schweigen gebot. Judith las seine Antwort in seinem Angesicht; und mit einem Herzen, das beinahe brach durch das Bewußtseyn unverdienten Unrechts, winkte sie ihm ein Lebewohl zu, und begrub sich in den Wäldern. Einige Zeit war Wildtödter unschlüssig, was er thun solle, am Ende aber wandte er seine Schritte rückwärts, und schloß sich an die Delawaren wieder an. In dieser Nacht kampirten die drei an den obern Wassern ihres Stromes, und am folgenden Abend langten sie in dem Dorfe des Stammes an; Ghingachgook und seine Verlobte im Triumph, ihr Begleiter geehrt und bewundert, aber mit einem Kummer, welchen zu vertilgen es Monate der rüstigsten Thätigkeit brauchte.

Der Krieg, der damals begonnen, war heftig und blutig. Der Delawarenhäuptling stieg in seinem Volke so hoch empor, daß sein Name nie ohne Lob und Ruhm genannt wurde; während ein neuer Unkas, der letzte seines Stammes, der langen Linie von Kriegern sich anschloß, welche diesen ausgezeichneten Namen trugen. Wildtödter seinerseits, unter dem sobriquet »Falkenauge,« machte seinen Ruf weit und breit bekannt, bis das Krachen seiner Büchse den Ohren der Mingo’s so furchtbar wurde, wie die Donner Manitou’s. Seine Dienste wurden bald von den Officieren der Armee in Anspruch genommen und er schloß sich im Feld insbesondere an Einen an, mit dessen späterem Leben er in einem engen und wichtigen Verhältnis stand.

Fünfzehn Jahre waren verstrichen, ehe Wildtödter wieder Gelegenheit fand, den Glimmerglas zu besuchen. Friede hatte inzwischen geherrscht, und es war am Vorabend eines neuen, noch wichtigeren Krieges, als er und sein beständiger Freund Chingachgook nach den Forts eilten, um sich ihren Verbündeten anzuschließen. Ein junges Bürschchen begleitete sie, denn Hist schlummerte schon unter den Fichten der Delawaren, und die drei Ueberlebenden waren jetzt unzertrennlich geworden. Sie erreichten den See gerade als die Sonne unterging. Hier war Alles unverändert, der Fluß rauschte noch durch sein Gewölbe von Bäumen dahin; der kleine Fels verwitterte allmählig unter dem langsam wirkenden Einfluß des Wassers, das ihn seit Jahrhunderten bespülte; die Berge standen in ihrem natürlichen dunkeln, reichen und geheimnißvollen Gewande da, während der See in seiner Einsamkeit schimmerte, ein schöner Edelstein des Waldes.

Am folgenden Morgen entdeckte der Jüngling eines von den Canoe’s, das an’s Ufer getrieben und im Zustand des Verfalls war. Einige Arbeit stellte es in dienstfähigen Stand her, und Alle schifften sich ein, um den Platz in Augenschein zu nehmen. An allen Vorsprüngen fuhren sie vorbei, und Chingachgook bezeichnete seinem Sohn die Stelle, wo die Huronen zuerst sich gelagert hatten, und den Punkt, von wo es Ihm gelungen war, seine Braut wieder zu entführen. Hier landeten sie auch; aber alle Spuren des frühern Besuchs waren verschwunden. Sodann begaben sie sich nach dem Schauplatz der Schlacht, und hier fanden sie einige der Spuren, welche längere Zeit an solchen Lokalitäten zu treffen sind. Wilde Thiere hatten viele Leichname ausgewühlt, und Menschenknochen bleichten in den Sommerregen. Unkas betrachtete sich Alles mit Ehrfurcht und Rührung, obwohl schon die Ueberlieferungen seinen jungen Geist mit dem Ehrgeiz und Trotz des Kriegers aufregend erfüllten.

Von dem Vorsprung aus nahm das Canoe seinen Weg nach der Sandbank, wo die Ueberreste des Castells noch sichtbar waren, eine malerische Ruine. Die Winterstürme hatten längst das Haus seines Daches beraubt, und Fäulniß hatte die Stämme angefressen. Alle Bande und Riegel waren unversehrt, aber die Jahreszeiten trieben ihr Spiel in dem Hause, des Versuchs, sie auszuschließen, gleichsam spottend. Die Palisaden verfaulten, wie auch die Pfeiler; und es war augenscheinlich, daß noch ein paar Winter, noch einige Stürme und Gewitter Alles in den See fegen und das Gebäude von der Oberfläche dieser prächtigen Einsamkeit wegwischen würden. Die Gräber waren nicht zu finden. Entweder hatten die Elemente ihre Spuren verwischt, oder hatten die Suchenden die genauere Lage derselben in der langen Zeit vergessen.

Die Arche ward entdeckt, gestrandet an der östlichen Küste, wohin sie längst von den vorherrschenden Nordwestwinden getrieben war. Sie lag auf dem sandigen Endpunkte eines langen, niedern Landvorsprungs, etwa zwei Meilen von der Ausströmung gelegen, der selbst durch die Wirkung der Elemente rasch verschwindet. Die Fähre war mit Wasser angefüllt, die Kajüte ohne Dach, und das Holz in Verfall. Einiges von dem roheren Geräthe war noch vorhanden, und Wildtödters Herz pochte höher, als er ein Band Judiths an einem Holzblock flattern sah. Es erinnerte ihn an alle ihre Schönheit, und, dürfen wir hinzusetzen, an alle ihre Fehler, Obwohl das Mädchen sein Herz nie eigentlich gerührt hatte, war doch dem Falkenauge, denn so müssen wir ihn jetzt nennen, ein aufrichtiges und inniges Interesse an ihrem Schicksal geblieben. Er riß das Band weg und machte daraus eine Schleife am Schaft seiner Büchse, Killdeer, welche ihm das Mädchen selbst geschenkt hatte.

Einige Meilen weiter aufwärts am See entdeckten sie ein weiteres Canoe; und auf dem Ausläufer, wo die Gesellschaft am Ende landete, fand man die hier an der Küste zurückgelassenen. Das, in welchem die gegenwärtige Fahrt gemacht wurde, und das an der östlichen Küste gefundene waren durch den zerstörten Boden des Castells durchgebrochen, waren an den zusammenfallenden Palisaden vorbei getrieben und als herrenlose Sachen an den Strand geworfen worden.

Aus allen diesen Anzeichen wurde wahrscheinlich, daß der See seit den Vorfällen der letzten Scene unsrer Erzählung nicht mehr besucht worden war. Zufall oder Ueberlieferung hatten ihn wieder zu einem der Natur geheiligten Platz gemacht, und die häufigen Kriege und die schwache Bevölkerung der Colonieen beschränkten noch die Ansiedlungen auf enge Grenzen. Chingachgook und sein Freund verließen den Platz mit schwermüthigen Gefühlen. Es war die Gegend ihres ersten Kriegspfades gewesen, und rief den Seelen Beider das Bild zärtlicher rührender Scenen und Stunden des Triumphes zurück. Sie setzten jedoch schweigend ihren Weg nach dem Mohawk fort, um sich in neue Abenteuer zu stürzen, so merkwürdig und aufregend, wie diejenigen, welche den Anfang ihrer Laufbahn an diesem lieblichen See begleitet hatten.

Zeit und Umstände haben einen undurchdringlichen Schleier über Alles geworfen, was mit dem Schicksal der Familie Hutter zusammenhängt. Sie lebten, irrten, starben und sind vergessen. Keine der mit ihnen in Berührung Gekommenen haben so viel Antheil an den mit Unehre Bezeichneten genommen, um den Schleier zu lüften, und ein Jahrhundert verwischt bald das Gedächtniß selbst ihrer Namen. Die Geschichte des Verbrechens ist immer empörend, und es ist ein Glück, daß Wenige gerne bei ihren einzelnen Begebenheiten länger verweilen. Die Sünden der Familie sind längstens vor den Richterstuhl Gottes gezogen worden, oder sind eingetragen für die furchtbare Abrechnung des letzten großen Tages.

Dasselbe Schicksal erwartete Judith. Als Falkenauge die Garnison am Mohawk erreichte, erkundigte er sich angelegentlich nach diesem lieblichen aber irregeleiteten Geschöpf. Niemand wußte von ihr – selbst einer Person ihres Namens erinnerte man sich nicht mehr. Andere Officiere waren zu wiederholten Malen an die Stelle der Warley’s, Craigs und Grahams gerückt, aber ein alter Sergeant der Garnison, der kürzlich von England gekommen, war im Stand, unserm Helden die Nachricht zu geben, daß Sir Robert Warley auf seinen väterlichen Gütern lebe, und daß eine Dame von seltner Schönheit in dem Landhaus sich befinde, welche großen Einfluß auf ihn ausübe, obwohl sie nicht seinen Namen trage. Ob dieß Judith war, zurückgefallen in ihre frühere Verirrung, ober ein andres Opfer des Soldaten, erfuhr Falkenauge nie, auch wäre eine Nachforschung weder angenehm noch ersprießlich gewesen. Wir leben in einer Welt der Uebertretungen und der Selbstsucht, und keine Gemälde, die sie uns anders darstellen, sind wahr, obwohl zum Glück für die menschliche Natur, Strahlen jenes reinen Geistes, nach dessen Bilde der Mensch erschaffen ist, sichtbar sind, welche ihre Mißgestaltungen verhüllen und mindern, und ihre Verbrechen mildern, wenn nicht entschuldigen.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Kommt, soll’n wir gehen und uns Wildpret tödten?
Doch reut mich’s, daß wir den gefleckten Narr’n,
Die Bürger sind in dieser öden Stadt,
Auf eignem Grund mit hack’gen Spitzen blutig
Die runden Hüften reißen.
Shakespeare.

Hurry Harry dachte mehr an die Schönheiten der Judith Hutter als an die von Glimmerglas und der umgebenden Landschaft. Sobald er daher Floating Toms Habseligkeiten und Geräthschaften genau genug durchgemustert, lud er seinen Begleiter wieder in das Canoe, um den See hinab zu fahren und die Familie aufzusuchen. Ehe sie sich einschifften jedoch durchspähte Hurry sorgfältig die ganze nördliche Seite des See’s mit einem mittelmäßigen Schiffsfernrohr, das sich unter Hutter’s Sachen befand. Bei dieser Forschung ward kein Theil des Ufers übersehen; die Buchten und vorspringenden Punkte besonders wurden einer genauern Untersuchung unterworfen, als die übrige waldbewachsene Küste.

»Es ist wie ich gedacht,« sagte Hurry, das Glas weglegend; »der alte Kerl zieht bei diesem schönen Wetter auf dem südlichen Theil herum, und läßt das Castell sich selbst vertheidigen. Nun jetzt, da wir wissen, daß er nicht dorthinaus zu ist, ist es ein Kleines, abwärts zu rudern und ihn in seinem Versteck aufzustöbern.«

»Hält es der Meister Hutter für nöthig, sich zu verstecken auf diesem See?« fragte Wildtödter, indem er seinem Genossen in das Canoe folgte; »nach meiner Ansicht ist hier eine solche Einsamkeit, daß man seine ganze Seele aufschließen könnte, und nicht zu fürchten hätte, es möchte Jemand uns in unsern Gedanken oder unsrer Anbetung stören.«

»Dann vergeßt Ihr Eure Freunde, die Mingos, und all die französischen Wilden. Gibt es eine Stelle auf Erden, Wildtödter, wohin die unruhigen Spitzbuben nicht kämen? Wo ist der See, oder auch nur der Hirschteich, den die Lumpenhunde nicht aufspüren; und sobald sie ihn gefunden, so färben sie auch ganz gewiß früher oder später sein Wasser mit Blut.«

»Ich höre allerdings nirgends ihr gutes Lob, Freund Hurry, obgleich es bis jetzt noch nie mein Schicksal war, ihnen oder irgend einem andern Sterblichen auf dem Kriegspfad zu begegnen. Ich glaube gern, daß ein so anmuthiger Platz, wie dieser, von solchen Plünderern schwerlich würde übersehen werden: denn obschon ich selbst noch nicht im Falle gewesen, mit diesen Stämmen Streit zu haben, geben mir doch die Delawaren solche Berichte über sie, daß ich sie bei mir selbst so ziemlich als Nichtswürdige durch und durch ansehe.«

»Das könnt Ihr mit gutem Gewissen thun, oder, was das betrifft, jeden andern Wilden, dem Ihr etwa begegnet.«

Hiegegen verwahrte sich Wildtödter, und während sie den See entlang ruderten, entspann sich eine hitzige Erörterung über die beiderseitigen Verdienste der Bleichgesichter und der Rothhäute. Hurry hatte alle Vorurtheile und Antipathien eines weißen Jägers, der in der Regel den Indianer als eine Art von natürlichem Nebenbuhler, und nicht selten als einen natürlichen Feind betrachtet. Wie sich von selbst versteht, war er laut, schreiend, keck behauptend, ohne sich viel auf Beweise einzulassen. Wildtödter dagegen zeigte eine ganz andere Sinnes- und Gemüthsart; er bewies durch seine gemäßigte Sprache die Redlichkeit seiner Gesinnung, und durch die Einfachheit seiner Unterscheidungen zeigte er, daß er alle Geneigtheit besaß, Vernunft zu hören und anzunehmen, ein lebhaftes, angebornes Verlangen, gerecht zu seyn, und eine aufrichtige Redlichkeit, die es gänzlich verschmähte, zu Sophismen zu greifen, um eine Behauptung oder ein Vorurtheil zu vertheidigen. Doch war er nicht gänzlich frei von der Herrschaft des letztern. Dieser Tyrann des menschlichen Geistes, der auf tausend Zugängen sich auf seine Beute stürzt, beinahe sobald der Mensch anfängt zu fühlen und zu denken, und selten seinem eisernen Scepter entsagt, ehe beides bei ihm aufhört, hatte einigen Einfluß sich erobert selbst über den Rechtlichkeitssinn dieses Mannes, der doch sonst in diesen Punkten als ein schönes Muster gelten konnte, wozu Entfernung von bösem Beispiel, Mangel an Versuchung zum Fehltritt und natürliche Gutartigkeit einen Jüngling zu machen vermögen.

»Ihr werdet zugeben, Wildtödter, daß ein Mingo mehr als ein halber Teufel ist,« schrie Hurry, die Erörterung mit einer Lebhaftigkeit verfolgend, die nahe an Wildheit grenzte – »obgleich Ihr mich gern überreden möchtet, daß der Delawaren-Stamm nahezu aus Engeln besteht. Nun widerspreche ich diesem Satz sogar in Beziehung auf weiße Männer. Alle weißen Menschen sind nicht fehlerfrei, und daher können alle Indianer nicht fehlerfrei seyn. Und so ist Eure Behauptung nackt und lahm. Aber was ich Beweis nenne, ist dieß: drei Farben gibt es auf der Erde, Weiß, Schwarz und Roth. Weiß ist die vornehmste Farbe, und daher der Weiße der beste Mann; dann kommt Schwarz, und sind die Schwarzen bestimmt in der Nähe der Weißen zu leben, als erträglich und tauglich zu Dienst und Gebrauch; und Roth kommt zuletzt, was zeigt, daß derjenige, der sie geschaffen, nie erwartete, daß ein Indianer für mehr als halb menschlich gelten sollte.«

»Gott hat alle drei gleich erschaffen, Hurry.«

»Gleich! Sagt Ihr ein Neger sey gleich einem Weißen, oder ich einem Indianer?«

»Ihr geht immer zu früh los und hört mich nie aus. Gott hat uns Alle geschaffen, Weiße, Schwarze und Rothe, und ohne Zweifel hatte er seine weisen Absichten, daß er uns verschieden färbte. Doch hat er uns in der Hauptsache ziemlich mit den gleichen Gefühlen geschaffen, obgleich ich nicht läugnen will, daß er jeder Race ihre eignen Gaben verliehen. Eines weißen Mannes Gaben sind christlich eingerichtet, während die einer Rothhaut mehr für die Wildniß sind. So wäre es für einen Weißen eine große Sünde einen Todten zu skalpieren, während es bei einem Indianer eine hohe Tugend ist. Ferner, ein weißer Mann darf nicht Weiber und Kinder im Krieg meuchlings niedermachen; während eine Rothhaut es darf. Es ist grausame Arbeit, das geb‘ ich zu; aber für sie ist es eine erlaubte That, während es für uns eine schmähliche That wäre.«

»Das hängt von Eurem Feind ab. Was das betrifft, einen Wilden zu skalpiren, oder selbst ihm die Haut abzuziehen, so sehe ich das ungefähr ebenso an, wie wenn man einem Wolf die Ohren abschneidet, wegen des ausgesetzten Preises, oder einem Bären die Haut abstreift. Und dann seyd Ihr mächtig auf dem Holzweg, daß Ihr Euch der Rothhäute so annehmt, da doch die Colonie selbst einen Preis für den Handel geboten hat; ebenso wie sie für Wolfsohren und Krähenköpfe einen zahlt.«

»Ja, und eine schlechte Sache ist das, Hurry. Die Indianer selbst schreien Pfui darüber, weil es gegen der Weißen Gaben ist. Ich behaupte nicht, daß Alles, was weiße Männer thun, eigentlich christlich ist, und dem ihnen verliehenen Lichte gemäß, denn dann wären sie was sie seyn sollten, was sie, wie wir wissen, nicht sind; aber ich will behaupten, daß Ueberlieferung und Gebräuche und Farbe und Gesetze solch einen Unterschied bei den Racen machen, daß es auf die Gaben einwirkt. Ich läugne nicht, daß unter den Indianern Stämme sind, von Natur schon verkehrt und ruchlos, wie es solche Nationen gibt unter den Weißen. Die Mingo’s nun rechne ich zu Jenen, und die Franzmänner, in den Canada’s, zu Diesen. In einem rechtmäßigen Kriegszustand, wie wir seit Kurzem haben, ist es Pflicht, alle mitleidigen Gefühle niederzuhalten gegen Beide, was Leben und Tod betrifft; aber wenn es sich um Skalpiren handelt, ist es eine ganz andre Sache.«

»Nehmt doch nur Vernunft an, wenn’s Euch beliebt, Wildtödter, und sagt mir, ob die Colonie ein ungesetzliches Gesetz machen kann? Ist nicht ein ungesetzliches Gesetz mehr gegen die Natur als das Skalpiren eines Wilden? Ein Gesetz kann so wenig ungesetzlich seyn als Wahrheit Lüge seyn kann.«

»Das klingt vernünftig; aber ist höchst unbegründet, Hurry. Die Gesetze kommen nicht alle aus derselben Quelle. Gott hat uns das seinige gegeben, und einige gehen von der Colonie aus, und andre vom König und Parlament. Wenn die Gesetze der Colonie, oder auch die des Königs den Gesetzen Gottes zuwiderlaufen, so werden sie ungesetzlich und soll man ihnen nicht gehorchen. Ich halte daran fest, daß ein weißer Mann die weißen Gesetze achten soll, so lange sie nicht einem Gesetz in die Quere kommen, das von einer höhern Autorität ausgeht, und daß ein rother Mann den Gebräuchen der Rothhäute folge unter derselben Einschränkung. Aber es ist unnütz, hierüber zu schwatzen, da jeder Mensch für sich selbst denken kann, und seinen Gedanken gemäß spricht. Laßt uns tüchtig uns umschauen nach Eurem Freund, Floating Tom, damit wir nicht an ihm vorbeirudern, während er unter dieser buschigten Küste verborgen liegt.«

Wildtödter hatte die Ufer nicht unrichtig bezeichnet. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang hingen die kleinen Bäume über das Wasser her, mit ihren Zweigen oft in das durchsichtige Element sich eintauchend. Die Ufer waren steil, weil der Strand so schmal war; und da die Pflanzenwelt unabänderlich dem Lichte zustrebt, war die Wirkung gerade die, nach welcher ein Liebhaber des Malerischen gestrebt haben würde, wenn man die Anordnung dieser prachtvollen Waldeinfassung seinem Geschmack überlassen hätte. Auch die Vorsprünge und Buchten waren zahlreich genug, um den Umrissen eine wechselnde Mannigfaltigkeit zu verleihen. Da das Canoe dicht an der westlichen Seite des See’s hinfuhr, zu dem Zweck, wie dieß Hurry seinem Genossen erklärt hatte, die etwaige Nähe von Feinden zu rekognosciren, ehe er sich ganz dem offenen Blick blosstellte, wurde die Aufmerksamkeit der beiden Abenteurer beständig in Spannung erhalten, da Keiner vorhersagen konnte, was die nächste Biegung eines Landvorsprungs offenbaren würde. Ihre Fahrt war rasch, da die gigantische Kraft Hurry’s ihn in Stand setzte, mit der leichten Barke zu spielen wie mit einer Feder, während die Geschicklichkeit seines Genossen beinahe ebenso nützlich war, trotz der Ungleichheit seiner Körperstärke.

Jedesmal wenn das Canoe an einem Punkt des Landes vorbei kam, warf Hurry einen Blick hinter sich, in Erwartung die ›Arche‹ vor Anker liegend oder in der Bucht eingelaufen zu sehen. Es war jedoch sein Schicksal, seine Erwartung getäuscht zusehen, und sie waren dem südlichen Ende des See’s bis auf eine Meile nahe gekommen, und volle zwei Stunden von dem ›Castell‹ entfernt, das nunmehr durch ein halb Dutzend Landvorsprünge dem Blick entzogen war, als er plötzlich zu rudern aufhörte, wie unsicher, in welcher Richtung zunächst weiter steuern.

»Es ist möglich, daß der alte Kauz in den Strom hinabgeschwommen ist,« sagte Hurry, nachdem er sorgfältig die ganze östliche Küste durchspäht hatte, die etwa eine halbe Meile entfernt und in mehr als ihrer halben Länge seinem forschenden Blick offen lag, »denn er hat sich in neuester Zeit tüchtig aufs Fallenstellen gelegt, und wenn das Floßholz nicht im Wege liegt, könnte er wohl eine Meile oder so hinabgleiten: obgleich er saure Stunden haben würde, wieder heraufzukommen!«

»Wo ist der Ausfluß?« fragte Wildtödter; »ich sehe keine Oeffnung an der Küste und den Bäumen, die so aussähe, als wollte sie einen Strom wie den Susquehannah durchlassen.«

»Ja, Wildtödter, die Flüsse sind wie menschliche Wesen, fangen klein und schmal an und endigen mit breiten Schultern und weiter Mündung. Ihr seht den Ausfluß nicht, weil er zwischen hohen, steilen Höhen hingeht; und die Fichten und Schierlingstannen und Linden darüberherhängen, wie ein Dach über ein Haus. Wenn der alte Tom nicht in dem »Rattenloch« ist, so muß er in 47

den Strom geschwommen seyn; wir wollen ihn zuerst in dem Loch suchen, und dann nach dem Ausfluß hin fahren.«

Im Weiterrudern erklärte Hurry, es sey hier eine seichte Bucht, gebildet durch einen langen, niedern Vorsprung, der den Namen Rattenloch bekommen, von dem Umstand, weil sie ein Lieblingsaufenthalt der Bisamratze war, und die eine so genügende Zuflucht für die Arche darbot, daß ihr Besitzer gar gern daselbst lag, so oft er es passend fand.

»Da ein Mann in diesem Theile des Landes nie weiß, was er für Besuche bekommen kann,« fuhr Harry fort, »so ist es ein großer Vortheil, wenn man sie recht besehen kann, ehe sie zu nahe kommen. Jetzt wo Krieg ist, ist eine solche Vorsicht noch nützlicher als in gewöhnlichen Zeiten, da ein Canadier oder ein Mingo in seine Hütte kommen könnte, ehe er sie einlüde. Aber Hutter ist ein ausbündiger Späher, und wittert Gefahren so prächtig, wie nur immer ein Hund das Wild.«

»Ich meine das Castell ist so offen, daß es gewiß Feinde anlocken müßte, wenn einmal solche den See auffänden; was freilich, wie ich zugebe, unwahrscheinlich genug ist, da er außer der Fährte des Forts und der Ansiedelungen liegt.«

»Ha, Wildtödter, ich bin auf die Ansicht gekommen, daß ein Mann leichter Feinden begegnet als Freunden. Es ist wunderlich zu denken, aus wie manchen Gründen man der Feind von Einem werden kann, und aus wie wenigen sein Freund. Manche heben die Streitaxt auf, weil Ihr nicht gerade so denkt wie sie, Andere weil Ihr ihnen in denselben Ideen voranlauft; und ich kannte einmal einen Vagabunden, der mit einem Freunde Händel anfing, weil dieser ihn nicht für schön hielt. Nun, Ihr seyd auch kein Wunderwerk, was die Schönheit anbetrifft, Wildtödter, aber doch würdet Ihr nicht so unvernünftig seyn und mein Feind werden, weil ich Euch das geradeheraus sage.«

»Ich bin wie mich Gott geschaffen hat, und ich wünsche nicht für besser noch für schlechter zu gelten. Ein schönes Aussehen mag mir fehlen, das heißt in dem Maße, wie es die Leichtsinnigen und Eiteln verlangen, aber ich hoffe, es fehlt mir nicht an Lob und Empfehlung, was guten Wandel betrifft. Es gibt wenig Männer, die stattlicher aussehen als Ihr, Hurry; und ich weiß, daß ich mir nicht Rechnung machen darf, es werde Jemand das Auge auf mich richten, wenn Einer wie Ihr daneben steht; aber ich wüßte nicht, daß ein Jäger darum weniger erfahren seyn sollte mit der Büchse, oder weniger zuverlässig in Herbeischaffung der Nahrung, weil er nicht bei jeder hellen Quelle, auf die er stößt, Halt zu machen verlangt, um sein Antlitz im Wasser zu studiren.«

Hier brach Hurry plötzlich in ein lautes Gelächter aus; denn während er zu gleichgültig war, um sich viel zu bekümmern um seine offenbaren, körperlichen Vorzüge, war er sich ihrer doch wohl bewußt, und wie die meisten Menschen, welche durch den Zufall der Geburt oder der Natur begünstigt sind, dachte er mit Wohlgefallen und Behagen daran, so oft ihm der Gegenstand vor die Seele trat.

»Nein, nein, Wildtödter, Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst bekennen werdet, wenn Ihr nur über das Canoe hinausschauen wollt,« rief er; »Judith wird Euch das ins Gesicht sagen, wenn Ihr sie aufbringt, denn eine losere Zunge ist nicht zu finden in einem Mädchenkopf innerhalb oder außerhalb der Ansiedlungen, wenn Ihr sie reizt, sie zu brauchen. Mein Rath an Euch ist, Judith nie zu belästigen; aber der Hetty könnt Ihr Alles sagen, und sie wird es aufnehmen so sanft wie ein Lamm. Nein, Judith wird Euch vermuthlich ihre Meinung von Eurem Aussehen gar nicht sagen.«

»Und wenn sie es thut, Hurry, wird sie mir nicht Mehr sagen, als Ihr mir schon gesagt –«

»Ihr werdet doch nicht warm werden über eine kleine Bemerkung, Wildtödter, hoffe ich, wo gar keine Absicht war zu 49

kränken. Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst wissen müßt, und warum sollten Freunde einander solche Kleinigkeiten nicht sagen? Wenn Ihr schön wäret, oder es je zu werden Aussicht hättet, so wäre ich Einer der Ersten, der es Euch sagte; und das sollte Euch zufrieden stellen. Wenn nun Jude mir sagte, ich sey so häßlich wie die Sünde, ich würde es als eine Art Compliment nehmen, und mich bestreben, ihr nicht zu glauben.«

»Es ist für Solche, welche die Natur begünstigt hat, leicht, über solche Dinge zu spaßen, Hurry, aber manchmal hart für Andere. Ich will nicht läugnen, daß auch ich den Wunsch gehabt habe, gut auszusehen, ja das habe ich; aber ich habe doch immer vermocht, den Wunsch zu unterdrücken durch die Erwägung, wie Viele ich gekannt habe mit schönen Außenseiten, die innerlich Nichts hatten, sich dessen zu rühmen. Ich will nicht läugnen, Hurry, daß ich oft wünsche, ich wäre ansprechender geschaffen für das Auge, mehr wie Einer Euresgleichen in diesen Punkten; aber dann überwinde ich diese Gefühle durch den Gedanken, wie viel besser ich dran bin in gar vielen Hinsichten, als manche meiner Mitgeschöpfe. Ich hätte ja können lahm geboren werden, und untüchtig selbst zur Eichhornjagd, oder blind, was mich mir selbst wie meinen Freunden zu einer Last gemacht hätte, oder des Gehörs entbehrend, was mich ganz unfähig gemacht haben würde, ins Feld und auf Kundschaft zu ziehen, worauf ich doch rechne, als einen Theil von des Mannes Pflichten in unruhigen Zeiten. Ja, ja; es ist nicht angenehm, ich will es gestehen, Leute zu sehen, die hübscher, und mehr gesucht und geehrt sind, als man selbst ist; aber es läßt sich Alles ertragen, wenn ein Mann dem Uebel ins Gesicht schaut, und seine Gaben und Verpflichtungen nicht mißkennt.«

Hurry war im Wesentlichen ein herzguter wie ein gutmüthiger Gesell, und die Selbsterniedrigung seines Genossen trug den vollständigen Sieg über das flüchtige Gefühl persönlicher Eitelkeit davon. Ihn reute die Anspielung, die er auf das Aeußere seines Freundes gemacht, und er suchte dieß auch auszusprechen, obwohl in der derben Weise, welche den Gewohnheiten und Ansichten des Grenzers entsprach.

»Ich wollte Euch nicht beleidigen, Wildtödter,« erwiederte er in begütigendem Tone, »und ich hoffe, Ihr werdet vergessen, was ich gesagt habe. Wenn Ihr nicht gerade schön seyd, so habt Ihr doch einen gewissen Zug, der deutlicher sagt als Worte, daß innen Alles richtig ist. Dann legt auch Ihr keinen Werth auf äußeres Aussehen, und werdet um so eher eine kleine Bemerkung über Eure leibliche Erscheinung vergeben. Ich will nicht sagen, daß Jude Euch sehr bewundern werde, denn das könnte Hoffnungen in Euch erwecken, die in getäuschter Erwartung endigen müßten; aber da ist Hetty, die wahrscheinlich Euch mit ebenso großer Genugthuung sehen würde, wie irgend einen andern Mann. Und dann seyd Ihr auch zu ernst und bedächtig, um Euch viel um Judith zu kümmern; denn, obgleich das Mädchen wirklich ganz besonder ist, ist sie doch so allgemein in ihrer Bewunderung, daß ein Mann sich Nichts darauf einbilden darf, wenn sie zufällig gegen ihn lächelt. Ich denke manchmal, die Hexe liebt sich selbst mehr, als irgend eine andre Creatur.«

»Wenn sie das thut, Hurry, würde sie nicht mehr thun, besorg‘ ich, als die meisten Königinnen auf ihren Thronen und Damen in den Städten,« erwiederte Wildtödter lächelnd, und wandte sich um gegen seinen Begleiter, jede Spur von Empfindlichkeit aus seinem ehrlichen und offenen Gesicht verschwunden. »Ich habe noch nie Jemand selbst unter den Delawaren kennen gelernt, von dem Ihr nicht das Gleiche sagen könntet. Aber hier ist das Ende des langen Vorsprungs, wovon Ihr spracht, und das »Rattenloch« kann nicht weit entfernt seyn.«

Diese Landspitze, statt wie alle andern sich hervorzuschieben, lief in Einer Linie hin mit dem Hauptufer des See’s, der hier in eine tiefe Bucht zurücktrat, südlich sich wieder umbiegend in der 51

Entfernung einer Viertelmeile, und durchschnitt das Thal, die südliche Grenze des Wassers bildend. In dieser Bucht war Hurry beinahe gewiß, die Arche zu finden, weil sie, hinter den Bäumen ankernd, welche den schmalen Streifen der Landspitze bedeckten, hier einen ganzen Sommer liegen konnte, allen Späheraugen verborgen. So vollständig war in der That dieß Versteck, daß ein Boot, dicht am Gestade, innerhalb der Landzunge und nahe am Busen der Bay hinfahrend, nur in Einer Richtung her zu sehen möglich war, nämlich von einem Punkt des dichtbewaldeten Ufers, der vom Wasser bespült wurde, wohin Fremde nicht leicht kommen konnten.

»Wir werden bald die Arche sehen,« sagte Hurry, als das Canoe um die äußerste Spitze des Landes herumfuhr, wo das Wasser so tief war, daß es wirklich schwarz schien; »er liebt es, sich im Buschwerk und Rohr zu verkriechen, und wir werden binnen fünf Minuten in seinem Nest seyn, obwohl der alte Kerl selbst vielleicht fort und bei den Fallen ist.«

March’s Prophezeihung ging nicht in Erfüllung. Das Canoe umfuhr die Landzunge ganz, so daß die beiden Reisenden im Stande waren, die ganze Bucht, oder Bai, denn das war es eigentlich, zu übersehen, aber kein Gegenstand, außer solchen, welche von Natur da waren, wurde sichtbar. Das friedliche Wasser dehnte sich in einer anmuthigen Krümmung, die Binsen beugten sich leise auf seinen Spiegel herab, und die Bäume hingen darüber hin wie gewöhnlich; aber Alles lag da in der wohlthuenden, erhabnen Einsamkeit einer Wildniß. Die Scene war so, daß ein Dichter oder Künstler darüber in Entzücken gerathen wäre, aber sie hatte keinen Reiz für Hurry Harry, der vor Ungeduld brannte, seiner leichtsinnigen Schönheit ansichtig zu werden.

Die Bewegung des Canoe’s hatte wenig oder kein Geräusch verursacht, da die Grenzmänner überhaupt die Gewohnheit annahmen, bei allem ihrem Thun und Treiben die größte Behutsamkeit 52

zu beobachten, und es lag jetzt auf dem spiegelklaren Wasser, wie in Luft schwebend, und nahm Theil an der athmenden Stille, welche die ganze Scene zu durchdringen schien. In diesem Augenblick hörte man einen Ton, wie das Krachen eines dürren Steckens auf dem dünnen Strich Land, welcher die Bucht von dem offnen See versteckend schied. Beide Abenteurer fuhren auf, und jeder streckte die Hand nach der Büchse aus, denn diese Waffe mußte immer in nächster Nähe zur Hand liegen.

»Es war zu schwer für eine leichte Creatur,« flüsterte Hurry, »und es tönte wie der Tritt eines Mannes.«

»Nicht so, nicht so,« versetzte Wildtödter, »es war, wie Ihr sagt, zu schwer für das eine, aber zu leicht für den andern. Aber senkt Eure Schaufel ins Wasser und treibt das Canoe hinein in das Loch; ich will landen und der Creatur den Rückweg auf der Landzunge abschneiden, sey es nun ein Mingo, oder nur eine Bisamratze.«

Da Hurry einwilligte, war Wildtödter bald am Land und drang in das Dickicht vor mit dem Moccasin an den Füßen und mit einer Vorsicht, die jedes Geräusch verhütete. In einer Minute war er in der Mitte des schmalen Landstreifens, und langsam schritt er dem Ende desselben zu, da die Gebüsche die äußerste Wachsamkeit nothwendig machten. Gerade als er die Mitte des Dickichts erreichte, krachten wieder dürre Zweige, und es wiederholte sich in kurzen Zwischenräumen das Geräusch, wie wenn eine lebendige Creatur langsam der äußersten Spitze zuwandelte. Hurry hörte diese Töne auch, und das Canoe in die Bai treibend, ergriff er seine Büchse, um die Folgen abzuwarten. Eine Minute athemloser Stille folgte, worauf ein prächtiger Damhirsch aus dem Dickicht heraus schritt, mit stattlichen Schritten bis an das sandige Ende der Landzunge hinwandelte und seinen Durst in dem Wasser des See’s zu löschen anfing. Hurry besann sich einen Augenblick, dann nahm er rasch seine Büchse auf die Schulter, zielte und 53

feuerte. Die Wirkung dieser plötzlichen Unterbrechung der feierlichen Stille einer solchen Scene gehörte mit zu deren auffallendsten Eigenthümlichkeiten. Der Knall der Feuerwaffe war das gewöhnliche, scharfe, kurze Krachen einer Büchse; aber als einige Augenblicke der Stille nach diesem plötzlichen Knall eingetreten waren, während welcher der Hall in der Luft über das Wasser hin sich fortbewegte, erreichte er die Felsen der gegenüber stehenden Berge, wo die Schwingungen sich häuften, von Höhle zu Höhle, Meilen weit an den Hügeln fortrollten und die schlafenden Donner der Wälder zu wecken schienen. Der Damhirsch schüttelte aber den Kopf bei dem Knall der Büchse und dem Pfeifen der Kugel, denn er war noch nie in Berührung mit Menschen gekommen; blos das Echo der Berge machte sein Mißtrauen rege, und seine vier Füße unter dem Leib zusammengezogen, stürzte er mit einem Sprung vorwärts auf einmal in’s tiefe Wasser und fing an, dem Ende des See’s zuzuschwimmen. Hurry jauchzte auf und eilte ihm nach, vorwärts, und ein paar Minuten schäumte das Wasser auf um den Verfolger und den Verfolgten. Jener stürmte eben an der Spitze vorbei, als der Wildtödter auf dem Sand erschien und ihm winkte, umzukehren.

»Es war unbesonnen einen Schuß abzufeuern, ehe wir die Küste ausgekundschaftet, und die Gewißheit hatten, daß kein Feind sich dort aufhalte,« sagte der Letztere, während sein Genosse langsam und widerstrebend seinem Rath folgte. »So viel hab ich schon von den Delawaren gelernt, durch Unterricht und Ueberlieferungen, obgleich ich noch nie auf dem Kriegspfad gewesen. Und zudem kann man jetzt kaum sagen, daß die Zeit für’s Wildpret da sey, und es mangelt uns nicht an Nahrung. Man nennt mich Wildtödter, ich gesteh‘ es, und vielleicht verdien‘ ich auch den Namen, sofern ich die Lebensweise und Art der Thiere kenne, ebenso sehr als wegen der Sicherheit meines Zielens: aber man kann mir nicht nachsagen, daß ich ein Thier tödte, wenn es nicht wegen einer Mahlzeit oder wegen der Haut ist. Ich bin wohl vielleicht ein Tödter, aber kein Schlächter.«

»Es war ein gräulicher Streich, daß ich den Damhirsch fehlte!« rief Hurry, indem er seine Mütze abnahm und sich mit den Fingern durch seine schönen aber verwirrten Locken fuhr, als wollte er durch diese Manipulation seine verworrenen Gedanken schlichten, »es ist mir nichts so Ungeschicktes geschehen seit meinem fünfzehnten Jahre.«

»Beklagt Euch nicht darüber; des Thieres Tod hätte Keinem von uns einen Vortheil, wohl aber leicht Schaden gebracht. Die Echo’s da sind entsetzlicher für mein Ohr, als Euer Mißgeschick, denn sie tönen mir wie die Stimme der Natur, die empört aufschreit über eine mörderische, unbesonnene That.«

»Ihr könnt genug solcher Schreie hören, wenn Ihr lang in dieser Gegend verweilt, Junge,« versetzte der Andere lachend. »Die Echos wiederholen so ziemlich Alles, was man auf dem Glimmerglas sagt oder thut, bei diesem heitern Sommerwetter. Wenn nur ein Ruder fällt, so hört Ihr es manchmal wieder und wiederhallen, wie wenn die Berge Eures täppischen Wesens spotteten, und ein Gelächter oder ein Pfeifen tönt von den Fichten dort, wenn sie gerade in der Laune sind zu schwatzen, dergestalt zurück, daß Ihr glauben solltet, sie können wirklich plaudern.«

»Um so mehr Grund, vorsichtig und still zu seyn. Ich glaube nicht, daß bis jetzt die Feinde den Weg in diese Berge gefunden haben können, denn ich wüßte nicht, was sie dabei zu gewinnen hätten; aber alle Delawaren sagen mir, wie Muth die erste Tugend eines Kriegers, so sey Klugheit seine zweite. Ein solcher Ruf von den Bergen wiederhallend ist genug, einen ganzen Stamm in das Geheimniß unsers Hierseyns einzuweihen.«

»Wenn es auch sonst keinen Nutzen hat, so wird es doch den alten Tom mahnen, den Topf übers Feuer zu setzen und ihm zu wissen thun, daß Besuch in der Nähe ist. Kommt, Junge; kommt in das Canoe, und wir wollen die Arche aufspüren, so lang es noch Tag ist.«

Wildtödter gehorchte und das Canoe verließ den Platz. Seine Spitze war in der Diagonale über den See hin gerichtet, und wies nach der südöstlichen Krümmung des Wassers hin. In dieser Richtung war die Entfernung bis an die Küste oder bis an das Ende des See’s, in der Linie, wie die Beiden jetzt steuerten, nicht ganz eine Meile, und da ihre Fahrt immer rasch ging, minderte sich diese Entfernung schnell unter den geschickten aber gemächlichen Ruderschlägen. Ungefähr auf der Hälfte des Wegs zog ein leichtes Geräusch die Blicke der Männer nach dem nächstliegenden Land und sie sahen, wie der Damhirsch eben aus dem See emportauchte und dem Gestade zuwatete. Nach einer Minute schüttelte sich das edle Thier das Wasser von den Seiten, schaute empor nach dem schützenden Dach der Bäume und stürzte sich, die Uferhöhe hinan springend, in den Wald.

»Dieses Geschöpf geht dahin voll Dankbarkeit in seinem Herzen,« sagte Wildtödter, »denn die Natur sagt ihm, daß es einer großen Gefahr entronnen ist. Ihr solltet auch Etwas von demselben Gefühl haben, Hurry, bei dem Gedanken, daß Euer Auge nicht sichrer, daß Eure Hand nicht fest genug war, da doch nichts Gutes herauskommen konnte bei einem Schuß, der mehr in Unbesonnenheit als mit gutem Bedacht abgefeuert wurde.« »Ich läugne, daß Auge und Hand fehlten,« schrie March mit einiger Hitze. »Ihr habt einigen Ruf erlangt unter den Delawaren drunten wegen Eurer Geschicklichkeit und Sicherheit bei der Jagd; aber ich möchte Euch wohl sehen hinter einer von den Fichten dort, und einen ganz übermalten Mingo hinter einer andern, Jeder mit gespanntem Hahn an der Büchse und um euer Leben wettend! Das sind Lagen, Nathaniel, das Auge und die Hand zu erproben, denn sie fangen damit an, die Nerven zu erproben. Ich sehe das Tödten eines Thiers nie als eine That an; aber einen Wilden tödten – das ist eine. Die Zeit wird kommen, wo Ihr Eure Hand erproben könnt, jetzt, da es wieder blutige Köpfe gegeben, und wir werden bald sehen, was eine Wildpretberühmtheit im Feld ausrichtet. Ich läugne, daß Hand oder Auge unsicher gewesen; es war nur eine falsche Verechnung der Bewegungen des Hirsches, der stille stand, als er noch sich hätte bewegen sollen, und so schoß ich über ihn weg.«

»Erklärt es wie Ihr wollt, Hurry, ich behaupte weiter Nichts, als daß es ein Glück gewesen. Ich glaube gern, daß ich auf einen sterblichen Menschen nicht so stet, noch mit so leichtem Herzen abdrücken werde, wie auf ein Wild.«

»Wer spricht denn auch von Sterblichen, oder von menschlichen Wesen, Wildtödter? Ich sehe bei Euch ja den Fall mit einem Indianer. Ich glaube gern, jeder Mann hätte wohl seine besondern Gefühle, wenn es Leben oder Tod gälte, einem andern menschlichen Geschöpf gegenüber; aber solche Bedenklichkeiten würden wegfallen bei einem Indianer; weiter Nichts, als die gefährliche Wette, ob er Euch trifft oder Ihr ihn.«

»Ich halte dafür, daß die rothen Männer vollkommen ebenso Menschen sind wie wir, Hurry. Sie haben ihre eignen Gaben und ihre eigne Religion, das ist wahr; aber das macht am Ende keinen Unterschied, wo Jeder wird gerichtet werden nach seinem Thun, und nicht nach seiner Haut.«

»Das ist gesprochen, wie ein Missionär, und wird wenig Gunst finden in dieser Gegend, wo die Mährischen Brüder keine Gemeinden haben. Die Haut macht einmal den Menschen. Das ist nach Wahrheit und Vernunft gesprochen; denn wie sollten sonst die Leute einander beurtheilen. Die Haut wird über Alles angezogen, damit wenn man eine Creatur oder einen Sterblichen recht und gehörig sieht, man sogleich weiß, was man aus ihn, zu machen hat; Ihr unterscheidet einen Bären von einem Schwein nach seiner Haut, und ein graues Eichhorn von einem schwarzen.« »Wahr, Hurry,« sagte der Andere, zurückschauend und lächelnd, »aber doch sind beides Eichhörnchen.«

»Wer läugnet das? Aber Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, ein rother Mann und ein weißer Mann seyen beide Indianer?«

»Nein, aber ich behaupte, Beide sind Menschen. Menschen von verschiedener Race und Farbe, und mit verschiedenen Gaben und Ueberlieferungen, aber in den Hauptsachen von einer und derselben Natur. Beide haben Seelen, und Beide sind verantwortlich für ihre Thaten in diesem Leben.«

Hurry war einer jener Theoretiker, die an die geringere Natur aller menschlichen Stämme, die nicht weiß sind, glauben. Seine Begriffe von der Sache waren nicht sehr klar, und seine Definitionen auch nicht sehr feststehend, aber seine Ansichten waren darum nicht minder positiv und heftig. Sein Gewissen bezichtigte ihn verschiedentlicher, gesetzwidriger Thaten gegen die Indianer, und er hatte eine ausnehmend bequeme Auskunft zur Beruhigung desselben darin gefunden, daß er die gesammte Familie der rothen Männer rücksichtslos außerhalb der Categorie der Menschenrechte setzte. Nichts erbitterte ihn leichter, als wenn man seinen Satz läugnete, zumal wenn die Läugnung von einem Aufgebot einleuchtender Gründe unterstützt war; und so hörte er denn die Bemerkungen seines Genossen mit wenig innerer und äußerer Ruhe und Fassung an.

»Ihr seyd ein Kind, Wildtödter, irre geführt und berückt durch die List der Delawaren und durch die Unwissenheit der Missionäre,« rief er aus, mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegen die Formen des Gesprächs, wenn er einmal aufgeregt war. »Ihr mögt Euch immer als Bruder einer Rothhaut betrachten, aber ich halte sie alle für Thiere, die nichts Menschliches an sich haben, als Schlauheit; die haben sie, das gebe ich zu, aber die hat auch der Fuchs und sogar der Bär. Ich bin älter als Ihr und habe länger in den Wäldern gelebt – oder vielmehr, ich habe immer darin gelebt, und brauche mir nicht erst sagen zu lassen, was ein Indianer ist, oder was er nicht ist. Wenn Ihr für einen Wilden zu gelten wünscht, so dürft Ihr es nur sagen, so will ich Euch der Judith und dem alten Mann als einen solchen vorstellen, und dann wollen wir sehen, wie Euch der Willkomm behagt.«

Hier leistete Hurry’s Einbildungskraft seiner Aufregung einen nützlichen Dienst, denn in Folge davon, daß er sich den Empfang ausmalte, welcher seinem so eingeführten Freunde bei seinen halb im Wasser lebenden Bekannten würde zu Theil werden, brach er in ein herzliches Gelächter aus. Auch wußte Wildtödter zu gut, wie nutzlos der Versuch seyn würde, ein solches Wesen von irgend etwas zu überzeugen, das seinen Vorurtheilen zuwider lief, als daß er Lust getragen hätte, den Versuch zu wagen; und es that ihm nicht leid, daß die Annäherung des Canoe’s an die südöstliche Krümmung des See’s seinen Ideen eine neue Richtung gab. Sie waren jetzt wirklich dem Ort ganz nahe, den March als die Gegend des Ausflusses bezeichnet hatte, und beide begannen sich darnach umzusehen mit einer Neugierde, die noch gesteigert ward durch die Erwartung, die Arche zu finden.

Vielleicht überrascht es den Leser als etwas Seltsames, daß der Ort, wo ein Fluß von einiger Größe zwischen Ufern hinströmte, die einige und zwanzig Fuß hoch waren, Männern zweifelhaft seyn konnte, die nicht mehr als nur zweihundert Schritte noch von dieser Stelle entfernt waren. Man wird sich aber erinnern, daß die Bäume und Gebüsche hier, wie überall, das Wasser ganz überhingen, und einen solchen Saum um den See zogen, daß alle kleinen Abweichungen oder Unterbrechungen seiner Linie sich dem Auge entzogen.

»Ich bin seit zwei Sommern nicht an diesem Ende des See’s gewesen,« sagte Hurry, indem er sich im Canoe aufrichtete, um sich besser umsehen zu können. »Ja, das ist der Fels, und zeigt sein Kinn über dem Wasser, und ich weiß, daß in seiner Nähe der Fluß anfängt.«

Die Männer handhabten jetzt wieder die Ruder, und hatten sich bald dem Felsen bis auf wenige Schritte genähert; sie schwammen darauf zu, obgleich sie ihre Arbeit eingestellt hatten. Dieser Fels war nicht groß, nur etwa fünf oder sechs Fuß hoch, und nur etwa halb so viel erhob er sich über den See. Die unablässige Bespühlung des Wassers seit Jahrhunderten hatte seinen Gipfel so abgerundet, daß er seiner Gestalt nach, die ungewöhnlich regel- und ebenmäßig war, einem großen Bienenkorb glich. Hurry bemerkte, während sie langsam dahin glitten, daß dieser Fels allen Indianern in der Gegend wohl bekannt sey, und daß sie ihn als Merkzeichen gebrauchten, um den Sammelplatz zu bestimmen, wenn sie auf ihren Jagden und Märschen sich trennten.

»Und hier ist der Fluß, Wildtödter,« fuhr er fort, »obwohl so eingeschlossen von Bäumen und Büschen, daß er mehr einem Hinterhalt gleichsieht, als der Ausströmung eines solchen See’s wie der Glimmerglas.«

Hurry hatte die Scene nicht übel geschildert, denn in der That schien es ein Fluß, der im Hinterhalt liegt. Die hohen Ufer mochten etwa hundert Fuß aus einander liegen; aber auf der westlichen Seite dehnte sich ein kleines Stück Land so weit hervor, daß dadurch die Breite des Flusses um die Hälfte vermindert wurde. Da die Büsche in das Wasser herabhingen, und Fichten von der Höhe von Kirchtürmen in riesigen Säulen emporragten, sämmtlich dem Licht sich zusenkend, bis ihre Zweige sich vermengten, konnte das Auge selbst in einer kleinen Entfernung nicht leicht eine Lücke an der Küste entdecken, welche den Ausfluß des Wassers verrathen hätte. Im Wald oben sah man vom See aus keine Spuren von dieser Oeffnung, denn Alles bot den Anblick derselben zusammenhängenden und dem Anschein nach endlosen Laubtapete. Wie das Canoe langsam weiter glitt, von der Strömung eingesogen, kam es unter eine Wölbung von Bäumen, durch welche das Licht vom Himmel sich in einigen zufälligen Oeffnungen durchkämpfte, das Dunkel unten nur schwach unterbrechend. »Das ist ein natürlicher Hinterhalt,« flüsterte halb Hurry, als fühlte er, daß der Ort dem Geheimniß und der Wachsamkeit geweiht sey; »verlaßt Euch darauf, der alte Tom ist mit der Arche irgendwo hier untergekrochen. Wir wollen mit der Strömung noch eine kleine Strecke hinabtreiben und ihn aufstöbern.«

»Das scheint aber kein Wasser für ein Fahrzeug von einiger Größe,« versetzte der Andere; »mich dünkt, wir haben kaum Platz genug für das Canoe.«

Hurry lachte über diese Aeußerung, und wie sich bald zeigte, mit Grund; denn nicht sobald war man an dem Saum von Buschwerk unmittelbar an dem Ufer des See’s vorüber, als die zwei Abenteurer sich auf einem schmalen Fluß mit hinreichend tiefem und sehr klarem Wasser dabei von starkem Fall, und unter einem Laubdach befanden, von Bogen emporgehalten, die aus den Stämmen uralter Bäume bestanden. Buschwerk faßte, wie überall, die Küsten ein, aber es ließ Raum genug zwischen sich frei, um Alles durchpassiren lassen zu können, was nicht über zwanzig Schuh breit war, und einen Durchblick zu gestatten, der acht- oder zehnmal so viel betrug.

Keiner unsrer beiden Abenteurer bediente sich des Ruders, außer um die leichte Barke in der Mitte der Strömung zu erhalten, aber Beide beobachteten jede Windung des Flusses, deren auf einer Strecke von hundert Schritten zwei oder drei vorkamen, mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Windung um Windung war jedoch zurückgelegt, und das Canoe war mit der Strömung eine Strecke hinabgeglitten, als Hurry ein Gebüsch erfaßte und dadurch seine Bewegung hemmte, – und das so plötzlich und still, daß man einen ganz besondern Beweggrund dieses Vornehmens vermuthen mußte. Wildtödter legte die Hand an den Kolben seiner Büchse, sobald er diese Bewegung sah; aber er that dieß eher nach alter Jägergewohnheit, als aus einer Anwandlung von Besorgniß.

»Dort ist der alte Kerl!« flüsterte Hurry, mit einem Finger 61

deutend und herzlich lachend, obgleich er sich sorgfältig hütete, ein Geräusch zu machen; »ist auf den Fang aus, wie ich mir gedacht; steht bis an die Knie im Koth und Wasser, um nach den Fallen und dem Köder zu sehen. Aber ich kann um’s Leben nichts von der Arche sehen; und doch will ich jedes Fell, das ich dieß Jahr erbeute, wetten: Judith traut sich mit ihren hübschen Füßchen nicht in die Nähe dieses schwarzen Kothes. Wahrscheinlich strählt sich das Mädchen die Haare vor einer Quelle, wo sie ihre eigene Schönheit betrachten und hochmüthige Gesinnungen gegen uns Männer sammeln kann.«

»Ihr urtheilt zu hart von jungen Weibern; ja, das thut Ihr, Hurry, denn sie denken ebenso oft an ihre Fehler als an ihre Vollkommenheiten. Ich denke fast, diese Judith ist keine so arge Bewundrerin von sich selbst, noch eine so arge Verächterin unseres Geschlechts, als Ihr zu glauben scheint; und es ist eben so wahrscheinlich, daß sie für ihren Vater arbeitet und sorgt im Hause, wo dieß nun auch seyn mag, wie er bei den Fallen für sie arbeitet.«

»Es ist eine Lust, die Wahrheit aus dem Munde eines Mannes zu hören, wenn es auch nur einmal im Leben eines Mädchens der Fall ist,« rief eine angenehme, volle und doch sanfte weibliche Stimme, dem Canoe so nahe, daß beide Hörer auffuhren. »Was Euch betrifft, Meister Hurry, rechtliche Worte ersticken Euch so leicht, daß ich sie nicht mehr aus Eurem Munde erwarte; das letzte, das Ihr spracht, blieb Euch in der Kehle stecken und brachte Euch dem Tode nahe. Aber es freut mich, zu sehen, daß Ihr bessere Gesellschaft habt als früher, und daß Solche, welche Frauen zu achten und zu behandeln wissen, sich nicht schämen, in Eurer Begleitung zu reisen.«

Als dieß gesprochen war, ward ein ausnehmend hübsches, jugendliches Mädchengesicht durch eine Oeffnung im Laub hervorgestreckt, im Bereich von Wildtödters Ruder. Die Eigenthümerin desselben lächelte den jungen Mann freundlich an, und der schmollende,

finstre Blick, den sie Hurry zuwarf, obwohl nur erheuchelt und schelmisch, diente ihre Schönheit noch mehr herauszuheben, indem er das Spiel einer ausdrucksvollen aber launenhaften Miene zeigte, eines Gesichts, das mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung vom Sanften in’s Ernste, vom Fröhlichen in’s Zurückstoßende überzugehen schien.

Ein zweiter Blick erklärte die ganze Ueberraschung. Ohne es zu wissen, hatten die Männer neben der Arche Halt gemacht, welche mit gutem Bedacht war versteckt worden, in den zu diesem Behufe zurecht geschnittenen und geordneten Gebüschen; und Judith Hutter hatte nur das Laub, das ein Fenster bedeckte, weggeschoben, um ihr Gesicht zu zeigen und mit ihnen zu sprechen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die stärksten Stürm‘ auf höchsten Bergen wehen,
Die Ruhe wohnet unten in dem Thal;
Die gleiten leicht, die auf dem Eise gehen,
Sie finden Sorgen, der Vorwitz’gen Qual;
Wer stille lebt, und damit ist begnügt.
Geht Allen uns an ächter Weisheit vor;
Wer diese Lehre haßt, der heiß‘ ein Thor!
Churchyard.

Die Begrüßung zwischen Wildtödter und seinen Freunden auf der Arche war ernst und beklommen. Die beiden Indianer besonders erriethen aus seinem ganzen Wesen, daß er nicht ein glücklich Entflohener war, und wenige bedeutsame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verständlich zu machen, wie ihr Freund sich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde sogleich nachdenklich; während Hist, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht besser kund zu geben wußte, als mittelst jener kleinen Aufmerksamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich sind.

In wenigen Minuten jedoch war eine Art von allgemeinem Plan für das was in der Nacht geschehen sollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem ersten Augenschein glauben können, es bewege sich Alles im gewöhnlichen Geleise. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beschlossen, die Arche zum Castell hinaufzurudern, und sie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Entschluß war man zum Theil gekommen in Betracht des Umstandes, daß alle Canoe’s wieder im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; besonders aber in Folge der Sicherheit, in die man sich nach Wildtödters Angaben versetzt glaubte. Er hatte den Stand der Dinge unter den Huronen genau geprüft, und war überzeugt, daß sie während der Nacht keine weiteren Feindseligkeiten beabsichtigten, da der erlittene Verlust sie für den Augenblick zu ferneren Anstrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen Antrag mitzutheilen – der eigentliche Zweck seines Besuchs; und wenn dieser angenommen wurde, war der Krieg zwischen den Parteien auf einmal zu Ende; und es war unwahrscheinlich, daß die Huronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß sie vor der Rückkehr des Gesandten wieder etwas Gewaltsames unternahmen.

Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beschäftigten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft jedes auf die ihm eigenthümliche Art; denn Hast und Uebereilung im Rath oder in der Entschließung gehörte so wenig zu der Verfahrungsart der auf der Grenze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nachbarn. Die Mädchen machten sich mit Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu thun, trüb und schweigsam, aber doch immer für die ersten Bedürfnisse der Natur sorgend.

Hurry machte sich beim Licht eines Feuerbrandes daran, seine Moccasins auszubessern; Chingachgook saß in düsterem Nachdenken da, während Wildtödter in einer Weise, die ebenso wenig Affektation als Unruhe verrieth, Killdeer, die Büchse Hutter’s besichtigte, deren schon einmal Erwähnung geschah, und die später so berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau untersuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenscheinlich aus der Werkstätte eines ausgezeichneteren Waffenschmids. Es hatte einige wenige silberne Ornamente, obwohl die meisten Grenzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn seine Hauptverdienste bestanden in der Genauigkeit, womit es gezogen war, in der Vollkommenheit der einzelnen Bestandtheile, und in der Trefflichkeit des Metalls. Zu wiederholten Malen lehnte der Jäger die Schwanzschraube an seine Schulter und prüfte mit dem Auge das Visir, und eben so oft beugte er sich mit dem Leibe vor, und erhob langsam die Waffe, wie im Begriff auf ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und sich ihrer Tüchtigkeit zu raschem und genauem Feuern zu versichern. Alles dieß that er bei Hurry’s Fackel, unbefangen und einfach, aber mit einem Ernst und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde.

»Es ist eine prächtige Waffe, Hurry!« rief endlich Wildtödter, »und man könnte es Jammerschade finden, daß sie in die Hände von Weibern gefallen ist. Die Jäger haben mir von ihren Thaten erzählt; und nach Allem, was ich gehört, möchte ich behaupten, daß sie in erfahrenen Händen der sichere Tod ist. Hört nur das Schnellen dieses Schlosses – eine Wolfsfalle hat keine kräftigere Feder; Hahn und Pfanne stimmen zusammen und verstehen sich, wie zwei Singmeister, die zusammen einen Psalm singen. Ich habe nie einen so schön gebohrten Lauf gesehen, Hurry, das ist gewiß!«

«Ja, der alte Tom pflegte große Stücke auf das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praxis zu erproben,« versetzte March, indem er die Wildlederriemen mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Moccasin zog. »Er war kein Schütze, das müssen wir Alle gestehen; aber er hatte seine guten Seiten, so wie seine schlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee kommen, Killdeer mir zu geben.«

»Man kann nie dafür stehen, was junge Weiber thun werden, das ist gewiß, Hurry; und ich denke, Ihr habt so viel Aussicht, die Büchse zu bekommen, als ein Anderer. Dennoch, wenn die Dinge der Vollkommenheit so sehr nahe kommen, ist es Schade, wenn sie sie nicht erreichen.«

»Was wollt Ihr damit sagen? Würde sich nicht dieß Gewehr auf meiner Schulter so gut ausnehmen, als auf der irgend eines Mannes?«

»Was das Aussehen betrifft, so sage ich davon nichts. Ihr seht beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut aussehendes Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dieß Gewehr in der Hand gewisser Männer fallen, als in der Eurigen binnen einer Woche, Hurry! Ich habe Euch die Probe machen sehen; – Ihr erinnert Euch des Hirsches dieser Tage?«

»Der Hirsch war außer der Wildpretjahrszeit; und wer mag Wildpret schießen außer seiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Creatur erschrecken, und ich denke, Ihr werdet gestehen müssen, er gerieth in nicht kleine Bestürzung!«

»Gut, gut, Ihr sollt Euren Willen haben. Aber das ist ein herrenmäßiges Gewehr, und würde einen mit steter Hand und raschem Auge zum König der Wälder machen.«

»Dann behaltet es, Wildtödter, und werdet König der Wälder!« sagte Judith ernst, die dem Gespräch zugehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Gesicht des Jägers. »Es kann nie in bessere Hände kommen, als in denen es jetzt ist, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!«

»Judith, es kann Euch nicht Ernst seyn!« rief Wildtödter, so überrascht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er sonst bei gewöhnlichen Gelegenheiten blicken ließ. »Ein solches Geschenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!«

»Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernst, Wildtödter; und es ist mir ebenso Ernst mit dem Wunsch wie mit dem Geschenk.« »Gut, Mädchen, gut, wir werden Zeit finden, wieder davon zu sprechen. Ihr müßt nicht niedergeschlagen seyn, Hurry, denn Judith ist ein flinkes Mädchen und sie hat einen raschen Verstand; sie weiß, daß der Ruf von ihres Vaters Büchse sichrer ist in meinen Händen, als er es möglicher Weise in Euren Händen seyn kann; und darum müßt ihr nicht niedergeschlagen seyn. In andren Dingen und zwar in solchen, die mehr nach Eurem Geschmack sind, werdet Ihr sehen, daß sie Euch den Vorzug gibt.«

Hurry machte seinem Mißvergnügen mit Brummen Luft; aber er war zu begierig, den See zu verlassen und seine Vorkehrungen hiefür zu treffen, als daß er seinen Athem über einen Gegenstand dieser Art hätte verschwenden sollen. Bald nachher war das Nachtessen bereit, es ward in Schweigen eingenommen, wie es meist die Gewohnheit derjenigen ist, welche die Tafel nur als einen Platz der physischen Erquickung betrachten. Im gegenwärtigen Falle jedoch trugen Traurigkeit und Nachdenken auch ihren Theil zu der allgemeinen Abneigung gegen eine Unterhaltung bei; denn Wildtödter machte in so weit eine Ausnahme von den Gewohnheiten der Leute seiner Gattung, daß er nicht nur gerne bei solchen Gelegenheiten ein Gespräch anknüpfte, sondern oft auch in seiner Gesellschaft dieselbe Lust dazu rege machte.

Nachdem die Mahlzeit zu Ende, und der bescheidene Apparat entfernt war, versammelte sich die ganze Gesellschaft auf der Plattform, um die erwartete Mitteilung von Wildtödter über den Zweck seines Besuchs zu vernehmen. Es war unverkennbar, daß er nicht eilte, seine Mittheilung zu machen; aber Judiths Gefühle duldeten keinen längern Aufschub. Stühle wurden aus der Arche und der Hütte gebracht, und alle Sechse setzten sich in einen Kreis nahe bei der Thüre, und beobachteten Eines des Andern Gesicht, so gut sie es vermochten bei dem spärlichen Licht, das eine liebliche, sternhelle Nacht bot. Die Küste entlang, unter den Bergen, lag die gewöhnliche Masse schwereren Dunkels; aber auf die Breite des See’s fiel kein Schatten und tausend Bilder der Sterne tanzten in dem durchsichtigen Element, das von der Abendluft nur so weit aufgeregt wurde, um sie alle schwankend und bewegt erscheinen zu lassen.

»Jetzt, Wildtödter,« begann Judith, deren Ungeduld keinen weitern Zwang litt; »jetzt, Wildtödter, sagt uns Alles, was die Huronen uns entbieten, und den Grund, warum sie Euch auf Parole entlassen haben, um uns ein Anerbieten zu machen.«

»Urlaub, Judith, Urlaub ist das Wort; und es hat dieselbe Bedeutung bei einem Gefangenen, dem man einige Freiheit gönnt, wie bei einem Soldaten, dem man gestattet, seine Fahnen zu verlassen. In beiden Fällen wird das Wort gegeben, zurückzukommen; und jetzt erinnere ich mich gehört zu haben, daß das die wirkliche Bedeutung ist, da Urlaub so viel heiße als ein Wort, darauf gegeben, daß man etwas thun wolle, oder dergleichen. Parole, glaube ich beinahe, ist holländisch, und hat Etwas mit dem Zapfenstreich der Garnisonen zu schaffen. Aber das macht weiter keinen Unterschied, sintemal die Tugend eines Pfandes in der Idee liegt, und nicht im Wort. Nun denn, wenn die Botschaft ausgerichtet werden muß, so muß sie; und vielleicht nützt es nichts, sie aufzuschieben. Hurry wird verlangend seyn, bald seine Reise an den Fluß anzutreten, und die Sterne gehen auf und unter, als ob sie weder um Indianer noch um Botschafter sich kümmerten, Ach, leider! Es ist keine angenehme, und ich weiß, es ist eine fruchtlose Sendung; – aber doch muß ich meinen Auftrag bestellen.«

»Hört, Wildtödter,« fiel Hurry etwas vornehm und gebieterisch ein; »Ihr seyd ein verständiger Mann auf einer Jagd, und ein so guter Kamerad auf einem Marsch, als sich Einer, der seine sechzig Meilen des Tags macht, nur wünschen mag; aber Ihr seyd entsetzlich langsam mit Botschaften, besonders solchen, wovon Ihr glaubt, daß sie nicht gut dürften aufgenommen werden; wenn etwas gesagt werden muß, nun so sagt es, und haust nicht zurück, wie ein Yankee Advokat, der behauptet, er verstehe eines Holländers Englisch nicht, nur um die doppelten Sporteln von ihm zu bekommen.«

»Ich verstehe Euch, Hurry, und mit Recht tragt Ihr Euren Namen heute Nacht, angesehen, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt. Aber laßt uns mit Einmal zum Hauptpunkt kommen, angesehen, daß dieß der Zweck dieser Berathung ist; denn eine Berathung kann es genannt werden, obschon Weiber unter uns Sitz haben. Die Sache ist einfach diese. Als die Truppe vom Castell zurückkam, hielten die Mingos einen Rath, und schlimme Gedanken walteten vor, wie deutlich zu sehen war aus ihren finstern Gesichtern. Niemand läßt sich gerne schlagen, und eine Rothhaut so wenig, als ein Bleichgesicht. Nun, als sie darüber geraucht, und ihre Reden gehalten hatten, und ihr Rathsfeuer herabgebrannt war, kam die Sache zum Beschluß. Es scheint, die Aelteren unter ihnen waren der Meinung, ich sey ein Mann, den man mit Vertrauen auf Urlaub wegschicken könne. Sie sind wunderbar scharf im Beobachten, diese Mingos, das muß ihnen ihr schlimmster Feind lassen; aber sie waren der Meinung, ich sey ein solcher Mann, und es geschieht nicht oft –« fuhr der Jäger fort, mit einem wohlthuenden Bewußtseyn und Selbstgefühl, daß sein früheres Leben dieß unbedingte Vertrauen zu seiner Redlichkeit rechtfertigte – »es ist nicht oft, daß sie eine gute Meinung haben von einem Bleichgesicht; aber von mir hatten sie sie, und darum bedachten sie sich nicht, ihre Gesinnungen auszusprechen, und die sind so. – Ihr seht den Stand der Dinge. Der See und Alles darauf, bilden sie sich ein, sey ihrer Willkür preisgegeben. Thomas Hutter sey todt, und was Hurry betrifft, so sind sie auf die Idee gekommen, er sey heute dem Tod nahe genug gewesen, um für diesen Sommer nicht zu wünschen, ihn noch einmal so in der Nähe zu sehen. Daher rechnen sie so, alle Eure Streitkräfte beschränken sich auf Chingachgook und die beiden Mädchen, und wie sie wissen, daß der Delaware von hohem Geschlecht und ein geborner Krieger ist, so wissen sie auch, daß er jetzt auf seinem ersten Kriegspfad ist. Was die Mädchen betrifft, so taxiren sie die natürlich eben nur so wie die Weiber überhaupt.«

»Ihr wollt sagen, sie verachten uns!« unterbrach ihn Judith mit Augen, die so leuchtend flammten, daß es allen Anwesenden auffiel.

»Das wird man am Ende sehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkühr preisgegeben sey, und daher senden sie durch mich diesen Gürtel Wampum,« und er zeigte, wie er so sprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren, »mit diesen Worten: Sagt der Schlange, sprachen sie, er hat sich gut gehalten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge sich wenden nach seinen Dörfern, und Niemand soll seiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit sich nehmen; die Tapfern unter den Huronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünscht. Wenn er schnellfüßig ist, so steht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Diensten. Hist aber muß zurück zu den Huronen; als sie sie in der Nacht verließ, nahm sie durch Versehen mit sich, was nicht ihr gehört.«

»Das kann nicht wahr seyn!« sagte Hetty ernst. »Hist ist kein solches Mädchen – sondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt –«

Was sie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wissen, denn Hist, halb lachend, und halb in Beschämung ihr Angesicht versteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun.

»Ihr versteht nicht Mingo-Botschaften, arme Hetty,« fuhr Wildtödter fort, »welche selten das meinen, was dem Anschein nach zu oberst liegt. Hist hat die Neigung eines jungen Huronen mit sich genommen, und sie verlangen sie zurück, damit der arme junge Mann sie wieder da finde, wo er sie zuletzt gelassen! Schlange, sagen sie, ist ein zu vielversprechender junger Krieger, um nicht so viele Weiber zu finden als er verlangt, aber diese Eine kann er nicht haben. Das ist ihre Meinung und nichts Anderes, wie ich es verstehe.«

»Sie sind sehr verbindlich und einsichtsvoll, daß sie voraussetzen, ein junges Weib könne alle ihre eignen Neigungen vergessen, um diesen unglücklichen Jüngling die seinige finden zu lassen!« sagte Judith ironisch; aber im Weitersprechen wurde ihr Ton bitterer. »Ich denke, ein Weib ist ein Weib, sey ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verstehen sich wenig auf das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn sie meinen, es könne je verzeihen, wenn es mißhandelt worden, oder je vergessen, wenn es innig liebt.«

»Ich denke das ist so ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch Solche gekannt, die Beides konnten. Die nächste Botschaft ist an Euch. Sie sagen, die Bisamratze, wie sie Alle Euren Vater nennen, ist untergetaucht in den Grund des See’s; er wird nimmer wieder heraufkommen, und seinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nahrung fehlen. Die Huronen-Hütten, meinen sie, sind besser als die Hütten von York; sie wünschen, daß Ihr kommt und einen Versuch macht. Eure Farbe ist weiß, das gestehen sie zu, aber sie meinen, Mädchen, die so lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich sein Weib verloren, und er würde sich freuen, die Wilde Rose auf ihre Bank an seiner Feuerseite zu setzen. Was die Schwachsinnige betrifft, so wird sie immer geehrt und gut besorgt seyn bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen sie, sollen den Stamm bereichern; aber Eure eigne Habe, worin alle und jede Weibersachen eingeschlossen sind, soll, wie bei allen Weibern, mit in den Wigwam des Mannes kommen. Ueberdieß haben sie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, und es erfordere zwei Bleichgesichter, ihren Platz auszufüllen.«

»Und Ihr bringt mir eine solche Botschaft!« rief Judith, obwohl der Ton, womit sie das sagte, mehr Kummer als Zorn verrieth. »Bin ich ein Mädchen, das eines Indianers Sklavin zu seyn verdient?«

»Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über diesen Punkt zu hören wünscht, Judith, so will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, sey er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum beurtheilen, daß ich die Botschaft so genau als ich nur konnte, in denselben Worten überbrachte, womit sie mir aufgetragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meinen Urlaub bekam, und ein Handel ist ein Handel, sey er auch mit einem Vagabunden geschlossen. Ich habe Euch berichtet, was sie gesagt haben, aber Euch noch nicht gesagt, was nach meiner Meinung Ihr insgesammt antworten solltet.«

»Ja, laßt uns das hören, Wildtödter,« versetzte Hurry. »Meine Neugier ist sehr gespannt bei dieser Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räsonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft, ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entschlossen, und werde sie sobald als nöthig kund thun.«

»Und ich ebenso, Hurry, über alle die verschiednen Hauptpunkte, und über keinen ist meine Ansicht entschiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich sagen: ›Wildtödter, sagt den Schurken drüben, sie kennen Hurry March nicht! Er ist menschlich; und wie er eine weiße Haut hat, so hat er auch eine weiße Natur, und diese Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von seiner Race und von seinen Gaben in ihrer größten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der sich weigert, Eurem Vertrage beizutreten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verschmaucht.‹«

March war etwas verlegen über diesen zurechtweisenden Vorwurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgesprochen ward, und mit einer Schärfe, die seinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Judith aufgemuntert, so hätte er sich nicht bedacht, dazubleiben, um sie und ihre Schwester zu vertheidigen, aber unter den obwaltenden Umständen trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr sie zu verlassen. Jedenfalls besaß Hurry Harry nicht so viel Ritterlichkeit, um sich bewogen zu finden, die Sicherheit seiner eignen Person auf’s Spiel zu setzen, wenn er nicht einen augenfälligen Zusammenhang zwischen den wahrscheinlichen Folgen und seinem eigenen Interesse sah. Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Antwort gleicherweise seine Absicht und die Zuversicht verrieth, welche er so prahlerisch auf seine riesenhafte Stärke setze, die ihn, wo nicht immer muthig, doch gewöhnlich unverschämt machte gegenüber denen, mit welchen er verkehrte.

»Gute Worte erzeugen lange Freundschaften, Meister Wildtödter,« sagte er, ein wenig drohend. »Ihr seyd erst ein junger Laffe, und Ihr wißt aus Erfahrung, was Ihr seyd in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich seyd, sondern nur ein Zwischenträger, von den Wilden an uns Christen gesandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern sagen, daß sie Harry March nicht kennen, was ein Beweis ist sowohl von ihrem Verstand als von dem seinigen. Er ist menschlich genug, um der menschlichen Natur zu folgen, und die heißt ihn die Thorheit davon einsehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich lassen, so müssen sie gefaßt seyn, von ihm im Stich gelassen zu werden, ob sie nun von seinen Gaben, oder von andrer Menschen Gaben seyen. Sollte Judith es passend finden, ihren Sinn zu ändern, so ist sie mir willkommen zur Gesellschaft nach dem Fluß, und Hetty dazu; entschließt sie sich aber dazu nicht, so breche ich auf, sobald ich denken kann, daß die Kundschafter des Feindes für die Nacht im Gebüsch und Laubwerk unterzukriechen anfangen.«

»Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und sie begehrt Eure Gesellschaft nicht, Meister March,« versetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit.

»Der Punkt ist also in’s Reine gebracht,« begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern. »Hurry Harry muß für sich selbst handeln, und thun, was seinem Geschmack am meisten zusagen mag. Die Handlungsweise, zu der er entschlossen scheint, wird ihm auf freies Feld für leichte Füße verhelfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewissen. Dann kommt die Frage, Hist betreffend – was sagt Ihr, Mädchen? – wollt Ihr auch Eure Pflicht verlassen, und zu den Mingo’s zurückgehen, und einen Huronen zum Mann nehmen, und das Alles nicht aus Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen sollt, sondern aus Liebe zu Eurem eignen Skalp?«

»Warum Ihr so sprechen zu Hist?« fragte das Mädchen halb beleidigt. »Ihr denken, ein Rothhautmädchen seyn wie eines Kapitäns Lady, lachen und scherzen mit jedem Officier der kommt.«

»Was ich in dieser Sache denke, darauf kommt Nichts an. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr sie zuerst geben. Ein treuer Bote richtet seinen Auftrag aus, Wort für Wort.«

Hist bedachte sich nicht länger, ihr Herz offen auszusprechen. In ihrer Aufregung stand sie von ihrer Bank auf, und ganz natürlich derjenigen Sprache sich bedienend, in welcher sie sich am leichtesten ausdrückte, erklärte sie sich über ihre Gesinnungen und Absichten, schön und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes.

»Sagt den Huronen, Wildtödter,« sprach sie, »daß sie so unwissend sind wie Maulwürfe; sie wissen nicht den Wolf vom Hund zu unterscheiden. Unter meinem Volke stirbt die Rose auf dem Stengel, auf dem sie entknospet ist; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber seiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen ausgestreut worden ist. Die Delawaren-Mädchen sind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm sendet. Sie sind Gaißblattblüthen, die am süßesten duften in ihren eignen Wäldern; ihre eignen jungen Männer tragen sie an ihrer Brust, weil sie so wohlriechend sind; sie sind am süßesten, wenn man sie von ihren heimischen Stengeln pflückt. Selbst das Rothkehlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Nestern; soll ein Weib weniger treu seyn, als ein Vogel? Setzt die Tanne in Lehmboden, so wird sie gelb; die Weide wird nicht gedeihen auf dem Berge; die Tamariske ist am gesundesten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meinen die Winde zu hören, die über das Salzwasser herwehen. Ein Huronen-Jüngling, was ist er für ein Mädchen vom Lenni Lenape? Er mag flink seyn, aber ihre Augen folgen ihm nicht auf seinem Lauf; sie schauen zurück nach den Hütten der Delawaren. Er mag ein süßes Lied singen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Musik als in der Zunge, der sie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hurone geboren aus dem Volke, das einst umherzog an den Küsten des Salzsee’s, es wäre umsonst, wenn er nicht aus der Familie der Unkas stammte. Die junge Tanne wird so hoch emporwachsen als irgend Einer seiner Väter. Wah-ta!-Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!«

Wildtödter lauschte dieser charakteristischen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernst, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen sie hervorging, mit unverhehlter Freude; und er erwiederte die glühende Beredsamkeit des Mädchens, als sie schloß, mit seinem herzlichen stillen, eigenthümlichen Lachen.

»Das ist mehr werth, als alle Wampums der Welt!« rief er. »Ihr versteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eignen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch sagen lassen, Ihr sollet den Mann Eurer Wahl aufgeben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, so werdet Ihr Euch die Hauptsache schon denken können, dafür steh‘ ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredsamkeit, wenn sie sich nur einmal entschließen, auszusprechen, was sie fühlen. Unter Sprechen verstehe ich aber nicht plaudern, denn das thun die Meisten von ihnen jede Stunde; sondern mit ihren ehrlichen, tiefsten Gefühlen in passenden Worten herausrücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Rothhautmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgesichts bekommen, wenn anders ein so blühendes Gesicht wie das Eurige, irgend so genannt werden darf. Es ist ein schöner Name für Euch: Wilde Rose, und was die Farbe anlangt, sollte man Hetty die Gaißblattblüthe nennen.«

»Käme diese Sprache aus dem Munde eines der galanten Herren von der Garnison, so würde ich sie verlachen, Wildtödter; aber da sie aus Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlassen,« versetzte Judith, im Innersten geschmeichelt durch seine natürlichen und charakteristischen Complimente. »Es ist jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen; die Große Schlange hat noch nicht geredet.«

»Die Schlange! Herr; ich könnte seine Rede ausrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorzulegen, ich gesteh‘ es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angesehen daß Wahrheit eben Wahrheit ist, und ich verpflichtet bin, diesen Mingo’s eben die Thatsache zu berichten, und sonst Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Gesinnung hören über diese Sache – seyd Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wenden über die Berge, Hist einem Huronen abzutreten, und den Häuptlingen zu Hause zu melden: wenn sie rüstig und glücklich seyen, können sie möglicher Weise die Spur der Irokesen noch treffen, zwei oder drei Tage, nachdem der Feind auf und davon ist?«

Wie seine Verlobte stand auch der junge Häuptling auf, um seine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. Hist hatte gesprochen, die Hände über der Brust gekreuzt, als wollte sie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger aber streckte einen Arm vor sich aus, mit einer ruhigen Energie, welche seinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab.

»Wampum sollte gesandt werden für Wampum,« sagte er; »eine Botschaft muß beantwortet werden mit einer Botschaft. Hört, was die große Schlange von den Delawaren zu sagen hat den angeblichen Wölfen von den großen Seen, die durch unsere Wälder heulen. Sie sind keine Wölfe; sie sind Hunde, die gekommen sind, sich ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delawaren stutzen zu lassen. Sie sind gut, junge Weiber zu stehlen, aber schlecht, sie zu verwahren und zu behaupten. Chingachgook nimmt sein Eigenthum, wo er es findet, – er fragt keinen Köter aus den Canada’s um Erlaubniß dazu. Wenn er ein zärtliches Gefühl in seinem Herzen hat, so geht das die Huronen Nichts an. Er sagt es ihr, die es am liebsten hört; er will es nicht in den Forst hinausbellen für die Ohren derjenigen, die nur das Geschrei der Angst verstehen. Was in seiner Hütte vorgeht, gebührt nicht einmal den Häuptlingen seines eigenen Volkes zu wissen, viel weniger den Mingo-Schuften.« –

»Nennt sie Vagabunden, Schlange,« unterbrach ihn Wildtödter, der seine Freude nicht zu zügeln vermochte – »ja nennt sie nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort ist, das sich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßtesten, weil es so wahr ist. Seyd unbesorgt wegen meiner; ich will Eure Botschaft an sie bestellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz – und sie verdienen nichts Besseres von Euch. – Nennt sie nur Vagabunden, ein oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen steigen machen von den untersten Wurzeln bis in die höchsten Zweige!«

»Viel weniger den Mingo-Vagabunden!« fuhr Chingachgook fort, gerne bereit, seines Freundes Verlangen zu willfahren. – »Sagt den Huronen-Hunden, sie müssen lauter heulen, wenn sie wünschen, daß ein Delaware sie in den Wäldern finde, wo sie sich verkriechen wie Füchse, statt zu jagen wie Krieger. Als sie ein Delawarenmädchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, sie aufzujagen; jetzt wird man sie vergessen, wenn sie nicht Lärm machen. Chingachgook mag sich nicht die Mühe nehmen, von seinen Dörfern mehr Krieger herbeizuholen; er kann ihren flüchtigen Zug schon treffen; wenn sie sich nicht unter dem Boden verstecken, wird er sie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah-ta!-Wah bei sich behalten, sein Wildpret zu kochen; sie Beide werden Delawaren genug seyn, um alle Huronen in ihr Land zurückzuscheuchen.«

»Das ist eine wichtige Depesche, wie die Officiere diese Dinge nennen!« rief Wildtödter; »sie wird alles Blut der Huronen in Bewegung bringen; ganz besonders der Theil, wo er ihnen sagen läßt, auch Hist werde ihnen nachsetzen, bis sie völlig aus dem Lande getrieben seyen. Ach, ja freilich! große Worte sind nicht immer große Thaten, bei alle dem! der Herr gebe, daß wir nur halb so tüchtig zu seyn vermögen, als wir verheißen! Und jetzt, Judith, ist die Reihe an Euch, zu reden; denn die Elenden werden eine Antwort erwarten von jeder Person, die arme Hetty vielleicht ausgenommen.«

»Und warum nicht von Hetty, Wildtödter? Sie spricht oft vernünftig und passend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, denn sie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zustand.«

»Das ist wahr, Judith, und ein rascher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhäute achten das Unglück in jeder Gestalt, und namentlich das Hetty’s. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu sagen habt, so will ich es den Huronen so getreulich ausrichten, als wären es die Worte eines Schulmeisters oder Missionärs.«

Das Mädchen bedachte sich einen Augenblick, und dann antwortete sie in ihrem sanften, milden Tone, so ernst als nur Einer unter ihren Vorgängern: »Die Huronen müssen den Unterschied zwischen weißen Leuten und ihnen selbst nicht begreifen können,« sagte sie, »sonst würden sie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen sollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgesondert für uns leben. Dann sagte auch Mutter immer, wir sollten wo möglich nur immer unter Christen leben, und das ist ein Grund, warum wir nicht gehen können. Dieser See ist unser, und wir wollen ihn nicht verlassen. Vaters und der Mutter Gräber sind darin, und selbst die schlechtesten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und sie sehen, wenn sie das von mir verlangen, und ihnen noch Mehr aus der Bibel vorlesen, aber des Vaters und der Mutter Grab kann ich nicht verlassen.«

»Das ist recht, das ist recht, Hetty, gerade so gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal so lange Botschaft schicktet,« unterbrach sie der Jäger. »Ich will ihnen Alles sagen, was Ihr gesprochen habt und was Ihr meint, und ich stehe dafür, daß sie leicht befriedigt seyn werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch, und dann ist dieser Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende.«

Judith zeigte ein Widerstreben, ihre Antwort zu geben, das ein Wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem bekannten lebhaften Geist urtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen und Grundsätzen nicht minder treu bleiben werde, als Hist oder Hetty; und doch war eine merkliche, schwankende Unentschlossenheit bei ihr sichtbar, die ihm einige Unruhe machte. Selbst jetzt, wo er sie geradezu aufforderte zu sprechen, schien sie sich zu bedenken, und sie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe Schweigen ihr zeigte, mit welcher Spannung man auf ihre Worte warte. Da sprach sie zwar, aber unsicher und mit Widerstreben.

»Sagt mir erst – sagt uns erst, Wildtödter,« begann sie, die Worte wiederholend, nur um den Nachdruck anders zu setzen – »welchen Einfluß werden unsere Antworten auf Euer Schicksal haben? Wenn Ihr das Opfer unserer trotzigen Keckheit seyn solltet, so wäre es besser gewesen, wenn wir Alle eine bedächtlichere und schlauere Sprache geführt hätten. Was also werden denn wohl die Folgen für Euch seyn?«

»Herr im Himmel, Judith. Ihr könntet mich eben so gut fragen, woher der Wind wehen werde in der nächsten Woche, oder wie alt das nächste Wild sey, das geschossen werde! Ich kann nur sagen, daß ihre Gesichter mich etwas finster anschauen; aber es donnert nicht jedesmal, wenn eine schwarze Wolke am Himmel aufsteigt, auch weht nicht jeder Windstoß Regen zusammen. Das ist somit eine Frage, die viel leichter zu machen als zu beantworten ist.«

»So ist es auch mit dieser Botschaft der Irokesen an mich,« versetzte Judith, aufstehend, als wäre sie für den Augenblick über ihre Handlungsweise entschieden. »Meine Antwort werde ich geben, Wildtödter, nachdem wir, Ihr und ich, miteinander gesprochen, und die Andern sich für die Nacht zur Ruhe begeben haben.«

Es war eine Entschiedenheit in dem ganzen Wesen des Mädchens, welche Wildtödter geneigt machte, sich dieß gefallen zu lassen, und er that dieß um so leichter, als der Aufschub nach keiner Seite hin wesentliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Versammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte seinen Entschluß an, sie bald zu verlassen. Während der Stunde, die man noch verstreichen ließ, damit inzwischen noch stärkere Dunkelheit eintrete, bis der Grenzmann aufbrach, machten sich die verschiedenen Individuen Jedes in seiner gewohnten Art zu schaffen, und der Jäger insbesondere brachte die meiste Zeit damit zu, die Trefflichkeit der schon erwähnten Büchse noch weiter zu untersuchen.

Die Stunde Neun kam jedoch bald heran, und dann, so war es bestimmt, sollte Hurry seine Reise antreten. Statt seinen Abschied freimüthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zu sagen nöthig fand, mürrisch und kalt vor. Erbitterung über Judiths Hartnäckigkeit, wie er es ansah, war gemischt mit Kränkung und Verdruß über die Begegnisse, die ihm zugestoßen, seit er den See erreicht hatte; und wie es gewöhnlich ist bei gemeinen und engherzigen Menschen, war er mehr geneigt, Andern wegen seiner Mißgeschicke Vorwürfe zu machen, als sich selbst zu tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebensosehr aus Freude als mit Bedauern, während die beiden Delawaren ohne Leidwesen erfuhren, daß er sie verlassen wolle. Unter der ganzen Gesellschaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verschämtheit und die Schüchternheit ihres Geschlechts und Charakters hielten auch sie einigermaßen entfernt, so daß Hurry in das Canoe trat, wo Wildtödter schon seiner wartete, ehe sie sich nahe genug heran wagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende gerade als die kleine Barke von ihr abstieß mit so leichter und stetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty sprach:

»Lebt wohl, Hurry,« rief sie mit ihrer süßen Stimme – »lebt wohl, lieber Hurry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis ihr die Garnison erreicht. Die Blätter auf den Bäumen sind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und sie würden einen starken Mann nicht so mild behandeln, wie sie mich behandeln.«

Die fesselnde Anziehungskraft, welche March für dieß schwachsinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten besaß, beruhte auf einem Gesetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen seiner Person; und ihr moralischer Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug gewesen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der sonst allerdings, selbst bei einem Wesen von so stumpfen Geisteskräften, hätte vermindert werden müssen. Hetty’s Instinkt für das Rechte, wenn ein solcher Ausdruck gebraucht werden darf von einem Wesen, das von einem guten Geist geleitet zu werden schien, um mit nie irrender Genauigkeit zwischen Gut und Böse dahinzusteuern, würde über tausend Punkte in Hurry’s Charakter sich empört haben, wäre Gelegenheit gewesen, sie darüber aufzuklären; aber während er, von ihr selbst sich ferner haltend, mit ihrer Schwester plauderte und tändelte, hatten seine vollendet schöne Gestalt und seine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zusatz und die Legirung seiner Gesinnungen und seiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand sie ihn roh und derb; aber das war auch ihr Vater, und die meisten andern Männer, die sie gesehen; und was ihr als eine Eigenthümlichkeit des ganzen Geschlechts erschien, fiel ihr in Hurry’s Charakter weniger ungünstig auf, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Doch war es nicht eigentlich Liebe, was Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dieß nicht in unserer Schilderung finden, sondern nur die erwachende Empfänglichkeit des Gefühls und Bewunderung, die, unter günstigeren Verhältnissen, und immer vorausgesetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinsichtlich des Charakters des jungen Mannes hindernd dazwischengekommen wären, bald zu jener allbeherrschenden Leidenschaft hätten heranreifen können. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenschaft. Vielleicht die stärkste Annäherung zu letzterer, die sich in Hetty’s Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die sie hatte March’s Vorliebe für ihre Schwester entdecken lassen; denn, bei den zahlreichen Bewunderern Judiths war dieß das einzige Mal, daß der umwölkte Geist des Mädchens die zur Beobachtung der Verhältnisse erforderliche Schärfe aufgeboten hatte. Man hatte Hurry bei seinem Aufbruch so wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty’s, wie sie ihm so nachrief, ihm ganz wohlthuend und tröstlich klangen. Er hielt das Canoe auf, und mit einem Schwung seines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war Mehr, als Hetty, deren Muth mit dem Weggehen ihres Helden gestiegen war, erwartet hatte, und sie bebte jetzt schüchtern zurück bei seiner unverhofften Rückkehr.

»Ihr seyd ein gutes Mädchen, Hetty, und ich kann Euch nicht ohne ein Händeschütteln verlassen,« sagte March freundlich. «Judith ist am Ende nicht so viel werth als Ihr, obgleich sie um eine Kleinigkeit besser aussehen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit und Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verstand bei einem jungen Weib ist, so wiegt Ihr zehn Judiths auf; ja und in Wahrheit die meisten Mädchen meiner Bekanntschaft.«

»Sagt Nichts gegen Judith, Harry,« erwiederte Hetty in bittendem Tone. »Vater ist todt, und Mutter ist todt, und Niemand ist übrig, als Judith und ich, und es ist nicht recht, wenn Schwestern übel von einander reden, oder zuhören, wenn man so redet. Vater ist im See, und Mutter auch, und wir sollten Alle Gott fürchten, denn wir wissen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden.«

»Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiste, was Ihr sprecht. Nun, wenn wir uns je wieder sehen, Hetty, so werdet Ihr einen Freund an mir finden, thue auch Eure Schwester was sie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich gesteh‘ es, denn wir dachten verschieden über die meisten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, und ich, paßten für einander so prächtig, wie ein hirschlederner Anzug einem wohlgebauten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung gewesen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um seinetwillen, wie Euretwillen.«

»Lebt wohl, Hurry,« sagte Hetty, die jetzt so sehnlich wünschte, den jungen Mann bald fortzubringen, als sie noch vor einem Augenblick gewünscht hatte, ihn zurückzuhalten, obgleich sie sich vom einen Gefühl so wenig als vom andern klare Rechenschaft zu geben wußte; »lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Euch nicht auf, bis Ihr die Garnison erreicht. Ich will ein Kapitel in der Bibel für Euch lesen, eh‘ ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken.«

Dieß hieß einen Punkt berühren, rücksichtlich dessen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte schüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand und begab sich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa sechs Minuten hatte man sie schon ganz aus dem Gesicht verloren. Hetty seufzte tief, und trat zu ihrer Schwester und Hist.

Eine Zeit lang ruderten Wildtödter und sein Genosse schweigend fort. Es war beschlossen worden, Hurry gerade an dem Landvorsprung ans Land zu setzen, wo er sich, wie wir im Anfang unsrer Erzählung berichtet, eingeschifft hatte; nicht nur weil dieser Platz von den Huronen schwerlich so genau bewacht wurde, sondern auch weil Hurry auf diesem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertraut war, um auch bei Nacht sich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin steuerte denn das leichte Fahrzeug, so emsig und rasch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe-Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Wasser treiben konnten. Weniger als eine Viertelstunde genügte für ihr Vorhaben, und als sie nach Verfluß dieser Zeit sich im Bereich der Schatten der Küste, und ganz nahe dem gesuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abschiedsbesprechung außer der Gehörweite irgend eines Lauschers, der etwa in der Nähe seyn konnte, zu halten. «Ihr werdet wohl daran thun, die Officiere der Garnison zu bereden, daß sie einen Streifzug gegen diese Vagabunden unternehmen, sobald Ihr hineinkommt, Hurry,« begann Wildtödter; »und noch besser, wenn Ihr sie selbst als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Gestalt des See’s, und die Natur des Landes, und könnt es besser thun, als ein gewöhnlicher, allgemeiner Kundschafter. Geht zuerst auf das Lager der Huronen los, und folgt den Zeichen, die sich Euch dann darbieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zustand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine schöne Gelegenheit seyn, den Mingo’s auf die Fährte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zu machen, den sie lange genug mit sich herumtragen sollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterschied machen für mich, denn diese Sache wird abgemacht seyn, ehe die Sonne des morgenden Tages unter ist; aber es kann eine große Aenderung für Judiths und Hettys Hoffnungen und Aussichten bewirken!«

»Und was Euch selbst angeht, Nathaniel,« erkundigte sich Hurry mit größerer Theilnahme, als er sonst für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte – »und was Euch selbst betrifft, was haltet Ihr für wahrscheinlich, daß Euch widerfahren werde?«

»Das weiß der Herr allein in seiner Weisheit, Henry March! Die Wolken sehen schwarz und drohend aus, und ich setze mein Gemüth in Verfassung, das Schlimmste zu erdulden. Rachsüchtige Gefühle herrschen vor in den Herzen der Mingo’s, und jede kleine Täuschung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangnen, oder Hist’s, kann die Marter zur Gewißheit machen. Der Herr in seiner Weisheit allein kann mein Schicksal bestimmen, oder das Eure!«

»Das ist ein schwarzer Handel, und sollte in irgend einer Art und Weise gehemmt werden,« versetzte Hurry, die Unterscheidungen zwischen Recht und Unrecht verwechselnd, wie gewöhnlich bei selbstsüchtigen und gemeinen Menschen der Fall ist. »Ich wünschte von Herzen, der alte Hutter und ich hätten jede Creatur in ihrem Lager skalpirt in der Nacht, da wir zuerst mit diesem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht gesträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen; dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der desperaten Lage gefunden, von der Ihr sprecht.«

»Besser hättet Ihr gesagt, Ihr wünschet, daß Ihr gar nie zu thun versucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben schlecht geziemt; in diesem Falle wäre uns nicht nur vielleicht jeder Kampf erspart geblieben, sondern Thomas Hutter würde auch jetzt noch leben, und die Herzen der Wilden würden nicht so rachgierig seyn. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, war eine unberufene That, und läßt eine schwere Last auf unserm Namen, wo nicht auf unserm Gewissen zurück!«

Dieß war so klar, und es leuchtete im Augenblick Hurry selbst so ein, daß er das Ruder ins Wasser tauchte, und anfing, das Canoe der Küste zuzurudern, als strebte er nur seiner eignen, lebhaften Reue zu entfliehen. Sein Begleiter gab diesem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, sein Bündel und seine Büchse schultern, und sich marschfertig machen, dieß Alles war für Hurry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollenden Abschied hatte er schon seinen Marsch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, und augenblicklich darauf befand er sich wieder an der Seite des Andern.

»Ihr könnt doch nicht gemeint seyn, Euch wieder in die Hände der mörderischen Wilden zu liefern, Wildtödter!« sagte er, ebenso sehr in zorniger Abmahnung als mit edlem Gefühl. «Es wäre die That eines Wahnsinnigen oder eines Thoren!«

»Es gibt Leute, die es für Wahnsinn halten, seinem Wort treu zu seyn, und Solche, die es nicht dafür halten, Hurry Harry. Ihr mögt Einer von den Ersteren seyn, ich gehöre zu den Letztern. Keine Rothhaut auf der Welt soll sagen können, daß ein Mingo sein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß zurückkehren vor morgen Mittag.«

»Was ist ein Indianer, oder ein gegebnes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Creaturen wie diese, die weder Seelen noch Namen haben?«

»Wenn sie weder Seelen noch Namen haben, so haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine ist für den andern verantwortlich. Dieser Urlaub ist nicht, wie Ihr zu wähnen scheint, ganz nur eine Sache zwischen mir und den Mingo’s, angesehen, daß es ein feierlicher Pakt ist, zwischen mir und Gott geschlossen. Wer da glaubt, er könne sagen was ihm beliebt in seiner Noth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde gesprochen ist, und ins Ohr der rothen Männer, versteht Wenig von seiner Lage, von seinen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Worte sind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft ist sein Athem, und das Licht der Sonne ist wenig Mehr, als ein Blick seines Auges. Lebt wohl, Harry! wir sehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünschen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder sonst eine feierliche Zusage, wobei Euer christlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine so leichte Pflicht behandelt, daß man sie vergessen dürfte nach den Bedürfnissen des Leibes, oder auch nach den Gelüsten des Geistes.«

March war jetzt wieder froh, loszukommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Gesinnungen einzugehen, die seinen Genossen adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veranlassen könne, so zu sagen in sein eignes Verderben zu rennen. Wildtödter dagegen zeigte keine solche Aufregung. Aufrecht gehalten durch seine Grundsätze, unbeugsam in dem Entschluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles was ihm bevorstand als eine Art Nothwendigkeit, und dachte so wenig daran, einen unwürdigen Versuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beschlüssen der Vorsehung entgegen zu handeln. Er stand ruhig auf der Küste, dem sorglosen Schritt horchend, womit Hurry seine Wanderung durch die Gebüsche verrieth, schüttelte den Kopf im Mißvergnügen über diesen Mangel an Vorsicht, und trat dann ruhig in sein Canoe. Ehe er die Ruderschaufel wieder in’s Wasser tauchte, sah sich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die sich ihm in der sternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerst sein Auge auf den schönen Wasserspiegel gefallen war, auf dem er jetzt schwamm. War er damals prächtig in dem hellen Licht eines Sommermittags, so war er jetzt trüb und melancholisch unter den Schatten der Nacht. Die Berge stiegen rings um ihn her empor wie schwarze Mauern, um die Welt draußen auszuschließen, und die Streifen blassen Lichts, die noch auf den breiteren Theilen des See’s ruhten, waren keine übeln Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur so dämmernd noch über seiner Zukunft sichtbar waren. Schwer seufzend drängte er das Canoe vom Lande weg, und ruderte mit stetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Castell zu.