Sechszehntes Kapitel.

Sechszehntes Kapitel.

Von Sonnschein du dem Thale bringst –
Von Blumen süße Kunden;
Mir aber du ein Mährchen singst
Von geisterhaften Stunden.
Wordsworth.

Die am Schluß des vorigen Kapitels gemeldete Entdeckung war in Wildtödters und seines Freundes Augen von großer Bedeutung. Fürs Erste war die Gefahr, ja beinahe die Gewißheit vorhanden, daß Hutter und Hurry einen neuen Versuch gegen dieß Lager unternehmen würden, falls sie aufwachten und dessen Position erkannten. Dann war es bedenklicher zu landen, um Hist aufzunehmen, und dann mußte auch überhaupt Unsicherheit und mußten weitere schlimme Wechselfälle die Folge des Umstandes seyn, daß ihre Feinde angefangen, ihre Stellung zu ändern. Da der Delaware wußte, daß die Stunde nahe war, wo er an dem verabredeten Punkte sich einstellen sollte, dachte er nicht weiter an Trophäen, die er seinen Feinden abziehen wollte, und eine der ersten Verabredungen zwischen ihm und seinem Genossen war die, die beiden Andern fortschlafen zu lassen, damit sie nicht die Ausführung ihres Plans durch einen neuen, von ihnen ausgesonnenen, durchkreuzten und vereitelten. Die Arche rückte langsam vor, und hatte in diesem Verhältniß der Schnelligkeit eine volle Viertelstunde gebraucht, den Landvorsprung zu erreichen, wodurch sie Zeit zu weiterem Bedenken gewannen. Die Indianer, in der Absicht, ihr Feuer dem Auge der im Castell (nach ihrem Wahne) Befindlichen zu entziehen, hatten es so nahe der südlichen Küste des Vorsprungs angezündet, daß es äußerst schwer hielt, hinter den Büschen die Aussicht zu versperren, obgleich Wildtödter die Richtung der Fähre nach Rechts und Links veränderte, in der Hoffnung dieß bewirken zu können.

»Einen Vortheil hat es, Judith, daß wir das Feuer so nahe beim Wasser finden,« sagte er, während er diese kleinen Manöuvers ausführte: »es zeigt uns, daß die Mingo’s uns in der Hütte glauben, und daß unser Herankommen von dieser Seite ein Ereigniß ist, das sie nicht erwarten. Aber es ist ein Glück, daß Harry March und Euer Vater schlafen, sonst würden sie wieder auf Skalpe Jagd machen wollen. Ha! so – jetzt fangen die Büsche an, das Feuer dem Auge zu entziehen – und jetzt sieht man es gar nicht mehr!«

Wildtödter wartete eine Weile, um sich zu versichern, daß er die gewünschte Stellung eingenommen, worauf er das verabredete Signal gab, und Chingachgook den Anker auswarf und das Segel herunterließ.

Die Lage, in welcher sich die Arche jetzt befand, hatte ihre Vortheile und ihre Nachtheile. Das Feuer war dem Auge dadurch entzogen worden, daß man der Küste entlang hinsteuerte, und dadurch war man dieser vielleicht näher, als wünschenswerth, gekommen. Aber man wußte, daß weiter einwärts im See das Wasser sehr tief war, und unter den Umständen, worin die Gesellschaft sich befand, war es, wenn immer möglich, zu vermeiden, in tiefem Wasser den Anker zu werfen. Man glaubte auch, es könne auf Meilen weit kein Floß um den Weg seyn; und obgleich die Bäume in der Dunkelheit beinahe auf die Fähre hereinzuhängen schienen, war es doch Wohl nicht leicht, sich ihr zu nähern und an Bord zu kommen, ohne sich eines Bootes zu bedienen. Auch die dichte Finsterniß, welche mit dem Wald verschwistert herrschte, diente als ein wirksamer Schirm und Schild, und so lang man sich recht hütete, kein Geräusch zu machen, war wenig oder keine Gefahr, entdeckt zu werden. Auf dieß Alles machte Wildtödter Judith aufmerksam, und unterwies sie, was sie zu thun hätte, falls Lärm entstände; denn man erachtete es für undienlich im höchsten Grade, die Schläfer zu wecken, außer im allerdringendsten Nothfall.

»Und jetzt, Judith, da wir einander verstehen, ist es Zeit, daß Schlange und ich uns in das Canoe begeben,« schloß der Jäger. »Der Stern ist zwar noch nicht aufgegangen, aber er muß jetzt bald kommen, obwohl heute Nacht schwerlich Einer von uns wird viel von ihm zu sehen bekommen vor den Wolken. Jedoch Hist hat einen entschlossenen und klugen Geist, und sie gehört zu Denen, die nicht gerade immer nöthig haben, Etwas vor Augen zu haben, um es zu sehen. Ich stehe Euch dafür, sie fehlt nicht um zwei Minuten und nicht zwei Fuß breit, wenn nicht die eifersüchtigen Vagabunden dort, die Mingo’s, aufmerksam geworden sind, und sie hingesetzt haben als eine Locktaube, um uns zu fangen, oder sie fortgeschleppt und versteckt, um sich gefaßt zu machen auf einen Huronen, statt eines Mohikan, zum Gatten.«

»Wildtödter,« unterbrach ihn das Mädchen ernst; »das ist ein sehr gefährlicher Dienst; warum befaßt Ihr Euch überhaupt damit?«

»Ha! Nun, Ihr wißt ja, Mädchen, wir wollen Hist, der Schlange Verlobte abholen, das Mädchen, das er zu heirathen gedenkt, sobald wir zu dem Stamm zurückkommen.«

»Das ist Alles recht für den Indianer – aber Ihr gedenkt nicht Hist zu heirathen – Ihr seyd nicht verlobt, und warum sollen Zwei ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um zu thun, was Einer ebenso gut vollbringen kann?«

»Ha! – jetzt verstehe ich Euch, Judith – ja, jetzt fang‘ ich an Eure Idee zu fassen. Ihr denkt, da Hist Chingachgooks Verlobte sey, wie sie es nennen, und nicht die meinige, so sey es ganz und gar seine Sache; und da Ein Mann ein Canoe rudern könne, so sollte man ihn allein nach dem Mädchen ausziehen lassen. Aber Ihr vergeßt, das ist unser Vorhaben hier, am See, und es nähme sich schlimm aus, ein Vorhaben zu vergessen, gerade wenn das Mißlichste kommt. Dann, wenn die Liebe bei manchen Leuten, besonders bei jungen Weibern, so Viel gilt und erklärt, so gilt bei manchen Andern auch die Freundschaft Etwas, Ich glaube wohl, der Delaware kann allein ein Canoe rudern und allein Hist abholen, und vielleicht wäre er es ebenso zufrieden, als wenn ich ihn begleite; aber er könnte allein nicht ebenso List mit List begegnen, oder einen Hinterhalt aufstöbern, oder mit den Wilden kämpfen, und zugleich sein Liebchen davon führen, als wenn er einen Freund bei sich hat, auf den er sich verlassen kann, wenn auch dieser Freund kein Besserer ist als ich. Nein – nein – Judith, Ihr würdet nimmermehr in einem solchen Augenblick Jemand verlassen, der auf Euch gezählt hätte, und Ihr könnt es billigermaßen auch von mir nicht erwarten.« »Ich fürchte – ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter, und doch wünsche ich, Ihr gienget nicht! Versprecht mir wenigstens Eines, und das ist: Euch nicht unter die Wilden zu wagen und nicht Mehr zu thun, als das Mädchen zu retten! Das wird für Einmal genug seyn, und damit solltet Ihr Euch zufrieden geben.«

»Gott tröste Euch, Mädchen; man sollte glauben, es sey Hetty, die so spreche, und nicht die raschbesonnene, wunderbare Judith Hutter! Aber Furcht macht die Weisen einfältig, und die Starken schwach. Ja, davon hab‘ ich oft und viel Beweise gesehen! Nun, es ist gütig und sanftherzig von Euch, Judith, solche Theilnahme zu fühlen für ein Mitgeschöpf, und ich werde es immer sagen, daß Ihr wohlwollend und von treuem Gefühl seyd, mögen die, die Euer schönes Aussehen beneiden, so viel müssige Mährchen von Euch erzählen, als sie Lust haben.«

»Wildtödter!« unterbrach ihn das Mädchen hastig, aber beinahe erstickt von ihrer heftigen Gemüthsbewegung; »glaubt Ihr Alles, was Ihr von einem armen, mutterlosen Mädchen hört? Soll die schändliche Zunge Harry Hurry’s mein Leben vergiften?«

»Nicht so, Judith, nicht so. Ich habe Hurry gesagt, es sey nicht mannhaft, diejenigen hinterrücks zu beißen, die er nicht durch offene Mittel gewinnen könne; und daß selbst ein Indianer immer rücksichtlich ist in Bezug auf den guten Namen eines jungen Weibes.«

»Wenn ich einen Brüder hätte, sollte er sich nicht erfrechen es zu thun!« rief Judith mit feuersprühenden Augen. »Aber da er mich ohne einen Beschützer findet, außer einem alten Mann, dessen Ohren ebenso stumpf zu werden anfangen als seine Gefühle, steht ihm allerdings frei zu thun, was ihm beliebt.«

»Nicht so ganz, Judith; nein, das doch nicht so ganz! Kein Mann, Bruder oder Fremder würde ruhig dabei stehen und zusehen, wie ein so schönes Mädchen wie Ihr verunglimpft und herabgerissen würde, ohne ein Wort zu ihren Gunsten zu sagen. Es ist Hurry Ernst mit dem Wunsch, Euch zu seinem Weibe zu bekommen, und das Wenige, was er zu Eurem Nachtheil äußert, kommt wohl mehr von Eifersucht her, als von einem andern Beweggrund. Lächelt ihm zu, wenn er erwacht, und drückt ihm die Hand nur halb so stark, als ihr die meinige vor einer Weile drücktet, und ich setze mein Leben darauf, der arme Kerl wirb Alles vergessen außer Eurem hübschen Gesicht, Heiße Worte kommen nicht immer aus dem Herzen, sondern öfter aus dem Magen, als sonst woher. Versucht es mit ihm, Judith, wenn er erwacht, und erkennt dann die Kraft und Tugend eines Lächelns!«

Wildtödter lachte auf seine Weise, als er schloß, und dann gab er dem geduldig aussehenden, aber innerlich sehr ungeduldigen Chingachgook seine Bereitwilligkeit zum Aufbruch zu erkennen. Als der junge Mann in das Canoe trat, stand das Mädchen regungslos wie Stein, versunken in das Nachsinnen, das die Sprache und das Benehmen des Andern wohl in ihr hervorrufen mochten. Die Einfachheit und Treuherzigkeit des Jägers hatte sie völlig getäuscht; denn in ihrer engen Sphäre war Judith Meisterin in Behandlung des andern Geschlechts; obwohl sie im gegenwärtigen Falle, bei Allem was sie gesagt und gethan, weit mehr durch unwillkürliche Gefühle als durch Berechnung war geleitet worden. Wir wollen nicht läugnen, daß einige von Judiths Betrachtungen bitter gewesen, obwohl wir auf den weitern Verlauf der Erzählung verweisen müssen, wo sich herausstellen wird, wie verdient oder wie heftig ihre Leiden waren.

Chingachgook und sein Bleichgesichtsfreund schickten sich zu ihrem gewagten und delikaten Unternehmen mit einer Kaltblütigkeit und Umsicht an, die Männern Ehre gemacht hätte, welche sich auf ihrem zwanzigsten, statt auf dem ersten, Kriegszug befanden. Der Indianer, wie seinem Verhältnis zu der schönen Flüchtigen geziemte, deren Dienst sie sich so zu sagen geweiht hatten, nahm seinen Platz vorn in dem Canoe ein, während Wildtödter dessen Bewegungen vom Hintertheil aus lenkte. Vermöge dieser Anordnung mußte Jener zuerst landen, und mithin auch zuerst seiner Geliebten entgegen treten. Der Andere hatte seinen Possen ohne weitere Bemerkung eingenommen, insgeheim jedoch geleitet von dem Gedanken, daß Einer, der so Viel auf dem Spiele stehen hatte, wie der Indianer, wohl schwerlich das Canoe mit derselben Stetigkeit und Einsicht würde steuern können, wie Einer, der mehr Herrschaft über seine Gefühle besaß. Von dem Augenblick an, wo sie von der Arche abstießen, glichen die Bewegungen der beiden Abenteurer den Manövern von trefflich dressirten Soldaten, die zum erstenmal berufen sind, dem Feind im Feld zu begegnen. Bis jetzt hatte Chingachgook noch nie einen Schuß in ernstem Kampfe abgefeuert, und das Probestück seines Kriegskameraden ist dem Leser bekannt. Zwar war der Indianer gleich bei seiner ersten Ankunft einige Stunden um das Lager des Feindes herumgestrichen, und hatte sich sogar, wie im vorigen Capitel erzählt worden, hineingewagt, aber beide Versuche waren ohne Folgen geblieben. Jetzt war gewiß, daß entweder ein wichtiges Ergebniß erzielt werden, oder ein schmerzliches Mißlingen der Ausgang seyn mußte. Die Befreiung oder die fortdauernde Gefangenschaft Hist’s hing von dem Unternehmen ab. Mit Einem Wort, es war in der That die Jungfern-Expedition dieser zwei ehrgeizigen jungen Waldkrieger, und während der Eine dabei beseelt wurde von Gefühlen, welche gewöhnlich Männer auf diese Bahn spornen, waren bei beiden alle Empfindungen des Stolzes und der Mannhaftigkeit rege in dem Eifer, einen guten Erfolg zu gewinnen.

Statt gerade auf den Landvorsprung los zu steuern, der jetzt nicht mehr eine Viertelstunde von der Arche entfernt war, lenkte Wildtödter das Vordertheil seines Canoes schräg gegen den Mittelpunkt des Sees, in der Absicht, eine Stellung zu gewinnen, von der aus er sich der Küste nähern könnte, so daß er die Feinde bloß vor sich hätte. Die Stelle, wo Hetty gelandet, und wo Hist versprochen hatte, sich einzufinden, war zudem eher auf der höhern als auf der niedern Seite des Vorsprungs; und um sie zu erreichen, hätten die zwei Abenteurer beinahe den ganzen Vorsprung dicht an der Küste hin umfahren müssen, hätten sie nicht jenen Schritt, um dem Vorzubeugen, gethan. So gut ward die Notwendigkeit dieser Maßregel begriffen, daß Chingachgook ruhig fortruderte, obgleich der Andere es gethan hatte, ohne ihn zu befragen, und dem Anschein nach das Canoe in eine Richtung brachte, welche der von ihm eigentlich, wie man hätte denken sollen, gewünschten, fast entgegengesetzt war. Wenige Minuten jedoch genügten, das Canoe so weit als nöthig zu fördern, wo dann beide junge Männer wie in instinktmäßiger Uebereinkunft zu rudern aufhörten und das Boot stehen blieb.

Die Dunkelheit nahm eher zu als ab, aber es war von dem Punkt aus, wo die Abenteurer sich befanden, doch noch möglich, die Umrisse der Berge zu unterscheiden. Umsonst wandte Wildtödter den Kopf nach Osten, um des verabredeten Sternes ansichtig zu werden; denn obgleich in dieser Himmelsgegend die Wolken in der Nähe des Horizonts sich ein wenig öffneten, blieb doch der Vorhang noch so dicht vorgezogen, daß er Alles dahinter ganz verbarg. Vor ihnen lag, wie man aus der Formation des Landes darüber und dahinten wußte, der Vorsprung in einer Entfernung von etwa tausend Fuß. Von dem Castell sah man keine Spur, auch konnte seine Bewegung, die auf jenem Theile des Orts vorging, vom Ohr vernommen werden. Der letztere Umstand mochte eben sowohl von der Entfernung, die einige Meilen betrug, als von der Thatsache herrühren, daß sich wirklich nichts bewegte. Die Arche, die von dem Canoe freilich kaum entfernter lag, als der Landvorsprung, war so vollständig in dem Schatten der Küste versenkt, daß sie nicht sichtbar gewesen seyn würde, wäre es auch um viele Grade Heller gewesen, als der Fall war.

Die Abenteurer hielten jetzt mit leiser Stimme eine Besprechung und beriethen sich, welche Zeit es wohl seyn möchte. Wildtödter meinte, es fehlten noch einige Minuten bis zur Zeit des Aufgangs des Sternes, während die Ungeduld des Häuptlings ihm die Nacht weiter vorgerückt erscheinen und ihn glauben ließ, seine Verlobte harre schon an der Küste seiner Ankunft. Wie man erwarten konnte, siegte des Letztern Meinung, und sein Freund schickte sich an, auf den verabredeten Platz loszusteuern. Die äußerste Vorsicht und Geschicklichkeit war jetzt bei der Handhabung und Leitung des Canoes nothwendig. Die Ruderschaufeln wurden aufs geräuschloseste emporgehoben und wieder in’s Wasser gesenkt; und als sie sich auf zweihundert Fuß dem Strande genähert, zog Chingachgook die seinige herein, und nahm dafür die Büchse zur Hand. Als sie dem Gürtel von Finsterniß noch näher kamen, der die Wälder einfaßte, sahen sie, daß sie zu weit nördlich steuerten und veränderten demgemäß ihre Richtung. Das Canoe schien jetzt von eigenem Instinkte geleitet, so vorsichtig und bedächtig waren alle seine Bewegungen, Doch rückte es noch immer vor, bis sein Bug auf dem Kiesboden des Strandes aufstieß, genau an der Stelle, wo Hetty gelandet hatte und von wo aus in der vorigen Nacht, als die Arche vorbeifuhr, ihre Stimme erschallt war. Wie gewöhnlich war der Strand schmal, aber Büsche faßten die Wälder ein und hingen an den meisten Stellen über das Wasser herein.

Chingachgook stieg auf dem Strande aus, und untersuchte ihn sorgfältig in einiger Entfernung zu beiden Seiten des Canoe’s. Er war dabei öfters genöthigt, bis an die Kniee im See zu waten, aber keine Hist war der Lohn seines Suchens, Bei seiner Rückkehr fand er seinen Freund auch an der Küste. Sie besprachen sich sofort in flüsterndem Tone, und der Indianer befürchtete, sie möchten sich in dem Ort der Verabredung geirrt haben. Wildtödter aber fand es wahrscheinlicher, daß sie die Stunde verfehlt hätten. Während er noch sprach, ergriff er den Arm des Delawaren, ließ ihn mit dem Gesicht dem See zu sich wenden, und deutete auf die Gipfel der östlichen Berge. Die Wolken waren ein wenig zerrissen, dem Anschein nach mehr hinter als über den Bergen, und der Abendstern schimmerte zwischen den Zweigen einer Fichte. Dieß war in jeder Weise eine schmeichelnde Vorbedeutung; und die jungen Männer lehnten sich auf ihre Büchsen, mit gespannter Erwartung dem Laute sich nähernder Schritte lauschend. Stimmen hörten sie oft, und gemischt damit war das unterdrückte Weinen von Kindern, und das leise aber anmuthige Lachen indianischer Weiber. Da die eingebornen Amerikaner ihrer Natur und Gewohnheit nach vorsichtig sind, und selten einem lauten Gespräche sich hingeben, erkannten die Abenteurer aus diesen Umständen, daß sie dem Lager sehr nahe seyn mußten. Es war leicht zu bemerken, daß in den Wäldern ein Feuer seyn müsse, aus der Art, wie manche der höhern Aeste der Bäume beleuchtet waren, aber es war von der Stelle aus, wo sie standen, nicht möglich, mit Genauigkeit zu ermitteln, wie nahe sie demselben wären. Ein paar Male schien es, als ob Personen vom Feuer her sich dem Ort der Verabredung näherten; aber diese Laute waren entweder eine reine Täuschung, oder diejenigen, welche sich genähert hatten, kehrten wieder um, ehe sie an die Küste kamen. Eine Viertelstunde verstrich in solcher gespannter Erwartung und Bangigkeit, als Wildtödter vorschlug, sie wollten im Canoe den Vorsprung umfahren, eine Position ganz in der Nähe, von wo aus man das Lager sehen könne, gewinnen, die Indianer rekognosciren und sich so in Stand setzen, sich beifallswerthere Vermuthungen über das Nichterscheinen Hist’s zu bilden. Der Delaware jedoch weigerte sich entschieden, den Platz zu verlassen und fühlte vernünftig genug als Grund hiefür die Verlegenheit und Noth des Mädchens an, wenn sie während seiner Abwesenheit ankäme. Wildtödter fühlte seines Freundes Besorgnisse mit, und erbot sich, die Fahrt um den Vorsprung herum allein zu machen, Während Chingachgook in dem Gebüsche versteckt zurückbleiben solle, um den etwaigen Eintritt eines glücklichen, seine Absichten begünstigenden Ereignisses abzuwarten. Mit dieser Verabredung trennten sie sich denn.

Sobald Wildtödter wieder auf seinem Posten im Hintertheil des Canoes sich befand, verließ er die Küste mit derselben Vorsicht lind in derselben geräuschlosen Weise, wie er sich ihr genähert hatte. Dießmal entfernte er sich nicht weit vom Lande, da die Büsche einen hinlänglichen Versteck boten, wenn man so nahe wie möglich an die Küste sich hielt. Man konnte sich in der That nicht leicht eine günstigere Gelegenheit erdenken, eine Rekognoscirung um ein indianisches Lager herum anzustellen, als welche die wirkliche Lage der Dinge darbot. Die Formation des Landvorsprungs gestattete, den Platz auf drei seiner Seiten zu umkreisen, und die Bewegung des Bootes war so geräuschlos, daß jede Besorgniß wegen eines dadurch zu verursachenden Lärmens beseitigt war. Der geübteste und vorsichtigste Fuß konnte in der Dunkelheit einen Haufen Blätter aufstöbern, oder einen dürren Zweig knicken, aber ein Rindenkanoe konnte man über die Fläche eines glatten Wassers dahingleiten machen, beinahe mit der instinktmäßigen Behendigkeit und gewiß mit der geräuschlosen Bewegung eines Wasservogels.

Wildtödter war beinahe in eine Linie zwischen dem Lager und der Arche gekommen, ehe er des Feuers ansichtig wurde. Es wurde ihm plötzlich und etwas unvermuthet sichtbar und verursachte ihm zuerst die Besorgniß, er habe sich unvorsichtig in den Kreis von Licht, den es um sich verbreitete, gewagt. Aber da er bei einem zweiten Blick wahrnahm, daß er vor Entdeckung ganz gewiß sicher wäre, so lange die Indianer sich in der Nähe des Mittelpunkts der Beleuchtung hielten, brachte er das Canoe in der vortheilhaftesten Position, die er finden konnte, zur Ruhe und begann seine Beobachtungen,

Wir haben dieß ungewöhnliche Wesen vielfach beschrieben, aber vergebens, wenn wir dem Leser jetzt erst zu sagen nöthig haben, daß er, unbewandert in der Gelehrsamkeit der Welt, und einfach wie er sich immer zeigte in allen Dingen, welche die Feinheiten des conventionellen Geschmacks betrafen, doch ein Mann von starkem natürlichem und poetischem Gefühl war. Er liebte die Wälder um ihrer Frische, ihrer erhabenen Einsamkeit, ihrer Riesenhaftigkeit und des Stempels willen, den sie überall an sich trugen von der göttlichen Hand ihres Schöpfers. Er durchwanderte sie selten, ohne stillstehend zu verweilen bei irgend einer eigenthümlichen Schönheit, die ihm Freude machte, obschon er selten den Gründen dieser Freude nachzuspüren suchte; und nie verging ein Tag, ohne daß er im Geist verkehrte – und das dazu ohne die Hülfe von Formen und Sprache – mit dem unendlichen Urquell von Allem, was er sah, fühlte und anschaute. Bei dieser geistigen und moralischen Organisation, und bei einer Kaltblütigkeit, welche keine Gefahr aus der Fassung bringen, kein kritischer Augenblick stören konnte, darf man sich nicht wundern, daß der Jäger jetzt einen Genuß empfand, die vor ihm liegende Scene zu beschauen, worüber er für den Augenblick den Zweck seines Besuchs vergaß. Diese wird man noch erklärlicher finden, wenn wir die Scene beschreiben.

Das Canoe lag gerade vor einer natürlichen Aussicht nicht blos durch die das Ufer einfassenden Büsche, sondern auch durch die Bäume, welche eine volle Ansicht des Lagers gestattete. Mittelst eben dieser Oeffnung hatte man von der Arche aus zuerst das Licht gesehen. In Folge ihrer ganz neuerlichen Lagerveränderung hatten sich die Indianer noch nicht in ihre Hütten zurückgezogen, sondern sich bei ihren Vorbereitungen, Wohnung und Nahrung zugleich betreffend, verspätet. Ein großes Feuer war aufgemacht worden, sowohl um den Dienst von Fackeln zu leisten, als auch zum Behuf ihres einfachen Kochens; und gerade in diesem Augenblick loderte es hell und lustig auf, da es neuerdings eine tüchtige Zulage von dürrem Reisig erhalten. Die Wirkung war, daß die Gewölbe des Waldes erleuchtet, und der ganze vom Lager eingenommene Platz so licht wurde, wie wenn Hunderte von Kerzen angezündet gewesen wären; die meiste Arbeit hatte aufgehört, und selbst das hungrigste Kind hatte seinen Appetit gestillt. Mit einem Wort, es war gerade der Augenblick der Abspannung und allgemeiner, träger Erschlaffung, wie er gern auf eine herzhafte Mahlzeit folgt, wenn die Mühen des Tages zu Ende sind. Die Jäger und die Fischer waren gleich glücklich gewesen; und da Lebensmittel, dieß eine große Bedürfniß des Wildenlebens, im Ueberfluß vorhanden waren, schien jede andre Sorge untergegangen in der Empfindung der von diesem hochwichtigen Umstand abhängenden Zufriedenheit.

Wildtödter sah auf den ersten Blick, daß viele von den Kriegern abwesend waren. Sein Bekannter, Rivenoak, jedoch war anwesend, und saß im Vorgrund eines Gemäldes, das ein Salvator Rosa mit Lust gemalt haben würde, seine dunkeln Züge ebenso von Freude erhellt, wie von der fackelgleichen Flamme während er einem Andern von dem Stamm einen der Elephanten zeigte, die unter seinem Volke so großes Aufsehen gemacht hatten. Ein Knabe schaute in dummer Neugier über seine Schulter herein, die Gruppe zu vervollständigen. Mehr im Hintergrund lagen acht bis zehn Krieger halb ausgestreckt auf dem Boden, oder saßen da, den Rücken an die Bäume gelehnt, ebenso viele Bilder träger Ruhe. Alle hatten ihre Waffen ganz in der Nähe; zum Theil lehnten sie an denselben Bäumen wie ihre Besitzer, oder lagen sie in nachlässiger Bereitschaft über ihren Leibern. Die Gruppe aber, welche Wildtödters Aufmerksamkeit am meisten anzog, war die aus den Weibern und Kindern bestehende. Alle Weiber schienen sich zusammen gemacht zu haben, und als eine Art Notwendigkeit waren ihre Kinder um sie her. Jene lachten und plauderten in ihrer gedämpften, ruhigen Weise, obwohl Einer, der die Sitten des Volks kannte, wohl gemerkt haben würde, daß nicht Alles im gewöhnlichen Geleise ging. Die meisten der jungen Frauen schienen wohlgemuth genug zu seyn; aber eine alte Hexe saß beiseite, mit einer lauernden, grämlichen Miene, die, wie der Jäger sogleich erkannte, verrieth, daß irgend eine Pflicht von unangenehmer Art ihr von den Häuptlingen war angewiesen worden. Worin diese Pflicht bestand, konnte er nicht errathen; aber er war überzeugt, daß sie sich einigermaßen auf ihr eigenes Geschlecht beziehen müsse, da die Alten unter den Weibern in der Regel nur zu solchen und keinen andern Diensten gewählt wurden.

Natürlich sah sich Wildtödter mit lebhaftem Eifer nach der Person Hist’s um. Sie war nirgends sichtbar, obgleich das Licht ansehnliche Entfernungen in allen Richtungen um das Feuer her durchdrang. Ein paar Mal fuhr er auf, da er ihr Lachen zu erkennen glaubte; aber sein Ohr war getäuscht worden durch die sanfte Melodie, welche man bei der Stimme der Indianerinnen so häufig findet. Endlich sprach das alte Weib laut und zornig, und dann wurde er ein paar dunkler Gestalten im Hintergrund der Bäume ansichtig, die sich, den Vorwürfen folgsam, wie es schien, umwandten, und mehr in den Kreis der Helle traten. Die Gestalt eines jungen Kriegers wurde zuerst deutlicher sichtbar; dann folgten zwei jugendliche Frauengestalten, von welchen Eine wirklich das Delawarische Mädchen war. Jetzt begriff Wildtödter Alles. Hist war bewacht, vielleicht von ihrer jungen Begleiterin, gewiß aber von dem alten Weibe. Der Jüngling war vermuthlich ihr oder ihrer Begleiterin Anbeter; aber selbst seiner Klugheit mißtraute man in Betracht seiner bewundernden Neigung. Die wohlbekannte Nähe Solcher, die man als ihre Freunde ansehen durfte, und die Ankunft eines unbekannten rothen Mannes am See hatte die gewöhnliche Sorgfalt noch geschärft, und das Mädchen hatte den sie Bewachenden nicht entschlüpfen können, um ihre Zusage zu erfüllen. Wildtödter errieth ihr Mißbehagen daraus, daß sie ein paar Mal durch die Zweige der Bäume empor zu blicken versuchte, um des Sterns ansichtig zu werden, den sie selbst als Zeichen für die Zeit der Zusammenkunft genannt. Alles jedoch war umsonst, und nachdem die beiden Mädchen noch eine Weile in erheuchelter Gleichgültigkeit um das Lager herumgeschlendert, verließen sie ihren Begleiter, und setzten sich unter ihr Geschlecht. Sobald dieß geschehen, vertauschte die alte Schildwache ihren Platz mit einem ihr angenehmeren, ein deutlicher Beweis, daß sie bisher ausschließlich der Wache gepflogen.

Wildtödter war jetzt sehr verlegen, was weiter vornehmen. Er wußte wohl, daß Chingachgook sich nimmer würde zur Rückkehr nach der Arche überreden lassen, ohne einen verzweifelten Versuch zur Wiedererlangung seiner Geliebten zu machen, und seine eigne Großherzigkeit machte ihn ganz geneigt, bei einem solchen Unternehmen Beistand zu leisten. Er glaubte bei den Weibern Zeichen ihrer Absicht zu bemerken, sich für diese Nacht zur Ruhe zu begeben; und falls er blieb, und das Feuer hell fortbrannte, konnte er vielleicht die Hütte oder das Laubgemach entdecken, worunter Hist schlief; ein Umstand von unendlichem Vortheil für ihr weiteres Beginnen. Aber wenn er noch viel länger an diesem Orte verweilte, so war große Gefahr, die Ungeduld seines Freundes möchte ihn zu irgend einer unbesonnenen That fortreißen. Wirklich erwartete er jeden Augenblick die dunkle Gestalt des Delawaren im Hintergrund erscheinen zu sehen, dem Tiger ähnlich, der um die Hürde herumschleicht. Alles gegen einander erwogen, gelangte er daher am Ende zu dem Schluß: es werde besser seyn, wenn er sich wieder zu seinem Freunde begebe, und seinen Ungestüm durch seine eigene Kaltblütigkeit und Besonnenheit zu mäßigen versuche. Es brauchte nur ein paar Minuten, diesen Plan in Ausführung zu bringen, und zehn oder fünfzehn Minuten, nachdem das Canoe den Strand verlassen, kehrte es wieder dahin zurück.

Vielleicht einigermaßen gegen seine Erwartung traf Wildtödter den Indianer auf seinem Posten, von dem er nicht gewichen war, aus Besorgniß, seine Verlobte möchte während seiner Abwesenheit ankommen. Eine Besprechung folgte, worin Chingachgook mit dem Stand der Dinge im Lager bekannt gemacht wurde. Als Hist den Vorsprung als Ort des Zusammentreffens nannte, that sie dieß in der Hoffnung, von der frühern Lagerstelle aus entfliehen, und sich an einen Platz begeben zu können, den sie gänzlich leer zu finden erwartete; aber der plötzliche Ortswechsel hatte alle ihre Plane vereitelt. Eine noch viel größere Wachsamkeit als früher war jetzt nöthig; und der Umstand, daß ein altes Weib auf den Wachposten gestellt war, zeugte auch von besondern Gründen zu Besorgnissen. Alle diese Erwägungen, und manche andere, die sich dem Leser leicht von selbst darbieten, wurden kurz besprochen, ehe die jungen Männer zu einer Entscheidung kamen. Da jedoch der Fall von der Art war, daß er Thaten vielmehr als Worte erheischte, ward die einzuschlagende Handlungsweise bald gewählt. Die jungen Männer brachten das Canoe in eine solche Stellung, daß Hist, wenn sie an den verabredeten Platz vor ihrer Rückkehr kam, es sehen mußte, untersuchten dann ihre Waffen, und begaben sich in den Wald hinein. Der ganze Vorsprung in den See hinein betrug etwa zwei Acres Land; und der Theil, welcher die Landzunge bildete, und wo das Lager stand, betrug eine Fläche von nur halb dieser Ausdehnung. Er war vornehmlich mit Eichen bedeckt, die, wie gewöhnlich in den Amerikanischen Wäldern, sehr hoch emporwuchsen, ohne Aeste auszusenden, und dann erst ein dichtes und üppiges Laubgewölbe bildeten. Unten war, außer dem Saum von dickem Buschwerk der Küste entlang, sehr wenig Unterholz; obwohl die Bäume, in Folge ihrer Gestalt, dichter beisammenstanden als in Gegenden gewöhnlich ist, wo das Beil frei geschaltet hat, und großen, geraden, rohen Säulen glichen, das gewöhnliche Blätterdach tragend. Der Boden war ziemlich eben, hatte jedoch eine kleine Erhöhung gegen die Mitte, welche ihn in eine nördliche und südliche Hälfte theilte. Auch kam ein Bach von den Seiten der benachbarten Hügel brausend herunter, und bahnte sich seinen Weg in den See auf der Südseite der Landspitze. Er hatte sich ein tiefes Bett gewühlt durch einige der höhergelegenen Theile des Landstriches, und in spätern Tagen, als dieser Platz für die Zwecke der Civilisation benutzt wurde, ist er vermöge seiner gewundenen und schattigen Ufer ein nicht geringer Zuwachs von Schönheit für die Gegend geworden. Dieser Bach lag westlich von dem Lager, und seine Wasser fanden ihren Weg in den großen Wasserbehälter der Gegend auf derselben Seite und ganz nahe dem Platze, den man für das Feuer gewählt hatte. Alle diese Umstände waren, soweit die Verhältnisse es gestatteten, von Wildtödter bemerkt, und seinem Freunde mitgetheilt worden.

Der Leser begreift, daß die kleine Erhöhung des Bodens hinter dem indianischen Lager die heimliche Annäherung der zwei Abenteurer sehr begünstigte. Sie verhinderte, daß das Licht des Feuers sich auf den Hintergrund geradezu ergoß, obgleich das Land dem Wasser zu abfiel, so daß die linke oder östliche Seite der Stellung dadurch ungeschützt blieb. Wir sagen »ungeschützt,« obgleich das nicht eigentlich das Wort ist, da der Buckel hinter den Hütten und dem Feuer den verstohlen sich Nähernden vielmehr einen Versteck, als den Indianern irgend einen Schutz bot. Wildtödter drang nicht durch den Gürtel von Buschwerk, unmittelbar parallel dem Canoe, denn dadurch hätte er zu plötzlich in den Bereich des Lichts kommen können, da der kleine Hügel nicht ganz bis an’s Wasser reichte, sondern er folgte dem Strande nördlich, bis er beinahe der Landzunge gegenüber sich befand, wodurch er unter den Schuß des leichten Abhangs und mithin mehr in Schatten kam.

Sobald die Freunde aus den Büschen heraus waren, machten sie Halt, um zu rekognosciren; das Feuer loderte noch hinter dem kleinen Buckel, und warf sein Licht aufwärts zu den Wipfeln der Bäume empor, was mehr einen schönen als für sie vortheilhaften Effekt hervorbrachte. Doch hatte das Lodern der Flamme seine Vortheile; denn während der Hintergrund dunkel, war der Vorgrund stark beleuchtet, so daß die Wilden dem Blick ausgesetzt, ihre Feinde versteckt waren. Den letztern Umstand benutzend, näherten sich die jungen Männer vorsichtig dem Hügelrücken, Wildtödter voran, denn er bestand auf dieser Anordnung, damit nicht der Delaware von seinen Empfindungen zu einem unbesonnenen Schritt sich hinreißen ließe. Es brauchte nur einen Augenblick, bis sie den Fuß der kleinen Anhöhe erreichten; und jetzt begann der kritischste Theil des Unternehmens. Mit ausnehmender Vorsicht sich bewegend, und seine Büchse so haltend, daß ihr Lauf nicht sichtbar wurde, und er sich ihrer sogleich bedienen konnte, rückte der Jäger nur einen Schritt um den andern vor, bis er hoch genug gekommen war, um über den Gipfel wegzusehen – nur sein Kopf in die Helle emporragend. Chingachgook war an seiner Seite, und Beide standen still, um das Lager noch einmal genau zu besichtigen. Um sich jedoch gegen etwaige Herumstreicher in ihrem Rücken zu decken, stellten sie sich hinter den Stamm einer Eiche, auf der Seite zunächst dem Feuer.

Die Ansicht vom Lager, welche sich jetzt Wildtödter darbot, war gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die er von der Wasserseite her gehabt. Die dämmernden Gestalten, die er vorhin wahrgenommen, mußten auf dem Gipfel des Bergrückens gewesen seyn, wenige Schritte vorwärts von der Stelle, wo er jetzt stand. Das Feuer loderte noch lustig, und um es herum saßen auf Baumstämmen dreizehn Krieger, so viele, als er von dem Canoe aus gesehen hatte. Sie besprachen sich sehr angelegentlich und eifrig unter einander, und die Figur des Elephanten ging von Hand zu Hand. Der erste Ausbruch der Verwunderung der Wilden war vorüber, und die jetzt vorliegende Erörterung betraf die Wahrscheinlichkeit der Existenz, die Geschichte und Lebensweise eines so außerordentlichen Thieres. Wir haben nicht Zeit, die Meinungen dieser rohen Männer über einen Gegenstand zu wiederholen, der ihren Erfahrungen und ihrem Leben so fremd war; aber wir sagen schwerlich zu Viel, wenn wir behaupten, daß sie ebenso plausibel, und weit sinnreicher waren, als die Hälfte der Hypothesen, welche den Demonstrationen der Wissenschaft vorangehen. Wie sehr sie mit ihren Schlüssen und Vermuthungen fehlgeschossen haben mögen, gewiß ist, daß sie die Fragen mit eifriger und ungetheilter Aufmerksamkeit erörterten. Für den Augenblick war alles Uebrige vergessen, und unsre Abenteurer hätten sich in keinem glücklicheren Augenblick nähern können.

Die Weiber waren Alle beisammen, ungefähr so wie Wildtödter sie zuletzt gesehen hatte, beinahe in einer Linie zwischen dem Platz, wo er jetzt stand und dem Feuer. Die Entfernung von der Eiche, an die sich die jungen Männer lehnten, bis zu den Kriegern, betrug etwa dreißig Schritte; die Weiber mochten um die Hälfte näher seyn; ja sie waren wirklich so nahe, daß die äußerste Behutsamkeit, was Bewegungen und Geräusch betraf, unerläßlich war. Obwohl sie in ihrem leisen, sanften Tone sich unterredeten, war es doch bei der tiefen Stille der Wälder möglich, sogar ganze Stücke des Gesprächs zu belauschen, und das leichtmüthige Lachen, das den Mädchen entfuhr, konnte gelegentlich selbst das Canoe erreichen. Wildtödter spürte das Zittern, das den Körper seines Freundes durchzuckte, als dieser zuerst die süßen Töne vernahm, welche den derben, hübschen Lippen Hist’s entströmten. Er legte sogar die Hand auf die Schulter des Indianers, als eine Art Ermahnung zur Selbstbeherrschung. Als die Unterredung lebhafter wurde, beugten sich Beide vor, um zu horchen.

»Die Huronen haben merkwürdigere Thiere als diese,« sagte eines der Mädchen verächtlich, denn wie bei den Männern, drehte sich auch bei ihnen das Gespräch um den Elephanten und seine Eigenschaften. »Die Delawaren mögen diese Creatur wunderbar finden, aber keine Huronenzunge wird morgen mehr davon sprechen. Unsre jungen Männer werden sie zu finden wissen, wenn die Thiere in die Nähe unserer Wigwam’s zu kommen wagen.«

Dieß war eigentlich an Wah-ta!-Wah gerichtet, obgleich die Sprecherin ihre Worte mit einer angenommenen Schüchternheit und Bescheidenheit aussprach, die sie die Andern nicht anblicken ließ.

»Die Delawaren sind so weit entfernt, solche Creaturen in ihr Land zu lassen,« versetzte Hist, »daß noch keine Seele auch nur ihre Bilder davon gesehen hat! Ihre jungen Männer würden die Bilder wie die Bestien selbst fortscheuchen!«

»Die Delawarischen jungen Männer! – Die Nation besteht aus Weibern – selbst das Wild wandelt ruhig dahin, wenn es ihre Jäger kommen hört! Wer hat je den Namen eines jungen Kriegers der Delawaren vernommen!«

Dieß wurde in gutmüthigem Tone und mit Lachen gesprochen, aber zugleich doch etwas beißend. Daß Hist es so nahm, zeigte sich in der Lebhaftigkeit ihrer Antwort.

»Wer hat je den Namen eines jungen Delawaren vernommen?« wiederholte sie ernst. »Tamenund selbst, obwohl jetzt so alt wie die Tannen auf dem Berge, oder als die Adler in der Luft, war einst jung; sein Name ward vernommen von dem großen Salzsee bis zu den süßen Wassern des Westens. Was ist die Familie der Uncas?« – Wo ist eine andere so große, obgleich die Bleichgesichter ihre Gräber aufgewühlt und ihre Gebeine mit Füßen getreten haben? Fliegen die Adler so hoch, ist das Wild so schnell, oder der Panther so muthig? Ist kein junger Krieger dieses Stammes da? Laßt die Huronen-Mädchen ihre Augen weiter aufthun, so mögen sie Einen sehen, Chingachgook genannt, der so stattlich ist wie eine junge Esche, und so zäh wie die Hagenbuche.«

Wie das Mädchen dieß in ihrer bilderreichen Sprache sagte, und ihre Genossinnen die Augen weiter aufthun hieß, damit sie den Delawaren sähen, stieß Wildtödter mit den Fingern seinen Freund in die Seite, und überließ sich seinem herzlichen, wohlwollenden, leisen Lachen. Der Andere lächelte; aber die Sprache der Redenden war zu schmeichelhaft und die Töne ihrer Stimme zu süß für ihn, als daß er sich durch ein zufälliges, wenn auch komisches Zusammentreffen von Umständen in seiner Aufmerksamkeit stören ließ. Die Rede Hist’s zog eine Erwiederung nach sich, und der Streit, obwohl gutmüthig geführt, und weit entfernt von der plumpen Heftigkeit in Ton und Geberden, wie sie oft den Reizen des schönen Geschlechts im civilisirten Leben, wie man es nennt, Eintrag thut, wurde warm und etwas laut. Mitten unter dieser Scene hieß der Delaware seinen Freund sich ducken, so daß er ganz versteckt war, und ließ dann einen Ton hören, so ganz ähnlich dem Pfeifen der kleinsten Gattung des amerikanischen Eichhorns, daß Wildtödter selbst, obgleich er den Ton hundertmal hatte nachahmen gehört, wirklich glaubte, er rühre von einem der kleinen, über seinem Haupt herumkletternden Thierchen her. Der Ton ist in den Wäldern so gewöhnlich, daß keine von den Huroninnen im Geringsten darauf achtete. Hist aber hörte augenblicklich auf zu sprechen, und saß regungslos da. Doch behielt sie Selbstbeherrschung genug, den Kopf nicht umzuwenden. Sie hatte das Signal vernommen, mit dem ihr Geliebter so oft sie aus dem Wigwam zur heimlichen Besprechung rief, und es kam über ihre Sinne und ihr Herz, wie die Serenade im Land des Gesanges das Mädchen ergreift.

Von diesem Augenblick an war Chingachgook überzeugt, daß sie seine Gegenwart wisse. Dieß war wichtig, und er konnte jetzt hoffen, daß seine Geliebte ein weit kühneres Verfahren einschlagen werde, als sie, über seinen Aufenthaltsort ungewiß, gewählt haben würde. Es blieb kein Zweifel daran übrig, daß sie sich bestreben würde, seine Bemühungen für ihre Befreiung zu unterstützen. Wildtödter stand auf, sobald das Signal gegeben war, und obgleich er noch nie den süßen Verkehr gepflogen hatte, der nur Liebenden bekannt ist, entdeckte er doch sehr bald die große Veränderung, die mit dem Wesen und Benehmen des Mädchens vorgegangen war. Sie gab sich noch Mühe zu streiten, aber nicht mehr mit Geist und Unbefangenheit, sondern was sie sagte, war mehr nur als ein Köder hingeworfen, ihre Gegnerinnen zu leichtem Siege heranzulocken, als mit irgend einer Hoffnung, selbst Siegerin zu werden. Zwar ein paar Mal gab ihr ihre natürliche Besonnenheit eine rasche Erwiederung oder einen Beweisgrund ein, welche Lachen erregten und ihr für den Augenblick einigen Vortheil gaben; aber diese kleinen Einfälle, Früchte des Mutterwitzes, dienten nur, um besser ihre wahren Gefühle zu verhehlen, und dem Triumph der andern Partei einen natürlicheren Anstrich zu geben, als er ohne sie vielleicht gehabt hätte. Endlich wurden die Streitenden müde, und sie erhoben sich Alle gesammt, als wollten sie sich trennen. Jetzt zum ersten Mal wagte Hist das Gesicht nach der Richtung zu kehren, woher das Signal gekommen. Ihre Bewegung hiebei war natürlich, aber behutsam, und sie streckte den Arm aus und gähnte, wie von Schläfrigkeit übermannt. Wieder ließ sich das schrillende Pfeifen hören, und das Mädchen war jetzt gewiß, wo ihr Geliebter stehe, obgleich das starke Licht, in dem sie selbst stand, und die verhältnißmäßige Dunkelheit, welche die Abenteurer umgab, sie hinderte ihre Köpfe zu sehen, den einzigen Theil ihres Körpers, der über den Hügelrücken hervorragte. Der Baum, an den sie sich lehnten, war von einem dunkeln Schatten überzogen, der von einer ungeheuren, zwischen ihm und dem Feuer stehenden Fichte herrührte, und dieser Umstand allein schon würde alle Gegenstände, die in diesen Bereich fielen, in jeder Entfernung dem Auge entzogen haben. Das wußte Wildtödter wohl, und es war einer der Gründe, warum er gerade diesen Baum gewählt hatte.

Der Augenblick, wo Hist nothwendig handeln mußte, war nahe. Sie sollte in einer kleinen Hütte, oder Laube, schlafen, ganz in der Nähe des Orts, wo sie stand, aufgeschlagen, und ihre Genossin war die schon erwähnte alte Hexe. War sie einmal in dieser Hütte, und lag das schlaflose alte Weib, wie sie allnächtlich pflegte, quer über den Eingang hingestreckt, so war beinahe alle Hoffnung zum Entkommen zerstört, und sie konnte jeden Augenblick zu Bette gerufen werden. Zum Glück rief in diesem Augenblick einer der Krieger das alte Weib mit Namen, und hieß sie ihm Wasser zum Trinken bringen. Es war eine köstliche Quelle auf der Nordseite der Landspitze, und die Alte nahm einen ledernen Becher von einem Zweig, rief Hist an ihre Seite, und ging dem Gipfel des Hügelrückens zu, in der Absicht, über die Landspitze hin zu dem natürlichen Brunnen hinabzusteigen. Alles dieß sahen und verstanden die Abenteurer; sie traten in das Dunkel zurück und versteckten sich hinter Bäumen, bis die beiden Weiber an ihnen vorbei waren. Im Gehen hielt die Alte Hist fest an der Hand. Als sie an dem Baum vorüber kam, welcher Chingachgook und seinen Freund verbarg, griff Jener nach seinem Tomahawk, in der Absicht, ihn in dem Hirnschädel des Weibes zu begraben. Der Andere aber erkannte das Gefährliche einer solchen Maßregel, da Ein Schrei alle Krieger ihnen auf den Hals ziehen konnte, und er war auch aus Gründen der Menschlichkeit einer solchen That abgeneigt. Daher hinderte seine Hand den Streich. Als aber die Beiden vorüber geschritten, ward das Pfeifen wiederholt, und die Huronin blieb stehen und gaffte den Baum an, von welchem die Töne zu kommen schienen, und in diesem Augenblick stand sie nur sechs Fuß von ihren Feinden entfernt. Sie bezeugte ihr Erstaunen, daß ein Eichhorn so spät noch munter seyn sollte, und sagte, es bedeute Unheil. Hist antwortete, sie habe dasselbe Eichhorn dreimal binnen der letzten zwanzig Minuten gehört, und sie glaube, es spanne darauf, einige Brocken, die bei der Mahlzeit übrig geblieben, zu erlangen. Diese Erklärung schien befriedigend, und sie schritten der Quelle zu, auf dem Fuß und heimlich von den Männern gefolgt. Der Becher war gefüllt, und die Alte eilte zurück, die Hand immer an dem Handgelenk des Mädchens, als sie plötzlich so heftig an der Kehle gepackt wurde, daß sie ihre Gefangene loslassen mußte, und keinen andern Ton von sich geben konnte, als eine Art halbersticktes Gurgeln und Röcheln. Schlange umfaßte mit dem Arm den Leib seiner Geliebten, und stürzte sich mit ihr durch die Büsche auf der Nordseite der Landspitze. Hier bog er sofort ein, dem Strand entlang, und rannte nach dem Canoe. Er hätte eine geradere Richtung eingeschlagen, aber dieß hätte leicht zur Entdeckung des Landungsplatzes führen können.

Wildtödter spielte indeß immerfort auf der Kehle des alten Weibs wie auf den Tasten einer Orgel, ließ sie von Zeit zu Zeit athmen, und drückte dann wieder mit den Fingern beinahe zum Erwürgen. Aber die kurzen Fristen zum Athemholen wurden wohl benützt, und es gelang der Alten, ein paar kreischende Töne auszustoßen, welche das Lager in Allarm brachten. Das Stampfen der Krieger, als sie vom Feuer aufsprangen, war deutlich zu hören, und im nächsten Augenblick erschienen drei oder vier von ihnen auf dem Gipfel des Hügelrückens, die auf dem lichten Hintergrund sich wie die dämmernden Schatten einer Zauberlaterne ausnahmen. Jetzt war es die höchste Zeit für den Jäger, sich zurückzuziehen. Er unterschlug seiner Gefangnen ein Bein, klemmte ihr zum Abschied noch einmal die Kehle zusammen, ebensosehr aus Rache wegen ihrer unbezwinglichen Bestrebungen, Lärm zu machen, als aus Gründen der Klugheit, verließ sie auf dem Rücken liegend, und eilte den Büschen zu, – die Büchse im Gleichgewicht, den Kopf über die Schultern wendend, wie ein gehetzter Löwe.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Schaut, weise Heil’ge, dieß Eur‘ Licht und Stern!
Die Narr’n und Opfer seyd Ihr, scheint’s, ja gern!
Ist gnug jetzt? wollt von uns Ihr seyn betrogen,
Bis Eurer weisen Brust der letzte Hauch entflogen?
Moore.

Das Feuer, das Canoe und die Quelle, von der aus Wildtödter seinen Rückzug antrat, standen so gegeneinander, daß sie die Winkel eines so ziemlich gleichseitigen Dreiecks würden gebildet haben. Die Entfernung vom Feuer zum Boote betrug etwas Weniger, als die Entfernung vom Feuer zu der Quelle, während die von der Quelle bis zum Boot etwa der zwischen den zwei zuerst genannten Punkten gleich kam. Dieß Verhältniß aber war bei geraden Linien – und in dieser Art konnten die Flüchtigen ihre Flucht nicht ausführen. Sie waren gezwungen, sich zu einem Umweg zu entschließen, um den Schutz der Büsche zu gewinnen und der Krümmung des Strandes zu folgen. Unter solchen Nachtheilen also trat der Jäger seinen Rückzug an – Nachtheilen, deren Größe er nur um so mehr empfand, vermöge seiner Kenntniß der Gewohnheiten aller Indianer, die in Fällen plötzlichen Alarms, zumal mitten in einer gedeckten Stellung, selten verfehlen, augenblicklich Plänkler »ach den Seiten auszuschicken, in der Absicht, den Feinden auf allen Punkten entgegenzutreten, und wo möglich ihnen in den Rücken zu fallen. Daß so Etwas auch jetzt im Werke war, schloß er aus dem Stampfen von Füßen, das nicht blos, wie schon gemeldet, die Anhöhe herauf kam, sondern auch, wiewohl leiser, gehört wurde in ganz andrer Linie, nicht blos gegen den Hügel im Rücken zu, sondern auch gegen den äußersten Punkt der Landspitze, in einer Richtung, entgegengesetzt der, die er einzuschlagen im Begriffe stand. Schnelligkeit war daher jetzt von äußerster Wichtigkeit, da die verschiedenen Partien am Strand zusammentreffen konnten, ehe die Flüchtigen das Canoe zu erreichen vermochten.

Trotz der Dringlichkeit der Umstände zögerte Wildtödter doch einen Augenblick, ehe er sich in die die Küste einfassenden Büsche hineinstürzte. Seine Gefühle waren rege gemacht worden durch den ganzen Auftritt, und eine finstere Entschlossenheit war über ihn gekommen, wie sie ihm sonst fremd war. Vier dunkle Gestalten zeigten sich auf dem Hügelrücken, gegen die Helle des Feuers sich abhebend, und ein Feind konnte auf einen Blick geopfert werden. Die Indianer hatten Halt gemacht und starrten in das Dunkel, die alte kreischende Hexe zu suchen, und bei manchem Mann, der weniger gedacht hätte als der Jäger, wäre der Tod Eines von ihnen gewiß gewesen. Zum Glück war er umsichtiger. Obgleich die Büchse sich ein wenig gegen den Vordersten seiner Verfolger senkte, zielte oder feuerte er doch nicht, sondern verschwand in dem Versteck. Den Strand gewinnen, und ihm folgen bis herum zu dem Platz, wo Chingachgook schon mit Hist im Canoe war, ängstlich seine Ankunft erwartend, war das Werk eines Augenblicks. Seine Büchse auf den Boden des Canoe’s legend, bückte sich Wildtödter, um dem letztern einen kräftigen Stoß von der Küste weg zu geben, als ein gewaltiger Indianer aus den Büschen hervorstürzte und wie ein Panther ihm auf den Rücken sprang. Alles hing jetzt an einem, Haar; ein falscher Schritt richtete Alle zu Grunde. Mit einer Großherzigkeit, die einen Römer für alle künftige Zeiten hin berühmt gemacht haben würde, die aber in der Laufbahn eines so einfachen und niedrigen Mannes ohne diese anspruchslose Erzählung der Welt für immer fremd geblieben und verloren wäre, bot Wildtödter all‘ seine Kraft in einer verzweiflungsvollen Anstrengung auf, stieß das Canoe mit einer Gewalt hinaus, die es in einem Augenblick vielleicht hundert Fuß weit von der Küste wegtrieb, und stürzte selbst, mit dem Kopf voran, in den See; und sein Angreifer natürlich mit ihm. Obgleich das Wasser einige Schritte vom Strand entfernt tief war, hatte es doch so nah am Ufer, wie die Stelle war, wo die beiden Feinde hineinfielen, nur Brusthöhe, dieß war jedoch schon völlig genug, um einen Mann zu tödten, der unter so ungünstigen Umständen hineingestürzt war, wie Wildtödter. Doch hatte er die Hände frei, und der Wilde war genöthigt, seinen Hals fahren zu lassen, um selbst sein Gesicht über dem Wasser zu halten. Eine halbe Minute dauerte ein verzweiflungsvoller Kampf, ähnlich dem Gezappel eines Alligators, der eben eine gewaltige Beute ergriffen hat, und dann standen Beide aufgerichtet, Jeder des Andern Arme zu packen suchend, um ihn am Gebrauche des tödtlichen Messers in der Finsternis zu hindern. Was der Ausgang dieses heftigen Kampfes von Mann gegen Mann gewesen wäre, kann man nicht wissen; aber ein Halbdutzend Wilde sprangen ins Wasser ihrem Genossen zu Hülfe, und Wildtödter ergab sich zum Gefangenen mit einer Würde, die nicht minder bemerkenswerth war, als seine Aufopferung.

Den See zu verlassen und den neuen Gefangenen an’s Feuer zu führen, erforderte auch nur wieder eine Minute. So beschäftigt waren sie Alle mit dem Kampfe und dessen Folgen, daß sie das Canoe nicht sahen, obgleich es der Küste noch so nahe war, daß der Delaware und seine Verlobte jede Sylbe ganz deutlich hörten, die gesprochen wurde; und die ganze Truppe verließ den Platz, Einige setzten die Verfolgung Hist’s dem Strande entlang fort, die Meisten aber kehrten zum Feuer zurück. Hier gewann Wildtödters Gegner so weit seinen Athem und seine Besinnung wieder, denn er war beinahe erwürgt worden von den Griffen des Andern, daß er die Art und Weise erzählen konnte, wie das Mädchen davon gekommen. Es war jetzt zu spät, die andern Flüchtlinge anzugreifen, denn sobald sein Freund in die Gebüsche abgeführt war, senkte der Delaware seine Ruderschaufel ins Wasser, und das leichte Canoe glitt geräuschlos dahin, dem Mittelpunkt des See’s zusteuernd, bis es außer Schußweite war, und dann suchte es die Arche auf.

Als Wildtödter beim Feuer ankam, sah er sich umringt von nicht weniger als acht grimmigen Wilden, worunter sein alter Bekannter Rivenoak. Sobald dieser das Gesicht des Gefangenen erblickt hatte, redete er heimlich mit seinen Genossen, und ein leiser aber allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschung entfuhr ihnen. Sie hatten erfahren, daß der Besieger ihres, jüngst auf der gegenüberliegenden Küste des See’s gefallenen Freundes in ihren Händen, ihrer Barmherzigkeit oder Rachsucht preisgegeben war. Es lag eine nicht geringe Beimischung von Bewunderung in den trotzigen Blicken, die auf den Gefangenen geworfen wurden, Bewunderung, die ebensosehr durch seine jetzige Fassung, als durch seine vorangegangnen Thaten rege gemacht wurde. Man kann sagen, diese Scene war der Anfang des großen und schreckenverbreitenden Rufes, dessen Wildtödter, oder Falkenauge, wie er nachmals genannt wurde, unter allen Stämmen von Neu-Jork und Canada genoß; – ein Ruf, der freilich, was die Ausdehnung nach Länderstrecken und Menschenzahl betrifft, weit beschränkter war als der Ruf von Menschen im civilisirten Leben, aber der vielleicht, was ihm in diesen Punkten fehlte, durch seine größere Rechtmäßigkeit, und durch die gänzliche Ausschließung von Täuschung und künstlicher Pflege vergütete.

Die Arme Wildtödters wurden nicht gebunden, und es blieb ihm der freie Gebrauch seiner Hände, nachdem man erst sein Messer ihm weggenommen hatte. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die man traf, um sich seiner Person zu versichern, war unablässige Wachsamkeit, und ein starkes Seil von Bast, das von einer Knöchel zur andern ging, nicht sowohl um ihn im Gehen zu hindern, als um einem etwaigen Fluchtversuche mittelst eines plötzlichen Satzes ein Hinderniß in den Weg zu legen. Selbst diese außerordentliche Vorbeugungsmaßregel gegen einen Fluchtversuch ward erst getroffen, nachdem man den Gefangenen an’s Licht geführt und seine Person erkannt hatte. Es war in der That ein Compliment, das man seiner Kühnheit machte, und er war stolz auf diese Auszeichnung. Daß er würde gebunden werden, wenn die Krieger schliefen, war ihm wahrscheinlich; aber gebunden zu werden im Augenblick seiner Gefangennehmung, war ein Beweis, daß er schon, und so frühe, einen Namen gewann. Während die jungen Indianer das Seil befestigten, dachte er bei sich selbst nach, ob wohl Chingachgook ebenso behandelt worden wäre, wäre auch er dem Feinde in die Hände gefallen. Auch rührte der Ruf des jungen Bleichgesichts nicht ganz von dem glücklichen Erfolg seines früheren Kampfes, oder von der Klugheit und Kaltblütigkeit her, die er bei der Unterhandlung erwiesen hatte; sondern er hatte auch durch die Ereignisse der Nacht einen großen Zuwachs erhalten. Unbekannt mit den Bewegungen der Arche, und mit dem Zufall, der die Feinde ihr Feuer hatte erblicken machen, schrieben die Irokesen die Entdeckung ihres neuen Lagers der Wachsamkeit eines so schlauen Feindes zu. Die Art und Weise, wie er sich auf die Landspitze gewagt hatte, die Entführung oder Flucht Hist’s, und ganz besonders die Selbstaufopferung des Gefangnen, verbunden mit der Besonnenheit, womit er das Canoe hinausgestoßen, waren ebenso viele wichtige Glieder in der Kette von Thatsachen, worauf sein wachsender Ruhm beruhte. Manche dieser Umstände hatten die Indianer selbst gesehen, manche waren ihnen erklärt worden, und alle wurden gewürdigt. Während solche Bewunderung und Ehren so ohne Rückhalt Wildtödtern gezollt wurden, entging er doch nicht einigen Beschwerlichkeiten seiner Lage. Man gestattete ihm, sich auf das Ende eines Blockes in der Nähe des Feuers zu setzen, um seine Kleider zu trocknen, und sein Gegner von Kurzem her stand ihm gegenüber, bald Stücke seiner eignen ärmlichen Kleidung an die Hitze haltend, bald sich die Kehle befühlend, wo die Spuren von seines Feindes Fingern noch recht gut sichtbar waren. Die übrigen Krieger rathschlagten in der Nähe miteinander, da Alle, die aus gewesen, mit der Nachricht zurückgekehrt waren, daß keine anderen Herumstreifer in der Nähe des Lagers zu finden seyen. Während dieses Stands der Dinge näherte sich das alte Weib, deren indianischer Name verdollmetscht Bärin bedeutete, Wildtödtern mit geballten Fäusten und feuersprühenden Augen. Bisher hatte sie sich mit Kreischen begnügt, eine Aufgabe, bei der sie ihre Rolle mit nicht geringem Erfolg gespielt hatte, aber nachdem sie auf’s wirksamste Alles in Alarm gesetzt hatte, was im Bereich einer durch lange Uebung gekräftigten Lunge lag, richtete sie zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Unbilden, die ihre eigne Person bei dem Kampfe erlitten hatte. Diese waren in keiner Weise von Bedeutung, obwohl von einer Art, daß sie wohl alle Wuth eines Weibes erwecken konnten, das längst nicht mehr mittelst sanfterer Eigenschaften anzog, und sehr geneigt war, die Mühsale, die sie so lange erduldet, als vernachlässigte Gattin und Mutter von Wilden an Jedem, der in ihre Gewalt kam, zu rächen. Wenn Wildtödter sie nicht auf die Dauer verletzt, hatte er ihr doch für einige Zeit Schmerzen bereitet, und sie war nicht die Person, ein Unrecht dieser Art um des Beweggrunds willen zu übersehen.

»Stinkthier der Bleichgesichter,« begann diese erbitterte und halbpoetische Furie, dem unerschütterlichen Jäger die Faust unter die Nase schüttelnd, »Ihr seyd nicht einmal ein Weib. Eure Freunde, die Delawaren, sind Weiber, und Ihr seyd ihr Schaaf. Euer eignes Volk wird Euch nicht anerkennen, und kein Stamm von rothen Männern würde Euch in seinen Wigwams dulden; Ihr schleicht herum unter Kriegern in Unterröcken. Ihr unsern tapfern Freund erschlagen, der uns verlassen hat? – nein! seine große Seele verschmähte es, mit Euch zu kämpfen, und verließ lieber ihren Leib, als daß sie die Schmach auf sich geladen, Euch zu tödten! Aber das Blut, das Ihr vergosset, als der Geist nicht zusah, ist nicht in die Erde geflossen. Es muß begraben seyn in Eurem Stöhnen – welche Musik höre ich! Das ist nicht das Aechzen eines rothen Mannes! – kein rother Krieger stöhnt und grunzt so wie ein Schwein. Diese Töne kommen aus einer Bleichgesichtskehle – einer Dengeese-Brust – und tönen so lieblich, wie eines Mädchens Singen. – Hund – Stinkthier – Wiesel – Iltiß – Stachelschwein – Ferkel – Kröte – Spinne – Nengee –« Hier mußte wohl die Alte, nachdem sie ihren Athem aufgewendet, und ihren Schatz von Schimpfwörtern erschöpft hatte, einen Augenblick inne halten, obwohl sie noch immer beide Fäuste dem Gefangenen in’s Gesicht schüttelte, und ihr ganzes mit Runzeln bedecktes Gesicht voll wilder, erbitterter Rachgier war. Wildtödter betrachtete diese ohnmächtigen Versuche, ihn aufzubringen, mit der Gleichgültigkeit, womit in unserm Zustand der Gesellschaft ein Gentleman auf die Schimpfreden eines Lumpen herabsieht; er fühlte, daß die Zunge eines alten Weibes nimmermehr einen Krieger verunehren konnte, so wie dieser weiß, daß Lüge und Gemeinheit auf die Länge nur diejenigen beschimpfen, die sich ihrer bedienen mögen; aber für den Augenblick wurden ihm weitere Angriffe erspart durch das Dazwischentreten Rivenoak’s, der die Hexe bei Seite schob, sie den Ort verlassen hieß, und sich anschickte, sich neben den Gefangenen zu setzen. Das alte Weib entfernte sich, aber der Jäger erkannte wohl, daß er der Gegenstand aller ihrer Belästigungen und Quälereien, wenn auch nicht thätlicher Mißhandlungen seyn würde, so lang er in der Gewalt seiner Feinde blieb; denn Nichts wurmt tiefer, als das Bewußtseyn, daß ein Versuch, Jemand in Zorn zu bringen, mit Verachtung aufgenommen worden ist, – einem Gefühl, das gewöhnlich das passivste von allen in der menschlichen Brust gehegten zu seyn pflegt. Rivenoak nahm ruhig seinen Sitz, wie wir schon erwähnt, ein, und nach einem kurzen Stillschweigen begann er ein Gespräch, das wir natürlich wieder zum Besten der Leser übersetzen, welche die nordamerikanischen Sprachen nicht studirt haben. »Mein Bleichgesichtfreund ist sehr willkommen,« sagte der Indianer mit einem vertraulichen Kopfnicken, und mit einem so versteckten Lächeln, daß es Wildtödters ganze Aufmerksamkeit brauchte, es zu entdecken, und nicht wenig von seiner Philosophie, um dabei ganz ruhig zu bleiben, »er ist willkommen. Die Huronen unterhalten ein heißes Feuer, des weißen Mannes Kleider daran zu trocknen.«

«Ich danke Euch, Hurone, oder Mingo, oder wie ich Euch eigentlich zu nennen habe,« versetzte der Andere; »ich danke Euch für den Willkomm und danke Euch für das Feuer. Beide sind gut in ihrer Art, und das letztere ist sehr gut, wenn Einer in einem so kalten Bade gewesen, wie der Glimmerglas ist. Selbst Huronenwärme mag in einem solchen Zeitpunkt angenehm seyn einem Mann mit einem Delawarenherzen.«

»Das Bleichgesicht – aber mein Bruder hat einen Namen? Ein so großer Krieger hat doch wohl nicht ohne einen Namen gelebt!«

»Mingo,« sagte der Jäger, und Etwas von der Schwäche der menschlichen Natur offenbarte sich in dem Blicke seines Auges und in der Farbe seiner Wangen, »Mingo, Euer Tapfrer nannte mich Falkenauge, ich glaube wegen meines raschen und sichern Zielens, als er mit seinem Haupt in meinem Schooß lag, ehe sein Geist nach den glücklichen Jagdrevieren aufflog!«

»Es ist ein guter Name, Der Falke ist seines Stoßes sicher. Falkenauge ist kein Weib; warum lebt er bei den Delawaren?«

»Ich verstehe Euch, Mingo, aber wir betrachten das Alles als eine Tücke von Einigen Eurer listigen Teufel, und läugnen die Beschuldigung. Die Vorsehung hat mich jung unter die Delawaren versetzt, und abgerechnet was christliche Gebräuche von meiner Farbe und meinen Gaben fordern, hoffe ich in ihrem Stamme zu leben und zu sterben. Doch aber bin ich nicht gemeint, meine angebornen Rechte ganz wegzuwerfen, und werde mich bestreben, die Pflicht eines Bleichgesichts in Gesellschaft von Rothhäuten zu erfüllen.« »Gut; ein Hurone ist eine Rothhaut, so gut wie ein Delaware. Falkenauge ist mehr ein Hurone als ein Weib.«

»Ich denke, Mingo, Ihr kennt Eure eigne Meinung; wenn nicht, so ist sie doch, wie ich nicht zweifle, dem Satan wohl bekannt? Aber wenn Ihr etwas von mir heraus bringen wollt, so sprecht deutlicher, denn einen Handel kann man nicht abschließen mit verbundnen Augen und gelähmter Zunge.«

»Gut; Falkenauge hat keine Gabelzunge, und er liebt zu sagen, was er denkt. Er ist ein Bekannter der Bisamratze,« – mit diesem Namen bezeichneten alle Indianer Hutter, – »und er hat in seinem Wigwam gewohnt, aber er ist nicht ein Freund von ihm. Es ist ihm nicht um Skalpe zu thun, wie einem armseligen Indianer, sondern er kämpft wie ein mannhaftes Bleichgesicht. Die Bisamratze ist weder weiß noch roth, weder Thier noch Fisch. Sie ist eine Wasserschlange; manchmal im Wasser, manchmal auf dem Land. Er trachtet nach Skalpen wie ein Räuber, Falkenauge kann zurückgehen und ihm sagen, wie er die Huronen überlistet habe, wie er entkommen sey; und wenn dann seine Augen in einem Nebel sind, wenn er nicht mehr von seiner Kajüte bis zu den Wäldern sehen kann – dann kann Falkenauge die Thüre öffnen für die Huronen. Und wie wird der Raub getheilt werden? Ha! Falkenauge wird das Meiste hinwegnehmen und die Huronen werden nehmen, was er übrig lassen mag. Die Skalpe können nach Canada wandern, denn ein Bleichgesicht hat keine Lust daran.«

»Nun gut, Rivenoak, denn so höre ich Euch nennen, das ist einmal deutlich gesprochen, obwohl auf Irokesisch. Ich verstehe wohl Alles, was Ihr meint, und muß sagen, diese Teufelei geht selbst über Mingoteufelei hinaus. Ohne Zweifel, es wäre leicht, zurückzugehen, und der Bisamratze zu sagen, daß ich von Euch losgekommen, und dazu noch durch die That einiges Lob und Ansehen zu gewinnen.«

»Gut; das ist es, was ich von dem Bleichgesicht wünschte.« »Ja, ja – das ist klar genug. Ich weiß ohne weitere Worte, was Ihr von mir verlangt. Während ich im Hause der Bisamratze sitze, und sein Brod esse, und mit seinen hübschen Töchtern lache und plaudere, könnte ich seine Augen mit einem dicken Nebel umhüllen, daß er nicht einmal die Thüre, geschweige das Land sähe!«

»Gut. Falkenauge sollte ein Hurone geboren seyn! Sein Blut ist kaum halb weiß!«

»Da irrt Ihr, Hurone: ja, da irrt Ihr so gewaltig, wie wenn Ihr einen Wolf für einen Panther hieltet. Ich bin weiß an Blut, Herz, Natur und Gaben, obwohl ein wenig Rothhaut in Gefühlen und Lebensart. Aber wenn des alten Hutter’s Augen recht benebelt sind, und seine hübschen Töchter vielleicht in tiefem Schlaf liegen, und Harry Hurry, die große Fichte, wie Ihr Indianer ihn nennt, von Allem eher als von Unheil träumt, und Alle denken, Falkenauge versehe den Dienst einer treuen Schildwache, hätte ich weiter nichts zu thun, als irgendwo eine Fackel zum kenntlichen Signal auszustecken, die Thüre zu öffnen und die Huronen einzulassen, um sie Alle niederzuschlagen.«

»Gewiß ist mein Bruder im Irrthum; er kann nicht weiß seyn! Er ist würdig, ein großer Häuptling unter den Huronen zu seyn!«

»Das ist sehr wahr, glaube ich gern, wenn er dieß Alles zu thun im Stande wäre. Jetzt merkt auf, Hurone, und hört auch einmal ein paar ehrliche Worte aus dem Mund eines geraden, einfachen Mannes. Ich bin als Christ geboren, und die von einem solchen Stamme kommen, und den Worten horchen, die zu ihren Vätern geredet wurden, und zu ihren Kindern werden geredet werden, bis die Erde mit Allem was darin ist, vergeht, können sich nimmermehr zu solcher Verruchtheit hergeben. Listen im Krieg mögen rechtmäßig seyn, und sind es; aber Listen und Trug, und Verrätherei unter Freunden passen nur für die Teufel unter den Bleichgesichtern. Ich weiß, daß es weiße Männer genug gibt, die Euch eine so falsche Idee von unsrer Natur geben können, aber die sind untreu ihrem Blut und ihren Gaben, und sollten, wenn sie es nicht wirklich sind, Ausgestoßene und Vagabunden seyn. Kein rechtliches Bleichgesicht könnte thun, was Ihr verlangt, und um so offen gegen Euch zu seyn, als es meine Art und mein Bestreben ist, nach meinem Urtheil auch kein rechtlicher Delaware; mit einem Mingo mag es ein andrer Fall seyn.«

Der Hurone hörte diese Abfertigung mit sehr begreiflichem Widerwillen an, aber er hatte seine Zwecke fest im Auge, und war zu schlau, um alle Aussicht, sie noch zu erreichen, durch eine übereilte Kundgebung seines Unmuths zu vereiteln. Sich zu einem Lächeln zwingend, schien er eifrig zuzuhören, und erwog dann nachdenklich, was er vernommen hatte.

»Liebt Falkenauge die Bisamratze?« fragte er plötzlich; »oder liebt er seine Töchter?«

»Keines von beiden, Mingo. Der alte Tom ist nicht der Mann, meine Liebe zu gewinnen, und was die Töchter betrifft, die sind hübsch genug, um jedem jungen Manne zu gefallen; aber Gründe genug sind gegen eine sehr große Liebe für die Eine oder die Andere, Hetty ist eine gute Seele, aber die Natur hat eine schwere Hand auf ihren Geist gelegt; – das arme Geschöpf!«

»Und die Wilde Rose!« rief der Hurone – denn der Ruf von Judiths Schönheit hatte sich unter denen verbreitet, welche in der Wildniß so gut zu reisen wußten, als auf der Heerstraße, mittelst alter Adleronester, Felsen und geborstener Bäume, die ihnen durch Sage und Ueberlieferung bekannt waren: so gut wie unter den weißen Grenzbewohnern – »und die wilde Rose, ist sie nicht süß genug, um an die Brust meines Bruders gesteckt zu werden?«

Wildtödter besaß zu viel vom gebornen Gentleman, um das Mindeste gegen den guten Ruf eines durch Natur und Stellung so hülflosen Wesens zu äußern; und da er keine Unwahrheit reden mochte, schwieg er lieber ganz. Der Hurone mißverstand den Beweggrund, und vermuthete, seiner Zurückhaltung liege eine nicht erhörte Neigung zu Grunde. Immer noch trachtend, seinen Gefangenen zu verführen ober zu bestechen, um in den Besitz der Schätze zu kommen, womit seine Einbildungskraft das Castell anfüllte, setzte er seine Angriffe beharrlich fort.

»Falkenauge spricht mit einem Freund,« sagte er. »Er weiß, daß Rivenoak der Mann seines Wortes ist, denn sie haben miteinander gehandelt, und Handel öffnet die Seele, Mein Freund ist hieher gekommen, wegen einer kleinen Schnur, von einem Mädchen festgehalten, welche den mannhaftesten Krieger ganz und gar nach sich reißen kann?«

«Jetzt seyd Ihr der Wahrheit näher, Hurone, als je zuvor, seit unser Gespräch begonnen. Aber das eine Ende dieser Schnur war nicht an meinem Herzen befestigt, auch haftete keines an der Wilden Rose.«

»Das ist wunderbar! Liebt mein Bruder mit seinem Kopf und nicht mit seinem Herzen? Und kann die Schwachsinnige so hart an einem so mannhaften Krieger zerren?«

»Da ist es wieder! manchmal richtig und manchmal falsch! Die Schnur, davon Ihr sprachet, ist befestigt an dem Herzen eines großen Delawaren; eigentlich Eines vom Mohikanstamm, der unter den Delawaren lebt seit der Zerstreuung seines eignen Volkes und der Familie der Unkas – Chingachgook mit Namen, oder Große Schlange. Er ist hieher gekommen, geleitet von jener Schnur, und ich bin ihm gefolgt, oder vielmehr ging ihm voran, denn ich kam zuerst hieher, durch nichts Stärkeres hergezogen, als durch Freundschaft, die stark genug ist bei solchen, die nicht neidisch sind mit ihren Gefühlen und gern auch ein Wenig für ihre Mitgeschöpfe leben, so gut wie für sich selbst.«

»Aber eine Schnur hat zwei Enden – eines ist befestigt am Herzen eines Mohikans, und das andere –?«

»Ha, das andere war hier, dicht am Feuer, noch vor einer halben Stunde. Wah-ta!-Wah hielt es in ihrer Hand, wenn es nicht an ihrem Herzen haftete.«

»Ich verstehe, was Ihr meint, mein Bruder,« versetzte der Indianer ernst, jetzt erst dem Zusammenhange der Ereignisse des Abends auf die Spur kommend. »Die Große Schlange, als der Stärkste, zog an der Schnur und Hist war gezwungen, uns zu verlassen.«

»Ich denke nicht, daß es viel Ziehens brauchte,« erwiederte der Andere, immer in seiner stillen Weise lachend, und das so herzlich, als wäre er kein Gefangener in Gefahr von Martern und Tod schwebend, gewesen. »Ich glaube nicht, daß es da viel Ziehens brauchte; nein, wahrhaftig nicht. Gott tröste Euch, Hurone; er hat das Mädchen gern, und das Mädchen ihn, und es ging über Huronenlist, zwei junge Leute von einander getrennt zu halten, wenn ein so starkes Gefühl sie an einander knüpfte.«

»Und Falkenauge und Chingachgook kamen nur mit diesem Vorhaben in unser Lager?«

»Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet, Mingo! Ja, wenn eine Frage reden könnte, sie würde sich selbst beantworten zu Eurer vollkommnen Befriedigung. Warum sonst sollten wir kommen? Und doch ist es nicht ganz genau so; denn wir kamen gar nicht in Euer Lager, sondern nur bis an die Fichte dort, die Ihr auf der andern Seite de« Hügelrückens seht, wo wir standen und Euer Thun und Treiben beobachteten, so lang es uns beliebte. Als wir fertig waren, gab Schlange sein Signal, und dann ging Alles genau wie es gehen konnte, bis zu dem Augenblick, wo der Vagabund dort mir auf den Rücken sprang. Gewiß! deßhalb kamen wir und in keiner andern Absicht; und wir erreichten, weßhalb wir kamen; es wäre nutzlos, etwas Anderes behaupten zu wollen. Hist ist auf und davon mit einem Mann, der so gut wie ihr Gatte ist, und begegne mir was da wolle; das ist wenigstens etwas Gutes gewonnen.« »Welches Zeichen oder Signal benachrichtigte das junge Mädchen, daß ihr Liebhaber in der Nähe sey?« fragte der alte Hurone mit größerer Neugier, als er sonst zu verrathen pflegte.

Wildtödter lachte wieder, und schien sich des Gelingens der That mit so herzlicher Fröhlichkeit zu freuen, wie wenn er nicht das Opfer davon geworden wäre.

»Eure Eichhörner sind große Nachtschwärmer, Mingo!« rief er, noch immer lachend – »ja, die sind gewiß rechte Nachtschwärmer! Wenn andrer Leute Eichhörner zu Hause sind und schlafen, sind die Eurigen noch auf den Bäumen lustig und munter, und pfeifen und singen in einer Weise, daß selbst ein Delawarisches Mädchen ihre Musik verstehen kann! Nun, es gibt vierbeinigte Eichhörner und es gibt zweibeinigte Eichhörner, und ich lobe mir die letztern, wenn eine gute, zähe Schnur zwei Herzen zusammenknüpft. Wenn diese sie zusammenbringt, so sagt jenes, wann es gilt, es am stärksten zu ziehen!«

Der Hurone sah ärgerlich aus, doch gelang es ihm, jede heftige Aeußerung seiner Erbitterung zu unterdrücken. Er verließ bald seinen Gefangnen, begab sich zu den andern Kriegern, und theilte ihnen das Wesentliche dessen, was er erfahren hatte, mit. Wie er selbst, so fühlten auch die Uebrigen Bewunderung neben ihrem Verdruß über die Keckheit und die gelungene That ihrer Feinde. Drei oder vier von ihnen stiegen auf die kleine Anhöhe hinauf, und betrachteten den Baum, wo sich die Abenteurer, wie sie gehört, aufgestellt hatten, und Einer stieg sogar hinab und suchte unten herum nach Fußtapfen, um sich zu versichern, daß jene Angabe wahr sey. Das Ergebniß bestätigte die Erzählung des Gefangenen, und Alle kehrten mit erhöhter Verwunderung und Achtung zum Feuer zurück. Der Bote, der mit einigen Mittheilungen von der Truppe weiter oben angekommen war, während die zwei Abenteurer das Lager beobachteten, ward jetzt mit einer Antwort fortgeschickt, und nahm ohne Zweifel den Bericht alles hier Vorgefallenen mit sich. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Indianer, den man hatte mit Hist und einem andern Mädchen herumgehen sehen, keine Schritte gethan, eine Unterredung mit Wildtödter anzuknüpfen. Er hatte sich selbst von seinen Freunden ferngehalten, und war an der Versammlung jüngerer Weiber auf und abgeschritten, die wie gewöhnlich abgesondert sich zusammengethan hatten, und leise über die Flucht ihrer bisherigen Genossin sich besprachen. Vielleicht wäre der Wahrheit gemäß zu sagen, daß diese Letztern über das Vorgefallene ebenso vergnügt als ärgerlich waren. Ihre weiblichen Gefühle sprachen für die Liebenden, während ihr Stolz bei dem Erfolge ihres eignen Stammes betheiligt war. Es ist auch möglich, daß die überlegenen persönlichen Vorzüge Hist’s sie für Einige von dem jüngern Theile der Gruppe gefährlich machten, und es diesen nicht leid war, sie der Macht ihrer Reize nicht mehr im Wege stehen zu sehen. Im Ganzen jedoch herrschte das bessere Gefühl vor; denn weder der wilde Zustand, worin sie lebten, und die Stammesvorurtheile der einzelnen Völkerschaften, noch ihr hartes Loos als indianische Weiber hatten die unvertilgbare Hinneigung ihres Geschlechtes zu sanfteren Gefühlen gänzlich zu besiegen vermocht. Eines von den Mädchen lachte sogar über die trostlosen Mienen des Burschen, der sich als verlassen betrachten mochte, ein Umstand, der plötzlich seine Thatkraft zu erwecken schien, und ihn veranlaßte, zu dem Stamm hinzutreten, auf welchem der Gefangene noch immer, seine Kleider trocknend, saß.

»Das ist Pantherkatze!« sagte der Indianer, prahlerisch mit der Hand auf die nackte Brust sich schlagend, indem er jene Worte sprach in einer Weise, die zeigte, welchen großen Eindruck er von ihnen erwartete.

»Das ist Falkenauge,« versetzte ganz ruhig Wildtödter, den Namen sich beilegend, unter welchem er künftighin allen Männern der Irokesen bekannt zu werden gewiß war. »Mein Gesicht ist scharf; reicht meines Bruders Sprung weit?« »Von hier bis zu den Dörfern der Delawaren. Falkenauge hat mein Weib gestohlen; er muß sie zurückbringen, oder sein Skalp wird an einem Pfahl hängen und in meinem Wigwam trocknen.«

»Falkenauge hat Nichts gestohlen, Hurone. Er stammt nicht von einem Diebsgeschlecht und hat keine Diebesgaben. Euer Weib, wie Ihr Wah-ta!-Wah nennt, wird nie das Weib Eines der Rothhäute aus den Canada’s werden; ihre Seele ist in der Hütte eines Delawaren, und ihr Leib ist gegangen sie zu suchen. Die Pantherkatze ist schnell, das weiß ich, aber ihre Füße können nicht Schritt halten mit den Wünschen eines Weibes.«

»Die Schlange der Delawaren ist ein Hund; er ist ein armseliger Ochsenfrosch, der sich im Wasser hält; er fürchtet sich auf festem Boden zu stehen, wie ein tapfrer Indianer,«

»Ei, ei, Hurone, das ist ziemlich unverschämt, sintemal es nicht eine Stunde ist, daß Schlange nur hundert Fuß von Euch entfernt stand, und die Dicke Eurer Haut mit einer Büchsenkugel probirt haben würde, als ich ihm auf Euch hindeutete, hatte ich nicht das Gewicht einiger Ueberlegung auf seine Hand gelegt. Ihr mögt Mädchen in den Ansiedlungen fangen mit Eurem Pantherkatzengeheule, aber das Ohr eines Mannes kann Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden.«

»Hist lacht über ihn! Sie sieht, er ist lahm und ein ärmlicher Jäger, und ist nie auf dem Kriegspfad gewesen. Sie wird einen Mann zum Gatten nehmen, und nicht einen Narren,«

»Wie wißt Ihr das, Pantherkatze? wie wißt Ihr das?« versetzte Wildtödter lachend. »Sie ist auf den See gegangen, das seht Ihr, und vielleicht zieht sie eine Forelle einer Bastardkatze vor. Was die Kriegspfade betrifft, so haben weder Schlange noch ich viele Erfahrung, wie wir gerne gestehen; aber wenn Ihr dieß keinen nennen wollt, so müßt Ihr es, wie die Mädchen in den Niederlassungen, doch die Hochstraße zum Ehestand nennen. Nehmt meinen Rath, Pantherkatze, und sucht Euch ein Weib unter den jungen Huroninnen; unter den Delawarinnen werdet Ihr nie Eine mit ihrem guten Willen bekommen.«

Pantherkatze’s Hand fühlte nach seinem Tomahawk, und als die Finger den Griff faßten, zogen sie sich krampfhaft zusammen, als wenn der Indianer zwischen Klugheit und Ingrimm schwankte. In diesem kritischen Augenblick näherte sich Rivenoak, veranlaßt durch eine gebieterische Geberde den jungen Mann, sich zu entfernen, und nahm selbst seinen früheren Sitz neben Wildtödter auf dem Baumstamm ein. Hier blieb er eine kleine Weile stumm sitzen, mit der ernsten Zurückhaltung eines indianischen Häuptlings.

»Falkenauge hat Recht,« begann endlich der Irokese; »sein Gesicht ist so scharf, daß er die Wahrheit sieht in einer dunkeln Nacht, und unsre Augen sind blind gewesen. Er ist eine Eule, und das Dunkel verbirgt ihm Nichts. Er darf seine Freunde nicht beschädigen und erschlagen; er hat Recht.«

Es freut mich, daß Ihr so denkt, Mingo,« versetzte der Andere, »denn ein Verräther ist nach meinem Urtheil schlimmer als eine Memme. Ich frage so wenig nach der Bisamratze, als ein Bleichgesicht nach dem andern fragen darf; aber doch liegt er mir zu sehr am Herzen, als daß ich ihm in der Weise, wie Ihr wünschtet, einen Hinterhalt legen sollte. Kurz, nach meinen Ideen sind alle Listen, außer Listen im offenen Krieg, gegen das Recht, und wie wir Weißen es nennen, auch gegen das Evangelium.«

»Mein Bleichgesichtbruder hat Recht; er ist kein Indianer, der seinen Manitou und seine Farbe vergäße. Die Huronen wissen, daß sie einen großen Krieger zum Gefangnen haben, und sie werden ihn als Solchen behandeln. Wenn er gemartert werden soll, so werden seine Martern von der Art seyn, wie kein gewöhnlicher Mann sie ertragen kann, und wenn er als Freund behandelt wird, so wird die ihm erwiesene Freundschaft die Freundschaft von Häuptlingen seyn.«

Während der Hurone diese Versicherung seiner außerordentlichen Hochschätzung gab, blickte sein Auge verstohlen nach dem Gesicht des Andern, um zu entdecken, wie dieser das Compliment aufnehme, obgleich sein Ernst und seine anscheinende Aufrichtigkeit Jeden, der nicht in Listen und Künsten erfahren gewesen, seine Beweggründe schwerlich hatte entdecken lassen. Wildtödter gehörte zu den Arglosen; und bekannt mit den indianischen Begriffen, worin die Achtung, in Behandlung von Gefangenen, sich kund that, fühlte er sein Blut gerinnen bei dieser Ankündigung, wiewohl er eine so gestählte Fassung und Miene behauptete, daß sein scharfblickender Feind darin keine Spur von Schwäche lesen konnte.

»Gott hat mich in Eure Hände gegeben, Hurone,« versetzte endlich der Gefangene, »und ich denke, Ihr werdet nach Eurem Willen mit mir verfahren. Ich will mich nicht dessen rühmen was ich thun werde unter den Martern, denn ich bin noch nie auf die Probe gestellt worden, und vorher kann kein Mensch so Etwas behaupten; aber ich will mein Möglichstes thun, um dem Volk keine Schande zu machen, unter dem ich aufgewachsen bin. Indeß wünschte ich jetzt, daß Ihr mir bezeugtet, daß ich ganz von weißem Blute bin, und natürlich auch von weißen Gaben; somit, wenn ich sollte übermannt werden und mich vergessen, werdet Ihr, hoffe ich, den Fehler dahin stellen, wohin er eigentlich gehört, und ihn in keiner Weise den Delawaren, oder ihren Verbündeten und Freunden, den Mohikans, zurechnen. Wir sind Alle mit mehr oder weniger Schwäche erschaffen, und ich fürchte, die eines Bleichgesichts besteht darin, unter großen körperlichen Martern zu erliegen, während eine Rothhaut seine Lieder singt und den Feinden in’s Gesicht trotzig sich seiner Thaten rühmt.«

»Wir werden sehen; Falkenauge hat eine gute Miene und er ist zäh. – Aber warum sollte er gemartert werden, wenn die Huronen ihn lieben? Er ist nicht als ihr Feind geboren; und der Tod Eines Kriegers wird nicht für immer eine Wolke zwischen sie werfen.«

»Um so besser, Hurone, um so besser. Dennoch möchte ich Nichts einem Mißverständnis über unsre beiderseitigen Gesinnungen zu verdanken haben. Es ist um so besser, wenn ihr keinen Groll nachtragt wegen des Verlustes eines Kriegers, der im Kampfe fiel; doch aber ist es unwahr, daß keine Feindschaft – rechtmäßige Feindschaft meine ich – zwischen uns bestehe. So weit ich überhaupt Rothhautgefühle habe, habe ich Delawarengefühle; und ich überlasse es Euch selbst zu beurtheilen, in wie weit sie freundschaftlich gegen die Mingo’s seyn können.«

Wildtödter hielt inne, denn eine Art Gespenst stand vor ihm. das plötzlich den Fluß seiner Worte hemmte, und ihn in der That einen Augenblick zweifeln machte an der Treue seines gerühmten Gesichts. Hetty Hutter stand neben dem Feuer, so ruhig, als gehörte sie zu dem Stamme.

Während der Jäger und der Indianer dasaßen, Jeder die Gemüthsbewegungen beobachtend, die sich im Gesicht des Andern aussprachen, hatte sich das Mädchen unbeachtet genähert, ohne Zweifel von dem Strand auf der südlichen Seite der Landspitze her, oder derjenigen, die dem Ort zunächst war, wo die Arche geankert hatte, und war zu dem Feuer herangeschritten mit der ihrer Einfalt eigenthümlichen und durch ihre frühere Behandlung bei den Indianern allerdings gerechtfertigten Furchtlosigkeit. Sobald Rivenoak das Mädchen erblickte, erkannte er sie auch wieder, und zwei oder drei der jüngern Krieger herrufend, sandte sie der Häuptling auf Kundschaft aus, besorgt, Hetty’s Erscheinung möchte der Vorbote eines neuen Angriffs seyn. Dann winkte er Hetty, näher heranzukommen.

«Ich hoffe, Euer Besuch ist ein Zeichen, daß Schlange und Hist in Sicherheit sind,« sagte Wildtödter, sobald das Mädchen der Aufforderung des Huronen gehorcht hatte. »Ich denke nicht, daß Ihr wieder mit dem Vorhaben an die Küste kommt, das Euch das letzte Mal herführte.«

»Judith hieß mich dießmal gehen, Wildtödter,« versetzte Hetty; »sie ruderte mich selbst in einem Canoe an’s Land, sobald Schlange seine Hist gezeigt und seine Geschichte erzählt hatte. Wie schön ist Hist heute Nacht, Wildtödter, und wie viel glücklicher sieht sie aus, als da sie bei den Huronen war!«

»Das ist Natur, Mädchen; ja, das kann man als menschliche Natur setzen. Sie ist bei ihrem Verlobten und fürchtet nicht mehr einen Mingo zum Mann zu bekommen. Nach meinem Urtheil würde Judith selbst den größten Theil ihrer Schönheit verlieren, wenn sie dächte, sie müßte sie ganz einem Mingo hingeben! Zufriedenheit thut Viel zur Befestigung des guten Aussehens; und ich will Euch dafür stehen, Hist ist zufrieden genug, nachdem sie den Händen dieser Elenden entronnen und bei ihrem auserwählten Krieger ist! Sagtet Ihr nicht, Eure Schwester habe Euch an’s Land gehen heißen – wie kam Judith dazu?«

»Sie bat mich zu gehen, um nach Euch zu sehen, und den Versuch zu machen, die Wilden zu bereden, daß sie noch mehr Elephanten nähmen für Eure Loslassung; aber ich habe die Bibel mitgebracht, die wird mehr ausrichten, als alle Elephanten in Vaters Schranke!«

»Und Euer Vater, gute kleine Hetty – und Hurry; wußten sie von Eurem Vorhaben?«

»Nichts. Beide schlafen; und Judith und Schlange hielten es für’s Beste, daß sie nicht geweckt würden, damit sie nicht wieder gelüstete, auf Skalpe auszuziehen, wenn Hist ihnen gesagt hätte, wie wenige Krieger und wie viele Weiber und Kinder hier im Lager seyen. Judith ließ mir keine Ruhe, bis ich an’s Land ging, um zu sehen, was aus Euch geworden.«

»Nun, das ist auffallend, was Judith betrifft! Warum ist sie denn auch wegen meiner so in Sorgen? Ja, jetzt sehe ich, wie die Sache ist; ja, jetzt durchschaue ich die ganze Sache. Ihr müßt verstehen, Hetty, Eure Schwester ist unruhig darüber, Harry March möchte erwachen und ungeschickterweise wieder dem Feind in die Hände laufen, weil er leicht die Idee haben könnte, er müsse als Reisegesellschafter mir in dieser Sache beistehen! Hurry ist ein zu täppischer Mensch, das geb‘ ich zu; aber ich glaube nicht, daß er meinetwillen so Viel wagen würde, wie für sich selbst.«

»Judith kümmert sich nicht um Hurry, wenn schon Hurry Wohl um sie,« versetzte Hetty, unschuldig, aber mit großer Bestimmtheit.

»Ich habe Euch das schon früher sagen hören; ja, ich habe das sonst schon von Euch gehört, Mädchen; und doch ist es nicht wahr. Man lebt nicht unter einem Stamm, ohne auch Etwas zu sehen von der Art und Weise, wie die Neigung im Herzen eines Weibes arbeitet. Obgleich selbst keineswegs gesonnen, zu heirathen, bin ich doch unter den Delawaren ein Beobachter gewesen, und das ist eine Sache, worin Bleichgesicht- und Rothhaut-Gaben ganz gleich sind. Wenn das Gefühl anfängt, ist das junge Weib nachdenklich, und hat Augen und Ohren nur für den Krieger, der ihr Gemüth eingenommen hat; dann folgt Schwermuth und Seufzen und derlei Geberdungen; darnach, besonders wenn die Sachen nicht zu deutlicher Erörterung kommen, legt sie sich oft auf´s Tadeln und Fehlerfinden, und schilt den Jüngling eben wegen der Dinge, die ihr am besten an ihm gefallen. Manche junge Creatur ist gar geneigt, in dieser Weise ihre Liebe zu zeigen, und ich bin der Meinung, zu diesen gehört auch Judith. Nun habe ich sie so gut als läugnen hören, daß Hurry ein gutes Aussehen habe; und mit dem jungen Weib, das das thut, muß es in der That weit gekommen seyn.«

»Das junge Weib, das Hurry liebte, würde gestehen, daß er schön sey. Ich halte Hurry für sehr schön, Wildtödter, und gewiß muß Jedermann, wer Augen hat, so denken. Judith mag den Harry March nicht, und das ist der Grund, warum sie so viel an ihm aussetzt.«

»Gut– gut – meine gute kleine Hetty, sey es, wie Ihr wollt. Wenn wir auch von jetzt bis zum Winter fortschwatzten, würde doch Jedes bei seiner Meinung bleiben, und so nützen Worte nichts. Ich muß glauben, daß Judith sehr in Hurry verschossen ist und daß sie ihn früher oder später nehmen wird; und dieß nur um so mehr, nach der Art zu schließen, wie sie ihn schilt und mißhandelt; Ihr aber, glaube ich fast, denkt gerade das Gegentheil. Aber merkt, was ich Euch sage, Mädchen, und gebt Euch die Miene, es nicht zu wissen,« fuhr dieser Mann fort, der so blind war, in einem Punkt, wo Männer gewöhnlich scharfsichtig und rasch genug sind, Entdeckungen zu machen, und so scharfblickend in Dingen, welche der Beobachtung bei weitem des größten Theils der Menschen spotten würden; »ich sehe, wie es ist mit diesen Vagabunden. Rivenoak hat uns verlassen, wie Ihr seht, und spricht mit den jungen Männern dort, und obgleich es zu weit entfernt ist, um zu hören, kann ich doch sehen, was er ihnen sagt. Er gibt ihnen Befehl, Eure Bewegungen zu beobachten und ausfindig zu machen, wo das Canoe Euch treffen soll, um Euch zur Arche zurück zu führen, und dann fest zu nehmen Wen und Was sie können. Es thut mir leid, daß Judith Euch geschickt hat, denn ich denke mir, sie wünscht Eure Rückkehr.«

»Alles das ist schon in’s Reine gebracht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen in leisem, vertraulichem und bedeutsamem Tone; »und Ihr könnt mir zutrauen, daß ich die besten Indianer dort alle überlisten werde. Ich weiß, ich bin schwachsinnig, aber doch habe ich einigen Sinn und Verstand, und ihr sollt sehen, wie ich damit zurückzukommen weiß, wenn mein Vorhaben beendigt ist!«

»Ach, armes Märchen, ich fürchte, das Alles ist leichter gesagt als gethan. Es ist das ein giftiges Gezücht von Gewürmen, und ihr Gift ist nicht vermindert und milder worden durch den Verlust Hist’s. Sehr froh bin ich, daß es Schlange gerade gelang, mit dem Mädchen sich zu retten, denn jetzt werden Zwei wenigstens glücklich seyn, während, wenn er in die Hände der Mingo’s gefallen wäre. Zwei unglücklich und einem Dritten keineswegs so zu Muthe gewesen wäre, wie es einem Zufriedenen ist.«

»Jetzt erinnert Ihr mich an einen Theil meines Vorhabens, den ich beinahe vergessen hätte, Wildtödter. Judith trug mir auf, Euch zu fragen, was Ihr glaubt, daß die Huronen mit Euch thun würden, wenn Ihr nicht könntet losgekauft werden, und womit sie Euch am wirksamsten dienen könne? Ja, das war der wichtigste Theil des Auftrags – was sie thun könne, um Euch am wirksamsten zu dienen.«

»So denkt Ihr, Hetty; aber daran liegt nichts. Junge Weiber sind geneigt, am meisten Werth auf das zu legen, was ihre Gefühle berührt – aber das ist einerlei, sey es, wie Ihr wollt, nur nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht die Vagabunden sich eines Canoe’s bemächtigen laßt. Wenn Ihr auf die Arche zurückkommt, sagt ihnen, sie sollen immer scharfe Wache, aber immer sich in Bewegung halten, ganz besonders bei Nacht. Es können nicht mehr viele Stunden vergehen, ohne daß die Truppen am Fluß von dieser Bande hören, und dann können Eure Freunde nach Unterstützung und Entsatz sich umsehen. Es ist nur ein Tagmarsch von der nächsten Garnison hieher, und rechte Soldaten werden nie müßig hinliegen, wenn der Feind in ihrer Nachbarschaft ist. Das ist mein Rath, und Ihr möget Eurem Vater und Hurry sagen: auf Skalpe Jagd machen, werde jetzt ein ärmliches Gewerbe seyn, da die Mingo’s auf den Beinen und wach sind, und Nichts sie retten könne, bis die Truppen anlangen, als wenn sie einen tüchtigen Wassergürtel zwischen sich und den Wilden ziehen.«

»Was soll ich Judith von Euch sagen, Wildtödter? Ich weiß, sie wird mich wieder zurück schicken, wenn ich ihr nicht die Wahrheit über Euch berichte.«

»Dann sagt Ihr die Wahrheit. Ich sehe keinen Grund, warum Judith Hutter von mir nicht so gut die Wahrheit hören sollte, als eine Lüge. Ich bin ein Gefangener in den Händen der Indianer, und die Vorsehung allein weiß, was der Ausgang seyn wird! Hört, Hetty –« und er ließ die Stimme sinken und sprach noch heimlicher und noch mehr im Vertrauen, »Ihr seyd ein wenig schwachsinnig, muß man gestehen, aber Ihr versteht Euch ein Wenig auf Indianer. Hier bin ich in ihren Händen, nachdem ich einen ihrer muthigsten Krieger getödtet, und sie haben versucht, mich durch Furcht vor den Folgen ihrer Rache zu bearbeiten, Euern Vater und Alle in der Arche zu verrathen. Ich verstehe die Spitzbuben so gut, als wenn sie Alles geradezu mit ihren Zungen herausgesagt hätten. Sie halten mir die Lockungen der Habgier auf der einen und Furcht auf der andern Seite vor, und glauben, die Ehrlichkeit werde zwischen beiden zu Fall kommen. Aber thut Eurem Vater und Hurry zu wissen, daß es vergeblich ist, Schlange weiß es schon.«

»Aber was soll ich Judith sagen? Sie wird mich gewiß wieder zurück schicken, wenn ich ihr Gemüth nicht beruhige.«

»Nun, sagt Judith dasselbe. Ohne Zweifel werden die Wilden ihre Martern versuchen, um mich zur Schwäche zu bringen und den Verlust ihres Kriegers zu rächen; aber ich muß mich gegen natürliche Schwäche zu behaupten suchen, so gut ich immer kann. Ihr könnt Judith sagen, sie solle sich um mich keinen Kummer machen – es wird hart kommen, das weiß ich, sintemalen eines weißen Mannes Gaben nicht dahin gehen, unter Martern zu prahlen und zu singen, denn er empfindet in der Regel am wenigsten, wenn er am ärgsten leidet – aber Ihr mögt ihr sagen, sie solle sich keinen Kummer machen. Ich denke, ich werde es schon zu ertragen wissen; und sie darf sich darauf verlassen, mag ich auch noch sehr den Gleichmuth verlieren, und ganz und gar bewähren, daß ich weiß bin durch Wimmern und Stöhnen und selbst durch Thränen, – doch werde ich nie so weit kommen, daß ich meine Freunde verrathe. Wenn es daran geht, daß man mit glühenden Ladstöcken Löcher in’s Fleisch brennt, und den Körper zerhackt, und das Haar mit den Wurzeln ausrauft, mag wohl die Natur die Oberhand gewinnen, was Aechzen und Klagen anbetrifft, aber damit wird der Triumph der Vagabunden enden; nichts Geringeres, als wenn ihn Gott den Teufeln Preis gibt, kann einen ehrlichen Mann seiner Farbe und seiner Pflicht untreu machen.«

Hetty hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und ihr mildes, aber sprechendes Gesicht verrieth lebhafte Theilnahme an der so vorläufig geschilderten Todesqual des künftigen möglichen Dulders. Anfänglich schien sie verlegen, wie sie sich benehmen sollte; dann ergriff sie eine Hand Wildtödters und empfahl ihm dringend und liebevoll, ihre Bibel zu borgen und darin zu lesen, während ihn die Wilden mit ihren Martern peinigten. Als der Andre redlich gestand, daß das Lesen über sein Vermögen gehe, erbot sie sich sogar, bei ihm zu bleiben, und selbst diesen heiligen Dienst zu versehen. Das Anerbieten ward freundlich abgelehnt, und da Rivenoak im Begriff stand, wieder zu ihnen zu treten, bat Wildtödter das Mädchen, ihn zu verlassen, wobei er ihr jedoch nochmals einschärfte, denen in der Arche zu sagen, daß sie volles Vertrauen in seine Treue setzen sollten. Jetzt entfernte sich Hetty und näherte sich der Gruppe von Weibern mit solcher Zuversicht und Selbstbeherrschung, als wäre sie eine Eingeborne des Stammes. Andrerseits nahm der Hurone seinen Sitz neben dem Gefangenen wieder ein, und fuhr fort, ihm mit all der tückischen Schlauheit eines geübten indianischen Rathsmannes Fragen vorzulegen, während der Andere seine List zu Schanden machte mit den Mitteln, die, wie man weiß, auch die wirksamsten sind, die Feinheit der anspruchsvolleren Diplomatie der Zivilisation zu vereiteln – oder sich in seinen Antworten auf die Wahrheit und die Wahrheit allein, beschränkte.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

            So starb sie. Nie wird sie erfahren
Mehr Schmerz und Schmach; unfähig, daß sie trägt
Die inn´re Last im Lauf von Monden, Jahren,
Gleich kältern Herzen, bis in’s Grab sie legt
Das Alter. Ihre Tag‘ und Freuden waren
Kurz, aber schön, wie sie das Schicksal pflegt
Nicht lang zu gönnen. Doch am Meeresstrand
Schläft sie nun wohl, wo sie sich gern befand.
Byron.

Die jungen Männer, die bei Hetty’s plötzlichem Erscheinen auf Kundschaft waren ausgesandt worden, kehrten bald zurück mit dem Bericht, daß es ihnen nicht gelungen, irgend Etwas zu entdecken. Einer von ihnen war sogar am Strand bis an den Platz, der der Arche gegenüber lag, hingegangen, aber die Dunkelheit hatte dieß Fahrzeug seinen Blicken gänzlich entzogen. Andre hatten in verschiedenen Richtungen sich umgesehen, und überall hatten sie nur die Stille der Nacht mit dem Schweigen und der Einsamkeit der Wälder vermählt gefunden.

Man glaubte daher, das Mädchen sey, wie bei ihrem ersten Besuch und in einem ähnlichen Zweck, allein gekommen. Die Irokesen wußten nicht, daß die Arche das Castell verlassen hatte, und es waren mittlerweile Bewegungen im Plane, wenn nicht schon in wirklicher Ausführung begriffen, welche auch das Gefühl der Sicherheit mächtig verstärkten. Eine Wache ward daher ausgestellt, und Alle außer den Schildwachen schickten sich zum Schlafe an.

Man hatte hinlängliche Sorge getroffen, den Gefangenen sicher verwahrt zu halten, ohne ihm unnöthige Leiden anzuthun, und Hetty gestattete man, sich unter den indianischen Mädchen so gut sie konnte, eine Schlafstätte zu suchen. Die freundliche Dienstfertigkeit Hist’s fand sie freilich nicht, obwohl ihr Charakter nicht blos gegen Unbilden und Gefangenschaft sie sicher stellte, sondern ihr auch eine Berücksichtigung und Achtung verschaffte, vermöge der sie, was Bequemlichkeit betraf, völlig den wilden aber gutmüthigen Geschöpfen um sie her gleichgestellt wurde. Man gab ihr eine Haut, und sie machte sich selbst ihr Bett zurecht aus einem Haufen von Zweigen, ein wenig beiseite von den Hütten. Hier lag sie bald, wie Alle um sie her, in tiefem Schlafe.

Es waren jetzt dreizehn Männer bei der Truppe, und je drei auf einmal hielten Wache. Einer jedoch blieb im Schatten, nicht weit vom Feuer, zurück. Seine Obliegenheit war, den Gefangnen zu bewachen, dafür Sorge zu tragen, daß das Feuer nicht so aufflackerte, daß es den Platz beleuchtete, und doch es nicht ganz erlöschen zu lassen, und auf den Zustand des Lagers überhaupt ein wachsames Auge zu haben. Ein Zweiter ging von einem Strand zum andern herüber und hinüber, und durchkreuzte die Basis der Landspitze, während der dritte langsam an dem äußersten Rand der Küste auf- und abschritt, um eine Wiederkehr der Ueberraschung, die schon einmal in dieser Nacht stattgefunden, zu verhüten. Diese Einrichtung war keineswegs gewöhnlich bei Wilden, die sich in der Regel mehr auf die Heimlichkeit ihrer Bewegungen, als auf eine derartige Wachsamkeit verlassen; aber sie war veranlaßt durch die eigenthümlichen Umstände, in welchen sich die Huronen eben jetzt befanden. Ihre Stellung war ihren Feinden bekannt, und sie konnte nicht wohl geändert werden zu einer Stunde, welche Schlaf und Ruhe verlangte. Vielleicht setzten sie auch hauptsächlich ihr Vertrauen auf das, was, wie sie für gewiß zu wissen glaubten, weiter aufwärts auf dem See vorging, und was, wie sie wähnten, sämmtlichen in Freiheit befindlichen Bleichgesichtern nebst ihrem einzigen indianischen Bundesgenossen alle Hände voll zu thun geben würde. Auch wußte vermuthlich Rivenoak, daß, so lange er den Gefangenen behielt, er den Gefährlichsten von allen seinen Feinden in Händen hätte. Die Sicherheit, mit welcher diese an Wachsamkeit oder an ein Leben, dessen Ruhe oft gestört wird, gewöhnten Menschen einschlafen, ist eines der nicht am wenigsten merkwürdigen Phänomene unsers geheimnißreichen Daseyns. Nicht sobald ruht der Kopf auf dem Pfühl, so ist auch das Bewußtseyn entschwunden; und doch, zur erforderlichen Stunde, scheint der Geist den Körper aufzuwecken, so rasch und sicher, als hätte er die Zeit über Schildwache bei ihm gestanden. Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß diejenigen, die so ihren Schlummer abbrechen, aufwachen vermöge der Macht des Gedankens über die Materie, obwohl die Art und Weise, wie diese Macht, dieser Einfluß geübt wird, unsrer Forschbegier verborgen bleiben muß, bis er einst, falls diese Stunde je eintritt, wird erklärt werden durch die vollständige Erleuchtung der Seele hinsichtlich aller menschlichen Räthsel. Dieß war nun auch der Fall bei Hetty Hutter. Für so schwach auch der immaterielle Bestandteil ihres Wesens galt, war er doch kräftig genug, ihre Augen um Mitternacht zu öffnen. Um diese Stunde wachte sie auf, verließ ihr Lager, aus Zweigen und einer Haut bestehend, schritt arglos und offen zu der Glut des Feuers, und fachte diese ein wenig an, da die Kühle der Nacht und der Wälder, in Verbindung mit einem über die Maßen kunstlosen Bett, sie ein wenig frieren gemacht hatte. Als die Flamme aufloderte, beleuchtete sie das braune Gesicht des wachehaltenden Huronen, dessen dunkle Augen bei diesem Licht blitzten wie die Augen des Panthers, der mit Feuerbränden zu seiner Höhle verfolgt wird. Aber Hetty fühlte keine Furcht, und sie näherte sich dem Platz, wo der Indianer stand. Ihre Bewegungen waren so natürlich, und so gänzlich frei von der verstohlenen Art der List oder Täuschung, daß er dachte, sie sey nur aufgestanden wegen der Kälte der Nacht, ein in einem Bivonak nicht seltenes Vorkommniß, und ein solches, das vielleicht unter allen am wenigsten Verdacht zu erregen geeignet ist. Hetty sprach zu ihm, aber er verstand kein Englisch, dann starrte sie beinahe eine Minute den schlafenden Gefangenen an, und entfernte sich dann langsam, Trauer und Betrübniß in ihrem Wesen.

Das Mädchen nahm sich nicht die Mühe, ihre Bewegungen zu verhehlen. Alle schlauen Auskunftsmittel dieser Art gingen gänzlich über ihr Vermögen; doch war ihr Schritt von Natur leicht und kaum hörbar. Wie sie die Richtung nach der äußersten Landspitze, oder nach dem Platz einschlug, wo sie bei ihrem ersten Abenteuer gelandet, und wo Hist sich eingeschifft hatte, sah die Schildwache ihre leichte Gestalt allmälig im Dunkel verschwinden, ohne darüber unruhig zu werden oder ihre Stellung zu ändern. Der Indianer wußte, daß Andere auf Wache ausgestellt waren, und glaubte nicht, daß diejenige, die zweimal freiwillig ins Lager gekommen war, und es schon ganz offen verlassen hatte, sich durch die Flucht ihnen werde zu entziehen suchen. Kurz, das Thun und Treiben des Mädchens erregte nicht mehr Aufmerksamkeit, als das irgend einer geistesschwachen Person in civilisirten Ländern erregen würde, während man ihrer Person mit weit mehr Achtung und Rücksicht begegnete.

Hetty hatte freilich keine sehr deutliche Vorstellung von den Lokalitäten, aber doch fand sie den Weg zum Strande, den sie auf derselben Seite des Vorsprungs erreichte, wo auch das Lager aufgeschlagen war. Dem Rand des Wassers folgend, und die Richtung nach Norden einschlagend, stieß sie bald auf den Indianer, der als Schildwache am Strand auf- und abschritt. Es war dieß ein junger Krieger, und als er ihren leichten Tritt auf dem Kiesgrunde hörte, näherte er sich rasch, obwohl keineswegs in drohender Weise. Die Finsterniß war so dicht, daß es nicht leicht war, innerhalb der Schatten des Waldes auf eine Entfernung von zwanzig Fuß Gestalten zu entdecken, und beinahe unmöglich, Personen zu unterscheiden, als bis man sie beinahe greifen konnte. Der junge Hurone ließ einigen Verdruß blicken, als er merkte, wem er begegnete, denn die Wahrheit zu gestehen, erwartete er seine Auserkorene, welche ihm versprochen, die Langeweile einer Wache um Mitternacht durch ihre Anwesenheit ihm zu versüßen. Auch dieser Mann verstand kein Englisch, aber er fand gar nichts Befremdendes daran, daß das Mädchen zu dieser Stunde auf den Beinen war. Solche Dinge kamen in einem indianischen Dorf und Lager, wo der Schlaf so unregelmäßig ist wie die Mahlzeit, ganz gewöhnlich vor. Dann kam der armen Hetty ihre bekannte Geistesschwäche auch bei dieser Gelegenheit, wie in den meisten Dingen gegenüber den Wilden, sehr zu Statten. Verdrießlich über die Täuschung seiner Erwartung, und unmuthig über die Erscheinung eines unbequemen Besuchs, wie er dachte, winkte der junge Krieger dem Mädchen weiter zu gehen in der Richtung des Strandes. Hetty gehorchte; aber im Weitergehen sprach sie laut Englisch in ihrem gewöhnlichen, weichen Ton, den die Stille der Nacht auf einige Entfernung vernehmbar machte.

»Wenn Ihr mich für ein Huronenmädchen nahmet, Krieger,« sagte sie, »so wundert es mich nicht, daß Ihr so unzufrieden seyd. Ich bin Hetty Hutter, Thomas Hutter’s Tochter, und bin noch nie Nachts mit einem Mann zusammengetroffen, denn Mutter sagte immer, das sey unrecht, und sittsame Mädchen dürften es nie thun – sittsame Mädchen von den Bleichgesichtern, meine ich; denn die Bräuche sind verschieden in verschiedenen Theilen der Welt, das weiß ich. Nein, nein; ich bin Hetty Hutter, und möchte selbst Hurry Harry nicht begegnen, sollte er auch auf die Kniee niederfallen und mich darum bitten! Mutter sagte, es sey unrecht.«

Während Hetty so sprach, hatte sie den Platz erreicht, wo die Canoe’s gelandet hatten, und vermöge der Krümmung des Landes und der Gebüsche dem Auge der Schildwache sogar am hellen Tage verborgen geblieben wären. Aber ein andrer Fußtritt hatte das Ohr des Liebhabers erreicht, und er befand sich schon außer dem Bereich der Silberstimme des Mädchens. Noch immer sprach Hetty fort, ganz ihren Gedanken und Wünschen nachhängend, aber bei ihrer so leisen Stimme konnten die Töne nicht weit in den Wald hineindringen. Uebers Wasser hin verbreiteten sie sich weiter.

»Da bin ich, Judith,« fuhr sie fort, »und Niemand ist in meiner Nähe. Der Hurone auf der Wache ist seinem Liebchen entgegengegangen, einem indianischen Mädchen, das du kennst, und das nie eine christliche Mutter gehabt, die ihr hätte sagen können, wie unrecht es ist, bei Nacht sich mit einem Manne zu treffen –«

Hetty’s Reden ward unterbrochen durch ein »Bscht!« das vom Wasser her kam, und dann wurde sie, wiewohl undeutlich, des Canoe’s ansichtig, welches sich geräuschlos näherte, und bald mit seinem Bug auf den Kieseln auffuhr. Sobald Hetty’s Last in das leichte Fahrzeug aufgenommen war, entfernte sich das Canoe wieder, das Hintertheil voran, wie wenn es Leben und Willen hätte, bis es hundert Schritte vom Ufer entfernt war. Dann wandte es sich, und indem es einen weiten Bogen beschrieb, ebensosehr um die Fahrt zu verlängern, als um außer Gehörweite zu kommen, nahm es seinen Lauf der Arche zu. Einige Minuten lang ward Nichts gesprochen, dann aber begann Judith, welche sich in einer günstigen Lage zu befinden glaubte, um mit ihrer Schwester sich zu besprechen, und – das Canoe mit einer Geschicklichkeit handhabend, die der eines Mannes Wenig nachgab, allein im Hintertheil saß, ein Gespräch, welches anzufangen sie vor Begierde brannte, seit sie die Landspitze verlassen hatten.

»Hier sind wir sicher, Hetty,« sagte sie, »und können plaudern, ohne Furcht belauscht zu werden. Du mußt aber leise sprechen, denn übers Wasser hört man in einer stillen Nacht die Töne weit hin. Ich war einen Theil der Zeit über, während welcher du am Lande wärest, dem Ausläufer so nahe, daß ich die Stimmen der Krieger hörte, und ich hörte deine Schuhe auf dem Kies des Strandes, noch ehe du sprachest.« »Die Huronen, Judith, wissen, glaube ich, nicht, daß ich sie verlassen habe.«

»Wahrscheinlich nicht, denn ein Liebhaber gibt eine schlechte Schildwache ab, wenn er nicht etwa auf sein Liebchen wartet oder sie bewacht! Aber sag‘ mir, Hetty, hast du Wildtödter gesehen und gesprochen?«

»Oh! ja – er saß am Feuer, mit gebundnen Füßen, aber die Arme hatte man ihm freigelassen, daß er sie bewegen konnte, wie er wollte.«

»Gut; was hat er dir gesagt, Kind? Sprich schnell; ich sterbe vor Verlangen, zu wissen, welche Botschaft er mir sendet.«

»Was er mir gesagt hat? ha, was denkst Du, Judith! er hat mir gesagt, er könne nicht lesen! Bedenke nur, ein weißer Mann und nicht einmal seine Bibel lesen können! Er hat wohl nie eine Mutter gehabt, Schwester!«

»Laß das ruhen, Hetty. Nicht alle Menschen können lesen; obgleich unsre Mutter so Viel wußte, und uns so Viel lehrte, versteht doch Vater sehr Wenig von Büchern, und kann kaum nur die Bibel lesen, wie du weißt.«

»Oh, ich dachte auch nie, daß die Väter gut lesen könnten, aber die Mütter sollten alle lesen, denn wie können sie es sonst ihre Kinder lehren? Glaube mir, Judith, Wildtödter kann nie eine Mutter gehabt haben, sonst würde er auch lesen können.«

»Hast du ihm gesagt, ich habe dich an’s Land geschickt, Hetty, und daß ich so bekümmert sey um sein Unglück?« fragte die Andere ungeduldig.

»Ich glaube so, Judith; aber du weißt, ich bin schwachsinnig und kann es vergessen haben. Ich habe ihm gesagt, du habest mich ans Land geführt. Und er trug mir Vieles auf, was ich dir sagen sollte, dessen ich mich wohl erinnere, denn das Blut erstarrte mir, wie ich ihm zuhörte. Er trug mir auf zu sagen, seine Freunde – ich denke, zu denen gehörst du auch, Schwester?«

»Wie kannst du mich so martern, Hetty! gewiß gehöre ich zu den treuesten Freunden, die er auf der Welt hat!«

»Dich martern, ja, jetzt besinne ich mich wieder auf Alles! Ich bin froh, daß du das Wort gebrauchtest, Judith, denn es ruft nur wieder Alles in die Seele zurück. Nun er sagte, er könnte wohl von den Wilden gemartert werden, aber er wolle versuchen, es zu ertragen, wie es einem christlichen, weißen Manne gezieme, und es dürfe Niemand in Forcht seyn – warum sagt denn Wildtödter: in Forcht, während uns doch Mutter immer sagen lehrte: in Furcht?«

»Laß das, liebe Hetty, laß doch jetzt das,« rief die Andere, beinahe außer Stand zu athmen. »Hat Wildtödter dir wirklich gesagt, er glaube, die Wilden würden ihn martern? Besinne dich recht, Hetty, denn das ist eine höchst ernste und entsetzliche Sache.«

»Ja, das hat er; und es fällt mir darüber ein, daß du sagtest, ich martere dich. Oh! es ward mir sehr leid und bange um ihn, und Wildtödter nahm Alles so ruhig und so geräuschlos! Wildtödter ist nicht so schön wie Hurry Harry, Judith, aber er ist ruhiger.«

»Er ist so viel werth, als eine Million Hurry’s! ja, er ist so viel werth als alle die jungen Männer, die je an den See kamen, zusammengenommen,« sagte Judith mit einer Lebhaftigkeit und Bestimmtheit, welche ihre Schwester staunen machte. »Er ist wahr! es ist keine Lüge in Wildtödters Mund und Seele. Du, Hetty, weißt vielleicht nicht, welches Verdienst an einem Manne die Wahrheit ist, aber wenn du einmal – nein, ich hoffe du wirst es nie erfahren. Warum sollte ein Geschöpf, wie du, je die harte Schule des Hasses und Mißtrauens durchmachen?«

Judith beugte, so dunkel es war, und so wenig sie von irgend einem Auge außer dem der Allmacht gesehen werden konnte, ihr Haupt herunter zwischen ihre Hände und stöhnte tief auf. Dieser plötzliche Paroxysmus von Affekt dauerte jedoch nur einen Augenblick, und sie fuhr dann ruhiger fort, immer noch freimüthig zu ihrer Schwester sprechend, in deren Verstand und Verschwiegenheit in Allem, was sie betraf, sie nicht das mindeste Mißtrauen setzte. Ihre Stimme war aber jetzt leise und hohl, während sie zuvor klar und lebhaft gewesen war.

»Es ist eine harte Sache, die Wahrheit fürchten zu müssen, Hetty,« sagte sie: »und doch fürchte ich Wildtödters Wahrhaftigkeit mehr als irgend einen Feind. Man kann nicht markten mit solcher Wahrhaftigkeit – solcher Redlichkeit – solcher hartnäckigen Geradheit! Aber sind wir nicht gänzlich ungleich, Schwester – Wildtödter und ich? Ist er nicht in Allem mir überlegen?«

Es war etwas Ungewöhnliches bei Judith, sich so weit herunterzugeben, daß sie an Hetty’s Einsicht und Urtheil sich fragend wandte. Auch redete sie sie nicht oft mit dem Namen Schwester an, – eine Auszeichnung, die gewöhnlich die Jüngere der Aelteren erweist, selbst da wo in allen andern Beziehungen Gleichheit der Personen stattfindet. Wie geringfügige Abweichungen vom gewohnten Ton oft stärker auffallen, als wichtigere Veränderungen, bemerkte auch Hetty diese Umstände, und wunderte sich darüber in ihrer einfachen Weise.

Ihr Ehrgeiz war ein wenig aufgestachelt; und ihre Antwort war eben so wenig dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entsprechend, als die Frage; denn das arme Mädchen suchte sich über ihr Vermögen fein und klug vernehmen zu lassen.

»Ueberlegen, Judith?–« wiederholte sie mit Stolz. »In was kann Wildtödter dir überlegen seyn? Bist du nicht der Mutter Kind – und kann er lesen – und that es nicht Mutter darin allen Frauen in dieser Gegend der Welt zuvor? Ich sollte meinen, weit entfernt, daß er dir überlegen wäre, dürfte er sich kaum mir überlegen glauben. Du bist hübsch und er ist häßlich–«

»Nein, nicht häßlich, Hetty,« unterbrach sie Judith, »Nur unansehnlich. Aber sein ehrliches Gesicht hat einen Ausdruck, der weit besser ist, als Schönheit. In meinen Augen ist Wildtödter hübscher als Harry Hurry.«

»Judith Hutter! Du erschreckst mich. Hurry ist der hübscheste Sterbliche auf der Welt – hübscher sogar als du selbst; weil, wie Du weißt, das gute Aussehen eines Mannes immer besser ist, als das gute Aussehen eines Weibes.«

Dieser kleine unschuldige Zug von natürlichem Geschmack gefiel der ältern Schwester im Augenblick nicht, und sie stand nicht an, dieß zu erkennen zu geben.

»Hetty, du sprichst jetzt thöricht, und sagtest lieber Nichts mehr über diesen Gegenstand,« versetzte sie. »Hurry ist weit nicht der schönste Sterbliche auf der Welt; und es sind Officiere in den Garnisonen –« bei diesen Worten stammelte Judith – »es sind Officiere in den Garnisonen in unsrer Nähe weit hübscher als er. Aber warum glaubst Du, daß ich Wildtödtern gleich sey – davon sprich, denn ich höre es nicht gern, wenn du solche große Bewunderung an den Tag legst für einen Mann wie Hurry Harry, der weder Gefühl, noch Benehmen, noch ein Gewissen hat. Du bist zu gut für ihn, und das sollte man ihm geradeheraus sagen!«

»Ich, Judith, wie Du Alles vergißt! Ha, ich bin ja nicht schön, und schwachsinnig!«

»Du bist gut, Hetty, und das ist mehr, als sich von Henry March sagen läßt. Er mag ein Gesicht, und einen tüchtigen Körper haben, aber er hat kein Herz. Doch genug hievon für jetzt. Sage mir, was mich Wildtödtern gleich stellt.«

»Daß dir einfällt, mich das zu fragen, Judith! Er kann nicht lesen und du kannst es. Er weiß nicht, schön zu reden, sondern spricht schlechter, sogar als Hurry; denn, Schwester, Harry spricht seine Worte nicht immer richtig aus. Hast du das auch schon bemerkt!«

»Ganz gewiß; er ist so roh im Sprechen, wie in Allem sonst. Aber ich fürchte, du schmeichelst mir, Hetty, wenn du meinst, ich könne mit Recht Wildtödtern gleich gestellt werden. Es ist wahr, ich habe mehr gelernt; bin in Einem Sinne hübscher; und vielleicht dürfte ich nach Höherem trachten – aber dann seine Wahrhaftigkeit – seine Wahrhaftigkeit – die macht einen fürchterlichen Unterschied zwischen uns! Nun, ich will hievon nicht weiter sprechen; und wir wollen auf Mittel denken, ihn aus den Händen der Huronen zu befreien. Wir haben Vaters Schrank in der Arche, Hetty, und könnten es mit der Lockspeise weiterer Elephanten versuchen; aber ich fürchte, solche Spielsachen werden nicht die Freiheit eines Mannes wie Wildtödter erkaufen. Ich fürchte Vater und Hurry werden nicht so bereitwillig seyn, Wildtödter auszulösen, als er es war, sie auszulösen!«

»Warum nicht, Judith? Hurry und Wildtödter sind Freunde und Freunde sollten immer einander beistehen?«

»Ach, arme Hetty, du kennst die Menschen wenig! Anscheinende Freunde sind oft mehr zu fürchten, als offene Feinde, zumal von Frauen. Aber Du sollst am Morgen noch einmal an’s Land, und versuchen, was für Wildtödter geschehen kann. Gemartert soll er nicht werden, so lange Judith Hutter lebt, und Mittel finden kann, es zu verhindern.«

Das Gespräch kam jetzt auf allerlei Punkte und spann sich fort, bis die ältere Schwester von der jüngern alle Umstände herausgezogen hatte, welche zu behalten und mitzutheilen dieser ihre schwachen Geisteskräfte gestatteten. Als Judith befriedigt war – obgleich man eigentlich nicht sagen kann, daß sie befriedigt worden, da ihre Gefühle so mit Allem verwoben waren, was sich auf den Gegenstand bezog, daß eine fast nicht zu stillende Neugier in ihr rege geworden war – also, als Judith keine Fragen mehr zu ersinnen wußte, ohne sich nur zu wiederholen, ward das Canoe zu der Arche hingerudert. Die dichte Finsterniß der Nacht, und die tiefen Schatten, welche die Hügel und Wälder auf das Wasser warfen, machten es schwer, das Fahrzeug zu finden, da es so nahe an der Küste vor Anker lag, als nur irgend die Rücksicht auf Sicherheit räthlich machte. Judith war erfahren in der Handhabung eines Rindencanoes, dessen Leichtigkeit mehr Geschicklichkeit als Kraft erheischte; und sie trieb ihr kleines Fahrzeug rasch über das Wasser hin, sobald sie ihre Unterredung mit Hetty beendigt und den Entschluß zurückzukehren, gefaßt hatte. Aber noch immer war keine Arche zu sehen. Einige Male glaubten die Schwestern, sie zu erblicken, hervorragend in der Finsterniß, wie ein niedrer, schwarzer Fels; aber jedesmal fand sich, daß es entweder eine optische Täuschung, oder ein Auswuchs von Laubwerk an der Küste gewesen war. Nach einem halbstündigen Suchen drängte sich den Mädchen die unwillkommne Ueberzeugung auf, daß die Arche sich entfernt habe.

Die meisten Mädchen hätten wohl die peinliche Verlegenheit ihrer Lage im physischen Sinne unter den Umständen, in welchen sich die verlassenen Schwestern befanden, eher empfunden, als irgend sonstige Besorgnisse. Bei Judith verhielt sich dieß nicht so; und selbst Hetty empfand mehr Unruhe wegen der Beweggründe, die ihren Vater und Hurry möchten geleitet haben, als Besorgnisse wegen ihrer Sicherheit.

»Es kann doch nicht seyn, Hetty,« sagte Judith, als die genaueste Nachsuchung Beide überzeugt hatte, daß keine Arche zu finden war; »es kann doch nicht seyn, daß Indianer auf Flößen oder gar ohne solche herangeschwommen sind, und unsre Freunde im Schlaf überrascht haben?«

»Ich glaube nicht, daß Hist und Chingachgook schlafen würden, ehe sie einander Alles gesagt, was sie sich nach einer so langen Trennung zu sagen hatten – glaubst du es, Schwester?«

»Vielleicht nicht, Kind. Vielerlei konnte sie wach halten, aber Ein Indianer mochte überrascht werden, selbst wenn er nicht schlief, zumal da seine Gedanken bei andern Dingen verweilt haben mögen. Doch aber sollten wir ein Geräusch hören; denn in einer Nacht, wie diese, hätte ein Fluch Harry Hurry’s an den östlichen Bergen widerhallen müssen, wie ein Donnerschlag.«

»Hurry ist sündhaft und rücksichtlos in seinen Worten,« versetzte Hetty leise und bekümmert.

»Nein – nein; es ist unmöglich, daß die Arche sollte genommen worden seyn, ohne daß ich ein Geräusch gehört hätte. Es ist nicht eine Stunde, seit ich sie verließ, und die ganze Zeit über lauschte ich auf das kleinste Geräusch. Und doch kann man nicht leicht glauben, daß ein Vater absichtlich seine Kinder preisgeben würde!«

»Vielleicht hat Vater uns in unserem Gemache schlafend geglaubt, und hat zurück nach Hause gesteuert, Du weißt, daß wir oft bei Nacht mit der Arche Bewegungen machen.«

»Das ist wahr, Hetty, und es muß so seyn, wie du denkst. Es ist etwas mehr Südwind, als zuvor, und sie sind den See hinaus gefahren – «

Judith stockte; denn als das letzte Wort ihrer Zunge entschwebte, ward die Scene plötzlich, obwohl nur für einen Augenblick, durch ein aufflammendes Licht erhellt. Das Krachen einer Büchse folgte darauf, und dann das Rollen des Echo’s die östlichen Berge entlang. Beinahe in demselben Augenblick stieg ein durchbringender weiblicher Schrei in langem Kreischen in die Lüfte empor. Die entsetzliche Stille, die darauf folgte, war wo möglich noch gräßlicher, als die plötzliche, wilde Unterbrechung des tiefen, mitternächtlichen Schweigens. Judith, so entschlossen sie von Natur und durch Gewohnheit war, athmete kaum, während die arme Hetty ihr Angesicht verbarg und zitterte.

»Das war eines Weibes Schrei, Hetty!« sagte die Erstere mit feierlichem Ernst; »und es war ein Schmerzensschrei! Wenn die Arche sich von dieser Stelle bewegt hat, so konnte sie bei diesem Wind nur nördlich segeln, und der Schuß und der Schrei kamen von der Landspitze. Sollte Hist Etwas zugestoßen seyn?«

»Laß uns hin und sehen, Judith; sie bedarf vielleicht unsers Beistandes – denn außer ihr sind nur Männer auf der Arche.«

Es war kein Augenblick zum Zaudern, und ehe Judith aufgehört zu sprechen, war schon ihr Ruder im Wasser. Die Entfernung von der Landspitze, in gerader Linie, war nicht groß, und die Gemüthsbewegungen, welche die Mädchen trieben, waren zu aufregend, als daß sie ihnen gestattet hätten, die kostbaren Augenblicke mit nutzlosen Vorsichtsmaßregeln zu vergeuden. Sie ruderten ohne große Vorsicht vorwärts, aber dieselbe Aufregung hinderte auch Andre, ihre Bewegungen zu beobachten. Bald gewahrte das Auge Judiths einen Lichtschimmer durch eine Lücke in den Gebüschen, und darauf zusteuernd, lenkte sie das Canoe so, daß sie denselben im Gesicht behielt, während sie dem Lande sich so weit näherte, als nothwendig und klug war.

Die Scene, die sich jetzt den Blicken der Mädchen darbot, war in den Wäldern, auf der Seite des oft erwähnten Abhangs, vom Boot aus vollkommen übersehbar. Alle im Lager waren da versammelt, und sechs oder acht trugen Kienholzfackeln, die ein starkes, aber leichenhaftes Licht auf Alles unter den Laubhallen des Waldes warfen. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und auf einer Seite unterstützt von der jungen Schildwache, deren Nachlässigkeit Hetty hatte entkommen lassen, saß das Mädchen, dessen erwarteter Besuch die Schuld seines Dienstfehlers trug. Bei dem grellen Lichte der Fackel, die man ihr gegen das Gesicht hielt, erkannte man deutlich, daß sie mit dem Tode rang, während das von ihrer nackten Brust herabträufelnde Blut die Beschaffenheit des Unfalls, der sie betroffen, verrieth. Auch der scharfe, eigenthümliche Geruch von Schießpulver war noch in der schweren, feuchten Nachtluft wahrzunehmen. Es konnte kein Zweifel seyn, daß sie erschossen war. Judith verstand Alles auf Einen Blick. Der Lichtblitz hatte auf dem Wasser gezuckt in kleiner Entfernung von der Landspitze, und entweder war die Büchse aus einem Canoe, das die Küste umkreiste, oder von der Arche aus im Vorbeifahren abgefeuert worden. Ein unvorsichtiger Ausruf, ein Lachen, mochte den Angriff veranlaßt haben, denn es war kaum möglich, daß dem Schützen beim Zielen etwas Anderes zu Hülfe gekommen, als ein Laut. Die Wirkung war noch viel augenscheinlicher, denn der Kopf des Opfers hing herunter, und der Leib schlotterte in der Auflösung des Todes. Dann wurden alle Fackeln bis auf eine gelöscht – eine Klugheitsmaßregel; und der traurige Zug, der den Leichnam in’s Lager trug, konnte eben kaum noch unterschieden werden bei dem noch übrigen dämmernden Lichte.

Judith seufzte tief auf und schauderte, als sie ihr Ruder wieder eintauchte, und das Canoe umfuhr vorsichtig die Landspitze. Ein Anblick hatte sich ihren Sinnen dargeboten und schwebte jetzt vor ihrer Einbildungskraft, der noch härter zu ertragen war, als selbst der frühe Tod und der vorübergehende Todeskampf des verschiedenen Mädchens. Sie hatte bei dem grellen Licht aller der Fackeln die aufgerichtete Gestalt Wildtödters erblickt, der, Mitleid und wie ihr vorkam, Schaam in seinem Angesicht sich aussprechend, neben der Sterbenden stand. Er selbst verrieth weder Furcht noch Kleinmüthigkeit, aber aus den Blicken, welche die Krieger auf ihn warfen, sah man deutlich, daß in ihrer Brust heftige Leidenschaften kämpften. Alles dieß schien von dem Gefangenen nicht beachtet zu werden; aber Judiths Gedächtniß blieb es die ganze Nacht hindurch schauerlich eingepägt.

Man traf kein Canoe, das um die Landspitze herumstreifte. Eine Stille und Dunkelheit, so vollständig, als wäre das Schweigen des Waldes nie gestört worden, oder hätte die Sonne nie diese entlegene Scene beschienen, herrschte jetzt auf der Landspitze und dem düstern Wasser, auf den schlummernden Wäldern, und selbst an dem unlustigen Himmel. Es war daher Nichts weiter zu machen, als einen sichern Platz zu suchen; und der war nur zu finden in der Mitte des See’s. Dahin ruderten sie in aller Stille; man ließ das Canoe nördlich hintreiben, und die Mädchen suchten Rast und Ruhe, so gut ihre Lage und ihre Gefühle sie ihnen gönnen wollten.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

O welche Lust im Wald, pfadlos, verschlungen!
O welch Entzücken am entleg’nen Strand!
Dort ist Gesellschaft, die nicht aufgedrungen,
Am Meer, in dessen Sturm Musik ich fand!
Den Menschen lieb‘ ich, doch noch mehr verstand
Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen
Was ich wohl könnte seyn, einst war! Verwandt
Durch sie dem All, fühl‘ ich, was auszusagen
Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen.
Childe Harold

Ereignissehaben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit. So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das schon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geist zurückschaut in die frühesten Tage der Geschichte der Colonieen, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfälle, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängen, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich Neu-York allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Europa’s, oder auch als die der gesammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist es doch erst Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land aus dem wilden Zustand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in’s Auge fassen.

Dieser Blick auf die Perspective der Vergangenheit wird den Leser vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschung betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anschauung desjenigen Gesellschaftszustandes, den wir zu schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hudson, wie Claverack, Kinderhook und selbst Poughkeepsie vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Musketenschuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Rensselaers mit Schießscharten zur Vertheidigung gegen eben jenen schlauen Feind, obgleich es aus einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, – zum klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt.

Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Colonie Neu-York sich auf die vier Atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudsons, von dessen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und auf einige wenige vorgeschobne »Nachbarschaften« am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Versteck boten dem geräuschlosen Moccasin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der Seen, und durchschnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem so ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser wilden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß.

Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden seyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Ernte-Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinabgesendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, dessen laubreiche Höhe in dem glänzenden Licht eines wolkenlosen Juniustages schwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düstrer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu seyn schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend bestand.

»Hier ist ein Platz zum Athemschöpfen!« rief der befreite Waldmann, sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: »Hurrah! Wildtödter; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!«

Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte.

»Kennt Ihr diese Stelle?« fragte der als ›Wildtödter‹ Angerufene; »oder habt ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?«

»Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir nicht leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigner Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen lassen, wie uns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Büsche von ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Sonne liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist schon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen.«

Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte angenommen, sobriquets (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: »Hurry« weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name und nicht selten wurde er Hurry Skurry genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzangebundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada’s zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry’s betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen den Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. Sein Wesen war frei und offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edeln Natur angeborne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte.

Wildtödter, wie Hurry seinen Begleiter nannte, war seinem Aeußern wie seinem Charakter nach, ein ganz andrer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Moccasins, aber sein Körper war vergleichungsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der: argloser Wahrhaftigkeit, gepaart mit einem Ernst des Willens und einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren.

Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erst das sechs- oder achtundzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zugerichteten Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche verriethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwischen der civilisirten Gesellschaft und den endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit und ein Bestreben, sich proper und malerisch zu zeigen in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen und seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pulverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit, oder im geheimen Bewußtseyn, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, liederlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstudirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert.

»Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; »haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse.« »Nein, nein, Hurry, daran ist nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine seyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,« versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. »Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht so wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran seyn, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit.«

»Die Delawaren selbst sind keine Helden,« murmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können, »sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo’s, zu Weibern machen lassen.«

»Die Sache ist nicht recht bekannt – ist nie recht erklärt worden,« versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; »die Mingo’s füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.«

»Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstand sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Creatur getroffen? – habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?«

Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigenthümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz und die Prahlsucht des Grenzmanns.

»Die Wahrheit zu gestehen, niemals,« antwortete Wildtödter, »aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.«

»Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten herumschlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Gesetz exequirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansiedlungen, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?«

»Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,« erwiederte der junge Mann stolz: »ich lebe von der Büchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.«

»Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur nach seinen eignen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer Schlaf seyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchse gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.«

»Unsre Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen umzugehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat.«

»Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delawaren in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahreszeit,« murmelte Hurry vor sich hin in einer Weise, die ebenso sehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es verrathe. »Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?«

»Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie »man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo’s und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden zum Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!«

»Gemeinsamer Grund und Boden!« rief Hurry, laut lachend. »Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen würde. Er spricht den See als sein Eigenthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo’s noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.«

»Und was wird die Kolonie sagen zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo sie nicht das Herz haben, in eigner Person sich darin umzusehen.«

»Das mag in andern Theilen der Kolonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anzusprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe sagen hören, und so hat er den besten Anspruch darauf unter allen Menschen die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten.«

»Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieser Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher seyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Grenzansiedlungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?«

»Ha, was des alten Tom’s menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der menschlichen Natur einer Bisamratze, angesehen daß er mehr die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sey in seiner Jugend Freibeuter auf dem Salzwasser gewesen, und der Genosse eines gewissen Kidd, der wegen Seeräuberei gehängt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sey in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.«

»Dann war er im Irrthum, Hurry, sehr im Irrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen.«

»Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andre, die ihn am besten genossen in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist kurios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr.«

»Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herum jagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hurry?«

»Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt.«

»Ha, wie!« sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem Erstaunen anschauend.

»Todt und versenkt, sag‘ ich, und ich denke, das ist gut und klar gesagt. Der alte Kerl versenkte sein Weib in den See, als er von ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie versichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Wasser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr als ich sagen kann.« »War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?«

»Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Mühe zu ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funken zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl, bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu seyn.«

»Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise aussprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre.«

»Nach deinem Geschmack!« rief March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genossen Feuer fangend; »was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zu schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seyd nur erst ein Knabe – ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachsenes Bürschchen zu werfen, wie Ihr seyd.« «Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hurry, und somit braucht es all diese Hitze nicht,« versetzte der Andere, im mindesten nicht aus der Fassung gebracht; »und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden.«

»Ja, aber es möchte nicht immer klug seyn, es den Panther wissen zu lassen,« brummte March. »Aber Ihr seyd jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödter,« fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, »kommt, Wildtödter, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, – zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann.«

»Sie sagten, sie sey schön anzusehen, und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sich hingebend und leichtsinnig.«

»Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib so gut wie auf beide. Nun, das ist wirklich Judith’s Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, – und der eine ist eben ihr Leichtsinn.«

»Und was mag der andere seyn?« fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand interessirte.

»Der andre Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, und das weiß sie. Knabe, kein Baum, der auf diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich es schwierig finde, sie zu übersehen, und manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen.«

»Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur.«

»Ach, Wildtödter, Ihr seyd in diesen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt so an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansiedlungen verlassen. Bei mir ist es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfnis, eine Idee festzuhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judith’s alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und dann scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, und dem vornehmen Wesen, das sie bei den galanten Herrn annimmt.«

»Das ist unpassend bei eines armen Manns Tochter,« versetzte Wildtödter ernst; »die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit bösen Absichten ansehen.«

»Das ist die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitains, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam und anständig ansehen zu dürfen, und doch sind die Wolken, die an diesen Bergen herumtreiben, nicht unsichrer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Augen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!« »Ich würde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt.«

»Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dieß zu sagen als zu thun ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, sie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty’s, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist.«

»Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?« fragte Wildtödter, sein Auge mit einer Art halberwachter Neugier emporhebend, – »die Delawaren sprachen mir nur von Einer!«

»Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag‘ ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat; sie steht, möchte ich sagen, auf der Grenzscheide der Unwissenheit und manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andre Seite hinüber.«

»Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut, nimmt,« sagte Wildtödter feierlich; denn er sieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die so beschränkt Begabten, weil sie wissen, daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann.«

»Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hausen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Witzes sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See’s kommen.«

»Ich dachte, das Wasser sey ein unbekannter und wenig besuchter Platz,« bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu seyn.

»So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn, – Jäger und Fallensteller und Kundschafter und dergleichen – genug Unheil anrichten, wenn sie den Versuch machen. Es wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verheirathet fände!«

»Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?«

»Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, – und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!«

»Ihr würdet doch dem Mann, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gefunden, als Euch?«

»Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an – bin ich ein Mann, dem es gleich sieht, daß er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker seyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte auftreten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?«

»Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte seyn sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.«

»Ihr! – ein halbgewachsener Wildbretschütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?«

»Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.«

March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebauten mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, und gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anschein nach erheischte oder rechtfertigte. Was immer March’s eigentliche Absicht seyn mochte – und wahrscheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbewußte – gewiß ist, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregung und in einer so tiefen, hülflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden seyn, selbst in gerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht blieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, und er gab seine Antwort in einem Tone, der nicht einmal zu dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lautern Stimme griff, um wenigstens die Entschlossenheit der Seele kund zu geben.

»Ihr könnt mich schütteln, Hurry, bis Ihr den Berg einfallen macht,« sagte er ruhig, »aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatten zum Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem aufzupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe.«

March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend.

»Ich dachte, wir seyen Freunde,« sagte er endlich, »aber Ihr habt das letzte Geheimniß von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll.«

»Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seyen – und vielleicht sind wir es wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält – aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen in’s Angesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen.«

»Ich will verdammt seyn, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seyd, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu seyn vorgegeben.«

»Wohlgesinnt oder nicht, Hurry, Ihr werdet mich so treuherzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne ist thöricht, und zeigt, wie wenig Ihr mit den rothen Männern gelebt. Judith Hutter ist ohne Zweifel noch ledig, und Ihr schwatztet nur wie die Zunge lief, nicht wie das Herz empfand. Hier ist meine Hand, und wir wollen nicht mehr davon sprechen noch daran denken.« Hurry schien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gutmüthiges Lachen aus, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand und die Freunde versöhnten sich.

»Es wäre närrisch gewesen, um eine bloße Idee zu hadern,« rief March, indem er wieder zu essen anfing, »und ziemte eher den Rechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Menschen in den Wäldern. Man sagt mir, Wildtödter, viel böses Blut komme von Vorstellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und sie erhitzen sich darüber manchmal bis zum Aeußersten.«

»Das thun sie – das thun sie; und über andere Dinge, die man besser sich selbst überließe. Ich habe von den Mährischen Brüdern sagen hören, es gebe Länder, wo die Menschen sogar über ihre Religion hadern; und wenn sie sich über einen solchen Gegenstand erhitzen können, Hurry, so habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beispiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den diese Judith Hutter vielleicht nie sieht oder zu sehen wünscht. Ich meines Theils fühle mehr Neugierde hinsichtlich der schwachsinnigen Schwester, als Eurer gepriesenen Schönheit. Es ist Etwas, das die Gefühle eines Mannes anspricht und rührt, wenn er einem Mitgeschöpf begegnet, das ganz das äußere Wesen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht ist, was es scheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das ist schlimm genug bei einem Manne, aber wenn es einem Weibe geschieht, und es ist ein junges und vielleicht einnehmendes Geschöpf, so regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in seiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, solche arme Wesen sind schutzlos genug mit samt all ihrem Witz; aber ein grausames Geschick ist es, wenn dieser große Beschützer und Führer ihnen fehlt.«

»Hört, Wildtödter – Ihr wißt, was die Jäger und Fallensteller und Pelzwerkleute überhaupt für Menschen sind; und ihre besten Freunde werden nicht läugnen, daß es hitzige und eigenwillige Menschen sind, die nicht viel nach Andrer Rechten und Gefühlen fragen – und doch, glaub‘ ich, fände sich in dieser ganzen Gegend kein Mann, der Hetty Hutter ein Leid thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhaut!«

»Hierin, Freund Hurry, laßt Ihr den Delawaren wenigstens und all den ihnen verbündeten Stämmen nur Gerechtigkeit widerfahren, denn eine Rothhaut sieht ein so von Gottes Macht heimgesuchtes Wesen als Gegenstand seiner besondern Obhut an. Ich freue mich indessen zu hören, was Ihr sagt, ich freue mich, es zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen den Nachmittagshimmel hin sich wendet, thäten wir nicht besser, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, diese wunderbaren Schwestern zu sehen?«

Hurry March gab freudig seine Zustimmung; die Ueberbleibsel der Mahlzeit waren bald gesammelt; dann schulterten die Wanderer ihre Taschen, nahmen ihre Waffen auf, verließen die kleine Lichtung, und begruben sich wieder in den tiefen Schatten des Waldes.

Vorrede.

Vorrede.

Dieses Buch wurde nicht ohne manche Besorgnisse wegen seiner muthmaßlichen Aufnahme geschrieben. Einen und denselben Charakter durch fünf verschiedene Werke hindurchführen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmüthigkeit des Publikums erscheinen, und Manche möchten mit Grund dieß als ein Unterfangen ansehen, das an sich schon zur Mißbilligung herausfordere. Auf diesen sehr natürlichen Vorwurf kann der Verfasser nur erwiedern, daß, wenn er in diesem Falle einen schweren Fehler begangen, seine Leser selbst einigermaßen die Verantwortung dafür auf sich haben. Die günstige Aufnahme, welche den späteren Schicksalen und dem Tode Lederstrumpfs zu Theil wurde, hat der Seele des Verfassers wenigstens es zu einer Art von Nothwendigkeit gemacht, auch von seinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde seines Lebens, wie sie nun einmal sind, waren schon so vollständig, daß sie wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Gesammtzeichnung zu sehen, nach welcher sie alle gemalt wurden. Die »Lederstrumpferzählungen« bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollständig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich sehr mangelhaft in der Ausführung. So wie sie sind, hat sie die Lesewelt vor sich. Der Verfasser hofft, sie werde, entschiede sie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erste in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beste der ganzen Reihefolge sey, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der schlechteste sey. Mehr als einmal hat er sich versucht gefühlt, sein Manuskript zu verbrennen und sich zu einem andern Gegenstand zu wenden, obwohl er im Verlaufe seiner Arbeit eine Aufmunterung von so eigenthümlicher Art erhielt, daß es sich verlohnt, sie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er dringend aufgefordert wurde, ungefähr eben das zu thun, was er schon mehr als halb ausgeführt hatte, – ein Wunsch, den er sehr gerne als ein Zeichen deutet, daß sein Versuch theilweise werde verziehen, wo nicht entschieden gebilligt werden.

Wenig braucht er über die Charaktere und die Scenerie dieser Erzählung zu sagen. Jene sind natürlich Werk der Dichtung; diese aber ist der Natur so treu, als nur immer die vertraute Bekanntschaft mit dem jetzigen Aussehen der geschilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, so wahrscheinlich als die Einbildungskraft sie an die Hand gab, den Verfasser in Stand setzten, sie zu schildern. See, Berge, Thal und Wald sind insgesammt, wie er glaubt, genau genug dargestellt, während Fluß, Fels und Küste treue Abzeichnungen der Natur sind. Selbst die einzelnen vorspringenden Punkte existiren, etwas verändert durch die Civilisation, aber doch so entsprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend vertraut ist, sie leicht erkennt.

Was die historische Treue bei den Ereignissen dieser Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, so ist der Verfasser gesonnen, hier auf seinem Recht zu bestehen, und darüber nicht mehr zu sagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwischen Geschichte und Fiktion waltet, ist der Vortheil so oft auf der Seite der letzteren, daß er sehr geneigt ist, den Leser auf seine eigenen Forschungen zu verweisen, um über diesen Punkt in’s Reine zu kommen. Sollte es sich bei genauer Untersuchung zeigen, daß ein anerkannter Historiker, daß öffentliche Urkunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieses Buchs widersprechen, so ist der Verfasser bereit, zuzugestehen, daß der Umstand seiner Aufmerksamkeit gänzlich entging, und seine Unwissenheit zu bekennen. Andererseits, sollte sich’s finden, daß die Annalen Amerika’s nicht eine Sylbe enthalten, die dem, was hier der Welt vorgelegt wird, widerspräche, – wie er denn fest glaubt, daß die Forschung dieß ausweisen werde – so wird er für seine Erzählung genau so viel Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen, als sie verdient. Es gibt eine ansehnliche Classe von Romanlesern – ansehnlich ebenso wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht, – die man oft mit dem Mann verglichen hat, der »singt, wenn er liest, und liest, wenn er singt«. Diese Leute sind über die Maßen phantasiereich in allem Thatsächlichen, und so buchstäblich pedantisch, wie die Uebersetzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poesie gehört. Zum Nutz und Frommen aller solcher Leute wird hiemit ausdrücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter ist, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe des Haares eine Aehnlichkeit, ein Zusammentreffen sich findet, nichts weiter gemeint ist, als was für den Unbefangenen in der Gleichheit des Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfasser belehrt, daß dieser Theil seiner Leser der bei weitem am schwersten zu befriedigende ist, und er möchte ihnen, zum Besten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Versuch zu machen und Werke der Einbildungskraft so zu lesen, als wären es Erzählungen positiver Thatsachen. Ein solches Verfahren könnte sie vielleicht in Stand setzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben Der Wildtödter.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Verschwenderisch bist mit Lächeln du,
Darob dein Zürnen man vergißt.
Dir jubeln tausend Inseln zu.
Wenn wieder du gekommen bist;
Die Herrlichkeit, von dir entsandt.
Badet in Wonne See und Land.
Der Himmel.

Es hilft vielleicht dem Leser zum bessern Verständniß der jetzt zu erzählenden Vorfälle, wenn er ein rasch skizzirtes Bild der Scene auf einmal seinem Auge dargelegt sieht. Man erinnert sich, daß der See ein unregelmäßig geformtes Becken bildete, dessen Umriß, im Ganzen betrachtet, oval war, aber mit Buchten und vorspringenden Punkten, welche die Gleichförmigkeit unterbrachen und seine Ufer zierten. Die Oberfläche dieses schönen Wasserspiegels glänzte jetzt wie ein Edelstein in den letzten Strahlen der Abendsonne, und die Einfassung des Ganzen – Hügel, mit dem üppigsten Waldgrün bekleidet – war von einer Art strahlendem Lächeln verklärt, wie es in den schönen Zeilen, die wir diesem Kapitel vorangestellt, am besten geschildert ist. Da die Ufer, mit wenigen Ausnahmen, dicht am Wasser steil hinanstiegen, auch wo der Berg nicht unmittelbar die Aussicht begrenzte, überhing den friedlichen See ein fast ununterbrochner Saum von Laub; denn die Bäume rangen sich von den steilen Anhöhen empor, neigten sich dem Licht zu, bis sie in manchen Fällen ihre langen Glieder und ihre geraden Stämme vierzig oder fünfzig Fuß weit von der perpendikularen Linie abweichend ausstreckten. Dieß galt freilich nur von den Riesen des Forstes, von Tannen, die hundert bis hundert und fünfzig Fuß hoch waren, denn von den kleinern Bäumen neigten sich sehr viele so sehr, daß sie die untern Zweige ins Wasser tauchten.

In der Stellung, welche die Arche jetzt einnahm, war das Castell durch einen vorspringenden Punkt dem Auge entzogen, so wie überhaupt das ganze nördliche Ende des See’s selbst. Ein ansehnlicher Berg mit Wald bekleidet, und rund wie alle übrigen, begrenzte in dieser Richtung die Aussicht, und dehnte sich unmittelbar über die ganze schöne Scene aus, mit Ausnahme einer tiefen Bai, die an seinem westlichen Ende sich hinzog, das Becken um mehr als eine Meile verlängernd. Die Art und Weise, wie das Wasser aus dem See abfloß, unter den belaubten Bögen der Bäume, welche die beiden Seiten des Flusses einfaßten, ist schon geschildert und es ist auch gesagt worden, daß der Fels, der in der ganzen Gegend ein Lieblingsplatz zur Verabredung von Zusammenkünften war und wo Wildtödter jetzt seinen Freund zu treffen erwartete, dieser Ausströmung nahe, und nicht sehr entfernt von der Küste stand. Es war ein großer, einzelner Stein, der auf dem Grund des Sees ruhte, dem Anschein nach zurückgeblieben, als die Wasser die Erde um ihn her wegrissen, um sich einen Durchgang durch das Flußbett zu erzwingen; und seine eigenthümliche Gestalt hatte er wohl durch den Einfluß der Elemente während des langen Verlaufs von Jahrhunderten bekommen. Die Höhe dieses Felsen konnte kaum sechs Fuß betragen, und wie schon gesagt, seine Gestalt war nicht unähnlich der gewöhnlichen Form von Bienenstöcken, oder einem Heuhaufen. Die letztere Vergleichung gibt in der That die beste Anschauung nicht nur von seiner Form, sondern auch von seinen Dimensionen. Er stand – und steht noch, denn wir schildern wirklich vorhandene Scenen – fünfzig Fuß vom Ufer entfernt und im Wasser, wo es nur zwei Fuß tief war, obwohl es auch Zeiten gab, wo sein abgerundeter Gipfel, wenn man diesen Ausdruck auf ihn anwenden darf, vom See ganz bedeckt war. Viele von den Bäumen dehnten sich so weit heraus, daß sie beinahe den Felsen mit der Küste vereinigten, wenn man beide in einiger Entfernung sah; und eine große Tanne insbesondere hing so darüber her, daß sie ein stolzes und passendes Dach bildete über einen Sitz, der manchen Häuptling des Waldes, während der langen Reihe unbekannter Jahrhunderte, wo Amerika mit Allem, was es enthielt, abgeschlossen in geheimnißvoller Einsamkeit als eine Welt für sich bestanden hatte, ebenso ohne eine bekannte Geschichte, wie einen, für die menschlichen Annalen erreichbaren Ursprung – mochte beherbergt haben.

Vom Ufer noch zwei bis dreihundert Fuß entfernt, zog Wildtödter sein Segel ein und warf seinen Anker aus, sobald er fand, daß die Arche in einer Linie hintrieb, die gerade auf den Felsen zustrebte. Die Bewegung des Fahrzeugs ward dann gestellt, worauf es durch die Wirkung des Lüftchens mit dem Vordertheil dem Winde zugekehrt wurde. Sobald dieß geschehen, gab Wildtödter Tau zu und ließ das Fahrzeug dem Felsen zutreiben, so rasch es der leise Luftzug vor sich her drängen mochte. Da es sehr wenig tief ging, war dieß bald geschehen, und der junge Mann hemmte seine Bewegung, als er sah, daß das Hintertheil der Fähre auf fünfzehn oder achtzehn Fuß dem beabsichtigten Platze nahe gekommen war.

Bei Ausführung dieses Manöuvers hatte sich Wildtödter sehr beeilt; denn während er nicht im Mindesten daran zweifelte, daß er von dem Feinde beobachtet und verfolgt werde, glaubte er, ihn in seinen Bewegungen, durch die anscheinende Unsicherheit seiner eigenen, irre gemacht zu haben; und er wußte, daß sie keine Mittel hatten zu erfahren, daß sein Absehen auf den Felsen gerichtet war, wenn nicht etwa Einer der Gefangnen ihn verrathen hatte, – ein an sich so unwahrscheinlicher Fall, daß er sich darüber keine unruhigen Gedanken machte. Trotz der Raschheit und Entschiedenheit seiner Bewegungen jedoch wagte er sich nicht der Küste so nahe, ohne die gehörigen Vorsichtsmaßregeln zum Behuf eines Rückzugs zu treffen, falls dieser nothwendig würde. Er selbst hielt das Tau in der Hand, und Judith war an einem Guckloch auf der dem Land zugekehrten Seite der Kajüte aufgestellt, wo sie die Küste und die Felsen beobachten, und zeitig Nachricht geben konnte von dem Nahen eines Freundes oder Feindes. Hetty war auch auf einen Wachposten gestellt, aber sie sollte nur auf die Bäume über ihnen Acht haben, damit nicht ein Feind einen besteige, und durch vollständige Beherrschung des Innern des Fahrzeugs die Vertheidigung des Häuschens oder der Cajüte vereitle.

Die Sonne hatte sich vom See und Thal zurückgezogen, als Wildtödter die Arche in der genannten Weise stille stehen machte. Doch fehlten noch einige Minuten bis zum eigentlichen Sonnenuntergang, und er kannte die indianische Pünktlichkeit zu gut, um eine unmännliche Hast bei seinem Freunde vorauszusetzen. Die große Frage war, ob er, umgeben von Feinden, wie man dieß wußte, ihren Netzen zu entgehen vermocht habe. Die Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden mußten ihm ein Geheimniß seyn, und wie Wildtödter war auch Chingachgook noch jung auf dem Kriegspfade. Zwar kam er allerdings gefaßt darauf, der Truppe zu begegnen, welche seine verlobte Braut festhielt, aber er hatte keine Mittel, sich über den Umfang der Gefahr, die er lief, zu vergewissern, noch auch über die eigentliche Stellung, welche Freunde und Feinde inne hatten. Mit Einem Wort, der geübte und ausgebildete Scharfblick und die unermüdliche Vorsicht eines Indianers waren Alles, worauf er unter den bedenklichen Gefahren, denen er sich unvermeidlich aussetzte, angewiesen war.

»Ist der Fels leer, Judith?« fragte Wildtödter, sobald er die Bewegung der Arche gehemmt hatte, da er für unklug hielt, ohne Noth sich der Küste nahe zu wagen. »Ist Nichts zu sehen von dem Delawarischen Häuptling?«

»Nichts, Wildtödter. Weder Fels, Küste, Baum noch See scheinen je eine menschliche Gestalt gekannt zu haben.«

»Nehmt Euch in Acht, Judith, – nehmt Euch in Acht, Hetty – eine Büchse hat ein spähendes Auge, einen raschen Fuß, und eine verzweifelt unheilvolle Zunge. Nehmt Euch denn in Acht, aber gebt auch recht Acht, und seyd flink und rüstig! Es thäte mir herzlich leid, wenn Einer von Euch ein Leid zustieße!«

»Und Euch, Wildtödter!« rief Judith, ihr schönes Gesicht von dem Guckloch wegwendend, um dem jungen Mann einen huldvollen und dankbaren Blick zuzuwerfen; »Nehmt Ihr Euch in Acht, und sorgt, daß die Wilden nicht Eurer ansichtig werden! Eine Kugel könnte Euch ebenso unheilvoll werden, als Einer von uns; und der Schlag, der Euch träfe, würde von Allen empfunden.«

»Seyd ohne Furcht um mich, Judith – seyd ohne Furcht um mich, mein gutes Mädchen. Seht nicht hierher, obgleich Euer Blick recht freundlich und lieblich ist, sondern richtet Euer Auge auf den Felsen, und die Küste, und den –«

Wildtödter ward unterbrochen durch einen leisen Ausruf des Mädchens, das, seinen dringenden und hastigen Geberden ebenso wie seinen Worten gehorsam, sogleich wieder ihr Auge nach der entgegengesetzten Richtung gewendet hatte.

»Was ist’s? – Was ist’s, Judith?« fragte er hastig; »Ist Etwas zu sehen?«

»Dort ist ein Mann, auf dem Felsen! – ein indianischer Krieger, in seiner Bemalung, und bewaffnet!«

»Wo trägt er seine Falkenfeder?« fragte wieder Wildtödter lebhaft, und ließ das Tau nach, um sich dem Ort der Zusammenkunft zu nähern. »Ist sie dicht an der Kriegslocke, oder trägt er sie über dem linken Ohr?«

»Wie Ihr sagt, über dem linken Ohr; er lächelt auch, und flüstert das Wort: Mohikan.«

»Gott sey gelobt, es ist die Schlange, endlich!« rief der junge Mann, und ließ das Tau durch seine Hände gleiten, bis er am andern Ende des Fahrzeugs einen leichten Sprung hörte; worauf er augenblicklich mit dem Nachgeben des Seils inne hielt, und wieder anfing, es einzuziehen, versichert, daß sein Zweck erfüllt war.

In diesem Augenblick ward die Thüre der Cajüte hastig geöffnet, und ein Krieger, durch das kleine Gemach eilend, stand neben Wildtödter, und ließ nur den einfachen Ausruf: »Hugh« hören. Im nächsten Augenblick kreischten Judith und Hetty auf, und die Luft ward erfüllt von dem gellenden Geschrei von zwanzig Wilden, welche durch die Zweige zum Ufer herab sprangen, und von denen Einige in ihrer Hast der Länge nach ins Wasser stürzten.

»Zieht, Wildtödter,« schrie Judith, hastig die Thüre schließend, um ein Eindringen durch die Oeffnung zu verhindern, welche so eben den Delawaren eingelassen hatte, »zieht, auf Leben und Tod – der See ist voll von Wilden, die uns nach waten!«

Die jungen Männer – denn Chingachgook eilte sofort seinem Freunde beizustehen – erwarteten keine zweite Aufforderung, sondern sie erfüllten von selbst ihre Aufgabe mit einem Eifer, welcher zeigte, wie dringend ihnen die Gefahr erschien. Die große Schwierigkeit war, so plötzlich die vis inertiae einer so großen Masse zu überwinden; denn war die Fähre einmal in Bewegung, so war es leicht, sie das Wasser mit aller wünschenswerthen Schnelligkeit durchschneiden zu machen.

»Zieht, Wildtödter, ums Himmels willen!« schrie Judith wieder an ihrem Guckloch; »diese Elenden stürzen ins Wasser wie Hunde, die ihre Beute verfolgen! Ah! die Fähre bewegt sich! und jetzt wird das Wasser tiefer, und geht dem Vordersten schon bis unter die Schulter – und doch eilen sie vorwärts und wollen die Arche packen!«

Ein leichtes Kreischen und dann ein fröhliches Gelächter des Mädchens folgte nun; die Ursache von jenem war ein verzweifelter Versuch ihrer Verfolger, und von diesem dessen Mißlingen; die Fähre, welche jetzt tüchtig in Bewegung gesetzt war, glitt bald auf tieferem Wasser, das Vordertheil voran, mit einer Geschwindigkeit hin, welche die Anschläge der Feinde vereitelte. Da die beiden Männer durch die dazwischenliegende Cajüte verhindert waren zu sehen, was hinten vorging, mußten sie die Mädchen nach dem Stand der Jagd fragen. »Was jetzt, Judith? Was dann? Verfolgen uns die Mingo’s noch, oder sind wir ihrer für den Augenblick entledigt?« fragte Wildtödter, wie er das Tau schlaff werden fühlte, als eilte nunmehr die Fähre rasch von selbst weiter, und das Kreischen und Lachen des Mädchens beinahe in Einem Athem vernahm.

»Sie sind verschwunden! – Einer, der letzte, versteckt sich gerade in den Büschen des Ufers – dort ist er verschwunden in den Schatten der Bäume. Ihr habt nun Euren Freund, und wir sind Alle sicher!«

Die beiden Männer machten jetzt wieder eine große Anstrengung, zogen die Arche schnell bis zu dem Anker hinauf, lichteten diesen, und als die Fähre noch eine Strecke Wegs zurückgelegt und ihre Bahn verloren hatte, warfen sie wieder den Anker aus; und jetzt zum erstenmal seit ihrem Wiedersehen hielten sie in ihrer schweren Arbeit inne. Nachdem das schwimmende Haus einige hundert Fuß von der Küste entfernt lag, und vollkommnen Schutz gegen Kugeln bot, war weiter keine Gefahr, und kein Grund zur Anstrengung ihrer Kräfte im Augenblick vorhanden.

Die Art, wie die beiden Freunde jetzt einander begrüßten, war höchst charakteristisch. Chingachgook, ein edler, großer, schöner und athletischer junger indianischer Krieger besichtigte zuerst sorgfältig seine Büchse, öffnete die Pfanne, um sich zu versichern, daß das Pulver darauf nicht naß geworden; warf, nachdem er sich dieses wichtigen Umstandes vergewissert, verstohlene aber beobachtende Blicke um sich auf die seltsame Behausung und die beiden Mädchen; noch immer aber sprach er nicht, und besonders vermied er durch Fragen irgend eine weibische Neugierde an den Tag zu legen.

»Judith und Hetty,« sagte Wildtödter mit unangelernter, natürlicher Höflichkeit, »dieß ist der Mohikanische Häuptling, von welchem ich Euch gesprochen, Chingachgook, wie er genannt ist, was »große Schlange« bedeutet; so genannt wegen seiner Weisheit und Klugheit und List, und mein erster und letzter Freund. Ich wußte, daß er es seyn müsse, durch die Falkenfeder über dem linken Ohr, denn die meisten andern Krieger tragen sie an der Kriegslocke.«

Nachdem Wildtödter so gesprochen, lachte er herzlich, mehr aufgeregt vielleicht durch die Freude, seinen Freund unter so drohenden Umständen nun doch wohlbehalten an seine Seite bekommen zu haben, als durch irgend einen Einfall, der etwa zufällig ihm durch den Sinn fuhr: und dieser Ausbruch seiner Empfindungen war etwas auffallend dadurch, daß er von gar keinem Geräusch begleitet war. Obgleich Chingachgook das Englische verstand und sprach, mochte er doch seine Gedanken nicht in dieser Sprache mittheilen, wie die meisten Indianer; und nachdem er Judiths herzliches Händeschütteln und Hetty’s sanftere Begrüßung in der höflichen Weise aufgenommen, wie es einem Häuptling geziemte, wandte er sich weg, offenbar um den Augenblick zu erwarten, wo es seinem Freund belieben möchte, ihm seine weitern Absichten auseinander zu setzen, und ihm zu erzählen, was seit ihrer Trennung sich begeben hatte. Der Andere verstand seinen Wunsch, und offenbarte seine Denk- und Schlußweise in der Sache durch seine Anrede an die Mädchen.

»Dieser Wind wird bald sich ganz legen, nachdem die Sonne unter ist,« sagte er, »und es ist nicht nöthig dagegen zu rudern. In etwa einer halben Stunde wird völlige Windstille seyn, oder der Wind wird von der Südküste her wehen, wo wir dann unsern Rückweg zum Castell antreten wollen; mittlerweile wollen der Delaware und ich über allerlei Sachen uns besprechen, und Jeder nach den Begriffen des Andern seine Ansicht berichtigen über das Verfahren, das wir einzuschlagen haben.«

Niemand widersprach diesem Vorschlag, und die Mädchen entfernten sich in die Cajüte, um die Abendmahlzeit zu beschicken, während die beiden jungen Männer sich auf dem Vordertheil des Fahrzeugs setzten und ein Gespräch begannen. Die Unterredung ward in der Sprache der Delawaren geführt. Da jedoch dieser Dialekt selbst von Gelehrten wenig gekannt ist, wollen wir bei dieser wie bei allen künftigen Gelegenheiten solche Gespräche, die wir genauer mitzutheilen für nöthig erachten, in unsre Sprache übertragen und die Idiome und Eigenthümlichkeiten der Redenden in sofern zu wahren suchen, daß wir die von ihnen gebrauchten Bilder und Redefiguren dem Geiste der Leser in der treuesten und anschaulichsten Weise nahe bringen.

Es ist unnöthig auf die Einzelnheiten einzugehen, welche Wildtödter zuerst berichtete, indem er eine kurze Erzählung der unsern Lesern schon bekannten Thatsachen gab. Erwähnt muß jedoch werden, daß der Erzähler hier nur die Umrisse berührte, und namentlich sich enthielt, Etwas von seinem Kampf mit dem Irokesen und seinem Siege, so wie auch von seinen Bemühungen zu Gunsten der verlassenen Mädchen zu sagen. Als Wildtödter zu Ende war, begann auch der Delaware seine Erzählung und sprach in häufigen Sentenzen, mit viel Ernst und Würde. Sein Bericht war klar und kurz, auch mit keinen Vorfällen ausgeschmückt, die nicht geradezu die Geschichte seiner Reise von den Ortschaften seines Volkes und seine Ankunft im Thal des Susquehannah betroffen hätten. Als er letzteres erreichte, und zwar an einem Punkt, der nur eine halbe Meile südlich von der Ausströmung lag, hatte er bald eine Spur aufgefunden, die ihm die zu vermuthende Nähe von Feinden verrieth. Da er auf ein solches Begebnis vorbereitet war, und ihn ja der Zweck seines Zuges unmittelbar in die Nähe der Truppe von Irokesen rief, von welcher man wußte, daß sie umherstreife, betrachtete er die Entdeckung eher als ein Glück, denn als das Gegentheil, und traf die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, um daraus Nutzen zu ziehen. Zuerst folgte er dem Fluß bis zu seinem Ursprung, merkte sich die Lage des Felsens genauer, fand dann wieder eine Spur, und war wirklich schon Stunden lang um die Feinde von verschiedenen Seiten herumgestreift, gleicherweise eine Gelegenheit abwartend, seine Geliebte zu treffen, und einen Skalp zu erbeuten; und es mag die Frage seyn, was er am sehnlichsten wünschte. Er hielt sich in der Nähe des See’s und wagte sich gelegentlich an diesen oder jenen Ort, wo er übersehen konnte, was auf seinem Spiegel vorging. Die Arche war gesehen und beobachtet worden von dem Augenblick an, wo sie in den Bereich des Gesichts kam, obwohl der junge Häuptling natürlich nicht wußte, daß sie das Mittel werden sollte, seine gewünschte Vereinigung mit dem Freunde zu bewirken. Die Unsicherheit ihrer Bewegungen, und der Umstand, daß sie unstreitig von Weißen gelenkt wurde, führte ihn jedoch auf die Vermuthung der Wahrheit, und er hielt sich gefaßt, an Bord derselben zu gehen, sobald sich eine geeignete Gelegenheit darböte. Als die Sonne sich zum Horizont herabsenkte, begab er sich auf den Felsen, wo er, als er aus dem Wald hervortauchte, zu seiner Freude die Arche liegen sah, offenbar bereit, ihn aufzunehmen. Die Art und Weise seines Erscheinens und seines Eintritts in das Fahrzeug ist schon bekannt.

Obgleich Chingachgook seine Feinde Stunden lang genau beobachtet hatte, war doch ihre plötzliche und scharfe Verfolgung, als er die Fähre erreichte, ihm ebenso überraschend, wie seinem Freunde. Er konnte sie sich nur erklären durch den Umstand, daß sie zahlreicher waren, als er zuerst geglaubt, und daß sie Truppe ausgestellt hatten, von deren Vorhandenseyn er Nichts gewußt. Ihr regelmäßiges und bleibendes Lager, wenn das Wort bleibend gebraucht werden darf von dem Aufenthaltsort einer Bande, die aller Wahrscheinlichkeit nur ein paar Wochen aus zu seyn beabsichtigte, war nicht fern von der Stelle, wo Hutter und Hurry in ihre Hände gefallen waren, und natürlich in der Nähe einer Quelle.

»Nun, Schlange,« fragte Wildtödter, als der Andre seine kurze aber lebendige Erzählung beendigt hatte, und zwar in der Delawarensprache, die wir nur zur Bequemlichkeit des Lesers nicht beibehalten haben – »nun Schlange, da Ihr um diese Mingo’s herum spionirt habt: könnt Ihr uns Etwas berichten von ihren Gefangenen; dem Vater dieser Mädchen, und noch Einem, der, wie ich vermuthe, der Liebhaber der Einen von ihnen ist?«

»Chingachgook hat sie gesehen. Ein alter Mann und ein junger Krieger – die fallende Schierlingstanne und die hohe Tanne.«

»Ihr habt’s nicht übel getroffen, Delaware, Ihr habt’s nicht übel getroffen. Der alte Hutter ist wirklich halb zerfallen, obgleich manche tüchtige Klötze noch aus seinem Stamm gehauen werden könnten; und was Hurry Harry anlangt, nach Höhe, Stärke und hübschem Aussehen könnte er wohl der Stolz des menschlichen Waldes genannt werden. Waren die Männer gebunden, oder erlitten sie in irgend einer Weise Martern? Ich frage wegen der jungen Weiber, die, glaub‘ ich, sehr verlangend sind, Etwas zu erfahren.«

»Nicht so, Wildtödter. Die Mingo’s sind so Viele, daß sie ihr Wild nicht in einen Käfig zu sperren brauchen. Einige wachen. Einige schlafen, Einige lauern, Andere jagen. – Die Bleichgesichter werden heute wie Brüder behandelt; morgen werden sie ihre Skalpe verlieren.«

»Ja, das ist rothe Natur, und darein muß man sich schicken! Judith und Hetty, da ist tröstliche Botschaft für Euch! Der Delaware erzählt mir, daß weder Euer Vater noch Hurry Harry Martern zu leiden haben; daß sie, abgerechnet den Verlust der Freiheit, sich so wohl befinden wie wir. Natürlich werden sie im Lager gehalten; im Uebrigen thun sie, was ihnen beliebt.«

»Das freut mich zu hören, Wildtödter,« versetzte Judith, »und jetzt, nachdem Euer Freund bei uns ist, zweifle ich nicht im Mindesten daran, daß wir Gelegenheit finden werden, die Gefangenen auszulösen. Wenn Weiber im Lager sind, so habe ich schon Kleidungsstücke, die ihr Auge blenden sollen; und wenn es zum Schlimmsten käme, könnten wir den guten Schrank öffnen, der, so glaube ich, Sachen in seinem Innern enthalten und offenbaren dürfte, welche die Häuptlinge wohl locken werden.« »Judith,« sagte der junge Mann, sie anblickend mit einem Lächeln und einem Ausdruck ernster Neugier, der trotz der wachsenden Dunkelheit dem beobachtenden Blicke des Mädchens nicht entging, »könnt Ihr es übers Herz bringen, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen, um Gefangne zu befreien, von denen freilich der Eine Euer eigner Vater, der Andre Euer geschworner Liebhaber und Freier ist?«

Die Röthe, die sich über das Antlitz des Mädchens ergoß, hatte ihren Grund theils in Verdruß und Unmuth, vielleicht aber noch mehr in einem edlern, neuen Gefühle, das, in Verbindung mit dem launenhaften Eigensinn ihres Geschmacks, sie binnen kurzer Zeit empfindlicher für die gute Meinung des ihr jene Frage vorlegenden Jünglings gemacht hatte, als sie gegen das Urtheil jedes Andern war. Mit instinktartiger Raschheit die Anwandlung von Aerger unterdrückend, antwortete sie mit einer Geradheit und Wahrheit, welche ihre Schwester herbeizogen, um auch zuzuhören, obgleich der stumpfe Geist Hetty’s keineswegs die Bewegungen eines Herzens zu verstehen vermochte, das so verrätherisch, so unzuverlässig und so ungestüm in seinen Gefühlen war, wie das der verwöhnten und vielgeschmeichelten Schönen.

»Wildtödter,« antwortete Judith nach einer augenblicklichen Pause, »ich will ehrlich seyn gegen Euch, Ich gestehe, es war eine Zeit, wo das, was Ihr schöne Sachen nennt, mir das Liebste auf Erden war; aber ich fange an, andres zu denken und zu fühlen. Obgleich Hurry Harry mir Nichts ist, Nichts werden kann, würde ich doch Alles, was ich besitze, hingeben, ihn frei zu machen. Wenn ich dieß thäte für den tobenden, tollen, geschwätzigen Hurry, der nichts Empfehlendes hat als sein gutes Aussehen, könnt Ihr darnach schließen, was ich für meinen Vater thäte.«

»Das klingt gut, und ist gemäß eines Weibes Gaben. Ach ja freilich! dasselbe Gefühl findet sich auch wohl bei den jungen Weibern der Delawaren. Ich habe sie oft und viel ihre Eitelkeit ihrem Herzen opfern sehen. Es ist wie es seyn soll – es ist wie es sich nach meiner Ansicht gebührt für beide Farben. Das Weib ward geschaffen zum Gefühl und wird meist auch beherrscht vom Gefühl.«

»Würden die Wilden Vater gehen lassen, wenn Judith und ich ihnen alle unsre besten Sachen gäben?« fragte Hetty in ihrer unschuldigen sanften Weise.

»Ihre Weiber würden sich drein legen, gute Hetty; ja ihre Weiber würden sich wohl drein legen, wenn sie so Etwas in Aussicht hätten. Aber sagt mir, Schlange, wie ist es mit Weibern unter den Schurken; haben sie viele von ihren eignen Frauen im Lager?«

Der Delaware hörte und verstand Alles, was vorging; obgleich er mit indianischem Ernst und Feinheit, abgekehrten Gesichts, dagesessen hatte, anscheinend nicht achtend auf ein Gespräch, das ihn nicht unmittelbar anging. Jetzt aber, wo er angeredet und befragt wurde, antwortete er seinem Freund in seiner gewöhnlichen kurzen und sentenziösen Weise.

»Sechs!« sagte er, alle Finger der einen Hand und den Daumen der andern emporhaltend, »außer dieser!« die diese bedeutete seine Verlobte; und mit der Poesie und Wahrheit der Natur bezeichnete er sie dadurch, daß er seine Hand auf’s Herz legte.

»Habt Ihr sie gesehen, Häuptling – seyd Ihr ihres lieblichen Antlitzes ansichtig geworden, oder ihrem Ohr nahe genug gekommen, um darein das Lied zu singen, das sie so liebt?«

»Nein, Wildtödter – die Bäume waren zu viele, und Laub bedeckte ihre Aeste, wie Wolken den Himmel bei Gewittern. Aber,« und der junge Krieger wandte sein dunkles Angesicht gegen seinen Freund mit einem Lächeln darauf, das seine trotzig aussehende Bemalung und seine von Natur finstre Züge mit einem lichten Strahl menschlichen Gefühles verklärte, »Chingachgook hat das Lachen von Wah-ta!-Wah gehört; er unterschied es von dem Lachen der Weiber der Irokesen. Es klang in sein Ohr wie das Zwitschern des Zaunkönigs.«

»Ja, darin kann man sich auf eines Liebhabers Ohr verlassen, und auf das eines Delawaren in Betreff aller Töne, die man je in den Wäldern hört. Ich weiß nicht, wie es kommt, Judith, aber wenn junge Männer – und ich glaube fast, es ist ganz ebenso auch bei jungen Weibern – nun, wenn sie zärtliche Gefühle gegen einander bekommen, so ist es wunderbar, wie lieblich das Lachen oder das Sprechen des Einen dem Andern zu tönen anfängt. Ich habe grimmige Krieger dem Plaudern und Lachen junger Mädchen lauschen sehen, als wäre es Kirchenmusik, – so wie man hört in der alten holländischen Kirche, die in der großen Straße von Albany steht, wo ich mehr als einmal mit Pelzwerk und Wildpret gewesen bin.«

»Und Ihr, Wildtödter,« sagte Judith rasch, und mit mehr Empfindung als man sonst in ihrem gewöhnlich so leichten und gleichgültigen Wesen bemerkte, »habt Ihr nie empfunden, wie angenehm es ist, dem Lachen eines geliebten Mädchens zu lauschen?«

»Gott tröste Euch, Mädchen! – ha, ich habe nie lang genug unter meiner eignen Farbe gelebt, um in diese Gattung von Gefühlen zu verfallen – nein, nie! Ich glaube wohl, sie sind natürlich und recht; aber für mich ist keine Musik so schön, als das Pfeifen des Windes in den Gipfeln der Bäume, und das Rauschen eines Baches aus seiner vollen, blitzenden, heimathlichen Quelle reinen frischen Wassers; außer etwa,« fuhr er fort und senkte einen Augenblick nachdenklich den Kopf, »außer etwa ja, der offene Rachen eines zuverlässigen Hundes, wenn ich einem fetten Bock auf der Fährte bin. Was unzuverlässige Hunde sind, nach deren Gebell frage ich wenig, in Betracht, daß sie ebenso oft anfangen zu bellen, wenn das Wild nicht zu sehen, als wenn dieß der Fall ist.«

Judith schritt langsam und nachdenklich weg, auch lag Nichts von ihrer gewöhnlichen berechnenden Koketterie in dem leisen, bebenden Seufzer, der, ihr selbst unbewußt, ihrem Munde entschwebte. Anderntheils horchte Hetty mit argloser Aufmerksamkeit, obgleich es ihrem einfachen Geist als sonderbar auffiel, daß der junge Mann die Melodie der Wälder den Gesängen von Mädchen oder gar dem Lachen der Unschuld und Freude vorziehen sollte. Gewohnt jedoch, in den meisten Dingen sich nach ihrer Schwester zu bequemen, folgte sie bald Judith in die Cajüte, wo sie einen Sitz nahm und längere Zeit tief brütete über einen Vorfall oder Einen Entschluß, oder eine Meinung, wovon außer ihr kein Mensch wußte. Wildtödter und sein Freund, jetzt allein, setzten nun ihr Gespräch fort.

»Ist der junge Bleichgesicht-Jäger schon lange an diesem See?« fragte der Delaware, nachdem er höflich abgewartet, ob nicht der Andere zuerst sprechen werde.

»Erst seit gestern Mittag, Schlange; und doch war dieß lang genug, um Viel zu erleben und zu thun.« Der Blick, den der Indianer auf seinen Genossen heftete, war so scharf, daß er der wachsenden Dunkelheit der Nacht zu spotten schien. Als der Andere verstohlen seinen Blick erwiederte, sah er die zwei scharfen Augen sich anblitzen, wie die Augäpfel des Panthers oder des hungrigen Wolfs. Er verstand den Sinn dieser glühenden Augen, und antwortete ausweichend, wie es nach seiner Meinung sich am besten schickte für die Bescheidenheit eines Mannes mit weißen Gaben.

»Es ist wie Ihr vermuthet, Schlange; ja, es ist Etwas der Art. Ich bin auf einen Feind gestoßen; und ich denke, man kann auch sagen, ich habe mit ihm gekämpft.«

Ein Ausruf der Freude und des Jubels entfuhr dem Indianer; und dann mit der Hand lebhaft den Arm seines Freundes fassend, fragte er ihn, »ob auch Skalpe erbeutet worden seyen.«

»Das ist, will ich gegen den ganzen Stamm der Delawaren, gegen den alten Tamenund und Euern Vater, den großen Uncas, wie gegen alle Uebrigen keck behaupten, das ist gegen die Gaben eines Weißen! Mein Skalp ist auf meinem Kopf, wie Ihr seht, Schlange, und das war der einzige Skalp, der in Gefahr war, da die eine Partei ganz christlich und weiß war.«

»Fiel kein Krieger? – Wildtödter bekam seinen Namen nicht dadurch, daß er von schläfrigem Auge oder ungeschickt mit der Büchse war!«

»In diesem Punkt, Häuptling, sprecht Ihr vernünftiger und kommt daher der Wahrheit näher. Ich darf sagen, ein Mingo ist gefallen.«

»Ein Häuptling?« fragte der Andere mit ungestümer Heftigkeit.

»Nein, das ist Mehr als ich weiß oder sagen kann. Er war schlau, und verrätherisch, und herzhaft, und mag wohl Beifall genug unter seinem Volke sich erworben haben, um zu dieser Würde erhoben zu werden. Der Mann kämpfte gut, obgleich sein Auge nicht schnell genug war für einen Mann, der seine Schule in Eurer Gesellschaft gemacht, Delaware!«

»Mein Bruder und Freund schlug den Mann doch nieder?«

»Ich brauchte das nicht, sintemal der Mingo in meinen Armen starb. Ich kann wohl die Wahrheit gerade heraus sagen; er kämpfte wie ein Mann mit rothen Gaben, und ich wie ein Mann mit Gaben von meiner Farbe. Gott gab mir den Sieg, ich konnte nicht seine Vorsehung ins Angesicht schlagen, indem ich meine Geburt und Natur vergessen hätte. Weiß schuf er mich, und weiß will ich leben und sterben.«

»Gut! Wildtödter ist ein Bleichgesicht und hat Hände eines Bleichgesichts. Ein Delaware wird nach dem Skalp sehen, und ihn auf einen Pfahl hängen, und ein Lied zu seiner Ehre singen, wenn wir zurückgehen zu unserm Volke. Die Ehre gehört dem Stamme; sie darf nicht verloren gehen.«

»Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht gethan. Des Mingo’s Leichnam ist in den Händen seiner Freunde, und ohne Zweifel in einer Höhle verborgen, wo Delawarenlist dem Skalp nie beikommen wird.« Der junge Mann gab dann seinem Freunde einen kurzen aber klaren Bericht von dem Ereigniß des Morgens, Nichts von irgend einigem Belang verhehlend, und doch Alles bescheiden, und mit sorgfältiger Aufmerksamkeit, die indianische Prahlerei zu vermeiden, berührend. Chingachgook drückte wieder seine Freude aus über die von seinem Freunde gewonnene Ehre, und dann standen Beide auf, da die Stunde gekommen war, wo die Klugheit rieth, die Arche weiter vom Land zu entfernen.

Es war jetzt ganz dunkel; der Himmel umwölkt und die Sterne verdeckt. Der Nordwind hatte aufgehört, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, und ein leiser Luftzug erhob sich von Süden. Da dieß Umschlagen die Absichten Wildtödters begünstigte, lichtete er seinen Anker, und das Fahrzeug fing sogleich und ganz merklich an, weiter in den See hinein zu treiben. Das Segel ward aufgezogen, wodurch die Bewegung des Fahrzeugs zu einer Schnelligkeit von nicht viel weniger als zwei Meilen in der Stunde stieg. Da dieß das Rudern entbehrlich machte – eine Arbeit, nach welcher ein Indianer selten lüstern war – setzten sich Wildtödter, Chingachgook und Judith auf das Hintertheil der Fähre, wo der Erstere mit dem Steuerruder ihre Bewegungen lenkte. Hier besprachen sie sich über ihre künftigen Maßregeln, und über die Mittel, deren man sich bedienen müsse, um die Befreiung ihrer Freunde zu bewirken.

Zu diesem Gespräch trug Judith das Wesentlichste bei; der Delaware verstand ohne Mühe Alles, was sie sagte, seine Antworten und Bemerkungen aber, welche beide selten und kurz waren, wurden gelegentlich von seinem Freund ins Englische übertragen. Judith stieg in der nächsten halben Stunde bedeutend in der Achtung ihres Genossen. Rasch im Entschluß und fest in ihren Absichten, zeugten ihre Vorschläge und Auskunftsmittel von ihrem Muth und ihrem Scharfblick, und beide waren von der Art, daß sie wohl bei Grenzmännern Gunst finden mochten. Die seit ihrer Bekanntschaft vorgefallenen Ereignisse, so wie ihre vereinzelte und abhängige Lage flößten dem Mädchen ein Gefühl gegen Wildtödter ein, als wäre es eine jahrelange Freundschaft, und nicht die Bekanntschaft eines Tags, was sie verband; und so gänzlich war sie gewonnen durch die arglose Wahrhaftigkeit seines Charakters und Gemüths – für sie, so weit ihre Erfahrung reichte, völlige Neuigkeiten an unsrem Geschlecht – daß seine Eigenthümlichkeiten ihre Neugierde rege gemacht, und ein Zutrauen in ihr erweckt hatten, das sie noch nie gegen einen andern Mann empfunden hatte. Bisher hatte sie sich genöthigt gesehen, bei ihrem Verkehr mit Männern sich vertheidigungsweise zu verhalten – mit welchem Erfolg, wußte sie selbst am besten; aber jetzt sah sie sich plötzlich in die Gesellschaft und unter den Schutz eines Jünglings versetzt, der offenbar so wenig Arges gegen sie im Sinne hatte, als wäre er ihr Bruder gewesen. Die Frische seiner Unschuld und Rechtlichkeit, die Poesie und Wahrheit seiner Gefühle, und selbst die Eigenheit seiner Redeweise – Alles äußerte einen Einfluß auf sie, und trug dazu bei, ein Interesse in ihr zu erwecken, das, wie sie fand, ebenso rein als plötzlich und tief war. Hurry’s hübsches Gesicht und männliche Gestalt hatten ihr nie sein lärmendes und gemeines Wesen vergütet; und ihr Verkehr mit den Officieren hatte sie Vergleichungen anstellen gelehrt, bei welchen selbst seine großen natürlichen Vorzüge zu kurz kamen. Aber eben dieser Verkehr mit den Officieren, welche gelegentlich an den See kamen, um zu fischen und zu jagen, wirkte auch mit auf ihre jetzigen Gesinnungen und Empfindungen gegenüber dem jungen Fremden. Die Bekanntschaft mit ihnen hatte sie, während ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt und ihre Eigenliebe geweckt worden war, vielen Grund, tief zu bereuen – wenn nicht gar, in geheimem Kummer darüber zu trauern – denn es hatte ihr bei ihrem lebhaften, raschen Verstand die Beobachtung unmöglich entgehen können, wie hohl der Umgang und Verkehr zwischen Höhern und Geringern sey, und daß sie selbst von den bestgesinnten und am wenigsten berechnenden und listigen unter ihren scharlachröckigen Bewunderern mehr als das kurzweilige Spielzeug einer müssigen Stunde, denn als Gleichgestellte und Freundin betrachtet wurde. Wildtödter dagegen hatte ein Fenster vor seiner Brust, durch welches das Licht seiner Ehrlichkeit immer leuchtete; und selbst seine Gleichgültigkeit gegen Reize, die so selten verfehlten einen lebhaften Eindruck zu machen, spannte den Stolz des Mädchens und verlieh ihm in ihren Augen ein Interesse, das ein Anderer, anscheinend mehr von der Natur begünstigt, nicht leicht erregt hätte.

In dieser Weise verstrich eine halbe Stunde, während welcher die Arche langsam über das Wasser hinglitt, indeß das Dunkel umher immer dichter wurde; obgleich man noch wohl bemerkte, daß der schwarze Wald am südlichen Ende des See’s ferner rückte, während die Berge, welche die Seiten des schönen Beckens einfaßten, ihn beinahe von einer Seite zur andern überschatteten. Doch war noch ein schmaler Streif Wasser in der Mitte des See’s, wo das dämmernde Licht, das noch vom Himmel sich ergoß, auf seinen Spiegel in einer nördlich und südlich sich ausdehnenden Linie fiel; und entlang diesem schwachen Streifen, – eine Art umgekehrter Milchstraße, wo die Dunkelheit nicht so dicht war als an andern Stellen – verfolgte die Fähre ihren Lauf, da ihr Steuermann wohl wußte, daß dieß die gewünschte Richtung sey. Der Leser darf jedoch nicht glauben, es habe irgend eine Schwierigkeit, die einzuhaltende Richtung betreffend, gewaltet. Diese wäre bestimmt worden durch die Strömung des Windes, hätte man auch nicht mehr die Berge unterscheiden können, so wie auch durch die dämmernde Lichtung nach Süden zu, welche die Lage des Thals nach dieser Seite, auf der Ebene von großen Bäumen durch eine etwas verminderte Dunkelheit bezeichnete; – der Unterschied zwischen dem Dunkel des Waldes und dem Dunkel der nur als Luft gesehenen Nacht. Diese Eigenthümlichkeiten nahmen endlich die Aufmerksamkeit Judiths und Wildtödters in Anspruch, und das Gespräch hörte auf, wodurch Jedes Muße erhielt, die feierliche Stille und tiefe Ruhe der Natur zu betrachten.

»Es ist eine finstre Nacht,« bemerkte das Mädchen nach einer Pause von einigen Minuten. »Ich hoffe, wir werden doch das Castell finden können.«

»Daß wir das verfehlen, ist wenig zu besorgen, wenn wir nur diese Richtung in der Mitte des See’s behalten,« versetzte der junge Mann. »Die Natur hat uns hier eine Bahn gemacht, und so finster es ist, wird es doch wenig Schwierigkeit haben, sie zu verfolgen.«

»Hört Ihr nichts, Wildtödter? Es war, als ob das Wasser ganz in unsrer Nähe rauschte.«

»Gewiß hat Etwas das Wasser in Bewegung gebracht, auf eine ungewöhnliche Art; es muß ein Fisch gewesen seyn. Diese Creaturen machen auf einander Jagd, wie Menschen und Thiere auf dem Land; Einer ist in die Luft gesprungen, und ist schwerfällig wieder heruntergesunken in sein Element. Es nützt sie wenig, Judith, aus ihrem Element herauszustreben, da es einmal ihre Natur ist, darin zu bleiben, und die Natur muß ihren Willen haben, Ha! das tönt wie ein Ruder, das mit ungewöhnlicher Vorsicht gehandhabt wird!«

In diesem Augenblick beugte sich der Delaware vor und wies bedeutsam nach dem finstern Horizont, als ob plötzlich seinem Auge etwas aufgestoßen. Wildtödter und Judith folgten der Richtung seiner Geberde und Beide wurden in demselben Augenblick eines Canoe’s ansichtig. Die Wahrnehmung dieses beunruhigenden Nachbars war dämmernd und trüb, und ein minder geübtes Auge hätte darüber in Ungewißheit seyn können; aber die auf der Arche Befindlichen erkannten deutlich ein Canoe mit einer Person darin, welche aufrecht stand und ruderte. Wie Viele im untern Raume versteckt lagen, konnte man natürlich nicht wissen. Einer von starken und geübten Händen gelenkten Barke mittelst Ruderns entfliehen, war ganz unthunlich, und beide Männer ergriffen, eines Kampfes gewärtig, ihre Büchsen.

»Ich kann den Rudrer leicht zu Boden fällen,« flüsterte Wildtödter, »aber wir wollen ihn zuerst anrufen und um sein Vorhaben fragen.« Dann erhob er seine Stimme und rief ernst und feierlich: »Halt! Wenn Ihr näher kommt, muß ich feuern, so wenig ich es wünsche; und dann ist sicherer Tod die Folge. Stellt das Rudern ein und antwortet.«

»Feuert und tödtet ein armes, wehrloses Mädchen,« erwiederte eine sanfte, zitternde weibliche Stimme, »aber Gott wird Euch das nie vergeben! Geht Eures Weges, Wildtödter, und laßt mich den meinigen gehen!«

»Hetty!« riefen der junge Mann und Judith in Einem Athem; und der Erstere sprang sogleich nach der Stelle, wo er das am Tau mitgeführte Canoe gelassen hatte. Es war weg, und nun verstand er die ganze Sache. Die Entflohene, erschrocken über die Drohung, hörte zu rudern auf, und blieb nur dämmernd sichtbar, einem gespenstischen Umriß einer menschlichen Gestalt ähnlich, über dem Wasser stehen. Im nächsten Augenblick ward das Segel herabgelassen, damit die Arche nicht an der Stelle, wo das Canoe sich befand, vorübergleitete. Diese letzte Maaßregel jedoch ward nicht mehr zu rechter Zeit getroffen, denn das Gewicht eines so schweren Fahrzeugs und der Anstoß des zwar schwachen Windes trieben es bald daran vorüber, und bewirkten, daß Hetty gerade hinter dem Winde sich befand, obwohl noch sichtbar, da der Wechsel in der Stellung der beiden Fahrzeuge sie in jene obenerwähnte Art von Milchstraße brachte.

»Was kann dieß bedeuten, Judith?« fragte Wildtödter. »Warum hat Eure Schwester das Canoe genommen und uns verlassen?«

»Ihr wißt, sie ist schwachsinnig, das arme Mädchen! und sie hat ihre eignen Ideen darüber, was zu thun sey. Sie liebt ihren Vater mehr, als die meisten Kinder ihre Eltern lieben – und dann –« »Dann was, Mädchen? Dieß ist ein bedenklicher Augenblick, und wo man die Wahrheit reden muß.«

Judith empfand eine edelmüthige und weibliche Scheu, ihre Schwester zu verrathen, und sie zögerte, ehe sie fortfuhr. Aber noch einmal von Wildtödter dringend aufgefordert, und selbst erkennend die Gefahren alle, welchen die Gesellschaft durch Hetty’s Unklugheit ausgesetzt wurde, konnte sie nicht länger an sich halten.

»Dann fürchte ich auch, die arme schwachsinnige Hetty hat nicht recht die Eitelkeit, die Narrheit und die Tollheit zu sehen vermocht, die hinter dem schönen Gesicht und der stattlichen Gestalt Hurry Harry’s liegen. Sie spricht im Schlaf von ihm, und verräth manchmal ihre Neigung auch in ihren wachen Augenblicken.«

»Ihr meint, Judith, Eure Schwester gehe jetzt mit irgend einem tollen Plan um, ihrem Vater und Hurry zu dienen, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Gewürme, die Mingo’s in den Besitz eines Canoe setzen wird!«

»So wird es sich, fürchte ich, verhalten, Wildtödter. Die arme Hetty hat schwerlich Schlauheit genug, einen Wilden zu überlisten.«

Die ganze Zeit her war das Canoe, Hetty in aufrechter Stellung am einen Ende desselben stehend, dämmernd sichtbar gewesen, obgleich es bei der raschen Bewegung der Arche mit jedem Augenblicke weniger deutlich wurde. Es war offenbar keine Zeit zu verlieren, wenn es nicht ganz verschwinden sollte. Die Büchsen wurden jetzt als überflüssig bei Seite gelegt; und dann ergriffen die beiden Männer die Ruder und fingen an, das Vordertheil der Fähre gegen das Canoe hin umzuwenden. Judith, an den Dienst gewöhnt, eilte nach dem andern Ende der Arche und stellte sich an den Helm – wenn man so sagen konnte. Hetty erschrack bei diesen Vorkehrungen, die nicht ohne Geräusch getroffen werden konnten, und fuhr auf wie ein Vogel, der plötzlich durch das Herannahen einer nicht erwarteten Gefahr gescheucht wird. Da Wildtödter und sein Genosse mit der Anstrengung von Männern ruderten, welche die Notwendigkeit fühlten, jeden Nerv anzuspannen, und Hetty’s Kräfte geschwächt wurden durch ein ängstliches, krampfhaftes Bestreben zu entfliehen, würde sich die Jagd bald mit der Einholung der Flüchtigen geendigt haben, hätte nicht das Mädchen einige rasche und unvorhergesehene Abweichungen von der geraden Bahn gemacht. Diese Wendungen gewannen ihr Zeit, und sie hatten auch die Wirkung das Canoe und die Arche allmälig in das dichtere Dunkel hineinzuführen, das die Schatten von den Bergen erzeugten. Auch vergrößerten sie allmälig den Abstand zwischen der Fliehenden und ihren Verfolgern, bis Judith ihren Genossen zurief, sie sollten zu rudern aufhören, weil sie das Canoe gänzlich aus dem Gesicht verloren.

Als diese leidige Benachrichtigung erfolgte, war Hetty in der That so nahe, daß sie jede Sylbe verstand, die ihre Schwester sprach; obgleich Letztere die Vorsicht gebraucht hatte, so leise zu sprechen, als nur immer die Umstände gestatteten, falls sie gehört werden wollte. Hetty hörte in demselben Augenblick zu rudern auf, und wartete das weitere Ergebniß ab mit einer Ungeduld, die ebenso sehr in Folge ihrer bisherigen Anstrengungen, wie ihres Wunsches, ans Land zu kommen, eine wahrhaft athemlose zu nennen war. Eine Todtenstille senkte sich inzwischen auf den See, während welcher die drei in der Arche ihre Sinne aufs mannigfachste anstrengten, um die Stellung des Canoe’s zu entdecken. Judith beugte sich vor, um zu horchen, in der Hoffnung, einen Ton zu erlauschen, der verriethe, in welcher Richtung ihre Schwester sich davonstehle; während ihre beiden Genossen die Augen so nahe als möglich hinab ans Wasser hielten, um jeden Gegenstand zu entdecken, der etwa auf seiner Oberfläche schwimme. Alles jedoch war umsonst, denn weder ein erlauschter Ton noch das Sichtbarwerden eines Gegenstandes belohnte ihre Anstrengungen. Diese ganze Zeit über stand Hetty, welche nicht so viel Schlauheit besaß, sich im Boot niederzulegen, aufgerichtet da, einen Finger auf ihren Mund gedrückt, in der Richtung hinausstarrend, von welcher her sie die Stimmen gehört hatte, einer Bildsäule schweigender und scheuer Erwartung ähnlich. Ihre List war nur so weit gegangen, daß sie in der erzählten Weise ohne Geräusch des Canoe’s sich zu bemächtigen und die Arche zu verlassen im Stande gewesen war; dann schien sie für den Augenblick gänzlich erschöpft. Selbst die Abweichungen des Canoe’s waren ebenso sehr die Folgen einer unsichern Hand und einer Nervenaufregung, als einer schlauen Berechnung gewesen.

Diese Pause währte einige Minuten, während welcher Wildtödter und der Delaware in der Sprache des Letztern sich beriethen. Dann tauchten die Ruder wieder ins Wasser, und die Arche bewegte sich, aber mit so wenig Geräusch als nur möglich. Sie steuerte westlich, etwas südlich, oder in der Richtung auf das Lager des Feindes zu. Nachdem sie einen vorliegenden Punkt, nicht weit von der Küste entfernt, erreicht hatte, wo wegen der Nähe des Landes die Finsterniß sehr dicht war, blieb sie hier beinahe eine Stunde liegen, das gehoffte Herankommen Hetty’s zu erwarten, die, so dachte man, diesem Punkt nach Kräften zueilen würde, sobald sie sich der Gefahr der Verfolgung entledigt glauben würde. Aber diese kleine Blokade wurde von keinem Erfolg gekrönt; weder der Gesichtssinn noch der Gehörsinn konnten das Vorbeifahren eines Canoe’s entdecken. Verdrüßlich über dieß Mißlingen, und erkennend wie wichtig es sey, von dem Castell Besitz zu ergreifen, ehe der Feind sich seiner bemächtige, schlug jetzt Wildtödter die Bahn dahin ein mit der Befürchtung, daß alle seine Vorsicht, als er die Canoe’s in Sicherheit gebracht, vereitelt seyn werde durch diesen unbewachten und beunruhigenden Schritt von Seiten der schwachsinnigen Hetty.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

    »Aber Wer in diesem wilden Wald
Mag Glauben schenken seinem Aug‘ und Ohr,
Wo von dem Felsabhang, aus hohler Schlucht
Ein wirr und bunt Getön von dürrem Laub,
Von Zweigeknistern und Nachtvögelkrächzen
Antwort zu geben scheint!«
Johanna Baillie.

Furcht ebenso sehr als Berechnung hatte Hetty veranlaßt, das Rudern einzustellen, als sie entdeckte, daß ihre Verfolger nicht wüßten, in welcher Richtung sie weiter steuern sollten. Sie blieb ruhig, bis die Arche in die Nähe des Lagers sich gewendet hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt worden; da ergriff sie wieder das Ruder, und mit vorsichtigen Schlägen strebte sie der westlichen Küste zu. Um jedoch ihren Verfolgern auszuweichen, die, wie sie richtig vermuthete, bald auch diese Küste entlang rudern würden, richtete sie das Vordertheil ihres Canoe’s so weit nördlich, daß sie ans Land kam an einem vorspringenden Punkt, welcher etwa eine Stunde von der Ausströmung entfernt, in dem See auslief. Auch war dieß nicht ganz nur das Ergebniß ihres Wunsches, zu entkommen; denn Hetty Hutter, so schwachsinnig sie war, besaß doch nicht Wenig von jener instinktartigen Vorsicht, welche oft die von Gott so Heimgesuchten vor Unheil bewahrt. Sie erkannte vollkommen, wie wichtig es sey, die Canoe’s nicht in die Hände der Irokesen fallen zu lassen; und lange, vertraute Bekanntschaft mit dem See hatte ihr eines der einfachsten Auskunftsmittel an die Hand gegeben, wodurch dieser wichtige Augenmerk mit ihrem eignen Plane in Einklang gebracht wurde.

Der fragliche Punkt war der erste Landvorsprung auf dieser Seite des See’s, wo ein Canoe, wenn man es bei Südwind forttreiben ließ, vom Lande wegschwimmen mußte, und sogar, wie man ohne große Verletzung der Wahrscheinlichkeit annehmen durfte, das Castell erreichen konnte, denn dieses lag über ihm, beinahe in gerader Linie mit dem Wind. Dieß war denn Hetty’s Absicht; und sie landete auf der äußersten Spitze des sandigen, vorspringenden Punktes, unter einer überhangenden Eiche, mit dem ausdrücklichen Vorhaben, das Canoe von der Küste wegzustoßen, damit es ihres Vaters insularischer Behausung zuschwimme. Auch wußte sie von den Stämmen her, die gelegentlich auf dem See herumschwammen, daß, wenn es auch das Castell und Zugehör verfehlte, der Wind wahrscheinlich umschlagen würde, ehe es das nördliche Ende des See’s erreichte, und hoffte, Wildtödter würde wohl Gelegenheit haben, es am Morgen wieder aufzufangen, wenn er, wie kaum zu bezweifeln, die Oberfläche des Wassers und seine gesammten umwaldeten Küsten mit dem Fernglas ernstlich durchmustern würde. Auch in diesem Allen ward Hetty weniger von einer eigentlichen Schlußkette, als von ihrem gewohnheitsmäßigen dunkeln Bewußtseyn geleitet; und dieß letztere ersetzt oft bei menschlichen Wesen die Schwächen des Geistes, wie es ja auch, oder ein Analogon davon, bei Thieren der niedern Gattungen denselben Dienst leistet.

Das Mädchen brauchte eine volle Stunde, bis sie zu dem Landvorsprung gelangte, denn die Entfernung und die Dunkelheit hielten sie lange auf; sobald sie aber den Kiesstrand erreicht hatte, schickte sie sich auch an, das Canoe in der angegebnen Weise dem Spiel des Wassers anzuvertrauen. Während sie es zurückdrängte, hörte sie leise Stimmen, die von den Bäumen hinter ihr her zu kommen schienen. Erschrocken über diese unerwartete Gefahr stand Hetty schon auf dem Punkt, wieder in das Canoe zu springen, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, als sie die Töne von Judiths melodischer Stimme zu erkennen glaubte. Sie beugte sich vor, um die Töne unmittelbar aufzufassen, und erkannte deutlich, daß sie vom Wasser her kamen: jetzt begriff sie, daß die Arche sich von Süden her nähere, und zwar so nahe an der westlichen Küste, daß sie nothwendig an dem Landvorsprung auf zwanzig Schritte von dem Ort, wo sie stand, vorbeikommen mußte. Hier hatte sie denn Alles, was sie wünschen konnte; sie schob das Canoe zurück in den See, und die bisherige Fergin blieb allein auf dem schmalen Strand zurück.

Nach Vollbringung dieser Handlung der Selbstaufopferung zog sich Hetty nicht zurück. Das Laub der überhängenden Bäume und Gebüsche würde sie beinahe ganz versteckt haben, wenn es auch licht gewesen wäre; aber in dieser Finsterniß war es ganz unmöglich, einen so beschatteten Gegenstand auch nur auf einige Schritte zu entdecken. Auch die Flucht war ganz leicht, da sie mit zwanzig Schritten sich im Schooß des Waldes begraben konnte. Sie blieb daher, mit heftiger Spannung das Ergebnis ihrer Maßregel abwartend, mit dem Vorsatz, die Aufmerksamkeit der Andern durch Rufen auf das Canoe zu lenken, sollte es den Anschein haben, als führen sie ohne es zu beachten vorüber. Die Arche näherte sich wieder unter Segel; Wildtödter stand auf dem Bug, Judith neben ihm, und der Delaware am Helm. Es schien beinahe, als habe die Arche in der Bai unten sich zu nahe an die Küste gewagt, in der immer noch nicht aufgegebenen Hoffnung, Hetty abzuschneiden, denn wie sie näher kam, hörte die Letztere deutlich, wie der junge Mann vorn seinem Genossen Weisungen gab, um an dem Landvorsprung vorbeizukommen.

»Lenkt die Spitze mehr ab von der Küste, Delaware,« sagte Wildtödter zum dritten Male auf Englisch, damit seine schöne Genossin seine Worte verstehe; »lenkt die Spitze recht ab von der Küste. Wir sind hier zu weit hereingekommen, und müssen mit dem Mast aus den Bäumen heraus. Judith, hier ist ein Canoe!«

Die letzten Worte wurden mit großem Ernst gesprochen, und Wildtödters Hand hatte seine Büchse gefaßt, ehe sie ganz über seine Lippen waren. Aber die Wahrheit ging sogleich wie ein Licht dem raschen Geiste des Mädchens auf, und sie sagte sogleich ihrem Begleiter, das Boot müsse dasjenige seyn, worin ihre Schwester entflohen.

»Lenkt die Fähre geradaus, Delaware! steuert so schnurgerade zu, wie Eure Kugel fliegt, wenn einem Bock in das Herz geschickt; – so, ich habe es!«

Das Canoe ward ergriffen und sogleich wieder an der Seite der Arche befestigt; im nächsten Augenblick ward das Segel eingezogen, und die Bewegung der Arche mittelst der Ruder gehemmt.

»Hetty!« rief Judith, und Theilnahme, selbst Zärtlichkeit sprach sich in ihrem Tone aus; »wenn du mich hörst, Schwester, um Gottes willen, antworte und laß mich wieder den Ton deiner Stimme hören! Hetty! – liebe Hetty!«

»Ich bin hier, Judith, hier, auf der Küste, wo es vergeblich wäre, mich zu verfolgen; denn ich will mich in den Wäldern verstecken.«

»Oh, Hetty! was machst Du! Bedenke es ist bald Mitternacht, und die Wälder sind voll von Wilden und von wilden Thieren!«

»Beide werden einem armen, nur halb klugen Mädchen kein Leid thun, Judith. Gott ist hier so gut bei mir, als er in der Arche oder in der Hütte es seyn würde. Ich bin im Begriff, meinem Vater und dem armen Hurry Harry zu Hülfe zu eilen, welche werden gemartert werden; wenn nicht Jemand sich ihrer annimmt.«

»Wir Alle nehmen uns ihrer an, und beabsichtigen, ihnen morgen eine Friedensfahne zu schicken, um ihre Loslassung zu erkaufen. Komm daher zurück, Schwester, vertraue uns, die wir stärkere Köpfe haben als du, und Alles, was wir können, für Vater thun werden.«

»Ich weiß, dein Kopf ist stärker als der meinige, Judith, denn der meinige ist freilich sehr schwach; aber ich muß zu Vater und zu dem armen Hurry. Behauptet Ihr, Du und Wildtödter das Castell; mich laßt in der Hand Gottes!«

»Gott ist bei uns Allen, Hetty – im Castell oder auf der Küste – beim Vater so gut wie bei uns; und es ist Sünde, nicht auf seine Güte vertrauen. Du kannst Nichts thun in der Finsterniß, wirst dich im Walde verirren und durch Mangel an Nahrung umkommen,«

»Gott wird das nicht einem armen Mädchen geschehen lassen, das geht, seinem Vater zu dienen, Schwester. Ich muß es versuchen und die Wilden aufsuchen.«

»Komm zurück, nur für diese Nacht: am morgen wollen wir dich an’s Land setzen und dich handeln lassen nach deinem Gutdünken.«

»Du sagst so, und denkst so, aber du würdest es nicht thun. Dein Herz würde weich werden, und du würdest Tomahawks und Skalpiermesser in der Luft sehen. Zudem habe ich mir vorgenommen, dem indianischen Häuptling Etwas zu sagen, was allen unsern Wünschen entsprechen wird; und ich fürchte, es zu vergessen, wenn ich es ihm nicht sofort sage. Ihr werdet sehen, er läßt den Vater frei, sobald er es hört.«

»Arme Hetty! Was kannst du einem trotzigen Wilden sagen, wodurch irgend seine blutdürstigen Anschläge sollten umgewandelt werden?«

»Etwas, das ihn erschrecken und ihn bewegen wird, Vater gehen zu lassen,« versetzte das einfältige Mädchen in bestimmtem Tone. »Du wirst es sehen, Schwester, wie bald es ihn dazu bringen wird, wie ein folgsames Kind!«

»Wollt Ihr mir sagen, was Ihr ihm zu sagen beabsichtigt?« fragte Wildtöter. »Ich kenne die Wilden gut, und kann mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, in wie weit gute Worte auf ihre blutdürstigen Gemüther wirken werden oder nicht. Wenn es nicht den Gaben einer Rothhaut gemäß ist, so wird es nichts helfen; denn Vernunft geht nach Gaben, wie die Handlungsweise.«

»Gut denn,« antwortete Hetty, ihre Stimme zu leisem, vertraulichem Tone sinken lassend; denn die Stille der Nacht und die Nähe der Arche gestatteten ihr dieß zu thun und doch gehört zu werden. »Gut denn, Wildtödter, da Ihr ein guter und redlicher junger Mann scheint, will ich es Euch sagen. Ich habe im Sinne, keinem der Wilden ein Wort zu sagen, bis ich Angesicht gegen Angesicht ihrem obersten Häuptling gegenüber stehe, mögen sie mich plagen mit so vielen Fragen als sie wollen; nein – ich will ihnen keine beantworten als daß ich ihnen sage, sie sollen mich zu ihrem weisesten Manne führen. Dann, Wildtödter, will ich ihm sagen, daß Gott Mord und Raub nicht verzeihen wird, und daß, wenn Vater und Hurry auf die Skalpe der Irokesen ausgingen, er Böses mit Gutem vergelten müsse, denn so gebeut die Bibel, sonst werde er eingehen zur ewigen Strafe. Wenn er das hört, und fühlt, daß es wahr ist – wie er das muß; wie lange wird es dann anstehen, bis er Vater und Hurry und mich an die Küste schickt, gegenüber dem Castell, und uns alle drei unsers Weges im Frieden gehen heißt?«

Die letzte Frage sprach sie in triumphirendem Tone; und dann lachte das einfältige Mädchen über den Eindruck, den, wie sie keinen Augenblick zweifelte, ihr Plan auf ihre Zuhörer gemacht. Wildtödter war stumm vor Erstaunen über diesen Beweis von argloser Geistesschwäche; Judith aber hatte sich rasch auf ein Mittel besonnen, diesem unsinnigen Anschlag entgegenzuwirken, dadurch, daß sie eben auf die Gefühle zu wirken suchte, aus welchen er entsprungen war, ohne daher die letzte Frage oder das Lachen zu beachten, rief sie hastig ihre Schwester beim Namen, wie wenn sie plötzlich ergriffen würde vom Bewußtseyn der Wichtigkeit dessen, was sie zu sagen hatte. Aber keine Antwort erfolgte auf den Ruf.

Aus dem Krachen von Zweigen und Rauschen von Blättern erhellte deutlich, daß Hetty die Küste verlassen hatte, und sich schon in dem Dickicht des Waldes begrub. Ihr folgen wäre zwecklos gewesen, da die Dunkelheit so wie auch der Schutz und das Versteck, das die Wälder überall boten, es so gut als unmöglich machten, sich ihrer wieder zu bemächtigen; und dann war auch die nie aufhörende Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen. Nach einer kurzen und traurigen Berathung ward daher das Segel wieder aufgezogen, und die Arche verfolgte ihren Lauf ihrem gewöhnlichen Ankerplatz zu, während Wildtödter sich schweigend Glück wünschte zur Wiedererlangung des Canoes, und über seinen Plan für den nächsten Tag brütete. Der Wind erhob sich, als die Gesellschaft den Vorsprung verließ, und in weniger als einer Stunde erreichten sie das Castell. Hier fand man Alles wie man es verlassen; und man hatte nun die Maßregeln und Ceremonien, die man vorgenommen, als man das Gebäude verlassen hatte, in umgekehrter Ordnung durchzumachen, da man wieder zurückkam. Judith nahm in dieser Nacht ein einsames Bett ein, dessen Kissen sie mit ihren Thränen befeuchtete, wenn sie an das unschuldige, bisher vernachlässigte Geschöpf dachte, das von Kindheit an ihre Genossin gewesen; und bittre Gefühle der Trauer und Reue, aus mehr als Einer Quelle entspringend, kamen über ihr Gemüth, wie die Stunden träg dahinschlichen und es wurde beinahe Morgen, ehe sich ihr Bewußtseyn im Schlaf verlor. Wildtödter und der Delaware legten sich in der Arche zur Ruhe, wo wir sie dem süßen, tiefen Schlaf der Redlichkeit, der Gesundheit und Furchtlosigkeit überlassen und zu dem Mädchen zurückkehren wollen, das wir zuletzt im Dickicht des Waldes gesehen.

Als Hetty die Küste verließ, schlug sie ohne Bedenken den Weg in die Wälder ein, in fast krampfhafter Angst, verfolgt zu werden. Zum Glück war dieser Weg der beste, den sie einschlagen konnte, zur Erreichung ihres Vorhabens, denn es war der einzige, der sie von dem Landvorsprung nach Innen führte. Die Nacht war so stockdunkel unter den Zweigen der Bäume, daß sie nur sehr langsam weiter kommen konnte, und nach den ersten paar Schritten die Richtung, die sie wählte, ganz Sache des Zufalls war. Die Formation des Bodens jedoch erlaubte ihr nicht, bedeutend von der Linie abzuweichen, in welcher sie sich zu halten wünschte. Auf der einen Seite war er bald begrenzt durch den steil ansteigenden Hügel, während auf der andern der See als Führer diente. Zwei Stunden lang arbeitete sich dieß auf sich allein gewiesene, blöde Mädchen durch die Irrpfade des Forstes; manchmal fand sie sich auf dem Rand der an den See grenzenden Uferhöhe, und dann wieder rang sie sich eine Erhöhung hinan, die sie warnte in dieser Richtung nicht weiter zu gehen, da sie nothwendig in einem rechten Winkel die Bahn durchschneiden mußte, auf der sie vorwärts wollte. Oft glitten ihre Füße aus, und manchen Fall that sie, wiewohl keinen, wobei sie sich beschädigte; aber nach Ablauf der genannten Zeit war sie so müde geworden, daß ihr die Kräfte fehlten, weiter zu wandern. Ruhe war ihr unentbehrlich; und sie machte sich daran, sich ein Lager zu bereiten, mit der Unbedenklichkeit und Kaltblütigkeit eines Gemüths, das die Wildniß mit keinen unnöthigen Aengsten erfüllte. Sie wußte, daß wilde Thiere in dem ganzen benachbarten Wald herumstreiften, aber solche Bestien, die den Menschen nachstellen, selten – und gefährliche Schlangen im buchstäblichen Sinne keine da waren. Diese Umstände waren ihr von ihrem Vater bekannt; und was einmal ihr schwacher Geist aufnahm, das nahm er so vertrauend auf, daß ihr gar keine Unbehaglichkeit verursachende Zweifel und Bedenklichkeiten übrig blieben. Ihr war die Erhabenheit der Einsamkeit, in die sie sich versetzt sah, eher tröstlich als entsetzlich; und sie raffte sich ein Bett von Laub zusammen mit solcher Gleichgültigkeit gegen die Umstände, welche aus der Seele der Meisten ihres Geschlechts jeden Gedanken an Schlaf würden verscheucht haben, als rüstete sie sich ihre allnächtliche Schlafstätte unter dem väterlichen Dache zu.

Sobald Hetty eine hinlängliche Menge trocknen Laubs gesammelt hatte, um sich gegen die feuchte Ausdünstung des Bodens zu schützen, kniete sie neben dem niedern Haufen, faltete ihre erhobenen Hände in einer Stellung inniger Frömmigkeit, und sagte mit sanfter leiser, aber vernehmlicher Stimme das Gebet des Herrn her. Darauf folgten jene einfachen und frommen Verse, den Kindern so bekannt, worin sie ihre Seele Gott empfahl, falls sie vor der Wiederkehr des Morgens in ein andres Daseyn sollte abgerufen werden. Nach Erfüllung dieser Pflicht legte sie sich nieder und schickte sich zum Schlummer an. Die Kleidung des Mädchens, obwohl der Jahrszeit entsprechend, war für alle gewöhnliche Vorkommnisse warm genug; aber der Wald ist immer kühl und die Nächte in diesem höher gelegenen Landstrich waren immer von einer Frische, welche die Kleidung nothwendiger machte, als gewöhnlich der Fall ist in dem Sommer eines tiefen Breitegrades. Dieß war von Hetty vorausgesehen worden und sie hatte einen groben, schweren Mantel mitgenommen, der, auf den Körper gebreitet, alle nützlichen Dienste eines Teppichs leistete. So geschützt sank sie in wenigen Minuten in einen Schlaf, so ruhig, als würde sie bewacht von dem sorglichen Schutzgeist der Mutter, die erst so kurz auf immer von ihr genommen worden war, und es war in diesem Punkt ein höchst ergreifender Contrast zwischen ihrem armen Lager und dem von Schlummer geflohenen Kissen ihrer Schwester.

Stunde auf Stunde verstrich da in so ungestörter Ruhe, und so süßem Schlaf, als ob eigens damit beauftragte Engel um das Lager der Hetty Hutter wachten. Nicht einmal öffneten sich ihre sanften Augen, bis die grauende Dämmerung kämpfend durch die Wipfel der Bäume brach, auf ihre Augenlieder fiel, und vereint mit der Kühle eines Sommermorgens, die gewöhnliche Anmahnung zum Erwachen gab. In der Regel war Hetty auf, ehe die Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge berührten; aber dießmal war ihre Erschöpfung so groß, und ihr Schlaf so tief gewesen, daß die gewohnten Anforderungen und Zeichen ihre Wirkung nicht thaten. Das Mädchen murmelte in ihrem Schlaf, streckte einen Arm aus, lächelte so sanft wie ein Kind in der Wiege, schlummerte aber fort. Bei dieser unbewußten Bewegung fiel ihre Hand auf einen warmen Gegenstand, und in dem halbbewußten Zustand, worin sie sich befand, brachte sie diesen Umstand mit ihrem gewohnten Leben in Verbindung. Im nächsten Augenblick ward sie derb von der Seite angegriffen und gestoßen, wie wenn ein wühlendes Thier seine Schnauze unter ihr einschöbe, um sie aus ihrer Stellung zu verdrängen; und jetzt wachte sie auf mit dem Ruf: »Judith!« Als das aufgeschreckte Mädchen sich in eine sitzende Stellung erhob, bemerkte sie, daß etwas Dunkles von ihr wegspringe, das in seiner Hast das Laub zerstreute, und die gefallnen Zweige knickte. Die Augen öffnend, und von der ersten Verwirrung und Bestürzung über ihre Lage sich erholend, bemerkte Hetty einen jungen Bären, von der gemeinen amerikanischen braunen Gattung, der sich auf seinen Hinterpfoten wiegte, und sich noch nach ihr umschaute, als zweifelte er, ob es sicher wäre, sich ihrer Person wieder zu nähern. Der erste Gedanke Hetty’s, die schon mehrere solche junge Bären besessen hatte, war, hinzulaufen und das kleine Geschöpf als ihre Beute in Besitz zu nehmen, aber ein lautes Gebrumme warnte sie vor der Gefahr eines solchen Beginnens. Einige Schritte zurücktretend, sah sich das Mädchen hastig um, und ward jetzt der Bärenmutter gewahr, die in nicht großer Entfernung ihre Bewegungen mit feurigen Augen beobachtete. Ein hohler Baum, früher die Behausung von Bienen, war kürzlich gefallen, und die Mutter mit zwei weitern Jungen erlabte sich an der leckern Speise, welche der Zufall ihnen geboten, wobei die erstere jedoch mit eifersüchtigem Auge das Thun und Treiben ihres sorglosen, davonlaufenden Kindes beobachtete.

Er überschritte alle Mittel menschlicher Erkenntniß, wollte man sich anmaßen, die Einflüsse zu erklären, welche das Thun der niedern Thiere beherrschen. In dem vorliegenden Falle legte die Bärin, obgleich ihre Wildheit in dem Falle, wo sie ihre Jungen gefährdet glaubt, sprichwörtlich geworden ist, keine Absicht an den Tag, das Mädchen anzugreifen. Sie verließ den Honig und begab sich an eine Stelle, zwanzig Fuß von ihr entfernt, wo sie sich auch auf ihren Hinterpfoten erhob und ihren Körper mit einer Art zornigen und brummenden Mißbehagens hin und herwiegte, aber nicht näher kam. Zum Glück floh Hetty nicht. Im Gegentheil obgleich nicht frei von Angst, kniete sie, das Angesicht gegen das Thier gekehrt, nieder, und mit gefalteten Händen und himmelwärts gerichtetem Auge sagte sie wieder das Gebet der vorigen Nacht her. Diese fromme Handlung war nicht die Wirkung der Furcht, sondern es war eine Pflicht, deren Erfüllung sie nie versäumte vor dem Einschlafen und wenn die Rückkehr des Bewußtseyns sie zu der Arbeit des Tages weckte. Wie das Mädchen vom Knieen sich erhob, ließ sich die Bärin wieder auf ihre Füße nieder, sammelte ihre Jungen um sich her, und ließ sie ihre natürliche Nahrung saugen. Hetty freute sich über diesen Beweis von Zärtlichkeit bei einem Thier, das in Betreff der edleren Gefühle nur einen sehr zweideutigen Ruf hat; und als ein Junges seine Mutter zu verlassen beliebte und muthwillig sich umwälzte und sprang empfand sie wieder ein lebhaftes Verlangen, es in ihre Arme zu nehmen und damit zu spielen. Aber durch das Brummen gewarnt, besaß sie Selbstbeherrschung genug, diesen gefährlichen Vorsatz nicht in Ausführung zu bringen; und ihres Vorhabens sich erinnernd, das ihrer in den Bergen wartete, riß sie sich von der Gruppe los und setzte ihre Wanderung fort am Saum des See’s, dessen sie jetzt wieder durch die Bäume ansichtig wurde. Zu ihrer Verwunderung, die jedoch frei war von Unruhe, erhob sich die Bärenfamilie und folgte ihren Schritten, in kleiner Entfernung von ihr sich haltend; dem Anschein nach jede ihrer Bewegungen beobachtend, als ob sie ein lebhaftes Interesse hätten an Allem, was sie that.

In dieser Weise, begleitet von der Bärin und den Jungen, wandelte das Mädchen beinah eine Meile weit, dreimal die Entfernung, die sie in der Dunkelheit während derselben Zeit hatte zurücklegen können. Dann gelangte sie an einen Bach, der sich selbst ein Bett in die Erde gewühlt hatte, und sprudelnd zwischen steilen und hohen Abhängen, mit Bäumen bedeckt, in den See eilte. Hier verrichtete Hetty ihre Waschungen; dann trank sie von dem reinen Bergwasser, und setzte ihren Weg fort, erfrischt und leichtern Herzens, immer noch gefolgt von ihren seltsamen Begleitern. Ihr Weg führte sie jetzt eine breite und beinah ebene Terrasse entlang, die sich von dem Gipfel der das Wasser begrenzenden Uferhöhe zu einem sanften Abhang erstreckte, welche oben zu einer zweiten, unregelmäßigen Plattform anstieg. Dieß war in einem Theile des Thals, wo die Berge quer hinliefen, den Anfang einer Ebene bildend, welche zwischen den Hügeln sich ausbreitete, südlich von dem Wasserspiegel. Hetty erkannte aus diesem Umstande, daß sie sich dem Lager näherte, und wäre dieß nicht gewesen, so hätten sie die Bären von der Nähe menschlicher Wesen in Kenntniß gesetzt. In die Luft hinaus schnüffelnd, bezeigte die Bärin keine Lust, ihr weiter zu folgen, obgleich das Mädchen sich umsah, und sie mit kindischen Zeichen und selbst mit förmlichen Aufforderungen in dem ihr eignen süßen Tone herbei lockte. Während sie so langsam durch Buschwerk weiter schritt, das Angesicht abgewendet und die Augen auf die unbeweglichen Thiere geheftet, fühlte das Mädchen ihre Schritte plötzlich gehemmt durch eine menschliche Hand, die sie leicht an der Schulter faßte.

»Wohin gehen?« sagte eine sanfte weibliche Stimme, hastig und theilnehmend sprechend; »Indianer – Rothmann – Wilder – arger Krieger – dorthinzu!«

Dieser unerwartete Gruß erschreckte das Mädchen so wenig als die Erscheinung der wilden Bewohner des Waldes. Zwar überraschte er sie ein wenig; aber sie war gewissermaßen gefaßt auf solche Begegnungen und das Wesen, das sie anhielt, war so wenig gemacht, Schrecken einzuflößen, als irgend eines, das je in indianischer Gestalt erschien. Es war ein Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, deren Lächeln so sonnig war wie das Judiths in ihren glänzendsten Augenblicken, deren Stimme Wohllaut war, und deren Worte und Benehmen all die schüchterne Sanftheit besaßen, die das andere Geschlecht charakterisirt unter einem Volke, das seine Weiber wie Dienerinnen und Sklavinnen der Krieger behandelt. Schönheit ist bei den Frauen der amerikanischen Urbewohner, ehe sie die Mühsale von Weibern und Müttern durchzumachen haben, keineswegs ungewöhnlich. In diesem Punkt waren die ursprünglichen Inhaber des Landes ihren civilisirteren Nachfolgern nicht unähnlich; die Natur schien ihnen die Zartheit der Züge und Umrisse verliehen zu haben, welche einen so großen Reiz des jugendlichen Weibes ausmacht, aber deren sie so frühe verlustig werden, und zwar ebenso sehr in Folge der Einrichtungen und Verhältnisse des häuslichen Lebens, als aus andern Ursachen. Das Mädchen, welches Hetty so plötzlich angehalten hatte, war bekleidet mit einem Calico-Mantel, welcher den ganzen obern Theil ihres Körpers recht gut schützte, während ein kurzer Unterrock von blauem Tuch mit goldnen Borten gesäumt, der nur bis an’s Knie reichte, gleiche Beinkleider und Moccasins von Hirschleder ihren Anzug vollendeten. Ihr Haar fiel in langen dunkeln Flechten über Schultern und Rücken und war über einer niedern, glatten Stirne gescheitelt in einer Art, daß dadurch der Ausdruck von Augen voll Schlauheit und natürlichem Gefühl gemildert wurde. Ihr Gesicht war oval, von feinen Zügen; die Zähne waren gleich und weiß, während der Mund eine schwermüthige Weichheit aussprach, als trüge er diesen eigenthümlichen Ausdruck vermöge instinktmäßigen Bewußtseyns des Schicksals eines Geschöpfs, das von der Geburt an dazu verurtheilt war, die Mühsale des Weibes, erhöht noch durch die Gefühle und Zärtlichkeit ihres Geschlechts zu erdulden. Ihre Stimme, wie schon angedeutet, war sanft, wie das Seufzen der Nachtluft, eine bezeichnende Eigenthümlichkeit der Weiber ihrer Race, an ihr selbst aber so auffallend, daß sie daher den Namen Wah-ta!-Wah bekommen hatte, – Europäisch etwa mit Hist-oh!-Hist auszudrücken. Mit einem Wort, es war dieß die Verlobte Chingachgooks, der man, nachdem es ihr gelungen war, jeden Verdacht einzuschläfern, erlaubt hatte, um das Lager derer, die sie gefangen hielten, herumzustreifen. Diese Nachsicht war im Einklang mit der allgemeinen Politik der rothen Männer, die zudem wohl wußten, daß man im Falle der Flucht ihre Spur verfolgen könnte. Man wird auch nicht außer Acht lassen, daß die Irokesen oder Huronen, wie man sie vielleicht besser nennen würde, durchaus nichts von der Nähe ihres Liebhabers wußten, ein Umstand, der ihr freilich selbst auch unbekannt war.

Es wäre nicht leicht zu sagen, Welche von beiden bei dieser unerwarteten Begegnung am meisten Selbstbeherrschung zeigte, das weiße oder das rothe Mädchen. Aber Wah-ta!-Wah, obgleich ein wenig überrascht, war die zum Sprechen Aufgelegtere, und bei weitem rascheren Geistes, Folgen vorauszusehen, so wie Mittel zu ersinnen, um jenen zu begegnen. Ihr Vater war während ihrer Kindheit vielfach von den Behörden der Colonie als Krieger verwendet und benützt worden, und bei einem mehrjährigen Aufenthalt in der Nähe der Forts hatte sie einige Bekanntschaft mit dem Englischen sich erworben, das sie in der gewöhnlichen abkürzenden Weise der Indianer, aber geläufig und ohne den gewöhnlichen Widerwillen ihres Volkes sprach.

»Wohin gehen?« fragte wieder Wah-ta!-Wah, das Lächeln Hetty’s in der ihr eignen anmuthigen Weise erwiedernd, »schlimmer Krieger, dort – guter Krieger – fern weg!«

»Was ist Euer Name?« fragte Hetty mit der Einfalt eines Kindes.

»Wah-ta!-Wah. Ich keine Mingo – gute Delawarin – Yengeese’s Freundin. Mingo sehr grausam und Skalpe lieben um des Bluts willen – Delawaren sie lieben der Ehre willen. Kommt hieher wo keine Augen.«

Wah-ta!-Wah führte jetzt ihre Genossin dem See zu, die Anhöhe so weit hinabsteigend, daß deren überhangende Bäume und Gebüsche zwischen ihnen und etwaigen Lauschern standen; und sie machte nicht eher Halt, als bis sie nebeneinander auf einem gefallenen Baumstamm saßen, dessen eines Ende wirklich im Wasser lag.

»Warum kommt Ihr?« fragte die junge Indianerin lebhaft; »woher kommt Ihr?«

Hetty erzählte ihre Geschichte in ihrer einfachen, treuherzigen Weise. Sie erklärte das Unglück ihres Vaters, und sprach ihren Wunsch aus, ihm zu dienen, und wo möglich seine Befreiung zu bewirken.

»Warum Euer Vater zu Mingo Lager kommen bei Nacht?« fragte das indianische Mädchen mit einer Geradheit, die, wenn nicht von der andern entlehnt, Viel von ihrer Offenherzigkeit hatte. »Er wissen, daß Krieg ist – und er kein Knabe mehr – er wohl einen Bart haben – ihm nicht zu sagen nöthig, daß Irokesen Tomahawk und Messer und Büchse führen. Warum er kommen zur Nachtzeit, mich beim Haare packen und delawarisches Mädchen skalpiren wollen?«

»Euch!« sagte Hetty, vor Entsetzen fast umsinkend, »Euch hat er gepackt – Euch wollte er skalpiren?« »Warum nicht? Delawaren-Skalpe so Viel gelten als Mingo-Skalpe. Gouverneur keinen Unterschied machen. Ruchlos für Bleichgesicht, skalpiren. Nicht seine Gaben, wie der gute Wildtödter mir immer sagen.«

»Und Ihr kennt den Wildtödter?« fragte Hetty, erröthend vor Freude und Ueberraschung, unter dem Einfluß dieses neuen Gefühls für den Augenblick ihren Jammer vergessend. »Ich kenn‘ ihn auch. Er ist jetzt auf der Arche mit Judith und einem Delawaren, der die große Schlange heißt. Ein kühner und schöner Krieger ist er auch, die Schlange!«

Trotz der reichen, tiefdunkeln Farbe, welche die Natur der indianischen Schönheit zugetheilt, stieg ihr doch das beredte und verrätherische Blut noch lebhafter ins Gesicht, so daß die Röthe ihren kohlschwarzen Augen noch mehr Leben und Feuer des Geistes verlieh. Einen Finger aufhebend wie mit warnender Geberde, ließ sie ihre schon so sanfte und süße Stimme zu einem Flüstern herabsinken, als sie das Gespräch fortsetzte.

»Chingachgook!« versetzte das Delawarische Mädchen, den harten Namen in so sanften Gutturaltönen seufzend oder hauchend, daß er das Ohr ganz melodisch berührte. »Sein Vater, Unkas – großer Häuptling der Mohikani – der Nächste nach altem Tamenund! Mehr als Krieger, nicht so viel graues Haar, und weniger beim Rathsfeuer. Ihr Schlange kennen?«

»Er stieß gestern Abend zu uns, und war in der Arche mit mir zwei oder drei Stunden lang, ehe ich sie verließ. Ich fürchte, Hist –« Hetty konnte den indianischen Namen ihrer neuen Freundin nicht aussprechen, aber da sie von Wildtödter diese vertrauliche Benennung gehört hatte, bediente sie sich derselben ohne irgend eine der Bedenklichkeiten des civilisirten Lebens – »ich fürchte, Hist, er ist auf Skalpe ausgegangen, ebenso wie mein armer Vater und Hurry Harry!«

»Warum er denn nicht sollen, he? Chingachgook rother Krieger, sehr roth – Skalpe seine Ehre seyn – er gewiß gemacht!«

»Dann,« versetzte Hetty ernst, »wird es von ihm so ruchlos seyn wie bei einem Andern. Gott wird einem rothen Mann nicht verzeihen, was er einem Weißen nicht verzeiht.«

»Nicht wahr!« versetzte das Delawarische Mädchen mit einer Wärme, die beinahe an Leidenschaftlichkeit grenzte. »Nicht wahr! sag‘ ich Euch! Der Manitou lächeln und Wohlgefallen haben, wenn er sieht jungen Krieger heimkehren vom Kriegspfad mit zwei, zehn, hundert Skalpen auf einem Pfahle! Chingachgook’s Vater Skalpe erbeutet – Großvater Skalpe erbeutet – alle alten Häuptlinge Skalpe nehmen: und Chingachgook selbst so viele Skalpe nehmen, als er tragen kann!« »Dann, Hist, muß sein Schlaf bei Nacht entsetzlich seyn, wenn er daran denkt. Niemand kann grausam seyn und auf Vergebung hoffen!«

»Nicht grausam – Vergebung genug,« erwiederte Wah-ta!-Wah, mit ihrem kleinen Fuß auf den steinigten Strand stampfend, und den Kopf schüttelnd in einer Weise, welche zeigte, wie gänzlich weibliches Gefühl in einer seiner Gestaltungen das weibliche Gefühl in einer andern überwältigt hatte. »Ich sagen Euch, Schlange tapfer; er heim kommen mit vier, ja, zwei Skalpen.«

»Und ist das sein Vorhaben hier? Ist er in der That so weit hergekommen, über Berg und Thal, Flüsse und Ströme, seine Mitgeschöpfe zu martern und etwas so Ruchloses zu thun?«

Diese Frage beschwichtigte auf einmal den anwachsenden Zorn der halbbeleidigten indianischen Schönheit. Sie besiegte gänzlich die Vorurteile der Erziehung, und leitete alle ihre Gedanken in ein sanfteres und mehr weibliches Bette. Zuerst schaute sie sich argwöhnisch um, als scheute sie Lauscher, dann starrte sie ihrer aufmerksamen Gesellschafterin nachdenklich ins Gesicht; und dann endete dieß Stückchen von mädchenhafter Coketterie und weiblichem Gefühl damit, daß sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte und in einer Art lachte, daß man dieß wohl die Melodie der Wälder nennen konnte. Die Furcht vor Entdeckung jedoch machte bald dieser naiven Kundgebung ihrer Empfindungen ein Ende, und ihre Hände wegziehend starrte dieß, ganz vom augenblicklichen Impuls beherrschte Geschöpf wieder ihrer Genossin nachdenklich ins Gesicht, gleichsam forschend, wie weit sie einer Fremden ihr Geheimniß anvertrauen könne. Obgleich Hetty nicht Anspruch machen konnte auf die außerordentliche Schönheit ihrer Schwester, hielten doch Manche ihr Gesicht für das einnehmendere. Es sprach all die tückelose Aufrichtigkeit ihres Charakters aus, und es war gänzlich frei von allen den störenden, begleitenden und verrathenden physischen Zeichen, die so oft im Gefolge der Geistesschwäche sind. Zwar ein ungewöhnlich scharfer Beobachter hätte die Anzeichen ihrer Geistesschwäche in der Sprache ihrer manchmal leeren und irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welche eher das Mitgefühl anzogen durch ihre gänzliche Arglosigkeit und Treuherzigkeit, als irgend eine andre Empfindung erweckten. Der Eindruck, den sie auf Hist machte – um uns dieser Dollmetschung des Namens zu bedienen – war günstig; und einer Aufwallung von Zärtlichkeit folgend, schlang sie ihre Arme um Hetty, und drückte sie an sich mit einer gewaltsamen Rührung, die so natürlich als warm war.

»Du gut,« flüsterte die junge Indianerin; »Du gut, ich wissen; es so lang, daß Wah-ta!-Wah keine Freundin gehabt – keine Schwester – Niemand, ihr Herz auszusprechen; Du Hist’s Freundin; ich nicht Wahrheit sagen?«

»Ich habe nie eine Freundin gehabt,« antwortete Hetty, die warme Umarmung mit ungeheucheltem Ernst erwiedernd. »Ich habe eine Schwester, aber keine Freundin. Judith liebt mich, und ich liebe Judith; aber das ist natürlich, und wie es uns die Bibel lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin! Ich will Eure Freundin seyn von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimme und Euer Lächeln, und Eure Denkweise in allen Dingen, ausgenommen was die Skalpe –«

»Nicht mehr daran denken – Nichts mehr von Skalpen sagen,« unterbrach sie begütigend Hist; »Ihr Bleichgesicht, ich Rothhaut; wir nach verschiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgook große Freunde, und nicht von derselben Farbe; Hist und – was Euer Name, hübsches Bleichgesicht?«

»Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn sie den Namen in der Bibel buchstabiren, so sprechen sie ihn immer Esther.«

»Was das machen? – Nichts nützen und nichts schaden. Gar nicht nöthig, Namen zu buchstabiren. Mährischer Bruder versucht, Wah-ta!-Wah buchstabiren zu lehren, aber es nicht zugelassen. Nicht gut für Delawarisches Mädchen, zu viel zu wissen – Mehr wissen als Krieger manchmal – das große Schande. Mein Name Wah-ta!-Wah – das heißt Hist in Eurer Sprache; Ihr ihn aussprechen Hist, ich sagen Hetty.«

Nachdem diese Präliminarien zu beiderseitiger Zufriedenheit ins Reine gebracht waren, begannen die Mädchen von ihren beiderseitigen Hoffnungen und Planen sich zu unterhalten. Hetty machte ihre neue Freundin noch genauer bekannt mit ihren Absichten in Betreff ihres Vaters; und Hist würde einer Freundin, die nur im Mindesten geneigt und fähig gewesen, die Angelegenheiten Andrer mit forschendem Blicke zu durchschauen, ihre Gefühle und Hoffnungen, die sich an den jungen Krieger von ihrem Stamme knüpften, genugsam verrathen haben. Genug ward indessen von beiden Seiten geoffenbart, um beiden Theilen eine ziemliche Einsicht in die Plane des Andern zu verschaffen, obwohl noch genug zurückbehalten und verschwiegen wurde, um zu folgenden Fragen und Antworten Gelegenheit zu geben, womit diese Unterredung schloß. Als die schärfer blickende, begann Hist zuerst ihre Fragen. Einen Arm um Hetty’s Leib schlingend, beugte sie sich mit dem Kopfe vor, so daß sie der Andern munter ins Gesicht schaute; und lachend, als ob ihre Meinung ihr aus den Mienen solle gelesen werden, sprach sie dann offener:

»Hetty einen Bruder haben und einen Vater?« sagte sie, »warum nicht auch vom Bruder sprechen, so wie vom Vater?«

»Ich habe keinen Bruder, Hist. Ich hatte einmal einen, sagt man mir; aber er ist todt seit vielen Jahren und liegt im See versenkt neben der Mutter.«

»Keinen Bruder haben – einen jungen Krieger haben; ihn lieben, beinahe so sehr als Vater, he? Recht schön und tapfer aussehend; tüchtig zum Häuptling, wenn so gut seyn, als scheinen.«

»Es ist sündhaft, einen Mann so zu lieben, wie ich meinen Vater liebe; und so bestrebe ich mich, es nicht zu thun, Hist,« erwiederte die gewissenhafte Hetty, die nicht wußte, wie eine innere Bewegung verhehlen durch eine so verzeihliche Annäherung an Unwahrheit, als eine ausweichende Antwort ist, obwohl durch weibliche Schaam mächtig zu diesem Fehltritt versucht: »obwohl ich manchmal denke, die Sünde werde mich am Ende beilegen, wenn Hurry so oft an den See kommt. Ich muß Euch die Wahrheit sagen, liebe Hist, weil Ihr mich fragt: aber ich würde zu Boden fallen und sterben in den Wäldern, wenn er es wüßte!«

»Warum er nicht selbst Euch fragen? Tapfer aussehen – warum nicht keck sprechen? Junger Krieger fragen müssen junges Mädchen; Niemand junges Mädchen zuerst reden machen. Mingo-Mädchen selbst sich dessen schämen,«

Sie sprach dieß mit Entrüstung und mit der edlen Wärme, die ein junges Weib von lebhaftem Geist empfinden mag, wenn sie das theuerste Vorrecht ihres Geschlechts bedroht und gefährdet glaubt. Dieß Gefühl hatte aber wenig Einfluß auf die blöde, aber doch rechtlichgesinnte Hetty, die, obwohl wesentlich weiblich in allen ihren Empfindungen doch weit mehr auf die Bewegungen ihres eignen Herzens achtete, als daß sie sich um die Gebräuche bekümmert hätte, womit das Herkommen das Zartgefühl ihres Geschlechts geschützt hat,

»Mich fragen? was?« fragte das erschrockene Mädchen mit einer Hast, welche zeigte, wie sehr ihre Furcht rege geworden war. »Mich fragen, ob ich ihn so gern habe, als meinen Vater! Oh! Ich hoffe, er wird nie eine solche Frage an mich richten, denn ich müßte antworten, und das würde mich tödten.«

»Nein – nein – nicht tödten, nur beinahe,« versetzte die Andere, unwillkührlich lächelnd. »Erröthen kommen machen – Schaam auch kommen machen; aber es nicht so gar lange bleiben; dann sich glücklicher fühlen als je. Junger Krieger muß jungem Mädchen sagen, er sie zum Weibe machen wollen, sonst nie kann wohnen in seinem Wigwam.«

»Hurry will mich nicht heirathen – Niemand wird mich je heirathen wollen, Hist.« »Wie Ihr das wissen können? Vielleicht Jedermann Euch heirathen wollen, und bei Gelegenheit Zunge sagen, was Herz fühlen. Warum Niemand Euch heirathen wollen?«

»Ich bin nicht ganz klug, sagen sie. Vater sagt mir das oft; und auch Judith manchmal, wenn sie ärgerlich ist; aber ich würde auf sie nicht so viel geben, als auf Mutter. Sie hat es auch einmal gesagt; und dann weinte und schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen wollte; und so weiß ich, ich bin nicht ganz klug.«

Hist starrte das sanfte, einfältige Mädchen eine volle Minute an, ohne zu sprechen; und dann schien die ganze Wahrheit auf einmal dem Geiste der jungen Indianerin hell aufzugehen. Mitleid, Ehrfurcht und Zärtlichkeit schienen in ihrer Brust zu kämpfen; dann plötzlich aufstehend, bezeugte sie gegen ihre Genossin den Wunsch, sie möchte sie in das nicht entfernt liegende Lager begleiten. Dieser unerwartete Uebergang von der Vorsicht, welche Hist zuvor anzuwenden sich beflissen gezeigt hatte, um nicht gesehen zu werden, zu dem Entschluß, ihre Freundin ganz offen zu den Indianern zu führen, entsprang aus der sichern Ueberzeugung, daß kein Indianer ein Geschöpf kränken und beschädigen würde, das der große Geist entwaffnet, indem er es des stärksten Vertheidigungsmittels, der Vernunft beraubte. In dieser Hinsicht gleichen sich alle Nationen von unverdorbnem Gefühl; sie scheinen solchen Geschöpfen freiwillig, in Folge eines der menschlichen Natur Ehre machenden Gefühls, durch ihre Nachsicht den Schutz angedeihen zu lassen, welcher durch die unerforschliche Weisheit der Vorsehung ihnen versagt ist. Wah-ta!-Wah wußte in der That, daß bei manchen Stämmen die Geistesschwachen und die Verrückten eine Art religiöser Verehrung genossen; daß sie von den ungebildeten Bewohnern des Waldes Achtung und Ehren empfingen statt der Schmach und Vernachlässigung, die unter den anmaßenderen und verdorbeneren Nationen ihr Loos und Theil ist! Hetty folgte ihrer neuen Freundin ohne Furcht und Widerstreben. Es war ihr Wunsch, das Lager zu erreichen; und gestärkt durch ihre Beweggründe hegte sie so wenig Unruhe wegen der Folgen, als ihre Begleiterin selbst, nachdem diese einmal wußte, welchen schützenden Talisman das Bleichgesichtmädchen mit sich führte. Noch immer, während sie langsam fortschritten einer Küste entlang, die von überhangenden Gebüschen bedeckt war, setzte Hetty das Gespräch fort, und jetzt übernahm sie die Rolle des Fragens, welche die Andere sogleich fallen gelassen, sobald sie erfahren, an was für ein Gemüth sie ihre Fragen gerichtet hatte.

»Aber Ihr seyd ja nicht eben halb klug,« sagte Hetty, »und es ist kein Grund da, warum die Schlange Euch nicht heirathen sollte.«

«Hist Gefangene, und Mingo’s große Ohren haben. Nicht von Chingachgook reden, wenn sie dabei. Versprecht das Hist, gute Hetty.«

»Ich weiß, – ich weiß,« erwiederte Hetty; halb flüsternd, in ihrer Begierde der Andern zu zeigen, daß sie die Nothwendigkeit der Vorsicht begreife. »Ich weiß – Wildtödter und die Schlange gedenken Euch aus der Hand der Irokesen zu befreien; und Ihr wünscht, daß ich das Geheimniß nicht verrathe.«

»Wie Ihr wissen das?« fragte Hist hastig, in diesem Augenblick ärgerlich, daß die Andere nicht noch blödsinniger, als wirklich der Fall war. – »Wie Ihr das wissen? Besser von Niemand sprechen als von Vater und Hurry – Mingo’s das verstehen; das Andere nicht. Versprecht mir, von Nichts zu sprechen, was Ihr nicht versteht.«

»Aber ich verstehe das, Hist; und so darf und muß ich davon sprechen. Wildtödter hat in meiner Anwesenheit dem Vater Alles so gut als erzählt; und da mir Niemand verbot zuzuhören, habe ich Alles gehört, wie auch Hurry’s und Vaters Unterredung von den Skalpen.«

»Sehr schlimm von Bleichgesichtern, von Skalpen sprechen, und sehr schlimm von jungen Mädchen zu horchen! Nun Ihr Hist lieben, ich weiß, Hetty; und so unter Indianern, wenn am besten lieben, am wenigsten schwatzen!«

»Das ist nicht die Art bei den weißen Leuten, die am meisten von Solchen reden, die sie am besten lieben. Ich glaube, weil ich nur halb klug bin, sehe ich den Grund nicht ein, warum es so verschieden seyn soll bei den rothen Leuten.«

»Das seyn, was Wildtödter ihre Gaben nennt. Die Einen die Gabe zu sprechen, die Andern die Gabe den Mund zu halten. Den Mund zu halten – Eure Gabe unter Mingo’s. Wenn Schlange Hist sehen möchte, so Hetty verlangen, Hurry zu sehen. Ein gutes Mädchen nie Geheimnisse verrathen von Freunden.«

Hetty verstand diese Aufforderung; und sie versprach dem delawarischen Mädchen Nichts von der Anwesenheit Chingachgook’s oder von dem Beweggrund seines Besuches am See zu erwähnen.

»Vielleicht er Hurry und Vater ebenso los kriegen, wie Hist, wenn man ihn machen lassen,« flüsterte Wah-ta!-Wah ihrer Begleiterin in vertraulichem, schmeichelndem Tone zu, als sie eben dem Lager nahe genug kamen, um die Stimmen von Einigen ihres Geschlechts zu hören, welche dem Anschein nach mit den gewöhnlichen Arbeiten der Weiber ihrer Classe beschäftigt waren, »Bedenkt das, Hetty, und legt zwei, zwanzig Finger auf den Mund. Niemand Freunde frei machen, wenn nicht Schlange es thun.«

Ein besseres Mittel konnte sie nicht ersinnen, um sich Hetty’s Verschwiegenheit und Vorsicht zu versichern, als dasjenige, das sich hierin ihrem Geist darbot. Da die Befreiung ihres Vaters und des jungen Grenzers der große Zweck ihres Abenteuers war, so empfand sie klar den Zusammenhang desselben mit den Diensten, die ihr die Delawarin leisten konnte; mit einem unschuldigen Lachen nickte sie Zustimmung und in derselben stummen Weise versprach sie, die Wünsche ihrer Freundin gebührend zu achten. So ihrer Sache sicher, zögerte Hist nicht länger, sondern trat sofort unverhohlen mit ihrer Freundin in das Lager der sie gefangen haltenden Mingo’s.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Eben stieg die Sonne aus den Wassergefilden hervor, in denen die blauen Inseln von Massachusetts schwimmen, als die Einwohner von Newport anfingen, ihre Türen und Fenster zu öffnen und sich mit der Frische und Lebendigkeit an ihr Tagewerk zu machen, die einem Volke eigen ist, das seine Zeit weislich in zwei Hälften teilt, deren eine es der Ruhe, die andere den Geschäften und Erholungen widmet. Die Morgengrüße der Nachbarn erfolgten freundlich, sowie jeder seine Fensterläden und Türen aufschloß; die gewöhnlichen Fragen ergingen und wurden beantwortet, man erkundigte sich nach dem Fieber einer Tochter, nach der Gicht einer alten Großmutter.

Der Wirt zum »Unklaren Anker«, dem so sehr daran lag, den Ruf seines Hauses durch frühe Beurlaubung seiner Abendgäste zu erhalten, war einer der ersten, der des Morgens auf den Beinen war und vor seiner Tür stand, um etwa im Vorübergehen einen Kunden zu haschen, der das Bedürfnis fühlte, die bösen Dünste der Nacht wegzuwaschen und seinem Magen eine kleine Stärkung zukommen zu lassen. Eine solche Herzstärkung wurde in den britischen Provinzen allgemein, jedoch unter verschiedenen Namen, zu sich genommen. Je nachdem die Provinzen selbst voneinander abwichen, wichen auch die Namen ab und hießen: »Ein Gläschen Bitters«, »wider den bösen Nebel«, »eine Juleppe«, »ein Morgenschnaps«, »stärkende Tropfen« usw. Die Gewohnheit ist zwar etwas in Abnahme gekommen, behält aber noch viel von dem ehrwürdigen Charakter bei, den das Altertum mit sich führt. Es darf uns nicht wundernehmen, daß dieser an und für sich edle, löbliche Gebrauch, die Unreinigkeiten des physischen Menschensystems wegzuwaschen, seit einiger Zeit, wo es ihm überall an einem moralischen Fürsprecher fehlt, und er allen Begriffen und Übeln ausgesetzt ist, die das Erbteil des Fleisches sind, die Amerikaner den Witzeleien ihrer europäischen Brüder preisgegeben hat. Wir sind gewiß nicht die letzten, die den überseeischen Philanthropen dankbar sind für den warmen Anteil, den sie in dem Maße an unserm Wohl nehmen, daß sie eine republikanische Schwäche selten an uns bemerken, ohne ihr, wie sie es verdient, die kaustische Verdammnis ihrer Federn einzubrennen. Unsere Dankbarkeit ist vielleicht um so größer, da wir sie mit einer Gegenbemerkung erwidern können. Wir glauben nämlich bemerkt zu haben, daß sie den Eifer für unsere unmündige Staaten – denn obschon ziemlich robust und ein wenig widerbellerisch, sind sie doch noch als Kinder zu betrachten – soweit treiben, und sich in der Reform unserer cisatlantischen Sünden ihrem Feuer so sehr überlassen, daß sie über den Splitter in unserem Auge den Balken in dem ihrigen übersehen. Die Anzahl der Missionäre, die das Mutterland zu diesem frommen, wohlwollenden Bekehrungsgeschäft zu uns herübergeschickt hat, ist Legion; nur müssen wir bedauern, daß ihre Bemühungen so wenig mit Erfolg gekrönt worden sind.

Der Wirt zum »Unklaren Anker« war also früh auf den Beinen, und um so flinker dahinter her, weil sein Nachbar erst vor kurzem auf den Einfall gekommen war, um neue Kunden anzulocken, das rote Gesicht eines Mannes im Scharlachrock als Schild auszuhängen, und das geklexte Bild »Zum Kopfe Georg des Zweiten« zu benennen. Und wirklich blieb die Tätigkeit des früh muntergewordenen Wirts nicht unbelohnt, denn die Kundenflut strömte in der ersten halben Stunde dem Hafen seines einladenden Schenktisches so mächtig zu, daß er nicht ohne Hoffnung blieb, die eindringende Flut werde dieses Mal die gewöhnliche Zeitgrenze übersteigen, selbst als es schon wieder Ebbe zu werden anfing. Jedoch nahm letztere immer mehr zu; die Trinker begaben sich, einer nach dem andern, zur gewohnten Tagesverrichtung, so daß er es ratsam fand, seinen Standort hinter den Flaschen zu verlassen und sich vor die Türe hinauszumachen, sich mit beiden Händen in beiden Taschen hinstellend, und Vergnügen daran findend, mit den neuen runden Einquartierten zu klimpern. Ein Fremder, der nicht mit den übrigen in die Schenkstube gekommen war, und demnach auch nicht an ihren Libationen teilgenommen hatte, stand einige Schritte vor der Tür, die Hand in der Weste und den Kopf in Gedanken vertieft. Die Gestalt entging dem umschauenden Auge des Wirtes nicht; er wußte aus langer Erfahrung, daß wer schon so frühe auf seinem Gesicht die Spur der Tagessorgen trage, noch keinen Morgentrunk zu sich genommen habe. – Er zog hieraus den strengen logischen Schluß: bei jenem Fremden sei etwas zu verdienen, nur müsse man es beim rechten Ende anzufangen wissen. Somit leitete er das Gespräch ein.

»Eine reine Luft,« sagte er, »eine frische Luft, guter Freund, die Nebel und Dünste der Nacht zu vertreiben.« Und zugleich schnupfte er den herrlichen, stärkenden Duft eines heitern Oktobermorgens ein. »Diesen Vorzug haben wir auf unsrer Insel; sie ist die allergesündeste aus Gottes Erdboden, sowie sie die allerschönste ist. Eine reine Luft! … Der Herr ist wahrscheinlich hier fremd?«

»Gestern abend spät angekommen«, war die Antwort.

»Ein Seefahrer, nach der Tracht zu urteilen? Wie es scheint, eine Anstellung suchend?« setzte der Wirt kichernd hinzu und sich auf seinen Scharfsinn etwas einbildend. »Wir haben hier oft dergleichen, die sich melden. Newport ist zwar ein blühender Ort; gleichwohl darf man nicht denken, daß immer Stellen offen sind. Hat der Herr schon in dem Hauptorte von Massachusettsbai sein Heil versucht?«

»Ich verließ Boston erst vorgestern.«

»Wie? das eingebildete Stadtvolk konnte kein Schiff für Euch finden? Ja ja, sprechen können sie wie gedruckt, und es ist wahr, sie stellen ihr Licht nicht untern Scheffel, und ich muß sagen, es gibt unter ihnen Leute, die ich für aufgeklärte Köpfe halte, und die der Meinung sind, Narragansettbai sei auf gutem Wege, bald ebensoviel Segel zu zählen, als Massachusetts … Seht mal dort hin, Freund; da liegt eine stattliche Brigg segelfertig; sie geht noch diese Woche ab, um Pferde in Rum und Zucker umzusetzen; und hier ist ein Schiff, das schon gestern abend in den Strom angeholt worden. Ein schönes, prächtiges Fahrzeug, und hat Kajüten, wie sie kein Prinz besser wünschen kann! Es sticht mit dem ersten günstigen Winde in die See, und ich bin der Meinung, wer sich zu einem Dienste meldete, würde nicht mit leerer Hand abgewiesen werden. Dann ist noch im Außenhafen, am Fort vorüber, der Sklavenhändler, wenn Euch eine Anstellung belieben sollte, wo Ihr statt Geld ein paar Wollköpfe in Zahlung bekämet.«

»Und ist es gewiß, daß das Schiff im innern Hafen mit dem ersten Winde segelt?« fragte der Fremde.

»So gewiß als irgend sonst was. Meine Frau ist Geschwisterkind mit des Einnehmers Schreibers Frau; ich habe die Papiere mit Augen gesehen, alles ist fertig und expediert, es fehlt bloß am Winde. Ich treibe, wie Ihr denken könnt, einigen Verkehr mit den Blaujacken, denn bei den jetzigen schweren Zeiten darf ein ehrlicher Mann, wenn er durchkommen will, nichts von der Hand weisen … Nu ja, da liegt es, das Schiff, ein sehr bekanntes Schiff, die ›Royal Carolina‹; sie macht regelmäßig einmal des Jahres die Reise zwischen den Provinzen und Bristol, legt auf dem Hin- und Herwege hier an, bringt uns Vorräte und Bedürfnisse, nimmt Holz und Wasser ein, und geht von hier nach England oder nach den Karolinas, wie es die Umstände mit sich bringen.«

»Bitte, Sir, ist die Carolina gut bewaffnet?« fuhr der Fremde fort, der hier anfing, sein nachdenkendes Wesen zu verlieren und an der Rede des andern einen lebhaften Anteil zu nehmen.

»Ja, ja! Sie ist nicht ohne ein halbes Dutzend Bullenbeißer, für sie zu bellen, wenn es daraufs ankäme, ihr Recht zu verfechten, oder auch ein Wort für die Ehre Sr. Majestät des Königs mitzusprechen, den Gott erhalte … Judith! Judith!« rief er überlaut einem Negermädchen zu, das auf dem Schiffbauerdamm Späne sammelte, »spring‘ zu Nachbar Homespuns hin, klappre mit den Fensterläden seiner Schlafkammer, der Mann hat die Zeit verschlafen, ’s muß ganz was Neues mit ihm vor sein: die Glocke hat sieben geschlagen, und die durstige Kehle hat ihr Bitteres noch nicht runter!«

Die Episode brachte eine kurze Pause im Gespräch hervor, und das Mädchen tat, was ihr der Herr befohlen hatte. Aber das Geklapper hatte weiter nichts zur Folge als ein schrilles »Wer da?« von seiten der Dame Desideria, deren gellende Stimme durch die dünne Wand hervordrang, wie durch ein durchlöchertes Sieb.

Einen Augenblick darauf öffnete sich das Fenster, und die verehrliche Dame schob ihr verstörtes Antlitz in die frische Morgenluft hinaus.

»Na! Und dann? Na! Und dann!« fragte die aufgebrachte und ihrer Meinung nach vernachlässigte Haus- und Ehefrau; denn sie zweifelte keinen Augenblick, daß es nicht ihr Herumläufer, ihr Nachtschwärmer sei, der so spät zu seiner häuslichen Lehnspflicht zurückkehrte, und sich unterstehe, sie im Schlafe zu stören. »Seid Ihr nicht zufrieden, die ganze lange Nacht aus Bett und Haus geblieben zu sein? Müßt Ihr Euch noch unterstehen, die unschuldige Ruhe einer Familie von sieben lieben Kindern und ihrer Mutter zu unterbrechen. O Hektor! Hektor! Was für ein Beispiel gebt Ihr der jungen, leichtsinnigen Brut? Was für Kummer macht Ihr der armen Mutter?«

»Bring‘ mir mein schwarzes Notandumbuch«, sagte der Wirt zu seiner Frau, die das Wehklagen der Schneiderin ans Fenster gelockt hatte. »Mich dünkt, die Frau murmelte so was von einem Abstecher ihres Mannes; ist er eines solchen Streiches fähig, der Philosoph, so muß ein Ehrenmann wie ich nach seinen Buchschulden sehen. Sieh‘ da, so wahr ich lebe, Ketzija, du hast dem hinkenden Bettler siebzehn und sechs Pence Kredit gegeben, und das für lauter Morgenschnäpse und Nachttränke!«

»Na, na! Guter Freund, nicht so hitzig, ohne allen Grund! Hat er unserm Jack nicht ein Kleidchen zur Schule gemacht? Du wirst finden …«

»Still, gutes Weib«, erwiderte der Wirt, das Buch zuschlagend, es der Frau zurückgebend, und ihr winkend, sich zu entfernen. »Wie ich sage, alles findet sich zu seiner Zeit, und je weniger Lärmen wir über die Seitensprünge unserer Nachbarn machen, desto weniger wird man uns selbst Böses nachsagen. Der Mann«, setzte er hinzu, sich an den Fremden wendend, »ist ein guter, fleißiger Arbeiter, aber einer, dem die Sonne niemals hat in die Fenster scheinen wollen, obschon, weiß der Himmel, das Glas nicht so dick ist, daß ihre Strahlen nicht durchkönnten.«

»Wie könnt Ihr aber auch nur, bei so schwachen Vermutungen und Beweisen glauben, daß sich ein solcher Mann wirklich davongemacht habe?«

»Ei,« entgegnete der Wirt, mit gefalteten Fingern beide Hände über die Brust legend, und sich ein wichtiges Ansehen gebend, »dergleichen Unglück ist wohl schon besseren Leuten begegnet! Wir Gastwirte sind so ziemlich im Besitz aller Stadtgeheimnisse, weil ein lustiger Trunk die Zunge zu lösen pflegt; wir müssen folglich wohl wissen, wie es bei unserm nächsten Nachbar zugeht. Könnte der gute Nachbar Homespun den Geist seiner Ehehälfte so zügeln und bügeln, wie eine Naht, so würde manches nicht geschehen, – aber … Wollt Ihr nicht eins trinken, Sir?«

»Ein Gläschen von Euerm Besten.«

»Nu, was wollt‘ ich sagen?« fuhr der andere fort, indem er den neuen Gast bediente. »Ja, das war’s: wenn eine Gans von Schneider ebenso die Falten aus dem krausen Sinn seiner Frau plätten könnte, wie aus ihrem Rocke, ja dann ginge alles gut: oder wenn ein Mann, dem seine Frau alles mögliche Herzeleid auftischt, es runteressen könnte, wie z. B. die Gans, die hier an der Wand hängt … Wollt Ihr bei mir zu Mittag speisen, Sir?«

»Ich sage nicht nein, aber auch nicht ja«, erwiderte der Fremde, indem er für das Glas, woraus er nur genippt hatte, bezahlte. »Es wird vom Erfolg der Versuche abhängen, die ich bei den Schiffern im Hafen machen werde.«

»Alsdann würde ich Euch, Sir, bei meiner Euch bekannten Uneigennützigkeit raten und empfehlen, in diesem Hause Quartier zu nehmen, solange Ihr in Newport verweilet. Bei mir gehen die meisten Seefahrer ein und aus, und ich darf, ohne mich zu rühmen, den Wirt zum ›Unklaren Anker‹ als einen Mann aufstellen, der Euch mehr und besser als irgendein anderer alles sagen kann, was Ihr zu wissen wünscht und nötig habt.«

»Ihr habt mir schon den Rat gegeben, mich an den Kommandeur jenes Schiffes im Strome zur Anstellung zu melden; wird es gewiß so bald abgehen, wie Ihr sagt?«

»Mit erstem Winde. Ich bin mit der ganzen Geschichte des Schiffs bekannt, von dem Tage an, wo man die Blöcke zu seinem Kiel gelegt, bis zu der Minute, wo es auf der Stelle, wo Ihr es seht, die Anker fallen ließ. Die reiche Erbin von Süden, General Graysons schöne Tochter, ist eine der Passagiere: sie und ihre Erzieherin, ihre Gouvernante, wie man sie nennt, eine gewisse Frau Wyllys, warten nur auf das Zeichen der Abfahrt, hier ganz in der Nähe, im Hause der Frau von Lacey. Die Dame ist die Witwe des Konteradmirals dieses Namens, und eine leibliche Schwester des Generals, folglich die Tante der jungen Lady, wenn mich ihr Stammbaum nicht trügt. Man ist allgemein der Meinung, daß das Vermögen beider Köpfe auf sie übergehen wird, und in diesem Falle würde der Mann, dem Miß Getty Grayson ihre Hand gäbe, nicht bloß ein glücklicher, sondern auch ein reicher Gatte sein.«

Der Fremde, der bis zum Schluß dieses genealogischen Vortrags einen ziemlich gleichgültigen Zuhörer abgegeben hatte, fing nun an, einen Anteil daran zu nehmen, der mit den darin erwähnten Personen in näherer Verbindung stand, und benutzte die erste Pause, die der Wirt, um Atem zu schöpfen, machen mußte, ihm in die Rede zu fallen und schnell zu fragen:

»Ihr sagt also, das Haus in der Nähe, auf der Anhöhe, sei die Wohnung der Frau von Lacey.«

»Hab‘ ich das gesagt, so weiß ich nicht, was ich gesagt habe. In der Nähe soll heißen: über ein paar tausend Schritte von hier. Dort liegt nämlich ein Haus, wo eine Dame von ihrem Range wohnen darf, und nicht in einer von den Hütten hier herum, wo man sich nicht umdrehen kann, ohne sich an den Ellbogen zu stoßen. O, Ihr würdet das Haus schon allein an den schönen grünen Blenden, und an den hohen grünen Bäumen erkennen. Ich will behaupten, daß es in ganz Europa keinen so kühlen Schatten gibt, als vor der Haustüre der Frau von Lacey.«

»Sehr wahrscheinlich«, murmelte der Fremde, der, kein so großer Enthusiast seiner Provinz wie der Wirt, schon wieder in sein Nachsinnen verfallen war. Anstatt den Gegenstand des Gesprächs fortzusetzen, brach er es plötzlich nach einigen Gemeinplätzen ab; dann wiederholte er, daß er wahrscheinlich zum Essen zurückkommen werde, und nahm seinen Abmarsch, schnurgerade in der angegebenen Richtung des Hauses der Frau von Lacey. Dem schlauen, beobachtenden Wirte würde dieser abgebrochene Schluß der Unterredung und der ebenso plötzliche Abzug des Fremden nicht entgangen sein, und zu mancher Überlegung Anlaß gegeben haben, wäre nicht eben in diesem Augenblick Frau Desideria aus ihrer Wohnung herausgestürmt, und hatte durch die pikante Art und Weise, womit sie ihren armen Sünder von Mann abschilderte, die ganze Nachbarschaft, folglich auch den Wirt, aufmerksam gemacht.

Unsere Leser haben gewiß schon längst vermutet, daß die Person, die sich mit dem Wirt als Fremder unterhielt, kein Fremder für sie, mit einem Worte kein anderer als Wilder ist. Nachdem er, einem geheimen Zuge folgend, den wortreichen Mitredner hatte stehen lassen, war er schnell die Höhe hinangestiegen, an die sich die Stadt lehnt, und hatte schon die Vorstadt erreicht.

Es fiel ihm nicht schwer, selbst von weitem, unter einem Dutzend ähnlicher Landwohnungen das gesuchte Haus herauszufinden, da es sich durch seine Schatten, wie sich der Wirt in einem gewohnten Provinzialismus ausdrückte, von den anderen unterschied. Tiefe Schatten bestanden in einigen hohen Ulmen, die den kleinen Vorhof überdeckten. Seine Vermutung ging bald in Gewißheit über: Vorübergehende, die er befragte, bestätigten sie, und nun eilte er sinnend der Wohnung zu.

Es war voller Morgen geworden, ein schöner Morgen, der Vorbote eines schönen, milden Herbsttages, wie sie in dortiger Gegend so gewöhnlich, so wohltuend sind. Ein Lüftchen, das aus Süden wehte, fächelte wie ein Kühlwind im Juni das Gesicht des jungen Mannes an, wenn er bisweilen im Steigen stillstand, um die Schisse im Hasen zu überschauen. Mit einem Worte, es war ein Wetter, wie es der Spaziergänger sich nur wünschen kann, wie es aber der Schiffer unter die verlorenen Tage rechnet.

Wilder ging immer weiter. Als er eine niedrige Mauer entlang kam, weckten ihn aus seinen Betrachtungen Stimmen, die ihm ganz nahe zu sein schienen. Unter anderen war eine, die seine Pulse in Bewegung setzte, und aus eine ihm unerklärliche Weise jede Saite seines Nervensystems anschlug. Der Ort war ihm günstig; es fand sich in einem Einbug der Mauer eine Bank. Auf diese stieg er, und war nun, selbst ungesehen, den Redenden ganz nahe.

Die Mauer lief um den Garten und das Mittelbeet der Besitzung, die er nicht mehr verkennen konnte. Ein ländlicher Pavillon, zu seiner Zeit in Laub und Blumen begraben, stand auf einer kleinen Anhöhe nahe an der Straße. Lage und Aussicht waren unvergleichlich. Man übersah die Stadt, den Hafen, nach Osten zu die Inseln der Massachusettsbai, nach Westen die Pflanzungen von Providence, nach Süden den unermeßlichen Ozean. Die Laubdecke war ziemlich dünn geworden, man konnte durch die freistehenden Pfeiler, die den Dom des Lusthäuschens trugen, bis tief hinein sehen. Hier war es, wo Wilder eben die Personen entdeckte, deren Unterredung er tags vorher, als er mit dem Rover in der Ruine verborgen war, zugehorcht hatte. Die Admiralswitwe und Frau Wyllys standen im Vordergrunde, im Gespräch mit einem Manne begriffen, der, wie er schloß, außerhalb der Mauer am Wege stand, aber Wilders scharfes Auge entdeckte bald die reizenden Umrisse der blühenden Gertraud im Hintergrund des Pavillons. Doch wendete er ebenso bald den Blick von ihr ab, um die Stimme aufzusuchen, die soeben der alten Dame Antwort gab. Er traf bald die Richtung, und bemerkte nun einen alten Mann, der, aus einem Steine sitzend und seine müden Glieder ruhend, sich mit den Damen in der Sommerlaube unterhielt. Sein Haar war grau; der lange Stab, der ihm zur Stütze dienen sollte, zitterte ab und zu in seiner Hand, dabei war in seinem Wesen, seiner Haltung, seiner Stimme etwas, woraus sich augenscheinlich schließen ließ, er sei früherhin ein Seemann gewesen.

»Lieber Gott,« sagte er mit zitternder Stimme, worin sich jedoch die unverkennbaren charakteristischen Töne seines Gewerbes hören ließen, »Euer Gnaden müssen wissen, daß wir alten Seehunde niemals in den Kalender gucken, wenn wir in See stechen, um zu erfahren, was es am morgenden Tage für Wetter sein wird. Uns genügt es, daß der Befehl zum Absegeln am Bord ist, und der Kapitän von seiner Lady Abschied genommen hat.«

»Die nämlichen Worte meines armen beweinten Admirals!« rief die alte Dame aus, mit inniger Freude über die Gelegenheit, von ihrem Steckenpferde herab mit einem alten Seeinvaliden weiter sprechen zu können, »also seid Ihr der Meinung, mein ehrlicher Freund, daß wenn ein Schiff segelfertig ist, es in See geben muß, sei das Wetter wie es wolle?«

»Hier kommt ein zweiter Seekundiger wie gerufen!« unterbrach Gertraud, die soeben ihrerseits den jungen Wilder bemerkt hatte. Sie sprach die Worte mir einigem Ungestüm, denn ihr war daran gelegen, ihre Tante zu verhindern, im Streite über Wind und Wetter, der sich vorhin zwischen ihr und Frau Wyllys angesponnen hatte und mir der Abreise in Verbindung stand, mit Beistand des alten Mannes einen entscheidenden dogmatischen Ausspruch zu tun. Darum setzte sie hinzu: »Lassen Sie jenen Schiedsmann sein.«

»Gertraud hat recht«, sagte Frau Wyllys. »Bitte, Sir, was halten Sie vom Wetter? Ist es ratsam, heute abzufahren oder nicht?«

Ungern wendete der junge Seefahrer den Blick von der errötenden Gertraud, die schnell näher gerückt war, als sie ihn zuerst gewahrte, nm sich zu überzeugen, ob’s auch ein Seemann sei, jetzt sich verschämt in die Mitte des Sommerhäuschens zurückzog, wie eine, die sich ihre Dreistigkeit vorwirft. Er richtete nun seine Augen auf die Fragende, und heftete sie dabei so lange und so unverwandt auf sie, daß Frau Wyllys, in der Meinung, was sie gesagt, sei nicht deutlich genug gewesen oder nicht recht verstanden worden, die Frage wiederholte.

»Dem Wetter ist nicht zu trauen, Madame«, war die spät erfolgende Antwort. »Man müßte nur wenig Kenntnis von der Seefahrt haben, um daran zu zweifeln.«

In Wilders Stimme lag etwas so Sanftes, Wohlerzogenes, und doch zu gleicher Zeit Männliches, daß sich die Damen, wie durch einen gemeinschaftlichen Impuls zu ihm hingezogen fühlten. – Dabei war sein Anzug, obschon ganz der eines Matrosen, so nett, so schmuck und glatt, so gentlemanartig, daß man leicht auf die Vermutung kommen konnte, er gehöre zu einer höheren Klasse der Gesellschaft, als die, in deren Tracht er auftrat. Dies alles erhöhte den Eindruck, den er machte. – In der Ungewißheit, wen sie vor sich habe, und mit dieser Ungewißheit die Absicht verbindend, gegen den Unbekannten höflich zu sein, machte ihm Frau von Lacey eine tiefere Verbeugung, als sie getan haben würde, wenn sie nicht geglaubt hätte, im zweifelhaften Falle etwas weitergehen zu müssen, und fuhr fort:

»Diese beiden Ladys sind im Begriff, sich jenes Schiffes zu bedienen, um nach Karolina zu segeln, und wir waren eben beschäftigt, uns zu befragen, von welcher Seite der Wind heute kommen werde. Doch bei einem solchen Schiffe, Sir, ist wohl nichts zu befürchten, er mag günstig sein oder nicht?«

»Im Gegenteil«, war die Antwort. »Mir scheint das Schiff so beschaffen, daß es nicht viel leisten werde, wie auch der Wind sei.«

»Es steht im Rufe ein guter Segler zu sein. Was sage ich: im Rufe! Wir haben davon die volle Überzeugung, da es in der kurzen Zeit von sieben Wochen von England in die Kolonien gekommen ist. Aber Seeleute haben, glaub‘ ich, wie wir arme Sterbliche zu Lande, ihre Vorliebe und ihre Vorurteile. Entschuldigen Sie mich daher, Sir, wenn ich diesen ehrlichen Veteran über seine Meinung in dieser Sache weiter befrage … Lieber Freund, was haltet Ihr von jenem Schiffe? Ist es ein guter Segler? Ich meine das Schiff dort mit den überhohen Vorbrambäumen und den vorragenden runden Marsen.«

Wilders Lippe zuckte, er mußte ein unfreiwilliges Lächeln zurückhalten; aber er verbiß es und schwieg. Der alte Seemann hingegen stand auf, schaute aus nach der Gegend des Schiffes, schien es sorgfältig zu untersuchen, und die etwas untechnische Kunstsprache der Admiralswitwe vollkommen zu verstehen. Jetzt erst, nach vollendeter Prüfung, wandte er sich wieder zur Lady und sagte:

»Das Schiff da im innern Hafen, das Ew. Gnaden meinen, ist gerade solch ein Schiff, wie es der Seemann liebt und gern betrachtet. Es ist ein braves, sicheres, oder wie wir zu sagen pflegen, ein heiles Schiff, darauf will ich schwören: und was das Segeln anbelangt, so ist’s zwar kein Zauberer, kein Luftsegler, aber kunst- und kraftvoll eingerichtet, und vollkommen gut beschaffen, oder ich will nichts vom blauen Wasser oder von solchen verstehen, die darauf leben.«

»Hier sind also zwei verschiedene Meinungen«, sagte Frau von Lacey. »Es ist mir lieb, daß Ihr das Schiff ein heiles nennt: denn wenn schon Seefahrer ein schnelles Schiff lieben, so möchten diese Damen hier doch lieber ein sicheres … Ich hoffe, Sir, Sie werden dem Schiffe nicht abdisputieren, daß es ein heiles sei?«

»Eben diese Eigenschaft ist es,« war Wilders lakonische Antwort, »die ich ihm streitig mache.«

»Seltsam! Höchst seltsam! Hier steht ein alter Seemann, der ganz verschiedener Meinung ist.«

»Er mag zu seiner Zeit gute Augen gehabt haben und bessere als ich, Madame, aber ich zweifle, ob sie jetzt noch so gut sind als vordem. Wir find etwas zu weit vom Schiffe, um von hier aus die Eigenschaften und Mängel beurteilen zu können: ich bin ihm näher gewesen.«

»Also sind Sie wirklich der Meinung, Sir, daß Gefahr ist?« fragte Gertrauds sanfte Stimme, deren Furcht über das Mißtrauen die Oberhand gewann.

»Ja, gewiß. Hätte ich Mutter oder Schwester« – hier, bei dem Worte Schwester rückte er am Hute, verbeugte sich vor der schönen Zitternden, und sprach das Wort mit Nachdruck aus – »würde ich Bedenken tragen, sie sich einschiffen zu lassen. Auf meine Ehre, Myladys, ich halte das Schiff da für gefährlicher als irgendeines, das diesen Herbst aus einem der Häfen der Provinz ausgelaufen ist oder noch auslaufen wird.«

»Mir unbegreiflich!« bemerkte Frau Wyllys. »Dies ist ganz und gar nicht die Beschreibung, die man uns von dem Schiffe gemacht hat; und ist diese Beschreibung nicht übertrieben, so kann man sich ihm als einem sichern, bequemen anvertrauen. Dürft‘ ich bitten, Sir, auf welche Umstände Sie Ihre Meinung gründen?«

»Sie springen in die Augen. Es ist zu scharf in der Rundung vom Bug bis zu den Vorsteven; es ist zu voll in der Billing des Spiegels zum Steuer. Dann stehen die Seiten gerade wie Kirchenmauern, und haben keine Einweichung, und das Schiff staut zu hoch über der Wasserlinie. – Überdies hat es kein Vorsegel, und wird überhaupt nach hinten gepreßt, dadurch in den Wind geklemmt, und mehr als sein sollte, back gedrängt. Es kommt gewiß mit ihm dahin, daß das Vorderste sich zu hinterst kehrt.«

Die weiblichen Zuhörer hörten diesem Vortrage, den Wilder entschieden und im Orakeltone hielt, mit der Aufmerksamkeit, dem blinden Glauben und der demütigen Folgsamkeit zu, die der Ununterrichtete gewohnt ist, dem Manne vom Fache zu zollen, wenn dieser die Geheimnisse seiner Kunst oder Wissenschaft vorträgt. Keine von beiden hatte freilich einen deutlichen Begriff von seiner Auseinandersetzung; so viel aber fanden sie in seinen Worten: es sei augenscheinliche Gefahr und selbst Lebensgefahr vorhanden. Frau von Lacey suchte jedoch wie immer, so auch bei dieser Gelegenheit, zu zeigen, wie sehr sie in der Schiffskunst bewandert sei. Sie versicherte, die angegebenen Fehler vollkommen einzusehen, nannte sie große, ernsthafte, wesentliche Fehler, konnte es nicht begreifen, wie es möglich sei, daß sie ihr Agent nicht darauf aufmerksam gemacht habe, und schloß mit der Frage, ob es noch sonst etwas gebe, was dem Auge des jungen Tadlers in dieser Ferne nicht entgangen sei und die Gefahr noch vermehren könne?

»O ja, sehr viel. Sie sehen, Madame, daß die Bramstengen nach hinten zu mir Splitzhörnern versehen sind: daß keines der obersten Segel flattert, und dann noch, Madame, daß sich das Bugspriet, dieser wesentliche Teil, auf das Wasserstag und die Wuhlingen verläßt.«

»Nur zu wahr! Nur zu wahr!« sagte Frau von Lacey mit innerem Schauder. »Dies alles war mir entgangen, aber jetzt, da ich darauf aufmerksam gemacht werde, sehe ich es deutlich. Eine solche Fahrlässigkeit ist höchst strafbar: und sich vor allem aus Wuhlingen und Wasserstag zu verlassen, wenn der Bugspriet fest sein soll! Gewiß und wahrhastig, Mistreß Wyllys, ich kann’s nun und nimmer zugeben, daß sich meine Nichte solch einem Schiffe anvertraue.«

Während Wilder sprach, weilte das ruhende Auge der Frau Wyllys auf seinen Zügen, und als er zu Ende war, wandte sie sich mit ungetrübter Heiterkeit an die Admiralswitwe. »Vielleicht mag aber die Gefahr etwas vergrößert werden«, bemerkte sie. »Sollten wir nicht den andern Seefahrer über die verschiedenen Punkte befragen und anhören? … Hört, lieber Freund, seid auch Ihr der Meinung, daß es so gefährlich mit dem Schiffe aussieht, und daß wir unrecht täten, uns in dieser Jahreszeit nach Karolina einzuschiffen und jenes Schiff zu besteigen?«

»Ei, du lieber Gott, Madame!« sagte der alte Seefahrer, sich vor Lachen ausschüttend, »der junge Mann da hat dem Schiffe ganz neumodische Fehler und Mängel abgesehen, wenn es überhaupt wirklich Fehler und Mängel sind. Zu meiner Zeit wurde dergleichen nie erwähnt, und ich muß meine Unwissenheit gestehen, und daß ich nicht die Hälfte von dem, was er Ihnen vorgesagt, verstanden habe.«

»Es mag wohl eine gute Zeit seit Eurer letzten Fahrt verflossen sein, guter Alter«, sagte Wilder.

»Fünf bis sechs Jahre seit der letzten; fünfzig seit der ersten«, war die Antwort.

»Also seht Ihr keinen Grund zur Besorgnis?« fragte Frau Wyllys wieder.

»So alt und abgenutzt ich bin, Madame, würde ich eine Anstellung auf dem Schiffe als eine Vergünstigung ansehen und annehmen.«

»Not sucht sich zu helfen«, bemerkte Frau von Lacey mit leiser Stimme und bedeutendem Blick, der für die Beweggründe des alten Mannes nicht sonderlich schmeichelhaft war. »Ich halte es mit dem jungen Schiffer, der seine Meinung mit substantiellen, wissenschaftlichen Gründen unterstützt.«

Frau Wyllys hielt mit Fragen ein, solange sie glaubte, der Dame hierin aus Gefälligkeit willfahren zu müssen. Nach dieser Pause wendete sie sich zu Wilder und setzte die Unterredung fort.

»Wie erklären Sie sich aber, Sir, die Verschiedenheit der Meinungen zwischen zwei Männern vom Fach, deren jedem man ein kompetentes Urteil zuschreiben kann?«

»Ich sollte denken,« versetzte der junge Mann lächelnd, »wir haben ein Sprichwort, das sich hier anwenden ließe. Sollte aber auch nichts darauf gegeben werden, daß sich der Schiffbau vervollkommnet hat? Sollte nicht Rücksicht darauf genommen werden, auf welcher Gattung von Schiffen jeder von uns gedient hat?«

»Beides sehr wahr«, sagte Frau Wyllys. »Aber mich dünkt, in einem so alten Gewerbe kann ein halbes Dutzend Jahre keinen Unterschied machen.«

»Ich bitte sehr um Verzeihung, Madame. Für Schifffahrer ist eine beständige Übung durchaus notwendig. Und ich möchte wohl behaupten, daß jene würdige alte Teerjacke nicht mit der Weise bekannt ist, wie ein Schiff mit vollen Segeln die Wellen mit seinem Hackebord zerteilt.«

»Unmöglich!« rief hier die Admiralswitwe. »Der jüngste, gemeinste Seefahrer müßte ja von dem Anblick eines so herrlichen, einzigen Schauspiels entzückt sein!«

»Ja, ja!« fiel der alte Mann ein, dem anzusehen war, daß er sich beleidigt fühlte, und der sich, wäre ihm auch irgendein Zweig seiner Kunst verborgen geblieben, wohl gehütet haben würde, es einzugestehen, »o wie oft hab‘ ich dieses Schauspiel genossen; wie manches stolze Schiff bestiegen, das durch die Wellen flog! Ja, ja, wie die Lady sagt: Es ist ein großes, herrliches, einziges Schauspiel!«

Wilder schien beschämt und vernichtet. Er biß sich in die Lippen, wie jemand, den entweder die Unwissenheit oder die Verschmitztheit eines andern zuschanden gemacht hat; aber die Selbstliebe der Frau von Lacey) sparte ihm die Verlegenheit der Antwort und ließ ihm Zeit zur Besinnung.

»Es würde freilich ein ganz eigener, außerordentlicher Fall gewesen sein,« sagte sie, »wenn ein Mann, dessen Haar auf der See grau geworden, niemals hätte Gelegenheit haben sollen, von einem so nobeln Anblick entzückt zu werden. Gleichwohl, mein würdiger Alter, kommt es mir vor, daß Ihr das Schiff nicht gehörig untersucht habt, weil Euch die Fehler entgangen sind, die der junge … Gentleman doch so umständlich und namentlich angeführt hat.«

»Erlauben, Ew. Gnaden, es sind keine Fehler. Geradeso pflegte mein verstorbener, braver, trefflicher Kommandeur sein Schiff zu takeln: und ich bin stolz, versichern zu können,

daß nie ein besserer Seemann und ein edlerer Mann auf der Flotte Sr. Majestät ein Kommando geführt.«

»Also habt Ihr dem Könige gedient? Wie hieß Euer lieber Kommandeur?«

»Wie hieß er? … Wir anderen, die unter ihm dienten und ihn von innen und außen kannten, hießen ihn nie anders als den Kommandeur Fairweather, denn unter seinen Befehlen gab’s immer schön Wetter und gute Zeit; doch zu Lande war er unter dem Namen des tapfern, siegreichen … Konteradmirals de Lacey bekannt.«

»Und ließ mein hochverehrter und erfahrener Gemahl wirklich seine Schiffe auf diese Weise auftakeln?« fiel die Witwe mit einer bebenden Stimme ein, die das deutlichste Zeugnis ablegte, wie groß und innig ihre angenehme Bestürzung und ihr geschmeichelter Stolz war.

Der alte Mann trat langsam und ehrfurchtsvoll näher, verneigte sich tief vor der Dame und sagte:

»Hab‘ ich wirklich die Ehre und das Glück, die Lady meines Admirals zu sehen, so ist dies ein Trost und eine Freude für meine alten Tage, die sich nicht beschreiben läßt. Sechzehn Jahre hab‘ ich auf seinem Schiffe gedient und zwanzig in seinem Geschwader. Ich sollte fast denken, Ew. Gnaden müßten vom Aufseher seines großen Mars gehört haben, von Bob-Bunt, von Robert Bunt.«

»Ja, mir scheint, mir scheint! Der Admiral sprach gern, sehr gern von seinen treuen Dienern.«

»Gott hab‘ ihn selig und schenke ihm einen glorreichen Nachruhm! Er war ein guter Herr, ein unvergleichlicher Offizier, der keines Freundes vergaß, gleichviel, ob auf der Rahe oder in der Kajüte. Ja, er war des Seemanns Freund, der edle, brave Admiral!«

»Wie dankbar der Mann ist,« sagte Frau von Lacey, sich die Augen trocknend, »und dabei ein kompetenter Richter in seinem Fach. Seid Ihr auch ganz gewiß, lieber Freund, daß mein Gemahl, der selige Admiral, alle seine Schiffe ebenso einrichten ließ, wie jenes da, von dem wir sprechen?«

»So gewiß als ich hier vor Ihnen stehe, Madame: mir diesen meinen eigenen Händen hab‘ ich sie vor seinen Augen so getakelt.«

»Auch den Wasserstag?«

»Und die Wuhlingen, Mylady, Wäre der Admiral noch am Leben und hier, er würde das Schiff ein heiles, gesundes, gut ausgerüstetes nennen: daraus will ich schwören.«

Frau von Lacey drehte sich jetzt mir Majestät, Würde und Entschlossenheit zu Wilder und fuhr fort:

»Mein Gedächtnis hat mich einen Augenblick verlassen: und das ist kein Wunder, da ich solange der Belehrung und des Beistandes eines Gatten habe entbehren müssen, der mich leiten könnte. Wir sind Ihnen, Sir, recht sehr für Ihre Meinung verbunden, können uns aber nicht enthalten, zu denken, daß Sie die Gefahr ein wenig übertrieben haben.«

»Auf Ehre, Madame,« unterbrach Wilder, die Hand aufs Herz legend und mit besonderem Nachdruck die Worte sprechend, »auf meine Ehre, ich bin aufrichtig, wenn ich sage, daß ich der Meinung bin, es sei große Gefahr vorhanden, wenn man mit jenem Schiffe abreist: und ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich, indem ich so spreche, nicht im geringsten die boshafte Absicht habe, dem Kommandeur, den Eignern des Schiffs, oder irgend jemanden, der mit Ihnen in Verbindung steht, nahe zu treten.«

»Wir zweifeln nicht im mindesten an Ihrer Aufrichtigkeit, Sir: wir glauben nur, daß Sie sich vielleicht in Ihrem Urteil irren«, erwiderte die Witwe mir einem mitleidigen, oder, Wofür sie selbst es hielt, mir einem herablassenden Lächeln. »Wir danken Ihnen nochmals recht für Ihre gute Absicht … Kommt, ehrlicher Veteran, wir müssen näher bekannt werden. Ihr dürft nur an die Haustür klopfen: ich habe noch mehr mit Euch über die Sache zu sprechen.«

Sie verneigte sich nochmals kalt gegen Wilder und ging von der Mauer tiefer in den Garten zurück, begleitet von den beiden andern. Sie schritt mehr einher, als sie ging, und stolzierte wie jemand, der sich aller seiner Vorteile bewußt ist, während Frau Wyllys ihr still, langsam und nachdenkend folgte. Gertraud schloß sich den letztern an, mit gesenktem Haupt und das Gesicht unter den Strohhut verbergend. Wilder schien zu bemerken, daß sie einen verstohlenen, ängstlichen Blick auf ihn zurückwarf; doch, da er von den Gefahren der Fahrt gesprochen hatte, konnte er nicht wissen, ob dies ein Blick der Teilnahme, des Gefühls, oder nur der Besorgnis und Furcht war. Er sah ihr nach, bis sich die Gruppe unter das Gesträuch verloren hatte. Als er aber seinen Bruder Seefahrer aufsuchen wollte, um seinen ganzen Unwillen an ihm auszulassen, fand er, daß der alte Seemann seine Beine und seine Zeit gut angewendet hatte und schon im Hause war, um den Lohn seiner Schmeichelei einzuernten.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Die guten Einwohner der Stadt Newport pflegten sich zeitig zur Ruhe zu begeben. Sie zeichneten sich durch eine Regelmäßigkeit und Ordnungsliebe aus, die noch heutigentags ein Charakterzug der Sitten und Gewohnheiten der Neu-Engländer ist. Um zehn Uhr waren alle Türen in der ganzen Stadt verschlossen: und es ist mehr als wahrscheinlich, daß eine Stunde später von allen den Augen, die den Tag über eigene Geschäfte, vielleicht auch wohl Geschäfte der Nachbarn wach erhalten hatten, kein einziges mehr offen war.

Der Wirt zum »Unklaren Anker«, so hieß die Schenke, wo es zwischen Nightingale und Fid beinahe zur Prügelei gekommen wäre, schloß seine Tür pünktlich um acht Uhr: hiermit wollte er nämlich im Schlafe alle die kleinen Sünden abbüßen, die er sich am Tage erlaubt haben mochte. Überhaupt war es in der Stadt zur allgemeinen Regel geworden, daß alle, die die meiste Mühe gehabt, ihren Namen und Ruf rein zu erhalten, sich frühzeitig von den Sorgen und Umtrieben der Welt zurückzogen. So war’s auch der Fall mit der Admiralswitwe. Sie hatte zu ihrer Zeit durch langes Aufbleiben und späte Beleuchtung ihres Hauses, wenn alles schlief oder schlafen sollte, kein kleines Ärgernis gegeben, – Überdies war in ihrem Leben und Umgang manches vorgefallen, wodurch sich die gute Frau der tadelnden Beurteilung ihrer weiblichen Bekanntschaft ausgesetzt hatte. So pflegte sie sich z. B., ungeachtet sie zur bischöflichen Kirche gehörte, am Samstagabend mit der Nadel zu beschäftigen, obschon sie keineswegs im Ruf stand, eine fleißige Arbeiterin zu sein. Sie tat es nur, um auf diese Weise zu erkennen zu geben, ihrem Glauben und ihrer Meinung nach sei der Sonntagabend der wahre orthodoxe Abend des Sabbats. In diesem Punkte war zwischen ihr und der Frau des Hauptpfarrers in der Stadt eine Art offener Fehde, doch ohne Kriegserklärung und Feindseligkeit. – Die Frau Pastorin begnügte sich nur, das Wiedervergeltungsrecht auszuüben. Sie brachte ihren Nähbeutel alle Sonntag abend zur Frau Admiralin, unterbrach bisweilen die Unterredung, um zur Arbeit zu greifen, nähte emsig und fleißig fünf bis sechs Minuten hintereinander, und knüpfte alsdann den Faden des Diskurses wieder an. Während der Pause und Sabbatschändung wußte sich Frau von Lacey gegen die Gefahr der Ansteckung nicht anders zu decken, als daß sie in einem vor sich liegenden Gebetbuche blätterte. Sie dachte vermutlich dabei an den Grundsatz der Kirche, daß man durch Weihwasser den Teufel in Respekt und in der gehörigen Entfernung halten könne.

Abends zehn Uhr also war Newport so still, als wenn es keine lebendige Seele beherbergt hätte. Ich sage mit Bedacht: Abends zehn Uhr, und nicht, als der Wächter rief: »Zehn ist die Glock!« Denn es gab damals keine Nachtwächter in Newport, aus dem ganz einfachen Grunde, weil es noch keine Schelme und Spitzbuben in der Provinz gab, die ihr Handwerk in der Nacht trieben. Als sich daher Wilder und seine zwei Gefährten um diese Zeit in den Straßen sehen ließen, fanden sie die Stadt menschenleer und ausgestorben. Kein Licht brannte; keine Seele rührte sich. Dies mochte unseren Abenteurern wohl bewußt sein, denn anstatt an die Tür eines Gasthofes zu klopfen und den schläfrigen Wirt herauszupochen, schlugen sie sich gleich auf die Wasserseite. Wilder führte den Trupp an, Fid folgte auf ihn, und Scipio, wie gewöhnlich still und untertänig, machte den Nachtrab.

Am Strande fanden sie mehrere kleine Fischerboote am Fuße einer nahen Kaje. Wilder gab den beiden seinen Auftrag, und schritt selbst weiter, eine bequeme Stelle zum Einsteigen suchend. Nach Verlauf kurzer Zeit kamen zwei Boote zugleich ans Land, das eine geführt vom Neger, das andere von Fid,

»Was ist das?« fragte Wilder. »Warum zwei? Ihr habt gewiß unrecht verstanden!«

»Nicht doch«, antwortete Fid, das Ruder flach liegen lassend und sich mit den Fingern in das Haar fahrend, wie einer, der mit dem, was er getan hat, zufrieden ist, »Hier ist ebensowenig Mißverständnis, als wenn jemand bei klarem Wetter und stillem Wasser in See sticht. Scipio ist im Boote, das Ihr gedungen habt; aber ich dachte gleich, als Ihr den Handel abschlosset, daß er nichts tauge, und so folgte ich meiner Regel und meinem Sprichwort: ›Besser bewahrt als beklagt!‹ Und weil ich denn Lunte gerochen und den Betrug entdeckt habe, so bring‘ ich Euch dies Boot. Wenn es nicht das beste, festeste von allen ist, so mögt Ihr sagen, ich verstehe nichts davon.«

»Kerl,« erwiderte Wilder aufgebracht, »du wirst mich dahin bringen, daß ich dich über kurz oder lang wegjage. Gleich rudre das Boot wieder dahin, wo du es genommen hast.«

»Mich wegjagen?« antwortete Fid frei und entschlossen, »das hieße, Meister Harry, mit einem Hieb Euer gut Wetter meilenweit abschneiden. Ihr und Scipio Afrika würdet nicht viel Kluges anfangen, wenn wir uns trennen sollten. Habt Ihr wohl je im Log nachgemessen, wie lange wir zusammengesegelt sind?«

»Freilich hab‘ ich’s; doch es gibt Fälle, wo man eine zwanzigjährige Freundschaft abbricht.«

»Mit Eurer Erlaubnis, Meister Harry, will ich verdammt sein, wenn ich so was glaube. Hier steht Guinea, er ist nichts besser als ein Neger, und folglich weit entfernt, ein geeigneter Gesellschafter für einen Weißen zu sein! Da ich aber gewohnt bin, seht Ihr, zweiundzwanzig Jahre in sein schwarzes Gesicht zu schauen, so hat seine Farbe Eingang bei mir gefunden, und gefällt mir nun wie eine andere. Überdies läßt sich zur See, in stockfinsterer Nacht, nicht leicht schwarz von weiß unterscheiden. Nein, nein, Master Harry, ich bin Eurer noch nicht überdrüssig, und eine Kleinigkeit wie diese soll uns nicht trennen.«

»Dann mußt du aber auch die Gewohnheit ablegen, mit dem Eigentum anderer wie mit dem deinen umzugehen.«

»Nichts, gar nichts leg‘ ich ab. Niemand kann austreten und sagen: Er hab‘ mich ein Deck verlassen sehen, solang noch eine Planke mit dem Balken zusammenhing, und ich sollte meine Rechte fahren lassen oder ablegen, wie Ihr’s nennt? Was hab‘ ich denn so groß verbrochen, daß das Schiffsvolk zusammengerufen wird, weil ein alter Seemann bestraft werden soll? Ihr habt einem ungehobelten Fischer, einem Kerl, der nie in tieferem Wasser gewesen, als wo seine Angel den Grund finden kann, Ihr habt ihm, sag‘ ich, einen blanken Spanier gegeben für den mageren Gebrauch seines Kahns auf eine Nacht, oder allenfalls auch auf einen Teil des Morgens. Nun was hat Richard Fid getan? Er hat zu sich selbst gesprochen: – denn Gott soll mich verdammen, wenn ich jemals im Schiff herumgezogen bin und geplappert, und mich bei der Mannschaft über einen Offizier beschwert habe. – Nein, zu sich selbst hat Dick gesprochen: ›Das ist zuviel Geld!‹ Und dann ist er hingegangen und hat für weniger Geld einen bessern Nachbarskahn gedungen. Geld kann man veressen und, was noch besser ist, vertrinken: folglich muß man es nicht, wie der Schiffskoch die kalte Asche, über Bord werfen. Ich bin ferner überzeugt, beim Lichte besehen, daß die Eigentümer dieser Jolle und jenes Kahns Vettern und Muhmen sind, und daß von der ganzen Familie das Geld in Tabak und stark Bier verzehrt wird, so daß es zuletzt auf eines rausläuft, und niemanden unrecht geschehen ist.«

Wilder gab dem andern ein Zeichen der Ungeduld und den schweigenden Befehl zu gehorchen, und ging am Strande auf und nieder, bis er zurück kam. Fid widerstand nie einem ausdrücklichen deutlichen Gebot; nur wenn es ein weniger bestimmtes war, nahm er sich Zeit, ihm nachzukommen. Diesmal ging’s also rasch vor sich; unverzüglich ruderte er das Boot zurück, doch erlaubte er sich dabei den kleinen Subordinationsfehler, unterwegs vor sich hin zu protestieren. Sobald alles wieder in Ordnung war, bestieg Wilder das Boot, die beiden anderen griffen zu den Rudern, und jener wies sie an, sich mit so wenig Geräusch als möglich zum Hafen hinauszuarbeiten. Fid steckte die Linke in den Busen, und führte mit der Rechten das Ruder mit Kraft, so daß die Jolle leicht und schnell dahinglitt. Er sagte dabei:

»Erinnert Ihr Euch noch der Nacht, wo ich Euch bis in Louisburg hineinruderte, um zu rekognoszieren? Damals wickelten wir uns ein wie Wickelkinder und hatten keine Zunge. Wenn es not tut, der Equipage einen Knebel ins Maul zu stecken, so hab‘ ich nichts dagegen; in anderen Fällen aber bin ich der Meinung, daß die Zunge zum Sprechen gemacht ist, wie die See zum Leben, und habe gern ein vernünftiges Gespräch und eine gesellschaftliche Unterhaltung … Sip! Junge! Wo willst du hin? Die Insel liegt ja rechts, und du ruderst gerade links auf die Kirche zu!«

»Legt die Ruder an,« unterbrach Wilder befehlend, »laßt das Boot vor dem Schiffe vorbeitreiben.«

Sie waren in diesem Augenblick dem Schiffe nahe, das unweit der Kaje vor Anker lag, und, wie der junge Seemann heimlich im Turme erfahren hatte, am folgenden Morgen mit Frau Wyllys und der bezaubernden Gertraud nach Karolina absegeln sollte. Während das Boot vorüberschwamm, betrachtete Wilder mit Seemannsaugen das Schiff beim schwachen Sternenlicht. Kein Teil des Rumpfs, die Spieren, die Takelage, nichts entging seiner Untersuchung; und als sie sich entfernten und alles ineinanderfloß und wie eine dunkle Masse hinter ihnen lag, da lehnte sich der junge Mann mit dem Kopfe auf den Bootsrand und fiel in ein langes und tiefes Nachdenken. Fid fand sich nicht berufen, ihn in seinen Betrachtungen zu stören. Er hielt sie für eine natürliche Folge der Ansicht des Schiffs, für eine Sitte des Seemanns, kein Segel unbeachtet vorüber zu lassen, und somit für eine Art heiliger Beschäftigung. – Scipio schwieg ebenfalls, weil er überhaupt gern schwieg. So vergingen mehrere Minuten. Wilder war der erste, der die Stille brach und, sich plötzlich fassend und besinnend, die paar Worte hervorstieß:

»Ein großes, festes Schiff; ein Schiff, das eine lange Jagd machen könnte!«

»Ja, und imstande wäre, beim Vorteil des Windes, und mit vollen Segeln, einem königlichen Kreuzer bis zum Entern nahe zu kommen; aber eingeklemmt wie es ist, wär‘ ich der Mann, mich mit der naseweisen Hebe an seine Windseite zu …«

»Burschen!« unterbrach Wilder, »es ist Zeit, daß ich euch zum Teil von meinen Bewegungen unterrichte. Wir sind seit zwanzig Jahren und drüber, Schiffsgenossen – ich möchte sagen Schiffskameraden gewesen. Ich war nicht viel besser als ein Kind, als du, Fid, mich zum Patron deines Schiffes brachtest, und nicht nur der Retter meines Lebens, sondern auch das Werkzeug warst, das mich in der Folge vielleicht zum Offizier erheben wird!«

»Sprecht doch nicht davon, Master Harry; Ihr wart ja bald geborgen und machtet nicht viel Umstände. Eine kleine Hängematte war Euch ebensoviel wert als des Kapitäns Kajüte.«

»Nein, Fid, ich bin dir viel schuldig für diesen ersten Dienst, und nicht weniger für deine Anhänglichkeit in der Folge.«

»Darin habt Ihr recht, Master Harry; in diesem Punkt bin ich nie von der Bahn gewichen und habe besonders nie meinen Enterhaken fahren lassen, so oft Ihr auch geschworen, mich wegzujagen. Was den Schuft hier, den Guinea, betrifft, der macht immer schön Wetter mit Euch, und hängt den Mantel nach dem Winde, wogegen zwischen uns beiden bald ein kleiner Sturm aufstößt, wie z. B. der Handel mit dem Boote …

»Nichts mehr davon«, unterbrach ihn Wilder, dessen Gefühle durch die Rückerinnerung an soviel Ereignisse seines Lebens, an soviel bittere Auftritte aufgeregt waren. »Du weißt, daß nur der Tod uns trennen kann, du müßtest mich denn jetzt verlassen wollen. Ihr müßt nämlich beide wissen, daß ich in einem verzweifelten Handel begriffen bin, daß ich einen Plan verfolge, der mich leicht, und alle, die mich begleiten, in Tod und Verderben stürzen kann. Es schmerzt mich, liebe Freunde, wenn ich von euch scheiden müßte, vielleicht auf immer, aber ich kann nicht umhin, euch die ganze Gefahr meiner Lage zu entdecken.«

»Ist dabei viel Wegs zu Lande?« fragte Fid herausplatzend.

»Nein, das ganze Geschäft, soweit es sich erstreckt, macht sich zu Wasser ab.«

»Nu, so schlagt Eure Schiffsbücher auf und macht mein Zeichen, nämlich ein paar Anker kreuzweise, denn das hat immer soviel bedeutet, als wenn ganz ausgeschrieben dastände: Richard Fid.«

»Vielleicht aber, wenn Ihr erst erfahret …«

»Ich brauche von der Sache nichts zu wissen und zu erfahren, Master Harry. Bin ich nicht oft mit Euch bei versiegelter Order gesegelt? Sollte ich meine Pflicht vergessen und meinen alten Leichnam Euch nicht noch mal anvertrauen? Und was sagst du dazu, Guinea. Willst du mit? Oder sollen wir dich dort auf jene flache Landspitze absetzen, und dich mit den Stechmücken Bekanntschaft machen lassen?«

»Ich will sie mir hier schon abwehren«, murmelte der Neger, der gern mitging.

»Seht doch, Master Harry, Guinea ist wie die Barkasse eines Küstenfahrers, immer bereit, sich in Euer Kielwasser bugsieren zu lassen. Ich hingegen lege mich oft quer vor Eure Klüsen, oder schieße auf die eine oder die andere Weise Eurem Schiff in die Windvierung. Soviel aber ist ausgemacht, wir gehen mit Euch auf den Kreuzzug aus, und sind mit allen Umständen vollkommen zufrieden. Sagt uns nur noch, was wir zu tun haben, und dann kein Wort weiter parlamentiert!«

»Denkt an die Weisung, die Ihr von mir erhalten habt,« erwiderte Wilder, weil er wohl sah, daß die Ergebenheit seiner Begleiter keines Sporns bedurfte, und ihm eine lange Erfahrung ihre Treue und Anhänglichkeit verbürgte, und daß er nur über kleine Fehler und Verstöße, Folgen ihres Standes und ihrer Erziehung, wegzusehen habe; »denkt an meine Erklärung, und nun geradezu auf das Schiff im Außenhafen.«

Fid und der Schwarze gehorchten, und bald strich das Boot neben der kleinen Insel vorbei, in die sogenannte große See. Sowie sie dem Schiffe näher kamen, gingen die Ruder erst leiser, dann hörten sie zugleich ganz auf. Wilder zog es vor, die Jolle dem Strome zu überlassen, damit er das Schiff gemächlich untersuchen könnte, bevor er an Bord ginge.

»Hat das Schiff nicht die Finkenetten, wie zum Gefecht, um die Takelage gelegt?« fragte er mit einer Stimme, deren leiser Ton unbemerkt bleiben sollte, und dennoch den Anteil verriet, den er an der Antwort nahm.

»Sehe ich recht, so ist es so«, entgegnete Fid, »Die Sklavenhändler haben kein gut Gewissen, und sind nie ohne Furcht, außer wenn sie an der Küste von Kongo Jagd auf einen jungen Neger machen. Und doch ist hier in dieser Nacht so wenig Gefahr, daß sich ein französisch Segel sehen lasse, bei diesem Landwinde und klaren Himmel, als ich zu befürchten habe, Lord Großadmiral von England zu werden; wenigstens nicht sobald, weil meine Verdienste, leider! Sr. Majestät dem Könige zurzeit noch unbekannt sind.«

»In der Tat,« fuhr Wilder fort, der den Ausschmückungen, womit Fid seine Reden pikant zu machen suchte, keinen Geschmack abgewann, »die Leute sind in Bereitschaft, jeden, der zu entern versuchte, heiß zu empfangen. Es würde kein leichtes Stück Arbeit sein, ein so gut ausgerüstetes Schiff anzugreifen und wegzunehmen, wenn sich der Kapitän auf seine Leute verlassen kann.«

»Ich wollte wohl wetten, daß ein gut Vierteil der Wache in diesem Augenblicke zwischen den Kanonen schläft, mitten in dem weiten Ausguck von Krahnbalken und Hackebord. Ich stand mal in der Hebe, bei der Fockrahe, an der Wetterseite, als ich von Südwest ein Schiff mit raumem Wind auf uns zukommen sah …«

»Still! Man rührt sich auf dem Verdeck!«

»Ja, gewiß und wahrhaftig. Der Koch spaltet ein Brett, der Kapitän ruft nach seinem Nachttrunk.«

Fids Stimme verlor sich in einen Anruf vom Schiffe, der wie das Brüllen eines Seeungeheuers klang, das unvermutet den Kopf aus dem Wasser hervorstreckt. Die geübten Ohren unserer Seefahrer begriffen im ersten Augenblick, was es war, nämlich die Art und Weise, wie man ein Boot anholt. Ohne an die Möglichkeit zu denken, daß noch ein anderes in der Nähe sein könne, bildete er sich ein, es gelte seinem, stand auf und gab Antwort.

»Was ist das?« rief jene Ungeheuerstimme. »Das ist keiner von denen, die hier am Bord Brot essen. Wo steckt ihr, die ihr mir zuruft?« fuhr er fort zu fragen.

»Hier unter Euerm Backbordbug, im Schatten des Fahrzeugs.«

»Und was habt Ihr hier zu suchen im Bereich meiner Klüsen?«

»Ich durchschneide die Wellen mit meinem Hackebord«, erwiderte Wilder nach einer Pause.

»Wer ist der Narr, der auf das Schiff hier lostreibt?« murmelte der Fragende. »Hervor mit dem Tölpel! Laßt sehen, ob der Kerl imstande ist, eine vernünftige Antwort zu geben.«

»Halt!« rief eine Stimme in ruhigem aber befehlendem Tone vom äußersten Ende des Schiffes. »Alles ist, wie es sein soll.«

Der Mann im Bug hieß sie näherkommen, und die Unterredung hatte ein Ende. Erst jetzt fand Wilder Zeit, zu bemerken, daß das Anholen ein anderes Boot betraf, das weiter zurück war, und daß er zu frühzeitig Antwort gegeben hatte. Da es aber zu spät war, sich zurückzuziehen, und vielleicht auch, da er fand, daß es in seinen ersten Plan paßte, so hieß er seine Gefährten heranrudern.

»Die Wellen mit dem Hackebord durchschneiden, ist zwar nicht die schicklichste Antwort auf ein Anholen«, murmelte Fid vor sich hin, als er das Ruder fallen ließ. »Allein es liegt doch auch keine Beleidigung darin. Wollen sie uns dort, Master Harry, durchaus was am Zeuge flicken, so laßt es aus dem Walde rausschallen, wie es reinschallte, und rechnet auf uns. Euch den Rücken zu decken.«

Die mannhafte Versicherung blieb von Wilder unbeantwortet, denn inzwischen war das Boot nur noch einige Fuß vom Fahrzeuge entfernt. Wilder bestieg nun das Schiff unter einer tiefen, und wie er selbst fühlte, nichts Gutes versprechenden Stille. Die Nacht war dunkel, obschon von den hier und dort sichtbaren Sternen so viel Licht herabschien, daß das Auge eines geübten Seemannes die Gegenstände unterscheiden konnte. Sobald unser junger Abenteurer das Deck erreicht hatte, warf er einen schnell forschenden Blick um sich, als sollten die Zweifel und Eindrücke, womit er sich lange getragen hatte, mit einem Male durch dieses ernste Umsichschauen aufgelöst und erklärt werden.

Auf einen, der solch Schauspiel nie gesehen, würde die Ordnung und Symmetrie des Schiffs, die hohen, wolkenansteigenden Spieren, die schwarze Masse des Rumpfs, die in der Luft hängende Takelage, das dunkel sich durchkreuzende Tauwerk, das ganze anscheinend verwirrte, verwickelte, und doch so kunstreich eingerichtete und berechnete Labyrinth, einen unbeschreiblichen Eindruck gemacht haben. Für Wilder waren die ihm bekannten Gegenstände kaum anziehend. Den ersten, schnellen Blick hob er zwar nach Seemanns Sitte aufwärts, dann aber durchlief er kurz und als Kenner die oben erwähnten Teile. Mit Ausnahme eines einzigen, der, in einen großen Wachtmantel bis an die Augen vermummt, ein Offizier schien, war keine Menschenseele auf den Verdecken sichtbar. Von jeder Seite zeigte sich eine finster drohende Batterie, in der schönen, imposanten Ordnung aufgestellt, wodurch sich die Marineartillerie und Architektur auszeichnet. Nirgends aber konnte er eine Spur von Menschengruppen entdecken, die gewöhnlich das Deck eines bewaffneten Schiffs einnehmen, oder nur die Mannschaft, die zur Bedienung des Geschützes erforderlich ist. Es mochte sein, daß die Leute in ihren Hängematten lagen, wie es zur Nachtzeit zu sein pflegt; aber wo blieb dann der Teil der Equipage, der die Wache hatte, und für die Sicherheit sorgen sollte? Einem einzigen Individuum gegenüber, fing unser Waghals an, das Befremdende und Unrichtige jener Lage inne zu werden, und sah sich gedrungen, eine Erklärung einzuleiten.

»Ihr wundert Euch mit Recht, Sir, daß ich eine so späte Stunde zu meinem Besuche gewählt habe.«

»Ihr wurdet freilich früher erwartet!« war die lakonische Antwort.

»Erwartet?«

»Ja, erwartet. Hab‘ ich nicht gesehen, wie Ihr und Eure beiden Gefährten im Boote uns den halben Tag über von der Kaje aus, und selbst vom alten Turm auf dem Hügel beobachtet habt? Was konnte all diese Neugierde bedeuten, als die Absicht, an Bord zu kommen?«

»Seltsam! Ich muß es gestehen!« rief Wilder nicht ohne Unruhe aus. »Also war Euch meine Absicht bekannt?«

»Hört, Freund,« unterbrach ihn der andere, sich ein kurzes, leises Lächeln erlaubend, »nach Eurem Äußern und Aussehen zu urteilen, muß ich Euch für einen Seemann halten. Glaubt Ihr denn, daß wir keine Ferngläser an Bord haben, und daß wir sie nicht zu gebrauchen wissen?«

»Ihr müßt wichtige Gründe haben, auf die Bewegungen der Fremden am Strande so genau acht zu geben.«

»Hm! Vielleicht warten wir auf Ladung vom Lande. Aber Ihr seid wohl nicht in stockfinsterer Nacht hergekommen, Euch unsere Deklaration zeigen zu lassen? Doch, Ihr wolltet ja den Kapitän sprechen?«

»Seh‘ ich ihn nicht hier?«

»Wo?« fragte der andere mit einer Bestürzung, die bewies, daß er ihn hinter sich stehend vermutete.

»In Eurer Person.«

»Ich? So hoch steh‘ ich nicht, obschon es mit der Zeit dahin kommen mag. Hört aber, Freund, Ihr seid doch auf dem Wege hierher am Spiegel jenes Schiffes vorbeigerudert?«

»Ja; es liegt, wie Ihr seht, gerade auf meinem Wege.«

»Ein schönes, künstlich gebautes, gesundes Schiff; eines der besten, die ich sah. Bereit zur Abfahrt, wie man mir gesagt.«

»So scheint es; die Segel sind angeschlagen; es flotet wie ein Gefäß, das seine volle Ladung hat.«

»Und diese Ladung?« fragte jener abgebrochen.

»Nun, ich soll denken, die Artikel stehen auf der Deklaration. Aber Ihr scheint noch leicht; und wenn Ihr hier ladet, so mögen wohl noch ein paar Tage verstreichen, ehe Ihr abfahrt.«

»Hm! Ich sollte meinen, kaum ein paar Stunden später als der Nachbar.« Diese Worte stieß der andere etwas trocken aus, schien sich aber zu besinnen, als habe er zuviel gesagt, und setzte hinzu: »Wir Sklavenschiffer laden, wie Ihr wißt, nicht viel mehr, als die Schellen für unsere Neger, und so viel Reis, als wir brauchen. Den Ballast machen Kanonen aus, und die Munition.«

»Bringt es denn der Gebrauch mit sich, daß Handelsschiffe schweres Geschütz führen?«

»Bisweilen ja, bisweilen nein. Die Wahrheit zu sagen, ist hier an der Küste wenig gesetzliche Ordnung, und der starke Arm kommt oft so weit, und noch weiter, als der rechtliche. Daher kommt’s, daß es unsere Patrone nicht für überflüssig halten, sich mit Geschütz und Kriegsvorrat zu versorgen.«

»Dann müßten sie sich aber auch mit Leuten versehen, die damit umzugehen wissen.«

»Freilich haben Sie das in ihrer Weisheit oder Unweisheit vergessen.«

Die letzten Worte wurden von derselben rauhen Stimme halb erstickt, die Wilders Boot angeholt hatte, und jetzt wieder Töne in die See hineinbrüllte, die so viel bedeuten sollten, als: »Boot, halt!«

Die Antwort erfolgte schnell, kurz und seemännisch; aber leise und mit Vorsicht gegeben. Der Mann, mit dem Wilder die zweideutige Unterredung gewagt hatte, schien über die plötzlich eingetretene Störung verlegen, und ungewiß, wie er sich bei dem neuen Auftritte zu benehmen habe. Schon wollte er dem Fremden anbieten, ihn in die Kajüte zu führen, als das Plätschern der Ruder die Nähe des Bootes meldete, und es zu spät war. Er bat ihn also, einen Augenblick zu verweilen, und sprang nach der Laufplanke hin, den Leuten im Boote entgegen.

So sah sich der verlassene Wilder ganz allein im Besitz des Schiffsteiles, worauf er stand. Dies erleichterte ihm zugleich eine zweite Musterung der ihn umgebenden Gegenstände, und eine erste der neuen Ankömmlinge.

Fünf bis sechs Matrosen von athletischer Gestalt stiegen von dem Boot aufs Schiff, das tiefste Schweigen beobachtend. Eine kurze, leise Zwischensprache erfolgte mit dem Offizier, der ihren Bericht anzuhören und ihnen einen Befehl zu erteilen schien. Nachdem dieses vorläufige Geschäft beendigt war, wurde ein Seil vom Klappläufer der großen Rahe gerade auf das Boot herabgelassen, und gleich nachher sah Wilder zwischen Wasser und Spieren eine Last schweben, erst hoch, dann wieder nachgelassen, bis sie, mit vieler Sorgfalt geleitet, das Verdeck erreicht hatte.

Während dieser ganzen Verrichtung, die an und für sich nichts Seltenes und Außerordentliches ist, und täglich bei Auf- und Abladen der Schiffe am Hafen vorkommt, hatte Wilder seine Augen dergestalt angestrengt, als wollten sie aus ihren Höhlen hervordringen. Die dunkle Masse, die aus dem Boote geluftet wurde, hatte ihm, als ihr die Sterne zum Hintergrunde dienten, etwas von den Verhältnissen einer Menschengestalt gezeigt. Die Matrosen drängten sich bald um den Klumpen oder Körper oder was es sonst war, hoben die Last auf, trugen sie fort, und verschwanden mit ihr hinter die Masten, Boote und Kanonen am Vorderteil.

Das Ereignis war vollkommen geeignet, die ganze Aufmerksamkeit Wilders zu fesseln. Doch war sein Auge nicht so ganz auf die Leute gerichtet, die ihre Bürde nach der Laufplanke trugen, daß es nicht zugleich ein Dutzend schwarzer Gegenstände entdeckt haben sollte, die hinter den Spieren und andern dunkeln Massen des Schiffs sichtbar wurden. Es konnten in der Luft schwebende Blöcke sein, gleichwohl hatten sie eine wunderbare Ähnlichkeit mit Menschenköpfen. Die gleichförmige Weise, auf die sie abwechselnd sichtbar wurden und wieder verschwanden, schien ihn in der letztern Meinung zu bestärken, so daß er bald gar nicht daran zweifelte, die Neugier, ihn zu sehen, bringe dieses Auf- und Niederducken der Köpfe aus ihren Verstecken hervor. Doch hatte er nicht Muße, sich die Sache genauer zu überlegen, denn jetzt kam der Offizier zurück, der, allem Anschein nach, mit ihm ganz allein auf dem Deck war.

»Ihr wißt, wie schwer es hält, die Mannschaft vom Lande wieder ins Schiff zu bringen, wenn die Abfahrt nahe ist.«

»Wie es scheint,« erwiderte Wilder, »macht Ihr kurzen Prozeß, und habt Eure unvergleichlichen Mittel, das Volk zusammenzuholen.«

»O, Ihr meint den Kerl, den wir heraufgewunden? Guter Freund, Ihr müßt gute Augen haben, daß Ihr in einer solchen Weite ein Jackknief von einem Spitzeisen unterscheiden könnt. Aber der Bursch war meuterisch – zwar nicht eigentlich ein Meuterer, aber betrunken; ein Meuterer, wie man es sein kann, wenn man weder sitzen, noch stehen, noch sprechen kann.«

Mit seinem eigenen Humor ebenso zufrieden, als mit dieser einfachen Erklärung, lachte jener, und schüttelte sich auf eine Art, die zu erkennen gab, wie sehr er sich in diesem Humor gefiel.

»Aber Ihr steht ja hier eine Ewigkeit auf dem Deck, und der Kapitän wartet auf Euch in der Kajüte; kommt, ich will Euch hineinlotsen.«

»Halt,« sagte Wilder, »wollt Ihr mich nicht vorher melden.«

»Er weiß schon, daß Ihr da seid; es gibt hier auf dem Schiffe wenige Stellen, wohin sein Ohr nicht reichen sollte.«

Wilder machte keinen Einwurf und zeigte sich bereit, zu folgen. Jener führte ihn nun zu dem Verschlag, der die Hauptkajüte von dem Hinterdeck trennt, zeigte dann auf eine Tür und flüsterte mehr als er sprach: »Pocht zweimal, und gibt er Antwort, so tretet ein.«

Wilder tat, wie ihm geheißen. Das erste Anpochen wurde entweder überhört und blieb unbeachtet. Das zweitemal rief man: Herein! Der junge Seemann machte die Tür auf und stand nun, im Scheine einer gewaltigen Lampe – dem Fremden im grünen Rock gegenüber.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Das Zimmer, in dem sich unser Abenteurer befand, gab keinen schlechten Begriff vom Charakter seines Bewohners. Es war an Raum und Form den gewöhnlichen Kajüten ähnlich, aber an Gerät und Einrichtung ein sonderbares Gemisch von Pracht- und Waffenliebe. Die Lampe, die an der Decke schwebte, war von massivem Silber, und obschon zu ihrer jetzigen Bestimmung künstlich eingerichtet, verriet sie durch Bau und Zieraten, daß sie zu einem heiligen Gebrauch – auf einem Altar – gedient hatte. Massive Kandelaber vom selben Metall, und deren Form ebenfalls einen früheren kirchlichen Dienst andeuteten, standen auf einem ehrwürdigen Tische von Mahagoni, glänzend von der Politur eines halben Jahrhunderts, getragen von vergoldeten Klauen und kannelierten Säulen, und dessen ursprüngliche Stelle sicher keine Schiffskajüte gewesen war. Längs dem Heckbalken stand das Bette mit einer Sammetdecke. Den Schotten gegenüber ein mit blauer Seide überzogener Diwan, dessen Gestalt, Material und Kissenwülste zu erkennen gaben, daß Asien zur Bequemlichkeit des jetzigen Besitzers hatte beitragen müssen. Das Ameublement vollständig zu machen, sah man Kupferstiche, geschliffene Gläser, Rahmen, Spiegel, Silberzeug, und sogar Tapeten und Gardinen. Jedes Stück schien aus einer andern Gegend zusammengebracht; keines glich an Fasson und Material dem Nachbar. Überhaupt war es einleuchtend, daß in der Wahl und Zusammenstellung mehr auf Pracht und Eleganz gesehen worden als auf Geschmack, und daß hier alles nur die Bestimmung hatte, der Laune oder der Bequemlichkeit des Besitzers zu dienen.

Mitten unter diesem Gemengsel von Reichtum und Luxus sah man eine zweite Gattung von Möbeln – drohendes, furchtbares Kriegsgerät. In der Kajüte standen vier schwarze Kanonen, deren Anzahl und Kaliber zuerst Wilders Augen auf sich zogen. Obschon von den vielen Prachtstücken halb versteckt, die wir soeben gemustert, bedurfte es nur eines Seemannsblicks, um herauszubringen, daß sie zum wirklichen und ernstlichen Gebrauch da waren, und daß fünf Minuten erforderlich wären, das Zimmer von allem Flitterstaat zu säubern, und es in eine heiße Batterie umzuschaffen. Pistolen, Säbel, Halbpiken, Streitäxte und das ganze Zeughaus kleiner Seewaffen war in der Kajüte auf eine Art aufgestellt und aufgehängt, die ihr zum Kriegsschmuck und im Notfall bei einem Angriff zur Wehr diente.

Rund um den Mast bildeten ebenfalls Musketen einen Kreis, und starke, hölzerne Riegel, offenbar dazu bestimmt, in Träger zu passen, und die Tür von beiden Seiten zu verrammeln, gaben den Beweis ab, daß die Schotten leicht in ein Bollwerk verwandelt werden konnten. Alles deutete darauf hin, daß man die Kajüte zur Zitadelle des Schiffs hatte machen wollen. Was diese Absicht vollends verriet, war eine Lukenklappe, die mit den Zimmern der Subalternoffiziere zusammenhing und zu den Vorräten führte. All diese Einrichtungen wichen von dem ab, was Wilder bisher in andern Schiffen gesehen hatte, und fielen ihm auf, obschon er nicht Muße genug hatte, reiflich darüber nachzudenken.

Der Fremde, der noch immer in Grün gekleidet war, zeigte, als er aufstand, seinen Gast zu bewillkommnen, auf seinem Gesichte eine geheime Selbstzufriedenheit, mit einem kleinen Zusatz von ironischer Freude.

Beide standen einen Augenblick einander gegenüber, ohne zu sprechen, bis es endlich dem vermeinten Anwalt gefiel, das lästige Schweigen zuerst zu brechen. Er fragte:

»Welchem glücklichen Umstande hab‘ ich die Ehre dieses Besuchs zu danken?«

Wilder antwortete mit eben der Festigkeit und Ruhe, die jener in seine Frage gelegt: »Ich glaube, sagen zu können, der Einladung des Schiffskapitäns.«

»Hat er Euch sein Patent gezeigt, als er sich diesen Titel gab? Es darf sich ja wohl kein königlicher Kreuzer zur See ohne Patent sehen lassen.«

»Was sagen die Herren von der Universität über diesen Punkt?«

»Nun, ich sehe, daß ich auf alle Fälle besser tue, meinen Advokatentalar abzuwerfen, und zum Marlpfriem zu greifen«, erwiderte der Grüne lächelnd. »Es liegt so was in unserm Handwerk – Gewerbe hört Ihr es lieber nennen – also in unserm Gewerbe, was uns einen dem andern verrät. Nun ja, Herr Wilder,« fuhr er fort, sich setzend, und dem andern mit Würde und Höflichkeit winkend, Platz zu nehmen, »ich bin wie Ihr, ein Seemann, und habe das Glück hinzusetzen zu können, der Kommandeur dieses braven Fahrzeugs.«

»So müßt Ihr auch zugeben, daß ich mich nicht ohne hinreichende Bürgschaft hier einfinde.«

»Ich gebe es zu. So wie Euch mein Schiff vorteilhaft ins Auge gefallen ist, so Ihr mir. Euer Wesen, Eure ganze Person hat mir gefallen, und ich wünschte, wir wären früher bekannt geworden. Sucht Ihr Anstellung?«

»In diesen aufgeregten, unfreundlichen Zeiten wär’s Schande, müßig zu gehen.«

»Ihr habt recht. Wir leben in einer wunderlichen, verkehrten Welt, Master Wilder. Jener denkt sich auf einer Grundlage in Gefahr, die so fest und unerschütterlich ist, wie die Terra firma; während andere zufrieden sind, wenn sie ihr Heil zur See versuchen können. So gibt es wieder manche, die sich einbilden, der Mensch müsse nichts tun als beten, und andere, die mit ihrem Atem wirtschaftlich umgehen, und sich nehmen, was ihnen ansteht, weil sie weder Lust noch Zeit haben, darum zu bitten. Nicht wahr, Ihr habt mit Euch selbst über die Art und Weise unsers Verkehrs nachgedacht, ehe Ihr hergekommen seid, eine Anstellung zu suchen?«

»Es wird allgemein in Newport von den Einwohnern gesagt, daß Ihr ein Sklavenschiff seid.«

»O, sie irren sich nie, Eure Kleinstädter und Dorfklatschen! Hat es jemals Hexen und Hexerei in der Welt gegeben, so war der erste Hexenmeister im Orte der Schenkwirt, der zweite der Doktor, der dritte der Priester. Um die vierte Stelle mögen sich Schneider und Bartscherer prügeln … Roderich!«

Der Kapitän unterbrach sich selbst ohne Umstände durch diesen Ausruf. Zugleich schlug er an einen Gong, der nebst andern Seltsamkeiten an einem Deckbalken des obern Verdecks aufgehängt war, so daß er ihn mit der Hand erreichen konnte.

»Roderich!« rief er, »schläfst du?«

Ein lebhafter, leichtfüßiger Bursche sprang aus einer der beiden Nebenkojen und meldete sich.

»Ist das Boot zurück?«

»Ja.«

»Ist alles gut gegangen?«

»Der General ist in seiner Kajüte, Sir, und kann Euch besser Antwort geben als ich.«

»So laß den General kommen und berichten, wie sein Feldzug abgelaufen.«

Wilder war viel zu sehr mit sich beschäftigt, um das plötzliche Nachsinnen zu stören, in das sein Gesellschafter gefallen war, der mehr zu schlafen als zu wachen schien. Der Junge glitt durch die Falltüre der Luke wie eine Schlange in ihr Loch, oder vielmehr wie ein Fuchs in seinen Bau. Jetzt herrschte eine Totenstille in der Kajüte. Der Schiffskapitän lehnte den Kopf auf die Hand und schien sich der Gegenwart eines zweiten ganz unbewußt. Das Schweigen würde leicht noch viel länger gedauert haben, wäre es nicht durch die Erscheinung eines dritten unterbrochen worden. Plötzlich aber hob sich durch die Luke eine lange, lange, gerade, steife Figur empor, zu vergleichen mit den Geistern auf der Bühne, die aus einer Falltür hervorkommen. Die Gestalt war erst halb sichtbar, als sie im Steigen innehielt und sich schulgerecht und rapportierend gegen den Kapitän kehrte.

»Ich erwarte Oder«, ließ sich eine murmelnde Stimme aus kaum bewegten Lippen vernehmen.

Wilder stutzte über das unerwartete Wesen, dem es in der Tat an nichts fehlte, was dieses Erstaunen hervorbringen und rechtfertigen konnte. – Das Gesicht war das eines Mannes in den Fünfzigern und von der Zeit mehr abgehärtet als abgenützt. Die Farbe war ein überall gleichmäßig verteiltes Rot, mit Ausnahme einer ausdrucksvollen, markierten Schmarre auf jeder Backe, den Krümmungen der Rebe nicht unähnlich, und die hier als Kommentar zu dem bekannten Sprichworte dienen konnte: »Guter Wein bedarf keines Aushängeschilds.« Der Scheitel war kahl; über dem Ohren hing ein Büschel grau werdenden Haars, stark pomadiert und in steife, militärische Locken ausgehend. Den langen, dünnen Hals umgab eine schwarzseidene Krause; Arme, Schultern und Brust verrieten einen starken Körperbau. Das Ganze steckte in einem Überrock, der, obschon er das Ansehen haben wollte, nach der Mode zu sein, nicht übel einem Domino glich. Kaum hatte sich die Stimme vernehmen lassen, als der Kapitän auffuhr, den Kopf in die Höhe hob und rief:

»Ha! General, seid Ihr auf Euerm Posten? Habt Ihr Land gefunden?«

»Ja.«

»Und die Stelle? Und den Mann?«

»Beide.«

»Und was habt Ihr weiter getan?«

»Order pariert.«

»So ist’s recht. Ihr seid ein Juwel, General, in der Ausführung; als solches trage ich Euch in meinem Herzen. Jammerte der Kerl?«

»Er war geknebelt.«

»Eine gute, heilsame Methode, die Klagen verstummen zu lassen. Alles ist, wie es sein sollte, General – wie immer. Ihr habt meinen Beifall verdient.«

»Aber auch meinen Lohn.«

»Worin besteht dieser? Steht Ihr nicht so hoch, als ich Euch stellen kann? Der nächste Schritt müßte die Ritterwürde sein.«

»Pshaw! Was kann mir das! Aber meine Leute! Sie sehen aus wie Landmiliz; sie haben keine Röcke.«

»Sie sollen sie haben. Die Garden Sr. Majestät sollen nicht halb so schmuck aussehen. General, ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Jetzt stieg die Gestalt mit eben der gespenstischen steifen Bewegung wieder hinunter, wie sie heraufgekommen war, und ließ Wilder mit dem Kapitän in der Kajüte allein. Der letzte schien einen Augenblick betroffen, daß die närrische Unterredung in Gegenwart eines dritten vorgefallen, der nicht viel besser als ein Fremder war, und fand es daher für gut, ihm eine Art von Erklärung zum besten zu geben.

»Mein Freund«, sagte er mit zwar hohem, doch dabei erläuterndem Tone, »hat das Kommando über das, was man bei einem mehr in der Regel stehenden Kreuzer die ›Garde-Marine‹ nennen würde. Er ist stufenweise, vom Range eines Subalternen zu dem hohen Posten gestiegen, den er jetzt einnimmt. Ihr werdet bemerkt haben, daß er nach dem Lager riecht.«

»Mehr als nach dem Schiff. Ist es aber Gebrauch bei den Sklavenhändlern, so militärisch bemannt zu sein? Ich finde Euch mit allen Waffen vollständig ausgerüstet.«

»Ihr möchtet gern mehr von uns wissen, ehe wir unsern Handel schließen, nicht wahr?« antwortete der Kapitän mit einem Lächeln. Zugleich öffnete er ein Kästchen, das auf dem Tische stand, und zog ein Pergamentblatt heraus, das er Wildern kaltblütig einhändigte. Dann fuhr er fort, seine Rede mit einem der scharfen Blicke begleitend; die ihm eigen waren: »Ihr werdet hieraus ersehen, daß wir Kaperbriefe haben und bevollmächtigt sind, für den König zu streiten, auch wenn wir mitunter unsere eigenen friedlichen Geschäfte betreiben.«

»Dies ist ja die Vollmacht für eine Brigg!«

»Ah, wirklich? – Dann gab ich Euch das unrechte Papier. Leset dieses hier; Ihr werdet es genauer finden.«

»Ihr habt recht, das ist Eure Ausfertigung, für ›Das gute Schiff der sieben Schwestern‹. Aber wie ist’s mit dem Punkt der Kanonen? Ihr führt deren mehr als zehn: und diese hier in der Kajüte sind keine Vierpfünder – es sind Neunpfünder.«

»Ei, Ihr seid mit Euerm Punkte auch gar zu pünktlich; gerade, als wäret Ihr der Anwalt und ich der konfuse Seemann. Habt Ihr nie von einer gewissen Freiheit gehört, die man sich herausnimmt? Von so etwas, was man eine Ausfertigung ausdehnen, erweitern nennt?« fuhr der Kapitän trocken fort, das Papier wieder in das Kästchen unter eine Menge ähnlicher schiebend. – Hiermit stand er auf, schritt schnell auf und ab, und fuhr fort: »Ich brauche Euch nicht zu sagen, daß wir ein gewagtes Geschäft treiben. Einige nennen es gesetzwidrig. Da ich mich aber nicht gern mit theologischen Streitigkeiten abgebe, so wollen wir die Frage unentschieden lassen. Ihr seid jedoch nicht hergekommen, ohne unser Geschäft zu kennen?«

»Ich suche eine Anstellung.«

»Ohne Zweifel habt Ihr Euch die Sache reiflich überlegt, und Euch selbst über den Betrieb des Schiffs befragt, ob es nach Eurem Geschmack ist oder nicht. Um also keine Zeit zu verlieren, um frei und offen zu Werke zu gehen, wie es zwei ehrlichen Seefahrern geziemt, will ich Euch mit einem Worte gestehen, daß ich Eurer bedarf. Ein braver, geschickter Mann, ein älterer als Ihr, aber, wie ich mir schmeicheln darf, kein besserer, bewohnte vor einem Monat die Backbordkajüte. Aber der arme Teufel ist Futter für die Fische geworden.«

»Ist er ertrunken?«

»Nicht doch! Er starb mitten im Gefecht mit einem Schiffe Sr. Majestät.«

»Des Königs? Habt Ihr denn Eure Ausfertigung soweit ausgedehnt, daß Ihr darin eine Erlaubnis gefunden habt, Euch mit Sr. Majestät Kreuzern herumzuschlagen?«

»Als ob es keinen andern König gäbe als Georg den Zweiten! Vielleicht trug das Schiff die weiße Flagge, vielleicht eine dänische. Aber wieder auf meinen Leutnant zu kommen; er war wahrhaftig ein tapferer Kerl; und nun ist seine Stelle noch ebenso unbesetzt als an dem Tage, wo er in die See geworfen wurde. Er war der Mann, der bestimmt schien, mein Nachfolger zu sein, hätte mich ein feindliches Los betroffen. Ich glaube, ich würde ruhiger sterben, wüßte ich, daß dieses edle Schiff einem zufiele, der es zu leiten verstände.«

»Wir wollen hoffen, daß der Eigentümer dafür sorgen würde, wenn sich das Unglück ereignen sollte.«

»Meine Schiffseigentümer«, erwiderte der andere mit einem bedeutsamen Lächeln, während er auf Wilder einen forschenden Blick warf, der diesen nötigte, die Augen niederzuschlagen, »beunruhigen mich selten mit lästigen Aufträgen und Befehlen.«

»Sie sind sehr gütig … Doch, wie ich sehe, sind in Euerm Inventarium die Flaggen nicht vergessen. Geben Eure Eigentümer Euch ebenfalls die Erlaubnis, unter ihnen die zu wählen, die Euch gerade paßt?«

Bei dieser Frage begegneten sich die ausdrucksvollen, verständlichen Blicke der beiden Seemänner. Der Kapitän zog eine Flagge nach der andern aus einer Schieblade hervor, in der sie Wilder hatte liegen sehen, rollte sie auseinander und sagte bei jeder:

»Dies sind die Lilien, wie Ihr seht‘ kein schlechtes Sinnbild der fleck- und makellosen Franzosen. Ein Wappenschild, das Ansprüche ohne Tadel ausstellt, dabei aber doch etwas beschmutzt und durch vielen Gebrauch abgenutzt. – Hier habt Ihr den Rechner, den Holländer, schlicht, substantiell und bei dem wenig zu holen. Ich liebe die Flagge nicht. Ist das Schiff von Wert, so schlagen es die Eigentümer nur zu hohen Preisen los. – Hier ist unser Windmacher, der Hamburger. Er fühlt sich reich im Besitz seiner einzigen Stadt und prahlt mit dem Reichtum, der in seinen Wappentürmen steckt. Von seinen übrigen Besitzungen sagt die Allegorie weislich kein Wort. – Hier ist der türkische Halbmond: ein mondsüchtiges Volk, das sich für die Erben des Himmels hält. Laß es sein eingebildetes Recht der Erstgeburt in Frieden genießen; nur selten geht es dahin aus, sein Glück auf dem Meere zu machen. – Und hier sind die kleinen Trabanten, die um den mächtigen Mond spielen: die afrikanischen Staaten der Barbarei. Ich habe nicht viel Umgang mit diesem weitbehosten Volke, denn es ist nicht viel bei ihnen zu holen. Und doch –« hier glänzten seine Augen, indem er sie auf den seidenen Diwan warf, auf dem Wilder saß – »und doch hab‘ ich mit den Kujonen zu schaffen gehabt, und sie sind nicht davon gekommen, ohne Haare zu lassen! – Aha, hier kommt aber der Mussjöh, den ich lieb habe, der goldene, prächtige Spanier. Das gelbe Feld der Flagge erinnert an den Reichtum seiner Minen; und die Krone – man sollte sagen, sie sei von massivem Golde, und möchte gleich eine Hand ausstrecken, um nach dem Schatze zu greifen! Was für ein herrliches Wappen für eine Gallione! – Hier ist der schon demütigere Portugiese, und doch ist sein Blick der eines mächtigen Reichen. Ich hab‘ mir oft eingebildet, in diesem königlichen Kinderspiel wirkliche Diamanten aus Brasilien zu sehen. Jenes Kruzifix, das Ihr da nahe an der Tür der Kajüte links hängen seht, ist ein Pröbchen solcher echten Edelsteine, wie ich sie gern habe.«

Wilder drehte sich um und erblickte in der Tat das kostbare Emblem, wenige Zoll von der Stelle, die der andere bezeichnet hatte. Nach gestillter Neugierde wollte er seine Aufmerksamkeit schon wieder auf die Flagge richten, als ein zweiter Blick auf ihn fiel, wie sie sein Gesellschafter auf die zu werfen pflegte, durch deren Augen er in ihrer Seele lesen wollte. Es mochte dieses Mal seine Absicht sein, zu entdecken, welchen Eindruck das verschwenderische Auskramen seines Reichtums auf den Besucher machen würde. Dem sei wie ihm wolle, Wilder lächelte, denn er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, alle diese Schätze und Verzierungen der Kajüte seien sorgfältig und absichtlich aufgestellt worden, weil man ihn erwartet habe, damit sie seine Sinne und sein Herz bestächen. Der andere las diesen Gedanken in seinen Augen; vielleicht aber las er auch unrecht, verfehlte den Sinn und glaubte in der Miene des Fremden eine Aufmunterung zu finden, mit dem Vorzeigen der Flaggen fortzufahren, das er jetzt noch gefälliger und emsiger tat als anfangs.

»Diese doppelköpfigen Ungeheuer sind Landvögel und wagen selten einen Flug über See. Sie sind nicht für mich. Der kühne, tapfere Däne, der mutige Trotzkopf, der Schwede: ein Nest kleinerer Fischbrut,« fuhr er fort, mit der Hand schnell über ein Dutzend Rollen wegeilend, die in engeren Fächern lagen, »lauter Duodezseestaaten, die ihr Tuch auch flaggen lassen; – und dann der üppige Neapolitaner, aber vor allem die Flagge mit den Himmelsschlüsseln! Das ist eine Flagge, unter der man sterben muß! Ich lag einst Rahenocken an Rahenocken mit einem schweren Korsar von Algier und hatte diesen Lappen aufgezogen …«

»Was? Ihr fandet für gut, unter dem Banner der Kirche zu fechten?«

»Aus lauter Andacht. Ich malte mir im Geiste die Überraschung des Heiden, wenn er finden würde, daß wir keine Litaneien sängen. Wir gaben ihm nur eine bis zwei Lagen, als er rief: Allah habe ihn prädestiniert, sich zu ergeben. Das war ein köstlicher Augenblick, als ich beim Winde an seiner Seite aufstach. Ich glaube, der Muselmann dachte nicht anders, als das ganze heilige Konklave sei flott und das Verderben Mohammeds und seiner Kinder hereingebrochen. Ich muß bekennen, daß ich ihm die friedlichen Schlüsseln absichtlich gezeigt hatte, um ihn zu locken. Der Narr mochte glauben, sie dienten nur dazu, der Christenheit den Himmel zu öffnen.«

»Als er aber seinen Irrtum einsah und eingestand, ließet Ihr ihn laufen?«

»Mit meinem Segen. Wir tauschten einige Artikel aus, deren wir gegenseitig benötigt waren, und dann setzte jeder seinen Weg fort. Ich verließ ihn, seine Pfeife schmauchend, bei schwerem Wetter, seine Vorstange seitwärts liegend, seinen Besanmast unter der Gilling, mit sechs bis sieben Löchern im Bauch, die gerade soviel Wasser einließen, als die Pumpe herausschaffen konnte. Ihr seht, daß er sich auf gutem Wege befand, zu seinem himmlischen Erbe zu gelangen. Aber der Himmel wollte es so, er war prädestiniert, und somit hatte er alle Ursache, zufrieden zu sein!«

»Ihr habt aber mehrere Flaggen übersprungen? Welche sind’s? Sie scheinen reich und mannigfaltig.«

»Hier diese ist England, aristokratisch wie das Land, das sie vorstellt, in Parteien geteilt, und guten Teils mit Humor und Laune gezeichnet. Die Flagge hat Raum genug, alle Stände und Klassen zu enthalten, und so sollte es auch sein; sind nicht alle Menschen vom selben Fleisch und Bein? Sollten nicht alle Bewohner eines Reichs mit den nämlichen Farben und Sinnbildern segeln? – Hier ist Mylord Groß-Admiralsflagge, ein Sankt Georg, mit den roten und blauen Streifen, je nachdem der Humor gestimmt ist. Hier die Streifen von Indien. Hier die königliche Standarte selbst.«

»Was? Die königliche Standarte?«

»Warum nicht? Ist der Schiffskommandeur nicht ein Monarch in seinem Schiff? Ja, ja, dies ist des Königs Standarte, und was noch mehr, ich habe sie in Gegenwart eines Admirals aufgezogen.«

»Das verdient eine Erklärung«, rief der Zuhörer aus, der die Art von Scheu und Abscheu zu fühlen schien, die einen Geistlichen bei Entdeckung eines Kirchenraubes anwandeln würde. »Wie? Die königliche Standarte vor einer andern Flagge aufzuziehen? Wir wissen alle, welchen Verdrießlichkeiten, welchen Gefahren sich der aussetzt, der nur zum Scherze eine bloße Wimpel flattern ließe, wenn ein königlicher Kreuzer im Anzuge ist.«

»Ei ja doch, aber mir macht es Spaß,« unterbrach der andere mit gedämpftem doch bitterem Lachen, »mich gegen die Schufte in die Brust zu werfen. O, es ist köstlich, sie herauszufordern! Um mich strafen zu können, müssen sie stark genug sein; sie haben es mehrmals versucht, aber immer auf ihre Kosten. Nichts macht so richtige Rechnung, als wenn man dem Landesgesetz ein tüchtiges Stück Segelzeug entgegenhalten kann. Mehr brauche ich nicht zu sagen.«

»Wer welcher von diesen Flaggen bedient Ihr Euch am häufigsten?« fragte Wilder nach einer Pause augenblicklichen Nachdenkens.

»Beim bloßen Segeln, muß ich Euch sagen, bin ich so wetterwendisch und wankelmütig wie ein Mädchen von zehn Jahren in der Wahl ihrer Bänder. Ich wechsle oft die Flagge ein dutzendmal des Tages. Wie mancher ehrliche Kauffahrer hat, wenn er einen Hafen verließ, versichert, er habe in offener See mit einem Holländer oder Dänen gesprochen? Wenn’s aber an ein Gefecht ging, wo ich freilich auch manchmal meiner Laune Gehör gab, und es war mir recht ernst dabei, so war es vor allem eine, von der ich mir den meisten Erfolg versprach.«

»Und diese ist?«

Hier ließ der Kapitän eine Zeitlang seine Hand auf der Rolle ruhen, zu der er gegriffen hatte, und schien tief in der Seele des andern lesen zu wollen, so eindringend und scharf war sein Blick die ganze Weile. Dann gab die Hand nach, der Lappen rollte sich langsam auf, und es wurde ein dunkelrotes, blutrotes Feld sichtbar, ohne irgendein Zusatz von Bild, Wappen oder anderweitigen Zierats. Zugleich sagte der Kapitän mit emphatischem Nachdruck:

»Diese!«

»Dies ist ja die Farbe eines Räubers!«

»Hm – sie ist rot, wie Ihr seht, und rot ist mir lieber als Eure dunkeln schwarzen Felder mit Totenköpfen und anderen kindischen Vogelscheuchen. Diese Flagge droht nicht, sie sagt nur: ›Dies ist der Preis, um den man mich erkauft!‹ – Herr Wilder,« setzte er hinzu, den gemischten Ton der Ironie und des Scherzes ablegend, mit dem er bis jetzt gesprochen hatte, und die Miene des Ansehens und des Übergewichtes annehmend: »Herr Wilder, mir scheint, wir verstehen einander. Es ist Zeit, daß jeder von uns seine Flagge aufziehe. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wer ich bin.«

»Ich selbst halte es für unnötig«, versetzte Wilder. »Aus diesen handgreiflichen Beweisen zu schließen, stehe ich hier dem …«

» Red-Rover gegenüber«, fuhr der andere fort, als er sah, daß jener Bedenken trug, den Beinamen auszusprechen. »Ja, ich bin es, bin der rote Freibeuter, und ich hoffe, unser erstes Zusammentreffen werde der Anfang einer langen und dauerhaften Bekanntschaft sein. Ich kann den geheimen Drang nicht erklären; aber vom ersten Augenblick an, als ich Euch sah, hat mich ein unwiderstehliches, unaussprechliches Etwas zu Euch gezogen. Vielleicht war es das Gefühl der Leere, worin ich seit einiger Zeit lebe: – sei es nun aber auch, was es wolle, genug, ich empfange Euch mit offenem Herzen und offnen Armen.«

Es war wohl aus allem, was diesem freimütigen Geständnis vorausgegangen, nicht zu bezweifeln, daß Wilder Ahnung und Kenntnis von der Bestimmung und dem Charakter des Schiffes hatte, worauf er sich befand; gleichwohl konnte er sich bei diesen Worten einer gewissen Verwirrung nicht erwehren. Der Ruf des berüchtigten Freibeuters, seine Vermessenheit, sein Gemisch von Liberalität und Zügellosigkeit, seine bei allen Gelegenheiten gezeigte desperate Gleichgültigkeit gegen den Tod, mochte sich in diesem Augenblicke unserem jüngeren Abenteurer lebhaft vormalen und schuld an der Art von Gemütserschütterung sein, der wir alle mehr oder weniger unterworfen sind, wenn uns irgendein wichtiges Ereignis, worauf wir vorbereitet waren, wirklich aufstößt.

»Ihr habt Euch«, gab er endlich zur Antwort, »weder in meinen Absichten, noch darin geirrt, daß ich Euch für den halte, der Ihr seid. Ich gestehe offenherzig, daß ich Euch und Euer Schiff gesucht habe. Ich gehe in Euer Anerbieten ein, und von diesem Augenblicke an mögt Ihr mich hinstellen, wo Ihr wollt und wo Ihr glaubt, Euch meines Dienstes erfreuen zu können.«

»Ihr seid von nun an der erste nach mir. Morgen früh soll diese Erklärung auf dem Hinterdecke bekannt gemacht werden, und auf den Fall meines Todes – ich müßte mich denn in dem Manne geirrt haben – werdet Ihr mein Nachfolger … Dies kann Euch mit Recht befremden. Die zutrauliche Eröffnung scheint etwas schnell zu kommen, und kommt auch wirklich so, aber unsere Schiffsernennungen sind nicht wie die königlichen, werden nicht in den Hauptstraßen der Hauptstadt mit Trommelschlag angekündigt; und dann – ich müßte denn ein schlechter Kenner und Beurteiler des menschlichen Herzens sein, oder mein offenes, festes Vertrauen in Euch wird seinen Zweck nicht verfehlen und mir das Eurige nebst Eurem Wohlwollen gewinnen.«

»So ist’s!« rief Wilder plötzlich und mit tiefem Nachdruck. Der Freibeuter fuhr lächelnd und mit ruhiger Stimme fort:

»Junge Männer von Euerm Alter pflegen einen großen Teil ihres Herzens auf den Händen zu tragen. Aber trotz der anscheinenden Sympathie unter uns beiden muß ich Euch doch sagen, damit Ihr die gehörige Achtung vor der Behutsamkeit Eures Freundes und Führers bekommt, daß ich Euch schon früher gesehen habe. Ich war von Eurer Absicht mich aufzusuchen, und von Euerm Entschluß Euch mir anzubieten, unterrichtet.«

»Unmöglich,« rief Wilder, »kein menschliches Wesen …«

»Kann sicher sein, daß niemand um seine Geheimnisse wisse,« unterbrach ihn der andere, »wenn es ein so unverhülltes Gesicht trägt als Ihr. Es sind nur vierundzwanzig Stunden her, daß Ihr in Boston waret.«

»Ich geb‘ es zu; aber …«

»Ihr werdet auch das übrige zugeben. Ihr waret zu neugierig, zu eifrig bei Euren Erkundigungen über den Esel, der dort Klage führte, er sei von mir um Schiff und Ladung gebracht worden. Der falschzüngige Bube! Es steht ihm zu wünschen, daß ich ihn nicht auf meinem Wege betreffe, sonst würde ich ihm eine Lehre geben, daß seiner Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe die Augen übergehen sollten! Glaubt er, so ein armseliges Wild, wie er, könne mich veranlassen, auch nur einen Zoll Segel auszusetzen oder ein Boot ins Wasser zu lassen?«

»Ist denn sein Bericht erlogen?« fragte Wilder mit einer Bestürzung, die er nicht einmal zu verbergen versuchte.

»Sein Bericht? Bin ich denn wirklich, was der Ruf aus mir gemacht hat? Schaut mal dem Ungeheuer ins Gesicht, damit Euch keiner seiner Züge entgehe!« entgegnete der Rover, bitter auflachend, und hinter dem spöttischen Lachen das Gefühl des beleidigten Stolzes verbergend. »Wo sind die Hörner und der Pferdefuß? Zieht die Luft ein, Freund! Riecht; ist sie nicht mit Schwefel geschwängert? … Doch genug davon, und wieder auf Euch zurück. Ich wußte um Eure Erkundigungen, und mir gefiel Eure Person. Kurz, ich studierte Euch aus, und ob ich gleich dabei behutsam zu Werke ging, so kam ich Euch doch nahe genug, um einen Entschluß fassen zu können. Ihr gefielt mir, Wilder, und ich hoffe, wir werden gegenseitig miteinander zufrieden sein.«

Der neuangestellte Buccanier neigte sich bei dem Kompliment seines Obern und schien um die Antwort etwas verlegen. Als habe er Lust, den Punkt ganz abzubrechen, bemerkte er etwas hastig:

»Da wir nun unter uns einverstanden sind, so will ich nicht länger beschwerlich fallen, Euch noch für diese Nacht verlassen und mich morgen früh zu meiner Pflicht einstellen.«

»Mich verlassen!« erwiderte der Rover, so plötzlich stillstehend und den andern mit einem Blick durchbohrend. »Es ist nicht Gebrauch bei meinen Offizieren, mich so spät allein zu lassen. Ein Seemann muß sein Schiff liebhaben und nie die Nacht außerhalb zubringen, es sei denn aus Not oder Zwang.«

»Wir müssen uns vor allen Dingen recht verstehen«, versetzte Wilder rasch. »Ist es darauf abgesehen, daß ich Euer Sklave, oder wie einer von den Bolzen niet- und nagelfest am Schiffe sei, und könnt Ihr mich nur auf diesem Fuße brauchen, so ist unser Handel null und nichtig.«

»Hm! Ich bewundere Eure Entschlossenheit mehr als Eure Überlegung. Ihr werdet in mir einen anhängigen Freund finden, einen Freund, der sich ungern von Euch trennt, auch nur auf eine kurze Zeit. Ist hier aus meinem Schiffe nicht genug, was Euch zufriedenstellen kann? Ich rede nicht von dem, was niedrige Seelen, was sinnliche Menschen befriedigt. Ihr habt gelernt, den Wert der Vernunft einzusehen und zu würdigen, und hier sind Bücher, Ihr habt Geschmack, hier ist Eleganz; Ihr seid arm, hier ist Reichtum und Pracht.«

»Dies ist alles so viel als nichts, wo Freiheit fehlt«, erwiderte der andere kaltblütig.

»Und was versteht Ihr unter Freiheit? Ich will nicht hoffen, junger Mann, daß Ihr gesonnen seid, das Vertrauen, das ich Euch eben geschenkt habe, so bald zu verraten? Unsere Bekanntschaft ist blutjung, und ich bin vielleicht zu rasch in meinen Eröffnungen gegen Euch gewesen.«

»Ich muß ans Land,« wiederholte Wilder mit Nachdruck, »wäre es auch nur, um zu erproben, daß Ihr mir trauet und ich nicht Euer Gefangener bin.«

»Darin liegt entweder eine sehr edle Gesinnung oder ein tief angelegter Bubenstreich«, erwiderte der Rover nach einer Minute ernsten Nachsinnens. »Ich will hoffen, das erste. Gebt mir also die Versicherung, daß, während Ihr Euch in Newport aufhalten werdet, keine Seele durch Euch den wahren Charakter dieses Schiffs erfahren soll.«

»Mit einem Eid!« unterbrach ihn Wilder mit Feuer.

»Auf dieses Kreuz,« fuhr der Rover mit sarkastischem Lachen fort, »auf dieses mit Brillanten besetzte Kreuz? … Nein, Sir,« setzte er mit stolz aufgeworfener Lippe hinzu, das Kreuz verächtlich wieder auf die Seite legend, »Eide sind für die, die des Zwanges der Gesetze bedürfen, um ihr gegebenes Versprechen zu halten; ich brauche nichts weiter, als das klare, unzweideutige Wort eines Ehrenmannes.«

»Nun dann, klar und unzweideutig erkläre ich hiermit, daß ich, solange ich noch in Newport verweile, wider Euern Willen, oder ohne Euern Befehl, niemanden den Charakter dieses Schiffs entdecken will. Ja noch mehr …«

»Nichts weiter. Es ist der Klugheit gemäß, mit Euren Beteurungen wirtschaftlich umzugehen und nicht mehr zu versprechen, als was gefordert wird. Es mag vielleicht eine Zeit kommen, wo es Euch helfen kann, ohne mir zu schaden, daß Ihr nicht durch Euer Wort gefesselt seid … In einer Stunde sollt Ihr ans Land gehen; die Zwischenzeit braucht Ihr dazu, Euch mit den Bedingungen Eurer Anstellung bekannt zu machen, und meine Schiffsliste mit Eurem Namen zu beehren … Roderich!« rief er, indem er wieder an den Gong schlug, »Roderich, komm herauf!«

Eben der flinke Bursche, der sich schon einmal gezeigt, fand sich wieder ein, die kleine Treppe im Fluge heraufeilend, und meldete sich durch sein: »Hier bin ich!«

»Roderich,« fuhr der Rover fort, »du siehst hier meinen künftigen Leutnant, deinen künftigen Offizier, und meinen Freund. Wünscht Ihr eine kleine Erfrischung, Sir? Da ist der Roderich; der wird Euch so ziemlich alles geben, was Ihr begehren könnt.«

»Ich danke, Sir; ich bedarf nichts.«

»Nun, so habt die Güte, dem Knaben zu folgen. Er wird Euch in die große Kajüte führen und Euch die geschriebenen Schiffsartikel zustellen. In einer Stunde könnt Ihr den Aufsatz durchgelesen haben, dann bin ich wieder bei Euch. Leuchte besser auf die Leiter, Junge … doch, ich müßte mich sehr irren, oder Ihr könnt der Leiter entbehren, um hinunterzukommen, sonst würde ich ja in diesem Augenblicke schwerlich das Vergnügen haben. Euch bei mir zu sehen.«

Das vielsagende Lächeln des Rover blieb von dem Manne unbeantwortet, dem der Scherz galt, und dem es nicht entging, daß jener schalkhaft den Streich in Erinnerung brachte, den er ihm im Turme gespielt hatte.

Er drückte sein Mißfallen über die unzeitige Erwähnung dadurch aus, daß er sich ernst und schweigend anschickte, dem Knaben zu folgen, der, das Licht in der Hand, die Treppe schon halb hinabgestiegen war.

Der Kapitän trat Wildern mit einem Schritte entgegen, und teils um das Geschehene wieder gutzumachen, teils um zu zeigen, daß es ihm nicht an Takt und seiner Erziehung fehle, sprach er mit Grazie und einiger Raschheit:

»Master Wilder, ich habe Euch noch meine Entschuldigung zu machen, daß ich Euch dort im Turme so unartig und unhöflich verlassen habe. Ich sah Euch zwar schon für den Meinigen an, war aber doch der Sache noch nicht ganz gewiß. Ihr werdet begreifen, wie notwendig es für einen in meiner Lage war, sich damals einen … Begleiter vom Halse zu schaffen.«

Wilder kehrte sich um, zeigte ein Gesicht, worauf sich keine Spur von Mißfallen befand, und winkte ihm zu, nicht weiter davon zu reden. Er selbst sagte:

»Es war mir freilich nicht wohl zumute, als ich mich in dem Mäuseturm wie in einem Gefängnis eingesperrt sah; aber ich sehe vollkommen ein, was Euch so handeln ließ. Ich würde vielleicht das nämliche getan haben, mir zu helfen, wenn ich gerade soviel Geistesgegenwart gehabt hätte.«

»Der Spukgeist, der in der Newportsruine hauset und verkehrt, ist wirklich zu bedauern, denn alle Ratten sind ihm davongelaufen«, sagte der Rover in lustigem Tone, als sein Leutnant dem Vorleuchter folgte. Wilder stimmte abgehend in die Laune des Freibeuters ein und ließ ihn allein.